Emile Zola Die Lebensfreude Die Rougon-Macquart. Band XII Die Geschichte einer Familie unter dem Zweiten Kaiserreich   1924   Benjamin Harz Verlag Berlin Wien Vollständige Übersetzung von Alfred Ruhemann Neu durchgesehen von Armin Schwarz Satz und Druck von G. Kreysing in Leipzig Erstes Kapitel. Als die Kuckucksuhr im Speisezimmer die sechste Stunde schlug, gab Chanteau jede Hoffnung auf. Er erhob sich mühsam aus dem Lehnsessel, in dem er vor einem Koksfeuer seine schwerfälligen, gichtkranken Beine wärmte. Seit zwei Stunden bereits wartete er auf seine Frau, die nach einer Abwesenheit von fünf Wochen ihm heute ihre kleine Base Pauline Quenu zuführen sollte, eine zehnjährige Waise, deren Vormundschaft das Ehepaar übernommen hatte. »Es ist unbegreiflich, Veronika«, sagte er, indem er die Tür zur Küche aufstieß. »Es muß ihnen ein Unglück geschehen sein.« Die Magd, ein stattliches Mädchen von fünfunddreißig Jahren mit Männerhänden und der Miene eines Gendarmen, nahm gerade eine Hammelkeule vom Feuer, die zweifellos bereits mehr als gar geschmort war. Sie brummte nicht, doch der Zorn entfärbte die rauhe Haut ihrer Wangen. »Die Frau wird in Paris geblieben sein«, gab sie trocken zur Antwort. »Diese Geschichten nehmen schon sowieso kein Ende mehr, das Haus ist bereits auf den Kopf gestellt.« »Nicht doch,« erklärte Chanteau, »die Depesche von gestern abend sprach von der endgültigen Regelung der Angelegenheiten der Kleinen ... Meine Frau muß heute früh bereits in Caen eingetroffen sein, wo sie einen kleinen Aufenthalt nehmen wollte, um bei Davoine vorzusprechen. Um ein Uhr ist sie weitergefahren, um zwei Uhr ist sie in Bayeux ausgestiegen; um drei Uhr hat sie der Omnibus von Vater Malivoire in Arromanches abgesetzt, und selbst wenn Malivoire seinen alten Wagen nicht sofort angeschirrt haben sollte, hätte meine Frau trotzdem bereits gegen vier Uhr hier sein können, spätestens um halb fünf. Von Arromanches bis Bonneville sind kaum zehn Kilometer.« Die Köchin hörte alle diese Berechnungen an, ohne den Blick von ihrer Hammelkeule abzuwenden, und zuckte nur mit dem Kopfe. Nach kurzem Zögern setzte Chanteau hinzu: »Du solltest einmal bis zur Ecke gehen, Veronika.« Sie sah ihn an, und der verhaltene Zorn machte sie noch bleicher. »So? Und warum? ... Herr Lazare panscht draußen schon bis zu ihrer Ankunft im Schmutze herum; es verlohnt sich gerade, daß ich mich auch noch bis zu den Schenkeln vollschlampe.« »Es ist nur, weil auch der Junge mir angst zu machen beginnt«, bemerkte Chanteau sanft ... »Er kommt auch nicht wieder. Was hat er nur seit einer Stunde auf der Straße zu suchen?« Veronika nahm, ohne ein Wort weiter zu verlieren, einen alten, schwarzen Wollschal vom Nagel, den sie über Kopf und Arme zog. Als ihr Herr ihr auf den Flur hinaus folgte, sagte sie schroff zu ihm: »Machen Sie nur, daß Sie wieder an Ihr Feuer kommen, sonst heulen sie morgen vor Schmerzen den ganzen lieben Tag.« Auf der Vortreppe zog sie ihre Holzschuhe an, nachdem sie die Tür eilig zugeschlagen hatte, und schrie dabei in den Wind hinaus: »Gott von einem Gotte! Muß so eine Rotznase kommen, die sich schmeicheln kann, uns alle toll zu machen!« Chanteau regte sich nicht weiter auf. Er war bereits an die heftige Art des Mädchens gewöhnt, das mit fünfzehn Jahren in den ersten Monaten seiner Ehe bei ihm in den Dienst getreten war. Als das Klappern ihrer Holzschuhe verhallt war, machte er sich wie ein Schulbube auf Ferien davon. Er pflanzte sich am anderen Ende des Flurs hinter einer Glastür auf, welche die Aussicht auf das Meer bot. Ein kleiner, dickbäuchiger Mann mit farblosem Gesicht, stierte er mit seinen großen, hervorquellenden blauen Augen unter der schneeigen Hülle seiner kurz geschorenen Haare einen Augenblick gedankenlos den Himmel an. Er zählte erst sechsundfünfzig Jahre, die Gichtanfälle hatten ihn jedoch frühzeitig gealtert. Von seiner Besorgnis abgelenkt, dachte er mit in die Weite sich verlierenden Blicken darüber nach, daß die kleine Pauline schließlich wohl auch Veronika für sich gewinnen werde. War es im übrigen seine Schuld? Als der Pariser Notar ihm schrieb, daß sein seit sechs Monaten verwitweter Vetter Quenu ebenfalls gestorben sei und ihn, Chanteau, laut Testament zum Vormunde seines Töchterchens ernannt habe, hatte er es nicht über sich vermocht, sich dieser Aufgabe zu entziehen. Man kannte sich allerdings kaum, denn die Familie hatte sich hierhin und dorthin zerstreut. Chanteaus Vater hatte ehedem einen Handel mit Holz aus dem Norden begonnen, nachdem er vom Süden fortgezogen war und ganz Frankreich als schlichter Zimmergeselle durchwandert hatte. Der kleine Quenu dagegen war nach dem Tode seiner Mutter nach Paris verschlagen, wo ein anderer Oheim ihm späterhin eine große Wurstmachern mitten im Hallenviertel abgetreten hatte. Man war sich kaum zwei- oder dreimal begegnet, seitdem Chanteau, durch seine Schmerzen gezwungen, sein Geschäft aufgegeben hatte und mehrfach nach Paris gekommen war, um einige medizinische Berühmtheiten zu Rate zu ziehen. Die beiden Männer schätzten sich aber gegenseitig, auch hatte der Sterbende vielleicht gedacht, daß seinem Kinde die Seeluft gut tun werde. Im übrigen war dieses als Erbin einer Wursthandlung gewiß nichts weniger als eine Last. Frau Chanteau war daher sofort mit allem einverstanden und zwar so lebhaft, daß sie selbst ihrem Manne die gefährliche Strapaze einer Reise abzunehmen wünschte. Sie war allein gefahren und hatte mit ihrem gewohnten Drange nach Tätigkeit die Pariser Straßen abgelaufen, um diese Angelegenheit in Ordnung zu bringen. Chanteau wünschte nichts weiter, als daß seine Frau zufrieden war. Aber warum kamen die beiden noch immer nicht? Angesichts des blassen Himmels, an dem der Westwind große schwarze Wolken gleich berußten Fetzen dahinführte, deren Löcher und Risse weit über das Meer sich schleppten, befielen ihn von neuem allerlei Befürchtungen. Es tobte gerade einer jener Sonnenwendestürme, wo die Brandung wütend die Küsten peitscht. Die Flut, die erst zu steigen begann, zeichnete sich am Horizont nur wie ein weißer Saum, ein feiner, sich verlierender Gischt ab. Das an diesem Tage so weithin bloßgelegte Ufer, diese Meilenweite von düsteren Klippen und Seegras, diese kahle, mit Pfützen durchsetzte Ebene war unter der sinkenden Dämmerung der Flucht aufgescheuchter Wolken von einer erschreckenden Trübseligkeit. »Der Wind mag sie auch in einen Graben geschleudert haben«, sagte Chanteau zu sich. Ein Bedürfnis nach Umschau wurde in ihm lebendig. Er öffnete die Glastür und wagte sich mit seinen Pantoffeln aus Stoffleisten auf die den Ort beherrschende Terrasse hinaus. Einige vom Orkan verwehte Regentropfen schlugen ihm in das Gesicht, der Wind klatschte ihm den blauen, grobwollenen Rock an den Körper. Er krümmte zwar den Rücken, wich aber nicht zurück, trotzdem er ohne Mütze war. Er lehnte sich über die Brüstung, um die unten vorbeiführende Straße überschauen zu können. Diese Straße kam zwischen zwei Abhängen hervor: Ein Axthieb in den Felsen schien eine Schlucht geöffnet zu haben, die auch die wenigen Meter Erde geliefert hatte, in welche die fünfundzwanzig oder dreißig baufälligen Hütten von Bonneville eingesetzt waren. Jede Hochsee, so sollte man meinen, mußte sie auf ihrem schmalen Bette von Strandschiefer gegen die Felsen schmettern. Zur Linken sah man einen kleinen Ankerplatz, eine Sandbank, auf die Männer etwa zehn Barken unter regelmäßigem Rufen zu ziehen sich bemühten. Das Dorf zählte kaum zweihundert Bewohner. Sie lebten schlecht genug vom Meere, klebten aber mit der blöden Verbohrtheit von Schleimtieren an ihrem Felsen. Über den Winter für Winter eingeschlagenen, elenden Dächern sah man auf dem steilen Gestade in halber Höhe rechts nur die Kirche und links das Haus der Chanteau, beide getrennt durch die Schlucht der Landstraße. Das war ganz Bonneville. »Oh! He! Welch hundsföttisches Wetter?« rief jemand. Chanteau blickte auf und erkannte den Pfarrer, Abbé Horteur, einen untersetzten Mann von bäuerlich derber Gestalt, dessen fünfzig Jahre seine roten Haare noch nicht gebleicht hatten. Auf einem Teile des Friedhofgeländes vor der Kirche hatte sich der Pfarrer einen Küchengarten geschaffen. Dort stand er und betrachtete eben die ersten Salatstauden. Die Sutane hatte er zwischen die Schenkel geklemmt, damit der Wind sie ihm nicht über den Kopf schlage. Chanteau, der nicht gegen den Sturm zu sprechen vermochte, mußte sich mit einer grüßenden Handbewegung zufrieden geben. »Ich glaube, sie tun gut, die Boote auf das Trockene zu bringen«, fuhr der Pfarrer aus vollem Halse fort. »Gegen zehn Uhr werden sie tanzen.« In diesem Augenblicke schlug richtig ein Windstoß ihm den Priesterrock über den Kopf und er verschwand hinter der Kirche. Chanteau hatte sich nun gewandt und hielt mit hochgezogenen Schultern den Anprall aus. Seine Augen standen ihm voll Wasser. Er warf einen Blick auf seinen vom Meere verwüsteten Garten und auf den zweigeschossigen Ziegelbau mit den fünf Fenstern nach vorne, deren Läden trotz der Sicherheitsriegel entführt zu werden drohten. Als der Windstoß vorübergebraust war, beugte er sich von neuem zur Straße hinab. Veronika kam zurück und fuchtelte lebhaft mit den Armen. »Wie? ... Sie sind draußen? ... Wollen Sie wohl sofort hineingehen, Herr!'' Sie erreichte ihn auf dem Flur und kanzelte ihn wie einen ungehorsamen Knaben ab. Wer würde ihn wieder zu pflegen haben, wenn er am nächsten Tage zu leiden habe? »Du hast nichts gesehen?« fragte er in unterwürfigem Tone. »Ganz gewiß nichts, gar nichts habe ich gesehen ... Die Frau ist jedenfalls irgendwo in Sicherheit.« Er wagte ihr nicht zu sagen, daß sie habe weiter reisen sollen. Jetzt quälte ihn namentlich das Ausbleiben seines Sohnes. »Ich habe bemerkt«, begann die Magd von neuem, »daß das ganze Dorf auf dem Kopfe steht. Diesmal fürchten sie, auf dem Platze zu bleiben. Schon im September hatte das Haus des Cuche von oben bis unten einen Riß bekommen. Prouane, der gerade zum Angelusläuten hinaufstieg, versicherte mir, morgen werde es ganz am Boden liegen.« In diesem Augenblick nahm ein großer, junger Mann von neunzehn Jahren die drei Stufen der Vortreppe mit einem Sprunge. Er hatte eine breite Stirn, sehr helle Augen und den feinen Flaum eines kastanienbraunen Bartes um das lange Gesicht. »Um so besser, da ist Lazare«, sagte Chanteau sichtlich erleichtert. »Wie durchnäßt du bist, mein armer Junge!« Der junge Mann hängte im Vorraum einen vom Regen durchnäßten Matrosenmantel auf. »Und?« fragte abermals der Vater. »Nichts«, antwortete Lazare. »Ich bin bis Verchemont gewesen und habe vom Wagenschuppen der Herberge aus nach der Straße ausgelugt, die einem wahren Dreckstrom gleicht. Aber es kam niemand! ... Darauf bin ich umgekehrt, weil ich fürchtete, du würdest dich ängstigen.« Er hatte die Schule in Caen im August nach Bestehen der Hauptprüfung verlassen und trieb sich schon seit acht Monaten zwischen den Küstenfelsen herum. Er konnte sich nicht zu einer ernsten Beschäftigung entschließen, gab sich aber leidenschaftlich der Musik hin, was seine Mutter zur Verzweiflung brachte. Sie war grollend abgereist, weil er sich geweigert hatte, sie nach Paris zu begleiten, wo sie eine Stellung für ihn zu finden hoffte. Ein unwillkürlicher Verdruß, den die Gemeinsamkeit des häuslichen Lebens noch verschärfte, ließ daher im Hause alles drunter und drüber gehen. »Jetzt weißt du alles«, begann der junge Mann wieder. »Ich möchte nun noch bis Arromanches vordringen.« »Nein, nein, es wird schon Nacht«, rief Chanteau. »Deine Mutter kann uns unmöglich ohne Nachricht lassen. Ich erwarte eine Depesche. Halt! Das klingt wie ein Wagen.« Veronika hatte abermals die Tür geöffnet. »Es ist der Wagen des Doktors Cazenove«, meldete sie. »Haben Sie ihn herbestellt, Herr? ... Ach mein Gott, da ist doch unsere Frau!« Alle eilten hastig auf den Vorflur. Ein dicker Berghund, eine Kreuzung vom Neufundländer, der in einer Ecke des Vorraumes geschlafen hatte, sprang mit wütendem Gekläffe auf. Durch das Gelärm angelockt, erschien auf der Schwelle auch eine kleine, weiße, äußerst zart gebaute Katze. Angesichts des schmutzigen Hofes durchlief ein leichtes Erzittern ihren Schwanz. Es ekelte sie sichtlich vor dem Hofe, und so setzte sie sich auf die oberste Stufe, um von hier aus den Vorgängen zuzuschauen. Inzwischen war eine Dame von fünfzig Jahren mit der Behendigkeit eines jungen Mädchens aus dem Wagen gesprungen. Sie war klein und mager, ihr Haar noch tiefschwarz, ihre Züge angenehm, aber durch eine zu große Nase geschädigt. Mit einem Satze legte der Hund ihr die Pfoten auf die Schultern, als wolle er die Frau umarmen. Sie ärgerte sich darüber. »Mathieu! Willst du wohl ... Bist du endlich fertig, dickes Tier?« Lazare kam hinter dem Hunde über den Hof. Er rief schon von weitem: »Es ist dir doch kein Unglück zugestoßen, Mama?« »Nein, nein«, antwortete Frau Chanteau. »Mein Gott, wir waren nicht wenig besorgt«, sagte auch der Vater, der trotz des Windes dem Sohne gefolgt war. »Was ist nur geschehen?« »Nichts als Verdrießlichkeiten die ganze Zeit hindurch«, erklärte sie. »Die Wege sind zunächst so schlecht, daß man von Bayeux bis hierher fast zwei Stunden brauchte. In Arromanches endlich brach sich ein Pferd von Malivoire das Bein. Er konnte uns kein anderes geben, und so sah ich mich im Geiste schon bei ihm übernachten ... Schließlich hatte der Doktor die Güte, uns seinen Wagen zu leihen. Der brave Martin hat uns hergebracht ...« Der Kutscher, ein alter Stelzfuß und früherer Matrose, der durch den damaligen Marinechirurgus Cazenove operiert worden und später in dessen Dienst geblieben war, schirrte gerade das Pferd fester. Frau Chanteau unterbrach ihren Bericht, um ihm zuzurufen: »Martin, helft doch der Kleinen beim Aussteigen.« Niemand hatte an das Kind gedacht. Da das Schutzdach des Wagens tief heruntergelassen war, sah man nur sein Trauerkleid und seine kleinen schwarzbehandschuhten Hände. Es wartete jetzt nicht mehr, bis ihm der Kutscher half, sondern sprang ohne weiteres leichtfüßig auf die Erde. Die Windsbraut pfiff und verfing sich in den Kleidern des Kindes; Strähnen braunen Haares zerzausten sich unter dem Krepp des Hutes. Das Mädchen war für seine zehn Jahre eine kräftige Erscheinung, es hatte starke Lippen, ein volles, farbloses Gesicht, von der Weiße jener Mädchen, die in den Pariser Hinterläden aufwachsen. Alle blickten es an. Veronika, die zur Begrüßung ihrer Gebieterin herbeigekommen war, hielt sich mit eisigem, eifersüchtigem Gesicht abseits. Mathieu dagegen beobachtete diese Zurückhaltung nicht, er drängte sich zwischen die Arme des Kindes und beleckte mit der Zunge dessen Gesicht. »Fürchte dich nicht,« rief Frau Chanteau, »er ist nicht bösartig.« »O, ich habe durchaus keine Furcht«, antwortete Pauline sanft. »Ich habe Hunde sehr gern.« Sie blieb in der Tat völlig gelassen bei den rauhen Zudringlichkeiten Mathieus. Ihr kleines, ernstes Gesicht überflog trotz seiner Trauer ein Lächeln; dann drückte sie einen kräftigen Kuß auf die Schnauze des Neufundländers. »Die Menschen umarmst du nicht?« sagte Frau Chanteau. »Hier hast du deinen Onkel, denn du nennst mich ja Tante ... Und hier also deinen Vetter, einen großen Taugenichts, weit unverständiger als du selbst.« Das Kind zeigte sich durchaus nicht verlegen. Es umarmte alle und fand mit der Anmut der kleinen, in allen Höflichkeiten bereits bewanderten Pariserin für jeden ein passendes Wort. »Ich danke dir, Onkel, daß du mich in dein Haus aufnehmen willst ... Du sollst sehen, Vetter, wir werden uns gut vertragen.« »Sie ist allerliebst«, rief Chanteau entzückt. Lazare sah Pauline starr an; er hatte sie sich kleiner und scheuer vorgestellt, wie es so junge Dinger gewöhnlich sind. »Ja, ja, allerliebst«, wiederholte die alte Dame. »Und tapfer, ihr habt keine Ahnung, wie tapfer! ... Der Wind kam uns in diesem Wagen von vorn und blendete uns fast durch den Wassers taub. Wohl zwanzigmal glaubte ich, daß der Verschlag, der wie ein Segel krachte, in Stücke gehen werde. Was glaubt ihr wohl? Sie fand es sehr unterhaltend, und es machte ihr Spaß... Doch was stehen wir hier noch länger? Ich halte es für unnötig, noch nasser zu werden. Der Regen beginnt schon wieder.« Sie wandte sich um und suchte Veronika. Als sie die Magd mit mürrischem Gesichte abseits stehen sah, meinte sie spöttisch: »Guten Tag, mein Kind, wie geht es dir? Einstweilen, bis du mich nach meinem Befinden fragst, holst du wohl eine Flasche für den Martin herauf, nicht wahr?... Wir haben unser Gepäck nicht bei uns, Malivoire bringt es morgen zeitig.« Sie unterbrach sich und lief mit bestürztem Gesicht wieder zum Wagen zurück. »Meine Reisetasche?... O diese Angst! Ich glaubte schon, sie wäre unterwegs aus dem Wagen gefallen.« Es war eine große, schwarze, durch den vielen Gebrauch an den Ecken bereits abgenützte Tasche, die sie dem Sohne durchaus nicht anvertrauen wollte. Endlich waren alle auf dem Wege zum Hause, als ihnen ein neuer Windstoß dicht vor der Tür den Atem benahm und sie zum Verweilen zwang. Die noch immer mit neugieriger Miene dort hockende Katze sah, wie sie gegen den Wind ankämpften. Frau Chanteau wollte wissen, ob Minouche sich während ihrer Abwesenheit gut aufgeführt habe. Der Name Minouche ließ abermals ein Lächeln um den ernsten Mund Paulines spielen. Sie bückte sich, streichelte das Tier, das sich auch sofort an ihrem Kleide rieb und dabei den Schwanz in die Luft streckte. Mathieu bellte von neuem heftig und begleitete so die Rückkehr zum heimischen Herde, während er die Familie die Stufen hinaufsteigen und sich im Vorflure endlich in Sicherheit bringen sah. »Ah, hier ist es gut sein«, sagte die Mutter. »Ich glaubte schon, wir würden nie nach Hause kommen. Ja, Mathieu, du bist ein guter Hund, aber jetzt laß uns endlich in Frieden. Ich bitte dich, Lazare, bring ihn zum Schweigen: meine Ohren sind schon halb taub!« Der Hund blieb aber bei seinem Gebell, daher vollzog sich der Einzug der Chanteau unter dieser fröhlichen Musik. Sie schoben Pauline, das neue Kind des Hauses, vor sich her; hinterher kam der unermüdlich kläffende Mathieu, dann Minouche, deren nervöses Fell bei diesem schallenden Lärm unaufhörlich zusammenzuckte. Martin hatte inzwischen in der Küche zwei Gläser rasch nacheinander hinter die Binde gegossen. Sein Holzfuß klapperte auf dem Fußboden, als er allen einen guten Abend zuschreiend, von dannen humpelte. Veronika hatte ihre inzwischen kalt gewordene Hammelkeule wieder ans Feuer geschoben. Sie erschien jetzt, um zu fragen: »Wird gegessen?« »Ich glaube wohl, denn es ist schon sieben Uhr«, antwortete Chanteau. »Wir werden aber warten müssen, mein Kind, bis meine Frau und die Kleine sich ein wenig umgekleidet haben.« »Paulines Koffer ist noch nicht hier«, warf Frau Chanteau ein. »Zum Glück sind wir unten trocken geblieben... Nimm deinen Hut und deinen Mantel ab, mein Herz ... So hilf ihr doch, Veronika ... Ziehe ihr auch die Schuhe aus, ja? ... Ich habe alles was du brauchst.« Die Magd mußte vor dem Kinde niederknien, das sich gesetzt hatte. Währenddessen holte die alte Dame aus der Reisetasche ein Paar Filzschuhe hervor, die sie selbst Pauline an die Füße steckte. Dann ließ auch sie sich die Schuhe ausziehen und tauchte abermals die Hand in den Reisesack, die mit einem Paar Schlurren für sie wieder hervorkam. »Ich kann also auftragen?« fragte nochmals Veronika. »Sofort... Komm in die Küche, Pauline, um dir das Gesicht und die Hände zu waschen... Wir sind schon halbtot vor Hunger, später werden wir uns gründlich reinigen.« Pauline erschien als erste wieder im Zimmer, während sie ihre Tante noch mit der Nase in einer Schüssel zurückgelassen hatte. Chanteau hatte seinen Platz vor dem Feuer in der Tiefe seines Lehnsessels aus gelbem Plüsch wieder eingenommen. Er rieb sich unwillkürlich die Beine, denn er war in beständiger Furcht vor einem neuen Anfall, während Lazare am Tische stand, auf dem seit länger als einer Stunde für vier Personen gedeckt war und Brot für die Gesellschaft absäbelte. Die beiden Männer lächelten etwas verlegen das Kind an, ohne ein Wort für dasselbe zu finden. Pauline sah sich gelassen in dem mit Nußholz-Möbeln ausgestatteten Zimmer um. Sie blickte vom Büfett und dem halben Dutzend Stühlen zur grünkupfernen Hängelampe hinauf. Es fesselten sie besonders fünf eingerahmte Bilder, welche die Jahreszeiten und eine Ansicht des Vesuvs darstellten und sich von der kastanienfarbenen Wandtapete abhoben. Die nachgemachte, von kreidigen Rissen durchzogene Täfelung von gemalter Eiche, der von alten Fettflecken beschmutzte Fußboden, die Öde dieses einsamen Familienzimmers ließ sie den schönen marmornen Wurstladen vermissen, den sie am Abend vorher verlassen hatte. Ihre Augen trübten sich, sie schien für einen Augenblick die unter der Gemütlichkeit der für sie neuen Umgebung verborgene, dumpfe Verbitterung zu ahnen. Nachdem sich ihre Blicke noch für einen in vergoldetem Holzgehäuse steckenden, sehr alten Barometer erwärmt hatten, blieben sie auf einem merkwürdigen Dinge in einem Glaskasten haften, dessen Kanten von schmalen Streifen Papiers zusammengehalten waren. Es nahm den ganzen Kaminsims ein und sah aus wie ein Spielzeug, wie eine hölzerne Brücke im kleinen, aber wie eine Brücke von außerordentlich verwickeltem Gebälk. »Das hat dein Großonkel gemacht«, erklärte Chanteau, der sich freute, einen Gesprächsstoff gefunden zu haben. »Ja, mein Vater hat als Zimmermann angefangen ... Ich habe sein Meisterstück stets in Ehren gehalten.« Er errötete nicht über seine Abstammung. Frau Chanteau litt die Brücke auf dem Kamine trotz ihres Ärgers beim Anblick dieser Platz raubenden Merkwürdigkeit, die sie stets an ihre Ehe mit dem Sohne eines Arbeiters erinnerte. Die Kleine aber hörte schon nicht mehr auf ihren Onkel: durch das Fenster hatte sie soeben den unendlichen Horizont erblickt. Sie schritt flink durch das Zimmer und stellte sich hinter die Scheiben, deren Musselinvorhänge mit Hilfe von baumwollenen Spangen halb emporgezogen waren. Seit ihrer Abreise aus Paris nahm das Meer ihre Gedanken beständig in Anspruch. Sie träumte von ihm, sie bestürmte im Eisenbahnwagen die Tante mit ewigen Fragen und wollte beim Anblick eines jeden Abhanges wissen, ob sich das Meer hinter diesen Bergen befinde. Am Gestade von Arromanches endlich hatte sie sprachlos, mit weit aufgerissenen Augen, das Herz von einem tiefen Seufzer geschwellt, dagesessen; von Arromanches nach Bonneville hatte sie trotz des Windes alle Minuten den Kopf zum Wagen hinausgesteckt, um das ihnen folgende Meer zu erblicken. Noch immer war das Meer da, es wird immer da bleiben wie etwas ihr Gehörendes. Langsam, mit einem einzigen Blicke schien sie von ihm Besitz zu nehmen. Die Nacht sank vom bleichen Himmel hernieder, an dem die Windstöße die zügellos dahin jagenden Wolken peitschten. Man unterschied inmitten der wachsenden Finsternis nichts als den blassen Streif der steigenden Flut. Es war ein weißer, stets sich ausbreitender Gischt, eine Folge von auf- und niederwogenden Feldern, die im sanften, wiegenden Dahingleiten alles mit Seetang überschwemmten und die Felsplatten überfluteten. In der Ferne aber war das Gebrüll der Wogen gewachsen, ungeheure Kämme krausten sich auf und ein tödlich-trauriges Dunkel lagerte am Fuße der Küstenfelsen auf dem verlassenen, hinter seinen Türen verrammelten Bonneville, während die auf der Höhe der Riesbänke zurückgelassenen Boote wie die Leichname großer, gestrandeter Fische dalagen. Der Regen tauchte das Dorf in einen rauchigen Nebel, nur die Kirche hob sich noch von einer fahlen Wolkenschicht in scharfen Umrissen ab. Pauline sagte nichts. Ihr kleines Herz war wieder schwer; sie unterdrückte den Atem und seufzte tief, ihr ganzer Odem schien über ihre Lippen zu entweichen. »Nicht wahr, ein bißchen breiter als die Seine ist das da?« sagte Lazare, der soeben hinter sie getreten war. Dieses kleine Ding überraschte ihn immer mehr. Seit sie da war, hatte ihn die Zaghaftigkeit eines großen linkischen Jungen befallen. »Oh ja!« antwortete sie sehr leise, ohne den Kopf zu wenden. Er wollte sie schon duzen, doch besann er sich eines Besseren. »Erschreckt Sie das nicht?« Jetzt sah sie ihn mit erstaunter Miene an. »Nein, warum? ... Ich bin gewiß, daß das Wasser nicht bis hierher steigen wird.« »Man kann es nicht wissen«, sagte er, einem Verlangen sie zu sticheln nachgebend. »Manchmal steigt das Wasser bis über die Kirche.« Sie lachte hell auf. Ihr sonst bedächtiges Persönchen überließ sich einem Ausbruch geräuschvoller, gesunder Heiterkeit, dem Frohsinn einer vernünftig denkenden, über jede Ungereimtheit sich belustigenden Person. Sie war es, die zuerst zu dem jungen Menschen »du« sagte und wie zum Spielen seine Hände ergriff. »Du hältst mich wohl für dumm, Vetter? ... Würdest du hier bleiben, wenn das Wasser über die Kirche ginge?« Da lachte Lazare ebenfalls und drückte die Hände des Kindes; beide waren von jetzt an gute Kameraden. Frau Chanteau kehrte gerade bei diesen Heiterkeitsausbrüchen in die Stube zurück. Sie schien glücklich und sagte, sich die Hände trocknend: »Die Bekanntschaft ist gemacht ... Ich dachte es mir schon, daß ihr beide euch verstehen würdet.« »Soll ich auftragen?« fragte Veronika auf der Schwelle zur Küche. »Ja, ja, mein Kind. Nur wäre es gut, wenn du vorher die Lampe anzündetest. Man sieht nichts mehr.« Die Nacht sank in der Tat so schnell hernieder, daß das Eßzimmer nur noch von dem roten Widerschein des Koks erleuchtet war. Das bedingte eine weitere Verzögerung. Endlich zog die Köchin die Lampe hernieder, und das Tischzeug erschien unter der Runde der lebhaften Helle. Jedermann nahm seinen Platz ein, Pauline zwischen dem Onkel und dem Vetter gegenüber der Tante. Plötzlich aber erhob sich diese noch einmal mit der Lebhaftigkeit einer alten, mageren Frau, die nicht stillsitzen kann. »Wo ist meine Reisetasche? ... Warte, mein Schatz, ich will dir deinen Becher geben... Nimm das Glas weg, Veronika. Das Kind ist an seinen Becher gewöhnt.« Sie zog einen schon verbeulten silbernen Becher hervor, den sie mit ihrem Mundtuche reinigte und vor Pauline hinstellte. Dann behielt sie die Reisetasche hinter sich auf einem Stuhle. Die Köchin reichte eine Nudelsuppe, wobei sie in ihrer mürrischen Art die Bemerkung machte, daß die Suppe viel zu lange gekocht habe. Niemand wagte sich zu beklagen: man hatte großen Hunger, die Brühe zischte in den Löffeln. Dann kam das Suppenfleisch. Chanteau, ein großer Feinschmecker, berührte es kaum und sparte seine Eßlust für die Hammelkeule auf. Als aber diese auf dem Tische erschien, war die Entrüstung allgemein. Das war ausgetrocknetes Leder, nicht zu genießen. »Ich weiß es wohl«, sagte Veronika gelassen. »Man hätte das Essen nicht warten lassen sollen.« Pauline zerlegte ihr Fleisch vergnügt in kleine Stückchen und schluckte es dessenungeachtet. Lazare wußte überhaupt nie, was er auf dem Teller hatte; er hätte selbst Brotschnitten als Geflügelragout verzehrt. Chanteau dagegen betrachtete die Hammelkeule mit düsterem Blicke. »Was hast du außerdem noch, Veronika?« »Gebratene Kartoffeln, Herr.« Er machte eine verzweifelte Gebärde und lehnte sich in seinen Lehnstuhl zurück. »Wenn der Herr will, kann ich das Rindfleisch wiederbringen«, meinte die Magd. Er aber schüttelte mit einer trübseligen Bewegung den Kopf. Ebenso gern trockenes Brot wie Suppenfleisch. Mein Gott, welche Mahlzeit! Hatte das schlechte Wetter doch selbst das Fischgericht zu Wasser werden lassen! Frau Chanteau, eine schwache Esserin, sah ihn mitleidig an. »Armer Mann,« sagte sie mit einem Male, »du tust mir leid... Ich hatte ein Geschenk für morgen; doch da heute abend Hungersnot herrscht ...« Sie hatte ihre Reisetasche abermals geöffnet und zog eine Dose mit Gänseleberpastete hervor. Die Augen Chanteaus leuchteten, Gänseleberpastete! Verbotene Frucht! Eine wonnevolle Leckerei, die der Arzt durchaus verwehrte! »Doch du weißt,« fuhr seine Frau fort, »ich erlaube dir nur eine Schnitte... Sei vernünftig, oder du bekommst nie wieder welche.« Er hatte das Näpfchen ergriffen und nahm sich mit zitternder Hand davon. In dieser Weise fanden oft fürchterliche Kämpfe statt zwischen dem Entsetzen vor einem neuen Anfall und der Leidenschaft seiner Feinschmeckerei; fast immer war letztere die Siegerin. Umso schlimmer! Es schmecke zu gut, er wolle lieber Schmerzen leiden! Veronika, die ihn ein mächtiges Stück hatte abschneiden sehen, kehrte in ihre Küche zurück und brummte: »Schon gut, das wird wieder ein Geheul sein!« Diese Redensart kam ihr ganz natürlich in den Mund, die Herrschaft hatte sie sich gefallen lassen, weil sie das so offen sagte. Der Herr heulte, wenn er einen Anfall hatte; es war wirklich ganz so, daß man nicht daran dachte, sie an die schuldige Achtung zu erinnern. Das Ende der Mahlzeit war sehr heiter. Lazare entwand scherzend die Dose den Händen seines Vaters. Als der Nachtisch erschien, Käse und Zwieback, gab das plötzliche Auftauchen von Mathieu Anlaß zu großem Vergnügtsein. Bis dahin hatte er irgendwo unter dem Tische geschlafen. Das Erscheinen der Zwiebäcke hatte ihn soeben munter gemacht, er schien sie im Schlafe zu wittern; alle Abend, genau in diesem Augenblick, schüttelte er sich; er machte seine Runde und suchte das Wohlwollen der Tischgenossen in ihren Gesichtern zu lesen. Gewöhnlich war Lazare der am schnellsten zu Erweichende. An diesem Abend aber blickte Mathieu bei seinem zweiten Rundgange Pauline mit seinen guten, menschlichen Augen ständig an, legte dann, weil er in ihr eine große Freundin der Tiere und Menschen ahnte, seinen mächtigen Kopf auf das kleine Knie des Kindes, ohne seine flehenden Augen von ihr zu wenden. »Oh! dieser Bettler!« sagte Frau Chanteau. »Sachte, Mathieu, willst du wohl nicht so wild auf das Fressen sein!« Der Hund hatte zuschnappend das Stück Zwieback geschluckt, das ihm Pauline reichte; er legte seinen Kopf von neuem auf das kleine Knie und bat um ein anderes Stück, die Augen beständig auf die seiner neuen Freundin gerichtet. Sie lachte, küßte ihn und fand ihn höchst drollig mit seinen niedergeklappten Ohren, einem schwarzen Male über dem linken Auge, dem einzigen Fleck auf seinem weißen, krausen, langhaarigen Fell. Es ereignete sich indessen ein Zwischenfall. Die eifersüchtige Minouche sprang leichtfüßig auf den Rand des Tisches und stieß schnurrend, mit geschmeidigem Rückgrat und der Zierlichkeit einer jungen Ziege an das Kinn der Kleinen mit dem Kopfe. Es war das ihre Art sich anzuschmeicheln, man fühlte ihre kalte Nase und das Streifen ihrer spitzen Zähne, während sie wie ein Teig knetender Bäckergeselle auf ihren Pfoten tanzte. Pauline war zwischen den beiden Tieren geradezu im siebenten Himmel; die Katze zur Linken, den Hund zur Rechten, von ihnen frech ausgebeutet, bis ihr ganzer Nachtisch an sie verteilt war. »Schicke sie weg«, sagte ihre Tante. »Sie werden dir nichts übrig lassen.« »Was tut es?« antwortete sie schlicht, in ihrem Glücke alles wegzugeben. Man hatte das Mahl beendet. Veronika nahm die Gedecke fort. Die beiden Tiere zogen ab, als sie den Tisch leer sahen, ohne »Danke« zu sagen, indem sie sich ein letztes Mal beleckten. Pauline war aufgestanden und stellte sich an das Fenster; sie versuchte die Dinge draußen zu erkennen. Seit der Suppe sah sie dieses Fenster sich verdunkeln und nach und nach schwarz wie die Tinte werden. Jetzt stand draußen eine undurchdringliche Wand, eine Masse von Finsternis, in der alles untergegangen war: der Himmel, das Wasser, das Dorf, selbst die Kirche. Ohne über die Neckereien ihres Vetters zu erschrecken, suchte sie das Meer; sie war von dem Verlangen gequält, zu wissen, bis wohin das Wasser steigen werde; sie hörte nur das Gebrause wachsen, eine laute ungeheuerliche Stimme, deren beständiges Drohen durch das Geheul des Windes und das Prasseln des Platzregens drang und mit jeder Minute anschwoll. Kein Schimmer mehr, nicht einmal das Weiße des Schaumes in diesem Dunkel; nur die vom Sturme gepeitschten Wogen inmitten dieses Nichts. »Alle Wetter!« sagte Chanteau. »Die Flut kommt steif heran. Und sie hat noch zwei Stunden zu steigen.« »Wenn der Wind von Norden wehte,« erklärte Lazare, »würde Bonneville elend daran sein, glaube ich. Zum Glück faßt er uns von der Seite.« Die Kleine hatte sich umgedreht und hörte ihnen mit großen, von beunruhigtem Mitleid erfüllten Augen zu. »Pah!« sagte Frau Chanteau, »wir sind in Sicherheit, mögen die andern sehen, wie sie durchkommen; ein jeder hat sein eigenes Häufchen Unglück. Sage, Herzchen, willst du eine Tasse recht heißen Tee? Und dann gehen wir schlafen.« Veronika hatte über den abgedeckten Tisch eine alte, großgeblümte, rote Decke geworfen, an der die Familie ihre Abende zubrachte. Ein jeder nahm seinen Platz wieder ein. Lazare war einen Augenblick hinausgegangen und mit einem Tintenfaß, einer Feder und einer ganzen Handvoll Papier wiedergekommen. Er setzte sich unter die Lampe und begann Noten abzuschreiben. Frau Chanteau, deren zärtliche Blicke seit ihrer Heimkehr den Sohn nicht mehr verließen, wurde plötzlich sehr barsch. »Bist du wieder bei deinen Noten? Kannst du uns nicht einmal am Tage meiner Heimkehr einen Abend schenken?« »Aber, Mama, ich gehe doch nicht fort, ich bleibe bei dir... Du weißt sehr gut, daß das Abschreiben mich nicht an der Unterhaltung hindert. Sage mir etwas und ich werde dir antworten.« Damit versenkte er sich in seine Arbeit, während er zugleich eine Hälfte des Tisches mit seinen Papieren bedeckte. Chanteau hatte sich gemütlich in seinem Lehnstuhl ausgestreckt und ließ die Hände wie entkräftet ruhen. Mathieu schlief vor dem Feuer, während Minouche mit einem Satze wieder auf die Decke gesprungen war und großen Putz machte; mit einem Bein in der Luft leckte sie sich vorsichtig das Haar am Bauche. Eine wohltuende Traulichkeit schien von der kupfernen Hängelampe niederzuströmen, und bald konnte Pauline, die mit halbgeschlossenen Augen ihrer neuen Familie zulächelte, von Mattigkeit überwältigt, von der Wärme gelähmt, dem Schlaf nicht widerstehen. Sie ließ ihren Kopf niedergleiten und schlummerte in der Höhlung ihres gekrümmten Armes unter der ruhigen Helle der Lampe ein. Ihre feinen Augenwimpern glichen einem über ihren Augen gezogenen Seidenschleier, ein leises, regelmäßiges Atmen entströmte ihren Lippen. »Sie kann sich nicht länger halten«, sagte Frau Chanteau und dämpfte die Stimme. »Wir werden sie wecken, daß sie ihren Tee trinkt, und bringen sie dann zu Bett.« Es trat jetzt tiefe Stille ein. Im Brausen des Sturmes hörte man nur die Feder Lazares. Es war ein tiefer Friede, die Schlafsucht der alten Gewohnheiten, das allabendlich an derselben Stelle wiedergekäute Leben. Lange schauten sich Vater und Mutter an, ohne etwas zu sagen. Endlich fragte Chanteau zögernd: »Wird Davoine in Caen einen guten Abschluß machen?« Sie zuckte wütend die Achseln. »Jawohl, ja, einen guten Abschluß... Sagte ich dir nicht, der läßt dich hineinziehen!?« Da die Kleine jetzt schlief, konnte man plaudern. Sie sprachen leise. Sie wollten sich zuerst nur kurz die Neuigkeiten mitteilen. Aber die Leidenschaft riß sie fort, nach und nach entrollten sich alle Sorgen dieses Hauses. Bei dem Tode seines Vaters, des alten Zimmermannes, der seinen Handel mit nordischem Holze mit den kühnen Zügen eines abenteuerlichen Kopfes betrieb, hatte Chanteau ein stark belastetes Geschäftshaus übernommen. Wenig betriebsam und von einer nur aus Erfahrung bestehenden Klugheit, hatte er sich begnügt, durch gute Ordnung die Lage zu retten und sich auf gewisse Einkünfte hin anständig durchzuschlagen. Der einzige Roman seines Lebens war seine Heirat; er nahm eine Erzieherin zur Frau, der er in einer befreundeten Familie begegnet war. Eugenie de la Vignière, eine Waise von ruinierten Krautjunkern aus dem Cotentin, rechnete darauf, seinem Herzen ihren Ehrgeiz einflößen zu können. Er aber, unvollständig erzogen und erst spät in eine Schule geschickt, bebte vor weitläufigen Unternehmungen zurück und setzte die Schwerfälligkeit seiner Natur den herrschsüchtigen Bestrebungen seiner Gattin entgegen. Als ihnen ein Sohn geboren war, übertrug jene auf dieses Kind ihre Hoffnungen auf eine hohe Glücksstellung; sie schickte ihn auf das Gymnasium und ließ ihn selbst des Abends unter ihrer Aufsicht arbeiten. Ein Unglück aber sollte ihre Berechnungen umstoßen. Chanteau, der seit seinem vierzigsten Jahre an der Gicht litt, bekam so heftige Anfälle, daß er von dem Verkaufe des Hauses sprach. Das bedeutete die Mittelmäßigkeit, das Verzehren der kleinen Ersparnisse in unbemerkter Einsamkeit; es bedeutete, daß das Kind später in einen Beruf geworfen werde, ohne den Rückhalt der ersten zwanzigtausend Frankenrente, die sie für den Knaben erträumt hatte. Frau Chanteau wollte sich wenigstens mit dem Verkauf des Hauses beschäftigen. Der Gewinn aus dem Geschäft konnte an zehntausend Franken betragen, von denen das Paar auf großem Fuße lebte, denn die Frau fand Geschmack an Empfängen. Sie stöberte einen gewissen Davoine auf und dachte folgenden Abschluß aus: Davoine kaufte das Holzgeschäft um hunderttausend Franken, von denen er nur fünfzigtausend auszahlte; die Chanteaus wurden, indem sie die zweiten fünfzigtausend stehen ließen, seine Geschäftsteilnehmer und bezogen die Hälfte des Geschäftsgewinnes. Dieser Davoine schien ein Mann von unternehmendem Verstande. Selbst zugegeben, daß das Haus nichts darüber hinaus abwarf, waren fünftausend Franken immer gesichert, die zuzüglich der dreitausend aus den auf Hypotheken sichergestellten fünfzigtausend, eine Gesamtrente von achttausend Franken ergaben. Mit diesen würde man sich gedulden, man würde die Erfolge des Sohnes abwarten können, der sie aus ihrem mittelmäßigen Leben herausziehen sollte. Die Angelegenheit wurde auch so geordnet. Chanteau hatte gerade zwei Jahre vorher am Strande des Meeres in Bonneville ein Haus erstanden, einen Gelegenheitskauf aus dem Zusammenbruche eines zahlungsunfähigen Kunden gerettet. Anstatt es wieder zu verkaufen, wie Frau Chanteau es einen Augenblick beabsichtigt, beschloß sie, sich dorthin zurückzuziehen, wenigstens bis zu den ersten Erfolgen Lazares. Auf ihre Empfänge zu verzichten, sich in ein verlorenes Nest zu verkriechen, bedeutete für sie einen Selbstmord; aber sie trat ihr Haus völlig an Dovoine ab und hätte anderweitig mieten müssen. Es kam ihr der Mut, Ersparnisse zu machen, in dem verbohrten Gedanken, später eine siegreiche Rückkehr nach Caen in Szene zu setzen, wenn ihr Sohn dort eine große Stellung einnehmen werde. Chanteau stimmte allem bei. Seine Gicht werde sich in der Nähe des Meeres legen; überdies hatten von drei zu Rate gezogenen Ärzten zwei die Liebenswürdigkeit zu erklären, daß der Seewind das allgemeine Befinden bedeutend stärken werde. Eines Morgens im Mai ließen denn die Chanteaus Lazare, der damals vierzehn Jahre zählte, in dem Gymnasium und reisten ab, um sich endgültig in Bonneville niederzulassen. Seit dieser heldenhaften Losreißung waren fünf Jahre verflossen, und die Lage der Familie wurde immer schlimmer. Davoine ließ sich in große Spekulationen ein und behauptete: er brauche stets neue Vorschüsse; er wagte den Gewinn von neuem, so daß die Abschlüsse fast immer mit Verlusten endeten. In Bonneville war man jetzt auf die dreitausend Franken Rente zum Leben angewiesen, und zwar so kümmerlich, daß man das Pferd hatte verkaufen müssen und Veronika selbst den Küchengarten bearbeitete. »Sieh, Eugenie,« wagte Chanteau zu sagen, »wenn man mich da hineingelegt hat, ist es auch ein wenig dein Verschulden.« Sie aber lehnte diese Verantwortlichkeit ab und vergaß gern, daß die Verbindung mit Davoine ihr Werk war. »Wie? Meine Schuld?« antwortete sie mit trockenem Tone. »Bin ich etwa krank?... Wärest du nicht krank gewesen, könnten wir vielleicht Millionäre sein.« Sooft die Bitterkeit seiner Frau in dieser Weise überschäumte, senkte er verlegen den Kopf und schämte sich, daß in seine Knochen der Feind der Familie sich eingenistet hatte. »Man muß abwarten,« sagte er leise, »Davoine bereitet seine großen Züge mit Sicherheit vor. Wenn das Tannenholz steigt, machen wir ein Vermögen.« »Und was dann?« unterbrach Lazare, ohne mit dem Abschreiben der Noten aufzuhören. »Wir haben ja doch zu leben. Ihr quält euch mit Unrecht. Ich für mein Teil pfeife auf das Geld.« Frau Chanteau zuckte ein zweites Mal mit den Schultern. »Du tätest gut, etwas weniger darüber zu spotten und deine Zeit nicht mit Dummheiten zu verlieren.« Doch war sie es, die ihm das Klavierspielen beigebracht hatte! Heute erbitterte sie bereits der bloße Anblick einer Partitur. Ihre letzte Hoffnung brach zusammen: dieser Sohn, den sie als Präfekten oder Gerichtspräsidenten sich geträumt hatte, sprach davon, Opern zu schreiben, und sie sah ihn bereits, wie ehedem sich selbst, später im Schmutz der Straßen dem Stundengeben nachlaufen. »Hier ist übrigens eine Aufstellung über die drei letzten Monate, die Davoine mir mitgegeben hat«, begann sie abermals... »Wenn das in dieser Weise fortgeht, werden wir schließlich im Juli seine Schuldner sein.« Sie hatte ihre Reisetasche auf den Tisch gestellt und zog ein Papier hervor, das sie Chanteau reichte. Er mußte es nehmen, drehte es herum und legte es schließlich vor sich hin, ohne es zu öffnen. Veronika brachte jetzt den Tee. Neben der Zuckerdose kniff Minouche, die ihre Pfoten eingezogen hatte, scheinheilig die Äuglein zusammen; Mathieu schnarchte wie ein Mensch vor dem Kaminfeuer. Die Stimme des Meeres grollte draußen weiter und begleitete wie ein fürchterlicher Baß die kleinen friedlichen Geräusche dieses schlaftrunkenen Zimmers. »Wie wäre es, wenn du sie wecktest, Mama?« sagte Lazare, »sie schläft gewiß nicht sehr bequem.« »Ja, ja«, flüsterte Frau Chanteau nachdenklich und richtete die Augen auf Pauline. Alle drei betrachteten das schlummernde Kind. Sein Atem ging noch immer ruhig, seine bleichen Wangen und der rosige Mund nahmen in der Helle der Lampe die starre Lieblichkeit eines Blumenstraußes an. Nur ihre vom Winde zerzausten kastanienbraunen Haare warfen einen Schatten über ihre zarte Stirn. Die Gedanken der Frau Chanteau kehrten inmitten der gehabten Verdrießlichkeiten nach Paris zurück, und sie war selber erstaunt über die Wärme, mit der sie, von einer unbewußten Achtung für ein reiches Mündel erfaßt, die Vormundschaft annahm; im übrigen aber erfüllte sie eine strenge Rechtlichkeit, und sie war ohne jeden Hintergedanken betreffs des Vermögens, dessen Hüterin sie werden sollte. »Als ich in den Laden trat,« begann sie langsam zu erzählen, »hatte sie ein kurzes, schwarzes Kleid an; sie umarmte mich heftig schluchzend... Es war ein sehr schöner Laden, ein Wurstgeschäft ganz von Marmor und Spiegelglas, gerade den Hallen gegenüber... Ich fand dort eine aufgeweckte Person, eine Magd, nicht größer als ein Stiefel, aber frisch und rot; sie hatte den Anwalt benachrichtigt, die Siegel anlegen lassen, und verkaufte die Blut- und Bratwürste ruhig weiter. Adele hat mir auch vom Tode unseres armen Vetters Quenu erzählt. Seit dem Verlust seiner Frau Lisa vor sechs Monaten würgte ihn das Blut; er führte stets die Hand an den Hals, als wolle er sich die Binde abreißen; eines Abends schließlich fand man ihn mit blauem Gesicht, die Nase in einer Schmalzschüssel. Sein Oheim Gardelle war auf diese Weise gestorben.« Sie schwieg, und wieder war alles still. Über das schlafende Gesicht Paulines huschte im Traum der flüchtige Schimmer eines Lächelns. »Mit der Vollmacht ist alles glatt gegangen?« fragte Chanteau. »Sehr gut... Aber dein Anwalt hatte ganz recht, daß er den Namen des Bevollmächtigten unausgefüllt ließ, denn, wie es scheint, würde ich nicht an deine Stelle treten können: die Frauen sind von diesen Dingen ausgeschlossen... Wie ich dir schrieb, habe ich mich sofort nach meiner Ankunft mit dem Pariser Notar verständigt, der dir einen Auszug des Testaments geschickt hatte, laut welchem du zum Vormunde ernannt warst. Er hat sogleich die Vollmacht auf den Namen seines Bureauvorstehers ausgestellt, was, wie er mir sagte, häufig geschieht. So haben wir vorgehen können... Bei dem Friedensrichter habe ich als Familienrat drei Verwandte von Seiten Lisas, zwei junge Vettern, Octave Mouret, und Claude Lantier, ferner einen Vetter durch Verschwägerung, Herrn Rambaud, der in Marseille wohnt, angegeben; sodann nahm ich von unserer Seite, der Seite der Quenu, die Neffen Naudet, Liardin und Delorme. Der Familienrat ist, wie du siehst, sehr angemessen; wir werden mit ihm durchsetzen können, was wir wollen, um das Glück des Kindes zu sichern... In der ersten Sitzung ernannten sie dann den Gegenvormund, den ich gezwungenerweise unter den Verwandten Lisas gewählt hatte, Herrn Saccard...« »Still! sie wacht auf« – unterbrach Lazare. Pauline schlug in der Tat die Augen weit auf. Ohne sich zu rühren, sah sie erstaunt die plaudernden Menschen an; dann ließ sie mit einem schlaftrunkenen Lächeln die Augen wieder zufallen; und ihr unbewegliches Gesicht nahm von neuem die milchige Durchsichtigkeit der Kamelie an. »Ist dieser Saccard nicht der Spekulant?« fragte Chanteau. »Ja,« erwiderte seine Frau, »ich habe ihn gesehen, wir haben zusammen geplaudert. Ein reizender Mann... Er hat so viele Geschäfte im Kopfe, daß er mich gleich aufmerksam machte, auf seine Mithilfe sei nicht zu rechnen... Du begreifst, wir haben niemanden nötig. Wenn wir die Kleine zu uns nehmen, so nehmen wir sie ganz, nicht wahr? Ich liebe es nicht, daß man bei uns herumschnüffelt... Das übrige war schnell erledigt. Deine Vollmacht enthielt zum Glück alle notwendigen Befugnisse. Man entfernte die Siegel, nahm den Vermögensbestand auf und verkaufte das Wurstgeschäft aufs Meistgebot. Ein wahrer Glücksfall! Zwei rasende Bewerber, neunzigtausend Franken bar! Der Anwalt hatte bereits sechzig tausend Franken in Staatspapieren in einem Möbel gefunden. Ich habe ihn ersucht, weitere Papiere zu kaufen, und so haben wir hundertfünfzigtausend Franken in sicheren Werten, die ich zu meiner Freude gleich mitbringen konnte, nachdem ich den Bureauvorsteher von der Vollmacht entbunden und ihm die Quittung gegeben hatte, um die ich dich mit umgehender Post ersuchte... Halt, seht euch das an!« Sie hatte abermals die Hand in die Reisetasche gesteckt und holte jetzt ein unfangreiches Paket hervor, das Paket der Wertpapiere, das zwischen zwei Kartondeckel eines alten Geschäftsbuches des Wurstladens geschnürt war, dessen Blätter ausgerissen waren. Der grün marmorierte Umschlag war mit Fettflecken bespritzt. Vater und Sohn beäugelten dieses Vermögen, das auf die abgenutzte Decke ihres Tisches niederfiel. »Der Tee wird kalt, Mama«, sagte Lazare und setzte die Feder ab. »Ich gieße ein.« Er war aufgestanden und füllte die Tassen. Die Mutter hatte nicht geantwortet, ihre Augen waren fest auf die Wertpapiere gerichtet. »Natürlich habe ich«, fuhr sie mit langsamer Stimme fort, »in dem letzten von mir veranlaßten Familienrate die Entschädigung meiner Reisekosten nachgesucht, und man hat die Pension für die Kleine mit achthundert Franken angesetzt ... Wir sind nicht so reich wie sie, können ihr also kein Gnadenbrot geben. Keiner von uns möchte von diesem Kinde Nutzen ziehen wollen, aber es fällt uns schwer, von dem Unseren zuzuschießen. Man wird die Zinsen ihrer Renten zurücklegen und von heute bis zu ihrer Großjährigkeit das Kapital fast verdoppeln ... Mein Gott! wir erfüllen nur unsere Pflicht. Man muß den Toten gehorchen. Wenn wir noch vom Unseren zuschießen, gut, so bringt uns das vielleicht Glück, das wir sehr gebrauchen können. Das arme Herzchen war so erschüttert und schluchzte so stark, als es seine Magd verließ! Es soll sich glücklich bei uns fühlen.« Die beiden Männer wurden von Rührung erfaßt. »Ich werde ihr gewiß nichts tun«, sagte Chanteau. »Sie ist entzückend,« fügte Lazare hinzu, »ich liebe sie schon sehr.« Mathieu aber, der in seinem Schlafe den Tee gerochen, hatte sich geschüttelt und seinen großen Kopf abermals auf den Tischrand gelegt. Minouche streckte sich ebenfalls und krümmte gähnend den Rücken. Es war ein allgemeines Erwachen; die Katze reckte den Hals, um das Paket in dem fettigen Kartondeckel zu beriechen. Als die Chanteaus ihre Blicke Pauline zuwandten, sahen sie ihre Augen offen und auf die Papiere, auf dieses alte, zerlumpte, hier sich wiederfindende Geschäftsbuch gerichtet. »Sie weiß sehr gut, was darin ist«, hob Frau Chanteau an. »Nicht wahr, mein Schatz, ich habe es dir in Paris gezeigt ... Es ist die Hinterlassenschaft deiner armen Eltern für dich.« Tränen rollten über die Backen des kleinen Mädchens. So kehrte zuweilen sprunghaft ihr Kummer zurück, wie plötzliche Regengüsse im Frühjahr. Sie lächelte aber bereits inmitten ihrer Tränen, sie belustigte sich über Minouche, die, nachdem sie lange an den Wertpapieren geschnüffelt, wahrscheinlich durch den Geruch angelockt, wieder Teig zu kneten, zu schnurren und den Ecken des Buches starke Kopfstöße zu geben begann. »Minouche, willst du das wohl lassen!« schrie Frau Chanteau. »Seit wann spielt man mit dem Gelde!« Chanteau lachte, Lazare ebenfalls. Vom Rande des Tisches aus verschlang Mathieu in höchster Erregung mit seinen flammenden Augen die Papiere, die er wahrscheinlich für eine Leckerei hielt, und kläffte die Katze an. Die ganze Familie lachte laut. Pauline, von diesem Spiele entzückt, hatte Minouche in die Arme genommen und wiegte und herzte sie wie eine Puppe. Frau Chanteau, die ein abermaliges Einschlafen des Kindes befürchtete, ließ es sofort seinen Tee trinken. Dann rief sie Veronika. »Gib uns die Leuchter ... Man plaudert weiter, und an das Zubettgehen wird nicht gedacht. Schon wieder zehn Uhr! Und ich schlief schon beim Essen ein!« Aber eine Männerstimme wurde gerade in der Küche laut. Sie fragte die Magd, als diese vier angezündete Wachsstöcke hereinbrachte: »Mit wem sprichst du?« »Es ist Prouane ... Er kommt dem Herrn melden, daß es unten nicht gut steht. Es scheint, die Flut zertrümmert alles.« Chanteau hatte das Bürgermeisteramt von Bonneville annehmen müssen und Prouane, der bei dem Abbé Horteur als Kirchendiener tätig war, bekleidete außerdem den Posten des Amtsschreibers. Er hatte in der Kriegsflotte den Unteroffiziersgrad erreicht und schrieb wie ein Schulmeister. Als man ihm zurief, er solle nähertreten, erschien er mit der leinenen Mütze in der Hand und vom Wasser triefenden Kleidern und Stiefeln. »Was gibt es, Prouane?« »Verdammt, Herr, diesmal ist mit dem Hause des Cuche aufgeräumt worden. Wenn das so weiter geht, kommt das von Gonin an die Reihe. Wir waren alle da, Tournal, Houtelard, ich und die anderen. Aber was wollen Sie? Man kann gegen diese verdammte See nichts ausrichten. Sie reißt uns jedes Jahr ein Stück Land fort.« Es trat Schweigen ein. Die vier Wachsstöcke brannten mit hohen Flammen, und man hörte das Meer, das verdammte Meer, gegen das Gestade donnern. Das schallte wie die Entladung einer Riesenartillerie, wie schwere und regelmäßige Kanonenschüsse inmitten des prasselnden Geräusches der auf die Felsen geschleuderten Kieselsteine, was einem fortgesetzten Knattern von Flintensalven glich. Und in diesen Lärm warf der Wind sein klagendes Geheul, der Regen verdoppelte sich für Augenblicke, er schien die Mauern mit einem Bleihagel zu überschütten. »Das ist das Ende der Welt«, murmelte Frau Chanteau. »Und wohin haben sich die Cuches geflüchtet?« »Man wird sie irgendwo unterbringen müssen«, antwortete Prouane. »Sie warten inzwischen bei den Gonins ... Der kleine Dreijährige aufgeweicht wie eine Suppe! Die Mutter im Unterrock zeigte, mit Respekt zu sagen, alles, was sie hatte, und der Vater, dem der Kopf halb durch einen Balken gespalten war, verbohrte sich auf die Rettung ihrer armseligen Habe!« Pauline hatte den Tisch verlassen. Sie ging wieder an das Fenster und lauschte mit dem Ernste einer erwachsenen Person. Ihr Gesicht drückte eine tief betrübte Güte, eine aufrichtige Teilnahme aus, die ihre dicken Lippen erzittern ließ. »Oh, Tante, diese armen Leute«, sagte sie. Ihre Blicke wanderten hinaus in den schwarzen Schlund, zu dem die Finsternis sich verdichtet hatte. Man spürte, daß das Meer bis an die Landstraße vorgedrungen war, daß es dort aufgebläht und heulend stand; aber man sah es trotzdem nicht mehr, es schien mit Strömen von Tinte das kleine Dorf, die Uferfelsen, den ganzen Horizont überflutet zu haben. Das war für das Kind eine schmerzliche Überraschung. Dieses Wasser war ihr so schön erschienen und warf sich jetzt auf das Land! »Ich komme mit euch, Prouane«, rief Lazare. »Vielleicht gibt es etwas zu tun.« »O ja, Vetter«, sagte Pauline leise, und ihre Augen leuchteten. Der Mann aber schüttelte den Kopf. »Es lohnt sich nicht der Mühe, Herr Lazare. Sie können nicht mehr tun als die Kameraden. Wir stehen da und schauen zu, wie das Meer uns nach seinem Belieben vernichtet, und wenn es ihm nicht mehr gefällt, können wir uns noch bei ihm bedanken ... Ich habe den Herrn Bürgermeister nur in Kenntnis setzen wollen.« Jetzt ärgerte sich Chanteau, den dieses Trauerspiel langweilte, das ihm die Nacht verdarb und mit dem er sich am folgenden Tage zu beschäftigen hatte. »Man kann sich aber auch kaum ein so dumm gebautes Dorf vorstellen«, rief er. »Ihr habt euch in die Wellen gedrängt und erstaunlich ist es wirklich nicht, wenn das gierige Meer euch eure Häuser eins nach dem anderen auffrißt ... Warum bleibt ihr in dem Loche? Man geht einfach.« »Wohin denn?« fragte Prouane, der mit entsetzter Miene zuhörte. Man ist nun einmal hier und bleibt hier ... Irgendwo muß man doch sein.« »Das ist wahr«, schloß Frau Chanteau. »Hier oder dort: man ist überall schlecht daran ... Wir gehen hinauf, um uns schlafen zu legen. Guten Abend! Morgen ist klares Wetter.« Der Mann verabschiedete sich und ging, und man hörte Veronika die Riegel hinter ihm zuschieben. Jeder nahm einen Wachsstock, man liebkoste noch einmal Mathieu und die Minouche, die beide in der Küche schliefen. Lazare hatte seine Noten zusammengerafft, während Frau Chanteau die Wertpapiere im alten Buchdeckel unter ihren Arm preßte. Sie nahm den Rechnungsausweis von Davoine, den ihr Mann vergessen hatte, ebenfalls vom Tische. Dieses Papier zerriß ihr das Herz, man brauchte es nicht überall herumliegen lassen. »Wir gehen nach oben, Veronika«, rief sie. »Du wirst doch nicht so spät noch herumlaufen?« Als von der Küche her nur ein Grunzen als Erwiderung klang, setzte sie leiser hinzu: »Was hat sie denn? Es ist doch kein zu entwöhnendes Kind, das ich ihr ins Haus bringe.« »Kümmere dich nicht um sie,« sagte Chanteau, »du weißt, sie hat ihre Grillen. Sind wir alle vier hier? Gute Nacht also.« Er schlief zu ebener Erde an der anderen Seite des Flurs in dem ehemaligen Salon, der zum Schlafzimmer umgewandelt war. So konnte man ihn, wenn er gerade einen Anfall hatte, mit seinem Lehnstuhl bequem an den Tisch oder auf die Terrasse rollen. Er öffnete seine Tür, verweilte aber noch einen Augenblick mit den eingeschlafenen, schon von der dumpfen Annäherung eines Anfalles bedrohten Beinen, welche die Steifheit seiner Gelenke ihm seit dem Abende vorher ankündigte. Das Naschen von der Gänseleberpastete war entschieden ein großer Fehler gewesen. Diese jetzt zur Gewißheit gewordene Tatsache brachte ihn zur Verzweiflung. »Gute Nacht«, wiederholte er mit kläglicher Stimme. »Ihr schlaft stets ... Gute Nacht, mein Herzchen. Ruhe dich gut aus, in deinem Alter kann man das noch.« »Gute Nacht, Onkel«, sagte ihrerseits Pauline und umarmte ihn. Die Tür schloß sich. Frau Chanteau ließ die Kleine vorausgehen. Lazare folgte ihnen. »Mich wird man jedenfalls heute Abend nicht einzuwiegen brauchen«, erklärte die alte Dame. »Auch bringt mir dieser Lärm Schlaf, er ist mir durchaus nicht unangenehm. In Paris fehlte mir diese Erschütterung in meinem Bette.« Alle drei langten in dem ersten Stockwerke an. Pauline, die ihren Wachsstock hübsch gerade hielt, belustigte sich über diesen Gänsemarsch, jeder mit dem Lichte in der Hand, dessen Schein die Schatten tanzen ließ. Als sie auf dem Absatze zögernd stehen blieb, da sie nicht wußte, wohin die Tante sie führte, schob diese sie sanft vorwärts. »Geh gerade aus ... Das ist ein Fremdenzimmer, gegenüber das meine. Komm einen Augenblick herein, ich will es dir zeigen.« Es war ein mit gelbem, grünbemustertem Leinen ausgeschlagenes Gemach mit schlichten Mahagonimöbeln: einem Bette, einem Kleiderschrank, einem Schreibsekretär. Ein runder Tisch war in der Mitte auf einen roten Teppich gestellt. Als Frau Chanteau mit ihrem Wachslichte in alle Ecken und Winkel geleuchtet hatte, näherte sie sich dem Schreibsekretär, dessen Deckel sie aufklappte. »Sieh«, sagte sie. Sie hatte eine der kleinen Schiebladen geöffnet und legte aufseufzend den vernichtenden Ausweis von Davoine hinein. Dann räumte sie ein anderes Schiebfach darüber aus, zog es hervor und schüttelte es, um alle Krümchen herausfallen zu lassen. Während sie sich anschickte, vor dem zuschauenden Kinde die Wertpapiere dort hineinzutun, sagte sie: »Du siehst, ich lege sie hier hinein; dort ruhen sie ganz abgesondert ... Willst du selbst sie hineinlegen?« »O, Tante, das ist nicht der Mühe wert.« Aber schon hatte sie das alte Geschäftsbuch in der Hand und mußte es tief hinten in das Schiebfach stecken, während Lazare mit erhobenem Wachslicht das Innere des Möbels beleuchtete. »Jetzt bist du sicher,« fuhr Frau Chanteau fort, »und sei ruhig, eher würde man daneben Hungers sterben. Erinnere dich, die erste Schieblade links. Die Papiere kommen erst an dem Tage wieder heraus, an welchem du ein so großes Mädchen bist, daß du selbst sie dir zurückholen kannst ... Gelt, Minouche, wird sie dir hier innen nicht auffressen.« Der Gedanke, daß Minouche den Schreibsekretär öffnen und die Papiere auffressen könnte, ließ das Kind laut auflachen. Seine kurze Verlegenheit war verschwunden, es spielte mit Lazare, der zu ihrer Belustigung wie die Katze schnurrte und so tat, als ob er das Schiebfach angreife. Er lachte ebenfalls herzlich. Seine Mutter aber hatte feierlich die Platte zugeklappt und verschloß sie doppelt mit energischer Handbewegung. »Das wäre getan«, sagte sie. »Mache keine Dummheiten, Lazare. Jetzt will ich hinaufgehen und sehen, ob nichts fehlt.« Alle drei kehrten im Gänsemarsch wieder auf die Treppe zurück. Im zweiten Stock hatte Pauline von neuem zögernd, die Tür links geöffnet, als ihre Tante ihr zurief: »Nein, nein, nicht auf dieser Seite. Das ist das Zimmer deines Vetters; deine Stube befindet sich gegenüber.« Pauline war stehen geblieben, angelockt durch die Größe des Raumes und das speicherartige Durcheinander der ihn füllenden Gegenstände; da waren ein Klavier, ein Schlafsofa, ein riesiger Tisch, Bücher und Bilder. Endlich stieß sie die andere Tür auf und war entzückt, obwohl ihr Zimmer ihr, im Vergleich zu dem anderen, ganz klein erschien. Die Tapeten hatten einen ungetönten Grund mit eingestreuten blauen Rosen. Es standen dort ein eisernes Bettgestell mit Musselinvorhängen, ein Toilettetisch, eine Kommode und drei Stühle. »Es fehlt nichts,« sagte Frau Chanteau; »Wasser, Zucker, Handtücher, Seife, alles da... Schlafe ungestört. Veronika liegt in einer Kammer nebenan. Wenn du dich fürchtest, brauchst du nur an die Mauer zu klopfen.« »Dann bin auch ich noch da«, erklärte Lazare. »Wenn ein Gespenst erscheint, komme ich mit meinem großen Säbel.« Die Türen der beiden gegenüber gelegenen Zimmer waren offen geblieben, Pauline ließ ihre Blicke von dem einen zum andern gleiten. »Es gibt keine Gespenster«, sagte sie mit heiterer Miene. »Ein Säbel ist gut gegen die Diebe. Gute Nacht, Tante. Gute Nacht, Vetter.« »Gute Nacht, Schätzchen... Wirst du dich auskleiden können?« »0 ja, ja... Ich bin kein kleines Mädchen mehr. In Paris machte ich alles allein.« Sie umarmten sich. Frau Chanteau sagte ihr noch beim Hinausgehen, sie könne die Tür von innen abschließen. Aber schon stand das Kind am Fenster, es brannte vor Begierde zu sehen, ob es eine Aussicht auf das Meer habe. Der Regen rieselte mit solcher Heftigkeit an den Scheiben hernieder, daß Pauline nicht zu öffnen wagte. Es war sehr dunkel, aber es beglückte sie, das Meer zu ihren Füßen sich brechen zu hören. Dann machte sie trotz der Müdigkeit, die sie fast im Stehen einschlafen ließ, die Runde durch das Zimmer und besah die Möbel. Der Gedanke, daß sie nunmehr eine Stube für sich habe, einen von den anderen getrennten Raum, in dem sie sich einschließen konnte, erfüllte sie mit dem Stolze, schon eine erwachsene Person zu sein. Als sie jedoch den Schlüssel umdrehen wollte, ihr Kleid schon ausgezogen hatte und im kurzen Unterrocke dastand, zögerte sie, von einem Unbehagen gepackt. Wohin konnte sie sich retten, wenn sie jemanden sah? Es überlief sie ein Schauder, und sie öffnete nochmals die Tür. Gegenüber, in der Mitte des eigenen Zimmers, stand noch Lazare und schaute sie an. »Was gibt es?« fragte er. »Brauchst du etwas?« Sie wurde tief rot, wollte erst eine Ausrede machen, dann aber gab sie ihrem Offenheitsdrange nach. »Nein, nein. Ich habe Furcht, wenn die Türen mit Schlüsseln verschlossen sind. Ich will mich deshalb lieber nicht einschließen, verstehst du, und wenn ich klopfe, gilt es dir, damit du kommst... Du, hörst du, nicht das Mädchen.« Er war näher gekommen, angezogen durch den Reiz des schlichten und zärtlichen Kindes. »Gute Nacht«, wiederholte er und öffnete die Arme. Sie warf sich an seinen Hals und umschlang ihn mit ihren dünnen Ärmchen, ohne sich um ihre Nacktheit eines kleinen unreifen Mädchens zu kümmern. »Gute Nacht, Vetter.« Fünf Minuten später hatte sie tapfer ihr Wachslicht ausgelöscht und sich tief in ihrem Bette hinter den Musselinvorhängen zusammengerollt. Vor Ermüdung verfiel sie in einen langen traumlosen Schlaf. Zuerst hörte sie noch Veronika mit rücksichtslosem Geräusch heraufstampfen und ihre Möbel in einer Weise rücken, daß jeder aufwachen mußte. Dann vernahm sie nur den grollenden Donner des Sturmes, der nicht nachlassende Regen schlug auf das Schieferdach, der Wind rüttelte an den Fenstern und heulte unter den Türen; noch eine volle Stunde dauerte die Kanonade, erschütterte sie jede aufklatschende Woge mit einem tiefen, dumpfen Stoße. Es war ihr, als ob das in Ruhe und Schweigen versunkene Haus wie ein Schiff im Wasser davongetragen werde. Sie verspürte jetzt eine angenehme, feuchte Wärme, ihr schwankender Gedankengang wandte sich in hilfsbereitem Mitleid zu den armen Leuten, die das Meer dort unten aus ihrem Obdache jagte. Dann versank alles; sie schlief ein. Zweites Kapitel. Schon von der ersten Woche an brachte Paulinens Anwesenheit Frohsinn in das Haus. Ihr ungestörter Frohsinn, ihr stilles Lächeln beruhigten die dumpfe Erbitterung, in der Chanteaus lebten. Der Vater hatte eine Krankenwärterin gefunden, die Mutter war glücklich, daß der Sohn jetzt mehr zu Hause blieb. Nur Veronika fuhr fort zu murren. Es schien, als gäben die in dem Sekretär verschlossenen hundertfünfzigtausend Franken der Familie ein reicheres Aussehen, obgleich man nicht daran rührte. Ein neues Band war geknüpft, und es erwuchs inmitten ihres Ruins eine Hoffnung, ohne daß man genau hätte sagen können, was für eine. In der Nacht des übernächsten Tages war der Gichtanfall, dessen Kommen Chanteau gefühlt hatte, zum Ausbruch gekommen. Bereits seit einer Woche verspürte er Prickeln in den Gelenken, Frostschauer, die seine Glieder schüttelten, eine unüberwindliche Abneigung vor jeder Bewegung. Er hatte sich am Abend trotzdem ruhiger zu Bette gelegt, als gegen drei Uhr morgens sich der Schmerz in der Zehe des linken Fußes einstellte. Er sprang dann in die Ferse und bemächtigte sich schließlich des Fußknöchels. Bis Tagesanbruch klagte er nur leise und schwitzte unter seinen Decken, um niemanden zu stören. Seine Anfälle waren das Entsetzen des Hauses. Er wartete bis zum letzten Augenblick, jemanden zu rufen, weil er sich schämte, wieder angefallen zu sein, und im voraus über die verboste Aufnahme in Verzweiflung war, die man seinem Leiden wieder angedeihen lasse. Als Veronika indessen gegen acht Uhr an seiner Tür vorüberging, konnte er einen Schrei nicht zurückhalten, den ihm ein heftigeres Stechen entrang. »Da haben wir's«, brummte die Magd. »Er heult richtig schon wieder.« Sie war hineingegangen, sah ihn wimmernd den Kopf hin- und herdrehen und fand nur die Trostworte: »Die Gnädige wird erfreut sein!« In der Tat ließ Frau Chanteau, als sie hereintrat, die Arme mit einer Bewegung erbitterter Entmutigung sinken. »Abermals! Ich komme kaum, und schon fängt es wieder an.« Sie nährte gegen diese Gicht einen fünfzehnjährigen Groll. Sie verfluchte diese Elende wie eine Feindin, diese Schurkin, die ihr Leben verdorben, ihren Sohn ruiniert und ihren Ehrgeiz getötet habe. Hätten sie sich, wäre die Gicht nicht gewesen, in dieses weltverlorene Dorf verbannt? Trotz ihres guten Herzens stand sie den Anfällen zitternd und feindselig gegenüber; sie bezeichnete sich selbst als ungeschickt und nicht tauglich zu seiner Pflege. »Mein Gott! Wie ich leide!« stammelte der arme Mann. »Ich fühle es, der Anfall wird stärker werden als der letzte ... Bleibe nicht hier, es macht dich das mißmutig; aber schicke sogleich zum Doktor Cazenove.« Von dem Augenblicke an stand das ganze Haus auf dem Kopfe. Lazare war nach Arromanches gegangen, obgleich die Familie keine große Hoffnung mehr in die Ärzte setzte. Chanteau hatte es schon seit fünfzehn Jahren mit allen nur möglichen Arzneien versucht, aber mit jedem neuen Versuche ward das Übel schlimmer. Zuerst schwach und selten, hätten sich die Anfälle bald vermehrt und an Heftigkeit zugenommen. Heute befielen sie bereits die beiden Füße, selbst ein Knie war bedroht. Der Kranke hatte schon dreimal die Heilmethode gewechselt, sein armer Körper war zu einem Versuchsfelde geworden, auf dem sich die Reklamemittel Schlachten lieferten. Nachdem man ihm zuerst reichlich zur Ader gelassen hatte, ließ man ihn darauf unvernünftig abführen, und jetzt stopfte man ihn mit Colchicum und Lithium voll. Durch die Entkräftung des verschlechterten Blutes und der geschwächten Organe verwandelte sich auch nach und nach seine akute Gicht in eine chronische. Die lokalen Behandlungen waren von keinem besseren Erfolg begleitet, die Blutegel hatten die Gelenke steif gemacht, das Opium verlängerte die Anfälle, und die Zugpflaster verursachten leichte Geschwüre. Wiesbaden und Karlsbad brachten nicht die geringste Wirkung, ein Aufenthalt in Vichy hatte ihn fast getötet. »Mein Gott! Wie ich leide!« wiederholte Chanteau, »mir ist, als fräßen mir Hunde den Fuß ab.« Von einer angstvollen Aufregung erfaßt, drehte er in der Hoffnung, sich durch eine veränderte Lage Erleichterung verschaffen zu können, das Bein hin und her. Bald stieß er in der Raserei des Schmerzes ein ununterbrochenes Geheul aus. Er verspürte Schüttelfröste und Fieber; ein brennender Durst verzehrte ihn. Währenddem glitt Pauline in das Zimmer. Vor dem Bette stehend, sah sie ihren Onkel mit ernster Miene, ohne zu weinen an. Frau Chanteau verlor, von dem Geschrei nervös gemacht, den Kopf. Veronika hatte die Bettdecke, deren Last der Kranke nicht mehr ertragen konnte, zurechtlegen wollen. Als sie ihm aber mit ihren Männerhänden nahte, hatte er noch lauter zu schreien begonnen und ihr verboten, ihn zu berühren. Sie war sein Schrecken; er beschuldigte sie, daß sie ihn wie ein Bündel unsauberer Wäsche schüttele. »Dann ruf en Sie mich nicht, Herr«, sagte sie und stürmte wütend hinaus. »Wenn man die Leute zurückstößt, mag man sich eben allein pflegen.« Pauline hatte sich langsam genähert und mit ihren Kinderhänden die Bettdecke leicht und geschickt aufgenommen. Er empfand eine flüchtige Erleichterung und nahm ihre Dienstleistungen an. »Danke, liebe Kleine ... Halt, die Falte dort. Sie wiegt fünfhundert Pfund! Oh! Nicht so schnell! Du hast mir Furcht gemacht.« Der Schmerz begann übrigens heftiger zu werden. Als seine Frau sich im Zimmer zu schaffen machte, die Fenstervorhänge zusammenzog, zurückkam um eine Tasse auf den Nachttisch zu stellen, wurde er noch aufgeregter. »Ich bitte dich, lauf nicht umher, du läßt alles erzittern ... Bei jedem deiner Schritte meine ich einen Schlag mit dem Hammer zu erhalten.« Sie versuchte nicht einmal eine Entschuldigung und ihn zufrieden zu stellen. Es nahm stets dieses Ende. Man ließ ihn allein mit seinem Leiden.« »Komm, Pauline«, sagte sie ruhig. »Du siehst, dein Onkel kann uns nicht um sich dulden.« Pauline blieb aber. Sie trat so leicht auf, daß ihre Füßchen kaum den Fußboden streiften. Von diesem Augenblicke an blieb sie bei dem Kranken; er litt keinen anderen in seinem Zimmer. Wie er sagte, hätte er am liebsten von einem Hauche bedient sein mögen. Sie hatte das Verständnis, das Leiden zu erraten und zu lindern; sie kam seinen Wünschen zuvor und regelte das Tageslicht oder reichte ihm die Tassen Griesschleim, die Veronika bis an die Tür brachte. Den armen Mann beruhigte vor allem, daß er Pauline fortwährend artig und regungslos auf dem Rande eines Stuhles vor sich sitzen sah, mit ihren großen teilnehmenden Augen, die ihn nicht verließen. Er versuchte, sich durch die Erzählung seiner Leiden zu zerstreuen. »Siehst du, in diesem Augenblick ist es, als wenn mir ein schartiges Messer die Fußknochen aus dem Gelenke schneide, und ich möchte schwören, daß man mir zu gleicher Zeit lauwarmes Wasser über die Haut gießt.« Dann nahm der Schmerz eine andere Gestalt an: man binde ihm die Gelenke mit Eisendraht, man spanne seine Muskel bis zum Springen, ähnlich wie Violinsaiten. Pauline hörte mit freundlicher Miene zu, schien alles zu verstehen, fürchtete sich nicht vor dem Geheul seiner Klagen und war einzig auf seine Heilung bedacht. Sie war sogar heiter, und es gelang ihr auch, ihn zwischen einem Gestöhn und dem anderen zum Lachen zu bringen. Als endlich Doktor Cazenove kam, war er ganz erstaunt und drückte einen schallenden Kuß auf die Haare der kleinen Krankenpflegerin. Er war ein Mann von vierundfünfzig Jahren, hager und kräftig; er hatte sich nach dreißigjährigem Dienst in der Marine nach Arromanches zurückgezogen, wo ein Oheim ihm ein Haus hinterlassen. Seitdem er Frau Chanteau von einer bedenklichen Verstauchung geheilt, war er der Freund der Familie geworden. »Also immer noch das Alte«, sagte er. »Ich bin gekommen, Ihnen die Hand zu drücken; ich kann nicht mehr tun als dieses Kind, müssen Sie wissen. Wenn man die Gicht geerbt und die Fünfzig überschritten hat, mein Lieber, muß man Trauer anlegen. Bedenken Sie ferner, daß Sie sich mit einer Unlast von Medizinen den Rest gegeben haben ... Sie kennen das einzige Mittel: Geduld und Flanell.« Er trug gern eine große Ungläubigkeit zur Schau. Während dreißig Jahre hatte er soviel Kranke in allen Klimaten und in allen möglichen Arten von Verfaulungen sterben sehen, daß er im Grunde sehr bescheiden geworden war; er zog, sooft er konnte, vor, die Natur walten zu lassen. Trotzdem untersuchte er die geschwollene Zehe, deren glänzende Haut dunkelrot war; er ging zu dem von der Entzündung ergriffenen Knie über und stellte das Vorhandensein einer harten, weißen kleinen Perle am Rande des rechten Ohres fest. »Aber Doktor,« wimmerte der Kranke, »Sie können mich doch nicht so leiden lassen!« Cazenove war ernst geworden. Diese tuffsteinartige Perle interessierte ihn, und er fand vor dieser neuen Erscheinung seinen Glauben wieder. »Mein Gott!« murmelte er, »ich will es gern mit Alkalien und Salzen versuchen ... Allem Anscheine nach wird sie chronisch.« Dann ließ er sich gehen. »Ihre Schuld ist es, denn Sie befolgen die Lebensweise nicht, die ich Ihnen vorschrieb ... Keine Bewegung, immer nur im Lehnstuhl gelegen. Und ich wette, Wein und Fleisch, nicht wahr? Bekennen Sie, daß Sie etwas Erhitzendes gegessen haben?« »Nur ein kleines bißchen Gänseleberpastete!« beichtete Chanteau kleinlaut. Der Doktor hob beide Arme in die Höhe, um die Elemente zu Zeugen zu rufen. Dann zog er aus seinem großen Überzieher einige Flaschen und machte sich an die Mischung einer Arznei. Für die lokale Behandlung begnügte er sich, Fuß und Knie in Watte zu hüllen, die er des Halts wegen mit Wachsleinwand umwickelte. Als er fortging, wiederholte er Pauline seine Vorschriften: alle zwei Stunden einen Löffel Medizin, soviel Griesschleim wie der Kranke trinken wolle, und vor allem strengste Diät. »Wie können Sie nur glauben, daß er sich vom Essen zurückhalten läßt!« sagte Frau Chanteau, als sie den Doktor hinausbegleitete. »Nein, nein, Tante, du sollst sehen, er wird folgsam sein«, erlaubte sich Pauline zu bekräftigen. »Ich werde ihn schon zum Gehorsam bringen.« Gazenove schaute sie an, belustigt über ihr altkluges Aussehen. Er küßte sie von neuem auf beide Wangen. »Das Ding da ist für andere geboren«, erklärte er, mit dem scharfen Blicke, mit dem er seine Diagnosen aufstellte. Chanteau heulte acht Tage lang. Der rechte Fuß war in dem Augenblick, in dem man den Anfall beendigt glaubte, ergriffen worden, und die Schmerzen hatten sich mit verdoppelter Heftigkeit eingestellt. Das ganze Haus bebte: Veronika zog sich in die äußerste Ecke ihrer Küche zurück, um nichts zu hören, selbst Frau Chanteau und Lazare flohen in ihrer nervösen Angst wiederholt ins Freie. Nur Pauline verließ nicht das Zimmer, in dem sie überdies noch gegen die Launen des Kranken anzukämpfen hatte, der durchaus ein Kotelett essen wollte. Er habe Hunger, der Doktor Gazenove sei ein Esel, da er ihn nicht einmal heilen könne, schrie er. Besonders in der Nacht nahm das Leiden an Stärke zu. Sie schlief kaum zwei bis drei Stunden. Indes war sie kräftig; nie gedieh und wuchs ein kleines Mädchen gesunder heran. Frau Chanteau hatte schließlich mit erleichtertem Herzen die Hilfe dieses Kindes angenommen, welches das ganze Haus beruhigte. Endlich kam die Genesung. Pauline erhielt ihre Freiheit wieder, und zwischen ihr und Lazare entspann sich eine feste Kameradschaft. Sie begann in dem großen Gemach des jungen Mannes. Er hatte eine Scheidewand niederreißen lassen und nahm derart eine ganze Hälfte des zweiten Stockes ein. Ein kleines eisernes Bett verlor sich in einer Ecke hinter einem alten zerrissenen Wandschirm. An der Wand waren auf rohen Holzbrettern klassische Werke, zerrissene alte Bücher aufgestellt, die man im Winkel eines Speichers in Caen entdeckt und nach Bonneville gebracht hatte. Nahe dem Fenster stand ein alter, ungeheurer, normannischer Schrank, der von einem Durcheinander außergewöhnlicher Gegenstände überfüllt war, von Mineralien, außer Gebrauch gesetzten Werkzeugen und Kinderspielsachen. Außerdem befand sich auch das Klavier dort, von einem Paar Stoßdegen und einer Fechtmaske überragt, ohne den ungeheuren Tisch in der Mitte zu rechnen, einen einstigen sehr hohen Zeichentisch, der mit Papieren, Bildern, Tabaksbüchsen und Pfeifen völlig bedeckt war. Es hielt schwer, einen handbreiten Platz zum Schreiben ausfindig zu machen. Pauline, die man zu dieser Unordnung zugelassen, war entzückt. Sie gebrauchte einen Monat, um das Zimmer zu durchforschen. Jeden Tag machte sie neue Entdeckungen; einen in der Bibliothek gefundenen Robinson mit Stahlstichen, einen unter dem Schranke hervorgefischten Hampelmann. Sowie sie aufgestanden war, sprang sie aus ihrer Stube in die des Vetters; sie setzte sich dort fest, stieg des Nachmittags wieder hinauf, lebte dort. Von dem ersten Tage an hatte Lazare sie wie einen um neun Jahre jüngeren Bruder bei sich aufgenommen, der aber so heiter und drollig war mit seinen großen, klugen Augen, daß er sich nicht weiter beschränkt fühlte, seine Pfeife rauchte, auf einen Stuhl hingeflegelt, mit den Beinen in der Luft las und lange Briefe schrieb, in die er Blumen gleiten ließ. Nur wurde manchmal der Kamerad von einer entsetzlichen Tollheit befallen. Pauline kletterte mitunter plötzlich auf den Tisch oder sprang wohl auch mit einem Satze durch den zerrissenen Bettschirm. Als er sich eines Morgens nach ihr umschaute, weil er nichts mehr von ihr hörte, sah er sie mit der Fechtmaske vor dem Gesicht, ein Florett in der Hand. Wenn er sie anfangs anschrie, sie solle sich ruhig verhalten, wenn er ihr drohte, sie vor die Tür zu setzen, endete das gewöhnlich mit fürchterlichem Lärm, mit Bocksspringen durch das drunter und drüber gebrachte Zimmer. Sie warf sich an seinen Hals, und er, selbst wieder zum Knaben geworden, ließ sie mit fliegenden Röcken sich drehen wie einen Kreisel, wozu beide herzlich wie die Kinder lachten. Später beschäftigte sie das Klavier. Es war ein alter Erard aus dem Jahre 1810, auf dem ehemals Lazares Mutter, Fräulein Eugenie de la Vignière, fünfzehn Jahre lang Unterricht erteilt hatte. In dem Mahagonigehäuse mit der verblaßten Lackierung seufzten mit verschleiertem Klange längst entschwundene Töne. Lazare, der bei seiner Mutter kein neues Klavier durchsetzen konnte, hämmerte mit allen Kräften auf diesem herum, ohne ihm die romantischen Klänge entlocken zu können, die ihm im Schädel summten. Er hatte die Gewohnheit angenommen, die Töne mit dem eignen Munde zu verstärken. Seine Leidenschaft ließ ihn bald Paulinens Gefälligkeit mißbrauchen; er hatte einen Zuhörer gefunden, dem er ganze Nachmittage lang seinen Musikvorrat entrollte: es enthielt das Schwierigste, was die Musik bot, vor allem die damals verleugneten Werke von Berlioz und Wagner. Er brüllte und spielte schließlich ebensoviel mit der Kehle wie mit den Fingern. An solchen Tagen langweilte sich das Kind entsetzlich, aber es hörte dennoch aufmerksam zu, aus Furcht den Vetter zu betrüben. Manchmal überraschte sie die Dämmerung. Dann erzählte Lazare, des Klimperns müde, seine großen Träume. Auch er werde, trotz seiner Mutter und trotz der ganzen Welt, ein großer Musiker werden. Auf dem Gymnasium zu Caen hatte er einen Professor der Violine gehabt, der ihm, von seiner musikalischen Begabung überrascht, eine ruhmvolle Zukunft prophezeite. Er hatte sich heimlich Kompositionsstunden geben lassen und arbeitete jetzt allein. Ihm war bereits ein unbestimmter Gedanke gekommen, der Gedanke einer Sinfonie über das irdische Paradies; ein Teil war sogar gefunden. Adam und Eva von den Engeln verjagt, ein Marsch feierlichen und schmerzvollen Charakters, den Pauline vorzuspielen er sich eines Abends herbeiließ. Das Kind stimmte allem bei und fand ihn sehr schön. Dann machte sie ihm Vorstellungen. Zweifelsohne müsse ihm das Komponieren guter Musik Vergnügen machen; vielleicht aber sei es klüger von ihm, wenn er seinen Eltern gehorche, die einen Präfekten oder einen Richter aus ihm machen wollten. Das Haus war über einen Streit zwischen Mutter und Sohn tief betrübt; dieser sprach davon, in das Pariser Konservatorium einzutreten, jene bewilligte ihm noch bis Oktober eine Frist, um sich den Beruf eines rechtschaffenen Mannes zu wählen. Pauline unterstützte den Plan ihrer Tante, der sie mit ihrer ruhig überzeugten Miene angekündigt hatte, sie übernehme es, ihren Vetter zu einem Entschluß zu bewegen. Man lachte darüber, Lazare aber schloß heftig das Klavier und rief ihr zu, daß sie »eine gewöhnliche Spießbürgerin sei!« Sie grollten drei Tage miteinander, dann vertrugen sie sich wieder. Um sie für die Musik zu gewinnen, hatte er sich in den Kopf gesetzt, ihr das Klavierspielen beizubringen. Er legte ihr die Finger auf die Tasten und ließ sie stundenlang Tonleitern spielen. Aber sie empörte ihn augenscheinlich durch ihren Mangel an Eifer. Sie suchte nur nach Veranlassungen zum Lachen und fand es drollig, Minouche die Klaviatur entlangzuführen, deren Pfoten barbarische Sinfonien zustandebrachten; und sie versicherte, die Katze spiele die berühmte Vertreibung aus dem Paradiese, was den Verfasser selbst heiter stimmte. Dann fingen die großen Balgereien wieder an, sie sprang ihm an den Hals, und er ließ sie herumkreisen, während Minouche an dem Tanze teilnahm und von dem Tische auf den Schrank sprang. Mathieu ward nicht zugelassen, seine Freude äußerte sich zu wild. »Laß mich in Frieden, du schmutzige kleine Bürgerlise!« wiederholte er eines Tages außer sich. »Mama kann dich Klavierspielen lehren, wenn sie will.« »Deine Musik taugt zu nichts«, erklärte Pauline gerade heraus. »An deiner Stelle würde ich Arzt.« Er sah sie zornig an. Arzt, jetzt! Wie kam sie darauf? Er regte sich auf und warf sich seiner Leidenschaft mit einem Ungestüm in die Arme, das alles mit sich fortzureißen schien. »Höre,« rief er, »wenn man mich nicht Musiker werden lassen will, töte ich mich.« Der Sommer hatte Chanteaus Genesung vollendet, und Pauline konnte Lazare in das Freie folgen. Das große Zimmer wurde verlassen, die Kameraden ergingen sich in tollem Umherspringen. Einige Tage hindurch begnügten sie sich mit der Terrasse, auf der einige Büschel vom Seewind verkümmerter Tamarisken wuchsen; dann brachen sie in den Hof ein, zerschlugen die Kette des Ziehbrunnens, erschreckten das Dutzend magerer, von Heuschrecken lebender Hühner, versteckten sich in dem leeren Stalle und dem Wagenschuppen, wo man den Kalkbewurf abbröckeln ließ. Dann nahmen sie den Gemüsegarten für sich, ein mageres Stück Erde, das Veronika wie ein Bauer umgrub, mit vier Beeten jungen Gemüses, Birnenbäumen mit schmächtigen Stämmen, die durch die Nordoststürme sämtlich nach einer nämlichen Richtung gebeugt waren; und von dort aus befanden sie sich, wenn sie eine kleine Tür aufstießen, auf den steilen Abhängen unter freiem Himmel im Angesichte des Meeres. Pauline hatte die leidenschaftliche Neugier für dies ungeheure Wasser beibehalten, das in der hellen Julisonne sich so rein und freundlich gab! Nach dem Meere und immer wieder nach dem Meere schaute sie von jedem Zimmer des Hauses aus. Aber sie war ihm noch nicht nahegekommen, und es begann ein neues Leben, als sie sich mit Lazare in die lebendige Einsamkeit des Strandes losgelassen fand. Was für prächtige Ausflüge! Frau Chanteau schalt und wollte sie trotz des Vertrauens in den Verstand der Kleinen im Hause halten. Sie durchschritten deshalb nie den Hof, wo Veronika sie gesehen hätte, sondern schlichen durch den Gemüsegarten und verschwanden bis zum Abend. Bald langweilten sie die Spaziergänge um die Kirche, um die Ecken des mit Taxus eingefaßten Friedhofes und um die Salatstauden des Pfarrers; in acht Tagen hatten sie auch ganz Bonneville durch, die dreißig an den Felsen geklebten Häuser, die Kieselbank, auf welche die Fischer ihre Barken zogen. Am unterhaltendsten war es, während der Ebbe weit zwischen die Klippen hinauszugehen: man schritt über den feinen Sand dahin, auf dem Seespinnen hastig flohen, man sprang von Fels zu Fels zwischen Algen hindurch, um das Geriesel durchsichtigen Wassers zu vermeiden, das von Seekrebsen wimmelte, ohne von dem Angeln zu sprechen, den roh, ohne Brot verzehrten Muscheln, den fremdartigen, in einem Taschentuchzipfel fortgetragenen Tieren, den plötzlichen Funden, als da waren: eine verirrte Kliesche, ein kleiner, auf dem Boden eines Loches krabbelnder Hummer. Stieg das Meer, so ließen sie sich manchmal davon überraschen; sie spielten Schiffbruch und flüchteten auf irgendeinen Felsen in Erwartung, daß das Wasser sich gütigst zurückziehe. Sie waren entzückt und kehrten bis an die Schultern durchnäßt, mit im Winde flatternden Haaren heim, derart an die starke, salzige Luft gewöhnt, daß sie klagten, des Abends bei der Lampe im Zimmer ersticken zu müssen. Ihre größte Freude aber war das Baden. Der Strand war aber zu felsig, um Familien aus Caen und Bayeux anzulocken. Während sich der Strand von Arromanches jedes Jahr mit neuen Sommerhäusern bedeckte, ließ sich in Bonneville kein Badegast sehen. Sie hatten in der Entfernung eines Kilometers von dem Dorfe nach der Seite von Port-en-Bessin hin einen entzückenden Winkel, eine kleine, zwischen zwei Felsenrampen eingeklemmte Bucht mit feinem, goldigem Sande entdeckt. Sie nannten sie die Schatzbucht wegen ihrer einsamen Flut, in der goldene Zwanzigfrankenstücke zu rollen schienen. Dort waren sie wie zu Hause; sie kleideten sich ohne Scheu aus. Er plauderte ruhig mit ihr weiter, während er halb abgewandt sein Badegewand zuknöpfte. Sie nahm einen Augenblick den Schlitz ihres Hemdes in den Mund und erschien dann mit einem nach Knabenart um die Hüften geschlungenen wollenen Gürtel. In acht Tagen lehrte er sie schwimmen: sie biß schneller darauf an als auf das Klavier; sie besaß einen Mut, der sie oftmals tüchtige Mengen Seewasser schlucken ließ. Ihre volle Jugend lachte in dieser herben Frische, wenn eine stärkere Welle sie gegeneinander schleuderte. Sie entstiegen dem Bade, von Salz glänzend, und ließen ihre nackten Arme vom Winde trocknen, ohne ihre kühnen Wildfangsspiele zu unterbrechen. Das war noch lustiger als das Angeln. Die Tage verstrichen, man war im Monat August, und Lazare traf keine Entscheidung. Pauline sollte im Oktober in eine Erziehungsanstalt zu Bayeux gebracht werden. Wenn sie das Meer in eine behagliche Mattigkeit versetzt hatte, streckten sie sich auf dem Sand aus und sprachen sehr vernünftig über ihre Angelegenheiten. Sie brachte es schließlich dahin, daß er sich für die Medizin interessiere, indem sie ihm auseinandersetzte, daß es, wäre sie ein Mann, ihre Leidenschaft sein werde, die Menschen zu heilen. Gerade seit einer Woche war es um das »irdische Paradies« schlecht bestellt, er bezweifelte sein Genie. Gewiß gab es auch einen medizinischen Ruhm, es fielen ihm die großen Namen von Hippokrates, Ambroise Paré und anderen mehr ein. Eines Nachmittags aber stieß er einen Freudenschrei aus, er hielt sein Meisterwerk in Händen. Das »Paradies« war blöd, er warf das Zeug in den Winkel und schrieb die Sinfonie des Schmerzes , ein Blatt, auf dem er in erhabenen Harmonien die verzweifelte Klage der unter dem Himmel schluchzenden Menschheit in Noten setzte; er benutzte seinen Adam- und Evamarsch und machte ohne viel Umstände einen Totenmarsch daraus. Acht Tage lang nahm seine Begeisterung von Stunde zu Stunde zu, er umfaßte das Weltall in seinem Entwurfe. Eine zweite Woche verging, und seine Freundin war sehr erstaunt, ihn eines Abends sagen zu hören, daß er doch gern Medizin in Paris studieren werde. Er hatte sich überlegt, daß ihn dieser Schritt dem Konservatorium näher bringe: er wollte nur erst in Paris sein, dann werde er schon sehen. Das war eine große Freude für Frau Chanteau. Sie hätte zwar vorgezogen, ihren Sohn in der Verwaltung oder im Richterstande zu sehen; aber die Ärzte waren zum wenigsten ehrbare Leute und verdienten viel Geld. »Du bist eine kleine Fee!« sagte sie mit einem Kuß zu Pauline. »Du lohnst uns deine Aufnahme bei uns gut, mein Schätzchen.« Alles wurde geordnet. Lazare sollte am ersten Oktober abreisen. Jetzt begannen die Ausflüge im September von neuem mit größerem Eifer; die beiden Kameraden wollten ihr schönes Leben der Freiheit würdig beschließen. Sie vergaßen sich bis in die Nacht hinein auf dem Sande der Schatzbucht. Eines Abends betrachteten sie, nebeneinander ausgestreckt, die wie feurige Perlen den erbleichenden Himmel punktierenden Sterne. Sie war ernst und äußerte die ruhige Bewunderung eines gesunden Kindes. Er, stets im Fieber, seitdem er sich auf die Abreise vorbereitete, bewegte nervös die Lider inmitten der plötzlichen Sprünge seines Willens, der ihn unaufhörlich zu neuen Vorsätzen fortriß. »Die Sterne sind schön«, sagte sie ernst nach langem Schweigen. Er ließ das Schweigen fortdauern. Sein Frohsinn strahlte nicht mehr so hell, ein inneres Unbehagen trübte seine weitgeöffneten Augen. Am Himmel nahm das Ameisengewimmel der Sterne von Minute zu Minute zu, es sah aus gerade wie quer durch die Unendlichkeit geschleuderte Schaufeln glühender Kohlen. »Du hast es nicht gelernt«, murmelte er endlich. »Jeder Stern ist eine Sonne, um welche Getriebe wie die Erde rollen; und hinter diesen gibt es noch Milliarden andere und immer andere.« Er schwieg und begann von neuem mit einer von heftigem Schauer gewürgten Stimme: »Ich betrachte sie nicht gern; sie flößen mir Furcht ein.« Das steigende Meer ließ ferne Klagelaute ertönen, sie glichen der Verzweiflung einer ihr Elend klagenden Menge. An dem ungeheuren, jetzt schwarzen Horizonte flammte der fliegende Staub der Welten. Inmitten dieser Klage der unter der endlosen Zahl von Sternen erdrückten Erde meinte das Kind neben sich einen Ton wie Schluchzen zu hören. »Was hast du denn? Bist du krank?« Er antwortete nicht, er schluchzte, das Gesicht mit den heftig gekrampften Händen bedeckt, als wolle er nichts mehr sehen. Als er wieder sprechen konnte, stammelte er: »Oh! sterben, sterben!« Pauline behielt von diesem Auftritt eine verwunderte Erinnerung zurück. Lazare hatte sich mühsam aufgerichtet, sie kehrten im Dunkel nach Bonneville heim, die Füße von den Wellen bespült, und sie wußten sich nichts mehr zu sagen. Sie sah ihn vor sich dahinschreiten, seine Gestalt schien ihr zusammengeschrumpft und von dem pfeifenden Westwind gebeugt. An jenem Abend erwartete sie im Eßzimmer ein neuer Ankömmling im Geplauder mit Chanteau. Man hatte bereits seit acht Tagen auf Luise gerechnet, ein junges Mädchen von elfundeinhalb Jahren, das alljährlich vierzehn Tage in Bonneville zubrachte. Man war aber bereits zweimal vergeblich nach Arromanches gegangen, um sie zu holen, und nun fiel sie ihnen am Abend, als man auf sie am allerwenigsten gefaßt war, in das Haus. Luisens Mutter war in den Armen der Frau Chanteau gestorben und hatte dieser ihre Tochter ans Herz gelegt. Der Vater, Herr Thibaudier, Bankier in Caen, hatte sich nach sechs Monaten zum zweiten Male verheiratet und bereits drei andere Kinder. Er ließ die Kleine, von seiner neuen Familie in Anspruch genommen, den Kopf von Zahlen angefüllt, in einer Erziehungsanstalt und entledigte sich ihrer gern in den Ferien, wenn er sie zu Freunden schicken konnte. Am häufigsten bemühte er sich nicht einmal selbst; ein Diener hatte das Fräulein nach achttägiger Verspätung hergebracht. Der Herr habe so viele Sorgen. Nachdem der Diener noch hinzugefügt, daß der Herr sein Möglichstes tun werde, um das Fräulein persönlich abzuholen, war er sogleich wieder zurückgereist. »Komm doch, Lazare,« rief Frau Chanteau, »sie ist hier!« Luise küßte den jungen Mann lächelnd auf beide Wangen. Sie kannten sich nur wenig, denn sie war immer in ihrem Pensionat eingeschlossen, er dagegen hatte kaum seit einem Jahre die Schule verlassen. Ihre Freundschaft rührte erst knapp von den letzten Ferien her; er hatte sie überdies förmlich behandelt, da er fühlte, daß sie schon gefallsüchtig war und die geräuschvollen Kinderspiele verachtete. »Nun, Pauline, du umarmst sie nicht?« fragte Frau Chanteau beim Eintreten in das Zimmer. »Sie ist die ältere, denn sie zählt achtzehn Monate mehr als du ... Habt euch recht lieb, das wird mir Freude machen.« Pauline schaute Luise an, die schlank und fein gebaut war, ein unregelmäßiges, aber sehr reizvolles Gesicht hatte und das schöne, blonde Haar wie das einer Dame geknotet und gekräuselt trug. Als die andere sie ohne weiteres umarmte, gab sie ihr mit zitternden Lippen die Liebkosung zurück. »Was hast du denn?« fragte ihre Tante. »Frierst du?« »Ja, ein wenig, der Wind ist nicht warm«, entgegnete sie, über die Lüge errötend. Bei Tische aß sie nicht. Ihre Augen wandten sich nicht von den Personen ab und nahmen ein wildfunkelndes Schwarz an, wenn sich ihr Vetter, der Onkel oder selbst Veronika mit Luise beschäftigten. Vor allem schien es sie jedoch zu schmerzen, als Mathieu beim Nachtisch die gewohnte Runde machte und seinen dicken Kopf auf die Knie der neu Angekommenen legte. Sie rief ihn vergebens, er wollte jene, die ihn mit Zucker vollpfropfte, nicht verlassen. Man hatte sich erhoben. Pauline war verschwunden, als Veronika, die gerade den Tisch abdeckte, aus der Küche kommend, mit siegesbewußter Miene sagte: »Madame, Sie finden Pauline so gut ... Sehen Sie nur, was sie im Hofe macht.« Alle begaben sich dorthin. Hinter der Remise verborgen, drängte das Kind Mathieu gegen die Mauer und hieb in einem tollen Wutanfalle mit ihren kleinen Fäusten aus vollen Kräften auf seinen Schädel. Der betäubte Hund senkte, ohne sich zu verteidigen, den Kopf. Man eilte zu Pauline, aber sie schlug weiter auf ihn ein. Schließlich mußte sie fortgetragen werden, steif, leblos und so krank, daß man sie sofort zu Bett brachte und ihre Tante einen Teil der Nacht bei ihr wachen mußte. »Sie ist reizend, ganz reizend«, wiederholte Veronika, die sich freute, an dieser Perle endlich einen Fehler gefunden zu haben. »Ich erinnere mich, daß man mir in Paris von ihren Wutausbrüchen gesprochen hatte. Sie ist eifersüchtig ... Eine häßliche Sache ... Während der sechs Monate ihres Hierseins sind mir gewisse kleine Vorfälle nicht entgangen; aber den Hund töten zu wollen, das übersteigt wahrhaftig alles.« Als Pauline am nächsten Morgen Mathieu begegnete, schloß sie ihn in ihre zitternden Arme und küßte ihn unter einem solchen Strom von Tränen auf die Schnauze, daß man den Ausbruch eines neuen Anfalles befürchtete. Trotzdem legte sie den Fehler nicht ab; ein innerlicher Druck jagte ihr alles Blut der Adern in das Gehirn. Es schien, als seien diese leidenschaftlichen Heftigkeitsanfälle von weit her, von einem Vorfahren mütterlicher Seite auf sie gekommen, über das gleichmäßige Wesen ihrer Mutter und ihres Vaters hinweg, deren lebendiges Ebenbild sie war. Da sie für ihre zehn Jahre schon sehr verständig war, erklärte sie selbst den Leuten, daß sie alles Mögliche tue, um gegen diese Wutausbrüche anzukämpfen, was ihr jedoch nicht gelinge. Hinterher war sie immer traurig darüber, wie über ein Übel, dessen man sich schämt. »Ich liebe euch so sehr, warum liebt ihr auch andere?« erwiderte sie, den Kopf an der Tante Schulter verbergend, die ihr in ihrem Zimmer eine Strafpredigt gehalten hatte. Trotz aller Anstrengung litt Pauline sehr unter Luisens Anwesenheit. Von dem Augenblick der Ankündigung ihres Kommens hatte sie dieselbe mit einer unruhigen Neugier erwartet, und jetzt zählte sie die Tage, von dem ungeduldigen Wunsche nach ihrer Abreise beseelt. Im übrigen war sie von Luise bezaubert, die hübsch gekleidet ging, sich wie ein kluges junges Fräulein benahm und die einschleichende Liebenswürdigkeit eines im eigenen Hause wenig gehätschelten Kindes zur Schau trug. War aber Lazare zugegen, so war es gerade dieser Reiz des jungen Weibes, dieses Erwachen des Unbekannten, was Pauline verwirrte und aufbrachte. Der junge Mann indessen bevorzugte diese; er spottete über die andere, sagte, daß sie ihn mit ihrem vornehmen Wesen langweile, daß man sie allein lassen müsse, damit sie die Dame spielen könne, während sie – er und Pauline – hinausgehen würden, um sich in ihrer gewohnten Weise zu unterhalten. Die wilden Vergnügungen waren übrigens aufgegeben, man sah sich im Zimmer Bilder an und ging mit schicklichen Schritten am Strande spazieren. Es waren zwei vollständig verpfuschte Wochen. Eines Morgens erklärte Lazare, daß er seine Abreise um fünf Tage beschleunigen wolle. Er wolle sich in Paris einrichten und dort einen seiner alten Kameraden aus Caen aufsuchen. Pauline, die der Gedanke an seine Abreise schon seit einem Monat in Verzweiflung brachte, unterstützte lebhaft den Entschluß ihres Vetters und half ihrer Tante mit einer freudigen Geschäftigkeit den Koffer packen. Als dann Vater Malivoire Lazare in seiner alten Berline fortgeführt hatte, schloß sie sich in ihrem Zimmer ein und weinte dort lange. Am Abend tat sie sehr liebenswürdig zu Luise; und die acht Tage, die diese noch in Bonneville zubrachte, waren entzückend. Als der Diener ihres Vaters sie abholen kam und meldete, daß der Herr sein Bankgeschäft nicht habe verlassen können, warfen sich die kleinen Freundinnen einander in die Arme und schworen sich ewige Liebe. Dann verstrich langsam ein Jahr. Frau Chanteau hatte ihre Ansicht geändert; statt Pauline in eine Erziehungsanstalt zu senden, behielt sie dieselbe bei sich, vorzüglich Chanteaus Klagen halber, der das Kind nicht mehr entbehren konnte. Aber sie gestand sich diesen eigennützigen Grund nicht, sondern sagte, sie wolle sich selbst des Unterrichts von Pauline annehmen; der Gedanke, auf diese Weise wieder in das Lehrfach zurückzutreten, machte ihr ordentlich Vergnügen. In den Erziehungsanstalten hörten die kleinen Mädchen häßliche Dinge, sie wolle für die vollkommene Unschuld ihrer Schülerin verantwortlich sein. Man fischte aus der Tiefe von Lazares Bibliothek eine Grammatik, ein Rechenbuch, ein Geschichtsbuch und sogar eine kurze Übersicht der Götterlehre, und Frau Chanteau nahm für eine Stunde am Tage den Bakel wieder an sich; es gab Diktate, Rechenexempel und Auswendiglernen. Des Vetters große Stube ward in ein Arbeitszimmer umgewandelt; Pauline mußte sich an das Klavier setzen, von dem Vortrag über den guten Anstand nicht zu sprechen, dessen Grundlehren ihr die Tante streng entwickelte, um ihr das knabenhafte Benehmen auszutreiben. Sie war übrigens folgsam und einsichtig und lernte willig, selbst wenn die Gegenstände sie abstießen. Nur ein Buch langweilte sie: der Katechismus. Sie hatte noch nicht begriffen, warum sich ihre Tante des Sonntags die Mühe machte, sie zur Messe zu führen. Wozu war das gut? In Paris hatte man sie nie nach der Eustachiuskirche geführt, trotzdem sich diese in der Nähe ihres Hauses befand. Die abstrakten Gedanken gingen ihr nur schwer in den Kopf; ihre Tante mußte ihr erklären, daß eine wohlerzogene Dame sich auf dem Lande der Pflicht des guten Beispiels, sich gegen den Pfarrer höflich zu zeigen, nicht entziehen könne. Die Tante selbst hatte nie etwas anderes als eine Religion der Schicklichkeit geübt; diese bildete einen Teil der guten Erziehung, wie der Anstand selbst. Das Meer peitschte indessen Bonneville täglich zweimal mit dem ewigen Schaukeln seiner Flut, und Pauline wuchs angesichts des unendlichen Horizontes auf. Sie spielte nicht mehr, denn sie besaß keinen Kameraden. Wenn sie mit Mathieu um die Terrasse getollt oder hinten im Gemüsegarten mit Minouche auf der Schulter einen Spaziergang gemacht hatte, blieb ihr als einzige Erholung der Blick auf das immer lebendige Meer, so bleifarben während der trüben Dezembertage, von so zartem, wechselndem Grün bei den ersten Strahlen der Maisonne. Das Jahr war im übrigen befriedigend; das Glück, das ihre Anwesenheit in das Haus gebracht zu haben schien, bekundete sich außerdem noch durch eine unerwartete Zahlung von fünftausend Franken seitens Davoines an Chanteau, um einen Bruch, mit dem sie ihm gedroht hatten, zu vermeiden. Sehr gewissenhaft ging die Tante alle drei Monate nach Caen, um die Zinsen für Pauline zu erheben; sie zog vorerst die Kosten und die vom Familienrate gutgeheißene Pension ab und kaufte für den Rest neue Papiere. Wenn sie dann heimkam, verlangte sie, daß die Kleine sie auf ihr Zimmer begleite, woselbst sie die bekannte Schieblade des Schreibsekretärs aufzog und dabei wiederholte: »Du siehst, ich tue dies zu den anderen... Was? Der Haufen wächst. Sei unbesorgt, du wirst alles so wiederfinden, es soll nicht ein Centime fehlen.