Edgar Wallace Die toten Augen von London   Wilhelm Goldmann Verlag Leipzig Autorisierte Übertragung von Fritz Pütsch.   Sämtliche Rechte für die deutsche Sprache besitzt der Wilhelm Goldmann Verlag in Leipzig.   Titel des englischen Originals: The Dark Eyes of London Verlagsnummer 25   1929/38 Made in Germany Druck von Paul Dünnhaupt, Köthen in Anhalt 1 Larry Holt saß vor dem Café de la Paix und beobachtete aufmerksam den Menschenstrom, der den ›Boulevard des Italiens‹ in beiden Richtungen entlangströmte. Der Hauch des Frühlings hing in der Luft, und ein goldener Sonnenschein ließ die Farben der Zeitungskioske in leuchtenden Schattierungen hervortreten und verlieh sogar den schreienden Reklamen einen gewissen künstlerischen Wert. Dies Treiben und Hasten, all diese Menschen entzückten Larry Holt, der nach vier Jahren harter Arbeit in Frankreich und Deutschland von Berlin hier eingetroffen war, und er fühlte ein richtiges Feriengefühl in sich, ein Feriengefühl, das sogar ein vielbeschäftigter Detektiv empfinden kann. Die Stellung, die Larry Holt bekleidete, war den Beamten von Scotland Yard ein Rätsel. Er hatte den Rang eines Inspektors, seine Tätigkeit war die eines Kommissars, und allgemein wurde angenommen, daß er für den ersten freien Posten eines assistierenden Kommissars vorgemerkt war. Aber in diesem Augenblick lagen all diese Fragen von Rang und Beförderung für Larry in weiter Ferne. Behaglich saß er auf seinem Stuhl und trank mit jedem Atemzug den süßen Odem des Frühlings; die reine Freude am Leben sprach sich in seinen hübschen Gesichtszügen aus, und in seinem Herzen war ein Gefühl der Erleichterung, der Ruhe, das er für Monate und Jahre nicht gefühlt hatte. Larry bezahlte seinen Kaffee, stand auf und ging gemächlich um die Ecke nach seinem Hotel. Behaglich ging der schlanke, große Mann seines Weges, die Hände in den Taschen, während seine weißen Zähne eine lange, schwarze Zigarettenspitze festhielten. Er trat in die überfüllte Vorhalle seines Hotels und ging auf den Fahrstuhl zu, als er durch die große Glastür, die nach dem Wintergarten führte, dort einen eleganten Herrn bemerkte, der bequem in einem großen Klubsessel saß und bedächtig seine Zigarre rauchte. Larry grinste und zögerte einen Augenblick. Dieser Mann mit den scharfen Gesichtszügen, der so wunderbar elegant angezogen war, an dessen Fingern und Krawatte Brillanten blitzten, war ihm bekannt. In einem Anfall mutwilliger Bosheit ging er durch die Glastür auf den behaglich Sitzenden zu. »Ist es wirklich mein alter Freund Fred?« sagte er leise. »Flimmer Fred«, internationaler Hochstapler und Falschspieler, sprang mit einem Satz auf die Füße und unverkennbare Bestürzung zeigte sich beim Anblick dieser unerwarteten Erscheinung auf seinen Zügen. »Hallo, Mr. Holt!« stammelte er. »Sie sind wirklich die letzte Person in der ganzen Welt, die ich erwartet hätte, hier zu finden –« »Oder gewünscht hätte, hier zu finden«, unterbrach ihn Larry mit einem vorwurfsvollen Kopfschütteln. »Was für ein Glanz! Donnerwetter, Fred, Sie sind ja ausgeputzt wie ein Weihnachtsbaum.« Flimmer Fred griente unbehaglich, gab sich aber große Mühe, vollkommene Gleichgültigkeit zu zeigen. »Das alte Leben ist jetzt für mich abgetan, Mr. Holt«, sagte er. »Sie sind ein Schwindler und werden immer ein Schwindler bleiben«, erwiderte Larry ruhig. »Auf die Bibel schwöre ich Ihnen –« begann Fred nachdrücklich. »Fred, Fred«, fiel Larry ohne eine Spur von Ärger ein, »wenn Sie zwischen Ihrer toten Tante und Ihrem sterbenden Onkel stehen und einen Eid auf die Bibel schwören, ich würde Ihnen doch nicht glauben.« Mit Bewunderung betrachtete er sich Freds Äußeres, die große Brillantnadel in seiner Krawatte, die dreifache, goldene Kette über seiner hocheleganten Weste, die blendend weißen Gamaschen über den glänzenden Lackschuhen, das tadellos gebürstete Haar. »Sie sehen süß aus, wirklich süß! Was für eine neue Sache haben Sie jetzt vor? – Ich nehme natürlich nicht an«, unterbrach er sich selbst, »Sie werden's mir erzählen, aber ziemlich aussichtsreich muß es doch sein, Fred.« Der Mann fuhr sich mit der Zunge über die trockenen Lippen. »Ich bin jetzt im Geschäft«, sagte er. »In wessen Geschäft denn?« fragte Larry mit Interesse. »Und wie sind Sie denn da 'reingekommen? Mit 'nem Brecheisen oder war's eine Dynamitpatrone? Das wäre ja ein ganz neuer Beruf für Sie, Fred. Bis jetzt haben Sie sich doch ausschließlich darauf beschränkt, unerfahrene Jugend um ihr Geld zu bringen und«, fügte er bedeutungsvoll hinzu, »die Taschen von gerade Gestorbenen zu erleichtern.« Freds Gesicht rötete sich. »Sie glauben doch nicht, daß ich irgend was mit dem Morde in Montpellier zu tun hatte?« protestierte er hitzig. »Ich glaube ja nicht, daß Sie den bedauernswerten, jungen Mann erschossen haben«, gab Larry zu, »aber Sie sind sicherlich beobachtet worden, wie Sie sich über den Körper beugten und seine Taschen durchsuchten.« »Ich wollte doch bloß sehen, wer es war«, entgegnete Fred tugendhaft, »und 'rausfinden, wer ihn getötet hatte.« »Sie sind gleichfalls gesehen worden, wie Sie mit dem Täter sprachen. Eine alte Dame, eine gewisse Madame Prideaux, sah von ihrem Schlafzimmerfenster aus, wie Sie den Mann festhielten und dann gehen ließen. Ich nehme an, er hat ›geschmiert‹.« »Das ist nun schon zwei Jahre her, Mr. Holt«, sagte Fred, »und ich begreife nicht, warum Sie diesen alten Kohl noch aufwärmen. Der Untersuchungsrichter hat mich in jeder Beziehung freigesprochen.« Larry lachte und klopfte ihn auf die Schulter. »Wie das auch sein mag, ich bin auf jeden Fall jetzt nicht im Dienst, Fred. Ich gehe auf eine Erholungs- und Vergnügungsreise.« »Sie fahren also nicht nach London?« fragte der Mann schnell. »Nein«, antwortete Larry und hatte die Empfindung, daß der andere erleichtert aufatmete. »Ich fahre heute nach London und hoffte, wir würden vielleicht zusammen reisen können.« »Es tut mir unendlich leid«, erwiderte Larry, »Ihre Hoffnungen enttäuschen zu müssen, aber ich reise in entgegengesetzter Richtung. Auf Wiedersehen.« »Viel Vergnügen!« sagte Fred und blickte mit einem Gesicht hinter ihm her, dessen Ausdruck keineswegs mit seinen Worten übereinstimmte. Larry ging auf sein Zimmer und fand seinen Diener mit dem Reinigen und Ordnen seiner Garderobe beschäftigt. Patrick Sunny, den er nun schon zwei Jahre hindurch als Diener ertragen hatte, war ein ernsthafter, junger Mann mit Glotzaugen und einem runden Gesicht. »Sunny«, sagte er, »Sie brauchen meine Anzüge nicht weiter zu beschädigen. Packen Sie sie ein.« »Ja, Sir«, entgegnete Sunny. »Ich reise mit dem Nachtzug nach Monte Carlo.« »Ja, Sir«, sagte Sunny, der genau dasselbe gesagt hätte, wenn Larry die Absicht ausgesprochen hätte, nach der Sahara oder dem Nordpol abzureisen. »Nach Monte Carlo, Sunny!« rief Larry vergnügt. »Auf sechs freie, vergnügte und kostspielige Wochen. – Fangen Sie sofort mit dem Packen an.« Er nahm den Telephonhörer vom Schreibtisch auf und rief das Reisebüro an. »Reservieren Sie mir einen Schlafwagen und ein Erster für heute nacht nach Monte Carlo«, sagte er. »Monte Carlo«, wiederholte er lauter. »Nein, nicht nach Calais. Ich habe nicht die geringste Absicht, nach Calais zu fahren – danke bestens.« Er hing den Hörer auf, nahm eine frühe Abendausgabe und überflog die Spalten. Verschiedene Einzelheiten erinnerten ihn an seinen Beruf und dessen Anforderungen. Ein großer Bankeinbruch in Lyon, bewaffnete Räuber hatten in Belgien einen Postwagen aufgehalten, und dann ein Artikel: »Der Mann, den man auf den Stufen des Themse Embankment auffand, ist als ein Mr. Gordon Stuart, ein reicher Kanadier, identifiziert worden. Man nimmt an, daß es sich um einen Selbstmord handelt. Mr. Stuart hatte den Abend mit einigen Freunden im Theater verbracht, verschwand im Zwischenakt und wurde nicht wieder gesehen, bis sein Leichnam gefunden wurde. Die amtliche Totenschau findet in den nächsten Tagen statt.« Er las den Artikel zweimal durch und runzelte die Stirn. »Gewöhnlich geht man eigentlich nicht während der Pause aus dem Theater und begeht Selbstmord – oder das Stück müßte ausnehmend schlecht gewesen sein«, sagte er, und der gehorsame Sunny antwortete: »Nein, Sir.« Er warf die Zeitung fort. Der Nachmittag war mit den Vorbereitungen für die Abreise ausgefüllt, und um halb sieben stand er im Hotelbüro, um seine Rechnung zu bezahlen – Sunny mit seinem Mantel über dem Arm, der Gepäckträger mit den Koffern hinter ihm –, als ein Page auf ihn zukam. »Monsieur Holt?« fragte er. »Der bin ich«, sagte Larry und sah argwöhnisch auf den Briefumschlag in der Hand des Pagen. »Ein Telegramm? – Ich will's nicht sehen.« Trotzdem nahm er es und las mit recht gemischten Gefühlen: »Sehr dringend. Spezial Polizeidienst. Alle Linien frei machen. Larry Holt, Grand Hotel, Paris. Fall Stuart sehr verwickelt stop wäre persönlich dankbar wenn Sie sofort zurückkommen und Fall übernehmen.« Der Oberkommissar, der nicht nur Vorgesetzter, sondern auch ein persönlicher Freund Larrys war, hatte das Telegramm selbst unterzeichnet, und mit einem schweren Seufzer steckte Holt es in die Tasche. »Wann kommen wir in Monte Carlo an, Sir?« fragte Sunny, als sein Herr auf ihn zukam. »Ungefähr heute in zwölf Monaten«, antwortete er grimmig. »Wirklich, Sir?« fragte Sunny mit höflichem Interesse. »Das muß ja recht weit weg sein.« 2 Flimmer Fred, der eigentlich Grogan hieß, hatte einen berechtigten Grund, sich zu beschweren: Ein angesehener Justizbeamter hatte ihm feierlichst versichert, er hätte die Absicht, nach Monte Carlo zu reisen, und nun mußte er ihn auf dem Pariser Dampferzug wiederfinden. Fred verließ den Viktoria-Bahnhof in außerordentlicher Eile und war sich noch gar nicht sicher, ob Larrys plötzliche Geschäfte in London nicht vielleicht doch mit seinen (Freds) eigenen Geschäften zusammenhingen. Larry sah gerade noch den Hochstapler in der Menge verschwinden und lächelte zum erstenmal seit seiner Abreise von Paris. »Bringen Sie meine Sachen nach Haus«, sagte er zu Sunny. »Ich fahre direkt nach Scotland Yard. Vielleicht komme ich heut abend, vielleicht auch erst morgen zurück.« »Soll ich den Gesellschaftsanzug bereitlegen?« fragte Sunny. Was ihm in erster Linie am Herzen lag, war das elegante Äußere seines Herrn. Für Sunny war der Tag in drei Teile geteilt – Straßenanzug, Gesellschaftsanzug und Pyjama. »Nein – ja – machen Sie, was Sie wollen.« »Ja, Sir«, sagte Sunny entgegenkommend. Larry fuhr sofort nach dem Polizeipräsidium und trat in das große Büro Sir John Hason's, der sich von seinem Schreibtisch erhob und ihm mit ausgestreckter Hand entgegenkam. »Mein lieber Larry«, sagte er, »es ist zu nett von dir, auf deine Ferien zu verzichten. Du bist wirklich ein famoser Kerl! Ich habe übrigens gar nicht an deinem Kommen gezweifelt und dir Zimmer 47 einrichten lassen. Außerdem habe ich dir den feinsten Sekretär zur Verfügung gestellt, den ich jemals im Präsidium gehabt habe.« John Hason und Larry Holt waren alte Freunde und Schulkollegen, und zwischen den beiden bestand aufrichtige Zuneigung und ein Vertrauen, wie man es eigentlich selten zwischen zwei Leuten des gleichen Berufes findet. »Nummer 47 ist mir unbekannt«, sagte Larry lächelnd und legte seinen Mantel ab, »aber ich werde mich außerordentlich freuen, die Bekanntschaft des feinsten Sekretärs von Scotland Yard zu machen. Wie heißt er denn?« »Es ist kein ›er‹, es ist 'ne ›sie‹«, lächelte Hason. »Miß Diana Ward. Sie hat sechs Monate hindurch bei mir gearbeitet und ist wirklich das geschickteste und vertrauenswürdigste Mädchen, das ich jemals in meinem Büro gehabt habe.« »Allmächtiger! Ein weiblicher Sekretär!« sagte Larry gedrückt, fügte aber gleich lebhafter hinzu: »Selbstverständlich bleibt's, wie du es angeordnet hast, John, und selbst dieses Muster aller Tugenden soll mir keine Angst einjagen. Höchstwahrscheinlich hat sie 'ne Stimme wie eine Raspel und kaut Gummi?« »Ihr Äußeres ist nun gerade nicht besonders einnehmend, aber das ist doch schließlich nicht die Hauptsache«, antwortete Sir John trocken. »Setz' dich hin, alter Freund, ich habe viel mit dir zu besprechen. Es handelt sich um den Fall Stuart«, begann er und reichte Larry sein Zigarettenetui. »Erst gestern haben wir herausgefunden, daß Stuart ein sehr reicher Mann gewesen ist. Seit neun Monaten ist er in England und hat die ganze Zeit über in einer Pension auf dem Nottingham Place – Marlybone – gewohnt. Er war ein rätselhaftes Individuum, ging nirgendwohin, hatte fast gar keine Freunde und war außerordentlich zurückhaltend. Es war natürlich bekannt, daß er vermögend war, und nur seine Londoner Bankiers, die uns seinen Namen mitteilten, als sie herausgefunden hatten, daß er der unbekannte Tote war, waren von ihm ins Vertrauen gezogen. Mit ›ins Vertrauen ziehen‹ meine ich nur, daß ihnen sein Name und seine Vermögensverhältnisse bekannt waren.« »Was meinst du damit, wenn du sagst, er ging nirgendwohin? War er denn die ganze Zeit über in seiner Wohnung in der Pension?« »Darauf komme ich jetzt«, sagte Sir John. »Er ging aus, aber kein Mensch weiß, warum. Jeden Nachmittag ohne Ausnahme machte er eine Autofahrt und hatte unweigerlich dasselbe Ziel – ein kleines Dorf in Kent, ungefähr fünfundzwanzig Meilen von hier. Er ließ den Wagen an einem Ende des Dorfes warten, ging durch das Nest hindurch und war für einige Stunden verschwunden. Unsere Nachforschungen ergaben, daß er sich lange Zeit in der Kirche aufhielt. Genau nach zwei Stunden, pünktlich wie ein Uhrwerk, kam er zurück, stieg in den Wagen – er hatte ihn gemietet – und fuhr nach Nottingham Place zurück.« »Wie heißt das Dorf?« »Beverley Manor«, sagte der Oberkommissar. »Also weiter. Am Mittwoch abend brach er zum erstenmal mit seinen Gewohnheiten und nahm die Einladung eines gewissen Doktor Stephan Judd zur Uraufführung einer neuen Revue im Macready-Theater an. Doktor Stephan Judd ist der leitende Direktor der Greenwich-Versicherungsgesellschaft, eine kleine Gesellschaft – so eine Art Familienkonzern –, hat aber in der City einen sehr guten Ruf. Mr. Judd ist Kunstliebhaber und Besitzer eines sehr schönen Hauses in Chelsea. Judd hatte für die Erstaufführung eine Loge – nach den Zeitungen zu urteilen, war, nebenbei gesagt, das Stück einfach fürchterlich –, und zwar die Loge A. Stuart kam und war, wie Judd aussagte, auffallend unruhig. In der Pause zwischen dem zweiten und dritten Akt verschwand er unbemerkt aus dem Theater, kam nicht zurück und wurde erst wiedergesehen, als man seinen Leichnam an dem Themse Embankment fand.« »Wie war denn das Wetter in der Nacht?« fragte Larry. »Im Anfang klar, dann aber dunstig mit Neigung zum Nebel«, antwortete Sir John. Larry nickte. »Besteht vielleicht die Möglichkeit, daß er im Nebel seinen Weg verfehlt hat und in den Fluß gefallen ist?« »Gänzlich ausgeschlossen«, sagte Sir John nachdrücklich. »Von der Zeit seines Verschwindens bis halb drei Uhr morgens war das Embankment frei von Nebel.« »Und jetzt kommt noch ein merkwürdiger Umstand«, fuhr der Kommissar fort. »Als er gefunden wurde, lag er auf den Stufen, nur die Füße hingen im Wasser – und«, fügte er langsam hinzu, »die Flut war noch im Steigen.« Larry sah ihn erstaunt an. »Willst du damit vielleicht sagen, daß er nicht von der Ebbe dort angeschwemmt worden ist?« fragte er ungläubig. »Wie sollte er denn sonst dorthin gekommen sein, mit den Füßen im Wasser, noch dazu, wenn das Wasser stieg? Und doch muß es Ebbe gewesen sein, wie hätte er sonst auf die Stufen kommen können?« »Das sage ich ja auch«, nickte Sir John. »Wenn er nicht unmittelbar nach Verlassen des Theaters ertrunken ist, als die Flut am höchsten stand und anfing zu fallen, scheint es mir beinahe unmöglich, daß er bei Tagesanbruch, als die Flut erst wieder begann, auf den Stufen angeschwemmt werden konnte.« »Das sieht verdächtig aus«, sagte Larry. »Es besteht kein Zweifel, daß er ertrunken ist?« »Nicht der geringste«, erwiderte der Kommissar, zog ein Schubfach auf und nahm eine kleine Schale heraus, in der verschiedene Gegenstände lagen. »Das haben wir in seinen Taschen gefunden. Uhr und Kette, ein Zigarettenetui und dies Stückchen zusammengerolltes, braunes Papier.« Larry nahm den letzten Gegenstand auf. Er war vielleicht drei Zentimeter lang und noch feucht. »Es ist nichts darauf geschrieben«, sagte Sir John. »Als man mir die Sachen gebracht hat, habe ich das Papier aufgewickelt, habe es aber für besser gehalten, es gleich wieder zusammenzurollen, um es für eine genauere Untersuchung trocknen zu lassen.« Larry betrachtete die Uhr, eine einfache, goldene Uhr mit Sprungdeckel. »Nichts«, sagte er und schnappte den Deckel zu, »ausgenommen, daß sie zwanzig Minuten nach zwölf stehengeblieben ist – höchstwahrscheinlich die Stunde des Todes.« Sir John nickte. »Die Kette ich Gold und Platin«, brummte Larry nachdenklich, »und am Ende ist – na, was ist das?« Am Ende der Kette hing ein kleines, ungefähr vier Zentimeter langes goldenes Röhrchen. »Aha, die Hülse von einem goldenen Bleistift«, sagte Larry. »Hat man den dazugehörigen Bleistift nicht gefunden?« Sir John schüttelte den Kopf. »Nein, das ist alles, was gefunden wurde. Anscheinend hatte Stuart auch nicht die Gewohnheit, Ringe zu tragen. Ich lasse alles in dein Büro schicken. Du wirst doch den Fall übernehmen?« »Was ist denn aber an diesem Fall so besonders?« fragte Larry langsam. »Hältst du die Sache für verdächtig?« Einen Augenblick war der Kommissar schweigsam. »Ja und nein«, sagte er. »Ich habe die Empfindung, daß hier Anzeichen für ein Verbrechen vorliegen. Nur allein die Tatsache, daß er bei steigender Flut aufgefunden wurde, während er doch zweifellos zur Zeit der Ebbe seinen Tod fand, veranlaßt mich, die Sache nicht als einen gewöhnlichen Todesfall durch Ertrinken zu betrachten.« »Ich kann doch die Sachen gleich mit in mein Büro nehmen?« fragte Larry. »Selbstverständlich«, erwiderte der Kommissar. »Willst du dir nicht erst den Toten ansehen?« Larry zögerte. »Nein, ich danke. Ich will erst mal Doktor Judd aufsuchen. Kannst du mir seine Adresse geben?« Sir John blickte nach der Uhr auf dem Kaminsims. »Er wird noch in seinem Büro sein. Er gehört zu den unermüdlichen Personen, die bis spät in die Nacht hinein arbeiten. Nummer 17, Bloomsbury Pavement; du kannst das Haus nicht verfehlen.« Larry nahm die Schale und ging nach der Tür. »Und jetzt wollen wir uns mal den so anziehenden Sekretär ansehen«, sagte er, und Sir John lächelte. 3 Zimmer Nr. 47 lag eine Etage höher als das Büro von Sir John. Larry trug die Schale in einer Hand, öffnete mit der anderen die Tür und stand auf der Schwelle eines behaglichen kleinen Zimmers. »Hallo!« sagte er überrascht. »Bin ich denn falsch gegangen?« Das Mädchen, das sich vom Schreibtisch erhoben hatte, war jung und außergewöhnlich hübsch. Dichtes dunkelblondes Haar, das über ihre Stirn herabfiel, stand in überraschendem Kontrast mit ihren klaren, grauen Augen, die ihn verwundert betrachteten. Sie war von schlanker, gefälliger Figur, und als sie lächelte, hatte Larry die Empfindung, noch niemals in seinem Leben ein so graziöses und liebenswürdiges weibliches Wesen gesehen zu haben. »Das ist das Büro von Inspektor Holt«, sagte sie. »Allmächtiger!« sagte Larry, kam langsam in das Büro und schloß die Tür hinter sich. Er ging zu dem anderen Schreibtisch und setzte die Schale nieder. »Das ist Inspektor Holt's Büro«, wiederholte das junge Mädchen erstaunt. »Sind die Sachen für ihn?« Larry nickte und sah das junge Mädchen nachdenklich an. »Was ist das?« fragte er plötzlich und zeigte auf ein Glas und eine Kanne, die auf einem weiß gedeckten Seitentischchen standen. »Das? – Das ist für Inspektor Holt«, antwortete sie. Larry blickte in die Kanne. »Milch?« fragte er erstaunt. »Ja«, entgegnete sie. »Wissen Sie, Inspektor Holt ist ein ziemlich alter Herr, und als ich den Kommissar fragte, ob Mr. Holt nach seiner langen Reise vielleicht eine Erfrischung nötig hätte, hat er etwas Krankenkost und Milch vorgeschlagen. Krankenkost kann ich ja leider hier nicht machen und –« Sie hielt inne und starrte Larry verwundert an, der in schallendes Gelächter ausbrach. »Ich bin Inspektor Holt«, sagte er und trocknete seine Augen. »Sie?« stammelte sie. »Ja, ich bin der alte, kranke Mensch«, sagte er vergnügt. »John, der Kommissar, hat Ihnen einen Streich gespielt, Miß – ich kenne Ihren Namen nicht. Würden Sie vielleicht jetzt so freundlich sein und die bejahrte Miß Ward bitten, zu mir zu kommen?« Ein Lächeln zitterte um ihre Lippen. »Ich bin Miß Ward«, sagte sie, und jetzt starrte Larry sie entgeistert an. Dann streckte er lächelnd seine Hand aus. »Miß Ward, wir sind beide Leidensgefährten. Jeder von uns ist das Opfer eines niederträchtigen Polizeikommissars geworden. Ich bin außerordentlich erfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen – und erleichtert.« »Ich bin auch etwas erleichtert«, lächelte das junge Mädchen, als sie nach ihrem Tisch zurückging. »Sir John hat mir gesagt, Sie wären ungefähr sechzig Jahre alt und asthmatisch, und bat mich, darauf zu achten, daß es im Büro nicht zieht. Ich habe diesen Nachmittag extra Fensterschoner anbringen lassen.« Larry dachte einige Augenblicke nach. »Es ist vielleicht ganz gut, daß ich nicht nach Monte Carlo gefahren bin«, sagte er und setzte sich an seinen Schreibtisch. »Nun wollen wir uns mal an die Arbeit machen. Meinen Sie nicht auch?« Sie öffnete ihr Stenogrammbuch und nahm einen Bleistift zur Hand, während Larry die Schmuckgegenstände untersuchte, die in der Schale lagen. »Schreiben Sie, bitte«, begann er. »Uhr von Gildman, Toronto, goldene Kapseluhr, auf Steinen laufend, Nr. A. 778 432. Keine Kratzer auf dem Innendeckel.« »Handelt es sich um den Fall Stuart?« fragte sie. »Ja«, entgegnete Larry, »ist Ihnen irgend etwas darüber bekannt?« »Nur, was mir der Kommissar erzählt hat«, entgegnete sie. »Der Ärmste! Aber ich habe mich schon so an die Schrecken hier gewöhnt, daß ich beinahe abgehärtet bin. Ich glaube, als Student der Medizin wird man auch so. Ich bin zwei Jahre lang Krankenschwester in einer Blindenanstalt gewesen«, fügte sie hinzu, »und das hilft auch, einen hart zu machen. Glauben Sie nicht auch?« Sie lächelte. »Sehr leicht möglich«, sagte Larry nachdenklich und überlegte, wie jung sie wohl gewesen sein mußte, als sie anfing, für ihren Lebensunterhalt zu arbeiten. Er schätzte ihr Alter auf einundzwanzig Jahre, glaubte aber, damit reichlich hoch gegangen zu sein. »Gefällt Ihnen die Arbeit hier?« Sie nickte. »Sehr gut«, antwortete sie. Er nahm seine Untersuchung wieder auf. »Kette aus Platin und Gold, achtundzwanzig Zentimeter lang, Sperring an einem Ende mit goldener Bleistifthülse – ich nehme wenigstens an, es ist Gold«, diktierte er weiter. »Der Bleistift ist nicht gefunden worden?« »Nein«, sagte sie. »Ich habe den Sergeanten, der die Sachen gebracht hat, noch ganz besonders gefragt, ob man keinen Bleistift gefunden hätte.« Larry sah sie überrascht an. »Haben Sie denn das bemerkt?« »Natürlich ist mir das aufgefallen«, sagte sie ruhig. »Das Messer ist ja auch verschwunden.« »Was für ein Messer?« »Ich nahm an, es war ein Messer«, sagte sie. »Der Sperrring war zu groß, um nur allein einen Bleistift zu halten. Wenn Sie genau hinsehen, finden Sie noch einen kleinen Ring; er war offen, als die Sachen hierhergebracht wurden, aber ich habe die Enden zusammengebogen. Es sah aus, als ob jemand das Messer mit Gewalt abgerissen hätte. Ich nehme an, es war ein Messer, weil Herren doch sehr oft ein kleines, goldenes Taschenmesserchen an der Uhrkette tragen.« Er nahm die Uhrkette wieder auf, bemerkte den anderen Ring und wunderte sich, daß er diesen nicht selbst gesehen hatte. »Ich glaube, Sie haben recht«, sagte er nach längerer Untersuchung. »Der Ring ist viel größer – er war übrigens die Kette hinaufgeglitten –, und man kann ganz deutlich die Kratzer sehen, wo das Messer abgedreht wurde. Hm.« Er legte die Kette in die Schale und blickte auf seine eigene Uhr. »Haben Sie die anderen Gegenstände auch untersucht?« Sie schüttelte den Kopf. »Nur die Uhr und die Kette.« Er blickte im Zimmer herum und sah einen eingemauerten Wandschrank. »Ist der leer?« und, als sie nickte: »Wir wollen die weitere Untersuchung lassen, bis ich zurückkomme. Ich muß jemand aufsuchen.« Er stellte die Schale in den Schrank, schloß die Tür ab und gab den Schlüssel an das junge Mädchen. »Sie werden jedenfalls nicht mehr hier sein, wenn ich zurückkehre? Sie haben doch sicherlich so etwas wie Bürostunden?« »Ich habe es mir zum Prinzip gemacht, nie länger als bis zwei Uhr morgens hierzubleiben«, sagte sie ernsthaft. »Ich glaube, ich habe noch niemals ein Mädel kennengelernt wie Sie«, sagte er langsam und wie in Gedanken. Sie errötete und senkte die Augen. Dann lachte sie leise auf und sah ihn von neuem an. »Vielleicht haben wir beide noch niemals jemand gefunden, wie wir einander erscheinen.« Larry verließ Scotland Yard und war sich bewußt, daß ein neuer und sehr wichtiger Faktor in sein Leben getreten war. 4 Flimmer Fred hatte den Bahnhof als erster und in großer Eile verlassen, aber außerhalb der Station gewartet, bis er Larrys Taxe vorbeifahren sah. Er hatte den lebhaften Wunsch, daß gerade an diesem Abend niemand ihm nachspürte, und außerdem einen tiefen Respekt vor dem Scharfsinn und der Überlegung Larry Holt's. Fred hatte mehr als jeder andere Veranlassung, vor ihm auf der Hut zu sein. Nach Larrys Abfahrt wartete er noch zehn Minuten, verließ die Station durch einen der Nebenausgänge und stieg in das erste der dort stationierten Taxis. Einige zehn Minuten später war er auf einem der ruhigen Plätze in Bloomsbury angelangt, an dem sich hauptsächlich Anwaltsbüros befinden. Das Haus, vor dem er ausstieg, war ein schmales, hohes Gebäude aus roten Ziegelsteinen. Der Portier sah ihn etwas mißmutig an. »Das Büro ist schon seit mehreren Stunden geschlossen, Sir«, sagte er kopfschüttelnd. »Wird erst morgen früh neun Uhr geöffnet.« »Ist Dr. Judd noch da?« fragte Flimmer Fred und schob seine Zigarre von einem Mundwinkel in den anderen. »Mr. Judd arbeitet noch, und ich glaube nicht, daß er gestört werden möchte.« »Glauben Sie das wirklich?« sagte Fred höhnisch. »Fahren Sie mal 'rauf und sagen Sie dem Herrn, daß Mr. Walter Smith ihn sprechen möchte. Aber vergessen Sie bloß den Namen nicht – er ist ein bißchen ungewöhnlich.« Der Fahrstuhlführer blickte zweifelnd auf den Besucher. »Ich werde mir bloß Unannehmlichkeiten bereiten«, brummte er, als er in einen der beiden kleinen Fahrstühle trat und schnell nach oben entschwand. Nach wenigen Minuten kam der Portier herabgefahren. »Er will Sie empfangen, Sir«, sagte er. »Sie sollten mich so nach und nach kennengelernt haben, Sergeant«, sagte Fred, als er in den Fahrstuhl trat. »In den letzten Jahren bin ich ziemlich regelmäßig hierhergekommen.« »Ich hatte vielleicht gerade keinen Dienst«, entgegnete der Mann, während der Fahrstuhl langsam nach oben stieg. »Wir sind nämlich zwei Mann hier. Waren Sie vielleicht ein Freund von Mr. David, Sir?« Fred verzog keine Miene. »Nein«, sagte er leichthin, »ich habe Mr. David nicht gekannt. »Ja, das war eine traurige Geschichte. Denken Sie sich, er ist ganz plötzlich vor vier Jahren gestorben.« Fred wußte dies sehr gut, hielt es aber für besser, es für sich zu behalten. Der Tod Mr. Davids hatte ihm beinahe eine Einkommensquelle, »eine rechtmäßige«, wie er es nannte, geraubt, während dies Einkommen ihm jetzt nur noch als »Gunst« zufloß. Er konnte es jeden Augenblick verlieren, falls der joviale Mr. Judd einmal seine Geduld verlor und sich nichts mehr erpressen lassen wollte. Der Fahrstuhl hielt an, und er folgte dem Portier zu einer Tür, an die dieser anklopfte. Eine laute Stimme forderte sie auf einzutreten, und Flimmer Fred stolzierte in das elegant eingerichtete Büro. Mit einem kühlen Kopfnicken begrüßte er den Inhaber der Wohnung. Dr. Judd war aufgestanden, um ihn zu begrüßen. »Danke bestens, Sergeant«, sagte er und warf ihm eine Silbermünze quer durch das Zimmer zu, die der Mann geschickt auffing. »Holen Sie mir bitte ein paar Zigaretten!« Als sich die Tür geschlossen hatte, sagte Dr. Judd gutgelaunt: »Nehmen Sie Platz, Sie Gauner, Sie wollen sich wohl Ihr Pfund Fleisch abholen?« Er war ein großer, starker und kräftig gebauter Mann mit einem blühenden Gesicht. Seine Stirn war sehr hoch und seine tiefliegenden Augen lagen weit auseinander. Trotz seines etwas lärmenden, guten Humors verbreitete er ein Gefühl des Behagens um sich. Fred war in keiner Weise verletzt und setzte sich auf die Ecke eines Stuhls. »Na, Doktor«, sagte er, »da bin ich wieder.« Dr. Judd nickte und suchte in seinen Taschen nach einer Zigarette. »«Was suchen Sie – Zigarette?« fragte Fred und holte sein Etui hervor, aber der Doktor schüttelte den Kopf mit einem bezeichnenden Lächeln. »Danke bestens, Mr. Grogan«, kicherte er. »Ich rauche nie Zigaretten, die mir von Herren Ihres Berufes angeboten werden.« »Was heißt das, ›mein Beruf‹?« knurrte Flimmer Fred. »Denken Sie etwa, ich will Sie betäuben?« »Ich habe Sie erwartet«, sagte der andere, ohne auf die Frage zu antworten, und setzte sich. »Wenn ich mich recht erinnere, haben Sie eine außerordentlich starke Abneigung gegen Schecks.« »Stimmt, Doktor«, grinste Fred. »Das ist immer noch meine Schwäche.« Dr. Judd ging nach dem Geldschrank und sagte, über die Schulter blickend: »Sie brauchen nicht zu genau aufzupassen, alter Freund; ich bewahre nie Geld in meinem Schrank auf, ausgenommen, ich habe Zahlungen an Erpresser zu leisten.« »Scharfe Worte haben noch nie jemand umgebracht«, zitierte Fred salbungsvoll. Der Doktor nahm ein Paket heraus und blätterte dann in einem kleinen Notizbuch, das er aus dem Schubfach genommen hatte. »Sie sind drei Tage zu früh gekommen«, bemerkte er, und Fred nickte bewunderungsvoll. »Haben Sie aber einen Kopf für Zahlen, Doktor! Einfach großartig! 's stimmt, ich bin drei Tage früher gekommen, weil ich sehr schnell wieder abreisen muß, um einen Freund in Nizza zu treffen.« Der Doktor warf ihm das Paket über den Tisch hinweg zu. »Es sind zwölfhundert Pfund in dem Kuvert; Sie brauchen es nicht nachzuzählen, es stimmt ganz genau«, sagte Dr. Judd und sah dem anderen gerade und nachdenklich in die Augen. »Ich bin selbstverständlich der größte Narr in der Welt«, fuhr er fort, »denn sonst würde ich niemals eine solch schändliche Erpressung ertragen. Ich tue es ja nur, um das Andenken an meinen Bruder von jeder Verleumdung freizuhalten.« »Wenn Ihr Bruder sich damit amüsiert, Menschen in Montpellier niederzuschießen, und wenn ich zufällig dazukomme«, entgegnete Flimmer Fred, »und helfe ihm, zu entwischen – und ich kann beweisen, daß ich das getan habe –, dann denke ich, daß ich Anspruch auf eine kleine Entschädigung haben kann.« »Sie sind ein unglaublicher Schuft«, sagte der andere in seiner freundlichen Manier und lächelte. »Und Sie amüsieren mich auch. Nehmen Sie mal an, daß ich anders wäre, wie ich wirklich bin! Nehmen Sie mal an, ich wäre verzweifelt und könnte das Geld nicht auftreiben! Was dann? – Ich könnte Sie ...« »Das würde für mich keinen Unterschied machen«, versetzte Fred, »aber für Sie auch nicht. Ich habe den ganzen Vorfall niedergeschrieben, die Schießerei, wie ich dem Mann half, zu fliehen, wie ich nach London zurückkam und ihn dort als Mr. David Judd wiedererkannte – mein Rechtsverdreher hat die ganze Geschichte in Händen.« »Ihr Anwalt?« »Selbstverständlich mein Anwalt«, nickte Fred. Er beugte sich über den Tisch. »Wissen Sie, ich habe zuerst überhaupt nicht geglaubt, daß Ihr Bruder gestorben war. Ich dachte, die ganze Sache wäre bloß ein Schwindel, um mich übers Ohr zu hauen, und ich hätte es auch nicht geglaubt, wenn ich es nicht in den Zeitungen gelesen hätte und nicht selbst beim Begräbnis gewesen wäre.« »Daß ein Mensch wie Sie einen Namen wie den seinen mit Schmutz bewerfen durfte!« sagte Judd und stand auf. All seine gute Laune war aus seiner Stimme verschwunden, und er zitterte vor leidenschaftlicher Empörung. Er ging um den Tisch herum und blickte finster auf Flimmer Fred herab, und Fred, der an solche Szenen gewöhnt war, lächelte nur. »Er war der beste Mensch, der je gelebt hat, der geschickteste, der wundervollste Mann«, sagte Dr. Judd mit schneeweißem Gesicht. »Und durch einen Menschen wie Sie –« Seine Hand schoß nieder, und bevor Fred wußte, was vorging, hatte er ihn am Kragen gepackt und emporgerissen. »Was fällt Ihnen denn ein?« schrie Fred und versuchte, sich loszureißen. »Das Geld macht mir nichts aus«, stieß Judd hervor. »Das läßt mich kalt. Aber das Bewußtsein, daß Sie – Sie – es in Ihrer Macht haben, einen Mann mit Kot zu bewerfen, einen Mann ...« Seine Stimme brach, und die andere Hand fuhr in die Höhe. Fred warf sich mit aller Macht zurück und entriß sich den Händen seines Gegners. Plötzlich, wie herbeigezaubert, war in seiner Hand ein Revolver. »Hände hoch und keine Bewegung! Verdammt noch mal!« Und dann fragte eine Stimme sanft und liebenswürdig: »Kann ich hier irgendwie behilflich sein?« Fred fuhr herum. Freundlich lächelnd stand Larry Holt auf der Türschwelle. Flimmer Fred starrte den Eindringling verblüfft an. »Na, Sie haben aber keine Zeit verloren?« Die Worte wurden beinahe unbewußt hervorgestoßen, und Larry lachte leise. Dr. Judd war wieder Herr über sich selbst geworden und sagte leichthin: »Unser Freund Grogan ist Ihnen doch bekannt? Er ist Mitglied unseres dramatischen Theatervereins, und wir haben gerade eine Szene aus den Korsischen Brüdern geprobt. Ich glaube, das sah ganz echt aus.« »Ich dachte, es war aus Julius Cäsar«, sagte Larry trocken. »Wissen Sie, die Szene zwischen Cassius und Brutus. Die Revolverschießerei war mir allerdings aus dem Gedächtnis entschwunden.« Der Doktor blickte von Flimmer Fred zu Larry. »Mit wem habe ich eigentlich das Vergnügen?« fragte er. Seine Stimme hatte ihren gutmütigen Klang zurückgefunden. »Ich bin Inspektor Larry Holt von Scotland Yard«, stellte Larry sich vor. »Aber nun ernsthaft gesprochen! Erheben Sie irgendeine Anklage gegen diesen Mann?« »Nein, nein«, sagte Judd lachend. »Nein, wirklich, das war weiter nichts als eine harmlose Dummheit.« Larrys Blick wanderte überlegend von dem einen Mann zum anderen. »Ich nehme an, Sie kennen diesen Mann?« »Ich habe ihn schon verschiedene Male getroffen«, antwortete Judd ruhig. »Sie wissen natürlich auch, daß er ein Verbrecher ist, unter dem Namen ›Flimmer Fred‹ bekannt ist und schon mehrere Jahre hier und in Frankreich im Gefängnis gesessen hat?« Der Doktor blieb einige Augenblicke schweigsam. »Das habe ich mir auch gedacht«, sagte er leise, »und begreiflicherweise muß Ihnen meine Verbindung mit diesem Mann sehr eigenartig vorkommen – aber ich bin leider nicht in der Lage, eine Erklärung geben zu können.« Larry nickte. Flimmer Fred schwebte in tödlicher Angst, daß Dr. Judd sich Larry offenbaren und ihm die Veranlassung seines Besuches mitteilen würde. Aber jede derartige Absicht lag Dr. Judd fern. »Sie können jetzt gehen!« sagte er kurz. Flimmer Fred steckte sich mit zitternden Händen eine Zigarre an. »Sie müssen sich ›Nervin für die Nerven‹ kaufen«, sagte Larry, der ihn beobachtet hatte. »Ein Drogist an der Ecke hatte noch auf, als ich hierherkam.« Mit einem kläglichen Versuch, vollkommene Gleichgültigkeit zur Schau zu tragen, stolzierte Fred hinaus. »Es tut mir sehr leid, daß ich gerade in einem so unpassenden Augenblick kommen mußte«, wandte sich Larry dem Doktor zu. »Ich glaube kaum, daß Sie irgendwie in Gefahr waren. Freds dramatische Effekte liegen nur im Drohen, aber er schießt nicht.« »Das glaube ich auch nicht«, lachte Judd. »Nehmen Sie Platz, Mr. Holt! Nun«, fuhr er fort, indem er sich eine Zigarette ansteckte, »was führt Sie zu mir? – Ich nehme an, wieder der Fall Stuart. Ich habe heute schon einen Ihrer Beamten hiergehabt.« »Es handelt sich allerdings um den Fall Stuart«, nickte Larry zustimmend. »Ich habe gerade den Fall übernommen und die Untersuchung der diversen – Fundgegenstände abgebrochen, um Sie noch sprechen zu können, bevor Sie weggingen.« »Mir ist sehr wenig bekannt«, antwortete der Doktor, behaglich rauchend. »Vorgestern abend ging Stuart mit mir ins Theater. Er war ein eigenartiger, sehr ruhiger und vor allen Dingen außerordentlich reservierter Mann, dessen Bekanntschaft ich ganz zufällig gemacht habe. Mein Wagen stieß mit seinem Taxi zusammen, und ich kam mit einer ganz unbedeutenden Verletzung davon. Er erkundigte sich dann nach meinem Befinden, und so begann unsere Freundschaft – wenn man überhaupt von Freundschaft sprechen kann.« »Erzählen Sie mir bitte die Einzelheiten über diesen Abend!« bat Larry. Der Doktor blickte zur Decke des Zimmers hinauf: »Lassen Sie mich mal überlegen. Ich kann Ihnen die Zeit mit ziemlicher Genauigkeit mitteilen, ich bin ein wenig pedantisch veranlagt. Wir trafen uns am Theatereingang um dreiviertel acht und gingen dann sofort in die Loge A, die letzte auf der linken Seite. Die Logen liegen auf dem Straßenniveau, während sich Parkett und Stehplätze unterhalb des Niveaus befinden. Kurz vor Schluß des zweiten Aktes stand er mit einer kurzen Entschuldigung auf und verließ die Loge. Seit dem Augenblick habe ich Stuart nicht wieder gesehen.« »Hat ihn denn niemand von den Logenschließern bemerkt?« »Nein, aber das ist schließlich leicht zu erklären. Sie wissen ja, daß es eine Erstaufführung war. Die Angestellten wollen natürlich das Stück auch sehen und stehen dann in den verschiedenen Saaleingängen, anstatt sich um ihre Arbeit zu kümmern.« »War es Ihnen bekannt, daß Stuart so reich, beinahe ein halber Millionär, war?« »Ich hatte davon keine Ahnung«, erwiderte der Doktor. »Mit Ausnahme, daß er von Kanada kam, wußte ich überhaupt nichts über ihn.« »Ich hatte die Hoffnung, von Ihnen eine ganze Menge Aufklärungen erhalten zu können«, sagte Larry enttäuscht. »Niemand anders scheint mit Stuart bekannt gewesen zu sein, und begreiflicherweise dachte ich, er hätte Ihnen etwas mehr Vertrauen geschenkt.« »Weder ich noch sein Bankier wußten etwas über ihn. Erst heute morgen erfuhr ich von dem Direktor der London \& Chatham-Bank, daß er ihr Kunde war. Das einzige, was wir wußten, war, daß er sehr vermögend war.« 5 Wenige Minuten später ging Larry in Gedanken versunken Bloomsbury Pavement entlang. Was hatte Fred in Judds Büro zu tun? Was bedeutete sein Revolver und das schneeweiße Gesicht des Doktors? Hier lag ein anderes, kleines Rätsel vor, aber Larry hatte weder Zeit noch Lust, sich damit zu befassen. Vor ihm ging ein Mann langsam und bedächtig seines Weges, die eiserne Zwinge seines Stockes tappte regelmäßig auf das Pflaster: ein Blinder. Larry ging an ihm vorbei und sah ihn noch einmal, während er auf ein leeres Taxi wartete. Er stieg in ein Taxi und fuhr nach der Leichenhalle von Westminster, wo zwei Beamte von Scotland Yard ihn erwarteten. Die Untersuchung des Leichnams war schnell erledigt; außer einer Abschürfung am linken Knöchel waren keinerlei auffallende Merkmale zu sehen. Dann untersuchte Larry die Garderobe des Toten, die im Nebenzimmer aufbewahrt war. »Da ist das Hemd, Sir«, sagte der Beamte und zeigte auf das zusammengewickelte Wäschestück. »Ich kann mir die blauen Flecken auf der Brust nicht erklären.« Larry faltete das Hemd dicht unter der Lampe auseinander. Ein Frackhemd, kaum getrocknet. Auf der Brust waren deutlich sichtbare, blaurote Flecken. »Tintenstiftflecken«, sagte Larry, dem im gleichen Augenblick der verschwundene Bleistift einfiel. Was sollten aber diese drei unregelmäßigen Reihen von Krähenfüßen und Haken bedeuten? Und plötzlich fand er die Erklärung. Er drehte schnell das Hemd herum und stieß einen erstaunten Schrei aus. Auf der Innenseite des Hemdes waren drei Zeilen geschrieben, mit Tintenstift. Die Schriftzeichen waren durch den Stoff hindurchgedrungen und hatten die eigenartigen Flecken auf der Hemdfront verursacht. Die blauroten Worte waren etwas auseinandergelaufen, aber man konnte noch deutlich lesen: »Mit dem Tod vor Augen vermache ich, Gordon Stuart aus Calgary, Merryhill Ranch, mein ganzes Vermögen meiner Tochter Clarissa und bitte die Gerichte, dies als meinen letzten Willen und Testament anerkennen zu wollen. Gordon Stuart.« Darunter eine beinahe unleserliche, plötzlich abgebrochene Zeile, deren erstes Wort mit einem »O« zu beginnen schien: »O ... hat mich ... ein ... Falle gelock ...« Larry blickte seinen Untergebenen an. »Das ist das merkwürdigste Testament, das je gemacht worden ist«, sagte er leise. Er ging nach der Leichenkammer zurück und untersuchte den Toten noch einmal. Eine seiner Hände war zusammengekrampft, ein Umstand, der augenscheinlich von den Ärzten übersehen worden war. Mit großer Mühe brach er die Finger auseinander, und mit leisem Klingen fiel etwas auf den Steinfußboden. Er bückte sich und nahm es auf: ein zerbrochener Manschettenknopf von ganz eigenartigem Muster. Auf schwarzem Emaillegrund ein Kranz kleiner Diamanten. Er suchte noch einmal mit größter Sorgfalt, ohne aber irgend etwas Neues finden zu können. Mit gerunzelter Sarin blickte er den Beamten an. Was sollte das bedeuten? Welche Verbindung hatten all die Einzelheiten miteinander? Ein Zusammenhang bestand zwischen diesen – dessen war er ganz sicher –; das merkwürdige Zusammentreffen zwischen Dr. Judd und Flimmer Fred, das Testament auf dem Oberhemd und jetzt noch dieser neue Fund: der Manschettenknopf. Tausend unsichtbare Stimmen zischten und wisperten um ihn herum: Mord! Mord! 6 Als er in sein Büro kam, war das junge Mädchen im Begriff, auf dem elektrischen Kocher Tee zu bereiten. »Hallo!« stutzte er. »Ich hatte Sie tatsächlich vergessen. – Sagen Sie mal«, fragte er dann eilig, »hatte Stuart denn keine Manschettenknöpfe?« Sie nickte und nahm ein kleines Päckchen vom Tisch. »Der Kommissar hatte vergessen, sie mitzuschicken; sie wurden gebracht, als Sie gerade fortgegangen waren.« Er öffnete das Papier und fand zwei einfache, goldene Knöpfe ohne Monogramm oder Wappen. Larry nahm den halben Manschettenknopf in Emaille und Brillanten aus der Tasche und untersuchte ihn sorgfältig. »Was ist das?« fragte sie. »Haben Sie das in seiner –« Sie zauderte. »Ja, ich habe das in seiner Hand gefunden«, sagte er kopfnickend. »Sie glauben also, es ist Mord?« »Ich bin absolut davon überzeugt«, sagte er ruhig. »Es wird aber ungeheuer schwierig sein, den Mord zu beweisen, und wenn sich nicht ein Wunder ereignet, wird der Schuft, der dies Verbrechen begangen hat, frei ausgehen.« Er nahm die Schale aus dem Wandschrank und legte die beiden goldenen Manschettenknöpfe und den halben, den er in der Hand des Toten gefunden hatte, zu den übrigen Gegenständen. Dann fiel ihm ein, daß er die kleine braune Papierrolle noch nicht näher untersucht hatte. »Ich habe keine Ahnung, was das bedeuten soll; er hatte die Rolle in der Tasche.« Er wickelte sie auseinander und legte das Papier flach auf den Tisch. Das junge Mädchen, das ihm gegenüber an der anderen Seite des Tisches stand, beugte sich vor und sah zu, wie er den ungefähr zehn Zentimeter langen und kaum halb so breiten Papierstreifen glättete. »Hier ist nichts zu sehen«, sagte er und drehte es um, »und auf der anderen Seite auch nichts. Ich werde es mal morgen photographieren lassen.« »Einen Augenblick, bitte«, sagte sie auf einmal, nahm ihm das Papier aus der Hand und fuhr vorsichtig mit ihren zarten Fingerspitzen über die Oberfläche. Er sah, wie sie erbleichte. »Ich habe es mir gedacht«, flüsterte sie, »und ich war beinah sicher, als ich die Erhabenheiten sah.« »Was ist es denn?« fragte er hastig. »Hier sind einige Worte in Braille geschrieben – Blindenschrift«, sagte sie und ließ ihre Fingerspitzen langsam über das Papier hin und her gleiten. »Braille?« wiederholte er erstaunt. Sie nickte. »Ich habe es in der Blindenanstalt gelernt, aber mehrere Worte sind beschädigt, wahrscheinlich durch das Wasser. Wollen Sie bitte aufschreiben, was ich Ihnen vorbuchstabiere?« Er ergriff einen Bleistift, riß ein Stück Papier von dem Block und wartete. Das erste Wort ist ›gemordet‹«, begann sie, »und dann kommt ein Zwischenraum, dann das Wort ›dear‹; Lieber. Hier in Hinsicht auf das weitere Verständnis unübersetzbar. dann kommt wieder ein Zwischenraum, und jetzt das Wort ›See‹ – das ist alles.« Die unheimliche Mitteilung lag zwischen ihnen auf dem Tisch, und sie starrten einander an. Welcher bedauernswerte Blinde hatte inmitten all der trüben Schatten, die aus dem Nebel um ihn herum stammelten und schnatterten, diese Botschaft gesandt? Wessen Knopf hielt der tote Mann krampfhaft in seinen erstarrten Fingern? Warum hatte man ihn ermordet? Eine Tatsache stand unumstößlich fest, und Larry wußte, daß diese alle seine ferneren Handlungen beeinflussen würde. »Mord«, sagte er leise, »Mord, und ich werde den Mann finden, der das getan hat, und wenn ich ihn aus der Hölle holen muß!« 7 Diana Ward blickte ihren Chef an, und neu erwachtes Interesse sprach aus ihren klaren Augen. »Braille«, sagte er gedämpft, »das ist doch die Schriftsprache der Blinden?« »Ja«, sagte sie. »Es ist eine Art Punktierschrift, das Verhältnis der kleinen Punkte zueinander bildet einen Buchstaben. Wenn blinde Leute schreiben, gebrauchen sie ein kleines Instrument, eine Art Griffel, und einen Führer für diesen. Das hier ist aber in großer Eile und von jemand geschrieben worden, der keinen Führer hatte. Ich kann ja fühlen, wie unregelmäßig punktiert worden ist. Die Unleserlichkeit der Worte, die ich nicht entziffern kann, ist beinahe ebenso durch das schlechte Schreiben wie durch den Einfluß des Wassers verursacht worden.« Er hielt dies merkwürdige Beweisstück in beiden Händen und betrachtete es eingehend. »Könnte Stuart das mit seinem Bleistift gemacht haben?« »Haben Sie ihn gefunden?« fragte sie schnell. »Nein«, sagte Larry verdrießlich, »aber ich habe gefunden, wozu der Bleistift gebraucht wurde.« Er öffnete das Paket, das er mitgebracht hatte, und zeigte ihr das Hemd mit seiner tragischen Botschaft auf der Innenseite. »Warum hat er innen im Hemd geschrieben«, fragte Larry nachdenklich, »und warum auf der linken Seite?« Diana verstand, was er meinte. »Er war gezwungen, auf der linken Seite zu schreiben, wenn er die rechte Hand gebrauchte«, sagte sie. »Aber warum nur auf der Innenseite?« »Ich hab's!« rief Larry triumphierend. »Er hat seinen letzten Willen dahin geschrieben, damit die Aufzeichnungen nicht von irgend jemand anders entdeckt werden konnten. Hätte er auf die Außenseite geschrieben, wäre es wahrscheinlich gesehen und sicherlich vernichtet worden.« Sie schauderte zusammen. »Ich bin noch nicht ganz abgehärtet«, sagte sie mit einem halben Lächeln. »Ich glaube, Sie haben recht. Wenn wir wirklich von der Annahme ausgehen, Stuart hat das in dieser Weise aus dem Grunde niedergeschrieben, um es vor den Augen einer dritten Person zu verbergen, müssen wir auch annehmen, daß eine solche dritte Person existiert. Mit anderen Worten: es war jemand zugegen, den er fürchtete – der ihm, wenn Sie wollen, Todesangst einjagte –, und der Mord war vorsätzlich, denn Stuart mußte ja eine Zeitlang in der Gewalt von irgend jemand gewesen sein, bevor er sein trauriges Ende fand.« Sie stockte plötzlich und senkte errötend ihre Augen, als sie Larrys Blick begegnete, der fest auf sie gerichtet war. »Sie sind ein Prachtmädel«, sagte er leise, »und ich muß mich sehr in acht nehmen, daß ich meinen Posten hier nicht verliere.« Er sah auf seine Uhr. »Jetzt ist es aber höchste Zeit, daß Sie nach Hause gehen. Ich will ein Taxi bestellen – wohnen Sie weit von hier?« »Nein, nicht besonders. Charing Croß Road.« »Ich werde Sie nach Hause bringen«, sagte Larry. »Es ist ja beinahe ein Uhr.« Sie hatte ihren Mantel bereits angezogen und sagte, als sie ihren Hut aufsetzte: »Danke bestens, ich gehe lieber allein, es ist wirklich nicht weit. Und übrigens, Mr. Holt, möchte ich Sie bitten, mich nicht immer nach Hause bringen zu wollen, wenn es wirklich mal später geworden ist. Ich bin daran gewöhnt, allein zu gehen, und möchte auch keinen Wagen haben.« »Darüber sprechen wir noch«, versetzte Larry, der eilig das Formular einer Kabeldepesche ausfüllte. »Wenn das Kabel sofort expediert wird, muß es noch gestern zur Teezeit beim Polizeichef in Calgary ankommen!« »Gestern?« fragte sie erstaunt. »Gestern? – Aber natürlich, die sind ja dort um neun Stunden gegen die Greenwichzeit zurück.« Larry stöhnte. »Um Sie zu fangen, muß man, weiß Gott, früher aufstehen.« Sie gingen zusammen fort, und es stellte sich heraus, daß ihre kleine Wohnung auf seinem Wege nach Richmond Park lag. Er fand den geduldigen Sunny im Begriff, seinen Pyjama bereitzulegen. »Sunny«, sagte Larry, als er in Pyjama und geblümtem Schlafrock eine Tasse Schokolade trank, »irgendwo in dieser Stadt lebt ein recht unangenehmer Herr, Name unbekannt.« »Davon wird's wohl noch mehrere geben, Sir«, erwiderte Sunny. »Und irgendwo in unserem schönen England lebt ein anderer Mann, der Henker. Meine Lebensaufgabe soll es sein, die beiden Menschen zusammenzubringen.« Als er am nächsten Morgen um halb acht nach Scotland Yard kam, war das junge Mädchen schon im Büro und hatte die umfangreiche Korrespondenz, die täglich bei jedem Abteilungschef im Polizeipräsidium einläuft, sorgfältig auf seinem Schreibtisch sortiert. »Soeben ist eine Kabeldepesche eingelaufen«, sagte sie, »aber ich habe sie nicht geöffnet. Sie müssen mir überhaupt sagen, was ich mit Telegrammen und Kabeln machen soll.« »Alle aufmachen. Ich erhalte keinerlei private Mitteilungen nach hier.« Er nahm das Telegramm, das sie ihm hinhielt. »Calgary! Das ist ja riesig schnell gegangen.« Er riß es auf, und sein Mund öffnete sich vor Erstaunen, als er die folgenden Worte las: »Stuart hatte kein Kind. War unverheiratet.« »Reinfall Nummer eins«, sagte er. Sie nahm das Telegramm aus seiner Hand und sah nach der Zeit der Aufgabe. »Das ist ein gewöhnliches Auskunftstelegramm.« »Was meinen Sie denn mit einem gewöhnlichen Auskunftstelegramm?« fragte Larry gutgelaunt. »Es muß direkt nach seinem Einlaufen beantwortet sein, und zwar nach den vorliegenden Personalinformationen. Mit anderen Worten: Der Mann, der die Antwort schickte, hat sich nicht die Mühe gegeben, weitere Recherchen anzustellen, hat vielleicht jemand im Büro gefragt: ›War Stuart verheiratet?‹ – und hat dann auf die Auskunft hin, daß Stuart Junggeselle war, die Antwort abgesandt.« Larry faltete die Depesche zusammen und legte sie in seinen Schreibtisch. »Wenn sie drüben wissen, daß Stuart unverheiratet war, so wird dadurch die ohnehin schon unklare Situation noch verwickelter. Wir haben hier einen Mann, der augenscheinlich ermordet wurde und wenige Augenblicke vor seinem Tode heimlich sein Testament auf die Innenseite seines Hemdes schreibt. Es ist übrigens sehr leicht möglich, daß er das in Gegenwart seiner Mörder ausgeführt hat, ohne daß diese es bemerkten, und ich glaube, ich irre mich darin nicht.