Emile Zola Die Eroberung von Plassans Die Rougon-Macquart. Band IV Die Geschichte einer Familie unter dem zweiten Kaiserreich   1923   Benjamin Harz Verlag Berlin Wien Ungekürzte Ausgabe Übersetzt von Armin Schwarz Satz und Druck von Fischer \& Wittig in Leipzig Erstes Kapitel. Desirée klatschte in die Hände. Sie war ein Mädchen von vierzehn Jahren, aber für ihr Alter kräftig entwickelt. Sie lachte wie ein Kind von fünf Jahren. Mutter! Mutter! rief sie. Schau doch meine schöne Puppe! Sie hatte von ihrer Mutter einen Flicken bekommen, aus dem sie sich seit einer Viertelstunde abmühte, eine Puppe zu formen, indem sie ihn an einem Ende mit einem Zwirnfaden umwand. Martha sah von ihrem Strumpfe, den sie eben sorgfältig ausbesserte, lächelnd zu dem Mädchen hinüber: Aber das ist ja nur ein Püppchen und keine Puppe, sagte sie. Du weißt doch, eine Puppe muß einen Rock haben wie eine Dame. Mit diesen Worten nahm sie aus der Lade ihres Nähtischchens einen Fleck Kattun und gab ihn Desirée; dann beugte sie sich wieder über ihre Arbeit. Beide saßen in einer Ecke der schmalen Terrasse; die Tochter auf einem Schemel zu den Füßen der Mutter. Die Sonne ging an diesem schönen Septemberabende eben unter und übergoß sie mit ihrem ruhig warmen Lichte, während der Garten, der sich vor ihnen ausbreitete, schon im Halbdunkel lag und allmählich in Schlaf sank; kein Laut war in diesem einsamen Winkel der Stadt vernehmbar. Schweigend arbeiteten die beiden einige Minuten weiter: Desirée gab sich unendliche Mühe, für ihre Puppe einen Rock zusammenzubringen, während Martha zeitweilig von ihrer Arbeit aufsah und mit einer gewissen Traurigkeit auf das Mädchen blickte. Als sie bemerkte, wie sich das Kind nutzlos abmühte, sagte sie: Gib her! Ich werde die Arme machen. Sie nahm die Puppe in die Hand. In diesem Augenblicke kamen zwei Jünglinge von siebzehn und achtzehn Jahren die Treppe herunter und begrüßten Martha. Sei nicht böse, Mutter, sagte Octave lächelnd, ich habe Serge mit zur Musik genommen... Was für eine Menge Leute auf der Promenade Sauvaire waren! Ich glaubte, ihr müßtet noch in der Schule bleiben, erwiderte die Mutter; sonst würde ich mich geängstigt haben. Aber Desirée dachte jetzt nicht mehr an ihre Puppe; sie warf sich Serge um den Hals und rief: Denke dir, der blaue Vogel, den du mir geschenkt hast, ist mir entflohen. Sie war nahe daran, bei diesen Worten zu weinen, und ihre Mutter, die geglaubt hatte, daß sie an diesen Verlust nicht mehr denke, zeigte ihr vergebens die Puppe, um sie zu beruhigen; das Mädchen nahm den Bruder bei dem Arme und zog ihn in den Garten fort mit den Worten: Komm, ich will es dir zeigen. Serge, der stets gefällig war, ging mit, wobei er sie zu trösten suchte. Desirée führte ihn zu einem kleinen Gewächshaus, vor dem auf der Erde ein kleiner Vogelkäfig stand. Hier zeigte sie ihm, wie der Vogel in dem Augenblicke entfloh, als sie die Türe des Bauers öffnete, um zwei Vögel, die raufen wollten, auseinanderzubringen. Nun, sagte Octave, der sich auf das Geländer der Terrasse gesetzt hatte, das ist doch ganz natürlich: sie greift immer in dem Käfig herum, schaut, wie sie gebaut sind, was sie in der Kehle haben, daß sie so singen; neulich trug sie die Vögel einen ganzen Nachmittag in der Tasche herum, damit sie warm bleiben. Octave! rief Martha vorwurfsvoll, laß doch das arme Kind in Ruh'! Desirée hatte nicht gehört; sie erzählte Serge lang und breit, auf welche Weise der Vogel entkommen war. Schau, so ist er herausgekommen; dann flog er dort hinüber und setzte sich auf den Apfelbaum des Herrn Rastoil; von dort flog er da hinüber auf den Pflaumenbaum, kam dann wieder zurück und schwirrte über meinen Kopf hinweg zu den großen Bäumen der Unterpräfektur hinüber, wo ich ihn aus den Augen verlor – für immer. Die Kleine weinte. Vielleicht kommt er doch noch zurück, meinte Serge. Glaubst du wirklich? ... Weißt du, ich möchte die anderen Vögel in eine Schachtel tun und den Käfig die ganze Nacht offen stehen lassen. Octave lachte. Martha aber rief das Mädchen zu sich und gab ihr die Puppe, die prächtig ausgefallen war: sie hatte einen steifen Rock, den Kopf bildete ein Stöpsel aus Stoff und die Arme waren an den Schultern festgenäht. Desirée freute sich ungemein darüber und setzte sich, ohne weiter an den Vogel zu denken, auf den Schemel, und herzte und küßte die Puppe in kindlicher Freude. Serge stand neben seinem Bruder; Martha beugte sich wieder über ihren Strumpf. Nun, fragte sie, wie hat die Musik gespielt? Ja, sie spielt jeden Donnerstag, erwiderte Octave. Du solltest doch auch einmal mitgehen; die ganze Stadt ist dort: die Fräulein Rastoil, Frau von Condamin, Herr Paloque, die Frau und Tochter des Bürgermeisters. Warum gehst du nicht auch hin? Martha sah auf und erwiderte leise: Ihr wißt doch, Kinder, daß ich nicht gern ausgehe. Hier habe ich meine Ruhe; außerdem kann Desirée nicht allein bleiben. Octave wollte sprechen, aber ein Blick auf seine Schwester hieß ihn schweigen. Er pfiff leise vor sich hin, sah auf die Bäume der Präfektur hinüber und betrachtete dann aufmerksam die Apfelbäume des Herrn Rastoil, hinter denen soeben die Sonne unterging. Serge zog ein Buch aus der Tasche und las aufmerksam darin, so daß in dem fahlen Lichte, das sich allmählich auf die Terrasse herabsenkte, alle still waren. Martha arbeitete in dieser friedlichen Ruhe des Abends an ihrem Strumpfe weiter und blickte zeitweilig auf ihre Kinder. Verspätet sich denn heute jeder? sagte sie nach einigen Augenblicken. Es ist schon beinahe zehn Uhr und euer Vater ist noch nicht da ... Ich glaube, er ist auf Tulettes zu gegangen. Da ist es freilich nicht zu verwundern, erwiderte Octave ... die Bauern von Tulettes lassen ihn nicht sogleich fort, wenn sie ihn einmal haben ... Handelt es sich um einen Weinkauf? Ich weiß nicht, versetzte Martha. Ihr wißt, er spricht nicht gern von seinen Geschäften. Wieder wurde es in diesem Kreise still. In dem Speisezimmer, dessen Fenster auf die Terrasse zu geöffnet war, deckte soeben die alte Rosa den Tisch, wobei sie mit den Tellern und dem Eßzeug klapperte. Sie schien nicht gut gelaunt zu sein, denn bald stieß sie die Stühle mit den Füßen weiter, bald brummte sie vor sich hin, bald sah sie zur Haustüre hinaus« nach dem Präfekturplatz hinunter. Als sie einige Minuten so gewartet hatte, trat sie auf die Freitreppe hinaus und rief: Kommt Herr Mouret nicht zum Essen? O ja, Rosa, warten Sie nur! erwiderte Martha ruhig. So muß alles verbrennen. Es ist unrecht gehandelt! Wenn der Herr so lange wegbleiben will, sollte er es doch sagen ... Mir ist es freilich gleich, aber das Essen wird nicht zu genießen sein. Glaubst du, Rosa? sagte plötzlich jemand ruhig hinter ihr. Wir essen es aber doch. Mouret war heimgekehrt. Rosa drehte sich um und sah ihrem Herrn in das Gesicht, als wolle sie losbrechen; aber da sie dieser ruhig mit einem gewissen Zug spießbürgerlicher Schelmerei anblickte, fand sie gar keine Worte und ging hinaus. Mouret begab sich auf die Terrasse und ging daselbst eine Weile herum, ohne sich zu setzen; dann trat er auf Desirée zu, deren Wange er streichelte und die ihm zulächelte. Martha hatte zuerst aufgeblickt; als sie aber ihren Gatten sah, begann sie ihre Handarbeit in das Nähtischchen zu legen. Bist du nicht müde? fragte Octave mit einem Blick auf die staubbedeckten Schuhe des Vaters. O ja, ein wenig, erwiderte Mouret, ohne weiter ein Wort von dem langen Wege zu sagen, den er zu Fuße gemacht hatte. Plötzlich sah er inmitten des Gartens eine Hacke und einen Rechen liegen, die die Kinder dort mußten vergessen haben. Warum verwahrt man nicht die Geräte? rief er. Habe ich es nicht schon hundertmal gesagt? Wenn ein Regen kommt, rosten sie. Er ereiferte sich nicht weiter, sondern ging in den Garten, holte die Geräte und lehnte sie sorgsam an das kleine Treibhaus. Als er wieder auf die Terrasse hinaufging, sah er sich nach allen Seiten um, ob alles im Garten in Ordnung sei. Lernst du deine Aufgabe? fragte er Serge, der noch immer in seinem Buche las. Nein, lieber Vater, erwiderte das Kind. Es ist ein Buch, das mir der Abbé Bourrette geliehen hat; es ist der Bericht über die Missionen in China. Mouret blieb vor seiner Frau stehen. War niemand da? fragte er. Nein, niemand, erwiderte sie sehr überrascht. Er wollte noch etwas sagen, besann sich aber eines anderen; einen Augenblick blieb er noch stehen, dann trat er auf die Treppe und rief: Nun, Rosa, wie ist es denn mit dem verbrannten Essen? Gar nichts ist, rief sie zornig aus der Küche heraus. Jetzt ist alles wieder kalt. Sie müssen warten! Mouret lachte, während er auf seine Familie schielte; der Zorn der Alten schien ihn zu belustigen. Dann erregten die Obstbäume des Nachbars seine Aufmerksamkeit. Es ist wirklich auffallend, sagte er leise, welch prächtige Birnen dieses Jahr Herr Rastoil hat. Martha war seit einigen Augenblicken besonders aufgeregt und schien eine Frage auf den Lippen zu haben. Endlich kam sie ängstlich damit heraus. Hast du heute jemanden erwartet? Ja und nein, gab er zur Antwort und ging wieder auf und ab. Du hast vielleicht den zweiten Stock vermietet. Erraten! Nach einer kurzen Verlegenheitspause sagte er in ruhigem Tone: Bevor ich heute früh nach Tulettes aufbrach, ging ich zu dem Abbé Bourrette. Er hatte es sehr eilig, und ich schloß den Handel ab. Ich weiß, es ist dir nicht angenehm; aber wenn du so recht darüber nachdenkst, kannst du doch keine Einwendungen machen. Der zweite Stock nützt uns gar nichts und gerät in Verfall. Das Obst, das wir in den Zimmern dort aufbewahren, verbreitet eine Feuchtigkeit, die alle Tapeten loslöst ... Weil ich gerade daran denke, vergiß nicht, das Obst aus den Zimmern fortschaffen zu lassen, denn unser Mieter kann jeden Augenblick eintreffen. Und wir lebten hier so ruhig, versetzte Martha leise. Ach was, ein Priester macht uns keine Umstände. Er lebt für sich und wir für uns. Diese Schwarzröcke verkriechen sich, wenn sie ein Glas Wasser trinken wollen. Du weißt doch, wie gern ich die Leute habe! Die meisten sind nur Tagediebe! ... Ich habe die Wohnung nur vermietet, weil ich einen Priester gefunden habe. Bei diesen Leuten braucht man sich wegen des Zinses keine Sorgen zu machen, und dann führen sie ein so ruhiges Leben, daß man sie kaum den Schlüssel in das Schloß stecken hört. Martha war fassungslos. Sie sah sich um, betrachtete das glückliche Haus, den schönen Garten, der im Dämmerlichte vor ihr ausgebreitet lag, die Kinder, kurz das stille Glück, das dieser enge Winkel umschloß. Weißt du, wer dieser Priester ist? fragte sie. Nein, aber der Abbé Bourrette hat in seinem Namen gemietet ... Ich weiß nur, daß er Faujas heißt, Abbé Faujas, und daß er aus der Diözese Besançon kommt. Gewiß hat er sich mit seinem Pfarrer nicht vertragen und ist deshalb hierher an die Kirche Saint-Saturnin als Vikar versetzt. Vielleicht ist er mit unserem Bischof Rousselot bekannt. Das geht uns alles aber nichts an ... Ich verlasse mich in dieser Sache auf den Abbe Bourrette. Aber Martha war noch immer nicht beruhigt und setzte diesmal ihren Kopf auf, was sonst nur höchst selten bei ihr vorkam. Du hast recht, sagte sie nach kurzem Schweigen, der Abbé ist ein würdiger Herr. Nur kann ich mich erinnern, daß er, als er sich die Wohnung ansah, mir sagte, er kenne den Mann nicht, in dessen Namen er zu mieten habe. Das sei so ein Auftrag, wie er unter benachbarten Priestern häufig vorkomme ... Du hättest denn doch nach Besançon schreiben und Erkundigung einziehen sollen, damit man weiß, wen man in das Haus bekommt. Mouret wollte nicht böse werden. Der Teufel wird es nicht sein, erwiderte er lächelnd ... Du zitterst ja förmlich. Für so abergläubisch habe ich dich nicht gehalten. Du wirst doch nicht auch an die Dummheit glauben, daß Priester Unglück ins Haus bringen sollen? Sie bringen zwar auch kein Glück; sie sind eben Menschen wie alle anderen ... Du wirst ja sehen, wenn dieser Abbé hier ist, ob sein Talar mir Furcht einjagt. Nein, abergläubisch bin ich nicht, das weißt du, erwiderte sie leise. Ich mache mir nur Sorgen. Er unterbrach sie mit heftiger Gebärde. Jetzt ist es aber bald genug. Ich habe vermietet; reden wir nicht mehr davon! Mit dem zufriedenen Lächeln eines Mannes, der glaubt, ein gutes Geschäft gemacht zu haben, fügte er hinzu: Das Beste ist dabei, daß ich den zweiten Stock für hundertundfünfzig Franken vermietet habe ... So kommen jetzt jedes Jahr hundertundfünfzig Franken mehr ins Haus. Martha machte keine Einwendungen mehr; nur ihre Hände zog sie krampfhaft zusammen und drückte sie dann leise gegen die Augen, als wolle sie die Tränen zurückhalten. Sie schielte nach ihren Kindern hin, die von diesem Streit nichts gehört zu haben schienen, da sie ohne Zweifel an solche Szenen schon gewöhnt waren, in denen die spöttische Derbheit ihres Vaters sich gefiel. Wenn Sie jetzt essen wollen, können Sie hereinkommen, rief Rosa und trat auf die Freitreppe hinaus. Schön! Kinder, die Suppe steht auf dem Tische! rief Mouret heiter ohne jeden Anflug von übler Laune. Die Familie stand auf. Desirée, die sich bis jetzt ganz ruhig verhalten hatte, wurde dadurch, daß sich alle erhoben, neuerdings an ihren Verlust erinnert. Sie warf sich an den Hals ihres Vaters und rief: Papa, mir ist ein Vogel entflohen. Ein Vogel, mein Kind? Wir fangen ihn wieder. Dann herzte und küßte er sie; aber er mußte sich auch den Käfig ansehen. Als er mit dem Kinde zurückkam, waren Martha und seine beiden Söhne schon in dem Speisezimmer. Die Strahlen der untergehenden Sonne brachen sich an den Porzellantellern, den Trinkbechern der Kinder und dem weißen Tischtuche. Das Zimmer war warm und anheimelnd mit dem grünen Garten im Hintergrunde. Als Martha, die sich in diesem friedlichen Räume wieder beruhigt hatte, den Deckel von der Suppenschüssel nahm, ließen sich auf dem Korridor Schritte vernehmen. Rosa kam bestürzt hereingelaufen und meldete stotternd: Gnädiger Herr! Der Abbé Faujas ist draußen! Zweites Kapitel. Mouret machte eine ärgerliche Gebärde, denn er hatte seinen Mieter erst für übermorgen erwartet. Er stand rasch auf, doch der Abbé erschien schon an der Türe. Es war ein großer, starker Mann mit viereckigem Gesicht, breit ausgeprägten Zügen und fahler Farbe. Hinter ihm stand eine ältliche Frau, die ihm auffallend ähnelte, aber kleiner war und rohere Züge hatte. Als die Ankömmlinge den gedeckten Tisch erblickten, machten beide eine zögernde Bewegung und wichen zurück, ohne aber sich zu entfernen. Die hohe Gestalt des Priesters warf einen dunklen Schatten an die mit Kalk weißgetünchte, helle Wand. Verzeihen Sie, daß wir stören, sagte er zu Mouret. Wir kommen von dem Abbé Bourrette; er hat Sie doch in Kenntnis gesetzt? Durchaus nicht, rief Mouret. Der Abbé macht immer solche Streiche! Er schwebt immer in höheren Sphären. Noch heute früh sagte er mir, Sie würden erst in zwei Tagen eintreffen ... Jetzt sind Sie aber da und müssen sich einrichten, so gut es eben geht. Der Abbé Faujas entschuldigte sich. Er hatte eine tiefe Stimme mit sanftem Tonfall. Er sei wirklich trostlos, zu einer solch ungelegenen Stunde gekommen zu sein. Nachdem er in wenigen, aber gewählten Worten sein Bedauern ausgedrückt hatte, wandte er sich um und bezahlte den Gepäckträger. Seine großen, dicken Hände zogen aus einer Falte seines Talars eine Börse, von der man nur die Ringe bemerkte. Er wühlte einen Augenblick vorsichtig gesenkten Hauptes darin herum und befühlte die Münzen, darauf entfernte sich der Träger, ohne daß man gesehen hätte, was ihm gegeben war. Der Abbé sagte dann höflich: Ich bitte Sie, mein Herr, sich nicht stören zu lassen ... Ihre Dienerin kann mir ja die Wohnung zeigen und mein Gepäck hier mit hinauftragen. Mit diesen Worten bückte er sich und faßte den Griff eines kleinen hölzernen Koffers, der durch Blechbeschläge geschützt war und an den Seiten eine Reparatur durch eine quer befestigte Latte erkennen ließ. Mouret suchte mit erstaunten Blicken das übrige Gepäck des Priesters, bemerkte aber nur einen großen Handkorb, den die Frau krampfhaft vor sich in den Händen hielt und trotz ihrer Ermüdung nicht auf den Boden setzen wollte. Da der Deckel ein wenig emporstand, sah man deutlich neben einiger Wäsche einen in Papier eingewickelten Kamm und den Hals einer schlecht verkorkten Flasche. Lassen Sie nur stehen, sagte Mouret und stieß leicht mit dem Fuße an den Koffer. Er ist nicht schwer, Rosa kann ihn ganz leicht allein hinauftragen. Er dachte gar nicht daran, welche Verachtung eigentlich in seinen Worten lag. Die alte Frau sah ihn mit ihren schwarzen Augen scharf an, dann ließ sie ihre Blicke wieder über den Tisch gleiten, den sie beobachtete, seitdem sie da war; mit eingekniffenen Lippen unterzog sie jeden Gegenstand einer genauen Prüfung. Sie hatte noch kein Wort gesprochen. Abbé Faujas ließ es schließlich doch zu, daß der Koffer hinaufgetragen werde. In dem gelben Staube der Sonnenstrahlen, die durch die Türe hereinfielen, erschien sein abgenützter Talar rötlich; und die Säume zeigten deutliche Ausbesserungen. Trotz der Reinlichkeit sah das Priesterkleid so abgenutzt, so ärmlich aus, daß sich Martha, die bis jetzt sitzen geblieben war, voll Unruhe erhob. Der Abbé, der nur einen flüchtigen Blick auf sie geworfen hatte, sah sie doch aufstehen, ohne daß er sie anzusehen schien. Ich bitte Sie, sagte er noch einmal, sich nicht stören zu lassen. Es wäre uns sehr unangenehm, wenn Sie um unseretwillen vom Essen aufstehen sollten. Gut, erwiderte Mouret, der Hunger hatte, Rosa wird Sie hinaufführen. Verlangen Sie von ihr alles, was Sie brauchen ... Richten Sie sich ganz so ein, wie es Ihre Bequemlichkeit verlangt. Der Abbé grüßte und ging schon auf die Treppe zu, als Martha sich ihrem Gatten näherte und leise sagte: Aber du vergißt ... Was denn? fragte er, als er sah, daß sie zögerte. Das Obst, du weißt es doch. Richtig! Du hast recht. Es ist ja Obst oben! rief er bestürzt aus. Als der Abbé sich mit einem fragenden Blicke umwandte, sagte Mouret zu ihm: Es ist wahrhaftig ärgerlich. Abbé Bourrette ist gewiß ein würdiger Mann, nur ist es unangenehm, daß Sie ihn mit dieser Angelegenheit betraut haben ... Er hat nicht für zwei Pfennige Überlegung ... Wenn wir es gewußt hätten, würden wir alles vorbereitet haben. Jetzt müssen wir aber erst eine Räumung vornehmen ... Sie sehen ein, daß wir die Zimmer nicht ganz leer stehen lassen konnten, und so haben wir denn auf dem Fußboden unsere ganze Obsternte ausgebreitet: Feigen, Äpfel, Wein ... Der Priester konnte trotz seiner großen Höflichkeit seine Überraschung nicht verbergen. Es wird nicht lange dauern, fuhr Mouret fort. Wollen Sie sich nur zehn Minuten gedulden, Rosa ist gleich damit fertig, Ihre Stuben zu räumen. Auf dem Gesichte des Abbés zeigte sich eine auffallende Unruhe. Die Wohnung ist möbliert, nicht wahr? fragte er. Nein, es ist kein einziges Möbel darin. Wir haben sie nie bewohnt. Jetzt verlor der Priester seine Ruhe. In den grauen Augen leuchtete es auf und er erwiderte in heftigem Tone: Was? Ich habe doch in meinem Briefe nur eine möblierte Wohnung verlangt. In meinem Koffer konnte ich mir doch nicht Möbel mitbringen. Dieser Bourrette ist ein fürchterlicher Mensch! rief Mouret erregt. Er war hier, sah sicher auch die Äpfel; denn er nahm einen in die Hand und sagte noch, daß er nie so schöne gesehen habe; dann erklärte er, daß ihm alles gefalle und daß er die Wohnung miete. Abbé Faujas hörte nichts mehr. In seinen Wangen stieg die Zornesröte empor und mit zitternder Stimme sagte er zu der Frau: Mutter, hörst du? Die Wohnung ist nicht möbliert. Die alte Frau hatte soeben das Erdgeschoß mit einigen flüchtigen Schritten besichtigt, ohne ihren Korb wegzustellen. Sie war bis zur Küchentüre gekommen, hatte einen Blick hineingeworfen, war dann zur Freitreppe gelangt, von wo sie gleichsam den Garten in Besitz nahm. Aber am meisten interessierte sie das Speisezimmer und der gedeckte Tisch, auf dem die dampfende Suppe stand. Ihr Sohn sagte nochmals: Hörst du, Mutter? Wir müssen ins Gasthaus gehen. Sie sah ihn an, ohne eine Antwort zu geben. Aber ihre Gesichtszüge zeigten deutlich, daß sie nicht gesonnen sei, dieses Haus zu verlassen, in dem sie schon alle Winkel kannte. Sie zuckte mit den Achseln, während ihre Augen von der Küche in den Garten und von dem Garten in den Speisesaal schweiften. Jetzt wurde Mouret unruhig, denn es entging ihm nicht, daß weder die Mutter noch der Sohn gesonnen sei, vom Platze zu weichen. Unglücklicherweise, sagte er, haben wir keine Betten. Auf dem Dachboden steht zwar ein Gurtbett, mit dem sich die Frau bis morgen begnügen könnte, aber ich wüßte wirklich nicht, wohin ich den Herrn Abbé legen sollte. Jetzt öffnete Frau Faujas den Mund und erwiderte mit heiserer Stimme: Mein Sohn legt sich auf das Gurtbett ... Ich begnüge mich mit einer Matratze auf der Erde in einem Winkel. Der Abbé nickte zustimmend mit dem Kopfe. Mouret wollte widersprechen und suchte nach einem anderen Auskunftsmittel, aber vor den zufriedenen Blicken seiner neuen Mieter schwieg er und wechselte nur mit seiner Frau einen Blick des Erstaunens. Morgen früh, sagte er in seinem spöttischen Tone, können Sie sich dann einrichten, wie Sie wollen. Rosa schafft das Obst weg und macht die Betten. Wenn Sie unterdessen auf der Terrasse warten wollen ... Kinder, zwei Stühle, schnell! Die Kinder waren die ganze Zeit seit der Ankunft des Abbés ruhig an dem Tische sitzen geblieben. Der Priester wollte sie nicht bemerken, aber Frau Faujas hatte ihnen einen stechenden Blick zugeworfen, als wolle sie mit einem Schlage diese jungen Köpfe durchdringen. Als die Kinder die Worte ihres Vaters vernahmen, sprangen sie alle auf und trugen Stühle hinaus. Die alte Frau setzte sich nicht. Als Mouret sich umdrehte, bemerkte er sie vor einem halb offenen Fenster des Salons stehen und ihre Besichtigung fortsetzen ruhig und behaglich wie eine Person, die eine verkäufliche Besitzung besichtigt. In dem Augenblicke, als Rosa den Handkoffer aufhob, trat sie wieder in das Vorderhaus und sagte: Ich helfe Ihnen. Mit diesen Worten ging sie hinter der Dienerin die Treppe hinauf. Der Priester ließ sie ruhig gewähren; er lächelte den drei Kindern zu, die vor ihm standen. Sein Gesicht konnte, wenn er wollte, trotz der Härte und den rohen Zügen um den Mund ungemein mild erscheinen. Ist dies Ihre ganze Familie? fragte er Martha, die näher getreten war. Ja, mein Herr, erwiderte sie, vor dem scharfen Blicke des Mannes sich befangen fühlend. Die beiden Söhne werden bald Männer sein, fuhr er fort ... Haben Sie Ihre Studien schon beendet, fragte er Serge. Mouret antwortete selbst: Er ist schon fertig, obwohl er der Jüngere ist. Wenn ich sage »fertig«, so will ich damit sagen, daß er die Reifeprüfung hinter sich hat; jetzt besucht er das Kollegium wieder, um ein Jahr Philosophie zu hören. Er ist der Gescheite in der Familie ... Der andere, der Ältere, der große Tölpel da, taugt nicht viel. Er ist schon zweimal bei der Prüfung durchgefallen; ein Nichtsnutz, der nur immer an tolle Streiche denkt. Octave hörte diese Vorwürfe lächelnd an, während Serge bei seiner Belobung den Kopf senkte. Faujas schien sie noch einen Augenblick still zu prüfen, dann trat er auf Desirée zu und sein Gesicht nahm wieder einen zärtlichen Ausdruck an. Darf ich Ihr Freund sein, Fräulein? fragte er. Sie gab keine Antwort, sondern verbarg, fast erschreckt, das Gesicht an der Schulter ihrer Mutter. Diese drückte sie noch mehr an sich und legte den Arm um sie. Sie müssen sie entschuldigen, sagte die Mutter ernst; sie ist ein Kind geblieben ... Ihr Verstand ist schwach, und wir plagen sie nicht mit dem Lernen. Sie ist jetzt vierzehn Jahre alt, und ihre ganze Freude bilden nur die Tiere. Das Mädchen beruhigte sich unter den Liebkosungen der Mutter, sah hinter ihr auf und lächelte; dann sagte sie: Ich möchte wohl, daß Sie mein Freund seien ... Nur dürfen Sie den Fliegen nichts zuleide tun. Da alle bei diesen Worten lachten, fuhr sie ernst fort: Octave tötet immer die Fliegen; das ist schlecht von ihm. Der Abbé Faujas hatte sich niedergesetzt und schien sehr müde zu sein. Einen Augenblick gab er sich der warmen Ruhe hin, die auf dieser Terrasse lag, und ließ seine Blicke über den Garten und die Bäume der benachbarten Besitzungen schweifen. Diese tiefe Ruhe in dem stillen Winkel des Städtchens überraschte ihn, und die Schatten des Ernstes legten sich auf sein Antlitz. Hier ist es schön, sagte er leise. Darauf verfiel er wie geistesabwesend in ein tiefes Schweigen, so daß er erschreckt zusammenfuhr, als Mouret zu ihm sagte: Wenn Sie erlauben, mein Herr, gehen wir jetzt zu Tische. Auf einen Blick der Frau hin fügte er hinzu: Ich bitte das gleiche zu tun und einen Teller Suppe anzunehmen. Auf diese Weise brauchen Sie nicht in das Gasthaus zu gehen. Bitte ... machen Sie keine Umstände. Ich danke Ihnen herzlichst, aber wir haben gar keinen Hunger, erwiderte der Abbé ungemein höflich, so daß eine zweite Aufforderung ganz unnütz war. Hierauf begaben sich die Mouret wieder in das Speisezimmer, wo sie sich zu Tische setzten. Martha teilte die Suppe aus, man klapperte lustig mit den Löffeln, und die Kinder plauderten. Desirée lachte hell auf, da ihr der Vater eine Geschichte erzählte voller Freude, daß es endlich ans Essen ging. Unterdessen saß der Abbé unbeweglich auf der Terrasse und schien gar nichts zu hören. Als die Sonne unterging, nahm er den Hut ab, weil ihm zu heiß war. Martha, die bei dem Fenster saß, sah seinen großen, dicken Kopf mit kurzen Haaren, die an der Schläfe schon ergrauten. Ein letzter roter Sonnenstrahl beleuchtete diesen rauhen Soldatenschädel, auf dem sich die Tonsur wie die Narbe von einem Keulenschlage ausnahm. Dann verschwand das Sonnenlicht; die Schatten des Abends hüllten den Priester ein, und er war nur mehr ein schwarzes Profil in dem Aschgrau der Dämmerung. Martha wollte Rosa nicht rufen und holte deshalb selbst eine Lampe, worauf sie den ersten Gang auftrug. Als sie aus der Küche kam, begegnete sie am Fuße der Treppe einer Frau, die sie zuerst nicht erkannte. Es war Frau Faujas, die jetzt ein weißes Häubchen auf hatte und in ihrem wollenen Kleide, das über der Brust von einem rückwärts zusammengebundenen gelben Tuche bedeckt war, ganz wie eine Magd aussah. Sie keuchte noch von der soeben vollbrachten Arbeit, als sie in ihren plumpen Schuhen über den Korridor dahinschlürfte. Sind Sie fertig, Madame? fragte Martha lächelnd. Ja, erwiderte sie, im Handumdrehen war alles gemacht. Dann ging sie die Freitreppe hinunter und rief ihrem Sohne zu: Ovide! Liebes Kind! Willst du nicht hinaufgehen? Es ist alles bereit! Sie mußte ihren Sohn bei der Schulter berühren, um ihn aus seinen Träumereien zu reißen. Da es kühl wurde und ihn schon fröstelte, folgte er ihr, ohne ein Wort zu sagen. Als er an der Tür des Speisezimmers vorüberging, das in dem Lichte der Lampe erstrahlte und das Geplauder der Kinder ertönte, rief er hinein: Gestatten Sie mir, Ihnen nochmals zu danken und Sie für unsere Störung um Entschuldigung zu bitten ... Wir sind ganz trostlos ... Aber gar keine Ursache! Gar keine Ursache! rief Mouret. Nur wir müssen bedauern, daß wir Sie für diese Nacht nicht besser unterbringen können. Der Priester grüßte und Martha sah neuerdings diesen starren Adlerblick, der sie schon das erstemal beunruhigt hatte. Es kam ihr vor, als leuchte es in den Augen dieses Mannes plötzlich auf gleich Lampen, die nachts an den schlafenden Häusern vorbeigetragen werden. Der Herr Pfarrer scheint recht feurige Augen zu haben, sagte Mouret spöttisch, als die beiden hinaufgegangen waren. Ich halte sie für nicht sehr glücklich, erwiderte Martha leise. Großen Reichtum bringt er nicht mit ... Sein Koffer ist federleicht. Ich hätte ihn mit dem kleinen Finger aufheben können. Doch er wurde von Rosa unterbrochen, die soeben über die Treppe heruntergelaufen kam, um all das Merkwürdige zu berichten, das sie gesehen. Die kann arbeiten! sagte sie, indem sie sich an den Tisch stellte, wo die Herrschaft aß. Die Frau ist wenigstens fünfundsechzig Jahre alt. Das sieht man ihr aber kaum an. Sie arbeitet wie ein Pferd! Hat sie dir beim Wegräumen des Obstes geholfen? fragte Mouret neugierig. Freilich, gnädiger Herr. So trug sie das Obst in ihrer Schürze weg; dabei nahm sie so viel, daß sie zu reißen drohte. Ich sagte zu mir: »Das Zeug muß reißen,« aber es riß doch nicht, denn der Stoff ist so gut wie der meinige. Wir sind wenigstens zehnmal hin und her gegangen, und ich spürte dann kaum mehr meine Arme. Ihr war es aber immer noch zu langsam, und sie zankte, nein, sie fluchte sogar, mit Respekt zu sagen. Mouret schienen diese Worte zu belustigen. Und die Betten? fragte er weiter. Die Betten hat sie gemacht ... Die muß man sehen, wie sie einen Strohsack aufschüttelt! Sie packt ihn bei einem Ende an und wirft ihn wie eine Feder in die Luft ... Dabei ist. sie aber ungemein genau ... Sie machte das Bett, als wolle sie das liebe Jesukindlein hineinlegen ... Von vier Decken legte sie drei auf das Bett. Alle beiden Polster gab sie ihrem Sohne; sie wollte keinen haben. So schläft sie auf der Erde? In einem Winkel wie ein Hund. Sie warf eine Matratze auf den Fußboden in dem anderen Zimmer, und erklärte, sie schlafe dort besser als im Paradiese. Ich konnte sie durchaus nicht dazu bringen, sich ein besseres Lager zu machen. Sie sagte, es friere sie nie, und sie habe einen viel zu dicken Schädel, um die Fliesen des Fußbodens zu fürchten ... Ich brachte ihnen dann Wasser und Zucker, wie es die gnädige Frau mir anbefohlen hatte ... Kurz und gut, solch drollige Leute habe ich noch nicht gesehen. Rosa bediente weiter; die Mouret ließen sich diesen Abend mit dem Essen Zeit und kamen immer wieder auf die Mieter zu sprechen. In ihrer Lebensweise, die regelmäßig wie eine Uhr war, mußte die Ankunft der Fremden ein großes Ereignis sein. Sie sprachen von ihnen wie von einer Katastrophe mit jener Weitschweifigkeit, mit der man in der Provinz spricht, um die langen Abende totzuschlagen. Mouret besonders hatte seine Freude an dem kleinstädtischen Tratsch und sagte immer wieder bei dem Nachtisch mit der zufriedenen Miene eines glücklichen Menschen: Besançon hat Plassans kein hübsches Geschenk damit gemacht ... Habt ihr rückwärts seinen Talar gesehen, als er sich umdrehte? ... Es soll mich sehr wundern, ob die Betschwestern einem solchen schäbigen Rocke nachlaufen! Die Betschwestern haben nur hübsche Pfarrer lieb! Seine Stimme ist aber mild, sagte Martha, die nachsichtig war. Aber nicht, wenn er in Aufregung gerät, versetzte Mouret. Hast du nicht bemerkt, wie er sich ärgerte, als er vernahm, daß die Wohnung nicht möbliert sei? Er ist ein roher Mensch. Ich bin nur neugierig, wie er sich morgen einrichtet – vorausgesetzt, daß er zahlt. Wenn nicht, so halte ich mich nur an den Abbé Bourrette. Die Familie war wenig fromm. Selbst die Kinder machten sich über den Abbé und seine Mutter lustig. Octave ahmte die alte Frau nach, wie sie den Hals vorstreckte, um in jedes Zimmer hineinsehen zu können, worüber Desiree nicht wenig lachte. Serge, der ernster war, nahm »diese armen Leute« in Schutz. Sonst nahm Mouret immer um zehn Uhr, wenn er nicht eine Partie Piquet spielte, den Leuchter in die Hand und ging schlafen; aber heute hielt er sich noch um elf Uhr tapfer gegen den Schlaf. Desiree war schließlich eingeschlafen, mit dem Kopfe auf den Knien der Mutter liegend; auch die beiden Knaben waren schon in ihr Zimmer hinaufgegangen. Mouret plauderte immer noch mit seiner Frau. Für wie alt hältst du ihn? fragte er plötzlich. Wen? entgegnete Martha, die auch schon zu schlummern begann. Nun, den Abbé! Für vierzig bis fünfundvierzig Jahre, nicht wahr? Schade, daß er die Kutte trägt! Er hätte einen schönen Soldaten abgegeben. Fach einer kleinen Pause erging er sich mit lauter Stimme in Betrachtungen, die ihn ganz träumerisch machten: Sie sind mit dem Zuge um 6 Uhr 45 Minuten angekommen und haben daher gerade noch Zeit gehabt, sich zu dem Abbé Bourrette zu begeben und dann hierherzukommen ... Ich wette, sie haben gegessen! Wir hätten sie ja sonst in das Gasthaus gehen sehen ... Ich möchte wirklich gern wissen, wo sie gespeist haben. Rosa ging seit einigen Augenblicken in dem Speisezimmer hin und her und wartete, bis ihre Herrschaft schlafen ging; denn sie wollte die Türen und Fenster schließen. Ich weiß, wo sie gegessen haben, sagte sie. Mouret drehte sich erstaunt nach ihr um. Ja, ich war wieder hinaufgegangen, um zu fragen, ob sie nichts brauchten; da sich in dem Zimmer nichts hören ließ, habe ich durch das Schlüsselloch geschaut. Das schickt sich aber durchaus nicht, unterbrach Martha in strengem Tone. Sie wissen, Rosa, daß ich dies nicht leiden kann. So laß sie doch, rief Mouret, der in jedem anderen Falle sie ebenfalls wegen ihrer Neugierde getadelt hätte. Sie haben also durch das Schlüsselloch geschaut? Ja, gnädiger Herr, und zwar in guter Absicht. Gewiß ... Was machten sie denn? Nun, sie aßen, gnädiger Herr ... Sie aßen auf der Bettstatt. Die Alte hatte die Serviette ausgebreitet, und so oft sie aus der Weinflasche getrunken hatten, lehnten sie sie verkorkt wieder ans Kissen. Aber was aßen sie denn? Das weiß ich nicht genau. Es schien mir ein Stück Kuchen zu sein, der in ein Stück Zeitungspapier eingewickelt war. Sie hatten auch Äpfel neben sich liegen, aber so kleine, daß sie nach gar nichts aussahen. Sie sprachen doch auch miteinander? Hast du das nicht gehört? Nein, gnädiger Herr, sie sprachen nicht miteinander ... Und doch war ich fast eine Viertelstunde an der Türe ... Nein, sie redeten gar nichts, sondern aßen nur immer. Martha stand auf und weckte Desiree; sie wollte sich auf ihr Zimmer begeben; die Neugierde ihres Mannes war ihr peinlich. Mouret entschloß sich nun auch, das gleiche zu tun, während die alte Rosa, die sehr fromm war, leise fortfuhr: Der arme liebe Mann muß einen schrecklichen Hunger gehabt haben ... Seine Mutter gab ihm die größten Stücke und sah ihm mit Vergnügen zu, wie er einhieb ... Jetzt schläft er wenigstens in reinlichen Bettüchern, wenn der Obstgeruch ihn nicht daran hindert. Es riecht in dem Zimmer gar nicht gut. Sie wissen ja, Äpfel und Birnen haben einen scharfen Geruch ... Das ganze Zimmer ist leer, nur ein Bett steht in einer Ecke – ich würde mich fürchten, da oben zu schlafen. Mouret hatte die Kerze in die Hand genommen, blieb einen Augenblick vor Rosa stehen und faßte die Ereignisse des Abends in dem spießbürgerlichen Ausruf zusammen: Es ist ganz außerordentlich! Dann folgte er seiner Frau, die er am Fuße der Treppe einholte. Sie schlief schon, während er noch immer auf die von oben kommenden Geräusche lauschte. Das Zimmer des Abbés lag gerade über dem seinigen. Nach einigen Augenblicken hörte er oben sachte das Fenster öffnen, was ihn nicht wenig interessierte. Er hob den Kopf von den Polstern und kämpfte tapfer gegen den Schlaf, da er gern wissen wollte, wie lange der Priester an dem Fenster bleibe. Aber der Schlaf war stärker; Mouret sank in die Kissen zurück, bevor er neuerdings das Knarren des Fensterflügels hören konnte. Der Abbé Faujas sah oben in die dunkle Nacht hinaus. Er blieb lange an dem Fenster stehen und war froh, daß er endlich allein war und ganz seinen Gedanken nachhängen konnte. Unter sich fühlte er den ruhigen Schlaf des Hauses, in dem er sich seit einigen Stunden befand, den reinen Atem der Kinder, die ruhigen Atemzüge Marthas und das regelmäßige Schnarchen Mourets. Es lag etwas wie Verachtung in der Bewegung, als er seinen Stiernacken aufrichtete und den Kopf vorstreckte, um bis an das Ende der in Schlaf gesunkenen Stadt zu sehen. Die großen Bäume des Gartens der Unterpräfektur bildeten eine dunkle Masse, und die Birnbäume des Herrn Rastoil starrten mit ihren dürren Ästen in die dunkle Nacht empor; hinter ihnen war ein Meer von Finsternis, dem nicht der leiseste Laut entstieg. Unschuldig wie ein Wiegenkind lag das Städtchen im Schlafe. Faujas breitete mit spöttischem Trotz die Arme aus, als wolle er Plassans umfassen und es mit einem Drucke an seiner starken Brust zermalmen. Und diese Dummköpfe lachten, sagte er leise, als sie mich durch ihre Straßen gehen sahen! Drittes Kapitel. Am folgenden Morgen hatte Mouret nichts anderes zu tun, als seinen Mieter zu beobachten. Dieses Spionieren sollte künftig seine müßigen Stunden ausfüllen, die er zu Hause damit zubrachte, die herumliegenden Gegenstände zu ordnen, mit Frau und Kindern Händel zu suchen. Jetzt hatte er doch eine Unterhaltung, eine Beschäftigung, die ihm in sein tägliches Leben eine Abwechslung brachte. Er konnte die Priester nicht leiden, und doch interessierte ihn der erste Priester, der in sein Haus kam, außerordentlich, weil er etwas Geheimnisvolles, Unbekanntes, sogar Beunruhigendes an sich hatte. Obgleich sich Mouret auf den Freigeist aufspielte und gern ein Anhänger Voltaires sein wollte, flößte ihm doch dieser Abbé ein gewisses Erstaunen, eine gewisse spießbürgerliche Achtung ein, in die ein Zug von Neugierde sich mengte. Da in dem zweiten Stocke nicht das geringste Geräusch zu vernehmen war, horchte Mouret aufmerksam auf der Treppe und wagte sich sogar auf den Dachboden hinauf. Als er langsam den Korridor entlang ging, glaubte er hinter der Türe ein Schlürfen von Pantoffeln zu hören, was ihn ungemein aufregte; er konnte aber nichts Sicheres sehen und hören und ging in den Garten hinunter und hielt sich in der Nähe der Laube auf, von wo er vergebens durch die Fenster erkennen wollte, was in den Zimmern vorging. Er bemerkte nicht einmal den Schatten des Abbés, denn seine Mutter hatte in Ermanglung von Vorhängen die Leintücher vor die Fenster gespannt. Bei dem Frühstück schien Mouret sehr beunruhigt. Sind denn die da oben tot? fragte er, während er den Kindern Brot abschnitt. Hast du sie nicht herumgehen hören, Martha? Nein, ich habe nicht darauf geachtet. Rosa rief aus der Küche: Die sind schon lange fort; wenn sie immer noch gehen, müssen sie schon weit sein. Mouret rief die Köchin und fragte sie nach allem aus. Sie sind ausgegangen, gnädiger Herr. Zuerst die Mutter, dann der Pfarrer. Ich hätte sie nicht einmal gehört, so leise kamen sie die Treppe herunter; aber ich sah ihre Schatten an den Küchenwänden, als sie die Türe öffneten ... Ich sah auf die Straße hinaus ... Aber sie sind ungemein schnell gegangen. Das ist eigentümlich ... Aber wo war ich denn zu der Zeit? Ich glaube, der gnädige Herr war hinten im Garten bei der Laube. Jetzt kam Mouret in eine schreckliche Laune. Er schimpfte auf die Priester, nannte sie alle Duckmäuser mit allerlei Machenschaften, in denen sich der Teufel nicht auskenne; und dabei zeigten sie eine solche lächerliche Schamhaftigkeit, daß noch niemand einen Priester sich habe waschen sehen. Schließlich bedauerte er, daß er dem Abbé, den er gar nicht kenne, die Wohnung vermietet habe. Daran bist nur du schuld, sagte er zu seiner Frau, als er vom Tische aufstand. Martha wollte Einwendungen erheben und ihn an ihr gestriges Gespräch erinnern, doch sie sah ihn nur an und schwieg. Aber er ging heute nicht aus, wie sonst seine Gewohnheit war, sondern begab sich in den Garten, kam nach kurzer Zeit wieder in das Speisezimmer und zog in heftigen Worten gegen die Unordnung los, die in dem ganzen Hause herrsche. Dann tadelte er Serge und Octave, die eine halbe Stunde zu früh in das Kolleg gegangen seien. Geht Papa nicht fort? fragte Desirée leise ihre Mutter. Er ärgert uns nur, wenn er zu Hause bleibt. Martha hieß sie schweigen. Endlich sprach Mouret von einem Geschäft, das er im Laufe des Tages abschließen wolle. Nicht einen Augenblick habe er Zeit! Nie könne er sich einen Tag zu Hause ausruhen, wenn er es gerade notwendig habe. Voll Unmut darüber, daß er fortgehen müsse und nicht weiter auf der Lauer bleiben könne, verließ er das Haus. Als er abends zurückkehrte, war er von einer fieberhaften Neugierde geplagt. Nun, was ist mit dem Abbé? fragte er, noch ehe er den Hut abnahm. Martha arbeitete wieder an ihrem Tischchen auf der Terrasse. Der Abbé? wiederholte sie mit einiger Überraschung. Ach so, der Abbé ... Ich habe ihn nicht gesehen ... ich glaube, er hat sich schon eingerichtet. Rosa sagte mir, daß Möbel gekommen seien. Das befürchtete ich eben, rief Mouret aus. Ich wäre gern da gewesen; – denn schließlich sind die Möbel meine Sicherstellung. Ich wußte ja, daß du dich nicht von deinem Sessel rühren werdest. Du bist eben nicht recht gescheit ... Rosa! Rosa! Die Köchin kam heraus. Man hat für die neuen Mieter Möbel gebracht? Ja, gnädiger Herr, auf einem kleinen Wagen. Es war der Wagen des Möbelhändlers Bergasse. Schwer war er nicht. Frau Faujas ging hinter dem Wagen, und als sie die Balande-Straße herauffuhren, legte sie mit Hand an, um den Karren zu schieben. Sie haben doch die Möbel gesehen? Haben Sie sie gezählt? Gewiß, gnädiger Herr. Ich habe mich vor die Türe gestellt. Sie mußten jedes Stück an mir vorübertragen, was freilich Madame Faujas nicht recht war. Also hören Sie!... Zuerst trugen sie ein eisernes Bett hinauf, dann eine Kommode, zwei Tische, vier Stühle ... Das ist alles ... Aber ganz neu waren die Möbel nicht. Ich würde keine dreißig Taler dafür geben. Aber sie hätten die Frau verständigen sollen, daß wir unter solchen Bedingungen die Wohnung nicht vermieten können ... Ich werde darüber sofort mit dem Abbé Bourrette sprechen. Ärgerlich wollte er hinausgehen, als ihn Martha zurückhielt und ihm sagte: Richtig, das habe ich ganz vergessen ... Sie haben die Miete für ein halbes Jahr vorausbezahlt. Was? Sie haben gezahlt? stotterte er. Ja, die alte Frau kam herunter und übergab mir dies hier. Mit diesen Worten nahm sie aus der Lade ihres Arbeitstisches fünfundsiebzig Franken in lauter Fünffrankenstücken, die sorgfältig in Zeitungspapier eingewickelt waren. Mouret zählte das Geld und brummte: Wenn sie zahlen, können sie tun, was sie wollen ... Sonderbare Leute bleiben sie doch! Jeder Mensch kann nicht reich sein, das ist gewiß; aber wenn man ein armer Teufel ist, muß man sich nicht gar so verdächtig benehmen. Ich wollte dir auch sagen, erwiderte Martha, als sie ihren Mann wieder beruhigt sah, daß die alte Frau mich fragte, ob wir ihr nicht das Gurtbett überlassen möchten. Ich habe ihr daraufhin gesagt, daß wir es nicht brauchen und daß sie es behalten könne, solange sie wolle. Das war ganz gut; man muß sie sich verpflichten ... Ich habe dir schon gesagt: mich ärgert es am meisten an diesen Priestern, daß man nie weiß, was sie denken und was sie tun. Indes gibt es auch sehr ehrenwerte Leute unter ihnen. Das Geld schien ihn ganz getröstet zu haben, denn er scherzte und machte sich über Serge lustig, der eben wieder in dem Buche »Missionen in China« las. Während des Essens schien er an die Leute im zweiten Stock nicht mehr zu denken. Als aber Octave erzählte, daß er den Abbé Faujas habe aus der Bischofresidenz kommen sehen, da konnte sich Mouret nicht mehr halten und nahm beim Nachtisch das gestrige Gespräch wieder auf. Aber er schämte sich doch ein wenig. Unter seiner Schwerfälligkeit eines ehemaligen Kaufmannes barg sich ein feiner Verstand; er hatte einen nüchternen Sinn und ein richtiges Urteil, das ihn oft bei allen Klatschereien der Stadt das passende Wort finden ließ. Schließlich ist es nicht gut, die Nase in die Angelegenheiten anderer zu stecken, sagte er, als er schlafen ging ... Der Abbé kann machen, was er will. Es ist überhaupt langweilig, immer von diesen Leuten zu sprechen. Ich wasche meine Hände in Unschuld. Acht Tage gingen dahin. Mouret hatte seine gewohnte Beschäftigung wieder aufgenommen. Er schlenderte im Hause herum, sprach mit den Kindern, ging nachmittags zum Zeitvertreib Geschäften nach, von denen er nie sprach, aß und schlief wie ein Mann, für den das Leben eine glatte Bahn ist, ohne Erschütterungen und ohne Überraschungen. In das Haus schien die alte Ruhe wieder eingezogen zu sein. Martha saß an ihrem gewöhnlichen Platze auf der Terrasse vor dem Nähtischchen; Desiree spielte neben ihr; die beiden Knaben brachten zu denselben Stunden dasselbe geräuschvolle Leben ins Haus; Rosa brummte jeden an, während der Garten und das Speisezimmer in Frieden lagen. Du sieht, sagte Mouret zu seiner Frau, daß du im Irrtum warst, als du glaubtest, die neue Partei werde uns stören. Wir haben eigentlich jetzt eine größere Ruhe als früher, denn das Haus ist kleiner und daher noch friedlicher. Manchmal sah er zu den Fenstern des zweiten Stockes hinauf, vor denen vom zweiten Tage an Vorhänge von grobem Kattun angebracht waren, deren Falten sich nie rührten. Ihr Aussehen war so keusch, steif und kühl wie das Linnenzeug einer Sakristei. Hinter ihnen schien das Schweigen und die Ruhe des Klosterlebens zu herrschen. Nur zeitweilig waren die Fenster halb offen und ließen durch die weißen Vorhänge den Schatten der hohen Decken erkennen. Aber vergebens lauerte Mouret, nie konnte er die Hand bemerken, die das Fenster öffnete und schloß; er hörte nicht einmal das Knarren der Fensterflügel. Kein menschlicher Laut kam aus dieser Wohnung. Im Verlaufe von acht Tagen hatte Mouret noch nicht ein einziges Mal den Abbé wiedergesehen, so daß dieser Mensch, der neben ihm wohnte, und dessen Schatten er nicht einmal bemerkte, ihm schließlich eine nervöse Unruhe einflößte. Trotz seiner Bemühungen, gleichgültig zu bleiben, fing er doch wieder an zu fragen, und begann eine förmliche Untersuchung. Du bekommst ihn also nicht zu Gesicht? erkundigte er sich bei seiner Frau. Ich glaube, daß ich ihn gestern sah, als er heimkehrte. Aber ich weiß es nicht genau ... Da seine Mutter immer schwarz gekleidet geht, kann auch sie es gewesen sein. Auf seine weiteren Fragen erzählte sie ihm alles, was sie wußte: Rosa behauptet, daß er jeden Tag ausgeht und sehr lange außen bleibt ... Die Mutter ist regelmäßig wie eine Uhr. Täglich kommt sie um sieben Uhr herunter, um ihre Einkäufe zu machen. Ihren Handkorb hat sie immer geschlossen und bringt in ihm alles, was sie braucht: Kohlen, Brot, Wein und andere Lebensmittel; denn man sieht nie, daß jemand ihnen etwas herbrächte ... Übrigens sind sie die Höflichkeit selbst. Rosa sagte, daß sie immer grüßen, sooft sie ihr begegnen. Aber zumeist hört Rosa sie gar nicht die Treppe herunterkommen. Die müssen eine sonderbare Wirtschaft oben führen, erwiderte Mouret, den das Gehörte nicht befriedigte. Als eines Abends Octave erzählte, daß er den Abbé in die Kirche Saint-Saturnin habe treten sehen, fragte der Vater, wie er gegangen sei, ob die Vorübergehenden ihm nachgeblickt hätten und was er in der Kirche zu tun gehabt hätte. Du bist gar zu neugierig! rief der junge Mann lachend ... Schön nahm er sich mit seinem verschossenen, fast roten Talar am hellichten Tage nicht aus. Es entging mir nicht, daß er absichtlich an den Häusern entlang im Schatten ging, damit sein Talar ein bißchen schwarz aussehe ... Er geht sehr schnell, den Kopf hat er immer gesenkt ... Zwei Mädchen fingen an zu lachen, als er über den Platz ging. Er hob den Kopf und sah sie freundlich an; nicht wahr, Serge? Dieser erzählte, daß er schon einigemal, als er aus dem Kolleg kam, den Abbé von weitem gesehen habe, wie er die Kirche verließ. Er geht durch die Straßen, meinte der junge Mann, ohne mit jemandem zu sprechen, scheint niemanden zu sehen und fühlt gewiß beschämt das höhnische Lächeln, das er allenthalben erregt. Spricht man denn von ihm in der Stadt? fragte Mouret mit regem Interesse. Mit mir hat niemand von dem Abbé gesprochen, erwiderte Octave. O ja, sagte Serge, man spricht von ihm. Der Neffe des Abbé Bourrette erzählte mir, daß er nicht gern in der Kirche gesehen werden, denn man könne die fremden Priester nicht leiden. Dann sieht er auch gar so elend aus ... Wenn man sich an ihn gewöhnt hat, wird man von dem armen Manne nicht mehr sprechen. In der ersten Zeit will man aber doch wissen, welche Bewandtnis es mit ihm habe. Martha riet dann ihren Söhnen, sich nicht ausfragen zu lassen, wenn man von ihnen etwas Näheres über den Abbé erfahren wolle. Ach was! Das können sie ruhig sagen, rief Mouret aus. Was wir von ihm wissen, tut ihm nichts. Von diesem Augenblicke an machte er seine Kinder, ohne etwas Schlechtes zu denken, zu Spionen, die er an die Fersen des Abbé heftete. Octave und Serge mußten ihm alles sagen, was in der Stadt von ihm gesprochen wurde; ja noch mehr, sie erhielten den Auftrag, dem Priester zu folgen, wenn sie im begegneten. Aber diese Quelle war schnell versiegt. Das Gerede, das durch die Ankunft des fremden Priesters veranlaßt wurde, verstummte bald. Die Stadt kümmerte sich um den »armen Mann mit dem schäbigen Talar« nicht mehr und beachtete ihn einfach nicht. Anderseits begab sich der Priester nur in die Kirche und aus ihr nach Hause, wobei er immer durch dieselben Gassen ging. Octave meinte lächelnd, er zähle die Pflastersteine. Zu Hause suchte Mouret Desirée auf seine Seite zu ziehen, da sie nie ausging. Er führte sie deshalb abends in den Garten, fragte sie aus, was sie den Abend über getan und gesehen habe und suchte immer das Gespräch auf die Partei im zweiten Stock zu bringen. Höre, sagte er eines Tages zu ihr, morgen wirst du, wenn das Fenster offen steht, deinen Ball in das Zimmer; dann gehst du hinauf und verlangst ihn. Am folgenden Tage warf das Mädchen tatsächlich den Ball in das Zimmer; aber er wurde von unsichtbarer Hand sofort auf die Terrasse hinabgeworfen, noch ehe das Kind die Treppe erreicht hatte. Mouret, der auf die Anmut des Kindes gerechnet hatte, um die gleich am ersten Tage abgebrochenen Beziehungen wieder aufzunehmen, sah das Spiel verloren; er stieß augenscheinlich auf den klaren Willen des Abbé, sich in seiner Wohnung einzuschließen. Dadurch aber wurde seine Neugierde nur noch gesteigert. Er klatschte in allen Winkeln mit der Köchin zum großen Ärger Marthas, die ihm wegen dieses unwürdigen Betragens Vorwürfe machte. Er wurde darüber böse und suchte alle möglichen Ausflüchte. Er fühlte jedoch sein Unrecht und sprach deshalb von dem Abbé mit Rosa nur im geheimen. Eines Morgens gab ihm Rosa ein Zeichen, ihr in die Küche zu folgen. Denken Sie sich, gnädiger Herr, sagte sie, nachdem sie die Türe zugemacht hatte, ich warte schon seit einer Stunde, daß Sie aus Ihrem Zimmer herunterkommen. Hast du etwas erfahren? Sie werden es gleich hören ... Gestern abend habe ich länger als eine Stunde mit Frau Faujas gesprochen. Mouret zitterte vor Freude. Er setzte sich auf einen zerrissenen Strohsessel inmitten der Wischlappen und der Küchenabfälle nieder. Also schnell! Heraus damit! Ich stand gestern, begann Rosa, in der Türe und wünschte dem Dienstmädchen des Herrn Rastoil einen guten Abend, als Frau Faujas die Treppe mit einem Kübel schmutzigen Wassers herunterkam. Sonst geht sie gleich wieder hinauf, ohne sich umzusehen; diesmal blieb sie aber einen Augenblick stehen und sah mich an. Ich entnahm daraus, daß sie mit mir reden wollte, und sagte ihr, daß es schönes Wetter sei und daher ein guter Wein wachsen werde ... Sie antwortete mir »Ja, ja,« wie eine Frau, der dies ganz gleichgültig ist, weil sie keinen Weinberg besitzt. Aber sie setzte den Kübel auf die Erde, blieb stehen und lehnte sich neben mir an die Wand ... Nun, was hat sie dir denn erzählt? fragte Mouret voll Ungeduld. Ich war nicht so dumm, sie auszufragen ... Ich brachte das Gespräch auf das, was sie angeht. Der Pfarrer zu Saint-Saturnin, der liebe Herr Compan, ging eben vorüber. So erzählte ich ihr, wie er lebe, daß er sehr krank sei, daß er es nicht lange mehr aushalten werde, und wie schwer er zu ersetzen sei. Sie war jetzt ganz Ohr und fragte mich sogar, was dem Herrn Compan fehle. Dann kam ich von einem zum anderen, sprach von unserem Bischof Rousselot und erzählte ihr, was für ein trefflicher Mann er ist. Sie wußte nicht, wie alt er sei; ich sagte, daß er sechzig Jahre vorüber, ebenfalls weichen Gemütes sei und sich an der Nase führen lasse; man rede auch viel von Herrn Fenil, dem Großvikar, der in der bischöflichen Residenz tue was er wolle ... Das war Wasser auf ihre Mühle; die Alte wäre bis Sonnenaufgang vor der Türe stehen geblieben. Mouret machte eine Gebärde der Verzweiflung. Ganz recht! Jetzt hast du mir nur erzählt, was du gesprochen hast ... Was hat denn aber sie gesagt? So warten Sie doch! erwiderte Rosa ruhig; lassen Sie mich weiter erzählen, ich komme schon zu Ende. Um sie auch zum Plaudern zu bringen, erzählte ich ihr schließlich von uns. Ich sagte, daß Sie François Mouret heißen und Kaufmann in Marseille gewesen seien, der in fünfzehn Jahren durch einen Handel in Wein, Öl und Mandeln sich ein Vermögen zu erwerben gewußt habe. Dann erzählte ich, daß Sie hier in Plassans Ihre Rente verzehren, weil die gnädige Frau hier Verwandte habe; dann fand ich sogar eine passende Gelegenheit, ihr mitzuteilen, daß die gnädige Frau Ihre leibliche Base sei, daß Sie vierzig Jahre und die gnädige Frau siebenunddreißig Jahre alt seien. Weiter, daß Sie eine sehr zufriedene Ehe führen, nie auf der Promenade Sauvaire gesehen werden, kurz, ich erzählte Ihr ganzes Leben ... was sie ungemein interessierte. Sie antwortete mir immer: »Ja, ja,« ohne Eile zu haben. Als ich nun innehielt, da nickte sie mit dem Kopfe, als wolle sie sagen: »Ich höre ja zu, erzählen Sie nur weiter!« So plauderten wir denn – immer an die Mauer gelehnt – bis tief in die Nacht hinein wie gute Freundinnen. Mouret erhob sich zornig. Wie? rief er aus, das ist alles? ... Sie hat Sie eine Stunde reden lassen und Ihnen nichts gesagt? Sie sagte mir, als es ganz finster war: »Es wird kühl.« Damit hob sie den Wasserkübel auf und ging wieder in ihre Wohnung hinauf. Wie Sie dumm sind! Die Alte versteht es, sie würde zehn solche verkaufen, wie Sie sind. Nein! Wie müssen die jetzt lachen! Sie wissen nun alles von uns, was sie wissen wollten ... Rosa, Sie sind sehr dumm! Die alte Köchin geriet darüber in Aufregung und ließ ihren Zorn an den Töpfen und Schüsseln aus, die sie hin und her stieß. Wissen Sie, gnädiger Herr, erklärte sie, wenn Sie nur in die Küche gekommen sind, um mir Grobheiten zu sagen, hätten Sie draußen bleiben können. Sie können gehen ... Ich habe dies alles nur getan, um Ihnen eine Freude zu machen. Wenn uns die gnädige Frau hier beisammen fände, würde sie mit mir zanken und das mit Recht, denn es schickt sich nicht ... Übrigens konnte ich doch dieser Frau nicht die Worte aus dem Munde reißen. Ich habe mich dabei benommen wie sich jede andere benehmen würde. Ich habe geplaudert und Ihr Leben beschrieben. Um so schlimmer für Sie, wenn sie nicht auch das ihrige beschrieb. Fragen Sie sie selbst, wenn Ihnen soviel daran liegt. Vielleicht sind Sie nicht so dumm wie ich ... Da die Alte immer lauter wurde, hielt es Mouret für geraten, die Küche zu verlassen, damit nicht noch seine Frau dazu komme. Aber Rosa trat hinaus und rief ihm nach: Sie sollen wissen, daß ich mich um nichts mehr kümmere. Geben Sie einem anderen Ihre häßlichen Aufträge. Mouret war geschlagen. Seine Niederlage ließ einigen Unmut in ihm zurück. Aus Rache gefiel er sich in der Behauptung, daß seine Mieter sehr unbedeutende Leute seien. Allmählich verbreitete er unter seinen Bekannten seine Ansicht, die zuletzt die ganze Stadt glaubte. Der Abbé Faujas wurde als mittelloser Priester angesehen, der ohne jeden Ehrgeiz sei und ganz außerhalb der Ränke des Kirchspiels stehe; man dachte, er schäme sich seiner Armut, gebe sich mit den unbedeutendsten Verrichtungen in der Pfarrkirche zufrieden und halte sich so weit wie möglich im Dunkel, wo es ihm besonders gefalle. Nur wollte man gern wissen, warum er von Besançon nach Plassans gekommen sei. Es waren die verschiedensten Geschichten im Umlaufe, doch waren es nur Mutmaßungen. Selbst Mouret, der seine Partei ebenso zur Unterhaltung beobachtete, wie er zum Vergnügen Karten oder Billard spielte, begann schließlich zu vergessen, daß ein Priester bei ihm wohne, bis doch ein neues Ereignis seine Aufmerksamkeit auf ihn lenkte. Als Mouret eines Nachmittags nach Hause ging, sah er den Abbé Faujas vor sich in der Balande-Straße. Er mäßigte daher seine Schritte, um ihn genau zu beobachten; denn es war das erstemal, daß er ihn am hellen Tage sah. Der Abbé hatte noch immer seinen alten Talar an; langsam ging er die steile, leere Straße mit ihren kahlen Häusern und geschlossenen Fenstervorhängen hinan; trotz des heftigen Windes trug er seinen Dreispitz in der Hand. Mouret ging jetzt auf den Fußspitzen, damit er von dem Priester nicht gehört werde. Als sie sich aber dem Hause des Herrn Rastoil näherten, kamen eben einige Personen vom Präfekturplatze, traten dort ein, und der Abbe machte einen kleinen Umweg, um mit ihnen nicht zusammenzutreffen. Als sich die Türe hinter ihnen geschlossen hatte, blieb der Abbé plötzlich stehen und drehte sich nach seinem Hausherrn um. Es freut mich, mit Ihnen zusammenzutreffen, sagte er mit ausgesuchter Höflichkeit. Ich hätte mir sonst erlaubt, Sie heute abend zu belästigen ... Der letzte Regen hat in dem Plafond meines Zimmers einen Fleck hervorgebracht, den ich Ihnen gern zeigen möchte. Mouret erwiderte verlegen, daß er ganz zu seinen Diensten stehe. Da sie zusammen ins Haus traten, fragte er den Priester, welche Stunde ihm angenehm sei, um die Decke besichtigen zu können. Wenn es Ihnen nicht lästig ist, bitte ich gleich mit mir hinaufzukommen. Mouret stieg erregt die Treppe hinauf, während Rosa ihm von der Küchentüre aus mit großen Augen nachsah. Viertes Kapitel. Als Mouret im zweiten Stocke ankam, war er verlegener als ein Student, der zum ersten Male das Zimmer einer Frau betritt. Die unerwartete Erfüllung eines langgehegten Wunsches und die Hoffnung, etwas ganz Außerordentliches zu sehen, raubte ihm fast den Atem. Unterdessen steckte der Abbé den Schlüssel in das Schloß, und die Türe öffnete sich so geräuschlos, als drehe sie sich in samtenen Angeln. Der Priester bat den Hausherrn durch eine Gebärde einzutreten. Die Leinwandvorhänge an den beiden Fenstern waren so dicht, daß das Zimmer wie in das Zwielicht einer Klosterzelle gehüllt war. Das Zimmer war sehr groß und hoch mit einer reinlichen, aber verblaßten Papiertapete beklebt. Mouret ging rasch hinein und schritt auf den spiegelblanken Fliesen weiter, deren Kälte er unter den Sohlen zu fühlen glaubte. Verstohlen ließ er seine Blicke im Zimmer umherschweifen. Das eiserne Bett hatte keine Vorhänge, und die Decke war so straff gespannt, daß man das Bett für eine weiße Steinbank im Winkel hätte halten können. Die Kommode auf der anderen Seite, ein kleiner Tisch in der Mitte, zwei Stühle, vor jedem Fenster einer: das war die ganze Einrichtung. Nirgends lag oder hing etwas; weder auf dem Tische, noch auf der Kommode, noch an der Wand. Kein Papier, kein Kleidungsstück, kein sonstiger Gegenstand war zu sehen. Nur über der Kommode hing ein großer Christus aus schwarzem Holze, die einzige Abwechslung in der düsteren Öde dieses Zimmers. Hier, mein Herr, sagte der Abbé, ist der Fleck an der Decke. Aber Mouret ließ sich Zeit; er genoß. Obwohl er nichts Außerordentliches sah, wie er gehofft hatte, so hatte das Zimmer doch für ihn viel Anziehendes, einen eigentümlichen Geruch. Es riecht da nach Priester, dachte er; es riecht nach einem Menschen, der ganz anders ist wie die übrigen, der das Licht auslöscht, wenn er das Hemd wechselt und der weder Strümpfe noch Rasierzeug herumliegen läßt. Es ärgerte ihn, daß er weder auf den Möbeln noch in den Ecken etwas herumliegen sah, was ihn auf weitere Vermutungen hätte führen können. Das Zimmer war ganz so wie dieser seltsame Mensch: stumm, kalt, höflich, undurchdringlich. Die größte Überraschung empfand er darüber, daß er nirgends eine Spur von Dürftigkeit sah; er hatte im Gegenteil einen Eindruck, wie ehemals, als er den sehr reich möblierten Salon eines Präfekten in Marseille betrat. Der große Christus dort an der Wand schien diesen Raum mit seinen schwarzen Armen ganz auszufüllen. Mouret mußte aber dem Abbé in jene Ecke folgen, wo sich der nasse Fleck an der Decke gezeigt hatte. Sehen Sie da oben den Fleck? sagte dieser. Er ist freilich seit gestern etwas kleiner geworden. Mouret stellte sich auf die Fußspitzen, zwinkerte mit den Augen, konnte aber nichts sehen. Da zog der Priester die Vorhänge auf, so daß er wirklich einen gelben Fleck sah. Es ist nicht so arg, sagte er leise. Freilich nicht; aber ich hielt es doch für notwendig, Sie darauf aufmerksam zu machen ... Es muß am Rande des Daches hereingeregnet haben. Ja, Sie haben recht, am Rande des Daches. Mouret schwieg und ließ seine Blicke in dem durch das Tageslicht erhellten Zimmer herumschweifen. Es nahm sich jetzt weniger feierlich aus, aber es lag in voller Ruhe da; nicht ein Staubkörnchen verriet etwas aus dem Leben des Abbé. Wir könnten es vielleicht durch das Fenster sehen, sagte der Abbé, indem er dieses öffnete. Aber Mouret erklärte, daß er ihn nicht länger stören wolle; es sei eine Kleinigkeit, und die Arbeiter würden das Loch schon finden. Sie stören mich gar nicht, erwiderte der Abbé in der liebenswürdigsten Weise. Ich weiß, daß die Hauseigentümer gern alles selbst untersuchen ... Ich bitte Sie, nur alles zu besichtigen ... Das Haus gehört völlig Ihnen. Bei den letzten Worten lächelte er, was sehr selten vorkam. Als sich Mouret zum Fenster hinausbeugte und mit beiden Augen zu der Dachrinne emporsah, ließ er sich in allerlei baulichen Mutmaßungen darüber aus, auf welche Weise der nasse Fleck mochte entstanden sein. Ich glaube, es haben einige Ziegel nachgegeben, oder vielleicht ist einer von ihnen geborsten, wenn es nicht jener Riß dort ist, den Sie am Karnies sehen und der längs der Stützmauer verläuft. Das ist leicht möglich, erwiderte Mouret. Aufrichtig gestanden, Herr Abbé, ich verstehe von der ganzen Sache nichts. Der Maurer wird sich schon auskennen. Da sprach der Priester nichts mehr von Ausbesserungen und sah schweigend auf die Gärten hinab. Mouret, der neben ihm am Fenster lehnte, wollte aus Anstand nicht sofort das Zimmer verlassen. Er war völlig gewonnen, als der Mieter nach kurzem Stillschweigen zu ihm sagte: Sie haben einen sehr schönen Garten. Ein gewöhnlicher Hausgarten, erwiderte Mouret. Ich mußte einige sehr schöne Bäume fällen lassen, weil nichts in ihrem Schatten gedieh. Ja, man muß immer praktisch, sein. Der Winkel genügt uns; er liefert uns für den ganzen Sommer Gemüse. Der Abbé war erstaunt und ließ sich die Einzelheiten beschreiben. Es war ein alter Garten, wie man sie in der Provinz findet, von Lauben umgeben, durch große Gebüsche in vier regelmäßige Vierecke geteilt. In der Mitte befand sich ein wasserloses Becken. Ein einziges Viereck war mit Blumen bepflanzt, während in den übrigen Teilen Obstbäume standen und prächtiger Kohl und Salat gediehen. Die mit gelbem Sande bestreuten Wege waren spießbürgerlich sauber gehalten. Es ist ein kleines Paradies, sagte der Abbé nochmals. Es sind doch viel Unannehmlichkeiten dabei, erwiderte Mouret, der seinen Besitz nicht so gelobt haben wollte. Sie müssen zunächst bedenken, daß wir auf einem Abhange wohnen, auf dem die Gärten staffelförmig liegen. So ist der Garten des Herrn Rastoil niedriger als der meinige und dieser liegt wieder tiefer als der des Unterpräfekten, weshalb der Regen oft großen Schaden anrichtet. Eine weitere Unannehmlichkeit ist, daß die Leute der Unterpräfektur zu mir herübersehen können, besonders wenn sie auf der Terrasse sind, die meine Mauer beherrscht. Freilich kann ich wieder zu Herrn Rastoil hinübersehen. Aber das ist nur eine geringe