« Im August fiel Lazare eines schönen Morgens mit der Neuigkeit in das Haus, daß er bei der Schlußprüfung des Jahres einen vollständigen Erfolg gehabt habe. Er sollte erst eine Woche später kommen, hatte aber seine Mutter überraschen wollen. Das war eine große Freude. In den alle vierzehn Tage anlangenden Briefen hatte er eine wachsende Neigung für die Medizin bekundet. Als er da war, schien er ihnen vollkommen verändert, denn er sprach nicht mehr von Musik und begann sie mit seinen ewigen Erzählungen von seinen Professoren, seinen wissenschaftlichen Abhandlungen bei allen möglichen Anlässen – wenn die Gerichte aufgetragen wurden, oder wenn ein Wind sich erhob – zu langweilen. Ein neues Fieber hatte sich seiner bemächtigt, er hatte sich mit Feuereifer dem Gedanken hingegeben, ein Arzt von Genie zu sein, dessen Erscheinen die Welt umstürzen solle. Pauline besonders, nachdem sie ihm wie ein Junge, der aus seinen Zärtlichkeiten gar kein Hehl macht, an den Hals gesprungen, war erstaunt, ihn anders zu finden. Es bekümmerte sie fast, ihn nicht – wenigstens zur Erholung ein wenig – von Musik sprechen zu hören. Konnte man wirklich etwas nicht mehr lieben, nachdem man es so sehr geliebt hatte? Als sie ihn über seine Sinfonie befragte, begann er darüber zu spotten; er sagte, daß es mit diesen Dummheiten ein Ende habe, und sie wurde ganz traurig darüber. Dann bemerkte sie, daß er sich ihr gegenüber verlegen fühlte, ein häßliches Gelache anhob und seine Augen, seine Bewegungen von einem zehnmonatlichen Leben sprachen, das man kleinen Mädchen nicht erzählen konnte. Er hatte seinen Koffer selbst ausgepackt, um seine Bücher, Romane, wissenschaftliche Bände voller Kupferstiche zu verbergen. Er ließ sie nicht mehr mit fliegenden Röcken wie einen Kreisel herumwirbeln, er verlor manchmal die Fassung, wenn sie darauf bestand, sein Zimmer zu betreten und dort zu hausen. Sie war gleichwohl kaum größer geworden, sie sah ihn mit ihren klaren, unschuldigen Augen an, und nach acht Tagen war ihre knabenhafte Kameradschaft wieder angeknüpft. Die rauhe Meeresluft wusch ihm die Gerüche des Studentenviertels ab, er ward wieder Kind bei diesem so gesunden Kinde mit der schallenden Heiterkeit. Alles wurde wiederaufgenommen, alles begann von neuem, die Spiele um den großen Tisch, das Herumjagen in Gemeinschaft von Mathieu und Minouche im Gemüsegarten, die Ausflüge bis zur Schatzbucht und die unschuldigen Bäder unter der Sonne bei dem frischen Winde, der ihnen die Hemden wie Fahnen um die Beine flattern ließ. Gerade in diesem Jahr verbrachte Luise, die im Mai nach Bonneville gekommen war, ihre Ferien in Rouen bei anderen Freunden. Es flossen zwei herrliche Monate dahin, nicht ein einziges Schmollen verdarb ihnen ihre Freundschaft. Im Oktober, an dem Tage, an welchem Lazare seinen Koffer packte, sah Pauline ihn die Bücher aufschichten, die er mitgebracht hatte und die im Schrank verschlossen geblieben waren, ohne daß ihm auch nur je der Gedanke gekommen wäre, eines von ihnen zu öffnen. »So nimmst du sie also mit fort?« fragte sie in betrübtem Tone. »Gewiß!« antwortete er. »Ich gebrauche sie für mein Studium... Ah! Donnerwetter, wie werde ich arbeiten! Ich muß allem bis auf den Grund kommen.« Tiefe Stille breitete sich wieder über das kleine Haus in Bonneville, die Tage flossen einförmig dahin und brachten die täglichen Gewohnheiten angesichts des ewigen Rhythmus des Weltmeeres mit sich. In jenem Jahr aber machte eine Begebenheit einen tiefen Kerb in Paulines Leben. Sie nahm im Monat Juni ihr erstes Abendmahl im Alter von zwölfundeinhalb Jahren. Langsam hatte sich die Religion ihrer bemächtigt, eine ernste Religion, erhabener als die Antworten des Katechismus, die sie unablässig hersagte, ohne sie zu verstehen. Sie war in ihrem jungen, forschenden Kopfe dahin gelangt, sich Gott als einen allmächtigen, weisen Gebieter vorzustellen, der alles so leitete, daß auf Erden alles gerecht vor sich ging; diese vereinfachte Auffassung genügte ihr zu ihrer Übereinstimmung mit dem Abbé Horteur. Dieser, ein Bauernsohn, in dessen harten Schädel nur der Buchstabe Eingang gefunden, hatte sich schließlich zu dem Standpunkte bekannt, daß mit den äußeren Übungen einer wohlanständigen Frömmigkeit Genüge getan sei. Er für seine Person war auf sein Seelenheil bedacht, um so schlimmer für seine Pfarrkinder, wenn sie sich in die Verdammnis stürzten. Er hatte seit fünfzehn Jahren ohne Erfolg versucht, sie in Furcht zu setzen; jetzt verlangte er von ihnen nur die Höflichkeit, an großen Festtagen zur Kirche heraufzusteigen. Ganz Bonneville ging in einem Überreste von Gewohnheit trotz der Sünde, an der das Dorf krankte, dort hinauf, die Gleichgültigkeit für das Seelenheil der anderen ersetzte bei dem Priester die Duldsamkeit. Er ging alle Sonnabend zu Chanteau, um mit ihm Dame zu spielen, obwohl der Bürgermeister dank der Entschuldigung mit seiner Gicht nie einen Fuß in die Kirche setzte. Frau Chanteau tat im übrigen das Notwendige, indem sie regelmäßig den Gottesdiensten beiwohnte und Pauline mit sich nahm. Die große Einfachheit des Pfarrers gewann das Kind nach und nach. In Paris sprach man von den Pfarrern, diesen Heuchlern, deren schwarze Amtskleider alle Verbrechen verhüllten, mit Verachtung. Aber dieser, der am Ufer des Meeres lebte, schien ihr wirklich ein wackerer Mann mit seinen plumpen Stiefeln, seinem sonnverbrannten Nacken, dem Benehmen und der Sprache eines armen Pächters. Eine Beobachtung hatte sie vor allem erobert: Abbé Horteur rauchte leidenschaftlich eine große Meerschaumpfeife; da er aber trotzdem noch Gewissensbisse darüber empfand, flüchtete er damit an das Ende seines Gartens mitten unter seine Salatstauden; und diese Pfeife, die er verlegen versteckte, wenn man ihn dabei überraschte, rührte die Kleine ungemein, ohne daß sie eigentlich hätte sagen können, warum. Sie nahm mit sehr ernster Miene das heilige Abendmahl gemeinschaftlich mit zwei anderen kleinen Mädchen und einem Jungen aus dem Dorfe. Am Abend erklärte der Pfarrer, der bei den Chanteau speiste, er habe in Bonneville noch nie eine Kommunikantin gehabt, die so sittsam an den heiligen Tisch des Herrn getreten sei. Das Jahr war weniger gut, die von Davoine seit langer Zeit erwartete Preissteigerung in Tannen stellte sich nicht ein, und schlechte Nachrichten kamen aus Caen: man versicherte, daß er mit Verlust zu verkaufen gezwungen, unaufhaltsam einer Katastrophe entgegeneile. Die Familie lebte kärglich, die dreitausend Franken Zinsen reichten gerade für die genauesten Bedürfnisse hin, man zwackte sich die geringsten Vorräte ab. Frau Chanteaus große Sorge war Lazare, von dem sie Briefe empfing, die sie für sich behielt. Er schien zu vergeuden und verfolgte sie mit unaufhörlichen Bitten um Geld. Als sie im Juli Paulinens Zinsen einzog, fiel sie heftig über Davoine her. Schon waren zweitausend Franken von ihm in die Hände des jungen Mannes übergegangen, und es gelang ihr, ihm noch weitere tausend zu entreißen, die sie dem Sohne umgehend nach Paris schickte. Lazare schrieb ihr, daß er nicht kommen könne, wenn er nicht vorher seine Schulden bezahle. Man erwartete ihn eine volle Woche. Jeden Morgen kam ein Brief, in dem er seine Abreise auf den nächsten Tag verschob. Seine Mutter und Pauline gingen ihm bis Verchemont entgegen. Man umarmte sich auf der offenen Straße und kehrte durch den Staub heim, von dem leeren Wagen mit dem Koffer gefolgt. Diese Heimkehr in die Familie aber gestaltete sich weniger heiter als die triumphierende Überraschung im vorhergehenden Jahre. Er war bei dem Juliexamen gefallen und gegen die Professoren verbittert. Den ganzen Abend zog er über sie her, über diese Esel, die er, wie er sagte, im Magen habe. Am folgenden Tage warf er vor Pauline seine Bücher auf ein Brett des Schrankes und erklärte, daß sie seinethalben dort verfaulen könnten. Dieser so schnelle Widerwille brachte sie außer Fassung. Sie hörte ihn erbost die Medizin verspotten und in Abrede stellen, daß sie auch nur einen einfachen Schnupfen zu heilen imstande sei. Als sie eines Tages mit dem Feuer der Jugend und des Glaubens die Wissenschaft verteidigte, wurde sie dunkelrot, so sehr machte er sich über ihre Begeisterung einer Unwissenden lustig. Er fand sich schließlich selbst darein, ein Arzt zu werden; der Schwindel oder ein anderer; im Grunde sei nichts angenehm. Wo hatte er das her? Sicher aus schlechten Büchern. In der Verlegenheit über ihre vollkommene Unwissenheit aber und beklommen durch des Vetters Hohn, der sich stellte, als könne er ihr nicht alles sagen, wagte sie nicht, mit ihm des weiteren darüber zu rechten. So vergingen die Ferien unter beständigen Nörgeleien. Er schien sich jetzt auf ihren Spaziergängen zu langweilen, fand das Meer dumm und immer gleich, während er sich, um die Zeit zu töten, mit dem Dichten von Versen befaßte und auf das Meer sorgfältig bearbeitete und wohlgereimte Sonette schrieb. Er weigerte sich zu baden, da er entdeckt hatte, daß die kalten Bäder seinem Temperament nicht gut täten; denn trotz seiner abfälligen Meinung von der Medizin gab er schneidigen Ansichten Ausdruck und verdammte oder rettete die Menschen mit einem Worte. Gegen Mitte September, als Luise gerade angekommen war, sprach er plötzlich von der Notwendigkeit seiner Rückkehr nach Paris, indem er die Vorbereitungen für sein Examen vorschützte. Die beiden kleinen Mädchen würden ihn vor Langeweile vollends umbringen, so daß es ebenso gut sei, einen Monat früher das Leben im Quartier latin wieder aufzunehmen. Pauline war immer sanfter geworden, je mehr er sie ärgerte. War er schroff, machte es ihm Vergnügen, sie zur Verzweiflung zu bringen, sah sie ihn mit zärtlichen, lächelnden Augen an, mit den nämlichen Blicken, mit denen sie Chanteau beruhigte, wenn er in der Bangigkeit eines Anfalles aufheulte. Nach ihrer Meinung mußte ihr Vetter sehr krank sein, er sah das Leben an wie die Alten. Am Tage vor seiner Abreise bezeugte Lazare solche Freude, Bonneville zu verlassen, daß Pauline schluchzte: »Du liebst mich nicht mehr!« »Bist du dumm! Muß ich nicht meinen Weg machen? ... Ein großes Mädchen wird so greinen!« Sie fand ihren Mut wieder und lächelte. »Arbeite in diesem Jahr gut, damit du zufrieden heimkehrst.« »Oh! Es ist unnütz, soviel zu arbeiten. Ihr Examen ist eine Dummheit! Wenn ich nicht zugelassen bin, so geschah es, weil ich mir keine Mühe darum gegeben habe ... Ich werde es bestehen müssen; der Mangel an Vermögen hindert mich, mit verschlungenen Armen zu leben, das einzige Vernünftige, was ein Mensch tun könnte.« In den ersten Oktobertagen, nach der Rückkehr Luisens nach Caen, begann Pauline wieder den Unterricht bei der Tante. Der Kursus des dritten Jahres brachte besonders die gesäuberte Geschichte Frankreichs und die Götterlehre für den Gebrauch junger Mädchen, ein höherer Unterricht, der sie in den Stand setzen sollte, die Gemälde im Museum zu verstehen. Aber das Kind, das im vorhergehenden Jahre so fleißig gewesen, schien jetzt einen schweren Kopf zu haben: sie schlief öfter bei der Anfertigung ihrer Aufgaben ein, plötzliche Hitze färbte ihr Gesicht purpurn. Ein heftiger Zornesanfall gegen Veronika, die sie nach ihrer Behauptung nicht liebte, hatte sie für zwei Tage auf das Bett geworfen. Dann gingen Veränderungen in ihr vor, die sie beunruhigten: eine langsame Entwicklung ihres ganzen Körpers, allmählich und schier schmerzlich anschwellende Rundungen, schwarze Schatten von der Leichtigkeit des Flaums an der verborgensten und zartesten Stelle ihrer Haut. Wenn sie sich beim Schlafengehen mit einem flüchtigen Blick betrachtete, empfand sie ein Unbehagen, eine Beschämung, daß sie schleunig die Kerze ausblies. Ihre Stimme nahm eine Tiefe an, die sie häßlich fand; sie mißfiel sich so, sie brachte die Tage in einer Art nervöser Erwartung hin und hoffte, sie wußte nicht was, ohne zu wagen von diesen Dingen mit jemand zu sprechen. Gegen Weihnachten beunruhigte schließlich der Zustand Paulinens Frau Chanteau. Das Kind beklagte sich über heftige Lendenschmerzen, eine Steifheit befiel sie, es zeigten sich Fieberanfälle. Als Doktor Cazenove, der ihr erklärter Freund geworden war, sie befragt hatte, nahm er ihre Tante beiseite und riet ihr, die Nichte aufzuklären. Es war die Woge der Mannbarkeit, die in Pauline emporstieg; und er erzählte, daß er gesehen habe, wie junge Mädchen bei dem plötzlichen Hereinbrechen dieses Blutes vor Entsetzen erkrankt seien. Die Tante wollte sich zuerst dagegen verwahren und fand diese Vorsicht übertrieben, da sie keine Freundin derartiger Vertraulichkeiten war: ihr Erziehungssystem war für die vollkommene Unwissenheit, für das Vermeiden alles Peinlichen, soweit dieses sich nicht von selbst aufdrängte. Da jedoch der Arzt darauf bestand, versprach sie mit Pauline davon zu reden; sie tat aber des Abends nichts in der Angelegenheit und verschob sie in der Folge von Tag zu Tag. Das Kind sei nicht furchtsam; außerdem seien viele andere ebensowenig zuvor aufgeklärt worden. Es werde noch immer Zeit sein, ihr einfach zu sagen, daß die Dinge nun einmal so seien, ohne sich von vornherein unpassenden Fragen und Erklärungen auszusetzen. Als eines Morgens Frau Chanteau gerade ihr Zimmer verließ, hörte sie bei Pauline Schmerzensschreie und stieg sehr beunruhigt zu ihr hinauf. Mitten im Bette sitzend, die Decken zurückgeworfen, schrie das junge Mädchen bleich vor Entsetzen nach der Tante. Sie spreizte ihre blutige Blöße; von einem Erstaunen erfaßt, dessen Erschütterung ihre gewohnte Tapferkeit weggeblasen hatte, beschaute sie, was aus ihr hervorgekommen. »Tante! Tante!« Frau Chanteau übersah die Lage mit einem Blick. »Das ist nichts, meine Liebe. Beruhige dich.« Aber Pauline, die sich immer noch mit der steifen Haltung einer Verwundeten betrachtete, hörte nicht einmal, was sie sagte. »Tante, ich habe mich ganz durchnäßt gefühlt und sieh nur, sieh nur, das alles ist Blut! ...« Ihre Stimme erstarb, sie glaubte, daß ihre Adern sich durch diesen roten Fluß entleerten. Der Schrei ihres Vetters kam ihr auf die Lippen, dieser Schrei der Furcht vor dem grenzenlosen Himmel, dessen Verzweiflung sie nicht verstanden hatte. »Alles ist zu Ende, ich werde sterben.« Bestürzt suchte die Tante nach wohlanständigen Worten; nach einer Lüge, die Pauline beruhige, ohne sie aufzuklären. »Höre nur: ängstige dich nicht; ich würde viel besorgter sein, wüßte ich dich in Gefahr? Ich versichere dir, daß alle Frauen das bekommen. Das ist geradeso wie Nasenbluten! ...« »Nein, nein, du sagst es zu meiner Beruhigung ... Ich werde sterben ... ich werde sterben.« Es war keine Zeit mehr. Als Doktor Cazenove kam, fürchtete er ein Gehirnfieber. Frau Chanteau hatte das Mädchen sich niederlegen lassen und beschämte sie wegen ihrer Furcht. Tage vergingen, Pauline hatte den Anfall überstanden und dachte von da erstaunt an neue, unklare Dinge, heimlich eine Frage hütend, auf welche sie die Antwort suchte. In der darauffolgenden Woche machte sich Pauline von neuem an die Arbeit und schien sich für die Götterlehre zu begeistern. Sie verließ das ihr noch immer als Studierzimmer dienende große Gemach Lazares nicht mehr; man mußte sie zu jeder Mahlzeit rufen und sie erschien geistesabwesend, von einer empfindungslosen Gleichgültigkeit befallen. Oben aber lag die Götterlehre unberührt am Ende des Tisches; mit den im Schranke zurückgebliebenen medizinischen Werken verbrachte sie ganze Tage, die Augen weit geöffnet in dem Bedürfnis nach Wissen, die Stirne auf beide Hände gestützt. Lazare hatte in den schönen Tagen der Begeisterung Bücher gekauft, die ihm von keinem augenblicklichen Nutzen waren, so die »Abhandlung über Physiologie« von Longuet, die »beschreibende Anatomie« von Cruveillier. Gerade diese waren zurückgeblieben, während er seine zum Studieren notwendigen Bücher wieder mitgenommen hatte. Sie holte sie hervor, sobald die Tante den Rücken kehrte, und stellte sie bei dem geringsten Geräusche weg ohne Hast, nicht wie eine schuldbewußte Neugierige, sondern wie eine Lernbegierige, deren Neigung von den Eltern nicht gebilligt wird. Anfangs hatte sie nicht verstanden, denn die technischen Ausdrücke, die sie erst im Wörterbuch nachschlagen mußte, stießen sie ab. In der Folge aber erriet sie die Notwendigkeit einer Methode und so hatte sie sich an die »beschreibende Anatomie« geklammert, ehe sie zu der »Abhandlung über Physiologie« überging. So lernte das vierzehnjährige Kind, wie in einer Schulaufgabe das, was man sonst vor den Jungfrauen bis zur Hochzeitsnacht geheim hält. Sie durchblätterte die Bildertafeln der Anatomie, diese herrlichen Tafeln voll blutiger Wirklichkeit; sie hielt sich bei jedem Organe auf, durchforschte die geheimsten, jene, aus denen man die Scham der Frau und des Mannes gemacht hat. Sie fühlte diese Scham nicht, sie war ernst und ging von den Organen, die das Leben geben, zu denen über, die es regeln, durch ihre Liebe zur Gesundheit von fleischlichen Gedanken entfernt und gerettet. Die allmähliche Entdeckung dieser menschlichen Maschine erfüllte sie mit Bewunderung. Sie las dieses Buch leidenschaftlich, niemals hatten ihr früher weder die Feenmärchen noch Robinson das Verständnis so erweitert. Die »Abhandlung über Physiologie« war dann eine Erläuterung zu den Tafeln, nichts blieb ihr verborgen. Sie fand selbst ein »Handbuch der Pathologie« und der »medizinischen Klinik«, sie drang bis in die ekelhaftesten Krankheiten ein, in die Behandlung jeder Zersetzung. Vieles natürlich entging ihr, sie hatte nur eine Ahnung dessen, was man zur Pflege der Leidenden wissen mußte. Ihr Herz brach vor Mitleid, ihr alter Traum vom allseitigen Wissen, um alles heilen zu können, wurde wieder lebendig. Jetzt wußte Pauline, warum der Blutfluß ihrer Mannbarkeit wie aus einer reifen, bei der Weinlese zerquetschten Traube hervorgesprudelt war. Im Drange der Lebensflut, die sie aufsteigen fühlte, stimmte sie dieses jetzt erhellte Geheimnis nachdenklich. Sie behielt eine Verwunderung und einen stillen Groll gegen die Tante, weil diese sie in vollkommener Unwissenheit zu halten suchte. Warum ließ man sie derartig sich entsetzen? Das war nicht richtig, es war nichts Böses, wenn man darum wußte. Während zweier Monate zeigte sich im übrigen nichts wieder. Frau Chanteau sagte eines Tages: »Wenn du das wie im Dezember wiedersiehst, du erinnerst dich doch, so erschrick nicht im geringsten ... Es wäre besser.« »Ja, ich weiß es«, entgegnete das Mädchen gelassen. Ihre Tante blickte sie voller Bestürzung an. »Was weißt du denn?« Der Gedanke, daß sie log, um ihre Lektüre noch länger zu verheimlichen, ließ Pauline nun erröten. Das Lügen war ihr unerträglich, sie zog das Geständnis vor. Als Frau Chanteau die auf dem Tische liegenden Bücher aufschlug und die Abbildungen bemerkte, blieb sie wie versteinert stehen. Sie hatte sich solche Mühe gegeben, die Liebschaften Jupiters unschuldig hinzustellen! Lazare hätte wahrhaftig derartige Abscheulichkeiten unter Verschluß halten müssen. Sie fragte die Schuldige lange, mit großer Vorsicht und mit Anspielungen jeder Art aus. Aber Pauline setzte sie mit ihrer ehrlichen Miene vollends in Verlegenheit. Was? Man war so geschaffen, und das war nichts Schlimmes. Ihre rein geistige Leidenschaft kam zum Ausbruch; noch erwachte keine duckmäuserische Sinnlichkeit in diesen großen, klaren Kinderaugen. Sie hatte auf demselben Brette Romane gefunden, die sie nach den ersten Seiten angewidert hatten; sie langweilten sie ungeheuer, denn sie waren voll unverständlicher Redensarten. Ihre Tante, immer mehr außer Fassung gebracht, zugleich aber in einer Hinsicht beruhigt, begnügte sich damit, den Bücherschrank zu verschließen und den Schlüssel an sich zu nehmen. Nach acht Tagen lag dieser von neuem herum und Pauline gestattete sich dann und wann, zur Erholung, ein Kapitel über die Nervenkrankheiten, wobei sie an ihren Vetter dachte, oder eines über die Behandlung der Gicht mit dem Gedanken, ihrem Onkel Erleichterung verschaffen zu können. Übrigens nahm man trotz Frau Chanteaus Strenge in ihrer Gegenwart kaum irgendwelche Rücksicht. Auch wenn sie die Bücher nicht aufgeschlagen hätte, würden sie die paar Tiere des Hauses belehrt haben. Minouche besonders interessierte sie. Diese Minouche war ein liederliches Ding, das viermal im Jahre Junge warf. Sie, die so zart war, sich unaufhörlich putzte und aus Furcht, sich zu beschmutzen, ihre Pfötchen nur mit Zagen vor die Türe setzte, verschwand dann und wann plötzlich auf zwei und drei Tage. Man hörte sie fauchen und sich herumbalgen; man sah die Augen aller Kater von Bonneville wie Kerzen im Dunkeln leuchten. Später kam sie in einem ekelhaften Zustande zurück, wie ein Luder hergerichtet, mit so abgerissenem und schmutzigem Fell, daß sie sich eine ganze Woche hindurch glatt lecken mußte. Dann nahm sie wieder die angeekelte Miene einer Prinzessin an, rieb sich liebkosend am Kinn der Leute, ohne daß sie zu bemerken schien, wie ihr Bauch sich rundete. Eines schönen Morgens fand man sie mit Jungen vor. Veronika trug sie sämtlich in der Schürze fort, um sie ins Wasser zu werfen. Minouche, die abscheuliche Mutter, suchte sie nicht einmal; sie war es gewohnt, ihrer so entledigt zu werden und meinte, die Mutterschaft sei damit zu Ende. Sie leckte sich wieder, schnurrte und tat schön bis zu dem Abend, an dem sie sich aus den Katzbalgereien und dem Miauen schamlos einen neuen Wurf Junge heimbrachte. Mathieu war ein besserer Vater für die Kinder, die er nicht gemacht hatte, denn er folgte winselnd der Schürze Veronikas und hatte die Leidenschaft, allen kleinen Wesen in der Wiege das Gesicht reinzulecken. »Ach, Tante, diesmal mußt du ihr eins lassen«, sagte Pauline bei jeder Beseitigung der Jungen, über das verliebte Treiben der Katze aufgebracht und entzückt. Veronika aber ärgerte sich. »Warum nicht gar! Damit sie es überall herumschleppt ... Und dann macht sie sich nichts daraus. Sie ist für das Vergnügen, nicht für das Leiden.« Bei Pauline stellte sich eine Liebe zum Leben ein, die jeden Tag mehr hervorsprudelte und sie, wie ihre Tante sagte, zur »Mutter der Tiere« machte. Alles was lebte, alles was litt, erfüllte sie mit einer geschäftigen Zärtlichkeit, mit einer Verschwendung von Pflege und Liebkosungen. Sie hatte Paris vergessen, es war ihr, als sei sie dort unter dieser rauhen Sonne in dem reinen Hauche der Meereswinde aufgewachsen. In weniger als einem Jahr war dieses Kind mit unentwickelten Körperformen ein schon kräftiges Mädchen mit starken Hüften und breiter Brust geworden. Die Verwirrung über dieses Aufblühen verlor sich, sowohl die Beschwerde ihres vom Saft geschwellten Körpers, wie die beängstigende Unruhe über ihren volleren Busen, über den feinen, schwärzeren Flaum auf. ihrer braunglänzenden Haut. Sie empfand im Gegenteil zur Stunde Freude an ihrem Erblühen, das siegreiche Gefühl, im Sonnenlicht zu wachsen und zu reifen. Das aufsteigende und als roter Regen sich ergießende Blut machte sie stolz. Vom Morgen bis zum Abend erfüllte sie das Haus mit den Trillern ihrer tiefen, von ihr selbst jetzt schön gefundenen Stimme, und wenn beim Schlafengehen ihre Blicke über die blühende Rundung ihres Busens bis zu dem Tintenfleck hinglitten, der ihren frischen, roten Unterleib beschattete, lächelte sie; sie sog einen Augenblick ihren eignen Wohlgeruch ein, wie den eines frischen Blumenstraußes und fühlte sich glücklich über ihren neuen Duft des reifen Weibes. Es war das in seinen Verrichtungen ohne Widerwillen oder Furcht gut geheißene, geliebte Leben, begrüßt von dem Siegesliede der Gesundheit. Lazare ließ in jenem Jahr sechs Monate verstreichen, ohne zu schreiben. Es liefen kaum kurze Zettelchen ein, welche die Familie seines Wohlbefindens versicherten. Dann aber überschüttete er plötzlich seine Mutter mit Briefen. Im November von neuem zum Examen nicht zugelassen, immer mehr von den medizinischen Studien angewidert, die zu traurige Stoffe behandelten, hatte er sich abermals einer neuen Leidenschaft in die Arme geworfen: der Chemie. Er hatte durch Zufall die Bekanntschaft des berühmten Herbelin gemacht, dessen Entdeckungen damals die Wissenschaft in Aufruhr versetzten, und er war in das Laboratorium dieses Gelehrten als Präparator eingetreten, ohne indessen zu bekennen, daß er die Medizin fahren gelassen habe. Seine Briefe jedoch waren bald voll von einem erst schüchtern angedeuteten, nach und nach aber begeisterten Plane. Es handelte sich um eine großartige Ausnützung der Seealgen, die mit Hilfe der Methode und der durch den berühmten Herbelin entdeckten Behandlung Millionen einbringen mußte. Lazare zählte die Wahrscheinlichkeiten des Erfolges her: den Beistand des großen Chemikers, die Leichtigkeit der Beschaffung des Rohmaterials, die wenig kostspielige Einrichtung. Schließlich gab er seinem Wunsche, kein Arzt werden zu wollen, offen Ausdruck; lieber wollte er den Kranken Heilmittel verkaufen, wie er scherzend sagte, als sie eigenhändig töten. Die Beweisführung eines schnellen Reichtums beschloß alle seine Briefe, in denen er außerdem seine Familie mit dem Versprechen zu blenden suchte, sie nicht mehr zu verlassen und sich seine Fabrik dort unten bei Bonneville einzurichten. Monate vergingen. Lazare war nicht zu den Ferien gekommen. Den ganzen Winter hindurch setzte er derart auf engbeschriebenen Seiten, die Frau Chanteau abends nach der Mahlzeit laut vorlas, sein Vorhaben haarklein auseinander. An einem Abend im Mai fand eine große Beratung statt, da er eine entscheidende Antwort verlangte. Veronika schlich umher, nahm das Tischtuch ab und legte die Decke auf. »Er ist seinem Großvater aus den Augen geschnitten, unfertig und unternehmend wie jener«, sagte die Mutter und warf einen Blick auf das Meisterwerk des alten Zimmermannes, das auf dem Kamine stehend ihr ein Gegenstand ewigen Ärgernisses war. »Gewiß von mir, der ein Grauen vor jedweder Veränderung empfindet, hat er es nicht«, brummte Chanteau, in seinem Lehnstuhl ausgestreckt, in dem er soeben einen Anfall überstand, zwischen einem Gestöhn und dem andern. »Aber von dir, meine Liebe, denn du bist auch nicht gerade sehr ruhig.« Sie zuckte die Achseln, als wolle sie damit zu verstehen geben, daß ihre Tätigkeit von der Logik unterstützt und geregelt sei. Dann erwiderte sie langsam: »Was wollt ihr schließlich? Man muß ihm schreiben, er möge nach seinem Kopfe handeln ... Ich hätte ihn lieber in der Justiz gesehen; ein Arzt hat ohnehin schon keinen sehr sauberen Beruf; und nun ist er Apotheker ... Er mag zurückkommen und viel Geld verdienen, das ist immer schon etwas.« Im Grunde war es der Gedanke an das Geld, der sie bestimmte. Die Anbetung für ihren Sohn formte sich zu einem neuen Traum. Sie sah ihn sehr reich geworden, als Besitzer eines Hauses in Caen, als Generalrat, vielleicht Abgeordneter. Chanteau hatte keine Meinung, er gab sich nur mit seinen Leiden ab und überließ seiner Frau die höhere Sorge für die Interessen der Familie. Pauline war trotz ihrer Überraschung und der stummen Mißbilligung dieses fortwährenden Wechsels in den Plänen ihres Vetters der Meinung, man solle ihn heimkommen und seine große Unternehmung versuchen lassen. »Wenigstens leben wir alle beisammen«, sagte sie. »Und dann, was kann Herr Lazare wohl in Paris Gutes tun!« erlaubte sich Veronika einzuwerfen. »Es ist besser, er pflegt seinen Magen ein bißchen bei uns.« Frau Chanteau stimmte mit dem Kopfe bei. Sie nahm den am Morgen erhaltenen Brief wieder vor. »Wartet, er bespricht auch die finanzielle Seite des Unternehmens.« Sie las vor und machte dazu ihre Bemerkungen. Zur Einrichtung der kleinen chemischen Fabrik seien so an sechzigtausend Franken nötig. Lazare war in Paris einem alten Kameraden aus Caen, dem dicken Boutigny, wieder begegnet, welcher das lateinische Studium im vierten Jahre aufgegeben hatte und jetzt mit Weinen handelte. Boutigny war von dem Vorhaben begeistert und bot ihm dreißigtausend Franken: das werde ein ausgezeichneter Teilnehmer sein, ein Verwalter, dessen praktische Fähigkeiten den materiellen Erfolg sicherten. Es brauchten also nur noch dreißigtausend Franken geborgt zu werden, denn Lazare wolle Mitbesitzer zur Hälfte sein. »Wie ihr gehört habt,« fuhr Frau Chanteau fort, »bittet er, mich in seinem Namen an Thibaudier zu wenden. Der Gedanke ist gut... Luise ist gerade etwas leidend, ich beabsichtige, sie für eine Woche zu uns zu nehmen, so daß ich Gelegenheit habe, mit ihrem Vater zu sprechen.« Paulines Augen verdunkelten sich, ein krampfhaftes Einklemmen der Lippen verdünnte diese. An der anderen Seite des Tisches stand Veronika, damit beschäftigt, eine Teetasse auszuwischen, und beobachtete sie. »Ich habe wohl an etwas anderes gedacht,« murmelte die Tante, »da man aber in der Industrie stets Gefahr läuft, hatte ich es mir ohnehin vorgenommen, nicht davon zu sprechen.« Sie wandte sich an das junge Mädchen. »Ja, meine Liebe, das wäre etwas, wenn du selbst deinem Vetter die dreißigtausend Franken liehest. Eine vorteilhaftere Anlage würde sich so leicht nicht finden lassen. Dein Geld könnte dir vielleicht fünfundzwanzig Prozent bringen, denn dein Vetter würde dich am Gewinn beteiligen. Es bricht mir das Herz, dieses Vermögen in die Tasche eines anderen fließen zu sehen ... Nur möchte ich nicht, daß du dein Geld auf das Spiel setzest. Das da oben ist ein mir anvertrautes, heiliges Gut, und ich werde es dir unberührt wieder zustellen.« Pauline wurde noch bleicher; sie war die Beute eines inneren Kampfes. In ihr war der Geiz, die Liebe Quenus und Lisas zum schweren Gelde ihres Geschäftes erblich geblieben; die Folgen der ehedem in dem Wurstladen erhaltenen ersten Erziehung, die Achtung vor dem Gelde, die Furcht, daß es ausgehen könne, ein schamvolles, unbekanntes Etwas, eine geheime Filzigkeit, die sich im Grunde ihres guten Herzens geltend machte, spukten noch immer. Außerdem hatte ihr die Tante die Schublade des Schreibsekretärs, in dem ihr Erbteil schlummerte, so oft gezeigt, daß der Gedanke, es in den unsteten Händen ihres Vetters schmelzen zu sehen, sie beinahe ärgerte. Sie schwieg, weil sie auch das Bild von Luise, wie sie dem jungen Manne einen großen Sack Geld brachte, weidlich peinigte. »Selbst wenn du wolltest, will ich nicht«, hob Frau Chanteau wieder an. »Nicht wahr, mein Freund, das ist eine Gewissensfrage?« »Ihr Geld ist ihr Geld«, antwortete Chanteau, der bei dem Versuche sein Bein zu heben, einen Schmerzensschrei ausstieß ... »Wenn die Geschichte schlecht ginge, würde man über uns herfallen. Nein, nein! Thibaudier wird sehr glücklich darüber sein, borgen zu können.« Endlich fand Pauline in einer Aufwallung ihres Herzens die Stimme wieder. »Oh! Tut mir diesen Schmerz nicht an. Ich, ich muß Lazare das Geld leihen! Ist er nicht mein Bruder? Es wäre zu häßlich, wollte ich ihm dieses Geld verweigern! Warum habt ihr mir davon gesprochen? Gib ihm das Geld, Tante, gib ihm alles.« Die Gewalt, die sie sich soeben angetan, badete ihre Augen in Tränen, und sie lächelte beschämt, gezögert zu haben, noch von einem Bedauern geplagt, über das sie verzweifelt war. Schließlich mußte sie noch gegen ihre Verwandten ankämpfen, die sich in den Kopf setzten, die faulen Seiten des Unternehmens vorauszusehen. Bei dieser Gelegenheit zeigten sie sich von einer vollkommenen Rechtschaffenheit. »Komm und küsse mich«, schloß endlich die Tante in Tränen. »Du bist ein gutes, liebes Mädchen ... Lazare wird dein Geld nehmen, weil du sonst böse bist.« »Und mich küßt du nicht?« fragte der Onkel. Man weinte und küßte sich um den Tisch herum. Während Veronika den Tee eingoß und Pauline Mathieu rief, der im Hofe bellte, setzte Frau Chanteau, sich die Augen trocknend, hinzu: »Das ist ein großer Trost. Sie hat das Herz in der Hand.« »Donnerwetter,« brummte die Magd, »sie würde das letzte Hemd hergeben, nur damit die andere nichts hergebe.« Acht Tage später, an einem Sonnabend, kehrte Lazare nach Bonneville zurück. Doktor Casenove, der zu Tisch eingeladen war, sollte den jungen Mann in seinem Wagen mitbringen. Abbé Horteur, der zuerst gekommen war und auch bei den Chanteaus speisen sollte, spielte Dame mit Chanteau, der als Genesender in seinem Lehnstuhle ausgestreckt lag. Der Anfall dauerte diesmal drei Monate, nie zuvor hatte er so viel gelitten. Jetzt fühlte er sich wie im Paradiese trotz des entsetzlichen Juckens, das ihm die Füße zerfleischte: die Haut schälte sich ab, die wässerige Geschwulst war fast verschwunden. Da Veronika Tauben briet, hob er jedesmal die Nase, wenn sich die Küchentür öffnete, von seiner unverbesserlichen Feinschmeckerei befallen, was ihm die weisen Vermahnungen des Pfarrers eintrug. »Sie sind nicht bei dem Spiele, Herr Chanteau ... Glauben Sie mir, Sie müssen sich heute abend bei Tisch etwas mäßigen. In Ihrem Zustande taugt das üppige Essen nichts.« Luise war am Tage vorher angekommen. Als Pauline den Wagen des Doktors hörte, stürzten beide in den Hof. Aber Lazare schien nur sein Bäschen zu sehen. »Wie? das ist Pauline?« »Aber ja, ich bin es.« »Aber, mein Gott! Was hast du nur gegessen, um so groß zu werden? ... Du kannst ja schon heiraten ...« Sie errötete und lachte behaglich; ihre Augen brannten vor Vergnügen, sich so betrachtet zu sehen. Er hatte ein kleines Ding, ein Schulkind in leinenem Kittel zurückgelassen und stand jetzt einem großen, jungen Mädchen gegenüber, dessen Brust und Hüften kokett in ein weißes Frühlingskleid mit rosenfarbenen Blumen gepreßt waren. Sie wurde dennoch ernst, sie beschaute ihn ihrerseits und fand ihn gealtert: er ging, wie es schien, gebeugt, sein Lachen klang nicht mehr jugendlich, ein leichter nervöser Schauer lief über sein Gesicht. »Man muß dich jetzt ernsthaft nehmen ...« fuhr er fort. »Guten Tag, mein Teilhaber.« Pauline errötete noch mehr, dieses Wort trieb ihr Glück auf die Spitze. Nachdem ihr Vetter sie geküßt hatte, konnte er auch Luise umarmen: sie war nicht mehr eifersüchtig. Die Mahlzeit verlief sehr angenehm. Chanteau, durch die Drohungen des Doktors in Furcht gesetzt, überschritt beim Essen nicht das Maß. Frau Chanteau und der Pfarrer machten herrliche Pläne für die Vergrößerung von Bonneville, wenn die Spekulation mit den Algen den Ort bereichert habe. Man ging erst um elf Uhr schlafen. Als Lazare und Pauline sich oben vor ihren Zimmern trennten, fragte der junge Mann in scherzendem Tone: »Nun, sagt man sich nicht mehr gute Nacht, weil man groß geworden ist?« »Aber ja!« rief sie, indem sie sich ihm an den Hals warf und ihn mit dem Ungestüm eines wilden kleinen Mädchens herzhaft auf den Mund küßte. Drittes Kapitel. Zwei Tage später legte eine starke Ebbe die tiefen Felsen bloß. In der Hitze der Leidenschaft, die Lazare zu Anfang jedes neuen Unternehmens mit sich riß, wollte er nicht länger warten und ging mit bloßen Beinen, einen einfachen Leinwandkittel über sein Badekostüm geworfen, fort; Pauline war mit bei der Untersuchung, gleichfalls im Badeanzug, mit starken Schuhen angetan, die sie sich für den Krabbenfang aufhob. Als sie einen Kilometer von den Uferfelsen entfernt mitten in einem noch von der zurücktretenden Flut rinnenden Algenfelde angelangt waren, brach die Begeisterung des jungen Mannes los, als habe er diese ungeheure Ernte von Seegräsern, die sie hundertmal miteinander durchschritten hatten, soeben erst entdeckt. »Sieh! sieh!« rief er. »Hier ist Ware! Und das läßt man so liegen, und so findet sie sich bis zu hundert Metern Tiefe!« Dann zählte er mit vergnügter Genauigkeit die Arten her: die Tangarten, mit zartem Grün, feinen Haaren vergleichbar, die sich ins Unendliche zu weiten Rasenplätzen ausbreiten; die Seegräser, mit den lattichartigen, breiten Blättern von graugrüner Durchsichtigkeit; die gezahnten Algen, die Blasenalgen; in so ungeheurer Menge, daß sie die Felsen, wie mit einem hohen Moose, bedeckten. In dem Maße, wie sie der Flut folgend niederstiegen, fanden sie Arten von größerem Umfange und fremdartigerem Aussehen, so den Riementang, ganz besonders den Neptungürtel, dieses grünliche Ledergehänge mit ausgezahnten Rändern, das für die Brust eines Riesen zugeschnitten zu sein scheint. »Nicht wahr, welch ein verlorener Reichtum!« begann er wieder. »Wie dumm man ist ... In Schottland sind sie wenigstens so klug, das Seegras zu essen. Wir machen aus dem Tang Pflanzenhaar und verpacken unsere Fische in Meergras. Das übrige ist Dünger fraglicher Güte, den man den Bauern der Küsten überläßt ... Wenn man bedenkt, daß die Wissenschaft noch das barbarische Verfahren hat, einige Karren davon zu verbrennen, um Soda daraus zu gewinnen.« Pauline, bis zu den Knien im Wasser, fühlte sich glücklich in dieser salzigen Frische. Außerdem interessierten sie die Erklärungen des Vetters ungemein. »Du wirst also das alles destillieren?« Das Wort »destillieren« erheiterte ihn stark. »Ja, destillieren, wenn du willst. Aber die Geschichte ist hübsch verwickelt, wie du sehen wirst, meine Liebe ... Das tut, aber nichts, behalte genau meine Worte im Gedächtnis: man hat die Vegetation der Erde sich dienstbar gemacht, nicht wahr? Wir benutzen und essen Pflanzen und Bäume. Vielleicht wird uns die Eroberung der Meerespflanzen noch mehr bereichern, und zwar an dem Tage, an welchem man sich zu einem Versuche, sie auszunutzen, entschließen wird.« Indessen sammelten beide, von Eifer beseelt, die Proben. Sie beluden ihre Arme damit und verloren sich so weit hinaus, daß sie auf dem Rückwege bis an die Schultern naß wurden. Die Erklärungen dauerten fort. Der junge Mann wiederholte Redensarten seines Lehrers Herbelin: das Meer sei ein ungeheurer Behälter chemischer Zusammensetzungen, die Algen arbeiteten für die Industrie, indem sie in ihren Geweben die Salze verdichteten, die das Wasser, in dem sie leben, in geringem Maße enthält. Die Aufgabe bestand darin, diesen Algen auf wirtschaftliche Weise alle nützlichen Zusätze zu entziehen. Er sprach davon, ihnen die Asche und das ungereinigte Soda für den Handel zu entnehmen, sodann Brom, Jodsoda und Pottasche, das Sodasulfat, andere eisen- und magnesiahaltige Salze in gereinigtem Zustande auszuscheiden und zu liefern, so daß von dem Rohstoff keinerlei Abgang übrigblieb. Besonders begeisterte ihn die Hoffnung, dank der von dem berühmten Herbelin entdeckten Kältemethode, nicht einen einzigen nützlichen Körper zu verlieren. Damit war ein ungeheures Vermögen zu machen. »Guter Gott! Wie habt ihr euch zugerichtet!« rief Frau Chanteau, als sie in das Haus traten. »Sei nicht böse«, erwiderte Lazare heiter, indem er sein Pack Algen mitten auf die Terrasse warf. »Schau! Wir bringen dir lauter Fünffrankenstücke zurück!« Am folgenden Tage holte der Wagen eines Bauern von Verchemont eine ganze Ladung Meereskräuter, und die Studien nahmen in dem großen Zimmer des zweiten Stockwerkes ihren Anfang. Pauline erhielt den Grad eines Präparators. Das war ein Arbeiten während eines Monats! Das Gemach füllte sich schnell mit trockenen Pflanzen, mit Gefäßen, in denen baumartige Gewächse schwammen, mit Instrumenten wunderlichen Aussehens. Ein Mikroskop nahm eine Ecke des Tisches ein; das Piano verschwand unter Kesseln und Retorten, selbst der Schrank krachte von Fachliteratur, von unaufhörlich zu Rate gezogenen Sammlungen. Diese im kleinen mit umständlicher Genauigkeit angestellten Versuche führten im übrigen zu ermutigenden Ergebnissen. Die Kältemethode beruhte auf der Entdeckung, daß gewisse Körper sich bei niederen Temperaturen kristallisieren, welch letztere wiederum für die verschiedenen Körper verschieden sind; es handelte sich jetzt nur noch darum, die verlangten Temperaturen zu erhalten und festzuhalten: jeder Körper schlug sich nach und nach nieder und fand sich getrennt von den anderen. Lazare verbrannte die Algen in einem Graben, dann behandelte er die Aschenlauge auf Kälte, mit Hilfe eines Kühlungsverfahrens, das auf schneller Ammoniakverdampfung beruhte. Diese Behandlung aber mußte im großen vorgenommen, aus dem Laboratorium auf die Industrie übergeleitet werden, und zwar durch Aufstellung von sparsam arbeitenden Apparaten. An dem Tage, an dem er aus Mutterlaugen bis zu fünf gut unterschiedene Körper frei gemacht hatte, hallte das Zimmer von lautem Jubel wider. Es zeigte sich vor allem ein überraschendes Verhältnis von Pottaschenbrom. Dieses Modeheilmittel mußte sich wie Brot verkaufen. Pauline, die von ihrer alten knabenhaften Tollheit befallen um den Tisch herumtanzte, eilte plötzlich die Treppe hinunter und platzte mitten in das Speisezimmer hinein, in dem ihr Onkel eine Zeitung las, während die Tante Mundtücher zeichnete. »So!« rief sie. »Jetzt könnt ihr krank werden, wir werden euch Brom genug geben.« Frau Chanteau, die seit einiger Zeit an nervösen Anfällen litt, war von Doktor Cazenove soeben auf Brom gesetzt worden. Sie lächelte. »Werdet ihr auch genug haben, um alle zu heilen, da alles jetzt aus dem Geleise gebracht ist?« Das Mädchen mit den kräftigen Gliedmaßen, dessen fröhliches Gesicht vor Gesundheit strotzte, breitete die Arme aus, als wolle es die Heilung in alle vier Himmelsrichtungen hinausschleudern. »Ja, ja, wir werden die Erde damit vollpfropfen. Aus ist's mit der Nervosität!« Nach einer Besichtigung des Strandes und nach eingehender Besprechung wegen einer passenden Baustelle, entschied sich Lazare für die Errichtung seiner Fabrik an der Schatzbucht. Alle Bedingungen waren dort vorhanden: eine ungeheure, wie mit platten Felsen gepflasterte Küste, welche das Einsammeln der Algen erleichterte; unmittelbare Fahrverbindung auf der Straße nach Verchemont; billiger Grund und Boden, das Material unter den Händen, eine genügende, aber nicht übermäßige Entfernung. Pauline scherzte über den Namen, den sie der Bucht wegen ihres feinen goldgelben Sandes gegeben hatten: damals glaubten sie nicht den Namen richtig gewählt zu haben, denn einen wahren Schatz wollten sie im Meere finden. Die ersten Schritte gelangen vortrefflich: glücklicher Ankauf von zwanzigtausend Metern öden Landes, Erteilung der behördlichen Bewilligung nach nur zweimonatlichem Warten. Endlich machten sich die Arbeiter an den Bau. Boutigny war angekommen, ein kleiner, roter, sehr gewöhnlicher Mann in den Dreißigern, der den Chanteaus außerordentlich mißfiel. Er hatte sich geweigert, in Bonneville zu wohnen, da er in Verchemont ein sehr bequemes Haus entdeckt hatte; die Kälte der Familie nahm noch zu, als sie erfuhr, daß er dort eine Frauensperson, irgendein gefallenes Mädchen untergebracht hatte, das er zweifelsohne aus einem verrufenen Pariser Hause mitgenommen. Lazare zuckte, über die kleinstädtischen Anschauungen aufgebracht, die Achseln. Sie war sehr liebenswürdig, diese Frau, eine Blondine, und mußte voller Hingabe sein, wenn sie sich entschloß, sich in dieses Wolfsloch zu vergraben; im übrigen ging er Paulinens wegen nicht weiter darauf ein. Was man mit einem Worte von Boutigny erwartete, war eine tätige Überwachung, eine kluge Ordnung der Arbeit. Darin war er wirklich wunderbar, den ganzen Tag auf den Beinen, entflammt von seinem Verwaltungsgenie. Unter seiner Leitung wuchsen die Mauern im Umsehen empor. Nun wurde während vier Monaten, solange die Arbeiten zur Aufrichtung des Gebäudes, zur Aufstellung der Apparate dauerten, die »Schatzfabrik«, wie man sie schließlich nannte, das Ziel der täglichen Spaziergänge. Frau Chanteau begleitete die Kinder nicht immer; Lazare und Pauline nahmen ihre Ausflüge von früher auf. Nur Mathieu folgte ihnen; schnell ermüdet und seine dicken Pfoten nachschleppend, ruhte er dort unten mit heraushängender Zunge und mit dem wie ein Schmiedeblasebalg keuchenden Atem aus. Er war auch der einzige, der noch badete; er stürzte sich in das Meer, wenn man einen Stock hineinschleuderte, den er klugerweise gegen die Woge apportierte, um kein Salzwasser zu schlucken. Bei jedem Besuche trieb Lazare die Unternehmer zur Eile an, während Pauline einige praktische Bemerkungen wagte, die zuweilen sehr richtig waren. Er hatte die Apparate nach von ihm gemachten Zeichnungen in Caen anfertigen lassen müssen. Jetzt waren Arbeiter gekommen, um sie aufzustellen. Boutigny begann unruhig zu werden, da er die Bauanschläge fortwährend zunehmen sah. Warum sich nicht erst mit den dringend notwendigen Arbeitssälen, den unerläßlichen Maschinen begnügen? Warum diese verwickelten Baulichkeiten, diese ungeheuren Apparate angesichts eines Betriebes, den nach und nach auszudehnen weiser gewesen wäre, sobald sich erst eine genaue Berechnung der Bedingungen der Fabrikation und des Verkaufes ermöglichen ließen. Lazare brauste auf. Er sah alles in unermeßlichen Größen, er hätte dem Schuppen am liebsten eine monumentale Gestaltung gegeben, die das Meer beherrschte, und so vor dem grenzenlosen Horizont die Größe seines Gedankens entrollte. Der Besuch endete mit neuen Hoffnungen: warum knausern, wenn man das Glück in der Hand hatte? Die Heimkehr gestaltete sich sehr heiter, man erinnerte sich Mathieus, der fortwährend zurückblieb. Pauline versteckte sich plötzlich mit Lazare hinter einer Mauer, und beide ergötzten sich wie die Kinder, wenn der Hund plötzlich bemerkte, daß er sich allein befand, sich verirrt glaubte und in komischer Bestürzung umherlief. Abend für Abend wurden sie daheim mit der nämlichen Frage empfangen. »Nun? Geht es gut, seid ihr zufrieden?« »Ja, ja, aber sie werden nie fertig damit.« Das waren Monate vollständiger Vertraulichkeit. Lazare bewies eine lebhafte Zuneigung für Pauline, in die sich die Dankbarkeit für das in sein Unternehmen gesteckte Geld mischte. Nach und nach verschwand das Weib wieder, er lebte neben ihr wie in Gesellschaft eines Jungen, eines jüngeren Bruders, dessen gute Eigenschaften ihn täglich mehr rührten. Sie war so vernünftig, hatte einen so schönen Mut, eine so lachende Güte, daß sie ihm schließlich eine uneingestandene Achtung, eine stumme Ehrfurcht einflößte, gegen die er sich noch durch Neckereien wahrte. Sie hatte ihm ruhig von der Lektüre und dem Entsetzen der Tante beim Anblick der anatomischen Tafeln erzählt; und er hatte diesem schon wissenden Mädchen mit seinen großen, klaren Augen einen Augenblick überrascht, verlegen gegenübergestanden. In der Folge wurden ihre Beziehungen noch inniger, er gewöhnte sich, wenn sie ihm bei ihren gemeinsamen Studien half, ganz frei zu sprechen, in vollkommener wissenschaftlicher Einfachheit, unter Anwendung des eigentlichen Wortes, als gebe es kein anderes. Auch sie ging, ohne anscheinend etwas anderes darin zu suchen, als das Vergnügen zu lernen und ihm nützlich zu sein, auf alle Fragen ein. Aber sie belustigte ihn oft durch ihre lückenhafte Bildung, durch dieses außergewöhnliche Gemisch sich gegenseitig bekämpfender Kenntnisse: es waren die Unterlehrerinanschauungen ihrer Tante, der Gang der Welt, auf die Schamhaftigkeit der Erziehungsanstalten eingeschränkt, dann die von ihr in den medizinischen Werken gelesenen genauen Tatsachen, die physiologischen Wahrheiten über den Mann und das Weib. Wenn sie etwas Einfältiges sagte, lachte er so herzlich, daß sie zornig wurde: sei es nicht besser, statt zu lachen, ihr den Irrtum zu benehmen? Meistens endete der Streit auch mit einem Unterricht; er vervollkommnete ihre Belehrung als junger, über das Herkommen erhabener Chemiker. Sie wußte schon zuviel, um nicht auch den Rest hören zu können. Überdies vollzog sich durch stetes Lesen eine langsame Arbeit in ihr, sie verknüpfte nach und nach das Gehörte und Gesehene, voller Ehrerbietung indessen für Frau Chanteau, deren wohlanständige Lügen sie des ferneren mit ernster Miene anhörte. Nur vor ihrem Vetter in dem großen Gemach wurde sie zum Jungen, zum Präparator, dem er zurief: »Hast du diese Floridea gesehen?... Sie hat nur ein Geschlecht.« »Ja, ja,« erwiderte sie, »männliche Organe in großen Büscheln.« Dennoch befiel sie eine geheime Verlegenheit. Wenn Lazare sie manchmal brüderlich anstieß, war es ihr einige Augenblicke, als solle sie ersticken, und ihr Herz klopfte heftig. Das Weib, das sie beide vergaßen, erwachte in ihrem Fleische mit dem Triebe ihres Blutes. Eines Tages stieß er sie beim Umdrehen mit dem Ellenbogen. Sie schrie laut und fuhr mit der Hand nach der Brust. Was war's? Hatte er ihr wehe getan? Aber er hatte sie ja kaum berührt; und mit einer natürlichen Bewegung wollte er das Halstuch lüften, um nachzusehen. Sie war zurückgetreten, sie standen sich verlegen mit einem gezwungenen Lächeln gegenüber. An einem anderen Tage weigerte sie sich während eines Experimentes, ihre Hände in kaltes Wasser zu tauchen. Er war erstaunt, ärgerlich: Warum? Was für eine wunderliche Laune? Wenn sie ihm nicht helfen wollte, wäre es besser, sie gehe hinunter. Als er sie erröten sah, verstand er und schaute sie mit aufgerissenen Augen an. So war dieses Ding, dieser jüngere Bruder also wirklich ein Weib? Man konnte sie nicht streifen, ohne daß sie einen Schrei ausstieß; man durfte nicht mehr an allen Tagen des Monats auf sie rechnen! Bei jedem neuen Vorfall gab es ein Staunen, als verwirre und errege eine unvorhergesehene Entdeckung den einen und die andere in ihrer knabenhaften Kameradschaft. Lazare schien sich davon nur gelangweilt zu fühlen. Da sie kein Mann war und ein Nichts sie außer Fassung brachte, war es unmöglich, weiter miteinander zu arbeiten. Pauline hingegen behielt ein gewisses Unbehagen, eine Beängstigung zurück, aus der ein wunderbarer Liebreiz aufkeimte. Von diesem Augenblicke an entwickelten sich in dem Mädchen Empfindungen, von denen sie mit niemandem sprach. Sie log nicht, sie schwieg einfach aus besorgtem Stolze und auch aus Scham. Öfters glaubte Pauline leidend zu sein, vor dem Beginn einer schweren Krankheit zu stehen, denn sie legte sich fiebernd zu Bette, sie glühte vor Schlaflosigkeit und wurde völlig fortgerissen von dem dumpfen Toben des Unbekannten, das über sie gekommen. Am Tage fühlte sie sich nur wie zerschlagen, sie klagte ihren Zustand nicht einmal ihrer Tante. Es kamen wieder plötzliche Anfälle von Hitze, eine nervöse Erregung, unvermutete, sie in Aufruhr versetzende Gedanken und ganz besonders Träume, aus denen sie aufgebracht gegen sich selbst erwachte. Ihre Lektüre, diese leidenschaftlich gelesene Anatomie und Physiologie, hatten in ihr eine derartige Jungfräulichkeit des Körpers zurückgelassen, daß sie bei jeder neuen Erscheinung in kindliches Staunen verfiel. Erst das Nachdenken beruhigte sie: sie war nichts besonderes; sie mußte darauf gefaßt sein, zu sehen, daß dieser für die anderen gemachte Mechanismus des Lebens auch in ihr selbst zu arbeiten begann. Eines Abends nach der Mahlzeit stritten sie über die Torheit der Träume: war das nicht ärgerlich, so wehrlos auf dem Rücken liegen und die Beute wunderlicher Vorstellungen sein zu müssen? Es erbitterte sie besonders, daß im Schlafe ihr Wille tot, ihre Person vollständig ohnmächtig war. Ihr Vetter mit seinen pessimistischen Ansichten griff die Träume ebenfalls an, da sie die vollkommene Glückseligkeit des Nichts stören; während ihr Onkel einen Unterschied machte zwischen angenehmen Träumen, die er liebte, und den Alpdrücken des Fiebers, die er verabscheute. Aber sie steifte sich so fest darauf, daß Frau Chanteau sie ganz erstaunt fragte, was sie denn in der Nacht sehe. Da stammelte sie: nichts, wunderliches Zeug, zu verschwommene Dinge, um eine genaue Erinnerung daran zu bewahren. Sie log auch damit nicht, ihre Träume zogen in einem Zwielicht vorüber, es streiften sie Erscheinungen, ihr weibliches Geschlecht erwachte zum fleischlichen Leben, ohne daß je ein deutliches Bild ihre Empfindung genau erkennen ließ. Sie sah niemanden, sie konnte an eine Liebkosung des Seewindes glauben, der im Sommer durch das offene Fenster eindrang. Inzwischen schien Paulinens große Neigung zu Lazare täglich heftiger zu werden, und bei ihrer geschwisterlichen siebenjährigen Kameradschaft war es nicht nur das unwillkürliche Erwachen des Weibes: sie hatte auch das Bedürfnis, sich ihm zu weihen, ein Blendwerk malte ihn ihr als den Klügsten, Stärksten. Langsam verwandelte sich diese Brüderlichkeit in Liebe mit dem süßen Gestammel aufblühender Leidenschaft, dem kräftig vibrierenden Lachen, mit flüchtigen Berührungen, der bezaubernde Flug nach dem Lande der edlen Zärtlichkeit vollzog sich unter dem Drängen des Schöpfungsinstinktes. Er hatte infolge der Ausschweifungen des Quartier latin weiter keine Neugier für sie übrig und sah daher auch des ferneren in ihr eine Schwester, die sein Begehren nicht streifte. Sie dagegen, noch Jungfrau, betete in dieser Einsamkeit, wo sie nur ihn fand, nach und nach ihn an und gab sich ihm vollkommen hin. Wenn sie vom Morgen bis zum Abend beieinander waren, schien sie nur von seiner Gegenwart zu leben, ihre Augen suchten die seinen, und sie eiferte, ihm dienstbar zu sein. Um diese Zeit staunte Frau Chanteau über Paulinens Frömmigkeit. Sie sah, daß sie zweimal beichten ging. Dann aber schien das Mädchen plötzlich gegen den Abbé Horteur kalt geworden zu sein. Es weigerte sich sogar an drei Sonntagen, die Messe zu besuchen und ging nur wieder dorthin, um ihre Tante nicht zu bekümmern. Übrigens sprach Pauline sich nicht darüber aus, sie mußte durch die Fragen und Auseinandersetzungen des Abbé verletzt sein, der eine grobe Zunge hatte. Bei dieser Gelegenheit erriet Frau Chanteau mit der Witterung einer zärtlichen Mutter die wachsende Liebe Paulinens. Sie schwieg dennoch und sprach nicht einmal zu ihrem Manne davon. Dieses verhängnisvolle Ereignis überraschte sie, denn bis zur Stunde hatte die Möglichkeit einer zarten Neigung, vielleicht gar einer Heirat, nicht zu ihren Plänen gehört. Sie hatte wie Lazare fortgefahren, ihr Mündel wie ein unreifes Mädchen zu behandeln; sie wollte über den Fall nachdenken, nahm sich vor, jene zu überwachen, und tat schließlich nichts von allem, weil sie sich im Grunde wenig um Dinge scherte, die nicht zum Vergnügen ihres Sohnes gehörten. Die heißen Augusttage waren gekommen, der junge Mann bestimmte eines Abends, daß man am folgenden Tage auf dem Wege nach der Fabrik ein Bad nehmen werde. Von ihren Schicklichkeitsgedanken gequält, begleitete sie die Mutter trotz der schrecklichen Hitze der Dreiuhrsonne. Sie setzte sich neben Mathieu auf die glühenden Strandsteine und beschützte sich mit ihrem Sonnenschirm, unter den auch der Hund seinen Kopf zu stecken suchte. »Nun! wohin geht sie denn?« fragte Lazare, als er Pauline hinter einem Felsen verschwinden sah. »Sie will sich natürlich entkleiden!« sagte Frau Chanteau. »Drehe dich um, du belästigst sie, das ist nicht schicklich.« Er war sehr erstaunt und blickte weiter nach der Seite des Felsens, wo ein weißer Hemdzipfel flatterte, dann richtete er die Augen wieder auf seine Mutter und entschloß sich, ihr den Rücken zu kehren. Er selbst zog sich eiligst aus, ohne ein Wort hinzuzufügen. »Bist du fertig?« rief er endlich. »Das sind aber Umstände! Was sollen die Flausen?« Leichtfüßig, mit einem übertrieben heiteren Lachen, aus dem eine leichte Verwirrung hervorklang, eilte Pauline herbei. Seit der Heimkehr ihres Vetters hatten sie noch nicht gemeinsam gebadet. Sie hatte ein aus einem Stück gemachtes Schwimmkostüm angelegt, das, um den Leib durch einen Gürtel festgehalten, die Hüften freiließ. Mit ihren geschmeidigen Lenden, der gewölbten Brust glich sie so verzierlicht einem florentinischen Marmorbildwerk. Ihre nackten Arme und Beine, die bloßen, mit Sandalen bekleideten kleinen Füße hatten die Weiße eines Kindes bewahrt. »Na?« begann Lazare von neuem. »Gehen wir bis zu den Picochets?« »Gewiß, bis zu den Picochets«, erwiderte Pauline. Frau Chanteau rief ihnen nach: »Entfernt euch nicht zu weit... Ihr macht mir immer angst!« Aber schon waren sie im Wasser. Die Picochets, eine Gruppe von Felsen, von denen einige selbst bei hoher Flut unbedeckt blieben, befanden sich ungefähr einen Kilometer vom Ufer entfernt. Sie schwammen beide ohne Hast nebeneinander wie zwei Freunde, die auf einem schönen, geraden Wege einen Spaziergang machen. Zuerst war ihnen Mathieu gefolgt. Als er sie immer weiter schwimmen sah, war er zurückgekehrt, hatte sich abgeschüttelt und Frau Chanteau vollständig bespritzt. Nutzlose Heldentaten waren seiner Faulheit zuwider. »Du bist klug«, sagte die alte Dame. »Du lieber Gott, ist es erlaubt, sein Leben so auf das Spiel zu setzen!« Sie unterschied kaum die Köpfe von Lazare und Pauline, sie glichen auf der Oberfläche der Wellen treibenden Büscheln Meergras. Es war ziemlich bewegte See; sie drangen, von den weichen Wogen geschaukelt, langsam vor und plauderten ruhig von den Algen, die in der Durchsichtigkeit des Wassers unter ihnen vorüberschwammen. Pauline legte sich ermüdet auf den Rücken, das Antlitz gen Himmel gewendet und verlor sich in die Unendlichkeit des tiefen Blaus. Dieses Meer, das sie wiegte, war ihre vertraute Freundin geblieben. Sie liebte seinen scharfen Atem, seine eisige, keusche Flut; sie überließ sich ihm, glücklich sein endloses Rieseln gegen ihr Fleisch zu verspüren, sie durchkostete die Freude dieser gewaltigen Leibesübung, welche die Schläge ihres Herzens regelte. Sie stieß einen leisen Schrei aus. Beunruhigt fragte ihr Vetter: »Was ist geschehen?« »Ich glaube, mein Leibchen ist geplatzt... Ich habe den rechten Arm zu stramm ausgestreckt.« Und beide scherzten. Sie hatte wieder langsam zu schwimmen begonnen und lächelte leise, als sie den Unfall wahrnahm: die Achselnaht war geplatzt und Brust und Schulter nun völlig entblößt. Der junge Mann sagte ihr aufgeräumt, sie möge doch in ihren Taschen nachsehen, ob sie nicht Stecknadeln bei sich hätte. Indessen waren sie bei den Picochets angekommen, er stieg ihrer Gewohnheit gemäß auf einen Felsen, um vor der Rückkehr an das Land Atem zu schöpfen. Sie schwamm unverdrossen weiter um die Klippe herum. »Du steigst nicht herauf?« »Nein, ich befinde mich hier sehr wohl.« Er vermutete eine Laune ihrerseits und ärgerte sich. War das vernünftig? Wenn sie nicht einen Augenblick ausruhte, konnten ihr die Kräfte während der Rückkehr ausgehen. Aber sie blieb eigensinnig dabei, sie antwortete auch nicht mehr und schwamm mit leisem Geräusch bis zu dem Kinn im Wasser umher, wobei das entblößte Weiß ihrer Schultern verschwommen und milchig wie Perlmutter in das Wasser tauchte. Gegen das offene Meer hin war der Fels zu einer Art Grotte ausgehöhlt, in der sie früher, angesichts des leeren Horizontes Robinson gespielt hatten. Auf der anderen Seite zeichnete sich Frau Chanteau wie der schwarze verlorene Punkt eines Insektes am Strande ab. »Verdammter Charakter!« rief endlich Lazare, sich wieder ins Wasser stürzend. »Wenn du einen Schluck trinkst, lasse ich dich auf Ehrenwort ruhig trinken.« Sie schwammen langsam zurück. Sie schmollten und sprachen nicht mehr miteinander. Als er sie keuchen hörte, sagte er ihr, sie möge sich wenigstens auf den Rücken legen. Sie schien nicht zu verstehen. Der Riß erweiterte sich: bei der geringsten Wendebewegung hätte ihre Brust wie eine Blüte der Algen zur Oberfläche emportauchen müssen. Jetzt begriff er klar; da er ihre Ermüdung bemerkte und fühlte, daß sie das Ufer nimmermehr erreichen werde, näherte er sich ihr entschlossen, um sie zu stützen. Sie wollte sich wehren und allein weiter schwimmen; schließlich aber mußte sie sich ihm überlassen. Eng aneinander geschmiegt, sie quer vor ihm liegend, näherten sie sich dem Strande. Frau Chanteau war entsetzt herbeigelaufen, während Mathieu, bis zum Bauche im Wasser, aufheulte. »Mein Gott! Welche Unvernunft!... Ich sagte gleich, ihr ginget zu weit.« Pauline war ohnmächtig geworden. Lazare trug sie wie ein Kind ans Ufer; sie ruhte jetzt halb nackt an seiner Brust, beide von Salzwasser triefend. Bald seufzte sie und öffnete die Augen. Als sie den jungen Mann erkannte, brach sie in ein heftiges Schluchzen aus, sie erstickte ihn fast in einer nervösen Umarmung, indem sie ihm mit vollen Lippen auf gut Glück das Gesicht küßte. Das geschah wie unbewußt, aus freiem Antriebe der Liebe, die aus dieser Todesgefahr erstand. »Oh, wie gut du bist, Lazare. Oh! Wie ich dich liebe!« Er war von dem Ungestüm dieses Abküssens ganz durchschauert. Als Frau Chanteau sie wieder ankleidete, entfernte er sich von selbst. Die Heimkehr nach Bonneville war lieblich und mühsam zugleich, denn beide schienen wie gebrochen vor Mattigkeit. Zwischen ihnen schritt die Mutter einher und sagte sich, daß die Stunde gekommen sei, einen Entschluß zu fassen. Auch anderes beunruhigte die Familie. Die Schatzfabrik war gebaut, und seit acht Tagen erprobte man die Apparate, die jämmerliche Ergebnisse ergaben. Lazare mußte bekennen, daß er einige Stücke schlecht zusammengestellt hatte. Er begab sich nach Paris, um seinen Meister Herbelin zu Rate zu ziehen und kam verzweifelt zurück: alles mußte von neuem gemacht werden; der große Chemiker hatte seine Methode inzwischen verbessert, was eine vollständige Abänderung der Apparate nötig machte. Inzwischen waren die sechzigtausend Franken bereits verschlungen; Boutigny weigerte sich, auch nur einen einzigen Sou darüber herzugeben: vom Morgen bis zum Abend sprach er mit der unerträglichen Verbohrtheit des praktischen und jetzt triumphierenden Mannes in bitterem Tone über die geschehenen Verschleuderungen. Lazare juckte es, ihn durchzuprügeln. Er hätte vielleicht alles im Stich gelassen, wenn ihn nicht der angstvolle Gedanke, die dreißigtausend Franken von Pauline in diesem Abgrunde verloren zu sehen, zurückgehalten hätte. Seine Rechtschaffenheit, sein Stolz lehnten sich dagegen auf: man konnte nicht so ein Geschäft preisgeben, das später Millionen einbringe. »Verhalte dich ruhig«, wiederholte seine Mutter, als sie ihn krank vor Ungewißheit sah. »So weit ist es mit uns noch nicht gekommen, daß wir nicht wüßten, wo wir einige tausend Franken hernehmen sollen.« In Frau Chanteau reifte ein Plan. Nachdem sie der Gedanke an eine Heirat zwischen Lazare und Pauline zuerst überrascht hatte, schien er ihr jetzt ganz annehmbar. Sie waren schließlich nur neun Jahre auseinander, ein täglich gutgeheißener Altersunterschied. Kam diese Geschichte nicht wie gerufen, um die Sache ins Reine zu bringen? Lazare werde in Zukunft für seine Gattin arbeiten, nicht mehr von seiner Schuld gequält werden und könne von Pauline selbst die nötige Summe borgen. Im Grunde allerdings wurde Frau Chanteau von unbestimmten Gewissensbissen bedrückt, von der Furcht vor einer schließlichen Katastrophe, dem Ruine ihres Mündels. Doch sie wies den Gedanken an ein solches Ende als unmöglich zurück: War nicht Lazare ein Mann von Genie? Er werde Pauline bereichern; sie mache ein gutes Geschäft. Ihr Sohn mochte arm sein, er war doch ein Vermögen wert, wenn sie ihn hergab. Die Heirat wurde in höchst einfacher Weise beschlossen. Eines Morgens fragte die Mutter das Mädchen in seinem Zimmer aus; Pauline öffnete ihr sofort mit heiterer Ruhe ihr Herz. Dann riet sie ihr, Müdigkeit vorzuschützen, und begleitete ihren Sohn allein zur Fabrik. Als sie ihm auf dem Rückwege ihren Plan eingehend auseinandersetzte, die Liebe der kleinen Base, das Passende einer derartigen Heirat, die Vorteile, welche jeder daraus ziehen werde, schien er zuerst verblüfft. Er hatte nie an dergleichen gedacht; wie alt war denn das Kind eigentlich? Dann war er tief bewegt. Gewiß, auch er liebte sie und werde tun, was man wolle. Als sie heimkehrten, war Pauline, um sich zu beschäftigen, gerade im Begriff, den Tisch zu decken, während ihr Onkel mit der ihm auf den Schoß gefallenen Zeitung Minouche beobachtete, die sich niedlich den Bauch leckte. »Nun, was ist los, man will heiraten?« sagte Lazare und verbarg seine Erregung unter einer geräuschvollen Munterkeit. Sie stand mit einem Teller in der Hand dunkelrot da, und das Wort war ihr wie abgeschnitten. »Wer will heiraten?« fragte der Onkel, als erwache er plötzlich. Seine Frau hatte ihn schon am Morgen verständigt; aber die leckerhafte Art, mit der die Katze die Zunge über ihr Fell führte, nahm ihn völlig in Anspruch. Er erinnerte sich indessen sofort. »Ach ja!« rief er. Dabei äugelte er die jungen Leute schalkhaft an, während ein schmerzliches Stechen im rechten Fuß seinen Mund verzerrte. Pauline hatte den Teller leise niedergestellt. Endlich sagte sie zu Lazare: »Wenn du willst, ich bin gern bereit.« »Vorwärts, abgemacht, umarmt euch«, sagte Frau Chanteau, während sie ihren Strohhut an den Nagel hängte. Das Mädchen ging mit ausgestreckten Händen zuerst auf ihn zu. Er nahm diese immer noch lächelnd in die seinen und scherzte: »Du hast also die Puppe beiseite geworfen? ... Darum also bist du eine solche Geheimniskrämerin geworden, daß man nicht einmal mehr zusehen durfte, wie du dir die Fingerspitzen wuschest! ... Und den armen Lazare hast du dir zum Opfer ausersehen?« »Oh, Tante, sage ihm, er möge schweigen, oder ich flüchte«, flüsterte sie verlegen und suchte sich zu befreien. Nach und nach zog er sie an sich und spielte noch so mit ihr wie zu der Zeit ihrer Schulfreundschaft. Plötzlich drückte sie ihm einen schallenden Kuß auf die Wange, den er ihr auf ein Ohr wiedergab. Dann fuhr er, von einem nicht eingestandenen Gedanken trübe gestimmt, fort: »Du bist einen seltsamen Handel eingegangen, mein armes Kind! Wenn du wüßtest, wie alt ich im Grunde bin! ... Aber schließlich bist du ja mit mir zufrieden!« Die Mahlzeit verlief geräuschvoll. Alle sprachen zugleich, machten Zukunftspläne, als befänden sie sich zum ersten Male beisammen. Veronika, die mitten in der Verlobungsszene in das Zimmer getreten war, schlug hastig, ohne ein Wort zu sagen, die Küchentür zu. Beim Nachtisch wurden endlich die ernsten Fragen erörtert. Die Mutter erklärte, daß die Hochzeit nicht vor zwei Jahren stattfinden könne: ihr solle nicht vorgeworfen werden, daß sie mit Hilfe ihres Sohnes einen Druck auf das noch junge Kind ausgeübt habe. Diese Frist von zwei Jahren machte Pauline ungemein bestürzt, aber die Ehrlichkeit der Tante rührte sie so ungemein, daß sie aufstand, um sie zu küssen. Man setzte einen Termin fest, die jungen Leute würden sich gedulden und inzwischen die ersten Taler von den zukünftigen Millionen verdienen. Die Geldfrage wurde mit Begeisterung behandelt. »Nimm aus dem Schubfach, Tante«, wiederholte das junge Mädchen, »alles, was du willst! Es gehört ihm jetzt ebenso gut wie mir.« Frau Chanteau erklärte sich dagegen. »Nein, nein, es wird kein Sou unnütz herausgenommen. Du weißt, man kann schon Vertrauen zu mir haben, eher ließe ich mir die Hände abschneiden ... Ihr gebraucht da unten noch zehntausend Franken; ich gebe euch diese zehntausend Franken und schließe dann doppelt ab. Das Geld ist geheiligt.« »Mit zehntausend Franken ist mir der Erfolg sicher«, sagte Lazare. »Die größten Ausgaben sind gemacht, es wäre ein Verbrechen, den Mut zu verlieren. Ihr werdet sehen; ihr werdet sehen! Und dich, meine Vielgeliebte, werde ich am Hochzeitstage mit einem goldenen Kleide schmücken.« Die Freude wurde durch die plötzliche Ankunft des Doktors Cazenove vermehrt. Er war ins Dorf gekommen, um einem Fischer, der sich die Finger unter einem Boot zerquetscht hatte, einen Verband anzulegen; und man hielt ihn zurück, man zwang ihn, eine Tasse Tee zu trinken. Die große Neuigkeit schien ihn nicht zu überraschen. Nur als er die Chanteau über die Ausbeutung der Algen sich begeistern hörte, sah er Pauline unruhig an. »Zweifelsohne ist der Gedanke sinnreich, man kann einen Versuch machen«, sagte er. »Aber Renten zu haben ist noch viel sicherer. An eurer Stelle würde ich mich sogleich in mein Nest zurückziehen und glücklich sein.« Er unterbrach sich, da er einen Schatten die Augen des jungen Mädchens verdunkeln sah. Die lebhafte Neigung, die er für Pauline empfand, ließ ihn gegen seine Überzeugung fortfahren: »Das Geld hat sein Gutes, – verdient nur recht viel davon ... Ihr wißt, ich tanze auf eurer Hochzeit. Ja, ich werde den Zambuco der Karaiben tanzen, den ihr, wette ich, noch nicht kennt ... Wartet. Beide Hände wie Mühlenflügel vor dem Winde, und dabei schlägt man sich auf die Schenkel und dann immer herum um den Gefangenen, wenn er gar gebraten ist und die Weiber ihn zerlegen.« Die Monate vergingen weiter. Jetzt hatte Pauline ihre heitere Ruhe wiedergefunden, nur die Ungewißheit belastete ihre freimütige Natur. Das Bekenntnis ihrer Liebe, der für die Heirat festgesetzte Termin schienen selbst den Aufruhr ihres Fleisches beschwichtigt zu haben. Sie nahm ohne Fieber das Aufblühen des Lebens hin, diese langsame Entwicklung ihres Körpers, diese rote Woge ihres Blutes; alles das, was sie einen Augenblick bei Tage gequält und ihr des Nachts Gewalt angetan hatte. War es nicht das gemeinsame Gesetz? Man wußte heranwachsen, um zu lieben. Übrigens änderte sich ihr Verhältnis zu Lazare kaum, alle beide setzten ihr Leben in gemeinsamer Arbeit fort; er in steter Geschäftigkeit, vor einem Ausbruch der Triebe durch seine Abenteuer in den Mietswohnungen geschützt, sie so schlicht und rechtlich in der Ruhe des wissenden jungfräulichen Mädchens, daß sie wie durch eine doppelte Rüstung dagegen geschützt war. Manchmal indessen nahmen sie sich in dem überfüllten Zimmer bei den Händen und lachten mit zärtlicher Miene. Bald war es eine physiologische Abhandlung, die sie miteinander durchblätterten, wobei sich ihre Haare berührten; bald auch lehnten sie einen Augenblick aneinander, wenn sie eine purpurne Phiole mit Brom, die veilchenfarbene Probe einer Jodart betrachteten; oder sie beugte sich auch wohl neben ihm über die Instrumente, die den Tisch und das Klavier bedeckten; sie rief ihn, um sich von ihm bis zum obersten Brette des Schrankes emporheben zu lassen. Aber in diesen fast stündlichen Berührungen lag nichts anderes als erlaubte Liebkosungen, die ebenso gut vor den Augen der Eltern ausgetauscht werden konnten, eine gute, kaum durch einen Anflug von sinnlicher Freude erwärmte Freundschaft zwischen Vetter und Base, die sich eines Tages heiraten sollten. Sie waren, wie auch Frau Chanteau sagte, wahrhaft verständig. Als Luise kam und sich mit ihrem niedlichen Gesicht eines gefallsüchtigen Mädchens zwischen sie stellte, schien Pauline selbst nicht mehr eifersüchtig zu sein. Ein volles Jahr verstrich auf diese Weise. Die Fabrik arbeitete nunmehr und vielleicht war gerade die Sorge, die ihnen diese verursachte, ihr Schutzgeist. Nach einer schwierigen Wiederaufstellung der Apparate schienen die ersten Erfolge ausgezeichnet; allerdings war die Leistungsfähigkeit der Fabrik mittelmäßig, aber bei Verbesserung der Methode, Vermehrung der Sorgfalt und Tätigkeit mußte man es zu einer ungeheuren Produktion bringen. Boutigny hatte schon bedeutende Abnehmer verpflichtet, sogar zu weitgehende Verbindungen angeknüpft. Das Glück schien gesichert. Fortan machte diese Hoffnung sie eigensinnig; sie kämpften gegen die drohenden Anzeichen des Ruins; die Fabrik wurde zum Abgrund, in den sie das Geld mit vollen Händen schleuderten, immer in der Überzeugung, daß sie es in der Tiefe als Goldbarren wiederfinden würden. Jedes neue Opfer vergrößerte nur ihre Hartnäckigkeit. Anfangs nahm Frau Chanteau keine Summe aus dem Schubfach des Schreibsekretärs, ohne Pauline vorher davon zu verständigen. »Am Sonnabend müssen Zahlungen geleistet werden, Kleine, es fehlen euch dreitausend Franken ... Willst du mit mir hinaufsteigen, um das Papier auszuwählen, das wir verkaufen wollen?« »Aber du kannst es ja allein wählen«, sagte das Mädchen. »Nein, du weißt, ich tue nichts ohne dich. Das ist dein Geld.« Dann lockerte Frau Chanteau diese eigene Strenge. Eines Abends gestand ihr Lazare eine Schuld, die er Pauline verborgen hatte: fünftausend Franken für Kupferröhren, die man nicht einmal benutzte. Da die Mutter soeben mit dem Mädchen dem Schubfach einen Besuch gemacht hatte, kehrte sie allein dorthin zurück, entnahm angesichts der Verzweiflung ihres Sohnes die fünftausend Franken und faßte den Vorsatz, sie beim ersten Gewinn wieder zurück zu erstatten. Aber von diesem Tage an war die Bresche offen; sie gewöhnte sich daran und schöpfte, ohne zu zählen. Sie fand es schließlich verletzend in ihrem Alter, in steter Abhängigkeit von dem Willen eines Kindes zu sein und nährte gegen dieses einen geheimen Groll. Man werde jener ihr Geld schon wiedergeben; wenn es ihr auch gehöre, so sei es noch kein genügender Grund, um sich keinen Schritt mehr erlauben zu dürfen, ohne vorher ihre Einwilligung erbeten zu haben. Seitdem sie ein Loch in den Schubkasten gemacht, bestand sie nicht mehr auf die Begleitung Paulines. Diese fühlte sich dadurch erleichtert; denn trotz ihres guten Herzens waren ihr diese Besuche am Schreibsekretär peinlich: die Vernunft warnte sie vor einer Katastrophe, die kluge Sparsamkeit ihrer Mutter empörte sich in ihr. Zuerst wunderte sie sich über das Schweigen der Frau Chanteau. Sie fühlte wohl, daß das Geld nichtsdestoweniger davonfloß, daß man sich einfach ohne sie behalf. In der Folge aber gab sie diesem Vorgehen den Vorzug. Wenigstens hatte sie nicht das Mißvergnügen, den Haufen Papiere jedesmal kleiner werden zu sehen. Von da an fand zwischen den beiden zu gewissen Stunden nur ein hastiger Austausch von Blicken statt: starr und unruhig der Blick der Nichte, wenn sie ein neues Darlehen witterte; unstet derjenige der Tante, die es empörte, sich abwenden zu müssen. Es war so etwas wie Haß, was in ihnen zu gären begann. Unglücklicherweise wurde in diesem Jahr über Davoine der Konkurs eröffnet. Dieses Mißgeschick hatte man vorausgesehen, trotzdem war es ein harter Schlag für die Chanteau. Sie waren jetzt ausschließlich auf die dreitausend Franken Rente angewiesen. Alles, was sie aus dem Zusammenbruche retten konnten, waren zwölf tausend Franken, die sogleich in Rente angelegt wurden und ihnen alles in allem dreihundert Franken für den Monat voll machten. So mußte Frau Chanteau schon in der zweiten Hälfte des ersten Monats fünfzig Franken vom Gelde Paulines wegnehmen: der Metzger von Verchemont wartete unten mit seiner Rechnung, man konnte ihn nicht zurückschicken. Dann waren es hundert Franken für den Ankauf einer Auslaugemaschine, dann wieder zehn Franken für Kartoffeln und schließlich fünfzig Sous für Fische. Sie war dahin gelangt, Lazare und die Fabrik von Tag zu Tag mit kleinen, beschämenden Summen zu erhalten. Sie sank noch tiefer bis auf die Centimes für den Haushalt, bis auf die elendiglich zugestopften Löcher der Schuld. Gegen das Ende des Monats sah man sie unaufhörlich mit behutsamen Schritten verschwinden und fast sogleich die Hand in der Tasche wiederkommen, aus der sie die Sous für irgendeine Rechnung einzeln hervorholte. Die Gewohnheit war einmal da, sie lebte nur noch von dem Schubkasten des Schreibsekretärs, fortgerissen, ohne sich weiter zu sträuben. Wenn sie wie besessen täglich dorthin lief und die Platte niederließ, stieß das alte Möbel ein leises Kreischen aus, das ihre Nerven erschütterte. Welch ein alter Kasten! Und sich sagen zu müssen, daß sie sich nie ein eigenes Schreibbüro hatte kaufen können. Dieser würdige Sekretär, der mit einem Vermögen vollgepfropft, dem Hause einen Anstrich von Freundlichkeit und Reichtum gegeben hatte, richtete es jetzt zu Grunde; er glich einem mit allen Plagen vergifteten Kasten, aus dessen Fugen das Unheil drang. Eines Abends kam Pauline aus dem Hofe hereingelaufen und schrie: »Der Bäcker! ... Man schuldet ihm für drei Tage, zwei Franken fünfundachtzig Centimes!« Frau Chanteau durchsuchte ihre Taschen. »Ich muß erst hinaufgehen«, murmelte sie dann. »Bleib nur,« antwortete das Mädchen unüberlegt, »ich werde selbst hinaufgehen ... Wo ist dein Geld?« »Nein, nein, du würdest es nicht finden ... Es ist an einer Stelle ...« Die Tante stammelte etwas; beide wechselten den stummen Blick, der sie erbleichen ließ. Ein peinliches Zögern folgte, dann ging Frau Chanteau hinauf, ganz kalt vor verhaltener Wut, da sie die klare Empfindung hatte, daß ihr Mündel wußte, woher sie die zwei Franken fünfundachtzig Centimes nehme. Warum hatte sie auch so oft das im Schubkasten schlummernde Geld gezeigt? Ihre alte, schwatzhafte Ehrlichkeit erbitterte sie; diese Kleine mußte ihr im Geiste folgen, sie öffnen, darin wühlen und wieder schließen sehen. Als sie nachdem hinabgekommen war und den Bäcker bezahlt hatte, brach ihr Zorn gegen das Mädchen los. »Nun, dein Kleid ist ja recht sauber, woher kommst du denn? ... Du hast wieder Wasser für den Gemüsegarten geschöpft? Laß doch Veronika ihre Arbeit machen. Du machst dich wohl absichtlich schmutzig, scheinst nicht zu wissen, was das kostet ... Deine Pension ist nicht so groß, ich kann kaum mehr damit auskommen! ...« Sie fuhr in diesem Tone fort. Pauline, die sich zuerst zu verteidigen versucht hatte, hörte ihr jetzt schweigend mit schwerem Herzen zu. Sie fühlte sehr wohl, daß die Tante sie seit einiger Zeit weniger und immer weniger liebte. Sie weinte, wenn sie mit Veronika allein war; und die Magd begann mit ihren Kesseln herumzuklappern, um nicht genötigt zu sein, sich für oder wider auszusprechen. Sie brummte noch immer über das junge Mädchen, aber in ihrer Grobheit erwachte jetzt dann und wann schon die Gerechtigkeit. Der Winter kam, Lazare verlor den Mut. Wieder war seine Leidenschaft verraucht, die Fabrik stieß ihn ab, entsetzte ihn. Im November wurde er angesichts einer neuen Geldklemme von Furcht erfaßt. Er hatte andere überstanden, aber diese machte ihn zittern; er verzweifelte an allem und klagte die Wissenschaft an. Seine Ausbeutungsgedanken seien blöde; man könne wohl die Methoden verbessern, der Natur werde man doch nicht entreißen, was sie nicht geben wolle. Er schmähte seinen Meister, den berühmten Herbelin, der die Gefälligkeit gehabt hatte, einen Abstecher von einer Reise zu machen, um die Fabrik in Augenschein zu nehmen und verlegen genug vor den Apparaten gestanden hatte, die vielleicht zu groß in der Anlage waren, wie er sagte, um mit derselben Genauigkeit wie die kleinen seines Studierzimmers arbeiten zu können. Mit einem Worte, der Versuch schien in der Tat gemacht, aber die Wahrheit war, daß man für die Kältereaktionen noch nicht das Mittel gefunden hatte, die niedrigen Temperaturen auf dem gewünschten Grade festzuhalten. Lazare entzog den Algen wohl eine gewisse Anzahl Pottaschenbrom; da es ihm jedoch in der Folge nicht gelang, die vier oder fünf Körper, die er in den Abgang werfen mußte, genügend zu isolieren, so wurde der Betrieb zum Unglück. Er wurde krank, er erklärte sich für besiegt. An dem Abend, an dem Frau Chanteau und Pauline ihn anflehten, sich zu beruhigen, einen äußersten Versuch zu wagen, fand ein schmerzlicher Auftritt statt; es gab verletzende Worte und Tränen, Türen wurden mit solcher Heftigkeit zugeschlagen, daß Chanteau bestürzt in seinem Lehnstuhl in die Höhe fuhr. »Ihr werdet mich noch töten!« schrie der junge Mann und schloß sich, von einer kindischen Verzweiflung völlig niedergeschmettert, doppelt ein. Beim Frühstück des nächsten Tages wies er ein mit Zahlen bedecktes Papier vor. Man hatte bereits an hunderttausend Franken von den hundertachtzigtausend des Mädchens aufgezehrt. War es vernünftig, so fortzufahren? Alles werde verloren gehen; und seine Furcht vom Vorabend ließ ihn von neuem erbleichen. Übrigens gab ihm seine Mutter jetzt Recht; sie hatte ihm nie widersprochen, sie liebte ihn bis zur Mitschuld an seinen Fehlern. Nur Pauline machte noch etliche Einwendungen. Die Ziffer von hunderttausend Franken betäubte sie. Wie! So weit war man schon gekommen? Er hatte ihr bereits mehr als die Hälfte ihres Vermögens genommen? Hunderttausend Franken waren verloren, wenn er von weiteren Kämpfen abstand! Aber sie sprach vergebens, während Veronika den Tisch abdeckte. Um nicht in Vorwürfe auszubrechen, eilte sie zuletzt verzweifelt in ihr Zimmer und schloß sich dort ein. Hinter ihr war tiefe Stille eingetreten, die verlegene Familie vergaß sich am Tische. »Das Kind ist geizig, ein häßlicher Fehler«, sagte endlich die Mutter. »Ich will nicht, daß Lazare sich durch Anstrengungen und Verdrießlichkeiten tötet.« Der Vater wagte mit schüchterner Stimme zu sagen: »Von einer solchen Summe hatte man mir nichts gesprochen! ... Hunderttausend Franken! Mein Gott, das ist ja entsetzlich!« »Was sind denn hunderttausend Franken?« unterbrach sie ihn kurz angebunden nach ihrer Weise, man wird sie ihr zurückgeben ... Wenn unser Sohn sie heiratet, ist er Mann genug, um hunderttausend Franken zuverdienen.« Man machte sich sofort an die Auflösung der Fabrik. Boutigny hatte Lazare durch eine Aufstellung der mißlichen Lage so in Schrecken versetzt. Als er seinen Teilhaber zum Rücktritt entschlossen sah, erklärte er zuerst, sich in Algier niederlassen zu wollen, wo seiner eine ausgezeichnete Stellung wartete. Dann bezeugte er Neigung zur Übernahme der Fabrik; er schützte aber einen solchen Widerwillen dagegen vor, stellte so verwickelte Rechnungen auf, daß ihm der Grund und Boden, die Baulichkeiten und Apparate für die zwanzigtausend Franken Schulden zufielen; Lazare mußte es in den letzten Augenblicken noch als einen Sieg betrachten, von ihm fünftausend Franken in Wechseln herausgezogen zu haben, die von drei zu drei Monaten zahlbar waren. Am folgenden Tage verkaufte Boutigny die Kupferapparate, richtete die Gebäude zur Anfertigung von Soda für Handelszwecke im großen ein, und ohne sich mit irgendwelchen wissenschaftlichen Forschungen abzugeben, verfuhr er ganz nach der erprobten, praktischen Methode. Pauline schämte sich ihrer ersten Regung eines sparsamen und vorsichtigen Mädchens und war wieder sehr heiter und freundlich geworden, als müsse sie wegen eines Fehlers um Verzeihung betteln. Als Lazare sodann die fünftausend Franken in Wechseln brachte, triumphierte Frau Chanteau. Das Mädchen mußte sie eigenhändig in den Schubkasten zurücklegen. »Immerhin sind es fünftausend Franken, die wir wieder erwischt haben, meine Liebe ... Sie gehören dir, hier sind sie. Mein Sohn hat für alle seine Mühe auch nicht einen einzigen Franken für sich behalten wollen.« Seit einiger Zeit machte sich Chanteau in seinem Gichtstuhle große Sorgen. Obgleich er seiner Frau keine Unterschrift zu verweigern wagte, ängstigte ihn dennoch die Art und Weise, mit der sie das Vermögen ihres Mündels verwaltete; die Summe von hunderttausend Franken tönte ihm fortwährend in den Ohren. Wie konnte man an dem Tage, an welchem er Rechnung zu legen hatte, ein derartiges Loch zustopfen? Und das Schlimmste war, daß der Gegenvormund, dieser Saccard, der damals ganz Paris von seinen Spekulationen reden machte, sich plötzlich Paulinens erinnerte, nachdem er sie acht Jahre lang vergessen zu haben schien. Er schrieb, erbat Nachrichten und sprach sogar davon, eines schönen Morgens in Bonneville zu sein, weil er sich in Geschäften nach Cherbourg begeben müsse. Was antworten, wenn er, wie es sein gutes Recht war, von dem Stande der Dinge unterrichtet zu sein wünschte? Sein plötzliches Erwachen nach einer so langen Gleichgültigkeit wurde bedrohlich. Als Chanteau endlich diesen Gegenstand vor seiner Frau berührte, fand er diese mehr von Neugier als von Unruhe geplagt. Für einen Augenblick hatte sie die Wahrheit gewittert, sich gedacht, daß Saccard inmitten des Galopps seiner Millionen vielleicht ohne einen Sou war und nun den Gedanken gefaßt hatte, sich Paulinens Geld aushändigen zu lassen mit dem Versprechen, es zu verzehnfachen. Dann aber führten sie ihre Gedanken auf Abwege; sie fragte sich, ob möglicherweise das junge Mädchen selbst in einer Anwandlung von Rache ihrem Gegenvormund geschrieben habe. Als aber diese Vermutung ihren Mann in Harnisch brachte, erdachte sie sich eine verwickelte Geschichte, die Abfassung anonymer Briefe seitens jener Kreatur des Boutigny, dieser Dirne, die zu empfangen sie sich geweigert und die in den Läden von Verchemont und Arromanches an ihnen kein gutes Haar lasse. »Schließlich schlage ich ihnen allen ein Schnippchen!« sagte sie. »Es ist wahr, die Kleine ist noch nicht achtzehn Jahre alt, aber ich brauche sie nur unverzüglich mit Lazare zu verheiraten; die Ehe macht sie gesetzlich selbständig.« »Bist du dessen gewiß?« sagte Chanteau. »Gewiß! Ich las es erst heute früh im Gesetzbuche.« In der Tat studierte Frau Chanteau jetzt das Gesetzbuch. Ihre letzten Zweifel stritten in ihr, und sie suchte nach Ausflüchten. Die fortgesetzte Abbröckelung ihrer Rechtschaffenheit, welche die Versuchung der bei ihr schlummernden großen Summen stündlich ein wenig vernichtete, hatte ihr Interesse auf die dunkle Arbeit einer Erbschleicherei unter gesetzlicher Form gelenkt. Übrigens entschied sich Frau Chanteau trotzdem nicht für die Anberaumung der Heirat. Pauline hätte nach dem Verluste des Geldes die Sache am liebsten beschleunigt: warum noch sechs Monate bis zu ihrem achtzehnten Jahre warten? Es war besser, ein Ende zu machen und nicht darauf zu bestehen, daß sich Lazare erst eine Stellung verschaffte. Sie wagte es, mit ihrer Tante darüber zu sprechen, die, etwas beklommen, schnell eine Lüge erfand; sie schloß die Tür, um ihr mit leiser Stimme eine geheime Qual ihres Sohnes zu bekennen: er war sehr zartfühlend, litt darunter, sie früher zu heiraten, ehe er ihr ein Vermögen mitbringen könne, da er das ihre jetzt auf das Spiel gesetzt habe. Das Mädchen hörte voller Staunen zu, ohne diese romanhafte Spitzfindigkeit zu verstehen. Er hätte ganz arm sein können, sie würde ihn ebensogut geheiratet haben, da sie ihn liebte. Wie lange solle denn noch gewartet werden? Vielleicht ewig? Frau Chanteau wies eine solche Vermutung erregt zurück; sie übernehme es, dieses übertriebene Ehrlichkeitsgefühl zu überwinden, vorausgesetzt, daß man nicht mit Ungestüm zu Werke gehen wolle. Nachdem sie geendet, ließ sie sich von Pauline Stillschweigen versprechen, denn sie befürchtete einen unüberlegten Streich, eine plötzliche Abreise des jungen Mannes an dem Tage, an dem er sich erraten, durchschaut sehe und seine Gedanken erörtert wisse. Pauline, von Unruhe erfaßt, mußte sich zur Geduld und zum Schweigen bequemen. Chanteau, den die Furcht vor Saccard keine Ruhe ließ, sagte indessen zu seiner Frau: »Wenn die Ehe alles in Ordnung bringt, verheirate die Kinder doch.« »Es eilt nicht«, entgegnete sie. »Noch ist die Gefahr nicht vor der Tür.« »Du willst sie aber doch eines Tages verheiraten und hast deine Absicht nicht geändert, denke ich? Sie würden den Tod davon haben.« »Den Tod davon haben! Solange etwas noch nicht getan ist, kann es auch ganz unterbleiben, namentlich wenn die Sache sich verschlechtert. Und dann: sie sind beide frei, sie werden sehen, ob es ihnen immer noch gefällt.« Pauline und Lazare hatten ihr altes, gemeinsames Leben wiederaufgenommen, beide durch die Strenge eines schrecklichen Winters an das Haus gefesselt. In der ersten Woche sah sie ihn so traurig, so beschämt über sich selbst und so aufgebracht gegen die Verhältnisse, daß sie ihn mit unendlicher Sorgfalt wie einen Kranken pflegte. Sie empfand sogar Mitleid mit diesem großen Burschen, dessen kurzatmiger Wille, dessen einfach nervöser Mut diese Mißerfolge erklärte, und sie gewann nach und nach die scheltende Autorität einer Mutter über ihn. Anfangs ließ er sich wieder zu Übertreibungen fortreißen; er erklärte, Bauer werden zu wollen, baute verrückte Pläne, wie man plötzlich zu Vermögen kommen könne, errötete über das Brot, das er aß, und wollte seiner Familie keine Stunde länger zur Last fallen. So verstrichen die Tage; er verschob die Ausführung seiner Gedanken immer auf später, begnügte sich damit, jeden Morgen seinen Plan zu ändern, den Plan, der ihn mit einigen Sprüngen auf den Gipfel der Ehren und Reichtümer führen solle. Durch die falschen Vertraulichkeiten ihrer Tante in Schrecken gesetzt, drang Pauline in ihn; verlangte man denn, daß er sich derart den Kopf zerbrechen solle? Er solle sich zum Frühjahr eine Stellung suchen, und werde sie gewiß sofort finden; aber bis dahin wolle man ihn schon zum geduldigen Aushalten zwingen. Am Ende des ersten Monats schien sie ihn gezähmt zu haben; er war in einen gedankenlosen Müßiggang, in eine heitere Ergebung in das verfallen, was er »des Daseins Jammer« nannte. Mit jedem neuen Tage mehr fühlte Pauline bei Lazare ein beunruhigendes, unbekanntes Etwas heraus, das sie empörte. Sie bedauerte jetzt die Zornesausbrüche, das Strohfeuer, das zu leicht in ihm aufloderte, wenn sie ihn alles verhöhnen hörte und er das Nichts mit herber Stimme verkündete. In diesem winterlichen Frieden, in diesem weltverlorenen Loche Bonneville ging etwas wie ein Erwachen seiner ehemaligen Pariser Verbindungen, seiner Lektüre, seiner Erörterungen zwischen den Studiengenossen vor sich. Der Pessimismus hatte zu ihm seinen Weg gefunden, ein schlecht verdauter Pessimismus, von dem nur die wunderlichen genialen Einfälle, die große, düstere Poesie Schopenhauers zurückgeblieben waren. Das Mädchen verstand sehr wohl, daß unter diesem der Menschheit gemachten Prozesse bei ihrem Vetter namentlich die Wut über die Niederlage, den Zusammenbruch der Fabrik steckte, von dem die Erde gekracht zu haben schien. Aber sie konnte nicht weiter in die Ursachen hinabdringen; sie lehnte sich heftig dagegen auf, wenn er seine alte These, die Verleugnung des Fortschrittes, die schließliche Nutzlosigkeit der Wissenschaft wiederaufnahm. War dieser erzdumme Kerl von Boutigny nicht im Begriff, ein Vermögen mit seiner Soda zu gewinnen? Wozu sich ruinieren, um Besseres zu finden? neue Gesetze zu entdecken, wenn die Erfahrung den Sieg davontrug? Das war jedesmal sein Ausgangspunkt; er folgerte, die Lippen von einem häßlichen Lächeln verzerrt, daß die Wissenschaft nur einen Nutzen haben könne, wenn sie das Mittel stelle, mittels einer ungeheuren Kartätsche das Weltall in die Luft zu sprengen. Dann zählte er mit kaltem Spotte die Ränke des »Willens« auf, welcher die Welt leitet, die blinde Dummheit, leben zu wollen. Das Leben sei der Schmerz, und er gelangte schließlich zur Moral der indischen Fakire, das heißt zur Erlösung durch Vernichtung. Wenn Pauline ihn den Ekel vor jeder Tätigkeit heucheln hörte, wenn er den schließlichen Selbstmord der Völker ankündigte, die sich scharenweise in das schwarze Nichts stürzten und sich weigerten, neue Geschlechter zu zeugen an dem Tage, an dem ihre entwickelte Intelligenz sie überzeugte, welch blödsinnige und grausame Parade eine unbekannte Macht sie spielen lasse: dann brauste sie auf, suchte nach Gründen und unterlag natürlich wegen ihrer Unwissenheit in diesen Fragen, wegen ihres Mangels eines metaphysischen Kopfes, wie er es nannte. Sie weigerte sich indessen, sich für besiegt zu erklären und schickte seinen Schopenhauer, von dem er ihr einige Stellen hatte vorlesen wollen, geradeaus zum Teufel: Ein Mann, der so grausam Böses von den Frauen schrieb; sie würde ihn erdrosselt haben, wenn er nicht wenigstens ein Herz für die Tiere gehabt hätte. Immer stramm, immer aufrecht im Glück der Gewohnheit und in der Hoffnung auf das Morgen, brachte sie ihn mit ihrem vollen Lachen ihrerseits zum Schweigen; sie triumphierte durch das ganze kräftige Wachstum ihrer körperlichen Reife. »Halt!« rief sie. »Du erzählst Dummheiten ... Wir wollen an das Sterben denken, wenn wir alt sind.« Der Gedanke an den Tod, den sie so heiter behandelte, machte ihn stets ernst, seinen Blick unstet. Er gab dann gewöhnlich der Unterhaltung eine andere Wendung, indem er vor sich hinbrummte: »Man stirbt in jedem Alter.« Pauline begriff schließlich, daß der Tod Lazare erschreckte. Sie erinnerte sich seines damaligen ängstlichen Aufschreies beim Anblick der Sterne; sie sah ihn jetzt bei gewissen Worten erbleichen, schweigen, als habe er ein nicht zu bekennendes Übel zu verbergen. Für sie bildete dieses Entsetzen vor dem Nichts bei dem eingefleischten Pessimisten, der davon sprach, bei dem Weltengemetzel der Wesen die Sterne wie Kerzen auslöschen zu wollen, eine ungeheure Überraschung. Das Übel stammte von weither, sie ahnte nicht einmal seine Bedenklichkeit. Je älter Lazare wurde, desto mehr sah er den Tod sich emporrichten. Bis zum zwanzigsten Jahre hatte ihn kaum ein kalter Hauch des Abends gestreift, wenn er sich schlafen legte. Heute konnte er den Kopf nicht mehr auf das Kissen betten, ohne daß der Gedanke an das »Nicht mehr« sein Antlitz wie in Eis tauchte. Schlaflosigkeit kam über ihn; er war mutlos angesichts der verhängnisvollen Notwendigkeit, die sich vor ihm in düsteren Bildern entrollte. Hatte ihn aber die Müdigkeit dennoch überwältigt, so erwachte er manchmal jählings, setzte sich dann im Bette auf, und mit vor Entsetzen weit geöffneten Augen und gefalteten Händen jammerte er durch die Finsternis: »Mein Gott! mein Gott!« Seine Brust keuchte, er meinte zu sterben; und er mußte wieder Licht anzünden, er wartete das volle Erwachen ab, um ein wenig Ruhe zu finden. Ihm haftete eine Scham über dieses Entsetzen an: wie dumm war doch das Anrufen eines Gottes, den er verleugnete, dieses Erbteil menschlicher Schwäche, die noch bei der Zerschmetterung der Welt um Hilfe ruft! Aber der Anfall kehrte trotzdem jeden Abend wieder wie eine böse Leidenschaft, die ihn trotz seiner Vernunftgründe erschöpfte. Aber auch tagsüber wies ihn alles auf denselben Punkt hin, so eine zufällig hingeworfene Redensart, ein flüchtiger, aus einer erblickten Szene, aus einer Lektüre entstandener Gedanke. Als Pauline eines Abends ihrem Oheim die Zeitung vorlas, war Lazare hinausgegangen außer Fassung über die Luftgebilde eines Erzählers, der den Himmel des zwanzigsten Jahrhunderts voll fliegender Ballons schilderte, welche die Reisenden von einem Kontinent zu dem andern trugen: er werde dann nicht mehr da sein, werde diese Ballons nicht mehr sehen; und sie verschwanden in der Tiefe des Nichts der zukünftigen Jahrhunderte, deren Verlauf ohne die Teilnahme seines eigenen Wesens ihn mit Bangigkeit erfüllte. Seine Philosophen hatten gut wiederholen, daß auch kein einziger Lebensfunke verloren gehe, sein Ich weigerte sich heftig, ein Ende zu nehmen. Schon war in diesem Kampfe seine Fröhlichkeit dahingeschwunden. Wenn Pauline ihn betrachtete, verstand sie nicht immer diese Sprünge seines Charakters in den Stunden, in denen er seine Wunde mit besorgter Scham verbarg; sie fühlte Mitleid mit ihm, sie hatte das Verlangen, sehr gut gegen ihn zu sein und ihn glücklich zu machen. Die Tage schlichen in dem großen Gemach des zweiten Stockes mitten unter Algen, Gefäßen und Instrumenten dahin, zu deren Beseitigung Lazare nicht einmal die Kraft gehabt hatte. Die Algen zerbröckelten, die Flaschen entfärbten sich, während die Instrumente unter dem Staube aus den Fugen gingen. Sie waren verloren in dieser Unordnung, es war ihnen da zu warm. Oft schlugen die Regengüsse des Dezembers vom Morgen bis zum Abend gegen die Schieferplatten des Daches, der Westwind brauste wie eine Orgel durch die Fugen des Getäfels. Wochen vergingen ohne einen Sonnenstrahl, sie sahen nur das graue Meer, eine graue Unermeßlichkeit, in welcher die Erde zu verschmelzen schien. Um die langen Stunden auszufüllen, unterhielt sich Pauline mit der Einreihung im Frühling gesammelter Florideen. Lazare ließ seiner Verdrießlichkeit freien Lauf und begnügte sich zuzuschauen, wie sie die zierlichen Pflänzchen aufklebte, deren zartes Rot und Blau Töne wie von Wasserfarben bewahrten. Sodann hatte er krank vom Müßiggange, uneingedenk seiner Lehre von der Untätigkeit, das Klavier unter den verbeulten Instrumenten und den unsauberen Fläschchen, die es bedeckten, ausgegraben. Acht Tage später fesselte ihn die Leidenschaft für die Musik wieder vollständig. Es war die erste Wunde; den Riß, den der Künstler in ihm bekommen, sollte man in dem gescheiterten Gelehrten und Fabrikanten wiederfinden. Als er eines Morgens seinen Totenmarsch spielte, hatte ihm der Gedanke von der großen Sinfonie des Schmerzes, die er ehedem zu schreiben beabsichtigt, von neuem heiß gemacht. Er behielt nur den Marsch bei, das übrige schien ihm unbrauchbar. Aber welch ein Vorwurf! was für ein Werk war da zu schreiben! Er stellte abermals seine Philosophie auf. Im Anfang entstand das Leben durch die selbstsüchtige Laune einer Gewalt; dann sollte der Wahn des Glücks, die Prellerei des Daseins in ergreifenden Zügen, die Paarung Liebender, ein Gemetzel von Soldaten, ein am Kreuze aushauchender Gott folgen; fortwährend würde der Schrei des Bösen emporsteigen, das Geheul der Wesen den Himmel erfüllen, bis zu dem Schlußgesange der Erlösung, einem Gesange, dessen himmlische Lieblichkeit der Freude über die allgemeine Vernichtung Ausdruck geben sollte. Vom folgenden Morgen an saß er an der Arbeit, er tastete auf dem Klavier umher und bedeckte das Papier mit schwarzen Strichen. Da das immer schwächer werdende Instrument nur noch röchelte, sang er selbst die Noten mit dem dumpfen Gesumme einer Glocke. Nie zuvor hatte ihn eine Arbeit in diesem Maße fortgerissen. Er vergaß darüber die Mahlzeiten, er betäubte Pauline, die es als gutmütiges Kind sehr hübsch fand und ihm die einzelnen Sätze sauber abschrieb. Diesmal hielt er sein Meisterwerk in Händen, das war ganz sicher. Dennoch wurde Lazare am Ende wieder ruhiger. Er hatte nur noch die Einleitung zu schreiben, für die ihn aber die Eingebung floh. Es schien alles in ihm zu schlafen. Er rauchte Zigaretten vor der auf dem großen Tische ausgebreiteten Partitur. Pauline spielte ihm ihrerseits mit schülerhafter Ungeschicklichkeit Stellen daraus vor. In jenem Augenblicke wurde ihre Vertraulichkeit zur Gefahr. Sein Schädel war nicht mehr von der Plackerei mit der Fabrik benommen, seine Glieder nicht mehr abgespannt; jetzt wo er sich unbeschäftigt, das Blut von der Faulheit gepeinigt, mit ihr eingeschlossen fand, liebte er sie mit wachsender Zärtlichkeit. Sie war so heiter, so gut, sie gab sich so freudig zu allem hin! Er hatte anfangs geglaubt, einer einfachen Regung der Dankbarkeit, einer Verdoppelung jener brüderlichen Zärtlichkeit nachzugeben, die sie ihm von Kindheit an einflößte. Aber nach und nach war das bis zur Stunde in ihm schlummernde Verlangen erwacht: er bemerkte endlich das Weib in diesem jüngeren Bruder in ihr, auf deren breite Schultern er solange geklopft hatte, ohne von ihrem Duft verwirrt zu werden. Jetzt errötete er wie sie, wenn er sie streifte. Er wagte nicht mehr, ihr nahe zu kommen, sich über ihren Rücken zu beugen, um einen Blick auf die von ihr abzuschreibenden Noten zu werfen. Wenn sich ihre Hände begegneten, standen sie beide mit kurzem Atem und wie mit Feuer übergossenen Wangen stammelnd da. Die Nachmittage verstrichen mit einem Unbehagen, aus dem sie wie gebrochen hervorgingen, von dem unbestimmten Verlangen nach einem ihnen noch abgehenden Glücke gequält. Manchmal scherzte Pauline mit der Kühnheit einer wissenden Jungfrau, um einer dieser Verwirrungen zu entrinnen, die ihnen so süße Qual bereiteten. »Habe ich es dir noch nicht erzählt? Mir träumte, dein Schopenhauer habe in der anderen Welt von unserer Heirat gehört und wolle in der nächsten Nacht kommen, um uns an den Füßen zu ziehen.