Kurt Tucholsky Unter anderem in den Pyrenäen Inhalt Wenn eena jeborn wird Gebrauchsanweisung Das Elternhaus Die Herren Zuhörer Der verspielte Mann Schnipsel Die Schweigende Sie schläft Liebespaar am Fenster Wie werden die nächsten Eltern? Start Auf ein Kind Ich möchte Student sein Einkehr ...das Geld aus dem Fenster! Zwei Seelen Warum eigentlich?... Die Ehemalige Wie altern die –? Zuckerbrot und Peitsche Karrieren Deutsche Richter von 1940 Affenkäfig Nur Geduld Warte nicht! Die Zeitbremse Berliner Herbst Wir hätten sollen .... Schnipsel Ein nachdenklicher Zuschauer Singt Eener Uffn Hof Media in vita Wenn eena dot is Über den Dächern schwebt Rauch Berlin! Berlin! Berliner auf Reisen Wo ist der Schnee... Berliner Bälle Schnipsel Die Apotheke Zwei Käfige Im Tunnel Wenn einer eine Reise tut... Le »Lied« Die Katz Umzug Fête du Trône Die Stadt der Beziehungen Les Abattoirs Hinter der Venus von Milo Der Primus Der Anhänger Der Platz im Paradiese Schöner Herbst Du hast ein Bett Tote Stadt und lebende Steine Alter Burgunder wird versteigert Ein Pyrenäenbuch Der Beichtzettel Stierkampf in Bayonne Ausflug zu den reichen Leuten Zwei Klöster Saint-Jean-Pied-de-Port: Die Basken Lieber Jakopp! Pau Eaux-Bonnes Lourdes Cirque de Gavarnie Cauterets Pic du Midi Figuren Über Naturauffassung Von Barèges bis Arreau Die Täler Drei Tage Allein Die Republik Andorra Auf der Wiese Das Fort Französische Provinz Abschied von den Pyrenäen Einer aus Albi Dank an Frankreich Wenn eena jeborn wird Allemal für Paulchen Nu liechste da, du kleene Kröte! Siehst aus wie ne jebadte Maus. Na laß man, do – der olle Joethe, der sah als Kind nich scheena aus. Und hier – ick bring da ooch wat mit! Tittittittittitt-! Die Neese haste ja von Vatan. Det Mäulchen, wo de dir drin wühlst, da sachste denn den Jrang im Schkat an. Wolln hoffen, dette bessa spielst als wie der Olle, dein Papa! Allallallalla-! Un seh mah! Hast ja richtich Haare! Die hat dir Mutta mitjejehm. Du, Mensch, det is ne wunderbare un liebe Frau – nur etwas unbequem. Dein Olla, der macht vor ihr Kusch ... Puschpuschpuschpuschpusch –! Sieht man dir durch de Neese schnauhm un wie du mit die Beenchen tanzt –: denn sollte man det jahnich jlauhm, wie jemeine du mal wern kannst. Wa-? Ach, Menschenskind, ick wer da sahrn: Schlach du nach Vatan! Hör ma an! Du kannst ja ooch nach andre schlahrn ... Na, wirste denn als junga Mann jenau so doof wie Onkel Fritz? Zizzizzizzizizz –? Da liechste nu in deine Wieje un fängst noch mah von vorne an. Na, Mensch, ob ick mah Kinda krieje? Man jloobt ja imma wieda dran. Du machst dir nu die Windeln voll und weeßt nich, wat det heißen soll, wenn eena dir mit Puda fecht, dir abwischt un dir trocken lecht ... Denn loofste rum, klug oda dumm ... Un machst den janzen Lebensskandal alles nochmal, alles nochmal –! 1932 Gebrauchsanweisung Erfahrungen vererben sich nicht – jeder muß sie allein machen. Jeder muß wieder von vorn anfangen ... Nun fängt ja keiner ganz von vorn an, weil in jedem Menschen vielerlei Erfahrungen aufgestapelt sind: zwei Großväter, vier Urgroßväter, achtzehn alte Onkel, dreiundzwanzig Tanten, Ur-Ur-Ur-Ur-Ahnen ... das trägst du alles mit dir herum. Und manchmal, wenn du grade einen Entschluß faßt, dann entscheidet in Wahrheit dein im Jahre 1710 gestorbener Ur-Ur-Ur-Ur... Adolf Friedrich Wilhelm Panter, geb. 1675 in Bückeburg – der entscheidet, was du tust. Du gehst nachher herum und sagst: »Ich habe mich entschlossen...« Erfahrungen vererben sich selten. Die katholische Kirche hat da so eine Art Erfahrungsschatz aufgespeichert, den sie ihren Adepten, mehr oder minder symbolisch, abgibt – sie profitiert sehr davon. Man kann da viel lernen, wenn man da etwas lernen kann. Aber zum Beispiel bei der Erziehung... Da haben unsre Väter gesagt: »Hör auf mich – ich bin ein alter erfahrener Mann ...« Nun, wir haben nicht gehört. Ob zum Schaden oder zum Nutzen, ist eine andre Sache – aber gehört haben wir nicht. Jeder will sich seinen Schnupfen allein holen. Das kann ihm aber auch keiner verdenken. Es gibt so wenig gute Anleitungen ... Da haben wir nun Bücher, wie man das Autofahren lernt, wie man Bienen züchtet und Küchenpetersilie zieht; wie man sich zum Gewerbeschullehrer-Examen vorbereitet... für alles das gibt es sehr brauchbare und handliche Werke. Nur, wie man sich mit seinen Mitmenschen am besten verhält – da gibt es weniger brauchbare Bücher. Es gibt ganze Waschkörbe voll – aber das Zeug ist meist nicht zu brauchen. Diese Bücher moralisieren; sie sagen, wie es sein sollte – nicht: wie es wirklich ist. Das ist sehr schade – hier fehlt etwas. Die deutsche Literatur ist in diesem Punkt merkwürdig schwach. Oder kenne ich diese verborgenen Schätze nicht...? Ich lasse mich gern belehren. Im Französischen gibt es da sehr schöne Sachen – besonders aber im Englischen, das sind ja Leute von großer praktischer Lebensweisheit. Wir haben viel Theoretisches, sehr viel Moralistisches – aber wenig gute klare und kurze Kompendien darüber, wie es so im menschlichen Leben ist. Da liegt nun so ein Neugeborenes ... Ja, wie soll denn das arme Wesen wissen, wie es sich hienieden verhalten soll, wenn man ihm nicht einen Fahrplan in die Hand gibt –? Sagen Sie selbst. Und dabei gäbe es doch so viel, so unendlich viel Einfaches zu sagen. Und zwar lauter Sachen, die für eine mittlere Ewigkeit hinreichen – denn die Natur des Menschen ändert sich nicht, nur ihre Formen ändern sich. In Balthasar Gracians Handorakel (vom alten Schopenhauer übersetzt) stehen so einige Dinge – wenn man die beherzigt, kommt man schon ein ganz gutes Stück weiter. Warum schreibt zum Beispiel nicht einmal ein alter gebauter Fuchs, dessen Fell das Leben gegerbt hat, was man alles mit dem Menschen nicht tun darf! Wie verletzlich sie sind; wie man sie niemals necken soll; wie man immer so tun muß, als höre man zu (Zuhörenkönnen ist überhaupt die halbe Lebensweisheit) – keiner schreibt einem das auf. Und da machen denn die Leute einen Haufen Dummheiten und wundern sich, daß sie nicht Regierungsrat werden, und wenn sie alt sind und es bei weitem zu spät ist, dann kommen sie langsam hinter den Dreh und halten ihren Kindern lange Vorträge, wie man es machen müsse, um etwas zu erreichen. Und die guten Kinder denken: »Wenn du so klug bist – warum hastn du dann nicht selber ...?« und wenden sich ab und hören nicht zu. Sie wissen das nicht, daß vom Zuhören ... Keiner schreibt es ihnen auf. So ein Büchlein müßte die konzentrierteste Lebensweisheit enthalten, mit einer Aphorismensammlung hat das gar nichts zu tun, beileibe nicht. Es müßten wirklich so goldene Regeln sein, wie etwa die, die der Weltreisende Richard Katz einmal gegeben hat: »Vor jeder großen Reise sich die Zähne reparieren lassen.« Das ist kein Aphorismus – das ist eine (schmerzlich) gewonnene Erfahrung. So ein Buch müßte das sein. »Sagen Sie ... Herr Panter ... was ich sagen wollte: Warum schreiben Sie denn das nicht?« – »Ich? Als wie ich? Werter Herr... haben Sie schon mal einen Pokerspieler gesehen, der vor dem Spiel und während des Spieles Ihnen genau erzählt, wie er blufft? Na, also?« 1930 Das Elternhaus »Ich habe Ihnen das Giraffenhaus gezeigt«, sagte unser Führer, »und das Raubtierhaus und das Vogelhaus – wir kommen nun zu dem Elternhaus!« Lärm empfing uns. Wir traten an das erste Gitter. »Sie sehen hier«, sagte der Führer, »die gemeinen Hauseltern (parentes communes domestici). Sie sind weit verbreitet, harmlos und vererben alle ihre Eigenschaften.« Hinter dem Gitter saßen an einem Tisch Vater und Mutter, er trug eine hohe, steife Hausmütze mit einer Quaste, er rauchte eine lange Tabakspfeife und las im Zeitungsblättchen. Die Mutter stopfte Strümpfe, daß die Nadeln klapperten. Kinder von vielerlei Altern krabbelten im Zimmer herum: das älteste hatte eine Brille auf der Nase und lernte aus einem Buch, zwei Mädchen nähten Puppenkleider, ein Junge baute unter dem Tisch eine Steinbaukastenburg, und das Jüngste steckte einen standhaften Zinnsoldaten in den weitgeöffneten Mund. Von Zeit zu Zeit erhob der Vater den Kopf und sagte, ohne hinzusehen: »Eduard! Tu das nicht!« und las weiter. Und die Mutter sagte dann: »Aber, Papa, laß doch die Kinder!« Worauf alles seinen ungestörten Fortgang nahm. Wir schritten zum nächsten Gitter. »Dies«, erklärte der Führer, »sind die Eltern mit der Affenliebe (parentes simiarum modo amantes).« Zunächst sahen wir nur die Eltern – sie standen um irgend etwas herum, was zunächst verborgen blieb, und schützten es mit ihren Armen und drückten daran umher. Dann traten sie auseinander: und es zeigte sich ein dickes, kugelrundes Kind von vielleicht acht Jahren, das, kaum war es frei, an den Tisch ging und dort alles Geschirr mit einer jähen Handbewegung herunterfegte. Krach! Aber schon stürmten die besorgten Eltern herbei und schlossen das Kind unter Jubelrufen erneut in ihre gerührten Arme. »Nein, wie selbständig es schon ist!« sagte der Vater. »Hast du gesehen, wie flink es zupackt?« sagte die Mutter. Das Kind prustete, ob vor Lachen oder weil es husten mußte, wußten wir nicht. »Ach!« machten die Eltern und packten es in ein Bett. Aber da stand es auf und lief durch die Tür in einen hinteren Raum. Die Eltern lockten. »Kunochen! Na, Kunochen! Kuno! Komm doch! Du kriegst Schokolade!« Kuno blies ihnen etwas, und wir gingen weiter. »Wir kommen nunmehr«, sagte unser freundlicher Führer, »zu den Nationaleltern (parentes furore teutonico affecti). Aber treten Sie nicht so nahe heran, Sie könnten sich verletzen!« Eine Kugel kam geflogen – hoch über unsere Köpfe hinweg. Sie kam aus einem schwarzweißrot angestrichenen Blasrohr, das ein feldgrau gekleideter Junge mit Brille eben absetzte. »Friedrich Wilhelm!« donnerte eine Männerstimme. »Adalbert! Hans Oskar!« Rrrums – machte es in der Stube, und schnurgerade ausgerichtet standen drei Jungen wie die Orgelpfeifen da. Der Vater betrat die Szene, ein Greis von mächtigen Dimensionen, furchtbar anzuschauen. Er nagte an einem ungeheueren Speckbrot. Als er es verschluckt hatte, war er wie steinerner Grimm anzuschauen. Er schrie: »Disziplin! Nur der Kadavergehorsam kanns machen!« – »Nieder mit allen Nichtdeutschen!« piepste der Jüngste. »Schweig! Bevor ich dich frage!« rief » der Vater in erschrecklichem Baß. »Aber hasts brav gemacht!« Und dann, die Hände in den Hüften: »Ich habe gestern wieder ein Buch in der Kinderstube gefunden! Wenn mir das noch einmal vorkommt! Bleisoldaten spielen sollt ihr! Griffe kloppen! Felddienstübungen machen zur Ertüchtigung der Jugend. Mama geht als Krankenschwester mit! Ein Buch –! Rasselbande! Potz Schwerebrett! Höllendunner...« Wir konnten ihn noch hören, während wir schon weitergingen. »Jetzt kommen wir«, erklärte der Führer, »zu den modernen Reformeltern (parentes principiis onerati).« In sackähnliche Reformgewänder gehüllt, saß hinter diesem Gitter ein sonderbarer Verein. Geschlechter waren nicht zu unterscheiden, nur an den etwas helleren Fingern konnte man die weiblichen Familienangehörigen vage ahnen. Aber auch dies schien zu täuschen ... »Charlotte- Elisabeth!« säuselte ein Mitglied, anscheinend die Mutter, »du hast heute wieder Äpfel aus der Speisekammer entwendet. Das Eigentum ist heilig, weil wir es uns erarbeitet haben. Willst du dein Unrecht mit mir betrachten?« – »Ja, Mama«, sagte Charlotte-Elisabeth. »Charlotte-Elisabeth! Siehst du dein Unrecht ein?« – »Ja, Mama«, sagte Charlotte-Elisabeth. »Charlotte-Elisabeth! Wer sein Unrecht einsieht, der bereut es schon. Bereust du dein Unrecht?« – »Jaaa, Mama«, sagte die Äpfel-Charlotte. »Ich entsühne dich, mein Kind – – Paul!« schrie die Mama. Paul hatte dem Schaukelpferd den Schwanz ausgezogen und war damit beschäftigt, ihn sich zum Skalp aufzuputzen. »Paul!« sagte die schon wieder gefaßte Mutter, »auch Schaukelpferde fühlen wie du den Schmerz!« Da aber war es mit unserer Fassung zu Ende, und froh wallfahrten wir weiter. »Hier sehen Sie«, sagte unser Führer, »die alleinstehende Hausmegäre (mater terribilis).« Hurr – wie sauste da hinter dem Gitter jemand durch die Stube! Laut knallten die Türen, und wir hörten einen schrillen Sopran. »Marie! Marie! Habe ich Ihnen nicht schon tausendmal gesagt, daß die Staublappen nicht in die rechte Schublade gehören? Marie! Wo ist mein Schlüsselkorb? Marie! Der Korb! Wo ist Bubi? Marie! Wo ist das Kind? Das Kind! Der Korb! –« Und aus einer Ecke kroch, mit totentraurigen Augen, ein kleines, verwahrlost aussehendes Geschöpf: ein Kind. Nein, ein Opfer. Wir gingen weiter. »Hier«, sagte der Führer lächelnd, »muß ich die Herrschaften bitten, den Mann nicht zu necken. Es ist das der kleine Haustyrann (pater tyrannicus).« Nein, wir neckten nicht. Schade – einem Gockel gleich stelzte dort ein Herr der Schöpfung herum und warf von Zeit zu Zeit wütende Blicke auf ein kleines Mädchen, das verschüchtert am Tisch saß. »Papa ist heute wieder so schlechter Laune«, flüsterte die Kleine. »Wer spricht, wenn ich im Zimmer bin!« grollte der väterliche Fürst. Sie verstummte. Und er stapfte weiter umher und war sieghaft anzuschauen, wenngleichen er Filzpantoffeln trug. »Zum Schluß gelangen wir«, sagte der Führer vor dem nächsten Gitter, »zu der Syndetikonfamilie. Sie kommt nur in Rudeln vor und kann auch bei Todesgefahr nicht auseinandergerissen werden. Man erzählt sich wunderbare Geschichten von ihrer Anhänglichkeit. Ihre Angehörigen schätzen einander wenig, hocken aber dessenungeachtet stets zusammen. Sehen Sie –!« Wir sahen. Hinter dem Gitter saßen ungefähr acht Personen und gähnten. »Die kleine Ellen erwartet mich um zehn«, sagte der Älteste und zog ungeduldig, aber heimlich seine Taschenuhr. »Wie gern ginge ich heute ins Theater!« flüsterte die erwachsene Tochter. »Huach!« machte die Fünfzehnjährige, »ist das bei euch langweilig!« Dabei gehörte sie doch mit dazu! »Auf der Straße ist heute große Schlacht zwischen den Blauen und den Schwarzen!« sagte der Gymnasiast. Und als alle etwas gesagt hatten, sah sich der Vater im Kreise um und sprach: »Ich weiß mir nichts Schöneres, als wenn ich so alle meine lieben Kinder um mich versammelt habe. Nicht wahr, Kinderchen?« – »Hujaja!« gähnten alle. Und dann gingen wir. »Sagen Sie«, fragte ich, während wir hinausschritten, den Führer, »Sie haben uns da nun so viel gezeigt – aber... wie soll ich mich ausdrücken ...« – »Sie meinen, ob es nicht auch vernünftige Eltern gibt?« – »So etwas Ähnliches wollte ich allerdings sagen.« – »Kommen Sie!« sagte er ruhig. Und zog mich an der Hand aus dem Elternhaus fort, in den Park. Der Abend dämmerte, die Bäume rauschten im Winde. »Kommen Sie!« sagte er. Und wir gingen, bis wir an ein kleines weißes Häuschen kamen. Wir schlichen uns heran und wurden nicht gesehen und nicht gehört. Vor dem Haus saß ein blondes, junges Weib mit ungemein lustigen Augen. Vor ihr im Sande raffte ein kleiner Junge seine Spielsachen zusammen; er hatte einen frech gedrehten Haarbusch auf dem Kopf und einen kleinen dicken Bauch. Er schnaufte erschrecklich, weil er so viel zu tun hatte. Die junge Frau ging ins Haus. »Peter!« rief sie. »Peter!«, und Peter wackelte aufjauchzend hinterdrein. Ich sah den Führer an. Er nickte. »Das sind meine«, sagte er leise. »Die werden nicht eingesperrt!« 1919 Die Herren Zuhörer »Da möcht man weit kommen, wenn man möcht zuhören, was der andere sagt.« K. K. Warum halten eigentlich die meisten Menschen so gern Reden? Wie ich glaube, deshalb, weil dies die einzige Art und Weise ist, in der sie sich die Illusion verschaffen können, daß ihnen die anderen zuhören. Sie hören natürlich nicht zu; wenn sie nur irgend können, dann verschaffen sie sich auf ihren Zuhörerplätzen Papier, Programme, ein Zettelchen, und dann ziehen sie mit ernster Miene einen Bleistift aus der Tasche und machen sich Notizen ... Männerchen, Sternchen, Kreise und schraffierte Felder, und ein geschickter Seelenarzt kann aus diesen Malereien viel Aufschlußreiches herauslesen ... Zuhören aber tun sie nicht. Doch glaubt der Redner stets, sie hörten ihm zu. Von Mann zu Mann aber und von Frau zu Frau ist das schon anders – da hat man wenigstens die völlig sichere Garantie, daß bestimmt nicht zugehört wird. Geben ist seliger denn nehmen. Kennen Sie den, dem Sie etwas erzählen und dessen Augen ständig abwandern, wenn sich auch nur das geringste um ihn bewegt –? Gerade sind Sie einen Millimeter vor der Pointe, vor dem Hieb, vor der überraschenden Mitteilung – »Da stehe ich also auf und sage ihm – –« weg. Ärgerlich folgen Sie den flüchtigen Augen ... Was hat der Kerl? Nichts hat er – aber am Nebentisch ist ein Mann aufgestanden, und das muß man genau beobachten muß man das... Wenn es noch eine Frau gewesen wäre...! Die Pointe ist jedenfalls dahin. Und so morden sie dir deine schönsten Geschichten – weil ein Auto kommt, weil eine Straßenbahn vorüberklingelt, weil ein Blatt Papier zu Boden raschelt... dann kommen die desertierten Augen wieder zurück, wie ein Hauch geht es über sie hin – »Ja, also was hatten Sie eben gesagt –?« Und dann machts einem keinen Spaß mehr. Entweder es klingelt das Telefon, oder es laufen die Augen weg –: wahrlich, ich sage dir, noch nie hat einer einem Berliner eine Geschichte zu Ende erzählt. Doch, neulich einer einem – aber das war der dicke Direktor Mischler, dem ist nach Tisch plötzlich unwohl geworden, er saß stumm auf seinem Stuhl, der andere redete, und Mischler hatte schon ganz verglaste Augen – So hörte er zu. Und weil dem so ist, deshalb gibt es eine Gattung von Menschen, die machen es so: Da steht einer mit vier, fünf anderen zusammen, einer ist nahe bei ihm, die anderen erzählen sich gerade was. Nun fängt der eine an, etwas zu berichten – doch hat er nur einen Zuhörer. Der Vorhang hebt sich zögernd über dieser Geschichte, denn ein einziger Zuhörer... das lohnt nicht. Vor einem tritt er nicht auf. Und nun suchen seine flinken Äuglein immerzu die anderen zu erreichen, er will sie am seelischen Rockknopf herbeiziehen, die Geschichte bekommt zwei bis drei Einleitungen, der erste Zuhörer kriegt einen Herzkollaps und will rufen: »Na – nun erzählen Sie doch schon endlich ...«, aber es ist noch nicht so weit, denn der Mann hat sich gewissermaßen in zwei Hälften zerspalten: die eine steht im Zelt und fängt sachte an, zu jonglieren, und die andere steht noch vor dem Zelt und markiert den Ausrufer... Es ist gar nicht so einfach im menschlichen Leben. Zuhören ... zuhören ... Haben die Leute nicht recht, wenn sie nicht zuhören –? Und dies ist meine Lieblingsgeschichte, eine von den beiden, die man in sanftem Gold auf einen Teller malen sollte: Es war da ein alter Mann, der kam zum Arzt, seines Gehörs wegen. Der Arzt horchte, sah und sprach: »Lieber Herr, Sie trinken viel Alkohol?« – »Ja«, sagte der Mann. »Nun gut«, sagte der Arzt. »Jetzt sind Sie noch schwerhörig. Wenn Sie aber so weitermachen, wenn Sie weiterhin so saufen, dann sind Sie Ihr Gehör in spätestens einem halben Jahr gänzlich los.« Und schrieb dem Patienten allerlei auf. Nach sechs Monaten kam der Mann wieder. – »Wie gehts?« fragte der Arzt. »Hä?« machte der Patient. »Wies geht?« brüllte der Arzt. Nichts. Der Mann verstand nichts. Er war stocktaub. Der Arzt mußte ihm seine Fragen aufmalen. »Sie haben also doch getrunken –?« Da hob der taube Mann die Augenlider und sah den Arzt lange an. »Herr Doktor«, sagte er, »alles, was ich gehört habe, war nicht so gut wie Schnaps.« Der verspielte Mann Man sagt immer, Frauen seien so unlogisch. Das ist gar nicht wahr. Die einzig wirklich logischen Wesen, die es gibt, sind die Frauen – sie sind so ernst. Sie haben freilich eine ihnen eigene Logik – aber sie nehmen alles ernst, sogar den Mann. Wenn der ganz dumm ist, tut er das auch; der Rest ist verschämt verspielt. Er traut sich nur nicht damit heraus. Es gibt wohl keinen verständigen Herrn, der nicht ganz und gar unverständige Riten hätte: wenn er sich rasiert; wenn er die Pfeife stopft; wenn er Manschettenknöpfe ins Hemd zieht... vom Bad zu schweigen. Es ist wie eine ausgleichende Ausspannung – je ernster und aufreibender der Tageslauf, desto verspielter die kleinen Riten seiner Alltagsgebräuche. Der männlichen Riten gibt es mehrere Arten – man muß sie nicht »Angewohnheiten« nennen, dazu ist die Sache zu ernst... Man lese die Werke Lévy-Bruhls über die Seele der Primitiven, und man versteht diese Riten mühelos: jene, die den Menschen und die Dinge in ein absonderliches, mit der rationalen Vernunft nicht zu fassendes Verhältnis setzen. Streichholzschachteln müssen längs auf dem Nachttisch stehen – quer dürfen sie das nicht, dann gibt es ... wie? Ein Unglück? Nein, ein Unglück eigentlich nicht; mit »Aberglauben« soll man dem Herrn Mann nicht kommen. Er ist nicht abergläubisch. Aber die Streichholzschachteln müssen längs stehen. Weil sie immer längs gestanden haben. Oder doch in jenem glücklichen Jahr, als die Abschlüsse so gut waren. Hier verheddern sich die Gedanken... und nun stehen die Schachteln längs. Das muß so sein. Beim Rasieren muß erst der Pinsel abgewaschen werden, und dann darf der Apparat gesäubert werden. Kehrt man diese Reihenfolge um, dann ... man kann sie nicht umkehren. Man darf sie nicht umkehren. Das ist unmöglich. Sehr gut ist es auch, wenn man mit dem Rasierapparat einmal kurz an die Schachtel klopft, in der er wohnt. Das weckt den Geist, der... nein, natürlich wohnt da kein Geist, was sind denn das für Dummheiten! Aber gut ist es doch, auf alle Fälle. Und was manche Männer treiben, wenn sie sich anziehen... ich habe mir von Damen, die es wissen müssen, sagen lassen: das wäre unbeschreiblich. Daher kann ichs nicht beschreiben. Das soll ja ganz toll sein. Warum ist das alles so –? Weil sie uns nicht lange genug mit unserer Eisenbahn haben spielen lassen. Da haben wir Griechisch lernen müssen (leider nicht genug) und Geschichtszahlen (leider zu viele) – und die Eisenbahn stand in der großen Pappschachtel und langweilte sich, und nun tragen wir zeit unseres Lebens die Sehnsucht mit uns herum, uns einmal richtig auszuspielen – und nun müssen wir uns mit Grammophonen trösten, mit Radiobasteln, mit den Brückenbaukästen unserer Neffen und, wenn wir Glück haben, mit der Organisation einer Kommunalbehörde. Es ist ein Jammer. »Im Manne ist ein Kind versteckt, das will spielen...«, sagte Nietzsche. »Kinder hab ich alleine«, sagte Lottchen, als ich ihr das Zitat vorhielt. Männer können auch ein Spiel spielen: »Ernst des Lebens« heißt das. Das muß man gesehen haben! Haben Sie das mal gesehen? Im Kriege regierten mich einst zwei Hauptleute; beide waren im Zivilberuf, den sie halb vergessen hatten, Baumeister, aber nun waren sie Hauptleute, und was für welche! Sie machten sich die Kompetenzen strittig, sie zankten sich den lieben langen Tag miteinander, und eines Tages schlossen sie Frieden, und ich war dabei. Sie gingen aufeinander zu wie zwei große Berberlöwen, hoch aufgerichtet, feierlich brummend, sie schüttelten die Mähnen, und es war ein schier majestätischer Anblick. Hätte ihnen in diesem Augenblick einer gesagt: »Aber meine Herren ... so wichtig ist euer Kram ja gar nicht...«, sie hätten ihm das Gesicht zerkratzt, etwa wie ein kleiner Junge, dem ein böses Dienstmädchen plötzlich sagt: »Dein Helm ist ja aus Papier!« Und an diese beiden löwischen Hauptleute muß ich oft denken, wenn ich ernste Männer in ernster Berufsarbeit ernst spielen sehe. Aber ich sags ihnen nicht, denn ich mag mir nicht das Gesicht zerkratzen lassen. Wieviel Spiel ist im männlichen Ernst! wieviel Pose! wieviel Spiegel! So ernst aber wie eine Frau zum Beispiel ihre Arbeit nimmt – so ernst können wir Männer sie gar nicht nehmen. Das ist schade. Und alles das darf man gar nicht sagen – es macht furchtbar suspekt. Man muß dran glauben. Man darf nicht spielen. Man muß den Ernst des Lebens hochhalten ... bei Brille und Bart! Mancher lernts nie. Mensch, lach nicht – es gibt so wenig Leute, die dein Lachen ernst nehmen! Sie wollen etwas Ernstes haben, etwas, woran sie sich festhalten können. Und nicht mal dieser Artikel scheint ernst zu sein ... Und so beschließe ich ihn denn mit den fingierten »letzten Worten« des sechzigjährigen Franz Blei, die er sich notiert hat, um sie bei seinem Tode zu notieren: »Ich nehme alles zurück.« Schnipsel Von der Verliebtheit. Von ihr nichts zu bekommen, ist immer noch hübscher, als mit einer andern zu schlafen. Er trug sein Herz in der Hand, und er ruhte nicht, bis sie ihm aus der Hand fraß. Liebe ist, wenn sie dir die Krümel aus dem Bett macht. Das Liebespaar, das sich, voneinander entfernt, verabredet, um halb elf Uhr abends aneinander zu denken. Keiner tuts. Aber jeder freut sich: wie verliebt der andre doch sei. In der Ehe pflegt gewöhnlich immer einer der Dumme zu sein. Nur wenn zwei Dumme heiraten –: das kann mitunter gut gehn. Wenn die geliebte Frau mit einem andern Mann flirtet, erscheint sie uns leise lächerlich. Die Steine des Kaleidoskops, das wir so gut kennen, geben ein neues Bild; wir sehn sie zum erstenmal gewissermaßen von der Seite. Eifersucht macht kritisch. Wenn Männer mit einer für sie neuen Frau beschäftigt sind, gilt das natürlich alles nicht. Einer schönen Frau zuzusehn, die sich anzieht, das ist so schön wie der Anblick junger, spielender Raubtiere. Alles geschieht im höchsten Ernst und ist doch Spiel. (Oho!) Ja, ich weiß schon. Die Schweigende Erst haben wir davon gesprochen – du hörtest freundlich zu –, ob unsre alten Männerknochen sich niemals in den Hörselberg verkrochen ... Und du? Er sagte: »Ach, ich bin ein böses Luder! Die Frauen fehlen mir. Ich fresse jedes Jahr ein halbes Fuder, wild tobt mein Herz, stäubt nur ihr weißer Puder ...« Was klopft denn dir? Er sagte: »Rausch! Nur Rausch vor allen Dingen! Vor dem Verstand verblich schon manche Göttin mit den Strahlenschwingen – Mich packt es jäh, wenn meine Sinne singen ...« Und dich? Ich sagte: »Rausch ist eine schöne Sache, deckt er uns zu. Doch geben Sie mir auch die eine wache Sekunde nur, in der ich rauschlos lache ...« Und du? Du sprichst kein Wort. Du siehst nur so auf jeden von uns – und während alles weit verklingt und während wir voll Männerweisheit reden: blitzt auf in einem dunkeln Garten Eden dein sieghafter Instinkt. 1919 Sie schläft Morgens, vom letzten Schlaf ein Stück, nimm mich ein bißchen mit – auf deinem Traumboot zu gleiten ist Glück – Die Zeituhr geht ihren harten Schritt ... pick-pack... »Sie schläft mit ihm« ist ein gutes Wort. Im Schlaf fließt das Dunkle zusammen. Zwei sind keins. Es knistern die kleinen Flammen, aber dein Atem fächelt sie fort. Ich bin aus der Welt. Ich will nie wieder in sie zurück – jetzt, wo du nicht bist, bist du ganz mein. Morgens, im letzten Schlummer ein Stück, kann ich dein Gefährte sein. 1928 Liebespaar am Fenster Dies ist ein Sonntagvormittag; wir lehnen so zum Spaße leicht ermüdet zum Fenster hinaus und sehen auf die Straße. Die Sonne scheint. Das Leben rinnt. Ein kleiner Hund, ein dickes Kind .... Wir haben uns gefunden für Tage, Wochen, Monate und für Stunden – für Stunden. Ich, der Mann, denke mir nichts. Heut kann ich zu Hause bleiben, heute geh ich nicht ins Büro – ... an die Steuer muß ich noch schreiben .... Wieviel Uhr? Ich weiß nicht genau. Sie ist zu mir wie eine Frau, ich fühl mich ihr verbunden für Tage, Wochen, Monate und für Stunden – für Stunden. Ich, die Frau, bin gern bei ihm. Von Heiraten wird nicht gesprochen. Aber eines Tages will ich ihn mir ganz und gar unterjochen. Die Dicke, daneben auf ihrem Balkon, gibt ihrem Kinde einen Bonbon und spielt mit ihren Hunden .... So soll mein Leben auch einmal sein und nicht nur für Stunden – für Stunden. Von Kopf zu Kopf umfließt uns ein Strom; noch sind wir ein Abenteuer. Eines Tages trennen wir uns, eine andere kommt ... ein neuer.... Oder wir bleiben für immer zusammen; dann erlöschen die großen Flammen, Gewohnheit wird, was Liebe war. Und nur in seltenen Sekunden blitzt Erinnerung auf an ein schönes Jahr, und an Stunden – an glückliche Stunden. 1938 Wie werden die nächsten Eltern? Von der durch die Nase zu sprechenden Bemerkung »Der Alte ist ja verrückt!« bis zu anerkennender Dankbarkeit gibt es alle Skalen im Verhältnis meiner Generation zu ihren Eltern. Aber im großen ganzen waren wir nicht recht zufrieden; wir fühlten uns nicht verstanden, und auch ohne daß wir zur Pistole des Hasencleverschen Sohns gegriffen haben: es war doch verdammt weit von uns bis zur »alten Generation«. Beschwerdebuch –! Unsere Mütter hatten entsetzlich viel zu tun, aber nichts zu arbeiten – und das brachte sie oft auf krause Gedanken. Da gab es neben guten Müttern viel leere Vogelgehirne, Papas, die nur aus Berufsarbeit, Schrullen und einer knarrenden Zugstiefel-Weltanschauung bestanden, Mamas, die einkauften und großreinemachten, wie man eine heilige Handlung vornimmt ... und wir immer mitten drin, ein wenig hin- und hergestoßen, das Ganze für herzlich überflüssig empfindend. Möchten Sie noch einmal jung sein? Ich für meinen Teil habe reichlich genug. Ja, und nun wachsen um mich herum die kleinen Kinderchen hoch, sie sprießen aus dem Boden wie die Pilze nach dem Regenwetter, alle meine Schulfreunde sind so langsam Eltern geworden, manche sagen schon: »Junge, komm mal her –!« – Ich sehe mir das so an .... Was werden das nun für Eltern –? Werden sie freier werden? Werden sie ihre Kinder auch mit so überflüssigem Zeug plagen, mit dem wir einst geplagt worden sind? Mit Fibelstrafen, die niemand so kindlich empfindet wie Kinder, die ja immer um drei Grad erwachsener sind, als Erwachsene sich das einbilden – mit brüllenden Strafgerichten und mit jener dreimal verwünschten Dickköpfigkeit, die da befiehlt, um zu befehlen, verbietet, um zu verbieten, sich mausig macht, kurz: das vertrackte Elternspiel spielt ...? Werden die nun anders werden? Versprochen haben sies alle. »Wenn ich mal Kinder haben werde –« Ich bin ein wenig mißtrauisch. Erst sehen .... Jetzt haben sie die Kinder: Maud legt trocken und gibt zu trinken, Georg hat sich von den blödsinnigsten Emanationen verzückter Vaterschaft frei gehalten, das ist wahr, »Dutzi-Dutzi« wird zwar immer noch an Kinderbettchen gemacht, aber wohl etwas weniger als früher, und die Wunderkinder, die schon alles mögliche können, sind dünner gesät, scheints. Aber ich weiß doch nicht recht .... Noch haben die kleinen Dinger keinen eigenen Willen, dem sie sprachlich spürbaren Ausdruck verleihen können; noch sind ihre Wünsche verhältnismäßig bequem, noch weiß die junge Mutter in den meisten Fällen nicht, daß sie nun, in diesen Jahren, den Grund zu ganzen Epochen legt. Was wird das werden –? Was geschieht, wenn das, was da heranwächst, nun eigene Wege geht? Sieht man so die jungen Eltern an, so kann man ziemlich deutlich zwei Sorten unterscheiden: die einen, die ein bißchen viel gehen und geschehen lassen und die sich »moderne Erziehung« mit »Bequemlichkeit« übersetzen. »Das Kind wird schon wissen, was es tut – meine Kinder werden ganz modern erzogen –.« Und die andern, die erstaunlich altmodisch geblieben sind und in deren Familie die alten Refrains wiederklangen. »Wenn du das nicht sein läßt, darfst du keine Süßspeise essen!« und: »Laß das! Laß das! Du sollst das nicht tun! Komm mal her! Laß das sein!« Das muß ich doch schon mal irgendwo gehört haben .... Fast möchte ich meinen, daß die Generation, die sich da um mich herum vermehrt, im allgemeinen vernünftigere Eltern hat als es – verzeihe es, o lieber Leser – die unsern gewesen sind. Sie haben doch mehr Kummer durchgemacht; Krieg und Inflation haben ihnen ein bißchen von der Relativität der irdischen Dinge gezeigt; sie glauben nicht mehr gar so absolut an die absoluten Werte – sie haben es einmal im Gebälk knistern hören, das ist ein Geräusch, das ein kluger Mensch nie mehr vergißt .... Wollte Gott, es hätte etwas genützt. Das mit dem Fortschritt ist ja so eine Sache, aber es wäre den kleinen Petern, Tobiassen und Haralds zu wünschen, daß es ihnen besser ergehen möchte als ihren immerhin ziemlich geplagten Eltern. (Beifall links, Zischen rechts, Glocke des Präsidenten.) Daß diese junge Generation ohne gewisse törichte Zwangsvorstellungen aufwachsen wird – das ist einmal sicher. Daß sie neue akquiriert, desgleichen: »Unsere tägliche Selbsttäuschung gib uns heute«, sagte der alte Raabe. Ich bin nur neugierig, wie sich eine Elternschaft aufführen wird, die so viel über sich nachgedacht hat und die so vieles bewußt tut, was man früher unbewußt ausführte. Angefressen von Skepsis, überfüttert mit Theorie, bis zum Platzen geladen mit Pathos, Zweifel, Ausbruch und Not der Zeit beugt sich diese Generation über die Kinderwagen. Welche Augen blicken ihnen entgegen? Wie immer: Augen kleiner Menschen, die da gefühllos blicken werden, wo die Alten in Haß oder Liebe zerschmelzen – die weinen oder lachen, wo die Alten stumm bleiben: »Wie man drüber lachen kann, verstehe ich nicht ...« Es kommt ja wohl alles wieder, hienieden. Jetzt seid ihr dran. Hinter Türen und den Bäumen des Ferienwaldes, nach der Verlobung und auf den Kaffeegesellschaften der Mädchen, auf den kleinen Kneipereien der Jungen habt ihr genugsam über eure Alten geruddelt. Jetzt seid ihr dran. Was werdet ihr für Eltern werden –? 1927 Start Du wirst mal Kanzleisekretär – mä –! bä –! Dann hängt dir vorne ein Bauch von Schmeer und Briefmarken sammelst du nebenher, und du liebst die Autorität und das Heer – Na, nu weine man nicht! Na, nu weine man nicht! In der Röhre stehn Klöße, du siehst sie bloß nicht! – Du wirst mal Geschäftsprinzipal mä–! bä–! Untenrum dick und obenrum kahl, mit dem Maulwerk egalweg sozial, und im Herzen natürlich deutsch-national – Na, nu weine man nicht! Du wirst mal Landgerichtspräsident! Kille-kille! Einer, der die Gesetzbücher kennt, einer, der in den Sitzungen pennt, und die Fresse zerhackt wie ein Korpsstudent – kille... kille... kille...! Du wirst mal eine große Hu – hoppla-hopp! Du liebst, wenn er zahlt. Und lächelst dazu. Und gehts mal schief, verlier nicht die Ruh. Du hast ja Geld – dir treiben sie deine Sorgen ab im Nu. hoppla-hopp! Du wirst mal Gewerkschaftssekretär – na, nu weine man nicht –! Zunächst gehst du klein und bescheiden einher; doch hast du erst den feinen Verkehr, dann kennst du deine Genossen nicht mehr – in der Röhre stehn Klöße, du siehst sie bloß nicht –! Su – su – Na, und du –? Du , mein Junge, sollst mal auf Erden ein anständiger Proletarier werden, der ein Herz hat für seiner Klasse Beschwerden –! Ein ganzer Mann. Feste, geh ran–! Das wirst du lernen, bist du einmal groß –: Jede Klasse zimmert sich selber ihr Los. 1928 Auf ein Kind Du lebst noch nicht. Ich seh dich so lebendig: ein kleiner gelber Schopf, die Augen blau; ich seh dich an und such beständig die Züge einer lieben Frau. Du kreischst und jauchzt schon laut in deinen Kissen; du bist so frisch und klar und erdenhaft. Du brauchst es nicht wie ich zu wissen, was Zwiespalt ist, der Leiden schafft. Der ist dahin. Schrei du aus voller Lunge und schüttle deine runde, kleine Faust! Sei froh! Sieh auf die Mutter, Junge – sie ist so hell, auch wenn ein Sturmwind braust. Hör ihre Stimme nur: gleich wehts gelinder. Setz du sie fort. Was bin denn ich allein? Wir Menschen sind doch stets die alten Kinder: ich war es nicht – mein Sohn, der soll es sein. Du sollst es sein! Und kommst du einst zum Leben: Du sollst es sein! Ich hab es nicht gekonnt. Gib du, was deiner Mutter Arme geben: Leucht uns voran! Du bist so blond. 1920 Ich möchte Student sein (– »Ich war damals ein blutjunger Referendar –«, sagen manche Leute; das haben sie so in den Büchern gelesen ....) Ich war damals gar kein blutjunger Referendar, doch besinne ich mich noch sehr genau, einmal, als das Studium schon vorbei war und die Examensbüffelei und alles, in der Universität gesessen zu haben, zu Füßen eines großen Lehrers, und ich schand sein Kolleg – schund? schund sein Kolleg. Da ging mir manches auf. Da verstand ich auf einmal alles, was vorher, noch vor drei Jahren, dunkel gewesen war; da sah ich Zusammenhänge und hörte mit Nutzen und schlief keinen Augenblick; da war ich ein aufmerksamer und brauchbarer Student. Da – als es zu spät war. Und darum möchte ich noch einmal Student sein. Das Unheil ist, daß wir zwischen dreißig und vierzig keinen Augenblick Atem schöpfen. Das Unheil ist, daß es hopp-hopp geht, bergauf und bergab – und daß doch gerade diese Etappe so ziemlich die letzte ist, in der man noch aufnehmen kann; nachher gibt man nur noch und lebt vom Kapital, denn fünfzigjährige Studenten sind Ausnahmen. Schade ist es. Halt machen können; einmal aussetzen; resümieren, nachlernen; neu lernen – es sind ja nicht nur die Schulweisheiten, die wir vergessen haben, was nicht bedauerlich ist, wenn wir nur die Denkmethoden behalten haben – wir laufen Gefahr, langsam zurückzubleiben ... aber es ist nicht nur des Radios und des Autos wegen, daß ich Student sein möchte. Ich möchte Student sein, um mir einmal an Hand einer Wissenschaft langsam klarzumachen, wie das so ist im menschlichen Leben. Denn was das geschlossene Weltbild anlangt, das uns in der Jugend versagt geblieben ist – »dazu komme ich nicht«, sagen die Leute in den großen Städten gern, und da haben sie sehr recht. Und bleiben ewig draußen, die Zaungäste. Wie schön aber müßte es sein, mit gesammelter Kraft und mit der ganzen Macht der Erfahrung zu studieren! Sich auf eine Denkaufgabe zu konzentrieren! Nicht von vorn anzufangen, sondern wirklich fortzufahren; eine Bahn zu befahren und nicht zwanzig; ein Ding zu tun und nicht dreiunddreißig. Niemand von uns scheint Zeit zu haben, und doch sollte man sie sich nehmen. Wenige haben dazu das Geld. Und wir laufen nur so schnell, weil sie uns stoßen, und manche auch, weil sie Angst haben, stillzustehen, aus Furcht, sie könnten in der Rast zusammenklappen – Student mit dreißig Jahren ... auch dies wäre Tun und Arbeit und Kraft und Erfolg – nur nicht so schnell greifbar, nicht auf dem Teller, gleich, sofort, geschwind ... Mit welchem Resultat könnte man studieren, wenn man nicht es mehr müßte! Wenn man es will! Wenn die Lehre durch weitgeöffnete Flügeltüren einzieht, anstatt durch widerwillig eingeklemmte Türchen, wie so oft in der Jugend! Man muß nicht alles wissen .... »Bemiß deine Lebenszeit«, sagt Seneca, »für so vieles reicht sie nicht.« Und er spricht von Dingen, die man vergessen sollte, wenn man sie je gewußt hat. Aber von denen rede ich nicht. Sondern von der Lust des Lernens, das uns versagt ist, weil wir lehren sollen, ewig lehren; geben, wo wir noch nehmen möchten; am Ladentisch drängen sich die Leute, und ängstlich sieht die gute Kaufmannsfrau auf die Hintertür, wo denn der Lieferant bleibt ...! Ja, wo bleibt er –? Ich möchte Student sein. Aber wenn ich freilich daran denke, unter wie vielen »Ringen« und Original-Deutschen Studentenschaften ich dann zu wählen hätte, dann möchte ich es lieber nicht sein. Ad exercitium vitae parati estisne –? Sumus. 1929 Einkehr Mit vierzig Jahren soll man sich besinnen .... Worauf? Auf das, was außen und was innen – und auf den Lauf der Sterne, die im kalten Kosmos schweben, sowie auch darauf: Wovon mag eigentlich der Bornemann leben –? Die Wiese summt und liegt grün eingesponnen – ich mittendrin; durch die geschlossenen Lider sagen tausend Sonnen, daß ich lebendig bin. Schreite die Straße der Einsamkeit empor, Stimmen hörst du wie nie zuvor ... aus dem Äther kommen dir Einsicht und Stärke Laßler platzt vor Neid. Ich werde ihn ärgern, indem ich es nicht bemerke. Wolken ziehn über die Sonne. Es rührt sich kein Blatt. Stumm liegt der See; der Weise, der einmal begriffen hat, fragt nicht: Warum? Er betrachtet nur noch das Wie; er sieht die Kristalle zergehn, wenn es geschneit hat – Warum schneidet man sich eigentlich immer die Nägel, wenn man keine Zeit hat –? So schwingst du dich in die obern Regionen mußt aber dennoch hier unten wohnen. Ein Vers von Morgenstern tanzt querfeldein: »Es zieht einen immer wieder hinein.« 1929 ...das Geld aus dem Fenster! In Cannes wohnt Herr Chanel aus den USA, und am 6. April dieses Jahres hat er zum großen Entzücken der ortseingesessenen und zugewanderten Bevölkerung eine Handvoll Tausendfranc-Scheine aus seinem Hotelfenster auf die Straße geworfen. Wie uns unser Spezialkorrespondent Theobald Tiger aus Cannes meldet, liegen die Scheine zur Zeit nicht mehr auf der Straße. Oh, Herr Chanel ist nicht verrückt. Zunächst hat er das nicht zum erstenmal gemacht: schon einmal hat er die Cannesen mit den flatternden blaßblau-rosa Schmetterlingen erfreut. Herr Chanel ist nicht verdreht – er ist nur zu reich. Er muß sehr reich sein; denn der gewöhnliche Haus-Reiche (Homo pecuniosus communis) trägt als Panzer und Aura einen leichten Wams von Geiz; fahre nie mit einem reichen Mann nach Hause, der kein Auto hat immer wirst du das Auto bezahlen .... Herr Chanel muß so reich sein, daß es schon nicht mehr schön ist: denn als er nach Europa herüberfuhr, da verfertigte er auf dem Schiff eine lange Drachenschnur, mit hundert Tausendfranc- Scheinen daran – pro Zettel immerhin 160 Mark und so ließ er die Schnur im Wasser hinter dem Schiff hergleiten. Dann zog er sie heraus, die Scheine waren alle noch da. »Three cheers auf die Fische –!« rief der Herr Chanel. »Die Fische machen sich wenigstens nichts aus Geld – also sind sie besser als die Menschen!« Ich halte diesen Schluß für leicht anfechtbar; vielleicht nehmen die Fische nur Dollars oder gedeckte Schecks oder nur Naturalien von der Firma Jonas u. Cie, man weiß das nicht genau. Das tollste Stück aber hat Herr Chanel in New York vollbracht. Dortselbst zog er nach einer Wette mit einem Korb in den Straßen herum, der war bis obenhin mit Dollarscheinen gefüllt, ungefähr eine Million! Und davon bot er allen Vorübergehenden an. »Bitte, nehmen Sie doch – aber bedienen Sie sich, meine Damen und Herren! Wer hat noch nicht seinen Dollar? Schöne, frische Dollars – hier ganz umsonst –!« Und da geschah das Wunder. Es nahm keiner. Die Amerikaner, die zwar sonntags fleißig aus ihren Gesangbüchern singen, hatten so etwas von Nächstenliebe noch nie gesehen, dieses Erlebnis lag völlig außerhalb ihrer Vorstellungssphäre, und Herr Chanel zog mit seinem Dollarkorb unangefochten durch die brausenden Straßen New Yorks. Nur ein schlichter Arbeiter erbarmte sich seiner und langte etwas zögernd in die raschelnde Masse .... Vier Zehn-Dollar-Scheine fischte der Mann, nur vier, mehr nicht, und damit ging er schnell ab, sie sicherlich sorgsam befühlend, ob sie auch echt seien, zweifelnd und sich oft umsehend, ob er nun auch nicht von dem Narren da etwa verfolgt würde .... Aber der rief weiterhin seine Ware aus, die keiner wollte. Hier war das Glück – da waren die Leute –: sie glaubten es nicht. Herr Chanel wird wahrscheinlich eines Tages von seinen besorgten Verwandten in ein Haus getan werden, in dem er den Kaiser der Sahara und den Erfinder der Fliegenfalle beim traulichen Poker antreffen wird .... Bis dahin aber möge er nicht fortfahren, an der göttlichen Weltordnung zu rütteln. Denn es ist etwas Ärgerliches um einen, der da sein Geld zum Fenster hinauswirft. Ich bin zwar nicht in Cannes dabeigewesen, aber ich kann mir – über den grapschenden Händen der Zugreifenden – die ärgerlich-belustigten Gesichter der Leute schon denken. Geld aus dem Fenster zu werfen –! Gutes, richtiges Geld aus dem Fenster –! Das haben unsere Mamas zu uns gesagt, wenn wir uns für fünfzehn Pfennig Makronen gekauft hatten (nannten Sie das auch »knacken«? wir nannten das »knacken«)– und es war wohl mehr eine schöne Redensart, denn wer sollte Geld aus dem Fenster werfen! Nein, es war nur eine facon de parler – meine Verwandtschaft hat mir zum Beispiel immer geweissagt, ich werde noch einmal eine Kellnerin heiraten, was in meiner Jugend so ziemlich das Äußerste darstellte, was sich ein braver Mann vorstellen konnte .... Geld aus dem Fenster –! Herr Chanel hat einer Redensart zur Wirklichkeit verholfen. Er hat uns endlich einmal gezeigt, wie so etwas tut, aber es tut nicht gut. Es ist Revolution gegen den Kosmos; wir werden das leise Gefühl einer Art Furcht nicht los – wohin soll das führen, wenn jetzt plötzlich aus den Fenstern der Babelsberger Straße und des Boulevard Malesherbes Schecks, Dollars, Francs, Hundertmarkscheine und das schönste Geld der Welt: die englischen schwarz-weißen Pfundnoten, auf uns heruntergeflattert kommen! Dann stimmt auf einmal alles nicht mehr. Ja, gewiß: man kann sich vielerlei dafür kaufen .... Ich nichts wie hin, und los gehts: ein Ultraphon und eine englische Pfeife und ,Q gespitzte Bleistifte und etwas Liebe und die gesammelten Werke des Philosophen Keyserling (die werfe ich dann wieder aus dem Fenster) – und für Lottchen ein Auto, ein sechspferdiges, aber mit Scheinwerfern, so groß wie Eierkuchen ... man kann sich vieles dafür kaufen, das ist wahr. Aber es ist nicht das Richtige. Es bleibt ein unbehagliches Gefühl an den Schulterblättern, seelisches Juckpulver kriecht durchs Gemüt, hier stimmt etwas nicht. Es ist doch nicht recht .... »Na, mir wäre das gleich – ich nehme, was ich kriege!« Das sagen Sie so – wenn Sie es nachher haben, dann werden Sie sehen: hier ist etwas nicht in Butter. Herr Chanel aus New York hat an der göttlichen Weltordnung gerüttelt. Denn das Geld soll man nicht zum Fenster hinauswerfen, sondern es soll da bleiben, wo es nun einmal von Gottes und Rechts wegen hingehört: da, wo es schon ist, in den Steuerkassen und bei denen, die es verdienen, ohne es zu verdienen. Und jedesmal, wenn ich jetzt durch die Straßen von Cannes gehe, werde ich sehnsüchtig an den Häuserfronten emporsehen, mit einem langen Blick – zur Erinnerung an den Herrn Chanel. 1928 Zwei Seelen Ich, Herr Tiger, bestehe zu meinem Heil aus einem Oberteil und einem Unterteil. Das Oberteil fühlt seine bescheidene Kleinheit, ihm ist nur wohl in völliger Reinheit; es ist tapfer, wahr, anständig und bis in seine tiefsten Tiefen klar und gesund. Das Oberteil ist auch durchaus befugt, Ratschläge zu erteilen und die Verbrechen von andern Oberteilen zu geißeln – es darf sich über die Menschen lustig machen, und wenn andre den Naseninhalt hochziehn, darf es lachen. Soweit das. Aber, Dunnerkeil, das Unterteil ! Feige, unentschlossen, heuchlerisch, wollüstig und verlogen; zu den pfinstersten Pfreuden des Pfleisches fühlt es sich hingezogen – dabei dumpf, kalt, zwergig, ein greuliches pessimistisches Ding: etwas ganz und gar Abscheuliches. Nun wäre aber auch einer denkbar – sehr bemerkenswert!–, der umgekehrt. Der in seinen untern Teilen nichts zu scheuen hätte, keinen seiner diesbezüglichen Schritte zu bereuen hätte – ein sauberes Triebwesen, ein ganzer Mann und bis in seine tiefsten Tiefen klar und gesund. Und es wäre zu denken, daß er am gleichen Skelette eine Seele mit Maukbeene hätte. Was er nur andenkt, wird faulig-verschmiert; sein Verstand läuft nie offen, sondern stets maskiert; sogar wenn er lügt, lügt er; glaubt sich nichts, redet sichs aber ein und ist oben herum überhaupt ein Schwein. Vor solchem Menschen müssen ja alle, die ihn begucken, vor Ekel mitten in die nächste Gosse spucken! Da striche auch ich mein doppelkollriges Kinn und betete ergriffen: »Ich danke dir, Gott, daß ich bin, wie ich bin!« Was aber Menschen aus einem Gusse betrifft in der schönsten der Welten –: der Fall ist äußerst selten. 1926 Warum eigentlich?... Kleine Dinge, die in der ganzen Welt gleich sind Vor dem Kriege ist in Paris ein sehr merkwürdiges Buch erschienen: »Les Petites Choses« von Emile Berr, bei Bernard Grasset, Paris. Es beschäftigt sich mit Dingen, die so klein sind, daß man sie kaum wahrnehmen kann; es ist gewissermaßen eine Zeitlupenbeobachtung des Lebens, eine Mikroskopie des Lächerlichen. Der Verfasser hat weiter nichts getan als einmal aufgepaßt, was so Leute alles machen, und dann hat er sich gefragt, warum sie es machen. Warum, fragt er, hat man vor Leuten Respekt, die sehr früh aufstehen? Warum sitzt das Monogramm im Taschentuch, wenn man es sucht, immer in der vierten Ecke? Diese Fragen sind nicht rein rational zu beantworten – es bleibt ein Rest, ein ganz winziger Rest von Irrationalem, von einer Art leichtem Irrsinn übrig, der nicht ausdeutbar ist. Daß sich zum Beispiel Leute freuen, die bei einem Glücksspiel gewinnen, ist recht begreiflich; daß sie sich aber noch dazu geschmeichelt fühlen, das rührt an die tiefsten Tiefen des Gemüts, an Urgründe von Götterglauben, Furcht, Sehnsucht nach himmlischer Bestätigung der Existenz und Freude an solcher Bestätigung. Warum es Leuten ein Hochgefühl verleiht, wenn sie einen andern durch ihre Brille gucken lassen, und dieser andere sagt dann: »Ach, sind Sie aber kurzsichtig!« – das hat noch kein Mensch herausbekommen. Berr bekommt es auch nicht heraus – er stellt es nur fest, er wirft, vorsichtig lächelnd, die Frage auf .... Warum? Warum schneidet man sich meistens die Nägel, wenn man es sehr eilig hat? Warum ärgert einen das Schnarchen eines andern, wenn man allein ist – und warum muß man lachen, wenn man es mit mehreren hört? Warum ist das illustrierte Blatt im Wartezimmer eines Zahnarztes immer vom vorigen halben Jahr? Warum hat die plötzlich eintretende Stille an einem Tisch, an dem gegessen wird, etwas Beängstigendes? Warum ist einem die Person, die ins Abteil einbricht, zunächst – bis sie sich hingesetzt hat – unsympathisch? Warum fühlt man sich leicht geschmeichelt, wenn einen ein Hund wiedererkennt? Warum kann kein Mann mit Papier und Bleistift einem noch so interessanten Redner zuhören, ohne im Verlauf von fünf Minuten kleine Männerchen zu malen? Warum schlägt es nachts immer halb, wenn man aufwacht? Kleine Sachen, die Spaß machen Zu wissen, wo man sich erkältet hat. An der immer geringer werdenden Zahl der Blätter eines Redners zu merken, daß er nicht mehr lange reden wird. Auf dem Bahnsteig seine Koffer vorbeifahren zu sehen. In ein Trauerhaus zu kommen, wo die Leute ganz gefaßt sind. Diese winzigen Lächerlichkeiten sind nicht an Land und Zeit gebunden. Bekanntlich trennt uns von den Vorkriegsjahren eine viel größere Zeitspanne, als sie der Kalender anzeigt, es ist immerhin seitdem allerhand geschehen. Ebenso ist bekannt, daß die Franzosen in tausend kleinen Dingen des Lebens anders fühlen als etwa eine germanische Rasse. Und doch .... Und doch sind die Ähnlichkeiten so verblüffend, die Gefühlchen so genau dieselben wie unsere, die haardünnen humoristischen Lichterchen so kongruent den unsern, daß der Leser einen kleinen Schreck bekommt und sich sagt: »Also muß es doch etwas ganz Gleiches bei allen Menschen geben, die denselben Zivilisationselementen unterworfen sind.« Das muß es wohl auch. Soweit sich überhaupt ein Sinn aus den Ungereimtheiten, die hier nun folgen, herauslesen läßt, so ist es der der grenzenlosen Eitelkeit des Menschen – sein immerwährendes, auch auf die kleinsten Nebenumstände ausgedehntes Bestreben, sich, sich und sich herauszustreichen, dem andern überlegen zu sein, sich zu betonen, sich zu fühlen, der erste, der allererste zu sein. Aber damit ist die Sache nicht ausgedeutet. Es bleiben eine Menge dieser kleinen Lächerlichkeiten – und niemand kann sagen, warum. Und wenn man dann zu grübeln beginnt, aus welchem Grunde das so ist, dann wird man »Tja –« sagen und gegen eine dünne Wand gelaufen sein, an der es nicht mehr weitergeht. Kleine Sachen, die unangenehm sind Während des Essens von einem beobachtet zu werden, der nicht ißt. Einen Regenschirm zu finden, der ein kleines bißchen zu hübsch ist, als daß man ihn anstandshalber behalten könnte. In einen Salon einzutreten, wenn grade alles still ist. Auf einer sehr feinen Gesellschaft den Blick der Nachbarin auf sich zu fühlen, die beim Dessert grade sieht, wie man nicht weiß, welches das Käsemesser und welches das Obstmesser ist. Sich von einem hochvornehmen Diener in einen Mantel helfen zu lassen, dessen Ärmel schon ein bißchen abgeschabt sind. Was einem so schmeichelt An der Spitze einer alphabetischen Liste zu stehen. In einem billigen Hotel vom Portier, nach einem kurzen Blick, das teuerste Zimmer angewiesen zu bekommen. Neben einem Haus zu wohnen, in dem ein Mord begangen worden ist. Auswendig eine Adresse zu sagen, derentwegen sich alle den Kopf zerbrechen. Auf einem internationalen Bankett einen Redner zu dir gewendet sprechen zu sehen, von dem du kein Wort verstehst, und der dich gewissermaßen als Zeugen seiner Ausführungen nimmt. Ein schlechter Schüler gewesen zu sein. 1928 Die Ehemalige Einmal habe ich in einem berliner Warenhaus dieses hier erlebt: Ich stand bei den Handschuhen und hatte, wie immer, meine Handschuhnummer vergessen und bekam vielerlei Handschuhgebilde übergestülpt. Neben mir stand eine junge Frau, eine Kundin ... nein, das war keine Kundin. Sie stand da so ... so, als ob sie dazu gehörte, aber sie gehörte doch offenbar nicht dazu, denn sie hatte Hut und Mantel an und bediente auch niemand, aber sie kaufte auch nichts. Sie sprach mit dem kleinen Fräulein, das hinter dem Ladentisch stand und grade nichts zu tun hatte. Ich hörte: – »Na, und is denn die Kaminski noch da? Was, die ist auch weg? So, nach Magdeburg? Na, und was treibt denn der Rembitzer? Was? Macht er abends immer noch solchen Klamauk? Da ist ja Grete – die ist aber dick geworden ...!« Es war eine Ehemalige, die hier sprach. Offenbar hatte sie geheiratet, und nun stand sie hier und besuchte ihre früheren Kolleginnen und fragte und bekam Antwort und informierte sich, aus lauter Neugier und Freude und Interesse. Und der Ladentisch wurde auf einmal so breit, so breit ... Sie war eine Kollegin gewesen; sie war es nicht mehr. Sie war eine Schlachtenbummlerin, und die Mädchen an der Arbeitsfront waren ja soweit ganz nett zu ihr – denn nun waren noch andere dazugetreten – aber es war da spürbar eine Kluft, klein und schmal, aber eben eine Kluft. Und warum war das? Die Ehemalige hatte es nicht mehr nötig. Sie wußte zwar noch recht gut über die kleinen Intimitäten des Rayons Bescheid, gewiß, obgleich sie, wie sich herausstellte, zum Beispiel nicht wußte und auch nicht hatte wissen können, daß die Strember einen gewaltigen Spektakel mit einer Prinzessin aus der Buchhaltung bekommen hatte, und daß es mit der damals so gutmütigen Fahrenheid nicht mehr zum Aushalten sei, man wisse auch warum. Na, so .... Hier wurde das Gespräch etwas dünn, und ich fing einige Seitenblicke auf. Die Ehemalige verdroß das alles nicht. Sie plauschte und fragte und unterhielt sich und gab ab und zu eine winzige Messerspitze überlegner Ironie in die Unterhaltung, wenig, nur so ein Körnchen .... Und sagte: »Zu meiner Zeit« – und sah aus wie ein alter pensionierter General. Da stand sie und gehörte nicht mehr dazu. Es half ihr alles nichts: nicht die alte Kameradschaft, nicht die Bekanntschaft mit den Kollegen, beliebt mußte sie auch gewesen sein, das merkte man gut – aber sie gehörte eben nicht mehr dazu. Denn gemeinsame Arbeit schafft Gemeinsamkeitsgefühle. Die halten nicht sehr lange vor – das fängt in der Schulklasse an, geht über die Kompanie bei den Soldaten und hört im Amt auf .... aber solange man dabei ist, gehört man eben dazu, weil man denselben Kummer zu tragen hat. Das adelt. Das verleiht eine unsichtbare Auszeichnung. Das gibt eine unsichtbare Nummer auf die Schultern: una ex nostris, eine von den Unsrigen. Heiratet sie aber, geht sie aus dem gemeinsamen Trott heraus, läuft ihre Uhr anders (darauf kommt alles an) –: dann gehört sie eben nicht mehr dazu, ist eine Ehemalige, wird wohl noch hier und da akzeptiert und aufgenommen und angehört .... Da kam die Aufsicht. Der kleine Schwarm stob auseinander. Eine, die erste Verkäuferin, blieb stehen und wechselte mit der Ehemaligen noch ein paar Worte, aber hinter diesen Worten stand schon leise, fast unmerklich, eine kleine Ungeduld: »Nun halt uns hier nicht in der Arbeit auf – du weißt ja, wie es hier ist – du mußt es ja wissen –!« Und da verabschiedete sich die Ehemalige und ging. Es sah aus, als hätte sie ein Gefecht verloren. Sie freute sich wohl, die junge Frau, daß sie nun einen Mann hatte und hier nicht mitzutun brauchte – aber es war doch ein ganz kleines Bedauern dabei und ein ganz winziger, ihr vielleicht nicht bewußter Schmerz. Sie ging ab durch die Mitte. »Paßt dieses Paar hier?« fragte mich die Verkäuferin. »Danke, ja«, sagte ich und sah der Ehemaligen nach, bis sie im Gewühl verschwand. 1931 Wie altern die –? Wie die heutige Generation in der Karikatur aussieht, wissen wir von den harten Spiegelbildern von Grosz bis Sternheim, und leider gibt es noch keinen deutschen Sittenroman wie den amerikanischen » Babbitt « von Sinclair Lewis. Wie sie ist, wäre also nicht ganz unbekannt. Aber wie wird sie sein –? Großpapa mit dem Bart, in dem die Vöglein nisten, Großpapa, dess' Knie die Enkelkinder treu umspielen, Großmama mit der Haube, das gute alte Paar – das wird im Kino rührend dargestellt. Die lieben betagten Leute kommen in allen Filmen wild vor – in Staaken und Tempelhof, in Weißensee und Babelsberg. Nur im Leben sind sie immer seltener und seltener anzutreffen. Ich will von der Generation, die den Krieg durchspekuliert hat, alles gern glauben – aber daß sie idyllisch altern wird, das geht mir nicht ein. Man lasse Revue passieren: Kalte Geschäfte und heiße Geschäfte; gesteigerter Eigentumssinn; Angst vor Revolution und erleichtertes Aufatmen; wüste Jahre der Inflation; starkes Gefühl für die Macht des Geldes: die Welt ein Schaufenster; Hetzjagd und keine Zeit, keine Zeit, Liebe in Eile, Erholung in Eile, Bildung in Eile; Krachs, Bekanntschaften an Stelle von Freunden; die Großstadt, nicht Amerika und schon nicht mehr Berlin – ewiges Treiben. Frauen aus einer bestimmten Schublade (ja nicht: die Frau – aber viele Frauen): Snobismus der Mode und bösartiger Klatsch; Medisance bis zur Tödlichkeit; wenig Kinder; Erotik des Kostümballs; Versachlichung gewisser Beziehungen; Lärm; Eile; Telefon; ein Heim wie eine Menschenschachtel. Wie altern die –? Denn eines Tages wird es doch aus sein: vorbei mit den tobenden Geschäften – vorbei mit den erregten Diskussionen am Schalterfenster der Bank; vorbei mit Konferenzen und Börsentrubel – auch Sanatorien sind ein angemessener Aufenthalt. »Papa wird alt« Was nun –? Denn eines Tages wird es doch aus sein: vorbei mit den flirrenden Ballabenden – vorbei mit den Blicken aus dem Augenwinkel, die auf einmal so farblos geworden sind vorbei mit heimlichen Nachmittagsausgängen und sehr späten Nächten .... »Mama wird alt.« Was nun –? Zunächst werden sie es herausschieben – bis zur letzten Unmöglichkeit. Alte Herren mit den Sakkos, die noch stramm auf Taille sitzen, mit dem Strohhütchen, mit den Einsatzstiefeln – ja, aber es ist nicht mehr das alte, erst wirken sie lächerlich, und dann kommt eines Tages der Augenblick, da glauben sie es sich selbst nicht mehr – und dann ist es aus. In Paris, sagen die Damen, fängt die Frau mit vierzig Jahren erst an – was ist denn das, ein junges Mädchen! Das ist überhaupt nichts. Wir sind die Erfahrung, das Wissen, die Routine und die Männerkenntnis! Aber da kommt dann etwas, das ist stärker als Schminke und die Friseurin und die Maniküre – stärker als sie alle zusammen. Und dann ist es aus. Ich glaube: diese Generation liefert keine gütigen alten Leute. Resignieren? Sie und resignieren? Sanft im Alter verdämmern –? Nein, dann schon lieber ein kurzes, schmerzloses Ende – nur das nicht, nur nicht untätig in der Ecke sitzen! Mein Gott, nicht mehr herumwirtschaften können! Unmöglich. Die Aktivität im großen ist dahin, aber noch gibt es ja einen Ersatz – für viele. Was das Geschäft nicht mehr hergibt, was die Erotik nicht mehr gibt: Aufregung, Enttäuschung, Niederlage und Sieg; Bekräftigung des Lebensgefühls und Rauschen in den Adern, Krampf und Kampf und Erlösung, so oder so –: das ist für viele alte Leute die Familie. In diesem Mikrokosmos kann man sich noch einmal ohne große körperliche Anstrengung austoben, kann kämpfen, siegen, unterliegen, wieder ansetzen, sich hochrappeln, drohen, am Leben sein – noch bin ich vorhanden, meine Herrschaften! Viel Vergnügen. Aber die Familienbande – nach Karl Kraus eines der tiefsten Worte der Sprache – sind gelockert, die Sippe ist auseinandergefallen, die Zusammenhänge sind dünn geworden, schlaff .... »Hast du eigentlich die Adresse von Tante Anna?« – Man muß sich auf Tante Anna erst besinnen – und dieses Königreich für die alten Leute schmilzt zusehends zusammen .... Wie werden sie altern? – Was werden sie tun, wenn sie nicht mehr ihr Leben führen können, dieses harte, stets ein wenig gehetzte, niemals zur Ruhe kommende Leben –? Ein Mensch kann vor Alter mit dem Kopf wackeln – aber Maschinen –? Wie werden sie altern –? Erinnerungen hervorholen? Aber es ist ja lächerlich: es gibt keine Erinnerungen, man hat niemals Zeit gehabt, sie zu befestigen, sollen wir vielleicht alte Haarlocken sammeln, he? In der Ecke sitzen und auf die neue Zeit schimpfen? Das wäre ein Eingeständnis: daß wir nicht mehr dazu gehören. Wir gehören noch dazu. Immer gehören wir dazu. Es ist unvorstellbar. Wenn nicht die Krankheit des Alters ein tiefes Wort spricht, bleibt es unvorstellbar. Und es wird bitter sein. Die Härte, mit der die junge Generation über die alte hinweggeht, ist gewachsen – da ist nichts zu verzeihen und zu begreifen – es hat keiner um Erlaubnis gefragt. Jetzt sind sie dran. Aber wie sind sie dran –! Nicht immer hat sanfte Liebe die Alternden umgeben – das ist in den Bilderbüchern so. Doch das verächtliche Achselzucken, mit dem Sohn und Tochter über die Ratschläge des Alten hinweggehen, die eindeutige Handbewegung, mit der er beiseite geschoben wird ... er darf froh sein, wenn er aufs Altenteil gesetzt wird – denn er kann keine Geschäfte mehr machen. Laß ihn reden – er kann keine Geschäfte mehr machen. Du bist groß in deiner Güte, lieber Gott. Viele werden alt und wissen es nicht. Viele sind schon alt – und wissen es nicht. Du umgibst ihre Augen mit einem sanften Schleier, sie schwatzen noch fröhlich mit, nehmen noch an allem teil, »so läuft ein Rad noch, dessen Antrieb längst gehemmt ist« – wie tragikomisch nehmen sie sich aus! Neulich sah ich einen großen internationalen Klaviervirtuosen – er war altmodisch gealtert: sein Kopf, den er noch vor dem Kriege so hoch getragen, war ihm in die Schultern gesunken, und der Rücken hatte sich gerundet .... So altert man heute nicht mehr. Sie sind alle kräftig dabei, und wenn sie die alten Signale hören, dann spitzen sie die Ohren, die alten Grauschimmel, und treten noch einmal an .... Welch eine leise Lächerlichkeit weht durch diese Parade... Bis sie verlöschen werden. »Das möchte ich«, mit Fontane, »das möchte ich noch erleben.« Ich habe keine Phantasie, es mir vorzustellen. Abgehastet werden sie zu ihrer eigenen Beerdigung kommen, nervös, gehetzt, überbeschäftigt. Sie werden kommen – wenn sie Zeit haben. Aber was wird vorher sein –? Wie werden sie altern –? 1925 Zuckerbrot und Peitsche Nun senkt sich auf die Fluren nieder der süße Kitsch mit Zucker-Ei. Nun kommen alle, alle wieder: das Schubert-Lied, die Holz-Schalmei .... Das Bürgertum erliegt der Wucht: Flucht, Flucht, Flucht. Sie wollen sich mit Kunst betäuben, sie wollen nur noch Märchen sehn; sie wollen ihre Welt zerstäuben und neben der Epoche gehn. Aus Not und militärscher Zucht: Flucht, Flucht, Flucht. So dichtet, Dichter: vom Atlantik, von Rittern und von Liebesnacht! Her, blaue Blume der Romantik! »Er löste ihr die Brünne sacht ....« Das ist Neudeutschlands grüne Frucht: Flucht, Flucht, Flucht. Wie ihr euch durch Musik entblößtet! In eurer Kunst ist keine Faust. So habt ihr euch noch stets getröstet, wenn über euch die Peitsche saust. Ihr wollt zu höhern Harmonien fliehn, fliehn, fliehn. Es hilft euch nichts. Geht ihr zu Grunde: man braucht euch nicht. Kein Platz bleibt leer. Ihr winselt wie die feigen Hunde – schiebt ab! Euch gibt es gar nicht mehr! Wir ändern aber wirken weit in die Zeit! In die Zeit! In die Zeit! 1930 Karrieren Et jibt Karrieren – die jehn durch den Hintern. Die Leute kriechen bei die Vorgesetzten rin. Da is et warm. Da kenn se ibawintern. Da bleihm se denn ne Weile drin. I, denken die – kein Neid! Wer hat, der hat. Denn komm se raus. Denn sind se plötzlich wat. Denn sind se plötzlich feine Herrn jeworden! Denn kenn die de Kollejen jahnich mehr. Vor Eifa wolln se jeden jleich amorden: »Ich bün Ihr Vorjesetzta! Bütte sehr!« Und jeda weeß doch, wie set ham jemacht! Det wird so schnell vajessen .... Keena lacht. Int Jejenteil. Der sitzt noch nich drei Stunden in seine neue Stellung drin –: da hat sich schon 'n junger Mann jefunden, der kriechtn wieda hinten rin! Und wenn die janze Hose kracht: weil mancha so Karriere macht. Er hat det Ding jeschohm. Nu sitzt a ehmt ohm. Von oben frisch und munter kuckt keena jerne runter. Weil man so rasch vajißt, wie man ruff, wie man ruff, wie man ruff jekommen ist –! 1930 Deutsche Richter von 1940 Wir stehen hier im Vereine in diesem Lederflaus; wie die abgestochenen Schweine sehn wir aus. Wir fechten die Kreuz und die Quere mit Schlag und Hieb und Stoß; wir schlachten uns um die Ehre –! Auf die Mensur! Los! Der deutsche Geist? Hier steht er. Wie unsere Tiefquart sitzt! Wir machen Hackepeter, daß die rote Suppe spritzt. Wir sind die Blüte der Arier und verachten kühl und grandios die verrohten Proletarier – Auf die Mensur! Gebunden! Los! Wir sitzen in zwanzig Jahren mit zerhacktem Angesicht in Würde und Talaren über euch zu Gericht. Dann werden wirs euch zeigen in Sprechstunden und Büros ... ihr habt euch zu ducken, zu schweigen Auf die Mensur! Gebunden! Fertig! Los! Wie lange, Männer und Frauen, seht ihr euch das mit an –? Wenn sie sich heut selber verhauen: Euch fallen sie morgen an! Ihr seid das Volk und die Masse von der Etsch bis an den Rhein: soll das die herrschende Klasse, sollen das unsere Führer sein –? Fertig! Los! Los! 1929 Schnipsel Wie rasch altern doch die Leute in der SPD –! Wenn sie dreißig sind, sind sie vierzig; wenn sie vierzig sind, sind sie fünfzig, und im Handumdrehn ist der Realpolitiker fertig. Wenn ein Kommunist arm ist, dann sagen die Leute, er sei neidisch. Gehört er dem mittleren Bürgertum an, dann sagen die Leute, er sei ein Idiot, denn er handele gegen seine eignen Interessen. Ist er aber reich, dann sagen sie, seine Lebensführung stehe nicht mit seinen Prinzipien im Einklang. Worauf denn zu fragen wäre: Wann darf man eigentlich Kommunist sein –? Spricht einer über Rußland anders als schimpfend, dann wird er schief angesehn. Nimmt er die Russen gar ernst und lobt ihr ungeheures Werk, so heben die Leute im Salon den Kopf, wie wenn er einen Wind gelassen habe, und gehen naserümpfend von ihm fort – ausgestoßen sei er! Es ist schon so, daß durch die Verdummungsarbeit der Presse, durch die Beeinflussung der Kirchen und die eigne Denkfaulheit der Mann von der Straße in Frankreich, Schweden, England und der Schweiz sich die Russen immer noch so vorstellt, wie sie das antibolschewistische Plakat der Jahre 1919/1920 abgebildet hat: blutgierig, das Messer zwischen den Zähnen, in Lumpen gehüllt und jederzeit bereit, sich auf ganz Europa zu stürzen. Hinter diesem Plakat lassen sich die herrlichsten Geschäfte machen. Und sie werden gemacht. Satire hat eine Grenze nach oben: Buddha entzieht sich ihr. Satire hat auch eine Grenze nach unten. In Deutschland etwa die herrschenden faschistischen Mächte. Es lohnt nicht – so tief kann man nicht schießen. Die Menschen sind so geartet: Wenn ihnen einer sagt, daß Herr X befördert wurde, so imponiert ihnen das ungeheuer. Wer ihn befördert hat, danach fragen sie gar nicht. Manchmal sieht man Freunde wieder, die es zu etwas gebracht haben. Neid? Nein. Aber wenn man lange nachgedacht hat, warum sie einem so fremd und so unsympathisch geworden sind, so dürfte es wohl dieses sein: ihre süßliche Erfolgschnauze. Es gibt Leute, die wollen lieber einen Stehplatz in der ersten Klasse als einen Sitzplatz in der dritten. Es sind keine sympathischen Leute. Er kaufte sich eine Hundepeitsche und einen kleinen dazugehörigen Hund. Affenkäfig Der Affe (von den Besuchern): »Wie gut, daß die alle hinter Gittern sind –!« (Alter »Simplicissimus«) In Berlins Zoologischem Garten ist eine Affenhorde aus Abessinien eingesperrt, und vor ihr blamiert sich das Publikum täglich von neun bis sechs Uhr. Hamadryas Hamadryas L. sitzt still im Käfig und muß glauben, daß die Menschen eine kindische und etwas schwachsinnige Gesellschaft sind. Weil es Affen der alten Welt sind, haben sie Gesäßschwielen und Backentaschen. Die Backentaschen kann man nicht sehen. Die Gesäßschwielen äußern sich in flammender Röte – es ist, als ob jeder Affe auf einem Edamer Käse säße. Die Horde wohnt in einem Riesenkäfig, von drei Seiten gut zu besichtigen; wenn man auf der einen Seite steht, kann man zur andern hindurchsehen und sieht: Gitterstangen, die Affen, wieder Gitterstangen und dahinter das Publikum. Da stehen sie. Da stehen Papa, Mama, das Kleinchen; ausgeschlafen, fein sonntagvormittaglich gebadet und mit offenen Nasenlöchern. Sie sind leicht amüsiert, mit einer Mischung von Neugier, vernünftiger Überlegenheit und einem Schuß gutmütigen Spottes. Theater am Vormittag – die Affen sollen ihnen etwas vorspielen. Vor allem einen ganz bestimmten Akt. Zunächst ist alles still im Affenkäfig. Auf den hohen Brettern sitzen die Tiere umher, allein, zu zweit, zu dritt. Da oben sitzt eine Ehe – zwei in sich versunkene Tiere; umschlungen, lauscht jedes auf den Herzschlag des andern. Einige lausen sich. Die Gelausten haben im zufriedenen Gesichtsausdruck eine überraschende Ähnlichkeit mit eingeseiften Herren im Friseurladen, sie sehen würdig aus und sind durchaus im Einverständnis mit dem guten Werk, das da getan wird. Die Lauser suchen, still und sicher, kämmen sorgsam die Haare zurück, tasten und stecken manchmal das Gejagte in den Mund .... Einer hockt am Boden, Urmensch am Feuer, und schaufelt mit langen Armen Nußreste in sich hinein. Einer rutscht vorn an das Gitter, läßt sich mit zufriedenem Gesichtsausdruck vor dem Publikum nieder, seinerseits im Theater, setzt sich behaglich zurecht .... So ... es kann anfangen. Es fängt an. Es erscheint Frau Dembitzer, fest überzeugt, daß der Affe seit frühmorgens um sieben darauf gewartet habe, daß sie »Zi-zi-zi!