« »Denselben Gedanken habe ich auch gehabt«, gab sie zu. »Er wurde ermordet und hinterließ auf seiner Hemdfront ein Testament, in dem er sein gesamtes Vermögen seiner Tochter vermachte. Ein vernünftiger Mann erfindet doch in einem solchen Augenblick wirklich keine Tochter, folglich muß der Polizeichef in Calgary unrecht haben.« »Es steht aber ebenfalls fest, daß er weder in Calgary noch in Kanada verheiratet war. Das wäre doch sicher bekannt geworden«, sagte das junge Mädchen. »Geheimtrauungen sind vielleicht in einer großen Stadt möglich, aber niemals in kleinen Plätzen, wo alle einander kennen – augenscheinlich lebte er auf einer Farm, nicht in der Stadt, er hätte dort eine Heirat nicht verborgen halten können.« Sie blickte nachdenklich auf den Schreibtisch. »Wenn er sich heimlich verheiratet hat«, sagte sie langsam, »sollte das nicht in – in –« »Selbstverständlich in London«, nickte Larry. »Kabeln Sie an den Polizeichef in Calgary und verlangen Sie Einzelheiten über Stuarts Reisen und Datum seiner vorletzten Reise nach London.« 8 Sie nickte, nahm ein Telegrammformular und begann zu schreiben, während Larry mechanisch die eingelaufenen Rapporte durchflog. Dann holte er die Schale aus dem Schrank und begann nach einmal im Tageslicht die verschiedenen Gegenstände zu untersuchen, und kam zuletzt zu der Papierrolle. Jetzt waren die erhabenen Schriftzeichen deutlich sichtbar, und äußerst vorsichtig fuhr er mit dem Finger darüber hinweg. Er war natürlich nicht imstande, Brailleschrift zu lesen, und blickte zu seiner Sekretärin hinüber. »Ist Ihnen nicht irgend etwas Besonderes an diesem Stück Papier aufgefallen?« fragte er und zeigte auf die Braillemitteilung. »O ja«, sagte sie. »Ich habe es mir schon angesehen, bevor Sie kamen. Sie haben doch nichts dagegen?« »Sie können alles prüfen, ausgenommen mein Gewissen!« erwiderte Larry lachend. – »Haben Sie bemerkt, daß die Farbe an einem Ende des Papiers –« er richtete seine Aufmerksamkeit von neuem auf dasselbe – »mehr verblaßt ist?« »Gestern ist mir schon aufgefallen, daß das eine Ende trockener als das andere war«, entgegnete Diana, »und das erklärt auch den Unterschied in der Farbe. Das trockene Ende hat uns die besten Resultate geliefert. So war zum Beispiel das Wort ›Mörder‹ beinah gar nicht vom Wasser angegriffen; er war etwas feucht, aber nicht naß geworden.« Er nickte zustimmend. »So, so!« brummte Larry. »Die Papierrolle muß in Gordon Stuarts Tasche gesteckt worden sein, als sein Körper nicht mehr im Wasser lag.« »In seinen Kleidern war genug Wasser, um das Papier völlig damit zu sättigen, es ist beinahe so aufnahmefähig wie Löschpapier«, fuhr er fort. »Wir haben also bis jetzt folgendes festgestellt: Gordon Stuart ist ertränkt worden, und nach seinem gewaltsamen Tode haben ein oder mehrere Personen sich mit seinem Körper zu schaffen gemacht, von denen eine die Botschaft in seine Tasche gesteckt hat. Diese Person war entweder ein Blinder oder jemand, der annahm –« Er starrte sie an. »Alle Wetter!« Ein Gedanke war ihm durch den Kopf geschossen. »Was wollten Sie sagen?« fragte sie. »Kann das möglich sein –« Er runzelte die Stirn. Die Idee war absurd, und doch –. Wer auch immer die Botschaft in den Taschen des Toten gelassen hatte, erwartete vielleicht, daß Diana Ward sie lesen würde. Sie hatte keine amtliche Stellung im Yard. Daß sie Larry Holt als Sekretärin zugeteilt wurde, war ein rein zufälliger Umstand, der von niemand vorausgesehen werden konnte. Aber ein eiliger Anruf bei dem Personalchef im Präsidium ergab, daß im Augenblick kein Braille-Expert in Scotland Yard existierte. Der einzige Mann, dem die Blindenschrift bekannt war, hatte einen sechsmonatlichen Krankheitsurlaub angetreten. »Ich glaube, Sie können die Annahme, daß die Botschaft für mich bestimmt sein sollte, ruhig als ausgeschlossen betrachten«, sagte das junge Mädchen lächelnd. »Nein, sie ist von einem blinden Menschen aufgesetzt worden, anderenfalls wäre sie ja auch viel besser geschrieben worden.« Die beiden nächsten Stunden wurden mit Erledigung der Briefe an die verschiedenen amtlichen Stellen ausgefüllt. Um elf Uhr stand Larry auf, nahm Mantel und Hut und sagte: »Wir fahren jetzt spazieren.« »Wir?« fragte sie erstaunt. »Ich möchte, daß Sie mitkommen.« Larrys Ton war amtlich, und sie gehorchte stillschweigend. Ein Auto erwartete sie am Eingang des Präsidiums. Der Chauffeur hatte augenscheinlich schon seine Instruktionen erhalten. »Wir fahren nach Beverley Manor – das kleine Nest, das Stuart so regelmäßig aufgesucht hat«, erklärte er. »Es liegt mir viel daran, herauszufinden, welche Anziehungskraft die alte Saxonenkirche für den unglücklichen Mann gehabt hat.« Es war ein wundervoller Frühlingstag, dessen köstliche Frische rosige Farben auf ihre jungen, gesunden Gesichter malte. Schweigend saßen die beiden nebeneinander, die das Schicksal unter so eigenartigen Umständen zusammengebracht hatte, genossen den goldenen Tag mit dankbarem Herzen, mit der Freude am Leben und der auferstehenden, göttlichen Natur. Beverley Manor war ein kleines, unbedeutendes Dörfchen am Fuße des Kentish Rag, das außer seiner alten Kirche wenig Anziehungspunkte für Besucher hatte. Sie fuhren zum Gasthof und machten sich dann, als Larry das Mittagessen bestellt hatte, zu Fuß auf den Weg nach der Kirche, die ungefähr eine Viertelmeile entfernt am Rande eines weißen, freundlichen Weges lag. Generationen und Generationen hatten versucht, die im Beginn einfachen Linien des Gebäudes zu verschönen und hatten ein architektonisches Mischmasch hervorgebracht, in dem romanischer, gotischer und normannischer Baustil miteinander kämpften. »Das schreit doch beinah zum Himmel«, sagte Larry unehrerbietig, als sie durch das altertümliche Tor in den Kirchhof traten. Larry hatte gehofft, Erinnerungstafeln an den Wänden der Kirche zu finden, die ihm irgendeinen Fingerzeig über die Veranlassung zu Stuarts Fahrten geben könnten. Aber außer einer Bronzetafel, die die Tugenden eines früheren Vikars pries, waren keinerlei Gedenktafeln zu sehen. Larry begann dann eine systematische Untersuchung der Gräber. Die meisten waren sehr alt und ihre Inschriften kaum zu entziffern. Schließlich kamen sie an das Ende des Kirchhofs, wo ein halbes Dutzend Arbeiter einen in Sackleinewand verpackten Grabstein herbeischleppten. Schweigend standen sie Seite an Seite und sahen zu, wie die Arbeiter ihre Last an einem gut gepflegten Grabe niederließen. »Ich fürchte, wir haben unsere Reise umsonst gemacht«, sagte Larry. »Wir wollen noch versuchen, im Dorf etwas zu erfahren und fahren dann nach London zurück.« Er war gerade im Begriff zu gehen, als einer der Männer anfing, die Leinewand von dem Grabstein zu entfernen. »Wir können schließlich auch sehen, wer das hier ist«, sagte Larry und trat zu den Arbeitern heran, die ihm Platz machten. Mit Verblüffung las er: † Zur Erinnerung an Margarete Stuart Ehefrau von Gordon Stuart (Calgary Can.) Gest. 4. Mai 1899 und ihrer einzigen Tochter Jeane, Geb 10. Juni 1898 Gest. 1. Mai 1899 Das junge Mädchen stand jetzt neben ihm, und beide starrten sie auf den Grabstein. »Seine einzige Tochter!« sagte Larry im Tone tiefsten Erstaunens. »Seine einzige Tochter! Um's Himmels willen, wer ist denn da Clarissa?« 9 Ein Besuch beim Amtsvorsteher ergab auch kein befriedigendes Resultat. Margarete Stuart war auf einer Farm drei Meilen außerhalb Beverley Manor gestorben, und seit ihrem Tode hatte die Farm zweimal ihren Besitzer gewechselt. »Vor zwanzig Jahren?« sagte der Farmer, den Larry aufsuchte. »Vor zwanzig Jahren war das Haus hier so eine Art Genesungsheim. Es wurde von einer Frau geleitet, die kranke Leute aufnahm.« Wo die Frau geblieben war, konnte er nicht sagen. Aus dem Dorf war sie nicht, und er glaubte gehört zu haben, daß sie gestorben wäre. »Ich habe mir schon den Kopf zerbrochen«, fuhr er fort, »um auf ihren Namen zu kommen. Ich habe erst gestern einem Herrn gesagt, daß er sich am besten in Somerset House erkundigen könnte und –« »Ein Herr?« unterbrach Larry schnell. »Hat sich denn jemand nach ihr erkundigt?« »Ja, Sir, ein Herr aus London«, war die Antwort. »Er war im Auto von London gekommen und hat mir fünfzig Pfund angeboten, wenn ich ihm den Namen der Frau verschaffen könnte, die das Genesungsheim hier geleitet hat, und sogar hundert Pfund, wenn ich ihm irgend etwas über eine Dame mitteilen könnte, die hier vor zweiundzwanzig Jahren gestorben ist. Ihr Name war Stuart.« »Wirklich?« fragte Larry, jetzt völlig bei der Sache. »Wie sah denn der Herr aus?« »Er war ziemlich groß, sein Gesicht konnte man aber nicht deutlich sehen, weil er seinen Mantel bis über das Kinn hinauf zugeknöpft hatte. Es fiel mir aber auf, daß ihm der kleine Finger der linken Hand fehlte.« Den Nachhauseweg legten beide, Larry und Diana, schweigend und in Gedanken versunken zurück. Der Wagen suchte sich schon seinen Weg durch den lebhaften Verkehr auf der Westminster Bridge Road, als er auf ihren Besuch in Beverley Manor zurückkam. »Wer hat es so eilig, Informationen über die Stuarts zu erhalten, daß er sogar fünfzig Pfund dafür bezahlen will? Wer ist seine Tochter Clarissa, und wie kann er überhaupt eine Tochter Clarissa haben, wenn seine einzige Tochter in Beverley Manor begraben liegt?« »Sie erkundigten sich doch bei dem Steinsetzmeister, als wir nach Beverley Manor kamen. Konnte der Ihnen denn keine Auskunft geben?« fragte das junge Mädchen. »Der Gedenkstein ist von Stuart bestellt worden, der die Gewohnheit hatte, täglich nach dem Kirchhof zu kommen und am Grabe zu sitzen. Er war erst in vergangener Woche dort, um ihn vor dem Aufstellen zu sehen.« Gedankenvoll nagte er an seiner Unterlippe. »In dem Zeitraum zwischen seinem Besuch in Beverley Manor und der Nacht seines Todes muß Stuart entdeckt haben, daß er noch ein zweites Kind hatte.« Er schüttelte den Kopf. »So was gibt's heutzutage nicht mehr«, sagte er bestimmt, »wenigstens nicht im wirklichen Leben.« Er hielt sich einige zehn Minuten bei dem Kommissar auf, fuhr dann sofort in die Stadt, und das junge Mädchen sah ihn nicht vor sieben Uhr abends wieder. »Ich hab's!« rief er frohlockend. »Was denn? – Den Mörder?« fuhr sie hoch. »Nein, nein – Stuarts Geschichte. Ist schon eine Antwort auf meine Kabeldepesche gekommen?« Diana schüttelte den Kopf. »Das macht nichts«, sagte er lebhaft und marschierte im Büro auf und ab. »Ich habe die Eintragung der Trauung gefunden. Im August 1897 fand die Trauung statt und wurde in einer Kirche in Highgate gefeiert. Und wissen Sie, was dann passiert ist?« »Ich habe keine Ahnung«, sagte sie langsam. »Sie sollen es gleich hören. Gordon Stuart, zu der Zeit noch ein junger Mann, war besuchsweise in England. Ich habe herausgefunden, daß er vom Juni bis August im ›Cecil‹ gewohnt hat. Der Name seiner Braut war Margaret Wilson, er heiratete sie und kam dann im März 1898 nach dem Hotel ›Cecil‹ zurück, aber allein. Im Hotel haben sie mir erzählt, daß er zwei Tage später nach Kanada abreiste. Dann habe ich den Vikar der Kirche, in der er getraut wurde, aufgesucht, und dort habe ich meinen großen Fund gemacht.« Er hielt inne und fuhr sich stirnrunzelnd durch die Haare. »Ich gäbe was drum, wenn ich wüßte, wer der lange Mann war, dem der kleine Finger an der linken Hand fehlte«, brummte er. »Wieso?« meinte sie überrascht. »Er ist einen Tag vor mir bei dem Vikar gewesen«, erwiderte Larry verstimmt. »Hier haben Sie die ganze Geschichte, wie sie Stuart dem Vikar erzählte, den er am Tage vor seiner Abreise am Strand traf. Er sollte nie wieder nach hier bis vor ungefähr neun Monaten zurückkehren. »Der Vikar, der die Trauung vollzogen hatte, erinnerte sich noch deutlich der näheren Umstände. Wie er sagte, wäre Stuart ein sehr nervöser Mensch gewesen, der in steter Furcht vor seinem Vater, einem reichen Landbesitzer in Kanada, lebte. Bei einer Tasse Tee im ›Cecil‹ vertraute ihm Stuart an, daß er seine Frau zurückließe und nach Kanada führe, um seinem Vater die Neuigkeit seiner Heirat beizubringen. Er war in großer Sorge, was sein Vater dazu sagen würde. Der langen Rede kurzer Sinn war, daß er am nächsten Tage London verlassen, bei der ersten passenden Gelegenheit seinem Vater reinen Wein einschenken würde, um dann zurückzukehren und seine Frau zu holen. »Ich zweifele nicht im mindesten daran, daß Stuart seinem Vater nichts erzählte, daß er das Geheimnis seiner Heirat sorgfältig hütete und schließlich in der Besorgnis, daß man doch dahinterkommen würde, alle Verbindung mit seiner Frau abbrach.« »Man soll über die Toten nichts Böses sagen«, versetzte das junge Mädchen kopfschüttelnd, »aber sehr anständig hat er nicht gehandelt.« »Stimmt«, sagte Larry. »Es war feige. Aber auf jeden Fall muß er seiner Frau eine recht beträchtliche Summe gegeben haben, denn als der Vikar sie wiedersah, lebte sie in guten Verhältnissen. Drei Monate später, im Juni 1898, wurde sein Kind geboren – sein Kind, das er niemals sehen sollte, von dem er höchstwahrscheinlich niemals gehört hatte, bis ihn vielleicht nach Jahren Gewissensbisse nach England brachten, um Weib und Kind aufzufinden. Wahrscheinlich hat er sich an ein Auskunftsbüro gewandt, und das Resultat war die Entdeckung auf dem Kirchhof in Beverley Manor – das Grab seines Weibes und seiner Tochter.« »Wer ist denn aber Clarissa?« fragte sie, und Larry zuckte mit den Achseln. »Das ist Rätsel Nummer zwei und muß noch gelöst werden.« Das junge Mädchen schwieg, und ihre hübschen Brauen runzelten sich nachdenklich. Plötzlich legte sie den Federhalter fort und blickte ihn über den Tisch hinweg mit einem triumphierenden Lächeln an. »Sie haben es gefunden?« fragte er eifrig, und sie nickte. »Ich glaube, das war eines der leichtesten Probleme«, sagte sie ruhig, »und ich muß furchtbar dumm sein, daß ich nicht früher daran gedacht habe. Haben Sie den Geburtsschein?« »Noch nicht. Wir wollen morgen versuchen, ihn aufzufinden.« »Die Mühe kann ich Ihnen ersparen«, fuhr Diana fort. »Clarissa ist die andere Zwillingstochter.« »Zwillinge!« stammelte Larry. »Das liegt doch auf der Hand«, sagte sie. »Die arme Mrs. Stuart hatte Zwillinge, einer von ihnen starb, und der andere ist Clarissa, von deren Existenz Stuart vielleicht erst wenige Stunden vor seinem Tode erfuhr.« Larry starrte sie ehrfürchtig an. »Wenn Sie Chefkommissarin der städtischen Polizei sind, werde ich außerordentlich dankbar sein, wenn Sie mich als Sekretär anstellen würden. Ich habe das Gefühl, als ob ich noch eine Menge zu lernen hätte.« 10 Flimmer Fred hatte London nicht verlassen und auch niemals die Absicht gehabt, fortzugehen. Flimmer Fred war mit allen Wassern gewaschen. Wäre er dies nicht, könnte er nicht in einem so eleganten Stil leben, hätte keine schicke Wohnung in der Jermyn Street und kein Motorcoupé, das ihn abends zum Theater brachte. Seine Unkosten waren nicht gering, aber seine Einkünfte desto höher. Er hatte immer verschiedene Eisen im Feuer, aber niemals verbrannte er sich die Finger an einem – und das ist die große Kunst des Erfolges im Leben. Am Abend des gleichen Tages, an dem Larry das erste Rätsel des Falles Stuart gelöst hatte, saß Flimmer Fred in seinem prächtigen Wohnzimmer und dachte über eine Theorie nach, die er sich im Anschluß an eine am Morgen gemachte Beobachtung gebildet hatte. Zwölfhundert Pfund jährlich ergeben innerhalb fünf Jahren die respektable Summe von sechstausend Pfund. Aber fünf Jahre bilden auch eine bedeutende Spanne Zeit in dem abenteuerlichen Leben eines Mannes wie Flimmer Fred. Zwölfhundert Pfund gestatten nur zweimal das Maximum am Spieltisch und können in weniger als drei Minuten verloren werden. Dr. Judd war Sammler. Fred hatte erfahren, daß Dr. Judds Haus in Chelsea eine wahre Schatzkammer von Gemälden und antiken Schmuckgegenständen war, daß Dr. Judd der Besitzer historischer Juwelen war, deren Wert fünfzigtausend Pfund überschritt. Und wenn auch Fred absolut kein Interesse für Geschichte hatte, so war er doch für den Wert kostbarer Steine äußerst empfänglich, und die Theorie, die er sich am Morgen gebildet hatte, war in erster Linie auf arithmetischer Basis aufgebaut. Wenn er sich innerhalb vierundzwanzig Stunden mit Kostbarkeiten im Werte von zehntausend Pfund aus dem Staube machen könnte, hätte er nicht nur sein Einkommen für acht bis neun Jahre im voraus, sondern er würde sich dann auch die Mühe ersparen können, alle zwölf Monate nach London kommen zu müssen, um sich sein »Gehalt« auszahlen zu lassen. Was könnte nicht alles in zwölf Monaten passieren! Wie leicht könnte ihm die Reise überhaupt unmöglich sein. Gefängnisdirektoren sind bekannterweise gutem Zureden so schwer zugänglich. Vielleicht könnte er auch tot und begraben sein! Es würde natürlich ziemlich schwierig sein, diese Kostbarkeiten in die Hände zu bekommen, da der Doktor kaum der Mann dazu war, sein Eigentum unbewacht zu lassen. Die gewöhnlichen Methoden, einen unerlaubten Zugang in das Haus des Doktors zu erzwingen, waren mit Freds professionellen Gefühlen unverträglich. Er gewann seinen Lebensunterhalt durch sein geschicktes Mundwerk und durch die blitzartige Geschwindigkeit, mit der sich verschiedene Zellen seines Gehirns den plötzlichen Forderungen jeder unerwarteten Lage anzupassen verstanden. Ein Brecheisen war für Fred ein Instrument des Abscheus – verkörperte es doch für ihn Arbeit. Aber es gab ja auch einen anderen Weg – und wenn er sich erst einmal mit seiner Beute aus dem Staube gemacht hätte, würde der Doktor überhaupt wagen, ihn anzuzeigen? Am Nachmittag schlenderte Fred ziellos durch die Piccadilly Circus und sah sich plötzlich einem großen, etwas starken Mann gegenüber, der nach einem kurzen Blick in sein Gesicht versuchte, sich vorbeizudrücken. Aber Fred packte ihn am Arm und hielt ihn fest. »Ist denn das nicht die liebe, alte Nummer 278? Wie geht's denn, Strauß?« Das Gesicht von Mr. Strauß zuckte nervös. »Ich glaube, Sie irren sich, Sir«, sagte er. »Laß doch den Blödsinn«, sagte Fred unelegant und zog ihn in die Lower Regent Street hinein. »Entschuldigen Sie, daß ich Sie nicht gleich erkannt habe«, begann Mr. Strauß unruhig, »ich dachte erst, Sie wären ein Geheimer – Spitzel sagen wir hier.« »Nee, noch nicht«, erwiderte Flimmer Fred. »Na, und wie geht's dir denn hier bei uns in dem schönen Europa? Erinnerst du dich noch an die Galerie G in Portland, Block B?« In dem Gesicht des dicken Mannes zuckte es wieder unruhig. Es war ihm nichts weniger als angenehm, an seine Erfahrungen im Gefängnis erinnert zu werden, wenn er auch in Wahrheit nichts gegen seinen ehemaligen Zellennachbar in Portland hatte. »Na, wie geht's Ihnen denn?« fragte er. Zufällig war Fred an diesem Morgen ohne allen Schmuck ausgegangen, kein einziger Brillant war zu sehen – er hatte alles sicher in seiner hinteren Beinkleidtasche verwahrt. Man konnte heutzutage ja doch niemand trauen. »Schlecht«, schwindelte er. Kein richtiger Hochstapler wird je zugeben, daß es ihm gut geht. Dann aber fragte er plötzlich: »Immer noch im alten Geschäft?« und bemerkte den unruhigen Blick in den Augen des anderen. »Nee, nee, damit ist's aus. Ich arbeite jetzt.« »Du bist ein Schwindler und wirst es immer bleiben«, zitierte Fred Larry Holt. »Ich wette, du bist auf dem Wege zum nächsten Hehler.« Der Mann blickte wieder um sich, als ob er einen Weg zum Entwischen suchte, aber Fred, der niemals auch nur die kleinste Gelegenheit versäumte, ein Geschäft zu machen, streckte eine überredende Handfläche aus und sagte kurz: »Her damit.« »Nur ein paar Kleinigkeiten, die ich bekommen habe und die nicht weiter vermißt werden. Kleiner Dreckkram. Ein paar Salzlöffel ...« und er begann seine Beute aufzuzählen. »Her damit!« sagte Fred von neuem. »Es geht mir verdammt mies, und ich brauche Geld. Ich will meinen Teil haben, und du kriegst das Geld zurück – gelegentlich.« Mr. Strauß fluchte und – teilte. »So, und jetzt müssen wir uns stärken«, sagte Fred vergnügt, als das Geschäft zu seiner Zufriedenheit erledigt war. »Sie haben mir kaum für drei Pfund Wert gelassen«, brummte der Mann. »Nee, wirklich, Mr. Grogan, das war nicht anständig von Ihnen«, er betrachtete den anderen argwöhnisch, »und Sie sehen auch gar nicht so aus, als ob's Ihnen schlecht ginge.« »Die Anzeichen täuschen«, sagte Fred in guter Laune und ging voran in die nächste Bar. »Was bist du denn jetzt? Kammerdiener oder Haushofmeister?« »Haushofmeister«, antwortete Strauß und warf ein Geldstück auf den Tisch. »Das ist gar nicht so schlecht, Mr. Grogan.« »Sag' doch Fred, Mensch.« »Wenn du nichts dagegen hast«, sagte Strauß demütig und meinte es wirklich so. »Ich habe eine Stellung bei einem sehr feinen Herrn.« »Reich?« »Mächtig. Aber nichts für mich. Er weiß, daß ich gesessen habe, behandelt mich aber sehr anständig.« Fred sah ihn scharf an. »Immer noch das verfluchte Gift?« fragte er, und der Mann wurde rot. »Ja«, sagte er rauh. »Ab und zu ein bißchen Koks.« »Wer ist denn nun eigentlich dein Herr?« »Du wirst ihn doch nicht kennen«, sagte Mr. Strauß kopfschüttelnd. »Geschäftsmann in der City, Direktor von 'ner Versicherungsgesellschaft.« »Dr. – Judd?« fragte Fred schnell. »Stimmt«, sagte der andere überrascht. »Aber woher weißt du denn das?« Bald darauf trennten sie sich, und für den Rest des Tages war Fred ein sehr nachdenklicher Mann. Mit Einbruch der Dunkelheit hatten seine Pläne bestimmte Formen angenommen. Er kleidete sich mit Sorgfalt um und machte sich in der Richtung nach dem Strand auf den Weg. Neben seinen sonstigen Talenten besaß er auch noch die Erfahrung eines vollendeten Schürzenjägers. Für jedes junge Mädchen, das nach Hause eilte, hatte er ein stets bereites Lächeln, und trotz vieler Abweisungen bereitete ihm jede neue Eroberung ein besonderes Vergnügen. Zwischen St. Martin und der Ecke zum Strand hatte er kein Glück. Entweder waren die jungen Mädchen, die ihm begegneten, wenig anziehend oder schon in männlicher Begleitung, aber gegenüber dem Morley-Hotel sah er, was er suchte. Er sah sie nur einen Augenblick im Schein der Straßenlampe und war von der seltenen Schönheit ihres Antlitzes gefesselt. Sie war allein. Fred drehte um und hatte sie in wenigen Schritten eingeholt. »Haben wir uns nicht schon mal getroffen?« fragte er und lüftete seinen Hut. Aber mehr konnte er nicht herausbringen. Eine kräftige Faust hatte ihn am Kragen gepackt und zurückgerissen. »Fred, Fred, ich werde wirklich mal ernst mit Ihnen sprechen müssen«, sagte die verhaßte Stimme Larry Holts, und Fred hatte erneuten Grund zur Beschwerde. »Haben Sie denn gar kein Zuhause, wo Sie hingehen können?« jammerte er und setzte in schlechtester Laune seinen Weg den Strand hinunter fort. Die Sehnsucht nach Romanze war ihm vergangen. Das junge Mädchen ging ihres Weges, ohne sich bewußt zu sein, daß Larry Holt hinter ihr gewesen war. Für sie war es keine ungewöhnliche Erfahrung, auf der Straße angesprochen zu werden, und sie hatte sich allmählich daran gewöhnen müssen. Sie wohnte in der Charing Croß Road oberhalb eines Zigarrengeschäftes. Larry sah, wie sie die Tür öffnete und in dem dunklen Eingang verschwand. Er wartete noch einige Minuten und setzte dann seinen Weg fort. Das junge Mädchen hatte einen ganz außerordentlichen Eindruck auf ihn gemacht. Er erzählte sich selbst, daß es nicht ihre zarte Schönheit war, das Weib in ihrer Person, das ihn anzog, sondern ihre ganz außerordentlichen Fähigkeiten, korrekt zu denken und korrekte Schlußfolgerungen zu ziehen. Das waren so seine Selbstgespräche. An und für sich war es schon ungewöhnlich genug, daß er die Notwendigkeit fühlte, sich selbst etwas zu erzählen. Aber die Tatsache war nun einmal nicht aus dem Wege zu räumen, daß er einen großen Teil seiner freien Zeit damit verbrachte, über Diana Ward nachzudenken. Und er kannte sie kaum länger als vierundzwanzig Stunden! Diana Ward dachte auf ihrem Nachhauseweg nicht im mindesten an Larry. Ihre Gedanken waren vollkommen mit den Problemen beschäftigt, die der Fall Stuart darbot. Sie schlug die Haustür zu und ging langsam die dunkle, enge Treppe hinauf. Sie bewohnte die oberste und billigste der drei kleinen Etagewohnungen, die über dem Zigarrenladen lagen, und wußte, daß die Mieter der beiden anderen Wohnungen für das Wochenende aufs Land gefahren waren. Diana war schon in der zweiten Etage angelangt und im Begriff, die beiden letzten Treppen hinaufzugehen, als sie plötzlich stehenblieb. Sie glaubte, ein Geräusch gehört zu haben, ein leises Knacken, das sie mehr gefühlt als gehört hatte. Sie hatte dieses Knacken, diese leichten Geräusche schon öfter gehört, war sich aber klar geworden, daß dies nur auf reiner Einbildung beruhte und hatte ihre Furchtsamkeit bemeistert. Trotzdem ging sie aber noch langsamer nach oben und erreichte den obersten Treppenabsatz, von dem einige wenige Stufen zu ihrer Wohnung führten. Der Treppenabsatz war breit, und mit einer gewissen Herausforderung streckte sie die eine Hand in das Dunkel, als ob sie einen verborgenen Eindringling packen wollte. Und dann erstarrte ihr Blut zu Eis. Ihre Hand hatte den Mantel eines Mannes gestreift! Gellend schrie sie auf, aber im gleichen Augenblick preßte sich eine riesige, rauhe Hand auf ihr Gesicht, ihren Mund und drückte sie langsam nach hinten. Sie sträubte und wehrte sich mit all ihren Kräften, aber der Mann, der sie packte, hatte übermenschliche Kräfte, seine Arme legten sich um sie wie stählerne Zangen. Ihr Widerstand erschlaffte, und für einen Augenblick lockerte sich der Druck der sie umklammernden Arme. Mit einem plötzlichen Sprung riß sich das junge Mädchen los, flog die letzten Stufen empor, riß die Tür auf und warf sie im gleichen Augenblick wieder zu. Der Schlüssel steckte auf der Innenseite. Mit einem Gefühl der Dankbarkeit, daß sie niemals die Angewohnheit hatte, ihr Zimmer beim Fortgehen von außen zu verschließen, drehte sie den Schlüssel herum. Sie rannte durch das Zimmer, schaltete das Licht ein, riß ein Schubfach heraus und aus diesem einen kleinen Revolver. Diana Ward stammte aus einer Familie, in der man nicht so leicht den Mut verlor – wenn auch mit klopfendem Herzen – sie rannte zur Tür zurück und riß diese auf. Wenige Augenblicke stand sie bewegungslos auf der Türschwelle. Dann hörte sie einen leichten Fußtritt auf der Treppe und gab Feuer. Ein Angstgeheul, und hastige Füße polterten die Treppe hinunter. Nur einen Augenblick zögerte sie, dann flog sie selbst hinterher. Sie hörte das Poltern auf den unteren Treppenabsätzen, dann das Öffnen der Tür. Als sie atemlos unten ankam, fand sie die Tür offen. Niemand war zu sehen. Sie verbarg den Revolver in den Falten ihres Kleides und trat auf die Straße hinaus. Um diese Zeit waren wenige Fußgänger in Sicht, und vergebens spähte sie nach ihrem Angreifer umher. Ein leichtes Lieferauto einer Wäscherei fuhr gerade vorbei, und die einzige Person, die sie in ihrer Nähe sah, war ein alter, blinder Mann. »Tap – tap – tap –« klopfte die eiserne Zwinge seines Stockes auf das Pflaster, als er mühselig und langsam vorwärts stolperte. 11 »Sunny«, sagte Larry zu seinem Diener, »London ist eine fürchterliche Stadt.« »Das glaube ich auch, Sir«, stimmte Mr. Patrick Sunny bei. »Aber London besitzt auch einen strahlenden Lichtpunkt, der die tiefe Trostlosigkeit und Verkommenheit dieser Riesenstadt durchbricht.« »Da bin ich ganz Ihrer Meinung, Sir. Das ist mir auch schon öfter aufgefallen. Ich gehe auch sehr gern in das Kino.« »Wer spricht denn von Kinos!« fuhr ihn Larry an. »Nichts lag meinen Gedanken ferner als die Kinos. Ich dachte an etwas ganz anderes, an etwas Geistiges.« »Wünschen Sie vielleicht einen Whisky und Soda, Sir?« fragte Sunny. »Scheren Sie sich raus!« brüllte Larry und schüttelte sich vor Lachen. »Machen Sie, daß Sie in das Kino kommen.« »Ja, Sir«, sagte Sunny ehrerbietig, »aber es ist schon ein bißchen spät.« »Dann gehen Sie ins Bett. – Halt! Bringen Sie mir meine Schreibmappe.« Er trug bequeme Hauskleidung – Schlafrock, ein Paar alte Criquethosen und weiches Hemd – und stopfte seine geliebte Pfeife mit einem Gefühl physischen Wohlbehagens. Ein leichtes Ratt-Ratt-Ratt ließ sich an der Wohnungstür hören. »So spät noch Besuch!« wunderte sich Larry. Er wartete und hörte einen kurzen Austausch von Fragen und Antworten. Die Tür öffnete sich und Diana Ward kam in das Zimmer. An ihrem Gesicht sah er, daß etwas vorgefallen sein mußte. »Was ist passiert?« fragte er hastig. »Hat der Mann Sie nochmal belästigt?« »Welcher Mann?« fragte sie erstaunt. »Flimmer Fred.« »Ich weiß nicht, ob es Flimmer Fred war«, sagte sie kopfschüttelnd. »Aber wenn er ein ganz besonders unangenehmer Mensch ist, wird er es wohl gewesen sein.« »Setzen Sie sich doch, bitte. Ich wollte gerade Kaffee trinken – darf ich Ihnen eine Tasse anbieten. Sunny, bringen Sie zwei Tassen.« »Ja, Sir«, sagte Sunny und fügte dann bedeutungsvoll hinzu: »Wünschen Sie, daß ich ins Kino gehe?« Larry errötete ärgerlich. »Bringen Sie den Kaffee, Sie – Sie«, stotterte er; und zu Diana: »Nun was gibt es denn?« Ohne weitere Umschweife berichtete das junge Mädchen ihr Abenteuer und Larry hörte mit ernstem Gesicht zu. »Sie sagen, er war groß und dick? – Dann scheidet Fred aus. Nehmen Sie an, daß es ein Einbrecher war, den Sie durch ihr unerwartetes Eintreffen gestört haben?« »Das glaube ich nicht.« Diana schüttelte energisch den Kopf. »Ich habe die Überzeugung, daß es ein sehr ernst gemeinter Angriff war. Als ich in meine Wohnung zurückkam, habe ich alle Räume genau durchsucht. Im Eßzimmer, wohin ich unter gewöhnlichen Umständen zuerst gegangen wäre, habe ich einen großen Wäschekorb gefunden.« »Einen Wäschekorb?« fragte Larry verwundert. Sie nickte. »Er war mit einer Art Polsterung dick ausgeschlagen, und auch der Deckel war gefüttert. Dies hier habe ich im Korb gefunden.« Sie legte den Gegenstand auf den Tisch. Er sah aus wie eine Pilotenkappe, hatte aber keine Öffnung für den Mund. Larry nahm sie auf und roch daran, obwohl dies unnötig war, denn ihm war sofort ein eigenartiger, süßlicher Geruch aufgefallen, als sie das Zimmer betreten hatte. »Mit Chloroform getränkt«, sagte er. »Das würde Sie natürlich nicht vollkommen besinnungslos gemacht haben, hätte Sie aber sicherlich für kurze Zeit betäubt. Haben Sie noch etwas anderes bemerkt?« »Als ich auf die Straße kam, fuhr gerade ein Lieferungswagen einer Wäscherei fort. Das ist mir deshalb so besonders aufgefallen, weil das Wort ›Wäscherei‹ – und das war die Aufschrift – sehr ungeschickt und fehlerhaft geschrieben war.« »Das ist mir völlig unverständlich«, sagte Larry verwirrt. »Der Kerl hätte Sie doch nicht allein wegbringen können, oder er muß Helfershelfer im Hause gehabt haben.« »Darin stimme ich Ihnen nicht bei«, sagte sie ruhig. »Dieser Mensch hatte unglaubliche Kraft. Ich war in seinen Armen wie ein kleines Kind, und für ihn wäre es sehr einfach gewesen, den Korb die Treppenstufen hinuntergleiten zu lassen, und der Chauffeur hätte ihm dann unten geholfen, den Korb in den Lieferwagen zu heben. »Warum hat man es aber auf Sie abgesehen?« entgegnete er immer verwirrter. »«Was haben Sie denn mit der ganzen Geschichte zu tun?« Das junge Mädchen antwortete nicht sofort. »Ich überlege«, sagte sie schließlich, »ob ich vielleicht durch Zufall auf eine Spur gekommen bin die zu dem Mörder Stuarts führen könnte. Vielleicht habe ich irgend etwas erfahren, irgend etwas in meinem Besitz, ohne daß ich selbst weiß, welche gefährliche Bedeutung dies für die Verbrecher hat, und sie versuchen natürlich mit allen Mitteln, diese Spur zu beseitigen.« Larry war sehr nachdenklich geworden. »Warten Sie bitte einen Augenblick; ich möchte mich umziehen«, sagte er und verschwand in das Nebenzimmer. Das junge Mädchen sah sich mit Gefallen in dem behaglichen Zimmer um. Dann kam Sunny mit einem Tablett, aber nicht, ohne vor seinem Eintreten vor der Tür auffallend laut gehustet zu haben, was seinen Herrn im anderen Zimmer ausnehmend ärgerte. Als sie in Dianas Wohnung in der Charing Croß Road angekommen waren, begann Larry sofort eine sorgfältige Durchsuchung. Er hatte eine elektrische Taschenlampe mitgenommen und leuchtete jede Stufe der Treppe ab, ohne jedoch einen Hinweis auf den geheimnisvollen Angreifer finden zu können. »Und jetzt wollen wir uns mal Ihre Wohnung ansehen.« Er untersuchte den Wäschekorb, den das junge Mädchen schon so genau beschrieben hatte. »Hier ist nichts zu finden«, sagte er. »Sehen Sie nach, ob Ihnen irgendwas fehlt.« Sie suchte allein in den anderen Räumen nach und kam mit einem verdutzten Gesicht in das Wohnzimmer zurück. »Mein grüner Mantel und ein Hut sind verschwunden.« »Ist der Hut auffallend?« fragte er schnell. »Was meinen Sie mit ›auffallend‹?« »Ob er besonders ins Auge fällt?« »Ich glaube ja«, lächelte sie. »Es ist ein goldgelber Hut, den ich zu meinem grünen Mantel trage.« »Haben Sie ihn schon mal in Scotland Yard aufgehabt?« fragte er. »Schon sehr oft«, erwiderte sie, ohne zu begreifen. »Dann hab' ich's«, sagte er. »Kommen Sie mit. Ich möchte Sie nicht gern allein hier lassen.« Sie gingen zusammen nach der nächsten öffentlichen Telephonzelle, von der Larry das Präsidium anrief und sich mit dem diensttuenden Pförtner verbinden ließ. »Hier Inspektor Holt. War Miß Ward heute abend im Büro?« »Jawohl«, kam die Antwort. »Sie ist gerade wieder fortgegangen.« Larry stöhnte. »Aber ich bin doch gar nicht im Präsidium gewesen«, rief Diana erstaunt. »Aber jemand anders, der Sie sehr gut nachgeahmt haben muß«, sagte er kurz. Wenige Minuten später waren sie schon in dem düsteren Gebäude an dem Themse-Embankment und fanden nichts Auffälliges an der Tür von Zimmer 47. Er öffnete sie und schaltete das Licht ein. »Da haben wir's ja«, sagte er leise. Das Schloß des Wandschrankes, in dem er die Beweisstücke des Falles Stuart aufbewahrte, war aufgebrochen, und die Türen standen weit offen. Er nahm die Schale heraus und überflog mit einem Blick den Inhalt. Die Braille-Schrift war verschwunden. 12 Er nahm den Telephonhörer ab und sagte kurz: »Schicken Sie sofort die ersten beiden Beamten, die Sie im Hause finden, hierher und einen Boten. Aber schnell.« Das junge Mädchen beobachtete ihn mit Interesse. Jetzt lernte sie zum erstenmal den wirklichen Larry Holt kennen, den Mann, von dem der Kommissar gesagt hatte, daß er »nicht einmal im Schlaf die Spur verlor«. Der Eindringling hatte sich nicht die Mühe gemacht, das leichte Stemmeisen wieder mitzunehmen, das er gebraucht hatte. Larry nahm es vorsichtig mit einem Stück Papier auf und brachte es unter das Licht. Ein kurzer wollener Faden hing an seinem rauhen Ende, und das bewies, daß man Handschuhe getragen hatte, um Fingerabdrucke zu vermeiden. Seine einzige Hoffnung war die Schale, deren Boden aus einer dicken Glasplatte bestand. Seitenwände und Handgriffe waren Korbgeflecht. Larry wußte, daß, falls die Handschuhe überhaupt ausgezogen worden waren, es bei dem Hantieren mit der Schale geschehen sein mußte. Und seine Annahme war richtig. Als er auf die polierte Rückfläche der goldenen Uhr hauchte, wurde ein Fingerabdruck deutlich sichtbar. Inzwischen waren die beiden Polizisten eingetroffen. »Ist in der daktylographischen Abteilung jemand in Dienst?« fragte Larry. »Jawohl.« »Bringen Sie die Uhr hin. Halten Sie sie an der Krone; kann man den Abdruck nicht mit Puder sichtbar machen, so muß er sofort photographiert und innerhalb der nächsten Stunde verglichen werden.« Der Einbrecher hatte noch einen anderen Fehler gemacht. Larry hatte den Papierkorb unter dem Tische hervorgezogen und drei zusammengeknüllte Stückchen Papier, die obenauf lagen, herausgenommen. Die beiden ersten waren nichts Wichtigeres als Briefentwürfe in Dianas Handschrift. Das dritte dagegen zeigte einen Plan des Zimmers, von fachmännischer Hand in Tinte gezeichnet. Der Platz des Wandschrankes und die Position der Schreibtische waren genau angegeben. »Der Zeichner hat angenommen, daß es hier drei Wandschränke gibt«, sagte Larry und wies auf die Skizze. »Einer soll links vom Kamin sein«, er blickte auf und zog seine Brauen überrascht in die Höhe. »Weiß der Himmel, das stimmt auch. – Und ein anderer hinter der Tür«, er blickte hin und nickte. »Die kennen das Zimmer viel besser als ich selbst, Miß Ward«, sagte er und studierte von neuem die Zeichnung. »Das hat ein Mann gezeichnet, der Fachkenntnisse hat. – Ich glaube, es wäre besser, wir hätten einen Geldschrank hier und eine Leibwache«, fügte er bitter hinzu. Auf der Türschwelle tauchte plötzlich Sir John Hason auf, der gelegentlich abends in sein Büro kam, um ruhig und ungestört arbeiten zu können. »Was ist denn vorgefallen, Larry?« fragte er. »Ach, gar nichts«, sagte Larry leichthin. »Nur ein Einbrecher hat Scotland Yard einen Besuch abgestattet! Meinst du nicht, wir müßten nach der Polizei schicken?« Als Antwort auf diese impertinente Frage grinste Sir John, war aber sofort wieder ernst. »Man hat doch nicht die Stuart-Beweisstücke gestohlen?« »Das einzige Beweisstück, das wirklich von Wert war, ist verschwunden«, entgegnete Larry. »Laß den Pförtner nach oben kommen«, entgegnete der Kommissar. Aber auch dieser konnte keine zufriedenstellende Auskunft geben. Er hatte gedacht, es wäre Miß Ward gewesen, die an seiner Loge vorbeiging. Es war Gewohnheit im Yard, daß die Beamten beim Passieren der Portierloge ihre Zimmernummer angaben, wenn sie ihren Dienst begannen und dieselbe Gewohnheit galt auch für die Zeit außerhalb der Bürostunden. Der Besucher hatte »47« angegeben und war ohne weiteres hineingelassen worden. »Sind denn Fremde heute hier gewesen?« fragte Larry. »Nein«, entgegnete das junge Mädchen, fügte dann aber hinzu: »Heute nachmittag war ein Blinder hier. Sie entsinnen sich doch, daß Sie eines dieser Instrumente sehen wollten, die diese bedauernswerten Menschen benutzen, und ich bat den kleinen, alten Mann, der Streichhölzer auf dem Embankment verkauft, nach oben zu kommen.« »Auf jeden Fall«, sagte Larry, der sich daran erinnerte, »konnte er doch keinen Plan des Zimmers angefertigt haben.« »Das System, was sich hier bei uns herausgebildet hat, scheint ein bißchen unsicher zu sein«, sagte Sir John, als der Pförtner das Zimmer verlassen hatte. »Wir können dem Mann wirklich keinen Vorwurf machen. Es ist unser eigener Fehler.« »Hier haben wir ja den Herrn von der daktylographischen Abteilung«, rief Larry. Der Beamte, der hereinkam, strahlte über das ganze Gesicht. »Gleich beim ersten Griff gefunden, Sir«, sagte er. »Fanny Weldon, Coram Street 280. Hier ist ihr Personalrekord.« Er übergab Larry eine Karte. »Zweimal Gefängnisstrafe für Beilegung falscher Persönlichkeit«, las er. »Das ist das Frauenzimmer. Aber was hat sie mit der ganzen Geschichte zu tun?« »Fanny ist eine merkwürdige Frau, Sir«, sagte der Beamte, »sie hat nicht einen Funken von eigenen Ideen und ist immer in Unannehmlichkeiten gekommen, weil sie anderen Leuten bei ihren Plänen geholfen hat. Der dicke Joe Jacket hat sie gebraucht, um die bekannte Schauspielerin Miß Lottie Holm darzustellen. Das war vor ungefähr zwei Jahren. Dann hatte sie im Auftrage von irgend jemand eine Bardame personifiziert, während der Besitzer nicht im Hause war. Die Mannic-Bande hat bei der Gelegenheit im Hotel ›Victor Hugo‹ dreitausend Pfund erwischt.« Larry saß an seinem Schreibtisch und hatte nachdenklich das Kinn in die Hand gestützt. »Die Sache ist ganz klar«, sagte er dann. »Die Bande, hinter der wir her sind, kennt alle Hochstapler in London und hat höchstwahrscheinlich Fanny für ihre Pläne gewonnen. Wie war doch die Adresse – Coram Street 280? ... Wir wollen mal sehen, was Fanny Weldon dazu zu sagen hat.« Er bekam aber Fanny nicht vor Tagesanbruch zu sehen. Coram Street 280 war ein Eckhaus, das augenscheinlich nur möblierte Zimmer enthielt. In den ersten Morgenstunden fuhr ein Wagen vor das Haus, eine Frau stieg heraus und bezahlte den Kutscher. Als sie auf die Haustür zuging, kam Larry hinter ihr her und ergriff ihren Arm. Mit einem Ausruf des Schreckens fuhr sie herum. Sie war eine hübsche Frau mit einem etwas ordinären Mund. »Was soll das heißen?« rief sie erschreckt. »Sie werden mich auf einem kleinen Spaziergang begleiten«, sagte Larry. »Geheimer?« fragte sie und erblaßte. »Richtiggehender Geheimer«, entgegnete Larry und führte sie nach dem nächsten Polizeibüro, wo Diana und seine Beamten ihn erwarteten. Auf dem Wege dorthin bejammerte sie ihr Schicksal. »Das kommt davon, wenn man anderen Leuten Gefälligkeiten erweist«, sagte sie bitter. »Was soll ich denn getan haben?« »Einbruch in Scotland Yard«, sagte Larry ruhig. Sie stieß einen tiefen Seufzer aus. »Dann liege ich im Essen!« sagte sie. »Das scheint mir auch so«, gab Larry zu. Weibliche Beamte nahmen eine Körpervisitation vor, deren Ergebnis der Fund von einhundertfünfzig Pfund in Banknoten war. Fanny hatte sich mittlerweile von ihrem ersten Schrecken erholt und bestand darauf, daß das Geld genau gezählt wurde. »Mir ist schon öfter auf Polizeibüros verschiedenes abhanden gekommen«, sagte sie anzüglich. Statt in eine Zelle wurde sie in ein kleines Wartezimmer gebracht, wo Larry sie in Gegenwart Dianas verhörte. Die Anwesenheit der letzteren interessierte Fanny ungemein. »Wie ich sehe, haben Sie Ihre Freundin mitgebracht«, sagte sie schnippisch. »Ist das die Dame, die ich ›nachgemacht‹ habe?« »Das ist die betreffende Dame«, sagte Larry. »Also, Fanny, jetzt wollen wir mal wie Vater und Tochter miteinander reden.« »Immer los, und genieren Sie sich gar nicht«, sagte Fanny unbekümmert. »Aber eins kann ich Ihnen sagen. Die ganzen letzten Monate kann man mir nichts nachsagen.« »Fanny«, sagte Larry ernst, »ich werde Ihnen eine Chance geben – ich spreche absolut offen mit Ihnen. Es liegt Scotland Yard nichts daran, daß die ganze Welt erfährt, ein weiblicher Gauner ist in das Präsidium eingebrochen und hat unter den Augen der Polizei verschiedene Wertgegenstände gestohlen.« Die Frau lachte leise und zwinkerte Diana zu. »Für so was kann man nur 'ne Frau gebrauchen, nicht wahr?« fragte sie. »Erzählen Sie man weiter, mein Herr Schnüffler. Wenn Sie aber denken, daß ich irgend jemand verklappe, dann irren Sie sich gewaltig.« »Sie werden mir ganz genau mitteilen, was ich von Ihnen wissen will«, versetzte er scharf, »und Sie werden mir sofort sagen, wer Sie für diese Geschichte angeworben hat.« Sie schüttelte den Kopf. »Sie werden mir außerdem noch sagen, wer der Mann war, dem Sie die gestohlenen Sachen ausgehändigt haben, und wo das geschehen ist.« Fanny schüttelte den Kopf von neuem und war in ausgezeichneter Laune. »Das viele Fragen hat gar keinen Zweck«, sagte sie, »ich antworte ja doch nicht. Sparen Sie sich doch die Mühe und sperren Sie mich lieber in meine Zelle.« »Ich werde Sie in die Zelle bringen lassen, sobald ich Ihnen die gegen Sie vorliegende Anklage mitgeteilt habe«, sagte er ruhig. Die Frau fuhr hoch und blickte ihn unruhig an. »Sie haben mich wegen Einbruches angeklagt.« »Das ist nicht das Verbrechen, dessen ich Sie beschuldigen werde«, sagte Larry. »Wenn ich nicht befriedigende Antwort auf meine Fragen erhalte, werde ich Sie noch einmal zur Protokollaufnahme zurückführen und Anklage gegen Sie erheben wegen Beihilfe zum Morde an Gordon Stuart in der Nacht des dreiundzwanzigsten April.« Sie blickte ihn entsetzt und keines Wortes mächtig an. »Mord?« wiederholte sie, »Mord? – Guter Gott, Sie glauben doch nicht im Ernst, daß ich ...« »Sie sind in einer ernsten Lage«, sagte er. »Sie helfen Mördern, sich dem Arm der Gerechtigkeit zu entziehen. Sie haben sich verleiten lassen, ein wichtiges Beweisstück zu stehlen, das in den Händen der Polizei war und vielleicht zur Überführung der Mörder geführt hätte – alles das genügt vollständig, um Sie außerordentlich schwer zu verdächtigen.« »Ist das Ihr wirklicher Ernst?« fragte sie. »Vollständiger Ernst«, sagte Larry eindrucksvoll. »Nehmen Sie nur nicht an, daß ich Sie zum besten haben will, Fanny. Sie haben ein Beweisstück gestohlen, das vielleicht die Verhaftung der Mörder ermöglicht hätte.« »Wer sind Sie eigentlich?« fragte sie. »Ich bin Inspektor Holt«, war die Antwort. »Allmächtiger Vater! Dann bin ich verratzt!« stammelte sie. »Ich dachte, Sie wären im Ausland. Nee, Mr. Holt, ich will Ihnen erzählen, was ich weiß. Ich habe genug von Ihnen gehört und weiß, daß Sie auch Gaunern gegenüber 'n ehrliches Spiel spielen. Von der ganzen Geschichte habe ich bis gestern nachmittag keine Ahnung gehabt, und dann wurde ich angerufen, ich sollte mich mit dem großen Jake oder dem blinden Jake, wie er auch noch genannt wird, treffen.« »Blinde Jake?« wiederholte Larry, dem der Name unbekannt war, und dann fiel ihm der blinde Streichholzhändler auf dem Embankment ein, der im Büro gewesen war – aber der konnte es doch unmöglich gewesen sein. Diana hatte gesagt, er wäre klein gewesen. »Die Polizei weiß genau Bescheid über ihn, Mr. Holt«, sagte Fanny zaudernd. »Er ist ein schlechter Mensch. Von mir klingt das komisch, ich weiß es, aber vielleicht verstehen Sie, was ich damit sagen will: er ist schlecht, grundschlecht. ich bin in Todesangst vor Jake dem Blinden, und es gibt nicht einen Strolch, keinen Hochstapler in ganz London, dem es nicht ebenso geht. Er hat zweimal gesessen. Gewöhnlich arbeitet er mit zwei Komplizen, alles Gauner, und alle drei blind. Wir hatten sie ›Die toten Augen von London‹ getauft, weil sie sich schneller bewegen können als Sie, und weil die dicksten Nebel für sie gar nichts bedeuten. Jake der Blinde war der Anführer der drei, dann ist einer von ihnen verschwunden, und ich habe gehört, er wäre tot. In den letzten zwölf Monaten haben wir nicht viel von ihnen gehört, bis auf einmal der blinde Jake wieder auftauchte. Und Geld hatte er wie Heu. Ich glaube, er arbeitet jetzt für eine Kanone in der Zunft.« »Schön, Sie haben den blinden Jake getroffen?« »Ja«, nickte sie. »Er gab mir den Plan...« »Aber der war doch nicht von ihm – er konnte doch nicht zeichnen«, unterbrach Larry. »Der sicher nicht«, sagte sie verächtlich. »Nein, er hatte den Plan bei sich. Ich muß ihn irgendwo haben. Vielleicht in meiner Handtasche, die Sie mir abgenommen haben.« »Zerbrechen Sie sich darüber nicht den Kopf«, sagte Larry. »Ich habe ihn im Büro gefunden.« »Also der blinde Jake sagte mir, was ich zu tun hätte, daß er mir den Mantel und Hut geben würde, den die junge Dame hier immer trug, wenn sie ins Präsidium kam, daß ich beim Pförtner ›Nummer 47‹ sagen und dann so schnell wie möglich nach oben gehen müßte.« »Was sollten Sie holen?« »Eine kleine Rolle aus braunem Papier«, war die Antwort. »Er hat mir ganz genau beschrieben, wo sie war und daß sie in einer Schale lag.« Sie zuckte die Schultern hoch. »Ich kann mir nicht denken, wie sie das herausgefunden haben.« »Aber ich«, sagte Larry und wandte sich zu dem jungen Mädchen. »Der Streichholzhändler hat auf einmal sein Augenlicht wiedergefunden! Wo kann ich den blinden Jake finden?« fragte er Fanny. »Sie werden ihn überhaupt nicht finden«, entgegnete sie kopfschüttelnd. »Er läßt sich niemals am Tage sehen – wenigstens sehr selten.« »Und wie sieht er aus?« »Er ist riesengroß und stark wie ein Ochse.« Diana stieß einen Schrei aus und fragte: »Hat er einen Bart?« »Ja, Miß. So 'ne Art kleinen grauen Bart.« »Das war der Mann auf der Treppe«, sagte Diana, »dessen bin ich ganz sicher.« Larry nickte und wandte sich zu der Frau. »Wann haben Sie die Rolle weitergegeben?« »Heute morgen gegen zwei Uhr. Um diese Zeit sollte ich ihn am unteren Ende der Arundel Street und Strand, in der Nähe des Embankments, treffen. Und was er für eine Laune hatte!« »Wissen Sie, wo er wohnt?« Sie schüttelte den Kopf. »Vor Jahren wohnten sie in Todds Heim. Das war eine Blindenanstalt in Lissom Lane, Paddington, wo die blinden Straßenhändler Unterkunft fanden. Aber ich glaube nicht, daß er noch da ist.« Larry führte sie in die Wachtstube zurück. »Sie können sie auf meine Verantwortung hin freilassen«, sagte er zu dem diensttuenden Beamten. »Fanny, Sie melden sich morgen früh zehn Uhr bei mir in Scotland Yard.« »Ja, Sir«, sagte Fanny, »und was wird mit meinem Geld?« Larry überlegte einen Augenblick. »Das können Sie wiederbekommen.« »Wenn mir irgend jemand erzählen will«, sagte Fanny, als sie die Banknoten mit beleidigender Sorgfalt nachzählte, »daß die Polizei nicht ehrlich ist, soll er man zu mir kommen, und er wird allerlei zu hören kriegen.« 13 »Miß Diana«, sagte Larry freundlich, »Sie müssen jetzt aber wirklich nach Hause gehen und machen, daß Sie ins Bett kommen.« Diana schüttelte den Kopf. »Ich bin nicht ein bißchen müde, Mr. Holt. Darf ich nicht mitkommen? Wissen Sie nicht, daß Sie mir versprochen haben, den Fall Stuart mit Ihnen zusammen bearbeiten zu dürfen?« »Aber ich habe nicht versprochen, Sie die ganze Nacht hindurch aufzuhalten«, meinte er, »und Sie sehen sehr abgespannt aus. Und nun sofort nach Hause. Die Vorsehung schickt uns gerade ein Taxi«, sagte er und winkte. Sie fühlte sich müde zum Umfallen, versuchte aber trotzdem zu protestieren. Aber Larry war unerbittlich und hielt die Wagentür für sie offen. »Sergeant Harvey bringt Sie nach Haus«, sagte er und zog den Beamten beiseite. »Sie gehen nach oben in Miß Wards Zimmer, durchsuchen diese sorgfältig und bleiben auf dem unteren Treppenabsatz, bis Sie abgelöst werden.« »Und nun, Sergeant, wollen wir uns mal Todds Heim ansehen«, wandte er sich dem anderen Beamten zu. Sechs Uhr schlug es von den Kirchtürmen, als Larrys Taxi vor Todds Heim anhielt. Es war ein trauriges, wenig einladend aussehendes Haus, dessen Fenster mit blauer Farbe bedeckt waren. Auf einer langen, schwarzen Tafel, die über die Breite des Hauses hinweglief, stand in verblichenen goldenen Buchstaben: Todds Heim für bedürftige Blinde. Kaum hatte er geklopft, als die Tür von einem kleinen Mann geöffnet wurde. »Das ist nicht Toby oder Harry, auch nicht der alte Joe«, sagte er laut. »Wer ist es denn?« Larry sah, der Mann war blind. »Ich möchte den Vorsteher sprechen«, sagte er. »Ja, Sir«, sagte der Mann respektvoll. »Wollen Sie bitte hier warten?« Er verschwand in einem langen verzweigten Gang; dann hörten sie ihn in seinen Pantoffeln zurückschlürfen, gefolgt von einem großen, schlanken Mann, der einen weißen Priesterkragen trug. Seine Augen waren hinter dunklen, blauen Gläsern versteckt, und auch er fühlte sich seinen Weg den Gang entlang. »Wollen Sie nicht bitte näher treten.« Es war die Stimme eines gebildeten Mannes. Er war groß und kräftig gebaut, und sein glattrasiertes Gesicht zeigte eine außergewöhnliche Strenge des Charakters. »Ich bin John Dearborn – Reverend John Dearborn«, stellte er sich beim Voranschreiten vor. »Wir haben leider wenig Besucher hier. Ich fürchte, Todds Heim ist nicht besonders beliebt.