« Lazare lachte gezwungen. Er verstand wohl, daß sie sich über seine beständigen Widersprüche lustig machte; aber es durchdrang ihn eine unendliche Zärtlichkeit, und sie verscheuchte seinen Haß gegen den Willen zu leben. »Sei gut,« murmelte er, »du weißt, daß ich dich liebe.« Sie nahm eine ernste Miene an. »Mißtraue dir! Du wirst die Erlösung verschieben ... Ich sehe dich wieder in die Selbstsucht und den Wahn zurückfallen!« »Willst du wohl schweigen, du Lästermaul!« Er jagte sie durch das Zimmer, während sie fortfuhr, Bruchstücke pessimistischer Philosophie mit der nachdrücklichen Stimme eines Doktors an der Sorbonne vorzutragen. Wenn er sie dann erwischte, wagte er nicht mehr, sie wie früher in seine Arme zu drücken und zur Strafe zu kneifen. Eines Tages verfolgte er sie so hitzig, daß er sie heftig bei den Lenden packte. Sie schüttete sich aus vor Lachen. Er drängte sie in der Aufregung über ihre Abwehr gegen den Schrank ... »Ah! jetzt habe ich dich ... Sage, was soll ich mit dir anfangen?« Ihre Gesichter berührten sich, sie lachte noch immer, aber mit einem ersterbenden Lachen. »Nein, nein, laß mich los, ich werde nicht wieder anfangen.« Er drückte ihr einen lauten Schmatz auf den Mund. Das Gemach drehte sich, es war ihnen, als entführe sie ein flammender Wind. Als sie sich gewaltsam losriß, fiel sie rücklings hin. Einen Augenblick fühlten sie sich beklommen, sie waren dunkelrot geworden und drehten den Kopf weg. Dann setzte sie sich, um Atem zu schöpfen, und sagte ernst und unzufrieden: »Du hast mir wehe getan, Lazare.« Von dem Tage an vermied er alles, selbst die Lauheit ihres Atems, das Streifen ihres Gewandes. Der Gedanke an einen törichten Fehltritt, an einen Fall hinter der Tür empörte seine Rechtschaffenheit. Trotz des unwillkürlichen Widerwillens des Mädchens, sah er sie bei der ersten Umschlingung durch den Ansturm des Blutes betäubt die Seine werden, denn sie liebte ihn in dem Maße, daß sie sich ihm sofort hingeben werde, wenn er es verlange. Er wollte deshalb klug für zwei sein; er begriff, daß er der große Schuldige in einem Abenteuer sein werde, dessen Gefahr seine Erfahrung allein voraussehen konnte. Seine Liebe aber nahm in diesem gegen sich selbst geführten Kampfe zu. Alles hatte deren Feuer angefacht, die Untätigkeit der ersten Wochen, sein vergebliches Verzichten, sein Ekel vor dem Leben, aus dem das wilde Verlangen zu leben, zu lieben, die leeren Stunden durch neue Leiden auszufüllen, emporgewachsen war. Und die Musik begeisterte ihn jetzt vollends, die Musik führte sie miteinander auf den immer weiter sich ausbreitenden Fittichen des Rhythmus in das Reich der Träume. Jetzt glaubte er eine große Leidenschaft festzuhalten und schwor sich zu, in ihr sein Genie auszubilden. Darüber war kein Zweifel: er wurde ein berühmter Musiker, denn er brauchte nur aus seinem Herzen zu schöpfen. Alles schien sich zu läutern, er tat so, als müsse er seinen guten Engel auf den Knien anbeten, es kam ihm nicht einmal der Gedanke an die Beschleunigung der Heirat. »Halt! lies doch diesen Brief, den ich soeben erhalten habe«, sagte eines Tages Chanteau entsetzt zu seiner Frau, die nach Bonneville zurückkehrte. Es war abermals ein Brief von Saccard, diesmal aber ein drohender. Seit November schon verlangte er eine Rechnungsaufstellung, und da die Chanteau mit Ausflüchten antworteten, kündigte er ihnen an, daß er infolge ihrer Weigerung den Familienrat anrufen werde. Obgleich sie es nicht bekannte, teilte auch Frau Chanteau den Schrecken ihres Gatten. »Der Elende«, murmelte sie, nachdem sie den Brief gelesen. Sie sahen sich erbleichend, schweigend an. Schon hörten sie in dem toten Schweigen des Eßzimmers den Widerhall eines Skandalprozesses. »Du darfst nicht länger zögern,« begann der Vater, »verheirate sie, denn die Heirat macht mündig.« Aber dieses Auskunftsmittel widerstrebte der Mutter von Tag zu Tag mehr. Sie drückte ihre Befürchtungen aus. Wer konnte wissen, ob die beiden Kinder zueinander paßten? Man kann ein gutes Freundespaar sein und ein abscheuliches Eheleben führen. Sie sagte, daß sie in der letzten Zeit eine Menge unangenehmer Wahrnehmungen gemacht habe. »Nein, siehst du, es wäre schlecht, sie unserem Frieden zu opfern. Warten wir noch ... Und schließlich, warum sie jetzt verheiraten, da sie schon im vergangenen Monat achtzehn Jahre alt geworden ist und wir nun um die gesetzliche Mündigkeit einkommen können?« Ihr Vertrauen kehrte zurück, und sie ging hinauf, um ihr Gesetzbuch zu holen, und beide studierten es miteinander. Artikel 478 beruhigte sie, während Artikel 480, in dem gesagt ist, daß die Rechenschaftsleistung über ein Mündel vor einem von dem Familienrate ernannten Kurator abgelegt werden müsse, sie in große Verlegenheit setzte. Sie hatte allerdings alle Mitglieder des Familienrates in ihrer Hand; sie würde also einen Kurator nach ihrem Wunsche ernennen lassen, aber welchen Mann wählen, wo ihn hernehmen? Die Lösung des Rätsels bestand darin, daß ein gefürchteter Gegenvormund durch einen gefälligen Kurator ersetzt werden mußte. Plötzlich kam ihr eine Eingebung. »Wie denkst du von Doktor Cazenove? Er ist mit unseren Angelegenheiten vertraut und würde sich nicht weigern.« Chanteau stimmte mit einem Nicken bei. Er sah aber seine Frau starr an, denn ein Gedanke quälte ihn. »So wirst du,« fragte er endlich, »das Geld ausliefern, ich will sagen, was davon noch übrig ist?« Sie antwortete nicht sogleich. Ihre Augen hatten sich gesenkt, sie blätterte mit nervös zitternder Hand in dem Gesetzbuche. Dann sagte sie mit einer Anstrengung: »Gewiß werde ich es zurückgeben, und es wird das für uns sogar eine große Entlastung sein. Du siehst, wessen man uns bereits beschuldigt ... Mein Wort, man zweifelt schließlich noch an sich selbst. Ich würde hundert Sous geben, wenn ich das Geld heute abend nicht mehr in meinem Schreibsekretär aufzubewahren brauchte. Außerdem hätte man es ohnehin stets zurückerstatten müssen.« Da Doktor Cazenove am nächsten Tage gerade zu seinem sonnabendlichen Rundgang nach Bonneville kam, sprach ihm Frau Chanteau von dem großen Dienste, den sie von seiner Freundschaft erwartete. Sie bekannte ihm die Sachlage, daß das Geld durch den Zusammenbruch der Fabrik verschlungen worden war, ohne daß man jemals den Familienrat befragt habe; dann steifte sie sich auf die geplante Heirat, auf das Band inniger Zuneigung, welches sie alle vereinte und das der Skandalprozeß unfehlbar zerreißen mußte. Ehe der Doktor seinen Beistand zusagte, wünschte er, mit Pauline darüber zu sprechen. Er merkte schon lange, daß sie ausgenutzt, nach und nach aufgezehrt wurde. Wenn er auch bis zur Stunde aus Furcht, sie zu betrüben, hatte schweigen können, so war es doch jetzt, wo man ihn zum Mitschuldigen machen wollte, seine Pflicht, sie aufzuklären. Die Angelegenheit wurde in dem Zimmer des Mädchens besprochen. Ihre Tante wohnte der Eröffnung des Gespräches bei, sie hatte den Doktor begleitet, um die Erklärung abzugeben, daß die Heirat jetzt von der Mündigkeitserklärung abhänge, denn Lazare werde nie die Einwilligung zu seiner Ehe mit der Base geben, solange man ihn beschuldigen könne, er habe die Rechnungslegung dadurch verhindern wollen. Dann zog sie sich zurück, indem sie vorgab, sie wolle nicht die Meinung derer beeinflussen, die sie bereits jetzt ihre angebetete Tochter nannten. Sofort flehte Pauline ganz gerührt den Doktor an, ihnen den heiklen Dienst zu erweisen, dessen Notwendigkeit man ihm soeben erklärt habe. Vergebens suchte er, ihr ihre Lage klarzumachen: daß sie sich selbst beraubte, daß sie jeglichen Rückanspruch verliere, er ließ sogar die Furcht vor der Zukunft, den vollständigen Ruin, die Undankbarkeit und viele Leiden durchblicken. Über jeden schwärzeren, dem Bilde zugesetzten Pinselstrich war sie außer sich, sie weigerte sich, ihm des weiteren zuzuhören, und zeigte eine fieberhafte Eile, sich zu opfern. »Nein, lassen Sie es mich nicht bereuen. Ich bin, ohne es zu scheinen, eine Geizige, meine Selbstüberwindung kostet mich schon genug ... Sie mögen alles nehmen. Ich lasse ihnen den Rest, wenn sie mich dafür mehr lieben wollen.« »Kurz, Sie berauben sich also aus Freundschaft für Ihren Vetter?« fragte der Doktor. Sie errötete, ohne zu antworten. »Und wenn Ihr Vetter sie später nicht mehr lieben sollte?« Sie schaute ihn entsetzt an. Ihre Augen füllten sich mit schweren Tränen, und ihr Herz brach in den Schrei empörter Liebe aus: »0 nein! o nein! ... Warum bereiten Sie mir solchen Schmerz!« Da gab Doktor Cazenove nach. Er hatte nicht den Mut, diesem großen Herzen die Illusionen ihrer zarten Empfindungen wegzuoperieren. Nur zu bald werde sich ihr das Leben hart gestalten. Frau Chanteau führte den Feldzug mit einer erstaunlichen Überlegenheit. Dieser Kampf verjüngte sie. Sie war unter Mitnahme der notwendigen Vollmachtserklärungen abermals nach Paris gereist. Die Mitglieder des Familienrates wurden schnell für ihre Pläne gewonnen; sie hatten sich übrigens nie sonderlich um ihre Aufgabe gekümmert: sie brachten ihr die gewöhnliche Gleichgültigkeit entgegen. Die von der Linie Quenu, die Vettern Naudet, Liardin und Delorme waren ganz ihrer Ansicht; und von den drei der Linie Lisa hatte sie nur Octave Mouret zu gewinnen; Claude Lantier und Rambaud, zurzeit in Marseille, hatten es bei der Einsendung einer schriftlichen Genehmigung genügen lassen. Sie hatte allen eine rührende und verwickelte Geschichte erzählt, von der Neigung des alten Arztes zu Arromanches für Pauline, von seiner augenscheinlichen Absicht, dem jungen Mädchen ein Vermögen zu hinterlassen, wenn man ihm erlaubte, sich um dasselbe zu kümmern. Saccard stimmte nach drei Besuchen von Frau Chanteau gleichfalls bei, die ihm einen prächtigen Gedanken von dem Aufkauf der Buttersorten des Cotentin dank einem neuen Transportsystem mitgebracht hatte. So wurde die Mündigkeit durch den Familienrat ausgesprochen; man ernannte den alten Marinechirurgus, über den der Friedensrichter die besten Auskünfte erhalten hatte, zum Vermögensverwalter. Vierzehn Tage nach Frau Chanteaus Rückkehr nach Bonneville fand die Rechnungslegung in der einfachsten Form statt. Doktor Cazenove war zum Frühstück geblieben; das Gespräch war auf die jüngsten Neuigkeiten aus Caen gekommen, wo Lazare achtundvierzig Stunden eines Prozesses wegen, mit dem ihm dieser Halunke Boutigny gedroht, zugebracht, und man hatte sich daher länger als sonst bei Tische aufgehalten. »Da wir gerade davon sprechen,« sagte der junge Mann, »Luise wird uns in der nächsten Woche überraschen ... Ich habe sie nicht wiedererkannt, sie lebt gegenwärtig bei ihrem Vater und ist jetzt von einer Eleganz ... Wie haben wir zusammen gelacht!« Pauline schaute ihn an, sie erstaunte über den Ton warmer Erregung in seiner Stimme. »Da wir gerade von Luise sprechen,« rief Frau Chanteau, »ich bin mit einer Dame aus Caen zusammen gereist, welche die Thibaudier kennt. Ich bin aus den Wolken gefallen: Thibaudier gibt seiner Tochter hunderttausend Franken Mitgift. Mit den hunderttausend der Mutter wird die Kleine zweihunderttausend haben. Zweihunderttausend Franken; sie ist also reich!« »Ach was,« begann Lazare von neuem, »sie hat es nicht nötig, sie ist reizend wie ein Amor ... Und ein rechtes Schmeichelkätzchen!'' Paulinens Augen hatten sich verdüstert, ein leichtes nervöses Zucken kniff ihre Lippen zusammen. Der Doktor, der den Blick nicht von ihr wandte, hob jetzt das kleine Weinglas, mit dem er gerade beschäftigt war. »Sagt doch, wir haben noch nicht angestoßen ... Also, auf euer Glück. Verheiratet euch schnell und bekommt viele Kinder.« Frau Chanteau streckte langsam ihr Glas hin, ohne zu lächeln, während Chanteau, dem die Weine verboten waren, sich begnügte, beistimmend mit dem Kopf zu wackeln. Lazare aber ergriff Paulinens Hand mit einer Bewegung so reizender Hingabe, daß dies genügte, um in die Wangen des jungen Mädchens alles Blut ihres Herzens zu treiben. War sie nicht sein guter Engel, wie er sie nannte, seine immer offene Leidenschaft, aus der er das Blut seines Genies fließen lasse? Sie erwiderte seinen Händedruck. Alle stießen an. »Noch hundert Jahre euch!« fuhr der Doktor fort, nach dessen Ansicht hundert Jahre das schöne Alter des Menschen sind. Lazare erbleichte. Diese hingeworfene Zahl machte ihn schaudern, sie beschwor die Zeit herauf, in der er nicht mehr sein werde, und vor der eine ewige Furcht in der Tiefe seines Fleisches schlummerte. Was werde er in hundert Jahren sein? Welcher Unbekannte werde dann an seinem Platze sitzen und trinken? Er leerte sein kleines Glas mit zitternder Hand, während Pauline die andere von neuem mütterlich drückte, als sehe sie über dies farblose Gesicht den eisigen Hauch des »Niemehr« gleiten. Nach kurzem Schweigen sagte Frau Chanteau ernst: »Wollen wir jetzt die Angelegenheit zu Ende führen?« Sie hatte für die Förmlichkeit der Unterzeichnung ihr Zimmer bestimmt. Seitdem Chanteau Salizylpräparate nahm, war er besser auf den Füßen. Er kletterte hinter ihr hinauf, wobei er sich am Geländer nachhalf, und als Lazare davon sprach, auf der Terrasse eine Zigarre rauchen zu wollen, rief Frau Chanteau ihn zurück und verlangte, daß er schon aus Schicklichkeit zugegen sei. Der Arzt und Pauline waren zuerst hinaufgegangen. Mathieu, über diese Prozession erstaunt, folgte hinterdrein. »Wie langweilig dieser Hund ist; überallhin kommt er uns nach!« rief Frau Chanteau, welche die Tür schließen wollte. »Marsch, hinein, du sollst nicht kratzen ... So, niemand wird uns stören ... Ihr seht, alles ist bereit.« In der Tat befanden sich Tintenfaß und Federn auf dem runden Tischchen. Das Gemach füllte die schwere Luft, das tote Schweigen von Räumen, die man selten betritt. Nur Minouche verbrachte dort ihre müßigen Tage, wenn es ihr des Morgens hineinzuschlüpfen gelungen war. Auch jetzt schlief sie gerade auf dem Federbette und richtete erstaunt über diesen feindlichen Einfall den Kopf in die Höhe und hielt mit ihren grünen Augen Umschau. »Setzt euch, setzt euch«, wiederholte Chanteau. Jetzt wurde die Geschichte rasch ins reine gebracht. Frau Chanteau tat so, als müsse sie verschwinden, und ließ ihren Mann die Rolle spielen, die sie ihn schon am Abend vorher hatte wiederholt hersagen lassen. Um dem Gesetz Folge zu leisten, hatte dieser schon vor zehn Tagen in Gegenwart des Doktors Pauline die Rechnungslegung über die Vormundschaft übergeben, die ein dickes Heft bildete, die Einnahmen auf der einen, die Ausgaben auf der anderen Seite. Man hatte alles in Abzug gebracht, nicht nur die Pension des Mündels, sondern auch die Kosten für die Urkunden, die Reise nach Caen und Paris. Es handelte sich also nur noch darum, die Rechnungen durch eigene Unterschrift zu genehmigen. Cazenove nahm jedoch sein Amt als Verwalter ernst und versuchte einige Einwände bezüglich der Fabriksangelegenheit; er wollte Chanteau zwingen, in gewisse Einzelheiten einzugehen. Pauline sah den Arzt flehend an. Wozu das? Sie war selbst bei der Vergleichung dieser Rechnungen behilflich gewesen, die ihre Tante mit ihrer zierlichsten, englischen Handschrift geschrieben hatte. Inzwischen hatte sich Minouche mitten auf die Daunendecke gesetzt, um dem befremdlichen Vorgange besser zusehen zu können. Mathieu aber, nachdem er seinen dicken Kopf erst artig auf den Rand des Teppichs gestreckt hatte, begann sich auf den Rücken zu legen und dem Vergnügen in der schönen, warmen Wolle zu liegen nachzugeben; er rieb und rollte sich mit behaglichem Knurren. »Bringe ihn doch zur Ruhe, Lazare«, sagte endlich Frau Chanteau ungeduldig. »Man hört ja sein eigenes Wort nicht.« Der junge Mann stand am Fenster und verfolgte, um sein Unbehagen zu verbergen, ein weißes Segel in der Ferne. Er schämte sich, als er seinen Vater genau die Summen angeben hörte, die in dem Unglück mit der Fabrik daraufgegangen waren. »Schweig, Mathieu«, sagte er und reckte den Fuß. Der Hund glaubte einen Stoß auf den Leib zu bekommen, was er sehr liebte, und knurrte noch vergnügter. Glücklicherweise hatte man nur noch die Unterschriften unter die Abrechnung zu setzen. Pauline beeilte sich, mit einem Federstrich alles zu bewilligen. Dann zerfetzte der Doktor, als fühle er Reue, mit einem ungeheuren Namenszug den Stempelbogen. »Die Aktiva«, begann Frau Chanteau, »betragen also fünfundsiebzigtausendzweihundertzehn Franken, dreißig Centimes ... Ich werde Pauline das Geld zurückgeben.« Sie war auf den Schreibsekretär zugegangen, dessen Platte wieder den kreischenden Ton hören ließ, der sie so oft erregt hatte. In diesem Augenblick aber war alles an ihr feierlich. Sie öffnete die Schieblade, aus welcher der alte Buchdeckel zum Vorschein kam. Es war der nämliche grünmarmorierte, mit Fettflecken betupfte Einband, nur war er dünner geworden, die verminderten Werttitel drohten nicht mehr seinen schafledernen Rücken zu sprengen. »Nein, nein!« rief Pauline, »behalte das, Tante!« Frau Chanteau machte jedoch Umstände. »Wir legen Rechnung ab, wir müssen das Geld zurückgeben ... Das ist dein Gut. Erinnerst du dich, was ich dir vor acht Jahren gesagt habe? Wir wollen keinen Sou für uns behalten.« Sie nahm die Titel heraus und zwang das Mädchen zu zählen. Es waren deren für fünfundsiebzigtausend Franken vorhanden, ein kleines Päckchen Gold, in Zeitungspapier gewickelt, bildete den Rest. »Aber wohin soll ich jetzt damit?« fragte Pauline, der das Betasten dieser großen Summe die Wangen gefärbt hatte. »Schließe es in deine Kommode«, antwortete die Tante. »Du bist groß genug, um dein Geld selbst zu überwachen. Ich will es einmal nicht mehr sehen ... Wenn es dir unbequem ist, gib es Minouche, die dich groß anguckt.« Die Chanteau hatten bezahlt, ihr Frohsinn kehrte zurück. Lazare spielte erleichtert mit dem Hunde, erfaßte ihn am Schwänze und drehte ihn mit gekrümmtem Rücken wie einen Kreisel herum, während Doktor Gazenove seine Rolle als Verwalter, antrat, indem er versprach, ihre Renten einzuziehen und ihr bei der Anlage des Kapitals behilflich zu sein. In der nämlichen Zeit fuchtelte Veronika unten mit ihren Schüsseln umher. Sie war nach oben gekommen und hatte mit gegen die Tür gepreßtem Ohre einige Zahlen aufgefangen. Seit einigen Wochen verscheuchte ihre dumpfe Zärtlichkeit für das junge Mädchen die letzten Vorurteile. »Mein Wort, sie haben ihr die Hälfte aufgegessen«, schalt sie wütend. »Nein, das ist nicht recht. Gewiß hatte sie es nicht nötig, zu uns zu kommen; aber ist das ein Grund, sie nackt wie einen Wurm hinzustellen? Nein, ich bin gerecht, ich werde dieses Kind schließlich noch liebgewinnen!« Viertes Kapitel. Als Luise, die zwei Monate bei den Chanteaus verweilen sollte, an jenem Sonnabend auf ihrer Terrasse landete, fand sie dort die Familie versammelt. Der Tag, ein sehr heißer, von der Meeresbrise erfrischter Augusttag, ging zur Neige. Abbé Horteur war schon dort und mit Chanteau in das Damenspiel vertieft, während Frau Chanteau an ihrer Seite an einem Taschentuche stickte. Wenige Schritte von ihnen entfernt, stand Pauline vor einer Steinbank, auf der sie vier Straßenbälge, zwei Mädchen und zwei kleine Jungen, hatte Platz nehmen lassen. »Wie! Du schon hier?« rief Frau Chanteau. »Ich legte soeben meine Arbeit zusammen, um dir bis zur Gabelung der Straße entgegenzugehen.« Luise setzte aufgeräumt auseinander, daß Vater Malivoire sie wie der Wind hergeführt habe. Sie befand sich wohlauf und wünschte nicht einmal, das Kleid zu wechseln. Während ihre Patin ihre Unterbringung überwachen ging, begnügte sie sich, ihren Hut an den eisernen Riegel eines Fensterflügels aufzuhängen. Sie hatte sie alle umarmt, dann ging sie wieder zu Pauline zurück, die sie lächelnd, anschmeichelnd um die Hüfte faßte. »Aber schau mich nur an! ... Wir sind jetzt groß, he? ... Ich mit meinen neunzehn Jahren bin schon eine alte Jungfer ...« Sie unterbrach sich und setzte lebhaft hinzu: »Übrigens wünsche ich dir Glück ... Stelle dich nur nicht dumm, man sagt mir, im nächsten Monat werde es so weit sein.« Pauline hatte die Liebkosungen Luisens mit der besorgt zärtlichen Miene einer älteren Schwester erwidert, trotzdem sie um achtzehn Monate jünger war. Eine leichte Röte stieg ihr in die Wangen, es handelte sich um ihre Hochzeit mit Lazare. »Nicht doch, man hat dich getäuscht, versichere ich dir«, antwortete sie. »Es ist nichts bestimmt, es ist nur von diesem Herbst die Rede.« In der Tat hatte Frau Chanteau, zur Erfüllung ihrer Zusage gedrängt, vom Herbst gesprochen trotz des Widerstrebens, das die jungen Leute an ihr zu bemerken begannen. Sie war wieder auf ihren ersten Vorwand zurückgekommen und sagte, sie wolle lieber warten, bis ihr Sohn eine Stellung habe. »Gut,« sagte Luise, »du bist eine Geheimniskrämerin. Natürlich werde ich doch auch dabei sein, nicht wahr? Und Lazare ist nicht hier?« Chanteau, den der Abbé geschlagen hatte, übernahm es zu antworten. »Du bist ihm also nicht begegnet, Luisette? Soeben sprachen wir noch davon, daß ihr zusammen ankommen würdet. Ja, er ist in Bayeux, um bei unserm Unterpräfekten vorstellig zu werden. Er kommt indessen noch heute Abend wieder, vielleicht ein wenig spät.« Dann nahmen sie das Spiel wieder auf. »Ich habe anzufangen, Abbé. Ihr müßt wissen, daß wir die viel besprochenen Schutzwehren nunmehr doch erhalten werden, denn der Kreis kann uns in dieser Angelegenheit eine Unterstützung nicht verweigern.« Es war dies eine neue Sache, für die Lazare sich ereiferte. Gelegentlich der letzten Hochflut hatte das Meer zwei weitere Häuser von Bonneville fortgerissen. Nach und nach auf der engen Strandsteinschicht aufgefressen, drohte dem Dorfe ernstlich die Gefahr an den Felsenhängen platt gedrückt zu werden, wenn man sich nicht entschloß, es durch ernste Arbeiten zu schützen. Der Flecken aber mit seinen dreißig baufälligen Hütten war von so verschwindend geringer Bedeutung, daß Chanteau in seiner Eigenschaft als Bürgermeister schon seit zehn Jahren vergeblich die Aufmerksamkeit des Unterpräfekten auf die verzweifelte Lage der Bewohner gelenkt hatte. Endlich hatte Lazare, von Pauline gedrängt, deren Wunsch es war, ihn wieder in Tätigkeit zu sehen, ein ganzes System von Dämmen und Pfahlwerken erdacht, das dem Meere den Maulkorb anlegen sollte. Es fehlten nur noch die Mittel, zwölftausend Franken wenigstens. »Den puste ich Ihnen, mein Freund«, sagte der Priester und nahm einen Stein. Dann gab er gefällig nähere Aufschlüsse über das einstige Bonneville. »Die Alten erzählen, daß unterhalb der Kirche selbst, einen Kilometer vom jetzigen Strande entfernt, ein Pachthof gelegen hat. Seit länger als fünfhundert Jahren schon frißt an ihnen die See ... Es ist unbegreiflich, sie müssen von Geschlecht zu Geschlecht ihre Schandtaten büßen.« Währenddessen war Pauline zu der Bank zurückgekehrt, auf der ihre vier schmutzigen, zerlumpten Gören mit offenen Mäulern warteten. »Was bedeutet das?« fragte Luise, ohne sich zu nahe heranzuwagen. »Das sind meine kleinen Freunde«, antwortete sie. Ihre tatenlustige Barmherzigkeit breitete sich schon über die ganze Gegend aus. Sie liebte unwillkürlich die Armen und Elenden, fühlte sich nicht von deren Verkommenheit abgestoßen, und trieb diesen Geschmack soweit, daß sie den Hühnern Verbände an die gebrochenen Füße anlegte und Näpfe mit Suppe für die verlaufenen Katzen des Nachts hinausstellte. In ihr lebte beständig die Sorge um die Leidenden, das Bedürfnis und die Freude an ihrer Tröstung. Es kamen denn auch die Armen zu ihren ausgestreckten Händen, wie die spitzbübischen Spatzen zu den offenen Fenstern der Scheunen hereinflattern. Ganz Bonneville, diese Handvoll von Fischern, elendiglich verkümmernd unter der Plage der Überschwemmungen, stieg zu dem Fräulein hinauf, wie man sie nannte. Sie aber schwärmte namentlich für die Kinder, die Kleinen, durch deren zerrissene Höschen das rosige Fleisch blickte; für die kleinen Blaßschnäbel, die sich nicht satt essen konnten und daher mit den Augen die unter sie verteilten Brotschnitte verschlangen. Die verschlagenen Eltern rechneten mit diesem zarten Empfinden und schickten Pauline ihre Brut, die zerlumpteste; die armseligste, um ihr Erbarmen noch mehr zu wecken. »Du siehst,« begann sie wieder, »ich habe meinen Empfangstag, den Sonnabend, wie eine vornehme Dame. Man macht mir Besuche ... Du, kleine Gonin, willst du wohl nicht dieses große Schaf Houtelards kneifen! Ich werde böse, wenn ihr nicht artig seid ... Wir wollen einmal versuchen, nach der Reihe vorzugehen.« Jetzt begann die Verteilung. Sie belehrte, sie schob sie hierhin und dorthin wie eine Mutter. Der zuerst Aufgerufene war der Sohn Houtelards, ein Junge von zehn Jahren, mit gelber Gesichtsfarbe und düsterer, abgezehrter Miene. Er zeigte sein Bein, er hatte am Knie eine lange Schramme, und sein Vater schickte ihn dem Fräulein, damit sie ihm etwas darauf tue. Sie versorgte das ganze Dorf mit Arnika und Borsäure. Ihre Leidenschaft, den Arzt zu machen, hatte sie nach und nach zur Anschaffung einer vollständigen Apotheke veranlaßt, auf die sie sehr stolz war. Als sie das Kind verbunden hatte, senkte sie die Stimme und gab Luisen einige Aufschlüsse. »Reiche Leute, diese Houtelards, meine Liebe, die einzigen wohlhabenden Fischer in Bonneville. Die große Barke gehört ihnen ... Aber von einem entsetzlichen Geiz, ein Hundeleben inmitten einem unaussprechlichen Schmutz. Und das Schlimme ist, daß der Vater, nachdem er seine Frau zu Tode geprügelt, seine Magd geheiratet hat, eine entsetzliche Dirne und noch roher als er. Jetzt mißhandeln sie beide dieses arme Wesen.« Ohne auf den ängstlichen Widerwillen ihrer Freundin zu achten, sprach sie wieder laut. »Jetzt zu dir, Kleine ... Hast du die Flasche Chinawein ausgetrunken?« Es war die Tochter von Prouane, dem Küster. Man hätte sie eine heilige Therese als Kind nennen können, denn sie war von Skrofeln bedeckt, von einer furchtbaren Magerkeit, mit großen hervorstehenden Augen, in denen schon die Hysterie flammte. Sie zählte elf Jahre und schien kaum sieben zu haben. »Ja, Fräulein,« stotterte sie, »ich habe getrunken.« »Lügnerin«, rief der Geistliche, ohne den Blick vom Spielbrett zu erheben. »Dein Vater roch gestern Abend wieder nach Wein.« Pauline wurde plötzlich böse. Die Prouane besaßen keine Barke, lasen Seespinnen und Schaltiere auf und lebten vom Krabbenfang. Aber dank seiner Stellung als Küster hätten sie alle Tage ihr Brot essen können, wenn ihre Trunksucht nicht gewesen wäre. Man fand Vater und Mutter vom Calvados, dem schrecklichen normannischen Branntwein betäubt, quer vor der Türe liegen, während die Kleine über sie hinwegschritt, um ihre Gläser abzutröpfeln. Wenn es an Calvados fehlte, trank Prouane den Chinawein seiner Tochter!« »Und ich mache mir noch die Mühe ihn zu bereiten!« sagte Pauline. »Höre, ich behalte die Flasche bei mir, du kommst alle Nachmittage um fünf Uhr her, und trinkst ihn hier ... Ich werde dir auch ein wenig gehacktes rohes Fleisch geben, der Doktor hat es verordnet.« Sodann kam die Reihe an einen großen Jungen von zwölf Jahren, den Sohn der Cuche, einen dürren Bengel, durch frühzeitiges Laster ausgemergelt. Diesem händigte sie ein Brot, einen Fleischtopf und ein Fünffrankenstück ein. Es war auch eine schmachvolle Geschichte. Nach der Zerstörung seines Hauses hatte Cuche seine Frau verlassen, um sich bei einer Base einzuquartieren, und die Frau, die gegenwärtig in dem Inneren eines in Trümmern liegenden Zollwächterhauses lebte, schlief trotz ihrer abstoßenden Häßlichkeit mit dem ganzen Dorfe. Man zahlte sie mit natürlichen Erzeugnissen, manchmal auch mit drei Sous. Der Knabe, der alles mit ansah, starb fast vor Hunger. Doch er entschlüpfte wie eine wilde Ziege, sooft auf seine zwangsweise Entfernung aus dieser Kloake die Rede kam. Luise wandte sich verlegen ab, während Pauline ihr diese Geschichte ohne jede Verlegenheit erzählte. Frei erzogen, zeigte sie den ruhigen Mut der Barmherzigkeit gegenüber den Schmählichkeiten der Menschen, wußte alles und sprach von allem mit dem Freimut ihrer Unschuld. Die Andere dagegen, durch die zehn Jahre ihres Pensionslebens aufgeklärt, errötete bei den Vorstellungen, welche die Worte in ihrem, durch die Träume des gemeinsamen Schlafsaales verheerten Kopfe erweckten. Das waren Dinge, an die man dachte, von denen man aber nicht reden mußte. »Halt!« sagte Pauline, »die letzte Kleine, diese Blondine von neun Jahren, so nett und rosig, ist gerade die Tochter der Gonin, bei der sich dieser Taugenichts von Cuche eingenistet hat. Die Gonin, die ganz zufrieden lebten, besaßen ein Boot, allein der Vater bekam es an den Beinen, eine in unsern Dörfern sehr häufig auftretende Lähmung, und Cuche, einfacher Bordmatrose, wurde bald Herr der Barke und der Frau. Jetzt gehört das Haus ihm, er schlägt auf den Kranken, einen großen, alten Menschen herum, der Tag und Nacht in einer alten Kohlenkiste liegt, während der Matrose und die Base in dem nämlichen Zimmer im Bette liegen... Seitdem gebe ich mich mit dem Kinde ab. Das Unglück ist, daß auch sie zuweilen Hiebe abbekommt; abgesehen davon ist sie schon viel zu klug, und sieht Dinge...« Sie unterbrach sich und befragte die Kleine. »Wie geht es bei euch?« Diese hatte mit den Augen die halblaute Erzählung verfolgt. Ihr niedliches Gesicht einer lasterhaften, kleinen Dirne lachte spitzbübisch bei den von ihr erratenen Einzelheiten. »Sie haben ihn wieder geprügelt«, sagte sie, ohne in ihrem Lachen innezuhalten. »Heute Nacht ist Mutter aufgestanden und hat ein dickes Scheit genommen... Ach, Fräulein, Sie sind wohl so gut und geben ihm ein wenig Wein, denn sie haben ihm einen Krug vor die Kiste gestellt und geschrien, er solle krepieren.« Luise machte eine Bewegung der Entrüstung. Welch abscheuliches Volk! Und ihre Freundin hatte Teilnahme für solche Schandmenschen! War es möglich, daß es dicht bei einer so großen Stadt wie Caen noch Löcher gab, in denen die Bewohner wie die wahren Wilden hausten? Schließlich konnten doch nur Wilde alle göttlichen und menschlichen Gesetze derart verletzen! »Nein, meine Liebe,« murmelte sie und ließ sich neben Chanteau nieder, »ich habe genug von deinen kleinen Freunden. Das Meer mag sie ausmerzen, ich würde sie nicht beklagen!« Der Abbé machte soeben Dame. Er rief: »Sodom und Gomorrha!... Ich prophezeie es ihnen seit zwanzig Jahren! Desto schlimmer für sie!« »Ich bin um eine Schule eingekommen«, sagte Chanteau, der betrübt die Partie verloren sah. »Aber sie sind nicht zahlreich genug; ihre Kinder sollen nach Verchemont zum Unterricht, doch sie gehen nicht in die Schule, sondern streichen längs der Landstraße herum.« Pauline schaute sie verwundert an. Wenn die Elenden saubere Leute wären, brauchte man sie nicht zu waschen. Übel und Elend gingen zusammen: sie hatte keinen Abscheu vor dem Leiden, selbst wenn ihr dieses das Ergebnis des Lasters schien. Mit einer weit ausholenden Bewegung begnügte sie sich von der Duldsamkeit ihrer Barmherzigkeit zureden. Sie versprach gerade der kleinen Gonin, ihren Vater zu besuchen, als Veronika kam und ein anderes Mädchen vor sich herschob. »Da haben Sie, Fräulein. Hier ist noch eine!« Diese zuletzt Gekommene, ein ganz junges Ding von fünf Jahren, ging vollständig in Lumpen, ihr Gesicht war schwarz, die Haare zerzaust. Mit der außerordentlichen Sicherheit eines schon mit dem Bettelwesen auf den Straßen vertrauten kleinen Ausbundes hob sie sofort zu jammern an. »Haben Sie Mitleid... Mein armer Vater hat sich das Bein gebrochen...« »Das ist die Tochter der Tourmal, nicht wahr?« fragte Pauline die Magd. Aber der Pfarrer brauste auf. »Ah, diese Lügnerin! Hören Sie nicht auf sie; ihr Vater hat sich schon vor fünfundzwanzig Jahren den Fuß zerquetscht ... Eine Diebsfamilie, die vom Raube lebt... Der Vater hilft schmuggeln, die Mutter bestiehlt die Felder von Verchemont, der Großvater sammelt des Nachts Austern im staatlichen Gehege zu Roqueboise. Und Sie sehen selbst, was sie aus ihrer Tochter machen, eine Bettlerin, eine Spitzbübin, die sie zu den Leuten schicken, um alles zu klemmen, was herumliegt... Schauen Sie nur, wie sie nach meiner Tabaksdose schielt!« Die lebhaften Augen des Kindes, die zuerst alle Ecken der Terrasse abgesucht, hatten in der Tat beim Anblick der alten Tabaksdose des Priesters eine blitzartige Flamme durchzuckt. Sie verlor aber ihre Sicherheit nicht, sie wiederholte, als habe der Geistliche ihre Geschichte nicht erzählt: »Das Bein gebrochen ... Geben Sie mir etwas, gutes Fräulein.« Diesmal begann Luise zu lachen, so drollig erschien ihr diese fünfjährige Spottgeburt, bereits verderbt wie Vater und Mutter. Pauline war ernst geblieben, sie langte ihren Geldbeutel hervor und entnahm ihm ein neues Fünffrankenstück. »Höre,« sagte sie, »du sollst alle Sonnabend soviel haben, wenn ich erfahre, daß du die ganze Woche nicht auf den Straßen herumgelaufen bist.« »Verstecken Sie die Gedecke!« rief abermals Abbé Horteur. »Sie wird Sie bestehlen!« Pauline aber verabschiedete die Kinder, ohne zu antworten. Diese trollten, ihre Latschen nachschleppend, mit einem »schönen Dank«, und »Gott vergelt es Ihnen« von dannen. Indessen schalt Frau Chanteau, die soeben von der Inaugenscheinnahme des für Luise bestimmten Zimmers zurückgekommen war, leise auf Veronika. Es sei unerträglich, selbst die Magd beginne die Bettler einzuführen. Als ob das Fräulein nicht schon genug in das Haus schleppe! Ein Haufe Gezücht, das sie auffresse und sich hinterher noch über sie lustig mache. Das Geld gehöre allerdings ihr, und sie könne es nach ihrem Belieben zum Fenster hinauswerfen, aber diese Begünstigung des Lasters werde wahrhaftig geradehin zur Unmoral. Frau Chanteau hatte noch gehört, wie das junge Mädchen der kleinen Tourmal für jeden Sonnabend hundert Sous versprach. Abermals zwanzig Franken monatlich. Das Vermögen eines Satrapen würde hier nicht ausreichen. »Du weißt, daß ich diese Diebin nicht wieder sehen will«, sagte sie zu Pauline. »Wenn du auch jetzt Herrin deines Vermögens bist, kann ich doch nicht deinen törichten Ruin zugeben. Ich habe eine moralische Verantwortlichkeit ... Ja, du wirst dich ruinieren, meine Liebe und schneller, als du glaubst!« Veronika, die wütend über den von der Frau erhaltenen Verweis in die Küche zurückgekehrt war, erschien jetzt wieder mit der schroff herausgestoßenen Meldung: »Der Schlächter ist hier... Er will bezahlt sein; sechsundvierzig Franken zehn Centimes.« Eine große Bestürzung schnitt Frau Chanteau das Wort ab. Sie kramte in den Taschen und machte eine Bewegung des Erstaunens. Dann fragte sie leise: »Sage, Pauline, hast du soviel bei dir? Ich habe kein kleines Geld zur Hand, ich müßte erst nach oben gehen. Wir rechnen später ab.« Pauline folgte dem Mädchen, um dem Schlächter zu zahlen. Seit sie das Geld in der Kommode hatte, begann diese Komödie jedesmal von neuem, sooft eine Rechnung vorgezeigt wurde. Es war dies eine regelmäßige Ausbeutung in Gestalt kleiner Beträge, die ganz natürlich schien. Die Tante machte sich nicht einmal mehr die Mühe, von dem Haufen zu nehmen: sie forderte und ließ das junge Mädchen sich mit eigenen Händen ausplündern. Zuerst hatte man abgerechnet, man gab ihr zehn und fünfzehn Franken wieder; mit der Zeit jedoch hatten sich die Abrechnungen derart verwickelt, daß man nur noch von späteren Auseinandersetzungen sprach zur Zeit der Heirat; das hinderte sie aber keineswegs, am ersten Tage jedes Monats pünktlich ihre Pension zu zahlen, die jene auf neunzig Franken emporgeschraubt hatten. »Wieder Ihr Geld, das dahin tanzt«, brummte Veronika im Flur. »Ich an Ihrer Stelle hätte sie ihren Geldbeutel holen lassen!... Gott kann nicht zugeben, daß man Ihnen auf diese Weise die Wolle vom Rücken frißt.« Als Pauline mit der quittierten Rechnung zurückkam und sie der Tante übergab, triumphierte der Geistliche eben laut. Chanteau war geschlagen; er sollte wirklich keine einzige Partie gewinnen. Die Sonne ging unter, die schrägen Strahlen tauchten das Meer in Purpur, das langsam stieg. Luise lächelte mit traumverlorenen Blicken dieser Freude des unermeßlichen Horizontes zu. »Seht doch, Luisette auf der Reise nach den Wolken«, sagte Frau Chanteau. »Du, Luisette, ich habe deinen Koffer hinaufbringen lassen. Wir sind wieder einmal Nachbarn!« Lazare kam erst am folgenden Tage heim. Nach seinem Besuch bei dem Unterpräfekten hatte er sich entschlossen, nach Caen zu gehen, um den Präfekten aufzusuchen. Wenn er auch nicht den staatlichen Zuschuß in seiner Tasche mitbrachte, war er doch überzeugt, wie er sagte, daß der Generalrat wenigstens den Betrag von zwölftausend Franken bewilligen werde. Der Präfekt hatte ihn bis an die Tür begleitet und sich durch förmliche Versprechen gebunden: man könne Bonneville nicht so im Stich lassen, die Verwaltung sei bereit, den Eifer der Bewohner der Gemeinde zu unterstützen. Lazare verzweifelte nur deswegen, weil er Verzögerungen aller Art voraussah, und der geringste Verzug in der Erfüllung seiner Wünsche wurde für ihn eine wahre Folter. »Auf Ehrenwort,« rief er, »wenn ich die zwölftausend Franken hätte, würde ich sie am liebsten selbst vorschießen ... Um einen ersten Versuch zu machen, bedarf es nicht einmal dieser Summe. Ihr sollt erst die Verdrießlichkeiten sehen, wenn sie ihre Beisteuer bewilligt haben! Alle Ingenieure des Kreises haben wir dann auf dem Rücken. Wenn wir dagegen ohne sie beginnen, müssen sie gezwungen sich vor den Erfolgen beugen... Ich bin meines Entwurfes sicher. Der Präfekt, dem ich ihn kurz auseinandersetzte, war überrascht von der Billigkeit und Einfachheit der Ausführung.« Die Hoffnung auf die Besiegung des Meeres erregte ihn fieberhaft. Er hatte einen Groll gegen die See behalten, seit er sie in der Angelegenheit der Algen heimlich seines Ruins beschuldigte. Wenn er sie auch nicht laut schmähte, so nährte er doch den Gedanken, eines Tages Rache an ihr üben zu können. Gab es eine schönere Hoffnung, als ihr in ihrer blinden Zerstörungswut Einhalt gebieten, ihr als Meister zurufen zu können: »Weiter sollst du nicht gehen!« Außer der Großartigkeit des Kampfes selbst war für dieses Unternehmen auch ein Zug von Menschenliebe bestimmend, der ihn vollends begeisterte. Als seine Mutter ihn mit dem Schnitzen von Holzstücken, die Nase über ein Handbuch der Mechanik gebeugt, seine Tage hatte vertrödeln sehen, rief sie sich zagend den Großvater in die Erinnerung, den unternehmenden und brauseköpfigen Zimmermann, dessen unnützes Meisterwerk in einem Glaskasten ruhte. Wollte der Alte in diesem Jüngling wiederauferstehen, um den Ruin der Familie zu vollenden? Dann hatte sie sich von dem angebeteten Sohn überzeugen lassen. Wenn es ihm glückte, und es mußte ihm ganz selbstverständlich glücken, war das endlich der erste Schritt; eine schöne Tat, ein uneigennütziges Werk, das ihm Ruhm bringen mußte; von hier aus konnte er leicht vorwärtsschreiten, soweit es ihm beliebte, so hoch er dazu den Ehrgeiz fühle. Von jenem Tage an träumte das ganze Haus nur noch von der Demütigung des Meeres, von seiner Fesselung zu Füßen der Terrasse, daß es gehorsam werden solle wie ein geprügelter Hund. Der Entwurf war übrigens, wie Lazare sagte, von großer Einfachheit. Er setzte schwere Holzpfähle voraus, die mit Bohlen gedeckt in den Sand gesenkt werden sollten: vor ihnen mußten die von der Flut herbeigeführten Kiesel sich zu einer Art unerschütterlicher Mauer auftürmen, an der sich in der Folge die Wogen brechen würden: das Meer selbst wurde also mit der Erbauung der Schanze beauftragt, die ihm Einhalt gebieten sollte. Schutzdämme, lange Stützbalken auf Dachstuhlsäulen gehoben und als Sturzseebrecher auf eine große Entfernung dienend, sollten vor die Kieselmauer gestellt, das System vervollständigen. Hatte man die notwendigen Mittel, so konnte man auch noch zwei oder drei große Pfahlwerke errichten, mächtige, auf Gebälk gesetzte Täfelungen, deren dichte Massen den Druck der hochgehenden Fluten brechen würden. Lazare hatte die erste Idee im »Handbuch des vollendeten Zimmermannes« gefunden, einem Schmöker mit einfachen Kupferstichen, der zweifellos einstmals vom Großvater erworben war. Er aber vervollständigte diesen Gedanken, stellte beträchtliche Untersuchungen an, studierte die Theorie der Kräfte, die Widerstandsfähigkeit der Materialien: er war vor allem stolz auf eine neue Anordnung und Neigung der Pfähle, die nach seiner Meinung das Gelingen durchaus gewiß machten. Pauline hatte sich noch einmal für diese Studien erwärmt. Auch sie belebte gleich dem jungen Manne eine durch Versuche unablässig rege gehaltene Neugier, die sie zu dem Kampfe mit dem Unbekannten aneiferte. Jedoch von kühlem Verstände täuschte sie sich nicht mehr über die möglichen Mißerfolge. Wenn sie das Meer steigen, den festen Boden mit seinem Hohlgange wegfegen sah, richtete sie Blicke des Zweifels auf das von Lazare erbaute Spielzeug, auf die Reihen von Pfählen, Dämmen und Pfahlwerken im kleinen. Das große Zimmer war jetzt damit angefüllt. Eines Abends blieb das Mädchen lange am Fenster. Seit zwei Tagen sprach ihr Vetter davon, alles zu verbrennen; eines Abends bei Tische hatte er ausgerufen, er wolle nach Australien gehen, weil in Frankreich kein Platz mehr für ihn sei. Sie dachte an diese Dinge, während die Flut in ihrer vollen Höhe im Schoße der Dunkelheit Bonneville peitschte. Jeder Anprall erschütterte sie, sie glaubte in regelmäßigen Zwischenräumen das Heulen der von der See Gefressenen zu hören. Der Kampf, den die Liebe zum Gelde wieder einmal ihrer Güte lieferte, wurde jetzt unerträglich. Sie schloß das Fenster, wollte nichts mehr hören. Aber die fernen Schläge durchrüttelten sie in ihrem Bette. Warum nicht das Unmögliche versuchen? Was galt das in das Wasser geworfene Geld, wenn man dafür selbst nur eine einzige Möglichkeit der Rettung des Dorfes eintauschte? Sie schlief erst gegen Morgen ein mit dem Gedanken an die Freude ihres Vetters, der aus einer düstren Traurigkeit gerissen, endlich vielleicht auf seinen wirklichen Weg gebracht wurde, glücklich durch sie, weil er ihr alles schuldete. Am nächsten Morgen rief sie ihn, ehe sie nach unten ging, zu sich. »Weißt du schon? Ich habe geträumt, ich liehe dir zwölftausend Franken?« Er wurde zornig und weigerte sich heftig. »Du willst also, daß ich abreise und nicht wieder, zum Vorschein komme ... Nein, es mag an der Fabrik genug sein. Ich sterbe daran vor Schande, ohne es dir zu sagen.« Zwei Stunden später nahm er ihr Anerbieten an; er drückte ihr die Hände in einem leidenschaftlichen Ausbruch. Es war bloß ein Vorschuß, ihr Geld laufe keine Gefahr, denn die Bewilligung des Zuschusses seitens des Generalrates unterliege keinem Zweifel, namentlich angesichts des Beginns der Ausführung. Am selben Abend noch wurde der Zimmermeister von Arromanches berufen. Es gab endlose Besprechungen, Spaziergänge längs der Küste, eine heftige Auseinandersetzung über den Kostenanschlag. Das ganze Haus verlor darüber den Kopf. Frau Chanteau dagegen war außer sich geraten, als sie von dem Darlehen der zwölftausend Franken hörte. Lazare war erstaunt und begriff nicht. Seine Mutter überhäufte ihn mit seltsamen Beweisführungen. Pauline strecke ihnen ohne Zweifel von Zeit zu Zeit kleine Beträge vor, doch sie könne sich unentbehrlich glauben, deshalb habe man lieber den Vater Luisens um die Eröffnung eines Kredits angehen können. Luise selbst, die eine Mitgift von zweihunderttausend Franken bekam, verursachte mit ihrem Vermögen nicht so viele Verlegenheiten. Diese Ziffer von zweihunderttausend Franken kehrte unaufhörlich auf Frau Chanteaus Lippen wieder, und sie schien eine gereizte Geringschätzung gegen die Trümmer jenes andern Vermögens zu empfinden, dessen Zerfließen in dem Schreibsekretär begonnen hatte und sich jetzt in der Kommode fortsetzte. Chanteau heuchelte auf Antreiben seiner Frau ebenfalls Verdrossenheit über die Sache. Pauline machte es großen Kummer; trotzdem sie ihr Geld hingab, fühlte sie sich dennoch weniger geliebt als ehedem; sie glaubte sich von einem geheimen Groll umgeben, dessen Ursache sie sich nicht erklären konnte, und der von Tag zu Tag wuchs. Doktor Cazenove brummte ebenfalls, als sie ihn der Form halber zu Rate zog; aber er war wohl oder übel genötigt gewesen, zu allen geliehenen Beträgen, den kleinen wie den großen, ja zu sagen. Sein Amt als Kurator blieb illusorisch, er fand sich in diesem Hause entwaffnet, in dem er als alter Freund empfangen wurde. Am Tage der zwölftausend Franken lehnte er jede Verantwortung ab. »Mein Kind,« sagte er und nahm Pauline beiseite, »ich will nicht mehr ihr Mitschuldiger sein. Fragen Sie mich nicht mehr um Rat, ruinieren Sie sich, wie es Ihnen Ihr Herz eingibt. Sie wissen sehr wohl, daß ich Ihren Bitten nie widerstehen würde, und ich leide nachher wirklich darunter, denn mein Gewissen fühlt sich ganz bedrückt. Ich möchte lieber nichts von dem wissen, was ich doch mißbillige.« Sie blickte ihn tief gerührt an. Nach einer Pause aber sagte sie: »Tausend Dank, mein guter Doktor ... Aber ist das so nicht vernünftiger? Was tut es, wenn ich glücklich bin?« Er hatte ihre Hände gefaßt, er drückte sie väterlich in ernster Ergriffenheit. »Ja, wenn Sie glücklich sind? ... Auch das Unglück wird mitunter recht teuer erkauft.« In der Hitze dieser dem Meere zu liefernden Schlacht hatte Lazare natürlich die Musik völlig aufgegeben. Ein feiner Staub legte sich auf das Klavier, die Partitur seiner großen Symphonie war in das Schiebfach zurückgekehrt dank Paulinen, welche die einzelnen Blätter unter den Möbeln selbst aufgelesen hatte. Einzelne Sätze befriedigten ihn nicht mehr; die himmlische Süße der Vernichtung am Schlüsse, in alltäglicher Weise durch einen Walzerrhythmus ausgedrückt, würde wahrscheinlich besser durch das Tempo eines sehr verlangsamten Marsches wiedergegeben werden. Eines Abends hatte er erklärt, er wolle alles von vorn beginnen, sobald er Zeit habe. Sein begehrliches Verlangen, sein Unbehagen, aus der beständigen Berührung mit dem jungen Mädchen hervorgegangen, schien mit dem Fieber seines Genies ebenfalls verflogen zu sein. Es war ein Meisterwerk, auf eine bessere Zeit verschoben, eine große Leidenschaft, deren Stunde er nach Belieben vorrücken und verlangsamen zu können glaubte, gleichfalls zurückgestellt. Er behandelte seine Base von neuem wie eine alte Freundin, wie die angetraute Frau, die sich ihm an dem Tage hingeben werde, an welchem er die Arme öffnet. Seit dem April lebten sie nicht mehr in enger Eingeschlossenheit, der Wind trug die Glut ihrer Wangen davon. Das große Zimmer blieb leer, beide liefen jenseits von Bonneville am felsigen Strande entlang und prüften die Punkte, an denen die Palissaden und Dämme errichtet werden sollten. Oft kehrten sie mit den Füßen im frischen Wasser, abgespannt und rein zurück wie in den fernen Tagen der Kindheit. Wenn Pauline, um ihn zu necken, den famosen Todesmarsch spielte, rief Lazare: »So schweige doch! ... Das sind Dummheiten!« Noch am Abend des Besuches des Zimmermeisters wurde Chanteau von einem Gichtanfall betroffen. Die Anfälle kehrten jetzt fast alle Monate wieder; nachdem das Salizyl sie zuerst beschwichtigt hatte, schien es jetzt ihre Heftigkeit zu verdoppeln. Pauline sah sich vierzehn Tage an das Bett des Onkels gefesselt. Lazare, der seine Studien am Strande fortsetzte, nahm nunmehr Luise mit, um sie von dem Kranken fernzuhalten, dessen Anfälle sie erschreckten. Da sie das Fremdenzimmer gerade über dem Chanteaus bewohnte, mußte sie, um schlafen zu können, sich die Ohren verstopfen und den Kopf in das Kissen stecken. Draußen lächelte sie wieder liebenswürdig, sie war entzückt von dem Spaziergange und vergaß den armen, heulenden Mann. Es waren reizende Tage. Der junge Mensch hatte seine neue Begleiterin zuerst überrascht betrachtet. Sie war so ganz anders wie jene; sie schrie auf, wenn eine Seespinne ihren Halbschuh streifte, sie fürchtete sich vor dem großen Wasser und glaubte sich bereits ertrunken, wenn sie über eine Pfütze springen mußte. Die Kiesel verwundeten ihre kleinen Füße, sie schloß nie den Sonnenschirm und ihre Hände staken bis zu den Ellenbogen in Handschuhen, in beständiger Furcht, der Sonne ein Eckchen ihrer zarten Hand überlassen zu müssen. Nach dem ersten Erstaunen hatte er sich durch diese ängstliche Anmut verführen lassen, diese Hilflosigkeit, die stets bereit war, bei ihm Zuflucht zu suchen. Sie roch nicht nach der freien Luft; sie berauschte ihn vielmehr durch ihren lauen Heliotropduft. Schließlich war es kein Knabe, der an seiner Seite dahingaloppierte, es war ein Weib, dessen Strümpfe, wenn er bei einem Windstoße sie erblickte, das Blut in seinen Adern rascher pulsieren ließen. Aber sie war nicht so schön wie die andere, älter und schon verblichen; sie besaß indessen einen einschmeichelnden Reiz, ihre kleinen, schmiegsamen Gliedmaßen ließen sich gehen, ihre ganze kokette Persönlichkeit versprach ein Glück. Es war ihm, als entdecke er sie mit einem Male, er erkannte das hagere Mädchen von ehemals nicht wieder. War es möglich, daß die langen Jahre des Pensionats dieses so beunruhigende, junge Mädchen geschaffen hatten, das in seiner Jungfräulichkeit so voll vom Manne war und auf dem Grunde der klaren Augen die Lüge seiner Erziehung trug? Er ließ sich nach und nach von einem besonderen Geschmack für sie einnehmen, von einer vererbten Leidenschaft, in welcher sich seine einstige Kinderfreundschaft zu sinnlichen Gelüsten verfeinerte. Als Pauline das Zimmer des Onkels verlassen konnte und Lazare wieder zu begleiten begann, fühlte sie sofort, daß zwischen ihm und Luise eine neue Luft wehte; es wurden Blicke, Lachen ausgetauscht, an denen sie keinen Anteil hatte. Sie wollte sich erklären lassen, was jene belustigte, und lächelte kaum darüber. Während der ersten Tage spielte sie sich auf die Mütterliche hinaus und behandelte sie wie junge Narren, die über ein Nichts scherzen können. Bald aber wurde sie trübselig, jeder Spaziergang deuchte ihr eine Last. Doch keine Klage entschlüpfte ihr; sie sprach von unaufhörlichen Migränen; als ihr der Vetter riet, nicht auszugehen, ärgerte sie sich und ließ ihn selbst nicht mehr im Hause allein. Als er eines Nachts um zwei Uhr noch wach war, um einen Plan zu vollenden, öffnete er die Tür, weil er zu seiner Überraschung Schritte hörte. Sein Staunen wuchs, als er sie im bloßen Unterrock, ohne Licht über das Geländer gebeugt sah, um auf Geräusche in den unteren Zimmern zu lauschen. Sie erzählte, daß sie selbst Klagen zu vernehmen geglaubt hätte. Diese Lüge jedoch färbte ihr die Wangen; er errötete, ebenfalls von einem Zweifel befallen. Seitdem grollten sie sich gegenseitig ohne eine weitere Aussprache. Er wandte den Kopf, fand sie lächerlich, wegen derartiger Kindereien derart zu maulen; während sie immer düsterer wurde und ihn keinen Augenblick mit Luise allein ließ, deren geringste Bewegungen beobachtete und am Abend in ihrem Zimmer Todesqualen durchkämpfte, wenn sie jene auf der Heimkehr vom Strande miteinander hatte flüstern sehen. Mit den Arbeiten ging es vorwärts. Eine Schar Zimmerleute führte jetzt ein erstes Bollwerk aus, nachdem sie vorher starke Bohlen auf eine Reihe Spitzpfähle genagelt hatten. Es war dies übrigens ein einfacher Versuch, sie beeilten sich in der Voraussicht des Eintritts einer Hochflut; wenn die Holzstücke widerstanden, wollte man das System der Verteidigung vervollständigen. Das Wetter war unglücklicherweise abscheulich. Wolkenbrüche fielen ohne Unterlaß, ganz Bonneville ließ sich durchweichen, um die Pfähle mit Hilfe einer Stampfe in den Boden treiben zu sehen. Am Morgen des Tages endlich, an welchem man die große Flut erwartete, verdunkelte ein tintenfarbener Himmel das Meer; seit acht Tagen verdoppelte sich der Regen, und ertränkte den Horizont in einem eisigen Nebel. Es war zum Verzweifeln, denn man hatte einen Ausflug mit Kind und Kegel geplant, um dem Siege der Bohlen und Stützbalken beim Angriff der Hochflut beizuwohnen. Frau Chanteau beschloß, bei dem noch sehr leidenden Gatten zu bleiben. Man tat alles Mögliche, um auch Pauline zurückzuhalten, die seit einer Woche einen entzündeten Hals hatte: sie war etwas heiser, und allabendlich befiel sie ein leichtes Fieber. Sie wies indessen alle Ratschläge zur Vorsicht zurück und wollte an den Strand gehen, weil Lazare und Luise sich dorthin begaben. Diese Luise mit ihrem gebrechlichen Tun und stets Ohnmachten nahe war im Grunde von einer überraschenden, nervösen Kraft, wenn ein Vergnügen sie aufrecht hielt. Alle drei brachen nach dem Frühstück auf. Ein Windstoß fegte soeben die Wolken fort; triumphierendes Lachen begrüßte diese unerwartete Freude. Der Himmel zeigte so breite, blaue, noch von einigen schwarzen Fetzen durchquerte Felder, daß die Mädchen nur ihre Sonnenschirme mitnehmen wollten. Lazare allein trug einen Regenschirm. Im übrigen bürgte er für ihre Gesundheit, er wollte sie schon irgendwo unterbringen, falls die Regengüsse von neuem begännen. Pauline und Luise schritten voraus. Bei Beginn des steilen Abhanges nach Bonneville hinunter schien letztere jedoch auf dem schlüpfrigen Boden einen Fehltritt zu machen, und Lazare, der sich an ihre Seite begab, bot sich ihr zur Stütze an. Pauline mußte ihnen folgen. Ihre bei dem Aufbruche gezeigte Fröhlichkeit war dahin, ihre argwöhnischen Augen bemerkten, daß der Ellbogen ihres Vetters sich mit einer beständigen Liebkosung an der Hüfte von Luise rieb. Bald sah sie nur noch diese Berührung, alles andere verschwand, sowohl das Ufer, an dem die Fischer des Ortes mit spöttisch belustigten Mienen der Dinge harrten, wie auch das bereits steigende Meer und die vom Gischt schon weiße Schutzwehr. Am Horizont vergrößerte sich eine düstere Barre, eine pfeilgeschwind aufsteigende Wolke. »Teufel«, murmelte der junge Mann und schaute sich um, wir werden gleich wieder eine Suppe bekommen ... Der Regen wird uns jedoch noch Zeit zum Sehen lassen, und wir können uns gegenüber zu den Houtelard retten. Die Flut, welche den Wind gegen sich hatte, stieg mit einer ärgerlichen Langsamkeit. Der Wind hinderte sie zweifellos so stark zu werden, wie man vorausgesagt hatte. Niemand aber wich vom Strande. Die halb bedeckte Wehr tat ihre Schuldigkeit, zerschnitt die Wogen, deren niederfallendes Wasser dann bis zu den Füßen der Zuschauer aufbrodelte. Der Triumph jedoch galt dem siegreichen Widerstande der Pfähle. Nach jeder sie bedeckenden und die Meereskiesel heranschaufelnden Welle hörte man diese Steine niederprasseln und sich auf der anderen Seite der Bohlen auftürmen wie das plötzliche Entladen einer Wagenladung Steine; diese sich so bildende Mauer war der Erfolg, die Verwirklichung des verheißenen Walles. »Ich sagte es gleich!« schrie Lazare. »Jetzt könnt ihr euch alle über ihn lustig machen.« Prouane, der seit drei Tagen nicht nüchtern geworden war, schüttelte neben ihm den Kopf und stotterte. »Erst sehen, wenn der Wind von draußen pfeift.« Die übrigen Fischer schwiegen. An dem verzogenen Munde von Cuche und Houtelard jedoch merkte man, daß sie nur ein mäßiges Vertrauen zu allen diesen Kniffen hatten. Auch wünschten sie nicht, dieses sie zermalmende Meer von diesem Hanswurst von Bürger geschlagen zu sehen. Sie würden schon lachen an dem Tage, an dem es diese Balken wie Strohhalme fortwälzt. Das konnte zwar das ganze Dorf verwüsten, aber ein Spaß blieb es immerhin. Der Platzregen brach plötzlich los. Dicke Tropfen fielen aus der fahlen Wolke, die drei Viertel des Himmels überzogen hatte. »Das ist nichts, warten wir noch einen Augenblick«, wiederholte Lazare begeistert. »Seht doch, seht doch, nicht ein einziger Pfahl rührt sich.« Er hatte seinen Schirm über Luisens Kopf aufgespannt. Sie drängte sich mit dem Gehaben einer fröstelnden Turteltaube noch enger an ihn. Pauline, sich selbst überlassen, blickte sie immerfort wütend an; sie glaubte die Wärme ihres Zusammenschmiegens in ihr eigenes Gesicht steigen zu fühlen. Der Regen strömte jetzt geradezu. Lazare wandte sich plötzlich um. »Was gibt es?« schrie er. »Bist du toll? ... Öffne wenigstens den Sonnenschirm.« Sie stand aufrecht, starr unter dieser Sündflut, die sie nicht zu empfinden schien. Mit einer rauhen Stimme erwiderte sie: »Laß mich in Ruhe, ich befinde mich vollkommen wohl.« »Oh! Lazare, ich bitte Sie, zwingen Sie sie, zu uns zu kommen«, sagte Luise verzweifelt ... Wir werden uns alle drei fest unterfassen. Aber Pauline würdigte sie in ihrer wilden Verbohrtheit nicht einmal mehr einer Weigerung. Sie befand sich ganz gut so, warum störte man sie? Als er am Ende mit seinen Bitten anhob: »Aber das ist doch zu dumm; laßt uns zu den Houtelards eilen!« antwortete sie abweisend: »Lauft, wohin ihr wollt ... Wir sind hier, um etwas zu sehen, so will ich eben sehen.« Die Fischer waren geflohen. Sie aber stand unbeweglich unter dem Wolkenbruch, den Blick den Balken zugewandt, welche die Wogen völlig zudeckten. Dieses Schauspiel schien sie völlig in Anspruch zu nehmen trotz des Wasserstaubes, in welchem jetzt alles verschwamm, einer grauen Wolke, die durch den Regen gesiebt, vom Meere aufstieg. Ihr triefendes Gewand zeichnete sich an den Schultern und Armen mit breiten, schwarzen Flecken ab. Sie war nicht eher zum Verlassen des Ortes zu bewegen, als bis der Westwind die Wolke davongejagt hatte. Alle drei kehrten schweigend heim. Nicht ein Wort von dem Abenteuer wurde weder der Tante noch dem Onkel erzählt. Pauline hatte sich sofort hinaufbegeben, um die Leibwäsche zu wechseln, während Lazare von dem vollständigen Erfolg seines Versuches erzählte. Am Abend bei Tische wurde Pauline von einem abermaligen Fieberanfalle heimgesucht; aber sie behauptete, nicht zu leiden, trotz der ersichtlichen Qual, die ihr das Hinunterschlucken eines jeden Bissens verursachte. Sie gab schließlich Luisen grobe Antworten, die sich zärtlich besorgt ihretwegen beunruhigte und sie unaufhörlich nach ihrem Befinden fragte. »Sie wird durch ihren bösartigen Charakter wirklich unausstehlich«, hatte Frau Chanteau hinter ihr her gebrummt. »Man kann schließlich nicht einmal mehr mit ihr reden.« In derselben Nacht wurde Lazare um die erste Morgenstunde durch das Geräusch eines so schrecklichen trockenen Hustens geweckt, daß er sich aufrichtete, um zu lauschen. Sein erster Gedanke galt seiner Mutter; während er noch horchte, trieb ihn der jähe Fall eines Körpers, der die Dielen zittern ließ, aus dem Bette und hastig in die Kleider. Das konnte nur Pauline sein, der Körper schien hinter der Scheidewand aufgeschlagen zu haben. Mit seinen zitternden Fingern suchte er die Streichhölzer anzuzünden. Endlich konnte er mit seinem Wachsstock hinaus und sah zu seiner Überraschung die gegenüberbefindliche Tür offen. Auf der Schwelle sah er das junge Mädchen im Hemde, mit nackten Füßen und Armen liegen. »Was ist geschehen?« rief er. »Bist du gefallen?« Der Gedanke, daß sie herumlungerte, um ihn auszuspionieren, durchkreuzte sein Gehirn. Sie aber antwortete nicht, sie rührte sich nicht; und er sah sie mit geschlossenen Augen, wie erschlagen, vor sich liegen. Ohne Zweifel hatte in dem Augenblicke, in welchem sie Hilfe suchen gegangen war, eine Ohnmacht sie auf die Fliesen hingestreckt. »Pauline, antworte mir, ich beschwöre dich ... Wo leidest du?« Er hatte sich gebückt und leuchtete ihr ins Gesicht. Hoch gerötet, schien sie von einem heftigen Fieber durchglüht zu werden. Das unwillkürliche Verlegenheitsgefühl, das ihn angesichts dieser jungfräulichen Nacktheit zurückhielt von dem Versuch, sie auf den Armen in ihr Bett zurückzutragen, wich sofort seiner brüderlichen Besorgnis. Er bemerkte ihre Blöße nicht mehr, er packte sie an den Schenkeln und unter dem Kreuze, ohne sich auch nur dieser zarten Frauenhaut an seiner Männerbrust bewußt zu sein. Als er sie wieder gebettet hatte, befragte er sie abermals, ohne an ein Heraufziehen der Bettdecke zu denken. »Mein Gott, so sprich doch! Bist du vielleicht verwundet?« Die Erschütterung öffnete ihr die Augen. Aber sie sprach noch immer nicht, sie sah ihn starr an; als er noch des weiteren in sie drängte, führte sie endlich die Hand an ihre Kehle. »Du leidest am Halse?« Mit einer veränderten, mühsam pfeifenden Stimme flüsterte sie nur ganz leise: »Zwinge mich nicht zum Sprechen, ich bitte dich ... Es tut mir zu weh!« Abermals wurde sie von einem Hustenanfalle heimgesucht, von demselben Keuchhusten, den er in seinem Zimmer vernommen hatte. Ihr Gesicht lief bläulich an, der Schmerz war so entsetzlich, daß ihre Augen sich mit schweren Tränen füllten. Sie legte beide Hände an ihren armen, erschütterten Kopf, in dem das Hämmern eines schrecklichen Kopfschmerzes arbeitete. »Das hast du dir heute geholt«, stotterte er fassungslos. »War das wohl vernünftig, krank wie du schon warst?« Er stockte jedoch, als er von neuem ihre flehenden Blicke auf sich gerichtet sah. Mit tastender Hand suchte sie nach dem Oberbett. Er deckte sie bis an das Kinn zu. »Willst du den Mund öffnen, um mich hineinschauen zu lassen?« Sie konnte kaum die Kiefer auseinander bekommen. Er näherte die Flamme des Wachslichtes, er erkannte nur mühsam den trocknen, in einem lebhaften Rot schimmernden hinteren Teil des Halses. Das war zweifellos eine Bräune. Dieses entsetzliche Fieber, dieser fürchterliche Kopfschmerz nur ängstigte ihn betreffs der Natur dieser Bräune. Das Gesicht der Kranken drückte ein so angstvolles Erwürgungsgefühl aus, daß er eine tolle Furcht hatte, sie vor seinen Augen ersticken zu sehen. Sie schlang nicht mehr, jede Schluckbewegung erschütterte sie vollständig. Ein neuer Hustenanfall ließ sie abermals die Besinnung verlieren. Da geriet er in die äußerste Bestürzung und donnerte mit Faustschlägen an die Tür der Magd. »Veronika! Veronika! Steh auf! ... Pauline stirbt!« Als Veronika bestürzt und halb bekleidet bei dem Fräulein eintrat, fand sie ihn fluchend und mit Händen und Füßen gestikulierend mitten im Zimmer. Welch ein elendes Nest! Man könnte hier wie ein Hund krepieren ... Mehr als zwei Meilen weit muß man nach Hilfe schicken!« Er kam ihr entgegen. »Suche jemanden aufzutreiben, der zum Arzt läuft und ihn gleich herbringt.« Sie hatte sich dem Bette genähert und beschaute die Kranke. Es ergriff sie tief, sie so gerötet zu sehen, und sie fühlte sich in ihrer wachsenden Neigung für das zuerst so verabscheute Kind aufs höchste erschrocken. »Ich laufe selbst,« sagte sie ohne weiteres, »dann geht es um so schneller ... Die Frau kann im Notfalle unten Feuer machen!« Kaum richtig aufgewacht, steckte sie die Füße in große Stiefel und hüllte sich in ein Umschlagetuch. Nachdem sie Frau Chanteau beim Heruntergehen von dem Vorgefallenen benachrichtigt, lief sie mit weit ausholenden Schritten auf der aufgeweichten Straße davon. Von der Kirche schlug es zwei Uhr, die Nacht war so schwarz, daß sie gegen die Steinhaufen anlief. »Was gibt es denn?« fragte Frau Chanteau, als sie hinaufkam. Lazare antwortete kaum. Er hatte soeben mit toller Hast im Schranke nach seinen alten medizinischen Büchern gesucht; über die Kommode gebeugt, durchblätterte er mit zitternden Fingern die Seiten und versuchte sich die ehemaligen Studien in das Gedächtnis zurückzurufen. Aber alles ging wirr durcheinander, alles verwirrte sich, er griff unaufhörlich auf das Inhaltsverzeichnis zurück und fand nichts mehr. »Es ist jedenfalls eine starke Migräne,« wiederholte Frau Chanteau, die sich gesetzt hatte; »das beste ist, sie schlafen zu lassen.« »Eine Migräne! Eine Migräne!... Höre, Mama, du reizest mich, wenn du dabei so ruhig bleiben kannst. Geh hinunter und mache Wasser heiß.« »Es ist wohl nicht nötig, Luise zu stören?« fragte sie noch. »Völlig überflüssig... Ich brauche niemanden. Ich werde rufen.« Als er wieder allein war, ergriff er Paulinens Hand, um ihre Pulsschläge zu fühlen. Er zählte hundertfünfzehn. Er fühlte diese brennende Hand, die unaufhörlich die seine preßte. Das Mädchen, dessen schwere Lider geschlossen blieben, legte in diesen Druck einen Dank und eine Bitte um Verzeihung. Konnte sie nicht mehr lächeln, so wollte sie dennoch zu verstehen, geben, daß sie alles gehört hatte und gerührt war, ihn bei sich zu wissen, allein bei ihr ohne Gedanken an eine andere. Gewöhnlich hatte er einen tiefen Abscheu vor allen Leiden, er flüchtete vor dem geringsten Übelbefinden der Seinen als schlechter Krankenwärter, so wenig seiner Nerven sicher, wie er sagte, daß er in ein Schluchzen auszubrechen drohte. Sie empfand denn auch eine mit Dankbarkeit gemischte Überraschung, als sie ihn so ergeben sah. Er selbst hätte nicht sagen können, welche Teilnahme ihn aufrichtete, welches Bedürfnis, sich ganz auf sich selbst zu verlassen, um ihr Linderung zu verschaffen. Der Druck dieser kleinen Hand machte ihn wirr, er wollte ihr Mut machen. »Das hat nichts zu bedeuten, Liebe. Ich erwarte Cazenove... Vor allem, fürchte dich nicht.« Sie blieb mit geschlossenen Augen liegen und flüsterte mühsam: »Ich habe keine Furcht... Es tut mir nur leid, dich zu stören.« Mit noch leiserer Stimme, die flüchtig wie ein Hauch klang: »Du verzeihst mir?... Ich bin heute recht häßlich gewesen.« Er beugte sich über sie, um sie, als sei sie seine Frau, auf die Stirn zu küssen. Dann wandte er sich ab, denn Tränen erstickten ihn. Es fiel ihm ein, wenigstens, ein Beruhigungsmittel zu bereiten, bis der Doktor komme. Die kleine Apotheke des jungen Mädchens befand sich in einer schmalen Wandverkleidung. Er fürchtete nur, sich zu irren, befragte sie über alle Flaschen und goß schließlich einige Morphiumtropfen in ein Glas Zuckerwasser. Wenn sie einen Löffel davon schluckte, wurde der Schmerz so heftig, daß er jedesmal zögerte, ihr eine weitere Dosis zugeben. Das war alles, er fühlte sich nicht imstande mehr zu versuchen. Das Warten wurde unerträglich. Als er sie nicht mehr leiden sehen konnte und ihm durch das Stehen am Bette die Beine zu brechen drohten, öffnete er abermals die Bücher in dem guten Glauben, endlich den Fall und das Mittel zu finden. War es eine Blutbräune? Er hatte indessen keine falschen Häutchen auf den Bändern des Weichteils des Gaumens bemerkt, vertiefte sich in die Lektüre der Beschreibung und Behandlung der Blutbräune, verlor sich in die Reihe von langen Sätzen, deren Sinn ihm entging, und klammerte sich an unnütze Einzelheiten, wie ein Kind, das eine ihm unverständliche Aufgabe auswendig lernt. Dann führte ihn ein Seufzer an das Bett zurück; er zitterte, und der Kopf summte ihm vor wissenschaftlichen Bezeichnungen, deren holperige Silben seine Ängstlichkeit verdoppelten. »Nun?« fragte Frau Chanteau: die ganz sacht heraufgekommen war. »Noch dasselbe«, antwortete er. Erregt fügte er hinzu: »Unerträglich, dieser Arzt ... Bis dahin kann man zwanzigmal tot sein.« Die Türen waren offen geblieben; Mathieu, der unter dem Küchentische schlief, kam in seiner Sucht, den Leuten durch alle Räume des Hauses zu folgen, soeben die Treppe herauf. Seine dicken Pfoten machten auf dem Fußboden das Geräusch von alten Wollschuhen. Er war höchst vergnügt über dieses nächtliche Abenteuer, wollte zu Pauline hinaufspringen und schnappte nach seinem Schwanze als ein die Trauer seiner Herren nicht kennendes Tier. Aufgebracht durch diese ungelegene Fröhlichkeit, versetzte Lazare dem Tier einen Fußtritt. »Marsch fort, oder ich erwürge dich! ... Siehst du nicht, Dummkopf!« Der Hund, den es überraschte, daß man ihn schlug, schnupperte und kroch dann, als habe er plötzlich alles begriffen, demütig unter das Bett. Aber diese Roheit hatte Frau Chanteau aufgebracht. Ohne länger zu warten, ging sie wieder in die Küche hinunter und sagte vorher trocken: »Wenn du willst ... Das Wasser wird gleich heiß sein.« Lazare hörte sie auf der Treppe brummen, es sei empörend, ein Tier so zu schlagen; er werde schließlich sie auch noch schlagen, wenn sie da bleibe. Er, der gewöhnlich auf den Knien vor der Mutter lag, machte eine gereizte Miene hinter ihr her. Minute für Minute kam er zurück, um einen Blick auf Pauline zu werfen. Von dem Fieber verzehrt, schien sie völlig bewußtlos, und in dem erschauernden Schweigen des Zimmers war nichts weiter mehr von ihr vorhanden als das Rasseln ihres Atems, das in ein Röcheln des Todeskampfes überzugehen schien. Von neuem packte ihn die törichte, unsinnige Furcht: sie werde sicher ersticken, wenn keine Hilfe komme. Er wanderte von einer Ecke des Zimmers in die andere und befragte unaufhörlich die Wanduhr. Es war knapp drei Uhr, Veronika also noch nicht einmal beim Arzte angelangt. Er folgte ihr auf der Straße nach Arromanches durch die schwarze Nacht: Sie war am Eichenwald vorübergekommen, dann an die Brücke gelangt und konnte fünf Minuten gewinnen, wenn sie das Ufer im Laufschritt hinunterging. Ein heftiges Verlangen, etwas zu hören, veranlaßte ihn das Fenster zu öffnen, trotzdem er in diesem Abgrunde von Finsternis nichts unterscheiden konnte. Ein einziges Licht schimmerte von Bonneville herauf, wahrscheinlich die Laterne eines auf das Meer hinausfahrenden Schiffes. Eine todesbange Finsternis, eine unendliche Verlassenheit breitete sich draußen aus; er glaubte zu spüren, wie in ihr alles Leben dahinfloß und erlosch. Er schloß das Fenster, dann öffnete er es wieder, um es bald abermals zu schließen. Das Verständnis für Zeit und Stunde schwand ihm schließlich, er wunderte sich, als es drei Uhr schlug. In diesem Augenblicke hatte der Doktor schon anspannen lassen, und der Wagen rollte bereits auf der Landstraße dahin, mit dem gelben Auge seiner Laterne die Schatten durchbohrend. Lazare war vor Ungeduld bei der wachsenden Erstickungsnot der Kranken schon so stumpfsinnig, daß er wie aus dem Schlafe auffuhr, als gegen vier Uhr jemand in raschen Schritten die Treppe heraufkam. »Endlich sind Sie da!« rief er. Doktor Cazenove ließ sofort ein zweites Licht anzünden, um Pauline zu untersuchen. Lazare hielt die eine, während die vom Winde zerzauste und bis zu den Lenden mit Kot beschmutzte Veronika die andere dem Kopfende des Bettes näherte. Frau Chanteau schaute zu. Die schlaftrunkene Kranke konnte nicht ohne Äußerung des Schmerzes den Mund öffnen. Als der bei seinem Eintritt höchst besorgte Arzt sie wieder sanft gebettet hatte und in die Mitte des Zimmers zurücktrat, zeigte er eine ruhigere Miene. »Veronika hat mir eine schöne Furcht eingejagt«, brummte er. »Nach ihrer übertriebenen Erzählung glaubte ich an eine Vergiftung ... Wie Sie sehen, habe ich mir die Taschen mit Arzeneien vollgestopft.« »Es ist eine Bräune, nicht wahr?« fragte Lazare. »Ja, eine einfache Bräune ... Eine unmittelbare Gefahr liegt nicht vor.« Frau Chanteau machte eine triumphierende Miene, um auszudrücken, daß sie es vorher gewußt habe. »Keine unmittelbare Gefahr,« wiederholte Lazare, von neuem von Besorgnissen heimgesucht: »befürchten Sie Verwicklungen?« »Nein,« erwiderte der Arzt nach einigem Zögern, »aber bei diesen verwünschten Halsleiden weiß man nie, woran man ist!« Er gestand, daß nichts zu machen sei, und wollte den nächsten Morgen abwarten, um die Kranke zur Ader zu lassen. Als der junge Mann bat, daß ihr wenigstens eine Erleichterung verschafft werde, wollte er es mit Senfpflasterumschlägen versuchen. Veronika machte einen Kessel heißes Wasser zurecht, der Arzt legte selbst die eingeweichten Blätter auf und ließ sie die Beine hinunter, von den Knien bis zu den Knöcheln gleiten. Dies war jedoch nur ein Leiden mehr, das Fieber blieb beständig, der Kopfschmerz wurde unerträglich. Auch erweichende Gurgelungen waren angezeigt, und Frau Chanteau bereitete einen Aufguß von Brombeerblättern, den man jedoch nach dem ersten Versuch wieder beiseitestellen mußte, weil der Schmerz jegliche Bewegung der Gurgel unmöglich machte. Es war fast sechs Uhr, der Tag brach an, als der Arzt sich zurückzog. »Ich werde gegen Mittag wiederkommen«, sagte er zu Lazare im Flur. »Beruhigen Sie sich ... Zwar wird sie leiden müssen, aber es ist keine Gefahr vorhanden.« »Leiden ist also nichts!« rief der junge Mensch, den das Übel aufbrachte. »Man sollte nicht leiden.« Der Arzt sah ihn an, dann hob er vor einer so außerordentlichen Anmaßung die Arme zum Himmel. Als Lazare in das Zimmer zurückkehrte, hieß er seine Mutter und Veronika sich noch ein wenig ausruhen: er hätte ohnehin nicht schlafen können. Er sah das Tageslicht in dem in Unordnung geratenen Zimmer anbrechen, dieses traurige Morgenrot der in Todeskämpfen verbrachten Nächte. Die Stirn an eine Scheibe gepreßt, blickte er verzweiflungsvoll den bleifarbenen Himmel an, als ein Geräusch ihn zwang, den Kopf zu wenden. Er glaubte, Pauline stehe auf. Es war indessen der von allen vergessene Mathieu, der endlich den Platz unter dem Bette verlassen und sich dem jungen Mädchen genähert hatte, dessen eine Hand über die Decke hinabhing. Der Hund leckte diese Hand mit solcher Zartheit, daß Lazare völlig gerührt ihn am Halse faßte und sagte: »Du siehst, mein armer Dicker, deine Herrin ist krank ... Aber es ist nichts, geh! Wir galoppieren alle drei wieder lustig herum.« Pauline hatte die Augen aufgeschlagen und lächelte trotz des schmerzlichen Zuckens ihres Gesichtes. Jetzt begann ein Leben voller Beängstigungen, der Alpdruck, der uns im Zimmer eines Kranken befällt. Lazare trieb im Gefühle einer wilden Leidenschaft alle hinaus, er erlaubte es kaum, daß seine Mutter oder Luise des Morgens kamen, um sich zu erkundigen; er ließ nur Veronika zu, bei der er eine wahre Zärtlichkeit herausfühlte. Während der ersten Tage hatte Frau Chanteau ihm die Unschicklichkeit begreiflich machen wollen, daß ein Mann ein junges Mädchen pflege; aber er war aufgebraust; sei er nicht ihr Gatte? Außerdem pflegten Ärzte sehr wohl Frauen. Zwischen ihnen gab es in der Tat keinerlei schamhaften Zwang. Das Leiden, vielleicht gar der bevorstehende Tod, verscheuchte die Sinnlichkeit. Er leistete ihr alle die kleinen Dienste, hob und legte sie wie ein mitleidiger Bruder, der in diesem begehrenswerten Körper nur das Fieber sah, das ihn durchschauerte. Es war wie eine Verlängerung ihrer gesunden Kindheit, sie kehrten zu der keuschen Nacktheit ihrer ersten Bäder zurück, als er sie noch wie ein unreifes Kind behandelte. Die Welt verschwand, nichts war mehr vorhanden als die zu trinkende Arznei, die vergebens von Stunde zu Stunde erwartete Besserung, die niederen, plötzlich eine große Wichtigkeit annehmenden Einzelheiten des tierischen Lebens, die für die Heiterkeit oder Traurigkeit der Tage ausschlaggebend waren. Die Nächte folgten den Tagen; das Dasein Lazares schwebte gleichsam über der Leere auf und nieder mit der von Minute zu Minute drohenden Gefahr eines Sturzes in das Dunkel. Doktor Cazenove besuchte Pauline alle Morgen, er sprach selbst des öfteren noch einmal des Abends nach Tische vor. Bei seinem zweiten Besuche hatte er sich zu einem reichlichen Aderlaß entschlossen. Aber das für einen Augenblick verscheuchte Fieber war wieder erschienen. Zwei Tage verstrichen, er war sichtlich betroffen, denn er begriff die Zähigkeit des Übels nicht. Weil das Mädchen immer größere Mühe hatte, den Mund zu öffnen, konnte er den Schlund nicht untersuchen, der ihm geschwollen und von einer blassen Röte erschien. Endlich klagte Pauline über eine wachsende Spannung, die ihren Hals zu sprengen drohte, und der Doktor sagte eines Morgens zu Lazare: »Ich vermute ein Blutgeschwür.« Der junge Mann führte ihn in sein Zimmer. Er hatte gerade am Abend vorher beim Durchblättern eines alten Handbuches der Pathologie die Seiten über die retro-pharyngitischen Blutgeschwüre gelesen, die den Tod durch Ersticken zur Folge haben können, indem sie die Luftröhre zusammendrücken. Er fragte sehr bleich: »Dann ist sie verloren?« »Ich hoffe nein«, erwiderte der Arzt. »Wir werden sehen.« Doch verbarg er selbst seine Besorgtheit nicht. Er gestand seine fast völlige Ohnmacht in dem vorliegenden Falle ein. Wie wollte man ein Blutgeschwür im Grunde dieses zusammengezogenen Mundes aufspüren? Es zu früh öffnen, konnte gleichfalls bedenkliche Folgen herbeiführen. Das beste war, die Natur walten zu lassen, was jedoch sehr lange dauern und mit großen Schmerzen verbunden sein würde. »Ich bin nicht der liebe Gott!« rief er, als Lazare ihm das Unnütze der Wissenschaft vorhielt. Die Zärtlichkeit, welche der Doktor Cazenove für Pauline empfand, wandelte sich bei ihm in eine verdoppelte prahlerische Schroffheit. Dieser stattliche Greis, dürr wie ein wilder Rosenstamm, war in das Herz getroffen. Dreißig Jahre lang hatte er die Welt durchfahren, war er von Schiff zu Schiff gewandert, hatte er den Lazarettdienst in allen französischen Kolonien versehen. Er hatte die Epidemien an Bord, die ungeheuerlichen Krankheiten der Tropen, die Elefantiasis in Cayenne, die Schlangenbisse in Indien behandelt; er hatte Menschen aller Farben getötet, die Wirkungen der Gifte an Chinesen studiert und Neger in den heiklen Versuchen der Vivisektion geopfert. Und heute brachte ihn dieses kleine Mädchen mit ihrem bißchen Halsweh um allen Schlaf; seine eisernen Hände zitterten, seine Vertrautheit mit dem Tode ließ ihn aus Furcht vor einem verhängnisvollen Ausgange im Stich. Um diese merkwürdige Regung zu verbergen, versuchte er sogar die Verachtung des Leidens zu heucheln. Man sei zum Leiden geboren, wozu sich also darüber aufregen? Jeden Morgen sagte Lazare zu ihm: »Versuchen Sie etwas, Doktor, ich beschwöre Sie ... Es ist fürchterlich, sie kann keinen Augenblick mehr schlummern. Sie hat die ganze Nacht geschrien.« »Aber zum Donnerwetter, das ist doch nicht meine Schuld«, pflegte der Arzt aufgebracht zu antworten. »Ich kann ihr doch nicht den Hals abschneiden; das wäre freilich das Einfachste, sie zu heilen.« Der junge Mann ärgerte sich ebenfalls. »Dann ist die Medizin zu nichts gut?« »Zu gar nichts, wenn die Maschine aus dem Gange kommt. Das Chinin hebt das Fieber auf, ein Abführungsmittel wirkt auf die Därme, man muß bei einem Schlaganfall zu Ader lassen ... In allem übrigen geht es auf gut Glück. Man muß sich der Natur anheimgeben.« Das waren Zornesausbrüche über die Ohnmacht seines Könnens. Gewöhnlich wagte er nicht die Medizin so rundweg zu verleugnen, obgleich er genug praktiziert hatte, um zweifelnd und bescheiden zu sein. Er verlor ganze Stunden am Bette beim Studium der Kranken und ging mit gebundenen Händen davon, ohne selbst ein Rezept zurückzulassen, weil er nichts anderes tun konnte, als der vollen Entwicklung des eiterigen Geschwüres beizuwohnen, das um eine Linie mehr oder weniger das Leben oder den Tod bedeuten mußte. Lazare schleppte sich acht volle Tage in schrecklicher Angst hin. Auch er erwartete von einem Augenblick zum andern den Urteilsspruch der Natur. Bei jedem mühseligen Atemholen glaubte er, alles sei zu Ende. Das Blutgeschwür verkörperte sich zu einem lebendigen Bilde; er sah es ungeheuerlich, die Luftröhre versperren; noch ein geringes Anwachsen der Schwellung und die Luft würde keinen Durchgang mehr finden. Seine schlecht verdauten zwei Jahre Medizin verdoppelten seine Angst. Besonders brachte ihn der Schmerz außer sich, versetzte ihn in eine nervöse Aufregung, gab ihm eine leidenschaftliche Auflehnung gegen das Dasein ein. Warum dieser Greuel des Schmerzes? War es nicht furchtbar überflüssig, dieses Zwicken des Fleisches, dieses Brennen und Verkrümmen der Muskel, wenn das Übel sich an einem Mädchenkörper von so zarter Weiße machte?« Ein Bann des Übels führte ihn unaufhörlich an das Bett zurück. Er fragte sie, auf die Gefahr hin, sie zu ermüden: ob sie noch leide? wo es jetzt sitze? Oft ergriff sie seine Hand und legte sie an ihren Hals: dort war es wie ein unerträgliches Gewicht, wie eine Kugel von glühendem Blei, die zum Ersticken pulsierte. Die Migräne wich nicht mehr von ihr, sie wußte nicht von Schläfrigkeit gefoltert, wie den Kopf betten; in den zehn Tagen, seitdem das Fieber sie schüttelte, hatte sie keine zwei Stunden geschlafen. Eines Abends hatten sich, um das Elend voll zu machen, auch noch heftige Ohrenschmerzen eingestellt; bei diesen Anfällen verlor sie völlig das Bewußtsein, es war ihr, als zermalme man ihr die Backenknochen. Sie gestand jedoch dieses ganze Martyrium nicht Lazare, sie zeigte einen festen Mut, denn sie fühlte, daß er fast ebenso krank war wie sie selbst, sein Blut von ihrem Finger glühend, seine Kehle von ihrer Geschwulst gewürgt. Oft log sie sogar, es gelang ihr im Augenblick der heftigsten Beängstigungen zu lächeln: es lege sich, sagte sie, und nötigte ihn zu einer kurzen Rast. Das Schlimme war, daß sie selbst den Speichel nicht mehr schlucken konnte, ohne einen Schrei auszustoßen, so entsetzlich war ihr Kehlkopf bereits geschwollen. Lazare fuhr jäh aus dem Schlafe: begann die Geschichte von neuem? Abermals befragte er sie, wollte den Sitz des Übels wissen, während sie mit schmerzerfülltem Gesicht und geschlossenen Augen kämpfte, um ihn zu täuschen, und stotterte, es sei nichts, irgendein Etwas, das ihr einen Kitzel verursacht habe. »Schlafe und sorge dich nicht ... Ich will ebenfalls schlafen.« Diese Schlafkomödie spielte sie des Abends ab, um ihn zu Bett zu schicken. Er aber bestand hartnäckig darauf, bei ihr in einem Lehnstuhl zu wachen. Die Nächte waren so schlecht, daß er den Tag nicht ohne einen abergläubischen Schrecken schwinden sah. Werde die Sonne jemals wieder aufgehen? Eines Nachts hielt Lazare, an das Bett gelehnt, Paulinens Hand in der seinen, wie er oft tat, um ihr in dieser Weise zu sagen, daß er bei ihr sei und sie nicht verlasse. Doktor Cazenove war um zehn Uhr abgefahren, wütend, für nichts mehr bürgend. Bis dahin hatte der junge Mann Trost in dem Glauben gefunden, daß sie selbst sich nicht in Gefahr sehe. In ihrer Nähe sprach man von einer einfachen, sehr schmerzlichen Halsentzündung, die aber ebenso leicht vorübergehen werde wie ein Schnupfen. Sie selbst schien ruhig mit ihrem tapfern Gesicht, stets heiter trotz ihres Leidens. Wenn man von ihrer Heilung sprach und Pläne daran knüpfte, lächelte sie. So hörte sie auch in jener Nacht noch Lazare den Plan eines Spazierganges an den Strand bei Gelegenheit ihres ersten Ausganges erörtern. Dann war Schweigen eingetreten; sie schien zu schlummern, als sie plötzlich zu Ende einer langen, langen Viertelstunde mit deutlicher Stimme flüsterte: »Mein armer Freund, ich glaube, du wirst eine andere Frau heiraten.« Er war wie vor den Kopf geschlagen, ein eisiges Frösteln kroch ihm über den Nacken. »Wie meinst du das?« fragte er. Sie hatte die Augen geöffnet und sah ihn mit ihrem Ausdrucke mutiger Entsagung an. »Geh! ich weiß sehr gut, was mir fehlt ... Es ist mir lieber, wenn ich alles weiß, damit ich euch wenigstens noch einmal küssen kann.« Lazare wurde böse; es sei toll, sich solche Gedanken zu machen; eine weitere Woche, und sie werde wieder auf den Füßen sein. Er ließ ihre Hand fahren und flüchtete unter einem Vorwande in sein Zimmer, denn das Schluchzen erstickte ihn. Dort im Dunkel überließ er sich seinem Schmerze, quer über das Bett hingesunken, in dem er seit langer Zeit nicht mehr schlief. Eine entsetzliche Gewißheit hatte ihm das Herz mit einem Male zusammengeschnürt. Pauline ging dem Tode entgegen, vielleicht überlebte sie diese Nacht nicht mehr. Der Gedanke, daß sie es wußte, daß ihr bisheriges Schweigen eine Heldentat des Weibes war, das selbst im Tode die Empfindung der anderen schont, brachte ihn vollends zur Verzweiflung. Sie wußte es, sie sah den Todeskampf kommen, und er werde ohnmächtig dabeistehen. Schon glaubte er das letzte Lebewohl zu hören, die Szene mit ihren traurigen Einzelheiten inmitten der Finsternis des Zimmers sich abspielen zu sehen. Es war das Ende von allem; er nahm das Kopfkissen zwischen seine krampfhaft zuckenden Arme und drückte das Haupt hinein, um sein Schluchzen zu ersticken. Die Nacht verstrich indessen ohne Katastrophe. Ebenso zwei weitere Tage. Jetzt aber knüpfte sie ein neues Band aneinander: die stete Gegenwart des Todes. Sie gab sich keiner Täuschung mehr über die Bedenklichkeit ihres Zustandes hin und fand noch die Kraft zu lächeln; ihm selbst gelang es, eine völlige Gelassenheit zu heucheln, die Hoffnung, sie von einer Stunde zur andern sich erheben zu sehen, trotzdem sagte sich alles, bei ihr wie bei ihm ein beständiges Lebewohl inmitten der anhaltenden Zärtlichkeit sich begegnender Blicke. In der Nacht namentlich, während er bei ihr wachte, hörten sie schließlich selbst ihre gegenseitigen Gedanken heraus; die Drohung der ewigen Trennung brachte tiefe Rührung selbst in ihr Schweigen. Nichts war von so grausamer Süße; nie hatten sie ihre Wesen so völlig ineinander übergehen fühlen. Eines Morgens bei Sonnenaufgang erstaunte Lazare über seine Ruhe bei dem Gedanken an den Tod. Er versuchte, sich die Daten in das Gedächtnis zurückzurufen: seit dem Tage, an dem Pauline erkrankt war, hatte er nicht ein einziges Mal vom Scheitel bis zu den Sohlen den kalten Schrecken des Nicht-mehr-seins gefühlt. Wenn er um den Verlust seiner Genossin zitterte, so war es ein anderer Schrecken, der nichts mit der Zerstörung seines Ichs zu tun hatte. Das Herz blutete ihm, aber ihm war, als ob diese dem Tode gelieferte Schlacht ihn dem Tode gleich stark mache, ihm Mut einflöße, jenem ins Antlitz zu schauen. Vielleicht lagen auch nur Ermüdung und Abstumpfung in dem Schlafe, der seine Furcht betäubte. Er schloß die Augen, um die Sonne nicht aufsteigen zu sehen, er wollte den Angstschauer wiederfinden, indem er sich bis zur Furcht aufregte, indem er sich wiederholte, daß auch er eines Tages sterben werde: nichts gab Antwort darauf, es war ihm gleichgültig geworden, die Dinge hatten eine eigene Leichtigkeit angenommen. Selbst sein Pessimismus scheiterte an diesem Schmerzenslager; anstatt ihn in den Haß gegen die Welt zu versenken, war seine Empörung gegen den Schmerz nur noch ein glühendes Verlangen nach Gesundheit, die zum äußersten getriebene Lebenslust. Er sprach nicht mehr davon, die Erde wie einen alten unbewohnbaren Bau in die Luft sprengen zu wollen; die einzige ihn heimsuchende Vorstellung war die gesunde Pauline an seinem Arme unter den Strahlen einer heiteren Sonne; und sein einziges Verlangen war, sie noch einmal mit ihren kräftigen Schritten fröhlich die Wege entlang führen zu können, die sie gemeinsam gewandelt waren. An jenem Tage glaubte Lazare, der Tod komme. Seit acht Uhr wurde die Kranke von Übelkeiten heimgesucht, jede Anstrengung endete mit einem sehr beunruhigenden Erstickungsanfall. Bald machten sich Schauer bemerkbar; sie wurde von einem solchen Zittern geschüttelt, daß man ihre Zähne klappern hörte. Lazare rief erschrocken aus dem Fenster, man sollte sofort einen Jungen nach Arromanches schicken, obwohl er den Doktor wie gewöhnlich gegen elf Uhr erwartete. Das Haus war in ein düsteres Schweigen versunken, eine Leere machte sich geltend, seitdem Pauline es nicht mehr mit ihrer Lebhaftigkeit erfüllte. Chanteau verbrachte, die Blicke auf seine Beine gerichtet, mit der Furcht vor einem Anfalle unten schweigsam seine Tage; niemand war zu seiner Pflege da; Frau Chanteau zwang Luise zum Ausgehen, sie beide hatten sich aneinander geschlossen und lebten jetzt draußen in innigster Gemeinschaft; nur der schwere Schritt der unaufhörlich hinauf und hinunter steigenden Veronika störte den Frieden der Treppe und der leeren Stube. Dreimal hatte sich Lazare über die Brüstung gelehnt; ihn verzehrte die Ungeduld, ob die Magd jemanden zum Gange nach Arromanches bewogen hatte. Er kehrte gerade in das Zimmer zurück und betrachtete die etwas ruhiger gewordene Kranke, als die halb offene Tür leise knackte. »Nun, Veronika?« Es war indes seine Mutter. Sie wollte an diesem Morgen gerade Luise zu Freunden nach Verchemont begleiten. »Der kleine Cuche hat sich sofort aufgemacht«, erwiderte sie. »Er hat gute Beine.« Nach einer Pause fragte sie: »Es geht also nicht besser?« Lazare wies mit einer Gebärde der Verzweiflung wortlos auf die unbeweglich wie tot daliegende Pauline, deren Gesicht in einem kalten Schweiße gebadet war. »Dann werden wir nicht nach Verchemont gehen«, fuhr sie fort. »Sind diese Krankheiten, von denen man nichts versteht, nicht entsetzlich hartnäckig? ... Das arme Kind ist wahrlich schwer geprüft.« Sie hatte sich gesetzt und sagte ihre Sätze mit derselben tiefen und eintönigen Stimme her. »Wir hatten uns schon um sieben Uhr auf den Weg machen wollen! Es ist ein Glück, daß Luise nicht früh genug aufgestanden ist ... Was heute Morgen auch alles zusammentrifft! Man könnte meinen, es geschehe mit Absicht. Der Gewürzkrämer von Arromanches ist mit der Rechnung gekommen, ich habe sie bezahlen müssen. Jetzt ist der Bäcker unten ... Wieder für vierzig Franken Brot im Monat! Ich kann mir nicht vorstellen, wohin das alles geht. Lazare hörte nicht; die Furcht, den Schauer wiederkehren zu sehen, nahm ihn völlig in Anspruch. Das dumpfe Geräusch dieses Wortflusses aber reizte ihn. Er versuchte, sie hinauszuschicken. »Gib Veronika zwei Mundtücher und schicke sie mir durch sie herauf.« »Natürlich muß der Bäcker bezahlt werden«, fuhr sie fort, als habe sie nicht gehört. »Er hat mit mir gesprochen, man kann ihm also nicht sagen, daß ich ausgegangen sei ... Ach, ich habe genug mit diesem Hause! Die Last wird zu schwer, schließlich lasse ich alles stehen und liegen ... Wenn Pauline nicht so übel daran wäre, könnte sie uns die neunzig Franken für ihre Pension vorschießen. Heute ist der zwanzigste, also ohnehin nur noch zehn Tage ... Die arme Kleine scheint so schwach ... Lazare wendete sich mit heftiger Bewegung zu ihr. »Was willst du?« »Du weißt wohl nicht, wohin sie ihr Geld gelegt hat?« »Nein.« »Es muß sich in der Kommode befinden, vielleicht siehst du einmal nach.« Er weigerte sich dessen mit einer erbitterten Miene. Seine Hände zitterten. »Ich bitte dich, Mama ... Laßt mich allein!« Diese wenigen Sätze waren hastig im Hintergrunde des Zimmers gezischelt worden. Ein peinliches Schweigen trat ein, als sich eine leise Stimme vom Bette her erhob. »Nimm den Schlüssel unter meinem Kopfkissen, Lazare, und gib der Tante, was sie will.« Beide standen betroffen da. Er wehrte sich, wollte nicht in der Kommode herumkramen. Aber man mußte nachgeben, um Pauline nicht zu quälen. Als er seiner Mutter einen Hundertfrankenschein eingehändigt hatte und den Schlüssel wieder unter das Kopfkissen schob, fand er die Kranke in einem abermaligen Schauer, der sie wie einen jungen Baum fast bis zum Knicken schüttelte. Zwei schwere Tränen rannen aus ihren armen, geschlossenen Augen über ihre Wangen. Doktor Cazenove erschien erst zur üblichen Stunde. Er hatte den kleinen Cuche, der wahrscheinlich im Straßengraben spielte, nicht gesehen. Sobald er Lazare angehört und einen Blick auf Pauline geworfen hatte, rief er: »Sie ist gerettet!« Diese Übelkeiten, diese schrecklichen Schauer waren ganz einfach die Anzeichen für das endliche Aufgehen des Geschwürs. Die Erstickung war nicht mehr zu befürchten, sobald das Übel sich von selbst zu lösen begann. Die Freude war groß, Lazare begleitete den Arzt, und da Martin, der mit seinem Holzbeine im Dienste des letzteren gebliebene ehemalige Matrose in der Küche ein Glas Wein trank, wollten alle auf die Genesung anstoßen. Frau Chanteau und Luise nahmen einen Nußschnaps zu sich. »Ich bin nie ernstlich besorgt gewesen«, sagte die erstere. »Ich fühlte gleich, daß es nichts zu bedeuten habe.« »Das hindert nicht, daß das liebe Kind schwere Tage gesehen hat«, entgegnete Veronika. »Wahrhaftig; wenn mir einer hundert Sous schenkte, würde ich nicht so zufrieden sein.« In diesem Augenblicke trat Abbé Horteur in die Küche. Er wollte sich erkundigen und nahm einen Tropfen Likör an, um dem Beispiele aller zu folgen. Er war jeden Tag als guter Nachbar gekommen, Nachfrage zu halten. Lazare hatte ihm gleich bei dem ersten Besuch bedeutet, er werde ihn nicht zu der Kranken lassen, um sie nicht zu erschrecken, und der Priester hatte darauf erwidert, daß er es vollkommen verstehe. Er begnügte sich mit dem Lesen von Messen für das arme Fräulein. Während Chanteau mit ihm anstieß, lobte er ihn wegen seiner Duldsamkeit. »Sie sehen, daß sie sich auch ohne das »oremus« aus der Geschichte gezogen hat.« »Jeder rettet sich, wie er es versteht«, erklärte der Geistliche im lehrhaften Tone und trank sein Glas vollends aus. Als der Doktor fort war, wollte Luise hinauf, um Pauline zu umarmen. Diese litt noch große Schmerzen, aber das Leiden schien nicht mehr ins Gewicht zu fallen. Lazare rief ihr vergnügt Mut zu; er gab das Heucheln auf und übertrieb selbst die überstandene Gefahr, indem er ihr erzählte, er habe sie dreimal tot in den Armen zu halten geglaubt. Sie dagegen bezeugte ihre Freude über die Rettung nicht so laut, aber fühlte sich von der Süße des Lebens durchdrungen, nachdem sie den Mut gehabt, sich an den Tod zu gewöhnen. Zärtliche Empfindungen huschten über ihr Gesicht, sie hatte ihm die Hand gedrückt und mit einem Lächeln geflüstert: »Jetzt, lieber Freund, kannst du nicht entschlüpfen; ich werde dein Weib sein.« Die Genesung begann mit Zeiten langen Schlafes. Sie schlief ganz ruhig mit sanftem Atmen tagelang in einer Genesung bringenden Bewußtlosigkeit. Minouche, die man in den bittersten Stunden der Krankheit aus dem Zimmer gejagt, benutzte diesen Frieden, um sich wieder einzuschleichen; sie glitt ganz leise auf das Bett und rollte sich zur Seite ihrer Herrin zusammen und verbrachte den ganzen Tag im Genuß der lauen Bettwärme; oftmals putzte sie sich unendlich lange, wobei sie das Fell mit Zungenstrichen behandelte; aber ihre Bewegungen waren so geschmeidig, daß die Kranke sie nicht einmal sich regen fühlte. Unterdessen schnarchte nach Menschenart der ebenfalls in das Zimmer zugelassene Mathieu, quer am Fußende des Bettes gelagert. Eine der ersten Launen Paulines war, am folgenden Sonnabend ihre kleinen Freunde aus dem Dorfe zu sich zu entbieten. Man begann bereits nach der, drei Wochen hindurch beobachteten strengen Diät, ihr weich gekochte Eier zu erlauben. Sie war noch sehr schwach und konnte die Kinder nur sitzend empfangen. Lazare hatte abermals in ihrer Kommode nachsehen müssen, um ihr Fünffrankenstücke einzuhändigen. Aber als sie ihre Armen ausgefragt und eigensinnig das mit ihnen geregelt hatte, was sie ihre rückständigen Rechnungen nannte, überfiel sie eine derartige Schwäche, daß man sie besinnungslos niederlegen mußte. Sie nahm an dem Damm und den Verpfändungen ebenfalls Anteil und fragte täglich, ob sie gut hielten. Schon waren einige Balken lose geworden; allein ihr Vetter log und sprach nur von zwei-drei Brettern, welche die Nägel verloren hätten. Als sie eines Morgens allein geblieben, war sie aus den Decken geschlüpft, um die hohe Flut von fern gegen die Gebälke schlagen zu sehen; auch diesmal hatten sie die wiederkehrenden Kräfte im Stich gelassen; sie wäre gefallen, wenn Veronika nicht rechtzeitig in das Zimmer gekommen wäre, um sie noch mit ihren Armen aufzufangen. »Traue dir nicht zu viel zu! Ich binde dich an, wenn du nicht vernünftig bist«, neckte Lazare wiederholt. Er bestand noch immer darauf, sie zu überwachen; doch von der Müdigkeit übermannt, schlief er in dem Armstuhl ein. Zuerst hatte er die lebhafteste Freude empfunden, als er sie die ersten Tassen Fleischbrühe hatte trinken sehen. Diese in den jugendlichen Körper zurückkehrende Gesundheit war ein köstliches Ding, eine Erneuerung des Daseins, in welcher er selbst sich aufleben fühlte. Als dann die Gewohnheit der Gesundung ihn übernahm und der Schmerz geschwunden war, hörte er auf, sich ihrer wie einer unerwarteten Wohltat zu freuen. Es blieb in ihm nur eine Abstumpfung zurück, eine nervöse Reizlosigkeit nach dem Kampfe, der wirre Gedanke, daß die Leere von neuem anhob. Eine Nacht schlief Lazare fest, als Pauline ihn mit einem Seufzer der Beängstigung emporfahren hörte. Beim schwachen Lichte der Nachtlampe sah sie seine Miene höchlich bestürzt, seine Augen vor Schrecken geöffnet, die Hände wie zu einer Beschwörung verflochten. Er stotterte abgebrochene Worte. »Mein Gott! ... Mein Gott!« Besorgt hatte sie sich lebhaft zu ihm gebeugt. »Was hast du, Lazare? Leidest du?« Diese Stimme ließ ihn erzittern. Man sah ihn also? Er saß verlegen da und konnte nur eine ungeschickte Lüge zusammenbringen. »Aber mir ist nichts ... Du klagtest soeben.« Die Furcht vor dem Tode begann wieder in seinem Schlafe aufzutauchen, eine grundlose Furcht, wie aus dem Nichts selbst hervorgegangen, eine Furcht, deren eisiger Hauch ihn mit einem heftigen Schauer aus dem Schlafe geschreckt hatte. Mein Gott! Eines Tages müßte man dennoch sterben! Dieser Gedanke stieg in ihm auf und erstickte ihn, während Pauline, die den Kopf wieder auf das Kissen gebettet hatte, ihn mit ihrer Miene mütterlichen Mitleids anschaute. Fünftes Kapitel. Jeden Abend, wenn Veronika das Tischtuch abgenommen hatte, fand im Speisezimmer die nämliche Unterhaltung zwischen Frau Chanteau und Luisen statt, während Herr Chanteau, in die Lektüre seiner Zeitung vertieft, sich begnügte, mit einem Worte auf die seltenen Fragen seiner Gattin zu antworten. Während der ganzen vierzehn Tage, in denen Lazare Pauline in Gefahr geglaubt, war er nicht einmal herabgekommen, um an dem Tische Platz zu nehmen; jetzt speiste er zwar unten, aber beim Nachtisch schon ging er sofort wieder zu der Genesenden. Er war kaum auf der Treppe, so nahm auch Frau Chanteau ihre Klagen vom vorhergehenden Abend wieder auf. Zuerst spielte sie die Zärtliche. »Armes Kind, er bringt sich um. Es ist wahrhaftig nicht vernünftig, seine Gesundheit so aufs Spiel zu setzen. Seit drei Wochen schläft er nicht mehr ... Seit gestern ist er wieder bleicher geworden.