Schadloshaltung; denn ich versichere, es gehen mich die anderen Leute sehr wenig an. Der Priester schien aus Gefälligkeit zuzuhören; er nickte mit dem Kopfe, stellte aber keine Frage und folgte nur mit den Augen den Erläuterungen, die sein Hauseigentümer mit der Hand machte. Noch etwas ist unangenehm, fuhr letzterer fort, indem er auf ein Gäßchen wies, das sich hinter dem Garten dahinzog. Sehen Sie diesen Weg dort zwischen den beiden Mauern? Das ist die Sackgasse Chevilottes, die in ein Einfahrtstor ausläuft, das auf die Felder der Unterpräfektur geht. Alle benachbarten Gründe haben ein Ausgangspförtchen auf diese Sackgasse, so daß dort ein fortwährendes geheimnisvolles Gehen und Kommen herrscht ... Ich habe Kinder und ließ daher meine Türe dort hinaus vernageln. Er schielte dabei auf den Abbé, indem er hoffte, daß dieser ihn fragen werde, was für ein geheimnisvolles Gehen und Kommen es sei. Aber der Priester tat nicht den Mund auf und ließ ohne weitere Neugierde seine Blicke von dieser Sackgasse wieder nach dem Garten Mourets schweifen. Unten auf der Terrasse saß wie gewöhnlich Martha und säumte Servietten ein. Sie hatte zuerst erstaunt emporgeblickt, als sie oben Stimmen vernahm; zu ihrer großen Verwunderung sah sie ihren Gatten mit dem Priester im Gespräch und beugte sich wieder über die Arbeit. Mouret sprach in unbewußter Prahlerei jetzt lauter, um seiner Frau zu zeigen, daß es ihm endlich gelungen sei, in diese so fest verschlossene Wohnung einzudringen, während der Priester von Zeit zu Zeit auf die Frau sah, von der er nur den Nacken und den dichten, schwarzen Haarknoten erblicken konnte. Wieder schwiegen beide; doch schien der Abbé Faujas noch immer nicht geneigt, das Fenster zu verlassen. Er schien jetzt den Garten des Nachbars zu studieren, der mit seinen kleinen Baumgängen, Beeten und Rasenflächen in englischem Geschmacke angelegt war. Im Hintergrunde stand eine Gruppe von Bäumen, zwischen denen ein Tisch und mehrere Gartenstühle sichtbar waren. Herr Rastoil ist sehr reich, hub Mouret wieder an, indem er den Blicken des Abbé folgte. Dieser Garten kostet ihm viel Geld. Der Wasserfall dort drüben hinter den Bäumen kommt ihm auf dreihundert Franken zu stehen. Dabei wächst nirgends Gemüse, überall nur Blumen. Einige Zeit trugen sich die Damen auch mit der Absicht, die Obstbäume fällen zu lassen, was einem Morde gleichbedeutend gewesen wäre, denn die Birnbäume da drüben sind herrlich! Aber er hat das Recht, sich seinen Garten nach seinem Geschmack herzurichten. Hat er ja die Mittel dazu! Da der Abbé noch immer schwieg, fuhr er fort: Nicht wahr, Sie kennen den Herrn Rastoil? Er geht jeden Morgen zwischen acht und neun Uhr unter seinen Bäumen spazieren. Er ist ein dicker, kahler, bartloser Mann mit kugelrundem Kopfe. Ich glaube, im August ward er sechzig Jahre alt. Seit zwanzig Jahren ist er schon Gerichtspräsident, doch verkehre ich nicht mit ihm. Wir grüßen uns, das ist alles. Er schwieg, denn aus dem Nachbarhause kamen einige Personen über die Gartentreppe auf die Baumgruppe zu. Richtig, heute ist ja Dienstag, sagte Mouret leise ... Da ist bei Rastoil Tischgesellschaft. Der Abbé konnte eine gewisse Bewegung nicht verbergen; er neigte sich vor, um besser zu sehen. Zwei Priester, die er neben zwei großen Mädchen herunterkommen sah, interessierten ihn besonders. Sie kennen diese Herren? fragte Mouret. Faujas verneinte es. Sie gingen über die Balande-Straße, als wir uns begegneten ... Der Große, der Junge, der zwischen den beiden Fräuleins Rastoil geht, ist der Abbé Surin, der Sekretär unseres Bischofs. Ein liebenswürdiger Mann, wie man sagt. Im vergangenen Sommer sah ich ihn mit den Damen Drachen spielen. Der Ältere, der ein wenig zurück geht, ist einer unserer Großvikare, Abbé Fenil. Er ist der Leiter des Seminars. Ein schrecklicher Mensch, unbedeutend und spitzig wie ein Säbel. Schade, daß er sich nicht umdreht; da könnten Sie seine Augen sehen! ... Es wundert mich, daß Sie diese Herren nicht kennen. Ich gehe wenig aus, erwiderte der Abbé, und besuche niemanden in der Stadt. Das ist nicht recht! Da müssen Sie sich oft langweilen. Herr Abbé, das muß man gestehen, neugierig sind Sie nicht. Sie sind seit einem Monat hier und wissen noch nicht, daß jeden Dienstag bei Rastoil Gesellschaft ist? Aber das müssen Sie doch alles von Ihrem Fenster sehen! Mouret lachte. Dann fuhr er vertraulich fort: Sehen Sie, jener alte Herr mit dem großen Hute, der Madame Rastoil begleitet, das ist Herr Bourdeu, ehemals Präfekt von Drome, der aber durch die Revolution von 1848 gestürzt wurde. Ich wette, den Folgenden kennen Sie auch nicht ... Es ist der Friedensrichter, namens Maffre. Der Herr mit den schneeweißen Haaren und den großen, vorspringenden Augen, der zuletzt kommt, ist Herr Rastoil. Den sollten Sie aber doch kennen! Er ist Ehrendomherr von Saint-Saturnin! ... Unter uns: man sagt ihm nach, daß er seine Frau durch harte Behandlung und seinen Geiz ins Grab gebracht hat. Er hielt inne, sah den Abbé an und sagte dann plötzlich: Verzeihung, aber ich bin nicht frommgläubig. Der Abbé machte neuerdings eine abwehrende Handbewegung, die ihn der Notwendigkeit enthob, zu antworten. Doch Mouret sagte nochmals spöttisch: Nein, ich bin nicht frommgläubig. Es muß doch jeder seine Freiheit haben? ... Bei den Rastoil ist man fromm. Mutter und Töchter sind immer in der Kirche ... Die armen Mädchen! Die ältere, Angeline, ist schon sechsundzwanzig Jahre alt, die jüngere, Aurelie, wird vierundzwanzig. Dabei sind sie gar nicht schön! Das Schlimme ist noch, daß die Ältere zuerst heiraten muß ... Freilich, schließlich finden sie doch noch einen Mann, weil sie reich sind ... Ihre Mutter, diese kleine dicke Frau dort, die sanft wie ein Hammel einhergeht, hat den armen Rastoil schöne Dinge erleben lassen. Er zwinkerte mit den Augen, was er immer tat, wenn er einen gewagten Scherz machte. Der Abbé hatte die Augen niedergeschlagen und wartete, was kommen werde; da aber Mouret schwieg, sah er wieder zur Gesellschaft hinüber, die sich an dem runden Tische niederließ. Sie bleiben im Garten bis zum Essen, um frische Luft zu schöpfen, fuhr Mouret fort. So ist es jeden Dienstag ... Dieser Abbé Surin hat viel Glück. Sehen Sie nur, wie er mit Fräulein Aurelie lacht! ... Ei, der Großvikar hat uns bemerkt! Was sagen Sie zu seinen Augen? Er ist nicht gut auf mich zu sprechen, weil ich einmal einen Streit mit einem seiner Verwandten hatte ... Aber wo ist denn der Abbé Bourrette? Nicht wahr, wir haben ihn nicht gesehen? Das ist auffallend, denn er fehlt keinen Dienstag bei den Rastoil. Er muß unwohl sein ... Sie kennen ihn ja; ein sehr würdiger Mann! Ein wahrer Heilandskopf! Aber Faujas hörte nicht mehr zu, denn seine Blicke kreuzten sich fortwährend mit denen des Abbé Fenil. Er beobachtete ihn mit scharfen Augen, die größer geworden zu sein schienen. Jetzt kommen die jungen Leute, fuhr Mouret fort, als er drei junge Männer ankommen sah. Der ältere, der Sohn Rastoils, wurde vor kurzer Zeit Advokat, die zwei anderen sind die Söhne des Friedensrichters, die aber noch studieren ... Ja, warum sind denn meine Söhne noch nicht zu Hause? In diesem Augenblicke traten Octave und Serge auf die Terrasse; sie lehnten sich an die Brüstung und neckten Desiree, die sich soeben zu ihrer Mutter gesetzt hatte. Als sie ihren Vater oben bemerkten, sprachen sie leiser, kicherten aber fortwährend. Meine ganze kleine Familie ist beisammen, sagte Mouret leise. Wir bleiben lieber allein; unser Garten ist ein geschlossenes Paradies, in das der Teufel sich nicht wagen darf, um uns zu versuchen. Er lachte dazu, denn im Grunde genommen machte er sich auf Kosten des Abbé lustig. Dieser ließ langsam seine Blicke auf die Familie seines Hausherrn schweifen, die unter seinem Fenster eine Gruppe bildete, sah dann auf den alten Garten mit seinen von Buchshecken umgebenen Gemüsebeeten, dann in den Garten des Herrn Rastoil, und schließlich auch in den der Unterpräfektur, als wolle er einen Plan dieser Orte aufnehmen. In dem letzteren Garten befand sich nur ein breiter Rasenplatz in der Mitte, ein in weichen Linien gezogener Rasenteppich; reichbelaubte Sträucher bildeten Dickichte; hohe Kastanien mit dichtem Laubwerke verwandelten diesen zwischen den benachbarten Häusern eingeklemmten Erdstreifen in einen Park. Die Gärten sind wunderhübsch, meinte der Abbé leise, nachdem er die Kastanienbäume lange betrachtet hatte. Dort links sind auch Leute. Mouret sah hinüber. Jeden Nachmittag kommen die Bekannten des Herrn Péqueur des Saulaies, des Unterpräfekten, dort zusammen. Im Sommer halten sie sich gewöhnlich dort links bei dem Bassin auf ... Ei, Herr von Condamin ist auch zurück. Der schöne Greis mit dem rötlichen Gesichte ist unser Forstinspektor. Ein strammer Herr, den man oft zu Pferde trifft, mit knappen Hosen, fein behandschuht. Und ein Prahlhans! Er ist nicht von hier. Erst neulich heiratete er ein junges Mädchen ... Das geht mich eigentlich nichts an. Er schaute neuerdings auf die Terrasse hinunter, wo Desirée mit Serge spielte und hell auflachte. Der Abbé, dessen Gesicht sich leicht gerötet hatte, sagte plötzlich: Ist der Herr dort mit der weißen Krawatte der Unterpräfekt? Diese Frage belustigte Mouret außerordentlich. Nein, erwiderte er lächelnd. Man sieht, daß Sie Herrn Péqueur des Saulaies nicht kennen. Er ist noch nicht vierzig Jahre alt, ein hübscher, vornehmer Mann. Der dicke Herr da ist der Dr. Porquier, der Arzt der besseren Gesellschaftskreise unserer Stadt. Ein sehr glücklicher Mann. Er hat nur einen Kummer, nämlich wegen seines Sohnes Wilhelm ... Die zwei Personen, die sich dort auf die Bank gesetzt haben, sind der Richter Paloque und seine Frau. Ein häßliches Paar! Man weiß nicht, wer von beiden scheußlicher ist: der Mann oder die Frau. Ein Glück, daß sie keine Kinder haben! Mouret lachte hell auf. Er ward allmählich wärmer und schlug mit der Hand auf die Fensterbrüstung. Nein, wenn ich die beiden Gesellschaften da drüben sehe, muß ich immer lachen ... (Dabei zeigte er mit einer doppelten Bewegung des Kinns nach dem Garten des Herrn Rastoil und nach dem der Unterpräfektur.) Sie kümmern sich wahrscheinlich nicht um Politik, Herr Abbé, denn sonst würden Sie auch lachen. Denken Sie sich, – mag es so sein oder nicht – ich gelte für einen Republikaner. Ich reise in meinem Geschäfte sehr viel auf dem Lande herum, bin ein Freund der Bauern, und man wollte mich sogar in den Generalrat wählen ... Kurz, mein Name ist bekannt ... Nun, rechts da bei den Rastoils habe ich die Blüte der Legitimisten und links bei dem Unterpräfekten die Stützen des Kaiserreiches. Ist das nicht drollig? Mein armer, alter, ruhiger Garten, dieser glückliche Winkel zwischen den beiden feindlichen Lagern! Ich fürchte immer, sie werden sich einmal über meine Mauer hinweg mit Steinen bewerfen und die könnten in meinen Garten fallen. Dieser Scherz stimmte Mouret sehr heiter. Er näherte sich dem Abbé noch mehr und sagte ihm in vertraulichem Tone: Plassans ist in politischer Hinsicht eine interessante Stadt. Der Staatsstreich hat hier Erfolg gehabt, weil die Stadt konservativ ist. Aber vor allem ist sie legitimistisch und orleanistisch, so daß sie dem Kaiserreiche Vorschriften machen wollte. Da diese nicht gehört wurden, ward sie ärgerlich und ging zur Opposition über. Ja, Herr Abbé, zur Opposition. Vergangenes Jahr haben wir den Marquis Lagrifoul zum Abgeordneten gewählt, worüber sich die Unterpräfektur nicht wenig ärgerte ... Sehen Sie, das dort ist Herr Péqueur des Saulaies; er spricht jetzt gerade mit dem Bürgermeister, Herrn Delangre. Der Abbé sah mit großem Interesse hinüber. Der Unterpräfekt, ein brauner Mann, lächelte eben unter seinem gewichsten Barte; seine Haltung war tadellos und hatte etwas vom strammen Offizier und liebenswürdigen Diplomaten. Neben ihm führte der Bürgermeister das große Wort, wobei er komisch mit den Händen heftig gestikulierte. Er schien klein, mit breiten Schultern, verwittertem Gesichte, und erinnerte an einen Hanswurst. Herr Péqueur des Saulaies, fuhr Mouret fort, wäre beinahe krank geworden, weil der Kandidat der Regierung durchfiel. Er hatte seine Wahl für sicher gehalten. Ich habe mich dabei köstlich unterhalten. Am Abende der Wahl war der Garten der Unterpräfektur finster wie ein Kirchhof, während bei den Rastoils unter den Bäumen überall Lichter herumhuschten und frohes Siegesgelächter erscholl. Auf der Straße läßt man nichts merken; aber in den Gärten hält man sich nicht zurück ... Ja, ich sehe da sonderbare Dinge, ohne viel zu sagen. Er hielt einen Augenblick inne, als wolle er nicht weiter erzählen, aber der Drang zu reden war in ihm viel zu groß. Jetzt stelle ich mir nur die Frage, fuhr er fort, was sie auf der Unterpräfektur anfangen, denn sie bringen nie mehr Kandidaten durch. Sie kennen die örtlichen Verhältnisse nicht und sind auch nicht stark genug. Man erzählte mir, daß der Unterpräfekt zum Präfekten aufrücken soll, wenn der Regierungskandidat durchgedrungen ist. Da können sie lange warten! Der bleibt Unterpräfekt! ... Was werden sie ersinnen, um den Marquis zu stürzen? Denn daß sie etwas ersinnen, daß sie versuchen, Plassans auf die eine oder andere Weise zu erobern, ist sicher. Er sah den Abbé an und hielt sofort inne. Die Augen des Priesters ruhten mit gespannter Aufmerksamkeit auf ihm, seine Ohren waren wie zum Horchen gespreizt, so daß Mouret, in dem die spießbürgerliche Vorsicht erwachte, das Gefühl hatte, schon zu viel gesagt zu haben. Er trachtete es wieder gutzumachen, indem er ärgerlich erklärte: Übrigens weiß ich nichts. Man spricht so viel spaßiges Zeug. Ich wünsche nur, daß man mich in meinem Hause in Ruhe läßt. Er wäre jetzt gerne vom Fenster weggegangen, doch wagte er es nicht gleich zu tun, nachdem er so viel mit dem Priester geplaudert hatte. Er fühlte, wenn sich einer über den anderen lustig gemacht hatte, daß er gewiß keine schöne Rolle gespielt hatte. Der Abbé sah unterdessen ruhig bald in den einen Garten hinüber, bald in den anderen, und machte nicht den geringsten Versuch, Mouret zum Weitererzählen aufzufordern. Dieser wünschte sehr, daß seine Frau oder eines seiner Kinder den guten Einfall habe, ihn zu rufen, und fühlte sich erleichtert, als er Rosa auf die Terrasse treten sah. Gnädiger Herr! rief sie hinauf. Sie wollen wohl heute nicht essen? ... Die Suppe steht schon seit einer Viertelstunde auf dem Tische. Ja, ja, Rosa, ich komme gleich, erwiderte er. Er trat jetzt vom Fenster zurück und entschuldigte sich. Die Kälte des Zimmers, die er ganz hinter sich vergessen hatte, verwirrte ihn vollends; es kam ihm mit dem furchtbaren, schwarzen Christus, der alles gehört haben mußte, wie ein großer Beichtstuhl vor. Da sich der Abbé mit einem Gruß empfahl, konnte er das lange Gespräch nicht so jäh abbrechen und sagte mit einem Blick zur Decke: Also in jener Ecke ist es? Was denn? fragte der Abbé überrascht. Der Fleck. Der Abbé mußte unwillkürlich lächeln und zeigte dem Hausherrn noch einmal den Fleck. Oh, jetzt sehe ich ihn sehr gut, erwiderte dieser. Also abgemacht, morgen kommen die Arbeiter. Dann ging er hinaus, und die Türe schloß sich geräuschlos hinter ihm. Die Ruhe, die auf der Treppe herrschte, machte ihn betroffen und er sagte sich leise: Ein vertrackter Mann! Er fragt nichts und doch sagt man ihm alles! Fünftes Kapitel. Am folgenden Tage besuchte Madame Rougon ihre Tochter Martha; es war ein großes Ereignis, denn zwischen dem Schwiegersohn und den Eltern seiner Frau war seit der Wahl des Marquis de Lagrifoul eine kleine Spannung eingetreten, da Mouret auf dem Lande sehr für ihn sollte eingetreten sein. Martha besuchte daher immer allein ihre Eltern. Ihre Mutter, die »schwarze Felicité«, wie man sie nannte, war trotz ihrer Sechsundsechzig Jahre mager und lebhaft wie ein junges Mädchen. Sie ging nur in Seidenkleidern aus, die mit Falbeln stark besetzt waren. Gelb und kastanienbraun waren ihre Lieblingsfarben. Als sie an diesem Tage ihren Besuch machte, waren nur Martha und Mouret in dem Speisezimmer. Was! Die Mutter! rief dieser überrascht aus. Was will denn die hier? Seit einem Monat hat sie uns nicht besucht! ... Gewiß steckt wieder etwas Schlimmes dahinter! Die Rougons, bei denen er vor seiner Verheiratung Handlungsgehilfe gewesen war, flößten ihm, seitdem ihr Geschäft in dem alten Viertel dem Untergang nahe war, immer Mißtrauen ein. Übrigens konnten sie ihn auch nicht leiden, weil er ein Geschäftsmann war, der es viel zu schnell zu etwas gebracht hatte. Wenn daher ihr Schwiegersohn sagte: Ich verdanke mein Vermögen nur meiner Arbeit, so bissen sie sich in die Lippen; sie verstanden wohl, daß er ihnen damit vorwarf, sie hätten das ihrige durch unsaubere Geschäfte erworben. Felicité beneidete trotz ihres schönen Hauses auf dem Präfekturplatze die Mourets um ihren ruhigen Wohnsitz mit der Eifersucht einer ehemaligen Geschäftsfrau, die ihre Wohlhabenheit nicht der Sparsamkeit verdankt. Felicité küßte Martha auf die Stirn, als wenn sie noch immer sechzehn Jahre alt sei; dann reichte sie Mouret die Hand, und beide sprachen in einem ziemlich höhnischen Tone miteinander. Nun, fragte sie lächelnd, haben Sie, Revolutionär, die Gendarmen noch nicht geholt? Nein, bis jetzt noch nicht, erwiderte dieser ebenfalls lachend. Sie warten nur erst auf die Befehle Ihres Mannes. Ah, sehr schön, was Sie da sagen, versetzte Felicité, deren Augen zornig aufleuchteten. Martha warf ihrem Gatten einen flehentlichen Blick zu; er war wirklich zu weit gegangen. Aber er war nun einmal im Zuge und sagte: Wir denken doch an gar nichts! Wir empfangen Sie da im Speisezimmer! Bitte doch in den Salon zu kommen! Es war einer seiner gewöhnlichen Spaße. Er ahmte das vornehm sein sollende Auftreten Felicités nach, wenn er ihren Besuch empfing. Martha erklärte vergebens, daß es doch hier ganz schön sei, sie und ihre Mutter mußten ihm in den Salon folgen. Dort machte er sich sehr viel zu schaffen: er öffnete die Fenster und schob die Stühle zurecht. Der Salon, den man nie betrat und dessen Fenster selten geöffnet wurden, war ein großer, ziemlich vernachlässigter Raum; die Möbelstücke waren mit einem Leinenüberzug verhüllt und ganz gelb von der Feuchtigkeit des Gartens. Es ist schrecklich, sagte Mouret und wischte von einem Kasten den Staub ab, Rosa läßt alles zugrunde gehen. Dann wandte er sich an seine Schwiegermutter und sagte in einem deutlich spöttischen Tone: Sie entschuldigen, daß wir Sie in unserem armseligen Zimmer empfangen ... Es kann nicht jeder reich sein. Felicité kochte. Sie sah einen Augenblick Mouret scharf an und wollte losbrechen; dann aber nahm sie sich zusammen und schlug die Augen nieder. Als sie sich beruhigt hatte, sagte sie in liebenswürdigem Tone: Ich habe soeben der Frau von Gondamin einen guten Tag gewünscht und komme zu euch, um zu sehen, was die Kinder machen ... Sie sind doch wohlauf? Sie auch, Herr Mouret? Ja, es geht jedem von uns gut, erwiderte dieser, über diese große Güte ganz überrascht. Aber die alte Frau ließ ihm keine Zeit, dem Gespräch wieder eine feindselige Wendung zu geben; sie fragte Martha nach hunderterlei unnützen Dingen, spielte sich auf die gute Großmama hinaus und zankte mit dem Schwiegersohn, weil er ihr nicht öfter »die Kleinen und die Kleine« ins Haus schicke, die sie doch so gern sehe! Jetzt haben wir Oktober, meinte sie gleichgültig, und da empfange ich wieder jeden Donnerstag Gesellschaft wie früher ... Ich kann doch auf dich rechnen, liebe Martha? Und Sie wird man doch auch manchmal bei uns sehen, Mouret? Oder sind Sie noch immer böse? Mouret, den das zärtliche Geplauder seiner Schwiegermutter schließlich verwirrte, war um die Antwort verlegen. Er war auf diesen Streich nicht gefaßt, fand nichts Boshaftes und begnügte sich, ihr zu erwidern: Sie wissen ja, daß ich nicht zu Ihnen kommen kann ... Sie empfangen eine Menge Leute, die mir gern unangenehm werden möchten. Außerdem will ich mich auch nicht in die Politik mischen. Da sind Sie im Irrtum, erwiderte Felicité. Ist denn mein Salon ein Klub? Das will ich durchaus nicht. Die ganze Stadt weiß, daß ich bestrebt bin, mein Haus angenehm zu machen. Wenn man bei mir politisiert, so geschieht es nur in den Winkeln. Die Politik, versichere ich Ihnen, ist mir ehemals sehr langweilig geworden ... Warum sagen Sie es überhaupt? Sie empfangen die ganze Bande von der Unterpräfektur, erwiderte Mouret in wegwerfendem Tone. Die Bande von der Unterpräfektur? Die Bande von der Unterpräfektur? Ganz richtig, ich empfange diese Herren, aber ich glaube nicht, daß man diesen Winter oft Herrn Péqueur des Saulaies bei mir sehen wird, denn mein Mann hat ihm anläßlich der Wahlen seine Meinung gesagt. Er hat sich foppen lassen wie ein Tölpel. Seine Freunde aber sind Herren aus der guten Gesellschaft ... Herr Delangre, Herr de Condamin sind sehr liebenswürdig, der biedere Paloque ist die Güte selbst, und gegen den Doktor Porquier haben Sie auch nichts einzuwenden. Mouret zuckte mit den Achseln. Übrigens, fuhr sie nachdrücklich fort, empfange ich auch die Bande des Herrn Rastoil, so den würdigen Herrn Maffre und unseren gelehrten Freund, den Herrn von Bourdeu, den ehemaligen Präfekten ... Sie sehen, wir sind nicht einseitig; alle Meinungen sind bei uns vertreten. Es käme niemand zu mir, wenn ich meine Gäste nur aus einer Partei wählen würde. Wir wollen in unserem Salon alle hervorragenden Persönlichkeiten von Plassans sehen ... Mein Salon ist neutrales Gebiet. Ja, Mouret, merken Sie sich das wohl, neutrales Gebiet, das ist das richtige Wort. Sie war bei diesen Worten in Erregung geraten, wie es überhaupt ihre Gewohnheit war, wenn sie auf diesen Gegenstand zu sprechen kam. Sie war stolz auf ihren Salon, in dem sie nicht als Haupt einer Partei, sondern als Frau der vornehmen Gesellschaft glänzen wollte. Freilich sagten die intimen Freunde ihr nach, daß sie mehr eine Versöhnung der Parteien zugunsten des Kaiserreichs anbahnen wolle und daß hinter dieser Taktik ihr Sohn Eugen, der Minister stecke, von dem sie den Auftrag hatte, in Plassans die Milde und Güte des Kaiserreichs zu vertreten. Sie können sagen, was Sie wollen, versetzte Mouret ruhig, Ihr Maffre ist ein Betbruder, Ihr Bourdeu ein Tölpel und die anderen zum großen Teile Halunken. So denke ich darüber ... Übrigens danke ich Ihnen für Ihre Einladung. Es würde mich aber in meiner Lebensordnung stören. Ich bin gewohnt, mich zeitig niederzulegen. Ich bleibe zu Hause. Felicité erhob sich und drehte Mouret den Rücken. Ich rechne immerhin auf dich, sagte sie zu ihrer Tochter. Gewiß, erwiderte Martha, die die schroffe Behandlung ihres Mannes dadurch mildern wollte. Die alte Frau ging fort, besann sich aber eines anderen. Sie wünschte Desirée, die sie im Garten bemerkte, einen Kuß zu geben. Da sie nicht wollte, daß man das Kind hole, stieg sie selbst auf die Terrasse hinunter, die von einem leichten Morgenregen noch naß war. Hier liebkoste sie ihre Enkelin, die ein wenig scheu vor ihr stehen blieb. Dann sah sie wie zufällig zu den verhängten Fenstern des zweiten Stockes empor und rief erstaunt aus: Ja, habt ihr denn da oben vermietet? ... Richtig, ich erinnere mich, an einen Priester ... Was ist denn das für ein Mann? Mouret sah sie scharf an, denn er argwöhnte, sie sei nur wegen des Abbé Faujas gekommen. Mein Wort, sagte er, ohne den Blick von ihr zu wenden, ich weiß gar nichts. Oder können Sie mir vielleicht etwas über ihn sagen? Ich? rief sie überrascht aus. Ich habe ihn noch gar nicht gesehen ... Warten Sie, ich weiß nur, daß er Vikar in der Kirche zu Saint-Saturnin ist, wie mir Abbé Bourrette gesagt hat. Richtig, den könnte ich mir zu meinen Donnerstagen einladen, denn der Direktor des Seminars und der Sekretär des Bischofs kommen ebenfalls. Wenn du den Herrn siehst, sagte sie zu Martha, so kannst du ihn ausholen, ob ihm eine Einladung angenehm ist. Wir sehen ihn fast gar nicht, beeilte sich Mouret zu erwidern. Er kommt und geht, ohne ein Wort zu sprechen ... Außerdem geht es uns nichts an. Dabei warf er ihr wieder einen mißtrauischen Blick zu, denn gewiß wußte sie mehr über den Abbé, als sie sagen wollte. Doch hielt sie seinen Blick ruhig aus. Es bleibt sich mir ganz gleich, sagte sie ohne jede Aufregung, wenn er ein Mann von passendem Benehmen ist, werde ich immer noch Gelegenheit haben, ihn einzuladen ... Auf Wiedersehen, Kinder! Sie ging die Treppe wieder hinauf, als eben ein großer, bejahrter Mann in der Haustüre erschien. Rock und Hosen waren von blauem Tuche; den Kopf bedeckte eine Pelzmütze, die er bis zu den Augen herabgezogen hatte; in der Hand hielt er eine Peitsche. Ei, das ist ja Onkel Macquart, rief Mouret aus und sah seine Schwiegermutter neugierig an. Felicité machte eine verdrießliche Bewegung. Macquart, ein natürlicher Bruder Rougons, war dank den Bemühungen des letzteren nach Frankreich zurückgekehrt, nachdem er sich in der Bewegung vom Jahre 1851 kompromittiert hatte. Seit seiner Rückkehr aus Piemont lebte er als behäbiger Spießbürger. Er hatte, man wußte nicht mit welchem Gelde, ein kleines Haus in dem Dorfe Tulettes, drei Meilen von Plassans, gekauft. Daselbst richtete er sich allmählich recht behaglich ein und kaufte sich schließlich sogar ein Pferd und einen Karren, so daß er immer auf der Straße gesehen wurde, die Pfeife im Munde, im Sonnenlichte sich badend und mit der zufriedenen Miene eines Wolfes, der seine Beute in Sicherheit gebracht hat, die Zähne fletschend. Die Feinde der Rougons flüsterten einander zu, daß die beiden Brüder irgendein Verbrechen zusammen begangen hätten und daß Pierre Rougon den Antoine Macquart aushalte. Guten Tag, Onkel! rief Mouret mit besonderer Betonung aus. Sie besuchen uns auch einmal? Freilich, erwiderte Macquart in gemütlichem Tone. Du weißt, jedesmal wenn ich nach Plassans komme ... Ei, ei, wenn ich gewußt hätte, daß Felicité da ist ... Ich wollte Rougon besuchen, dem ich eine Mitteilung zu machen habe. Gewiß war er zu Hause, unterbrach sie lebhaft. Nicht wahr? Es ist gut, Macquart. Freilich, er war zu Hause, versetzte ruhig der Onkel. Ich habe ihn angetroffen und wir haben zusammen geplaudert. Er ist wirklich ein guter Mensch. Er lachte dabei. Während Felicité nicht wußte, was sie aus Besorgnis um ihren Mann vorbringen sollte, sagte Macquart in einem Tone, der deutlich erkennen ließ, daß er sich über jeden lustig mache: Mouret, mein Junge, ich habe dir in einem Korbe zwei Kaninchen mitgebracht und sie vorhin Rosa gegeben ... Ich hatte auch zwei für Rougon in dem Korbe; Felicité, Sie finden sie zu Hause und können gelegentlich sagen, wie sie Ihnen gefallen. Sind die fett! Ich habe sie besonders für Sie gemästet ... Ja, liebe Kinder, es macht mir immer ein Vergnügen, wenn ich euch etwas schenken kann. Felicité stand da mit bleichen Wangen und eingekniffenen Lippen, während Mouret sie fortwährend lächelnd ansah. Sie wäre gerne fortgegangen, aber sie fürchtete, daß man über sie reden werde, wenn sie Macquart hier ließ. Ich danke, Onkel, sagte Mouret. Ihre letzten Pflaumen waren sehr gut ... Wollen Sie ein Glas Wein trinken? Warum denn nicht? Als Rosa ihm ein Glas Wein brachte, setzte er sich auf das Geländer der Terrasse und schlürfte den Wein, nachdem er ihn gegen das Licht gehalten hatte. Der kommt aus dem Viertel Saint-Eutrope, meinte er leise. Mich täuscht man nicht, ich kenne mein Land. Und er schüttelte grinsend den Kopf. Mouret fragte ihn plötzlich, wobei er auf seine Worte eine besondere Betonung legte: Wie geht es denn in Tulettes? Er blickte auf, sah jeden an, schnalzte noch einmal mit der Zunge, stellte das Glas auf den Stein und erwiderte nachlässig: Nicht schlecht ... Ich habe erst vorgestern Nachricht von ihr erhalten; es geht immer gleich. Felicité hatte den Kopf abgewendet, und es trat Stillschweigen ein. Mouret hatte eine empfindliche Wunde berührt, indem er auf die Mutter Rougons und Macquarts anspielte, die seit einigen Jahren im Irrenhause zu Tulettes eingesperrt war. Der kleine Besitz Macquarts lag in der Nachbarschaft und es schien, als habe Rougon den alten Halunken als Aufseher über die Mutter bestellt. Es wird spät, meinte Macquart schließlich und stand auf. Ich muß vor Einbruch der Nacht zu Hause sein ... Also, Mouret, du besuchst mich bestimmt an einem der nächsten Tage. Du hast es mir versprochen. Ich komme, Onkel, ich komme! Nein, nicht du allein. Alle müssen kommen, hörst du, alle! ... Mir ist es draußen gar so langweilig. Ich will für euch fein kochen. Dann wandte er sich an Felicité: Wollen Sie Rougon sagen, ich rechne auf ihn und auf Sie. Daß die Mutter dort ist, soll euch nicht abhalten zu kommen, man wird sich doch noch ein wenig zerstreuen dürfen. Sie befindet sich wohl und ist in guten Händen. Sie können sich darauf verlassen ... Ich trage Ihnen einen Wein auf, einen Wein vom Abhang des Seille-Gebirges, der euch schmecken soll! Während er dies sagte, ging er zur Türe, und Felicité folgte ihm so dicht, daß es schien, als ob sie ihn hinausdränge. Alle begleiteten ihn auf die Straße. Er band eben sein Pferd von dem Gitter los, als der Abbé Faujas heimkehrte und mit einem Gruße durch die Gruppe schritt. Wie ein schwarzer Schatten eilte er geräuschlos in das Haus. Felicité sah ihm erstaunt nach, ohne imstande zu sein, sein Gesicht zu erblicken, während Macquart verwundert den Kopf schüttelte. Was, rief er aus, du hast jetzt Priester bei dir wohnen? Mein Junge, der hat einen sonderbaren Blick. Nimm dich in acht: Kutten bringen kein Glück ins Haus! Er schwang sich auf den kleinen Wagen, schnalzte mit der Zunge und fuhr im Trab die Balande-Straße hinunter, so daß sein breiter Rücken bald hinter der Ecke der Taravelle-Straße verschwand. Als Mouret sich umdrehte, sagte eben seine Schwiegermutter zu Martha: Es wäre mir lieber, du würdest es übernehmen, damit die Einladung nicht gar so feierlich wird. Wenn du mit ihm darüber sprechen könntest, würdest du mir eine besondere Freude machen. Sie schwieg plötzlich, weil sie merkte, daß sie belauscht wurde. Sie küßte Desirée sehr zärtlich und brach dann auf, nachdem sie sich noch durch einen Blick versichert hatte, daß Macquart nicht zurückkehre, um sich auf ihre Kosten lustig zu machen. Ich will nicht, daß du dich in die Angelegenheiten deiner Mutter mischest, sagte Mouret zu seiner Frau, als sie wieder in das Haus gingen. Sie hat immer eine Menge Geschäfte, in denen sich kein Mensch auskennt. Was sie nur mit dem Abbé anfangen will? Sie muß einen besonderen Grund haben, ihn einzuladen. Und dieser Abbé ist auch nicht umsonst von Besançon nach Plassans gekommen. Dahinter steckt etwas. Martha begann wieder die Hauswäsche auszubessern, was sie oft den ganzen Tag in Anspruch nahm. Mouret ging eine Weile hin und her und sagte dann leise: Der alte Macquart und deine Mutter gefallen mir wirklich; sie können einander nicht ausstehen. Hast du bemerkt, wie sie aufgeregt ward, als sie ihn erblickte? Mir kommt es vor, als fürchte sie jeden Augenblick, daß er etwas sage, was man nicht wissen soll ... Er kann vielleicht saubere Dinge erzählen. Aber mich sieht man nicht in seinem Hause, das habe ich geschworen ... Mein Vater hatte recht, als er meinte, die Familie meiner Mutter, diese Rougons und Macquarts seien nicht einen Strick wert, um sie aufzuhängen. Ich stamme von ihnen ab wie du, es können daher meine Worte dich nicht verletzen. Ich sage es dir nur, weil es wahr ist. Sie haben heute ein Vermögen, aber das hat sie nicht reingewaschen, im Gegenteil! Er ging dann auf die Promenade Sauvaire, wo er seine Freunde traf, mit denen er von dem Wetter, der Ernte und den Stadtneuigkeiten sprach. Da er am folgenden Tage einen bedeutenden Geschäftsabschluß in Mandeln zu machen hatte, war er mehr als eine Woche so beschäftigt, daß er fast gar nicht an den Abbé Faujas dachte. Übrigens fand er diesen schon zu langweilig, weil er gar so wenig sprach. Er ging ihm zweimal absichtlich aus dem Wege, weil er glaubte, daß der andere gern alles über die Gäste der Unterpräfektur und der Rastoils wissen möchte. Rosa hatte ihm erzählt, daß Madame Faujas versucht hatte, mit ihr zu plaudern; darum war er fest entschlossen, kein Wort mehr zu sagen. Mouret hatte jetzt in seinen Mußestunden eine andere Unterhaltung. Wenn er die Fenster des zweiten Stockes so dicht verhängt sah, brummte er: Versteck' dich nur, mein Bester! ... Ich weiß doch, daß du mich hinter den Vorhängen belauerst. Aber das nutzt dir wenig. Wenn du durch mich die Nachbarn kennen lernen willst, kannst du lange warten. Der Gedanke, daß der Abbé Faujas auf der Lauer lag, machte ihm eine außerordentliche Freude, und er gab sich viel Mühe, in keine Falle zu gehen. Als er eines Abends heimkehrte, sah er in einer Entfernung von fünfzig Schritten den Abbé Bourrette und den Abbé Faujas vor der Türe des Herrn Rastoil stehen. Er versteckte sich hinter einem Hause. Die beiden Priester sprachen länger als eine Viertelstunde miteinander, trennten sich und gingen wieder aufeinander zu. Mouret glaubte zu verstehen, daß der Abbé Bourrette den Abbé Faujas bat, ihn zu dem Präsidenten zu begleiten. Dieser entschuldigte sich zuerst und lehnte schließlich ungeduldig ab. Es war Dienstag und Herr Rastoil hatte seine Gesellschaft. Endlich ging der Abbé Bourrette hinein, während Faujas in seinem demütigen Gange seiner Wohnung zuschritt. Mouret war nachdenklich. Warum ging der Abbé nicht mit zu Herrn Rastoil, wo doch heute Gesellschaft war? Befand sich doch die ganze Pfarre von Saint-Saturin dort, so der Abbé Fenil, der Abbé Surin und andere mehr; es gab keinen Schwarzrock in Plassans, der sich nicht bei dem Wasserfalle des Herrn Rastoil einfand, um da frische Luft zu schöpfen. Daß der neue Vikar nicht hingehen wollte, war sehr auffallend. Als Mouret nach Hause kam, begab er sich sofort in den Garten, von wo aus er die Fenster des zweiten Stockes beobachtete. Richtig bewegte sich nach einigen Augenblicken der Vorhang des einen Fensters; sicherlich war der Abbé da, um die Gesellschaft bei Rastoil zu beobachten. Aus gewissen Bewegungen des Vorhangs schloß Mouret, daß der Priester gleicherweise nach dem Garten der Unterpräfektur schaute. Als Mouret am folgenden Tage – es war ein Mittwoch – das Haus verließ, meldete ihm Rosa, daß der Abbé Bourrette schon seit einer Stunde bei den Mietern oben sei. Daraufhin eilte er in das Speisezimmer und suchte wie rasend; als ihn Martha fragte, was er denn vergessen habe, erklärte er, er könne ein Papier nicht finden, ohne das er nicht ausgehen werde. Er stieg dann in den ersten Stock hinauf, als wolle er es dort suchen; als er nun nach ziemlich langem Warten oben endlich Stühle rücken hörte, stieg er langsam hinunter und wartete einen Augenblick in dem Vorhause, um da mit dem Abbé Bourrette zusammenzutreffen. Ei, ei, Sie sind es, Herr Abbé? Welch seltene Begegnung! Gehen Sie jetzt nach dem Pfarrhause? Das trifft sich vortrefflich, denn ich habe denselben Weg. Ich begleite Sie, wenn es Ihnen angenehm ist. Der Abbé Bourrette erklärte, daß es ihm ein Vergnügen sei, und beide gingen langsam die Balande-Straße hinan, worauf sie sich dem Präfekturplatze zuwandten. Der Abbé war ein dicker Mann von gutmütigem Aussehen und mit blauen Augen. Sein breiter seidener Gürtel spannte über dem dicken Bauche; wenn er ging, so hielt er den Kopf ein wenig nach vorwärts und ließ die kurzen Arme lässig herabhängen. Seine Beine fingen an, schwer zu werden. Sie kommen von dem ehrenwerten Herrn Faujas, sagte Mouret, der gleich mit der Türe ins Haus fiel ... Ich muß mich noch bei Ihnen bedanken; so gute Mieter gibt es nicht viele. Ja, ja, murmelte der Priester, er ist ein würdiger Mann. Wir hören ihn gar nicht. Wir wissen kaum, daß wir Mieter haben. Dazu ist er sehr höflich und sehr anständig ... Man hat mir gesagt, daß er ein hervorragender Mann sei, mit dem man das Kirchspiel auszeichnen wolle. Sie waren jetzt auf dem Präfekturplatze angelangt. Mouret blieb stehen und sah Bourrette fest an: Wirklich? sagte dieser erstaunt. Ja, so hat man mir gesagt ... Unser Bischof habe ihn für etwas Großes bestimmt, doch müsse er jetzt noch im Hintergrunde bleiben, um keine Eifersucht zu erregen. Bourrette war wieder weitergegangen; an der Ecke der Banne-Straße angekommen sagte er in ruhigem Tone: Sie überraschen mich mit Ihren Mitteilungen außerordentlich ... Faujas ist ein einfacher Mann und viel zu bescheiden ... So verrichtet er in der Kirche Arbeiten, die wir gewöhnlich den Hausgeistlichen überlassen. Er ist ein Heiliger, aber er ist nicht geschickt. Ich habe ihn ein einziges Mal bei dem Bischof gesehen. Seit dem ersten Tag lebt er auf gespanntem Fuße mit dem Abbé Fenil. Und doch habe ich ihm erklärt, daß er sich die Freundschaft des Großvikars erwerben müsse, wenn er bei dem Bischöfe gut stehen wolle. Er verstand mich nicht, und ich fürchte, er ist ein wenig beschränkt ... Sehen Sie, dasselbe ist es mit seinen regelmäßigen Besuchen bei Compan, unserem armen Pfarrer, der seit vierzehn Tagen das Bett hütet, und den wir wohl verlieren werden. Das schadet ihm sehr, denn Compan hat sich nie mit dem Abbé Fenil vertragen können, und nur ein Mann, der von Besançon kam, konnte das nicht wissen, was dem ganzen Kirchspiel bekannt ist. Er wurde lebhafter, blieb an der Ecke der Canquoin-Straße stehen und fuhr fort: Nein, mein lieber Herr, da hat man Sie falsch berichtet. Faujas ist unschuldig wie ein neugeborenes Kind ... Nicht wahr, ich bin nicht ehrgeizig? Und Gott weiß, wie ich Compan, dieses goldene Herz, liebe! Das hindert mich aber nicht, ihm nur im stillen die Hand zu drücken. Und er selbst sagte zu mir: »Bourrette, ich lebe nicht mehr lange, lieber Freund. Doch willst du mein Nachfolger werden, so sieh nur zu, daß man dich nicht oft an meiner Tür treffe. Komm in der Nacht, klopfe dreimal, und meine Schwester wird dir öffnen.« Jetzt warte ich die Nacht ab; Sie verstehen! ... Es ist nicht nötig, sich das Leben zu verbittern; man hat so schon genug Ärger. Seine Stimme zitterte bei diesen Worten. Er legte beide Hände auf den Bauch und ging weiter, gerührt in seiner naiven Selbstsucht, die ihm Tränen erpreßte. Der arme Compan! Der arme Compan ... murmelte er. Mouret war völlig verwirrt. Es schien, als solle er über den Abbé Faujas gar nichts erfahren. Aber man hat mir doch ganz genaue Einzelheiten über ihn mitgeteilt, wagte er nochmals zu sagen. So war auch die Rede davon, daß man für ihn eine wichtige Stelle ausersehen habe. Nein, nein, rief der Priester aus, Faujas hat keine Zukunft ... Ich will Ihnen noch einen anderen Zug von ihm erzählen. Sie wissen, daß ich jeden Dienstag bei dem Herrn Präsidenten esse. Vergangene Woche bat mich nun dieser, den Abbé Faujas mitzubringen, den er kennen lernen wollte ... Sie werden kaum erraten, was Faujas tat. Er schlug die Einladung aus, ja, lieber Herr, er lehnte rundweg ab. Vergebens machte ich ihn aufmerksam, daß er sich mit einem solchen Vorgehen in Plassans nicht halten könne und es mit Fenil vollends verderbe, wenn er sich dem Herrn Rastoil gegenüber so unhöflich benehme. Er war eigensinnig und wollte nichts hören ... Ich glaube sogar, Gott verzeih' es mir, er hat in einer plötzlichen Zornesaufwallung gesagt, daß er es nicht notwendig habe, sich verbindlich zu machen, indem er eine solche Einladung annehme. Der Abbé Bourrette lachte dazu. Sie standen jetzt vor der Kirche Saint-Saturin, und er hielt Mouret noch einen Augenblick vor ihrer kleinen Türe auf: Er ist ein Kind, ein großes Kind, fuhr er fort. Ich frage Sie, wie kann ihn ein Essen bei Herrn Rastoil kompromittieren! ... Auch Ihre Schwiegermutter, die gute Frau Rougon hat mich gestern ersucht, Faujas einzuladen, doch habe ich ihr gleich meine Befürchtung ausgesprochen, daß ich nicht gut ankommen werde. Mouret horchte auf. So! Meine Schwiegermutter hat Sie ersucht, ihn einzuladen? Ja, sie ist vorgestern zu mir in die Sakristei gekommen. Da ich ihr einen Gefallen erweisen wollte, habe ich heute dem Abbé wegen dieser Sache einen Besuch gemacht ... Ich glaubte bestimmt, daß er die Einladung nicht annehmen werde. Er hat sie nicht angenommen? Doch, zu meiner Überraschung hat er sie angenommen. Mouret öffnete den Mund und schloß ihn wieder; der Priester zwinkerte zufrieden mit den Augen. Ich muß gestehen, daß ich sehr geschickt vorgegangen bin ... ich habe dem Abbé länger als eine Stunde die Stellung Ihrer Schwiegermutter klargelegt. Er schüttelte mit dem Kopfe, wandte ein, daß er die Zurückgezogenheit liebe ... Schließlich erinnerte ich mich, daß die liebe Dame mir anempfohlen hatte, ihn aufmerksam zu machen, daß – wie die ganze Stadt wisse – ihr Salon ein neutrales Gebiet sei, worauf er wirklich nach einiger Anstrengung zusagte. Er sicherte seinen Besuch für morgen zu ... so will ich denn rasch der trefflichen Frau Rougon zwei Zeilen schreiben, um ihr unseren Sieg mitzuteilen. Dann sprach er einen Augenblick mit sich und ließ seine großen blauen Augen umhergehen: Herr Rastoil wird sich darüber ärgern, aber meine Schuld ist es nicht ... Auf Wiedersehen, Herr Mouret, auf baldiges Wiedersehen! Meine besten Empfehlungen an Ihre werte Familie! Dann trat er in die Kirche und ließ leise die doppelte Türe hinter sich zufallen. Mouret sah achselzuckend auf die Türe. Auch so ein Schwätzer, brummte er. Auch einer von jenen, die einen nicht zehn Worte reden lassen, weil sie selbst immer reden, ohne etwas zu sagen. Also der Faujas geht morgen zu der »Schwarzen«. Es ist wirklich unangenehm, daß ich mit dem dummen Rougon auf gespanntem Fuße stehe. Er ging den ganzen Nachmittag seinen Geschäften nach. Als er abends nach Hause kam, sagte er vor dem Schlafengehen in gleichgültigem Tone zu seiner Frau: Gehst du morgen abend zu deiner Mutter? Nein, erwiderte Martha, ich habe zu viel zu tun. Ich behalte mir den Besuch für den nächsten Donnerstag vor. Er schwieg. Doch als er die Kerze auslöschte, berührte er nochmals diesen Gegenstand: Du solltest doch öfter ausgehen. Geh morgen abend zu deiner Mutter; du wirst dich dort ein wenig zerstreuen; ich will inzwischen die Kinder hüten. Martha sah ihn erstaunt an; denn sonst behielt er sie gerne zu Hause, um sich fortwährend von ihr bedienen zu lassen, und zankte, wenn sie eine Stunde aus war. Wenn du es willst, kann ich hingehen, erwiderte sie. Er löschte das Licht aus und legte sich nieder, indem er sagte: Gut, und du kannst uns dann alles erzählen. Die Kinder werden sich darüber freuen. Sechstes Kapitel. Am folgenden Abend gegen neun Uhr holte der Abbé Bourrette den Abbé Faujas ab, da er ihm versprochen hatte, ihn im Salon Rougon einzuführen. Er fand ihn fertig angekleidet und damit beschäftigt, ein Paar schwarze Handschuhe anzuziehen, die an den Fingerspitzen schon weiß waren, und meinte in etwas spöttischem Tone: Haben Sie keinen anderen Talar? Nein, erwiderte Faujas ruhig. Dieser wird wohl noch gehen. Freilich, freilich, erwiderte der alte Priester. Es ist kalt draußen, nehmen Sie nichts um? ... Gut, so gehen wir! Es war eben die erste Kälte, und der Abbé Bourrette steckte ganz warm in seinem mit Seide gefütterten Oberrock, während Faujas nur seinen dünnen Talar anhatte. Sie blieben an der Ecke des Präfekturplatzes und der Banne-Straße vor einem weißen, ganz aus Steinen aufgeführten Hause stehen, das mit seinen in allen Stockwerken angebrachten Rosetten zu den schönsten des neuen Stadtteiles gehörte. Ein Diener in blauer Livrée empfing sie im Vorraum. Lächelnd nahm er den Oberrock des Abbé in Empfang, während er sich nicht genug wundern mußte, daß der andere Priester, dieser große, plumpe Mensch, bei dieser Kälte nur im Talar kam. Der Salon befand sich im ersten Stocke. Der Abbé Faujas trat mit erhobenem Kopfe und ernster Miene ein, während der Abbé Bourrette, der immer sehr aufgeregt zu den Rougons kam, obwohl er nicht das erstemal da war, sich dadurch aus der ganzen Geschichte zog, daß er sofort in ein Nebenzimmer schlüpfte. Faujas durchschritt langsam den Salon, um die Herrin des Hauses zu begrüßen, die er in einer Gruppe von mehreren Frauen vermutete. Er mußte sich selbst vorstellen, was er in drei Worten abmachte. Felicité hatte sich schnell erhoben. Nachdem sie ihn rasch mit einem Blicke von unten bis oben geprüft und mit ihrem Marderblick ganz besonders ihm in die Augen geschaut hatte, sagte sie lächelnd: Es freut mich sehr, Herr Abbé, es freut mich wirklich sehr ... Das Erscheinen des Abbés machte im Salon nicht geringes Aufsehen. Eine junge Frau, die plötzlich aufblickte, erschrak ungemein über die schwarze Masse, die auf einmal vor ihr stand. Der Eindruck, den er hervorrief, war aber auch wirklich ungünstig. Er war sehr groß und vierschrötig; sein Gesicht hatte einen harten Ausdruck und die Hände waren viel zu plump. In dem Lichte des Kronleuchters sah sein Talar so schäbig aus, daß die Frauen sich schämten, einen so schlecht gekleideten Abbé zu sehen. Sie hielten sich die Fächer vor das Gesicht und kicherten: die Herren wechselten bedeutsame Blicke. Felicité geriet über diese kühle Aufnahme, die ihr nicht entging, in Aufregung; sie blieb inmitten des Salons stehen und sprach recht laut, damit alle ihre Gäste hören konnten, wie sie den Abbé Faujas auszeichnete. Der liebe Bourrette, sagte sie in zärtlichem Tone, hat mir schon erzählt, welche Mühe er gehabt hat, Sie zu überreden ... Ich soll Ihnen eigentlich darum böse sein, denn Sie haben kein Recht, sich so von aller Welt zurückzuziehen. Der Priester verneigte sich, ohne etwas zu reden. Die Dame fuhr lächelnd fort und betonte gewisse Worte ganz besonders: Ich kenne Sie schon länger, als Sie glauben, trotzdem Sie sich alle Mühe geben, uns Ihre Tugenden zu verbergen. Man hat mir von Ihnen erzählt. Sie sind ein Heiliger und ich bitte Sie um Ihre Freundschaft ... Wir sprechen davon noch, denn jetzt gehören Sie zu uns. Der Abbé Faujas sah sie scharf an, als wenn er in der Bewegung ihres Fächers ein freimaurerisches Zeichen erkannt habe. Er erwiderte leise: Madame, ich stehe Ihnen ganz zur Verfügung. Das erwarte ich auch, erwiderte sie, lauter lachend. Sie sollen sehen, daß wir hier nur aller Welt Bestes wollen ... Aber kommen Sie, ich werde Sie Herrn Rougon vorstellen. Sie ging durch den Salon und schob mehrere Personen zur Seite, um dem Abbé Platz zu machen, dem somit eine Wichtigkeit beigemessen wurde, die alle Anwesenden gegen ihn noch mehr aufbrachte. In dem Nebenzimmer standen Spieltische; an einem saß ihr Gatte. Sie ging auf ihn zu, doch machte er, da er in seinem Spiele nicht gestört werden wollte, eine ungeduldige Bewegung; als sie sich aber zu ihm herabbeugte und ihm etwas ins Ohr flüsterte, da stand er schnell auf. Sehr gut, sehr gut, sagte er leise. Nachdem er sich schnell bei seinen Partnern entschuldigt hatte, ging er dem Abbé entgegen, dem er die Hand schüttelte. Rougon war damals ein dicker, blasser Mann von siebzig Jahren, dem man schon von den Gesichtszügen den Reichtum ablesen konnte. In Plassans sagte man, er habe einen schönen, weißen Kopf, den stummen Kopf eines Politikers. Nachdem er mit dem Abbé einige höfliche Worte gewechselt hatte, begab er sich wieder zu seinem Spieltisch, und auch Felicité kehrte lächelnd in den Salon zurück. Als der Abbé Faujas allein war, schien er nicht im geringsten verlegen zu sein. Er sah einen Augenblick den Spielern zu. In Wirklichkeit aber betrachtete er die Möbel und die Ausstattung. Es war ein kleiner, getäfelter Salon mit drei Bücherkästen aus gebeiztem Birnenholze und mit Kupferbeschlägen geschmückt, so daß das Zimmer eher dem Arbeitszimmer eines Richters ähnelte. Der Priester, der ohne Zweifel eine vollständige Besichtigung vornehmen wollte, durchschritt von neuem den großen Salon. Dieser war grün, ebenfalls in ernstem Stil gehalten, aber mit Goldverzierungen überladen, ein Mittelding zwischen dem Ernste eines Ministerzimmers und dem Luxusraum eines großen Restaurants. Auf der anderen Seite befand sich noch eine Art von Gemach, das Felicité bei Tage als Empfangssalon diente. Es war gelb tapeziert; auch die Möbel waren gelb mit eingewebten Zweigen in violetter Farbe; es waren so viele Sessel, Fußschemel und Sofas da, daß man kaum gehen konnte. Der Abbé setzte sich an den Kamin, als wolle er sich die Füße wärmen. Er nahm eine Stellung ein, daß er durch die offene Tür die Hälfte des grünen Salons überblicken konnte. Die liebenswürdige Aufnahme von Seiten der Frau Rougon veranlaßte ihn zum Nachdenken, und er schloß halb die Augen, um den Grund dieser guten Aufnahme zu finden. Der Sessel, auf dem er sich niedergelassen, hatte eine so hohe Lehne, daß er ganz versteckt war. Nach einigen Augenblicken hörte er wie im Traume mehrere Stimmen hinter sich und lauschte, durch die Wärme des Kamins halb eingeschläfert. Ich war ein einziges Mal zu jener Zeit bei ihnen, sagte eine heisere Stimme; sie wohnten damals gegenüber auf der anderen Seite der Banne-Straße. Sie waren wohl damals in Paris, denn ganz Plassans kannte den gelben Salon der Rougons: ein jämmerlicher Salon, mit gelben Tapeten zum Preise von fünfzehn Sous die Rolle; die Möbel aus Wollsamt, und jeder Sessel wackelig. Sehen Sie jetzt um sich! Wie die Schwarze dort in kastanienbrauner Seide auf dem Stuhle sitzt. Sehen Sie, jetzt reicht sie dem kleinen Delangre die Hand. Meiner Treu! Sie reicht sie ihm zum Kusse. Eine jüngere Stimme meinte höhnisch: Die müssen arg gestohlen haben, um einen so schönen Salon zu besitzen; es ist ja der schönste Salon der Stadt. Die Dame, versetzte der andere, hat seit jeher gern Gesellschaften gegeben. Als sie keinen Sou hatte, trank sie Wasser, um ihren Gästen abends ein Glas Limonade anbieten zu können. Ich kenne sie genau, diese Rougon, denn ich habe sie beobachtet. Es sind gar pfiffige und zähe Leute, so habgierig, daß sie imstande wären zu morden. Der Staatsstreich half ihnen, einen Traum nach Reichtum und Genuß zu verwirklichen, der sie vierzig Jahre lang gequält hatte. Wie ihnen alles in den Schoß fiel! ... Nun schwelgen sie aber auch ohne Maß und Ziel. Dieses Haus, das sie heute bewohnen, gehörte damals einem gewissen Peirotte, Steuereinnehmer, der bei dem Putsche von Sainte-Roure im Jahre 1851 erschossen wurde. Ja, die Leute haben wirklich Glück gehabt. Eine verirrte Kugel befreite sie von diesem Manne, der ihnen im Wege stand und den sie beerbten ... Felicité hätte, wenn sie zwischen dem Hause und der Stellung des Einnehmers zu wählen gehabt hätte, sich gewiß für das Haus entschieden. Sie ließ es seit zehn Jahren nicht aus den Augen, von der wütenden Gier einer Schwangeren erfaßt, und schaute sich fast krank an den prächtigen Vorhängen, die hinter den Spiegelscheiben hingen. Das waren ihre Tuilerien, um den Ausdruck zu gebrauchen, der in Plassans nach dem zweiten Dezember in Umlauf war. Aber woher hatten sie denn das Geld, um das Haus zu kaufen? Ja, das ist eben das Geheimnis. Ihr Sohn Eugen, der in Paris eine so hohe Stellung erlangt hat und vom Abgeordneten zum Minister und Geheimrat der Tuilerien emporgestiegen ist, erlangte auf leichte Weise eine Steuereinnehmerstelle und das Kreuz der Ehrenlegion für seinen Vater, der hier eine nette Posse aufgeführt hatte. Das Haus ist wohl durch Abmachungen bezahlt worden; das Geld haben sie sich jedenfalls von irgendeinem Bankier geliehen ... In jedem Falle sind sie heute reich und bringen die verlorene Zeit herein. Ich glaube, ihr Sohn steht in Briefwechsel mit ihnen, denn sie haben noch nicht eine einzige Dummheit begangen. Die Stimme hielt inne, um sofort wieder mit einem heiseren Lachen fortzufahren: Nein, ich muß wirklich lachen, wenn ich sehe, wie diese fromme Grille Felicité sich auf die Herzogin hinausspielt ... Ich denke immer noch an den gelben Salon mit seinen abgenützten Tapeten, den schmutzigen Konsolen und dem kleinen Kronleuchter, dessen Musselinehülle ganz mit Fliegenschmutz bedeckt war ... Jetzt empfängt sie die Fräulein Rastoil ... Hei, wie sie die Schleppe wirft! ... Die Alte wird eines Abends noch in ihrem grünen Salon vor Stolz bersten! Der Abbé Faujas hatte leise den Kopf gewendet, um zu sehen, was in dem Salon vorgehe. Er bemerkte dort Madame Rougon, die sich in dem Kreise ihrer Gäste wirklich prächtig ausnahm. Sie schien auf ihren kleinen Füßen größer geworden zu sein und alle Umstehenden wie eine Königin zur Huldigung zu zwingen. Zeitweilig mußte der Priester vor den goldenen Verzierungen des Salons und den prächtigen Tapeten die Augen niederschlagen. Ei, da ist ja Ihr Vater, sagte die breite Stimme; da tritt der gute Doktor ein ... Ich wundere mich nur, daß der Doktor Ihnen nicht all dies erzählt hat, er weiß doch mehr darüber als ich. Ja, mein Vater fürchtet, ich könne ihn kompromittieren, erwiderte der andere in heiterem Tone. Sie wissen, er warf mir vor, daß ich ihn um seine Praxis bringe. Verzeihung, ich bemerke die beiden jungen Maffre und will ihnen die Hand drücken. Der Abbé hörte jetzt einen Stuhl rücken und sah dann einen jungen Mann mit abgelebtem Gesichte den kleinen Salon durchschreiten. Auch die andere Persönlichkeit, die den Rougons so arg zugesetzt, erhob sich. Eine Dame, die vorüberging, ließ sich freundliche Worte von ihm sagen und nannte ihn lachend den »lieben Herrn von Condamin«. Der Priester erkannte jetzt in ihm den schönen, sechzigjährigen Mann, den ihm Mouret in dem Garten der Unterpräfektur gezeigt hatte. Herr von Condamin setzte sich in die andere Ecke des Kamins und bemerkte hier zu seinem Erstaunen den Abbé, den er wegen der hohen Lehne des Fauteuils nicht hatte sehen können. Er war aber keineswegs verlegen, sondern lächelte und sagte in liebenswürdigem Tone: Herr Abbé, ich glaube, wir haben soeben gebeichtet, ohne es zu wollen ... Nicht wahr, es ist eine große Sünde, wenn man von seinem Nächsten Übles redet? Zum Glück können Sie uns die Absolution erteilen. Der Abbé errötete ein wenig, so sehr er auch sonst seine Gesichtszüge zu beherrschen wußte. Er glaubte, Herr von Condamin mache ihm Vorwürfe, daß er gehorcht habe, aber dieser Herr konnte einem Neugierigen nicht böse sein. Im Gegenteil, er war erfreut, eine Art Schuldgenossenschaft zwischen sich und dem Priester hergestellt zu haben. Dies gab ihm das Recht, frei von der Leber weg zu reden und die Skandalgeschichten aller Personen zu erzählen, die anwesend waren. Es machte ihm ein besonderes Vergnügen. Der Abbé, der erst nach Plassans gekommen war, schien ihm ein sehr aufmerksamer Zuhörer, um so mehr, als er ein häßliches Gesicht hatte, das Gesicht eines Menschen, der gut dazu ist, alles zu hören, und der einen Talar trägt, der zu schäbig war, als daß die Vertraulichkeiten, die man sich mit ihm erlauben würde, irgendwelche Folgen haben könnten. Nach einer Viertelstunde war Herr von Condamin ganz im Erzählen und klärte ihn als höflicher Mann über ganz Plassans auf: Sie sind bei uns noch fremd, Herr Abbé, und ich würde mich glücklich schätzen, wenn ich Ihnen irgendwie nützlich sein könnte ... Plassans ist eine kleine Stadt, wo man sich schwer einzugewöhnen vermag. Ich bin aus der Umgebung von Dijon, als man mich hierher als Forstinspektor ernannte, verabscheute ich das Land und langweilte mich zu Tode. Das war am Vorabend des Kaiserreiches. Besonders nach 1851 war hier kein angenehmes Leben, denn die Einwohner hatten eine heillose Furcht. Bei dem Anblick eines Gendarmen hätten sie sich unter der Erde verkrochen ... Allmählich wurde es doch anders, sie nahmen wieder ihr gewohntes Leben auf, und ich, mein Gott, fand mich schließlich auch in die Lage. Ich lebe draußen im Freien, mache große Spazierritte und habe auch einige Bekanntschaften angeknüpft. Er sprach jetzt leiser und fuhr im vertraulichen Tone fort: Glauben Sie mir, Herr Abbé. Sie müssen auf der Hut sein. Sie können sich nicht vorstellen, in welches Wespennest ich beinahe geraten wäre. Plassans ist in drei deutlich geschiedene Viertel geteilt: das alte Viertel, wo Sie nur zu trösten und Almosen zu geben haben; das Sankt-Markus-Viertel, von dem Adel bewohnt, ist ein langweiliger und ränkevoller Ort, vor dem ich Sie nicht genug warnen kann; und die Neu-Stadt, das Viertel, das jetzt um die Präfektur entsteht; nur hier kann man erträglich leben ... Ich habe den Fehler begangen, in das Sankt-Markus-Viertel zu ziehen, wohin ich durch meine Beziehungen gewiesen zu sein wähnte. Aber es kam anders. Ich fand dort nur alte Edelfrauen, die so dürr sind wie Hopfenstangen, und vertrocknete Marquis. Jeder beklagte die gute, alte Zeit. Da gibt es kein gesellschaftliches Leben, kein Fest; alles verschwört sich gegen den glücklichen Frieden, in dem wir leben. Mein Ehrenwort, ich kompromittierte mich beinahe. Péqueur machte sich über mich lustig ... Herr Péqueur des Saulaies, unser Unterpräfekt, den kennen Sie? ... Hierauf bin ich jenseits der Promenade Sauvaire gezogen und habe mir auf dem Platze eine Wohnung genommen. In Plassans gibt es kein Volk, der Adel ist unverbesserlich, und so kann man nur mit einigen Emporkömmlingen verkehren, die sehr angenehme Leute sind und der Beamtenwelt viel Entgegenkommen zeigen. Wir Beamten leben denn auch recht glücklich. Wir bleiben unter uns und kümmern uns nicht mehr um die Bewohner, als wenn wir unser Lager in einem eroberten Lande aufgeschlagen hätten. Er lachte zufrieden und streckte sich, indem er seine Sohlen dem Feuer näher brachte; dann nahm er ein Glas Punsch von der Tasse, die eben ein Diener vorübertrug und trank langsam davon, wobei er fortwährend den Abbé Faujas beobachtete. Dieser sah ein, daß er aus Höflichkeit etwas sagen mußte. Dieses Haus scheint sehr angenehm zu sein, sagte er, und wandte sich halb dem grünen Salon zu, wo die Unterhaltung lebhafter wurde. Ja, ja, erwiderte Herr von Condamin, der von Zeit zu Zeit innehielt, um einen Schluck Punsch zu trinken. Die Rougons lassen uns Paris vergessen, so daß man gar nicht glaubt, in Plassans zu sein. Es ist der einzige Salon, wo man sich unterhält, weil hier alle Meinungen vertreten sind. Péqueur hat auch sehr angenehme Unterhaltung ... Den Rougons muß es viel Geld kosten, und sie haben keinen Beitrag aus den Kanzleispesen, wie Péqueur; aber sie haben Besseres: die Taschen der Steuerträger. Dieser Scherz belustigte ihn; er stellte das leere Glas auf den Kamin, neigte sich zu dem Abbé hin und fuhr fort: Das Unterhaltende sind die steten Komödien, die sich hier abspielen. Wenn Sie die Personen kennen würden! ... Sie sehen Madame Rastoil, die Dame dort drüben mit ihren beiden Töchtern? Sie hat einen Kopf wie ein blökendes Schaf und ist ungefähr fünfundvierzig Jahre alt ... Haben Sie bemerkt, wie ihre Augenlider zitterten, als sich Delangre gegenübersetzte? Dort der Herr, der wie ein Hanswurst aussieht! ... Vor mehr als zehn Jahren haben sie sich sehr gut gekannt, und man erzählt, daß ein Mädchen von ihm ist, aber man weiß nicht, welches ... Das Drolligste ist, daß Delangre zu derselben Zeit auch mit seiner Frau Verdrießlichkeiten hatte, und man sagt, daß sie ihre Tochter von einem Maler habe, den ganz Plassans kennt. Der Abbé glaubte, daß er zu solchen Vertraulichkeiten eine ernste Miene annehmen müsse; er schloß die Augen und tat, als wenn er nichts mehr höre. Herr von Condamin fuhr fort, als wolle er sich rechtfertigen: Wenn ich dies von Delangre erzähle, so geschieht es nur deshalb, weil ich ihn gut kenne. Er ist sehr tüchtig; ich glaube, sein Vater ist Maurer gewesen. Vor fünfzehn Jahren übernahm er alle Prozesse, die die anderen Advokaten ablehnten. Frau Rastoil unterstützte ihn in jeder möglichen Weise und schickte ihm sogar im Winter Holz, damit er nicht friere. Durch sie gewann er seine ersten Prozesse. Bedenken Sie, daß Delangre damals die Geschicklichkeit hatte, gar keine politische Meinung zu haben. So kam es, daß als man im Jahre 1852 einen Bürgermeister suchte, man sofort nur an ihn dachte, denn nur er konnte eine solche Stellung einnehmen, ohne eines der drei Viertel der Stadt in Furcht zu setzen. Seit jener Zeit hat er Glück, und ihm steht die schönste Zukunft bevor. Zu seinem Unglück kann er sich mit Péqueur nicht vertragen, mit dem er immer wegen der albernsten Dinge streitet. Er unterbrach sich, als er den jungen Mann wieder zurückkommen sah, mit dem er sich vorhin unterhalten hatte. Herr Wilhelm Porquier, sagte er und stellte ihn dem Abbé vor, der Sohn des Doktor Porquier. Als sich der junge Mann gesetzt hatte, fragte er ihn spöttisch: Was haben Sie denn Schönes gesehen? Nichts Außerordentliches, erwiderte der junge Mann in heiterem Tone. Ich habe die Eheleute Paloque gesehen. Frau Rougon sucht sie immer hinter einem Vorhange zu verstecken, um ein Unheil zu verhüten. Eine schwangere Frau, die sie eines Tages auf dem Spaziergange sah, hätte bald eine Frühgeburt gemacht ... Paloque wendet kein Auge von dem Präsidenten Rastoil; er hofft wahrscheinlich, daß den andern dadurch der Schlag rühren könne; denn Sie wissen, ja, dieses Ungeheuer von einem Paloque will Präsident werden. Beide lachten. Die Häßlichkeit der Paloque war der Gegenstand ewiger Spötteleien in der kleinen Beamtenwelt. Porquier junior fuhr leise fort: Ich habe auch den Herrn Bourdeu gesehen. Finden Sie nicht, daß er seit der Wahl des Marquis de Lagrifoul viel magerer geworden ist? Bourdeu wird sich nie trösten können, daß er nicht mehr Präfekt ist. Jetzt hat er seinen Orleanistengroll in den Dienst der Legitimisten gestellt; er hofft, dadurch in die Kammer zu kommen und dort die so sehnlich erwartete Präfektur zu erhalten ... Er ist auch tief gekränkt darüber, daß man ihm den Marquis vorgezogen hat, einen solchen Dummkopf, der von der Politik nicht ein Jota versteht, während Bourdeu sehr gescheit ist! Er sieht entsetzlich aus, mit seinem stets zugeknöpften Überzieher und seinem Philosophenhute, meinte Herr von Condamin. Wenn man diese Leute so gehen läßt, machen sie bald aus ganz Frankreich eine Akademie von Advokaten und Diplomaten, in der man sich zu Tode langweilt ... Richtig, ich wollte Ihnen sagen, Wilhelm, daß man mir erzählt hat, Sie führen ein tolles Leben. Ich? rief der junge Mann lachend aus. Ja, Sie, mein Lieber! und bedenken Sie, ich habe es von Ihrem Vater. Er ist trostlos und beschuldigt Sie, daß Sie spielen, die ganze Nacht im Klub und anderswo zubringen ... Ist es wahr, daß Sie hinter dem Gefängnis ein Winkelkaffee entdeckt haben, wo Sie mit Ihren Freunden wahre Orgien aufführen? Man hat mir sogar erzählt ... Da Herr von Condamin zwei Damen eintreten sah, flüsterte er das übrige dem Wilhelm ins Ohr, der das Gehörte lachend und kopfnickend bestätigte. Er schien die ganze Erzählung noch durch Einzelheiten pikanter zu machen, denn er neigte sich jetzt seinerseits zu Condamin und beiden leuchteten die Augen vor Entzücken über das, was man vor Damen nicht erzählen durfte. Der Abbé Faujas saß noch immer auf seinem Platze, aber er hörte nicht mehr zu. Er beobachtete Herrn Delangre, der mit großer Beweglichkeit in dem grünen Salon Liebenswürdigkeiten austeilte; das fesselte ihn derart, daß er gar nicht bemerkte, wie ihn der Abbé Bourrette mit der Hand zu sich rief. Dieser mußte ihn erst am Arme berühren und ersuchen, ihm zu folgen. Der Abbé führte seinen Amtsgenossen in das Spielzimmer mit der Vorsicht eines Menschen, der etwas Wichtiges mitzuteilen hat. Lieber Freund, sagte er leise, als sie sich allein in einer Ecke befanden, Sie sind zu entschuldigen, weil Sie das erstemal hier sind. Aber ich muß Ihnen sagen, daß Sie sich sehr kompromittiert haben, indem sie sich so lange mit den Leuten dort unterhielten. Der Abbé Faujas sah ihn erstaunt an. Die Leute sind nicht gern gesehen, fuhr der andere fort. Ich will nicht über sie urteilen und keine