« Er machte keine Anspielung auf die frühe Stunde, die sie für ihren Besuch gewählt hatten. »Wir müssen den Gang noch etwas weiter entlanggehen, meine Herren«, sagte er. »Ich höre an den Fußtritten, daß Sie zwei Personen sind – Vorsicht – hier ist eine Stufe.« Er stieß eine Tür auf, und sie traten hinein. Das Zimmer war behaglich möbliert. Das erste, was Larry auffiel, waren die kahlen Wände, bis er sich daran erinnerte, daß Bilder für Blinde keinen Wert haben. Ein merkwürdiger, kleiner Apparat stand auf der Seite des Tisches, der das Hauptstück der Ausstattung bildete, und ein kleines Rädchen drehte sich, als sie hereinkamen. Der Vorsteher ging geradewegs auf die kleine Maschine zu. Ein leichtes Schnappen eines Knopfes, und das Rad stand still. »Das ist mein Diktaphon«, erklärte er, als er sich ihnen mit einem Lächeln zuwandte. »Ich bin literarisch tätig und diktiere in den Apparat, von dem dann meine Worte abgehört und mit der Schreibmaschine geschrieben werden. »Nun, meine Herren«, sagte Ehrw. John Dearborn, als er selbst Platz genommen hatte, »was verschafft mir das Vergnügen Ihres Besuches?« »Ich bin Beamter von Scotland Yard«, stellte sich Larry vor, »mein Name ist Holt.« Der andere verbeugte sich leicht. »Ich hoffe, keiner meiner unglücklichen Schutzbefohlenen ist in Unannehmlichkeiten geraten?« »Das weiß ich selbst noch nicht genau«, sagte Larry. »Im Augenblick suche ich einen Mann mit Namen Jake der Blinde.« »Der blinke Jake?« erwiderte der andere langsam. »Ich glaube nicht, daß wir einen solchen Namen in unserem Heim gehabt haben, wenigstens nicht, solange ich die Leitung habe. Und ich bin jetzt vier Jahre hier. Vor meiner Zeit wurde das Heim von einem Mann geleitet, und noch dazu sehr schlecht, der die schlimmste Sorte von Blinden, die es in ganz London gab, hier zusammenbrachte. Sie wissen, Blinde sind in ihrer Art wundervoll, tapfer und geduldig. Leider gibt es aber auch andere, verkommen, vertiert, der Abschaum der Erde. Wahrscheinlich haben Sie von den ›Toten Augen‹ gehört?« »Heute morgen zum ersten Mal«, antwortete Larry, und der andere nickte. »Wir sind diese Menschen losgeworden und haben jetzt nur anständige, alte Hausierer hier, wo alles nur mögliche für sie getan wird. Möchten Sie sich vielleicht das Heim ansehen?« »Sie kennen also den blinden Jake nicht?« »Ich habe niemals von ihm gehört«, sagte Ehrw. John Dearborn, »aber wenn Sie bitte mitkommen wollen, können wir uns ja erkundigen.« Das Heim bestand aus vier Schlafräumen und einem gemeinsamen Wohnraum, der Tabaksrauch ausdunstete, und in dem die Insassen sich aufhielten. »Einen Augenblick bitte«, sagte Dearborn, als er mit den beiden Herren in den Gang getreten war, und ging noch einmal in das Zimmer, kam aber bald wieder kopfschüttelnd zurück. »Niemand kennt den blinden Jake persönlich, und nur einer hat überhaupt etwas von ihm gehört.« Sie gingen nach dem ersten Schlafsaal hinauf. »Ich bezweifle, daß Sie noch mehr zu sehen wünschen«, sagte Dearborn. Larry hob lauschend den Kopf. »Es kam mir vor, als ich jemand stöhnen hörte. »Ganz recht«, entgegnete der Vorsteher. »Das ist ein trauriger Fall. »Oben sind kleine Räume für die Leute, die in der Lage sind, ein wenig mehr als ihre anderen Leidensgenossen zu zahlen. In einem wohnt ein Mann, der, wie ich befürchte, geistig nicht ganz normal ist. Ich habe schon darüber an die zuständigen Behörden berichten müssen.« »Können wir nach oben gehen?« fragte Larry. »Aber mit dem größten Vergnügen«, gestand nach kurzem Zaudern Ehrw. Dearborn zu. »Das einzige, was ich befürchte«, fuhr er im Vorausgehen fort, »ist die Ausdrucksweise des Mannes, die Sie sicherlich abstoßen wird.« In einem kleinen, viereckigen Raum lag ein vertrockneter, alter Mann in den Sechzig, der sich ruhelos in seinem Bett hin- und herwarf, unaufhörlich plapperte – und mit einer unsichtbaren Person zu sprechen schien. Larry hörte seine Worte und wunderte sich. »Du Biest! Du Feigling!« stammelte der Mann im Bett. »Gehenkt wirst du. Denke an meine Worte! Gehenkt wirst du dafür!« »Es ist wirklich schrecklich«, sagte Ehrw. John Dearborn und wandte sich mit bedauerndem Kopfschütteln ab. »Bitte hier entlang, meine Herren.« Aber Larry rührte sich nicht vom Fleck. »Gut, Jake, aber du wirst dafür bezahlen, denke an meine Worte. Das wird dir teuer zu stehen kommen! Die sollen ihre dreckige Arbeit allein machen! Ich habe das Papier nicht in seine Tasche gesteckt, das kann ich dir sagen.« Larry trat in das Zimmer hinein, beugte sich über den Mann und ergriff seinen Arm. »Lassen Sie meinen Arm los, Sie tun mir weh«, beklagte sich dieser, und Larry ließ ihn los. »Wachen Sie auf«, sagte er, »ich möchte Sie sprechen.« Aber der Mann schwatzte weiter, und Larry schüttelte ihn von neuem. »Lassen Sie mich in Ruhe«, brummte der Alte. »Ich will nicht noch mehr Unannehmlichkeiten haben.« »Er phantasiert«, sagte John Dearborn. »Er bildet sich ein, daß man ihn beschuldigt, einem seiner Freunde unten eine Streich gespielt zu haben.« »Aber er sprach von ›Jake‹«, warf Larry ein. »Das ist richtig, wir haben einen Jake unten – Jake Horley. Möchten Sie ihn sprechen? Er ist ein kleiner Kerl und in seiner Art ganz amüsant.« Larry ging enttäuscht die Treppe hinunter und verabschiedete sich von seinem Führer. »Ich freue mich sehr, einen Besuch von der Polizei gehabt zu haben«, sagte John Dearborn. »Ich wünschte nur, wir könnten auch andere Leute überreden, sich für uns zu interessieren. Sie haben nun einen kleinen Einblick in unsere Arbeit tun und selbst sehen können, mit welchen Schwierigkeiten wir zu kämpfen haben. Würden Sie aber vielleicht«, fügte er hinzu, »bevor Sie gehen, mir mitteilen, warum Sie Jake den Blinden suchen? – Meine Leute kommen mir ja sonst vor Neugierde über den Grund dieses polizeilichen Besuches um.« »Wenn es weiter nichts ist«, lächelte Larry. »Es liegt die Anklage einer Frau gegen ihn vor, sie zu einem Verbrechen angestiftet zu haben.« Der ihn begleitende Polizeibeamte starrte ihn verblüfft an. Es war wider allen Gebrauch bei der Polizei, den Angeber zu verraten. »Verzeihen Sie bitte eine Frage, Mr. Dearborn, die Ihnen vielleicht peinlich ist«, fragte Larry sanft. »Sind Sie selbst auch ...?« »O ja«, sagte der andere heiter. »Ich bin vollständig blind. Die Gläser trage ich nur aus Eitelkeit. Ich bilde mir ein, daß ich mit der Brille besser aussehe.« Er lachte leise. »Auf Wiedersehen«, sagte Larry und schüttelte ihm die Hand. Dann stieß er die Tür auf und stand Angesicht zu Angesicht mit Flimmer Fred. Wie vom Donner gerührt starrte Flimmer Fred ihn an und ging dann – mit einigem Risiko für sich selbst – die wenigen Stufen rückwärts hinunter. Larry, den Kopf auf einer Seite, betrachtete ihn mit dem interessierten Ausdruck eines wißbegierigen Huhnes, das eine ganz neue Art Wurm vor sich sieht. »Wer von uns beiden läuft eigentlich dem anderen nach? Sie mir oder ich Ihnen?« fragte er freundlich. »Und warum so frühzeitig aus dem Bett, Fred? Haben Ihre – hm – Geschäfte Sie die ganze Nacht hindurch in Anspruch genommen?« Fred fand keine Worte. Er war den ganzen langen Weg von der Jermyn Street bis Paddington zu Fuß gegangen, hatte alle erdenkbare Vorsicht angewendet, um nicht verfolgt zu werden, und nun ... Endlich fand er seine Stimme wieder. »Also 'ne Falle war es?« sagte er bitter. »Das hätte ich mir eigentlich denken können. Aber gegen mich liegt doch nichts vor, Mr. Holt.« »Doch! Eine ganze Masse«, sagte Larry scherzend, der unbewußt die Tür des Heims hinter sich geschlossen hatte. »Doch, Fred! Ich kann Ihr Gesicht nicht leiden, ich kann Ihre Schmucksachen nicht sehen und Ihr Personalbericht ist mir direkt ekelhaft. – Was steckt dahinter, Fred? Kommen Sie so früh, um persönlich den armen Blinden einen freiwilligen Beitrag zu überbringen? Haben Sie endlich mal Gewissensbisse bekommen?« »Lassen Sie doch den Unsinn, Mr. Holt«, knurrte Fred und ging zu Larrys Überraschung mit ihm mit. »Wollten Sie denn nicht nach dem Heim gehen?« fragte er. »Nee«, sagte Fred bissig. Schweigend gingen sie ihres Weges. Ein sehr nachdenklicher Fred zwischen den beiden Polizeibeamten. Sie hatten schon die breite Edgware Road erreicht, bevor er seine Gedanken gesammelt hatte. »Ich habe keine Idee, warum Sie mich mitgenommen haben. Sie können mich doch für 'ne alte Geschichte nicht nochmal fassen?« »Stimmt. Ich habe tatsächlich keine Ahnung, warum Sie eigentlich mit uns mitlaufen. Aber Sie haben uns ja selbst Ihre liebwerte Begleitung aufgedrängt.« »Wollen Sie wirklich sagen, daß ich nicht geschnappt bin?« stieß Fred ungläubig hervor und blieb stehen. »Was mich anbetrifft«, antwortete Larry, »sind Sie nicht geschnappt, falls nicht Sergeant Reed eine private Verabredung mit Ihnen hat.« »Ich auch nicht, Sir«, lächelte der Sergeant. »Wie kommen Sie denn überhaupt auf den Gedanken, daß Sie verhaftet sind, Fred?« »Na, da schlag' doch einer lang hin«, stotterte Fred verdutzt. »Was soll denn das nun bedeuten?« »Kennen Sie denn jemand in dem Heim?« »Ich kenne das Heim ebensowenig wie 'n Kuhstall«, antwortete Fred. »Ich habe einen Milchmann nach dem Wege fragen müssen.« »Sie hätten sich an einen Schutzmann wenden sollen«, murmelte Larry. »Es gibt 'ne ganze Masse hier.« »Für meinen Geschmack zu viel«, war Freds bissige Antwort. »Hören Sie mal, Mr. Holt«, sagte er plötzlich ernsthaft, »Sie sind ein anständiger Mensch, und ich bin sicher, Sie werden mich nicht reinlegen...« »Nun?« fragte Larry. Fred tauchte in eine seiner inneren Taschen und brachte einen Brief hervor. »Was halten Sie davon, Sir?« fragte er. Larry öffnete den Brief, der an Fred Grogan adressiert war, und las: »Man wird Sie morgen verhaften. Larry Holt hat den Haftbefehl. Kommen Sie morgen früh halb sieben nach Todds Heim, Lissom Lane, und fragen Sie nach Lew. Der wird Ihnen Mitteilungen machen, die es Ihnen ermöglichen, zu entwischen. Seien Sie vorsichtig, daß man Ihnen nicht nachfolgt, und erzählen Sie niemand, wohin Sie gehen.« Der Brief war nicht unterzeichnet. Larry wollte ihn schon an Fred zurückgeben, als er sich eines Besseren besann. »Haben Sie etwas dagegen, wenn ich den Brief behalte?« fragte er. »Nein, Sir, behalten Sie ihn ruhig. Aber, Mr. Holt«, fragte er unruhig, »wollen Sie mir nicht sagen, ob da irgend was Wahres dran ist, daß ich gefaßt werden soll?« Larry schüttelte den Kopf. »Soweit mir bekannt ist, sind Sie nicht auf der Liste, und ich habe ganz sicher keinen Haftbefehl gegen Sie. Tatsächlich«, fügte er hinzu, »lauten die Auskünfte über Sie jetzt so gut, daß Sie, falls Sie ehrlich bleiben würden, ohne jede Furcht vor der Polizei leben könnten.« »Klingt verdammt uninteressant für mich«, war Freds Antwort, als er mit gesenktem Kopf in eine Seitenstraße einbog. 14 Coram Street 280 war ein Mietshaus, in dem Mrs. Fanny Weldon zwei Räume bewohnte. Sie lebte gut, bezahlte gut, verursachte wenig oder gar keine Umstände und hielt ihren Namen frei von jeder üblen Nachrede. Ihre Wirtin würde alles mögliche tun, um ihr gefällig zu sein, vorausgesetzt natürlich, daß der gute Ruf von Nr. 280 nicht zu leiden hätte. Dieser weibliche Hochstapler hatte eine vielbeschäftigte Nacht hinter sich, aber trotzdem war es ihr nicht möglich, den ganzen Tag hindurch zu schlafen. »Sie sind heute nacht spät nach Haus gekommen, Mrs. Weldo«, sagte die Wirtin, als sie ihr eigenhändig den Tee brachte. Fanny nickte. »Um genau zu sein, bin ich heut nacht überhaupt nicht ins Bett gekommen«, sagte sie. »Ich war tanzen. Wie spät ist es denn?« »Sechs Uhr. Ich dachte, Sie schliefen noch, und da Sie nicht klingelten, wollte ich Sie nicht stören.« »Heute abend gehe ich aber früh zu Bett«, gähnte Fanny. »Was gibt's Neues?« »Nicht viel, liebes Kind«, sagte die Vermieterin mit berufsmäßiger Mütterlichkeit. »Im Zimmer gegenüber«, sie wies mit dem Daumen nach der Tür, »wohnt jetzt ein junger Mann. Ein Herr aus Manchester, sehr ruhig. Mrs. Hooper hat sich mal wieder über das Essen beklagt.« Und sie begann den täglichen Pensionsklatsch zu erzählen. »Schicken Sie mir irgendwas Kaltes nach oben«, sagte Fanny. »Ich will zeitig zu Bett gehen. Morgen habe ich eine sehr wichtige Verabredung.« Sie dachte an die Verabredung mit Larry Holt, der sie mit sehr gemischten Gefühlen entgegensah. Um halb acht zog sich Fanny aus und legte sich hin. Sie war todmüde und schlief beinahe im gleichen Augenblick, als ihr Kopf das Kissen berührte. Aber sie war übermüdet und träumte. Schreckliche Träume von drohenden Ungeheuern, von Männern, die sie mit langen, blitzenden Messern verfolgten – und sie warf sich ruhelos im Bett hin und her. Dann träumte sie, sie hätte einen Mord begangen, und der Tag der Hinrichtung war gekommen. Man schleppte sie aus ihrer Zelle, und langsam schritt sie an der Seite eines Priesters in einen kahlen Raum hinein. Und dann erschien der Henker, und er hatte das höhnische Gesicht Jakes des Blinden. Sie fühlte den Strick um ihren Hals und versuchte zu schreien, aber er zog sich enger und enger, würgte sie, erstickte sie. Sie wachte jäh auf. Zwei Hände lagen um ihren Hals, und in dem ungewissen Lichtschein einer Straßenlaterne blickte sie entsetzt in die ausdruckslosen Augen des blinden Jake. Es war kein Traum – es war Wirklichkeit! Eins seiner Knie preßte sich auf ihren Leib, und er sprach leise in zischendem Flüstern, das nur für ihr Ohr bestimmt war: »Fanny, du hast mich verraten! Du hast mich hinter eiserne Gardinen bringen wollen. Den armen blinden Jake! Ich weiß alles. Ein guter Freund bei Todd hat mir alles erzählt. Und jetzt bist du geliefert, Kleine!« Sie kämpfte vergebens nach Atem, sie konnte keinen Schrei, kein Wort hervorbringen, sie fühlte, wie ihr Blut in den Schläfen hämmerte, wie die grausamen Hände sich immer mehr und mehr zusammenzogen. Plötzlich flammte das Licht auf. ›Der junge Mann aus Manchester‹, der das Zimmer gegenüber gemietet hatte, der geduldig die ganze Nacht hindurch auf die leisen Schritte Jakes des Blinden gewartet, weil er wußte, daß er kommen würde, um sich an der Verräterin zu rächen, ›der junge Mann aus Manchester‹ – Lary Holt, stand in der Tür, und sein langer Browning war auf den Würger gerichtet. »Hände hoch, Jake«, sagte er, und Jake der Blinde drehte sich mit einem tiefen Knurren herum. Es klang wie das Fauchen eines gestellten Tigers. 15 Einen Augenblick standen beide Männer regungslos, dann streckte Jake langsam seine Hände in die Höhe. »Sie haben wohl ein kleines Schießeisen?« grollte er. »Mr. Holt, Sie werden sich doch nicht an einem armen, alten Mann vergreifen?« »Kommen Sie langsam vorwärts«, sagte Larry, »und machen Sie keine Dummheiten, oder es wird Ihnen leid tun.« »Es tut mir jetzt schon leid genug«, brummte der Mann. Es war wunderbar, ihn zu beobachten. Er bewegte sich so leicht wie ein junges Mädchen, und sein außerordentlich entwickelter sechster Sinn ermöglichte es ihm, jedes Hindernis in seinem Wege zu vermeiden. Larry war in einer schwierigen Lage. Der Mann kam langsam auf ihn zu und brachte so die halb ohnmächtige Frau auf dem Bett in seine Schußrichtung. Er war fest entschlossen, zu schießen, falls der Mann Widerstand leisten sollte, aber jetzt war ihm dies unmöglich, auch nicht um sein eigenes Leben zu retten, ohne Fanny Weldon zu gefährden. Der große, starke Mann kam langsam mit hochgehaltenen Händen vorwärts. Die eine kam in Berührung mit der elektrischen Hängelampe. Und plötzlich, bevor Larry sich Rechenschaft geben konnte, was vorging, schloß sich die eine Hand um die elektrische Birne, die unter dem Druck mit betäubendem Krachen zersprang, und das Zimmer lag in Dunkelheit. Jetzt zu schießen wäre Wahnsinn gewesen, und Larry spannte all seine Muskeln zusammen, um den Anprall des Körpers, der sich jetzt auf ihn stürzen würde, aufzufangen. Und dann war er in den Griffen des blinden Jake. Diana hatte nicht übertrieben, als sie von seiner riesigen Kraft sprach. Sie war erschreckend, unmenschlich, und Larry, doch selbst ein kräftiger Mann, fühlte seine Kräfte schwinden. Was das Resultat dieses Kampfes gewesen wäre, wagte Larry sich auch später kaum auszudenken. Hier aber kam eine Unterbrechung: der Klang einer sich öffnenden Tür auf dem oberen Treppenabsatz und die Stimme eines Mannes. Der blinde Jake hob den Detektiv in die Höhe wie ein Bündel Lumpen und schleuderte ihn in die Ecke des Zimmers, wo er keuchend und halb betäubt liegenblieb. Einen Augenblick später wurde die Tür aufgerissen und Jake flog die Treppe in Windeseile hinunter, schneller als ein Mann im vollen Besitz seines Augenlichtes es je gewagt hätte. Larry kam mühsam auf die Füße, nahm seine Taschenlampe auf und fand den Revolver, der ihm bei dem ungleichen Kampf entfallen war. Er stürzte zum Fenster und blickte hinaus. Aber Jake der Blinde war bereits um die Straßenecke verschwunden. Jetzt brachte jemand eine andere Glühlampe, und Larry bemühte sich um die junge Frau. Sie war immer noch bewußtlos, und blutrote Flecken an ihrem Halse sprachen von der unerhörten Kraft des Blinden. »Es ist besser, Sie holen einen Arzt«, sagte Larry zu der Wirtin, die ihn mit Mißtrauen betrachtete. »Was hatten Sie hier in dem Zimmer zu suchen?« fragte sie. »Ich werde einen Schutzmann holen lassen.« »Lassen Sie meinetwegen zwei holen«, war Larrys Antwort, »und vor allen Dingen einen Arzt.« Glücklicherweise befand sich das Polizeibüro ganz in der Nähe. Der Polizeiarzt war wenige Minuten später zur Stelle. »Wäre es nicht besser, Doktor, wenn wir sie in ein Hospital bringen ließen?« schlug Larry vor, und der Arzt pflichtete bei. Mit dem Ausdruck höchster Verwunderung untersuchte er von neuem die Strangulationsmarken. »Ein Mensch hat das nicht mit den Händen machen können«, sagte er, »er muß irgendeine Art Instrument gebraucht haben.« Larry lachte – es war ein sehr wehleidiges Lachen. »Wenn Sie das annehmen, Doktor, sehen Sie sich bitte auch mal meinen Hals an«, und er zeigte ihm die roten Striemen, die Jakes Daumen und Finger hinterlassen hatten. »Wollen Sie mir vielleicht sagen, daß er Ihnen das zugefügt hat?« fragte der Doktor ungläubig. »Ich möchte am liebsten so wenig wie möglich sagen«, entgegnete Larry. »Die ganze Geschichte ist kein Abenteuer, auf das ich hervorragend stolz bin. Er hat mich aufgehoben wie einen Tennisball und in die Porzellanausstellung am Fenster geworfen.« Der Arzt stieß einen überraschten Pfiff aus. Mittlerweile hatte sich die Wirtin über Larrys bona fides beruhigt und floß gleichzeitig mit Entschuldigungen und Tränen über. Larry ging auf die Straße hinunter, um frische Luft zu schöpfen. Er fühlte sich schwindlig und wie zerschlagen. Eine halbe Stunde später war jedes Polizeibüro Londons in Besitz der Personalbeschreibung, und die allgemeine Jagd nach dem blinden Jake begann. Um drei Uhr morgens betrat Larry seine Wohnung und fand Sunny friedlich schlafend in einem Stuhl. Er weckte seinen Diener mit einem leisen Klopfen auf die Schulter. »Sunny«, sagte er, »was ich heute durchgemacht habe, genügt mir für mein ganzes Leben.« »Das scheint mir auch so, Sir«, blinzelte Sunny. »Wünschen Sie etwas Kaffee?« Larry war tief in Gedanken versunken. »Er packte mich beim Genick, Sunny«, sagte er leise, »und warf mich quer durchs Zimmer.« »Wirklich, Sir?« fragte Sunny. »Wann wünschen Sie morgen früh Ihren Tee?« Müde und zerschlagen, wie Larry war – er konnte sich des Lachens nicht erwehren. »Wenn man mich nun eines Tages mit gebrochenem Halse nach Hause bringen würde«, sagte er gereizt, »was würden Sie da eigentlich machen?« »Ich würde sofort die Morgenzeitungen abbestellen«, sagte Sunny ohne jedes Zaudern. »Das wäre doch wohl das Nächstliegendste, Sir.« Larry zuckte in ohnmächtiger Verzweiflung die Schultern, fuhr aus den Schuhen, zog Jacke und Weste aus, legte Krawatte und Kragen ab, warf sich auf das Bett und zog mit einem Ruck die Bettdecke über sich. 16 In St. George, Hannover Square, fand eine sehr elegante Hochzeit statt. Unter den »gegenwärtig waren«, wie die Zeitungen zu schreiben pflegen, befand sich auch unser Freund Mr. Fred Grogan. Eingeladen war er zwar nicht, aber eine solche Kleinigkeit beunruhigte Fred nicht im geringsten. Er wußte ganz genau, daß bei einem ersten Zusammentreffen der Familien von Braut und Bräutigam, die sich gegenseitig mit ausgesprochener Zurückhaltung und Mißbilligung betrachteten, eine elegante Figur wie die seine jede Musterung bestehen und einen der besten Plätze in der Kirche erhalten würde. So erschien er denn in St. George mit glänzendem Zylinder, weißen Glaces und wunderbar gebügelten Beinkleidern. Als er den Chorgang entlang ging, hielt man ihn versehentlich für den Bräutigam. Er war weniger aus dem Grunde gekommen, um sich Eingang in die gute Gesellschaft zu schaffen, sondern weil die letzte Mode den Damen das Tragen von kostbaren Juwelen auch in den Vormittagsstunden gelegentlich einer solchen feierlichen Handlung vorschrieb – und das interessierte Fred ganz besonders. Die Feierlichkeit dauerte sehr lange und langweilte ihn bis zur Bewußtlosigkeit. Endlich war die Zeremonie beendigt, die Orgel ließ triumphierende Klänge hören, und Braut und Bräutigam, die sich außerordentlich über sich selbst zu schämen schienen, schritten feierlich den Mittelgang entlang. Fred schloß sich der Prozession an und erschien inmitten der Gerechten und Ungerechten auf den Stufen der Kirche. Er war noch unschlüssig, ob es klug und ratsam wäre, sich an dem Empfange zu beteiligen – die Adresse, wo dieser stattfand, hatte er schon längst ausfindig gemacht – als jemand seinen Arm berührte. Fred fuhr herum. »Hallo, Doktor Judd«, sagte er erleichtert. »Ich dachte, es wäre wieder der verfluchte Holt. Er ist mir ständig auf den Fersen und fällt mir direkt auf die Nerven.« Doktor Judd, eine stattliche Figur in seiner zeremoniellen Kleidung, sah ihn streng an. »Sie haben mir doch erzählt, Sie fahren nach Nizza?« sagte er. »Ich habe den Zug verpaßt«, antwortete Fred geläufig, »und mein Freund mußte ohne mich abfahren. Ich gedenke noch ein paar Tage hierzubleiben, bevor ich abreise.« Doktor Judd sagte nachdenklich: »Kommen Sie ein paar Schritte mit. Ich möchte einiges mit Ihnen besprechen.« Ohne ein weiteres Wort gingen beide über Hannover Square und bogen in die Bond Street ein. »Sie fallen mir auch auf die Nerven, Mr. Grogan«, begann Doktor Judd. »Bis jetzt fand ich doch wenigstens eine gewisse Befriedigung in dem Gedanken, daß Sie auf dem Kontingent Hals und Kragen riskierten. Statt dessen sind Sie hier in London und leben herrlich und in Freuden.« »Sie wußten also, daß ich noch hier war?« sagte Fred. »Das habe ich gehört«, war Doktor Judds Entgegnung. »Hören Sie mal zu, Mr. Grogan. Halten Sie es nicht auch für besser, wenn wir beide zu irgendeiner Einigung kommen?« Fred war ganz Ohr. »In welcher Weise denken Sie sich das?« fragte er vorsichtig. »Nehmen wir mal an«, sagte Doktor Judd, »ich zahle Ihnen eine Pauschalsumme unter der Bedingung, daß Sie mich nicht weiter belästigen.« Nichts konnte besser zu Freds Plänen passen. »Einverstanden«, sagte er nach längerer, diplomatischer Pause. Doktor Judd sah ihn ernst an. »Aber Sie müssen Ihr Wort halten. Ich habe nicht die Absicht, zwölftausend Pfund loszuwerden ...« »Zwölftausend Pfund«, sagte Fred schnell. »Warum nicht? Das ist eine hübsche, runde Summe.« »Ich wiederhole aber nochmal«, sagte der Doktor, »ich habe nicht die geringste Absicht, eine derartige Summe zu zahlen, wenn ich nicht die absolute Sicherheit habe, von Ihnen nicht wieder belästigt zu werden. Wollen Sie morgen abend acht Uhr bei mir in Chelsea essen?« Fred nickte zustimmend. »Ich habe noch verschiedene andere Gäste«, sagte der Doktor, »und niemand kennt Sie, aber ich muß als eine persönliche Gunst von Ihnen erbitten, Ihr möglichstes zu tun, keine der Bekanntschaften, die Sie morgen machen werden, für zukünftige Pläne vorzumerken.« »Glauben Sie denn nicht, daß ich viel zuviel Kavalier bin, um so was machen zu können?« fragte Fred in tugendhafter Entrüstung. »Nein, das glaube ich, weiß Gott, nicht«, sagte der Doktor kurz und ließ ihn an der Ecke Bond Street stehen. Zwölftausend Pfund! Das war ja ein wunderbares Übereinkommen. Fred, dessen Gelder bedenklich zur Neige gingen, wandelte wie auf Wolken, als er Old Bond Street in der Richtung Piccadilly hinunterschlenderte. In dem Überschwang seiner Begeisterung, als seine Großzügigkeit nach Betätigung suchte, sah er auf der anderen Seite der Straße ein junges Mädchen. Ihr Gesicht war nicht zu vergessen. Schon einmal war er ihr begegnet. Er beschleunigte seine Schritte, kreuzte die Straße und ging hinter ihr her, aber nicht, ohne sich vorher ängstlich umgeblickt zu haben. Larry Holt war wirklich einmal nicht in Sicht. An der Ecke von Piccadilly überholte er sie und lüftete lächelnd den Hut. Einen Augenblick war Diana unter dem Eindruck, diesen eleganten Herrn irgendwo kennengelernt zu haben und hatte schon halb ihre Hand erhoben, als er den Fehler beging, die abgedroschene Phrase zu äußern: »Sind wir uns nicht irgendwo schon mal begegnet?« Sie zog ihre Hand zurück. »Kleines Fräulein«, sagte Fred, »Sie sind das wunderbarste Wesen in der weiten Welt, und ich muß Sie unbedingt näher kennenlernen.« »Dann müssen Sie mich besuchen«, sagte sie, und Fred wagte kaum, an sein gutes Glück zu glauben. Sie öffnete die kleine Handtasche, nahm eine Karte heraus und kritzelte eine Nummer auf diese. »Verbindlichsten Dank«, sagte Fred im Kavalierston, als er die Karte entgegennahm. »Ich werde Ihnen sofort meine Karte geben. Ja – und nun, wie denken Sie über ein kleines Diner –« Er hob die Karte und las: »Diana Ward – ein wundervoller Name. – Diana! – Zimmer 47«; und dann änderte sich sein Gesichtsausdruck. »Scotland Yard!« sagte er mit hohler Stimme. »Ja«, sagte sie zuckersüß, »ich arbeite bei Mr. Larry Holt.« Fred schien irgend etwas zu verschlucken. »Wenn er nicht da ist, sind Sie hier, und wenn Sie nicht hier sind, ist er's sicherlich«, sagte er wild. »Warum kann man denn einen Kavalier nicht mal in Ruhe lassen?« 17 An diesem Nachmittag hatte Diana ihrem Vorgesetzten ein Gesuch vorgelegt, das diesen ein wenig enttäuschte. »Aber selbstverständlich«, sagte er. »Heute abend brauche ich Sie nicht. Sie gehen zu einem Tanzvergnügen, wie Sie sagen?« Sie nickte. »Das ist nett. Hoffentlich werden Sie sich gut amüsieren.« »Ich gehe mehr im Dienst aus, Mr. Holt. Ich würde nie daran gedacht haben, zu einem Tanz zu gehen, wenn ich nicht von einem jungen Versicherungsbeamten, bei dem ich sechs Monate als Sekretärin gearbeitet habe, eingeladen worden wäre.« »Sie gehen im Dienst dorthin«, fragte Larry. »Was wollen Sie damit sagen?« Sie ging an ihren Schreibtisch, nahm ihre Handtasche auf und aus dieser einen Brief. »Es wird Sie interessieren«, sagte sie mit einem feinen Lächeln, »daß Mrs. Gray mich bemuttern wird und mich gleichfalls eingeladen hat.« Das interessierte Larry ganz außerordentlich. Er sagte dies aber nicht, weil er befürchtete, indiskret zu erscheinen. »Hier ist der Absatz, der mich entschieden hat, die Einladung anzunehmen«, sagte das junge Mädchen, und er las: »Wir haben in letzter Zeit viel Malheur gehabt. Der Verlust eines Schiffes im Baltischen Meer hat meinen Kompagnon hart getroffen, und ich selbst habe eine sehr große Versicherungssumme für den Tod eines Mannes Namens Stuart auszahlen müssen.« »Stuart?« rief Larry. »Das kann doch nicht unser Stuart sein. Was ich übrigens sagen wollte: Das Gutachten der Geschworenen in diesem Falle lautete: ›Ertrunken aufgefunden‹. Uns lag natürlich nichts daran, Widerspruch zu erheben oder irgendeine Behauptung vorzubringen, die die Mörder aufmerksam gemacht hätte... So? Stuart?« sagte er zu sich selbst und nickte mehrere Male. »Ich muß Sie um Entschuldigung bitten. Diana«, zum ersten Male redete er sie mit ihrem Vornamen an. »Ich dachte schon, Sie wollten anfangen, leichtsinnig zu werden, und ich hatte gehofft, Sie hätten genügend Interesse an unserem Fall, um sich mit Leib und Seele damit zu befassen.« »Meine Gedanken beschäftigen sich mit nichts anderem«, sagte sie mit leiser Stimme. »Ich arbeite zu gern mit Ihnen«, und erzählte ihm dann, um das Thema zu wechseln, ihr Abenteuer mit Fred. »Armer Fred« kicherte Larry. »Jetzt haben Sie wenigstens eine gewisse Befriedigung in dem Bewußtsein, daß er Ihnen in Zukunft wie die Pest aus dem Wege laufen wird. Wann werden Sie ungefähr zurückkommen?« fragte er. »Warum?« fragte sie erstaunt. »Ich dachte eben daran, ob Sie vielleicht noch einmal hierherkommen könnten, oder ob ich vor der Tür in Charing Croß Road auf Sie warten müßte. Ich möchte gern wissen, was Sie erfahren haben.« »Ich werde nach dem Präsidium kommen«, sagte sie, »und kurz nach elf hier sein.« Aus halbgeschlossenen Augen sah sie nach den blutunterlaufenen Stellen an seinem Halse. »Tut es nicht sehr weh?« fragte sie mitleidig. »Es ist nicht so schlimm«, meinte Larry. »Aber verletzte Eitelkeit schmerzt mehr. Es wird noch einige Zeit vergehen, bis sie geheilt ist.« »Er muß unheimlich stark sein«, sagte sie mit einem Schauder. »Die Nacht auf der Treppe werde ich niemals vergessen. Bis jetzt hat man noch nichts von ihm gehört?« »Absolut nichts«, sagte Larry. »Er ist in seiner Höhle verschwunden.« »Halten Sie das Heim unter Beobachtung?« »Das Heim?« wiederholte er überrascht. »Nein, ich denke nicht, daß es notwendig ist. Der Vorsteher scheint ein sehr anständiger Mensch zu sein. Ich habe den Polizeiinspektor von dem Viertel gesprochen, und der erzählte mir, daß jeder der Insassen des Heims als ehrlich bekannt wäre, und daß er für alle, mit Ausnahme des Mannes Lew, garantieren könne. Lew ist der Mann, den ich im oberen Stock gesehen habe und der halb blöde zu sein schien.« »Ich möchte eine Gefälligkeit von Ihnen erbitten«, sagte sie. »Wollen Sie mich morgen noch einmal nach dem Heim begleiten?« »Ja-a«, entgegnete er zögernd, »aber –« »Aber wollen Sie das tun?« »Sicherlich, wenn Sie dahin gehen wollen, aber ich glaube nicht, daß Sie dort irgend etwas finden werden, das uns den Herrn näher bringt, der Stuart ermordet hat.« »Wer weiß?« versetzte sie nachdenklich. Der Nachmittag brachte ernsthafte Arbeit, und all sein Nachforschen nach urkundlichen Beweisen, daß Dianas Annahme richtig wäre und Mrs. Stuart Zwillingstöchter gehabt hätte, war erfolglos. »Reinfall Nummer zwei«, sagte Larry. »Den wir gutmachen werden«, sagte das Mädchen, »obwohl es mir sehr merkwürdig vorkommt, daß eine Dame wie Mrs. Stuart versäumt haben sollte, die Geburt ihrer Kinder anzuzeigen.« Sie sagte dies lächelnd, und Larry fragte nach dem Grunde. »Mrs. Ward hatte ihre ganz besonderen Ansichten über derartige Sachen. Meine Tante, deren Namen ich führe, haßte behördliche Anmeldungen und Impfen und hatte für Bildung nichts übrig.« »Was ist denn aus Ihrer Tante geworden? – Ist sie gestorben?« fragte Larry. Das junge Mädchen schwieg eine Zeitlang. »Nein – sie ist nicht tot.« Sie sagte das so eigenartig, daß Larry aufblickte und sie wurde blutrot. »Man sollte nicht anfangen, über etwas zu sprechen, wenn man nicht zu Ende reden will«, sagte sie leise. »Ich – ich stamme aus keiner guten Familie, Mr. Holt. Meine Tante hat ihren Chef bestohlen, und sie muß das andauernd getan haben, denn eines Tages, ich war gerade zwölf Jahre alt, ging sie für lange Zeit fort, und ich habe sie nie wieder gesehen.« Larry ging auf sie zu und legte die Hand auf ihre Schultern. »Liebes Kind«, sagte er, »Sie haben es fertig bekommen, sich von all diesem frei zu machen und sich in geradezu bewundernswerter Weise eine Position im Leben zu schaffen. Ich bin sehr stolz auf Sie.« Als sie zu ihm aufblickte, hatten sich ihre Augen mit Tränen gefüllt. »Ich glaube, sie trank; aber ich weiß es nicht ganz sicher. Wenn ich sie sehr nötig hatte, war sie wirklich gut zu mir. Ich würde so gern wissen, was aus ihr geworden ist, aber ich wage gar nicht, mich zu erkundigen.« »Ist sie ins Gefängnis gekommen?« Das junge Mädchen schüttelte den Kopf. »Ich glaube in eine Trinker-Heilanstalt. – Und was liegt für heut nachmittag vor?« fragte sie lebhaft. Larry legte ihr sein Programm vor, diktierte einige Briefe und ging fort, während sie ihre Arbeit beendigte. Mit jedem weiteren Schritt wurde das Rätsel, das den Fall Stuart umgab, mehr und mehr verwickelt. Überall stieß er gegen unübersteigbare Mauern, und nicht einmal die Tatsache, daß Stuart ermordet worden war, war in Wirklichkeit erwiesen. Es war ja nur eine Theorie, basiert auf dem ungewöhnlichen Verhalten der Strömung, die den Körper auf den Stufen der Ufertreppe zurückgelassen hatte, und auf einem Stück Papier in Brailleschrift, das ihm jetzt wieder gestohlen war. Mitten in der Northumberland Avenue blieb er plötzlich stehen, zog sein Notizbuch heraus und las noch einmal kopfschüttelnd die rätselhaften Worte: »Gemordet ... dear ... See ...« Warum »dear«? überlegte er. Der Mann, der sich die Mühe gab, die Namen seiner Mörder anzugeben, würde wohl kaum ›dear Sir‹ geschrieben haben. Außerdem stand dann auch das ›dear‹ an einem ganz falschen Platze, denn das junge Mädchen hatte ihm die betreffenden Zeichen am Ende der zweiten Linie gezeigt. »Dear, dear, dear«, wiederholte er, langsam weiterschlendernd, und auf einmal kam ihm ohne irgendwelche Veranlassung ein Name ins Gedächtnis. Dearborn! Er lachte vor sich hin. Diese gute Seele von einem Geistlichen, der für jene Bedauernswerten wirkte und arbeitete, die in ständiger Dunkelheit ihr Leben verbrachten! Er schüttelte von neuem den Kopf. Sein Weg führte ihn durch die Shaftesbury Avenue, und als er an einem Theater vorbeikam, fiel ihm ein Name ins Auge. Er blieb stehen und beugte sich vor, um die Theateranzeige zu lesen. »John Dearborn«, las er. Dearborn war augenscheinlich der Verfasser des Stückes, das hier aufgeführt wurde. Welches Theater war denn das? Er trat ein paar Schritte auf die Straße zurück und blickte nach dem farbigen Glasschild oberhalb des Einganges. Das »Macready-Theater«. Und aus dem Macready-Theater war Gordon Stuart verschwunden! Ohne Zögern betrat er das Vestibül und ging nach der Kasse, wo seine Augen auf den Theaterplan fielen, der vor dem Kassierer ausgebreitet lag. Nur wenige blaue Striche zeigten an, daß Plätze für den Abend verkauft worden waren. »Können Sie mir bitte sagen, wo ich Mr. Dearborn finden kann?« fragte er den Mann hinter dem Schalter. Der Angestellte sah ihn mit einem Ausdruck schmerzlicher Resignation ins Gesicht. »Sind Sie vielleicht ein Freund der Direktion?« »Ganz und gar nicht«, erwiderte Larry. »Aber vielleicht zufällig ein Freund Mr. Dearborns?« fragte der Mann leichthin, und als Larry den Kopf schüttelte: »Sehen Sie, da kann ich Ihnen ja meine Meinung sagen. Ich habe keine Ahnung, wo Mr. Dearborn zu finden ist, und ich wünschte, die Direktion wüßte es ebensowenig! Ende der Woche höre ich auf, und da macht es nicht mehr viel aus, was ich sage. Dearborn ist so ungefähr der schlechteste Theaterschriftsteller, den die Welt jemals gesehen hat. Hoffentlich schrecke ich Sie damit nicht ab, falls Sie ein Billett kaufen wollen?« fügte er gutgelaunt hinzu. »Durchaus nicht«, lächelte Larry. »Sie haben aber meine Frage noch nicht beantwortet. Wissen Sie, wo ich den Verfasser dieses unglückseligen Stückes finden kann?« »Er ist Vorsteher einer Mission für, ich weiß nicht was, im West-End. Armer Teufel, er ist blind, und ich sollte eigentlich nicht so über ihn reden. Aber er schreibt furchtbare Stücke.« »Schreibt er denn schon lange?« fragte Larry überrascht. »Schon lange? ... Er schreibt ununterbrochen«, sagte der andere mit hohler Stimme. »Ich glaube, er schreibt auch im Schlaf.« »Und alle seine Stücke werden aufgeführt?« Der Mann nickte. »Und alle fallen durch?« Der Mann nickte von neuem. »Aber wie ist denn das möglich? Keine Theaterdirektion wird doch immer wieder von neuem Stücke desselben Verfassers bringen, wenn sie regelmäßig durchfallen.« »Aber unsere macht's«, sagte der Kassierer verzweifelt, »darum ist ja auch der Name ›Macready‹ gleichbedeutend mit ... »Wie lange schreibt denn John Dearborn schon?« »So ungefähr zehn Jahre. Stellenweise ist es manchmal gar nicht so schlecht. Mehr verrückt als schlecht.« »Kommt er manchmal hierher?« »Niemals«, sagte der Mann kopfschüttelnd. »Warum, weiß ich nicht; aber er kommt nicht mal zu den Proben.« »Noch eine Frage, bitte. Wem gehört das Theater?« »Einer Gesellschaft«, erwiderte der Beamte, dem die Fragen anscheinend zu viel wurden. »Darf ich wissen, warum Sie all diese Auskünfte wünschen?« »Aus keinem besonderen Grunde«, sagte Larry lächelnd. Er fühlte, daß er nichts weiter erfahren könnte und verließ das Theater. Die ganze Sache war unbegreiflich. Aber noch abgeschmackter würde es sein, das eine Wort »dear« mit dem Verfasser der schlechten Theaterstücke in Verbindung oder gar Mr. Dearborn, einen bekannten Philanthropisten, in falschen Verdacht bringen zu wollen. Als er vor dem Theater stand, kam ihm plötzlich ein Gedanke, und er kehrte noch einmal um. »Würden Sie mir eventuell einen großen, persönlichen Gefallen erweisen«, fragte er, »und mir das Theater zeigen?« Der Kassierer ließ einen der Theaterdiener rufen. »Sie werden es ziemlich dunkel finden«, sagte er, »die Beleuchtung ist noch nicht eingeschaltet.« Larry folgte dem Diener in den ersten Rang und betrachtete von dort aus das kleine Theater. »Wo ist Loge A?« fragte Larry, der nur aus diesem Grunde zurückgekehrt war. Der Mann führte ihn durch einen schweren Vorhang hindurch und dann in einen Gang, der sich hinter den Logen befand. An seinem äußeren Ende blieb er stehen und öffnete eine Tür zu seiner Rechten. Larry trat in die Loge, die in völliger Dunkelheit lag und steckte ein Streichholz an. Ein schwerer, kostbarer Teppich bedeckte den Boden, die drei Sessel waren wundervoll geschnitzt, aber sonst hatte Loge A nichts Ungewöhnliches an sich. »Sind denn die anderen Logen auch so kostbar ausgestattet?« fragte Larry. »Nein, Sir. Nur Loge A.« Larry ging wieder hinaus und sah sich den Gang an. Gegenüber der Loge A hing ein großer, roter Teppich an der Wand. Er schob ihn etwas zur Seite und fand eine eiserne Tür, auf der in roten Buchstaben geschrieben stand: »Ausgang bei Feuersgefahr.« »Wo führt denn die Tür hin?« fragte er. »In eine Seitenstraße, Sir. Cowley Street. Es ist keine richtige Straße, sondern nur ein Privatgang, der zum Theater gehört und am anderen Ende abgeschlossen ist.« Larry gab dem Mann ein Trinkgeld und verließ das Theater. In diesem Augenblick war er der Erklärung für Gordon Stuarts Verschwinden und Ermordung näher als er es jemals gewesen war. Abends halb elf war er im Büro zurück und wartete ungeduldig auf das junge Mädchen. Sie kam zehn Minuten vor elf, und Larry, der sie vorher nur in Alltagskleidung gesehen hatte, war beim Anblick dieser strahlenden Schönheit keines Wortes mächtig. Er konnte ja nicht wissen, daß sie für ihr einfaches schwarzes Tüllkleidchen noch nicht einmal fünf Pfund bezahlt hatte, daß das Stirnband aus schwarzen Blättern, das ihr goldenes Haar einrahmte, kaum zehn Schilling kostete. Ihm erschien sie prachtvoll gekleidet, ein Wesen, so göttlich und feenhaft, daß er kaum wagte, das Wort an sie zu richten. »...Herein, herein«, sagte er. »Das ist beinahe zuviel Glanz in meiner armen Hütte.« Sie lachte und ließ ihr Cape auf den Stuhl gleiten. »Ich hab's herausgefunden!« rief sie triumphierend. »Herausgefunden?« stammelte er. »Ach ja, Sie waren ja mit Ihrem Versicherungsfreund zusammen.« Sie öffnete ihre kleine, seidene Handtasche und nahm ein Blatt Papier heraus. »Ich habe mir ein paar Notizen gemacht«, sagte sie. »Mein Bekannter ist durch Stuarts Tod sehr in Mitleidenschaft gezogen, und – es ist unser Stuart.« »Wie ist das zugegangen?« fragte er. »Mein Bekannter ist Inhaber einer Versicherungsagentur«, setzte sie ihm auseinander. »Wenn jemand sein Leben sehr hoch versichert, trägt die Gesellschaft, die die Police ausgestellt hat, wie Sie wissen, nicht das ganze Risiko allein, sondern offeriert anderen Versicherungsgesellschaften Anteile an ihrer Haftpflicht. Es hat sich nun herausgestellt, daß die Firma meines Bekannten Rückversicherung im Werte von dreitausend Pfund übernommen hat.« »Dreitausend Pfund?« wiederholte Larry überrascht. »Aber in Himmels Namen, wie hoch war denn eigentlich Stuart versichert?« »Ich habe mich sofort danach erkundigt«, sagte das junge Mädchen und hob das Blatt Papier hoch. »In der Police, die Mr. Gray mit unterzeichnete, war eine Summe von fünfzigtausend Pfund erwähnt, aber Mr. Gray erzählte mir, daß noch eine zweite Police über denselben Betrag ausgestellt war.« Larry setzte sich hin. Seine Augen funkelten. »Das also war die geschäftliche Seite von Stuarts Tod? So, so ... Versichert für hunderttausend Pfund! ... Hat Ihr Bekannter bezahlt?« »Natürlich hat er in dem Augenblick bezahlen müssen, wo die ausstellende Firma ihre Rückversicherungsansprüche geltend machte. Es blieb ihm doch weiter nichts übrig, als das Geld aufzutreiben.« »Wie heißt denn die Versicherungsgesellschaft?« Sie zögerte einen Augenblick mit der Antwort und sah ihn bedeutungsvoll an. »Die Greenwich-Versicherungsgesellschaft«, sagte sie langsam, und Larry sprang auf die Füße. »Dr. Judd!« sagte er leise. 18 Er begleitete Diana nach unten, und sie plauderten noch einige Augenblicke in der Halle. Vor der Tür wartete ein Privatauto auf sie, und sie erklärte ihm diesen anscheinenden Luxus. Die Familie Gray hatte ihr den Wagen zur Verfügung gestellt, der den Versicherungsbeamten und Frau gegen zwei Uhr abholen sollte. In diesem Augenblick kam ein Beamter aus einem der Erdgeschoßräume auf ihn zu. »Ferngespräch für Sie, Sir.« »Kommen Sie mit«, sagte Larry. »Vielleicht läßt sich die Sache gleich erledigen, und dann kann ich mich mal als Millionär fühlen und mit Ihnen fahren.« Er ging dem Mädchen voran in sein Zimmer zurück. Es war der Inspektor vom Polizeibüro in Oxford Lane, der ihn anrief. »Ist dort Inspektor Holt?« fragte er. »Am Apparat«, war Larrys Antwort. »Sie haben die Beschreibung eines Manschettenknopfes aus schwarzer Emaille mit Brillanten veröffentlicht!« »Jawohl«, sagte Larry schnell. »Ein Mr. Emden, in Firma Emden \& Smith, Pfandleihe, erwähnte ein Paar Manschettenknöpfe, die genau mit der Beschreibung in der amtlichen Diebstahlsliste übereinstimmen.« »Haben Sie sie bei sich?« fragte Larry eifrig. »Nein, Sir«, antwortete der Inspektor. »Aber Mr. Emden ist hier im Büro, falls Sie ihn zu sprechen wünschen. Er kann Ihnen die Knöpfe morgen früh geben. Heute nach dem Abendessen las er die amtliche Liste und stieß auf die Beschreibung der Manschettenknöpfe. Er ist dann sofort hierhergekommen; er wohnt ganz in der Nähe.« »Gut. Ich komme sofort hin«, sagte Larry. »Was gibt es denn?« fragte Diana. »Sind die Manschettenknöpfe gefunden worden?« Larry schüttelte den Kopf. »Man hat ein Paar Manschettenknöpfe gefunden, die genau so sind wie der eine, den wir in Stuarts Hand gefunden haben«, sagte er etwas verblüfft. »Das ist mir unverständlich. Ja, wenn es ein halber Knopf oder anderthalb Knöpfe gewesen wären, würde das sicherlich ein Beweisstück für unseren Fall bedeuten.« Er blickte zögernd auf den Mann, der die Telephonzentrale bediente. »Wenn Sergeant Harvey anruft, sagen Sie ihm bitte, er möchte noch einmal anklingeln oder hierherkommen und auf mich warten. Und jetzt«, sagte er zu dem jungen Mädchen, als sie beide vor die Tür traten, »werde ich Sie in Ihrer fürstlichen Fahrgelegenheit nach Haus bringen.« Vor ihrer Haustür lungerte ein Mensch herum, der Larry grüßte. »Sie lassen mich doch nicht bewachen?« fragte das junge Mädchen überrascht. »Ich glaube, das ist wirklich nicht nötig, Mr. Holt.« »Meine eigenen Erfahrungen haben mich gelehrt, daß es sehr nötig ist«, versetzte Larry grimmig. »Dem liebenswürdigen Herrn, der mich herumgeschlenkert hat, als ob ich eine Feder wäre, fehlt es weiß Gott nicht an Mut. Gibt es außer diesem hier noch einen anderen Eingang im Haus?« fragte er den Detektiv. »Nein, Sir, ich habe mich ganz genau umgesehen und habe auch die Zimmer der jungen Dame untersucht.« »Wie ist denn das möglich?« sagte sie verdutzt. »Ich habe mir einen Nachschlüssel machen lassen«, sagte Larry. »Hoffentlich sind Sie mir deshalb nicht böse. Und, da wir gerade von Schlüsseln sprechen«, fügte er hinzu, »das Erscheinen des blinden Jake in dem Zimmer Fanny Weldons ist auch kein Rätsel mehr. Sie hatte ihm für den Fall, daß sie ihn mit ihrer Beute in der Sonnabendnacht verpassen sollte, ihren Hausschlüssel gegeben. Er sollte dann nach oben kommen. Sie hatte eine solche Angst vor ihm, daß sie nicht wagte, ihm den Schlüssel zu verweigern. Sie mußte das aber völlig vergessen haben, da sie sich sonst niemals zum Schlafen niedergelegt hätte.« Er wünschte ihr »Gute Nacht« und ging zu Fuß nach Oxford Lane. Mr. Emden war ein kleiner, freundlicher Mann und trug einen Klemmer. »Ich war dabei, die amtliche Diebstahlsliste durchzulesen und fand dann Ihre Beschreibung der Knöpfe, Mr. Holt.« Er zeigte ihm das Blatt Papier mit der Zeichnung des Knopfes, dessen Gegenstück gesucht wurde. »Sie haben ein Paar solcher Knöpfe, wie Sie sagen?« »Ja, Sir«, antwortete der Pfandleiher. »Heute morgen sind sie bei mir versetzt worden. Ich habe übrigens selbst das Versatzstück in Empfang genommen. Gewöhnlich stehe ich ja nicht hinter dem Ladentisch, aber einer meiner Angestellten mußte etwas besorgen, und als der Kunde hereinkam, nahm ich die Knöpfe an und gab ihm vier Pfund dafür.« »Kein gewöhnliches Muster!« sagte Larry, und Mr. Emden schüttelte den Kopf. »Im Gegenteil. Ganz und gar ungewöhnlich«, sagte er. »Ich erinnere mich nicht, jemals Manschettenknöpfe wie diese gesehen zu haben. Ich glaube, es ist französische Arbeit. Sie waren etwas beschädigt. Drei Diamanten fehlten, sonst hätte ich auch viel mehr als vier Pfund dafür gegeben.« »Kennen Sie den Mann, der die Knöpfe versetzt hat?« »Nein, Sir. Er war ein sehr eleganter Herr, der mir erzählte, er hätte sich die Dinger übergesehen. Meiner Meinung nach aber war er...« Er zögerte. »Nun«, fragte Larry. »Ja – trotz seines guten Äußeren machte er mir den Eindruck eines jener eleganten Hochstapler, wie sie im West-End zu Hunderten herumlaufen. Ich hatte das Gefühl, daß er die Knöpfe versetzte, nicht weil er das Geld brauchte, sondern weil er sie loswerden wollte. Die Diebe machen das oft genug und riskieren es eben, daß der Pfandleiher herausfindet, die Schmucksachen werden vermißt und von der Polizei gesucht.« Larry nickte. »Elegant angezogen?« sagte er nachdenklich und fragte dann plötzlich: »Trug er irgendwelchen Schmuck? Diamanten?« »Ja«, sagte der Pfandleiher, »und aus dem Grunde habe ich ja angenommen, daß er die Sachen loswerden wollte. Vier Pfund war ja nicht viel für so wertvolle Gegenstände, aber er verlor kein Wort darüber.« »Was für einen Namen hat er angegeben?« »Mr. Frederick und, wie ich annehme, eine x-beliebige Adresse.« »Flimmer Fred!« sagte Larry. »Liegt Jermyn Street in Ihrem Bezirk?« fragte er den Inspektor. »Ja, Sir«, war die Antwort. »Nehmen Sie ein paar Leute und heben Sie Flimmer Fred aus. Bringen Sie ihn erst hierher und dann nehme ich ihn nach Cannon Row mit, falls es nötig ist. »Soll er verhaftet werden?« »Nein, er soll erst mal vernommen werden. Vielleicht kann er eine genügende Erklärung geben, aber er muß es schon äußerst geschickt anfangen, wenn er sich hier herauslügen will. Nun, Mr. Emden«, wandte er sich zu dem Pfandleiher, »ich bin leider nicht in der Lage, bis morgen früh warten zu können und muß Sie schon bitten, mich nach Ihrem Geschäft zu begleiten und mir die betreffenden Knöpfe auszuhändigen.« »Mit Vergnügen«, sagte der kleine Mann. »Ich habe mir schon so etwas gedacht und gleich die Schlüssel mitgebracht. Mein Laden ist nur fünf Minuten von hier entfernt.« Als Mr. Emden den Schlüssel in das Schloß gesteckt hatte und ihn herumdrehen wollte, gab die Tür nach. »Nanu, die Tür ist ja offen«, sagte er verwundert und ging schnell in den Gang hinein. Es war unnötig, einen anderen Schlüssel zu suchen, um die Seitentür zu öffnen, denn diese stand halb offen, und Larry sah beim Schein seiner Taschenlampe die Spuren eines Brecheisens. Der Pfandleiher stürzte voran in den Laden und schaltete das Licht ein. Auf dem Ladentisch lag das Kassabuch und war an der Seite aufgeschlagen, auf der die am letzten Tage gemachten Geschäfte eingetragen waren. »Wo haben Sie die Knöpfe aufbewahrt?« fragte Larryhastig. »Im Geldschrank in meinem Privatbüro«, sagte der Mann. »Sehen Sie«, er zeigte auf das Buch, »hier ist die Nummer.« »Und das Wort ›Geldschrank‹ dahinter«, fügte Larry hinzu, »aber ich habe so die Empfindung, als ob Sie Ihren Geldschrank nicht ganz unberührt finden werden.« Und seine Worte erwiesen sich als wahr. Der große »diebessichere« Geldschrank war in kläglicher Verfassung, ein Loch war in den Stahlmantel hineingebrannt und das Schloß war verschwunden. Von Wertgegenständen irgendwelcher Art keine Spur, nicht ein einziges Päckchen war zurückgeblieben. »Ich glaube, sie haben die Knöpfe richtig erwischt«, sagte Larry verbissen. 19 Nach der Entdeckung des Einbruches in das Leihhaus ging Larry nach dem Polizeibüro zurück, wo ihm noch etwas Neues mitgeteilt wurde. Flimmer Fred war nicht in seiner Wohnung zu finden. »Ich wünschte, Sie würden mitkommen und sich mal seine Wohnung ansehen, Sir«, sagte der Beamte, der Fred hatte vorführen sollen. »Ich glaube, da muß was ganz Merkwürdiges vorgefallen sein.« »Wenn es in dem ganzen Fall Stuart irgend etwas gibt, was nicht merkwürdig ist, dann möchte ich gern wissen, was das sein könnte«, entgegnete Larry heftig. Flimmer Fred lebte in Modley House, Jermyn Street, und der Portier des großen Mietshauses hatte eine sonderbare Geschichte zu erzählen. »Mr. Grogan kam gegen elf Uhr heut abend nach Haus und fuhr direkt nach oben. Ich brachte ihm noch Sodawasser, das er bestellt hatte, und wünschte ihm gute Nacht. Dann machte ich meine Runde und ging dann in meine Loge, wo ich Abendbrot aß und in die Abendzeitung blickte. So gegen halb zwölf glaubte ich so was wie eine Art Schuß und eine schreiende Männerstimme zu hören. Ich ging in die Halle und lauschte. Ich hörte Lärmen und ging bis zu der zweiten Etage hinauf, von wo das Geräusch kam. In Mr. Grogans Wohnung war Licht, das konnte ich durch das Oberfenster über der Tür sehen. Ich klopfte an, und nach einer Weile kam Mr. Grogan an die Tür, und ich kann Ihnen sagen, er konnte einem einen Schreck einjagen, so wild sah er aus. Er hatte ein großes Messer in der Hand, und sein ganzer Anzug war mit Blut beschmiert. ›Ach, Sie sind's‹, sagte er. ›Kommen Sie mal 'rein!‹ »Ich kam ins Wohnzimmer, und Sie können sich keinen Begriff machen, wie das aussah. Die Stühle lagen am Boden, der Tisch war umgeworfen, und zerbrochene Gläser und Flaschen waren durch das ganze Zimmer verstreut. An der Außenseite von Mr. Grogans Fenster läuft die Feuerleiter vorbei, und das Fenster stand offen. »›Was ist denn passiert, Sir?