« Sie beklagte auch Pauline: Die liebe arme Kleine leide zu sehr, man könne keinen Augenblick oben bleiben, ohne daß sich einem das Herz umwende. Aber nach und nach kam sie auf diese Unbequemlichkeiten zu sprechen, welche diese Kranke im Hause verursachte; alles bleibe in der Luft, es sei unmöglich, einen warmen Bissen zu essen, man wisse nicht mehr, ob man lebe. Hier unterbrach sie sich, um ihren Gatten zu fragen: »Hat Veronika wenigstens an dein Malvenwasser gedacht?« »Gewiß, gewiß«, antwortete er, über die Zeitung hinweg. Dann wandte sie sich, die Stimme senkend, an Luise. »Es ist komisch, diese unselige Pauline hat uns nie Glück gebracht. Man sagt, die Leute halten sie für unsern guten Engel! Laß nur, ich weiß, was für Klatschereien im Umlauf sind. In Caen, nicht wahr, Luise, erzählt man sich, daß sie uns bereichert hat. Du kannst offen sprechen, ich mache mir gerade viel aus den bösen Zungen.« »Mein Gott, es wird über euch wie über alle Welt gesprochen«, flüsterte das junge Mädchen. »Erst im vergangenen Monat habe ich die Frau eines Notars, die davon sprach, ohne überhaupt etwas Näheres zu wissen, an ihren Platz zurückgewiesen ... Sie können die Leute nicht am Sprechen hindern.« Von dem Augenblick an hielt Frau Chanteau nicht mehr an sich. Ja, sie seien die Opfer ihres guten Herzens. Hätten sie vor Paulines Ankunft jemandes bedurft, um ihr Auskommen zu finden? Wo werde diese jetzt sein, in welchem Winkel des Pariser Pflasters, wenn sie nicht in ihre Aufnahme in ihr Haus gewilligt hätten? Es sei wahrhaftig gut, daß die Rede auf ihr Geld gekommen sei: ein Geld, von dem sie persönlich nur zu leiden hätten; ein Geld, das den Ruin in das Haus gebracht zu haben scheine. Denn schließlich sprächen die Tatsachen laut genug; ihr Sohn hätte sich nie in diesen dummen Versuch mit den Algen eingelassen, er hätte nie seine Zeit damit verloren, das Meer an der Zertrümmerung Bonnevilles zu hindern, wenn diese unselige Pauline, die ihm den Kopf verdrehte, nicht gewesen wäre. Desto schlimmer für sie, wenn sie ihre Sous dabei gelassen habe! Der arme Junge habe seine Gesundheit und Zukunft dabei eingebüßt. Frau Chanteau erging sich in endlosem Groll gegen die hundertfünfzigtausend Franken, nach denen ihr Schreibsekretär noch fieberte. Es waren die verschlungenen starken Summen, die kleinen noch täglich genommenen und das Loch vergrößernden Sümmchen, die sie so außer sich brachten, als spüre sie darin den bösen Gärstoff, der ihre Ehrlichkeit zersetzt hatte. Heute war diese Zersetzung bereits vollständig; sie verabscheute Pauline um all des Geldes willen, das sie ihr schuldete. »Was soll man zu solcher Verstocktheit sagen?« fuhr sie fort. »Im Grunde ist sie entsetzlich geizig und doch die Verschwendung in Person. Sie will zwölftausend Franken für die Bonneviller Fischer, die sich über uns lustig machen, in das Meer werfen, sie füttert die verlauste Kinderschar des Dorfes durch, und ich zittere, auf Ehrenwort, wenn ich vierzig Sous von ihr zu fordern habe. Lege dir das zurecht ... Sie hat trotz ihrer Sucht, alles den anderen zu geben, ein Herz so hart wie ein Felsen.« Oft trug Veronika das Tafelgeschirr ab und zu oder brachte den Tee; sie machte sich zu schaffen, hörte zu und erlaubte sich selbst manchmal dazwischen zu reden. »Fräulein Pauline, ein Herz wie ein Felsen! Wie kann Madame nur so etwas sagen?« Frau Chanteau gebot ihr mit einem strengen Blicke Schweigen. Dann erging sie sich, die Ellbogen auf den Tisch gestemmt, als spreche sie mit sich selbst, in verwickelte Berechnungen. »Gott sei Dank, ich habe ihr Geld nicht mehr aufzubewahren, aber ich möchte wohl wissen, was ihr davon übrig bleibt. Gewiß nicht einmal siebenzigtausend Franken ... Rechnen wir einmal ein bißchen: dreitausend Franken bereits für die Probe mit dem Gebälk, wenigstens zweihundert Franken Almosen monatlich und neunzig für die Pension hier. Das geht schnell fort ... Wollen wir wetten, Luischen, daß sie sich ruiniert. Ja, du wirst sie noch auf dem Stroh sehen ... Und wenn sie sich ruiniert, wer will sie haben, was würde sie anfangen, um zu leben?« Veronika konnte nicht mehr an sich halten. »Ich hoffe wohl, daß Madame sie nicht vor die Tür setzt.« »Wie? Was?« erwiderte ihre Herrin wütend, was will uns die da vorsingen! Es ist ganz und gar nicht die Rede davon, jemanden vor die Tür zu setzen. Ich habe niemanden vor die Tür gesetzt ... Ich sage nur, wenn jemand ein Vermögen geerbt hat, scheint mir nichts dümmer als es zu verschwenden und dann anderen zur Last zu fallen ... Geh in deine Küche und kümmere dich um deine Angelegenheiten!« Die Magd entfernte sich mit einigen, vor sich hingebrummten Einreden. Während Luise den Tee eingoß, herrschte Schweigen. Man vernahm nur noch das leise Knistern der Zeitung, in welcher Chanteau selbst die Anzeigen las. Manchmal tauschte der letztere mit dem jungen Mädchen ein paar Worte aus. »Geh, du kannst noch ein Stück Zucker hinzutun ... Hast du endlich einen Brief von deinem Vater erhalten?« »Ach! Niemals!« antwortete sie lachend. »Aber Sie wissen, wenn ich Sie belästige, kann ich abreisen. Sie sind schon genug durch die kranke Pauline belästigt ... Ich wollte schon fort, aber Sie selbst haben mich zurückgehalten.« Er versuchte, sie zu unterbrechen. »Wer spricht davon? Es ist zu liebenswürdig von dir, uns Gesellschaft zu leisten, bis das arme Kind wieder herunterkommen kann.« »Ich will nach Arromanches flüchten bis zur Ankunft meines Vaters, wenn Sie mich nicht mehr haben wollen.« Sie tat, als habe sie ihn nicht gehört, um ihn zu necken. »Meine Tante Leonie hat ein Landhaus gemietet; man findet dort Gesellschaft, einen Strand, wo man wenigstens baden kann ... Leider ist sie so langweilig, meine Tante Leonie.« Chanteau lachte schließlich über diese Schelmereien dieses schmeichelnden, großen Kindes. Sein Herz aber schlug, ohne daß er es seiner Frau gegenüber einzugestehen wagte, nur für Pauline, die ihn mit so leichter Hand pflegte. Er vertiefte sich wieder in seine Zeitung, als Frau Chanteau aus ihrem Nachdenken plötzlich wie aus einem Traum erwachte. »Ich vergebe ihr nie, daß sie mir meinen Sohn geraubt hat ... Er sitzt kaum eine Viertelstunde bei Tisch. Man spricht sich nur noch im Vorbeilaufen.« »Das wird aufhören«, ließ Luise sich vernehmen. »Einer muß doch bei ihr wachen.« Die Mutter schüttelte mißbilligend mit dem Kopfe. Sie kniff die Lippen zusammen. Die Worte, die sie scheinbar zurückhalten wollte, quollen trotzdem hervor. »Möglich, aber es ist drollig, daß ein junger Mann stets mit einem kranken Mädchen beisammen ist. Ach, ich habe kein Blatt vor den Mund genommen, ich habe gesagt, was ich dachte. Desto schlimmer, wenn etwas Unangenehmes passiert.« Angesichts der verlegenen Blicke Luisens fuhr sie fort: »Außerdem ist es durchaus nicht gut, diese Stubenluft zu atmen. Er könnte sich leicht mit ihrem Halsleiden anstecken... Diese jungen Mädchen, die anscheinend so gesund sind, haben manchmal allerlei lasterhafte Übel im Blute. Soll ich es dir sagen? Ich halte sie nicht für gesund.« Luise fuhr in ihrer sanften Art fort, ihre Freundin zu verteidigen. Sie fand sie so nett. Das war der einzige Beweis, welchen sie dem Vorwurf eines schlechten Herzens und einer schlechten Gesundheit entgegenstellte. Ein Verlangen nach Anstand, nach einem glücklichen Ausgleich ließ sie den rohen Groll der Frau Chanteau bekämpfen, obwohl sie lächelnd diese täglich ihren Haß vom Abend vorher noch überbieten hörte. Sie widersprach, erregt durch die Heftigkeit der Worte, gleichzeitig aber kostete sie, rosig überhaucht, das heimliche Vergnügen, sich bevorzugt zu fühlen, jetzt die Gebieterin des Hauses zu sein. Sie war wie Minouche; sie rieb sich schmeichelnd an den anderen ohne Bosheit, wenn man sie nicht in ihrem Vergnügen störte. Nachdem Abend für Abend die nämlichen Redensarten wiedergekaut worden, lief die Unterhaltung auf den langsam ausgesprochenen Beginn des Satzes hinaus: »Nein, Luisette, die Frau, die mein Sohn haben müßte...« Mit dieser Redensart hob Frau Chanteau an; sie erging sich über die Eigenschaften, die sie von einer vollkommenen Schwiegertochter beanspruchte. Ihre Augen ließen nicht mehr von denen des Mädchens; sie versuchten ihr begreiflich zu machen, was sie nicht sagte. Sie entrollte das genaue Bild einer solchen Schwiegertochter: eine junge, wohlerzogene Person, die bereits die Welt kannte, imstande war, Gesellschaft zu empfangen, eher anmutig als schön, aber vor allem ganz Weib; denn, wie sie sagte, verabscheute sie jungenhafte Mädchen, die unter dem Scheine des Freimuts einfach roh seien. Die Geldfrage dagegen, die einzig den Ausschlag gab, berührte sie nur mit einem Worte: gewiß zähle die Mitgift nicht, aber ihr Sohn habe große Pläne, er könne sich auf keine Heirat einlassen, die ihn ruiniere. »Sieh, meine Liebe, hätte Pauline auch keinen Sou gehabt, wäre sie ohne ein Hemd auf dem Leibe in unser Haus gefallen, so hätte die Heirat schon vor Jahren stattgefunden. Aber sage selbst, muß ich nicht zittern, wenn ich sehe, wie das Geld in ihren Händen schmilzt? Wie weit will sie jetzt mit ihren sechzigtausend Franken kommen? Nein, Lazare ist mehr wert als das; ich werde ihn nie einer Tollen hingeben, die am Essen knausert, um sich mit Dummheiten zu Grunde zu richten.« »Das Geld gibt nicht den Ausschlag«, sagte Luise, deren Augen sich senkten. »Indes hat man es nötig.« Ohne daß noch deutlicher die Rede von Luisens Mitgift gewesen wäre, schienen die zweihunderttausend Franken dort auf dem Tische zu liegen, beleuchtet von dem schlummernden Licht der Hängelampe. Gerade weil sie diese dort sah und spürte, geriet Frau Chanteau so in Fieber; mit einer bloßen Handbewegung schob sie die armseligen sechzigtausend Franken der anderen beiseite und träumte nur noch von der Eroberung der zuletzt Gekommenen mit ihrem ungeschmälerten Vermögen. Sie hatte sehr wohl das plötzlich erwachte Verlangen in ihrem Sohne bemerkt, ehe ihn die Verdrießlichkeiten dort oben zurückhielten. Wenn das Mädchen ihn gleichfalls liebte, warum sollte man sie nicht miteinander verheiraten? Der Vater werde seine Einwilligung schon geben, besonders im Falle gegenseitiger Leidenschaft. Sie fachte diese Leidenschaft an, indem sie den Rest des Abends hindurch verwirrende Redensarten vor sich hin sprach. »Mein Lazare ist so gut! Niemand kennt ihn. Du selbst, liebe Luisette, kannst nicht ahnen, wie zärtlich er ist... Ach, ich würde seine Frau gewiß nicht beklagen!... Sie darf sicher sein, geliebt zu werden... Und dann so gesund! Eine Haut so weiß und fein wie die eines Huhns! Mein Großvater, der Ritter de la Vignière hatte eine so weiße Haut, daß er zu den Maskenbällen seiner Zeit immer mit ausgeschnittenem Kragen ging wie eine Frau.« Luise errötete und lachte äußerst belustigt über diese Einzelheiten. Der Hof, den ihr die Mutter um des Sohnes willen machte, diese Vertraulichkeit einer ehrlichen Maklerin, hätten sie die ganze Nacht dort festgehalten. Aber Chanteau begann über seine Zeitung einzuschlafen. »Geht man denn noch nicht bald schlafen?« fragte er gähnend. Da er der Unterhaltung lange nicht zugehört hatte, setzte er gleich hinzu: »Ihr habt gut reden, sie ist nicht schlecht!... Ich werde erst zufrieden sein, wenn sie ihre Suppe wieder an meiner Seite ißt.« »Wir werden alle zufrieden sein«, rief Frau Chanteau herb. »Man spricht und sagt, was man denkt, aber das hindert nicht, daß man die Leute lieb hat.« »Das arme Herz!« erklärte ihrerseits Luise, »ich würde ihr gern die Hälfte ihres Leidens abnehmen, wenn das zu machen wäre... Sie ist so lieb.« Veronika, welche die Handleuchter hereinbrachte, warf wieder etwas dazwischen. »Sie tun recht, ihre Freundin zu sein, Fräulein Luise, denn man müßte einen Pflasterstein statt eines Herzens haben, um Schlechtes gegen sie anzuzetteln.« »Schon gut, man hat dich nicht um deine Meinung befragt«, begann Frau Chanteau von neuem. »Es wäre besser gewesen, du hättest deine Leuchter geputzt ... Der da ist ekelhaft!« Alle standen auf. Chanteau floh vor diesen stürmischen Auseinandersetzungen in sein Zimmer zu ebener Erde. Als aber die Frauen in den ersten Stock hinauf gestiegen waren, wo ihre Stuben gegenüber gelegen waren, gingen sie noch nicht zu Bett. Fast immer nahm Frau Chanteau Luise noch einen Augenblick auf ihr Zimmer mit. Dort begann sie wieder von Lazare zu sprechen, sie breitete seine Bilder aus und holte selbst Andenken von ihm hervor: einen ihm in frühester Jugend ausgerissenen Zahn, verblichene Haare aus den Tagen der Kindheit, selbst alte Kleidungsstücke, die Krawatte vom ersten Abendmahlgange, die ersten Höschen. »Nimm! hier hast du etwas Haar von ihm«, sagte sie eines Abends. »Du beraubst mich nicht, ich besitze solches aus allen Jahrgängen.« Lag Luise dann endlich im Bette, konnte sie vor der Nachstellung dieses Jünglings, den ihr seine eigene Mutter in die Arme drängte, nicht die Augen schließen. Sie drehte sich, von Schlaflosigkeit gepeinigt, hin und her, sie sah ihn mit seiner weißen Haut sich von der Finsternis abheben. Oft spannte sie die Ohren, um zu lauschen, ob er noch in dem oberen Stockwerk umherging, und der Gedanke, daß er sicher noch bei der im Bette liegenden Pauline wachte, vermehrte ihr Fieber derart, daß sie die Decke von sich werfen und mit entblößtem Busen schlafen mußte. Oben schritt die Genesung langsam vorwärts. Obgleich die Kranke außer Gefahr war, blieb sie doch noch sehr schwach, von Fieberanfällen erschöpft, die den Arzt in Erstaunen setzten. Wie Lazare sagte, waren die Ärzte immer erstaunt. Er wurde stündlich reizbarer. Die plötzliche Mattigkeit, die er gleich nach dem Umschwung der Krankheit verspürt hatte, schien sich zu steigern und artete zu einem nervösen Unbehagen aus. Seit er nicht mehr gegen den Tod ankämpfte, litt er in diesem Gemach ohne Luft, unter dem Zwang der zur bestimmten Stunde einzugebenden Arznei, unter all den kleinen Plackereien der Krankheit, an denen er zuerst so warmen Anteil genommen hatte. Sie konnte ihn jetzt entbehren, und er verfiel wieder in die Langeweile seines inhaltslosen Lebens, eine Langeweile, die er durch Schleudern mit den Armen, durch stete Veränderung seines Platzes auszufüllen suchte, die ihn mit verzweifelten Blicken um die vier Wände des Zimmers jagte oder gedankenlos am Fenster stehen ließ, ohne daß er doch etwas sah. Sobald er an ihrer Seite ein Buch öffnete, drohte ein fortwährendes Gähnen zwischen den einzelnen Seiten des Buches ihn zu ersticken. »Lazare,« sagte Pauline ihm eines Tages, »du müßtest an die Luft gehen. Veronika würde mir jetzt genügen.« Er weigerte sich heftig. Sie konnte ihn also nicht mehr ertragen, daß sie ihn fortschickte? Wäre das schön, sie so zu verlassen, ohne sie erst vollständig auf die Beine gebracht zu haben? Er beruhigte sich endlich, während sie ihm freundlich zuredete. »Du würdest mich doch darum nicht verlassen, wenn du auch ein wenig frische Luft schöpfst ... Gehe am Nachmittag aus. Wir kämen weit, wenn du nun auch krank würdest.« Sie hatte aber die Unvorsichtigkeit hinzuzufügen: »Ich sehe dich sehr wohl den ganzen Tag gähnen!« »Ich gähne?« rief er. »Sage doch lieber gleich, daß ich kein Herz habe ... Wahrhaftig, du lohnst es mir schön!« Am nächsten Tage war Pauline geschickter. Sie schützte den lebhaften Wunsch vor, den Bau der Stakete und Palisaden fortgesetzt zu sehen: die Hochfluten der Winterzeit würden bald kommen, die Versuchsgerüste würden fortgespült, wenn man das Verteidigungssystem nicht vervollständige. Aber Lazare hatte bereits seine Begeisterung verloren, Er zeigte sich mit der Zusammenfügung, auf die er gerechnet, unzufrieden; neue Studien waren notwendig, man werde schließlich auch den Anschlag überschreiten, und der Generalrat habe noch keinen Sous bewilligt. Zwei Tage lang mußte sie seine Eigenliebe des Erfinders wecken: könne er damit zufrieden sein, sich vor dem ganzen Orte, der ohnehin bereits lache, vom Meere geschlagen zu sehen? Was das Geld angehe, so werde es zweifellos zurückerstattet, wenn sie es, wie abgemacht, vorschieße. Nach und nach schien Lazare sich wieder zu erwärmen. Er erneuerte seine Pläne, berief den Zimmermeister von Arromanches, mit dem er in seiner Stube bei offener Tür verhandelte, um auf den ersten Ruf herbeieilen zu können. »Jetzt«, erklärte er eines Morgens, indem er sie umarmte, »wird uns das Meer auch nicht ein Zündhölzchen mehr zerbrechen; ich bin meiner Sache gewiß ... Sobald du wieder ausgehen kannst, werden wir den Stand der Balkenlagen in Augenschein nehmen.« Luise war gerade heraufgekommen, um sich nach Paulinens Befinden zu erkundigen; als diese sie gleichfalls küßte, flüsterte Pauline ihr ins Ohr: »Führe ihn hinweg.« Lazare weigerte sich anfangs. Er erwartete den Doktor. Aber Luise lachte und wiederholte, daß er zu galant sei, um sie allein zu den Gonin gehen zu lassen, bei denen sie persönlich die nach Caen bestimmten Langusten auswählte. Im Vorübergehen könne er einen Blick auf das Bollwerk tun. »Geh, du würdest mir ein Vergnügen bereiten. Nimm doch seinen Arm, Luise ... So, lasse ihn nicht wieder los.« Sie wurde sichtbar heiter; die beiden anderen stießen sich unter Scherzen. Als sie das Zimmer verlassen hatten, wurde sie wieder ernst und beugte sich über den Rand des Bettes, um ihre Schritte und ihr Lachen besser zu hören, das sich langsam auf der Treppe verlor. Eine Viertelstunde später erschien Veronika mit dem Arzte. Dann ließ sie sich überhaupt am Krankenbette Paulinens nieder, ohne jedoch ihre Schüsseln zu vernachlässigen, denn alle Augenblicke schlüpfte sie für ein Stündchen zwischen einer Soße und der anderen hinauf. Die Sache ging nicht so leicht. Lazare war am Abend wiedergekommen; aber am nächsten Tage ging er wieder fort. An jedem Tage kürzte er, vom Leben draußen fortgerissen, seine Besuche ab und blieb nur so lange, bis er sich nach allem erkundigt hatte. Übrigens schickte ihn Pauline selbst fort, sowie er nur davon sprach, sich setzen zu wollen. Wenn er mit Luise heimkehrte, zwang sie beide, ihr von ihrem Spaziergange zu erzählen; sie war glücklich über ihre Aufgeräumtheit und die würzige Luft, die sie in ihren Haaren mitbrachten. Sie erschienen ihr wie gute Kameraden, so daß sie keinen Argwohn mehr fühlte. Sobald sie Veronika mit der Arznei in der Hand erblickte, rief sie heiter: »Geht nur! Ihr stört mich.« Manchmal rief sie Luise zurück, um ihr Lazare wie ein Kind ans Herz zu legen. »Sieh, daß er sich nicht langweilt. Er bedarf der Zerstreuung ... Macht einen tüchtigen Spaziergang, ich will euch heute nicht mehr sehen.« War sie allein, so schienen ihre starren Augen ihnen von weitem zu folgen. Sie vertrieb sich, in Erwartung der Rückkehr ihrer Kräfte, die Zeit mit Lesen, sie fühlte sich so schwach, daß sie zwei oder drei Stunden im Lehnstuhle völlig erschöpften. Oft ließ sie das Buch in den Schoß fallen, eine Träumerei führte sie hinter ihrem Vetter und ihrer Freundin her. Wenn sie am Strande entlang gegangen waren, mußten sie zu den Grotten kommen, wo auf dem Sande in der Frische der Flutzeit so gut weilen war. Sie glaubte angesichts der Beständigkeit dieser Vision nur den Kummer zu empfinden, daß sie nicht bei ihnen sein könnte. Übrigens langweilte sie die Lektüre. Die Romane, die sich im Hause umhertrieben, diese Liebesgeschichten mit den poetisch beschönigten Treulosigkeiten, hatten ihre Geradheit, ihr Bedürfnis, sich zu geben und sich nicht mehr zurückzunehmen, stets empört. War es denn möglich, sein Herz zu belügen und eines Tages nicht mehr zu lieben, nachdem man geliebt hatte? Sie stieß das Buch von sich. Jetzt sahen ihre umherschweifenden Augen jenseits der Mauer ihren Vetter die Freundin heimbegleiten, sie sah, wie er ihren müden Gang unterstützte, daß sie sich aneinander lehnten und lachend und zischelnd sich unterhielten. »Ihre Arznei, Fräulein«, sagte Veronika plötzlich hinter Pauline und schreckte sie mit ihrer groben Stimme auf. Nach Verlauf der ersten Woche trat Lazare nicht mehr ein, ohne anzuklopfen. Als er eines Morgens die Tür aufstieß, sah er Pauline, wie sie im Bette mit nackten Armen sich kämmte. »Verzeihe!« murmelte er zurücktretend. »Was denn?« rief sie. »Jage ich dir Furcht ein?« Da entschloß er sich, näher zu treten, aber aus Besorgnis sie zu stören, wandte er den Kopf ab, während sie sich vollends das Haar aufsteckte. »Bitte, gib mir eine Nachtjacke«, sagte sie ruhig. »Da, im ersten Schubkasten. Es geht mir besser, ich werde wieder gefallsüchtig.« Er fand in seiner Verwirrung nur Hemden. Als er ihr endlich eine Jacke zugeworfen hatte, wartete er am Fenster, bis sie sich bis an das Kinn hinauf zugeknöpft hatte. Vierzehn Tage früher, als er sie noch im Todeskampfe liegen glaubte, hatte er sie wie ein kleines Kind in die Arme genommen, ohne zu bemerken, daß sie nackt war. Jetzt aber verletzte ihn selbst die Unordnung im Zimmer. Auch sie, von seiner Verlegenheit angesteckt, erbat sich bald nicht mehr die vertraulichen Dienstleistungen, die er ihr kurze Zeit erwiesen hatte. »So schließe doch die Tür, Veronika«, rief sie eines Morgens, als sie die Schritte des jungen Mannes im Flur vernahm. »Bringe alles beiseite und reiche mir jenes Halstuch.« Inzwischen ging es ihr täglich besser. Als sie sich aufrechthalten und an das Fenster lehnen konnte, machte es ihr großes Vergnügen, von fern der Herstellung des Bollwerkes zuzusehen. Man vernahm deutlich die Hammerschläge, man sah die sieben bis acht Leute, deren schwarze Flecke sich wie große Ameisen von den gelben Kieseln am Strande abhoben. Zwischen Ebbe und Flut tummelten sie sich eifrig; dann mußten sie vor der steigenden Flut zurückweichen. Pauline aber interessierte sich am meisten für Lazares weiße Jacke und Luisens rosa Kleid, die in der Sonne schimmerten. Sie verfolgte sie und fand sie immer wieder; sie hätte fast bis auf eine Bewegung erzählen können, in welcher Weise sie den Tag verbrachten. Jetzt, da die Arbeiten energisch in die Hand genommen waren, konnten beide nicht mehr nach den Grotten hinter den Abhängen verschwinden. Sie hatte beide stets in einer Entfernung von einem Kilometer in der belustigenden Kleinheit von Puppen unter dem ungeheuren Himmel vor sich. In diese wiederkehrenden Kräfte, die Fröhlichkeit der Genesung mischte sich ihr unbewußt die neidische Freude, auch in dieser Weise mit ihnen zusammen zu sein. »Was? Das zerstreut Sie, jene Männer arbeiten zu sehen?« wiederholte Veronika täglich beim Ausfegen des Zimmers. »Freilich ist es besser als lesen. Mir zerbrechen die Bücher den Kopf. Sehen Sie, wenn man sich neues Blut schaffen muß, sollte man, wie die Truthähne, sich die Sonne in den Schnabel scheinen lassen, um ein paar tüchtige Schlucke zu nehmen.« Sie war für gewöhnlich keine Schwätzerin, sogar eher duckmäuserisch. Aber mit Pauline plauderte sie aus Freundschaft in dem Glauben, ihr etwas Gutes damit zu erweisen. »Nichtsdestoweniger eine drollige Arbeit das ... Genug, wenn sie nur Herrn Lazare gefällt ... Wenngleich ich sage, daß sie ihm gefällt, scheint er doch nicht mehr mit rechter Lust bei der Sache zu sein. Aber er ist sehr hoch hinaus und setzt seinen Kopf darauf, und wenn er dabei vor Langeweile vergehen müßte ... Und wenn er diese Saufbolde von Arbeitern nur eine Minute unbeaufsichtigt läßt, schlagen sie ihm die Nägel gleich überzwerch in die Bretter.« Nachdem sie mit ihrem Besen unter dem Bette umhergefahren war, fuhr sie fort: »Was die Herzogin anbelangt ...« Pauline, die zerstreut zuhörte, erstaunte über dieses Wort. »Wie, die Herzogin?« »Fräulein Luise nämlich! Meint man nicht, sie sei aus dem Schenkel Jupiters gekrochen? Wenn Sie in ihrem Zimmer alle die kleinen Dosen, Pomaden, Essenzen sehen könnten! Schon beim Eintritt schnürt es einem die Kehle zu, so riecht das ... Trotzdem ist sie lange nicht so niedlich wie Sie.« »Oh! ich bin nur eine Bäuerin«, sagte das Mädchen lächelnd. »Luise ist sehr anmutig.« »Möglich, aber sie hat trotzdem kein Fleisch. Ich sehe das, wenn sie sich wäscht. Wenn ich ein Mann wäre, ich würde in meiner Wahl gewiß nicht zögern.« Von dem Feuer der Überzeugung fortgerissen, pflanzte sie sich neben Pauline auf. »Sehen Sie sich doch einmal jene da auf dem Sande an, eine wahre Krabbe! Natürlich, es ist weit ab, und sie kann von hier aus nicht so breit wie ein Turm erscheinen. Aber schließlich, nach etwas muß man doch wenigstens aussehen ... Ah! da ist ja auch der Herr Lazare, er hebt sie ein wenig, damit sie sich die Schuhe nicht naß macht. Was besonders Kräftiges hat er gerade nicht in seinen Armen. Es gibt freilich Männer, welche die Knochen lieben ...« Veronika unterbrach sich jäh, als sie Pauline an ihrer Seite erzittern fühlte. Aber sie kam immer wieder auf diesen Gegenstand zurück, es kitzelte sie sichtlich, mehr darüber zu sagen. Alles was sie jetzt sah und hörte, blieb ihr in der Kehle stecken und würgte sie: die Abendunterhaltungen, während welcher man über das junge Mädchen herzog, das flüchtige Lächeln zwischen Lazare und Luise, die ganze Undankbarkeit dieses zum Verrat hingleitenden Hauses. Wäre sie immer sofort hinaufgegangen, wenn gerade eine starke Ungerechtigkeit ihren ehrlichen Sinn empörte, so würde sie der Genesenden alles wieder erzählt haben; aber die Furcht, diese wieder krank zu machen, bewirkte, daß sie sich damit begnügte, in ihrer Küche umherzutrampeln und die Töpfe zu mißhandeln. Sie schwor dabei, daß dies nicht so weitergehen könne und sie eines schönen Tages losplatzen werde. Sobald ihr jedoch oben ein beunruhigendes Wort entschlüpfte, versuchte sie, es zurückzunehmen und ihm mit rührender Ungeschicklichkeit einen ungefährlichen Sinn zu geben. »Gott sei Dank liebt ja Herr Lazare die Knochen nicht. Er ist in Paris gewesen und hat einen zu guten Geschmack ... Sehen Sie, er stellt sie wieder auf die Erde, als werfe er ein Zündhölzchen fort.« Veronika schwang in der Furcht, anderes unnützes Zeug zu sagen, den Federbesen, um vollends aufzuräumen, während Pauline, in Gedanken versunken, bis zum Abend das rosafarbene Kleid Luisens und den weißen Kittel Lazares mitten unter den dunkeln Flecken der Arbeiter verfolgte. Als sie endlich ganz genesen war, wurde Chanteau von einem heftigen Gichtanfall ergriffen, der das junge Mädchen trotz seiner Schwäche zum Hinabgehen zwang. Als sie zum erstenmal ihr Zimmer verließ, geschah es, um sich an das Schmerzenslager eines Kranken zu setzen. Das Haus war also, wie Frau Chanteau grollend behauptete, das reine Hospital. Seit einigen Tagen verließ ihr Gatte den Liegestuhl nicht mehr. Infolge wiederholter Anfälle wurde sein ganzer Körper ergriffen, das Übel stieg von den Füßen bis in die Knie, dann in die Ellbogen und Hände. Die kleine weiße Perle am Ohr war abgefallen, andere, größere waren zum Vorschein gekommen. Die Gelenke schwollen sämtlich an, die Kreide der Steinbildungen drang unter der Haut in Gestalt von Krebsaugen vergleichbaren Punkten überallhin. Es war jetzt die chronische, unheilbare Gicht, die Gicht, welche die Gelenke steif macht und verunstaltet. »Mein Gott! wie ich leide!« wiederholte Chanteau. »Mein linker Fuß ist steif wie Holz; es ist unmöglich, den Fuß oder das Knie zu bewegen ... Mein Ellbogen fängt auch an zu brennen. Sieh doch einmal hin.« Pauline stellte am linken Ellenbogen eine sehr entzündete Geschwulst fest. Er klagte besonders über dieses Gelenk, in dem der Schmerz bald unerträglich wurde. Mit ausgestrecktem Arm stöhnte er, ohne die Augen von seiner Hand abzuwenden, eine bemitleidenswerte Hand, mit von Knoten geschwollenen Gliedern und einem wie durch einen Hammerschlag aus der Lage gebrachten und fast zerquetschten Daumen. »Ich kann nicht so liegen bleiben, du mußt mir helfen... Ich hatte eine so schöne Lage herausgefunden!... Und sofort fängt es wieder an, ich möchte sagen, man reißt mir die Knochen mit einer Säge ab... Versuche doch, mich etwas aufzurichten.« Zwanzigmal in der Stunde mußte er seine Lage verändern. Eine unaufhörliche Angst quälte ihn, er hoffte immer auf Erleichterung. Aber sie fühlte sich noch so schwach, daß sie ihn nicht allein zu bewegen wagte. Sie flüsterte: »Veronika, hilf mir ihn vorsichtig aufheben.« »Nein, nein!« schrie er. »Veronika nicht, sie schüttelt mich.« So mußte Pauline selbst sich abmühen, daß ihr die Schultern krachten. Aber so leise sie ihn auch bettete, er stieß doch ein Geheul aus, das die Magd in die Flucht jagte. Diese versicherte, man müßte geradezu eine Heilige wie das Fräulein sein, um nicht einen Abscheu gegen derartige Verrichtungen zu verspüren; der liebe Gott selbst werde flüchten, höre er den Herrn so brüllen. Die Anfälle traten jetzt zwar weniger heftig auf, dauerten aber Tag und Nacht, verschlimmert durch ein Unbehagen, und wurden durch die Beängstigung der Bewegungslosigkeit zu einer namenlosen Marter. Ein Tier zerfraß ihm nicht mehr allein die Füße, der ganze Körper wurde ihm wie von der rastlosen Bewegung eines Mühlsteines zermalmt. Es gab hierfür kein Erleichterungsmittel, sie konnte nichts anderes tun, als bei ihm bleiben, sich seinen Launen anbequemen, immer bereit sein, ihm eine andere Lage zu geben, ohne daß er sich dadurch auch nur eine einzige Stunde Ruhe verschaffte. Das Schlimmste aber war, daß das Leiden ihn ungerecht und roh machte; er sprach zu ihr mit einer Wut wie zu einer ungeschickten Magd. »Halt! Du bist ebenso dämlich wie Veronika ... Seit wann darf man mir die Finger in den Leib bohren? Du hast Finger wie ein Gendarm ... Laß mich in Frieden, zum Donnerwetter! ... Du sollst mich nicht wieder berühren!« Ohne zu antworten, verdoppelte sie mit einer Ergebung, die nichts erschütterte, ihre Sanftmut. Merkte sie, daß er zu erregt war, so verbarg sie sich einen Augenblick hinter den Vorhängen, damit er sich etwas beruhige, wenn er sie nicht mehr sah. Oft weinte sie dort heimlich, nicht über die Roheiten des armen Mannes, sondern der unerträglichen Marter wegen, die ihn so widerspenstig machte. Sie hörte ihn zwischen seinen Klagelauten mit halblauter Stimme zu sich selbst sprechen. »Sie ist fortgegangen, die Herzlose ... Ich kann krepieren, nur Minouche würde mir die Augen zudrücken. Ist es denn, bei Gott, möglich, einen Christenmenschen so zu verlassen! ... Ich wette, sie ist in der Küche und trinkt eine Tasse Fleischbrühe.« Nachdem er hierauf einen Augenblick mit sich gekämpft, murrte er lauter und sagte endlich: »Bist du da, Pauline? ... Komm doch und hilf mir ein wenig; es ist rein unmöglich so, liegen zu bleiben ... Versuchen wir es mal mit der linken Seite, willst du?« Dann wieder überkam ihm die Rührung, er bat sie wegen seiner Unliebenswürdigkeiten um Verzeihung. Manchmal wollte er Mathieu um sich haben, um weniger allein zu sein, in dem Wahn, die Gegenwart des Hundes sei ihm gut. Aber er hatte besonders in Minouche eine treue Genossin, denn diese schwärmte für die geschlossenen Krankenzimmer und verbrachte jetzt die Tage auf einem Lehnstuhle seinem Bette gegenüber. Die zu heftigen Schmerzensschreie schienen sie indessen zu überraschen. Wenn er aufschrie, setzte sie sich auf und sah ihn mit ihren runden Augen leiden, in denen das unwillige Erstaunen einer klugen Person aufleuchtete, deren Gemütsruhe man stört. Warum machte er all diesen unangenehmen, überflüssigen Lärm? Sooft Pauline den Doktor Cazenove begleitete, beschwor sie ihn: »Können Sie ihm denn keine Morphiumeinspritzung machen? Mir bricht das Herz, wenn ich ihn jammern höre.« Der Arzt weigerte sich. Wozu? Der Anfall werde noch heftiger wiederkehren. Da das Salizyl das Leiden verschlimmert zu haben schien, wollte er keinen weiteren Versuch mit einer neuen Arznei machen. Dagegen sprach er von einer Milchkur, sobald die schlimmste Zeit des Anfalls vorüber sein würde. Bis dahin strengste Diät, urintreibende Getränke und weiter nichts. »Im Grunde«, wiederholte er, »ist er ein Schlemmer, der die guten Bissen zu teuer bezahlt. Er hat wieder Wild gegessen, ich habe die Federn gesehen. Desto schlimmer am Ende! Ich habe ihn lange genug im voraus gewarnt, daß er leiden werde, weil er sich gern überfrißt und die Gefahr herausfordert! Aber noch ungerechter wäre es, mein Kind, wenn Sie sich wieder in das Bett legen würden. Seien Sie deshalb vernünftig! Ihre Gesundheit verlangt noch Schonung.« Sie schonte sich indessen kaum, denn sie widmete ihm alle Stunden. In den Tagen, die sie bei ihrem Onkel zubrachte, hatte sie weder einen klaren Begriff von der Zeit noch vom Wetter, noch selbst vom Leben. Die Ohren summten ihr von den Klagen, von denen das Zimmer widerklang. Dieser Bann war so stark, daß sie darüber Lazare und Luise vergaß, sie wechselte nur im Vorübergehen ein paar Worte mit ihnen und sah sie überhaupt nur in den seltenen Augenblicken, wenn sie gerade durch das Eßzimmer eilte. Die Arbeiten am Bollwerk waren mittlerweile beendet. Heftige Regengüsse fesselten die jungen Leute schon seit einer Woche an das Haus; und wenn ihr plötzlich der Gedanke an deren Beisammensein wiederkehrte, tat es ihr wohl, jene in ihrer Nähe zu wissen. Frau Chanteau schien noch nie so beschäftigt gewesen zu sein. Sie benutzte, wie sie sagte, die Unordnung, welche die Anfälle ihres Gatten über die Familie brachten, um ihre Papiere durchzusehen, Abrechnungen aufzustellen und ihren Briefwechsel nachzuholen. Auch des Nachmittags schloß sie sich in ihr Zimmer ein und ließ somit Luise allein, die sofort zu Lazare hinaufstieg, da ihr das Alleinsein entsetzlich war. Das war jetzt zur Gewohnheit geworden, sie blieben bis zur Mittagszeit in dem großen Gemach des zweiten Stockwerkes beisammen, das Pauline so lange als Studier- und Erholungszimmer gedient hatte. Das schmale Bett des jungen Mannes befand sich noch immer hinter dem Wandschirm verborgen dort, während das Klavier sich mit Staub bedeckte und der ungeheure Tisch unter einer Flut von Papieren, Büchern und Flugschriften verschwand. Mitten auf dem Tische stand zwischen zwei vertrockneten Algenbündeln ein wie ein Spielzeug großes Palisadenwerk, das mit einem Taschenmesser aus Tannenholz geschnitten war und an das Meisterstück des Großvaters erinnerte, an jene Brücke, die in ihrem Glaskasten das Speisezimmer schmückte. Lazare zeigte sich seit einiger Zeit nervös. Seine Arbeiterschar hatte ihn erbittert, er war an die Arbeit gegangen wie an einen zu schweren Frondienst, ohne die Freude zu genießen, seine Gedanken endlich verwirklicht zu sehen. Andere Entwürfe beschäftigten ihn, wirre Zukunftspläne, Anstellungen in Caen, Arbeiten, die ihn sehr in die Höhe bringen sollten. Er tat aber nie einen ernstlichen Schritt, er verfiel immer wieder in einen Müßiggang, der ihn von Stunde zu Stunde verbitterter, schwächer und mutloser machte. Dieses Unbehagen vermehrte die tiefe Erschütterung, die ihn während der Krankheit Paulinens durchrüttelt hatte; es wurde gesteigert durch ein Bedürfnis nach frischer Luft und durch eine eigentümliche körperliche Erregtheit, als folge er der gebieterischen Notwendigkeit, am Schmerze Vergeltung üben zu müssen. Luisens Anwesenheit erhöhte noch dieses Fieber; sie konnte nicht mit ihm sprechen, ohne sich an seine Schulter zu lehnen, und hauchte ihm ihr hübsches Lachen in das Gesicht. Ihre katzenhafte Anmut, ihr Duft eines gefallsüchtigen Weibes, all diese freundschaftliche und verwirrende Hingabe berauschten ihn vollends. Es erwachte schließlich in ihm ein krankhaftes, von Gewissensbissen bekämpftes Verlangen. Mit einer Freundin seiner Kindheit, im Hause seiner Mutter, war es unmöglich, der Gedanke an die Rechtschaffenheit lähmte ihm jäh die Arme, wenn er sie im Spiel ergriff und ein plötzliches Feuer ihm das Blut in die Haut jagte. In diesen Kämpfen hielt ihn indessen niemals das Bild Paulinens zurück; sie würde nie etwas davon erfahren haben, ein Gatte betrügt ja auch wohl seine Frau mit einer Magd. Des Nachts erdachte er sich allerlei Geschichten; man habe Veronika, die unerträglich geworden, fortgeschickt, und Luise sei nichts weiter als eine junge Dienstmagd, zu der er, barfuß hinüberschlüpfe. Wie häßlich das Leben alles einrichtete! So übertrieb er in wütenden Ausbrüchen vom Morgen bis zum Abend seinen Pessimismus über Frauen und Liebe. Alles Übel rührte von den dummen, leichtsinnigen Weibern her, die den Schmerz mit Hilfe des Verlangens zu einem ewigen gestalten; die Liebe sei nichts als eine Prellerei, das selbstsüchtige Drängen der zukünftigen Geschlechter, die doch auch leben wollten. Der ganze Schopenhauer wurde durchgenommen und mit Roheiten erläutert, die das junge errötende Mädchen sehr belustigten. Nach und nach verliebte er sich noch mehr in sie, eine wahre Leidenschaft kam in dieser zornigen Geringschätzung zum Vorschein, er stürzte sich in diese neue zärtliche Neigung mit seiner ersten Begeisterung, immer auf der Jagd nach einem Glück, das immer wieder fehlschlug. Lange Zeit war es bei Luise nur ein natürliches Spiel der Gefallsucht gewesen. Sie schwärmte für kleine Zuvorkommenheiten, für in das Ohr geflüsterte Schmeicheleien und für das Umflattertwerden von liebenswürdigen Männern, während sie sofort in unsicherer und trauriger Stimmung war, wenn man sich nicht mit ihr beschäftigte. Ihre jungfräulichen Sinne schlummerten noch, sie blieb noch bei dem Geplauder, den erlaubten Vertraulichkeiten eines unausgesetzten, galanten Hofmachens stehen. Vernachlässigte Lazare sie einen Augenblick, um einen Brief zu schreiben oder in seinen plötzlich, ohne augenscheinliche Veranlassung auftretenden Melancholien zu versinken, Avurde sie so unglücklich, daß sie ihn zu necken und herauszufordern begann, die Gefahr dem Vergessenwerden vorziehend. Später aber, und zwar eines Tages, als der Atem des jungen Mannes wie eine heiße Flamme über ihren zarten Nacken fuhr, war sie doch von der Furcht ergriffen. Sie war durch ihre langen Pensionsjahre hinlänglich unterrichtet, um zu wissen, was ihr drohte, und von diesem Augenblicke an hatte sie in der köstlichen und zugleich bangen Erwartung eines möglichen Unglücks gelebt; nicht daß sie es im geringsten wünschte, noch ernstlich darüber nachdachte, denn sie rechnete sicher damit, ihm zu entschlüpfen, ohne jedoch aufzuhören, sich auszusetzen, so sehr bestand ihr Frauenglück aus diesem Kampfe des Hautkitzels, ihrer Hingabe und ihres Verweigerns. Oben, in dem großen Zimmer, fühlten Lazare und Luise noch mehr, wie sie einander angehören. Die mitschuldige Familie schien sie verderben zu wollen, ihn, der unbeschäftigt, krank infolge der Einsamkeit war, und sie, die durch die vertraulichen Einzelheiten, die leidenschaftlichen Auskünfte der Frau Chanteau über ihren Sohn in Verwirrung gebracht worden. Sie flüchteten sich dorthin unter dem Vorwande, das Geschrei des Vaters weniger zu hören, der sich unten in der Gicht wand, und sie lebten dort, ohne ein Buch zu berühren, ohne das Klavier zu öffnen, einzig mit sich selbst beschäftigt und sich mit endlosen Plaudereien betäubend. An dem Tage, an dem Chanteaus Anfall seinen Höhepunkt erreicht hatte, erbebte das ganze Haus von seinem Geschrei. Das waren langgezogene, herzzerreißende Klagelaute, dem Geheul eines Tieres vergleichbar, das abgeschlachtet wird. Nach dem in einer nervösen Erbitterung eingenommenen Frühstück flüchtete Frau Chanteau mit den Worten: »Ich kann nicht, ich fange sonst auch zu brüllen an. Wenn man nach mir fragt, ich bin in meinem Zimmer und schreibe ... Und du, Lazare, führe Luise schnell in deine Stube. Schließt euch gut ein und versuche sie aufzuheitern; sie hat wahrhaftig viel Vergnügen hier, die arme Luise.« Man hörte sie im oberen Stockwerk heftig ihre Tür zuschlagen, während ihr Sohn und Luise noch höher hinaufstiegen. Pauline war zu ihrem Oheim zurückgekehrt. Nur sie blieb in ihrem Mitleid für so viel Schmerzen gelassen. Wenn sie auch dort eben nur ausharren konnte, so wollte sie dem Unglücklichen wenigstens die Erleichterung verschaffen, nicht einsam zu dulden. Sie wußte ihn mutiger gegen das Leiden, wenn sie ihn anblickte, selbst ohne ein Wort an ihn zu richten. So saß sie stundenlang an seinem Bette, und es gelang ihr, ihn mit ihren großen teilnehmenden Augen etwas zu beruhigen. Aber an jenem Tage sah er, mit dem Kopf weit über das Rückenpolster und mit dem starr ausgestreckten, vom Schmerze am Ellbogen wie zermalmten Arme sie nicht und schrie stärker, sowie sie sich ihm näherte. Gegen vier Uhr suchte Pauline in ihrer Verzweiflung Veronika in der Küche auf, wobei sie die Tür offen ließ. Sie hoffte gleich zurückzukehren. »Es müßte trotzdem etwas getan werden«, murmelte sie. »Ich habe Lust, kalte Wasserumschläge zu versuchen. Der Doktor sagt zwar, es sei gefährlich, hätte aber manchmal Erfolg. Ich möchte Leinwand haben.« Veronika war in einer unausstehlichen Laune. »Leinwand! ... Ich war gerade wegen Waschlappen oben, und man hat mich schön empfangen. Sie wollen, wie es scheint, nicht gestört werden ... Das ist sauber!« »Du könntest Lazare danach fragen?« sagte Pauline, ohne weiter darauf zu achten. Aber die Magd hatte in ihrer losgelassenen Wut die Fäuste in die Seiten gestemmt, und ihre Worte flossen ohne Überlegung. »Ah ja, die gerade da oben sind zu sehr damit beschäftigt, sich das Gesicht abzulecken.« »Wie?« stotterte das junge Mädchen und wurde totenbleich. Veronika, selbst erstaunt über den Klang ihrer Stimme, wollte diese vertrauliche Mitteilung, die sie schon lange Zeit bei sich behielt, zurücknehmen und suchte nach einer Erklärung, einer Lüge, ohne etwas Vernünftiges zu finden. Sie hatte sich vorsichtigerweise der Handgelenke Paulinens bemächtigt, aber diese riß sich mit einem jähen Ruck los und stürzte wie eine Tolle die Treppe hinauf, so erregt vor Zorn, daß die Magd ihr nicht zu folgen wagte; sie zitterte vor dieser farblosen, nicht wieder zu erkennenden Maske. Das Haus schien zu schlummern, eine Stille strömte von den oberen Stockwerken aus, nur das Geheul Chanteaus tönte durch diese tote Luft bis nach oben. Mit einem Sprunge erreichte das Mädchen den ersten Stock, aber dort rannte sie plötzlich gegen ihre Tante an. Diese stand dort aufrecht, vielleicht schon seit langer Zeit, auf der Lauer und versperrte wie eine Schildwache den Treppenabsatz. Pauline, außer Atem und durch dieses Hindernis wie vor den Kopf gestoßen, konnte nicht gleich antworten. »Laß mich«, stammelte sie endlich. Sie machte eine so schnelle Bewegung, daß Frau Chanteau zurücktaumelte. Dann stürmte sie mit einem zweiten Satze in das höhere Stockwerk, während ihre Tante wie versteinert, ohne einen Schrei, die Arme zum Himmel erhob. Es war wieder einer jener Anfälle wütender Auflehnung, deren Sturm inmitten der heitern Milde ihrer Natur losbrach und sie, als sie noch Kind war, wie tot hinstreckte. Sie glaubte sich schon seit Jahren geheilt. Aber der Hauch der Eifersucht packte sie so rauh, daß sie nicht an sich halten konnte, ohne sich selbst zu vernichten. Als Pauline bei der Tür Lazares angelangt war, stürzte sie sich mit einem Ruck hinein. Der Schlüssel wurde abgedreht, der Flügel schlug gegen die Mauer. Was sie sah, machte sie vollends toll. Lazare hatte Luise gegen den Schrank gedrängt und aß ordentlich mit Küssen deren Kinn und Hals, während diese, aus Furcht vor dem Manne schwach werdend, sich ihm hingab. Sie hatten zweifelsohne gespielt, und das Spiel endete schlecht. Es folgte ein Augenblick des Entsetzens. Alle drei starrten sich an. Endlich schrie Pauline: »Ah, du Schanddirne, du Schanddirne!« Vor allem erbitterte sie der Verrat des Weibes. Sie hatte Lazare mit einer verächtlichen Bewegung, wie ein Kind, dessen Schwächen ihr bekannt, beiseitegestoßen. Aber dieses Weib, welches sie duzte, dieses Weib, das ihr den Gatten stahl, während sie unten einen Kranken pflegte! Sie hatte Luise bei den Schultern gepackt und schüttelte sie mit dem Verlangen, sie zu prügeln. »Sage, warum hast du das getan? ... Du hast eine Niedertracht begangen, verstehst du!« Außer sich, mit unsicheren Blicken, stammelte Luise: »Er hielt mich fest, er hat mir schier die Knochen zerschlagen.« »Er? Laß doch das! Er wäre in Tränen ausgebrochen, wenn du ihn nur weggedrängt hättest.« Der Anblick des Zimmers peitschte ihren Groll noch mehr an, dieses Zimmers Lazares, wo sie sich geliebt hatten, in dem auch sie, unter dem glühenden Hauch des jungen Mannes, ihr Blut in den Adern hatte sieden fühlen. Was sollte sie diesem Weibe antun, um sich zu rächen? Gleichsam gelähmt in seiner Verlegenheit, entschloß sich Lazare endlich dazwischenzutreten, als sie Luise in so roher Weise freigab, daß deren Schultern gegen den Schrank stießen. »Ich habe Furcht vor mir selbst ... Fort!« Von diesem Augenblicke an fand sie kein anderes Wort. Sie verfolgte sie durch das Gemach, trieb sie auf den Flur, jagte sie die Treppe hinunter und schleuderte ihr immer den nämlichen Schrei nach: »Fort! Fort! Nimm deine sieben Sachen, nur fort.« Frau Chanteau hatte sich inzwischen auf dem Absatze des ersten Stockwerkes nicht gerührt. Die Schnelligkeit, mit der sich dieser Auftritt abspielte, hatte ihr Dazwischentreten unmöglich gemacht. Sie hatte aber jetzt ihre Stimme wiedergefunden. Sie gab ihrem Sohn durch ein Zeichen zu verstehen, sich in sein Zimmer einzuschließen; dann versuchte sie Pauline dadurch zu beruhigen, daß sie zuerst Überraschung heuchelte. Nachdem letztere Luise bis in deren Schlafzimmer gejagt, wiederholte sie noch immer ihr: »Fort! Fort!« »Wie? Sie soll aus dem Hause! ... Hast du den Verstand verloren?« Da erzählte das Mädchen stammelnd die Geschichte. Der Ekel stieß ihr auf, ihrer geraden Natur galt das Geschehene als die schmählichste, unverzeihlichste Handlung; und je mehr sie daran dachte, desto mehr ließ sie sich vom Zorn hinreißen, empört in ihrem Abscheu vor der Lüge, beleidigt in der Aufrichtigkeit ihrer Liebe. Wenn man sich gegeben hatte, so nahm man sich nicht wieder zurück. »Fort! Fort! Packe sofort deinen Koffer. Fort.« Luise, die in ihrer Verwirrung kein Wort der Verteidigung fand, hatte bereits eine Schieblade geöffnet, um ihr die Hemden zu entnehmen. Frau Chanteau aber ward jetzt ärgerlich. »Bleib, Luise! Am Ende bin ich noch die Herrin im Hause? Wer wagt hier zu befehlen, und wer erlaubt sich die Leute fortzuschicken? ... Das ist ja toll; wir sind doch hier nicht in der Halle! ...« »Hörst du denn nicht?« schrie Pauline. »Ich habe sie oben mit Lazare ertappt ... Er küßte sie.« Die Mutter zuckte die Achseln. All der Groll, der sich in ihr angesammelt hatte, machte sich in einem Worte schmählichen Verdachtes Luft. »Sie spielten; was ist dabei Böses! Haben wir etwa die Nase hineingesteckt, als du krank im Bette lagst und er dich pflegte, um zu sehen, was ihr hättet tun können?« Die Erregung des jungen Mädchens ließ mit einem Schlage nach. Sie stand unbeweglich, totenblaß da, gepackt von dieser Anschuldigung, die sich gegen sie selbst kehrte. Jetzt wurde sie also gar zur Schuldigen, denn ihre Tante schien abscheuliche Dinge von ihr zu glauben! »Was willst du damit sagen?« murmelte sie. »Wenn du dergleichen gedacht, würdest du es in deinem Hause sicherlich nicht geduldet haben.« »Ihr seid groß genug! Aber mein Sohn soll sich durch diese unverständige Aufführung nicht zugrunde richten ... Laß die Personen in Frieden, die noch anständige Frauen abgeben können.« Pauline verstummte für einen Augenblick. Ihre großen, klaren Augen hefteten sich auf Frau Chanteau, welche die ihrigen abwandte. Dann ging sie auf ihr Zimmer und sagte kurz: »Gut, so werde ich gehen.« Es trat von neuem ein Schweigen ein, ein beklemmendes Schweigen, welches das Haus zu erdrücken schien. Durch diese plötzlich eingetretene Ruhe schallte wieder das Gejammer des Oheims, wie die Klage eines sterbenden, verlassenen Tieres. Es schwoll ohne Unterlaß an und übertönte schließlich die anderen Geräusche. Frau Chanteau bereute jetzt, daß ihr diese Verdächtigung entschlüpft war. Sie fühlte den unaustilgbaren Schimpf und verspürte ein Unbehagen bei dem Gedanken, Pauline könne ihre Drohung einer sofortigen Abreise wahr machen. Einem solchen Kopfe waren alle Absonderlichkeiten möglich; was würde man von ihr und ihrem Manne sagen, wenn ihr Mündel auf den Straßen herumlief und die Geschichte ihres Bruches zum Besten gab? Vielleicht flüchtete sie gar zu Doktor Cazenove, was einen entsetzlichen Skandal in der ganzen Umgegend abgeben würde. Auf dem Grunde dieser Verlegenheit der Frau Chanteau schlummerte auch das Entsetzen vor der Vergangenheit, die Furcht wegen des verlorenen Geldes, die sich jetzt gegen sie wenden konnte. »Weine nicht, Luisette«, wiederholte sie, und der Zorn packte sie wieder. »Du siehst, in welcher schönen Lage wir uns durch ihre Schuld befinden. Immer und immer wieder heftige Auftritte; unmöglich ruhig zu leben! ... Ich werde versuchen, die Geschichte ins reine zu bringen.« »Ich flehe euch an, laßt mich gehen«, unterbrach sie Luise. »Ich würde zuviel leiden, wenn ich bliebe ... Sie hat recht, ich will fortgehen.« »Auf alle Fälle nicht heute abend. Ich muß dich selbst zu deinem Vater bringen ... Warte, ich will hinaufsteigen und sehen, ob sie wirklich ihren Koffer packt.« Frau Chanteau horchte leise an Paulinens Tür. Sie hörte sie eilig hin- und hergehen, Kästen öffnen und schließen. Ihr erster Gedanke war, hineinzugehen und eine Auseinandersetzung herbeizuführen, die alles in Tränen ertränken werde. Aber sie fürchtete sich, sie fühlte, wie sie vor diesem Kinde stammeln und erröten werde, und das erhöhte ihren Haß nur. Statt anzuklopfen, stieg sie, das Geräusch ihrer Schritte dämpfend, in die Küche hinunter. Ihr war ein neuer Gedanke gekommen. »Hast du den Auftritt gehört, den uns das Fräulein soeben gemacht hat?« fragte sie Veronika, die wütend an ihrem Kupfer scheuerte. Die Magd antwortete nicht und ließ die Nase in dem Tripel. »Sie wird unerträglich. Ich weiß nichts mehr mit ihr anzufangen ... Stelle dir vor, sie will auf der Stelle fort von uns ... Ja, sie packt bereits. Wie wäre es, wenn du hinaufstiegst, wenn du versuchtest, sie zur Vernunft zu bringen.« Als sie noch immer keine Antwort erhielt, fügte sie hinzu: »Bist du taub?« »Ich antworte nicht, weil ich nicht will«, rief plötzlich Veronika außer sich und scheuerte so wütend an einem Leuchter, daß sie sich schier die Finger zerschund. »Sie hat recht, wenn sie geht; an ihrer Stelle hätte ich schon längst Reißaus genommen.« Madame Chanteau hörte sie mit offenem Munde, völlig betroffen von diesem überströmenden Redeschwall, an. »Ich bin keine Klatschliese, Madame; aber man muß mich nicht reizen, sonst sage ich alles ... Das ist so und nicht anders; an dem Tage, an dem Sie die Kleine brachten, hätte ich diese am liebsten in das Meer werfen mögen; ich kann nur nicht leiden, daß man jemandem Böses antut, und Sie alle quälen sie so, daß ich schließlich eines Tages dem ersten Besten, der sie berührt, einige Kopfnüsse zu kosten gebe ... Ich pfeife darauf, Sie können mir den Dienst kündigen, sie soll dann schöne Dinge erfahren! ... Ja, ja, alles was Sie ihr mit Ihrer Haberei von ehrbaren Leuten angetan haben. »Willst du wohl schweigen, Wahnsinnige?« murmelte die alte Dame, beunruhigt durch diesen neuen Auftritt. »Nein, ich werde nicht schweigen ... Das wäre zu feige, hören Sie? Es würgt mich schon seit Jahren. War es nicht genug, ihr all ihr Geld zu nehmen? Jetzt zerreißen Sie ihr auch noch das Herz! Ich weiß, was ich weiß, ich habe gesehen, wie alles eingefädelt wurde ... Hören Sie, Herr Lazare hat vielleicht nicht so viel Berechnung, aber mehr ist er auch nicht wert, er würde ihr ebenfalls mit seiner Selbstsucht den Todesstreich geben, bloß um sich nicht zu langweilen ... Ein Elend! Manche sind nur geboren, um von den anderen aufgefressen zu werden!« Sie schwang ihren Handleuchter und packte dann eine Schüssel, die unter dem Putzlappen wie eine Trommel erdröhnte. Frau Chanteau überlegte, ob sie die Magd nicht hinauswerfen solle. Es gelang ihr aber, sich zu überwinden und kühl zu fragen: »Du willst also nicht mit ihr sprechen? Nur ihretwegen, damit sie keine Dummheiten begeht.« Veronika schwieg von neuem. Endlich brummte sie: »Ich will nach oben gehen ... Vernunft ist Vernunft, und Verbohrtheiten haben noch nie zu etwas Gutem geführt.« Sie nahm sich die Zeit, die Hände zu waschen und ihre unsaubere Schürze abzulegen. Als sie sich endlich entschloß, die Tür nach dem Flur zu öffnen, um die Treppe zu erreichen, drangen fürchterliche Klagelaute in die Küche. Es war das unaufhörliche, entnervende Geschrei des Herrn. Frau Chanteau, die ihr auf dem Fuße folgte, schien von einem Gedanken gepackt und begann mit halblauter, eindringlicher Stimme von neuem: »Sage ihr, daß sie den Oheim nicht in diesem Zustande allein lassen kann ... Hast du gehört?« »Meinetwegen,« bekannte Veronika ... »er heult ja ordentlich.« Sie stieg hinauf, während Frau Chanteau, die den Kopf nach dem Zimmer ihres Mannes hingewendet hatte, sich wohl hütete, dessen Tür zu schließen. Die Klagelaute schwollen in dem Treppenhause an und verdoppelten sich durch den Widerhall der Stockwerke. Oben fand die Magd das Fräulein im Begriff abzureisen. Pauline hatte die notwendigste Wäsche in ein Bündel geknotet und war entschlossen, das übrige am nächsten Tage durch Vater Malivoire holen zu lassen. Sie hatte sich beruhigt, war zwar noch sehr bleich und fassungslos, aber bei kaltem Verstande, ohne den geringsten Zorn zu verspüren. »Entweder sie oder ich«, antwortete sie auf alle Worte Veronikas, und vermied es, Luise bei ihrem Namen zu nennen. Als Veronika Frau Chanteau diesen Bescheid brachte, befand sich diese gerade in Luisens Zimmer, die sich angekleidet hatte und gleichfalls hartnäckig darauf bestand, sofort wegzugehen; bei dem kleinsten Geräusch an der Tür fuhr sie heftig zitternd zusammen. Da mußte sich Frau Chanteau wohl oder übel ergeben, sie schickte nach Verchemont, um den Wagen des Bäckers kommen zu lassen, und wollte das junge Mädchen in Person zu seiner Tante Leonie begleiten, die in Arromanches wohnte. Dieser würde man schon eine Geschichte weismachen; man konnte ja Chanteaus heftige Anfälle vorschützen, dessen Geschrei unerträglich wurde. Nach der Abfahrt der beiden Frauen, die Lazare in den Wagen gehoben hatte, schrie Veronika vom Vorflur mit lauter Stimme hinauf: »Sie können herunterkommen, Fräulein: es ist niemand mehr hier.« Das Haus schien leer zu sein, es war wieder in seine dumpfe Stille verfallen; nur die Klagen des Kranken waren lauter als zuvor. Als Pauline die letzte Stufe hinabstieg, fand sie sich Lazare gegenüber, der gerade vom Hofe kam. Er blieb eine Sekunde stehen und wollte sich ohne Zweifel entschuldigen, um Verzeihung bitten. Aber Tränen erstickten ihn, und ohne daß er ein Wort hätte hervorbringen können, ging er eilig in sein Zimmer zurück. Sie war mit trockenen Augen und ernstem Gesicht in die Stube ihres Oheims eingetreten. Chanteau streckte auf dem Bette noch immer seinen steifen Arm aus und bog den Kopf weit über die Kopfkissen hinab. Er wagte nicht mehr, sich zu bewegen, er mußte selbst die Abwesenheit des jungen Mädchens nicht bemerkt haben, da er die Augen zusammenkniff und den Mund weit öffnete, um aus Leibeskräften schreien zu können. Kein Geräusch des Hauses drang zu ihm, seine einzige Beschäftigung war nur, Klagelaute von sich zu geben, bis ihm der Atem ausging. Nach und nach dehnte er sie in seiner Verzweiflung so in das Ungeheuerliche, daß er selbst Minouche damit belästigte, von der man am Morgen wieder vier Junge in das Wasser geworfen hatte; sie hatte aber diesen Zwischenfall bereits vergessen, denn sie schnurrte jetzt behaglich auf einem Lehnstuhle. Als Pauline ihren Platz wieder einnahm, heulte der Oheim so laut, daß die Katze mit gespitzten Ohren aufsprang. Sie sah ihn steif an mit der Entrüstung einer verständigen Person, deren Ruhe man zu stören wagt. Wenn man einen schon nicht mehr in Frieden schnurren ließ, wurde es geradezu unerträglich! Sie verschwand, den Schwanz in die Höhe streckend. Sechstes Kapitel Als Frau Chanteau wenige Minuten vor dem Essen am Abend heimkehrte, war keine Rede mehr von Luise. Sie rief einfach Veronika, um sich ihre Stiefelchen ausziehen zu lassen. Der linke Fuß tat ihr weh. »Alle Wetter! das ist nicht erstaunlich,« murmelte die Magd, »er ist angeschwollen.« In der Tat hatte sich die Naht des Leders auf dem weichen, weißen Fleische rot abgedrückt. Lazare, der herunterkam, betrachtete die Sache. »Du bist zuviel gelaufen«, sagte er. Sie war kaum durch Arromanches gegangen. Außerdem litt sie an diesem Tage stark an Beklemmungen, die schon seit Monaten zunahmen und sie zu ersticken drohten. Sie gab jetzt den Stiefelchen die Schuld. »Diese Schuhmacher können sich nicht dazu entschließen, den Spann möglichst hoch zu machen... Sobald ich die Schuhe zu fest gebunden habe, ist es eine wahre Qual.« Da sie in den Pantoffeln keine Schmerzen mehr litt, beunruhigte man sich nicht weiter. Am nächsten Tage war die Geschwulst bis zum Knöchel vorgeschritten, verschwand aber in der folgenden Nacht ganz. Eine Woche verstrich. Von der ersten Mahlzeit an, die Pauline mit Mutter und Sohn am Abend der Katastrophe zusammengeführt, hatte man sich bemüht, die Alltagsmiene wieder aufzustecken. Es wurde keine Anspielung gemacht, es schien, als gebe es nichts Neues zwischen ihnen. Das Familienleben floß maschinenmäßig dahin und brachte die nämlichen freundschaftlichen Gewohnheiten mit sich, das übliche »Guten Tag« und »Gute Nacht«, die zu bestimmter Zeit gedankenlos gewechselten Küsse. Es war trotzdem eine Erleichterung für alle, als man Chanteau an den Eßtisch rollen konnte. Diesmal blieben seine Knie steif, es war ihm unmöglich, sich aufzustellen. Aber er freute sich nicht minder dieser verhältnismäßigen Ruhe, in der die Schmerzen ihn freiließen; und zwar in dem Grade, daß ihn die Freuden und Bekümmernisse der Seinen gar nicht mehr berührten, er widmete sich ganz der Selbstsucht seines Wohlbefindens. Als Frau Chanteau es gewagt hatte, ihm von der plötzlichen Abreise Luisens zu erzählen, hatte er sie angefleht, ihn mit solchen traurigen Dingen zu verschonen. Seitdem Pauline nicht mehr an das Zimmer des Oheims gefesselt war, hatte sie sich zu beschäftigen bemüht, ohne jedoch ihre innere Qual völlig verbergen zu können. Besonders die Abende wurden ihr peinlich, das Unbehagen durchbrach den Zwang des gewohnten Friedens. Es war wohl das Dasein von ehemals mit seinen täglich sich wiederholenden Ereignissen, aber aus gewissen nervösen Bewegungen, selbst aus dem Schweigen fühlten alle die innere Zerrissenheit, die Wunde heraus, von der sie nicht mehr sprachen, und die dennoch immer größer wurde. Anfangs hatte Lazare vor sich selbst Verachtung gefühlt. Die moralische Überlegenheit der so aufrichtig und gerecht denkenden Pauline erfüllte ihn mit Scham und Zorn. Warum hatte er nicht den Mut, ihr frei zu bekennen und sie um Verzeihung zu bitten? Er hätte ihr das Abenteuer erzählen können von der Überrumpelung des Fleisches, dem Dufte des gefallsüchtigen Weibes, der ihn berauschte; und sie hatte einen zu offenen Verstand, um ihn nicht zu verstehen. Aber eine unüberwindliche Verlegenheit hinderte ihn daran, er fürchtete, sich mit einer Erklärung, bei derer vielleicht wie ein Kind stottern werde, noch mehr in den Augen des Mädchens herabzusetzen. Sodann schlummerte in der Tiefe dieses Zögerns auch die Furcht vor einer neuen Lüge; denn Luise umschwebte ihn beständig, er sah sie besonders des Nachts mit dem brennenden Bedauern, sie nicht besessen zu haben, als er sie halb ohnmächtig unter seinen Lippen gehalten. Ohne sein Wollen führten ihn seine langen Spaziergänge immer nach der Richtung von Arromanches. Eines Abends gelangte er sogar bis an das kleine Haus der Tante Leonie, er strich um die Mauer, und entfloh eilig bei dein Geräusch eines Fensterflügels, außer sich über die schlechte Handlung, die zu begehen er im Begriffe stand. Dieses Bewußtsein der Unwürdigkeit vermehrte seine Verlegenheit: er verurteilte sich, ohne indessen sein Verlangen töten zu können; mit jeder Stunde erneuerte sich der Kampf; nie hatte er derart unter seinem Unglück gelitten. Ihm blieb nur gerade noch genug Ehrenhaftigkeit und Kraft übrig, um Pauline aus dem Wege zu gehen und ihr die letzte Niedrigkeit falscher Schwüre zu ersparen. Vielleicht liebte er sie noch, aber das herausfordernde Bild der andern war ohne Unterlaß da, löschte die Vergangenheit aus und versperrte die Zukunft. Pauline wartete ihrerseits, daß er sich entschuldige. In der ersten Empörung hatte sie sich geschworen, nichts zu verzeihen. In der Folge aber litt sie heimlich darunter, daß sie ihm nichts zu vergeben hatte. Warum schwieg er mit fieberndem Gesicht? warum war er immer auswärts, als fürchte er, allein mit ihr zu bleiben? Sie war bereit, ihn anzuhören und, wenn er nur ein klein wenig Reue zeigte, alles zu vergessen. Die erhoffte Auseinandersetzung erfolgte nicht, ihr Kopf arbeitete, sie ging von einer Mutmaßung zur andern über, während der Stolz sie schweigsam bleiben ließ. Je mehr die peinlichen Tage langsam dahinflossen, desto mehr bezwang sie sich selbst zu besiegen und nahm ihre frühere Tätigkeit wieder auf. Aber diese mutige Ruhe verbarg eine fortwährende Folter, sie schluchzte des Abends laut in ihrem Zimmer und erstickte ihre Klagen auf ihrem Kopfkissen. Niemand sprach mehr von der Heirat, obgleich jeder sichtlich daran dachte. Der Herbst nahte, was würde geschehen? Jeder vermied es, sich zu erklären, man schien die Entscheidung auf später zu verschieben, wenn man wieder davon sprechen könne. Dies war im Leben der Frau Chanteau eine Zeit, in der sie die Ruhe ganz verlor. Sie war jederzeit verbissen gewesen, aber die dumpfe Tätigkeit, die in ihr die guten Gefühle langsam zerbröckelte, Schien bei dem letzten Abschnitte der Zerstörung angelangt zu sein; nie zuvor war sie so aus dem Gleichgewicht gebracht, von solch einem nervösen Fieber verzehrt erschienen. Die Notwendigkeit, sich Zwang antun zu müssen, verbitterte sie noch mehr. Sie litt am Gelde, es war wie eine nach und nach angewachsene Geldwut, die ihr Vernunft und Herz raubte. Immer wieder kehrte sich ihr Unmut gegen Pauline; sie klagte diese wegen der Abreise Luisens wie wegen eines Diebstahls an, der ihren Sohn auf das Trockene gesetzt habe. Es war eine blutende Wunde, die sich durchaus nicht schließen wollte; die geringsten Tatsachen wuchsen ungeheuerlich an, sie vergaß keine Bewegung, sie hörte noch den Schrei: »Fort!« und bildete sich ein, daß man auch sie fortjage, die Freude und das Glück der Familie auf die Straße werfe. Wenn sie sich nachts voller Unbehagen in einem Halbschlafe hin und her warf, bedauerte sie, daß der Tod die Familie nicht von dieser unglückseligen Pauline befreit habe. Pläne, verwickelte Berechnungen drängten sich in ihr durcheinander, ohne daß sie ein vernünftiges Mittel zur Kaltstellung des jungen Mädchens fand. Zur gleichen Zeit verdoppelte eine Art Rückwirkung die Zärtlichkeit für ihren Sohn: sie betete ihn an, wie sie ihn vielleicht nicht in der Wiege angebetet hatte, als er ihr in ihren Armen ganz angehörte. Vom Morgen bis zum Abend verfolgte sie ihn mit unruhigen Augen. Sowie sie allein waren, küßte sie ihn und bat ihn, sich nicht mehr zu grämen. Er verberge ihr nichts, nicht wahr? er gebe sich nicht dem Schmerze hin, wenn niemand zugegen sei? Sie versicherte ihm, daß alles geordnet werden, daß sie alle anderen erdrosseln werde, falls dies zu seinem. Glücke notwendig sei. Nach vierzehntägigen fortwährenden Kämpfen dieser Art hatte ihr Gesicht eine wächserne Blässe angenommen, ohne daß sie indessen abmagerte. Zweimal war die Geschwulst an den Beinen wiedergekommen, dann war sie verschwunden. Eines Morgens klingelte sie Veronika herbei und zeigte dieser ihre Beine, die während der Nacht bis zu den Schenkeln angeschwollen waren. »Sieh einmal die Bescherung! Ist das aber ärgerlich! Und ich wollte gerade ausgehen!... Nun bin ich gezwungen, im Bette zu bleiben. Sage nichts, damit sich Lazare nicht beunruhigt.« Sie selbst schien gar nicht erschrocken. Sie sprach nur von einer kleinen Ermüdung, und das ganze Haus glaubte an eine vorübergehende Steifheit der Glieder. Als Lazare an den Strand gelaufen war, und Pauline es vermied, zu ihr hinaufzugehen, weil sie fühlte, daß ihre Gegenwart lästig war, quälte sie die Magd mit zornigen Anschuldigungen gegen das junge Mädchen. Sie konnte nicht mehr an sich halten. Die Bewegungslosigkeit, zu der sie verdammt war, dieses Herzklopfen, das sie bei der geringsten Bewegung zu ersticken drohte, schienen sie in eine wachsende Erbitterung zu versetzen. »Was tut sie unten? Soll es wieder ein Unglück geben?... Du wirst sehen, sie bringt mir nicht einmal ein Glas Wasser.« »Freilich,« entgegnete die Magd, »weil Sie sie zurückstoßen.« »Laß das! Du kennst sie nicht. Es gibt keine schlimmere Heuchlerin als sie. Vor den Leuten zeigt sie ein gutes Herz; aber hinter dem Rücken frißt sie dich... Geh, du allein hast klar gesehen an dem Tage, an dem ich sie herbrachte. Wenn sie unser Haus nie betreten hätte, würden wir nicht dahin gekommen sein, wo wir jetzt sind... Sie wird uns ganz sacht auf den Hund bringen: der Herr leidet wie ein Verdammter, seitdem sie sich um ihn kümmert; mein Blut dreht sich in mir, so schüttelt sie mich, und was meinen Sohn anbelangt, so hat er den Kopf bald ganz verloren.« »Wie kann man so etwas sagen; sie ist so gut zu Ihnen allen!« Bis zum Abend erleichterte sich Frau Chanteau ihr Herz. Alles wurde vorgebracht, das rohe Fortschicken Luisens und vor allem das Geld. Als Veronika nach dem Mittagessen wieder hinuntergehen konnte und Pauline in der Küche mit der Säuberung des Tafelgeschirrs beschäftigt antraf, wälzte sie ihrerseits alles ab, was sie auf dem Herzen hatte. Schon seit geraumer Zeit hielt sie diese sie empörenden Bekenntnisse zurück, diesmal aber strömten ihr die Worte ohne ihren Willen von den Lippen. »Ach, Fräulein, Sie sind zu gut, daß sie noch auf deren Teller achtgeben. Ich an Ihrer Stelle würde alles zerschlagen.« »Warum?« fragte das junge Mädchen erstaunt. »Weil Sie niemals soviel tun könnten, als man Ihnen nachsagt.« Das war ihr Ausgangspunkt, und sie ging bis auf die ersten Tage zurück. »Muß das nicht den lieben Gott selbst in Zorn bringen? Sie hat Ihnen Ihr Geld Sou für Sou weggesogen und das in so niederträchtiger Weise wie möglich. Mein Wort, es sah fast so aus, als müßte die da Sie ernähren... Als das Geld noch in ihrem Schreibsekretär war, machte sie alle möglichen Bücklinge davor, als wenn sie die Jungfernschaft eines Mädchens zu bewachen habe, was sie jedoch nicht verhinderte, krumme Finger und hübsche Löcher darin zu machen. Sie hat eine nette Komödie gespielt, um Ihnen die Geschichte mit der Fabrik auf den Buckel zu laden, und dann mit dem Rest des Schatzes den Haushalt fortzufristen. Wollen Sie etwas wissen? Nun wohl, ohne Sie wären sie alle vor Hunger krepiert... Sie hat auch eine schöne Furcht gehabt, als die anderen in Paris wegen der Rechnung sich meldeten. Donnerwetter, Fräulein, Sie hätten Sie geradenwegs vor das Strafgericht bringen können... Und das hat sie nicht gebessert, sie frißt noch heute an Ihnen und wird Sie bis auf den letzten Heller aufzehren. Sie glauben vielleicht, daß ich lüge. Sehen Sie, ich erhebe meine Hand zum Schwur! Ich habe es mit meinen Augen gesehen und mit meinen Ohren gehört, und ich sage Ihnen noch nicht einmal das Schmutzigste aus Achtung, Fräulein, denn als Sie krank lagen, ärgerte sie sich, daß sie nicht in Ihrer Kommode herumwühlen konnte.« Pauline hörte zu, sie fand kein Wort, um Veronika unterbrechen zu können. Oft hatte der Gedanke, daß die Familie auf ihre Kosten lebte, sie ausplünderte, ihr die glücklichsten Tage ihres Lebens verdorben. Aber sie war stets vor dem Nachdenken über diese Dinge zurückgeschreckt; sie zog vor, in Blindheit weiter zu leben und sich selbst des Geizes anzuklagen. Diesmal sollte sie wohl oder übel alles erfahren, die Roheit der Vertraulichkeiten schien die Tatsachen noch zu verschlimmern. Bei jedem Satze erwachte ihr Gedächtnis, sie baute sich alte Geschichten wieder zusammen, deren genauer Sinn ihr damals entgangen war; sie folgte Tag für Tag den Machenschaften der Frau Chanteau um ihr Vermögen herum. Sie hatte sich langsam auf einen Stuhl sinken lassen, als sei sie plötzlich von großer Müdigkeit befallen. Ein schmerzlicher Zug furchte ihre Lippen. »Du übertreibst«, murmelte sie. »Wie! Ich übertreibe!« fuhr Veronika heftig fort. »Es ist nicht so sehr die Geschichte mit dem Gelde, die mich außer Fassung bringt. Sehen Sie, nie werde ich ihr verzeihen, daß sie Ihnen Herrn Lazare wieder genommen hat, nachdem sie Ihnen den Sohn gegeben hatte... Ja, so ist es und nicht anders. Sie waren nicht mehr reich genug, und man brauchte für ihn eine Erbin. Was sagen Sie dazu? Man plündert Sie erst aus, und dann verachtet man Sie, weil Sie nicht mehr reich genug sind... Nein, Fräulein, ich will nicht mehr schweigen. Man schneidet nicht den Leuten das Herz in Stücke, nachdem man ihnen schon die Taschen geleert hat. Da Sie Ihren Vetter liebten und er Ihnen alles in Liebenswürdigkeiten hätte vergelten müssen, so ist es von jener Seite einfach eine gemeine Schandtat, Sie auch in dieser Weise bestohlen zu haben... Und sie hat alles das getan, ich habe es gesehen. Ja, ja, jeden Abend köderte sie die Kleine und entflammte sie durch eine Menge unsauberer Geschichten für den jungen Mann. So wahr diese Lampe uns hier Licht spendet, so wahr hat sie beide einander in die Arme gestoßen. Was! Schließlich hätte sie ihnen auch noch das Licht gehalten, nur um die Heirat unvermeidlich zu machen. Ihr Verdienst ist es gewiß nicht, daß sie nicht bis zum äußersten gegangen sind. Verteidigen Sie sie doch jetzt noch, nun sie Sie unter ihren Füßen zertreten hat und schuld daran ist, daß sie nachts wie eine Magdalena weinen. Denn ich höre Sie sehr gut von meiner Stube aus. Ich werde von all dem Kummer, von all den Ungerechtigkeiten noch krank werden!« »Schweige, ich flehe dich an,« stammelte Pauline, deren Mut zu Ende war, »du tust mir zu weh.« Schwere Tränen rollten über ihre Wangen. Sie fühlte, daß dieses Mädchen nicht log, ihre zerstörte Zuneigung blutete in ihr. Jeder heraufbeschworene Auftritt nahm eine lebendige Wahrhaftigkeit an: Lazare hielt die ermattende Luise fest umschlungen, während Frau Chanteau an der Tür wachte. Mein Gott, was hatte sie verbrochen, daß ein jeder sie betrog, während sie allen treu war? »Ich flehe dich an, schweige, es erstickt mich.« Als Veronika sie so erschüttert sah, begnügte sie sich, dumpf hinzuzufügen: »Ihretwegen will ich nichts weiter sagen, nicht um deretwillen... Schon seit heute früh ist sie dabei, einen Haufen Scheußlichkeiten auf Ihre Rechnung auszuspeien. Ich verliere schließlich auch die Geduld, mein Blut kocht, wenn ich höre, wie man das Gute, was Sie ihr getan, in das Böse verkehrt... Auf Ehrenwort, sie behauptet, Sie hätten sie zugrunde gerichtet und ihr den Sohn getötet. Gehen Sie und horchen Sie an der Tür, wenn Sie mir nicht glauben wollen.« Als Pauline in ein heftiges Schluchzen ausbrach, nahm Veronika den Kopf des jungen Mädchens zwischen die beiden Hände und küßte sie auf das Haar, indem sie wiederholte: »Nein, nein, Fräulein, ich sage nichts mehr. Sie mußten es aber erfahren. Es wurde nachgerade zu dumm, sich von anderen derart verschlingen zu lassen... Ich sage nichts mehr, beruhigen Sie sich.« Es trat Schweigen ein. Die Magd löschte die im Herde gebliebene Glut aus. Aber sie konnte es nicht unterlassen, noch zu brummen: »Ich weiß, warum sie anschwillt: die Bosheit ist ihr in die Knie gefahren.« Pauline, die starr auf eine der Fliesen der Küche blickte, den Geist wirr und schwer vor Kummer, erhob die Augen. Warum sagte Veronika dies? War die Geschwulst wiedergekommen? Sie mußte verlegen ihrem Versprechen zu schweigen untreu werden. Sie erlaubte sich wohl ein Urteil über ihre Frau, aber sie gehorchte ihr. Es war so, die beiden Beine waren seit der Nacht ergriffen, man sollte es aber nicht Herrn Lazare erzählen. Während die Magd diese Einzelheiten berichtete, verwandelte sich Paulinens Gesicht; eine Unruhe verjagte die düstere Niedergeschlagenheit. Trotz allem, was sie soeben gehört hatte, erschrak sie über ein Merkmal, das sie als gefährlich kannte. »Aber man kann sie nicht so liegen lassen«, sagte Pauline. »Sie ist in Gefahr.« »Ach ja, in Gefahr!« schrie Veronika roh. »So sieht sie gerade nicht aus, sie denkt auf alle Fälle nicht an so etwas, denn sie ist zu sehr damit beschäftigt, auf die andern zu geifern und sich wie ein Pascha in ihrem Bette breit zu machen... Übrigens schläft sie jetzt, man muß bis morgen warten. Morgen ist gerade der Tag, an dem der Doktor ohnehin nach Bonneville kommt.« Am nächsten Tage war es unmöglich, Lazare den Zustand seiner Mutter länger zu verschweigen. Die ganze Nacht hatte Pauline gelauscht, von Stunde zu Stunde erwachend, glaubte sie durch den Fußboden hindurch beständig ein Stöhnen zu vernehmen. Gegen Morgen war sie dann in einen so festen Schlaf gesunken, daß es schon neun Uhr schlug, als das Geräusch einer zufallenden Tür sie plötzlich auffahren ließ. Als sie nach hastigem Ankleiden hinunterging, um Neues zu hören, begegnete sie gerade auf dem Absätze des ersten Stockwerkes Lazare, der von der Kranken kam. Die Geschwulst ergriff bereits den Leib, Veronika hatte sich entschlossen, den jungen Mann davon in Kenntnis zu setzen. »Nun?« fragte Pauline. Mit entstelltem Gesicht antwortete Lazare zuerst nicht. Mit einer ihm eigentümlichen Bewegung nahm er sein Kinn zwischen die krampfhaften Finger. Als er sprach, waren seine ersten, kaum gestammelten Worte: »Sie ist verloren.« Er ging mit einem Gesicht wie ein Geistesabwesender in sein Zimmer hinauf. Pauline folgte ihm. Als sie sich in dem großen Gemach des zweiten Stockwerkes befanden, das sie nicht mehr betreten, seitdem sie ihn mit Luise dort überrascht, schloß sie die Tür und versuchte ihm Mut zuzusprechen. »Mut! Du weißt nicht einmal, was ihr fehlt... Wir wollen wenigstens erst den Arzt abwarten... Sie ist sehr kräftig, es ist immer Hoffnung vorhanden.« Aber er blieb dabei, eine plötzliche Überzeugung war ihm durch das Herz geschossen. »Sie ist verloren, sie ist verloren!« Es war ein unvorhergesehener Schlag, der ihn niederschmetterte. Als er aufgestanden, hatte er aus reiner Gewohnheit das Meer betrachtet, dann war er aus Langeweile gähnend in Klagen über die blödsinnige Leere seines Daseins ausgebrochen. Als sich aber seine Mutter bis zu den Knien entblößte, hatte ihn der Anblick dieser armen, von der Wassergeschwulst erfaßten Beine, die ganz farblos wie bereits abgestorbene Stämme waren, mit Rührung und Entsetzen erfüllt. Wie? Von einer Minute zur andern trat so das Unglück ein? Auch jetzt wagte er nicht, am ganzen Körper zitternd, auf einer Ecke des großen Tisches sitzend, den Namen der von ihm erkannten Krankheit laut auszusprechen. Der schreckliche Gedanke, daß ihn und die Seinen eines Tages eine Herzkrankheit packen könne, hatte ihn stets geängstigt, nicht einmal die zweijährigen medizinischen Studien waren imstande gewesen, ihn von der Gleichheit jeglichen Übels vor dem Tode zu überzeugen. Im Herzen, an der Quelle des Lebens selbst getroffen zu werden, galt in seinen Augen als ein schrecklicher, unerbittlicher Tod. Und diesen Tod sollte seine Mutter nun wirklich sterben, und nach ihr würde auch er gewiß daran zugrunde gehen. »Warum verzweifelst du so?« fuhr Pauline fort. »Es gibt Wassersüchtige, die noch sehr lange leben. Erinnerst du dich der Frau Simonnot? Sie ist schließlich an einer Lungenentzündung gestorben.« Aber er schüttelte den Kopf, er war kein Kind, um sich auf solche Weise täuschen zu lassen. Seine baumelnden Füße schlugen ins Leere, das Zittern seines Körpers hörte nicht auf, während er die Augen halsstarrig auf das Fenster gerichtet hielt. Da küßte sie ihn zum ersten Male nach dem Bruche wieder auf die Stirn wie einst. Sie befanden sich wieder Seite an Seite in jenem großen Gemach, in dem sie aufgewachsen waren, alle ihre Entfremdung schwand angesichts des ihnen drohenden großen Kummers. Sie trocknete sich die Augen; er konnte nicht weinen und wiederholte mechanisch: »Sie ist verloren, sie ist verloren.« Als gegen elf Uhr Doktor Cazenove kam, wie er es gewöhnlich jede Woche auf dem Rückwege von Bonneville tat, schien er höchst erstaunt zu sein, Frau Chanteau im Bette zu finden. Was fehlte denn der teuren Frau? Ja, er scherzte sogar: das ganze Haus sei zu verzärtelt, man werde es demnächst in ein Lazarett umwandeln. Als er aber die Kranke untersucht, beklopft, behorcht hatte, wurde er ernster; er mußte sogar seine ganze große Beherrschung aufbieten, um nicht ein wenig Bestürzung durchblicken zu lassen. Übrigens hatte Frau Chanteau nicht die geringste Ahnung von der Bedenklichkeit ihres Zustandes. »Ich hoffe, Doktor, Sie werden mich von dieser Geschichte kurieren«, sagte sie mit heiterer Stimme. »Sehen Sie, ich habe nur eine Furcht, daß diese Geschwulst mich erstickt, wenn sie immer höher steigt.« »Seien Sie beruhigt, das steigt nicht so weiter«, entgegnete er ebenfalls lachend. »Außerdem werden wir ihr schon Stillstand zu gebieten wissen.« Lazare, der nach beendeter Untersuchung wieder in das Zimmer getreten war, hörte ihm zitternd zu; es drängte ihn, den Arzt beiseite zu nehmen, um ihn auszufragen und endlich etwas Gewisses zu erfahren. »Teure Frau,« fuhr der Doktor fort, »ängstigen Sie sich nicht; wenn ich wiederkomme, wollen wir weiter plaudern... Auf Wiedersehen, ich werde meine Verordnungen unten aufschreiben.« Unten verhinderte Pauline sie in das Speisezimmer zu treten, da man Chanteau stets von einer einfachen Steifheit sprach. Sie hatte Tintenfaß und Feder bereits auf dem Küchentisch zurechtgestellt. Angesichts ihrer ängstlichen Ungeduld bekannte der Doktor, daß es schlimm stehe; aber er machte lange, wirre Sätze und vermied es, einen bestimmten Schluß zu ziehen. »Sie ist also verloren«, schrie Lazare mit einer Art Gereiztheit. »Nicht wahr, es ist das Herz?« Pauline warf dem Arzt einen flehenden Blick zu, den dieser verstand. »Oh, das Herz,« sagte er, »das bezweifle ich... Schließlich, sollte sie sich auch nicht wieder erholen, so kann es vielleicht bei vorsichtiger Behandlung noch lange dauern.« Der junge Mann hatte darauf wieder sein Achselzucken, diese zornige Gebärde eines Kindes zur Antwort, das sich nichts vormachen läßt. Er fuhr fort: »Sie warnten mich nicht, Doktor, und haben sie doch erst kürzlich behandelt... Diese schauderhaften Dinge kommen niemals auf einen Schlag. Sie hatten also nichts gesehen?« »Ja, ja,« murmelte Doktor Cazenove, »ich hatte wohl einige kleine Anzeichen bemerkt.« Als Lazare ein verächtliches Lachen ausstieß, fügte er hinzu: »Hören Sie, mein Lieber, ich halte mich nicht für dümmer als ein anderer, und trotzdem begegnet es mir nicht das erstemal, vorausgesehen zu haben und wie dumm vor einer Krankheit zu stehen... Sie sind anzüglich. Sie verlangen, daß man alles wissen soll, während es schon eine recht hübsche Leistung ist, wenn man die ersten Zeilen dieser verwickelten Maschine des menschlichen Gerippes herauszubuchstabieren versteht.« Er ärgerte sich und schrieb seine Verordnung mit hastiger Feder nieder, die das dünne Papier durchlöcherte. Der Marinearzt kam in diesen jähen Bewegungen seines großen Körpers wieder zum Vorschein. Aber als er sich wieder aufrichtete, nahm sein altes, vom Seewinde gegerbtes Gesicht einen milderen Ausdruck an, als er Lazare und Pauline mit gesenktem Kopfe wie verzweifelt vor sich sah. »Meine armen Kinder,« begann er, »wir werden unser Möglichstes tun, um sie aus der Geschichte zu ziehen... Ihr wißt, daß ich nicht den großen Mann vor euch spielen will. Offen gesprochen; ich kann nichts sagen. Dennoch scheint mir, daß keine augenblickliche Gefahr vorhanden ist.« Er ging, nachdem er sich überzeugt, daß Lazare Fingerhutblumentinktur vorrätig hatte. Das Rezept verschrieb einfach Einreibungen des Beines mit dieser Tinktur und einige Tropfen davon in einem Glase Zuckerwasser. Das genügte für den Augenblick; am nächsten Tage wollte er Pillen mitbringen, vielleicht sich auch zu einem Aderlasse entschließen. Pauline hatte ihn bis zu seinem Wagen begleitet, um die volle Wahrheit zu erfahren; die volle Wahrheit aber war, daß er sich nicht zu erklären wagte. Als sie in die Küche zurückkehrte, traf sie Lazare beim Nachlesen des Rezeptes an. Das Wort Fingerhutblume allein hatte ihn von neuem erbleichen lassen. »Regen Sie sich doch nicht so sehr auf«, sagte Veronika, die sich an das Kartoffelschälen gemacht hatte, um dort bleiben und zuhören zu können. »Die Ärzte sind lauter Mörder. Wenn er nicht weiß, was er sagen soll, so hat es eben nicht Großes zu besagen.« Ein Gespräch hielt sie um die Schüssel zurück, in welche die Köchin ihre Kartoffeln schnitt. Auch Pauline war jetzt ruhiger. Am Morgen war sie zur Tante gegangen, um sie zu küssen, und hatte sie besser aussehend gefunden: mit solchem Gesicht konnte man nicht sterben. Aber Lazare wandte das Rezept wieder zwischen seinen fieberhaften Fingern hin und her. Das Wort Fingerhutblume flammte hervor: seine Mutter war verloren. »Ich gehe wieder hinauf«, sagte er schließlich. An der Tür zögerte er und fragte seine Base: »Willst du auch einen Augenblick kommen?« Sie zögerte ebenfalls ein wenig. »Ich fürchte, ihr beschwerlich zu fallen«, flüsterte sie. Ein verlegenes Schweigen trat ein, und er ging, ohne ein Wort hinzuzufügen, allein nach oben. Um seinen Vater nicht zu beunruhigen, erschien Lazare – zwar sehr bleich – zum Frühstück. Von Zeit zu Zeit rief ein Klingeln Veronika herbei, die mit Tellern voll Suppe hin und her ging, welche die Kranke kaum berührte; und als sie wieder herunterkam, erzählte sie Pauline, daß der arme junge Mann oben den Kopf verliere. Es war ein Jammer, ihn vom Fieber geschüttelt, mit unsicheren Händen und entstelltem Gesicht bei seiner Mutter zu sehen, als fürchte er jeden Augenblick, daß sie in seinen Armen verende. Gegen drei Uhr war die Magd gerade wieder hinaufgegangen, als sie auch schon über das Treppengeländer gebeugt, das junge Mädchen herbeirief. Sobald diese auf dem Absätze des ersten Stockes stand, sagte sie zu ihr: »Sie sollten hereinkommen, um ihm zur Hand zu gehen. Desto schlimmer, wenn sie dieses ärgert. Sie will, daß er sie umwendet; Sie sollen aber sehen, wie er zittert, ohne daß er sie auch nur zu berühren wagt... Und daher verbietet sie mir, ihr zu nahe zu kommen.« Pauline trat ein. Aufrecht sitzend, an drei Kopfkissen gelehnt, machte Frau Chanteau den Eindruck, als hüte sie nur aus reiner Trägheit das Bett, wenn nicht ein kurzes und beschwerliches Atmen ihre Schultern gehoben hätte. Lazare stand vor ihr und stammelte: »Ich soll dich also auf die rechte Seite legen?« »Ja, schiebe mich ein wenig... Ach, mein armes Kind, was für Mühe hast du, mich zu verstehen!« Das junge Mädchen hatte sie bereits sanft gefaßt und drehte sie um. »Laß mich machen, ich bin das vom Onkel her gewohnt. Ist es gut so?« Frau Chanteau schalt aufgeregt, daß man sie stoße. Sie konnte keine Bewegung vornehmen, ohne daß sie nicht sogleich zu ersticken vermeinte, und auch jetzt saß sie einige Augenblicke atemlos, mit erdfarbenem Gesicht da. Lazare war hinter die Bettvorhänge getreten, um seine Verzweiflung zu verbergen. Pauline rieb die Beine der Kranken mit Fingerhutblumentinktur ein. Er wandte den Kopf ab, jedoch ein Bedürfnis, sie zu betrachten, führte seine Blicke wieder zu diesen ungeheuerlichen Beinen, diesen unbeweglichen Paketen fahlen Fleisches hin, deren Anblick ihn vollends vor Angst zu würgen drohte. Als seine Base seine Niedergeschlagenheit bemerkte, hielt sie es für klüger, ihn fortzuschicken. Sie näherte sich ihm und da Frau Chanteau schon von dieser bloßen Veränderung ihrer Lage sehr ermattet, dem Einschlafen nahe war, sagte sie: »Du tätest besser, hinunter zu gehen.« Er kämpfte ein wenig, Tränen verdunkelten seinen Blick, Aber er mußte nachgeben und stieg beschämt hinunter, indem er stammelte: »Mein Gott! Ich kann nicht! Ich kann nicht!« Als die Kranke sich wieder ermunterte, bemerkte sie die. Abwesenheit ihres Sohnes anfangs gar nicht. Ein Erstaunen schien über sie zu kommen, sie sammelte sich wieder in dem selbstsüchtigen Verlangen zu leben. Nur Paulinens Gegenwart schien sie zu beunruhigen, obgleich diese sich fast verbarg und, ohne zu sprechen oder sich zu regen, abseits saß. Als ihre Tante den Kopf vorstreckte, meinte Pauline sie dennoch mit einem Worte benachrichtigen zu sollen. »Ich bin es, rege dich nicht auf. Lazare ist nur nach Verchemont gegangen, wo er den Tischler sprechen will.« »Gut, gut«, murmelte Frau Chanteau. »Nicht wahr, du bist nicht so leidend, daß er seinen Geschäften nicht nachgehen könnte?« »Ganz sicher nicht.« Von diesem Augenblicke an sprach sie nur noch selten von ihrem Sohne, trotz der Anbetung, die sie noch Tags vorher für ihn gezeigt. Er verschwand für den Rest ihres Lebens, nachdem er Ursache und Zweck ihres ganzen Daseinsgewesen. Die in ihr beginnende Gehirnerweichung ließ ihr nur noch die leibliche Sorge um ihre Gesundheit. Sie nahm die Pflege der Nichte an, ohne daß sie sich von dieser Unterschiebung Rechenschaft zu geben schien, einzig damit beschäftigt, ihr mit den Augen zu folgen; ein wachsendes Mißtrauen angesichts ihres fortwährenden Gehens und Kommens vor ihrem Bette nahm sie außerordentlich in Anspruch. Währenddessen war Lazare in die Küche hinabgegangen, fassungslos, mit schlotternden Beinen. Das ganze Haus flößte ihm Furcht ein: er konnte nicht in seinem Zimmer bleiben, dessen Leere ihn erdrückte; er wagte nicht durch das Speisezimmer zu gehen, wo der Anblick seines friedlich die Zeitung lesenden Vaters ihm mit Schluchzen die Kehle zuschnürte. So kehrte er immer wieder in die Küche zurück, den einzig warmen und lebendigen Winkel, weil er dort Veronika antraf, die wie in den guten Tagen der Ruhe mit ihren Kasserolen hantierte. Als sie ihn auf den Strohsessel neben dem Herde sich niederlassen sah, den er bereits als seinen selbstverständlichen Platz betrachtete, sagte sie ihm offen, was sie von seinem geringen Mute dachte. »Sie sind wahrhaftig keine große Hilfe, Herr Lazare. Das arme Fräulein nimmt auch das wieder auf ihren Rücken... Man möchte fast glauben, daß hier noch nie jemand krank gewesen ist. Und dabei ist es geradezu stark, daß Sie Ihre Base sehr gut gepflegt haben, als diese an ihrem Halsleiden fast gestorben wäre... Sie können nicht das Gegenteil behaupten. Sie sind vierzehn Tage dort oben geblieben, um sie wie ein Kind zu drehen und zu wenden.« Lazare hörte ihr voller Staunen zu. Er hatte an diesen Widerspruch nicht gedacht; warum diese verschiedenen und unlogischen Arten des Empfindens? »Das ist wahr,« wiederholte er, »das ist wahr.« »Sie ließen niemanden hinein,« fuhr die Magd fort, »und das Fräulein war noch viel schrecklicher anzusehen als die Mama, so sehr litt es. Ich kam immer ganz außer Fassung herunter und hatte kein Verlangen, auch nur einen Bissen Brot zu essen. Heute aber sieh einer an, wendet sich Ihnen das Herz im Leibe um, wenn Sie Ihre Mutter nur im Bette sehen. Sie würden ihr nicht einmal die Tasse mit dem Aufguß bringen können. Ihre Mutter mag sein, wie sie ist, aber sie ist immer Ihre Mutter.« Er vernahm ihre Stimme gar nicht mehr und starrte vor sich in das Leere. Schließlich murmelte er: »Was willst du? Ich kann nicht... Vielleicht weil es Mama ist, aber ich kann nicht. Wenn ich sie mit diesen Beinen sehe und mir sage, daß sie verloren ist, platzt mir etwas im Magen, und ich würde wie ein Tier aufbrüllen, wenn ich nicht aus dem Zimmer flüchtete.« Seinen Körper befiel ein neues Erzittern. Er hatte ein heruntergefallenes Küchenmesser vom Boden aufgenommen und betrachtete es, ohne es zu sehen, mit überfließenden Augen. Es herrschte tiefes Schweigen. Veronika tauchte ihr Gesicht in den Suppentopf, um die Bewegung zu verbergen, die auch sie zu ersticken drohte. Endlich sprach sie von neuem: »Hören Sie, Herr Lazare, Sie sollten ein wenig an den Strand gehen. Es belästigt mich, Sie fortwährend hier vor den Füßen zu haben... Nehmen Sie doch Mathieu mit. Er wird einem auch so beschwerlich; er weiß nicht, was er mit seinem Körper anfangen soll, und ich habe die größte Mühe von der Welt, ihn zu verhindern, daß er zu der Frau hinaufklettert.« Am nächsten Tage hielt Doktor Cazenove noch immer mit einer bestimmten Äußerung zurück. Eine plötzliche Katastrophe war möglich, auch konnte die Kranke, falls die Wassergeschwulst abnahm, sich für längere oder kürzere Zeit wieder erholen. Er stand von dem Aderlasse ab und begnügte sich, ihr die mitgebrachten Pillen zu verschreiben, ohne die Anwendung von Fingerhutblumentinktur einzustellen. Sein bekümmertes, dumpf erregtes Wesen gestand ein, daß er bei solchem Falle wenig an diese Mittel glaubte, wo sämtliche Organe nacheinander außer Gange kommen, die Wissenschaft des Arztes also am Ende ist. Im übrigen behauptete er, daß Frau Chanteau nicht leide. In der Tat beklagte sich die Kranke über keinen lebhaften Schmerz: nur ihre Beine waren schwer wie Blei, das Erstickungsgefühl war noch lebhafter geworden, sowie sie sich bewegte; wenn sie aber unbeweglich auf den Rücken ausgestreckt lag, hatte sie noch immer ihre starke Stimme, ihre lebhaften Augen, die sie selbst über ihren Zustand täuschten. Da sie so munter war, gab keiner von ihrer Umgebung mit Ausnahme des Sohnes die Hoffnung auf. Als der Arzt wieder in seinen Wagen stieg, sagte er ihnen, sie sollten nicht zu sehr klagen, da es schon eine Gnade für sich und die Seinen sei, wenn man sich nicht selbst sterben sehe. Die erste Nacht wurde für Pauline sehr hart. Sie hatte, auf einen Lehnsessel halb hingestreckt, nicht schlafen können, die Ohren sausten ihr von den starken Atemzügen der Sterbenden. Sowie sie einzuschlafen begann, schien es ihr, als erzittere das Haus von diesem Hauche, als müsse alles davon bersten. Hatte Pauline dagegen die Augen offen, so wurde sie von Beklemmungen befallen und durchlebte nochmals alle die Qualen, die ihr seit einigen Monaten das Leben vergiftet hatten. Selbst zur Seite dieses Sterbelagers ward nicht Frieden in ihr, es war ihr unmöglich zu vergeben. In diesem Alpdrücken der düstern Nachtwache litt sie besonders unter Veronikas Geständnissen. Ihre Heftigkeit von ehemals, ihr eifersüchtiger Groll erwachten bei den Einzelheiten, die sie unter Qualen sich wieder ins Gedächtnis rief. Mein Gott! Nicht mehr geliebt zu werden, sich von denen verraten zu sehen, die man liebt, allein dazustehen, das Herz voller Verachtung und Empörung! Die frisch geöffnete Wunde blutete von neuem; nie zuvor hatte sie Lazares Schimpf bis zu diesem Grade verspürt. Hatte man sie getötet, so konnten nun auch die anderen sterben. Immer wieder tauchte der Raub an ihrem Gelde und an ihrem Herzen vor ihr auf unter dem Banne der starken Atemzüge ihrer Tante, die ihr schließlich die Brust zu sprengen drohten. Tagsüber blieb sie niedergeschlagen. Die Zuneigung kehrte nicht zurück, nur die Pflicht hielt sie noch an dieses Zimmer gebannt. Das aber machte sie vollends unglücklich: stand sie denn auch im Begriff, schlecht zu werden? In dieser Unruhe verstrich der Tag. Pauline bemühte sich unzufrieden mit sich selbst um die Kranke, abgestoßen von ihrem Mißtrauen. Diese nahm ihre Zuvorkommenheiten mit Brummen auf, verfolgte sie mit argwöhnischem Auge und schaute ihr nach, um zu sehen, was sie tat. Verlangte sie ein Taschentuch, beroch sie es erst vor dem Gebrauch, und wenn sie sie eine Flasche warmes Wasser bringen sah, wollte sie erst die Flasche betasten. »Was hat sie nur?« fragte das junge Mädchen leise die Magd. »Glaubt sie, ich wäre fähig, ihr etwas Böses zu tun?« Als Veronika nach Abfahrt des Arztes Frau Chanteau einen Löffel voll Medizin reichte, bemerkte diese nicht die Nichte, die gerade Wäsche im Schranke suchte und flüsterte: »Hat der Arzt die Medizin bereitet?« »Nein, das Fräulein.« Nun kostete sie mit dem Rand der Lippen, dann schnitt sie ein Gesicht. »Das schmeckt nach Kupfer... Ich weiß nicht, was sie mich zu nehmen zwingt; ich habe seit gestern einen Kupfergeschmack im Magen.« Mit einer jähen Bewegung schüttete sie den Inhalt des Löffels hinter das Bett. Veronika stand mit offenem Munde da. »Nun! Was ist. denn los? Ist das ein Gedanke!« »Ich habe noch keine Lust abzufahren«, sagte Frau Chanteau und ließ den Kopf auf das Kissen sinken. »Höre, meine Lunge ist noch stark. Sie könnte sehr wohl noch vor mir die Reise antreten, denn sie steckt gerade nicht in einer gesunden Haut.« Pauline hatte die Worte gehört. Ins Herz getroffen, wandte sie sich um und schaute Veronika an. Statt einen Schritt vorwärts zu machen, wich sie noch mehr zurück, sie schämte sich für ihre Tante wegen dieses verabscheuungswürdigen Verdachtes. Es ging eine plötzliche Veränderung in ihr vor; angesichts dieser von Furcht und Haß durchwühlten Unglücklichen kam ein tiefes Mitleid über sie, und weit entfernt, ihr darob zu grollen, fühlte sie sich von einer schmerzlichen Rührung übermannt, als sie sich bückte und unter dem Bette die Arzneien erblickte, welche die Kranke, aus Furcht vor Gift dort hinwarf. Bis zum Abend zeigte sie ihr eine ungetrübte Freundlichkeit; sie schien nicht einmal die unruhigen Blicke zu bemerken, die ihre Hände prüften. Ihr brennender Wunsch war, durch eine gütige Sorgfalt die Befürchtungen der Sterbenden zu besiegen, sie diesen schauderhaften Verdacht nicht in die Erde mitnehmen zu lassen. Sie verbot Veronika, durch die Erzählung dieses Vorfalls Lazare noch mehr zu erschrecken. Seit dem Morgen hatte Frau Chanteau nur ein einziges Mal nach ihrem Sohne gefragt und sich mit der ersten besten Antwort begnügt, ohne über seine Abwesenheit des weiteren erstaunt zu sein. Übrigens sprach sie noch weniger von ihrem Manne; es beunruhigte sie nicht im Geringsten, was er so allein im Speisezimmer tun könne. Alles verschwand für sie, die Kälte ihrer Beine schien von Minute zu Minute zu wachsen und ihr auch das Herz gefrieren zu lassen. Bei jeder Mahlzeit, zu der Pauline hinunterging, mußte sie ihren Onkel belügen. An jenem Abende täuschte sie sogar Lazare, indem sie ihm versicherte, daß die Geschwulst abnehme. In der Nacht aber machte das Übel erschreckliche Fortschritte. Als das junge Mädchen und die Magd die Kranke bei hellem Tage wiedersahen, waren sie von dem verstörten Ausdrucke ihrer Augen ergriffen. Das Gesicht war unverändert, auch hatte sie noch immer keinerlei Fieber, nur der Verstand schien angegriffen, ein fixer Gedanke vollendete die Zerstörung dieses Gehirns. Das war der letzte Abschnitt, in dem das menschliche Wesen nach und nach von einer einzigen, in Raserei umschlagenden Leidenschaft verzehrt wurde. Der Morgen vor der Ankunft Doktor Cazenoves war entsetzlich. Frau Chanteau wollte nicht einmal, daß ihre Nichte sich ihr nähere. »Ich bitte dich, laß dich pflegen«, wiederholte Pauline. »Ich will dich einen Augenblick hochheben, weil du schlecht gebettet bist.« Da schlug die Sterbende um sich, als wolle man sie ersticken. »Nein, nein, du hast Scheren, du bohrst sie mir absichtlich in das Fleisch... Ich fühle sie sehr gut, ich blute am ganzen Körper.« Mit zerrissenem Herzen mußte das junge Mädchen sich fernhalten; sie taumelte vor Müdigkeit und Kummer und erlag vor ohnmächtiger Güte. Sollte die Kranke die geringsten Dienstleistungen hinnehmen, so mußte sie Roheiten und Anschuldigungen ertragen, die ihr Tränen erpreßten. Manchmal sank sie überwunden auf einen Stuhl und wußte nicht mehr, wie sie sich diese, jetzt in Wut verwandelte Zuneigung zurückerobern sollte. Dann kam ihr die Ergebung wieder, sie sann weiter auf Mittel und Wege und verdoppelte ihre Sanftmut. An jenem Tage führte ihre Beharrlichkeit; eine Krise herbei, vor der sie noch lange nachher erzitterte. »Tante,« sagte sie und hielt den Löffel bereit, »es ist die Zeit für deine Arznei. Du weißt, der Arzt hat dir pünktlich einzunehmen verordnet.« Frau Chanteau wollte die Flasche sehen und roch schließlich daran. »Ist es die nämliche von gestern?« »Ja, Tante.« »Ich will sie nicht.« Aber auf das zärtliche Drängen der Nichte hin nahm die Kranke noch einen Löffel davon. Ihr Antlitz drückte tiefen Argwohn aus. Kaum hatte sie den Löffel voll im Munde, so spie sie ihn auch bereits heftig auf die Erde, und von einem Hustenanfalle gerüttelt stammelte sie, zwischen einem Schluchzen und dem andern: »Das ist Vitriol, das brennt!« Der Abscheu und das Entsetzen vor Pauline seit dem Tage, an dem sie ihr das erste Zwanzigfrankenstück nahm, langsam gewachsen, machte sich endlich in der letzten Zersetzung ihres Leidens in einem Schwall toller Worte Luft, denen das junge Mädchen ergriffen lauschte, ohne ein Wort der Verteidigung zu finden. »Du glaubst, ich schmecke es nicht! Du tust Kupfer und Vitriol in alles. Das erstickt mich. Mir fehlt nichts, und ich wäre schon heute aufgestanden, wenn du mir nicht gestern Abend Grünspan in die Suppe gerührt hättest... Ja, du hast jetzt genug von mir, du möchtest mich gern begraben. Aber ich bin kräftig, ich werde dich beerdigen.« Ihre Worte verwirrten sich immer mehr, ihr ging der Atem aus, und ihre Lippen wurden so schwarz, daß eine augenblickliche Katastrophe zu befürchten war. »Tante, Tante,« murmelte Pauline, »wenn du wüßtest, wie du dir schadest.« »Das wünschest du ja gerade, nicht wahr? Geh, ich kenne dich, du hast dir deinen Plan seit langem gemacht; du bist einzig und allein hierhergekommen, uns zu ermorden und auszuplündern. Dein Gedanke ist, das Haus an dich zu bringen, und ich störe dich... Elendes Geschöpf, ich hätte dich am ersten Tage erwürgen sollen... Ich hasse dich!« Pauline weinte leise, unbeweglich. Ein einziges Wort nur kam, wie eine unwillkürliche Verteidigung, über ihre Lippen. »Mein Gott!... Mein Gott!