Verlästerungen wiederholen; aber aus Freundschaft muß ich Sie vor ihnen warnen. Mit diesen Worten wollte er sich entfernen, aber Faujas hielt ihn zurück: Sie beunruhigen mich, lieber Herr Bourrette. Erklären Sie sich doch, bitte. Es scheint mir, daß Sie ohne üble Nachrede mir Aufklärung geben können. Nun, erwiderte der Priester nach einigem Zögern, der junge Mann, der Sohn des Dr. Porquier, macht seinem ehrenwerten Vater viel Kummer und gibt der studierenden Jugend von Plassans das schlechteste Beispiel. In Paris hat er nichts als Schulden hinterlassen, und hier bringt er die ganze Stadt in Aufruhr ... Was Herrn von Condamin anbelangt ... Er hielt von neuem inne, da er vor den schrecklichen Dingen, die er hier zu berühren hatte, zurückschrak; dann schlug er die Augen nieder und fuhr fort: Herr von Condamin hat eine lose Zunge, und ich fürchte, daß ihm das moralische Gefühl abgeht. Er schont niemanden und gibt allen ehrbaren Leuten ein Ärgernis. Ich weiß nicht, wie ich es Ihnen recht sagen soll, kurz, man erzählt sich, daß er eine nicht ehrenvolle Heirat eingegangen sei. Sehen Sie da diese junge Frau von etwa dreißig Jahren, die so umworben ist! Er brachte sie eines Tages nach Plassans, ohne daß man wußte, woher. Von dem Tage ihrer Ankunft an war sie hier allmächtig, und ihrem Einflüsse verdanken ihr Gatte und der Dr. Porquier ihre Orden; sie hat nämlich Freunde in Paris ... Aber ich bitte Sie, diese Dinge für sich zu behalten. Frau von Condamin ist eine sehr liebenswürdige und mildtätige Dame, die ich manchmal besuche; ich wäre deshalb untröstlich, wenn sie mich als ihren Feind ansehen würde ... Hat sie Fehler, so ist es unsere Pflicht, ihr zu verzeihen und sie auf den richtigen Weg zu bringen. Ihre Gatte hingegen ist ein niedriger Mensch, den Sie kühl behandeln müssen. Der Abbé Faujas sah Bourrette in die Augen, denn er hatte soeben bemerkt, daß Madame Rougon ihr Gespräch von weitem aufmerksam beobachte. Hat nicht Madame Rougon Sie ersucht, mir diesen guten Rat zu geben? fragte er plötzlich den alten Priester. Wieso wissen Sie das? rief dieser erstaunt aus. Sie hat mich ersucht, nicht von ihr zu sprechen; aber da Sie es erraten haben ... Die Dame hat eben ein gutes Herz und will nicht, daß ein Priester in ihrem Hause eine traurige Rolle spielt, denn sie muß leider die verschiedensten Leute empfangen. Der Abbé dankte und versprach, vorsichtig zu sein. Die Spieler um sie herum hatten sie gar nicht beachtet. Er kehrte in den großen Salon zurück, wo er sich von neuem in einer feindseligen Umgebung sah, die sich noch frostiger und mit deutlicher, stummer Verachtung ihm gegenüber benahm. Die Damen gingen ihm aus dem Wege, als wenn er ihre Kleider beschmutzen könne, und die Herren wandten sich mit spöttischem Lächeln ab. Er bewahrte aber vollständig die Fassung. Als er aus einer Gruppe den Namen Besançon zu hören glaubte, schritt er darauf zu, – es war in dem Zimmer, wo Frau von Condamin umworben thronte – doch brach man bei seinem Nahen sofort die Unterhaltung ab, und alle blickten mit einer gewissen boshaften Neugierde auf ihn. Gewiß sprach man von ihm und erzählte sich irgendeine häßliche Geschichte. Wie er dastand, hörte er hinter sich eine der Schwestern Rastoil, die ihn bemerkt hatte, die andere fragen: Was mag nur dieser Priester, von dem jeder spricht, in Besançon angerichtet haben? Ich weiß es nicht ganz genau, erwiderte die Ältere, aber ich glaube, er hat in einem Streite bald seinen Pfarrer erwürgt. Papa erzählte auch, daß er sich in ein industrielles Unternehmen gemischt habe, das aber bald eingegangen sei. Nicht wahr, er ist doch da? ... In dem kleinen Salon ... Man sah ihn ja soeben sich mit dem Herrn von Condamin unterhalten. Wenn er sich mit dem unterhält, dann hat man ein Recht, ihm zu mißtrauen. Diese Worte der beiden jungen Damen trieben dem Abbé Faujas den kalten Schweiß aus. Er sah starr vor sich hin, kniff die Lippen zusammen, und sein Gesicht nahm eine erschreckend fahle Farbe an. Jetzt hörte er im ganzen Salon nur von dem Pfarrer reden, den er erwürgt hatte, und von den unsauberen Geschäften, in die er sich gemischt. Herr Delangre und der Dr. Porquier blieben ihm gegenüber ernst; Herr von Bourdeu zeigte eine verächtliche Miene, während er leise mit einer Dame sprach; Herr Maffre, der Friedensrichter, sah ihn scheu von der Seite an, beroch ihn gleichsam von weitem, bevor er sich entschloß, ihn anzusprechen; und am anderen Ende des Salons steckten die häßlichen Paloques ihre Köpfe vor innerer Freude über dieses schlimme Gerede zusammen. Der Abbé Faujas wich langsam zurück, da er einige Schritte weiter Frau Rastoil bemerkte, die sich zwischen ihre Töchter setzte, gleichsam als wolle sie diese unter ihren Schutz nehmen und sie vor seiner Berührung bewahren. Er lehnte sich an das Piano, das hinter ihm stand und verharrte hier nachdenklich und unbeweglich, als wenn er von Stein wäre. Gewiß ward ein Komplott geschmiedet, und man behandelte ihn als Ausgestoßenen. Wie er so unbeweglich dastand und mit halb geschlossenen Augen den Salon musterte, fuhr er plötzlich fast unmerklich zusammen. Er bemerkte den Abbé Fenil, der nicht weit von ihm auf einem Sessel saß mit feinem Lächeln in einem Kreise von Damen. Die Augen der beiden Priester hatten sich einen Augenblick gekreuzt mit dem furchtbaren Hasse zweier Duellanten, die auf Leben und Tod zu kämpfen sich anschicken. Hierauf ließ sich ein Rauschen von Kleidern vernehmen, und dann verschwand der Großvikar von neuem hinter den Spitzen der Damen. Unterdessen war es Felicité auf ganz unauffällige Weise gelungen, sich dem Piano zu nähern; sie ließ daselbst die ältere der Schwestern Rastoil Platz nehmen, die sehr schöne Romanzen zu spielen wußte. Jetzt konnte die Frau sprechen, ohne gehört zu werden; sie zog den Abbé Faujas in die Nische eines Fensters. Was haben Sie den dem Abbé Fenil getan? fragte sie ihn. Sie sprachen leise weiter. Der Priester spielte zuerst den Überraschten; als aber Madame Rastoil einige Worte unter Achselzucken geflüstert hatte, wurde er offener. Beide lachten und schienen leere Höflichkeiten auszutauschen, während ihre Augen dieses Spiel ganz widerlegten. Das Klavier verstummte jetzt und das ältere Fräulein Rastoil mußte noch ein Lied singen, »die Taube des Soldaten«, das zu jener Zeit sehr beliebt war. Sie haben mit Ihrem ersten Auftreten Unglück gehabt und sich unmöglich gemacht, sagte Felicité leise. Ich rate Ihnen daher, für einige Zeit nicht hierher zu kommen ... Man muß Sie erst schätzen lernen, verstehen Sie mich? Ihre Vergangenheit würde Sie vernichten. Der Abbé sah nachdenklich vor sich hin. Sie meinen, daß diese Geschichten von dem Abbé Fenil erzählt worden sind? fragte er. Oh, dazu ist er viel zu klug. Er hat diese Sachen jedenfalls seinen Beichtkindern zugeflüstert. Ich weiß nicht, ob er Sie durchblickt hat, aber sicher fürchtet er Sie. Er wird Sie mit allen möglichen Waffen bekämpfen ... Das Schlimmste ist, daß bei ihm die beste Gesellschaft der Stadt zur Beichte geht. Ihm ist ja auch die Wahl des Marquis de Lagrifoul zu verdanken. Ich tat wirklich unrecht hierherzukommen, ließ der Priester fallen. Felicité biß sich auf die Lippen. Sie taten unrecht, erwiderte sie lebhaft, daß Sie sich mit einem solchen Menschen wie Condamin kompromittierten. Ich habe es an nichts fehlen lassen. Als die Ihnen bekannte Person mir aus Paris geschrieben hatte, glaubte ich, Ihnen durch eine Einladung in mein Haus nützlich zu sein. Das war der erste Schritt. Aber anstatt zu gefallen, haben Sie jedermann gegen sich aufgebracht ... Entschuldigen Sie meine Offenheit, aber ich finde, daß Sie geradezu dem Erfolge den Rücken zukehren. Sie haben eine Reihe von Fehlern begangen, indem Sie bei meinem Schwiegersohne sich einmieteten, indem Sie so zurückgezogen leben und einen Talar tragen, der das Gelächter der Gassenbuben erregt. Der Abbé konnte eine Gebärde der Ungeduld nicht unterdrücken. Er begnügte sich zu sagen: Ich werde Ihre guten Ratschläge befolgen. Nur helfen Sie mir nicht dabei, denn das könnte alles verderben. Ja, diese Taktik ist klug, meinte die alte Frau. Kehren Sie in diesen Salon nur als Sieger zurück ... Noch ein Wort, mein Herr. Die betreffende Person in Paris legt viel Gewicht auf Ihren Erfolg, und deshalb interessiere ich mich so für Sie. Also jagen Sie niemandem Furcht ein, seien Sie liebenswürdig und suchen Sie vor allem den Frauen zu gefallen, wenn Sie Plassans erobern wollen. Das ältere Fräulein Rastoil hatte soeben mit einem Akkord die Romanze beendigt, und man klatschte Beifall. Madame Rougon ging auf die Sängerin zu und beglückwünschte sie; hierauf begab sie sich mitten in den Salon, um den Gästen, die sich zurückzogen, zum Abschiede die Hand zu reichen. Es war elf Uhr. Der Abbé Faujas war sehr verdrossen, als er bemerkte, daß Bourrette die Musik benützt hatte, um zu verschwinden; er hatte darauf gerechnet, mit ihm fortzugehen, was ihm einen ehrenvollen Rückzug bereitet hätte. Wenn er jetzt allein fortging, kam es einer vollständigen Niederlage gleich, denn man würde sich am folgenden Tage in der ganzen Stadt erzählen, daß man ihn zur Türe hinausgeworfen habe. Er flüchtete wieder in eine Fensternische und wartete auf eine günstige Gelegenheit, einen ehrenvollen Rückzug anzutreten. Unterdessen leerte sich der Salon derart, daß nur noch einige Damen anwesend waren. Jetzt bemerkte er eine sehr einfach gekleidete Frau; es war Madame Mouret, die ihm mit ihren gekräuselten Haaren heute viel jünger vorkam; überraschend fand er auch ihr ruhiges Gesicht, in dem zwei große schwarze Augen zu schlafen schienen. Er hatte sie den ganzen Abend nicht bemerkt; gewiß saß sie die ganze Zeit in einer Ecke, ohne sich zu rühren, voll Unmut, daß sie so müßig dasitzen müsse. Als er sie ansah, erhob sie sich eben, um sich von ihrer Mutter zu verabschieden. Diese genoß jetzt ihren schönsten Augenblick: die Gäste empfahlen sich unter vielen Bücklingen und Ausdrücken der Hochachtung, indem sie sich für den Punsch und die angenehmen Stunden bedankten, die sie in dem grünen Salon zugebracht hatten. Sie dachte jetzt an jene Zeit zurück, wo die besseren Stände ihr »auf dem Leib herumtraten«, – wie sie sich ausdrückte – während jetzt die Reichsten nicht zärtlich genug »der lieben Frau Rougon« zulächeln konnten. Gnädige Frau, sagte der Friedensrichter Maffre, hier vergißt man ganz die Stunden. Nur Sie wissen zu empfangen in dieser von Werwölfen bewohnten Gegend, meinte die hübsche Frau von Condamin. Wir erwarten Sie morgen zum Essen, sagte Herr Delangre; doch machen wir mit der Küche nicht so viele Umstände wie Sie. Martha mußte diese Huldigung stören, als sie sich von ihrer Mutter verabschieden wollte. Sie küßte sie und zog sich zurück; aber in demselben Augenblicke hielt Felicité sie auf; sie sah sich nach allen Seiten um, als suche sie jemanden. Als sie den Abbé Faujas erblickte, fragte sie ihn lächelnd: Herr Abbé, sind Sie ein galanter Mann? Der Abbé verbeugte sich. Dann haben Sie die Güte, meine Tochter zu begleiten. Sie wohnen in demselben Hause, es wird Ihnen nicht lästig fallen; der Weg ist finster und eng dahin und nicht ganz sicher. Martha meinte ruhig, daß sie doch kein Kind sei, das sich fürchte. Aber ihre Mutter bestand darauf und erklärte, daß sie nur dann beruhigt sei, wenn sie die Begleitung des Abbé annehme. Felicité begleitete die beiden nun bis zur Stiege, wo sie noch dem Priester ins Ohr flüsterte: Erinnern Sie sich meiner Worte ... Trachten Sie, den Frauen zu gefallen, wenn Sie Plassans erobern wollen. Siebentes Kapitel. Mouret schlief nicht und bestürmte noch an demselben Abend seine Frau mit Fragen, da er alles wissen wollte. Sie erwiderte, daß alles den gewohnten Weg gegangen sei und sie nichts Außerordentliches bemerkt habe. Sie fügte nur hinzu, daß der Abbé Faujas sie begleitet und unterwegs von gleichgültigen Dingen mit ihr gesprochen habe. Mouret war sehr enttäuscht und zog gegen die Gleichgültigkeit seiner Frau los. Man hätte sich ruhig bei deiner Mutter morden können, meinte er und wälzte sich wütend auf seinem Kissen herum, du hättest mir auch nichts gesagt. Als er am folgenden Tage zum Essen heimkam, rief er seiner Frau schon von weitem zu: Ich wußte es ja, daß du keine Augen hattest... Wie genau ich dich kenne! Da sitzest du den ganzen Abend in einem Salon und weißt nicht, was um dich vorgeht... Die ganze Stadt spricht davon, und ich konnte keinen Schritt tun, ohne jemandem zu begegnen, der es mir erzählte. Ja was denn? fragte sie erstaunt. Von dem schönen Erfolge des Abbé Faujas! Man warf ihn ja förmlich aus dem grünen Salon hinaus. Das ist gar nicht wahr; ich habe nichts davon gesehen. Du siehst eben nichts!... Weißt du, was der Abbé in Besançon gemacht hat? Er hat einen Pfarrer erwürgt oder Fälschungen begangen; genaues kann man nicht angeben... Das macht auch nichts, man hat ihn jedenfalls kalt gestellt. Er ist ein abgetaner Mann. Martha senkte den Kopf und ließ ihren Gatten über den Mißerfolg des Priesters triumphieren. Ich halte meine erste Ansicht aufrecht, fuhr er fort. Deine Mutter hat mit ihm etwas vor; man erzählte mir, daß sie ihn besonders ausgezeichnet habe. Nicht wahr, sie hat den Abbé gebeten, dich zu begleiten? Warum hast du mir das nicht gesagt? Sie zuckte leicht mit den Achseln, ohne etwas zu erwidern. Du bist wunderlich! rief er. Alle diese Kleinigkeiten sind von großer Bedeutung... So hat mir Madame Paloque, der ich eben begegnet bin, erzählt, daß sie absichtlich mit einigen Damen zurückgeblieben sei, um zu sehen, wie der Abbé den Salon verlasse. Deine Mutter hat sich deiner bedient, um den Rückzug dieses Pfaffen zu decken. Du verstehst es eben nicht... Denke ein bißchen nach. Was hat er dir denn gesagt, als er dich begleitete? Er setzte sich seiner Frau gegenüber und sah sie mit seinen kleinen Augen forschend an. Mein Gott, erwiderte sie geduldig, er sprach von ganz geringfügigen Dingen, wie sie jeder sagt... Er sprach von der großen Kälte, der großen Ruhe der Stadt in der Nacht, dann, glaube ich, von dem schönen Abend, den er soeben zugebracht hatte. Der Scheinheilige!... Er hat dich nicht nach deiner Mutter und den anderen Leuten gefragt? Nein. Übrigens ist der Weg von der Banne-Straße bis hierher nicht weit, und wir legten ihn in drei Minuten zurück. Er ging neben mir, ohne mir den Arm zu reichen; dabei machte er so große Schritte, daß ich nur mit großer Mühe folgen konnte... Ich weiß gar nicht, warum man gegen ihn so erbittert ist. Er sieht gar nicht glücklich aus und zitterte vor Kälte in seinem dünnen Talar. Mouret war nicht bösartig. Das ist wahr, sagte er leise, warm wird ihm bei dieser Kälte nicht sein. Wir haben keinen Grund, fuhr Martha fort, uns über ihn zu beklagen. Er zahlt pünktlich, verhält sich ruhig... Wo findest du einen besseren Mieter? Nirgends, ich weiß es... Ich wollte dir mit allem nur sagen, wie wenig du acht gibst, wenn du irgendwo hingehst. Anderseits kenne ich die Bande viel zu gut, die deine Mutter empfängt, um lange dabei zu verweilen, was aus diesem berüchtigten grünen Salon kommt. Nichts als Flausen, Lügen und Aufschneidereien. Der Abbé hat ohne Zweifel niemanden erwürgt und noch weniger Bankerott gemacht... Ich sagte zu Madame Paloque: Bevor man andere Leute ausredet, soll man vor der eigenen Türe kehren. Um so besser, wenn sie es auf sich bezieht! Mouret log, denn er hatte es Madame Paloque nicht gesagt. Aber die Milde Marthas flößte ihm eine gewisse Scham wegen seiner Schadenfreude über das Unglück des Abbé ein. In den folgenden Tagen stellte er sich entschieden auf die Seite des Priesters. Als er mehreren ihm unangenehmen Personen begegnete, wie Herrn v. Bourdeu, Herrn Delangre, dem Dr. Porquier, stimmte er über den Abbé eine Lobeshymne an, um einer entgegengesetzten Meinung wie jene zu sein und sie dadurch in Erstaunen zu setzen. Der Abbé war, wenn man Mouret jetzt reden hörte, ein trefflicher Mann von vornehmer Gesinnung und großer Bescheidenheit in seiner Armut. Es gebe wirklich schlechte Leute. Er spielte dabei auf die Gäste der Rougons an – Heuchler, Angeber, Scheinheilige und eitle Toren, die den Sieg der wahren Tugend fürchten. So hatte er denn nach einiger Zeit den Kampf des Abbé zu dem seinigen gemacht und bediente sich seiner, um die Bande der Rastoil und der Unterpräfektur zu vernichten. Ist das nicht, um Steine zu erweichen! sagte er manchmal zu seiner Frau, vergaß aber, daß sie ganz andere Worte von ihm gehört hatte, – wenn man sieht, wie Leute, die, man weiß nicht wo, ihr Vermögen gestohlen haben, über einen armen Menschen herfallen, der nicht einmal zwanzig Franken hat, um sich eine Fuhre Holz zu kaufen! ... So etwas muß mich empören! ... Ich kann für ihn einstehen! ... Ich weiß, was er tut, ich weiß, wie er ist, da er bei mir wohnt ... Darum halte ich denn auch mit der Wahrheit nicht zurück und behandle sie, wie sie es verdienen, wenn ich ihnen begegne ... Doch dabei bleibe ich nicht stehen... Der Abbé muß mein Freund werden. Ich werde mit ihm auf der Promenade Arm in Arm spazieren gehen, um zu zeigen, daß ich nicht fürchte, mit ihm gesehen zu werden, so ehrbar und so rechtschaffen ich auch bin. Vor allem aber empfehle ich dir, gegen die armen Leute recht liebenswürdig zu sein. Martha lächelte für sich hin; sie war glücklich über die guten Absichten ihres Gatten betreffs der Mieter. Rosa erhielt den Befehl, sich gefällig zu zeigen. Wenn es des Morgens regnete, müsse sie für Madame Faujas einkaufen gehen, doch nahm letztere den Beistand der Köchin nie an. Aber wenigstens hatte sie nicht mehr die stumme Scheu wie in der ersten Zeit. Eines Tages traf Martha, die vom Boden kam, wo das Obst lag, mit Madame Faujas zusammen; letztere sprach zuerst und ging so weit, zwei prächtige Birnen anzunehmen. Diese Früchte boten die Gelegenheit, ein engeres Band zwischen den Frauen zu knüpfen. Der Abbé Faujas ging jetzt auch nicht mehr so schnell die Treppe hinunter, und Mouret befand sich, sobald er den Talar sah, fast jeden Tag am Fuße der Treppe, überglücklich, wie er sagte, mit ihm ein kleines Stück Weges zu gehen. Er hatte sich bei ihm für den seiner Frau erwiesenen kleinen Dienst bedankt und fragte dann geschickt, ob er noch einmal die Rougons besuchen werde. Der Abbé lächelte bei dieser Frage und gestand ohne Verlegenheit ein, daß er für Gesellschaften nicht geschaffen sei. Mouret war darüber entzückt; er bildete sich ein, auch ein wenig dazu getan zu haben, diesen Entschluß seines Mieters herbeizuführen. Dann nahm er sich vor, ihn ganz von dem grünen Salon fernzuhalten und ihn für sich zu behalten. Auch in der Annahme der zwei Birnen von Seite der Madame Faujas sah er eine glückliche Förderung seiner Absichten. Machen die Leute im zweiten Stock bei dieser Kälte wirklich kein Feuer? fragte er Rosa. Bei Gott, gnädiger Herr, erwiderte die Köchin, die kaum begriff, daß sie gefragt werde, das ist schwer; ich habe noch nie Holz hinauftragen gesehen. Sie müßten denn ihre vier Stühle verbrennen oder Madame Faujas in ihrem Korbe Holz mitbringen. Sie sollen diese armen Leute nicht verspotten, Rosa, sagte Martha; sie müssen in den großen Stuben erfrieren. Das glaube ich auch, meinte Mouret. Letzte Nacht waren zehn Grad Kälte, und man fürchtet schon für die Olivenbäume. Unser Wasserbehälter oben ist ganz zugefroren ... Hier ist das Zimmer klein und läßt sich gut heizen. Das Speisezimmer war sorgfältig mit Fensterpolstern versehen, so daß nicht der geringste Luftzug durch die Fenster hereinkam; ein großer Kachelofen verbreitete eine Wärme wie in einem Badezimmer. Im Winter lasen und spielten die Kinder am Tische, während Mouret mit seiner Frau bis zum Schlafengehen Karten spielte, was für sie eine wahre Marter war. Lange hatte sie sich geweigert, eine Karte anzurühren, indem sie erklärte, sie kenne kein einziges Spiel; aber Mouret lehrte sie Piquet, und sie mußte sich fügen. Weißt du, fuhr er fort, wir sollten die Faujas einladen, den Abend immer bei uns zuzubringen. Sie werden doch wenigstens zwei bis drei Stunden sich wärmen. Dann haben wir auch jemanden zur Unterhaltung und langweilen uns nicht ... Lade sie ein; sie geben dir keinen Korb. Als Martha am folgenden Tage Madame Faujas auf dem Flur begegnete, richtete sie ihre Einladung aus. Die alte Frau nahm sie sofort im Namen ihres Sohnes an, ohne weiter zu zögern. Es wundert mich, meinte Mouret, daß sie keine Ausflüchte suchte. Ich dachte immer, wir würden sie erst lange bitten müssen. Der Abbé beginnt einzusehen, daß er unrecht tut, so zurückgezogen zu leben. Abends verlangte Mouret, daß der Tisch frühzeitig abgeräumt werde. Er hatte eine Flasche Wein abgezogen und einen Teller Gebäck kaufen lassen. Er war nicht freigebig, wollte aber zeigen, daß nicht allein die Rougons zu leben wissen. Gegen acht Uhr kamen die Mietsleute herunter. Der Abbé hatte einen neuen Talar an, worüber Mouret so überrascht war, daß er den Gruß des Priesters nur stotternd durch einige Worte erwidern konnte: Wirklich, Herr Abbé, die Ehre ist ganz auf unserer Seite ... Kinder, bringt Stühle! Man setzte sich um den Tisch. In dem Zimmer war es schon zu warm, denn Mouret hatte stark einheizen lassen, um zu zeigen, daß er nicht auf ein Scheit Holz zu sehen brauche. Der Abbé war heiter. Er sprach mit Desirée freundlich und erkundigte sich bei den Knaben nach ihren Studien. Martha strickte und sah zeitweilig von ihrer Arbeit auf, erstaunt über den sanften Tonfall dieser fremden Stimme, die sie in dem ruhigen Speisezimmer zu hören nicht gewohnt war. Sie sah dann dem Priester in das breite Gesicht mit den ausgeprägten Zügen und senkte von neuem den Kopf, ohne daß sie das Interesse zu verbergen suchte, das ihr dieser kräftig aussehende und freundliche Mann einflößte, von dem sie wußte, wie arm er sei. Mouret verschlang den neuen Talar mit den Blicken und konnte nicht umhin zu bemerken: Herr Abbé, es war nicht recht, unserethalben erst Toilette zu machen. Sie wissen ja, wir machen keine Umstände. Martha errötete. Aber der Priester erzählte lächelnd, daß er den Talar im Laufe des Tages gekauft und gleich am Leibe behalten habe, um seiner Mutter zu gefallen, die ihn in der neuen Sutane prächtiger finde als einen König. Nicht wahr, Mutter? Die alte Frau nickte mit dem Kopfe, ohne ihren Sohn aus dem Auge zu lassen; sie saß ihm gegenüber und sah ihn in dem hellen Scheine der Lampe mit verklärter Freude an. Dann unterhielt man sich über alle möglichen Dinge, und der Abbé schien seine kalte Zurückhaltung auf einmal verloren zu haben. Er blieb noch immer ernst, aber dieser Ernst paarte sich mit einer gewissen Gutmütigkeit. Er hörte Mouret zu, antwortete ihm auf die unbedeutendsten Fragen und schien sich für den kleinstädtischen Klatsch zu interessieren. Der Hausherr brachte schließlich die Rede auf die Abende. Sehen Sie, sagte er, so verbringen wir immer die Abende; niemals eine Abwechslung. Wir laden niemanden ein, weil es im Familienkreise immer schöner ist. Jeden Abend spiele ich mit meiner Frau Karten; das ist eine alte Gewohnheit, daß ich anders gar nicht einschlafen könnte. Aber wir wollen Sie davon nicht abhalten, rief der Abbé aus. Ich bitte Sie sehr, sich um unseretwillen keinen Zwang anzutun. Aber nein, ich bin nicht von Sinnen; einmal ist keinmal. Doch der Priester beharrte bei seinem Wunsche. Als er aber sah, daß Martha sich noch mehr als ihr Gatte dagegen sträubte, wandte er sich seiner Mutter zu, die schweigend da saß, die Hände vor sich gekreuzt: Mutter, spiele doch du eine Partie Piquet mit Herrn Mouret. Sie sah ihrem Sohn in die Augen. Mouret sträubte sich noch immer und erklärte, er wolle den Abend nicht stören. Als ihm aber der Priester sagte, daß seine Mutter sehr gut spiele, da gab er nach: Wirklich? ... Also wenn die Dame will und es niemanden stört ... Nun, Mutter, so mache doch eine Partie, sagte der Abbé in entschiedenem Tone. Gut, erwiderte diese endlich, es wird mir ein Vergnügen sein ... Nur muß ich den Platz wechseln. Gott, das macht ja nichts, meinte Mouret entzückt. Sie können mit Ihrem Sohne tauschen ... Bitte, Herr Abbé, haben Sie die Güte, sich neben meine Frau zu setzen; Frau Faujas wird sich neben mich setzen ... So ist es recht! Der Priester, der zuerst Martha gegenüber an dem anderen Ende des Tisches gesessen, befand sich jetzt neben Frau Mouret; beide saßen förmlich allein beisammen, weil die Spieler ihre Stühle zusammengerückt hatten, um den Kampf zu beginnen. Octave und Serge waren in ihr Zimmer hinaufgegangen, und Desirée schlief, wie gewöhnlich, auf dem Tische. Als es zehn Uhr schlug, wollte Mouret, der eben eine Partie verloren hatte, noch nicht schlafen gehen und verlangte eine Revanchepartie. Frau Faujas sah ihren Sohn fragend an; dann mischte sie ruhig die Karten. Unterdessen tauschte der Abbé kaum einige Worte mit Martha. An diesem ersten Abend sprach er von gleichgültigen Sachen, von der Wirtschaft, dem Preise der Lebensmittel in Plassans, den Sorgen, die man mit Kindern hat. Martha antwortete verbindlich, sah von Zeit zu Zeit mit ihrem klaren Blick auf und verlieh der Unterhaltung ein wenig von ihrer bedächtigen Langsamkeit. Es war fast elf Uhr, als Mouret seine Karten fast ärgerlich hinwarf: Wieder verloren! sagte er. Heute hatte ich keine gute Karte; vielleicht habe ich morgen mehr Glück ... Also auf morgen, nicht wahr, Madame? Als der Abbé sich entschuldigte und meinte, daß sie die Familie doch nicht jeden Tag stören könnten, rief Mouret aus: Aber Sie stören uns gar nicht! Sie machen uns nur eine Freude! ... übrigens habe ich verloren und Madame kann mir eine Revanchepartie nicht abschlagen. Als sie zugesagt hatten und wieder gegangen waren, brummte Mouret und führte alle möglichen Entschuldigungen an, daß er verloren habe; er war wütend. Die Alte spielt weit schlechter als ich, das weiß ich bestimmt. Nur hat sie scharfe Augen! Ich glaube, sie betrügt ... Morgen muß. ich es herausbekommen. Von da an kamen die Faujas jeden Abend herunter. Zwischen der alten Frau und ihrem Hausherrn hatte sich eine förmliche Schlacht entwickelt. Sie schien ihn zum besten zu halten, denn zuerst ließ sie ihn gewinnen, um ihn nicht zu entmutigen, was ihn in eine stumme Wut versetzte, weil er sich einbildete, ein sehr tüchtiger Spieler zu sein. Er hatte geglaubt, daß er sie Wochen hindurch schlagen werde, ohne sie eine einzige Partie gewinnen zu lassen. Sie bewahrte eine erstaunliche Kaltblütigkeit: In ihrem viereckigen Bauerngesichte zeigte sich nicht die geringste Unruhe, und ihre dicken Hände legten die Karten kräftig und regelmäßig wie eine Maschine hin. Schlag acht Uhr saßen sie beisammen an dem Tische, vertieft in ihrem Spiele, ohne sich zu rühren. An dem anderen Ende des Tisches zu beiden Seiten des Ofens saßen Martha und der Abbé gleichsam allein. Faujas verachtete als Mann und Priester die Frau, die er wie ein beschämendes und unwürdiges Hindernis der Starken beiseite schob. Diese Meinung kam oft gegen seinen Willen in einem harten Worte zum Durchbruche. Martha wieder überfiel eine eigentümliche Angst, und furchtsam sah sie zeitweilig auf, als wenn sie hinter sich einen verborgenen Feind erblicke, der sie ergreifen wolle. Dann wieder hielt sie plötzlich im Lachen inne, wenn sie seinen Talar erblickte. Sie war verlegen, erstaunt, daß sie mit einem Manne spreche, der nicht so war wie die anderen. Es dauerte lange, bis sie vertraulicher wurden. Nie fragte Faujas sie über ihren Gatten, ihre Kinder und ihr Haus aus. Aber allmählich drang er in die kleinsten Einzelheiten ihrer Geschichte und Lebensweise ein. Jeden Abend, wenn Mouret und seine Mutter wütend ihren Kampf ausfochten, hörte er etwas Neues. Einst machte er die Bemerkung, daß Martha ihrem Gatten sehr ähnlich sehe. Ja, erwiderte diese lächelnd, als wir zwanzig Jahre alt waren, hielt man uns für Geschwister, was uns wirklich etwas bestimmt hat, uns zu heiraten. Man scherzte, stellte uns immer nebeneinander und meinte, wir würden ein schönes Paar abgeben. Wir sahen uns so ähnlich, daß der hochwürdige Herr Compan, der uns kannte, zögerte, uns zu trauen. Aber Sie sind Geschwisterkinder? fragte der Priester. Ja, erwiderte Martha, ein wenig errötend, mein Gatte ist ein Macquart, und ich bin eine Rougon. Sie schwieg einen Augenblick, weil sie erriet, daß der Priester die Geschichte ihrer Familie kenne, die ja in Plassans bekannt war. Die Macquarts waren ein Bastardzweig der Rougons. Das Sonderbarste dabei ist, meinte sie, um ihre Verlegenheit zu verbergen, daß wir beide unserer Großmutter ähneln. Mein Mann hatte diese Ähnlichkeit von seiner Mutter, während sie bei mir verspätet zum Vorschein kam. Man könnte sagen, sie sei über meinen Vater hinweggesprungen. Hierauf führte der Abbé ein ähnliches Beispiel aus seiner Familie an. Er hatte eine Schwester, die ganz wie der Großvater seiner Mutter aussah, so daß die Ähnlichkeit zwei Geschlechter übersprungen hatte. Dabei hatte seine Schwester ganz den Charakter und die Gewohnheiten des Großvaters; sogar dieselben Gebärden und die gleiche Stimme. Ganz wie ich, erwiderte Martha, als ich jung war ... »Die ganze Tante Dide« – hörte ich immer sagen. Heute ist die arme Frau in Tulettes; sie hat nie einen recht gescheiten Kopf gehabt ... Mit den Jahren bin auch ich ruhiger und gesünder geworden; aber mit zwanzig Jahren war ich, wie ich mich erinnern kann, nicht sehr kräftig, litt an Schwindel und hatte sonderbare Gedanken. Ich muß noch heute darüber lachen, welch sonderbares Mädchen ich war. Und Ihr Gatte? Oh, der gleicht seinem Vater, einem Hutmacher, und ist eine vorsichtige, berechnende Natur. Wir sahen uns im Gesichte ähnlich, aber im Innern war dem nicht so ... Doch mit der Länge der Zeit wurden wir einander ganz gleich. Wie ruhig lebten wir in unserem Laden zu Marseille! Ich verbrachte dort fünfzehn Jahre, die mich das Glück in meinem Hause unter meinen Kindern zu finden gelehrt haben. Sooft der Abbé dem Gespräche diese Richtung gab, glaubte er aus den Worten der Frau eine gewisse Bitterkeit herauszuhören. Sie war gewiß glücklich, wie sie es sagte; aber er ahnte, daß diese nervöse Natur, die jetzt nahe den Vierzig ruhiger geworden war, früher harte Kämpfe zu bestehen hatte. Er konnte sich dieses eheliche Drama lebhaft vorstellen: Zwei Gatten, die sich ähnlich sahen, denen alle ihre Bekannten immer gesagt haben, daß sie füreinander bestimmt seien, während in ihrem Innern der Gärungsstoff der Abart, der Kampf des gemischten, immer in Aufruhr befindlichen Blutes, der Gegensatz zweier so verschiedener Charaktere sich gegen eine solche Verbindung auflehnten. Dann stellte er sich den wirkungsvollen Einfluß eines geregelten Lebens, die Abschleifung dieser Charakter durch die täglichen Geschäftssorgen und das Insichaufgehen der beiden Naturen vor, die sich binnen fünfzehn Jahren ein Vermögen erworben hatten, das sie bescheiden in einem einsamen Winkel einer Kleinstadt verzehrten. Heute schien in den beiden, obgleich sie noch jung waren, nur mehr die Asche des einstigen Feuers zu schlummern. Der Abbé suchte auf geschickte Weise zu erfahren, ob Martha ruhig sei, und fand sie sehr vernünftig. Nein, sagte sie, mein Haus und meine Kinder genügen mir vollkommen. Ich bin nie sehr lustig gewesen. Ich langweilte mich ein wenig, das ist alles; es hätte eben einer geistigen Beschäftigung bedurft, die ich aber nicht gefunden habe ... Aber wozu auch? Vielleicht hätte ich mir damit den Kopf wirr gemacht. Kann ich doch nicht einmal einen Roman lesen, ohne die heftigsten Kopfschmerzen zu bekommen. Drei Nächte lang tanzten mir alle Personen des Romanes vor den Augen herum ... Nur das Nähen hat mich nie ermüdet. Ich bleibe gern zu Hause, um all den Lärm da draußen zu vermeiden, dieses Geklatsche und all das dumme Zeug. Sie hielt manchmal inne und sah auf Desirée, die auf dem Tische schlief und im Schlafe unschuldsvoll lächelte. Armes Kind, sagte sie leise, es kann noch nicht einmal nähen, weil es gleich den Schwindel bekommt ... Es hat nur die Tiere gern ... Wenn sie einen Monat bei ihrer ehemaligen Amme zubringt, hält sie sich nur in dem Hühnerhofe auf und kommt mit roten Backen und in voller Gesundheit wieder nach Hause. Oft sprach sie von Tulettes, aber mit einer stummen Furcht vor dem Wahnsinne, so daß der Abbé fühlte, es liege eine stete Angst auf diesem friedlichen Hause. Martha liebte gewiß ihren Gatten aufrichtig, nur fürchtete sie sich immer vor den Scherzen und Neckereien. Auch seine Selbstsucht verletzte sie, wie sie ihm auch gram war, daß er sie immer so allein ließ. Sie trug es ihm stets nach, daß er um sie eine gar so große Stille geschaffen. Wenn sie von ihrem Gatten sprach, sagte sie immer: Er ist sehr gut zu uns ... Manchmal werden Sie ihn zwar auch zanken hören, denn er liebt die Ordnung, daß es oft ins Lächerliche geht. So ärgert er sich über einen Blumentopf, der im Garten anders steht, als er soll, oder über ein Spielzeug, das auf dem Boden herumliegt ... Andererseits hat er das Recht, nur nach seinem Kopfe zu handeln. Ich weiß, daß man ihn nicht leiden kann, weil er sich etwas Geld sammelt und von Zeit zu Zeit auch noch etwas verdient, wobei er sich aus dem Gerede nichts macht ... Man witzelt auch über ihn wegen meiner Person. Man sagt ihm nach, er sei geizig, lasse mich nicht ausgehen und kaufe mir nicht einmal ein Paar Schuhe. Das ist aber nicht wahr, ich bin vollständig frei. Freilich hat er es lieber, wenn er mich bei seiner Heimkehr zu Hause findet, als wenn er mich auf der Gasse herumschlendern oder Besuche machen sieht. Übrigens kennt er meinen Geschmack. Was habe ich auch draußen zu suchen? Wenn sie Mouret gegen das dumme Gerede von Plassans in Schutz nahm, wurden ihre Worte lebhafter, als finde sie es notwendig, ihn zugleich auch gegen jene geheimen Anklagen in Schutz zu nehmen, die in ihrem Innern aufstiegen. Immer wieder kam sie mit einer nervösen Unruhe auf das Außenleben zu sprechen. Es schien, als flüchte sie sich in das enge Speisezimmer, in den alten Garten mit dem großen Gebüsche aus Furcht vor etwas Unbekanntem, wobei sie ihrer Kraft mißtraute und stets irgendeine Katastrophe fürchtete. Dann mußte sie wieder über diese kindische Furcht lachen; sie zuckte mit den Achseln und strickte entweder ihren Strumpf weiter oder nähte an einem alten Hemde. Dann hatte der Abbé vor sich nur eine kalte Bürgersfrau mit schläfrigem Gesichte, fahlen Augen, die in dem Hause einen Geruch von frischer Wäsche oder den eines im Schatten gepflückten Blumenstraußes verbreitete. So flossen zwei Monate dahin. Der Abbé Faujas und seine Mutter hatten sich ganz an die Mourets gewöhnt. Abends hatte jeder seinen bestimmten Platz an dem Tische, die Lampe stand immer auf demselben Platze, die Spieler warfen immer dieselben Worte in die leise geführte Unterhaltung Marthas und des Priesters. Und wenn Madame Faujas den Hausherrn im Spiele nicht allzustark geschlagen, fand letzterer, daß die Partie »sehr anständig« sei. Seine ganze Neugierde eines unbeschäftigten Spießbürgers war in den Sorgen um die abendlichen Partien verschwunden. Er spionierte nicht mehr um den Abbé herum, sondern erklärte, daß er ihn jetzt sehr gut kenne und ihn für einen sehr braven Menschen halte. So laßt mich doch in Ruh', rief er denen zu, die den Abbé in seiner Anwesenheit angriffen. Ihr macht Geschichten zusammen und greift im Finstern herum, obwohl es doch so leicht ist, diese Dinge zu erklären ... Zum Teufel, ich kenne ihn bis zur kleinen Zehe! Er erweist mir die Ehre, jeden Abend in meiner Familie zuzubringen ... Er schenkt nicht jedem seine Freundschaft! Deshalb ist man ihm eben gram und hält ihn für stolz. Mouret freute sich, in Plassans der einzige Mensch zu sein, der sich rühmen konnte, den Abbé ganz zu kennen; er trieb damit sogar ein wenig Mißbrauch. Sooft er der Madame Rougon begegnete, spielte er ihr gegenüber den Sieger und gab ihr zu verstehen, daß er ihr einen Gast weggenommen habe. Diese lächelte nur. In intimen Bekanntenkreisen ging Mouret noch weiter: Er flüsterte, daß diese vertrackten Priester alles anders machen, als die übrigen Menschen; und dann erzählte er alle Einzelheiten aus dem Leben des Abbé: Wie er trinke, wie er mit den Frauen spreche, wie er immer die Knie auseinanderspreize und nie die Beine übereinander lege; Anekdoten, in denen seine Beklemmung als Freidenker gegenüber dem geheimnisvollen Talar zum Ausdrucke kam, der seinem Gaste stets bis zu den Fersen herabwallte. So waren die ersten Februartage gekommen. Der Abbé schien bei den abendlichen Zusammenkünften absichtlich jeder religiösen Frage aus dem Wege zu gehen. Martha hatte einmal in heiterem Tone zu ihm gesagt: Ich bin nicht fromm, Herr Abbé und komme selten in die Kirche ... Wie konnte es auch anders sein? In Marseille hatte ich viel zu tun, und jetzt bin ich zu träge zum Ausgehen. Auch muß ich Ihnen gestehen, daß ich nicht religiös erzogen worden bin. Meine Mutter sagte, daß der liebe Gott schon zu uns komme. Der Priester verneigte sich, ohne zu antworten, womit er sagen wollte, daß er unter solchen Umständen nicht gern über solche Dinge spreche. Aber eines Abends entwarf er doch ein Bild von den Tröstungen, die die leidenden Menschen in der Religion finden. Es war die Rede auf eine arme Frau gekommen, die das Unglück in den Tod getrieben hatte. Sie hatte unrecht zu verzweifeln, sagte der Priester mit seiner tiefen Stimme. Sie kannte gewiß nicht den Trost des Gebetes. Ich habe oft Weinende und ganz Gebrochene zu mir kommen sehen, die mit einer anderswo vergeblich gesuchten Ergebenheit und frischem Lebensmute mich verließen. Sie hatten sich in einem Winkel der Kirche niedergekniet und das Glück der Erniedrigung genossen. Sie waren dem Leben wiedergegeben und vergaßen alles, denn sie gehörten Gott an. Martha hörte diesen Worten, die in einem Ton übermenschlichen Glückes verklangen, wie im Traume zu. Ja, das muß ein Glück sein, sagte sie leise wie zu sich selbst; ich habe manchmal daran gedacht, aber mich immer davor gefürchtet. Der Abbé berührte nur sehr selten dieses Thema; oft aber sprach er vom Wohltun. Martha hatte ein mitleidiges Herz, und sofort kamen ihr die Tränen in die Augen, wenn sie von einem Unglücke hörte. Er wieder fand großes Gefallen an ihrem Mitgefühl und erzählte ihr jeden Abend irgendeine rührende Geschichte, so daß er sie in steter Teilnahme erhielt. Sie ließ ihre Arbeit fallen, faltete die Hände und sah ihn mit teilnahmvollem Gesichte an, während er die schrecklichen Leiden der Armen schilderte, die vor Hunger sterben, oder durch das Elend zum Verbrechen getrieben werden. In solchen Augenblicken gehörte sie ihm an und er hätte mit ihr anfangen können, was er wollte; oft erhob sich unterdessen am anderen Ende des Tisches ein Streit zwischen Mouret und Madame Faujas wegen eines unrichtigen Stiches. Gegen Mitte Februar brachte ein beklagenswertes Ereignis ganz Plassans in Aufruhr. Man entdeckte nämlich, daß eine Anzahl ganz junger Mädchen, fast Kinder, auf den Straßen der Schande in die Arme gefallen waren, und zwar spielte sich dies nicht allein zwischen Kindern gleichen Alters ab, sondern es ging das Gerücht, daß auch Herren aus den besten Ständen dadurch kompromittiert seien. Acht Tage lang war Martha über diesen Vorfall, der ungeheueres Aufsehen machte, sehr aufgeregt. Kannte sie doch eine der Unglücklichen selbst, eine Blondine, die Nichte der Köchin Rosa, die sie oft geherzt hatte! Sie konnte, wie sie selbst sagte, nicht mehr an das Mädchen denken, ohne daß ein Schaudern sie überlief. Es ist bedauerlich, sagte eines Abends der Abbé zu ihr, daß in Plassans nicht auch eine mildtätige Anstalt existiert wie in Besançon. Auf ihre dringenden Fragen erklärte er ihr, daß dies eine Art Bewahranstalt sei, in der sich die Mädchen der Arbeiter, Kinder im Alter von acht bis fünfzehn Jahren aufhalten, während ihre Eltern bei der Arbeit sind. Man beschäftige sie dort tagsüber mit Handarbeiten; wenn ihre Eltern heimkommen, übergebe man sie ihnen wieder. Auf diese Weise wachsen die armen Kindern fern vom Laster auf inmitten der besten Beispiele. Martha fand diese Einrichtung ungemein edel. Allmählich erwärmte sie sich dafür derart, daß sie bald von nichts anderem sprach, als von der Notwendigkeit, eine ähnliche Anstalt in Plassans zu errichten. Man würde sie dem Schutze der heiligen Jungfrau weihen, flüsterte der Abbé. Aber wie viele Schwierigkeiten sind da zu überwinden! Sie wissen nicht, wie viele Mühe das geringste gute Werk kostet! Zu einem solchen Werke ist ein warmes, hingebendes Mutterherz unentbehrlich. Martha senkte den Kopf, sah auf die schlafende Desirée und fühlte Tränen in den Augen. Dann fragte sie nach den notwendigen Schritten, den beiläufigen Kosten und den jährlichen Ausgaben. Wollen Sie mich dabei unterstützen? fragte sie eines Abends plötzlich den Priester. Der Abbé nahm ernst eine ihrer Hände, die er einen Augenblick in der seinigen hielt, und sagte leise, daß sie das edelste Herz habe. Er sagte zu, doch rechne er sicher auf sie; denn er allein könne sehr wenig tun. Sie werde in der Stadt Damen finden, die den Ausschuß bilden sollten, sie werde die Sammlungen einleiten, kurz alle die heiklen und mühseligen Einzelheiten eines Aufrufes an das Publikum übernehmen. Zugleich ersuchte er sie, am folgenden Tage in die Kirche Saint-Saturnin zu kommen, wo er ihr nach einer Rücksprache mit dem Baumeister des Kirchspiels genau sagen werde, wie hoch sich die Kosten belaufen würden. Als Mouret an diesem Abend schlafen ging, war er ungemein heiter, denn er hatte Madame Faujas nicht eine Partie gewinnen lassen. Du siehst ja heute so glücklich aus, meine Liebe, sagte er zu seiner Frau. Hast du gesehen, wie ich ihr eine Quinte verdarb? Die Alte war ganz außer sich! Als Martha ein Seidenkleid aus dem Schranke nahm, fragte er sie überrascht, ob sie denn am nächsten Tage ausgehen wolle. Er hatte gar nichts von dem Gespräche der beiden gehört. Ja, erwiderte sie, ich treffe morgen mit dem Abbé Faujas in der Kirche zusammen; die Gründe erzähle ich dir schon. Er schaute sie starr an, um zu sehen, ob sie sich nicht über ihn lustig mache. Dann sagte er in scherzhaftem Tone: Ei, ei, davon habe ich ja gar nichts gemerkt. Du bist unter die Betschwestern gegangen! Achtes Kapitel. Martha ging am folgenden Tage zuerst zu ihrer Mutter und erklärte ihr das gute Werk, von dem sie träumte. Als die alte Frau lachend den Kopf schüttelte, wurde sie fast böse und gab ihr zu verstehen, daß sie wenig Mitgefühl habe. Das ist eine Idee des Abbé Faujas, meinte plötzlich Felicité. Erraten, sagte Martha überrascht. Wir haben lange darüber gesprochen. Wieso weißt du es? Madame Rougon zuckte leicht mit den Achseln, ohne eine bestimmte Antwort zu geben. Dann erwiderte sie lebhaft: Meine Liebe, du hast recht. Du mußt eine Beschäftigung haben und die findest du da sehr gut. Es macht mir wirklich Kummer, dich immer in diesem einsamen Hause, das nach Moder riecht, eingeschlossen zu wissen. Nur rechne dabei nicht auf mich, denn ich will mich nicht in deine Angelegenheiten mischen. Man würde dann sagen, ich tue alles und wir seien im Einverständnisse, um der Stadt unsere Gedanken aufzudrängen. Ich wünsche im Gegenteil, daß du ganz allein den Dank für dieses gute Werk erntest. Ich unterstütze dich, wenn du willst, mit meinen Ratschlägen, weiter aber nicht. Und doch habe ich auf deine Teilnahme an dem Gründungsausschuß gerechnet, erwiderte Martha, die der Gedanke, bei diesem großen Unternehmen allein dazustehen, ein wenig erschreckte. Nein, nein, meine Anwesenheit würde sicherlich alles verderben. Sage vielmehr herum, daß ich nicht im Ausschuß bin und es dir unter allen möglichen Ausflüchten ausgeschlagen habe ... Laß es sogar durchblicken, daß ich zu deinem Plane kein Vertrauen habe ... Du wirst sehen, das wird diese Damen erst recht zum Beitritt bestimmen ... Sie werden sich freuen, bei einem guten Werke zu sein, an dem ich keinen Anteil habe. Besuche Madame Rastoil, Frau von Condamin, Madame Delangre, Madame Paloque; besonders die letztere wird darüber erfreut sein und dir mehr nützen als alle anderen ... Wenn du in Verlegenheit bist, komme zu mir und frage mich. Sie begleitete ihre Tochter bis zur Treppe. Hier sah sie ihr lächelnd ins Gesicht und fragte: Befindet sich der gute Abbé wohl? Sehr wohl, erwiderte Martha ruhig. Ich gehe jetzt in die Kirche, wo ich mit dem Baumeister des Kirchspiels zusammentreffen werde. Martha und der Priester hatten gedacht, daß die Dinge noch viel zu sehr in der Luft lägen, als daß sie den Baumeister belästigen müßten. Sie wollten eine Zusammenkunft mit dem letzteren verabreden, der sich jeden Tag in die Kirche begab, wo man eine Kapelle ausbesserte. Hier konnten sie ihn fragen. Als Martha in die Kirche kam, standen Faujas und der Baumeister Lieutaud auf einem Gerüste und plauderten miteinander. Sie stiegen eilends herab; der Abbé, der sich für die Arbeiten ungemein interessierte, war an der einen Schulter ganz weiß vom Kalke. Um diese Nachmittagsstunde war keine einzige Betende anwesend; das Schiff und die Seitengänge waren leer; in den letzteren standen Stühle wirr durcheinander, die zwei Kirchendiener lärmend ordneten. Von den Leitern herab riefen die Maurer mitten unter dem Gekratze der Kellen einander zu. Die Kirche hatte jetzt ein so wenig religiöses Aussehen, daß Martha sogar vergaß, sich zu bekreuzigen. Sie setzte sich vor die in Ausbesserung befindliche Kapelle zwischen den Abbé Faujas und Lieutaud, wie wenn sie in dem Arbeitszimmer des letzteren sitze und ihn um Rat frage. Die Unterredung dauerte eine gute halbe Stunde. Der Baumeister gab bereitwilligst Auskunft. Seine Meinung ging dahin, daß es nicht notwendig sei, ein Haus zu erbauen »für das Werk der heiligen Jungfrau«, wie der Abbé es nannte, da dies viel zu hoch komme. Er erklärte, es sei besser, ein fertiges Haus zu kaufen, das man ja zu diesem Zwecke umbauen könne. Er bezeichnete sogar eines in der Vorstadt, das ein Pensionat gewesen, später von einem Futterhändler übernommen und jetzt zu verkaufen war. Mit einigen Tausend Franken lasse sich das alte Haus vollständig umbauen, wobei er Wunder zu wirken versprach: Einen prächtigen Eingang, große Säle und einen Hof mit Bäumen bepflanzt. Allmählich sprachen Martha und der Priester lauter über die einzelnen Punkte unter dem dumpftönenden Gewölbe des Schiffes, während Lieutaud mit seinem Stocke auf den Steinplatten ihnen ein Bild der Vorderseite des Gebäudes zu entwerfen suchte. Also, es ist abgemacht, sagte Martha, als sie sich von dem Architekten verabschiedete. Sie machen einen kleinen Kostenvoranschlag, damit wir wissen, woran wir sind ... Und dann bitte ich dies als Geheimnis zu betrachten. Der Abbé begleitete sie bis zu der kleinen Türe der Kirche. Als sie zusammen an dem Hauptaltar vorübergingen und sie weiter mit ihm lebhaft redete, war sie ganz überrascht, ihn plötzlich nicht mehr an ihrer Seite zu finden; sie suchte ihn und fand ihn vor dem großen Kreuze knien, das in Musseline gehüllt war. Dieser mit Kalk beschmutzte Priester, der sich da so inbrünstig niederbeugte, flößte ihr ein sonderbares Gefühl ein. Sie erinnerte sich, an welchem Orte sie sei, sah sich unruhig um und dämpfte ihre Schritte. An der Tür reichte ihr der Priester, der sehr ernst geworden war, schweigend seine vom Weihwasser nassen Finger. Ganz verwirrt bekreuzigte sie sich; dann fiel die Doppeltüre wie mit einem erstickten Seufzer hinter ihr zu. Martha ging von hier zu Frau von Condamin. Sie fühlte sich glücklich, einmal im Freien durch die Straßen gehen zu können, so daß ihr die kleinen Wege wie ein Ausflug vorkamen. Frau von Condamin nahm sie mit der größten Liebenswürdigkeit auf. Wie selten sie die Madame Mouret besuche! Als sie erfuhr, um was es sich handle, begeisterte sie sich sofort dafür und war zu allen Opfern bereit. Die Dame hatte ein malvenfarbenes Kleid an mit grauen Bändern und lebte in ihrem Zimmer als verbannte Pariserin. Das ist schön von Ihnen, daß Sie dabei an mich gedacht haben! sagte sie, indem sie Martha die Hände schüttelte. Diese armen Mädchen! Wer soll ihnen denn zu Hilfe kommen als wir, die man beschuldigt, daß wir ihnen durch unseren Luxus ein schlechtes Beispiel geben? ... Dann ist auch der Gedanke schrecklich, diese Kinder allen Schandtaten ausgesetzt zu sehen. Ich bin davon ganz krank geworden ... Verfügen Sie völlig über mich! Als Martha ihr mitteilte, daß ihre Mutter nicht im Ausschuß sein werde, war jene noch bereitwilliger. Es ist wirklich schade, daß sie so viel zu tun hat, meinte sie in ironischem Tone, sie hätte uns viel nützen können ... Aber was läßt sich da machen? Wir tun alles, was in unseren Kräften steht. Ich habe einige Freunde; ich werde Seine bischöfliche Gnaden besuchen, kurz Himmel und Erde in Bewegung setzen, wenn es notwendig ist ... Wir haben Erfolg, das verspreche ich Ihnen. Von Verwaltung und Ausgaben wollte sie nichts hören; man finde das notwendige Geld schon, versicherte sie. Das Werk sollte dem Ausschuß Ehre machen und alles schön und gut sein. Sie fügte lachend hinzu, daß die Ziffern ihr den Kopf toll machten und sie vornehmlich die ersten Schritte und Wege, die allgemeine Gestaltung des Planes übernehme. Die liebe Frau Mouret sei ans Bitten und Sammeln nicht gewöhnt; deshalb werde sie sie auf ihren Gängen begleiten und ihr sogar einige Wege abnehmen. Nach einer Viertelstunde war das Werk ihre Sache, und sie gab jetzt Martha Belehrungen. Als diese fortgehen wollte, trat eben Herr von Condamin ein; sie blieb verlegen stehen und wagte nicht von dem Unternehmen zu sprechen, weil der Forstinspektor nach dem Gerede der Leute ebenfalls in die Sache, die die ganze Stadt beschäftigte, verwickelt war. Frau von Condamin erklärte ihrem Gatten den großen Plan; er zeigte sich dabei voll Mitgefühl und fand diese Absicht sehr löblich. Ein solcher Gedanke kann nur dem Kopfe einer Mutter entspringen, sagte er ernst, ohne daß man erraten konnte, ob er sich nicht darüber lustig machte. Plassans wird Ihnen, Madame, seine guten Sitten verdanken. Ich gestehe Ihnen offen, daß dieser Gedanke von mir nur aufgegriffen wurde, erwiderte Martha, verlegen über dieses Lob. Ich habe ihn von einer Persönlichkeit, die ich ungemein schätze. Wer ist dies? fragte neugierig Frau von Condamin. Der Herr Abbé Faujas. Damit erzählte Martha einfach all das Gute, was sie von dem Priester wußte, wobei sie aber nicht die geringste Anspielung auf das üble Gerede machte, das über diesen Mann umging. Sie stellte ihn als einen Mann hin, der der höchsten Achtung würdig sei und versicherte, sie fühle sich glücklich, ihm ihr Haus geöffnet zu haben. Frau von Condamin hörte zu und nickte zeitweilig mit dem Kopfe. Ich habe es immer gesagt, rief sie aus, der Abbé Faujas ist ein ausgezeichneter Priester ... Wenn Sie wüßten, wie schlechte Leute es gibt! Aber seitdem Sie ihn empfangen, wagt man nicht mehr so zu sprechen, und alle üblen Nachreden verstummten auf einmal ... Also Sie sagen, der Gedanke ist von ihm? Man muß ihn bestimmen, in den Vordergrund zu treten; bis dahin ist es selbstverständlich, daß wir die Sache als Geheimnis betrachten ... Ich versichere Ihnen, ich habe ihn immer geachtet und in Schutz genommen ... Ich habe einmal mit ihm gesprochen, sagte der Forstinspektor, und er machte den Eindruck eines sehr gutmütigen Mannes auf mich. Aber seine Frau hieß ihn durch eine Gebärde schweigen; sie behandelte ihn oft wie einen Diener. Bei der eigentümlichen Ehe, die man Herrn von Condamin vorwarf, traf es sich, daß schließlich er allein die Schande trug; denn die junge Frau, die er sich, man wußte nicht woher geholt, hatte sich bald durch ihre Anmut und liebenswürdige Schönheit die Verzeihung der ganzen Stadt erworben; die Provinzbewohner haben für diese Vorzüge mehr Gefühl, als man glaubt. Der Forstinspektor sah ein, daß er bei dieser tugendhaften Unterhaltung überflüssig war. Ich lasse Sie mit dem lieben Gott allein, sagte er mit leichtem Spotte, und rauche unterdessen eine Zigarre ... Octavie, vergiß nicht, rechtzeitig Toilette zu machen, denn wir gehen heute abend auf die Präfektur. Als er fort war, sprachen die beiden Frauen noch einen Augenblick miteinander, kamen wieder auf den früheren Gegenstand, bemitleideten die armen, verführten Mädchen und begeisterten sich immer mehr für den Gedanken, die Kinder vor der Schande zu schützen. Frau von Condamin eiferte heftig gegen die Ausschweifungen. Also abgemacht, sagte sie und schüttelte Martha nochmals die Hand, ich bin beim ersten Rufe bei Ihnen ... Wenn Sie Madame Rastoil und Madame Delangre besuchen, sagen Sie ihnen nur, daß ich alles übernehme, sie hätten nur ihre Namen zu leihen ... Nicht wahr, das ist ein guter Gedanke? Wir weichen keinen Strich davon ab ... Meine Empfehlungen an den Abbé Faujas. Martha begab sich sofort zu Madame Delangre, dann zu Madame Rastoil. Sie fand diese Damen sehr höflich, aber kühler, als Frau von Condamin. Beide zogen die Geldseite des Planes in Betracht, meinten, daß dazu viel Geld notwendig sei und daß es nie durch die öffentliche Mildtätigkeit aufgebracht werden könne, so daß man schließlich zu einem lächerlichen Mißerfolge komme. Martha wollte sie beruhigen und gab ihnen Ziffern an. Dann wünschten sie zu wissen, welche Damen schon ihre Mitwirkung zugesagt haben. Der Name der Frau von Condamin ließ sie gleichgültig; als sie aber erfuhren, daß Madame Rougon sich entschuldigt habe, erwärmten sie sich mehr für den Plan. Madame Delangre hatte Martha in dem Kabinett ihres Gatten empfangen. Sie war eine kleine, blasse Frau, unterwürfig wie eine Magd. Ihre Sittenverderbtheit war in Plassans stadtbekannt. Mein Gott, sagte sie endlich, ich verlange nichts Besseres. Das wäre wirklich eine Schule der Tugend für die Arbeiterkinder, und sehr viele schwache Seelen könnten dadurch gerettet werden. Ich kann Ihnen meine Mitwirkung nicht abschlagen, weil ich weiß, daß ich durch die Stellung meines Mannes, den das Amt eines Bürgermeisters mit allen einflußreichen Leuten in Berührung bringt, Ihnen sehr nützlich sein kann. Nur bitte ich Sie, bis morgen auf meine bestimmte Zusage zu warten, denn unsere Stellung erheischt viel Vorsicht, und ich will darüber erst mit meinem Manne sprechen. Madame Rastoil, die Martha dann besuchte, war ungemein zimperlich und suchte immer nach Worten, um von den Unglücklichen sprechen zu können, die ihre Pflichten vergessen. Sie war sehr fett und stickte eben mit ihren Töchtern, die sie nach den ersten Worten hinausgehen hieß. Ich danke Ihnen, daß Sie an mich gedacht haben, sagte sie; aber ich bin jetzt wirklich in Verlegenheit, denn ich gehöre anderen Ausschüssen an, so daß ich nicht weiß, woher ich die Zeit nehmen soll ... Ich hatte denselben Gedanken wie Sie, nur war mein Plan noch größer, vielleicht auch vollständiger. Schon vor einem Monate nahm ich mir vor, zu dem Bischof zu gehen und mit ihm darüber zu sprechen, doch fand ich noch keine Zeit dazu. Wir können ja unsere Kräfte vereinigen. Ich werde Ihnen sagen, wie ich die Sache beurteile, denn ich glaube, daß Sie über viele Punkte im Irrtum sind ... Wenn es sein muß, nehme ich dieses Opfer auch noch auf mich. Mein Mann sagte erst gestern zu mir: Wirklich, du kümmerst dich gar nicht mehr um deine Angelegenheiten, sondern nur um die anderer. Martha sah sie neugierig an und dachte an ihr altes Verhältnis zu Herrn Delangre, von dem man noch heute in den Kaffees der Promenade Sauvaire sprach. Die Frau des Bürgermeisters und die des Präsidenten nahmen den Namen des Abbé Faujas mit großer Vorsicht auf, besonders letztere, und Martha ärgerte sich ein wenig über das Mißtrauen gegen eine Person, für die sie bürgte. Sie beharrte denn auch bei den guten Eigenschaften des Priesters in so beredten Worten, daß die Frauen schließlich die Verdienste des Priesters zugeben mußten, der so zurückgezogen lebte und für seine Mutter sorgte. Als Martha Madame Rastoil verließ, brauchte sie, um Madame Paloque zu besuchen, nur über die Straße zu gehen, weil diese am anderen Ende der Balande-Straße wohnte. Es war schon sieben Uhr, aber sie wollte doch noch diesen Besuch abstatten, wenn sie auch wußte, daß Mouret schon wartete und sie auszanken werde. Die Paloque setzten sich eben in einem kalten Speisezimmer zu Tische, wo man die sorgsam verhüllte provinzielle Armut merkte. Madame Paloque beeilte sich die Suppenschüssel zuzudecken, die sie eben aufgetragen hatte, voll Unmut, bei Tische angetroffen zu werden. Sie war sehr höflich, fast demütig und verlegen über einen Besuch, den sie nicht erwartete. Ihr Mann, der Richter, saß unterdessen vor seinem leeren Teller und stützte die Hände auf die Knie. Das sind die rechten! rief er, als Martha von den verführten Mädchen sprach. Ich habe heute wieder bei Gericht schöne Dinge gehört. Die Mädchen haben ja selbst ganz ehrbare Männer zur Unzucht aufgefordert ... Sie tun unrecht, Madame, sich für einen solchen Auswurf zu interessieren. Ich fürchte, sagte Madame Paloque, daß ich Ihnen gar nicht nützlich sein kann. Ich kenne niemanden, und mein Mann läßt sich eher eine Hand abhauen, als daß er das Geringste verlangen würde. Wir haben uns aus Ekel vor all den Ungerechtigkeiten, die wir gesehen, ganz zurückgezogen. Wir leben hier bescheiden, überglücklich, daß man uns vergißt ... Sollte man meinem Manne eine Beförderung anbieten, er würde es ausschlagen, nicht wahr, lieber Mann? Der Bezirksrichter nickte mit dem Kopfe. Beide sahen sich lächelnd an, und Martha war diesen schrecklichen Gesichtern gegenüber in Verlegenheit, die vor Galle gelb waren und sich so gut auf die Komödie eines heuchlerischen Verzichtes verstanden. Zum Glück erinnerte sich Martha der Ratschläge ihrer Mutter. Ich habe aber doch auf Sie gerechnet, sagte sie im liebenswürdigsten Tone. Wir werden alle Damen für uns haben, so Madame Delangre, Madame Rastoil, Frau von Condamin; aber, unter uns gesagt, geben diese Damen nur ihren Namen her. Ich hätte gern eine sehr achtungsvolle, hingebende Persönlichkeit gehabt, die die Sache mehr mit dem Herzen anfaßt, und da dachte ich an Sie ... Bedenken Sie wie dankbar uns Plassans sein wird, wenn wir ein solches Unternehmen zu einem guten Abschlüsse bringen! Gewiß, gewiß, erwiderte Madame Paloque, entzückt über die schönen Worte. Dann tun Sie auch unrecht, wenn Sie sich für so machtlos halten. Man weiß, daß Herr Paloque auf der Unterpräfektur sehr gut angeschrieben ist und, unter uns gesagt, man sieht ja in ihm den Nachfolger des Herrn von Rastoil. Bitte, bitte! Ihre Verdienste sind bekannt, und Sie verbergen sich vergebens. Dies ist eine ausgezeichnete Gelegenheit für Madame Paloque, ein wenig aus dem Schatten herauszutreten, in dem sie sich hält, und zu zeigen, welcher Geist und welches Herz in ihr wohnen. Der Richter rückte unruhig hin und her; er sah seine Frau blinzelnd an. Meine Frau hat es ja nicht abgeschlagen, sagte er. Nein, das nicht, erwiderte diese. Sie brauchen mich; das genügt. Ich mache vielleicht nochmals eine Dummheit und gebe mir viele Mühe, für die ich keinen Dank ernte. Fragen Sie meinen Mann, was wir Gutes getan haben, ohne etwas zu sagen. Sie sehen, wie weit wir dabei gekommen sind ... Ändern können wir uns nicht. Wir bleiben immer die Betrogenen. Rechnen Sie auf mich, liebe Frau. Die Paloque erhoben sich; Martha empfahl sich ihnen und dankte ihnen für ihre Hingebung. Als sie einen Augenblick auf der Stiege stehen blieb, um ihren eingezwängten Rock freizumachen, hörte sie hinter der Türe lebhaft sprechen: Sie suchen dich auf, weil sie dich brauchen, sagte der Richter heftig. Du sollst ihnen die Kastanien aus dem Feuer holen. Freilich, erwiderte seine Frau; aber sie sollen es mir vergelten mit allem übrigen. Als Martha nach Hause kam, war es fast acht Uhr. Mouret wartete schon seit einer guten halben Stunde auf das Essen, weshalb sie eine Szene fürchtete. Als sie sich aber umgekleidet hatte und in das Speisezimmer trat, saß ihr Gatte rittlings auf einem Sessel und trommelte mit den Fingern auf dem Tischtuche herum. Er war heute schrecklich in seinem Hohne. Ich dachte schon, meinte er, du wolltest heute in einem Beichtstuhle übernachten. Wenn du wieder in die Kirche gehst, so sage es mir vorher, damit ich auswärts soupiere, wenn du bei den Priestern eingeladen bist. In diesem Tone ging es fort während des ganzen Essens, so daß Martha darunter mehr litt, als wenn er gezankt hätte. Einigemal sah sie ihn flehentlich an und bat ihn, sie in Ruhe zu lassen, aber das reizte ihn nur noch mehr. Octave und Desirée lachten; Serge schwieg und ergriff damit die Partei seiner Mutter. Während des Nachtisches meldete Rosa ganz erschrocken den Besuch des Herrn Delangre, der mit der gnädigen Frau zu sprechen wünsche. Ei, du hältst es auch mit den Behörden? höhnte Mouret. Martha empfing den Bürgermeister im Salon. Dieser, ein sehr hebenswürdiger, fast galanter Mann, sagte, daß er es nicht auf den folgenden Tag verschieben könne, ihr zu diesem edlen Gedanken Glück zu wünschen. Seine Frau sei ein wenig ängstlich und habe unrecht gehabt, nicht sofort ihre Mitwirkung zuzusagen; er komme daher selbst, um in ihrem Namen die Antwort zu bringen, daß sie sich sehr geschmeichelt fühle, dem Ausschuß der Leiterinnen dieses Werkes anzugehören; er wolle sein möglichstes zur Förderung dieses so nützlichen Planes beitragen. Martha begleitete ihn bis zu der Haustüre, wo er, während Rosa noch auf die Straße hinausleuchtete, hinzufügte: Sagen Sie dem Abbé Faujas, daß ich mich glücklich schätzen würde, wenn er mich einmal besuchen wollte. Es gibt eine ähnliche Anstalt in Besançon, er kann mir also die beste Auskunft geben. Ich setze durch, daß die Stadt wenigstens das Haus bezahlt. Auf Wiedersehen, gnädige Frau! Eine Empfehlung an den Herrn Mouret, den ich nicht stören will. Als um acht Uhr der Abbé mit seiner Mutter herunterkam, sagte Mouret zu ihm: Sie haben mir heute meine Frau genommen. Verderben Sie mir sie nicht ganz und machen Sie nur keine Heilige aus ihr. Dann vertiefte er sich wieder in das Kartenspiel, denn er hatte an Madame Faujas eine furchtbare Revanche zu nehmen, weil er an drei Tagen verloren hatte. Martha erzählte dem Priester alle Schritte, die sie getan, wobei sie noch ganz in Aufregung war über den außer dem Hause zugebrachten Nachmittag. Der Abbé ließ sich nochmals einige Einzelheiten erzählen; er versprach, dem Herrn Delangre seinen Besuch zu machen, obwohl er lieber im Hintergrunde geblieben wäre. Es ist nicht recht gewesen, daß Sie gleich meinen Namen nannten, sagte er in unsanftem Tone zu ihr, als er sie so bewegt und eifrig sah. Aber so sind die Frauen immer, die besten Dinge verderben in ihren Händen. Sie sah ihn überrascht an, da sie auf einen solchen Ausfall nicht gefaßt war; sie fühlte eine Angst, die sie manchmal bei dem Anblicke seines schwarzen Talars empfand. Es kam ihr vor, als wenn sich eiserne Hände auf ihre Schultern legten und sie niederdrückten. In den Augen eines Priesters ist die Frau immer die Feindin. Als er ihre Aufregung bemerkte, dämpfte er seine Stimme und sagte: Ich denke nur an den Erfolg Ihres edlen Werkes ... Ich fürchte, seinen Erfolg zu gefährden, wenn ich mich damit beschäftige. Sie wissen, daß ich in der Stadt nicht sehr beliebt bin. Als Martha diese demütigen Worte hörte, versicherte sie ihm, daß er sich täusche und alle Damen von ihm nur das Beste sprächen. Man wisse, daß er seine Mutter unterstütze und ein zurückgezogenes Leben führe, das jedes Lobes wert sei. Hierauf sprachen sie bis elf Uhr von dem großen Plane, wobei sie die kleinsten Einzelheiten in Betracht zogen. Es war ein schöner