‹ fragte ich. ›Nichts Besonderes‹, sagte er. ›Nur ein Einbrecher! Das ist alles! Holen Sie mir mal einen Whisky und Soda!‹ »Er zitterte am ganzen Körper und war furchtbar aufgeregt. Immerzu sprach er mit sich selbst, aber ich konnte nicht verstehen, was er sagte. Als ich mit dem Whisky und Soda kam, hatte er das Messer sauber gemacht und war etwas ruhiger geworden. Er stand an dem offenen Fenster und blickte in den Hof nach dem Fuß der Feuerleiter hinunter, und dann bemerkte ich, daß das Glas von einem der Bilder an der Wand durch eine Kugel zerschmettert war. Ich sagte ihm, daß er ernsthafte Unannehmlichkeiten haben könnte, wenn sich die anderen Mieter über den Lärm beschweren würden, aber er sagte, ich sollte mir darüber keine Kopfschmerzen machen, gab mir fünfzig Pfund für Miete und eventuelle Unkosten und bat mich, die Wohnung für ihn in Ordnung zu halten, bis er zurückkehrte. Er sagte, er verreiste nach dem Ausland.« »Na, und dann?« fragte Larry, als der Mann eine Pause machte. »Dann kam er mit einem Handkoffer herunter, Sir, stieg in ein Taxi und fuhr weg. Und das ist das letzte, was ich von ihm gesehen habe.« Larry untersuchte das Zimmer und fand, daß die Erzählung des Portiers auf Wahrheit beruhte. Der Raum war durch eine Hängelampe mit drei Birnen erleuchtet, die mit einem Schirm bedeckt war und in der Mitte des Zimmers von der Decke herabhing. Eine der Birnen war zersplittert, und der Inspektor machte den Portier darauf aufmerksam. »Ja, Sir. Die Lampen haben sogenannte Hotelschaltung: Man kann nach Wunsch eine, zwei oder auch alle drei Lampen einschalten. Gewöhnlich brennt Mr. Grogan nur eine.« Larry nickte. »Ich weiß nur zu gut, was hier passiert ist.« Er konnte sich die Szene sehr gut vorstellen: Der Eindringling, der durch das Fenster kam, Flimmer Fred, der ihn mit seinem Revolver in Schach hielt, und wie dann der große Mann langsam vorwärts ging, bis seine erhobenen Hände mit der Hängelampe in Berührung kamen und seine riesenhafte Tatze die Glühbirne zerdrückte. Und dann hatte Fred gefeuert, und der Mann hatte sich auf ihn gestürzt, aber Fred war glatt wie ein Aal. Fred war gerissener als er. Diese internationalen Hochstapler, die immer Kopf und Kragen riskieren, verlassen sich weniger auf Schußwaffen als auf ihre Messer, und zu der größten Überraschung des blinden Jake – denn es mußte der blinde Jake gewesen sein – hatte Grogan den Ansturm und die erstickende Umarmung dieses Tiermenschen mit einem scharfen Stahl pariert. Jake mußte ihn losgelassen haben und dann durch das offene Fenster entflohen sein. Wo aber war Fred? In diesem Augenblick fühlte Larry so etwas wie Sympathie für den Hochstapler. Also auch Fred war, sei es durch Zufall oder absichtlich, auf den Mörder Stuarts gestoßen! Was war das für eine Spur? Er mußte Flimmer Fred finden, mußte ihn sofort finden, denn in seinen Händen lag vielleicht die Lösung des Rätsels. Er fuhr nach Haus, nahm ein heißes Bad und legte sich zu Bett. Larry schlief genau vier Stunden, als ihm Sunny, der ebenso wie sein Herr auf Schlaf verzichten zu können schien, Tee und geröstetes Brot brachte. »Wie spät ist es?« fragte Larry blinzelnd. »Neun Uhr, Sir. Der Briefträger ist schon dagewesen, und die Morgenzeitungen sind gekommen.« »Geben Sie mir meine Briefe!« Larry sprang aus dem Bett. Ein Brief war augenscheinlich abgegeben worden, denn er war ohne Poststempel. »Wann ist denn der gekommen?« fragte er den Diener, als dieser wieder in das Zimmer kam. »Er war schon in dem Briefkasten, als ich aufstand, Sir«, sagte Sunny. Larry riß das Kuvert auf und zog ein Blatt Papier heraus. Ohne besondere Höflichkeitsfloskeln begann es: »Es ist besser, Sie beschäftigen sich mit einem anderen Fall, Mr. Holt. Sie werden sich ernsthafte Unannehmlichkeiten zuziehen, wenn Sie diese Warnung nicht beherzigen.« »Wird gemacht«, sagte Larry und klingelte. »Sunny«, sagte er, »bringen Sie mir mein Jackett und die Papiere, die in der inneren Brusttasche sind.« Larry suchte und fand die Einladung, die Flimmer Fred erhalten hatte, um sechs Uhr morgens und ohne Aufsehen zu erregen nach Todds Heim zu kommen. Diesen und den erhaltenen Drohbrief legte er nebeneinander und verglich die beiden. Beide Briefe waren in der gleichen Handschrift geschrieben. 20 »Diana Ward«, sagte Larry, »ich bin ein schwergeprüfter Mann.« Das junge Mädchen unterbrach ihre Arbeit und ließ ihre Finger auf den Tasten der Schreibmaschine ruhen. Dann drehte sie sich auf ihrem Stuhl herum. »Unser Fall fängt an, ein wenig klarer für mich zu werden«, entgegnete sie ruhig. »Ich wünschte bei Gott, er würde auch für mich allmählich etwas klarer«, brummte Larry. »Wir können am besten sehen, wie die Sache liegt, wenn wir uns die Ereignisse in ihrer Folge ins Gedächtnis zurückrufen.« Er lehnte sich in seinen Stuhl zurück, und begann an den Fingern abzuzählen. »Wir haben da zuerst einen reichen Kanadier, der augenscheinlich in der Absicht nach London kommt, die Gräber von Frau und Kind, die er vor Jahrzehnten verlassen hatte, aufzusuchen. Nach oder während eines Besuches im Macready-Theater wird er ermordet. Der Autor des Stückes ist John Dearborn, der, wie allgemein bekannt ist, den größten Blödsinn schreibt, der jemals auf einer Bühne gesehen worden ist. Aber aus dem Grunde ist er noch lange kein Mörder. Außerdem ist er ein angesehener Geistlicher, der sein Leben, seine Arbeit den Blinden geweiht hat. Der ermordete Stuart hinterläßt ein Testament, geschrieben auf der Innenseite seines Oberhemdes, in welchem er sein gesamtes Vermögen einer Tochter vermacht, die nach unseren bisherigen Informationen überhaupt nicht existiert. Verschiedene Anhaltspunkte werden gefunden: ein Stück Papier mit Worten in Brailleschrift und in der Hand des Toten die Hälfte eines Manschettenknopfes aus schwarzer Emaille mit Brillanten. Die Brailleschrift wird aus dem Präsidium gestohlen. Ein Paar gleiche Manschettenknöpfe kommen in den Besitz Flimmer Freds, der sie seiner eigenen Sicherheit halber versetzt. Diese Knöpfe scheinen aber für eine oder mehrere unbekannte Personen derartig wichtig zu sein, daß ein Einbruch in dem Leihhaus, wo die Knöpfe versetzt sind, ausgeführt wird, augenscheinlich nur zu dem Zweck, diese wieder in die Hände zu bekommen. Noch mehr. Ein Helfershelfer dieser Personen versucht zuerst Sie, Miß Ward, zu entführen und dann Fanny Weldon, die in unser Büro im Präsidium eingebrochen war, zu ermorden. Die Beweggründe hierfür sind mir verständlich, ebenso der Versuch, Flimmer Fred aus dem Wege zu räumen. Wofür ich aber wirklich gar keine Erklärung finden kann, ist der Versuch, der gegen Sie unternommen wurde.« »Das ist mir auch rätselhaft«, nickte Diana. »Zweitens«, zählte Larry weiter, »haben wir herausgefunden, daß Stuart in der Greenwich-Versicherungsgesellschaft außerordentlich hoch versichert war. Leiter der Gesellschaft ist Dr. Judd, der übrigens kein Hehl daraus macht, daß die Versicherung abgeschlossen wurde.« »Haben Sie Dr. Judd gesehen?« fragte sie überrascht. »Ich habe telephonisch mit ihm gesprochen und werde ihn nachher aufsuchen. Vielleicht begleiten Sie mich – wir können ja unseren Besuch in Todds Heim bis zum Nachmittag aufschieben.« Er sah ihre Augen bei diesem Vorschlag aufleuchten und fragte neckend: »Die Jagd scheint Ihnen Vergnügen zu machen?« »Es ist faszinierend für mich, und ich möchte am liebsten bei allem dabei sein. Gestern hatte ich so das Gefühl, als ob Sie das nicht von mir annahmen.« Larry errötete schuldbewußt. »Nur für einen kurzen Augenblick«, gab er zu, »und das war sehr unrecht von mir. Aber schließlich: Warum sollten Sie auch alle Stunden, die der Himmel Ihnen beschert, mit Arbeit ausfüllen?« »Weil ich möchte, daß die Mörder Stuarts der gerechten Strafe nicht entgehen«, antwortete sie mit fester Stimme. Dr. Judd erwartete nur einen Besucher und war offensichtlich überrascht, als Larry mit seiner Begleiterin in das große Direktionsgebäude in Bloomsbury Pavement hineinkam. »Dr. Judd – meine Sekretärin, Miß Ward«, stellte der Inspektor vor. »Miß Ward hat ein ausgezeichnetes Gedächtnis, und vielleicht habe ich einige stenographische Notizen unserer Unterredung nötig. »Das ist mir sogar sehr angenehm«, sagte Dr. Judd, schien sich aber doch in der Gegenwart des jungen Mädchens nicht ganz behaglich zu fühlen. »Es freut mich, daß Sie gekommen sind«, begann Dr. Judd langsam. »Ich wollte gern noch einmal mit Ihnen über den Mann sprechen, den Sie bei mir fanden, als wir uns zum erstenmal trafen. Ich muß befürchten, Sie haben einen absolut falschen Eindruck gewonnen, und ich kann Ihnen das nicht einmal verdenken, denn der Mann ist ein berüchtigter Gauner. Haben Sie ihn kürzlich wiedergesehen?« »In den letzten Wochen habe ich ihn nicht zu sehen bekommen und auch nichts von ihm gehört«, sagte Larry wenig wahrheitsgemäß, und das junge Mädchen mußte ihre ganze Selbstbeherrschung zusammennehmen, um ihre Überraschung nicht sehen zu lassen. »Nun«, sagte der Doktor, »darüber können wir mal bei einer späteren Gelegenheit sprechen. Stört es Sie, wenn ich rauche, Miß Ward?« Sie schüttelte lächelnd den Kopf. Er steckte eine Zigarette an, nahm eine Mappe aus seinem Schreibtisch und öffnete diese. »Hier sind die Policen. Sie werden bemerken, daß die Summen an eine Person zu zahlen sind, deren Namen später genannt wird. Ich erhielt die diesbezügliche Anweisung an dem Tage, wo Stuart starb, und ich werde sie Ihnen sofort zeigen. Sie wurde mir erst gestern morgen vorgelegt, als einer meiner Angestellten mich daran erinnerte, daß wir die Policen ausgestellt hatten. Zu gleicher Zeit erhielten wir die Aufforderung, die Versicherungssumme auszuzahlen, und mit dieser Aufforderung den Totenschein Stuarts, respektive die beglaubigte Kopie desselben.« »Die man für fünf Schilling erhalten kann«, unterbrach Larry, und Dr. Judd nickte zustimmend. »Es war aber vollständig genügend«, fuhr Dr. Judd fort. »Auf jeden Fall hatten wir aber keinen Grund, dem Erben, als dieser vorsprach, das Geld vorzuenthalten und – die Zahlung wurde geleistet.« »Wie ist gezahlt worden? Bar oder Scheck?« »Auf den eigenen Wunsch der betreffenden Dame durch offenen Scheck.« »Der Dame?« fragten Larry und Diana in höchster Überraschung zusammen. Dr. Judd sah Diana lächelnd an und rieb vergnügt seine Hände. »Eine so interessierte Sekretärin gefällt mir ausnehmend.« »Aber wer war denn die Dame?« fragte Larry. Der Doktor nahm zwei schmale Bogen aus seiner Mappe und legte den einen vor den Detektiv. »Hier ist die Empfangsbestätigung«, sagte er. »Wie Sie sehen, lautet sie über einhunderttausend Pfund.« Larry nahm die Quittung und las sie durch. Die Unterschrift war: Clarissa Stuart. 21 Larry traute seinen Augen nicht. Er hielt die Quittung dem jungen Mädchen hin, aber sie hatte schon über seine Schulter hinweg die Unterschrift gelesen. »Clarissa Stuart?« sagte er langsam. »Kennen Sie die Dame?« »Habe niemals von ihr gehört«, antwortete der Doktor lebhaft, »aber das war die Person, die bevollmächtigt war, die Versicherungssumme in Empfang zu nehmen.« »Wie sieht sie denn aus?« fragte Larry nach kurzer Pause. Dr. Judd steckte sich an dem Ende seiner Zigarette eine frische an und warf den Rest in den Kamin, bevor er antwortete. »Jung, hübsch, elegant angezogen«, sagte er kurz. »Machte sie denn einen – niedergeschlagenen Eindruck?« »Ganz und gar nicht«, entgegnete der Doktor. »Sie war im Gegenteil ganz vergnügt.« Diana Ward und Larry Holt blickten einander mit ungeheucheltem Erstaunen an. »Hat die junge Dame eine Adresse hinterlassen?« »Nein, das war auch nicht nötig«, war Dr. Judds Antwort. »Ich sagte Ihnen ja schon, daß ich ihr einen offenen Scheck gegeben hatte. Das schien ihr nicht ganz recht zu sein, und sie sagte, sie wollte keinen Scheck haben. Ich habe dann jemand nach der Bank geschickt und das Geld einkassieren lassen und es dann an sie ausgezahlt.« »Es war also bares Geld?« »Die ganze Summe ist in bar ausgezahlt worden«, wiederholte der Doktor. »Und Sie haben sie niemals vorher gesehen?« fragte Larry noch einmal. »Niemals«, sagte der Doktor kopfschüttelnd. »Sie war zweifellos die Tochter Mr. Stuarts, wenigstens erzählte sie mir so, und ich hatte keinerlei Veranlassung, ihren Worten zu mißtrauen.« Larry und Diana waren schon in der Straße, bevor er ein Wort an sie richtete. »Es ist unglaublich!« – und zu dem Kutscher, der auf ihn wartete: »Nottingham Place 304.« »Wohin fahren wir jetzt?« fragte Diana überrascht. »Nach Stuarts früherer Wohnung«, erwiderte Larry. »Ich habe die Recherchen dort Sergeant Harvey anvertraut, der ja ganz besonders sorgfältig vorgeht, aber vielleicht hat er doch etwas übersehen. Wenn Stuart erst am Tage seines Todes herausgefunden hat, daß er noch eine andere Tochter hatte, muß er doch irgendeinen Besucher gehabt haben.« »Glauben Sie, daß das junge Mädchen, Clarissa meine ich, bei ihm war?« fragte Diana schnell. »Das ist vielleicht möglich, und das müssen wir versuchen herauszufinden.« Nottingham Place 304 war ein großes, gut aussehendes Gebäude. Larry und seine Begleiterin wurden in einen eleganten Salon genötigt, und wenige Augenblicke später erschien eine kleine, alte Dame mit weißem Haar. »Mrs. Portland, nicht wahr?« sagte Larry. »Mein Name ist Holt. Inspektor Holt von Scotland Yard.« Ihr Gesicht drückte peinliche Bestürzung aus. »Du liebe Güte, schon wieder! Ich hatte gehofft, die Polizei wäre nun endlich mit mir fertig. Mein Haus bekommt durch solche Besuche einen so schlechten Ruf, und ich habe schon Unannehmlichkeiten gehabt. – Der arme Herr hat Selbstmord begangen, nicht wahr? Warum er das nur getan hat?« sagte sie kopfschüttelnd. »Ich kann das nicht begreifen. In der ganzen Zeit, wo er hier wohnte, habe ich ihn nie so vergnügt gesehen wie an dem Abend, wo er ins Theater ging. Gewöhnlich war er immer so finster und niedergeschlagen, daß es mich bedrückte, wenn ich ihn sah.« »Er war vergnügt, bevor er ins Theater ging? Ungewöhnlich vergnügt?« fragte Larry schnell. Sie nickte. »Hat er denn am Nachmittag irgendeinen Besuch gehabt?« »Nein, Sir«, sagte die alte Dame zu Larrys Enttäuschung. »Es ist niemand bei ihm gewesen. Ich habe ja dem Detektiv, den Sie hierhergeschickt haben, erzählt, daß Mr. Stuart niemals Besuch hatte. Er war am Nachmittag aus gewesen und kam etwas früher zurück, wie wir ihn eigentlich erwarteten. Ich hatte eine Reinemachefrau hier, und sie räumte gerade sein Zimmer auf. Ich merkte das aber überhaupt erst, als ich an seinem Zimmer vorbeikam und ihn mit jemand sprechen hörte. Das war so ungewöhnlich bei ihm, daß ich es meinem Zimmermädchen gegenüber erwähnte.« »Wer war denn der ›jemand‹?« fragte Larry. »Die Reinemachefrau«, sagte sie. »Eine Frau, die ich ab und zu für Extraarbeit annehme. Das fiel mir ganz besonders auf, weil er sonst mit niemand sprach.« »Wie lange war denn die Frau in seinem Zimmer?« »Beinah eine Stunde«, war die überraschende Antwort. »Eine Stunde? – Was hatte er denn eine ganze Stunde lang mit einer Aufwartefrau zu verhandeln?« »Ich habe keine Ahnung«, sagte sie kopfschüttelnd. »Die Sache ist mir noch sehr gut im Gedächtnis, weil die Frau weggegangen ist, ohne sich ihren Lohn auszahlen zu lassen. Sie muß direkt fortgegangen sein, als sie aus Mr. Stuarts Zimmer kam – und sie hat sich nie wieder sehen lassen.« Larry zog die Brauen zusammen. »Das scheint mir wichtig zu sein«, sagte er. »Haben Sie mit Sergeant Harvey darüber gesprochen?« »Nein, Sir«, antwortete sie überrascht. »Ich dachte nicht, es wäre nötig, eine so kleine Haushaltssache zu berichten. Er hat mich nur gefragt, ob Mr. Stuart Besuch gehabt hat, und ich habe ihm wahrheitsgemäß geantwortet, daß niemand dagewesen ist.« »Wie hieß denn die Aufwärterin?« »Das weiß ich auch nicht«, antwortete die Wirtin. »Wir haben sie immer Emma genannt. Ich habe mich gewundert, daß sie nicht zurückgekommen ist, denn sie hat ihren Trauring hier liegen lassen. Sie zog ihn immer ab, bevor sie anfing aufzuwischen. Für eine Frau ihres Standes war das ein ganz eigenartiger Ring, halb Gold, halb Platin und – halten Sie die junge Dame fest, Sir!« rief sie plötzlich. Larry fuhr herum und fing das ohnmächtige Mädchen in seinen Armen auf. Er legte sie auf das Sofa, und nach kurzer Zeit schlug Diana die Augen auf. »Ich bin ein schrecklicher Idiot«, sagte sie und versuchte, sich aufzurichten, aber Larry legte seine Hand auf ihre Schulter. »Sie müssen noch einen Augenblick ruhen – was hatten Sie denn?« »Ich glaube, die Luft im Zimmer ist etwas drückend«, antwortete sie. Das Zimmer war wirklich überwarm und schlecht gelüftet. Das war Larry auch aufgefallen, und die Wirtin entschuldigte sich, als sie das Fenster öffnete. »Immer sage ich den Mädchen, sie sollen das Zimmer lüften«, beklagte sie sich, »und niemals tun sie's. Es ist hier wirklich wie in einem Ofen. – Es tut mir sehr leid.« »So was Dummes ist mir noch nie passiert«, sagte Diana, als sie sich langsam aufrichtete. »Es ist besser, Sie fahren jetzt direkt nach Haus«, sagte Larry besorgt. Sie war noch immer sehr blaß, und die Tasse Tee, die ihr die Wirtin brachte, war ihr äußerst willkommen. »Ich denke nicht daran, nach Haus zu gehen«, entgegnete sie bestimmt. »Ich fahre mit Ihnen nach Todds Heim. Sie haben es mir versprochen, und sobald ich in die frische Luft komme, bin ich wieder ganz auf dem Posten. Wenn Sie mit mir durch den Regent Park fahren würden – er ist ja ganz in der Nähe – bin ich wieder so frisch wie vorher.« Langsam fuhren sie um den Park herum, und die Farbe kehrte in ihre Wangen zurück. »Ich bin aber nicht der Ansicht«, bemerkte Larry, »daß ein Besuch in Todds Heim die angenehmste Weise ist, den Nachmittag zu verbringen. Es riecht da nicht sehr gut, und was man zu sehen bekommt, ist wenig angenehm.« »Das macht mir nichts aus«, sagte sie ruhig, »bitte, bitte, lassen Sie mich doch mitgehen.« Er ergriff leise ihre Hand, und sie leistete keinen Widerstand. »Sie können gehen, wohin Sie wollen, Diana, und tun, was Sie nur immer wollen«, sagte er leise. Langsam hatte er sich nun auch von seinem Schrecken beruhigt, und es fiel ihm ein, daß er in der Aufregung vergessen hatte, sich den Trauring der Reinemachefrau zeigen zu lassen und noch weitere notwendige Fragen an die Wirtin zu richten. Sie fuhren nach Piccadilly zurück, wo sie frühstückten, und dann nach dem Büro in Scotland Yard. Vom Restaurant aus hatte Larry an Harvey telephoniert, der daraufhin Mrs. Portland durch seinen Besuch in erneute Verzweiflung gestürzt hatte. Er wartete in Zimmer 47 auf sie. »Ich habe Emmas Spur gefunden«, sagte er in so ernsthaftem Ton, daß Larry wußte, seine Ansicht über die Wichtigkeit der Unterhaltung, die Stuart mit der Frau gehabt hatte, war richtig gewesen. »Sie wohnt, oder vielmehr sie wohnte in Camden Town«, sagte Sergeant Harvey, »bei einem pensionierten Soldaten und seiner Frau.« »Haben Sie sie gesehen?« »Nein, Sir. Sie wohnt nicht mehr da. Seit der Nacht nach Stuarts Ermordung ist sie nicht mehr nach Hause gekommen.« Larry verzog das Gesicht. »Hier ist die Erklärung, der eigentliche Grund für den Mord zu finden«, sagte er. »Die Aufwärterin Emma wird uns sehr viele und wichtige Enthüllungen machen müssen! Hat sie ihre Sachen aus dem Zimmer mitgenommen?« »Nein, Sir. Und das ist das Merkwürdige. Die Frau hat ihren Freunden gegenüber kein Wort erwähnt, daß sie fortgehen wollte, und hat auch nicht ein einziges Stück ihrer Garderobe mitgenommen.« »Setzen Sie ihren Namen auf die Liste und benachrichtigen Sie sämtliche Polizeibüros. Nichts Neues vom blinden Jake?« »Nein, Sir.« »Auch nicht von Fred?« »Nein, Sir.« »Die Wachsamkeit der städtischen Polizei ist ja an und für sich schon sehr in Anspruch genommen – arme Teufel –«, sagte Larry lächelnd, »aber wir müssen ihr doch noch den Namen Clarissa Stuart empfehlen. Jung, hübsch, elegant angezogen, wohnt wahrscheinlich in einem erstklassigen Hotel. Recherchieren Sie überall, wo eine reiche, junge Frau sich aller Wahrscheinlichkeit nach aufhalten könnte, und erstatten Sie dann Bericht.« Harvey grüßte und ging hinaus. Larry stand an seinem Schreibtisch und blickte eine Zeitlang mißmutig vor sich hin. »Nun, Miß Ward«, begann er, »jetzt können Sie zu all den anderen Rätseln ein neues hinzufügen. Emma ist genau so plötzlich und unerwartet verschwunden wie Flimmer Fred oder Stuart, und der Mann, der es fertigbekommen hat, Emma von der Bildfläche verschwinden zu lassen, ist derselbe, der beinahe Mrs. Weldon ermordet hätte.« »Der blinde Jake?« fragte Diana. »Das ist unser Mann«, erwiderte er. »Eine schreckenerregende Figur in diesem Drama. Wenn ich an ihn denke, läuft es mir kalt über den Rücken.« »Was für ein Eingeständnis für einen Detektiv!« neckte sie ihn. »Er ist doch schließlich auch nur ein Mensch.« »Und noch dazu ein verwundeter«, sagte Larry lächelnd. »Flimmer Fred konnte schon seinerzeit sehr gut mit einem Messer umgehen, als ich ihm wegen einer Messerstecherei mit seinem Rivalen Leroux auf den Fersen war.« »Glauben Sie, sie haben ihn gefangen?« Er schüttelte den Kopf. »Nein, Fred hält sich still. Er ist verschwunden, weil er fürchtet, sie fassen ihn doch noch.« »Dann gehört er also nicht zu der Bande?« »Fred?« Er lachte. »Fred – ausgeschlossen. Fred ist ein Wolf, der nicht mit dem Rudel läuft. Er jagt allein. Er plündert Gerechte und Ungerechte in gleicher Weise aus. Neben anderen Dingen ist er vor allem stolz darauf, daß er niemals Mitglied irgendeiner Bande gewesen ist, und ich möchte beinah behaupten, dies ist der Grund, daß er verhältnismäßig selten die Konsequenzen seiner Gaunerstreiche zu tragen hatte. Er ist in London«, brummte er vor sich hin, »und ich habe so eine Idee, als ob wir ihn sehr bald zu sehen bekommen.« Er arbeitete über eine Stunde und schien Dianas Anwesenheit völlig vergessen zu haben, schien auch nicht die Blicke zu bemerken, die sie ihm von Zeit zu Zeit zuwarf und die ihn an den geplanten Besuch in Todd's Heim erinnern sollten. Bogen nach Bogen schrieb er voll. Er hatte die Gewohnheit, seine verschiedenen Fälle in erzählender Form zu Papier zu bringen und die einzelnen Ergebnisse in abgeschlossenen Absätzen niederzulegen. Endlich war er mit seiner Arbeit zu Ende und legte die Bogen in ein Schubfach. Dann stand er auf, streckte sich, ging an das Fenster und sah hinaus. Es war spät am Nachmittag. Dann kratzte er in höchst unromantischer Weise seine Nase und blickte das junge Mädchen zweifelnd an. »Wenn Sie wirklich noch nach Todds Heim wollen, werde ich Sie hinbringen. Die Stunde ist da, für die ich mir selbst das Vergnügen dieses Besuches versprochen habe«, sagte er feierlich. Ein Wagen brachte sie an das Ende von Lissom Grove, und dann bogen sie in die Sackgasse Lissom Lane hinein. Zwei Beamte in Zivil erwarteten sie, und gemeinsam gingen sie die Straße hinunter, bis sie zu dem Heim kamen, das auf der anderen Seite der Straße ihnen gegenüberlag. »Was ist denn da nebenan für ein Haus?« fragte Larry und blickte nach einem unansehnlichen Hause mit geschlossenen Fenstern hinüber. »Das war früher mal eine Wäscherei«, sagte der eine Polizist. »Hinter dem Hause ist ein Hof und eine Art Scheune.« »Wäscherei?« sagte das junge Mädchen nachdenklich. »Erinnern Sie sich, daß an dem Abend, wo man mich entführen wollte, ein Wäschelieferauto vor meiner Tür stand?« »Alle Wetter, rief Larry, »das stimmt!« »Diese Wäscherei konnte es aber nicht gewesen sein, Miß«, sagte der Beamte. »Sie liegt schon seit zwölf Monaten still. Die Firma machte bankerott, und irgendeiner hat das Geschäft gekauft, scheint aber noch nicht zu arbeiten.« »Das Tor da führt direkt auf den Hof, wie ich annehme.« »Ja, Sir. Ich habe aber noch keinen Lieferwagen herauskommen sehen, und ich weiß nicht einmal, ob sie überhaupt einen haben«, sagte der Detektiv. »Heutzutage gibt es so viele Motorwagen, daß man sie unmöglich alle kennen kann.« Larry ging die Stufen hinauf und klopfte. Derselbe kleine, alte Mann öffnete die Tür. »Vier Menschen!!« kreischte er. »Und lauter Fremde! Was wollen Sie denn?« »Ich möchte Mr. Dearborn sprechen«, antwortete Larry. »Ach ja, Sir, Sie sind ja der Herr, der am Sonntag früh um sechs Uhr hier war«, sagte der kleine Mann und trippelte voraus durch den langen Gang. »Kommen Sie man alle mit!« brüllte er. »Vier Mann zu Besuch, Sir!« Ehrw. John Dearborn kam ihnen aus seinem Büro entgegen und nötigte sie in das Zimmer. »Mr. Holt? – Ich glaubte doch Ihre Stimme zu erkennen«, sagte er. Sein Diktaphon war in Gang, und ein dickes Manuskript in Maschinenschrift lag auf dem Tisch. Er strich liebkosend mit der Hand darüber hinweg, als er sich auf seinen Stuhl setzte. »Jeden Abend kommt ein Herr, der mir dies vorliest«, sagte er wie in Antwort auf Larrys Gedanken. »Und was ist nun die Veranlassung zu Ihrem heutigen Abendbesuche? – Haben Sie Ihren blinden Jake gefunden?« »Getroffen habe ich ihn, aber leider nicht gefunden«, sagte Larry grimmig. »Ich möchte nur noch einmal das Haus sehen. Ich habe eine Dame bei mir.« »Sehr angenehm«, sagte Ehrw. John Dearborn und erhob sich. Unwillkürlich streckte das junge Mädchen die Hand aus, die der Mann ergriff. »Es wird mir ein großes Vergnügen sein, Sie herumzuführen. – Sie haben noch einige Bekannte bei sich?« Larry stellte vor, und John Dearborn führte die kleine Gesellschaft die Treppe hinauf. »Wir wollen diesmal von oben beginnen«, sagte er scherzend. »Unser Freund Lew liegt immer noch in seiner Zelle.« »Ist es nicht etwas unsicher für Sie, einen Mann im Hause zu haben, der nicht ganz bei Verstand ist?« »Er ist sehr schwach«, entgegnete John Dearborn, »und ich bringe es nicht über mein Herz, ihn in ein Hospital zu schicken. Früher oder später, befürchte ich, werde ich es ja doch tun müssen.« Larry stand auf dem Treppenabsatz neben dem jungen Mädchen und fragte sie leise: »Wollen Sie vielleicht den alten Mann sehen? Er ist gerade nicht sehr –« Er beendigte den Satz nicht. »Ja, ich möchte ihn sehr gern einen Augenblick sehen. Vergessen Sie doch nicht, daß ich Pflegerin in einer Blindenanstalt gewesen bin.« Dearborn führte sie nach dem kleinen Raum. Kein Licht brannte, obwohl auf jedem Treppenabsatz Lampen waren. Blinde brauchen ja kein Licht, dachte Larry. Der alte Mann in der Zelle lag ruhig mit gefalteten Händen auf seinem Bett. Er schwatzte nicht mehr und war viel ruhiger wie an dem Tage, wo Larry ihn zuerst gesehen hatte. »Wie geht es Ihnen denn heute?« fragte Larry. Der Mann gab keine Antwort. Das junge Mädchen legte ihm ihre Hand auf die Schulter, und der Mann fuhr herum. »Geht es Ihnen besser?« fragte sie. »Wer ist da? Bist du's, Jim? Bringst du mein Essen?« »Geht es Ihnen besser?« fragte Diana noch einmal. »Bring mir auch 'n Topf Tee, willste?« sagte Lew und legte sich wieder auf den Rücken. Derselbe Ausdruck ergebener Entsagung, den sie schon bei ihrem Eintreten bemerkt hatten, erschien in seinem Gesicht. Das junge Mädchen beugte sich nieder und sah den alten Mann genau an. Er schien ihre Gegenwart zu fühlen, streckte eine Hand aus und berührte ihr Gesicht. »Das ist doch eine Dame?« sagte er. Und dann trat John Dearborn dazwischen und nahm die Hand des Alten zwischen seine beiden Hände. »Geht es Ihnen besser, Lew?« fragte er. Der Mann zwinkerte. »Is schon richtig, Sir. Es geht mir fein. Danke schön.« Diana verließ die Zelle, und blickte gedankenvoll vor sich hin, als Larry zu ihr trat. »Was gibt's denn?« fragte er leise. »Der Mann ist tot« flüsterte sie. »Tot?« wiederholte er verblüfft. »Unsinn. Der Mann ist nicht tot.« Sie nickte nachdrücklich mit dem Kopf. »Ich verstehe Sie nicht, Diana«, sagte Larry. »Tot«, wiederholte sie so leidenschaftlich, daß er sie sprachlos anstarrte. »Genau so tot, als ob er kalt und leblos auf jenem Bette liegen würde. Oh, es ist grausam, bestialisch grausam.« John Dearborn und die beiden Detektive waren noch in dem Raum und sprachen über den Kranken. »Aber was meinen Sie denn, Diana?« fragte Larry. »Haben Sie es denn nicht bemerkt? – Ich habe es früher schon einmal zu sehen bekommen«, sagte sie mit leiser, schwankender Stimme. »Haben Sie denn nicht die kleinen schwarzen Punkte an den Ohren des Mannes gesehen? Das sind die Pulvermale. Der Mann ist taub gemacht worden.« »Taub?« wiederholte er, ohne noch die ganze Bedeutung dieser Entdeckung fassen zu können. »Sie haben mir verschiedenes von dem erzählt, was der Mann am Sonntag gesagt hat, als Sie ihn sahen.« Sie sprach hastig und in Flüsterton. »Und jetzt verstehe ich, was vorgegangen ist. Ein Schuß ist ganz dicht bei seinen Ohren abgefeuert worden, und nun ist er tot.« »Aber ich verstehe immer noch nicht.« »Haben Sie es sich klar gemacht«, sagte sie jetzt sehr langsam, »was es bedeutet, blind und taub zu sein?« »Allmächtiger Gott!« stöhnte er. »Und das ist es, was dem Mann widerfahren ist, den sie Lew nennen. Jemand, der aus persönlichen Gründen sein Leben schonen will, hat es dem Bedauernswerten unmöglich gemacht, Zeugnis gegen ihn abzulegen.« »Was meinen Sie damit?« »Was ich meine? – Das ist der Mann, der die Brailleschrift geschrieben hat, die in Stuarts Tasche gefunden wurde.« 22 War es Vermutung? War es reine Schlußfolgerung? War es Wissen? – Diese drei Fragen schossen Larry durch den Kopf, aber bevor er noch weitere Fragen an sie richten konnte, kam Jahn Dearborn aus dem Zimmer des Kranken und fühlte seinen Weg die Treppe hinab. Auf dem nächsten Treppenabsatz öffnete er die Tür des Schlafraumes, den Larry schon früher gesehen hatte. Er bestand aus drei Zimmern, die vor längerer Zeit zu einem einzigen vereinigt worden waren. Auf Larrys Instruktion hin schlossen sich die beiden Detektive ihnen nicht an. Der eine schlenderte die Treppe hinunter und stellte sich auf dem unteren Treppenabsatz auf, der andere setzte sich auf die Stufen, die zu den oberen, kleineren Räumen führten, und wartete. »Ist es noch hell?« fragte Dearborn, als er in den Schlafraum voranging. »Noch ganz hell«, antwortete Larry. »Man hat mir gesagt, daß man von dem Fenster dort eine sehr hübsche Aussicht hat«, sagte der Vorsteher und wies, ohne sich zu irren, in die Richtung des Fensters, von dem aus die Aussicht nichts weniger als malerisch war. Larry antwortete nicht. Möglicherweise war es eine fromme Lüge, daß man von den Fenstern des Heims einen wunderschönen Ausblick hatte, und er wünschte auch nicht im geringsten die Gefühle eines Mannes zu verletzen, der so stolz von einem Blick auf sechs Dächer und einige hundert Schornsteine sprach. »Ich glaube, das Fenster ist geschlossen?« fragte Ehrw. John Dearborn. »Würden Sie es bitte für mich öffnen?« Larry schob das untere Fenster geräuschvoll in die Höhe, und ein Strom frischer, klarer Luft drang in den dumpfigen Schlafraum. »Danke verbindlichst« sagte Mr. Dearborn. »Vielleicht sieht sich die junge Dame ...« Larry blickte sich um. Das junge Mädchen war nirgends zu sehen. Er ging schnell nach der Tür, und der Beamte, der vor dieser auf den Stufen gesessen hatte, erhob sich. »Wo ist Miß Ward hingegangen?« »Sie ist gar nicht herausgekommen, Sir«, sagte der Mann verblüfft. »Sie ist doch mit Ihnen in den Schlafraum gegangen.« Lary starrte ihn an. »Nicht herausgekommen?« wiederholte er stotternd. »Sind Sie sicher?« »Absolut sicher.« Er rief zu dem Mann auf dem unteren Treppenabsatz: »Haben Sie Miß Ward gesehen?« »Nein, Sir. Sie ist nicht aus der Tür herausgekommen. Ich habe die Tür die ganze Zeit hindurch unter Augen gehabt.« Larry ging in den Schlafsaal zurück. Er war leer – mit Ausnahme von einem halben Dutzend einfacher, eiserner Bettstellen und einem Schrank, der an der Wand, dem Kamin gegenüber, stand. Nirgendswo ein Platz, wo man sich verbergen könnte. Ein panischer Schrecken hatte sich seiner bemächtigt, und sein Herz schlug wild; keine Gefahr, die ihn selbst bedrohte, hätte ihn mehr erschüttern können. Er riß die Schranktür auf. Einige alte Kleidungsgegenstände hingen an den Haken, sonst war er leer. Er warf diese heraus und schlug gegen die hintere Schrankwand. Sie war fest und unbeweglich. »Haben Sie die junge Dame gefunden?« fragte jetzt John Dearborn. »Nein, noch nicht«, sagte Larry schnell. »Gibt es außer der Tür noch eine andere Möglichkeit, aus dem Zimmer herauszukommen?« Der Geistliche schüttelte verwundert den Kopf. »Nein. Warum fragen Sie? – Ach so, Sie nehmen wohl an, wir hätten hier einen Notausgang, falls es brennen sollte. Wir haben schon mal daran gedacht ...« Larry war schneeweiß und zitterte vor Aufregung. Er rief einen der beiden Beamten zu sich. »Sie bleiben hier im Zimmer, bis Sie abgelöst werden«, sagte er und wandte sich dann zu dem anderen: »Sie rufen in meinem Namen Scotland Yard an und lassen sofort zwanzig Mann hierherschicken. An der Ecke von Lissom Grove steht ein Schutzmann auf Posten. Holen Sie ihn und sagen Sie ihm, er soll vor der Haustür stehenbleiben.« »Was ist denn vorgefallen?« fragte Ehrw. John Dearborn ängstlich. »Das ist einer der wenigen Fälle, wo mein Gebrechen mich zur Verzweiflung bringt, weil ich fühle, daß ich nicht helfen kann.« »Vielleicht wäre es besser, Sie gingen in Ihr Büro«, sagte Larry sanft. »Ich befürchte, hier ist unter unseren Augen ein Verbrechen begangen worden.« Aber wie sollte das möglich gewesen sein? Nicht einen Laut hatte er vernommen. Er hatte gedacht, das junge Mädchen stand hinter ihm. Er wußte, sie war mit in das Zimmer gekommen, denn er hatte sie vor sich hergehen lassen. Er erinnerte sich ganz genau daran. Er erinnerte sich ebenso deutlich, daß sie sich nach der linken Seite des Zimmers gewandt hatte, während er nach dem Fenster ging, um es zu öffnen – in diesem Augenblick mußte es passiert sein. Das Aufschieben des Fensters war sehr geräuschvoll gewesen und würde jeden Laut am anderen Ende des Saales erstickt haben. Aber das alles hatte sich doch so schnell abgespielt – und sie hatte das Zimmer nicht verlassen. Systematisch klopfte er die Wände ab, suchte nach versteckten Türen. Die Kokosmatte auf dem Fußboden wurde aufgerollt – nichts zu finden. Diana Ward war spurlos verschwunden, als ob ein Erdbeben sie verschlungen hätte, als ob sie sich in winzige Atome aufgelöst hätte und zum Fenster hinausgeschwebt wäre. 23 Larry lief in dem Schlafraum hin und her, krank vor Aufregung und Sorge, beängstigt, wie er es nie zuvor in seinem Leben gewesen war. Vom Keller bis zum Giebel war das ganze Haus durchsucht worden, in finstere staubige Ecken, die nicht einmal den Bewohnern des Hauses bekannt waren, hatte er hineingeblickt – aber alles Suchen, alles Fragen war umsonst. Innerhalb einer halben Stunde war um das ganze Haus ein Kordon von Beamten in Zivil gelegt und Larry von seinem selbstgewählten Posten im Schlafsaal abgelöst worden, um anderwärts weitere Nachsuchungen vornehmen zu können. »Es gibt keine Verbindung zwischen diesem und dem Nachbarhause?« fragte er den Geistlichen. »Keine«, antwortete ohne Zögern John Dearborn. »Einige Jahre zurück wurde der Lärm von der Wäscherei so störend, daß ich die Besitzer des Hauses veranlassen mußte, eine neue Mauer, eine Art Abdichtung, aufführen zu lassen, um den Schall zu dämpfen. Jetzt wird dort nicht mehr gearbeitet. Die Gesellschaft machte Konkurs, und das Grundstück wurde von einer Firma in Lebensmitteln übernommen. Soweit ich weiß, beabsichtigen die jetzigen Besitzer, die Räume der Wäscherei als Speicher für ihre Waren zu benutzen.« »Das ist das schmale Haus am anderen Ende des Hofes, das über den Torweg hinweg sichtbar ist?« erkundigte sich Larry. Der Vorsteher gab eine zustimmende Antwort. Larry ging mit einem der Sergeanten von Scotland Yard an die Tür des leeren Hauses und prüfte diese sorgfältig. »Ich kann Ihnen die Versicherung geben, Sir, daß die Tür seit langer Zeit nicht geöffnet worden ist«, sagte dieser. Über das Gitter hinweg, das einen kleinen Vorplatz abschloß, konnten sie in einen unglaublich schmutzigen Raum blicken, in dem nicht ein einziges Möbelstück zu sehen war. Mit jeder Minute, die verging, wuchs Larrys Sorge mehr und mehr. Wenn er Diana verlieren müßte, wenn er sie verlieren sollte! Er hatte jetzt keine Zeit mehr, über den Fall Stuart oder den Zusammenhang, der zwischen diesem und dem Verschwinden Dianas bestand, zu grübeln. All seine Angst, all seine Energie waren nur auf das eine gerichtet – die Entdeckung, die Befreiung von Diana Ward. Larry kletterte über den Holzzaun und durchforschte den Hof der Wäscherei, und hier fand er die erste Spur, die ihn wieder auf die Fährte brachte. Radspuren, und noch ziemlich frisch. Die Spuren eines Motorwagens, möglicherweise von zweien. Er blickte in dem unordentlichen Hof herum und suchte nach einer Möglichkeit, wo die Wagen untergestellt sein könnten. Ein großes schwarzes Tor schien der Eingang zu einer Garage zu sein. Sergeant Harvey war ihm gefolgt und versuchte, mit einem Dietrich das Schloß zu öffnen. Nach kurzer Mühe gelang ihm das, und die beiden Tore, die auf Rollen liefen, ließen sich leicht und geräuschlos, beinahe mit einem leichten Stoß, aufschieben. »Die Tore sind erst kürzlich geölt und geschmiert worden«, stellte Larry fest. In der Garage standen zwei Wagen. Eine Limousine mit langer Haube und ein kleines Lieferauto. Larry ging hinein und betrachtete im ungewissen Licht des fallenden Tages die beiden Automobile. »Sehen Sie mal her!« rief er plötzlich und zeigte auf die Plane des Lieferwagens. Sie war frisch lackiert worden, aber deutlich sah man unter der weißen Farbe den Schatten eines Wortes – schlecht und ungeschickt von Laienhand gemalt – »Wäscherei«. »Erinnern Sie sich, Harvey, daß Miß Ward uns erzählte, sie hätte an dem Abend, wo man sie entführen wollte, einen Wäschelieferwagen vor ihrem Hause gesehen? Wenn sie den Wagen wiedererkennen würde –« Mit einem stechenden Schmerz im Herzen hielt er inne. Wenn sie doch nur wieder da wäre! Die Limousine war erst kürzlich gereinigt worden, und Larry schrieb sich beide Nummern auf. Es konnte ja natürlich auch möglich sein, daß die beiden Wagen rechtmäßiges Eigentum der neuen Hausbesitzer waren und vollkommen harmlos für geschäftliche Zwecke benutzt wurden. Es konnte Zufall gewesen sein, daß ein solcher Lieferwagen in der Nacht, in der Jake den Versuch gemacht hatte, das junge Mädchen zu entführen, in der Charing Croß Road gesehen worden war. Er schob die Garagentüren zu, die Harvey kunstgerecht mit seinem Dietrich verschloß. »Telephonieren Sie die Nummern nach dem Präsidium«, sagte Larry, »und lassen Sie in der Verkehrskontrolle nachfragen, für wen sie ausgestellt sind.« Harvey ging seiner Wege, und Larry blieb allein im Hof zurück. Von neuem untersuchte er die Räderspuren. Es hatte in der Nacht stark geregnet, und man konnte an der Deutlichkeit der Spuren erkennen, daß sie erst an diesem Morgen entstanden waren. Er ging an dem eigentlichen Wäschereigebäude entlang – ein Neubau aus Ziegelsteinen mit Mattglasfernstern. Auch hier befand sich eine Schiebetür und auf den Stufen, die zu dieser führten, war eine Fußspur sichtbar. Er bückte sich plötzlich, um diese genauer zu betrachten. »Ploff!« Ein Ton wie das Knallen eines Champagnerpfropfens, nur ein wenig lauter und härter, erschreckte ihn. Ein Schlag oberhalb seines Kopfes – Holzsplitter fielen auf Larrys Hals, und mit einem Satz sprang er zur Seite. Die Türfüllung war durch eine Kugel zersplittert. Hätte er nicht so unvermutet seinen Kopf gesenkt, um den Fußabdruck zu prüfen – Sunny würde die Morgenzeitungen abbestellt haben. Das war merkwürdigerweise der erste Gedanke, der ihm durch den Kopf schoß. Larry überflog blitzschnell seine Umgebung. Den Ton hatte er erkannt, kaum daß er ihn gehört hatte. Es war keine Detonation zu hören gewesen, aber man hatte auf ihn mit einem Gewehr oder einer Pistole geschossen, die mit einem Maxim-Schalldämpfer versehen war. Das »Ploff« hatte er schon öfter gehört. Seine scharfen Augen suchten an einem der Fenster des hinter ihm liegenden Gebäudes vergeblich nach einem Anzeichen von Pulverrauch. Jetzt bemerkte er zum erstenmal, daß man von dem Fenster des Schlafsaales, aus dem Diana verschwunden war, auf den Hof blicken konnte. Er sah das offene Fenster und erkannte mit seinem ausgeprägten Ortssinn den betreffenden Raum. Kein weiterer Schuß fiel, und er zog sich langsam über den Hof zurück, ohne die Rückseiten der beiden Gebäude aus den Augen zu verlieren und bereit, sich beim ersten Aufblitzen eines Schusses zu Boden zu werfen. Harvey hatte bei seinem Weggehen eine kleine Durchgangstür in dem großen Tor geöffnet, und durch diese trat ein sehr nachdenklicher Larry auf die Straße. Er ging direkt in das Heim zurück, wo die blinden Straßenhändler, die dort Unterkunft hatten, langsam einzutreffen begannen. Sie kamen allein oder zu zweien, tappten sich ihren Weg mit den eisenbeschlagenen Stöcken entlang und suchten den gemeinsamen Wohnraum auf. Ein Beamter des zuständigen Polizeireviers stellte die Persönlichkeit eines jeden fest. »Alles unbescholtene Leute, was?« fragte Larry. Keiner von ihnen auf der Verbrecherliste?« »Nein, Sir«, sagte der Beamte. »Alle haben ein gutes Führungszeugnis, und wir haben niemals Beschwerde gegen irgendeinen von ihnen gehabt.« Larry ging nach dem Schlafsaal hinauf, von dem seiner Ansicht nach der Schuß auf ihn abgefeuert war. Zu seiner Überraschung war die Tür verschlossen, und der Schutzmann stand jetzt außerhalb der Tür auf Posten. »Was soll das bedeuten?« fragte er streng. »Der Vorsteher hat mir sagen lassen, Sie wünschten mich zu sehen«, entschuldigte sich der Detektiv, »aber als ich nach unten kam, stellte sich heraus, daß er keine Botschaft geschickt hatte. Als ich wieder zurückkam, war die Tür verschlossen.« »Von innen?« »Scheint so, Sir. Es steckt kein Schlüssel im Schlüsselloch.« »Wer hat Ihnen die Mitteilung gebracht?« »Der kleine Kerl, der immer die Tür des Heims öffnet.« »Ich weiß, wen Sie meinen«, nickte Larry, »und was hat er für eine Erklärung gegeben?« »Er hat gesagt, jemand mit einer Stimme wie der Vorsteher hätte ihm aufgetragen, mit der Bestellung an mich nach oben zu gehen.« »Machen Sie Platz«, sagte Larry und stieß mit einem kräftigen Fußtritt die Tür auf. Das Zimmer war leer, aber Larry schnüffelte. »Hier ist ein Schuß abgefeuert worden; jedenfalls, als Sie nach unten gingen«, sagte er. »Merken Sie sich, Sie verlassen das Zimmer nicht, wenn nicht Sergeant Harvey oder ich persönlich kommen, um Sie abzulösen und einen anderen Mann an Ihre Stelle zu bringen.« »Zu Befehl, Sir«, sagte der Mann niedergeschlagen. »Unter den vorliegenden Umständen mache ich Ihnen übrigens keinen Vorwurf«, fuhr Larry mit halbem Lächeln fort. »Wir haben es mit einer ganz außergewöhnlichen Bande zu tun, und sie wendet ganz außergewöhnliche Methoden an – man kann von Ihnen nicht erwarten, daß Sie jeden Zug des Gegners parieren und noch viel weniger voraussehen können, wie der nächste sein wird.« Es bestand nicht der geringste Zweifel, daß in diesem Raum eine Schußwaffe abgefeuert worden war; er konnte ganz deutlich den Geruch des verbrannten Schießpulvers erkennen, und eine abgefeuerte Patronenhülse, die er unter einem Bett in der Nähe des Fensters fand, lieferte ihm den endgültigen Beweis. Larry ging nach unten in das Büro des Vorstehers, der unruhig auf ihn wartete. »Beabsichtigen Sie Ihre Leute noch lange hier zu lassen, Mr. Holt?« fragte Ehrw. John Dearborn. »Verschiedene meiner Schutzbefohlenen möchten nach dem Schlafraum gehen; sie sind müde.« »Meine Leute bleiben so lange hier, bis ich mich davon überzeugt habe, daß Miß Ward nicht mehr in dem Grundstück ist«, sagte Larry kurz, »und bis ich den Herrn gefunden habe, der in liebenswürdiger Weise von dem Schlafsaal, aus dem sie verschwunden ist, auf mich gefeuert hat.« »Auf Sie gefeuert hat?« wiederholte der andere entsetzt. »Sie wollen doch nicht sagen ...« »Ich meine genau das, was ich gesagt habe«, fiel Larry ein. »Verzeihen Sie, wenn ich etwas schroff bin. Während Sie mit dem Detektiv sprachen, der durch eine List nach unten gelockt wurde, ist von dem Zimmer aus auf mich geschossen worden – und die Tür war von innen verschlossen.« »Das ist ja kaum glaublich!« rief Ehrw. John kopfschüttelnd. »Ich kann mir kaum eine Situation vorstellen, die für mich und Sie noch angreifender und aufregender sein könnte.« »Aufregend!« lachte Larry bitter. »Aufregung werden wir noch genug haben, nur etwas später, wenn ich erst hinter die ganze Geschichte gekommen bin.« Und dann gewann sein bissiger Humor die Oberhand. »Sie sollten das in einem Ihrer Stücke verwenden, Mr. Dearborn«, sagte er und glaubte, eine schwache Röte in dem fahlen Gesicht des Mannes erscheinen zu sehen. »Das ist ein guter Gedanke«, sagte der Vorsteher nachdenklich, »und ich bin Ihnen wirklich dankbar dafür. Haben Sie schon einige meiner Stücke gesehen?« »Nein, bis jetzt noch nicht, aber bei der ersten passenden Gelegenheit werde ich mal nach dem Macready-Theater gehen.« Der Vorsteher fuhr kopfschüttelnd fort: »Manchmal befürchte ich, daß meine Stücke doch nicht so gut sind, wie einige meiner Bekannten es annehmen, und es tut mir leid, daß Sie noch keines gesehen haben. Aber sie werden doch immer wieder angenommen und aufgeführt, und das bringt Geld für unser Heim.« »Wer bestreitet eigentlich die Aufführungskosten?« fragte Larry neugierig. »Ein Herr, der sich für meine Arbeit unter den Blinden interessiert«, war die Antwort. »Ich bin niemals mit ihm zusammengetroffen, aber niemals hat er sich gesträubt, ein Stück von mir auf die Bühne zu bringen. Manchmal habe ich das Gefühl, er tut dies nur, um dem Heim zu helfen.« »Irgendeinen guten Grund muß er ja haben«, sagte Larry. Die Unterhaltung schlief langsam ein. Ein Telephon schnarrte, und der Vorsteher nahm den Hörer auf. »Ja, ich glaube es ist besser, Sie machen das so«, sagte er und hängte den Hörer ein. »Eine Haushaltsfrage von der Küche«, lächelte er. »Soweit unsere Mittel es gestatten, habe ich Telephonverbindungen im ganzen Hause anlegen lassen. Es erspart so viele Laufereien.« In dem Augenblick erschien eine Abordnung aus dem gemeinsamen Wohnraum. Man beklagte sich. Die Insassen von Schlafsaal Nr. 1 wollten zu Bett gehen. Verschiedene waren gewöhnt, ihre zwölf Stunden zu schlafen, und alle, ob sie sich nun niederlegen wollten oder nicht, bestanden auf ihrem Recht, den Schlafraum aufsuchen zu können. »Da sehen Sie es ja selbst«, sagte der Vorsteher. »Ich komme da in eine sehr unangenehme Lage.« Larry nickte. »Sie alle können Betten in dem nächstliegenden Hotel bekommen. Ich komme für die Kosten auf. Meinetwegen können sie auch in einem anderen Raum schlafen. Ich habe nichts dagegen, daß die Betten herausgeholt werden. Aber niemand hat sich in dem Zimmer aufzuhalten, bis Miß Ward wieder aufgefunden ist.« Er schlenderte zum Zimmer hinaus und durch den Gang nach dem gemeinsamen Wohnraum. Diese armen Menschen hatten Anrecht auf eine Erklärung, und er gab ihnen diese, indem er den Fall genau und einfach auseinandersetzte. Alle, auch diejenigen, die sich am lautesten beschwert hatten, stimmten ihm bei. Larry hatte seine kurze Ansprache beendigt und lehnte in tiefen Gedanken versunken an der Wand des Korridors, als er eine Treppe höher Lärmen und einen Schrei hörte. In wenigen Sätzen flog er die Treppe hinauf. Als erster erreichte er den Treppenabsatz, und was er sah, ließ sein Herz ungestüm schlagen. Langsam, Stufe für Stufe, schritt Diana Ward auf ihn zu. Ihre Bluse hing in Fetzen und ließ eine schneeweiße Schulter sehen. In einer Hand hielt sie einen schweren Smith-Wesson-Revolver, und auf ihrem blassen Gesicht lag ein triumphierendes Lächeln. Einen kurzen Augenblick starrte Larry sie an, dann sprang er ihr entgegen und riß sie in seine Arme. »Mein Liebling!« sagte er mit gebrochener Stimme. »Mein Liebling! Gott sei Dank, daß Sie wieder da sind!« 24 Diana war nach dem anderen Ende des Saales geschlendert und prüfte die Leinwand der rauhen Laken zwischen ihren Fingern. Durch ihren früheren Beruf als Krankenschwester hatte sie noch ein besonderes Interesse an der Art und Weise, wie diesen armen, blinden Bettlern – denn es waren ja fast alle nur Bettler – ein wenig Bequemlichkeit verschafft wurde. Sie hatte gehört, wie der Vorsteher Larry bat, das Fenster zu öffnen, und blickte gedankenlos dorthin, als sich die Tür eines Schrankes hinter ihr geräuschlos öffnete und ein barfüßiger Mann leise heraustrat. Das erste, was Diana zu Bewußtsein kam, war, daß ein feuchtes, weiches Leder sich über ihr Gesicht legte und daß sie emporgehoben wurde. Der Schreck raubte ihr einen Augenblick lang die Besinnung, und in diesem Augenblick wurde sie in den Schrank hinein- und durch die dahinterliegende Mauer hindurchgezogen. Beide Türen – denn die Rückseite des Schrankes war, wie Larry zuerst angenommen hatte, eine bewegliche Tür – öffneten sich nach außen. Larry konnte nicht wissen, daß diese zweite Geheimtür aus Steinen bestand und durch einfaches Beklopfen nicht als solche zu erkennen war. Sie hörte das leichte Schnappen der Tür, als diese sich schloß, befreite ihr Gesicht von dem nassen Leder und schrie. Und wieder legte sich eine Hand, groß genug, um ihr ganzes Gesicht zu bedecken, auf ihren Mund, und sie wurde weiter durch die Dunkelheit gezerrt. Eine andere Tür öffnete sich – man stieß sie vorwärts – das elektrische Licht wurde eingeschaltet, und zum erstenmal erblickte sie ihren Entführer. Sprachlos vor Schreck wich sie in die äußerste Ecke zurück. Er war außergewöhnlich groß, größer als irgend jemand, den sie je gesehen hatte. Er war mindestens zwei Meter hoch, wie sie annahm, und von entsprechender Breite. Seine Kleidung bestand aus Hemd und Hose. Füße und Arme waren nackt, und seine behaarten muskulösen Oberarme verrieten enorme Kraft. Sein rotes, rundes Gesicht war eigenartig nichtssagend. Wasserblau waren die Augen, die bewegungslos blieben, wenn er sprach; eine graue Mähne fiel unordentlich nach hinten über seinen Kopf, der dicklippige, große Mund war mit einem struppigen Bart bedeckt, dessen Farbe eine schmutzige Mischung von Grau und Gelb war, die riesenhaften Ohren standen beinahe im rechten Winkel vom Kopf ab – entsetzt starrte sie ihn an, diese Schrecken erregende Kreatur, die kaum noch etwas Menschliches an sich hatte. »Sieh mich mal gut an, Kleene, daß du mich ooch wiedererkennst«, meckerte er. (Kein anderes Wort konnte sein schrilles Lachen besser beschreiben.) »Wo is denn nu dein Schießeisen?« höhnte er. »Warum schießt du denn nicht auf den ollen, armen Jake – ich wette, er hat dir doch alles von mir erzählt?« Sie wußte, er meinte Larry, gab aber keine Antwort. Ihre Augen durchsuchten den Raum nach irgendeiner Waffe, aber die getünchten Wände waren kahl, und nicht ein einziges Möbelstück befand sich in dem Zimmer. Das einzige Fenster war ein schmaler, langer Streifen aus dickem Glas in der Nähe der Decke, und an jeder Seite war ein Wandventilator angebracht. Sie durchsuchte ihre Handtasche, fand aber auch dort nichts. Sie hatte nicht einmal Hutnadeln, die ja auch diesem Scheusal gegenüber nutzlos gewesen wären. »Du suchst wohl was, womit du mich umbringen kannst, was?