« Aber Frau Chanteau war erschöpft, und eine kindische Furcht folgte diesen heftigen Angriffen. Sie war auf das Kopfkissen zurückgesunken. »Komm mir nicht zu nahe, berühre mich nicht... Ich rufe um Hilfe, wenn du mich anfaßt... Nein, nein, ich will nicht trinken. Das ist Gift.« Sie zog die Bettdecke mit ihren gekrampften Händen hinauf und verbarg sich hinter den Kopfkissen, wobei sie den Kopf hin- und herrollte und den Mund fest schloß. Als die bestürzte Nichte sich ihr nähern wollte, um sie zu beruhigen, brach sie in ein Geschrei aus. »Sei vernünftig, Tante... Ich gebe dir ohne deinen Willen nichts zu trinken.« »Ja, du hast noch die Flasche... Ich fürchte mich, ich fürchte mich!« Sie lag im Todeskampfe; auf ihrem zu tief liegenden, vor Entsetzen zurückgeworfenen Kopfe erschienen dunkelblaue Flecke. Das junge Mädchen glaubte, sie werde in ihren Armen verscheiden und klingelte der Magd. Beide hatten große Mühe, sie aufzurichten und auf dem Kopfkissen zurechtzulegen. In diesem gemeinsamen Schmerze schwanden nun Paulines persönliche Leiden, ihre Liebesqualen vollkommen. Sie dachte nicht mehr an die frische Wunde, die gestern noch geblutet hatte, sie empfand einem so großen Jammer gegenüber weder Heftigkeit noch Eifersucht. Alles tauchte in ein unendliches Mitleid unter, sie hätte gewünscht sie noch mehr zu lieben, sich ihr zu weihen, sich ihr zu ergeben, Ungerechtigkeiten und Beleidigungen zu dulden, nur um die anderen besser trösten zu können. Es war wie ein Heldenmut, den größten Teil des Unglücks im Leben auf sich zu nehmen. Von dem Augenblicke an fühlte sie keine Erschlaffung mehr, angesichts dieses Sterbelagers zeigte sie die ergebene Ruhe, die sie gehabt hatte, als der Tod sie selbst bedroht hatte. Sie war immer auf dem Posten und scheute vor nichts zurück. Ihre Zärtlichkeit selbst war wiedergekommen, sie vergab ihrer Tante den Jähzorn der Anfälle und bedauerte sie, daß sie sich derart nach und nach in eine Wut hineingeredet; sie hätte sie lieber so gesehen wie in früheren Zeiten, sie von neuem geliebt, wie vor zehn Jahren, als sie mit ihr eines Abends im Sturmwind nach Bonneville gekommen war. An jenem Tage erschien Doktor Cazenove erst nach dem Frühstück: ein Unfall, der zerschmetterte Arm eines Pächters, den er hatte flicken müssen, hatte ihn in Verchemont aufgehalten. Als er nach Besichtigung der Frau Chanteau in die Küche kam, verbarg er seinen schlechten Eindruck nicht. Lazare saß gerade am Herde in jener fieberhaften Trägheit, die ihn verzehrte. »Nicht wahr, es ist keine Hoffnung mehr?« fragte er. »Ich habe diese Nacht das Werk Bouillands über Herzkrankheiten nachgelesen.« Pauline, die mit dem Arzte zugleich herabgekommen war, warf letzterem wieder einen flehenden Blick zu, der ihn veranlaßte, den jungen Mann in seiner bärbeißigen Art zu unterbrechen. Jedesmal, wenn die Krankheiten sich zum Schlechten wandten, wurde er wütend. »Ach! Das Herz, mein Lieber, Sie haben nichts als das Herz im Munde!... Kann man etwas Gewisses sagen!... Ich halte die Leber für noch kranker. Wenn die Maschine aus dem Gange kommt, wird eben alles in Mitleidenschaft genommen, die Lunge, der Magen und auch das Herz. Statt Bouilland des Nachts zu lesen, was nur dazu dient, Sie auch krank zu machen, hätten Sie besser daran getan zu schlafen.« Es war das ein Losungswort für das ganze Haus, man behauptete vor Lazare, daß seine Mutter an der Leber sterben werde. Er glaubte nicht daran und durchblätterte in den schlaflosen Stunden seine alten Bücher. Dann verwickelte er sich in den Merkmalen der Krankheit, und die Erklärung des Arztes, daß die Organe nach und nach in Mitleidenschaft gezogen würden, erschreckte ihn vollends. »Wie lange glauben Sie, daß es noch dauern kann?« begann er mühsam. Cazenove machte eine unbestimmte Bewegung. »Vierzehn Tage, vielleicht einen Monat... Fragen Sie mich nicht, ich könnte mich täuschen und Sie hätten ein Recht zu sagen, daß wir nichts wissen, nichts können... Der Fortschritt, den die Krankheit seit gestern gemacht hat, ist fürchterlich.« Veronika, die gerade mit dem Abtrocknen der Gläser beschäftigt war, starrte ihn mit offenem Munde an. Wie? Es war also wahr, daß Madame so krank war, daß Madame sterben mußte? Bis zu diesem Augenblicke hatte sie an keine Gefahr glauben können, sie brummte in den Winkeln und fuhr fort, von verhaltener Bosheit zu reden, die nur dazu diente, die Leute im Hause herumzujagen. Sie war wie vor den Kopf gestoßen und als Pauline ihr sagte, sie möge zur Frau gehen, damit sie nicht allein bleibe, entfernte sie sich, die Hände an der Schürze trocknend, und fand nur die Worte: »Schon gut! Schon gut!« »Doktor,« hob Pauline an, die allein den Kopf nicht verloren hatte, »man sollte auch an den Onkel denken. Meinen Sie, daß man ihn vorbereiten muß? Sprechen Sie doch bei ihm vor, ehe Sie fortgehen!« In diesem Augenblicke erschien jedoch der Abbé Horteur. Er hatte erst am Morgen von der Unpäßlichkeit der Frau Chanteau, wie er sich ausdrückte, gehört. Als er von der Bedenklichkeit der Krankheit erfuhr, nahm sein von der Sonne gebräuntes, von der frischen Luft erstrahlendes Gesicht den Ausdruck aufrichtigen Kummers an. Die arme Dame! War es möglich? Sie war ihm vor drei Tagen noch so rüstig vorgekommen! Dann fragte er nach einer Pause: »Darf ich sie sehen?« Er hatte dabei einen unruhigen Blick auf Lazare geworfen, er kannte diesen als ungläubig und sah eine Weigerung voraus. Aber der niedergedrückte junge Mann schien ihn nicht einmal verstanden zu haben. Pauline aber sagte bestimmt: »Nein, heute nicht, Herr Pfarrer. Sie kennt ihren Zustand nicht, Ihre Gegenwart würde sie beunruhigen. Wir wollen morgen sehen.« »Sehr wohl,« beeilte sich der Priester zu sagen, »ich hoffe, es drängt durchaus nicht. Jeder muß eben seine Pflicht tun, nicht wahr?... Der Doktor, der nicht an Gott glaubt...« Seit einem Augenblick betrachtete der Doktor starr einen Fuß des Tisches; der Zweifel, in den er stets verfiel, wenn er sah, daß die Natur ihm entschlüpfe, nahm seine Gedanken völlig in Anspruch. Trotzdem hatte er zugehört und schnitt dem Abbé Horteur das Wort ab. »Wer sagt Ihnen, daß ich nicht an Gott glaube? Gott ist nicht unmöglich, man sieht so wunderliche Dinge! ... Wer weiß?« Er schüttelte den Kopf und schien zu erwachen. »Warten Sie,« fuhr er fort, »Sie könnten mit mir zu dem braven Herrn Chanteau hineinkommen und ihm die Hand drücken... Er wird bald viel Mut nötig haben.« »Wenn es ihn zerstreut,« bot sich der Pfarrer gefällig an, »kann ich auch bei ihm bleiben und einige Partien Dame mit ihm spielen.« Damit schritten beide dem Speisezimmer zu, während Pauline sich beeilte, wieder zur Tante zu gehen. Lazare, der allein zurückgeblieben war, erhob sich, schwankte einen Augenblick, ob er gleichfalls hinaufsteigen solle, und horchte anfangs auf die Stimme seines Vaters, ohne den Mut zu besitzen selbst einzutreten; dann sank er wieder in der Untätigkeit seiner Verzweiflung auf den nämlichen Stuhl nieder. Der Arzt und der Priester hatten Chanteau damit beschäftigt gefunden, eine Papierkugel auf dem Tische herumzurollen, die er aus einem seiner Zeitung beigegebenem Prospekt geformt hatte. Neben ihm lag Minouche und schaute ihn mit ihren grünen Augen an. Sie verachtete dieses zu einfache Spielzeug, hatte die Pfoten unter den Bauch geschoben und scheute selbst vor dem Herausstrecken dieser zurück. Die Kugel war vor ihrer Nase liegen geblieben. »Ach, Sie sind es«, sagte Herr Chanteau. »Sie sind sehr liebenswürdig, ich unterhalte mich allein verwünscht schlecht... Nun, Doktor, geht es ihr besser? Ich beunruhige mich ihretwegen nicht. Sie ist die kräftigste im Hause und wird uns noch alle begraben.« Der Arzt ergriff die Gelegenheit, um ihn aufzuklären. »Zweifelsohne scheint ihr Zustand nicht geradezu bedenklich zu sein. Ich finde nur, daß sie sehr schwach geworden ist.« »Nein, nein, Doktor!« rief Chanteau. »Sie kennen Sie nicht. Sie hat eine unglaubliche Spannkraft... Ehe drei Tage vergehen, werden Sie sie wieder auf den Beinen sehen!« Er weigerte sich zu verstehen, weil es ihm ein Bedürfnis war, an die Gesundheit seiner Frau glauben zu können. Der Arzt, der ihm den Zustand nicht unverblümt schildern wollte, mußte schweigen. Übrigens konnte man ebensogut noch warten. Die Gicht ließ ihn zum Glück ziemlich in Ruhe, ohne ihm allzu heftige Schmerzen zu verursachen; nur die Beine wurden nach und nach immer mehr ergriffen, so daß man ihn schon vom Bette auf den Lehnstuhl tragen mußte. »Wenn die verwünschten Beine nicht wären, könnte ich ihr wenigstens einen Besuch machen.« »Bescheiden Sie sich, mein Freund«, sagte der Abbé Horteur, der seinerseits sein Trösteramt zu erfüllen wünschte. »Jeder muß sein Kreuz tragen. Wir sind alle in Gottes Hand.« Er bemerkte indessen, daß seine Worte, weit entfernt Chanteau zu stärken, ihn langweilten und schließlich sogar beunruhigten. Er schnitt daher als braver Mann seine Ermahnungen kurz ab und schlug ihm eine wirksamere Zerstreuung vor. »Wollen wir eine Partie spielen? Das wird Ihnen den Kopf klar machen.« Damit holte er auch schon das Damebrett von einem der Schränke. Chanteau drückte erfreut die Hand des Doktors, der sich jetzt entfernte. Die beiden Männer waren bereits in ihr Spiel vertieft und hatten schon die ganze Welt rings umher vergessen, als Minouche, zweifelsohne erregt durch die Papierkugel, die noch immer vor ihr lag, plötzlich auffuhr, die Kugel durch Schläge mit den Pfoten forttrieb und dann in tollen Sätzen um sie herumsprang: »Verdammtes, launisches Tier!« schrie Chanteau gestört. »Soeben wollte sie nicht mit mir spielen, und jetzt unterhält sie sich ganz allein und verhindert uns am Nachdenken!« »Lassen Sie nur,« sagte der Pfarrer voller Milde, »die Katzen belustigen sich mit sich allein.« Als Doktor Cazenove von neuem die Küche durchschritt, nahm er, beim Anblick Lazares, der immer noch niedergeschmettert auf dem nämlichen Stuhle saß, von einer plötzlichen Rührung ergriffen, diesen in seine starken Arme und küßte ihn väterlich, ohne ein Wort zu sagen. Veronika kam gerade herunter und jagte Mathieu vor sich her. Er trieb sich mit seinem Schnuppern, das den Klagelauten eines Vogels glich, immerfort auf der Treppe umher, und trat, sobald er die Tür des Krankenzimmers offen fand, ein und winselte in scharfen Tönen, deren schriller Klang die Ohren durchbohrte. »Marsch, marsch!« schrie die Magd, »deine Musik macht sie gewiß nicht gesund.« Als sie Lazare bemerkte, fuhr sie fort. »Führen Sie ihn doch irgendwo hin, schaffen Sie ihn uns vom Halse, es wird auch Ihnen gut tun.« Es war dies ein Befehl Paulines. Sie beauftragte Veronika, Lazare aus dem Hause zu schicken und ihn zu langen Spaziergängen zu zwingen. Er aber weigerte sich, es kostete ihn selbst eine Anstrengung, sich aufzurichten. Indessen hatte sich der Hund vor ihn hingestellt und von neuem zu heulen begonnen. »Der arme Mathieu ist nicht mehr jung«, sagte der Doktor, ihn betrachtend. »Teufel, er hat seine vierzehn Jahre«, antwortete Veronika. »Das hindert ihn aber nicht, noch heute wie ein Verrückter hinter den Mäusen her zu sein. Sehen Sie, er hat eine abgeschürfte Nase und rote Augen, weil er nämlich in der letzten Nacht eine unter dem Herde gerochen hat; er hat infolgedessen kein Auge geschlossen und meine ganze Küche mit der Nase durchwühlt, daß er noch das Fieber in den Pfoten hat. Ein so großer Hund wegen eines so kleinen Tieres, das ist lächerlich! Übrigens hat er es nicht nur mit den Mäusen, sondern mit allem was klein ist und krabbelt, die eintägigen Küchlein, die Jungen von Minouche reizen ihn derart, daß er die Lust am Trinken und Essen darüber verliert. Manchmal bringt er Stunden damit zu, unter einem Möbel herumzuschnüffeln, weil eine Schabe vorbeigelaufen ist... In diesem Augenblick, muß man wohl sagen, riecht er Außergewöhnliches hier im Hause.« Sie hielt inne, als sie bemerkte, daß Lazares Augen sich mit Tränen füllten. »Machen Sie doch einen Spaziergang«, hob der Doktor an. »Sie sind hier doch nicht zu gebrauchen und würden sich draußen besser fühlen.« Der junge Mann hatte sich schließlich mühsam erhoben. »Gehen wir,« sagte er, »komm, mein armer Mathieu.« Als er dem Doktor in den Wagen geholfen hatte, entfernte er sich mit dem Hunde längs der Abhänge. Von Zeit zu Zeit mußte er stehen bleiben, um Mathieu zu erwarten, der in der Tat sehr alterte. Sein Hinterteil wurde steif, man hörte seine dicken Pfoten wie Filzschuhe an der Erde nachschleifen. Er grub keine Löcher mehr in den Gemüsegarten, und fiel schnell betäubt nieder, wenn er sich nach seinem Schwänze drehte. Aber er ermüdete besonders schnell und hustete, wenn er ins Wasser sprang; nach einem viertelstündigen Spaziergänge legte er sich schon schnaufend nieder. Am Strande lief er seinem Herrn zwischen die Beine. Lazare blieb einen Augenblick unbeweglich stehen, um nach einem Fischerboote von Port-en-Bessin zu sehen, dessen graue Segel wie die Fittiche einer Möve das Wasser streiften. Dann schritt er weiter. Seine Mutter sollte sterben! Das dröhnte in mächtigen Schlägen durch sein ganzes Sein. Dachte er für einen Augenblick nicht mehr daran, so erschütterte ihn ein neuer, heftiger Stoß; es waren unaufhörliche Überraschungen, ein Gedanke, an den er sich nicht gewöhnen konnte, ein beständig sich erneuerndes Grauen, das für andere Gefühle keinen Raum bot. Indes selbst diese Vorstellung verlor für Augenblicke an Klarheit, und in ihm verblieb nur das schmerzlich unbestimmte Gefühl einer Beklemmung, in der die ängstliche Erwartung eines hereinbrechenden großen Unglückes das einzige Faßbare war. Während ganzer Minuten entschwand ihm seine Umgebung« Als er dann den Sand, die Algen und in der Ferne den ungeheuren Horizont wieder sah, schaute er alles das einen Augenblick staunend an, ohne es zu erkennen. War er wirklich dort so oft vorübergegangen? Der Sinn der Dinge schien ihm verwandelt, nie vorher war er so in die Formen und Farben eingedrungen. Seine Mutter mußte sterben! Er schritt immer weiter, als wolle er diesem ihn betäubenden Gesumme entfliehen. Plötzlich vernahm er ein Schnaufen hinter sich. Er wandte sich um und erkannte den Hund, der mit heraushängender Zunge am Ende seiner Kräfte war. Da sprach er laut: »Mein armer Mathieu, du kannst nicht weiter... Komm, wir wollen heimkehren. Man hat gut sich abschütteln, man denkt trotzdem daran.« Am Abend speiste man in aller Hast. Lazare, dessen zusammengeschnürter Magen nur einige Bissen Brot duldete, beeilte sich hinaufzusteigen; er gebrauchte seinem Vater gegenüber den Vorwand einer dringlichen Arbeit. Im ersten Stockwerk trat er bei seiner Mutter ein und zwang sich fünf Minuten Platz zu nehmen, ehe er sie küßte und ihr eine gute Nacht wünschte. Sie vergaß ihn indessen vollständig und beunruhigte sich nie über das, was tagsüber aus ihm werde. Als er sich über sie beugte, reichte sie ihm die Wange hin und schien dieses hastige »Gute Nacht« natürlich zu finden, da sie stündlich immer mehr von der unwillkürlichen Selbstsucht ihres Endes verzehrt wurde. Er flüchtete; Pauline kürzte den Besuch ab, indem sie einen Vorwand zu seiner Entfernung ersann. Bei sich in seinem großen Zimmer des zweiten Stockwerkes aber verdoppelten sich Lazares Qualen. Es war besonders die Nacht, die endlose Nacht, die auf seinem wirren Geist lastete. Er nahm Kerzen mit hinauf, um nicht ohne Licht zu sein; er zündete eine nach der andern an bis zum Morgengrauen, von dem Entsetzen vor der Finsternis ergriffen. Hatte er sich niedergelegt, so versuchte er vergebens zu lesen, nur seine alten medizinischen Bücher hatten noch Interesse für ihn; aber auch diese stieß er von sich, er hatte schließlich Furcht vor ihnen. Dann blieb er mit weitgeöffneten Augen auf dem Rücken liegen mit der einzigen Empfindung, daß sich in seiner Nähe hinter der Wand etwas Entsetzliches zutrug, dessen Last ihn erstickte. Er hatte den Atem seiner sterbenden Mutter in den Ohren, diesen Atem, der seit zwei Tagen so stark geworden war, daß er ihn von jeder Stufe der Treppe aus vernahm; er wagte sich deshalb nur noch mit beschleunigtem Schritte dorthin. Das ganze Haus schien eine einzige Klage auszuhauchen, er vermeinte, davon in seinem Bette aufgerüttelt zu werden, und eilte, beunruhigt durch die bisweilig eintretende Stille, mit nackten Füßen auf den Treppenabsatz, um sich lauschend über das Geländer zu beugen. Unten wachten Pauline und Veronika gemeinsam bei offener Tür. um das Zimmer zu lüften. Er bemerkte das bleiche Viereck des unbeweglichen Lichtes, das die Nachtlampe auf die Fliesen warf und fand den starken, tiefen, langgezogenen Atem in dem Schatten wieder. Er ließ jetzt ebenfalls, wenn er schlafen ging, die Tür offen; denn er hatte das Bedürfnis, dieses Röcheln zu hören, es war ein ihn beständig verfolgender Bann, und er verfolgte ihn in den Halbschlaf hinein, in den er endlich beim Morgengrauen sank. Wie zur Zeit der Krankheit seiner Base war sein Entsetzen vor dem Tode verschwunden. Seine Mutter mußte sterben, alles mußte sterben, er ergab sich in diese tiefe Umwälzung des Lebens ohne ein anderes Gefühl als das der Erbitterung über seine den Gang der Dinge nicht ändern könnende Ohnmacht. Am folgenden Tage begann der Todeskampf der Frau Chanteau, ein geschwätziger Todeskampf, der volle vierundzwanzig Stunden dauerte. Sie hatte sich beruhigt, das Entsetzen vor dem Gifte lähmte sie nicht mehr; und sie sprach mit sich selbst ohne Aufhören, mit klarer Stimme, in schnellen Sätzen, ohne den Kopf vom Kissen zu erheben. Es war das keine Plauderei, denn sie richtete das Wort an niemanden, es schien dagegen, als beeile sich ihr Gehirn, bei der Auflösung der Maschine wie eine ablaufende Uhr zu arbeiten, und als sei der Strom der abgerissenen, hastigen Worte das letzte Ticktack ihres Verstandes nach Ablaufen der Kette. Die ganze Vergangenheit zog an ihr vorüber, kein Wort über die Gegenwart, ihren Gatten, ihren Sohn, die Nichte, dieses Haus in Bonneville, in dem ihr Ehrgeiz zehn Jahre lang gelitten hatte. Sie war noch das Fräulein de la Vignière, welches des Stundengeldes wegen zu den vornehmen Familien von Caen lief; sie nannte vertraulich Namen, die weder Pauline noch Veronika je vernommen hatten; sie erzählte lange Geschichten ohne Zusammenhang, von Zwischengedanken abgeschnitten, deren Einzelheiten selbst der Magd neu waren, die doch im Dienste der Chanteaus ergraut war. Wie jene Kästchen, die man um die vergilbten Briefe aus früheren Zeiten erleichtert, schien sie vor dem Ende ihren Kopf von den Jugenderinnerungen zu befreien. Pauline empfand trotz ihres Mutes einen Schauder vor diesem Unbekannten, dieser unfreiwilligen Beichte, die durch die Arbeit des Todes auf die Oberfläche getrieben wurde. Jetzt wurde das Haus nicht mehr von dem Atem, sondern von dem erschrecklichen Geschwätz erfüllt. Wenn Lazare an der Tür vorüberging, fing er einige Sätze auf. Er suchte, sie sich zurechtzulegen, verstand jedoch ihren Sinn nicht und war darüber bestürzt wie über eine ihm unbekannte Geschichte, die seine Mutter bereits vom Jenseits des Lebens her mitten unter unsichtbaren Leuten erzählte. Als Doktor Cazenove kam, fand er Chanteau und den Abbé Horteur im Speisezimmer beim Damespiel. Man hätte glauben können, sie säßen noch an derselben Stelle und setzten die Partie vom vorgehenden Tage fort. Neben ihnen saß Minouche und schien in das Studium des Damebrettes vertieft. Der Pfarrer war am frühen Morgen gekommen, um seinen Posten als Tröster wieder einzunehmen. Pauline sah jetzt nichts Unpassendes mehr in dem Besuche des Geistlichen bei der Kranken. Als der Arzt kam, gab er das Spiel auf, begleitete den Doktor zu der Kranken und stellte sich ihr als Freund vor, der sich nach ihrem Befinden erkundigen wolle. Frau Chanteau erkannte beide noch, sie wollte an die Kopfkissen gelehnt werden und bewillkommnete sie als schöne Frau von Caen an ihrem Empfangstage in einem lichten, lächelnden Phantasieren. Der gute Doktor müsse mit ihr zufrieden sein, nicht wahr? Sie werde bald aufstehen; und beim Abbé erkundigte sie sich höflich nach seiner Gesundheit. Dieser war zwar in der Absicht heraufgekommen, seine Pflichten als Priester zu erfüllen, wagte aber, von diesem schwatzhaften Todeskampfe erschüttert, nicht den Mund zu öffnen. Außerdem war Pauline zugegen, die ihn verhindert hätte, auf gewisse Gegenstände näher einzugehen. Sie selbst hatte die Kraft, eine zutrauliche Heiterkeit zu heucheln. Als die beiden Männer sich zurückzogen, begleitete sie dieselben bis auf den Treppenabsatz, wo ihr der Arzt mit leiser Stimme Unterweisungen für die letzten Augenblicke gab. Die Worte von schleuniger Auflösung wurden wiederholt laut, während aus dein Zimmer noch immer das wirre Geschwätz, der unversiegbare Redefluß der Sterbenden zu vernehmen war. »So meinen Sie also, daß sie den heutigen Tag noch überlebt?« fragte das junge Mädchen. »Ja, sie wird zweifelsohne noch bis morgen aushalten«, erwiderte Cazenove. »Aber richten Sie sie nicht mehr auf, sie könnte Ihnen in den Armen bleiben. Übrigens werde ich heute abend wiederkommen.« Es wurde beschlossen, daß der Abbé bei Chanteau bleiben und ihn auf die Katastrophe vorbereiten solle; Veronika hörte auf der Türschwelle mit bestürzter Miene von diesen Vorkehrungen. Seitdem sie an die Möglichkeit des Todes ihrer Frau glaubte, tat sie die Lippen nicht mehr auseinander und bemühte sich mit der Ergebenheit eines Lasttiers eifrig um sie. Plötzlich aber verstummten alle, Lazare kam nach oben; er war im Hause umhergeirrt, ohne die Kraft zu gewinnen, den Besuchen des Arztes beizuwohnen und sich über die Gefahr genau zu vergewissern. Das plötzliche Schweigen, mit dem er empfangen wurde, belehrte ihn wider Willen. Er wurde sehr bleich. »Mein lieber Junge, Sie sollten mich begleiten«, sagte der Arzt. »Frühstücken Sie mit mir, ich bringe Sie heute abend zurück.« Der junge Mann wurde noch bleicher. »Nein, danke,« murmelte er, »ich will mich von hier nicht entfernen.« Von dem Augenblicke an harrte Lazare mit einer entsetzlichen Beklemmung in der Brust aus. Ein eiserner Gürtel schien ihm den Leib zusammenzupressen. Der Tag wurde zur Ewigkeit und verstrich dessenungeachtet, ohne daß er gewußt hätte, auf welche Weise die Stunden dahinflossen. Er konnte sich nie darauf besinnen, was er getan hatte, wie oft er hinauf- und heruntergestiegen und das Meer von weitem betrachtet hatte, dessen ungeheures Wiegen ihn vollends betäubte. Der unbesiegbare Lauf der Minuten verkörperte sich für Augenblicke, wurde in ihm zum Drängen eines Granitblockes, der alles dem Abgrunde zufegte. Dann wieder ereiferte er sich; er hätte gewollt, es sei alles vorüber, um endlich von dieser entsetzlichen Erwartung auszuruhen. Als er gegen vier Uhr wieder einmal in sein Zimmer ging, trat er plötzlich bei seiner Mutter ein, er wollte sie sehen und empfand plötzlich das Bedürfnis, sie noch einmal zu umarmen. Als er sich aber über sie beugte, fuhr sie fort, die wirren Reihen ihrer Sätze abzuhaspeln; sie hielt ihm nicht einmal die Wange mit jener müden Bewegung hin, mit der sie ihn in ihrer Krankheit empfing. Vielleicht sah sie nicht einmal mehr. Dieses bleifarbene Antlitz mit den bereits schwarzen Lippen war nicht mehr seine Mutter. »Geh nur,« sagte Pauline milde zu ihm, »mache einen Spaziergang... Ich versichere dir, die Stunde ist noch nicht gekommen.« Statt in sein Zimmer hinaufzugehen, flüchtete Lazare. Er ging aus und trug das Bild dieses schmerzlichen Gesichtes, das er nicht wiedererkannte, mit sich fort. Seine Base belog ihn, die Stunde rückte näher; er aber erstickte; er brauchte Raum und lief wie ein Rasender umher. Dieser Kuß war also der letzte. Der Gedanke, seine Mutter nie, nie wiederzusehen, schüttelte ihn wie toll. Er glaubte, jemand laufe ihm nach und wende sich um; als er Mathieu erkannte, der ihn mit den schweren Pfoten einzuholen suchte, verfiel er ohne jeglichen Grund in eine helle Wut; er warf kleine Steine nach dem Hunde und stammelte Verwünschungen, um ihn nach Hause zu jagen. Mathieu, über diesen Empfang verblüfft, entfernte sich, dann machte er wieder kehrt und schaute ihn mit sanften Augen an, in denen Tränen zu glänzen schienen. Es war Lazare unmöglich, das Tier fortzujagen, das ihn von weitem begleitete, als wolle es über seine Verzweiflung wachen. Das ungeheure Meer regte ihn ebenfalls auf; er eilte auf die Felder und suchte die verborgensten Winkel auf, um endlich allein zu sein. So irrte er bis in die Nacht umher, lief über die bebauten Felder und sprang über die Hecken. Endlich machte er sich entkräftet auf den Heimweg, als ein Anblick ihn mit abergläubischem Entsetzen packte: am Rande eines einsamen Weges stand eine große, vereinzelte Pappel, die der aufsteigende Mond mit gelblichem Lichte übergoß; man hätte glauben können, es brenne dort eine ungeheure Wachskerze im Zwielicht am Lager eines großen, quer über das Feld gebetteten Toten. »Vorwärts, Mathieu!« rief er mit erstickender Stimme. »Schnell.« Er ging nicht, er lief so eilig heim, wie er fortgeeilt war. Der Hund hatte sich ihm wieder zu nähern gesucht und leckte ihm die Hände. Obgleich die Nacht hereingebrochen war, brannte in der Küche kein Licht. Der Raum war leer und düster, die Decke von dem Widerscheine der Glut eines Kohlenfeuers rötlich beleuchtet. Diese Finsternis verwirrte Lazare, der sich nicht vorwärts zu gehen getraute. Bestürzt blieb er stehen inmitten dieses Durcheinanders von Töpfen und Scheuerlappen und lauschte auf die Geräusche, die das Haus durchklangen. Seitwärts vernahm er ein leichtes Hüsteln seines Vaters, dem der Abbe Horteur mit dumpfer,, unaufhörlicher Stimme zuredete. Hauptsächlich aber beunruhigten ihn eilige Schritte, ein Flüstern auf der Treppe, dann in dem oberen Stockwerke ein Gesumme, das er sich nicht erklären konnte, wie von dem unterdrückten Geräusch einer hastig gemachten Verrichtung herrührend. Er wagte nicht zu verstehen; war wirklich alles zu Ende? So blieb er regungslos stehen, ohne die Kraft zu haben, nach oben zu gehen, um sich Gewißheit zu verschaffen, bis er Veronika herunterkommen sah: sie kam hastig herbeigelaufen, zündete ein Licht an und trug es so eilig fort, daß sie ihm nicht ein Wort, selbst nicht einen Blick schenkte. Die für einen Augenblick erhellte Küche war wieder in die Dunkelheit zurückgesunken. Die Magd erschien von neuem, diesmal um eine Schüssel zu holen, und immer mit der nämlichen geschäftigen, schweigsamen Hast. Lazare zweifelte nicht mehr, es war alles zu Ende. Da setzte er sich fast ohnmächtig auf den Tischrand und wartete in dieser Dunkelheit, ohne zu wissen, auf was er wartete, während ihm die Ohren von der großen, plötzlich eintretenden Stille summten. In dem Gemache dauerte der letzte Todeskampf bereits seit zwei Stunden, ein qualvoller Tod, der Pauline und Veronika geradezu entsetzte. Die Furcht vor Gift war in dem letzten Aufflackern wiedergekehrt. Frau Chanteau richtete sich ein wenig auf, immer noch mit ihrer raschen, aber nach und nach von einem wilden Phantasieren erregten Stimme plaudernd. Sie wollte aus dem Bette springen, aus dem Hause fliehen, wo sie jemand morden wollte. Das junge Mädchen und die Magd mußten ihre ganzen Kräfte aufbieten, um sie zurückzuhalten. »Laßt mich, ihr wollt mich töten lassen... Ich muß gleich fort, gleich!« Veronika versuchte sie zu beruhigen. »Sehen Sie doch uns an... Halten Sie uns für fähig, Ihnen etwas Böses zu tun?« Die Sterbende atmete erschöpft einen Augenblick. Sie schien mit ihren verschleierten, zweifelsohne nichts mehr sehenden Augen in dem Zimmer etwas zu suchen. Dann begann sie von neuem: »Schließt den Schreibsekretär... Dort in dem letzten Schubkasten ist es... Sie kommt schon nach oben. Ich fürchte mich, ich höre sie! Gebt ihr nicht den Schlüssel, laßt mich gehen, sofort, sofort...« Sie wand sich in den Kissen, während Pauline sie hielt. »Tante, es ist kein Mensch außer uns hier!« »Nein, nein, hört, da ist sie... Mein Gott!... Ich muß sterben, diese Schanddirne hat mich alles trinken lassen. Ich sterbe. Ihre Zähne schlugen zusammen, sie flüchtete sich in die Arme ihrer Nichte, die sie nicht mehr erkannte. Diese preßte sie schmerzlich an ihr Herz; sie stand davon ab, den abscheulichen Verdacht zu bekämpfen und ergab sich darin, sie ihn mit ins Grab nehmen zu lassen. Glücklicherweise war Veronika wach. Sie streckte ihre Hände aus und flüsterte: »Nehmen Sie sich in acht, Fräulein!« Das war das letzte Aufflackern. Mit einer heftigen Bewegung war es ihr gelungen, die geschwollenen Beine aus dem Bette zu schleudern, und ohne das Zuspringen der Magd wäre sie zu Boden gefallen. Eine Raserei hatte sie ergriffen, sie stieß nur noch unverständliche Laute aus; mit zusammengeballten Fäusten wie zu einem Kampfe Leib an Leib schien sie sich gegen eine Erscheinung zu verteidigen, die sie an der Kehle gepackt hatte. In diesem letzten Augenblicke mußte sie wohl das Ende fühlen, sie öffnete wieder ihres klugen, vom Entsetzen erweiterten Augen. Ein ungeheurer Schmerz ließ sie einen Augenblick die Hände an die Brust führen. Dann fiel sie in die Kissen zurück und wurde schwarz. Sie war tot. Eine tiefe Stille trat ein. Pauline, völlig erschöpft, wollte ihr noch die Augen schließen; das war das letzte, das sie sich vorgenommen hatte. Als sie das Zimmer verließ, während Veronika und Frau Prouane, die sie nach dem Besuch des Arztes hatte rufen lassen, als Wache zurückblieben, verließen sie auf der Treppe ihre Kräfte; sie mußte sich einen Augenblick auf eine Stufe niedersetzen. Denn sie hatte nicht mehr den Mut hinunterzugehen, um Lazare und Chanteau den Tod anzuzeigen. Die Mauern drehten sich um sie. So verstrichen einige Minuten; sie ergriff das Treppengeländer, hörte im Eßzimmer die Stimme des Abbé Horteur und zog deshalb vor, in die Küche zu gehen. Dort aber bemerkte sie Lazare, dessen dunkle Umrisse sich von den roten Streiflichtern des Ofens abhoben. Ohne zu sprechen, schritt sie mit geöffneten Armen auf ihn zu. Er hatte verstanden, er sank an die Schulter des jungen Mädchens, während dieses ihn in langer Umarmung an sich drückte. Dann küßten sie sich auf die Wange. Sie weinte still vor sich hin, er konnte keine Träne vergießen; die Kehle war ihm so zusammengeschnürt, daß er nicht mehr atmen konnte. Endlich löste sie ihre Arme, und die ersten Worte, die ihr auf die Lippen kamen, waren: »Warum bist du ohne Licht?« Er machte eine Bewegung, als wolle er sagen, daß er in seinem Kummer kein Licht benötige. »Man muß ein Licht anzünden«, begann sie von neuem. Lazare war unfähig, sich aufrecht zu halten, auf einen Stuhl gesunken. Mathieu machte unruhig die Runde im Hofe und schnupperte in der feuchten Nachtluft umher. Er kam endlich herein, schaute einen nach dem andern starr an und legte seinen dicken Kopf auf ein Knie seines Herrn; unbeweglich befragte er ihn so aus nächster Nähe. Vor den Blicken des Hundes begann Lazare zu zittern. Plötzlich flössen seine Tränen, er brach in heftiges Schluchzen aus, und die Hände schlangen sich um dieses alte Haustier, das seine Mutter seit vierzehn Jahren liebte. »Ach! mein armer Dicker, mein armer Dicker... Wir sehen sie nicht mehr!« Pauline hatte trotz ihrer Erregung endlich ein Wachslicht gefunden und angezündet. Glücklich über seine Tränen, versuchte sie, ihn nicht mehr zu trösten. Eine schmerzliche Aufgabe blieb ihr noch, ihren Onkel zu benachrichtigen. Als sie sich endlich in das Eßzimmer zu begeben entschloß, in das Veronika seit der Dämmerung eine Lampe gebracht, hatte Horteur mit langwierigen, salbungsvollen Redensarten gerade Chanteau mit dem Gedanken, daß seine Frau verloren sei und es sich nur noch um Stunden handle, vertraut gemacht. Als der Greis seine Nichte verstört, mit roten Augen eintreten sah, erriet auch er sofort die Katastrophe. Sein erster Schrei war: »Mein Gott! ich hätte ja nichts weiter gewünscht, als sie noch einmal lebend wiederzusehen... Ach, diese schändlichen Beine! Diese schändlichen Beine!« Darüber kam er nicht hinaus. Er weinte schnell trocknende Tränen und stieß schwache Seufzer eines Leidenden aus; bald kam er wieder auf seine Beine zurück und schmähte sie, bis er schließlich sich selbst beklagte. Einen Augenblick erwog man die Möglichkeit, ihn in das erste Stockwerk hinaufzutragen, damit er die Tode umarmen könne; dann aber hielt man, abgesehen von der Schwierigkeit eines solchen Vorhabens, es für gefährlich, ihm die Erregung eines letzten Lebewohls zu verursachen, auf das er übrigens auch nicht bestand. So blieb er im Eßzimmer vor dem in Unordnung gebrachten Damebrett, ohne zu wissen, womit er seine armen kranken Hände beschäftigen solle; er hatte nicht einmal den Kopf, wie er sagte, die Zeitung zu lesen und zu verstehen. Als man ihn zu Bett brachte, mußten ferne Erinnerungen in ihm erwacht sein, denn er weinte lange. Es verstrichen zwei lange Nächte und ein endloser Tag, die entsetzlichen Stunden, in denen der Tote noch unter dem Dache des Hauses liegt. Cazenove war nur wiedergekommen, um den Tod zu bescheinigen, wobei er nochmals seiner Überraschung über ein so schnelles Ende Ausdruck gab. Lazare ging in der ersten Nacht nicht schlafen, er schrieb bis zum Morgen Briefe an die fernen Verwandten. Die Leiche mußte nach den Friedhof von Caen in die Familiengruft gebracht werden. Der Doktor hatte verbindlich die Erledigung aller Förmlichkeiten auf sich genommen; in Bonneville selbst war nur eine einzige peinliche zu erfüllen gewesen, die Todesanzeige, die Chanteau in seiner Eigenschaft als Bürgermeister entgegenzunehmen verpflichtet war. Da Pauline kein passendes schwarzes Kleid hatte, stellte sie sich in Eile ein solches aus einem alten Rock und einem Merinoschal zusammen, aus dem sie sich ein Leibchen zurechtschnitt. Die erste Nacht sowie der folgende Tag verstrichen noch in der Aufregung dieser Beschäftigung; aber die zweite Nacht wurde zur endlosen Ewigkeit in der schmerzlichen Erwartung des nächsten Tages. Niemand schloß ein Auge, die Türen blieben offen, angezündete Kerzen standen auf den Treppenstufen und den Möbeln umher; während ein Phenolgeruch bis in die entlegensten Zimmer gedrungen war. Alle im Hause befanden sich mit ausgetrocknetem Munde und unsteten Blicken unter diesem Drucke des Schmerzes; sie hatten einzig und allein das dumpfe Bedürfnis, die Lebenstätigkeit wieder aufzunehmen. Endlich begann am nächsten Morgen um zehn Uhr die Glocke der kleinen Kirche auf der andern Seite des Weges zu läuten. Aus Rücksicht auf den Abbé Horteur, der sich bei dieser traurigen Gelegenheit als braver Mann gezeigt, hatte man beschlossen, die religiöse Feier in Bonneville vor der Überführung der Leiche nach dem Kirchhofe von Caen zu begehen. Sowie Chanteau die Glocke hörte, wurde er in seinem Lehnsessel lebendig. »Ich will sie wenigstens fortbringen sehen«, wiederholte er. »Ach, diese schändlichen Beine. Was ist das für ein Elend mit solchen Schandbeinen!« Vergebens versuchte man, ihn von dem Schauspiele fernzuhalten. Die Glocke läutete schneller, er wurde ärgerlich und schrie: »Rollt mich in den Flur. Ich höre sehr wohl, daß man sie herunterbringt... Gleich... Gleich... Ich will sie fortbringen sehen.« Pauline und Lazare mußten in tiefer Trauer und bereits behandschuht ihm gehorchen. Einer rechts, die andere links, schoben sie den Lehnstuhl bis zum Fuße der Treppe. In der Tat brachten vier Männer die Leiche herunter, deren Gewicht ihnen fast die Glieder zerbrach. Als der Sarg erschien mit seinem neuen Holze, den leuchtenden Griffen und seinem frisch gravierten kupfernen Schilde, machte Chanteau eine unwillkürliche Anstrengung sich zu erheben; aber seine bleiernen Beine nagelten ihn fest, er mußte in dem Lehnstuhl sitzen bleiben, von einem derartigen Zittern befallen, daß seine Kinnladen ein leises Geräusch von sich gaben, als spreche er mit sich selbst. Die schmale Treppe erschwerte das Niedersteigen, er sah diesen großen gelben Kasten langsam näher kommen, und als er ihm die Füße streifte, beugte er sich vorn über, um zu sehen, was man auf das Schild geschrieben hatte. Hier, wo der Flur breiter war, schritten die Männer flink auf die Tragbahre zu, die in dem Vorflur des Hauses aufgestellt war. Er sah noch immer hin, sah vierzig Jahre seines Lebens davongehen, Dinge von ehemals, die guten und die schlechten, und beklagte sie tief bekümmert, wie man die verlorene Jugend beklagt. Hinter seinem Lehnstuhle weinten Pauline und Lazare. »Nein, nein, laßt mich«, sagte er zu ihnen, als sie sich anschickten, ihn an seinen Platz im Eßzimmer zurückzurollen. »Geht nur, ich will zusehen.« Man hatte den Sarg auf die Tragbahre gestellt, andere Männer hoben ihn empor. Das Trauergefolge ordnete sich im Hofe, der mit Leuten aus dem Dorfe angefüllt war. Der bereits seit dem Morgen eingesperrte Mathieu heulte mitten in dem tiefen Schweigen hinter der Schuppentür, während Minouche vom Küchenfenster aus mit erstaunter Miene alle diese Menschen und diesen Kasten betrachtete, der davongetragen wurde. Als man sich nicht schnell genug entfernte, leckte sich die Katze gelangweilt den Bauch. »Du gehst also nicht mit?« fragte Chanteau Veronika, die er neben sich bemerkte. »Nein, Herr Chanteau«, sagte sie mit erstickter Stimme, »das Fräulein hat mich beauftragt, bei Ihnen zu bleiben.« Die Glocke der Kirche läutete noch immer, der Leichnam verließ endlich im vollen Sonnenlichte, von Lazare und Pauline in tiefer Trauer gefolgt, den Hof. Im Türrahmen des offen gelassenen Flurs sah ihn Chanteau von seinem Krankenstuhle aus scheiden. Siebentes Kapitel. Die Umständlichkeit der Beisetzungsfeierlichkeit und einige Besorgungen hielten Lazare und Pauline zwei Tage in Caen zurück. Als sie nach einem letzten Besuche von dem Kirchhofe heimkamen, hatte sich das Wetter geändert, ein heftiger Sturm blies auf die Küsten. Sie fuhren von Arromanches bei strömendem Regen ab, der Wind wehte mit solcher Wut, daß das Verdeck des Wagens abgerissen zu werden drohte. Pauline gedachte ihrer ersten Reise, als Frau Chanteau sie von Paris abgeholt hatte: damals war ein ähnlicher Sturm gewesen wie dieser; die arme Tante hatte ihr verboten, sich aus dem Wagen zu beugen, und hatte ihr alle Augenblicke das Halstuch fester geknüpft. In seiner Ecke träumte auch Lazare; auch er sah seine Mutter auf der Landstraße, wie sie vor Ungeduld brannte, ihn bei seiner jedesmaligen Heimkehr zu umarmen: einmal im Dezember hatte sie zwei Meilen Wegs zu Fuß gemacht; er fand sie auf diesem Grenzstein sitzen. Der Regen strömte ohne Unterlaß, das junge Mädchen und der Vetter wechselten von Arromanches bis Bonneville kein Wort. Als man ankam, hörte indes gerade der Regen auf; aber der Wind verdoppelte seine Wut; der Kutscher mußte absteigen und das Pferd am Zügel führen. Endlich hielt der Wagen vor der Tür; gerade rannte der Fischer Houtelard eilig vorbei. »Herr Lazare,« schrie er, »dieses Mal steht es verdammt schlecht!... Die See zertrümmert Ihnen Ihre Maschine.« Von dieser Krümmung des Weges aus konnte man das Meer nicht sehen. Der junge Mann blickte nach oben und bemerkte Veronika auf der Terrasse, die Blicke dem Strande zugewandt. Auf der andern Seite, an seine Gartenmauer gelehnt, blickte aus Furcht, daß der Wind seine Sutane zerfetze, auch Abbé Horteur nach derselben Richtung. »Es spült Ihre Palisaden weg!« Lazare ging sofort zum Strande hinunter, und Pauline folgte ihm trotz des schlechten Wetters. Als sie am Fuße des Abhanges in das Freie getreten waren, blieben sie, von dem ihrer dort harrenden Schauspiele ergriffen, wie festgebannt stehen. Die Flut, eine mächtige Septemberflut, stieg mit ungeheurem Getöse; sie war zwar nicht als gefährlich angekündigt worden; der Sturm aber, der seit dem Tage vorher aus Norden wehte, schwellte sie so über alles Maß an, daß wahre Wasserberge sich am Horizonte erhoben, über die Klippen fortrollten und dort zerbarsten. In der Ferne war das Meer schwarz unter dem Schatten der Wolken, die an dem fahlen Himmel dahin jagten. »Kehre um«, sagte der junge Mann zu seiner Base. »Ich will nur einen Augenblick schauen und komme gleich nach.« Sie antwortete nicht, sondern folgte ihm an den Strand. Dort hatten die Balken und eine erst kürzlich angelegte Verpfählung einen fürchterlichen Anprall auszuhalten. Die immer mächtiger werdenden Wogen prallten wie Sturmböcke an, eine nach der andern; ihr Heer war zahllos, immer neue Massen rollten daher. Große, grünliche Rücken mit weißen Kämmen bäumten sich bis ins Unendliche und näherten sich unter einem Riesendrucke; dann flogen diese Ungeheuer in der Wut des Anpralls selbst als Wasserstaub in die Höhe und fielen schließlich wieder als weißer Gischt nieder, den die Flut zu trinken und mit sich fortzuspülen schien. Unter jeder dieser Erschütterungen krachten die Bindebalken des Bollwerkes. Einem waren bereits die Stützen gebrochen, und der lange, an einem Ende noch festhaltende Mittelbalken schwankte verzweifelt wie ein lebloser Rumpf, dem eine Kartätsche die Glieder weggerissen hatte. Zwei andere hielten besser stand, aber man fühlte, wie sie in ihren Lagen erzitterten, sich abmühten und inmitten der lockeren Umschlingung dahinschwankten, die sie erst abnutzen zu wollen schien, um sie dann zu zerbrechen. »Ich habe es ja gesagt,« wiederholte Prouane stark betrunken, an den durchlöcherten Rumpf einer alten Barke gelehnt, »das hat man voraussehen können für den Fall, daß der Wind von oben wehe. Das Wasser macht sich lustig über die Zündhölzchen dieses jungen Mannes.« Diese Worte wurden mit Hohngelächter aufgenommen. Ganz Bonneville war zugegen, Männer, Weiber und Kinder; alle waren höchst belustigt über die ungeheuren Schläge, welche die Verpfählungen auszuhalten hatten. Das Meer konnte ihre baufälligen Hütten zerschmettern, sie liebten es trotzdem mit furchtsamer Bewunderung und hätten es als einen persönlichen Schimpf empfunden, wenn es der erste beste Herr mit seinen vier Pfählen und seinem Dutzend Pflöcken gezähmt hätte. Es regte sie auf und erfüllte sie wie mit einem persönlichen Triumph, das Meer endlich aufwachen und mit einem einzigen Aufreißen des Rachens den Maulkorb fortschleudern zu sehen. »Aufgepaßt,« schrie Houtelard, »seht nur den Hieb... Die hat ihm zwei Pfoten fortgerissen!« Sie riefen einander zu. Cuche zählte die Wogen. »Es gehören drei dazu, Ihr werdet sehen... Eine macht ihn lose! Die zweite hat schon ausgekehrt. Ah! dieses Biest, zwei haben ihr genügt!... Wirklich, ein rechtes Biest.« In diesen Worten lag etwas wie Zärtlichkeit. Koseworte wurden laut. Der Kinderschwarm tanzte, wenn eine mächtige Ladung Wasser sich ergoß und die Stakete mit einem Schlage zerschmetterte. Noch eine! noch eine! Alle würden niedergeworfen und geknickt wie Meerflöhe unter den Holzschuhen eines Kindes. Die Flut stieg noch immer, die große Verpfählung hielt sich noch. Auf dieses Schauspiel wartete man, es war die entscheidende Schlacht. Endlich verfingen sich die ersten Wogen in dem Gerüst; man begann zu lachen. »Schade, daß der junge Mann nicht da ist«; hörte man die höhnische Stimme des Lumpen Tourmal. »Er könnte sich anlehnen und sie stützen.« Ein Pfiff brachte ihn zum Schweigen. Lazare und Pauline waren von einigen Fischern bemerkt worden. Die beiden hatten alles gehört und betrachteten das Unheil bleich und schweigend. Die gebrochenen Balken hatten noch nichts zu bedeuten, aber die Flut mußte noch zwei Stunden lang steigen, das Dorf würde sicher Schaden leiden, wenn das Gerüst nicht standhielt. Lazare hatte Pauline an sich gepreßt und seinen Arm um ihre Hüfte geschlungen, um sie vor den Windstößen zu schützen, die wie Sensenhiebe vorbeisausten. Ein düsterer Schatten senkte sich vom Himmel nieder, die Wogen heulten, die beiden standen in diesem umherfliegenden Wasserstaube, in dem Getöse, das immer mehr zunahm, unbeweglich, in tiefer Trauer da. Rings um sie her harrten die Fischer jetzt, den Mund von einem letzten Hohnlächeln verzerrt, in wachsender Unruhe. »Das wird nicht lange dauern«, murmelte Houtelard. Das Gerüst leistete dennoch Widerstand. Bei jeder Woge, die es mit weißem Schaum bedeckte, kamen die mit Teer überzogenen schwarzen Balken zwischen dem weißen Wasser zum Vorschein. Sowie aber ein Stück Holz gebrochen war, folgten die nächsten Stück für Stück nach. Seit fünfzig Jahren hatten die ältesten Leute keinen so starken Seegang gesehen. Man mußte sich bald entfernen, die losgerissenen Balken schlugen gegen die anderen und zertrümmerten die Wehr vollständig, deren einzelne Teile heftig zu Boden geschleudert wurden. Nur ein Stück blieb aufrecht stehen, ähnlich einer jener auf den Klippen aufgepflanzten Balken. Bonneville hörte auf zu lachen, die Weiber brachten ihre Kinder unter Tränen fort. Diese schändliche See band also wieder mit ihnen an; es herrschte eine ergebene Bestürzung, es kam der erwartete und geduldete Ruin in dieser engen Nachbarschaft mit dem großen Meere, das sie nährte und tötete. Es entstand ein Gewirre, ein Getrampel von schweren Schuhen; alle flüchteten hinter die Mauer von Sandsteinen, deren Linie allein noch die Häuser schützte. Einige Pfähle gaben schon nach, die Balken waren eingeschlagen, ungeheure Wogen stürzten über die zu niedrige Mauer. Nichts leistete mehr Widerstand, eine Wassermasse zertrümmerte bei Houtelard die Fensterscheiben und überschwemmte die Küche. Da entstand eine wilde Flucht, nur das Meer blieb siegreich und fegte den Strand. »Geh nicht hinein«, rief man Houtelard zu. »Das Dach wird gleich einstürzen.« Lazare und Pauline waren langsam vor der Flut zurückgewichen. Keine Hilfe war möglich, sie kehrten heim; auf der Mitte der Anhöhe warf das junge Mädchen einen letzten Blick auf das bedrohte Dorf. »Arme Leute!« murmelte es. Lazare aber verzieh ihnen ihr blödsinniges Gelächter nicht. Ins Herz getroffen durch diesen Zusammensturz, der für ihn eine Niederlage bedeutete, machte er eine zornige Bewegung und tat endlich die Zähne auseinander. »Das Meer möge in ihren Betten schlafen, weil sie es so liebten. Ich werde es gewiß nicht daran hindern!« Veronika kam ihnen mit einem Schirm entgegen, denn der Platzregen begann von neuem. Von der Mauer gedeckt, rief Abbé Horteur ihnen Worte zu, die sie nicht verstanden. Das entsetzliche Wetter, die zertrümmerten Bollwerke, das Elend des Dorfes, das sie in Gefahr zurückließen, gestaltete ihre Heimkehr noch trauriger. Als sie in das Haus traten, kam es ihnen kahl und eisig vor, nur der Wind strich mit unaufhörlichem Geheul durch die düsteren Räume. Sobald sie erschienen, begann der vor dem Koksfeuer eingenickte Chanteau zu weinen. Keines von beiden ging sich umzukleiden, um die entsetzliche Erinnerung an die Treppe zu vermeiden. Der Tisch war gedeckt, die Lampe angezündet, man speiste sofort. Es war ein trauriger Abend, die heftigen Stöße des Meeres, von denen die Mauern bebten, schnitten den kargen Wortwechsel ab. Als Veronika den Tee brachte, meldete sie, daß das Haus der Houtelards und fünf andere schon am Boden lägen; diesmal werde das halbe Dorf zugrunde gehen. Chanteau darüber verzweifelt, daß er in seinen Leiden noch nicht das Gleichgewicht gefunden habe, schloß ihr den Mund mit den Worten, er habe genug an seinem Unglück zu tragen und wolle nicht noch von dem der anderen hören. Nachdem man ihn zu Bette gebracht hatte, legten sich alle von Müdigkeit wie zerschlagen nieder. Lazare hielt bis zum Morgen Licht; und Pauline öffnete beunruhigt wohl zehnmal leise die Tür, um zu lauschen; aber es stieg aus dem jetzt leeren ersten Stockwerke nur ein totes Schweigen herauf. Vom folgenden Morgen an begannen für den jungen Mann die endlosen und brennenden Stunden, die einer großen Trauer folgen. Er erwachte aus ihr wie aus einer Ohnmacht nach einem Falle, von dem seine Gliedmaßen für immer eine Steifheit zurückbehalten; er hatte jetzt wieder seinen Kopf, eine klare Erinnerung frei von der Beklemmung, die soeben mit den trüben Bildern des Fiebers hinter ihm lag. Alle Einzelheiten erwachten wieder, er durchlebte seine Schmerzen noch einmal. Die Tatsache des Todes, mit der er zuvor noch nie in Berührung getreten, war jetzt da bei ihm, in Gestalt seiner in wenigen Tagen schnell dahingerafften Mutter. Das Entsetzen, nicht mehr zu sein, ward jetzt handgreiflich; man war zu vieren, und es wurde ein Loch gegraben, man blieb zu dreien vor Jammer bebend zurück, man mußte sich eng aneinander schmiegen, um von der verlorenen Wärme ein wenig wiederzufinden. Das hieß also sterben? Das war das Niewieder, diese zitternden, sich um einen Schatten schließenden Arme, der von sich nichts als ein schreckensvolles Bedauern zurückließ. Er verlor seine arme Mutter von neuem zu jeder Stunde, jedesmal, wenn der Tod sich in ihm aufrichtete. Anfangs hatte er nicht soviel gelitten, weder als seine Base hinuntergekommen war und sich in seine Arme stürzte, noch während der grausam langen Bestattung. Er empfand den schrecklichen Verlust erst nach der Rückkehr in das leere Haus; und sein Kummer verbitterte sich noch mehr durch die Gewissensbisse darüber, daß er angesichts des ihm durch den Todeskampf versetzten Schlages, als etwas von der Verschwindenden noch auf Erden war, nicht mehr geweint habe. Die Furcht, seine Mutter nicht geliebt zu haben, quälte ihn, erstickte ihn manchmal. Er beschwor sie fortwährend herauf, ihr Bild suchte ihn beständig heim. Stieg er die Treppe hinauf, meinte er, sie müsse mit ihren kleinen behenden Schritten aus ihrem Zimmer treten und über den Flur eilen. Manchmal drehte er sich um, weil er sie zu hören glaubte; so voll war er von ihr, daß ihm seine Sinne das Streifen eines Kleides hinter der Tür vorspiegelten. Sie war nicht erzürnt, sie blickte ihn nicht einmal an; sie war nur eine vertraute Erscheinung, ein Schatten des früheren Lebens. Des Nachts wagte er nicht die Lampe auszulöschen, flüchtige Geräusche näherten sich seinem Bette, ein Atem streifte in der Dunkelheit seine Stirn. Anstatt daß sich die Wunde schloß, wurde sie täglich größer; bei der geringsten Erinnerung empfand er eine nervöse Erschütterung, sah er eine handgreifliche, schnell auftauchende und ebenso schnell wieder verschwindende Erscheinung, welche die Bangigkeit des »Niemalsmehr« in ihm zurückließ. Alles im Hause erinnerte ihn an seine Mutter. Das Zimmer war unberührt, die Möbel am gewohnten Platze geblieben, ein Fingerhut lag neben einer Stickerei auf einem Tischchen. Auf dem Kamin zeigte die stehengebliebene Stutzuhr auf sieben Uhr siebenunddreißig Minuten, die letzte Stunde. Er vermied es, dort einzutreten. Dann wieder, wenn er hastig die Treppe hinaufstieg, trieb ihn ein plötzlicher Entschluß dort hinein. Das Herz klopfte ihm in mächtigen Schlägen, es schien ihm, als hätten die alten, wohlbekannten Möbel, der Schreibsekretär, das Spiegeltischchen und besonders das Bett eine sie verwandelnde Erhabenheit angenommen. Durch die beständig geschlossenen Vorhänge drang ein bleicher Schimmer, dessen unbestimmtes Licht Lazares Verwirrung erhöhte, während er das Kopfkissen küßte, auf dem das Haupt der Verblichenen erkaltet war. Eines Morgens, als er eintrat, wurde er tief ergriffen: durch die weitgeöffneten Vorhänge drang in breiten Lichtströmen der helle Tag, eine fröhliche Decke von Sonnenschein hatte sich über das Bett bis zum Kopfkissen gebreitet; auf den Möbeln standen in allen aufzutreibenden Gefäßen Blumen. Da erinnerte er sich, daß ein Jahrestag gefeiert wurde, der Geburtstag derjenigen, die nicht mehr da war, ein Tag, der alle Jahre festlich begangen wurde, den seine Base nicht aus dem Gedächtnis verloren hatte. Es waren nur armselige Herbstblumen, Astern, Gänseblümchen, die letzten schon vom Frost berührten Rosen, aber es sprach dennoch das Leben aus ihnen, sie umschlossen mit ihren heiteren Farben den toten Rahmen, in dem die Zeit stille zu stehen schien. Diese fromme Aufmerksamkeit erschütterte ihn. Er weinte lange. Auch das Eßzimmer, die Küche, selbst die Terrasse waren voll von seiner Mutter. Er fand sie in den kleinsten Gegenständen, die er auflas, in Gewohnheiten, die ihm plötzlich fehlten. Das wurde ihm zu einer beständigen Plage, aber er sprach nicht davon, ein unstetes Schamgefühl ließ ihn die stündlichen Qualen, die beständige Unterhaltung mit der Toten verbergen. Da er sogar den Namen derjenigen auszusprechen vermied, von der er heimgesucht wurde, hätte man glauben können, daß bereits ein Vergessen eingetreten sei, daß er nicht mehr an sie dachte, während doch kein Augenblick verstrich, wo er nicht im Herzen das schmerzliche Zucken einer Erinnerung gefühlt hätte. Nur der Blick seiner Base durchschaute ihn. Dann wagte er zu lügen, er versicherte, seine Lampe bereits um Mitternacht ausgelöscht zu haben, behauptete, in eine Arbeit vertieft gewesen zu sein, und war sogleich aufgebracht, wenn man weitere Fragen an ihn stellte. Sein Zimmer war seine Zuflucht; er stieg dort hinauf, um sich seinen Gedanken hinzugeben. Er fühlte sich ruhiger in diesem Winkel, in dem er aufgewachsen war, weil er dort nicht das Geheimnis seines Leidens den anderen preiszugeben fürchten mußte. Von den ersten Tagen an hatte er wohl versucht auszugehen und seine langen Spaziergänge wieder aufzunehmen. Zum mindesten wäre er dann der plumpen Schweigsamkeit der Magd und dem peinlichen Anblick seines niedergeschlagen im Lehnstuhl sitzenden Vaters entgangen, der nicht wußte, was für Zerstreuung er seinen zehn Fingern verschaffen sollte. Aber er hatte eine unbesiegbare Abneigung vor diesen Gängen bekommen, er langweilte sich draußen bis zum Ekel. Dieses Meer mit seinem ewigen Geschaukel, seiner Flut, deren mächtige Wogen zweimal täglich gegen den Strand schlugen, ärgerte ihn wie eine törichte, seinem Schmerze fremde Gewalt, die bereits seit Jahrhunderten die nämlichen Steine abnutzte, ohne je über einen menschlichen Tod geweint zu haben. Es war zu groß, zu kalt, und er beeilte sich heimzukehren, sich einzuschließen, um sich weniger klein, weniger zu Boden gedrückt zu fühlen als zwischen der Unendlichkeit des Himmels. Eine einzige Stätte zog ihn an, der die Kirche umgebende kleine Friedhof. Seine Mutter war zwar nicht dort zu finden, aber er dachte dort an sie, dort beruhigte er sich wunderbar trotz seines Entsetzens vor dem Nichts. Die Gräber schlummerten dort unter dem Rasen, der Taxus war unter dem Schutze des Kirchenschiffes emporgeschossen, man vernahm nur das Pfeifen der vom Seewind geschaukelten Wettervögel. Er vergaß sich dort stundenlang, ohne auch nur die Namen der alten Toten zu lesen, welche die Regengüsse von den Grabsteinen verwischt hatten. Hätte Lazare wenigstens noch den Glauben an die andere Welt besessen, hätte er wenigstens glauben können, daß man die Seinen jenseits der schwarzen Mauer wiedersehen werde. Aber selbst dieser Trost fehlte ihm, er war zu sehr von dem persönlichen Ende des Seins überzeugt, man starb und verlor sich in die Ewigkeit des Lebens. Es gab eine verkappte Auflehnung in seinem Ich, das nicht enden wollte. Welche Freude, anderswo unter den Sternen ein neues Dasein mit seinen Eltern und Freunden zu beginnen! Wie süß mußte es den Todeskampf machen, wenn man wußte, daß man sich mit den verlorenen Lieben wieder vereinigen werde, wie es bei der Begegnung Küsse regnen werde; wie zufrieden und heiter werde man in gemeinsamer Unsterblichkeit von neuem zu leben beginnen! Er rang mit dem Tode angesichts dieser barmherzigen Lüge der Religionen, deren Mitleid den Schwachen die entsetzliche Wahrheit verbirgt. Nein, alles starb mit dem Tode, keine unserer liebevollen Empfindungen erstand wieder, das Lebewohl war auf ewig gesprochen. Niemals, niemals! Das war das fürchterliche Wort, das seinen Geist in den Wirbel der Leere entführte! Als Lazare eines Morgens im Schatten der Taxusbäume stehen geblieben war, bemerkte er den Abbé Horteur in seinem Gemüsegarten, der nur durch eine niedrige Mauer von dem Friedhofe getrennt war. Mit einer alten grauen Bluse und Holzschuhen angetan, grub der Priester eigenhändig ein Kohlbeet um; und mit seinem von der scharfen Meeresluft gegerbten Gesicht, dem sonnverbrannten Nacken sah er einem alten, über die harte Erde gebeugten Bauer ähnlich. Kaum bezahlt, ohne gelegentliche Einnahmen in diesem verlorenen Kirchspiel, würde er vor Hunger gestorben sein, wenn er sich nicht etwas Gemüse gezogen hätte. Sein bißchen Geld ging für Almosen auf, er lebte allein, von einem kleinen Mädchen bedient und oft genötigt, seinen Suppentopf selbst auf das Feuer zu stellen. Um das Maß seines Mißgeschickes voll zu machen, war der Boden auf diesem Felsen nichts wert; der Wind verdorrte ihm seine Salatstauden, es war wirklich kein Entgelt, sich mit dem Gestein herumzuschlagen, um klägliche Zwiebeln zu ernten. Trotzdem verbarg er sich, wenn er seine Bluse anzog und zwar aus Furcht, daß man darüber die Religion verspotten könne. Lazare wollte sich deshalb zurückziehen, als er ihn eine Pfeife aus der Tasche nehmen, sie mit dem Daumen kräftig stopfen und mit einem lauten Schmatzen seiner Lippen anzünden sah. Eben als der Abbe selig die ersten Züge schmauchte, bemerkte er seinerseits den jungen Mann. Er machte eine hastige Bewegung, um die Pfeife zu verbergen, dann begann er jedoch zu lächeln und rief: »Sie schöpfen Luft ... Treten Sie näher und sehen Sie sich meinen Garten an.« Als Lazare neben ihm stand, fügte er heiter hinzu: »Nicht wahr! Sie ertappen mich bei einer Ausschweifung ... Ich kenne aber nur die eine, mein Freund, und Gott fühlt sich dadurch gewiß nicht beleidigt.« Von da an rauchte er geräuschvoll weiter und nahm die Pfeife nur aus dem Munde, um einige kurze Sätze hinzuwerfen. So war der Pfarrer von Verchemont sein steter Gedanke. Ein glücklicher Mann, der einen herrlichen Garten hatte, einen guten Boden, in dem alles gedieh. Wie schlecht es auch stehen mochte, jener Pfarrer machte nicht einen einzigen Strich mit der Egge. Dann klagte er über seine Kartoffeln, sie fielen seit zwei Jahren ab, obgleich die Erde ihnen wohl bekommen mußte. »Wenn ich Ihnen nicht lästig falle,« sagte Lazare zu ihm, »bleiben Sie nur ruhig bei Ihrer Arbeit.« Der Abbé griff sofort wieder zum Spaten. »Ich möchte wohl. Aber die Schlingel kommen bald zum Katechismus, und ich möchte vorher das Beet fertig haben.« Lazare hatte sich auf eine Granitbank niedergelassen, einen alten Grabstein, der an die kleine Kirchhofsmauer gelehnt war. Er schaute zu, wie der Abbé sich mit den Schiefern herumschlug, er hörte ihn mit der scharfen Stimme eines alten Kindes plaudern; und ein heißes Verlangen erfaßte ihn, so arm und so einfach wie der Mann zu sein mit leerem Schädel und ruhigem Fleische. Man hielt den braven Alten zweifellos für eine große Unschuld an Geist, denn sonst hätte ihn das Bistum gewiß nicht auf dieser elenden Pfarre alt werden lassen. Übrigens gehörte er zu jenen, die sich nie beklagten, und deren Ehrgeiz befriedigt war, wenn sie nur Brot zu essen und Wasser zu trinken hatten. »Es ist nicht gerade besonders angenehm, unter diesen Kreuzen zu leben«, dachte der junge Mann laut. Der Abbé hielt erstaunt inne. »Wie, nicht angenehm?« »Ja, man hat den Tod beständig vor Augen und muß Nachts davon träumen.« Er nahm die Pfeife aus dem Munde und spie tüchtig aus. »Ich denke nie daran. Wir sind alle in Gottes Hand.« Er nahm seinen Spaten wieder vor und versenkte ihn mit einem Tritt des Absatzes in den Boden. Sein Glaube bewahrte ihn vor Furcht; er ging nicht über den Katechismus hinaus: man sterbe und gehe zum Himmel ein, nichts sei einfacher und beruhigender. Er lächelte etwas von oben herab. Der fixe Gedanke an das Heil füllte seinen engen Schädel völlig aus. Von jenem Tage an ging Lazare beinahe jeden Morgen in den Gemüsegarten des Pfarrers. Er setzte sich auf den alten Stein, verlor sich in den Anblick des seinen Gemüsegarten bearbeitenden Geistlichen und beruhigte sich für einen Augenblick angesichts dieser blinden Unschuld, die vom Tode lebte, ohne einen Schauer vor diesem zu empfinden. Warum konnte nicht auch er wieder zum Kinde werden wie dieser Greis? In ihm lebte die geheime Hoffnung, den entschwundenen Glauben in diesen Unterhaltungen mit einem schlichten Kopfe wieder erwachen zu sehen, dessen ruhige Unwissenheit ihn entzückte. Er brachte sich auch eine Pfeife mit, sie rauchten zusammen und plauderten über die Schmerlen, die den Salat fraßen oder über den zu teuren Dünger; der Priester sprach selten von Gott, denn ihn sparte er sich in seiner Duldsamkeit und in seiner Erfahrung als alter Beichtvater für sein persönliches Seelenheil auf. Die anderen gingen ihren Angelegenheiten nach, er den seinen. Nach dreißigjährigen nutzlosen Belehrungen hielt er sich genau an sein Amt mit der wohlgeordneten Barmherzigkeit des Bauern, der bei sich selbst den Anfang macht. Es war sehr liebenswürdig von dem jungen Manne, täglich so bei ihm einzutreten, und da er ihn nicht quälen, noch gegen seine Pariser Anschauungen kämpfen wollte, hielt er ihn lieber mit unendlichen Gesprächen in seinem Garten auf, während der Jüngling, dem der Kopf von dem unnützen Geschäft brummte, sich manchmal dem glücklichen Alter der Unwissenheit wieder nahe glaubte, in dem man keine Furcht empfindet. Aber die Morgen folgten aufeinander, und des Abends fand sich Lazare in seinem Zimmer mit den Erinnerungen an seine Mutter wieder, ohne den Mut zum Auslöschen der Lampe zu haben. Der Glaube war tot. Eines Tages rauchte er mit dem Abbé Horteur, beide saßen auf der Bank; plötzlich ließ der letztere bei einem Geräusch von Schritten hinter den Birnenbäumen seine Pfeife verschwinden. Es war Pauline, die ihren Vetter holen kam. »Der Doktor ist hier«, erklärte sie, »und ich habe ihn zum Frühstück eingeladen! ... Du kommst gleich heim, nicht wahr?« Sie lächelte, denn sie hatte die Pfeife unter der Bluse des Abbé bemerkt. Dieser zog sie mit dem Lachen sofort wieder hervor, das er stets aufsteckte, wenn man ihn rauchen sah. »Das ist zu dumm,« sagte er, »man könnte glauben, ich beginge ein Verbrechen ... Warten Sie, ich werde sie gleich vor Ihnen wieder in Brand setzen.« »Wissen Sie, Herr Pfarrer,« rief Pauline heiter, »Sie frühstücken bei uns mit dem Doktor, dann können Sie die Pfeife zum Nachtisch rauchen.« »Gut, ich nehme an ... Gehen Sie voraus, ich will nur meine Sutane anziehen. Ich bringe meine Pfeife mit, auf Ehrenwort!« Das war das erste Frühstück, bei dem man wieder ein Lachen im Speisezimmer vernahm. Beim Nachtisch rauchte der Abbé Horteur, was die Gesellschaft sehr belustigte; er leistete sich dieses Geschenk, aber mit solcher Treuherzigkeit, daß es sogleich als etwas Natürliches erschien. Chanteau hatte sehr viel gegessen und reckte sich, erleichtert von diesem Hauche des Lebens, der wieder in das Haus drang. Doktor Cazenove erzählte Geschichten von Wilden, während Pauline vor Glück über diesen Lärm strahlte, der Lazare vielleicht aus seiner düsteren Stimmung riß und ihn zerstreute. Von da ab wollte das junge Mädchen die sonnabendlichen Mahlzeiten, die durch den Tod der Tante unterbrochen waren, wieder aufnehmen. Pfarrer und Doktor kamen regelmäßig, das Leben von ehemals begann von neuem. Man scherzte, der Witwer klopfte sich auf die Beine und versicherte, daß er ohne diese verdammte Gicht noch tanzen werde, so heiter sei noch sein Gemüt. Nur der Sohn war mit seinen Gedanken anderswo; wenn er sprach, geschah es mit einer sichtbar krankhaften Erregung; ein jähes Erzittern befiel ihn inmitten seines Schwalles von Worten. An einem Sonnabend war man gerade beim Braten angelangt, als der Abbé Horteur zu einem Sterbenden abgerufen wurde. Er leerte sein Glas nicht und ging, ohne auf den Doktor zu hören, der den Kranken noch besucht hatte, ehe er zu Tische gekommen war und ihm jetzt nachrief, daß er seinen Mann bereits tot vorfinden werde. An diesem Abend hatte sich der Priester von so armseligem Geiste gezeigt, daß Chanteau selbst hinter seinem Rücken erklärte: »Es gibt Tage, wo er nicht sehr gescheit ist.« »Ich möchte an seiner Stelle sein«, sagte Lazare rauh. »Er ist glücklicher als wir.« Der Doktor begann zu lachen. »Vielleicht! Auch Mathieu und Minouche sind glücklicher als wir. Daran erkenne ich unsere jungen Leute von heutzutage, die an den Wissenschaften genascht haben und krank sind, weil sie damit ihre alten, mit der Muttermilch eingesogenen Gedanken vom Absoluten nicht befriedigen konnten. Ihr möchtet in der Wissenschaft mit einem Schlage und in Bausch und Bogen alle Wahrheiten finden, die wir kaum enträtseln, da sie zweifelsohne nie etwas anderes als eine ewige Untersuchung bleiben werden. Dann verleugnet ihr sie, werft euch auf den Glauben, der nichts mehr von euch wissen will und verfallet in den Pessimismus ... Ja, das ist die Krankheit der Jahrhundertneige; ihr seid wiedergekommene Werther.« Er erwärmte sich, das war sein Lieblingssatz. Bei ihren Verhandlungen übertrieb Lazare seinerseits die Verneinung jeder Gewißheit, seinen Glauben an das allgemeine Endübel. »Wir leben,« fragte er, »wenn einem zu jeder Stunde die Dinge unter den Füßen krachen?« Der Greis nahm einen Anlauf zu jugendlichem Eifer. »Aber so leben Sie doch! Ist es nicht genug, daß man lebt? Die Freude besteht in der Tätigkeit.« Er wandte sich plötzlich an Pauline, die lächelnd zuhörte. »Sagen Sie ihm doch, wie Sie es anfangen, immer zufrieden zu sein.« »Ich,« antwortete sie in scherzhaftem Tone, »ich versuche zu vergessen, aus Furcht traurig zu werden, und denke an die anderen, was mich beschäftigt und jedes Übel mit Geduld hinnehmen läßt.« Diese Antwort schien Lazare aufzubringen, der aus Bedürfnis nach einem boshaften Widerspruche behauptete, daß die Frauen Religion haben müssen. Er stellte sich, als begreife er nicht, warum sie so lange nicht mehr gebeichtet habe. Sie gab mit ihrer friedfertigen Miene ihre Gründe dafür an. »Das ist sehr einfach, die Beichte hat mich verletzt; ich meine, viele Frauen fühlen wie ich ... Sodann ist es mir unmöglich, an Dinge zu glauben, die mir unvernünftig scheinen. Wozu lügen, wozu ihr Gutheißen heucheln? ... Außerdem beunruhigt mich das Unbekannte nicht, es kann nicht anders als logisch sein; das Beste ist: so vernünftig wie möglich abwarten.« »Schweigt, da kommt der Abbé«, unterbrach sie Chanteau, den die Unterhaltung langweilte. Der Mann war gestorben, der Abbé beendete ruhig seine Mahlzeit, und man trank ein Gläschen Chartreuse. Pauline stand jetzt mit der heiteren Würde einer guten Hausfrau der Wirtschaft vor. Die Einkäufe, die geringfügigsten Kleinigkeiten wurden von ihr in Augenschein genommen, und das Schlüsselbund rasselte an ihrem Gürtel. Es hatte sich ganz natürlich gemacht, ohne daß Veronika ärgerlich darüber zu sein schien. Seit dem Tode Frau Chanteaus blieb die Magd indessen mürrisch und wie verdummt. Etwas Neues schien sich in ihr zu vollziehen, eine Wiederkehr der Zuneigung für die Tote, während sie zu Pauline von einer mißtrauischen Widerwärtigkeit war. Jene redete ihr umsonst freundlich zu; ein Wort genügte, sie zu beleidigen, und man hörte sie dann sich ganz allein in ihrer Küche darüber beklagen. Wenn sie nach langem, eigensinnigem Schweigen mit lauter Stimme dachte, kam jedesmal das Entsetzen vor der Katastrophe wieder zum Vorschein. Wußte sie, daß die Frau sterben sollte? Sicher nicht, sonst würde sie es nie gesagt haben, was sie geäußert hatte. Gerechtigkeit vor allem, man dürfe nicht die Leute töten, selbst wenn sie Fehler hätten. Schließlich wusch sie sich ihre Hände rein, desto schlimmer für die Person, welche die wahre Ursache des Unglücks war! Aber diese Versicherung beruhigte sie nicht; sie fuhr fort, zu brummen und sich gegen ihr eingebildetes Vergehen zu wehren. »Wozu plagst du dir das Hirn eigentlich so?« fragte Pauline eines Tages. »Wir haben unser Möglichstes getan, gegen den Tod vermag man nichts.« Veronika schüttelte den Kopf. »Lassen Sie, man stirbt nicht so ohne weiteres ... Die Frau war, was sie war, aber sie hatte mich, als ich noch ganz klein war, zu sich genommen, und ich würde mir die Zunge abschneiden, wenn ich dächte, daß ich mit irgend etwas in ihre Geschichte verwickelt wäre. Sprechen wir nicht mehr davon, es würde schlecht enden.« Das Wort Heirat war zwischen Pauline und Lazare nicht mehr ausgesprochen worden. Chanteau, an dessen Seite sich das junge Mädchen mit seiner Näharbeit niedergelassen hatte, um seine Langeweile zu vermindern, hatte einmal eine Anspielung gewagt; er wollte jetzt, wo das Hindernis beseitigt, damit zu Ende kommen. Bei ihm war besonders das Bedürfnis, sie bei sich zu behalten, ausschlaggebend; ihn packte das Entsetzen, wieder in die Hände der Magd zu fallen, wenn er sie verlor. Pauline hatte zu verstehen gegeben, daß vor Ablauf der tiefen Trauer nichts entschieden werden könne. Nicht nur die Schicklichkeit allein gab ihr dieses Wort ein, sondern sie erhoffte von der Zeit eine Antwort auf eine Frage, die sie nicht einmal an sich selbst zu richten wagte. Ein so jäher Tod, dieser entsetzliche Schlag, von dem sie und ihr Vetter erschüttert blieben, hatte eine Art Waffenstillstand in ihrer tief verletzten Liebe hervorgerufen. Sie erwachten langsam und litten noch immer, da sie in dem unwiderbringlichen Verlust ihr eigenes Drama wiederfanden: Luise überrascht und fortgejagt, ihre zerstörte Liebe, ihr vielleicht verändertes Leben. Wozu sich jetzt entscheiden? Liebten sie sich noch immer, war die Heirat möglich und vernünftig? Das wogte in der Betäubung, in welcher sie die Katastrophe gelassen, auf und nieder, ohne daß die eine oder der andere ungeduldig eine Lösung vom Zaune brechen zu wollen schien. Indessen hatte sich bei Pauline die Erinnerung an den erlittenen Schimpf gemildert. Sie hatte schon lange vergeben und war bereit, an dem Tage, an dem er bereuen würde, beide Hände in die seinen zu legen. Es sprach nicht in ihr der eifersüchtige Triumph, ihn gedemütigt zu sehen, sie dachte allein an ihn, so sehr, daß sie bereit war, ihm sein Wort zurückzugeben, falls er sie nicht mehr liebte. Ihre ganze Angst lag in diesem Zweifel: dachte er noch an Luise oder hatte er sie vergessen, um zu den alten Neigungen der Kindheit zurückzukehren? Wenn sie so davon träumte, eher auf Lazare zu verzichten als ihn unglücklich zu machen, unterlag ihr Wesen dennoch dem Schmerze; sie rechnete wohl darauf, den Mut zu haben, aber sie hoffte nachher auch daran zu sterben. Seit dem Tode ihrer Tante war ihr ein großmütiger Gedanke gekommen, sie hatte geplant, sich mit Luise zu versöhnen. Chanteau konnte ihr schreiben, sie selbst wollte dem Brief ein Wort der Vergebung beifügen. Man war so allein, so traurig, daß die Anwesenheit dieses großen Kindes eine Zerstreuung für alle sein werde. Nach einer so schmerzlichen Erschütterung schien die Vergangenheit alt; sie empfand auch Gewissensbisse über ihre Heftigkeit. Jedesmal aber, wenn sie mit ihrem Onkel davon sprechen wollte, hielt ein Widerwille sie zurück. Hieß es nicht die Zukunft wagen, Lazare versuchen und ihn verlieren? Vielleicht hätte sie dennoch den Heldenmut und den Stolz gefunden, ihn diesem Versuche zu unterwerfen, wenn sich nicht in ihr der Gedanke an die Gerechtigkeit empört hätte. Der Verrat allein war unverzeihlich. Sollte sie nicht genügen, den Frohsinn wieder an das Haus zu fesseln? Warum eine Fremde herbeirufen, wenn sie selbst von Zärtlichkeit und Ergebung überströmte? Ihr unbewußt lag ein Stolz in ihrer Selbstverleugnung, sie verspürte eine eifersüchtige Barmherzigkeit. Ihr Herz flammte auf bei der Hoffnung, das einzige Glück der Ihren zu sein. Von da ab war dies Paulinens Hauptstreben. Sie bemühte sich, das Haus um sie her glücklich zu machen. Sie hatte noch nie eine solche Tapferkeit in der fröhlichen Laune und Güte gezeigt. Das war jeden Morgen ein lächelndes Erwachen, eine Sorge um die Verheimlichung des eigenen Elends, um nicht mit ihm das der anderen zu erhöhen. Sie bot den Katastrophen Trotz mit ihrer Sanftmut zu leben, sie trug eine Gleichmut des Charakters zur Schau, der selbst das Übelwollen entwaffnete. Jetzt ging es ihr gut, sie war stark und gesund wie ein junger Baum und die Freude, die sie um sich her verbreitete, war der Strahlenglanz ihrer Gesundheit selbst. Der Beginn jedes neuen Tages entzückte sie, es machte ihr Vergnügen, das wieder zu tun, was sie am Tage vorher getan hatte, sie erwartete nichts mehr, sie hoffte auf das Morgen ohne Fieber. Veronika, die phantastisch geworden und von unerklärlichen Launen gequält wurde, brummte wohl vor ihrem Herde; ein neues Leben verjagte die Trauer aus dem Hause, das Lachen von ehemals erwachte wieder in den Zimmern und stieg in heiterem Schall die Treppe empor. Besonders entzückt davon erschien der Onkel, die Traurigkeit war ihm immer lästig gewesen, er trieb gern frohen Scherz, seitdem er den Lehnstuhl nicht mehr verlassen konnte. Für ihn wurde das Dasein unerträglich, und er klammerte sich daran mit der Heftigkeit eines Kranken, der selbst im Schmerze fortleben will. Jeder überlebte Tag war ein Sieg für ihn, seine Nichte schien das Haus mit einem guten Sonnenschein zu durchwärmen, in dessen Strahlen er nicht sterben konnte. Pauline hatte dennoch einen Kummer: Lazare entzog sich ihren Tröstungen. Es beunruhigte sie, als sie ihn in seine düstere Stimmung verfallen sah. In der Tiefe der Trauer um seine Mutter erwachte in ihm auch das Entsetzen vor dem Tode. Seitdem die Zeit den ersten Kummer verwischt, tauchte dieses Entsetzen, durch die Furcht vor dem ererbten Leiden vergrößert, wieder auf. Auch er werde einst an einem Herzübel sterben; er gab sich der Gewißheit eines nahen und traurigen Endes hin. Und er hörte sich alle Augenblicke in einer solchen nervösen Erregtheit leben, daß er das Räderwerk der Maschine gehen hörte: es waren schmerzhafte Magenkrämpfe, rote Ausscheidungen der Nieren, dumpfe Hitzanfälle der Leber; doch mehr als durch die anderen Organe wurde er durch sein Herz betäubt, das sich mit seinen Schlägen in jedem seiner Gliedmaßen bis in die Fingerspitzen hinein vernehmbar machte. Wenn er den Ellbogen auf einen Tisch stützte, klopfte sein Herz im Ellbogen; lehnte er sein Genick an den Rücken eines Lehnstuhls, so klopfte sein Herz im Genick; wenn er sich setzte, wenn er sich niederlegte, schlug sein Herz in seinen Schenkeln, seinen Seiten, seinem Bauche; und dieses Gesumme brummte immer und immer, es maß sein Leben mit dem Gerassel einer ablaufenden Uhr. Unter der fortwährenden Plage des Studiums an seinem Körper glaubte er, daß jeden Augenblick alles in ihm zerberste, daß die Organe sich abnutzten und in Stücke fliegen würden, daß das ungeheuerlich angeschwollene Herz selbst mit mächtigen Hammerschlägen die Maschine sprengen werde. Das war nicht mehr Leben, sich so leben zu hören und in Erwartung des Sandkornes, das es vernichten werde, vor der Zerbrechlichkeit eines Mechanismus zu zittern. Die Beklemmungen Lazares nahmen denn auch immer mehr zu. Schon seit Jahren streifte der Gedanke an den Tod beim Schlafengehen eisig über sein Gesicht und machte seinen Leib starr. Jetzt wagte er nicht einzuschlafen aus Furcht, daß er nicht wieder aufwache. Er haßte den Schlaf, er empfand Entsetzen vor der Ohnmacht seines Wesens, wenn er vom Wachen in den Strudel des Nichts versank. Sein plötzliches Erwachen erschütterte ihn noch mehr, denn es zog ihn aus der Finsternis, als habe ihn eine Riesenfaust bei den Haaren gepackt und in das Leben zurückgeschleudert mit dem stammelnden Entsetzen vor dem Unbekannten, aus dem er hervorgegangen. Mein Gott! Mein Gott! Es mußte gestorben sein; und noch nie hatten sich seine Hände zu einem solchen Ausbruche der Verzweiflung gefaltet. Jeden Abend wurde seine Qual derartig, daß er vorzog, nicht zu Bette zu gehen. Er hatte bemerkt, daß er ohne Erschütterung friedlich wie ein Kind schlief, wenn er sich tagsüber auf einem Sofa ausstreckte. Da war eine erquickende Ruhe, ein bleierner Schlummer; unglücklicherweise verdarben sie seine Nächte vollends. Nach und nach brachte er es zu regelrechter Schlaflosigkeit, weil er dem langen Nachmittagsschlaf den Vorzug gab und erst des Morgens einschlummerte, wenn die Morgenröte bereits die Furcht vor der Finsternis verscheuchte. Aber es traten auch Pausen ein. Lazare wurde manchmal zwei oder drei Abende lang nicht vom Tode besucht. Eines Tages fand Pauline einen Kalender bei ihm voller Rotstiftstriche. Sie fragte ihn erstaunt. »Was zeichnest du dir denn so auf? ... Das sind ja angestrichene Daten!« Er stammelte: »Ich vermerke mir nichts ... Ich weiß nicht ...« Sie fuhr heiter fort: »Ich glaubte, daß nur die jungen Mädchen den Kalendern Dinge anvertrauen, die man niemandem sagt ... Wenn du an allen diesen Tagen an uns denkst, bist du ja außerordentlich liebenswürdig ... Du hast Geheimnisse.« Als er jedoch immer verwirrter wurde, hatte sie die Barmherzigkeit zu schweigen. Über die erbleichte Stirn des jungen Mannes sah sie einen ihr bekannten Schatten huschen, das verborgene Leiden, von dem sie ihn nicht zu heilen vermochte. Seit einiger Zeit setzte er sie durch eine neue Sucht in Staunen. In der Gewißheit seines nahen Endes verließ er kein Zimmer, schloß er kein Buch, bediente er sich keines Gegenstandes, ohne zu glauben, daß dies seine letzte Handlung sei, daß er weder den Gegenstand noch das Buch und das Zimmer wiedersehen werde, und er hatte daher die Gewohnheit eines beständigen Abschiednehmens von. den Dingen angenommen, ein krankhaftes Bedürfnis, die Gegenstände noch einmal in die Hand zu nehmen, sie noch einmal wiederzusehen. Diese Angewohnheit mischte sich mit gewissen entsprechenden Gewohnheiten: drei Schritte nach links und drei nach rechts, die Möbel zu beiden Seiten eines Kamins oder einer Tür, ein jedes gleichmäßig oft berührt; ohne seiner jüngsten abergläubischen Vorstellung zu gedenken, daß eine gewisse Zahl von Berührungen, auf eine besondere Art verteilt, verhindere, daß der Abschied endgültig sei. Trotz seines lebhaften Geistes, seiner Verneinung alles Übernatürlichen, übte er diesen Blödsinn mit tierischer Fügsamkeit aus und verheimlichte sie wie eine schimpfliche Krankheit. Das war die Rache der nervösen Zerrüttung bei dem Pessimisten und dem Positivisten, der einzig an die Tatsache, an die Erfahrung zu glauben erklärte. Er wurde infolgedessen unerträglich. »Was hast du nur herumzutrampeln?« rief Pauline. »Du gehst jetzt schon zum dritten Mal an diesen Schrank, um seinen Schlüssel zu berühren ... Er fliegt nicht davon.« Abends war er nicht aus dem Eßzimmer herauszubringen, er stellte die Stühle nach einer bestimmten Ordnung, ließ die Tür eine gewisse Zahl zuschlagen, kehrte dann zurück, um erst die rechte, dann die linke Hand auf das Meisterstück seines Großvaters zu legen. Sie erwartete ihn an der Treppe und lachte schließlich: »Was für ein Narr wirst du mit achtzig Jahren sein! ... Ich frage dich nur, ist es vernünftig, die Sachen so zu quälen? ...« Mit der Länge der Zeit hörte sie auf, ihn zu necken, sein Unbehagen beunruhigte sie. Eines Morgens überraschte sie ihn dabei, wie er siebenmal das Holz des Bettes küßte, in dem seine Mutter gestorben war; sie erschrak gewaltig, denn sie erriet die Qualen, die ihm das Dasein vergifteten. Erbleichte er, wenn er in einer Zeitung ein zukünftiges Datum aus dem zwanzigsten Jahrhundert fand, so sah sie ihn mit ihrer mitleidigen Miene an, was ihn den Kopf umwenden ließ. Er fühlte sich verstanden, er eilte in sein Zimmer, um sich da zu verbergen mit der wirren Schamhaftigkeit einer Frau, die man in ihrer Nacktheit überrascht hatte. Wie oft schon hatte er sich der Feigheit angeklagt. Wie oft schon hatte er sich zugeschworen, gegen sein Leiden zu kämpfen! Er wollte Vernunft annehmen: dem Tode ins Antlitz schauen; um ihm zu trotzen, streckte er sich sofort auf seinem Bette aus, anstatt im Lehnstuhle zu wachen. Der Tod konnte kommen, er wartete auf ihn wie auf eine Erlösung. Aber ebenso schnell entführten die Schläge seines Herzens seine Schwüre, ein kalter Hauch ließ sein Fleisch zu Eis erstarren, er streckte mit dem Schrei: »Mein Gott! Mein Gott!« die Hände aus. Das waren schauderhafte. Rückfälle, die ihn mit Scham und Verzweiflung erfüllten. Das zärtliche Mitleid seiner Base drückte ihn jetzt vollends zu Boden. Die Tage wurden so schwer, daß er sie ohne die Hoffnung begann, ihr Ende zu erleben. Bei dieser Zerbröckelung seines Seins hatte er zuerst die Heiterkeit verloren, und jetzt verließ ihn auch seine Kraft. Pauline wollte indes im Stolze ihrer Selbstverleugnung siegen. Sie kannte das Leiden, sie versuchte Lazare den Mut wiederzugeben, indem sie ihm Liebe zum Leben einflößte. Ihre Güte aber erlitt dabei einen beständigen Mißerfolg. Zuerst hatte sie beabsichtigt, ihn offen anzugreifen; sie begann mit ihren alten Neckereien über: »dieses häßliche Tier von Pessimismus«. Wie? War sie es jetzt, die dein großen Heiligen Schopenhauer die Messe sang, während er, wie alle diese Hanswürste von Pessimisten gern zustimmte, daß die Welt mit einer Bombe in die Luft gesprengt werden müsse, aber sich durchaus weigerte, bei dem Tanze zu sein? Bei diesen Neckereien schüttelte er sich in einem erzwungenen Lachen und er schien so darunter zu leiden, daß sie nicht wieder davon anfing. Später versuchte sie es mit Tröstungen, wie man die kleinen Leiden der Kinder zu stillen pflegt; sie bemühte sich, ihm eine liebenswürdige Umgebung, einen heiteren Frieden zu verschaffen. Er sah sie immer vergnügt, frisch, voller Freude am Leben. Das Haus war voller Sonnenschein. Er hätte nichts anderes tun brauchen, als sein Leben zu genießen, und er konnte es nicht; dieses Glück verschlimmerte sein Entsetzen vor dem Jenseitsnochmehr. Endlich gebrauchte sie eine List, sie träumte davon, ihn in eine große Arbeit zu schleudern, die ihn betäuben würde. Krank von Müßiggang, ohne Geschmack an irgend etwas, fand er sogar das Lesen zu mühselig, und verbrachte daher seine Tage damit, sich in seinem Jammer zu verzehren. Einen Augenblick lang hoffte Pauline. Sie hatten einen kurzen Spaziergang am Strande gemacht, und Lazare ihr angesichts der Trümmer des Bollwerkes, von dem noch einige Balken übrig geblieben waren, ein neues Verteidigungssystem auseinandergesetzt und zwar von einer sicheren Widerstandsfähigkeit, wie er versicherte. Das Übel rührte von der Schwäche der Stützbalken her; man müsse ihre Stärke verdoppeln und dem Mittelbalken eine größere Senkung geben. Da seine Stimme erzitterte, seine Augen wie ehemals leuchteten, drängte sie ihn zum Werk. Das Dorf litt, jede Flut schwemmte ein Stück fort; wenn er zum Präfekten gehe, werde er ganz gewiß den Zuschuß erhalten. Außerdem bot sie ihm von neuem Vorschüsse an; es sei ein nach ihrer Meinung rühmliches Werk der Barmherzigkeit. Ihr besonderer Wunsch war, ihn zur Tätigkeit zurückzuführen, sollte sie auch den Rest ihres Geldes dabei verlieren. Aber schon zuckte er die Schultern. Wozu? Er war bleich geworden, denn der Gedanke war ihm gekommen, daß er, beginne er diese Arbeit auch, sterben werde, ohne sie beendet zu haben. Um seine Verwirrung zu verbergen, beschwor er sogar seinen Groll gegen die Fischer von Bonneville wieder herauf. »Spitzbuben, die sich über mich lustig gemacht haben, als dieses teuflische Meer unter ihnen aufräumte... Nein, nein, möge es ihnen nur auch das letzte nehmen! Sie sollen nicht mehr über meine Zündhölzer lachen, wie sie sagten.« Pauline versuchte ihn durch Sanftmut zu beruhigen. Die Leute seien so unglücklich! Seitdem die Flut Houtelards Haus, das festete von allen und drei andere Hütten der Armen fortgerissen hatte, nahm das Elend noch mehr zu. Houtelard, früher der reiche Mann des Dorfes, hatte sich jetzt zwanzig Meter weiter zurück in einem alten Kornspeicher eingerichtet; die anderen Fischer aber, die nicht wußten, wo unterkommen, kampierten jetzt in Hütten, die man aus den Gerippen alter Boote angefertigt hatte. Es war ein jammervolles Elend, ein Leben wie unter den Wilden, wo Frauen und Kinder in Ungeziefer und Lastern verkamen. Die Almosen der Gegend gingen in Schnaps auf. Diese Elenden verkauften die Naturalien, Kleider, Küchengeräte und Möbel, tun sich literweise den schrecklichen Calvados zu kaufen, der sie wie tot vor die Türen hinstreckte. Nur Pauline trat noch immer für sie ein; der Pfarrer ließ sie laufen, Chanteau sprach davon, sein Amt niederzulegen, denn er wollte nicht der Bürgermeister einer Schweineherde sein. Lazare wiederholte, wenn ihn seine Base für dieses vom Unwetter heimgesuchte Säufervolk zu erweichen versuchte, die ewige Redensart seines Vaters: »Wer zwingt sie, hier zu bleiben?... Sie brauchen sich nur anderswo anzubauen. Man ist doch wahrhaftig nicht so dumm, sich derartig unter den Wogen festzukleben!« Alle machten dieselbe Bemerkung. Man ärgerte sich und behandelte sie wie verwünschte Querköpfe. Sie nahmen dann die Mienen von mißtrauischen, unvernünftigen Tieren an. Warum sollten sie fortgehen? Sie waren doch hier geboren? Das dauere schon seit hundert und abermals hundert Jahren; sie hätten anderswo nichts zu suchen. Es war eben so, wie Prouane sagte, wenn er getrunken hatte; »von irgend etwas müsse der Mensch schließlich gefressen werden«. Pauline lächelte, stimmte mit dem Kopfe bei, denn nach ihrer Meinung hing das Glück weder von den Leuten noch von den Dingen ab, sondern von der vernünftigen Art, wie man sich den Leuten und den Dingen anpasse. Sie verdoppelte ihre liebevolle Hilfe, verteilte die reichlichsten Gaben. Endlich hatte sie auch die Freude gehabt, Lazare für ihre Nächstenliebe zu interessieren; sie hoffte, ihn dadurch zu zerstreuen, ihn durch das Mitleid zu einem Vergessen seiner selbst zu führen. Er blieb jeden Sonnabend bei ihr, sie empfingen gemeinsam von vier bis sechs Uhr die kleinen Freunde des Dorfes, die Reihe zerlumpter Kinder, welche die Eltern zum Fräulein betteln schickten. Es war ein Haufe rotznasiger Bengel und kleiner Mädchen voller Ungeziefer. Eines Sonnabends regnete es, Pauline konnte ihre Verteilung nicht auf der Terrasse vornehmen, wie es sonst ihre Gewohnheit war. Lazare mußte eine Bank holen, die in der Küche aufgestellt wurde. »Herr Lazare,« schrie Veronika, »will das Fräulein vielleicht dieses Lausezeug hier hereinbringen?... Das ist ja ein netter Gedanke; meinetwegen, wenn Sie durchaus Tiere in Ihrer Suppe finden wollen...« Das junge Mädchen kam mit ihrer Tasche voll Silbermünzen und dem Medizinkasten. Sie antwortete lachend: »Was da! Du kehrst nachher ein bißchen auf... Außerdem regnet es so stark, daß der Guß die armen Kleinen gehörig abgewaschen hat.« In der Tat hatten die ersten, die kamen, ein rosiges, vom Platzregen gewaschenes Gesicht. Aber sie waren so durchnäßt, daß von ihren Lumpen Fluten auf die Fliesen strömten, und die üble Laune der Magd nahm noch zu, als ihr das Fräulein befahl, ein Bündel Reisig anzustecken, um sie ein wenig zu trocknen. Man trug die Bank vor den Herd. Bald saß da eine Schar fröstelnd aneinandergedrängter, frecher, heimtückischer Rangen, die mit den Augen das Umherliegende verschlangen, angegriffene Liter Wein, einen Fleischrest, ein auf einen Block hingeworfenes Bündel Möhren. »Daß so etwas erlaubt ist,« fuhr Veronika zu brummen fort, »erwachsene Kinder, die schon ihren Lebensunterhalt verdienen müßten!... Sie lassen sich bis zu fünfundzwanzig Jahre wie Bälge behandeln, wenn es Ihnen so paßt.« Das Fräulein mußte sie bitten, den Mund zu halten. »Bist du zu Ende?... Wenn sie wachsen, macht sie das noch nicht satt.« Pauline hatte sich der Bank gegenüber gesetzt, das Geld und die in Natur gegebenen Geschenke vor sich, als Lazare, der stehen geblieben war, zornig wurde, sowie er den Sohn Houtelards unter der Schar bemerkte. »Ich hatte dir zu kommen verboten, großer Taugenichts... Schämen sich deine Eltern nicht, dich hierher betteln zu schicken? Sie haben doch zu essen, während andere vor Hunger sterben.« Der Sohn der Houtelard, ein magerer, fünfzehnjähriger, zu schnell aufgeschossener Junge mit einem traurigen, furchtsamen Gesicht, fing an zu weinen. »Sie schlagen mich, wenn ich nicht gehe. Die Frau hat den Strick genommen, und Vater hat mich hinausgejagt.« Er schlug den Ärmel in die Höhe, um das blaue Mal eines Schlages mit einem geknoteten Stricke zu zeigen. Die Frau war eine von seinem Vater geheiratete ehemalige Magd, die ihn mit Schlägen fast umbrachte. Seit ihrem Ruin hatten die Härte und der Schmutz ihres Geizes noch zugenommen. Jetzt lebten sie im Schmutz und rächten sich an dem Kleinen. »Lege ihm einen Arnikaumschlag auf den Ellbogen«, sagte Pauline sanft zu Lazare. Dann reichte sie dem Kinde ein Fünffrankenstück. »Hier! Gib ihnen das Geld, damit sie dich nicht mehr schlagen. Wenn sie dich dennoch schlagen, wenn am nächsten Sonnabend dein Körper Spuren von Schlägen aufweist, bekommst du nicht einen Heller mehr, sage es ihnen.« Längs der Bank kicherten die anderen Bälge, durch die Flamme, die ihren Rücken wärmte, heiter gestimmt, und stießen sich mit den Ellbogen in die Seiten. Ihre Kleider dampften, von ihren nackten Füßen fielen dicke Tropfen nieder. Einer von ihnen, ein ganz kleiner Kerl, hatte eine Rübe gestohlen, an der er heimlich knabberte. »Cuche, stehe auf«, begann Pauline wieder. »Hast du deiner Mutter gesagt, daß ich darauf rechne, bald ihre Aufnahme in das Siechenhaus von Bayeux zu erlangen?« Frau Cuche, die elende Verlassene, die sich allen Männern für drei Sous oder einen Speckrest in den Löchern des Strandes hingab, hatte sich im Juli ein Bein gebrochen; sie blieb davon verunstaltet, hinkte entsetzlich, ohne daß indessen ihre abstoßende Häßlichkeit, durch dieses Leiden erhöht, sie etwas von ihrer gewohnten Kundschaft einbüßen ließ. »Ja, ich habe es ihr gesagt«, antwortete der Knabe mit heiterer Stimme. »Sie will nicht.« Er war kräftig geworden und hatte das siebenzehnte Jahr erreicht. Aufrecht, stehend, mit den Händen schlenkernd, wiegte er sich linkisch hin und her. »Was! Sie will nicht!« rief Lazare. »Und du nicht minder, du willst auch nicht, denn ich hatte dir gesagt, du solltest in dieser Woche im Gemüsegarten aushelfen, und ich erwarte dich noch.« Er wiegte sich noch immer. »Ich habe keine Zeit gehabt.« Als Pauline bemerkte, daß ihr Vetter erregt wurde, legte sie sich ins Mittel. »Setze dich, wir werden gleich darüber sprechen. Überlege dir die Sache besser, sonst werde ich ebenfalls böse.« Die kleine Gonin war jetzt an der Reihe. Sie zählte dreizehn Jahre und hatte sich ein rosiges Gesicht unter dem dichten Wulst ihrer blonden Haare bewahrt. Ohne gefragt zu sein, erzählte sie rohe Einzelheiten mit einer Flut geschwätziger Worte, daß ihrem Vater die Lähmung in die Arme und Zunge gefahren sei, und er nur noch ein Grunzen wie ein Tier ausstoßen könnte. Sein Vetter Cuche, der ehemalige Matrose, der ihm die Frau abspenstig gemacht habe, um sich an ihrem Tische und in ihrem Bette einzunisten, habe sich an demselben Morgen auf den Alten geworfen, um ihm den Garaus zu machen. »Mutter prügelt auch auf ihm herum. Des Nachts steht sie im Hemde mit dem Vetter auf und leert Töpfe kalten Wassers über Vater aus, weil er so laut flennt, das stört sie... Wenn Sie sähen, wie sie ihn zugerichtet haben, er ist ganz nackt, Fräulein, er hat Wäsche nötig, denn er liegt sich durch.« »Es ist gut, schweige!« unterbrach sie Lazare, während Pauline, mitleidig gestimmt, ein paar Bettücher holen ließ. Er fand sie für ihr Alter viel zu durchtrieben. Obgleich sie manchmal Ohrfeigen zu kosten bekam, fiel sie nach seiner Meinung manchmal selbst über ihren Vater her; ohne zu rechnen, daß alles, was man ihr an Geld, Fleisch und Wäsche gab, statt an den Kranken zu gelangen, den Schmausereien des Weibes und des Vetters diente. Er fragte sie kurz: »Was machtest du denn vorgestern in Houtelards Barke mit einem Manne, der das Weite suchte?« Sie lachte naseweis. »Das war kein Mann, das war der da«, antwortete sie mit dem Kinn eine Bewegung nach dem Sohne der Guche machend... »Er hatte mich von rückwärts gestoßen...« Er unterbrach sie von neuem. »Ja, ja, ich habe es wohl gesehen, du hattest deine Lumpen über dem Kopfe. Mit dreizehn Jahren, das fängt früh an.« Pauline hatte ihm die Hand auf den Arm gelegt, denn alle anderen Kinder, selbst die jüngsten, blickten mit lachenden Augen auf, in denen schon frühzeitige Laster flammten. Wie die Fäulnis in diesem Haufen aufhalten, in dem Weiber, Männer und deren Kinder verdarben? Als Pauline der Kleinen ein paar Bettücher und einen Liter Wein gegeben hatte, sprach sie einen Augenblick leise mit ihr, sie versuchte ihr Furcht vor den Folgen dieser ekelhaften Dinge einzuflößen, die sie krank und häßlich machen würden, bevor sie noch zum Weibe gereift sei. Das war die einzige Möglichkeit sie in Schranken zu halten. Um die Austeilung zu beschleunigen, hatte Lazare, den sie auf die Länge abstieß und ärgerte, die Tochter des Prouane zu sich gerufen: »Deine Eltern haben sich gestern abend wieder betrunken... Man hat mir gesagt, du seist noch berauschter als sie gewesen.« »O nein, Herr, ich hatte Kopfschmerzen.« Er stellte einen Teller mit rohen Fleischklößen vor sie hin. »Iß das.« Sie war von neuem von den Skrofeln verheert, nervöse Störungen hatten sich in der kritischen Zeit der Mannbarkeit eingestellt. Die Trunksucht verdoppelte das Leiden, denn sie hatte angefangen, mit den Eltern gemeinsam zu trinken. Nachdem sie drei Klöße verschlungen, machte sie mit trotzigem Gesicht eine Bewegung des Widerwillens. »Ich habe genug, ich kann nicht mehr.« Pauline hatte eine Flasche ergriffen und sagte: »Es ist gut, wenn du dein Fleisch nicht issest, bekommst du auch dein Gläschen Chinawein nicht.« Da überwand das Kind, die glänzenden Augen auf das volle Glas geheftet, seinen Widerwillen; dann leerte sie es und goß es sich mit der flinken Faustbewegung eines echten Trinkers in die Kehle. Aber sie ging noch nicht, sie bettelte das Fräulein an, sie möge ihr die Flasche mitgeben; es ermüde sie zu sehr, alle Tage zu kommen; sie versprach, sich mit der Flasche zu Bett zu legen, sie so gut unter ihren Röcken zu verbergen, daß ihre Eltern ihr den Wein nicht wegtrinken könnten. Das Fräulein schlug es ihr rundheraus ab. »Damit du sie auf einen Zug austrinkst, bevor du noch an den Strand heruntergekommen bist?« sagte Lazare. »Man traut dir nicht, du kleiner Weinschlauch.« Die Bank leerte sich, die Kinder verließen sie eines nach dem andern, um Geld, Brot und Fleisch in Empfang zu nehmen. Einige wollten nach Einhändigung ihres Teiles noch ein wenig beim Feuer verweilen, aber Veronika, die bemerkt hatte, daß man ihr das halbe Bündel Rüben verzehrt, schickte sie heim und jagte sie mitleidslos in den Regen hinaus: hatte man je so etwas gesehen! Rüben, die noch voller Erde waren! Bald war nur noch der Sohn der Cuche da mit mürrischem dummen Gesicht in der Erwartung der Strafpredigt des Fräuleins. Sie rief ihn bei Namen, sprach halblaut lange mit ihm, händigte ihm jedoch schließlich wie alle Sonnabende das Fünffrankenstück und das Brot ein; er entfernte sich mit dem Gange eines bösen und störrischen Tieres und dem Versprechen zu arbeiten, aber fest entschlossen, es nicht zu halten. Die Magd stieß endlich einen Seufzer der Erleichterung aus; plötzlich aber schrie sie auf: »Sie sind doch noch nicht alle fort? Da ist ja noch eine in der Ecke.« Es war die kleine Tourmal, die Mißgeburt von der Heerstraße, die trotz ihrer zehn Jahre die Gestalt einer Zwergin behielt. Nur ihre Dreistigkeit wuchs, sie wurde noch greinender, noch gieriger, in den Windeln schon auf das Betteln abgerichtet wie die Wunderkinder, denen man für die Purzelbäume im Zirkus die Knochen ausrenkt. Sie hockte zwischen dem Küchenspind und dem Kamin eingepfercht, als habe sie sich aus Furcht, bei etwas Bösem ertappt zu werden, in diesem Schlupfwinkel versteckt. »Was machst du da?« fragte Pauline. »Ich wärme mich.« Veronika schaute sich mit einem unruhigen Blick in der Küche um. An den vorhergehenden Sonnabenden waren, selbst wenn die Kinder auf der Terrasse saßen, unbedeutende Kleinigkeiten verschwunden. Es schien aber heute alles in Ordnung, und das Kind, das sich hastig aufgerichtet hatte, begann sie mit seiner schrillen Stimme zu betäuben. »Vater ist im Krankenhaus, Großvater hat sich bei der Arbeit verwundet, Mutter hat kein Kleid zum Ausgehen... Haben Sie Mitleid mit uns, gutes Fräulein.« »Willst du uns wohl in Ruhe lassen, du Lügnerin,« rief Lazare außer sich. »Dein Vater sitzt wegen Schmuggelei, und dein Großvater hat sich an dem Tage sein Handgelenk verrenkt, an dem er zu Roqueboise in den Austernbänken Verheerungen anrichtete. Wenn deine Mutter auch kein Kleid hat, so geht sie im Hemde auf Raub aus; denn man hat sie schon wieder angeklagt, dem Wirtshausbesitzer von Verchemont fünf Hühner erwürgt zu haben... Machst du dich über uns lustig, indem du uns Sachen vorlügst, die wir besser kennen als du? Geh, erzähle deine Geschichten den Leuten auf den Straßen.« Das Kind schien nicht einmal gehört zu haben. Es begann von neuem mit seiner unverschämten Sicherheit. »Haben Sie Mitleid, Fräulein, die Männer sind krank, und Mutter wagt sich nicht mehr heraus... Der liebe Gott wird es Ihnen vergelten...« »Hier! lauf und lüge nicht mehr«, sagte Pauline und gab ihr ein Geldstück, um ein Ende zu machen. Die Kleine ließ es sich nicht zweimal sagen. Mit einem Satze verließ sie die Küche und eilte, so schnell es ihre kurzen Beine erlaubten, über den Hof. Aber im nämlichen Augenblicke stieß die Magd einen Schrei aus. »Ach! mein Gott, der Becher, der auf dem Küchenspinde stand! Sie hat Fräuleins Becher mitgenommen.« Sie stürmte bereits der Diebin nach. Zwei Minuten später führte sie diese mit der grimmen Miene eines Gendarmen zurück. Man hatte alle Mühe sie zu durchsuchen, denn sie schlug um sich, biß und kratzte, wobei sie ein Geheul ausstieß, als wenn man sie umbringen wolle. Der Becher war nicht in ihrer Tasche, er steckte, an ihre Haut gepreßt, in dem Fetzen, der ihr als Hemd diente. Sie hörte zu weinen auf und behauptete frech, daß sie von nichts wisse, daß er auf sie gefallen sein müsse, als sie dort auf der Erde gesessen habe. »Der Herr Pfarrer hatte ganz richtig vorausgesagt, daß sie Sie bestehlen würde«, wiederholte Veronika. »Ich ließe an Ihrer Stelle die Polizei holen!« Lazare sprach ebenfalls vom Gefängnis, über die herausfordernde Art der Kleinen aufgebracht, die sich wie eine junge Natter aufbäumte, der man den Schwanz zertreten hat. Es juckte ihn ordentlich, sie zu ohrfeigen. »Gib wieder her, was man dir gegeben hat«, rief er. »Wo ist das Geldstück?