« zu ihm mache. Der Affe sieht sie an ... mit einem himmlischen Blick. Frau Dembitzer ist unendlich überlegen. Der Affe auch. Herr Dembitzer wirft dem Affen einen Brocken auf die Nase. Der Affe hebt den Brocken auf, beriecht ihn, steckt ihn langsam in den Mund. Sein hart gefalteter Bauernmund bewegt sich. Dann sieht er gelassen um sich. Kind Dembitzer versucht, den Affen mit einem Stock zu necken. Der Affe ist plötzlich sechstausend Jahre alt. Drüben muß etwas vorgehen. In den Blicken der Beschauer liegt ein lüsterner, lauernder Ausdruck. Die Augen werden klein und zwinkern. Die Frauen schwanken zwischen Abscheu, Grauen und einem Gefühl: nostra res agitur. Was ist es? Die Affen der andern Seite sind dazu übergegangen, sich einer anregenden Okularinspektion zu unterziehen. Sie spielen etwas, das nicht Mah-Jongg heißt. Das Publikum ist indigniert, amüsiert, aufgeregt und angenehm unterhalten. Ein leiser Schauer von bösem Gewissen geht durch die Leute – jeder fühlt sich getroffen. »Mama!« sagt ganz laut ein Kind, »was ist das für ein roter Faden, den der Affe da hat –?« Mama sagt es nicht. Mein liebes Kind, es ist der rote Faden, der sich durch die ganze Weltgeschichte zieht. In die Affen ist Bewegung gekommen. Die Szene gleicht etwa einem Familienbad in Zinnowitz. Man geht umher, berührt sich, stößt einander, betastet fremde und eigne Glieder .... Zwei Kleine fliehen unter Gekreisch im Kreise. Ein bebarteter Konsistorialrat bespricht ernst mit einem Studienrat die Schwere der Zeiten. Eine verlassene Äffin verfolgt aufmerksam das Treiben des Ehemaligen. Ein junger Affe spricht mit seinem Verleger – der Verleger zieht ihm unter heftigen Arm- und Beinbewegungen fünfzig Prozent ab. Zwei vereinigte Sozialdemokraten sind vernünftig und realpolitisch geworden; mißbilligend sehen sie auf die Jungen – gleich werden sie ein Kompromiß schließen. Zwei Affen bereden ein Geheimnis, das nur sie kennen. Das Publikum ist leicht enttäuscht, weil wenig Unanständiges vorgeht. Die Affen scheinen vom Publikum gar nicht enttäuscht – sie erwarten wohl nicht mehr. Hätten wir Revue-Theater und nicht langweilige Sportpaläste voll geklauter Tricks – welch eine Revue-Szene! In dem Riesenkäfig wohnten früher die Menschenaffen aus Gibraltar. Große, dunkle und haarige Burschen, größer als Menschen – mit riesigen alten Negergesichtern. Eine Mutter hatte ein Kleines – sie barg es immer an ihrer Brust, eine schwarze Madonna. Sie sind alle eingegangen. Das Klima hat ihnen wohl nicht zugesagt. Sie sind nicht die einzigen, die dieses Klima nicht vertragen können. Ob die Affen einen Präsidenten haben? Und eine Reichswehr? Und Oberlandesgerichtsräte? Vielleicht hatten sie das alles, im fernen Gibraltar. Und nun sind sie eingegangen, weil man es ihnen weggenommen hat. Denn was ein richtiger Affe ist, der kann ohne so etwas nicht leben. 1924 Nur »Es ist ein Irrtum zu glauben«, habe ich neulich bei einem hochfeinen Schriftsteller gelernt, »daß die Arbeiter die Türme erbaut haben; sie haben sie nur gemauert.« Nur – »nur« ist gut. Es ist immer wieder bewundernswert, daß nicht viel mehr Türme einstürzen, Eisenbahnbrücken zusammenkrachen, Räder aus den Gleisen springen ... auf wem ruht das alles? Auf einem Zwiefachen. Auf dem Geist, der es ersonnen hat – und auf der unendlichen Treue, die es ausführte. Der geistige Mitarbeiter hat, manchmal wenigstens, noch mehr als eine innerliche Befriedigung von seinem Werk; er ist an den Überschüssen beteiligt, er kann sich Aktien kaufen, er hat den Ruhm, er macht seinen Namen bekannt ... manchmal. (Obgleich die großen Konzerne es verstanden haben, auch den Ingenieur, den Erfinder, den geistigen Bastler in ein trostloses Angestelltenverhältnis hinabzudrücken – der Arbeiter überschätze ja nicht den weißen Kragen: der täuscht.) Aber was hat der Arbeiter –? Den unzulänglichen Lohn. Wenig Befriedigung. Im allerbesten Fall das verständnisvolle Lob des Werkmeisters, der seine Leute kennt und der von Schulze IV weiß: »Der Junge ist richtig. Wo ich den hinstelle, da klappts.« Das ist denn aber auch alles. Um so beachtlicher, mit welcher Lust, mit welcher Treue im kleinen, mit welcher ernsten Fach- und Sachkenntnis dennoch alle diese Arbeiten ausgeführt werden. Es ist natürlich in erster Reihe die Überlegung: Mache ich das hier nicht gut, fliege ich auf die Straße ... und dann –? Aber daneben ist es doch auch der Stolz des Fachmannes; die Freude an der Sache, trotz alledem, obgleich sich so viele bemühen, sie dem Arbeiter auszutreiben. Er vergißt mitunter, für wen er da eigentlich arbeitet, denn der Mensch ist schon so, daß ihn die Arbeit gefangennehmen kann, und er zieht die Schrauben an, als wären es seine eigenen, und als bekäme er es bezahlt. Er bekommt es nicht bezahlt; er bekommt nur seinen Wochenlohn. Da hängen sie auf den Türmen, da liegen sie auf den Brücken, da lassen sie sich an Stellings herunter und pinseln auf schwanken Gerüsten – ich vergaß hinzuzufügen: nur. Sie mauern nur. Sie sorgen nur dafür, daß sich die geistige Vision des Erbauers auch verwirkliche – was ist denn das schon, nicht wahr, das kann doch jeder .... Ob es auch der feine Schriftsteller kann, der dieses »nur« hingeschrieben hat, das möchte ich bezweifeln. Daher ich der Meinung bin: Der Handarbeiter ist dem Kopfarbeiter gleichzusetzen. Der eine ist unfähig, einen Turm auf dem Papier zu konstruieren, kennt nicht die heißen Nächte, wo das Werk, noch in den Wolken schwebend, nach Erfüllung ruft; der andere kann nicht jeden Morgen um fünf aufstehen, bei jedem Wetter zur Stelle sein, schwindelfrei arbeiten, seine Körperkraft drangeben ... jeder seins. »Nur«? –. Das Überflüssigste auf der Welt ist ein kleinbürgerlicher Philosoph. 1929 Geduld Die großen, sanften Augen der Bauernpferde, die still trottend ziehn; auf den Augenrändern und in den Augenwinkeln sitzt es schwarz vor Fliegen .... Geduld –. Der wie ein Paket geschnürte Hund, dem der Professor Curare eingespritzt hat, nun kann er sich nicht bewegen, nur noch fühlen; sie haben ihm die Harnleiter durchgeschnitten, da liegt er. Studenten umgeben das prächtige Bild ... Geduld – Der verheiratete Angestellte, der vor dem brummigen Chef steht, zitternd, die Kündigung an den Kopf geworfen zu bekommen; der Mann hinter dem Schreibtisch fühlt sich: er hat auf einmal zwei Leben: das eigne und das des andern .... Geduld – Der Proletarier im Holzschrein vor Gericht, wo unaufhörlich die dreisten Ermahnungen des Richters kalt-spöttisch auf ihn heruntersausen .... Geduld – Das Fürsorgekind, das einer verwitweten Megäre in die Anstaltsfinger gefallen ist; die braucht bei Männern keine Lust zu suchen, sie hat die Kinder ... Geduld – Läutert Leiden? Welchen Sinn hat es? Was haben sie getan, mein Gott: das Pferd, der Hund, der Angestellte, der Proletarier, das Fürsorgekind –? Sind sie schuld? Woran sind sie schuld? Nimm ihnen die Geduld! Nimm ihnen die Geduld! Nimm ihnen die Geduld –! 1929 Warte nicht! Du, Frau an der Falzmaschine, sieh in den Himmel hinauf! du nähst am Fenster, Mädchen sieh in den Steinhof hinab! Denkt ihr über das Schicksal nach? über gestern, heute und morgen? Kopf hoch! Es gibt einen Spruch, der strahlt über allen Sorgen: Warte nicht zu lange, warte nicht zu lang! Lausch deinem innern Klange, die Zeit geht ihren Gang. Jeder hat im Leben eine Melodie ... Und was du dir nicht selber nimmst, das erreichst du nie –! Du, junge Arbeiterin, liebst einen, der dich liebt. Sollst du ihn nehmen? Ist er ein Gewinn? Hat er zu geben, wenn er gibt? Mach reinen Tisch und entscheide dich – Süden oder Norden! Ja oder Nein! – aber bleib nicht stehn, noch keine ist jünger geworden .... Warte nicht zu lange, warte nicht zu lang –! Lausch deinem innern Klange, die Zeit geht ihren Gang. Jeder hat im Leben eine Melodie .... Und was du dir nicht selber nimmst, das erreichst du nie –! Du, Kämpfer für die Freiheit deiner Klasse, laß dich nicht einschläfern! Von den Reden der Wichtigtuer, der Schreiberseelen, der falschen Führer! Manches Jahr ging ungenützt hin, laß dir nichts prophezein! Deine Klasse wartet auf dich – hilf sie vom Joch zu befreien! Warte nicht zu lange! warte nicht zu lang –! Lausch dem Weltenklange die Zeit geht ihren Gang. Jeder hat im Leben eine Melodie .... Und wenn du dir vom Lebensbaum die Früchte nicht einmal an dich reißt – bekommst du sie nie –! 1931 Die Zeitbremse Wenn ich zum Augenblicke sage: Verweile doch, du bist so schön ... ... tempus sistere ... die Zeit aufhalten .... Ich bekam eine Stunde Arrest, weil ich sistere damals nicht richtig konjugieren konnte – und ich bekäme sie heute wieder, denn ich kann es noch immer nicht ... tempus sistere ... Wer das könnte –! Mein Freund Sylvius Antenkogel konnte es. Das war überhaupt ein Kerl –! Gott verzeih mirs, aber dagegen ist der Professor Eucken gar nichts. S. Antenkogel wurde uns dahingerafft – am 29. Februar 1923 – er starb an zu schnell und in maßlosen Quantitäten hinabgeschlungener Hamburger Sülze. Doch das nebenher. Wenn Antenkogel mir – wie auch diesmal – eine unfrankierte Postkarte schrieb, wußte ich schon immer, was die Glocke geschlagen hatte. Auf der Karte stand nur das eine Wort: »Komm!« – Weiter nichts. In jener undeutlichen, krakeligen Schrift, die erst den wahren Gelehrten ausmacht. Ich wußte genug, ließ meine Roßschlächterei Roßschlächterei sein, packte das Nötigste zusammen und setzte mich auf die Bahn. Antenkogel wohnte in Werneuchen – wie man dahin kommt, ist eine Sache für sich – und ich fuhr hin. Sein Schlößchen, in dem er experimentierte, lag ein wenig außerhalb der Stadt – ein hübsches Villachen in einem jener Stile, von denen sich manche Leute ihr ganzes Leben lang ernähren. Ich verstehe nichts davon, aber es war ein hübsches Häuschen – ein kleiner, verschwiegener Fuchsbau im Grünen eines majestätisch rauschenden Parks. Die Hausdame ließ mich ablegen – Antenkogel war zur Zeit unverheiratet – und geleitete mich in das Empfangszimmer. Da saß mein Freund Sylvius Antenkogel am Schreibtisch, dick und fett. »Sylvius!« rief ich. »Wie siehst du aus, Junge? Wo hast du dich so erholt?« Er grinste von einem Ohr bis zum anderen, was seinen feinen Zügen etwas mädchenhaft Schüchternes verlieh. »Ich habe etwas gefunden, Peter«, sagte er. »Ich habe etwas gefunden. Komm mit!« – Und ich kam. Wir gingen durch die ganze Wohnung: durch das Wohnzimmer und das Skatzimmer und das Bridgezimmer und das Pokerzimmer, traten auf den Korridor und kletterten in den Keller. Hier pflegte Sylvius mit seinen Apparaten zu hantieren, tief unter der Erde – der Keller war ausgehöhlt und vertieft worden – und kein Mensch durfte ihn stören. Dröhnend fiel die schwere Tür ins Schloß. »Peter!« sagte Antenkogel, »ich weiß, du bist ein Trottel.« – »Sylvius«, sagte ich, »du darfst nicht verallgemeinern. Manchmal freilich –.« – »Du bist ein Trottel«, sagte er fest. »Und doch will ich dir, weil du es bist, meine jüngste Erfindung vorführen. Es ist die statio temporis, die Zeitbremse. Kannst du dir vorstellen, was das ist?« – Ich konnte es nicht. »Peter«, sagte er. »Hast du schon einmal in deinem verruchten Leben einen glücklichen Moment gehabt? Oder mehrere?« – Ich konnte es nicht leugnen und wurde rot. »Nein, nicht nur die«, sagte er. »Überhaupt – ist es dir noch nicht vorgekommen, daß du das Gefühl hattest: jetzt müßte die Zeit enden, Sonne, steh still im Tale Gibeon?« – »Ja«, sagte ich. – »Nun gut«, sagte er. »In diesem Zimmer kann ich die Sonne, kann ich die Zeit stillstehen lassen!« Ich sah mich um. Wir waren in einem niedrigen, grau getünchten Gemach, nichts Auffälliges war darin zu entdecken. An der Wand hing eine Kuckucksuhr mit großen bleiernen Tannenzapfen als Gewichte. Antenkogel schloß eine Klappe in der Wand auf und machte sich daran zu schaffen. »Paß auf«, sagte er. Und ich fühlte, wie mein Herzschlag zu stocken anfing, und hörte, wie die Uhr langsamer tickte. Quälend und träge floß die Zeit dahin, schien es mir. »Wie fühlst – du – dich?« sagte Antenkogel – in endlosen Zeiträumen kamen die Worte aus seinem Munde. »Gut«, sagte ich schleppend. Und immer langsamer und langsamer kroch die Zeit daher und auf einmal: blieb sie stehen. Mein Herz blieb stehen. Jetzt war gar nichts, fühlte ich. Die Welt stand still. Das war die Ewigkeit. Der Kuckuck hatte wohl gerade eine volle Stunde ausrufen wollen, denn er steckte seinen kleinen Holzkopf zum Fensterchen hinaus und guckte in die Gegend. Er rief nicht. Niemand und nichts bewegte sich. Wir saßen wie die Wachsbilder, reglos stumm – Sylvius unbeweglich in seiner Ecke – und sahen uns an .... Wie lange? Das kann ich eben nicht sagen. Es gab kein wie lange .... Aber dann gab es einen Klapp, der Kuckuck schrie mit beängstigender Schnelligkeit viele Male, die Uhr schnarrte, mein Herz pochte stürmisch, und Antenkogel tat, wie es mir schien, viele Dinge hintereinander mit unglaublicher Fixigkeit. »So«, sagte er. »Jetzt sind wir wieder richtig. Wir haben der Zeit unseren Tribut gezollt, und waren wir erst etwas zurückgeblieben, so gehen wir nun wieder mit der übrigen Menschheit d'accord. Voilà!« – Und er verbeugte sich wie ein Zauberkünstler. Ein Wunsch durchzuckte mich heiß. »Leih mir das Ding!« bat ich. »Leih mir die Maschine!« – Und er lieh sie mir. Ich stürzte auf die Bahn. Die geheimnisvolle Maschine hatte ich in meine Reisetasche gepackt – da lag sie, mit dem Griff nach oben, und ich brauchte nur zu ziehen. Ah – würde ich ziehen! Das Zügelchen der Kleinbahn fuhr ab, und ich dachte und spintisierte und träumte .... Ich würde an dem Griff ziehen, wenn ich wieder einmal wegen Vergehens gegen § 146 Absatz 2 der republikanischen Verordnung über den Handel mit Pferdefleisch angeklagt war, und stehe vor meinen Richtern: vor mir der Rechtsanwalt Rothspon, bekleidet mit einem koketten Seidenmützchen, und redend, wie einer redet, der ein anständiges Honorar bekommen hat – fassungslos, an allen Gliedern zitternd und gänzlich ermattet, sprechen die Richter mich frei. Ah – ist das ein schöner Moment! Den heißts auskosten. Ich werde am Griff ziehen. Ich werde ziehen, wenn ich am Traualtar mit Adelgunden stehe, meine Frackbrust ist gestärkt, der Organist spielt eine schöne, fromme Weise, und der Prediger fügt unsere Hände zusammen, und seine Beffchen zittern leise. Und ich weiß noch nichts von den Regentropfen, die in eine junge Ehe fallen können, weiß noch nichts von einem Dienstmädchenkrach, einer angebrannten Mahlzeit und einem verheulten Frauenantlitz .... Alles ist rosig, von jenem zarten, impertinenten Rosa, wie es kein zweites auf der Welt gibt .... Diesen Augenblick werde ich bis ins Endlose verlängern .... Ich werde ziehen. Am Griff werde ich ziehen, wenn ich leicht angeschwipst zu Füßen meiner angebeteten Auguste sitze. Sie hält eine leere Sektflasche auf dem Schoß, deren Hals sie angelegentlich streichelt, ihre Augen glitzern, und sie erzählt phantastische Geschichten aus Amerika, die alle nicht wahr, aber alle ungeheuer amüsant sind. Morgen ist ein grauer Arbeitstag .... Heute! Heute! Ewig soll das Heute dauern! Ich werde ziehen. Ich werde am Griff ziehen, wenn beim Roulette vor mir der Papiergeldhaufen groß und immer größer geworden ist, ein dickes schmutziges Bündel Banknoten liegt aufgeschichtet da, und ich sitze dahinter und atme durch meine Nüstern voller Schadenfreude den Haß und die Angst und den nervenerregenden Kitzel ein, die da über dem grünen Tisch brodeln. Gewonnen habe ich, gewonnen –! Wer weiß, was die nächste Minute bringt! Lange lange –! Ich werde am Griff ziehen. Und ich werde ziehen, wenn Hulda, das Mädchen aus guter Familie .... Aber da wurde mein Gesicht lang und länger. Der Zug stuckerte über die letzten Weichen, wir waren kurz vor Berlin. Werde ich ziehen? Werde ich wirklich ziehen? Hat es einen Wert, die Zeit anzuhalten? Ist es nicht viel, viel schöner, die Zeit auskosten zu müssen, hastig, gierig, schlürfend – weil man Angst hat, daß sie zerrinnt und verfliegt? Besteht nicht darin der Wert aller großen und kleinen Freuden, daß sie vergänglich sind? Vergänglich die paar glücklichen Wochen in dem kleinen Försterhaus und vergänglich ein Vierundzwanzigstundenglück? Würde ich wirklich ziehen? Und da hielt der Zug, und ich packte mit entschlossenem Griff meine Reisetasche mit der Zeitbremse, sah noch einmal lange auf das qualmende und neblige Berlin – und fuhr zurück – nach Werneuchen. Ich gab die Zeitbremse ab und habe sie nie wiedergesehen. 1919 Berliner Herbst Für Paul Graetz Denn, so um'm September rum, denn kriejn se wacklije Beene die Fliejen nämlich. Denn rummeln se so und machen sich janz kleene. Nee – fliejn wolln se nich mehr. Wenn se schon so ankomm, 'n bisken benaut ... denn krabbeln se so anne Scheihm; oda se summ noch 'n bisken laut, aba mehrschtens lassen ses bleihm ... Nee – fliejn wolln se nich mehr. Wenn se denn kriechen, falln se beinah um. Un denn wern se nochmal heita, denn rappeln se sich ooch nochmal hoch, un denn jehts noch 'n Sticksken weita – Aba fliejn ... fliejn wolln die nich mehr. Die andan von Somma sind nu ooch nich mehr da. Na, nu wissen se – nu is zu Ende. Manche, mit so jelbe Eia an Bauch, die brumm een so über de Hände .... A richtich fliejn wolln se nich mehr. Na, und denn finnste se morjens frieh, da liejen se denn so hinta de Fenstern rum. Denn sind se dot. Und wir jehn denn ooch in'n Winta. Wie alt bist du eijentlich –? – »Ick? Achtunnfürzich.« – »Kommst heut ahmt mit, nach unsan Lokal –?« – »Allemal.« 1928 Wir hätten sollen .... Alexander Moszkowski hat einmal die Gefühle einer Familie nach der großen Sommerreise geschildert; in dieser Schilderung begannen alle Sätze mit den Worten: »Wir hätten sollen .... – Wir hätten sollen schon am Freitag abreisen – wir hätten sollen über den Brenner fahren – wir hätten sollen nicht den großen Koffer mitnehmen« – und es hörte auf: »Wir hätten sollen überhaupt zu Hause bleiben!« – Wir hätten sollen ... das ist ein nachdenkliches Wort. Wenn ich es auf meinem Gedankenklavier, der Schreibmaschine, anschlage, klingt es lange nach – es ist fast wie ein Thema, das mit vielen Variationen gespielt werden kann. Wir hätten sollen .... Als wir selbdritt, Karlchen, Jakopp und ich, aus Rumänien herauffuhren, damals, als der große Krieg liquidiert wurde, kamen wir eines Nachts durch die ungarische Station Szolnog. Da gabelten sich die Wege: man konnte über Budapest an die Panke fahren, oder aber über Böhmen. Was nun? In Böhmen, verlautete es, herrsche Aufstand und Rebellion, der andre Weg war nicht sichrer .... Wir fuhren über Pest und kamen richtig nach Hause. Aber von all dem Randal, den Rotweinnächten im Coupé, dem jungen rumänischen Offizier, der aussah wie ein berliner Barschieber, den vielen bunten Schnäpsen im großen Bad in Pest, von Salzburg nach München – von all dem hat Karlchen nichts behalten. Sehe ich ihn heute, dann nickt er schwermütig mit dem Kopf und sagt vorwurfsvoll: »Wir hätten doch sollen in Szolnog umsteigen!« Hätten wir wirklich? Wäre dann alles anders gekommen? Es gibt ja Leute, die behaupten, ihr ganzes Leben wäre anders verlaufen, wenn sie in Szolnog umgestiegen wären – und es sind dieselben Leute, die hinterher, wenn alles vorbei ist, furchtbar schlau sind, und uns erzählen, wie man es hätte machen müssen, aber leider nicht gemacht hat, und wie alles gekommen wäre, wenn .... Ich glaube diesen Leuten nicht so recht. Ich werde das leise Mißtrauen nicht los, daß das eine böse Gabe ist, hinterher die »Lage zu spannen«, hinterher zu wissen, wie es hätte gemacht werden müssen – man lernt doch nichts daraus. Wir hätten sollen .... Einmal ging ich mit Augusten aus, es war ein schöner Sonnabendabend, sie trug ihr gutes Kleid, verhältnismäßig neue Stiefel und sah furchtbar fein aus. Ich traute mich gar nicht, du zu ihr zu sagen .... Und wir gingen auf den besten Platz, der im ganzen Theater zu haben war, Proszeniumsloge links – das Theater lag in der Großen Frankfurter Straße – und es wurde gespielt: » Doppelt geschändet « oder » Die Liebe des Freimaurers «. Es war schrecklich aufregend. Auguste unterbrach das Spiel mit passenden Bemerkungen, und es bedurfte meiner ganzen Geschicklichkeit, einen Hinauswurf zu vermeiden. Der Held wurde in eine Art Kohlenkasten gelegt, der an diesem Abend als Sarg auftrat, die Heldin mischte sich in die Freimaurersitzung, wo lauter ernste Männer nicht Skat kloppten, sondern unheimliche Formeln beteten, weil der Held in diese Innung aufgenommen werden sollte, der Souffleur flüsterte vor lauter Feierlichkeit so leise, daß die Schauspieler steckenblieben – und Auguste schneuzte sich ergriffen in mein Taschentuch. Und als alles fertig war, die Schürzung des Knotens und die Katastrophe und das Finale mit den beiden Paaren und den erschütterten Statisten und dem Applaus und dem Auf und Ab am Vorhang – da sagte ich: »Na?« – Und Auguste sprach: »Wir hätten doch sollen in den ›Jäger von Kurpfalz‹ gehen!« – Frauen sind selten dankbar. Wir hätten doch sollen .... Es gibt Leute, die sprechen am Ende einer jahrzehntelangen Ehe so, und es gibt welche, die sagen es vor sich hin, wenn sie einen folgenschweren Entschluß ausgesprochen haben, den sie vorher so genau erwogen hatten. Nach einer Reise sagt man es immer, und nach einer unterlassenen freundlichen Leichtsinnigkeit sehr häufig. Ganz kann man es sich nie verkneifen. Es ist eine ganze Philosophie, dieses »Wir hätten sollen ....« – Und es ist eine billige, eine unterhaltsame, und eine nicht zu widerlegende Philosophie. Klappt nicht alles ganz wundervoll, wenn man es sich hinterher ausdenkt? Den Weg rechts ist man gegangen, und es hat Schwierigkeiten gegeben und Kummer und arge Enttäuschung. Aber den Weg links, den man hätte gehen sollen, das war ein glatter Weg! – Und lieblich schweifen die Gedanken ab, dorthin, wo alles nach unserm Willen läuft, ohne Hemmungen und Katastrophen – der hätte keine Hürden gehabt, der Weg, der wäre geradezu ins Ziel gegangen. Wir hätten doch sollen .... Manchmal ist es auch ein Stachel im Fleisch, ja, es gibt Frauen, die einen ganzen Igel aus diesem Wort machen können. Es war alles sehr schön: wir andern haben roten Wein getrunken und getanzt, und ein kleines bißchen geküßt – was eben so grade in eine unbewachte Minute hereinging – und Hallo gemacht. »Na, Mama, wie wars?« – »Es war ganz hübsch, mein Junge. Aber ich habe mich zu sehr geärgert: Papa hat sich ein Sahnenschnitzel bestellt, und nachher sah ich auf der Karte, daß es noch ein andres, billigeres Schnitzel gab .... Zwei Mark hinausgeworfen .... Er hätte doch sollen ....!« – Aber es muß gesagt werden, daß es auch unter den Männern solche Frauen gibt. Einmal fuhren wir über die ungarisch-rumänische Grenze, nach Orsova. Vom Alkohol will ich gar nicht reden, um mir das Herz nicht schwerzumachen – aber es war herrlich. Der Oberleutnant hatte nicht genug ungarisches Geld mit, gab seine rumänischen Lei-Noten in Zahlung, wurde selbstverständlich übervorteilt, und wir schoben ab. Auf dem Rückweg fuhren wir durch die hohe Pappelallee – grün und matt ausgestirnt spannte sich der Himmel darüber hin, die Berge verdämmerten und in der Ferne blitzten die Lichter der Stadt. Unten rauschte die Donau, die man hören konnte, wenn einmal der Kutscher die Pferde verschnaufen ließ. Wir schwiegen. Und auf dem Bock saß, wütend, leise murmelnd, böse und durchaus beleidigt, der Oberleutnant und haderte mit den Leuten, die ihm ein Agio abgenommen hatten ... ein Agio –! Und er blies auf einer großen Trompete das alte, herrliche Lied: »Wir hätten sollen ...!« – Und verdarb sich den ganzen schönen Abend. Vergeblich sagt sich der Weise den Spruch auf, den ein alter Feldwebel auf einem Porzellanteller in Goldmalerei über seinem Arbeitstisch aufgehängt hatte: »Wie mans macht, ists falsch!« – Das ist kein Trost. Einem obstinaten Baß gleich, wie ein immer unruhvoll arbeitendes Thema rollt und rumort es unablässig in der Tiefe: »Wir hätten sollen!« – Wir hätten sollen den Burschen ordentlich anschnauzen! Wir hätten sollen ihr ein paar Blumen schicken! Wir hätten sollen die Rechnung lieber nicht bezahlen! Wir hätten sollen sagen, das Kind ist nicht von uns! Und, schließlich, ganz und gar unzufrieden und rigoros aufräumend: Wir hätten sollen als Kinoschauspieler auf die Welt gekommen sein! – Wir hätten sollen .... Und das alte faltige Gesicht Schopenhauers taucht auf, bärbeißig, mit den alles durchdringenden Augen und grimmig noch, wenn es lachte: »Ihr hättet sollen! Narren! Hättet ihr denn können?« – Wir nicken. Wir haben die Traktate über die Freiheit des Willens wohl gelesen und wissen, daß das Wasser nur sprudelt, wenn es den Berg herunterläuft, daß es nur schneit, wenn es kalt ist, daß die Auerhähne nur balzen, wenn ihre Zeit ist – wir wissens wohl. Und dennoch, dennoch .... Ist alles vorbei, dann klopft etwas im Innern an, unser Gesicht verdüstert sich, und nach Glück, Unglück, Geburt und Tod sagt eine leise Stimme: »Wir hätten doch sollen ...!« 1919 Schnipsel Man sollte gar nicht glauben, wie gut man auch ohne die Erfindungen des Jahres 2500 auskommen kann! Ich habe auf meinem Wege immer wieder Leute angetroffen – Verleger, Frauen, Journalisten, Kaufleute –, die glauben, man sei erledigt, wenn sie einen ignorieren. Sie können sich nicht vorstellen, daß es auch ohne sie gehe. So tief ist der Mensch davon überzeugt, daß er Wert verleihe, daß kein Wert außer ihm sei und daß er fremdes Dasein auslösche, wenn er nicht mehr an ihm teilnimmt. Sie wissen nicht, daß es dreitausendvierhundertundachtundsechzig Daseins-Ebenen gibt, mit eben so vielen Arten von Publikum, so viel Wirkungsmöglichkeiten, viele Leben nebeneinander. (Nicht übereinander.) Und daß man die Menschheit nicht danach einteilen kann, je nachdem sie für oder gegen Herrn Panter ist. Extra Panterum etiam est vita. Auch außerhalb unsrer Sphäre leben andre Leute ein Leben: das ihre. Wenn man nach fünftägiger Bekanntschaft zu einem Menschen sagt: »Sie haben etwa den und den Charakter also werden Sie wohl das und das Schicksal haben«: das glaubt er nicht. Wenn man ihm aber dasselbe aus der Hand weissagt: das glaubt er. Du mußt über einen Menschen nichts Böses sagen. Du kannst es ihm antun – das nimmt er nicht so übel. Aber sage es ihm nicht. Er ist in erster Linie eitel, und dann erst schmerzempfindlich. Wenn man einen Menschen richtig beurteilen will, so frage man sich immer: »Möchtest du den zum Vorgesetzten haben –?« Wenn einer einen Tintenklecks auf dem Kinn hat und damit ernste Sachen redet, dann färbt die Tinte auf das Ernste ab, und alle seine Argumente werden lächerlich. So kindisch sind wir Menschen. Fräulein Ullman las die Familiennachrichten ihrer Zeitung. Mit einem Ruck schloß sie das Blatt. »Wieder kein Bekannter tot!« sagte sie. Mit dem Tode ist alles aus. Auch der Tod –? Schade, daß es nicht im Himmel einen Schalter gibt, bei dem man sich erkundigen kann, wie es unten nun wirklich gewesen ist. Man achte immer auf Qualität. Ein Sarg zum Beispiel muß fürs Leben halten. Der Pessimist. »Ich werde also eines Tages sterben. Natürlich – das kann auch nur mir passieren!« Erwarte nichts. Heute: das ist dein Leben. Ein nachdenklicher Zuschauer Der alte Mann spricht: Komisch – det machn die nu jedes Jahr! Det se det nich iba wern .... Der sacht: »Du hast abar schönes Haar!« un det wolln die Meechn ooch heern .... Kuck mah – wat macht der fürn Betrieb! hach, un die is janz hinüba – die hat ihrn Emton ehm lieb – je länger – jelängerjelieber! Wat denkt die sich nu –?- Det der junge Mann ihr einziger is und ihr alles –? So fangt det Ding ja imma an im Falle eines Falles. Nachher komm Kinda un Faltn un so: det scheenste is doch det Fieba am Anfang, wenn se sinn jlicklich un froh – je länger – jelängerjelieber. Nu drickt er sie nommal, und denn jehn se los int Kino oda bei Muttan – heut is die Liebe noch mächtig jroß, die vajessn vor Liebe zu futtan. So jeheert sich det auch. Det muß auch so sein! Allein is richtich – aba allein zu zwein. Von mir aus leben se dreimal hoch! Ich denke mir demjejenieba: Wenn eener und er muß mal, denn soll er ooch –: Je länger – jelängerjelieber –! 1929 Singt Eener Uffn Hof Ick hab ma so mit dir jeschunden, ick hab ma so mit dir jeplacht. Ick ha in sießen Liebesstunden zu dir »Mein Pummelchen« jesacht. Du wahst in meines Lehms Auf un Ab die Rasenbank am Elternjrab. Mein Auhre sah den Hümmel offen, ick nahm dir sachte uffn Schoß. An nächsten Tach wahst du besoffen un jingst mit fremde Kerle los. Un bist retuhr jekomm, bleich un schlapp – von wejen: Rasenbank am Elternjrab! Du wahst mein schönstet Jlück auf Erden, nur du – von hinten und von vorn. Mit uns zwee hätt et können werden, et is man leider nischt jeworn. Der Blumentopp vor deinen Fensta der duftet in dein Zimmer rein ... Leb wohl, mein liebes Kind, und wennsta mal dreckich jeht, denn denke mein –! 1932 Media in vita Die läuft rum, die mir die Augen zudrückt: eine Krankenpflegerin. Ordnet noch die Fläschchen auf dem Nachttisch, wenn ich schon hinüber bin. Leise kreuzt sie meine Hände übern Bauch. Das ist ein Beruf wie andre auch. Jeden Morgen, wenn ich mich rasiere, denk ich in dem Glanz des Lampenscheins, während ich mich voller Seife schmiere: jetzt sinds nur noch x-mal minus eins. Und da steh ich voller Schaum und Frömmigkeit, und ich tu mir außerordentlich leid. Da, wo sich die Parallelen schneiden, fliege ich dann hin. Ach, ich werde mir doch mächtig fehlen, wenn ich einst gestorben bin. Andern auch –? Wer seine Augen aufmacht, sieht: Sterben ist, wie wenn man einen Löffel aus dem Kleister zieht. 1931 Wenn eena dot is Für Paul Graetz Wenn eena dot is, kriste 'n Schreck. Denn denkste: Ick bin da, un der is weg. Un hastn jern jehabt, dein Freund, den Schmidt, denn stirbste 'n kleenet Sticksken mit. Der Rest is Quatsch. Der Pfaffe, schwarz wien Rabe, un det Jemache an den offnen Jrabe .... Die Kränze ...! Schade um det Jeld. Und denn die Reden – hach du liebe Welt –! Da helfen keine hümmlische Jewalten: die Rede muß der Dümmste halten. Un der bepredicht sich die schwarze Weste un hält sich an Zylinder feste. Wat macht der kleene Mann, wenn eena sanft vablich? Er is nich hülflos – er ist feialich. Leer is de Wohnung. Trauer, die macht dumm. Denn kram se so in seine Sachen rum. Der Tod bestärkt die edelsten Jefühle, un denn jibs Krach, von wejn die Lederstühle. Der Zeitvesuv speit seine Lava. Denn sacht mal eena: »Ja, wie der noch da wah –!« Denn ween se noch 'n bisken hinterher, und denn, denn wissen se jahnischt mehr. Wenn eena dot is, brummts in dir: Nu is a wech. Wat soll ickn denn noch hier? Man keene Bange, det denkste nämlich jahnich lange; ne kleine Sseit, denn is soweit: Denn lebst du wieda wie nach Noten! Keener wandert schneller wie die Toten. 1932 Über den Dächern schwebt Rauch Vom Stationsvorsteher aus gesehn, sieht der tägliche Abschied der Reisenden an den Zügen recht stereotyp aus. Von der Krankenschwester aus gesehn, hat der Tod ein andres Gesicht als vom Trauernden aus gesehn. Alles, was man regelmäßig und berufsmäßig tut, versteinert. Man sollte auch seine eignen Erlebnisse vom Stationsvorsteher aus sehen können. Berlin! Berlin! Quanquam ridentem dicere verum Quid vetat? Über dieser Stadt ist kein Himmel. Ob überhaupt die Sonne scheint, ist fraglich; man sieht sie jedenfalls nur, wenn sie einen blendet, will man über den Damm gehen. Über das Wetter wird zwar geschimpft, aber es ist kein Wetter in Berlin. Der Berliner hat keine Zeit. Der Berliner ist meist aus Posen oder Breslau und hat keine Zeit. Er hat immer etwas vor, er telefoniert und verabredet sich, kommt abgehetzt zu einer Verabredung und etwas zu spät – und hat sehr viel zu tun. In dieser Stadt wird nicht gearbeitet – hier wird geschuftet. (Auch das Vergnügen ist hier eine Arbeit, zu der man sich vorher in die Hände spuckt, und von dem man etwas haben will.) Der Berliner ist nicht fleißig, er ist immer aufgezogen. Er hat leider ganz vergessen, wozu wir eigentlich auf der Welt sind. Er würde auch noch im Himmel – vorausgesetzt, daß der Berliner in den Himmel kommt – um viere »was vorhaben«. Manchmal sieht man Berlinerinnen auf ihren Balkons sitzen. Die sind an die steinernen Schachteln geklebt, die sie hier Häuser nennen, und da sitzen die Berlinerinnen und haben Pause. Sie sind gerade zwischen zwei Telefongesprächen oder warten auf eine Verabredung oder haben sich – was selten vorkommt – mit irgend etwas verfrüht – da sitzen sie und warten. Und schießen dann plötzlich, wie der Pfeil von der Sehne – zum Telefon – zur nächsten Verabredung. Diese Stadt zieht mit gefurchter Stirne – sit venia verbo! – ihren Karren im ewig selben Gleis. Und merkt nicht, daß sie ihn im Kreise herumzieht und nicht vom Fleck kommt. Der Berliner kann sich nicht unterhalten. Manchmal sieht man zwei Leute miteinander sprechen, aber sie unterhalten sich nicht, sondern sie sprechen nur ihre Monologe gegeneinander. Die Berliner können auch nicht zuhören. Sie warten nur ganz gespannt, bis der andere aufgehört hat, zu reden, und dann haken sie ein. Auf diese Weise werden viele Berliner Konversationen geführt. Die Berlinerin ist sachlich und klar. Auch in der Liebe. Geheimnisse hat sie nicht. Sie ist ein braves, liebes Mädel, das der galante Ortsliederdichter gern und viel feiert. Der Berliner hat vom Leben nicht viel, es sei denn, er verdiente Geld, Geselligkeit pflegt er nicht, weil das zu viel Umstände macht – er kommt mit seinen Bekannten zusammen, beklatscht sich ein bißchen und wird um zehn Uhr schläfrig. Der Berliner ist ein Sklave seines Apparats. Er ist Fahrgast, Theaterbesucher, Gast in den Restaurants und Angestellter. Mensch weniger. Der Apparat zupft und zerrt an seinen Nervenenden, und er gibt hemmungslos nach. Er tut alles, was die Stadt von ihm verlangt – nur leben ... das leider nicht. Der Berliner schnurrt seinen Tag herunter, und wenns fertig ist, dann ists Mühe und Arbeit gewesen. Weiter nichts. Man kann siebzig Jahre in dieser Stadt leben, ohne den geringsten Vorteil für seine unsterbliche Seele. Früher war Berlin einmal ein gut funktionierender Apparat. Eine ausgezeichnet angefertigte Wachspuppe, die selbsttätig Arme und Beine bewegte, wenn man zehn Pfennig oben hineinwarf. Heute kann man viele Zehnpfennigstücke hineinwerfen, die Puppe bewegt sich kaum – der Apparat ist eingerostet und arbeitet nur noch träge und langsam. Denn gar häufig wird in Berlin gestreikt. Warum –? So genau weiß man das nicht. Manche Leute sind dagegen, und manche Leute sind dafür. Warum –? So genau weiß man das nicht. Die Berliner sind einander spinnefremd. Wenn sie sich nicht irgendwo vorgestellt sind, knurren sie sich in der Straße und in den Bahnen an, denn sie haben miteinander nicht viel Gemeinsames. Sie wollen voneinander nichts wissen, und jeder lebt ganz für sich. Berlin vereint die Nachteile einer amerikanischen Großstadt mit denen einer deutschen Provinzstadt. Seine Vorzüge stehen im Baedeker. In der Sommerfrische sieht der Berliner jedes Jahr, daß man auch auf der Erde leben kann. Er versuchts vier Wochen, es gelingt ihm nicht – denn er hat es nicht gelernt und weiß nicht, was das ist: leben – und wenn er dann wieder glücklich auf dem Anhalter Bahnhof landet, blinzelt er seiner Straßenbahnlinie zu und freut sich, daß er wieder in Berlin ist. Das Leben hat er vergessen. Die Tage klappern, der Trott des täglichen Getues rollt sich ab – und wenn wir nun hundert Jahre dabei würden, wir in Berlin, was dann –? Hätten wir irgend etwas geschafft? gewirkt? Etwas für unser Leben, für unser eigentliches, inneres, wahres Leben, gehabt? Wären wir gewachsen, hätten wir uns aufgeschlossen, geblüht, hätten wir gelebt –? Berlin! Berlin! Als der Redakteur bis hierher gelesen hatte, runzelte er leicht die Stirn, lächelte freundlich und sagte wohlwollend zu dem vor ihm stehenden jungen Mann: »Na, na, na! Ganz so schlimm ist es denn aber doch nicht! Sie vergessen, daß auch Berlin doch immerhin seine Verdienste und Errungenschaften hat! Sachte, sachte! Sie sind noch jung, junger Mann!« Und weil der junge Mann ein wirklich höflicher junger Mann war, wegen seiner bescheidenen Artigkeit allgemein beliebt und hochgeachtet, im Besitze etwas eigenartiger Tanzstundenmanieren, die er im vertrauten Kreise für gute Formen ausgab, nahm er den Hut ab (den er im Zimmer aufbehalten hatte), blickte gerührt gegen die Decke und sagte fromm und fest: »Gott segne diese Stadt!« Berliner auf Reisen Das mit dem Jägerhütchen ist ja schon längst nicht mehr wahr, und auch die Brille ist kein untrügliches Kennzeichen. Doch unter dem dicken Ulster, dem schnittigen Jackett und dem nach Maß gearbeiteten Oberhemd klopft das alte Herz. Welches –? Es gibt zwei Sorten von Berlinern: die »Ham-Se-kein- Jrößern?«-Berliner und die »Na-faabelhaft«-Berliner. Die zweite Garnitur ist unangenehmer. Der nörgelnde Berliner ist bekannt. Er vergleicht alles mit zu Hause, ist grundsätzlich nicht begeistert, und, viel zu nervös, um in Ruhe etwas Fremdes auf sich wirken zu lassen, bekleckert er, was er sieht, mit faulen Witzen. Seine Stadt hat für diese Tätigkeit das schöne Wort »meckern« erfunden. Dieser Berliner meckert. Sein Kollege, der »Unerhöört«-Berliner, tut etwas andres, nicht minder Schauerliches. Ich habe jetzt seit etwa achtzehn Monaten lobende Berliner vor Augen gehabt, und wenn sie anerkennen, machen sie das so: Der lobende Berliner hebt sich zunächst selbst, wenn er lobt. Sein Lob, das meist kritiklos und unbegründet ist, bringt ihn in innige Verbindung mit dem gelobten Objekt, nach der Melodie: »Was ich mir ansehe, ist eben immer gut – sonst seh ichs mir gar nicht erst an!« Ein Glanz des Belobten fällt auf ihn zurück, sein »Faabelhaft« gilt auch dem auserlesenen Publikum, das sich diese Sehenswürdigkeit ansehen darf, und enthält ein erhebliches Quantum Verachtung für die armen Luder, die nicht dabei sind. Die Monomanie dieses Volksstamms ist größer als bei jedem andern. Daß Hundebesitzer auf ihren Köter stolz sind und sich in die Brust werfen: »Meiner läuft aber schneller!«, das ist auf der ganzen Welt so. Aber die »Aura« des Berliners, sein unkörperlicher Körper reicht noch viel weiter: er erstreckt sich auf Zahnbürsten und Unterhosen, auf sein Automobil und auf seinen Füllfederhalter, auf alles, was bei ihm und mit ihm ist .... Denn was er hat, ist wohlgetan, und so etwas gibts zum zweiten Mal nicht auf der Welt. Er sagts auch: »Wenn Se mal richtjen Kaffee trinken wolln, müssn Se zu mir kommen!« Und da der andre selbstverständlich nicht die einzig wahre Kinderflaschenquelle, nicht den Schneider, nicht den Zahnarzt hat, so strahlt die Sonne allein im Universum. Und hat der Nebenmann etwas, das er nicht auch haben kann, ja, an dessen Bewunderung sogar er nicht teilnehmen kann, dann ist es aus, und das Zeug verfällt der Verdammnis. Überall dabeisein; von allem verstehn; nur nichts auslassen: das sind die drei Farben seiner Stadt. Hat der Berliner aber einmal gelobt, dann gibts keine Widerrede und vor allem nichts mehr am Ort, was nun noch des Lobes wert wäre. »Wenn Se den nich jesehn ham, ham Se übahaupt nischt jesehn –!« Dixit. Die Form des Berliner Lobes läßt deutlich erkennen, wie sehr der Tadel in dieser Stadt das Primäre ist – es wirkt immer wie ein ins Freundliche umgebogener, für dieses Mal nicht anwendbarer Tadel. »Das ist schon sehr begabt!« – wieviel Huld, wieviel Leutseligkeit steckt darin! Dies Lob grüßt wie eine dicke Hand aus einer hochherrschaftlichen Limousine. Bevor der Berliner aber tadelt oder lobtadelt, setzt er sich gestrafft aufs Richterstühlchen, und niemals, unter keinen Umständen, ist er locker und unbefangen. Er will diss nu mal genau feststellen – und die eingezogenen Lippen und das leicht zurückgenommene Kinn demonstrieren, wessen sich das Objekt der Kritik zu gewärtigen hat. »Na, nu zeijen Sie mal, was Sie könn!« Worauf sich Notre- Dame, Sacha Guitry, die Seine und die Sonne in Chantilly abzuschwitzen haben. Rasch fertig ist die Jugend mit dem Wort –? Dann scheint der Berliner ewig jung, jünger, noch jünger. Seine grauenhafte Unausgeglichenheit und seine ewig schwabbrige Nervosität lassen keinen Klang ausklingen – mit zitternden Nervenenden wartet er auf den ersten Eindruck, und hat er den, bleibt er dabei. Den wiederholt er dreitausendmal – unmöglich, ihn davon abzubringen. »Die Unterpartie ist zu kurz«, entscheidet er nach zehn Sekunden – den ganzen Abend zieht sich das wie ein Leitmotiv durch Unterhaltung, Kritik und Zwiegespräch, und noch abends im Bett, wenn er das Licht löscht, murmelt er, leicht beleidigt: »Ja, aber die Unterpartie war zu kurz ....« Der Berliner ist bekanntlich einer der schlechtesten Zuhörer – er will selber. (Daher können ihm auch die Frauen im allgemeinen nichts tun.) Und ich habe mich immer gewundert, warum weitgereiste Berliner so gar nichts von ihren Reisen mit nach Hause bringen .... Jetzt weiß ich es. Sie hören nicht zu. Wenn die Sonne über dem Meer untergeht, wenn einer singt und eine tanzt, wenn Paris silbrig leuchtet, und wenn die Damen aus Lemberg abends lebende Gruppen stellen: der Kerl hört nicht zu. Er bringt das Subjekt, das zum Begriff »Welt« bekanntlich hinzukommen muß, erst richtig zur Geltung. Ohne ihn ist sie nicht. Die armen Leute .... Sie sind sich selber im Weg, ihr Bauch ist ein optisches Hindernis, und wenn sie sich mal richtig amüsieren wollen, gucken sie sich in den Spiegel. Ihr Tadel ist ein persönlicher Frontalangriff, ihr Lob eine Ordensverleihung an sich selbst, und man greift kaum fehl, wenn man dahin geht, wohin der Berliner keinen Schritt rührt. Berlin ist so groß: es hat vier Millionen Einwohner. Berlin ist so klein: auf Reisen sieht der Berliner nicht über den Spittelmarkt. Und ewig werde ich an das Wort eines Landsmanns denken, der nach vierwöchigem Aufenthalt das Wort der Worte über Paris gesprochen hat. Dieses: »Paris – wat is denn det für ne Stadt! Hier jibts ja nich mah Schockeladenkeks –!« Der dies sprach, war aber gar nicht aus Berlin, und da kann man sehen, wie vorsichtig man sein muß. 1926 Wo ist der Schnee... Wo ist der Schnee vom vergangenen Jahr, Anna-Susanna? Weißt du noch, was damals Mode war, Anna-Susanna? Die Literatur trug man vorne gerafft, jede Woche gabs ein Genie. Und alles murmelte: »Faaabelhaft! Rein menschlich ... irgendwie ...!« Wo sind die Blumen vom letzten Lenz, Anna-Susanna? Die Betonung des kosmischen Bühnen-Akzents, Anna-Susanna? Das gebildete Publikum lief zuhauf mit der Kritiker-Artillerie. Und die Stücke führt kein Mensch mehr auf, rein menschlich irgendwie. Wo ist der Schnee vom vergangenen Jahr, Anna-Susanna? Brecht wird sein, was Sudermann war, Anna-Susanna. Sie brüllen sich hoch, die Reklame schreit, das ist eine Industrie. Pro Mann einen Monat Unsterblichkeit – Anna-Susanna – rein menschlich irgendwie. 1930 Berliner Bälle »Mit dir – mit dir – möcht ich mal sonntags angeln gehn – Yes, Sir, that's my baby! Mit dir – mit dir – da denk ich mir das wunderschön! – I wonder, where my baby is to night –« Junge Rechtsanwälte biegen sich im Boston dies Mädchen ist nicht von hier; die ist aus dem Osten! Kleine Modezeichner schlenkern viel zuviel mit die Beine – ein dubioser Kerl tanzt im Rund seinen Charleston alleine. Der Saal kocht in Farben, Musik, Lärm, Staub und Gebraus – die Frauen schwimmen im Tanzmeer, das spült sie aus den Logen heraus – In dreißig Sälen dieselben schwarzen Jüdinnen, in Silber eingewickelt wie die Zigarren, beturbant; dieselben Melodien ... Heute nacht tanzen sechzigtausend Menschen in Berlin. »Wo sind deine Haare – What did I kiss that girl, du mußt nach Berlin, Barcelona – Parlez-vous francais?« In allen Ateliers näseln die Grammophone; weinrot stehn die Lampions in der grauen Luft – die Frau ist gar nicht so ohne – Kein Licht machen! Treten Sie nicht auf die Paare! Wo sind deine Haare –? August... Jetzt sinkt das Fest sachte zu Boden wie ein müdes Blatt, Gehst du schon? Wohl dem, der jetzt eine bunte kleine Wohnung hat. In allen nächtlichen Hauswürfeln dieselben Neckrufe, Gelächter, ratschenden Nadeln, Seufzer,feinen Melancholien. Heute nacht tanzen sechzigtausend Menschen in Berlin. Sachliche Liebe, die du mit ohne Seele blühst; berliner Knabe, der du dich kaum noch bemühst! Das Wo ist meistens schwieriger als das Ob – Aphrodite mit dem berliner Kopp! Aphrodite, schaumgeborne, laß mal sehn, wie sie alle, alle mit dir angeln gehn! »Hallo? Wie is Ihn denn gestern bekomm? Gut? ja? Ausgeschlafen? Hach! Daran kann ich mich gahnich erinnern. Nein. Der hat doch Sonja das Chinesenkostüm geliehn .-..!« Als wär nie nichts gewesen, telefonieren dreißigtausend Paare in Berlin. 1927 Schnipsel Es gibt eine Frage, die stellt nur ein Deutscher. Wenn dich die Leute besuchen, dann nimmt dich jener unter den Arm, raucht einmal an seiner Zigarre und sagt: »Sagen Sie mal – was zahlen Sie hier eigentlich Miete?« Ist doch auch interessant. Wenn ein Franzose einen Vertrag unterschrieben hat, dann hält er ihn. Doch bevor er ihn unterschreibt, macht er unendliche Geschichten, in Verlauf derer man junge Hunde kriegen kann. Und dann unterschreibt er ihn nicht. Es sind kleine Leute, wie? Wenn ein Deutscher einen Vertrag unterschrieben hat, ist der Vorfall für ihn erledigt, und er ist höchst erstaunt, wenn er ihn nun auch noch erfüllen soll. Dann gibt es ein großes Lamento und viel Geschrei der Rechtsanwälte. Aber er unterschreibt jeden Vertrag. Es sind großzügige Leute. Bei einem französischen Zeitungsartikel muß man sich immer fragen: »Was will der Mann?« und: »Wer hat ihn dafür bezahlt?« Bei einem deutschen Zeitungsartikel muß man sich fragen: »Was verschweigt er?« und: »Wer hat ihn dafür auf die Schulter geklopft?« Wenn ich das schön gedruckte Buch eines mit Buchweizengrütze gefütterten Philosophen aus Amerika lese, hinter seinen Brillengläsern blitzen fröhlich jungenhafte Augen, die sich so optimistisch mit dem Elend der andern abfinden, alles ist gut und schön, wir haben eine gute Predigt gehabt, Breakfast auch, ja danke, auf welch unbeflecktem Wege wohl so ein Wesen zur Welt gekommen sein mag, die Amerikanerinnen sind doch unterhalb des Nabels alle aus Zelluloid – wenn ich so einen fröhlichen Professor lese: dann weiß ich endlich, wie einem gebildeten Chinesen zumute ist, der europäische Touristen sieht. Eine Geschichte? Dies ist eine schöne Geschichte. Ein amerikanischer Milliardär – meine Geschichten spielen alle in vornehmer Gesellschaft – ein amerikanischer Milliardär wurde einst von einem Freunde gefragt: »Wie machen Sie das, Herr Moneymaker: auf jedem Ihrer Empfänge werden Ihnen Hunderte von Leuten vorgestellt, Menschen, die Sie nie vorher gesehn haben. Alle aber unterhalten sich mit Ihnen auf das trefflichste. Wie machen Sie das nur?« – »Ich habe mir da eine Methode ausgedacht«, sagte der Milliardär. »Ich frage jeden Menschen, der mir vorgestellt wird: Was macht Ihr Leiden –?« Die Apotheke Manche Leute gehen in den fremden Orten immer erst in den Ratskeller, manche zur Sehenswürdigkeit – ich gehe in die Apotheke. Da weiß man doch. Es beruhigt ungemein, zu sehen, daß auch in Dalarne, in Faido oder in Turn-Severin die Töpfchen der Reihe nach ausgerichtet stehn, jedes mit einem Namen auf dem Bauch, und fast von keinem wissen wir, was es ist. Manche heißen furchtbar unanständig, aber die Apotheker meinen das nicht so. Und immer riecht es nach strengen und herben Sachen, es sind jene Düfte, die dem guten, alten Apotheker langsam zu Kopf steigen, woher er denn den altbewährten Apotheker-Sparren hat. (Protest des Reichsverbandes Deutscher Apotheken-Besitzer. Reue des Autors. Denn ihr habt keine Spezial-Sparren mehr, sogar die Geometer sind vernünftig geworden ... ihr habt alle zusammen nur noch eine Verrücktheit: die Berufseitelkeit.) Ja, also die Apotheken. Mir fehlt eigentlich nie etwas Rechtes, aber es gibt so nette kleine Mittel, die sich hübsch einkaufen: Baldrian oder doppelkohlensaures Natron oder Jodtinktur ... irgend etwas wird man schon damit anfangen können. »Bitte geben Sie mir ...« Da kommt dann ein weißer Provisor-Engel angeschwebt, die jüngern Herren haben, wenn es in deutschen Apotheken ist, Schmisse und sehen grimmig-gefurcht drein, so: »Du! Wir sind hier akademisch gebildet, und daß wir dir etwas verkaufen, ist eine große Gnade!« Da wird vor Angst sogar die Tonerde doppelt sauer. Oder es ist da ein Apothekermädchen, blond und drall, und man kann gar nicht verstehen, wie so ein freundliches Wesen alle die vielen lateinischen Namen auswendig weiß. Und immer mixt ein älterer, schweigsamer Mann hinter einem hohen Pult eines der zahllosen Medikamente... Es gibt übrigens nur fünfzehn, hochgegriffen. Es gibt nur fünfzehn Medikamente, seit Hippokrates selig, und doch ist es einer weitentwickelten Industrie von Chemieunternehmen und den Fabriken zur serienweisen Herstellung von Ärzten gelungen, aus diesen zehn Medikamenten vierundvierzigtausendvierhundertundvierundvierzig gemacht zu haben; manche werden unmodern, die werfen wir dann fort. Ja, verdient wird auch daran. Aber das ist es nicht allein: die Leidenden wollen das so. Sie glauben nicht nur an den Wundermann – Professor oder Laien –, sie glauben auch an diese buntetikettierten und sauber verpackten Dinge, die mit ... »in« oder mit ... »an« aufhören und eben einige jener zehn Medikamente in neuer Zusammensetzung enthalten. Hübsch, so eine Apotheke. Man fühlt sich so geborgen; es kann einem nichts geschehen, weil sie ja hier gegen alle Krankheiten und für alle Menschen ihre Mittel haben. Es ist alles so ordentlich, so schön viereckig, so abgewogen rund – so unwild. Hat der Apotheker einen Vogel? eine treulose Frau? Kummer mit seiner Weltanschauung? Das soll er nicht – wir wollen es jedenfalls nicht wissen. Wir stehen vor ihm, dem Dorfkaplan der IG-Farben und dem Landprediger der ärztlichen Wissenschaft. Die Apotheke macht besinnlich, wir fordern, nehmen, zahlen und sind schon halb geheilt. Bis zur Tür. Draußen ist es wesentlich ungemütlicher, und von der sanft duftenden Medizin-Insel steuern wir wieder auf das hohe Meer. Die Apotheke ist das Heiligenbild des ungläubigen kleinen Mannes. 1930 Zwei Käfige Hier in Dänemark, wie wohl auch anderswo, setzen sie die Klucke mit den Küken in den Hof oder auf die Wiese, die ganze Familie überdacht von einem vergitterten Gestell, wie der Käse von der Glocke. Darunter pickt und kluckt und gurrt es den lieben, langen Tag. Sieh, da stehen zwei nebeneinander. In einem geht es sehr honett und ordentlich zu. Die große Henne hat etwa fünfzehn oder sechzehn »Kukkelchen«, wie man in Kurland sagt, zu betreuen; die rechte Seitenleiste des Gittergestells ist durch zwei Feldsteine etwas angehoben, und die Kleinen können auch herauslaufen. Die Mama wirtschaftet drin umher und lockt. Es gibt da eine völlig ausgebildete Sprache der Henne. »Kommt mal alle, alle her!« und: »Na-na-na!« und »Hiiier-gibts was zu fressen! – Wer will? – Wer will? Wer will?« und viele andere Signale. Die Küken verstehen das genau. Sie sind noch so klein: vier Tage sind sie alt, und eigentlich sind es noch laufende Eier, mit einem kleinen weichen Hundefell; daß dieser Plüsch einmal zu Federn werden wird, muß man auf gut Glauben hinnehmen. Seht doch nur, wie sie laufen! ... Der Käfig ist ständig von einem niemals aussetzenden leisen Gepips erfüllt, das alle fünfzehn am Klingen erhalten: der Ton schwebt über der pickenden Familie, stets gehalten von vier, von sechs, von acht kleinen Hälsen. Die Alte geht schwer umher, zertritt niemals eines, paßt auf, ordnet es alles an, und manchmal steckt auch sie gierig den Hals vor und nascht ein paar Krümel mit. Aber nicht viel: wann essen Kellner? Wann lesen Dichter? Wann fressen Hennen? Die Verbindung aber zwischen Mutter und Kindern ist sehr eng – manchmal randalieren die Kleinen wohl, manchmal laufen sie weg – aber immer kommen sie bald wieder, verstehen den mütterlichen Lockruf, hören ihn ganz genau – es sind Mitglieder derselben Familie, selbst Uneinigkeiten spielen sich auf derselben Ebene ab. Diese zwei Generationen bilden eine einzige. Nebenan steht ein anderer Käfig. Darin ist auch eine Glucke, sie hat vier Kinder. Hier sieht es ganz anders aus. Die Mutterhenne steht in der Mitte, wie mir scheinen will, traurig, bedrückt und sehr allein. Die vier kümmern sich kaum um sie. Sie watscheln da herum, sie sind dunkler als die ändern, sie sind auch wohl schon größer ... Die Alte lockt: – sie hören sie nicht. Die Alte ruft – sie hören nicht. Die Alte warnt, liebkost, zeigt etwas, verbietet, erlaubt – sie hören nicht. Verstehen sie es nicht –? Die Alte sagt: »Die Moral des Hühnerstalls, meine guten Kinder, gebietet, daß man nach Körnern pickt, und, so man welche gefunden hat, sie auch aufißt – sonst nimmt sie der andre!« Sie sagt: »Küken sind noch klein – die müssen vorsichtig sein, hört ihr? Immer vorsichtig!« Sie sagt: »Man hat niemals genug, nug, nuck, nuck ....« Die Kleinen hören nicht. Was ist das –? Sie piepsen leise, auch sie. Aber als ich nun genau hinhöre, da ist es eine andre Sprache, eine ganz andre als die, die ihre Hühnermama spricht. Sie piepsen: »Fliegen – über dem grauen See, wenn der Wind darüber hinstreicht – Fliegen!« Sie piepsen: »Raus-raus-raus!« Sie piepsen: »Was tun wir hier? Hier? Hier? Hier?« Sie kümmern sich gar nicht um die Alte. In der Mitte ist ein ganz kleines Bassin, mit schmutzigem Regenwasser gefüllt. Dahinein wackeln sie und schwimmen und fressen, was da schwimmt. Und fressen alles. Ihre Schnäbel sind schwarz. Ihre Federn dunkelgrau. Sie haben Schwimmhäute. Es sind junge Wildenten, deren Eier der Wirtsjunge im Röhricht gefunden hat, die Henne hat sie ausgebrütet. Sie sind nur zu Besuch hier. Eines Tages wird man sie freilassen, und dann werden sie fortfliegen über den blauschimmernden Wald, den man da hinten sehen kann, weit fort, über die Seen .... Sie sprechen untereinander – aber sie sagen nichts zu ihrer Brutmutter. Deren Lehren sind gut und schön – aber nicht für sie. Sie sind von anderer Art. Sie sind eine wirklich andre Generation. Sie sprechen eine andre Sprache. Sie verstehen einander nicht. 1927 Im Tunnel Im Tunnel küßten sich früher die Hochzeitspaare, das ist schon so lange her, und jene Geschichte (»Adolf! Es küßt – bist du das?«) ist kaum noch wahr. Die Romantik des ius primarum noctium ist glücklicherweise dahin. Aber etwas anderes gibts im Tunnel. Vor Stockholm ist ein langer Eisenbahntunnel. Und den bin ich neulich durchbraust, und vorher hatte ich mir meine neue Dunhill-Pfeife angesteckt, die mir Musch in einem Anfall von Größenwahn geschenkt hat, oben auf dem schwarzen Lauf trägt sie jenen kleinen weißen Perlmuttfleck, der da sagt: Hier raucht ein feiner Mann. Gut. Der feine Mann raucht eine Mischung aus französischem Scaferlati Levant und deutschem nikotinfreiem Tabak, das Ganze schmeckt etwa wie getrockneter Schafdung. Raucht also und fährt in den Tunnel ein. Ist die Pfeife ausgegangen? Seit wann geht eine Dunhill aus, wenn ein feiner Mann sie raucht? Schließlich kann ich nicht mit dem Finger in den Tabak fahren ... ich wills mal probieren ... das ist heiß! Die Pfeife brennt. Ich schmecke nichts. Tunnel aus; heraus ans Licht; da liegt Stockholm und der Hafen und die bekannten Gebäude ... die Pfeife brennt. Warum habe ich nichts geschmeckt? Und dann fährt der Zug nachmittags wieder zurück, aufs Land, und schon bevor er abfährt, stecke ich die Pfeife an und qualme wie ein alter Seemannsmaat, und dann kommt der Tunnel ... (ich kann noch nicht so schön auf schwedisch fluchen, es ist irgend etwas mit »Ta mig fan!«) – ich schmecke wieder nichts. Und als wir ans Tageslicht kommen, brennt die Pfeife. Dies hat mich zu wunderbaren Versuchen geführt. Resultat: Man schmeckt im Dunkel weder die Qualität eines Tabaks, noch spürt man überhaupt, ob man raucht oder nicht! Schrei nicht, wart ab: du spürst es nicht, wenn du keinen Lungenzug machst und wenn du den Rauch nicht durch die Nase gehen läßt. Probiers. Daß du aber im Dunkel die Qualität des Tabaks nicht spürst, den du rauchst, das ist einmal ganz sicher. Da haben sie jüngst in Amerika – wo auch sonst! – solche Versuche angestellt, und es hat sich ergeben, daß die abgefeimtesten Raucher eine Zwei-Cent-Zigarre nicht von einer Importe unterscheiden konnten, keiner konnte es. Sie schnüffelten und pusteten und rauchten ... aber sie rieten allemal daneben. Denn sie sahen die Zigarre nicht, sie tasteten sie nicht vorher zärtlich mit den Augen ab, sie konnten nicht an ihr riechen, nicht die Farbe des Deckblatts sehen – und da war es auf einmal aus. Das ist ein sehr tiefsinniger Versuch. Man hat ja ähnliches mit den Weinen probiert, wobei denn einmal einem alten Küfer aus der Bourgogne Wasser vorgesetzt wurde, er erklärte tiefbeleidigt, das kenne er nicht; und es gibt auch Leute, die mit verbundenen Augen am Geräusch eines Motors die Fabrikmarke erkennen können – worauf wieder ein Pariser Chansonnier erzählt hat, man habe, um den zu prüfenden Ingenieur zu täuschen, an einer Wasserspülung gezogen, und er habe sofort ausgerufen: »Ça – c'est un Citroën!« – »was«, wie der Chansonnier hinzufügte – »nicht fein war – für die Wasserspülung.« Aber die Geschichte mit dem Rauchen hat mich doch tief beunruhigt. Ist es also nur der alte schöne Satz: »Keine Qualität– nur Ausstattung«? Liegts nur an der Verpackung? In Deutschland arten ja solche Fragen gleich in wilde Kämpfe mit den betreffenden Interessenten aus – aber die Sache liegt viel tiefer. Bedarf es vielleicht, um einen vollständigen Sinneneindruck zu haben, nicht nur der, sagen wir, eindimensionalen Funktion eines Sinnes – benötigen wir vielmehr eine Raumwirkung der Sinne? Müssen sich also zwei oder drei Sinneswahrnehmungen in die Höhe und Breite erstrecken, damit ein vollendetes Gebilde zustande kommt? Das ist eine Frage an die Experimental- Psychologen – Gott segne ihre Versuchsreihen. Um aber auf die Hochzeitsreisenden zurückzukommen: Kann man auch im Dunkel küssen? Spürt man dann, ob man überhaupt küßt? Und was die Qualität angeht – es ist gar nicht so einfach im menschlichen Leben. 1929 Wenn einer eine Reise tut... Die Königin von Rumänien war jetzt in Amerika. Da konnten diejenigen Seifenhändler, die für das Königliche inklinieren, eine Majestät hofieren – das ist für Geschäft und Gefühl stets ein Gewinn, und überhaupt: eine Königin ist eine Königin. Was erzählt denn die Königin von Rumänien in Amerika? Von ihrer lieben Heimat? von Jassy? vom Horatanz? ja? Wenn die Amerikaner sie danach fragen, dann soll sie nur alles, alles sagen – nur möge sie bei den Empfängen und festlichen Essen ja nichts vergessen. Hat sie erzählt, die Gute, die drüben so sehr beliebt, was sich, zum Beispiel, in den rumänischen Gefängnissen begibt –? Wie die Leute da nächtelang geschlagen werden, wie es da kein Recht gibt und keine Beschwerden? Und daß gefangene Arbeiter in stehenden Särgen krepieren und nichts zu trinken haben, wenn sie nicht grade urinieren? Erzählt das die gute Königin? ja? Drüben in Amerika –? Und davon, wie jeder, den man für einen Kommunisten hält, nichts mehr gilt in der rumänischen Welt? Und daß er vogelfrei ist und geprügelt wird und halbtot geschlagen, und daß niemand wagt, die Schinder anzuklagen? Erzählt das die gute Königin? ja? Drüben in Amerika –? Und daß bei ihr die Bauern gehalten werden wie Schweine? Und daß es bei ihr statt Recht und Gesetz nur die eine Macht: die Siguranza gibt? Wer darüber die Wahrheit sagt, der ist nicht beliebt .... Und daß die Perlen, die an ihr schimmern, Tränen von denen sind, die in den Särgen wimmern? Und daß die Rubinen, die an ihr blitzen, Blutstropfen derer, die in den Erdlöchern sitzen? Und daß die Polizisten nach eignen Methoden unbequemen Leuten die Hoden abquetschen und Geld, Geld unterschlagen, und keine Zeitung darf darüber was sagen –? Das alles sollte die Königin nicht verfehlen ihren lieben Amerikanern zu erzählen. Denn das wissen wohl nur die wenigen. Und das ist gut. Denn schon in Brooklyn würde sie sonst verdientermaßen angespien, die gute Königin von Rumänien. 1926 Le »Lied« Bétove ist kein Druckfehler, sondern ein Klavierhumorist. Er hat eine Brille, einen schadhaften Fuß und lange Haare. Er spielt eine ganze Oper vor: mit Chor, Liebesduett und Racherezitativ, genau so schön von vorvorgestern wie die meisten Aufführungen in der Opéra Comique – neulich sah ich daselbst einen älteren, etwas asthmatischen Herrn als Figaro umherrollen, und jedesmal, wenn die Damens die Noten Wolfgang Amadeus Mozarts gesungen hatten, raste das Haus, und das Ganze erinnerte an den Humor, der unter Hartmann in Charlottenburg entwickelt wurde und wohl in Görlitz noch entwickelt wird. Becher her, stoßt an! Und dieselben Leute, die in der Opéra Comique solchem Gewerke applaudieren, gleich hinter den Boulevards, da, wo der kleine Platz Boïeldieu abends so aussieht, als müßten gleich alle Passanten im Takt zu singen anfangen, und als käme hinter einer Ecke ein Page mit einem rosa Billett herausgelaufen, kommt aber keiner – dieselben Leute freuten sich sehr über Herrn Bétove, weil seine harmlose Parodie lustig anzuhören war. Er parodierte, was hier für die Musikabonnenten im Schwange ist: »Die Regimentstochter.« »Manche Völker sind musikalisch – dem Franzosen ist die Musik nicht unangenehm«, hat Jean Cocteau einmal gesagt. Oh, sie sind hier sehr gebildet. Vor einiger Zeit haben sie sogar einen Abend gegeben: »Le lied à travers les âges« – die geschichtliche Entwicklung des deutschen »Liedes«, mit gesungenen Beispielen. Bétove fährt also fort; jetzt singt er etwas Spanisches, er kann kein Wort dieser Sprache, soviel ist einmal sicher, aber er gurgelt und lispelt ein Spanisch, wie er es auffaßt; er hats gehört, wenn die spanischen Paare auf dem Varieté in die kontraktliche Leidenschaft kommen. Sogar die Pause ist da, in der nur die Schritte der Tanzenden rhythmisch auf den Planken schleifen, tschuck-tschuck-tschuck – da setzt die Musik wieder ein. Das ist gewiß nicht neu; wir haben das hundertmal gehört, wie einer englische songs kopiert, französisch näselt. Pallenberg kann das meisterlich und Curt Bois auch .... Aber Bétove kündigt nun noch mehr Nationallieder an, nennt einen Namen, den ich nicht genau verstehen kann. Fritz ...? und beginnt ein Vorspiel. Still – Das Präludium ist edel-getragen, und der kleine Mann am Klavier macht ein trauriges Gesicht, bekümmert den Kopf schüttelnd blickt er offenbar in das goldige Grün des Waldes, was mag sein blaues Auge sehn? Und nun beginnt er zu singen, und mir läuft ein Schauer nach dem andern den Rücken herunter. Das ist kein Deutsch. Der Mann kann wahrscheinlich überhaupt nicht Deutsch, aber es ist doch welches. Es ist das Deutsch, wie es ein Franzose hört – Deutsch von außen. Da klingt: le »lied«. Ein deutscher Mann schreitet durch den deutschen Wald, die Linden duften, und die deutsche Quelle strömt treuherzig in einem tiefen Grunde. Im grünen Wallet zur Sommerzeit – Ich verstehe kein Wort, es hat keinen Sinn, was der da singt, aber es kann nichts anderes heißen. Die Musik ist durchaus von Loewe – es ist so viel dunkles Bier, Männerkraft, Rittertum und Tilsiter Käse in diesem Gesang. Soweit ich vor Grauen und Lachen aufnehmen kann, hört es sich ungefähr folgendermaßen an: A-ha-haa-schaupppttt da-ha-gerrächchzzz –! – an die weichen Stellen der Melodie setzt der Kerl jedesmal einen harten Konsonanten und erweckt so den angenehmen Eindruck eines, der lyrisch Lumpen speit. Aber nun wird die Sache bewegter. Der Eichwald rauschet, der Himmall bezieht sich, im Baß ringt dumpf die Verdauung, der deutsche Mann schreitet nunmehr hügelan, Tauperlen glitzern auf seiner Stirn, die kleinen Veilchen schwitzen, der Feind dräut heimtückisch im Hinterhalt, jetzt schreit der Waldes- Deutsche wie beim Zahnbrecher, vor mir sehe ich Herrn Amtsrichter Jahnke, der am Klavier lahnt und mit seinem weichen, gepflegten Bariton unterm Kalbsbraten hervorbrüllt, und in den Schoß die Schönen – jetzt Welscher, nimm dich in acht! und ich höre so etwas wie schrrrrachchchchtttt –! da bricht die Seele ganz aus ihm heraußer, das Pianoforte gibt her, was es drin hat, und es hat was drin, die Melodie wogt, der kleine Mann auch – und jetzt, jetzt steht er oben auf dem steilen Hügel, weit schaut er ins Land hinein, Burgen ragen stolz beziehungsweise kühn, laßt es aus den Kehlen wallen, ob Fels \& Eiche splittern, die Lanzen schmettern hoch in der Luft, das Banner jauchzet im kühlen Wein, frei fließet der Bursch in den deutschen Rhein, jetzt hat Bétove alle zweiundzwanzig Konsonanten mit einem Male im Hals, er würgt, er würgt – da kommt es hervorgebrochen, der Kloß ist heraus! das Klavier ächzt in allen Fugen, der Kaiser ruft zur deutschen Grenz', die Deutschen wedeln mit den – da steht er hehr, ein Bein voran, wenn kein Feind da ist, borg ich mir einen, den blitzenden Flamberg hoch in Händen, mein Weib an der Brust, den geschliffenen Helm im Nacken, der Neckar braust, der Adler loht, im deutschen Hintern sitzt das Schrot, es knallt das Roß, ein donnernd Halt, o deutscher Baum im Niederwald, mit eigenhändiger Unterschrift des Reichspräsidenten –! Die Franzosen klatschen, wie ich sie noch nie habe klatschen hören. Neben mir kämpft der dicke Morus mit einem Erstickungsanfall. Wird gerettet. Zum erstenmal seit zwei Jahren fühle ich: Fremde. Ich denke: wenn sie wüßten, daß du, einer der Verspotteten, unter ihnen sitzt .... Würden sie dich zerreißen? Unfug. Gewiß, manchmal habe ich nicht gefühlt wie sie, habe nicht mitgelacht, nicht mitgeweint .... aber heute ist da, zum ersten Mal, das andre, das fremde Blut, auf einmal sind sie drüben, und ich bin hüben. Das war unsre deutsche Sprache? Die, in der immerhin »Füllest wieder Busch und Tal« gedichtet ist? Das ist Deutsch –? So hört es sich für einen Fremden an? Es muß wohl. Und ich brauche nicht mehr auszuziehen, das Fürchten zu lernen. Ich habe mich gefürchtet. Es war, wie wenn man sich selbst im Film sieht. Viel schlimmer: wie wenn sich das Spiegelbild aus dem Rahmen löste, sich an den Tisch setzte und grinsend sagte: »Na – wie gefalle ich dir?« Da stehe ich auf, weiche einen Schritt zurück und sehe den da, mich entsetzt an .... Das bin ich – Den ganzen Abend und noch am nächsten Tage getraue ich mich nicht, deutsch zu sprechen. Vor mir selber traue ich mich nicht. Ich höre überhaupt keine Vokale mehr, immer nur Konsonanten. Die Sprache ist wieder in ihren Spiegelrahmen zurückgekehrt, fremd sehen wir uns an, ich mißtrauisch, sie könnte vielleicht jeden Augenblick wieder auskneifen, mir gegenübertreten ... Wir kennen uns nun schon so lange. Zum erstenmal habe ich sie nackt gesehn. 1926 Die Katz Neulich saß ich vor dem kleinen Theaterchen Ambassadeurs in den Champs Elysees, unter grünen Bäumen. Um meine Bank strich mehrere Male eine große, gut genährte Katze, grau mit schwarzen Flecken. Wir kamen so ins Gespräch – sie fragte mich, wieviel Uhr es sei –, und da stellte sich heraus, daß sie aus Insterburg stammte. Nun kenne ich Insterburg sehr genau – ich habe da seinerzeit gedient –, und wir waren gleich im richtigen Fahrwasser. Sie kannte erstaunlich viele Leute, und wir hatten auch gemeinsame Bekannte: eine Verwandte von ihr war bei meinem Feldwebel Lemke Katze gewesen, sie wußte gut Bescheid. Meine Stammkneipe kannte sie und das Theater und die Kaserne und alle möglichen Orte. Ja, es ist sogar möglich, daß wir uns einmal gesehen hatten, im Schützenhaus zu Palmnicken, aber da hatte ich natürlich nicht so darauf geachtet. Wie es ihr denn so in Paris gefiele, fragte ich sie. »Näi, hier jefällts mir nich!« sagte sie. »Ich wäiß nich, die Leite sinn ja soweit janz natt – aber, wissen Se, mit die Verfläijung, das is doch nichts. Ja. 's jibbt ja Fläisch un so – aber Fischkeppe – wissen Se – son richtichen Kopp von nem Zanderchen oder Hachtchen – das hätt ich doch jar zu jern mal jajassen. Aber: Pustekuchen!« Das fand ich auch sehr bedauerlich. »Gott, man erlebt ja allerhand hiä«, sagte die Katze. »Da haben se mich näilich einem alten Madamche ins Bett jestochen, wissen Se, die konnt keine Katzen läiden. Erbarmung! hat se jebrillt. Ei, seht doch! seht doch! hat se immer jerufen – das heißt, ich denk mä das so – denn sie hat ja franzeesch jebrillt. Dabei hab ich se nuscht jetan! Und se hat all immer jemacht: ›Pusch! Pusch! Willste da raus!‹ – Aber ich bin ruhig liegen jeblieben, wissen Se – und da hat se mit all ihre Koddern aufn Pianino jeschlafen – ja. Und am friehen Morjen hat se mer denn ein Tellerche Schmant hinjehalten, das hab ich auch jenomm, und denn bin ich los. Es war ne janz nette Frau soweit. Se war all janz bedammelt von den Unjlik.« Aha. Und diese große Schramme da über dem Auge? was wäre denn dies? »I«, sagte die Katze, »da hat mir neulich son Kater anjesprochen – aber ich wollt nich – wissen Se, ich wer mer doch mit die franzeeschen Kater nich abjehm! De Frau in Insterburch hat auch immer jesacht, mehr als dräimal im Jahr soll ne ordentliche Katz nich – na, und meine Portion war all voll. Ja – ich wollt eben nich. Da hat mir doch das Biest anjesprungen! Was sagen Se –! Ich hab 'n aber ordentlich äine jelangt – sobald jeht der an käine ostpräische Katz mer ran, der Lorbas!