« kicherte er wieder. »Ich höre doch, was du machst. Nu, setz dich jeduldig hin, kleenes Frauenzimmer! Für dich kommt noch 'ne feine Zeit, und keen Mensch will dir was tun.« Zu ihrer Erleichterung machte er keine Anstalten, sich ihr zu nähern, aber schon seine nächsten Worte sagten ihr, daß die wirkliche Gefahr nur aufgeschoben war. »Du sollst ja ganz hübsch sein«, gluckste er. »Und wer was für 'n hübsches Gesicht übrig hat, würde 'ne janze Masse für dich jeben. Es wundert mich eigentlich, daß – Sie dich nich für sich jenommen haben, aber weeste, Kleene, für Frauen und Heiraten und so was haben – Sie keenen Sinn, darum hat ooch der olle Jake dich jekricht.« Er meckerte wieder, und bei diesem Ton lief es dem jungen Mädchen eiskalt über den Rücken. Er hatte die Angewohnheit, vor dem Wort »sie« anzuhalten und das Wort so zu betonen, als ob es in seinem Inneren mit großen Buchstaben geschrieben stände. »Ich kann dich nich sehn, und so macht's mir nischt aus, ob du hübsch bist, kleene Nutte. Und wenn du ooch 'n Gesichte hättest wie die da oben –« er wies mit dem Daumen nach der Decke – »det würde mir nischt ausmachen.« »Sie werden niemals aus dem Haus herauskommen.« Sie hatte sich klargemacht, daß es besser war, sich unerschrocken zu zeigen. »Mr. Holt ist im Nebenhaus, und in der Zwischenzeit ist das ganze Grundstück schon umzingelt worden.« Sein Kichern wurde lauter. »Es gibt hier mehr als zehn Ausgänge«, sagte er verächtlich. »Aus diesem Grunde haben – Sie 's ja gekooft. Da gibt's 'ne Höhle unterm Keller, da kannste meilenlang loofen. Keen Mensch kann dich uffhalten, bloß Ratten gibt's. Ratten haben Lauseangst vor Blinden.« In all seinen ordinären Worten lag eine Art merkwürdiger, kindlicher Einfachheit, die schlecht zu seinem abschreckenden, riesenhaften Äußern paßte. »Früher oder später wird man Sie doch fassen«, sagte sie ruhig und fügte dann, einer plötzlichen Eingebung Folge leistend, hinzu: »Lew ist schon festgenommen worden.« Er war im Begriff, den Raum zu verlassen, aber bei diesen Worten fuhr er mit verzerrtem Gesicht herum. »Lew!« brüllte er. »Er hat Lew geschnappt!« Dann blieb er eine Zeitlang still, bis er in ein dröhnendes Gelächter ausbrach, das die Wände zu erschüttern schien. »Lew wird ihnen 'ne Masse erzählen können! Wie kann er denn Lew was fragen, wenn Lew nich weeß, wo er is oder mit wem er spricht? Er kann ja nich lesen und nich schreiben. Sie würden ihn ja kalt gemacht haben für den gemeinen Streich den er ihnen jeschpielt hat. Er war ja doch das Luder, der das Stück Papier in die Tasche von dem Kerl gesteckt hat, den sie um die Ecke jebracht ham.« »Das wissen wir sehr gut«, sagte sie furchtlos, und ihre Worte schienen auf Jake Eindruck zu machen. »Das habt ihr doch rausgefunden?« sagte er. »Aber Lew hat nischt verklappt. Er würde schon längst kalt und steif sein, bloß – Sie wollten keene toten Kerls rumliegn haben. Ich und Lew haben ihn die Stufen runtergeschleppt bis ans Wasser«, sagte er und nickte mit seinem riesigen Kopf. »Ich kann dir das ruhig erzählen, denn ich kenne das Gesetz. Ich kenne es ganz genau. Old Jake kannst du nischt lehren.« Sie wunderte sich, was er wohl mit seiner Prahlerei, das Gesetz zu kennen, meinte. »'ne Frau kann nich gegen ihren Mann aussagen«, fuhr er boshaft lächelnd fort. »Darum kann ich dir ja ooch alles erzählen, kleenes Mädchen.« »Eine Frau!« stammelte sie verstört. Die Vorstellung einer solchen entsetzlichen Möglichkeit ließ ihr Herz stillstehen. »Mrs. Jake Bradford«, grunzte er. »Ja, Kleene, Bradford heeß ich, und Ehrwürden wird uns gut und richtig verheiraten.« »Sie Narr!« brach sie in Wut und Angst los. »Denken Sie denn wirklich, daß irgend jemand mich mit einem Grausen wie Sie verheiraten könnte? Glauben Sie denn wirklich, ich würde still und ruhig an Ihrer Seite stehen und nicht in alle Welt hinausschreien, was ich von euch allen weiß? Sie müssen wahnsinnig sein.« Er schob seinen unförmigen Kopf nach vorn, und mit jedem Wort wurde seine Stimme leiser und leiser, bis sie in einem heiseren Flüstern erstarb: »Es gibt noch Schlimmre als ich im Haus, und vielleicht wirste nischt mehr gegen mich haben, kleene Frau, wenn de mich nich mehr sehn kannst. Vielleicht biste blind wie ich und doof wie Lew.« Er hielt inne, und sie schrak weiter zurück, hielt sich mit zitternden Händen an der Wand. »Und stumm dazu, wenn de uns verpfeifen willst!« brüllte er in plötzlicher Wut. »Es gibt nischt, was ich nich tue, wenn – Sie mir das sagen.« Die Tür öffnete und schloß sich. Sie hörte, wie ein Schlüssel herumgedreht wurde, wie ein Riegel sich vorschob, und blickte auf. Er war gegangen. Halb ohnmächtig sank sie auf den Boden. Sie rief alle Energie zu Hilfe, senkte den Kopf ganz tief, bis sie allmählich das Blut zurückströmen fühlte, und kam mühsam wieder auf die Füße. Mehr als zehn Minuten vergingen, in denen sie sich zwang, in dem Raum auf und ab zu laufen, bis sie sich etwas beruhigt hatte. Sie wußte, es war keine leere Drohung, die dieser Mensch ausgestoßen hatte. Er würde ohne Gnade sein, wenn sein unbekannter Führer dies befehlen würde. Wenn sie es wünschten, würde er erbarmungslos Jugend und ihre Schönheit zertreten, ohne Zögern und Gewissensbisse den letzten Lebenshauch ersticken. Unbarmherzig würde er verstümmeln, foltern. Sie mußte ihre Gedanken zusammenreißen, klar denken – schnell denken. Sie untersuchte die Tür, wenn sie auch wußte, daß Flucht auf diesem Wege unmöglich war. Sie hatte keinen Stuhl, mit dessen Hilfe sie an das Fenster reichen konnte, und würde auch nicht durch dieses entfliehen können, ohne die Aufmerksamkeit ihrer Peiniger zu erwecken. Nichts war in dem kahlen Raum, nichts wie das elektrische Licht. Sie dachte an Larrys Erzählung, wie dieser Mensch mit erhobenen Händen auf ihn zukam, wie er die Glühlampe in seinen riesenkräftigen Händen zerdrückt hatte. Er mußte unmenschlich stark sein! War denn keine Gefahr für ihn, von dem elektrischen Strom getroffen zu werden? Bei diesem Gedanken blickte sie plötzlich in die Höhe. Die Beleuchtung war ohne jede Rücksicht auf ordentliche Ausführung angelegt worden. Ein langer Draht lief von einer Ecke des Zimmers, lose an der Decke befestigt, bis zur Mitte, wo er über einen Haken nach unten hing. An seinem Ende war ein kleiner Metallreflektor über der birnenförmigen Lampe befestigt. Sie ergriff diese und drehte sie herum. »Zweihundert Volt«, las sie auf dem Hals der Lampe. Sie schwang und schleuderte den Draht hin und her, bis es ihr nach einigen vergeblichen Versuchen gelang, ihn von dem Haken freizubekommen. Die Lampe hing nun tief bis beinahe zum Fußboden herunter. Dann zog sie vorsichtig und ruckweise an dem Draht, bis die dünnen Klammern, die diesen an der Decke festhielten, nachgaben und der ganze Draht frei wurde. Sie ging nach dem Schalter an der Tür und löschte das Licht aus. Jetzt setzte sie einen Fuß auf die Leitungsschnur dicht in der Nähe der Lampe und zerrte aus Leibeskräften, bis diese riß und die beiden Enden frei wurden. Sie war im Dunkeln, aber mit ihren geschickten Fingern zupfte sie die seidene Isolation auseinander, kratzte mit den Nägeln die Gummiumhüllung ab, die die vielen haarfeinen Kupferdrähte einschloß. Bald hielt sie etwas in den Händen, das sich wie ein kleiner struppiger Pinsel anfühlte; sie war mit ihrem Werk zufrieden. Jetzt glaubte sie ein Geräusch im Gang zu hören, eilte nach der Tür und schaltete den Strom ein. In dem Halbdunkel suchte sie nach ihrer Handtasche, nahm ihre Lederhandschuhe heraus, zog sie an und tastete vorsichtig nach den herabhängenden Drahtenden. Sie nahm sie in die Hand und hielt den »Drahtpinsel« vor sich, ängstlich bemüht, nicht die beiden freien Polenden zu berühren. Mit dem Fuß stieß sie Reflektor und Lampe beiseite und wartete in der Mitte des Zimmers. Dann öffnete sich die Tür. »Da bin ich wieder, Puppe.« Ihr Atem kam stoßweise, als sie hörte, wie sich die Tür von innen schloß. »Ich bin also nich hübsch jenuch für dich?« Er wußte nicht, daß das Licht aus war, denn er lebte in ständiger Dunkelheit. Eine Zeitlang machte er keinen Versuch, sich ihr zu nähern. Die Umrisse seiner riesigen Gestalt waren kaum in dem schwachen Lichte, das durch das schmale Fenster drang, sichtbar. »Tony hat danebengeschossen«, teilte er ihr mit. »Danebengeschossen!« knurrte er verächtlich. »Wenn ich bloß sehen könnte, hätte ich den Hund gekricht. Blind, wie ich bin, würde ich ihn mit dem kleenen Schießprügel hier treffen, wenn ich ihn bloß bewegen hörte. Aber wir wern den kleenen Holty noch fassen, Mächen. Nur keene Bange. Wir wern fassen und reißen ihm die Kaldaunen raus. Es wird ihm leid tun, daß er überhaupt geborn is.« Seine Stimme wurde leiser, und er sagte einige Worte, die dem jungen Mädchen unverständlich blieben. Dann schien ihm der eigentliche Zweck seine« Kommens einzufallen. »Komm zu deinem ollen Jake, Puppchen!« kicherte er und ging langsam mit ausgebreiteten Armen auf sie zu. »Komm zu deinem lieben, ollen Mann, Kleene!« Er war flink wie eine Katze, und bevor sie sich noch Rechenschaft geben konnte, was geschah, hatte er sie schon an der Schulter gepackt und riß ihr die Bluse vom Leibe. Sie warf sich zurück. Seine andere Hand schoß vor und – berührte die ausgefransten Drahtenden. Mit einem Schrei, halb Kreischen, halb Gebrüll, sprang er zurück. »Wat haste gemacht?« schrie er wild. »Wat haste gemacht, kleene Hexe? Haste mich gestochen wie det verdammte Schwein?« Augenscheinlich befühlte er sich selbst, um nach einer Verletzung zu suchen, und dann sprang er wieder auf sie ein. Jetzt trafen die Polenden sein Gesicht, und wie ein Holzklotz stürzte er zu Boden. Sie hörte, wie er sich bewegte. »Wat is denn das? Wat is denn das bloß?« flüsterte er. »Ich kann nischt sehen! 'n ollen, blinden Mann so zu behandeln! Du verdammte –« Seine Hand packte sie am Fußgelenk und riß sie zu Boden. Aber wieder berührte sein Gesicht die elektrischen Drähte mit 200 Volt Spannung. Er kreischte wie ein wildes Tier und rollte sich auf dem Boden. Er war jetzt wahnsinnig vor Wut und Angst – ein wimmernder Tollhäusler. Wieder und wieder fiel er sie an, wieder und wieder kam seine Hand, sein Gesicht, sein Hals mit dem Strom in Berührung. Plötzlich brach er zusammen, und das junge Mädchen hielt die grausamen Enden des todbringenden Drahtes an seine Kehle. Sie fühlte sich als Mörderin mit dem zuckenden Körper unter sich. Aber sie mußte ihn töten; sie wußte: nur sein Tod würde ihr Leben retten. Endlich nahm sie den Draht von seinem Halse weg. Er lag regungslos, und mit zitternden Händen durchsuchte sie seine Taschen. Sie fand den Schlüssel und einen Revolver. Dann suchte und fand sie das Schlüsselloch. Die Tür öffnete sich, und sie befand sich in einem Gang, der nach rechts in ein helleres Zimmer mit zwei Fenstern führte. Aber immer noch war sie in Todesangst: jetzt hatte sie ihr bestes Verteidigungsmittel verloren. Die Tür war leicht zu finden. Wie außerordentlich geschickt auch die Tür im Schlafsaal von Todds Heim verborgen war, hier lag sie sichtbar vor Augen. Sie zog an einem Handgriff, das ganze schwere steinerne Tor schwang zurück, und sie ging durch die Öffnung. Ein Mann stand in der Mitte des Schlafsaales und fuhr, Revolver in der Hand, bei dem Geräusch herum. »Mein Gott! Miß Ward«, rief er. »Wo kommen Sie denn her?« 25 Ein unbeschreibliches Gefühl von Sicherheit und tiefem Glück durchströmte sie, als sie in Larrys Armen lag. Endlich machte sie sich langsam frei und stieß wenige hastige Worte hervor, die ein kleines Regiment von Detektiven veranlaßten, nach dem Schlafsaal und durch die Ziegelsteintür zu stürzen, die sie halb offen gelassen hatte. Larry vertraute das junge Mädchen der Obhut Harveys an und eilte hinterher. Das Zimmer, in dem Diana eingeschlossen war, war leer; er hielt sich nur einen Augenblick auf, um den Strom auszuschalten, und folgte dann den anderen nach. Es stellte sich ohne jeden Zweifel heraus, daß der ganze Teil dieses Gebäudes trotz seiner anscheinenden Unbewohntheit regelmäßig benutzt worden war. Sie fanden Zimmer, die innerhalb der ursprünglichen Räume durch Errichten einer schwachen Wand gebildet wurden, die nur wenige Fuß von jedem Fenster entfernt war. So konnte das Haus bei Nacht beleuchtet werden, ohne daß irgend jemand von außen das geringste wahrnahm. Jake der Blinde hatte die reine Wahrheit gesagt, als er dem jungen Mädchen von den vielen Ausgängen des Hauses sprach. Einen fanden sie im Keller, der zu einem aufgegebenen Abzugskanal von Regenwasser führte, und dort gaben sie weitere Nachforschungen auf. Keiner von ihnen allen war für eine Verfolgung durch die Dunkelheit ausgerüstet. Ein zweiter Ausgang führte direkt in den Hof, wo Larry die Garage gefunden hatte, und ein dritter führte nach der Küche in Todds Heim. Larry mußte sich klar machen, daß sein Wild entwischt war; und ging zu Diana zurück. Er fand sie im Büro des Vorstehers. »Und jetzt, Mr. Dearborn«, begann er, »möchte ich von Ihnen einige Aufklärungen über die merkwürdigen Vorkommnisse in Ihrem Hause haben.« »Ich kann nicht finden, daß sich irgend etwas Merkwürdiges und Geheimnisvolles in diesem Hause ereignet hat«, sagte Mr. Dearborn ruhig. »Sie können mich doch nicht für Verbrechen verantwortlich machen wollen, die im nächsten Hause begangen wurden. Man hat mir erzählt, daß Verbindungstüren zwischen den beiden Gebäuden gefunden wurden, aber davon hatte ich nicht die geringste Ahnung. Wenn wirklich jemand im Nebenhause gewohnt –« »Sechs Menschen wohnten nebenan«, unterbrach Larry. »Wir haben ihre Betten und einige ihrer Kleidungsgegenstände gefunden. Und die Tatsache, daß wir Bücher fanden, einige noch geöffnet, beweist klar, daß die Insassen nicht blind waren.« Mr. Dearborn zuckte mit den Achseln. »Was kann ich denn machen?« fragte er. »Wir sind in unserem Hause gänzlich von der Zuverlässigkeit unserer Insassen abhängig. Auch wenn es zeitweise möglich ist, die Gegenwart eines Fremden an dem ungewohnten Fußtritt, der Stimme, am Husten zu erkennen, ist es gar nicht ausgeschlossen, daß diese Männer sich frei und ungehindert dieses Hauses bedienten, um ihre verbrecherischen Pläne zur Ausführung zu bringen, ohne daß wir auch nur den geringsten Verdacht haben konnten.« Seine Worte waren von so unbestreitbarer Logik, daß Larry nichts darauf entgegnen konnte. Ganz offen gab er auch die Berechtigung von Mr. Dearborns Worten zu. »Ich muß ohne weiteres diese Möglichkeit zugeben«, sagte er. »Es ist natürlich sehr bedauernswert für Sie und auch für mich. Die Sache hätte ja noch viel schlechter ablaufen können.« Wie entsetzlich sie aber in Wirklichkeit gewesen war und hätte endigen können, erfuhr er erst, als ihm das junge Mädchen ihre Erlebnisse während der Fahrt nach Scotland Yard mitteilte. »Mein armes Kind«, schauderte er. »Das ist ja furchtbar.« Sie hatte ihren Regenmantel übergezogen, und an der Ecke von Edgware Road hatten sie angehalten, weil sich das junge Mädchen eine neue Bluse kaufen wollte. Sie bestand darauf, erst nach dem Präsidium zu fahren, um dort ihre Erklärung zu Protokoll zu geben. »Dearborn tut mir leid«, sagte Larry. »Er ist wirklich eine ergreifende Figur. Bei Menschen, die wie er ihr ganzes Leben barmherzigen Werken gewidmet haben, muß man eben kleine schwache Anstrengungen für dramatische Effekte entschuldigen. Haben Sie bemerkt, wie eifrig er Ihnen die Hand schüttelte?« Sie sah ihn scharf an. »Ja, das habe ich sehr gut bemerkt«, sagte sie mit eigenartiger Betonung. »Nanu, Diana«, fragte er, »was wollen Sie damit sagen?« »Ach nichts«, antwortete sie leichthin. »Ich meine nur, daß er meine Hand ergriffen und sie herzlich geschüttelt hat, das ist alles.« »Da ist doch nichts dabei«, lächelte Larry. »Da ist sehr viel dabei«, entgegnete sie. »Viel mehr, als Sie sich selbst klarmachen.« Sie eilte voraus nach Zimmer 47, und als er kurze Zeit später diskret an die Tür klopfte, hatte sie schon ihre zerrissene Bluse mit der neuen vertauscht. »Was ich übrigens vergessen habe, Sie zu fragen – wo haben Sie denn eigentlich die mörderische Waffe aufgetrieben, die Sie in der Hand hielten, als Sie die Treppe herabkamen?« »In der Tasche des blinden Jake! Es war fürchterlich, ihn berühren zu müssen, aber ich wollte doch irgendeine Waffe haben.« »Zweifellos haben Sie jetzt schon einen großen Teil des ganzen Falles aufgedeckt«, begann er. »Wir wissen jetzt, daß der blinde Jake und der Mann namens Lew –« »Haben Sie ihn denn im Heim gelassen?« Er lächelte etwas bitter. »In dieser ganzen Sache habe ich schon zu viele Fehler begangen, um auch noch diesen hinzufügen zu können. Nein, ich habe ihn in ein anderes Haus bringen lassen, wo er verpflegt wird. Lew und Jake waren die beiden Menschen, die mit Stuart zu tun hatten, entweder vor oder nach seiner Ermordung«, fuhr er fort. »Die Bande hatte wahrscheinlich Lew in ihrer Gewalt, und er hatte entweder den Wunsch, sich aus ihren Händen zu befreien oder sich an ihnen wegen irgendeiner Verräterei zu rächen. Aus diesem Grunde schrieb er die Botschaft, die wir aufgefunden hatten, auf ein Stück braunes Papier und natürlich in Braille Schrift. Das bringt nun unsere Nachforschungen auf einen einzigen Mann zurück, denn es gibt selbstverständlich Mittel, um Lew verständlich zu machen, daß er nun sicher und in unseren Händen ist.« »Und an der wichtigsten von allen unseren Entdeckungen sind Sie vorbeigegangen«, sagte sie langsam. Larry stand lachend auf und lief – eine seiner Lieblingsgewohnheiten – im Zimmer auf und ab. »Sie sind ein außergewöhnliches Mädel«, sagte er. »Kaum bilde ich mir ein, den Fall etwas aufgeklärt zu haben, als Sie schon wieder irgend etwas Neues vorbringen, etwas Neues und Wichtigeres in der Form von Spuren und Entdeckungen, und meistenteils«, fügte er nachdenklich hinzu, »etwas, das alle meine mühsam aufgebauten Theorien umwirft.« »Das glaube ich aber jetzt nicht«, sagte sie. »Ich meine nur die Frau ›oben‹.« »Was für eine Frau ›oben‹?« fragte er erstaunt. »Erinnern Sie sich denn nicht, wie ich Ihnen erzählte, daß Jake mit dem Daumen nach der Zimmerdecke wies und sagte, wenn ich ein Gesicht hätte wie sie –« Sie hielt inne. »Seien Sie nicht böse«, sagte er sanft. »Ich bin wirklich ein Scheusal, und noch dazu ein gedankenloses Scheusal. Aber es hat sich heute so viel ereignet, daß ich kaum noch an den Fall Stuart gedacht habe. Und das erinnert mich, daß ich telephonieren muß.« Er verlangte eine Nummer, die sie als die des Trafalgar Hospitals kannte. »Bitte, das Büro der Oberschwester«, sagte er und, während sie sich noch wunderte, was dies bedeuten sollte, »Sind Sie es, Direktrice? Ja, ich bin es, Larry Holt. Wie geht es Ihnen? – Sagen Sie, haben Ihre Außenschwestern viel zu tun? – Ich meine, ob einige von ihnen frei sind. – So, das trifft sich ja sehr gut. – Ich möchte Sie bitten, mir eine nette, mütterliche Schwester nach meiner Wohnung in Regent's Gate Gardens zu schicken. – Sie wissen doch, wo ich wohne? – Ob ich krank bin? – Nein, ganz und gar nicht, aber es wohnt jemand bei mir, der nicht ganz auf dem Posten ist – jawohl, eine Dame.« Er hängte den Hörer an und sah die erstaunten Blicke des jungen Mädchens. »Haben Sie denn eine Dame bei sich wohnen?« fragte sie erstaunt. »Nein, noch nicht, aber sehr bald«, war die Antwort. »Sie gehen nur noch nach Ihrer Wohnung in der Charing Croß Road, um sich alle Sachen zusammenzusuchen, die Sie nötig haben. Und dann kommen Sie nach meiner Wohnung, wo Sie bis auf weiteres unter der Obhut einer sehr netten Schwester bleiben werden.« »Aber das kann ich nicht, das ist ganz ausgeschlossen«, sagte sie mit blutrotem Gesicht. »Ich könnte niemals –« »Doch, Sie könnten sehr gut«, sagte er, »und Sie werden es jetzt genau so machen, wie ich Ihnen gesagt habe. Wenn nicht, bin ich gezwungen, mich jede Nacht vor Ihre Wohnungstür zu setzen, und hole mir natürlich den Tod bei der Kälte.« Endlich stimmte sie zu. Dann gingen sie beide zusammen essen, und nachher führte er sie in das Macready-Theater, wo sie sich das Stück Dearborns ansahen. Am Ende des zweiten Aktes verließen sie völlig verblüfft das Theater. »Wie ist es nur möglich, daß irgend jemand einen solch schrecklichen Unsinn auf die Bühne bringen kann?« fragte das junge Mädchen auf dem Wege nach seiner Wohnung. »Es ist mehr als unbegreiflich«, sagte Larry. Es war schon nach elf, als sie nach seiner Wohnung kamen. Die Fahrstühle waren nur bis halb elf im Dienst, und so mußten sie die Treppen hinaufgehen. »Achten Sie auf die Stufen«, sagte Larry. »Die Treppenbeleuchtung ist unter aller Würde.« Er ging voraus, und sie sah ihn plötzlich auf dem zweiten Treppenabsatz stehenbleiben. »Allmächtiger! Wer ist denn das?« Halb zusammengebrochen und regungslos lag ein Mann gegen seine Tür gelehnt. Larry beugte sich über ihn hinweg, klingelte, und gleich darauf öffnete Sunny die Tür. In dem Lichtschein, der von der Diele herausfiel, sah Larry das Gesicht des Mannes. Sein Atem ging schwer und röchelnd; Gesicht und Kopf waren mit Blut bedeckt. »Sunny, ist die Krankenschwester gekommen?« »Jawohl, Sir«, sagte Sunny und blickte auf den Verwundeten.« »Dann wird sie uns sehr nützlich sein.« »Aber wer ist denn das?« fragte Diana und lugte an ihm vorbei. »Flimmer Fred«, sagte Larry leise, »und näher dem Tode als irgendwer.« 26 Sie trugen den Verwundeten ins Wohnzimmer und legten ihn auf einen Diwan. In der oberen Etage wohnte ein Doktor, der glücklicherweise noch nicht zu Bett gegangen war und in wenigen Augenblicken unten war. »Sehr schwer verwundet«, war sein Befund. »Zwei tiefe Messerstiche, und die Kopfwunde sieht aus, als ob der Schädel gebrochen wäre.« »Der Mann muß vor meiner Wohnungstür angegriffen worden sein«, sagte Larry. »In seinem Zustand konnte er doch nicht bis hierher gekommen sein.« »Unmöglich«, bestätigte der Arzt. »Vielleicht hätte er noch zwei oder drei Yard laufen können, aber meiner Meinung nach ist er dort angefallen worden, wo Sie ihn gefunden haben: vor Ihrer Tür. Kennen Sie den Mann?« »O ja«, war Larrys Antwort. »Er ist eine alte Bekanntschaft von mir. Schwebt er in Lebensgefahr?« »In sehr großer«, antwortete der Doktor ernst. »Der Schädelbruch ist das Schlimmste. Ich würde ihn sofort in ein Hospital bringen lassen, wo er untersucht und, wenn nötig, sofort operiert werden kann.« Der Krankenwagen war gekommen und wieder weggefahren, und die einzige Erinnerung an Flimmer Freds Besuch waren einige dunkle Flecken vor der Tür. Die Schwerster erfüllte in jeder Weise seine telephonisch gegebenen Ansprüche. Sie war wohlbeleibt, gemütlich und sehr mütterlich, und in den ersten freien Minuten machte Larry sie mit den Gründen bekannt, die ihre Anwesenheit in seiner Wohnung verlangten. »Es war nach den schrecklichen Erlebnissen, die Miß Ward heute durchmachen mußte, selbstverständlich ausgeschlossen, sie in ihre Wohnung in der Charing Croß Road zurückkehren zu lassen«, und Schwester James, ganz und gar nicht unzufrieden, einen so leichten »Fall« zu erhalten, stimmte ihm von ganzem Herzen bei. Sie bewies ihre Autorität, indem sie Diana sofort ins Bett schickte, was das junge Mädchen kleinlaut genug befolgte. Aber Schlaf war unmöglich für sie. Um zwei Uhr morgens hörte Larry, der arbeitend an seinem Schreibtisch saß, das leichte Knarren einer sich öffnenden Tür, blickte auf und sah sie im Türrahmen stehen. Sie war im Morgenrock, und ihr Haar war in einem langen, goldenen Zopf geflochten. »Ich kann nicht schlafen«, sagte sie nervös, beinahe schroff. Larry sah, sie war überreizt, und zog einen bequemen Sessel für sie heran. Sie saß still mit gefalteten Händen in ihrem Sessel. Kein Laut ließ sich hören wie das Ticken der Uhr auf dem Kaminsims und dann das Knarren von Larrys Stuhl, als er sich ihr zuwandte. »Was bedrückt Sie, Diana?« Sie blickte schnell zu ihm auf. »Glauben Sie, daß ich bedrückt bin?« Er nickte. »Sie haben recht. Die Frau ›oben‹ läßt mir keine Ruhe.« »Die Frau ›oben‹? – Ach, Sie meinen die Frau, von der Jake gesprochen hat? Aber Diana, ein ›oben‹ gab es ja gar nicht mehr. Sie waren ja schon in der obersten Etage des Hauses, und das Haus ist ein Stockwerk niedriger als Todds Heim.« Aber Diana konnte sich nicht zufrieden geben. »Arme Seele, arme Seele« murmelte das junge Mädchen und begann zu Larys Schrecken leise zu weinen. »Der Gedanke an sie läßt mir keine Ruhe, läßt mich nicht schlafen«, schluchzte sie. »Sie werden sie festhalten. Sie dürfen sie ja gar nicht freilassen.« »Warum denn?« rief er mit stockendem Atem. »Wollen Sie vielleicht sagen, daß die Frau Clarissa Stuart ist?« Sie blickte ihn mit tränenüberströmtem Gesicht an. »Clarissa Stuart? – Nein, ich denke nicht, daß sie Clarissa Stuart ist.« »Wer kann es dann sein?« fragte er. »Wer denken Sie denn überhaupt, wer sie ist?« »Ich denke es nicht – ich weiß es sicher«, mit qualvoller Langsamkeit suchte sie nach den Worten. »Die Frau ist Emma. Die Aufwärterin Emma aus der Pension.« Larry sprang auf die Füße und sagte dann langsam: »Die Aufwärterin! – Sie haben recht!« Wieder war das leise Ticken der Uhr das einzige Geräusch in dem Zimmer, als sie sich beide, jeder mit seinen Gedanken beschäftigt, gegenübersaßen. »Sie glauben also, daß zwischen dieser furchtbaren Bande und dem Fall Stuart ein Zusammenhang besteht?« Sie nickte. »Auch ich glaube das«, sagte Larry, »und habe meine sehr guten Gründe dafür. Und doch kann ich nicht sehen, was sie durch den Tod Stuarts gewonnen haben, falls sie natürlich nicht mit dem Mädel, das sich Clarissa Stuart nannte, unter einer Decke stecken?« Sie machte mit den Armen eine kleine hoffnungslose Bewegung und erhob sich. »Ich kann den ganzen Zusammenhang erkennen«, sagte sie. »Er ist für mich ganz klar, aber – einen einzigen Menschen konnte ich in die Angelegenheit nicht hineinbringen«, fuhr sie fort, »nun haben Sie mir auch dafür eine Erklärung geliefert.« »Und wer ist das?« »Flimmer Fred! – Er ist weiter nicht als ein gewöhnlicher Verbrecher, der in die ganze Sache mit hineingezogen wurde, ohne selbst davon eine Ahnung zu haben.« Sie nickte nachdrücklich, als ob sie sich erst in diesem Augenblick über den Punkt völlig klar geworden wäre. »Aber die anderen? – Der blinde Jake, der für einen unbekannten Herrn arbeitet? – Die Aufwärterin, das bedauernswerteste Opfer von allen! – Armer Lew, mit seinen tauben Ohren und armen, wunden Fingern – Sie haben ja die Finger nicht gesehen. Ich wollte gerade darüber mit Ihnen sprechen, als wir von dem Doktor unterbrochen wurden.« »Wunde Finger?« fragte er erstaunt. »Nein, ich habe sie nicht bemerkt.« »Ich habe es gefühlt«, schauderte sie zusammen, »als er mein Gesicht berührte. Alle seine Finger waren an den Spitzen mit Blasen bedeckt, verbrannt.« »Aber, mein Gott, warum denn nur?« »Damit er weder Braille-Schrift schreiben noch lesen kann!« sagte sie langsam. »Das ist ja unmöglich«, rief Larry entsetzt. »Eine solche Gemeinheit kann es in der Welt nicht geben! – Liebes Kind, ich bin mit einigen der schaurigsten Verbrechen in Berührung gekommen, die je in Europa begangen wurden. Ich habe die Opfer gesehen und die Täter aufgespürt, verfolgt und hängen lassen. Menschen können grausam, lasterhaft, gewissenlos, blutdürstig sein, aber sie begehen nicht kalten Blutes solche Scheußlichkeiten, wie sie Ihrer Meinung nach diesem armen, blinden Mann zugefügt wurden.« Sie lächelte wieder. »Ich glaube, Sie haben sich selbst noch nicht klar gemacht, wie schlecht, wie grundschlecht diese Menschen sind. Was nun Dearborn betrifft –« sie lachte auf. »Diana, liebe Diana, Sie haben jetzt das Stadium erreicht, wo man gegen jeden Menschen mißtrauisch ist. Aber doch nicht mißtrauisch gegen den armen John Dearborn, der aus reinster Menschenliebe in jener Spelunke und inmitten dieser fürchterlichen Menschen arbeitet?« Sie nickte. »Ich gab John Dearborn die Hand, als ich dorthin kam. Ich gab ihm die Hand, als ich wegging«, sagte sie. »Das macht ihn doch nicht zum Verbrecher«, lächelte er. »Und als ich ihm meine Hand hinhielt, ergriff er sie. Denken Sie doch, bitte, daran, daß ich zwei Jahre lang Schwester in einem Blindenheim war ... als ich meine Hand hinhielt, ergriff er sie.« »Ja, aber warum denn nicht?« fragte Larry verständnislos. »Weil er sie nicht sehen konnte, wenn er blind war. Und John Dearborn ist ebensowenig blind wie Sie oder ich.« 27 »Sagen Sie das bitte noch einmal«, rief Larry. »Sie hielten die Hand hin, und er ergriff sie.« Sie nickte. »Wissen Sie denn nicht, daß man immer die Hand eines Blinden ergreift, wenn man ihn begrüßen will, weil er ja doch die ausgestreckte Hand nicht sehen kann? – Aber Dearborn erhob seine Hand im gleichen Augenblick, wo ich ihm meine entgegenhielt.« Larry starrte sie fassungslos an. »Wenn er nicht blind ist, warum ist er dann überhaupt in dem Heim? – Auf jeden Fall ist er doch aber ein Geistlicher.« »Es gibt keinen John Dearborn in der Liste der Geistlichen«, sagte das junge Mädchen ruhig. »Ich habe die ganze Liste sorgfältig durchgelesen; sein Name findet sich auch nicht auf den Listen der Independenten, Baptisten und Wesleyaner.« Larry sah sie voller Bewunderung an. »Sie sind wirklich ein Wunder! Haben Sie aber auch daran gedacht, daß er von Australien gekommen ist?« »Auch die australischen Listen kann man hier erhalten«, antwortete sie sofort, »und der einzige John Dearborn ist ein sehr alter Herr, der in Totooma lebt und sicherlich nicht mit dem unserigen identisch ist.« Sie hatte sich einen Stuhl dicht an seinen Schreibtisch gezogen und beugte sich mit verschlungenen Händen ihm zu. »Larry«, sagte sie, »– außerhalb der Bürostunden werde ich Larry zu Ihnen sagen – ist es Ihnen denn nicht aufgefallen, daß John Dearbons Stücke trotz aller ständigen Durchfälle immer wieder von dem Theater angenommen werden?« »Darüber habe ich schon oft nachgedacht«, gab Larry zu, und sie nickte mit dem Kopf. »Ich wünschte, Sie würden sich mal über das Direktorium des Macready-Theaters informieren«, sagte sie. »Man müßte herausfinden, aus welchen Personen sich das Syndikat zusammensetzt, das das Geld für Inszenierung dieser Stücke bewilligt oder aufbringt. – Ich kann nicht vergessen, daß Mr. Stuart von diesem Theater aus verschwunden ist.« »Ich auch nicht«, sagte Larry nachdrücklich. »Aber John Dearborn! Das ist nicht denkbar.« »Jetzt werde ich müde«, sagte sie, sich erhebend. »Ich habe mein Herz erleichtert. – Lassen Sie –«, sie zögerte einen Augenblick, »lassen Sie die Wäscherei beobachten?« »Ich habe da zwei Mann auf Posten, die jeden ein- und ausfahrenden Wagen anzuhalten und sich zu informieren haben, wer der Führer ist und was der Wagen enthält.« »Dann kann ich mich ja beruhigt zu Bett legen«, lachte sie leise. Als sie an ihm vorbeiging, strich sie ihm zart mit der Hand über das Haar und sagte: »Für einige Zeit noch ist Emma nicht in direkter Lebensgefahr. Die eigentliche Gefahr für sie beginnt in dem Augenblick, wenn sie von der Wäscherei weggebracht wird.« »Sie können darüber völlig beruhigt sein«, entgegnete Larry, und mit dieser Zusicherung verschwand sie in ihrem Zimmer, und er hörte, wie sich ihre Tür schloß. Der nächste Tag brachte keine neuen Entwicklungen. Die Polizei hatte noch einmal die Wäscherei durchsucht und doch noch einen Raum entdeckt, der oberhalb des Zimmers lag, in dem Diana eingeschlossen gewesen war. Larry verwünschte sich selbst, daß er seine erste Durchsuchung des Grundstücks nicht sorgfältiger durchgeführt hatte. Er war aber so erleichtert gewesen, als man Diana wiedergefunden hatte, und war darum nicht so gründlich vorgegangen, wie er es hätte tun müssen. Zwei Menschen wünschte er vor allen Dingen zu finden. Erstens den Mann, dem der kleine Finger der linken Hand fehlte, jene rätselhafte Person, die sich einen Tag vor ihm in Beverley Manor nach Mrs. Stuart erkundigt hatte. Und zweitens Emma, die geheimnisvolle Aufwärterin. Er fühlte in seinem Innersten, daß Emma den Schlüssel zu allen diesen unbegreiflichen Rätseln in Händen hatte. »Ich werde es mir nie verzeihen«, sagte er zu Diana, »wenn dieser Frau etwas zustößt.« »Sie brauchen nicht zu befürchten«, sagte sie kopfschüttelnd, »daß sie ihr ein Leid zufügen werden. Ihr Leben ist viel zu kostbar für die Bande, und ich werde ganz genau wissen, wann die eigentliche Gefahr für sie beginnt.« »Sie?« rief er überrascht. »«Wirklich, Diana, manchmal sind Sie mir direkt unheimlich.« Sie lachte und ließ ihre Schreibmaschine emsig klappern. »Flimmer Fred ist noch nicht zur Besinnung gekommen«, erzählte er ihr, »aber die Aussichten dafür sind nicht ungünstig. Der Doktor sagt, daß kein Schädelbruch vorliegt und daß der Druck auf das Gehirn, der ihn noch besinnungslos hält, nachlassen wird.« »Wo liegt er denn?« »Im St. Mary-Hospital«, erwiderte Larry. »Ich habe ihn in ein Privatzimmer legen lassen mit einem Mann als Wache. Nicht, weil ich befürchte, der arme Fred könnte entwischen«, fügte er lächelnd hinzu, »sondern weil es einige Leute in London gibt, denen außerordentlich viel daran liegt, daß er entwischt, aber nur auf eine Weise, die ihnen selbst vollkommene Sicherheit garantiert –« Sie brauchte nicht zu fragen, was er damit meinte. Larry legte den Federhalter weg. »Es wäre keine schlechte Idee, wenn wir nach St. Mary fahren und uns an der Quelle erkundigen würden, wie es ihm geht. – Wollen Sie nicht mitkommen?« Als sie sich vor dem zehn Zentimeter breiten und ebenso hohen Spiegel den Hut aufsetzte, fragte sie, ohne den Kopf nach ihm umzudrehen: »Was beabsichtigen Sie mit Dearborn zu machen?« Er strich nachdenklich sein Kinn. »Im Augenblick weiß ich wirklich nicht, was ich machen soll. Es ist schließlich kein Verbrechen, wenn ein Mann behauptet, er wäre blind und ist es nicht. Und übrigens hat er vielleicht noch genügend Sehkraft, um Ihre Hand gesehen zu haben. Vielleicht gibt es noch ein Dutzend anderer Erklärungen. Er konnte ja seine Hand auch ganz mechanisch, instinktiv erhoben haben.« Sie nickte. »Es ist möglich«, versetzte sie ruhig, »aber er lächelte doch auch, als ich ihm zulächelte.« »Wer würde das nicht tun?« sagte Larry verliebt. In dem Büro des Chefarztes von St. Mary trafen sie den Chirurgen, der diesen Fall in Händen hatte. »Sie kommen wie gerufen«, meinte er. »Ihr Schützling ist gerade wieder zur Besinnung gekommen.« »Darf er sprechen?« fragte Larry eifrig. »Ich denke ja, wenn die dringende Notwendigkeit dazu vorliegt. Er ist begreiflicherweise sehr schwach, und unter gewöhnlichen Umständen würde ich keine Erlaubnis geben, ihn zu – vernehmen. Ich gehe in meiner Annahme wohl nicht fehl, daß es sich um eine besondere polizeiliche Recherche handelt.« »Allerdings«, sagte Larry grimmig. Der Arzt führte sie nach dem Krankenzimmer, an dessen Tür das junge Mädchen zögernd stehenblieb. »Soll ich mit hineinkommen?« fragte sie. »Ihre Gegenwart ist sehr notwendig«, sagte Larry, »und wenn auch nur in professioneller Eigenschaft. Haben Sie Ihr Stenogrammheft bei sich?« Sie nickte, und beide betraten das Zimmer, in dem Fred Grogan lag. Sein Kopf war ganz verbunden, sein Gesicht war blaß und verzerrt, aber seine Augen leuchteten auf, als er Larry erblickte. »Ich hätte es niemals für möglich gehalten, mich auf Ihren Besuch zu freuen«, sagte er. »Aber vor allen Dingen, Inspektor«, seine Stimme klang sehr ernst, »müssen Sie die Frau aus dem Kesselhaus herausholen.« »Die Frau im Kesselhaus?« fragte Larry schnell. »Was meinen Sie damit?« »Das Kindermädchen. Die Amme von Clarissa«, war die verblüffende Antwort, »und wer Clarissa eigentlich ist, mag der Teufel wissen.« »Also jetzt werde ich Ihnen mal die reine Wahrheit erzählen«, begann Fred und setzte sich im Bett zurecht. »Das beste ist, ich fange von vorne an, und ich muß mich da in ein schlechtes Licht setzen, aber Sie müssen eben eine ganze Masse, was ich Ihnen hier erzähle, vergessen, weil ich sonst in den Verdacht kommen könnte, nicht ganz ehrlich zu sein.« »Der Gedanke, daß sich eine derartige Meinung über Sie verbreiten könnte, wäre mir unerträglich«, sagte Larry, aber ohne zu lächeln, »und ich kann Ihnen die Zusicherung geben, daß sämtliche Einzelheiten, die sich nicht direkt auf den Mord Gordon Stuarts beziehen, in diskretester Weise vergessen werden.« »Famos!« sagte Fred sichtlich erleichtert. »Also los. Die ganze Geschichte beginnt vor ungefähr vier oder fünf Jahren in Montpellier. Kennen Sie vielleicht Montpellier?« »Sehr gut«, sagte Larry. »Sie können also alle topographischen Einzelheiten auslassen. Ich kenne die Stadt vom Coq d'Or bis zum Palais.« 28 »Ich war gerade in Montpellier«, begann Fred, »sah mir die Gegend an und amüsierte mich ein bißchen, bis ich so langsam in einen Spielklub hineinkam, der still und leise von einem Mann namens Floquart geleitet wurde. Gespielt wurde Bakkarat, und ich habe immer viel Glück beim Bakkarat, namentlich wenn ich gut Freund mit dem Geber bin. Diesmal aber war ich mit dem Geber nur ›oberflächlich bekannt‹, wie Sie vielleicht sagen würden, und drei ganze Tage lang habe ich kein anderes Geld wie mein eigenes in die Hände bekommen. Und jeden Tag war von meinem eigenen Gelde immer weniger zu sehen. Na und dann haben sie mich in einer Nacht fein säuberlich ausgenommen, und als ich von Floquart wegging, hatte ich gerade Geld genug, um nach Hause zu kommen, wenn ich zu Fuß ging. »Ich kam gerade aus der Rue Narbonne, als ich einen Schuß hörte, und sah auf der anderen Seite des Platzes einen Mann an der Erde liegen und einen anderen auffallend schnell weggehen. Nirgendwo war ein Schutzmann zu sehen. Der Kerl, der so schnell abmarschierte, mußte wohl gedacht haben, daß er glücklich entwischt war, als ich plötzlich auf ihn zukam. Es war Morgendämmerung und gerade hell genug, daß ich sein Gesicht sehen konnte. Er sah sehr gut aus, hatte einen großen, gelben Bart und war, glaube ich, zu Tode erschrocken, als ich plötzlich auftauchte und ihn in Beschlag nahm. Privatangelegenheiten gingen mich ja schließlich nichts an, aber Sie müssen nicht vergessen, daß ich völlig – hm – ausgemistet war. Dann dachte ich auch, hier wäre die Gelegenheit, einem Mitmenschen in Not zu helfen und ihn von etwaigen Geldsummen, die ihn vielleicht verdächtig machen könnten, zu befreien. Er erzählte mir eine lange Geschichte, daß der Mann, den er erschossen hatte, ihm eine große Gemeinheit zugefügt hätte – in Gegenwart der jungen Dame möchte ich nicht näher darüber sprechen –, und dann steckte er mir ungefähr sechzehntausend Franken in die Hände, und dann ließ ich ihn seiner Wege gehen; er tat mir so leid.« Er blickte verschmitzt zu Larry auf und grinste. »Weiter. – Als ich sah, daß sich kein Schutzmann blicken ließ, ging ich über den Platz und sah mir den Erschossenen an, obwohl ich wußte, daß ich großes Risiko lief, in der Nähe einer halben oder ganzen Leiche gesehen zu werden. Man hat später gesagt, er wäre sofort durch den Schuß getötet worden, das stimmt aber nicht, denn er lebte noch, als ich zu ihm kam und mich nach dem armen Teufel bückte, um zu sehen, ob ich noch etwas für ihn tun könnte. Ich fragte ihn, wer auf ihn geschossen hätte, und er sagte« – Fred machte eine nachdrückliche Pause – »David Judd.« Larry zog erstaunt die Augenbrauen in die Höhe. »David Judd?« fragte er. »Ist er mit dem Doktor Judd verwandt?« »Sein Bruder«, sagte Fred. »Und auf diese Weise habe ich den Doktor kennengelernt. Ich habe Judd immer gesagt, daß ich ihn in der Straße wiedererkannt hätte, in Wirklichkeit aber war es der arme Teufel auf dem Platz in Montpellier, der ihn verraten hat. Ich versuchte immer noch herauszubekommen, warum man ihn angefallen hatte, als er unter meinen Händen starb. Ich wußte natürlich sehr gut, daß ich nichts dabei gewinnen konnte, bei einem ermordeten Menschen gefunden zu werden, obwohl ich glücklicherweise keinen Revolver bei mir hatte und auch nachweisen konnte, wo ich gewesen war. Dann hörte ich den schweren Fußtritt von einem Polizisten in der Nebenstraße, und machte, daß ich so schnell wie möglich fortkam. Aber der Schweinehund hatte mich doch gesehen, und ich mußte vor dem Untersuchungsrichter erscheinen und nachweisen, daß ich mit dem Mord gar nichts zu tun hatte und daß ich auf die Suche nach einem Arzt ging, als ich gesehen wurde. Ich hatte nämlich den vernünftigen Einfall«, fügte er hinzu, »sofort nach einem Arzt zu laufen, als es mir klar war, daß die Polente mich gesehen hatte.« Er machte eine Pause, weil er selbst es ziemlich schwierig fand, für seine nachfolgenden Handlungen Worte zu finden, die ihn in ein nicht zu schlechtes Licht stellen würden. »Als ich nach London zurückkam, hielt ich es für meine Pflicht, Mr. David Judd aufzusuchen«, sagte er. »Er war nicht in seinem Büro – er hatte damals einen Privatraum in der Greenwich-Versicherungs-Gesellschaft –, aber ich sprach mit seinem Bruder und schüttete ihm mein Herz aus.« »Mit Herz ausschütten meinen Sie natürlich, Sie wollten herausbekommen, wieviel er zahlen würde, damit Sie Ihren Mund hielten. Ist es nicht so?« »Stimmt ganz genau, Mr. Holt. Was Sie für 'n Kopf haben!« sagte Fred bewundernd. »Er war furchtbar aufgeregt, Doktor Judd meine ich, und sagte, er würde mit seinem Bruder sprechen, sobald er von seiner Reise zurückgekommen sein würde. Und dann passierte was, das zuerst so aussah, als ob es alle meine schönen Aussichten ruinieren wollte. Doktor David starb. Auf seiner Rückreise von Schottland erkältete er sich und starb innerhalb vierundzwanzig Stunden. Ich bin beim Begräbnis gewesen«, sagte Fred, »als Leidtragender, und ich wette, daß keiner mehr Kummer gehabt hat als ich. Trotzdem muß ich aber sagen, daß Doktor Judd sich mir gegenüber als Kavalier gezeigt hat. Nach dem Begräbnis seines Bruders ließ er mich zu sich kommen, sagte, daß er das Gedächtnis seines Bruders von jeder schlechten Nachrede frei halten wollte und bot mir eine regelmäßige jährliche Summe an, falls ich meinen Mund halten würde.« »Der Mann, der erschossen worden war, war doch ein Bürobeamter?« fragte Larry. »Er war Angestellter«, sagte Fred sehr langsam, »und zwar Angestellter der Greenwich-Versicherungs-Gesellschaft, der gegen David Judd Erpressungen versuchte.« Larry stieß einen leisen Pfiff aus. »Der Greenwich-Versicherungs-Gesellschaft«, wiederholte er; »Erpressungen gegen David! – »Was für ein Verbrechen hatte denn David begangen?« Fred schüttelte den Kopf. »Das kann ich Ihnen nicht sagen, Mr. Holt. Wenn ich es wüßte, würde ich es Ihnen sofort erzählen. Aber es muß eine ziemlich faule Sache gewesen sein. Doktor Judd sagte aber, daß sein Angestellter eine ganze Masse Geld unterschlagen hätte, und da muß auch was Wahres dran gewesen sein, denn ich erinnere mich, daß er bei Floquart viel und sehr hoch gespielt hat. »Also, um die Geschichte kurz zu machen, ich habe dann vier Jahre lang ein ganz gutes Einkommen von Doktor Judd bezogen. Ich will mich gar nicht entschuldigen oder versuchen, Ihnen zu beweisen, daß ich wie ein kleiner Kavalier gehandelt habe – das würde Sie ja auch gar nicht interessieren. Vor ein paar Tagen traf ich den Doktor bei einer Hochzeit. Er war eingeladen, aber ich nicht«, erklärte Fred schamlos, »aber das war ja auch das wenigste: ich ging jedenfalls hin. Er lud mich dann ein, gestern abend in seinem Hause in Chelsea mit ihm zu essen. Doktor Judd hat da ein pikfeines Haus, bis oben ran voll mit Gemälden und Schmucksachen. Und da er mir eine schöne runde Summe angeboten hatte, um mich ein für allemal loszuwerden, entschloß ich mich denn auch hinzugehen. »Da ist ein Kerl beim Doktor«, fuhr er nach kurzer Überlegung fort, »so 'ne Art Kammerdiener. Ich will ja keinen verraten, Mr. Holt, aber er ist ein alter Sträfling und hat in Portland in der Zelle neben mir gesessen.« »Er heißt Strauß«, sagte Larry, »hat eine Vorliebe für ›Koks‹ und ist dreimal verurteilt.« »Ach, das wissen Sie schon?« sagte Fred überrascht. »Ich kenne ihn also auch und traf ihn neulich ganz zufällig im Piccadilly. Er wollte gerade ein paar Kleinigkeiten unterbringen, die er seinem Herrn gemaust hatte, und da blieb ihm nichts anderes übrig, als auch mir etwas von seinem Überfluß abzugeben: ein Paar Manschettenknöpfe –« Larry fuhr hoch. »Da kamen sie also her? – Sie gehörten Doktor Judd?« »Ich bin nicht ganz sicher, ob sie wirklich Doktor Judd gehörten«, sagte Fred. »Wie ich von Strauß gehört habe, waren oft Wochenendgäste da, und vielleicht hat er die Knöpfe einem von diesen geklaut. Jedenfalls«, sagte er zögernd – er fand es schwierig, seine Pläne in Worte zu bringen, ohne sich selbst in einem zu schlechten Lichte erscheinen zu lassen – »hatte ich so die Idee, mir ein paar kleine Andenken mitzunehmen, bevor ich abreiste, und ich hatte mich mit Strauß verabredet, daß ich mir nur mal das Haus ansehen und einige Kleinigkeiten aussuchen wollte, die mich an meinen guten, alten Freund erinnern sollten. Als ich nun zum Essen eingeladen wurde, griff ich natürlich mit beiden Händen zu. Damit will ich nun nicht sagen, daß ich allein zu dem Diner gegangen wäre, denn so große Busenfreunde sind der Doktor und ich nun doch noch nicht; aber er erzählte mir, es würden noch eine Menge anderer Gäste kommen, und so ging ich dann hin. Ich war ja eigentlich um acht eingeladen, um die Zeit ist es schon stockdunkel, aber ich ging schon um sieben, und auch nicht direkt nach seinem Hause, sondern gegenüber nach der anderen Seite der Straße. Ich wollte nämlich lieber erst mal Doktor Judds Gäste ankommen sehen, bevor ich selbst auf der Bildfläche erschien. Ich wartete bis acht Uhr. Niemand kam. Ich wartete bis halb neun, und dann sah ich den Doktor herauskommen und die Straße auf- und abblicken. So hungrig war ich mittlerweile geworden, daß ich beinahe zu ihm hinübergegangen wäre, aber ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie ich allein, verstehen Sie, ganz allein mit einem Menschen speiste, den ich beschwindelt hatte. So wartete ich weiter und wartete und wartete, bis auf einmal ein Auto ankam und direkt auf das Einfahrtstor an der Seite des Hauses losfuhr. Ich dachte schon, das Auto würde die Tore eindrücken, als sie sich im Augenblick, wo die Scheinwerfer sie zu berühren schienen, öffneten. Das ist aber komisch, sagte ich mir, ging über die Straße und sah mir mal die Geschichte über das Tor hinweg an. Das bedeutete natürlich ein bißchen Klettern für mich, aber das ging ganz leicht und ohne alles Geräusch. Und wissen Sie, was ich sah? Der erste Mensch, der aus dem Wagen stieg, war das dicke Riesenvieh, der in der Jermyn Street versucht hatte, mir die Luft abzudrehen.« »Der blinde Jake?« warf Larry ein. »Ich bin ihm niemals vorgestellt worden«, sagte der andere bitter. »Jedenfalls sah ich ihn ganz deutlich, als er vor den Scheinwerfern vorbeiging; dann gingen die Lichter aus, und ich konnte nichts mehr sehen. Um zehn Uhr öffneten sich die Tore wieder – es war wie Zauberei, denn niemand war in der Nähe – und der Wagen fuhr heraus. Als er langsam an mir vorbeifuhr, rannte ich hinterher und sprang auf den Gepäckträger, der glücklicherweise heruntergeklappt war. In der Kings Road in Chelsea sprang ich ab, weil es da zu hell ist und ich von einem Polizisten gesehen werden konnte. Aber es gab 'ne Masse Taxis, ich nahm eine und sagte dem Chauffeur, er sollte hinter dem anderen Wagen herfahren. Ich wollte herausbekommen, wo der blinde Jake, so heißt er doch wohl? wohnte, und es machte keine große Schwierigkeit, dem Wagen zu folgen. Wir fuhren am Viktoria-Bahnhof vorbei, dann durch Grosvenor Place nach Park Lane zu. Ich befürchtete, das Auto würde in den Park einbiegen, und dann hätte ich es verloren, denn die Parkwege sind ja nur für Privatwagen offen, aber nicht für Taxis. Aber glücklicherweise oder leider, wie man's nehmen will, fuhr der Wagen nicht durch den Park, sondern durch die Edgware Road, und bog dann auf einmal in eine Seitenstraße ein«, fuhr Larry fort, »und ich riskierte es, meinen Kutscher zu bezahlen und ihnen zu Fuß nachzufolgen. Das Viertel war mir sehr gut bekannt, und ich hatte noch nicht mal zehn Minuten zu suchen, bis ich den Wagen vor einem Torweg in einer hohen Mauer anhalten sah. Der Fahrer mußte sich jedenfalls verfahren haben, denn ich war beinahe in demselben Augenblick da wie der Doktor.« »Dr. Judd? – War der auch da?« Fred nickte und bedauerte unendlich, seinen schmerzenden Kopf bewegt zu haben; es vergingen einige Augenblicke, bis er wieder fähig war, zu sprechen. »Wenn ich meinen dämlichen Schädel nicht stillhalte«, sagte er, sich selbst verspottend, »werde ich ihn noch verlieren. Ja, der Doktor war auch da. Ich war ganz dicht in ihrer Nähe – als sie alle drei ausstiegen, stand ich schon hinter dem Wagen. Der blinde Jake, ein anderer Kerl, den ich nicht kannte, und dann der Doktor. Einer hatte eine Tasche in der Hand und schien in schlechter Laune zu sein. »›Ich protestiere, zu so später Stunde auf eine solche Weise geholt zu werden‹, sagte er. »Der Doktor, nicht der blinde Jake, sagte etwas mit leiser Stimme, was ich nicht verstehen konnte. »Warum konnten Sie denn nicht einen anderen Arzt rufen? Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß Sie mich gezwungen haben, hierherzukommen, und ich komme nur unter Protest. Wo ist denn die Frau?‹ Und ich glaube, die Antwort war nicht für meine Ohren bestimmt, denn als der blinde Jake sagte ›Im Kesselhaus‹, und lachte, fuhr der andere mit einem Fluch auf ihn los und sagte, er sollte das Maul halten. »Sie gingen durch das Tor, und dann fuhr der Wagen an. Ich glaube, er mußte umdrehen, und die Straße war nicht breit genug. Das Tor war verschlossen und frisch gestrichen, aber ich konnte noch die Aufschrift ›Wäscherei‹ unter der neuen schwarzen Farbe erkennen.« »Haben Sie vielleicht den Namen der Straße gelesen?« fragte Larry. »Reville Street«, sagte er zu Larrys Überraschung. »Das ist ja die Straße, die mit Lissom Lane parallel läuft«, meinte er. »Man weiter, Fred.« »Ich mußte mich schleunigst dünne machen, weil man mich sonst gesehen hätte. Ich ging also um den Häuserblock herum und tauchte gerade wieder auf, als der Doktor herauskam. Diesmal waren es aber nur zwei Personen; der große blinde Mann war verschwunden. Was sie sich erzählten, konnte ich nicht hören, aber schließlich sagte der Doktor ›Gute Nacht‹, und der Wagen fuhr ab. Der andere sah hinter ihm her, und es blieb mir nichts anderes übrig, als bei ihm vorbeizuschlendern, als ob ich die Straße heraufgekommen wäre. Wenn es eine schlechte Angewohnheit gibt, dann ist es die, im Wachen oder im Schlafen Selbstgespräche zu führen«, sagte Fred nachdenklich. »Aber es gibt Leute, die können nichts dagegen machen. Also der Kerl, der da hinter dem Wagen herblickte, gehörte zu dieser Sorte. So 'ne Art Grübler. Und wie ich ihm gerade gegenüber war – er stand bewegungslos mit den Händen auf den Rücken und sah nach dem verschwindenden Schlußlicht des Autos –, hörte ich ihn was murmeln. Und die Worte waren, ich erinnere mich noch ganz genau: ›Clarissas Amme‹. Zweimal hat er das gesagt. Ich ging meiner Wege und dachte nicht im Traum daran, daß ich ihnen verdächtig vorgekommen war, dachte vielmehr: Das Beste, was du nun unternehmen kannst, mein lieber Fred, ist: sofort zu Mr. Holt und ihm erzählen, was du gesehen und gehört hast.