Abend. Mouret hatte während des Spieles einige Worte aufgefangen. Ihr wollt das Verbrechen um die Wette aus der Welt schaffen ... Das ist eine schöne Sache. So sprach er, als sie schlafen gingen. Drei Tage später bildete sich der Damenausschuß, der Martha zur Vorsitzenden wählte; diese schlug auf Anraten ihrer Mutter hin, die sie insgeheim um Rat gefragt, Frau Paloque zur Kassenverwalterin vor. Beide gaben sich große Mühe, verfaßten Rundschreiben und besorgten hunderterlei Kleinigkeiten. Unterdessen ging Frau von Condamin von der Unterpräfektur in die bischöfliche Residenz und von da zu den einflußreichen Persönlichkeiten; mit großer Anmut erklärte sie »den glücklichen Plan, den sie ersonnen«, führte dabei wunderbare Toiletten ins Treffen und sammelte Almosen und Versprechungen zur Unterstützung. Madame Rastoil erzählte den Priestern, die sie jeden Dienstag empfing, fromm, wie ihr der Gedanke gekommen sei, soviele unglückliche Kinder vor dem Laster zu retten, wobei sie sich damit begnügte, den Abbé Bourrette zu ersuchen, bei den Schwestern vom heiligen Joseph Schritte zu tun, sie zu der Übernahme der inneren Verwaltung des Hauses zu bewegen. Madame Delangre teilte wieder den kleinen Beamten im Vertrauen mit, daß die Stadt diese Einrichtung ihrem Gatten verdanke, denn der Ausschuß habe nur von ihm die Bewilligung erhalten, seine Sitzungen in einem Zimmer des Rathauses abzuhalten. Ganz Plassans war durch dieses fromme Werk in Aufruhr gebracht, und man sprach bald von nichts anderem als von dem Werke der heiligen Jungfrau. Man stimmte überall Lobeslieder an, die Bekannten einer jeden Gönnerin beteiligten sich daran und jeder kleine Kreis arbeitete an dem Erfolge des Unternehmens. Die Einzeichnungslisten, die in den drei Bezirken im Umlaufe waren, kamen schon binnen acht Tagen ganz ausgefüllt zurück. Als der »Anzeiger von Plassans« diese Listen mit den Beiträgen veröffentlichte, erwachte die Eigenliebe, und die hervorragendsten Familien suchten einander an Hochherzigkeit zu übertreffen. Unterdessen wurde mitten in diesem Aufruhr oft der Abbé Faujas genannt. Obgleich jede Gönnerin das Projekt sich allein zuschrieb, wollte man doch wissen, daß der Abbé es von Besançon mitgebracht habe. Herr Delangre erkannte es in der Gemeinderatssitzung an, wo der Kauf des Hauses, das von dem bischöflichen Baumeister als geeignet befunden war, bewilligt wurde. Den Abend zuvor hatte der Bürgermeister eine lange Unterredung mit dem Priester, und sie waren mit warmem Händedruck geschieden. Der Stadtsekretär hatte sie sogar sich mit »Lieber Herr« anreden hören, was einen förmlichen Umschwung zugunsten des Abbé verursachte. Er hatte von da an eine Partei, die ihn gegen seine Feinde verteidigte. Die Mouret waren der Schutz des Abbé geworden. Da ihn Martha als den Urheber eines guten Werkes bezeichnete, dessen Vaterschaft er aus Bescheidenheit leugnete, ging er jetzt nicht mehr mit gesenktem Kopfe längs der Häuser dahin. Er zeigte von jetzt an seinen neuen Talar im Sonnenschein, ging mitten auf der Straße und mußte von der Balande-Straße bis zur Kirche Saint-Saturnin eine Menge Grüße erwidern. Eines Sonntags sprach ihn Frau von Condamin, als er aus der Vesper kam, auf dem Bischofsplatze an und unterhielt sich mit ihm fast eine halbe Stunde. Nun, Herr Abbé, sagte Mouret lachend zu ihm. Sie stehen schon im Gerüche eines Heiligen ... Und vor einem halben Jahre war ich der einzige, der Sie verteidigte. Doch an ihrer Stelle würde ich nicht allzu vertrauensselig sein. Sie haben noch immer den Bischof und dessen Umgebung gegen sich. Der Priester zuckte leicht mit den Achseln, denn es war ihm nicht unbekannt, daß die Anfeindungen, die er noch zu erdulden hatte, von dem Klerus herrührten. Der Abbé Fenil hielt den Bischof Rousselot ganz am Gängelbande. Gegen Ende März, als der Großvikar eine kleine Reise antrat, schien der Abbé Faujas diese Gelegenheit zu benützen, um dem Bischof einige Besuche zu machen. Der Abbé Surin, der Geheimsekretär, erzählte, daß »dieser Teufelsmensch« stundenlang mit dem Bischof eingeschlossen blieb und daß letzterer nach diesen langen Unterredungen sehr schlechter Laune war. Als der Abbé Fenil zurückkam, stellte Faujas seine Besuche ein und verschwand von neuem vor ihm. Aber der Bischof blieb sehr unruhig: Es war klar, daß in seinem bisherigen Wohlbehagen eines sorglosen Prälaten ein großer Umschwung eingetreten sei. Bei einem Essen, das er der Geistlichkeit gab, war er besonders gegen den Abbé Faujas liebenswürdig, den demütigen Vikar von Saint-Saturnin. Der Abbé Fenil biß seit dieser Zeit oft die Lippen zusammen, und seine Beichtkinder konnten ihn in Zorn bringen, wenn sie sich teilnahmvoll nach seinem Befinden erkundigten. Für den Abbé Faujas war die Zeit der Gemütsfreudigkeit gekommen. Er lebte zwar immer noch so streng, aber er war heiterer und liebenswürdiger. An einem Dienstage abend triumphierte er vollständig. Er war nämlich an das Fenster getreten, um die erste Wärme des Frühlings zu genießen, als die Gesellschaft des Herrn Péqueur des Saulaies in den Garten hinabstieg und ihn von ferne begrüßte. Frau von Condamin ging so weit, daß sie mit dem Sacktuche winkte. Aber in demselben Augenblicke nahm auf der anderen Seite die Gesellschaft des Herrn Rastoil vor dem Wasserfalle auf Gartenstühlen Platz. Herr Delangre lehnte an der Terrasse der Präfektur und beobachtete, was bei dem Richter vorging, und sah dank dem Abhänge über den Garten Mourets hinüber. Sie sollen sehen, sie bemerken ihn gar nicht. Er täuschte sich. Der Abbé Fenil drehte sich wie zufällig um und zog den Hut. Dann taten es alle übrigen Priester, die da waren, und der Abbé Faujas erwiderte den Gruß. Dann schloß er, nachdem er rechts und links noch einmal die Gesellschaften überblickt hatte, das Fenster und zog die verschwiegenen, weißen Vorhänge zu. Neuntes Kapitel. Der Monat April war sehr mild. Abends nach dem Essen verließen die Kinder den Speisesaal, um in dem Garten zu spielen. Da es in dem kleinen Zimmer zum Ersticken warm war, gingen Martha und der Abbé schließlich auf die Terrasse, wo sie sich in der Nähe des offenen Fensters fern von den Strahlen der Lampe niederließen, die das hohe Gebüsch beleuchtete. Hier sprachen sie, während die Nacht sich auf sie herabsenkte, von den tausend Einzelheiten des Werkes der heiligen Jungfrau. Diese stete Beschäftigung mit dem frommen Werke brachte einen milden Zug mehr in ihre Unterhaltung. Ihnen gegenüber war zwischen den riesigen Birnbäumen des Herrn Rastoil und den schwarzen Kastanienbäumen der Präfektur ein großes Stück Himmel sichtbar. Die Kinder liefen unter den Lauben am anderen Ende des Gartens umher, während zwischen Mouret und Madame Faujas, die im Speisesaale beim Spiel zurückgeblieben waren, von Zeit zu Zeit ein kleiner Zank losbrach. Manchmal hielt Martha in ihren Worten, die langsam von ihren Lippen kamen, gerührt inne, wenn sie am Himmel eine Sternschnuppe dahinfliegen sah. Sie lächelte dann, sah zum Himmel empor und sagte leise: Da geht wieder eine Seele aus dem Fegefeuer ins Paradies ein. Dabei lehnte sie das Haupt zurück und blickte zum Himmel empor. Als der Priester schwieg, fügte sie hinzu: Das ist ein schöner Kinderglaube ... Man möchte immer ein Kind bleiben ... Jetzt besserte sie abends nicht mehr die Wäsche aus, weil sie eine Lampe auf der Terrasse hätte anzünden müssen; sie blieb lieber in dem lauen Schatten der Nacht sitzen, was ihr so wohl tat. Außerdem ging sie jetzt fast jeden Tag aus und war abends immer sehr müde, so daß sie nach dem Essen nicht einmal mehr den Mut hatte, eine Nadel in die Hand zu nehmen. Rosa mußte die Wäsche ausbessern, weil Mouret sich immer über seine zerrissenen Strümpfe beklagte. In Wahrheit war aber Martha sehr beschäftigt. Außer den Ausschußsitzungen, die sie leitete, hatte sie eine Menge anderer Sorgen, hatte Besuche zu machen und Arbeiten zu beaufsichtigen. Die Schreibereien und andere Kleinigkeiten mehr überließ sie zwar der Frau Paloque; aber je weiter das Werk gedieh, desto nervöser wurde sie und begab sich jede Woche dreimal in die Vorstadt, um den Stand der Arbeiten zu besichtigen. Da ihr aber die Arbeit viel zu langsam vorwärtskam, eilte sie in die Kirche und suchte den Baumeister auf, zankte mit ihm und bat ihn flehentlich, doch die Arbeiter da draußen nicht ohne Aufsicht zu lassen; sie war sogar auf die Arbeiten eifersüchtig, die er in der Kirche ausführen ließ, weil die Kapelle sich viel rascher der Vollendung näherte. Lieutaud lächelte und versicherte ihr, daß alles bis zur vereinbarten Frist fertig sei. Auch der Abbé Faujas erklärte, daß gar nichts vorwärtsgehe, und drängte Martha, den Baumeister nicht eine Minute in Ruhe zu lassen. Diese kam daher jeden Tag in die Kirche, den Kopf voll von Ziffern und ganz beschäftigt mit den Mauern, die niederzureißen und neu aufzurichten waren. Die Kühle des Gotteshauses beruhigte sie ein wenig. Sie nahm Weihwasser und bekreuzte sich, um es zu machen wie die übrigen Leute. Schließlich kannten die Kirchendiener sie und grüßten sie; sie selbst wurde mit allen Räumlichkeiten bekannt; mit der Sakristei, wo sie manchmal den Abbé Faujas aufsuchte, mit den großen und kleinen Gängen des Klosters, die sie durchschreiten mußte. Nach vier Wochen war in der Kirche kein Winkel, den sie nicht kannte. Manchmal mußte sie auf den Baumeister warten; sie setzte sich dann in einer Seitenkapelle nieder, ruhte von dem schnellen Gange aus und dachte über tausenderlei Dinge nach, die sie dem Herrn Lieutaud zu sagen hatte; die tiefe Stille, die sie umgab und der fromm stimmende Schatten der Kirchenfenster versenkten sie zuweilen in eine Art süßer Träumerei. Sie begann sich unter den hohen Gewölben, vor den geschmückten Altären und den in Reihen aufgestellten Stühlen so heimisch zu fühlen, daß, sobald die Doppeltüre leise hinter ihr zufiel, ein Gefühl tiefster Ruhe, ein Vergessen der Widerwärtigkeiten des Lebens, ein Aufgehen ihres ganzen Wesens in diesem irdischen Frieden sich in ihr Herz senkten. Wie schön es in der Kirche ist! sagte sie eines Abends nach einem stürmischen Tage zu ihrem Gatten. Sollen wir dahin schlafen gehen? erwiderte Mouret lachend. Martha fühlte sich verletzt. Der Gedanke an das rein leibliche Wohlbehagen, das sie in der Kirche fühlte, beleidigte sie wie etwas Ungeziemendes, so daß sie jetzt nur mehr mit einer gewissen Angst dahinging und sich Mühe gab dort gleichgültig einzutreten wie in die Säle des Rathauses; trotzdem fühlte sie ihr Innerstes erschauern. Sie litt darunter und unterzog sich doch gern diesem Leiden. Der Abbé Faujas schien diese langsame Veränderung, die sie jeden Tag tiefer ergriff, nicht zu bemerken. Er blieb für sie ein geschäftiger, verbindlicher Mann, der nie etwas vom Himmel sagte, nie den Priester hervorkehrte. Manchmal rief sie ihn von einem Begräbnisse weg, und er sprach zwischen zwei Pfeilern mit ihr, von Weihrauch und Wachs duftend. Das geschah oft wegen einer Maurerrechnung oder einer Tischlerforderung. Er gab genaue Auskunft und ging dann wieder zu seinem Toten, den er zu Grabe geleitete, während sie in dem leeren Schiffe zurückblieb, wo der Kirchendiener die Kerzen auslöschte. Wenn der Abbé mit ihr die Kirche durchschritt und sich vor dem Hochaltare verbeugte, tat sie es ebenfalls; zuerst hatte sie sich aus Anstand verbeugt, dann sich so daran gewöhnt, daß sie es auch tat, wenn sie allein war. Bis zu dieser Ehrfurchtsbezeugung ging ihre Frömmigkeit. Zwei oder drei Male kam sie zufällig an hohen Festtagen zur Kirche; wenn sie aber die Orgel hörte und die Kirche voll Menschen sah, wich sie, von Furcht ergriffen zurück und wagte nicht einzutreten. Nun, fragte Mouret sie jetzt oft in höhnischem Tone, wann gehst du denn das erstemal zur Kommunion? In dieser Weise ärgerte er sie mit seinen Späßen, zu denen sie immer schwieg. Sie sah ihn nur mit starrem Auge an, in dem ein Blitz aufleuchtete, wenn er zu weit ging. Allmählich wurde er herber; er hatte nicht mehr den Mut zu spotten; nach einem Monat ward er böse. Ist das vernünftig, sich mit den Pfaffen abzugeben? schimpfte er, wenn er sein Essen nicht fertig fand. Du bist jetzt immer außer dem Hause, und man kann dich nicht eine Stunde hier festhalten ... Es würde mir nichts daran liegen, wenn nur nicht alles darunter litte; aber ich bekomme keine Wäsche mehr geflickt, das Essen ist um sieben Uhr nicht fertig, und Rosa kann mit allem nicht fertig werden; das Haus geht zugrunde. Damit hob er einen Staubfetzen auf, verschloß eine vergessene Weinflasche, wischte mit den Fingerspitzen den Staub von den Möbeln, wurde immer zorniger und schrie zuletzt: Nicht wahr, einen Kehrbesen soll ich in die Hand nehmen und eine Küchenschürze umbinden! ... Das wäre dir recht! Du ließest mich die Wirtschaft führen und würdest es nicht einmal bemerken. Weißt du, daß ich heute früh zwei Stunden gebraucht habe, diesen Schrank da in Ordnung zu bringen? Nein, meine Beste, so kann es nicht weitergehen. Ein andermal entstand wieder ein Streit wegen der Kinder. Als Mouret nach Hause kam fand er Desirée ganz allein im Garten vor einem Ameisenhaufen auf dem Bauche liegen und zusehen, was diese Tiere treiben. Sie sah »schmutzig wie ein kleines Schwein« aus. Es ist nur ein Glück, daß du nicht noch draußen schläfst, rief er seiner Frau zu, sobald er sie erblickte. Schau dir doch deine Tochter an! Sie durfte kein anderes Kleid anziehen, damit du auch diesen schönen Anblick genießen kannst. Das Mädchen weinte bitterlich, als ihr Vater es nach allen Seiten drehte. Ist sie nicht hübsch? ... So sehen die Kinder aus, wenn man sie allein läßt. Ihr Fehler ist es nicht; die arme Kleine ist unschuldig. Du wolltest sie ehemals nicht fünf Minuten allein lassen, weil sie, wie du sagtest, etwas in Brand stecken könnte ... Ja, sie steckt alles in Brand; alles geht in Flammen auf, und das ist ganz recht. Als hierauf Rosa das Mädchen hinausgeführt hatte, schimpfte er noch stundenlang weiter: Jetzt lebst du für die Kinder anderer und kannst nicht einmal für deine eigenen sorgen. Wie du dumm bist, dich für ein solches Bettelpack abzumühen, das sich über dich lustig macht und in allen Winkeln der Schanzen herumliegt! Geh' doch einmal des Abends vor die Stadt hinaus, da kannst du sehen, wie diese Dirnen, die du in den Schutz der heiligen Jungfrau stellst, ihre Röcke über den Kopf heben ... Er holte Atem, dann fuhr er fort: Gib wenigstens auf Desirée acht, bevor du fortgehst, um Dirnen aus der Gosse aufzulesen. Sie hat faustgroße Löcher in ihrem Kleide. Eines Tages finden wir sie mit einem gebrochenen Gliede im Garten ... Von Octave und Serge spreche ich gar nicht, obgleich es mir lieber wäre, dich zu Hause zu wissen, wenn sie aus dem Kolleg kommen. Sie hecken allerlei tolle Streiche aus; gestern haben sie zwei Steinplatten auf der Terrasse zerbrochen, als sie Petarden anzündeten ... Ich sage dir, wenn du nicht in deinem Hause bleibst, werden wir eines Tages alles in Trümmern finden. Martha entschuldigte sich mit einigen Worten: Sie habe ausgehen müssen. Mouret sagte in seinem zänkischen Wesen die Wahrheit: Um das Haus stand es schlecht. Der ruhige Winkel, über den die Sonne so friedlich zur Rüste ging, ward zu einem Orte des Zankes, der Verlassenheit, des tollen Treibens der Kinder, der schlechten Laune des Vaters und der Gleichgültigkeit der Mutter. Abends bei Tische aßen alle schlecht und zankten. Rosa tat, was sie wollte, und gab im übrigen der Frau des Hauses recht. Es kam so weit, daß Mouret, als er seiner Schwiegermutter begegnete, sich bitter über Martha beklagte, obgleich er wußte, welche Freude er der alten Frau bereitete, wenn er ihr von dem Ungemach seiner Häuslichkeit erzählte. Sie setzen mich in großes Erstaunen, erwiderte Felicité lächelnd. Martha schien Sie zu fürchten; ich fand sie sogar zu schwach und zu gehorsam. Eine Frau soll vor ihrem Gatten nicht zittern. Freilich, rief Mouret verzweifelt aus. Sie wäre unter die Erde gekrochen, um nur einen Streit zu vermeiden. Ein Blick genügte; sie tat alles was ich wollte ... Jetzt ist alles anders. Ich kann noch so sehr schreien, sie tut nur, was sie will. Sie antwortet mir nicht, das ist wahr; sie trotzt mir auch nicht, aber das wird schon kommen. Felicité erwiderte scheinheilig: Wenn Sie es wünschen, will ich mit Martha sprechen; nur könnte es sie verletzen, denn solche Sachen sollen lieber zwischen Mann und Frau bleiben ... Ich mache mir keine Sorgen: Sie werden sehr gut den häuslichen Frieden wieder zu finden wissen, auf den Sie so stolz waren. Mouret zuckte mit den Achseln und erwiderte, während er zu Boden sah: Nein, nein, ich kenne mich; ich schimpfe, aber das führt zu nichts. Im Grunde genommen bin ich schwach wie ein Kind ... Man ist im Unrecht, wenn man glaubt, daß ich immer meine Frau am Gängelbande geführt habe. Wenn sie oft das tat, was ich wollte, so geschah es nur, weil es ihr gleichgültig war, ob sie dies oder jenes tat. Bei all ihrer Sanftmut ist sie doch sehr eigensinnig ... Ich will versuchen, sie auf den rechten Weg zurückzuführen. Dann sah er auf und fuhr fort: Ich hätte besser getan, wenn ich es Ihnen nicht gesagt hätte. Nicht wahr, Sie erzählen es niemanden? Als Martha am folgenden Tage ihre Mutter besuchte, nahm diese eine gekränkte Miene an und sagte ihr: Du tust unrecht, liebe Tochter, daß du dich mit deinem Gatten so schlecht verträgst. Ich habe ihn gestern gesehen, er ist ganz außer sich. Ich weiß wohl, daß er viele Lächerlichkeiten an sich hat, aber das ist kein Grund, deine Wirtschaft zu vernachlässigen. Martha sah ihre Mutter scharf an. Also er beklagt sich über mich, sagte sie kurz. Er sollte wenigstens schweigen; ich beklage mich nicht über ihn. Dann sprach sie von anderen Dingen. Aber Madame Rougon brachte das Gespräch wieder auf ihren Gatten, indem sie sich nach dem Abbé Faujas erkundigte. Weißt du, vielleicht kann Mouret den Abbé nicht leiden und zankt seinethalben mit dir. Martha war ganz überrascht. Welcher Gedanke! sagte sie leise. Warum soll mein Mann den Abbé Faujas nicht leiden mögen? Mir gegenüber hat er wenigstens noch kein Wort fallen lassen, das mich zu dieser Annahme berechtigen würde. Er hat dir doch auch nicht darüber gesagt, nicht wahr? ... Nein, du täuschest dich. Er würde sie in ihrem Zimmer aufsuchen, wenn die Alte nicht herabkäme, um mit ihm zu spielen. Wirklich ließ Mouret kein Wort über den Abbé Faujas fallen; er verspottete ihn nur manchmal in ungehöriger Weise. Er zog ihn oft in die Neckereien, mit denen er seine Frau in bezug auf die Religion plagte, mit hinein. Aber das war alles. Eines Morgens rief er beim Rasieren Martha zu: Höre, meine Beste, wenn du zur Beichte gehst, nimm dir den Abbé. Wenigstens bleiben deine Sünden unter uns. Der Abbé hörte jeden Dienstag und Freitag die Beichte. An diesen Tagen begab sich Martha nicht in die Kirche; sie sagte, sie wolle ihn nicht stören. Aber sie gehorchte mehr jener ängstlichen Scheu, die sie befangen machte, wenn sie ihn im Chorhemde antraf, in dessen Spitzen er den geheimnisvollen Geruch der Sakristei mitbrachte. An einem Freitage ging sie mit Frau von Condamin nachsehen, wie weit die Arbeiten des Werkes der heiligen Jungfrau gediehen seien. Die Arbeiter vollendeten eben die Außenseite. Frau von Condamin war damit ganz unzufrieden, weil sie den äußeren Schmuck armselig und ohne Stil fand; es hätten zwei einfache Säulen mit einem Spitzbogen angebracht werden sollen, etwas Jugendliches und Religiöses zugleich, ein klein wenig Architektur, das dem Ausschuß Ehre gemacht hätte. Martha zögerte und gab schließlich zu, daß es wirklich armselig aussehe. Als die andere ihr zuredete, versprach sie, noch an demselben Tage mit Herrn Lieutaud darüber zu sprechen. Um ihr Wort zu halten, ging sie, bevor sie heimkehrte, noch in die Kathedral-Kirche. Es war vier Uhr, und der Baumeister hatte soeben das Gotteshaus verlassen. Als sie nach dem Abbé Faujas fragte, sagte ihr ein Kirchendiener, daß er in der Kapelle Sankta-Aurelia Beichte höre. Sie erinnerte sich, was heute für ein Tag war, und erwiderte leise, daß sie nicht warten könne. Aber als sie auf dem Rückwege an der Kapelle Sankta-Aurelia vorüberkam, dachte sie, daß der Abbé sie vielleicht gesehen habe. In Wahrheit aber fühlte sie eine eigentümliche Schwäche; sie setzte sich außerhalb der Kapelle an das Gitter. Hier blieb sie. Der Himmel war bewölkt, die Kirche füllte sich mit einer langsam hernieder sinkenden Dämmerung. In den schon dunkelen Seitenschiffen leuchteten das Licht einer Ampel, der vergoldete Fuß eines Leuchters und das silberne Gewand einer Mutter Gottes; und das Hauptschiff entlang brach sich ein bleicher Strahl auf dem blanken Eichenholz der Bänke und Stühle. Noch nie hatte sich Martha hier so schwach gefühlt; ihre Beine waren wie gebrochen, ihre Hände so schwer, daß sie sie über den Knien zusammenfaltete, um nicht die Mühe zu haben, sie zu tragen. Sie überließ sich einem Schlafe, in dem sie immer noch sah und hörte, aber es war ein sehr angenehmes Gefühl. Die leisen Geräusche unter dem Gewölbe, das Fallen eines Stuhles, der langsame Schritt einer Frommen stimmte sie weich und nahm einen schier musikalischen Klang an, der ihr zu Herzen drang; während der letzte Glanz des Tages, die Schatten, die wie eine Hülle die Pfeiler hinan stiegen, ihr zart wie schillernde Seide schienen, fühlte sie in der wohligen Schwäche, die sie erfaßte, ihr ganzes Wesen aufgehen und erlöschen. Sie war in diesem namenlosen Etwas vollkommen selig. Eine Stimme entriß sie diesem Entzücken. Es tut mir sehr leid, sagte der Abbe Faujas, ich habe Sie bemerkt, aber ich konnte nicht weggehen. Jetzt schien sie plötzlich zu erwachen. Sie sah ihn an. Er stand im Chorhemde vor ihr in dem erlöschenden Tageslichte. Sein letztes Beichtkind war eben fortgegangen, und die leere Kirche versank in eine noch größere Feierlichkeit. Sie wollten mit mir sprechen? fragte er. Sie machte eine Anstrengung, suchte sich zu erinnern. Ja, sagte sie leise, ich weiß es aber nicht mehr ... Richtig, es handelt sich um die Außenseite, die Frau von Condamin zu einfach findet. Man sollte zwei Säulen anstatt dieser flachen, nichtssagenden Tür anbringen; man könnte auch einen Spitzbogen mit bemalten Fenstern einsetzen. Das wäre sehr hübsch ... Sie verstehen mich, nicht wahr? Die Hände über seinem Chorhemde gefaltet, sah er sie ernst an; er überragte sie und neigte sein nachdenkliches Antlitz zu ihr. Sie saß noch immer, da sie nicht die Kraft hatte, aufzustehen; sie stammelte noch mehr, als wenn sie in einem Schlummer ihres Willens überrascht worden sei, den sie nicht abschütteln konnte. Das würde zwar noch mehr kosten ... Man könnte sich ja mit Säulen aus weichem Steine und einem einfachen Gesimse zufrieden geben ... Wir werden darüber mit dem Maurermeister sprechen, wenn Sie wollen; er wird uns den Preis sagen. Nur wäre es gut, ihm zuerst seine letzte Rechnung zu begleichen. Es sind, wie ich glaube, zweitausend und einige Franken. Wir haben das nötige Geld, Frau Paloque hat es mir heute früh gesagt ... All dies läßt sich einrichten, Herr Abbé. Sie hatte den Kopf gesenkt, als drücke sie der Blick nieder, den sie auf sich ruhen fühlte. Als sie wieder aufsah und den Blicken des Priesters begegnete, faltete sie die Hände zusammen wie ein Kind, das um Gnade bittet, und brach in Schluchzen aus. Der Priester, der schweigend vor ihr stand; ließ sie weinen. Dann fiel sie vor ihm auf die Knie und weinte in die Hände, mit denen sie ihr Gesicht bedeckte. Ich bitte Sie, stehen Sie auf, sagte der Abbé sanft zu ihr. Nur vor Gott sollen Sie knien. Er zog sie empor und setzte sich neben sie. Dann sprachen sie lange leise miteinander. Die Nacht war ganz hereingebrochen, und die Ampeln leuchteten mit einem Goldschimmer in den schwarzen Tiefen der Kirche. Das Geflüster der beiden allein zitterte vor der Kapelle der heiligen Aurelie. Man hörte den Priester unaufhörlich sprechen; nach jeder schwachen und abgebrochenen Antwort Marthas nahm er von neuem das Wort. Als sie sich endlich erhoben, schien er eine Gnade, um die sie dringend bat, abzuschlagen; als er sie zur Türe führte, sagte er lauter zu ihr: Nein, ich kann wirklich nicht. Es ist besser, Sie nehmen den Abbé Bourrette. Ich benötige so sehr Ihrer Ratschläge, erwiderte Martha mit flehender Stimme leise. Es scheint mir, daß mir mit Ihnen alles leicht wird. Sie täuschen sich, fuhr er in weniger sanftem Tone fort. Ich fürchte im Gegenteil, daß meine Leitung Ihnen im Anfange schadet. Der Abbé Bourrette ist, glauben Sie es mir, der Priester, den Sie brauchen ... Später werde ich Ihnen vielleicht eine andere Antwort geben. Martha gehorchte. Am folgenden Tage waren die frommen Besucherinnen der Kirche Sankt-Saturnin nicht wenig erstaunt, als sie Frau Mouret vor dem Beichtstuhl des Abbé Bourrette niederknien sahen. Zwei Tage nachher sprach man in Plassans von nichts anderem als von dieser Bekehrung. Der Name des Abbé Faujas wurde von gewissen Leuten mit einem feinen Lächeln genannt; aber im ganzen war der Eindruck ein ausgezeichneter und ganz zum Vorteile des Abbé. Frau Rastoil drückte Frau Mouret in der Ausschußsitzung die Anerkennung aus; Frau Delangre wollte darin den ersten Segen Gottes sehen, der die Gönnerinnen für ihr gutes Werk belohnte, indem er das Herz der einzigen unter ihnen rührte, die nicht zu beichten pflegte. Frau von Condamin nahm Martha beiseite und sagte zu ihr: Meine Teure, Sie haben recht gehabt; das ist für eine Frau notwendig. Sobald man ein wenig ausgeht, muß man schon in die Kirche gehen. Man wunderte sich nur, daß sie den Abbé Bourrette gewählt habe, denn dieser würdige Mann nahm sonst nur kleinen Mädchen die Beichte ab. Die Damen fanden ihn »so wenig unterhaltend«. Als am Donnerstage Martha noch nicht angekommen war, sprach man bei den Rougons in einer Ecke des grünen Salons davon, und diesmal fand Frau Paloque mit ihrer Vipernzunge das letzte Wort in diesem Geklatsche. Der Abbé Faujas hat recht gehabt, sie nicht für sich zu behalten, sagte sie mit einer Gesichtsverzerrung, die sie noch häßlicher machte. Der Abbé Bourrette rettet alles und hat nichts Anstößiges. Als Martha an diesem Tage ankam, ging ihre Mutter ihr entgegen und küßte sie auffallend zärtlich vor der Gesellschaft. Sie hatte sich mit Gott versöhnt, und zwar an dem Tage nach dem Staatsstreiche. Es schien ihr, daß der Abbé Faujas sich jetzt wieder in den grünen Salon wagen könnte, aber er ließ sich entschuldigen, indem er Mangel an Zeit und seinen Hang zur Einsamkeit vorschützte. Sie glaubte, daß er sich die triumphierende Wiederkehr für den nächsten Winter aufhebe. Überhaupt wurden die Erfolge des Abbé immer größer. In den ersten Monaten hatte er als Beichtkinder nur die frommen Weiber vom Grünzeugmarkte, der hinter der Kathedrale stand und Salatverkäuferinnen, deren Kauderwelsch er ruhig anhörte, ohne sie immer zu verstehen; doch jetzt, besonders seit dem Aufsehen, das das Werk von der heiligen Jungfrau veranlaßt hatte, sah er jeden Dienstag und Freitag einen ganzen Kreis von Bürgersfrauen in seidenen Kleidern um seinen Beichtstuhl knien. Als Martha einfach erzählte, daß er sie nicht zum Beichtkinde haben wolle, da entschloß sich Frau von Condamin zu einer kühnen Tat: sie verließ ihren Beichtvater, den ersten Vikar von Saint-Saturnin. der darüber ganz verzweifelt war, und ging mit großem Aufsehen zu dem Abbé Faujas. Ein solcher Vorfall befestigte vollständig die Stellung des letzteren in der Gesellschaft von Plassans. Als Mouret erfuhr, daß seine Frau zur Beichte ging, sagte er einfach zu ihr: Du tust etwas Schlimmes, da du das Bedürfnis fühlst, deine Angelegenheiten einem Priesterrocke zu erzählen. Im übrigen schien er sich inmitten dieser frommen Aufregung abzusondern und sich noch mehr hinter seinen Gewohnheiten in seiner einfachen Lebensweise zu verschanzen. Seine Frau hatte ihm vorgeworfen, daß er sich beklagt habe. Du hast recht, es war nicht schön, hatte er erwidert. Man darf nicht andern eine Freude bereiten, indem man ihnen seine Verdrießlichkeiten erzählt. Ich verspreche dir, deiner Mutter diese Freude nicht noch einmal zu machen. Ich habe es mir überlegt. Das Haus kann über mir zusammenstürzen, und ich werde es niemandem vorjammern. Wirklich achtete er seit dieser Zeit sein Haus; er stritt vor niemandem mehr mit seiner Frau und nannte sich wie früher den glücklichsten der Menschen. Diese Anstrengung seiner Einsicht kostete ihm wenig; sie stimmte ganz gut zur fortwährenden Berechnung seines Wohlbehagens; er übertrieb sogar seine Rolle eines ordnungsliebenden Spießbürgers und war des Lebens froh. Martha fühlte seine Ungeduld nur an seinen lebhaften Gebärden. Er sprach wochenlang kein böses Wort mit ihr, überhäufte nur die Kinder und Rosa mit seinen Spötteleien und tadelte sie von früh bis abends wegen der geringsten Fehler. Wenn er Martha beleidigte, so geschah dies am öftesten durch Bosheiten, die sie allein verstehen konnte. War er früher sparsam, so wurde er jetzt geizig. Es ist unsinnig, zankte er, daß wir soviel Geld ausgeben. Ich wette, du schenkst alles deinem Bettelpack. Nicht genug damit, daß du deine Zeit vertrödelst ... Höre, meine Beste, ich gebe dir monatlich hundert Franken für die Wirtschaft. Wenn du Dirnen Almosen geben willst, die es nicht verdienen, magst du es von deinem Nadelgeld tun. Er hielt Wort; im folgenden Monat schlug er Martha ein Paar Stiefelchen ab, indem er vorgab, es störe seine Rechnungen, und er habe sie gewarnt. Aber eines Abends traf ihn seine Frau im Schlafzimmer bitterlich weinend an. Bei ihrer großen Güte ward sie dadurch tief gerührt. Sie küßte ihn und bat ihn flehentlich, ihr seinen Kummer mitzuteilen. Aber er machte sich unzart von ihr los, und sagte, daß er nicht weine und nur an Kopfschmerzen leide, die ihm die Augen gerötet haben. Glaubst du, schrie er, daß ich so dumm bin zu schluchzen wie du? Sie war beleidigt. Er stellte sich am folgenden Tage recht lustig. Als nach einigen Tagen der Abbé und seine Mutter nach dem Essen herunterkamen, weigerte er sich, seine Spielpartie zu machen. Er sei nicht dazu aufgelegt, sagte er. Die folgenden Tage fand er andere Vorwände, so da\& die Partien aufhörten. Jeder ging auf die Terrasse hinaus, Mouret setzte sich seiner Frau und dem Abbé gegenüber, plauderte und benutzte jede Gelegenheit, um zu reden. Einige Schritte weiter saß im Schatten Madame Faujas, stumm und unbeweglich, die Hände auf den Knien gleich einer jener sagenhaften Gestalten, die mit bissiger Treue wie ein knurrender Hund einen Schatz bewachen. Wirklich ein schöner Abend! sagte Mouret jedesmal. Hier ist es viel schöner als in dem Speisezimmer. Sie hatten ganz recht, an die frische Luft zu gehen ... Da fällt eine Sternschnuppe! Haben Sie sie gesehen, Herr Abbé? Ich habe mir erzählen lassen, daß da der heilige Petrus seine Pfeife anzündet. Er lachte. Martha blieb ernst, da sie die Späße verletzten, mit denen er gleichsam den Himmel beleidigte, der sich vor ihr zwischen den Birnbäumen des Herrn Rastoil und den Kastanienbäumen der Präfektur ausbreitete. Manchmal stellte er sich, als wisse er nicht, daß sie jetzt fromm sei; er nahm den Abbé beiseite und erklärte ihm, er rechne auf ihn, um das Heil des ganzen Hauses zu sichern. Ein andermal begann er jeden Satz in heiterem Tone mit den Worten: Jetzt, wo meine Frau zur Beichte geht ... Wenn er dieses ewigen Themas überdrüssig war, horchte er auf das, was man in den Nachbargärten sprach. Er erkannte die Stimmen, die hörbar wurden und durch die ruhige Nacht herüberklangen, während das letzte Geräusch von Plassans in der Ferne erstarb. Das, sagte er leise, indem er sich nach der Seite der Präfektur hinneigte, das sind die Stimmen des Herrn von Condamin und des Dr. Porquier. Sie müssen sich über die Paloques lustig machen ... Haben Sie die Fistelstimme des Herrn Delangre gehört, der gesagt hat: »Meine Damen, Sie sollten hineingehen, es wird kühl.« Finden Sie nicht, daß der kleine Delangre immer so redet, als wenn er eine Flöte verschluckt habe? Dann wandte er sich dem Garten der Rastoil zu: Dort ist niemand zu Hause, fuhr er fort. Ich höre nichts ... doch, die großen dummen Töchter sitzen bei dem Wasserfalle. Wenn die Ältere spricht, kaut sie förmlich Kieselsteine. Alle Abende haben sie eine ganze Stunde zu plaudern. Wenn sie sich gegenseitig Liebeserklärungen anvertrauen, die man ihnen gemacht hat, kann es nicht lange währen. Ei, es sind alle da ... Der Abbé Surin mit seiner Flötenstimme und der Abbé Fenil, der am Karfreitag als Schnarre dienen könnte. In diesem Garten drängen sich manchmal etwa zwanzig Personen zusammen, ohne einen Finger zu rühren. Ich glaube, sie sind rein nur dort, um uns zu belauschen. Auf all dieses Geplauder gaben der Abbé Faujas und Martha nur kurze Antworten, wenn er sie direkt ansprach. Gewöhnlich waren beide, den Kopf erhoben und die Augen in der Ferne schweifend, zusammen anderswo, viel weiter und höher. Eines Abends schlief Mouret ein. Da begannen sie leise zu plaudern und näherten sich mit den Köpfen. Einige Schritte von ihnen schien Madame Faujas, die Hände auf den Knien, die Ohren gespannt, das Auge offen, ohne zu sehen und zu hören, die beiden zu bewachen. Zehntes Kapitel. Der Sommer ging vorüber. Der Abbé Faujas schien durchaus nicht aus seiner wachsenden Beliebtheit Vorteil ziehen zu wollen. Er schloß sich immer noch bei den Mourets ein, glücklich über die Einsamkeit des Gartens, in den er schließlich auch tagsüber hinabging. Er las sein Brevier in der hinteren Laube und schritt langsam, den Kopf gesenkt, die Gartenmauer entlang. Manchmal schloß er das Buch und verlangsamte noch seine Schritte, als sei er in einen tiefen Traum gesunken. Mouret, der ihn beobachtete, wurde schließlich von einer dumpfen Ungeduld erfaßt, wenn er die schwarze Gestalt sah, die unter seinen Obstbäumen stundenlang hin und her ging. Man ist nicht mehr Herr in seinem Hause, sagte er leise. Ich kann jetzt nicht aufblicken, ohne diesen Talar zu entdecken. Der Mensch da ist wie die Raben. Er hat ein rundes Auge, das etwas zu belauern und zu erwarten scheint. Ich traue nicht seiner scheinbaren großen Teilnahmlosigkeit. In den ersten Septembertagen war das Haus des Werkes der heiligen Jungfrau fertig. Die Arbeiten ziehen sich in der Provinz dahin. Freilich hatte der Ausschuß zweimal die Pläne des Herrn Lieutaud durch seine eigenen Gedanken umgestoßen. Als er die Anstalt übernahm, belohnte er den Architekten durch die liebenswürdigsten Lobsprüche. Alles schien ihnen zu gefallen: die großen Säle, die Spielräume, der Hof, der mit Bäumen bepflanzt und mit zwei Springbrunnen geschmückt war. Frau von Condamin war von der Außenseite entzückt, die ihr Gedanke war. Über der Türe war auf einer schwarzen Marmorplatte in goldenen Buchstaben zu lesen: Werk der heiligen Jungfrau . Die Einweihung gestaltete sich zu einem sehr rührenden Feste. Der Bischof selbst mit dem ganzen Kapitel führte die Schwestern vom heiligen Joseph ein, die bestimmt waren, die Anstalt zu leiten. Man hatte fünfzig Mädchen von acht bis fünfzehn Jahren auf den Straßen des alten Viertels aufgelesen und dort untergebracht. Die Eltern brauchten nur zu erklären, daß sie infolge ihrer Beschäftigung den ganzen Tag vom Hause ferngehalten würden. Herr Delangre hielt eine Rede, die sehr gefiel; er erläuterte in edlem Stile ausführlich diese neuartige Bewahranstalt, die er eine »Schule der guten Sitten und der Arbeit« nannte, wo junge und anziehende Geschöpfe den bösen Versuchungen entrinnen sollten. Gegen das Ende der Rede wurde eine zarte Andeutung auf den eigentlichen Gründer des Werkes, den Abbé Faujas, sehr bemerkt. Dieser befand sich bei den anderen Priestern unter den Anwesenden. Sein schönes, ernstes Gesicht blieb unempfindlich, als alle auf ihn blickten. Martha war auf der Erhöhung, wo sie inmitten der Ausschußdamen saß, errötet. Als die Feier vorüber war, wollte der Bischof das Haus in allen Einzelheiten besichtigen. Trotz der augenscheinlichen Verstimmung des Abbé Fenil ließ er den Abbé Faujas rufen, dessen schwarze Augen nicht einen Augenblick von ihm gewichen waren, und bat diesen, ihn begleiten zu wollen, indem er lächelnd hinzufügte, daß er gewiß keinen besseren Führer wählen könne. Diese Worte machten unter den Anwesenden, die sich zurückzogen, die Runde; am Abend sprach ganz Plassans von dieser Haltung des Bischofs. Der Ausschuß der Damen hatte in dem Hause ein Zimmer für sich behalten, wo er dem Bischöfe eine Erfrischung anbot; er nahm ein Biskuit und ein Gläschen Malaga an, wobei er Gelegenheit fand, zu jeder der Damen liebenswürdig zu sein. Dies schloß das fromme Fest in glücklicher Weise ab, denn es hatte vor und während der Feier unter den Damen an Kränkungen wegen verletzter Eitelkeit nicht gefehlt. Das zarte Lob Seiner bischöflichen Gnaden brachte alle wieder in gute Laune. Als sie wieder allein waren, erklärten sie, daß alles sehr gut abgelaufen sei, und waren unerschöpflich in Lobsprüchen auf die Huld des Prälaten. Nur Frau Paloque war verletzt; der Bischof hatte, als er allen sich liebenswürdig zeigte, sie übergangen. Du hattest recht, sagte sie wütend zu ihrem Manne, als sie heimkehrte, ich war bei ihren Dummheiten der Hund! Ein schöner Gedanke, diese verwahrlosten Gassenmädchen zusammenzustecken! ... Ich habe ihnen meine ganze Zeit gewidmet, und dieser kindische Bischof, der vor seiner Klerisei zittert, hat nicht einmal einen Dank für mich gefunden! ... Als ob Frau von Condamin etwas geleistet hätte! ... Diese »Ehemalige« hat ja genug zu tun, um ihre Toiletten zu zeigen. Wir wissen, was wir wissen, nicht wahr? Man zwingt uns schließlich, Geschichten zu erzählen, die nicht jedermann lustig finden wird. Wir haben nichts zu verheimlichen. Und Madame Delangre und Madame Rastoil! Es wäre ein leichtes, sie bis ins Weiße der Augen erröten zu machen. Haben sie sich auch nur aus ihren Salons gerührt? Haben sie sich halb soviel Mühe genommen wie ich? Und diese Madame Mouret, die sich den Schein gab, als leite sie das Ganze, und die nichts anderes tat als sich an den Talar ihres Abbé Faujas zu hängen! Das ist auch so eine Scheinheilige, die uns noch schöne Sachen wird sehen lassen ... Alle, alle haben ein liebenswürdiges Wort erhalten; ich nichts. Ich bin der Hund ... Siehst du, so kann es nicht weitergehen, Paloque. Der Hund beißt schließlich. Von diesem Tage an zeigte sich Madame Paloque viel weniger gefällig. Sie führte die Schreibereien nur sehr unregelmäßig, schlug die Arbeiten aus, die ihr mißfielen, so daß die Damen davon sprachen, einen Beamten zu nehmen. Martha erzählte ihre Sorgen dem Abbé Faujas, den sie fragte, ob er ihr nicht eine geeignete Persönlichkeit empfehlen könne. Suchen Sie nicht, erwiderte er ihr; ich werde vielleicht jemanden bekommen ... Lassen Sie mir nur zwei oder drei Tage Zeit. Seit einiger Zeit erhielt er häufig Briefe mit dem Poststempel Besançon. Sie zeigten alle die gleiche plumpe, häßliche Schrift. Rosa, die sie ihm hinauftrug, behauptete, daß er sich ärgere, wenn er nur den Umschlag sehe. Er wird grün und gelb, sagte sie. Gewiß kann er die Person nicht leiden, die ihm so oft schreibt. In Mouret regte sich wegen dieser Korrespondenz einen Augenblick die alte Neugierde. Eines Tages trug er selbst einen solchen Brief hinauf, indem er sich mit liebenswürdigem Lächeln entschuldigte und sagte, Rosa sei nicht da. Der Abbé war ohne Zweifel mißtrauisch, denn er spielte den Erfreuten, als habe er schon mit Ungeduld diesen Brief erwartet. Aber Mouret ließ sich durch dieses Spiel nicht täuschen; er blieb auf dem Treppenabsatz stehen und hielt das Ohr an das Schlüsselloch. Wieder von deiner Schwester? fragte die rauhe Stimme der Frau Faujas. Weshalb verfolgt sie dich so? Dann ward es still; ein Papier wurde heftig zusammengeknittert und der Abbé brummte: Immer dasselbe Lied. Sie will herkommen und ihren Mann mitbringen, damit ich ihm eine Stelle verschaffe. Sie glaubt, daß wir im Golde schwimmen ... Ich fürchte, sie machen eines Tages einen dummen Streich und kommen uns über den Hals. Nein, nein, wir brauchen sie nicht, hörst du, Ovide! hub die Mutter wieder an. Sie haben dich nie geliebt, sind immer auf dich eifersüchtig gewesen ... Trouche ist ein Taugenichts und Olympe hat kein Herz. Du sollst sehen, sie wollen allen Vorteil für sich haben. Sie würden dich kompromittieren und dich in allem stören. Mouret hörte schlecht, da er durch sein unfeines Tun sehr in Aufregung gekommen war. Er glaubte, daß man zur Türe komme, weshalb er sich davonmachte. Übrigens hütete er sich, dieser Tat sich zu rühmen. Einige Tage später gab der Abbé auf der Terrasse in seiner Anwesenheit Martha eine endgültige Antwort: Ich kann Ihnen einen Beamten vorschlagen, sagte er ganz ruhig: Es ist einer meiner Verwandten, mein Schwager, der in einigen Tagen von Besançon hier ankommt. Mouret spitzte die Ohren. Martha schien entzückt. Ei, um so besser! rief sie aus. Ich war wegen einer guten Wahl in Verlegenheit. Sie sehen ein, ich brauche einen Mann von tadelloser Sittlichkeit bei diesen jungen Mädchen ... Da es sich aber um einen Ihrer Verwandten handelt ... Ja, erwiderte der Priester. Meine Schwester hatte einen kleinen Wäschehandel in Besançon; sie mußte ihn indes aus Gesundheitsrücksichten aufgeben. Jetzt wünscht sie bei uns zu sein, nachdem ihr die Ärzte die südliche Luft empfohlen haben ... Meine Mutter ist darüber sehr glücklich. Gewiß, sagte Martha, Sie haben sich vielleicht nie getrennt und wollen wieder vereint sein ... Wissen Sie, was Sie tun können? Oben sind zwei Zimmer, die Sie nicht benutzen. Warum sollten Ihre Schwester und ihr Gatte nicht da wohnen? ... Haben sie keine Kinder? Nein, sie sind nur ihrer zwei ... Ich hatte wirklich einen Augenblick daran gedacht, ihnen diese zwei Zimmer zu überlassen; nur fürchtete ich, Ihnen lästig zu fallen, wenn ich diese Leute hier wohnen lasse. Aber ganz und gar nicht, ich versichere, Sie sind ja so friedliche Leute! ... Sie hielt inne. Mouret zog sie heftig an dem Zipfel ihres Kleides. Er wollte nicht die Verwandten des Abbé in seinem Hause haben, denn er erinnerte sich an die häßliche Art, wie Madame Faujas von ihrer Tochter und ihrem Schwiegersohn gesprochen hatte. Die Zimmer sind sehr klein, sagte er, der Herr Abbé könnte gestört sein ... Es wäre für alle besser, wenn die Schwester des Herrn Abbé sich nebenan einmietet; es ist gerade in dem Hause der Paloques vornheraus eine Wohnung frei. Das Gespräch stockte. Der Priester antwortete nichts und sah in die Luft. Martha glaubte, er sei beleidigt; der rauhe Ton ihres Mannes kränkte sie. Nach einem Augenblicke konnte sie dieses verlegene Schweigen nicht länger ertragen. Es ist abgemacht, hub sie an, ohne weiter zu versuchen, in geschickterer Weise das Gespräch wieder anzuknüpfen. Rosa soll Ihrer Mutter behilflich sein, die beiden Zimmer zu reinigen ... Mein Mann denkt nur an Ihre Bequemlichkeit; aber in dem Augenblicke, wo Sie es wünschen, hindern wir Sie nicht, nach Ihrem Belieben über die Wohnung zu verfügen. Als Mouret mit seiner Frau allein war, wurde er zornig: Ich verstehe dich wirklich nicht. Als ich dem Abbé die Wohnung vermietete, schmolltest du und wolltest keine Katze ins Haus lassen; jetzt könnte der Abbé seine ganze Familie, die ganze Sippe bis zum Urgeschwisterkind mitbringen ... Du bedanktest dich noch ... Ich habe dich doch genug bei dem Kleide gezerrt. Hast du es denn nicht gemerkt? Es war ganz klar, ich wollte diese Leute nicht ... Es sind keine ehrlichen Leute. Wie kannst du das wissen? rief Martha, die die Ungerechtigkeit aufregte. Wer hat dir das gesagt? Nun, der Abbé Faujas selbst... Ich habe ihn eines Tages gehört, wie er mit seiner Mutter sprach. Sie sah ihn scharf an; er errötete ein wenig und stammelte dann: Kurz, ich weiß es und das genügt ... Die Schwester ist herzlos und ihr Mann ein Taugenichts. Du kannst immer die Beleidigte spielen, es sind dies ihre eigenen Worte, ich erfinde nichts. Du siehst ein, daß ich die Leute in meinem Hause nicht mag. Die Alte war die erste, die von ihrer Tochter nichts hören wollte. Jetzt spricht der Abbé anders. Ich weiß nicht, was ihn dazu kann bestimmt haben. Es ist eine neue Geheimniskrämerei von ihm. Sicherlich braucht er sie. Martha zuckte die Achseln und ließ ihn schimpfen. Er gab Rosa den Befehl, die Zimmer nicht zu reinigen; aber Rosa gehorchte nur mehr der gnädigen Frau. Fünf Tage lang machte sich sein Zorn in bitteren Worten und schrecklichen Vorwürfen Luft. Wenn der Abbé anwesend war, schmollte er nur und wagte nicht, ihn offen anzugreifen. Schließlich fügte er sich wie immer. Er fand nur Spöttereien gegen diese Leute, deren Ankunft man erwartete. Er zog die Schnüre seines Geldbeutels noch besser zusammen, sonderte sich noch mehr ab und zog sich ganz in den selbstsüchtigen Kreis zurück, in dem er sich bewegte. Als die Trouches sich an einem Oktoberabend einstellten, sagte er einfach: Teufel! Die riechen nicht gut, sie sehen verdammt verdächtig aus. Der Abbé Faujas schien wenig geneigt, seine Schwester und seinen Schwager am Tage ihrer Ankunft sehen zu lassen. Die Mutter stand auf der Schwelle der Haustüre. Sobald sie sie um den Präfekturplatz kommen sah, paßte sie auf und warf unruhige Blicke in das Vorhaus und in die Küche. Aber ihre Vorsicht war erfolglos. Als die Trouches eintraten, kam gerade Martha mit ihren Kindern aus dem Garten herauf. Ei, da ist die ganze Familie, sagte sie mit einem verbindlichen Lächeln. Frau Faujas, die gewöhnlich sich immer beherrschen konnte, geriet ein wenig in Verlegenheit und stotterte eine Antwort. Sie standen sich einige Minuten mitten im Vorhause einander prüfend gegenüber. Mouret war schnell die Stufen der «Freitreppe hinaufgegangen; Rosa hatte sich auf der Schwelle der Küchentüre aufgestellt. Sie müssen sich sehr glücklich fühlen, wandte sich Martha an Frau Faujas. Da sie die Verlegenheit fühlte, die alle stumm machte, wollte sie sich gegen die Neuangekommenen liebenswürdig zeigen und wandte sich mit den Worten zu Trouche: Sie sind mit dem Fünfuhrzuge angekommen, nicht wahr? ... Wie weit ist es von Besançon bis hierher? Man fährt siebzehn Stunden mit der Eisenbahn, erwiderte Trouche und zeigte seinen zahnlosen Mund. In der dritten Klasse zu fahren, ist schrecklich, sage ich Ihnen ... Es wird einem der Magen förmlich umgedreht. Er fing an zu lachen mit einem sonderbaren Geräusche der Kinnbacken. Madame Faujas warf ihm einen schrecklichen Blick zu. Dann versuchte er einen zerbrochenen Knopf seines schmierigen Rockes festzumachen und hielt zwei Hutschachteln vor sich hin, eine grüne und eine gelbe, ohne Zweifel um die Flecke zu verbergen. Sein rötlicher Hals blähte sich unter der Schleife einer schwarzen, zusammengedrehten Krawatte fortwährend und ließ nur das Ende eines schmutzigen Hemdes sehen. In seinem blatternarbigen Gesicht, dem man alle Laster ablesen konnte, flammten zwei kleine schwarze Augen, die fortwährend mit verstörten und gierigen Blicken die Leute und die Sachen betrachteten; die Augen eines Diebes, der das Haus besichtigt, wo er eines Nachts einbricht. Mouret glaubte, daß Trouche die Schlösser betrachte. Der schaut, um Abdrücke zu nehmen, der Taugenichts, dachte er. Unterdessen sah Olympe ein, daß ihr Mann eine Dummheit gesagt habe. Sie war eine große, magere, schmächtige Blondine mit einem platten, unangenehmen Gesichte. Sie trug eine kleine Kiste von weichem Holze und ein großes Paket, das in ein Tischtuch eingebunden war. Wir hatten uns Kissen mitgenommen, sagte sie und wies mit einem Blicke auf das große Bündel hin. Mit Kissen geht es schon in der dritten Klasse; man fährt dann so bequem, als sitze man in der ersten. Es ist eine bedeutende Ersparnis! Wenn man auch noch soviel Geld hat, braucht man es doch nicht zum Fenster hinauszuwerfen, nicht wahr. Madame? Gewiß, erwiderte Martha, ein wenig über diese Leute erstaunt. Olympe trat ein wenig in die Helle vor und fuhr in einschmeichelndem Tone fort: Es ist gerade so mit den Kleidern; ich ziehe auf die Reise nur das Schlechteste an. Ich sagte zu Honoré: »Was, dein alter Rock ist gut genug.«. Er hat auch seine Arbeitshose an, eine Hose, die er sonst nicht mehr trägt ... Sie sehen, ich habe mein schlechtestes Kleid angezogen, das, wie ich glaube, sogar schon einige Löcher hat. Diesen Schal da habe ich von der Mutter; ich binde ihn immer zu Hause um ... Und erst mein Hut! Ein alter Hut, den ich nur aufsetze, wenn ich ins Waschhaus gehe ... Alles das ist noch zu gut für den Staub, nicht wahr, Madame? Gewiß, gewiß, wiederholte Martha, die zu lächeln versuchte. In diesem Augenblicke ließ sich oben eine gereizte Stimme vernehmen: Nun, Mutter? Mouret sah hinauf und bemerkte den Abbé an dem Geländer des zweiten Stockes, mit fürchterlichem Gesichte und sich so weit herabbeugend, daß er herunterzufallen drohte, um nur besser sehen zu können, was in dem Vorhause geschah. Er hatte Stimmen gehört und mußte schon seit einer Weile ungeduldig geworden sein. Nun, Mutter? rief er von neuem. Ja, ja, wir kommen hinauf, erwiderte Madame Faujas, die bei der wütenden Stimme ihres Sohnes zu erzittern schien. Sie wandte sich zu dem Ehepaar Trouche: Kinder, wir müssen hinauf ... Halten wir die gnädige Frau nicht auf! Aber die Trouches schienen nicht zu hören. Es gefiel ihnen in dem Vorhause, denn sie sahen sich entzückt um, als habe man ihnen das Haus geschenkt. Das ist sehr schön, sehr schön, sagte Olympia leise, nicht wahr, Honoré? Nach den Briefen Ovids dachten wir nicht, daß es so schön sei. Ich sagte es dir ja: Wir müssen hin, wir befinden uns dort besser und ich werde gesünder. Hatte ich recht? Ja, ja, da muß es einem sehr gefallen, sagte Trouche zwischen den Zähnen ... Und der Garten ist ziemlich groß, glaube ich. Dann wandte er sich an Mouret: Mein Herr, erlauben Sie Ihren Mietern, im Garten spazieren zu gehen? Mouret hatte keine Zeit zu antworten. Der Abbé Faujas war heruntergekommen und rief mit donnernder Stimme: Nun, Trouche? Nun, Olympia? Sie drehten sich um. Als sie ihn auf der Treppe in schrecklichem Zorne stehen sahen, da gaben sie klein bei und folgten ihm unterwürfig. Er ging ihnen voran hinauf, ohne noch ein Wort zu sagen, ohne nur bemerken zu wollen, daß die Mourets da waren, die diese eigentümliche Szene beobachteten. Madame Faujas wollte alles gutmachen und lächelte Martha zu, während sie den Zug beschloß. Als alle fort waren und Mouret sich allein befand, blieb er noch einen Augenblick in dem Vorraum. Oben im zweiten Stock wurden die Türen heftig zugeschlagen; dann hörte man laute Stimmen, hierauf wurde es totenstill. Hat er sie eingesperrt? sagte er lachend. Es ist eine schmutzige Familie. Am folgenden Tage wurde Trouche, der, wie sich's gehört, schwarz gekleidet war und seine wenigen Haare sorgfältig über die Schläfen hinausgekämmt hatte, von dem Abbé Martha und den anderen Damen vorgestellt. Er war fünfundvierzig Jahre alt, besaß eine sehr schöne Schrift und sagte, daß er lange Zeit hindurch die Bücher in einem Handlungshause geführt habe. Die Damen stellten ihn sofort an. Er mußte den Ausschuß vertreten und sich mit den Verwaltungsangelegenheiten von zehn bis vier Uhr in einer Kanzlei beschäftigen, die sich im ersten Stocke der Anstalt der heiligen Jungfrau befand. Sein Gehalt betrug fünfzehnhundert Franken. Du siehst, diese Leute sind sehr ruhig, meinte Martha nach einigen Tagen zu ihrem Gatten. Wirklich machten die Trouches nicht mehr Lärm als die Faujas. Zwei- oder dreimal wollte wohl Rosa einen Streit zwischen der Mutter und der Tochter gehört haben; aber sofort erhob sich die ernste Stimme des Abbé und stiftete Frieden. Trouche ging regelmäßig um dreiviertel zehn Uhr fort und kehrte um einviertel fünf Uhr zurück; abends ging er nicht aus. Olympia ging manchmal mit Madame Faujas einkaufen; niemand hatte sie noch allein herunterkommen sehen. Das Fenster des Zimmers, in dem die Trouche schliefen, ging auf den Garten; es war rechts das letzte gegenüber den Bäumen der Präfektur. Grobe Vorhänge von rotem Kattun, mit einem gelben Streifen besetzt, hingen hinter den Scheiben. Übrigens blieb das Fenster beständig geschlossen. Als eines Abends der Abbé Faujas mit seiner Mutter sich in Gesellschaft der Mouret auf der Terrasse befand, ließ sich ein leises, unfreiwilliges Husten vernehmen. Der Abbé hob erzürnt den Kopf und bemerkte die Schatten der Olympia und ihres Mannes, die unbeweglich zum Fenster herausgebeugt standen. Er sah einen Augenblick empor und unterbrach sein Gespräch mit Martha. Die Trouche verschwanden. Man hörte das heisere Knarren des Riegels. Mutter, sagte der Priester, du solltest hinaufgehen; ich fürchte, du erkältest dich. Madame Faujas wünschte der Gesellschaft einen guten Abend. Als sie fort war, begann Martha wieder das Gespräch und fragte in verbindlichem Tone: Befindet sich Ihre Schwester schlimmer? Ich habe sie seit acht Tagen nicht gesehen. Sie bedarf sehr der Ruhe, erwiderte der Priester trocken. Aber sie beharrte aus Gutherzigkeit bei der Sache: Sie schließt sich zu viel ein, die Luft würde ihr gut tun ... Die Oktoberabende sind noch warm ... Warum kommt sie niemals in den Garten? Sie hat ihn noch gar nicht betreten. Sie wissen doch, daß der Garten ganz zu Ihrer Verfügung steht. Er entschuldigte sich, indem er nach nichtssagenden Worten suchte; aber Mouret, der ihn noch mehr in Verlegenheit bringen wollte, wurde noch liebenswürdiger als seine Frau: Ja, das sagte ich heute früh auch. Die Schwester des Herrn Abbé sollte lieber nachmittags in der Sonne draußen nähen, anstatt sich oben einzusperren. Es sieht so aus, als wage sie nicht einmal, an dem Fenster zu erscheinen. Fürchtet sie sich vielleicht vor uns? Wir sehen doch gar nicht so schrecklich aus ... Ebenso ist es mit Herrn Trouche; er stürmt wie gejagt die Treppe hinauf. Sagen Sie ihnen doch, daß sie von Zeit zu Zeit herabkommen und einen Abend mit uns zubringen. Sie müssen sich ja zu Tode langweilen da oben ganz allein in ihrem Zimmer. Der Abbé war an diesem Abend nicht gelaunt, die Spöttereien seines Hausherrn zu ertragen. Er sah ihm ins Gesicht und sagte mit fester Betonung: Ich danke Ihnen, aber es ist wenig wahrscheinlich, daß sie es annehmen. Sie sind am Abend müde und legen sich nieder, übrigens ist es das Beste, was sie tun können. Wie Sie wollen, mein lieber Herr, erwiderte Mouret, den der rauhe Ton des Abbé reizte. Als er mit Martha allein war, sagte er: So, so! Glaubt der, er wird mir ein X für ein U vormachen? Es ist klar: er fürchtet, dieses Pack, das er in unser Haus genommen hat, könne ihm einen schlimmen Streich spielen ... Du hast es heute abend gesehen, wie er in Zorn geriet, als er sie am Fenster bemerkte. Sie waren dort, um uns zu belauern. Es nimmt ein schlechtes Ende. Martha lebte in großer Ruhe dahin. Sie hörte nicht mehr das Geschimpfe Mourets. Daß sie für den Glauben gewonnen ward, erfüllte sie mit einer köstlichen Freude; sie versenkte sich langsam ohne Aufregung in Andacht; sie wiegte sich darin ein und fiel dabei gleichsam in Schlummer. Der Abbé Faujas vermied es immer noch, mit ihr von Gott zu sprechen; er blieb ihr Freund und bezauberte sie nur durch seinen Ernst und jenen unbestimmten Weihrauchgeruch, der von seinem Talar ausströmte. Zwei oder drei Male war sie mit ihm allein wieder in ein nervöses Schluchzen ausgebrochen, ohne zu wissen warum, nur weil sie sich glücklich fühlte, so zu weinen. Jedesmal hatte er sich begnügt, sie schweigend bei den Händen zu nehmen, und sie mit seinem ruhigen und mächtigen Blicke besänftigt. Wenn sie mit ihm von ihrer grundlosen Traurigkeit, ihren geheimen Freuden und ihrem Bedürfnisse geleitet zu werden sprechen wollte, lächelte er nur und hieß sie schweigen. Er sagte, daß es ihn nichts angehe und daß sie darüber mit dem Abbé Bourrette sprechen müsse. Dann behielt sie zusammenschauernd alles für sich. Er aber nahm eine hoheitsvolle Miene an und hielt sich in ferner Höhe von ihr wie ein Gott, zu dessen Füßen sich schließlich ihre Seele niederwarf. Die Hauptbeschäftigung Marthas war jetzt, daß sie Messen und anderen religiösen Übungen beiwohnte. Sie befand sich in dem Hauptschiffe der Kirche Saint-Saturnin so wohl und genoß dort vollkommener jene leibliche Ruhe, die sie suchte. Wenn sie dort war, vergaß sie alles; es war wie ein ungeheueres Fenster, das sich auf ein anderes Leben öffnete, auf ein langes, endloses Leben, voll einer Erregung, die sie ganz erfüllte und ihr genügte. Aber sie hatte noch immer Furcht vor der Kirche; sie trat mit einem unruhigen Scheugefühl daselbst ein, das sie unwillkürlich nötigte, sich umzublicken, wenn sie die Türe öffnete, um zu sehen, ob niemand da sei und sie eintreten sehe. Dann gab sie sich ganz hin; alles rührte sie, selbst die breite Stimme des Abbé Bourrette, der sie manchmal nach der Beichte noch einige Minuten lang auf den Knien ließ und mit ihr von den Essen der Madame Rastoil oder von der letzten Gesellschaft bei den Rougons sprach. Martha kam oft niedergeschlagen nach Hause. Die Religion drückte sie nieder. Rosa war in der Wirtschaft allmächtig geworden. Sie sprang jetzt sehr barsch mit Mouret um, zankte mit ihm, weil er zu viel Wäsche schmutzig mache, und hieß ihn speisen, wenn das Essen fertig war. Sie unternahm es sogar, an seinem Seelenheil zu arbeiten. Die gnädige Frau hat recht, ein christliches Leben zu führen, sagte sie zu ihm. Sie werden in Verdammnis geraten, gnädiger Herr, und das ist ganz recht, denn Sie sind im Grunde genommen nicht gut; nein, Sie sind nicht gut ... Sie sollten sie am nächsten Sonntag zur Messe führen. Mouret zuckte mit den Achseln. Er ließ die Sache gehen und half selbst in der Wirtschaft mit, indem er das Speisezimmer auskehrte, wenn es ihm zu schmutzig war. Die Kinder machten ihm mehr Sorge. Desirée und Octave, der bei der Maturitätsprüfung durchgefallen war, stürzten in den Ferien das Haus um, weil die Mutter nie da war. Serge war leidend, hütete das Bett und las tagelang in seinem Zimmer. Der Abbé Faujas hatte ihn sehr liebgewonnen und lieh ihm Bücher. Mouret verbrachte zwei schreckliche Monate, da er sich keinen Rat wußte, wie er die Kinder leiten sollte. Octave besonders machte ihn schier toll. Er wollte das neue Schuljahr nicht mehr abwarten und beschloß, den Jungen nicht mehr studieren zu lassen, sondern ihn in ein Handlungshaus nach Marseille zu geben. Du willst nicht mehr über sie wachen, sagte er zu Martha, so muß ich sie irgendwo unterbringen ... Ich habe es satt und will sie lieber aus dem Hause haben. Um so schlimmer, wenn du darunter leidest! ... Octave ist unerträglich; die Prüfung besteht er nie. Es ist besser, ich lasse ihn sofort etwas lernen, wodurch er seinen Lebensunterhalt verdient, als ihn mit einem Haufen Nichtsnutziger herumlaufen. Man begegnet ihm überall in der Stadt. Martha ging es sehr zu Herzen; sie erwachte wie aus einem Traume, als sie erfuhr, daß eines ihrer Kinder sich von ihr trennen solle. Durch acht Tage erlangte sie einen Aufschub der Abreise. Sie blieb sogar zu Hause und nahm wieder ihr tätiges Leben von früher auf. Dann erschlaffte sie von neuem; und als ihr Octave unter Küssen mitteilte, daß er an diesem Abend nach Marseille abreise, war sie kraftlos und begnügte sich, ihm gute Ratschläge zu geben. Als Mouret von der Eisenbahn zurückkam, war ihm das Herz zu schwer. Er suchte seine Frau und fand sie in dem Garten in einer Laube, wo sie weinte. Er machte sich Luft. Nun ist einer hinaus! rief er. Das muß dir doch Freude machen. Jetzt kannst du ganz nach Herzenslust in den Kirchen herumstreichen ... Sei ruhig, die beiden anderen werden nicht lange hier bleiben. Serge behalte ich noch zu Hause, weil er sehr schwach ist und noch zu jung, um die Rechte zu studieren; aber wenn er dir im Wege ist, brauchst du es nur zu sagen, ich befreie dich auch von ihm ... Desirée geht zu ihrer Amme. Martha fuhr fort, still zu weinen. Was willst du? Man kann nicht draußen und zugleich zu Hause sein. Du hast dir die Außenwelt erwählt, deine Kinder sind dir nichts mehr, das ist doch logisch ... Übrigens muß jetzt für die Leute Platz gemacht werden, die in unserem Hause wohnen, nicht wahr? Unser Haus ist nicht mehr groß genug. Es ist noch ein Glück, wenn man uns nicht hinausjagt. Er hatte den Kopf gehoben und sah prüfend zu den Fenstern des zweiten Stockwerkes empor. Dann fuhr er leise fort: Weine doch nicht so dumm! Man beobachtet dich. Siehst du nicht das Augenpaar zwischen den roten Vorhängen? Das sind die Augen der Schwester des Abbé, ich erkenne sie wohl. Man kann sie den ganzen Tag dort finden ... Der Abbé ist vielleicht ein braver Mensch, aber diese Trouche kommen mir hinter ihren Vorhängen wie lauernde Wölfe vor. Ich wette, wenn der Abbé sie nicht hinderte, sie würden des Nachts zum Fenster heraussteigen und mir die Birnen stehlen ... Trockne deine Augen; sei versichert, sie haben an unserem Streite ihre Freude. Weil sie die Ursache der Abreise unseres Kindes sind, braucht man ihnen nicht zu zeigen, welchen Schmerz uns diese Trennung bereitet. Seine Stimme wurde weich, er war selbst nahe daran zu weinen. Gerührt durch seine letzten Worte, wollte Martha sich in seine Arme werfen. Aber sie fürchtete, gesehen zu werden, sie fühlten etwas wie ein Hindernis zwischen sich. Dann trennten sie sich, während die Augen Olympias noch immer zwischen den beiden roten Vorhängen funkelten. Elftes Kapitel. Eines Morgens kam der Abbé Bourrette mit bestürzter Miene ins Haus. Als er Martha auf der Freitreppe bemerkte, ging er auf sie zu, schüttelte ihr die Hände und stammelte: Der arme Compan, es geht zu Ende mit ihm, er liegt im Sterben ... Ich will zum Abbé Faujas hinauf, ich muß ihn sogleich sehen. Als Martha ihm den Priester zeigte, der seiner Gewohnheit gemäß im Garten spazieren ging und in seinem Brevier las, eilte er mit seinen kurzen Beinen auf ihn zu. Er wollte sprechen, ihm die traurige Nachricht mitteilen, aber der Schmerz erstickte ihn, er konnte sich nur schluchzend an seinen Hals werfen. Was haben denn die beiden Abbé? fragte Mouret, der schnell aus dem Speisezimmer herauskam. Der Pfarrer von Saint-Saturnin scheint dem Tode nahe, erwiderte Martha tief bewegt. Mouret machte eine überraschte Miene. Er ging wieder hinein und sagte leise: Bah, der gute Bourrette tröstet sich morgen, wenn man ihn zum Nachfolger des anderen ernennt ... Er rechnet auf die Stelle; er hat es mir gesagt. Unterdessen hatte sich der Abbé Faujas aus der Umarmung des alten Priesters losgemacht. Er nahm die traurige Nachricht ernst entgegen und schloß bedächtig sein Brevier. Compan will Sie sehen, stotterte der Abbé Bourrette; er erlebt den Mittag nicht mehr ... Es war ein lieber Freund. Wir haben zusammen studiert ... Er will Ihnen Lebewohl sagen; die ganze Nacht hat er mir wiederholt gesagt, daß Sie allein in dem Kirchspiel Mut haben. Seit mehr als einem Jahre, wo er hinsiechte, wagte nicht ein Priester von Plassans, ihm die Hand zu schütteln. Sie kannten ihn kaum und haben ihm jede Woche einen Nachmittag gewidmet. Er weinte vorhin, als er von Ihnen sprach ... Sie müssen sich beeilen, lieber Freund. Der Abbé Faujas ging einen Augenblick in seine Wohnung hinauf, während der Abbé Bourrette unterdessen ungeduldig und trostlos im Vorraum auf und ab ging; nach einer Viertelstunde gingen beide fort. Der alte Priester wischte sich den Schweiß von der Stirne und eilte auf dem Pflaster dahin, während er in abgebrochenen Sätzen sprach: Er wäre wie ein Hund ohne ein Gebet gestorben, wenn nicht seine Schwester mich gestern abend gegen elf Uhr in Kenntnis gesetzt hätte. Es war schön von dem lieben alten Fräulein. Er wollte keinen von uns kompromittieren und hätte nicht einmal die letzte Ölung empfangen ... Ja, mein Freund, er war auf dem Punkte, in einem Winkel allein und verlassen zu sterben, er, der so viel Einsicht gehabt und nur für das Gute gelebt hat. Er schwieg; nach einer Pause fuhr er mit veränderter Stimme fort: Glauben Sie, daß Fenil mir das verzeiht? Nein, niemals, nicht wahr? ... Als Compan mich mit dem heiligen Öl kommen sah, wollte er nicht und rief mir zu, ich solle fortgehen. Nun, es ist geschehen! Ich werde nie Pfarrer. Es ist mir lieber. Ich habe wenigstens Compan nicht wie einen Hund sterben lassen ... Dreißig Jahre lag er mit Fenil im Hader. Als er sich hinlegte, sagte er mir: Jetzt siegt Fenil, jetzt, da ich zu Boden liege, macht er mir den Garaus. Ach, dieser arme Compan, er, den ich so stolz, so energisch in Saint-Saturnin sah ... Der kleine Chorknabe Eusèbe, den ich mitnahm, um das Viatikum zu läuten, blieb ganz verlegen stehen, als er sah, wohin wir gingen; er sah sich bei jedem Läuten um, als wenn er fürchte, Fenil könne ihn hören. Der Abbé Faujas ging mit gesenktem Kopfe, nachdenklich rasch dahin und schwieg; er schien seinen Gefährten nicht zu hören. Ist Se. bischöfliche Gnaden in Kenntnis gesetzt? fragte er plötzlich. Jetzt schien der Abbé Bourrette nachdenklich zu sein. Er antwortete nicht. Als sie zu der Türe des Abbé Compan kamen, sagte er leise: Sagen Sie ihm, daß wir soeben Fenil begegnet seien und daß er uns gegrüßt habe. Es wird ihn freuen ... Er wird glauben, ich sei Pfarrer. Sie gingen still hinauf. Die Schwester des Abbé öffnete ihnen. Als sie die beiden Priester sah, brach sie in ein Schluchzen aus und stammelte unter Tränen: Es ist aus! Er ist soeben in meinen Armen gestorben ... Ich war allein. Er sah, als er in den letzten Zügen war, sich um und sagte leise: »Habe ich denn die Pest, daß man mich so verlassen hat? ...