« »Kinder haben Sie also auch?« fragte ich. »Ja«, sagte sie. »Es sinn alles orntliche Katzen jeworn – bis auf äine. Die streicht da aufn Monmartä rum bei die Franzosen –, und wenn mal 'n Tanzvergniejen is, denn macht se sich an die Fremden ran. Näilich dacht ich: I, dacht ich, wirst mal hinjehn, sehn, was se da macht. Wissen Se – ich hab mir rein die Augen ausn Kopp jeschämt – lauter halbnackte Marjellen – und meine Tochter immer dabäi! Sone Krät –! Ich sach: ›Was machst du denn hier?‹ sach ich. Se sagt: ›Ah – Mama!‹ und denn redt se doch franzeesch mit mir! mit die äijene Mutter –! Ich sach: ›Schabber nich so dammlich!‹ sach ich und jeb ihr eins mit de Pfot. Da haben se uns rausjeschmissen ausm Lokal, alle bäide – und draußen auf de Straß wollt ich mer nich mit se hinstellen. Und rietz! war se denn auch jläich wech. Ach, wissen Se, heutzutach, mit die Kindä...!« ja, da konnte ich nur zustimmen. Na – und sonst? Paris und so? »Manchmal«, sagte die Katz, »krie ich doch mächtig Heimweh. Kenn Se Keenichsbarch? Das is ne Stadt – wissen Se – da kann Paris jahnich mit! Da war ich mal auf Besuch – man is ja in de Welt rumjekomm, Gott sei Dank – und da war ich bei de Frau Schulz. Kenn Se die? Die Mutter von Lottchen Schulz, die immer so brillt? De Tochter hat jetzt jehäirat.« Halt! Lottchen Schulz kannte ich. Diese etwas bejahrte, schielende und hinkende Dame hatte geheiratet? Ich äußerte Bedenken. »Och«, sagte die Katze, »sehn Se mal: Nu hat se doch das lahme Bein, und ordentlich gucken kann se auch nicht mehr – was soll se –!« Dagegen war nichts einzuwenden – Heirat schien in solchem Fall das beste. »Ja, da war ich auf Besuch«, fuhr die Katze fort, »ach, wenn ich daran noch denk! Inne Ofeneck saßen die bäiden Jungens Schulz und schlabberten ein Tulpchen Biä nachn andern, de Frau trank Kaffee, und ich kriecht ab un zu 'n Stickche Spack – aber, wissen Se, son richtchen, ostpräißschen Kernspack – nich wie hier! Ja. Nur äin Malhör is mich in Keenichsbarch passiert: ich bin da in den Hiehnerstall jejangen und hab da jefriehstickt, und nachher hab ich es all jemerkt: alle die kläinen Kaichel, die hatten dem Pips! Dräi Tach war mir janz iebel!« Eine feine Dame ging vorüber und sagte zu ihrer Begleiterin: »Vous savez, il n'y a que des étrangers à Paris!« Die Katze sagte: »Wissen Se, hier mit die Katzen, da versteh ich mir janich! Se sind auch so janz anders als bäi uns – manche sind direkt kindisch – wissen Se...! Na, denn wer ich man bißchen jehn, auf Mäise...!« Und lief seitwärts, in die Büsche. Ich wollte noch etwas sagen, sie nach ihrer Adresse fragen – aber sie war schon weg. Und ich stand noch lange vor dem Busch und, ohne daran zu denken, daß es ja eine Katze war, rief ich: »Landsmann! Landsmann!« – Aber es antwortete keiner. Wir haben uns nicht mehr wiedergesehen. 1924 Umzug Auch im Französischen gibt es ein Wort, das ungefähr besagen will: »Lieber dreimal abbrennen als einmal umziehen.« Das ist recht wahr. Bei einem Brand hat man es doch mit einemmal hinter sich. Nachts schreit das Mädchen im Korridor: »Herr Regierungsrat! Herr Regierungsrat!«, ich raus aus dem Bett, das Mädchen kreischt, aber diesmal nicht, weil ich so schön bin, sondern weil es wirklich brennt, qualmt, knistert... sie ergreift das Vogelbauer, ihren Sonnenschirm und einen alten Korb, ich entkorke den Feuerlöscher, er funktioniert nicht, ich gieße Wasser ins brennende Zimmer, dazwischen: »Wie ist denn das möglich?« – Das Mädchen jammernd: »Ich weiß ja auch nicht! Gestern abend hats noch nicht gebrannt...!«, das ist ein Trost, Feuermelder, Feuerwehr, es sieht gar nicht schaurig-schön aus, sondern stinkt nur entsetzlich, Gott weiß, welche Kindsleiche da mitbrennt. Morgens ziehe ich traurig einen Band Unruh aus dem Unglück, der pappne Deckel hat sich gebogen, das kommt von der Hitze. Und dann ist es vorbei, und man weiß: Bei Panters hats gebrannt. Aber ein Umzug –! Das ist viel schlimmer. Dieses Mal bin ich in Frankreich umgezogen, und vier Wochen waren verloren. Vier Wochen lang telegrafierten die Verleger: »Wo bleibt fünfter Akt Pubertätsdrama? Sofort senden, da Baisse in Pubertät bevorstehend.« Und: »Zwei Pfund pariser Stimmungsbilder ausstehend, desgleichen Boulevardtreiben, Sensationsprozeß und Modebilder von Montmartre. Wenn bis Montag nicht geliefert, abschließe mit Konkurrenz.« Nur der Chef der » Weltbühne « schwieg, gütig wie immer: die Aktualitäten der deutschen Politik hatte er für ein halbes Jahr voraus, ihm konnte nichts geschehen. Eine Wohnung zu finden, war nicht leicht gewesen. Hier in Frankreich gibt es kein Wohnungsamt, dafür lebt ein kleines Achtel der Bevölkerung vom Wohnungsnachweis. Es wimmelt von Agenturen, jedes kleine Örtchen hat deren mehrere, und die Bewegung auf dem Immobilienmarkt scheint stark zu sein. Paris platzt erst jetzt über die Fortifikationen, es wird viel gebaut, und zwar nicht, wie in Deutschland, nur Villen, sondern sehr viele Mietshäuser. Die haben kleine Zimmer, Wände zum Umblasen, sehr oft Badezimmer – und sind teuer. Ja, es ist überhaupt schwierig, zu mieten, denn die meisten dieser Wohnungen sind »à vendre«, und das heißt in Wirklichkeit: es bilden sich Baugenossenschaften der zukünftigen Mieter, und die schießen dem Unternehmer, der nicht schlecht daran verdient, einen Teil der Bausumme vor, er baut (manchmal baut er auch nicht), und bei Fertigstellung oder kurze Zeit nachher wird die Restsumme fällig; nun gehört die Wohnung dem Einziehenden als Eigentum. Die Unterhaltungskosten des Gebäudes haben aber die Teileigentümer zu tragen, sehr niedrig sind sie nicht. Und so drängt also alles in die heitere Umgebung von Paris. Ja, sie ist schön, diese Umgebung. Im Westen und Nordwesten, da, wo die Seine ihren Mäanderlauf vollführt, sind viele Höhenzüge bewaldet, nein, eigentlich nur begrünt. Außer Fontainebleau gibt es in der nähern Umgebung von Paris nicht recht etwas, was man »Wald« nennen kann – und auch der bei Fontainebleau hat noch einen fast parkartigen Charakter. Feen tanzen darin umher, keine Bären. Und dann gibt es dorfartige Ansiedlungen, darin sind die Wohnungen nicht schön, und da gibt es ein sich immer wiederholendes Bild: die kleinen Häuserchen liegen in dürftigem Grün hingewürfelt, nahe beieinander, es entstehen keine stillen Straßen, das Ganze liegt platt da wie eine Maurermeisteransiedlung. Und ich suchte und suchte. Was habe ich alles gesehen! In Leu am Brunnen steht ein steinernes Haus, das hat Zimmer so groß wie Reitställe. In Soisy steht eines, das ist wie aus dem Schmuckkästchen – aber wer darin wohnt, der ist zum Bahnwärter prädestiniert, die Kleinbahn pfeift unmittelbar daran vorbei. In Saint-Germain gibt es einen Pavillon, der ist von einem Onkel Hasse Zetterströms erbaut: man tritt ein, geradeswegs ins Eßzimmer, kommt von da auf einen Korridor, von da ins Badezimmer, von da wieder auf einen Korridor mit einer kleinen Treppe, von der Treppe in ein Schlafzimmer, vom Schlafzimmer aufs Dach ... weiter habe ich mich nicht getraut. Man kann ein ganzes Schloß mieten: mit 133 Zimmern, Garage, Waschbude, Hühnerstallungen, Pferdekäfigen, Untertanen, eigener Gerichtsbarkeit und Wasserspülung. Schließlich habe ich dann eine kleine Wohnung bezogen. Lieber dreimal abbrennen... Dabei machens einem hier die Leute nicht schwer: die kleinen Handwerker sind nicht unzuverlässiger als in Deutschland, auch nicht übermäßig geschickt, aber bei weitem freundlicher. Es fehlt dieser entsetzliche passive Widerstand, dieses grauenhafte »Ja da müssen Sie erst...« Hier muß man gar nicht erst. Natürlich muß man in einem Lande Arbeit nehmen, um es wirklich kennenzulernen, nicht nur Arbeit geben. Aber auch dabei sieht man dies und jenes. Zum Beispiel die unerschütterliche Anständigkeit der kleinen Lieferanten, die da kreditieren... es nützt gar nichts, um Rechnungen zu bitten, man bekommt sie doch nicht. Hierbei und bei vielen andern Erscheinungen habe ich immer den Eindruck, als lebe Frankreich noch gar nicht im Jahre 1925 oder als tue das wenigstens nur eine kleine Schicht. Die allgemeine Geisteslage hier entspricht beinah einem Franc- Stande von 80 Pfennigen. Sie ist noch nicht nachgerückt. Zeichen von Deutschfeindlichkeit –? In vierzehn Monaten: einmal. Das hat nichts mit dem zu tun, was sich die Franzosen über die Deutschen denken. Schwerer deutscher Aberglaube, daß die auf der gesamten übrigen Erde geltende glatte Umgangsform etwas mit »Achtung« oder »Beliebtheit« zu tun hat. Es klingt aber alles netter im Französischen, es streichelt die Nerven, niemand bockt. Der Polizeikommissar auf dem Revier: »Ich hätte nicht geglaubt, daß Sie Deutscher sind. Freilich: Sie haben nicht den Akzent der lateinischen Rassen ...« Man stelle sich das in Schöneberg vor. Aber dennoch: lieber dreimal abbrennen. Nun ist beinahe alles eingeräumt, der Tischler ist aus dem Haus, der Maler auch, der Schlosser auch. Ich knie vor einem Koffer und weide ihn aus. Das hört nie auf, weil ich immer wieder innehalte und mir ansehe, was ich da gefischt habe. Die alten Sachen stehen herum und wundern sich. Das ist nicht sehr heiter, mitunter. Briefe sollte man ja keinesfalls aufbewahren. Worauf sie sorgfältig weggepackt (nicht etwa gelesen) werden. Und da sind also die Bücher. Lichtenberg: »Er hatte seine Bibliothek verwachsen, so wie man eine Weste verwächst. Bibliotheken können überhaupt der Seele zu enge und zu weit werden.« Wie recht hat er! Wie sieht mich das an! Wie sehe ich das an! Mit ganz wenigen Ausnahmen hat die Tagesliteratur, die vor dem Jahre 1914 erschienen ist, ungefähr den Wert von Kindheitserinnerungen: man bewahrt das Schuhchen von Fritzchen auf, nicht, weil man es noch einmal tragen will, sondern eben als Erinnerung... Diese Schmerzen, diese Verse, diese Polemiken, diese Romane – ja, es ist alles sehr schön und gut, aber es geht einen gar nichts mehr an. Man soll nicht undankbar sein – aber wie tot ist das alles! Was ist geschehn? Es ist geschehn, daß wir gelernt haben, wie unmöglich es ist, seelische Erlebnisse ohne Zurückführung auf gesellschaftliche Zustände anzusehen. Daß man ruhig und still die Einkommenziffern der Helden prüfen muß, um sie zur Hälfte zu verstehen: ihre Freuden, ihre Anschauungen, ihr Leben. Daß ein Sparkassenbuch, eine unrechtmäßig ausgenutzte Kokerei, das Privateigentum an Transportmitteln – daß dergleichen Villa und Park erst ermöglichen, mit allem, was danach kommt... Mit dieser Kenntnis, zu deren Erwerbung unsereiner erst den Weltkrieg nötig gehabt hat, ist nicht alles erworben, aber viel. Wir haben viel gewonnen. Und mehr verloren. Geblieben ist wenig vom Alten, und viel Neues ist dazugekommen. Balzac ist geblieben. So weit wären wir also eingerichtet. Die im Prospekt garantierte ff. Morgenstille ist nicht geliefert worden. Ums Haus herum bellen die Hunde, unsre gefiederten Lieblinge. Da bellen sie, stumpfsinnig, aufgeregt, ununterbrochen; an den einzelnen Stimmen kann man die Größe der einzelnen Joujous veranschlagen. Hoch, tief, ein kleiner bellt... wenn ein Stiefmütterchenbeet bellen könnte, würde es so bellen; einer hat Bronchitis, bellt aber doch, dafür ist er Hund. Es hört sich an, als ob sich die Rotte Korah meilenweit mit einemmal übergäbe – wenn morgens die Lieferanten an den Häusern klingeln, steht der ganze Horizont in Flammen. Sie reißen an den Stricken, sie springen gegen die Gitter, sie flöhen sich, belfern, quietschen, jaulen, in den Triefaugen Treue zum Futternapf und zum angestammten Herrscherhause, durchaus konservativ und gegen die landfremden Elemente. Wenn man genau hinhört, kann man aus dem Gebrüll eine getragene Hymne heraushören. Gott segne diesen Volksstamm! Der letzte Lampenschirm ist angeschraubt, der Tisch wackelt nicht mehr, der letzte Nagel ist eingeschlagen. Wohlan! Von hier aus ist fröhlich Wohnung suchen. 1925 Fête du Trône »Fest des Throns? In Paris?« Das könnte Ihnen so passen, Herr Landgerichtsdirektor. Nein, ganz so monarchistisch ist diese Republik doch nicht. »Fête du Trône« ist einfach der Name eines harmlosen großen Jahrmarkts, der »foire aux pains d'épice«, des Lebkuchenmarkts. Der steigt alljährlich auf der Place de la Nation, einem Platz, der einmal »Place du Trône« geheißen hat, aber dessen Name dann nach einer kleinen Feierlichkeit im Jahre 1789 geändert wurde. Also ungefähr so wie die Hohenzollernstraßen in der deutschen Republik. Herr Landgerichtsdirektor gehen schon –? Man denke sich eine Gegend wie etwa die um das Hallesche Tor. Nun stimmen ja solche Vergleiche nie, aber so, ganz oberflächlich betrachtet, sehen für einen Berliner die Straßenzüge um die Place de la Nation aus. Von da geht eine Straße nach Osten (Cours de Vincennes), eine Straße, etwa so breit wie die Linden, und da sind in der Mitte viele hundert Buden aufgebaut, und zwischen ihnen schieben sich die Leute hin und her. Abends ist Feuerwerk. Hier kann man fürs ganze Leben was lernen. Da gibt es Buden mit Athleten und Liliputanern und »Le Nu au Salon« (da hat leider mein Geld nicht mehr gereicht, und jetzt träume ich immer davon: welches Nu! welcher Salon!) und eine Zauberbrille und Waffelbuden und gerichtlich vereidigte Schaukeln, wie die Aufschrift besagt, und Schaukeln für Minderjährige und ein anatomisches Kabinett und eine schwebende Jungfrau (doch – Schweben gibts) und Löwen zu Wasser und Löwen zu Lande und Karussells –! Karussells, so groß und so mächtig, wie man sie als Kind gesehen hat, riesige Dinger, mit Flitterglanz und Silberfransen und tausend kleinen Spiegeln, wie sich das gehört. Sie drehen sich gewichtig und langsam, schwerfällig und lustig-bunt. Und eines spielt – det kenn ick doch? –: »Das ist die Berliner Luft, Luft, Luft...« Heiliger Paul Lincke! Gesegnet sei dein Name, denn du hast erreicht, was die katholische Kirche und die Sozialdemokratie nicht fertigbekommen haben: Du bist wahrhaft international! Und moderne Karussells sind da, wo einem nicht so einfach übel wird wie auf den altmodischen, sondern wo die Wagen ganz merkwürdige Aufstoßbewegungen machen, und andre, deren kleine Gondeln durch die Luft fliegen. Und viele Leute sitzen da oben drauf und fahren. Ernsthafte Leute, die tagsüber in einem kleinen Laden arbeiten oder Bücher führen, fahren da herum. Und Mädchen sitzen auf den großen Holzhummeln der Karussells (eine poule auf einer Hummel, ein seltsames Naturspiel!) und machen ein sehr ernsthaftes Gesicht, als sei das eine wichtige Sache. Und das ist es ja wohl auch. Und sie fahren auf der Berg und Talbahn mit unsäglichem Gekreisch, und auf einem Platz ist wahrhaftig eine kleine Dampfeisenbahn (neu und originell!) aufgestellt, da dürfen die Leute immer im Kreise herumfahren. Und alle freuen sich wie die Kinder. Ein dickes Karussell hat ein Kind: ein ganz, ganz kleines, und da fahren Babys und kleine Kinder herum, und die Mamas stehen dabei und passen auf, daß sie auch ordentlich drehkrank werden. Und da fährt ein ganz kleines Wurm, das weiß noch nicht genau, ob das schön oder scheußlich ist, weil es doch noch so klein ist – und vor ihm sitzt in einer Schwanenkutsche ein rothaariger Junge, dem läuft die Nase vor Begeisterung, und übrigens ist er im Kinderhimmel. Seine Augen sind ganz woanders. Und nur manchmal kehrt er zur Erde zurück und sieht etwas mißtrauisch nach hinten – da fahren nämlich immer zwei riesige Störche hinter ihm her, und Störche mag er nicht. Neben den großen hundertpferdigen Karussells ein kleines zu fünf. Es sind wenig Leute, die gnädig zusehen, wie sich das Volk amüsiert. Eigentlich amüsieren sich alle. Und alle sind harmlos und fröhlich und vergnügt, und man sieht gar keine Schnösel, die die Gelegenheit des Ausgangs benutzen, um sich über ihre Klasse hinaus zu amüsieren. Das habe ich hier überhaupt noch nicht gesehen, diesen Berliner Typus, der immer so tut, als ob. Denn wenn der Berliner abends ausgeht, so nimmt er doch schon draußen an der Korridortür die Allüren eines reichsunmittelbaren Geschlechts an und gibt auch meist viel mehr Geld aus, als sein Budget verträgt. Der Friseurlehrling betreibt das Amüsement als Meister, der Meister als Parfümeriefabrikant, und wie sich der Fabrikant hat, wenn er mit Seiner ausgeht – nein, das gibt es hier nicht. Die Leute amüsieren sich alle innerhalb ihrer Klasse, wollen gar nicht mehr scheinen, als sie sind, und fühlen sich sehr wohl dabei. Ja, alle Welt vergnügt sich. Die Karussells spielen, immer alle mit einem Mal, und mit der Banane in der Hand kommt man durch das ganze Land. Vor einer Bude hocken Dinger, die als Affen angestellt sind, na, wir wollen uns gar nicht so groß tun ... Und ich bin so vergnügt, daß ich mir vor lauter Freude beinahe einen Luftballon gekauft hätte... Schließlich kaufe ich aber etwas ganz andres. Da, in den Kuchenbuden, gibt es Pfefferkuchenschweine. Und ein Schild: »On les baptise à la minute.« Das ist so: man kauft ein Schwein – da liegen kleine, größere und dann ganz große, etwa so, wie ein Leser des »Junggesellen« – und hält den braunen Leib dem Verkäufer hin. Und dann sagt man einen geliebten Namen – und der Mann nimmt eine Papiertüte und quetscht, auf dem Kuchen schreibend, eine weiße Sache aus der Tüte, wie Pebeco, und dann stippt er das Schwein in einen Topf mit Mohnkrümeln, und dann steht nachher auf dem Rücken, wundervoll bunt: »Agathe« oder »Siegfried« oder »Celly«. »On les baptise à la minute« –? Und ich mir ein Schwein kaufen und einen Namen sagen und eine Minute warten – das ist das Werk einer Sekunde. Und nun stehe ich da, mit dem bunten Pfefferkuchen in der Hand, einem großen, fetten, feisten, und mitten auf der foire aux pains d'épice. Und auf dem Kuchen steht: Friedrich Ebert. So denke ich in der Ferne an meinen Präsidenten. 1924 Die Stadt der Beziehungen Est-ce que vous connaissez quelqu'un qui connaisse le ministre? Anatole France: »Histoire Comique« Paris ist die Stadt der guten Beziehungen. Hast du sie, ist es gut – hast du sie nicht, ist alles verloren. Nun ist es ja auf der ganzen Welt so, daß einem Bekanntschaften die Geschäfte erheblich erleichtern – aber so wie hier (und wie wahrscheinlich auch in England), so ist es doch für einen Fremden einigermaßen neu und verblüffend. Wenn man in Paris etwas kaufen will und erledigt das auf normalem, gewissermaßen offiziellem Wege, so wird man keinen großen Schaden erleiden. Die Geschäftsleute sind ehrlich, sehr genau, anständig. Will man etwa eine Wohnung mieten, was bei der herrschenden Wohnungsnot zu den besseren Sachen gehört, so kann man auch das auf dem breiten Wege der allgemeinen Regeln unternehmen. Aber das ist nicht Paris. Was wäre Paris ohne Beziehungen! Kauf, Miete, Anstellung, Behörden – für alle diese Fälle hat der Pariser etwas, was sich – ähnlich wie im Italienischen – »combinaison« nennt (in der Umgangssprache »combine« genannt). »Sie wollen ein Dienstmädchen nehmen? Pour ça j'ai une combine!« Und dann gehts los. Der Schwager des Bruders kennt einen ehemaligen Bürokollegen, dessen Frau in einer Agentur angestellt ist – auf diesem Wege ließe es sich vielleicht machen. Und es wird gemacht. Eine lange Kette wird in Bewegung gesetzt: eine Kette mit Empfehlungskärtchen, Frühstücken, Verabredungen, dem »Petit Bleu« (dem blauen Rohrpostbrief, der dem niemals funktionierenden pariser Telefon weitaus vorzuziehen ist) – eine Kette mit Verabredungen, Besuchen und kleinen Konferenzen. Dann wirds. Ohne das wirds nicht, oder doch nicht so gut, oder doch nicht so schnell. Man verstehe das nicht falsch: auf solchen Wegen werden keine »Schiebungen« gemacht. »Combinaison« heißt nicht Schiebung, und es sind keine dunkeln Geschichten, die man so bewerkstelligt. Die »combine« ist das Ventil, durch das sich der gesunde Menschenverstand aus dem Kessel der Schwierigkeiten Luft macht. Hier gleicht sich Angebot und Nachfrage aus, hier werden die überschüssigen Reibungen zwischen eng aneinanderwohnenden Menschen gemildert, hier spricht das Herz, die Freundschaft, die Beziehung. Die ganze Politik beruht darauf, alle Personalfragen in der Politik. Weiß man, wo die kleinen Rädchen im Couloir liegen, so kann man daran drehen, und die ganze Maschinerie fängt an zu laufen. Man braucht sie nicht einmal zu schmieren. Die großen Türen des Palastes sind nur morgens zwischen zehn und elf Uhr geöffnet; es gibt immer einige gefällige Küchenjungen , die auch die kleinen Pförtchen außerhalb der Zeit wissen. Man muß sich mitunter bücken – aber man kommt hinein. Denn was für den Engländer der Klub, das ist für den Franzosen das Déjeuner. Sehr, sehr schwierig, im Büro, während der Arbeitsstunden, jemand aufzustöbern, schwierig, ihn zu einem gemeinsamen Theaterbesuch zu bekommen, schwierig, mit ihm am Tage, am Vormittag, am Nachmittag zusammenzusein. »On déjeunera ensemble?« Gemacht. Und das hat hier nichts mit dem Geld zu tun. Das Déjeuner ist die Stunde der Geselligkeit, ja, mitunter der Repräsentation. Ich denke immer, daß an diesen Kleinigkeiten so sehr viel gelegen ist, weil man von diesen Kleinigkeiten erst an die großen Dinge herankommt. Was nützt mir die beste Lokalkenntnis, wenn ich die combine nicht habe? Aber diese combinaison ist nicht alles. Pariser Karrieren kosten Geld. Es ist für unsere deutschen Verhältnisse fast unvorstellbar, was in Frankreich (wie auch anderswo im Ausland) für ein Kapital in Karrieren investiert wird. Es ist nicht nur so, daß der Aufsteigende jahre- und jahrelang nichts verdient, nein, er setzt ganze Vermögen – die Klugen die ihrer Frau – zu. Wenn er zum Schluß mit einem großen Gewinn rechnen kann, so ist es ein Haupttreffer gewesen. Arbeiten um kleines Gehalt, wieder und wieder repräsentieren, mit der großen Gesellschaft leben, Jahr für Jahr, mit ihr Geld ausgeben und wenig einnehmen, wohnen wie sie, sich kleiden wie sie, ihre Logen und ihre Frauen teilen – wahrlich, der Weg zum Himmel ist mit Zollschranken übersät. Und daran hat die Plutokratie nicht allzuviel geändert. Von unten her ists nicht leicht. Es liegt also so: Die combine allein tuts nicht. Aber die Tüchtigkeit allein tuts auch nicht, wenn nicht die combine dabei ist. Und ist man erst einmal über einen gewissen Punkt hinweg, dann schadet einem die Tatsache des Aufstiegs von unten her nicht allzuviel. Daß Gaston Doumergue aus einem kleinen Häuschen aus Nîmes in der Provence kommt, wird noch rühmend hervorgehoben. – Gerade hat er seine Heimat besucht – und es hat sich eine wilde Schlacht erhoben, ob man ihm zum Essen den offiziellen Lachs oder die heimische »brandade«, eine Art Stockfischgericht, vorsetzen soll. Und keinem Menschen fiele es ein, über einen arrivierten Staatsmann etwa nur deshalb Witze zu machen, weil er einmal Sattler gewesen ist... Ich habe in Paris einen Bankier kennengelernt, der aussah wie sein eigener Hausdiener und der mit Stolz davon spricht, daß er auch in einer ähnlichen Stellung bei seiner Firma angefangen hat. Er hatte wohl die Tüchtigkeit, er hatte den Kopf, und er hatte die combine. Wir werden mit Frankreich wieder Geschäfte machen; nach dem letzten Handelsabkommen sicher mehr als früher. Es wird nicht so ganz einfach sein. Denn es ist eben nicht so, wie sich das mancher denkt: ins Büro heraufgehen, den Hut auf den Tisch legen und los. Da ist noch eine Glaswand. Es dauert lange, bis man die schmale Ritze entdeckt, in der sich die eingefügte Tür verrät. Sieht man sie nicht, prallt man ab, hundert- und hundertmal. Sieht man sie und weiß damit umzugehen, so öffnet sie sich unhörbar, eine kleine, vorher unsichtbare Tür, die ins Innere führt. Es ist die Beziehung. 1924 Les Abattoirs Ein grüngrauer, stumpfer Himmel liegt über La Villette, dem Arbeiterviertel im Nordosten der Stadt. Ein Stückchen Kanal durchschneidet quer die Straßen, von hier fahren die Kähne mit dem Fleisch durch rußige Wiesen. Es ist sieben Uhr früh. Gegenüber dem begitterten Eingang zu den dunkeln Gebäuden des Schlachthofes hocken, sitzen, bummeln vor den Caféhäusern merkwürdige Männer und Frauen. Viele haben blutbespritzte Hosen, blutgetränkte Stiefel, ein grauer Mantel bedeckt das ein wenig. Einer ist nur in Jacke und Hose, unten ist er rot, als habe er in Blut gewatet, auf dem Kopf trägt er eine kleine, runde, rote Mütze – er sieht genau aus wie ein Gehilfe von Samson. Er raucht. Eine Uhr schlägt. Die Massen strömen durch die große Pforte, hinten sieht man eine Hammelherde durch eine schattige Allee trappeln, mit raschen Schritten rücken die Mörder an. Ich mit. Über den großen Vorhof, flankiert von Wärter- und Bürohäuschen, an einer Uhrsäule vorüber, hinein in die »carrés«. Das sind lange Hallen, nach beiden zugigen Seiten hin offen, hoch, mit Stall-Löchern an den Seiten. Hier wird geschlachtet. Als ich in die erste Halle trete, ist alles schon in vollem Gange. Blut rieselt mir entgegen. Da liegt ein riesiger Ochs, gefesselt an allen vieren, er hat eine schwarze Binde vor den Augen. Der Schlächter holt aus und jagt ihm einen Dorn in den Kopf. Der Ochse zappelt. Der Dorn wird herausgezogen, ein neuer, längerer wird eingeführt, nun beginnt das Hinterteil des Tieres wild zu schlagen, als wehre es sich gegen diesen letzten, entsetzlichen Schmerz. Eine Viertelminute später ist die Kehle durchschnitten, das Blut kocht heraus. Man sieht in eine dunkle, rote Höhle, in den Ochsen hinein, aus dem Hohlen kommt das Blut herausgeschossen, es kollert wie ein Strudel, der Kopf des Ochsen sieht von der Seite her zu. Dann wird er gehäutet. Der nächste. Der nächste hat an der Stalltür angebunden gestanden mit seiner Binde. Die ist ihm jetzt abgenommen, er schnüffelt und wittert, mit geducktem Hals sieht er sich den Vorgänger an, der da hängt, und beriecht eine riesige weiße Sache: einen Magen, der, einer Meeresqualle gleich, vor ihm auf dem Steinboden umherschwimmt. Auf einem Bock liegen drei Kälbchen mit durchschnittenen Kehlen, noch lange zucken die Körper, werfen sich immer wieder. Rasch fließt das Blut mit Wasser durchmischt in den Rinnsalen ab. Dort hinten schlachten sie die Hammel. Zu acht und zehn liegen sie auf langen Böcken, auf dem Rücken liegen sie, den Kopf nach unten, die Beine nach oben. Und alle diese vierzig Beine schlagen ununterbrochen die Luft, wie eine einzige Maschine sieht das aus, als arbeiteten diese braunen und grauen Glieder geschäftig an etwas. Sie nähen an ihrem Tod. In der Ecke stehen die nächsten, sie sind schon gebunden, schnell nimmt der Schlächter eins nach dem andern hoch und legt es vor sich auf den Bock. Kein Schrei. Drüben in der nächsten Halle wird à la juive geschlachtet. Der Mann, der schächtet, ist aus dem Bilderbuch, ein Jude: ein langes, vergrämtes Gesicht mit einem Käppchen, in der Hand hat er einen riesigen Stahl, scharf wie ein Rasiermesser. Er probt die Schneide auf dem Nagel, er nimmt irgendeine religiöse Förmlichkeit mit ihr vor, seine Lippen bewegen sich. Die süddeutschen Gassenjungen übersetzten sich dies Gebet so: I schneid di nit, i metz di nit, i will di bloß mal schächte! Hier wird das Tier nicht vorher getötet und dann zum Ausbluten gebracht, sondern durch einen Schnitt getötet, so daß es sich im Todeskampf ausblutet. Ich bin auf den Schnitt gespannt. Der Ochse ist an den Vorderbeinen gefesselt, durch den Raum laufen über Rollen die Stricke, und zwei Kerls ziehen langsam an. Der Ochse strauchelt, schlägt mit den Beinen um sich, legt sich. Der Kopf hängt jetzt nach unten, die Gurgel strammt sich nach oben ... Der Jude ist langsam näher gekommen, den Stahl in der Hand. Aber wann hat er den Schnitt getan –? Er ist schon wieder zwei Meter fort, und dem Ochsen hängt der Kopf nur noch an einem fingerbreiten Streifen, das Blut brodelt heraus wie aus einer Wasserleitung. Das Tier bleibt so länger am Leben, unter der Rückenmuskulatur arbeitet es noch lange, fast zwei und eine halbe Minute. Ob es bei diesem System, wie behauptet wird, länger leidet, kann ich nicht beurteilen. Das Blut strömt. Erst dunkelrotes, später scharlachrotes, ein schreiendes Rot bildet seine Seen auf dem glitschrigen Boden. Nun ist das Tier still, der Augenausdruck hat sich kaum verändert. Neben ihm hat sich jetzt ein Mann auf den Boden gekniet, der das Fell mit einer Maschine ablöst. Sauber trennt der Apparat die Haut vom Fleisch, die Maschine schreit, es hört sich etwa an, wie wenn ein Metall gesägt wird, es kreischt. Dann wird dem riesigen Leib ein Schlauch ins Fleisch gestoßen, langsam schwillt er an: es wird komprimierte Luft eingepumpt. Das geschieht, wird gesagt, um die Haut leichter zu lösen. Es hat aber den Nachteil, daß diese Luft nicht rein ist, und das Fleisch scheint so schneller dem Verderben ausgesetzt zu sein. Und es hat den Vorteil, daß sich die Ware, da die Luft nicht so schnell entweicht, im Schaufenster besser präsentiert. Karrees und wieder Karrees – der Auftrieb auf dem benachbarten Viehmarkt, der zweimal wöchentlich stattfindet, ist stark genug: gestern waren es 13 ooo Tiere. Paris ist eine große Stadt, und es gibt nur noch kleinere Abattoirs, wie das an der Porte de Vaugirard, und eines nur für Pferde in Aubervilliers. Jetzt ist das Pferdefleisch annähernd so teuer wie das reguläre – der Verbrauch hat wohl etwas nachgelassen. La Villette hat das größte Abattoir – keineswegs das modernste –, mit dem in Nancy und den großen Musterschlachthöfen in Amerika und Deutschland nicht zu vergleichen. Stallungen und Stallungen. Viele Tiere sind unruhig, viele gleichgültig. An einer Stalltür ist ein Kalb angebunden, das bewegt unablässig die Nüstern, etwas gefällt ihm hier nicht. Zehn Uhr zwanzig, da ist nichts zu machen. Ein Ochse will nicht, er wird furchtbar auf die Beine geschlagen. Sonst geht alles glatt und sauber und sachlich vor sich. An einer Tür stehen zwanzig kurz abgeschnittene Rinderfüße, pars pro toto, eine kleine Herde. Hier liegt ein Schafbock und kaut zufrieden Heu. Es ist ein gewerkschaftlicher Gelber. Der wird an die Spitze der kleinen Hammelherden gesetzt, die da einpassieren, er führt sie in den Tod; kurz vorher verkrümelt er sich und weiß von nichts mehr, der Anreißer. Er ist ganz zahm und kommt immer wieder zu seinem Futterplatz zurück. Dafür schenkt man ihm das Leben. Das soll in den letzten Jahren schon mal vorgekommen sein. Hier im großen Stall ist ein Pferch ganz voll von Schafen. Sie werden wohl gleich abgeholt, sie stehen so eng aufeinander, daß sie sich überhaupt nicht bewegen können, und sie stehen ganz still. Sie sehen stumm auf, kein Laut, hundertzwanzig feuchte Augen sehen dich an. Sie warten. Durch Stallstraßen, an Eisfabriken und Konservenfabriken vorüber, zu den Schweinen. Eine idyllische Hölle, eine höllische Idylle. In dem riesigen, runden Raum brennen in den einzelnen Kojen, die durch Bretterwände abgeteilt sind, große Strohfeuer. Die Rotunde hat Oberlicht, und die Schlächter, die Männer und Frauen, die die Kadaver sengen, sehen aus wie Angestellte der Firma Hephästos \& Co. Die Schweine rummeln in den Kojen, durchsuchen das Stroh – der Schlächter mit einem großen Krockethammer tritt näher, holt, heiliger Hodler! weit aus und schlägt das Tier vor den Kopf. Meist fällt es sofort lautlos um. Zappelt es noch, gibt er einen zweiten Schlag, dann liegt es still. Keine Panik unter den Mitschweinen, kein Laut, kein Schrecken. Draußen, in den Ställen drumherum, schreien sie, wie wenn sie abgestochen werden sollen – hier drinnen kein Laut. Dem toten Schwein werden von Frauen die Borsten ausgerupft, mit denen du dich später rasierst, dann wird es ans Feuer getragen und abgesengt. Die schwarzen Kadaver, auf kleinen Wägelchen hochaufgeschichtet, fahren sie in den Nebensaal, wo man sie weiterverarbeitet. Hier, wie bei den Rindern, stehen Leute mit Gefäßen, die fangen das Blut auf. Das Blut raucht, es ist ganz schaumig, sie rühren ununterbrochen darin, damit es nicht gerinnt. Die Schlächter stehen sich nicht schlecht: sie verdienen etwa zweihundert Franken die Woche. (Eine Umrechnung ergäbe bei den verschiedenen Lebensbedingungen ein falsches Bild; der Reallohn ist für deutsche Verhältnisse hoch: der französische Arbeiter wohnt schlechter als sein deutscher Genosse, ißt bedeutend besser, kleidet sich fast ebensogut.) Da an der Ecke stehen vor großen Trögen Männer und Frauen und kochen die Kalbsköpfe aus. Blutig kommen sie hinein, weiß kommen sie heraus. Auf dem Boden rollen die abgeschnittenen Köpfe mit den noch geöffneten Augen – ein Mann ergreift sie und pumpt sie gleichfalls mit der Luftpumpe auf. Jedesmal bläht sich der Kopf, jedesmal schließt das tote Kalb langsam und wie nun erst verlöschend die Augen ... dann werden sie gekocht. Das einseitige Stiergefecht dauert noch an, bis elf wirds so weitergehen. An der Uhr, vorn am Eingang, hängen die Marktnotizen. Da ist zunächst eine große erzene Tafel, den Toten des Krieges als Erinnerung gewidmet, aufgehängt von den vereinigten Großschlächtereien der Stadt Paris. Namen, eine Jahreszahl... Ich studiere die Markttafeln. Und beim Aufsehen bleiben mir Worte haften, ein paar Worte von der Inschrift, die die Gefallenen ehren soll. So: La Boucherie en gros 1914-1918 Die Parallele ist vollständig. 1925 Hinter der Venus von Milo Hinter der Venus von Milo, im pariser Louvre, steht ein kleines Bänkchen, auf das habe ich mich neulich gesetzt. Von der Venus sah ich nur den dunkeln, unbeleuchteten Rücken. Die Besucher standen in voller Tageshelle. Es rückten an die Völker der Erde, in schlenderndem Museumsschritt, schon ein wenig müde vom vielen Spazierengehen, und von weitem sah man die Stumpfheit ihrer Gesichter. Wenn sie sich aber der Venus näherten, dann wechselte der Ausdruck. Die meisten waren etwas befangen und traten mit einem Gesicht näher, das Männer machen, wenn sie einen Frack anhaben und einen etwas zu hohen Kragen. Sie gaben sich innerlich alle einen Bildungsruck und »nahmen Haltung an«. Also das ist sie... Selbst die Frauen machten häufig eine halbe Verbeugung – aber nur, wenn sie allein waren –, manche lächelten wie ertappt. Es gab auch Offensivgeister, die traten rasch und resch in den kleinen hohen Raum: »Na sahrn Se ma – sind Sie denn nu wirklich so schön, wie es immer heißt? Das wollen wir gleich ma sehn –!« Sie traten vor und traten zurück, sie suchten einen »point de vue« und hielten die Hand vor Augen, um das ungehörige Licht abzublenden; sie buchstabierten die kleine Drucktafel, auf der drauf stand, daß dies die Venus von Milo sei, ich sah in weitaufgerissene Nasenlöcher und auf funkelnde Brillengläser. Manche kamen schnell angetrabt, mit etwas in den Augen, das sagte: »Na, da bist du ja!« Und: »Du hängst übrigens bei uns in der guten Stube!« Und: »Wirklich sehr schön!« Für viele hätten blaue und rote Gläser da sein sollen, mit denen man sich das Schauspiel hätte bunter gestalten können. Männer mit schweren Schritten, steifer Haltung und zu kleinen Hüten rückten an, die mußte ich schon mal gesehen haben; französisch waren nur die Wächter, und das Schrecklichste der Schrecken umringte die stille Statue: die reisende Mittelstands-Amerikanerin. Laut, frech, aufdringlich, taktlos, ein unangenehmer Papagei. Ein englisches Mädchenpensionat saß auf den Bänken, wie die Vögel auf der Stange – sie schnatterten ziemlich laut und zeigten sich Bonbons und Ansichtskarten. Ein grausiges Gestell aus Chicago verhandelte mit einem Aufseher, der gutmütig Auskunft gab in einer Haltung, die verriet: »Ich bin schon achtzehn Jahre in dieser Anstalt, ich wundere mich über gar nichts mehr!« – Und ein Liebespaar auf einer Bank in der Ecke blieb eine halbe Stunde – hier und nur hier fühlte es sich ungestört vom pariser Klatsch ... Und es kam die junge Generation, Sportfiguren und glatte Gesichter. Die sahen ganz anders zur Venus auf. »Ewig«, steht in den Kunstbüchern, »ist der Schönheitswert dieses Körpers ...« Ewig? Wirklich: ewig –? Diese jungen Leute, denen das Saxophon schon einiges erzählt hatte, dachten darüber vielleicht anders. Viele schnupften kurz auf, sahen hinauf, wieder hinunter, umstanden den Sockel und gingen wieder fort. Ihre Venus sieht vielleicht anders aus. So saß ich noch lange, lange Zeit. Und muß sagen: Ich persönlich möchte ja nicht die Venus sein. Hinterließen Augen Flecken: sie müßte aussehen wie eine Pardelhaut. Und wieviel Gleichgültige sehen sie an! Wieviel Konvention ist dabei, Mußbesuch, Pflichtspaziergang im Louvre – (»Und nun noch der Eiffelturm und die Oper – und dann ham was geschafft –!«) Ein Museum ist eine Sache. Aber vielleicht darf man sich überhaupt nicht hinter die Objekte setzen. Denn was man da so im Laufe der Zeit zu sehen bekommt, läßt einen bald abstumpfen, weil es sich tausendfach wiederholt, weil die Phantasie der Menschen gering ist und ihre Spielarten noch kleiner – und weil Clowns, Richter, Ärzte und manche Damen Bescheid wissen, wie es wiederkommt, alles miteinander. 1926 Der Primus In einer französischen Versammlung neulich in Paris, wo es übrigens sehr deutschfreundlich herging, hat einer der Redner einen ganz entzückenden Satz gesagt, den ich mir gemerkt habe. Er sprach von dem Typus des Deutschen, analysierte ihn nicht ungeschickt und sagte dann, so ganz nebenbei: »Der Deutsche gleicht unserm Primus in der Klasse.« Wenn es mir die » Leipziger Neuesten Nachrichten « nicht verboten hätten, hätte ich hurra gerufen. Können Sie sich noch auf unsern Klassenprimus besinnen? Kein dummer Junge, beileibe nicht. Fleißig, exakt, sauber, wußte alles und konnte alles und wurde – zur Förderung der Disziplin – vom Lehrer gar nicht gefragt, wenn ihm an der Nasenspitze anzusehen war, daß er diesmal keine Antwort wußte. Der Primus konnte alles so wie wir andern, wenn wir das Buch unter der Bank aufgeschlagen hatten und ablasen. Meist war er nicht mal ein ekelhafter Musterknabe (das waren die Streber auf den ersten Plätzen, die gern Primus werden wollten) – er war im großen ganzen ein ganz netter Mensch, wenn auch eine leise Würde von ihm sanft ausstrahlte, die einen die letzte Kameradschaft niemals empfinden ließ. Der Primus arbeitete wirklich alles, was aufgegeben wurde, er arbeitete mit Überzeugung und Pflichtgefühl, er machte seine Arbeit um der Arbeit willen, und er machte sie musterhaft. Schön und gut. Da waren aber noch andre in der Klasse, die wurden niemals Primus. Das waren Jungen mit Phantasie (kein Primus hat Phantasie) – Jungen, die eine fast intuitive Auffassungsgabe hatten, aber nicht seine Leistungsfähigkeit, Jungen mit ungleicher Arbeitskraft, schwankende, ewig ein wenig suspekte Gestalten. Sie verstanden ihre Dichter oder ihre Physik oder ihr Englisch viel besser als die andern, besser als der ewig gleich arbeitsame Primus und mitunter besser als der Lehrer. Aber sie brachten es zu nichts. Sie mußten froh sein, wenn man sie überhaupt versetzte. Es müßte einmal aufgeschrieben werden, was Primi so späterhin im Leben werden. Es ist ja nicht grade gesagt, daß nur der Ultimus ein Newton wird, und daß es schon zur Dokumentierung von Talent oder gar Genie genügte, in der Klasse schlecht mitzukommen. Aber ich glaube nicht, daß es viele Musterschüler geben wird, die es im Leben weiter als bis zu einer durchaus mittelmäßigen Stellung gebracht haben. Der Deutsche, wie er sich in den Augen eines Romanen spiegelt, ist zu musterhaft. Pflicht – Gehorsam – Arbeit: es wimmelt nur so von solchen Worten bei uns, hinter denen sich Eitelkeit, Grausamkeit und Überheblichkeit verbergen. Das Land will seine Kinder alle zum Primus erziehen. Frankreich seine, zum Beispiel, zu Menschen, England: zu Männern. Die Tugend des deutschen Primus ist ein Laster, sein Fleiß eine unangenehme Angewohnheit, seine Artigkeit Mangel an Phantasie. In der Aula ist er eine große Nummer, und auch vor dem Herrn Direktor. Draußen zählt das alles nicht gar so sehr. Deutschland, Deutschland, über alles kann man dir hinwegsehen – aber daß du wirklich nur der Primus in der Welt bist: das ist bitter. 1925 Der Anhänger »Was nützt mich der Mantel, wenn er nich jerollt ist« Unteroffizier: 1848 Die Franzosen, welches, wie meine Freundin Grete Walfisch sagt, ein degeneriertes Volk ist, treiben mit ihren männlichen Mänteln Schindluder. Ich muß es einmal sagen – seit Jahren krampft sich mir das Herz zusammen, wenn ich sehe, was diese Mäntel leiden müssen. Sie werden zusammengefaltet wie Faltboote, zu dicken Paketen verunstaltet, das Paket wird hinter Stangen auf Bretter gelegt, in den Restaurants treiben sie es so, das heißt, in denen, wo nicht fein sind, ohne »vestiaire«, was Garderobe heißt – es ist furchtbar, mit anzusehen. »Ja, haben sie denn keine Aufhängedinger?« – Das ist es ja eben – die haben sie, aber wie sehen die aus! Meinen Sie, da sind richtige Haken dran? Oui, gâteau! Da ist so eine Art Haken, aber die enden in Knöpfen! In dicken, kugeligen Knöpfen! Hat man je so etwas... Über diese Knöpfe hängt das degenerierte Volk die Männermäntel. Während ein richtiger Mantel doch an einem Henkel zu hängen hat, der zieht ihn dann so schön nach unten, er verliert leichter die Fasson, er muß öfter aufgebügelt werden, die Schneider verdienen daran kurz: Volkswirtschaft. Die Franzosen aber... es ist zum Gotterbarmen. Daher denn auch die französischen Schneider solche Anhänger gar nicht herstellen; sie liefern dir den Mantel sine sine. Davon habe ich zwei. Und mit denen bin ich neulich in die Heimat gekommen. Wenn – im vorigen Frieden – der Blitz in eine marschierende Kompanie schlug und es fiel ein Mann um, dann besah sich der Hauptmann den Schaden und rief: »Natürlich, der Einjährige!« – Und der kam sich dann noch im Lazarett sehr dämlich vor, weil er eben immer das Karnickel war. So ging das mit mir und dem Anhänger. Mit dem Nicht-Anhänger. Ich habe gelitten wie Dante bei Solferino. Es begann bei den Dienstmädchen der befreundeten Familien. »Darf ich abnehmen?...« – Bitte, Fräulein. (Pause.) »Da ist kein Anhänger dran!« (Spöttischer Blick. Melodie: Du armes Aas hast wohl keine Dame, die dir das annäht?) Ich traurig ab. Die Kellner in den Restaurants waren schon strenger. Ich bin gerade noch ohne Arrest weggekommen. Aber am schlimmsten waren die Garderobenfrauen in den Theatern. O weh – was habe ich da zu hören bekommen! »Na, is doch wahr! Nachher schimpfen die Herrschaften, daß man die Sachen nicht ordentlich hat aufgehängt – und denn haben sie nich mah Anhänger dran, wie es sich gehört!« – Dieses Wort schlug wie ein Donnerhall in meine Seele. Nun hatte ich es heraus: es war nicht die kleine technische Unzulänglichkeit, die die Leute so aufbrachte: es gehörte sich nicht –! Das war es. Der fehlende Anhänger war ein Fehler in der Weltordnung. Es regnete höhnische Anerbieten auf mich: ob man mir vielleicht den Anhänger annähen solle? Ich: »Ja.« Die Wachtmeisterin an der Garderobe: »Na, det hat jrade noch jefehlt!« mit der anschließenden Frage, ob ich vielleicht Löcher in den Hosen hätte, man könnte die ja auch... es wäre ein Aufwaschen oder vielmehr Aufnähen – aber aus der Näherei wurde nichts; es gab nur Krach. Es gab so viel Krach, daß ich mich gar nicht mehr in die öffentlichen Kunstinstitute hineingetraut habe – auf diese Weise sind in meiner ohnehin kümmerlichen Bildung bedeutsame Lücken in der Abteilung »Klassische Revue mit unruhigem Humor« entstanden – und ich wanderte ins Kino ab. Da war ich aber vom Regen unter Umgehung der Traufe direkt in die Schokolade gekommen. Mit »Da hängen Sie sich doch uff!« fing es an. Ich floh, wie von Furien gepeinigt... gejagt... wie von Furien gejagt... und jetzt sitze ich da mit dem Mantel, und was nutzt er mir, wenn er keinen Anhänger hat. »Nun sagen Sie – eine Frage. Das näht Ihnen keiner an? Da haben Sie keine... also kein weibliches Wesen in Ihrer Umgebung, die Ihnen diesen kleinen Freundschaftsdienst erweist? –« – Ach, wissen Sie, mit den kleinen Freundschaftsdiensten... das ist ein weites Feld. Die werden sehr überzahlt. »Na, und Lottchen?« – Das ist eine berufstätige Frau, wissen Sie. Sie sagt: »Warte, bis du wieder in Frankreich bist – da brauchst du keinen Anhänger.« Und ich gehe umher, ein Ausgestoßener – ein Mann, der seinen... das kann man eigentlich nicht sagen. Immerhin: Peter Schlemihl. Wenn ein ganzes Volk, Mann für Mann, etwas besitzt, was ein einzelner nicht besitzt –: wahrlich, ich sage dir – aus solchem Holze werden die Märtyrer gemacht. Denn es ist die große Frage, ob die Mäntel wegen der Anhänger da sind oder die Anhänger wegen der Mäntel. Es ist beinah dieselbe Frage: ob man lebt oder ob man im Dienste eines Apparats gelebt wird. Ein weiser Mann des fernen Ostens, dem eine solche Frage vorgelegt wurde, sann lange nach. Und dann sprach er: »Wenn Sie mich so fragen – muß ich Ihnen antworten: Ja.« 1930 Der Platz im Paradiese Die Bretagne ist das Bayern Frankreichs. (Protest der Bretagne, Protest Bayerns, schwere internationale Verwicklung der beiden Staaten –.) Denn man will auch dort schon wieder immer wie die Geistlichkeit. Daß Plouézec nirgends anders als in der Bretagne liegen kann, ist für den Kenner außer Zweifel. In Plouézec wohnt ein Kerl, der war einmal Leuchtturmwächter in Algerien gewesen, il a fait les colonies, ist also ein weitgereister Mann. Weil er denselben dicken Kopf wie die umwohnende Landbevölkerung hatte, ihren harten Geiz, ihre Geschäftstüchtigkeit, aber flinker war als sie, gerissner, schneller dachte, brachte er es bald zu viel Geld. Dieser Bursche nun erzählte neulich eine absonderliche Geschichte. Die Bretagne trinkt Cidre. Cidre macht betrunken. Aber in vino veritas, in der Lüge auch. Der Leuchtturmwächter a.D. hatte einen Vetter, der war Priester. Zu dem kam eines Tages ein gutes altes Frauchen und ließ in der geistlichen Unterhaltung so nebenbei fallen: »Jaja... Die Zeiten sind schwer... Jung bin ich auch nicht mehr: ich möchte mir gern einen Platz im Paradiese sichern, aber ich hörte, das ist sehr teuer. Sehr teuer soll das ja sein.« Der Priester spitzte die Ohren. Meinte sie das symbolisch? Eine Seelenmesse? Geistliche Tröstung? Nein, nein, sie meinte es ganz wörtlich. Sie wollte wirklich und wahrhaftig einen Platz im Paradiese. Das fiel dem Priester auf. Es begannen nun durchaus ernste Verhandlungen, der Priester bedang sich einige Tage Zeit aus, um sich mit den zuständigen Stellen in Verbindung zu setzen, und kam nach einer Woche mit dem Bescheid an: ein Platz koste 60 000 (sechzigtausend) Francs. Die Frau setzte sich schweratmend auf einen Stuhl. Zur größten Überraschung des Priesters, der ja allerhand gewöhnt war, dergleichen aber denn doch noch nicht erlebt hatte, rückte sie nach ein paar Wochen an, hatte Geld flüssig gemacht und händigte dem frommen Mann Gottes 60 000 Francs ein. Für einen Platz im Paradiese. Die Sache schien in Ordnung zu sein. Der Priester aber konnte nicht mehr schlafen. Es waren weniger Gewissensbisse, die ihn plagten, als der tödliche Zweifel: Habe ich auch genug gefordert? Solch ein Lamm hätte doch ganz anders geschoren werden können! Warum – bei Gott in der Höhe – warum habe ich nicht 80 000 gesagt? Achtzigtausend ... Und da brachte ihm der frische Meerwind eine Idee, einen Gedanken, unmittelbar von seiner himmlischen Behörde inspiriert. Er ging hin – das war im Jahre 1924 –, er ging wirklich hin, stellte die Frau und sprach: »Liebe Frau. Ihr Platz im Paradiese ist Ihnen sicher. Für 60 000 Francs. Betrag dankend erhalten. Aber – damit Sie sich keinen Illusionen hingeben und mir etwa im Jenseits Vorwürfe machen: es ist ein Stehplatz!« Die Frau setzte sich abermals. Was... was man denn da tun könne? Ja, sagte achselzuckend der Priester, man könne ja vielleicht einen Sitzplatz kaufen – obgleich die sehr, sehr gesucht seien. Es sei fast ausverkauft. Aber er habe Beziehungen... Übrigens koste ein Sitzplatz 80 000 Francs. Und da beschloß die Frau, auch noch die 20 000 flüssig zu machen, und sie begründete das auch. Cidre macht trunken – aber keine Dichter. Diese Antwort kann nicht erfunden sein. Sie sagte: »Ich werde Ihnen auch noch die 20 000 geben. Denn ich möchte einen Sitzplatz, parce que c'est pour l'éternité!« – Weil es doch für die Ewigkeit ist ... Nun aber griff der liebe Gott ein, seines Zeichens bekanntlich langsam, aber sicher mahlender Mühlenbesitzer. Die gute Frau hatte Verwandte, denen die Wirtschaft in den Renten- und Aktienbeständen ihrer Tante, Großmutter und Schwester nicht unbekannt blieb, sie forschten nach, die Sache wurde ruchbar, es gab einen mächtigen, aber lautlosen Skandal – und der Priester wurde exkommuniziert. Alle frommen Seelen durften aufatmen. Aber nicht lange. Der verjagte Priester gab das Geld nicht her. Er begründete vielmehr damit – wer wollte es ihm verübeln! – eine Milchwirtschaft und reiste im Lande umher; übrigens immer noch in der Soutane, weil das mehr zog, er hatte die modernsten Milchmaschinen und verdiente in kürzester Zeit einen gehörigen Haufen Geld. Da saß er nun. Seinen Vetter, den Leuchtturmwächter, sah er oft; beide waren gewaltige Fresser und Säufer, und sie setzten sich häufig um eine mächtige Seezunge und die erforderlichen Bouteillen Weines. Bei einer solchen Zusammenkunft nun geschah es, daß dem Priester der Kragen zu eng wurde, die Augen quollen ihm heraus, ein kleiner Schlaganfall meldete sich, er begann zu röcheln ... Der Vetter fühlte seine Stunde gekommen. (In der Erzählung äußerte er: »Maintenant je savais: il est à moi!«) Und er sprach zu dem Sünder: »Das ist die Strafe Gottes! Da hast du es!« Dem Expriester wurde mulmig um die Brust. Er begann nachdenklich umherzugehen, sonderbares Zeug vor sich hin zu murmeln, und eines Tages kam er recht klein zu seinem Cousin: ob ihm der nicht zum Wiedereintritt in die Alleinseligmachende verhelfen könne ... Selbstverständlich. Der Vetter ging ans Werk. Zunächst machte er einen Besuch bei dem zuständigen Erzbischof. Der flammte auf. Nie. Niemals! Als sich das geistliche Gewitter ausgetobt hatte, zog der Vetter ganz leise und vorsichtig seinen Trumpf aus dem Hosensack. Der Expriester besäße eine halbe Million ... Dumpf grollte es noch einmal aus dem Erzbischof – dann dachte auch er nach. Und sprach, um sich ganz zu vergewissern, die geflügelten Worte: »Est-ce que la bête est bien morte –?« Ist der Kerl auch ganz und gar auf dem Aussterbeetat? Dafür könne er garantieren, sagte der Vetter eifrig. »Ça je vous le garantie, Monseigneur!« Sieg auf der ganzen Linie. Und zehn Prozent für den Leuchtturmmann – für freundliche Vermittlung. Der Priester durfte sich demütig der Kirche nahen, er wurde in ein Kloster für reuige Mönche gesteckt, in eine strenge und härene Sache. Und da bereut er nun noch und hat sein Geld der Kirche vermacht. Es ist aber zu erwägen, ob das Mütterchen aus Plouézec nicht zeit ihres Lebens glücklicher gewesen wäre, wenn sie einen Platz im Paradiese ihr eigen geglaubt hätte. Einen Sitzplatz, versteht sich. Einen Sitzplatz. 1925 Schöner Herbst Das ist ein sündhaft blauer Tag! Die Luft ist klar und kalt und windig, weiß Gott: ein Vormittag, so find ich, wie man ihn oft erleben mag. Das ist ein sündhaft blauer Tag! Jetzt schlägt das Meer mit voller Welle gewiß an eben diese Stelle, wo dunnemals der Kurgast lag. Ich hocke in der großen Stadt: und siehe, durchs Mansardenfenster bedräuen mich die Luftgespenster... Und ich bin müde, satt und matt. Dumpf stöhnend lieg ich auf dem Bett. Am Strand wär es im Herbst viel schöner... Ein Stimmungsbild, zwei Fölljetöner und eine alte Operett! Wenn ich nun aber nicht mehr mag! Schon kratzt die Feder auf dem Bogen – das Geld hat manches schon verbogen ... Das ist ein sündhaft blauer Tag! 1913 Du hast ein Bett Auf dem Nebengeleis, in Bayonne, rangieren zwei Männer einen Güterwagen, pfeifen und schwenken eine Fahne, springen dem Rollenden auf den Leib und hüpfen wieder ab... Übrigens habe ich noch keine Wohnung in diesem überfüllten Laden, und alle Leute drängen schon mit ihren Koffern auf dem D-Zug-Gang und wollen heraus. Was wird das werden –? Man mag nicht gern in einen Ort fahren, von dem man weiß, daß es schwer ist, unterzukommen. Hier ists besonders schauerlich: denn gleich von nebenan, aus Biarritz, kommen die Minderbemittelten, die da nur am Tage mondän sind, und wohnen in Bayonne. Kein Bett frei. Schließlich lande ich wieder beim Hotel Terminus, das im Bahnhof liegt, und der Mann an der Theke empfiehlt mir ein Häuschen, ein Stübchen, ein Bett... Bis dahin sah ich die Stadt an, in unbehaglich frierende Haut gehüllt. Die Adour und die Arkaden und die Basken – alles sehr schön und gut, aber welche Wanze wird mich heute nacht beißen? Das war gar nicht romantisch, aber so war das. Nein, so ist das immer. Landschaftsschönheiten und tröstende Auskünfte und freundliches Schultergeklopfe und herzinnige Kopfnicker – du hast ein Bett, ich habe noch keines. Neid noch auf den letzten Kohlenträger – er ist hier eingeschaukelt. Schließlich werde ich eins finden. Aber wenn ich es nicht bezahlen könnte, wenn ich Hunger hätte? Was nützten mir da liebe Auskünfte, vollbärtige Ratschläge, tröstende Bibelsprüche, gesalbte Leitartikel? Sie machen mich nicht satt, und ich höre nur immer heraus: Du hast ein Bett, du hast ein Bett, ich habe keins. Woher denn vielleicht diese merkwürdige Gleichgültigkeit der arbeitslosen Klassen den feinern Postulaten der Kunst gegenüber herrührt; sie haben so gar kein Verständnis für die Adjektiva bei Proust! Und wie undankbar sind sie! Sage ihnen, daß Deutschland wieder empor müsse – sie verstehen dich nicht. Sage: wir alle wollen untergehn, wenn der Staat nur gerettet wird – sie bleiben stumm. Setze ihnen die ökonomischen Grundlagen der Krise auseinander: sie blicken verloren in die Weite und hören auf das Knurren eines Magens, der ihr eigner zu sein scheint. Kurz: undankbare Geschöpfe. Aber immer, wenn ich Präsidentenreden, Wohltätigkeitssprüche, patriotische Rote-Kreuz-Damen, abwiegelnde Sozialdemokraten, Zahlabendbonzen und Reichstagsabgeordnete höre, tönt eine angeschlagene Saite in mir fort, ein lang hinhallender Ton wie von einer Stimmgabel: Du hast ein Bett, du hast ein Bett. Wir frieren. 1926 Tote Stadt und lebende Steine Arles (Südfrankreich), im Dezember Nordöstlich von Arles liegt ein kleines Städtchen, das heißt Paradou. Wenn man dort ein Stündchen nach Norden geht, so kommt man in Berge, die »Die Älpchen« – Les Alpilles – heißen. Die Berge erheben sich milde gerundet zu ein paar hundert Metern Höhe, sie sind schwach bewaldet. Dann nehmen die Erhöhungen merkwürdige Formen an, werden sonderbar gefleckt, grün und grau, und geht man weiter und immer weiter, so biegt man um eine Bergnase herum und steht schließlich in einem stillen, weltverlorenen Tal mit wenigen Häusern. Der Blick sieht aufwärts und trifft auf ein Wunder. Hier liegt, im Stein, eine tote Stadt. Das sind Les Baux. Hier im Tal und auf den Höhen stand einst eine Stadt, eine große und mächtige Stadt von viertausend Seelen. Beherrscht und gekrönt wurde sie von einem riesigen, mit damaligen Mitteln der Kriegskunst uneinnehmbaren Schloß. Seit neunhundert Jahren steht die Stadt. Es ist ganz still um mich, kein Vogelruf, kein Baumrauschen, kein Wagenrollen – nichts. Grau und windstill steht der Tag. Was sieht man? Man sieht: Vineta auf den Bergen. Man sieht eine versunkene, eine mit den steinigen Bergen verwachsene, versteinerte, verfallene und tote Stadt. Bergan führt ein schmaler, rasenbewachsener Pfad. Geröll, Schutt, bröckelnde Steine. Erhalten sind: Teile der Stadtmauer, das alte Tor, eine benagelte graue Pforte, die Räume der Stadtwache. Und, weiter aufwärts: Mauern von Häusern, eine Hauswand, ein riesiger Renaissancekamin mit einer verwitterten Jahreszahl, verfallene Häuser, von denen nur noch die Wände stehen, guterhaltene Häuser, enge Straßen. Und alles auf den Felsen gebaut, an die Windungen der Berge geschmiegt, kletternd und mit ihnen fallend, eng, winkelig und still. Es leben Menschen da. »Wir sind sechzig«, sagt ein Mann, »sechzig – aber wir nehmen Jahr für Jahr ab – es ist nichts los auf dem Lande.« Nein, hier ist nichts »los«. Aber hier ist etwas anderes. Da ist eine alte Kapelle, die nichts mehr ist als ein Rasenplatz für die Hühner mit ein paar Mauern drum herum; da ist das Haus der Porcelets, einem alten provenzalischen Geschlecht, die in Arles auf dem Begräbnisplatz Aliscamps ein ritterliches Totenmal haben; da sind verfallene Türme, enge Straßen – und da ist die kleine Kirche. Die Sakristei ist im Jahre 1908 abgebrannt, mitten im Hochsommer – aber die Schwarzberockten sind noch da; sie haben lachende und munter lärmende Jungen um sich versammelt, die sie wohl unterrichten... Die Kirche ist klein; eine Seitenkapelle ist in den Fels gehauen. In der vermauerten Krypta ruhen die, die hier geherrscht, gefochten und gelebt haben. In einem Grab fand man – aus dem Jahre 1437 stammend – lange blonde Frauenhaare. Niemand weiß etwas darüber. Ich trete aus der Kirche heraus, bitte einen alten Mann des Dorfes, mich zu begleiten – und wir klettern die steinigen Wege weiter hinauf, zum Schloß. Viel ist nicht mehr davon da. Die Ritter waren den zentralistisch gesinnten Königen eine schwere Last – immer wieder wurde zerstört, immer wieder angebaut und aufgebaut – bis Richelieu der Sache ein endgültiges Ende machte: 1632 war es aus. Und zerbröckelt seitdem... Der grau-weißliche Boden ist Kalkstein, leicht zu bearbeiten, und was haben sie da nicht alles gemacht! Es ging ein Postengang um das ganz riesige Schloß herum, ganz und gar geschützt, in den Fels gehauen; die Kapellen, die Säle, die Höfe – alles hat doppelten Schutz: den der Menschen und den der Felsen. Wir klettern, so hoch es möglich ist. Weit sieht man ins Land. Ganz im Süden, jetzt unter dem Dunst verborgen, liegt das Meer – es ist nicht einmal sehr weit entfernt. Die blühende Ebene wird sichtbar, bis nach Marseille hin und Aigues-Mortes nach der anderen Seite. Von oben sieht man die ganze tote Stadt. Stil geht in Stil über – da haben Gallier gehaust und Sarazenen, die sich einen Turm gebaut haben, an den Gotteshäusern haben Epochen gebaut und verbessert – romanische, gotische, spätere Bauarten sind deutlich erkennbar. Grau und weißlich liegt die ehemalige Stadt, stumpf sind die Farben – man weiß nie genau, ob dies Felsen sind und jenes Mauerreste, ob diese ungeheure Form einer dicken Benediktinerflasche Natur ist oder die Arbeit der Steinmetzen. Die Stadt hat sich den Felsen assimiliert und ist selbst Fels geworden. Wir kriechen in die einzelnen Höhlen und Häuserreste: Backöfen sind zu erkennen und alte Kamine, Stufen und Pfostenlöcher, die Stellen, wo einmal ein Fußboden war, und Vertiefungen an der Decke, da haben die Schinken gehangen. Und einmal sieht man von einem Steinfenster ins halbe Tal – da liegt ein alter gallischer Friedhof, die Gräber sind in den Fels gehauen. Jetzt ist er leer, hohl und offen starren die länglichen bloßgelegten Rechtecke zum Himmel. Noch bis vor dreißig Jahren hat man hier Steine weggekarrt und zum Bau von Häusern verbraucht – das ist nun verboten, die Stadt wird geschont wie ein Naturschutzpark. Und das ist recht, denn sie ist sicherlich nicht alltäglich. Wir klettern zu Tal. Ich kann mich nicht trennen und gehe in den Häusern herum; hier sind noch alte, ganz verräucherte Fresken zu sehen und da eine Treppe – und der Führer erklärt. Es ist ein alter Mann, der nett ist und nichts ableiert – wenigstens hört man kein Uhrwerk schnurren – und unaufdringlich ist er auch. Wenngleich... »Dies ist der Turm einer alten Windmühle – ja – und hier ist die alte Kirche der heiligen Katharina – ja – und das ist meine Frau, die die Ansichtskarten verkauft!« In der Tat: ein Prachtstück aus dem sechzehnten Jahrhundert (vor Christi Geburt). Ich kaufe ihr Karten ab, weil mir so romantisch zu Mute ist, und dann gehen wir weiter. Unten im Tal, hinter einer alten Ölmühle, liegt ein eingefaßter Rasenplatz, das Gras wächst wild, er ist ganz verlassen. Eine alte, dicke Frau öffnet das Holztor – in der einen Ecke steht, grau, verwittert, aber zierlich wie am ersten Tag: ein reizender kleiner Renaissance-Pavillon. Hier hat die reine Jeanne eine Cour d'amour abgehalten – von den vier Pavillons ist dies der einzige, der noch erhalten ist. Man kann sich den Garten dazu vorstellen und die Damen mit den Schleppen... Ich trete näher. Vielleicht irgendein Zeichen der Vergangenheit... An der Wand steht, dick und schwarz: Guiseppe Scuilucco und ein krummes Schwert. – »Was ist das?« frage ich den alten Mann. »Ça – c'est du cinéma!« sagt der Bergbewohner. Und erzählt, vom größten Tag seines Lebens. Das haben die Filmleute angezeichnet, denn sie haben hier einen gedreht: »Die Rache des Schmugglers«, und er hat Komparserie gemacht. Dreißig Franken den Tag! Und sein Sohn war dabei und Maultiere und – heiliger Lubitsch! – dreißig Reiter mit einemmal! Ich verwunderte mich, wie es sich gehört. Ob ich die Feengrotte noch sehen wolle? Die Feengrotte...? Ich denke an den Harz, wo die Grotten elektrisch erleuchtet sind, sauber parkettiert und mit Geländer für Jugendliche versehen. Meinetwegen. Er führt mich. Die Feengrotte liegt im Tal, am jenseitigen Abhang. Er zeigt den Eingang: ein von Buschwerk fast verwachsenes Brunnenloch, bemooste Steine, Gras. Und da der Ausstieg: dasselbe. Ein- und Ausgang liegen ungefähr sieben Meter voneinander entfernt. Die Höhle ist, soweit er sie mir zeigen will, hundert Meter zu begehen. Gemacht. In das Eingangsloch stieg ein ganz reputierlich aussehender Mann, Mitarbeiter durchaus geachteter Organe, unauffällig, sauber gekleidet. Aus dem Ausgangsloch wurde, nach einer halben Stunde, gezogen: ein von oben bis unten beschmierter, nasser, bekolkter, an den Händen blutender und hutloser Mann. Der Mann lag oben – dem Hut hatte es unten sehr gut gefallen. Der Führer kletterte noch einmal herunter, um ihn zu überreden, doch auch mitzukommen. Dann kam er auch und sah ebenso abgetakelt aus wie der Mann. Aber abgesehen davon, war Frankreich von innen sehr schön. Zwanzig und dreißig Meter hatte man auf dem Bauch kriechen müssen, mit einer Kerze in den Händen, die die Höhle erleuchtete und die Knie mit tropfendem Talg bekleckerte – der Stein glitschte, aufrichten gab es nicht –, was mochten das für Feen sein, die hier wohnten? Einmal hielt der Alte die Kerze hoch – es piepte leise und schwirrte kühl am Ohr vorbei – da wohnten die Fledermäuse. Nein, sie verfingen sich gar nicht im Haar. Sie hingen da zu Hunderten und sahen aus wie geflügelte Muscheln. Sie klappten unhörbar mit den Flügeln – eine hauchartige Bewegung ging durch den schwarzen Ballen. Wir rutschten und kletterten. Wenn ich nachdenke, wen ich gern zwischen den beiden dicken Steinen am Ausgang stecken sähe – ich wüßte keinen. Und wie sah ich aus! Und die guten Sonntagssachen! (»Erlauben Sie mal: Hatten Sie denn keinen Wanderanzug an?« Nein. »Warum nicht?!« Ja, der war im Koffer. »Na, und der Koffer?« Der stand in Toulon, auf der Bahn. »Na, nehmen Sie es mir nicht übel...« – »Ruhe mal! Er soll weiter erzählen!«) Ja, und dann kletterten wir durch das »Höllental«. Das klang nur so gefährlich und war nicht schwer zu beklettern. Der enge Fußsteig öffnete sich an einer Stelle, die Dornen und das Buschwerk traten zurück – und da lag ein Steinbruch? – Nein, der Pirchansche Entwurf zu einer großen modernen Oper. Riesige, schiefe, viereckige Löcher in den weißen Stein geschnitten, zwanzig und dreißig Meter hoch, weite Hallen freilassend. – Sie besinnen sich auf das persische Märchen ... »Und der Königssohn ging durch das wüste Gebirge – da öffnete sich plötzlich vor ihm eine glänzende Halle...« So sah das aus. Also hier wohnten die Feen! Wir gingen in den Steinbruch, und da ereignete sich etwas unendlich Rührendes. Der Alte wurde plötzlich ganz lebendig und zeigte auf die hohe Decke. Da oben – da hatte er gearbeitet, vor fünfundzwanzig Jahren. Er zeigte, wo er gesprengt hatte, er erklärte, wie man Stein schneidet – mit einer Säge – und diese Galerie, nein, die hatte er nicht in der Mache gehabt... aber diese da – diese – das war seine. Es klang nicht sehr auswendig gelernt – es war wie eine Erinnerung an die Zeit, als er noch kräftig war. Und jung. Unten wurde gearbeitet. Einer der Arbeiter sah mißtrauisch auf. Sie sprachen miteinander. »Ich habe ihm auf provenzalisch gesagt«, sagte mir der Führer, »daß ich hier schon gearbeitet hätte, als er noch in den Windeln lag.« Aber ich sah in die Augen des Steinarbeiters. Da stand: Jetzt schneide ich ebenfalls hier Steine – und nicht mehr du. Und nicht mehr du. Und ich nahm Abschied und ging nach Arles zurück, nach Arles, wo die alte Architektur noch so lebendig ist, weil sie in ihrem Licht steht – nirgends als im Süden verspürt man so stark den Unfug, der darin steckt, Architekturen zu verpflanzen. Berliner Weiße läßt sich nicht nach Madeira und der Stil einer romanischen massigen Kirche nicht nach dem Norden exportieren. Es hält sich beides nicht. Nach Arles ging ich zurück, wo noch die alte römische Arena steht, dieser gallische Kintopp, und wo mir ein freundlicher Arlesier einen ganzen Haufen Broschüren in die Hand drückte, in denen von den modernen Festlichkeiten geschrieben stand, die man hier in den ganzen Theaterstätten abgehalten hatte. Und wollüstig durchblätterte ich sie, wendete genießend Seite für Seite um und freute mich, daß ich sie nicht hatte mitzumachen brauchen. Jetzt ist Arles ganz still. Kaum, daß einmal zwei Amerikanerinnen mit stumpfsinnigem Interesse den Erklärungen lauschen, die man ihnen angedeihen läßt. Ich sehe mir alles an: die Daudetsche Mühle, die die » Lettres de mon moulin « hervorgerufen hat – geschrieben, selbstverständlich, in Paris; Kalabreser und Mantel Frédéric Mistrals, des großen provenzalischen Dichters – wie haben sie ihn geliebt! – und ich nehme einen provenzalischen Sinnspruch mit, der mir so gut gefallen hat: Regardas bèn e touquès rèn! Wenn mich mein Latein nicht täuscht: Ansehen: Ja. Anfassen: Nein! Morgen will ich die Päpste besuchen, in dem Rom für die kleinen Leute: in Avignon. 1924 Alter Burgunder wird versteigert Beaune, 20. November. Um halb zwei Uhr ist der alte Keller im Hospital von Beaune schon gesteckt voll. Im Saal sitzen die Händler; vor ihnen auf einem Podium, vor riesigen Fässern, der Bürgermeister und die Stadträte; an einem der Fässer hängt ein kleines Telefon; Neugierige sitzen auf den Fässern ringsum und lassen die Beine baumeln. Die kleine Holztribüne steht auf Fässern, da drängen sich die Leute in beängstigender Fülle. Um zwei Uhr beginnts. Dies ist der große Tag der Côte d'Or, wo auf sechzig Kilometer Länge die großen Weine der Bourgogne wachsen: der Clos Vougeot und der Pommard und der Romanée Conti und alle die andern. Die Winzer sind mit diesem Weinjahr mehr als zufrieden, und mit Recht. Der Most des Pommard ist nun zwei Monate alt, aber das Kind kann schon laufen – das wird einmal, wenn nicht alles täuscht, ein großer Wein. Nun eröffnet der Bürgermeister die Versteigerung. Vor einem Beisitzer steht eine Wachskerze, an der er ununterbrochen zwei winzige Lichtchen nacheinander entzündet: Solange die brennen, darf geboten werden, jedes leuchtet nur etwa eine halbe Minute, ist bis dahin der Zuschlag nicht erfolgt, so wird wiederum angezündet; das ist ein sehr alter Brauch. (Wird in Frankreich etwas gerichtlich versteigert, so brennen drei Kerzen – in Beaune nur zwei.) Sie bieten. Ein Doppelfaß »Nicolas Rollin«, so heißt der Begründer des Spitals, das heute der Stadt gehört, ein Doppelfaß von 456 Litern bringt 15 000 Francs – und der ganze Saal applaudiert – der Wirt vom Hotel de la Poste in Beaune strahlt über das ganze Gesicht: Er hat etwas für seinen Keller. Vorher haben die Händler den Wein aus kleinen silbernen gobelets gekostet, niedrigen, flachen Schalen mit einem Handgriff, von uralter Form; ihr Grund ist ornamentiert, damit sich der Wein richtig spiegelt. Sie heben die Tasse an die Nase, ziehen den Duft ein und kosten, unendlich behutsam. Die alten Stiftungen legten gern den Wein mit der Fürsorge für die Kranken zusammen – man denke nur an das Bürgerspital in Würzburg. Dieses Hospital in Beaune ist ein wunderschönes, altes Bauwerk, mit einer Küche, darin noch ein alter eiserner Bratenröster unermüdlich seine Räder dreht. Vorher hat die Stadt ein Frühstück gegeben: Der Bürgermeister und der Souspräfekt präsidierten. Die Weine rannen in die Gläser – ich liebe die deutschen Weine und denke, daß man zuerst die Weine seines Landes trinken sollte, weil sie eine Verkörperung der Heimat sind. Mit allem schuldigen Respekt vor dem Rhein und Franken aber darf gesagt werden: als eine Grande Reserve 1919 erschien, verstummten auch die größten Kenner: das war kein Wein mehr, das war Sonne und der ganze Garten Frankreichs. Dieses Glas wollte getrunken sein. Die »sommeliers« gingen umher, die Kellermeister, die so gar nichts vom Kellner haben: sie stellen vielmehr etwas dar, was zwischen einem alten Bauern und einem Mönch liegt. Ammen des Weins. Und Reden wurden gehalten, ich hatte mit meinen Weinen zu tun, und soweit ich hörte, war da von dem »Phänomen der Prohibition« die Rede, wie eine graue Wolke zog das durch den Saal. Und die Jury verteilte kleine Zettel, auf denen geschrieben stand, wie der heurige Wein beschaffen sei, und es gab auch, mit vielen Fehlern und sehr viel gutem Willen, eine deutsche Übersetzung dazu: »Diese Schätzung paßt auf den Weinen der sogenannten Gegenden: Beaujolais, Mâconnais, Châlonnais, Côte d'Or, Yonne; sie paßt nicht auf den Weinen von der zweiten Blütenzeit, die von Trauben errühren, die nach dem Gewitter vom 6ten Juni gewachsen sind, welches den Ruits-Rebenberg zum Teil gewüstet hat.