« Larry nickte. »Ich war nur noch ein paar hundert Yard von Ihrem Hause entfernt, da hatte ich so ein unangenehmes Gefühl, als ob man mir nachfolgte. Sehen konnte ich niemand, aber ich hatte die ekelhafte Empfindung, die man bekommt, wenn die Polente hinter einem her ist und man sie nicht loswerden kann. Jetzt war ich in Ihrer Straße und sah mich nach Ihrem Hause um, war schon einmal daran vorbeigegangen, bis man mich wieder zurückschickte. Ich glaube, die Leute, die mir nachgegangen waren, müssen sich in das Haus geschlichen und oben auf mich gewartet haben. Ich erinnere mich noch, daß ich die Hand nach dem Türklopfer an Ihrer Wohnung hochhob und dann weiß ich nichts mehr.« Das junge Mädchen hatte eifrig mitgeschrieben und schloß nun ihr Buch. »Ich glaube, das ist so ziemlich alles«, sagte Fred mit schwacher Stimme. »Ich möchte gern mal trinken.« Zehn Minuten später flogen zwei Motorwagen mit Polizisten in Zivil nach West zu, und die Bewohner der kleinen Straße an der Rückseite der Wäscherei waren interessierte Beobachter einer zweiten Razzia. »Was ist das für eine Mauer?« fragte Larry einen seiner Beamten. »Die Mauer der eigentlichen Wäscherei«, antwortete Sergeant Harvey. »Ich habe sie schon sehr genau durchsucht, aber nichts gefunden.« »Haben Sie das Kesselhaus gesehen?« »Jawohl, Sir, es ist ein ganz gewöhnlicher Kesselraum mit einem großen Kessel und einer Dampfmaschine.« »Lassen Sie das Tor öffnen«, befahl Larry. »Sie haben doch Leute in Lissom Lane, die den anderen Ausgang bewachen?« »Ja, Sir« berichtete der Sergeant, und hatte in wenigen Augenblicken das Tor geöffnet. Der Raum, in den sie direkt von der Straße aus hineinkamen, lag in tiefer Finsternis. Als man Beleuchtung erhalten hatte, sah man eine lange Halle aus Ziegelsteinen mit Zementfußboden. Durch die Mitte liefen vier Reihen Tischgestelle, an denen früher die Angestellten der Wäscherei gearbeitet hatten. Eine Reihe Stufen, mit Geländer versehen, führten nach unten, und Larry ging den anderen voran nach dem Kesselhause. 29 »Sie sollten sich was schämen«, sagte Jake der Blinde und schüttelte langsam seinen riesigen Kopf. Er saß zusammengekauert auf der einen Seite eines röhrenförmigen Raumes, und seine Worte waren an eine erbärmlich aussehende Frau gerichtet, die mit mutlos gesenktem Kopfe ihm gegenüber saß und die Arme um die Knie geschlungen hatte. Sie war äußerst ärmlich gekleidet, graue Strähnen zogen sich durch ihre wild herabhängenden Haare, und Gesicht und Hände waren mit Schmutz bedeckt. Der Raum selbst konnte kaum als solcher bezeichnet werden. Er glich mehr einem vergrößerten Hauptrohr der Wasserleitung. Der Boden war mit Geröll und Zementstücken bedeckt. Am einen Ende war eine Eisentür, kaum groß genug, um einen normalen Menschen hindurchzulassen, am anderen Ende war ein unregelmäßiges Loch in der Eisenwandung, durch das man in eine dahinterliegende, schwarze Höhlung blicken konnte, deren Boden gleichfalls mit Geröll bedeckt war. »Du solltest dich vor dir selbst schämen«, tadelte der blinde Jake. »Sie tun alles, was sie bloß für dich machen können, du häßliche, olle Hexe, und du sitzt hier und wimmerst und heulst. Genau wie 'n junger Hund, dem man den Schwanz abgeschnitten hat.« Die Frau stöhnte und murmelte vor sich hin. »Wenn ich könnte, wie ich wollte, dann würdest du schon Grund haben, zu jammern«, sagte Jake. »Geben wir dir nich zu fressen? Haben wir dir nich 'n schönes Bett gegeben, wo de drauf liegen konntest, bis der verfluchte Hund seine Nase hier 'reinstecken mußte?« »Ich möchte weg von hier«, sagte die Frau. »Sie bringen mich ja um.« »Noch nicht«, kicherte Jake. »Vielleicht wollen Sie , daß du um de Ecke gebracht wirst – na, denn wirste eben umgebracht.« »Ich will fort von hier«, rief die Frau schluchzend. »Warum halten Sie mich in dem fürchterlichen Loch eingeschlossen?« »Willste lieber da unten bei de Ratten sein?« brummte Jake der Blinde. »Haste nich geschrien und gekreischt, als die kleenen Kerle dich anquiekten? Und nun sitzt de gesund und sicher hier, wo keene Ratte an dich 'ran kann, und von morgen ab kannste in einem feinen Haus wohnen mit schöne, weiße Decken auf de Betten. Du undankbarer, alter Deibel!« Sie erhob ihr kummervolles Gesicht und blickte den Mann neugierig an. »Sie sprechen von denen, als ob sie Engel wären«, sagte sie. »Einer dieser Tage werden Sie doch von Ihnen verraten –« »Halt's Maul!« fuhr der Mann bissig auf. »Du kennst Sie ja gar nich. Was haben Sie alles für mich getan? Wem verdanke ich denn mein feines Leben, so viel Geld, wie ich bloß haben will, Essen un Trinken? 'n hübsche, junge Frau haben Sie mir ooch gegeben«, er kicherte, aber sein Kichern endete in einer scheußlichen Grimasse. »Ich wer se noch kriegen; sie hat mich beinah umgebracht, das gemeine Frauenzimmer.« »Wer war sie denn?« fragte die Frau. »Geht dich gar nischt an. Du kennst se doch nich«, sagte Jake, schien aber nicht abgeneigt, weiter über diese Angelegenheit zu sprechen, »'n junges, flinkes Mächen war se. Aber sie gehört ooch zur Polente, und darum wollten Sie se ooch haben.« Sie antwortete nichts, und ihr Schweigen dauerte so lange an, daß er sich zu ihr beugte und sie mit seiner großen Hand anstieß. »Du wirst doch keenen Anfall kriegen?« fragte er ängstlich. »Doch nich so 'n Anfall wir das letztemal? Wir können nich immer 'n Doktor holen. Das nächste Mal wer ich dich zu Verstand bringen«, sagte er drohend. »Ich wer dich schon wach kriegen«, und er schüttelte sie wild. »Ich bin ja doch wach, ich bin ganz wach«, rief sie angstvoll. »Bitte, lassen Sie mich doch los; Sie brechen mir ja den Arm.« »'s gut, aber betrage dicht vernünftig«, brummte er und kroch dann langsam nach dem anderen Ende dieses röhrenförmigen Raumes, in dem nicht einmal die Frau, die nichts weniger als groß war, aufrecht stehen konnte. Es war bewundernswert, wie ein so riesenhafter Mann sich durch die zackige Öffnung in der Eisenwand hindurchwinden und in die dahinterliegende Höhlung kriechen konnte. Sie hörte, wie er Steine beiseite schaffte, um die Höhlung, an der er schon den ganzen Tag gearbeitet hatte, zu erweitern. Sie wunderte sich, wo sie sich eigentlich befand, denn sie war krank und besinnungslos gewesen, als man sie in diese schreckliche Kammer geschleppt hatte, und hatte keine Erinnerung, wie sie dorthin gekommen war. Sie wußte nur, daß man sie suchte, daß aber die fürchterlichen Leute, die sie hier gefangen hielten, alles taten, um ihre Entdeckung zu vereiteln. Als Jake zurück kam, sagte sie zu ihm: »Mr. Stuart würde Ihnen eine Menge Geld geben, wenn Sie mich zu ihm brächten.« Er kicherte. Das haste mir schon hundertmal erzählt, olle Närrin. Wenn Sie mich zu Mr. Stuart brächten, würde er Ihnen eine Menge Geld geben«, äffte er ihr nach. »Der wird mir sicher 'ne Masse Geld geben!« »Ich habe doch seine Kinder gepflegt«, jammerte sie, »und seine arme Frau. Und als ich mich verheiratete, hat er mir einen wunderschönen Trauring geschenkt.« »Halt endlich mal 's Maul«, fauchte der Mann sie an. »Kannste denn über gar nischt anderes reden? Hunderttausendmal hast de mir nu schon von seinen Kindern und dem verwünschten Trauring erzählt!« »Und als ich ihm von Clarissa erzählte«, flüsterte die Frau, »hat er mir tausend Pfund versprochen. Als ich ihn sah, bin ich vor Überraschung beinah umgefallen!« Der blinde Jake beachtete sie nicht weiter. Er hatte diese Geschichte schon so oft gehört, daß sie jedes Interesse für ihn verloren hatte. »Er hat ja niemals gewußt, daß er Zwillinge hatte, und dachte, sein Kind wäre gestorben.« »Wenn de nich geklaut und gesoffen hättest, hättste ihm ja erzählen können, wo sie war. Aber mach' dir man darüber keene Kopfschmerzen. Sie haben det Mädel gefunden, 'ne feine Dame is se und hat viel Geld. Ich habe gehört, wie Sie gesagt haben, daß sie 'ne feine Dame is und viel Geld hat«, fügte er einfältig hinzu. Sein Glauben und sein Vertrauen in seine geheimnisvollen Gebieter kannte keine Grenzen. »Ich trank ganz gern mal einen guten Tropfen«, gestand die nicht ganz zurechnungsfähige Frau ein, »und sie haben mich für rein gar nichts ins Gefängnis geschickt. Und die Anstalt war fürchterlich!« Plötzlich schoß er auf sie zu und legte seine Hände auf ihre Schultern. Sie öffnete den Mund, um zu schreien, aber bevor sie noch einen Ton hervorbringen konnte, zischte er ihr dicht ins Gesicht: »Einen einzigen Laut und de bist tot! Sei still!« Seine feinfühligen Ohren hatten das Geräusch von Fußtritten auf dem Fußboden über ihnen vernommen. Nur ein Blinder konnte diese schwachen Geräusche durch die trennenden Mauern hindurch gehört haben. Er kroch ganz dicht an sie heran, legte einen Riesenarm um ihre Schulter und hielt den anderen dicht vor ihr Gesicht. »Nur einen Laut und de bist tot!« flüsterte er noch einmal, und dann hörte man, wie jemand an die kleine eiserne Tür am anderen Ende anklopfte und Larry Holts Stimme ertönte: »Ist hier jemand?« 30 Diana Ward war es gewesen, die Larry auf den großen verrosteten Kessel in einer Ecke des Kellers aufmerksam gemacht hatte, der der Wäscherei Dampf und Energie lieferte. Larry versuchte vergeblich, die dicke, eiserne Kesseltür, die in den Feuerungsraum führte, zu öffnen. Er zog und zerrte, aber alle seine Mühe war umsonst. »Da kann doch niemand drin sein«, sagte Larry kopfschüttelnd. »Was meinen Sie, Harvey?« »In dem Kessel würde man ja ersticken«, erwiderte Sergeant Harvey. Das junge Mädchen blickte enttäuscht um sich. »Gibt es nicht noch einen anderen Platz, wo sie sein könnte? Ich hatte so sehr gehofft ...« Sie beendete ihre Worte nicht. »Nein, Miß«, sagte der Sergeant, »wir haben das ganze Haus sorgfältig durchsucht ... Sollen wir die Tür aufbrechen, Sir? fragte er. »Das wird ein paar Stunden dauern.« Larry schüttelte den Kopf. »Ich glaube, es ist nicht nötig. Ich stimme Ihnen bei, daß sich kein Mensch in dem Kessel aufhalten könnte, falls überhaupt Platz genug für einen Menschen sein sollte, um sich darin zu verstecken, was ich nicht einmal annehmen kann.« »Glauben Sie?« fragte das junge Mädchen, als sie weggingen, »daß uns Mr. Grogan die Wahrheit gesagt hat? – Es ist töricht, so dumme Fragen zu stellen: ich bin ja selbst davon überzeugt.« »Da haben Sie recht«, sagte Larry. »Fred ist nun gerade kein Musterknabe, aber in diesem Fall hat er uns nicht angelogen. Es ist wirklich wie ein Glücksspiel«, fügte er bitter hinzu. »Manchmal habe ich das Gefühl, als ob ich dieses Rätsel niemals ergründen werde.« »Das Rätsel wird gelöst, und zwar noch innerhalb einer Woche!« Diana sagte dies mit solcher Sicherheit, daß Larry sie sprachlos ansah. »Dann müssen Sie es lösen«, sagte er schließlich, »denn ich bin jetzt auf einem Punkte angelangt, und zwar dem gefährlichsten für jeden Detektiv, wo ich jeden Menschen in Verdacht habe. Verdacht auf Dr. Judd, auf den unschuldigen Mr. Dearborn, auf Flimmer Fred, den Chefkommissar, auf Sie selbst«, fügte er gutgelaunt hinzu, aber Diana lächelte nicht. »Ich habe mich schon gewundert, wie lange es dauerte, bis Sie mich in Verdacht haben würden«, sagte sie ernsthaft. Sie ging in Begleitung von Harvey nach dem Präsidium, während Larry nach dem Hospital fuhr, um dem verwundeten Hochstapler noch einige weitere Fragen vorzulegen. »Der Himmel weiß, daß ich in meinem ganzen Leben noch niemals einem Polizisten vertraut habe«, sagte Flimmer Fred, der aufmerksam Larrys Worten gelauscht hatte, salbungsvoll, »aber ich glaube, Sie sind ein anderer Schlag, Mr. Holt. In einer meiner Taschen ist der Schlüssel von meinem Bankschließfach, meine Garderobe hat die Anstalt in Verwahrung genommen. Es ist die Bank in Chancery Lane, und ich habe nun mal Vertrauen zu Ihnen«, sagte er mit eigenartiger Betonung. »In meinem Fach liegen verschiedene Dinge, die ich keinen Menschen sehen lassen möchte, aber Sie werden schon finden, was Sie suchen, ohne zuviel zu kramen. Da ist ein Paket Kriegsanleihe«, sagte er unsicher, »die ich mir im Schweiß meines Angesichtes erworben habe.« »Daß jemand dabei geschwitzt hat, möchte ich wetten«, sagte Larry munter. »Sie brauchen sich keine Sorge zu machen, Fred, daß ich hinter Ihre Geheimnisse kommen will, oder daß ich irgend etwas, was ich vielleicht finde, gegen Sie verwerten werde.« Fred fühlte sich äußerst unbehaglich. »Ich wußte ja, daß ich viel riskierte, als ich Ihnen die ganze Geschichte erzählte, denn es war sicher, daß Sie der Sache auf den Grund gehen würden, und ich war mir auch klar darüber, daß ich Ihnen helfen würde. Wenn ich gesund und munter wäre, würde es sehr einfach sein, denn ich hätte Ihnen die Schlüssel gegeben.« »Was sind denn das für Schlüssel?« frage Larry. »Nachschlüssel«, sagte Fred ohne zu erröten, »ich habe sie mir machen lassen. Strauß bekam die Schlüssel in die Hände, als der Doktor schlief, und machte die Abdrücke. Strauß ist gar kein so schlechter Kerl, aber das Schlimme ist, er ›kokst‹. Ich habe niemals für solche schlechte Angewohnheiten etwas übrig gehabt«, fügte Fred tugendhaft hinzu. »Man muß ein klares Auge und einen klaren Kopf haben, um im Leben vorwärtszukommen, stimmt das nicht, Mr. Holt?« »Und acht geschickte Finger plus zwei flinke Daumen«, sagte Larry. Ohne weitere Schwierigkeiten erhielt er die Schlüssel, und eine halbe Stunde später betrat er, vergnügt eine Melodie summend und mit Freds unrechtmäßigen Besitztümern in seiner Tasche klappernd, sein Zimmer Nummer 47 in Scotland Yard. Nach langem Zureden war Diana darauf eingegangen, bis auf weiteres unter Larrys Schutz zu bleiben. Auch die mütterliche Pflegerin war nun eine bleibende Einrichtung in Regents Gate Gardens geworden, was aber Mr. Patrick Sunny äußerst mißfiel, da er gezwungen war, sich in der Küche ein Feldbett aufzuschlagen. »Es tut mir leid, Sunny«, hatte Larry am Abend des ereignisreichen Tages gesagt, »Ihnen diese Unbequemlichkeit verursachen zu müssen. Sehen Sie, die Dame schwebte in großer Gefahr« – Sunny wußte das sehr gut, denn die ganze Angelegenheit war freimütig in seiner Gegenwart besprochen worden –, »und man hätte sie unmöglich in ihrer Wohnung lassen können.« »Nein, Sir, das war ausgeschlossen. – Was für einen Kragen wünschen Sie heute?« »Irgendeinen«, sagte Larry mit einem Lächeln. »Na, auf jeden Fall ist die Dame sicher, wenn sie hier schläft.« »Nein, Sir«, sagte Sunny, und Larry blickte ihn sprachlos vor Überraschung an. Zum erstenmal in seinem Leben stimmte Sunny ihm nicht bei. »Nein?« fragte er ungläubig. »Haben Sie denn nicht gehört, was ich gesagt habe? – Ich sagte, die Dame ist in unserer Wohnung sicher.« »Nein, Sir«, sagte Sunny, »ich bedauere, Ihnen widersprechen zu müssen und bitte ergebenst um Entschuldigung.« »Aber Sie meinen wirklich ›nein‹? Ja, warum ist sie denn hier nicht in Sicherheit?« »Weil Sie selbst nicht sicher sind, Sir«, erwiderte Sunny ruhig, »und solange Sie es nicht sind, ist es die junge Dame auch nicht.« »Es ist gut«, lachte Larry, »denken Sie, wie Sie wollen! Noch eins, Sunny ...« »Ja, Sir?« »Schließen Sie bitte heut nacht die Küchentür. Ich habe gehört, wie Sie sich im Bett bewegten und bin dadurch wach geworden.« »Ja, Sir, ich werde die Küchentür schließen«, sagte Sunny und tat es auch wirklich. Als Larry zu Bett gegangen war und die Wohnung in tiefem Schweigen lag, schleppte Sunny sein schmales Feldbett in die Diele, stellte es so auf, daß das Fußende ungefähr vierzig Zentimeter von der Tür entfernt war, lehnte einen Besen so gegen die Tür, daß der Stiel auf seiner Bettkante stand und legte sich hin. Aber die Küchentür hatte er zugemacht! Gegen zwei Uhr morgens wurde geräuschlos ein Schlüssel in das Schloß gesteckt, und die Tür öffnete sich langsam einige Zentimeter. Unbarmherzig fiel der Besen auf Sunnys Kopf. Larry hörte drei schnell aufeinanderfolgende Schüsse, sprang aus dem Bett und lief, Revolver in der Hand, in den Gang. Er sah ein leeres Feldbett, eine offene Tür, aber Sunny war verschwunden. Er flog die Treppe hinunter und begegnete dem würdigen Sunny, der einen kleinen Kerl, dessen gemeine Gesichtszüge schmerzhaft verzogen waren – er hatte eine Fleischwunde im Bein davongetragen –, am Kragen hinter sich herzog. »Bringen Sie ihn hinein«, sagte Larry und verschloß die Tür. Diana, die im Gang stand, zog sich hastig zurück, als man den Mann hindurchführte, erschien aber bald wieder, um an dem nicht sehr ordnungsmäßigen Verhör teilzunehmen, das durch eine respektvolle Entschuldigung Sunnys eingeleitet wurde. »Ich bitte um Entschuldigung, Sir, daß ich mir Ihren Revolver geliehen habe. Was nun mein Bett in der Diele anbetrifft, außerdem noch die Störung, die ich Ihnen verursachen ...« »Mein Junge, kein Wort mehr darüber«, sagte Larry mit einem dankbaren Blick zu seinem Diener. »Darüber sprechen wir später. Und nun, mein Freund«, wandte er sich dem abstoßend aussehenden Gefangenen zu, »was haben Sie zu Ihrer Entschuldigung anzuführen?« »Er hat keen Recht, Schießwaffen zu gebrauchen«, antwortete der Mann heiser. »Ich bin verwundet. Ich kam die Treppe runter, so ruhig und friedlich wir nur möglich, als der Mensch hier aus der Tür kam und auf mich schoß. »Du Unschuldsknabe«, sagte Larry ironisch. Er fühlte über die Taschen des Strolches hinweg und brachte ein Messer mit langer Klinge an das Tageslicht, dessen Schärfe er zwischen Daumen und Zeigefinger prüfte. Es war scharf wie ein Rasiermesser. Larry betrachtete den Mann genau. Er war ungefähr fünfunddreißig Jahre alt, hatte hohle Backen und tiefliegende Augen. »Zeigen Sie Ihre Hände«, befahl Larry. Mit finsterem Gesicht gehorchte der Mann. »Schon vorbestraft?« »Nein, Sir«, sagte der Mann mürrisch. »Wer hat Sie hierher geschickt?« »Finden Sie's doch 'raus!« »Das werde ich herausfinden«, sagte Larry sanft, »und Sie werden dabei etwas beschädigt werden. Also – wer hat Sie hierher geschickt?« »Von mir erfahren Sie nichts«, war die Antwort. »Ich glaube doch, mein Liebling«, sagte Larry, führte den Mann in die Küche und schloß die Tür hinter ihnen. Als zehn Minuten später Polizeibeamte erschienen, führten sie einen sehr erschütterten Mann ab. »Wie haben Sie ihn denn zum Sprechen gebracht«, fragte das junge Mädchen zaghaft. »Ich habe ihm gedroht, daß ich ihn waschen würde«, sagte Larry und sprach die reine Wahrheit. »Es war natürlich nicht diese Drohung, die seinen Mund öffnete, sondern der Umstand, daß er mit mir allein im Zimmer war, das Bewußtsein, daß ich ihm mit einem Griff seine Sachen herunterreißen konnte und die Angst, daß mein angedrohtes Waschen nur das Vorspiel zu einer schrecklichen Marter sein würde. Seine Verwundung hat übrigens nichts zu bedeuten. Sie wird sich wahrscheinlich schon geschlossen haben, bevor der Polizeiarzt sie überhaupt zu sehen bekommt. Und jetzt, glaube ich, können wir uns alle wieder in unsere diversen Gemächer zurückziehen. Sunny, bevor Sie zu Bett gehen, möchte ich Sie noch einmal sprechen.« Was Larry mit Sunny besprach, hatte zur Folge, daß er für den Rest der Woche mit stolzgeschwellter Brust einherwandelte. 31 Ein dünner weißer Nebel hing über dem Park und verhüllte den verlassenen Reitweg von Rotten Row. Sir John Hason, Chefkommissar der Polizei, dessen Gewohnheit es war, jeden Morgen vor dem Frühstück einen Spazierritt zu machen, erwartete weder noch wünschte irgendwelche Gesellschaft. Um so größer war daher seine Überraschung und auch sein Verdruß, als ein Reiter hinter ihm aus dem Nebel auftauchte, zu ihm heranritt und sein Pferd an Sir Johns Seite in Schritt fallen ließ. »Hallo, Larry«, rief John Hason. »Wo tauchst du denn auf einmal auf; ich dachte erst, du wärest ein Geist.« »Das werde ich auch bald sein. Lange wird's nicht mehr dauern, wenn ich nicht sehr aufpasse«, sagte Larry. »Aber ich wußte, daß ich dich hier finden würde, und so habe ich mir im Tattersall einen Gaul gemietet und bin hierhergekommen. Ich habe ein bißchen frische Luft nötig und möchte mal außerhalb der verblödeten Atmosphäre deines Büros mit dir sprechen.« »Gibt's was Neues?« »Ein kleiner Mordversuch wurde heute nacht probiert, aber das ist so etwas Gewöhnliches, daß es mir widersteht, dies als Neuigkeit zu rapportieren«, sagte Larry und berichtete von dem nächtlichen Besucher. »Das ist der merkwürdigste Fall, der mir jemals vorgekommen ist«, sagte Sir John Hason nachdenklich. »Nicht ein einziger Tag vergeht, ohne daß sich etwas Neues ereignet. Du hältst also die Frage mit der Aufwärterin für wichtig?« Larry nickte. »Du kennst ja London viel besser als ich, John«, sagte er. Zwischen ihm und seinem alten Schulkameraden gab es bei solchen Gelegenheiten wie diese keine Formalitäten. »Wer ist eigentlich Judd?« »Judd!« lachte der Kommissar. »Ich glaube nicht, daß du dir seinetwegen den Kopf zu zerbrechen brauchst. Er ist in der Geschäftswelt ganz gut angesehen; ich glaube aber gehört zu haben, daß sein Bruder sehr leichtsinnig gewesen sein soll. Beinahe sämtliche Aktien der Greenwich-Versicherungs-Gesellschaft gehören der Familie Judd. Es ist keine sehr bedeutende Gesellschaft, hat es aber fertig bekommen, jedem Versuch der Versicherungskonzerne und der großen Gesellschaften, die Greenwich-Kompanie aufzuschlucken, zu widerstehen. Das beweist Charakter und Standfestigkeit, die ich bewundern muß. Die Judds haben die Aktien von ihrem Vater geerbt und brachten die Gesellschaft, die damals als wenig sicher angesehen wurde, zu ihrer jetzigen Höhe.« »Ich habe heut nacht die Aufsichtsratsliste durchgelesen«, sagte Larry. »Sie ist im Jahresbericht der Börse, und ich habe eine ganze Zeit damit verbracht, mir den Kopf zu zerbrechen. Weißt du denn, daß John Dearborn auch Direktor der Gesellschaft ist?« »Dearborn, der Theaterschriftsteller?« fragte Hason schnell. »Nein, das war mir nicht bekannt. Selbstverständlich sind Direktoren in einer derartigen Gesellschaft, wie diese hier«, sagte er lächelnd, »nur von Judd vorgeschlagen und gewählt. Man hat mir erzählt, daß Judd ein ganz guter Kerl ist und eine Menge Geld für wohltätige Stiftungen spendet. Er unterhält beinahe ganz allein das Heim, in dem Dearborn der Vorsteher ist. Vielleicht hat man dem nur den Direktorposten gegeben, um das Heim auf diese Weise etwas zu unterstützen.« »Daran habe ich auch schon gedacht«, nickte Larry. »Wer ist aber Walters?« »Habe niemals von ihm gehört«, sagte Sir John. »Er ist ein anderer Direktor der Gesellschaft. Und Cremley? Ernest John Cremley aus Wimbledon.« »Der ist ganz sicher dekorative Figur«, lachte der Kommissar. »Ich kenne ihn oberflächlich. Er ist ein Mann mit sehr wenig Kopf, aber einem unstillbaren Appetit auf Karten. Warum fragst du?« »Weil diese beiden gleichfalls Direktoren des Macready-Theater-Syndikates sind«, antwortete Larry bedächtig. »Judds Name ist nicht erwähnt, dafür aber ein fremder Name, unter dem wahrscheinlich ein Strohmann Judds erscheint.« »Und was schließt du aus all diesem?« fragte der Chefkommissar. »Was ich daraus schließe?« – Larry verhielt sein Pferd und brachte es herum, so daß er seinem Chef in das Gesicht blickte – »daß Judd das Theater, in dem Dearborns Stücke aufgeführt werden, unter seiner Kontrolle hat. Es besteht also eine Verbindung zwischen Judd und dem Leiter der Blinden-Mission in Paddington.« Sir John dachte lange Zeit über diese Mitteilung nach, bevor er antwortete. »Ich kann wirklich nicht sehen, daß dabei etwas zu finden sein sollte. Dearborn ist doch schließlich nur das Opfer des blinden Jake, und Judd nach allem, was du mir in deinem Rapport von gestern mitgeteilt hast, ist überhaupt nicht in Mitleidenschaft gezogen worden, wenn du nicht unseren Freund Flimmer Fred mit hineinbringen willst. Ich kann sehr gut begreifen, warum der Doktor den Namen seines Bruders rein halten wollte«, fuhr er fort. »Judd vergötterte seinen jüngeren Bruder, hielt ihn für den besten und tüchtigsten Menschen in der ganzen Welt. Mir ist niemals ein Fall vorgekommen, wo ein Bruder soviel Liebe für den anderen bewies. Die ganze Woche hindurch, in der sein Bruder David Judd gestorben war, hatte der Doktor sich eingeschlossen und wollte niemand sehen. Teufel noch mal, was –!« Der überraschte Ausruf des Kommissars war sehr berechtigt, denn Larry hatte plötzlich sein Pferd herumgerissen und sprengte in scharfem Galopp quer durch den Park, ohne das gefährliche Gelände zu beachten, über das er hinwegsetzte. Der Mann hörte den Galopp der Hufe und rannte schnell wie ein Reh gerade auf das Parktor zu und in die Straße hinaus. Das Tor war so schmal, daß Larry nicht hindurchreiten konnte. Er sprang ab, überließ das Pferd seinem Schicksal und eilte auf die Straße. Er sah nur noch ein Auto, das von der Bordschwelle wegfuhr und sich schnell nach Westen entfernte. Vergebens hielt er nach einem Taxi Ausschau, zuckte die Achseln, fand sein Pferd, stieg auf und kanterte langsam zu Sir John zurück. »Was zum Teufel ist denn in dich gefahren?« fragte Sir John. »Ich sah einen Herrn, den ich brennend gern treffen möchte«, war Larrys ein wenig atemlose Antwort. »Einen gewissen blinden Jake, der seinen morgendlichen Gesundheitsspaziergang im Park macht, während sein Wagen wartet, um ihn, wie es sich für einen vollkommenen Kavalier geziemt, wieder nach Haus zu fahren!« 32 Als er nach seiner Wohnung zurückkam, war Diana bereits aufgestanden und saß am Frühstückstisch. »Ich dachte, Sie würden nicht wieder zurückkommen«, sagte sie mit einem leichten Seufzer. Er erzählte ihr von seiner Jagd im Park. »Das wirft eigentlich meine Annahme über den Haufen, daß der blinde Jake sich immer noch im Heim oder in der Wäscherei verborgen hält«, sagte sie, »denn das Haus ist doch wohl noch unter Beobachtung?« »Auf beiden Seiten«, antwortete Larry, »aber es gibt ein Dutzend verschiedener Wege, auf denen der Kerl herauskommen kann. Die Tatsache allein, daß er einen Morgenspaziergang machen kann, daß die Leute, die hinter ihm stehen, seine Gesundheit für wichtig genug halten, um ein Auto zu seiner Verfügung zu stellen, beweist, daß er während des Tages eingeschlossen sein muß.« Beide waren allein, da die Pflegerin und Anstandsdame ihre Toilette noch nicht beendet hatte. »Ich weiß wirklich nicht, wie dieser Fall mal endigen wird, Diana«, sagte Larry nach kurzem Schweigen, »und es ist jetzt ein sehr prosaischer Augenblick, um Ihnen zu sagen, was ich gern ... hm ... was ich gern sagen möchte, aber – aber, Diana, wenn der Fall wirklich einmal abgeschlossen ist, möchte ich nicht, daß Sie weiter im Präsidium bleiben.« Sie erblaßte leicht. »Sie wollen damit sagen, Sie sind nicht mit mir zufrieden«, sagte sie. »Als Sekretärin?« »Ich schätze Sie sehr als Sekretärin und als Mensch«, Larry gab sich die größte Mühe, in ruhigem Ton zu antworten. »Aber es gefällt mir gar nicht, daß – Sie hier arbeiten.« Beide schwiegen. Endlich sagte sie ruhig: »Ich denke nicht, daß ich nach Erledigung des Falles Stuart noch weiterarbeiten werde. Ich habe auch schon daran gedacht, meine Stellung aufzugeben.« Diese Antwort kam ihm gänzlich unerwartet und erfüllte ihn mit tiefem Schrecken. »Sie werden doch nicht weggehen?« rief er, und Diana brach in helles Gelächter aus. »Sie sind wirklich die inkonsequenteste Person, die man sich denken kann. In einem Augenblick entlassen Sie mich und hoffen in dem anderen, daß ich nicht weggehe.« – Sie bewegte sich auf gefährlichem Boden und war sich dieser Tatsache völlig bewußt. – »Aber schließlich« fügte sie mutwillig hinzu, »gibt es doch noch andere Stellen, wo tüchtige, junge Mädchen verlangt werden.« »Ich kenne eine Stelle, wo ein tüchtiges, junges Mädchen verlangt wird.« Larry schluckte hart. »Seine Arbeit besteht darin, sich um eine kleine Wohnung zu kümmern und das bescheidene Vermögen eines Kriminalinspektors, der eines schönes Tages auch mal was besseres wird, zu teilen.« Bei diesen Worten ließ sie das Stückchen Toast fallen, das sie gerade aufgenommen hatte. »Ich – ich verstehe Sie nicht«, stammelte sie. »Sie verstehen mich nicht?« wiederholte Larry. »Ich möchte Sie heiraten – scheren Sie sich zum Teufel!« Mit offenem Munde blickte sie auf und sah gerade noch, wie sich die Tür hinter dem schwergekränkten Sunny schloß. »Entschuldigen Sie, bitte – es tut mir furchtbar leid«, stotterte Larry. »Ich habe Sie doch nicht gemeint – ich meinte natürlich –« »Ich weiß, was Sie meinen«, sie legte ihre Hand auf die seinige, »Sie wollen mich haben?« »Ich verlange nach Ihnen«, sagte Larry heiser. »Ich sehne mich so sehr nach Ihnen, daß ich keine Worte finden kann, um Ihnen das auszudrücken.« Sie sagte nichts. Ihre Hand lag still unter seiner, aber als ihr Blick auf ihr verzerrtes Spiegelbild in der silbernen Kaffeekanne fiel, lachte sie auf, und Larry, der sehr empfindlich war, zog schnell seine Hand zurück. »Ich befürchte, ich mache mich lächerlich«, sagte er ruhig. Sie hatte sich nicht gerührt. »Legen Sie Ihre Hand wieder zurück«, flüsterte sie ganz leise, und Larry gehorchte. »Und jetzt erzählen Sie mir, was Sie sagen wollten. Ich mußte über mich selbst in der Kaffeekanne lachen. Ich sehe wirklich nicht aus wie jemand, dem man um halb neun Uhr morgens einen Heiratsantrag machen könnte.« »Und – wollen Sie wirklich?« stammelte er, kaum fähig, ein Wort herauszubringen. »Wollen? – Was denn – einen Antrag erhalten?« antwortete sie schalkhaft. »Ob ich das will! Es gefällt mir sogar sehr – liebster Larry.« Und dann fand sie sich in seinen Armen, und die Welt verschwand um sie herum. Sunny kam herein – sie sahen ihn nicht. Leise schlich er sich wieder hinaus, ging auf den Treppenabsatz vor der Wohnungstür und drückte auf den Klingelknopf des Fahrstuhls. Das junge Mädchen, das den Fahrstuhl bediente, war gut befreundet mit ihm und verschaffte ihm so manche wertvolle Auskünfte. »Louie«, sagte er und war noch feierlicher als gewöhnlich, »können Sie mir sagen, ob ich hier in der Nähe ein möbliertes Zimmer finden kann? – Ich glaube, ich werde bald woanders schlafen müssen.« »Woanders schlafen, Pat?« fragte Louie verwundert. (Er hatte ihr gnädigst die Freiheit gestattet, ihn bei seinem Vornamen anzureden.) »Will denn Ihr Herr eine Haushälterin nehmen?« »Ich glaube es«, sagte Sunny mit Grabesstimme. »Ich glaube es wirklich, Louie.« War er an diesem Morgen nach seinem Büro gefahren, gelaufen, vielleicht geflogen – Larry hatte keine bestimmte Erinnerung daran, alles war verschwommen, nur das eine wußte er: Diana Ward war an seiner Seite, und er war hoffnungslos, lächerlich, überwältigend glücklich in seiner Liebe zu ihr. »Aber doch nicht beim Frühstück«, sagte er laut. »Du lieber Himmel, doch nicht beim Frühstück!« »Nicht beim Frühstück?« wiederholte das junge Mädchen. »Ach so, du denkst an – ja, es war wirklich komisch.« »Es war ... wundervoll! Wundervoll! Ich fühle mich wie im Himmel.« »Dann muß ich dich mal wieder ein wenig auf die Erde zurückbringen«, sagte Diana ruhig. »Ich möchte, daß du mir etwas versprichst.« »Ich will dir alles versprechen, was es auch sein mag, Diana«, sagte er im Überstrom seiner Gefühle. »Verlange den obersten Ziegel des Schornsteins, verlange ein Stückchen vom Mond und –« »Gar nichts so Schwieriges. Ich möchte nur – und doch wird es vielleicht noch schwieriger sein«, sagte sie ernsthaft. »Willst du mir versprechen, daß du mich unter keinen Umständen bitten wirst, unsere Verlobung aufzuheben?« Er drehte sich zu ihr und wäre beinahe stehen geblieben. »Nichts mehr als das?« sagte er. »Wie kannst du nur auf den Gedanken kommen, daß ich jemals den Wunsch haben sollte, diese wunderbare Verlobung aufzulö–« »Ich weiß, ich weiß«, unterbrach sie ihn. »Es ist genau so wundervoll für mich, und doch« – sie schüttelte den Kopf – »willst du mir versprechen, daß du niemals unsere Verlobung aufheben wirst, was auch immer vorfallen mag, wie auch immer der Ausgang des Falles Stuart sein mag, ob du Erfolg hast oder nicht, was für Enthüllungen auch kommen mögen – willst du mir das versprechen?« »Das verspreche ich dir«, sagte Larry bestimmt. »Es gibt nichts auf der ganzen Welt, das mich veranlassen könnte, mein gegebenes Wort zurückzunehmen. Aber ich lebe in Todesangst, du wirst noch mal herausfinden, daß du dich an jemand weggeworfen hast, der deiner unwürdig ist. Wenn du das aber tust, schwöre ich dir, daß ich dich wegen gebrochenen Eheversprechens verklagen werde! Mit meinen Gefühlen lasse ich nicht spielen«, fügte er lachend hinzu. Als sie nach dem Zimmer 47 kamen, fanden sie zwei Mann, die im Gang auf sie warteten. Einer war ein Kriminalbeamter in Zivil, und der andere ein kleiner, verschrumpelter Mann, der nachdenklich, die Hände auf den Knien, auf einer Bank saß und mit sichtlosen Augen auf den Boden starrte. Bei seinem Anblick blieb Larry stehen. »Was soll das bedeuten?« fragte er. »Ach, bitte, sei nicht böse«, sagte das junge Mädchen bedauernd. »Das hätte ich dir ja erzählen müssen – ich habe ihn holen lassen.« »Das ist doch Lew«, rief Larry überrascht, und Diana nickte. »Du hast mir doch selbst gesagt, daß ich als Zeugen holen lassen könnte, wen ich nur immer wollte«, begann sie, aber er unterbrach sie freundlich: »Selbstverständlich, Liebling, du kannst tun, was du willst.« Er betrachtete neugierig den alten Mann, der teilnahmlos für alle äußeren Dinge in seiner dunklen, schweigenden Welt seinen eigenen Gedanken nachhing. »Bringen Sie ihn ins Büro«, sagte Larry, und zu Diana: »Wie willst du es denn anfangen, ihn zum Sprechen zu bringen? Wie willst du es ihm verständlich machen, was wir von ihm wollen?« Er schüttelte mitleidig den Kopf. »Ich habe es mir vorher nie recht klar gemacht, was für ein entsetzlicher Zustand es sein muß, blind und taub zu sein. – Kannst du dich mit ihm verständigen?« »Ich glaube – ja«, antwortete das Mädchen ruhig, »aber du mußt dir erst klar machen, daß Lew keine Idee hat, wo er eigentlich ist. Wie soll er das denn wissen? – Vielleicht denkt er, daß er immer noch in jenem fürchterlichen Blindenheim in der Gewalt der Leute ist, die ihn so grausam mißhandelt haben.« Larry nickte beipflichtend. »Ich brauche einen Revolver«, sagte das junge Mädchen, »und einen Schutzmann in Uniform.« Sie wandte sich Larry zu. »Ich muß sehen, ob ich noch nicht alles vergessen habe, was ich im Blindenheim gelernt habe«, und ergriff die Hand des alten Mannes. Sie nahm seine beiden Handgelenke und hob seine Hände an ihr Gesicht. »Eine Frau«, sagte Lew. Dann hielt sie die kleine Vase mit Blumen, die auf ihrem Schreibtisch stand, unter seine Nase. »Rosen, nicht wahr?« fragte er. »Das ist wohl ein Hospital.« Sie winkte den uniformierten Schutzmann, der an der Tür stand, zu sich heran und hob von neuem die Hände des alten Mannes hoch, führte sie leicht über den Uniformkragen des Beamten, über die Knöpfe der Tunika hinweg und ließ ihn schließlich den Helm berühren. »'n Blauer!« sagte Lew und fuhr zurück. Wieder ließ sie ihn an den Blumen riechen und strich von neuem mit seiner knochigen, alten Hand über ihre frische Wange. »Ich bin in 'm Hospital und 'n Schutzmann paßt auf mich auf. Sucht man mich denn für irgend was?« Diana nahm seinen Kopf zwischen ihre Hände und schüttelte ihn von rechts nach links. »Also nich? Was?« sagte er erleichtert. Larry beobachtete gespannt die beiden. »Bin ich vor den Schweinehunden sicher?« Wieder nahm sie seinen Kopf zwischen die Hände und zwang ihn zu nicken. »Ich soll wohl aussagen?« Das junge Mädchen wiederholte dieselbe Bewegung, zog einen Stuhl heran und führte ihn zu diesem. Der Kriminalbeamte hatte inzwischen den Revolver gebracht und reichte ihn dem jungen Mädchen. Sie nahm Lews Hand und strich leicht mit dieser über Griff und Lauf der Waffe. Er schauderte. »Ja, das haben sie mit mir gemacht«, sagte er. »Sie wollen sie wohl dafür fassen, nicht wahr? – Es war furchtbar grausam für 'nen blinden Mann. Warum kneifen Sie mich denn in die linke Hand?« Wieder ließ sie ihn nicken und zwickte dann seine rechte Hand und, ohne auf seine Frage zu warten, ließ sie ihn den Kopf schütteln. »Ich hab's, ich hab's begriffen«, sagte er eifrig. »Die rechte Hand bedeutet nein und die linke ja. Ist jemand hier – 'n Oberbonze?« Sie signalisierte ihm »Ja«. »Wollen Sie, daß ich aussage?« Wieder das »Ja«-Zeichen, und Lew begann seine Erzählung. Er und der blinde Jake waren Leidensgenossen, aber er war beinahe schon von Jugend an der Sklave des riesigen Kerls gewesen und hatte unter der Herrschaft dieses Verbrechers ein ständiges Leben voller Schrecken geführt. »Er hat Dinger gedreht, Sie würden zu Stein erstarren, wenn Sie se wüßten. Dinger«, sagte er kopfnickend, »hat Jake angestellt, an die ick nich gern denke – oft kann ich nachts nich schlafen.« Dann war vor fünf oder sechs Jahren Lews eigener Bruder ein Mitglied dieser außergewöhnlichen Bande geworden. »Und ein feiner, kräftiger Kerl war er«, sagte Lew stolz, »und sehen konnte er auch! Er lief immer auf den Jahrmärkten als Blinder herum, aber er konnte sehen wie ein Luchs, konnte sogar Zeitungen und Bücher lesen; 'n großer Kerl war er, Sir, und hatte einen langen, buschigen Backenbart. Ja, Jim war ein großer Kerl, aber 'n Gauner.« Dann waren sie unter den Einfluß jener außergewöhnlichen Macht geraten, über die der blinde Jake nur in so respektvoller Weise zu sprechen pflegte. Man hatte sie gebraucht, um Tote aus dem Hause fortzuschaffen, Jake hatte dabei geholfen und Jim und Lew. Er wußte nicht, ob man sie ermordet hatte, aber er glaubte es. »Das war 'ne gerissene Bande. Wissen Sie, was sie vor sechs Jahren fertigbekommen haben?« Er schien beinahe stolz auf das verbrecherische Genie dieser Schreckensmenschen zu sein. »Wir haben einen Mann in den Fluß geschmissen mit einem Gewicht an den Beinen. Denken Sie vielleicht, man hat Lunte gerochen, als der Körper gefunden wurde? Nich dran zu denken. Wo denken Sie, daß das Gewicht befestigt worden war? An einem großen Block Salz, der genau um die Beine von dem armen Deibel paßte. Als das Salz sich aufgelöst hatte, kam er fein nach oben und nischt war zu merken.« »Lebte er denn noch, als er hineingeworfen wurde?« fragte Larry, und das junge Mädchen schauderte bei diesem Gedanken. Der Mann konnte die Frage nicht hören, aber er antwortete, als ob er die Worte vernommen hätte. »Vielleicht war er tot«, fuhr Lew fort, »ich weiß es nicht mehr, Krakehl oder so was Ähnliches hat er jedenfalls nich gemacht. Aber ich hatte keine Ahnung, daß sie ihn ins Wasser werfen würden, ich hatte bei Gott keine Ahnung davon. Wie konnte ich denn das wissen? Aber ins Wasser ging er! Na und dann verschwand Jim. Ich weiß nicht, was ihm passiert ist. Eines Tages ging er, und wir haben ihn nie wieder gesehen. Das war, wenn ich mich recht erinnere, im Mai vor vier Jahren.« Lew wurde dann ängstlich, begann allmählich Gefahr für sich selbst zu fürchten und lebte nach dem geheimnisvollen Verschwinden seines Bruders in ständigem Schrecken vor Jake und seinen Drohungen. Er selbst konnte nicht Braille-Schrift schreiben, aber es gab in Todds Heim einen Mann, »'n anständiger Kerl, wissen Sie«, der die Mitteilung schreiben konnte, die er in die Tasche des nächsten Opfers stecken wollte. Möglicherweise hatte er von Jake gehört, daß es in nächster Zeit »Arbeit« geben würde. »Ich glaube, es ist besser, ich gehe jetzt«, sagte das junge Mädchen, das auf einmal tief erblaßt war. Larry führte sie in den Gang und brachte ihr ein Glas Wasser. »Es geht mir schon wieder besser«, lächelte sie tapfer. »Gehe ruhig wieder zurück und höre zu.« Lew sprach noch, als er wieder in das Büro kam, und als er seine Erzählung beendet hatte, wußte Larry alles Wissenswerte über den Mord an Gordon Stuart. An diesem Abend fand eine Konferenz aller Abteilungschefs des Präsidiums unter dem Vorsitz des Chefkommissars statt. »Ich bezweifle, daß die Aussagen dieses Mannes als überführend betrachtet werden«, sagte Sir John bedächtig; »wenn Sie darauf bestehen, werden wir die Haftbefehle erhalten. Ich glaube aber, daß wir mit dem, was wir schon erfahren haben, die Bande vielleicht auf frischer Tat fassen können, wenn wir ihr noch ein wenig Spielraum lassen.« Larry kam gerade rechtzeitig in sein Büro zurück – Diana war bereits nach Haus gegangen –, um das andauernde Läuten seines Telephons zu hören. »Ist dort Mr. Holt?« fragte eine unbekannte Stimme. Gewöhnlich kommt es äußerst selten vor, daß man im Präsidium von anderen Personen als Beamten oder Polizisten angerufen wird, da die Nummer der verschiedenen Abteilungen nicht in dem Telephonbuch angeführt sind. »Hier Inspektor Holt«, antwortete Larry. »Dr. Judd läßt fragen, ob Sie sofort nach seinem Büro kommen könnten. Er hat Ihnen etwas sehr Wichtiges mitzuteilen.« Larry überlegte einen Augenblick. »Schön! Ich komme sofort!« Er nahm Harvey mit, und bald darauf setzte sie ein Taxi im Bloomsbury Pavement ab. Larry hatte erwartet, das Haus um diese Zeit verlassen vorzufinden und war überrascht, eines der oberen Fenster und die lange, schmale Vorhalle beleuchtet zu sehen. Er ging schnell durch das Vestibül; die kleine Portierloge war leer. Am äußersten Ende der Halle befanden sich die Türen der beiden automatischen Fahrstühle, von denen einer fahrbereit unten war. »Soll ich mit Ihnen hinauffahren?« fragte der Sergeant. Es lag kein Grund vor, warum er das nicht tun sollte, aber doch – – »Nein, warten Sie hier unten«, sagte Larry. Er stieg in den Fahrstuhl, drückte auf den Knopf »Vierte Etage« und fuhr langsam nach oben. Der Aufzug hielt in der vierten Etage, Larry öffnete die Gittertür und betrat den Vorplatz. Gerade ihm gegenüber lag eine erleuchtete Glastür, auf der die Worte »Dr. Judd« deutlich sichtbar aufgemalt waren. Er drehte den Türknopf herum. Das Zimmer war leer. Er rief noch einmal und ging, als niemand antwortete, verwundert auf den Treppenabsatz zurück. Jede Faser in Larrys Körper war angespannt – Dr. Judd gehörte nicht zu jenen Leuten, die einem einen Schabernack spielen wollen, oder versuchen würden, ihn an der Nase herumzuführen. Dann machte er eine überraschende Entdeckung. Er war mit dem Fahrstuhl zur Linken heraufgekommen. Dieser war jetzt verschwunden, aber dafür war jetzt der rechtsseitige sichtbar, der in dem obersten Stockwerk gewesen sein mußte, während er im vierten ausstieg. Noch auffälliger aber war es, daß die Fahrstuhltür weit offen stand. Wer war heraufgekommen? Er spähte den Gang entlang, niemand war zu sehen. »Ist oben alles in Ordnung?« kam die hohle Stimme Harveys durch den Schacht des Aufzuges nach oben. »Ich komme jetzt nach unten«, rief Larry und trat durch die offene Tür in den wartenden Aufzug. Sein Fuß war schon erhoben, und er war gerade im Begriff, ihn auf den Boden des Aufzugs zu setzen, als er sich blitzschnell darüber klar wurde, daß das, was er für festes Holz gehalten hatte, nichts anderes wie bemaltes Papier war. Es war unmöglich, sich zurückzuwerfen, das Gleichgewicht zu bewahren, sein ganzer Körper schoß nach vorn. Nur einen Bruchteil einer Sekunde zur Überlegung – dann nahm er alle seine Kräfte zusammen und stieß sich mit aller Gewalt ab, die sein linker Fuß, der noch auf der festen Schwelle ruhte, aufbringen konnte, sprang vorwärts und klammerte sich an eine der Leisten an der Täfelung der Hinterseite des Aufzugs fest. Die Leiste war noch nicht anderthalb Zentimeter breit, aber mit der ganz außergewöhnlichen Kraft seiner Hände gelang es ihm, sich festzuhalten, selbst als seine Füße durch den Papierboden brachen und das ganze Gewicht seines Körpers nur an den Fingerspitzen hing. So hing er, jede Muskel seines Körpers aufs höchste angespannt, in der Höhe des Schachtes fünfundzwanzig Meter hoch über dem Steinboden unter ihm. »Schnell heraufkommen!« rief er. »Vierte Etage. Schnell. Ich sitze in der Falle.« Er hörte das Geräusch des anderen Aufzuges, das Summen des Motors und hörte zu gleicher Zeit über sich ein anderes Geräusch. Er blickte nach oben und sah aus der Öffnung der fünften Etage ein Gesicht auf sich herabblicken. Dann sauste etwas an ihm vorbei und schlug mit einem Krach gegen die Seitenwand des Aufzuges. Beinahe hätte er für einen Augenblick den Halt verloren. Er fühlte, wie der ganze Fahrstuhl schwankte und dann – zu seinem Entsetzen – glitt der andere an ihm vorbei. »Halt! Hier!« schrie er. Das Gesicht über ihm schien allmählich zu verschwimmen, aber wieder sah er, wie sich eine Hand vorstreckte, fühlte, wie etwas Schweres sein Schulter streifte. Seine Finger glitten ab und er fiel. 33 Larry riß die Tür im Erdgeschoß auf und schwankte aus dem Schacht heraus. Vor ihm stand Dr. Judd, Überraschung, Unglauben, höchste Verwunderung standen in jedem Zuge seines Gesichtes geschrieben. »Was ist passiert?« fragte er besorgt. »Ein Wunder!« antwortete Larry verbissen. »Es scheint, als ob ich ungefähr anderthalb Meter tief gefallen bin. Sie haben nach mir geschickt, Dr. Judd?« Dr. Judd schüttelte den Kopf. »Ich befürchte, ich verstehe nichts von allem, was hier vorgefallen ist«, sagte er. »Wollen Sie bitte mit nach oben in mein Büro kommen?« »Ich glaube nicht, daß das noch nötig ist«, erwiderte Larry. »Sie haben mich telephonisch hierherrufen lassen – so schnell wie möglich –, weil Sie mir etwas sehr Wichtiges mitzuteilen hatten. Sicher gehe ich nach oben«, fügte er grimmig hinzu. »In der obersten Etage ist ein Herr, dessen Bekanntschaft ich sehr gern machen möchte.« »Ich versichere Ihnen, Mr. Holt«, sagte der Doktor ernsthaft, »daß ich niemals nach Ihnen geschickt oder mich in irgendeiner Weise mit Ihnen in Verbindung gesetzt habe. Ich habe den Portier weggeschickt, um mir etwas zu besorgen, und dann fiel mir ein, daß ich nicht eine Zigarette hatte und ließ dummerweise das große Haus unbewacht. Sie sind doch nicht etwa in den falschen Aufzug gestiegen?« Ein langsames Lächeln erschien auf Larrys Gesicht. »Das habe ich, glaube ich, getan«, sagte er. »Allmächtiger Gott!« stammelte der Doktor. »Sie hätten sich das Genick brechen können.« »Ich bin mir immer noch nicht klar, was eigentlich passiert ist«, sagte Larry. »Es ist ja nur ein Aufzug in Betrieb«, erklärte der Doktor. »Irgend etwas an den Motoren ist in Unordnung geraten, und wir lassen sie jetzt im Gleichgewicht laufen. Ich will damit sagen, daß ein Aufzug hoch geht, wenn der andere nach unten kommt. Außerdem haben die Arbeiter von dem morgigen Sonntag profitiert, wo der Fahrstuhl sowieso nicht benutzt wird, und angefangen, den Boden des Aufzugs Nr. 2, der sehr schadhaft war, auszubessern und ...« »Und haben ein paar Bogen Papier und Zeugstücke dafür hingelegt, wie ich annehme«, war Larrys unhöfliche Antwort, und er war sich dessen völlig bewußt. »Auf jeden Fall fahre ich jetzt nach oben!« – und stieg mit Dr. Judd in den zweiten Aufzug. In halber Höhe trafen sie mit Harvey zusammen, der die Treppe herabeilte. »Gott sei Dank, daß Sie nicht verletzt sind«, sagte dieser. Larry schüttelte den Kopf. »Ich konnte kaum drei Meter vom Boden entfernt sein, als ich fiel. Es kam mir ja gar nicht zum Bewußtsein, daß dieser verwünschte Fahrstuhl ständig nach unten ging, während der liebenswürdige Herr mich von oben bombardierte.« »Hat denn jemand nach Ihnen geworfen? – Es kam mir doch auch so vor, als ob ich Eisen auf den Boden des Schachtes aufschlagen hörte.« Der Aufzug ging nur bis zum vierten Stock, und von dort ging eine Treppe bis in die oberste Etage. Als Larry dort ankam – sie lag in tiefer Dunkelheit –, fand er, daß sein Angreifer, wie er es auch nicht anders erwartet hatte, verschwunden war. Auch den Weg, den dieser genommen hatte, brauchte er nicht lange zu suchen. Am Ende des Ganges war in der Decke ein viereckiger Lichtschein sichtbar, eine Luke war geöffnet, und unter dieser stand eine Leiter. »Ich kann Ihnen wirklich nicht sagen, wie peinlich mir die ganze Angelegenheit ist«, sagte Dr. Judd, als sie mit ihm wieder zusammentrafen. Er sah ungewöhnlich blaß aus und seine Stimme schwankte. »Irgendein Narr muß Ihnen einen Streich gespielt haben, der sehr ernsthafte Folgen hätte haben können. Wie haben Sie es denn fertigbekommen, daß Sie nicht abstürzten?« Aber Larry war nicht in der Stimmung, noch weitere Erklärungen zu geben und ließ mit einem kurzen »Gute Nacht« einen sehr beunruhigten Dr. Judd zurück. »Harvey«, sagte Larry. »Ich bin morgen um halb zehn im Büro und möchte, daß Sie mich dort erwarten. Morgen werden wir allen Ernstes mit der Abrechnung beginnen, und ich hoffe zu Gott, daß heute in acht Tagen das Stuart-Rätsel gelöst sein wird.« * »Kleine«, sagte Larry Holt am nächsten Morgen in väterlichem und zugleich besorgtem Tone, als er an der Frühstückstafel saß. »In dieser Nacht habe ich ein langes Gebet gesprochen, ein Dankgebet, daß deine Prophezeiung wirklich in Erfüllung geht.« »Wegen der Gefangennahme der Bande?« »Ja« – er zögerte einen Augenblick –. »Ich möchte eine kleine Spur untersuchen, die sich möglicherweise zu einer sehr wichtigen Fährte entwickeln kann.« Sie sah ihn zweifelnd an. »Ich kann wohl nicht mitkommen?« Er schüttelte abwehrend den Kopf. »Nein, diese Arbeit muß ich wirklich ganz allein unternehmen. Ich muß mich im Verlauf meiner Nachforschungen auf jeden Fall einer Gesetzesübertretung schuldig machen, und ich möchte nicht auch noch dafür verantwortlich gemacht werden, dich vom geraden Wege des Gerechten abgebracht zu haben.« »Ich glaube nicht, daß ich mir darüber viel Kopfschmerzen machen würde«, sagte Diana lächelnd, »aber du willst mir eben nicht erzählen, um was es sich handelt. Das ist doch die ganze Geschichte, nicht wahr?« »Das hast du aber schnell herausgefunden! Der edle Sunny wird auf dich aufpassen und dich nach Scotland Yard begleiten – bis an die Zähne mit allerhand Mordwaffen gewappnet.« »Wo führt dich denn diese Fährte hin?« fragte sie. »Ich möchte es so gern wissen, falls –« sie zauderte einen Augenblick – »falls du wirklich mal nicht zurückkommen solltest.« »Meine Fährte führt nach Hampstead.« Sie seufzte erleichtert auf. »Ich hatte so große Angst, sie würde ganz woanders hinführen-« Er zog es vor, nicht weiter über dieses Thema zu sprechen, denn er hatte sie schändlich belogen. Eine halbe Stunde nach seinem Eintreffen im Präsidium verließen zwei nicht zu sauber aussehende Männer in der abgetragenen Uniform der Städtischen Gasanstalt Scotland Yard und kletterten auf einen Autobus. Der eine trug eine Tasche mit Werkzeugen. Ungefähr eine Viertelmeile vor ihrem Bestimmungsort stiegen sie aus und gingen langsam zu Fuß weiter, bis sie stehenblieben und sich das Haus betrachteten, in dem nach Larrys Meinung die Aufklärung von Gordon Stuarts Tod zu finden war. Es war ein Haus von ganz ungewöhnlichem Aussehen, kahl und finster, mit wenigen, aber stark vergitterten Fenstern. »Der Mann, der den Plan für dieses Haus entworfen hat, muß angenommen haben, daß es ein Gefängnis werden sollte«, sagte Harvey. »Vielleicht hat er das auch gedacht«, erwiderte Larry. »Harvey, wenn das wahr ist, was uns der blinde Lew erzählt hat, dann sind wir jetzt am Ende unserer Jagd angelangt.