« Ach, meine Herren, er starb mit Tränen in den Augen. Sie traten in das kleine Zimmer, wo der Pfarrer Compan, den Kopf auf einem Kissen, zu schlafen schien. Seine Augen waren offen geblieben, und dieses bleiche, tieftraurige Gesicht weinte noch; die Tränen rannen über die Wangen herab. Der Abbé Bourrette fiel auf die Knie, schluchzte und betete, die Stirn an die Bettdecke gedrückt. Der Abbé Faujas blieb aufrecht stehen und sah den armen Toten an; nachdem er einen Augenblick niedergekniet war, ging er leise hinaus. Der Abbé Bourrette, ganz in seinem Schmerze verloren, hörte nicht einmal die Türe schließen. Der Abbé Faujas ging in die bischöfliche Residenz. In dem Vorzimmer des Bischofs begegnete er dem Abbé Surin, der mit Papieren beladen war. Wünschen Sie Se. bischöflichen Gnaden zu sprechen? fragte ihn der Sekretär mit seinem ewigen Lächeln. Sie kommen sehr ungelegen. Se. bischöfliche Gnaden ist so sehr beschäftigt, daß er jedem den Zutritt hat verbieten lassen. Ich komme in einer sehr dringenden Angelegenheit, erwiderte ruhig der Abbé. Man kann ihn immerhin benachrichtigen und wissen lassen, daß ich da bin. Ich warte, wenn es notwendig ist. Ich fürchte, daß es unnütz ist. Se. bischöfliche Gnaden hat mehrere Personen bei sich. Kommen Sie morgen wieder, es ist besser. Aber der Abbé nahm einen Stuhl, als der Bischof eben die Türe seines Kabinetts öffnete. Er war sehr verlegen, als er den Besucher bemerkte und tat, als ob er ihn nicht kenne. Liebes Kind, sagte er zu Surin, wenn Sie diese Papiere eingeordnet haben, kommen Sie sofort wieder zurück; ich habe Ihnen einen Brief zu diktieren. Dann wandte er sich an den Priester, der achtungsvoll stehen geblieben war: Ei, Sie sind es, Herr Faujas? Es freut mich Sie zu sehen ... Sie haben mir wahrscheinlich etwas mitzuteilen? Kommen Sie, kommen Sie in mein Arbeitszimmer; Sie stören mich nie. Das Kabinett des Bischofs war ein geräumiges Zimmer, doch ein wenig düster; ein großes Feuer brannte Sommer und Winter. Der Teppich und die dichten Vorhänge machten die Luft erstickend. Es war, als steige man in ein heißes Bad. Der Bischof saß da fröstelnd in einem Sessel, von der Welt zurückgezogen, den Lärm hassend und die Sorgen um seinen Amtsbezirk dem Abbé Fenil überlassend. Er war ein leidenschaftlicher Freund der altklassischen Literatur. Man erzählte sich, daß er im geheimen Horaz übersetze; die kleinen Verse der griechischen Anthologie begeisterten ihn gleicherweise, und er zitierte schlüpfrige Verse, die er mit der Naivität eines Gelehrten genoß, dem das Schamgefühl für das Gemeine fremd ist. Sie sehen, es ist niemand bei mir, sagte er und ließ sich vor dem Feuer nieder, aber ich bin ein wenig leidend und verbot, jemanden vorzulassen. Sie können sprechen, ich stehe zu Ihrer Verfügung. In seiner gewöhnlichen Liebenswürdigkeit lag eine stete Unruhe, eine Art ruhiger Ergebung. Als der Abbé Faujas ihm den Tod des Pfarrers Compan meldete, stand er bestürzt und erregt auf: Wie? rief er aus, mein braver Compan ist gestorben, und ich konnte ihm nicht Lebewohl sagen! ... Niemand hat mich benachrichtigt ... Ach, mein Freund, Sie hatten recht, als Sie mir sagten, ich sei hier nicht mehr der Herr! Man mißbraucht meine Güte. Ew. bischöfliche Gnaden weiß, erwiderte der Abbé Faujas, wie sehr ich Ihnen ergeben bin; ich warte nur auf einen Wink. Der Bischof schüttelte den Kopf und sagte leise: Ja, ja, ich erinnere mich an Ihr Anerbieten: Sie sind ein ausgezeichneter Mann. Doch was für ein Aufsehen wäre es, wenn ich mit Fenil bräche! Acht Tage lang würde man mir an den Ohren liegen ... Und doch, wenn ich sicher wäre, daß Sie mich mit einem Schlage von dem Manne befreiten, wenn ich nicht fürchten müßte, daß er nach acht Tagen wieder zurückkäme, um Ihnen den Fuß auf den Nacken zu setzen ... Der Abbé Faujas konnte ein Lächeln nicht zurückhalten. Dem Bischof traten Tränen in die Augen. Ich habe Furcht, das ist wahr, hub er wieder an, und ließ sich von neuem in seinen Sessel fallen, so weit ist's mit mir gekommen. Dieser Unglückliche hat Compan getötet und mir seinen nahen Tod verheimlicht, damit ich nicht hingehen und ihm die Augen zudrücken könne; er ersinnt Schreckliches ... Aber ich will lieber in Frieden leben. Fenil ist sehr arbeitsam und leistet mir große Dienste in meinem Amtsbezirk. Wenn ich nicht mehr bin, gestalten sich die Dinge vielleicht besser. Er beruhigte sich und lächelte wieder. Übrigens geht jetzt alles gut, und ich sehe nirgends eine Schwierigkeit ... Man kann warten. Der Abbé Faujas setzte sich nieder und erwiderte ruhig: Freilich ... Doch werden Sie einen Pfarrer zu Saint-Saturnin an Stelle des Abbé Compan ernennen müssen. Der Bischof Rousselot legte mit verzweifelter Miene die Hände an seine Schläfen: Mein Gott, Sie haben recht! stotterte er. Daran dachte ich nicht mehr ... Der brave Compan weiß nicht, in welche Sorgen er mich durch seinen plötzlichen Tod gestürzt hat, von dem ich nicht in Kenntnis gesetzt wurde. Nicht wahr, Ihnen habe ich die Stelle versprochen? Der Abbé verneigte sich. Also, lieber Freund, Sie retten mich; Sie geben mir das Wort zurück. Sie wissen, wie Fenil Sie haßt; der Erfolg des Werkes von der heiligen Jungfrau hat ihn wütend gemacht; er schwört, daß er Sie hindern werde, Plassans zu erobern. Sie sehen, ich bin offen. Als man jüngst von der Pfarre Saint-Saturnin sprach, nannte ich Ihren Namen. Fenil geriet darüber in einen schrecklichen Zorn und ich mußte schwören, daß ich die Pfarre einem seiner Schützlinge, dem Abbé Chardon geben wolle, den Sie gut kennen, ein sehr würdiger Herr im übrigen ... Lieber Freund, tun Sie es um meinetwillen und verzichten Sie darauf. Ich gebe Ihnen jede Entschädigung, die Sie wollen. Der Priester blieb ernst. Nach einer Pause, als sei er mit sich zu Rate gegangen, sagte er: Sie wissen, Monseigneur, daß ich keinen persönlichen Ehrgeiz habe; ... ich wünsche zurückgezogen zu leben, und es wäre für mich eine große Freude, auf diese Pfarre verzichten zu können. Nur bin ich nicht mein eigener Herr; es liegt mir daran, meine Beschützer zu befriedigen, die sich für mich interessieren ... Um Ihretwillen, Monseigneur, denken Sie darüber nach, bevor Sie einen Entschluß fassen, den Sie später bereuen würden. Obgleich der Abbé Faujas sehr demütig gesprochen hatte, fühlte doch der Bischof die verborgene Drohung, die in diesen Worten lag. Er erhob sich, machte einige Schritte, von einer tiefen Bestürzung erfaßt. Dann hob er die Hände: Jetzt habe ich meine Plackerei für lange Zeit. Ich hätte gern alle diese Erklärungen vermieden; aber, da Sie darauf bestehen, muß ich offen sprechen ... Also, lieber Herr, der Abbé Fenil wirft Ihnen vielerlei vor. Ich glaube, Ihnen schon gesagt zu haben, daß er nach Besançon hat schreiben lassen, von wo er alle die Geschichten erfuhr, die Sie ja kennen ... Gewiß, Sie haben mir alles erklärt, ich kenne Ihre Verdienste, Ihr reuevolles und zurückgezogenes Leben, aber was wollen Sie? Der Großvikar hat Waffen gegen Sie, er gebraucht sie unbarmherzig. Oft weiß ich nicht, wie ich Sie verteidigen soll ... Als der Minister mich gebeten hat, Sie in meinen Amtsbezirk aufzunehmen, da habe ich ihm nicht verschwiegen, daß Ihre Lage eine schwierige sein werde. Er drang aber in mich, sagte, daß es Ihre Sache sei, und schließlich willigte ich ein. Nur muß man heute nicht Unmögliches von mir verlangen. Der Abbé Faujas hatte nicht den Kopf gesenkt, er erhob ihn vielmehr, sah den Bischof ins Gesicht und sagte kurz: Sie haben mir Ihr Wort gegeben, bischöfliche Gnaden. Gewiß, gewiß ... Der arme Compan wurde alle Tage kränker. Sie haben mir gewisse Sachen anvertraut; da habe ich es Ihnen versprochen, ich leugne es nicht... Hören Sie, ich will Ihnen alles sagen, damit Sie mich nicht beschuldigen können, ich drehte mich wie eine Wetterfahne. Sie behaupten, daß der Minister lebhaft Ihre Ernennung zum Pfarrer von Saint-Saturnin wünsche. Nun, ich habe geschrieben, ich habe mich erkundigt, einer meiner Freunde ist in das Ministerium gegangen. Man hat ihn fast ausgelacht und ihm gesagt, daß man Sie gar nicht kenne. Der Minister verwahrt sich energisch dagegen, Ihr Beschützer zu sein, hören Sie! Wenn Sie es wünschen, werde ich Ihnen einen Brief zeigen, in dem er sich sehr streng über Sie ausläßt. Er streckte den Arm aus, um in einer Schublade herumzuwühlen; aber der Abbé Faujas hatte sich, ohne ihn aus dem Auge zu lassen, mit einem Lächeln erhoben, durch das ein gewisser Spott, gepaart mit Mitleid, hindurchbrach: Ach, Monseigneur! Monseigneur! Nach einigen Augenblicken sagte er, als wolle er sich nicht weiter erklären: Ich gebe Ihnen Ihr Wort zurück. Glauben Sie mir, ich arbeitete in allem mehr für Sie als für mich. Später, wenn es nicht mehr Zeit ist, werden Sie sich meiner Warnungen erinnern. Er wandte sich der Türe zu; aber der Bischof hielt ihn zurück und sagte mit unruhiger Miene: Nun, was wollen Sie damit sagen? Erklären Sie sich, lieber Herr Faujas. Ich weiß, daß man mir seit der Wahl des Marquis von Lagrifoul nicht wohl gesinnt ist. Man kennt mich wirklich sehr wenig, wenn man glaubt, ich hätte mich da eingemischt; ich komme nicht zweimal im Monat aus diesem Zimmer heraus ... Glauben Sie, daß man mich beschuldigt, den Marquis durchgebracht zu haben? Ja, ich fürchte, erwiderte entschieden der Abbé. Das ist zu dumm, ich habe nie meine Nase in die Politik gesteckt, ich lebe nur für meine lieben Bücher. Fenil hat alles getan. Ich habe ihm hundertmal gesagt, daß er mir schließlich in Paris Verlegenheiten bereite. Er hielt inne und errötete, weil er sich diese Worte hatte entschlüpfen lassen. Der Abbé Faujas setzte sich wieder ihm gegenüber und sagte mit tiefer Stimme: Ew. bischöfliche Gnaden haben soeben Ihren Großvikar verurteilt ... Ich habe Ihnen nichts anderes gesagt. Brechen Sie mit ihm, oder er bereitet Ihnen sehr ernste Sorgen. Ich habe Freunde in Paris, was Sie auch immer glauben mögen. Ich weiß, daß die Wahl des Marquis von Lagrifoul die Regierung sehr gegen Sie aufgebracht hat. Mit Recht oder Unrecht, aber man sieht in Ihnen die einzige Ursache der oppositionellen Bewegung, die in Plassans hervortritt, wo der Minister aus besonderen Gründen die Mehrheit erlangen will. Wenn bei den nächsten Wahlen der Kandidat der Legitimisten wieder durchdringt, so ist es sehr bedauerlich; ich möchte da für Ihre Ruhe fürchten. Aber das ist ja schrecklich! rief der unglückliche Bischof aus, indem er auf seinem Sessel hin- und herrutschte. Ich kann doch nicht verhindern, daß der Kandidat der Legitimisten durchdringt! Habe ich den geringsten Einfluß, habe ich mich je in die Politik gemischt? ... Ja, es gibt Tage, wo ich Lust habe, mich in ein Kloster zurückzuziehen. Ich würde meine Bibliothek mitnehmen und sehr ruhig leben ... Fenil sollte an meiner Stelle Bischof sein. Wenn ich auf Fenil hörte, würde ich mich völlig in Gegensatz zu der Regierung stellen, ich würde nur Rom hören und um Paris mich nicht kümmern. Aber das sagt nicht meinem Wesen zu, ich will ruhig sterben ... Also Sie sagen, daß der Minister gegen mich wütend sei? Der Priester antwortete nicht; zwei Falten, die in seinen Mundwinkeln sich bildeten, verliehen seinem Gesichte einen Ausdruck stummer Verachtung. Mein Gott, fuhr der Bischof fort, wenn ich denken könnte, ihm durch Ihre Ernennung zum Pfarrer von Saint-Saturnin einen Gefallen zu erweisen, würde ich es einzurichten suchen ... Nur versichere ich Ihnen, Sie täuschen sich; Sie stehen nicht im Geruche der Heiligkeit. Der Abbé machte eine heftige Gebärde und ließ sich in seiner Ungeduld gehen. Nun, sagte er, vergessen Sie, daß über mich übles Gerede herumgeht und ich in Plassans mit einem zerrissenen Talar angekommen bin. Wenn man einen verlorenen Menschen auf einen gefährlichen Posten schickt, so verleugnet man ihn bis zu dem Tage seines Erfolges ... Helfen Sie mir zu meinem Erfolge, bischöfliche Gnaden, und Sie werden sehen, daß ich Freunde in Paris habe. Als der Bischof, überrascht von diesem abenteuerlichen und energischen Gesichte, das sich soeben vor ihm aufrichtete, ihn weiter stumm ansah, wurde er wieder nachgiebig und fuhr fort: Das sind Voraussetzungen; ich will sagen, daß ich mir vieles muß verzeihen lassen. Meine Freunde warten nur, bis meine Stellung sich befestigt hat, um Ihnen zu danken. Der Bischof blieb noch einen Augenblick stumm. Er war ein sehr feiner Kopf, der das menschliche Laster aus den Büchern kennen gelernt hatte. Er war sich seiner großen Schwäche bewußt, er schämte sich ihrer sogar ein wenig; aber er tröstete sich, indem er die Menschen nach ihrem Werte beurteilte. In seinem Leben eines gelehrten Epikuräers gab es Augenblicke, wo er die Ehrgeizigen seiner Umgebung verspottete, die sich um die Fetzen seiner Macht stritten. Nun, sagte er lächelnd, Sie sind ein zäher Mensch, lieber Herr Faujas. Ich habe Ihnen ein Versprechen gegeben und werde es halten. Vor einem halben Jahre, ich gestehe es, würde ich mich gefürchtet haben, ganz Plassans gegen mich aufzubringen; aber Sie haben sich beliebt zu machen gewußt, die Frauen der Stadt loben Sie oft vor mir. Wenn ich Ihnen die Pfarre von Saint-Saturnin gebe, zahle ich die Schuld für das Werk der heiligen Jungfrau ab. Der Bischof hatte seine heitere Liebenswürdigkeit und sein ausgezeichnetes Benehmen als zuvorkommender Prälat wiedergefunden. Der Abbé Surin steckte in diesem Augenblicke seinen schönen Kopf durch die halb offene Türe. Nein, nein, liebes Kind, sagte der Bischof, ich diktiere Ihnen den Brief nicht ... Ich brauche Sie nicht mehr. Sie können sich entfernen. Der Abbé Fenil ist da, sagte der junge Priester. Gut, er möge warten. Der Bischof zitterte ein wenig; aber er machte eine entschlossene, fast gefällige Gebärde, sah den Abbé Faujas verständnisvoll an und sagte zu ihm: Da, gehen Sie hier hinaus. Und er öffnete eine Türe, die ein Vorhang verdeckt hatte. Er hielt ihn auf der Schwelle zurück und fuhr fort, ihn lächelnd anzusehen: Fenil wird wütend sein ... Sie versprechen mir, mich gegen ihn zu verteidigen, wenn er zu sehr schreit? Sie sollen es künftig mit ihm zu tun haben. Ich rechne auch darauf, daß Sie den Marquis von Lagrifoul nicht mehr wählen lassen ... Bei Gott, jetzt stütze ich mich auf Sie, lieber Herr Faujas. Er grüßte ihn leicht mit dem Ende seiner weißen Hand, dann kehrte er nachlässig wieder in sein warmes Zimmer zurück. Der Abbé war gebückt stehen geblieben, voll Erstaunen über die weibliche Leichtigkeit, mit der der Bischof den Herrn wechselte und sich dem Stärkeren überlieferte. Dann erst fühlte er, daß der Bischof sich soeben über ihn lustig gemacht habe, wie er sich über den Abbé Fenil lustig machen mochte, in dem weichen Sessel sitzend, in dem er den Horaz übersetzte. Am folgenden Donnerstag gegen zehn Uhr erschien in dem Augenblicke, als die vornehme Gesellschaft von Plassans sich in dem grünen Salon der Rougons drängte, der Abbé Faujas auf der Schwelle. Er sah prächtig, groß und blühend aus und trug einen feinen Talar, der wie Seide glänzte. Er blieb ernst, mit einem leichten Lächeln, einer liebenswürdigen Falte um seine Lippen, gerade nur soviel, um sein strenges Gesicht mit einem Strahle der Güte zu erhellen. Ei, das ist ja der liebe Pfarrer! rief Frau von Condamin fröhlich aus. Aber die Frau des Hauses stürzte ihm entgegen; sie ergriff mit beiden Händen eine Hand des Abbé und führte ihn in die Mitte des Salons, sah ihn zärtlich an und schüttelte den Kopf. Welche Überraschung! Welche schöne Überraschung! wiederholte sie. Man hat Sie ja seit einem Jahrhundert nicht gesehen! Das Glück muß also sich bei Ihnen einstellen, damit Sie sich Ihrer Freunde erinnern? Er grüßte wohlgefällig. Um ihn her entstand eine schmeichelhafte Begrüßung, ein Zischeln entzückter Frauen. Madame Delangre und Madame Rastoil warteten nicht, bis er kam, um sie zu grüßen; sie eilten ihm entgegen, um ihn zu seiner Ernennung zu beglückwünschen, die seit heute morgen veröffentlicht war. Der Bürgermeister, der Bezirksrichter, selbst Herr von Bourdeu schüttelten ihm kräftig die Hände. Ein ganzer Kerl, nicht wahr? sagte Herr von Condamin dem Dr. Porquier ins Ohr. Er wird es weit bringen. Ich habe es ihm gleich am ersten Tage angesehen ... Sie müssen wissen: sie lügen wie die Zahnbrecher, die alte Rougon und er. Ich habe ihn mehr als zehnmal bei Einbruch der Nacht hierher schleichen gesehen. Die beiden mögen schöne Geschichten miteinander haben. Aber der Dr. Porquier hatte eine fürchterliche Angst, daß Herr von Condamin ihn kompromittieren könne; er beeilte sich wie die anderen, dem Abbé Faujas die Hand zu schütteln, obwohl er nie mit ihm ein Wort gesprochen hatte. Dieser siegreiche Einzug war das große Ereignis des Abends. Der Abbé hatte sich gesetzt, und ein dreifacher Kreis von Weiberröcken umgab ihn. Er plauderte mit einer reizenden Gutmütigkeit, sprach von allen Dingen und vermied sorgfältig, auf Anspielungen zu antworten. Felicité hatte ihn rundheraus gefragt, und er erwiderte nur, daß er nicht im Pfarrhofe wohnen werde, sondern die Wohnung vorziehe, wo er seit drei Jahren so ruhig lebe. Martha befand sich auch unter den Damen, zurückhaltend wie immer. Sie hatte bloß dem Abbé zugelächelt, als sie ihn von weitem erblickte; sie war ein wenig blaß, und ihr Gesicht zeigte Abspannung und Unruhe. Aber als er seine Absicht kundgab, die Balande-Straße nicht zu verlassen, da errötete sie tief und stand auf, um in den kleinen Salon zu gehen, als wenn die Hitze sie ersticke. Frau Paloque, neben die sich Herr von Condamin gesetzt hatte, lächelte höhnisch, während sie laut genug zu ihm sagte, um gehört zu werden: Eine saubere Geschichte, nicht wahr? ... Sie sollte ihm doch wenigstens hier kein Stelldichein geben, da sie den ganzen Tag für sich zu Hause haben. Nur Herr von Condamin begann zu lachen; die anderen blieben ernst. Frau Paloque, die einsah, daß sie sich geschadet hatte, versuchte die Sache ins Spaßige zu ziehen. Unterdessen plauderte man in den Winkeln von dem Abbé Fenil. Man war sehr neugierig, ob er kommen werde. Herr von Bourdeu, einer der Freunde des Großvikars, erzählte mit vielsagender Miene, daß dieser leidend sei. Die Nachricht von diesem Unwohlsein wurde mit verstecktem Lächeln entgegengenommen. Jedermann wußte von der Umwälzung, die in der bischöflichen Residenz stattgefunden hatte. Der Abbé Surin gab den Damen alle Einzelheiten über die furchtbare Szene zwischen dem Bischof und dem Großvikar zum besten. Letzterer, der durch den Bischof geschlagen wurde, ließ verbreiten, daß ihn ein Gichtanfall an das Zimmer fessele. Aber das war keine Lösung und der Abbé fügte hinzu: »daß man wohl noch ganz andere Dinge sehen werde.« All dies wurde mit leisen Ausrufen, Kopfschütteln und überraschten und zweifelnden Mienen weitererzählt. Für den Augenblick wenigstens trug der Abbé Faujas den Sieg davon. Die schönen Betschwestern sonnten sich denn auch in dem aufgehenden Gestirn. Um die Mitte des Abends trat der Abbé Bourrette ein. Die Unterhaltung stockte, man sah ihn neugierig an. Jedermann wußte, daß er noch den Tag vorher auf die Pfarre von Saint-Saturnin gerechnet hatte; er hatte den Abbé Compan während seiner langen Krankheit vertreten, die Stelle gehörte ihm. Er blieb einen Augenblick auf der Schwelle stehen, ohne die Bewegung zu bemerken, die seine Ankunft hervorrief; er war ein wenig ermüdet, die Augenlider hingen schlaff herunter. Als er den Abbé Faujas bemerkte, eilte er auf ihn zu, schüttelte ihm herzlich die Hände und sagte: Ach, mein lieber Freund, lassen Sie mich Ihnen Glück wünschen ... Ich komme von Ihnen, wo ich von Ihrer Mutter erfuhr, daß Sie hier seien ... Ich bin überglücklich, Sie anzutreffen. Der Abbé war trotz seiner Kaltblütigkeit aufgestanden, überrascht von der Freundlichkeit, die er nicht erwartete. Ja, sagte er leise, ich mußte die Stelle annehmen trotz meiner geringen Verdienste ... Ich hatte sie zuerst ausgeschlagen, indem ich Sr. bischöflichen Gnaden würdigere Priester nannte, so z. B. Sie. Der Abbé Bourrette zwinkerte mit den Augen; er führte ihn beiseite und sagte leise zu ihm: Der Bischof hat mir alles erzählt ... Es scheint, daß Fenil durchaus nicht von mir wollte reden hören. Er hätte das Kirchspiel in Brand gesteckt, wenn ich ernannt wäre. Das sind seine eigenen Worte. Mein Verbrechen ist, daß ich dem armen Compan die Augen zugedrückt habe ... Er verlangte, wie Sie wissen, die Ernennung des Abbé Chardon. Ein frommer Mann ohne Zweifel, aber von einer bekannten Unfähigkeit. Der Großvikar hoffte, unter seinem Namen in Saint-Saturnin zu regieren ... Jetzt hat der Bischof die Stelle Ihnen gegeben, um ihm zu entrinnen und ihm eins am Zeuge zu flicken. Das rächt mich. Ich bin entzückt, mein lieber Freund! ... Wußten Sie dies alles? Nein, nicht so genau. Es verhält sich wirklich so. Ich habe es aus dem Munde des Bischofs selbst ... Unter uns gesagt, er hat mir eine schöne Entschädigung in Aussicht gestellt. Der zweite Großvikar, der Abbé Vial, hat seit langem den Wunsch, sich in Rom niederzulassen; der Platz wäre frei. Aber Stillschweigen darüber ... Ich würde meinen heutigen Tag nicht um vieles Geld hergeben. Wieder schüttelte er dem Abbé Faujas die Hände, während sein Gesicht vor Freude strahlte. Die Damen sahen sich erstaunt und lächelnd an. Aber die Freude des wackeren Mannes war so aufrichtig, daß sie schließlich auf den ganzen grünen Salon überging, wo die dem neuen Pfarrer dargebrachte Beglückwünschung einen mehr intimen und rührenden Charakter annahm. Die Frauen näherten sich wieder; man sprach von der Orgel der Kathedrale, die eine Ausbesserung sehr nötig hatte; Frau von Condamin versprach einen prächtigen Altar für die nächste Fronleichnamsprozession. Der Abbé Bourrette nahm an dem Triumphe auch seinen Teil, als Frau Paloque, ihr scheußliches Gesicht vorstreckend, seine Schulter berührte und ihn leise fragte: Nun, Herr Abbé, morgen hören Sie nicht in der Kapelle Saint-Michel Beichte? Der Priester hatte, seitdem er den Abbé Compan vertrat, immer in dem Beichtstuhle der Kapelle Saint-Michel, dem größten und bequemsten der Kirche, der für den Pfarrer bestimmt war, Beichte gehört. Er verstand sie nicht sogleich, zwinkerte mit den Augen und sah Madame Paloque an. Ich frage Sie, hub sie wieder an, ob Sie morgen in Ihrem alten Beichtstuhle in der Engel-Kapelle sitzen werden? Er erblaßte leicht und schwieg noch immer. Er schlug die Augen zu Boden und fühlte einen leichten Schmerz im Nacken, als habe er von rückwärts einen Schlag erhalten. Dann stotterte er, da er fühlte, daß Frau Paloque ihn scharf beobachte: Gewiß benutze ich meinen alten Beichtstuhl wieder ... Kommen Sie in die Engel-Kapelle, die letzte links, auf der Klosterseite ... Sie ist sehr feucht. Ziehen Sie sich gut an, Madame, ziehen Sie sich gut an. Er hatte Tränen an den Augenwimpern hängen. Er war in den schönen Beichtstuhl der Kapelle Saint-Michel ganz verliebt, da die Sonne am Nachmittag gerade zu der Stunde der Beichte hineinschien. Bis jetzt hatte er nicht bedauert, die Kathedrale dem Abbé Faujas übergeben zu müssen; aber dieser geringfügige Umstand, dieses Abtreten einer Kapelle an einen anderen war ihm sehr peinlich; es schien ihm, als sei sein ganzes Leben verfehlt. Madame Paloque machte die laute Bemerkung, daß er plötzlich traurig geworden sei; aber er wehrte sich und versuchte wieder zu lächeln. Er verließ frühzeitig den Salon. Der Abbé Faujas blieb bis zuletzt. Rougon beglückwünschte ihn auch und sprach ernst mit ihm, indem beide auf einem Sofa sich niederließen. Sie redeten von der Notwendigkeit der religiösen Gefühle in einem weise regierten Staate; während dieses Gespräches verbeugte sich jede Dame, die sich zurückzog, tief vor ihnen. Herr Abbé, sagte Felicité huldvoll, Sie wissen, daß Sie der Ritter meiner Tochter sind. Er erhob sich. Martha erwartete ihn an der Türe. Die Nacht war sehr finster. In den Straßen waren sie durch die Finsternis wie geblendet. Sie gingen über den Präfekturplatz, ohne ein Wort zu sprechen; aber in der Balande-Straße vor dem Hause berührte Martha, als er gerade den Schlüssel in das Schloß stecken wollte, seinen Arm. Ich bin sehr glücklich über die Ehre, die Ihnen zuteil wird, sagte sie mit zitternder Stimme zu ihm ... Seien Sie heute gütig und erweisen Sie mir die Gnade, die Sie mir bis jetzt abgeschlagen haben. Ich versichere Ihnen, der Abbé Bourrette versteht mich nicht. Sie allein können mich lenken und retten. Er schob sie mit einer Handbewegung beiseite. Als er dann die Türe geöffnet und eine kleine Lampe angezündet hatte, die Rosa am Fuße der Stiege hingestellt, ging er hinauf, indem er ruhig sagte: Sie haben mir versprochen, vernünftig zu sein ... Ich werde über Ihre Bitte nachdenken. Wir sprechen noch darüber. Sie hätte ihm gerne die Hände geküßt. Sie ging erst in ihre Wohnung, als sie oben die Türe schließen hörte. Während sie sich entkleidete und zu Bett ging, hörte sie nicht auf Mouret, der halb im Schlummer lag und ihr weitläufig die Klatschereien erzählte, die die Runde in der Stadt machten. Er war in seinem Klub gewesen, in dem Kaufmannsklub, wohin er nur selten kam. Der Abbé Faujas hat den Abbé Bourrette besiegt, wiederholte er zum zehntenmal, indem er langsam den Kopf auf dem Kissen hin und her drehte. Der arme Abbé Bourrette! Es bleibt doch ein Vergnügen zu sehen, wie sich die Pfaffen untereinander auffressen. Neulich – du erinnerst dich, als sie im Garten sich umarmten; man hätte sie für zwei Brüder gehalten. Ach ja, sie bestehlen einander bis auf die Beichtkinder ... Warum antwortest du nicht? Du glaubst, daß das nicht wahr ist? ... Du schläfst, nicht wahr? Nun, dann gute Nacht, bis morgen. Er schlief wieder ein, indem er noch einzelne Worte brummte. Martha sah mit offenen Augen in die Luft und horchte noch nach der Decke hinauf, die durch die Nachtlampe beleuchtet war, wie der Abbé Faujas mit den Pantoffeln schlürfend sich zu Bette begab. Zwölftes Kapitel. Als der Sommer wiederkehrte, kamen der Abbé und seine Mutter neuerdings jeden Abend auf die Terrasse herunter, um frische Luft zu schöpfen. Mouret wurde mürrisch. Er schlug das Spiel aus, das die alte Frau ihm anbot. Er blieb in einem Schaukelstuhl sitzen und wiegte sich. Wenn er gähnte, ohne seine Langweile verbergen zu wollen, sagte Martha zu ihm: Warum gehst du nicht in deinen Klub? Er ging öfter als sonst dahin. Wenn er heimkam, fand er Martha und den Abbé auf demselben Platze auf der Terrasse, während Madame Faujas einige Schritte weiter immer dieselbe Haltung einer stummen und blinden Wächterin bewahrte. Wenn man in der Stadt mit Mouret über den neuen Pfarrer sprach, so stimmte er fortwährend das höchste Lob an. Er sei gewiß ein hervorragender Mann. Er, Mouret, habe nie an seinen hohen Fähigkeiten gezweifelt. Madame Paloque konnte nie ein böses Wort aus ihm herausbringen trotz der Bosheit, mit der sie sich mitten in einem Satze über den Abbé nach seiner Frau erkundigte. Der alten Frau Rougon gelang es auch nicht besser, irgendeinen geheimen Kummer herauszufinden, den sie hinter seiner Gutmütigkeit vermutete; sie sah ihm mit feinem Lächeln ins Gesicht, stellte ihm Fallen, aber dieser unverbesserliche Schwätzer, der über die ganze Stadt redete, schämte sich jetzt, wenn es sich um seine eigene Häuslichkeit handelte. Dein Mann ist also doch vernünftig geworden? fragte eines Tages Felicité ihre Tochter. Er läßt dir die Freiheit. Martha sah sie überrascht an. Ich bin immer frei gewesen, sagte sie. Liebes Kind, du willst ihn nicht anklagen ... Du hattest mir gesagt, daß er den Abbé Faujas mit scheelem Auge ansehe. Aber nein, ich versichere dir ... Im Gegenteil, du hast dir das eingebildet ... Mein Mann steht mit dem Abbé Faujas auf dem besten Fuße. Sie haben keinen Grund, einander böse zu sein. Martha wunderte sich über die Beharrlichkeit, mit der jedermann annahm, daß ihr Gatte und der Abbé keine guten Freunde seien. Oft stellten in den Ausschußsitzungen die Damen ihr Fragen, die sie ungeduldig machten. In Wahrheit fühlte sie sich sehr glücklich, sehr ruhig; nie hatte ihr das Haus in der Balande-Straße heimischer geschienen. Der Abbé Faujas hatte ihr zu verstehen gegeben, daß er die Leitung ihres Gewissens übernehme, sobald er finde, daß der Abbé Bourrette unzureichend sei, sie lebte also in dieser Hoffnung mit den kindlichen Freuden einer ersten Kommunikantin, der man Heiligenbilder versprochen hat, wenn sie brav sei. Sie glaubte von Zeit zu Zeit, wieder ein Kind zu werden; es überkam sie eine Frische des Gefühles, kindliche Wünsche, die sie im Innersten bewegten. An einem Frühlingstage überraschte Mouret, der sein großes Gebüsch beschnitt, sie in der hinteren Gartenlaube inmitten des jungen Triebes in der warmen Luft mit Tränen in den Augen. Was ist dir denn, meine Gute? fragte er beunruhigt. Nichts, versicherte sie lächelnd. Ich bin zufrieden, sehr zufrieden. Er zuckte mit den Achseln, indem er mit seiner Schere weiter hantierte, um eine gerade Linie an den Gebüschen zu schneiden; er setzte einen besonderen Stolz darein, jedes Jahr das am schönsten geschnittene Strauchwerk in dem Viertel zu haben. Martha, die ihre Augen getrocknet hatte, weinte von neuem heiße, große Tränen, bis in das Innerste durch den Geruch des frischen Grüns gepackt. Sie war damals vierzig Jahre alt und beweinte ihre Jugend. Der Abbé Faujas zeigte, seitdem er Pfarrer von Saint-Saturnin geworden, eine Milde und Würde, die ihn noch größer erscheinen ließen. Prächtig wußte er sein Brevier und seinen Hut zu tragen. In der Kathedrale hatte er sich mit kraftvollen Verfügungen eingeführt, die ihm die Achtung des Klerus sicherten. Der Abbé Fenil, von neuem in mehreren Fragen besiegt, schien seinem Gegner das Feld zu räumen. Aber dieser beging nicht die Dummheit, laut zu triumphieren. Er hatte einen geschmeidigen und unterwürfigen Stolz, der überraschte. Er fühlte vollkommen, daß Plassans ihm noch lange nicht gehörte. So blieb er manchmal auf der Straße stehen, um Herrn Delangre die Hand zu schütteln, während er mit Herrn von Bourdeu, Herrn Maffre und den anderen Gästen des Präsidenten Rastoil nur einen kurzen Gruß wechselte. Ein großer Teil der Stadtbewohner kam ihm noch immer mit starkem Mißtrauen entgegen. Man beschuldigte ihn, von sehr verdächtiger politischer Gesinnung zu sein. Er sollte sich erklären, sich für eine Partei entscheiden. Aber er lächelte nur und sagte, daß er zur Partei der ehrlichen Leute stehe, was ihm eine bestimmte Antwort ersparte. Übrigens zeigte er keine Eile und hielt sich weiter abseits, indem er wartete, bis die Türen sich von selbst öffnen würden. Nein, mein Freund, später wollen wir sehen, sagte er zu dem Abbé Bourrette, der ihn zu einem Besuche bei Herrn Rastoil drängte. Man erfuhr, daß er zwei Einladungen zum Essen auf der Präfektur ausgeschlagen habe. Er besuchte immer nur die Mourets. Hier blieb er wie auf einem Beobachtungsposten zwischen den beiden feindlichen Lagern. Wenn am Dienstag die beiden Gesellschaften rechts und links in den Gärten waren, stellte er sich an das Fenster und schaute zu, wie die Sonne in der Ferne hinter den Wäldern von Seille unterging; dann warf er, ehe er sich zurückzog, einen Blick hinab und erwiderte in gleich liebenswürdiger Weise die Grüße der Rastoils und die der Präfektur. Das waren die Beziehungen, die er zu den Nachbarn unterhielt. Aber an einem Dienstage ging er in den Garten hinunter. Der Garten Mourets gehörte jetzt ihm. Er begnügte sich nicht mehr mit der hinteren Laube, wenn er in seinem Brevier las; alle Alleen und Seitenanlagen durchwanderte er; sein Talar tauchte überall zwischen dem Grün auf. An diesem Dienstage ging er herum, grüßte Herrn Maffre und Frau Rastoil, die er von oben herab erblickte; dann ging er unter der Terrasse der Präfektur vorüber, wo Herr von Condamin mit dem Dr. Porquier stand. Diese Herren grüßten ihn, und er ging die Allee wieder hinauf, als ihn der Doktor anrief: Herr Abbé, bitte, auf ein Wort! Er fragte ihn, um welche Stunde er ihn am folgenden Tage zu Hause antreffe. Das war das erstemal, daß eine der beiden Gesellschaften so den Priester von Garten zu Garten ansprach. Der Doktor war in großen Sorgen: Sein Taugenichts von einem Sohne war mit einer Schar anderer Nichtsnutziger in einem verdächtigen Hause hinter dem Gefängnisgebäude angetroffen worden. Das Schlimmste dabei war, daß man Wilhelm beschuldigte, der Anführer der Bande zu sein und die Söhne des Maffre, die viel jünger als er waren, verführt zu haben. Bah, sagte Herr von Condamin mit seinem spöttischen Lächeln, Jugend muß austoben. Was ist weiter dabei! Die ganze Stadt ist in Aufruhr, weil die jungen Leute Baccarat spielten und man eine Dame bei ihnen antraf. Der Doktor aber zeigte sich sehr gekränkt. Ich möchte Sie um Rat fragen, wandte er sich an den Priester. Herr Maffre ist wie ein Wütender zu mir gekommen; er hat mir die heftigsten Vorwürfe gemacht und erklärt, ich sei daran schuld, weil ich meinen Sohn schlecht erzogen hätte ... Ich bin wirklich in einer peinlichen Lage. Man sollte mich doch besser kennen. Ich habe sechzig Jahre hinter mir ohne einen Makel daran. Er klagte weiter, indem er die Opfer aufzählte, die er für seinen Sohn gebracht, und von seinen Patienten sprach, die er zu verlieren fürchtete. Der Abbé Faujas, der in der Allee stand, sah hinauf und hörte ernst zu. Es wird mir ein großes Vergnügen sein, Ihnen zu dienen, sagte er bereitwillig. Ich werde Herrn Maffre besuchen und ihm zu verstehen geben, daß ihn seine gerechte Entrüstung zu weit getrieben hat. Ich werde ihn sogar bitten, mir für morgen eine Zusammenkunft zu bewilligen. Er ist dort drüben. Damit schritt er durch den Garten und beugte sich zu Herrn Maffre hinüber, der in der Tat wie immer in Gesellschaft der Madame Rastoil war. Aber als der Bezirksrichter hörte, daß der Pfarrer eine Unterredung mit ihm wünsche, wollte er nicht, daß er sich bemühe, und stellte sich ihm zur Verfügung, indem er ihm sagte, daß er sich morgen die Ehre geben werde, ihn zu besuchen. Ei, Herr Pfarrer! fügte Frau Rastoil hinzu, meinen Glückwunsch zu Ihrer Predigt am Sonntag. Ich versichere Sie, alle Damen waren davon gerührt. Er grüßte und durchschritt von neuem den Garten, um auf den Dr. Porquier zuzugehen und ihn zu beruhigen. Dann wanderte er bis zum Einbrüche der Nacht in den Alleen herum, ohne sich weiter an der Unterhaltung der beiden Gesellschaften zu beteiligen, deren Lachen er rechts und links hörte. Als ihn am folgenden Tage Herr Maffre besuchte, sah er eben den Arbeiten zweier Männer zu, die den Springbrunnen ausbesserten. Er hatte den Wunsch geäußert, das Wasser springen zu sehen, denn dieses Becken ohne Wasser sei, wie er sagte, gar so traurig. Mouret wollte nicht und meinte, es könne ein Unfall vorkommen; aber Martha hatte die Sache in die Hand genommen und bestimmt, daß das Becken mit einem Gitter umgeben werde. Herr Pfarrer, rief Rosa, der Herr Friedensrichter ist da und fragt nach Ihnen. Der Abbé Faujas ging schnell zu ihm. Er wollte ihn in seine Wohnung hinaufführen; aber Rosa hatte schon die Salontüre geöffnet. Treten Sie doch ein! sagte sie. Sind Sie denn hier nicht zu Hause? Wozu denn den Herrn Friedensrichter zwei Stockwerke steigen lassen? ... Wenn Sie es mir heute früh gesagt hätten, würde ich den Salon geputzt haben. Als sie die Türe hinter ihnen schloß, nachdem sie die Fensterläden geöffnet hatte, rief sie Mouret in das Speisezimmer: Schon recht, Rosa, sagte er. Du gibst heute abend deinem Pfarrer mein Essen und wenn er oben zu wenig Decken hat, legst du ihn in mein Bett, nicht wahr? Die Köchin wechselte einen verständnisvollen Blick mit Martha, die an dem Fenster arbeitete und wartete, bis die Sonne die Terrasse verlassen werde. Rosa zuckte mit den Achseln und sagte leise: Gnädiger Herr, Sie haben nie ein gutes Herz gehabt. Damit ging sie hinaus. Martha arbeitete weiter, ohne aufzublicken. Seit einigen Tagen arbeitete sie wieder wie in einer fieberhaften Aufregung. Sie stickte ein Altartuch; es war ein Geschenk für die Kathedralkirche. Die Damen wollten einen ganzen Altar schenken. Die Frauen Rastoil und Delangre hatten die Schenkung der Leuchter übernommen. Frau von Condamin ließ von Paris ein prächtiges silbernes Kruzifix kommen. Unterdessen machte der Abbé im Salon dem Herrn Maffre freundliche Vorstellungen, indem er sagte, daß der Dr. Porquier ein religiöser Mann von großer Rechtlichkeit sei, und daß er am meisten unter dem beklagenswerten Benehmen seines Sohnes leide. Der Richter hörte aufmerksam zu; sein dickes Gesicht, seine großen, hervortretenden Augen nahmen bei gewissen frommen Worten, die der Priester schärfer betonte, einen Ausdruck des Entzückens an. Er gab zu, daß er ein wenig zu heftig gewesen sei, und erklärte sich zu allen Entschuldigungen bereit, wenn der Priester glaube, daß er gefehlt habe. Und Ihre Söhne? fragte der Abbé. Sie müssen sie mir schicken; ich werde mit ihnen sprechen. Herr Maffre schüttelte mit einem leisen Hohnlächeln den Kopf. Haben Sie keine Furcht, Herr Pfarrer, die Jungen werden es nicht ein zweitesmal tun ... Seit drei Tagen sind sie bei Wasser und Brot in ihrem Zimmer eingesperrt, wenn ich einen Stock gehabt hätte, als ich die Geschichte erfuhr, ich hätte ihn auf ihren Rücken geschlagen. Der Abbé sah ihn an und erinnerte sich, daß Mouret ihn beschuldigte, seine Frau durch seinen Geiz und seine Härte getötet zu haben; dann erwiderte er mit einer Gebärde der Verwahrung: Nein, nein, das ist nicht der richtige Weg bei jungen Leuten. Ihr Ältester, Ambroise, ist eben zwanzig Jahre, der Jüngere geht in das achtzehnte, nicht wahr? Bedenken Sie, das sind keine Kinder mehr; man muß ihnen einige Vergnügungen gestatten. Der Richter blieb stumm vor Überraschung. So würden Sie sie rauchen und in das Kaffeehaus gehen lassen? fragte er leise. Freilich, erwiderte der Priester lächelnd. Ich sage Ihnen nochmals, die jungen Leute müssen zusammenkommen, um miteinander zu plaudern, zu rauchen oder auch eine Partie Billard oder Schach zu spielen ... Sie werden sich alles erlauben, wenn Sie ihnen nichts gestatten. Nur können Sie sich wohl denken, daß ich sie nicht in alle Kaffeehäuser gehen lasse. Ich möchte für sie ein besonderes Haus, einen Klub, wie ich sie in mehreren Städten gesehen habe. Damit entwickelte er einen ganzen Plan. Herr Maffre, der allmählich begriff, nickte mit dem Kopfe und sagte: Sehr gut, sehr gut ... Es wäre ein Seitenstück zu dem Werke der heiligen Jungfrau. Ach, Herr Pfarrer, einen so schönen Plan muß man ausführen. Nun also, schloß der Priester, indem er ihn bis auf die Straße begleitete, scheint Ihnen der Gedanke gut, so sprechen Sie darüber mit Ihren Freunden. Wenn ich mit Herrn Delangre zusammenkomme, rede ich gleicherweise mit ihm darüber ... Sonntag nach der Vesper können wir in der Kirche zusammenkommen, um einen Entschluß zu fassen. Am nächsten Sonntag brachte Maffre Herrn Rastoil mit. Sie fanden den Abbé Faujas und Herrn Delangre in einem kleinen Zimmer, das an die Sakristei stieß. Die Herren zeigten sich sehr begeistert. Die Gründung eines Klubs für junge Leute wurde im Grundsatz beschlossen; nur stritt man einige Zeit über den Namen, den dieser Klub führen solle. Herr Maffre wollte durchaus, daß er Jesusklub heiße. Nein, rief schließlich der Priester ungeduldig. Sie bekommen niemanden dazu, man macht sich über die geringe Zahl der Mitglieder lustig. Verstehen Sie wohl, es handelt sich nicht einmal darum, die Religion miteinzubeziehen; im Gegenteil, ich will die Religion ganz beiseite lassen. Wir wollen, daß die Jugend sich anständig unterhalte, wir wollen sie für unsere Sache gewinnen, weiter nichts. Der Richter sah den Präsidenten so erstaunt und ängstlich an, daß Herr Delangre sich bücken mußte, um sein Lächeln zu verbergen. Er zog den Abbé heimlich an dem Talar. Dieser wurde ruhiger und fuhr in milderem Tone fort: Ich hoffe, daß Sie mir trauen, meine Herren. Ich bitte, überlassen Sie mir diese Angelegenheit. Ich schlage einen ganz einfachen Namen vor, z. B. »Jugendklub«; dieser Name besagt, was es ist. Herr Rastoil und Herr Maffre verneigten sich, obgleich ihnen dieser Name läppisch vorkam. Sie sprachen dann noch davon, den Herrn Pfarrer zum Vorsitzenden des vorläufigen Ausschusses zu wählen. Ich glaube, sagte Herr Delangre leise und warf dem Abbé Faujas einen Blick zu, daß dies nicht in dem Wunsche des Herrn Pfarrers liegt. Freilich, ich schlage es aus, erwiderte der Abbé und zuckte leicht mit den Achseln; mein Kleid würde die Furchtsamen und Lässigen abschrecken. Wir würden nur fromme junge Leute bekommen, und für diese gründen wir nicht den Klub. Wir wünschen, die Verirrten zu uns zurückzuführen; mit einem Worte, Jünger zu machen, nicht wahr? Gewiß, antwortete der Präsident. Da ist es besser, wir bleiben im Hintergrunde, besonders ich. Ich schlage folgendes vor: Ihr Sohn, Herr Rastoil, und der Ihrige, Herr Delangre, stellen sich allein an die Spitze. Sie gründen den Klub. Schicken Sie mir beide morgen, ich setze mich mit ihnen vollständig auseinander. Ein Lokal habe ich schon im Auge und auch die Statuten fertig ... Ihre beiden Söhne, Herr Maffre, stehen an der Spitze der Mitgliederliste. Der Präsident schien von der seinem Sohne zugedachten Rolle geschmeichelt zu sein. Die Dinge wurden denn auch in dieser Weise festgesetzt, obwohl der Richter Widerstand leistete, weil er gehofft hatte, aus der Gründung des Klubs irgendwelchen Ruhm ziehen zu können. Vom folgenden Tage an setzten sich Severin Rastoil und Lucien Delangre mit dem Abbé Faujas in Verbindung. Severin war ein großer junger Mann von fünfundzwanzig Jahren mit schiefem Schädel und plattem Gehirn, der dank der Stellung seines Vaters soeben die Advokatenprüfung gemacht hatte. Der Präsident beschloß, ihn zum Staatsanwaltsvertreter ernennen zu lassen, weil er daran verzweifelte, daß er sich als Advokat jemals eine Praxis schaffe. Lucien hingegen war klein, mit lebhaftem Auge, offenem Kopfe und redete sicher wie ein alter Praktiker, obzwar er um ein Jahr jünger war; der »Anzeiger von Plassans« begrüßte ihn als die zukünftige Leuchte des Advokatenstandes. Letzterem gab der Abbé die genauesten Anweisungen. Der Sohn des Präsidenten lief herum und barst schier vor Hochmut. In drei Wochen war der Jugendklub gegründet und eingerichtet. Damals befanden sich unterhalb der Minoritenkirche, die am Ende der Promenade Sauvaire lag, große Räume und ein altes Klosterrefektorium, die alle nicht mehr benützt wurden. Das war das Lokal, das der Abbé Faujas im Auge hatte. Die Geistlichkeit des Sprengels trat es gern ab. Als eines Morgens der vorläufige Ausschuß des Jugendklubs in diese kellerartigen Räume Arbeiter geschickt hatte, sahen die Bürger bestürzt, daß man ein Kaffeehaus unter der Kirche einrichte. Nach fünf Tagen war kein Zweifel mehr möglich. Es handelte sich wirklich um nichts anderes als um ein Kaffeehaus. Man schaffte Sofas, Marmortische, Stühle, zwei Billards, drei Kisten voll Geschirr herbei. In die Mauer des Gebäudes wurde soweit wie möglich von dem Portale der Minoriten eine Türe gebrochen; hinter der Glastüre, die man zu öffnen hatte, nachdem man fünf steinerne Stufen hinabgestiegen war, hingen große rote Vorhänge wie in einem Restaurant. Zuerst kam man in einen großen Saal; dann war rechts ein kleineres Zimmer und ein Lesesalon; rückwärts in einem viereckigen Zimmer standen die zwei Billards genau unter dem Hauptaltar. Ach, ihr armen Kerle, sagte eines Tages Wilhelm Porquier zu den beiden jungen Maffre, denen er auf der Promenade begegnete, man läßt euch jetzt zwischen zwei Partien Bézigue ministrieren. Ambroise und Alphonse baten ihn flehentlich, mit ihnen nicht mehr am hellen Tage zu sprechen, weil ihr Vater ihnen gedroht habe, sie in die Marine zu stecken, wenn sie noch weiter mit ihm verkehrten. In Wirklichkeit blühte der Jugendklub, nachdem das erste Erstaunen vorüber war, ungemein auf. Bischof Rousselot übernahm das Amt eines Ehrenvorsitzenden und kam sogar eines Abends in Begleitung seines Sekretärs, des Abbé Surin, in die Klubräume. Sie tranken in dem kleinen Salon ein Glas Johannisbeerensaft; das Glas, aus dem der Bischof getrunken hatte, wurde mit großer Hochachtung auf einem Kredenztische aufbewahrt. Noch heute erzählt man es sich mit großer Rührung in Plassans. Dieses Ereignis hatte zur Folge, daß alle jungen Leute der besseren Stände dem Klub beitraten. Es gehörte zum guten Ton, Mitglied des Klubs zu sein. Unterdessen schlich Wilhelm Porquier um den Klub herum wie ein junger Wolf, der in einen Schafstall einbrechen will. Die Söhne des Maffre liebten trotz der schrecklichen Furcht, die sie vor ihrem Vater hatten, diesen großen, schamlosen Jungen, der ihnen Geschichten aus Paris erzählte und mit ihnen unterhaltende Ausflüge in die Umgegend machte. So kamen sie schließlich jeden Samstag um neun Uhr auf einer Bank der Promenade du Mail mit ihm zusammen. Sie machten sich aus dem Klub davon und plauderten mit ihm bis elf Uhr im Dunkel der Platanen. Wilhelm kam beharrlich immer wieder auf die Abende zu sprechen, die sie unter der Minoritenkirche zubrachten. Ihr seid doch gar zu gutmütige Narren, sagte er, daß ihr euch an der Nase herumführen lasset ... Nicht wahr, der Kirchendiener trägt euch das Zuckerwasser, als wäret ihr bei der Kommunion. Aber nein, du bist im Irrtum, erklärte Ambroise. Man ist dort wie in einem Kaffee auf der Promenade, im Café de France oder im Kaffee der Reisenden. Man trinkt Bier, Punsch, Madeira, kurz alles was man will und was man überall trinkt. Wilhelm spottete weiter: Gleichviel, sagte er; ich möchte all den Pantsch nicht trinken; ich hätte Furcht, daß sie irgendein Pulver hineingegeben haben, das mich nötigt, zur Beichte zu gehen. Die jungen Maffre lachten über diese Witze. Sie rissen ihn aber aus dem Irrtume und erzählten ihm, daß sogar das Kartenspiel erlaubt sei. Es rieche ganz und gar nicht nach der Kirche. Man habe es sehr gut, die Sofas seien schön, und es gebe Spiegel überall. Nun, hub Wilhelm wieder an, ihr wollt mich nicht glauben machen, daß man die Orgel nicht hört, wenn abends in der Kirche Gottesdienst gehalten wird ... Ich brächte meinen Kaffee nicht hinunter, wenn ich wüßte, daß man oben tauft, traut und begräbt. Das ist wahr, sagte Alphonse; als ich neulich am Tage eine Partie Billard mit Severin spielte, hörten wir deutlich, wie man jemanden begrub. Es war das Kind des Fleischers an der Ecke der Banne-Straße ... Severin ist dumm wie die Nacht; er glaubte mir Furcht einzujagen, indem er mir sagte, das Begräbnis werde mir auf den Kopf fallen. Das ist ein schöner Klub! rief Wilhelm. Ich würde um alles Gold der Welt den Fuß nicht hineinsetzen. Da trinkt man ja gleich lieber seinen Kaffee in einer Sakristei. Wilhelm fühlte sich sehr gekränkt, daß er nicht Mitglied des Jugendklubs war. Sein Vater hatte es ihm verboten, sich um die Aufnahme zu bewerben, da er fürchtete, er könne zurückgewiesen werden. Aber die Aufregung, in der er sich befand, wurde unerträglich; er schrieb ein Aufnahmegesuch, ohne jemandem etwas zu sagen. Es war eine peinliche Sache. Der Ausschuß, der über die Aufnahme sich auszusprechen hatte, zählte damals die jungen Maffre zu Mitgliedern. Lucien Delangre war Vorsitzender, Severin Rastoil Schriftführer. Die Verlegenheit dieser jungen Leute war fürchterlich. Keiner wagte, das Gesuch zu unterstützen; sie wollten aber dem Dr. Porquier, dem würdigen Manne, der so schöne Halsbinden trug und das Vertrauen der Damen der Gesellschaft besaß, keine Verdrießlichkeiten bereiten. Ambroise und Alphonse beschworen Wilhelm, die Dinge nicht weiter zu treiben, und gaben ihm zu verstehen, daß er sich keine Hoffnung machen dürfe. So hört doch auf, erwiderte er ihnen; ihr seid alle beide Feiglinge. Glaubt ihr denn, ich will in eure Kumpanei eintreten? Das ist ja nur ein Spaß von mir. Ich will sehn, ob ihr den Mut habet, gegen mich zu stimmen ... Ich lache nur, wenn diese Scheinheiligen mir die Türe vor der Nase zuschlagen. Unterhaltet euch, wo ihr wollt; ich rede mit euch nicht mehr. Die jungen Maffres baten voll Bestürzung Lucien Delangre, die Angelegenheit ohne Aufsehen zu ordnen. Lucien trug diesen schwierigen Fall seinem gewöhnlichen Ratgeber, dem Abbé Faujas vor, den er wie ein Jünger bewunderte. Der Abbé kam jeden Nachmittag in der Zeit von fünf bis sechs Uhr in den Jugendklub. Er durchschritt das große Zimmer mit leutseliger Miene, grüßte, blieb manchmal bei einem Tische stehen und plauderte einige Minuten mit einer Gruppe von jungen Leuten. Dann ging er in das Lesezimmer, setzte sich an den großen grünen Tisch und las aufmerksam alle Zeitungen, die der Klub hielt, die legitimistischen Blätter von Paris und der benachbarten Bezirke. Manchmal machte er sich schnell eine Notiz in ein kleines Heft. Dann ging er wieder ruhig fort, lächelte neuerdings den Stammgästen zu und reichte ihnen die Hand. Aber an gewissen Tagen blieb er länger, sah einer Schachpartie zu und sprach in heiterem Tone von allen möglichen Dingen. Die jungen Leute, die ihn gut leiden mochten, sagten von ihm: Wenn er plaudert, glaubt man gar nicht, einen Priester vor sich zu haben. Als der Sohn des Bürgermeisters ihm von der Verlegenheit erzählte, in die der Ausschuß durch das Gesuch Wilhelms versetzt worden sei, versprach der Abbé Faujas, sich ins Mittel zu legen. Wirklich kam er am folgenden Tage mit dem Dr. Porquier zusammen, dem er die Geschichte erzählte. Dieser war ganz niedergeschmettert. Sein Sohn wollte ihn also vor Kummer ins Grab bringen, indem er seine weißen Haare schändete. Was war da zu machen? Wenn das Gesuch zurückgezogen werde, sei die Schande nicht weniger groß. Der Priester riet ihm, Wilhelm für zwei oder drei Monate auf einen Besitz zu verbannen, den er einige Meilen von Plassans hatte; er werde dann das übrige schon machen. Die Lösung war die denkbar einfachste. Sobald Wilhelm fort war, legte der Ausschuß das Gesuch beiseite und erklärte, daß die Sache nicht dränge und ein Beschluß später gefaßt werde. Dr. Porquier erfuhr diese Lösung eines Nachmittags durch Lucien Delangre, als er sich im Garten der Unterpräfektur befand. Er eilte auf die Terrasse. Es war die Brevierstunde des Abbé Faujas, der in der Gartenlaube der Mourets war. Ach, Herr Pfarrer, wie soll ich Ihnen danken? sagte der Doktor, indem er sich hinunterbeugte. Ich würde mich glücklich schätzen, wenn ich Ihnen die Hand drücken könnte. Dazu ist es ein wenig zu hoch, erwiderte der Priester, der die Mauer lächelnd betrachtete. Aber Dr. Porquier war ein Mann, dem das Herz überströmte, den kein Hindernis entmutigte. Warten Sie, rief er. Wenn Sie erlauben, Herr Pfarrer, komme ich hinunter. Damit verschwand er. Der Abbé ging lächelnd auf die kleine Türe zu, die auf die Sackgasse hinausging. Schon klopfte der Doktor leise an die Türe. Die Türe ist vernagelt, sagte der Priester leise. Einer der Nägel ist gebrochen ... Wenn man ein Werkzeug hätte, so wäre es nicht schwer, den anderen herauszuziehen. Er sah sich um und erblickte eine Hacke. Dann öffnete er mit einer kleinen Anstrengung die Türe, deren Riegel er zurückgeschoben hatte. Hierauf trat er in die Sackgasse, wo der Doktor ihn mit freundlichen Worten überhäufte. Als sie so plaudernd in der Gasse hin und her gingen, öffnete Herr Maffre, der sich gerade in dem Garten des Herrn Rastoil befand, seinerseits die Türe, die hinter dem Wasserfalle versteckt war. Nun lachten diese Herren sehr, sich alle drei in diesem einsamen Gäßchen so zusammenzufinden. Sie blieben einen Augenblick beisammen. Als sie sich von dem Abbé verabschiedeten, blickten der Bezirksrichter und der Doktor in den Garten Mourets neugierig hinein. Unterdessen sah Mouret, der seine Tomaten stützte, auf, und erblickte sie. Er blieb stumm vor Überraschung. Jetzt sind sie in meinem Hause, sagte er leise. Es fehlt nur noch, daß der Pfarrer mir die beiden Banden herbringt. Dreizehntes Kapitel. Serge war damals neunzehn Jahre alt. Er hatte im zweiten Stockwerke gegenüber der Wohnung des Priesters ein kleines Zimmer, wo er fast wie ein Mönch zurückgezogen lebte und viel las. Ich muß deine Bücher ins Feuer werfen, sagte Mouret zornig zu ihm. Du wirst schließlich krank. Wirklich war der junge Mann so nervös, daß er bei der geringsten Unvorsichtigkeit krank ward wie ein schwaches Mädchen, allerlei Zustände bekam, die ihn durch zwei oder drei Tage im Zimmer zurückhielten. Rosa gab ihm dann allerlei Heiltränke, und wenn Mouret hinaufkam, um ihn ein wenig aufzurütteln, wie er sagte, so setzte sie ihn, wenn sie gerade oben war, vor die Türe und rief: Lassen Sie doch den Jungen in Ruhe. Sie sehen doch, daß Sie ihn mit Ihren Grobheiten töten ... Gehen Sie, er ähnelt Ihnen kaum, er ist das ganze Ebenbild seiner Mutter. Sie werden sie nie verstehen, weder die eine noch den anderen. Serge lächelte. Da sein Vater bemerkte, daß er schwächlich sei, zögerte er, ihn nach Absolvierung des Gymnasiums nach Paris zu senden, um dort die Rechte zu studieren. Von einer Fakultät in der Provinz wollte er nichts wissen; nur Paris paßte nach seiner Meinung für einen jungen Mann, der es weit bringen wolle. Er setzte viel Ehrgeiz in seinen Sohn, indem er sagte, daß viel Dümmere – z.B. seine Vettern Rougon – eine schöne Laufbahn gemacht hatten. Jedesmal wenn ihm der junge Mann munterer schien, bestimmte er die Abreise für die ersten Tage des folgenden Monats; dann war das Gepäck nie bereit, der Junge hustete, und die Reise wurde wieder verschoben. Martha sagte in ihrer gleichgültigen Ruhe jedesmal: Er ist noch nicht zwanzig Jahre alt. Es ist nicht klug, ein Kind so jung nach Paris zu schicken. Übrigens verliert er ja hier seine Zeit nicht. Du findest ja selbst, daß er zu viel arbeitet. Serge pflegte seine Mutter in die Messe zu begleiten. Er war religiös veranlagt, sehr zärtlich und sehr ernst. Dr. Porquier hatte ihm viel Bewegung angeraten. So botanisierte er und brachte dann die Nachmittage damit zu, die Pflanzen zu trocknen, die er gesammelt hatte, aufzukleben, einzuordnen und mit Namen zu versehen. Damals wurde der Abbé Faujas sein guter Freund. Der Abbé hatte auch seinerzeit botanisiert und gab dem jungen Mann gewisse praktische Ratschläge, für die sich dieser sehr dankbar zeigte. Sie liehen einander einige Bücher und gingen zusammen eines Tages auf die Suche nach einer Pflanze, die nach der Aussage des Priesters in der Umgebung wachsen mußte. Wenn Serge unwohl war, besuchte ihn jeden Morgen sein Nachbar und plauderte lange an seinem Bette. Wenn er an anderen Tagen wieder auf den Beinen war, klopfte er an die Türe des Abbé Faujas, sobald er ihn in seinem Zimmer auf und ab gehen hörte, Sie waren nur durch den schmalen Gang voneinander getrennt und wohnten schließlich beisammen. Oft geriet Mouret in Zorn trotz der Ruhe Marthas und der wütenden Augen Rosas. Was mag dieser Taugenichts da oben machen? schimpfte er. Ich sehe ihn ganze Tage nicht. Er kommt gar nicht mehr aus dem Zimmer des Pfarrers; sie stecken immer in den Winkeln beisammen ... Nächstens fährt er nach Paris. Er ist stark wie ein Türke. All dieses Wehleid ist nur Schein, um sich verzärteln zu lassen. Ihr könnt mich immer beide ansehen, ich will nicht, daß der Pfarrer mir aus dem Jungen einen Scheinheiligen macht. Dann paßte er seinem Sohne auf. Wenn er ihn bei dem Abbé wußte, rief er ihn grob heraus. Ich hätte lieber, er würde sich die Weiber ansehen, rief er eines Tages zornig. Aber, gnädiger Herr, sagte Rosa, das sind ja schreckliche Gedanken! Ja, die Weiber! Und ich selbst werde ihn hinführen, wenn ihr es mit eurem Pfaffen zu weit treibt. Serge war natürlich Mitglied des Jugendklubs. Er ging aber selten hin und blieb lieber allein. Wenn nicht der Abbe dort gewesen wäre, mit dem er zeitweilig dort zusammentraf, so hätte er ohne Zweifel nie die Schwelle der Klubräumlichkeiten betreten. Der Abbé lehrte ihn im Lesezimmer das Schachspiel. Mouret, der erfuhr, daß »der Junge« wieder mit dem Pfarrer zusammenkam und sogar in dem Kaffeehause ihn traf, schwur, daß er ihn am nächsten Montag zur Eisenbahn bringe. Das Gepäck war bereit und diesmal im Ernste, als Serge, der noch einmal einen Morgen im Freien zubringen wollte, von einem plötzlichen Regengusse ganz durchnäßt nach Hause kam. Er mußte sich ins Bett legen, da er vor Fieberfrost mit den Zähnen klapperte. Drei Wochen lang schwebte er zwischen Leben und Tod. Die Genesung dauerte zwei lange Monate. Die ersten Tage besonders war er so schwach, daß er dalag wie eine Wachspuppe mit dem Kopfe hochliegend und die Arme auf der Bettdecke ausgestreckt. Daran sind Sie schuld, rief die Köchin Mouret zu. Wenn der Junge stirbt, so haben Sie es auf dem Gewissen. Mouret schlich, solange sein Sohn in Gefahr schwebte, traurig, mit rotgeweinten Augen still in dem Hause umher. Er ging selten hinauf und wartete in dem Vorhause auf den Arzt. Als er erfuhr, daß Serge gerettet sei, glitt er in das Zimmer und bot seine Dienste an. Aber Rosa setzte ihn vor die Türe. Man brauche ihn nicht; das Kind sei noch nicht stark genug, um seine Grobheiten zu ertragen; er tue besser, seinen Geschäften nachzugehen als im Wege zu stehen. Da blieb Mouret ganz allein im Erdgeschoß, trauriger und untätiger als bisher; es freue ihn gar nichts, sagte er. Wenn er den Vorraum durchschritt, hörte er oft im zweiten Stocke die Stimme des Abbé Faujas, der ganze Nachmittage am Bette des Gesundenden zubrachte. Wie geht es heute, Herr Pfarrer? fragte Mouret den Priester ängstlich, wenn dieser in den Garten ging. Ziemlich gut; es wird lang dauern; er muß sehr geschont werden. Ruhig las er in seinem Brevier weiter, während der Vater mit der Baumschere in der Hand ihm in die Alleen folgte und dort das Gespräch wieder anknüpfen wollte, um bestimmtere Nachrichten über »den Jungen« zu erhalten. Als die Gesundung fortschritt, bemerkte der Vater, daß der Pfarrer das Zimmer des Serge nicht mehr verließ. Sooft er hinaufkam, was mehrmal in Abwesenheit der Frauen geschah, fand er ihn immer am Bette des jungen Mannes sitzen, indem er freundlich mit ihm sprach und ihm kleine Dienste leistete, wie den Tee süß machte, die Decken zurechtschüttelte und ihm alles reichte, was er wünschte. In dem Hause war immer ein leises Gemurmel und Geflüster zwischen Martha und Rosa, eine eigentümliche andächtige Ruhe, die den zweiten Stock in einen Klosterwinkel verwandelte. Mouret verspürte in dem Hause gleichsam einen Weihrauchgeruch; es kam ihm nach dem Gemurmel der Stimmen manchmal vor, als lese man oben Messe. Was machen sie denn? dachte er. Der Junge ist doch gerettet; sie geben ihm doch nicht die letzte Ölung? Serge selbst beunruhigte ihn. Er sah in seinen weißen Linnen einem Mädchen ähnlich; seine Augen waren größer geworden; sein Lächeln war ein süßes Entzücken der Lippen, das er auch inmitten der grausamsten Schmerzen bewahrte. Mouret wagte nicht mehr von Paris zu sprechen, so weiblich und züchtig kam ihm der Kranke vor. Eines Nachmittags war er hinaufgegangen und dämpfte das Geräusch seiner Schritte. Durch die halb offene Türe bemerkte er Serge im Sessel im Sonnenschein sitzen. Der junge Mann weinte, die Augen zum Himmel gerichtet, während seine Mutter, die vor ihm stand, gleichfalls schluchzte. Sie drehten sich, als sie das Geräusch an der Türe vernahmen, um, ohne ihre Tränen zu trocknen. Sofort sagte Serge mit seiner schwachen Stimme eines Gesundenden: Lieber Vater, ich habe eine große Bitte an dich. Die Mutter glaubt, daß du böse wirst und mir meine Bitte, deren Erfüllung mich mit Freude erfüllen würde, abschlägst ... Ich möchte Priester werden. Er hatte mit fieberhafter Ergebung die Hände gefaltet. Du! Du! sagte Mouret leise. Er sah Martha an, die sich abwandte. Er sagte nichts weiter, trat an das Fenster, setzte sich wieder an das Bett, ganz unwillkürlich, wie gelähmt durch diesen Schlag. Lieber Vater, hub Serge nach einer langen Pause wieder an, ich habe Gott gesehen, als ich dem Tode so nahe war; ich habe geschworen, ihm zu gehören. Ich versichere dir, meine ganze Freude liegt nur darin. Glaube mir und betrübe mich nicht durch deine Weigerung. Mit traurigem Gesichte und mit zu Boden gesenkten Augen schwieg Mouret noch immer. Er machte eine Bewegung der äußersten Entmutigung, als er sagte: Wenn ich den geringsten Mut hätte, würde ich zwei Hemden in ein Sacktuch binden und fortgehen. Dann stand er auf, trat an das Fenster und trommelte mit seinen Fingern darauf herum. Als ihn Serge von neuem anflehte, sagte er einfach: Laß gut sein. Werde Pfarrer, mein Junge. Damit ging er hinaus. Am folgenden Tage reiste er, ohne jemandem etwas zu sagen, nach Marseille, wo er acht Tage bei seinem Sohn Octave zubrachte. Aber er kam kummervoll, gealtert zurück. Octave hatte ihm wenig Trost gebracht. Er führte ein lustiges Leben, hatte viele Schulden und hielt in seinen Schränken Mädchen verborgen; übrigens ließ er von diesen Sachen kein Wörtchen fallen. Er ging gar nicht mehr aus, machte nicht mehr jene glänzenden Geschäfte; jene Käufe von Ernten auf dem Halme, die früher seinen Stolz bildeten. Rosa bemerkte, daß er ein fast vollständiges Stillschweigen bewahre und sogar vermeide, den Abbé Faujas zu grüßen. Wissen Sie, daß Sie keine Höflichkeit kennen? sagte sie eines Tages keck zu ihm. Der Herr Pfarrer ist eben vorübergegangen und Sie haben ihm den Rücken zugekehrt ... Wenn Sie das vielleicht wegen des Jungen tun, so sind Sie im Unrecht. Der Herr Pfarrer wollte nicht, daß er Priester werde; er hat ihn genug abgekanzelt; ich habe es gehört ... Ach, in unserem Hause geht's jetzt lustig. Sie sprechen kein Wort mehr, nicht einmal mit der gnädigen Frau; wenn Sie sich zu Tische setzen, ist es wie zu einem Begräbnisse ... Ich, gnädiger Herr, habe es jetzt bald