« Sie führte es bereits an ihre Lippen, um es zu verschlingen, als Pauline sie befreite und sagte: »Behalte es nur und sage zu Hause, daß es das letzte gewesen ist. Ich werde in Zukunft selbst nachsehen, ob ihr etwas braucht... Fort!...« Man hörte ihre nackten Kinderfüße in die Pfützen tappen, dann wurde alles still. Veronika stieß die Bank fort, bückte sich mit einem Schwamme, um von den Fliesen die Nässe aufzuwaschen, die von den Lumpen abgetropft war. Wahrhaftig! selbst ihre Küche war von diesem Elend so verpestet, daß sie alle Türen und Fenster aufriß. Das Fräulein nahm ernst, ohne ein Wort zu sagen, Geldbeutel und Medizinkasten, während der Herr mit empörter Miene, vor Widerwillen und Langeweile gähnend, an den Brunnen gegangen war, um sich die Hände zu waschen. Das war Paulinens Kummer: sie sah, daß Lazare sich gar nicht für ihre kleinen Freunde aus dem Dorfe interessierte. Wenn er ihr auch des Sonnabends gern behilflich war, so tat er es einfach aus Gefälligkeit für sie; sein Herz war nicht dabei beteiligt. Sie stieß nichts ab, weder Armut noch Laster, während ihn die häßlichen Dinge ärgerten und betrübten. Sie blieb ruhig und heiter in ihrer Liebe zu den anderen, während er nicht aus sich selbst herauszutreten vermochte, ohne im Außenleben neue Ursachen der Verstimmung zu finden. Nach und nach begann er wirklich unter dieser unsauberen Schar zu leiden, in der bereits alle Sünden der Menschen gärten. Dieses Gezücht von Elenden verbitterte ihm vollends das Leben, er verließ sie gebrochen, mit Haß und Verachtung vor der menschlichen Herde. Diese zwei Stunden guter Werke machten ihn nur schlecht, er wollte die Almosen verweigern, er zog die Barmherzigkeit in das Lächerliche. Er rief, es sei das Klügste, dieses Nest Insekten mit dem Stiefelabsatze zu zermalmen, anstatt ihm beim Heranwachsen zu helfen. Pauline hörte ihn erstaunt über seine Heftigkeit an; sie war sehr bekümmert, daß ihre Empfindungen nicht die gleichen waren. An jenem Sonnabend machte der junge Mann, als sie allein waren, seinem ganzen Leiden in einem Satze Luft. »Ich glaube, einer Kloake zu entsteigen.« Dann fügte er hinzu: »Wie kannst du nur diese Ungeheuer lieben?« »Ich liebe sie ihrethalben, nicht meinethalben«, antwortete das junge Mädchen. »Du würdest einen räudigen Hund von der Straße aufheben.« Er machte eine abweisende Bewegung. »Ein Hund ist kein Mensch.« »Helfen, um zu helfen, ist das nichts?« begann sie wieder. »Es ist ärgerlich, daß sie sich nicht bessern, denn dadurch würde sich ihr Elend vielleicht vermindern. Aber wenn sie gegessen und sich gewärmt haben, genügt es mir, ich bin zufrieden: es ist immer ein Schmerz weniger... Warum sollen sie uns lohnen, was wir für sie tun?« Sie schloß traurig: »Mein armer Freund, ich sehe, es macht dir kein Vergnügen; da ist schon besser, du tust nicht mehr mit... Ich habe keine Lust, dein Herz zu entzweien und dich schlechter zu machen, als du bist.« Lazare entschlüpfte ihr, sie blutete innerlich; denn sie war von ihrer Ohnmacht, ihn aus dieser Zeit des Schreckens und der Langeweile befreien zu können, überzeugt. Angesichts seiner Nervosität konnte sie nicht an die Verheerungen des unzugestandenen Leidens allein glauben, sie vermutete noch andere Gründe hinter dieser Traurigkeit, und der Gedanke an Luise erwachte von neuem in ihr. Sie erstarrte zu Eis, versuchte aber den Stolz ihrer Entsagung wiederzufinden und schwor sich selbst, soviel Freude um sich zu verbreiten, daß sie zum Glücke all der Ihren genüge. Eines Abends sagte Lazare ein grausames Wort. »Wie vereinsamt man hier ist!« meinte er gähnend. Sie sah ihn an. War es eine Anspielung? Sie hatte nicht den Mut geradeheraus zu fragen. Ihre Güte lehnte sich dagegen auf, das Leben wurde ihr wieder zur Qual. Eine neue Erschütterung harrte Lazares; seinem alten Mathieu ging es nicht gut. Die Hinterfüße des armen Tieres, das im März vierzehn Jahre alt geworden, wurden immer mehr mitgenommen. Wenn ihn die Anfälle steif machten, vermochte er kaum zu gehen, er blieb im Hofe in der Sonne ausgestreckt liegen und überwachte die Menschen, die das Haus verließen, mit seinen schwermütigen Augen. Lazare beunruhigten besonders die trüb gewordenen, von einem bläulichen Nebelschleier verdunkelten Augen von dem unbestimmten Blau der Erblindeten. Trotzdem sah der Hund und schleppte sich noch hin, um seinen dicken Kopf auf die Knie seines Herrn legen zu können; dann sah er ihn starr an mit dem traurigen Ausdruck jemandes, der alles versteht. Er war nicht mehr schön: sein weißes und gekräuseltes Fell war gelblich geworden, seine ehemals so schwarze Nase ausgebleicht; seine Unsauberkeit und eine Art Scheu machten ihn zu einer jämmerlichen Erscheinung, denn aus Furcht vor seinem hohen Alter wagte man nicht mehr, ihn zu waschen. Alles Spielen hatte aufgehört, er wälzte sich nicht mehr auf dem Rücken umher, er wandte sich nicht mehr nach seinem Schwanze um, er hatte nicht einmal mehr Zärtlichkeitsanfälle für Minouches Junge, wenn die Magd sie zum Meere trug. Er verbrachte seine Tage jetzt in dem Halbschlummer eines alten Mannes, und das Aufrichten kostete ihm eine solche Mühe, er schleppte sich so schwerfällig auf seinen erschlafften Pfoten, daß oft einer aus dem Hause ihm von Mitleid ergriffen aufhalf, ihn eine Minute lang unterstützte, bis er weitergehen konnte. Blutverluste erschöpften ihn täglich mehr. Man hatte einen Tierarzt kommen lassen, der bei seinem Anblick in ein Gelächter ausgebrochen war. Wie? Man belästige ihn noch wegen eines solchen Hundes? Das beste sei, ihn totzuschlagen. Man müsse wohl das Leben eines Menschen zu verlängern suchen, aber wozu ein aufgegebenes Tier leiden lassen! Man hatte den Tierarzt an die Tür gesetzt und ihm seinen Besuch mit sechs Franken gelohnt. Eines Sonnabends verlor Mathieu so viel Blut, daß man ihn in den Schuppen einsperren mußte. Er verstreute einen Regen großer, roter Tropfen hinter sich. Als Doktor Cazenove gerade frühzeitig kam, bot er Lazare an, sich den Hund anzusehen, den man wie ein Glied der Familie behandelte. Sie fanden ihn mit erhobenem Kopfe liegen, sehr schwach, aber noch lebhaften Auges. Der Arzt untersuchte ihn lange mit der nachdenklichen Miene, die er an jedem Krankenlager anzunehmen pflegte. Endlich sagte er: »So reichlicher Blutverlust rührt von einer krebsartigen Entartung der Nieren her... Er ist verloren. Aber er kann sich noch ein paar Tage halten, falls er nicht von einer plötzlichen Blutung hingerafft wird.« Der verzweifelte Zustand Mathieus trübte die Mahlzeit. Man rief sich ins Gedächtnis zurück, wie sehr Frau Chanteau ihn geliebt hatte, wie er die jungen Hunde erwürgte, und seine Jugendstreiche, die vom Rost gestohlenen Koteletten, die noch warm ausgeschlürften Eier. Als aber beim Nachtisch der Abbé Horteur seine Pfeife hervorzog, kam die Heiterkeit wieder zum Durchbruch, man hörte ihn Neues von seinen Birnbäumen berichten, die in diesem Jahr vorzüglich zu gedeihen versprachen. Chanteau sang trotz des Prickelns eines nahen Anfalles ein derbes Lied aus seinen Zwanziger-Jahren. Der Abend verlief allerliebst. Lazare selbst wurde heiter. Plötzlich gegen neun Uhr, als man gerade den Tee reichte, rief Pauline: »Da ist ja auch der arme Mathieu.« In der Tat glitt dieser, auf seinen Pfoten taumelnd, blutend und abgemagert in das Speisezimmer. Sogleich vernahm man auch Veronika, die ihm mit einem Scheuerlappen nachlief. Sie erschien mit dem Ausrufe: »Ich hatte in der Remise zu tun, da ist er entschlüpft. Bis zum Ende muß er sein, wo Sie sind; keine Möglichkeit, einen Schritt zu tun, ohne ihn in den Röcken zu haben... Vorwärts, komm, du kannst nicht da bleiben.« Der Hund senkte mit sanfter und demütiger Gebärde seinen alten Kopf. »Ach, laß ihn!« flehte Pauline. Aber die Magd wurde ärgerlich. »Diesmal nicht!... Ich habe es satt, das Blut hinter ihm her aufzuwischen. Seit zwei Tagen ist meine Küche voll davon. Es ist ekelhaft. Das Eßzimmer wird sauber aussehen, wenn er sich überall hinschleppt... Vorwärts, hopp! Willst du wohl schnell machen?« »Laß ihn«, wiederholte Lazare. »Geh!« Während Veronika wütend die Tür schloß, kam Mathieu herbei, als habe er verstanden und stützte seinen Kopf auf das Knie seines Herrn. Alle wollten ihm eine Freude bereiten, man zerbrach Zucker und versuchte ihn aufzumuntern. Früher bestand das abendliche Vergnügen darin, daß man weit von ihm entfernt, auf die andere Seite des Tisches ein Stück Zucker hinlegte; er machte dann schnell die Runde, aber schon hatte man das Stück fortgenommen und es an das andere Ende gelegt; so lief er unaufhörlich um den Tisch herum, bis er betäubt, bestürzt von dieser Taschenspielerei laut zu bellen anfing. Dieses Spiel versuchte Lazare mit ihm von neuem, in dem barmherzigen Gedanken, dem traurigen, schon mit dem Tode kämpfenden Tiere eine Erholung zu verschaffen. Der Hund wedelte einen Augenblick mit dem Schweife, ging einmal herum, dann stolperte er an Paulinens Stuhl. Er sah den Zucker nicht, sein abgezehrter Körper fiel auf die Seite, das Blut floß in roten Tropfen um den Tisch herum. Chanteau trällerte nicht mehr, das Mitleid schnürte jedem das Herz zusammen bei dem Anblick des armen, sterbenden Mathieu, der blind umhertastete; alle erinnerten sich der Streiche des gefräßigen Mathieu von ehemals. »Ermüdet ihn nicht«, sagte der Doktor sanft. »Ihr tötet ihn.« Der Pfarrer, der bisher still geraucht hatte, bemerkte, zweifelsohne um seine Teilnahme zu erklären: »Diese großen Hunde sind, möchte man sagen, Menschen.« Als um zehn Uhr der Priester und der Arzt fortgegangen waren, schloß Lazare selbst, ehe er in sein Zimmer hinaufstieg, Mathieu im Schuppen ein. Er bettete ihn auf frischem Stroh, sah nach, ob er seinen Napf Wasser hatte, umarmte ihn und wollte ihn dann allein lassen. Aber der Hund hatte sich schon unter mühseligen Anstrengungen erhoben und folgte ihm. Er mußte ihn dreimal niederlegen. Endlich fügte er sich; er blieb mit erhobenem Kopfe liegen und sah mit so wehmütigen Blicken seinen Herrn sich entfernen, daß dieser verzweifelt umkehrte und ihn noch einmal umarmte. Oben versuchte Lazare, bis Mitternacht zu lesen. Dann legte er sich schließlich nieder. Aber er konnte nicht einschlafen, der Gedanke an Mathieu verließ ihn nicht. Er sah ihn noch immer auf dem Stroh liegen, den unsteten Blick der Tür zugewendet. Morgen war sein Hund tot. Wider Willen richtete er sich jeden Augenblick auf, horchte und meinte, ihn im Hofe bellen zu hören. Seine lauschenden Ohren vernahmen allerlei eingebildete Geräusche. Gegen zwei Uhr war es ein Stöhnen, das ihn vom Bette aufschreckte. Wo wurde denn geweint? Er ging auf die Treppe hinaus, das Haus war finster und still, kein Atemzug drang aus Paulinens Zimmer. Da konnte er dem Verlangen hinunterzugehen nicht mehr widerstehen. Die Hoffnung, seinen Hund noch wiederzusehen, trieb ihn zur Eile an. Er ließ sich kaum Zeit, in die Beinkleider zu schlüpfen, und ging hastigen Schrittes mit dem Licht hinunter. Mathieu war in dem Schuppen nicht auf dem Stroh liegen geblieben. Er hatte sich eine Strecke weit, bis auf die festgestampfte Erde geschleppt. Als er seinen Herrn eintreten sah, fand er nicht einmal mehr die Kraft, den Kopf aufzuheben. Nachdem dieser das Licht zwischen alte Balken gestellt, hatte er sich niedergehockt, erstaunt über die schwarze Farbe des Bodens; mit schwerem Herzen fiel er auf die Knie, als er bemerkte, daß der Hund in einer großen Blutlache liegend mit dem Tode kämpfte. Es war sein entströmendes Leben, er wedelte schwach mit dem Schwanze, während aus seinen tiefen Augen ein Leuchten hervordrang. »Ach, mein armer Hund!« murmelte Lazare. »Mein armer, alter Hund!« Er sprach laut: »Warte, ich werde dich an einen anderen Platz bringen... Nein, das tut dir weh... Aber du bist ganz durchnäßt! Und ich habe nicht einmal einen Schwamm... Willst du vielleicht trinken?...« Mathieu sah ihn immer unverwandt an. Nach und nach bewegte ein Röcheln seine Flanken. Geräuschlos, wie aus einem verborgenen Quell genährt, vergrößerte sich die Blutlache. Leitern und bodenlose Tonnen warfen mächtige Schatten, das Licht brannte schlecht. Da raschelte das Stroh: es war die Katze, Minouche, die sich auf dem für Mathieu bereiteten Lager niedergelegt hatte und sich vom Lichte belästigt fühlte. »Willst du trinken, mein armer, alter Hund?« wiederholte Lazare. Er hatte einen Wischlappen gefunden, tauchte ihn in den Wassernapf und preßte ihn auf die Schnauze des sterbenden Tieres. Das schien ihm Erleichterung zu verschaffen, seine vom Fieber aufgesprungene Nase kühlte sich ein wenig ab. So verging eine halbe Stunde, er kühlte ihn unablässig mit dem Wischlappen, die Augen voll von dem jammervollen Schauspiel, die Brust von einer unendlichen Traurigkeit beklemmt. Wie an dem Bette eines Kranken überkamen ihn tolle Hoffnungen; vielleicht konnte er durch diese einfachen Waschungen das Leben zurückrufen. »Was? Was?« sagte er plötzlich. »Du willst dich auf deine Pfoten stellen?« Von einem Schauer durchrüttelt, machte Mathieu Anstrengungen, um sich aufzurichten. Er streckte seine Glieder, während ein Schlucken, ein hohles Schlagen der Flanken ihm den Hals schwellte. Aber das war das Ende, er stürzte zwischen den Knien seines Herrn zusammen, von dem er die Augen nicht abwandte; er versuchte ihn noch unter seinen schweren Augenlidern hervor zu erblicken. Durch diesen Blick eines Sterbenden außer Fassung gebracht, behielt ihn Lazare bei sich; der große Körper, lang und schwer wie der eines Menschen, kämpfte in seinen trostlos zitternden Armen einen menschlichen Todeskampf. Dann sah er wirkliche Tränen, dicke Tränen aus des Hundes verschleierten Augen rollen, während sich aus seinem krampfhaften Munde die Zunge zu einer letzten Liebkosung hervorstreckte. »Mein armes, altes Hündchen!« rief Lazare, selbst in Schluchzen ausbrechend. Mathieu war tot. Ein wenig blutiger Schaum floß aus seinen Lefzen. Als er ihn auf die Erde bettete, schien er zu schlafen. Nun fühlte Lazare, daß wieder einmal alles zu Ende war. Jetzt starb sein Hund, es war ein maßloser Schmerz, eine Verzweiflung, in der sein ganzes Leben unterging. Dieser Tod erinnerte an die früheren Todesfälle; der Kummer war nicht schrecklicher gewesen, als er den Hof hinter dem Sarge seiner Mutter durchschritt. Die Monate verborgenen Schmerzes erstanden von neuem: seine unter Beklemmungen verbrachten Nächte, seine Spaziergänge nach dem kleinen Kirchhofe, sein Entsetzen vor der Ewigkeit des »Niemals mehr«. Ein Geräusch machte sich hörbar, Lazare wendete sich um und sah Minouche, die sich ruhig auf dem Stroh putzte. Aber die Tür hatte geknarrt. Pauline kam, von dem nämlichen Gedanken wie ihr Vetter getrieben. Als er sie bemerkte, weinte er noch heftiger; er, der mit einer Art wilder Scheu den Kummer über seine Mutter zu verbergen sich bemüht hatte, schrie jetzt: »Mein Gott! Mein Gott! sie liebte ihn so sehr! Erinnerst du dich? Sie hatte ihn ganz klein erhalten, sie gab ihm zu fressen, und ihr folgte er überallhin im Hause!« Dann fügte er hinzu: »Jetzt ist niemand mehr da, wir sind zu einsam!« Paulinens Augen füllten sich mit Tränen. Sie hatte sich in dem fahlen Lichte der Kerze über den armen Mathieu gebeugt. Sie machte keinen Versuch, Lazare trösten zu wollen, sie hatte nur eine Bewegung der Entmutigung; sie fühlte sich unnütz und ohnmächtig. Achtes Kapitel. Auf dem Grunde von Lazares Traurigkeit schlummerte die Langeweile, eine schwerlastende, beständige Langeweile, die aus allem hervordrang wie das trübe Wasser aus einer vergifteten Quelle. Ihn langweilte die Ruhe, die Arbeit und noch mehr als über alles andere langweilte er sich über sich selbst. War es nicht eine Schande, daß ein Mann seines Alters die Jahre der Kraft in diesem Loche Bonneville zubrachte? Bis zur Stunde hatte er wohl Vorwände gehabt; aber jetzt hielt ihn nichts mehr zurück, er verachtete sich selbst, daß er nutzlos den Seinen zur Last war, die selbst kaum zu leben hatten. Er hätte ihnen ein Vermögen erwerben müssen: es war ein Bankerott seinerseits, denn er hatte es sich früher geschworen. Die Zukunftspläne, die großen Unternehmungen, der geniale Einfall, der ihm Reichtum bringen sollte, sie fehlten noch immer nicht. Nur wenn er sich von dem Traume losmachte, verspürte er nicht mehr den Mut zum Beginn einer Tätigkeit. »Das kann so nicht fortgehen,« sagte er oft zu Pauline, »ich muß arbeiten. Ich habe Lust, in Caen eine Zeitung zu gründen.« Sie antwortete ihm jedesmal: »Warte das Ende der Trauer ab, es eilt nicht. Denke wohl darüber nach, ehe du dich in ein solches Unternehmen stürzest.« In Wahrheit zitterte sie trotz ihres Wunsches, ihn beschäftigt zu sehen, bei dem Gedanken an diese Zeitung. Ein neues Fehlschlagen würde ihn vielleicht vernichtet haben; sie erinnerte sich der fortwährenden Fehlschläge, der Musik, der Medizin, der chemischen Fabrik, alles dessen, was er unternommen hatte. Zwei Stunden später weigerte er sich übrigens, wie von Müdigkeit zerschlagen, einen Brief zu schreiben. Es verstrichen Wochen, eine Hochflut spülte drei Häuser von Bonneville weg. Wenn die Fischer jetzt Lazare begegneten, fragten sie ihn, ob er genug davon habe. Man konnte nichts dagegen tun, aber das wurmte einen doch, so viel gutes Holz verloren zu sehen. In ihren Klagen, in der Art, wie sie ihn anflehten, den Ort nicht von den Wogen begraben zu lassen, lag der verbissene Spott von Matrosen, die stolz auf ihr Meer mit den todbringenden Krallen sind. Er erregte sich nach und nach so darüber, daß er das Dorf zu durchschreiten vermied. Der Anblick der Trümmer des Bollwerks und der Stakete wurde ihm schon aus der Ferne unerträglich. Prouane hielt ihn eines Tages fest, als er gerade beim Pfarrer eintreten wollte. »Herr Lazare,« sagte er bescheiden mit einem boshaften Lächeln in den Augenwinkeln, »wissen Sie, daß die Stücke Holz da unten verfaulen?« »Ja, weiter?« »Wenn Sie nichts damit anfangen, könnten Sie sie uns geben... Wenigstens wärmen wir uns damit.« Ein zurückgehaltener Zorn riß den jungen Mann fort. Er antwortete lebhaft, ohne selbst einmal daran gedacht zu haben: »Unmöglich, in der nächsten Woche lasse ich die Zimmerleute wieder anfangen.« Von da an lärmte der ganze Ort. Man sollte also den; Tanz noch einmal zu sehen bekommen; der junge Chanteau hatte es sich in den Kopf gesetzt. So vergingen vierzehn Tage; wenn die Fischer ihn nur sahen, fragten sie ihn, ob er nicht anfange, weil er keine Arbeiter gefunden habe. So fing er endlich an, sich wirklich mit den Pfählen zu beschäftigen; er gab damit auch seiner Base nach, die ihn in ihrer Nähe beschäftigt sehen wollte. Aber er machte sich ohne Eifer daran; nur sein Groll gegen das Meer hielt ihn aufrecht, denn er war dessen Zähmung sicher, es werde schon kommen und wie ein gehorsames Tier die Uferkiesel von Bonneville lecken. Noch einmal zeichnete Lazare einige Entwürfe. Er hatte neue Widerstandswinkel berechnet und die Grundstützen verdoppelt. Trotzdem würden die Kosten nicht sehr hoch sein, da man das alte Holz zum größten Teile verwenden konnte. Der Zimmermann überreichte einen Voranschlag, der sich auf viertausend Franken belief. Angesichts der geringen Bedeutung dieser Summe war Lazare einverstanden, daß Pauline sie vorschoß; er war überzeugt, wie er sagte, von dem Generalrat ohne Mühe die Unterstützung zu erhalten; dies war überhaupt die einzige Möglichkeit, die erste Ausgabe vergütet zu sehen; denn der Rat werde sicher nicht einen Sou bewilligen, solange die Verpfählungen nur Trümmer blieben. Dieser Gesichtspunkt der Frage erwärmte ihn ein wenig, die Arbeiten wurden in flotten Gang gebracht. Überdies war er sehr beschäftigt; er begab sich Woche für Woche nach Caen, um den Präfekten und die einflußreichen Räte zu sprechen. Man hatte gerade die Balken gelegt, als er endlich durchsetzte, daß ein Ingenieur zur Berichterstattung abgesandt werden solle, worauf dann der Rat sofort über den Beitrag abstimmen werde. Der Ingenieur blieb einen ganzen Tag in Bonneville, ein reizender Mann, der nach seinem Spaziergange am Strande bereitwillig bei den Chanteaus frühstückte; diese vermieden aus Bescheidenheit, ihn über seine Meinung zu befragen, da sie ihn nicht beeinflussen wollten; aber er war bei Tische so galant zu Pauline, daß diese von da an selbst an den Erfolg der Sache glaubte. Als vierzehn Tage später Lazare von einer Reise nach Caen heimkehrte, war das Haus nicht wenig überrascht und bestürzt über die Nachricht, die er mitbrachte. Er erstickte vor Zorn: hatte dieser Schönling von einem Ingenieur nicht einen schauderhaften Bericht erstattet! Er war höflich geblieben, aber er hatte über jedes Stück Holz mit einer außerordentlichen Fülle technischer Worte seinen Spott getrieben. Im übrigen hätte man darauf gefaßt sein können; diese Art Herren wollen glauben machen, daß man ohne sie nichts machen könne, und wenn auch nur eine Kaninchenbude zu bauen sei. Das Schlimmste war, daß der Generalrat die Eingabe um Zuschuß zurückgewiesen hatte. Das wurde für den jungen Mann zu einem neuen Anfall der Entmutigung. Die Balken standen, versicherte er, daß sie dem stärksten Seegange Trotz leisten und alle vereinigten Ingenieure vor eifersüchtiger Wut platzen lassen würden; aber alles das konnte das Geld nicht in die Hände seiner Base zurückbringen; er geriet in bittere Verzweiflung, sie in diese Niederlage hineingezogen zu haben. Sie aber hatte ihre Sparsamkeitsgedanken überwunden, nahm die ganze Verantwortlichkeit auf sich und berief sich darauf, ihn zur Annahme dieser Vorschüsse gezwungen zu haben; das war auch eine Barmherzigkeit, sie bedauerte nichts, hätte selbst noch mehr gegeben, um das unglückliche Dorf zu retten. Als indessen der Zimmermann mit der Rechnung kam, konnte sie eine Bewegung schmerzlichen Staunens nicht zurückhalten: die viertausend Franken des Anschlages waren beinahe achttausend geworden. Im ganzen hatte sie mehr als zwanzigtausend Franken in jene Balken gesteckt, die der erste Sturm hinwegfegen konnte. In dieser Zeit war Paulinens Vermögen auf vierzigtausend Franken zusammengeschmolzen. Das waren zweitausend Franken Rente, gerade genug zum Leben, wenn sie sich eines Tages allein auf dem Straßenpflaster befinden sollte. Das Geld war nach und nach in dem Hause daraufgegangen, wo sie noch immer mit offenen Händen zahlte. Von da an überwachte sie mit der Strenge einer klugen Haushälterin die Ausgaben. Die Chanteaus hatten nicht einmal mehr ihre dreihundert Franken monatlich; denn nach dem Tode der Mutter hatte man den Verkauf verschiedener Rententitel bemerkt, ohne zu entdecken, was aus den in Anspruch genommenen Summen geworden. Fügte sie die eigene Rente zu jener der Chanteaus, so hatte sie kaum über vierhundert Franken monatlich, der Haushalt kostete schweres Geld, und sie mußte wahre Wunder an Sparsamkeit verrichten, um ihre Almosengelder zu retten. Seit dem letzten Winter hatte die Vormundschaft des Doktor Cazenove ein Ende genommen, Pauline war mündig und verfügte unbeschränkt über ihr Vermögen und ihre Person; der Doktor belästigte sie zweifelsohne nicht, denn er weigerte sich geradezu, um Rat gebeten zu werden, und sein Auftrag hatte gesetzlich bereits seit Wochen aufgehört, ehe die beiden dessen inne wurden; aber sie fühlte sich trotzdem jetzt reifer und freier, als sei sie ganz Frau geworden, denn sie sah sich als Herrin des Hauses ohne einen Zwang der Rechnungslegung, von ihrem Onkel angefleht, alles zu ordnen und ihm nie über etwas zu sprechen. Auch Lazare hatte ein Entsetzen vor Geldfragen. Sie verwaltete daher die gemeinschaftliche Kasse und vertrat ihre Tante mit einem praktischen Verstande, der die beiden Männer manchmal in Erstaunen setzte. Nur Veronika fand sie sehr »filzig«: mußte man sich jetzt nicht mit einem Pfund Butter des Sonnabends begnügen! Die Tage folgten einander in einförmiger Regelmäßigkeit. Diese Ordnung, diese unaufhörlich von vorn beginnenden Gewohnheiten, die in Paulinens Augen das Glück ausmachten, verschlimmerten Lazares Langeweile bedeutend. Nie war er mit solcher Unruhe durch das Haus gewandelt als während des lächelnden Friedens, in den sie jedes Zimmer hüllte. Die Beendigung der Arbeiten an der Küste wurde für ihn eine wahre Erleichterung, denn jede vorgefaßte Meinung hielt ihn in ihrem Banne, und sobald er wieder in seinen Müßiggang zurückgesunken war, verzehrten ihn auch Scham und Unbehagen. Jeden Morgen änderte er seine Zukunftspläne: der Gedanke an eine Zeitung wurde als unwürdig verworfen, er geriet in Zorn gegen die Armut, die ihm nicht gestattete, sich ruhig einem großen literarisch-geschichtlichen Werke hinzugeben; dann liebäugelte er mit dem Plane Professor zu werden, die Prüfungen zu machen, wenn es sein müßte und sich für seine Arbeit als Schriftsteller den nötigen Brotverdienst zu sichern. Zwischen ihm und Pauline schien nur die Kameradschaft von früher übrig zu bleiben, eine gewohnheitsgemäße Zärtlichkeit, die sie zu Schwester und Bruder machte. In dieser engen Vertraulichkeit sprach er nie von ihrer Heirat, sei es aus völliger Vergessenheit, sei es, weil es eine zu oft wiederholte Geschichte war, die sich ohne Rederei vollziehen werde. Auch sie vermied es davon zu sprechen, überzeugt, daß er beim ersten Worte einwillige. Trotzdem hatte bei ihr das Verlangen nach Lazare bereits täglich abgenommen: sie fühlte es, ohne zu verstehen, daß ihre Ohnmacht ihn vor der Langenweile zu retten, keine andere Ursache hatte. Eines Abends in der Dämmerstunde stieg sie zu ihm hinauf, um ihm zu sagen, daß aufgetragen sei; dabei ertappte sie ihn, wie er hastig einen Gegenstand verbarg, den sie nicht erkennen konnte. »Was hast du denn da?« fragte sie lachend. »Verse für meinen Namenstag?« »Aber nein«, sagte er sehr aufgeregt, mit wankender Stimme. »Nichts.« Es war ein alter, von Luise vergessener Handschuh, den er hinter einem Stoß Bücher gefunden hatte. Dieser Handschuh von sächsischem Leder hatte noch einen starken Geruch bewahrt, diesen ausgesprochenen Wildgeruch, den das Lieblingsparfüm des jungen Mädchens, Heliotrop, durch einen Zusatz von Vanille milderte; er, auf den Gerüche einen großen Eindruck machten, war von diesem Gemisch von Blumen und Fleisch heftig erregt; den Handschuh auf den Lippen sog er die Wollust seiner Erinnerungen ein. Von dem Tage an begann er über die klaffende Leere fort, die der Tod seiner Mutter in ihm geschaffen, Luise zu begehren. Zweifelsohne hatte er sie nie vergessen; aber sie schlummerte während seiner Schmerzen, und es bedurfte dieses Gegenstandes von ihr, um sie wieder zum Leben zu erwecken, ja ihn die Wärme des Atem fühlen zu lassen. War er allein, so holte er diesen Handschuh wieder hervor, atmete den Duft ein, küßte ihn, glaubte noch, sie in seinen Armen zu halten, den Mund heiß auf ihren Nacken zu pressen. Das nervöse Unbehagen, in dem er lebte, die durch seine lange Trägheit herbeigeführte Erregung machten diesen fleischlichen Rausch noch lebhafter. Es waren wahre Ausschweifungen, in denen er erschlaffte. Er ging unzufrieden über sich selbst aus ihnen hervor, verfiel ihnen trotzdem wieder, von einer Leidenschaft hingerissen, über die er nicht Meister war. Das erhöhte seine düstere Stimmung, es kam so weit, daß er seiner Base schroff gegenübertrat, als wenn er ihr seiner eigenen Torheiten halber grolle. Sie ließ seine Sinne kalt, und er floh manchmal aus einer gemeinsamen heiteren und ruhigen Plauderei, um seinem Laster nachzugehen, sich einzuschließen und sich in der brennenden Erinnerung an die andere zu verzehren. Dann ging er mit dem Widerwillen gegen das Leben wieder hinunter. In einem Monat verwandelte er sich so sehr, daß die verzweifelte Pauline entsetzliche Nächte verlebte. Am Tage über blieb sie tapfer immer auf den Füßen in diesem Hause, das sie mit ihrer Miene sanfter Autorität leitete. Des Abends aber, wenn sie das Zimmer geschlossen hatte, war es auch ihr erlaubt, ihren Kummer zu haben; dann schwand all ihr Mut, und sie weinte wie ein schwaches Kind. Ihr blieb keine Hoffnung mehr, der Schiffbruch ihrer Güte wurde täglich fühlbarer. War es denn wirklich möglich? Die Barmherzigkeit genügte also nicht, man konnte die Menschen lieben und sie dennoch unglücklich machen? Denn sie sah ihren Vetter unglücklich, und er war es vielleicht durch ihre Schuld. Auf dem Grunde ihres Zweifels wuchs auch die Furcht vor einem nebenbuhlerischen Einflusse. Eine geraume Zeit war sie beruhigt gewesen, denn sie hatte sich die düstere Stimmung mit der Trauer des Hauses erklärt; jetzt aber kam ihr wieder der Gedanke an Luise, dieser Gedanke, der in ihr nach dem Todestage der Frau Chanteau wach geworden, den sie mit dem stolzen Vertrauen auf ihre Zärtlichkeit verscheucht hatte, und der jetzt jeden Abend in der Niederlage ihres Herzens von neuem erwachte. Das war es, was Pauline heimsuchte. Sobald sie die Kerze hingestellt hatte, sank sie auf den Rand ihres Bettes nieder, ohne den Mut zum Entkleiden zu finden. Ihre seit dem Morgen währende Heiterkeit, ihre Ordnung und Geduld erdrückten sie wie ein zu schweres Gewand. Der Tag war – wie die verstrichenen und wie die kommenden Tage – unter dieser Langeweile Lazares verlaufen, die das ganze Haus zur Verzweiflung brachte. Was half es, daß sie sich zur Freude zwang, da sie diesen Winkel doch nicht mit Sonne erwärmen konnte? Das alte, grausame Wort tönte wieder: man lebte zu einsam, die Schuld lag in ihrer Eifersucht, die alle vertrieben hatte. Sie nannte Luise nicht, sie wollte nicht einmal an sie denken, und trotzdem sah sie dieselbe mit ihrem hübschen Gesichte vorüberziehen, Lazare mit ihrem gefallsüchtigen Schmachten unterhalten und mit dem Rauschen ihrer Röcke erheitern. Minuten vergingen, sie konnte ihr Bild nicht verscheuchen. Zweifelsohne erwartete er dieses Mädchen; holte man sie, so wäre nichts leichter als seine Heilung. Jeden Abend, wenn Pauline in ihr Zimmer ging und sich kraftlos auf den Rand ihres Bettes niederließ, tauchte das nämliche Bild vor ihr auf, und sie wurde von dem Glauben gemartert, daß das Glück der Ihren vielleicht in den Händen der andern liege. Dennoch dauerten die Empörungen in ihr fort. Sie verließ, dem Ersticken nahe, ihr Bett und öffnete eilends das Fenster. Stundenlang blieb sie vor dieser schwarzen Unermeßlichkeit des Meeres, dessen Klagen sie hörte, mit aufgestützten Ellbogen, ohne schlafen zu können, die brennende Brust dem Meereswinde darbietend. So jämmerlich werde es nie mit ihr bestellt sein, daß sie die Rückkehr dieses Mädchens dulde. Hatte sie beide nicht bei einer Umarmung überrascht? War das nicht der niedrigste Verrat, so nahe bei ihr, im Nebenzimmer, in diesem Hause, das sie als das ihrige betrachtete? Diese Schlechtigkeit konnte nicht vergeben werden, es hieße sich zur Mitschuldigen machen, wenn man sie wieder zurückführte. Ihr eifersüchtiger Groll fieberte noch mehr bei den Bildern, die sie heraufbeschwor; sie erstickte vor Schluchzen, das Antlitz auf die nackten Arme, die Lippen auf ihr Fleisch gepreßt. Die Nacht schritt vor, der Wind streifte ihren Hals, spielte mit ihrem Haar, ohne den Zorn zu beruhigen, der das Blut in ihren Adern zum Kochen brachte. Aber dumpf und unbezwinglich dauerte der Kampf zwischen ihrer Güte und ihrer Leidenschaft fort, selbst in den heftigsten Anfällen von Empörung. Eine ihr wie fremd vorkommende Stimme der Milde sprach hartnäckig ganz leise in ihr von den Freuden des Almosens, dem Glück, sich anderen zu widmen. Sie wollte sie zum Schweigen bringen: diese bis zur Feigheit getriebene Selbstverleugnung war ein Blödsinn; trotzdem horchte sie darauf, denn es wurde ihr bald unmöglich, sich ihrer zu erwehren. Nach und nach erkannte sie ihre eigene Stimme und überlegte; was wollte ihr Leiden besagen, wenn nur die von ihr geliebten Wesen glücklich waren? Sie schluchzte leiser, lauschte der steigenden Flut in der Tiefe der nächtlichen Finsternis, erschöpft und krank, ohne noch überwunden zu sein. In einer Nacht hatte sie sich, nachdem sie lange am Fenster geweint, zu Bett gelegt. Als sie ihr Licht ausgelöscht hatte und mit weit geöffneten Augen im Dunkel dalag, faßte sie plötzlich einen Entschluß: am nächsten Morgen wollte sie ihren Onkel vor allem an Luise schreiben lassen und sie bitten, einen Monat in Bonneville zu verbringen. Nichts schien ihr natürlicher, leichter. Sie verfiel sofort in einen guten Schlaf, seit Monaten hatte sie nicht so fest geschlummert. Als sie aber am nächsten Morgen zum Frühstück heruntergekommen war und sich wieder zwischen Onkel und Vetter an diesem Familientische sah, an dem ihre Plätze durch drei Milchnäpfe bezeichnet waren, drohte sie plötzlich zu ersticken, sie fühlte ihren Mut schwinden. »Du ißt nicht,« sagte Chanteau, »was hast du denn?« »Ich habe nichts«, antwortete sie. »Im Gegenteil, ich habe wie eine Selige geschlafen.« Lazares bloßer Anblick erneuerte ihren Kampf. Er aß schweigend, von diesem neuen, erst beginnenden Tage schon wie ermattet; und sie fühlte nicht mehr die Kraft ihn einer andern zu geben! Der Gedanke, daß eine andere ihn nehmen, ihn küssen werde, um ihn zu trösten, war ihr unerträglich. Als er gegangen war, wollte sie dennoch tun, was sie beschlossen hatte. »Geht es mit deinen Händen heute schlechter?« fragte sie ihren Onkel. Er schaute seine Hände an, die von den Steingebilden heimgesucht wurden, und ließ mühsam die Gelenke spielen. »Nein«, antwortete er. »Die Rechte scheint sogar geschmeidiger zu sein ... Wenn der Pfarrer kommt, werden wir eine Partie zusammen machen.« Nach einer Pause fügte er hinzu: »Warum fragst du mich danach?« Ohne Zweifel hatte sie gehofft, er werde nicht schreiben können. Sie errötete, verschob den Brief feige auf den folgenden Tag und stammelte: »Mein Gott, um es zu wissen.« Von dem Tage an verlor sie ihre ganze Ruhe. In ihrem Zimmer gelang ihr nach tränenreichen Stunden der Sieg; sie nahm sich fest vor, am nächsten Morgen ihrem Onkel den Brief zu diktieren. Sobald sie aber das tägliche Leben in der Wirtschaft zwischen ihren Geliebten wieder begann, verlor sie die Kraft. Unbedeutende Vorkommnisse selbst brachen ihr das Herz: so, wenn sie für ihren Vetter das Brot schnitt, wenn sie die Schuhe des jungen Mannes der Sorge der Magd empfahl; kurz – der gewohnte, althergebrachte Gang der Familie. Man hätte so glücklich sein können mit diesen alten Gewohnheiten des häuslichen Herdes! Wozu eine Fremde rufen? Warum so angenehme Dinge ändern, unter denen sie bereits soviele Jahre lebten? Bei dem Gedanken, daß eines Tages nicht mehr sie so das Brot schneiden und über die Kleidung wachen werde, packte sie eine Verzweiflung, sie fühlte das zuversichtlich erwartete Glück ihres Daseins zusammenbrechen. Diese Qual, die sich in die geringsten häuslichen Sorgen mischte, vergiftete ihre Tage wirtschaftlicher Tätigkeit. »Warum das nur?« fragte sie manchmal laut, »wir lieben uns und sind nicht glücklich ... Unsere Liebe verbreitet nur Unglück um uns her.« Sie suchte ohne Unterlaß nach der Erklärung. Vielleicht kam es davon, daß ihr Charakter und der ihres Vetters nicht zusammenpaßten. Sie wollte sich beugen, auf jeglichen persönlichen Willen verzichten; es gelang ihr nicht, die Vernunft war stärker; sie war versucht den anderen Dinge aufzuerlegen, die sie für vernünftig hielt. Manchmal ging ihre Geduld zu Ende, und dann wurde geschmollt. Sie wollte lachen, ihr Elend in Heiterkeit ertränken; aber sie konnte es nicht mehr, sie verlor ihrerseits die Kraft. »Das ist nett!« wiederholte Veronika vom Morgen bis zum Abend. »Sie sind nur drei und werden sich schließlich noch gegenseitig verschlingen ... Die Frau hatte ihre schlimmen Tage, aber solange sie da war, ging man noch nicht soweit, sich die Schüsseln an den Kopf zu werfen.« Auch Chanteau empfand die Wirkungen dieser langsamen, durch nichts erklärbaren Entfremdung. Wenn er einen Anfall hatte, riß er das Maul noch weiter auf, wie die Magd sagte. Er hatte dann Launen und Heftigkeitsanfälle, ein Bedürfnis, die Umgebung fortwährend zu quälen. Das Haus wurde wieder zur Hölle. Während der letzten Eifersuchtsanfälle fragte sich das junge Mädchen, ob sie das Recht habe, ihr Glück Lazare aufzudrängen. Sicher wollte sie ihn vor allem glücklich sehen, selbst um den Preis ihrer Tränen. Warum ihn also einschließen, ihn zu einer Einsamkeit zwingen, unter der er zu leiden schien? Er liebte sie doch zweifelsohne, er würde zu ihr zurückkehren, wenn er sie besser beurteilen und Vergleiche zwischen ihr und der andern anstellen würde. Auf jeden Fall mußte sie ihm erlauben zu wählen: das war gerecht, und das Gerechtigkeitsgefühl blieb in ihr obenauf herrschend. Alle drei Monate begab sich Pauline nach Caen, um ihre Zinsen einzuziehen. Sie reiste morgens ab und kam am Abend wieder, nachdem sie eine ganze Liste kleiner Einkäufe und Gänge erledigt hatte, die sie während der drei Monate hindurch vormerkte. Im Juniviertel dieses Jahres wartete man bis neun Uhr vergebens auf sie mit dem Essen. Der stark beunruhigte Chanteau hatte einen Unfall befürchtet Und Lazare auf die Landstraße geschickt; während Veronika mit ruhigem Gesichte meinte, man tue unrecht sich aufzuregen; ganz gewiß habe sich das Fräulein verspätet und sich entschlossen, in Caen zu übernachten, um alle Besorgungen erledigen zu können. Man schlief sehr schlecht in Bonneville; am folgenden Tage begann beim Frühstück die Sorge von neuem. Als gegen Mittag sein Vater es auf seinem Platze nicht mehr auszuhalten vermochte, entschloß sich Lazares, nach Arromanches zu gehen, als die Magd, die auf der Straße Schildwache stand, plötzlich ausrief: »Da kommt das Fräulein!« Man mußte Chanteaus Lehnstuhl auf die Terrasse rollen. Vater und Sohn erwarteten sie, während Veronika das nähere beschrieb: »Es ist die Berline von Malivoire ... Ich habe das Fräulein an den Kreppbändern erkannt. Es kommt mir nur merkwürdig vor, ja, man möchte behaupten, daß jemand mit ihr kommt.« Endlich hielt der Wagen vor der Tür. Lazare war näher getreten und öffnete schon den Mund, um Pauline, die leichtfüßig herausgesprungen war, auszufragen, als er plötzlich wie gebannt dastand: hinter ihr sprang ein anderes junges Mädchen in tausendstreifiger lila Seide heraus. Beide lachten wie gute Freundinnen. Sein Erstaunen war so groß, daß er auf seinen Vater zuging und sagte: »Sie bringt Luise mit.« »Luise! ... Das ist ein guter Gedanke«, rief Chanteau. Als sie nebeneinander vor ihm standen, die eine noch in tiefer Trauer, die andere in einem heiteren Sommerkleide, fuhr er, entzückt von dieser Zerstreuung, fort: »Was? Ihr habt Frieden geschlossen? Wißt Ihr, ich habe die Sache auch nie begriffen. War das auch dumm! Wie unrecht hattest du, Luisette, uns das in all dem Kummer, den wir hatten, so lange nachzutragen ... Nicht wahr, es ist nun endlich vorbei?« In ihrer Verlegenheit standen die jungen Mädchen unbeweglich da. Sie waren errötet, und ihre Blicke mieden sich. Luise umarmte Chanteau, um ihre Unruhe zu verbergen. Er aber verlangte Erklärungen. »Ihr seid Euch also begegnet?« Da schaute sich Luise mit vor Rührung feuchten Augen nach ihrer Freundin um. »Pauline war gerade zu meinem Vater gekommen, als ich hereintrat. Sie müssen nicht mit ihr schelten, daß sie geblieben ist, denn ich habe alles mögliche getan, um sie zurückzuhalten ... Da der Telegraph nur bis Arromanches geht, haben wir uns überlegt, daß wir ebenso schnell wie eine Depesche hier sein würden ... Verzeihen Sie mir?« Sie umarmte Chanteau nochmals mit ihrer früheren einschmeichelnden Art. Es war ihm schon recht: wenn es nur ging, wie es ihm Vergnügen machte, fand er alles gut. »Und du, Lazare, sagst ihr nichts?« Der junge Mann war im Hintergrunde gezwungen lächelnd stehengeblieben. Die Bemerkung des Vaters erhöhte seine Verlegenheit, um so mehr, als Luise wieder errötete, ohne einen Schritt hin zu ihm zu machen. Warum war sie da? Warum führte die Base diese Nebenbuhlerin zurück, die sie erst in so rauher Weise verjagt hatte! In seinem Staunen fand er sich nicht mehr zurecht. »Küsse sie, Lazare, sie wagt es nicht«, sagte Pauline freundlich. Sie sah ganz bleich in ihrer Trauer aus, aber ihr Gesicht war ruhig, die Augen klar. Sie schaute beide mit ihrer mütterlichen, ernsten Miene an, die sie in den wichtigen Stunden des häuslichen Lebens annahm; sie lächelte nur, als er sich entschloß, die dargereichten Wangen des jungen Mädchens mit seinen Lippen flüchtig zu streifen. Veronika, die es von ihrer Küche aus mit schlenkernden Händen ansah, wandte sich plötzlich wie dem Ersticken nahe ab. Sie verstand von alldem nichts mehr. Nach dem, was geschehen war, mußte man wirklich wenig Herz haben. Das Fräulein wurde unerträglich, wenn es gut sein wollte. Es war nicht genug, daß sie die verlausten Rangen ins Haus brachte und sogar unter das Tafelgeschirr setzte: jetzt führte sie dem Herrn Lazare schon Geliebte zu. Das Haus wurde wirklich sauber! Als die Magd brummend sich mit diesen Worten das Herz erleichtert hatte, rief sie laut hinein: »Das Frühstück wartet bereits seit einer Stunde, wie Sie wissen. Die Kartoffeln sind schon ganz verbrannt.« Man frühstückte mit großem Appetit, aber Chanteau allein lachte gutmütig, er war zu vergnügt, um das anhaltende Unbehagen der drei anderen zu bemerken. Sie waren alle drei von einer zärtlichen Zuvorkommenheit, schienen aber dennoch im Grunde einen Rest von Unruhe und Trauer zu bewahren, wie es nach solchen Zänkereien immer der Fall ist; man vergibt sich zwar gegenseitig, man kann jedoch die nicht wiedergutzumachenden Beleidigungen nicht vergessen. Den Nachmittag benutzte man zur Unterbringung der Neuangekommenen. Sie bezog ihr Zimmer im ersten Stock wieder. Wäre Frau Chanteau am Abend mit ihren kleinen, hastigen Schritten hinuntergekommen, um sich an den Tisch zu setzen, so hätte man glauben können, die ganze Vergangenheit sei wiedererstanden. Fast eine volle Woche hindurch dauerte das Unbehagen an. Lazare, der Pauline nicht zu wagen fragte, erklärte sich noch immer nicht das, was er für einen absonderlichen Einfall hielt; denn der Gedanke eines möglichen Opfers, einer einfach und großmütig dargebotenen Wahl kam ihm in keiner Weise. In den Stunden der Begierden, die während seiner Untätigkeit über ihn kamen, hatte er nie daran gedacht, Luise zu heiraten. Seitdem sie alle drei beisammen lebten, fühlten sie sich denn auch in einer falschen Lage, unter der sie litten. Es entstanden verlegene Pausen, gewisse Sätze blieben ihnen halb auf den Lippen aus Furcht vor einer nicht beabsichtigten Anspielung. Pauline, von diesem unvorhergesehenen Ergebnis überrascht, war genötigt, ihr Lachen zu übertreiben, um die Sorglosigkeit von ehemals wiederzufinden. Anfänglich empfand sie jedoch eine tiefe Freude; sie glaubte zu fühlen, daß Lazare zu ihr zurückkehrte. Luisens Gegenwart hatte ihn beruhigt, er floh sie fast, vermied es, allein mit ihr zu sein, von dem Gedanken empört, daß er noch einmal das Vertrauen seiner Base hintergehen könne, und von einer fieberhaften Zärtlichkeit gequält, wandte er sich ihr wieder zu und erklärte mit gerührter Miene, sie sei die beste der Frauen, eine wahre Heilige, deren er unwürdig sei. Sie freute sich in himmlischer Seligkeit ihres Sieges, als sie ihn so wenig liebenswürdig zu der andern sah. Gegen Ende der Woche war sie es selbst, die ihm darüber Vorwürfe machte. »Warum fliehst du, sowie ich mit ihr zusammen bin? ... Das bekümmert mich. Sie ist nicht zu uns gekommen, damit wir ihr ein saures Gesicht machen.« Lazare vermied es zu antworten und machte eine unbestimmte Bewegung. Sie erlaubte sich darauf eine Anspielung, die einzige, die ihr je entschlüpfte. »Wenn ich sie hergeführt habe, so geschah es, damit du weißt, daß ich euch schon seit langem verziehen habe. Ich wollte diesen häßlichen Traum auslöschen, es bleibt nichts davon übrig. Und du siehst, ich habe keine Furcht mehr, ich setze Vertrauen in euch.« Er schlang seine Arme um sie und preßte sie heftig an sich. Dann versprach er, zu der andern liebenswürdig zu sein. Von dem Augenblicke an flössen die Tage in einer reizenden Vertraulichkeit dahin. Lazare schien sich nicht mehr zu langweilen. Statt sich wie ein Wilder krank von der Einsamkeit in sein Zimmer einzuschließen, erfand er Spiele, schlug er Spaziergänge vor, von denen man wie berauscht von der freien Luft heimkehrte. Von da an nahm Luise ihn unmerkbar wieder ganz gefangen. Er gewöhnte sich an sie; er wagte es, ihr den Arm zu bieten und ließ sich wieder von diesem verwirrenden Wohlgeruch durchdringen, der dem kleinsten Zipfel ihrer Spitzen entströmte. Anfangs kämpfte er und wollte sich entfernen, sobald er den Rausch emporsteigen fühlte. Aber seine Base selbst rief ihm zu, dem jungen Mädchen beizustehen, wenn es zwischen den Klippen Wasserrinnen zu überspringen gab; sie selbst setzte kühn wie ein Junge darüber hinweg, während die andere sich mit dem Aufschrei eines verwundeten Schwälbleins in die Arme des jungen Mannes flüchtete. Auf dem Rückwege stützte er sie; ihr ersticktes Lachen, ihr Ohrengeflüster begann von neuem. Bisher beunruhigte Pauline noch nichts, sie behielt ihr mutiges Benehmen bei, ohne zu merken, daß sie ihr eigenes Glück aufs Spiel setzte, wenn sie nicht ebenfalls müde erscheinen und nicht gestützt sein wollte. Der gesunde Duft ihrer Arme einer Wirtschafterin regte niemanden auf. Mit einer Art lachender Kühnheit zwang sie die beiden Arm in Arm vor ihr einherzuschreiten, wie um ihnen ihr Vertrauen zu zeigen. Übrigens würde sie keines von beiden getäuscht haben. Wenn sich Lazare auch diesem Rausche wieder hingab, so kämpfte er doch auch immer dagegen, er bemühte sich nachher sich, ihr gegenüber noch zärtlicher zu zeigen. Es war das eine Überrumpelung des Fleisches, der er sich mit Wonne hingab, nahm sich aber fest vor, daß das Spiel diesmal bei dem erlaubten Lachen bleiben solle. Warum sollte er auf dieses Vergnügen verzichten, wenn er entschlossen war, seiner Pflicht als ehrlicher Mann treu zu bleiben? Luise hatte noch größere Gewissensbisse; nicht, daß sie sich der Gefallsucht anklagte, denn sie war von Natur zärtlich, sie gab sich ohne zu wissen mit einer Bewegung, einem Atemzuge hin; aber sie würde keinen Schritt getan, kein Wort ausgesprochen haben, womit sie nach ihrer Empfindung Pauline unangenehm hätte sein können. Die Vergebung für die Vergangenheit rührte sie zu Tränen, sie wollte ihr beweisen, daß sie dessen würdig war, sie hatte ihr jene überschwängliche Frauenanbetung geweiht, die sich durch Schwüre, Küsse, alle Arten leidenschaftlicher Kosereien kundgibt. Darum beobachtete sie sie unaufhörlich, um herbeizueilen, wenn sie eine Wolke auf ihrer Stirn bemerkte. So ließ sie plötzlich Lazares Arm fahren und ergriff den ihren, ärgerlich, daß sie sich einen Augenblick hatte vergessen können; sie suchte sie zu zerstreuen, verließ sie nicht mehr und stellte sich sogar, als schmolle sie mit dem jungen Manne. Sie war nie so reizend gewesen wie in dieser fortwährenden Ergriffenheit und in dem Bedürfnis zu gefallen, von dem sie sich im Augenblick hinreißen ließ, und das sie nachher um so mehr bedauerte; sie erfüllte das Haus mit dem Rauschen ihrer Kleider und den schmachtenden Liebkosungen einer jungen Katze. Nach und nach verfiel Pauline wieder in ihre Qualen. Ihre Hoffnung, ihr kurzer Triumph erhöhte deren Grausamkeit. Es waren nicht die heftigen Erschütterungen von früher, Eifersuchtsanfälle, die sie eine Stunde lang wie toll machten; es war ein langsames Niederdrücken wie durch eine auf sie gefallene Masse, deren Gewicht sie jede Minute mehr aufrieb. Von nun an war keine Rast und kein Heil mehr möglich: ihr Unglück hatte den Gipfel erreicht. Sie hatte ihnen sicher keine Vorwürfe zu machen, beide überhäuften sie mit Zuvorkommenheiten und kämpften gegen die Hinneigung, die sie einander zutrieb; sie litt gerade unter diesen Zuvorkommenheiten und begann von neuem klar zu sehen, seitdem jene sich zu verständigen schienen, um ihr den Schmerz ihrer gegenseitigen Liebe zu ersparen. Das Mitleid dieser beiden Liebenden wurde ihr unerträglich. War dieses hastige Flüstern, wenn sie sie beisammen ließ, kein Geständnis, und dann wieder dieses plötzliche Schweigen, wenn sie wiederkam, diese heftigen Küsse Luisens und die liebevolle Demut Lazares? Sie hätte sie lieber schuldig gesehen, daß sie sie in allen Ecken verrieten; während dieser vorsichtig beobachtete Schein von Ehrlichkeit, diese gleichsam zur Belohnung ihr gewidmeten Liebkosungen, die ihr alles sagten, sie entwaffnet ließen, so daß sie weder den Willen noch die Kraft fand, ihr Gut zurückzuerobern. An dem Tage, an dem sie ihre Nebenbuhlerin zurückgeführt, war es ihr Gedanke gewesen, nötigenfalls gegen sie zu kämpfen; allein was wollte sie gegen Kinder beginnen, die über ihre Liebe in Verzweiflung gerieten? Sie selbst hatte es so gewollt, sie hätte nur Lazare zu heiraten brauchen, ohne sich darüber zu beunruhigen, ob sie ihm ihre Hand aufzwang. Aber noch heute empörte sie trotz ihrer Qual der Gedanke, so über ihn zu verfügen, die Erfüllung eines Versprechens zu fordern, das er zweifellos bereute. Wäre sie daran gestorben, sie würde ihn ausgeschlagen haben, wenn er eine andere liebte. Inzwischen blieb Pauline die Mutter ihrer kleinen Familie; sie pflegte Chanteau, dem es schlecht ging, sie war genötigt, Veronika nachzuarbeiten, deren Sauberkeit nachließ, ohne Lazare und Luise zu rechnen, die sie als lärmende Kinder zu behandeln heuchelte, um über ihre Streiche lachen zu können. Es gelang ihr, lauter als sie selbst zu lachen, mit ihrem schönen, vollen Lachen, aus dem mit Glockentönen Gesundheit und Lebensmut klangen. Das ganze Haus heiterte sich auf. Sie zeigte vom Morgen bis zum Abend eine übertriebene Geschäftigkeit und weigerte sich unter dem Vorwande des großen Reinemachens, der Wäsche oder der Bereitung von eingemachtem Obst die Kinder auf ihren Spaziergängen zu begleiten. Vor allem aber war Lazare der Lärmmacher, er pfiff auf der Treppe, er schlug mit den Türen, er fand die Tage zu kurz und zu ruhig. Obgleich er nichts tat, schien ihn diese neue Leidenschaft, die ihn befallen, über seine Zeit und seine Kräfte hinaus zu beschäftigen. Wieder einmal eroberte er die Welt, tagtäglich wurden bei Tische neue, außerordentliche Zukunftspläne aufgetragen. Die Literatur widerte ihn bereits an, er bekannte, die Vorbereitungen zu den Prüfungen aufgegeben zu haben, die er endlich hatte bestehen wollen, um in das Professorat einzutreten; er hatte sich eine lange Zeit unter diesem Vorwande eingeschlossen, war aber so mutlos gewesen, daß er nicht einmal ein Buch öffnete; und jetzt bespöttelte er seine Dummheit; war es nicht blödsinnig, sich einzuschließen, um später Romane und Dramen zu schreiben? Nein, nur die Politik war noch etwas, von jetzt an war sein Plan genau vorgezeichnet: er kannte den Abgeordneten von Caen ein wenig, er wollte ihn als Sekretär nach Paris begleiten und dort in einigen Monaten seinen Weg machen. Das Kaiserreich hatte großen Bedarf an jungen Leuten. Wenn Pauline über diesen Galopp seiner Gedanken beunruhigt, seinen Eifer zu beschwichtigen suchte und ihm zu einem kleinen, sicheren Amte riet, beschwerte er sich über ihre große Vorsicht und nannte sie aus Scherz: »Großmutter!« Das Getöse begann von neuem, das Haus ertönte von einer überlauten Heiterkeit wieder, aus der man die Angst eines verborgenen Elends herausfühlte. Als eines Tages Lazare und Luise allein nach Verchemont gegangen waren, wühlte Pauline, die ein Rezept zum Auffrischen von Sammet benötigte, in dem großen Schranke des Vetters; sie glaubte, es dort auf einem Stückchen Papier zwischen zwei Seiten eines Buches gesehen zu haben. Da entdeckte sie zwischen den Flugschriften den alten Handschuh ihrer Freundin, diesen vergessenen Handschuh, an dem er sich so oft bis zur fleischlichen Sinnestäuschung berauscht hatte. Das war für sie ein Lichtstrahl; sie erkannte den Gegenstand wieder, den er an dem Abend, an dem sie unerwartet nach oben gekommen war, um ihn zum Essen zu rufen, in so großer Verwirrung verborgen hatte. Sie sank auf einen Stuhl, wie vernichtet von dieser Entdeckung. Mein Gott! Er begehrte dieses Mädchen bereits, bevor es wiedergekommen war, er lebte mit ihr, er hatte diesen Lappen mit seinen Lippen abgenutzt, weil er noch etwas von ihrem Dufte bewahrte. Ein heftiges Schluchzen erschütterte sie, während ihre von Tränen gebadeten Augen wie gebannt auf dem Handschuh ruhten, den sie immer noch in ihren zitternden Händen hielt. »Haben Sie es gefunden, Fräulein?« fragte die laute Stimme Veronikas, die ebenfalls heraufkam, auf dem Treppenabsatze. »Ich sage Ihnen, das beste Mittel ist, den Samt mit einer Speckschwarte abreiben.« Sie trat ein und begriff zuerst nichts, bis sie sie in Tränen sah, die Finger um den alten Handschuh gekrampft. Sie schnüffelte im Zimmer umher und erriet endlich die Ursache dieser Verzweiflung. »Donnerwetter!« begann sie in ihrer immer mehr derben Weise, »Sie hätten darauf eigentlich gefaßt sein müssen, was jetzt gekommen ist. Ich habe Sie damals gewarnt. Sie brachten sie zusammen, und sie unterhalten sich... Die Frau hat vielleicht recht gehabt, jenes Kätzchen erheitert ihn mehr als Sie.« Sie nickte mit dem Kopfe und setzte mit dumpfer Stimme hinzu wie zu sich selbst: »Ach ja, die Frau sah trotz ihrer Fehler klar. Ich kann es immer noch nicht herunterwürgen, daß sie tot ist.« Als Pauline an jenem Abend die Tür ihres Zimmers hinter sich geschlossen und das Licht auf die Kommode gestellt hatte, sank sie auf den Bettrand nieder; sie sagte sich, daß sie Lazare und Luise jetzt verheiraten müsse. Den ganzen Tag hatte ihr der Schädel so gebrummt, daß es ihr unmöglich gewesen war, einen klaren Gedanken zu fassen; erst in dieser nächtlichen Stunde, in der sie ohne Zeugen leiden konnte, erkannte sie endlich diese unvermeidliche Notwendigkeit. Sie mußten verheiratet werden, das tönte in ihr wie ein Befehl, wie eine Stimme der Vernunft und der Gerechtigkeit, die sie nicht zum Schweigen bringen konnte. Sie, die so mutig, wandte sich einen Augenblick entsetzt um, denn sie meinte, die Stimme ihrer Tante zu hören, die ihr zurief zu gehorchen. Sie warf sich völlig angekleidet rücklings auf das Bett und barg den Kopf in die Kissen, um ihr Schreien zu ersticken. Ihn einer andern geben, ihn in den Armen einer andern wissen, auf ewig, ohne Hoffnung ihn je wiederzubekommen! Diesen Mut würde sie nicht haben; lieber fristete sie ihr elendes Leben fort; niemand sollte ihn haben, weder sie noch das Mädchen, und er selbst sollte harren und harren, bis er vertrocknet wäre. Lange Zeit wehrte sie sich dagegen, von einer eifersüchtigen Wut erschüttert, die häßliche, fleischliche Bilder in ihr auftauchen ließ. Immer siegte zuerst das Blut, eine Heftigkeit, die weder die Jahre noch die Klugheit milderten. Dann verfiel sie in eine große Erschöpfung, ihr Fleisch war tot. Auf dem Rücken liegend und ohne die Kraft zum Entkleiden überlegte Pauline lange. Sie gelangte zu der Überzeugung, daß Luise mehr als sie zu dem Glücke Lazares beitragen werde. Hatte ihn dieses schwache Kind mit den Liebkosungen einer Geliebten nicht bereits aus seiner Langweile gerissen? Zweifelsohne bedurfte er einer solchen, die ihm fortwährend am Halse hing und mit ihren Küssen die trüben Gedanken, die Schrecken vor dem Tode verjagte. Pauline setzte sich selbst herab, sie fand sich zu kalt, ohne liebevolle weibliche Anmut, nur von Güte beseelt, was jungen Leuten aber nicht genügt. Eine andere Betrachtung überzeugte sie vollends. Sie war ruiniert und die Zukunftspläne ihres Vetters, diese Pläne, die sie beunruhigten, erforderten viel Geld. Sollte sie ihm die beschränkten Verhältnisse, in denen die Familie lebte, auferlegen, die Mittelmäßigkeit, unter der sie ihn leiden sah? Das würde ein schreckliches Leben sein voll beständigen Bedauerns, voll streitsüchtiger Bitterkeit wegen der verfehlten ehrgeizigen Entwürfe. Sie würde ihm den ganzen Groll über das Elend als Mitgift bringen, während Luise, die reich war, ihm die erträumten Stellungen eröffnete. Man versicherte, daß der Vater für seinen Schwiegersohn schon eine Stellung in Bereitschaft hatte, zweifelsohne handelte es sich um eine Anstellung im Bankfache, und obgleich Lazare eine Verachtung vor Geldmenschen zur Schau trug, würden sich die Dinge gewiß ordnen lassen. Sie konnte nicht länger zögern, ihr war es, als begehe sie eine feige Handlung, wenn sie die beiden nicht miteinander verheiratete. In ihrer Schlaflosigkeit wurde diese Heirat eine natürliche, notwendige Lösung, die sie beschleunigen mußte, wenn sie nicht die Achtung vor sich selbst verlieren wollte. Die ganze Nacht verstrich in diesem Kampfe. Als es Tag wurde, entkleidete Pauline sich endlich. Sie war sehr ruhig und genoß in ihrem Bette eine vollkommene, aber schlaflose Ruhe. Noch nie hatte sie sich so leicht, so erhaben, so losgelöst von allem gefühlt. Alles war zu Ende, sie hatte die Bande ihrer Selbstsucht zerschnitten, sie hoffte nichts und von niemandem mehr; im Grunde ihres Herzens fühlte sie Glück des Opfers. Sie fand nicht einmal mehr ihr einstiges Verlangen wieder, allein das Glück der Ihren ausmachen zu wollen, dieses gebieterische Bedürfnis, das ihr jetzt wie die letzte Verschanzung ihrer Eifersucht erschien. Der Stolz ihrer Selbstverleugnung war entschwunden, sie fügte sich darin, daß die Ihren auch ohne ihr Hinzutun glücklich würden. Es war der höchste Grad der Liebe zu den anderen: zu verschwinden, alles zu geben, ohne zu glauben, genug gegeben zu haben, zu lieben bis zu dem Maße, daß man sich eines Glückes freut, das man nicht bereitet hat und nicht teilen wird. Die Sonne stieg empor, als sie in tiefen Schlaf verfiel. An jenem Tage kam Pauline sehr spät hinab. Als sie erwacht war, hatte sie die Freude gehabt, ihre Entschlüsse vom vorhergehenden Tage klar und fest zu empfinden. Dann bemerkte sie, daß sie sich vergessen hatte und daß sie in der neuen Lage, die für sie entstehen werde, an das Morgen denken mußte. Wenn sie auch den Mut hatte, Lazare und Luise zu verheiraten: den Mut, bei ihnen zu bleiben, die Vertraulichkeit ihres Glückes zu teilen, würde sie nicht haben; die Ergebenheit hatte ihre Grenzen, sie befürchtete die Wiederkehr ihrer Heftigkeit, irgendeinen schrecklichen Auftritt, von dem sie den Tod haben werde. Tat sie nicht schließlich bereits genug? Wer wollte die Grausamkeit haben, ihr diese unnütze Qual aufzuerlegen? Auf der Stelle war ihre Entscheidung unwiderruflich gefaßt: sie wollte fortgehen, dieses Haus voll beunruhigender Erinnerungen verlassen. Es bedeutete eine vollständige Veränderung ihres Lebens, und sie schrak nicht davor zurück. Beim Frühstück trug sie jene ruhige Heiterkeit zur Schau, die sie nicht mehr verließ. Beim Anblick Lazares und Luisens, die Seite an Seite flüsterten und lachten, blieb sie tapfer, fühlte sie keine andere Schwäche als eine große Kälte im Herzen. Da es gerade ein Sonnabend war, beschloß sie beide zu einem langen Spaziergang anzueifern, um allein zu sein, wenn Doktor Cazenove käme. Die beiden gingen fort, und sie hatte noch die Vorsicht, den Arzt auf der Straße zu erwarten. Sowie er sie erblickte, wollte er sie in seinen Wagen nehmen und nach Hause fahren. Sie aber bat ihn auszusteigen, und sie kehrten langsamen Schrittes heim, während Martin hundert Meter vor ihnen den leeren Wagen lenkte. Pauline schüttete in wenigen, schlichten Worten ihr Herz aus. Sie sagte alles. Ihren Plan, Lazare Luisen zu geben, ihre Absicht, das Haus zu verlassen. Dieses Bekenntnis schien ihr notwendig, sie wollte nicht unüberlegt handeln, und der alte Arzt war der einzige Mann, der sie verstehen konnte. Plötzlich blieb Cazenove mitten auf der Straße stehen, und umfaßte sie mit seinen langen, mageren Armen. Er zitterte vor Erregung und preßte einen innigen Kuß auf ihr Haar. »Du hast recht, meine Tochter!« rief er, indem er sie duzte. »Siehst du, ich bin entzückt, denn das konnte noch schlechter enden. Es quält mich schon seit Monaten, es machte mich ordentlich krank, zu Euch zu gehen, so unglücklich fühlte ich mich ... Sie haben dich schön ausgeplündert, die guten Leute: zuerst dein Geld, dann dein Herz.« Das junge Mädchen versuchte ihn zu unterbrechen: Mein Freund, ich bitte Sie ... Sie beurteilen sie schlecht!« »Möglich, das hindert mich aber nicht, mich deinethalben zu freuen. Geh, geh, gib deinen Lazare hin, du machst der andern gerade kein schönes Geschenk mit ihm ... Gewiß, er ist liebenswürdig, voll der besten Absichten; aber mir ist es lieber, daß die andere mit ihm unglücklich wird. Diese Burschen, die sich beständig langweilen, sind schwer zu ertragen selbst für so kräftige Schultern wie die deinen. Ich wünschte dir lieber einen Schlächtergehilfen, ja, einen Schlächtergehilfen, der Tag und Nacht lachte, daß ihm die Kinnbacken bersten. Als er ihre Augen sich mit Tränen füllen sah, fuhr er fort: »Gut! Du liebst ihn, sprechen wir nicht mehr davon. Umarme mich noch einmal, du bist ein Mädchen, wacker genug, um soviel Vernunft zu haben ... So ein Dummkopf, der es nicht versteht!« Er hatte sie beim Arm genommen und preßte sie an sich. Dann sprachen sie vernünftig miteinander, während sie sich wieder auf den Weg machten. Sie würde sicher gut daran tun, Bonneville zu verlassen, und er wollte es auf sich nehmen, ihr eine Stellung zu verschaffen. Er hatte gerade in Saint-Lô eine alte reiche Verwandte, die eine Gesellschafterin suchte. Das junge Mädchen würde sich sehr gut dort befinden, um so mehr, als die Dame keine Kinder hatte, Neigung für sie fassen und sie später vielleicht an Kindesstatt annehmen konnte. Alles wurde geordnet, er versprach, binnen drei Tagen eine bestimmte Antwort zu bringen, und sie kamen überein, von diesem förmlichen Plan, das Haus zu verlassen, zu keinem Menschen zu sprechen. Sie fürchtete, man könne eine Drohung darin erblicken; sie wollte die Hochzeit erst vorübergehen lassen, und dann am Tage darauf ohne Geräusch wie eine überflüssig gewordene Person ihres Weges gehen. Am dritten Tage erhielt Pauline einen Brief von dem Arzte: man erwarte sie in Saint-Lô, sobald sie frei sei. An dem nämlichen Tage führte sie während Lazares Abwesenheit Luise in den Gemüsegarten auf eine alte, von einem Tamariskenbusche überschattete Bank. Gegenüber über die niedrige Mauer hinweg erblickte man nur das Meer und den Himmel in ihrem unendlichen Blau, am Horizont durch eine große, einfache Linie durchschnitten. »Mein Herz,« sagte Pauline in ihrer mütterlichen Art, »wir wollen wie Schwestern miteinander reden, willst du? Du liebst mich ein wenig?« Luise unterbrach sie und umfaßte sie. »Oh! ja.« »Nun wohl! Wenn du mich liebst, tust du unrecht, mir nicht alles zu sagen... Warum hast du Geheimnisse vor mir?« »Ich habe keine Geheimnisse.« »Doch, du verstellst dich. Laß sehen, öffne mir dein Herz.« Beide sahen sich einen Augenblick aus nächster Nähe an, daß sie gegenseitig die Wärme ihres Atems spüren konnten. Indessen verwirrten sich die Augen der einen unter dem klaren Blick der andern. Das Schweigen wurde peinlich. »Sage mir alles. Die Dinge, über die man spricht, sind bald geklärt, und nur wenn man sie verhehlt, entsteht Böses daraus ... Nicht wahr, es wäre nicht schön, wenn wir uns erzürnten und wieder etwas täten, was wir schon einmal so tief bedauert haben?« Da brach Luise in heftiges Schluchzen aus. Sie preßte mit krampfhaften Fingern die Hüfte der Freundin, ließ ihren Kopf auf deren Schulter sinken und verbarg ihn dort, indem sie unter Tränen stammelte: »Oh! Es ist nicht gut, wieder darauf zurückzukommen. Man sollte nie wieder darüber sprechen, nie wieder. Schicke mich lieber gleich fort, ehe du mich diese Qual nochmals leiden läßt.« Pauline versuchte vergeblich, sie zu beruhigen. »Nein, ich verstehe wohl,« fuhr Luise fort; »du hast mich noch in Verdacht. Warum sprichst du mir von einem Geheimnis? Ich habe keine Geheimnisse, ich tue alles auf der Welt, damit du mir keine Vorwürfe zu machen habest. Es ist nicht meine Schuld, wenn dich etwas beunruhigt: ich wache sogar über mein Lachen, ohne daß es den Anschein hat ... Wenn du mir nicht glaubst, will ich gehen, und zwar sofort.« Sie waren allein in dem weiten Raum. Der vom Westwind versengte Gemüsegarten breitete sich zu ihren Füßen wie ein unbebautes Gelände aus, während jenseits das unbewegliche Meer seine Unendlichkeit aufrollte. »So höre doch,« rief Pauline; »ich mache dir keine Vorwürfe, ich möchte dich im Gegenteil beruhigen.« Sie bei den Schultern fassend, zwang sie Luise die Augen aufzuschlagen, dann fragte sie sie sanft wie eine Mutter ihre Tochter: »Du liebst Lazare? ... Und er liebt dich auch, ich weiß es ...« Eine Blutwelle strömte in Luisens Gesicht. Sie zitterte noch heftiger, sie wollte sich losreißen und entfliehen. »Mein Gott! Bin ich so ungeschickt, daß du mich nicht einmal verstehst! Würde ich einen solchen Gegenstand berühren, um dich zu quälen? Nicht wahr, ihr liebt euch? Gut. Ich will euch verheiraten, das ist doch sehr einfach.« In ihrer Bestürzung vergaß Luise, sich länger zu wehren. Ihre Tränen standen stille, ihre Hände waren kraftlos niedergesunken. »Wie? Und du?« »Ich, meine Teure, habe mich seit Wochen ernstlich befragt, besonders nachts in den Stunden des Wachens, in denen man klarer sieht... Und ich habe erkannt, daß ich für Lazare nur eine gute Freundschaft übrighabe. Bemerkst du es nicht selbst? Wir sind Kameraden, man möchte sagen, zwei Jungen, zwischen uns herrscht nicht dieses Ungestüm der Verliebten...« Sie suchte nach Worten, um ihre Lüge glaubwürdig zu machen. Aber ihre Nebenbuhlerin schaute sie noch immer mit starren Augen an, als sei sie in den geheimen Sinn der Worte eingedrungen. »Warum lügst du?« murmelte sie endlich. »Bist du nicht mehr fähig zu lieben, wenn du liebst?« Pauline wurde verwirrt. »Was tut das! Ihr liebt euch, es ist ganz natürlich, daß er dich heiratet... Ich bin mit ihm aufgezogen worden und bleibe seine Schwester... Die Gedanken schwinden, wenn man solange aufeinander gewartet hat... Und dann habe ich noch viele andere Gründe...« Sie hatte das Bewußtsein, den Boden unter den Füßen zu verlieren, irre zu werden, und begann, von ihrem Freimut hingerissen: »Lasse mich nur machen. Ich liebe ihn noch genug, um zu wünschen, daß er dein Mann werde, weil ich glaube, daß du ihm zu seinem Glücke fehlst. Mißfällt es dir? Würdest du nicht ebenso handeln?... Laß uns vernünftig miteinander reden. Willst du mit von der Verschwörung sein? Willst du, daß wir uns beide verständigen, um ihn zu zwingen, glücklich zu sein? Selbst wenn er böse würde, wenn er glaubte, mir etwas schuldig zu sein, müßtest du mir helfen, ihn zu überzeugen; denn dich liebt er, deiner bedarf er... Ich flehe dich an, sei meine Helfershelferin, verabreden wir alles, solange wir noch allein sind.« Luise nahm wahr, wie Pauline bei ihrem Flehen zitterte, wie zerrissen sie sich fühlte, so daß sie sich ein letztes Mal dagegen auflehnte. »Nein, nein, ich nehme es nicht an... Es wäre abscheulich, was wir da täten. Du liebst ihn noch immer, ich fühle es wohl, und erfindest es nur, um dich noch mehr zu quälen. Anstatt dazu die Hand zu bieten, werde ich ihm alles sagen. Ja, sobald er heimkommt.« Pauline umfaßte sie von neuem in ihrer Herzensgüte und hinderte sie fortzufahren, indem sie ihren Kopf an deren Brust drückte. »Schweige, schlimmes Kind!... Es muß sein, denken wir an ihn.« Ein Schweigen trat ein, sie verharrten in dieser Umarmung. Schon erschöpft, ließ Luise nach und schmiegte sich zärtlich an die Freundin; ein Strom von Tränen war in ihre Augen getreten, aber es waren sanfte Tränen, die langsam herniederflossen. Ohne zu sprechen, drückte sie die Freundin für Augenblicke an sich, als könne sie nichts Zarteres, nichts Innigeres finden, um ihr zu danken. Sie fühlte sie so hoch über sich, so schmerzbewegt und so erhaben, daß sie nicht einmal die Augen zu erheben wagte, um nicht ihrem Blicke zu begegnen. Nach einigen Minuten indessen getraute sie es sich, warf den Kopf in lächelnder Verwirrung zurück, hob die Lippen und gab ihr einen stummen Kuß. Auf dem Meer in der Ferne unter dem fleckenlosen Himmel trübte keine Welle das unermeßliche Blau. Es war eine Reinheit, eine Ungestörtheit, in der sich noch lange die Worte verloren, die sie nicht mehr aussprachen. Als Lazare heimgekehrt war, suchte Pauline ihn in seinem Zimmer auf, in jenem großen, geliebten Raume, in dem sie beide aufgewachsen waren. Sie wollte noch am nämlichen Tage ihr Werk zu Ende führen... Bei ihm suchte sie nicht nach Übergängen, sie sprach beherzt. Das Zimmer war voller Erinnerungen an ehemals: vertrocknete Algenbüschel lagen umher, das Bollwerkmodell stand auf dem Klavier, der Tisch war mit wissenschaftlichen Büchern und Musikalien überladen. »Möchtest du mit mir plaudern?« fragte sie. »Ich habe dir ernste Dinge zu sagen.« Er schien überrascht und stellte sich vor sie hin. »Was denn?... Droht Papa eine Verschlimmerung?« »Nein, höre zu... Die Sache muß endlich berührt werden, das Schweigen führt zu nichts. Du erinnerst dich, daß meine Tante den Plan gefaßt hatte, uns zu verheiraten; wir haben viel darüber gesprochen, und seit Monaten ist nicht mehr die Rede davon. Ich denke, es ist klüger, den Plan aufzugeben.« Der junge Mann war bleich geworden: aber er ließ sie nicht vollenden und schrie heftig: »Was faselst du? ... Bist du nicht mein Weib? Wenn du willst, gehen wir schon morgen zum Pfarrer, um ein Ende damit zu machen ... Und das nennst du ernste Dinge?« Sie antwortete mit ruhiger Stimme: »Das ist sehr ernst, da du dich auch darüber ärgerst ... Ich wiederhole dir, wir müssen darüber sprechen. – Gewiß, wir sind alte Kameraden, aber ich glaube nicht, daß das Zeug für ein Liebespaar in uns steckt. Wozu nützt es, uns in einen Gedanken zu verbohren, der vielleicht weder dem einen noch dem andern von uns beiden zum Glücke gereichen würde.« Da brach Lazare in einen Strom abgebrochener Worte aus. Suchte sie etwa Streit mit ihm? Er könne doch nicht immerzu an ihrem Halse hängen. Habe man auch die Heirat von Monat zu Monat aufgeschoben, so wisse sie sehr wohl, daß er nicht die Ursache sei. Es sei unrecht zu sagen, daß er sie nicht mehr liebe. Gerade in diesem Zimmer habe er sie so sehr geliebt, daß er sie nicht mit seinen Fingern zu streifen wagte aus Furcht, sich hinreißen zu lassen, sich schlecht zu betragen. Bei dieser Erinnerung an die Vergangenheit stieg eine tiefe Röte in Paulinens Wangen; er hatte recht, sie erinnerte sich dieses kurzen Verlangens, dieses heißen Atems, mit dem er sie eingehüllt. Aber wie fern waren die Stunden köstlichen Schauers, und was für eine kalte, brüderliche Freundschaft erwies er ihr jetzt. Sie antwortete denn auch mit trauriger Miene: »Mein armer Freund, wenn du mich wirklich liebtest, wärest du, anstatt zu streiten, wie du es soeben tust, bereits in meinen Armen, du würdest schluchzen und zu meiner Überzeugung anderes ersinnen.« Er erbleichte noch mehr, machte eine unbestimmte Bewegung der Abwehr und sank gleichzeitig auf einen Stuhl nieder. »Nein,« fuhr sie fort, »es ist klar, du liebst mich nicht mehr. Was willst du? Wir sind zweifelsohne nicht füreinander geschaffen. Als wir hier zusammen eingeschlossen waren, warst du geradezu gezwungen, an mich zu denken. Später ist dir der Gedanke daran vergangen, die Sache hatte keinen Bestand, weil ich nichts besaß, um dich zu fesseln.« Eine letzte Aufwallung von Erbitterung riß ihn fort. Er rückte auf dem Stuhle hin und her und stammelte: »Wo hinaus willst du? Ich frage dich, was bedeutet alles das? Ich kehre gemütlich heim, gehe ruhig in mein Zimmer, um mir meine Pantoffel anzuziehen, und da fällst du über mich her und brichst eine überspannte Geschichte vom Zaune. Ich liebe dich nicht mehr, wir sind nicht füreinander geschaffen, wir müssen unsere Heirat aufgeben... Noch einmal, was bedeutet das?« »Das bedeutet, daß du eine andere liebst und ich dir den Rat gebe, sie zu heiraten.« Einen Augenblick blieb Lazare stumm. Dann suchte er die Sache ins Scherzhafte zu ziehen. Schön, die Auftritte begännen also von neuem, ihre Eifersucht werde wieder alles von unterst zu oberst kehren. Sie könnte ihn nicht einen Tag heiter sehen, sie müsse durchaus eine Leere um ihn herum schaffen. Pauline hörte ihm mit tieftraurigem Gesichte zu, dann legte sie ihm plötzlich ihre zitternden Hände auf die Schultern und ließ ihr Herz in den unfreiwilligen Aufschrei ausbrechen: »Kannst du glauben, daß ich dich quälen will? Du verstehst also nicht, daß ich einzig dein Glück will, daß ich alles gern hinnehme, um dir das Vergnügen einer Stunde verschaffen zu können! Nicht wahr, du liebst Luise? Ich sage dir, heirate sie... Ich zähle nicht mehr, ich gebe sie dir.« Er sah sie bestürzt an. In dieser nervösen, unausgeglichenen Natur sprangen die Gefühle bei der geringsten Erschütterung in das Gegenteil über. Seine Augenlider zuckten, er brach in ein Schluchzen aus. »Schweige, ich bin ein Elender! Ja, ich verachte mich wegen all dessen, was seit Jahren in diesem Hause vor sich geht... Ich bin dein Schuldner, sage nicht nein! Wir haben dir dein Geld genommen, und ich habe es wie ein Dummkopf verschleudert, und jetzt bin ich so tief gesunken, daß du mir das Almosen meines Wortes schenkst, daß du es mir aus Mitleid wiedergibst wie einem Manne ohne Mut und Ehre.« »Lazare, Lazare!« murmelte sie entsetzt. Mit wütender Gebärde war er aufgesprungen und ging, sich die Brust mit den Fäusten schlagend, umher. »Laß mich; ich möchte mich am liebsten sofort töten. Wenn es nach der Gerechtigkeit ginge... müßte ich nicht dich lieben? Ist es nicht verabscheuungswürdig, diese andere zu begehren, weil sie ohne Zweifel nicht für mich bestimmt, weil sie weniger gut und weniger gesund ist, was weiß ich? Wenn ein Mensch auf solche Dinge verfällt, so hat er eben Schlamm am Grunde seines Wesens. Du siehst, daß ich nichts verhehle, daß ich mich nicht einmal zu entschuldigen suche. Höre, ehe ich dein Opfer annehme, werde ich Luise selbst vor die Tür setzen, und ich möchte nach Amerika gehen, um euch nie wiederzusehen, weder die eine noch die andere.« Sie versuchte lange Zeit ihn zu beruhigen und zur Vernunft zu bringen. Konnte er denn das Leben nicht einmal nehmen, wie es war, ohne Übertreibung? Sah er denn nicht, daß sie nach reiflicher Überlegung verständig mit ihm redete? Diese Heirat sei für alle das beste. Wenn sie ihm mit so ruhiger Stimme davon spreche, so geschehe es, weil sie jetzt, weit entfernt darunter zu leiden, die Heirat sogar wünsche. Aber von dem Wunsche hingerissen, ihn zu überzeugen, hatte sie die Ungeschicklichkeit, auf Luisens Vermögen anzuspielen und durchblicken zu lassen, daß Thibaudier am Tage nach der Hochzeit für seinen Schwiegersohn eine Stellung finden werde. »Das also ist es,« rief er mit erneuerter Heftigkeit, »verkaufe mich nur. Sage nur gleich, daß ich nichts mehr von dir wissen will, weil ich dich ruiniert habe und mir nur noch die Schlechtigkeit übrig bleibt, mir anderswo ein reiches Mädchen zu erheiraten... Nein, alles das ist schmutzig. Niemals, hörst du, niemals!« Pauline, deren Kräfte zu Ende waren, hörte auf, in ihn zu dringen. Es trat ein Schweigen ein. Lazare war wie gebrochen auf einen Stuhl gesunken, während sie mit langsamen Schritten durch den weiten Raum ging und dabei vor jedem Möbel stehen blieb; von diesen alten, traulichen Dingen, dem Tische, den sie mit ihren Ellbogen abgenutzt hatte, dem Schranke, in dem noch ihr Kinderspielzeug vergraben lag, von all den dort noch umherliegenden Erinnerungen stieg eine Hoffnung in ihr Herz, die sie nicht hören wollte, und deren Süße sie trotzdem langsam in sich aufnahm. Wenn er sie doch wirklich so liebte, um sich einer andern zu versagen! Aber sie kannte die folgenden Tage der Vernachlässigung, die unter der ersten Hitze dieser schönen Gefühle lauerten. Sodann war es feige zu hoffen; sie fürchtete, einer List ihrer Schwäche nachzugeben. »Du wirst darüber nachdenken«, schloß sie endlich, vor ihm stehen bleibend. »Ich will uns nicht weiter quälen... Gewiß bist du morgen vernünftiger.« Der folgende Tag verstrich indes in großer Verlegenheit. Eine dumpfe Traurigkeit, eine Art Bitterkeit verdüsterte das Haus von neuem. Luise hatte rote Augen, Lazare floh sie und hatte sich ganze Stunden in seinem Zimmer eingeschlossen. An den folgenden Tagen schwand jedoch diese Verlegenheit nach und nach; das Lachen, das Flüstern, das zärtliche Berühren begann wieder. Pauline wartete, trotz ihrer Vernunft von tollen Hoffnungen erregt. Vor dieser schrecklichen Ungewißheit glaubte sie das Leiden nicht gekannt zu haben. Als sie eines Abends endlich in der Dämmerstunde in die Küche hinabstieg, um ein Licht zu holen, traf sie Lazare und Luise im Flur in einer Umarmung. Das junge Mädchen entfloh lachend, und er, durch das Dunkel ermutigt, ergriff Pauline und drückte ihr zwei laute brüderliche Küsse an die Wangen. »Ich habe nachgedacht«, flüsterte er. »Du bist die Bessere, die Vernünftigere... Aber ich liebe dich immer, ich liebe dich, wie ich Mama geliebt habe.« Sie hatte die Kraft zu antworten: »Es ist also abgemacht, ich bin sehr zufrieden.« Aus Furcht, ohnmächtig zu werden, wagte sie sich nicht in die Küche, so bleich fühlte sie sich an der Kälte ihres Gesichts. Dort in der Finsternis glaubte sie den Geist aufgeben zu müssen; dem Ersticken nahe, fand sie nicht einmal Tränen. Mein Gott, was hatte sie ihm getan, daß er seine Grausamkeit bis zur Vergrößerung der Wunde trieb? Konnte er nicht sofort an jenem selben Tage, an dem sie alle ihre Kräfte beisammen hatte, ihren Vorschlag annehmen, ohne sie mit eitlen Hoffnungen weich zu stimmen? Jetzt wurde das Opfer doppelt schwer, sie verlor ihn zum zweiten Male und um so schmerzlicher, als sie sich seine Zurückeroberung eingebildet hatte. Mein Gott! Sie hatte Mut, aber es war schlecht, ihr die Aufgabe so entsetzlich schwer zu machen. Alles wurde schnell geordnet. Veronika stand mit offenem Munde da, sie begriff gar nichts mehr und fand, daß die Dinge nach dem Tode der Frau völlig verkehrt gingen. Diese Lösung aber brachte ganz besonders Chanteau außer Fassung. Er, der sich gewöhnlich um nichts kümmerte und zu jedem Willen der anderen beistimmend mit dem Kopfe nickte, wie eingekapselt in die Selbstsucht der wenigen Ruheminuten, die er dem Schmerze stahl, begann zu weinen, als Pauline selbst ihm dieses neue Abkommen mitteilte. Er schaute sie an, stammelte, Bekenntnisse entschlüpften ihm in abgerissenen Worten; es sei nicht seine Schuld, er habe schon früher sowohl hinsichtlich der Heirat wie des Geldes anders handeln wollen; aber sie wisse wohl, daß er sich zu schlecht gefühlt habe. Da küßte sie ihn und versicherte ihm, daß sie Lazare aus Gründen der Vernunft zur Heirat mit Luise zwinge. Im ersten Augenblick wagte er es nicht zu glauben, er blinzelte mit einem Rest von Traurigkeit mit den Augen und wiederholte nur: »Wirklich wahr? Wirklich wahr?« Als er sie lächeln sah, tröstete er sich schnell und wurde plötzlich sogar heiter. Er fühlte sein Herz schließlich erleichtert, denn diese alte Geschichte drückte ihn, ohne daß er davon zu sprechen wagte. Er küßte Luisette auf die Wangen und holte am Abend beim Nachtisch wieder ein dreistes Lied hervor. Beim Schlafengehen jedoch überkam ihn trotzdem eine letzte Unruhe. »Du bleibst doch bei uns, nicht wahr?« fragte er Pauline. Sie zögerte einen Augenblick und entgegnete mit einem Erröten über ihre Lüge: »Ohne Zweifel!« Einen guten Monat beanspruchten die Förmlichkeiten. Thibaudier, Luisens Vater, hatte die Werbung Lazares, der sein Patenkind war, sofort angenommen. Nur zwei Tage vor der Hochzeit fand zwischen ihnen ein Wortwechsel statt, als der junge Mann sich geradeheraus weigerte, in Paris eine Versicherungsgesellschaft zu leiten, deren stärkster Aktionär der Bankier war. Er beabsichtigte noch ein oder zwei Jahre in Bonneville zu verleben, wo er einen Roman, ein Meisterwerk zu schreiben gedachte, ehe er nach Paris gehe. Thibaudier begnügte sich, die Achseln zu zucken, indem er ihn in aller Freundschaft einen großen Narren nannte. Die Hochzeit sollte in Caen stattfinden. Während der letzten vierzehn Tage herrschte ein beständiges Gehen und Kommen, ein außerordentliches Reisefieber. Pauline betäubte sich, begleitete Luise und kam gebrochen heim. Da Chanteau Bonneville nicht verlassen konnte, hatte sie versprechen müssen, der Feierlichkeit beizuwohnen als einzige Vertreterin der Familie ihres Vetters. Das Herannahen des Tages ließ sie erstarren. Am Tage vorher richtete sie es so ein, daß sie nicht in Caen zu schlafen brauchte, denn sie glaubte, weniger zu leiden, wenn sie wieder in ihrem Zimmer, beim geliebten Wiegen des großen Meeres schlafe. Sie gab vor, daß die Gesundheit des Onkels ihr Besorgnis einflöße, und daß sie sich nicht auf lange Zeit von ihm entfernen könne. Er drang vergebens in sie, ein paar Tage dort zu bleiben: war er denn krank? Im Gegenteil, außergewöhnlich erregt durch den Gedanken an diese Hochzeit, an dieses Mahl, bei dem er nicht sein werde, gedachte er, von Veronika heimlich ein verbotenes Gericht zu fordern, zum Beispiel ein Rebhuhn mit Trüffeln, das er niemals aß, ohne eines Anfalls gewiß zu sein. Trotz allem erklärte das junge Mädchen, daß es am selben Abend heimkehren werde, und sie zählte auch darauf, auf diese Weise freier zu sein, am folgenden Tage ihren Koffer packen und verschwinden zu können. Ein feiner Regen tröpfelte hernieder, es hatte Mitternacht geschlagen, als die alte Berline von Malivoire Pauline am Abend des Hochzeitstages heimführte. Sie war sehr bleich und zitterte in ihrem blauseidenen Kleide, durch einen kleinen Schal gegen die Kühle schlecht geschützt; dennoch brannten ihre Hände. In der Küche fand sie Veronika in ihrer Erwartung an einer Tischkante eingeschlafen; das sehr hoch brennende Licht ließ sie ihre Augen niederschlagen, die von einem tiefen Schwarz waren, als fülle sie noch die Finsternis des Weges, auf dem sie weit offen geblieben waren. Sie konnte der schlaftrunkenen Magd nur Worte ohne Zusammenhang entlocken: der Herr sei nicht vernünftig gewesen, jetzt schlafe er, es sei niemand gekommen. Da nahm sie das Licht und stieg, zu Eis erstarrt durch die Leere des Hauses, hinauf, bis zum Tode verzweifelt über die Finsternis und die Stille, die ihre Schultern niederdrückten. Im zweiten Stock flüchtete sie sich voller Eile in ihr Zimmer, als ein unwiderstehlicher Trieb, über den sie selbst erstaunte, sie Lazares Tür öffnen ließ. Sie hob das Licht in die Höhe und schaute um sich, als dünke ihr das Zimmer voller Rauch. Nichts war verändert, jedes Möbel an seinem Platz; dessenungeachtet aber verspürte sie die Empfindung eines Unglücks, einer Vernichtung, einer dumpfen Furcht wie in dem Gemache eines Toten. Mit langsamen Schritten ging sie bis zum Tische vor, betrachtete das Tintenfaß, die Feder, ein noch umherliegendes begonnenes Blatt, dann ging sie. Es war zu Ende, die Tür schloß sich hinter der tönenden Leere des Raumes. In ihrem Zimmer harrte ihrer dieselbe Empfindung von etwas Unbekanntem. War dies wirklich ihr Zimmer mit den blauen Rosen auf dem bemalten Papier, dem schmalen, von Musselinevorhängen umrahmten eisernen Bette? Sie lebte doch seit so vielen Jahren darin! Ohne das Licht hinzustellen, nahm sie, die gewöhnlich so mutig, eine Untersuchung vor, schob die Vorhänge beiseite, blickte unter das Bett, hinter die Möbel. Eine Erschütterung, eine Verwirrung hielt sie vor den Dingen fest. Sie hätte nie geglaubt, daß von der Decke, an der ihr jeder Fleck bekannt war, eine solche Beklemmung herniedersinken könne; sie bedauerte jetzt, nicht in Caen geblieben zu sein, ihr kam das Haus noch schrecklicher vor, so belebt von Erinnerungen und so leer in der kalten Finsternis dieser stürmischen Nacht. Der Gedanke, sich schlafen zu legen, war ihr unerträglich. Sie ließ sich nieder, ohne auch nur den Hut abzunehmen, und blieb so einige Minuten unbeweglich sitzen, die weit geöffneten Augen auf die sie blendende Kerze geheftet. Plötzlich erschrak sie; was tat sie an diesem Platze, den Kopf in einem Aufruhr, daß das Gesumme sie am Denken hinderte? Es war ein Uhr, sie würde besser in ihrem Bette aufgehoben sein. Und sie begann sich mit heißen, trägen Händen zu entkleiden. Ein Bedürfnis nach Ordnung blieb ihr selbst in diesem Zusammenbruch ihres Lebens treu. Sie verschloß sorgfältig ihren Hut und überzeugte sich mit einem Blick, ob ihre Stiefelchen nicht gelitten hätten. Ihr Kleid lag schon zusammengefaltet über einer Stuhllehne, sie hatte nur noch Unterrock und Hemde an, als ihr Blick auf ihren jungfräulichen Busen fiel. Nach und nach färbte eine Flamme ihre Wange purpurn. Aus dem Gewirr ihres Gehirnes erstanden und tauchten deutliche Bilder vor ihr auf, die beiden anderen in deren Zimmer dort, in Caen, in dem Zimmer, das sie kannte, wohin sie selbst am Morgen Blumen gebracht hatte. Die Braut hatte sich niedergelegt, er trat ein und näherte sich mit einem zärtlichen Lachen. Mit einer heftigen Gebärde ließ sie den Unterrock niedergleiten, zog das Hemd aus, und jetzt völlig nackt, betrachtete sie sich noch immer. Für sie war also diese Ernte der Liebe nicht? Sicherlich werde für sie die Hochzeit niemals kommen. Ihr Blick glitt von ihrem Busen, der hart wie eine vom Saft geschwellte Knospe war, auf ihre breiten Hüften und ihren Leib nieder, in dem eine kräftige Mutterschaft schlummerte. Sie war gleichwohl reif, sie sah das Leben ihrer Glieder schwellen, in den geheimen Falten ihres Fleisches, in einem schwarzen Flaum blühen; sie atmete den Duft des Weibes ein, wie den eines aufbrechenden, die Befruchtung erwartenden Blumenstraußes. Und sie war es nicht, es war die andere in jenem Zimmer, die sie sich deutlich heraufbeschwor, vor Wollust schier vergehend in den Armen des Gatten, dessen Kommen sie selbst schon seit Jahren erwartete. Aber sie beugte sich weiter vor. Der rote Faden eines längs der Lende herabfließenden Blutstropfens setzte sie in Staunen. Sie verstand sofort: ihr zur Erde geglittenes Hemd schien wie von einem Messerstiche mit Blut bespritzt zu sein. Also deswegen fühlte sie seit ihrer Abfahrt von Caen eine solche Schwäche im ganzen Körper? Sie erwartete diese Wunde nicht so früh, der Verlust ihrer Liebe hatte sie an den Quellen des Lebens selbst geöffnet. Der Anblick dieses nutzlos entströmenden Lebens trieb ihre Verzweiflung auf die Spitze. Sie erinnerte sich, das erstemal vor Entsetzen geschrien zu haben, als sie sich eines Morgens im Blute liegen sah. Später war sie so kindisch gewesen, am Abend, bevor sie das Licht auslöschte, mit verstohlenem Blick das volle Erblühen ihres Fleisches und ihres Geschlechtes zu beobachten. Sie war stolz wie eine Närrin, sie kostete das Glück, Weib zu sein! Welches Elend! Der rote Regen ihrer Reife strömte heute nieder, den vergeblichen Tränen vergleichbar, die ihre Jungfräulichkeit in ihr weinte. Nun würde jeder Monat dieses Hervorsprudeln aus reifer, bei der Weinlese gepreßter Traube herbeiführen, sie würde nie Frau werden und in Unfruchtbarkeit altern. Jetzt packte sie angesichts der Bilder, welche die Erregung vor ihr entrollte, die Eifersucht. Sie wollte leben und vollkommen leben, sie wollte das Leben schaffen, sie, die das Leben so liebte. Wozu das Dasein, wenn man sein Wesen nicht hingibt? Sie sah die beiden anderen und die Versuchung, ihren nackten Leib zu zerstören, ließ sie mit dem Blick die Schere suchen. Warum nicht diese Brust zerschneiden, diese Lenden zerbrechen, diesen Leib vollends öffnen, um dieses Blut auf den letzten Tropfen herausfließen zu lassen? Sie war viel schöner als dieses magere, blonde Mädchen; sie war stärker, und er hatte sie trotzdem nicht erwählt. Sie sollte ihn nie kennen lernen, nichts an ihr durfte ihn mehr erwarten, weder ihre Arme, noch ihre Hüften, noch ihre Lippen. Alles konnte wie unnützer Plunder in den Winkel geworfen werden. War es möglich, daß jene beisammen waren, während sie allein, vor Fieber fast zitternd, in diesem kalten Hause blieb! Sie warf sich plötzlich bäuchlings auf das Bett. Sie preßte das Kopfkissen in ihre krampfhaften Arme und biß hinein, um ihr Schluchzen zu ersticken. Und sie versuchte ihr aufrührerisches Fleisch zu töten, sie wollte es auf der Matratze zerdrücken. Lange, vom Nacken bis zu den Fersen sie durchlaufende Erschütterungen ließen sie erbeben. Vergebens schlossen sich ihre Lider, um nicht mehr zu sehen, sie sah trotzdem, Ungeheuerlichkeiten hoben sich aus dem Dunkel ab. Was tun? Sich die Augen ausbohren und dennoch sehen, vielleicht immer sehen! Minuten verstrichen, sie hatte kein Bewußtsein mehr von der Ewigkeit ihrer Qual. Voller Schreck richtete sie sich auf. Es war jemand da, denn sie hatte lachen hören. Aber sie fand nur ihre beinahe niedergebrannte Kerze, welche die Leuchterdille zum Platzen gebracht hatte. Wenn sie dennoch jemand gesehen hätte! Dieses eingebildete Lachen lief noch wie eine rohe Liebkosung über ihre Haut. War sie es wirklich, die so nackt blieb? Eine Scham erfaßte sie, sie hatte die Arme mit einer erschrockenen Gebärde über die Brust gekreuzt, um sich selbst nicht mehr zu sehen. Endlich streifte sie sich hastig das Nachthemd über und flüchtete unter die Bettdecke, die sie bis an das Kinn hinaufzog. Ihr zitternder Körper machte sich ganz klein. Als das Licht erloschen war, rührte sie sich nicht mehr, von der Scham über diesen Anfall wie vernichtet. Pauline packte am nächsten Morgen ihren Koffer, ohne den Mut zu haben, Chanteau ihre Abreise anzukündigen. Am Abend indessen mußte sie ihm alles sagen, denn Doktor Cazenove sollte sie am nächsten Tage abholen und in Person zu seiner Verwandten bringen. Als Chanteau, wie vor den Kopf gestoßen, begriffen hatte, hob er mit der Gebärde eines Tollen seine kranken Hände empor, als wolle er Pauline zurückhalten, und stammelte und flehte. Sie werde es nie tun, ihn niemals verlassen, denn das sei sein Tod; er werde sicherlich davon sterben. Als er sie sanft darauf bestehen sah und ihre Gründe erriet, entschloß er sich, seinen Fehltritt zu beichten, daß er am Tage vorher ein Rebhuhn gegessen habe. Leichte Stiche brannten schon in seinen Gelenken. Es war immer die nämliche Geschichte, er unterlag im Kampfe: sollte er essen, sollte er leiden? Er aß mit der Gewißheit, leiden zu müssen, befriedigt und entsetzt zugleich. Aber sie würde gewiß nicht den Mut haben, ihn mitten im Anfalle zu verlassen. In der Tat kam gegen sechs Uhr morgens Veronika herauf, um das Fräulein zu benachrichtigen, daß sie den Herrn in seinem Zimmer heulen höre. Sie war von unausstehlicher Laune und schalt im ganzen Hause umher, daß, wenn das Fräulein gehe, sie sich auch aus dem Staube machen werde, denn sie habe es satt, einen so wenig vernünftigen Alten zu pflegen. Pauline mußte sich noch einmal am Krankenbette des Oheims häuslich niederlassen. Als der Arzt sich einstellte, um sie fortzuführen, zeigte sie ihm den Kranken, der noch lauter als zuvor heulte und ihr zuschrie, sie möge nur gehen, wenn sie das Herz habe. Alles wurde aufgeschoben. Das junge Mädchen zitterte jeden Tag vor der Heimkehr von Lazare und Luise; es erwartete sie ihr neues Zimmer, das einstige Fremdenzimmer, zum jetzigen Zwecke nach ihren Angaben schon seit dem Tage nach der Hochzeit eingerichtet. Sie vergaßen sich in Caen, Lazare schrieb, daß er Notizen über die Finanzwelt sammele, ehe er sich in Bonneville einschließe, um einen großen Roman zu beginnen, in dem er die Wahrheit über die großen Spekulanten sagen wolle. Dann landete er eines Morgens ohne Frau und erklärte gelassen, daß er sich mit ihr in Paris niederlassen werde: sein Schwiegervater habe ihn überzeugt, er nehme die Stelle bei der Versicherungsgesellschaft unter dem Vorwande an, daß er dort Notizen aus dem Leben sammeln könne, später wolle er zurückkehren und zur Literatur übergehen. Als Lazare zwei Kisten mit den mitzunehmenden Gegenständen vollgepackt hatte, die alte Berline von Malivoire gekommen war, um ihn und sein Gepäck abzuholen, ging Pauline wie betäubt in das Haus, sie fand nicht mehr ihre mutige Willenskraft wieder. Chanteau, der noch sehr leidend war, fragte: »Ich hoffe, du bleibst? Warte wenigstens, bis du mich begraben hast!« Sie wollte nicht sogleich antworten. Oben stand ihr Koffer immer noch gepackt da. Sie schaute ihn stundenlang an. Nun die anderen nach Paris gingen, war es eine Schlechtigkeit, den Oheim zu verlassen. Gewiß, sie mißtraute den Entschließungen ihres Vetters; aber wenn das Ehepaar heimkam, würde sie noch immer frei weggehen können. Cazenove hatte ihr wütend gesagt, sie gebe eine prächtige Stellung auf, um ihr Dasein bei Leuten zu vertrödeln, die seit ihrer Jugend von ihr lebten. Ihr Entschluß stand aber fest. »Geh nur«, wiederholte ihr Chanteau jetzt. »Wenn du Taler verdienen willst und glücklich sein kannst, will ich dich nicht verpflichten, bei einem alten Krüppel, wie ich es bin, in Schlurren zu gehen. Geh nur.« Eines Morgens antwortete sie: »Nein, Onkel, ich bleibe.« Der Doktor, welcher gerade zugegen war, entfernte sich, die Hände zum Himmel erhebend. »Die Kleine ist unmöglich! Welch ein Wespennest dieses Haus! Sie kommt niemals heraus.« Neuntes Kapitel. Und die Tage flossen von neuem in dem Hause zu Bonneville dahin. Einem sehr kalten Winter war ein regnerischer Frühling gefolgt; das von den Platzregen gepeitschte Meer glich einem schmutzigen See; dann hatte sich der Sommer bis in die Mitte des Herbstes mit einer schwerfälligen Sonne hinein verzögert, welche die blaue Unendlichkeit unter ihrer erdrückenden Hitze einschläferte. Darauf war es wieder Winter geworden, ein Frühling und noch ein Sommer vergingen Minute für Minute im nämlichen Schritte im abgemessenen Verlaufe der Stunden. Pauline fand ihre tiefe Ruhe wieder, als habe sich ihr Herz nach dieser uhrförmigen Bewegung geregelt. Eingewiegt durch die Regelmäßigkeit der Tage, in immer wiederkehrenden Beschäftigungen sich bewegend, gelangte sie dahin, daß ihre Leiden in einer tiefen Betäubung schlummerten. Sie kam des Morgens herunter, küßte ihren Onkel, hatte mit der Magd die nämliche Unterhaltung wie am Tage vorher; sie setzte sich zweimal zu Tische, plauderte am Nachmittag und legte sich des Abends frühzeitig schlafen, und am folgenden Morgen begann der Tag von vorne, ohne daß ein unerwartetes Ereignis diese Einförmigkeit unterbrach. Chanteau, immer mehr von der Gicht festgebunden, war mit seinen angeschwollenen Beinen und unförmigen Händen stumm, wenn er nicht heulte, in die Glückseligkeit seiner schmerzfreien Augenblicke versunken. Veronika, die ihre Sprache verloren zu haben schien, verfiel in eine finstere Maulhängerei. Nur die sonnabendlichen Mahlzeiten brachten eine Abwechslung in diese Stille. Cazenove und der Abbé Horteur stellten sich pünktlich zum Essen ein; man hörte bis gegen zehn Uhr Stimmen, dann klapperten die Holzschuhe des Priesters über das Pflaster des Hofes, während der Wagen des Arztes beim schwerfälligen Trabe des alten Pferdes davonrollte. Selbst Paulinens Heiterkeit war ruhiger geworden, diese tapfere Heiterkeit, die sie inmitten all dieser Qualen sich bewahrt hatte. Ihr volltönendes Lachen erfüllte nicht mehr die Treppe und die Zimmer; aber sie blieb die Geschäftigkeit und Güte des Hauses; sie brachte jeden Morgen einen neuen Mut zum Leben mit. Nach Verlauf eines Jahres schlief ihr Herz, sie konnte glauben, daß die Stunden nunmehr so einförmig und sanft dahinfließen würden, ohne daß etwas in ihr das schlummernde Leid wieder erwecken könne. In den ersten Zeiten nach Lazares Abreise hatte jeder seiner Briefe sie verwirrt. Sie lebte nur durch diese Briefe, erwartete sie mit Ungeduld, las sie wiederholt, ging über die geschriebenen Worte hinaus bis zu Dingen, die sie gar nicht besagten. Drei Monate lang kamen sie regelmäßig, sie trafen alle vierzehn Tage ein, waren sehr lang, voller Einzelheiten, von Hoffnung überfließend. Lazare flammte noch einmal auf, stürzte sich in die Geschäfte und träumte sogleich von einem unermeßlichen Vermögen. Wenn man ihn hörte, warf die Versicherungsgesellschaft einen ungeheuren Nutzen ab; er wollte sich nicht damit begnügen; schon häufte er Geschäfte auf Geschäfte und zeigte sich von der finanziellen und der Geschäftswelt entzückt, alles waren Leute von sehr angenehmem Umgang, die er als Dichter so töricht beurteilt zu haben sich beschuldigte. Sodann war er unerschöpflich über die Freuden seiner Ehe, erzählte verliebte Neckereien von seiner Frau, von geraubten Küssen, gespielten Schabernacken, kurz: er kramte sein Glück aus, um der zu danken, die er »meine teure Schwester« nannte. Diese Einzelheiten, diese vertraulichen Stellen waren es, die in Paulinens Fingern ein leichtes Fieber erregten. Sie wurde fast betäubt von dem Liebesduft, der dem Papier entströmte, einem Duft von Heliotrop, dem Lieblingsparfüm Luisens. Dieses Papier hatte bei ihrer Wäsche gelegen: sie schloß die Augen, sah die Zeilen flammen, die Sätze sich vervollständigen und sah sich selbst in die engste Vertraulichkeit mit deren Honigmond gebracht. Aber nach und nach wurden die Briefe seltener und kürzer, ihr Vetter hörte auf, von den Geschäften zu sprechen, und begnügte sich, ihr die Grüße seiner Frau zu bestellen. Übrigens gab er keine Erklärungen, er hörte einfach auf, alles zu sagen. War er mit seiner Stellung unzufrieden, und stieß ihn die Geldwelt bereits ab? War das Glück der Häuslichkeit durch Mißverständnisse in Gefahr gebracht? Das junge Mädchen war auf Vermutungen angewiesen, sie beunruhigte sich über die Langeweile, die Hoffnungslosigkeit, die sie aus den wenigen, fast wie widerwillig gesandten Worten herausfühlte. Gegen Ende April erhielt sie nach sechswöchentlichem Schweigen ein Briefchen von nur vier Zeilen, in dem sie las, daß Luise seit drei Monaten guter Hoffnung war. Dann begann das Schweigen wieder, sie bekam keine weiteren Nachrichten. Mai und Juni verstrichen noch in dieser Weise. Eine Flut zerbrach eine der Verpfählungen; das war ein verdrießlicher Vorfall, von dem noch lange Zeit gesprochen wurde; ganz Bonneville spottete, Fischer stahlen die losgerissenen Balken. Es folgte eine zweite Geschichte: die kaum dreizehn und ein halbes Jahr alte Gonin wurde von einem Mädchen entbunden; und man war nicht einmal sicher, ob das Kind vom jungen Cuche war, denn man hatte sie auch mit einem alten Manne gesehen. Dann kehrte die Ruhe zurück, das Dorf lebte am Fuße des Abhangs gleich einer der zähen Vegetationen des Meeres. Im Juli mußten die Mauer der Terrasse und ein ganzer Giebel des Hauses ausgebessert werden. Als die Maurer einen ersten Hieb mit der Haue geführt hatten, drohte das übrige auch einzustürzen. Sie blieben den ganzen Monat, die Rechnungen beliefen sich fast auf zehntausend Franken. Pauline bezahlte noch immer. Ein neues Loch entstand in ihrer Kommode, ihr Vermögen war auf vierzigtausend Franken eingeschmolzen. Übrigens kam sie mit ihren dreihundert Franken monatlicher Zinsen reichlich im Hause aus, aber sie hatte sich noch zum weiteren Verkauf von Werttiteln entschließen müssen, um das Geld ihres Oheims nicht schlecht anzulegen. Wie ehemals seine Frau, so sagte er ihr jetzt, daß man eines Tages Abrechnung halten werde. Sie würde alles gegeben haben, ihr Geiz hatte sich in dem langsamen Aufbröckeln ihres Erbteils abgenutzt; sie kämpfte nur noch, um die Pfennige für ihre Almosen zu retten. Die Furcht, ihre sonnabendlichen Verteilungen einstellen zu müssen, machte sie untröstlich, denn das war ihre größte Freude der ganzen Woche. Seit dem letzten Winter hatte sie angefangen, Strümpfe zu stricken, alle Kinder im Dorfe hatten jetzt warme Füße. Als eines Morgens gegen Ende Juli Veronika gerade den von den Maurern zurückgelassenen Schutt auffegte, erhielt Pauline einen Brief, der sie außer Fassung brachte. Dieser Brief kam aus Caen und enthielt nur wenige Worte. Lazare kündigte ihr ohne irgendwelche nähere Erklärung an, daß er am selben Abend in Bonneville eintreffen werde. Sie lief mit dieser Nachricht schnell zu ihrem Onkel. Beide schauten sich an. In Chanteaus Augen malte sich das Entsetzen, daß sie ihn verlassen könne, falls sich das junge Paar für längere Zeit bei ihm niederlasse. Er wagte nicht, sie zu fragen, auf ihrem Gesicht las er ihren festen Entschluß abzureisen. Am Nachmittag schon ging sie hinauf, um ihre Wäsche nachzusehen. Es sollte indessen nicht den Anschein haben, als ergreife sie die Flucht. Gegen fünf Uhr stieg Lazare bei herrlichem Wetter vor der Hoftür aus dem Wagen. Pauline war ihm entgegengeeilt. Aber noch ehe sie ihn umarmte, fragte sie erstaunt: »Wie, du bist allein?