« Sie versteigern noch immer. Faß auf Faß geht hinaus in die Welt – der Lohn für die Arbeit eines Jahres wird einkassiert. »Premier feu!« ruft der dicke Ausrufer – soviel wie unser »Zum ersten!« – das kleine Licht erglänzt, erlöscht, erglänzt, es riecht nach Wein und weingetränktem Holz, die Glatzen glänzen, der freundliche, alte Bürgermeister, der so hübsch die Bilder des in Beaune geborenen Impressionisten Ziem erklärt hat, spricht den Käufern ihre Fässer zu, die Schreiber schreiben... Und wieder einmal ist zu sehen, daß Paris nicht Frankreich ist, und seine Fremdenviertel schon gar nicht. In den sanftblauen Spätherbsthimmel klingelt die Turmuhr, ein braunes Licht liegt über diesem Garten Gottes, und wie schön müßte es sein, mit diesem Lande dauernd in Frieden leben –! 1928 Ein Pyrenäenbuch Dem Andenken Siegfried Jacobsohns »–Shanghai? La ville la plus riche du monde. Le Cercle français? Le plus beau ... Leur bar? Le plus grand ... Leurs hôtels? Les plus confortables ... Leurs banques? Les plus puissantes ...« »Savez-vous ce qu'on attend du voyageur? Qu'il mente. Le mensonge, c'est le cachet d'authenticité. Vous voyez-vous racontant à votre retour que le ciel des tropiques est gris? Jamais de la viel Il est admis qu'on doit le voir bleu, bleu comme la Côte d'Azur, bleu comme une boule de blanchisseuse, et tout ce que vous écrirez là-dessus n'y changera rien. Croyez-vous qu'on vous prendra au sérieux si vous prétendez qu'il y a au Japon plus de morts par les accidents de tramways que par le harakiri? Pas du tout ... La tâche du voyageur n'est pas de détruire des légendes, c'est d'en créer. Il faudra que vos Hindous soient majestueux, vos Chinois impénétrables, vos négres lubriques, vos Nippons courtois. Ça n'est pas vrai! Tant pis! La réalité, c'est la monnaie de ceux qui ne savent pas mentir.« Roland Dorgelés, Partir. Der Beichtzettel Geographie hatten wir beim roten Gierke. Der Mann war ein Lehrbeamter mit vielen kleinen Äderchen im Gesicht, die ihm ein kupferrotes Aussehen gaben; wegen seines Spitznamens hatte er sich anstandshalber einen roten Bart umgebunden. Er mochte uns nicht, und wir mochten ihn nicht. Er galt für falsch und rachsüchtig, Klassenurteile sind immer richtig – es wird schon gestimmt haben. »Hast du Geographie gemacht?« – »Ich habe keine Ahnung!« – Wovon sollte ich auch eine Ahnung haben? Das kümmerliche Geographiebuch verzeichnete ein paar Namen und stotterte in holprigem Deutsch etwas von »Bodenbeschaffenheit« und »Sardinenhandel«, der Rote hatte dazu mit einem Rohrstock an der Karte entlanggestrichen, und die Klasse hatte korrekt geschlafen. »Wir kommen nunmehr zu den Pyrenäen«, sagte der Rote. Ich weiß nicht, ob er heute noch dazu kommt – aber bis auf das schöne Wort »Maladetta«, was kein Fluch, sondern ein Berg ist, habe ich nichts behalten. Es ist alles wie ausgelöscht. Das gute Schulgeld –! Die schöne verlorne Zeit –! »Pyrenäen« – das war so eine rostbraune Sache auf der sonst grünen und schwarzen Karte, darin standen ein paar Bergkleckse, rechts und links gefiel sich die Karte in Blau, das war das Meer ... Ja, und sie trennten Spanien und Frankreich. Auch mußte man jedesmal ein kleines bißchen nachdenken, bevor man den Namen schrieb. Dies waren die wissenschaftlichen Kenntnisse, die mir die deutsche Schule in bezug auf die Pyrenäen mitgegeben hatte. Aber der Rote lehrte nicht nur Geographie, sondern auch Geschichte, und da ging es wesentlich muntrer her. Es war eine Mordsgeschichte, in der es nichts wie Schlachten, Fürsten und Staaten gab. Was ein Staat war, hatte er uns nie erklärt, aber das Leben holte das rasch ein. Wenn man zum Beispiel in die Pyrenäen fahren will, braucht man einen Paß. Die europäischen Staaten fordern zur Zeit noch Eintrittsgeld, und das kann ihnen niemand verdenken. Autorität übt man am besten dem Schwachen gegenüber aus – dem, der keinen Fußtritt zurückgibt, wenn der armselige verschuldete Popanz die Fahne hebt ... Bauern, die für ihren ganzen Besitz soviel Steuern bezahlen wie ein Schreibmaschinenfräulein, Aktiengesellschaften, die, wenn es ans Zahlen geht, nur mit ihrer französischen Bezeichnung »Sociétés Anonymes« auftreten ... das arme Luder muß sich doch einmal, ein einziges Mal fühlen! Der Ausländer ist eine schöne Gelegenheit. Über die Kuppen und Grate der Pyrenäen hinweg läuft jene kleine gekreuzelte Linie: die Grenze. Der Fall lag wunderschön kompliziert; ich wohne in Paris, und es waren drei Mächte zu bemühen: Deutschland, Frankreich und Spanien. Ich bemühte sie. Es kostete: vier Arbeitstage sowie zweihundertachtunddreißig Francs. Die Sache spielte sich in Liebe und Freundschaft ab: niemand benahm sich irrsinniger, als seine Vorschrift ihm das vorschrieb, es wurden nicht Kniebeugen noch Freiübungen verlangt, auch vom Einzelvorbeimarsch wurde allgemein abgesehen. Regiert wurde ich bei den Deutschen von einem sehr wohlschmeckenden großen Mädchen, bei den Franzosen von einem höflichen, staubigen Mann, bei den Spaniern von einem Botschaftssekretär und zwei dunkelgetönten Konsularbeamten. Jeder stempelte, trug in Bücher ein, schrieb und fertigte aus, ließ von unbekannten Mächten, die hinter geschlossenen Türen thronten, unterschreiben – – Das Ministerium des Innern ordnet an, das Ministerium des Äußern mischt sich ein, die Grenzüberwachung weiß von allen beiden nichts und macht ihre Dummheiten selbständig. So, genau so, war einst die Herrschaft der Kirche. Ein Mann ohne Beichtzettel war ein verlorner Mann, ein ausgestoßner Mann, eine unmögliche Erscheinung, ein Auswurf. Der Geist war von Jugend an in das Eisenkorsett des Glaubens eingezwängt worden, so daß er gar nicht anders denken konnte. »Hat er den richtigen Glauben?« Allenfalls verstand man noch, daß er den falschen hatte aber gar keinen? Davor bekreuzigte der Gläubige erst sich und verbrannte dann den andern. Und die Hexenrichter waren keine schwarzen schleichenden Schufte, wie der aufgeklärte Liberalismus sie so oft abgebildet hat – es waren anständige reputierliche Leute, mit einem ordentlichen Studium hinter sich, einem festen Pflichtenkreis um sich, einer geachteten Laufbahn vor sich ... Trommelten die Trommeln, brodelte das Volk auf den großen Plätzen, surrten die Gebete der Mönche um die Verurteilten? sie sahen das mit ruhigen Augen an. Die Feuer brannten, die Schreie stiegen zum Himmel auf, wie hätte das anders sein können? Das mußte so sein. Es mußte so sein, weil das mittelalterliche Europa an einer Sache hing, die es von Natur aus nicht gab, sondern die sich der Mensch erst gemacht hatte: an der Kirche. Wer hing am Kreuz? Der Gläubige selbst: röchelnd, mit herausgequollnen Augen, in seiner Bewegung gehemmt, an die Hölzer gebunden, glücklich, gestützt, nicht allein – so hing er da. Und steht heute auf, sieht das Kreuz mit langem Blick an, schüttelt sich und geht –? Er ist von einem Kreuz zu einem andern gelaufen. Er stiert auf die Fahnen wie ein Huhn, das man mit der Nase vor den Kreidestrich gehalten hat, unbeweglichen Auges, er sieht nur das. Hat er die richtige Staatsangehörigkeit? Allenfalls versteht man noch, daß er die falsche hat, aber gar keine –? Davor schrickt der Polizeimann zurück und jagt den andern davon. Und sie sind so stolz auf ihre Beichtzettel! Von den Reichen beachtet und benutzt, von den Angestellten als Krippe geliebt, tausendmal verkauft an die wahren Gewalten der Erde, deren Grenzen ganz, ganz anders laufen als es die Geographiebücher angeben, machtlos, wo wahre Macht ihm gegenübersteht: so bläst sich der Staat auf und hat das scheußlichste getan, das es gibt, dem praktischen Zweck eine sittliche Idee anzukleistern. Offen zugebend, daß die Bergpredigt für ihn nicht gelte, daß die vom Individuum geforderte Moral für ihn nicht gelte, daß die einfachsten, altruistischen Gebote für ihn nicht gelten, will er Gott verdrängen und sich an seine Stelle setzen. Und glückt das nicht, so stellt er sich hinter das noch aufrechte Kruzifix, und der Betende weiß nicht, vor wem er kniet. Drücke die Schwachen – aber schwenke die Fahnen! Bestrafe die Kranken – aber liebe den Präsidentensitz! Schände die Heimat – aber achte den Staat! Und keiner, keiner ist ohne Beichtzettel. Gibt es keinen? Gibt es denn nicht wenigstens ein paar Tausend in Europa, die unberührt davon bleiben, wenn sich die Unteroffiziere ihrer Länder in die fettigen Haare geraten? Muß uns das berühren, daß die Stahlindustrie des einen Landes die Kohlen des andern braucht? Daß man dafür Kriegslieder geheult, Menschen geblendet, Tiere zerrissen, Häuser zerknallt, Gebete gebetet, bekannte Soldaten geprügelt und unbekannte Soldaten beerdigt, Generale sauber rasiert und Arbeiter mit Artillerie beschossen hat – muß uns der Fibelvorwand berühren? Geht uns der fingierte Grund etwas an? »Über die Köpfe hinweg, Bruder, reich mir die Hand –!« Ich will keinen Beichtzettel haben, ich will nicht zur Beichte gehen, ich will nicht. François, Gaston, René – ich liebe euch, nicht obgleich ihr Franzosen seid; ich liebe euch, nicht weil ihr Franzosen seid – ich liebe euch, weil ihr François, Gaston, René seid. Mich interessiert es nicht, zu wissen, an wen ihr eure Steuern zahlt, wer bei euch an den Denkmälern die Reden im Gehrock hält, wer an euren Straßenecken den Verkehr behindert ... Die Feuerwehr ist ein nützliches Instrument im Leben der Gesellschaft. Ich bete nicht zur Feuerwehr. Und da habe ich nun meinen Beichtzettel. Ich sehe die blauen und roten Stempel an, blättre voller Bewunderung in unlesbaren Unterschriften und vielsprachigen Tintenklecksen, falte fromm die Hände ... Dann stecke ich den Paß in die hintere Gesäßtasche und begebe mich auf die Reise in die Pyrenäen. Stierkampf in Bayonne Auf den weiten Feldern der Ganaderia, der Zucht, schweift er: der König der Herde. Er weiß nicht, daß er sechstausend Francs kostet – aber daß er der unumschränkte Kaiser ist, der Alleinherrscher über die Jüngern und über alle Kühe – das weiß er. Er sieht keinen Menschen. Er läuft, wenn ihn die Lust ankommt, durch das saftige Gras, über kurzgebranntes Gras, er wälzt sich in duftigem Heu, grast, äugt ... So vergehen die Jugendjahre – fern in einer Stadt lebt schon der, der ihn einst töten wird. Er zieht die herbe Luft ein, die von den Bergen herunterweht; und brüllt. Eines Tages kommen sie auf Pferden und mit dressierten Ochsen, den verschnittnen, dumpfen Ex-Stieren. Die wilde Herde wird getrieben, er wird abgesondert, er läuft mit den andern mit ... Und findet sich in einem Waggon wieder, in einem dunkeln, rollenden Stall. Von der Bahnrampe aus trottet die Herde, sorgfältig vor Neckereien beschützt, zu einem runden, hohen Haus. Vierundzwanzig Stunden steht er allein im Verschlag, gereizt, unruhig ... Nachmittags um vier Uhr vierzig öffnet sich die Tür, die grelle Sonne scheint herein, er stürzt heraus... Und steht in der Arena. Während sie ihn geholt hatten, war ich über Bordeaux gerollt, wo ich zum ersten und letzten Mal auf dieser Reise, im »Chapeau Rouge«, ein ernsthaftes Abendessen zelebrierte, mit einem Rotwein, weich wie Samt; fort von Bordeaux, über die große Garonnebrücke hinweg, mit einem letzten Blick auf den Hafen, wo das spanische Kriegsschiff mit den fixen Matrosen lag – nach Bayonne. Sonntag? Sonntag ist Stierkampf. In Paris hatten sie sich im vergangenen Jahr sehr groß getan: es bestände ein Gesetz, wonach in Frankreich der Stierkampf mit Pferden und Tötung des Stiers verboten wäre – und wenn die Leute aus der Provence oder sonstwoher im »Buffalo« Stierkämpfe vorführen wollten, so dürften sie das keineswegs in der blutigen Version tun. Das taten sie auch nicht. Sie begnügten sich mit den provenzalischen Stier-Spielen – da bleibt der Stier am Leben. Bayonne aber liegt so nahe an der spanischen Grenze, daß die bunte Farbe, womit auf den Atlanten Spanien angemalt ist, abgefärbt zu haben scheint; es sind auch so viel Fremde da, vorzüglich Spanier... In Lilie, wo niemand den Wunsch danach verspürt, darf man nicht stierkämpfen, in Paris auch nicht. In Bayonne darf man. Die hohe runde Arena liegt im Nordosten, etwas außerhalb der Stadt – ich war noch gar nicht recht zur Besinnung gekommen, wo ich denn eigentlich wäre, Fluß und Brücke (die Adour) lagen schon hinter mir, da war die ganze Stadt auf den Beinen und rollte, lief, spazierte, hupte und kutschierte zur Arena. Die Sonne schien nicht, der Himmel war gefleckt blau und grau, die gesteckt volle Straße roch nach Staub und Blut. Haben die Römer auf Steinstufen in ihren Arenen gesessen? Auch sie werden sich weiche Unterlagen mitgebracht haben – man kann Kissen mieten. Alle Welt klettert mit den kleinen Kissen über die Stufen, nimmt Platz, winkt, ruft, lacht... Eine schauerliche »banda«, die vorher rotbemützt die Stadt durchblasen hat, trompetet sich die Seele aus dem Hals. Stille. Tusch! Der »Präsident« hat seine Loge betreten. Jeder Stierkampf geht unter dem »Präsidium« irgendeines Mächtigen vor sich – in Madrid ist es der König mit der Unterlippe, in den großen spanischen Provinzstädten der Präfekt, in den kleinen der Bürgermeister oder irgendein uniformiertes Stückchen General – ihm und seiner Familie weihen die Kämpfer den Stier und das Spiel, ihre Geschicklichkeit und den Tod. Der Präsident ist da. Der Herr Marquis ist mit seinen Damen aus Biarritz im Auto herübergekommen, nun tritt er an die Brüstung seiner Loge, die im Rang liegt, nimmt mit einer steifen Armbewegung den grauen Zylinder ab und begrüßt das Volk. Aber es ist ganz ausgeschlossen, daß der Filmregisseur Joe May diesen Mann auch nur dreißig Meter lang einen Grafen spielen ließe – er würde ihm vielleicht das Stativ zu tragen geben, aber als Komparse ... nichts zu machen. Es ist so viel kleine Provinzeitelkeit auf diesem zerlederten Gesicht, der Ritter ist von seinem Schloß heruntergestiegen und begrüßt die lieben Leibeignen ... Die Leibeignen vollführen einen großen Lärm und schwenken mäßig begeistert die Hüte. Der Graf aus Spanisch- Bautzen setzt sich. Es darf anfangen. Die Truppe hält ihren Einzug. Es ist etwas kümmerlich damit, gar so viel sinds nicht, und sehr blitzend sieht das alles nicht aus. Die ersten Kämpfer, deren einer vorhin in einem großen Landauer angerollt kam, in der vollen Pracht seiner Ausrüstung, mit dem runden aufgerollten Zöpfchen am Hinterkopf, sie alle knien vor der Präsidentenloge nieder, der Zylinder erhebt sich mit dem Marquis, die unten murmeln die herkömmliche Formel – – Die Besetzung in der Arena und oben auf den Bänken – es ist nicht Madrid, das uns hier umfängt; die Kämpfe gehen zwar streng formell wie in Spanien vor sich – aber das Ganze ist doch Provinz. Los. Der erste Stier von den sechsen kommt aus dem Stall herausgebraust. Da steht er. Musik, das ungewohnte Brausen und so viel Menschen – was soll das? Das wird sich gleich erweisen. »Juego do Capa.« Die flinken Männer mit den roten Mänteln laufen vor der pathetischen Kuh auf und ab, sie schwenken die Tücher, hüpfen beiseite ... Alles, was mit Vollkommenheit gemacht wird, sieht leicht aus. Das ist gar nichts, denkt man und denkt falsch. Man vergißt, daß auf Alpenwegen und auch sonstwo diese schweren, kräftigen, großen Tiere dem Spaziergänger das volle Bewußtsein dessen beibringen, was eigentlich ein Stier ist ... Und die da necken ihn wie ein Hundchen. Da kommen die ersten Pferde. Es sind alte Kracken, gut für den Abdecker, abgearbeitete Kreaturen, die ihr ganzes Leben lang geackert, gezogen und getragen haben. Jede Arbeit ist ihres Lohnes wert: ihre offenbar dieses Lohnes. Ein Auge hat man ihnen mit einem Tuch zugebunden, was ihnen ein sonderbar verkommnes, verludertes Aussehen gibt. Sie lassen an Pferde eines Strauchdiebes denken, an Landschenken im Dreißigjährigen Kriege, nach einer erheblichen Schlägerei ... Mit dem zugebundenen Auge der Innenseite des Kreises zugewendet, werden sie in die Arena geritten. Auf ihnen sitzt der Picador. Aber ich habe immer geglaubt, der Picador sei ein Mann, der, beritten, mit dem Stier kämpft, ein Kampf, der dann manchmal für das Pferd ein böses Ende nähme ... Der Picador ist ein Schlächter. Niemand kann mit einem ausgewachsenen Stier kämpfen, der nicht vorher zwei, drei Pferde erledigt hat, und nimmt er sie nicht an, so ist das für den Toreador eine böse Belastungsprobe. Das, was der Stier mit den Pferden macht, ist eine große körperliche Anstrengung für ihn, er arbeitet sich mit dem besten Teil seiner Kraft erst einmal an diesen Opfern ab ... Ein Mann in roter Bluse führt das erste Pferd am Zügel. Es schnaubt. Der Stier sieht das Pferd an. Der Picador riskiert eine mutige Geste mit seiner Lanze. Der Stier nähert sich; der Rotblusige hält das Pferd noch immer fest, wendet die Breitseite dem Stier zu, damit der es recht bequem hat. Er nimmt dankend an. Er geht – mit leichtem Anlauf – an das Pferd heran, kracht mit ihm zusammen und bohrt das rechte Horn in den magern Leib. Er senkt den Kopf tiefer, er wühlt darin herum, das Ganze sieht aus, als erfülle er ohne alle Leidenschaft eine unumgängliche Formalität. Das Pferd trappelt, so gut es kann, auf den freien Hufen, zwei schweben in der Luft. Dann zieht der Stier das Horn heraus. Das Pferd ist unten offen. Einige Därme und etwas Schleim hängen aus ihm heraus, es möchte sich hinlegen. Nichts. Der Picador ist abgestiegen, macht die Steigbügel zurecht und steigt auf den Fetzen Pferd zum zweitenmal. Der Stier soll noch einmal stoßen. Der Stier stößt noch einmal. Nun baumelt dem Pferd ein graurosa Beutel zwischen den Beinen, einmal verfängt es sich in dem Geschlinge und tritt hinein. Der Picador ist abgestiegen ... Und nun läuft doch wahrhaftig dieses gute alte Tier – immer ohne einen Laut – durch die ganze Arena, es möchte heraus, dahin, woher es gekommen ist, in den Stall, fort von hier ... Man läßt es heraus. Und alles wendet sich wieder dem Stier zu. Ich sehe mich um. Ich kenne das, was in den Augen mancher Beschauer – und noch mehr: Beschauerinnen – liegt, wenn Breitensträter dumpf auf Samson-Körner boxt. Kein Sport ist vor Mißbrauch sicher. Hier ist nichts davon. Ich versäume die schönsten Kunststücke der Mantelleute, die mit dem Stier einen großen Fandango tanzen: in keinem Gesicht, in keinem Auge, in keiner Miene ist auch nur der geringste Blutrausch zu sehen. Sind diese Leute grausam? So spricht der Weise: »Ein anderer Grundfehler des Christentums ist, daß es widernatürlicherweise den Menschen losgerissen hat von der Thierwelt, welcher er doch wesentlich angehört, und ihn nun ganz allein gelten lassen will, die Thiere geradezu als Sachen betrachtend ... Die bedeutende Rolle, welche im Brahmanismus und Buddhismus durchweg die Thiere spielen, verglichen mit der totalen Nullität derselben im Juden-Christentum, bricht, in Hinsicht auf Vollkommenheit, diesem letzteren den Stab; so sehr man auch an solche Absurdität in Europa gewöhnt sein mag.« Und: »Man sehe die himmelschreiende Ruchlosigkeit, mit welcher unser christlicher Pöbel gegen die Thiere verfährt, sie völlig zwecklos und lachend tötet, oder verstümmelt, oder martert, und selbst die von ihnen, welche unmittelbar seine Ernährer sind, seine Pferde, im Alter, auf das Äußerste anstrengt, bis sie unter seinen Streichen erliegen.« Denn: »Man muß an allen Sinnen blind oder durch den foetor judaicus völlig chloroformiert sein, um nicht einzusehen, daß das Thier im wesentlichen und in der Hauptsache durchaus dasselbe ist, was wir sind, und daß der Unterschied bloß im Accidenz, dem Intellekt liegt, nicht in der Substanz, welche der Wille ist. Die Welt ist kein Machwerk und die Thiere kein Fabrikat zu unserem Gebrauch.« Daher: »Nicht Erbarmen, sondern Gerechtigkeit ist man dem Thiere schuldig.« Also keine Grausamkeit. Fühllosigkeit. Neben mir sitzt ein hervorragend unangenehmer junger Herr, er ist mit zwei Brautens erschienen und hat einen gar großen Mund. »Ho!« und »Ohé!« schreit er, er erteilt Noten an Stier, Pferde und Matadore, er leitet die Sache gewissermaßen. Als der Stier einmal dringend in einem Pferd beschäftigt ist, ruft er dem Pferd hinüber: »Das hast du nicht gern, was? Das kann ich dir nachfühlen!« – Mit dem setze ich mich ins Gespräch. Und er sagt, ganz und gar bezeichnend, in einem besonders scheußlichen Moment: »Mais regardez donc le toréador – le reste n'existe pas!« – Nicht für ihn. Für keinen. Immer noch Pferde. Der erste Stier ritzt eins auf und erledigt die zwei nächsten. Jetzt ist er böse und ermüdet. Und nun bekommt er es mit den Menschen zu tun. Alles, was hier geschieht, hat seine jahrhundertalten Riten. Jede Bezeichnung, jede Bewegung, jede Möglichkeit ist traditionell. Zu dieser Tradition gehört die »suerte« der Banderillas. Diese Piken, die dem wütenden Stier in den Nacken gesetzt werden, um ihn noch wütender zu machen, werden ihm vorher gezeigt; es ist ritterlich, ihn darauf aufmerksam zu machen, was nun kommt, und vielleicht interessiert es ihn auch. Der Banderillenmann stellt sich also zehn Meter vor dem Tier auf, dessen Flanken wie ein Blasebalg gehen, hebt die Piken hoch, senkt sie langsam, es ist, als wolle er den Stier mit zwei Zauberstöckchen beschwören: dann läuft er den Stier an. Es ist die graziöseste und eleganteste Bewegung, die ich in diesem Stierkampf gesehen habe: das Leben des Mannes hängt an zwei Zentimetern. Der Stier sieht ihn kommen, er schnaubt ihm entgegen, er stößt nach ihm – in die Luft, da hängen die Banderillas an seinem dicken Nacken, schwanken auf und ab, etwas Blut rieselt an ihnen herunter ... Der Läufer hat nur eine ganz kleine Bewegung gemacht, um dem Stoß auszuweichen, der eben erst die Pferde aufgeschlitzt hat. Jetzt ist der Stier ernsthaft wütend. Er brüllt, klagend und drohend, er wirft mit dem Vorderfuß den Sand auf, versucht die langen Stäbe mit den Widerhaken abzuschütteln – und bohrt sie sich tiefer ins Fleisch. Wieder umspielen ihn die Mäntel der Capeadore, ein zweites Paar Banderillas wird ihm gesetzt, diesmal war der Läufer so dicht dran, daß er fast zwischen den Hörnern stand – das Publikum rast. Und nun noch ein drittes Widerhakenpaar. Inzwischen ist ein ruhiger Mann in der Arena vor die Präsidentenloge getreten. Der Stier sieht nichts, denn er ist mit seinen Tüchern befaßt. Aber was da zwischen dem Präsidenten und dem Mann unten mit Kniefall und Zylindergruß ausgemacht wird: das ist der Tod. Der Mann läßt sich einen Degen und ein rotes Tuch geben. Der Stier stürzt sich auf das rote Tuch wie ein Stier auf das rote Tuch. Der Mann hat kaum einen Schritt beiseite getan. Und nun zeigt er ihm den scharfgeschliffenen Degen. Der Stier sieht dumm herüber – er steht jetzt ganz nah vor mir, es ist ein schwarzes großes Tier, an der nassen Haut läuft das rote Blut in kleinen Bächen herunter. Alle paar Sekunden blitzt etwas Weißes in seinem Auge auf, wie ein Funke, ein Lichtschaum. Der Toreador geht auf ihn zu, zielt – Da steht der Stier mit dem Degen oben im Rücken und seinen drei Paar Widerhaken und tobt. Ist das das Ende? Das Publikum ist begeistert – aber es ist nicht das Ende. Einen zweiten Degen, bitte. Das ist das Ende. Die rötesten Mäntel bringen ihn nicht mehr zum Aufstehen, er brüllt dumpf, fällt zur Seite, zuckt... Aus. Gruß an die Loge, grauer Zylinder, Hüteschwenken, Bravo, Hoch und Dank. »L'Arrastre«: ein sechsfaches Eselsgespann schleift den Stier und die beiden Pferde hinaus. Der nächste. Der nächste ist ein junger, aufgeregter Herr, der wie ein Bajazzo aus seinem Stall herausgepurzelt kommt. Er macht den Leuten viel zu schaffen, und das soll er ja wohl auch. Er zerstößt das Pferd, das ihm sein Vorgänger leicht angestoßen zurückgelassen hat, zu einem bösen Klumpen, der Picador fällt herunter, es geschieht ihm aber nichts. Der Stier zerquält ein Pferd, so daß es sich schon nach dem ersten Stoß nicht mehr erheben kann – und da liegt es. Ich kann genau das Auge sehen, dieses große, sanfte Auge. Das Auge versteht nicht. Es sagt: »Warum? Warum?« – Es dauert lange, bis der Mann mit dem kleinen handfesten Messer kommt, das schnell wie ein Keil in den Schädel geschlagen wird... es dauert so lange. Die Kapelle spielt, ein sanfter Walzer wogt über das sterbende graue Pferd hin, weich und schaukelnd – ich weiß, wie der im Sande ruhende Körper unten aussieht... Da kommt der Abdecker. Le reste n'existe pas. Dieser Stier hat einen schweren Tod. Der Toreador verbraucht 6 (in Buchstaben: sechs) Degen, bis er ihn soweit hat – und das Publikum wird ungeduldig. »Schlächterei!« schreien die fein empfindenden Leute. Weiße Taschentücher wehen zum Präsidenten herauf – aber der rührt sich nicht, sondern sieht, den Kopf auf die Brüstung gelehnt, gelangweilt zu. Seine Damen gucken gar nicht hin. Nun fällt der Stier. Erlöster, nicht einstimmiger Beifall. Aber während alles um den sterbenden Stier beschäftigt ist, liegt an der Ostwand des Zirkus im Sand das graue Pferd. Sie haben es mit einer Decke zugedeckt, man sieht das Hinterteil und den Schwanz. Es ruht. Und mir ist, als glänze dieser Kadaver, mit einem sanften Schein um sich. Der nächste. Nummer vier will gar nicht aus dem Stall. Hohngebrüll in der Arena: »Feigling!« Das kann er nicht auf sich sitzen lassen. Er kommt, passiert die beiden Torwächter, die ihm zwei ganz kleine Haken applizieren ... Dann machte er seine siebenundsiebzig Stationen durch. So sechs. Schnaubende Mäuler, sich bäumende Pferde, Pferde, die nicht wollen, aber herangezerrt werden, einmal ein Kunststück des Matadors: er sitzt, er neckt den böse gemachten Stier im Nacken, er rückt auf dem kleinen Holzstreifen, der die Arena innen wie eine runde Bank umgibt, immer näher an ihn heran, gibt ihm also die Zehntelsekunde vor, die er zum Aufstehen braucht – in diesem Spiel, wo es um die Zehntelsekunde geht... Und auch dieser Stier ist in einer Viertelstunde draußen, gezogen von Mauleseln mit den roten Pompons. Ein Torero, Emilio Mendez, steht wie eine Bildsäule, bevor er zusticht, in einer vornübergebeugten Haltung, leicht, wie auf dem Theater... Es ist ein dunkler, schwarzer Mensch, in diesem Augenblick sieht er genau aus wie Walter Hasenclever. Ein Stier wandelt mit einem Widerhaken im Nacken umher, als gehe ihn das Weitere nun nichts mehr an. Die Tücherleute machen die muleta : Kein Allotria! Hier! Sterben gehn! – Und da bequemt er sich denn. Bei alledem ist kein Stierkämpfer ohne Schrammen und Wunden; bekommt ihn der Stier auch nur selten ganz zu fassen, so ritzt ihn doch oft das Horn. Was viel gefährlicher auslaufen kann als es den Anschein hat: ist das Horn vorher in den Eingeweiden der Pferde gewesen oder hat es auch nur Erde aufgewühlt, so riskiert der so leicht Verwundete den Tetanus. Kurz vor Schluß gehe ich hinaus ... Draußen umlagern die Kutscher, die Chauffeure, Knechte und Volk die Arena. Sie steht hoch gegen den Himmel und sieht auf einmal böse aus. Ein Stierkampf von draußen ... Ich weiß jetzt, was da drin geschieht – ich höre es an den Schreien. Zunächst bleibt alles still. Jetzt, jetzt muß er an sein Pferd geraten sein, ich fühle den dumpfen Zusammenstoß bis hier her. Die Arena schreit. »Hjai!« wie aus einer Kehle. »Hjai –!« Und dann ein langes Brausen und wirres Rufen ... Langsam schlendere ich durch die Wagen. Sind das Lieblinge, die Toreadore! Die Spanier verehren ihre Stierhelden wie die Halbgötter. Der große Tenor der Arena, Nacional II, hat vor ein paar Tagen, nachdem sie ihm bei einer Meinungsverschiedenheit den Kopf mit einer Weinflasche eingeschlagen haben, ein Begräbnis gehabt wie ein General. Kein Pantheon wäre ihnen für die großen Männer zu schade. Nun, das ist wohl überall dasselbe – nur gibt es sich anderswo wissenschaftlicher, gebildeter, immer mit dem Kulturfortschritt im Prospekt... Herrgott aus Spanien! Wenn du Sonntag vormittags auf dein Land heruntersiehst, so steigen dir wohlgefällige Düfte in die Nase, süßer Weihrauch und die Lobreden deiner fetten Pfaffen. Wenn du aber nachmittags herunterhörst, so hörst du aus dreißig, vierzig Arenen: »Hjai –!«, hörst das Blasen der bandas , das wirre Rufen und das Brüllen der sterbenden Tiere. Jeden Sonntag. Im Jahre 1924, lieber Gott, war es zweihundertachtundvierzigmal, daß du das in Spanien hören konntest – und dabei sind nicht die simpeln Spiele mitgerechnet, die sich halbwüchsige Bauernknechte in kleinen Flecken mit den ganz jungen Tieren erlaubten. Nur die formellen: zweihundertachtundvierzig. In Frankreich für dasselbe Jahr: sechzehn. Nicht viel – aber immer noch mehr als damals, als man im Jahre 1857 die Stierkämpfer zum Lande herausjagte. Das Verbot ist praktisch längst außer Kraft gesetzt. Sie sind alle wieder da. Und sie heiligen deinen Feiertag. Da kommen die Leute zu Hauf aus dem Mordturm – wenn ich noch einen Wagen haben will, muß ich mich beeilen. Eine Barbarei. Aber wenn sie morgen wieder ist: ich gehe wieder hin. Ausflug zu den reichen Leuten »Er ließ das Tier von oben rauschen Und unter sich den Drachen lauschen Und neben sich die Mäuse nagen, Griff nach dem Beerlein mit Behagen –« Wer weniger Geld hat, dem fehlen die materiellen Voraussetzungen, das Leben voll zu genießen. Sicherlich schlummern auch im Arbeiter unerlöste kulturelle Bestrebungen, aber Sie müssen nicht vergessen, Herr Ministerialrat, die Tiefergestellten wollen vielleicht, aber sie können nicht. Ich bitte Sie, was haben denn diese Leute für Interessen! Wer mehr Geld hat, ist ein Trottel. Er hat wohl materiell alles, was er braucht, aber ihm fehlt doch unsre Kultur. Die neuen Reichen, Herr Ministerialrat, können alle, aber sie wollen ja gar nicht. Ich bitte Sie, was haben denn diese Leute für Interessen! Die armen Reichen. Sie haben wirklich keine gute Presse. »... jene feierliche Ironie, die ich bei allen Leuten mit bescheidnem Einkommen bemerkt habe, mit denen ich in Beziehung stehe« heißt es in dem reizvollen Tagebuch A.O. Barnabooths von Valéry Larbaud. Barnabooth ist ein Milliardär von gigantischen Ausmaßen. »Ich rede sie so ohne Hintergedanken an, von Mensch zu Mensch, ganz familiär, wie das zum Beispiel die Amerikaner lieben. Aber sie verbeugen sich, und wenn der Kopf ganz unten ist, stecken sie mir die Zunge heraus. Sie drücken mir die Hand wie auf einem Begräbnis, und ich fühle die ganze Verachtung, die sie für mich haben. Sie verstecken ihre Gefühle nicht einmal; denn wenn sie ihr hochachtungsvoll ergebenes Gesicht aufziehen, halten sie einen Milliardär für viel zu dämlich, als daß er etwa merken könnte, wie man ihm schmeichelt. Es sind sehr subtile Herrschaften. Ich habe erst geglaubt«, sagt der Milliardär, »daß diese stillschweigende Ironie das Grinsen des Neides ist .... Aber nein, das ist kein Neid: es ist die Unfähigkeit, die Augen aufzumachen und über gewisse Vorstellungen hinauszusehen. Es ist einfach Beschränktheit.« Denn weil sich jeder eine Welt macht, in deren Mittelpunkt er selber steht, so verneint er die der andern, deren Weltbild ihn etwa an die Wand klemmen könnte. So lieben denn silbergepunzte Demokratenfrauen die armen Arbeiter, die es nicht besser wissen, und verachten die reichen Milliardäre, die es nicht besser wissen. Reiche Leute haben eine gefügige Presse. Reiche Leute haben keine gute Presse. In Biarritz kommen sie wild vor. Der nach Fischen riechende Winkel, als den Taine den Ort noch in den fünfziger Jahren angetroffen hat, ist durch den spanischen Adel und vorzüglich durch die Queen, der die englische Aristokratie todesmutig nachfolgte, erst zu dem geworden, was es heute ist. Es liegt entzückend: die silbrig-blaue Küste mit Felsen, die kunstvoll durchbrochen sind, so daß man darin Spazierengehen kann, Blumenanlagen: es wächst da ein niedriger Baum mit hellgrünem, zartgefiedertem Laub, der sieht aus wie ein Mohrrübenbaum, und an bestimmten Stellen zu bestimmten Stunden geht es auch recht elegant her. (Das allgemeine Straßenbild ist es nicht.) Allerdings spielt sich das, was man unter »Biarritz« zu verstehen hat, auf den Besitzungen der reichen Leute ab, in den Klubs, den Parks, den kleinen und großen Villen am Meer und in den Schlössern, die von der Küste entfernt liegen. Will man französische Eleganz beschreiben, so muß man nie vergessen, daß die Begriffe »Kempinski« und »Esplanade« deutsche Begriffe sind, und daß Frankreich nicht das besitzt, was einmal ein sehr witziger Architekt mit dem Wort »Berlin hat eine Mittel-Volée« bezeichnet hat. Die französische Mitte liegt in der äußeren Lebensführung und in den Ansprüchen wesentlich unter der deutschen, aber dafür gehts dann auch oben ganz hoch hinauf. Der große Reichtum ... Davon kann ich nun wenig berichten. Nicht etwa aus Verachtung, sondern weil ich diesen Kreis des Lebens nicht abgeschritten habe, weil er mir fremd ist, weil meine finanziellen Mittel nicht ausreichen, ich mir also meine Nase an der Glasscheibe platt drücken müßte. Mir ist es nicht selbstverständlich, im Hotel du Palais abzusteigen, der Apparat würde auf mir lasten, und ich käme über jene gequälte Ironie nicht hinweg, die der Reporter anwendet, um zu zeigen, daß ihm das alles in keiner Weise imponiert und daß er doch der bessere Mensch ist. Nach Biarritz bin ich aus Pflichtbewußtsein gegangen. Die Fotografien in den Zeitschriften hätten mich nicht gelockt: auf allen saßen die weißbehosten Tennisspieler mit ihren Damen, das Meer und das Auto im Hintergrund, sie saßen – wie ländlich! – am Wegesrand oder an kleinen Tischen mit Teekännchen und roten Sonnendächern. Die Kurliste sagt, wer alles in Biarritz ist. Sie finden das in ihrer eleganten Zeitschrift, wenn die es nicht vorzieht, Heringsdorf zu fotografieren. Die Mistinguett soll da sein. Aber Missia habe ich selbst gesehen, Missia, das dicke Stück aus dem Theaterchen »Perchoir« zu Paris, eine himmlische, nicht mehr junge Person, mit einem Gesicht wie ein, sagen wir, Mond, einer Himmelfahrtsneese – und frech! Frech wie Anton. Sie geht mit einem jungen Mann über die Straße, tut recht vertraut mit ihm, und ich bin maßlos eifersüchtig. Ich auch ...! In dem kleinen Restaurant, wo ich das Frühstück nehme und beileibe nicht esse, da sitzt mit Papa und Mama und Brüderchen eine ganz junge Engländerin, einfach ein Kind, vielleicht fünfzehn, sechzehn Jahre. Sie hat ein bißchen Sommersprossen, einen langen Kopf, lange Finger – sie ist gar nicht hübsch. Aber sie ist unanständig, sie hat das, was ältre Herren zu erheblichen Unvorsichtigkeiten verleitet, etwas Verdorben-Frauliches, sie lockt, einmal rasch hinter der Hoteltür, wenn Mama nicht hinsieht ... Vielleicht machts ihr gar keinen Spaß, aber sie hat in ihren verbotenen Büchern gelesen, daß es Spaß macht. Nun, man wird sie gut verheiraten, und dann wird es wohl vorbei sein. Übrigens, das ist nun so in einem fernen Badeort ganz besonders hübsch, daß nicht alle zehn Schritt jemand auf der Straße wie angewurzelt stehenbleibt, einen mit idiotisch erfreutem Gesichtsausdruck ansieht und brüllt: »Nein –!« Dergleichen ist Stenographie und heißt: »Traue ich meinen Augen? Sie sind es natürlich nicht, denn Sie können ja gar nicht in demselben Ort sein wie ich!« Und dann gehts los, und der ganze Vormittag ist flöten. Ciboure. Ich muß in die Réserve de Ciboure, das habe ich in Paris aufbekommen. Nicht in die Hotels, nicht zum Père Tolstoi, der mit schütterm Bart und schöner Tochter ein Nachtlokal leitet – ich soll in die Réserve de Ciboure. Wenn ich muß ... Der große Wagen flitzt durch den Abend, läßt Biarritz hinter sich und biegt dann weit ins Land hinein. Auffällig: die vorzügliche Straßendisziplin der Fahrer. Nein, es ist viel mehr als Disziplin und Verkehrsordnung und Angst vor dem »procès-verbal«, dem Protokoll, der Strafanzeige – es ist echte, gegenseitige Rücksichtnahme. Nicht ein Mal auf allen Fahrten in den Pyrenäen habe ich gesehen, daß die Chauffeure sich Hindernisse in den Weg fahren, sich anärgern, es dem andern »aber ordentlich besorgen wollen«. Sie veranstalten keine Wettrennen, die dem Herrn schmeicheln sollen – »Na, Klumpke, nun zeigen Sie mal, was Sie können!« – »Jawoll, Herr Generaldirektor!« – sie streiten sich nicht an den Wegkreuzungen, wer wem ausbiegen müsse – es geht wie geölt. Daß die Wagen abends die Scheinwerfer ausschalten und sich zwinkernd, um den andern nicht zu blenden, grüßen wie Schiffe, die nachts sich begegnen – das geschieht ja wohl in Deutschland auch. Aber diese fast ritterliche Art, bitte nach Ihnen! die ruhige Freundlichkeit, mit der auch die schnellen Touren ausgefahren werden – das ist angenehm zu sehen. Man fühlt sich sichrer. Bidart, Guéthary, über den kleinen Marktplatz von Saint-Jean-de-Luz mit den lustigen verkrüppelten Bäumen – dann biegt der Wagen an einem Hafen rechts ab und fährt vor. Die Réserve de Ciboure ist eine kleine Terrasse, die an einer Bucht liegt: die Lichter von Biarritz flimmern herüber, es ist schon ein bißchen kühl, und die Kapelle wird sich erst warm arbeiten müssen. Kleine Tische mit Lämpchen, in der Mitte eine Tanzplatte. Man muß vorher reservieren lassen, es gehört zum guten Ton, hier einmal zu soupieren, was man sagen darf, ohne prätentiös zu erscheinen, denn es wird erst um zehn Uhr abends gegessen. Leider nicht sehr gut. Wenn ich zu den Indianern fahre, will ich es indianisch haben. Auch über den Sekt gibt es nichts zu lachen. Und da sitzen sie also. Sehr viel Fremde: Südamerika, die Staaten, England, Amerika, England. Dessen Männer sehen, wie immer, gut aus, die Amerikanerinnen fürchterlich. Wenn man sie so dasitzen sieht, denkt man an Klavierlehrerinnen, die sich einen feinen Sonntag gemacht haben; sie tragen Schmuck, den man ihnen gekauft hat, aber er blitzt verräterisch zu andern hinüber: er fühlt sich nicht wohl bei ihnen. Sie sind völlig an ihn gewöhnt – er aber tut ihnen nicht den Gefallen, sie zu schmücken. Sie wissen, daß sie hier in einem Amüsierlokal sind, und so amüsieren sie sich denn. Und weil dies kein einheitlicher Kreis von guten Leuten ist, der zusammengehört, sich kennt, aufeinander abgestimmt und eingespielt ist: so fehlt jene Luft, die erst den Reiz und den Witz großer Empfänge und garden-parties ausmacht; es ist einfach eine bezahlte Sache. Ich empfinde zum dreihundertsten Male auf dieser Erde: Geselligkeit kann man sich nicht kaufen, indem man ein Diner in einem Hotel bezahlt; das ist Aberglaube. Man wird hereingelassen, aber man gehört nicht dazu. Und wäre das geschwellte Bewußtsein so vieler Snobs nicht, die keine Réserve de Ciboure, sondern nur ihre falsche Überlegenheit über die armen Luder zu Hause erleben – sie langweilten sich noch mehr. Übrigens glauben sie, Vornehmheit färbe ab, und sie sind so stolz auf das Geld der andern – Eines allerdings muß man hier allen nachloben: die Haltung ist selbstverständlich. An keiner Stelle findet sich: Na, was sagt ihr nun? Hier sitze ich und trinke so teuern Sekt! Nirgends. Solche abendlichen Tische, diese Tanzkapellen, dies Essen und jener Wein – das ist ihr Leben, sie sind nicht darüber erstaunt, und sie verlangen von keinem, daß er sie bewundere. Der Nebentisch ißt. Andre Leute soll man nicht beobachten – und weils hier auch nirgends getan wird, ist es eine Wohltat, durch ganz Frankreich, einschließlich Paris, fahren zu können, ohne daß einen alle Leute anstieren, einsortieren, die Bilanz ziehen, das Inventar aufnehmen. »Was mag der sein –?« Ich brauche auch gar nicht hinzusehen, ich weiß, wie sie essen. So oft ist mir schon aufgefallen, was geschieht, wenn die reichen Leute zu essen bekommen: Sie sehen dem Kellner auf das herbeigebrachte Futter, mit einem scheinbar gleichgültigen, aber doch gespannten Ausdruck, es rinnen ihnen sozusagen die geistigen Appetitfäden aus dem Gehirn, schwer sitzen sie da: »Das steht mir zu, das ist meins«, und ich bin überzeugt, sie fingen an zu knurren, wenns ihnen jetzt einer wegnehmen wollte. Es ist eine heilige Handlung, ihr Essen, nicht nur, weil es so gute Sachen sind, sondern weil der Herr nun bedient wird. Die Käfigwärter tun alles, um diesen Glauben zu stärken. Sie tragen die dünnste Gemüsesuppe wie eine Hostie heran, sie schöpfen behutsam ein, tranchieren wie ein Chirurg, subtil, mit äußerster Aufmerksamkeit, und halten den Pudding, wie man ein Kindchen wiegt. Stille! Der Herr ißt! Worauf die Musiker »Tea for two« spielen, und die Leute tanzen. Sie tanzen geschäftlich: sehr ernst, ganz und gar egoistisch (die andern Paare existieren nicht), durchaus mit sich beschäftigt. Mit Erotik hat das so wenig zu tun wie ein Telefongespräch: es kann damit zu tun haben, aber im Wesen der Sache liegt es nicht. Jetzt, nachdem alle gegessen haben, breitet sich jene weltversöhnliche Stimmung aus, die einen so nach vollkommener Sättigung beschleicht. Sie ist der konservativen Weltanschauung durchaus förderlich: ein Verdauender empfindet es als störend, wenn jemand giftige Gespräche führt. Nicht, nicht ... die Welt ist doch so schön ... Übrigens wird es jetzt wirklich kühl, gleich werde ich aufstehen und so tun, als ob ich gar nicht auf den Gedanken käme, man könne nach Biarritz auch zu Fuß gehen. Der Wagen soll vorfahren. In Biarritz hängt vor einer erleuchteten Scheibe das Bild van Dongens, das er von Yvonne George gemalt hat, der Diseuse. Soll ich noch ...? Aber der Manager, der herausgestürzt kommt, ist derartig beflissen, und das Lokal derartig leer, daß es wohl ein Reinfall werden würde, und so wollen wir denn lieber nach Hause fahren. Geld –? Erfolgreiche Prokuristen pflegen mit einer Stimme zu sprechen, die nach gebratnen Gänsegrieben schmeckt, etwas Geld ist scheußlich. Viel Geld ist schön. Und bis in den Schlaf verfolgt mich der müde, völlig gleichmütige, ausgeglichene Blick des blauen Augapfels mit den schweren Augenlidern: das Gesicht der wahrhaft reichen Leute. Zwei Klöster Das ist meine erste Begegnung mit den Pyrenäen: Hinter mir die glatte, große, geteerte Automobilstraße, die von Biarritz nach San Sebastian führt, nun schlängelt sie sich ans Meer, und links, im Osten, liegen die blauen Berge: die Pyrenäen. Sie sind nicht allzu hoch – ihre Linien sind sanft geschwungen, der scharfe Grat ist hier selten, und alle Kuppen sind rund. Es ist wie erstarrte Musik in diesen Höhenzügen. Bei Hendaye stoßen die letzten Ausläufer fast ans Meer. Wir fahren an der Küste entlang. »Côte d'Argent« ist ein guter Name für sie – die Wellen blitzen silberweiß. Rechts fällt die Küste steil ab, im Geröll suchen Männer nach Vogeleiern. Links stehen die ersten Felsen, nicht sehr majestätisch, aber für eine Anfangsbegrüßung Felsen genug. Der Wagen schnurrt um die Kurven. Wir fahren nach Spanien – zum Kloster des Ignatius von Loyola. Vorläufig am Wasser entlang, immer am Wasser, und manchmal bremst der Chauffeur und erklärt uns die Landschaft. Wir rollen durch Saint-Jean- de-Luz und dann durch Hendaye – wo Pierre Loti gestorben ist, wo Unamuno zum großen Ärger der Spanier wohnt und Claude Farrère sich ein Haus bauen läßt – und das da: das ist der Bidassoa-Fluß, die Grenze. Nächtlich, an der Bidassoa lispeln ... ich weiß schon, es hat anderswo gelispelt. Aber dies ist auch sehr schön. Hier, im Fluß liegt die Fasaneninsel: da haben sie am 7. November 1659, wer wüßte es nicht, den Pyrenäischen Frieden abgeschlossen. Die Bevölkerung kennt keinen andern Gesprächsstoff. Zollwächter, Gendarmen, Pässe, Hände an den Mützen, bitte sehr, danke sehr, Grenzpfahl, dasselbe auf der andern Seite: Spanien. Guten Tag. Wie Balkons ein Straßenbild verändern! Fuentarabia, als pittoresk gepriesen – aber so leid es mir tut: blitzsaubere Straßen. Wie ich überhaupt auf allen meinen Reisen durch den Süden Frankreichs nicht habe finden können, daß das Geschrei von dem »verlodderten Süden« heute noch seine Richtigkeit hat. Marseille riecht um den alten Hafen herum wie eine Sardinenschachtel, das ist wahr, und in den engen Gassen hinter der Cannebière wird man kaum eine Wohnung mit allem Komfort finden. Aber die kleinen Städte im Midi, die südlichen Städte, die ich hier an den Pyrenäen gesehen habe, sie sind nicht schmutziger und nicht sauberer als jede kleine deutsche Stadt. Der Wagen stuckert. Vor Zumaya, da, wo die Route das Meer verläßt, um nach Süden zum Kloster abzubiegen, begegneten wir einer eleganten Limousine. »Das wird er sein!« sagte der Chauffeur unvermittelt. »Wer?« fragte ich. Es war, wenn ihn nicht alles täuschte, ein großer spanischer Tenor aus Madrid, der grade in San Sebastian gastierte. Er hatte ihn gehört. Und im Klappern des Viertakt-Motors sang er ein paar schöne Stellen von Verdi, und nur in den Kurven legte er kleine Pausen ein. Anch'io sono pittore –! Er hätte eine schöne Stimme, teilte er mit, aber leider, leider fehle es ihm an Geld, sie auszubilden. Denn was jener Tenor heute sei, das vermäße er sich in spätestens zwei Jahren auch zu werden! Und so chauffiere er denn an der Unsterblichkeit vorbei, die Bremsen unter den Füßen, das Steuer in der Hand und eine unerfüllte Künstlersehnsucht im Herzen. Der Tenor besuche übrigens wahrscheinlich Zuloaga, und er zeigte mir dessen große Villa im Grünen. Da malte er nun. Jetzt bot die Landschaft nichts Bemerkenswertes, und der Chauffeur wurde gesprächig. Zigeuner zogen an uns vorbei, und er stellte fest, daß diese »bohémiens« aus der Bohème kämen, also aus Böhmen. Das war mir neu. Und dann sprachen wir über die Spanier und über das Elend, das den kleinen Mann bedrückte – in der Tat begegneten uns hier, wie überall auf den spanischen Grenzfahrten, die ich gemacht habe, Gendarmen, Pfaffen, Pfaffen und Gendarmen, Gendarmen und Pfaffen. Hier wären alle Leute katholisch, sagte der Chauffeur. Zum Beispiel Protestanten, die gäbe es ja gar nicht. Die Protestanten hätten aber auch ihre Geistlichen, sagte er, man nenne sie Rabbiner. Ich erwiderte schonend, daß es auch Protestanten gäbe, die Pfarrer ihr eigen nennen – und das glaubte er schließlich. Und wir fuhren und fuhren. Nach ein paar Stunden öffnen sich die Berge, ein Tal erscheint, der Wagen rollt auf einer breiten Zufahrtsstraße grade auf das Kloster zu. Mir bleibt das Herz stehen. Die Basilika mit der hohen Kuppel ragt auf, zwischen grauen Fronten, rechts und links mit vielen holzverschlossnen Fenstern. Sie ladet den Weg ein, in ihren runden Portalen zu münden – er tut es. Weiter hinten, rechts der Chaussee, liegen die Seminargebäude für die hundertfünfzig Novizen der Jesuiten, die hier untergebracht sind – sonst stehen die Basilika und das Heilige Haus des Ignatius, das im Komplex liegt, ganz allein in den Bergen. Das Tal rundum ist still – hier in den Bergen werden die schwarzen Eier ausgebrütet. Das große Haus mit der Kirche und den paar Nebengebäuden – von hier ist die spanische Welt regiert worden, von hier wird auch heute noch so viel leise Regierung vorbereitet ... Der Ordensgründer hatte gewußt, was er tat. Die verblüffende Ähnlichkeit seiner geistlichen Übungen mit denen der Yogis ist längst aufgedeckt – es ist in der Sache wohl kaum ein Unterschied. Was das Militär aller Länder mit roher Gewalt versucht und nie zu Ende geführt hat, hier ist es mit der glänzendsten Geschmeidigkeit gelungen: Menschen ergriffen, umgeformt, in den Zustand der Halblähmung gebracht, geschwächt, um dann die größte Stärke aus ihnen herauszuholen. Innen gleißt es vor Gold. Der Fußboden ist aus gehämmertem Silber, die Truhen und Altäre aus allem edlen Material zusammen, das es überhaupt gibt: Gold und Silber und Halbedelsteine und Alabaster und Marmor ... Aber wie ist das gemeistert! An keiner Stelle schreit die Kostbarkeit – alles dient, scheinbar demütig, Gott. Man darf sich einen Hausflügel ansehen. Und während wir in dem breiten, dunkelgetäfelten Treppenhaus umhergehen, dringt Stimmengewirr an mein Ohr. Vielleicht kann man hier nicht eintreten? Der spanische Führer macht eine einladende Kopfbewegung. Da beten die Jesuiten. Im dunkeln Halblicht des grauen Nachmittags sehe ich: Den, der die Gebetsübung leitet, ein wundervoll feiner Kopf mit goldner Brille, schmallippig, mit grauen Augen. Ein andrer steht daneben. Die kleine Kapelle ist durch ein Gitter abgeteilt, da drinnen sitzen sie, die schwarzen Soutanen auf Dunkelbraun. Ich darf in einen kleinen Nebenraum treten, er hat einen hellen Teppich und ein kleines Fensterchen, das zur Kapelle führt. Davor kniet, aus irgendeinem Grunde von den andern abgeschlossen, ein junger Novize, ein schöner, schwarzer Mensch von vielleicht zwanzig Jahren. Sein Gewand hat sich auf den Boden gebreitet. Ich stehe bewegungslos. Und lausche. Die Stimme des Leiters ist klar erkennbar. Aber was ist jenes andre? Es rollt, es kehrt wieder, ich kann nicht verstehen. Es sind offenbar viele Männerstimmen – und da sehe ich im Hintergrund der Kapelle zehn oder fünfzehn Novizen, die den Chor bilden. Jetzt höre ich: »Ora pro nobis – ora pro nobis – ora pro nobis – ora pro nobis –« Es hat mich. Es kehrt immer wieder, und da die Wiederholung die einzig wirklich künstlerische Form ist, die es überhaupt gibt, was Buddha und sein genialer Übersetzer Neumann gewußt haben, weil das Ohr nach dem achten Mal nichts mehr zum Gehirn leitet, sondern eine feine Erschlaffung die Nerven befällt, so dringt das Gift in alle Poren ein. Durch Wiederholung wird das Wort fremd und kehrt verwandelt wieder. Welche wundervollen Handbewegungen! Welche Köpfe! Welche Summe von Charakter, Intelligenz, Wissen, Geistigkeit! Der Schmuck an den Wänden glänzt matt, weiche Teppiche dämpfen den Schritt – ich habe nie so elegant beten sehen. Und plötzlich weht mich etwas an, eine lange Satzfolge – Worte ... »Spinnfabrik – Vorarbeiter ...« Ich habe später nachgesehen, was es war. Es war eine Seite des großen Oscar Panizza: gestorben, verdorben; die Bücher verboten, in alle Welt verstreut, vergriffen, das Wichtigste nie wieder aufgelegt ... Es war die Seite über das Gebet. Hier ist sie: »Auf einer meiner Reisen kam ich eines Tages, in einer wundersamen Gegend, in Tirol, in eine Dorfkirche. Sie war edel und freundlich gebaut; im Innern luftige Hallen; an den Säulen und Wänden auf den Postamenten standen Apostel und Heilige in verzückten Stellungen, ihre Marterwerkzeuge ostentativ in der Hand haltend; und unten in den Stühlen lagerten schwarze gebeugte Massen: lebendige Menschen. Gleich beim Eintritt empfing mich ein eigentümliches Plätschern, Klirren, Schnurren und Rasseln, wie von englischen Webstühlen. Ich glaubte wirklich anfangs, es seien irgendwo im Keller versteckt Häckselmaschinen, die arbeiten, oder hinterm Chor eine Lokomobile, die Getreide drischt. – Aber bald fiel mir auf, daß in den schnurrenden Geräuschen regelmäßig wiederkehrende Perioden von bestimmter Länge zu unterscheiden waren, und daß, vergleichbar dem auf jenen Webstühlen Gewobenen, bestimmte Dessins und Farbeneinschüsse in maschinensicherer Abwechslung immer wiederkamen und gingen. Und hier waren diese Dessins zu meiner nicht geringen Verwunderung Sprachperioden und Satzkomplexe. ›Maria, Gebenedeite!‹ und ›jetzt und in der Stunde des Absterbens‹ waren die stets wie auf Stramin gewobenen, vorüberrauschenden Figuren und Lautnuancen. Und nun merkte ich wohl, daß es die im Kirchenschiff kauernde Menge war – lebende Menschen –, von deren Lippen und Zähnen dieses Schnurren und Brausen kam. Vorn, ganz weit vorn, stand in einem weißen Kittel der Vorarbeiter, und was er lallend und gurgelnd – und wie ich wohl sah, in seiner Arbeit eminent geschickt – angab, woben und schnurrten die andern nach; zuerst die Alten in den vorderen Kirchenstühlen; und dann hinten die Fabrikmädchen; und was diese mit den fleißigen Zähnchen lieferten, klang, als wenn man Erbsen in irdene Töpfe prasselnd fallen läßt: so hellen Diskant woben die kleinen Finger. Lang, lang blieb ich stehen, wohl eine halbe Stunde, stumm und erstarrt, und konnte es nicht fassen. Fast so lang wie vor dem Rheinfall bei Schaffhausen; eingelullt von dem ewig gleichen Rauschen und Brausen und ganz versunken in Gedanken, und in Gedanken fortgetragen in eine kleine, ferne protestantische Kirche im Norden, wo ich als Knabe mein stummes Gebet still zu Gott sprach – bis endlich der Wasserfall aufhörte, und das Brausen ein Ende nahm, und ich erwachte; und nun wohl erkannte: das, was ich gehört hatte, waren die Gebetgeräusche der katholischen Kirche ; und das Webestück, die Arbeit, die sie vollbracht hatten, nannten sie –: Gebet .« Das war es. Langsam verließ ich den Raum, langsam fuhr der Wagen davon. Hinten in den Bergen, in denen jetzt der Nebel aufstieg, lag das Kloster des heiligen Ignatius von Loyola. Das Kloster zu Roncesvalles liegt gleichfalls jenseits der Grenze. Der Botschaftssekretär an der spanischen Botschaft in Paris hatte gesagt: »Die Erlaubnis zur mehrmaligen Überschreitung der Grenze können wir Ihnen nicht geben. Die Franzosen haben Ihnen das erlaubt? Wenn Sie das wollen, müßten wir nach Madrid telegrafieren ...« Nein, dachte ich. Primo de Riveran persönlich angehen, ihn am Ende stören, wenn er gerade kühnlich sein Haupt in einer Untertanin Schoß legt – nein. Und jedesmal, wenn ich die spanische Grenze überschritt, ohne Bestechung, ohne Beziehung, ohne Schleichwege, jedesmal gedachte ich des Sekretärs in Dankbarkeit und gehorsamer Liebe. »Ich bin ein anständiges Mädchen!« rief die spanische Grenze in Paris. Aber wenn man nachher der Sache näher trat, da gings schon. Roncesvalles – ganz richtig: das ist da, wo Roland erschlagen wurde. Man zeigt heute noch die Kampfkeulen, mit denen ... aber das will ja niemand wissen. Das Kloster liegt ein paar Wegstunden hinter Saint- Jean-Pied-de-Port, und man fährt durch schöne Waldschluchten, über denen Geier kreisen; sie äugen herunter, ob sie nicht in einer Schafherde etwas einkaufen können. Der Weg dreht sich höher, bis etwa zu tausend Metern, dann klettert er über einen Gebirgspaß, und da steht das gemütliche Gebäude. Das Kloster war einmal. Es gibt da noch einen Abt und elf Mönche, die immens reich sind, alles Land im Umkreis gehört ihnen – aber Ronceval ist längst nicht mehr was es war. Ein großer Trumm Häuser ist zu einem Gefüge miteinander verbunden, er umgibt Innenhöfe und die Kirche. Die Dächer haben sie mit einem scheußlichen Blech belegen lassen, und innen ist Zentralheizung, denn es ist sehr kalt hier im Winter. Aber ich glaube: ein Kloster mit Zentralheizung, das ist überhaupt kein Kloster. Der Sakristan zeigt die Kirchenschätze. Aufgehäuft liegen da Gold- und Silbergesticktes, Kleinodien, Reliquien, ein Dorn von ... ein Stückchen Knochen des ... Der Sakristan hat irgendeine Störung der innern Sekretion: er ist wachsgelb, hat dünne, blutleere Lippen, einen merkwürdigen Mikrozephalenschädel. Er ruht nicht, bis ich alles gesehen habe und verschont mich mit keiner Einzelheit. Er erzählt meinem Mann, den ich mitgenommen habe, tausend Geschichten auf spanisch, die der alle übersetzen muß. Oben in der Kirche sitzen die Mönche und beten fett und laut ein Nachmittagsgebet. Ihre Stimmen hallen. Unten beichtet einer, sein Kopf verschwindet hinter dem Vorhang des Beichtstuhls, und ein herauslangender Priesterarm legt sich dem Sprechenden beruhigend um die Schulter. »Nichts macht dem Spanier soviel Vergnügen, als einen Menschen totzuschlagen und nachher in der Kirche ausführlich und zerknirscht darüber zu sprechen.« Wer hat das gesagt? Ein sehr gläubiger Mann. Auf Zehenspitzen gehe ich durch die Kirchentür ins Freie. Von außen sieht das Kloster aus, als säßen in den wohlgeheizten Stuben zwölf Mönche und drehten die Daumen gemächlich umeinander. Aber man kann einen großen, schön eingerichteten Lesesaal sehen, und sie haben auch eine Bibliothek. Ich unterhalte mich mit einem spanischen Geistlichen, wir sprechen lateinisch. Das heißt: er spricht lateinisch. Ich sage alle meine Fehler aus alten Extemporalien auf, konstruiere ut mit dem Indikativ und benehme mich recht scheußlich. Si vales, bene est – ego valeo. Zum Abschied sage ich gar nichts mehr. Denn wenn ich jetzt noch »Bonus dies!« rufe, dann wird mir der geistliche Herr wohl eine kleben. Saint-Jean-Pied-de-Port: Die Basken Ein Graf von Montmorency rühmte einst vor einem Basken das Alter seines Namens, seines Adels, seiner Familie, rühmte, von welch großen Männern er abstammte. Der Baske erwiderte: »Wir Basken, Herr Graf: wir stammen überhaupt nicht ab!« So alt dünken sie sich. Sie haben es gut: man kann ihnen nichts beweisen. Man weiß nicht, wer sie sind, weiß nicht, woher sie stammen, was für eine Sprache das ist, die sie sprechen – nichts. Denn kein Latein, keine romanische, keine nordische Sprache hilft dir hier. Eine Sprache, in der die Worte »Wer durch diese Tür tritt, mag sich wie zu Hause fühlen«: Atehan psatzen dubena bere etchean da heißen – die ist wohl für uns nicht zu enträtseln. Es hat sie auch keiner enträtselt. Versucht habens viele. Eine unaufgeklärte wissenschaftliche Sache? Das läßt keinen deutschen Professor ruhn. So sehen wir denn eine ganze Reihe Deutscher unter den Forschern Eskual Herrias, wie die Basken ihr Land nennen: Wilhelm von Humboldt verstand und sprach baskisch, und Hübner, Uhleneck, Linschmann, der Begründer einer Baskischen Gesellschaft zu Berlin; Phillips, Schuchardt in Graz und viele andre haben an diesem Rätsel gearbeitet. Gelöst hats keiner. Es gibt da Schulen und Gruppen; erste Theorie: die Basken seien vom Süden gekommen, zweite: sie seien vom Norden gekommen, die dritte: sie seien Asiaten von Abstammung... für alles gibt es Beweise, für nichts gibt es Beweise. Nur für eine traurige Sache gibt es ein Anzeichen: diese Sprache wird eines absehbaren Tages aussterben. Zunächst bildet sie sich nicht fort. Sie formt keine neuen Wörter für neue Begriffe, und wenn die Basken »Bleistift« sagen wollen, so müssen sie sich, da die Sprache das Ding nicht kennt, des französischen Wortes bedienen, dem sie die baskische Endung »a« anhängen: »crayona«. Die alte Generation sprach nur baskisch, und ich habe Leute gesehen und ihnen zugehört, mit denen ich mich gar nicht verständigen konnte; die jüngere Generation versteht fast durchweg französisch und spricht also beides – aber es gibt schon junge Leute und ganze Dörfer, da ist es aus, und die baskischen Forscher unter den Franzosen schildern mit Trauer, wie man sie auf Forschungsreisen von einem Dorf ins andere geschickt hat: Ja, bei uns spricht man nicht mehr baskisch ... Aber vielleicht in Izaba ... Und da ebenso. Die Sprache wird erlöschen. Die Rasse sobald nicht. Sie sind ungefähr fünfhunderttausend Leute, nicht mehr – vier Provinzen liegen auf spanischem Boden, drei auf französischem: Labourd, das ist die westlichste, mit Bayonne und Saint-Jean-de-Luz; Nieder-Navarra mit Saint-Jean-Pied-de-Port und Soule mit Mauléon. Die Basken kehren sich nicht an die bürokratische französische Departementseinteilung, die ja offiziell alle die schönen Namen, wie Bretagne, Normandie überhaupt nicht kennt, sie nennen ihre Provinzen mit den alten Namen. Aber so stolz sie auf sich sind: es ist nichts Aggressives dabei, und eine »baskische Frage« gibt es nicht. Hier will niemand erlöst werden, weil sich niemand bedrückt fühlt. Was sind das nun für Menschen –? Der erste Eindruck ist, mitten im Gebirge: Seeleute. Für dieses Gefühl gibt es keine rationale Begründung – ihre Gesichter, ihre ruhige, anständige Art, sich zu betragen, die selbstbewußte Kraft, die innre Freiheit – alles das läßt an das Meer denken, an Fischerboote und Hafenmenschen. Ob ihre Vorfahren ein seefahrendes Volk gewesen sind – wer weiß das. Aber der Unterschied zum Franzosen aus dem Binnenland ist außerordentlich groß. Die Männer sehen gut aus, sie haben schmale Köpfe, durchgearbeitete Züge, man fühlt bei jedem Bauernkopf: das ist einer! Die Sitten waren lange ganz patriarchalisch und sind es zum Teil heute noch. Der pater familias hat eine unbegrenzte Regierungsgewalt, die Frau dient, aber ungedrückt; das Züchtigungsrecht der Eltern wird fast bis zur Volljährigkeit der Kinder ausgeübt. Ich habe mich erkundigt, ob denn nicht die Tatsache, daß viele Basken im französischen Heer in so ganz andern Gegenden gedient hätten, diese Familienverfassung langsam über den Haufen wirft. Man hat mir mit Nein geantwortet, und ich denke, das ist richtig. Diese konservative Tradition hat ihren guten Grund. Großgrundbesitzer gibt es in diesen Landstrichen wenig, die Bauern sind frei. Aber sie haben alle das größte Interesse daran, sich ihren Landbesitz ungeschmälert zu erhalten, und dem steht das französische Erbrecht entgegen, das kein Fideikommiß kennt. Was nun –? Nun haben wir dieselbe Erscheinung wie beim preußischen Landadel, als dem das Fideikommiß gesetzlich abgeschafft wurde. Die preußischen Adligen wie die Basken: beide Gruppen halten das alte Familienrecht durch Übereinkunft fest, die benachteiligten Erben verzichten, und es gibt bei beiden Gruppen keinen Fall, wo die jüngeren Geschwister dem Ältesten das Vatergut durch einen Prozeß streitig machten, den sie unfehlbar gewinnen würden. Die Eltern verschaffen dem Ältesten die Möglichkeit, den Jüngeren ihren Erbteil abzukaufen, manchmal wird diese Schuld hypothekiert; ist ein Sohn im geistlichen Stand, so verzichtet er sowieso als Angehöriger einer Kirche, die an dieser alten Landeinteilung auf das äußerste interessiert ist – auf alle Fälle umgehen sie das ihnen unbequeme Gesetz. Der Landbesitz soll ungeteilt erhalten bleiben. Und er bleibt erhalten. (Auch in Andorra habe ich etwas Ähnliches gefunden.) Dieses Land der Basken nun ist weich, angenehm, begrünt und wellig, soweit es vor den Pyrenäen in der Ebene liegt, wie ja überhaupt der Fuß dieses Gebirges das Schönste ist, was ich dort zu sehen bekommen habe, und das fast überall: von Bayonne bis Perpignan, vom Atlantischen Ozean bis zum Mittelländischen Meer. Les Basses- Pyrénées bergen noch genug Klüfte und schwierige Bergspitzen, davon hält sich der Landbesitz natürlich fern. Ihre Häuser sind geweißte Steinbauten unter zierartiger Verwendung von dunkeln Holzbalken – die modernen Architekten haben diesen Stil für Villen und Landhäuser der Gegend adaptiert. Diese Holzbalken finden sich hauptsächlich in Labourd; in Navarra weniger, da sehen die Häuser düstrer aus, und in Soule sind die Häuser lediglich aus Stein. Alle Häuser stehen mit der fensterlosen Rückwand nach Westen, von da kommt der böseste Wind. Die Kirchen konnte man so nicht bauen, wollte man nicht mit allen liturgischen Vorschriften brechen: die Kirchentür ist also häufig durch eine Mauer gegen den Wind geschützt. Fast alle Häuser haben kleine Balkons. Es gibt elende Bauernbaracken und gepflegte Häuser, die gut im Stand sind. Die Kirchen haben mitunter merkwürdige alte Glockentürme, in denen primitiv die Glocken baumeln. Und sie haben innen etwas sehr Merkwürdiges: Galerien für die Männer. Diese Trennung wird sonst nicht oft gefunden – sie hat einen merkwürdigen Grund. In den baskischen Provinzen gibt es viele Schafe. Wenn man nun wissen will, wo in Frankreich im Mittelalter die Zauberei zu Hause war, so braucht man sich nur auf der Karte die Gegenden anzumerken, in denen der Ziegenbock und der Schafbock vorkommen – dann hat man sie unweigerlich. Diese Zauberei, deren letzte Rudimente heute noch in plumpem Aberglauben vorhanden sind, ist rein katholischen Ursprungs – es ist sozusagen eine gotische Magie. Da ist keinerlei Beeinflussung vom Osten her, nichts Asiatisches – es ist der gute alte römische Teufel, der da sein Wesen treibt. (Bauernmagie ist eine verwickelte Sache: ein so flacher Materialist wie der Herr Hellwig aus Potsdam, Landgerichtsrat und preußischer Spezialist gegen Okkultismus, würde nicht viel Ersprießliches aus ihr herausholen.) Nun gab das im zwölften Jahrhundert eine Ketzerbulle nach der andern, die auf das arme Land herunterdonnerte – die Kirche rückte auf einmal in den Mittelpunkt des Interesses; da reichten die Kirchenräume nicht aus, und in dieser Zeit hat man die Galerien angebaut. Man findet sie in fast allen baskischen Kirchen, diese schweren alten Holzgalerien. Eine besonders schöne, dreistöckige in der großen Kirche zu St-Jean-de-Luz, das in der Nähe von Biarritz am Meer, kurz vor der spanischen Grenze liegt; dort ist Ludwig XIV. getraut, und auch das Haus Haraneder steht noch dort, in der die Infantin Maria Theresia vor ihrer Hochzeit gewohnt hat. Die Kirche spielt eine große Rolle in diesem Lande, das freiwillig fromm ist. Protestanten gibt es kaum – wenn man »die Stadt« oder »das Dorf« sehen will, so braucht man sich nur nach der Sonntagsmesse vor die Kirchentür zu stellen. Da strömen sie denn alle heraus. Aber gar nicht in bunter Landestracht, romantisch, trutzig, wie aus dem Roman. Die städtische Kleidung überwiegt, die Bauern tragen ihre schwarze Bluse wohl auf dem Viehmarkt, aber nicht am Sonntag, und nur das »béret« trägt jeder. Das ist eine runde Mütze, ohne Rand, ohne Schirm, sie sieht aus wie ein Eisbeutel aus Tuch, mit einem kleinen Zippelchen oben drauf. (Manche pariser Kinder tragen etwas ganz Ähnliches.) Bergstiefel sieht man kaum – die »espadrilles« sind weiße Sandalen, den Strandschuhen nicht unähnlich, der Fuß geht in diesen dünnen Tuchüberzügen außerordentlich sicher, an die Steinchen gewöhnt man sich rasch. Aber man mag sich noch so oft vor die Kirchentür stellen: eine vollständige baskische Sippe wird man nicht zu sehen bekommen. Einer mindestens fehlt immer. Und der ist in Amerika. Die Auswanderung ist in der Tat sehr stark. Die Basken sind gute und erfahrene Viehzüchter, und man muß sich diese Auswanderung ja nicht als ein Notventil gedrückten Proletariats vorstellen. Freie Bauern gehen hinüber, um Geld zu machen: nach Kalifornien, um Hammel zu züchten; nach Argentinien zu den Rindern, und die Minorität, um Handel zu treiben, nach Chile. Es sind hauptsächlich die jüngern Söhne, die auswandern, die, die nicht erben und die im eigenen Lande nicht in fremde Dienste treten wollen. Drüben finden alle sofort Anschluß: einen Onkel, einen Freund, einen Bruder. Und das Allermerkwürdigste ist: sie kommen alle zurück. Sie sparen in Amerika das Geld, das sie in den langen einsamen Weidemonaten nicht ausgeben können und nicht ausgeben wollen – sie kommen als ältere Leute zurück mit durchaus beachtlichem Vermögen, das heute, der Valuta wegen, größer ist als vor dem Kriege; viele haben zu Hause eine, die auf sie wartet und nicht umsonst wartet. »Les Américains« heißen die Zurückgekehrten, und man zeigt mit Stolz ihre hübschen Landhäuser. Es sind zielbewußte Leute. Was tun nun diese baskischen Bauern abends und am Sonntag, wenn sie nicht arbeiten? Als ich nach Saint-Jean-Pied-de-Port kam, klebte an allen Ecken ein blauweißes Plakat: Morgen, Sonntag: La Pelote La Pelote ist für den Basken, was für den deutschen Stammtischler der Skat, für den Spanier der Stierkampf, für den Franzosen das Manilla-Spiel: Leib- und Magenzweck seines Hierseins. »Man sollte die Basken in einem Turm bei Silber und Gold konservieren!« sagte eines Tages ein Bewunderer des Landes. »Ja«, erwiderte ein Baske. »Aber es muß ein Pelotenspiel im Turm geben!« – Ein Ballspiel – aber was für eins –! Im kleinsten Dorf steht »le fronton«: eine viereckige graue Steinmauer, sie steht frei, oben ist sie zierlich geschwungen, davor ein freier Platz. Auf dem springen die Spieler umher, die »pelotari«; sie schlagen, entweder mit der Faust oder mit der chistera, einem schnabelartigen gehöhlten Schläger, den kleinen steinharten Ball an die Mauer, von der er mit scharfer Wucht zurückspringt. Es spielen vier oder sechs Mann: zwei oder drei auf jeder Partei. Es wird abwechselnd geschlagen: Partei A gibt, der Ball springt zurück, Partei B hat ihn aufzufangen und zurückzuschleudern, wiederum A und so weiter. Die Schärfe, mit der sie schlagen, wird nur noch von der Behendigkeit übertroffen, mit der sie den kleinen, fliegenden, grauen Punkt auffangen und zurückschleudern. Die Anstrengung für den ganzen Körper ist sehr groß: das Spiel ist Tanz, Sport, Athletik und Kopfarbeit in einem. Eine Pelote –? Hin. Am Sonntag vormittag steckten alle pelotari in der Kirche. Ein bekannter Spieler war angekündigt, Léon Dougaïtz; eine begehrockte und uniformierte Sportkommission war auch anwesend, mit einem richtigen General. (Es kann aber auch ein Feldwebel gewesen sein – ich kenne mich in diesem Klan nicht so aus.) Die kleine Kirche war gedrückt voll, unten die Frauen, oben auf den Galerien brummten und sangen die Männer. Ein junger Geistlicher betritt die Kanzel. Er spricht über –? Johannes? Matthäus? Markus? Er spricht über die Pelote von heute nachmittag. Sein leichter Versuch, diesen Sport mit Mystik zu umkleiden, mißlingt: es ist einfach ein ziemlich geschickt gesungenes Preislied auf »uns Basken«. Eine Masse kann man gar nicht deutlich genug loben: aber da ist schon jener kleine fatale Funke von zu genauer Kenntnis über sich selbst. »Wenn ein Fremder heute in die Kirche käme, so würde ich ihm sagen: Sieh dir diese Ballspieler an, den Kern unsers Volkstums ...