« »Aber das soll doch nur eine gewöhnliche Durchsuchung sein«, sagte Harvey verblüfft. »Glauben Sie wirklich, daß Sie mit dieser einmaligen Haussuchung den ganzen Fall beendigen werden?« Larry nickte. »Wenn ich dies Haus betrete, mache ich jedem Traum, den ich in dieser Sache geträumt, jede Theorie, die ich mir aufgebaut habe, zur Wirklichkeit. Ich stehe oder falle mit dem heutigen Ergebnis.« »Weiß den Miß Ward –«, begann Harvey dreist. »Das ist das einzige, was sie nicht weiß«, lächelte Larry, schritt über die Straße, stieg die wenigen Stufen zur Haustür empor und läutete. Die Tür wurde von einem Diener geöffnet, der sie nach wenigen scharfen und herrischen Worten Larrys in die Vorhalle einließ. »Vergessen Sie nicht, daß unser Besuch geheim bleiben muß«, sagte Larry. »Sie können sich auf mich verlassen, Mr. Holt«, antwortete der Mann, dessen Gesicht beim Anblick Larrys eine krankhafte, grünweiße Farbe angenommen hatte. Die Vorhalle war hoch und geräumig und von dem Marmorfußboden bis zur Decke hinauf in Eiche getäfelt. Die einzigen Möbelstücke waren ein Tisch und ein Stuhl. Das Tageslicht fand durch ein einziges langes, schmales Mattglasfenster Einlaß, durch das man den Schatten seines schmiedeeisernen Gitters sehen konnte. Anstatt der sonst üblichen Haupttreppe, die in die oberen Etagen führte, lag dem Hauptgang gegenüber eine Tür, die, wie er glaubte, diese Treppe versteckte. Eine zweite Tür befand sich auf der anderen Seite der Halle. Dies waren die einzigen sichtbaren Möglichkeiten, den großen Raum zu verlassen. Er öffnete die Tür auf der rechten Seite und fand sich in einem großen, wundervoll ausgestatteten Salon. Die Wände waren unter Gemälden und Gobelins versteckt, und auf dem Parkettfußboden lagen ein halbes Dutzend persischer Teppiche, die ein Vermögen wert waren. Der Raum hatte sechs farbige Fenster, und jedes einzelne war ein Meisterwerk. Schwere Samtvorhänge verdeckten die Fensterrahmen und machten es unmöglich, daß auch nur der geringste Lichtschimmer durch das Fenster dringen konnte. Ein silberner Kronleuchter hing in der Mitte des Zimmers, aber auch hier glaubte Larry, daß die Hauptbeleuchtung durch verborgen angebrachte Lampen erfolgte. Von dem Salon öffnete sich eine Tür auf eine Treppe, die nach dem oberen Stockwerk zu einer Reihe Schlafzimmer, einem kleinen Salon und einem großen Studierzimmer führte. Dieses lag oberhalb des Salons und hatte beinahe dessen Größe. Seine Untersuchung der oberen Etage war mehr oder weniger oberflächlich, obgleich er den Gang, an dem alle diese Räume lagen, genau und sorgfältig prüfte. Überzeugt, daß das, was er entdecken wollte, im Erdgeschoß liegen mußte, ging er wieder in den Salon hinunter. Dort fand er den Diener, den er mit einigen scharfen Worten hinausschickte. »Machen Sie, daß Sie in die Halle kommen«, sagte er kurz, und der Mann gehorchte verdrossen. Und jetzt untersuchte Larry langsam und mit größter Sorgfalt die Wandtäfelungen, Zentimeter für Zentimeter, hauptsächlich die, welche der Eingangstür, durch die er und Harvey eingetreten waren, gegenüberlagen. So geschickt waren diese angebracht, daß geraume Zeit verging, bis er die verborgene Tür fand, die an einem ganz unvermuteten Platze in gleicher Höhe mit dem farbigen Glasfenster lag. Dann erinnerte er sich, daß er von außen eine kleine halbrunde Ausbuchtung an der Mauer des Gebäudes bemerkt hatte. »Jetzt haben wir's«, sagte er triumphierend und zog eine geschnitzte Girlande auf, die ein festes Stück der Wandverzierung zu sein schien und unter der sich ein winziges Schlüsselloch verbarg. Dann nahm er einen Bund Schlüssel aus der Tasche und versuchte einen nach dem anderen. Beim vierten hörte man ein leises Schnappen, und die Tür öffnete sich nach innen. Er hatte recht behalten. Er wußte es in diesem Augenblick! Die Freude, sein Ziel erreicht zu haben, ließ sein Herz schneller schlagen – das Bewußtsein, endlich etwas Greifbares zu haben, etwas sehen lassen zu können, nicht für den Kommissar, nicht für seine Vorgesetzten, aber für das junge Mädchen, das ihm mehr bedeutete als seine Karriere, als sein Leben, dieser Gedanke färbte seine Wangen und ließ seine Augen aufblitzen. Er befand sich in einem kleinen glockenförmigen Raum mit gewölbtem Dach, dessen Wände, ebenso wie die schmale Treppe, die nach unten in den Keller führte, aus Beton waren. Das erste, was seine Blicke auf sich zog, war ein elektrischer Lichtschalter, den er sofort nach unten drückte. Der untere Treppenabsatz wurde hell. Eine andere Tür lag auf der linken Seite, und eine weitere Reihe schmaler Steinstufen lief weiter nach unten und verschwand in der Dunkelheit. Man hatte sich nicht die Mühe gegeben, das Schlüsselloch dieser Tür zu verstecken, die einer seiner Schlüssel öffnete. Er trat in einen sehr niedrigen zementierten Raum, der kaum zwei Meter hoch und, soweit er schätzen konnte, drei Meter lang war. Dann suchte und fand er den Schalter, der die Kammer erhellte. »Was halten Sie davon, Harvey?« »Was machen die denn hier?« fragte Harvey überrascht. »Ist das eine elektrische Kraftanlage?« Larry schüttelte den Kopf. »Nein«, sagte er. »Keine Lichtanlage. Ich verstehe zwar sehr wenig von Maschinen, aber ich glaube, das ist hier eine Pumpe.« Dann untersuchte er die Maschinenanlage sehr sorgfältig. »Ja, es ist eine Pumpe; eine von der Art, die auf Schiffen gebraucht werden, um die Wassertanks zu reinigen.« Ein dickes Kabel lief an der Wand über Isolatoren hinweg, und er betastete es vorsichtig. »Elektrisch«, sagte er. »Da bekommt er also seinen Kraftstrom her.« An der Wand war ein Schaltbrett und ein Hebel, den er genau untersuchte, bevor er sich zu der zweiten Maschine in der Kammer wandte. »Und das hier ist die Ventilationsanlage« – er zeigte auf einen tonnenförmigen Apparat –. »Sehen Sie, da ist der Exhauster für verbrauchte Luft.« »Das ist ein recht gründlicher Herr«, meinte Sergeant Harvey. »Ja, sehr gründlich«, pflichtete Larry bei, als sie den Raum verließen und die Tür hinter sich schlossen. »Da drüben ist eine Tür, die auf den Hof geht.« Larry wies auf die Wand, die dem Maschinenraum gegenüberlag. Harvey konnte die Tür nicht entdecken, folgte aber seinem Chef, der die Stufen hinabschritt, die weiter nach unten führten. »Zehn Stufen«, warnte Larry und blieb dann vor einer weiteren Tür stehen, die aus Eisenbeton hergestellt war und in schweren Scharnieren aus gehärteter Bronze hing. Larry überzeugte sich erst davon, bevor er weiterging. Er hatte erwartet, Bronzescharniere zu finden. Er hegte nur noch zwei Befürchtungen: daß die Türen mit Riegeln versehen wären und sich nicht von innen öffnen ließen. Aber beide Befürchtungen waren grundlos. Er schob den Schutzdeckel vom Schlüsselloch und öffnete die Tür, die langsam aufschwang. »Zehn Zentimeter dick«, sagte er grimmig, »der Mann geht ganz sicher.« Hinter dieser schweren Tür lag eine zweite aus Stahl, die er aufschloß. Und jetzt blieb er stehen und sagte mit stockendem Atem zu Harvey: »Betrachten Sie sich den Raum, in den wir jetzt hineinkommen, ganz genau, lieber Harvey. Hier starb Gordon Stuart.« 34 Trotz seiner Taschenlampe dauerte es geraume Zeit, bis er den Schalter gefunden hatte, der hoch an der Wand und sehr weit von der Tür entfernt dicht unterhalb der abfallenden Decke der Treppe angebracht hat. Ein leichtes Knacken, und der Raum lag in heller Beleuchtung. Von seinem Standpunkt aus konnte er nichts weiter als eine Messingbettstelle sehen, ohne Matratze und Bettzeug. Zwei Stufen weiter hinunter, zwei, drei Schritte durch einen engen Gang, und er befand sich in dem Keller. Fußboden, Wände und Decke waren aus Zement, und es gab noch einen zweiten kleineren Raum, der notdürftig als Badezimmer eingerichtet war. Keinerlei Fenster waren sichtbar, und Larry hatte auch nicht erwartet, solche zu finden. Eine schwere, verbrauchte Luft hing in dem Raum, augenscheinlich waren die beiden Ventilatoren dicht unterhalb der Decke geraume Zeit nicht in Tätigkeit gewesen. Aber weder das Badezimmer noch die Bettstelle nahmen seine Aufmerksamkeit gefangen, sondern der große, schwere Granitblock in der Mitte des Fußbodens. In dem würfelförmigen Stein von ungefähr dreiviertel Meter Durchmesser saß ein großer Stahlhaken, an dem eine lange, dünne Kette, gleichfalls aus Stahl, hing. Die Kette lief in Abständen von je einem Meter durch drei Bleiklötze, deren Gewicht Larry auf vielleicht zehn Pfund schätzte, und endigte in einer bronzenen Fußschelle. »Ja«, sagte Larry, »ich glaube, so ist es.« Er nahm den Fußring auf und versuchte erst den einen, dann den anderen seiner Schlüssel in dem kleinen Schlüsselloch, das durch einen Schieber verdeckt war, und atmete erleichtert auf, als sich der Ring öffnete. »Gott sei dank! Ich befürchtete schon, daß ich nicht den richtigen Schlüssel hätte.« Er blickte Harvey an, dessen Gesicht ein einziges Fragezeichen war. »Was soll das alles bedeuten, Mr. Holt?« fragte der Sergeant verständnislos. »Der Operationssaal der ›Toten Augen‹, war Larrys kurze Antwort. »Wollen Sie damit sagen, daß diese Teufel –« Larry nickte. Er ging an den Wänden entlang und suchte vergeblich nach einem Platz, wo er den wasserdichten Beutel, den er in der Tasche hatte, verbergen könnte. Aber es war auch nicht ein einziger Riß in dem Mauerwerk zu sehen, und die Löcher, die in regelmäßigen Abständen in der Nähe des Fußbodens lagen, waren, wie er wußte, für diesen Zweck nicht zu gebrauchen. Dann fiel sein Auge wieder auf den Granitblock, und er stemmte sich mit allen Kräften gegen diesen. Langsam und mühevoll zog er ihn auf die Seite. Es war unnötig gewesen, einen Steinblock von solchem Gewicht in den Boden einzuzementieren. »Helfen Sie mir mal, ihn umzulegen, Harvey«, sagte er, und die beiden Männer legten den Block auf die Seite. Er war genau eingepaßt, und seine Auflagestelle war kaum zwei Zentimeter tiefer als der Fußboden, aber die Arbeiter hatten sich nicht die Mühe gemacht, diese zu glätten, und so hatte sich in dem Zement eine unregelmäßige, flache Vertiefung gebildet, die für Larrys Zwecke gerade groß genug war. Er nahm den wasserdichten Sack, der kaum größer als ein Schwammbeutel war, aus seiner Tasche und steckte verschiedene Gegenstände hinein. »Noch einen Handschellenschlüssel, Harvey«, sagte er. »Hoffentlich haben Sie einen. Ich habe meinen im Büro vergessen.« Harvey fand einen in seiner Westentasche. »Und das auch noch!« Er zog etwas aus der Tasche und legte es in den Sack. Dann machte er diesen so flach wie möglich, legte ihn in die kleine Vertiefung, die er gerade ausfüllte, und schob mit Harveys Hilfe den Block an seine ursprüngliche Stelle. »Darf ich fragen, was das alles bedeuten soll?« fragte Sergeant Harvey mehr und mehr erstaunt. Larry lachte, und in dem fürchterlichen Raum, der nie Gelächter gehört hatte, klang sein Lachen hohl und unheimlich. »Ist der Diener mit in die Geschichte verwickelt?« fragte Harvey. »Sicherlich nicht. Die Bande würde niemals einem Diener trauen«, entgegnete Larry. »Nein, er kommt wahrscheinlich nur nach den Herrschaftszimmern, wenn sein Herr nach ihm klingelt. Wenn Sie sich das Haus genau betrachten, werden Sie finden, daß es für einen ganz besonderen Zweck gebaut worden ist. Der Raum hier hat zum Beispiel in der Wandtäfelung Rohranlagen, um Luft hinein- und herauspumpen zu können, ein elektrischer Fahrstuhl geht von der Küche nach oben, eine private Treppe führt zu den Schlafzimmern und der Bibliothek in der oberen Etage. Meine Annahme ist, daß der Diener und das ganze Personal tatsächlich in einem Teil des Hauses wohnen, der von diesem hier vollkommen getrennt ist. Haben Sie die Tür gegenüber dem, lassen Sie mich sagen, Maschinenraum, bemerkt? Nein? – Es war gar nicht so leicht, sie zu entdecken, denn sie paßte sich in jeder Weise der Wand an, ist aber in Wirklichkeit eine wunderbar maskierte Eisentür, führt direkt auf den Hof und von dort – vergessen Sie das nicht – in die Garage.« Harvey nahm seinen Sack mit Werkzeugen auf die Schulter. »Das ist ein furchtbares Haus, Mr. Holt«, sagte er schaudernd. »In meinen ganzen fünfunddreißig Dienstjahren hat mich niemals etwas so – so entsetzt, wie das Haus hier. Das kommt Ihnen vielleicht etwas lächerlich vor?« »Ganz und gar nicht«, sagte Larry ruhig. »Ich selbst finde keine Worte für die Empfindungen, die mich in diesen Räumen beschleichen.« »Glauben Sie wirklich, daß hier alle die Leute umgebracht worden sind?« »Davon bin ich fest überzeugt. In der Kammer da unten starb Gordon Stuart eines schmählichen Todes.« Sie gingen in die Vorhalle zurück. Dicht bei der Tür befand sich ein sehr schmales Fenster, das durch einen schweren seidenen Vorhang verdeckt war. Harvey schob ihn zur Seite. »Da steht ein Auto vor der Tür«, rief er. »Es ist gerade vorgefahren.« Larry ging zu ihm hin und blickte an seiner Seite durch das Fenster. Ein Mann war aus dem Taxi gestiegen und bezahlte den Chauffeur. »Ehrwürden Mr. Dearborn«, sagte Larry. »Außerordentlich interessant.« Larry zögerte nur eine Sekunde, bevor er die Tür öffnete und hinaustrat. Ehrwürden John Dearborn war von dem Wagen auf das Haus zugegangen, und seine Hand lag schon auf der Klinke des eisernen Gitters, als er plötzlich das Haupt senkte, wie jemand, der sich an etwas erinnert, und dem Chauffeur zuwinkte. »Hören Sie mal, lieber Freund«, sagte er. »Ich kann Sie nicht sehen, sind Sie noch da?« »Ja, Sir«, erwiderte der Mann. »Es fällt mir gerade ein, daß ich noch nach dem Postamt fahren muß. Wollen Sie mich dahin bringen?« Seine Hand streckte sich suchend aus, der Chauffeur ergriff sie, beugte sich zurück und öffnete die Wagentür. Bevor Larry die Stufen hinunterkommen konnte, fuhr das Auto schon fort. Larry drehte sich mit einem halben Lächeln um. »David Judd kann ruhig warten«, sagte er leise. »David Judd!« wiederholte Harvey ungläubig. »David Judd!« sagte Larry von neuem. »Wer kann behaupten, daß wir nicht in einem Zeitalter von Zeichen und Wundern leben, wo der Blinde sehen kann wie John Dearborn, wo David Judd, tot und begraben, in London in einer Autotaxe spazierenfährt!« 35 »Warten Sie. mal«, rief Larry – Sergeant Harvey war gerade im Begriff, dies Haus des Todes zu verlassen –. »Vielleicht bekommen wir nicht so bald wieder Gelegenheit, das Grundstück in Ruhe durchsuchen zu können. Ich möchte doch noch die Seitentür untersuchen.« Er ging voran nach der Geheimtür im Salon, schloß sie hinter sich, schritt dann die Stufen hinab und blieb an der Wand dem Maschinenraum gegenüber stehen. »Ich glaube, hier muß die Tür nach dem Hof sein«, sagte er und ließ das Licht seiner Taschenlampe über die Wand streichen. Das Schlüsselloch war sehr schwierig zu finden, aber endlich fand er es dicht über dem Fußboden in der rechten Ecke. Wie erwartet ging diese auf einen überdachten Weg, der von dem Hof nach der Straße lief. »Verteufelt geschickt«, sagte er in ehrlicher Bewunderung. Vom Hof aus betrachtete er sich Mauer und Tür, durch die sie eben gekommen waren. Nichts erinnerte an eine solche. Man sah nur eine Art Fenster, das aus vier Mattglasscheiben bestand, in der natürlichsten Art der Welt in der Wand angebracht und dessen Fensterbrett mit Blumenkästen geschmückt war. »Sieht weiß Gott nicht aus wie eine Tür«, sagte Larry und fügte noch einmal hinzu: »Verwünscht geschickt gemacht!« Er ging an das Gitter, das er genau untersuchte und kam dann zu Harvey zurück. »Das Rätsel des geheimnisvollen, automatischen Gittertores wäre auch gelöst. Wie ich erwartet habe, ist es möglich, in das Haus und den Hof zu kommen, ohne daß die Dienstboten das geringste bemerken. Als ich das letztemal hier war, fielen mir zwei Löcher in dem Tor auf, die ungefähr fünfviertel Meter voneinander entfernt ziemlich dicht über dem Boden angebracht waren. Ist Ihnen nicht bei dem Wagen, den wir in der Wäscherei fanden, etwas aufgefallen?« »Ja, Sir«, sagte Harvey. »Unterhalb der Scheinwerfer waren zwei Stahlstangen angebracht, die ziemlich weit nach vorn herausstanden.« Larry nickte zustimmend und sagte: »Zuerst habe ich angenommen, es wäre so eine neue Erfindung für Automobile, aber jetzt ist es mir ganz klar, wozu diese Stangen dienen. Der Wagen wird dicht an das Tor gefahren, wo die beiden Stangen in die Löcher eindringen, auf ein Schloß einwirken und so das Tor öffnen, das sich dann wieder hinter dem Wagen schließt. Auf diese Weise haben sie keinerlei Bedienung nötig und vermeiden vor allen Dingen, daß ihr Kommen und Gehen vom Personal im Hause bemerkt wird. Wir wollen uns noch die Garage ansehen und dann machen, daß wir fortkommen.« Larry suchte unter seinen Schlüsseln und fand schließlich den passenden. Als er ihn in das Schloß steckte und umdrehte, hörte er, wie sich in der Garage etwas bewegte. »Haben Sie gehört?« flüsterte er. Harvey nickte und hielt seinen Gummiknüttel bereit. Dann riß Larry schnell beide Torflügel weit auf. Er sah einen Wagen, dessen Räder noch naß waren, aber sonst war augenscheinlich niemand in der Garage. »Der Wagen ist erst heute morgen draußen gewesen«, sagte Larry. Nicht ein Fleckchen, wo sich auch der kleinste Mensch verbergen konnte, dachte er und – ein scharfer, schriller Schrei durchriß das Schweigen, der Schrei eines Menschen in Todesangst. Mit einem Satz war er an der Tür der großen Limousine und riß diese auf. Und dann schien es, als ob ein Tornado, ein Orkan auf ihn losgelassen war – eine gigantische, kreischende Gestalt stürzte sich auf die beiden Männer, rie sie mit ihrem enormen Gewicht zu Boden, warf sich mit ihrer ganzen Masse auf sie. Einen Augenblick war Larry wie betäubt, und als er sich mühsam auf die Füße gearbeitet hatte, hörte er die Garagentür zufallen und das Schnappen des Schlosses, in dem sich der Schlüssel drehte. Beide Männer warfen sich gegen das Tor, das aber unter ihrem Anprall auch nicht einen Millimeter nachgab. »Die Frau!« rief Harvey und wies auf den Wagen. Auf dem Fußboden des Wagens lag zusammengebrochen die regungslose Figur einer Frau. Larry hob sie in seine Arme und trug sie unter ein schmales Dachfenster, durch das ein schwacher Lichtschein in die Garage fiel. Eine Frau im Alter von fünfzig Jahren, grauhaarig und unsäglich schmutzig. Ihr Gesicht schien Wochen hindurch nicht mit Wasser und Seife in Berührung gekommen zu sein, ihre Hände waren kohlschwarz. Unter dem Schmutz sah ihr weißes Gesicht in einem erstarrten Grinsen hervor, und auf ihrem mageren Halse waren die blutroten Merkmale der Krallen des blinden Jake deutlich sichtbar. »Schnell etwas Wasser, Harvey«, rief Larry. »Sie lebt noch!« Und mit leiser Stimme: »Mein Gott, die Aufwärterin!« Während er sich um das arme, unglückliche Wesen bemühte, hatte Harvey die Garage durchsucht und ein Beil gefunden. In wenigen Minuten war das Schloß zertrümmert und die Tür geöffnet. »Nehmen Sie den Revolver«, sagte Larry und reichte ihm seine Waffe hin. »Bis jetzt hat er mir nicht viel genutzt, aber wenn Sie den Schuft zu Gesicht bekommen, schießen Sie. Schießen Sie sofort, ohne sich mit ihm in irgendwelche Redereien einzulassen, und denken Sie nur nicht, daß Sie ihm mit Ihrem Knüttel beikommen können.« Aber Jake der Blinde war – er wußte es – verschwunden. Dieser blinde Mann, dessen kostbarster Sinn zerstört war, war ihm wiederum überlegen gewesen. Die Frau begann jetzt allmählich einige Lebenszeichen von sich zu geben. Ihre Augenlider zuckten, öffneten sich, und mit einem Schrei fuhr sie hoch. »Wo ist Miß Clarissa?« rief sie heiser. »Das möchte ich gern von Ihnen wissen«, war Larrys Antwort. Bald darauf kam ein Taxi, und sie trugen die Frau durch die maskierte Seitentür, die Stufen hinauf und in den prachtvollen Salon. Dort legten sie sie nieder, und Larry blickte um sich auf all diesen Komfort, all diesen Luxus, der mit den Leichen, dem Elend von, Gott weiß wie vielen, unschuldigen Seelen erkauft war. Dann fielen seine Blicke auf diese elende Frau, die dort auf einem Teppich lag, der ein Vermögen wert war, die niemand etwas zuleide getan hatte und die verdammt war, sich unter der Aufsicht eines Unmenschen wie des blinden Jake verbergen zu müssen – und nur, weil sie Stuart kannte und wiedererkannt hatte. Strauß, der Exsträfling und Haushofmeister, wartete mit nervös zuckenden Händen in der Vorhalle. »Sie sind doch nicht bei der Geschichte hier beteiligt?« fragte Larry. »Nein, Sir«, antwortete der Mann zitternd. »Als Sie kamen, dachte ich, daß mein Herr nach Ihnen geschickt hätte, weil – weil ich verschiedene Kleinigkeiten gefunden hatte.« »So was wie Manschettenknöpfe aus schwarzer Emaille, nicht wahr?« fragte Larry. »Wieviel Paar solcher Knöpfe hat er denn gehabt?« »Zwei Paar, Sir. Ich mußte ihm erzählen, was aus ihnen geworden ist, als er mich danach fragte, denn ich habe sie ja in Wirklichkeit gar nicht gestohlen – er hatte sie mir sozusagen geschenkt, weil drei Brillanten fehlten.« »Machen Sie sich keine Kopfschmerzen, Strauß«, sagte Larry. »Er hat sie jetzt wieder, und wenn er auch in ein Leihhaus einbrechen mußte, um sie wiederzubekommen.« Eine Menge Müßiggänger hatten sich auf dem Bürgersteig vor dem Hause angesammelt, um das Schauspiel zu betrachten, wie zwei Männer, augenscheinlich Angestellte einer Gasgesellschaft, ein zerlumptes altes Frauenzimmer die Stufen hinab und in den Wagen trugen. Das Auto war noch nicht lange unterwegs, als sie wieder völlig zu sich kam und heftig zitternd von einem ihrer Begleiter zu dem anderen blickte. »Sie sind jetzt in Sicherheit, Emma«, sagte Larry freundlich. »Emma?« wiederholte sie. »Kennen Sie mich denn, Sir?« »Ja, ich kenne Sie sehr gut«, war Larrys Antwort. »Bin ich jetzt wirklich in Sicherheit?« fragte sie eifrig. »Oh, Gott sei gelobt! Sie haben ja keine Ahnung, was ich alles habe durchmachen müssen. Sie haben ja keine Ahnung davon!« »Ich kann es mir denken.« »Wo wollen Sie sie denn hinbringen?« fragte Harvey leise. »Ich habe nicht gehört, was Sie dem Chauffeur gesagt haben.« »Ich nehme sie mit in meine Wohnung«, sagte Larry zu Harveys deutlich sichtbarer Überraschung. »Die Frau ist ja nicht krank. Sie ist nur todmüde und halb verhungert.« »Das stimmt«, sagte Emma eifrig. »Ich weiß, ich muß furchtbar aussehen, aber ich habe niemals Gelegenheit bekommen, mich zu waschen. Ich bin nicht eine gewöhnliche Frau, Sir, wenn ich auch als Aufwärterin gegangen bin. Ich war Kindermädchen und habe ein kleines Mädchen großgezogen, Sir – die Tochter meiner Herrin. Ich habe sie erzogen wie eine feine Dame, Sir, die kleine Clarissa Stuart.« »Clarissa Stuart?« »Ich habe sie Clarissa genannt, Sir«, sagte Emma. »Wenn ich sie doch nur noch einmal sehen könnte.« »Sie haben sie Clarissa genannt?« sagte Larry langsam. »War denn das nicht ihr eigentlicher Name?« »Doch, Sir«, entgegnete die Frau. »Clarissa Diana, aber ich nannte sie gewöhnlich Clarissa.« Larry fuhr zurück, als hätte ihn der Schlag getroffen. »Wie heißen Sie denn?« fragte er mit heiserer Stimme. »Emma Ward, Sir. Ich habe das junge Mädchen Diana Ward genannt, aber ihr wirklicher Name ist Diana Stuart, und ihr Vater ist jetzt in London.« »Diana Stuart!« wiederholte Larry langsam. »Dann ist also Diana Stuart die Erbin, der Stuart sein ganzes Vermögen vermacht hat. Diana Stuart!« wiederholte er verdutzt. »Diana Stuart! Meine Diana!« 36 Mrs. Emma Ward hatte ihm so ziemlich alles, was über sie selbst zu berichten war, mitgeteilt, bevor noch der Wagen vor seiner Wohnung angelangt war. Sie war es gewesen, die versäumt hatte, die Geburt von Diana und ihrer Zwillingsschwester eintragen zu lassen, und merkwürdig genug war es diese Unterlassung, die ihr das Leben gerettet hatte. Als die Bande entdeckt hatte, und zwar nur wenige Stunden früher als Larry, daß Gordon Stuart ein enormes Vermögen seiner Tochter hinterlassen hatte, deren Existenz ihm in einem ganz zufälligen Zusammentreffen mit der Aufwärterin in Nottingham Place mitgeteilt wurde, verlor sie nicht einen Augenblick Zeit, um sich des einzigen Zeugen zu bemächtigen, der die Umstände und Rechtmäßigkeit von Dianas Geburt beweisen konnte. Niemals hatte sich Larry für irgend etwas so beglückwünscht wie für den Gedanken, eine Pflegerin engagiert zu haben. Nach einer Stunde – Wasser, Seife und frische Handtücher hatten Wunder gewirkt – betrat eine einfach und sauber gekleidete Frau, die sich überall sehen lassen konnte, sein Wohnzimmer. »Ich gehe jetzt, um Miß –« er scheute beinahe vor dem Wort, »Miß Stuart aufzusuchen«, sagte er. Die Frau fuhr hoch. »Wissen Sie denn, wo sie ist?« »O ja«, entgegnete Larry. »Ich weiß es sehr gut.« Erst hatte er daran gedacht, ihr diese Neuigkeit telephonisch mitzuteilen, aber irgend etwas in ihm drängte ihn, persönlich mit ihr zu sprechen; und dann gab es noch viele andere Dinge, die er ihr zu sagen hatte – schon das Denken an diese war schmerzlich und bitter für ihn. Diana Ward, arm und abhängig, war etwas ganz anderes wie Clarissa Stuart, die Millionenerbin. Wohl konnte er Diana Ward bitten, ihn zu heiraten und konnte mit Freuden an das Glück einer Vereinigung denken, wo ein jeder von ihnen als einziges Vermögen den großen Schatz seiner Liebe beisteuerte. Aber Diana Stuart war eine reiche Frau. Nicht einen Augenblick zweifelte er, daß sie im Bewußtsein ihrer Liebe edel und großmütig wünschen würde, daß die Heirat stattfände; aber bald, sehr bald würde es ihr zum Bewußtsein kommen, welche ungeheuren Möglichkeiten der Besitz eines so riesigen Vermögens schaffen könnte. Und dann würde sie ihren Schritt vielleicht bedauern, ohne ihn dies fühlen zu lassen, sagte er zu sich selbst. Er verteidigte sie im gleichen Augenblick, wo er sie beschuldigte. Und das war das Ende des Falles Stuart. Belohnungen, Auszeichnungen würde er erhalten, obwohl er überzeugt war, selbst den geringsten Anteil an dem Erfolge zu haben; die immer wieder hinausgeschobene Rangerhöhung – auch diese würde kommen, und als Assistent des Kommissars würde er in seinem Büro sitzen und seines Amtes walten. Aber all diese Erfolge, die er davongetragen hatte, hatte er in Wirklichkeit Diana zu verdanken. Ihr findiger Kopf hatte dieses verwickeltste aller Probleme gelöst, hatte dieses Gewirr von Spuren und Anzeichen in eine klare, erkennbare Bahn gebracht. Das Ende des Falles Stuart! Und das Ende aller seiner Hoffnungen – er wußte es. In der ganzen Welt gab es nicht ein zweites Mädchen wie Diana Ward. Sie war die erste in seinem Herzen, sie würde die letzte sein. Als er vor der Tür des Zimmers 47 stand, die Hand auf dem Drücker, und kaum wagte, diesen herunterzudrücken, hatte er auf sie verzichtet, mit seinen Hoffnungen abgeschlossen. Und seine ersten Worte brachten den Gedanken zum Ausdruck, der diesem kurzen Zaudern folgte. »Diana«, sagte er, »ich bin der größte Egoist, den man sich denken kann.« All ihre weißen Zähne blitzten in schweigendem Lachen auf. »Ich habe über eine Stunde auf dich gewartet!« »Allmächtiger«, stammelte er. »Wir wollten ja zusammen essen.« »Ja«, nickte sie. »Das meintest du doch?« Er schüttelte den Kopf. »Ich wünschte, weiß Gott, es wäre so«, sagte er. »Da bin ich nun wieder, denke nur an mich selbst, bin furchtbar traurig für mich selbst, anstatt Gott für das Glück zu danken, das er dir beschert hat.« Sie sprang auf. »Du hast Emma gefunden!« »Ich habe Emma Ward gefunden«, sagte er langsam. »Und ich habe – Clarissa Stuart gefunden.« Mit ausgestreckten Händen ging er auf sie zu. »Liebling, mein Liebling«, sagte er. »Ich freue mich von Herzen für dich.« Sie ergriff seine Hände und legte die eine an ihre Wange. »Freust du dich nicht auch für dich selbst?« Er schwieg, und sie blickte schnell zu ihm auf. »Larry«, sagte sie, »ich habe das alles schon seit Tagen und Tagen gewußt – schon seit dem Tage, als ich in Nottingham Place ohnmächtig wurde. Erinnerst du dich nicht?« Er zog die Stirn zusammen. »Natürlich erinnere ich mich, aber wieso –« »Wieso, du Dummhut«, sagte sie, »ich wußte doch, daß es Tante Emmas Ring war. Ich habe immer ›Tante‹ zu ihr gesagt, wenn sie auch in Wirklichkeit nicht meine Tante war. Und dann vermutete ich, wer Gordon Stuart wirklich war. Um nichts in der Welt hätte sie ihren Trauring aufgegeben. Weißt du, wohin sie in solcher Eile gegangen ist?« Larry schüttelte den Kopf. »Um mich zu suchen«, sagte sie einfach. »Ich fühlte das, vermutete es. Instinktiv habe ich das gefühlt, bevor ich noch von dem Ring gehört hatte. Mein Vater hatte ihn ihr gegeben. Wie oft hat sie mir erzählt, wie sie sich verheiratete, als sie noch in seinen Diensten war, wie mein Vater ihr den eigenartigen Trauring in Anerkennung all ihrer Verdienste um meine Mutter schenkte.« »Du wußtest das?« sagte er verwundert. »Aber warum hast du mir nie davon gesprochen?« »Heute bist du auf die ›Jagd‹ gegangen«, sie drohte ihm mit dem Finger, »und du hast mir kein Wort davon gesagt. Du hast mir gesagt, du wolltest nach Hampstead, bist aber statt dessen nach Chelsea gegangen.« »Das wußtest du auch?« rief er verblüfft. »Bleibt denn bei diesem verdamm ... hm ... verwünschten Fall auch nur etwas übrig, das ich allein geschafft, allein fertig bekommen habe?« »Du hast mich doch bekommen«, sagte sie schalkhaft. Er drückte krampfhaft ihre Hände. »Diana, ich muß ernsthaft mit dir sprechen. Es handelt sich –« »Ich weiß schon, was du sagen willst«, unterbrach sie ihn. »Du kannst dir alle Mühe sparen. Du kannst keine reiche Frau heiraten, weil du befürchtest, sie wird es später bereuen, oder es dich fühlen lassen, oder du müßtest von ihrem Gelde leben. Viel lieber würdest du ein armes Mädchen heiraten und – sie mit deinem Gelde ernähren, wenn sie sich einer derartigen Unwürdigkeit aussetzen würde.« »Aber es macht doch einen Unterschied. Das mußt du mir doch zugeben?« »Nicht für mich, Larry«, erwiderte sie. »Übrigens hat das ja auch gar nichts dabei zu sagen.« Sie ließ seine Hände fallen und ging an ihren Schreibtisch zurück. »Du hast ja versprochen.« »Versprochen? Was habe ich denn versprochen?« »Da hört doch aber alles auf«, neckte sie ihn. »Du hast mir feierlich versprochen, daß nichts, was auch immer passieren möge, wie auch der Ausgang des Falles Stuart sein möge, daß nichts, hörst du, daß nichts unsere Heirat verhindern könne.« »Wußtest du denn das alles«, fragte er erstaunt, »hast du mir aus diesem Grunde das Versprechen abgenommen?« »Natürlich wußte ich es. Ich bin schon ziemlich lange eine reiche Frau und habe mich schon so daran gewöhnt, daß ich mich immer zusammennehmen muß, um nicht jedesmal ein Taxi zu nehmen, wenn ich eins sehe.« Er ging zu ihr und legte seinen Arm um ihre Schulter. »Diana –« begann er und fragte dann: »Oder ist es nun Clarissa?« »Diana – immer«, sagte sie sanft. Er küßte sie. 37 Der Mann, der sich selbst Ehrw. John Dearborn nannte, saß hinter verschlossenen Türen in seinem Arbeitszimmer und verbrannte in einem kleinen Kamin, der sich dicht hinter seinem Sessel befand, planmäßig und sorgfältig Papiere aller Art. Er hatte seine blaue Brille abgenommen und durchflog mit seinen scharfen und lebhaften Augen den Haufen von Manuskripten, alten Briefen, Quittungen und anderen Notizen, verbrannte und sortierte, bis nur noch ein schmales Päckchen übrigblieb, das er bequem in seiner Tasche unterbringen konnte. Er streifte ein Gummiband über dieses und legte es auf die Seite. Dann nahm er ein dickes Bündel Manuskripte auf und packte dies in eine Handtasche, die neben seinem Tische stand. Und während er sortierte, las und vernichtete, pfiff er nachdenklich eine kleine Melodie vor sich hin. Aus einem der Schubfächer seines Schreibtisches zog er noch ein anderes Manuskript hervor, durchblätterte die Seiten, vertiefte sich hier und da in den Inhalt des Werkes. »Das ist wirklich ausgezeichnet«, sagte er nicht einmal, nein, viele Male. John Dearborn war ein enthusiastischer Bewunderer des Genies von John Dearborn. Endlich, widerstrebend, schloß er den Manuskriptband und legte ihn mit besonderer Sorgfalt in die Tasche. Mit Ausnahme des kleinen, alten Mannes, der den Portier spielte und die Räume sauber hielt, und der alten Köchin, die träumend in der Küche saß, war das ganze Haus leer. Die Hausierer hatten ihr Tagewerk noch nicht beendigt, und es würde noch geraume Zeit vergehen, bis einer nach dem anderen die Zufluchtsstätte des Heims erreichte. Endlich war er mit dem Aufräumen und Packen fertig und suchte nun in seinen Brusttaschen nach einem Brief, den er für sein Vorhaben benötigte. Es war eine kurze, handschriftlich geschriebene Mitteilung, die er von Larry Holt am Tage nach dessen ersten Besuche in Todds Heim erhalten hatte. Er ergriff die Feder und malte, mit einem Auge auf der Vorlage, eines der Worte, die er aus dem Briefe herausgegriffen hatte. Dann verglich er sorgfältig Kopie mit dem Original. Schließlich nahm er aus der offenen Schreibmappe auf seinem Tisch einen Briefbogen mit Aufdruck und begann langsam und mühselig zu schreiben – und die ganze Zeit pfiff er leise seine fröhliche, kleine Melodie. Endlich hatte er sein Schreiben beendigt, nahm einen Briefumschlag und adressierte diesen; und als er ihn abgelöscht und versiegelt hatte, steckte er ihn in seine Tasche, schloß die Schreibmappe und legte sie auf den Boden neben die Handtasche. Nun schloß er einen Wandschrank auf und nahm verschiedene Kleidungsgegenstände heraus, die er über die Stuhllehne legte. Er legte seine düstere, priesterliche Kleidung ab und begann sich umzuziehen. In seinem eleganten Anzüge hatte er das Aussehen eines gut situierten, verwöhnten Müßiggängers. Halb mechanisch hatte er sich umgezogen und kämpfte vergebens gegen ein bedrückendes Gefühl von Unzufriedenheit. Alle Ausgänge waren bewacht: die Geheimtür im Schlafsaal, der Weg über das Dach hinweg, der Weg durch den Kesselraum. »Ich bin ja wahnsinnig«, sagte er aufstehend. Langsam legte er den Rock ab und begann sich von neuem umzuziehen. Diesmal ging er aber nicht an den Wandschrank, sondern zu einer langen, schwarzen Truhe, die unterhalb des Fensters stand, und entnahm ihr verschiedene Sachen, die er mit offensichtlichem Mißvergnügen betrachtete. »Ein jämmerlicher Clown!« sagte er verachtungsvoll zu sich selbst. Aber es blieb ihm nichts anderes übrig. Der blinde Jake konnte seinen Weg durch den Untergrundkanal finden, hatte die scharfen Instinkte des Blinden, konnte sich wie eine Katze an den Posten vorbeischleichen, konnte sich durch enge Höhlungen hindurchzwängen, die für einen so riesigen Körper wie den seinen kaum passierbar erschienen. Und wieder zog sich John Dearborn an, nahm einen Leinwandsack aus der Truhe und legte ihn auf den Tisch. Er schüttete den Inhalt der ledernen Handtasche in den Sack, ging nach dem Vorderzimmer des Heims und blickte vorsichtig auf die Straße hinaus. Zwei Schutzleute bewachten, wie er genau wußte, den Eingang zu dieser Sackgasse. Niemand außer ihm selbst benutzte das Vorderzimmer, in dem er alte Möbel, Rechnungsbücher und allerlei Gerumpel aufbewahrte. Aber es hatte den Vorteil einer Tür, die nur wenige Schritte von dem Haupteingang entfernt lag. John Dearborn legte den Sack neben die Tür, ging hinaus und verschloß sorgfältig das Zimmer, bevor er nach seinem Arbeitsraum zurückging und sich dort einschloß. Vielleicht zehn Minuten saß er wartend dort, bis sich ein leises Klopfen an der Türfüllung hören ließ. Geräuschlos schlich er an die Tür und öffnete sie, gerade weit genug, um seinen Besucher hineinschlüpfen zu lassen. Es war der blinde Jake, sein Gesicht war verzerrt und geschwollen, wie Stränge lagen die blauen Adern auf seiner breiten Stirn. »Ich bin grade erst gekommen, Herr«, keuchte er atemlos. Der andere betrachtet ihn mit einem stahlharten Blick. »Was machst du denn hier, Jake?« fragte er leise. »Habe ich dir nicht geboten, die Frau unter keinen Umständen allein zu lassen, bis ich selbst komme?« »Ja, aber Sie sind nicht gekommen, Herr«, erwiderte der blinde Mann. Es war ergreifend, den flehenden Ton, die Demut in seiner Stimme zu hören. Seine toten Augen starrten auf den harten Mann, dem er diente, dem er gefolgt war, wie die Menschen dem unerbittlichen Schicksal folgen müssen. Ein riesenhafter, wilder Hund von einem Manne, kräftig genug, den Herrn, den er anbetete, in seinen Pranken zu zerreißen, und doch bereit, bei jedem scharfen Worte dieses Mannes sich jammernd und winselnd in den Staub zu beugen. Jake der Blinde hatte alles für John Dearborn getan, war der willigste Helfershelfer bei seinen verbrecherischen Plänen, war der gehorsamste Sklave seiner unersättlichen Begierden gewesen. Blut klebte an seinen Händen, und es gab viele Nächte, in denen unheimliche, verschwommene Schatten in seinem Zimmer erschienen und verschwanden, in denen kalte Finger ihn berührten, kalte, starre Finger nach seiner Kehle griffen, Nächte, in denen durchnäßte, rauhe Ärmel über ihn hinwegwischten, in denen er das eintönige Drip-Drip-Drip des Wassers vernahm. Aber all das war vergessen. Schweiß floß in Strömen über sein ängstlich verzogenes Gesicht, seine dicken Lippen hingen halboffen über dem keuchenden Munde – vielleicht fühlte der blinde Mann das Feindliche, Ungewohnte in der Atmosphäre, denn in kläglichem Tone fragte er: »Ist irgend was nicht in Ordnung, Herr?« »Wo ist die Frau?« fragte Mr. Dearborn. Seine Worte fielen wie Stahlkugeln von seinen Lippen. Jake rutschte unruhig auf seinem Sitze hin und her. »Ich mußte sie zurücklassen! Ich konnte doch nicht –« »Du hast sie zurückgelassen!« Eine neue, unheilverkündende Pause. »Und sie haben sie gefunden, was?« John Dearborns Stimme war sehr sanft geworden. »Ja, Herr, sie haben sie gefunden«, sagte der Mann, »Was sollte ich den machen? Ich würde doch alles in der Welt für Sie tun. Habe ich denn nicht getan, was in meinen Kräften stand, Herr? Es gibt doch keinen Menschen, der so stark ist wie ich, der alte, blinde Jake. Es gibt doch keinen, der so gerissen für Sie arbeiten kann wie ich! Habe ich den nicht für Sie gearbeitet? Habe ich sie nicht alle weggebracht, für Sie, Herr? Habe ich sie nicht mit diesen Händen erwürgt, für Sie erwürgt, Herr?« Er streckte sie aus: große, grausame Hände, rauh und knotig, die Handrücken mit gelbbraunen Flecken bedeckt, die Handflächen voller harter Schwielen. »Du hast Holt entwischen lassen«, sagte Dearborn ruhig und gefühllos, wie der Richter, der ein Urteil verkündet. »Die Frau ist dir entkommen, und das Mädchen auch. Und du kommst hierher und erzählst mir von allem, was du für mich getan hast!« »Ich habe getan, was ich konnte«, entgegnete der Mann demütig. »Und man wird dich fassen, dich auch! Und – du kannst sprechen.« »Die Zunge können sie mir herausreißen, bevor ich ein Wort gegen Sie sage, Herr«, rief der blinde Jake wild und schlug krachend mit seiner riesigen Faust auf den Tisch. »Sie wissen, daß ich für Sie sterben würde, Herr!« »Ja«, sagte Dearborn. Seine linke Hand, die Hand, an der der kleine Finger fehlte, fühlte sich langsam in die Hüftentasche, zog langsam einen kurzen, schwerkalibrigen Revolver hervor. »Du wirst schwatzen«, sagte er. »Du hast ja keine andere Möglichkeit als zu schwatzen, Jake.« Der blinde Man beugte sich ihm zu, krampfhaft zuckte und zitterte es in seinem dicken, runden Gesicht. »Und wenn ich sterben sollte –« begann er. Da hob Ehrw. John Dearborn seinen Revolver, zielte langsam und bedächtig – drei Schüsse hintereinander, die fast wie einer klangen, und der riesenhafte Berg von Muskeln schwankte vorwärts, rückwärts und brach neben dem Schreibtisch zusammen. Jakes des Blinden Tag der Vergeltung war gekommen. 38 Dearborn schob den Revolver in die Tasche, schloß die Tür auf und ging hinaus. Der kleine, alte Mann, der das Amt des Pförtners bekleidete, stand mit offenem Munde im Gang. »Was ist passiert?« rief er hastig. »Wer hat geschossen?« »Mach' schnell und hole die Polizei«, antwortete John Dearborn ruhig. »Hier ist jemand erschossen worden.« »Du lieber Himmel«, flüsterte der alte Mann. »Am Ende der Straße stehen zwei Schutzleute, beeile dich«, sagte Dearborn scharf und lauschte auf das Geräusch der sich entfernenden Schritte. Dearborn wartete einen Augenblick, ging dann in das Vorderzimmer und schloß die Tür. Lauschend stand er hinter dieser. Jetzt hörte er das Rennen von eiligen Fußtritten, unterschied die beiden Polizisten, hörte wie sie durch den Gang stürzten und das Geschwätz von einigen Müßiggängern bei oder hinter ihnen. Dann öffnete er die Tür. Ein Polizist beugte sich zu dem blinden Jake nieder. »Das ist er«, sagte er. »Jim, jage alle die Leute zum Hause hinaus und bleibe an der Tür auf Posten, bis der Inspektor kommt. Gib lieber das Alarmsignal.« Der schrille Pfiff der Polizeipfeife gellte durch Lissom Lane, und die wenigen Neugierigen, die zum Hause hinausgetrieben waren, blieben vor der Tür stehen. »Was ist den hier vorgefallen?« fragte Mr. Dearborn, und der Beamte lächelte gutgelaunt. »Hören Sie, Herr Postrat«, sagte er, »machen Sie, daß Sie weiterkommen und Ihre Briefe loswerden.« Und John Dearborn warf sich den Sack über die Schulter. Er hatte die Uniform eines Briefträgers gewählt – sie bewies sich als beste Verkleidung – und verließ das Haus wenige Minuten vor Larrys Ankunft. Der Detektiv war bereits unterwegs, um Mr. John Dearborn zu sprechen, und die Handschellen in seiner Tasche waren ganz besonders für diesen Herrn bestimmt. Larry sah die Ansammlung Neugieriger vor der Tür und fühlte, daß sich etwas Ungewöhnliches ereignet haben mußte. Er betrat das Arbeitszimmer und blickte schweigend auf den massigen Körper seines Feindes. Der blinde Jake war auf der Stelle tot gewesen. Niemals hatte er erfahren, wer ihn gefällt hatte, hatte niemals den gemeinen Verrat seines Herrn, dem er so treu gedient hatte, ahnen können. »Der Mörder muß hier irgendwo im Hause stecken, Sir«, sagte der Beamte. »Der kleine Kerl an der Tür hat die Schüsse gehört, und der Vorsteher hat ihn weggeschickt, um die Polizei zu holen. Wir sind beide zusammen hierher gekommen, mein Kollege und ich.« »Ist der Eingang einen Augenblick ohne Bewachung geblieben?« fragte Larry. »Nur für eine Sekunde, Sir«, antwortete der Mann. »Wir kamen zusammen in das Haus.« »Und in dieser Sekunde ist unser Freund entwischt«, sagte Larry. »Ich glaube nicht, daß es noch Zweck hat, weiter zu suchen.« Larry fuhr nach dem Präsidium, um mit dem Chefkommissar zu sprechen, und suchte dann das junge Mädchen auf. »Ich habe die Neuigkeit schon gehört«, sagte sie ruhig. »Sergeant Harvey war gerade hier. Glaubst du, daß Dearborn ihn getötet hat?« »Dearborn ist David Judd«, sagte Larry kurz. »Doktor Judds Bruder?« rief sie überrascht. »Aber er ist doch schon lange tot.« Er schüttelte den Kopf. »Das großartige Begräbnis war tadellos inszeniert, und ich bin fest davon überzeugt, daß David sogar so weit gegangen ist, den notwendigen Körper für den Sarg zu verschaffen. Er ist ein ganz außerordentlich gründlicher Herr. Erinnerst du dich, wie Lew uns erzählte, daß sein Bruder, ein gut aussehender Mensch mit langem Bart, eines Tages plötzlich verschwunden war?« Sie nickte. »Das ist der Mann, den wir in David Judds Grab finden werden.« »Ist denn Doktor Judd auch –« begann sie, aber es war unnötig, diesen Satz zu Ende zu führen. »Doktor Judd steckt bis über den Hals in der Geschichte«, sagte Larry. »Die Geschichte von Dearborn ist schnell erzählt. Dearborn war ein Teilhaber Judds, und irgend etwas muß im Büro vorgekommen sein – ein Verbrechen, ein Mord vielleicht, den David veranlaßte, um die Versicherungssumme zu erhalten, was weiß ich – und einer der Angestellten muß dahintergekommen sein. Der Mann unterschlug dann eine große Summe, flüchtete nach Montpellier und begann von dort aus Erpressungen gegen David. David fuhr hinterher und erschoß ihn. Höchstwahrscheinlich war es kein vorbedachter Mord, denn David war nicht die Sorte von Mann, seinen Gegner auf offener Straße niederzuschießen. Auf jeden Fall schoß er aber und wurde dabei von Flimmer Fred gesehen, der gerade noch zeitig genug kam, um von dem sterbenden Mann den Namen seines Mörders zu hören. Das bedeutete für einen Mann vom Schlage Flimmer Freds ein Lebenseinkommen. So schnell wie möglich reiste er nach London zurück, suchte Judd auf und teilte ihm dann jedenfalls die Bedingungen mit, unter denen er seinen Mund halten würde. Dann kam Judd auf den Gedanken, daß es das beste wäre, wenn David sterben würde; und David, du erinnerst dich, war ein gut aussehender Mann mit Vollbart. Lews Bruder war unter all ihren Helfershelfern und Bekannten der einzige, der in seinem Äußeren am meisten David ähnelte, und so wurde er ohne viel Federlesen ermordet und als David Judd begraben. Bei dieser Gelegenheit zogen sie noch eine bedeutende Summe von den Rückversicherungsgesellschaften für Davids hohe Lebensversicherung. Den Plan mußten sie schon lange Zeit erwogen haben, denn schon einen Monat vor Davids Tod hatte Dr. Judd den Kauf von Todds Heim abgeschlossen. Es war nichts weniger als ein wohltätiges Unternehmen, sondern im Gegenteil eine rein geschäftliche Sache, denn Todds Heim hatte sich allmählich in eine bessere Bettlerherberge umgewandelt, die von den verkommensten der blinden Bettler Londons aufgesucht wurde. Dort hatten die berüchtigten ›Toten Augen‹ ihr Hauptquartier, und von ihnen mußte David die Einzelheiten über Todds erfahren haben. Das Heim wurde gekauft, und einen Tag nach dem ›Tode‹ Davids erschien Ehrw. John Dearborn als Vorsteher auf der Bildfläche. Es steht absolut fest, daß er tatsächlich alle verdächtigen Elemente aus dem Hause jagte und verschiedene Änderungen in der Organisation vornahm, aber er tat dies nur um den Makel von Todds Heim zu lösen, ihm wieder einen guten Namen zu schaffen und – um das Haus als sein Hauptquartier zu benutzen, ohne Besorgnis vor polizeilichen Besuchen haben zu müssen. Als die Wäscherei Konkurs machte, kaufte Judd das Grundstück, und David führte die baulichen Veränderungen unter Mithilfe seiner Bande aus. Ich muß dabei bemerken, daß David Architekt ist und das Haus, in dem sein Bruder lebt, gebaut hat. Wir wissen, daß er ausländische Arbeiter beschäftigt hat und daß das ganze Haus für einen ganz besonderen Zweck gebaut wurde«, fügte er ernst hinzu. »Als sie das Wäschereigrundstück in Besitz hatten, kamen die ›Toten Augen‹ wieder nach ihrem alten Sitz in Lissom Lane zurück, gingen und kamen inmitten der Blinden, die sie nicht sehen konnten, und die nichts von ihrer Gegenwart wußten.« »Was wird nun mit Dr. Judd?« fragte sie. »Ich werde ihn verhaften«, antwortete Larry, »und zwar werde ich ihn an demselben Platz verhaften, von dem dein Vater verschwand – in der berühmten Loge A im Macready-Theater.« »Ist er denn dort?« fragte sie erstaunt. Er nickte. »Beinahe jeden Abend«, antwortete er ruhig. »Aber warum verhaftest du ihn denn nicht gleich?« »Weil Loge A und ihr Geheimnis noch nicht aufgeklärt ist«, sagte Larry, »aber ich glaube, ich werde das fertig bekommen.« Am gleichen Abend trat Larry um acht Uhr in das Vestibül des Macready-Theaters. »Dr. Judd, Sir?« sagte der Logenschließer. »Ja, er ist in Loge A. Erwartet er Sie?« Larry nickte. Sergeant Harvey wollte ihn begleiten, aber Larry verabschiedete ihn. »Ich gehe lieber allein.« Er ging schnell den Gang hinunter, blieb einen Augenblick vor der Loge A stehen, drehte den Türknopf herum und trat ein. Dr. Judds Augen waren auf die Bühne gerichtet. Der Detektiv war stehengeblieben, um mit ihm zu sprechen, als etwas Warmes, Wolliges über seinen Kopf glitt. Es fühlte sich wie ein mit Wolle gefüllter Sack an und mußte mit irgendeiner Chemikalie getränkt sein, die ihm den Atem raubte und einen Augenblick völlig lähmte. Dann fühlte er, wie sich ein Strick straff um seinen Hals legte. Er riß den Revolver heraus, aber bevor er ihn benutzen konnte, traf ein scharfer Schlag seine Hand, und mit einem Schmerzensschrei, der durch den Wollsack erstickt wurde, ließ er die Waffe fallen. Jeder Atemzug erstickte ihn beinahe, er schlug wild um sich, seine Arme wurden von hinten ergriffen, und man warf ihn zu Boden. Undeutlich hörte er die Stimme Dearborns. »Den Zerstäuber, Peter!« Das Mundstück einer Röhre preßte sich an seinem Kinn vorbei in den Sack, und etwas scharf riechendes wurde unter seine Nasenlöcher gespritzt. Er versuchte noch einmal, sich aus den umklammernden Griffen zu befreien, aber ein Knie preßte sich in seinen Rücken, und er verlor das Bewußtsein. »Du bist wirklich ein Genie, David«, sagte Dr. Judd im Tone tiefster Bewunderung. »Auf die Minute abgepaßt und glänzend durchgeführt. Hervorragend, alter Junge, ganz hervorragend!« »Mach die Tür auf und sieh mal nach, Peter«, sagte David, und der Doktor gehorchte. Der Gang war leer. Gerade gegenüber der Tür von Loge A war ein Vorhang an der Wand aufgehängt, hinter dem der Doktor verschwand. Ein Strom frischer Luft flutete herein, als er den Notausgang öffnete, der nach dem Hof führte, wo ein Wagen auf ihn wartete. Eine Minute später hatte David den Detektiv aufgehoben – mit einer Leichtigkeit, als ob er ein Kind in den Armen hätte –, ihn in das Innere der Limousine gelegt und selbst den Platz am Steuerrad eingenommen. Bald war er vor dem Hause in Chelsea und brachte den Wagen in einem kurzen Bogen bis dicht an die verschlossenen Torflügel der überdachten Anfahrt. In dem massiven Tor befanden sich zwei runde Löcher, die mit den Enden zweier Stahlstangen korrespondierten, die dicht unterhalb der Scheinwerfer seines Wagen hervorragten. Langsam und geschickt brachte er das Auto den langsam abfallenden Weg hinauf, bis die Stangen in die Löcher eindrangen. Dann trieb er den Wagen vorwärts. Ein leichtes Schnappen, und die Flügel öffneten sich. Der Wagen rollte durch das Tor, und als die Räder über eine querliegende bewegliche Plattform hinwegrollten, schlossen sie sich wieder. Gegenüber der Tür, die wie ein Fenster aussah, hielt David Judd an, öffnete sie und trug Larry hinein. Die Treppe, die nach dem Keller führte, war erleuchtet, und die Tür stand offen. Er warf den Detektiv auf das Bett, nahm die Fußschelle auf und legte den Ring um Larrys Knöchel. Und dann erst nahm er den schweren Ledersack, der Larrys Kopf verhüllte, ab. Er roch betäubend nach Formalhyadin, und Judd warf ihn in das Badezimmer. Larrys Gesicht war purpurrot, und er sah aus wie jemand, der erwürgt worden war, aber als ihn die Nachtluft traf, begann er langsam und mühselig zu atmen. David beugte sich zu ihm hinab, fühlte seinen Puls, zog die Augenlider auf und lächelte. Leise ging er hinaus, schloß die beiden Türen hinter sich und blieb auf dem ersten Treppenabsatz stehen, um den Raum, den Sergeant Harvey den »Maschinensaal« getauft hatte, zu betreten. Er drückte einen Schalter herunter, und der elektrische Ventilator begann leise zu summen. David ging in den Hof zurück, hielt sich aber nur auf, um die Türen hinter sich zu schließen. Er hatte nicht einen Augenblick zu verlieren. Der Motor lief noch, er sprang in den Führersitz und ließ den Wagen langsam rückwärts laufen. Als die Räder die schmale Brückenwaage erreichten, öffneten sich die Torflügel wiederum. Sie würden genau zwanzig Sekunden offenbleiben und sich dann automatisch wieder schließen; kaum war der Wagen rückwärts auf die Straße gekommen, als sich die Tür geräuschlos schloß. Schnell fuhr er nach der Stadt zurück, diesmal aber in nördlicher Richtung und hielt erst gegenüber von Larry Holts Wohnung an. 39 Diana war schon zeitiger nach Haus gegangen – eigenartig war es, wie sie sich in den wenigen Tagen daran gewöhnt hatte, Larrys Wohnung als ihr Heim zu betrachten. Die Arbeit war getan, und es blieb weiter nichts als die harte und grimmige Notwendigkeit zu erfüllen, die Verbrecher festzunehmen. Jeden Augenblick erwartete sie, das Telephon läuten zu hören und Larrys Stimme zu vernehmen, die ihr mitteilte, daß die beiden Brüder hinter Schloß und Riegel säßen. Ein Buch lag in ihrem Schoß, aber sie las nicht. Ihre Anstandsdame und Pflegerin saß in ihrem Zimmer und nähte. Sunny stand außerhalb der angelehnten Wohnungstür und plauderte leise mit Louie, dem Mädchen, das den Fahrstuhl bediente. Diana saß mit gebeugtem Haupt, die Wange auf die Hand gestützt, und ihre Gedanken wanderten in eine rosige Zukunft – die tragische Vergangenheit schien vergessen. Einmal stand sie auf und ging in Sunnys kleines Zimmer, wo die Frau, die sie »Tante« genannt hatte, friedlich schlief. Sie hatte gerade ihr Buch wieder aufgenommen, als Sunny anklopfte und hineinkam. »Ein Brief für Sie, Miß«, sagte er und überreichte ihn dem jungen Mädchen. Es war Larrys Handschrift. Sie riß den Umschlag auf und las: »Liebe Diana. Ein ganz unbegreifliches Versehen hat sich herausgestellt. Dr. Judd hat eine verblüffende Erklärung über den Tod deines Vaters gegeben. Ich schicke dir einen Wagen und bitte dich, sofort nach Dr. Judds Haus – 38 Endman Gardens, Chelsea – zu kommen. Larry.