satt. Mouret verließ das Zimmer, aber die Köchin folgte ihm in den Garten. Sollten Sie nicht glücklich sein, den Jungen auf den Füßen zu sehen? Er hat gestern ein Kotelett gegessen, der Hebe Kerl und mit gutem Appetite. Das ist Ihnen ganz gleich, nicht wahr? Sie wollen aus ihm einen Heiden machen, wie Sie einer sind ... Sie haben das Beten nur zu sehr not. Der liebe Gott will unser aller Heil. An Ihrer Stelle würde ich vor Freude weinen, wenn ich bedenke, daß dies arme kleine Herz für mich betet. Aber Sie, gnädiger Herr, sind von Stein ... Und wie den lieben Jungen der Talar schön kleiden wird! Dann ging Mouret in den ersten Stock. Hier schloß er sich in einem Zimmer ein, das er. seine Kanzlei nannte, ein großer, leerer Raum, in dem nur ein Tisch und zwei Stühle standen. Dieses Zimmer war sein Zufluchtsort, wenn ihn die Köchin verfolgte. Er langweilte sich dort und ging wieder in den Garten hinunter, den er mit noch größerer Sorgfalt pflegte. Martha schien das Schmollen ihres Gatten nicht zu bemerken; manchmal redete er eine ganze Woche nicht, ohne daß sie sich darüber ärgerte oder Kummer empfand. Sie entwöhnte sich jeden Tag mehr ihrer Umgebung; sie glaubte sogar, so friedlich kam ihr das Haus vor, daß, weil sie nicht jede Stunde das Schimpfen ihres Mannes hörte, dieser zu Vernunft gekommen sei und sich, wie sie, einen glücklichen Winkel eingerichtet habe. Das beruhigte sie und berechtigte sie, sich noch mehr ihrem Traume hinzugeben. Wenn er sie ansah mit trübem Auge, das sie nicht mehr erkannte, so lächelte sie ihm zu und bemerkte nicht die Tränen, die ihm an den Wimpern hingen. An dem Tage, wo Serge, der vollständig geheilt war, in das Seminar eintrat, blieb Mouret mit Desirée allein zu Hause. Jetzt gab er oft acht auf sie. Das große Kind, das bald sechzehn Jahre alt war, hätte in das Bassin fallen oder das Haus in Brand stecken können, wenn es wie ein Mädchen von sechs Jahren mit Zündhölzchen spielte. Als Martha nach Hause kam, fand sie die Türen offen und die Zimmer leer. Das Haus schien ihr ganz entvölkert. Sie stieg auf die Terrasse hinunter und bemerkte am Ende einer Allee ihren Mann mit Desirée spielen. Er saß auf der Erde im Sande; er füllte mit Hilfe einer hölzernen Schaufel ganz ernst ein kleines Wägelchen, das Desiree an einem Faden zog. Hü, hü! rief das Kind. Aber warte doch, sagte geduldig der gute Mann; er ist nicht voll ... Wenn du das Pferd machen willst, so mußt du auch warten, bis er voll ist. Sie stampfte mit den Füßen, wie es ein ungeduldiges Pferd tut; dann konnte sie nicht länger stehen bleiben und sprang hell auflachend davon. Der Karren fiel um und entleerte sich. Als sie durch den ganzen Garten gelaufen war, kam sie wieder zurück und rief: Fülle ihn! Fülle ihn wieder! Mouret füllte ihn geduldig von neuem. Martha stand auf der Terrasse und sah bewegt mit einem Gefühl des Unbehagens zu; diese offenen Türen, dieser Mann, der im Hintergrunde des leeren Hauses mit dem Kinde spielte, stimmten sie traurig, ohne daß sie eine bestimmte Ahnung hatte, was in ihr geschah. Sie ging hinauf, um sich umzukleiden, und hörte Rosa, wie sie auf der Freitreppe sagte: Mein Gott, wie kindisch der gnädige Herr ist! Nach dem Ausdruck seiner Freunde von der Promenade Sauvaire, kleiner Rentiers, mit denen er alle Tage spazieren ging, war Mouret »angegriffen«. Seine Haare waren in einigen Monaten grau geworden, seine Beine schlotterten, und er war nicht mehr der furchtbare Spötter, den die ganze Stadt fürchtete. Man glaubte einen Augenblick, daß er sich in kühne Spekulationen eingelassen habe und unter irgendeinem großen Geldverluste leide. Frau Paloque, die an dem Fenster ihres Speisezimmers stand, das auf die Balande-Straße hinausging, sagte, sooft sie ihn ausgehen sah, daß es schlimm mit ihm stehe. Wenn der Abbé Faujas einige Minuten später über die Straße ging, fand sie ein Vergnügen daran, besonders wenn sie Besuch hatte, zu rufen: Seht doch den Herrn Pfarrer an; der wird dick! ... Wenn er von demselben Teller äße wie Herr Mouret, kannte man meinen, er lasse ihm nur die Knochen. Sie lachte, und man lachte mit ihr. Der Abbé Faujas wurde wirklich vornehm, trug immer schwarze Handschuhe, und sein Talar glänzte. Er lächelte eigentümlich, es lag ein spöttischer Zug um seine Lippen, wenn ihm Frau von Condamin zu seinem guten Aussehen Glück wünschte. Diese Damen hatten es gerne, wenn er gut aussah und sich reich und weichlich kleidete. Er träumte von Faustkämpfen mit nackten Armen, unbekümmert darum, daß die Kleidung in Fetzen zerfällt. Aber wenn er sich gehen ließ, zog ihn sofort der kleinste Tadel der alten Frau Rougon aus seiner Nachlässigkeit; er lächelte, kaufte Seidenstrümpfe, einen Hut und einen neuen Gürtel. Er brauchte viel, sein mächtiger Leib brachte alles zum Reißen. Seit der Gründung des Werkes von der heiligen Jungfrau standen alle Frauen auf seiner Seite; sie nahmen ihn gegen die unsauberen Geschichten in Schutz, die manchmal noch erzählt wurden, ohne daß man mit Sicherheit ihre Quelle erraten konnte. Sie fanden, daß er manchmal ein wenig barsch war; aber diese Ungeschliffenheit mißfiel ihnen nicht, besonders nicht in dem Beichtstuhle, wo sie gern diese eiserne Hand auf ihren Nacken herniedersausen fühlten. Meine Liebe, sagte eines Tages Frau von Condamin zu Martha, er hat gestern mit mir gezankt. Ich glaube, er hätte mich geschlagen, wenn nicht ein Gitter zwischen uns gewesen wäre ... Ach, er ist nicht immer angenehm! Sie lächelte ein wenig im Nachgenusse dieses Zankes mit ihrem Beichtvater. Es war ihr nicht entgangen, daß Martha erbleichte, als sie ihr einige vertrauliche Mitteilungen über die Art und Weise machte, wie der Abbé Faujas die Beichte höre; sie erriet ihre Eifersucht und fand ein böses Vergnügen daran, sie dadurch zu quälen, daß sie noch länger bei gewissen intimen Einzelheiten verweilte. Als der Abbé Faujas den Jugendklub gegründet hatte, wurde er gutmütig; es war wie eine Neugeburt. Seine strenge Natur bog sich unter seiner Willensstärke wie weiches Wachs. Er ließ erzählen, welchen Anteil er an der Eröffnung des Klubs hatte, wurde der Freund aller jungen Leute der Stadt, überwachte sich selbst sorgfältiger, weil er sehr wohl wußte, daß die eben der Schule entwachsenen Jünglinge die Frauen nicht um der Roheiten willen lieben. Er hätte sich bald mit dem jungen Rastoil überwürfen, den er bei den Ohren zu nehmen drohte wegen eines Streites über die Hausordnung des Klubs; aber mit einer überraschenden Herrschaft über sich selbst reichte er ihm fast augenblicklich die Hand und brachte die Anwesenden auf seine Seite durch die gütige Herablassung, mit der er den großen Dummkopf Severin, wie man ihn nannte, um Entschuldigung bat. Hatte der Abbé die Frauen und Kinder erobert, so blieb er einfach auf einem höflichen Fuße mit den Vätern und Ehemännern. Die ernsten Personen mißtrauten ihm noch immer, weil sie sahen, daß er sich von jeder politischen Partei abseits hielt. Auf der Unterpräfektur sprach Herr Péqueur des Saulaies entschieden abfällig über ihn; während Herr Delangre, ohne ihn gerade zu verteidigen, mit feinem Lächeln erklärte, daß man mit dem Urteil noch warten müsse. Bei Herrn Rastoil war er ein wahrhafter Störenfried des Hauses geworden. Severin und seine Mutter hörten nicht auf, den Präsidenten durch Lobsprüche über den Priester zu quälen. Gut! Gut! Er hat alle Vorzüge, die ihr wollt, rief der Unglückliche. Meinetwegen, aber laßt mich in Ruhe. Ich habe ihn zum Essen einladen lassen; er ist nicht gekommen. Ich kann ihn doch nicht mit Gewalt herführen. Aber, lieber Freund, sagte Frau Rastoil, wenn du ihm begegnest, grüßest du ihn kaum. Das muß ihn kränken. Ohne Zweifel, fügte Severin hinzu, er bemerkt wohl, daß du nicht so gegen ihn bist, wie du sein solltest. Herr Rastoil zuckte mit den Achseln. Wenn Herr von Bourdeu dort war, beschuldigten beide den Abbé Faujas, daß er zur Unterpräfektur hinneige. Frau Rastoil bemerkte, daß er dort nicht esse, überhaupt noch nie über die Schwelle der Unterpräfektur gekommen sei. Gewiß, erwiderte der Präsident, ich beschuldige ihn nicht, ein Bonapartist zu sein ... Ich sage, daß er hinneigt, das ist alles. Er hat Beziehungen zu Herrn Delangre. Ei, du auch, rief Severin aus, du hast auch Beziehungen zu dem Bürgermeister gehabt. Man ist ja in gewissen Umständen dazu gezwungen ... Sage doch gleich, du kannst den Abbé Faujas nicht leiden, das ist richtiger. So stritt man im Hause Rastoil ganze Tage herum. Der Abbé Fenil kam nur selten hin; er erklärte, wegen der Gicht nicht ausgehen zu können. Übrigens hatte er zweimal, als die Rede auf den Pfarrer von Saint-Saturnin kam, in kurzen Worten ein Lob über ihn ausgesprochen. Der Abbé Surin und der Abbé Bourrette, wie auch Herr Maffre waren immer derselben Meinung wie die Herrin des Hauses. Die Opposition kam also einzig und allein von dem Präsidenten, der an Herrn von Bourdeu eine Stütze fand; beide erklärten ernst, daß sie ihre politische Stellung nicht durch die Aufnahme eines Mannes kompromittieren könnten, der seine Ansichten verberge. Severin kam aus Neckerei auf den Einfall, an der kleinen Türe der Sackgasse Chevillottes zu klopfen, wenn er dem Priester etwas sagen wollte. Allmählich wurde die Sackgasse ein neutrales Gebiet. Der Doktor Porquier, der diesen Weg als erster benützt hatte, der junge Delangre, der Bezirksrichter kamen unmerklich dorthin, um mit dem Abbé Faujas zu plaudern. Manchmal standen während eines ganzen Nachmittags die kleinen Türen der beiden Gärten weit offen, ebenso das Tor der Unterpräfektur. Der Abbé stand in dieser Sackgasse lächelnd an der Mauer und drückte den Personen der beiden Gesellschaften die Hand, die ihn zu begrüßen kamen. Aber Herr Péqueur des Saulaies stellte sich, als wolle er nicht den Fuß aus dem Garten der Unterpräfektur setzen; während Herr Rastoil und Herr von Bourdeu gleicherweise es sich in den Kopf setzten, sich nicht in der Sackgasse zu zeigen. Sie blieben ruhig unter den Bäumen vor dem Wasserfalle sitzen. Selten drang der kleine Hof des Abbé in die Gartenlaube der Mourets. Nur von Zeit zu Zeit steckte der eine oder der andere den Kopf zur Türe herein und verschwand wieder. Übrigens tat sich der Abbé Faujas gar keinen Zwang an; aber er beobachtete mit Unruhe das Fenster der Trouche, wo immer die Augen Olympias leuchteten. Die Trouche lagen da auf der Lauer hinter den roten Vorhängen, von einem wütenden Verlangen gequält, auch hinunterzugehen, von den Früchten zu kosten und mit der feinen Welt zu plaudern. Sie schlugen die Vorhänge auseinander und lehnten sich einen Augenblick hinaus, zogen sich aber unter den gebieterischen Blicken des Priesters wütend wieder zurück; dann schlichen sie wieder heran, preßten ihr fahles Gesicht an eine Ecke der Glasscheiben und beobachteten jede seiner Bewegungen, von Leid erfüllt, ihn so nach Herzenslust das Paradies genießen zu sehen, das er ihnen verbot. Das ist zu dumm, sagte eines Tages Olympia zu ihrem Manne; er würde uns, wenn er könnte, in einen Schrank stecken, um das Vergnügen ganz für sich zu haben. Wir gehen hinunter, wenn du willst. Wir wollen einmal hören, was er sagt. Trouche war eben aus dem Amte gekommen. Er band sich einen anderen Hemdkragen um, staubte seine Schuhe ab, um anständig auszusehen. Olympia zog ein helles Kleid an. Dann stiegen sie mutig in den Garten hinunter und gingen langsam die großen Büsche entlang, wobei sie zeitweilig vor den Blumen stehen blieben. Der Abbé Faujas kehrte ihnen gerade den Rücken zu, da er mit Herrn Maffre auf der Schwelle der kleinen Türe der Sackgasse sprach. Als er den Sand knirschen hörte, waren die Trouche hinter ihm bei der Laube. Er drehte sich um und hielt vor Bestürzung, sie zu sehen, mitten in einem Satze inne. Herr Maffre, der sie nicht kannte, sah sie neugierig an. Ein sehr schönes Wetter, meine Herren, nicht wahr? sagte Olympia, die unter dem Blicke ihres Bruders erblaßte. Der Abbé zog plötzlich den Richter in die Sackgasse, wo er sich seiner entledigte. Er ist wütend, sagte Olympia leise. Um so schlimmer! Wir müssen bleiben. Wenn wir hinaufgehen, glaubt er, wir fürchten uns ... Ich habe es satt. Du sollst sehen, wie ich mit ihm rede. Damit hieß sie Trouche sich auf einen der Stühle setzen, die Rosa einige Augenblicke zuvor gebracht hatte. Als der Abbé zurückkam, sah er sie ruhig dasitzen. Er riegelte die kleine Türe zu, und nachdem er sich mit einem Blicke versichert hatte, daß das Laub sie genügend verberge, trat er auf sie zu und sagte mit gedämpfter Stimme: Ihr vergeßt unser Übereinkommen. Ihr habt mir versprochen, im Zimmer zu bleiben. Es war oben zu heiß, erwiderte Olympia. Wir begehen doch kein Verbrechen, wenn wir hier frische Luft schöpfen wollen. Der Priester wollte aufbrausen; aber seine Schwester, die ganz blaß war von der Anstrengung, die sie machte, ihm Widerstand zu leisten, sagte in eigentümlichem Tone zu ihm: Schrei' nicht! Da nebenan sind Leute, du könntest dir schaden. Die Trouche lächelten ein wenig. Er sah sie an und griff sich mit einer stummen und schrecklichen Gebärde an die Stirn. Setze dich, sagte Olympia. Du willst eine Erklärung, nicht wahr? Nun, da hast du sie ... Wir haben es satt, uns einzusperren. Du lebst hier wie der Hahn im Korbe; das Haus gehört dir, der Garten gehört dir. Um so besser, es macht uns eine Freude zu sehen, daß es dir gut geht; aber wir lassen uns deshalb nicht lumpen. Nie hattest du die Aufmerksamkeit, mir eine Weintraube hinaufzubringen; du hast uns das schlechteste Zimmer gegeben; du versteckst uns, du schämst dich unser, du sperrst uns ein, als wenn wir die Pest hätten ... Das kann nicht mehr so fortgehen! Ich bin nicht der Hauseigentümer, sagte der Abbé. Wendet euch an Herrn Mouret, wenn ihr den Besitz verwüsten wollet. Die Trouche lächelten sich wieder an. Wir fragen dich nicht nach deinen Angelegenheiten, fuhr Olympia fort; wir wissen, was wir wissen, das genügt ... Alles beweist, daß du ein schlechtes Herz hast. Glaubst du, daß, wenn wir in deiner Lage wären, wir dir nicht sagen würden, du sollst deinen Teil nehmen? Aber was wollt ihr denn schließlich von mir? fragte der Abbe. Glaubt ihr, daß ich in Gold schwimme? Ihr kennt mein Zimmer, ich habe schlechtere Möbel als ihr. Ich kann euch doch nicht dieses Haus geben, das nicht mir gehört. Olympia zuckte mit den Achseln; sie hieß ihren Mann, der antworten wollte, schweigen und sagte ruhig: Jeder lebt nach seiner Art; du könntest Millionen haben und würdest dir nicht eine Bettvorlage kaufen; du würdest dein Geld für irgendeine große dumme Geschichte ausgeben. Wir hingegen leben gern bequem. Willst du leugnen, daß wenn du die schönsten Möbel des Hauses und die Wäsche, die Vorräte, alles haben wolltest, du es noch heute abend haben würdest? ... Ein guter Bruder hätte in diesem Falle schon an seine Verwandten gedacht; er würde sie nicht in dem Schmutze lassen wie du uns. Der Abbé Faujas sah die Trouche scharf an. Sie wiegten sich auf ihren Stühlen. Ihr seid undankbar, sagte er nach einer Pause zu ihnen. Ich habe schon viel für euch getan. Wenn ihr heute zu leben habt, verdankt ihr es mir; denn ich habe noch deine Briefe, Olympia, diese Briefe, in denen du mich flehentlich bittest, euch dem Elende zu entreißen und nach Plassans kommen zu lassen. Jetzt, da ihr bei mir seid und ein sicheres Leben habt, kommt ihr mit neuen Forderungen ... Bah, unterbrach ihn Trouche schroff, wenn du uns kommen ließest, so geschah es nur, weil du uns brauchtest. Ich werde so schlecht bezahlt, daß ich an niemandes Güte glauben kann. Ich ließ jetzt meine Frau reden; aber die Frauen kommen nie zur Sache. In zwei Worten gesagt: lieber Freund, du tust unrecht, uns wie treue Hunde einzusperren, die man nur an Tagen der Gefahr herausläßt. Wir langweilen uns, wir werden schließlich dumme Streiche machen. Laß uns ein wenig Freiheit! Da das Haus nicht dir gehört und du die Bequemlichkeit verachtest, was kann es dir schaden, wenn wir uns nach unserer Art einrichten? Die Mauern fressen wir nicht! Ganz richtig, erklärte Olympia; es ist zum Rasendwerden, immer eingesperrt zu sein ... Wir sind dir sehr dienstwillig. Du weißt, mein Mann wartet nur auf einen Wink ... Geh' deinen Weg, rechne auf uns; aber wir wollen unseren Anteil haben. Nicht wahr, das ist selbstverständlich? Der Abbé hatte den Kopf gesenkt; er blieb einen Augenblick stumm; dann stand er auf und sagte, ohne direkt zu antworten: Höret, wenn ihr jemals mir im Wege stehet, dann schicke ich euch – ich schwöre es – in irgendeinen Winkel, wo ihr auf dem Stroh verrecken könnt. Dann ging er hinauf und ließ sie in der Laube zurück. Von diesem Tage an gingen die Trouche fast jeden Tag in den Garten; aber sie beobachteten dabei eine gewisse Zurückhaltung; sie vermieden es, in jenen Stunden dort zu sein, wo der Priester mit den Gesellschaften der beiden Gärten plauderte. Die nächste Woche beklagte sich Olympia so sehr über ihr Zimmer, daß Martha ihnen aus Gefälligkeit das des Serge abtrat, das frei war. Die Trouche bewohnten die zwei Zimmer. Sie schliefen in dem Zimmer des jungen Mannes, aus dem übrigens kein einziges Möbelstück entfernt war; und aus dem anderen machten sie eine Art Salon, für den Rosa auf dem Boden eine alte Samtgarnitur gefunden hatte. Olympia bestellte sich voll Entzücken bei der besten Näherin von Plassans einen rosa Frisiermantel. Mouret, der eines Abends vergessen hatte, daß ihn Martha wegen der Abtretung des Zimmers Serge gefragt, war ganz überrascht, daselbst die Trouche zu finden. Er war hinaufgegangen, um ein Messer zu holen, das der junge Mann in einer Schublade hatte liegen lassen, Trouche schnitzelte gerade mit diesem Messer an einem Stock von Birnenholz herum, den er sich im Garten geschnitten hatte. Mouret entschuldigte sich und ging wieder hinunter. Vierzehntes Kapitel. Als bei der Fronleichnamsprozession auf dem Platze der Unterpräfektur der Bischof Rousselot die Stufen des prächtigen Altars hinunterging, der nach dem Willen der Frau von Condamin vor dem Tore des von ihr bewohnten Hauses errichtet war, wurde von den Anwesenden mit Erstaunen bemerkt, daß der Prälat dem Abbé Faujas plötzlich den Rücken zukehrte. Ei, sagte Frau Rougon, die am Fenster ihres Salons stand, liegt ein Zerwürfnis vor? Das wußten Sie nicht? erwiderte Madame Paloque, die neben der alten Dame am Fenster lehnte; man spricht seit gestern davon. Der Abbé Fenil ist wieder in Gnaden aufgenommen. Herr von Condamin, der hinter den Damen stand, begann zu lachen. Er war vom Hause davongelaufen, indem er sagte, »es rieche nach der Kirche«. Ach, sagte er leise, wenn Sie sich bei solchen Geschichten aufhalten ... Der Bischof ist eine Wetterfahne, die sich dreht, je nachdem der Abbé Faujas oder Fenil auf ihn bläst; heute der eine, morgen der andere. Sie haben sich mehr als zehnmal überworfen und wieder versöhnt. Sie werden sehen, binnen drei Tagen ist wieder Faujas der Günstling. Das glaube ich nicht, fuhr Frau Paloque fort; diesmal ist es Ernst ... Es scheint, daß der Abbé Faujas dem Bischof große Unannehmlichkeiten verursacht. Er soll früher Predigten gehalten haben, die in Rom sehr mißfallen haben. Ich kann es Ihnen nicht des langen und breiten erklären. Aber ich weiß, daß der Bischof aus Rom Briefe voll Vorwürfe erhalten hatte, in denen man ihm riet, auf seiner Hut zu sein ... Man behauptet, daß der Abbé Faujas ein politischer Agent ist. Wer behauptet das? fragte Madame Rougon und zwinkerte mit den Augen, als wenn sie der Prozession nachsehen wolle, die sich in die Banne-Straße verlor. Ich habe es sagen hören, weiter weiß ich nichts, sagte die Frau des Richters mit gleichgültiger Miene. Damit zog sie sich zurück und versicherte, daß man am Fenster daneben besser sehe. Herr von Condamin nahm ihren Platz neben der Frau Rougon ein, der er ins Ohr flüsterte: Ich habe sie schon zweimal zu dem Abbé Fenil gehen sehen; sie heckt gewiß mit ihm etwas aus ... Dieser Abbé Faujas ist sicherlich auf diese Viper getreten, und sie sucht ihn zu beißen ... Wenn sie nicht so häßlich wäre, würde ich ihr den Dienst erweisen, ihr mitzuteilen, daß ihr Mann nie Präsident wird. Warum? Ich verstehe Sie nicht, sagte die alte Dame mit unschuldiger Miene. Herr von Condamin sah sie neugierig an; dann begann er zu lachen. Die zwei letzten Gendarmen der Prozession waren soeben hinter der Ecke der Promenade Sauvaire verschwunden. Die wenigen Personen, die Frau Rougon eingeladen hatte, der Einweihung des Altars zuzusehen, traten in den Salon und sprachen einen Augenblick von der Huld des Bischofs, den neuen Fahnen der frommen Vereinigungen und besonders von den Mädchen des Werkes der heiligen Jungfrau, deren Zug sehr bemerkt war. Die Damen wurden nicht müde zu erzählen, und der Name des Abbé Faujas wurde jeden Augenblick unter lebhaften Lobsprüchen genannt. Er ist entschieden ein Heiliger, sagte Frau Paloque zu Herrn von Condamin, der sich neben sie gesetzt hatte. Dann beugte sie sich zu ihm und fuhr fort: Ich habe nicht ganz offen vor der Mutter sprechen können. Man redet viel von dem Abbé Faujas und der Madame Mouret. Diese häßlichen Gerüchte mögen dem Bischof zu Ohren gekommen sein. Herr von Condamin begnügte sich zu antworten: Frau Mouret ist eine reizende, sehr begehrenswerte Frau trotz ihrer vierzig Jahre. Oh, reizend, reizend, sagte Frau Paloque, der die aufsteigende Galle das Gesicht grün färbte. Ganz reizend, beharrte der Forstinspektor ... Sie ist in dem Alter der großen Leidenschaften und des großen Glückes ... Die Frauen untereinander beurteilen sich sehr schlecht. Damit verließ er den Salon, glücklich über die Wut, in die er Frau Paloque gebracht. Die Stadt beschäftigte sich in der Tat leidenschaftlich mit dem beständigen Kampfe, den der Abbé Faujas gegen den Abbé Fenil führte, um ihn bei dem Bischof Rousselot zu verdrängen. Es war ein ununterbrochener Kampf, ein Sturmlauf der Dienstmägde, die sich um die Gunst eines Greises streiten. Der Bischof lächelte fein; er hatte eine Art Gleichgewicht zwischen diesen beiden entgegengesetzten Kräften gefunden, schlug den einen mit Hilfe des anderen, freute sich, bald den einen, bald den anderen auf der Erde zu sehen, immer bereit, die Dienste des Stärkeren anzunehmen, um Frieden zu haben. Die Verleumdungen, die man ihm über seine Günstlinge zutrug, ließen ihn vollständig gleichgültig; er hielt sie für fähig, sich gegenseitig eines Mordes zu beschuldigen. Siehst du, liebes Kind, sagte er zu dem Abbé Surin in vertraulichen Stunden, beide sind schlecht ... Ich glaube, Paris wird siegen und Rom wird geschlagen; aber ich bin dessen nicht ganz sicher, ich lasse sie unterdessen sich gegenseitig vernichten. Wenn der eine den andern unschädlich gemacht hat, erfahren wir es. Da, lies mir die dritte Ode des Horaz vor; es ist ein Vers darin, den ich schlecht übersetzt zu haben fürchte. Am Dienstag nach Fronleichnam war prächtiges Wetter. Aus dem Garten der Rastoil und aus dem der Unterpräfektur ertönte Lachen; denn zu beiden Seiten hatte sich unter den Bäumen eine zahlreiche Gesellschaft eingefunden. In dem Garten der Mourets las der Abbé Faujas wie gewöhnlich sein Brevier und schritt langsam längs der großen Hecke dahin. Seit einigen Tagen hielt er die Pforte der Sackgasse verschlossen; er kokettierte mit den Nachbarn und schien sich zu verstecken, damit man sich nach ihm sehne. Vielleicht hatte er ein leichtes Erkalten der Beziehungen gemerkt als eine Folge seines letzten Streites mit dem Bischof und der schrecklichen Geschichten, die seine Feinde in Umlauf setzten. Als gegen fünf Uhr die Sonne sich neigte, schlug der Abbé Surin den Damen Rastoil eine Ballpartie vor. Er war in diesem Spiel sehr geschickt. Trotzdem Angeline und Aurélie sich den Dreißig näherten, spielten sie gern; ihre Mutter hätte sie noch kurze Kleider tragen lassen, wenn sie es gewagt hätte. Als das Dienstmädchen die Schlagnetze gebracht hatte, empfahl der Abbé Surin, der mit den Augen eine Stelle in dem Garten suchte, der ganz von den letzten Strahlen der Sonne beschienen war, den Fräulein einen Gedanken, der ihnen ungemein gefiel. Wenn wir uns in die Sackgasse Chevillottes aufstellen würden, wären wir im Schatten der Kastanienbäume und hätten auch mehr Spielraum nach rückwärts. Sie gingen hinaus, und jetzt begann die schönste Partie. Die zwei Fräulein fingen an. Angeline verfehlte zuerst den Federball. Der Abbé Surin, der an ihre Stelle trat, hielt das Schlagnetz mit vollendeter Geschicklichkeit. Er hatte seinen Talar zwischen die Beine genommen; er sprang vorwärts, rückwärts, auf die Seite, fing den Ball am Boden auf, schlug ihn von rückwärts zu einer erstaunlichen Höhe, schleuderte ihn geradeaus wie einen Ball oder ließ ihn elegante Kurven beschreiben, die mit großem Verständnisse berechnet waren. Gewöhnlich zog er die schlechten Spieler vor, die, indem sie den Ball aufs Geratewohl, ohne jedes Gleichmaß, wie er sagte, warfen und ihn zur Entfaltung seiner ganzen Geschicklichkeit im Spiele zwangen. Fräulein Aurélie schlug ganz hübsch; sie stieß bei jedem Netzschlage einen Schwalbenschrei aus und lachte wie eine Närrische, wenn der Ball gerade auf die Nase des Abbé zuflog; dann nahm sie die Kleider zusammen, um den Ball zu erwarten oder in kleinen Sprüngen zurückzuweichen mit einem lauten Rauschen der Kleider, wenn er ihr den Streich spielte, gar zu stark zuzuschlagen. Schließlich verfing sich der Ball in ihren Haaren und sie wäre bald rückwärts hingefallen, was alle drei ungemein belustigte. Angeline nahm ihre Stelle ein. In dem Garten der Mourets bemerkte der Abbé Faujas, sooft er von seinem Brevier aufsah, den weißen Ball wie einen großen Schmetterling oberhalb der Mauer fliegen. Herr Pfarrer, sind Sie da? rief Angeline, indem sie an die Türe klopfte; unser Ball ist zu Ihnen geflogen. Der Abbé, zu dessen Füßen der Ball niedergefallen war, hatte denselben aufgehoben und entschloß sich zu öffnen. Ich danke, Herr Pfarrer, sagte Aurélie, die schon das Schlagnetz in der Hand hielt. Nur Angeline kann einen solchen Schlag führen ... Neulich sah uns Papa zu; sie schlug ihm den Ball so an das Ohr, daß er bis zum folgenden Tage nichts hörte. Sie brachen von neuem in Lachen aus. Der Abbé Surin, rot wie ein Mädchen, trocknete sich leise die Stirn, indem er mit einem feinen Sacktuche darauf tupfte. Er strich sich das blonde Haar hinter die Ohren, mit leuchtenden Augen und geschmeidigem Körper, und bediente sich des Schlagnetzes als Fächer. In dem Feuer des Spieles hatte sich sein Kragen ein wenig verschoben. Herr Pfarrer, sagte er, indem er sich wieder aufstellte, Sie sollen sehen, wie ich dreinhaue. Der Abbé Faujas blieb mit dem Brevier unter dem Arme und mit einem väterlichen Lächeln um den Mund auf der Schwelle der kleinen Türe stehen. Unterdessen mußte der Priester durch das halbgeöffnete Tor der Unterpräfektur Herrn Péqueur de Saulaies bemerkt haben, der im Kreise seiner Familienangehörigen am Bassin saß. Doch er drehte sich nicht um; er nannte die Zahlen des Spieles, beglückwünschte den Abbé Surin und tröstete die Fräulein Rastoil. Hören Sie, Péqueur, sagte Herr von Condamin dem Unterpräfekten in das Ohr, Sie tun unrecht, diesen kleinen Abbé nicht zu Ihren Abenden einzuladen; er ist sehr liebenswürdig mit den Damen und muß wohl auch entzückend Walzer tanzen. Doch Herr Péqueur des Saulaies, der sich lebhaft mit Herrn Delangre unterhielt, schien ihn nicht zu hören. Er sprach weiter und wandte sich an den Bürgermeister: Wirklich, mein lieber Freund, ich weiß nicht, wo ich an ihm die schönen Dinge sehen soll, von denen Sie mir erzählen. Der Abbé ist im Gegenteil sehr verdächtig. Seine Vergangenheit ist höchst zweideutig, und man erzählt hier gewisse Geschichten ... Ich weiß nicht, warum ich mich mit diesem Pfarrer einlassen soll, um so weniger, als der Klerus von Plassans uns feindlich gegenübersteht ... Es würde mir gar nichts nützen. Herr Delangre und Herr von Condamin, die einen Blick miteinander wechselten, schüttelten nur mit dem Kopfe, ohne zu antworten. Gar nichts, fuhr der Präfekt fort. Sie brauchen gar nicht die Geheimnisvollen zu spielen. Ich habe nach Paris geschrieben. Es ging mir im Kopfe herum, und ich wollte mir über diesen Faujas klar werden, den Sie wie einen verkappten Prinzen zu behandeln scheinen. Wissen Sie, was man mir geantwortet hat? Daß man ihn nicht kenne, daß man mir nichts zu sagen habe und daß ich übrigens sorgfältig vermeiden solle, mich in die Angelegenheiten des Klerus zu mischen ... Man ist so schon in Paris unzufrieden genug, seitdem dieser dumme Lagrifoul gewählt worden ist. Ich bin vorsichtig. Der Bürgermeister wechselte von neuem einen Blick mit dem Forstinspektor. Er zuckte sogar die Achseln vor dem genau zugeschnittenen Schnurrbart des Herrn Péqueur des Saulaies. Hören Sie mich wohl an, sagte er nach einem Stillschweigen; Sie wollen Präfekt werden, nicht wahr? Der Unterpräfekt lächelte, indem er sich auf seinem Stuhle schaukelte. Dann schütteln Sie sofort dem Abbé Faujas die Hand, der Sie dort unten erwartet und dem Ballspiele zusieht. Herr Péqueur des Saulaies blieb stumm vor Erstaunen und verstand jenen nicht. Er sah Herrn von Condamin an, den er mit einer gewissen Unruhe fragte: Ist das auch Ihre Meinung? Freilich; schütteln Sie ihm die Hand, erwiderte der Forstinspektor. Dann setzte er mit einem gewissen Spotte hinzu: Fragen Sie meine Frau, auf die Sie Ihr ganzes Vertrauen setzen. Frau von Condamin kam in einer reizenden rosa und grauen Toilette eben dazu. Als man ihr erzählte, um was es sich handle, sagte sie liebenswürdig zu dem Unterpräfekten: Ach, Sie tun unrecht, sich nicht um die Religion zu kümmern. Man sieht Sie kaum an den hohen Feiertagen in der Kirche. Es macht mir wirklich großen Kummer; ich muß Sie bekehren. Was soll man von der Regierung denken, die Sie vertreten, wenn Sie nicht mit dem lieben Gott auf gutem Fuße sind? ... Lassen Sie uns allein, meine Herren; ich werde Herrn Péqueur ins Gebet nehmen. Lächelnd setzte sie sich hei diesem Scherze nieder. Octavie, sagte der Unterpräfekt leise, als sie allein waren, spotten Sie nicht über mich. Sie waren auch nicht fromm in Paris in der Helder-Straße. Ich möchte schier vor Lachen platzen, wenn ich daran denke, wie Sie in Saint-Saturnin kommunizieren. Sie haben gar keinen Ernst, mein Lieber, erwiderte sie in demselben Tone; das schadet Ihnen schließlich noch. Wirklich, Sie machen mir Kummer; ich habe Sie vernünftiger gekannt. Sie sind so blind, daß Sie nicht sehen, daß Ihr Amt gefährdet ist? Wenn man Sie noch nicht aus dem Sattel geworfen« hat, so geschah es nur, um nicht die Aufmerksamkeit der Legitimisten von Plassans zu erregen. An dem Tage, wo sie einen neuen Unterpräfekten ankommen sehen, werden sie mißtrauisch; doch bei Ihnen schlummert ihr Argwohn, und sie glauben bei den nächsten Wahlen sicher zu siegen. Ich weiß, daß es keine Schmeichelei ist, um so mehr als ich die Gewißheit habe, daß man die Rechnung ohne den Wirt macht ... Begreifen Sie, mein Lieber? Sie sind verloren, wenn Sie nicht gewisse Dinge erraten. Er sah sie ernstlich erschrocken an. Hat Ihnen »der große Mann« geschrieben? fragte er, indem er auf eine Persönlichkeit anspielte, die sie untereinander mit diesem Namen bezeichneten. Nein, er hat vollständig mit mir gebrochen. Ich bin nicht dumm und habe zuerst eingesehen, daß diese Trennung notwendig sei. Übrigens habe ich mich nicht zu beklagen. Er hat sich sehr gut zu mir benommen, mich verheiratet und mir ausgezeichnete Ratschläge gegeben, die mir viel nützen ... Aber ich habe in Paris noch Freunde. Ich versichere Ihnen, daß Sie gerade noch Zeit haben, sich in Ihrer Stellung zu halten. Seien Sie nicht länger ein Heide, gehen Sie schnell zu dem Abbé und schütteln Sie ihm die Hand ... Sie werden es später verstehen, wenn Sie es heute nicht einsehen. Herr Péqueur des Saulaies sah, von dieser Lektion ein wenig beschämt, zu Boden. Er war ein großer Geck, zeigte seine weißen Zähne und suchte sich aus dieser lächerlichen Lage zu ziehen, indem er zärtlich flüsterte: Wenn Sie gewollt hätten, Octavie, so hätten wir beide über Plassans regiert. Ich hatte Ihnen den Vorschlag gemacht, das süße Leben von einst wieder zu beginnen ... Sie sind entschieden ein Dummkopf, unterbrach sie ihn unwillig. Sie ärgern mich mit Ihrer »Octavie«. Ich bin, mein Lieber, für jedermann die Frau von Condamin ... Verstehen Sie denn noch immer nicht? Ich habe eine Rente von dreißigtausend Franken; ich regiere über eine ganze Unterpräfektur; ich gehe überall hin, bin überall geachtet, geehrt und beliebt. Die meine Vergangenheit ahnen, zeigen sich nur um so liebenswürdiger gegen mich ... Was sollte ich denn, du guter Gott, mit Ihnen anfangen? Sie würden mir im Wege stehen. Ich bin eine ehrbare Frau, mein Lieber. Sie hatte sich erhoben und ging auf den Dr. Porquier zu, der seiner Gewohnheit gemäß, wenn er mit seinen Kranken fertig war, auf eine Stunde in den Garten der Unterpräfektur kam, um seine schöne Kundschaft zu unterhalten. Herr Doktor, ich habe Kopfschmerzen, einen Kopfschmerz! sagte sie mit reizender Miene. Da oben, über der linken Augenbraue tut es mir weh! Das ist die Herzseite, gnädige Frau, erwiderte der Doktor galant. Frau von Condamin lächelte, ohne die Konsultation weiter zu treiben. Frau Paloque flüsterte ihrem Gatten, den sie jeden Tag mitbrachte, um ihn beständig dem Einflüsse des Unterpräfekten zu empfehlen, ins Ohr: Er heilt sie überhaupt nicht anders. Unterdessen führte Herr Péqueur des Saulaies, nachdem er wieder mit Herrn von Condamin und Herrn Delangre zusammengetroffen war, die Herren geschickt auf das Haupttor zu. Als er nur noch einige Schritte davon entfernt war, blieb er stehen, als wenn er sich für das Ballspiel interessiere, das noch immer in der Sackgasse fortgesetzt ward. Der Abbé Surin, dessen Haare im Winde flatterten, und der unter den aufgeschürzten Ärmeln des Talars seine Handknöchel, so weiß und zart wie die einer Frau, zeigte, hatte soeben die Entfernung geändert, indem er Fräulein Aurélie zwanzig Schritte weiter aufstellte. Er fühlte, daß er beobachtet werde, und übertraf sich selbst. Auch Fräulein Aurélie hatte, von einem solchen Meister angeeifert, heute ihren guten Tag. Der Ball beschrieb eine schwache, lang gestreckte Kurve und dies mit solcher Regelmäßigkeit, daß er von selbst in das Ballnetz zu fallen und von einem zum andern zu fliegen schien, ohne daß die Spieler sich vom Platze rührten. Der Abbé Surin, der seinen Körper ein wenig zurückgebeugt hatte, entwickelte dabei die Anmut seiner Gestalt. Sehr gut! Sehr gut rief der Unterpräfekt entzückt aus. Ach, Herr Abbé, ich gratuliere Ihnen. Dann wandte er sich an Frau von Condamin, den Doktor Porquier und an Paloque: Kommen Sie doch hierher, ich habe Ähnliches noch nicht gesehen ... Sie erlauben, daß wir Sie bewundern, Herr Abbé? Die ganze Gesellschaft der Unterpräfektur bildete jetzt eine Gruppe im Hintergrunde der Sackgasse. Der Abbé Faujas hatte sich nicht von seinem Platze gerührt; er erwiderte die Grüße der Herren Delangre und Condamin nur durch ein leichtes Kopfnicken und zählte noch immer die Schläge. Als Aurelie den Ball fehlte, sagte er gutmütig: Sie haben dreihundertundzehn Punkte, seitdem die Entfernung geändert worden ist; Ihre Schwester hat nur siebenundvierzig. Während er sich den Anschein gab, als verfolge er mit lebhaftem Interesse den Ball, warf er rasche Blicke auf die Gartentür der Rastoils, die ganz offen stand. Bis jetzt hatte sich in ihr nur Herr Maffre gezeigt. Er wurde jetzt aus dem Innern des Gartens gerufen. Was haben sie denn so sehr zu lachen? fragte ihn Herr Rastoil, der sich mit Herrn von Bourdeu am Gartentische unterhielt. Der Sekretär des Bischofs spielt, erwiderte Herr Maffre. Er leistet Erstaunliches, das ganze Viertel schaut ihm zu ... Der Herr Pfarrer, der sich mit dabei befindet, ist ganz entzückt. Herr von Bourdeu nahm eine große Prise und murmelte: Ah, der Herr Abbé Faujas ist da? Er begegnete dem Blicke des Herrn Rastoil, und beide wurden verlegen. Man hat mir erzählt, sagte der Präsident nebenbei, daß der Abbé wieder bei dem Bischof in Gunst steht. Ja, seit heute morgen, erwiderte Herr Maffre. Oh, und dazu war die Versöhnung vollständig! Ich habe mir sehr rührende Einzelheiten erzählen lassen: der Bischof hat sogar geweint ... Der Abbé Fenil hat doch unrecht gehabt. Ich hielt Sie für einen Freund des Großvikars, bemerkte Herr von Bourdeu. Ohne Zweifel, aber ich bin auch ein Freund des Herrn Pfarrers, erwiderte lebhaft der Friedensrichter. Gott sei Dank! Er ist von einer Frömmigkeit, die alle Verleumdungen niederschlägt. Hat man nicht sogar seine Sittlichkeit angefochten? Es ist eine Schande! Der ehemalige Präfekt sah wiederum den Präsidenten eigentümlich an. Und man hat versucht, den Herrn Pfarrer in politischen Dingen zu kompromittieren! fuhr Herr Maffre fort. Man sagte, er sei hierhergekommen, um alles umzustürzen, links und rechts Stellen zu verteilen und der Pariser Bande zum Triumph zu verhelfen. Über einen Räuberhäuptling hätte man nicht schlechter reden können ... Nichts als ein Haufe Lügen! Herr von Bourdeu zeichnete mit dem Ende seines Spazierstockes eine Figur in den Sand. Ja, ich habe davon reden hören, sagte er gleichgültig; es war kaum glaublich, daß ein Diener der Kirche eine solche Rolle übernimmt ... Übrigens will ich zur Ehre von Plassans annehmen, daß er einen vollständigen Mißerfolg erzielen würde. Hier ist kein Mensch käuflich. Klatschereien! rief der Präsident aus, indem er mit den Achseln zuckte. Kann man eine Stadt umwenden wie einen alten Rock? Paris mag uns alle seine Spione schicken, Plassans wird doch legitimistisch bleiben. Sehen Sie sich den kleinen Péqueur an. Wir sind im Nu mit ihm fertig geworden. Die Welt muß sehr dumm sein! Man bildet sich also ein, daß verdächtige Personen die Provinzen durchziehen und Stellen anbieten? Ich bin wirklich sehr neugierig, einen dieser Herren zu sehen. Er ärgerte sich. Herr Maffre, der darüber in Unruhe geriet, glaubte, daß er sich verteidigen müsse. Erlauben Sie, unterbrach er, ich habe nicht behauptet, daß der Herr Abbé Faujas ein bonapartistischer Agent sei, im Gegenteil, ich finde eine solche Beschuldigung unsinnig. Ei, es handelt sich nicht mehr um den Abbé Faujas, ich spreche im allgemeinen. Man verkauft sich nicht nur so, zum Teufel! ... Der Abbé Faujas ist über allen Verdacht erhaben. Es trat eine Pause ein. Herr von Bourdeu vollendete das Gesicht in dem Sande, indem er ihm einen großen Spitzbart gab. Der Abbé Faujas hat gar keine politische Meinung, sagte er mit seiner trockenen Stimme. Gewiß, hub Herr von Rastoil an; wir warfen ihm stets seine Gleichgültigkeit vor, aber heute billige ich sie. Durch alle diese Klatschereien würde die Religion nur kompromittiert ... Sie wissen wie ich, Bourdeu, daß man ihn nicht des geringsten verdächtigen Schrittes beschuldigen kann. Nie hat man ihn in der Unterpräfektur gesehen, nicht wahr? Er ist ganz ruhig auf seinem Platze geblieben ... Wenn er Bonapartist wäre, würde er es schon zeigen! Ohne Zweifel! Auch führt er ein musterhaftes Leben. Meine Frau und mein Sohn haben mir von ihm Einzelheiten erzählt, die mich tief gerührt haben. In diesem Augenblicke brach man in der Sackgasse in ein noch lauteres Lachen aus. Man hörte die Stimme des Abbé, der Fräulein Aurelie zu einem wirklich sehr guten Wurfe beglückwünschte. Herr Rastoil, der sich deshalb unterbrochen hatte, sagte lächelnd: Hören Sie? Warum lachen sie denn so? Da möchte man auch noch einmal jung sein. Dann fuhr er in ernstem Tone fort: Ja, meine Frau und mein Sohn haben mich ihn wirklich liebgewinnen lassen. Wir bedauern lebhaft, daß seine Zurückhaltung ihn hindert, einer der Unserigen zu sein. Herr von Bourdeu nickte mit dem Kopfe, als sich ein Beifallklatschen in der Sackgasse erhob. Man stampfte mit den Füßen, lachte, rief und war ausgelassen fröhlich wie Schüler in den Ferien. Herr Rastoil erhob sich von seinem Gartenstuhle. Kommen Sie, sagte er gutmütig, lassen Sie uns auch zusehen; ich bekomme ein Jucken in den Beinen. Die zwei anderen folgten ihm. Alle drei blieben vor der kleinen Gartentüre stehen. Es war das erstemal, daß der Präsident und der ehemalige Präfekt sich bis hierher wagten. Als sie im Hintergrunde der Sackgasse die Gesellschaft der Unterpräfektur in einer Gruppe beisammenstehen sahen, da nahmen sie ernste Mienen an. Herr Péqueur des Saulaies streckte sich und gab sich eine würdevolle Haltung; während Frau von Condamin unter Lachen die Mauer entlang glitt und mit ihrer Rosatoilette das Gäßchen durchrauschte. Die beiden Gesellschaften beobachteten sich mit Seitenblicken, da keiner dem anderen weichen wollte; zwischen ihnen stand noch immer der Abbé Faujas an der Gartentüre der Mourets, mit seinem Brevier unter dem Arme und lächelte, ohne im geringsten seine eigenartige Stellung bemerken zu wollen. Unterdessen hielten die Umstehenden den Atem an. Der Abbé Surin wollte, als er die Zahl seiner Zuschauer wachsen sah, durch einen letzten Meisterschlag sich aller Beifall erringen. Er ersann neue Schwierigkeiten, drehte sich hin und her und spielte, wobei er auf den Ball gar nicht achtete, dessen Flug er förmlich erriet und ihn dann mit mathematischer Genauigkeit über seinen Kopf hinweg Fräulein Aurelie zuwarf. Er war sehr rot, schwitzte und hatte keine Kopfbedeckung auf; sein Kragen, der sich ganz verschoben hatte, hing ihm jetzt auf der rechten Schulter herunter. Aber er blieb Sieger, stets lächelnd, und entzückend. Die beiden Gesellschaften vergaßen sich ganz in seiner Bewunderung; Frau von Condamin hielt das Bravorufen, das oft zu früh losbrach, zurück, indem sie mit ihrem Spitzentaschentuche winkte. Dann nahm sich der junge Abbé noch mehr zusammen, machte kleine Seitensprünge nach rechts und links und berechnete sie so, daß er jedesmal den Ball in einer neuen Stellung auffing. Das war die große letzte Übung. Er beschleunigte das Spiel, als er plötzlich bei einem Sprunge stolperte; beinahe wäre er Frau von Condamin an die Brust gestürzt, die mit einem Schrei ihre Arme ausgebreitet hatte. Die Umstehenden glaubten, er sei verwundet und stürzten herbei; aber er erhob sich, trotzdem er noch schwankte, auf den Knien und Händen von der Erde, sprang mit einem kühnen Satze auf, fing den Ball, der den Boden noch nicht berührt hatte, auf und schleuderte ihn dem Fräulein Aurelie zu. Mit hoch erhobenem Schlagnetze triumphierte er. Bravo! Bravo! rief Herr Péqueur des Saulaies und trat herzu. Bravo! Der Schlag ist ausgezeichnet! wiederholte Herr Rastoil, der ebenfalls vortrat. Das Spiel wurde unterbrochen. Die zwei Gesellschaften füllten jetzt ganz die Sackgasse, vermischten sich und umringten den Abbé Surin, der atemlos neben dem Abbé Faujas an der Mauer lehnte. Alle sprachen durcheinander. Ich dachte, er habe sich den Kopf entzweigeschlagen, sagte der Doktor Porquier mit gerührter Stimme zu Herrn Maffre. Alle diese Spiele nehmen ein schlechtes Ende, sagte Herr von Bourdeu leise zu Herrn Delangre und den Paloques, indem er gleichzeitig mit Herrn von Condamin einen Händedruck wechselte, dem er sonst auf der Straße auswich, um ihn nicht grüßen zu müssen. Frau von Condamin ging von dem Unterpräfekten zu dem Präsidenten und wiederholte bald dem einen, bald dem anderen: Mein Gott! Ich bin mehr hin als er, ich dachte, wir würden beide fallen. Sie haben gesehen, ein großer Stein war im Wege. Da ist er, sagte Herr Rastoil, er muß mit dem Stiefelabsatze daran hängen geblieben sein. Sie glauben, daß es dieser runde Stein ist? fragte Herr Péqueur des Saulaies und hob den Kiesel auf. Sie hatten noch nie außer bei offiziellen Zeremonien miteinander gesprochen. Beide begannen den Stein zu untersuchen; sie reichten sich ihn und ließen die Bemerkung fallen, daß er scharfkantig sei und den Schuh des Abbé hätte durchschneiden können. Frau von Condamin, die zwischen ihnen stand, lächelte und versicherte, daß sie sich wieder besser fühle. Dem Herrn Abbé wird schlecht, riefen die Fräulein Rastoil aus. Der Abbé Surin war in der Tat ganz blaß geworden, als er hörte, in welcher Gefahr er gewesen war. Er wankte, als ihn der Abbé Faujas, der abseits stand, rasch in seinen kräftigen Armen auffing und in den Garten der Mourets trug, wo er ihn auf einen Stuhl setzte. Die zwei Gesellschaften füllten die Laube: hier sank der Abbé Surin in eine tiefe Ohnmacht. Rosa, Wasser! Essig! rief der Abbé Faujas und stürzte auf die Freitreppe zu. Mouret, der im Speisezimmer war, erschien am Fenster; als er aber die vielen Leute im Garten sah, wich er von Furcht ergriffen zurück; er versteckte sich und ließ sich nicht mehr sehen. Unterdessen kam Rosa mit einer ganzen Hausapotheke herbeigeeilt und brummte: Wenn wenigstens die gnädige Frau zu Hause wäre; sie ist im Seminar des Kleinen ... Ich bin ganz allein; Unmögliches kann ich nicht leisten. Der gnädige Herr rührt sich nicht von der Stelle. Man könnte seinethalben in diesem Hause sterben. Er ist im Speisezimmer und versteckt sich wie ein Duckmäuser. Nein, nicht einmal ein Glas Wasser gibt er Ihnen; er läßt Sie eher verrecken. Mit diesen Worten war sie zu dem ohnmächtigen Abbé Surin gekommen. O, du mein Jesus, rief sie mit der mitleidigen Zärtlichkeit einer Klatschbase. Der Abbé Surin mit den geschlossenen Augen und dem blassen Gesichte, das das blonde Haar umrahmte, sah einem jener liebenswürdigen Märtyrer ähnlich, die auf Heiligenbildern zu sehen sind. Das ältere Fräulein Rastoil stützte ihm den Kopf, der sanft zurückgebeugt, den weißen, zarten Hals sehen ließ. Man drängte sich um ihn. Frau von Condamin tupfte ihm mit einem in Essig getauchten Linnen sanft die Schläfen. Die beiden Gesellschaften harrten von Angst erfüllt. Endlich öffnete er die Augen, aber er schloß sie wieder. Er wurde noch zweimal ohnmächtig. Sie haben mir eine schöne Angst eingejagt, sagte der Doktor Porquier höflich, der die Hand des Abbé in der seinen hielt. Der Abbé blieb verwirrt sitzen, dankte und versicherte, daß die Sache nicht von Bedeutung sei. Als er dann bemerkte, daß man ihm den Talar aufgeknöpft und er den Hals entblößt hatte, lächelte er und schob seinen Kragen wieder zurecht. Da man ihm riet, sich ruhig zu verhalten, wollte er zeigen, daß er noch kräftig sei; er kehrte mit den Fräulein in die Sackgasse zurück, um das Spiel zu beenden. Sie haben es hier sehr schön, sagte Herr Rastoil zu dem Abbé Faujas, den er nicht verlassen hatte. Die Luft ist auf diesem Hügel ausgezeichnet, fügte Herr Péqueur des Saulaies mit freundlicher Miene hinzu. Die beiden Gesellschaften besahen neugierig das Haus der Mourets. Die Damen und Herren, sagte Rosa, wollen vielleicht einen Augenblick in dem Garten bleiben? ... Der Herr Pfarrer ist ja wie zu Hause ... Warten Sie, ich werde Stühle holen. Trotz wiederholter Einwendungen ging sie dreimal ins Haus und brachte Stühle; die beiden Gesellschaften setzten sich aus Höflichkeit, nachdem sie sich gegenseitig einen Augenblick angesehen hatten. Der Unterpräfekt hatte sich zur Rechten des Abbé gesetzt, während der Präsident sich zu seiner Linken niederließ. Man plauderte sehr freundschaftlich. Sie sind ein sehr ruhiger Nachbar, Herr Pfarrer, sagte gütig Herr Péqueur des Saulaies. Sie können gar nicht glauben, welches Vergnügen ich habe, wenn ich Sie jeden Tag zu denselben Stunden in diesem kleinen Paradiese sehe. Das beruhigt mich nach meinen Plackereien. Ein guter Nachbar ist etwas Seltenes, meinte wieder Herr Rastoil. Ohne Zweifel, unterbrach Herr von Bourdeu; der Herr Pfarrer hat hier eine glückliche klösterliche Ruhe geschaffen. Während sich der Abbé Faujas lächelnd verbeugte, flüsterte Herr von Condamin, der sich nicht gesetzt hatte, dem Herrn Delangre ins Ohr: Rastoil hofft gewiß auf eine Vertreterstelle für seinen liederlichen Sohn. Herr Delangre warf ihm einen schrecklichen Blick zu, denn er zitterte bei dem Gedanken, daß dieser unverbesserliche Schwätzer alles verderben könne; das hinderte aber den Forstinspektor nicht hinzuzufügen: Und Bourdeu glaubt schon seine Präfektur zu haben. Doch Frau von Condamin fand Beifall, als sie mit feinem Lächeln sagte: Besonders liebe ich an diesem Garten den feinen Reiz, der ihn zu einem Erdenwinkel umwandelt, von dem alles Elend dieser Welt ferngehalten ist. Kain und Abel würden sich hier ausgesöhnt haben. Sie betonte nachdrücklich diese Worte, während sie zugleich rechts und links auf die benachbarten Gärten blickte. Herr Maffre und der Dr. Porquier nickten zustimmend, während die Paloques sich unruhig mit fragenden Blicken ansahen, als verständen sie nicht, und als fürchteten sie sich auf der einen oder anderen Seite zu schaden, wenn sie den Mund öffneten. Nach einer Viertelstunde erhob sich Herr Rastoil. Meine Frau weiß nicht, wo wir hingekommen sind, sagte er leise. Alle erhoben sich in nicht geringer Verlegenheit, um sich zu empfehlen. Doch der Abbé Faujas reichte die Hand und sagte lächelnd: Mein Paradies bleibt offen. Da versprach der Präsident, den Herrn Pfarrer von Zeit zu Zeit zu besuchen. Der Präfekt verpflichtete sich gleichfalls, nur mit noch größerem Eifer. So brachten die beiden Gesellschaften noch fünf lange Minuten damit zu, einander Komplimente zu machen, während in der Sackgasse das Gelächter der Fräulein Rastoil und des Abbé Surin von neuem losbrach. Das Spiel hatte wieder begonnen und der Ball flog in regelmäßigen Kurven oberhalb der Mauer hin und her. Fünfzehntes Kapitel. Als eines Freitags Frau Paloque in die Kirche Saint-Saturnin eintrat, sah sie zu ihrer großen Überraschung Martha vor der Kapelle Sankt-Michael knien, wo der Abbé Faujas Beichte hörte. Halt! dachte sie, hat sie schließlich doch das Herz des Abbé gerührt? Da muß ich bleiben. Wenn Frau von Condamin kommt, gibt es einen Hauptspaß. Sie nahm im Hintergrunde Platz und kniete halb nieder mit dem Gesicht zwischen den Händen, als sei sie in inbrünstiges Gebet vertieft; aber sie spreizte die Finger auseinander und schaute hindurch. Es war sehr finster in der Kirche. Martha, deren Haupt auf ihr Meßbuch gefallen war, schien zu schlafen; sie hob sich von den weißen Pfeilern wie eine schwarze Masse ab, und von ihrem ganzen Wesen lebten nur die Schultern, die sich unter ihren Seufzern hoben. Sie war so tief niedergeschlagen, daß sie es immer wieder versäumte, in den Beichtstuhl zu treten, sooft der Abbé Faujas ein Beichtkind entließ. Der Abbé wartete eine Minute und klopfte dann ungeduldig an die Bretterwand des Beichtstuhles. Da entschloß sich eine der Frauen, die dort waren, als sie sah, daß Martha sich nicht rührte, ihre Stelle einzunehmen. Die Kapelle leerte sich, und Martha blieb unbeweglich in ihrer frommen Verzückung. Sie scheint ordentlich ergriffen zu sein, sagte sich Frau Paloque; es ist unanständig, sich so in einer Kirche hinzulegen ... Ah, da kommt Frau von Condamin. Wirklich trat Frau von Condamin ein. Sie blieb einen Augenblick vor dem Weihwasserbecken stehen, zog ihren Handschuh aus und bekreuzte sich mit einer anmutigen Handbewegung. Ihr seidenes Kleid rauschte in dem engen Gange zwischen den Stühlen. Als sie niederkniete, erfüllte sie das hohe Gewölbe mit dem Rauschen ihrer Kleider. Sie hatte eine freundliche Miene und lächelte in der Finsternis, die in der Kirche herrschte. Bald waren nur sie und Martha da, und der Abbé klopfte ungeduldig und stärker an die Holzwand des Beichtstuhles. Madame, Sie kommen daran, ich bin die letzte, sagte Frau von Condamin leise zu Martha und neigte sich zu ihr, ohne sie zu erkennen. Diese drehte sich um; ein nervöses Zucken zog ihr bleiches, höchst erregtes Angesicht zusammen; sie schien diese Worte nicht zu verstehen. Sie erwachte wie aus einem verzückten Schlafe, und ihre Augenlider zitterten. Nun, meine Damen? sagte der Abbé, indem er die Türe des Beichtstuhles öffnete. Frau von Condamin erhob sich lächelnd und gehorchte der Aufforderung des Priesters. Aber als Martha sie erkannte, trat sie schnell in die Kapelle ein; dort sank sie wieder auf die Knie und verharrte in dieser Stellung, drei Schritte von dem Beichtstuhle entfernt. Die Paloque unterhielt sich köstlich und hoffte, daß die beiden Frauen sich in die Haare fahren würden. Martha mußte alles hören, denn Frau von Condamin hatte eine flötende Stimme und leierte ihre Sünden herunter, den Beichtstuhl mit einem reizenden Geplauder erfüllend. Ja, einmal lachte sie sogar – es war ein ersticktes Lachen – so daß Martha ihr leidendes Gesicht erhob. Übrigens war sie schnell fertig. Sie ging fort, kam aber wieder zurück und plauderte weiter, ohne niederzuknien. Dieses Teufelsweib macht sich über Frau Mouret und den Abbé lustig, dachte die Frau des Richters; sie ist viel zu schlau, als daß sie sich ihr Leben stören läßt. Endlich ging Frau von Condamin fort. Martha sah ihr nach und schien zu warten, bis sie fort war. Dann stützte sie sich an den Beichtstuhl, ließ sich gehen und sank schwer auf die Knie. Frau Paloque hatte sich genähert und streckte den Kopf vor, aber sie sah nur das dunkle Kleid der Reuigen, das sich weit ausbreitete. Während einer halben Stunde rührte sich nichts. Sie glaubte einen Augenblick, in der schaurigen Stille unterdrückte Seufzer zu hören, die manchmal ein trockenes Knarren des Beichtstuhles unterbrach. Dieses Belauschen langweilte sie schließlich und sie blieb nur zurück, um Martha zu sehen, wenn sie fortging. Der Abbé Faujas verließ den Beichtstuhl zuerst und warf die Türe ärgerlich zu. Frau Mouret blieb noch lange unbeweglich und zusammengekrümmt in dem engen Kasten. Als sie fortging mit dem Schleier über dem Gesicht schien sie gebrochen und vergaß, das Zeichen des Kreuzes zu machen. Da hegt ein Zerwürfnis vor, der Abbé war nicht freundlich, sagte die Paloque und folgte jener bis auf den erzbischöflichen Platz. Sie blieb hier stehen und zögerte einen Augenblick. Nachdem sie sich vergewissert hatte, daß niemand sie beobachte, schlich sie in das Haus des Abbé Fenil, das in einer Ecke des Platzes stand. Jetzt wohnte Martha fast ganz in der Kirche Saint-Saturnin. Sie erfüllte mit feurigem Eifer ihre religiösen Pflichten. Selbst der Abbé Faujas tadelte sie oft wegen der Leidenschaft, mit der sie sich denselben widmete. Er erlaubte ihr nur einmal im Monate zu kommunizieren, regelte die Stunden ihrer frommen Übungen und verlangte von ihr, daß sie nicht so ganz in der Frömmigkeit aufgehe. Sie hatte ihn lange gebeten, bis er ihr bewilligte, daß sie jeden Morgen einer stillen Messe beiwohne. Als sie ihm eines Tages erzählte, daß sie sich eine Stunde lang auf den eisigen Boden ihres Zimmers gelegt habe, um sich für eine Sünde zu bestrafen, wurde er zornig und sagte ihr, daß nur der Beichtvater das Recht habe, Bußübungen aufzuerlegen. Er drohte ihr, sie zu dem Abbé Bourrette zurückzusenden, wenn sie sich nicht unterwerfe. Es war unrecht von mir, Sie anzunehmen, wiederholte er oft; ich will nur gehorsame Seelen. Sie war über diese Vorwürfe glücklich. Die eiserne Hand, die sie beugte, die Hand, die sie am Rande dieser fortwährenden Frömmigkeit, in der sie gern aufgegangen wäre, zurückhielt, stachelte sie mit einer sich immer wieder erneuernden Begierde an. Sie blieb die Neubekehrte, glitt nur allmählich in die Liebe hinab, ward jäh aufgehalten, ahnte andere Tiefen, empfand das Entzücken dieses langsamen Weges zu ihr noch unbekannten Freuden. Die große Ruhe, die sie zuerst in der Kirche genossen, dieses Vergessen der Außenwelt und ihrer selbst, verwandelte sich in einen wirklichen Genuß, in ein Glück, das sie herbeirief und fühlen konnte. Dies war das Glück, das sie seit ihrer Jugend ahnte und endlich im Alter von vierzig Jahren fand; ein Glück, das ihr genügte, das sie mit ihren schönen vergangenen Jahren erfüllte, das sie selbstsüchtig für sich leben ließ mit allen den neuen Empfindungen beschäftigt, die wie Liebkosungen in ihr erwachten. Seien Sie gut, flüsterte sie dem Abbé Faujas zu, seien Sie gut, denn ich bedarf der Güte. Wenn er zu ihr gut war, hätte sie ihm auf den Knien danken mögen. Er zeigte sich dann mild zu ihr, sprach väterlich mit ihr und erklärte ihr, daß sie eine zu lebhafte Einbildungskraft habe. Gott, sagte er, wolle nicht, daß man ihn mit solchen Übertreibungen anbete. Sie lächelte, wurde wieder schön, jung und rot. Sie versprach, ihm zu gehorchen. Dann sank sie in irgendeinem finsteren Winkel auf den Boden nieder, um ihren Glauben zu bezeugen; sie kniete nicht mehr, sondern rutschte, fast sitzend, dahin, indem sie glühende Worte stammelte; und wenn ihr die Worte fehlten, so setzte sie ihr Gebet fort, indem sie ihr ganzes Wesen in Verzückung aufgehen ließ, den göttlichen Kuß anrief, der über ihrem Haupte dahinschwebte, ohne jemals darauf zu ruhen. Zu Hause wurde Martha zänkisch. Bis jetzt hatte sie sich gehen lassen, war gleichgültig, nachlässig und glücklich, wenn ihr Mann sie in Ruhe ließ; aber seitdem er ganze Tage zu Hause war, sein spöttisches Gerede ließ, abmagerte und gelb ward, wurde sie verdrießlich. Er ist uns fortwährend im Wege, sagte sie zu der Köchin. Ja, und nur aus Bosheit, erwiderte diese. Er ist im Grunde genommen kein guter Mensch. Das habe ich nicht erst heute bemerkt. Daß er, der immer so gern sprach, eine solche duckmäuserische Miene macht, ist nur eine Komödie, mit der er unser Mitleid erregen will. Er treibt es arg mit seinem Schmollen, aber er hält sich tapfer, damit man ihn bedauere und ihm seinen Willen lasse. Gnädige Frau, Sie haben ganz recht, daß Sie sich bei diesen Zierereien nicht weiter aufhalten. Mouret hielt die beiden Frauen durch das Geld in seiner Gewalt. Er wollte nicht herumstreiten, aus Furcht, sein Leben noch düsterer zu gestalten. Wenn er nicht mehr schimpfte, nur herumsuchte und schnüffelte, so wurde er doch noch traurig, wenn er Martha oder Rosa ein Hundertsousstück verweigerte. Er gab der letzteren monatlich hundert Franken für die Küche; Wein, Öl und Konserven waren im Hause. Aber damit mußte die Köchin den ganzen Monat auskommen, selbst wenn sie aus ihrer eigenen Tasche zusetzte. Martha hatte nichts; er gab ihr keinen Sou. Sie war daher auf Rosa angewiesen, mit der sie versuchte, monatlich zehn Franken von den hundert zu ersparen. Oft hatte sie nicht ein Paar Schuhe anzuziehen und war genötigt, von ihrer Mutter das Geld für ein Kleid oder einen Hut auszuborgen. Mouret wird ein Narr! rief Frau Rougon. Du kannst doch nicht nackt herumlaufen. Ich werde mit ihm reden! Ich bitte dich, liebe Mutter, tu' es nicht, erwiderte sie. Er verabscheut dich und würde mich noch schlechter behandeln, wenn er wüßte, daß ich dir diese Dinge erzähle. Weinend fuhr sie fort: Ich habe ihn lange in Schutz genommen, aber heute habe ich nicht mehr die Kraft zu schweigen ... Du erinnerst dich noch der Zeit, da er nicht wollte, daß ich nur einen Fuß auf die Straße setzte. Er schloß mich ein und behandelte mich wie eine Sache. Wenn er jetzt so hart gegen mich ist, geschieht es nur, weil er wohl sieht, daß ich ihm entronnen bin und nie mehr einwillige, seine Magd zu sein. Er ist ein Mensch ohne Religion, ein Selbstsüchtiger, ein Herzloser. Er schlägt dich doch wenigstens nicht? Nein, aber dazu kommt es noch. Einstweilen verweigert er mir alles. Seit fünf Jahren habe ich keine Hemden gekauft. Gestern zeigte ich ihm die, die ich habe; sie sind abgenützt und sooft ausgebessert, daß ich mich schäme, sie zu tragen. Er hat sie angesehen, befühlt und dann gesagt, daß sie ganz gut noch bis zum nächsten Jahre halten ... Ich habe nicht einen Centime für mich, ich muß weinen, um ein Zwanzigsousstück zu erhalten. Neulich mußte ich von Rosa zwei Sous borgen, um Nähseide zu kaufen. Ich habe meine Handschuhe genäht, da sie überall zerrissen waren. So erzählte sie noch viele andere Einzelheiten: von den Flecken, die sie sich mit Pechzwirn auf ihre Schuhe setzte; von den Bändern, die sie in Tee wusch, um ihre Hüte damit aufzufrischen; von der Tinte, mit der sie die schäbigen Stellen ihres einzigen Seidenkleides bestrich, um seine Abnützung zu verbergen. Frau Rougon bemitleidete sie und ermutigte sie zum Widerstände gegen das Ungeheuer. Er gehe in seiner Habsucht so weit, sagte Rosa, daß er die Birnen auf dem Dachboden und die Zuckerstücke in den Schränken zähle, die Konserven hüte und die Brotstücke vom vorhergehenden Tage selbst esse. Martha litt besonders darunter, daß sie sich nicht an den Sammlungen in der Kirche zu Saint-Saturnin beteiligen konnte; sie verbarg in Papier eingewickelte Zehnsousstücke, die sie sorgfältig für die Hochämter an den Sonntagen aufhob. Wenn die Damen des Werkes von der heiligen Jungfrau der Kathedrale irgendein Geschenk machten wie einen Hostienkelch, ein silbernes Kreuz oder eine Fahne, war Martha ganz beschämt, ging ihnen aus dem Wege und stellte sich, als ob sie von der ganzen Sache nichts wisse. Die Damen bedauerten sie sehr. Sie hätte ihren Mann bestohlen, wenn sie den Schlüssel zum Schreibtische gefunden hätte, so sehr quälte sie das Bedürfnis, die Kirche zu schmücken, die sie liebte. Es erfaßte sie die Eifersucht einer betrogenen Frau, wenn sich der Abbé Faujas eines Kelches bediente, der von Frau von Condamin gespendet war, während sie an den Tagen, wo er auf dem von ihr gestickten Altartuche die Messe las, eine grosse Freude empfand, und mit einem frommen Schauer betete, als wenn sich etwas von ihrem eigenen Ich unter den ausgebreiteten Händen des Priesters befinde. Ihr Wunsch war, daß eine ganze Kapelle ihr gehöre; sie träumte von dem Glücke, sich dort einzuschließen, Gott in ihrem Hause für sich allein zu empfangen. Rosa, die ihre Vertraute war, ersann alles mögliche, ihr Geld zu verschaffen. In diesem Jahre brachte sie die schönsten Früchte des Gartens beiseite und verkaufte sie; auf gleiche Weise brachte sie vom Boden einen Haufen alte Möbel hinaus, die sie verwertete, so daß sie schließlich eine Summe von dreihundert Franken zusammenbrachte, die sie triumphierend Martha übergab. Diese umarmte die Köchin. Ach, wie gut bist du, sagte sie und duzte sie. Du bist doch ganz sicher, daß er dich nicht gesehen hat? ... Neulich sah ich in der Goldschmiedstraße kleine ziselierte Meßkännchen aus Silber; sie kosten ungefähr zweihundert Franken ... Du tust mir einen Gefallen, nicht wahr? Ich will sie nicht selbst kaufen, weil man mich dort eintreten sehen könnte. Sage deiner Schwester, sie möge sie holen; sie soll sie des Nachts bringen und sie dir zum Küchenfenster hereinreichen. Dieser Ankauf der Meßkännchen war für sie ein förmliches Geheimnis, worüber sie sich ungemein freute. Sie hielt sie drei Tage lang in einem Schranke hinter der Wäsche versteckt; und als sie sie dem Abbé Faujas in der Sakristei von Saint-Saturnin übergab, zitterte und stammelte sie. Er zankte sie in freundschaftlichem Tone aus. Er wollte keine Geschenke und sprach von dem Gelde mit der Verachtung eines geistig überlegenen Menschen, der nur nach Macht und Herrschaft strebt. Während seiner ersten zwei Jahre des Elends, selbst an den Tagen, wo seine Mutter und er nur von Wasser und Brot lebten, hatte er nie daran gedacht, zehn Franken von den Mourets zu borgen. Martha fand ein sicheres Versteck für die hundert Franken, die ihr übrig geblieben waren. Auch sie wurde geizig; sie berechnete, wie sie das Geld verwenden könne, und kaufte jeden Tag etwas Neues. Da sie sehr zurückhaltend war, teilte ihr Rosa mit, daß Frau Trouche mit ihr zu sprechen wünsche. Olympia, die sich stundenlang in der Küche aufhielt, war die intime Freundin der Rosa geworden, von der sie oft vierzig Sous auslieh, um nicht die zwei Treppen hinaufgehen zu müssen, wenn sie, wie sie sagte, ihr Geldtäschchen oben vergessen hatte. Gehen Sie zu