« Faul. Das sicherste Zeichen dafür, daß mit einem Volksgebrauch etwas nicht in Ordnung ist, sind Oberlehrer- und Pfarrervereinigungen zu seiner Konservierung. Niemand tut etwas für den Gebrauch von Tinte, und einen Verein zur Erhaltung des weichen Umlegekragens gibt es nicht. Nur Sachen, die sich nicht von selbst verstehen, werden so hallend betont. Der Prediger lobt also seine Ballspieler – und das ist durchaus keine Entweihung des Gottesdienstes: gibt es doch viele baskische Äbte und Vikare, die selber mitspielen. Mit hochgerafften Soutanen springen sie umher und sind nicht einmal die schlechtesten beim Spiel. (Wie ja überhaupt der katholische Geistliche dem Volk viel näher steht als der fast stets etwas säuerlich reservierte protestantische Pfarrer. Katholische Kirchen sind immer geöffnet, protestantische nur sonntags. Die Geistlichen auch.) Und so predigt eben dieser über das Ballspiel. Wohlwollend hält er die Hände darüber hin. Denn was die Kirche nicht verhindern kann, das segnet sie. Chorgesang, Schluß. Alles strömt auf die Gasse. Mittags gehe ich ein bißchen durch die Stadt. St-Jean- Pied-de-Port liegt hügelig-befestigt; was außerhalb der alten Fortifikation steht, ist hübsch, aber belanglos. Eine schnurgrade, grüne Allee führt auf die Berge zu. Aus dem Hause des Notars perlt Mozart. Das Wetter ist schön und still. Das ist der Friedhof, da stehen die eigenartig geformten Grabsteine: auf niedrigem Fuß eine runde dicke Scheibe. Schrift und Verzierung wirken in ihrer Verwitterung wie Runen. Auch das Hakenkreuz kann man in baskischen Inschriften finden – gewiß ein schönes Beispiel für seine Popularität. (Wohl selten ist ein geschichtliches Symbol schmutziger mißbraucht worden.) Und welch merkwürdige Namen auf den Steinen stehen! Maria Ladeveze, Landerreiche Gabriel, Kurutze Hunen – – Hier in der engen krummen Straße, die so bergan steigt, liegt ein Haus, in dessen Keller war einst das Gefängnis, in das die Bischöfe ihre besten Feinde stecken ließen. Ein hoher, fast dunkler Raum – ein paar Halseisen hängen noch an den Wänden. Ein Kabuff ist abgeteilt – das ist völlig schwarz und ohne jede Luftzufuhr, mit einer dicken Holztür. Da saßen die zum Tode Verurteilten, lange Wochen, und warteten auf ihre Hinrichtung. Aber es ist unmöglich, irgendwo auf der Welt ein Gefängnis zu sehen, ohne daran zu denken, was deutsche Richter mit politischen Kämpfern treiben und treiben lassen; wie bei uns gefoltert wird, körperlich und unkörperlich; wie Angeklagte in Deutschland vor Gericht behandelt werden. Hat diese Justiz endlich das allgemeine Vertrauen verloren? Sie hat es nie verdient. Oben auf dem Hügel liegt das Fort. Das ist ein alter Kasten mit Zugbrücke und stillem, weißem Hof, in dem das Gras wächst. Nur ein alter Arbeiter wohnt noch da ... Aber es sieht alles so reinlich aus und nur wenig zerfallen – und man liest Inschriften an allen Türen und Plakate in den Stuben ... was ist das? Hier in der Zitadelle staken im Kriege ungefähr fünfhundert deutsche Kriegsgefangene, aber weil Fluchtversuche vorkamen, fünf, sechs, zur nahen spanischen Grenze, so wurden sie bald wegtransportiert. Nach ihnen zog ein französisches Strafbataillon ein, »des fortes têtes«, besonders widerspenstige Leute, die von einem Loch ins andere flogen. Ich sehe ihre engen Steinzellen, die sie sich selbst gebaut haben, es muß eine böse zweite Garnitur gewesen sein. Der Schullehrer hat sie gesehen und erzählt noch lachend von ihnen: tätowiert waren sie wohl fast alle, aber einer hatte sich seinen Kriegswahlspruch: »MERDE« auf die Stirn einbrennen lassen, und wenn ihm ein caporal oder ein höheres Tier einen Befehl gab, der ihm nicht paßte, so schob er einfach seine Kappe hoch, daß die Stirn freilag, und der andere konnte ihm so von den Gesichtszügen ablesen, was er zu sagen hatte. Man kann sich dem nur vollinhaltlich anschließen. Nachmittags um vier Uhr steigt die Pelote. Ausverkauft. Kein Wunder in einem Lande, wo an jedem vierten Haus zu lesen steht: Défense de jouer à la pelote! – denn keine Mauerwand bleibt von den Jungen verschont, die einmal Matadore des Landesspiels werden wollen. Der junge Geistliche, der gepredigt hat, sitzt bei den Obersten, die Sportkommission ist auch da. Zum Glück ist die Pelote noch überall mehr Spiel als Sport. Es gibt allerdings schon Vereinigungen mit Kommissionssitzungen und Comités, mit Disqualifikationen und Jahreskongressen – aber das Publikum liebt das Spiel, das Spiel in der frischen Luft, sein Spiel, und schert sich den Teufel um den lächerlichen Kram der Organisation. Jede Zeit hat ihren Hanswurst: der unsre blickt mit gefurchter Stirn und düstern Brauen auf spielende Leute und legt sich und denen eine Bedeutung bei, die er mit »Hebung der Pferdezucht«, »Ertüchtigung der Jugend«, »Disziplinierung des Geistes« und andern schönen Sachen umkleidet. Nichts alberner als dieser von Brillen und glattrasierten Aktuaren präparierte Sport, bei dem die Ausschußsitzung das Wichtigste ist. Soweit ist es da unten also noch nicht. Die beiden Parteien treten an. Zwei spanische Basken: ein Kleiner und ein Langer, ziemlich gleichgültige Gesichter: Léon Dougaïtz, der Franzose, mit Partner. Der Mann sieht aus wie ein Maurerpolier, er hat einen unternehmenden, weichen Schnurrbart, trägt weißes Hemd, Espadrillen, aber wie alle Spieler kein béret. Sein Partner ist ein stämmiger junger Mensch. Es wird ohne chistéra, mit den bloßen Händen geschlagen. Die Spieler treiben, um die Gelenke zu ölen, die ersten Bälle an die Mauer. Anfangen? Anfangen. Eine Kapelle spielt. Léon gibt. Er steht mit der Nase zur Mauer, einen Meter von mir entfernt, und schlägt den kleinen Ball mit einer unbegreiflichen Wucht an den Stein. Der Ball flitzt zurück, hinten wird aufgepaßt, sie boxen ihn vor. Und nun spielen sie. Sie springen vor und zurück, manchmal bewegen sie sich kaum, und besonders Léon, der vorn spielt, scheint gar nicht aufzupassen, wann der Ball kommt. Daß er ihn trifft, darum ist ihm wohl nie bange – aber ob der Schlag auch kräftig genug sein wird? Der Schlag kann einen Ochsen töten – und es wird so leicht – so elegant geschlagen. Sie tragen keinen Schutz an ihren Händen. Das Publikum paßt auf wie die Schießhunde. Wenn der Ball von hinten nach vorn fliegt, drehen sich alle Gesichter mit genau der gleichen Wendung nach vorn: es sieht aus, als wären alle diese Köpfe auf Stöcke gesetzt und von einem Mechanismus bewegt, in Wirklichkeit ist alles nur noch ein Kopf. Sie kritisieren sehr genau, und ein klein bißchen Lokaleitelkeit ist wohl auch im Spiel. Neulich haben die Spanier gewonnen – wirds Léon ihnen geben? Léon gibts ihnen. Dabei ist er keine Kanone, sondern nur gute Feldartillerie – aber der einzige, der mit Kopf spielt. »Bravo, Léon –!« Sein Gesicht bleibt glatt und gleichgültig, sein Hemd ist naß, der Schweiß hat den groben Stoff in durchsichtige Seide verwandelt, ein Schuh ist durchgestoßen und wird unter allgemeinem Hallo ersetzt ... weiter, weiter! Das Publikum bildet eine schöne Einheit, es sind wohl wenig Fremde darunter. Man kennt sich, man lacht sich an, drei Freunde, ein Dicker in der Mitte, sitzen Arm in Arm und sehen einer feinen Dame, die gewiß hoch zu Automobil hergekommen ist, ironisch-bewundernd nach. Männer untereinander sind eine harmlose Gesellschaft. Ein Mönch von Grützner steht da: ein dicker Bauer mit einer Knubbelnase, hochrot, ein agiler, sanguinischer Alter. Er ist über irgendeine Sache im Spiel furchtbar aufgeregt und wirft abwechselnd die Hände über dem Kopf zusammen oder seine Mütze unter Geschrei in die Luft. Er hopst und tanzt aufgeregt auf seinem Platz und ist ganz Feuer und Flamme. Es ist aber auch ganz schrecklich, was da vorgeht! Die Spanier holen ihren Verlust ein –! Das darf nicht sein! Nein! – Pause. Die Spieler bekommen Wein zu trinken und schwitzen, daß sie davonschwimmen können. Der Mönchs-Bauer hat sich langsam beruhigt, und der Dicke unterhält sich mit Freunden über acht Bänke hinüber. Und bevor es wieder anfängt, hat die Kapelle ein Lied intoniert, eins, das alle mitsingen, eins von den Liedern, von denen man sofort spürt: dies ist viel mehr als ein Schlager, das ist ein Volkslied. Sie wiegen sich im Sitzen auf ihren Plätzen, viele summen nur mit, wie man etwas summt, von dem es nicht erst lohnt, die Worte noch auszusprechen. Sie summen gewissermaßen die Worte. Da strahlt die buttergelbe Spätnachmittagssonne durchs Gebüsch und über die hohen Bäume, der Himmel ist blitzblau, die Kapelle bläst, gleich werden sie anfangen zu spielen – und ich fühle: Dies ist einer von den Nachmittagen, der mitgedacht wird, wenn die Basken denken: Heimat! Dieses Glück, mit keinen Worten ausdrückbar, in nichts anderm bestehend als eben in der fünfhundertsten Wiederholung dessen, was schon die Väter und deren Väter Sonntag nachmittags getrieben haben – in nichts anderm als in einer Vereinigung, die nur zu Hause möglich ist: dieser Schein der Sonne und kein andrer, dieses Lied und die geschwungene Ballmauer, die vertrauten Bänke und die altvertrauten Scherze und Zurufe – das sind die Stunden, nach denen sich der Baske in Amerika sehnt, wenn er zurückdenkt: an den Ballplatz, die Pelote und an noch etwas. Er wird Freunde auf der Welt haben, auch anderswo, gewiß. Er wird sie gern haben. Aber wird nirgends, nirgends auf der ganzen Erde noch einmal dieses Zusammengehörigkeitsgefühl haben wie hier, die Tuchfühlung, den tiefen Ruck im letzten Winkel der Herzgrube: Heimat. Merkwürdig, wie eng dieses Heimatgefühl ist. (Hier hat kein Staat die Finger und die Fahnen hereinzustecken – niemals meint man ihn, wenn so gefühlt wird.) In Deutschland habe ich dies Empfinden besonders in der Frankfurter Gegend und in Hamburg angetroffen; auch die Berliner wollen es für sich in Anspruch nehmen. Otto Reutter, der verflossene Couplet-Sänger, der im letzten Hosenknopf mehr Witz und Humor für seine Zeit hatte als heute ein ganzes Weincabaret mit garantiert exklusivem Publikum, Otto Reutter hat im Laufe seiner vierhundertachtundachtzig Couplets auch eines gesungen, das den Refrain hatte: »Da bin ich stolz, daß ich ein Deutscher bin!« – Und die siebzehnte Strophe dieses Liedes schilderte, wie er in einem feinen französischen Seebad abends auf dem Quai spaziert und sich plötzlich eine pikfeine Halbmondäne an ihn heranmacht. Die Kurkapelle spielt so ihre Weise, die Dame drängt sich sachte zu mir hin... »Na, Dickchen, auch aus Preußen –?« sagt sie leise. Da bin ich stolz, daß ich ein Deutscher bin –! »Bravo, Léon –! Bravo, Léon –« Léon hats gemacht. Die Spanier haben überwältigend eins aufs Dach bekommen, aber man spendet ihnen ritterlichen Beifall. Alles trubelt durcheinander, keiner geht. Es wird noch getanzt. Das Orchester setzt sich auf die Zuschauerbänke: ernste, schnauzbärtige Männer, denen man solch einen Lärm gar nicht zutrauen möchte – und eine »xülüla« hat sich dazugetan, eine kleine gellende Flöte. Der Spielplatz ist jetzt frei. Und die Männer tanzen. Nur Männer, selbstverständlich. Diese »baskischen Sprünge« werden ausschließlich von Männern getanzt. Auf den baskischen Festen zu Mauléon im Jahre 1896 hat ein junges Mädchen mitgewirkt, und das war eine Sensation. Da diese hier nicht in Festkleidung (weiß mit roter Schärpe) sind, so nimmt sich der Tanz absonderlich genug aus. Sie bilden einen Kreis und tanzen, jeder für sich. Ein Dicker walzt da sein Fett auf und ab, daß einem himmelangst wird, ich zum Beispiel sehe Schlaganfälle nur ungern. Ein Junge tanzt entzückend, er hält den Oberkörper ganz still, tanzt leicht und könnte gerade so gut einen modernen Tanz in derselben Haltung hinlegen. Bald dreht sich der Kreis links, bald rechts herum, sie berühren sich aber nicht mit den Händen, sie tanzen ganz allein. Beifall. Bis –! Bis. Darauf: Fandango. Den tanzen, immer ohne sich anzufassen, zwei kleine Gruppen, aus zwei Männern bestehend. Aber nun bleiben die Männer nicht allein. Zwei Spanierinnen, die hier zu Besuch sind, haben sich dazugesellt und tanzen den Fandango. Auf einmal wird klar, was der Tanz eigentlich ist und bedeutet; er bekommt Farbe und hat offenbar einen weit, weit entfernten Verwandten bei den Mauren: den Bauchtanz. Aber die jungen Mädchen tanzen so diskret, sie schnipsen mit den Fingern, weil niemand Kastagnetten hat, sie wenden sich und drehen sich, schneller, schneller – Die Spanierinnen haben ihren Spezialbeifall. Die jungen Herren ziehen einen sauren Mund: das ist eine unehrliche Konkurrenz. Mit Röcken... Und das Ganze von vorn. Nach jeder Pelote wird getanzt – das ist so. Und ebenso traditionell sind die beiden Männer, die das Volk dabei in allen Pausen ansingen: die Improvisatoren. Sie sind immer zu zweit: und es ist stets eine Art Sängerkrieg, den sie miteinander auspauken. Besingt der eine »Die Freuden des Junggesellen«, so der andre »Die Freuden des Ehemanns«; »Automobil und Ochsenkarren« – »Meer und Land« – »Wasser und Wein« – »Sandale und Holzschuh«, das sind herkömmliche Themen. Herkömmlich auch, daß man sie lange bitten muß, anzufangen – sie zieren sich, lange. Dann aber hören sie nie wieder auf. Sie begrüßen an diesem Nachmittag erst alle Erschienenen, werden heftig belacht und beklatscht und treten nach jedem Tanz aufs neue in die Mitte. Sie heben beim Vortrag die Arme, ihr Gesang ist stets ein Rezitativ, und jede Strophe besteht aus vier langen Zeilen mit dem gleichen Endreim. Darauf sind sie besonders stolz, – vier Reime! Die spanischen Basken nehmen die Zeile länger, bis zu zwanzig Silben – welch ein Atem! Als sie fertig sind, will ich mich mit den beiden unterhalten. Mit dem einen wird das nichts werden – er versteht nur baskisch. Der andere erklärt mir, was sie gesungen haben. Er sagt, es gehöre viel Routine und Schlagfertigkeit dazu, und Nachfolger gebe es wenig. Rostand habe ihn noch gehört und sei voller Bewunderung für seine Reimfertigkeit gewesen. »Ist das nun ein scharfer, witzgespickter Streit, den ihr da habt?« frage ich. »Il faut toujours respecter l'autre«, sagt er. Diesen Zug von Ritterlichkeit trifft man bei ihnen nicht selten an. Und dann gehen alle Abendbrot essen. Sie essen nicht schlecht. Sie trinken einen kräftigen, etwas säuerlichen Wein; auch den Wein von Jurançon, der aus der Gegend von Pau kommt, findet man überall im Lande, er ist gut und mild. Auf dem Markt und unterwegs trinken die Bauern und Hirten aus Lederflaschen, kleinen Weinsäcken, die den Wein schön frisch halten. Abends ist Ball auf dem Marktplatz. Er ist festlich mit Lampions beleuchtet, und bald rutscht und schleift alles, besonders unter einer dunklen Baumreihe. Wo ist die Grazie der Kreistänzer geblieben? Dieselben jungen Leute, die eben noch so hübsch ihre Landestänze getanzt haben, anspruchslos, ohne die leiseste Pose, tanzen jetzt Foxtrott und Two-Step, und auf einmal ist alles vorbei. Das sind gar keine jungen Bauern mehr – das sind Arbeiter aus der Vorstadt, die verrutschte Kopie nimmt ihnen alles und gibt ihnen nichts. Ich habe einmal im Holsteinischen Bauernburschen und Bauernmädchen moderne Tänze tanzen sehen – ihre schweren Füße bumsten auf den Boden, und ihre Grazie war die junger Kälber. Es war zum Gotterbarmen. Etwas Ähnliches geht auch hier vor. Denn das, was da herankommt, ist unentrinnbar. Die weinerlichsten Schilderer der baskischen Eigenart müssen zugeben, in jedem Buch dreimal: es verschwindet! Alles das verschwindet. Sprache, Eigenart, Sitten und Gebräuche, Aberglaube – – denn man mache uns doch ja nicht weis, daß sich dergleichen bei einer so umwälzenden Umgestaltung der Erde erhalten kann! Ihr fahrt in der Stadt Untergrundbahn, und der tumbe Bauer soll ewig derselbe bleiben, ewig derselbe. Er wird euch was husten. Immerhin vollzieht sich hier die Umwandlung leise, leise. Aber bei aller Erhaltung der Eigenart: als die Reblaus die Weinberge verwüstete, und die Amerikaner eine neue Pflanze auf den Markt brachten, da waren doch die konservativsten Basken dabei, die neue einzuführen. Chicago siegt – ihr könnt machen was ihr wollt. Gute Nacht, Marktplatz. Am nächsten Tag wimmelt er von Vieh. Welch eine Qual für das Vieh, so ein Markttag! Nein, ich bin nicht wehleidig, und sie werden ja auch geschlachtet – aber es ist doch ein Stück Arbeit, mit der sie sich den Tod erkaufen. Der stundenlange Marsch, an die Wagen gebunden – die Schweine hinten mit einem Strick am Bein und furchtbaren Spektakel vollführend, immer mit jener Komik, die ein Schwein auch im Sterben nicht verläßt (für unsre Augen); – in der Sonne liegt eine Reihe Enten, die klappen die Schnäbel auf und zu und gluckern nur noch leise, vor Durst – eine Kuh beleckt ihr Kälbchen, dem sie das Maul mit Stroh umwickelt haben, damit es jetzt nicht trinkt. Die schreckhaften Schafe werden von den Käufern befühlt. Welch scharfe, feine Bauernköpfe! Welche guten Gesichter! Welch ruhiger, selbstbewußter Ausdruck in den Augen. Diese Leute versetzen einen in Wohlbehagen. Mittag essen manche, die zum Markt gekommen sind, im Hotel. Das hat ein hohes Zimmer, mit einer großblumigen, hellen Tapete – und die schwarzrockigen Bauern heben sich scharf von der Wand ab. Sie sitzen und essen, gut und reichlich und nicht zu schnell; ein Violinspieler kommt und geigt ihnen etwas vor, vielleicht ein Bauer, der ins Unglück geraten ist, sein Kind sammelt mit dem Teller und bekommt seine Sous. Am Ecktisch sitzen Majors. Pensionierte Offiziere scheinen auf der ganzen Welt gleich zu sein. Alle haben sie diese anständige, etwas verblühte Frau, die unschöne, eckige Tochter, und Papa bestellt so laut Käse, als ob er eine Brigade kommandierte. Aber dieser ist harmlos und brav und hebt nur dann und wann den quadratischen Soldatenschädel, um nach dem Rechten zu sehen. Draußen geht ein Seminarist vorbei. Man hat ihm lateinische Gebete beigebracht, die er auswendig hersagen kann, ohne sie zu verstehen, er trägt sein Gebetbuch unter dem Arm. Heute hat er die Konkurrenz nicht mehr zu befürchten, die seinen Vorfahren so viel Mühe gemacht hat: den Jansenismus, der hier geboren ist. Die Pyrenäen haben religiöse Phänomene in Fülle hervorgebracht: der Spanier Loyola hat auf der spanischen Seite sein erstes Haus gebaut, und man weiß, was daraus hervorgegangen ist. Und ehemals waren die Basken in Religionssachen ein recht kriegerisches Volk: die Abgesandten des Bischofs von Oloron, eines der ersten Calvinisten der Gegend, wurden in Mauléon zunächst mit Eseln umritten, und als der Alte selbst kam, um den Schimpf zu rächen, schlugen sie ihn mit einer Hacke tot. Der junge Seminarist ist um die Ecke verschwunden. Das mit dem erschlagnen Bischof aus Oloron ist kein Einzelfall. Die mittelalterlichen Stadt- und Landfehden waren hier, wie überall, von großer Grausamkeit. Da haben sie einmal an die sechs oder sieben Basken, die aufgemuckt hatten, an die Adourbrücke in Bayonne gebunden, bei Ebbe, und die haben warten dürfen, bis die Flut zu ihnen hochstieg. Es waren Vater und Sohn darunter, und das ganze Volk stand am Ufer und wartete auf das herrliche Schauspiel. Den Sohn faßte es zuerst; er gurgelte schon, da beschimpfte der Vater die Henker. Sie warfen ihm das linke Auge mit einem Stein aus, aber die Flut kühlte das rasch sowie das übrige. Da am Brunnen haben zwei Männer einen großen Disput. Ob das Baskische schön ist, kann ich nicht beurteilen. Es klingt nicht schön und nicht häßlich. Seine Liebhaber und besonders die baskischen Schriftsteller selbst überschätzen natürlich die ihm innewohnende Poesie, die – wie jede Sprachpoesie – subjektiv empfunden wird. Einer erzählt, wie viele Gedichte sich mit der Jagd auf Holztauben beschäftigen. Holztaube heißt auf baskisch: usua. Der Baske setzt hinzu: »Dieses Wort ›Holztaube‹ besagt wenig. Um die ganze Poesie von ›usua‹ auszukosten, muß man...« Gar nichts natürlich. Diese Lokalverzücktheit, ehrlich und begreiflich, erinnert mich immer an die Vortragenden in den deutschen Konzertsälen, wenn die fremde Volkslieder vorsingen und vorher, sich leicht niedlich machend, den Inhalt auf deutsch erzählen. »Das Mädchen kommt morgens an den Brunnen und sagt: O Brunnen! Wie läufst du doch so schön, du guter Brunnen! Wo aber ist mein Geliebter hingelaufen? Weißt du das vielleicht? Nein, du weißt es nicht, denn du bist nur ein Wässerlein! Wenn du ihn triffst, du guter Brunnen, dann grüß' ihn doch von mir!« Des freut sich das Parkett – und man ist ganz verwundert, wenn nachher ein reizendes kleines Lied aufsteigt, bei dem es einem vollständig gleichgültig ist, ob der Brunnen plätschert oder nicht, und dessen Rhythmus und Farbe schon das ihrige tun. Volkspoesie kann man nicht übertragen. Man kann sie bestenfalls nachschöpfen. Nicht nur an der Sprache merkt man, daß man in einem besondern Winkel Frankreichs ist. »Bei Gott!« will die Hotelfrau zu mir sagen, und um das noch mehr zu bekräftigen, hebt sie die rechte Faust über den Scheitel, der kurze Unterarm liegt nahe am Kopf. Ich frage später nach dieser wilden Tomahawk-Geste. Es sind die baskischen Schwurfinger: »Bei Gott...!« Und nun weiß ich, daß sie gelogen hat. Sie gelten für nicht sehr zuverlässig, die Basken, und vielleicht trügt der erste angenehme Eindruck. »Die Leute in Bayonne«, sagte mir einer in, aber nicht aus Bayonne, »sind liebenswürdig, freundlich und falsch wie Galgenholz.« Nun, das sind so Urteile... Auch andre sind nicht gut auf sie zu sprechen und sagen ihnen eine Habsucht nach, die ich nicht zu spüren bekommen habe. Wie sieht ein Volk seine Stämme an? Für die französische Salonliteratur ist das Baskenland (wie übrigens auch Andorra) eine herrliche Gelegenheit zu unkontrollierbarer Romantik. Pierre Lotis berühmter »Ramuntcho« (224. Auflage) ist eine parfümierte Sache, die nach sehr gutem Feldblumenparfüm duftet – aber eben nach Parfüm, und nicht nach Feldblumen. Merkwürdig: mäßige Schriftsteller behandeln den Bauer entweder ganz leicht von oben herunter, mit liebevollem Wohlwollen – »Machs gut, braver Mann!« – oder sie packen in die Bauernseele einen Klumpen Mysterium hinein, der da gar nichts zu suchen und gewiß nichts zu finden hat. Man hat manchmal das Gefühl, als habe sich Loti alle landesüblichen Ausdrücke des Baskischen auf einen Zettel notiert und habe nun eine seiner Liebesgeschichten zur Abwechslung in dieses Kostüm gesteckt. Auch ist bei ihm die wilde Gebirgsleidenschaft diskret gemäßigt, so daß sie noch in den besten Salons genossen werden kann. Und wenn der Held auch bis an den Hals im Kummer steckt: immer edel, immer edel! Ich glaube, solche Romane sind mehr für den Hersteller, als für das geschilderte Land kennzeichnend. Eine Frau passiert die Straße, mit der »herrade« auf dem Kopf, dem gehenkelten, konisch sich nach oben verjüngenden Wasserkrug. In den französischen Nachbarprovinzen kennt man das nicht: Krüge auf dem Kopf zu tragen, das ist eine baskische Sitte. Baskische Sitten .... Eine ist in ganz Frankreich bekannt, und es ist das erste Wort, das einem entgegentönt, wenn man von den Basken spricht. Schmuggler. Im Museum zu Bayonne hängt ein entzückender alter Druck: Der Pyrenäen-Schmuggler. Da läuft er, mit einem Sack auf den Schultern und einer Flinte in der Hand, durchs Gebirge, so ein richtiges Gebirge, wie es auf den Drucken zu sehen ist, die in schweizer Hotelzimmern hängen, und im Hintergrund zeigen ihn sich zwei Gendarmen, den gefährlichen Mann. Ach, das ist lange vorbei.... Es lohnt heute nicht mehr. Ich hatte die Absicht, mit einem Gendarmeriekapitän die Zollposten abzugehen – aber als ich sah, wie er sein Auto ankurbelte, um sie abzufahren, da war es mit meiner Lust vorbei. Schmuggel –? Die Valuta hat ihn zerstört. Die Vorbedingungen waren glänzend. Tabak und Alkohol.... In Frankreich und Spanien hatten die Kaufleute das allergrößte Interesse daran, die Preise durch den Zoll hochzuhalten und die natürliche Entwicklung zu hemmen, wie ja überall – und auf beiden Seiten der Grenzen saßen und sitzen Leute, die dieselbe Sprache sprechen, die ihre Zugehörigkeit zu verschiednen Staaten hauptsächlich empfinden, wenn sie Steuern zahlen und dienen müssen, und die doch zusammengehören. Es wurde unsagbar geschmuggelt. Die Gendarmen wußten das, aber es war ein anständiger Kampf. Auf beiden Seiten wurde damals unter keinen Umständen geschossen: wer erwischt wurde, zahlte oder brummte – aber deshalb keine Feindschaft nicht. Du bist Schmuggler – das ist dein Beruf; und ich bin Gendarm – das ist meiner. Die Mühe war groß und der Verdienst klein. Meist wurden nicht einmal Maultiere benutzt, die ja noch auf den abenteuerlichsten Wegen klettern können, sondern die Schmuggler trugen Sack und Pack auf dem Buckel – und welche Wege! Nachts, im Regen, die steilsten Abhänge hinauf und die bösesten Geröllhalden wieder herunter – und das alles für ein paar Francs! Schmuggeln galt immer als ein durchaus ehrenhafter Beruf, jeder wußte, daß sich der andre damit befaßte, und niemand hätte jemals verraten. Aber heute.... Die französische Inflation ist sehr langsam gekommen, und die Spanier haben Zeit gehabt, zu merken, was ihre Pesetas in Frankreich wert sind. Sie wissen das zum großen Leidwesen der Basken sehr genau, und wenn man die nach ihrem alten Handwerk befragt, so hört man Klagen, gegen die die Stoßseufzer der berliner Pleitevögel eitel Wonnegeschrei sind. »Es ist nichts mehr! Kein Geschäft! Die Spanier bezahlen nichts! Was sollen wir denn noch schmuggeln...!« Es ist herzzerreißend. Vorbei die Zeiten, wo die Schmiere stehenden Kinder und Frauen beim Nahen des Gendarmen den Schmugglern: »Otsoa, Otsoa! Der Wolf! Der Wolf!« zuriefen – der Wolf ist Vegetarier geworden, weil es keine Schafe mehr gibt. Vorbei Romantik, zerrißnes Abendgewölk, durch das der bleiche Mond die heimlichen Contrebandiers bescheint, Schmugglerliebe und Schmugglertod ... Kino. Vor allem deshalb, weil ja heute keinem vernünftigen Menschen mehr die Grenze noch eine solche herzklopfenverursachende Ehrfurcht einflößt. Wir wissen doch. Wir wissen doch, wer da für wen wacht. Das Getreide soll nicht daher kommen, wo es billiger ist, die Klaviere nicht daher, wo man besser versteht, sie zu machen – künstlich hochgehalten werden Industrie, Kapital und Erwerbsmöglichkeit. Ein wirtschaftlicher Vorgang. Streicht eure lächerlichen Grenzpfähle doch nicht so feierlich an! Setzt drauf: Müllers Fettvaseline ist das Beste! Das käme der Wahrheit schon wesentlich näher. Und nun muß ich ja wohl abfahren. Fort von der kleinen Bergstadt im Grünen, hinaus auf die Landstraßen, wo mir die Ochsenkarren begegnen werden, mit den sorgfältig in Leinentücher eingewickelten Tieren, die schweren Köpfe vollständig durch ein Netz gegen die Fliegen verhängt. Ich habe nie gesehen, daß sie geschlagen werden. Nur die Esel haben hier viel Leid, Kummer und Stockprügel auszustehen. Die alten Karren knarren in den Radachsen, das quietscht und kreischt wie ein Baske einmal erklärt hat: »Damit sich die Ochsen unterwegs nicht so langweilen.« Gemüt ist eine schöne Sache. Also fort. Aber wie –? Die gesamten Pyrenäen werden von einer großen Automobilstraße durchzogen, die das weiter im Norden liegende Eisenbahnnetz aufs glücklichste ergänzt. Denn eine Automobillinie ist biegsamer als die Eisenbahn, kann aussetzen, wenn kein Bedarf vorliegt, ist leichter zu amortisieren.... Merkwürdig, wie diese Zeit überall, hier und in Schottland und in der Schweiz, die alte Postkutschentradition wiederaufnimmt. Der Herr Schwager hat aber ölgeschwärzte Finger – sein Posthorn hupt, und auf dem offnen Wagen sitzen die Engländer – und was noch schlimmer ist: ihre Frauen – und lassen an ihren kalten Fischaugen die ihnen zustehenden Pyrenäen vorübergleiten. Es gibt da so eine Art Rundreisebillett, von Bayonne bis Perpignan, das man zweimal unterbrechen darf – sonst aber werden sie mitleidslos durch Busch, Feld, Wald, Klamm und Tal gejagt, an Abgründen vorüber, über Brücken und neben den schäumenden Bächen her, »gaves« genannt, immer weiter, immer weiter – bis alles aussteigen muß. Das ist den Engländern recht. Sie nehmen es auf sich, sie müssen auch das gesehen haben, und wenn die Engländer nun gar Amerikaner sind, dann kennt ihr landschaftlicher Stumpfsinn keine Grenzen. Ich habe neben welchen gesessen, denen hätte man nur den Kopf immerzu auf die Felsplatten schlagen mögen: »Hier! Sieh dir das an, du Trottel! Damit du wenigstens etwas von deinem Geld hast!« Er aber saß da und sah geradeaus, denn er hatte für geradeaus bezahlt. Der Menschenexport von Ländern ist selten gut. Mit so einem Postauto möchte ich wohl fahren. Sie nehmen wenig Gepäck mit, und man muß sich das einrichten. Auch sind sie immer besetzt. Aber »on s'arrange«. Ich arrangiere mich wirklich und klettre brav und bieder zu den Leuten mit den großen Unterkiefern. Sie sitzen stumm da, sprechen in drei Fahrstunden vier Sätze; sie sind kalt ergriffen von der Landschaft, ich von ihnen – ich sitze vorn beim Chauffeur, das ist mein Lieblingsplatz. Man hat immer warme Füße, es riecht so schön nach Benzin und Natur, der Chauffeur erzählt Schwanke aus seinem Leben, und neben ihm ist ein kleiner Spiegel. In dem sehe ich hinten meine Amerikaner. Beinah vergesse ich die ganzen Pyrenäen – wenns so weiter geht, werde ich einen Führer schreiben: »Anleitung zur Zucht von gut legenden Amerikanern.« Ich kann mich gar nicht losreißen – ein grüner Schleier weht im Winde, die ausdruckslosen Fahrstuhlgesichter schwanken ein wenig in den Kurven ... herrlich. Wer jetzt nach hinten schießen könnte! Aber es ist Friede, wer wird denn schießen .... Und so fahren wir durch das Land der Basken. Lieber Jakopp! Haben wir dafür Schulter an Schulter so manches rumänische Nachtfest überstanden, daß du mir nie mehr schreibst –? Dafür mit Karlchen und einem richtigen Hund einen Nachmittagsschlaf zusammen abgezogen, so daß die Ordonnanzen, die hereinkamen, sich wunderten, einen dreiköpfigen Polizeikommissar im Bett liegen zu sehen – dafür Zuika, oder wie man diesen Pflaumenschnaps schreibt, getrunken, den Alten betrogen, Dienstreisen nach Sinaia geschunden, den guten, alten Mackensen überwacht, als der Craiova passierte – ich kam um eine Kleinigkeit zu spät und sah den ritterlichen Mann gerade abfahren – alles, damit du nie schreibst? Ich aber schreibe dir, weil du ein Oberregierungsrat und mir so sympathisch bist. Du hast kein rühmliches Ende genommen, ich habe dich studieren lassen, und jetzt regierst du im Hamburger Kanalisationswesen – aber ich schreibe dir doch. In Mauléon war ich aus dem Pyrenäen-Auto gestiegen, und ich kletterte in der kleinen Stadt umher. Auf dem Marktplatz Kriegerdenkmal und Peloten-Mauer, alte Bäume, ein schönes, stehengebliebenes Renaissance-Haus und eine himmlische Stille. Vor dem Café die Provinzausgabe der Massary. Es war offenbar der Sündenengel des Ortes: die Frau des Cafetiers, eine mit den schwarzen Augen alles versprechende und mit dem Rest sicherlich nichts haltende jüngre Dame, die an das Wort jenes Engländers erinnerte: »Die Französinnen wirken so stark auf uns, weil sie zu sein scheinen, was die andern Frauen zu sein sich nicht getrauen.« Gut, daß das große Karlchen nicht da war – er hätte erst sie von der Seite angesehen, dann uns und hätte gesagt: »Na ... mit der würde ich gern mal ein Sätzchen reden!« Und dann hätte er ja wohl dringende Geschäfte im Ort gehabt, etwa seinen dort wohnenden Vetter besucht und uns verlassen... Karlchen war aber zum Glück nicht da, und so hatte man mich als Alleinherrscher. Wir wurden rasch intim, ich und sie; als der Mann nicht hinsah, zeigte sie mir sogar das Privé; Gott, man ist Weltmann. Von Mauléon führt eine kleine Schnaufebahn nach Tardets. »Tardets, Spiegel des Baskenlandes! Tardets, du unbekannter Winkel, der du nichts als Licht bist ....« So Francis Jammes. Und er hat recht: Tardets ist wirklich hübsch. Es war grade Markt, und die Bauernfrauen, manche bis zu acht Unterröcken stark, standen zwischen ihren Äpfelkiepen, saßen auf ihren Gemüsen und wühlten hinter ihren Budchen. Ein Kerl brüllte über sein Porzellan hin: man dachte, er rufe eine kleine Republik aus, er war ganz blaurot im Gesicht und schrie wie ein Marktschreier. Ich stieg in die Höhlung der dunkeln Zimmer – da war ein altväterliches, gemütliches Hotel, mit bauchigen Wasserkannen und wunder-, wunderlieblichen Bildern: »Japanische Heiden foltern christliche Missionare« – und von oben sah ich auf das Gewühl herunter, was ja zu den schönsten aller Beschäftigungen gehört. Wir schrieben den 1. September. Jakopp, ich glaube, es ruft dich einer. Du sollst mal nachsehen: er wäre in der Küche verstopft. Pust mal durch sein Wasserrohr. Hast du? Gut. »Les Gorges de Cacaoueta« – aber das war auf allen Karten verzeichnet, eine einwandfreie Sache. Die Schlucht von Cacaoueta .... »Guide nécessaire« stand im Gebetbuch. Einen Führer! Haben wir nicht auch allein den Weg nach Hause gefunden, morgens früh um vier, mit Bindfaden immer einer an den andern gebunden, und Karlchen sang sein Lied von den zwölf Nonnen, und alle Milchkannen sprangen erschreckt beiseite? Waren wir selbständige Männer oder nicht? »Nächstdem erfordert sein hoher Beruf Mut in allen Dienstobliegenheiten ....« Ich brauche keinen Führer. Ich sah noch im abendlichen Tardets zu, wie ein Pferd pedikürt wurde, hörte, wie sich vor allen Kneipen baskische Bauern die letzten Marktpreise in die Ohren riefen; vor dem Friseurladen saß die Friseurin und war so schrecklich schön und bunt angemalen, daß einem ganz schwül wurde .... Am nächsten Morgen, am Sedantage, ging ich auf der langen Straße, die von Tardets nach Licq-Athéry führt, bis ich an ein kleines Gasthaus kam, und da wohnte der Besitzer der Schlucht von Cacaoueta. Er hatte sie gepachtet, er hatte sie mit Geländern eingefaßt, den Wasserfall abgestaubt – nichts verständlicher, als daß man bei ihm eine Eintrittskarte in die Natur zu lösen hatte. Zwei Francs fünfzig. Guten Morgen. Eine kleine Stunde noch war der Weg karossabel, dann verlief er sich in den Steinen und man mußte auf einer kleinen einsamen Schienenspur entlangklettern, die jungfräulich dalag: kein Lokomotiverich fuhr über sie hin. Unten lag ein Staubecken, die Sonne färbte es hellgrün, das Wasser war wundervoll durchsichtig und klar. Nehmen wir an, Fischlein spielten auf dem Grund. Ein Zigarrenkistendeckel, an einen Baum genagelt, mit einem stummen Pfeil. Ah – nicht was du denkst! Nein, das war wohl der Weg zur Schlucht. Vorbei an einer Hütte, in der eine Mama aus einer Töpfin trank und das Baby aus der Mama – durch ein ausgetrocknetes Flußbett hindurch, ein Hügel und da öffnete sich die Schlucht. Es war neun Uhr. Oben lag die helle Sonne auf den begrünten Höhen – hier unten war es schattig und kühl. Der Weg schlängelte sich an dem Gebirgsbach entlang, dann hörte jede Fußspur auf. Was nun? Nun mußte man klettern. Ich kletterte eine halbe Stunde. Eine halbe Stunde ist lang, mitunter. Dann kam eine rostige Eisentür, die stand offen, von hier ab begann also die bezahlte Natur. Die Schlucht wurde immer schluchtiger, die Felsen immer felsiger, der Gebirgsbach immer wirbliger. Nun standen die Wände etwa zweihundert Meter hoch, in der Mitte ich. Wo war der Weg? Was als solcher auf der Karte verzeichnet stand, war eine Art Untertassenrand, links der nackte Felsen, rechts der Brodelbach, manchmal umgekehrt. Beim Dahinwandeln hielt ich mich an dem nassen Stein fest, und weil ich ganz allein war, sprach ich mit mir und auch mit dem Stein, ich redete ihm gut zu, mich nicht ins Wasser zu stoßen, ich würde schon wieder herauskommen, so ein Affe! Er stieß auch nicht – aber manchmal setzte ich den Fuß auf eine Kante, das Sohlenleder glitt ein bißchen, und meine Eingeweide schoben sich ein ganz kleines Stückchen nach oben. Derart ging ich etwa zwei Kilometer, obgleich gehen nicht das richtige Wort dafür ist. So ein Geschöpf aus dem Flachland wie du! Wie soll ich dir das beschreiben, auf welche Weise wir uns hier fortzubewegen hatten, meine Beine und ich ...? Hast du einmal einen Mann seiltanzen sehen? Alle fünfzig Meter hatten sie ein paar Bohlen über die »gave« gelegt, mit kümmerlichen und schwankenden Andeutungen von einer Art Geländer. Über die schob ich mich hinüber, drei Meter unter mir gähnte der Abgrund. Manchmal wippten die Brücken so sonderbar, das hatte ich nicht gern, links glänzte der Wasserfall und rechts die Grotte, in die kletterte ich hinein, da standen weiße Sandsteinmänner und sahen mich an. Wie still war es hier! Draußen warf ich meinen Reiseführer fast absichtlich in den Bach – ich brauchte ihn nicht mehr. Und nun hörte jeder Weg überhaupt auf. Ich hatte bis zur spanischen Grenze gehen wollen, heraus aus der Schlucht, und auf einem andern Weg wieder nach Tardets zurück, in das Großvaterhotel. Aber da war kein Weg. Keiner. Ich stand da, mit der kleinen übriggebliebenen Karte, wie ein großer Heerführer: sehr wichtig, aber etwas ratlos. Und da tat ich etwas, weswegen ich dir diesen Brief schreibe. Ich kletterte die Wände herauf. Ich dachte so: Oben wird sich schon ein Ausweg finden, ich sehe besser, wo ich bin – auf, hinauf! Der grasige Abhang hatte eine Steigung von 91°. Erst ging es ja ganz gut; da standen Bäume, an denen man sich heraufziehen konnte – aber das hörte streckenweise auf, ich trat fest auf den krümligen Boden, er rutschte fest weg, und ich hielt mich an der Luft. Das kann man nämlich. Vor wem spielt man eigentlich so ein Theater, wenn man allein ist? Immer, wenn ich haarscharf am Herunterrollen war, machte ich ein energisches und männliches Gesicht: Nur ruhig – nur ruhig – es wird ja gehen! Aber dann ließ das plötzlich nach, und ich sah aus, wie ich in Wirklichkeit aussah: rot wie ein Puter, furchtbar prustend und entsetzlich wütend. Ich hatte noch keinen entdeckt, der an der Sache schuld war, aber ich würde schon einen Dolchstoßer finden. Der Schluchtenbesitzer wird schöne Augen machen, wenn er wiederkommt. Ich habe ihm die ganze Geschichte rettungslos ruiniert. Man mußte kreuz und quer klettern, und du mit deinen alten Wasserröhren kannst das nicht nachfühlen, du Plattlandkerl, du! Einmal stand ich still und dachte: wenn du jetzt da wärst, würdest du sofort den guten Wasserbach unten abfangen und aus ihm eine Toilettenspülung machen. Ich dachte mir es ganz genau aus, wie du hier anfangen würdest zu graben; wie alle Bauern, statt wie jetzt nach hinten in die Tannen zu greifen, wenn sie sich im Walde wieder aufrichten, an einer Schnur ziehen könnten, und wozu das eigentlich gut sein sollte, zum Himmeldonnerwetter! Laß du deine Kanalisation laufen und uns Basken hier in Ruhe. Und dann stieg ich weiter. Nach fünfundvierzig Minuten war ich soweit. Es war halb elf Uhr vormittags. Jetzt saßest du in Hamburg und blättertest in deinen Akten, schön ausgeruht und in kühler Wäsche, denn sauber bist du. An der Wand hängt eine bunte Karte: Hamburg mit allen Straßen und Wasserentnahmestellen, damit du im Bedarfsfalle gleich zum Neuen Wall laufen kannst, Nr. 17, zur Witwe Brenkemeyer: »Wer läßt denn hier solange die Wasserleitung laufen! Das ist ja unerhört!« Administration muß sein. Wenn du aber das Opernglas der Märchenprinzessin gehabt hättest, so hättest du mich zur gleichen Zeit sehen können. Da saß ich. Da saß ich hoch im Grünen, ein armer Vogel auf einer Stange, die Füße gegen einen morschen Ast gestemmt, einen Zug von Leiden und Ergebung um die Nase. Herztätigkeit und Atmung beschleunigt, der Puls ging vor. Mein Bauch stieg auf und ab – ich lebte noch. Hinauf ging es nicht mehr, und hinunter auch nicht. Oben zogen die Wolken über mein Gefängnis. Von unten rauschte der Gebirgsbach, mein Gebirgsbach, den du nicht zu kanalisieren hast, und das Rauschen wurde immer leiser, immer leiser. Ich war so müde... Zurück? Diesen ganzen übeln Weg mit den Schwankebrücken und den Klettersteinen zurück? Aber wie denn? Wie sollte ich hier herunterkommen? Da lag jetzt Hamburg: die Mädchen mit den strohblonden Zöpfen saßen grade artig auf den Bänken in ihrer Schule und sagten etwas im Chor auf; es war nach der großen Pause, und sie hatten Buttersemmelstimmen, weil keine Zeit zum Räuspern gewesen war – zwei Schauerleute hatten einem feinen Herrn nachgesehen und murmelten in ihren Kautabak: »Wer is he denn? He hett ok bloß man 'n Mars ut twe Helften!« und bei dir klingelte das Telefon. Du logst eine herrliche Geschichte in die schwarze Muschel: Leider, leider könntest du heute nicht zum Mittagessen in die »Harmonie« kommen, vielleicht nächste Woche...? Und dabei erglänzte dein Gesicht in teuflischer Freude – denn auf der andern Seite sprach der böse Feind, und mit dieser Ablehnung hattest du ihn ordentlich angepflaumt. Und ich saß noch immer hier auf meiner Wand. Ewig konnte ich da wohl nicht sitzen bleiben. Ich stand mit einem schweren Seufzer auf, fiel beinahe um und hielt mich an dem Ast, aber der wollte das nicht und sagte: Knack – und da setzte ich mich wieder hin. Ich setzte mich ganz nonchalant hin, weil ich noch etwas müde war. Jetzt standest du auf und gingst in deinem glatten, ebenen Nichtstuerzimmer auf und ab. Die Wasserspülungen rauschten und schwollen, von dir aus konnten die Hamburger jetzt alle zugleich Pflaumen essen, deine Sache war in Ordnung. Ich erhob mich, leise, sehr, sehr vorsichtig – und zur gleichen Zeit versuchtest du vor lauter Lebensfreude zu pfeifen, etwas ganz und gar Abscheuliches. Denn du pfeifst, wie Karlchen reitet und ich schwimme – und das will etwas heißen. Und nun war ich völlig aufgestanden. Mit irren Blicken sah ich mich um. Noch einmal machte ich den Versuch, vor einer unsichtbaren Reisegesellschaft so zu tun, als sei gar nichts, aber nicht das geringste passiert – dann gab ich es auf und kletterte artig und bescheiden auf allen vieren ein Stück herunter. Rrums – da floß Schlucht dahin, für annähernd achtzig Francs Schlucht, das war unwiederbringlich verloren, und ich würde es jedenfalls nicht wieder heraufbringen. Man mußte hier wohl etwas zur Seite klettern, wir Bergsteiger klettern manchmal zur Seite, aus technischen Gründen. Und hier war nun eine Stelle, wo es keine Bäume mehr gab, und da vergaß ich meine Menschenwürde und setzte mich auf das Runde und fuhr recht schnell zu Tal, hundertfünfzig Meter, dahin, woher ich gekommen war. Unten kam ich richtig auf die Beine, stäubte mich etwas ab, nun hatte ich rostbraune Hände. Und ich wollte grade pfeifen, denn ich kann pfeifen, viel schöner als du, du alter Bedürfnismann, – da tat ich einen schweren Fall. Grinse nicht über deine unschönen Züge mit der niedrigen Trinkerstirn! Ich fiel genau auf die Schienbeine, auf alle beide – und am rechten Bein schwoll kindskopfgroß eine Beule auf. Andenken aus den Pyrenäen: »Zum Zeichen, daß ich dein gedacht, hab ich dir dieses mitgebracht...« Und dann marschierte ich die ganze Tonleiter zurück. Ich habe es immer bedauert, daß du und Karlchen, daß ihr zwei beide nicht dabei wart ... Ich sehe uns den wilden Bach entlangklimmen: du mutig, aber furchtbar schimpfend, Karlchen mit den Zähnen vor Freude fletschend, wenn einer einen Fehltritt tat, – und von Zeit zu Zeit sagend: »Hier ist es etwas dünn –!« und ich mit der gemeßnen Würde, die mich auszeichnet, wenns schiefgeht. Aber ihr seid ja nie da, wenn man euch braucht. Da kamen alle Brücken noch einmal, alle glitschrigen Stellen, an denen mich der Wildbach von unten herauf ansah und sagte: »Na? Wie ist es? Ein bißchen ins Wasser fallen?« – alle wackligen Geländer, alles kam noch einmal wieder. Einmal begegneten mir Menschen: ein Mann mit einem verbundnen Kopf (vielleicht machte er diese Tour schon zum zweitenmal), ein Mädchen und eine Frau von rund hundertzweiunddreißig Jahren, gewiß ein Zeichen für die Gefährlichkeit dieser Gebirgspartie. Guide nécessaire. Ach, wer mich jetzt fotografiert hätte! Leise vor mich hin brabbelnd tolpatschte ich dahin – und eine Wut im Leibe! Nie wieder Gebirge! Verdammt, warum war ich nicht an die See gefahren, an einen ganz und gar glatten Strand –! Die Felsen und die Bäume redete ich gar nicht mehr an, die waren Partei. Aber ich fragte meinen Bergstock, ob ich das vielleicht nötig gehabt hatte, in so eine gänzlich irrsinnige Schlucht hineinzuklettern, in eine ganz fremde Schlucht. Cacaoueta! Was ist das überhaupt für ein Name! So heißt man nicht! Laßt mich nur hier herauskommen – ich will der Länge lang im Bett liegen, nie mehr aufstehen, überhaupt nie wieder in meinem ganzen Leben einen Fuß in so ein vertracktes Gebirge setzen ... Und dann kam die Gittertür, der Weg wurde immer glatter – und was das für ein Gefühl war, als ich wieder Wiesengrund unter den Füßen hatte ...! Ich sah zurück und fand die Schlucht ganz passabel. Menschen sind so eingerichtet. Ein Uhr. Jetzt kamen die Schulkinder in Hamburg aus den Klassen, du hattest noch schnell deinem Stubennachbar einen Akt zugeschrieben, den der heute nachmittag auf seinem Platz vorfinden würde, eine besonders knifflige und unangenehme Geschichte, und es gab gar keine Möglichkeit für ihn, sich die Sache vom Halse zu schaffen ... Und jetzt gingen alle Leute mal eben frühstücken. »Ein Rundstück wahm« – Der Weg stieg an, und eine Minute später lag ich platt auf dem Boden in der hellen Sonne. Er lebt! er ist da! es behielt ihn nicht – Beinah – Beinah, und die schönen Verse des verdrehten Konrad Weichberger waren anwendbar: »Wirst du im Album einst entdecken mein Antlitz, rund vor Bier, dann sage: Wo mag der wohl stecken? Das war ein Freund von mir.« Lieber Jakopp, ich wünsche dir, daß du recht bald Senator wirst. Nur, damit ich einmal zu dir sagen kann: »Herr Senoter! Hummel, Hummel –!« Was hast du darauf zu erwidern –? Dein lieber Pau Von der Terrasse der Place Royale in Pau über die Ebene zu sehen – auf die Gebirgskette der Pyrenäen, das ist wie eine Symphonie in A-dur. Man sieht weit an den Bergen entlang – das Mittelstück der großen Wand wird sichtbar. Mit Graten und Spitzen, hohen Nasen und graden Linien, mit den geschwungnen Vorbergen und davor die kerzengraden Pappeln. Vom Gebirge her weht der Wind. Das ist schön. Drehe ich mich herum, so steht da, mit dem Rücken zu mir: Er. »Er« ist in Pau allemal Heinrich der Vierte. Hier ist er geboren, hier hat er gelebt. Das ist nun nicht einfach, zu einem fremden Fürsten in Beziehung zu treten. In der Schule haben wir ihn nur unter Kleingedrucktes gelernt, er sitzt nicht so tief drin wie etwa Friedrich der Zweite, der heute unter die Räuber gefallen ist, oder wie Barbarossa, der sich nie rasieren ließ. Henri Quatre, Le Vert Galant, der Mann, der »Ventre-Saint-Gris!« rief, wenn es etwas zu fluchen gab – es dauert eine Weile, bis man »'n Morgen, Heinrich!« zu ihm sagt. Aber wenn es soweit ist, dann sagt man es nicht mehr. Er war der Eduard der Siebente seiner Zeit. (Was eine Schmeichelei für den dicken Engländer bedeutet.) Er hatte dessen Sinn und Freude fürs Wohlleben, die gleiche Verschlagenheit, Geschicklichkeit, Menschenkenntnis, verschmitzte Ruhe und wieviel mehr! Das schillert in den Briefen, er verteilt Schmeicheleien wie Ringe, und niemand sieht in der ersten Freude nach, ob sie echt sind – er setzt alles durch was er will, fast alles. Er liebt die Jagd, den guten Wein – eben den von Jurançon – und die Frauen. Um uns zu erklären, wie er die liebte, gibt es nur eine Vergleichsmöglichkeit: das ist d'Andrade als Don Juan. So etwas war es. Er hatte einen Spitzbart, und unter dem Schnurrbart, der sich leicht kräuselte, dünne, kräftige Lippen, mit denen man lächeln, einen Wein abschmecken, küssen konnte. Die Totenmaske Friedrichs des Zweiten im Schloß zu Monbijou sagt: Ich will nicht mehr leben, ich bin hinüber. Die Totenmaske Heinrichs des Vierten im Schloß zu Pau sagt: Ich habe gelebt, und es war schön zu leben. Jetzt muß ich schlafen gehn. Und ein leiser Zug von Verachtung ist auch dabei. Sie haben ihn in Paris erstochen, er war siebenundfünfzig Jahre alt, ein Mann im besten Alter. Er war immer im besten Alter. Wie haben sie ihn geliebt! Er war so schlau – er wollte das, und sie liebten ihn. Er hatte keinen Krückstock, mit dem er herumwankte und schrie: »Wartet! Ich will euch mich lieben lehren!« Gott bewahre. Er lächelte, teilte Spitznamen und eine Gunst aus, die nicht einmal viel kostete, obgleich er so viel Geld ausgab... Die Rechnungslegung seines Hofes ist noch völlig erhalten, da gibt es keine Ausgabe, die nicht ihre Begründung hätte, und was für Begründungen! Die Damen erhielten Geld, Sänften, Pferde, Schmuck; einmal: »Für einen Freundschaftsdienst.« Er muß die beiden Arten der Liebe gut gekannt haben. Das Schloß ist restauriert, aber trotzdem gut erhalten. Es hängen da flandrische Gobelins, vor denen man gar nichts mehr sagt, und bestände nicht auch hier die verdammte Unsitte, Besucher während der Besichtigung zu entmündigen und unter Kuratel eines früheren Unteroffiziers zu stellen, der von Tuten und Blasen keine Ahnung hat, so fühlte man sich restlos wohl. So aber treibt der die Hammelherde unter Absingung eines törichten Rezitativs durch die Räume, und man hammelt traurig mit. Das hohe holzgeschnitzte Geburtsbett steht noch da, in dem Heinrichs Mutter mit dem Großvater sang, um den Schmerz der Wehen zu übertönen, mit Wein hat man den Kleinen abgerieben und genetzt, als er erschien. Es ist ihm sehr gut bekommen. Davon wußte der Hammelhirt nichts, aber ich erkannte das Bett nach den Bildern wieder, und wir waren sehr erfreut, uns endlich persönlich kennenzulernen. Neben dem Bett hängt die Totenmaske. Was die Wiege, eine große Schildkrötenschale, anlangt, so hat sich schon der Graf Pückler-Muskau halb krank über ihre Aufstellung geärgert. Er war im Jahre 1834 in Pau und schalt heftig über den Trödelbudengeschmack, mit dem das Schloß hergerichtet war. Nun, etwas besser ist es damit schon, der Konservator ist ein sehr beschlagner und kenntnisreicher Mann, und wenn er noch seine Hirten abschaffte, so wäre alles gut. Die dicken Mauern, deren ganze Tiefe erst an den Fenstern sichtbar wird, die hohen Wände, die riesigen Tische – man versteht das Leben dieser Leute, wenn man ihre Wohnungen kennt. Es ist ein bißchen schwer, das Museumhafte wegzudenken und sich wirkliche Wohnräume vorzustellen (so wie ja auch Goethe nicht in dieser kalten Pracht gewohnt hat, die sie, mit Ausnahme von zwei unvergeßlichen Stuben, da in Weimar aufgebaut haben). Wenn man aber in Pau versucht, sich die leise Unordnung vorzuträumen, die erst eine bewohnte Wohnung ausmacht, jenes praktische Durcheinander, halb zurechtgerückte Stühle, ein Säbel, an die Wand gelehnt, ein Hut auf dem Tisch ... dann begreift man schon eher. Freilich mußten achttausend Bauern schlecht wohnen und hart arbeiten, damit der hier so leben konnte – aber als Symbol geraubter Arbeitskraft ist das immer noch schöner als eine große Hypothekenbank. Der König hats gewagt – der Bankier hat heimlich ein böses Gewissen und das merkwürdige Gefühl, als rutsche ihm etwas unter dem Hintern weg. Was am Schloß von Pau so besticht, ist die massive Lebensfreude, die gleichzeitig sublimiert ist: ein Hammelbraten auf dem Tisch, so groß, daß man vom Hinsehn Magenerweiterung bekommt – aber die bezauberndste Innenarchitektur, die sich denken läßt. Er hat gern gelebt, und vom groben bis zum feinen beherrschte er alle Raster. Sicher gabs auch Kummer und Ärger. Gar nicht zu sprechen von den Stänkereien mit den Lieferanten – hatten ihn nicht einmal sogar die »cagots« verklagt? Ist das zu glauben? Die Cagots ... Man sagt, sie stammten von den Sarazenen ab; es waren degenerierte Menschen, deren Schilddrüse nicht in Ordnung war, wie man das im Gebirge häufig vorfindet. Die »Großkropfeten«, sozusagen. Aber wie verschieden haben im Mittelalter Tirol und die Pyrenäen auf diese Kranken reagiert! Die Cagots in Frankreich waren eine »race maudite«, fast völlig von aller Gemeinschaft ausgeschlossen: sie durften keine Bäckerläden betreten, sie durften lediglich untereinander heiraten (wodurch sich die Degeneration nur noch verschlimmerte), und sie hatten eigne Kircheneingänge, denn ganz wollte die Allesumfassende sie denn doch nicht ausstoßen. In Luz, südlich von Lourdes, hat noch die uralte Kirche, die aussieht wie eine Festung, eine kleine Extratür, da schlüpften sie hindurch. Sie hatten einen roten Lappen auf dem Kleid zu tragen, damit man sie schon von weitem erkennen konnte. Es stand schlimmer mit ihnen als mit dem Henker. Im Tal von Argelés gab es viele, bei Luchon und im Distrikt Ariège. Heute sind sie fast ausgestorben, man muß schon sehr suchen, wenn man sie sehen will. Es sind nicht eigentlich Kretins – es ist eine allgemeine körperliche Verkümmerung, gegen deren Folgen sie zum Teil immun geworden sind. Und weil sie sich damals hauptsächlich als Zimmerleute ihr Brot verdienten, so bauten sie auch für den König, sie gerieten in Zahlungsstreitigkeiten mit ihm und konnten es doch wagen, ihn zu verklagen. Ganz rechtlos waren sie nicht. Der König hatte so seinen Kummer: politischen und finanziellen (denn er verfügte über viel Geld und gab stets eine Kleinigkeit mehr aus als er hatte) – und da war seine Frau, die immer dieselbe blieb, und seine Geliebten, die nicht immer dieselben blieben ... Erfaßte ihn nicht zum Schluß diese widersinnige, also echte Leidenschaft zu Charlotte von Montmorency, die er verheiratete, um sie bequemer und unauffälliger in seiner Nähe zu haben? – und wie war er aufs ehrlichste erschrocken, verstört und beleidigt, als sie ihr Mann, der Prinz von Condé, nach Belgien brachte! »Ich bin nur noch Haut und Knochen«, schrieb er. »Nichts macht mir mehr Spaß, ich will allein sein ...« Er hat sie nie wiedergesehn. Wie sie ihn liebten! Schon um 1680 wollten sie seine Büste aufstellen, aber Ludwig der Vierzehnte schickte ihnen, hochmütig, die eigne. Sie bauten das königliche Geschenk auf und versahen es mit einer Unterschrift. »Celui-ci est le petit fils de notre bon Henri.« Und im Jahre 1843 bekamen sie nun ihren guten Heinrich, »Lou nouste Henric«, wie es im Dialekt heißt. Er steht noch auf dem Platz, aber ich habe ihn gut gekannt: er ist nicht getroffen. Jetzt klingt rund um den Guten das Konzert aus einem Musikpavillon der achtziger Jahre, aus denen sich auch die Kapelle, der Dirigent und das Publikum herübergerettet haben. Ist das noch sein Pau –? »Die Leute haben dabei gewonnen, ich weiß. Sie haben keinen Krach mehr mit den Nachbarn und leben friedlich; aus Paris schickt man ihnen die neuen Erfindungen und die Zeitung: Ruhe, Umsatz und Wohlbefinden sind zweifellos größer geworden. Aber wir haben doch dabei zugesetzt: an Stelle von dreißig kleinen Hauptstädten, die alle brodelten und eigene Gedanken hatten, stehen da nun dreißig Provinzstädte, ohne Leben, Filialen. Die Frauen wollen einen neuen Hut haben, die Männer rauchen ihre Zigarette im Café – das ist ihr Leben; aus dümmlichen Zeitungen klauben sie sich alte, abgenutzte Ideen heraus. Früher hatten sie politische Köpfe, Höfe und das Lautenspiel der Liebe.« Soweit Taine. Ist das noch seine Stadt –? Pau hat alles, was so ein Ort braucht, der im Winter das Zentrum des Schneesports ist: große Hotels, Kanalisation, Licht, gaunernde Geschäftsleute, es ist alles da. Sie haben sich bei der Stadt ein »Palais d'Hiver« aufgebaut, eine Scheußlichkeit aus Glas und Eisen, ein verstaubter Baccarat-Saal gähnt mit eingemummten Fauteuils, und wer verloren hat, sieht sich die Innenausstattung an und stirbt am Schlag. Das Kurkonzert spielt noch immer wie eine Spieluhr, jetzt haben sie eine Carmen-Ouverture unter, sie hört sich an wie »Schlaf, Kindchen, schlaf ...!« Die Damen wandeln, die Männer trinken Bier und stärkende Limonaden, sanfte Winde wehn. Oben steht Heinrich der Vierte und lächelt. Er lächelt über die Nachkommen seiner Schreiber, die sich da Musik vormachen lassen, hier muß etwas vorgegangen sein, denkt er – »Ist denn kein Condé da?« Nein, es ist keiner da. Der König sieht sich um. Er steht ganz allein. Eaux-Bonnes Eaux-Bonnes, in ehrlichem Deutsch »Gutwasser« geheißen, besteht eigentlich nur aus einem langen Platz, mit Bäumen darauf, von hochstöckigen Häusern eingeschlossen, dahinter sind die Berge, die passen auf, daß sich keiner erkältet. Denn Eaux-Bonnes ist einer jener zahllosen Kurplätze der Pyrenäen, in denen Kranke sich baden, brausen, gurgeln, inhalieren und sich sicherlich oft genug heilen können. Die Schwefelquellen, deren jedes dieser Bäder viele besitzt, kommen heiß aus dem Boden geschossen, riechen therapeutisch und tun viel Gutes. Früher scheinen diese heißen Quellen auch andern eigentümlichen Zwecken gedient zu haben, denn ich finde in einem alten Schmöker »Voyage aux Pyrénées Françaises et Espagnoles par J. P. P. Paris 1832« eine merkwürdige Stelle, in der der Verfasser von den Praktiken kranker Damen berichtet; sie benutzten die Quellen gegen ihre Leiden, die er nicht auseinandersetzen möchte, viel zu heiß und nun gar noch innerlich, was ihnen Schaden brächte. Motiv: »Le besoin des plaisirs, plus encore que le besoin de sa santé, inspire le goût des bains et l'usage des injections minérales. Des cris, des exclamations de plaisir échappent et trahissent la baigneuse, qui ne cherche que des sensations.« Wie gut, daß die Welt fortschreitet und heute solches nimmermehr vorkommt. Weil mich die hohen Häuser auf dem Platz in Eaux-Bonnes so hohl ansehen, gehe ich davon; Eaux-Bonnes ist leer, die Saison ist im Absterben. Da stehen nur noch wenige Männer in der Halle des Thermal-Gebäudes und gurgeln mit Schwefelwasser. Burr, machen sie und gurr. – »Zu Zeiten Franz des Ersten«, sagt Taine, »waren die Quellen von Eaux-Bonnes gut für Verwundungen, sie hießen Arkebusier-Quellen, und man schickte die Soldaten dahin, die bei Pavia verwundet worden waren. Heute heilen sie mehr Kehlkopf- und Lungenkranke. In hundert Jahren werden sie vielleicht wieder etwas anderes heilen, denn in jedem Jahrhundert macht die Heilwissenschaft neue Fortschritte.« Ich will nicht Burr-gurr machen – der Nebel steigt und verhüllt das Tal, die »Promenade Horizontale« ist entzwei – alle Leute warnen, man solle da nicht gehen, mit den Laufbrücken sei das so eine Sache ... Im Hotel schleicht die graue Langeweile durch alle Gänge. Sonderbar, einen wie altmodischen Eindruck diese Pyrenäen-Badeorte machen! Die Mode, in die Pyrenäen zu gehen, datiert etwa aus dem Jahre 1860, und Napoleon III. hat damals nach sich gezogen, was an Snobs gut und teuer war. Aber diese Leute stiegen nicht auf die Berge, sie sahen sich ein Schauspiel von unten an, es war für sie eine Art Theaterdekoration. Und daher schmecken wohl so viele Pyrenäen-Badeorte in ihrem immanenten Charakter nach Vergangenheit. Nicht etwa, weil sie nicht hübsch eingerichtet wären! Die Engländer haben sich überall das laufende Wasser erzwungen, das ihnen von den Wildbächen in die Hotels gluckert; kein Zimmer daselbst, in dem man nicht etwas fände, was eine baltische Baronin einmal mit dem Wort »Intimitäten-Schüssel« bezeichnet hat – nein, soweit ist alles in Ordnung. Aber die Leute, der Schmuck in den Gebäuden, das Gehaben des ganzen Ortes, selbst die Bäume und die Gärten – alles sieht aus wie 1875. Jetzt komme ich in das Lesezimmer hinunter, und da hätten wir eine Gruppe wie ein Holzschnitt aus der Offenbach-Zeit, nur die Kostüme sind schwach erneuert. Ein junges Mädchen wippt im Schaukelstuhl, eine Mama paßt auf und ein alter Herr steht hinter den Damen und sagt süße Sachen. »Der Graf, ein guterhaltner Fünfziger, beugte sich leicht über die Schulter der schweigsamen Juliette. ›Comtesse‹, sagte er, ›wenn Sie wüßten‹ ...« Fortsetzung im nächsten Heft. Soweit Gutwasser. Heißwasser – Eaux-Chaudes – ist noch viel ausgestopfter. Das ist nun auch wirtschaftlich pleite. Der betrübte Badediener führt mich durch das Bad, das unter Sequester steht, sie haben in keiner Zelle mehr einen Stuhl, wegen Gepfändetwordenseins. Das Badehaus ist ein riesiger alter Kasten, mit sicherlich guten Quellen, aber trotz der schönen Namen, die sie führen: »L'Esquirette Chaude« und »Le Rey« und »Minvielle« – sind sie zur Zeit nicht hoch im ärztlichen Kurs notiert, und so hat sich eine plötzlich hinzugekommene Überspekulation, gegen die es keine heißen Quellen gibt, gerächt – das Bad ist nur noch eine sich mühsam dahinschleppende Sache. Es ist so still hier, besonders, wenn niemand badet ... Das Hotel hat ein Fremdenbuch; es reicht weit zurück. 18. Juni 1857 Otto Freiherr von Ende Königl. Preußischer Offizier. Sein Kollege aus dem Jahre 1916 ist ausführlicher. »Wer hier nicht zufrieden war, braucht nur in die Schützengräben zu gehen – vielleicht gefällts ihm da besser!« Das hat der Kapitän Passepoil eingetragen, und er kam sich sicherlich sehr stolz vor ... Das gleicht sich überall, diese da. Für den Abend gibt es immerhin ein wanderndes Zeltkino – so haben also die feinen gebügelten Lackschuhschauspieler der großen Städte wenigstens im Bilde noch einmal Landstörzer werden müssen ... Weil ein Grammophon hinter der Leinwand steht, wird behauptet, der Film spräche. »Tadellose Nachahmung von Wasser, Menschenschritten und Pferden, Kanonengebrüll und Platzen der Granaten ...« Wer möchte das nicht hören! Aber was sind das für blutrünstige Leute! »Die Tanks bei Verdun« – »Im Bagno« – und: »Dritter Teil: Rache und Sühne! Im letzten Bild: Die Guillotine. Vorher Pause von zwei Minuten, um nervenschwachen Personen die Möglichkeit zu geben, den Saal zu verlassen.« Nervenstark blieb ich bis zum Schluß und durfte noch sehen »Originaltorpedierung der Lusitania« und: »Die Märtyrer der Inquisition« sowie »Chirurgische Operationen«. Das erinnerte mich lebhaft an die verbotnen Filme, die ich einmal im Berliner Polizeipräsidium gesehen habe und die für alle Geschmäcker etwas boten: Injektionen in das Weiße des Auges (Großaufnahme), Fliegerabsturz und Szenen aus dem Harem, die den Zuschauer dem nächsten Landbriefträger in die Arme zu treiben geeignet waren. Ab nach Laruns. So heißt der kleine Ort im Tal, zwischen Eaux-Bonnes und Eaux-Chaudes, da fängt die Eisenbahnlinie an, und von da aus möchte ich weiter. Ich streiche in dem dunkeln Ort umher, es ist schon spät. Und aus Neugierde und Langerweile leuchte ich mit einer Taschenlampe eine Steinsäule ab, die da herumsteht, und falle vor Überraschung fast auf den »lächerlichen Gegenstand«, wie Rousseau das genannt hat. Da haben sie einem einen Gedenkstein gesetzt. Wem –? »Sechs Fuß hoch aufgeschossen, Ein Kriegsgott anzuschaun, Der Liebling der Genossen, Der Abgott schöner Frauen –« Hier ist die andre Seite. Hier erinnert sich das dankbare Laruns an sein berühmtes Kind: an den Kavallerieunteroffizier J.-B. Guindey von den Zehnten Husaren, der am 10. Oktober 1806 im Gefecht bei Saalfeld Prinz Louis Ferdinand von Preußen erschossen hat. Eine Unterschrift besagt: »A nous le Souvenir, à lui l'immortalité.« Wat dem eenen sin Uhl, is dem annern sin Nachtigall, und welch schöne Sache ist doch der Krieg! Jedes Los gewinnt. ab Laruns 21.56 Es ist dreiviertel zwölf. Ja, dann wären wir wohl soweit. Lourdes I. Der Soldat Paul Colin Der Soldat Paul Colin von den Elften Husaren aus Liart (Ardennen) gebürtig, fuhr am 6. August 1914 zu seinem Truppenteil, der bei Tarbes in Garnison lag. Er traf alle seine Freunde aus der Dienstzeit. Am 15. September hielten dieselben jungen Bauern, Handwerker, Angestellten, als Husaren verkleidet, vor der großen Kirche in Lourdes – zum Abschiedsgottesdienst. Der Bischof von Lourdes und Tarbes, Monseigneur Schoepfer, stand in vollem Ornat auf dem weiten Platz, mit der gesamten Geistlichkeit. Zehn Schritt von ihm entfernt: der Regimentsstab. Armee und Kirche: beide fühlten ihre Zeit gekommen, beide wußten: Autorität gedeiht im Kriege. Sie standen Schulter an Schulter. Da richtete sich der Regimentskommandeur, Herr de la Croix-Laval, vor der Front im Sattel hoch und wandte sich erst zu seinen Leuten und dann zum Prälaten. Die Tausende hörten diese Worte: »Und nun, Priester des ewig lebendigen Jesus Christus, fleh auf uns den Segen des Allmächtigen herab! Er soll mit uns sein und mit denen, die uns teuer sind! Er soll vor allem aber mit unsern Degen sein und uns den Sieg verleihen!« Zum Regiment: »Sabre en mains!« Und der Bischof von Lourdes und Tarbes segnete die Elften Husaren und flehte auf die Streiter Jesu den Segen des Himmels herab. So schied der Soldat Paul Colin von der Heimaterde, gesegnet von seiner Kirche. Der Soldat Paul Colin bekam an der belgischen Grenze in einem Wäldchen, dessen Namen er sich niemals merken konnte, einen Schuß in den rechten Oberarm. Anfangs war das eine leichte Wunde, und das erste Feldlazarett behandelte ihn entsprechend. Er wollte seiner Truppe wieder nachgehen, als es im Arm zu zucken begann. Da mußte er bleiben. Und dann transportierten sie ihn in ein größeres Lazarett, und von dort in das Asyl von Unserer Lieben Frau zu Lourdes (Hilfslazarett Nr. 32), und da lag er nun. Das Zucken war längst zum schneidenden Schmerz geworden, und daß es ein innerlicher Bluterguß war, hatten sie gesagt; was sie ihm aber nicht gesagt hatten, war ein kleines Wort, das über sein Schicksal entscheiden konnte. Brand. Blut und Eiter liefen aus der Wunde, Geruch und Schmerzen waren gleich groß, und weil es damals, wie man weiß, etwas hart herging, so schafften sie den zukünftigen Kadaver in die Leichenhalle, die grade leer stand. Da belästigte der Soldat Paul Colin keinen, und außerdem lag er gleich da, wohin er sicherlich in ein paar Stunden gehörte. Die Schwester Mathilde – sie war vom Schwesterorden aus Nevers, dem Orden, dem die selige Bernadette angehört hatte, – die Schwester Mathilde gab den Mut nicht auf. Sie betete für den Soldaten Paul Colin und tränkte seinen übelriechenden Verband mit dem Wasser aus der Grotte von Lourdes. Er blieb am Leben. Ärztliches Attest, Bericht und Krankengeschichte finden sich im großen Werk von Fr.-Xavier Schoepfer, des Bischofs von Tarbes und Lourdes, »Lourdes pendant la Guerre«. Nach vielen Hirtenbriefen für das Wohl Frankreichs gegen die lutherischen Modernisten Deutschlands – der Bischof muß das genau wissen, denn er ist zu Wettolsheim im Elsaß geboren – ist dieser Fall im Anhang zu lesen. Die Kirchenparade in Lourdes ist authentisch, die Beteiligung des Einen angenommen. Und so wurde der Soldat Paul Colin vom Tode gerettet, bewahrt und gesegnet von seiner Kirche. »Mit Gott, Soldaten!« – »Nimm dieses Wasser, mein Sohn ...« Denn die christliche Kirche treibt nicht nur die Gläubigen in die Gräben und segnet die Maschinen, die zum Mord bestimmt sind – sie heilt auch die Wunden, die der Mord geschlagen hat, und ist allemal dabei. II. Ein Tag In den kleinen schmutzigen Straßen ist noch kein rechtes Leben, da gehen und kommen einzelne Leute, die Pilger schlafen wohl noch, denn mitternachts ist eine Messe, und während der ganzen Nacht knien Betende in der Basilika. Jedes Haus ist ein Hotel; vom mittlern Gasthof bis zur Ausspannung sind alle Arten vertreten, und in jedem zweiten Haus ist ein Andenkenladen. Aber alles das will ich jetzt gar nicht sehen. Zur Grotte! Zur Grotte! Nun wird das Gewühl stärker. Wagen quetschen sich zwischen den Leuten hindurch, die elektrische Bahn poltert, noch mehr Läden, noch mehr Straßenverkäufer, die Gruppenaufnahmen, Andenken, Kerzen und Vanille feilhalten – die ganze Luft riecht nach Vanille. Da: die Basilika. Eine moderne hohe graue Kirche, rechts und links mit zwei weit ausladenden Rampen, die den Platz wie zwei Arme umfassen. Einzelne Leute gehen durch einen Torbogen der Rampe zur Grotte. Und da sind auch die ersten Kranken. Sie wanken auf Krücken, sie schleppen sich am Stock, sie werden auf Wagen dorthin gebracht, zweirädrige Sitzstühle, an denen vorn ein blaues Schild hängt: »Schenkung von Fräulein M. P. 1904.« Die Wägelchen werden von Krankenträgern geschoben: das sind Leute, die einen Ledergurt um die Schultern gehängt haben, es ist der Tragriemen, an den sie die Bahren knüpfen. Ich gehe ihnen nach. Rechts ist eine Hügellandschaft, von einem Eisenbahndamm durchzogen, mit einem einsamen Häuschen. Links ragt die Längsseite der Kirche auf, Bäume stehen davor, und unter ihnen schallt es. Da stehen die Leute und beten. Und hier sind die Badezellen. Es sind drei Abteilungen, in denen befinden sich die eingelassenen Wannen mit dem Quellwasser. Davor ist ein eingezäunter Platz, hier steht Krankenwagen an Krankenwagen. Man sieht bleiche, abgezehrte, fiebrige Gesichter. Männer auf der einen Seite, Frauen auf der andern. Vor ihnen ein Geistlicher. Er betet laut. Die Masse unter den Bäumen, an die Gitterstangen gedrückt, spricht die Worte nach. Wie eine Stimme steigt das auf: Der Priester: »Seigneur, nous vous adorons!« Die Masse: »Seigneur, nous vous adorons!« Der Priester: »Seigneur, nous vous adorons!« Die Masse: »Seigneur, nous vous adorons!« Der Priester: »Seigneur, si vous voulez, vous pouvez me guérir!« Die Masse: »Seigneur, si vous voulez, vous pouvez me guérir!« Jede Formel wird dreimal gesprochen, die Worte hämmern sich ein. »Seigneur, dites seulement une parole et je serai guéri!« Die Pilger, die Angehörigen der Kranken und Fremde wiederholen sorgfältig Satz für Satz. Manche – besonders Frauen – stehen demütig da: ich will ja auch alles tun, wie es vorgeschrieben ist ... Viele nehmen die Kreuzstellung ein. Hier hängt alles vom Vorbeter ab. Ist das ein Mann mit schwacher Stimme, der schlecht artikuliert, dann gibt es Vormittage, an denen vierhundert Leute Gebete aufsagen. Steht da aber einer, der, breitschultrig und robust, seine Stimme aufklingen läßt, die Vokale singt, die Konsonanten herausschnellt, hat er den Funken: dann rieselt es durch die Menschen, es zündet, und nun ist es da. »Jesus, Fils de Marie, ayez pitié de nous!« Der Vorbeter setzt die Worte scharf an, er betont sie auf der ersten Silbe – »piiitié« sagt er – »piiitié« sagen die Leute. Rings um mich angespannte Lippen, konzentrierte Augen, verhauchende Hingabe. Es ist so viel Wille in ihnen! Und nun wie ein Schrei, ein Ruf aus tiefster Not, ein Befehl, ein Kommando –! »Seigneur, faites que je voie!« »Seigneur, faites que je voie!« »Seigneur, faites que je voie!« Hörst du es, Gott! Dein Kind ist blind, wir haben gebetet, geglaubt, sind zur Messe gegangen und stehen nun hier, bittend, heischend, verlangend, befehlend –! »Seigneur, faites que je marche!