« Das Briefpapier trug die gleiche Adresse. Larry mußte von Endman Gardens aus geschrieben haben. »Ist eine Antwort nötig, Miß?« fragte Sunny. »Ja, bestellen Sie dem Chauffeur, daß ich sofort komme.« »Gehen Sie aus, Miß?« Sunny frage es zögernd. »Ja, ich suche Mr. Holt auf«, antwortete sie lächelnd. »Wünschen Sie, daß ich Sie begleite, Miß? Der Herr sieht es nicht gern, daß Sie allein gehen.« »Ich glaube, heute abend brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen, Sunny«, sagte das junge Mädchen freundlich. »Auf jeden Fall vielen Dank für Ihr freundliches Anerbieten.« Sie zog sich hastig an und ging nach unten. Die Limousine stand vor der Tür, und der Chauffeur grüßte höflich. »Miß Ward?« fragte er. »Ich komme von Dr. Judd.« Seine Stimme klang heiser, als ob er erkältet wäre. »Ja, ich bin Miß Ward«, antwortete sie und stieg in den Wagen.« Vor einem dunklen, schweigenden Hause hielt das Auto an. »Ist das Dr. Judds Haus?« fragte sie. »Ja, Miß«, antwortete der Mann. »Wollen Sie bitte die Stufen hinaufgehen und läuten. Der Diener wird Sie dann zu dem Herrn bringen.« Dr. Judd selbst war es, der jovial lächelnd die Tür öffnete und sie in den prachtvollen Salon nötigte. »Hoffentlich macht es Ihnen nichts aus, einige Augenblicke hier warten zu müssen, Miß Stuart?« sagte er freundlich. Der Name klang ihr so fremd und ungewohnt, daß sie lachte. »Ich nehme an, Sie haben sich noch nicht daran gewöhnt, mit diesem Namen angeredet zu werden?« sagte der Doktor in ausgezeichneter Laune. »Ich gehe nach oben, um unseren beiderseitigen Freund aufzusuchen und ihn nach unten zu holen. Vielleicht können Sie sich einige Minuten gedulden. Unsere kleine Besprechung war noch nicht ganz beendigt.« Sie nickte und setzte sich in einen der großen Sessel. Zehn Minuten vergingen, zwanzig Minuten verstrichen, aus den zwanzig wurden vierzig Minuten. Nichts rührte sich in dem großen Hause, niemand kam zu ihr. Die Uhr auf dem Kamin schlug leise klingend. »Zehn Uhr!« sagte sie überrascht. »Ich möchte wissen, was ihn so lange aufhält.« Sie saß an der Seite eines großen offenen Kamins, in dem ein kleines Feuer brannte, und betrachtete bewundernd die Gemälde, die Gobelins, die prachtvollen Vorhänge und künstlerische Wandtäfelung als Hintergrund für all diese Kostbarkeiten. Nicht ein einziges Möbelstück befand sich in dem Raum, das nicht, wie sie fühlte, mit Sorgfalt und Verständnis ausgewählt war. Die Teppiche auf dem Parkett waren antike Perser; die geschnitzte Tafel hätte aus einem kaiserlichen Palast des fernen Osten stammen können. Ihr Blick wanderte zu dem Feuer im Kamin zurück und ihre Gedanken zu Larry. Sie wunderte sich mehr und mehr, welch wichtige Angelegenheiten er zu besprechen hatte, was wohl die Erklärung sein könnte, die der Doktor gegeben hatte. Wieder blickte sie nach der Uhr. Halb elf! Sie legte die Zeitung fort und begann unruhig in dem prachtvollen Gemach auf und ab zu gehen. Jetzt hörte sie das Schnappen einer Türklinke, und Dr. Judd kam von der Halle herein. »Hoffentlich haben Sie sich nicht zu einsam gefühlt«, sagte er. »Er kommt sofort.« Sie zweifelte nicht einen Augenblick, daß »er«, von dem der Doktor sprach, Larry Holt war. »Ich fing schon an unruhig zu werden«, sagte sie lächelnd. »Was ist das für ein wunderbarer Raum!« »Ja«, sagte er gleichgültig, »er ist sehr schön, aber später werden wir Ihnen einen Salon zeigen können, gegen den dieser hier ärmlich erscheint.« »Da ist er ja«, sagte der Doktor; aber es war nicht Larry, der hereinkam. Mit einem Ausruf des Schreckens sprang sie auf die Füße. Es war John Deaborn. Die Maske des Blinden war verschwunden, wie seine Brille, und seine klaren Augen betrachteten sie mit spöttischer Belustigung. »Wo ist Mr. Holt?« fragte sie. Deaborn lachte leise. »Sie wollen doch sicherlich etwas genießen«, sagte er, schob an der Seite des Kamins ein Paneel zur Seite und nahm eine silberne Platte heraus, auf der eine Mahlzeit für eine Person angerichtet war. »Wir essen so spät am Abend nicht mehr«, er setzte die Platte auf den Tisch, über den er eine weiße Spitzendecke gelegt hatte. Diana war leichenblaß geworden. Sie war in tödlicher Gefahr, aber ihre Stimme schwankte nicht. »Wo ist Mr. Holt?« fragte sie von neuem. »Mr. Holt ist glücklich und zufrieden.« Es war der Doktor, der antwortete. »Sie werden ihn später zu sehen bekommen.« Die eigenartigen Worte und der merkwürdige Ton erschreckten sie. Diana stand auf und nahm ihren Schal. »Ich glaube nicht, Dr. Judd, daß ich noch länger bleiben kann, wenn Mr. Holt nicht hier ist«, wandte sie sich an diesen jovialen Mann. »Können Sie mich nach Haus bringen?« Der Doktor antwortete nicht. Er hatte ein Schubfach des japanischen Tisches aufgezogen und einen dicken Stoß Papiere herausgenommen, die er mit strahlendem Lächeln Deaborn hinhielt. »Sie werden eine entzückende Stunde genießen, Miß Stuart«, sagte er. »Nein, wirklich, David, das ist zu nett von dir. Ich dachte, du wärest heut abend zu sehr ermüdet.« Das junge Mädchen blickte von einem zu dem anderen und glaubte ihren Ohren nicht trauen zu können. Dr. Judd, der sich bisher ihr gegenüber von einer Höflichkeit die beinahe an Unterwürfigkeit grenzte, gezeigt hatte, beachtete ihre Worte ganz und gar nicht. »Ich glaube, Sie haben mich nicht gehört, Dr. Judd«, sagte sie mit Nachdruck. »Ich wünsche, daß Sie mich nach meiner – nach Mr. Holts Wohnung bringen.« »Sie macht sich Sorge um ihre Garderobe«, wandte sich der Doktor halblaut zu seinem Bruder. »Du wirst doch dafür Sorge tragen, daß sie hierher geschickt wird, David?« »Hierher geschickt wird?« stammelte sie. »Was meinen Sie damit?« David Judd – sie hatte schon aufgehört, ihn als »Dearborn« zu betrachten – hatte sich in den Sessel gesetzt, aus dem sie sich erhoben hatte, und blätterte in seinem Manuskriptbuch. »Ich glaube, es ist besser, Sie essen erst eine Kleinigkeit. Sie müssen doch sehr hungrig sein.« »Ich werde in diesem Hause nichts essen, bevor ich nicht weiß, was Sie mit Ihren Worten, meine Garderobe soll hierher geschickt werden, meinen«, sagte sie erregt. »Dann gehe ich eben allein nach Haus.« »Mein liebes, junges Fräulein« – der Doktor legte seine große Hand auf ihren Arm – »bitte stören Sie David nicht. Er wird Ihnen jetzt eines seiner wundervollen Stücke vorlesen. Wissen Sie denn, daß David der größte Dramatiker der Welt ist, daß seine Stücke Spitzenleistungen des modernen Dramas sind, daß sein Können gleich ... nein, weit über dem sogenannten Genie eines Shakespeare steht!« David blickte von seinem Buch zu seinem Bruder auf; ihre Blicke trafen sich. Er sprach mit einem solchen Ernst, einer derartigen unerschütterlichen Überzeugung, daß ihr im Augenblick die Worte fehlten. Dann sagte sie: »Ich bin jetzt nicht in der Laune, mir Theaterstücke vorlesen zu lassen, mögen sie auch noch so gut sein.« Sie mußte alle ihre Kräfte zusammennehmen, denn sie fühlte, daß sie sich in einer verzweifelten Lage befand. »Ich glaube nicht, daß sie heut noch nach Haus fahren kann«, sagte der Doktor beinahe bedauernd. »Vielleicht morgen, wenn du sie geheiratet hast?« Er sprach furchtsam, beinah flehend, und seine Worte waren in fragendem Ton gehalten. »Ich werde sie nicht heiraten«, sagte der Mann, der sich Dearborn nennen ließ, scharf. »Ich dachte, das hätten wir doch schon besprochen und erledigt, Bruder! Jake ist tot, aber es gibt doch noch andere. Es kommt doch schließlich gar nicht darauf an, wer sie heiratet?« Diana war sprachlos vor Entrüstung und Schrecken. Sie verhandelten über ihre Heirat mit einem von ihnen, und jeder versuchte dem anderen mit einer derartigen Ruhe und selbstsicheren Anmaßung zu dieser Heirat zuzureden, daß sie keine Worte finden konnte. Endlich stieß sie zitternd vor Empörung hervor: »Ich denke gar nicht daran, einen von Ihnen beiden zu heiraten. Ich bin mit – Larry Holt verlobt.« Beide Männer blickten sie an, und auf dem dicken, runden Gesichte des Doktors lag ein Ausdruck von tiefem Bedauern. »Es ist wirklich ein Jammer«, sagte er. »Die ganze Sache hätte sich so einfach arrangieren lassen, wenn Mr. Holt auf unserer Seite wäre. Bedauerlicherweise sind wir, auch wenn er im Fleische bei uns ist, geistig durch Welten voneinander getrennt.« »Im Fleisch bei uns ist?« wiederholte sie und zitterte am ganzen Körper. Jetzt war ihr klargeworden, daß der Brief, der sie in dies Haus des Schreckens gelockt hatte, eine Fälschung war, und ihre einzige Hoffnung auf Rettung lag in der Gewißheit, daß Larry ihre Abwesenheit bemerken und ihr folgen würde. Die beiden Brüder blickten einander vielsagend in die Augen, und schließlich stand Dearborn auf und legte sein Manuskriptbuch mit einem resignierten Seufzer nieder. Er winkte sie zu sich und ging nach dem anderen Ende des Zimmers, wo er eine andere versteckte Tür öffnete, die so geschickt unter den Schnitzereien angebracht war, daß sie selbst Larrys Blicken entgangen war. »Ich habe die Pläne für das Haus gezeichnet«, erklärte er einfach, »und es selbst mit nicht mehr als zwanzig Maurern aus Toskana gebaut«, und später fand sie heraus, daß seine Angaben auf Wahrheit beruhten. Sie folgte ihm unter dem Banne eines ständig wachsenden Entsetzens in einen kleinen, vollkommen leeren Raum. Unter sich hörte sie ein leises, dumpfes Summen und fühlte, wie der Boden unter ihren Füßen leicht vibrierte. Dann blieb David stehen, beugte sich auf den Fußboden und öffnete schließlich eine kleine viereckige Falltür, die kaum vierzig Zentimeter im Durchmesser hatte. Unter dieser befand sich ein Glasfenster, und als sich ihre Augen an die unerwartete Perspektive gewöhnt hatten, sah sie unter sich einen kellerähnlichen, offenbar von der Decke aus beleuchteten Raum. Sie sah nichts von den besonderen Eigenheiten des Zimmers, denn ihre Blicke starrten auf eine Gestalt, die auf der Kante des Bettes saß und sich eine Wunde an der Hand mit einem Taschentuch verband. Zuerst erkannte sie nicht, wer es war. Dann aber blickte der Mann nach der Decke; wenn er auch nicht die Personen in dem Zimmer über sich sehen konnte, so hatte er doch das Geräusch der sich öffnenden Falltür gehört. Sie starrte und schrie gellend auf. Dort unten saß Larry Holt, eine Fußschelle lag um seinen Knöchel. 40 Dearborn umschlang ihre Hüfte und zog sie aus dem »Beobachtungszimmer« in den Salon. Als er sie losließ, gaben ihre Knie unter ihr nach und sie brach auf dem Boden zusammen. »Alles muß in geziemender Weise ausgeführt werden«, sagte Dr. Judd ernsthaft. »Wir dürfen keine rohe, pöbelhafte Szene zulassen. Das ist doch auch deine Ansicht, Bruder?« »Ganz und gar, mein Lieber«, antwortete David Judd. Diana hatte ihren zitternden Körper halb aufgerichtet auf die Arme gestützt und starrte David an. »Was haben Sie mit ihm vor?« rief sie verstört. Von neuem blickten sich die Brüder an. »Erzähle es ihr doch«, sagte David freundlich. Dr. Judd schüttelte den Kopf. »Ich glaube, es ist besser, du teilst ihr das mit«, antwortete er. »Du bist in solchen Angelegenheiten so außerordentlich feinfühlig und vergiß nicht«, fügte er hinzu, »daß sie deine Frau ist.« David hatte sich hingesetzt, und sein unbewegliches Gesicht blickte über die Stuhllehne auf Diana hinunter. »Wenn ich mit dem Vorlesen fertig bin«, sagte er, »werde ich ihn ertränken.« Sie fuhr entsetzt hoch. »Mein Gott«, flüsterte sie schweratmend. Wie ein Blitz kam ihr die Erkenntnis der fürchterlichen Wahrheit. Die beiden waren wahnsinnig! Wahnsinnige, die den äußeren Anschein völliger Gesundheit hatten, die Jahre hindurch Tag für Tag mit gesunden Menschen Geschäfte gemacht und nicht ein einziges Mal den geringsten Verdacht erweckt hatten, wie zerfressen ihre Moralanschauungen in Wirklichkeit waren. Sie schrak vor ihnen zurück, weiter und weiter, bis ihr Rücken sich gegen die Täfelung der gegenüberliegenden Wand drängte. Sie waren die Mörder ihres Vaters! Sie glaubte den Verstand zu verlieren, und grub die Nägel ihrer Finger in ihre Handflächen in dem krampfhaften Bemühen, gegen die drohende Ohnmacht zu kämpfen. Wahnsinnig, und alle Welt sah und sprach täglich diese beiden, ohne das geringste zu vermuten! »Soll ich jetzt vorlesen?« fragte David unbewegt. »Ja, ja, lesen Sie bitte«, rief sie hastig. Sie wollten Larry töten, wenn er mit Lesen fertig war! Das war der einzige Gedanke, der sie quälte und peinigte, als sie ihr verzerrtes Gesicht dem Manne zuwandte. Die Eitelkeit dieses Menschen, der nur seiner fixen Idee lebte, war geschmeichelt, und seine Erregung verriet sich im Gestammel seiner Worte, als er die ersten beiden Seiten seines Manuskriptes las. Dann wurde seine Sprache ruhiger, und in einer ihr selbst unverständlichen Weise begriff das junge Mädchen, daß er diesen trockenen toten Worten eine Schönheit verleihen konnte, die nur sein eigenes krankes Gehirn sah, die er aber selbst ihr zu ihrer eigenen Verwunderung verständlich machen konnte. Dr. Judd war von seinem Stuhl heruntergeglitten und saß mit gekreuzten Beinen auf dem riesigen Bärenfell vor dem Kamin. Seine Hände waren gefaltet, und mit großen Augen blickte er andächtig auf seinen Bruder. Und hier drängte sich dem jungen Mädchen eine andere merkwürdige Beobachtung auf. Diese Zeilen, die David so wunderbar erschienen, begeisterten in gleicher Weise den anderen, und wenn er gelegentlich selbstbewußt, wie um den ihm gebührenden Beifall einzuheimsen, eine Pause machte, war es immer der Doktor, der diesem Wunsche zuvorkam. »Wunderbar, ganz wunderbar! Ist er nicht ein Genie, Miß Stuart?« fragte Stephan. Sie blickte schnell zu David hinüber, glaubte ihn verlegen unter diesen Lobsprüchen zu sehen, aber er saß kerzengerade auf seinem Stuhl, ein selbstzufriedenes Lächeln auf seinen breiten Zügen und den Ausdruck herablassenden Wohlwollens in seinen Augen. Und beide hatten die Absicht, zu morden! So manche Leute waren schon in diesem fürchterlichen Hause ermordet worden, dachte Diana in verständnisloser Verwunderung. Hatten sie immer hier gesessen, während ihre Opfer den letzten verzweifelten Kampf in jenem entsetzlichen Verließ auskämpften, der eine vorlesend, und der andere jenen abgedroschenen Phrasen lauschend, jenen uralten Situationen, die beide für das Werk eines Übergenies hielten? »Das ist noch nicht einmal meine beste Arbeit«, sagte David, als ob er in ihren Gedanken gelesen hätte. »Es gefällt Ihnen natürlich?« »Sehr«, antwortete das junge Mädchen leise. »Bitte, lesen Sie doch weiter.« Sie hoffte, sie könnte sie auf diese Weise die ganze Nacht hindurch beschäftigt halten. Sicherlich würde die Polizei nach Larry suchen, und vielleicht war einem der Beamten das Haus in Chelsea bekannt. Aber diese Hoffnungen wurden zertrümmert, und ihr Herz schien stillzustehen, als sie sah, wie David das Manuskriptbuch schloß und es mit zärtlicher Sorgfalt auf den Tisch neben ihm legte. »Bruder«, begann er, »ich glaube –« Der Doktor nickte. »Und würde es nicht eine delikate Handlung, ein eindrucksvoller Beginn des unendlichen Glückes sein, das vor mir, vor uns allen liegt, wenn diese schöne Hand –« er ergriff die widerstandslose Hand Dianas – aber wiederum beendete er den Satz nicht. Aus seiner Tasche zog er ein Schlüsselbund, die Schlüssel, die Flimmer Fred so sorgfältig nachgemacht hatte, und ging nach der Tür, durch die das junge Mädchen hereingekommen war. Er lächelte leise, als er den Schlüssel in die Öffnung steckte und die Tür aufzog. »Wollen Sie bitte mitkommen, liebes Kind?« Sie zauderte einen Augenblick, nahm aber dann all ihren Mut zusammen und folgte ihm die Stufen nach dem Keller hinunter. Am Ende der Treppe war eine andere Tür. Er öffnete diese, schaltete das Licht ein, und sie sah einen Raum, in dem verschiedene Maschinen standen. Er ging zu einem Schalterhebel. »Sie sollen die Ehre haben, unseren Freund – wir tragen ihm nichts nach – Mr. Holt zu erlösen.« »Erlösen?« fragte sie heiser. »Meinen Sie das wirklich?« Unschlüssig stand sie vor dem Schaltbrett, ihre Hand lag auf dem schwarzen Hebel. »Warum öffnen Sie denn nicht die Tür und lassen ihn heraus?« fragte sie argwöhnisch. »Der Hebel öffnet die Tür und erlöst ihn. Glauben Sie doch nicht, meine Teure, daß ich Sie in einer solchen Stunde täuschen werde.« Es war der Doktor, der diese Worte in sanftestem Ton äußerte, und sie zauderte nicht länger. Sie konnte weder ihre Beweggründe noch ihre Aufrichtigkeit ergründen, noch konnte sie sich die Tatsache klarmachen, daß bei diesen Männern Lüge und Betrug wie tägliches Brot waren. Sie zog den Hebel zurück, der sich leichter wie sie erwartet hatte, bewegen ließ. Dann blickte sie nach der Tür. »Wir wollen ihm entgegengehen«, sagte der Doktor und legte seinen Arm um ihre Schulter. Sie schauderte, machte aber keinen Versuch, sich seinem Arm zu entziehen, und so führte er sie die Treppe hinauf und zurück in den Salon, nachdem er die Tür hinter sich abgeschlossen hatte. Und dann, bevor sie seine Absichten erraten oder sich wehren konnte, wurde der Griff um ihre Schulter zu einer stählernen Umschlingung, die sie machtlos an den großen Mann preßte. »Mein Weib, Bruder!« sagte David. »Zweifellos dein Weib, Bruder«, entgegnete der Doktor, »denn das Schönste und Beste der Welt gehört dir, mein Lieber. Diana war vor Schreck erstarrt und unfähig, eine Bewegung zu machen. Warum kam Larry nicht? Ebenso plötzlich, wie er sie ergriffen hatte, ließ der Doktor sie los und nahm ihre kalte Hand in die seine. »Setz dich dicht an das Feuer, Weib«, sagte er. »Ich will den dritten Akt meines großen Werkes zu Ende lesen, und inzwischen wird Mr. Holt aufgehört haben zu leben.« 41 Den schmerzenden Kopf in die Hände gestützt, saß Larry auf der eisernen Bettstelle in der Zelle. Er hatte die verschiedensten Entwicklungen in dem Abenteuer dieser Nacht vorausgesehen, aber niemals hatte er sich ausmalen können, daß er wie eine Ratte in der Falle sitzen und daß das Rätsel der Loge A in dieser verblüffenden Weise gelöst werden würde. Das war also die Erklärung für Gordon Stuarts Tod. Also auch Stuart hatte die Einladung Judds, in seine Loge zu kommen, angenommen und dort den unheimlichen Dearborn getroffen. Er war betäubt worden, und dann hatte ihn John Dearborn in seinen starken Armen in den Wagen getragen und in das Haus des Todes gebracht. Wenn er auch selbst nicht ein solches Ende des Abends vorausgesehen hatte, so hatte er doch wenigstens einige Vorsichtsmaßregeln getroffen. Instinktiv hatte er gefühlt, daß von all den Plätzen auf Gottes weiter Erde, wo sein Wild sich verbergen und wo das Wort »Finis« für den Fall Stuart geschrieben werden würde, dieses grauenerregende Haus sein würde, das die Brüder Judd für sich und ihre grausigen Pläne erbaut hatten, und der Zweck seines heimlichen Besuches am Morgen war ein doppelter gewesen. Mit eigenen Augen hatte er den Beweis der unmenschlichen Verworfenheit dieses Mannes sehen, aber auch in gleicher Zeit die Gefahr, die ihm und dem jungen Mädchen drohte, kennenlernen wollen. Bei dem Gedanken an Diana, die behaglich zu Haus saß, lächelte er und wanderte sich, was sie wohl fühlen und denken würde, wenn sie wüßte, in welcher Lage er sich befände. Jede Waffe, die er bei sich hatte, war ihm genommen worden, aber das beunruhigte Larry nicht besonders. Er stand von dem Bett auf und ging durch das Zimmer, aber das Gewicht der Kette an seinem Knöchel war so groß, daß er gezwungen war, einen Teil derselben lose in der Hand zu tragen. Einen kurzen Blick warf er auf die schwarzen Löcher in der Wand dicht über dem Fußboden ... von dort würde die Gefahr kommen. Wohl durchdacht war die Ausführung dieses Hinrichtungsraumes. Kein Schrei um Hilfe, kein Ruf, kein Geräusch würde durch diese massiven Mauern hindurchdringen. Das Licht in der Decke war durch eine dicke, schwere Glaskugel geschützt und erinnerte an die Schiffsbeleuchtung. Er wollte erst die Länge der Kette kennenlernen, denn, wie er glaubte, hatte er noch reichlich Zeit. Dearborn würde wohl jetzt im Hause sein. Er hörte das Schnappen der Falltür und blickte nach oben, konnte aber nichts sehen. Dann wartete er noch eine weitere halbe Stunde, bis er den großen Steinblock, an dem die Kette befestigt war, beiseite schob. Bevor seine Augen den wasserdichten Sack, den er dort bei seinem früheren Besuche verborgen hatte, erblicken konnte, verlöschte plötzlich das Licht. Merkwürdig genug hatte er an eine solche Möglichkeit nicht gedacht, und er hielt plötzlich den Atem an. Der Beutel war an seinem Platz, seine Finger fühlten ihn, er zog ihn hervor und suchte nach den Schlüsseln. Wäre Licht gewesen, so hätte er keinerlei Schwierigkeiten gehabt, den richtigen Schlüssel herauszufinden, der die Fußschelle öffnete; so aber versuchte er drei Schlüssel, und keiner von ihnen paßte in die schmale Öffnung des Bronzeringes an seinem Fuß. Ein leises, gurgelndes Geräusch, glucksend wie Wasser, das aus einer Flasche läuft ... ein kalter Luftstrom traf sein Füße. Er versuchte einen anderen Schlüssel, aber auch dieser ließ ihn im Stich. Schlimmer noch ... er blieb in dem Schlüsselloch sitzen und wollte sich nicht wieder herausziehen lassen. Er hörte das Rauschen des Wassers, das durch die kleinen Löcher in der Wand einströmte ... das regelmäßige Stampfen einer Pumpe. Er zog und zerrte an dem Schlüssel, dicke Schweißtropfen liefen an seinen Wangen herunter, und endlich, ein Seufzer der Erleichterung, kam der Schlüssel heraus. Das Wasser bedeckte schon seine Füße und stieg mit unheimlicher Geschwindigkeit. Nur noch ein einziger Schlüssel; die übrigen waren für den Zweck zu groß. Er nahm ihn heraus, aber der Bart blieb in der Schnur des Beutels hängen, in dem sie untergebracht waren. Der rettende Schlüssel fiel in das Wasser. Er tastete und suchte ... er war verschwunden. Wieder und wieder griffen seine Finger durch das wirbelnde Wasser und suchten hastig auf dem rauhen Zementfußboden. Endlich, mit einem Freudenschrei, hatte er ihn gefunden, hob mühsam seinen Fuß hoch, schob den Schlüssel in die schmale Öffnung. Er drehte sich. Die Fußschelle öffnete sich – er war frei! Noch zwei andere Türen lagen zwischen ihm und der Rettung, und er wußte, daß mit dem ständig steigenden Druck des Wassers eine Arbeit vor ihm lag, die seine Kräfte bis zum äußersten in Anspruch nehmen würde. Das Wasser ging ihm schon bis zu den Hüften. Mühevoll watete er durch den kleinen Gang die beiden Stufen hinauf und hielt krampfhaft den wasserdichten Sack mit den Zähnen fest. Der Schlüssel drehte sich leicht genug, aber die Tür hatte keinen Handgriff, und mit jeder Sekunde vergrößerte sich der Druck des Wassers gegen die Tür. Er biß die Zähne zusammen, holte tief Atem und zog mit aller Kraft langsam ... gleichmäßig ... 42 Diana vernahm die fürchterlichen Worte, ohne sich jedoch im ersten Augenblick über ihre Bedeutung klar zu werden. »Inzwischen wird Mr. Holt aufgehört haben zu leben.« Sie öffnete den Mund, um ihre Verzweiflung hinauszuschreien, aber kein Ton entrang sich ihrer gepreßten Kehle. Sie hatte Larry getötet! Ihre eigene Hand hatte den Hebel heruntergedrückt, der ihn ertränkte! Das war doch das Wort, das Judd gebraucht hatte. Sie hatte ihn ertränkt – aber wie denn nur? Als der Sinn der Worte ihr allmählich klar wurde, schwankte sie auf den Doktor zu und griff nach seiner Schulter, um sich zu stützen. Sie wollte nicht ohnmächtig werden, hielt sie sich selbst vor, sie wollte um keinen Preis ohnmächtig werden! Es mußte doch einen Weg geben, um Larry zu retten. Verzweifelt suchte sie mit ihren Blicken nach einer Waffe – fand nichts; langsam wurde sie ruhiger. Es waren ja Wahnsinnige, mit denen sie zu tun hatte, und man mußte ihnen den Willen tun. Aber die Zeit war ja so kurz. Von neuem drückte ihre Haltung gespannte Aufmerksamkeit aus, aber ihre Gedanken, ihre Augen arbeiteten unablässig, und als David Judd sich nach vorn beugte, bemerkte sie etwas, das einen Strahl der Hoffnung in ihr Herz brachte. Sein Jackett war offen und ließ gerade noch ein Stückchen des weißen Hemdes sehen, dort, wo sein Arm aus der Weste herauskam, und gegen die weiße Leinwand hob sich eine scharfe, schwarze Linie ab. Sie blickte noch einmal hin und erkannte einen Revolver, den David in einem Halter unter der Achselhöhle trug. Sie erinnerte sich von Verbrechern gelesen zu haben, die ihre Waffen in dieser Weise trugen, um sie bequem zur Hand zu haben. Er war in der Mitte einer farblosen Liebesszene, als ihre Hand nach vorn schoß und den Griff erfaßte. Mit einem Ruck hatte sie ihn herausgerissen und sprang zurück. Das kleine Tischchen, auf dem die Mahlzeit für sie serviert worden war, stürzte krachend um. »Wenn Sie sich bewegen, töte ich Sie«, rief sie atemlos, »öffnen sie sofort die Tür und lassen Sie ihn heraus!« Die beiden Männer waren aufgesprungen und starrten sie an. »Sie – Sie haben meine Vorlesung unterbrochen«, rief David mit der zitternden Stimme eines gekränkten Kindes. Der drohenden Gefahr schien er sich nicht bewußt zu sein. »Öffnen Sie die Tür«, keuchte sie, »und befreien Sie Larry Holt, oder ich schieße Sie nieder.« David runzelte die Stirn und legte seine Hand auf die Marmorplatte des Kamins. Sie sah, wie seine Finger einen Knopf berührten. Das Licht ging aus, und sie gab Feuer. Der Schall der Explosion betäubte sie beinahe. Im nächsten Augenblick hatten seine starken Arme sie ergriffen. Er warf sie auf den Stuhl und blickte wütend auf sie hinab. »Sie haben meine Vorlesung unterbrochen«, er weinte beinahe, und Dr. Judd blickte ängstlich von ihr nach seinem Bruder. »Und jetzt«, sagte David verdrießlich, »werde ich Sie nicht mehr heiraten.« Seine großen Hände packten sie um die Taille und hoben sie auf die Füße. In seinen Augen standen Tränen – Tränen des verletzten Stolzes, der Demütigung. Dann, mit der plötzlichen Laune des Geisteskranken stieß er sie von sich. »Ich denke, er wird jetzt tot sein, Bruder«, sagte er, sich zu dem Doktor wendend, und dieser nickte mit einem Seufzer der Erleichterung. »Ja, jetzt ist er tot«, antwortete er. »Das Wasser steigt beinahe einen halben Meter in zwei Minuten, wie ich glaube.« »In einer Minute fünfzig Sekunden«, berichtigte David. »Um Gottes willen, schonen Sie ihn doch!« rief das junge Mädchen heiser. »Ich will Ihnen geben, was sie wollen – alles, was Sie nur wollen. Mein ganzes Geld, alles, was ich besitze.« »Ich glaube, Sie müßten ihn eigentlich sehen«, David ließ die flehenden Worte Dianas unbeachtet. »Es ist aber doch dunkel«, sagte der Doktor mit Kopfschütteln. »Aber natürlich. Wie kann man nur so töricht sein und das vergessen! Wir schalten nämlich immer das Licht aus«, sagte David, dessen Ärger ebenso schnell vergangen zu sein schien, wie er gekommen war. »Das Wasser strömt sehr schnell durch die kleinen Löcher über dem Boden der Zelle. Wir lassen es vom Dach des Hauses in den Keller fließen. Wissen Sie, wir haben oben einen sehr großen Wassertank«, fuhr er fort, »und die Person, die wir ertränken, kann nicht hochsteigen, weil die Gewichte am Fuß sie festhalten. Einmal gelang es einem Menschen, auf das Bett zu klettern – erinnerst du dich noch daran?« »Sehr gut«, antwortete der Doktor im Plauderton. »Wir mußten beinahe drei Meter Wasser in die Zelle laufen lassen, bevor er starb.« Sie lauschte wie erstarrt. Hatte sie einen gräßlichen Traum, Alpdrücken – würde sie nicht endlich erwachen! »Und das nimmt so viel Zeit in Anspruch, um den Keller wieder leerzupumpen. Es war rücksichtslos von dem Mann. Er hat uns sehr viel unnötige Arbeit bereitet«, fuhr David fort, und zum erstenmal sah der Doktor ihn besorgt an. Er drehte sich zu Diana und sah sie gedankenvoll an. »Mein Weib«, sagte er mit leiser Stimme, und in seinen Augen glühte ein plötzliches Feuer auf, das sie erzittern ließ. »Mein Weib«, sagte er noch einmal und riß sie mit einem tierischen Schrei an sich. »Ich brauche Sie, Judd!« Er fuhr herum. Jemand hatte geräuschlos das Zimmer betreten – der Revolver in seiner Hand war gerade auf sein Herz gerichtet. Es war Larry Holt. »Keine Bewegung«, sagte Larry. »Widerstand ist nutzlos ... Hören Sie das?« Man vernahm das gedämpfte Geräusch einer brechenden Tür in der Halle. »Polizeibeamte ... sind schon im Haus«, sagte Larry lakonisch. Langsam schob David das junge Mädchen von sich fort und stand dem Eindringling gegenüber, den er unter seinen buschigen Augenbrauen hervor finster betrachtete. Larry sah nicht, daß sich die Hand des Mannes bewegte – so blitzartig schnell ging alles vor sich. Ein Luftzug fuhr an seiner Wange vorüber, die Wandtäfelung hinter ihm zersplitterte krachend, und – die beiden Schüsse erschienen dem halb ohnmächtigen Mädchen wie ein einziger. David Judd schwankte hochaufgerichtet einen Augenblick hin und her. »Meine wunderbaren Stücke«, sagte er mit brechender Stimme. Dann, ohne ein weiteres Wort, brach er tot auf dem Boden zusammen. »David, David!« Dr. Judd warf sich über ihn. »David, nicht schauspielern! Ich will dir die besten Schauspieler für deine Stücke verschaffen. Ich kann es nicht ertragen, wenn du das machst! Du ängstigt mich, David! Sagen Sie ihm doch, daß er aufhören soll!« Der große Mann blickte mit leichenblassem Gesicht flehend zu Larry Holt hinauf, der mit rauchendem Revolver in der Hand die beiden Männer betrachtete. »Mr. Holt, Sie haben doch Einfluß auf ihn«, jammerte der Doktor mit tränenüberströmtem Gesicht. »Bitte, sagen Sie ihm doch, er soll nicht schauspielern. Sagen Sie es ihm, bitte. Ich kann es nicht ertragen, wenn er das tut. Es ängstigt mich so sehr. Manchmal hat er stundenlang in diesem Zimmer gespielt – einzelne Szenen aus seinen wundervollen Stücken. David!« Er schüttelte den Körper, aber David war für die Stimme seines Bruders unerreichbar. Dann stand der Doktor auf und ging auf Larry zu, legte seine große Hand auf den Arm des anderen ... wie ein verängstigtes Kind. Larry war von der Tragik der Geschehnisse so erschüttert, daß er kein Wort hervorbringen konnte. Dieser erwachsene Mann, dessen brillanter Kopf soviel Pläne gesponnen, der so ungeheuer viel gewagt hatte, war in diesem Augenblick wie ein kleines Kind. Plötzlich erhob der Doktor den Kopf. »Es ... tut mir leid«, sagte er heiser. »Armer Junge.« Er sah Larry Holt lange Zeit und fest in die Augen. »Mr. Holt, ich habe mich absolut kindisch betragen, aber ich bin völlig bei Verstand. Ich übernehme die volle Verantwortung für alle meine Handlungen – und die meines Bruders. Ich weiß ganz genau, was ich getan habe.« Harvey war in das Zimmer gestürzt, war aber beim Anblick des Bildes, das sich seinen Augen darbot, still stehengeblieben. Larry winkte ihn heran. »Bringen Sie ihn fort«, sagte er. »Ich wünschte, wir hätten Sie erledigen können«, sagte Dr. Judd, als er weggeführt wurde. Das junge Mädchen lag in Larrys Armen und hatte das Gesicht an seiner Schulter verborgen. »Jetzt sind wir am Ende unseres mühsamen Weges«, flüsterte er, und sie nickte. Als sie in das Vestibül kamen, wandte sich der eine der Polizisten an ihn. »Wir haben den Diener verhaftet, Sir. Er war in einem anderen Teile des Hauses eingeschlossen.« »Er hat nichts mit der ganzen Sache zu tun«, sagte Larry. »Sie können ihn ruhig entlassen. Ich habe mir übrigens gar nicht einmal die Mühe gegeben, einen Haftbefehl gegen ihn zu beantragen.« Ein großer, hagerer Mann kam durch die erbrochene Tür und ergriff Dianas Hand. »Sie haben Schreckliches durchmachen müssen, Miß Stuart«, sagte er. Sie erkannte den Polizeikommissar und versuchte zu lächeln. »Ich habe meinen Wagen hier. Du würdest auch besser mit kommen, Larry. Harvey kann ja die nötigen Formalitäten gegen Dr. Judd erledigen.« Sie fuhren nach Scotland Yard zurück, und Larry war während der ganzen Fahrt sehr schweigsam. Er saß an der Seite des jungen Mädchens, hielt ihre Hand in der seinen und antwortete auf die Fragen des Kommissars in kurzer Weise und ohne weiter auf diese einzugehen. Erst im Büro des Kommissars gab er seinen Gedanken Ausdruck. »John, ich hoffe, du wirst in deinem Rapport an die Regierung nicht behaupten, daß ich diesen Fall zu einem so günstigen Ende gebracht habe.« Sir John blickte ihn stirnrunzelnd und fragend an. »Aber selbstverständlich werde ich das tun. Wer sollte es denn sonst gemacht haben?« Larry legte seine Hand auf die Schulter des jungen Mädchens. »Hier steht der beste Detektiv, den wir seit Jahren in Scotland Yard gehabt haben«, sagte er einfach. Diana lachte. »Bist du aber dumm«, neckte sie ihn, »ich soll es sein! Wer war denn wirklich der beste Detektiv, den du für die Übernahme dieses Falles hättest haben können?« »Du«, war seine Antwort. Sie schüttelte den Kopf. »Der beste Detektiv wäre Dr. Judd gewesen, wenn du seine Dienste hättest in Anspruch nehmen können. Er war der beste, weil er mehr über diese Angelegenheit wußte, als wie wir alle, weil ihm die Geheimnisse bekannt waren, die wir aufzuklären versuchten. Und ich war beinahe in der gleichen Lage wie er; ich hatte sozusagen meine Hände mit im Spiel. Als ich selbst erst einmal wußte, daß ich die gesuchte Clarissa Stuart war, machte es mir keine Schwierigkeiten, euch im Dunkeln zu lassen. Denn als sich herausgestellt hatte, daß die arme Emma – beinahe hätte ich ›Tante‹ gesagt –, die arme Emma Ward die Aufwärterin war, die meinen – meinen Vater gesehen und in einer solchen Aufregung ihre Stelle verlassen hatte, bestand für mich nicht der geringste Zweifel mehr, daß es sich wirklich um meinen Vater handelte. Und als das erst einmal feststand, war der Rest nicht mehr schwierig. Ich wußte, daß die Bande es auf mich abgesehen hatte. Nein, Larry, du hast wirklich Großartiges geleistet.« Larry schüttelte lächelnd den Kopf. »Schließlich ist es ja auch ganz gleich«, sagte der Kommissar trocken, »wer die Lorbeeren einheimst.« »Wieso?« fragte Larry verwundert. »Wenn sie man in der Familie bleiben, meine ich«, war Sir Johns kurze Antwort, und das junge Mädchen errötete. »Da steckt viel Wahres darin, Sir John«, sagte sie. »Und jetzt bringe ich ihn erst mal nach Haus.« 43 Zwei Monate später saß Dr. Judd auf dem Rande eines sehr schmalen Bettes und rauchte drei Zigaretten nacheinander. Es war ein regnerischer Morgen, und das kleine Viereck Glas, durch das das Licht in die Zelle fiel, schien alle die trübe Melancholie eines grauen Morgens in sich vereinigt und das schwache Tageslicht in Blei verwandelt zu haben. Der Doktor rauchte mit größtem Wohlbehagen – seit beinahe zwei Monaten hatte er keine Zigarette mehr gekostet. Jetzt öffnete sich die Zellentür, und Larry kam herein. Der Doktor sprang auf und grüßte ihn lächelnd. »Es ist außerordentlich nett von Ihnen, daß Sie gekommen sind, Holt«, sagte er. »Ich hatte eigentlich die Absicht, keinerlei Aussagen zu machen, aber in Hinsicht auf die besonderen Umstände scheint es mir nur billig zu sein, einem Mann in Ihrer Stellung, der eine so langwierige, schwierige und ernsthafte Arbeit geleistet hat, volle Aufklärung zu geben.« Er war vollkommen aufrichtig, und Larry wußte dies. »Von frühester Kindheit an lebten mein Bruder David und ich in dem bestmöglichsten Verhältnis zueinander. David war meiner Sorgfalt anvertraut, war meine Verantwortung, aber auch meine höchste Freude. Wir waren noch sehr jung, als wir unsere Mutter verloren, und unser Vater war ein exzentrischer Herr, der wenig mit kleinen Kindern anzufangen wußte. So wuchsen wir zusammen auf, besuchten dieselbe Schule, gingen zusammen auf die Universität, und ich glaube mit Recht sagen zu können, daß wir einander völlig genügten, daß wir niemand anders benötigten. Ich hatte eine Liebe, eine Bewunderung für David, die weit über menschliche Begriffe hinausging«, sagte der Doktor leise und senkte das Haupt. Larry nickte. Dieser hervorstechendste Charakterzug der beiden Männer war ihm bekant. »Hoffentlich nehmen Sie nicht an, daß ich Ihnen den Tod Davids nachtrage«, fuhr er fort. »Ganz und gar nicht. Ich habe die Unvermeidlichkeit erkannt und weiß in meinem Innern, daß nichts David hätte retten können. Er starb so, wie er es selbst gewünscht haben würde, und in gewisser Hinsicht bin ich sogar froh, daß alles so gekommen ist, wie es eben kam. Bei den Verhandlungen habe ich die größten Anstrengungen gemacht, um dem Richter und den Beisitzern zu beweisen, daß ich geistig völlig gesund bin, und Ihre Ausführungen haben geholfen, eine Verurteilung herbeizuführen, die, wie ich wußte, unvermeidlich war. Wie ich schon sagte –« er kam noch einmal auf seine Jugendzeit zurück und erzählte Einzelheiten aus seinem Leben. »Als mein Vater starb«, fuhr er fort, »hinterließ er uns die Greenwich-Versicherungs-Gesellschaft, eine kleine, heruntergekommene Firma, die kurz vor dem Zusammenbruch stand. Ohne weiteres und in vollkommenem Ernst gebe ich zu, daß ich niemals die Unverletzlichkeit des menschlichen Lebens respektiert habe. Für mich ist ein Mensch nichts weiter als irgendein anderes animalisches Wesen – so eine Art wie der taube Lew«, erklärte er leichthin, und Larry konnte kaum einen Schauder unterdrücken, als er ihn in so gleichgültiger Weise diese menschliche Ruine erwähnen hörte. »Ich erzähle Ihnen das deswegen – bevor ich weitergehe –, damit Sie nicht eventuell irgend etwas wie eine Art entschuldigender Haltung von mir erwarten. Sollte dies der Fall sein, so werden Sie sicher enttäuscht werden. Das Geschäft, das mein Bruder und ich übernahmen, war, wie schon erwähnt, beinahe bankrott, und ich glaube, wir kamen zum erstenmal auf die Idee unserer späteren – hm – Operationen, als wir eine Versicherungssumme auszuzahlen hatten, die unser exzentrischer Vater niemals hätte übernehmen dürfen. »Die Grundidee unseres Planes stammt zu gleichen Teilen von David und von mir. Wir setzten dann drei Monate später unsere Ideen in die Praxis um, als wir einen Mann ertränkten, dessen Namen zu erwähnen ich für unnötig erachte, da dies doch zu nichts führen würde und niemand durch seinen Tod in Verdacht gekommen ist. Wir hatten ihn in unserem eigenen Geschäft versichert – eine sehr einfache Sache –, ohne daß er die geringste Ahnung davon hatte. Der ärztliche Rapport stammte von mir, und David, der ein hervorragender Ingenieur, das war sein eigentlicher Beruf, und geschickter Zeichner war, zeichnete und unterschrieb alle die notwendigen Formulare im Namen unseres Klienten. Wir hatten den Mann sehr sorgfältig ausgesucht. Er hatte keinerlei Freunde und stand im Ruf eines Einsiedlers und Sonderlings. Die Versicherungssumme war an einen fingierten Namen zu zahlen, unter dem mein Bruder in Schottland lebte, wo er ein kleines möbliertes Haus gemietet hatte und nur zu dem Zweck dort lebte, um die Summe einkassieren zu können. »Mit seinem Tode machten wir ein außerordentlich gutes Geschäft, denn wir hatten sein Leben rückversichert und hatten weiter nichts zu tun, als von den anderen Gesellschaften das Geld einzuziehen. Mein Bruder war von klein auf poetisch veranlagt und schrieb während seines Aufenthaltes in Oxford zwei oder drei Stücke, die aber von den Londoner Theatern abgelehnt wurden. Ich brauche wohl Ihnen gegenüber nicht besonders zu betonen«, fügte er mit äußerstem Ernst hinzu, »daß diese Stücke ganz hervorragend waren, wenn auch natürlich nicht ganz so gut wie die, die ich dann im Macready-Theater zur Aufführung brachte.« »Das Macready-Theater war doch Ihr Eigentum, nicht wahr?« fragte Larry, und der Doktor nickte zustimmend. »Ich habe es vor einigen Jahren nur zu dem Zweck gekauft, um Davids Dramen auf die Bühne zu bringen«, sagte er. »Der einzige Zweck, für den ich überhaupt lebte, war ja doch, Davids Namen bekannt zu machen. Er hatte schon sehr früh das Pseudonym Dearborn angenommen, und es wundert mich eigentlich, daß Sie den Namen Dearborn, der schon vor sechs Jahren auf den Theateranzeigen erschien, nicht mit Ehrw. John Dearborn in Verbindung brachten.« »Das haben wir ja auch getan«, sagte Larry, »aber wir zogen unsere Schlußfolgerungen erst in einem späteren Stadium unserer Untersuchungen.« »Unser zweites Experiment war ein Mann namens – nun, auch den Namen brauche ich Ihnen nicht zu geben«, sagte er. »Da mußten wir eine ganze Zeit warten, bis wir das Geld von den Rückversicherungsgesellschaften ziehen konnten. Und hierbei passierte eine sehr unangenehme Sache. Einer der Angestellten hatte herausgefunden, daß die Person, der das Geld ausgezahlt wurde, mein Bruder David war. Durch einen ganz lächerlichen Zufall war er dahintergekommen und fing nun an, Geldsummen von David zu erpressen, fürchtete dann jedenfalls die Konsequenzen, unterschlug eine beträchtliche Summe im Büro und ging nach Frankreich. David folgte ihm und erschoß ihn in Montpellier. Der Teil dieser Geschichte ist Ihnen ja sehr gut bekannt«, lächelte er gutgelaunt. »Flimmer Fred war zufällig Zeuge dieses Vorganges, und lebte dann Jahre hindurch auf meine Kosten herrlich und in Freuden, das heißt, aber auch nur, weil er vorsichtig genug war, niemals eine Einladung zum Diner in meinem Hause anzunehmen«, fügte er mit feinem Lächeln hinzu. »Und jetzt komme ich zu der Stuart-Sache. David, der eine große Anzahl Recherchen auf eigene Faust führte, war, wie Sie wissen, von der Bildfläche verschwunden, als er von Flimmer Fred erkannt worden war. Wir hatten ihm ein wunderbares Begräbnis bereitet und –«. Er zögerte. »Und der Körper im Sarge war Lews Bruder«, unterbrach Larry ruhig. »Ganz richtig«, gab der Doktor zu. »Er war ein etwas unbequemer Mensch und – er mußte eben gehen! Die ganze Sache war in der Zwischenzeit sehr vereinfacht worden«, erklärte er. »Mein Bruder hatte unser wundervolles Haus gebaut, und die Todeskammer mit ihrem Wasser, der Pumpe, den Ventilatoren war eine Schöpfung des Genies meines Bruders. Ich hatte den Gedanken, Todds Heim aufzukaufen, und merkwürdigerweise hatte ich den Ankauf abgeschlossen, bevor es sich als notwendig erwies, daß mein lieber David verschwinden mußte. Aller Wahrscheinlichkeit nach hatte Mr. Grogan Ihnen nicht erzählt, daß wir ihn mit allen Mitteln, die in unserer Macht standen, zu bewegen versuchten, einer Einladung zu dem Macready-Theater Folge zu leisten, um sich eines der Dramen meines Bruders anzusehen. Er rettete sich selbst, nicht weil er übermenschlich geschickt war, sondern weil er die gerissene Verschlagenheit der Ratte hatte, die um die Falle herumläuft, sehr gut weiß, daß es eine Falle ist, aber nicht ausfindig machen kann, wie sie arbeitet. »Ich komme jetzt zu dem Stuart-Fall zurück«, sagte er. »Wir hatten unseren Plan reiflich überlegt, als Stuart in die Loge kam, aber wir hatten natürlich nicht daran gedacht, irgendwie Gewalt gegen ihn zu brauchen, während er sich dort aufhielt. Wir dachten, es würde ganz einfach sein, ihn zu überreden, durch den Notausgang hinauszugehen und in den Wagen zu steigen, der auf der privaten. Abfahrtstraße wartete. »Stuart kam, mein Bruder war natürlich nicht da, obgleich er für den Fall, daß ich seine Hilfe nötig hatte, in der Nähe war. Beiläufig gesagt, wurden die Logen B und C niemals an das Publikum abgegeben. Zu unserer Überraschung befand er sich in äußerst gehobener Stimmung und erzählte uns, daß er seine Tochter entdeckt hätte. Und jetzt wurde es uns zum erstenmal klar, daß er nicht irgendein unbedeutender Fremder, sondern ein äußerst reicher Mann war. Wir brachten ihn nach unserem Hause, er ging ganz freiwillig mit, und dort hatten mein Bruder David und ich eine kleine Besprechung, was mit ihm geschehen sollte. Wir kamen zu dem Resultat, daß wir nichts Besonderes von ihm zu erwarten hätten, wenn wir ihn leben ließen. Außerdem war es sehr notwendig, absolute Lebensnotwendigkeit, daß wir so schnell wie möglich Geld hereinbekamen. Ich hatte eine sehr große Summe Geldes ausgegeben, einige hunderttausend Pfund«, sagte er leichthin, als er sich seine zweite Zigarette ansteckte, »für Kunstschätze aller Art, und noch weitere hunderttausend für das Theater, und, wie Sie sich denken können, waren wir in die größte Verlegenheit gekommen. Wir beschlossen also, daß Stuart gehen müßte.« Er zog behaglich an seiner Zigarette und blies kunstvoll einen Ring in die Luft. »Das ging nicht so leicht«, sagte er kurz, »der Mann leistete Widerstand. Dabei fällt mir übrigens ein, daß ich wohl alle Berechtigung für die Annahme habe, einer der Manschettenknöpfe, der bei dem Kampf von meinem Oberhemd abgerissen wurde, ist von Ihnen gefunden worden, Mr. Holt. Wo fanden Sie den eigentlich?« »In der Hand des Toten«, antwortete Larry, und Dr. Judd nickte. »Ich hatte befürchtet, daß ich nicht sorgsam genug gewesen war«, sagte er. »Aber im gewissen Sinn ist dies eine Erleichterung für mich, denn ich dachte, David hätte Schuld daran – David war in solchen Fällen immer etwas nachlässig. »Stuart hatte uns alles erzählt, alles über die Aufwärterin, und uns auch ihre Adresse angegeben; und in diesem Augenblick beschlossen wir, daß wir Clarissa auffinden und mit irgend jemand verheiraten müßten.« Er zuckte mit den Achseln. »Es kam mir nicht darauf an, mit wem wir sie verheirateten, wenn wir nur vor allen Dingen ihre Geburt nachweisen und dann ihr Vermögen kontrollieren konnten. Am nächsten Tag machte sich mein Bruder an die Arbeit, um die Wahrheit der Angaben Stuarts zu prüfen, fand aber, daß dies gar nicht so einfach war. Die Leiterin des Genesungsheims – Sie werden sich erinnern, daß das Heim, in dem Mrs. Stuart starb, früher eine Farm gewesen war – war verschwunden. Nicht einmal das Angebot einer Belohnung brachte irgendwelche Resultate. Wir hatten keinerlei Schwierigkeiten, um die Aufwärterin zu finden und in unsere Gewalt zu bringen. Der blinde Jake, der wirklich ein treuer Diener von uns war – und niemand bedauert seinen Tod mehr als ich selbst, aber ich war mir klar geworden, daß sein Tod notwendig war oder zum mindesten den Anschein der Notwendigkeit hatte –, der blinde Jake brachte sie weg, und von den Mitteilungen, die sie uns geben konnte, war es mir dann möglich, Clarissa Stuart mit Diana Ward zu identifizieren. Zu Ihrer persönlichen Information möchte ich noch hinzufügen, daß die Nachforschungen nicht mehr als einen halben Tag beanspruchten!« »Das ist noch eine Frage, die ich Ihnen gern vorlegen möchte, Doktor«, sagte Larry ruhig. »Wer hat denn eigentlich den Unfall mit dem Fahrstuhl arrangiert?« »David«, sagte der Doktor mit einem leichten Lächeln, als ob er sich in Gedanken über etwas amüsierte. »David befand sich in der obersten Etage, und es war auch David, der allerhand schwere Gegenstände nach Ihrem Kopf zu schleudern versuchte. Er traf Sie natürlich nicht, und das war recht bedauernswert. Von dort hatte er einen sehr bequemen Ausgang über das Dach hinweg nach dem nächsten Hause, und ich habe Sie niemals so sehr bewundert, wie in dem Augenblick, als Sie sich bezwangen und die Treppen der Leiter, die man so einladend unter der offenen Dachluke hatte stehen lassen, nicht hinaufgingen. Sie würden äußerst schnell wieder heruntergekommen sein«, fügte er bedeutungsvoll hinzu. »Und hiermit, meine Herren, ist meine Geschichte beendet.« Er griff nach der dritten Zigarette, denn die zweite war bis auf einen kleinen Rest verraucht. »Warum haben Sie eigentlich Lew verschont?« fragte Larry. »Er war doch einer Ihrer Helfer und kannte doch alle Ihre Geheimnisse. »Ich hatte mir vorgenommen, jeden zu schonen, falls mein eigenes Leben nicht dadurch in Gefahr kommen würde«, antwortete Dr. Judd. »Selbstverständlich wollte ich doch nicht alle meine guten Pläne durch den Tod irgendeines verkommenen Bettlers, der sonst ganz harmlos war, zusammenbrechen sehen. Ich habe nur getötet, wenn es nötig oder einträglich war. Der blinde Jake hatte seine eigene Vendetta, und sein Versuch, Fanny Weldon umzubringen, war eine rein private Angelegenheit, an der wir keineswegs interessiert waren.« Ein Mann kam durch die Zellentür, ein kleiner untersetzter Mann, barhäuptig, und Dr. Judd nahm einen letzten tiefen Zug aus seiner Zigarette, warf sie auf den Boden, zertrat sie, bis der letzte Funke verlöscht war. »Der Henker, wie ich annehme?« sagte er freundlich, drehte sich herum und legte seine Hände auf den Rücken. Der untersetzte Mann fesselte ihn, und der weißgekleidete Priester, dessen Dienste Judd zurückgewiesen hatte und der auf der Außenseite der Zellentür auf ihn wartete, kam herein und schritt langsam an der Seite des Doktors auf den Gang hinaus. Und so verschwand der Doktor für immer den Blicken Larrys, der zurückblieb. Zum letztenmal sah er seine breiten Schultern, als sie durch die schmale Tür schritten, die von der Halle des Gefängnisses nach dem Hofe führte, und er wartete mit einem unaussprechlichen und merkwürdigen Gefühl tiefster Traurigkeit. Eine Minute verging, und dann vernahm er ein Krachen, das seinen Ohren wie Donner erschien und ihn zusammenfahren ließ. Es war das Geräusch der sich öffnenden Falltür, die zum Tode führte. Dr. Judd war mit seinem Bruder vereint! * Ende