ihr, sagte die Köchin, Sie können mit ihr oben besser reden ... Es sind brave Leute; sie haben den Pfarrer sehr gern. Sie haben schon vieles durchgemacht. Das Herz muß einem brechen, wenn man es Olympia erzählen hört. Martha fand Olympia in Tränen. Sie seien viel zu gut: man habe sie nur ausgenutzt; und nun sprach sie von ihren Geschäften in Besançon, wo die Schurkerei eines Teilhabers sie in schwere Schulden gestürzt habe. Das Schlimmste sei, daß die Gläubiger ungeduldig würden. Sie habe soeben einen groben Brief erhalten, in dem man ihr drohe, an den Bischof und an den Bürgermeister von Plassans zu schreiben. Ich bin bereit, alles zu erdulden, fügte sie schluchzend hinzu; aber ich würde meinen Kopf hingeben, wenn nur mein Bruder nicht kompromittiert wird ... Er hat schon viel zuviel für uns getan; ich will ihm nichts sagen, denn er ist nicht reich und würde sich unnütz quälen ... Mein Gott! Wie soll ich es nur machen, um zu verhindern, daß dieser Mensch schreibt? Es wäre eine furchtbare Schande, wenn ein solcher Brief an das Bürgermeisteramt oder in die bischöfliche Residenz käme. Ja, ich kenne meinen Bruder, er würde den Tod davon haben. Da traten auch Martha die Tränen in die Augen. Sie war ganz blaß und drückte Olympia die Hände. Dann bot sie ihr, ohne daß diese etwas verlangt hätte, ihre hundert Franken an. Es ist freilich wenig, aber wenn es die Gefahr hinausschieben könnte? fragte sie ängstlich. Hundert Franken, hundert Franken, wiederholte Olympia, nein, nein, mit hundert Franken gibt er sich nie zufrieden. Martha war in Verzweiflung. Sie versicherte, daß sie nicht mehr besitze. Sie vergaß sich so weit, daß sie ihr von den Meßkännchen sprach. Wenn sie diese nicht gekauft hätte, hätte sie ihr dreihundert Franken geben können. Die Augen der Frau Trouche leuchteten auf. Dreihundert Franken sind gerade die Summe, die er verlangt, sagte sie. Sehen Sie, Sie würden meinem Bruder einen größeren Dienst erwiesen haben, wenn Sie ihm dies Geschenk nicht gemacht hätten, das doch in der Kirche bleibt. Wie viel schöne Sachen haben ihm nicht die Damen von Besançon gebracht! Er ist heute deswegen nicht reicher. Schenken Sie ihm nichts mehr, es ist fast ein Diebstahl. Fragen Sie mich immer um Rat, es gibt so viel verborgenes Elend! Nein, hundert Franken reichen nie hin. Als sie so eine halbe Stunde fortgejammert und sah, daß Martha wirklich nur hundert Franken habe, nahm sie das Geld schließlich doch an. Ich will sie absenden, um diesen Menschen zur Geduld zu bewegen, sagte sie leise, aber er läßt uns nicht lange in Ruhe ... Vor allem bitte ich Sie inständig, sagen Sie meinem Bruder nichts; es würde sein Tod sein ... Es ist auch besser, wenn mein Mann von unseren kleinen Angelegenheiten nichts weiß; er ist so stolz, daß er Dummheiten begeht, um Sie nur zu bezahlen. Wir Frauen verstehen uns immer. Martha war ob dieses Darlehens überglücklich. Von da an hatte sie eine ganz neue Sorge, nämlich die: von dem Abbé Faujas die ihm drohende Gefahr, die er gar nicht ahnte, abzuwenden. Sie ging oft zu den Trouche hinauf und verweilte daselbst stundenlang und suchte mit Olympia nach einem Mittel, die Gläubiger zu bezahlen. Diese hatte ihr erzählt, daß zahlreiche Wechsel auf den Namen des Priesters im Umlaufe seien und daß es einen ungeheueren Skandal gebe, wenn diese Papiere einmal an einen Gerichtsvollzieher in Plassans geschickt würden. Die Schuldenlast war nach ihren Worten so hoch, daß sie lange sich weigerte, sie zu nennen, und nur noch mehr weinte, wenn sie Martha dazu drängte. Eines Tages endlich sprach sie von zwanzigtausend Franken. Martha war sprachlos. Nie würde sie zwanzigtausend Franken zusammenbringen. Sie starrte vor sich hin und sagte sich, daß sie nur nach dem Ableben ihres Gatten über eine solche Summe verfügen könne. Ich meine zwanzigtausend Franken im ganzen, beeilte sich Olympia hinzuzufügen, der die ernste Miene Marthas Unruhe einflößte; wir würden zufrieden sein, wenn wir sie in kleinen Abzahlungen binnen zehn Jahren tilgen könnten. Die Gläubiger würden solange warten, wie man will, wenn sie nur wüßten, daß sie regelmäßige Teilzahlungen erhalten. Es ist sehr traurig, daß wir nicht einen Menschen finden, der in uns Vertrauen setzt und uns die nötigen Summen leiht. Das war der gewöhnliche Gegenstand ihrer Unterhaltung. Olympia sprach auch oft von dem Abbé Faujas, den sie anzubeten schien. Sie erzählte Martha die intimsten Sachen über den Priester: daß er kitzlig sei, auf der linken Seite nicht schlafen könne, auf der rechten Seite ein Muttermal habe von der Form einer Erdbeere, das im Mai rot werde wie eine wirkliche Frucht. Martha lächelte und ward nicht müde, solche Einzelheiten anzuhören. Sie fragte die junge Frau über ihre Kindheit und die ihres Bruders aus. Wenn dann die Rede wieder auf das Geld kam, war sie wie wahnsinnig wegen ihres Unvermögens und beklagte sich bitter über Mouret, so daß Olympia, dadurch kühn gemacht, ihn vor ihr nur »den alten Geizhals« nannte. Plauderten die beiden Frauen noch, wenn Trouche aus dem Amte kam, so schwiegen sie und begannen sofort von etwas anderem zu sprechen. Trouche bewahrte eine würdige Haltung. Die Damen von dem Werke der heiligen Jungfrau waren sehr zufrieden mit ihm. Man sah ihn nie in einem Kaffeehause der Stadt. Um Olympia zu helfen, die an gewissen Tagen davon sprach, sich zum Fenster hinauszustürzen, drängte Martha ihre Köchin Rosa, zu einem Trödler alle alten Sachen zu schaffen, die als unnütz in den Winkeln herumlagen. Die beiden Frauen waren zuerst ängstlich; sie brachten während der Abwesenheit Mourets nur die alten Stühle und Tische fort; dann machten sie sich an wertvolle Sachen, verkauften Porzellan, Schmucksachen, alles, was verschwinden konnte, ohne eine zu große Lücke zu hinterlassen. Sie befanden sich auf einem verhängnisvollen Abhange. Sie hätten schließlich die großen Möbelstücke auch noch fortgeschafft und nur die nackten vier Mauern zurückgelassen, wenn nicht Mouret eines Tages Rosa eine Diebin gescholten und ihr mit der Polizei gedroht hätte. Ich eine Diebin! Gnädiger Herr! hatte sie ausgerufen. Achten Sie auf Ihre Worte!... Weil Sie mich haben einen Ring der gnädigen Frau verkaufen sehen? Der Ring gehörte mir; die gnädige Frau hatte ihn mir geschenkt. Sie ist nicht so geizig wie Sie ... Sie schämen sich nicht, Ihre arme Frau ohne einen Sou zu lassen! Sie hat keine Schuhe anzuziehen. Neulich habe ich die Milchfrau bezahlt ... Nun ja, ich habe ihren Ring verkauft. Was ist dabei? Gehört der Ring nicht ihr? Sie kann ihn zu Geld machen, da Sie ihr alles verweigern ... Ich würde das ganze Haus verkaufen, verstehen Sie? Das ganze Haus! Es schmerzt mich viel zu sehr, sie nackt wie einen heiligen Johannes herumgehen zu sehen. Jetzt war Mouret jede Stunde wachsam; er verschloß die Schränke und steckte die Schlüssel zu sich. Wenn Rosa ausging, sah er mißtrauisch auf ihre Hände; er befühlte ihre Taschen, wenn er eine verdächtige Aufbauschung ihres Rockes bemerkte. Er kaufte von dem Trödler gewisse Sachen zurück, die er an ihren Platz stellte, sie vor Martha abstaubte und hätschelte, um ihr in Erinnerung zu bringen, was er »die Diebstähle Rosas« nannte. Er quälte sie besonders mit einer kristallenen Wasserflasche, die von der Köchin für zwanzig Sous verkauft war. Sie hatte erklärt, daß sie sie zerbrochen habe, und mußte sie jetzt bei jeder Mahlzeit auf den Tisch stellen. Eines Tages ließ sie beim Frühstück vor Wut die Flasche zu Boden fallen. Jetzt, gnädiger Herr, ist sie wohl zerbrochen, nicht wahr? sagte sie und lachte ihm ins Gesicht. Er jagte sie fort und sie rief: Versuchen Sie es! ... Ich diene Ihnen jetzt fünfundzwanzig Jahre. Die gnädige Frau würde mit mir fortgehen. Martha, durch die Ratschläge Rosas und Olympias zum äußersten getrieben, lehnte sich schließlich auf. Sie brauchte unbedingt fünfhundert Franken. Seit acht Tagen weinte ihr Olympia etwas vor und erklärte ihr, wenn sie bis zum Ende des Monats nicht fünfhundert Franken habe, werde einer der Wechsel mit dem Namen des Abbé Faujas »in einer Zeitung von Plassans« veröffentlicht werden. Diese furchtbare Drohung, die sie sich gar nicht genau erklären konnte, erschreckte sie so sehr, daß sie beschloß, alles zu wagen. Abends, bei dem Schlafengehen, verlangte sie von Mouret die fünfhundert Franken; als er sie bestürzt ansah, sprach sie von ihren in Selbstverleugnung verlebten fünfzehn Jahren, die sie in Marseille am Ladentische mit der Feder hinter dem Ohre wie ein Handlungsgehilfe zugebracht habe. Wir haben das Geld zusammen erworben, meinte sie; es gehört uns beiden. Ich will fünfhundert Franken. Mouret brach sein Schweigen. Er geriet in den heftigsten Zorn und ward mit einemmal wieder gesprächig. Fünfhundert Franken! schrie er. Vielleicht für deinen Pfarrer? ... Ich mache jetzt nur den Dummen, ich schweige, weil ich viel zu viel zu sagen hätte. Aber du darfst nicht glauben, daß Ihr mich bis zum Ende narren könnt ... Fünfhundert Franken! Warum nicht das ganze Haus! Es gehört ihm eigentlich ohnehin schon! Jetzt will er das Geld, nicht wahr? Er hat dir gesagt, du sollst das Geld von mir verlangen? ... Wenn ich es recht bedenke, lebe ich in meinem Hause wie in einem Walde! Man stiehlt mir schließlich das Taschentuch aus der Tasche. Ich wette, wenn ich in seinem Zimmer suchen würde, ich könnte alle meine armseligen Sachen in seinen Schubläden finden. Gestern zählte ich nach, da fehlten mir drei Unterhosen, sieben Paar Strümpfe, vier oder fünf Hemden. Mir gehört gar nichts mehr, alles verschwindet, alles geht zugrunde... Nein, nicht einen Sou, nicht einen Sou. Hörst du? Ich will fünfhundert Franken, wiederholte sie ruhig, denn die Hälfte des Geldes gehört mir. Eine Stunde lang wetterte Mouret, ärgerte sich und schrie sich fast heiser, wobei er immer dieselben Vorwürfe wiederholte. Er erkannte seine Frau nicht mehr. Sie liebte ihn vor der Ankunft des Pfarrers, hörte auf ihn und hatte stets das Interesse des Hauses im Auge. Die Leute, die sie gegen ihn aufhetzten, mußten sehr schlechte Menschen sein. Dann versagte ihm die Stimme; er ließ sich in einen Sessel fallen, gebrochen und schwach wie ein Kind. Gibst du mir den Schlüssel zum Schreibtische? fragte Martha. Er stand auf und schrie mit letzter Kraft: Du nimmst alles. Deine Kinder liegen auf dem Stroh, und wir haben nicht ein Stück Brot ... Gut, nimm alles, rufe Rosa, damit sie ihre Schürze füllt. Da ist der Schlüssel. Damit warf er den Schlüssel hin, den Martha unter ihrem Kissen verbarg. Sie war bei diesem Zanke ganz blaß geworden, denn es war der erste heftige Streit, den sie mit ihrem Gatten hatte. Sie legte sich nieder; er brachte die Nacht in dem Sessel zu. Gegen Morgen hörte sie ihn weinen und hätte ihm den Schlüssel zurückgegeben, wenn er nicht wie toll in den Garten hinunter gelaufen wäre, obwohl es noch finstere Nacht war. Der Friede schien wieder ins Haus eingekehrt. Der Schlüssel des Schreibtisches hing an einem Nagel neben dem Spiegel. Martha, die nicht gewohnt war, große Summen auf einmal zu sehen, hatte eine gewisse Scheu vor dem Gelde. Zuerst zeigte sie sich sehr verschwiegen und beschämt, sooft sie die Lade öffnete, wo Mouret immer etwa zehntausend Franken für seine Weineinkäufe liegen hatte. Sie nahm genau soviel, wie sie brauchte. Übrigens gab ihr Olympia ausgezeichnete Ratschläge: da sie jetzt den Schlüssel habe, müsse sie sich sparsam zeigen. Und weil sie Martha vor dem »Schatze« zittern sah, hörte sie einige Zeit auf, mit ihr von den Schulden in Besançon zu sprechen. Mouret fiel wieder in sein düsteres Schweigen zurück. Er hatte einen neuen, noch heftigeren Schlag erhalten, als der Eintritt seines Sohnes Serge in das Seminar war. Seine Freunde von der Promenade Sauvaire, die kleinen Rentner, die regelmäßig von vier bis sechs Uhr spazieren gingen, begannen sich ernsthaft Sorge um ihn zu machen, wenn sie ihn so daherkommen sahen mit hängenden Armen, blödem Gesichte, kaum eine Antwort gebend, als sei er unheilbar krank. Er geht ein, er geht ein, sagten sie leise. Mit vierundvierzig Jahren ist es unbegreiflich. Der Verstand geht ihm schließlich aus. Er schien die Anspielungen nicht mehr zu hören, die man voll Bosheit vor ihm machte. Wenn man ihn geradezu nach dem Abbé Faujas fragte, errötete er leicht und antwortete, daß der Abbé ein guter Mieter sei und seine Miete pünktlich bezahle. Hinter seinem Rücken spotteten die kleinen Rentner, die auf einer Bank im Sonnenschein saßen. Er hat nur bekommen, was er verdient, sagte ein ehemaliger Mandelhändler. Sie erinnern sich, wie warm er für den Pfarrer eingetreten ist; er posaunte sein Lob in allen Straßen von Plassans aus. Wenn man heute mit ihm darüber sprechen will, macht er ein sonderbares Gesicht. Die Herren erzählten sich dann gewisse Skandalgeschichten, die sie sich von einem Ende der Bank zu dem anderen zuflüsterten. Nun, hub ein ehemaliger Gerber an, Mouret ist nicht recht bei Verstand; ich hätte den Pfarrer zum Hause hinausgejagt. Alle stimmten zu, daß Mouret nicht recht klug sei, er, der sich über die Ehemänner so lustig gemacht habe, die von ihren Frauen an der Nase herumgeführt würden. In der Stadt kamen diese Verleumdungen trotz der Hartnäckigkeit, mit der gewisse Leute sie zu verbreiten schienen, nicht über einen kleinen Kreis von Müßiggängern und Schwätzern hinaus. Wenn der Abbé sich geweigert hatte, in den Pfarrhof zu ziehen und lieber bei den Mourets blieb, konnte der Grund, wie er selbst sagte, nur seine Liebe zu dem Garten sein, wo er so ruhig sein Brevier las. Seine große Frömmigkeit, seine strenge Lebensweise, seine Verachtung gegen die Liebäugeleien, die die Priester sieh erlaubten, erhoben ihn über allen Verdacht. Die Mitglieder des Jugendklubs beschuldigten den Abbé Fenil, daß er jenen zu verderben suche. Übrigens stand die ganze Neustadt auf seiner Seite; er hatte nur das Sankt-Markusviertel gegen sich, dessen vornehme Bewohner sich zurückhaltend benahmen, wenn sie ihm in den Salons des Bischof begegneten. Aber er schüttelte mit dem Kopfe, wenn die alte Frau Rougon zu ihm sagte, er könne alles wagen. Nichts ist noch fest, murmelte er; ich habe niemanden für mich. Ein Strohhalm könnte das Gebäude umwerfen. Martha beunruhigte ihn seit einiger Zeit. Er war sich seiner Ohnmacht bewußt, das Frömmigkeitsfieber, das sie verzehrte, zu stillen. Sie entkam ihm, gehorchte ihm nicht und ging weiter, als er gewollt. Diese nützliche Frau, diese geachtete Hausfrau konnte ihn verderben. Es loderte in ihrem Innern eine Flamme, die ihren Körper brach, ihre Haut bräunte, ihre Augen verdarb. Es war wie ein wachsendes Übel, eine Auflösung des ganzen Seins, die allmählich das Gehirn und das Herz ergriff. Ihr Gesicht verschwamm in einer Verzückung, ihre Hände streckten sich mit einem nervösen Zittern aus. Ein trockener Husten schüttelte sie vom Kopf bis zu den Füßen, ohne daß sie den Schmerz zu fühlen schien. Er wurde härter gegen sie, stieß die Liebe zurück, die ihm entgegen kam, und verbot ihr, nach der Kirche Saint-Saturnin zu kommen. Die Kirche ist eisig kalt, sagte er. Sie husten zu sehr. Ich will nicht, daß Sie Ihr Leiden verschlimmern. Sie versicherte, es sei nichts, eine einfache Reizung des Kehlkopfes. Dann unterwarf sie sich und nahm dieses Verbot des Kirchenbesuches als eine wohlverdiente Strafe hin, die ihr die Himmelstür verschloß. Sie schluchzte, hielt sich für verdammt, brachte ihre Tage müßig hin, und gegen ihren Willen schlich sie am Freitag wie eine Frau zu einer verbotenen Liebe voll Demut in die Kapelle Saint-Michel und lehnte ihre glühende Stirn ah die Holzwand des Beichtstuhles. Sie sprach nicht, wie vernichtet blieb sie knien, während der Abbe Faujas sie zornig und in roher Weise eine unwürdige Tochter schalt und entließ. Dann ging sie fort erleichtert und überglücklich. Der Priester fürchtete das Dunkel der Kapelle Saint-Michel. Er rief die Vermittlung des Dr. Porquier an, und dieser brachte Martha dahin, daß sie in dem kleinen Betsaale der Anstalt der heiligen Jungfrau beichte. Der Abbé Faujas versprach, daß er sie jeden zweiten Samstag dort erwarte. Dieser Betsaal, ein großes, weißgetünchtes Zimmer mit vier großen Fenstern, hatte ein heiteres Aussehen, das, wie der Abbé rechnete, die überreizte Einbildungskraft seines Beichtkindes beruhigen werde. Hier konnte er sie beherrschen und eine unterwürfige Sklavin aus ihr machen, ohne einen Skandal befürchten zu müssen. Übrigens forderte er, um aller schlimmen Nachrede vorzubeugen, daß seine Mutter Martha begleite. Während er dieser die Beichte abnahm, blieb Frau Faujas vor der Türe und strickte, um keine Zeit zu verlieren. Mein liebes Kind, sagte sie oft zu ihr, wenn sie zusammen nach Hause gingen, ich habe heute Ovid wieder sehr laut reden hören. Sie können ihn also nicht zufriedenstellen? Sie haben ihn also nicht lieb? Ach, wie wollte ich an Ihrer Stelle sein, um ihm die Füße zu küssen ... Ich werde Sie schließlich verabscheuen, wenn Sie ihm nur Kummer bereiten. Martha senkte das Haupt; sie schämte sich sehr vor Frau Faujas. Sie konnte sie nicht leiden, sie war auf sie eifersüchtig, weil sie sie immer zwischen sich und dem Priester fand. Dann litt sie auch unter den finsteren Blicken der alten Frau, der sie unaufhörlich begegnete, und die ihr so seltsame und beunruhigende Ratschläge gab. Der schlechte Gesundheitszustand Marthas war eine genügende Erklärung für ihre Zusammenkünfte mit dem Abbé Faujas im Betsaale der Anstalt der heiligen Jungfrau. Der Doktor Porquier versicherte, daß sie dabei ganz einfach einer seiner Anordnungen nachkomme. Dieses Wort erregte große Heiterkeit unter den Spaziergängern der Promenade. Wirklich, sagte Frau Paloque zu ihrem Gatten eines Tages, als sie Martha mit Frau Faujas die Balande-Straße herunterkommen sah, ich möchte gern einmal in einem Winkel stecken, um zu sehen, was der Pfarrer mit seiner Geliebten macht ... Es ist spaßig, wenn sie von ihrem heftigen Schnupfen spricht. Als wenn ein heftiger Schnupfen ein Hindernis ist, in der Kirche zu beichten! Auch ich habe den Schnupfen gehabt, ohne mich deshalb mit den Abbés in den Kapellen zu verstecken. Es ist unrecht, daß du dich in die Angelegenheiten des Abbé Faujas mischest, erwiderte der Richter. Man hat mich gewarnt. Es ist ein Mensch, der geschont werden muß. Du hast eine zu scharfe Zunge und hinderst uns, unser Ziel zu erreichen. Nun, erwiderte sie in bitterem Tone, sie sind mir auf dem Bauche herumgetreten und sollen dafür von mir reden hören ... Dein Abbé Faujas ist ein großer Tölpel. Glaubst du, der Abbé Fenil wäre mir nicht dankbar, wenn ich den Pfarrer und seine Schöne überraschte, wie sie Zärtlichkeiten miteinander austauschen? Geh, einen solchen Skandal würde er teuer bezahlen ... Laß mich nur machen, du verstehst von solchen Dingen nichts. Zwei Wochen später an einem Samstage lauerte Frau Paloque, bis Martha das Haus verließ. Sie stand ganz angekleidet hinter den Fenstervorhängen, verbarg aber ihr häßliches Gesicht und spähte durch ein Loch in der Musseline hinüber. Als die beiden Frauen hinter der Ecke der Travelle-Straße verschwunden waren, verzog sich ihr breiter Mund zu einem grinsenden Lächeln. Sie beeilte sich nicht, zog die Handschuhe an und ging langsam über den Präfekturplatz; sie machte einen Umweg und verweilte auf dem spitzigen Pflaster. Als sie vor dem Hause der Frau von Condamin ankam, wollte sie diese abholen, aber sie hätte vielleicht Bedenken haben können. Es sei besser, dachte sie, ohne Zeugen und mutig den Plan auszuführen. Ich habe ihnen Zeit gelassen, bei den schweren Sünden anzukommen und glaube, daß ich mich jetzt zeigen kann, dachte sie, nachdem sie eine Viertelstunde spazieren gegangen war. Jetzt beschleunigte sie ihre Schritte. Sie kam oft in die Anstalt der heiligen Jungfrau, um mit Trouche über verschiedene Rechnungen Rücksprache zu nehmen. An diesem Tage trat sie nicht in die Kanzlei des Beamten, sondern ging den Flur hinauf geradeswegs in den Betsaal. Vor der Türe strickte ruhig Frau Faujas. Die Gattin des Richters hatte dieses Hindernis vorausgesehen; sie ging auf die Türe zu wie eine Person, die ein wichtiges Geschäft hat. Doch bevor sie noch den Arm ausgestreckt hatte, um den Türknopf zu drehen, hatte die alte Frau sie mit einer außerordentlichen Kraft zur Seite geschoben. Wohin gehen Sie? fragte sie mit ihrer rauhen, bäuerlichen Stimme. Ich gehe, wohin ich will, erwiderte Frau Paloque, mit schmerzendem Arme und zornigem Gesichte. Sie sind eine unverschämte und rohe Person ... Lassen Sie mich hineingehen. Ich bin die Kassiererin des Stiftes und habe hier das Recht, überall einzutreten. An die Türe gelehnt, setzte Frau Faujas sich die Brille zurecht. Dann nahm sie mit der größten Ruhe der Welt den Strumpf wieder in die Arbeit. Nein, sagte sie kurz, Sie werden nicht eintreten. Ah! ... Und warum nicht, wenn ich fragen darf? Weil ich nicht will. Die Frau des Richters fühlte, daß ihr Anschlag mißglückt sei. Sie drohte vor Zorn zu ersticken. Wütend stotterte sie: Ich kenne Sie nicht; ich weiß nicht, was Sie hier machen. Ich könnte rufen und Sie verhaften lassen, denn Sie haben mich geschlagen. Es müssen hinter dieser Türe sehr schlechte Dinge geschehen, da Sie beauftragt sind, Leute des Hauses nicht einzulassen. Ich gehöre zum Hause, verstehen Sie? ... Lassen Sie mich hinein, oder ich rufe alle Leute her. Rufen Sie, wen Sie wollen, erwiderte die alte Frau achselzuckend. Ich habe Ihnen gesagt, daß Sie nicht eintreten; ich will nicht ... Weiß ich, ob Sie zum Hause gehören? Mögen Sie auch hierher gehören, das bleibt sich ganz gleich. Niemand darf eintreten. Das ist meine Sache. Da verlor Frau Paloque die Geduld und rief: Ich brauche nicht hineinzugehen. Es genügt mir. Ich bin zufriedengestellt. Sie sind die Mutter des Abbé Faujas, nicht wahr? Sie betreiben offenbar ein sauberes Geschäft! ... Nein, ich gehe nicht hinein; ich will mich nicht in alle die schmutzigen Sachen mengen. Frau Faujas legte den Strumpf auf den Stuhl und sah sie durch die Brille mit blitzenden Augen an; sie war ein wenig vorgebeugt und hatte die Hände vorgestreckt, als wolle sie sich auf sie stürzen, um sie zum Schweigen zu bringen. Eben wollte sie es tun, als sich die Türe öffnete und der Abbé Faujas auf der Schwelle erschien. Er war im Chorhemde und hatte eine strenge Miene: Nun, Mutter, fragte er, was gibt es denn? Die alte Frau senkte den Kopf und wich zurück wie ein Hund, der sich hinter den Beinen seines Herrn verkriecht. Sie sind es, liebe Frau Paloque, fuhr der Priester fort. Sie wünschten mit mir zu sprechen? Die Frau des Richters brachte es mit der größten Anspannung ihres Willens zu einem Lächeln. Sie erwiderte in einem schrecklich liebenswürdigen und zugleich scharf spöttischen Tone: Sie sind es, Herr Pfarrer? Wenn ich das gewußt hätte, würde ich nicht so darauf bestanden haben. Ich wollte das Tuch unseres Altars ansehen, das nicht mehr in gutem Zustande sein muß. Sie wissen, ich bin hier die gute Hausfrau; ich wache über die kleinste Kleinigkeit. Aber da Sie jetzt beschäftigt sind, will ich Sie nicht stören. Erledigen Sie Ihre Angelegenheiten, das Haus gehört Ihnen. Die Frau brauchte nur ein Wort zu sagen, und ich hätte sie über Ihre Ruhe wachen lassen. Frau Faujas brummte. Ein Blick ihres Sohnes beruhigte sie. Bitte, treten Sie ein, sagte er. Sie stören mich durchaus nicht. Ich nahm Frau Mouret die Beichte ab, die ein wenig leidend ist ... Treten Sie doch ein. Das Altartuch könnte in der Tat gewechselt werden. Nein, nein, ich komme wieder, wiederholte sie. Ich bin ganz untröstlich, Sie gestört zu haben. Fahren Sie fort, fahren Sie fort, Herr Pfarrer. Sie trat aber dennoch ein. Während sie mit Martha das Altartuch betrachtete, machte der Priester mit leiser Stimme seiner Mutter Vorwürfe: Warum hast du sie nicht eingelassen, Mutter? Ich habe dir nicht gesagt, daß du die Türe bewachen sollst. Sie starrte wie ein störriges Tier vor sich hin. Eher hätte sie über meinen Leib gehen müssen, sagte sie leise. Aber warum? Weil ... Höre, Ovid, sei nicht böse; du weißt, wenn du böse bist, sterbe ich ... Du sagtest mir, ich solle die Hausfrau hierher begleiten, nicht wahr? Nun, ich glaubte, daß du meiner bedarfst, um die Neugierigen abzuwehren. So setzte ich mich denn dorthin. Ich verbürge dir, ihr hättet tun können, was euch beliebt. Niemand hätte die Nase hineingesteckt. Er verstand sie, ergriff ihre Hand und sagte: Wie, Mutter, das hast du vermuten können? Nun, ich habe gar nichts vermutet, erwiderte sie mit großer Unbefangenheit. Du kannst machen, was du willst; alles, was du tust ist gut; du bist mein Kind ... Ich würde für dich stehlen gehen. Aber er hörte nicht mehr. Er hatte die Hände seiner Mutter fahren lassen und sah sie an wie in Gedanken verloren, was seinem Gesichte einen noch ernsteren und härteren Ausdruck verlieh. Nein, nie, nie, sagte er mit herbem Stolze. Du täuschest dich, Mutter ... Die keuschen Menschen sind allein die Starken. Sechzehntes Kapitel. Desirée war jetzt siebzehn Jahre alt und lachte noch immer wie ein unschuldiges Kind. Sie war ein großes, schönes Mädchen geworden und hatte Arme und Schultern wie eine Frau. Sie wuchs wie eine kräftige Pflanze heran, froh in ihrem Wachstum und unbekümmert um das Unglück, das das Haus vereinsamte und umdüsterte. Du lachst nicht, sagte sie zu ihrem Vater. Willst du Schnur springen spielen? Das ist unterhaltend! Sie hatte ein ganzes Viertel des Gartens in Besitz genommen; sie grub um, pflanzte Gemüse und begoß es. Die groben Arbeiten machten ihr Freude. Dann hatte sie Hühner bekommen, die ihr das Gemüse fraßen und die sie mit mütterlicher Zärtlichkeit auszankte. Bei diesen Spielen auf der Erde unter den Tieren beschmutzte sie sich schrecklich. Sie ist ein Schmutzlappen! rief Rosa. Ich will sie nicht mehr in der Küche haben, weil sie überallhin den Schmutz trägt ... Wirklich, gnädige Frau, Sie sind zu gut, sie so schön anzukleiden; an Ihrer Stelle ließe ich sie ruhig in dem Schmutze herumwaten. Martha in der Verlorenheit ihres ganzen Wesens achtete nicht mehr darauf, ob Desirée die Wäsche wechsle. Das Kind trug manchmal dasselbe Hemd drei Wochen lang; ihre Strümpfe, die über die schiefgetretenen Schuhe herabfielen, hatten keine Fersen mehr; ihre elenden Kleider hingen wie die Lumpen einer Bettlerin an ihr. Mouret mußte eines Tages eine Nadel nehmen, da ihr rückwärts das Kleid von oben bis unten geplatzt war und die nackte Haut durchsah. Sie lachte, wenn sie halb nackt war, die Haare über die Schultern hingen, die Hände schwarz und das Gesicht ganz schmutzig war. Martha empfand schließlich einen Ekel vor ihr. Wenn sie aus der Messe kam und in ihren Haaren den Kirchengeruch mitbrachte, widerte sie der starke Erdgeruch ihrer Tochter an. Sie schickte sie gleich nach dem Frühstück in den Garten und wollte sie nicht an ihrer Seite dulden; sie beunruhigte diese kräftige Gesundheit und dieses helle Lachen, das sich über alles lustig machte. Mein Gott, wie dieses Kind einen ermüdet, sagte sie manchmal leise mit der Miene der größten Abspannung. Wenn Mouret sie so klagen hörte, sagte er zornig: Wenn sie dir im Wege ist, kann man sie zur Türe hinausjagen wie die zwei anderen. Wirklich! Ich wäre sehr zufrieden, wenn sie nicht mehr da wäre, erwiderte sie kurz. Gegen Ende des Sommers, an einem Nachmittage, erschrak Mouret, als er Desirée nicht mehr hörte, die noch einige Minuten vorher im hintern Garten sich herumgetrieben hatte. Er eilte hin und fand sie auf der Erde liegen, sie war von einer Leiter herabgestürzt, auf die sie gestiegen war, um Feigen zu pflücken; das Gebüsch hatte glücklicherweise den Sturz abgeschwächt. Mouret nahm sie voll Schrecken in die Arme und rief um Hilfe. Er hielt sie für tot; aber sie erlangte bald das Bewußtsein wieder und erklärte, daß sie sich nicht wehe getan habe; sogleich wollte sie wieder auf die Leiter steigen. Unterdessen war Martha die Freitreppe herabgekommen. Als sie Desirée lachen hörte, ärgerte sie sich. Das Kind bringt mich noch ins Grab, sagte sie; sie sinnt nur darauf, um mich zu erschrecken. Ich weiß bestimmt, sie hat sich absichtlich hingeworfen. Das ist nicht mehr zu ertragen. Ich schließe mich in mein Zimmer ein, gehe früh morgens fort und komme abends wieder ... Ja, lache nur, du dummes Ding! Ist es möglich, ein so dummes Geschöpf in die Welt gesetzt zu haben! Geh, du kommst mir teuer zu stehen. Das ist sicher, fügte Rosa hinzu, die aus der Küche herbeigelaufen kam, sie ist eine große Verlegenheit im Hause, und es wird schwer halten, sie zu verheiraten. Mouret, bis ins Innerste getroffen, hörte und sah sie an. Er erwiderte nichts und blieb im Garten mit dem Mädchen. Sie schienen bis zum Einbruch der Nacht zärtlich miteinander zu reden. Am folgenden Tage waren Martha und Rosa den ganzen Vormittag nicht zu Hause; sie hörten in einer Kapelle, die eine Meile vor Plassans lag und dem heiligen Januarius geweiht war, eine Messe, zu der alle Betschwestern der Stadt an jenem Tage wallfahrteten. Als sie heimkehrten, trug die Köchin schnell ein kaltes Frühstück auf. Martha aß einige Minuten, als sie bemerkte, daß ihre Tochter nicht bei Tische sei. Hat denn Desirée keinen Hunger? fragte sie. Warum ißt sie denn nicht mit uns? Desirée ist nicht hier, sagte Mouret, der sein Essen auf dem Teller ließ; ich habe sie heute früh nach Saint-Eutrope zu ihrer Amme gebracht. Sie wurde blaß und legte überrascht und beleidigt die Gabel weg. Du hättest mich auch fragen können, sagte sie. Aber er erwiderte, ohne direkt eine Antwort darauf zu geben: Sie ist bei ihrer Amme gut aufgehoben. Die brave Frau hat sie sehr lieb und wird auf sie achtgeben ... Auf diese Weise quält dich das Mädchen nicht mehr und jeder ist zufrieden. Da sie schwieg, fügte er hinzu: Wenn das Haus dir noch nicht ruhig genug ist, kannst du es mir sagen, und ich gehe auch. Sie erhob sich ein wenig, und ihre Augen leuchteten auf. Er hatte sie so tief verletzt, daß sie die Hand ausstreckte, als wolle sie ihm die Flasche an den Kopf werfen. In dieser so lange Zeit unterwürfigen Natur wallte unbekannter Zorn auf; ein Haß stieg in ihr gegen diesen Mann empor, der sie immer wie ein böses Gewissen umschlich. Sie fing wieder an zu essen, ohne weiter von ihrer Tochter zu sprechen. Mouret hatte sein Tellertuch zusammengelegt; er blieb vor ihr sitzen, lauschte dem Geräusche ihrer Gabel und sah langsam in dem Speisezimmer umher, das früher von dem Lärm der Kinder so heiter und jetzt so öde und traurig war. Das Zimmer kam ihm eisig kalt vor. Es traten ihm die Tränen in die Augen, als Martha Rosa wegen des Nachtisches hereinrief. Sie haben guten Appetit, nicht wahr, gnädige Frau? sagte diese und setzte einen Teller Obst auf den Tisch. Das macht unser tüchtiger Marsch! ... Wenn der gnädige Herr, anstatt den Heiden zu spielen, mit uns gegangen wäre, hätte er Sie nicht allein die Hammelkeule essen lassen. Sie wechselte die Teller und schwatzte weiter: Die Kapelle des heiligen Januarius ist sehr schön, aber zu klein ... Sie haben die Frauen gesehen, die zu spät gekommen sind; sie mußten draußen in der Sonne auf dem Grase knien ... Ich verstehe gar nicht, warum Frau von Condamin zu Wagen kam; das ist doch dann kein Verdienst, eine Wallfahrt zu machen ... Wir haben einen schönen Vormittag zugebracht, nicht wahr, gnädige Frau? Ja, einen schönen Vormittag, wiederholte Martha. Der Abbé Mousseau hielt eine rührende Predigt. Als Rosa die Abwesenheit der Desirée bemerkte und sie die Abreise des Kindes erfuhr, da rief sie aus: Da hat der gnädige Herr einen guten Gedanken gehabt ... Sie nahm mir alle Schüsseln weg, um ihren Salat zu begießen ... Jetzt kann man doch ein wenig aufatmen. Ohne Zweifel, erwiderte Martha, die eine Birne schälte. Mouret war dem Ersticken nahe. Er verließ das Speisezimmer, ohne auf Rosa zu hören, die ihm nachlief, daß der Kaffee gleich fertig sei. Martha blieb allein im Speisezimmer und aß ruhig ihre Birne weiter. Als die Köchin den Kaffee brachte, kam Frau Faujas eben herunter. Gehen Sie nur hinein, sagte die Köchin zu ihr; Sie können der gnädigen Frau Gesellschaft leisten und den Kaffee des gnädigen Herrn trinken, der wie ein Narr davongelaufen ist. Die alte Frau setzte sich auf den Platz Mourets. Ich glaubte, Sie tränken nie Kaffee, sagte sie, sich Zucker nehmend. Ja, ehemals, erwiderte Rosa, als der gnädige Herr die Kasse hatte ... Jetzt wäre die gnädige Frau dumm, wenn sie sich etwas versagen wollte, was sie gern hat. Sie plauderten eine gute Stunde. Martha erzählte schließlich voll Rührung Frau Faujas ihren Kummer: Ihr Gatte habe ihr soeben eine schreckliche Szene gemacht, und zwar wegen ihrer Tochter, die er einem tollen Einfall folgend zu ihrer Amme gebracht habe. Sie verteidigte sich und versicherte, daß sie das Kind sehr liebe und es eines Tages auch besuchen werde. Sie machte ein wenig Lärm, meinte Frau Faujas. Ich habe Sie oft bedauert ... Mein Sohn hätte schließlich darauf verzichtet, im Garten sein Brevier zu lesen; sie machte ihm den Kopf ganz wirr. Von diesem Tag an waren die Mahlzeiten Marthas und Mourets sehr still. Der Herbst war sehr feucht; das Speisezimmer mit seinen zwei Gedecken, die durch die ganze Breite des großen Tisches getrennt waren, hatte ein trübseliges Aussehen. Die Winkel lagen im Schatten, von der Decke rieselte die Kälte hernieder. Es war traurig wie ein Begräbnis, wie Rosa sich ausdrückte. Nun, sagte sie oft, wenn sie die Speisen hereinbrachte, hier geht es aber laut her. Wenn Sie es weiter so treiben, nutzen Sie sich die Zunge nicht ab ... Seien Sie doch lustiger, gnädiger Herr; Sie machen eine rechte Leichenbittermiene. Zuletzt bringen Sie noch die gnädige Frau ins Krankenbett. Es ist der Gesundheit abträglich zu essen, ohne zu sprechen. Als die ersten Fröste kamen, bot Rosa Frau Faujas dienstwillig ihren Ofen an, um da zu kochen. Die Sache fing damit an, daß die alte Frau Wasser zum Kochen herunterbrachte, indem sie erklärte, sie habe kein Feuer, und ihr Sohn wolle sich schnell rasieren. Später borgte sie sich Plätteisen, dann einige Schüsseln und bat um eine Bratpfanne, eine Hammelkeule zu braten. Dann wieder nahm sie, als ob sie oben keinen passenden Herd habe, das Anerbieten Rosas an, die ein Feuer anzündete, als solle ein ganzer Hammel gebraten werden. Genieren Sie sich nicht, wiederholte sie, während sie selbst den Braten drehte. Die Küche ist groß, nicht wahr? Für zwei Wirtschaften ist Platz genug da. Ich weiß nicht, wie Sie es bisher aushalten konnten, auf der Erde vor dem Kamine Ihres Zimmers auf einem elenden Blechofen zu kochen. Ich hätte gefürchtet, daß der Schlag mich rührt. Herr Mouret ist aber auch lächerlich; man vermietet nicht eine Wohnung ohne Küche. Sie müssen wirklich brave, gar nicht stolze und sehr genügsame Leute sein. Allmählich kochte Frau Faujas ihr Frühstück und Mittagessen in der Küche der Mourets. In der ersten Zeit brachte sie Kohle, Holz und Gewürz mit; wenn sie später etwas vergessen hatte, wollte die Köchin nicht, daß sie erst hinaufging, und nötigte sie, sich aus dem Vorratsschrank zu nehmen, was sie brauche. Da ist die Butter, sagte sie. Wenn Sie eine Messerspitze davon nehmen, wird es uns noch nicht arm machen. Sie wissen doch, daß alles hier Ihnen zur Verfügung steht ... Die gnädige Frau würde mich auszanken, wenn Sie es sich hier nicht bequem einrichten wollten. So entstand zwischen Rosa und Frau Faujas eine große Freundschaft; die Köchin war hocherfreut, eine Person bei sich zu haben, die ihr gern zuhörte, während sie ihre Brühen quirlte. Übrigens kam sie mit der Mutter des Priesters wunderbar aus, deren Kattunkleider, rohes Gesicht und volkstümliche Derbheit sie auf einen gleichen Fuß mit ihr stellten. Stundenlang saßen sie zusammen vor dem Ofen, in dem das Feuer erloschen war. Frau Faujas hatte bald eine unumschränkte Herrschaft in der Küche, sie bewahrte ihre unergründliche Haltung, sagte nur, was sie sagen wollte, und ließ sich erzählen, was sie wissen wollte. Sie bestimmte das Essen der Mourets, kostete von den Speisen, bevor sie aufgetragen wurden; oft legte sogar Rosa Leckerbissen beiseite, die besonders für den Abbé bestimmt waren, so überzuckerte Äpfel, Reiskuchen, Pfannkuchen. Die Vorräte vermengten sich, die Schüsseln wurden durcheinandergestellt und das Essen beider Familien durcheinander gemischt, so daß die Köchin, wenn sie anrichten sollte, lachend ausrief: Hören Sie, Madame, gehören die Spiegeleier Ihnen? Ich weiß es nicht mehr! ... Wirklich! Es wäre besser, man speiste zusammen. Am Allerheiligentage frühstückte der Abbé Faujas zum erstenmal in dem Speisezimmer der Mourets. Er hatte es sehr eilig und mußte nach der Kirche zurück. Martha ließ ihn, damit er weniger Zeit verliere, sich an den Tisch setzen; sie erklärte, seine Mutter brauche nicht die zwei Stiegen zu steigen. Eine Woche später war es zur Gewohnheit geworden, daß die Faujas zu jeder Mahlzeit herunterkamen, sich zu Tische setzten und bis zum Kaffee blieben. Die ersten Tage trennten sich die Küchen; dann fand Rosa es sehr dumm; sie sagte, sie könne ganz gut für vier Personen kochen und werde sich mit Frau Faujas verständigen. Danken Sie mir nicht, fügte sie hinzu. Sie sind so gut und kommen herunter, um der gnädigen Frau Gesellschaft zu leisten; Sie bringen etwas Heiterkeit mit... Ich wagte nicht mehr in das Speisezimmer zu gehen; es kam mir vor, als käme ich zu einem Toten. Es war öde, um einem Furcht zu machen... Wenn der gnädige Herr jetzt schmollt, um so schlimmer für ihn! Er mag für sich allein schmollen! Der Ofen kochte, und das Zimmer war ganz warm. Es war ein sehr angenehmer Winter. Nie hatte Rosa zu dem Gedecke so saubere Wäsche gelegt; den Stuhl des Herrn Pfarrer stellte sie nahe zum Ofen, und zwar so, daß er das Feuer im Rücken hatte. Sie achtete besonders auf sein Glas, sein Messer und seine Gabel; sie sah darauf, daß sobald das Tischtuch den kleinsten Fleck hatte, dieser nicht auf seiner Seite zu liegen kam. Kurz, sie erwies ihm tausenderlei zarte Aufmerksamkeiten. Wenn sie ihm ein Lieblingsgericht bereitete, setzte sie ihn davon in Kenntnis, damit er seinen Appetit schone. Manchmal bereitete sie ihm eine Überraschung; sie brachte das Gericht verdeckt, lachte über die fragenden Blicke und sagte mit triumphierender Miene: Das ist für den Herrn Pfarrer, eine gespickte Ente mit Oliven gefüllt, wie er sie gern ißt... Gnädige Frau, Sie geben dem Herrn Pfarrer ein Filet, nicht wahr? Es ist für ihn. Martha reichte die Schüsseln herum. Sie bestand durch bittende Blicke darauf, daß er sich die guten Stücke nehme. Sie fing immer bei ihm an und durchsuchte die Schüssel, während Rosa, über sie gebeugt, ihr mit dem Finger jene Stücke bezeichnete, die sie für die besten hielt. Sie stritten sogar darüber, ob dieses oder jenes Stück eines Huhnes oder Kaninchens besser sei. Rosa schob ein Sofakissen unter die Füße des Priesters. Martha verlangte, daß er seine Flasche Bordeau und sein Brot habe, ein kleines, goldbraun gebackenes Brötchen, das sie jeden Tag bei dem Bäcker für ihn bestellte. Ei, nichts ist zu gut, erwiderte Rosa, wenn der Abbé ihnen dankte. Wer soll denn gut leben, wenn nicht so brave Herzen, wie Sie, es gut hätten? Lassen Sie uns nur machen, der liebe Gott bezahlt Ihre Schuld schon. Frau Faujas, die bei Tische ihrem Sohne gegenüber saß, lächelte zu all diesen Zuvorkommenheiten. Sie begann Martha und Rosa lieb zu gewinnen; übrigens fand sie ihre Verehrung sehr natürlich und hielt sie für sehr glücklich, daß sie vor ihrem Gotte auf den Knien liegen durften. Mit ihrem vierschrötigen Kopfe, langsam und viel essend wie eine Bäuerin, die weit zur Arbeit geht, führte sie in Wirklichkeit bei den Mahlzeiten den Vorsitz, indem sie alles sah, ohne einen Bissen zu verlieren, und wachte darüber, daß Martha in ihrer demütigen Rolle verharre, während sie selbst mit vergnügter Freude den Blick auf ihrem Sohne ruhen ließ. Sie sprach nur, um in drei Worten den Geschmack des Abbé anzugeben, oder um den höflichen Weigerungen ein Ende zu machen, die er noch wagte. Manchmal zuckte sie mit den Achseln oder stieß ihn mit dem Fuße. Gehörte der Tisch nicht ihm? Er konnte doch die ganze Schüssel essen, wenn es ihm schmeckte. Die anderen würden sich begnügen, ihr trockenes Brot zu essen und ihm zuzusehen. Der Abbé blieb den zarten Aufmerksamkeiten gegenüber gleichgültig, deren Gegenstand er war. Da er sehr mäßig war, schnell aß und mit seinen Gedanken anderswo weilte, bemerkte er oft gar nicht die Verhätschelung, die man ihm widmete. Als er die Gesellschaft der Mourets annahm, hatte er nur dem Drängen seiner Mutter nachgegeben; er genoß in dem Erdgeschosse nur die Freude, ganz der Sorgen des materiellen Lebens ledig zu sein. So bewahrte er denn eine stolze Ruhe, gewöhnte sich allmählich daran, seine geringsten Wünsche erraten zu sehen, und wunderte sich nicht mehr und dankte nicht mehr und herrschte verächtlich zwischen der Herrin des Hauses und der Köchin, die ängstlich auf die kleinsten Falten in seinem ernsten Gesichte achteten. Mouret, der seiner Frau gegenüber saß, blieb vergessen. Er saß, die Hände an dem Tischrande wie ein Kind da, und er wartete, bis Martha an ihn denke. Sie bediente ihn zuletzt, kärglich und gleichsam zufällig. Rosa, die hinter ihr stand, warnte sie, wenn sie sich irrte und auf ein gutes Stück kam. Nein, nein, nicht dieses Stück... Sie wissen, der gnädige Herr ißt gern den Kopf; er nagt die kleinen Knochen ab. Mouret aß immer bedrückter, mit der Scham eines Tellerlecker. Er fühlte, daß Frau Faujas ihn ansah, wenn er sich Brot abschnitt. Er sah lange die Flasche an, bevor er wagte, sich einzuschenken. Einmal irrte er sich und nippte an dem Weine des Herrn Pfarrers. Das war eine schöne Geschichte! Einen Monat hindurch warf ihm Rosa es vor. Wenn sie eine süße Speise auftrug, rief sie: Der gnädige Herr darf nicht kosten. Er hat mich nie gelobt. Einmal sagte er mir, daß meine Rumomelette verbrannt sei. Da habe ich ihm geantwortet: Für Sie sollen sie immer verbrannt sein. Hören Sie, gnädige Frau, geben Sie dem gnädigen Herrn nichts davon. Dann ersann sie allerlei kleine Sticheleien. Sie gab ihm schadhafte Teller, deckte den Tisch so, daß er einen Fuß zwischen die Beine bekam, ließ in seinem Glase die Spuren des Wischlappens zurück, setzte das Brot, den Wein, das Salz an die andere Seite des Tisches. Mouret allein liebte den Senf und er kaufte ihn selbst bei dem Gewürzkrämer ein; die Köchin aber ließ den Senfnapf regelmäßig verschwinden, indem sie vorgab, daß »es stinke«. Das Fehlen des Senfes genügte, um ihm seine Mahlzeit zu verleiden. Noch mehr setzte ihn in Verzweiflung und verdarb ihm den Appetit ganz, daß er von seinem Platze verjagt war, von dem Platze, den er stets bei dem Fenster eingenommen und den man jetzt dem Priester gab, weil es der beste war. Jetzt saß er der Türe gegenüber; es schien ihm, als wenn er bei Fremden esse; seitdem er nicht mehr bei jedem Bissen einen Blick auf seine Obstbäume werfen konnte. Martha, die nicht so bissig war wie Rosa, behandelte ihn wie einen armen Verwandten, den man im Hause duldet; schließlich merkte sie kaum, daß er da sei, richtete fast nie das Wort an ihn und tat, als wenn der Abbé Faujas allein in dem Hause Befehle zu geben habe. Übrigens lehnte sich Mouret dagegen nicht auf; er wechselte mit dem Priester einige Worte der Höflichkeit und aß sonst schweigsam, die Angriffe der Köchin durch langsame Blicke erwidernd. Da er immer zuerst fertig war, legte er sorgfältig seine Serviette zusammen und stand oft vor dem Nachtisch auf. Rosa behauptete, daß er wütend sei. Wenn sie in der Küche mit Frau Faujas plauderte, beschrieb sie ihr des langen und breiten ihren Herrn: Ich kenne ihn gut, er hat mich nie sehr eingeschüchtert ... Bevor Sie kamen, zitterte die gnädige Frau vor ihm, weil er immer zankte und den fürchterlichen Mann spielte. Er ärgerte uns furchtbar, saß uns immer auf dem Rücken, indem er nichts im Hause gut fand und seine Nase überall hineinsteckte und uns zeigen wollte, daß er der Herr sei... Jetzt ist er zahm wie ein Lamm, nicht wahr? Die gnädige Frau hat eben die Oberhand. Wenn er mutig wäre und nicht alle möglichen Verdrießlichkeiten fürchtete, würden Sie ein schönes Lied hören. Aber er hat zu viel Furcht vor Ihrem Sohne; ja, er fürchtet sich vor dem Herrn Pfarrer... Man möchte manchmal sagen, er werde dumm. Aber da er uns nicht geniert, kann er tun, was er will, nicht wahr, Madame? Frau Faujas erwiderte, daß Herr Mouret ihr ein sehr würdiger Mann scheine; sein einziger Fehler sei, daß er nicht religiös sei. Aber er werde sicher später noch auf die gute Bahn kommen. Langsam bemächtigte sich die alte Frau des Erdgeschosses; aus der Küche drang sie in das Speisezimmer und wanderte im Flur und im Gang herum. Wenn Mouret ihr begegnete, erinnerte er sich des Tages der Ankunft der Faujas, als die Alte in ihrem zerlumpten Kittel den Korb, den sie mit beiden Händen festhielt, nicht losließ und in jedes Zimmer hineinschaute mit dem Behagen einer Person, die ein verkäufliches Haus besichtigt. Seitdem die Faujas im Erdgeschosse speisten, gehörte der zweite Stock den Trouche. Sie machten dort einen großen Lärm, rückten die Möbel herum, stampften, schrien, rissen, wenn sie fortgingen, die Türen auf und warfen sie wieder heftig zu. Frau Faujas, die in der Küche klatschte, sah mit unruhiger Miene hinauf. Rosa sagte, um es gutzumachen, daß die arme Frau Trouche gar viele Mühe habe. Eines Nachts hörte der Abbé, der noch nicht zu Bette war, auf der Treppe einen sonderbaren Lärm. Er ging mit seinem Leuchter hinaus und sah Trouche, der fürchterlich betrunken war, auf den Knien die Treppe heraufkriechen. Er hob ihn mit seinen kräftigen Armen auf und warf ihn in sein Zimmer. Olympia, die im Bette lag, las ruhig einen Roman und schlürfte von einem Glase Grog, das auf dem Nachtkasten stand. Hört, sagte der Abbé ungemein zornig, morgen früh packt ihr eure Koffer und geht! Warum denn? fragte Olympia ruhig; wir befinden uns hier ganz gut. Aber der Priester unterbrach sie grob: Schweig! Du bist eine Elende, du hast nur immer gesucht, mir zu schaden. Unsere Mutter hatte recht, ich hätte euch nicht aus eurem Elend reißen sollen... Jetzt muß ich gar deinen Mann auf der Treppe auflesen. Das ist eine Schande! Und denke an den Skandal, wenn man ihn in diesem Zustande sähe. Morgen geht ihr fort! Olympia hatte sich aufgesetzt, um einen Schluck Grog zu machen. Was dir nicht einfällt! sagte sie leise. Trouche lachte. Er hatte einen lustigen Rausch. In seliger Laune war er in einen Lehnstuhl gesunken und lallte: Ärgern wir uns nicht. Es ist nur ein kleiner Rausch von der Luft, die sehr scharf ist. Na, die Straßen in dieser vertrackten Stadt sind so drollig!... Ich will Ihnen sagen, Faujas, es sind sehr anständige junge Leute hier, vor allem der Sohn des Doktor Porquier. Sie kennen doch den Doktor Porquier?... Nun, wir treffen uns in einem Kaffeehause hinter den Gefängnissen. Die Wirtin ist eine Arleserin, eine schöne Frau, eine Brünette... Der Priester sah ihn mit verschränkten Armen drohend an. Nein, ich versichere Sie, Faujas, Sie haben unrecht, mir böse zu sein... Sie wissen, daß ich ein sehr anständiger Mann bin; ich weiß, was sich geziemt. Am Tage würde ich nicht ein Glas Fruchtsaft trinken aus Furcht, Sie zu kompromittieren... Seitdem ich hier bin, gehe ich in mein Amt, als ob ich zur Schule ginge mit Brotschnitten in einem Korbe; es ist ein sehr dummes Amt! Ja, mein Ehrenwort, ich bin dort ganz dumm. Wenn es nicht wäre, um Ihnen einen Dienst zu erweisen... Aber in der Nacht sieht man mich doch nicht. Ich darf in der Nacht spazieren gehen. Das tut mir wohl, denn das fortwährende Eingesperrtsein würde mich schließlich töten. Kein Mensch geht in den Straßen, sie sind so drollig!... Trunkenbold! brummte der Priester zwischen den Zähnen. Sie lassen mich nicht in Ruhe?... Um so schlimmer, mein Lieber! Ich bin ein guter Kerl und kann die bösen Gesichter nicht leiden. Wenn Ihnen das nicht gefällt, lasse ich Sie mit Ihren Betschwestern im Stiche. Nur die kleine Condamin ist hübsch, aber die Arleserin ist noch hübscher... Sie können die Augen rollen, wie Sie wollen; ich brauche Sie nicht mehr. Wollen Sie hundert Franken geliehen haben? Damit zog er lachend Banknoten hervor und breitete sie auf seinen Knien aus; dann schwenkte er sie in der Luft, hielt sie dem Abbé unter die Nase und schleuderte sie schließlich empor. Olympia sprang halbnackt mit einem Satze aus dem Bette, hob die Scheine auf und versteckte sie verdrossen unter ihrem Kopfpolster. Unterdessen sah der Abbé sich erstaunt um; er erblickte Likörflaschen auf der Kommode aufgereiht, eine fast ganze Pastete auf dem Kaminsims und in einer alten zerrissenen Schachtel Zuckerwerk. Das Zimmer war voll neugekaufter Sachen: Kleider lagen auf den Stühlen und ein Paket Spitzen; an dem Haken des Fensters hing ein ganz neuer Überzieher, und vor dem Bette lag ein Bärenfell. Neben dem Grog auf dem Nachttische glänzte in einer Porzellanschale eine kleine goldene Damenuhr. Wen haben sie nur beraubt? dachte der Priester. Dann erinnerte er sich gesehen zu haben, wie Olympia die Hände Marthas küßte. Aber, Unglücklicher, rief er aus, Sie stehlen! Trouche erhob sich. Seine Frau warf ihn auf das Sofa zurück. Sei ruhig, sagte sie zu ihm; schlafe, du hast es nötig. Dann wandte sie sich an ihren Bruder: Es ist ein Uhr, du kannst uns schlafen lassen, wenn du uns nur Unangenehmes zu sagen hast ... Mein Mann hat freilich unrecht, sich zu betrinken; aber das ist kein Grund, ihn zu mißhandeln ... Wir haben schon mehrere Auseinandersetzungen gehabt; diese muß die letzte sein, hörst du? Ovide ... Wir sind Geschwister, nicht wahr? Ich habe dir gesagt, wir müssen teilen. Du läßt es dir unten wohl schmecken, läßt dir feine Speisen machen und lebst wie ein Schlemmer zwischen Köchin und Hausfrau. Das geht dich an. Wir schauen dir nicht auf deinen Teller, noch wollen wir dir die Bissen aus dem Munde ziehen. Wir lassen dich machen, was du willst. Dann quäle aber auch uns nicht und lasse uns dieselbe Freiheit ... ich rede doch sehr vernünftig. Der Priester machte eine Bewegung. Ja, ich verstehe, fuhr sie fort, du fürchtest immer, daß wir dir deine Sache verderben könnten ... Die beste Weise, daß wir sie nicht verderben, ist, daß du uns in Ruhe läßt. Wenn du immer wiederholst: »Ah, wenn ich das gewußt hätte, würde ich euch dort gelassen haben, wo ihr waret,« so sage ich dir, du bist nicht klug, trotzdem du den Kopf so hoch trägst. Wir haben dieselben Interessen wie du; wir bilden eine Familie, wir können alle zusammen uns unser Nest bauen. Es wäre ganz hübsch, wenn du wolltest... Gehe schlafen. Morgen werde ich Trouche ausschelten, ich werde dir ihn schicken und dann kannst du ihm deine Befehle geben. Gewiß, murmelte der Betrunkene, der schon halb schlief. Faujas ist drollig ... Ich mag die Hausfrau nicht, ich will lieber ihre Taler. Da brach Olympia in ein freches Lachen aus und sah ihren Bruder an. Sie hatte sich wieder niedergelegt und machte es sich bequem, wobei sie sich an die Kissen lehnte. Der Priester, der ein wenig blaß war, dachte nach, dann ging er fort, ohne ein Wort zu sagen, während sie wieder ihren Roman zur Hand nahm und Trouche auf dem Sofa schnarchte. Am folgenden Tage hatte der ernüchterte Trouche eine lange Unterredung mit dem Abbé Faujas. Als er zu seiner Frau zurückkehrte, sagte er ihr die Bedingungen, unter denen der Friede geschlossen war. Höre, mein Lieber, erwiderte sie, suche seine Zufriedenheit zu erlangen, tue, was er will; trachte, ihm nützlich zu sein, da er dir die Mittel dazu in die Hände gibt ... Ich zeige mich tapfer, wenn er da ist; aber im Grunde weiß ich, daß er uns auf die Straße jagt, wenn wir es zu weit mit ihm treiben. Aber ich will nicht fort von hier ... Bist du sicher, daß er uns behalten wird? Ja, fürchte nichts, versetzte der Beamte. Er braucht mich, er läßt uns ruhig unsere Geschäfte treiben. Von dieser Zeit an ging Trouche jeden Abend gegen neun Uhr aus, wenn die Straßen öde geworden. Er erzählte seiner Frau, daß er in dem alten Viertel für den Abbé Propaganda mache. Übrigens war Olympia nicht eifersüchtig; sie lachte, wenn er ihr mit irgendeiner gewagten Geschichte kam; sie zog die trauliche Einsamkeit vor, die kleinen Gläschen, die sie ganz allein trank, die Kuchen, die sie heimlich aß, die langen Abende, die sie im warmen Bette zubrachte, und die sie sich mit dem Lesen alter Scharteken vertrieb, die sie in einer Leihbibliothek in der Canquoin-Straße entdeckt hatte. Trouche kehrte mit einem halben Rausche heim; im Flur zog er die Schuhe aus, um geräuschlos die Treppe hinaufzugehen. Wenn er zuviel getrunken hatte und nach Pfeife und Branntwein stank, duldete ihn seine Frau nicht an ihrer Seite; sie zwang ihn, auf dem Sofa zu schlafen. Dann gab es einen stummen Kampf zwischen ihnen. Er kam mit dem Eigensinn eines Trunkenen immer wieder zu ihr, klammerte sich an die Decken, aber er wankte, glitt aus, fiel auf die Hände und dann wälzte sie ihn schließlich wie eine Masse weiter. Begann er zu schreien, so würgte sie ihn, sah ihn starr an und sagte leise: Ovid hört dich, Ovid kommt. Da fürchtete er sich, wie ein Kind, das man mit dem Wolfe schreckt; er schlief ein, indem er Entschuldigungen lallte. Sobald die Sonne aufgegangen war, machte er wie ein gesetzter Mann Toilette, reinigte sein Gesicht von den Ausschweifungen der Nacht und band eine bestimmte Krawatte um, die nach seinen Worten ihm ein »frommes Aussehen« gab. Vor den Kaffeehäusern schlug er die Augen nieder. In der Anstalt der heiligen Jungfrau achtete man ihn. Manchmal, wenn die Mädchen im Garten spielten, hob er einen Zipfel des Vorhanges und sah ihnen mit väterlicher Miene zu, wobei es unter seinen halb gesenkten Augenwimpern von Zeit zu Zeit aufleuchtete. Frau Faujas hielt die Trouche ebenfalls in Respekt. Tochter und Mutter lebten in fortwährendem Streite; die eine beklagte sich, stets ihrem Bruder geopfert worden zu sein, während die andere sie als ein bösartiges Tier behandelte, das sie in der Wiege hätte erwürgen sollen. Sie überwachten einander und bissen an derselben Beute herum, ohne das Stück loszulassen, in gieriger Erwartung, wer von den beiden den größeren Teil bekomme. Frau Faujas wollte das ganze Haus und verteidigte es bis auf das Kehricht gegen die krummen Finger Olympias. Als sie die großen Summen sah, die diese Martha aus den Taschen zog, wurde sie fürchterlich. Ihr Sohn hatte mit den Achseln gezuckt wie ein Mann, der diese schmutzigen Sachen verachtet und sich gezwungen sieht, die Augen zuzudrücken; sie aber hatte eine furchtbare Auseinandersetzung mit ihrer Tochter, die sie eine Diebin nannte, als wenn sie das Geld aus ihrer Tasche gestohlen habe. He, Mutter, jetzt ist es aber genug, sagte Olympia ungeduldig. Es geht doch nicht aus deiner Börse ... Ich borge nur Geld aus und lasse mich nicht ausfüttern. Was willst du damit sagen, du böser Fratz? stotterte Frau Faujas außer sich vor Zorn. Bezahlen wir nicht unser Essen? Frage die Köchin, sie wird dir unser Buch zeigen. Olympia lachte auf. Ach, das ist sehr hübsch! hub sie wieder an. Ich kenne dieses Buch. Du bezahlst die Radieschen und die Butter, nicht wahr? ... Mutter, bleibe in dem Erdgeschosse; ich will dich dort nicht stören. Aber komme nicht mehr herauf, um mich zu quälen oder ich schreie. Du weißt, daß Ovid jeden Lärm verboten hat. Frau Faujas ging brummend wieder hinunter. Die Drohung, Lärm zu machen, zwang sie zum Rückzuge. Olympia sang, um sie zu ärgern, hinter ihrem Rücken ein Lied. Aber wenn sie in den Garten ging, rächte sich ihre Mutter dadurch, daß sie ihr immer auf den Fersen war, auf ihre Hände sah und sie belauerte. Sie duldete sie weder in der Küche noch in dem Speisezimmer. Mit Rosa hatte sie Olympia verfeindet, als diese eine Schüssel entlehnt und nicht wieder zurückgegeben hatte. Doch wagte sie sie nicht in der Freundschaft mit Martha anzugreifen, da sie einen Skandal fürchtete, unter dem der Abbé gelitten hätte. Da du dich so wenig um deine Interessen kümmerst, sagte sie eines Tages zu ihrem Sohne, so werde ich sie an deiner Stelle zu vertreten wissen; sei unbesorgt, ich bin vorsichtig ... Wenn ich nicht da wäre, würde dir deine Schwester das Brot aus den Händen nehmen. Martha hatte keine Ahnung von dem Drama, das sich um sie her abspielte. Das Haus erschien ihr einfach lebhafter, seitdem diese Leute den Vorraum, die Treppe und den Gang erfüllten. Man hätte meinen können, es sei ein Getümmel wie in einem Unterkunftshause, mit dem unterdrückten Lärm der Streitigkeiten, den zugeworfenen Türen, dem ungenierten Leben jedes Mieters. In der Küche brannte ein Feuer, als wenn Rosa für eine ganze Tischgesellschaft zu kochen gehabt hätte. Auch herrschte ein fortwährendes Kommen und Gehen der Lieferanten. Olympia, die sich die Hände pflegte und daher nicht mehr das Geschirr abwaschen wollte, ließ alles von außen, von einem Delikatessenhändler der Banne-Straße kommen, der für die Stadt kochte. Martha lächelte und fühlte sich in diesem Getümmel des ganzen Hauses glücklich; sie liebte es nicht mehr, allein zu sein, und mußte das Fieber, das in ihr brannte, genährt sehen. Mouret aber schloß sich, um diesen Lärm zu fliehen, in das Zimmer des ersten Stockwerkes ein, das er sein Büro nannte; er hatte seine Abneigung gegen die Einsamkeit überwunden und ging fast gar nicht mehr in den Garten; oft sah man ihn von früh bis abends nicht. Ich möchte nur wissen, was er drinnen treibt, sagte Rosa zu Frau Faujas. Man hört ihn gar nicht herumgehen. Man möchte ihn für tot halten. Wenn er sich versteckt, tut er gewiß nichts Gutes. – Als der Sommer kam, wurde es in dem Hause noch lebhafter. Der Abbé Faujas empfing die Gesellschaften der Unterpräfektur und des Präsidenten im rückwärtigen Garten bei der Laube. Rosa hatte auf Befehl Marthas ein Dutzend Gartenstühle gekauft, damit man im Garten bleiben könne, ohne immer die Stühle des Speisezimmers hinausschleppen zu müssen. Es war zur Gewohnheit geworden. Jeden Dienstag nachmittag blieben die Türen der Sackgasse offen; die Herren und Damen kamen herbei, um als Nachbar den Herrn Pfarrer zu begrüßen; sie hatten Strohhüte auf, Pantoffeln an den Füßen, die Röcke aufgeknöpft und die Frauenkleider mit Nadeln aufgesteckt. Die Besucher kamen einer nach dem anderen, bis zuletzt die beiden Gesellschaften vollständig beisammen und vermengt waren und in größter Vertraulichkeit klatschten. Fürchten Sie nicht, sagte eines Tages Herr von Bourdeu zu Herrn Rastoil, daß dieses Zusammentreffen mit denen von der Unterpräfektur übel ausgelegt werden könnte? ... Die allgemeinen Wahlen stehen vor der Türe. Warum sollte es übel ausgelegt werden? erwiderte Herr Rastoil. Wir gehen doch nicht auf die Unterpräfektur und sind hier auf neutralem Gebiete ... Dazu, mein lieber Freund, macht man da drinnen keine Umstände. Ich behalte meinen Leinwandrock an. Es ist mein privates Leben. Niemand hat das Recht, über das zu urteilen, was ich in meinem Hause mache ... Draußen ist es etwas anderes; draußen gehören wir der Öffentlichkeit an. Herr Péqueur und ich grüßen uns nicht einmal auf der Straße. Herr Péqueur des Saulaies ist ein Mann, der sehr gewinnt, wenn man ihn näher kennen lernt, sagte der ehemalige Präfekt nach einer Weile. Ohne Zweifel, erwiderte der Präsident, ich freue mich sehr, seine Bekanntschaft gemacht zu haben ... Und welch ein würdiger Mann der Abbé Faujas ist! ... Nein, gewiß, ich fürchte die Verleumdungen nicht, wenn ich unseren ausgezeichneten Nachbar begrüße. Herr von Bourdeu wurde, seitdem es sich um die allgemeinen Wahlen handelte, unruhig; er sagte, daß die ersten Hitztage ihn sehr ermüdeten. Oft hatte er Bedenken und teilte Herrn Rastoil seine Zweifel mit, damit ihn dieser beruhige. Übrigens sprach man im Garten der Mourets nie von Politik. Eines Nachmittags wandte sich Herr von Bourdeu, nachdem er vergebens nach einem Übergange gesucht hatte, an den Doktor Porquier. Herr Doktor, haben Sie heute früh den »Moniteur« gelesen? Der Marquis hat endlich gesprochen; dreizehn Worte hat er gesagt, ich habe sie gezählt ... Der arme Lagrifoul! Er hat einen wahnsinnigen Heiterkeitserfolg erzielt! Der Abbé Faujas erhob mit gutmütiger Miene den Finger und sagte leise: Keine Politik, meine Herren, keine Politik! Herr Péqueur des Saulaies unterhielt sich mit Herrn Rastoil; beide taten, als hätten sie nichts gehört. Frau von Condamin lächelte und fragte den Abbé Surin: Nicht wahr, Herr Abbé, Ihre Chorhemden werden mit einem schwachen Gummiwasser gestärkt? Ja, gnädige Frau, mit Gummiwasser, erwiderte der junge Priester. Es gibt Wäscherinnen, die sich gekochter Stärke bedienen; aber das greift die Musseline an und taugt nichts. Ich kann, erwiderte die junge Frau, meine Wäscherin nicht dazu bringen, bei meinen Unterröcken Gummi anzuwenden. Da gab der Abbé Surin ihr zuvorkommend Namen und Adresse seiner Wäscherin und schrieb beides auf die Rückseite einer seiner Visitenkarten. So sprach man von der Toilette, von der Witterung, von der Ernte und den Ereignissen der Woche und brachte eine angenehme Stunde zu. Ballpartien in der Sackgasse brachten eine Abwechslung in die Unterhaltung. Der Abbé Bourrette kam sehr oft und erzählte kleine Heiligengeschichten, denen Herr Maffre bis zum Schlusse zuhörte. Ein einziges Mal war Frau Delangre mit Frau Rastoil zusammengetroffen, wobei trotz ihrer ausgesuchten Höflichkeit und Freundlichkeit in ihren erloschenen Augen ein Blitz aufleuchtete, der ihre ehemalige Nebenbuhlerschaft verriet. Herr Delangre hielt sich zurück. Die Paloques vermieden, obgleich sie noch immer die Unterpräfektur besuchten, sich dort einzufinden, wenn Herr Péqueur des Saulaies bei dem Abbé Faujas Besuch machte; die Frau des Richters war seit des unglücklichen Besuches in der Anstalt der heiligen Jungfrau arg verlegen. Am häufigsten kam Herr von Condamin, der immer feine Handschuhe trug, und nur erschien, um sich über die Leute lustig zu machen, zu lügen, mit außerordentlicher Gelassenheit Zoten zu erzählen und sich die ganze Woche über die Ränke freute, die er gewittert hatte. Der große Greis, dem der Überrock so prächtig in der Taille saß, hatte eine Leidenschaft für die Jugend. Er machte sich über die »Alten« lustig, hielt sich zu den Fräulein der Gesellschaft, saß bei ihnen in den Winkeln und konnte da vergnüglich lachen. Hierher, Kinder! sagte er lächelnd. Lassen wir die Alten für sich allein. Eines Tages hätte er bald den Abbé Surin in einer fürchterlichen Ballpartie besiegt. In Wirklichkeit neckte er die ganze junge Welt. Besonders hatte er sich den jungen Rastoil als Opfer ausersehen, einen unschuldigen Jüngling, dem er ungeheure Sachen erzählte. Schließlich beschuldigte er ihn, daß er seiner Frau den Hof mache, wobei er fürchterlich die Augen rollte, daß dem unglücklichen Severin der Angstschweiß hervorbrach. Das Schlimmste war, daß dieser sich wirklich einbildete, er sei in Frau von Condamin verliebt, und sich vor sie mit gerührtem und erschrockenem Gesichtsausdrucke hinstellte, woran sich ihr Mann ungemein ergötzte. Die Fräulein Rastoil, denen der Forstinspektor mit der Liebenswürdigkeit eines jungen Witwers entgegentrat, waren ebenfalls der Gegenstand seiner grausamsten Scherze. Obgleich sie schon den Dreißig nahe waren, verleitete er sie zu Kinderspielen und sprach mit ihnen wie mit Schulmädchen. Seine größte Freude war, sie zu beobachten, wenn Lucien Delangre, der Sohn des Bürgermeisters, dort war. Er nahm den Doktor Porquier beiseite, einen Mann, dem man alles sagen konnte, und