« Jetzt haben sie ihn, er ist ihr Gott, gewiß, und er kann mit ihnen machen, was ihm beliebt. Aber der Priester hat nun einen roten Kopf bekommen vor Anstrengung und Kraft, mit Klammern hat er die Masse gepackt, und wenn es auch ausgestreckte Hände sind: Fäuste ragen da auf, sie drohen, sie wollen die Gnade vom Himmel herunterreißen, sie haben sie verdient, her damit –! Die Kranken sitzen bleich in der Mitte. Es ist so wohltuend, Mittelpunkt zu sein! Endlich einmal aus den engen Stuben, wo man sich schon an ihre Leiden gewöhnt hatte, das matte Mitleid der abgestumpften Verwandten, die sanften Zuspräche der Geistlichen und die gleichgültigen Sprüche der Ärzte, die ja doch nicht helfen können ... Nichts da. Hier wird eine Schlacht geschlagen. Hier sind es die Kranken, die in der Mitte stehen, alle sehen sie an, aller Blicke umfassen sie, das stärkt. Und dann wird einer nach dem andern in den Baderaum geschoben. Hier soll niemand dabeisein. Die Krankenwärter passen scharf auf, daß keiner während der Bäder den Innenraum betritt. Kein profanes Auge soll das Mysterium sehen. Ich sehe es. Schlägt man den Leinenvorhang zurück, der den innern Baderaum von der Außenwelt trennt, so sieht man, wiederum hinter Vorhängen, die eingelaßnen Steinwannen. Hier stehen die Kranken an der Wand und entkleiden sich langsam – viele steigen mit dem Hemd herein, manche, die Schwerkranken, werden nackt ausgezogen. Ununterbrochen schallt das Beten von draußen herein, wie ein dumpfer Marschchor, scharf, rechthaberisch, laut. Auch hier drinnen wird gebetet. Da heben sie einen Krüppel ins Wasser, die Krankenwärter beten dabei und schwenken ihn auf und ab, tauchen ihn bis zum Hals ein. Ein kleiner Junge schreit, er will nicht gebadet werden, nein! Ich befühle das Wasser – es ist eiskalt. Einer nach dem andern steigt hinein, wird hineingehoben wie ein Wickelkind, und sie beten und beten. Priester stehen dabei und sehen zu. Sei es, daß sie Furcht haben, die heilige Quelle könne nicht so viel hergeben, sei es aus diesem seltsamen und verständlichen Glauben heraus, Wasser, über das so viele Gebete hingebraust sind, wirke stärker als frisches –: dieses Wasser wird nur zweimal am Tage gewechselt, nachmittags und abends. Hunderte baden also in demselben Bad, das Wasser ist fettig und bleigrau, Wunden, Eiter, Schorf, alles wird hineingetaucht. Nur wenn sich jemand vergißt, erneuern sie sofort. Niemand schrickt zurück; vielleicht wissen sie es nicht. Ein völlig Degenerierter zittert nackt auf einem Stuhl, auf den man ihn hingesetzt hat, er hat Beinchen wie ein Kind; vorsichtig wird ein verklebter Verband abgenommen, ein Gesicht verzieht sich. Das eilige, brummelnde Gebet der Badewärter hebt sich vom dunklen Lautteppich des Chors ab. »Mère du Sauveur, priez pour nous!« »Mère du Sauveur, priez pour nous!« Vor Kälte schlotternd ziehen sich alte Männer an, das nasse Hemd unter dem Rock, andre werden angekleidet wie Puppen. Ein Strom von Elend rinnt durch diese Kabinen. Ich war trotz meiner Karte gebeten worden, nicht in die Frauenkabinen zu gehen, und ich habe es nicht getan. Daneben liegen die Wasserhähne, aus denen man Trinkwasser schöpfen darf, da stehen sie mit Blechkannen und Bechern und Gläsern, manche schöpfen aus der hohlen Hand. Man sieht Bauern, die unglaubliche Mengen Wasser zu sich nehmen – viel hilft viel. Ich drücke mich zur Grotte hindurch. Es ist eine kleine Felsgrotte, ein paar Meter tief, mit einem schmiedeeisernen Gitter, »Entrée« und »Sortie« steht daran, auf blauen Emailschildern in weißer Schrift, einen Augenblick lang zieht ein Straßenschild an meinem Auge vorüber ... Seitlich an der Grotte steht eine Kanzel, auf ihr ein Geistlicher im Ornat, der die Betenden ermahnt, tröstet, anfeuert. Seine Worte hallen über die Köpfe hinweg und zerflattern dann in der Luft. Es ist so schwer, im Freien zu predigen ... Langsam, unendlich langsam schiebt sich die Menge an der Kanzel vorbei, in die Grotte. Alle halten Kerzen in den Händen, und da flammt ein großer Lichtständer, das Stearin tropft und bildet merkwürdige Figuren. Zwei Meter vom Boden entfernt, in einer Höhlung, oben in den Steinen, steht sie: Notre-Dame de Lourdes, Our Lady of Lourdes, Onze Lieve Vrouw van Lourdes, Gospa od Lourda, Nuestra Señora de Lourdes, Miesac Mary i Lourdes, Nossa Senhora de Lourdes – die Jungfrau Maria. Hier ist sie der Bernadette, dem kleinen Bauernmädchen aus Lourdes, zum erstenmal erschienen und hat Quelle und Heilung vorausgesagt. Vor ihr bekreuzigen sich alle, dann küssen sie den Stein, auf dem sie steht, der Stein ist glatt und speckig von den vielen Händen, die ihn gestreichelt haben. Ich denke an die verzückte rasche Gebärde, mit der unter der Erde, in den Grotten von Bétharram, in der Nähe von Lourdes, eine Frau jenen Stalaktiten anfaßte, von dem es hieß, er bringe Glück. Sie sprang auf ihn zu, um keinen Augenblick zu versäumen. Nun preßt die Menschenmauer nach vorn. Ein Altar ist aufgerichtet, da brennen die Kerzen, fortwährend klappert Geld in die Kästen, und die Erde ist bedeckt mit Briefen, Kupfermünzen, Bildern, Blumen, Glasperlen, Weihgeschenken. Langsam, langsam werden wir wieder herausgedrückt. Am Ausgang hängen alte Krücken, die haben die Geheilten da aufgehängt, und ein Gipskorsett ist auch dabei. Vor der Grotte, in Wagen und Bahren: die Kranken. Sie sitzen und liegen da, die Augen zum Himmel aufgerichtet, die Träger beten, die sie umgeben – die Verwandten beten, manche sind halb bewußtlos und haben die Augen geschlossen und fiebern. Sie halten Rosenkränze in den Fingern. Viele singen. Neugierige und Touristen stehen unter den Leuten, es wird fotografiert, gesprochen, in Büchern geblättert. Bahren im Getümmel, Krankenwagen, gestützte Kranke – alles geht leise und freundlich vor sich. An der Kirche, an den Plätzen, überall sind im Freien Kanzeln aufgestellt, da predigen die fremden Priester, die mit den Pilgerzügen gekommen sind, in ihren Sprachen. Und nun ist es Mittag, und dann leert sich langsam der Platz. So fängt der erste Tag der Pilger an, die da in den »trains blancs« ankommen, den großen Krankenzügen, mit Liegevorrichtungen für die Kranken, gestopft voll, mit Krankenschwestern und Pflegern, mit dem Bischof oder Erzbischof der Diözese, dem weltlichen Leiter, der die ermäßigten Billetts besorgt, und mit einem Arzt. Wenn sie ankommen, verteilen sie sich in der Stadt – die großen Unterkunftsbaracken gibt es nicht mehr. Die Frommen gehen gleich nach der Ankunft zum Gottesdienst, zum Quellenbad, zur »piscine«; große Anschläge verkünden überall in der Stadt den Dienst des betreffenden Zugs, alles ist Tradition, vorausgesehen, eingespielt. Ich sehe mich in den Hospitälern um: im Krankenhaus Notre-Dame-des-Douleurs, das trägt seinen Namen mit Recht; im Asyl, das nahe der Basilika liegt. Da ist der große Speisesaal mit den langen Tischen sauber gedeckt; schiebt man die Querwand beiseite, so sehen die Kranken in eine Kapelle und können so dem Gottesdienst beiwohnen, der für sie abgehalten wird. Im Vorgarten, auf allen Wegen Kranke. Man sieht schreckliche Gesichter. Bevor es wieder beginnt, gehe ich durch die Kirchen. Die Basilika hoch oben, eine kleinre Kapelle und eine Krypta. Alles blinkt vor Neuheit, die Wände überladen mit Gold, Schmuck und Ornamenten. Votivtafel an Votivtafel. Kriegsorden, Haarlocken – eine Verkrüppelte hat unter Glas und Rahmen die braunen Nägel aufbewahrt, die ihr durch die Hand gewachsen waren und von denen sie nun befreit ist. Auf den Tafeln selten ein voller Name – immer nur die Anfangsbuchstaben. Die Bänke sind jetzt nicht so überfüllt, auch einige Beichtstühle sind leer, was sonst den ganzen Tag nicht vorkommt. Die Gläubigen, die hier umhergehen und alles bewundern, tragen Abzeichen – jeder Pilgerzug hat das seine. Man sieht silbrige Münzen und bunte Bänder aller Farben und Länder. Einmal höre ich deutsch sprechen. Um drei Uhr nachmittags ist der große Platz gesperrt, die Ränder summen und wimmeln an den langen Leinen, mit denen er abgegrenzt ist. Hier wird nachher die große Prozession entlanggehen, und obgleich es noch lange nicht halb fünf ist, stehen und sitzen da schon viele Frauen mit Kindern und auch Männer. Sie haben sich Klappstühle mitgebracht, die man für drei Francs kaufen kann, und warten da unter den Bäumen. Noch werden viele Kranke an die Grotte gerollt und zum Bad; nachmittags sind es die Schwerkranken, die gebadet werden. Wieder stehen alle dichtgedrängt um den Priester, wieder ruhen die Kranken auf den Stühlen, wieder schallen die Gebete. Lauter, lauter. »Hosanna, hosanna au Fils de David!« Erst klingt mir das Wort »Hosianna« in der französischen Version fremd, dann bleibt es haften, sie sprechen es mit vielen n in der Mitte, wiegen sich im Klang. Und nun kommen schon die ersten Fahnenträger, sie stellen sich an der Grotte auf und singen, die Kranken werden einzeln abgefahren, man stellt sie auf den großen Platz in die erste Reihe. Da liegen sie auf Bahren, sitzen auf ihren Stühlen. Hinter ihnen die Massen. Halb vier Uhr. Eine riesige Prozession formt sich, die Spitze steht auf der langen Esplanade, alle haben die Basilika im Rücken – denn sie werden erst den Rasenplatz umschreiten, mit dem Heiligen Sakrament in der Mitte. Oben, die Plattform der Kirche, ist schwarz vor Menschen, die beiden Rampenarme sind frei und leer. Die Träger sperren sie ab. Da kommt die Prozession. Nach der Augenschätzung mögen es vielleicht zehntausend Menschen sein, die Nachprüfung ergibt annähernd die Richtigkeit. Sie schreiten langsam, Gesang schallt, man kann noch nicht hören, was sie singen. In der Mitte des Platzes knien jetzt Priester, sie beten und alle beten nach. »Bienheureuse Bernadette, priez pour nous!« alle: »Bienheureuse Bernadette, priez pour nous!« Der Platz braust. Spricht der Priester da vorn auf dem Platz lateinisch, so fallen alle ein, und die langen Sätze schnurren unter den Bäumen. Beginnt er zu singen, so singen sie mit. »Seigneur, nous vous adorons!« Das ist ein Franzose. Aber da kniet nun ein paar Meter weiter von ihm, schräg, ein Priester der Pilger, und das ist ein Italiener. Und als der seine Stimme erhebt, da verschwindet alles andere neben ihm. Welch ein Tenor –! »Signore –!« Ah –! Durch Mark und Bein geht diese Stimme, sie peitscht die Leute auf, sie singt ganz allein unter den Tausenden. Jetzt ist die Sache in der richtigen Kehle. Da naht die Prozession. Von weitem sieht man die langen Arme schwarzer Priester in der Luft herumfuchteln: sie dirigieren den Gesang, rühren in den Massen. Brennt, Flammen –! Dann kommen sie. Erst die Marienkinder, junge Mädchen in weißen Schleiern, sie singen mit hellen Stimmen. Man dirigiert sie auf die Freitreppe, da bleiben sie eng gedrängt stehen, und ihre weißen Schleier zieren die weiten Linien. Dann die Männer, sie tragen Kerzen in den Händen und singen laut. Das Sakrament. Alles fällt auf die Knie, die Kranken neigen die Köpfe. Der Erzbischof zieht unter dem Baldachin dahin, den ein Mann in Reitstiefeln trägt, davor die Weihrauchkessel, die ununterbrochen geschwungen werden. Nun macht das Sakrament die Runde, und es ist ganz still auf dem großen Platz. Nur zwei Priesterstimmen sprechen ein Gebet. Der goldne Stab wandelt langsam an den Kranken vorüber, zeigt sich, neigt sich... Nasse Augen, wohin ich sehe. Jetzt steht der Bischof unter seiner Geistlichkeit, grade vor dem Haupteingang der Basilika, da fallen die Geistlichen auf die Knie, er hebt die Hand, das Glöckchen klingt... totenstill ists unter den Bäumen. Und nun kommt der eindrucksvollste Augenblick des Nachmittags. Der Gottesdienst hat geendet. Was nun –? Jetzt brodeln die Leute aufgeregt durcheinander, dies ist der große Moment – hat Maria geholfen –? Sie wollen ihr Wunder, sie suchen danach, sie stecken die Köpfe zusammen, die Luft ist geladen vor Erwartung. Aus einer Ecke springt es auf, wer hat zuerst gerufen –? »Un miracle! Un miracle!« Alle laufen, da ist kein Halten mehr. Ein Hauchlaut der Verwunderung ertönt, wie beim Chor im Drama, der mit leisem »Ha –« vor einem Helden zurückweicht... »Un miracle –! Un miracle –!« Im Nu ist die Tür des »Bureau des Constatations« umlagert. Das liegt in einer Seitenwand der Rampe, die Tür ist zugesperrt, denn die Ärzte drinnen wissen, was sich jetzt ereignet. Die Pilger würden die geheilte Kranke zu Boden reißen, sie betasten wollen, ihren Segen wünschen, sich die Kleider teilen zum Andenken. Warten. Viele Frauen schluchzen. In den kleinen Zimmerchen des Bureaus stehn Priester, fremde Ärzte, die Angehörigen. Die Kranke breitet ihre Zeugnisse aus, die besagen, daß und wie sie erkrankt war, sie wird untersucht, befragt, ausgehorcht... Die Kommission ist sehr vorsichtig, sehr skeptisch, sehr behutsam... Nun ja, eine Besserung... Vorläufig wird die Kranke ins Hospital entlassen. Draußen bilden Tausende Spalier und klatschen ihr zu, jubeln; strahlend durchfährt sie die Hecke der Begeisterten und heimst so etwas wie einen persönlichen Erfolg ein. Die Heilige Jungfrau hat sie ausgewählt, hat sie für würdig befunden, sie und keine andre. Die andern werden nun in die Krankenhäuser abgefahren. Diesmal war es mit ihnen nichts. Vielleicht aber kommt noch die Heilung... Ein Zug rollt an mir vorbei. Der Krankenträger, der hier die Ordnung aufrechtzuerhalten hat, trennt sie nach Nationen. »Francais?« fragt er. »Italien?« – Ein schrecklicher Stumpf von einem Menschen sitzt in einem Stuhl, mit ganz großem Kopf, winzigen Gliedmaßen, eine Masse Fleisch. Das Ding nickt mit dem Kopf. Frauen mit wunderlichen Auswüchsen fahren vorbei, manchen hat man Tücher über das Gesicht gelegt, man ahnt nur das Entstellte darunter. Ein rothaariger junger Mensch wird herangefahren, er klappert mit den Zähnen, er hat Fieber, und seine langen gelben Zähne ragen seltsam aus dem spitzen Gesicht. »Francais?« fragt der Krankenträger. »Italien?« Der Fahrer scheint es nicht zu wissen, und der junge Mensch antwortet nicht. Da will der Ordner nach dem Abzeichen sehn. Er lüftet die Decke... Aber das ist eine Frau, die darunter liegt! eine junge Frau mit welken Brüsten, und jetzt hat sie die Augen geschlossen und sich hintenübergelegt und sagt überhaupt nichts mehr. Sie verschwindet im Asyl. Und so kommen noch viele. Die Menge diskutiert die Heilungen, die sich in den Gerüchten minütlich vergrößern, an Zahl, an Schwere, an Kraft des Mirakels. Sehr langsam zerstreuen sich die Massen im Staub der Nachmittagssonne. Für den Abend ist die große Fackel-Prozession angesetzt, kurz nach dem Abendbrot schon laufen alle Leute in Lourdes mit kleinen Fackelchen umher, wie man sie uns auf den Kinderfesten in die Hand gesteckt hat. Blaugedruckte Papierschirme mit dem Bildnis der Jungfrau umhüllen die Kerze. Aber bevor das angeht, sehe ich doch noch etwas anderes. Die Kranken können die Hospitäler nicht verlassen, sie können den Fackelzug nicht verstärken –. Wenn der Pilgerzug groß genug ist, dann versammeln sich manchmal die Angehörigen vor dem großen Krankenhaus und bringen ihren Zug den Kranken dar. Und das ist wohl das Erschütterndste, das ich in Lourdes gesehn habe. Zum Fackelzug wird das »Ave Maria« gesungen. Verfasser und Komponist ist Abbé Gaignet, ein Geistlicher aus der Vendée, er schuf dieses Lied im Jahre 1874. Es hat unzählige Strophen, einfache Vierzeiler aus einer simpeln Melodie, und als Refrain ist ihm das Ave angesetzt, das in der französischen Liedbetonung ungefähr folgendermaßen klingt: Avé Avé Avé Mariaa – Es ist so einfach, daß es ein Kind nachsingen kann. Und da stehen sie nun vor dem Hospital de Notre-Dame-des-Douleurs und singen: Sur cette colline Marie apparut Au front qu'elle incline Rendons le salut: Avé – Avé – Ich darf mit ihnen gehn. In den hohen hallenartigen Krankenzimmern ist helles Licht angezündet. Kerzen aller Art, kleine Tische sind aufgebaut mit beleuchtetem Kirchenschmuck. In den Betten liegen die Kranken und sehen mit glänzenden Augen auf den Zug, der da heransingt. Wir ziehen durch alle Gänge, durch die Korridore, in den Höfen sind wir, wir gehen durch alle Zimmer, durch alle, es soll keiner ausgelassen werden. Ave – Ave – Ave Maria – Auf den Backenknochen liegt hektisches Rot, die Gesichter sind mit Schweißperlen besetzt, der Ausdruck ist fiebrig, aufgeregt ... Ein Kind streckt die Hände nach den bunten Lichtern aus ... Eine alte Frau schluchzt und kann nun gar nichts sehn vor Tränen. Ein Alter liegt mit gekreuzten Händen – ich weiß zufällig, wie er am Körper aussieht – er leidet Schmerzen. Wir steigen die Treppen hinauf, zum ersten Stock, zum zweiten ... Die Mauern hallen vom Chorgesang wider. Wachsbleiche Frauengesichter sehen uns an, es ist so viel Zärtlichkeit in diesen Augen, kraftlose Hände liegen auf Decken, einmal weint ein ganzer Saal. Mir steigt etwas in der Kehle auf. Inzwischen haben sie sich vor der Kirche und um die Kirche versammelt. Auf den Rampen stehen sie Kopf an Kopf, die Plattform ist gedrängt voll, der Platz ist leer, aber weit unten, an der Esplanade, tauchen Feuerfünkchen auf ... Sie fangen an. Und da leuchtet die Basilika, ihre Konturen sind mit Glühlämpchen nachgezogen, ein Scheinwerfer erhellt die Spitze des Turmes, der liegt in bleichem Licht und sieht aus, als verschwinde er in den Wolken, obenauf dem Pic du Jer, einem Berg in der Nähe von Lourdes, blitzt ein Feuerkreuz. Und da setzt sich die Prozession in Bewegung. Hier hört jede Schätzung auf. Es ist einfach ein breiter Lichtstrom, der sich dahinbewegt, die Pünktchen ergießen sich glitzernd über den tiefen Abgrund vor der Kirche. Bevor sie sich auf der Esplanade versammeln, gehen sie über die Plattform, sie ziehen an mir vorbei, und ich höre alle einundfünfzig Strophen des Marienliedes »Espérance« – und »France« kann ich hören, und auch von der Wahrheit wird gesungen ... La France l'écoute Se lève soudain. Et se met en route Chantant ce refrain: Avé – Avé Avé Maria –! Aber nun sind die letzten hier oben vorüber, und der große Feuerzug ist auf dem Platz angekommen. Sie marschieren in Schlangenlinien, sie nähern sich auf dem gewundnen Lichtpfad immer mehr der Kirche ... Und als sie nun alle, alle vor dem Tor der Kirche stehen, wie um Einlaß singend, da zischen einige: Ssss! – es wird einen Augenblick still, und dann steigt das Credo unter den Fackeln zum Himmel. Credo in unum Deum, Patrem omnipotentem ... Sie singen es alle, Männer und Frauen, auswendig, alle die schwierigen lateinischen Worte, die sie französisch aussprechen: Spiritüs sanctüm ... Das steht wie ein Wall da unten. Unerschütterlich, voller Kraft klingt das Credo. Et expecto resurrectionem mortuorum. Et vitam venturi saeculi. Amen. Das ist ein Tag in Lourdes. III. Siebenundsechzig Jahre Vor siebenundsechzig Jahren fing es an. Lourdes war damals »ein Haufe trüber Dächer, von traurigem Bleigrau; so stehen sie da, unterhalb der Straße eng zusammengedrückt«. Taine hat seine Reise im März 1858 abgeschlossen, er kam grade einen Posttag zu früh. Sonst hätte er folgendes beobachten können: In Lourdes lebte zu dieser Zeit eine kleine Müllerstochter, Bernadette Soubirous, sie war vierzehn Jahre alt. Das Kind war immer krank, es litt an Asthma, an Atemnot, an schweren Hustenanfällen. Die Alten hatten viele Kinder und wenig Brot, es ging ihnen nicht gut. Im Sommer hütete die Kleine die Schafe in Bartrès, in der Nähe von Lourdes, bei einer Frau, die ihr Kind verloren und die kleine Soubirous genährt hatte. (Diese Frau ist noch am Leben.) Lesen und schreiben konnte sie nicht – aber an kalten Wintertagen, wenn in den Hütten abends kein Feuer brannte, um zu wärmen, und kein Licht, um zu leuchten, versammelten sich die ärmern Bauernfrauen und ihre Kinder in der kleinen Kirche zu Lourdes, und da erzählte der Curé fromme Geschichten, von göttlichen Erscheinungen, wunderbaren Quellen, Segen und Heilungen der Gebenedeiten – – Die Pyrenäen sind reich an solchen Legenden. Ihnen gemeinsam ist stets: die plötzlich auftauchende Erscheinung, meist eine weiße Frau, sie vertraut dem ahnungslosen Hirten ein gutes Geheimnis an, das der nie verraten darf, sie gibt ihm einen Auftrag, sie zeigt ihm eine Quelle, die Quelle heilt Kranke. Um Lourdes wimmelt es: Unsre Liebe Frau in Barbazan, Unsre Liebe Frau von Nestè, Médoux, Bétharram, Garaison, Bourisp – so viel Namen, so viel Wundererscheinungen, weiße Frauen, Heilquellen, Geheimnisse. In der abendlichen Kirche, wohlgeborgen vor den Schneestürmen, im Flimmer der Kerzen, die die Schatten im Halbdunkel auf Goldgrund tanzen ließen, saß die Kleine und sog in sich auf, was es da zu hören gab. Manchmal war sie traurig: in ihrer Atemnot hatte sie husten müssen und das Schönste nicht gehört. Der Bruder ihrer Ziehmutter war ein Priester, er brachte oft bunte Bildchen mit und auch die Bibel und Heiligengeschichten, die das Mädchen nicht lesen konnte... Aber die Bilder konnte sie betrachten, die schönen Bilder mit der Heiligen Mutter Maria in weißem Gewande, mit den Rosenornamenten als Schmuck, die ihr fromme Maler zu Häupten gesetzt hatten, und sie sah sich diese Bilder gern an. Das, was ihr die Priester an solchen Winterabenden erzählten, war ihr geistiges Leben, denn sie war noch nicht eingesegnet und wußte weiter nichts von Religion als diese vagen und frömmelnden Historien. Da war von Gott- Vater die Rede, von der Heiligen Jungfrau, von Jesus und von der Dreieinigkeit und wohl auch von der unbefleckten Empfängnis. Denn drei Jahre vorher, am 8. Dezember 1854, war von Pius IX. das Dogma der Conceptio Immaculata verkündet worden, das beinahe so viel Aufsehen gemacht hat wie das von der Unfehlbarkeit des Papstes. Diese Tatsache findet sich in der gesamten populären Bernadette-Literatur verschwiegen. Wir werden sehen, warum. Am Donnerstag, dem 11. Februar 1858, fror es in Lourdes, der Himmel war grau, die Bauern machten, daß sie ihre Arbeit draußen beendigten und beeilten sich, in die Hütten an den Herd zu kommen. Der Müller Soubirous brauchte sich nicht zu beeilen: es war kein Holz im Hause. Die Kinder sollten Holz holen. Bernadette ging in die Kälte hinaus, ihre jüngste Schwester Toinette und eine Freundin, Jeanne Abadie, begleiteten sie. Die drei stiegen an den Abhängen herum, überquerten den Bach, der jetzt, abgeleitet, am Eisenbahndamm entlangfließt, und kamen schließlich in die Grotte. Winterstille und Geriesel von trockenem Laub. Da hörte sie ein dumpfes Geräusch. Sie hob den Kopf ... »Ich konnte nichts mehr sagen, und ich wußte gar nicht, was ich denken sollte, denn als ich den Kopf zur Grotte wendete, sah ich an der Felsöffnung einen Busch, aber nur einen, hin- und herschwanken, wie wenn großer Wind wäre. Beinah zu gleicher Zeit kam innen aus der Grotte eine goldene Wolke, und danach: eine junge und schöne Dame, so schön, wie ich niemals eine gesehen hatte. Sie stellte sich an der Öffnung auf, oberhalb des Buschs. Sie sah mich an, lächelte und machte mir ein Zeichen, näher zu kommen, grade wie wenn sie meine Mutter wäre.« Die beiden kleinen Begleiterinnen hatten nichts gesehen, nur allein Bernadette. Erst war es in ihren Berichten »etwas Weißes«, dann eine Dame, dann eine wunderschöne Dame, mit weißem Gewand, blauem Gürtel und gelben Rosen zu Füßen – aber die sprach zunächst nicht, sie lächelte. Bernadette ging immer wieder in die Grotte. Die Mutter wollte das nicht. Die Grotte stand in keinem guten Ruf, Liebespaare pflegten sich dort zu verstecken, und wenn man wieder einmal am Morgen leere Flaschen und sonstige schöne Sachen dort gefunden hatte, stießen sich die Bauern in die Rippen und grinsten: »Heute nacht haben sie wieder Dummheiten in der Grotte gemacht!« Aber Bernadette ging wieder und wieder hin. »Sie« erschien ihr achtzehnmal. Beim drittenmal sprach die Dame. Sie bat die Kleine, während vierzehn Tagen in die Grotte zu kommen. Bernadette versprach das. Und dann: »Trink aus der Quelle und wasch dich in dem Wasser!« – Es war aber keine Quelle da, das Kind kratzte die Erde auf, da lief ein dünnes Rinnsal über die Erde. Die Wunderquelle war geboren. Und später: »Sage den Priestern: sie sollen hier eine Kapelle bauen und in Prozessionen hierherkommen!« Und nun auf inständige Fragen, endlich, endlich: »Ich bin die Conceptio immaculata.« Die Dame, die dies gesagt hatte, sprach das bäurische Platt. »Qué soy ér' Immaculada Councepsiou.« Und da war Bernadette schon nicht mehr allein. Die Sache war durchgesickert, die Polizei mischte sich ein, mißtrauisch, liberal, halb aufgeklärt und durchaus dagegen. Der Priester des Orts war vorsichtig, skeptisch, außerordentlich klug. »Ein Wunder! Ein Wunder!« verlangte er. Und vor der Namensgebung: »Sage deiner Dame, daß ich sie nicht kenne – sie solle sich vorstellen.« Sie stellte sich vor, und nach jeder Halluzination wurde das Publikum größer, der Glaube stärker, die Legendenbildung wilder. Bei alledem hat man sich die kleine Bernadette als ein bescheidnes, artiges, schwächliches Kind zu denken, das kein Wesens aus der Sache machte. Sie hatte einen schweren Stand: der Geistliche wollte nicht heran, die Polizei drohte, sie einzusperren, wenn dieser Unfug nicht aufhörte, und das Dorf verlangte seine Wunder. Ein alter Abbé, der als kleiner Junge sie noch gekannt hat, zeigte mir in Lourdes eine Fotografie, die angeblich an der Grotte während der Ekstase aufgenommen sein soll – ein offenbar gestelltes Bild, ohne jeden visionären Zug in dem kleinen Bauerngesicht. Das arme Ding mit seinen Läusen unter dem Kopftuch, bekam von allen Seiten zugesetzt, es prasselte nur so auf sie herunter: Klagen, Bitten, Beschwörungen, Segenswünsche... Schon wollten einige durch Handauflegen von ihr geheilt werden. Ein Zug, ein einziger in diesen zahllosen Berichten ist rührend, zeigt, wie tief sich die Halluzination in das Kind eingefressen hat und beweist ihre wirkliche Herzensunschuld. Sie hatte dem Steuereinnehmer Estrade und seiner Schwester ihre Geschichte erzählt: »Also, die Dame bat mich, vierzehn Tage lang in die Grotte zu kommen.« – »Sag mal genau, wie sie gesprochen hat!« sagte der Steuereinnehmer. »Die Dame sagte: Wollen Sie so gut sein ...« Und hier unterbrach sich Bernadette, senkte den Kopf und flüsterte: »Die Madonna hat Sie zu mir gesagt...« Und nun gings los. Die Presse nahm sich der Affäre an, die Artikel für und wider setzten ein ohne Ende, und die Polizei ließ die Grotte mit Brettern versperren. Die Gegend stand auf dem Kopf. »Ein Wunder! Ein echtes Wunder! Hat sie nicht von der Conceptio immaculata gesprochen? Aber das Kind hat das Wort nie gehört, kann es gar nicht gehört haben!« – Die Bernadette-Literatur legt auf diesen Punkt den allergrößten Wert. Man kann nur Erinnerungen produzieren, während man halluziniert, sagen sie, (was falsch ist) – dieses schwierige Wort und der noch kompliziertere Begriff seien dem Kinde unbekannt gewesen. Nein, sie waren das nicht. Man wird nun verstehen, warum die Bernadette-Traktätchen so ängstlich darüber schweigen, daß das Dogma schon drei Jahre, ex cathedra verkündet, vorlag. Es war also nicht nur möglich, sondern höchst wahrscheinlich, daß das Kind diesen Ausdruck von den Priestern aufgeschnappt hat, ohne zu begreifen. Und man weiß, wie Latein auf die wirkt, die es nicht verstehen. Die Grotte gesperrt? Streik der Bauarbeiter, Rumor unter den Bauern, die Grotte mußte wieder geöffnet werden. Bis zum Kaiser drang der Lärm, denn nun war aus den Halluzinationen eines kranken Kindes eine hochpolitische Affäre geworden. Kulturkampf? Napoleon III. tat das, was er immer getan hatte: er zögerte. Aber die Kaiserin lag ihm in den Ohren, es war das wohl auch kein casus belli, die innre Politik erheischte Frieden... Er gab nach. Der Polizeikommissar wurde versetzt, der Präfekt von Tarbes wurde versetzt – das Land hatte sein Wunder. Die Prozesse prasselten. Die ersten Heilungen wurden ausgerufen. Denn die Quelle war da, das war kein Zweifel. Jetzt war es eine große Quelle geworden: sie gab zwölfhundert Hektoliter am Tage her. Nun wollen sogar die orthodoxesten Katholiken nicht, daß Bernadette dieses Wasser aus dem Nichts gerufen habe. Der Abbé Richard hielt schon im Jahre 1879 dafür, daß nicht das Kind die Quelle erschaffen habe, sondern Gott – die Kleine habe nur durch das Wunder eine bestehende Quelle entdeckt. Leute, die mit einer Wünschelrute umgehen, wissen etwas von den Prädispositionen gewisser Personen zu sagen, die auf Wasser, Metalle und Steinarten reagieren. Herr Fabisch aus Lyon setzte der Jungfrau eine Statue, eben jene, die heute noch in der Grotte steht. Er ließ sich von Bernadette die Erscheinung beschreiben, war tief gerührt von der weichen Frömmigkeit der Kleinen und lieferte das Äußerste an Talentlosigkeit. Die Statue hat siebentausend Francs gekostet, genau die gleiche Summe zuviel. Als man Bernadette das Werk zeigte, lief sie zunächst fort, ein beachtliches und gutes Zeichen von Kunstverstand. Dann wurde sie beruhigt, noch einmal an die Figur herangeführt, die aussieht, wie wenn sie aus Seife wäre, und man fragte sie: »Ist das deine Jungfrau, so, wie du sie gesehen hast?« – Und sie: »Keine Spur.« Aber Fabisch kassierte ein, und die Priester aus Lourdes stellten auf. Bernadette hatte kein Glück mit den Statuen. In der Ordenskapelle der Schwestern von Nevers zu Lourdes steht eine, von der hat sie gesagt: »C'est la moins laide de toutes!« – Diese Madonna steht da, wo die Kleine bei den Schwestern im Klostergarten herumgehüpft ist, und die Oberin zeigte mir Kloster, Säulenhalle, Garten und eben diese Kapelle. Wenn die kluge und energisch aussehende Frau – Gott verzeihe mir diesen Ausdruck, aber sie sah so aus wenn sie von Bernadette und ihren Wundertaten berichtete, glaubte man, eine Walze rolle ab. Sie sprach wie ein Museumserklärer. Sie hatte das wohl schon so oft erzählt ... Diesen eingelernten Eindruck machten übrigens viele Geschichten, die ich in Lourdes zu hören bekam. Bernadette blieb bei ihrer Familie, und als sie es dort nicht mehr ertragen konnte vor Besuchen, Fragen, Verhören, Freunden und Feinden, die sie alle, alle sehen wollten, als sie immer und immer wieder ihren Bericht erzählen mußte, brachte man sie ins Hospital. Das hatte noch einen andern guten Grund: das Mädchen kränkelte. Im Krankenhaus wurde sie zunächst gepflegt, die Besuche wurden ferngehalten, später verrichtete sie Arbeiten in der Küche und machte sich auch sonst nützlich. Die Kirche rechnet mit Jahrhunderten und in eiligen Fällen mit Jahren. Erst vier Jahre nach diesen Erscheinungen, am 18. Januar 1862, erschien der große Hirtenbrief des Bischofs von Tarbes, des Monseigneurs Bertrand-Sévère. »Ja«, sagte der Brief. Kollekten, Gläubige, Kirchenbauten, Zusammenlauf aus aller Welt. Die Pilgerzüge setzten in voller Stärke ein. Im Jahre 1867 waren es schon 28 000 Menschen, die kamen. Das Wunder war im Gang. Das ging nicht ohne die bösesten Zänkereien ab. Der Curé von Lourdes bekam den Monseigneur-Titel, aber das tröstete ihn wenig, er fühlte sich zurückgesetzt; die Orden bekriegten sich bis aufs Messer, warfen einander Habsucht, Neid, Mißgunst und übergroße Geschäftstüchtigkeit vor, und auch die Einwohner wüteten umher. Die Kirche hatte in kluger Voraussicht die Grundstücke gekauft, die der Grotte gegenüberlagen, um alle neugierige Nachbarschaft zu vermeiden. Welches Geschäft war den Lourdesen da aus der Nase gegangen –! Was wäre das gewesen –! »Hotelzimmer mit direkter Aussicht auf die Wundergrotte und alle Zeremonien! Abends Dancing!« Ein Jammer. Es roch nicht gut zum Himmel, was da aufstieg. Und dann war da diese kleine Bernadette, die der Anstrom der Neugierigen immer noch suchte. Eine unangenehme Konkurrenz, dieses Werkzeug Gottes ... Sie durfte fernerhin nicht mehr in Lourdes leben – vor allem: unter gar keinen Umständen durfte sie dort begraben liegen. Nur keine Ablenkung! Sie lebte auch nicht mehr da, sie starb nicht da. Man hat sie nach Nevers gebracht, einer kleinen Stadt südöstlich von Orléans, in das Mutterkloster des Ordens des Soeurs de la Charité de Nevers, und dort erlosch sie im Alter von fünfunddreißig Jahren. Sie hat keine Wunder mehr angezeigt und auch keines tun wollen, sie war eine schwächliche Person, die in Ruhe leben und sterben wollte. Sie ist sehr krank gewesen. Jetzt, zu ihrer Seligsprechung im vorigen Jahr, haben sie sie exhumiert: der Körper war gut erhalten, ihr linkes Auge, das der Erscheinung zugewendet war, soll offen gewesen sein, ihr Grab so nach Blumen geduftet haben, daß – wie in Lourdes erzählt wird – Briefe, die dort gelegen hatten, dufteten ... Man hat sie in einem Glassarg ausgestellt, es kommen viele Gläubige. Ich habe eine Reliquie geschenkt bekommen, ein Stückchen von ihrem Totengewand. Eine Heilige –? Noch nicht. In Lourdes wird ein alter Mann aufbewahrt, es ist ihr Bruder, der einen Andenken-Laden hatte und sich vorzeitig vom Geschäft zurückgezogen hat. Er empfängt viele Besuche, will aber keine haben – er ist ein stiller und ruhiger, etwas bäurischer Mensch. Nein, ich habe sein Ruhebedürfnis geehrt und ihn in Frieden gelassen. Er weiß auch nicht viel von damals zu vermelden – er war sieben Jahre alt, als Bernadette ihre Erscheinungen hatte. Aber wenn er einmal gestorben sein wird, und wenn alle persönlichen Erinnerungen verflogen sind, wenn die Gestalt der kleinen Bernadette weit, weit hinten im grauen Nebel der Geschichte verschwindet –: dann wird sie heilig gesprochen werden. Die Kirche ist so klug ... Denn über Bernadette Soubirous, die Müllerstochter, kann man heute noch kleine persönliche Bemerkungen machen, sie ist zu nah –. Jeanne d'Arc aber ist heilig und entlockt selbst einem so wilden Spötter wie Bernard Shaw – außen Stacheldraht, innen Gummibonbon – ein schönes Pathos. Das ist die Geschichte der seligen Bernadette, zu der Hunderttausende in Lourdes beten. Tagaus, tagein... Aber immer andre. Denn das ist das Gefährliche an der Sache: tagaus, tagein darf man dergleichen nicht sehen. Der Mechanismus wird sichtbar... Jede pélerinage ist höchstens vier, fünf Tage in Lourdes, und das ist sehr gut eingerichtet. Der längere Aufenthalt geht auf Kosten der Intensität. Man sieht zu viel. Man sieht: Die Ausstattung in den Kirchen. »Aber das übersteigt die kühnsten Träume. Mit Kunst, selbst mit Kunst in ihrer niedrigsten Entartung, hat das hier überhaupt nichts zu tun. Das ist nicht einmal schlecht...« Nein, es ist grauslich. »Das ist alles so häßlich! Wenn es wenigstens naiv wäre – aber leider: grade das ist es nicht.« Das sagt ein Freigeist? ein frecher Aufklärichtsmann? ein Kerl, der vom Katholischen nichts versteht –? Ach, es ist J.-K. Huysmans, dessen »A rebours« Oscar Wilde zum Dorian Gray angeregt hat, der in den Schoß der Kirche zurückgekehrte, reuige Sünder. Und der muß es ja wissen. Er erklärt sich auch den Jammer dieser Geschmacklosigkeiten. »Unzweifelhaft: solche Attentate können nur den rachsüchtigen Possen des Dämons zugeschrieben werden. Es ist das seine Rache gegen die, die er verabscheut...« Sein Buch »Les Foules de Lourdes«, eines der interessantesten Dokumente über diese Stadt, ist das Zeichen eines beklagenswerten Geisteszustandes, mit vielen lichten Momenten. Er beobachtet außerordentlich scharf – aber alle seine Schlußfolgerungen sind falsch. Der Teufel –? Hier irrt der Großpapa Dorian Grays; es ist nicht der Teufel, der Lourdes so scheußlich gemacht hat. Es ist der Bürger. Lourdes ist ein einziger Anachronismus. Diese organisierten Pilgerzüge mit der Eisenbahn und dem ermäßigten Billett, diese elektrisch erleuchtete Kirche, die aussieht wie ein Vergnügungslokal auf dem Montmartre, der grauenhafte Schund, der da vorherrscht – nicht nur in den dummen Läden, sondern in den Kirchen selbst – diese unfromm bestellten Altäre, Schreine, Ornamente, Decken und Beleuchtungskörper –: es ist die Industrie, die das nicht mehr leisten kann. In Carcassonne steht in der Kathedrale ein altes Taufbecken, das ist siebenhundert Jahre alt, und man möchte davor knien, so fromm ist es. Aber der, der es gemetzt hat, hat geglaubt, er hat seinen Glauben in den Stein versenkt; er machte ein Geschäft, indem er ihn lieferte, gewiß – aber es war doch ein Taufbecken, und der Mann wußte sehr wohl, was er da unter den Händen hatte, und was es galt. Heute –? »Und liefern wir Ihnen einen Posten Taufbecken Ia Qualität zu besonders kulanten Bedingungen.« Es ist aus. Die kirchliche Kunst kopiert sich selber, und wenns gut geht, sind die Kopien wenigstens anständig. Die Versuche, zu modernisieren, mißlingen kläglich – zwischen Erfrischungsraum im Warenhaus und Bahnhofshalle ist da keine Dummheit ausgelassen. Gefühle kann man nicht herstellen. Daran sind übrigens die Juden schuld. Huysmans: »Die Priester sollten daran denken, wie sehr heutzutage das jüdische Element unter den Verkäufern von frommen Andenken dominiert. Getauft oder nicht: es hat den Anschein, als ob diese Kaufleute, neben der Sucht, Geld zu verdienen, nun auch das unfreiwillige Bedürfnis verspürten, den Messias noch einmal zu verraten: indem sie ihn in einer Gestalt verkaufen, die ihnen der Teufel eingeblasen hat.« Da kann man nichts machen. Solch ein Wunderglaube, dessen Form die absolute Herrschaft der Kirche zur Voraussetzung hat, ihre Herrschaft besonders über die Finanzmächte der Länder – und dann diese Zeit: es ist eine Dissonanz der Epochen, die hier aufeinanderstoßen. Es klingt nicht. Und Kunstwerke bringt so etwas schon gar nicht hervor. Und weil alles auf der Welt ein greifbares Symbol findet, so leuchtet abends die Basilika, oben strahlt das Kreuz in der Luft auf dem fernen Berge – und heller als alles andre brennt sich eine Flammenzeile in den dunklen Nachthimmel: Hotel Royal Unten klingt das Credo. Keine Zeit hat solche Sehnsucht nach Verkleidung wie die, die keine hat. Ja, man sieht zu viel. Treibe dich vierzehn Tage in der Stadt herum, und du fühlst nie mehr nasse Augen, aber manchmal ein verdächtiges Zucken im Gesicht. In den Läden klingelt das Ave Maria, das einmal so schön geklungen hat, im Bauch von Heiligen Jungfrauen, die man innen erleuchten kann, Ansichtskarten, Bilder, Rosenkränze sind von auserlesner Scheußlichkeit ... Nebenerscheinungen? Ich weiß doch nicht. Die Pilger fassens nicht so auf. Und während ich mich in Rumänien so oft gefragt habe: »Wo, in aller Welt, kann man nur einen solchen ausgemachten Plunder kaufen?« – Jetzt weiß ich es. Ich sehe: Die fetten Bischöfe, die hier Gastspiele geben, und die andern, die hier zu Hause sind – man sagt ihnen Schauspielergesichter nach, man müßte das differenzieren. Da gibt es ältere Heldenspieler, denen das Tripelkinn tragisch auf den Ornat fällt, da gibt es Bonvivants und Väterrollen, und einer sah aus wie ein listiger, verschmitzter Komiker – es hätte mich keinen Augenblick gewundert, wenn er die Soutane an zwei Zipfeln angefaßt und ein Couplet getanzt hätte. Ich gehe durch die Verkäufer am Gitter, wo sich der dürre Gebetlaut von drinnen fortsetzt, aber hier ist es kein Latein, sondern: »Les cierges – les cierges – les cierges –« und »Vanillevanillevanille ...« Soll ich ihnen etwas abkaufen? Wenn ich sparsam sein will, tue ichs nicht. Denn im Hotel hing eine Tafel. Pilger ... welch altes, schweres Wort. Man denkt an Männer mit Barten und großen Stöcken, mit einem Bettelsack und einem Heiligenschein um den Kopf ... »Die Herren Pilger«, stand im Hotel, »die ihre Einkäufe an Andenken im Laden des Hotels machen, erhalten eine Ermäßigung von 50 Prozent.« Hierauf sehn sich freudig an, Pilgerin und Pilgersmann. Und ich sehe: die Brancardiers. Die Krankenträger leisten eine aufopfernde Arbeit. Es sind sämtlich Freiwillige, sie bekommen keinen Franc Bezahlung. Ihr Dienst ist unendlich ermüdend, er erfordert sehr viel Körperkraft, sehr viel Geduld, sehr viel Hingabe. Ihr Benehmen zu den Kranken ist rührend. Aber der angenehme Umstand, daß in allen Prozessionen und bei allen Veranstaltungen niemals ein Schutzmann zu sehen ist, wird dadurch aufgewogen, daß gewisse Träger sich schlimmer benehmen als acht Polizisten zusammen. Sie teilen ein und ordnen an, sie geben Befehle und sind nervös, lassen die Kranken in Frieden, aber treiben die Gesunden zu Scharen, obgleich das gar nicht nötig wäre – kurz: manche unter ihnen spielen die Rolle des dummen August, der herumwirtschaftet, während andre arbeiten. Da waren so schnurrbartgezwirbelte Gesichter, die krähten – Huysmans hat mal einen sagen hören: »Wir werden jetzt die Heilige Kommunion austeilen!« – mir war sonderbar zumute, als ich sie herumtanzen sah – das hatte ich doch schon einmal im Leben gesehen ... »II y a beaucoup d'anciens officiers parmi eux!« sagte mir ein Abbé. Da, über den Eisenbahndamm, fahren die Züge, da flattern die weißen Tücher zur Begrüßung und zum Abschied, und sie singen während der Fahrt, nach dem Wort eines katholischen Dichters, nicht als ob es nach Lourdes, sondern als ob es ins Fegefeuer ginge. Und so vieles hiervon steht bei Huysmans. Sein Fanatismus hat ihn, den Frischbekehrten und also lächerlich Überhitzten, nicht gehindert, in Lourdes die Augen aufzumachen. Auf einen Teil der schwarzen Flecke hat er mich erst aufmerksam gemacht, und wenn ich zögerte, mir Luft zu machen, so stärkte mich ein Blick in sein Buch. Da stands noch viel schlimmer. Aber freilich: er glaubte an das Wunder. Sein Resumé sieht so aus: »Das steht fest: in Lourdes erreichen wir die letzten Niederungen der Frömmigkeit.« Sowie: »Lourdes ist ein riesiges Krankenhaus auf einem ungeheuern Jahrmarkt. Nirgends sonst gibt es einen solchen Tiefstand von Frömmigkeit, von Fetischismus bis zu postlagernden Briefen an die Heilige Jungfrau ...« Man darf nicht verweilen. Man sieht zu viel. (Aber nirgends sieht man Betrunkene, nirgends Leute, die in den Lokalen juchhein.) Tagaus, tagein Prozessionen, Menschenversammlungen, Fackelzüge ... nach dem achten Mal spürt man die treibende Macht und die Räder. Und zu allen diesen Prozessionen, Menschenanhäufungen, Fackelzügen ist zu sagen, daß meine Generation den Krieg gesehen hat, wo sich oft Zehntausende auf einem Platz zusammenballten oder im Karree aufgestellt waren – zur Schlachtung. Der Respekt vor der Quantität an sich ist vorbei. Und wenn es nicht meine eigne Sache ist, die da durch eine Menschenmenge gefördert oder bekämpft wird, wenn es mich nicht berührt, was die vielen Lichter aufflammen läßt – dann greift es mir nicht ans Herz, und ich müßte lügen, wenn ich mich in den Strom der Begeisterung stürzte. Das Faktum allein, daß dreißig- oder vierzigtausend Menschen zusammenkommen, ist mir gleichgültig. Ja, wenn es der Weltfriede wäre, den sie da mit Gesang und Fackellicht verlangten! Wenn es ein einziger, tobender Protest gegen den staatlichen Massenmord wäre, ausgestoßen von Müttern, Witwen, Waisen... ich hätte wahrscheinlich geweint wie ein kleines Kind. So aber schlug keine Quantität in die Qualität um. Man sieht zu viel. Man sieht, bei längerm Aufenthalt, wie es gemacht wird, sieht am Häuschen hinter der Basilika die Aufschrift »Hommes« – »Femmes« und »Cabinets Reservés«, wonach also zu schließen wäre, daß die Geistlichen, denen man sie reserviert hat, weder Männchen noch Weibchen sind... Man sieht die Kinoplakate an den Ecken, Fanale eines unentrinnbaren Zeitalters. Dies ist anders als der Jahrmarkt, der auch im Mittelalter jede religiöse Zeremonie und jede Hinrichtung begleitet hat. Dies hier ist mehr, selbständig richtet es sich neben der Kirche auf. Mady Christians, muß ich hier dich wiederfinden –? Wahrhaftig, da hingst du. Oh, man hat auch religiöse Filme. Da läuft zum Beispiel ein Bernadette-Film, der in seiner Herstellung, mit seinen Schauspielern und Dekorationen an die dunkeln Filme gemahnt, die man vor dem Kriege in Budapest herzustellen pflegte ... Er ist über die Maßen schauerlich. Der Vortrag des jungen Abbé aber ist es gar nicht, und die Worte, die er zum Film spricht, stehen an Geschicklichkeit, berechneter Wirkung und Wirksamkeit tausendmal über dem Schund. (Man will übrigens einen neuen Bernadette-Film herstellen.) Der Abbé läßt es nicht an freundlichen Beschimpfungen derer fehlen, die nicht an Wunder glauben, und fordert jeden auf, ungestört seine gegnerische Meinung hier zum Ausdruck zu bringen. Kenner der Materie entsinnen sich des Geschreis, das es einmal gegeben hat, als die französischen Freimaurer als Demonstration einen ihrer Kongresse in Lourdes abhalten wollten. In solchen Fällen ist ja wohl der Staat nicht in der Lage, die öffentliche Ordnung zu garantieren. Und wenn man diesen Film hinter sich hat, darf man das »Römische Museum« ansehen, ein Wachsfigurenkabinett mit wilden Löwen, zerrissenen Christen und einem herrlichen Erklärer. Er redete wie eine Gebetmühle. Der Bruder der seligen Bernadette sei zwar kein Römer, aber er kenne ihn gut: der Mann habe seine Schwester niemals richtig geschätzt, nein, nein. Da sagen sie, sie liege in Nevers begraben ... Er, der Erklärer, wisse mehr – er dürfe nur noch nicht darüber reden. Schade. Die einzig wirkliche Erholung sieht anders aus. Oben, auf einer Anhöhe, liegt das Schloß, darin das Pyrenäische Museum. Es ist das schönste Museum, das ich in den Bergen gesehen habe – weil es klug angelegt ist. Das französische Provinzmuseum steht auf keiner sehr hohen Stufe, es hat herrliche Kunstwerke, aber die Stücke werden nicht immer gut präsentiert. Hier aber in Lourdes hat ein kunst- und landeskundiger Mann, Herr Le Bondidier, die bäuerlichen Gerätschaften, die Bilder, gute Diapositive, Bücher und Kinderspielzeug, Pilgermünzen und Andenken so fein geordnet, mit einer solchen Liebe aufgebaut, daß einem das Herz im Leibe lacht. Ich konnte mich gar nicht trennen. Die kleinen Burgzimmerchen haben Nummern, die den Besucher ohne Katalog automatisch durch das ganze Schloß führen, und was man sieht, geht einen etwas an, steht hübsch da, langweilt nicht. Herrn Le Bondidier habe ich in seinem Büro besucht. Er erinnert im Aussehen – o ihr Rassenphysiologen! – etwas an Wilhelm Raabe. Er darf sich rühmen, die schönste Aussicht von ganz Lourdes zu besitzen: sein Arbeitszimmer geht grade auf die Basilika – drei riesige große Fensterbögen zeigen ihm von hoch oben Kirche, Massen, Prozessionen und Fackelzüge. Die Wände sind mit hellbraun getöntem Holz getäfelt, bunte baskische Bilder hängen da ... endlich, endlich einmal einer, der nicht in Directoire- Stil sitzt und nicht in Louis I-XVI. Als der hochgewachsene Mann, von dem im Museum eine lustige Karikatur als Bergsteiger, der alles bei sich hat, hängt – als er das Zimmer einen Augenblick verläßt, sehe ich auf die Bilder an den Wänden – – und finde etwas. Da reitet ein dunkler Reiter durch blutige Nacht, hinter ihm ballen sich erschreckte Massen, der Reiter hat etwas auf dem Kopf, das ist ein Kürassierhelm, und als ich genau hinsehe, entdecke ich die zwei Schnurrbartspitzen. »Kain« steht darunter. Es ist immer hübsch, wenn ein Volk durch seine Fürsten gut im Ausland repräsentiert wird. Und wieder hinunter nach Lourdes. Da rollt der Betrieb ab – der kirchliche und der kaufmännische. Bei Huysmans habe ich gelernt, daß es Ungläubige und Freimaurer aller Grade sind, die da ihre Geschäfte machen – es ist ganz schrecklich. Aber diese wilde Rotte nimmt den Pilger nicht einmal sehr hoch – die Preise sind nirgends unverschämt, wenn auch nicht niedrig. Selbst die Stadt will ihre Position nicht ausnutzen: sie beansprucht keine Beherbergungssteuer (taxe de séjour), verzichtet so auf Millionen und ist nur eine mäßig begüterte Gemeinde. Das hat seinen Grund: Lourdes ist eine Stadt der kleinen Leute. Der Tourist ist sofort kenntlich – er gehört meistens den »besser gekleideten Ständen« an, wie Tante Julia das nennt, in den Pilgerzügen aber dominieren Bauern und Küstenfischer der Bretagne und kleines und kleinstes Kleinbürgertum: Gärtner, Dienstmädchen, Portiers, kleine Beamte, Handwerker. Das sind nicht die Gesichter organisierter Industriearbeiter. Das nicht. Und wenn die feinen Leute dabei sind, dann in einer so aufdringlich aufreizenden Form ... Nach dem Allerheiligsten in den Prozessionen gehen sie, da sah ich den Herrn Grafen und den Herrn Baron und dessen Söhne und so vornehme Herrschaften ... Sie gingen in einer kleinen Gruppe, für sich, fromm erster Klasse. Vor Gott sind alle gleich, gewiß, aber man muß das nicht übertreiben. Es sind nun Leute von so vielen Nationen da, aber es ist immer derselbe Typus, der bäuerliche und kleinbürgerliche. Besonders die Frauen erinnern an Klatsch im Schlächterladen, an kleine Schneiderinnen, an Hebammen ... Jede Nation hat ihre Eigenart; jemand beklagt sich über die »Engländer, die alles für sich haben wollen, die besten Plätze, die Spitze bei den Prozessionen« – und die dann nach ein paar Tagen die ganze Geschichte satt bekommen und Ausflüge in die Umgebung machen. Polen, Italiener, Spanier, Belgier, Holländer, Franzosen vieler Provinzen ... es ist alles da. Und alle aus derselben Schicht. Es riecht nach Muff, nach unaufgeräumten Schlafzimmern, nach jenem Typus, der in Europa nicht leben und nicht sterben kann, nach kleinem Mittelstand, der nicht weiß, daß ers ist. – Der bestimmt die Atmosphäre in Lourdes, der gibt das Tempo an, auf ihn sind Vergnügungen, Hotels, Romantik, Prozessionen zugeschnitten. Es ist die Stadt der kleinen Leute. – Aber die Heilung –? IV. Der Sardellenkopf »Man kann auch zum Kopf einer Sardelle beten, es kommt nur auf den Glauben an.« Japanisches Sprichwort Durch eine Wallfahrt nach Lourdes kann man organische Krankheiten heilen. Das ist der Fundamentalsatz der Gläubigen. Erklärt wird er nicht. Bewiesen werden soll er durch das Bureau des Constatations Médicales. Dieses Bureau besteht aus einem Chefarzt sowie mehreren andern Ärzten, die in Kommissionssitzungen die Heilungen prüfen und späterhin beglaubigen. Fremde Ärzte werden mit der größten Bereitwilligkeit zugelassen; sie dürfen an allen Sitzungen teilnehmen und bekommen Einsicht in alle Akten. Niemand wird gezwungen, sich dem Bureau vorzustellen – wer sich geheilt glaubt, stellt sich selbst vor. Das Bureau des Constatations ist vorsichtig, die Presse ist es minder. Die klerikalen Blätter, deren Verkäufer auf den Straßen von Lourdes schreien wie die Zahnbrecher, sind mit einem Wunder schnell bei der Hand. Die »Annales de Lourdes« und »La Revue de Lourdes« sind ernster zu nehmen, beide strotzen von pseudowissenschaftlichem Ernst und zelotischem Eifer gegen die, so nicht glauben. Sämtliche persönlichen Anwürfe gegen die Mitglieder des Bureaus halte ich für falsch. Der törichte Vorwurf, sie seien bestochen, wird ja heutzutage kaum noch erhoben. Ganz abgesehen davon, daß die Ärzte, die dort tätig sind, den Eindruck rechtlicher und anständiger Männer machen und es sicherlich auch sind: bestechen ...! Die katholische Kirche ist viel zu klug dazu. Nur der Unbegabte stiehlt – der Kluge macht Geldgeschäfte. Es darf auch nicht gesagt werden, daß diese Ärzte etwa zu gutgläubig wären – die sehr kluge Praxis des Bureaus ist: Skepsis. Mächtige Waffe der katholischen Kirche gegen die Zweifler: dieses Bureau ist so streng in seiner Nachprüfung, daß die Kranken ihm den Spitznamen »Bureau des Contestations« gegeben haben: Bestreitungsbüro. Und hat nicht eine Frau nach langem ärztlichem Examen aufgeschrien: »Dieser Mensch, der mir da gegenübersitzt, ist sicherlich ein Freidenker – er glaubt nichts!« – Der Mann war der verstorbene Chef-Arzt, Herr Boissarie, ein frommer Katholik. Also die Praxis ist es nicht. »Lourdes ... wer glaubt denn das schon –!« Die Sache ist wohl nicht damit abgetan, daß man durch die Nase bläst, ein in Norddeutschland sehr beliebtes Argument. »Ich kenne keinen Menschen, der noch solches Zeug ...« Du kennst keinen? Aber du vergißt, daß es nicht die andern sind, die die Ausnahme bilden, sondern du, du selbst, Freigeist oder Faulgeist oder wirklich Überlegner – du bist es, der auf einer großen Insel sitzt. Nach Lourdes sind gewallfahrt: 1873 ....... 140 000 1883 ....... 213 000 1908 ....... 401 000 nach dem Kriege jährlich etwa ....... 5-800 000 Das sind die Zahlen der offiziellen Wallfahrer; Einzelpilger, Touristen, Neugierige sind nicht einbegriffen. Bisher mögen etwa zwölf Millionen Pilger dort gewesen sein. Das ist ein Welterfolg. Kommen nun in Lourdes übernatürliche Heilungen vor –? Ich behaupte: Das Bureau des Constatations ist in der Mehrzahl der Fälle überhaupt nicht in der Lage, eine Heilung festzustellen. Die Konstatierung einer Heilung ist eine Vergleichung: die des Zustandes vor dem Wunder mit dem Zustand nach dem Wunder. Nun: das Bureau kennt den Zustand vor dem Wunder gar nicht. Da es undurchführbar wäre, die Hunderttausende von Kranken vor dem Bad in den »piscines« zu untersuchen, so stellt sich der angeblich Geheilte, den das Bureau nun zum ersten Mal zu sehen bekommt, mit einem Attest vor. Der Geheilte kommt also mit dem Zeugnis fremder Ärzte, die besagen, was ihm gefehlt hat. Nun untersucht das Bureau den Kranken nach der Heilung, kennt also nur die eine Seite des Waagebalkens. Denn wer sind diese attestierenden Ärzte –? Professoren? Kleine Landdoktoren? Welchen wissenschaftlichen Wert haben sie –? Wann sind diese Atteste ausgestellt –? Diese Atteste sind wochenlang vor der Heilung ausgestellt, in den seltensten Fällen eine Woche vorher. Aber jeder Kurpfuscher sieht seine Kranken vor und nach den Praktiken und ist wenigstens in den Zeitangaben gedeckt, wenn er sich bescheinigen läßt: »Nach Ihrer Behandlung fühle ich mich bedeutend besser.« Und die behandelnden Ärzte zu Hause sehen die Kranken erst nach Wochen wieder, frühestens nach einer – also auch sie vermögen wenig von der exakten und sofortigen Wirkung der Wallfahrt auszusagen. Die Statistik ist so minutiös – sorgfältig gibt das Bureau des Constatations an, wieviel fremde und wieviel französische Ärzte dort gewesen sind ... Aber das besagt gar nichts – denn sie können ja nichts sehen. Man öffnet ihnen alle Türen – aber es gibt wenig zu beobachten. Was sie untersuchen, sind kranke Männer und Frauen in einem bestimmten Zustand – was vorher war, wissen sie nicht aus eigenem Augenschein. Die populäre Literatur wimmelt von Fotografien der Geheilten – eine Beweisführung, die etwa an die plattdeutschen Märchen denken läßt, in denen jemand vom Gnomenfürsten träumt, der da auf dem morschen Ast ritt und dann herunterpurzelte. »Und zum Beweis dessen, daß die Geschichte wahr ist – hier ist der Ast.« Natürlich kämpfen die Lourdes-Leute wie die Mamelucken für ihre Sache. Und das ist nun ausnahmsweise kein Wunder. »Ce que l'amoureux fait pour sa maîtresse«, sagt Sighele einmal, »l'artiste le fait pour son art, le savant pour sa science, le sectaire pour la secte.« Und sie passen auf –! Ein kleiner Irrtum des Zweifelnden, ein Versehen des Kritikers im winzigsten Nebenumstand, und es erfolgt ein allgemeines Schütteln des Kopfes. Da seht ihrs –! Der Mann ist nicht exakt, also nicht glaubwürdig, also haben wir recht. So wird hier gekämpft. Worum wird gekämpft –? Die offiziellen Zahlen der Heilungen sind verhältnismäßig klein. 1858 27 } gänzlich unkontrolliert. Das Bureau besteht erst seit 1884 1864 3 } 1874 31 } 1883 145 } 1893 101 1903 133 Die Zahl für 1924 wurde mit 22 angegeben. Im Jahre 1925 wird sie aller Voraussicht nach noch geringer sein. Unter den Propagandaberichten finden sich ein paar besonders schöne Fälle. Da ist Herr Gargam, der im Dezember 1899 bei einem Eisenbahnzusammenstoß böse verletzt wurde: Fleischwunden, Schlüsselbeinbruch, Lähmung und Muskelsteife des gesamten Unterkörpers vom Gürtel an. Man hat große Schwierigkeiten, ihn überhaupt zu ernähren. Die Schadensersatzklage gegen die Eisenbahngesellschaft Paris – Orléans führt zum obsiegenden Urteil: 3000 Francs jährliche Rente, die später auf 6000 erhöht wurde, sowie eine einmalige Auszahlung von 6000 Francs. Am 12. August 1901 verzichtet die Gesellschaft auf weitere Rechtsmittel und erklärt sich bereit, zu zahlen. Acht Tage später, am 20. August, ist Herr Gargam in Lourdes unter den Geheilten. Da ist Frau Rouchel aus Metz, einer der bösesten Fälle von Lourdes. Die alte Frau litt an einem Lupus, ihr Gesicht war entsetzlich entstellt, es bestand aus einer einzigen Wunde. Sie kam am 4. September 1903 nach Lourdes; eine grauenhafte Qual, sie anzusehen, eine Plage für die Nachbarn. Die Wunde roch stark und eiterte. Sie wußte, daß sie allen lästig fiel und wollte nicht im Menschengetümmel bleiben, das stets vor ihr zurückwich; sie flüchtete sich in eine kleine Seitenkapelle der Kirche. Als das heilige Sakrament an ihr vorbeikam, fiel ihr Verband, mit Blut und Eiter getränkt, auf ihr Gebetbuch. Als sie ins Hospital zurückkam, war sie geheilt. Mirakel –! Nachschrift: Frau Rouchel starb im Krankenhaus zu Bondecours mit völlig zerfressenem Gesicht. Und das war kein Lupus. Es war das tertiäre Stadium der Syphilis, von der ihr Arzt in dem Attest aus Gefälligkeit nichts gesagt hatte. Sie hatte beide Krankheiten. Die Geschichte machte in Metz einen Höllenspektakel, der Arzt wurde von seinen Kollegen fallengelassen, die alle sehr wohl wußten: daß solche Erscheinungen des tertiären Stadiums oft ebenso rasch verschwinden, wie sie gekommen sind. Und so gibt es noch viele. Die Kirche verlangt nun von einem Wunder, damit sie es als Wunder ansehe: Keine nervöse Erkrankung. Unmittelbarkeit der Heilung. Der Ausschluß der Hysterischen ... das ist nicht immer so gewesen. Denn es ist ja unzweifelhaft, daß der größte Teil der Wunderheilungen im Mittelalter Neurastheniker, Hysteriker, Hysterische, Nervöse betraf – gaben die sich für geheilt aus, so sah man sie als begnadet, ausersehen und durch Gott und die Jungfrau geheilt an. Seit die Wissenschaft dieses Feld besetzt hat, hat es die Kirche geräumt. Sehr früh schon – etwa um 1734 – hat der Kardinal Prospero Lambertini, der spätere Papst Benedict XIV., davor gewarnt, Nervöse in die Wundergeschichten einzubeziehen. Was aber wäre, wenn die Psychologie und die Psychiatrie den nervösen Krankheiten nicht so nah gerückt wäre –? Die Kirche nähme diese Kranken noch heute für sich in Anspruch. Denn vorläufig schwerer angreifbar steht sie auf dem kleinern Feld, das ihr geblieben ist: auf der wunderbaren Heilung organisch Kranker. Da läßt sie sich nichts abhandeln. Sie verlangt nur Unmittelbarkeit der Heilung. Von einer Unmittelbarkeit kann nun zunächst in keinem Fall die Rede sein. Bechterew sagt einmal, als er in seiner »Bedeutung der Suggestion für das soziale Leben« von Wunderheilungen spricht: »Der Boden für zukünftige Heilungen beginnt sich bereits in dem Augenblick vorzubereiten, sobald der Kranke zum erstenmal das Gerücht von der Wunderkraft des Heiligtums vernimmt und in seiner Seele der erste Hoffnungsfunke entfacht ist.« Reißt also ein aufgegebner und scheinbar unheilbarer Kranker sein letztes Willensreservoir zusammen und beschließt, nach Lourdes zu gehen, so beginnt der seelische Prozeß in diesem Augenblick, wochen-, vielleicht monatelang vor der Reise. Das später ausgestellte Attest besagt wenig. Nun tagt die Kommission in Lourdes. Aber was sind denn das für Ärzte –! Ich habe mehr als hundert Befunde und Bescheinigungen dieser Leute gelesen, und ich muß sagen, daß mir so etwas noch niemals unter die Finger gekommen ist. Sie haben eine Heilung unter den Augen, sie sehen sie, sie können die neu funktionierenden Organe befühlen, radiographieren – – und sie setzen an den Schluß aller ihrer Zeugnisse: »Solche Heilungen kommen in der Medizin nicht vor – sie haben also übernatürlichen, keinen medizinischen Charakter.« Das unglückselige Wort Richets von der Unwandelbarkeit der physikalisch-chemischen Gesetze, so recht ein Zeugnis von Kurzatmigkeit des Verstandes, flachstem Glauben an die Unfehlbarkeit der Wissenschaft und leiser Überheblichkeit, das Wort, noch dazu aus seinem Zusammenhang gerissen, hat denen in Lourdes grade noch gefehlt. Und hierin gleicht Richet zu seinem Nachteil gar nicht den Theologen, und Rousseau hat allen Mathematik-Orthodoxen dies ins Stammbuch geschrieben: »Tout au contraire des théologiens, les médecins et les philosophes n'admettent pour vrai que ce qu'ils peuvent expliquer, et font de leur intelligence la mesure des possibles.« »Dieses Rückenmarksleiden wird niemals von uns geheilt – also ist es nicht heilbar. Ein Wunder! Ein Wunder!« Ein Wunder von Ärzten. Aber dann macht doch die Augen auf, wenn ihr dergleichen seht –! Ihr habt solche Heilungen noch nie beobachtet? Dann steckt die Nase in die Bücher, lernt etwas und denkt nach, warum doch geheilt worden ist, auf welchem Wege, durch welche Einwirkungen ... Zu grobfingrig, um diese Gewebe aufzudröseln, transponieren sie Kräfte, die sie nicht kennen, nach außen, und die Mutter Maria steht in aller Pracht vor ihnen. »Kräfte, die sie nicht kennen ...« Ach, dieses Wort darf man in Lourdes gar nicht aussprechen, ohne daß man von einem Hohngeschrei überfallen wird. Es gibt keine Kräfte, die wir nicht kennen! Das wäre ja noch schöner! Schwatzt nicht von unbekannten Kräften! Eben die sind Gott. Nun habens ihnen die Gegner nicht so schwer gemacht. Das bis zur Erschlaffung dem Phänomen Lourdes entgegengeschleuderte Wort heißt: »Suggestion«. Wundt: »Es hat keinen Sinn, alle seelischen Erscheinungen, von der normalen Assoziation und Assimilation an bis zu mehr oder minder phantastischen Illusionen und Sinnestäuschungen, unter den Begriff der Suggestion zu vereinigen, und diesen so zu einem Allerweltsbegriff zu machen, der, weil er alles bedeuten soll, in Wahrheit nichts mehr bedeutet. Das Wort ›Suggestion‹ erklärt ja überhaupt nichts. Es gewinnt erst einen psychologischen Wert, wenn man die elementaren psychischen Prozesse aufzeigt, deren besondre Verbindung in diesem Ort zusammengefaßt wird.« Und weil das die Gegner so oft schuldig bleiben – deshalb habens die Wundergläubigen so leicht. Die katholische Wundererklärung, auch die durch die Ärzte, grade die durch die Ärzte, ist scholastisch durchgearbeitet. Bleibt zum Beispiel eine Narbe vom alten Leiden übrig, so scheut sich doch ein erwachsener Mann nicht, das als »Signatur Gottes« anzusehen, gewissermaßen ein Fabrikzeichen. »Nur echt mit...« Die Anschauungen, denen man in dieser katholischen Ärzte-Literatur über Suggestion begegnet, sind zum Teil wahrhaft kindlich. Bertrin nimmt allen Ernstes das Diktum eines Laien-Hypnotiseurs auf, der ihm in Lourdes sagte: »In Lourdes gibt es überhaupt keine Suggestion. Die Priester, die die religiösen Beschwörungen vornehmen, denen die Menge respondiert, beten, anstatt zu befehlen. So suggeriert man nichts.« Ich weiß nicht, wo der betreffende Herr Hypnotisieren gelernt hat – aber ich möchte mich nicht von ihm behandeln lassen. Eine der exaktesten Definitionen der Suggestion steht bei Bechterew. »Suggestion beruht auf unmittelbarer Überimpfung bestimmter Seelenzustände von Person auf Person mit Umgehung des Willens, ja, nicht selten auch des Bewußtseins des Aufnehmenden.« Und: »Nicht durch den Haupteingang, sondern sozusagen von der Hintertreppe aus, gelangt der Eindruck ... unmittelbar in die innern Gemächer der Seele.« Die Definitionen von Liébault, Löwenfeld, Forel, Wundt, Binet und den großen Franzosen erreichen das nicht an Klarheit – wetteifern kann nur noch Moll, bei dem es etwa heißt: Suggestion sei der Fall, wo eine Wirkung dadurch bedingt wird, daß man die Vorstellung ihres Eintretens erweckt. Und das ist der Fall Lourdes. Wird nun hier »ohne Mithilfe von Logik« suggeriert, wie Bechterew das als typisch angibt –? Viel klüger: es wird mit einer Scheinlogik gearbeitet. Die Legende der seligen Bernadette, die Geschichte der Wunderheilungen, ihre etwas mystische Theorie, die da auf Erklärung verzichtet, wo man Erklärungen wünscht, und so das schöne Halbdunkel erzeugt, in dem der Glaube gedeiht – das alles greift ineinander wie die Zähne eines Räderwerks, und diese Wissenschaft für die kleinen Leute geht denen ein wie Öl. Die Kleriker haben auf alle Angriffe einen Einwand, für jeden Beweis einen Gegenbeweis, und es ist wie mit den Juristen: folgt man ihnen einmal auf diesen Morastboden der Klopffechterei, ist alles verloren. Sie nennen das beide – Kirche und Rechtswissenschaft –: die Gesetze der Vernunft. Und vergessen nur, daß sie stets herausinterpretieren, was sie vorher stillschweigend hineininterpretiert haben. Nun ist aber Suggestion kein krankhafter Vorgang, sondern etwas dem menschlichen Leben durchaus Natürliches, eine Sache, mit der die Gesellschaft steht und fällt; ohne Suggestion ist kein Zusammenleben denkbar. Diese Spezialsuggestion von Lourdes setzt zunächst die Behauptung in die Voraussetzung, supponiert den Gott, den sie ja grade beweisen will, und appelliert außerdem an viel tiefere Instinkte. »Unser ganzes Bestreben geht darnach, geliebt, bewundert, beneidet oder wenigstens bemitleidet zu werden ... die Gedankenwelt andrer zu bevölkern, die uns lieb sind oder die uns imponieren.« (Gleichen-Rußwurm.) Das ist es. Ich habe im Bureau des Constatations ein junges Mädchen gesehen, das wollte sich eine Wunderheilung attestieren lassen. Die Unterhaltung war der Typus eines Kuhhandels. »Tun Sies doch, Herr Doktor!« – »Eine gewöhnliche Besserung von Sodbrennen – das genügt nicht, Fräulein!« – Die Augen des Mädchens glänzten, es hatte einen puterroten Kopf und kämpfte um sein Leben. Draußen hatten sie eben eine scheinbar Geheilte vorbeigetragen, das Klatschen und die begeisterten Zurufe lagen noch in der Luft – Sie auch! sie auch! Eine Rolle spielen, bewundert werden, auserlesen sein unter Tausenden – sie auch. Sie entfernte sich, enttäuscht, gekränkt, in ihren tiefsten religiösen Gefühlen getroffen – wie nach einem verlornen Gefecht. Aber suggeriert der behandelnde Arzt nicht auch –? Hypnotisiert er nicht –? Ist nicht ein Teil seiner Wirkung eingestandnermaßen in persönlicher Suggestion zu suchen –? Und hier scheint mir Zola, der mitgedacht wird, wenn Lourdes gedacht wird (was nach einem Raabeschen Wort »Ruhm« bedeutet) – hier scheint mir dieser tapfere und wirkungsvollste Vorkämpfer, dessen Roman in Deutschland berühmter ist als bekannt, einen Schuß nicht abgefeuert zu haben. Wie haben sie ihn bespien – wer erinnert sich nicht noch des Unflats, der bei den Frommen aufdampfte, als er tödlich verunglückte! Sie haben ihm sogar vorgeworfen, er habe in »Lourdes« die Geistlichen beschimpft, wofür es keine Stelle als Beleg gibt ... Nein, es sitzt anderswo. Das Wort »Suggestion« reicht in der Tat nicht aus. Die Literatur über das Individuum in der Masse ist klein. Ganz zu schweigen von Experimentalpsychologen, deren lächerlichste Vertreter an Apparaten herumhantieren und Versuchsreihen aufstellen, die so lang sind wie ihr Instinkt kurz – es ist auch grundfalsch, die Natur der Massenerscheinungen am Individuum zu studieren und in verkehrter Gründlichkeit bei ihm anzufangen. Das Wesen des Meeres ist aus dem Tropfen nicht ersichtlich. Lourdes ist ein Massenphänomen und nichts als das. »In eine Menge zu gehen, ist, wie in ein Choleradorf gehen«, hat ein englischer Soziologe gesagt. Und diese Ansteckungserscheinungen sind von den Regeln der Individualpsychologie grundlegend verschieden, die beiden sind gar nicht kommensurabel. Der Gedanke, daß eine Versammlungsrede in kleinem Kreise leicht komisch wirkt, ist nicht neu – aber viel zu wenig ausgearbeitet. Denn hier sitzt der Kern. Was tut nun Lourdes mit den Massen? Es versetzt zunächst die fernen Kranken durch seine Reputation, die künstlich genährt und gesteigert wird, in sanften Schwindel. Die Wallfahrten sind ja nicht spontan, sondern sorgfältig organisiert, ihre Beteiligung ist häufig unter mehr oder minder starker Beeinflussung erfolgt. Die Millionen strömen nicht zusammen, nur von individuellem Willensimpuls getrieben, die Reisen rühren nicht aus lauter von einander unabhängigen Einzelentschlüssen her, sondern sie sind kollektiv zustande gekommen. Die Disposition für die große Massensuggestion, die da einsetzt, ist also denkbar günstig. Kommt die manchmal ungenügende ärztliche Pflege hinzu, das Mißlingen von ärztlichen Kuren, die scheinbare oder wirkliche Unmöglichkeit, geheilt zu werden – so wird sich der Kranke um so eher dem neuen Hoffnungsstern hingeben. Nun reist er nach Lourdes. In dem Augenblick, wo der Patient den Zug betritt, kommt er aus der Masse nicht mehr heraus. Er ist nie mehr allein. In den Hospitälern liegen sie zu zwanzig, dreißig. Er ist fast ständig unter Tausenden, meist unter Hunderten, und Leidensgefährten sprechen miteinander. Die Ärzte unter meinen Lesern kennen die »Wartezimmer- Gespräche« in den Polikliniken, wo Frau Knautschke Fräulein Lindemüller von ihrem großen Ding am Knie erzählt, und was der Doktor gesagt hat, was man da tun müsse, und was man nicht tun dürfe... Jeder gibt seinen Senf dazu, Schauergeschichten steigen zur Decke, und alle sind schwere Fälle, und alle wollen bemitleidet und sehr ernst genommen werden. An guten Ratschlägen von allen Seiten fehlts nicht. Das, genau das, ist die Luft von Lourdes. Ich habe die Unterhaltungen alter Frauen auf dem großen Platz während der Prozession mit angehört: kein Komma war anders als in der Berliner Charité vor der allgemeinen Sprechstunde. »Un denn, Frau Millern, ick hab imma heiße Linsen mein' Mann hinten ruffjepackt – das hat'n ja sehr jut jetan ...« Auf die Art. Gruppen sind ein Leib. Aber das ist überall so. Ein Soldat wurde bei einer Besichtigung gefragt: »Sie stehen im Feuergefecht mit dem Gegner, der energisch vordringt. Ein Schütze neben Ihnen ruft, daß man sich nicht mehr halten könne, man müsse zurückgehen. Was tun Sie?« – »Ich gehe zurück!« sagte der Soldat. – »Warum?« – »Weil wir uns nicht mehr halten können.