« »Ja«, antwortete er und weiter nichts. Er gab ihr zuerst zwei derbe Küsse auf die Wangen. »Wo ist Luise?« »In Clermont bei ihrer Schwägerin. Der Arzt hat ihr Gebirgsluft empfohlen. Ihre Schwangerschaft nimmt sie sehr mit.« Während er so sprach, richtete er bereits seine Schritte nach der Vortreppe und warf lange Blicke in den Hof. Er schaute auch seine Base an, und eine verhaltene Erregung ließ seine Lippen erzittern. Als aus der Küche ein Hund hervorkam, um zwischen seinen Beinen zu kläffen, schien er erstaunt. »Was ist denn das?« fragte er. »Das ist Loulou«, erwiderte Pauline. »Er kennt dich nicht. Willst du wohl den Herrn nicht beißen, Loulou!« Der Hund fuhr fort zu knurren. »Er ist schauderhaft. Wo hast du denn dieses Ungeheuer aufgefischt?« Es war in der Tat ein armer Bastard, schlecht entwickelt, mit von der Räude zerfressenem Felle. Er war überdies abscheulich geartet, immer knurrig als ein enterbter, mitleiderregender Hund. »Was willst du? Als man ihn mir gab, versicherte man mir, er werde ungeheuer groß und herrlich: du siehst, er ist so geblieben ... Das ist der fünfte, den wir groß zu ziehen versuchen: alle anderen sind hin; dieser allein will durchaus leben bleiben.« Mit mürrischer Miene hatte Loulou sich in der Sonne hingestreckt und kehrte dabei der Welt den Rücken. Fliegen umschwärmten ihn. Da gedachte Lazare der verflossenen Jahre, dessen, was nicht mehr war, und dessen, was neu und häßlich in sein Leben trat. Er warf noch einen Blick auf den Hof. »Mein armer Mathieu!« murmelte er ganz leise. Auf der Vortreppe empfing ihn Veronika mit einem Kopfnicken, ohne aufzuhören, eine Mohrrübe zu schaben. Er ging geradeswegs in das Eßzimmer, wo ihn sein Vater von dem Geräusch der Stimmen erregt erwartete. Pauline rief schon von der Tür aus: »Er kommt allein? Luise ist in Clermont.« Chanteau, dessen unruhige Blicke sich aufheiterten, fragte seinen Sohn, schon bevor er ihn küßte: »Du erwartest sie hier? Wann wird sie sich hier mit dir treffen?« »Nein, nein,« antwortete Lazare, »ich werde sie von ihrer Schwägerin abholen, ehe ich nach Paris zurückkehre. Ich bleibe vierzehn Tage bei euch, dann suche ich das Weite.« Chanteaus Blicke drückten eine große, stumme Freude aus, und als Lazare ihn endlich umarmte, gab er ihm zwei tüchtige Küsse zurück. Dennoch fühlte er das Bedürfnis, sein Bedauern auszudrücken. »Ist das langweilig, daß deine Frau nicht hat kommen können; wir wären so froh gewesen, sie bei uns zu haben! Ein andermal mußt du sie uns auf alle Fälle bringen.« Pauline schwieg, indem sie unter dem zärtlichen Willkommenlachen die innere Erschütterung verbarg. Es änderte sich also alles, alles noch einmal, sie sollte nicht fort und sie hätte nicht einmal zu sagen vermocht, ob sie glücklich oder traurig darüber war, so sehr wurde sie ein Spielball der anderen. Schließlich mischte sich in ihre Heiterkeit eine Trauer, sie fand Lazare gealtert, mit erloschenem Auge, verbittertem Munde. Sie kannte diese Falten sehr wohl, die ihm Stirn und Wangen durchschnitten, aber die Furchen hatten sich vertieft, sie ahnte darin eine Verdoppelung von Langeweile und Entsetzen. Er betrachtete sie gleichfalls. Zweifelsohne schien sie ihm noch mehr an Schönheit und Kraft zugenommen zu haben, denn er murmelte, seinerseits lächelnd: »Teufel! Ihr habt während meiner Abwesenheit nicht gelitten. Ihr seid alle dick und fett. Papa ist verjüngt, Pauline prächtig ... Und, es ist komisch, das Haus kommt mir viel größer vor.« Mit einem Blick überschaute er das Eßzimmer, wie er zuvor erstaunt und bewegt den Hof prüfend betrachtet hatte. Sein Blick blieb schließlich an der auf dem Tische ruhenden Minouche haften, welche die Pfoten wie einen Muff zusammengesteckt hatte und so in ihre Katzenseligkeit vertieft war, daß sie sich nicht einmal gerührt hatte. »Bis auf Minouche selbst, die nicht altert«, begann er wieder. »Sage doch, Undankbare, du könntest mich wohl wieder erkennen.« Er liebkoste sie und sie begann zu schnurren, ohne sich deshalb mehr zu bewegen. »Minouche kennt nur sich«, sagte Pauline heiter. »Vorgestern erst hat man ihr wieder fünf Junge fortgeworfen. Du siehst, das stört sie nicht in ihrer Ruhe.« Man richtete das Mittagessen früher an, da Lazare zeitig gefrühstückt hatte. Trotz der Anstrengungen des jungen Mädchens verlief der Abend traurig. Dinge, die nicht ausgesprochen wurden, verhinderten das Geplauder; es traten Pausen ein. Sie vermieden, ihn zu fragen, da sie sahen, daß er nur gezwungen antwortete; sie versuchten weder zu wissen, wie seine Geschäfte in Paris gingen, noch warum er sie erst von Caen aus benachrichtigt hatte. Mit einer unbestimmten Bewegung wich er den zu unmittelbaren Fragen aus, als wolle er die Beantwortung auf später verschieben. Als der Tee herumgereicht wurde, ließ er sich nur einen großen Seufzer der Befriedigung entschlüpfen. Wie gut befand man sich doch da. Welch eine Riesenarbeit konnte man in dieser großen Ruhe vollenden! Er sagte ein Wort über ein Drama in Versen, an dem er bereits seit sechs Monaten arbeitete. Seine Base staunte, als er hinzufügte, daß er es in Bonneville zu vollenden gedenke. Ein Dutzend Tage würden dazu genügen. Um zehn Uhr kam Veronika mit der Meldung, daß das Zimmer des Herrn Lazare bereit sei. Aber als sie ihn im ersten Stock in das Fremdenzimmer geleiten wollte, wurde er böse. »Glaubst du etwa, ich werde da schlafen? ... Ich will oben in meinem kleinen eisernen Bette schlafen.« Die Magd brummte. Wozu diese Laune? Das Bett war fertig, er brauchte ihr doch nicht die Mühe zu machen, noch ein zweites herzurichten? »Es ist gut,« entgegnete er, »ich werde im Lehnstuhl schlafen.« Während Veronika wütend die Bettücher zusammenraffte und sie in den zweiten Stock hinauftrug, empfand Pauline eine unbewußte Freude, eine jähe Heiterkeit, daß sie sich ihrem Vetter an den Hals warf, um ihm in einer Anwandlung ihrer alten Kinderkameradschaft eine gute Nacht zu wünschen. Er wohnte also wieder in dem großen Zimmer so nahe bei ihr, daß sie ihn lange auf- und abgehen hörte wie im Fieber der Erinnerungen, die auch sie selbst wach hielten. Erst am folgenden Tage begann Lazare Pauline in das Vertrauen zu ziehen; er beichtete nicht mit einemmal, sie erfuhr die Sachen erst durch kurze, mitten in die Unterhaltung hineingeworfene Sätze. Voll besorgter Zuneigung fragte sie ihn bald ermutigt aus. Wie er mit Luise lebe? Ob ihr Glück noch immer vollkommen sei? Er antwortete bejahend, klagte jedoch über kleine häusliche Verdrießlichkeiten, die Zänkereien hervorgerufen hatten. Ohne daß ein Bruch zwischen dem jungen Paar stattgefunden, litt es durch tausende von Reibungen infolge ihrer beiderseitigen nervösen Temperamente, sie konnten weder in der Freude noch im Schmerze das Gleichgewicht bewahren. Es herrschte zwischen ihnen ein geheimer Groll, als seien sie überrascht und zornig über sich selbst, schon so schnell nach der großen Liebe der ersten Zeiten sich auf den Grund ihrer Herzen geschaut zu haben. Pauline glaubte im ersten Augenblick zu verstehen, daß Geldverluste sie entzweit hätten; aber sie täuschte sich, ihre zehntausend Franken Rente blieben beinahe unberührt, Lazare hatten nur die Geschäfte angeekelt, gerade wie ihn die Musik, die Medizin, die Industrie angewidert hatten; über diesen Gegenstand brach er in bittere Worte aus, nie habe er eine dümmere, verderbtere als die Geldwelt gesehen; er wollte eher der Langeweile in der Provinz, der Mittelmäßigkeit eines kleinen Wohlstandes den Vorrang geben, als dieser fortwährenden Sorge um das Geld, dieser Gehirnerweichung bei dem tollen Tanze der Ziffern. Er hatte überdies die Versicherungsgesellschaft verlassen und war entschlossen, vom kommenden Winter an, es mit dem Theater zu versuchen, sobald er nach Paris zurückgekehrt sei. Sein Stück solle ihn rächen, er werde darin zeigen, daß das Geld der Krebsschaden sei, der die moderne Gesellschaft vernichte. Pauline grämte sich nicht zu arg über diesen neuen Schiffbruch, den sie bereits hinter der Verlegenheit von Lazares letzten Briefen geahnt hatte. Vor allem beunruhigte sie diese allmähliche Zunahme des Mißverständnisses zwischen ihm und seiner Frau. Sie suchte nach der Ursache: wie kamen sie nur so schnell zu diesem Unbehagen, sie, die noch jung waren, nach ihrem Belieben leben konnten und keine andere Sorge als die um ihr Glück hatten? Zwanzigmal kam sie auf diesen Gegenstand zurück und erst vor der Verlegenheit, in die sie ihren Vetter jedesmal versetzte, hörte sie auf, ihn zu befragen: er stammelte, erbleichte und wandte die Blicke ab. Sie hatte diese Miene der Scham und Furcht wohl wiedererkannt: es war die Angst vor dem Tode, deren Frösteln er ehemals verheimlichte, wie man ein geheimes Laster verbirgt; aber war es möglich, daß die Kälte des »Niemals mehr« sich schon zwischen sie gelegt hatte in das noch von ihrer Hochzeit heiße Bett? Sie zweifelte mehrere Tage; ohne daß er mehr gebeichtet hätte, las sie die Wahrheit in seinen Augen, als er eines Abends ohne Licht verstört aus seinem Zimmer stürzte, als flüchte er vor Gespenstern. In Paris hatte er mitten in seinem Liebesfieber den Tod vergessen. Er rettete sich fassungslos in die Arme Luisens und war von der Mattigkeit nachher so mitgenommen, daß er in den Schlaf eines Kindes verfiel. Sie liebte ihn auch wie eine Geliebte mit ihrer nur für den Kultus des Mannes geschaffenen wollüstigen Anmut einer Katze und hielt sich sofort für unglücklich und verloren, wenn er sich einmal eine Stunde lang nicht um sie kümmerte. Die verzückte Befriedigung ihrer Begierden, das Vergessen alles übrigen, wenn eines am Halse des andern hing, hatten vorgehalten, solange sie noch glaubten, bis an den Boden dieser sinnlichen Freuden zu gelangen. Aber die Übersättigung kam, er war erstaunt, nicht über den Rausch der ersten Tage hinauskommen zu können; während sie in ihrem alleinigen Bedürfnis nach Liebkosungen nichts weiter verlangte noch gab, ihm keine Stütze war, keinen Lebensmut entgegenbrachte. War denn diese Freude des Fleisches so kurz? Konnte man sich denn nicht unaufhörlich in sie versenken, unaufhörlich neue Anregungen entdecken, deren Geheimnisvolles mächtig genug war, dem trügerischen Scheine des Glücks zu genügen? Eines Nachts wurde Lazare plötzlich durch den eisigen Hauch aufgeschreckt, dessen Vorüberstreifen ihm die Haare im Genick sträubte; er bebte und stammelte seinen Angstschrei: »Mein Gott! Mein Gott! Es muß gestorben sein!« Luise schlief an seiner Seite. Es war der Tod, den er am Ende ihrer Küsse wiederfand. Dann folgten andere Nächte, er verfiel wieder in seine alten Qualen. Es überkam ihn zufällig während seiner Schlaflosigkeiten, ohne daß er irgend etwas voraussehen oder verhindern konnte. Plötzlich wurde er auch inmitten ruhiger Stunden von einem Frösteln überfallen; während er oft im Zorn und in der Drangsal über einen schlechten Tag nicht von der Furcht heimgesucht wurde. Es war nicht mehr das einfache Aufschrecken von ehemals; das nervöse Übel verschlimmerte sich, der Widerschlag eines jeden neuen Stoßes erschütterte sein ganzes Sein. Er konnte nicht mehr ohne Nachtlampe schlafen, die Finsternis verschlimmerte seine Bangigkeit trotz der beständigen Furcht, daß seine Frau sein Leiden entdecken könne. Diese Verdoppelung des Unbehagens verschlimmerte die Anfälle, denn früher, als er allein schlief, war ihm erlaubt gewesen, feige zu sein. Dieses lebendige Geschöpf aber, dessen laue Wärme er an seiner Seite fühlte, beunruhigte ihn. Sobald ihn die Furcht vom Kopfkissen aufjagte, richtete sich sein noch vom Schlummer geblendeter Blick auf sie, mit dem erstarrenden Gedanken, sie mit offenen, fest auf die seinen gerichteten Augen zu erblicken. Aber sie rührte sich niemals, er unterschied beim Scheine der Nachtlampe kaum ihr unbewegliches Gesicht mit den aufgeworfenen Lippen und den feinen blauen Lidern. Er war denn auch allmählich ruhiger geworden, als er sie eines Nachts, wie er so lange gefürchtet hatte, mit weit geöffneten Augen sah. Sie sagte nichts, sah ihn frösteln und erblassen. Zweifelsohne fühlte auch sie den Tod vorüberziehen, denn sie schien zu verstehen und warf sich in der Verzagtheit eines hilfesuchenden Weibes ihm in die Arme. Beide versuchten sich auch dann noch zu täuschen, sie heuchelten, ein Geräusch von Schritten gehört zu haben, sie erhoben sich, um hinter den Möbeln und Vorhängen Nachschau zu halten. Von da ab wurden sie beide heimgesucht. Es entschlüpfte ihnen kein Bekenntnis, es war ein schamvolles Geheimnis, über das man nicht sprechen durfte; allein wenn sie im Schlafzimmer mit weitgeöffneten Augen auf dem Rücken lagen, hörten sie sich deutlich denken. Sie war ebenso nervös wie er, mußten sich gegenseitig dieses Leiden mitteilen, wie es auch geschieht, daß zwei Liebende von dem nämlichen Fieber hinweggerafft werden. Wenn er aufwachte, während sie noch schlief, erschrak er über diesen Schlummer: atmete sie noch? Er hörte nicht einmal mehr ihren Atem. Vielleicht war sie plötzlich gestorben. Einen Augenblick prüfte er ihr Gesicht, dann berührte er ihre Hände. Wenn er sich so vergewissert hatte, schlief er trotzdem nicht wieder ein. Der Gedanke, daß sie eines Tages sterben werde, versenkte ihn in eine finstere Träumerei. Wer werde zuerst scheiden, er oder sie? Er verfolgte diese beiden Mutmaßungen, Vorstellungen vom Tode entrollten sich in klaren Bildern vor ihm mit den entsetzlichen Herzensängsten des Todeskampf es, dem Grauen der letzten Vorbereitungen, der furchtbaren, ewigen Trennung. Das letztere brachte sein ganzes Sein in Aufruhr: sich nie, nie wiedersehen, wenn man so Fleisch an Fleisch miteinander gelebt hatte! Er fühlte sich toll werden, das Entsetzliche wollte ihm durchaus nicht in den Schädel. Seine Furcht machte ihn mutig, er wünschte, zuerst zu scheiden. Da wurde er im Gedanken an sie weich und stellte sie sich als Witwe vor, wie sie ihre gemeinsamen Gewohnheiten fortsetzte, dieses und jenes machte, was er nicht mehr mittun sollte. Um diese ewige Plage zu verscheuchen, nahm er sie häufig sanft, ohne sie aufzuwecken in die Arme; aber es war ihm unmöglich, sie lange zu halten, die Empfindung dieses Lebens, das er völlig in seinen Armen hielt, entsetzte ihn noch mehr. Wenn er den Kopf an ihre Brust legte und das Herz schlagen hörte, konnte er dieser Bewegung nicht ohne Unbehagen folgen, da er stets an plötzliches Bersten glaubte. Die Beine, in die er die seinen geschlungen hatte, die Hüfte, welche unter seinem Drucke so weich nachgab, diesen ganzen so geschmeidigen, so angebeteten Körper zu berühren, war ihm bald unerträglich, es erfüllte ihn in seiner Bangigkeit vor dem Nichts nach und nach mit einer angstvollen Erwartung. Selbst, wenn sie aufwachte, wenn ein Verlangen sie noch enger umschlang, sie sich Lippe an Lippe in einen Liebestaumel stürzten, mit dem Gedanken, in ihm ihr Elend zu vergessen, gingen sie ebenso zitternd daraus hervor, sie blieben auf dem Rücken ausgestreckt liegen, ohne den Schlaf wiederzufinden, von der Freude am Lieben angeekelt. In dem Schatten des Zimmers öffneten sich ihre großen, starren Augen wieder vor dem Tode. In dieser Zeit begann Lazare der Geschäfte überdrüssig zu werden. Seine Trägheit stellte sich wieder ein, er verbrachte die Tage im Müßiggang und entschuldigte sich mit seiner Verachtung dieser Geldprotzen. Die Wahrheit war, daß dieses beständige Besessensein vom Tode ihm jeden Tag mehr den Geschmack und die Kraft zu leben raubte. Er verfiel in sein altes: »Wozu nützt es?« Da der letzte Sprung morgen oder heute, vielleicht in einer Stunde da war, warum sich bewegen, sich erregen, mehr an dieser als an jener Sache hängen? Alles scheiterte. Sein Dasein war nur ein langsames, tägliches Sterben, dessen uhrenhaft regelmäßige, immer langsamer werdender Bewegung er wie ehedem lauschte. Das Herz schlug nicht mehr so schnell, die anderen Organe wurden gleichfalls träger, ohne Zweifel stand bald alles still; er verfolgte mit Schaudern diese Verminderung des Lebens, die das Alter verhängnisvoll mit sich brachte. Es waren Verluste seiner selbst, eine dauernde Verheerung seines Körpers; seine Haare fielen aus, es fehlten ihm verschiedene Zähne, er fühlte wie seine Muskeln erschlafften, als kehrten sie zur Erde zurück. Das Herannahen der Vierzig erhielt ihn in einer düsteren Schwermut; das Greisenalter war bald da, um ihn vollends zu vernichten. Er glaubte sich bereits überall krank, irgend etwas zerbrach ganz sicher, seine Tage verstrichen in der fieberhaften Erwartung einer Katastrophe. Dann sah er auch um sich sterben, und jedesmal, wenn er das Dahinscheiden eines Kameraden vernahm, war dies für ihn ein Schlag. War es möglich, auch der ist abgefahren? Aber er war doch drei Jahre jünger und so gebaut, als solle er hundert Jahre alt werden? Auch jener, wie hatte er nur sobald seine Rechnung machen können? Ein so vorsichtiger Mann, der alles abwog, selbst die Nahrung. Zwei Tage hindurch dachte er, über den Fall bestürzt, an nichts anderes; er betastete sich selbst, er prüfte seine Krankheiten und suchte schließlich mit den armen Toten Streit anzufangen. Er fühlte das Bedürfnis sich selbst zu beruhigen, er beschuldigte sie, aus eigener Schuld gestorben zu sein; der erste hatte eine unverzeihliche Unklugheit begangen; der Zweite war einem äußerst seltenen Leiden unterlegen, dem selbst die Ärzte keinen Namen zu geben vermochten. Aber er suchte vergebens das lästige Gespenst zu verscheuchen, er hörte fortwährend in sich das Räderwerk der dem Zerbrechen nahen Maschine knarren, er glitt ohne eine Möglichkeit des Aufhaltens diesen Abhang der Jahre hinab, an dessen Ende der Gedanke an das große schwarze Loch ihn mit kaltem Schweiße bedeckte und ihm die Haare vor Entsetzen sträubte. Als Lazare nicht mehr in sein Büro ging, brachen Streitigkeiten im Hause aus. Er trug eine Gereiztheit mit sich herum, die sich bei dem geringsten Hindernis offenbarte. Das mit so großer Sorgfalt verborgene Übel nahm zu, es gab sich nach außen hin durch Schroffheiten, düstere Stimmungen, wahnwitzige Handlungen kund. Einen Augenblick verzehrte ihn die Furcht vor dem Feuer bis zu dem Punkte, daß er aus dem dritten in den ersten Stock zog, um sich schneller retten zu können, wenn das Haus in Brand gerate. Die beständige Sorge um das Morgen verdarb ihm die gegenwärtige Stunde. Er lebte in der Erwartung eines Unglücks, er fuhr empor, sobald eine Tür heftiger als gewöhnlich zugeschlagen wurde, es befiel ihn heftiges Herzklopfen, sobald er einen Brief empfing. Er mißtraute ferner allem, er verbarg sein Geld in kleinen Summen an verschiedenen Orten, seine einfachsten Pläne hielt er verborgen; er empfand außerdem eine Erbitterung gegen alle und trug sich mit dem Gedanken, daß er verkannt sei, daß seine ununterbrochenen Fehlschläge durch eine weitgehende Verschwörung der Menschen und Dinge entständen. Seine Langweile aber beherrschte, ertränkte alles, die Langweile eines aus dem Gleichgewicht gebrachten Menschen, dem der stets gegenwärtige Gedanke an den nahen Tod Widerwillen gegen jede Tätigkeit einflößte und ihn unter dem Vorwande der Nichtigkeit des Lebens sich unnütz fortschleppen ließ. Warum sich aufregen? Die Wissenschaft war beschränkt, man konnte durch sie nichts verhindern, nichts bestimmen. Er empfand die skeptische Langeweile seiner ganzen Generation, nicht mehr die romantische Langeweile der Werther und der Renes, die den verlorenen Glauben beweinten, sondern die Langeweile der neuen Helden des Zweifels, der jungen Chemiker, die sich ärgern und die Welt für unmöglich erklären, weil sie nicht sofort das Leben auf dem Boden ihrer Retorten gefunden haben. Bei Lazare ging durch einen logischen Widerspruch das uneingestandene Entsetzen vor dem Niemals mehr mit einer unaufhörlich aufgetischten Prahlerei über das Nichts Hand in Hand. Sein Schauer selbst, das Unausgeglichene seiner hypochondrischen Natur war es, das ihn in pessimistische Gedanken, in einen wütenden Haß gegen das Dasein warf. Er sah es für eine Prellerei an von dem Augenblicke, wo es nicht ewig währen sollte. Verbrachte man nicht die erste Hälfte seiner Tage mit dem Traum vom Glück und die zweite mit Klagen und Zittern? Auch überbot er die Lehrsätze des »Alten« noch, wie er Schopenhauer nannte, von dem er lange Stellen auswendig hersagte. Er sprach davon, den Willen zu leben töten zu wollen, um diese grausame und blödsinnige Prunkschau des Lebens enden zu lassen, welche die Welt beherrschende Allmacht sich zu einem eigennützigen, unbekannten Zweck als Schauspiel gönnt. Er wollte das Leben unterdrücken, um die Furcht zu unterdrücken. Immer wieder kam er auf diese Befreiung hinaus: nichts wünschen in der Furcht vor Schlimmerem, die Bewegung vermeiden, die Schmerz ist, dann ganz dem Tod anheimfallen. Das praktische Mittel eines allgemeinen Selbstmordes beschäftigte ihn, eines völligen und plötzlichen Verschwindens, unter Zustimmung der Gesamtheit der Wesen. Darauf kam er zu jeder Stunde zurück inmitten der laufenden Unterhaltung mit vertraulichen und rohen Ausfällen. Bei der geringsten Beschwerlichkeit bedauerte er noch nicht hin zu sein. Ein einfacher Kopfschmerz ließ ihn wütend über sein Gerippe klagen. Seine Unterhaltung mit Freunden verfiel sofort auf das Ungemach des Daseins, auf das große Glück derer, welche die Gräser auf dem Kirchhofe fett machten. Finstere Gegenstände verfolgten ihn, er wurde von dem Artikel eines phantastischen Astronomen über das Erscheinen eines Kometen ergriffen, dessen Schweif die Erde wie Sandkorn wegfegen werde: mußte man darin nicht die erwartete Weltkatastrophe erblicken, die ungeheure Kartätsche, welche die Erde wie ein altes, verfaultes Schiff in die Luft sprengen sollte? Dieses Verlangen nach dem Tode, die gehätschelten Lehrsätze von der Vernichtung waren nichts anderes als der verzweifelte Kampf seiner Schrecken, der leere Wortlärm, unter dem er die schauerliche Erwartung seines Endes verbarg. Die Schwangerschaft seiner Frau verursachte ihm in diesem Augenblicke eine neue Erschütterung. Er empfand eine unerklärliche Erregung, eine große Freude und die Vermehrung seines Unbehagens zugleich. Im Gegensatze zu den Ideen des »Alten« erfüllte ihn der Gedanke, Vater zu werden, Leben erzeugt zu haben, mit Stolz. Wenn er auch zum Schein sagte, daß nur die Dummköpfe das Recht hierzu mißbrauchten, so fühlte er dennoch eine eitle Überraschung, als wenn ein solches Ereignis ganz allein für ihn aufgespart sei. Dann wurde ihm diese Freude verdorben; er quälte sich mit der Ahnung, daß die Niederkunft schlecht enden werde: für ihn war die Mutter bereits verloren; nicht einmal das Kind werde zur Welt kommen. Die Schwangerschaft brachte noch dazu von den ersten Monaten an schmerzliche Zufälle mit sich, das Haus stand auf dem Kopfe, die Gewohnheiten waren gestört, die Streitigkeiten häufiger, das alles machte ihn vollends elend. Dieses Kind, das die Gatten einander hätte näher bringen sollen, vermehrte die Mißverständnisse zwischen ihnen, die Reibungen des Lebens Seite an Seite. Er war besonders außer sich über die unbestimmbaren Leiden, über die sie sich vom Morgen bis zum Abend beklagte. Als der Arzt dann von einem Aufenthalte in einem Gebirgsorte sprach, fühlte er darin eine Erleichterung, daß er sie zu seiner Schwägerin geleiten und auf vierzehn Tage, unter dem Vorwande seinen Vater in Bonneville besuchen zu wollen, entschlüpfen konnte. Im Grunde schämte er sich dieser Flucht. Aber er setzte sich mit seinem Gewissen auseinander; eine kurze Trennung werde beider Nerven beruhigen, genug, daß er zur Zeit der Niederkunft da sei. An dem Abend, an dem Pauline endlich die ganze Geschichte dieser verflossenen achtzehn Monate erfuhr, versagte ihr einen Augenblick die Stimme, sie war wie betäubt von diesem Unglück. Es war im Speisezimmer; sie hatte Chanteau zu Bett gebracht, und Lazare hatte eben seine Bekenntnisse angesichts des erkalteten Teekessels unter der kohlenden Lampe beendet. Nach einem Schweigen sagte sie endlich: »Ihr liebt euch nicht mehr; großer Gott!« Er hatte sich erhoben, um hinaufzugehen, und widersprach ihr mit seinem unruhigen Lachen. »Wir lieben uns so sehr, wie man sich lieben kann... Du weißt nichts in deinem Loche hier? Warum soll es mit der Liebe besser bestellt sein als mit allem übrigen?« Sobald Pauline sich in ihr Zimmer eingeschlossen hatte, bekam sie einen ihrer Verzweiflungsanfälle, die sie so oft auf jenem Stuhle in Qualen wachgehalten hatten, während das ganze Haus schlief. Fing das Unglück wirklich an? Nachdem sie alles für die anderen und für sich selbst beendet glaubte, als sie sich das Herz ausgerissen hatte, bis zu dem Punkte, Lazare an Luise zu geben, erkannte sie plötzlich die Nutzlosigkeit ihres Opfers: sie liebten sich bereits nicht mehr, sie hatte vergeblich Tränen geweint und das Blut ihres Martyriums verspritzt. Auf dieses elende Ergebnis, auf diese neuen Schmerzen und bevorstehenden Kämpfe, deren Vorgefühl ihre Qual vermehrte, lief es also hinaus. Man hörte also nie auf zu leiden! Mit schlaff herniederhängenden Armen sah sie starren Auges ihre Kerze brennen, der Gedanke, daß sie die einzig Schuldige an diesem Abenteuer sei, stieg aus ihrem Gewissen empor und quälte sie. Sie kämpfte vergeblich gegen die Tatsachen: sie allein hatte diese Heirat beschlossen, ohne zu begreifen, daß Luise nicht die Frau war, deren Lazare bedurfte. Jetzt sah sie jene genau vor sich. Luise war zu nervös, um ihn im Gleichgewichte zu erhalten, weil sie selbst immer nahe daran war, beim geringsten Windhauch den Kopf zu verlieren; sie besaß nur den einzigen Reiz einer Geliebten, der ihm bald überdrüssig geworden war. Warum fielen ihr alle diese Dinge erst heute auf? Hatten sie nicht die nämlichen Gründe veranlaßt, Luise ihren Platz einzuräumen? Früher fand sie diese liebenswerter, es schien ihr, als habe, diese Frau die Macht, Lazare mit ihren Küssen aus seinen düsteren Stimmungen zu reißen. Welches Elend! Böses tun, während man das Gute will, das Leben so schlecht kennen, daß man die Leute vernichte, deren Heil man im Auge hat! Sie hatte sicher geglaubt, gut zu sein, ihr Werk der Barmherzigkeit dauerhaft zu machen, an dem Tage, an dem sie deren Freude mit so heißen Tränen erkauft hatte. Sie fühlte eine große Verachtung vor ihrer Güte, weil die Güte nicht immer das Glück ausmachte. Das Haus schlief, sie hörte in der Lautlosigkeit des Zimmers nur das Hämmern ihres Blutes, dessen Wogen an ihre Schläfen schlugen. Das war ein Aufruhr, der langsam anschwoll und losbrach. Warum hatte sie nicht Lazare geheiratet? Er gehörte ihr, sie hatte die Macht, ihn nicht hinzugeben. Vielleicht wäre er anfangs darüber verzweifelt, aber sie hätte es wohl verstanden, ihm später ihren Mut einzuflößen, ihn gegen die törichten Alpdrücke zu verteidigen. Sie hatte immer die Torheit besessen, an sich selbst zu zweifeln, darin lag die einzige Ursache ihres Unglücks. Das Bewußtsein ihrer Kraft, alle ihre Gesundheit, alle ihre Zärtlichkeit grollte, machte sich endlich geltend. War sie nicht mehr wert als die andere? Welche Torheit also hatte sie veranlaßt, sich so in den Schatten zu stellen? Jetzt verleugnete sie ihm sogar ihre Leidenschaft trotz ihrer Hingabe einer sinnlichen Geliebten, denn sie fand in ihrem eigenen Herzen eine größere Leidenschaft vor, die sich dem geliebten Wesen opfert. Sie liebte ihren Vetter heiß genug, um zu verschwinden, wenn die andere ihn glücklich gemacht hätte; da aber die andere das große Glück, ihn zu besitzen, nicht zu wahren wußte, sollte sie da nicht lieber handeln und diesen verfehlten Bund wieder zerreißen? Ihr Zorn wuchs noch immer; sie fühlte, daß sie schöner, kräftiger war; sie beschaute ihre Brust, ihren jungfräulichen Leib mit dem jähen Stolze des Weibes, das sie hätte abgeben können. Eine Gewißheit überkam sie blitzartig: sie hätte Lazare heiraten müssen. Jetzt quälte sie ein unermeßliches Bedauern. Die Stunden der Nacht verstrichen eine nach der andern, ohne daß ihr der Gedanke gekommen wäre, sich zu ihrem Bette hinzuschleppen. Ein Traum beschlich sie, die weit geöffneten, von der hohen Flamme des Lichtes geblendeten Augen schauten die Kerze noch immer an, ohne sie zu sehen. Sie befand sich nicht mehr in ihrem Zimmer, sie bildete sich ein, Lazare geheiratet zu haben; und ihr gemeinschaftliches Leben entrollte sich in Bildern von Liebe und Glückseligkeit vor ihr. Es war in Bonneville am Strande des blauen Meeres, vielleicht auch in Paris in einer geräuschvollen Straße; die Ruhe des kleinen Raumes blieb die nämliche, Bücher lagen umher, Rosen blühten auf dem Tische, die Lampe verbreitete am Abend eine blonde Helle, während an der Zimmerdecke Schatten schlummerten. Alle Augenblicke suchten sich ihre Hände, er hatte die sorglose Heiterkeit seiner Jugend wiedergefunden, sie liebte ihn so sehr, daß er schließlich an die Ewigkeit des Daseins glaubte. Um diese Stunde setzten sie sich zu Tische; zu jener gingen sie zusammen aus; morgen würden sie miteinander die Rechnungen durchsehen. Sie fühlte sich bei diesen häuslichen Einzelheiten der Ehe zärtlich werden, sie setzte darein die Haltbarkeit ihres Glückes, das endlich da war, sichtbar, greifbar, von dem heiteren Ankleiden am Morgen bis zum letzten Kuß am Abend. Im Sommer reisten sie. Eines Morgens bemerkte sie, daß sie guter Hoffnung war. Ein großer Schauer aber rüttelte sie aus ihrem Traume auf, weiterging sie nicht, sie befand sich wieder in ihrem Zimmer angesichts der niedergebrannten Kerze. Mein Gott, guter Hoffnung! Die andere war es, ihr wird es nie geschehen; nie wird sie diese Freude kennen lernen! Es war ein so harter Sturz, daß Tränen ihre Augen füllten, daß sie ohne Aufhören weinte und das Schluchzen ihre Brust zu sprengen drohte. Das Licht verlöschte, sie mußte im Dunkeln schlafen gehen. Pauline blieb von dieser fieberhaften Nacht eine tiefe Erregung zurück, ein tiefes Mitleid für dieses entzweite Paar und für sich selber. Ihr Kummer schmolz in einer Art ungewisser Hoffnung. Sie hätte nicht sagen können, worauf sie rechnete; sie wagte nicht, inmitten dieser wirren, ihr Herz bewegenden Empfindungen sich Klarheit zu verschaffen. Warum sich so quälen? Hatte sie nicht noch mindestens zehn Tage vor sich? Es war also noch immer Zeit, einen Entschluß zu fassen. Von Wichtigkeit war es, Lazare zu beruhigen, diese Ruhezeit in Bonneville nutzbringend für ihn werden zu lassen. Sie fand ihre Heiterkeit wieder; sie stürzten sich beide noch einmal in ihr schönes Leben von ehemals. Mit der Kameradschaft aus ihrer Kindheit begann die Sache. »Laß doch dein Drama ruhen, großer Tolpatsch! Es wird ohnehin ausgepfiffen... Komm, hilf mir lieber nachsehen, ob Minouche meinen Knäuel Zwirn nicht auf den Schrank geschleppt hat.« Er hielt den Stuhl, während sie auf den Fußspitzen stehend, nachschaute. Der Regen fiel seit zwei Tagen, sie konnten das große Zimmer nicht verlassen. Ihr Lachen ertönte bei jedem Funde aus alten Zeiten. »Hier ist die Puppe, die du aus zwei von meinen alten Hemdkragen gemacht hast... Und das hier, erinnerst du dich? Es ist dein Bild, das ich an dem Tage zeichnete, an dem du so häßlich warst und vor Wut weintest, weil ich dir mein Rasiermesser nicht leihen wollte.« Sie wettete, noch mit einem Satz auf den Tisch springen zu können. Auch er sprang, glücklich über die Störung. Sein Drama schlief bereits im Schubfach. Als sie eines Morgens die große Sinfonie des Schmerzes entdeckten, spielte Pauline einzelne Stellen daraus und gab mit komischen Gebärden den Takt dazu an; sie spöttelte über sein Werk, er sang die Noten, um dem Klavier nachzuhelfen, dessen verlöschende Töne man überhaupt nicht mehr vernahm. Dennoch stimmte sie ein Teil ernst, der berühmte Totenmarsch nämlich: das war wahrhaftig nicht schlecht, das mußte man aufbewahren. Alles unterhielt sie und stimmte sie weich: eine Florideensammlung, die sie früher aufgeklebt, ein vergessenes Gefäß mit einer in der Fabrik gewonnenen Bromprobe, das winzige, halb zerbrochene, wie vom Sturme im Glase Wasser zertrümmerte Modell eines Pfahlwerkes. Dann tobten sie im Hause umher, sie verfolgten sich im Spiel wie losgelassene Kinder, sie stiegen ohne Unterlaß die Stockwerke hinauf und herunter, durcheilten die Zimmer, deren Türen sie geräuschvoll zuschlugen. Waren dies nicht die Stunden von ehemals? Sie zählte zehn Jahre und er neunzehn, sie empfand wieder die leidenschaftliche Freundschaft eines Backfisches für ihn. Nichts war verändert, im Eßzimmer befand sich noch immer der Speiseschrank aus hellem Nußbaumholze, die Hängelampe von lackiertem Kupfer, die Ansicht vom Vesuv und die vier Holzschnitte der Jahreszeiten, die sie noch immer heiter stimmten. Unter dem Glaskasten schlief das Meisterwerk des Großvaters auf der nämlichen Stelle, so eins mit dem Kamin geworden, daß die Magd Gläser und Teller darauf stellte. Nur in ein einziges Gemach drangen sie mit stummer Rührung, in das einstige Zimmer Frau Chanteaus, das seit ihrem Tode unberührt geblieben war. Niemand öffnete mehr den Schreibsekretär, nur die gelben Kretonvorhänge mit den grünlichen Ranken blaßten von der hellen Sonne aus, die man manchmal dort hinein ließ. Es fiel in dies© Zeit gerade der Jahrestag ihres Namensfestes, und so schmückten sie das Zimmer mit großen Blumensträußen. Bald jedoch verscheuchte ein Windstoß den Regen, sie eilten ins Freie, auf die Terrasse, in den Gemüsegarten, den Strand entlang, und ihre Jugend begann von neuem. »Wollen wir an den Krabbenfang gehen?« rief sie ihm eines Morgens, aus dem Bette springend, durch die Zwischenwand zu. »Das Meer tritt jetzt zurück.« Sie gingen im Badeanzug davon, sie fanden die alten, durch so viele Wochen und Monate von der Flut kaum benagten Felsen wieder. Man hätte glauben können, daß sie erst am Abend vorher diesen Winkel der Küste durchstöbert. Er erinnerte sich. »Nimm dich in acht, da unten ist ein Loch, und der Grund ist voller Steine.« Sie aber beruhigte ihn schnell. »Ich weiß es wohl, habe keine Furcht... Sieh doch, welch ungeheure Krabbe ich soeben gefangen habe!« Eine frische Sturzwelle stieg ihnen bis an die Hüften, sie berauschten sich an der salzigen Luft, die von der offenen See her wehte. Auch die weiten Streifzüge von ehemals wiederholten sich, das Ruhen auf dem Sande, das Unterschlüpfen in die Tiefe einer Grotte, um einen plötzlichen Regenschauer vorüberziehen zu lassen. Nichts schien ihnen unter dem Himmel verändert, das Meer war noch immer da stets mit den nämlichen Linien am Horizonte, in seiner ewigen Unbeständigkeit. Hatten sie es nicht erst gestern so türkisenblau gesehen mit seinen großen, bleichen Streifen, in denen das Erzittern der Strömungen verlief? Dieses bleifarbene Wasser unter dem farblosen Himmel, dieser Regenstrich dort links, der mit der hohen Flut herankam, würden sie ihn nicht morgen ebenfalls sehen, ohne Unterschied in den Tagen? Kleine, vergessene Ereignisse tauchten wieder mit der lebhaften Empfindung der unmittelbaren Wirklichkeit in ihnen auf. Er war damals sechsundzwanzig, sie sechzehn Jahre alt. Wenn er sich vergaß und sie kameradschaftlich schupste, fühlte sie eine Beklemmung, sich wie von einer köstlichen Verwirrung gepackt. Sie ging ihm trotzdem nicht aus dem Wege, denn sie dachte an nichts Böses. Ein neues Leben überkam sie, es wurden Worte geflüstert, ohne Grund gelacht, und aus manchem langen Schweigen fuhren sie zitternd auf. Die allergewöhnlichsten Dinge nahmen außerordentliche Bedeutungen an, so das erbetene Brot, ein Wort über das Wetter, das Gutenacht, das sie sich an ihren Türen wünschten. Es war wieder die ganze Vergangenheit, deren Flut mit der Lieblichkeit wiedererwachender, eingeschlummerter Zärtlichkeiten zu ihnen emporstieg. Warum sollten sie auch unruhig sein? Sie widerstrebten nicht einmal, das Meer schien sie einzuwiegen und mit der ewigen Eintönigkeit seiner Stimme einzuschläfern. So verstrichen die Tage ohne jede Erschütterung. Es begann bereits die dritte Woche von Lazares Aufenthalt. Er reiste nicht ab; er hatte verschiedene Briefe von Luise erhalten; sie langweilte sich sehr, wurde aber von ihrer Schwägerin noch zurückgehalten. In seinen Antworten veranlaßte er sie zu bleiben, schickte ihr Doktor Cazenoves Ratschläge, den er in der Tat über den Zustand seiner Frau befragte. Der ruhige und regelmäßige Gang des Hauswesens nahm ihn nach und nach wieder gefangen, die alten Stunden der Mahlzeiten, des Zubettegehens und Aufstehens, die er in Paris geändert hatte, die brummige Laune Veronikas, die unaufhörlichen Schmerzen seines Vaters, der allein sich nicht veränderte, das Gesicht von den nämlichen Leiden verzerrt, während alles im Leben rings umher vorwärts drängte und sich änderte. Er fand auch die sonnabendlichen Mahlzeiten wieder, die alten bekannten Mienen des Arztes und des Priesters mit ihren ewigen Unterhaltungen über den letzten großen Sturm oder die Badegäste von Arromanches. Minouche sprang zum Nachtisch immer noch mit der Leichtigkeit einer Feder auf den Tisch, sie gab ihm noch immer einen heftigen Stoß mit dem Kopfe unter das Kinn, um sich liebkosen zu lassen, und das leichte Kratzen ihrer kalten Zähne führte ihn viele, viele Jahre zurück. Als einzig Neues unter diesen Dingen von ehemals war der trübselige, unausstehliche Hund Loulou vorhanden, der wie eine Kugel zusammengerollt unter dem Tische schlief und knurrte, sowie man ihm zu nahe kam. Vergebens gab ihm Lazare Zucker; wenn das Tier ihn gierig gefressen, zeigte es ihm mit verdoppelter Bissigkeit die Zähne. Man hatte es gehen lassen müssen, es lebte für sich, ein Fremder in dem Hause, gleich einem ungeselligen Wesen, das von den Menschen und den Göttern nur verlangt, daß man es in Frieden langweilen lassen möge. Manchmal erlebten Lazare und Pauline auf ihren langen Spaziergängen auch Abenteuer. So hatten sie eines Tages den Weg auf dem Abhänge gerade verlassen, um nicht an der Fabrik der Schatzbucht vorüberzukommen, als sie bei der Biegung eines Hohlweges auf Boutigny stießen. Boutigny war jetzt ein großer Herr, denn die Herstellung von Handelssoda hatte ihn reich gemacht; er hatte jenes Geschöpf geheiratet, das ihm mit so außerordentlicher Hingabe in dieses Wolfsloch gefolgt und vor kurzem mit dem dritten Kinde niedergekommen war. Die ganze Familie, von Diener und Amme begleitet, saß in einem herrlichen Wagen, vor den ein Paar große Schimmel gespannt waren. Die beiden Spaziergänger mußten sich gegen die Böschung drücken, um nicht von den Rädern zermalmt zu werden. Boutigny lenkte selbst und ließ die Pferde im Schritt gehen. Es trat eine augenblickliche Verlegenheit ein: man sprach sich seit Jahren nicht mehr, die Gegenwart der Frau und der Kinder machte die Lage noch peinlicher. Endlich begegneten sich die Blicke; man begrüßte sich gegenseitig langsam und stumm. Als der Wagen verschwunden war, sagte der bleichgewordene Lazare mit Anstrengung: »Er führte also jetzt einen fürstlichen Haushalt?« Pauline, die nur der Anblick der Kinder gerührt hatte, sagte freundlich: »Ja, es scheint, daß er in den letzten Jahren ungeheure Gewinne gehabt hat... Er hat auch deine alten Versuche wieder aufgenommen; weißt du das?« Das gerade schnürte Lazare das Herz zusammen. Die Fischer von Bonneville hatten ihn mit der hämischen Sucht, ihm Unangenehmes zu sagen, auf dem laufenden gehalten. Seit einigen Monaten behandelte Boutigny mit Hilfe eines jungen, von ihm gegen Bezahlung angestellten Chemikers die Algen mit der Kältemethode; und dank seiner klugen Ausdauer eines praktischen Menschen erzielte er wunderbare Erfolge. »Alle Wetter!« sagte Lazare mit dumpfer Stimme. »Sowie die Wissenschaft einen Schritt vorwärts macht, ist es stets ein Dummkopf, der sie ohne Absicht in die Höhe bringt.« Ihr Spaziergang war verdorben, sie schritten schweigend einher; sie hatten die Augen in die Ferne gerichtet und sahen aus dem Meere graue Nebel emporsteigen, die den Himmel bleichten. Als sie des Abends heimkehrten, erschauerten sie beide. Die heitere Klarheit der Hängelampe auf dem weißen Tischtuche erwärmte sie wieder. Als sie an einem andern Tage in der Richtung von Verchemont einem Wege durch die Zuckerrübenfelder folgten, blieben sie erstaunt darüber stehen, ein Strohdach rauchen zu sehen. Es war ein Brand; die lotrecht fallenden Sonnenstrahlen verhinderten das Bemerken der Flammen, und das Haus, dessen Türen und Fenster geschlossen waren, brannte einsam aus, während die Bauern wohl auf den umherliegenden Feldern arbeiteten. Sie liefen sofort vom Wege ab, jagten dahin und schrien, aber verscheuchten nur die Elstern, die in den Apfelbäumen schwatzten. Endlich kam aus einem fernen Mohrrübenfelde eine Frau mit einem Kopftuche, sie schaute einen Augenblick um sich und lief dann hastig durch die Äcker, sich fast die Beine brechend, wie wild davon. Sie machte Zeichen und heulte ein unverständliches Wort, so würgte es sie in der Kehle. Sie fiel, sprang auf, fiel wieder und lief mit blutenden Händen weiter. Ihr Kopftuch war fortgeflogen, ihre bloßen Haare flatterten im Sonnenlichte. »Was sagt sie nur?« wiederholte Pauline, von Entsetzen ergriffen. Die Frau kam näher, sie vernahmen einen rauhen Schrei dem Geheul eines Tieres ähnlich. »Das Kind!... das Kind!... das Kind!« Seit dem Morgen arbeiteten Vater und Sohn, ungefähr eine Meile von da in einem Haferfelde, das sie geerbt hatten. Die Frau hatte sich kaum aus dem Hause entfernt, um einen Korb Rüben zu holen; als sie fortging, schlief das Kind; sie hatte alles zugeschlossen, was sie sonst nie tat. Ohne Zweifel glimmte das Feuer schon lange, denn sie war entsetzt, versicherte, es bis auf das letzte Stückchen Kohle ausgelöscht zu haben. Jetzt war das Strohdach ein Feuerherd, die Flammen loderten empor und brachten ein rotes Geflimmer in die große, gelbe Klarheit des Sonnenlichtes. »Ihr habt abgeschlossen?« rief Lazare. Die Frau hörte nicht. Sie war wie toll, machte ohne Grund die Runde um das Haus, um irgendwelche Öffnung, ein Loch zu entdecken, das, wie sie wohl wissen mußte, nicht vorhanden war. Dann war sie wieder gefallen, ihre Füße trugen sie nicht mehr, ihr altes, graues, jetzt entblößtes Gesicht verzerrte sich in Verzweiflung und Entsetzen, während sie noch immer heulte: »Das Kind!... Das Kind!« Paulinens Augen füllten sich mit schweren Tränen. Dieser Schrei aber entnervte besonders Lazare, den jedesmal ein heftiges Unbehagen erschütterte. Das wurde unerträglich; er sagte plötzlich: »Ich werde ihr das Kind holen.« Die Base sah ihn bestürzt an, sie versuchte seine Hand zu fassen, ihn zurückzuhalten. »Du? Ich will nicht... Das Dach wird einstürzen.« »Wir werden sehen«, sagte er schlicht. Dann rief er seinerseits der Frau ins Gesicht: »Euren Schlüssel? Ihr habt doch Euren Schlüssel?« Die Frau starrte ihn an. Lazare schüttelte sie und entriß ihr endlich den Schlüssel. Während sie auf der Erde liegen blieb und heulte, ging er ruhigen Schrittes auf das Haus zu. Pauline folgte ihm mit den Augen, sie versuchte nicht mehr, ihn aufzuhalten, von Furcht und Staunen wie festgenagelt, während er etwas ganz Natürliches zu vollbringen schien. Ein Funkenregen fiel nieder, er mußte sich gegen das Holz der Tür stemmen, um sie zu öffnen, während Büschel brennenden Strohes vom Dache herunterrollten, wie Wasser bei einem Ungewitter nieder rieselt; und schon fand er ein Hindernis, der verrostete Schlüssel wollte sich nicht im Schlosse umdrehen. Aber er fluchte nicht einmal, er ließ sich Zeit, es gelang ihm zu öffnen, er blieb noch einen Augenblick auf der Schwelle stehen, um den ersten ihm in das Gesicht schlagenden Rauchqualm herauszulassen. Er hatte nie so kaltes Blut gehabt und handelte wie im Traum, mit einer Sicherheit der Bewegungen, einer Geschicklichkeit und Klugheit, welche die Gefahr erzeugte. Er beugte den Kopf und verschwand. »Mein Gott, mein Gott?« stammelte Pauline, die vor Angst schier erstickte. Mit einer unwillkürlichen Bewegung hatte sie die Hände gefaltet und preßte sie zum Zerbrechen; sie hob sie mit einer fortwährenden Schwingung in die Höhe, wie es die Kranken bei großen Schmerzen tun. Das Dach krachte, brach schon hier und dort durch, ihr Vetter würde keine Zeit mehr zum Hinauskommen haben. Sie hatte das Gefühl einer Ewigkeit, ihr schien, als sei er schon seit endlosen Zeiten dort drinnen. Die Frau auf der Erde atmete nicht mehr, sie saß mit blödsinniger Miene da, weil sie einen Herrn in das Feuer hatte gehen sehen. Ein lauter Schrei ertönte jetzt. Pauline hatte ihn aus tiefster Seele ausgestoßen, ohne es zu wollen, in dem nämlichen Augenblick, als das Dach zwischen die rauchenden Mauern stürzte. »Lazare!« Er stand in der Tür, die Haare kaum versengt, mit leicht verbrannten Händen; und als das Kleine weinend in den Armen der Frau strampelte, ärgerte er sich fast über seine Base. »Wie? Warum mußt du dich so ängstigen?« Sie hängte sich schluchzend, in einer solchen nervösen Erregung an seinen Hals, daß er sie aus Furcht vor einer Ohnmacht auf einem alten, mit Moos bewachsenen Stein, der an den Brunnen des Hauses gelehnt war, niederließ. Er selbst fühlte sich jetzt schwach werden. Es stand dort ein Trog mit Wasser, in dem er mit Behagen seine Hände kühlte. Diese Frische ließ ihn wieder zu sich kommen, und er zeigte nun seinerseits ein großes Erstaunen über seine Tat. Wie! Er war mitten in diese Flammen gedrungen? Es war wie eine Verdoppelung seines Wesens, er sah sich wieder klar mitten im Rauche, mit einer Geschicklichkeit und unglaublichen Geistesgegenwart; es war ihm, als habe er einem von einem Fremden ausgeführten Wunder beigewohnt. Ein Überrest der inneren Erregung erfüllte ihn mit einer Freude, wie er sie bisher noch nie gekannt hatte. Pauline hatte sich ein wenig erholt und untersuchte seine Hände, indem sie sagte: »Nein, das wird nichts sein, die Brandwunden sind nicht tief. Aber wir müssen heimkehren, ich werde dich verbinden... Mein Gott, welche Angst du mir gemacht hast!« Sie hatte ihr Taschentuch in das Wasser getaucht, um seine rechte Hand, die mehr verletzte von beiden, hineinzuwickeln. Sie standen auf, versuchten die Frau zu trösten, die, nachdem sie das Kind heftig geküßt, es neben sich hingelegt hatte, ohne es weiter anzuschauen; jetzt jammerte sie über das Haus, sie brach in ein ebenso lautes Geheul aus bei dem Gedanken, was ihre Männer dazu sagen würden, wenn sie alles niedergebrannt fänden. Die Mauern hielten noch stand; ein schwarzer Rauch stieg aus der inneren Glut mit großen knisternden Funkengarben auf, so daß man nichts mehr sah. »Mut, arme Frau«, wiederholte Pauline. »Kommt morgen zu mir, um ein wenig mit mir zu plaudern.« Nachbarn, von dem Rauch herbeigelockt, kamen hinzu. Sie konnte Lazare fortführen. Die Heimkehr war sehr lieblich. Er litt wenig, aber sie wollte ihm trotzdem den Arm reichen, um ihn zu stützen. In ihrer nachgefühlten Erregung fehlten ihnen noch die Worte, sie sahen sich nur lächelnd an. Besonders sie empfand eine Art glücklichen Stolzes. Er, der aus Furcht vor dem Tode erbleichte, war also dennoch mutig? Sie vertiefte sich in das Erstaunen über diese Widersprüche in dem einzigen Manne, den sie gut kannte; denn sie hatte ihn nächtelang arbeiten; dann wieder monatelang müßig bleiben sehen, von einer sprachlos machenden Offenherzigkeit, nachdem er kurz vorher schamlos gelogen hatte; er hatte ihr kameradschaftlich die Stirn geküßt, während seine Manneshände vor Verlangen fiebernd an ihren Gelenken brannten; und heute war er gar zum Helden geworden! Sie hatte recht, nicht am Leben zu verzweifeln und die Welt entweder für ganz gut oder ganz schlecht zu halten. Als sie in Bonneville angelangt waren, machte sich ihr bewegtes Schweigen in einem Strome geräuschvoller Worte Luft. Die kleinsten Einzelheiten erwachten wieder, sie erzählte das Abenteuer zwanzigmal, immer vergessene Tatsachen hinzufügend, deren sich beide wie in dem lebhaften Schein eines Blitzes erinnerten. Man sprach lange Zeit davon, den abgebrannten Bauern wurden Unterstützungen geschickt. Lazare war bald einen vollen Monat in Bonneville. Da kam ein Brief Luisens, die vor Langeweile verzweifelte. Er schrieb ihr, daß er sie anfangs der nächsten Woche abholen werde. Es fielen abermals heftige Regenschauer, diese gewaltigen Güsse, die mit ihrer Heftigkeit über die Küste fegten wie ein Schleusenstrom, der die Erde, das Meer und den Himmel in einem grauen Dampf fortzuführen gewillt schien. Lazare hatte von der ernstlichen Beendigung seines Dramas gesprochen: Pauline, die er bei sich haben wollte, um sich Mut einzuflößen, brachte ihr Strickzeug mit hinauf, um die kleinen Strümpfchen zu verfertigen, die sie unter die Kinder des Dorfes verteilte. Aber sobald sie sich an den Tisch setzte, arbeitete er kaum. Sie plauderten mit halblauter Stimme immer über die nämlichen, unermüdlich wiederholten Dinge, Auge in Auge. Sie spielten nicht mehr, sie vermieden das Spiel ihrer Hände mit der unwillkürlichen Vorsicht gescholtener Kinder, welche die Gefahr des leichten Berührens der Schultern, das Streifen des Atems kennen, über das sie noch am Tage vorher gelacht hatten. Nichts schien ihnen übrigens köstlicher als dieser matte Friede, diese Schläfrigkeit, die bei dem Rauschen des unaufhörlich auf die Schiefern des Daches niederschlagenden Regens über sie kam. Ein Schweigen ließ sie erröten, unfreiwillig legten sie eine Liebkosung in jedes Wort, einem Drucke nachgebend, der die alten, längst vergessen geglaubten Tage wieder in ihnen erstehen und erblühen ließ. Eines Abends hatte Pauline beim Stricken bis Mitternacht in Lazares Zimmer verweilt, während er, dem die Feder aus der Hand gefallen war, ihr in langsamen Worten seine zukünftigen Werke auseinandersetzte, Dramen, von ungeheuren Figuren belebt. Das ganze Haus schlief, Veronika selbst war früh zu Bett gegangen; und dieser ganze erschauernde Friede der Nacht, in den nur der gewohnte Klagelaut der Hochflut drang, hatte sie nach und nach mit einer sinnlichen Zärtlichkeit erfüllt. Er öffnete sein Herz, bekannte, daß er sein Leben verfehlt habe: wenn er diesmal in der Literatur scheitere, sei er entschlossen, sich in einen Winkel zurückzuziehen und als Einsiedler zu leben. »Weißt du,« fuhr er lächelnd fort, »ich denke oft daran, daß wir nach dem Tode meiner Mutter hätten auswandern sollen.« »Wieso auswandern?« »Ja, weit fort entfliehen, zum Beispiel nach Ozeanien, auf eine dieser Inseln, wo das Leben so lieblich ist.« »Und dein Vater? Hätten wir ihn mitgenommen?« »O, ich sage dir ja, es ist nur ein Traum... Es ist doch nicht verboten, sich angenehme Dinge auszumalen, wenn die Wirklichkeit nicht heiter ist.« Er hatte den Tisch verlassen und sich auf einen Arm des Lehnstuhles gesetzt, in dem Pauline saß. Sie ließ ihr Strickzeug fallen, um über die fortwährenden Sprünge dieser Phantasie des großen, närrischen Kindes behaglich lachen zu können, und sie wandte ihm den gegen die Rücklehne gestützten Kopf zu, während er ihr so nahe war, daß er die lebendige Wärme ihrer Schulter an seiner Hüfte fühlte. »Bist du toll! Was hätten wir dort begonnen?« »Wir hätten gelebt!... Erinnerst du dich noch des Buches über Reisen, das wir vor zwölf Jahren zusammen lasen? Man lebt dort wie im Paradiese. Kein Winter, ein ewig blauer Himmel, ein Dasein unter der Sonne und den Sternen... Wir hätten eine Hütte gehabt, köstliche Früchte gegessen, nichts tun brauchen und keine Sorgen gekannt!« »Dann lieber gleich zwei Wilde mit Ringen durch die Nase und Federn auf dem Kopfe?« »Warum nicht? Wir würden uns von einem Ende des Jahres bis zum andern geliebt haben, ohne die Tage zu zählen; das wäre gar nicht so dumm gewesen.« Sie sah ihn an, ihre Lider zuckten, ein leichter Schauer bleichte ihr Gesicht. Dieser Gedanke an die Liebe stieg in ihr Herz nieder und erfüllte sie mit süßem Schmachten. Er hatte ihre Hand erfaßt ohne Absicht aus dem einfachen Bedürfnis, sich ihr noch mehr zu nähern, etwas von ihr zu halten; und er spielte mit dieser warmen Hand, deren schlanke Finger er beugte, wobei er immer verlegener lächelte. Sie beunruhigte sich nicht, es war das nur ein einfaches Spiel ihrer Jugend, dann schwanden ihre Kräfte, sie gehörte ihm in ihrer wachsenden Verwirrung bereits an. Selbst ihre Stimme wurde schwach. »Aber das ist mager, immer Früchte zu essen. Man müßte jagen, fischen, das Feld bebauen. Wenn die Frauen dort arbeiten, wie man sich erzählt, so würdest du mich also ebenfalls das Feld umgraben haben lassen.« »Du mit diesen kleinen Patschen?... Und die Affen, richtet man die nicht heutzutage zu vorzüglichen Dienstboten ab?« Sie antwortete mit einem ersterbenden Lachen auf diesen Scherz, während er hinzufügte: »Übrigens würden deine Händchen nicht mehr vorhanden sein... Ja, ich hätte sie schon längst aufgegessen, sieh... so!« Er küßte ihre Hände und biß sie schließlich, das Blut im Gesicht, von einem plötzlichen Verlangen geblendet. Sie sprachen nicht mehr; es war eine gemeinsame Tollheit, ein Abgrund, in den sie mit wirrem Kopf, vom gleichen Schwindel ergriffen, stürzten. Sie gab sich hin, in den Lehnstuhl zurückgesunken, mit rotem, geschwelltem Gesicht, die Augen geschlossen, als wollte sie nichts mehr sehen. Mit rauher Hand hatte er bereits ihr Obergewand aufgeknöpft, er riß die Haken ihres Rockes ab, als seine Lippen den ihren begegneten. Er gab ihr einen Kuß, den sie ihm inbrünstig wiedergab, gleichzeitig schlang sie ihre Arme mit aller Kraft um seinen Hals. Aber bei dieser Erschütterung ihres jungfräulichen Körpers hatte sie die Augen geöffnet, sie sah sich auf den Fußboden rollen und erkannte die Lampe, den Schrank, die Decke wieder, an der ihr die kleinsten Flecke bekannt waren: und sie schien zu erwachen mit dem Erstaunen einer Person, die sich nach einem schrecklichen Traume bei sich wiederfindet. Sie wehrte sich heftig und sprang auf. Ihre Röcke glitten herab, ihr weit geöffnetes Oberkleid ließ die nackte Brust hervorquellen. Ein Schrei entrang sich ihr in dem bebenden Schweigen des Gemaches. »Laß mich, das ist abscheulich!« Toll vor Verlangen, hörte er nicht mehr; er packte sie von neuem und riß ihr die Kleider vollends vom Leibe. Wohin der Zufall seine Lippen führte, suchte er ihre nackte Haut, er brannte sie mit seinen Küssen, unter denen sie jedesmal erzitterte. Zweimal noch drohte sie zu fallen, dem unbesiegbaren Verlangen sich ihm hinzugeben gehorchend, und sie litt unendlich unter diesem Kampfe gegen sich selbst. Sie hatten mit kurzem Atem und verschlungenen Gliedern die Runde um den Tisch gemacht, als es ihm endlich gelang, sie auf einen alten Divan zu werfen, dessen Sprungfedern ächzten. Mit ausgestreckten Armen hielt sie ihn von sich ab und wiederholte dabei mit heiser werdender Stimme: »Ich bitte dich! Laß mich... Es ist abscheulich, was du tun willst.« Er hatte mit zusammengepreßten Zähnen nicht ein Wort gesprochen. Er glaubte sie endlich zu besitzen, als sie sich ein letztes Mal und so heftig befreite, daß er bis an den Tisch taumelte. In diesem freien Augenblicke konnte sie hinaus; mit einem Satze war sie über den Flur und in ihrem Zimmer. Er hatte sie bereits eingeholt, sie konnte die Tür nicht mehr in das Schloß drücken. Er drängte von außen, und sie mußten sich, um den Riegel vorschieben und den Schlüssel umdrehen zu können, mit der ganzen Schwere ihres Körpers gegen das Holz stemmen. Während sie ihm diesen schmalen Spalt streitig machte, fühlte sie sich verloren, wenn er auch nur die Spitze seines Pantoffels hineinzuzwängen vermochte. Der Schlüssel knirschte laut, dann trat tiefe Stille ein, in der man nur das Meer die Mauern der Terrasse erschüttern hörte. Pauline blieb indessen ohne Licht mit in der Finsternis weit geöffneten Augen gegen die Tür gelehnt. Sie war sich völlig klar, daß auch Lazare auf der andern Seite des Holzes sich nicht gerührt hatte. Sie vernahm seinen Atem, sie glaubte noch immer dessen Flamme auf ihrem Nacken zu fühlen. Entfernte sie sich, so brach er möglicherweise eine Füllung mit einem Stoße seiner Schultern heraus. Ihr Verbleiben an der Tür beruhigte sie, sie stemmte sich mechanisch mit aller Kraft weiter dagegen, als dränge er noch immer. So verstrichen zwei unendlich lange Minuten in dieser gegenseitigen Erregung, die sie beide gepackt hatte, kaum durch das dünne Holz getrennt, brennend, von diesem Verlangen erschüttert, das sie nicht zu besänftigen wußten. Dann hauchte Lazares Stimme ganz leise, von der Aufregung gedämpft: »Öffne mir, Pauline, ich weiß, du bist da.« Ein Schauer lief über ihr Fleisch, diese Stimme hatte sie vom Kopf bis zu den Fußspitzen durchglüht. Aber sie antwortete nicht. Gesenkten Hauptes hielt sie mit einer Hand ihre fallenden Röcke, während die andere, an das offene Obergewand gekrampft, ihre Brust zusammendrückte, um ihre Blöße zu verbergen. »Du leidest ebenso wie ich, Pauline... Ich flehe dich an, öffne! Warum uns dieses Glück versagen?« Er fürchtete jetzt, Veronika zu wecken, deren Stube nebenan war. Sein Flehen wurde sanft wie die Klage eines Kranken. »So öffne doch... Öffne, wir wollen nachher sterben, wenn du willst. Lieben wir uns nicht seit unserer Kindheit? Du solltest meine Frau werden, ist es nicht unvermeidlich, daß du es eines Tages noch wirst?... Ich liebe dich, ich liebe dich, Pauline...« Sie zitterte stärker, jedes Wort preßte ihr das Herz zusammen. Die Küsse, mit denen er ihre Schultern bedeckt, brannten wie Feuertropfen auf ihrer Haut. Sie steifte sich noch mehr gegen die Tür auch Furcht, daß sie öffnen und sich ihm in dem unwiderstehlichen Verlangen ihres halbnackten Körpers hingeben könne. Er hatte recht, sie betete ihn an, warum sich diese Freude verweigern, die sie vor der ganzen Welt verbergen würden? Das Haus schlief, die Nacht war schwarz. Schlafen können im Schatten, einer am Halse des andern, ihn für sich haben, und sei es auch nur für eine Stunde! Oh! leben, endlich leben! »Mein Gott, wie grausam du bist, Pauline...! Du willst nicht einmal antworten, und ich stehe hier so elend. Öffne, ich werde dich nehmen, behalten, wir werden alles vergessen... Öffne, öffne mir, ich bitte dich.« Er schluchzte, und sie begann zu weinen. Sie schwieg noch immer trotz des Aufruhrs ihres Blutes. Eine Stunde lang fuhr er fort, sie anzuflehen, sich zu erzürnen, er verfiel schließlich in abscheuliche Ausdrücke, um dann wieder in Worte glühender Zärtlichkeit auszubrechen. Zweimal glaubte sie, er sei fort, und zweimal kam er aus seinem Zimmer zurück mit verdoppelter Liebesraserei. Als sie ihn sich wütend in sein Zimmer einschließen hörte, überkam sie eine ungeheure Traurigkeit. Diesmal war es zu Ende, sie hatte gesiegt; aber eine so tiefe Verzweiflung, eine so heftige Scham über diesen Sieg erfaßte sie, daß sie sich entkleidete und niederlegte, ohne das Licht anzuzünden. Der Gedanke, sich nackt in den abgerissenen Kleidern zu sehen, erfüllte sie mit einer entsetzlichen Verlegenheit. Die Frische der Bettücher beruhigte ein wenig das Brennen der Küsse, die ihre Schultern verfärbten; sie blieb lange bewegungslos liegen, unter der Last des Widerwillens und des Kummers wie zerschmettert. Die Schlaflosigkeit hielt Pauline bis zum Morgen wach. Diese Abscheulichkeit verfolgte sie. Der ganze Abend war ein Verbrechen, das ihr Entsetzen einflößte. Jetzt konnte sie nicht mehr sich selbst entschuldigen, sie mußte die Doppelzüngigkeit ihrer Zärtlichkeiten wohl oder übel bekennen. Ihre mütterliche Neigung für Lazare, ihre heimliche Anschuldigung Luisens waren einfach das heuchlerische Erwachen ihrer alten Leidenschaft. Sie war zu diesen Lügen herabgeglitten; sie stieg noch tiefer in die uneingestandenen Gefühle ihres Herzens hinab, in dem sie eine Freude über die Zwietracht des Paares, eine Hoffnung auf einen möglichen Vorteil daraus entdeckte. War sie es nicht gewesen, die dazu beigetragen hatte, daß ihr Vetter die Tage von früher wieder begann? Hätte sie nicht voraussehen müssen, daß der Fall das Ende sei? Das Schreckliche der Lage bäumte sich in dieser Stunde vor ihnen auf wie ein Hindernis in ihrer aller Leben: sie hatte ihn einer anderen gegeben, sie betete ihn an, und er begehrte sie. Alles das wälzte sich in ihrem Hirn, schlug wie mit Glockenschlägen an ihre Schläfen. Zuerst war sie entschlossen, am folgenden Tage zu fliehen. Dann fand sie diese Flucht feige. Warum nicht warten, da er doch selbst wieder fortging? Außerdem überkam sie ein Stolz, sie wollte sich besiegen, um nicht die Schande einer bösen Tat mit sich fortzunehmen. Sie fühlte, daß sie in Zukunft nicht mehr mit erhobenem Kopfe werde leben können, wenn sie die Gewissensbisse wegen dieses Abends bewahre. Am nächsten Morgen kam Pauline zur gewohnten Stunde herunter. Nur der bläuliche Rand an ihren Augenlidern hätte die Qualen der Nacht bezeugen können. Sie war bleich und sehr ruhig. Als Lazare erschien, erklärte er sein mattes Aussehen seinem Vater einfach dadurch, daß er bis in die späte Nacht gearbeitet habe. Der Tag verstrich unter den gewohnten Beschäftigungen. Weder der eine noch die andere machte eine Anspielung auf das, was zwischen ihnen geschehen war, selbst dann nicht, als sie sich außerhalb des Bereiches der Augen und Ohren dritter befanden. Als sie sich aber des Abends auf dem Flur gute Nacht wünschten, stürzten sie einander ungestüm in die Arme und küßten sich voll auf den Mund. Und Pauline schloß sich entsetzt ein, während Lazare in sein Zimmer floh und sich weinend auf das Bett warf. Das war jetzt ihr Leben. Die Tage folgten langsam aufeinander, und sie harrten Seite an Seite in der angstvollen Erwartung eines möglichen Fehltritts. Ohne je den Mund über diese Dinge zu öffnen, ohne je wieder von der schrecklichen Nacht gesprochen zu haben, dachten sie dennoch unaufhörlich daran, sie fürchteten miteinander niederzustürzen, gleichviel wo, wie vom Blitze getroffen. Werde es am Morgen beim Aufstehen oder am Abend beim Austausch der letzten Worte sein? Werde es bei ihm oder bei ihr, oder in einem abgelegenen Winkel des Hauses geschehen? Das nur blieb dunkel. Sie bewahrten ihre Besinnung vollkommen, jede plötzliche Hingabe, jede Tollheit eines Augenblicks, die verzweifelten Umarmungen hinter einer Tür, die glühenden, im Dunkel geraubten Küsse erfüllten sie mit einem schmerzlichen Zorn. Der Boden bebte unter ihren Füßen, sie klammerten sich an die Entschlüsse ruhiger Stunden, um nicht in diesem Strudel zu versinken. Aber keines von beiden hatte die Kraft, zu dem einzigen Heil zu greifen, der sofortigen Trennung. Sie hielt unter dem Vorwande der Tapferkeit angesichts der Gefahr hartnäckig aus. Er, ganz gefangen genommen, dem ersten Ungestüm eines neuen Abenteuers nachgebend, beantwortete nicht einmal mehr die dringenden Briefe seiner Frau. Er befand sich schon seit sechs Wochen in Bonneville, und es war ihnen, als solle dieses Leben voller grausamer und köstlicher Erregungen ewig währen. Eines Sonntags beim Mittagessen wurde Chanteau heiter, nachdem er ein Glas Burgunder getrunken, eine Ausschweifung, die er jedesmal teuer bezahlte. An jenem Tage hatten Lazare und Pauline reizende Stunden am Meere unter dem weiten, blauen Himmel zugebracht, und sie tauschten zärtliche Blicke aus, in denen die Verwirrung dieser Furcht vor sich selbst erzitterte, die ihre Kameradschaft jetzt so leidenschaftlich gestaltete. Alle drei lachten, als Veronika gerade im Augenblicke, als sie den Nachtisch auftragen sollte, in der Küchentür erschien und rief: »Die Frau ist hier!« »Was für eine Frau?« fragte Pauline bestürzt. »Frau Luise!« Unterdrückte Ausrufe erfolgten. Der bestürzte Chanteau schaute Pauline und Lazare an, die beide erbleichten. Der letztere aber erhob sich heftig, seine Stimme erzitterte vor Zorn. »Wie? Luise! Aber sie hat es mir nicht geschrieben! Ich würde ihr verboten haben zu kommen... Ist sie denn toll?« Die Dämmerung brach sehr klar und milde herein. Nachdem Lazare sein Mundtuch fortgeworfen hatte, war er hinausgelaufen, Pauline folgte ihm und bemühte sich, ihre lächelnde Heiterkeit wieder zu erlangen. Es war in der Tat Luise, die schwerfällig aus der Berline des Vaters Malivoire stieg. »Bist du toll?« schrie ihr Mann schon von der Mitte des Hofes aus. »Man begeht solche Tollheiten nicht, ohne vorher zu schreiben!« Sie brach in Tränen aus. Sie fühlte sich krank und langweilte sich so sehr. Da ihre zwei letzten Briefe ohne Antwort geblieben, hatte sie ein unüberwindliches Verlangen abzureisen erfaßt, ein Verlangen, in welches sich der sehnliche Wunsch mengte, Bonneville wiederzusehen. Sie hatte ihn nicht vorher benachrichtigt, weil sie fürchtete, er werde ihr verbieten, ihr Verlangen zu befriedigen. »Ich hatte mich so darauf gefreut, euch alle zu überraschen!« »Das ist lächerlich! Du wirst morgen wieder abreisen.« Luise warf sich von diesem Empfange niedergeschmettert, Pauline in die Arme. Als diese sie so unbeholfen in ihren Bewegungen sah mit dick gewordenen Hüften unter dem Kleide, war sie noch bleicher geworden. Jetzt fühlte sie den Leib dieser dicken Frau an dem ihrigen und empfand Entsetzen und Mitleid darüber. Es gelang ihr endlich, den Aufruhr ihrer Leidenschaft zu besiegen, sie brachte Lazare zum Schweigen. »Warum sprichst du so hart zu ihr? Umarme sie ... Du tatest recht daran zu kommen, wenn du denkst, dich in Bonneville wohler zu befinden. Du weißt, daß wir dich alle lieben, nicht wahr?« Loulou heulte wütend über die Stimmen, die den gewohnten Frieden des Hofes störten. Nachdem Minouche die Nase auf die Treppe vor der Tür gesteckt, hatte sie sich zurückgezogen und die Pfoten geschüttelt, als habe sie beinahe in einem unangenehmen Abenteuer ihr Ansehen auf das Spiel gesetzt. Alle traten ein, Veronika mußte ein neues Gedeck auflegen und das Essen nochmals auftragen. »Wie, du bist es, Luisette?« wiederholte Chanteau mit unruhigem Lächeln... »Du hast uns mit deiner Gesellschaft überraschen wollen? Ich hätte beinahe den Wein in die unrechte Kehle bekommen.« Doch der Abend endete angenehm. Alle hatten ihre Kaltblütigkeit wiedergefunden. Man vermied alle Abmachungen für die folgenden Tage. In dem Augenblicke, da man zur Ruhe gehen wollte, begann die Verwirrung von neuem, als die Magd fragte, ob Herr Lazare im Zimmer der Frau schlafe. »Nein, Luise wird besser allein gebettet sein«, murmelte Lazare, der unwillkürlich einen Blick Paulines aufgefangen hatte. »Ja, so ist es, schlafe nur oben«, sagte die junge Frau. »Ich bin entsetzlich matt und habe so das ganze Bett für mich.« Drei Tage verstrichen. Pauline faßte endlich einen Entschluß. Sie wollte das Haus am Montag verlassen. Das junge Paar sprach bereits davon, bis zum Augenblick der Entbindung zu bleiben, die man nicht vor einem Monat erwartete; aber sie erriet sehr wohl, daß ihrem Vetter Paris zuwider war und er schließlich seine Zinsen in Bonneville verzehren werde als ein über seine steten Fehlschläge verbitterter Mann. Das Beste war, ihnen ungesäumt den Platz zu räumen, denn es gelang ihr nicht, sich zu besiegen und sie fühlte, daß sie jetzt noch weniger als früher den Mut finden werde, in dieser ihrer Vertraulichkeit von Mann und Frau mit ihnen zu leben. War das nicht auch das Mittel, den Gefahren der wachsenden Leidenschaft zu entfliehen, unter denen sie und Lazare jetzt soviel gelitten? Luise allein war erstaunt, als sie den Entschluß ihrer Base erfuhr. Man brachte Gründe vor, gegen die nichts einzuwenden war. Doktor Cazenove erzählte, die Dame in Saint-Lô habe Pauline außergewöhnliche Anerbietungen gemacht und diese könne sich nicht länger weigern, ihre Verwandten müßten sie zwingen, eine Stellung anzunehmen, die ihre Zukunft sichere. Ghanteau selbst gab mit Tränen in den Augen seine Zustimmung. Am Sonnabend fand ein letztes Mittagessen mit dem Pfarrer und dem Arzte statt. Die sehr leidende Luise konnte sich kaum bis an den Tisch schleppen. Das trübte das Mahl vollends, so große Anstrengungen auch Pauline machte, die jedem zulächelte mit dem Bedauern, dieses Haus, das sie seit Jahren mit soviel Heiterkeit erfüllt hatte, betrübt verlassen zu müssen. Ihr Herz quoll von Kummer über. Veronika bediente mit einer trübseligen Miene. Beim Braten schlug Ghanteau einen Schluck Burgunder aus; ihn ergriff plötzlich eine übertriebene Vorsicht, und er zitterte bei dem Gedanken, daß er bald nicht mehr die Krankenpflegerin haben werde, die mit ihrer bloßen Stimme seine Schmerzen einschläferte. Lazare stritt fieberhaft erregt die ganze Zeit mit dem Doktor über eine neue wissenschaftliche Entdeckung. Um elf Uhr war das Haus wieder in tiefe Stille versunken. Luise und Chanteau schliefen bereits, während die Magd noch die Küche in Ordnung brachte. Aber vor der Tür seiner alten Knabenstube, die Lazare immer noch bewohnte, hielt er Pauline wie an jedem Abend zurück. »Lebe wohl«, murmelte er. »Aber nein, nicht lebe wohl«, sagte sie, sich zum Lachen zwingend. »Auf Wiedersehen, da ich erst am Montag reise.« Sie schauten einander an, ihre Augen verdunkelten sich und sie fielen sich in die Arme, ihre Lippen vereinigten sich zu einem letzten glühenden Kusse. Zehntes Kapitel. Als sich am folgenden Tage zum ersten Frühstück alle an dem Tische zum Kaffee niederließen, staunten sie, daß Luise nicht heruntergekommen war. Die Magd ging, um an ihre Tür zu klopfen, als sie endlich erschien. Sie war sehr bleich und ging mühsam. »Was ist dir denn?« fragte Lazare unruhig. »Ich leide seit dem frühen Morgen. Ich habe kaum die Augen geschlossen; ich glaube, ich habe jede Stunde der Nacht schlagen hören.« Pauline wurde böse. »Du hättest uns rufen sollen, wir hätten dich wenigstens gepflegt.« Als Luise den Tisch erreicht hatte, stieß sie einen Seufzer der Erleichterung aus: »Oh!« erwiderte sie, »ihr könnt nichts dagegen tun. Ich weiß, was es ist, seit acht Monaten verlassen mich diese Schmerzen fast nie.« Ihre sehr beschwerliche Schwangerschaft hatte sie in der Tat an fortwährendes Übelsein, an Schmerzen in den Eingeweiden gewöhnt, deren Heftigkeit sie manchmal tagelang zu einer gekrümmten Haltung zwang. An jenem Morgen waren die Übelkeiten zwar verschwunden, aber sie war wie in einen Gürtel gespannt, der ihren Leib zu zerquetschen drohte. »Man gewöhnt sich an Leiden«, sagte Chanteau mit salbungsvoller Miene. »Ja, ich muß das mit mir umhertragen«, schloß die junge Frau. »Ich bin deshalb auch heruntergekommen. Oben ist es mir unmöglich, auf einer Stelle zu bleiben.« Sie nahm ein paar Schluck Milchkaffee zu sich. Den ganzen Tag schlich sie im Hause umher, sie stand von einem Stuhl auf, um sich auf einen anderen zu setzen. Keiner wagte ihr ein Wort zu sagen, denn sie geriet außer sich und schien mehr zu leiden, sowie man sich mit ihr beschäftigte. Die Schmerzen verließen sie nicht. Kurz vor zwölf Uhr Mittag schien der Anfall nachzulassen, sie konnte sich an den Tisch setzen und etwas Suppe essen. Aber zwischen zwei und drei Uhr stellte sich furchtbares Leibschneiden ein; sie konnte sich nicht mehr halten, ging vom Eßzimmer in die Küche und stieg von dort schwerfällig in ihr Zimmer hinauf, um sogleich wieder herunterzukommen. Pauline packte oben ihren Koffer. Sie sollte am folgenden Tage reisen und hatte noch gerade Zeit, ihre Möbel zu durchsuchen und alles zu ordnen. Sie lief aber alle Augenblicke, um sich über das Geländer zu beugen, gepeinigt von den vor Schmerzen schwerfälligen Tritten, welche die Dielen erzittern ließen. Als sie jene gegen vier Uhr noch unruhiger werden hörte, entschloß sie sich, bei Lazare anzuklopfen, der sich in nervöser Erbitterung über die verschiedentlichen Unglücksschläge, mit denen ihn nach seiner Beschuldigung das Geschick überhäufte, bei sich eingeschlossen hatte. »Wir können sie nicht so lassen«, erklärte sie. »Man muß mit ihr sprechen. Komm mit mir.« Sie trafen sie gerade im ersten Stockwerk, an das Geländer gelehnt, an, sie hatte nicht mehr die Kraft, hinauf oder hinunter zu steigen. »Mein liebes Kind,« sagte Pauline milde, »du beunruhigst uns... Wir werden nach der Hebamme schicken.« Da wurde Luise ärgerlich. »Mein Gott, warum quält ihr mich so! Laßt mich doch nur in Ruhe! Was soll die Hebamme im achten Monate meiner Schwangerschaft wohl tun?« »Es wäre immer vernünftiger, wenn sie käme.« »Nein, ich will nicht, ich weiß was es ist... Um Gottes willen sprecht nicht mehr mit mir, quält mich nicht!« Luise widersetzte sich mit einem solchen Zornesausbruche, daß Lazare ebenfalls aufgebracht wurde. Pauline mußte feierlich versprechen, die Hebamme nicht holen zu lassen. Diese Hebamme war eine Frau Bouland aus Verchemont, die in der Gegend den Ruf außerordentlicher Geschicklichkeit und Willenskraft besaß. Man versicherte, weder in Bayeux noch auch in Caen sei eine bessere zu finden. Aus diesem Grunde hatte die sehr verzärtelte Luise, von dem Vorgefühl ihres Todes bei der Niederkunft gepackt, den Entschluß gefaßt, sich ihren Händen anzuvertrauen. Aber sie hatte nichtsdestoweniger große Furcht vor der Frau Bouland, die unvernünftige Furcht, die man vor dem Zahnarzte hat, der heilen soll, und den man so spät wie möglich aufzusuchen sich entschließt. Gegen sechs Uhr trat wieder eine plötzliche Besserung ein. Die junge Frau frohlockte: sie hatte richtig gesagt, es waren ihre gewöhnlichen Schmerzen, nur etwas stärker; es wäre doch schade gewesen, alle um nichts und wieder nichts zu belästigen! Da sie indessen wie tot vor Müdigkeit war, zog sie vor, nach dem Verspeisen eines Koteletts zu Bett zu gehen. Sie erklärte, alles sei vorüber, wenn sie schlafen könne. Eigensinnig lehnte sie jede Pflege ab; sie wollte allein bleiben, während die Familie zu Mittag speiste; sie verbot selbst, daß man nach ihr sehen komme, aus Furcht jäh aufgeweckt zu werden. Es gab an jenem Abend Suppenfleisch und Kalbsbraten. Der Beginn der Mahlzeit verlief schweigsam, dieser Anfall kam noch zu der Traurigkeit über Paulines Abreise. Man vermied das Geklapper mit den Löffeln und Gabeln, als wenn das Geräusch bis zum ersten Stockwerk habe dringen und die Kranke noch mehr aufregen können. Chanteau ließ sich trotzdem gehen, er erzählte Geschichten von außerordentlichen Schwangerschaften, als Veronika, die gerade den zerlegten Kalbsbraten hereinbrachte, unvermittelt sagte: »Ich weiß nicht, mir scheint, sie stöhnt dort oben.« Lazare erhob sich, um die Flurtür zu öffnen. Anfangs hörte man nichts; dann ertönten langgezogene, unterdrückte Klagelaute. »Der Anfall ist wieder da«, murmelte Pauline. »Ich gehe zu ihr.« Sie warf das Mundtuch fort und rührte die Scheibe Fleisch, die ihr die Magd vorgelegt hatte, nicht einmal an. Glücklicherweise stak der Schlüssel im Schlosse, sie konnte eintreten. Die junge Frau saß mit nackten Füßen, in ihren Pudermantel gehüllt, auf dem Bettrande und bewegte sich mit den Schwingungen eines Pendels, unter der unerträglichen Beständigkeit eines Schmerzes hin und her, der ihr tiefe, in regelmäßiger Folge sich wiederholende Seufzer entlockte. »Es geht schlecht?« fragte Pauline. Sie antwortete nicht. »Soll jetzt Frau Bouland geholt werden?« Sie stammelte mit der Miene eigensinniger Ergebung: »Ja, es ist mir gleichgültig. Vielleicht habe ich dann Ruhe... Ich kann nicht mehr, ich kann nicht mehr.« Lazare, der hinter Pauline nach oben gekommen war und an der Tür horchte, wagte, einzutreten und zu sagen, daß es auch klug sei, nach Arromanches zu laufen und Doktor Cazenove zu holen, im Falle sich Verwicklungen einstellen sollten. Luise aber begann zu weinen. Er habe also nicht das geringste Mitleid mit ihrem Zustande? Warum sie so quälen? Man wisse wohl; der Gedanke, daß sie ein Mann entbinden solle, hatte sie stets aufgebracht. In ihr war die krankhafte Scham einer gefallsüchtigen Frau, das Unbehagen, sich in der schrecklichen Hinfälligkeit des Leidens zu zeigen, die sie selbst vor ihrem Gatten und der Base den Pudermantel enger um ihre armen, gemarterten Hüften zu ziehen nötigte. »Wenn du den Doktor holen läßt, gehe ich zu Bette, drehe mich nach der Wand und antworte niemandem mehr.« »Hole nur die Hebamme«, sagte Pauline zu Lazare. »Ich kann ebenfalls nicht glauben, daß der Augenblick schon gekommen ist. Es handelt sich nur darum, sie zu beruhigen.« Beide gingen hinunter. Der Abbé Horteur war gerade eingetreten, um guten Abend zu wünschen, und verstummte beim Anblick des entsetzten Chanteau. Man wollte, daß Lazare wenigstens ein Stückchen Kalbfleisch äße, bevor er sich auf den Weg machte; aber er hatte den Kopf verloren und erklärte, daß auch nur ein einziger Bissen ihn ersticken werde; er eilte im Trabe nach Verchemont. »Ich glaube, sie hat mich gerufen«, meinte Pauline und stürzte nach der Treppe. »Sollte ich Veronika nötig haben, so klopfe ich... Nicht wahr, Onkel, du beendest die Mahlzeit ohne mich.« Der Priester war verlegen, weil er so plötzlich mitten in eine Entbindung hereingeplatzt war, und fand seine gewohnten Trostesworte nicht. Er zog sich mit dem Versprechen zurück wiederzukommen, sobald er bei den Gonin seinen Besuch gemacht habe, wo der Alte sehr leidend war. Chanteau blieb allein vor dem Eßtische mit seinem Durcheinander von Gedecken zurück. Die Gläser waren noch halb voll, das Kalbfleisch ward auf den Tellern kalt, fettige Gabeln und angebrochene Brotstücke lagen umher, dort hingeworfen in dem Windstoß der Unruhe, der über den Tisch hinweggefahren war. Während die Magd vorsichtshalber einen Topf Wasser auf das Feuer setzte, brummte sie, daß sie nicht wisse, ob sie abräumen oder alles drunter und drüber gehen lassen solle. Oben hatte Pauline Luise aufrecht stehend, auf die Rücklehne eines Stuhles gestützt, gefunden. »Ich leide zu sehr beim Sitzen, hilf mir umhergehen.« Schon seit dem Morgen klagte sie über Stiche in der Haut, als wenn sie die Fliegen heftig gestochen hätten. Jetzt war es ein innerliches Zusammenziehen, als wenn ein Schraubstock ihren Leib umspannt halte und sich immer enger um sie presse. Sobald sie sich setzte oder niederlegte, war ihr, als zerstoße ihr ein Bleigewicht die Eingeweide, und sie empfand das Bedürfnis umherzugehen, sie hatte den Arm ihrer Base ergriffen, die sie vom Bett zum Fenster führte. »Du hast etwas Fieber«, sagte das junge Mädchen. »Willst du trinken?« Luise konnte nicht antworten. Ein heftiges Zusammenziehen hatte sie gekrümmt, und sie klammerte sich mit solchem Erzittern an Paulines Schultern, daß beide erbebten. Dabei entschlüpften ihr einige Schreie, in denen Ungeduld und Entsetzen zugleich lagen.« »Ich sterbe vor Durst« murmelte sie, als sie endlich sprechen konnte. »Meine Zunge ist trocken, und du siehst, wie rot ich bin. Aber nein, nein, laß mich nicht los, ich würde fallen. Wir wollen erst noch gehen, erst noch gehen, ich werde nachher trinken.« Sie setzte ihre Wanderung fort, sie schleppte die Beine nach, sie schaukelte sich und hing immer schwerer an dem Arme ihrer Führerin. So wanderte sie zwei Stunden ohne Unterlaß. Es war neun Uhr. Warum kam die Hebamme noch nicht? Jetzt wünschte sie diese sehnsüchtig herbei, sie sagte, man wolle sie wohl sterben sehen, da man sie so lange ohne Hilfe lasse. Verchemont war fünfundzwanzig Minuten entfernt, eine Stunde also würde genügt haben. Lazare unterhielt sich, oder es war ein Unfall geschehen; es war zu Ende, kein Mensch wollte zurückkommen. Übelkeiten erschütterten sie, es stellte sich Erbrechen ein. »Geh, ich will nicht, daß du bleibst!... Mein Gott, kann man dahin geraten, daß man alle Welt abstößt?« Sie beschäftigte trotz der entsetzlichen Qualen einzig und allein die Sorge um ihre Schamhaftigkeit und weibliche Anmut. Trotz ihrer zarten Glieder von großer, nervöser Widerstandsfähigkeit, setzte sie ihre letzte Kraft daran, sich nicht völlig gehen zu lassen, sie beunruhigte sich darüber, daß sie ihre Strümpfe nicht angezogen habe, sie peinigte jedes Eckchen Nacktheit, das sie sehen ließ. Ein größeres Unbehagen aber ergriff sie; sie wurde unaufhörlich von eingebildeten Bedürfnissen gequält; ihre Base mußte sich umwenden, und sie hüllte sich in ein Ende des Vorhanges, um diese Bedürfnisse zu befriedigen zu suchen. Als die Magd heraufgekommen war, um ihre Hilfe anzubieten, stammelte Luise mit bestürzter Stimme beim ersten Drängen, das sie zu fühlen glaubte: »Oh, nicht vor diesem Mädchen... Ich bitte dich, führe sie einen Augenblick auf den Flur.« Pauline verlor nachgerade den Kopf. Es schlug zehn Uhr, sie wußte sich die lange Abwesenheit Lazares nicht zu erklären. Ohne Zweifel hatte er Frau Bouland nicht zu Hause gefunden; aber was sollte aus Luise werden? Unwissend, wie sie war, wußte sie nicht, was sie mit der armen Frau anfangen sollte, deren Zustand sich zu verschlimmern schien. Ihr fiel wohl ihre ehemalige Lektüre wieder ein, sie hätte Luise gern untersucht, in der Hoffnung, sich und sie selbst zu beruhigen. Aber sie sah deren Schamhaftigkeit und zögerte deshalb, ihr den Vorschlag zu machen. »Höre, meine Liebe,« sagte sie endlich, »wie wäre es, wenn du mich nachsehen ließest?« »Du! Oh nein! Oh nein!... Du bist nicht verheiratet.« Pauline konnte sich nicht enthalten zu lachen. »Aber das tut nichts. Es würde mich so glücklich machen, dir Erleichterung zu verschaffen.« »Nein, ich stürbe vor Scham, ich wagte nie, dir wieder ins Gesicht zu sehen.« Es schlug elf Uhr, das Warten wurde unerträglich. Veronika wurde mit einer Laterne nach Verchemont geschickt mit der Weisung, in allen Gräben nachzusehen. Zweimal hatte Luise versucht, sich zu Bett zu legen, ihr brachen die Beine vor Müdigkeit; aber sie hatte sich jedesmal sofort wieder erhoben und stand jetzt aufrecht, die Arme auf die Kommode gestützt, und bewegte sich auf derselben Stelle mit einem beständigen Schaukeln der Hüften. Die Schmerzen, die als plötzliche Anfälle auftraten, folgten jetzt schnell hintereinander und verschmolzen zu einem einzigen Schmerze, dessen Heftigkeit ihr den Atem raubte. Alle Augenblicke ließen ihre tastenden Hände die Kommode los und glitten an ihren Hüften ineinander, stützten und hielten die Hinterbacken fest, als wollten sie das Gewicht, das sie zermalmte, erleichtern. Pauline, die hinter ihr stand, konnte nichts dazu tun; sie mußte sie leiden sehen, wandte den Kopf ab und stellte sich beschäftigt, sowie sie Luise den Pudermantel mit bestürzter Gebärde zusammenraffen sah in der beständigen Sorge um die Verwirrung ihres schönen, blonden Haares und die Entstellung ihres Gesichtes. Er war Mitternacht, als ein Geräusch von Rädern das junge Mädchen hastig hinunterzusteigen veranlaßte. »Veronika?« rief sie von der Treppe vor dem Hause aus, als sie Lazare und die Hebamme erkannte. »Seid ihr ihr nicht begegnet?« Lazare erzählte ihr, daß sie von Part-en-Bessin kämen; alles mögliche Unglück habe zusammengetroffen: Frau Bouland drei Meilen weit von dort bei einer Frau, die in den Wehen lag, weder Wagen noch Pferd, um sie zu holen, drei Meilen zu Fuß im Laufschritt zurückgelegt und Unannehmlichkeiten ohne Ende. Zum Glück hatte Frau Bouland ein Fuhrwerk. »Aber die Frau?« fragte Pauline, »war alles vorüber, daß Frau Bouland sie verlassen konnte?« Lazares Stimme zitterte, er sagte dumpf. »Die Frau ist tot!« Man trat in das Vorzimmer, das von einem auf eine Treppenstufe gestellten Licht erhellt war. Während Frau Bouland ihren Mantel aufhängte, herrschte tiefes Schweigen. Sie war eine kleine, brünette Frau, gelb wie eine Zitrone, mit einer großen, gebieterischen Nase. Sie sprach laut mit herrischer Miene, deretwegen sie von den Bauern sehr verehrt wurde. »Wollen Sie mir gefälligst folgen, Frau Bouland«, sagte Pauline. »Ich wußte mir keinen Rat mehr, seit dem Abend hat sie nicht aufgehört zu klagen.« In der Stube wiegte sich Luise noch immer vor der Kommode auf den Füßen. Als sie die Hebamme bemerkte, begann sie zu weinen. Diese stellte einige kurze Fragen über die Dauer, den Ort und die Beschaffenheit der Schmerzen. Dann schloß sie trocken: »Wir werden sehen... Ich kann nichts sagen, ehe ich nicht erst die Lage festgestellt habe.« »So wäre es also jetzt schon?« murmelte die junge Frau in Tränen. »Oh, mein Gott! Zu acht Monaten! Ich glaubte, ich hätte noch einen Monat vor mir.« Ohne zu antworten schüttelte Frau Bouland die Kopfkissen und legte sie mitten im Bette übereinander. Lazare war mit dem linkischen Verhalten eines in dieses Niederkunftsdrama hineingeplatzten Mannes hinaufgekommen. Er hatte sich dennoch genähert, einen Kuß auf die in Schweiß gebadete Stirn seiner Frau gedrückt, die keine Empfindung für diese ermutigende Liebkosung zu haben schien. »Vorwärts, vorwärts«, sagte die Hebamme. Luise sandte Pauline einen bestürzten Blick zu, dessen stummes Flehen diese verstand. Sie führte Lazare mit sich fort, beide blieben auf dem Treppenabsatze stehen, ohne den Mut zum Fortgehen zu haben. Die unten gelassene Kerze erleuchtete das Treppenhaus mit der Helle einer Nachtlampe, es war von wunderlichen Schatten umrissen; und dort standen sie sich gegenüber, der eine an die Mauer, die andere an das Geländer gelehnt, unbeweglich und schweigsam. Ihre Ohren wandten sich dem Zimmer zu. Ein beständiges, leises Wimmern ertönte von dort, zweimal auch ein herzzerreißender Aufschrei! Sie meinten, daß eine Ewigkeit verstrichen sei, bis zu dem Augenblicke, in dem die Hebamme endlich öffnete. Sie wollten gerade hineingehen, als diese sie zurückdrängte, um ihrerseits herauszukommen und die Tür hinter sich zu schließen. »Was denn?« murmelte Pauline. Durch ein Zeichen forderte die Hebamme sie zum Hinuntergehen auf; dort unten erst, auf dem Flur, sprach sie. »Der Fall droht ernst zu werden. Es ist meine Pflicht, die Familie davon in Kenntnis zu setzen.« Lazare erbleichte. Ein kalter Hauch hatte sein Gesicht gestreift. Er stammelte: »Was gibt es?« »Das Kind kommt, soweit ich mich überzeugen konnte, mit der linken Schulter und ich fürchte sogar, daß der Arm zuerst frei wird.« »Und?« fragte Pauline. »In solchem Falle ist die Gegenwart des Arztes unbedingt notwendig. Ich kann die Verantwortlichkeit der Entbindung nicht auf mich nehmen, besonders im achten Monat.« Es trat ein Schweigen ein. Dann fuhr der verzweifelte Lazare auf. Wo sollte er zu dieser nächtlichen Stunde einen Arzt finden? Seine Frau würde zwanzigmal sterben, bevor er den Arzt aus Arromanches herbeigeschafft habe. »Ich glaube nicht an eine unmittelbare Gefahr«, wiederholte die Hebamme. »Machen Sie sich sogleich auf. Ich kann nichts tun.« Und als Pauline sie ihrerseits anflehte, im Namen der Menschlichkeit zu handeln, um wenigstens der Unglücklichen Erleichterung zu verschaffen, deren tiefe Seufzer beständig das Haus erfüllten, erklärte sie mit ihrer schroffen Stimme: »Nein, das ist mir verboten ... Die andere in dem Dorfe da drüben ist gestorben. Ich möchte nicht, daß auch diese mir unter den Händen bleibt.« In dem nämlichen Augenblicke ertönte aus dem Eßzimmer die weinerliche Stimme Chanteaus. »Ihr seid da? Kommt herein!... Man sagt mir nichts. Ich warte schon seit einem Jahrhundert auf Nachricht.« Sie traten ein. Seit dem unterbrochenen Mittagsmahl hatte man Chanteau völlig vergessen. Er war vor dem gedeckten Tische sitzen geblieben, drehte geduldig die Daumen in der schläfrigen Ergebung eines Kranken, der an langes, einsames Festgenageltsein gewohnt ist. Diese das Haus in Aufregung versetzende neue Katastrophe betrübte ihn: er hatte nicht einmal den Mut zu Ende zu essen und hielt die Augen auf den noch vollen Teller gerichtet. »Es geht also nicht gut?« murmelte er. Lazare zuckte wütend die Schultern. Frau Bouland, die ihre volle Ruhe beibehielt, riet ihm, keine Zeit weiter zu verlieren. »Nehmen Sie das Fuhrwerk... Das Pferd läuft kaum. Aber in zwei Stunden, zwei und einer halben Stunde können Sie hin und zurück sein... Bis dahin werde ich wachen.« Er faßte einen schnellen Entschluß und stürzte hinaus in der Gewißheit, bei der Rückkehr seine Frau tot vorzufinden. Man hörte ihn fluchen, auf das Pferd hauen, das den Wagen mit lautem Geräusch der Eisenbeschläge entführte. »Was geht da vor?« fragte Ghanteau wieder, dem niemand geantwortet hatte. Die Hebamme ging bereits hinauf und Pauline folgte ihr, nachdem sie ihrem Onkel gesagt hatte, daß es der armen Luise sehr schlecht gehe. Als sie ihm anbot, ihn zu Bett zu bringen, weigerte er sich; er bestand eigensinnig darauf, wach zu bleiben, um neues zu hören. Wenn ihn der Schlaf befalle, werde er sehr gut in seinem Lehnstuhl schlafen, in dem er ganze Nachmittage schlummerte. Kaum war er allein, so erschien Veronika mit ihrer verlöschten Laterne. Sie war wütend. Seit zwei Jahren hatte sie nicht soviel hintereinander gesprochen. »Man hätte sagen müssen, daß sie einen andern Weg kämen. Ich habe in allen Gräben nachgesehen und bin wie ein Tier bis nach Verchemont gelaufen. Dort habe ich mich noch eine halbe Stunde mitten auf dem Wege aufgepflanzt.« Chanteau blickte sie mit seinen schweren Augen an. »Donnerwetter! Ihr konntet euch schwerlich begegnen.« »Auf dem Rückwege bemerkte ich Herrn Lazare, der wie ein Toller in einem schauderhaften Wagen daherraste... Ich rufe ihm zu, daß man ihn erwarte, aber er schlägt noch stärker auf das Pferd ein, und es hat wenig gefehlt, daß er mich niederfuhr. Nein, ich habe genug von diesen Bestellungen, von denen ich nichts verstehe! Dazu ist meine Laterne noch ausgegangen.« Sie drängte ihren Herrn; er solle fertig essen, damit sie den Tisch abräumen könne. Er hatte keinen Hunger, wollte aber trotzdem ein wenig kalten Kalbsbraten nehmen, mehr um sich zu zerstreuen. Ihn beunruhigte jetzt, daß der Abbe sein Wort nicht gehalten hatte. Warum verspricht man, den Leuten Gesellschaft zu leisten, wenn man entschlossen ist, zu Hause zu bleiben? Die Priester spielen in Wahrheit eine komische Rolle in einem Hause, wo Frauen niederkommen. Dieser Gedanke belustigte ihn, er machte sich vergnügt daran, allein zu speisen. »Vorwärts, Herr, beeilen Sie sich«, wiederholte Veronika. »Es ist bald ein Uhr, mein Geschirr kann nicht bis morgen so herumstehen... Das ist ein verwünschtes Haus, in dem es immer neue Plackereien gibt.« Sie fing an, die Teller abzuräumen, als Pauline von der Treppe her mit hastiger Stimme sie rief. Chanteau saß wieder vergessen vor dem Tische, ohne daß jemand herunterstieg und ihm Kunde brachte. Frau Bouland nahm ohne Widerspruch von dem Zimmer Besitz, durchwühlte die Möbel und erteilte Befehle. Sie ließ zuerst Feuer anzünden, da ihr der Raum zu feucht schien. Dann erklärte sie, das Bett sei unbequem, zu niedrig, zu weich; als Pauline ihr sagte, daß sich auf dem Boden ein altes Gurtbett befände, ließ sie dieses durch Veronika holen, sie stellte es vor dem Kamin auf, legte am Fußende ein Brett querüber und eine einfache Matratze darauf. Dann war eine Menge Wäsche nötig, ein Tuch, das sie zum Schutze der Matratze vierfach faltete, andere Tücher, Servietten, Wischlappen, die sie auf Stühlen vor dem Feuer zum Wärmen ausbreitete. Bald nahm das Zimmer, von Wäsche angefüllt, durch das Bett versperrt, das Aussehen einer in Erwartung einer Schlacht hastig aufgestellten Ambulanz an. Im übrigen hörte sie jetzt nicht auf zu sprechen. Sie ermahnte Luise mit soldatisch knapper Stimme, als wenn sie dem Schmerze zu befehlen habe. Pauline hatte sie mit leiser Stimme gebeten, nicht vom Arzte zu sprechen. »Es ist nichts, meine liebe Dame. Ich hätte Sie lieber liegen sehen; da es Sie aber aufregt, gehen Sie ohne Furcht, stützen Sie sich auf mich... Ich habe Entbindungen zu acht Monaten vorgenommen, wo die Kinder größer waren als die anderen... Nein, nein, das tut Ihnen nicht so weh wie Sie denken! Wir werden Sie sogleich davon befreien, auf ein Ja und ein Nein werden Sie erlöst sein.« Luise beruhigte sich nicht. Ihr Schreien nahm den Charakter schrecklicher Herzensangst an. Sie krampfte sich an die Möbel; für Augenblicke verrieten unverständliche Worte sogar ein wenig Phantasieren. Um Pauline zu beruhigen, erklärte die Hebamme ihr halblaut, daß die mit der Ausdehnung des Muttermundes verbundenen Schmerzen manchmal unerträglicher seien als die großen Wehen des Ausstoßens. Sie habe Fälle gesehen, wo die Vorbereitungsarbeiten beim ersten Kinde zwei Tage dauerten. Sie befürchtete den Abgang des Wassers vor der Ankunft des Arztes; denn der Eingriff, den er dann vorzunehmen genötigt sei, könne gefährlich sein. »Es ist nicht zu ertragen,« wiederholte Luise schwer atmend, »es ist nicht zu ertragen... Ich sterbe.« Frau Bouland hatte sich entschlossen, ihr zwanzig Tropfen Laudanum in einem halben Glase Wasser zu geben. Dann hatte sie es mit den Reibungen der Lenden versucht. Die arme Frau, welche die Kräfte verlor, überließ sich ihr noch mehr: sie drang nicht mehr darauf, daß Pauline und die Magd sich entfernten, sie verbarg ihre Blöße nur noch unter dem zugeschlagenen Pudermantel, dessen Zipfel sie in ihren gekrampften Händen hielt. Aber die durch die Reibungen erzielte Erleichterung dauerte nicht lange, und ein entsetzliches Zusammenziehen stellte sich von neuem ein. »Wir müssen warten«, sagte Frau Bouland ruhig. »Ich vermag durchaus nichts. Man muß die Natur walten lassen.« Sie begann ein Gespräch über das Chloroform, gegen das sie allen Widerwillen der alten Schule hatte. Wenn man sie hörte, starben die Wöchnerinnen wie die Fliegen unter den Händen der Ärzte, die dieses Mittel anwendeten. Der Schmerz war notwendig, eine eingeschläferte Frau war nie einer so guten Nachhilfe fähig wie eine wachende. Pauline hatte das Gegenteil gelesen. Sie antwortete nicht; ihr Herz war voll Mitleid vor der Wucht des Leidens, das Luise nach und nach vernichtete und aus ihrer Anmut, ihrer blonden, zarten Lieblichkeit einen erschrecklichen Gegenstand des Erbarmens machte. Sie empfand einen Zorn gegen den Schmerz, ein Bedürfnis, ihn zu unterdrücken, das sie ihn wie einen Feind bekämpft hätte, wenn ihr die Mittel dazu bekannt gewesen wären. Die Nacht verlief inzwischen, es war gegen zwei Uhr. Luise hatte wiederholt von Lazare gesprochen. Man log, man sagte ihr, daß er unten bleibe, da er selbst so erschüttert sei, daß er sie zu entmutigen fürchte. Übrigens hatte sie keine Vorstellung mehr von der Zeit: die Stunden verstrichen, und die Minuten wurden ihr zu Ewigkeiten. Das einzige in ihrer Erregung andauernde Gefühl galt der Unendlichkeit dieses Zustandes. Die anderen wollten sie nicht davon befreien; sie hatte eine Wut gegen die Hebamme, gegen Pauline, gegen Veronika, und beschuldigte sie nicht zu wissen, was man zu tun habe. Frau Bouland schwieg. Sie warf flüchtige Blicke auf die Stutzuhr, obgleich sie den Arzt nicht vor einer weiteren Stunde erwartete, denn sie kannte die boshafte Langsamkeit des Pferdes. Die Erweiterung ging ihrer Vollständigkeit entgegen, der Durchbruch des Wassers stand bevor, und sie überredete die junge Frau, sich niederzulegen. Dann bereitete sie dieselbe vor. »Erschrecken Sie nicht, wenn Sie sich durchnäßt fühlen... Um des Himmels willen, rühren Sie sich nicht mehr. Ich möchte jetzt nichts überstürzen.« Luise blieb während einiger Sekunden regungslos. Es bedurfte einer außerordentlichen Willenskraft, um den ungeregelten Stößen des Leidens zu widerstehen; ihr Übel wurde dadurch gesteigert, bald konnte sie nicht weiter kämpfen, sie sprang mit einem verzweifelten Rucke ihrer Glieder aus dem Gurtbette. In dem nämlichen Augenblicke, in dem ihre Füße den Teppich berührten, wurde ein dumpfes Geräusch, wie das Platzen eines Schlauches hörbar, ihre Beine wurden durchnäßt, und zwei große Flecke erschienen auf dem Pudermantel. »Da haben wir es«, sagte die Hebamme und fluchte zwischen den Zähnen. Obgleich Luise darauf vorbereitet worden war, blieb sie dennoch zitternd auf der nämlichen Stelle stehen und betrachtete diesen ihr entströmenden Fluß mit einem Entsetzen, als sehe sie den Pudermantel und Teppich mit ihrem Blute begossen. Die Flecke blieben jedoch farblos, der Fluß hatte plötzlich aufgehört, sie beruhigte sich. Man legte sie rasch nieder. Sie empfand eine so plötzliche Ruhe, ein so unerwartetes Wohlbefinden, daß sie mit heiterer, siegesbewußter Miene sagte: »Das quälte mich. Jetzt leide ich gar nicht mehr. Ich wußte wohl, daß ich im achten Monate nicht niederkommen konnte. Es wird im nächsten Monate sein. Ihr habt alle nichts verstanden, weder die einen noch die anderen.