« Ganz Lourdes in einem Satz. Man betrachte ja nicht die Massen in Lourdes als einen Haufen Ekstatischer und religiös Verzückter. Im Gegenteil: die Atmosphäre ist recht kleinbürgerlich, es sind Bauern und kleine Bürger, die da zur Heilung kommen – und tobende Ausbrüche sind recht selten. Als Hellpach noch Nervenarzt war, hat er einmal davon gesprochen, daß »nicht jede Epidemie, in der ein paar Hysterische sich herumtreiben, eine hysterische Epidemie ist; von den wirklichen hysterischen Epidemien ist die große Menge der bloß mit hysterischen Zügen Geschmückten sorgfältig zu sondern.« So auch hier. Nein, es ist ganz etwas anderes als Hysterie. Es ist das Beispiel. Es ist die Nachahmung. Es ist die Geste. Man falte einer Hysterischen in der Hypnose die Hände – und ihr Gesicht nimmt einen flehenden Ausdruck an. Man versetze sich mit zornigen Gesten in einen zunächst fingierten Zustand der Raserei, und das Blut steigt langsam zu Kopf. (Der Schauspieler sei hier ausgenommen.) Espinas, der französische Tierpsychologe, erklärt mit Recht so die geistige Ansteckung unter Tieren. Vom Gesumm der Wespen: »Die andern Wespen hören dieses Geräusch, können es sich aber nur vorstellen, indem diejenigen Nervenfasern, die es gewöhnlich auslösen, gleichzeitig mehr oder minder erregt werden ... Wir denken nicht nur mit unserm Gehirn, sondern mit unserm ganzen Nervensystem.« Nun – hier in Lourdes wird nicht gesummt. Hier wird der Heilwille angespannt. »Die Wunden der Sieger schließen sich schneller als die der Besiegten«; das gilt auch körperlich. Die Seelenheiterkeit, die gute Stimmung, der Wille, gesund zu werden – wer kennt das nicht –! Und der wird hier aufgereizt, angespannt, hochgepeitscht... Ein besonders schönes Beispiel von Massensuggestion sind die Lungenkranken aus der Heilanstalt zu Villepinte, deren Belegschaft jedes Jahr wiederkam. 1896 werden acht von vierzehn Personen geheilt, 1897 acht von zwanzig (darunter nur vorübergehende Besserungen), 1898 vierzehn von vierundzwanzig. Unnötig, auszumalen, was sich das ganze Jahr hindurch in der Lungenheilanstalt abgespielt hat – die Gespräche, die gegenseitigen Ermunterungen, die ununterbrochenen Wach-Suggestionen, die Reiseberichte... Einen günstigern Boden gibt es nicht. Nun könnte man sagen: aber wie verhält es sich mit der Heilung von Kindern, die kaum oder noch gar nicht sprechen können, auf die also die Wirkung einer normalen Wort- und Bildsuggestion nicht in Frage kommen kann? Der Professor Bertrin führt eine große Anzahl an: 1897 ein Kind von knapp drei Jahren, 1896 ein Kind von zwei Jahren, er geht sogar bis auf das Jahr 1858 zurück ... Aber grade bei Kindern erscheint mir die Sache besonders zweifelhaft: denn da sind es die Krankheitsberichte der Eltern, die färben, die ihr Kind geheilt haben wollen, und die nicht wissen, daß es gerade bei Kinderkrankheiten verblüffende Fälle von raschen Konstitutionsveränderungen gibt. Liest man die kirchlichen Bücher, so hat man den Eindruck, wie wenn sich dergleichen noch nie ereignet hätte. Damals, als der Präfekt von Tarbes die Grotte schließen wollte, erhob sich die ganze Gegend. »Von dem Tage an, als die Gendarmen erschienen und die Leute von Strafe hörten, war die Aufregung so stark, daß sich die ganze Gemeinde und auch die Nachbargemeinden, wie vom Widerspruchsgeist getrieben, für diese Neuerung begeisterten.« Aber das ist nicht Lourdes, sondern stammt aus einer Wundergeschichte, die in Trennfeld im Jahre 1892 spielte. Es ist alles schon einmal dagewesen, und es kommt alles wieder, auch die Wunder. Grade die Wunder. Sie haben ihre Gesetze. Dergleichen ist ja nicht neu. Der Doktor Vachet aus Paris, der übrigens eine sehr verdienstvolle Aufklärungsschrift über Lourdes geschrieben hat, zeigt genau dieselben Methoden bei einem Mann auf, der sogar in Paris einen Saal knüppeldick voller Menschen hatte: Herr Béziat, ein Landwirt, der die Leute durch Zuspruch heilte. Und der sagte offen, was es ist: der Wille. Wobei er die Bemerkung macht, daß der Kranke durch den fremden Appell an die »Lebensquelle«; die sich nun gegen die Krankheit aufbäumt, zunächst noch mehr leide – eine sehr feine und treffende Beobachtung. Von den zahllosen Analogien und Kopien von Lourdes nur zwei. Die schwindsüchtige Maria Bashkirtseff war im Jahre 1881 in Kiew. (Ihr Tagebuch ist heute mausetot – aber es bleibt doch das rührende Zeugnis eines armen Vögelchens.) Da betete man für sie, ihre Eltern beteten, sie auch; aber sie glaubte nicht an die Heilung. Und so wurde es denn auch nichts. Ihre kleine Schilderung, die unter dem 21. Juli eingetragen ist, wirkt wie ein dünnes Abziehbild von Lourdes. Und da ist das Heiligtum von Oostakker in Belgien, eine geradezu barocke Geschichte. Die Marquise von Courtebourne hatte sich in ihrem Schloß, wie es um 1870 Mode war, ein »Aquarium« anlegen lassen, mit Teichen und Wasserkunst und allem übrigen. Ihr Abbé zeigt ihr ein Bild der Grotte von Lourdes – das muß sie auch haben. Richtig: es wird eine Nachbildung bestellt und ausgeführt, mit der Statue der Madonna und allem, was dazugehört, auch dem exportierten Wasser aus Lourdes. Und nun fangen doch wahrhaftig die Gläubigen an, hierher zu wallfahren –! Unter den Geheilten strahlt das Glanzstück: de Rudder. Der Mann war ein Bettler, dem ein Sturz vom Baum sein Bein zerschmettert hatte. (Bruch des Schien- und Wadenbeins.) Operation ohne Asepsis: schwere Eiterung, in der Wunde sollen die Knochenenden deutlich zu sehen gewesen sein. Diesem Mann wuchsen am 7. April 1875 die verkürzten Knochen zusammen, und wenn man sieht, daß der Metallabguß dieses Mirakels im Bureau des Constatations hängt, so wird man füglich nicht mehr zweifeln. Wenn man nicht wüßte, daß der Abguß ein Jahr nach dem Tode von dem exhumierten Leichnam abgenommen worden ist, abgenommen worden sein soll... So ungefähr sieht das wissenschaftliche Material der Kirche aus. Lourdes ist lediglich ein Phänomen der Massen-Suggestion. Es gibt einen klaren Beweis von der Richtigkeit dieser These, einen Beweis e contrario. Das ist der Winter. Im Winter finden keine Wallfahrten statt, weder die großen französischen noch die internationalen. Im Winter kommen lediglich ein paar versprengte Touristen, Neugierige, Hochzeitsreisende, die gelobt haben, nach ihrer Verbindung dorthin zu pilgern – es kommen aber auch Kranke. Die Kirchen sind geöffnet, die Grotte ist geöffnet, man kann beichten und beten wie im Sommer, man darf baden wie im Sommer, man darf das heilige Wasser trinken, wie im Sommer. Und es gibt keinen Fall der Heilung im Winter – keinen einzigen. Es kann keinen geben, weil die Masse fehlt, die brodelnde, Gebete plappernde, dahinziehende, sich pressende, chorsingende Masse. Der Pilger ist mit seinem Gott und seiner Grotte allein. Und da langt es nicht. Da springt kein Funke über, da bäumt sich nichts auf, da peitscht nichts auf den Willen ein, da raunt nichts: Gesunde! da ruft nichts: Gesunde! da brüllt nichts: Steh auf und wandle! Im Winter geschlossen. Der Arzt mit seinen Hilfsmitteln: Persönlichkeit, Wartezimmer, Operationssaal, weißer Mantel, Assistenten – er reicht Lourdes nicht das Wasser. Er ist allein, der Kranke im Winter ist allein. Lourdes ohne die Masse ist nicht Lourdes. Und nicht nur zeitlich ist das Wunder begrenzt – auch örtlich. Es gibt in den letzten vierzig Jahren keinen Fall, daß jemand aus Lourdes selbst geheilt worden wäre. »Wir sind zu nah«, sagte mir einer. Die Kirche läßt die Pilger nur wenige Tage zur Grotte wallfahren – frisch sollen die Eindrücke sein, gewaltig die Intensität, mit der gewollt und gebetet wird – Gewöhnung ist der Tod. Ein klarerer Beweis ist nicht möglich. Am tiefsten hat hier, wie immer, Freud sondiert. In seiner Untersuchung über »Totem und Tabu« findet sich zum ersten Mal das finstere Loch aufgerissen. »Mit der Zeit verschiebt sich der psychische Akzent von den Motiven der magischen Handlung auf deren Mittel, auf die Handlung selbst... Nun hat es den Anschein, als wäre es nichts andres als die magische Handlung... die das Geschehen erzwingt.« Die magische Handlung in Lourdes ist das Bad. Die Quelle hat – wie die Kleriker triumphierend feststellen – nachgewiesnermaßen nicht den geringsten therapeutischen Wert, sie ist eine Gebirgsquelle wie hundert andre auch. Aber das symbolhafte Bad, das an Heilbäder erinnert, gemahnt den Kranken, daß hier etwas zu seiner Gesundung vorbereitet wird, er kennt das, ja, ja, es ist ein Bad, gewiß, er ist in einem Kurort. In einem seelischen. Um sich herum Kranke – »Man fühlt sich nicht so allein in seinem Malheur«, hat einmal ein Krüppel gesagt – Leidensgefährten, Bemitleidende und das Höchste: das Allerheiligste mit dem Erzbischof selbst – Ihm zu Ehren! Hier wird das Ich groß geschrieben. Mit der äußersten Konzentration kehrt sich der Heilwille nach innen, ringt, mit der Krankheit, kämpft: du oder ich! Und nun ist die große Frage: Wie weit reicht dieser Heilwille –? Sieht man von allen Schauergeschichten, von allen Übertreibungen, von allen liederlichen Dokumenten ab, von den Luftblasen, die da aus dem Sumpf hochgurgeln – ein einziger Fall genügte. Ich nehme ihn an. Und damit wäre eben nur erwiesen, daß der Wille des Menschen, dieser allmächtige Wille, dem so viele Weise so verschiedne Namen gegeben haben – daß dieser Wille fähig ist, Veränderungen im Gewebe hervorzubringen. Die Kirche, die sich seit Marx mit dem Sozialismus beschäftigt wie eine Hausfrau mit den Vertilgungsmitteln von Wanzen, hat auch Medizin studiert und unterscheidet in ihrer medizinischen Scholastik sehr scharf. »Eine Hysterie kann nur eine Funktion hervorrufen, niemals ein krankes Organ ersetzen.« Wenn aber ein Fall, ein einziger erwiesen wäre, von demselben Arzt unmittelbar vor und nach der Heilung beobachtet, attestiert, radiographiert –: wenn der erwiesen wäre, dann sind eben die Theorien falsch, denn es ist die Naturerscheinung, nach der die sich zu richten haben – nicht, wie der Theoretiker gern möchte, umgekehrt. Also doch Unsre Liebe Frau von Lourdes –? Nein. Sie ist die Personifikation des menschlichen Willens, dem die Kirche das genommen hat, was sie der Gottheit gab. Innen sitzt es – nicht draußen. So ist es immer gewesen. Da ziehen sie hin, die Schafe – – Walter Mehring hat sie gesehn. Durch die Jahrtausende geht ihr Zug Mondhell leuchtenden Steißes – Immer ein schwarzes, ein weißes – Heiliger Nepomuk! Da ziehn sie hin. Ich weiß nicht, ob schon wieder deutsche Katholiken nach Lourdes wallfahren. In großen Zügen tun sie das meines Wissens noch nicht. Sie werden keinen leichten Stand haben. Die französischen Katholiken sind – im Gegensatz zu den deutschen – die wildesten Nationalisten; es gibt zwar keine Pan-Franzosen (selbst die Action Francaise will keinem andern Volk etwas fortnehmen) – aber wenn »kat'holos« erdballumspannend heißt, so ist das ein Erdball mit Hindernissen. Es ist mir nie klar gewesen, wie ein frommer Katholik dem ändern ein Bajonett in den Leib jagen kann – fühlt er nicht, daß es die eklatanteste Religionsverletzung ist, die es gibt –? Dafür zum selben Gott gebetet, dasselbe Sakrament verehrt, dieselben Bitten gesprochen, dafür –? Mir sind sämtliche Kunstgriffe der Kriegstheologen bekannt, man kann ja alles beweisen. »Gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist« und »Gehorchet der Obrigkeit« – aber in der deutschen Kriegsliteratur zum Beispiel ist doch den Katholiken bei Aufstellung dieser kümmerlichen Stütze nicht so kannibalisch wohl gewesen wie der protestantischen Konkurrenz. Die jungen pazifistischen Katholiken in Deutschland, etwa die Leute um Vitus Heller, werden jedenfalls noch eine schwere Arbeit haben, wenn sie mit diesen französischen Glaubensgenossen zusammentreffen. Denn da katholische Deutsche vor dem Kriege in Lourdes gewesen sind – zum Beispiel: Bayern – so ist es theoretisch nicht ausgeschlossen und praktisch mehr als wahrscheinlich, daß Männer, die gemeinsam vor der Kirche das Credo gesungen haben, sich späterhin bis zur Unkenntlichkeit zerfetzten, als Soldaten, die sich damit noch brüsteten, zum Beispiel: Bayern. Ich weiß sehr wohl, daß im allgemeinen dem deutschen Publikum nicht sehr wohl ist, wenn es gegen die Übergriffe der katholischen Kirche geht. Der Katholik ist dagegen; der Protestant hat Furcht, daß das Feuer auf sein Haupt übergreife, und der Jude sagt: politische Rücksichten und meint: Angst vor dem Antisemitismus. Mit einem kämpferischen freien Geist ist es bei allen dreien nicht weit her. Die Aufgabe wird einem doppelt schwer gemacht: durch die wanzenplatten Monisten und die unzweifelhaften Verdienste des deutschen Zentrums in der Außenpolitik der letzten Jahre. Aber das soll uns nicht hindern, die Wahrheit zu sagen. Und sie kann um so leichter gesagt werden, als nur Renegaten und Angsthasen katholischer sind als die Katholiken selbst. Die verlangen nicht, daß man an Lourdes glaube – ich kenne katholische Franzosen, die mit Feuer und Schwert gegen die Trennung von Kirche und Staat kämpfen und über Lourdes mit einem Achselzucken zur Tagesordnung übergehen. Furcht vor dem Kulturkampf ist noch keine Toleranz. Toleranz! Aber ich habe noch nie erlebt, daß die andern auf unsre Gefühle Rücksicht genommen hätten, etwa, wenn von der Wehrpflicht die Rede war. Ihnen ist die Sache so selbstverständlich ... Weicht nicht immer zurück, falsche Taktiker, Taktiker eurer Niederlagen! Und setzt auch einmal dem, der zugreift, die alte Formel der kirchlichen Druckerlaubnis aufs Heft: Nihil obstat. Imprimatur. Hier soll kein Wort der persönlichen Verunglimpfung Geistlicher stehen. Die Tatsache bleibt bestehen, daß Lourdes Hunderttausenden eine Tröstung und eine Herzstärkung bedeutet. »Aber wenn nun die Leute ungeheilt zurückkommen – sind sie da nicht enttäuscht?« fragte ich einen Abbé. »Im Gegenteil!« sagte er. »Es ist auf alle Fälle für sie eine kräftigende Reise.« Auf der manche sterben. Denn der Transport so schwer Kranker, die zum Teil gegen den ausdrücklichen Rat der Ärzte reisen und noch stolz darauf sind, ist anstrengend, qualvoll, trotz allem gefährlich. Von der öffentlichen Hygiene dieser nicht immer sauber zu haltenden Massentransporte gar nicht zu reden. Also Schließung? Es gibt keine Regierung, die das wagen dürfte. Es ist zu spät. Und ich will nun den Frommen zum Schluß alles einräumen: daß es wundertätige Heilungen gibt, daß diese Heilungen von einem Wesen ausgehen, das Jungfrau Maria heißt – – was beweist das –? Wunder sind eine Reklame. Wunder beweisen nichts für die Richtigkeit eines ethischen Systems. Und wenn einer aus Feuerland daherkäme und mir das Abbild seines Gottes zeigte und sagte: »Sieh! Er tut Wunder! Er gibt Regen und Sonnenschein! Er heilt die Kranken und fördert die Gesunden! Er schließt die Wunden und trocknet Tränen, er erweckt Tote und trifft mit dem Blitz das Haupt unsrer Feinde! Er ist ein großer Gott!« spräche er so, so prüfte ich das Gebäude und die Untermauerung seines Glaubens und seiner Metaphysik, seiner Lehren und seiner Sittengesetze. Und fände ich dann etwa, daß es eine Religion ist, die gute Lehren von ihrem Schöpfer auf den Weg bekommen hat, diesen Schöpfer aber verraten hat um irdischer Güter willen, daß sie die Reichen begünstigt und die Armen mit leeren Tröstungen im Elend geduckt hält, fände ich, daß sie die Tiere nicht mit einbezieht in den Kreis des Lebens und daß sie klüger ist als fromm, gerißner als weise, politischer als wahrhaftig, daß sie das gute Heidnische im Menschen tötet und den Verkrüppelten sorgfältig bewacht, daß sie gottlose Fahnen in ihren Tempeln aufhängt und die segnet, die da töten, und die verflucht, die den Staatsmord verhindern wollen – fände ich das alles: ich schickte den Mann aus Feuerland zurück und pfiffe auf seine Wunder. Cirque de Gavarnie Der Cirque de Gavarnie ist nicht nur ein Gebirgskessel, sondern eine nationale Zwangsvorstellung. Unmöglich, in Paris von den Pyrenäen zu sprechen, ohne daß der andre sagt: »Vous faites le tour des Pyrénées? Alors il faut voir le Cirque de Gavarnie.« Ja doch. Das Reisepublikum des Landes hat diese Attraktion sogar schon auf die Briefmarken setzen wollen: so daß es sich also um eine himmlische Schönheit oder um eine künstlich aufgeplusterte Sache handelt. Wenn die Erwartung vorher so aufgereizt worden ist, kann es nur eine Enttäuschung geben. Die Straße führt über die Napoléon-Brücke, ein Bogen, der sich hoch über den Bach da unten wölbt. Aber dreihundert Meter davon, wo die Straße noch steigt und ihr Rand sich siebzig Meter über dem Abgrund erhebt, da fuhren dreiundzwanzig Menschen in den Tod. Am 3. August 1923 kehrten zweiundzwanzig Holländer, die aus Lourdes nach Gavarnie gekommen waren, vom Cirque zurück, Männer und Frauen, fröhliche Leute auf einem fröhlichen Ausflug. Sie fuhren eine halbe Stunde an ihrem Grab entlang, und was es dann mit dem Chauffeur gegeben hat, der als zuverlässiger Mann in der ganzen Gegend bekannt war, weiß man nicht: jedenfalls tobte der schwere Tourenwagen über die kleine Mauerböschung nach unten. Sie stürzten die siebzig Meter, ein einziger fiel ins Wasser und blieb unverwundet am Leben. Er kroch unten in eine kleine Höhle, die der Felsen gebildet hatte, an ein Heraufklettern war an diesem Abend nicht zu denken, und ein mutiger französischer Student ließ sich an einem Seil herunter und brachte dem Halbirren Rum und Zucker. Für die Nacht blieb er allein da unten. Am nächsten Morgen holten sie ihn herauf; er lebt heute noch in Holland. Die andren wurden einzeln zusammengesucht, den Chauffeur fand man nach drei Monaten, die Strömung hatte ihn entführt. Das Chassis des Wagens liegt, ein Eisenskelett, im Abgrund: wenn man sich hart über die niedrige Mauer beugt, kann man es unter den Büschen sehn. Es ist der einzige ernste Unglücksfall, der den Reiseautomobilen hier zugestoßen ist. Aus Lourdes kommen so viele Ausflügler hierher. Ein Automobildienst ist eingerichtet, und ein Wagen nach dem andern befördert die Menschenpakete an den Cirque de Gavarnie. Die Straße lärmt und rattert den ganzen Tag, die Restaurants sind überfüllt, es gibt dumme Andenken zu kaufen, und das Ganze erinnert ein bißchen an die Sächsische Schweiz. Die Leute auch: geschwätziges, naturkneipendes Kleinbürgertum. In Gavarnie hört die Straße auf, da macht der Weg eine Biegung, und nun liegt der Stolz der Pyrenäen vor seinem Publikum. Die Felswände stehen im gigantischen Halbkreis, oben liegt etwas Schnee, und das Ganze ist schön anzusehn. Aber nicht mehr – und warum so ein Geschrei daraus gemacht wird, weiß ich nicht. Wenn man näher tritt – das dauert eine Stunde, wie täuschen doch die Entfernungen im Gebirge und auf der See! – dann wird der Zirkus nicht etwa großartiger: man hat da zwar einen hohen Wasserfall, aber weil die Vergleichsmaßstäbe fehlen, überwältigt er nicht. Brav und mit vorgeschriebner Begeisterung wandeln die Lourdes-Sachsen die klassische Strecke. Ein Gutes aber hat Gavarnie doch gehabt. Ein französischer Zeichner schöpfte sich hier sein Pseudonym: Gavarni, Daumiers Zeitgenosse, Hunderte amüsanter Mode- und Theaterzeichnungen sind noch von ihm erhalten. Er schrieb sich ohne e – bei mir hatten Gavarnie und Gavarni bisher immer in zwei verschiedenen Schubladen gelegen, so wie ja kein vernünftiger Mensch bei Goethes Faust an eine geballte Hand denkt. Im Dorf Gavarnie selbst fand sich ein Schild vor: »Zur Kirche, XVI. Jahrhundert.« Ah – wie gebildet! Zur Kunstgeschichte gleich hier gradeaus ... In der Kirche stand ein Priester und erklärte einer Reisegesellschaft eine Sammelbüchse. »Diese Kasse ist für die Errichtung einer Madonna bestimmt, die hier stehen und Gavarnie gegen die Lawinen schützen soll.« Wer etwas geben wolle...? Spendete man über fünf Francs, so dürfe man sich in jenes goldne Buch eintragen. Alle spendeten, alle trugen ein. In der Ecke stand eine bescheidne Holzbüchse. Für die Armen. Keiner gab einen Sou. Das Dorf war gesteckt voll, sie waren sämtlich da, die dagewesen sein mußten, kein Wagenplatz, kein Pferdesattel, kein Eselsrücken war frei. In Gèdre aber biegt ein kleiner Weg ab, und den geht niemand. Fünf Stunden von da liegt ein andrer Cirque, der von Troumouse, kein Auto fährt dahin, auf dem ganzen Spazierritt bin ich zwei Männern begegnet, und die kamen nicht von Troumouse. Es ist ein bißchen mühselig, und der Franzose wandert nicht. (Daher: wenig Wegweiser, wenig Fußwandrerkarten, himmlische Einsamkeit außerhalb der großen Routen.) Ich bekam nur ein Pferd. »Nur« ... Pferde können sich mit den Mauleseln dieser Berge an Sicherheit nicht messen. Das Pferd klettert, der Esel geht Schritt für Schritt, wie in einer Ebene. Sie unterscheiden sich ja im Gang, und der des Esels ist den holprigen Steinen und dem Auf und Ab der steilen Wege wesentlich angemeßner. Ein paar hundert Meter ist da noch eine Straße, und weil man an ihr vor dem Kriege bis zum August 1914 gebaut hat, so kann man an diesem steinernen Kalender so recht sehen, wie es gewesen ist: erst ist sie geschottert, dann mit spitzen Steinen übersät, dann ist nur noch die Erde an den Seiten aufgeworfen, nun wird sie ganz schmal, ein Pfad bleibt übrig... Zum Bau von Straßen war damals keine Zeit mehr – sie mußten welche zerstören. An Héas kommt man vorüber, einem kleinen Weiler. Schon vorher, im Steingeröll, steht eine Heilige Jungfrau, weil sie dort den Schäfern erschienen ist und um ein Bildnis gebeten hat. Héas hat eine Kapelle. Diese Kapelle und ein Haus sind die einzigen Opfer einer Lawine, die da zu Tal kam. In dem verschütteten Hause starben Mutter und Kind; die Nachbarn hatten in der Sturmnacht nicht einmal den Zusammensturz gehört. Die Kapelle wird wiederaufgebaut; den Gottesdienst für eine Handvoll Leute, die da noch wohnen, halten sie nebenan ab, in einer kleinen Stube. Durch Pferdetrupps und Rindviehherden hindurch; die Pferde auf Urlaub wiehern dem, auf dem ich sitze, die neusten Nachrichten aus dem Gebirge zu, und das Pferd nickt mit dem Kopf: Ja, ja, die Zeiten werden immer teurer ... Stunden und Stunden. Dann: Troumouse. Wir stehen in der Mitte des riesigen Kessels. Er ist weiter als der von Gavarnie, in seiner völligen Verlassenheit viel schöner. In der Mitte, in dieser ungeheuren Mitte steht die »Vierge des Neiges«, in seltener Instinktlosigkeit weiß gegen den hellgrauen Hintergrund gestellt und fast verschwindend. Das Standbild war ursprünglich aus dunkler Bronze, aber sie haben es angepinselt. Von einem schneebedeckten Gebirgspaß her weht ein eisiger Wind. Der Führer zeigt mir ganz hoch oben einen kaum erkennbaren Maultierpfad: da hinüber sind früher die Schmuggler nach Spanien gezogen. Unbegreiflich, wo Maultiere gehen können. Weit sieht man über die Berge; Felsen, etwas Schnee, und dieses duffe, büschelweis aufgesetzte Dunkelgrün, das in den ganzen Pyrenäen zu finden ist. Stille. Stunden und Stunden reiten wir zurück. Oh, der immer wiederkehrende Rhythmus der Bergausflüge! Die ersten zwanzig Minuten am grauen Morgen sind stumpf, der Leib wandelt, aber die Seele liegt noch im warmen Bett und schläft. Dann kommt das Erwachen, die Sinne werden munter; sehen und einatmen und hören und aufpassen, so geht das bis zum Höhepunkt, der meist kurz nach der Mittagszeit liegt. Dann fällt der Tag langsam, langsam ab – die Schatten werden länger, die Stunden auch; geht es denselben Weg zurück, so wundert man sich, wie man so lange hat gehen können und möchte ihn nun aber ganz bestimmt nie mehr gehen; alle Schwierigkeiten des Marsches sind auf einmal so groß, aber heute morgen war das doch ganz leicht ...? Und dann tiefer in die Täler hinunter, die Luft wird wärmer, die ersten Büsche stehen da, und die Bäche fließen breiter; die ersten Bauerngärten sind zu sehen, bunt, knallbunt, und in den Knochen ist jene angenehme Müdigkeit wie nach guter körperlicher Arbeit, als habe man ein nützlich Werk getan. Und dann kommen die schwersten hundert Meter: die letzten – und einen Todmüden siehst du ins Dorf einmarschieren. Sich dann am Geländer im kleinen Berghotel die Treppe hinaufziehen, die Beine sind so schwer, nein, danke, nichts zu essen – Schlaf. Auf dem Ritt nach Troumouse hatte sich das Pferd öfter mit einem seltsamen Blick nach seinem Reiter umgesehn, aber ich hatte nicht darauf geachtet. Ich saß oben wie ein Stück Butter auf einer heißen Kartoffel und träumte vor mich hin. Ich dachte an allerhand, auch an einen meiner Freunde, der gar nicht wußte, daß er da hinter der Grenze im spanischen Gebirge lag und eigentlich eine Stadt war: Roda hieß sie. An ihn dachte ich, den ein Militärpferd zum Dichter geschlagen, aber weil er nur »humoristische Kleinigkeiten« schreibt, darf man das nicht laut sagen. Hoppla – da stolperte das Pferd ... Paß doch auf! Wieder sah sich das Tier um. Und als wir zu Hause ankamen, in Gèdre, und ich grade abgestiegen war – ich stand neben dem Sattel und zählte meine Beine, die leblosen Klumpen –: da wandte das Pferd noch einmal den Kopf, sah mir mit großen, feuchten Augen genau auf die Nase und sprach mit einer tiefen, deutlichen Stimme: »Ich habe ja schon viele Leute auf meinem Rücken getragen – aber eine so schweinemäßige Reiterei ist mir denn doch nicht vorgekommen –!« Sprachs, gab ein Geräusch von sich und wandelte schwanzschlagend in den Stall. Cauterets Nun grade nicht. Rings umragt von dunklen Bergen Bin ich verpflichtet, überall philologischen Assoziationen nachzugehen und bei Flandern gleich den Grafen Egmont, bei Granada das Nachtlager ... Die sich trotzig übergipfeln und bei Roncevaux das Rolandslied zu zitieren? Ich will aber nicht. Im Grunde will ja der Hörer auch nicht. Und von wilden Wasserstürzen, Eingelullet, wie ein Traumbild Es schmeichelt ihn nur, dem Schreiber um eine Nase vorausgewesen zu sein und es gleich gewußt zu haben, denn man ist ja unter gebildeten Menschen. Wenn also von Cauterets die Rede ist, so hat zu erfolgen: Liegt im Tal das elegante Cauterets... Aber entweder Sie kennen den Atta Troll genau, und dann ist das Zitat nicht nötig – oder Sie besinnen sich nicht gut auf ihn, und dann hat es keinen Zweck. Besser wäre, die Reisebriefe Heines wären bekannter als sie sind – auch die aus den Pyrenäen – und alle seine Berichte aus Paris, in denen er sich als einen Jahrhundertkerl seltnen Formats, als einen Propheten und als einen Allesüberschauer zeigt. (»Man müßte wirklich mal abends den Heine wieder heraussuchen ...!« Ja, man müßte wirklich einmal.) So elegant ist Cauterets auch gar nicht. Hier ist das Heptameron der Königin von Navarra geboren – aber auch das kann uns nicht trösten. Cauterets liegt in einem engen Tal. Enge Täler... das drückt leise auf die Seele, man fühlt sich ein bißchen zu gut geborgen, das schwere dunkle Grün der Wälder lastet, klettert langsam den Berg hinan; man sieht ihm nach. Wie ein Gitter stehen die Stämme. Die Kurkapelle spielt einen dünnen Walzer, die Gurgler gurgeln, die Bresthaften baden sich, die Stubenmädchen stehen zusammen und beraten, wer von wem das nächste Kind bekommen wird. Von mir nicht. Auf und davon –! Pic du Midi Wenn man von Barèges lange genug auf gewundnen Wegen heraufgeklettert ist, kommt man an die Hotellerie, die sechshundert Meter unter dem Gipfel liegt – also zweitausendzweihundert. Noch sechshundert Meter... Der Gipfel steht vor mir – hoch oben blinkt ein Märchenschloß mit der weißen Kuppel einer Moschee. Das ist das Observatorium. Das kleine Zauberhaus grüßt herunter – es ist auf einmal noch so weit bis dahin – Unterhalb der großen Hütte liegt ein See, und noch einer. »Gebirgs-Seen, das Auge Gottes.« Diese da strahlen dunkelgrün zwischen den Steinen. Es ist kalt. Wird die Aussicht oben gut sein –? Taine hatte es seinerzeit nicht gut getroffen, und er legt einem fingierten Reisekameraden folgende Notizen ins Tagebuch: »Abmarsch vier Uhr morgens im dichten Nebel. Weideplätze im dichten Nebel, den man deutlich sehen kann. See von Oncet – gleiche Aussicht. Weiße und graue Flecke, auf einem weißlichen und gräulichen Hintergrund. Um sich ein richtiges Bild zu machen, denke man an fünf oder sechs Oblaten von schmutzigem Weiß, die auf Löschpapier geklebt sind. Beginn der steilen Böschung; langsamer Aufstieg im Gänsemarsch – das erinnert mich an den Zirkus Leblanc und seine fünfzig Pferde, die so graziös auf den Sägespänen dahintänzeln, jedes mit der Nase gegen den Schwanz des nächsten, und jedes mit dem Schwanz gegen die Nase des nachfolgenden. Ich wiege mich wohlig in dieser poetischen Erinnerung. Erste Stunde: Rückenansicht meines Führers sowie eines Pferde-Hinterteils. Der Führer hat eine Jacke aus flaschengrünem Samt, rechts und links ist der Stoff etwas ausgebessert, das Pferd ist schmutzigbraun und hat Striemen. Große Steine auf dem Weg. Ich muß an die deutsche Philosophie denken. Zweite Stunde: Es klärt sich auf, jetzt kann ich das linke Auge des Führerpferdes sehn. Das Tier ist auf diesem Auge blind – es verliert aber nichts. Dritte Stunde: die Aussicht wird immer weiter. Ich sehe jetzt zwei Pferderücken und zwei Jakken von Touristen, die fünfzehn Schritt unter uns sind. Graue Jacken, rote Gürtel, Mützen. Sie fluchen. Ich fluche auch, das tröstet uns etwas. Vierte Stunde: Große Begeisterung. Der Führer verspricht uns, wenn wir oben angekommen sind, ein Wolkenmeer. Wir sind oben, wir sehen das Wolkenmeer. Leider sind wir grade mitten drin. Die Sache sieht aus wie ein Dampfbad – vom Dampfbad aus gesehn. Bilanz: Schnupfen, Reißen in den Füßen, Hexenschuß, Frost-Zustand, wie wenn man acht Stunden in einem ungeheizten Wartezimmer gesessen hätte.« – »Kommt das oft vor?« fragt Taine seine Figur. »Von drei Malen zwei«, sagt der. »Die Führer geben das große Ehrenwort: es kommt überhaupt nicht vor.« Und während ich noch in der Hotellerie frühstücke, die einfach aber sauber ist und schön kalt, bezieht sich der Gipfel mit weißen Wolken, die vom Tal aus herauffegen, ganz gewiß, jetzt wird er eine Mütze bekommen – und ich bin... »Je suis chocolat« sagen die in Paris (Merk: le chocolat – der Dumme). Mit einem halben gebratenen Fisch und etwas Heu im Hals reiten wir nach oben: der Esel und ich. Nach einem kleinen Stündchen sind wir oben. Sie haben neun Jahre daran gebaut, und im Jahre 1882 war es fertig. Nun ist ein Observatorium da, mit einer Kuppel und einem großen Fernrohr, und ich lege zur größten Heiterkeit des Astronomen einen schönen Kindermund hin, als ich frage, ob hier geheizt ist. Ich weiß nicht einmal, daß die Luke, durch die das Fernrohr in den Himmel schießt, immer offen sein muß! Siehst du. Sie haben für den Wetterdienst viele gebildete Apparate, und ein Wohnhaus und Zimmer und Küchen, und alles ist durch einen gedeckten Gang verbunden, so daß sie im Winter nicht herauszugehen brauchen. Meist können sie auch gar nicht, das Haus schneit ein. Sie sind vier im Winter, die oben bleiben, oft Wochen unerreichbar, und Lebensmittel haben sie immer für ein halbes Jahr voraus. Herr Daupère macht schon fünfunddreißig Jahre Dienst; im Tal, auf Urlaub, fehlt ihm etwas und er langweilt sich. Der jetzige Direktor heißt Herr Latreille; und eine Hilfe haben sie auch, einen kräftigen, hübschen jungen Menschen. Von hier kann man nach Bagnères telefonieren und telegrafieren, und sie sind grade dabei, eine Funkstation aufzumontieren. Der graulackierte große Apparat steht schon da. Wie mag man das alles nach oben geschafft haben? Mein Führer erzählt, er habe als junger Mensch beim Bau geholfen, es sei eine bittre Sache gewesen. Und nun sehe ich mich um. Man sieht: in der Ebene, nach Toulouse hin, ein Wattemeer von Wolken – unten ist also jetzt schlechtes Wetter, und die Leute sagen: »Wenn doch nur die Sonne einmal scheinen wollte!« Hier scheint sie. Ab und zu ziehen graue Schwaden über die Kuppe, dann steht man im Nebel. Die Pyrenäen sind wie mit einem Messer in den blauen Himmel geschnitten, so klar stehen sie da. Ich grüße alte Bekannte: Gavarnie und die Rolandbresche und viele andre. Manche tun furchtbar fein und erkennen mich nicht wieder. Arbeiter graben auf der Plattform, legen Leitungen und haben alles voller Planken und Erdhaufen vollgepackt, man glaubt, in einer Berliner Straße zu sein ... Ein Hühnervolk scharrt und kakelt: einmal stehen sie alle, von der Sonne beschienen, grade am Abhang vor einer blitzenden Wolkenlandschaft, die einen schönen Hintergrund für ihre Leiber abgibt. Der Hahn weiß, daß ihm Wolke gut steht, und benimmt sich entsprechend. Sie sollen bald eine Zahnradbahn bekommen, hier oben – der Ingenieur ist mit mir zusammen heraufgeritten und mißt die Felsen ab. Und weil man oben nicht übernachten kann, steige ich wieder zur Hotellerie herunter, den morgigen Sonnenaufgang abzuwarten. Es wird kalt und kälter, das große Feuer in der Küche, in der alle zusammensitzen und viel essen, wärmt und leuchtet dunkelrot. In der Stube, wo ich unter zahllosen Decken eingepackt liege, ist es bitterkalt. Fast die ganze Nacht hindurch machen die Führer und die Leute, die mit Pferden und Traglasten heraufgekommen sind, musikalischen Lärm, unter gütiger Mitwirkung einer Ziehharmonika. Sie singen gewiß alte baskische Lieder, die im Herzen des Volkes... Guten Morgen. Sie singen alle, immer, in den kleinsten Löchern der Pyrenäen, ohne Ausnahme, auf allen Bahnhöfen, auf den unglaublichsten Örtern, vom Atlantischen Ozean bis zum Mittelländischen Meer, das Valencia von gestern: den Java der Mistinguett. »On fait un' petit' belote Et puis ça va – On belote, on rebelote A tour de bras –« Es ist die Pest. Sie pfeifen, summen, trommeln es – überall. Aus dem Java ist einfach ein Ländler geworden, ein gemütlicher alter Walzer, das erklärt wohl seine Popularität. Alte Baskenlieder weniger. Ich stehe dreimal auf: um halb vier, um vier und um halb fünf. Die Sonne wird Verspätung haben. Kein Wunder – hier müßte mal Ordnung in die Bude jebracht werden! Aber dann scheint es doch etwas zu werden mit der Sonne. Noch haben die Felsen und nichts umher Farbe – der Gipfel ist verhüllt, ich brauche also nicht in die Wolken zu steigen, da wäre gar nichts. Hier unten sehe ich den kaltdunkeln Horizont, und dann seine Kolorierung, und dann färbt sich der See und ein Stück grasbewachsener Felsen, nun schwimmt da hinten die Luft in rosigem Grau... »Und alles wartet – wie mit niedergeschlagenen Augen – auf den Tag.« Die schönen Zeilen Werfels durchfliegen mich... Nicht wahr, das dürfen sie doch, von Werfel, wie? Schade, daß sie gar nicht von ihm sind. Ihr Verfasser war ein kleiner, dicker, ehemaliger Offizier, ich darf den Namen gar nicht sagen – dann ist es mit meiner literarischen Reputation vorbei. Es wird heller – Gold blitzt auf. Nun kommt der Wirt des Hauses und teilt mir mit, daß es heute kalt sei, daß die Sonne gleich aufgehen werde, daß man sie schon sehen könne, und daß wir einen schönen Tag bekommen würden, freilich mit etwas Regen und Windstößen... Ich beneide die Esel, die sich im Geröll Gras suchen und die man kauen hört. Jetzt ist die Sonne da. Es ist eine ganz gewöhnliche Sonne, wie alle Tage, niemand kann einsehen, warum man so lange auf sie gewartet hat. Sie scheint ihrs, wärmt nicht... Der Wirt schlägt mir die letzten Goldplomben heraus, nimmt mir die Uhr fort und entläßt mich mit einem fröhlichen: Glückauf! Hinter der untersten Wegbiegung verschwindet oben das Zauberhaus mit der weißen Kuppel einer Moschee. Figuren Vor den Schaltern der Eisenbahn in der französischen Provinz kann man noch unwahrscheinliche Gestalten sehn. Da gibt es alte Damen mit langen, schwarzen Röcken und vielen Unterröcken, mit einem Großmamabusen, rund, aber ehrfurchterweckend, und mit einem schwarzen Kapotthütchen. Sie stehen und warten geduldig, bis die Reihe an ihnen ist. Vor dem Schalterfensterchen kommt wie der Blitz die Erkenntnis über sie: Dazu braucht man Geld! Zum Bezahlen! Allmächtiger Gott! Und die alten Hände graben hinterwärts in eigentümlichen Schlitzen und Grotten und produzieren ein altes Lederportemonnaie. Daß der Billett-Mann ihnen den Preis genannt hat, haben sie längst vergessen. »Wieviel?« – Und dann zählen sie und verzählen sich, haschen herunterwehende Geldscheine, reichen hin und nehmen wieder zurück (solange man die Schachfigur mit der Hand berührt, darf man zurücknehmen), bekommen Geld heraus und zählen es mißtrauisch, fragen noch einmal vorsichtshalber, wie man fahren muß, wenden sich und vergessen das Billett. Ich habe drei Züge durch sie versäumt – aber man kann ihnen nicht böse sein, den guten alten Winterfliegen. Einmal saßen wir zu fünft in einer kleinen Kneipe, vier Franzosen und ich. Da war einer, der kannte Deutschland von manchen Reisen her, und er sprach auch etwas Deutsch, und gar nicht schlecht. An diesem Abend aber ritt ihn der Teufel, und er vermaß sich, mir einen deutschen Witz zu erzählen, und an der Art, wie er die Pointe vorwegschmunzelte, sah ich, daß es »une bonne« werden würde, eine haarige Geschichte. Richtig. Er erzählte zunächst deutsch und die andern hörten bewundernd zu. Es handelte sich da um ein lockres Dienstmädchen, eine, die nachts außerhalb zu schlafen pflegte, und die nun natürlich mit ihrer gnädigen Frau zusammenlief. Großer Krach in der Küche. »Was hatten Sie mit diesem Mann ...?« rief die gnädige Frau. Das Mädchen antwortete etwas hervorragend Doppeldeutiges und fügte nach Angaben des Franzosen hinzu: »Und dann – liebe Frau – dann ist er gefobel!« – Und den erstaunt Lauschenden zur Erklärung: »Gefobel – en allemand ça veut dire – enfin – c'est une expression très forte!« Da hat man nun Gräfinnen verführt, Briefträgerstöchter geküßt, ältern Damen zu einer Erinnerung fürs ganze Leben verholfen – und weiß nicht einmal, was das ist: gefobel! Grandeur et décadence d'un Don Juan. In Lourdes sitzt an der Ecke der Rue Basse und der Rue Baron Duprat im Korbwagen ein dicker Bettler. Er ist im besten Alter, eine Kugel an Fett, er schüttelt in den Händen ununterbrochen eine Blechbüchse, in der etwas klappert. Und nähert sich der Ecke ein Passant, so schüttelt er heftiger und sagt mit einer rostigen Stimme: »La charité, messieurs-dames, la charité!« – Ich kaufte regelmäßig bei ihm, weil es hübsch war, daß einer abstrakte Gegenstände anpries. Eines Tages aber geschah etwas Unerwartetes. Es näherte sich ihm eine tropfnasige Alte, ein gekrümmtes, zusammengedrücktes Mütterchen, und schlurchte nahe an ihn heran. Die »charité« blieb ihm im Halse stecken. Er sah sie an, öffnete die Büchse und gab ihr ein Kupferstück. Hüstelnd und Segenswünsche brummelnd, entfernte sich die Alte. Das hatte ich noch nie gesehen, einen Bettler, der angebettelt wird. Überschrift: Der Unterbettler. Die Oberin der Sœurs de la Charité de Nevers (Orden, in den die selige Bernadette eingetreten ist): »De quelle nationalité êtes-vous, Monsieur?« – Ich: »Je suis Allemand, ma Mère!« Sie: »Oh – ça ne fait rien!« (»Nun sehen Sie sich doch diesen Jungen da an, mit dem enormen Wasserkopf!« – »Das ist mein Sohn!« – »Oha! Steht ihm aber gut –!«) Über Naturauffassung Ein Mann der Pyrenäen aus Luz, sagt zu einem Freund: »Sehen Sie – hier hat sich alles verändert! Die Sache ist hier ruiniert, es ist aus! Seit man vor zweiundvierzig Jahren die großen Landstraßen ins Gebirge gelegt hat...« Der Satz, im Jahre 1788 gesprochen, ist alt wie die Welt. Der Mann beklagte, was Henri Béraldi in seinem Werk »Hundert Jahre in den Pyrenäen«: »La Vulgarisation« nennt – und dies Lamento reißt nicht ab. Seit den Eisenbahnen ... Seit der Erfindung des Autos... jede Generation glaubt, nun sei es mit der Gemütlichkeit und mit der Naturbewunderung für allemal vorbei. Das macht, sie fühlt den endlosen Wechsel, in dem die jungen Leute die Natur anders sehen als ihre Väter, und die tun nun so, als verständen die Jungen von der Welt überhaupt nichts mehr. »Da bin ich seinerzeit gewesen, als es noch keine Zahnradbahn gab...« Na und –? Dann hast du eben einen andern Eindruck gehabt als wir – keinen bessern. Man kann wohl nicht aus seiner Zeit heraushüpfen, und so sind denn die Menschen meisthin felsenfest davon überzeugt, daß man die Natur immer so angesehen habe, wie sie es tun, daß man sie auch gar nicht anders ansehen könne, und daß der ein verstockter Tropf oder Modegeck sei, der es auf eine andre Art versuche. Die Erde hält gutwillig still, wenn die Reisenden über sie dahinklettern, und es ist ihr gleichgültig, wie man sie anschaut. Schilderungen sind nur für den Schilderer charakteristisch. Wie lange ist es her, daß den Menschen die Augen für die Schönheit des Meeres aufgegangen sind –? Wie lange werden sie das Meer noch so ansingen –? Die Liebe zu den Bergen ist jedenfalls noch gar nicht alt. Die Griechen waren Leute, die die Ebene brauchten und das Gebirge mieden – eine ästhetische Wertschätzung der Berge findet sich bei ihnen nicht. Die Lateiner liebten das Gebirge kaum – aber sie besiegten es, weil sie es besiegen mußten. Das junge Christentum hat seine Einsiedler in die Berge geschickt, und die Berge, das war: Einsamkeit, Stille, etwas Negatives. Schüchtern näherte sich der Pilger der wundertätigen Quelle im Gebirge – die Berge ringsherum waren ihm nicht freundlich gesinnt, sie drohten. Er betete gegen sie. In der Renaissance wurde das Gebirge entdeckt: die Schweizer, berggewohnt, im Gebirge geboren, erzogen, gealtert, begannen die seltsame Mär in die Welt zu setzen, daß Berge schön seien. Conrad Gesner (nicht Salomon, der Idylliker) stand erst ganz allein auf den Bergkuppen und rief die andern herbei, die wohl oft ein Gebirge durchquert, es aber niemals angesehen hatten, wie man eine Statue ansieht. Das sechzehnte Jahrhundert rühmte die hohen Berge, und liebte sie zum mindesten platonisch. Das siebzehnte durchaus nicht. Der sauber gezirkelte Naturgeschmack, der die Natur rational zu überwinden trachtete, der die Bäume in Formen preßte und den Erdboden in ein künstliches System, jener Geschmack, der dem Wilden abhold war, verachtete das Gebirge. »Das ist etwas für Bergbewohner!«: äußerste Kritik. Die Berge störten das geregelte Landschaftsbild der Ebene, die man so schön aufteilen konnte – über die Höhen und Felsen fiel die Literatur fast einstimmig her. Die reichen Leute ließen sich ihre Schlösser da anlegen, wo die Mode die schönsten Plätze fixierte: also in der Ebene, im langweiligsten Plattland, nur nicht im Hochland. Aus dem Garten konnte man etwas »machen«, die Berge ließen sich das nicht gefallen. Und es war doch der Mensch, der die Natur zu beherrschen hatte! »Von der gesunden Luft zu Rostock«, heißt eine Dissertation, die noch aus diesen Anschauungen heraus im Jahre 1705 gedruckt worden ist, und es war durchaus kein Konkurrenzneid, wenn es dort von der Gebirgsluft in der Schweiz und in Tirol hieß, sie mache die Menschen schwachsinnig. Die Berge... das war eine grobe Sache, pfui. Sie fügten sich in kein ästhetisches System ein, unübersichtlich und frech lagen sie da, roh, unbehauen – da war keine Klarheit und keine Vernunft. Das achtzehnte machte alles wieder gut. Seitdem sind viele Theorien des Schönen über das Gebirge gegangen; hier sind schon so viel Melodien gesungen worden, aber Bewunderung war doch immer der Unterton. Das Romantische, das Malerische, das Sentimentale, das Heroische, das Idyllische – so viel Bilder, so viel Hymnen, so viel Beschreibungen, so viel Verzückte. Und nun stellt sich vor diese Dekoration, deren Soffitten man so oft ausgewechselt hat, ein Kerl mit einem kräftigen Stock, mit benagelten Stiefeln, mit wolligem Sweater und treibt Sport! und das ist etwas ganz Neues. Mühen um ihrer selbst willen zu unternehmen; heraufzuklettern, nicht, um oben ein Liedchen zu singen, sondern nur und lediglich, um zu klettern; Kampf, Niederlage, Wiederanstrengung und Sieg –: das ist das neunzehnte Jahrhundert. Die Zeit der Ideen für die Wandrer scheint bis auf weiteres vorüber – es ist die Zeit der Tat. Weil aber trotzdem der Wandervogel im Rucksack gern den gesamten Kosmos mit sich trägt, ist es vielleicht nicht unbescheiden, daran zu erinnern, daß auch der Wandrer nicht verpflichtet ist, so und nicht anders zu fühlen, wenn er eine sanfte, von der Sonne beschienene Böschung sieht. Da ist vor allem jener fatale Gegensatz von Automann und Fußwandrer. Einer lacht den andern aus, und sie sagen sich gegenseitig nach, daß man »so« natürlich nichts von einem Lande habe. Ich glaube: beide haben Unrecht. Es ist da etwas wie eine Breite der Bewegung in die Reisen gekommen, und das geht auf Kosten der alten Intensität – schafft aber ein völlig neues Lebensgefühl. Ich habe das einmal vor Bourg-Madame, an der spanischen Grenze, zu spüren bekommen: das eine Mal polterte ein Überlandauto mit mir die große Straße herunter, und das zweite Mal bin ich gegangen. Es waren zwei Alleen. Die grünen Blätter, die einem entgegengeweht kommen, streifende Zweige, das unermüdliche Brummen des Wagens, der Takt des Motors, der Blick, der schon aus Langerweile weit in die Landschaft hineinsieht, den Horizont absucht, und die Felder, die sich fächerartig vorbeidrehen, – keine Einzelheiten! viel, wenn möglich alles –: das ist das eine. Und die Erde unter den Füßen fühlen, ein Steinchen mit der Fußspitze beiseite schleudern, ein Blatt im Gehen abreißen, stehenbleiben und sehen, was denn da im Bach herumkreiselt, aus dem Bach trinken, an die Häuser herangehen und sie mit den Händen befassen: kennst du diesen Stein? – nicht so sehr die Weite kontrollieren als genau die kleine Umwelt –: das ist das andere. Müßt ihr immer Vereine bilden –? Natürlich sieht der Fußwandrer quantitativ weniger. »Die Landschaft im Auto – das ist das, was man sieht, wenn man den Wagen aus dringlichen Gründen halten läßt.« Nun, dies Wort wäre auch sehr hübsch, wenns wahr wäre. (Da haben sie einmal einen Berliner Generaldirektor vom Film fotografiert, durch zwei Büsche hindurch, grade, als er das Auto aus diesen Gründen hatte halten lassen. Ich habe das Bildchen gesehen, und es ist eines der schönsten menschlichen Dokumente, das sich denken läßt. Endlich, endlich einmal die Fotografie eines, der mit sich allein ist! Die Ansicht ist durchaus dezent – das war Zufall – der Generaldirektor saß im Grünen wie ein Osterhase und machte so ein Gesicht... »Ich freue mich, daß ich hier sitze, und übrigens ist es ein gedeihliches Werk.«) Aber ich denke: man sieht doch vom Auto mehr als nur dies. Die Poesie des Wanderns...! Vielleicht kommt es eines Tages dazu, daß die nachtdunkeln Felder, Wälder, Berge und Täler von Zentralflammen beleuchtet sind, daß man in ihnen sich bewegt wie auf dem Broadway, und daß kein Mensch mehr auf den Gedanken verfällt, darin zu wandern – so wie man ja auch in einer großen Stadt und auf den Chausseen nicht gern marschiert. Wozu auch? Die Fahrt ist nicht nur bequemer, sondern gibt erst den wahren Reiz der künstlichen Landschaft. Was nun die schwellenden Schilderungen der Sonnenuntergänge betrifft, der Wassersturzbäche und des Felsengerölls, so habe ich immer das Empfinden, als langweilte man sich dabei rechtens zu Tode. Ich wenigstens überschlage solche Absätze in einem Buch stets, und es muß wohl schon ein sehr großer Stilist sein – wie etwa Stifter – der eine Landschaft nicht abmalt, sondern neu schafft. Heute, aus unsrer Autozeit heraus... Drei Viertel aller Naturbeschreibungen sind auf Vergleichen aufgebaut, und ich habe es wirklich satt, zu hören, daß die Mondscheibe wie eine... und der feine Sprühregen wie ein... anzusehen war. Vergleiche sind meistens Ausflüchte, und für den, der nicht dabei war, sagt das Ganze sowieso nicht viel. Dazu kommt noch ein andres. Welcher Reisende hat denn den Mut zu sagen, was ja so oft die Wahrheit ist: daß die Landschaft leer war, leer wie eine aufgemalte einfarbige Fläche –! Man sagte ihm Empfindungslosigkeit nach, befürchtet er, Stumpfheit, Mangel an Poesie, an Gefühl, an Frömmigkeit, was weiß ich. Aber es war doch so. Sieht man von Spezialanschauungen ab: von dem geübten Blick eines Ski-Fahrers, der keine Natur, sondern Gelände sieht, vom harten Auge des Bauern, der keine Natur, sondern Nutzland sieht, vom MG-Schützen, der keine Natur, sondern Schußfeld sieht – es ist ja in den allermeisten Fällen nicht wahr, daß der Reisende, frisch aus der Eisenbahn, mehr zustande bringt als eine Dreiminutenverzückung, die etwa auf demselben Niveau liegt wie die bunten Glasscheiben, die man auf altmodischen Aussichtstürmen antrifft und die dem Abgestumpften die Natur wenigstens einigermaßen erträglich machen sollen. »Die Natur ist niemals leer.« Sie haben noch eine Linse im Bart, Herr. Wer dreißig Jahre Asphalt tritt, wer in Steinmauern aufwächst und fast das ganze Jahr nichts andres sieht, für wen es keine Dämmerung gibt, sondern nur dunkel wird, wer nicht angeben kann, was am vorigen Montag für Wetter war – für den ist die Natur nicht leicht zu erobern. Wenn er sich nichts vormacht, bedeutet sie: gute Luft, Ruhe, Ausspannung – keine Großstadt. Lade das große Publikum, und besonders seine Beauftragten, die Literatur- Lieferanten, um zwei Uhr aus dem Auto –: und um drei Viertel drei hast du einen Hymnus am Busen der Natur, daß dir angst und bange wird. Wir wollen ehrlich sein –: wir haben uns schon oft im Freien gelangweilt. Und daher kann ich auch nicht solche Beschreibungen von den Pyrenäen geben, in denen es nur so braust von ungewöhnlichen Adjektiven – denn ich habe das nicht empfunden. Die Höhepunkte lagen auf dieser Reise, wie bei allen Menschen, die unter denselben Lebensbedingungen aufgewachsen sind wie ich, sehr oft in kleinen Nebenumständen, im Wohlbefinden an einem sonnenbeglänzten Nachmittag, in dem Geschrei von Gänsen, das sich anhört, wie wenn sie sich selbst ironisch nachahmten, in dem Drum und Dran von ländlicher Arbeit, die ich nicht mitzutun gezwungen war, deren Anblick mir also für die erste Zeit Vergnügen bereitete, in der Freude, in den Bergen zu sein, wo keine Elektrischen fahren, keine Zeitungsausrufer brüllen, keine Schutzleute stehn. Und manchmal – drei-, vier-, fünfmal –: mehr. Sind die Amerikaner nicht ehrlicher –? Ihre Stumpfheit, die mich genau so reizt wie jeden andern Europäer – – Aber sie heucheln wenigstens keine innre Anteilnahme. Sie stören ein bißchen, genau wie die Engländer, die wie ein albernes Reklameschild die Landschaft verschandeln. Vor hundert Jahren hat sich George Sand über sie gegiftet und gefragt: »Wozu reisen diese Leute eigentlich –?« Das ist ihre Sache. Es gibt keine richtige Art, die Natur zu sehen. Es gibt hundert. Es gibt für einen Menschen keine richtige Art zu reisen – es gibt manche, die ihm adäquater sind als andere. Das ist alles. Wind, der ins Gesicht schlägt, Rausch der Schnelligkeit, die Hupe, die die Straße zerteilt, durch einen Wagenpark hindurchschießen – auch dies ist Reisen. Auf einem Esel sitzen, Stufe für Stufe einen Berg heraufwackeln, das nasse Fell des Tiers mitleidsvoll von oben ansehn (aber nicht absteigen), Blumen am Wege betrachten und zwei Ohren, die sich ab und zu hochstellen und nach hinten legen, wenn etwas Außergewöhnliches herankommt, langsam die Gegend passieren, ohne sich anzustrengen –: auch dies ist Reisen. Wandern, sich abmühen, klettern, rutschen, klimmen, herausholen, was in einem Körper drinsteckt –: auch dies ist Reisen. »Jeder versteht nur seine eigene Poesie.« Jede Zeit versteht nur ihre eigene Naturauffassung. Der ist reich, der viele hat. Von Barèges bis Arreau Es rieselte vom Himmel herunter, und die Esel, der Führer und ich, dies ist keine Apposition, waren schon naß, als wir aus dem Dorf heraus waren. Eine halbe Stunde Chaussee, dann ein Maultierpfad rechts. Das war bitter. Es bedeutete schon eine böse Anstrengung, da heraufzureiten, und was die Esel ausgestanden haben, weiß allein der Herrgott, Abteilung für Pyrenäen-Esel. Auf der Karte stand eine Seenplatte verzeichnet, auf den Bergen stand der dicke Nebel. Manchmal wehte ihn ein Windstoß fort, dann sah man, wie eine Halluzination, einen Gebirgssee, der freundlich dalag, als müßte es sein, daß er nach vier Minuten wieder verschwunden war. Der Nebel rauchte davon, und nun sah es aus wie eine verfluchte Gegend – »chaos« nennen sie das überall – Geröll, Steine, Felsen, Klippen, durch die sich die Esel mühsam durchmanövrieren. Sie riechen den Weg – wir andern können ihn auch sehn; hier und da stehen kleine Steinchen auf den Felsen aufgetürmt, und manchmal haben die Felsblöcke rote Ölstriche. Ein kleiner See nach dem andern kam an, schwarze und grüne und metallgraue, der Wind strich drüber hin, und die Oberfläche rauhte sich auf. Nun ging es aufwärts, zum Paß hinauf. »Lacets« heißt auf deutsch für glückliche Menschen: »Schnürsenkel«, aber für mich hieß es während zweier Monate »Serpentinen« – und wenn man ihrer dreißig herauf- und heruntergemacht ist, dann kann man das Wort deklinieren. Die letzten waren die bösesten – wir stiegen ab, die Esel gingen leer herauf, wie wenn sie Unter den Linden wären; mir holperten die Steine unter den Füßen weg, und das fiel mir auf. Der Weg war stellenweise nicht da, die Steine waren darüber hinweggeströmt, und unten lag ein tiefer Kessel. In diesem schrecklichen Augenblick erinnerte ich mich eines Rezepts meiner guten Großmama, die bis in ihr achtzigstes Lebensjahr eine rüstige Bergsteigerin gewesen ist –: kurz einmal kräftig in der Nase bohren. Ich tat es und dankte der alten Frau in einem kurzen Stoßgebet. (Kein Wort wahr, aber das ist in den alten Büchern so.) Und ich fluchte mich die letzten fünfzig Meter herauf und gelobte, wenn ich erst einmal oben sein sollte, dem Führer aber ordentlich Bescheid zu sagen und seinen Eseln auch. Oben saß der Führer auf der Erde und aß Käse, die Esel weideten im Gras, und ich vergaß alle drei: vor mir lag eine Landkarte mit blauen Seen, Wolken in den Tälern, in wunderschöner Klarheit. Herunter. Wir kamen an einen schiefergrauen See, wo lag der –? In den Pyrenäen –? Aber das war Ostpreußen, das war östliches Deutschland, die Ufer mit kargen Kiefern besetzt, sandige Ränder, gedämpfte Farben – und ich dachte an Kurland, das schönste Land der Welt, den Prospekt des lieben Gottes, als der Deutschland erschaffen wollte. (Es ist nachher nicht ganz so schön geworden wie die Muster-Reklame.) Von dem See mochte ich gar nicht wieder fort – es war so still hier, ich schickte den Führer mit der Kavallerie voraus; ich kroch am Ufer umher, ließ Hölzchen im Wasser schwimmen und atmete eine Luft, die mir gar nicht französisch schien. Dann machte ich mich wieder beritten. Was haben eigentlich Esel immer auf der Straße zu riechen –? Meiner zum Beispiel fand oft Kuhfladen, die ließ er liegen. Aber wenn er an Pferdeäpfel von Eseln kam, stand er still, beroch die Sache ausführlich – dann hob er den Kopf in die Luft und lachte. Wahrscheinlich erinnerte ihn der braune Klacks an einen guten Bekannten, der ihm irgend einen guten Witz erzählt haben mochte. Er war nicht vorwärtszubringen, er stand da und lachte. Da beugte auch ich mich hinunter und sah das Ding genau an, und ich lachte gar nicht. So verschieden ist es manchmal im menschlichen Leben. Wollige Gebirgshunde begegneten uns, die sahen aus wie mittelgroße Bernhardiner. Der Führer versprach eine kleine halbe Stunde Weg – dann seien wir am Lac d'Orédon. Da wußte ich, daß mit noch zweien zu rechnen war. Und ein Hotel gäbe es da auch. Würden sie mich sehr ausrauben –? Im allgemeinen war es ja gut gegangen, aber die Reiseschilderer hatten mir in Paris nicht schlecht angst gemacht. Die Fremden seien für die Pyrenäen-Leute das, was für die Nordlandfischer das angeschwemmte Strandgut: legale Beute. Und einer von früher hatte noch, um die mörderische Raubsucht der Leute genau zu charakterisieren, hinzugefügt, daß ein Präfekt einen Bauern wegen der Steuern gemahnt und daß der geantwortet habe: »Excellenz, ich tue, was ich kann! Seit vierzehn Tagen stehe ich täglich mit meiner Flinte auf der Chaussee und warte, daß jemand vorbeikommt. Meinen Sie, es kommt einer? Kein Aas. Aber das verspreche ich Ihnen, Excellenz; wenn einer kommt, dann bezahle ich meine Steuern.« Regt es sich im Gebüsch –? Seis. Für das Vaterland bis in den Tod. Exklusive. Aber als ich triefend anlangte, da ging es dort wundermild zu, und ein schöner Gebirgssee war auch da, von hohen Bergen eingeschlossen, ganz einsam. Hätten sie nicht auch hier ein Stauwerk errichtet, es wäre still gewesen, so aber rauschte der Wasserfall die ganze Nacht, stillos, ein See hat still zu sein, und rauschte mich in Schlaf. Was sich aber zwischen dem See von Orédon und Arreau abgespielt hat –: darüber verweigere ich die Aussage. Die Täler Ich will sie gewiß nicht alle aufzählen. Viele laufen von Norden nach Süden, so daß man bei der Durchquerung der Pyrenäen immer wieder neue Gebirgspässe übersteigen muß, die guten Straßen oder gar die Eisenbahnlinien liegen nördlicher, und wenn man sie benutzt, kommt man zu weit aus den Bergen heraus. Steigt man ein wenig von den Tälern in die Berge, so liegt da die halbhohe Zone, die schon der Graf Russel so gerühmt hat, er, der die Pyrenäen erobert, kartographiert, nach allen Richtungen hin durchforscht hat. Dieser Bergstrich ist meist einsam, er entbehrt der großen pompösen Schönheiten, aber er hat seinen Stil für sich, Gebüsch kriecht am Boden, hin und wieder flattern Vögel, es ist noch nicht kalt und nicht mehr warm, nicht mehr bewachsen, noch nicht kahl, noch nicht eisbedeckt... Was den Schnee in den Pyrenäen anbetrifft, so ist das mit ihm nicht so wie in den Alpen, wo man mitten im Sommer viele Bergkuppen antreffen kann, die strahlend weiß sind. Ein Reiseführer rühmt, durchaus unironisch, den Pyrenäen etwas nach, was mit einem einzigen Wort unsre leise Enttäuschung über die steingrauen Gipfel in einen schönen Euphemismus verkehrt: »Une neige discrète.« Weniger Diskretion wäre mehr. Die Täler ... Eins ist ihnen allen gemeinsam, und ganz besonders denen um Barèges und Luz herum, also ungefähr in der Mitte der Pyrenäen –: ihr starker Sinn für Abgeschlossenheit... »Barèges den Leuten aus Barèges!« Und weil es ein altes soziologisches Gesetz ist, daß man Näherstehende viel mehr haßt als Fremde, die jenen gegenüber fast sympathisch erscheinen –: so hassen Rumänen die Österreicher, haben aber nichts gegen die Reichsdeutschen; so verachten die Leute aus Barèges die, so ein Tal weiter wohnen, haben aber nichts gegen die durchreisenden Engländer. Aus verschiednen Gründen, versteht sich. Diese Bauern haben ihre alten Sitten, die zum Teil noch merkwürdig unberührt sind, ihre herkömmlichen Riten bei der Trauer, wo die Witwe eine Kapuze in der Kirche tragen muß; Stolz auf ihre Wäsche, die sie zu weben beginnen, wenn ein Kind geboren wird, ihre Lieder und Sprüche .... Es gibt einen, der das seit Jahren systematisch beobachtet und aufgezeichnet hat – weil er nicht ehrgeizig ist, gibt ers nicht heraus, sondern sammelt lieber Schmetterlinge. Das ist der Schullehrer von Gèdre, ein Mann, dessen Manuskripte wie kalligraphiert aussehen. Das Werk verlegen ...? Die Außenwelt interessiert hier nicht übermäßig. Man findet keine besonders großen Vermögen; jedes Tal mag da, wo keine Industrie ist, die sich meist in fremden Händen befindet, kaum fünf, sechs reiche Familien zählen – der Rest arbeitet, niemand geht müßig, aber niemand reißt sich ein Bein aus. Und die Leute sind auch so glücklich und zufrieden. Was gemacht wird, wird ordentlich gemacht; jemand, ders verstand, machte mich auf die intensive Art aufmerksam, in der hier gemäht wird, wie rasiert sieht so ein Feld aus. Und hinterher treiben sie noch ihr Vieh über die Fläche. Die Technik trifft man stellenweise ... Pflüge sind zu sehen, von einer Primitivität, die erkennen läßt, wie sich durch Jahrhunderte und Jahrtausende nichts gewandelt hat, und von einem Dampfpflug wird hier kein ehrlicher Ochse etwas wissen wollen. Weil wir grade von Rindvieh sprechen: auch die Politik bringt diese Bauern nicht auf den Trab. »Wen wählen Sie –?« fragte ich. »Den Sohn des alten Deputierten«, sagten die Kenner, und so war es häufig. Sie wählen oft die Person und den Familiennamen, nicht die Parole und die Partei. Der Vater hats immer gemacht, der Sohn wirds auch dieses Mal machen. Das ist politisch sicherlich rückständig, aber ebenso sicher immer noch besser als ein abstraktes Listensystem, bei dem der Vorsitzende des Verbandes Deutscher Steuerassistenten zur Wahrung seiner Berufsinteressen ins Parlament geschickt wird, ohne daß mans eingestehen will. Und so sieht das Parlament ja auch aus. Die Bauern in den Ost-Pyrenäen verstehen von der Schule her alle Französisch, aber sie sprechen daneben und unter sich ihren Lokaldialekt. Der ist in vielen Tälern ein seltsames Gemisch aus: Französisch, Spanisch, Lateinisch und Arabisch (die Sarazenen sind einmal hier gewesen). »Harri!« treiben sie ihre Esel an, und das ist ein altes sarazenisches Wort. Die Dialekte sind von Tal zu Tal abgestuft. Aussprache und Lautnuancen, besonders in den Vokalen, verschieden. Sprechen sie Französisch, so hat es die Färbung des Midi-Dialekts, eine schauerliche Sache. Mit vielen »Hé« und singenden Tönen am Satzende ist der französischen Sprache das ausgetrieben, was sie so liebenswert macht: ihre Musik. Wer die Alpen kennt, weiß, wie sich Bewohner selbst benachbarter Täler unterscheiden, und wie doch der Reisende die gemeinsamen Züge herausfinden kann, eben, weil er den Kleinkämpfen ein unbeteiligter Zuschauer ist. Ist man aus dem Lande der Basken heraus und durchreist nacheinander Béarn (ganz richtig, das Land mit der Sauce), Bigorre, die Vier Täler und später jene Landschaft, Roussillon geheißen – so hat man das typische Bild der Gebirgslandleute. So ein Gespräch wäre sehr wohl auch hier möglich: »Der Rüderer! Das ist ja ein Fremder! Sein Großvater ist übers Dachauer Moos nach München gekommen!« Dixit Ludwig Thoma, und er wollte damit durchaus keinen Witz machen. Das gibts hier allenthalben. Die Unterschiede dieser Täler sind um so größer, als sie verschiedne politische Verfassungen besaßen, und viele waren früher frei und unmittelbar. Sie hatten eigne kleine Volksvertretungen – schon im vierzehnten Jahrhundert, andere wurden feudal regiert, und alle wachten ängstlich über der Erhaltung ihrer föderalistischen Grundlagen. Sie haben sich nicht schlecht dabei befunden. Heute sind diese Zeiten vorbei – aber die Folgen sind noch zu spüren, im Familienleben, in kleinen Gebräuchen, und bis vor kurzer Zeit auch noch in der Tracht. Lichtlein im Tal ... Dabei sieht man immer einen Öldruck vor sich. Aber was »Tal« ist, das empfindet man ganz, wenn man aus den Bergen herunterkommt, abgemattet, hungrig, es ist auch kalt – und da glänzen die ersten Lichter. Zum Beispiel: Barèges. In Barèges habe ich drei Regentage gewartet, bis ich auf den Pic du Midi herauf reiten konnte – denn oben lag Neuschnee, und es war schon im Ort empfindlich kalt. »Ort« ist übertrieben. Es ist eine lange Straße mit einem Badehaus und nicht viel Bemerkenswertem. Nachmittags um halb vier ereignete sich auf der Straße ein Ereignis. Der Jäger war von der Jagd zurückgekommen und hatte seinen Hund neben sich, dem hing die Zunge aus dem Maul, und müde war er auch. Sie hatten sich einen Hasen besorgt, die beiden. Vor der Tür des Fleischerladens aber saß Rudolf I., Schlächterhund und Straßenkaiser. Ob in der Mittagssuppe zu wenig Knochen waren, ob der verdammte Rheumatismus die Laune des Alten beeinträchtigte, kurz: der Jagdpeter ärgerte ihn, er nahm sich kaum Zeit zu knurren – dann sprang er an. Erst hörte man dieses schnurrende Geräusch, das entsteht, wenn zwei Hunde sich ineinander verbeißen – dann lag der Jagdpeter unter dem großen Doggenkaiser. Der saß auf ihm, als wollte er ihn ausbrüten. Der Jäger rief und schimpfte, er näherte sich mit der Flinte, aber nur des Eindrucks halber, den er auf Rudolf völlig verfehlte. Der Jagdgenosse lag immer noch im Straßenstaub, der Riese auf ihm, und der da unten telegrafierte seinen Herrn an: er wedelte. Er tat einem so leid ... »Ich weiß ja, daß ihr da seid«, sagte der Wedel. »Schafft mir doch nur diesen Lümmel vom Hals – er beißt mich ja tot! Das geht doch nicht –!« Die ganze Straße war in Aufruhr, es fehlte nicht viel, so hätte man den Gendarm alarmiert. Keiner wagte sich an die Mordgruppe – schließlich stand Rudolf I. auf und schickte sich an, die Straße herunterzutraben. Huh! schrien die Damen, und die Ladenfrauen gingen alle in ihre Läden, wie wenn Mikosch des Weges daherkäme. Der arme Jagdgehilfe stand auf, schüttelte sich, sah seinen Herrn an: »Das war ja eine schöne Bescherung!« – und dann gingen sie fort. Rudolf I. spreizte die Straßen herunter, den Schweif hoch erhoben, außerordentlich stolz und zufrieden – das wäre ja auch noch schöner. Einzug durchs Brandenburger Tor, Gladiatorenmarsch. Da aber geschah etwas ganz Seltsames. Ein Schlächterbursche sah ihn kommen, und als sie auf gleicher Höhe waren, warf er ihm mit erschreckender Schnelligkeit einen Besen auf den Rücken. Bautsch! Er hatte genau getroffen. Der große Hund machte einen Satz – und nun war er auf einmal gar kein Held mehr, sondern ein lächerlicher Raufbold, der rechtens die Kehrseite voll bezogen hatte, weil er schwächere ehrliche Leute malträtiert. Er lief schaukelnd und grollend davon, und alle Leute lachten ihn aus. Nichts ist förderlicher für Diktatoren als ein Besen ins Kreuz. Das ist in allen Tälern so. Drei Tage Luchon ist ein großer Badeort, besonders, wenn niemand da ist. Wie schön und erholsam sind Badestädte, die leer sind –! Die Brust der Badegöttin atmet nur leise, die Geschäfte sind zwar geöffnet, ja, ja – aber die Kaufleute haben sich satt und müde geneppt und winken nur noch schlaff mit dem Finger, wenn ein Badegast vorüberwandelt. Die Luft steht still, die Wege sind rein, und das Schönste, was es nun gibt, ist eine leere Straße. Auf dem saubern Platz am Badegebäude spielt die Kurkapelle – sie bläst und fiedelt ohne rechte Überzeugung von ihrem Tun, denn nur drei Dackel und Kinder hören ihr zu. Die Leute machen ein Gesicht wie eine Frau in einem Zimmer ohne Spiegel und ohne Männer. Es lohnt nicht. Das Kasino steht in seiner gebacknen Pracht da, müde hängen die Stuckornamente herab, und im Park fallen die gelben Blätter. Der ganze Ort hat sich mit einem schleierdünnen Tuch zugedeckt – gleich schläft er. Oben, in Super-Bagnères, wohin die Zahnradbahn hinaufklettert, haben wir das Hotel – noch nicht, nicht mehr. Der Sommer ist vorbei, und die Leute vom Wintersport sind noch nicht da. Für mich ganz allein wird ein Frühstück geschlachtet, und träumerische Einsamkeit umfängt mich im weißen Lavabo. Wenn sich der Schwarm verlaufen hat, so läßt es sich schwärmen. In Foix gibt es ein trutz'ges Schloß – es ist nicht einmal so sehr hoch und nicht einmal so sehr groß – aber die Felsen mitten in der Stadt fallen so schroff ab, daß ein amerikanischer Zeichner unter sein gutes Bild gesetzt hat: »Schloß zu Foix: Typus der Feudalherrschaft.« Es ist der steingewordene Wille. Hier haben sie einmal, im Jahre 1808, eine Verrückte eingesperrt, eine Schwester Kaspar Hausers. Man fand die unbekannte Frau völlig nackt in den Bergen, rufend, kletternd wie eine Gemse, Beeren essend – sie jagte davon, als die Hirten hinter ihr her waren. Sie bekamen sie doch – sie entfloh aus dem Arrest. Sie fingen sie ein zweites Mal, nachdem sie im Gebirge überwintert hatte; niemand weiß, wo; niemand weiß, wer ihr Nahrung gegeben hat, und sie steckten sie in das Schloß zu Foix. Der Präfekt hatte seine liebe Not mit ihr: sie war nervenkrank, das war klar, aber im Departement gab es keine Irrenanstalt, und die Nachbar-Distrikte wollten die Fremde nicht aufnehmen. Man berichtete nach Paris. Fouché war damals Polizeiminister, die Sache lief ihren Aktengang. Da meldeten sich eines Tages zwei Gefängniswärter auf der Polizei in Foix und gaben an, die Unbekannte sei im Gefängnis »plötzlich gestorben«. Nun, das kommt vor – wir haben junge Beispiele. Die Berichte riechen nach Mord, aber selbstverständlich wurden die Akten abgelegt. Beamte ermorden keinen. Die Frau hatte aber in ihren Anfällen gerufen: »Was wird mein armer Mann sagen!« und ein romantisch veranlagter Unterpräfekt veröffentlichte etwas später einen langen Artikel über die »Irrsinnige aus den Pyrenäen« im Journal de l'Empire in der Nummer vom 17. Januar 1814 (es ist dies das nachmalige Journal des Débats, das noch heute besteht). Darin ließ er manches Geheimnis durchschimmern, ohne eines zu lüften – nun nahm die Hintertreppenliteratur die Geschichte auf und überschwemmte Frankreich mit schönen und schauerlichen Romanen von der entführten Gräfin, der Räubersbraut ... Sie ist nun längst tot und hat ihr gut Teil zur Unterhaltung des Publikums beigetragen. Die Irrengesetze tun es noch heute, aber das ist nicht so unterhaltsam. Wenn man von dem dickgemauerten Schloß heruntersteigt und zum Beispiel ins Rathaus zu Foix geht, so kann man, wenn es sich grade trifft, Zeuge eines Schulexamens sein, das da abgehalten wird. An diesem Tage standen die kleinen Mädchen mit hochrotem Kopf auf den Korridoren herum und tuschelten sich die Ergebnisse und ihre Befürchtungen ins Ohr. Milde Lehrer stellten in einer Stube Fragen – sie halfen nach, aber die jungen Damen schwitzten doch Blut und Wasser vor Angst. Ich saß noch ein Stündchen bei den Rathausbüchern in der kleinen Munizipalbibliothek. Und dann ging ich durch die Straßen und sah alles an und guckte überall hinein und freute mich des Glücks der Fremden: dabeizusein, ohne dabeizusein. Ein paar Wegstunden von Luchon, in der Ebene, steht die Kirche und das Kloster von St. Bertrand-de-Comminges. Die hat die schönsten Holzschnitzereien, vor denen ich gestanden habe. Es ist eine alte Kirche mit einem verwitterten Portal; die Pförtnersfrau, die mich herumführt, ist so asthmatisch, daß ich Luftbeklemmungen habe, wenn sie lange Sätze in Angriff nimmt. Aber als sie die innre Gittertür auf schließt, höre ich gar nicht mehr zu, was sie betet – ich sehe nur. Innen in der Kirche steht ein Chor mit Holzstühlen und einer rechteckig herumlaufenden Holzwand. Es ist unfaßbar, was sie da gemacht haben. Es wimmelt von Figuren, Emblemen, Wappen, Köpfen, Körpern, Blumen und Gruppen. Keine Verzierung wiederholt sich auch nur einmal – es ist alles bis ins letzte durchgearbeitet. Das muß ein Schnitzer in den Fingern gehabt haben, der aus dem Holz herausgeholt hat, was drin war; ein verrückter Bildhauer hat einmal seinem Arzt erklärt: »Ich sehe das Holz an, und dann sagt es mir, was es werden will«: so etwas ist auch hier vorgegangen. Es gibt da wilde Anhäufungen: indische Reminiszenzen; zwei Mönche, die sich um einen Bischofsstab streiten, sie haben Affenzüge und zerren am Stock, als ob sie damit sägen wollten; hervorragend unanständige Details, Apostel; klappt man die Sitze hoch, so zeigt sich ein kleiner Untersitz, der aus einem Kopf besteht, und jeder Sitz hat seinen besondern – es ist ganz erstaunlich. Adam und Eva sind zu sehen: man möchte die Konturen der Körper nachfühlen, so laufen die Linien. Ein Holzwunder, den Altar, haben sie farbig zugerichtet; es soll zwanzigtausend Francs kosten, Kolorierung und Vergoldung wieder abzukratzen. So lange habe ich da herumgestanden, daß ich schnellen Schrittes gehen mußte, um nach Gargas zu kommen. Zur Höhle von Gargas. Nun, es ist eine Höhle wie andre auch. Aber der Neue Pitaval kennt den Ort, und auch ich kannte ihn: Blaize Ferrage, der Menschenfresser, hat da gewohnt. Das war ein kleiner, übermenschlich starker Bursche, ein Maurer, der sich 1779 vom Leben der Menschen losgelöst hatte und einsam in dieser Höhle wohnte. Sie war wohl damals nicht so zugänglich wie heute – er hauste da, ganz für sich, stahl ab und zu, was er sich allein nicht herstellen konnte, und fraß Menschen. Er stieg wahrhaftig in den Bergen umher, und wenn ihm junge Frauen in die Hände fielen, schlachtete er sie. Männer fraß er nur, wenn er Hunger hatte – Kinder mochte er besonders gern. Die Gegend flammte in Entsetzen. Schließlich fingen sie ihn – sie hatten ihm einen Sträfling heraufgeschickt, der sich die Begnadigung verdienen wollte, mit dem schloß er Freundschaft; der Freund verriet ihn. Am 13. Dezember 1782 wurde er gerädert. Und nun werde ich ja wohl vom Reichsverband Deutscher Menschenfresser einen Prozeß angehängt bekommen: wegen Berufsstörung. Allein Wenn das Stubenmädchen Wasser und Handtücher gebracht hat, sagt es: »Brauchen Sie noch etwas?« Das ist eine rhetorische Frage, und dann zieht es die Tür hinter sich zu. Nun bin ich allein. In einem fremden Hotelzimmer öffnet man das Fenster und macht es wieder zu und geht hin und her. Die Bilder sind töricht, natürlich. Wenn man sich gewaschen hat, kann man pfeifen. Dann lege ich den Kopf an die Scheiben und mache ein dummes Gesicht. Die Nägel könnte ich mir auch mal schneiden. Was tue ich eigentlich hier –? Jetzt wäre schön, bei Gauclair in Paris mit einer runden, bequemen Dame zu sitzen. Eine, die weder Hemmungen noch Probleme geliefert haben will; sie sagt: »Iß nicht so schnell – mein Gott, ich nehms dir doch nicht weg –!« Ja, Paris. Was soll ich hier? Die Pyrenäen gehn mich überhaupt nichts an. Da treibe ich mich nun schon seit zwei Monaten umher, laufe und fahre von einem Ort in den andern, wozu, was soll das! Für morgen steht im Notizbuch eine besonders schwierige und mühselige Sache, und zwei ältere Bücher darüber muß ich auch noch lesen, vielleicht hat sie die Bibliothèque Nationale ... das ist ja alles lächerlich. Wie kalt die Fensterscheibe ist – Jetzt schnurren die Gedanken in affenhafter Geschwindigkeit, die kleinlichsten Geschichten kommen wieder angetrabt, kein blutiger Schatten – viel schlimmer: Dummheiten. Herein! Es hat wohl nur einer an die Wand geklopft. Was sind das für – Alles kommt wieder. Es plagen und zwicken mich die verpaßten Gelegenheiten, die Antworten, die ich nicht gegeben habe, die kleinen Demütigungen, eingesteckt und bitter heruntergeschluckt, ein Nachgeschmack bleibt. Da stehe ich nun im Hotelzimmer und sage mir alles vor, was ich einstmals hätte sagen sollen, aber versäumt habe zu sagen – aus Torheit, aus Mangel an Geistesgegenwart, aus Furcht ... Jetzt hole ich alles nach. Ich sage: »Achttausend Mark, zahlbar am ersten Januar. Etwas andres kommt gar nicht in Frage.« – »Tun Sie nur erst Ihr Mögliches, Herr – das Weitere wird sich finden!« – »Deinen Ring, Lisa.« – »Hier liegt wohl ein Mißverständnis vor, ich habe Sie um eine sachliche Angabe, nicht um private Meinungsäußerungen gebeten.« Da ist ein Brief den habe ich nicht geschrieben, ich schreibe ihn jetzt. Ich gebe es allen ordentlich – sie fragen so recht dummdreist, und meine Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen. Wie dunkel es ist und wie kalt. Sie könnten hier wirklich heizen, das schadete gar nichts. Aber dieser Repräsentationskamin da – pah! Ich mag morgen gar nicht aufstehen. Soll ich krank werden? Ich werde einfach sagen: ich bin krank. Dem Führer mit seinen Pferden wird das übrigens gleich sein, denn er ist bestellt, und ich muß ihn bezahlen. Und hier im Hotel macht das Kranksein auch keinen rechten Spaß. Aber ich gehe ganz früh zu Bett, das sage ich dir. Wem ...? Das sage ich dir. Wenn sie guten Rotwein haben, werde ich mir fürchterlich einen ansaufen. Vielleicht gibt es Vieux Marc, aber nicht in diesen kleinen Gläsern. Jetzt ist es blaudunkel. Wenn jetzt einer hereinkäme und mich fragte: »Was machen Sie eigentlich hier –?« ich müßte antworten: »Ich vertreibe mir so mein Leben.« Die Republik Andorra Sie waren vier Schwestern: Andorra, Liechtenstein, San Marino und Monaco – und wir durften sie beim Roten in der Geographiestunde rasch aufsagen: Andorra, Liechtenstein ... und die Hauptstädte – und aus. Inzwischen hat sich die Familie bedeutend vermehrt, denn was wir da alles an kleinen Staaten in Europa dazubekommen haben, tut diesen vieren keinen Abbruch, sondern macht sie zu ganz respektabeln Anwesen. Die Andorraner sind 5200 Menschen, also ein paar Straßen voll. Aber die Täler, die sie bewohnen, sind nun einmal seit Jahrhunderten eine Republik, eine selbständige Sache – zuletzt wurde das im Jahre 1806 geregelt, und Spanien und Frankreich bekommen das Überbleibsel eines Tributs: an den Präfekten der Ostpyrenäen gehen 900 Francs im Jahr, an den Bischof von Urgel 450 Pesetas. Im übrigen läßt man die Andorraner in Ruhe. In Bourg-Madame ging ich über die Grenze – zunächst nach Spanien. Eine hellgelbe Baumallee durchführen wir, der Herbst setzte ein, und die Blätter schrien im Licht. In Puigcerda standen die Bauern auf dem Markt, zuwegen Sonntag – und ein altes Überlandauto nahm mich auf, ein Kasten, der kurz vor Erfindung des Automobils in Gebrauch genommen worden war. Es war aber erstaunlich, wo diese Arche fahren konnte! Mit einem Pferdewagen wäre es auf den spanischen Landstraßen schon nicht sehr heiter gewesen, aber nun –! Das riesige Boot schwankte und taumelte von einer Seite auf die andre, der Hund, der auf dem Verdeck angebunden war, machte sich vor Angst in die Hosen, und nun regnete es – und die Fahrt nahm nie ein Ende. Aber sie war schön. Wir fuhren, dreiunddreißig Bauern und Bauersfrauen, neunundneunzig Bündel, Stücke, Körbe, Koffer, Kisten, Käfige ... wir fuhren in eine weite Ebene, die großen, weißen Wolken standen da oben unbeweglich, und ich war so froh, einmal aus dem Gebirge herausgekommen zu sein, seit Monaten, und endlich wieder die flache Erde zu sehn. Wir passierten zweihundert Gendarmen und dreihundert Pfaffen. Hier und da sah man auch Menschen. In Seo de Urgel, dem Bischofssitz, war umzusteigen. Ein riesiges Bischofshaus stand da, es sah aus wie eine Kaserne, und das war es ja wohl auch. Und dann blätterte noch einmal ein spanischer Gendarm in meinem Paß, kratzte sich hinterm Ohr, holte sich eine Fibel, lernte rasch die großen Buchstaben – und dann war ich in Andorra. Die Täler sahen aus wie alle Pyrenäen-Täler dieser Gegend – aber als wir nach Andorra la Vella kamen, der Hauptstadt, da sah ich den Unterschied. Die Hauptstadt hat fünfhundert Einwohner, und diese Belegschaft eines Berliner Ackerstraßenhauses verteilt sich in graubraunen, primitiv gebauten Häusern, die Feldsteine sind nicht übertüncht, sondern liegen nackt. Die Ritzen sind mit Erde verstopft. Es war später Nachmittag. Ich klapperte durch die grob gepflasterten Straßen, und was nie in Frankreich geschehen war, geschah hier: Kinder bettelten mich an. Bitten, ausgestreckte Hände – und ein paar ganz kleine Steinchen. Das Hotel war ein altes Haus wie die andern auch, der Wirt sprach katalanisch, wie alle Leute in Andorra, aber wir kamen einigermaßen zurecht miteinander. Ich wollte »das Haus« sehen. »Das Haus« – als ob es nur dies eine gäbe; Casa de la Val ist das Regierungsgebäude. Es war grade keiner drin. Es erschien ein riesiger Schlüssel mit einem Mann hintendran, beide schlossen auf. Außen war ein bißchen Latein an der Tür und sonst nichts Bemerkenswertes. Innen war: ein Schulraum mit alten Fresken und nackten Bänken und einem Lehrertischchen. Daneben das Beratungszimmer des Rats. Es sind vierundzwanzig Männer, die das Land verwalten, vier aus jeder der sechs Gemeinden: Canillo, Odeillo, La Masana, Encamps, Andorra, San Julia de Loria. Dieser Rat wird alle zwei Jahre zur Hälfte erneuert; das ist seit Jahrhunderten so. Zwei Vögte führen die Verwaltungsgeschäfte, einer ist von den Franzosen, der andre von den Spaniern ernannt. Sie sind Chefs der Landesmiliz. Es gibt aber keine. Neben dem Beratungszimmer lagen der Eßsaal und eine kleine Kapelle. Ich wußte, was sich in dieser Kapelle befinden mußte, und ich suchte es mit den Augen. Eine alte Kopierpresse lag in der Ecke, das konnte es nicht sein, ich getraute mich nicht recht zu fragen ... Da hob der Schlüsselmann die Presse in die Höhe und sagte, das wäre es. La garotte: die Schraube, mit der man Leute erwürgen kann, wenn man will. Der Schlüsselmann sagte, er hätte das noch in seiner Jugend mit angesehn. Und er zeigte mir die Amtskleidung der Räte, die Galaröcke der Vögte, ihre Dreispitze – alles zeigte er mir. Trutz'ge Bauern, die da ihre stolze Unabhängigkeit bis auf den heutigen Tag bewahrt haben. Aber auf der Pappschachtel, in der die guten Staatshüte lagen, stand: »Columbia U. S. A.« Ich sah ein, daß ich dem deutschen Ideal ganz nahe war: Mittelalter GmbH. Ja, trotz aller Sprüche der Andorraner: »Toca hi so goses« heißt einer – etwa: »Fire, but don't hurt the flag!« – es sind doch keine Ritter mehr. Ritter bezogen nur ganz selten ihre Hüte aus Amerika. Und dann ging ich wieder auf die Gasse. Die war dunkel geworden, mittlerweile, und ich schlich mich auf den kleinen Marktplatz, der sonderbar und finster dalag. An der Kirche vorbei ... Das Pfarrhaus lag am Marktplatz, und eines der Häuser war so wunderlich bemalt mit blassen Farben und Figuren ... Die Traumstadt »Perle« von Kubin gibt es nicht, aber hier liegt sie. Eine Katze huschte an meinen Füßen vorbei. Ich drehte mich um: durch die krummen Gassen schleifte die Cholera ihre Gewänder, ein Laken fegte um die Ecke ... es wäre ein bißchen kalt, fand ich, man könnte wohl nach Hause gehn. Es gab, mit einem süßen spanischen Wein, so viel zu essen, daß mir himmelangst wurde. Ein spanischer Handlungsreisender war auch da, und wir begannen eine merkwürdige Unterhaltung, die ihr Fundament in romanischen Wörtern eigner Prägung hatte ... Es war nicht leicht. Am nächsten Morgen ritt ich ab. Ich zog mit einem Führer die Nationalstraße Andorras entlang; sie ist ein Meter fünfundsiebzig breit und höckrig. Eine Fahrstraße durch das Land gibt es nicht. Die Staatspost ging mit uns und erzählte sich ellenlange Geschichten mit dem Eselstreiber; sie marschierten in gleichmäßigem Schritt und dabei sprachen sie ununterbrochen. Ich verstand kein Wort – aber wenn sie ihre Feinde nachahmten, das verstand ich gleich. In ihrer Rede kam nach dem schreienden Diskant des Gegners der ruhige Männerton zur Geltung – das war dann der Berichterstatter selber, der gesprochen hatte, ein umsichtiger, vernünftiger Mann. Wir kamen an Eskaldas vorbei, einem kleinen Flecken mit etwas feinern Häusern; ein schwacher Ansatz war zu bemerken, das Ding als Badeort auszugeben, aber sie schämten sich wohl selber ein bißchen, und so blieb es bei einigen Aufschriften. La Mosquera erschien und Meritxell, da stieg ich ab. Ich wollte die Kirche sehen, zu der die Leute wallfahren kommen. Es war eine weißgetünchte kleine Bergkirche, mit hübschem gedecktem Gang draußen vor der Tür; drin stak alles voll Weihgeschenken und frisch gekauften Statuen. An einer versteckten Stelle schien die Sonne hindurch und warf ein hellgrünes Mondantlitz auf die gegenüberliegende Wand, das war offenbar ein himmlisches Gesicht. In Soldeu blieb ich sitzen. Der Briefträger und der Eselstreiber aßen mit mir zusammen Mittag – um wieviel anständiger benehmen sich oft Romanen als manchmal andre Leute! Es waren doch Bauern, aber da war nichts Schmeichlerisches und nichts Rohes – es war ein Mittagessen unter drei Gleichberechtigten, und sie hatten gute Tischmanieren und aßen appetitlich. Nur mit dem Trinken war das nicht einfach – da gab es so eine Glasflasche mit einem dünnen Rohr, das hielt man sich einen Spann breit vom Gesicht weg, und dann ergoß sich ein dünner Strahl in den Mund. Bei mir auf den Fußboden. Nachmittags legte ich mich ins Gras. »Jede Provinz, jeder Winkel auf der Erde gibt dem Vorüberkommenden, der keine Zeit hat, lange zu verweilen, etwas mit, was ich ein Stückchen Herz nennen möchte. Manchmal ist es ein Schritt Tanzender ... ein paar Töne, vom Fels zurückgeworfen oder vom Wind getragen, ein Nichts ... irgend etwas ganz Simples ... ein Stein, das bemooste Kreuz an der Straße, ein verfallenes Grab ... das alles spricht.« So stand in einem Reiseführer durch Andorra, und das ist richtig. Was war es denn –? Ein heißer Tag und das herrliche Gefühl, in der roten Hitze eisig kaltes Wasser aus einem blitzenden Glas zu trinken; die Müdigkeit nach dem Ritt und dann die Ruhe im Gras. Eine Stute beschnupperte mich und ging langsam weiter; ein paar Schweine kamen und brachen mit großem Gegurgel einen Kohlgarten auf, daraus verjagte sie die Bauersfrau: »Hé, Hé! Porc! Porc!« Das bezogen die Schweine auf sich und liefen eilig davon; dann schlief ich ein. Als ich aufwachte, stand die Sonne schon tiefer, und drüben, auf der andern Seite des Tales, sang eine helle Männerstimme ewig dieselben sechs traurigen Töne: d, b, g; c, as, f – ununterbrochen ... Die kleine Melodie verwob sich mit dem Grillenzirpen und dem leisen Wind zu einem weichen Netz ... Dann überkam mich unbändige Lachlust: ich mußte an das Buch von Isabelle Sandy denken: »Andorra oder Die Männer aus Erz.« So sah das Land grade aus. Es war die Räubergeschichte von einer Andorraner Familie, die wegen des Erbrechts, mit dem es ähnlich stand wie bei den Basken, viel Sorgen hatte. Der Vater wollte den Jüngern zum Erben, also zum Alleinerben machen, und der Ältere tötete und mordete wie ein Marder die ganze Konkurrenz, die ihm in den Weg kam. Da ging es zu –! Geballte Fäuste, geknirschte Zähne, mit Pulver gefüllte Holzscheite für den heimischen Herd; verführte Mädchen, erschoßne Schmuggler, geschluchzte Gebete und zum Schluß Absprung des Bösewichts in den Schlund der Hölle. Von dem Edelmut, mit dem das uneheliche Kind heimlich mit Land dotiert wurde, gar nicht zu reden. Nun, die andorranische Jugend in Andorra-la-Vella hatte am Sonntag zum Klang eines mechanischen Klaviers Onestep getanzt, und was die Rechnungen dieser treuherzigen Landbevölkerung anbelangt, so hatte man das Gefühl, unter die Räuber gefallen zu sein. Sie machten kräftige Frankenpreise und setzten hinter die Ziffer: Peseta. Was eine romantische Multiplikation mit dreieinhalb bedeutete. Man kennt ein Land natürlich nicht, wenn man es nur bereist, ohne darin zu leben. Aber Salontiroler ... nein: die ganze Sehnsucht einer zu kurz gekommenen Klavierlehrerin sprach aus dem Band, die Verachtung, mit der die poesielose Stadt Paris beiseite geschoben wurde – da droben, bei Euch, ihr Starken, da wohnt das Glück! Heirate, mein gutes Kind. Aber das macht den Leuten in der Stadt so unendlich viel Vergnügen, Romane in die Natur zu verpflanzen. Bäuerliche Heldenverehrung ist die Romantik der Dummen. »Wenn ich den Wald besinge, tue ich das deshalb, weil die Fabrik wütet ....« So Isabelle Sandy. Wo wolltest du leben? In dem muschelförmigen Tal Andorras, umgeben von Faunen und Waldgöttern? Gegen Morgen hätten sie dir eine Rechnung präsentiert: Eine Waldorgie......85 Pesetas. Von Hospitalet, im Französischen, ging früh ein Auto ab, das mußte ich haben. Dazu war es nötig, nachts zu marschieren. Ich verabredete mit dem zweiten Briefträger der Staatspost das Nötige und verließ den Ort morgens um vier Uhr. Der Mond hing hoch über dem Tal, es war kalt, und alle Sterne flimmerten. Totenstille. Den Weg hatte ich nach der Karte auswendig gelernt; verfehlte ich ihn, war ich meinen Briefträger los, der hinter mir herstieg. An verschloßnen Häusern kam ich vorbei, an einer dunkeln Scheune und an einem Steinbruch. Er bewegte sich. Da lag, im kalkbleichen Mondschein, eine Schafherde im Pferch, wie versteinert ruhten sie, nur die vordersten kauten leise und hoben die Köpfe. Ich blieb stehen – hundert Augen sahen mich an. Dann entfärbte sich der Himmel, auf den Hügeln wurde es licht, jetzt stieg der Weg an, und nun hörte ich unten den Briefträger pfeifen. Ich wartete. Dann wurde es immer heller, die Felsen gegenüber waren rosenrot, der Mond blieb oben stehen, um ja nichts zu versäumen – jetzt mußte die Sonne aufgegangen sein, aber wir sahen sie noch nicht, der Paß verdeckte sie. Der Briefträger legte ein Tempo vor... Er ging, wie Älpler gehen: ganz leicht. Man sah ihm an, daß er sich nicht anstrengte, weil sein Schritt von vollendeter Gleichmäßigkeit war, herauf, herunter, kein Unterschied. Ganz oben auf dem Paß lag Reif. Wir stiegen zu Tal. Wir kamen an die kleine graue Brücke: die Grenze. Nun war ich wieder in Frankreich, und das freute mich. Der Mann lief, aber man sah das nicht, welche Beine –! Die Sonne ergoß sich noch purpurrot auf den breiten Weg, die Täler lagen still, nur einmal begegneten wir ein paar Füllen. Hoch oben stand das Eingangshaus zu einer verlaßnen Eisenmine. Die fünftausend da hinter mir sind Bauern, und kleine Bauern. Es gibt etwa sieben oder acht wohlhabende Familien – der Rest schlägt sich so durch. Die Gemeinden nehmen durch die Pacht der Berghalden dies und jenes ein – großer Wohlstand herrscht da jedenfalls nicht. Was die Viehzucht nicht bringt, macht natürlich der, sagen wir, Transit-Handel. Da gab es einfache Andorrabauern, die bestellten sich aus Frankreich die teuersten Mähmaschinen, die mehr kosteten, als ihr ganzer Besitz wert war. In Andorra wurden diese Maschinen auseinandergenommen und nach Spanien über die Berge getragen: auch hier eine große Kraftanspannung, körperliche Arbeit, Mut – und eine elende Bezahlung. Alle Welt weiß das, hier an der Grenze erzählten mir zwei französische Gendarmen voller Bonhomie die schönsten Schmuggler-Geschichten und suchten mit ihren Ferngläsern die kahlen Bergwände ab. Es kam aber keiner, und in meinen Morgenschuhen war kein Tabak. Republik Andorra ...! Dieser Staat hat – im Gegensatz zu Hamburg – in Berlin keinen Gesandten. Wenn aber die Republik Andorra in Deutschland läge, hätte sie einen, aber dann wäre es keine Republik. Waren die Mädchen Andorras eigentlich hübsch –? So sehr nicht, aber schließlich ... Die Andorraner brauchen nicht zu dienen – weder in Spanien noch in Frankreich. Und wenn man eine Andorranerin heiratet, dann erwirbt der Mann ihre Staatsangehörigkeit. Ewig werde ich mich nach den Frauen dieses Landes zurücksehnen. Welcher Seelenadel! Welcher Zauber –! Welches Feuer –! Und welch schöne Staatsangehörigkeit. Auf der Wiese Nun bin ich aus den stillen, kalten Tälern heraus, in einem großen Halbkreis bin ich durch Andorra gezogen, und da stehe ich nun wieder in Bourg-Madame. Die weite Ebene – Die Hitze brennt, ich habe den ganzen Vormittag Zeit; der kleine elektrische Zug, der nachher rings um dieses ungeheure Loch in den Bergen herumfahren wird, ist noch nicht da. Jetzt liege ich auf der Wiese unter den blitzenden Bäumen, ziehe Grashalme aus dem Boden und freue mich meiner Faulheit. Das sind also die Pyrenäen? Sieh an. Wollen wir noch mal zurück – bis zum Ozean? Es war doch ein weiter Weg, wie? Wenn ich jetzt ganz grade in die Luft aufstiege, kerzengrade, sagen wir: tausend Meter hoch – dann sähe ich mit einem Zauberauge alle kleinen Kirchen in den Bergen. Es waren hübsche alte Gotteshäuser dabei – merkwürdig, was die Geistlichen damit machen. Immer steht neben den schönsten Schnitzereien Schund aus dem Fünfzig-Pfennig-Basar – sehen sie das nicht? Nein, sie sehen es wohl nicht. Was mögen das für Leute sein, diese Geistlichen? Einmal, bei St. Girons, saßen drei in dem Verkehrsmittel, mit dem ich fuhr. (Die Mutter dieses Wagens war eine Kleinbahn, der Vater ein Tourenomnibus.) Da saßen sie also und beteten aus ihren Gebetbüchern. Sie hatten bäurische Gesichter. Und der Landmann verleugnete sich bei keinem; stand eine Kuh auf den Schienen, wurde eine Gänseherde vorbeigetrieben, dann ließen sie das Brevier sinken, der Geistliche sank mit, und zum Fenster sah ein interessierter Bauer heraus, der die ländlichen Dinge kannte, sie scharf ins Auge faßte und abschätzte .... Und dann beteten sie wieder. Einer blies die Luft von sich, als er fertig war: Uff! das wäre nun glücklich überstanden! Aber es sind tüchtige politische Agenten. Und junge Geistliche habe ich gesehen, nein. Küken von Geistlichen, unsicher schwankend in den faltigen Röcken, unten sahen ein paar riesige Füße heraus. Es waren noch Jungen, man konnte sich diese Gesichter ganz gut bei einem Kellner, einem Handwerker, bei einem jungen Kaufmann denken ... Aber wenn sie ein bißchen älter waren, dann lag auf dem Gesicht schon eine dünne Patina von Katholizismus: besonders um den Mund war das andre, etwas, das früher nicht dagewesen war, dieser Mund war wohl viel gebraucht worden. Und alle fünf Minuten verloren sie ihre Würde, wie man eine Mütze verliert, und wenn sie das merkten, setzten sie die Würde rasch wieder auf und sahen sich erschrocken um, obs auch keiner gemerkt hätte. Die Armen! Werden sie wirklich niemals erfahren, was Frauenliebe ist –? Der katalanische Bauer sagt: »A oune femme faut oun homme, soit oun mari, soit oun amant, soit oun directeur de conscience.« Oun heißt ein – und das andre dürfte ja international verständlich sein. Da hinten, in Bourg-Madame, schreit ein Esel. Der Kerl, der aufgebracht hat, daß Esel »I-a« schreien, stammt aus der Stadt. Ein Bauer wäre auf solche Dummheit niemals verfallen. Ein Esel schreit überhaupt nicht – er pumpt. Er hat eine Pumpe im Hals und zieht Luft aus einem tiefen Brunnen »Hüü – bcha – Hüü – bcha – –« Vielleicht muß man hinten am Schwanz ziehen, damit er vorn so jämmerlich schreit. Den Esel konnte man nicht sehen – der Eisenbahndamm lag davor. Das war eine merkwürdige Eisenbahn. In Aix-les-Thermes endet die Strecke, die vom Norden über Foix kommt – bis Bourg-Madame an der Grenze gibt es dann nichts mehr. Aber die neue Transpyrenäische Bahn ist stückweis schon da: Da steht ein Tunnel von sieben Kilometern fix und fertig, die Eisenbahndämme sind aufgeschüttet, die kleinen Brücken über den Straßen und die Bahnübergänge – alles ist schon gebaut. Sogar die Schranken. Nur die Schienen liegen noch nicht da. Aber das Allermerkwürdigste war, daß um diese Bahn, die gar nicht vorhanden ist, schon eine Luft lag, wie wenn sie da wäre: die Straße am Bahnhof sah aus wie die Bahnhofsstraße, es roch nach Rauch, die Gegend unmittelbar an den Orten, wo die Schienen einmal hinkommen sollten, war langweilig. Diese Bahn wird die Gegend aufschließen – daran ist gar kein Zweifel. Auch Andorra wird sein Teil abbekommen, denn wenn man so bequem nach Hospitalet fahren kann, werden viele Leute die kleine Republik besuchen. Glückliche Reise –! Und das ganze Land wird in Hotels ersaufen – denn es ist ein schönes Land, die Berge sind nicht zu hoch und nicht zu niedrig: es ist grade so etwas für Leute, die sich erholen wollen. Das liegt heute alles so versteckt – Frankreich stellt sich nicht hin und ruft: Seht! Wie schön ist es bei mir! Kommt einmal alle hierher! Nein: wenn du die Schönheit des Landes aufsuchen willst, dann mußt du sie suchen – findest du sie, ist es gut, findest du sie nicht, ists den Franzosen auch gleich. Aber das ist ja in Paris genau dasselbe. Frankreich liegt nicht auf dem Präsentierteller. Es ist ein großes Werk, das da in den Pyrenäen im Entstehen ist: die Elektrifizierung der Eisenbahn. Überall laufen riesige Rohre zu Tal, in denen das Wasser herunterpoltert, die Rohre sind fast alle braun und grün gefleckt, so daß sie von oben aussehen wie Landwege. Fliegerdeckung. (Denn es gibt ja nichts, was nicht gegen die Zerstörung durch den schlimmsten Moloch der Welt geschützt werden müßte.) Im Jahre 1910 haben sie mit der riesigen Arbeit begonnen. Zwei große Elektrizitätswerke sollen die Strecke versorgen: eins in Eget, beim Cirque de Troumouse, und das andre in Soulom, das nimmt die Wasser von Cauterets und Pau auf. Das zweite verfügt über etwa zwanzigtausend Pferdekräfte. Viele Strecken sind bereits elektrifiziert, und so wächst da in aller Stille eine moderne Eisenbahn. Das nimmt natürlich den Gebirgsbächen, den »gaves«, mitunter die Kraft – und manchmal sieht man in den schönsten Tälern einen stillen Bach dahersäuseln: sein Bett ist ihm drei Nummern zu groß, er fließt artig dahin, mit wenig Wasser und ohne unnötiges Gebrause, es ist, als ob er sonntags zur Kirche fließt. Dem haben sie das Wasser abgegraben, und mit dieser Kraft kann ich oben schnell an ihm vorbeifahren. Zerstört die Bahn die Poesie? Keine Spur. Sie verwandelt sie nur. Aber der Grund des Landes bleibt doch derselbe. Raymond Escholier, der lustig und bunt das Bauernleben beschreibt, erzählt einmal (im »Cantigril«) von den zahllosen Kommissionen und Aufträgen, die so ein Postillon der alten Schule mit auf den Weg bekam. Die Pferde ziehen schon an, da wird ihm noch nachgerufen: »He! Sag Finotte, das Schwein beim Schwiegervater wird Donnerstag geschlachtet! Hörst du? Donnerstag...!« Und da ist die Postkutsche schon davongerasselt. Nun, das hat sich gar nicht geändert. Auf einer Kleinbahnstation stand im rinnenden, nachtdunkeln Regen der Zug, und im Lichterschwenken rief eine grelle Frauenstimme grade vor dem Wagen, in dem ich saß, den Schaffner an: »Was ist mit der Salbe für den Hund? Die ist wieder nicht mitgekommen! Sag doch, der Hund wär so krank –!« – »Abfahren!« pfiff der Schaffner, aber ich konnte doch noch sehen, wie er ernsthaft mit dem Kopf nickte .... Ob er sie mitgebracht hat –? Darüber schlafe ich ein. Als ich wieder aufwache, sagt mir der Wegweiser unter den Bäumen, wo ich bin. »Nach Bourg-Madame 0,2 km ....« Wegweiser .... Viel habe ich in den Bergen nicht getroffen. Auf manchen stand: »Geschenk von Citroën« – und viele stammten vom »Touring Club de France«. Der nimmt heute noch keine Deutschen auf, steht also an kleinbürgerlichen Vorurteilen dem »Deutschen Alpen-Verein« keineswegs nach. Es sind wohl überall dieselben Kommerzienräte und Geheimen Oberbaudirektoren, die den Ausschlag bei solchen Dummheiten geben. Diese – Da kommt ein Mistkäfer angekrochen. Ich frage ihn, ob er weiß, wie er auf lettisch heißt. »Nein«, sagt er. Ich sage ihm: »Sie heißen Ssudebambel.« Ob er keinen andern Namen bekommen könne? Nein –. Da kriecht er weiter – Auf dem Weg geht eine Bauersfrau mit einem erheblichen Popo. In Andorra-la-Vella – da war im Gasthaus eine Frau bedienstet, die hatte eine leichte Andeutung von Steatopygie. (Der Deutsche Sprachverein: »Warum sagen Sie das nicht deutsch?« – Ich kann nicht. – »Warum nicht?« – So .... – »Sagen Sies!« Fettsteiß. Sprachverein ab.) Dergleichen kommt bei Spanierinnen manchmal vor – ich weiß das aus dem Buch. Ich weiß so viel aus Büchern über die Pyrenäen. Aber was habe ich gesehen? Was kann überhaupt ein Fremder sehen? Ich denke immer, wenn ein Berliner die Schilderung eines Amerikaners über seine Stadt liest, dann ist er amüsiert, gekränkt, geschmeichelt – aber letzten Endes ein bißchen unbefriedigt. Der Midi-Mann, der dieses Buch vielleicht in die Finger bekommt, der Pariser, dem ich zeige, was ich aus seiner Stadt nach Hause berichte – sie sagen bestenfalls: »Es sind keine groben Fehler in Ihrer Arbeit. So ungefähr sieht es aus.« Aber – aber es ist nicht »das«. (»Ce n'est pas ça« ist ein sehr guter französischer Ausdruck.) Es fehlt für den einheimischen Leser irgend etwas, er kennt das doch anders; es ist eben der Fremde, der das geschrieben hat, einer, der »Sie« zu Paris sagt. Der Engländer fährt durch Driesen an der Drüse und sieht, daß es ein kleines Amtsgericht hat, und schreibt sich das auf. Aber von dem Antrittsbesuch des Referendars, der da seine erste Station abmacht, von der einmaligen Wintergesellschaft bei Amtsrichters, vom Stammtisch und dem Knatsch mit dem Apotheker ahnt er nichts. Und wenn man es ihm zeigte, verstände ers nicht. Und wenn ers verstände, könnte ers nicht richtig wiedergeben. Und gäbe ers richtig wieder, dann faßten es seine Leser nicht. Weil es fremd ist, vom andern Ufer, und weil sie unter der abweichenden Form das Gemeinsame nicht wiedererkennen. Berliner Weißbier ist nicht exportfähig. Ich habe immer Furcht, daß mich ein Baske, ein Katalane, ein französischer Unterpräfekt eines Tages auf der Straße anhalten wird, sich meine Notizen geben läßt, sie liest und dann spricht: »Mensch, was weißt denn du –!« Ist einer eine langweilige Type, dann nimmt er alle Tatsachen korrekt auf und darf schreiben: »Reise durch die Pyrenäen.« Jeder kann den Wittenbergplatz fotografieren, damit hat er alles gesagt und nichts. Ist einer ein Kerl, dann steht er sich selbst im Wege, bei allen Schilderungen, und wenn er fertig ist, darf er nicht sagen: »Reise durch die Pyrenäen.« Er müßte sagen: »Reise durch mich selbst.« Das Fort Von Bourg-Madame nach Villefranche-de-Conflent führt eine Aussichtsbahn erster Ordnung. Villefranche ist von alters her befestigt und hats schwer, sich auszudehnen, das Tal ist an dieser Stelle sehr schmal. Oben, hundertundachtzig Meter über der Stadt, liegt das Fort. Vauban, der Baumeister Ludwigs des Vierzehnten, hat es verstärkt, und es ginge mich ja weiter nichts an, wenn da oben nicht deutsche Gefangene gesessen und einen Fluchtversuch gemacht hätten, von dem das Land heute noch weiß und der nur einem geglückt ist. Das wäre anzusehen. Man kann in Serpentinen nach oben steigen, aber weil die Dämmerung schon da war, schlug die Pförtnerstochter vor, innen hinaufzusteigen. Innen? sagte ich. Ja, es führten tausend Stufen herauf, das Fort ist mit der Stadt durch eine Treppe im Fels verbunden. Ich rechnete rasch nach. Tausend Stufen – das waren gut und gern acht Mietshäuser vom Keller bis zum Boden – hm. Nun, wenn es keinen Fahrstuhl gäbe ... Nein, einen Fahrstuhl gäbe es nicht. Das Mädchen schloß unten die große Bohlentür auf, noch eine Tür, und dann stiegen wir in einem hohlen Gang kerzenbeleuchtet auf Treppen nach oben. Das war eine massiv gebaute Sache, ich sah keinen abgebröckelten Stein. Mit den damaligen Kanonen war die unterirdische Verbindung unerreichbar. Wenn wir pausierten, gingen meine Schulterblätter auf und nieder, und um zwei Pfund leichter kam ich oben an. Da sperrte die nächste Tür. Die Pförtnerstochter stemmte sich dagegen, ich half ihr – nichts. Etwa drei Meter über dem Boden stand ein Fenster auf. »Ich werde hinaufklettern!« sagte die Pförtnerstochter. Sie stellte also eine alte Tür gegen die Mauer, kletterte und eskaladierte die Wand hoch. Ich stand dick und dumm daneben (Edschmid wäre mit der Riesenwelle nach oben geflogen, Ewers hätte der Dame ein Kind verursacht, und Bonsels hätte in ihrer Seele geblättert.) Ich stand also daneben. Sie kam hinauf, schwang sich durch das Fenster, ich hörte einen dumpfen Sprung, dann öffnete sie die Pforte. Welch ein Mädchen –! Da waren wir im Fort. Das Fort ist eine kleine Stadt für sich, mit Kasernen und Wirtschaftsgebäuden und Wachthäuschen und Türmen. Und da hatten die Deutschen gelegen. Am 9. Oktober 1916 lösten sie oben die Alarmkanonen. Zwölf Gefangene waren entflohen. Sie hatten unter der Latrine einen Gang ins Freie gegraben, das war eine monatelange Arbeit gewesen, man kann noch die Stelle sehen, denn man hat sofort nach der Flucht umgebaut. Dann hatten sie sich gegen sechs Uhr abends an einem Strick aus Bettüchern am Felsen heruntergelassen, ein paar Meter, nun standen sie auf dem Weg. Und von da waren sie im Dunkel heruntergeklettert. Einer ging die Bahnschienen entlang, den fingen sie gleich. Die andern wurden in den Bergen gefunden, und nur ein einziger, erzählte die Pförtnerstochter, sei über die Grenze entkommen. Was wäre, wenn ich ihr jetzt ganz still sagte: »Ja, Fräulein, das war ich«? Aber ich war es nicht. Die elf kamen dann in die Festung Cette. Ich sehe die Zimmer, in denen die Deutschen gewohnt hatten – an einer Tür steht noch ein Zettel: Leutnant Kieffer. Und das hier waren ihre Gemüsebeete, sie haben auch Kaninchen gehabt. Was war das für ein Gefangenenlager? Es war ein Offizier-Gefangenenlager. Und nun ist meine Neugier fast ganz verglommen. Du lieber Gott: sie hatten ihre Ordonnanzen, die gingen in Zivil zur Stadt und kauften für sie ein, sie hatten alle möglichen Freiheiten, und so wenig es irgendeinem Menschen einfallen wird, sie glücklich zu nennen – die Stuben waren ganz passabel und mit den Baracken in den großen Mannschaftslagern nicht zu vergleichen. Denn dieser Stand ehrt sich nach absonderlichen Gesetzen, die er sich selbst gemacht hat, und schützt noch Kollegen von der andern Firma, ohne den es keine Existenzberechtigung für ihn gäbe. Daß es Volksheere sind, die sich da auf Befehl der Geldgeber totschießen – davon wissen sie nichts. Sie spielen noch immer Landsknecht, und die gefangenen Offiziere halten Kaninchen und pflanzen Gemüsebeete. Der Disziplin wegen. Die Berichte der deutschen Mannschaften, die gefangen gewesen sind, klingen erheblich anders. Worauf wir wieder den kleinen Eiffelturm im Felsen heruntersteigen – manchmal sieht man durch Fensterchen ins Freie. Da glitzern die Lichter im schwarzblauen Tal, ein schwacher Peitschenknall ertönt, und die Fledermäuse schwirren um das Fort. Gute Nacht, schöne Pförtnerstochter (ohne Kuß). Eine halbe Stunde von Villefranche, in den Bergen, liegt Vernets-le-Bains. Unterwegs, in Corneilla, kann man in die uralte Kirche eintreten, wo schöne Madonnenfiguren lieblos in die Ecke gestellt sind. Von Vernet hat man auf den Canigou zu klettern. Das war ein Gebirgsmarsch wie aus dem Bilderbuch. Der Nachtportier schließt frühmorgens das Hotel auf, im Rucksack ist das Frühstückspaket, weil ich nicht weiß, wann ich wieder herunterkommen werde, und kaum sind acht Stunden vergangen, bin ich oben. Mir war das Meer versprochen worden, doch dick verhängt lag das Land. Aber darauf kam es ja gar nicht an. Unterwegs war es viel schöner als oben. Unterwegs gab es lange Grashalme, die absonderlich schmeckten, aber ohne Grasstengel im Mund kann man nicht marschieren. Unterwegs war eine Rinderherde mit Kühen, Ochsen und Ochsen mit Gebommel. Die Kälber liefen vor mir weg, ich sprach mit den noch rüstigen Vätern, und wir kamen überein, uns gegenseitig nichts zu tun. Der Weg war da durch ein Gatter abgeteilt, damit sie nicht vorzeitig nach unten liefen, und alle wollten mitkommen, und sie sahen mir lange nach. Unterwegs waren drei Quellen, eine immer frischer als die andre. Ich füllte die Thermosflasche in der obersten und trank noch unten im Tal das eisige Quellwasser. Unterwegs war ich ganz allein, und weil dann nichts passieren kann, sang ich schöne Lieder. Unter anderm das Soldatenlied, das ich aus dem wahrhaftigen Kriegsbuch »Gaspard« gelernt habe: Paraît que la cantinière. A de tous les côtés, Par devant, par derrière, Des tas de grains d'beauté. Elle en a des pieds jusqu'au seins; On raconte un tas de machins; Vous n'y qui qui Vous n'y com com Vous n'y comprenez rien! Und alle Sträucher riefen: »Nochmal!«, wenn ich vorbeikam, und dann sang ich es nochmal und nochmal, und unten lagen die kleinen Städte im Tal, Prades und die Eisenbahn. Und weil ich wußte, daß dies der letzte Marsch in den Pyrenäen sein würde, deshalb preßte ich das letzte Glückströpfchen aus allen Wegen und trank mein Eiswasser und zerbrach beinahe meinen Stock und war sehr glücklich. Französische Provinz Das Hotel heißt Hôtel de France, und das Café heißt Café du Commerce; der Bahnhof liegt meistens draußen vor der Stadt, wo die neuen Häuser stehen, als schämte man sich seiner, und von da rumpelt ein Omnibus bis zum Marktplatz. Wenn das Rathaus alt ist, ist es schön, wenn es neu ist, weniger. Am Fuße der Kirche steht eine blecherne, runde Anstalt. Der Gendarmerie hängt eine rote Fahne zum Halse heraus. Das ist die Schule, das ist die Sparkasse, das ist die Post. Noch etwas –? Nein, nichts weiter. Keine Sehenswürdigkeiten, keine historischen Gedenkstätten, keine Aussichtstürme – gelobt seist du, kleine Stadt! Der erste Eindruck der Dörfer und der ganz kleinen Städte in den Pyrenäen ist: tot. Das macht, die Leute halten die Fenster mit ihren Holzläden zu, die mitunter aus zwei groben Planken bestehen, der Fliegen wegen, des Lichts wegen, damit die Luft auf den Plätzen frisch bleibt – ich weiß nicht. Aber am hellerlichten Vormittag in einen Flecken zu kommen – das ist gespenstisch. Abends gehts an – da sitzen die Menschen vor den Türen, spazieren auch wohl herum und gehen vor dem Café auf und ab. Unter den abendlichen Bäumen warte ich das Menü ab. Ich weiß schon, was da aus den offenen Fenstern herausschmurgelt: eine Suppe mit weichem Brot, ein Scheibchen Wurst als hors und ein Scheibchen Sardelle als d'œuvre, gebratene Fische, Rindfleisch, Huhn, meist beides nacheinander, wenn man dann dem Ersticken nahe ist, eine kräftige Schüssel Gemüse, und ein bißchen Käschen, Obstchen, Nachspeischen und Kaffeechen. Dazu – wenns schiefgeht – rauchende Salpetersäure; sonst einen angenehmen Landwein. Da sitze ich nun und lese meinen französischen Roman, in dem unweigerlich vorkommt: »Il huma l'air frais«, auf dem Ankündigungsblatt steht: »Kleist-Kotzebue-Lessing – Trois comédies«, das muß ein schönes Buch sein; dann spiele ich das Nationalspiel und versuche, mir mit den Regiestreichhölzern die Zigarette zu verderben: die Streichhölzer sind aus Schwefelwasserstoff und imprägniertem Holz angefertigt – brennen sie nicht, so riechen sie doch schön. Soll ich in das Syndicat d'Initiative, ins Reisebüro, gehn, das es in jeder Stadt gibt? Sie sind groß an freundlicher Bereitwilligkeit und klein an Bücherbestand, und um Landkarten zu haben, muß man wahrscheinlich den Ministerpräsidenten selbst bemühen. Es gibt schöne Karten, aber es gibt sie nicht. Erst habe ich versucht, mich an Hand der Generalstabskarte zurechtzufinden. Wenn die Franzosen mit denselben schwarz besprenkelten Drucken den Krieg geführt haben, so ist das eine ganz große Leistung. Diese Karten sind wohl – wie so viele weibliche Gegenstände im Kriege – nur für Offiziere. Dann habe ich eine Karte entdeckt, die das französische Ministerium des Innern herausgebracht hat, und die ist vollendet: in Druck, Klarheit, Aufmachung. Aber sie ist nirgends zu haben. Mit dem »Guide Bleu« von Hachette versuche ichs erst gar nicht. Das ist eines von jenen Reisebüchern, deren Verfasser man immer gern bei sich hätte, um sie mit der Nase an alle Mauern zu stoßen, die man einrennen würde, wenn man ihre törichten Ratschläge befolgte. Das Kartenmaterial ist mäßig, die Stadtpläne voller Fehler, die Angaben der Hotels unzuverlässig, die Wegbeschreibungen von entwaffnender Kindlichkeit, das Nachschlageverzeichnis wimmelt von Druckfehlern. Das hübsch ausgestattete Bändchen kostet, in schmiegsames, blaues Leinen gebunden, fünfundzwanzig Francs. Nun wird es wohl Zeit zum Abendessen. Suppe mit weichem Brot, Wurstscheiben und Sardellen, gebratene Fische ... schade, daß es kein französisches Wort für »Mahlzeit!« gibt. Man soll nicht undankbar sein: mein Seufzer ist der Tadel eines ächzenden Schlaraffen. Im Hotel essen die Junggesellen und auch ein paar verheiratete Herren aus der Stadt. Man sieht an ihren Servietten, daß es Stammgäste sind. Sie führen ihre ernsten Gespräche; an den ganz wichtigen Stellen beugen sie sich vor, und ihre Augen sehen umher: Hast du auch nichts gehört –? Ich habe nichts gehört, und ich sage nichts weiter. Einer präpariert einen Mordsspaß: er legt auf den Platz des Nachbarn, der noch nicht da ist, ein kleines Paketchen neben den Teller. Alle haben es gesehen und schmunzeln. Sagen Sie, sind eigentlich Frauen auch so anständig und nett miteinander, wenn man sie allein läßt? Und dann gehe ich auf mein Zimmer. Das Auge bekommt ein Hotelzimmer für eine Person allein zu mieten – das Ohr nicht. Hotels sind die lautesten Niederlassungen der Menschen: da, wo die Tür sitzt, ist das Brett einer Streichholzschachtel angebracht, damit man gut hört, wann nachts der böse Dieb kommt – morgens früh, wenn die Hausdiener krähn, fährt schwere Artillerie im Korridor auf, und nebenan gurgelt sich jemand ausführlich den Rachen. Oben, eine Etage höher, geht ein Gewitter nieder. Man schläft eigentlich mit allen zusammen, wie in einer Scheune. Nein, es ist nicht nur das Ohr. Jedes gute Hotelzimmer hat mindestens drei Türen, damit man sich nicht so allein fühlt – und mindestens drei davon haben Glasscheiben. Dein Licht darfst du auslöschen, das der andern hast du umsonst. Aber das liegt wohl so im Wesen aller Hotels (mit Ausnahme der ganz vornehmen, in denen Boxer, Diplomaten, Verleger und andre feine Leute wohnen), und die französischen sind im allgemeinen nicht eben schlecht. Man muß nicht in alle Küchen gucken, wo man zu Gast ist – aber ich komme aus der Literatur und weiß das. Stille. Wenn einen nicht das Sinnloseste stört, das es auf Gottes Erdboden gibt: Hundegebell. Meine Freundin Grete Walfisch hat mir neulich geschrieben: »Kein Hund bellt ohne Grund. Das ist eine alte Bauernregel, die Du ohne vorlaute Bemerkungen anzuerkennen hast.« Sicherlich hat er Gründe. Aber sie gehen mich nichts an, und die Beharrlichkeit, mit der er Löcher in die Stille bauhaut ... Ich muß wohl ein schlechter Mensch sein. Ich mag keine bellenden Hunde. Aber man sollte nicht den Hunden einen überziehen, sondern ihren Besitzern, die sie anbinden. Lärm sackt tief ins Gehirn, das saugt ihn auf wie Löschpapier das Wasser. Zum Schluß ist man ganz durchtränkt mit Lärm, niedergeknüppelt und unfähig, zu denken. Nebenan brabbeln zwei Stimmen: eine Engländerin spricht und spricht und hört nie wieder auf. Wie kommt es, daß ich sie nicht mag? Daß mir der Satz: »Ich bin fest überzeugt: ein fluchender Franzose ist ein angenehmeres Schauspiel für die Gottheit als ein betender Engländer« aus dem Herzen geholt ist, und daß ich derselben Meinung wie sein Verfasser über den tiefen Grund dieser Abneigung bin: »Ich gestehe es, ich bin nicht ganz unparteiisch, wenn ich von Engländern rede, und mein Mißurtheil, meine Abneigung, wurzelt vielleicht in den Besorgnissen ob der eignen Wohlfahrt ... Und jetzt ist England gefährlicher als je, jetzt, wo seine merkantilischen Interessen unterliegen – es giebt in der ganzen Schöpfung kein so hartherziges Geschöpf, wie ein Krämer, dessen Handel ins Stocken gerathen, dem seine Kunden abtrünnig werden und dessen Waarenlager keinen Absatz mehr findet.« Was ist das für eine Orthographie? Das ist die deutsche Orthographie aus dem Jahre 1842, die man auch anwendete, wenn man in Paris saß. Nein, nicht Börne. Der andre. Der andre. Am nächsten Morgen klettere ich noch ein bißchen umher. An einer Mauer klebt ein altes Wahlplakat. Immer, in jedem Dorf, unweigerlich. »Mes chers concitoyens!« Und nun gehts los. Bis zum heutigen Tag hat noch nie ein Deputierter die Interessen des Distrikts wahrgenommen – das muß anders werden. »Agriculteurs! Qu'a-t-on fait pour vous? Rien. Petits propriétaires! Qu'a-t-on fait pour vous?« Das frage ich mich auch. Aber der Neue wirds ihnen schon besorgen: er ist für Ordnung, Privateigentum, den Schutz der wirtschaftlich Schwachen, die Besteuerung der andern – – es ist ganz großartig. Unterschrift: Jean Lenoir, Ancien Député, Maire de Capotanville, Président de la Ligue pour l'Ordre et la Liberté.« Trommelwirbel. Schade, daß das Plakat der vorigen Wahl nicht noch dahängt. Demokratie in der Praxis ist eine lustige Sache. Das mit den Wahlplakaten ist übrigens halb so schlimm; die Wahlbeteiligung war nicht schlecht, aber bei den Bauern auch nicht übermäßig stark, und so haben sie am 11. Mai 1924 gewählt: Basses Pyrénées: 1 Cartel des Gauches 1 Bloc National 4 Liste des Droits Hautes Pyrénées: 2 Bloc des Gauches 1 Bloc National Haute-Garonne: 4 Sozialisten 1 Radikal-Sozialist 1 Bloc National Ariège: 3 Radikal-sozialistische Liste Pyrénées Orientales: 3 Bloc des Gauches. Bei aller Lauheit des politischen Lebens: immerhin ist hier in der Provinz der große Umschwung in der parlamentarischen Politik des Landes vorbereitet worden. Was nachher freilich die Parlamentarier damit anfangen... In fast allen Pyrenäen-Städten herrscht eine weiche, geruhsame Luft, besonders in den hübschesten unter ihnen, die am Anfang der Ebene liegen – freundlich geht es da zu. »T'en fais pas!« ist ein schöner Grundsatz. Bring dich nicht um! Nun: hier bringt sich keiner um. Ab und zu trifft man auf Fabriken, aber das ist, wenn man von gewichtigen Ausnahmen absieht, nicht gar so erheblich. Die Bedürfnisse der bürgerlichen und bäuerlichen Provinz-Franzosen sind nicht übermäßig groß, viel wichtiger ist ihnen: zu leben. Sie wissen alle, wozu sie da sind, hienieden. Und es ist gar kein Zweifel, daß sie mit solchen Gaben mehr vom Leben haben als jene, die sich abrudern. Alle diese Städtchen: Oloron und Mauléon und Tarbes und St.Girons und Gaudens und Foix und Perpignan – sie erinnern mich immer an die Sonntagnachmittage zu Stettin, an denen mein Vater auf dem Balkon saß, eine Pfeife rauchte und auf die Sonntagsausflügler sah, die da furchtbar eilig auf den Paradeberg wallen mußten. Er sprach das Wort, das ich von ihm geerbt habe, mehr vielleicht, als gut ist: »Wie sie rennen! Wie sie rennen!« Die Leute in der französischen Provinz rennen nicht. Sie leben. Man darf nicht übertreiben. Bis zur reinen Idylle gehts doch nicht immer. Wenn ich so bei dem entzückenden Francis Jammes – etwa im »Monsieur le Curé d'Ozéron« – zu lesen bekomme, wie heiter, wie blumig, wie lächelndsonnig es in diesen Gefilden zugeht, so überkommt mich ein leiser Zweifel. Ich weiß doch nicht recht ... Der »Hasenroman« von Jammes ist eine reizende Idylle, die man gern genießt, im schönen »Dichter Ländlich«, wie die deutsche Übersetzung glücklich genannt ist, gehts noch an – aber dieser gute Curé: das ist ein bißchen viel. Ja, gewiß, auch bei Jammes gibt es wohl schon: Zinsen und Kapital und Banken und Ausschweifungen mit wollüstigen Tänzerinnen, aber das liegt weit, weit dahinten – bis nach Ozéron dringt das gar nicht, hier herrscht eitel Herzenseinfalt. Und wenn einmal von diesen andern Dingen der wilden Welt die Rede ist, dann mit einer so geschicktlinkischen Unbeholfenheit, etwa wie die Kindersprache einer verheirateten Frau, die sich zur Abwechslung ein bißchen niedlich machen möchte, husch, husch, die Waldfee ... Selbst der Böse ist noch lackiert und eigentlich gar kein Böser. Dieses Buch ist stellenweise nicht mit Zucker, sondern mit Sacharin bestreut. Aber die französische Provinz in den Pyrenäen ist doch nett. Wenn man abends ankommt, verhüllt nur die wohltätige Dunkelheit die dunkle Masse, die da auf dem Marktplatz steht, und sie steht immer da. Das Kriegerdenkmal. Die französischen Kriegerdenkmäler sind nicht weniger schauerlich als die unsern – aber nicht so aggressiv. Oft haben sie einfach auf einem schlichten Obelisk nur die Namen der Gefallenen ... mir wurde jedesmal heiß, wenn ich das las; welche Listen in den kleinsten Orten! was hat dieses Land gelitten! – Wenn sie mehr als das aufgerichtet haben, dann sind sie sentimental und rührend empfindsam. In Mauléon zum Beispiel steht so eine Gedenktafel – und da ist gleich der ergriffne Beschauer mitgemeißelt worden: ein alter Bauer mit einem Kind an der Hand, die sich dem Denkmal grade nähern. Man schämt sich zu lächeln – aber man muß doch. Meistens freilich ragt, besonders vor Kirchen, irgendein Soldat auf, fix und fertig aus der Fabrik, derselbe mit Friedenspalme 2500 Francs. Fracht zu Lasten des Bestellers. Es sind freundliche Städtchen, und man ist gern in ihnen. Liegen sie weit entfernt vom Brausen der Welt? Aber das ergreift sie ja mit. Wissen sie das? Nein, die meisten Menschen wissen das nicht. Das Neue ist schon da. Es hat sich nur noch nicht herumgesprochen. Und daher wirken diese kleinen Städtchen so idyllisch. Die Republik, hat ein witziger Franzose gesagt, war nie so schön wie unter dem Kaiserreich. Paris ist nie so schön wie in der französischen Provinz. Abschied von den Pyrenäen Das ist mein Abschied von den Pyrenäen: Aus Perpignan fährt die Bahn nach der spanischen Grenze – bis Cébère. Da kommt das tiefe Tunneltor, drüben, hinter den Bergkuppen liegt Spanien. Hier stoßen die Pyrenäen an die See. Schiffer fahren mich auf dem Meer spazieren, wir führen ernste Gespräche und unterhalten uns über die teuern Bodenpreise in Cébère, wo alle Welt Grenz-Handel treibt und alle Welt Geld verdient. Und davon reden wir, daß da im Norden Banyuls liegt, wo neulich abend das Kutterboot gekentert ist, mit den beiden Frauen und den Männern, von denen sich nur zwei gerettet haben. Da fahren wir nun in eine Grotte am Wasser – es ist eine kleine, kümmerliche Höhlung im Stein, das Boot schaukelt zwischen den Felswänden. Hinten brummt dumpf das Wasser – es hört sich an, wenn es im Fels rollt, als ob er einstürzen wollte. Und mit meinen Händen befühle ich noch einmal, zum letztenmal, den nassen Stein, den Berg in den Pyrenäen. Durch die Erde sehe ich hindurch bis zum andern Ende, bis zum Ozean, nach Hendaye und Bayonne. Höhlen liegen dazwischen – unten in Bétharram stand, fünfzig Meter tief unter der Erde, ein Grenzstein mit zwei Tafeln: Basses-Pyrénées/Hautes-Pyrénées. Es ist die Departements-Grenze. Ordnung muß sein. Wann wieder, Berge –? Die Fischer stoßen ab, sie rudern noch ein bißchen um das Kap herum – in die offne See ... Und dann sind wir in dem kleinen Häfchen von Cébère. Oben laufen die Zollbeamten auf dem Bahnsteig auf und ab und befühlen die Koffer – und die Gendarmen prüfen die Pässe und tun recht geschäftig und staatserhaltend. Der Zug pustet Rauch aus. Da verschwinden die Berge im dunstigen Blau, längs der Eisenbahn werden sie immer niedriger, jetzt sind wir wohl schon in der platten, unendlich weiten Ebene. Sieh – eine Station! Palau-del-Vidre. Und die Höhenzahl: 22 m 706 mm über dem Meeresspiegel. Es ist aus. Erlöst vom Gebirge – erlöst vom Steigen und Klettern. In meinem Herzen liegt eine kleine Flocke, eben geboren, ein Ei: Sehnsucht nach den Pyrenäen. Einer aus Albi Zugabe. Über Toulouse muß gefahren werden – da kann der kleine Abstecher nur Freude machen. Um so mehr, als Toulouse um drei Karat häßlicher ist als Lyon. Unglücklicherweise ist es auch noch Sonntag und auf den Straßen spazieren: achthundert Francs Monatsgehalt und neuer Sonntagsanzug; kalte Verlobung mit Wohnungseinrichtung; achtundvierzig Jahre Buchführung mit kleiner Pension und eigner Zusatzrente – die Leute wissen nicht recht, was sie mit ihrem freien Nachmittag anfangen sollen, sie gehen so umher: kurz, eine Stadt, wie Valéry Larbaud formuliert, ou l'on sent tout l'après-midi une désespérante odeur d'excrément refroidi. Also: Albi. Als ich abends ankomme, liegt der Ort grade in tiefem Dunkel, nur am Gefängnis brennt einladend eine kleine Laterne. Es muß doch nicht leicht sein, ein Elektrizitätswerk zu leiten. Im Hotel brennt eine Kerze auf einem Tisch. Ich trete in die Tür, strahlendes Licht flammt auf – kein schlechter Auftritt. Im Speisesaal steht noch eine schöne Table-d'hôte, dieser Kotillon der Mahlzeiten. Alle Provinzherren stopfen sich die Serviette in den Hals und werden nun hoffentlich gleich rasiert. Am nächsten Morgen gehe ich langsam durch die gewundenen Straßen, an den Häusern de Guise und Enjalbert vorüber, zwei Renaissance-Bauten mit herrlichen Portalen. Da steht die Kathedrale. Ich bin kein weitgereister Mann und kann nicht nachlässig hinwerfen: »Das Haus des Dalai-Lama in Tibet erinnert mich an der Nordseite etwas an die Peterskirche in Rom ...« Diese Kathedrale in Albi hat mich an gar nichts erinnert – doch: an eins. An Gott. Ihr Anblick schlägt jeden Unglauben für die Zeit der Betrachtung knock-out. Wie ein tiefer Orgelton braust sie empor. Sie ist rot die ganze Kirche ist aus rosa Ziegeln gebaut, und sie ist eine wehrhafte Kirche, mit dicken Mauern und Türmen, ein Fort der Metaphysik. Hier ist der Herrgott Seigneur in des Wortes wahrster Bedeutung. Ihr Bau wurde im dreizehnten Jahrhundert begonnen – ihr Stil ist so etwas wie eine Gotik aus Toulouse. Der riesige Turm verjüngt sich nach oben, die Fenster daran werden immer kleiner und täuschen eine Höhe vor, die in Wirklichkeit gar nicht da ist. Ach was – Wirklichkeit! Diese Kathedrale ist nicht wirklich. Sie ist, im Gegensatz zu den Ereignissen in Lourdes, ein wahres Wunder. Und rosa schimmern die Bischofsgebäude, die daneben stehen, der Himmel nimmt eine rosa Färbung an – Innen ist die Kathedrale nicht so schön, es gibt zwar gute Einzelheiten, aber es ist eben eine hohe Kirche, deren Raum man leider aufgeteilt hat. Ich trete wieder heraus und gehe zwergenhaft von allen Seiten an dieses Monstrum heran. Es ist zum Erstarren. Die Gärten des erzbischöflichen Schlosses liegen im Herbstlaub, mit rosa Ziegeln als Fond. Von drüben schimmert der Fluß, le Tarn, ich sauge das alles in mich auf. Im erzbischöflichen Schloß ist ein Museum, eine Bilderausstellung – ach, wer wird denn das jetzt sehn wollen! Aber da fällt mein Blick auf ein kleines Ausstellungsplakat – ich muß mich wohl verlesen haben. Nein. »La Galerie de Toulouse-Lautrec.« Toulouse-Lautrec? Hier? Im Bischofsschloß? Und da stak ich nun den ganzen Tag – In Albi ist Toulouse-Lautrec geboren, in Albi ist er gestorben (1901). Und ihm zu Ehren haben sie diese Ausstellung von drei Sälen zusammengebracht. Da hängen: Die großen Plakate mit Aristide Bruant, das rote Tuch verachtungsvoll-königlich um den Hals; La Goulue, die die Beine wirft, daß man ihr in die Wäscheausstellung sehen kann; ein altes Schwein, das sich über ein junges Gemüse beugt; die harten Fressen strahlend blonder Luder; der Urgroßvater des Jazz: Cake-walk in einer Bar; ein Kostümball, auf dem Börsenmakler als Marquis Posas mit Pincenez mäßig amüsiert schwitzen; ein kalkiger Jüngling auf grauem Karton: ein schlaffer, käsiger Mensch, sein ganzes Leben ist auf den paar Quadratzentimetern aufgezeichnet – und Yvette. »Yvette Guilbert, saluant le public.« Ich bin kein Bilderdieb – außerdem war das Bild zu groß. Sie stand da, den Oberkörper etwas vorgebeugt, und stützte sich mit einer Hand am zusammengerafften Vorhang. Die langen schwarzen Handschuhe laufen in Spinnenbeine aus. Sie lächelt. Ihr Lächeln sagt: »Schweine. Ich auch. Aber die Welt ist ganz komisch, wie?« Durchaus »halb verblühende Kokotte, halb englische Gouvernante«, wie Erich Klossowski sie charakterisiert hat. Es ist da in ihr ein Stück Mann, das sich über die Frauen lustig macht, selber eine ist, durchaus – und ganz tief im Urgrund schlummert ein totes kleines Mädchen. Dieser Mund durfte alles sagen. Und er hat alles gesagt. Theater umgibt dieses Meisterwerk – das Theater, das Toulouse-Lautrec mit Haßliebe verfolgt hat, ausgezogen, wieder angezogen, abgeschminkt geküßt und geschminkt verhöhnt hat. Weiche Mimen legen vor einem Spiegel Rouge auf; ist das eine lächerliche Profession, sich abends, wenn die Lampen brennen, in schmutzigen, kleinen Ställen Butter ins Gesicht zu schmieren! Da liegt seine Palette, da ein Lithographie-Stein mit dem Bart Tristan Bernards. Spitze Schreie steigen von diesen Blättern auf, Brunst, Inbrunst, Ekel, Genuß am Ekel, in der vollendeten Vollkommenheit liegt der Ton auf vollendet. Ein weher Mund sieht dich an, sah ihn an – alles andre in diesem Frauengesicht ist dann hingeworfen, wegen dieser Lippen ist es gezeichnet. Zarte Pastellkartons: ein weißes Jabot ist so auf Grau gesetzt, daß man den hauchdünnen Stoff abheben kann, und alle ernsthaften Bilder zeigen, was dieser Mann an technischem Können, an Fleiß, an Gewissenhaftigkeit des Handwerks in sich gehabt hat. Den Ungarn, die ihn heute in Paris frech nachschmieren, sollte man ihre Blätter um die Ohren wischen – es genügt eben nicht, in ein »Haus« zu gehen und grinsend zu kolportieren. Ah, davon ist hier nichts. Tierstudien sind da, von einer Einfühlung in die Form, Porträts, kleine Landschaften – und immer wieder Pferde, deren Bewegung er so geliebt hat. Dazwischen alte Kanaillen mit halbentblößter Brust; wie haargenau sind die Quantitäten von Verfall, gesundem Menschenverstand, ja selbst so etwas wie anständigem Herzen ausbalanciert ...! Eine hat etwas Mütterliches. Und ein ganzer Salon ist da, der große Empfangssalon im Parterre, da sitzen die Damen, bevor sie nach oben steigen. Ein Salon –? Es ist der Salon. Die Totenmarie und die Stupsnase und das dicke hübsche Mädchen, und die Gleichgültige und die, die ewig nackt umherläuft ... Und das schönste von allen: »Etude de Femme 1893.« Ein junges Ding läßt frierend das Hemd gleiten, eine Brust sticht gespitzt in die Luft. Ein herbstlicher Frühling. Drum herum Gemälde. Zweimal: seine Mutter. Porträts des Malers, Porträts von andern: ein bärtiges Gesicht mit Kneifer und aufgeworfnen Lippen. Einmal eine Verspottung seines verwachsnen Körpers. Ist er in Albi geboren? gestorben? Wo? Die Straße heißt heute »Rue de Toulouse-Lautrec«, es ist das Haus Nummer 14. Außen eine glatte Front, eine hohe verschloßne Tür ... Sein Vetter, der Doktor Tapie de Céleyran, empfängt mich. Es ist ein älterer Herr mit schwarzem Käppchen auf dem Kopf; er führt mich ins Allerheiligste. Da liegt in Kästen: das œuvre Lautrecs – die Lithographien, die Originale und viel Unveröffentlichtes. Und er zeigt mir eine Geschichte, die der Knabe illustriert hat – seltsam gemahnen die angetuschten Federzeichnungen an Kubin. Er hat so viel gearbeitet ... Und ich bekomme zu hören, daß die Familie und der Hauptverwalter des Nachlasses, Herr Maurice Joyant in Paris, der an einem großen Werk über den Maler arbeitet, seine Einschätzung durch das Publikum nicht lieben. »Er ist nicht nur der Zeichner der Dirnen gewesen, des Zirkus, des Theaters –! Er hat so viel andres gekonnt!« Zugegeben, daß sich ein Teil seiner Bewunderer stofflich interessierten. Aber hier liegt das Einmalige des Mannes, der bittere Schrei in der Lust, der hohe, pfeifende Ton, der da herausspritzt ... Daß dahinter eine Welt an Könnerschaft lag, wer möchte das leugnen –! Und daß Toulouse-Lautrec kein wollüstig herumtaumelnder Zwerg war, oder ob er es war ... gebt volles Maß! Und wir scheiden mit einem Händedruck. Nachmittags bekomme ich im Museum zu sehen, was nicht ausgestellt ist – Entwürfe über Entwürfe, hingehuschte Skizzen, Angefangnes, Wiederverworfnes und Schulhefte, in denen die lateinischen und griechischen Exerzitien ummalt sind von Girlanden und Figuren. Da ist die Feder träumerisch übers Papier geglitten, weit, weit weg von Cicero, und hat Pferde im Sprung aufgefangen, Füchse – die Männerchen, die der hier gemalt hat, sind schon kleine Menschen. Und als der Konservator alles wieder zusammengepackt hat, gehe ich noch einmal in die hohen Zimmer da drinnen und nehme Abschied, von Yvette Guilbert, von den zarten Farben und von dem dröhnenden Schlag eines Spazierstockgriffs auf einen Sektkühler. Es gibt das alles nicht mehr; man ist heute anders unanständig. Mit der Zeit – das geht so schnell – sinken Gefühle zu Boden, optische Anspielungen, nur von denen einmal verstanden, die sich mitgekitzelt fühlten. Vor manchem stehe ich nun und kann es nicht mehr lesen. Aber ich verstehe es mit dem andern Nervensystem, dem Solarplexus – es springt da etwas über, von dem ich nur weiß, daß es zwinkernd, züngelnd, und doch nicht verrucht ist. Es ist das Knistern, das entsteht, wenn sich Menschen berühren: Haßknistern, Spott – und eine etwas lächerliche Formalität. Die Liebe after dinner. Von Albi sehe ich dann gar nichts mehr. Oder wenigstens: ich habe alles vergessen. Ich weiß nur noch, daß ich in eine Flaschenfabrik hineingehen wollte, wie mögen wohl Flaschen gemacht werden, dachte ich – und da standen zwei ältere Arbeiter vor dem Portal. Sie sagten: »Heute nicht.« – »Warum nicht?« fragte ich. »Es wird gestreikt«, sagten sie, »Marokko.« Nun, – es war das ein Teilstreik, und sie wußten das auch sehr genau. Sie sagten, es nütze ja doch nichts. Ich schwieg – denn ich bin in Frankreich zu Gast. Aber ich wußte: es nützt immer. Nichts ist verloren. Es ist ein Steinchen, wenn ein paar Fabriken gegen den Staatsmord protestieren, es nicht mehr wollen, wenn die Arbeiter ihre Söhne nicht mehr hergeben wollen ... Und dann fuhr ich nach Toulouse zurück. Da wohnte noch jemand, den ich zu besuchen hatte. Eine alte Dame empfing mich in ihrer Wohnung, die in einer stillen Straße liegt. Die Comtesse de Toulouse-Lautrec ist heute vierundachtzig Jahre alt. Sie geht langsam, sie ist frisch, freundlich, gut. Da kam sie auf mich zu, sah mich durch ihre Stahlbrille an ... und dann begann sie, von ihrem Sohn zu sprechen. Sie spricht von seiner Jugendzeit, als er so fleißig in Paris gelernt hat; von seinem festen Willen, und –: »Er war ein so guter Schwimmer, wissen Sie!« sagt sie. Und nun wird sie lebhafter und macht mich auf die Kohlezeichnungen aufmerksam, die da hängen: die Köpfe zweier alter Damen, es sind die Großmütter Lautrecs. Wieder sehe ich: Es gibt in der Kunst kein Mogeln. Der Mann war in seiner Ausbildung ein Handwerker, ein Akademiezeichner wie Anton von Werner, und auf diesem Grunde hat er gebaut. Wissen die Leute, daß George Grosz zeichnen kann wie ein Fotograf? Man kann nur weglassen, wenn man etwas wegzulassen hat. Mogeln gilt nicht. Und sie zeigt kleine Bildchen, Illustrationen zu einem Werk Victor Hugos, niemals vollendet; der Verleger machte Geschichten, und Lautrec zerriß langsam das Bild, das er grade unter den Händen hatte. Und ein Album mit den ungelenken Zeichnungen des Knaben, schon sieht hier und da etwas andres heraus als nur die Kinderhand, die das Zeichnen freut. Und sie spricht von seinem Leben und erzählt seine kleinen Schulgeschichten. Wie er stets gearbeitet hat – »Ich bin immer nur ein Bleistift gewesen, alle meine Tage«, hat er einmal von sich gesagt – und wie er niemals ohne Notizbuch ausging, in das er eine Unsumme von Details aufzeichnete; wie er lebte, und wie sie ihn doch nicht lange gehabt hat. Er starb mit siebenunddreißig Jahren. Zum Schluß, als er so krank war, hat sie eine Reise nach Japan mit ihm machen wollen – er liebte Japan, da hängt noch ein japanischer Druck, den er sich gekauft hat. Aus der Reise ist nichts mehr geworden. Und die alte Dame sagt: »Il est si triste d'être seule.« Und dann gehe ich von der, die diesen Meister geboren hat. Wenn Er bläst: wird das Jüngste Gericht gerechter sein als die Verwaltungsbehörden auf Erden, die sich für Gerichte ausgeben? Wenn Er bläst, wird auch dieser kleine, etwas vornehme Mann erscheinen. »Henri de Toulouse!« ruft der Ausrufer. »Huse –« macht es. »Lautrec!« ruft der Ausrufer. »Meck-meck!« – lachen die kleinen Teufel. Da steht er. »Warum hast du solch einen Unflat gemalt, du?« fragt die große Stimme. Schweigen. »Warum hast du dich in den Höllen gewälzt – deine Gaben verschwendet – das Häßliche ausgespreizt – sage!« Henri de Toulouse-Lautrec steht da und notiert im Kopf rasch den Ärmelaufschlag eines Engels. »Ich habe dich gefragt. Warum?« Da sieht der verwachsne, kleine Mann den himmlischen Meister an und spricht: »Weil ich die Schönheit liebte –«, sagt er. Dank an Frankreich »Ich vermisse von Ihnen noch immer den hemmungslosen und kritiklosen, tiefen und erlösenden Aufschrei über das unendliche Glück, in Frankreich leben zu dürfen.« Aus einem Freundesbrief Der lange D-Zug-Wagen schaukelt sanft von der Gare d'Austerlitz bis zur Gare d'Orsay. Ohne Ruck hält er. Das weiße Deckchen auf dem Polster ist verrutscht, ich streiche es sorgsam glatt. Und steige aus. Da rollt und flimmert Paris. Die kleinen roten Lampen an den Autos glitzern wie funkelnde Rubine, die Hupen gellen, hinterher seufzen sie so sonderbar erschöpft auf; der kleine Nebenton sagt: Guten Tag! – Guten Tag, sage ich. Und da gehe ich ganz allein über die Brücken der Seine und sehe, wie die Ausstellung noch immer illuminiert ist, und wie der Concorde-Platz im bleichen Licht daliegt, auf ihm die Inselchen der rollenden Wagen .... Guten Tag. Und jetzt, wo niemand es hört, bewegen sich ganz leise meine Lippen, eine warme Welle schießt mir zum Herzen auf, und ich sage: Dank. Dank, daß ich in dir leben darf, Frankreich. Du bist nicht meine Heimat, und ich bin kein alter Franzose, der auf einmal kein Deutsch versteht. Ich habe deine Kinderverse nicht auswendig im Kopf, ich muß mir erst vieles übertragen – nicht bei dir habe ich Männerchen auf die Zäune gemalt und eine lange ungehörige Zeichnung auf das Häuschen an der Ecke. Nicht bei dir bin ich verliebt durch die Straßen gelaufen, mit einem kleinen Brief in der Brusttasche und einem großen Schauder über den Rücken ... Keine Ecke sagt: hier bist du einmal ... kein Haus sagt: hier oben hat sie einmal ... Und doch bin ich bei dir zu Hause. Du warst gastlich vom ersten Tage an. Du hast niemals den Fremden verspottet, wenn er Vokabeln, Bräuche, Stadtviertel verwechselte. Du hast dich nie gespreizt, aber du hast dich nie versagt. Wer dich zu suchen ausgeht, kann dich finden. Du siehst von außen mitunter besser aus als du bist – in einer Parfümfabrik riecht es nicht immer sehr gut. Du liegst in Europa, man kann dich nicht losgelöst von Europa betrachten, und du bekommst es nun zu fühlen, daß du dazugehörst, auch wenn du dich einen Teufel um das Fremde scherst. Ich kann nicht zu allem, was hier geschieht, ja sagen – hätte man mich nach meiner Meinung gefragt. Auch du hast deine Justiz, deine Verwaltung, deine Eisenhüttendirektoren und deine Arbeiter ... Das ist deine Sache. Darüber schwieg ich stets – aus Liebe. Und ich bekam es von Zuhause nicht schlecht zu hören: Franzosenliebling, Französling, landfremdes Element, Undeutscher. Und ich bekam nicht schlecht zu hören: er lobt nicht alles, was in Paris geschieht – er versteht nichts von dieser himmlischen Stadt. Nein, ich lobte nicht alles in dieser himmlischen Stadt. – Aber heute abend, wo ich auf der Brücke stehe und ins strahlende Wasser sehe, heute abend, wo ich wieder da bin, diese feine, graue Luft einatmen darf, das Brausen der Stadt höre, die Laute, die ich kenne und zutiefst fühle – heute abend laß mich dir danken. Ja, du hast das größte Glück gegeben, das eine Umgebung verleihen kann. Lieben kann man überall, Geld gewinnen kann man überall, das äußre Wohlsein erreichen kann man überall. Aber über nichts glücklich sein, durch die Straßen streichen und die Häuser mit dem Blick umfangen: Gott sei Dank, daß ihr alle da seid! zum Nachbar ja sagen, immer nur runde Ecken vorfinden, betrunken sein, weil man diese Luft einatmet: das kann man nur bei dir. Deine Vergnügungen sind es nicht, deine Frauen sind es nicht, deine Kunstwerke sind es nicht. Nichts ist es und alles zusammen – du bist es. Und deine Menschen sind es. Oft, wenn wir an die Frage kamen: »Und Sie sind ... Engländer?«, und ich sagte dann das Wort, dann entstand eine winzig kleine Pause, und eine Welt war in der Stille. Eine Welt von vier Jahren. Aber nie, nie, nie mehr als das – nie ein böses Wort, nie eine heftige Anspielung, ein Versuch, den Krieg nun noch einmal unter vier Augen zu gewinnen. Wer nicht mit Deutschen umgehen will, tut es nicht. Wer sich über den Nationalkram hinwegsetzt, tut es. Die Majorität ist neutral und hat Herzenstakt. Und es sind besonders »die kleinen Leute«, die so liebenswert sind – Gevatter Epicier und Handschuhmacher, Herr Un Tel, Herr Chose, Herr Machin. Sie denken mit dem Herzen, sie fühlen mit dem Kopf, es sind vor allen Dingen einmal Menschen – on s'arrange. Ja, es gibt sogar höfliche Polizeikommissare. Manchmal habe ich fast vergessen, wie gut ichs hatte. Es begann, selbstverständlich zu sein, und ich fing an, undankbar zu werden. Ich will das wiedergutmachen. Ich habe mich nicht in dir verloren – ich habe mich wiedergefunden, wenn ich mich verloren hatte. Du hast gegeben und gegeben, geliehen und verschenkt – ich war so arm. Ich bin so reich. Und nun gibt es keine Vorbehalte mehr, keine Kritik und keine Betrachtungsweisen –: da stehe ich auf der Brücke und bin wieder mitten in Paris, in unser aller Heimat. Da fließt das Wasser, da liegst du, und ich werfe mein Herz in den Fluß und tauche in dich ein und liebe dich.