« Frau Bouland nickte mit dem Kopfe, sie wollte ihr diesen Augenblick der Ruhe nicht durch die Antwort verderben, daß die großen Schmerzen des Ausstoßens kommen würden. Sie unterrichtete nur Pauline mit leiser Stimme und bat sie, sich an die andere Seite des Gurtbettes zu stellen, um einen möglichen Sturz zu verhindern, falls die Wöchnerin sich wälze. Als jedoch die Schmerzen wiederkamen, versuchte Luise nicht einmal sich zu erheben: sie fand nunmehr weder Verlangen noch Kraft dazu. Bei dem ersten Wiedererwachen des Übels war ihre Haut bleifarben geworden, ihr Gesicht hatte den Ausdruck der Verzweiflung angenommen. Sie hörte auf zu sprechen, sie verschloß sich in diese endlose Qual, in der sie nunmehr auf niemandes Hilfe rechnete, fühlte sich auf die Dauer so verlassen, so elend, daß sie sofort sterben zu können wünschte. Jetzt war es nicht mehr das unwillkürliche Zusammenziehen, das ihr seit zwanzig Stunden die Eingeweide zerrissen hatte; es waren grimmige Anstrengungen ihres ganzen Wesens, Anstrengungen, die sie nicht zurückhalten konnte, ja, die sie selbst, durch ein unwiderstehliches Bedürfnis, sich zu befreien, herausforderte. Der Druck ging von dem unteren Teil der Flanken aus, stieg in das Kreuz und endete an den Schamleisten in einer Art unaufhörlich erweitertem Zerreißen. Jeder Muskel des Leibes arbeitete, spannte sich um die Hüften mit spiralfederartigen Zusammenziehungen und Ausdehnungen; selbst die des Gesäßes und der Schenkel waren in Tätigkeit und schienen sie für Augenblicke von der Matratze hoch zu heben. Ein Erzittern verließ sie nicht mehr, sie wurde vom Oberkörper bis zu den Knien derart von breiten schmerzhaften Wogen erschüttert, daß man diese hintereinander unter der Haut daherrollen sah. »Das nimmt also kein Ende, mein Gott? Das nimmt also kein Ende?« murmelte Pauline. Dieser Anblick beraubte sie ihrer gewöhnlichen Ruhe und ihres sonstigen Mutes. Sie drückte selbst nach in einem eingebildeten Bedürfnis bei jedem der Seufzer einer atemlosen Arbeiterin, mit dem die Gebärende ihre Arbeit begleitete. Die erst dumpfen Schreie wurden nach und nach lauter, schwollen zu Wehklagen der Abspannung und Ohnmacht an. Es war das die Wut, das verzweifelte Ächzen des Holzhauers, der seit Stunden mit seiner Axt auf den Ast einschlägt, ohne auch nur die Rinde durchgeschlagen zu haben. Nach jedem Anfall klagte in den kurzen Pausen der Ruhe Luise über einen brennenden Durst. Ihre ausgetrocknete Kehle machte qualvolle Bewegungen des Erstickens. »Ich sterbe; gebt mir zu trinken.« Sie trank einen Schluck von leichtem Lindenblütentee, den Veronika am Feuer stehen hatte. Aber oft, wenn sie die Tasse gerade an die Lippen brachte, mußte Pauline sie ihr wieder abnehmen; ein neuer Anfall nahte, ihre Hände begannen wieder zu zittern, während das nach hinten gebeugte Gesicht dunkelrot wurde und der Hals sich bei dieser neuen, die Muskel spannenden Anstrengung mit Schweiß bedeckte. Es stellten sich auch Krämpfe ein. Sie sprach jede Minute vom Aufstehen, um Bedürfnisse zu befriedigen, unter denen sie zu leiden behauptete. »Verhalten Sie sich ruhig. Das ist eine Wirkung der Arbeit... Wenn Sie aus dem Bette steigen, ohne etwas zu machen, sind Sie wohl viel weitergekommen, nicht wahr?« Um drei Uhr verhehlte Frau Bouland Pauline nicht mehr ihre Besorgnis. Es stellten sich beängstigende Anzeichen ein, besonders ein langsames Abnehmen der Kräfte. Man hätte glauben können, die Wöchnerin leide weniger, denn ihr Geschrei, ihre Anstrengungen verloren an Stärke; die Wahrheit aber war, daß die Arbeit durch die zu große Müdigkeit aufzuhören drohte. Das Phantasieren kam wieder, sie hatte sogar eine Ohnmacht. Frau Bouland benutzte diese, um sie noch einmal zu untersuchen und die Lage des Kindes besser zu erkennen. »Es ist so, wie ich fürchte«, murmelte sie. »Hat sich das Pferd die Beine gebrochen, daß sie noch nicht kommen?« Als Pauline ihr sagte, daß sie die Unglückliche nicht so sterben lassen könne, wurde sie aufgebracht: »Glauben Sie, daß ich vergnügt bin? Wenn ich den Eingriff versuchte, und es fiele schlecht aus, dann würde ich eine Menge Unannehmlichkeiten auf dem Halse haben. Man geht ohnehin nicht gerade zart mit uns um!« Als Luise wieder zur Besinnung kam, beklagte sie sich über eine Unbequemlichkeit. »Der kleine Arm kommt durch«, fuhr Frau Bouland ganz leise fort. »Er ist ganz frei... Aber die Schulter wird nie herauskommen.« Indes wurde die Lage um halb vier Uhr immer bedenklicher, sie war schon nahe daran, auf eigene Faust vorzugehen, als Veronika, die von der Küche heraufkam, das Fräulein in den Flur rief, um ihr zu sagen, daß der Arzt angekommen sei. Man ließ sie einen Augenblick allein bei der Wöchnerin, das junge Mädchen und die Hebamme gingen hinunter. Mitten im Hofe stammelte Lazare Flüche über das Pferd; doch als er erfuhr, daß seine Frau noch lebe, war die Rückwirkung so stark, daß er sich plötzlich beruhigte. Der Doktor stellte beim Betreten der Vortreppe bereits hastige Fragen an Frau Bouland. »Ihr plötzliches Kommen würde sie erschrecken«, sagte Pauline auf der Treppe. »Man muß Luise erst vorbereiten.« »Machen Sie nur schnell«, antwortete er einfach mit knappem Tone. Pauline trat allein ein, die anderen blieben an der Tür. »Denke dir, meine Liebe,« erklärte sie, »der Doktor hat, nachdem er dich gestern hier gesehen, etwas vermutet, er ist soeben gekommen... Du müßtest erlauben, daß er dich ansieht, da das so kein Ende nehmen will.« Luise schien nicht zu hören. Sie rollte verzweifelt den Kopf auf dem Kissen umher. Endlich murmelte sie: »Wie ihr wollt, mein Gott... Weiß ich jetzt? Ich lebe nicht mehr.« Der Doktor war näher gekommen. Die Hebamme forderte Pauline und Lazare auf nach unten zu gehen: sie würde sie benachrichtigen, sie rufen, wenn man ihrer bedürfte. Sie zogen sich schweigend zurück. Unten im Eßzimmer war Chanteau vor dem noch immer gedeckten Tische eingeschlafen. Der Schlummer mußte ihn inmitten seines kleinen Abendessens überfallen haben, er hatte dieses langsam und zerstreut ausgedehnt, denn die Gabel ruhte auf dem Rande des Tellers, auf dem noch ein Rest Kalbsbraten lag. Als Pauline eintrat, mußte sie die Lampe, die kohlte und im Verlöschen war, höher schrauben. »Wecken wir ihn nicht,« flüsterte sie, »er braucht nichts von der Sache zu erfahren.« Sie setzte sich leise auf einen Stuhl, während Lazare unbeweglich stehen blieb. Es begann nun ein entsetzliches Warten, keiner von beiden sagte ein Wort, sie konnten nicht einmal die Bangigkeit ihrer eigenen Blicke ertragen und wandten den Kopf weg, sobald sich ihre Augen begegneten. Von oben drang kein Geräusch zu ihnen, die schwächer gewordenen Klagelaute waren nicht mehr vernehmbar, sie lauschten vergeblich und hörten nichts als das Toben ihres eigenen Fiebers. Diese tiefe, bebende Stille, diese Totenstille wurde auf die Dauer zur hauptsächlichen Ursache ihres Schreckens. Was ging vor? Warum hatte man sie hinausgeschickt? Sie hätten Geschrei, einen Kampf, etwas Lebendes, was sich noch über ihren Köpfen wehrte und tummelte, vorgezogen. Die Minuten verstrichen, und das Haus versank immer mehr in das Nichts. Endlich öffnete sich die Tür. Doktor Cazenove trat ein. »Nun?« fragte Lazare, der sich schließlich Pauline gegenüber gesetzt hatte. Der Doktor antwortete nicht sogleich. Das rauchige Licht der Lampe, dieser trübe Schein der langen Nachtwachen, beleuchtete schlecht sein gegerbtes Gesicht, auf dem die starken Erregungen nur die Runzeln erbleichen ließen. Als er jedoch sprach, bekundete der gebrochene Ton seiner Stimme den Kampf, der sich in seinem Innern abspielte. »Ich habe noch nichts getan«, antwortete er. »Ich wollte nichts tun, bevor ich mich mit euch beraten habe.« Mit einer mechanischen Bewegung strich er sich mit den Fingern über die Stirn, als wollte er dort ein Hindernis verscheuchen, einen Knoten, den er nicht lösen konnte. »Aber es kommt uns nicht zu, eine Entscheidung zu treffen, Doktor«, sagte Pauline. »Wir legen sie in Ihre Hände.« Er schüttelte mit dem Kopfe. Eine ungelegen kommende Erinnerung wollte ihn nicht verlassen, er erinnerte sich verschiedener Negerinnen, die er in den Kolonien entbunden, besonders eines großen Mädchens, bei dem sich das Kind auch so zuerst mit der Schulter gezeigt hatte, und das dabei geblieben war, während er es noch von einem Pack Fleisch und Knochen befreite. Für die Chirurgen der Marine gab es keine andere Möglichkeit, darin Erfahrungen zu sammeln, als wenn sie in fernen Ländern beim Ausüben vom Hospitaldienst gelegentlich Frauen ausweideten. Seitdem er sich nach Arromanches zurückgezogen, hatte er wohl auch den Beruf des Geburtshelfers ausgeübt und die Geschicklichkeit der Gewohnheit erlangt; aber dieser schwierige Fall, der ihm in diesem befreundeten Hause entgegentrat, warf ihn wieder in seine ganze frühere Zaghaftigkeit zurück. Er zitterte wie ein Anfänger, auch um seine alten Hände besorgt, denen die jugendliche Kraft fehlte. »Ich muß euch wohl oder übel alles sagen«, begann er. »Mutter und Kind scheinen mir verloren... Vielleicht wird es noch Zeit sein, das eine oder die andere zu retten.« Lazare und Pauline hatten sich, von dem nämlichen Schauder erstarrt, erhoben. Chanteau, von dem Geräusch der Stimmen aufgeweckt, öffnete die noch trüben Augen und hörte mit Entsetzen dem zu, was da vor ihm verhandelt wurde. »Wen soll ich zu retten versuchen?« fragte er mit dem gleichen Erzittern wie die armen Leute, denen er diese Frage stellte. »Das Kind oder die Mutter?« »Wen? Mein Gott?« rief Lazare. »Weiß ich es? Kann ich es wissen?« Tränen erstickten ihn von neuem, während seine Base dieser fürchterlichen Wahl gegenüber stumm blieb. »Versuche ich das Kind zu wenden,« fuhr der Doktor fort, laut seine Unsicherheit äußernd, »so wird es sicher als Brei herauskommen. Und ich fürchte die Mutter zu ermüden, die bereits zu lange leidet. Der Kaiserschnitt andrerseits würde das Leben des Kleinen sichern; aber der Zustand der armen Frau ist nicht so verzweifelt hoffnungslos, daß ich mich berechtigt fühle, sie zu opfern. Ich bitte euch, euch selbst darüber auszusprechen.« Das Schluchzen verhinderte Lazare zu antworten. Er hatte sein Taschentuch vorgenommen und zerknüllte es krampfhaft in dem Bemühen, wieder ein wenig zur Vernunft zu kommen. Chanteau sah noch immer verblüfft zu. Nur Pauline vermochte zu sagen: »Warum sind Sie heruntergekommen?... Es ist schlecht, uns so zu quälen; Sie sind der einzige, der wissen und handeln kann.« Frau Bouland kam gerade hinzu und verkündete, daß der Zustand sich verschlimmere. »Hat man sich entschieden?... Sie wird zusehends schwächer.« Doktor Cazenove umarmte in einer seiner jähen, die Leute außer Fassung bringenden Aufwallungen Lazare und sagte zu ihm, ihn duzend: »Höre, ich will versuchen, sie alle beide zu retten. Wenn sie dabei bleiben, werde ich mehr Kummer als du selbst empfinden; denn ich werde es für meine Schuld halten.« Hastig, mit der Lebhaftigkeit eines entschlossenen Mannes, besprach er die Anwendung des Chloroforms. Er hatte das Notwendige mitgebracht, aber gewisse Anzeichen ließen ihn eine Blutung befürchten, was ihn dieses Mittel förmlich widerraten ließ. Das Aussetzen und die Mattigkeit des Pulses beunruhigten ihn. Er widerstand daher dem Drängen der Familie, die, krank von diesem Leiden, das sie bereits seit vierundzwanzig Stunden teilte, ihn bat, Chloroform anzuwenden; er wurde zu dieser Weigerung noch durch die Haltung der Hebamme ermutigt, die voll Widerwillen und Geringschätzung die Schultern zuckte. »Ich entbinde wohl an zweihundert Frauen im Jahr«, murmelte sie. »Haben diese es nötig, um sich aus der Geschichte zu ziehen?... Sie leiden, alle Welt leidet!« »Kommt hinauf, Kinder,« begann der Doktor von neuem, »ich werde Eurer bedürfen... Und dann, ist es mir auch lieber, euch bei mir zu wissen.« Alle verließen das Eßzimmer, als Chanteau endlich zu sprechen begann. Er rief seinen Sohn. »Komm, umarme mich... Ach, die arme Luise! Sind solche Geschichten nicht schrecklich in einem Augenblick, wo man sie nicht erwartet. Wenn es wenigstens Tag würde!... Benachrichtige mich, wenn es zu Ende ist.« Er blieb von neuem allein in dem Gemach zurück. Die Lampe kohlte, er schloß die Lider; von dem matten Schein des Lichtes geblendet, übermannte ihn wieder der Schlaf. Er kämpfte jedoch einige Minuten und ließ seine Blicke über das Geschirr auf dem Tische und das Durcheinander der Stühle gleiten, auf denen noch die Mundtücher hingeworfen lagen. Aber die Luft war zu schwer, das Schweigen zu erdrückend. Er unterlag, seine Lider schlössen sich wieder, den Lippen entströmten kurze, regelmäßige Atemzüge inmitten der trübseligen Unordnung dieses am vorhergehenden Abend unterbrochenen Mahles. Oben riet Doktor Cazenove, ein großes Feuer in dem Nebengemache, dem einstigen Zimmer der Frau Chanteau, anzuzünden: man könne es nach der Entbindung nötig haben. Veronika, die bei Luise während der Abwesenheit der Hebamme gewacht, ging sofort, seinen Befehl auszuführen. Dann wurden alle Maßregeln getroffen, man legte feines Leinenzeug vor den Kamin, man brachte eine zweite Wanne, einen Kessel und Schweineschmalz auf einem Teller. Der Doktor glaubte die Gebärende benachrichtigen zu müssen. »Mein liebes Kind,« sagte er, »beunruhigen Sie sich nicht, es ist aber unbedingt notwendig, daß ich eingreife... Ihr Leben ist uns allen teuer, und wenn auch der Kleine in Gefahr schwebt, so können wir Sie doch nicht länger so lassen... Sie erlaubten mir zu handeln, nicht wahr?« Luise schien nicht mehr zu hören. Durch die Anstrengungen, die wider ihren Willen fortdauerten, steif geworden, den Kopf nach links auf das Kissen gerollt: so lag sie da; aus ihrem offenen Munde kam ein dumpfer, fortwährender Klageton hervor, der einem Röcheln glich. Als sie die Wimpern aufschlug, starrte sie verwirrt die Zimmerdecke an, als sei sie an einem unbekannten Orte erwacht. »Sie willigen ein?« wiederholte der Doktor. Da stammelte sie: »Töten Sie mich, töten Sie mich sofort!« »Machen Sie schnell, ich flehe Sie an«, murmelte Pauline. »Wir nehmen jede Verantwortung auf uns.« Er zögerte dennoch, indem er zu Lazare sagte: »Ich verbürge mich für sie, wenn keine Blutung eintritt. Aber das Kind scheint mir verloren. Unter zehn tötet man neun in solchen Fällen, denn stets kommen Verletzungen, Brüche, manchmal ein vollständiges Zerquetschen vor.« »Vorwärts, vorwärts, Doktor!« antwortete der Vater mit einer verzweifelten Gebärde. Das Gurtbett wurde nicht für haltbar genug erklärt. Man brachte die junge Frau wieder auf das große Bett, nachdem man ein Brett zwischen die Matratzen geschoben hatte. Mit dem Kopfe nach der Wand hin, an einen Berg von Kissen gelehnt, ruhten die Lenden auf dem Rande selbst; und man spreizte die Schenkel auseinander und legte die Füße auf die Lehnen zweier kleinen Sessel. »So ist es ganz gut«, sagte der Arzt, diese Vorbereitungen prüfend. »Wir werden gut arbeiten können, es ist sehr bequem so. Es wäre nur rätlich, sie zu halten, im Falle sie um sich schlüge.« Luise war nicht mehr. Sie überließ sich wie eine Sache. Ihre weibliche Scham, ihr Widerwille, sich in ihren Wehen und ihrer Blöße sehen zu lassen, war von dem Leiden verscheucht, endlich verschwunden. Ohne die Kraft, auch nur einen Finger in die Höhe zu heben, hatte sie kein Bewußtsein von ihrer Blöße, noch von den sie berührenden Leuten. Sie blieb so liegen, bis an die Brust entblößt, den Bauch frei in der Luft, die Beine auseinandergespreizt, ohne auch nur zu zittern, und breitete ihre blutende und weit geöffnete Mutterschaft zur Schau aus. »Frau Bouland wird einen Schenkel halten,« fuhr der Arzt fort, »und Sie, Pauline, müssen uns den Dienst leisten, den andern zu packen. Fürchten Sie sich nicht, drücken Sie sie fest und verhindern Sie jegliche Bewegung... Lazare würde sehr gütig sein, wenn er mir leuchten wollte.« Man gehorchte ihm, auch für die Umgebung war diese Nacktheit verschwunden. Sie sahen nur noch das Mitleid erregende Elend, dieses Drama einer schweren Geburt, die den Gedanken an die Liebe tötete. Angesichts dieser grellen Beleuchtung war das verwirrende Mysterium von dieser so zarten Haut mit den geheimnisvollen Stellen, von diesem, mit kleinem blonden Gekräusel gelockten Vließ entschwunden, es blieb nur noch die schmerzliche Menschheit, das Gebären in Blut und Schmutz, das die Leiber der Mütter bersten läßt und die rote Spalte bis zum Entsetzen erweitert, einem Beilhiebe vergleichbar, der den Stamm öffnet und das Leben der großen Bäume herausfließen läßt. Der Arzt sprach immer halblaut, legte seinen Überrock ab und streifte den linken Ärmel des Hemdes bis über den Ellbogen hinauf. »Man hatte zu lange gewartet, das Einführen der Hand wird schwer fallen... Sehen Sie, die Schulter ist schon in den Mutterhals eingedrungen.« Mitten zwischen den geschwollenen, angespannten Muskeln, den rosigen, wulstigen Schamlippen erschien das Kind. Aber es wurde dort durch das Einklemmen des Organes zurückgehalten, über das hinaus es nicht kommen konnte. Trotzdem versuchten die Anstrengungen des Leibes und der Hüften es noch herauszustoßen, selbst in ihrer Ohnmacht drängte die Mutter noch heftig nach und erschöpfte sich bei dieser Arbeit in dem mechanischen Bedürfnis, sich zu befreien; und die Wogen der Wehen stiegen noch immer nieder, eine jede begleitet von dem Schrei ihrer Hartnäckigkeit, gegen das Unmögliche zu kämpfen. Die Hand des Kindes hing aus der Schamritze. Es war eine kleine, schwarze Hand, deren Finger sich für Augenblicke öffneten und schlossen, als wolle sie sich an das Leben klammern. »Beugen Sie den Schenkel ein wenig«, sagte Frau Bouland zu Pauline. »Es ist unnötig, sie zu ermüden.« Doktor Cazenove hatte sich zwischen die beiden von den Frauen gehaltenen Knie gestellt. Er wandte sich um, erstaunt über die tanzenden Lichter, deren Schein ihm traf. Hinter ihm zitterte Lazare so arg, daß die Kerze in seiner Hand schwankte, als werde sie von einem heftigen Winde bewegt. »Mein lieber Junge,« sagte er, »setzen Sie das Licht auf den Nachttisch. Ich werde dann besser sehen.« Der Gatte, nicht imstande, weiter zuzuschauen, war am Ende des Zimmers auf einen Stuhl gesunken. Aber er bemühte sich vergebens nicht hinzusehen, er sah trotzdem immer die arme Hand des kleinen Wesens, diese Hand, die leben wollte und tastend nach einer Hilfe in dieser Welt zu suchen schien, in die sie als erste eintrat. Da kniete der Arzt nieder. Er hatte seine linke Hand mit Schweineschmalz bestrichen und führte sie langsam ein, während er die rechte auf den Leib legte. Er mußte den kleinen Arm zurückschieben, ihn wieder ganz hineindrängen, damit die Finger des Operateurs vorbeikommen konnten, und dieses war der gefährlichste Teil der Verrichtung. Die Finger in einem Winkel vorgestreckt, drangen endlich langsam, mit leichter, drehender Bewegung vor, welche die Einführung der Hand bis zum Gelenk erleichterte. Sie versank immer tiefer, sie rückte weiter vor, suchte die Knie, dann die Füße des Kindes; während die andere Hand sich noch fester auf den Unterleib legte und so der inneren Arbeit nachhalf. Aber man bemerkte nichts von dieser Verrichtung, es war weiter nichts vorhanden, als dieser im Körper verschwundene Arm. »Fräulein ist sehr gelehrig«, bemerkte Frau Bouland. »Manchmal bedarf es starker Männer, um sie zu halten.« Pauline preßte in mütterlichem Gefühl den armen Schenkel an sich, den sie vor Angst beben fühlte. »Habe Mut!« flüsterte sie ihrerseits. Tiefes Schweigen herrschte. Luise hätte nicht sagen können, was man mit ihr vornahm, sie empfand nur eine wachsende Bangigkeit, ein Gefühl des Losreißens. Und Pauline erkannte das schlanke Mädchen mit den feinen Zügen und dem zarten Liebreiz in diesem quer über das Bett liegenden gekrümmten Geschöpf mit dem von Schmerzen entstellten Gesicht nicht wieder. Schleim war zwischen den Fingern des Operateurs hindurchgeflossen und hatte den goldigen Flaum beschmutzt, der die weiße Haut beschattete. Einige Tropfen schwarzen Blutes flössen in eine Falte des Fleisches und fielen dann nacheinander auf die Linnen, die man über die Matratze gebreitet hatte. Luise fiel in eine neue Ohnmacht, sie schien tot, und die Arbeit der Muskel hörte beinahe vollkommen auf. »Mir ist das lieber«, sagte der Arzt, den Frau Bouland davon in Kenntnis setzte. »Sie zerquetschte mir fast die Hand, ich wäre zum Herausziehen genötigt gewesen, so unerträglich wurde der Schmerz... Ach! Ich bin nicht mehr jung! Es wäre sonst schon beendet.« Seit einem Augenblick hatte seine linke Hand die Füße erfaßt und leitete sie sanft, um die Wendungsbewegung auszuführen. Ein Halt trat ein, er mußte den Unterleib mit der rechten Hand pressen. Die andere kam ohne Erschütterung zum Vorschein, erst das Gelenk, dann die Finger. Alle fühlten eine Erleichterung. Cazenove stieß einen Seufzer aus, seine Stirn war in Schweiß gebadet, sein Atem keuchte wie nach einer heftigen Leibesübung. »So weit wären wir, ich glaube, es wird gut gehen, das kleine Herz schlägt noch. Aber wir haben das Bürschchen immer noch nicht.« Er war aufgestanden und heuchelte ein Lachen. Er verlangte lebhaft warme Leintücher von Veronika. Während er sich die Hand wusch, die beschmutzt und blutig war wie die eines Schlächters, wollte er dem in den Stuhl zusammengeknickten Gatten Mut einflößen. »Es ist gleich zu Ende, mein Lieber. Ein bißchen Hoffnung, zum Teufel!« Lazare rührte sich nicht. Frau Bouland, die Luise aus der Ohnmacht erweckte, indem sie ihr ein Fläschchen Äther unter die Nase hielt, beunruhigte sich besonders darüber, daß die Wehen aufgehört hatten. Sie sprach mit leiser Stimme zum Doktor davon, der laut antwortete: »Ich erwarte es. Ich muß ihr helfen.« Er wandte sich an die Wöchnerin. »Unterdrücken Sie nichts, lassen Sie Ihre Schmerzen zur Geltung kommen. Wenn Sie mir etwas beistehen, sollen Sie sehen, wie gut alles geht.« Aber sie machte eine Bewegung, als wollte sie sagen, daß sie keine Kräfte mehr habe. Man hörte sie kaum stammeln: »Ich fühle keinen Teil meines Körpers mehr.« »Armes Herz«, sagte Pauline, sie küssend. »Du bist am Ende deiner Qualen.« Der Doktor war von neuem niedergekniet. Die beiden Frauen hielten wieder die Beine, während Veronika ihm lauwarme Wäsche reichte. Er hatte die kleinen Füße eingewickelt und zog langsam, mit sanftem, beständigem Anziehen, und seine Finger drangen im Verhältnis herauf, wie das Kind herauskam, er faßte es bei den Knöcheln, den Waden, den Knien, und so an jedem Teil, der zum Vorschein kam. Als die Hüften da waren, vermied er jeden Druck auf den Leib, er umspannte die Seiten und drückte mit beiden Händen auf die Leisten. Der Kleine rückte immer mehr vorwärts und erweiterte die Wulst des rosigen Fleisches zu einer wachsenden Spannung. Aber die bis dahin fügsame Mutter widersetzte sich plötzlich bei den sie neu überkommenden Schmerzen. Das war nicht mehr ein Drängen, ihr ganzer Körper wurde erschüttert, ihr war, als spalte man sie mit einem schweren Schlachtmesser, wie sie die Ochsen im Fleischerladen hatte zerteilen gesehen. Sie empörte sich mit solcher Gewalt, daß sie ihrer Base entschlüpfte und das Kind den Händen des Arztes entglitt. »Achtung!« rief er. »Verhindert sie doch sich zu rühren... Wenn die Nabelschnur nicht zusammengepreßt worden ist, haben wir gute Aussichten.« Er hatte den kleinen Körper wieder erfaßt, er beeilte sich die Schultern frei zu machen und führte die Arme einen nach dem andern heraus, damit das Volumen des Kopfes nicht vermehrt würde. Aber das krampfhafte Aufspringen der Wöchnerin war ihm unbequem, er hielt aus Furcht vor einer Quetschung jedesmal inne. Die beiden Frauen strengten vergebens alle Kräfte an, sie auf dem Schmerzenslager festzuhalten; sie schüttelte und hob sich mit einer unwiderstehlichen Steifung des Genickes in die Höhe. Bei dem Umsichschlagen gelang es ihr das Holz der Bettstelle zu erfassen, von dem man sie nicht wieder loszureißen vermochte; sie stemmte sich dagegen und drängte heftig die Füße auseinander in dem beständigen Gedanken, sich von diesen sie quälenden Leuten zu befreien. Das war ein wirklicher Wutanfall, entsetzliches Schreien in dem Gefühl, daß man sie morde, indem man sie von den Hüften bis zum Leibe vierteile. »Es steckt nur noch der Kopf innen«, sagte der Arzt, dessen Stimme zitterte. »Ich wage ihn bei diesen fortwährenden Stößen nicht zu berühren. Da die Wehen wieder eingetreten sind, wird sie sich zweifellos selbst befreien. Warten wir ein wenig.« Er mußte sich setzen. Frau Bouland wachte, ohne die Mutter frei zu geben, über das Kind, das zwischen den blutenden Schenkeln ruhte, noch am Halse und wie erstickt zurückgehalten. Die kleinen Glieder rührten sich schwach, dann hörten auch diese Bewegungen auf. Man wurde von neuem von Furcht ergriffen, der Arzt suchte die Zusammenziehungen hervorzurufen, um die Geschichte zu beschleunigen. Er stand auf und vollführte einige Pressungen auf den Leib der Gebärenden. Es traten einige entsetzliche Augenblicke ein, die Unglückliche schrie immer heftiger, je weiter der Kopf zum Vorschein kam und das Fleisch, das sich zu einem breiten, weißlichen Ringe rundete, fortstieß. Unten, zwischen den beiden gewaltsam ausgedehnten und klaffenden Höhlungen, wölbte und spannte sich die zarte Haut so entsetzlich, daß man einen Riß befürchtete. Unrat spritzte heraus, das Kind fiel nach einer letzten Anstrengung inmitten eines Regens von Blut und unsauberem Wasser heraus. »Endlich!« sagte Cazenove. »Das Kind kann sich rühmen können, nicht gerade angenehm zur Welt gekommen zu sein.« Die Erregung war so groß, daß sich niemand um das Geschlecht bekümmert hatte. »Es ist ein Knabe, Herr«, verkündete Frau Bouland dem Gatten. Lazare brach, den Kopf gegen die Mauer gewandt, in Schluchzen aus. Er war von einer ungeheuren Verzweiflung erfaßt, von dem Gedanken, daß es besser sei, alle stürben, als daß sie noch weiter nach solchen Leiden lebten. Dieses neugeborene Wesen betrübte ihn zu Tode. Pauline hatte sich über Luise gebeugt, um ihr einen Kuß auf die Stirn zu drücken. »Komm, umarme sie«, sagte sie zu ihrem Vetter. Er kam näher und beugte sich über sie. Es packte ihn jedoch ein neuer Schauer bei der Berührung dieses von kaltem Schweiße bedeckten Gesichtes. Seine Frau lag ohne einen Atemzug da, ihre Augen waren geschlossen. Er brach zu Füßen des Bettes wieder in Schluchzen aus, den Kopf abermals an die Mauer gelehnt. »Ich glaube, es ist tot«, murmelte der Doktor. »Binden Sie schnell die Schnur ab.« Das Kind hatte bei seiner Geburt nicht jenes schrille Gewinsel ausgestoßen, das von einem dumpfen Gegurgel begleitet, den Eintritt der Luft in die Lungen verkündet. Es war von einer bläulichen, an manchen Stellen blassen Schwärze, klein für seine acht Monate, mit einem Kopf von außerordentlicher Größe. Frau Bouland schnitt und band mit flinken Händen die Schnur ab, nachdem sie vorher noch eine kleine Menge Blut hatte ausfließen lassen. Das Kind atmete noch immer nicht, die Schläge des Herzens blieben unmerklich. »Es ist aus«, erklärte Cazenove. »Vielleicht könnte man noch Reibungen und Einatmungen versuchen; aber ich glaube, es ist verlorene Zeit... Und dann ist die Mutter da, der es sehr nottut, daß ich an sie denke.« Pauline hörte zu. »Geben Sie es mir«, sagte sie. »Ich will sehen. Wenn es nicht atmen sollte, wird es nur deshalb nicht sein, weil mir mein Atem ausgeht.« Sie trug es in das Nebenzimmer, zugleich mit der Flasche Branntwein und einigen Leinen. Neue, jedoch viel schwächere Schmerzen rissen Luise aus ihrer Erschlaffung. Das waren die letzten der Nachgeburt. Als der Doktor beim Ausstoßen der Nachgeburt durch Ziehen an der Schnur behilflich gewesen war, hob die Hebamme sie in die Höhe, um die Tücher hervorzuziehen, die eine Flut dicken Blutes gerötet hatte. Dann streckten beide sie aus, trennten die gesäuberten Schenkel durch ein leinenes Tuch, umwickelten den Leib mit einer leinenen Binde. Die Furcht vor einer Blutung quälte den Arzt noch immer, obgleich er sich vergewissert hatte, daß kein Blut mehr im Innern zurückgeblieben und die verlorene Menge ungefähr normal gewesen war. Andererseits schien ihm die Nachgeburt vollständig, aber die Schwäche der Wöchnerin und besonders der sie bedeckende kalte Schweiß war höchst beunruhigend. Sie rührte sich nicht mehr; bleich wie Wachs lag sie bis an das Kinn in die Decken gehüllt, die sie nicht erwärmten. »Bleiben Sie«, sagte der Arzt zur Hebamme, ohne Luisens Puls frei zu geben. »Ich selbst gehe nicht eher fort, als bis ich vollkommen beruhigt bin.« Auf der andern Seite des Flurs kämpfte Pauline in der früheren Stube der Frau Chanteau gegen die wachsende, todesähnliche Ohnmacht des kleinen, armseligen Wesens, das sie dorthin getragen hatte. Sie hatte es eilig auf einen Stuhl vor das Feuer gelegt und rieb es nun, auf den Knien liegend, mit einem in Alkohol getauchten Leinentuche mit einer Ausdauer, die sie nicht einmal den Krampf fühlen ließ, der nach und nach ihren Arm steif machte. Der Kleine war so schwächlich, von einer so jämmerlichen Zartheit, daß es ihre hauptsächlichste Furcht war, ihn durch starkes Reiben vollends zu töten. Daher hatte auch diese hin und her gleitende Bewegung eine liebkosende Sanftheit, das beständige Streifen eines Flügels. Sie wandte das Kind vorsichtig um und versuchte, jedes der kleinen Glieder in das Leben zurückzurufen. Aber es rührte sich noch immer nicht. Das Reiben erwärmte es zwar ein wenig, die Brust jedoch blieb hohl, noch hob sie kein Atemzug. Es schien im Gegenteil blauer zu werden. Da preßte sie ohne einen Widerwillen gegen dieses weiche, kaum gewaschene Gesicht ihren eigenen auf den kleinen regungslosen Mund. Langsam, anhaltend blies sie ihren Atem hinein, ihn nach der Kraft der engen Lunge abmessend, in welche die Luft nicht hatte eindringen können. Erst als sie selbst zu ersticken drohte, hielt sie einige Sekunden inne; dann begann sie von neuem. Das Blut stieg ihr zu Kopfe, die Ohren begannen ihr zu sausen, und ein Anfall von Schwindel erfaßte sie. Aber sie ließ nicht nach, sie gab so eine halbe Stunde hindurch ihren Atem hin, ohne durch den geringsten Erfolg ermutigt zu werden. Wenn sie Atem holte, hatte sie nur den Geschmack einer Fadheit des Todes. Sie hatte ganz, ganz sachte vergeblich gesucht, die Seiten sich bewegen zu lassen, indem sie mit ihren Fingerspitzen darauf drückte. Nichts wollte anschlagen. Jeder andere würde diese unmöglichen Erweckungsversuche eingestellt haben. Sie aber handelte mit der hartnäckigen Verzweiflung einer Mutter, die das schlecht aus ihrem Leibe hervorgegangene Kind vollends zum Leben bringen will. Es sollte leben, und sie fühlte endlich den armen Körper sich rühren, an dem kleinen Munde unter dem ihren ein leichtes Erzittern. Seit fast einer Stunde hielt sie die Angst dieses Kampfes in diesem Zimmer fest; sie vergaß alles. Das schwache Anzeichen des Lebens, diese kurze Bewegung an ihren Lippen gab ihr von neuem Mut. Sie begann die Reibung abermals, fuhr mit dem Einflößen ihres Atems von Minute zu Minute fort und wechselte mit beidem; sie gab sich selbst in Barmherzigkeit hin. Es war dies ein wachsendes Bedürfnis zu siegen, Leben zu machen. Einen Augenblick glaubte sie sich getäuscht zu haben, denn ihre Lippen preßten sich immer nur auf unbewegliche Lippen. Dann überzeugte sie sich abermals von einem neuen, flüchtigen Zusammenziehen. Nach und nach trat die Luft ein, sie wurde ihr genommen und wiedergegeben. Unter ihrer Brust glaubte sie die Schläge des Herzens sich regeln zu hören. Ihr Mund ließ den kleinen Mund nicht mehr los, sie teilte, lebte mit diesem kleinen Wesen, sie beide hatten in diesem Wunder der Auferstehung nur noch einen Atem, einen langsamen, anhaltenden Atem, der von dem einen zu der andern überging wie eine gemeinsame Seele. Käsiger Schleim beschmutzte ihre Lippen, aber die Freude, das Kind gerettet zu haben, ließ keinen Ekel aufkommen: sie atmete jetzt eine warme Herbigkeit von Leben ein, die sie berauschte. Als es endlich zu schreien begann und einen schwachen Klagelaut ausstieß, rutschte sie von dem Lehnstuhle auf den Boden, bis ins Innerste bewegt. Das mächtige Feuer loderte hoch auf und erfüllte das Gemach mit einer lebhaften Helle. Pauline blieb auf dem Fußboden vor dem Kinde liegen, das sie bisher noch nicht betrachtet hatte. Wie gebrechlich war es! Was für ein kaum geformtes Geschöpf eben! Eine letzte Empörung packte sie, ihre Gesundheit lehnte sich gegen diesen elenden Sohn auf, den Luise Lazare geschenkt. Sie ließ einen verzweifelten Blick über ihre Hüften, ihren jungfräulichen, erzitternden Leib gleiten. Zwischen ihren breiten Hüften würde ein kräftiger, starker Sohn Platz gehabt haben. Ein ungeheurer Kummer über ihr verfehltes Dasein, ihre unfruchtbar schlummernde Weiblichkeit überkam sie. Der Anfall, der sie in der Hochzeitsnacht der anderen schier getötet hatte, kam wieder. Gerade am Morgen hatte sie sich von dem verlorenen Fluß der Befruchtung blutbefleckt erhoben. Selbst jetzt, nach den Erregungen dieser schrecklichen Nacht, fühlte sie ihn unter sich wie ein nutzloses Wasser dahinfließen. Sie würde nie Mutter werden; sie hätte gewünscht, daß alles Blut ihres Körpers so fortgehe, da sie ja doch aus ihm kein Leben erzeugen konnte. Wozu nützten ihre kräftige Reife, ihre vor Saft strotzenden Organe und Muskel, der mächtige Duft, der ihrem Fleische entströmte, dessen Kraft in brauner Blütenpracht sich entfaltete? Sie sollte einem unbebauten Felde gleichen, das unbeachtet verdorrt. Statt dieser beklagenswerten Fehlgeburt, die gleich einem nackten Wurm auf dem Lehnstuhle lag, sah sie den kräftigen Jungen, der ihrer Ehe entsprossen wäre. Sie konnte sich nicht trösten und beweinte das Kind, das sie nie gebären sollte. Aber das arme Wesen winselte noch immer. Es bewegte sich, sie befürchtete, es könnte herunterfallen. Da erwachte angesichts so großer Häßlichkeit und Schwäche die barmherzige Liebe wieder in ihr. In dem Vergessen ihrer selbst fuhr sie fort, ihm die erste Pflege angedeihen zu lassen, sie nahm es auf ihre Knie, noch bewegt von den Tränen, in die sich das Bedauern über ihre Mutterschaft und das Mitleid mit dem Elend aller Lebenden mischte. Frau Bouland, die benachrichtigt worden, kam, um ihr beim Waschen des Neugeborenen behilflich zu sein. Sie hüllten ihn zuerst in ein lauwarmes Tuch, dann kleideten sie ihn an und legten ihn auf das Bett im Zimmer, bis die Wiege hergerichtet war. Die Hebamme, erstaunt den Knaben am Leben zu finden, hatte ihn sorgfältig untersucht; sie sagte, ihr scheine er wohlgebaut, aber man werde Mühe haben, ihn großzuziehen, so schwächlich sei er. Dann eilte sie wieder zu Luise, die noch in großer Gefahr schwebte. Als Pauline sich bei dem Kinde niederließ, kam Lazare, von dem Wunder in Kenntnis gesetzt, ebenfalls hinzu. »Komm, sieh ihn dir an«, sagte sie sehr gerührt. Er näherte sich zitternd, konnte jedoch die Worte nicht zurückhalten: »Mein Gott, du hast ihn in dieses Bett gelegt?« Schon an der Tür hatte ein Zittern ihn überfallen. Dieses verlassene, noch von der Trauer düstere Gemach, das man nur selten betrat, fand er warm, erleuchtet, durch das Knistern des Feuers erheitert. Die Möbel waren an dem nämlichen Platze geblieben, die Pendeluhr zeigte noch immer sieben Uhr siebenunddreißig Minuten; niemand hatte seit dem Tode seiner Mutter dort gehaust. Indem nämlichen Bette, in dem sie ausgehaucht, in diesem heiligen, gefürchteten Bette, sah er sein Kind wiedergeboren; es verschwand zwischen den weiten Tüchern. »Ist dir das zuwider?« fragte Pauline erstaunt. Er verneinte mit dem Kopfe, er konnte nicht sprechen, so würgte ihn die Bewegung. Endlich stammelte er: »Es kommt, weil ich an Mama denken muß... Sie ist von uns gegangen; und ein anderer ist gekommen, der wie sie dahingehen wird. Warum ist er gekommen?« Ein Schluchzen schnitt ihm die Worte ab. Die Furcht und sein Widerwille vor dem Leben brachen trotz seiner Bemühungen, sie zum Schweigen zu bringen, seit Luisens fürchterlicher Entbindung wieder hervor. Als er seinen Mund auf die runzelige Stirn des Kindes gedrückt hatte, wich er zurück, denn ihm war, als gebe der Schädel unter seinen Lippen nach. Angesichts dieses von ihm so zerbrechlich in das Dasein geschleuderten Geschöpfes brachten Gewissensbisse ihn zur Verzweiflung. »Beruhige dich«, begann Pauline, um ihm wieder Mut zu machen. »Wir werden einen kräftigen Jungen aus ihm machen... Es hat nichts zu sagen, daß er klein geboren ist!« Er schaute sie an, und in seiner Verwirrung entströmte ein vollständiges Bekenntnis seinem Herzen. »Auch sein Leben verdanken wir wieder dir... Ich soll dir also ewig verpflichtet sein?« »Mir!« antwortete sie, »ich habe nur getan, was die Hebamme getan haben würde, wenn sie allein gewesen wäre.« Er gebot ihr mit einer Bewegung Schweigen. »Hältst du mich für schlecht genug, nicht zu verstehen, daß ich dir alles schulde?... Seit deinem Eintritt in dieses Haus hast du nicht aufgehört, dich zu opfern. Ich spreche nicht mehr von deinem Gelde, aber du liebtest mich noch, als du mich Luisen gabst... Das weiß ich jetzt. Wenn du ahnen könntest, wie ich mich schäme, wenn ich dich ansehe und mich an alles erinnere! Du hättest dir die Adern geöffnet; du warst stets gut und heiter, selbst an den Tagen, an denen ich dir das Herz brach. Ach, du hattest recht: es gibt nur Heiterkeit und Güte, alles andere ist nichts weiter als ein böser Traum.« Sie versuchte ihn zu unterbrechen, aber er fuhr mit lauterer Stimme fort: »Wie dumm waren doch diese Verleugnungen, diese Prahlereien, alle die schwarzen Gedanken, die ich aus Furcht und aus Eitelkeit hegte. Ich allein habe unser Leben schlecht gestaltet, das deine, das meine, jenes der Familie... Ja, du allein warst klug. Das Dasein gestaltet sich so leicht, wenn das Haus in guter Laune ist und die einen für die anderen leben! Wenn die Welt vor Elend vergeht, mag sie es wenigstens vergnügt tun und mit sich selbst Mitleid haben.« Sein heftiges Reden rief bei ihr ein Lächeln hervor; sie ergriff seine Hände. »Beruhige dich... Wenn du erkennst, daß ich recht habe, bist du schon gebessert, und alles wird gut gehen.« »Ach ja, gebessert! Ich sage es in diesem Augenblicke, weil ich Stunden habe, wo die Wahrheit trotz allem hervorbricht. Ändert man sich?... Nein, es wird nicht besser, im Gegenteil: schlechter. Du weißt es ebenso gut wie ich... Meine Dummheit macht mich so wütend!« Sie zog ihn sanft an sich und sagte in ernstem Tone: »Du bist weder dumm noch schlecht, du bist unglücklich... Umarme mich, Lazare.« Sie wechselten angesichts dieses armen Kleinen, der eingeschlummert zu sein schien, einen Kuß; es war ein geschwisterlicher Kuß, in dem nicht mehr das jähe Verlangen brannte, von dem sie noch am Tage vorher geglüht hatten. Der Morgen brach herein, ein grauer Morgen von großer Milde. Cazenove kam, um das Kind zu besichtigen; er staunte, es in einem so guten Zustande zu sehen. Er war der Ansicht, daß man es wieder in das Zimmer zurücktrage, da er für Luise nunmehr zu bürgen zu können glaubte. Als man der Mutter den Kleinen reichte, hatte sie ein mattes Lächeln. Dann schloß sie die Augen und verfiel in einen tiefen, erquickenden Schlummer, der die Genesung der Wöchnerinnen bringt. Man hatte die Fenster ein wenig geöffnet, um den Blutgeruch zu vertreiben; eine köstliche Frische und ein Hauch des Lebens stieg aus der hohen Flut herauf. Alle standen matt und glücklich vor dem Bett, in dem sie schlief. Endlich entfernten sie sich mit gedämpften Schritten und ließen nur Frau Bouland bei ihr zurück. Der Arzt ging trotzdem erst gegen acht Uhr fort. Er war sehr hungrig, auch Lazare und Pauline fielen fast vor Erschöpfung um; Veronika mußte ihnen Milchkaffee und einen Eierkuchen bereiten. Unten fanden sie von allen vergessen Chanteau in seinem Lehnstuhl schlafen. Nichts hatte sich gerührt, das Gemach nur war von dem scharfen Qualme der Lampe verpestet, die noch rauchte. Pauline bemerkte lächelnd, daß der Tisch, auf dem die Gedecke liegen geblieben waren, schon bereitet sei. Sie fegte die Krümel ab und machte wieder ein wenig Ordnung. Da Kaffee und Milch auf sich warten ließen, fielen sie über das kalte Kalbfleisch her, wobei sie schon über die durch die schreckliche Entbindung unterbrochene Mahlzeit zu scherzen vermochten. Jetzt, da die Gefahr vorüber war, fanden sie eine kindliche Heiterkeit wieder. »Ihr könnt es mir glauben, wenn ihr wollt,« wiederholte Chanteau entzückt, »aber ich schlief, ohne zu schlafen. Ich war wütend, daß keiner herunterkam und mir Nachricht gab, und war trotzdem nicht unruhig, denn mir träumte, daß alles gut gehe.« Seine Freude verdoppelte sich, als der Abbé Horteur erschien, der nach seiner Messe herbeigelaufen kam. Er scherzte tüchtig: »Was ist denn geschehen? Sie lassen mich so ohne weiteres im Stich?... Sie haben wohl Furcht vor Kindern.« Um sich aus der Verlegenheit zu ziehen, erzählte der Priester, daß er eines Abends auf der Straße eine Frau entbunden und das Kind getauft habe. Dann nahm er ein Gläschen Curaçao an. Heller Sonnenschein vergoldete den Hof, als sich der Doktor endlich verabschiedete. Als Lazare und Pauline ihn begleiteten, fragte er letztere ganz leise: »Sie reisen heute nicht?« Sie schwieg einen Augenblick. Dann schlug sie die großen, träumerischen Augen auf, und diese schienen in die Weite, in die Zukunft zu sehen. »Nein«, antwortete sie. »Ich muß abwarten.« Elftes Kapitel. Nach einem abscheulichen Maimonat waren die ersten Junitage sehr heiß. Der Westwind pfiff seit drei Wochen, Stürme hatten die Küste verheert, die Strandfelsen ausgehöhlt, Barken verschlungen und Menschen getötet; und der weite blaue Himmel, dieses atlasglatte Meer, diese milden, klaren Tage, die jetzt der Welt leuchteten, waren von unendlicher Lieblichkeit. Pauline hatte sich an diesem herrlichen Nachmittage entschlossen, den Lehnstuhl Chanteaus auf die Terrasse zu schieben und dort den jetzt achtzehn Monate alten Paul auf einer wollenen Decke zu betten. Sie war seine Patin und verwöhnte ihn wie den Greis. »Wird dich die Sonne nicht belästigen, Onkel?« »Nein, gewiß nicht... Es ist lange genug her, daß ich sie nicht gesehen habe... Und du läßt Paul da einschlafen?« »Ja, ja, die frische Luft wird ihm gut tun.« Sie hockte auf eine Ecke der Decke nieder und betrachtete ihn, wie er dalag in seinem weißen Kleidchen, aus dem die nackten Beine und Arme schauten. Mit geschlossenen Augen hatte er sein kleines, rosiges und unbewegliches Gesicht dem Himmel zugewandt. »Es ist wahr, er ist sofort eingeschlafen«, flüsterte sie. »Er ist vom Umhertrudeln müde. Passe auf, daß ihn die Tiere nicht belästigen.« Sie drohte mit dem Finger Minouche, die auf dem Fenster des Eßzimmers große Toilette machte. Loulou, der in seiner ganzen Länge ausgestreckt abseits im Sande lag, öffnete von Zeit zu Zeit mißtrauisch ein Auge, immer bereit zu knurren und zu beißen. Als Pauline aufstand, stieß Chanteau einen leisen Klageton aus. »Kommt es wieder?« »Ja, es kommt wieder; das heißt, es verläßt mich nicht mehr... Ich habe gestöhnt, nicht wahr? Ist das drollig! Ich bemerkte es sogar nicht mehr.« Er war zu einem Gegenstande fürchterlichen Mitleids geworden. Nach und nach hatte die chronische Gicht in allen seinen Gelenken Kreide angehäuft, ungeheure Sandsteingeschwulste hatten sich geformt und durchbrachen die Haut mit ihren weißlichen Auswüchsen. Seine Füße, die man nicht sah, steckten in großen Stiefeln und zogen sich wie die Pfoten eines kranken Vogels in sich selbst zusammen. Aber die Hände trugen ihre entsetzliche Unförmigkeit zur Schau; an jedem Gliede waren rote, glänzende Knoten geschwollen; die Finger waren durch die sie trennende Dicke gekrümmt, beide Hände wie von unten nach oben gekehrt, besonders die linke, die eine Verhärtung von der Größe eines kleinen Eies geradezu abschreckend machte. An dem Ellbogen der nämlichen Seite hatte eine stärkere Ansammlung ein Geschwür erzeugt. Eine vollkommene Steifheit der Gelenke war jetzt eingetreten, er konnte sich weder der Füße noch der Hände bedienen und die einzelnen, noch halbwegs fügsamen Gelenke krachten, als schüttele man einen Sack Billardkugeln. Auf die Länge schien selbst sein Körper sich in der Lage versteinert zu haben, die er angenommen, um das Leiden besser zu ertragen, vornüber gebeugt mit einer starken Neigung nach rechts; er hatte ganz die Gestalt des Lehnstuhls angenommen und blieb sogar krumm und zusammengezogen, wenn man ihn schlafen legte. Der Schmerz verließ ihn nicht mehr; bei dem geringsten Witterungswechsel, nach einem Fingerhut voll Wein oder einem Bissen Fleisch über die strenge Vorschrift hinaus stellte sich die Entzündung ein. »Eine Tasse Milch würde dich vielleicht erfrischen?« »Ach, ja, Milch!« antwortete er zwischen zwei Seufzern. »Auch so eine schöne Erfindung, ihre Milchkur. Ich glaube, sie haben mir den Rest damit gegeben... Nein, nein; nichts, das bekommt mir am besten.« Er bat sie dennoch, ihm das linke Bein anders zu legen, denn er allein konnte es nicht vom Platze bewegen. »Das vertrackte Ding von Bein brennt heute. Schiebe es weiter! Gut so, danke... Was für ein herrlicher Tag! Ach, mein Gott! Ach, mein Gott!« Die Augen auf den unendlichen Horizont gerichtet, fuhr er fort zu seufzen, ohne sich dessen bewußt zu sein. Sein Schmerzensschrei war jetzt zugleich sein Atem. In ein Gewand von dickem blauen Molleton gekleidet, in dessen weiten Falten seine Wurzeln gleichenden Glieder verschwanden, ließ er seine ungestalten Hände auf den Knien ruhen; im hellen Sonnenlichte boten sie einen jämmerlichen Anblick. Das Meer interessierte ihn, dieses unendliche Blau, auf dem weiße Segel dahinglitten, dieser grenzenlose Pfad, der offen vor ihm dalag, vor ihm, der nicht mehr fähig war, einen Fuß vor den andern zu setzen. Pauline, welche die nackten Beine des kleinen Paul besorgt machten, war von neuem niedergekniet, um einen Zipfel der Decke über sie zu schlagen. Während drei Monate hatte sie stets am folgenden Montag abreisen wollen. Aber die schwachen Hände des Kindes hielten sie mit unbesiegbarer Kraft zurück. Im ersten Monate hatte man jeden Morgen gefürchtet, ihn am Abend nicht mehr lebend zu sehen. Sie allein begann von neuem das Wunder, ihn jeden Augenblick zu retten, denn die Mutter lag damals noch zu Bett und die Amme, die man hatte nehmen müssen, gab einfach mit der gefügigen Dummheit einer Färse ihre Milch. Es war ein fortwährendes Sorgen, die Temperatur wurde überwacht, das Leben von Stunde zu Stunde gehegt und gepflegt; kurz, Pauline entfaltete die wahre Hartnäckigkeit einer Bruthenne, um den dem Kinde fehlenden Monat des Austragens zu ersetzen. Nach diesem ersten Monat hatte es glücklicherweise die Kräfte eines zur rechten Zeit geborenen Kindes angenommen. Aber es blieb immer höchst schwächlich, und sie verließ den Knaben keine Minute, besonders seit der Entwöhnung, unter der er sehr gelitten hatte. »So wird er nicht frieren ... Sieh nur, Onkel, wie hübsch er hier in diesem Rot aussieht. Das macht ihn ganz rosig.« Chanteau wandte schwerfällig den Kopf, den einzigen Teil seines Körpers, den er bewegen konnte. Er flüsterte: »Wenn du ihn küssest, wird er aufwachen! Laß doch den Engel! ... Hast du den Dampfer dort bemerkt? Der kommt von Havre. Wie der fliegt!« Pauline mußte den Dampfer betrachten, um ihm ein Vergnügen zu machen. Es war ein schwarzer Punkt auf der Unermeßlichkeit dieser Wassermassen. Ein feiner Rauchstreifen schwärzte den Horizont. Sie blieb einen Augenblick unbeweglich stehen angesichts dieses ruhigen Meeres unter dem mächtigen klaren Himmel, beglückt über den schönen Tag. »Bei alledem aber brennt mein Ragout an«, sagte sie und wandte sich der Küche zu. Aber gerade als sie in das Haus treten wollte, rief eine Stimme aus dem ersten Stockwerk: »Pauline!« Es war Luise, die an dem Fenster der Stube lehnte, die früher Frau Chanteau gehört hatte und jetzt von dem jungen Paare bewohnt wurde. Halb gekämmt, mit einer Nachtjacke angetan, fuhr sie mit schriller Stimme fort: »Wenn Lazare da ist, sage ihm, er möge heraufkommen.« »Er ist noch nicht zurück.« Da wurde sie ganz ärgerlich. »Ich wußte wohl, daß man ihn erst heute Abend wiedersehen werde, wenn er überhaupt noch geruht zu kommen. Er ist trotz seines bestimmten Versprechens schon diese Nacht außer dem Hause geblieben. Das ist nett von ihm! Wenn er nach Caen geht, kann man ihn nicht wieder losreißen.« »Er hat so wenig Zerstreuungen«, entgegnete Pauline sanft. »Außerdem wird ihm diese Düngerangelegenheit Zeit gekostet haben. Zweifelsohne wird er den Wagen des Arztes zur Heimkehr benützen.« Seitdem Lazare und Luise in Bonneville wohnten, gab es beständig Unfrieden zwischen ihnen. Es waren keineswegs offene Zänkereien, sondern immer wiederkehrende Verstimmungen, ein jämmerlich verbittertes Leben von zwei sich nicht verstehenden Wesen. Sie führte, nachdem sie lange an den Folgen der schweren Entbindung gelitten, ein leeres Dasein, hatte ein Grauen vor den Sorgen der Wirtschaft, tötete die Tage mit Lesen und dehnte ihre Toilette bis zur Essenszeit aus. Er wieder, von seiner ungeheuren Langweile erfaßt, öffnete nicht einmal mehr ein Buch, verbrachte stumpfsinnig die Stunden angesichts des Meeres, versuchte nur in seltenen Zwischenräumen eine Flucht nach Caen, von wo er immer noch matter heimkehrte. Und Pauline, welche die Führung des Hauswesens hatte übernehmen müssen, war ihnen unersetzlich geworden, denn sie versöhnte sie dreimal des Tages. »Du wolltest dich fertig ankleiden«, fuhr sie fort. »Der Pfarrer wird zweifelsohne nicht auf sich warten lassen, und du bleibst dann bei ihm und dem Onkel. Ich bin so beschäftigt.« Aber Luisens Groll legte sich nicht. »Wie kann man nur so lange ausbleiben? Mein Vater schrieb es mir erst gestern, daß der Rest unseres Geldes dabei aufgehen wird.« In der Tat hatte sich Lazare bereits in zwei unglücklichen Unternehmungen prellen lassen, und zwar so, daß Pauline des Kindes wegen beunruhigt, ihm als seine Patin das Geschenk von zwei Dritteln ihres Vermögens gemacht hatte, indem sie zu seinen Gunsten eine Versicherung aufnahm, die ihm am Tage der Mündigkeit hunderttausend Franken bringen sollte. Sie besaß nur noch fünfhundert Franken Rente; ihr einziger Kummer war, ihre gewohnten Almosen einschränken zu müssen. »Eine nette Spekulation, dieser Dünger«, fuhr Luise fort. »Mein Vater wird ihm das ausgeredet haben; und wenn er nicht heimkehrt, unterhält er sich eben ... Ich mache mir nichts daraus; mag er herumlaufen.« »Warum ärgerst du dich dann?« entgegnete Pauline. »Der arme Junge denkt kaum an etwas Böses ... Nicht wahr, du kommst herunter? Ist das ein Einfall von dieser Veronika! Verschwindet an einem Sonnabend und läßt mir die ganze Küche auf dem Halse!« Es war eine unerklärliche Begebenheit, die das ganze Haus seit zwei Stunden beschäftigte. Die Magd hatte das Gemüse für das Ragout geputzt, eine Ente gerupft und sogar das Fleisch auf einen Teller bereit gelegt, dann war sie plötzlich wie in den Erdboden verschwunden und niemand hatte sie wiedergesehen. Pauline hatte sich endlich, über dieses Verschwinden bestürzt, daran gemacht, das Fleisch selbst an das Feuer zu setzen. »Sie ist also nicht wiedergekommen?« fragte Luise, von ihrem Zorne abgelenkt. »Aber nein!« entgegnete das junge Mädchen. »Weißt du, was ich vermute? Sie hat ihre Ente bei einer vorüberziehenden Frau mit vierzig Sous bezahlt, und ich besinne mich, ihr gesagt zu haben, daß ich in Verchemont sehr schöne zu dreißig gesehen hätte ... Sie hat mir sogleich ihr Gesicht zugekehrt und einen ihrer bösen Blicke zugeworfen ... Ich wette, sie ist nach Verchemont gegangen, um zu sehen, ob ich gelogen habe.« Sie lachte, aber es klang eine Traurigkeit aus diesem Lachen, denn sie litt unter der Heftigkeit, von der Veronika ohne irgendwelche Ursache wieder einmal gegen sie eingenommen war. Diese Wesensänderung, die sich seit dem Tode der Frau Chanteau bei dieser Magd vollzog, hatte nach und nach ihren Haß von ehemals wieder geweckt. »Schon länger als eine Woche kann man kein Wort aus ihr herausbringen«, sagte Luise. »Bei einem solchen Wesen sind alle Dummheiten möglich.« Pauline machte eine Bewegung der Duldsamkeit. »Lassen wir sie ihre Launen austoben. Sie kommt doch wieder, und wir sterben dieses Mal noch nicht Hungers.« Aber das Kind bewegte sich auf der Decke. Sie lief hinzu und beugte sich über den Knaben. »Was denn, mein Liebling?« Die noch am Fenster stehende Mutter schaute einen Augenblick hin, dann verschwand sie. Der in sich vertiefte Chanteau wandte nur den Kopf, als Loulou zu knurren begann, und meldete selbst der Nichte: »Pauline, da kommen deine Leute!« Zwei zerlumpte Burschen erschienen, die ersten der Bande, deren Besuch sie jeden Sonnabend empfing. Da der kleine Paul sofort wieder eingeschlafen war, stand sie auf und sagte: »Ah, sie fallen mir gerade recht ins Haus! Ich habe keinen Augenblick Zeit! Bleibt trotzdem, setzt euch auf die Bank. Und wenn andere kommen, Onkel, so laß sie sich neben sie setzen ... Ich muß notwendig einen Blick auf mein Ragout werfen.« Als sie nach einer Viertelstunde wiederkam, saßen bereits zwei Knaben und zwei Mädchen auf der Bank, die einstigen kleinen, jetzt herangewachsenen Armen, die ihre Gewohnheit zu betteln beibehalten hatten. Niemals zuvor hatte sich übrigens solch Elend über Bonneville entladen. Während der Maistürme waren die letzten drei Häuser an den Felsen plattgedrückt worden. Jetzt war es zu Ende, die Hochflut hatte das Dorf – nach jahrhundertelangem Angriffe – durch einen fortwährenden gewaltsamen Einbruch des Meeres, der jedes Jahr eine Ecke des Landes verschlang, fortgefegt. Auf den Strandkieseln herrschten nur noch die siegreichen Wogen und spülten auch die letzten Spuren des Bauholzes fort. Die Fischer, aus dem Loche verjagt, in dem Geschlechter unter der beständigen Drohung hartnäckig ausgeharrt, waren gezwungen, höher hinaufzusteigen, in die Schlucht, wo sie in Haufen beisammen hausten; die reicheren bauten sich an, die anderen suchten unter den Abhängen Schutz, sie alle gründeten ein neues Bonneville in der Erwartung, daß sie nach weiteren Jahrhunderten des Kampfes die Flut wieder verscheuchen würde. Um sein Zerstörungswerk zu vollenden, hatte das Meer erst die Stakete und Pfahlwerke fortreißen müssen. An jenem Tage wehte der Wind aus Norden, ungeheure Wassermassen rollten mit solcher Gewalt einher, daß von den Stößen die Kirche erzitterte. Der davon in Kenntnis gesetzte Lazare wollte nicht hinuntergehen. Er war auf der Terrasse geblieben und sah die Flut steigen, während die Fischer, von dem wütenden Angriffe gereizt, herbeieilten. Entsetzen und Stolz kämpften in ihnen; diesmal heulte sie laut genug, diesmal würde sie ihm das nett rein fegen, diese Spitzbübin von See. In der Tat war in weniger als zwanzig Minuten alles verschwunden, das Pfahlwerk ausgerissen, das Bollwerk zerbrochen, zu Splittern zermalmt. Sie heulten mit dem Meer, sie gestikulierten und tanzten wie die Wilden, von dem Rausche des Windes und des Wassers ergriffen, dem Entsetzen vor dieser Zerstörungswut nachgebend. Als Lazare ihnen dann die Faust wies, suchten sie das Weite, auf den Fersen den wütenden Ansturm der Wogen, die nunmehr nichts zurückhielt. Sie starben jetzt Hungers, wimmerten in dem neuen Bonneville, klagten das verdammte Meer ihres Verderbens an und empfahlen sich der Mildtätigkeit des guten Fräuleins. »Was willst du hier?« fragte Pauline, als sie den jungen Houtelard bemerkte. »Ich hatte dir verboten, wiederzukommen.« Dieser war jetzt ein großer Bursche, der sich den Zwanzigern näherte. Sein trauriges und furchtsames Wesen eines geschlagenen Kindes war in Duckmäuserei übergegangen. Er antwortete mit niedergeschlagenen Augen: »Sie müssen Erbarmen mit uns haben, Fräulein. Wir sind so unglücklich, seitdem Vater tot ist!« Houtelard, der eines Abends bei stürmischer See ausgefahren, war nicht wieder zurückgekommen; man hatte weder seinen Leichnam, noch den seines Matrosen, noch ein Brett der Barke aufgefischt. Pauline aber, zum Haushalten mit ihren Almosen gezwungen, hatte geschworen, weder dem Sohne noch der Witwe etwas zu geben, denn sie lebten ganz öffentlich als Mann und Frau. Seit des Vaters Tode hatte die Stiefmutter, diese frühere Magd, die den Kleinen aus Bosheit braun und blau geprügelt, jetzt, wo er den Schlägen entwachsen war, sich einen Mann aus ihm gemacht. Ganz Bonneville lachte über diese neue Tat. »Du weißt, warum ich nicht will, daß du den Fuß in mein Haus setzest«, begann Pauline wieder. »Wenn du dein Betragen änderst, wollen wir weiter sehen.« Er verteidigte mit schleppender Stimme seine Sache. »Sie hat es gewollt. Sie würde mich noch weiter geschlagen haben. Und dann ist sie ja nicht meine Mutter, das tut also nichts, ob sie es mit mir oder mit einem andern macht. Geben Sie mir etwas, Fräulein! Wir haben alles verloren. Ich würde mir schon zu helfen wissen; aber es ist für sie, sie ist krank, wahrhaftig, ich schwöre es.« Das junge Mädchen, von Mitleid ergriffen, schickte ihn mit einem Brote und einem Topfe Suppenfleisch fort. Sie versprach, selbst nach der Kranken zu sehen und ihr Arznei zu bringen. »Ah, ja, Arznei!« murmelte Chanteau. »Versuche nur, ob du sie dazu bringst, auch nur eine einzige zu verschlucken. Die wollen nur Fleisch.« Pauline beschäftigte sich bereits mit der kleinen Prouane, deren eine Backe ganz aufgerissen war. »Wie hast du nur das fertig bekommen?« »Ich bin gegen einen Baum gefallen, Fräulein.« »Gegen einen Baum... Man könnte eher meinen, gegen eine Möbelkante.« Das jetzt erwachsene Mädchen mit den hervorspringenden Backenknochen hatte immer noch die großen, verstörten Augen einer Mondsüchtigen; sie machte vergebliche Anstrengungen, sich manierlich aufrechtzuerhalten. Ihre Füße knickten ein, ihrer schweren Zunge gelang es nicht, die Worte deutlich hervorzubringen. »Aber du hast ja getrunken, Unglückliche!« rief Pauline sie starr ansehend. »Oh! Fräulein, wie kann man das sagen?« »Du bist betrunken und zu Hause gefallen, ist es nicht so? Ich weiß nicht, was ihr alle im Leibe habt ... Setze dich, ich werde Arnika und Leinwand holen.« Sie verband sie und versuchte dabei, sie abzukanzeln. Das sei abscheulich für ein Mädchen ihres Alters, sich so mit den Eltern zu berauschen, mit Trunkenbolden, die man von dem Calvados-Schnaps umgebracht eines Morgens tot auffinden werde. Die Kleine hörte zu, ihre trüben Augen machten den Eindruck, als wolle sie sogleich einschlafen. Als sie verbunden war, stammelte sie: »Papa klagt über Schmerzen, ich würde ihn einreiben, wenn Sie mir etwas Branntwein mit Kampfer geben wollten.« Pauline und Chanteau konnten sich nicht enthalten zu lachen. »Nein, ich weiß, was aus meinem Branntwein wird! Ich will dir gern noch ein Brot geben, obgleich ich sicher bin, ihr verkauft es, um das Geld zu vertrinken ... Bleib sitzen, Cuche wird dich nach Hause führen.« Jetzt hatte sich Cuche erhoben. Er war barfuß und trug als einzige Bekleidung ein Paar alte Beinkleider und ein Stück von einem zerfetzten Hemde, das seine von der Sonnenglut geschwärzte und von den Dornen bearbeitete Haut sehen ließ. Da die Männer nichts mehr von seiner Mutter wissen wollten, die in einen abschreckenden Verfall geraten war, durchstrich er selbst die Gegend, um ihr noch Leute zuzuführen; man begegnete ihm auf den Landstraßen, man sah ihn mit der Geschmeidigkeit eines Wolfes über Hecken springen, er führte das Dasein eines Tieres, das sich aus Hunger auf jede Beute wirft. Es war die letzte Stufe des Elends und der Verworfenheit, ein solcher Verfall eines Menschen, daß Pauline ihn mit Gewissensbissen betrachtete, als fühle sie sich schuldig, ein Geschöpf in solchem Schmutz zu lassen. Aber sooft sie ihn daraus zu retten versuchte, stand er aus Abscheu vor Arbeit und Dienstbarkeit immer auf dem Sprunge zur Flucht. »Du bist wiedergekommen,« sagte sie mit Milde, »weil du wahrscheinlich über meine Worte vom letzten Sonnabend nachgedacht hast. Ich will einen Rest von guten Vorsätzen in den Besuchen sehen, die du mir noch machst... Du kannst nicht länger ein so häßliches Leben führen, und ich bin nicht reich genug, mir ist es unmöglich, dich zu ernähren, damit du als Nichtstuer lebst. Bist du entschlossen anzunehmen, was ich dir vorgeschlagen habe?« Seit ihrem Mangel an Geld suchte sie diesen dadurch zu ersetzen, daß sie andere barmherzige Menschen für ihre Armen interessierte. Doktor Cazenove hatte endlich die Aufnahme der Mutter des Cuche in das Hospital der Unheilbaren von Bayeux durchgesetzt und sie selbst hundert Franken zur Einkleidung des Sohnes beiseite gelegt, für den sie eine Stelle als Maat auf der Linie von Cherbourg gefunden. Während sie sprach, senkte er den Kopf und hörte mit mißtrauischer Miene zu. »Es ist abgemacht, nicht wahr? Du begleitest deine Mutter und begibst dich dann auf deinen Posten.« Aber sowie sie sich ihm näherte, machte er einen Sprung nach rückwärts. Seine gesenkten Augen verließen sie trotzdem nicht, er hatte geglaubt, sie wolle ihn bei den Handknöcheln fassen. »Was denn?« fragte sie erstaunt. Da murmelte er mit den unruhigen Bewegungen eines wilden Tieres: »Sie wollen mich fassen, um mich einzusperren. Ich will nicht.« Von da an war alles vergebens. Er ließ sie sprechen und schien von ihren guten Gründen überzeugt; sowie sie sich jedoch rührte, drängte er gegen die Tür; mit eigensinnigem Kopfnicken schlug er für seine Mutter und für sich alles aus, er zog vor, nicht zu essen und frei zu sein. »Hinaus mit dir, Faulpelz!« schrie endlich Chanteau empört. »Du bist wirklich zu gut, dich mit solchen Taugenichtsen noch abzugeben.« Paulines Hände zitterten vor der nutzlosen Barmherzigkeit, der Nächstenliebe, die sich an diesem freiwilligen Elende brach. Sie machte eine Bewegung verzweifelter Duldsamkeit. »Laß sie, Onkel, sie leiden und müssen doch essen.« Sie rief Cuche, um ihm, wie an den vorhergehenden Sonnabenden, ein Brot und vierzig Sous zu geben. Aber er trat noch weiter zurück und sagte endlich: »Legen Sie das auf die Erde und gehen Sie fort ... Ich nehme es auf.« Sie mußte ihm gehorchen. Er näherte sich vorsichtig, wobei sein Auge sie keine Sekunde verließ. Als er seine vierzig Sous und das Brot aufgerafft hatte, eilte er mit seinen nackten Füßen im Galopp davon. »Wilder!« rief Chanteau. »Er kommt eines Nachts und erwürgt uns alle ... Er ist wie diese Zuchthäuslerstochter da; ich lege meine Hand ins Feuer, daß sie mir neulich mein Halstuch gestohlen hat.« Er sprach von der kleinen Tourmal, deren Großvater dem Vater in das Gefängnis gefolgt war. Sie blieb allein mit der kleinen, vor Trunkenheit blöden Prouane auf der Bank zurück. Sie war aufgestanden, ohne scheinbar diese Anschuldigung des Diebstahls gehört zu haben, und hatte zu wimmern begonnen: »Haben Sie Mitleid, gutes Fräulein. Jetzt sind nur noch Mama und ich zu Hause, die Gendarmen kommen alle Abende und schlagen uns; mein Körper ist eine Wunde und Mama nahe daran zu sterben... Oh! Gutes Fräulein, wir brauchen Geld, kräftige Brühe, guten Wein...« Chanteau, aufgebracht über diese Lügen, rührte sich in seinem Sessel. Aber Pauline würde ihr Hemd hingegeben haben. »Schweige«, flüsterte sie. »Je weniger du sprichst, desto mehr wirst du erhalten... Bleib, ich werde dir einen Korb zurechtmachen.« Als sie mit einem alten Fischkorbe zurückkam, in den sie Brot, zwei Liter Wein und Fleisch gepackt hatte, fand sie auf der Terrasse eine andere ihrer Kundinnen, die kleine Gonin, die ihr Kind, ein bereits zwanzig Monate altes Mädchen, mitbrachte. Die sechzehnjährige Mutter war so schwächlich, so wenig ausgewachsen, daß sie die ältere Schwester schien, welche die jüngere spazieren führte. Sie hatte Mühe sie zu tragen, aber sie schleppte sie doch dorthin, da sie wußte, daß das Fräulein die Kinder vergötterte und ihnen nichts abschlug. »Mein Gott, wie dick sie ist!« rief Pauline und nahm das Mädchen auf den Arm. »Und dabei ist sie kaum sechs Monate älter als unser Paul.« Wider Willen warf sie einen traurigen Blick auf den Kleinen, der noch immer in der Decke schlief. Dieses Kind, das schon Mutter und so jung niedergekommen, war recht glücklich, ein so kräftig entwickeltes Kind zu haben. Trotzdem klagte sie. »Wenn Sie wüßten, wieviel sie ißt, Fräulein! Und: ich habe keine Wäsche, ich weiß nicht, wie ich sie kleiden soll. Dabei fallen seit Vaters Tode Mutter und ihr Mann über mich her. Sie behandeln mich wie die letzte der letzten und sagen mir, daß, wenn man das Leben eines öffentlichen Mädchens führt, das Geld einbringen muß, anstatt Geld zu kosten.« Man hatte in der Tat den alten Kranken eines Morgens in seinem Kohlenkasten tot gefunden, und er war so schwarz von den Schlägen gewesen, daß sich die Polizei einen Augenblick einmengen zu sollen glaubte. Jetzt sprachen die Frau und ihr Geliebter davon, diesen unnützen Dreckfinken erwürgen zu wollen, der seinen Teil von der Suppe beanspruchte! »Armer Wurm!« flüsterte Pauline. »Ich habe Sachen beiseitegelegt und bin dabei, ihr ein Paar Strümpfe zu stracken. Du solltest sie mir öfters bringen, hier ist immer Milch, und dann kann sie Suppen von feinem Gries bekommen ... Ich werde bei deiner Mutter vorsprechen und ihr Furcht einjagen, wenn sie dir weiter so droht.« Die kleine Gonin hatte ihr Kind wieder an sich genommen, während das Fräulein auch für sie ein Bündel zurecht machte. Sie hatte es niedergesetzt und hielt es auf den Knien, mit der Ungeschicklichkeit eines mit seiner Puppe spielenden Kindes. Ihre hellen Augen bezeugten ein fortwährendes Erstaunen darüber, daß sie es geboren haben sollte, und obgleich sie es genährt, fehlte oft wenig davon, daß sie es fallen ließ, wenn sie es an ihrer platten Brust schaukelte. Das Fräulein hatte sie eines Tages ernstlich gescholten, als sie ihr Kind am Rande der Landstraße auf einen Steinhaufen gesetzt hatte, um mit der kleinen Prouane einen Steinhagel gegeneinander zu beginnen. Der Abbé Horteur erschien soeben auf der Terrasse. »Da kommen Herr Lazare und der Doktor«, meldete er. Man hörte im nämlichen Augenblicke auch das Geräusch des Wagens, und während Martin, der alte Matrose mit dem Holzbein, das Pferd in den Stall brachte, kam Cazenove auf den Hof und rief: »Ich führe euch einen Burschen zurück, der außer dem Hause geschlafen hat wie es scheint. Man wird ihm doch nicht den Kopf abschneiden?« Dann kam Lazare mit einem matten Lächeln. Er alterte schnell, seine Schultern waren gebeugt, das Gesicht erdfarben, wie verzehrt von der ihn aufreihenden inneren Angst. Ohne Zweifel wollte er gerade den Grund seiner Verspätung erzählen, als das halb offen gelassene Fenster des ersten Stockwerkes wütend zugeschlagen wurde. »Luise ist noch nicht fertig«, erklärte Pauline. »Sie wird in einer Minute herunterkommen.« Alle schauten sich an, eine peinliche Pause entstand, dieses die Wut verratende Geräusch kündete einen Streit. Nachdem Lazare einen Schritt zur Treppe hin gemacht hatte, zog er vor zu warten. Er küßte seinen Vater und den kleinen Paul, um seine Unruhe zu verbergen, fing er dann mit seiner Base an, zu der er mürrisch sagte: »Befreie uns bald von diesem Gewürm. Du weißt, ich liebe es nicht unter meinen Füßen.« Er sprach von den drei auf der Bank zurückgebliebenen Mädchen. Pauline beeilte sich, das Bündel der kleinen Gonin zu schnüren. »Geht jetzt. Ihr beide könnt eure Genossin heimführen, damit sie nicht noch einmal fällt... Und du sei vorsichtig mit deinem Kindchen. Vergiß es nicht; wieder auf der Straße.« Als sie endlich gingen, wollte Lazare den Korb der kleinen Tourmal untersuchen. Sie hatte bereits eine alte, in eine Ecke geworfene Kaffeekanne darin versteckt, die sie sich angeeignet. Man stieß sie alle drei hinaus, die Berauschte taumelte zwischen den beiden anderen. »Was für Volk!« rief der Pfarrer und ließ sich an Chanteaus Seite nieder. »Gott verläßt sie sichtlich. Von dem ersten Abendmahl an machen diese Spitzbübinnen schon Kinder, sie trinken und stehlen wie Vater und Mutter. Ich habe ihnen das Elend vorausgesagt, das über sie kommen würde.« »Sagen Sie doch, mein Lieber,« fragte der Arzt spöttisch Lazare, »wollen Sie die berühmten Bollwerke wieder aufrichten?« Dieser machte jedoch eine heftige Bewegung. Die Anspielung auf die verlorene Schlacht gegen das Meer ärgerte ihn. Er rief: »Ich! ... Ich ließ die Flut selbst zu uns dringen, ohne auch nur einen Besen über den Weg zu legen, sie aufzuhalten ... Ach, ganz und gar nicht! Ich bin zu dumm gewesen; man macht solche Dummheiten nicht zweimal! Wenn man bedenkt, daß ich diese Elenden am Unglückstage habe tanzen sehen ... Und wissen Sie, was ich argwöhne? Sie müssen meine Balken am Tage vor der großen Flut durchgesägt haben, denn es ist unmöglich, daß sie von selbst zerbrechen konnten.« Er rettete auf diese Weise seine Eigenliebe als Erbauer. Dann streckte er den Arm gegen Bonneville aus und fuhr fort: »Mögen sie hin werden! Dann werde ich tanzen!« »Mach dich doch nicht so schlecht«, sagte Pauline mit ihrer ruhigen Miene. »Nur die Armen haben das Recht schlecht zu sein ... Du würdest deine Pfähle trotz alledem wieder aufrichten.« Er hatte sich bereits beruhigt, wie vernichtet von der letzten leidenschaftlichen Aufwallung. »Nein,« murmelte er, »das würde mich zu sehr langweilen ... Aber du hast recht, es lohnt nicht der Mühe, deswegen in Zorn zu geraten. Ob sie ersaufen oder nicht, was kümmert es mich?« Von neuem trat Schweigen ein. Chanteau war in seine schmerzliche Regungslosigkeit zurückgesunken, nachdem er zur Entgegennahme des Kusses seines Sohnes den Kopf emporgehoben hatte. Der Pfarrer drehte seine Daumen, der Doktor ging mit den Händen auf dem Rücken auf und nieder. Alle schauten jetzt auf den schlafenden kleinen Paul, den Pauline selbst gegen Liebkosungen des Vaters verteidigte, denn sie wollte nicht, daß man ihn aufwecke. Seit der Ankunft der Männer bat sie diese, leise zu sprechen und nicht so laut um die Decke umherzutrappen; sie drohte Loulou schließlich mit der Peitsche, der immer noch knurrte, weil er das Pferd in den Stall hatte bringen hören. »Glaubst du etwa, daß er ruhig sein wird? Er zerreißt uns noch eine Stunde lang die Ohren ... Ich habe nie einen so unausstehlichen Hund gesehen. Man stört ihn, sowie man sich nur rührt, und weiß nicht einmal, ob man den eigenen Hund im Hause hat, so völlig lebt er für sich. Das unsaubere Geschöpf macht uns den Verlust unseres armen Mathieu nur um so bedauerlicher.« »Wie alt ist denn eigentlich Minouche?« fragte Cazenove. »Ich habe sie immer hier gesehen!« »Sie ist über sechzehn Jahre alt«, antwortete Pauline »und befindet sich darum nicht schlechter.« Minouche, die fortfuhr, sich auf dem Fensterbrette des Eßzimmers zu putzen, hob den Kopf, als der Doktor ihren Namen nannte. Sie blieb einen Augenblick mit einer Pfote in der Luft, den Bauch wie aufgeknöpft vor der Sonne; dann machte sie sich wieder daran, sich das Haar vorsichtig zu lecken. »Sie ist nicht taub«, begann das junge Mädchen wieder. »Ich glaube, die Augen werden etwas schwächer; das hält sie aber nicht ab, sich wie ein liederliches Ding zu betragen... Stellen Sie sich vor, daß man ihr vor kaum einer Woche erst sieben Junge fortgeworfen hat. Sie wirft soviele, soviele, daß man darüber staunen muß. Hätte man alle ihre Jungen diese sechzehn Jahre hindurch am Leben gelassen, sie hätten das Land aufgefressen... Erst letzten Dienstag ist sie wieder verschwunden, und Sie sehen, wie sie sich putzt, nachdem sie erst heute früh nach ihren Schandtaten, die drei Nächte und drei Tage gedauert haben, wieder heimgekehrt ist.« Heiter, ohne Verlegenheit oder Erröten sprach sie von den Liebschaften der Katze. Ein so sauberes, zartes Tier, das nicht imstande war, bei feuchtem Wetter das Haus zu verlassen, und sich dennoch viermal im Jahre in dem Schmutz aller Gerinsel wälzte! Am Tage vorher hatte sie sie auf der gegenüberstehenden Mauer mit einem großen Kater bemerkt, beide fegten die Luft mit ihren erhobenen Schwänzen und nachdem sie sich gegenseitig geohrfeigt, waren sie unter ergrimmtem Miauen in eine Pfütze gefallen. Die Katze war denn auch diesmal von ihrer Herumschlamperei mit einem eingerissenen Ohr heimgekehrt, das Rückenhaar ganz schwarz von Schmutz. Im übrigen konnte man sich keine schlechtere Mutter als sie denken. Bei jedem Wurf, den man ihr forttrug, leckte sie sich wie in ihrer Jugend, scheinbar ohne Ahnung von ihrer unerschöpflichen Fruchtbarkeit, denn sie verschaffte sich gleich wieder einen neuen Wurf. »Wenigstens ist sie für Sauberkeit«, schloß der Abbé Horteur, der Minouche zuschaute, die sich beim Putzen geradezu die Zunge abnutzte. »Viele Dirnen waschen sich nicht einmal.« Chanteau, der ebenfalls die Augen der Katze zugewandt, seufzte jetzt lauter; es war sein beständiges, unfreiwilliges Klagen, dessen er sich kaum mehr bewußt war. »Haben Sie größere Schmerzen?« fragte ihn der Arzt. »Wie? Warum?« sagte er, wie mit einem Ruck aufschreckend. »Ach, weil ich so laut geatmet habe. Ja, ich leide heute Abend sehr. Ich glaubte, die Sonne würde mir gut tun, aber ich ersticke trotzdem, jedes einzelne meiner Gelenke brennt mir.« Cazenove untersuchte seine Hände. Alle schauderten zusammen bei dem Anblick dieser elendiglichen, verkrüppelten Stümpfe. Der Priester warf noch eine sinnreiche Bemerkung hinzu. »Solche Finger sind nicht bequem zum Dame spielen ... Diese Zerstreuung fehlt Ihnen jetzt auch.« »Seien Sie vernünftig mit der Nahrung«, empfahl der Arzt. »Der Ellbogen ist sehr entzündet, die Eiterung schreitet immer mehr vor.« »Was muß ich denn tun, um vernünftig zu sein?« stöhnte Chanteau verzweifelt. »Man mißt mir den Wein ab, man wiegt mir das Fleisch zu; soll ich mit jeglicher Nahrung aufhören? ... Wahrhaftig, das heißt nicht mehr leben ... Wenn ich noch allein äße! Aber wie sollte ich es mit derartigem Jammerwerkzeug an den Enden der Arme anfangen? Pauline, die mir zu essen gibt, kann sicher sein, daß ich nicht zuviel esse.« Das junge Mädchen lächelte. »Ja, ja, du hast gestern zuviel gegessen ... Das ist mein Fehler, ich kann dir nichts abschlagen, wenn ich sehe, daß deine Feinschmeckerei dich so unglücklich macht.« Da stellten sich alle heiter und neckten ihn mit den Festmahlen, die er sich noch gönne. Aber ihre Stimmen zitterten vor Mitleid angesichts dieses Überbleibsels eines Menschen, dieser trägen Masse, die gerade noch soviel lebte, um leiden zu können. Er war in seine alte Lage zurückgesunken, den Körper nach rechts gebeugt, die Hände auf den Knien. »Heute Abend zum Beispiel haben wir eine Ente am Spieß.« Aber sie unterbrach sich und fragte: »Sind Sie nicht Veronika begegnet, als Sie durch Verchemont kamen?« Sie berichtete von dem Verschwinden der Magd. Weder Lazare noch der Arzt hatten sie gesehen. Man wunderte sich über die Laune dieses Mädchens und scherzte schließlich darüber: es müsse drollig sein, wenn man bei ihrer Heimkehr schon bei Tische sitze und ihr Gesicht beobachten könne. »Ich verlasse Sie, denn ich habe heute Küchendienst«, rief Pauline heiter. »Wenn ich das Ragout anbrennen lasse oder die Ente nicht durchgebraten anrichte, kündigt mir Onkel achttägig.« Der Abbé Horteur ließ ein breites Lachen hören, und selbst den Doktor Cazenove belustigte diese Vorstellung, als das Fenster des ersten Stockwerkes sich plötzlich mit heftigem Geklapper des Riegels wieder öffnete. Luise erschien nicht, sondern begnügte sich mit trockener Stimme durch die Spalte der Fensterflügel zu rufen: »Komm herauf, Lazare!« Dieser machte eine abwehrende Bewegung und wollte ersichtlich einem in solchem Tone hingeschleuderten Befehle nicht nachkommen. Aber Pauline richtete eine stumme Bitte an ihn in dem Wunsche, einen Auftritt vor den Gästen zu vermeiden; so stieg er hinauf, während sie noch einen Augenblick auf der Terrasse blieb, um den schlechten Eindruck zu verscheuchen. Es war Stille eingetreten, man betrachtete verlegen das Meer. Die schrägen Sonnenstrahlen überspannen es mit einer goldenen Decke, die einen flüchtigen Feuerglanz über die kleinen, blauen Wellen breitete. In der Ferne färbte sich der Horizont mit einem zarten Lila. Dieser schöne Tag endete mit einem erhabenen Frieden, der die Unendlichkeit des Himmels und des Meeres ohne eine Wolke oder ein Segel entrollte. »Freilich,« wagte Pauline lächelnd zu sagen, »er hat auswärts geschlafen, also muß man ihn schon ein wenig schelten.« Der Doktor schaute sie an und zeigte ein Lächeln, in dem sie seinen ehemaligen Blick wiederfand, als er ihr voraussagte, daß sie ihnen kein schönes Geschenk mache, wenn sie sie einander gebe. Sie wandte sich jetzt ebenfalls der Küche zu. »Ich verlasse Sie, sehen Sie zu, womit Sie sich unterhalten... Und du, Onkel, rufe mich, wenn Paul aufwacht.« Als sie das Ragout in der Küche umgerührt und den Spieß bereitgelegt hatte, klapperte sie vor Ungeduld mit den Schüsseln. Luisens und Lazares Stimmen drangen durch die Decke immer lauter zu ihr, und der Gedanke, daß man sie auch auf der Terrasse hörte, brachte sie zur Verzweiflung. Sie waren wirklich unvernünftig, wie taube Leute zu schreien und aller Welt ihre Zwistigkeiten anzuvertrauen. Trotzdem wollte sie nicht hinaufgehen: erstens hatte sie das Essen zu bereiten, und dann erregte ihr der Gedanke Unbehagen, sich so zwischen sie selbst, bis in ihr Zimmer zu drängen. Gewöhnlich versöhnte sie sie unten in den Stunden des gemeinsamen Lebens wieder. Einen Augenblick ging sie in das Eßzimmer, wo sie sich geräuschvoll mit den Gedecken zu schaffen machte. Aber die Stimmen tönten weiter, sie konnte den Gedanken, daß sie sich gegenseitig unglücklich machten, nicht, länger ertragen und stieg hinauf, von der tätigen Barmherzigkeit getrieben, die aus dem Glück der anderen das eigene Dasein formt. »Meine lieben Kinder,« sagte sie, unvermittelt in das Zimmer tretend, »ihr werdet sagen, daß es mich nichts angeht, aber ihr schreit zu laut... Es ist nicht besonders schön, euch so zu schimpfen, daß ihr das ganze Haus außer Fassung bringt.« Sie hatte das Zimmer durchschritten und beeilte sich, das von Luise offen gelassene Fenster zu schließen. Glücklicherweise waren weder der Pfarrer noch der Doktor auf der Terrasse geblieben. Ein hastiger Blick zeigte ihr nur den an der Seite des schlummernden Paul träumenden Chanteau. »Man hat euch unten gehört, als ob ihr im Speisezimmer wäret«, fügte sie hinzu. »Was habt ihr denn wieder?« Aber sie waren nun einmal losgelassen, sie setzten ihre Gezanke fort, ohne scheinbar Paulines Eintreten bemerkt zu haben. Sie blieb, von ihrem alten Unbehagen erfaßt, unbeweglich stehen in diesem Zimmer, in dem die Gatten schliefen. Der gelbe Creton mit den grünen Ranken, das rote Läuferzeug, die alten Mahagonimöbel hatten schweren Wollenvorhängen und der Zimmereinrichtung einer verhätschelten Frau Platz gemacht, nichts mehr war von der toten Mutter zurückgeblieben; ihrem Ankleidetisch, auf dem durchfeuchtete Handtücher umherlagen, entströmte ein Heliotropduft, und dieser Duft nahm ihr ein wenig den Atem; sie ließ unwillkürlich den Blick durch das ganze Zimmer gleiten, in dem jeder Gegenstand von der Vernachlässigung des Hauswesens sprach. Hatte sie schließlich auch nachgegeben, bei ihnen zu leben, täglich mehr entnervt durch ihren inneren Widerwillen; konnte sie nunmehr auch des Nachts trotz des Gedankens schlafen, daß sie vielleicht eines in den Armen des andern ruhten, so war sie doch nie bei ihnen, in ihr eheliches Heim eingetreten, in diese Unordnung der überall umhergeworfenen Kleidungsstücke und des schon für den Abend bereiteten Bettes. Ein Zittern überfiel sie, das Zittern ihrer ehemaligen Eifersucht. »Wie könnt ihr euch nur so zerreißen?« murmelte sie nach einem Schweigen. »Ihr wollt nicht vernünftig sein?« »Nein,« rief Luise, »ich habe schließlich genug. Denkst du, er sieht sein Unrecht ein? Ach ja! Ich habe mich begnügt, ihm zu sagen, wie sehr wir uns beunruhigt haben, als er gestern nicht zurückkehrte, und er ist sofort wie ein Wilder über mich hergefahren; er beschuldigt mich, ihm sein Leben verdorben zu haben, er droht geradezu nach Amerika auswandern zu wollen.« Lazare unterbrach sie mit fürchterlicher Stimme. »Du lügst ... Wenn du mir mein Verzögern mit dieser Milde vorgeworfen hättest, würde ich dich umarmt haben, und alles wäre gut gewesen. Aber du hast mich beschuldigt, daß ich dir ein tränenreiches Leben bereite. Ja, du hast gedroht, dich in das Meer zu stürzen, wenn ich dir das Leben weiter unmöglich machte.« Damit begannen beide zugleich von neuem, sie machten ohne Rückhalt ihrem durch die fortwährende Reibung ihrer Charaktere angehäuften Grolle Luft. So artete eine anfangs kleine Neckerei über die geringfügigsten Sachen stets nach und nach aus und versetzte sie in einen Zustand zugespitzter Abneigung, der den Rest des Tages unerträglich machte. Sie mit ihrem sanften Gesicht wurde heftig, sowie er einem ihrer Vergnügen in den Weg trat; sie war von der Bosheit einer schmeichelnden Katze, die sich an andere anschmiegt und dabei die Krallen zeigt. Er fand trotz seiner Gleichgültigkeit in diesen Zänkereien ein Aufrütteln aus der Schläfrigkeit seiner Langweile, er setzte es sich in den Kopf, durch diese Zerstreuung sich fieberhaft zu erregen. Pauline hörte ihnen indessen zu. Sie litt mehr als sie; diese Art zu lieben wollte ihr durchaus nicht in den Kopf. Warum schont man sich nicht aus gegenseitigem Mitleid? Warum sich nicht ineinander schicken, wenn man einmal miteinander leben muß? Es schien ihr so leicht, das Glück in der Gewohnheit und der Teilnahme zu suchen. Und sie war wie niedergeschmettert, sie betrachtete diese Heirat immer als ihr Werk, das sie gut, dauernd gewünscht hatte, um wenigstens durch die Gewißheit, weise gehandelt zu haben, für ihr Opfer belohnt zu sein. »Ich werfe dir nicht die Verschleuderung meines Vermögens vor«, fuhr Luise fort. »Das fehlte nur noch«, schrie Lazare. »Es ist nicht meine Schuld, wenn man mich bestiehlt.« »Man bestiehlt nur die Ungeschickten, die sich die Taschen ausleeren lassen ... Wir sind nichtsdestoweniger auf elende vier- oder fünftausend Franken Rente beschränkt, gerade genug, um in diesem Loche zu leben. Ohne Pauline würde unser Kind eines Tages nackt gehen, denn ich mache mich darauf gefaßt, daß du auch den Rest des Geldes mit deinen außerordentlichen Gedanken und deinen Unternehmungen aufzehrst, die eine nach der andern ins Wasser fallen.« »Immer zu, fahre nur fort, dein Vater hat mir bereits gestern die gleichen niedlichen Schmeicheleien gesagt. Ich habe erraten, daß du ihm geschrieben hattest. Ich habe darum auch diese Düngerangelegenheit fahren lassen, ein sicheres Geschäft, bei dem hundert Prozent zu gewinnen waren. Aber ich bin wie du, ich habe es satt; der Teufel hole mich, wenn ich mich noch weiter rühre! ... Wir werden hier leben.« »Ein schönes Leben für eine Frau in meinem Alter, nicht wahr? Ein wahres Gefängnis; nicht eine einzige Gelegenheit, auszugehen und Menschen zu sehen, immer dieses dumme Meer da vor uns, das die Langeweile noch steigert... Ach, wenn ich das gewußt hätte, wenn ich das gewußt hätte!« »Glaubst du denn, ich unterhalte mich?... Wenn ich nicht verheiratet wäre, könnte ich anderswohin, sehr weit fort, Verschiedenes versuchen. Ich habe zwanzigmal Lust dazu gehabt. Das ist jetzt vorbei, ich bin nunmehr an dieses verlorene Nest festgenagelt, das gerade gut genug zum Schlafen ist. Du hast mir den Rest gegeben, ich fühle es wohl.« »Ich habe dir den Rest gegeben? Habe ich dich gezwungen, mich zu heiraten? Hättest du nicht sehen müssen, daß wir nicht füreinander geboren waren?... Es ist deine Schuld, wenn unser Leben verfehlt ist.« »Ja, unser Leben ist verfehlt, und du tust alles, um es täglich noch unerträglicher zu machen.« Obgleich Pauline sich vorgenommen hatte, beiseite zu bleiben, unterbrach sie sie zitternd: »Schweigt, Unglückliche!... Es ist wahr, daß ihr dieses Leben, das so gut sein könnte, leichtfertig euch verderbt. Warum erregt ihr euch so und sagt euch Sachen, unter denen ihr in der Folge leidet?... Schweiget, ich will nicht, daß es so weiter geht!« Luise war in Tränen auf einen Stuhl gesunken, während Lazare, heftig erschüttert, mit ungestümen Schritten auf- und abging. »Das Weinen ist zu nichts nütze, meine Liebe«, fuhr das junge Mädchen fort. »Du bist wirklich durchaus nicht duldsam, hast vielfach Unrecht. Und du, mein armer Freund, wie ist es nur möglich, daß du sie so kränkst? Das ist häßlich, ich glaubte, du hättest wenigstens ein gutes Herz... Ja, ja, ihr seid beide große Kinder, beide schuldig und wißt nicht was anfangen, um euch gegenseitig zu quälen. Aber ich will es nicht, hört ihr?... Ich will keine traurigen Menschen um mich sehen... Umarmt euch sogleich!...« Sie versuchte zu lächeln, sie hatte nicht mehr jenes beginnende Zittern, das sie beunruhigte. Sie hatte nur noch den einen glühenden und heißen Wunsch der Barmherzigkeit, sie vor ihren Augen einander in die Arme zu führen, um sicher zu sein, daß der Streit beendet sei. »Ihn umarmen, nein, das nicht!« sagte Luise. »Er hat mir zu große Ungezogenheiten gesagt!« »Niemals!« schrie Lazare. Da brach sie in ein helles Lachen aus. »Vorwärts, schmollt nicht. Ihr wißt, ich bin sehr eigensinnig. Mein Essen brennt an, unsere Gäste warten auf uns. Ich werde dich zu ihr stoßen, Lazare, wenn du dich weigerst zu gehorchen. Wirf dich vor ihr auf die Knie, ziehe sie artig an dein Herz... Vorwärts... Vorwärts, noch besser...« Sie trieb sie zu einer zärtlichen Umarmung, sie sah mit heiterer, siegesbewußter Miene, ohne daß ein Schatten ihre klaren Augen verdunkelte, wie sie sich das Gesicht küßten. Sie ward innerlich von einer freudigen Wärme wie von einer zarten Flamme durchdrungen, die sie über jene erhob. Ihr Vetter aber umarmte inzwischen seine Frau, von heftigen Gewissensbissen gequält, während sie noch in der Nachtjacke mit bloßen Armen und bloßem Halse seine Liebkosungen unter noch heftigerem Weinen erwiderte. »Seht ihr wohl, das ist besser als sich prügeln!« sagte Pauline. »Ich kann jetzt gehen; ihr bedürft meiner nicht weiter, um Frieden zu machen.« Sie war schon an der Tür und schloß sie hastig hinter diesem Gemach der Liebe mit dem geöffneten Bette, den umherliegenden Kleidern, dessen Heliotropgeruch sie jetzt mild stimmte, als sei er der Genosse, der das Werk der Versöhnung nunmehr vollenden solle. Unten begann Pauline zu singen, während sie das Ragout nochmals umwandte. Sie zündete ein Bündel Reisig an, machte den Spießdreher für die Ente bereit und überwachte den Braten mit kundigem Auge. Diese Mägdearbeit belustigte sie, sie hatte eine große, weiße Schürze vorgebunden und war entzückt, alle zu bedienen, ihnen die niedrigsten Dienstleistungen erweisen zu können, um sich zu sagen, daß sie ihre Heiterkeit und Gesundheit an jenem Tage ihr zu danken hätten. Da sie jetzt – Dank ihrer Vermittlung – lachten, war es ihr Traum, ihnen ein Festessen zu bereiten, sehr gute Sachen, von denen sie viel essen sollten, wenn sie in größtem Behagen um den Tisch herumsitzen würden. Es fielen ihr der Onkel und der Kleine ein; sie eilte schleunigst auf die Terrasse und war sehr erstaunt, ihren Vetter bei dem Kinde sitzen zu sehen. »Wie?« rief sie, »du bist schon unten?« Er antwortete mit einem bloßem Kopfnicken; er war wieder in seine lässige Gleichgültigkeit zurückgesunken und saß mit gebeugten Schultern und müßigen Händen da. Sie fragte daher beunruhigt: »Ich hoffe, ihr habt hinter meinem Rücken nicht wieder von vorn angefangen?« »Nein, nein«, entschloß er sich endlich zu sagen. »Sie kommt hinunter, sobald sie ihr Kleid angezogen hat ... Wir haben uns verziehen! Aber wie lange wird es dauern? Morgen wird es etwas anderes sein und so alle Tage, alle Stunden! Ändert man sich? Kann man etwas verhindern?« Pauline war ernst geworden, ihre betrübten Augen senkten sich. Er hatte recht, sie sah ähnliche Tage sich ohne Aufhören entrollen mit den nämlichen Zwistigkeiten der beiden, die sie schlichten müsse. Sie selbst war nicht gewiß, ob sie besser geheilt sei, nicht doch noch heftigen Regungen der Eifersucht nachgeben werde. Ach, welch ewiges Wiederbeginnen in diesem Alltagselend! Aber ihre Augen erhoben sich bereits; sie hatte sich schon so oft besiegt! Und dann werde man bald sehen, ob sie nicht eher müde würden sich zu streiten, als sie, sie zu versöhnen. Der Gedanke erheiterte sie, und sie erzählte ihn lachend Lazare. Was würde ihr denn zu tun übrig bleiben, wenn das Haus zu glücklich sei? Sie würde sich langweilen, man mußte ihr schon einige Wehwehs zum Heilen geben. »Wo sind der Abbé und der Doktor hingegangen?« fragte sie erstaunt, als sie die beiden nicht mehr sah. »Sie müssen in den Gemüsegarten gegangen sein«, erwiderte Chanteau. »Der Abbé hat den Doktor unsere Birnbäume zeigen wollen.« Pauline wollte einen Blick von der Ecke der Terrasse dorthin tun, blieb aber plötzlich vor dem kleinen Paul stehen. »Er ist aufgewacht!« rief sie. »Siehst du, wie er schon umherläuft.« In der Tat hatte sich Paul inmitten der roten Decke auf seine kleinen Knie gesetzt; er zog sich in die Höhe und rutschte jetzt hastig auf allen Vieren davon. Aber ehe er auf den Sand gelangte, war er wohl über eine Falte der Decke gestolpert, denn er schwankte und fiel mit zurückgeschlagenem Kleide auf den Rücken, die nackten Arme und Beine in der Luft. Er strampelte und zeigte seine rosige Nacktheit von der Röte einer aufgeblühten Klatschrose. »Da zeigt er uns alles, was er hat«, fuhr sie lustig fort. »Wartet, ihr sollt sehen, wie er seit gestern läuft.« Sie war neben ihm niedergekniet und versuchte ihn aufzurichten. Er war so langsam gewachsen, daß er für sein Alter noch sehr zurück war; man hatte sogar einen Augenblick lang geglaubt, daß er schwach auf den Beinen bleiben werde. Es war daher ein Entzücken für die Familie, als man ihn die ersten Schritte machen sah, mit den Händen in das Leere tastend und bei dem geringsten Hindernis auf den Hintern fallend. »Willst du wohl nicht spielen«, wiederholte Pauline. »Nein, es ist ernst; zeige, daß du ein Mann bist... Hier, halte dich fest, geh und gib Papa einen Kuß, und dann geh und küsse auch den Großpapa!« Chanteau, dessen Gesicht durch ein schmerzliches Zucken verzerrt wurde, wandte langsam den Kopf, um dem Auftritte zuzusehen. Lazare wollte trotz seiner Niedergeschlagenheit gern bei dem Spiele sein. »Komm«, sagte er zu dem Kinde. »Du mußt ihm die Arme entgegenstrecken«, erklärte das junge Mädchen. »So wagt er es noch nicht; er will wissen, wo er hinfällt... Vorwärts, Schätzchen, ein wenig Mut.« Er hatte nur drei Schritte zu machen. Als Paul sich entschloß, mit dem Schwanken eines seiner Füße nicht sicheren Gleichgewichtskünstlers den kurzen Zwischenraum zurückzulegen, brachen alle in Zärtlichkeitsrufe und in eine überströmende Begeisterung aus. Er war in die Arme des Vaters gefallen, der ihn auf das noch spärliche Haar küßte, und lachte mit dem ausdruckslosen, reizenden Lachen der ganz kleinen Kinder, wobei er seinen feuchten Mund weit öffnete, der wie eine Rose schimmerte. Seine Patin wollte ihn auch sprechen lassen, aber seine Zunge war noch mehr zurückgeblieben als seine Beine; er stieß Kehllaute aus, in denen nur die Eltern die Worte Papa und Mama herauszuhören vermochten. »Das ist nicht alles, er hat versprochen, auch den Großpapa zu küssen... Nun, das wird eine ganze Reise!« Mindestens acht Schritte trennten Lazares Stuhl von dem Lehnsessel Chanteaus. Paul hatte sich noch nie soweit in die Welt hinausgewagt. Es war also eine große Sache. Pauline hatte sich neben die Straße begeben, die der Kleine machen mußte, um allen Katastrophen vorzubeugen, und es bedurfte zweier langer Minuten, um das Kind anzufeuern. Endlich brach er kühn auf, die Händchen in der Luft. Pauline glaubte ihn jeden Augenblick in die Arme zu bekommen. Allein, er strebte mutig vorwärts und fiel auf die Knie Chanteaus. Laute Bravorufe ertönten rings umher. »Habt ihr gesehen, wie er sich hineingestürzt hat? ... Der hat Feuer in den Augen, er wird ganz gewiß ein dreister Bursche.« Man ließ ihn den Weg wohl zehnmal machen. Er hatte keine Furcht mehr, lief bei der ersten Aufforderung vom Großvater zum Vater und wieder zurück, laut lachend, sehr belustigt von dem Spiele, immer bereit zu straucheln, als schwanke der Boden unter ihm. »Noch einmal zu«, rief Pauline. Lazare fing an, müde zu werden. Die Kinder, selbst das seine, langweilten ihn bald. Als er den Kleinen jetzt so heiter und gerettet sah, verursachte ihm der Gedanke, daß dieses Wesen ihn überleben, ihm wahrscheinlich die Augen zudrücken werde, ein Zittern, das ihn vor Angst fast erstickte. Seit er sich entschlossen hatte, in Bonneville in den Tag hineinzuleben, beschäftigte ihn nur ein einziger Gedanke: daß er in dem Zimmer sterben werde, wo seine Mutter dahingeschieden war; und er stieg nicht ein einziges Mal die Treppe hinauf, ohne sich zu sagen, daß unvermeidlich eines Tages sein Sarg dort hinausgetragen werde. Der Eingang zum Flur verengte sich und eine schwierige Ecke beunruhigte ihn fortwährend; er quälte sich bei dem Gedanken, wie wohl die Männer den Sarg dort herunterschaffen würden, ohne mit seinem Leichnam anzustoßen. In dem nämlichen Maße, wie das Alter täglich ein Stückchen seines Lebens fortnahm, beschleunigte auch dieser Gedanke an den Tod die Zerstörung seines Körpers bis zu dem Punkte der Vernichtung seiner letzten männlichen Kräfte. Es war mit ihm zu Ende, wie er selbst sagte, er war zu nichts mehr nütze und fragte sich, wozu es sich lohne, sich zu bewegen; er erschöpfte sich auf diese Weise immer mehr in der Torheit seiner Langweile. »Noch einmal zu Großpapa«, rief Pauline. Chanteau konnte nicht einmal die Hände ausstrecken, um den kleinen Paul zu greifen und zu halten. Vergebens tat er die Knie weg; diese zarten Finger, die sich an seine Beinkleider krampften, entlockten ihm trotzdem tiefe Seufzer. Das Kind war bereits an das endlose Gestöhne des Greises gewöhnt; da es bei ihm lebte, bildete es sich wahrscheinlich in seinem kaum entwickeltem Verständnis ein, daß alle Großväter so litten. Als er jedoch an diesem Tage im vollen Sonnenlichte gegen ihn fiel, hob er sein Gesichtchen auf, stellte das Lachen ein und sah ihn mit seinen unsicheren Augen an. Die beiden mißgestalteten Hände schienen zwei ungeheure Blöcke von Fleisch und Kreide; das von roten Falten durchzogene, vom Leiden zerstörte Gesicht war wie gewaltsam gegen die rechte Schulter gekehrt, während der ganze Körper Höcker und Brüche hatte, wie der eines schlecht zusammengeklebten, alten Heiligen aus Stein. Paul schien überrascht, ihn in der Sonne so krank und so alt zu sehen. »Noch einmal! Noch einmal!« rief Pauline. Sie sprudelte vor Heiterkeit und Gesundheit, trieb ihn immer von einem zum andern, von dem in seinem Schmerze verhärteten Großvater zu dem schon von dem Entsetzen des morgenden Tages verzehrenden Vater. »Der wird vielleicht einer weniger dummen Generation angehören«, sagte sie plötzlich. »Er wird nicht die Chemie anklagen, daß sie ihm das Leben vergifte, und wird glauben, daß man leben kann selbst mit dem Gedanken, eines Tages sterben zu müssen.« Lazare schlug ein verlegenes Lachen an. »Bah!« murmelte er, »er wird die Gicht bekommen wie sein Großvater und seine Nerven werden noch zerrütteter sein als die meinen. Sieh doch, wie schwach er ist! Das ist das Gesetz der Entartungen.« »Willst du schweigen!« rief Pauline. »Ich ziehe ihn auf, und du sollst sehen, was für einen Mann ich aus ihm mache!« Es trat ein Schweigen ein, während sie den Kleinen mit mütterlicher Zärtlichkeit an sich drückte. »Warum heiratest du nicht, wenn du die Kinder so lieb hast?« fragte Lazare. »Aber ich habe ja ein Kind! Hast du mir nicht eines gegeben?... Heiraten! Das nie im Leben!« Sie wiegte den kleinen Paul. Sie lachte noch lauter, indem sie scherzend erzählte, ihr Vetter habe sie zu dem großen, heiligen Schopenhauer bekehrt, daß sie ein Mädchen bleiben wolle, um an der allgemeinen Erlösung zu arbeiten; und so war sie in der Tat die Selbstverleugnung, die Nächstenliebe, die über die böse Menschheit ausgebreitete Güte. Die Sonne versank in das unermeßliche Meer; von dem bleichen Himmel senkte sich eine Heiterkeit nieder; das unendliche Wasser und die unendliche Luft nahmen die zarte Milde der Tagesneige an. Nur ein weißes Segel in weiter Ferne zeigte noch ein erlöschendes Aufleuchten, als das Gestirn bereits unter die gerade und schlichte Linie des Horizontes getaucht war. Es blieb nur noch das langsame Niedersinken der Dämmerung auf die regungslosen Fluten. Sie wiegte das Kind noch immer mit ihrem tapferen Lachen, aufrecht stehend inmitten der in bläuliche Schatten gehüllten Terrasse zwischen dem niedergedrückten Vetter und dem stöhnenden Onkel. Sie hatte sich von allem entblößt; aus ihrem schallenden Lachen tönte das Glück. »Wird heute abend nicht gespeist?« fragte Luise, die in einem koketten grauseidenen Kleide erschien. »Ich bin bereit und weiß nicht, was die Herren noch im Garten tun.« In dem nämlichen Augenblicke kam der Abbé mit verstörter Miene zurück. Als man ihn besorgt fragte, sagte er ohne Umschweife heraus, was er vergebens erst zu umschreiben versucht hatte, um den Schlag zu mildern: »Wir haben die arme Veronika an einem Ihrer Birnenbäume erhängt gefunden.« Alle stießen einen Schrei des Staunens und Entsetzens aus, die Gesichter erbleichten bei diesem sie streifenden Hauche des Todes. »Aber warum?« rief Pauline. »Sie hatte keinen Grund; sie hatte schon die Zubereitung des Essens angefangen. Mein Gott, wenn es nur nicht deswegen ist, daß ich ihr sagte, daß sie ihre Ente um zehn Sous zu teuer zahlte!« Da kam auch der Doktor herbei. Seit einer Viertelstunde versuchte er in dem Schuppen, wohin er sie mit Martin gebracht hatte, sie in das Leben zurückzurufen, aber vergebens. Konnte man bei so einer alten, verrückten Magd wissen? Sie hatte sich nie über den Tod ihrer Herrin trösten können. »Es hat gewiß nicht lange gedauert. Sie hat sich einfach an dem Bande einer ihrer Küchenschürzen aufgeknüpft.« Lazare und Luise schwiegen starr vor Entsetzen. Nachdem Chanteau eine Weile ruhig zugehört, fuhr er plötzlich empor bei dem Gedanken an die gefährdete Mahlzeit. Dieser Jammermensch ohne Hände und Füße, den man wie ein Kind schlafen legen und füttern mußte, dieses elendigliche Überbleibsel eines Menschen, dessen bißchen Leben nur ein einziges Schmerzensgeheul war, rief in wütender Entrüstung aus: »Wie dumm muß man sein, um sich das Leben zu nehmen!«