flüsterte ihm ins Ohr, indem er auf das ehemalige Verhältnis des Herrn Delangre mit Frau Rastoil anspielte: Sie, Porquier, der Bursche ist in großer Verlegenheit ... Ist es Angeline, ist es Aurelie von Delangre? ... Rate, wenn du kannst, und wähle, wenn du wagst. Doch der Abbé Faujas war gegen alle Gäste liebenswürdig, selbst gegen den schrecklichen, beunruhigenden Condamin. Er hielt sich soweit wie möglich zurück, sprach wenig, ließ die beiden Gesellschaften verschmelzen und schien nur die geheime Freude eines Hausherrn zu haben, der glücklich ist, ein Bindeglied zwischen hervorragenden Personen zu sein, die füreinander geschaffen sind. Martha hatte auch zweimal es für ihre Pflicht gehalten, sich bei den Gästen einzufinden. Aber sie konnte den Abbé nicht inmitten dieser großen Gesellschaft sehen und wartete, bis er allein war; sie sah ihn lieber ernst und langsam im Garten dahinwandeln. Die Trouche spionierten jeden Dienstag voll Neid hinter den Vorhängen, während Frau Faujas und Rosa mit langem Halse aus dem Vorraum schauten und mit Entzücken die Anmut bewunderten, mit der der Pfarrer die besten Kreise von Plassans empfing. Da sieht man gleich, sagte die Köchin, daß er ein vornehmer Mann ist ... Sehen Sie, jetzt begrüßt er den Unterpräfekten. Ich habe den Herrn Pfarrer viel lieber, obgleich der Unterpräfekt ein hübscher Mann ist. Warum gehen Sie denn nicht in den Garten? Wenn ich an Ihrer Stelle wäre, würde ich ein seidenes Kleid anziehen und hinunter gehen. Sie sind doch seine Mutter. Doch die alte Bäuerin zuckte mit den Achseln. Er schämt sich meiner nicht, erwiderte sie, aber ich würde fürchten, ihn zu stören ... Ich betrachte ihn lieber von hier. Das macht mir mehr Vergnügen. Ach, ich begreife. Sie müssen sehr stolz sein! ... Das ist doch ganz anders als Herr Mouret, der die Türe vernagelt hat, damit niemand hereinkomme. Da war kein Besuch, kein Essen, der Garten war so leer, daß man sich abends fürchtete. Wir lebten wie die Wölfe. Mouret verstand es nicht zu empfangen; er machte ein böses Gesicht, wenn zufällig jemand kam! ... Er sollte sich ein Beispiel an dem Herrn Pfarrer nehmen. Anstatt mich einzuschließen, würde ich in den Garten hinuntergehen, mich mit den anderen unterhalten, standesgemäß leben ... Nein, da sitzt er oben und versteckt sich, als ob ihn jemand mit der Krätze anstecken könnte ... Da fällt mir gerade ein: wollen Sie nicht mit mir hinaufgehen und nachsehen, was er eigentlich oben treibt? Eines Dienstags gingen sie hinauf. An jenem Tage waren die Gesellschaften recht laut; ihr Lachen drang in das Haus durch die offenen Fenster, während ein Lieferant, der den Trouche einen Korb Wein brachte, im zweiten Stock mit den leeren Flaschen einen Heidenlärm machte. Mouret hatte sich in seinem Büro doppelt eingeschlossen. Ich kann nichts sehen, der Schlüssel steht vor, sagte Rosa, nachdem sie mit einem Auge durch das Schlüsselloch gespäht hatte. Warten Sie, murmelte Frau Faujas. Sie drehte das Ende des Schlüssels um, der ein wenig aus dem Schlüsselloch herausragte. Mouret saß in der Mitte des Zimmers vor einem großen leeren Tische, der ganz mit Staub bedeckt war; kein Buch, kein Papier lag darauf; er saß mit dem Rücken an der Lehne des Stuhles; die Arme hingen schlaff herab, der Kopf war bleich und unbeweglich, das Auge starr. Er rührte sich nicht. Die zwei Frauen betrachteten ihn schweigend, eine nach der andern. Bis auf die Knochen hat es mich gefroren, sagte Rosa, als sie die Stiege hinunterging. Haben Sie seine Augen gesehen? Und welcher Schmutz! Er hat wohl seit Monaten keine Feder auf den Tisch gelegt. Ich dachte, er schreibe da drinnen! ... Wenn man bedenkt, daß es im Hause so lustig ist und er sich damit die Zeit vertreibt, einsam den Toten zu spielen! ... Siebzehntes Kapitel. Der Zustand Marthas beunruhigte den Doktor Porquier. Aber er bewahrte sein liebenswürdiges Lächeln und behandelte sie als Arzt der feinen Gesellschaft, für den eine Krankheit nie vorhanden war und der eine Konsultation erteilte, wie eine Näherin ein Kleid anprobiert; aber ein gewisser Zug um seine Lippen besagte, daß die »liebe Frau« nicht allein an einem leichten Bluthusten litt, wie er es sie glauben machte. Er riet ihr, an schönen Tagen sich zu zerstreuen und auszufahren, doch ohne sich anzustrengen. Da unternahm Martha, die immer mehr in Angst geriet und ein Bedürfnis fühlte, ihre nervöse Ungeduld zu beschäftigen, Ausflüge in die benachbarten Dörfer. Zweimal in der Woche fuhr sie nach dem Frühstücke in einer alten, neu angestrichenen Kalesche aus, die sie bei einem Fuhrmann der Stadt mietete; sie fuhr zwei bis drei Meilen weit, so daß sie gegen sechs Uhr wieder zurück war. Ihr Lieblingstraum war, den Abbé Faujas mitzunehmen, und sie war auch nur in dieser Hoffnung den Anordnungen des Doktor Porquier gefolgt; aber der Abbé, ohne es gerade abzuschlagen, behauptete immer, zuviel zu tun zu haben. Sie mußte sich mit der Gesellschaft Olympias oder der Frau Faujas zufrieden geben. Als sie eines Nachmittags mit Olympia durch das Dorf Tulettes an der kleinen Besitzung des Onkels Macquart vorbeifuhr, bemerkte sie dieser und rief von seiner Terrasse, die mit zwei Maulbeerbäumen bepflanzt war, ihr zu: Warum ist Mouret nicht gekommen? Sie mußte einen Augenblick bei dem Onkel halten, und es war eine lange Erklärung notwendig, daß sie leidend sei und nicht bei ihm essen könne. Er wollte durchaus ein Huhn schlachten. Das tut nichts, sagte er endlich. Ich schlachte es dennoch und du nimmst es mit. Sofort schlachtete er es. Als er das Huhn brachte und es auf den steinernen Tisch vor dem Hause hinlegte, sagte er entzückt: Ist das ein fetter Kerl! Der Onkel war eben im Begriffe, unter seinen Maulbeerbäumen eine Flasche Wein zu trinken in Gesellschaft eines großen, schmächtigen Burschen, der ganz in Grau gekleidet war. Er nötigte die beiden Frauen zum Sitzen, brachte Stühle und erfüllte mit zufriedenem Grinsen die Pflichten des Wirtes. Nicht wahr, ich wohne hier hübsch? ... Meine Maulbeerbäume sind sehr schön. Im Sommer rauche ich meine Pfeife im Freien. Im Winter setze ich mich dort an die Mauer in die Sonne ... Siehst du mein Gemüse? Der Hühnerhof ist rückwärts. Hinter dem Hause habe ich auch noch ein Stück Land, wo ich Kartoffeln und Klee anbaue ... Ach Gott, ich werde alt; es ist an der Zeit, daß ich ein wenig genieße. Er rieb sich die Hände und wiegte den Kopf, während er gerührt seinen Besitz betrachtete. Aber ein Gedanke schien ihn düster zu stimmen. Ist es schon lange her, daß du deinen Vater gesehen hast? fragte er plötzlich. Es ist von Rougon nicht hübsch ... Dort links ist das Getreidefeld zu verkaufen. Wenn er gewollt hätte, würden wir es gekauft haben. Für einen Mann, der auf den Talern schläft, kann es wenig ausmachen. Eine lumpige Summe von dreitausend Franken, glaube ich ... Er hat sich geweigert. Das letztemal hat er mir sogar durch deine Mutter sagen lassen, daß er nicht zu Hause sei ... Du sollst sehen, es bringt ihnen kein Glück. Kopfschüttelnd wiederholte er mit bitterem Lächeln: Nein, es wird ihnen kein Glück bringen. Dann holte er Gläser und wollte durchaus die zwei Frauen seinen Wein kosten lassen. Es war ein Wein aus Saint-Eutrope, den er entdeckt hatte; er trank ihn mit Andacht. Martha benetzte kaum ihre Lippen, Olympia trank die Flasche leer und noch ein Glas Fruchtsaft, da der Wein sehr stark sei, wie sie sagte. Was macht denn dein Pfarrer? fragte der Onkel plötzlich seine Nichte. Überrascht und verletzt sah Martha ihn an, ohne eine Antwort zu geben. Man hat mir gesagt, daß er dir fest an den Leib rückt, fuhr der Onkel laut fort. Die Schwarzröcke wollen nichts als schlemmen. Als man es mir erzählte, erwiderte ich, daß dem Mouret schon recht geschehen sei. Ich habe ihn gewarnt ... Ich würde den Pfarrer zur Türe hinausjagen. Mouret braucht mich nur um Rat zu fragen; ich helfe selbst mit, wenn er will. Ich habe die Geschöpfe nie leiden können ... Ich kenne einen, den Abbé Fenil, der ein Haus jenseits der Straße hat. Er ist nicht besser als die anderen; aber er ist bösartig wie ein Affe, was mich unterhält. Ich glaube, er verträgt sich nicht mit deinem Pfarrer? Martha war ganz blaß geworden. Die Dame ist die Schwester des Herrn Abbé Faujas, sagte sie und zeigte auf Olympia, die neugierig zuhörte. Das geht die Dame nichts an, erwiderte der Onkel, ohne die Fassung zu verlieren. Madame ist nicht böse ... Sie trinkt noch ein Glas Fruchtsaft. Olympia ließ sich drei Gläschen einschenken. Aber Martha hatte sich erhoben und wollte aufbrechen. Der Onkel zwang sie, seinen Besitz zu besichtigen. Am Ende des Gartens blieb sie stehen und betrachtete ein großes, weißes Haus, das auf einem Abhange stand, einige hunderte Meter von Tulettes entfernt. Die inneren Höfe ähnelten denen eines Gefängnisses; die engen, regelmäßigen Fenster, die schwarze Streifen auf der Vorderseite des Hauses bildeten, gäben dem ganzen Gebäude das kahle, bleiche Aussehen eines Krankenhauses. Das ist das Irrenhaus, sagte der Onkel leise, der den Blicken Marthas gefolgt war. Der Bursche da ist Wärter daselbst. Wir sind sehr gut miteinander bekannt, und er kommt zeitweilig her, um eine Flasche Wein mit mir zu trinken. Mit diesen Worten wandte er sich dem in Grau gekleideten Manne zu, der unter den Maulbeerbäumen sein Glas leerte. He, Alexander, rief er, zeige einmal meiner Nichte, wo das Fenster unserer armen Alten ist. Alexander näherte sich zuvorkommend. Sehen Sie jene drei Bäume? sagte er und streckte den Finger aus, als zeichne er einen Plan in der Luft. Ein wenig über den links bemerken Sie einen Springbrunnen in der Ecke des Hofes ... Folgen Sie den Fenstern des Erdgeschosses rechts: es ist das fünfte. Martha schwieg; ihre Lippen waren weiß, die Augen blickten unwillkürlich starr auf das Fenster hin, das man ihr zeigte. Auch der Onkel Macquart sah hin, aber mit einem selbstgefälligen Augenblinzeln. Manchmal sehe ich sie am Morgen, wenn die Sonne auf der anderen Seite ist. Sie befindet sich sehr wohl, nicht wahr, Alexander? Das sage ich ihnen immer, wenn ich nach Plassans komme ... Ich habe hier einen sehr guten Platz, um über sie zu wachen. Man kann keinen besseren Platz haben. Er ließ ein zufriedenes Kichern hören. Siehst du, meine Tochter, in den Köpfen der Rougons und Marcquarts ist es nicht mehr richtig. Wenn ich mich hierher setze diesem großen, verdammten Gebäude gegenüber, sage ich mir oft, daß vielleicht eines Tages die ganze Sippe hineinkommt, da die Mutter schon drinnen ist ... Gott sei Dank, für mich fürchte ich nichts, ich habe den Schädel auf dem rechten Fleck. Aber ich kenne Leute, die einen tüchtigen Hieb weg haben ... Nun, ich bin da, um sie zu empfangen, ich sehe sie von meinem Neste aus und empfehle sie Alexander, wenngleich man mit mir in der Familie nicht immer schön umgegangen ist. Mit dem schrecklichen Lächeln eines lauernden Wolfes fuhr er fort: Es ist für euch alle ein großes Glück, daß ich in Tulettes bin. Martha zitterte. Obwohl sie ihren Onkel kannte, der gern grausame Scherze machte und seine Freude daran hatte, die Leute zu quälen, denen er Kaninchen brachte, schien es ihr doch, als habe er die Wahrheit gesagt, daß die ganze Familie dereinst dort in den grauen Zellenreihen hausen wird. Nicht eine Minute wollte sie länger hier bleiben trotz des Drängens Macquarts, der davon sprach, noch eine Flasche zu entkorken. Und das Hühnchen? rief er, als sie in den Wagen stieg. Er holte es schnell und legte es ihr auf die Knie. Das ist für Mouret, hörst du? wiederholte er boshaft; für Mouret, nicht für einen anderen, hörst du? Ich frage ihn, wenn ich ihn besuche, wie es ihm geschmeckt hat. Er zwinkerte mit den Augen, wobei er Olympia ansah. Der Kutscher wollte eben die Pferde antreiben, als Macquart sich neuerdings an den Wagen klammerte und ihr zurief: Geh zu deinem Vater, sprich mit ihm von dem Getreidefeld ... Es ist das Feld vor uns ... Rougon hat unrecht. Wir sind zu alte Vettern, um in Hader zu leben. Er weiß wohl, daß es für ihn nur um so schlechter wäre ... Mach' ihm begreiflich, daß er unrecht hat. Die Kutsche fuhr fort. Als sich Olympia umsah, gewahrte sie, wie Macquart unter den Maulbeerbäumen mit Alexander lachte und die zweite Flasche entkorkte, von der er gesprochen hatte. Martha befahl dem Kutscher ausdrücklich, nicht mehr durch Tulettes zu fahren. Übrigens wurde sie dieser Spazierfahrten überdrüssig; sie machte sie immer seltener und gab sie ganz auf, als sie einsah, daß der Abbé Faujas nie einwilligte, sie zu begleiten. In Martha wuchs ein ganz neues Weib heran. Sie war durch das nervöse Leben, das sie führte, geläutert. Ihre spießbürgerliche Schwerfälligkeit, diese träge Ruhe, die sie sich durch einen fünfzehnjährigen Schlummer hinter dem Ladenpulte erworben hatte, schien in der Flamme ihrer Frömmigkeit zu schmelzen. Sie kleidete sich besser und plauderte jeden Donnerstag bei den Rougons. Frau Mouret wird wieder ein junges Mädchen, sagte Frau von Condamin verwundert. Ja, sagte Doktor Porquier leise, indem er mit dem Kopfe schüttelte, sie schreitet das Leben im Krebsgange hinab. Martha war in ihrer schmächtigeren Gestalt, mit den rosigen Wangen, den prächtig schwarzen glühenden Augen damals einige Monate lang eine eigentümliche Schönheit. Das Gesicht strahlte; eine außerordentliche Lebensfülle ging von ihrem ganzen Wesen aus und umhüllte sie gleichsam mit einem warmen Beben. Es schien, als ob ihre vergessene Jugend mit vierzig Jahren in ihr mächtig auflodere. Sie ging in den Gebeten völlig auf und gehorchte dem Abbé Faujas nicht mehr. Sie nützte ihre Knie auf den Fliesen von Saint-Saturnin ab, lebte in den Gesängen und Anbetungen und fühlte sich erleichtert im Anblicke strahlender Monstranzen, beleuchteter Kapellen, Altäre und Priester, die im Glanze von Gestirnen an dem dunklen Gewölbe des Kirchenschiffes leuchteten. Es war in ihr eine Art leiblichen Hungers nach diesen Herrlichkeiten, ein Hunger, der sie quälte, ihr die Brust durchwühlte und den Schädel leerte, wenn sie ihn nicht befriedigte. Sie litt zu sehr, sie siechte dahin und mußte die Nahrung ihrer Leidenschaft haben, sich unter dem Gemurmel der Beichtenden niederwerfen, unter dem mächtigen Schauer der Orgeltöne beugen und in der Verzückung der Kommunion vergehen. Dann fühlte sie nichts mehr, ihr Körper litt keine Schmerzen mehr. Sie lag in Wonne auf der Erde, rang schmerzlos mit dem Tode und wurde eine reine Flamme, die sich in Liebe verzehrte. Der Abbé Faujas verdoppelte seine Strenge und hielt sie nur durch Barschheit in Schranken. Sie setzte ihn durch diesen Ausbruch der Leidenschaft, durch diesen glühenden Eifer, zu lieben und zu sterben, in Erstaunen. Oft fragte er sie neuerdings über ihre Kindheit aus. Er ging zu Frau Rougon und blieb einige Zeit erschüttert, wie unzufrieden mit sich selbst. Die Hausfrau beklagt sich über dich, sagte seine Mutter zu ihm. Warum läßt du sie nicht in die Kirche gehen, wenn es ihr gefällt? ... Du tust unrecht, sie zu hindern; sie ist sehr gut zu uns. Sie tötet sich, murmelte der Priester. Frau Faujas zuckte dann wie gewöhnlich mit den Achseln. Das ist ihre Sache. Jeder holt sich sein Vergnügen, wo er es findet. Es ist besser, sich durch Beten töten, als sich den Magen überladen, wie diese verdammte Olympia ... Sei mit Frau Mouret weniger streng. Es könnte uns schließlich das Haus unmöglich machen. Als sie ihm eines Tages diese Ratschläge gab, sagte er mit düsterer Stimme: Mutter, diese Frau wird das Hindernis sein. Sie, rief die alte Bäuerin aus, aber sie betet dich doch an, Ovid! ... Du kannst mit ihr machen, was du willst, wenn du mit ihr nicht mehr zankst. Bei Regenwetter würde sie dich in die Kirche tragen, damit du dir die Füße nicht naß machst. Der Abbé Faujas sah selbst die Notwendigkeit ein, die Barschheit nicht weiter zu treiben. Er fürchtete einen Auftritt. Er ließ daher allmählich Martha eine größere Freiheit, erlaubte ihr die Zurückgezogenheit, die langen Rosenkränze vor jeder Kreuzesstation; er gestattete ihr sogar, zweimal in der Woche in seinem Beichtstuhle in Saint-Saturnin zu erscheinen. Martha, die nicht mehr diese schreckliche Stimme hörte, die sie der Frömmigkeit wie eines schmählich befriedigten Lasters beschuldigte, dachte, daß Gott ihr seine Gnade zugewendet habe. Sie trat endlich in die Wonnen des Paradieses ein. Sie hatte Anwandlungen der Rührung, unaufhörlich flossen ihr die Tränen über die Wangen und sie fühlte sie nicht mehr; es waren dies nervöse Anwandlungen, aus denen sie geschwächt und halb ohnmächtig hervorging, als wenn ihre ganze Lebenskraft mit den Zähren über die Wangen entströmt sei. Rosa legte sie dann in das Bett, wo sie stundenlang dalag, mit den eingekniffenen Lippen und halboffenen Augen einer Toten. Eines Nachmittags erschrak die Köchin über ihre Regungslosigkeit und glaubte, daß sie dem Tode nahe sei. Sie dachte nicht daran, an die Türe des Zimmers, wo sich Mouret eingeschlossen hatte, zu klopfen, sondern stieg in den zweiten Stock hinauf und bat den Abbé Faujas, zu ihrer Herrin zu kommen. Als er sich in dem Schlafzimmer befand, ging sie fort, um Äther zu holen, und ließ ihn allein bei der ohnmächtigen Frau, die quer über dem Bette lag. Er begnügte sich damit, Marthas Hand in die seinige zu nehmen. Da bewegte sie sich und murmelte zusammenhangslose Worte. Als sie ihn schließlich erkannte, wie er auf der Schwelle des Schlafzimmers stand, schoß ihr das Blut in den Kopf und sie machte eine Bewegung, als wollte sie die Decke über sich ziehen. Geht es Ihnen besser, liebes Kind? fragte er sie. Sie machen mir große Sorge. Es schnürte ihr die Kehle zu, und sie konnte nicht antworten; sie brach in ein Schluchzen aus und ließ ihren Kopf in die Arme des Priesters sinken. Ich leide nicht, ich bin zu glücklich, sagte sie mit einer Stimme, so schwach wie ein Windhauch. Lassen Sie mich weinen, die Tränen sind meine Freude. Ach, wie gut, daß Sie gekommen sind. Lange erwartete ich Sie, lange rief ich Sie. Ihre Stimme wurde immer schwächer und war schließlich nur das Gemurmer eines glühenden Gebetes: Wer wird mir Flügel geben, um zu dir zu fliegen? Meine Seele, fern von dir, voll Ungeduld, von dir durchdrungen zu werden, verschmachtet ohne dich, sehnt sich glühend und seufzt nach dir, o mein Gott, o mein einziges Gut, mein Trost, meine Süße, mein Schatz, mein Glück und mein Leben, mein Gott und mein alles ... Sie lächelte, indem sie dieses Bruchstück eines gierigen Geständnisses stammelte. Sie faltete die Hände und schien das ernste Haupt des Abbé Faujas in einem Heiligenscheine zu sehen. Diesem war es bisher immer gelungen, auf den Lippen Marthas ein Geständnis zurückzuhalten; er fürchtete sich einen Augenblick, machte seine Arme los, erhob sich und sagte gebieterisch: Seien Sie vernünftig, ich will es. Gott wird Ihre Huldigungen nicht annehmen, wenn Sie sie nicht mit der Ruhe Ihrer Vernunft an ihn richten ... Es handelt sich jetzt darum, Sie zu pflegen. Rosa kam verzweifelt zurück, weil sie keinen Äther gefunden hatte. Er rief sie zum Bette ihrer Herrin und sagte in sanftem Tone zu Martha: Quälen Sie sich nicht. Gott wird von Ihrer Liebe gerührt sein. Wenn die Stunde kommt, wird er zu Ihnen herabsteigen und Sie mit ewiger Glückseligkeit erfüllen. Als er das Zimmer verließ, strahlte Martha wie neubelebt. Von diesem Tage an behandelte er sie wie weiches Wachs. Sie wurde ihm sehr nützlich in gewissen heiklen Sendungen zu Frau von Condamin; sie besuchte auch fleißig Frau Rastoil auf einen bloßen Wunsch hin, den er aussprach. Sie gehorchte ihm unumschränkt, suchte nicht zu verstehen, sondern wiederholte nur, was er sie zu wiederholen bat. Er übte keine Vorsicht mehr ihr gegenüber, kanzelte sie derb ab und bediente sich ihrer wie einer Maschine. Sie hätte in den Straßen gebettelt, wenn er es ihr befohlen hätte. Wenn sie unruhig wurde, die Hände gegen ihn ausstreckte, mit gepreßtem Herzen und von der Leidenschaft geschwellten Lippen, da warf er sie mit einem Worte nieder und beugte sie unter den Willen des Himmels. Nie wagte sie zu sprechen. Es gab zwischen ihr und diesem Manne eine Mauer des Zornes und des Widerwillens. Wenn er aus diesen kurzen Kämpfen, die er mit ihr zu bestehen hatte, hervorging, zuckte er mit den Achseln voll der Verachtung eines Ringkämpfers, dem sich ein Kind in den Weg gestellt hat. Er wusch und bürstete sich, als habe er unwillkürlich ein unsauberes Tier berührt. Warum bedienst du dich nicht der Taschentücher, die dir Frau Mouret gegeben hat? fragte ihn seine Mutter. Die arme Frau wäre glücklich, wenn sie sie in deinen Händen sehen würde. Sie hat einen Monat damit zugebracht, dein Monogramm hineinzusticken. Mit einer barschen Gebärde erwiderte er: Nein, benutze sie, Mutter. Es sind Frauentaschentücher. Sie haben einen mir unerträglichen Geruch. Wenn sich Martha vor dem Priester beugte, nur mehr seine Sache war, so wurde sie doch jeden Tag verbitterter und stritt wegen tausend nichtiger Dinge. Rosa sagte, sie habe sie noch nie so »zänkisch« gesehen. Aber ihr Haß wuchs besonders gegen ihren Gatten. Der alte Groll der Rougons erwachte gegenüber diesem Sohne einer Macquart, einem Manne, den sie beschuldigte, die Qual ihres Lebens zu sein. Wenn im Speisezimmer Frau Faujas oder Olympia ihr Gesellschaft leisteten, hielt sie sich nicht mehr zurück und zog gegen Mouret los. Wenn man bedenkt, daß er mich zwanzig Jahre wie einen Gehilfen mit der Feder hinter dem Ohre zwischen einem Fasse Öl und einem Sack Mandeln festgehalten hat! Niemals ein Vergnügen, nie ein Geschenk! ... Er hat mir meine Kinder genommen. Er ist imstande, sich eines schönen Morgens davonzumachen, um den Glauben zu erwecken, daß ich ihm das Leben verleide. Glücklicherweise sind Sie da. Sie werden überall sagen, wie es sich in Wahrheit verhielt. Ohne jede Veranlassung zog sie gegen Mouret los. Alles was er tat, seine Blicke, seine Gebärden, die wenigen Worte, die er sprach: sie brachten sie außer sich. Sie konnte ihn nicht mehr sehen, ohne wie unbewußt in Wut zu geraten. Die Streitigkeiten brachen besonders am Ende der Mahlzeiten aus, wenn Mouret, ohne den Nachtisch abzuwarten, seine Serviette zusammenlegte und sich schweigend erhob. Du könntest wohl warten, bis die übrigen vom Tische aufstehen, sagte sie zornig zu ihm; das ist nicht höflich, was du da tust. Ich bin fertig, ich gehe, erwiderte er langsam. Aber sie sah in diesem täglichen Rückzuge ein absichtliches Benehmen ihres Mannes, den Abbé zu verletzen. Dann verlor sie jede Besonnenheit. Du hast keine Erziehung, du machst mir nur Schande ... Ach, ich wäre unglücklich mit dir, wenn ich nicht Freunde getroffen hätte, die mich über deine Roheiten trösten. Du kannst dich nicht einmal bei Tische benehmen; du hinderst mich, auch nur eine einzige Mahlzeit friedlich einzunehmen ... Bleib, hörst du! Wenn du nicht ißt, schau uns zu! Er legte in aller Ruhe seine Serviette zusammen, als habe er nichts gehört; dann ging er langsam hinaus. Man hörte ihn die Treppe hinaufsteigen und sich in seinem Zimmer doppelt einschließen. Dann drohte sie vor Zorn zu ersticken und stammelte: Oh, das Ungeheuer! Er tötet mich, er tötet mich! Frau Faujas mußte sie trösten. Rosa lief bis zur Treppe und rief aus allen Kräften, damit es Mouret durch die Türe höre: Sie sind ein Ungeheuer, gnädiger Herr; die gnädige Frau hat ganz recht zu sagen, daß Sie ein Ungeheuer sind! Gewisse Streitigkeiten waren besonders heftig. Martha, deren Verstand ins Wanken geriet, bildete sich ein, daß ihr Gatte sie schlagen wolle: Es war eine fixe Idee. Sie behauptete, daß er sie belauere und nur auf eine Gelegenheit warte. Er wage es nicht, sagte sie, weil er sie nie allein finde; in der Nacht fürchte er, daß sie schreien, um Hilfe rufen könne. Rosa versicherte, daß sie gesehen habe, wie der gnädige Herr einen dicken Knüttel in seinem Büro versteckt habe, Frau Faujas und Olympia glaubten ohne weiteres diese Geschichten; sie beklagten sehr ihre Hausfrau, machten sie sich streitig und bildeten ihre Wache. »Dieser Wilde«, wie sie jetzt Mouret nannten, würde sie vielleicht in ihrer Anwesenheit nicht roh behandeln. Sie empfahlen ihr, wenn er sich abends rühre, sie holen zu lassen. Das Haus lebte nur mehr in Aufruhr. Er ist eines schlimmen Streiches fähig, erklärte die Köchin. In diesem Jahre folgte Martha den religiösen Übungen der Karwoche mit glühendem Eifer. Am Karfreitag war sie in der schwarzen Kirche, in frommer Verzückung schier vergehend, während die Kerzen eine nach der anderen unter dem Klagegesange erloschen, der im Hintergrunde des düsteren Schiffes ertönte. Es schien ihr, als wenn ihr Leben mit diesen Kerzen vergehe. Als die letzte Kerze erlosch und eine Schattenmauer undurchdringlich und geschlossen sich vor ihr aufrichtete, fiel sie mit ihrer hohlen Brust und ihrem geängstigten Leibe in Ohnmacht. Eine Stunde blieb sie auf ihrem Stuhle in betender Haltung zusammengesunken, ohne daß die Frauen, die um sie herum knieten, dies bemerkten. Die Kirche war leer, als sie wieder zu sich kam. Sie träumte, daß man sie mit Ruten schlage, daß das Blut aus ihren Gliedern fließe; sie fühlte im Kopfe so unerträgliche Schmerzen, daß sie mit den Händen danach griff, als wolle sie die Dornen herausreißen, deren Spitzen sie in ihrem Schädel fühlte. Abends bei dem Essen war sie ganz seltsam. Die nervöse Erschütterung hielt an; sie sah, wenn sie die Augen schloß, die sterbenden Seelen der Kerzen in der Dunkelheit davonfliegen; sie musterte unwillkürlich ihre Hände und suchte die Löcher, durch die ihr Blut geflossen war. Die ganze Passion blutete in ihr. Als Frau Faujas sah, daß sie leidend sei, wollte sie, daß Martha frühzeitig zu Bette gehe. Sie begleitete sie und brachte sie zu Bette. Mouret, der einen Schlüssel zum Schlafzimmer besaß, hatte sich schon in seine Kanzlei zurückgezogen, wo er die Abende zubrachte. Als Martha, die bis zu dem Kinn in den Decken steckte, sagte, daß ihr warm sei und daß sie sich wohler fühle, wollte Frau Faujas die Kerze ausblasen, damit sie ruhiger schlafen könne; aber die Kranke erhob sich erschrocken und bat flehentlich: Nein, löschen Sie das Licht nicht aus; stellen Sie es auf die Kommode, damit ich es sehen kann ... Ich würde in dieser Finsternis sterben. Mit weit geöffneten Augen starrte sie vor sich hin, als wenn sie sich zitternd irgendeines furchtbaren Dramas erinnere, und murmelte tieftraurig: Es ist schrecklich, schrecklich! Sie fiel auf das Kissen zurück, schien sich zu beruhigen, und Frau Faujas verließ leise das Zimmer. An diesem Abend war um zehn Uhr das ganze Haus zu Bette. Rosa bemerkte, als sie die Treppe hinaufging, daß Mouret noch in seiner Kanzlei war. Sie schaute durch das Schlüsselloch und sah, daß er auf dem Tische eingeschlafen war und neben ihm eine Küchenkerze brannte, deren schlechter Docht rauchte. Um so schlimmer! Ich wecke ihn nicht! sagte sie, indem sie weiter hinaufging. Mag er sich einen steifen Hals holen, wenn es ihm Vergnügen macht. Um Mitternacht lag das Haus in tiefem Schlafe, als im ersten Stocke sich Geschrei vernehmen ließ. Zuerst waren es dumpfe Klagen, die bald in ein wahres Geheul ausarteten, erstickte und heisere Rufe eines Opfers, das man erwürgt. Der Abbé Faujas, der sofort erwachte, rief seine Mutter. Diese nahm sich kaum Zeit, einen Rock anzuziehen. Sie eilte zur Türe Rosas, klopfte und rief: Gehen Sie schnell hinunter, ich glaube, man ermordet Frau Mouret. Doch das Geschrei wurde stärker. Das Haus war bald auf den Beinen. Olympia erschien, die Schultern bloß mit einem Halstuche bedeckt; hinter ihr Trouche, der eben erst mit einem kleinen Rausche nach Hause gekommen war. Rosa eilte hinunter, die anderen ihr nach. Öffnen Sie, öffnen Sie, gnädige Frau! rief sie kopflos, indem sie mit der Faust gegen die Türe schlug. Tiefe Seufzer waren die Antwort; dann fiel ein Körper, ein heftiger Kampf schien auf dem Boden inmitten von umgestürzten Möbeln zu wüten. Dumpfe Schläge erschütterten die Mauern; ein Röcheln drang unter der Türe hervor so schrecklich, daß die Faujas und Trouche erbleichend sich anblickten. Ihr Mann tötet sie, sagte Olympia leise. Sie haben recht, es ist der Wilde! erwiderte die Köchin. Ich habe ihn gesehen, als ich hinaufging; er tat, als schliefe er. Er bereitete den Anschlag vor. Sie schlug von neuem mit beiden Fäusten an die Türe, um sie zu zertrümmern und rief: Öffnen Sie, gnädiger Herr! Wir holen die Polizei, wenn Sie nicht öffnen ... Oh, der Schuft! Er wird auf dem Schafott endigen. Dann brach das Geheul von neuem los. Trouche meinte, der Kerl müsse die arme Frau wie ein Huhn abschlachten. Mit dem Klopfen allein ist nicht geholfen, sagte der Abbé Faujas, indem er vortrat. Wartet! Er drückte eine seiner mächtigen Schultern an die Türe, die er mit langsamer, steter Anstrengung eindrückte. Die Frauen stürzten in das Zimmer, wo sich ihren Augen ein sonderbares Schauspiel darbot. Inmitten des Zimmers lag auf den Fliesen Martha keuchend, mit zerrissenem Hemde, die Haut blutig geritzt, blau von Schlägen. Ihre aufgelösten Haare hatten sich um ein Stuhlbein gewunden; ihre Hände mußten sich mit einer solchen Kraft an die Kommode geklammert haben, daß diese jetzt quer vor der Türe stand. In einer Ecke stand Mouret mit dem Leuchter in der Hand und sah stumpfsinnig zu, wie seine Frau sich auf dem Boden wand. Der Abbé Faujas mußte die Kommode zurückschieben. Sie sind ein Ungeheuer! rief Rosa, indem sie mit erhobener Faust auf Mouret losging. Eine Frau in einen solchen Zustand zu bringen! ... Er hätte sie ganz getötet, wenn wir nicht zur rechten Zeit gekommen wären. Frau Faujas und Olympia machten sich mit Martha zu schaffen. Arme Freundin, murmelte die erstere. Sie hatte heute abend eine Ahnung; sie war ganz erschrocken. Wo tut es weh? fragte die andere. Sie haben sich nichts gebrochen, nicht wahr? ... Da ist eine Schulter ganz schwarz; das Knie zeigt eine große Hautabschürfung ... Beruhigen Sie sich. Wir sind bei Ihnen, wir werden Sie schützen. Martha stöhnte nur mehr wie ein Kind. Während die beiden Frauen sie untersuchten, wobei sie ganz vergaßen, daß Männer da waren, machte Trouche einen langen Hals und sah den Abbé von der Seite an, der ruhig die Möbel wieder in Ordnung brachte. Rosa half mit, sie wieder zu Bett zu bringen. Als dies geschehen war, blieben alle noch einen Augenblick da und sahen sich neugierig in dem Zimmer um, um Einzelheiten zu erfahren. Mouret stand noch immer in der Ecke mit dem Leuchter in der Hand, wie versteinert über das, was er gesehen. Ich versichere Sie, stotterte er, ich habe ihr nichts getan, ich habe sie nicht mit der Fingerspitze berührt. Eh, Sie lauern schon seit einem Monate nach einer Gelegenheit, schrie Rosa zornig. Wir wissen es wohl, wir haben Sie genug beobachtet. Die liebe Frau ahnte Ihre schlechte Behandlung. Lügen Sie nicht. Es bringt mich ganz außer Rand und Band. Die beiden anderen Frauen fühlten sich nicht berechtigt, so mit ihm zu sprechen, aber sie warfen ihm drohende Blicke zu. Ich versichere Sie, wiederholte Mouret leise, ich habe sie nicht geschlagen. Ich wollte zu Bett gehen und hatte mir ein Tuch um den Kopf gebunden. Als ich den Leuchter nahm, der auf der Kommode stand, erwachte sie plötzlich; sie streckte mit einem Schrei die Arme aus und begann sich die Stirn mit den Fäusten zu bearbeiten und den Körper mit den Nägeln zu zerreißen. Die Köchin schüttelte heftig mit dem Kopfe. Warum haben Sie denn nicht geöffnet? fragte sie; wir haben stark genug geklopft. Ich versichere Sie, ich bin es nicht, sagte er von neuem noch leiser. Ich wußte nicht, was sie hatte. Sie hat sich auf die Erde geworfen, biß sich und raste herum, als wolle sie die Möbel zertrümmern. Ich habe nicht gewagt vorüberzugehen; ich war ganz dumm. Ich habe Ihnen zweimal zugerufen hereinzukommen, aber Sie müssen mich nicht gehört haben, weil sie zu stark schrie. Ich fürchtete mich sehr. Ich war es gewiß nicht. Sie hat sich selbst geschlagen, nicht wahr? versetzte Rosa höhnend. Dann wandte sie sich an Frau Faujas: Er hat seinen Stock zum Fenster hinausgeworfen, als er uns kommen hörte. Mouret stellte endlich den Leuchter auf die Kommode und setzte sich nieder, die Hände über die Knie gekreuzt. Er verteidigte sich nicht mehr; er sah stumpf die Frauen an, die halb angekleidet mit ihren mageren Armen vor dem Bette herumfuchtelten. Trouche hatte mit dem Abbé Faujas einen Blick gewechselt. Der arme Mann in Hemdärmeln mit dem gelben Tuche um seinen kahlen Kopf kam ihnen wenig verwirrt vor. Sie traten wieder Martha näher, die mit krampfhaft zuckendem Gesichte aus einem Traume zu erwachen schien. Was ist denn, Rosa? fragte sie. Warum sind die Leute da? Ich bin gebrochen. Ich bitte dich, sage ihnen, daß man mich in Ruhe lasse. Rosa zögerte einen Augenblick. Ihr Mann ist im Zimmer, gnädige Frau, sagte sie leise. Fürchten Sie sich nicht, mit ihm allein zu bleiben? Martha sah sie erstaunt an. Nein, nein, erwiderte sie. Gehen Sie fort, ich bin sehr schläfrig. Da verließen die fünf Personen das Zimmer, während Mouret allein blieb und mit starrem Auge sich umsah. Er kann die Türe nicht wieder schließen, sagte die Köchin im Hinaufgehen. Bei dem ersten Schrei stürze ich herunter und springe ihm an den Hals. Ich lege mich angekleidet nieder ... Haben Sie gehört, wie die liebe gnädige Frau log, damit man dem Wilden nichts antue? Sie ließe sich töten, ohne ihn anzuklagen. Wie er heuchlerisch aussah, nicht wahr? Die drei Frauen plauderten einen Augenblick zusammen auf dem Stiegenabsatze des zweiten Stockes, hielten ihre Leuchter in der Hand und zeigten ihre dünnen Knochen unter den schlecht gebundenen Halstüchern; sie erklärten, keine Strafe sei zu groß für einen solchen Menschen. Trouche, der zuletzt hinaufgegangen war, brummte verschmitzt hinter dem Talar des Abbé Faujas: Die Hausfrau ist noch immer wohlbeleibt, aber es muß nicht angenehm sein, wenn eine solche Frau wie ein Wurm auf der Erde herumkriecht. Sie trennten sich. Das Haus sank wieder in seine tiefe Ruhe, und die Nacht ging friedlich vorüber. Als am folgenden Morgen die drei Frauen auf den schrecklichen Auftritt zurückkommen wollten, war Martha überrascht, förmlich beschämt und in Verlegenheit; sie gab keine Antwort und brach das Gespräch ab. Sie wartete, bis niemand da war, und holte einen Arbeiter, der die Türe wieder einrichtete. Frau Faujas und Olympia schlossen daraus, daß Frau Mouret, weil sie nicht davon sprach, einen Skandal vermeiden wolle. Am zweiten Tage darauf, dem Ostertage, genoß Martha in Saint-Saturnin im Jubel der Auferstehung ein inbrünstiges Erwachen. Die Schatten des Karfreitags waren durch eine Morgenröte hinweggefegt; die Kirche erstrahlte, duftete und war erleuchtet, als wolle man eine göttliche Hochzeit feiern; die Stimmen der Chorknaben erklangen hell wie Flötenton und sie, Martha, inmitten dieses fröhlichen Gesanges, fühlte sich durch eine noch schrecklichere Wonne erhoben, als ihre Beklemmungen angesichts des gekreuzigten Heilandes waren. Mit glühenden Augen und trockener Stimme kehrte sie heim; abends verweilte sie länger bei Tische und plauderte mit einer ungewöhnlichen Heiterkeit. Als sie schlafen ging, lag Mouret schon im Bett. Gegen Mitternacht weckte furchtbares Schreien neuerdings das Haus. Die Szene der vorigen Nacht erneuerte sich; nur öffnete beim ersten Schlag an die Türe Mouret im Hemde und mit bestürztem Gesichte. Martha lag ganz angekleidet auf dem Bauche und schluchzte, indem sie mit ihrem Kopfe an das Fußende des Bettes schlug. Die Taille ihres Kleides schien zerrissen; zwei Wunden wurden an ihrem nackten Halse sichtbar. Er wollte sie diesmal erwürgen, sagte Rosa leise. Die Frauen entkleideten sie. Als Mouret die Türe geöffnet hatte, legte er sich wieder zu Bette, zitternd und bleich wie Linnen. Er verteidigte sich nicht und schien nicht einmal die bösen Worte zu hören. Er verschwand in dem Bette, der Mauer zugewandt. Seitdem fanden solche Szenen in unregelmäßigen Zwischenräumen statt. Das Haus lebte in fortwährender Furcht vor einem Verbrechen; bei dem geringsten Geräusche waren die Mieter des zweiten Stockwerkes auf den Beinen. Martha vermied alle Anspielungen und wollte durchaus nicht, daß Rosa ein Feldbett für Mouret in der Kanzlei aufschlage. Wenn der Tag anbrach, schien er die Erinnerung an das nächtliche Geschehen mitzunehmen. Unterdessen verbreitete sich allmählich in dem Stadtviertel das Gerücht, daß bei den Mourets sonderbare Dinge vorgingen. Man erzählte, daß der Gatte alle Nächte seine Frau mit Knütteln prügle. Rosa hatte Frau Faujas und Olympia schwören lassen, nichts zu sagen, da anscheinend auch ihre Frau darüber schweigen wollte; aber sie selbst hatte durch Klagen, Anspielungen, Geheimtuereien vor den Lieferanten zu diesem Märchen beigetragen, das im Umlaufe war. Der Fleischhauer, ein Schalk, behauptete, daß Mouret seine Frau prügle, weil er sie mit dem Pfarrer überrascht habe; aber die Obsthändlerin verteidigte »die arme Dame«, die ein wahres Lamm sei und nichts Schlechtes begehen könne; während die Bäckerin in dem Gatten »einen jener Männer sah, die selbst durch Roheiten ihr Vergnügen bei ihren Frauen erzwingen«. Auf dem Markte sprach man von Martha, indem man mitleidsvoll die Augen zum Himmel aufschlug, nur in den zärtlichsten Worten, wie man sie bei kranken Kindern gebraucht. Wenn Olympia ein Pfund Kirschen oder einen Topf Erdbeeren kaufte, so kam das Gespräch unwillkürlich auf die Mourets. Eine Viertelstunde lang erging man sich dann in rührenden Worten über sie. Wie ist es zu Hause? Reden Sie nicht davon! Sie weint sich die Augen aus. Es ist zum Herzbrechen. Man möchte ihr lieber den Tod wünschen. Sie hat mir neulich Artischocken abgekauft; eine Wange war zerrissen. Gott, er tötet sie ... Und wenn Sie ihren Körper gesehen hätten wie ich ... Er ist eine einzige Wunde ... Er versetzt ihr mit dem Stiefelabsätze Schläge, wenn sie auf der Erde liegt. Ich fürchte immer, sie mit zerschmettertem Kopfe zu finden, wenn wir in der Nacht hinuntereilen. Das muß für Sie nicht angenehm sein, in einem solchen Hause zu wohnen. Ich würde ausziehen; ich würde krank werden, wenn ich jede Nacht solchen Schrecken haben sollte. Was würde dann aus der Unglücklichen werden? Sie ist so vornehm, so sanft! Wir bleiben um ihretwillen! ... Das Pfund Kirschen kostet fünf Sous, nicht wahr? Ja, fünf Sous ... Nun, ich muß sagen: Sie haben Ausdauer, Sie sind eine gute Seele. Diese Geschichte von einem Gatten, der Mitternacht abwartet, um mit einem Stocke über seine Frau herzufallen, war besonders geeignet, die Klatschweiber des Marktes in Aufregung zu versetzen. Schreckliche Einzelheiten vergrößerten täglich die Geschichte. Eine Betschwester versicherte, daß Mouret vom Teufel besessen sei und sich dermaßen in den Hals seiner Frau verbeiße, daß der Abbé Faujas mit dem linken Daumen drei Kreuze in die Luft machen müsse, um ihn zu zwingen, sie loszulassen. Dann, fuhr sie fort, falle Mouret wie eine Masse auf den Boden, eine große schwarze Ratte springe ihm aus dem Munde und verschwinde, ohne daß man jemals ein Loch in dem Fußboden entdecken könnte. Der Kaidaunenhändler an der Ecke der Taravelle-Straße setzte das Viertel in Schrecken, indem er die Meinung aussprach, »daß dieser Räuber vielleicht von einem tollen Hunde gebissen wurde«. Aber diese Geschichte fand in den besseren Klassen von Plassans keinen Glauben. Als sie auf dem Korso Sauvaire auftauchte, belustigte sie die kleinen Rentner, die auf den Bänken in der warmen Maisonne saßen. Mouret ist nicht imstande, seine Frau zu schlagen, sagten die ehemaligen Mandelhändler; er sieht aus, als wenn er die Peitsche bekommen habe, er macht nicht mehr seinen Spaziergang ... Seine Frau scheint ihn sehr knapp zu halten. Man kann nicht wissen, hub ein Kapitän im Ruhestand an. Ich habe einen Offizier meines Regimentes gekannt, den seine Frau für ein Ja und Nein ohrfeigte. Das dauerte zehn Jahre. Als es ihr eines Tages einfiel, ihm Fußtritte zu versetzen, wurde er wütend und hätte sie beinahe erdrosselt ... Vielleicht kann Mouret die Fußtritte nicht mehr leiden. Er kann ohne Zweifel die Pfarrer noch weniger leiden, schloß eine spöttische Stimme. Frau Rougon schien einige Zeit von dem Skandal nichts zu wissen, der die Stadt beschäftigte. Sie lächelte und vermied es, die Anspielungen zu verstehen, die man vor ihr machte. Aber als eines Tages Herr Delangre sie besucht hatte, kam sie mit bestürzter Miene und Tränen in den Augen zu ihrer Tochter. Ach, sagte sie und umarmte Martha, was muß ich hören? Dein Mann könnte sich soweit vergessen, die Hand gegen dich zu erheben? ... Das sind Lügen, nicht wahr? ... Ich habe es aufs bestimmteste widerlegt. Ich kenne Mouret. Er ist ungezogen, aber nicht bösartig. Martha errötete; sie fühlte jene Verlegenheit und Scham, die sie jedesmal hatte, wenn man in ihrer Gegenwart diesen Gegenstand berührte. Ja, die gnädige Frau wird nicht klagen, rief Rosa mit ihrer gewöhnlichen Keckheit. Ich hätte es Ihnen schon lange gesagt, wenn ich nicht gefürchtet hätte, deswegen von der gnädigen Frau ausgezankt zu werden. Die alte Frau ließ in schmerzlicher Überraschung die Hände sinken. So ist es also wahr? sagte sie. Er schlägt dich? ... Der Unglückliche! Sie begann zu weinen. Bin ich so alt geworden, um solche Dinge zu sehen? Ein Mann, den wir nach dem Tode seines Vaters mit Wohltaten überschüttet haben, als er nur ein kleiner Lehrling bei uns war! ... Rougon wollte eure Heirat. Ich sagte ihm wohl, daß Mouret ein böses Auge habe. Übrigens hat er sich uns gegenüber nie schön benommen; er hat sich nur nach Plassans zurückgezogen, um uns mit seinem Bettel, den er zusammengescharrt hat, zu höhnen. Gott sei Dank! Wir brauchten ihn nicht, wir waren reicher als er, und das hat ihn geärgert. Er hat einen kleinlichen Sinn; er ist so neidisch, daß er sich stets wie ein Bengel geweigert hat, den Fuß in meinen Salon zu setzen; ... er wäre dort vor Neid zerplatzt ... Aber ich lasse dich bei einem solchen Ungeheuer nicht; glücklicherweise gibt es Gesetze. Beruhige dich; man übertreibt sehr, ich versichere dir, sagte Martha leise, indem sie immer verlegener wurde. Sie sollen sehen, wie sie ihn verteidigt, sagte die Köchin. Der Abbé Faujas und Trouche, die im Garten sich unterhielten, kamen jetzt, durch das Sprechen herbeigerufen, näher. Herr Pfarrer, ich bin eine sehr unglückliche Mutter, hub Frau Rougon an, lauter zu klagen, ich habe nur eine Tochter in meiner Nähe und erfahre, daß sie nicht genug Augen hat, um zu weinen ... Ich bitte Sie; Sie wohnen bei ihr, trösten Sie, beschützen Sie Martha! Der Pfarrer sah sie an, als wolle er das Geheimnis dieses plötzlichen Schmerzes durchdringen. Ich habe soeben eine Person gesehen, die ich nicht nennen will, fuhr sie fort, indem sie ihrerseits den Priester ansah. Diese Person hat mich erschreckt ... Gott weiß, daß ich meinem Schwiegersohne nicht zu schaden suche! Aber ich habe die Pflicht, die Interessen meiner Tochter zu verteidigen, nicht wahr? ... Mein Schwiegersohn ist ein Unglücklicher; er mißhandelt seine Frau, er ist ein Ärgernis in der Stadt, er mischt sich in alle schmutzigen Sachen. Sie sollen sehen: er wird sich noch in der Politik kompromittieren, wenn die Wahlen kommen. Das letztemal führte er den Pöbel der Vorstädte an. Das ist mein Tod, Herr Pfarrer! Herr Mouret gibt nicht zu, daß man ihm Bemerkungen macht, wagte der Abbé einzuwenden. Aber ich kann meine Tochter bei einem solchen Menschen nicht lassen, rief Frau Rougon aus. Ich will nicht, daß man uns entehrt ... Die Gerechtigkeit ist nicht für Hunde gemacht. Trouche wiegte sich auf den Beinen. Er benutzte eine Pause und sagte in rohem Tone: Herr Mouret ist ein Narr! Dies Wort fuhr wie ein Keulenschlag nieder. Alle sahen einander an. Ich will sagen, daß es mit ihm nicht ganz richtig ist, fuhr Trouche fort. Sie dürfen nur seine Augen prüfen ... Ich gestehe Ihnen, daß ich nicht ruhig bin. In Besançon war ein Mann, der seine Tochter anbetete, sie in einer Nacht ermordete, ohne zu wissen, was er tat. Der gnädige Herr ist schon lange nicht recht gescheit im Kopfe, murmelte Rosa. Aber das ist schrecklich! sagte Frau Rougon. Sie haben recht, er sah auffallend aus, als ich ihn das letztemal sah. Er war ja nie so recht gescheit ... Ach, meine Liebe, versprich, mir alles anzuvertrauen. Ich kann jetzt nimmer ruhig schlafen. Hörst du: bei der ersten Ausschreitung deines Mannes zögere nicht, setze dich nicht weiteren Gefahren aus ... Narren sperrt man ein. Mit diesem Worte ging sie fort. Als Trouche mit dem Abbé allein war, sagte er mit einem höhnischen Lächeln, das seine schwarzen Zähne sehen ließ: Die Hausfrau ist mir eine schöne Kerze schuldig. Sie mag's nun in der Nacht treiben, wie sie will. Der Priester, dessen Gesicht erdfahl war, schlug die Augen zu Boden und schwieg. Dann zuckte er mit den Achseln und ging in den Garten, um sein Brevier zu lesen. Achtzehntes Kapitel. Am Sonntag machte Mouret, wie er es noch als Kaufmann gewohnt war, einen Spaziergang in der Stadt. Er verließ nur an diesem Tage die enge Einsamkeit, in die er sich mit einer gewissen Scham einschloß. Das ging ganz mechanisch. Morgens rasierte er sich, zog ein frisches Hemd an, bürstete Überzieher und Hut; nach dem Frühstücke befand er sich, ohne daß er wußte wie, auf der Straße, auf der er langsam, ruhig, die Hände auf dem Rücken dahinging. Als er eines Sonntags vom Hause wegging, bemerkte er auf dem Fußsteige der Balande-Straße Rosa, die lebhaft mit dem Dienstmädchen des Herrn Rastoil sprach. Die beiden Köchinnen schwiegen, als sie ihn bemerkten. Sie sahen ihn so sonderbar an, daß er sich vergewisserte, ob ihm nicht aus einer Tasche rückwärts ein Zipfel seines Taschentuches heraushänge. Als er auf den Präfekturplatz kam, drehte er sich um und sah sie noch auf demselben Fleck. Rosa ahmte das Taumeln eines betrunkenen Menschen nach, während das Mädchen des Präsidenten hell auflachte. Ich gehe zu schnell, sie machen sich über mich lustig, dachte Mouret. Er ging noch langsamer. In dem Maße, als er in der Banne-Straße dem Marktplatze näherkam, eilten die Geschäftsleute an die Türen und folgten ihm mit neugierigen Augen. Er nickte ein wenig dem Fleischhauer zu, der ganz bestürzt war und seinen Gruß erwiderte. Die Bäckerin, vor der er grüßend den Hut lüpfte, schien so erschrocken, daß sie zurückfuhr. Die Obsthändlerin, der Gewürzkrämer, der Kuchenbäcker zeigten sich den Mouret, indem sie mit dem Finger von einem Fußsteige auf den anderen nach ihm wiesen. Er ließ hinter sich einen ganzen Aufruhr zurück; es bildeten sich Gruppen, es entstand ein Stimmengewirr, in das sich höhnisches Kichern mischte. Haben Sie gesehen, wie steif er geht? Ja ... Als er über den Rinngraben ging, wäre er bald gepurzelt. Man sagt, so machen es alle diese Leute. Ich habe mich sehr gefürchtet ... Warum läßt man ihn ausgehen? Das sollte verboten sein. Mouret, der furchtsam wurde, wagte sich nicht mehr umzudrehen; er wurde von einer Unruhe erfaßt, obgleich er noch nicht bestimmt wußte, daß man von ihm sprach. Er ging schneller und ließ die Arme leicht hin und her schwenken. Er bedauerte, seinen alten nußbraunen Überzieher angezogen zu haben, der nicht mehr modern war. Als er auf den Markt kam, zögerte er einen Augenblick, dann drängte er sich entschlossen durch die Gemüseweiber. Aber hier erregte sein Erscheinen einen wahren Aufruhr. Die Hausfrauen von ganz Hassans bildeten auf seinem Wege eine Reihe. Die Gemüseweiber standen auf ihren Bänken, stemmten die Faust in die Seite und betrachteten ihn. Es entstand ein Gedränge, und Frauen stiegen auf die Ecksteine der Getreidehalle. Er beschleunigte seine Schritte noch mehr und suchte aus dem Gedränge zu kommen, weil er noch nicht bestimmt glaubte, daß er die Ursache dieses Getümmels sei. Man möchte sagen, seine Arme seien Windmühlenflügel, bemerkte eine Bäuerin, die Obst feil hatte. Er geht wie ein Narr; er hätte beinahe meinen Stand umgeworfen, fügte eine Salathändlerin hinzu. Aufhalten! Aufhalten! riefen die Müller scherzend. Mouret blieb neugierig stehen und stellte sich ganz unschuldig auf die Fußspitzen, um zu sehen was vorgehe; er glaubte, daß man soeben einen Dieb erwischt habe. Ein ungeheures Gelächter erhob sich in der Menge; Johlen, Pfeifen und Tierschreie ließen sich hören. Er ist nicht bösartig, fügen Sie ihm kein Leid zu. Na, ich traue ihm nicht ... Er steht in der Nacht auf, um die Leute zu erwürgen. Tatsache ist, daß er unheimliche Augen hat. Ist ihm das plötzlich gekommen? Ja, plötzlich ... Wie hinfällig ist doch der Mensch ... Ein so ruhiger Mann! Ich gehe fort, es tut mir zu leid! ... Da sind drei Sous für die Rüben. Mouret hatte soeben inmitten einer Gruppe von Frauen Olympia erkannt. Sie hatte prächtige Pfirsiche gekauft, die sie in einem kleinen Arbeitskörbchen trug, wie es Damen geziemt. Sie mußte eine rührende Geschichte erzählt haben, denn die Klatschweiber, die sie umstanden, stießen leise Rufe des Bedauerns aus und falteten mitleidsvoll die Hände. Dann, schloß sie, hat er sie bei den Haaren erfaßt und würde ihr mit einem Rasiermesser, das auf der Kommode lag, die Kehle durchschnitten haben, wenn wir nicht zur rechten Zeit gekommen wären, um das Verbrechen zu verhindern ... Sagen Sie ihm nichts, es könnte ein Unglück geben ... Was für ein Unglück? fragte Mouret bestürzt Olympia. Die Frauen stoben auseinander, Olympia zeigte sich auf ihrer Hut; sie wich vorsichtig zurück und sagte leise: Ärgern Sie sich nicht, Herr Mouret ... Sie sollten lieber nach Hause gehen. Mouret flüchtete in eine kleine Gasse, die nach der Promenade Sauvaire führte. Das Geschrei wurde stärker, und er wurde einen Augenblick von einem wilden Johlen des Marktes verfolgt. Was haben sie denn heute? dachte er. Vielleicht machen sie sich über mich lustig; doch habe ich meinen Namen nicht gehört ... Es muß etwas geschehen sein. Er nahm seinen Hut ab, besah ihn, da er glaubte, irgendein Gassenjunge hätte ihm eine Hand voll Kalk darauf geworfen; er hatte auch keinen Papierdrachen oder Rattenschwanz auf dem Rücken. Das beruhigte ihn. Er ging nun wie ein Bürger ruhig seines Weges weiter und lenkte in die Promenade Sauvaire ein. Die kleinen Rentner saßen auf ihrem Platze auf einer Bank im Sonnenschein. Da kommt Mouret, sagte der pensionierte Hauptmann mit erstaunter Miene. Die lebhafteste Neugierde spiegelte sich auf den schläfrigen Gesichtern der Herren ab. Sie reckten den Hals; ohne sich zu erheben, ließen sie Mouret vor sich stehen; sie betrachteten ihn forschend vom Kopf bis zu den Füßen. Sie machen einen kleinen Spaziergang? begann der Kapitän, der am kühnsten schien. Ja, einen kleinen Spaziergang, wiederholte Mouret zerstreut; das Wetter ist sehr schön. Die Herren lächelten einander verständnisvoll an. Ihnen war kalt, und der Himmel hatte sich bewölkt. Sehr schön, sagte der Gerber leise, Sie nehmen es nicht genau ... Es ist wahr, Sie sind winterlich gekleidet. Sie haben einen sonderbaren Überzieher an. Man lachte höhnisch. Mouret schien von einem plötzlichen Gedanken erfaßt zu sein. Sehen Sie doch, fragte er und drehte sich plötzlich um, ob ich nicht eine Sonne auf den Rücken gemalt habe. Die Mandelhändler konnten nicht länger ernst bleiben und brachen los. Der Spaßmacher der Gesellschaft, der Kapitän, zwinkerte mit den Augen. Wo denn eine Sonne? fragte er, ich sehe nur einen Mond. Die anderen stießen sich an und fanden es ungemein geistreich. Einen Mond? sagte Mouret. Erweisen Sie mir den Dienst und wischen Sie ihn weg; er hat mir Unannehmlichkeiten verursacht. Der Hauptmann klopfte ihm drei- oder viermal auf den Rücken. So, mein Guter, jetzt sind Sie ihn los. Das muß nicht angenehm sein, einen Mond auf dem Rücken zu haben ... Sie sehen leidend aus? Ich befinde mich nicht ganz wohl, erwiderte er in gleichgültigem Tone. Da er Zischeln auf der Bank zu hören glaubte, fügte er hinzu: Ich werde zu Hause gut gepflegt. Meine Frau ist sehr lieb, sie verzärtelt mich ... Aber ich bedarf sehr der Ruhe. Deshalb gehe ich nicht mehr so oft aus und sieht man mich nicht mehr so häufig. Wenn ich gesund bin, nehme ich die Geschäfte wieder auf. Nun, unterbrach ihn schroff der ehemalige Gerbermeister, man behauptet, daß Ihre Frau sich nicht wohl befindet. Meine Frau? ... Sie ist nicht krank, das sind Lügen! rief er lebhaft aus. Ihr fehlt nichts, gar nichts ... Man grollt uns, weil wir zurückgezogen leben ... Ach, krank, meine Frau! Sie ist stark, sie hat nicht einmal Kopfschmerzen. So sprach er in kurzen Sätzen weiter mit den ruhigen Augen eines Mannes, der lügt und der schwerfälligen Zunge eines schweigsam gewordenen Schwätzers. Die kleinen Rentner schüttelten mitleidig mit dem Kopfe, während der Kapitän sich mit dem Zeigefinger an die Stirn klopfte. Ein alter Hutmacher der Vorstadt, der Mouret von der Krawatte bis zum letzten Knopfe des Überziehers geprüft hatte, war schließlich ganz in den Anblick seiner Schuhe vertieft. Das Band des linken Schuhes war aufgegangen, was dem Hutmacher als etwas Außergewöhnliches vorkam; er stieß seine Nachbarn mit dem Ellenbogen und zeigte ihnen mit einem Zwinkern der Augen das Schuhband, dessen Enden herabhingen. Bald sah die ganze Gesellschaft nur auf dieses Band. Das machte das Maß voll. Die Herren zuckten mit den Achseln, womit sie sagen wollten, daß sie nicht die geringste Hoffnung mehr hätten. Mouret, sagte der Kapitän in väterlichem Tone, binden Sie sich doch das Band Ihres Schuhes zu. Mouret blickte auf seine Füße, aber er schien den Wink nicht zu verstehen und redete weiter. Da man ihm nicht mehr antwortete, schwieg er, blieb noch einen Augenblick stehen und setzte schließlich ruhig seinen Weg fort. Er fällt gewiß, erklärte der Gerbermeister und stand auf, um ihm länger nachzusehen. He! ist er drollig! Ist der aus den Fugen! Als Mouret am Ende der Promenade Sauvaire an dem Jugendklub vorüberkam, hörte er wieder das unterdrückte Lachen, das ihn begleitete, seitdem er den Fuß auf die Straße gesetzt hatte. Er sah deutlich auf der Schwelle des Klubs Severin Rastoil, der ihn einer Gruppe von jungen Leuten zeigte. Es war sicher: die Stadt lachte über ihn. Er senkte den Kopf, wurde von einer Art Furcht erfaßt und ging, ohne sich diese Verbissenheit gegen ihn zu erklären, längs der Häuser dahin. Als er in die Canquoin-Straße trat, bemerkte er drei Gassenjungen, die ihm folgten; zwei größere mit frecher Miene und einen ganz kleinen, sehr ernsten, der in der Hand eine alte Orange hielt, die er in der Gasse aufgelesen hatte. Dann ging er in der Canquoin-Straße weiter, schritt über den Recollets-Platz und befand sich in der Banne-Straße. Die Gassenbuben folgten ihm immer nach. Soll ich euch bei den Ohren nehmen? rief er ihnen zu und drehte sich rasch um. Sie liefen auf die Seite, lachten, heulten und entliefen auf allen Vieren. Mouret, der ganz rot geworden war, fühlte sich lächerlich. Er bemühte sich, ruhig zu bleiben und setzte seinen Spaziergang fort. Am peinlichsten war ihm, daß er den Präfekturplatz durchschreiten und an den Fenstern der Rougon vorübergehen mußte, gefolgt von diesen Taugenichtsen, deren Zahl er hinter sich anwachsen und frecher werden hörte. Als er weiterging, mußte er einen Umweg machen, um seiner Schwiegermutter auszuweichen, die mit Frau von Condamin aus der Vesper kam. Ein Wolf! Ein Wolf! schrien die Gassenjungen. Mouret, dem der Schweiß auf der Stirne stand und die Beine schlotterten, hörte die alte Frau Rougon zu der Frau des Forstinspektors sagen: Da sehen Sie den Unglücklichen! Es ist eine Schande. Wir können das nicht länger dulden! Da begann Mouret unwillkürlich zu laufen. Mit ausgestreckten Armen lief er in die Balande-Straße, wohin ihm eine Schar von zehn bis zwölf Gassenjungen folgte. Es schien ihm, als ob die Kaufleute der Banne-Straße, die Marktweiber, die Spaziergänger auf der Promenade, die jungen Herren des Klubs, die Rougon, die Condamin, ganz Plassans mit heiserem Lachen hinter ihm den steilen Abhang der Straße herunterrannten. Die Kinder stampften mit den Füßen, glitten auf dem spitzigen Pflaster aus und machten in dem ruhigen Viertel einen Lärm wie eine losgelassene Meute. Fangt ihn! heulten sie. Hep, hep, der sieht gut aus in seinem Überzieher! He! Ihr anderen! laufet durch die Taravelle-Straße, ihr müßt ihn packen. Mouret machte außer sich eine verzweifelte Anstrengung, um seine Haustüre zu erreichen; aber er stolperte und fiel auf dem Fußsteige hin, wo er einige Sekunden wie bewußtlos liegen blieb. Die Gassenjungen, die Prügel fürchteten, umringten ihn mit einem Triumphgeschrei, während der kleine, ernste Junge näher trat und die faule Orange nach ihm warf, die über seinem linken Auge platzte. Er stand mühsam auf und ging, ohne sich abzuwischen, in das Haus. Rosa mußte einen Besen nehmen, um die Taugenichtse davonzujagen. Seit jenem Sonntag war ganz Plassans überzeugt, daß Mouret vollständig verrückt sei. Man erzählte überraschende Tatsachen. Er schließe sich ganze Tage in ein kahles Zimmer ein, wo man seit einem Jahre nicht gefegt habe; das sei keine Erfindung; die Personen, die es erzählten, hatten es von der Köchin des Hauses selbst gehört. Was könne er in diesem kahlen Zimmer tun? Die Ansichten waren geteilt; die Köchin meinte, er stelle sich tot, worüber das ganze Viertel sich entsetzte. Auf dem Markte glaubte man fest, daß er einen Sarg dort versteckt halte und sich der Länge nach hinein lege, die Augen offen und die Hände auf der Brust gefaltet; nur zu seinem Vergnügen von früh bis abends. Seit langem drohte der Ausbruch, wiederholte Olympia in allen Läden. Das Übel steckte in ihm; er wurde traurig, suchte die Winkel auf, um sich zu verstecken, Sie wissen ja, wie die Tiere, die krank werden. Ich habe am ersten Tage, als ich den Fuß in dieses Haus setzte, zu meinem Gatten gesagt: Der Hausherr steckt in einer schlimmen Haut. Er hatte gelbe Augen und eine scheue Miene. Seitdem ist das Haus nicht mehr ruhig geworden. Er hatte alle möglichen Einfälle. Er zählte die Zuckerstücke ab und schloß selbst das Brot ein. Er wurde so geizig, daß seine arme Frau keine Schuhe mehr anzuziehen hatte ... Sie ist unglücklich, ich bedaure sie aus vollem Herzen! Sie hat was durchzumachen! Stellen Sie sich ihr Leben vor mit diesem Narren, der nicht einmal bei Tische sich rein zu halten weiß; er wirft seine Serviette während des Essens weg und geht wie ein Stumpfsinniger fort, nachdem er in seinem Teller herumgepatscht hat ... Und wie eigensinnig er ist! Wegen des Senfnapfes, der verstellt worden, macht er lärmende Auftritte. Jetzt sagt er nichts mehr; er wirft Blicke wie ein wildes Tier und springt den Leuten an den Hals, ohne einen Laut auszustoßen ... Ich muß Dinge sehen! ... Wenn ich erzählen wollte! Wenn sie die größte Neugierde erregt hatte und man sie mit Fragen bedrängte, sagte sie leise: Nein, nein, das geht mich nichts an ... Frau Mouret ist eine fromme Frau, die es als wahre Christin erträgt; sie hat ihre Ansichten darüber und die muß man achten ... Denken Sie, er wollte ihr den Hals mit einem Rasiermesser abschneiden! Es war immer eine und dieselbe Geschichte, aber sie hatte einen sicheren Erfolg. Die Fäuste wurden geballt, die Weiber wollten Mouret erwürgen. Wenn ein Ungläubiger mit dem Kopfe schüttelte, brachte man ihn sogleich in Verlegenheit, indem man ihn aufforderte, die schrecklichen Szenen einer jeden Nacht zu erklären; nur ein Verrückter sei imstande, seiner Frau, sobald sie im Bette sei, an den Hals zu springen. Hier lag der Schwerpunkt des Geheimnisses, der ganz besonders zur Verbreitung der Geschichte in der Stadt beitrug. Fast einen Monat lang wuchsen die Gerüchte. In der Balande-Straße war trotz der von Olympia verbreiteten Schauergeschichten Ruhe eingetreten, und die Nächte verliefen still. Martha wurde nervös, ungeduldig, wenn ihre Freundinnen, ohne sich klarer auszudrücken, ihr rieten, sehr vorsichtig zu sein. Sie wollen nur nach Ihrem Kopfe handeln, nicht wahr? sagte Rosa. Sie sollen sehen ... Er fängt wieder an. Wir finden Sie eines Morgens ermordet. Frau Rougon kam jetzt alle zwei Tage zu Besuch. Sie trat mit ängstlicher Miene in das Haus und fragte im Vorraum Rosa: Ist heute nichts vorgefallen? Wenn sie dann ihre Tochter sah, umarmte sie diese mit ungemeiner Zärtlichkeit, als habe sie gefürchtet, sie nicht mehr anzutreffen. Sie bringe fürchterliche Nächte zu, sagte sie; sie zittere bei jedem Zug an der Hausglocke, weil sie sich einbilde, daß man ihr eine Unglücksbotschaft bringe; sie lebe nicht mehr. Wenn Martha ihr versicherte, daß sie von gar keiner Gefahr bedroht sei, sah sie sie mit Bewunderung an und rief: Du bist ein Engel! Wenn ich nicht da wäre, würdest du dich töten lassen, ohne einen Seufzer auszustoßen. Aber, sei ruhig, ich wache über dich, ich treffe meine Vorsichtsmaßregeln. Wenn dein Mann nur den kleinen Finger gegen dich erhebt, soll er von mir hören. Sie gab keine weiteren Erklärungen. Tatsächlich machte sie allen vornehmen Persönlichkeiten von Plassans Besuche. Sie hatte so das Unglück ihrer Tochter dem Bürgermeister, dem Unterpräfekten, dem Präsidenten des Gerichtshofes vertraulich mitgeteilt und sie volle Verschwiegenheit schwören lassen. Eine verzweifelte Mutter wendet sich an Sie, sagte sie leise mit einer Träne; ich vertraue Ihnen die Ehre, die Würde meines armen Kindes an. Mein Mann würde krank werden, wenn ein öffentlicher Skandal entstände, und doch kann ich eine unheilvolle Katastrophe nicht abwarten ... Raten Sie mir, sagen Sie mir, was ich tun soll. Die Herren waren sehr liebenswürdig. Sie beruhigten sie, versprachen ihr, über Mouret im geheimen zu wachen; übrigens würden sie bei der geringsten Gefahr handeln. Besonders bestand sie darauf bei den Herren Péqueur des Saulaies und Rastoil, den beiden Nachbarn ihres Schwiegersohnes, die sofort eingreifen sollten, wenn sich ein Unglück ereigne. Diese Geschichte von dem Narren, der den Schlag der Mitternachtsstunde abwarte, um wütend zu werden, erregte ein lebhaftes Interesse bei den Zusammenkünften der beiden Gesellschaften in dem Garten der Mourets. Man beeilte sich, den Abbé Faujas zu begrüßen. Dieser kam um vier Uhr herunter und machte mit vieler Gutmütigkeit den Hausherrn in der Laube; er blieb weiter noch zurückhaltend und antwortete nur mit einem Kopfschütteln. In den ersten Tagen machte man nur versteckte Anspielungen auf das Drama, das sich in dem Hause abspielte; aber eines Dienstages wagte Herr Maffre, der unruhig nach dem Hause hinüberblickte, zu fragen, indem er auf ein Fenster des ersten Stockes zeigte: Das ist das Zimmer, nicht wahr? Jetzt sprachen die beiden Gesellschaften mit leiser Stimme von dem sonderbaren Ereignisse, das das Viertel in Atem hielt. Der Priester gab nur einige oberflächliche Erklärungen: Es sei sehr ärgerlich, sehr traurig, und er beklage alle, ohne aber weiter etwas zu sagen. Aber Sie, Herr Doktor, fragte Frau von Condamin Herrn Porquier, Sie sind der Hausarzt, was halten denn Sie davon? Doktor Porquier schüttelte lange mit dem Kopfe, bevor er antwortete. Das ist eine heikle Sache, sagte er leise. Frau Mouret ist nicht von kräftiger Gesundheit ... Was Herrn Mouret anbelangt ... Ich habe Frau Rougon getroffen, meinte der Unterpräfekt. Sie ist sehr beunruhigt. Ihren Schwiegersohn hat sie nie leiden können, unterbrach ihn barsch Herr von Condamin. Ich habe Mouret neulich im Klub getroffen. Er hat mich im Piquet geschlagen. Ich habe ihn ebenso vernünftig wie früher gefunden ... Ein großes Geisteskind war der liebe Mann ja nie. Ich habe durchaus nicht gesagt, daß er verrückt sei, wie die Leute behaupten, erwiderte der Doktor, der sich beleidigt fühlte; nur sage ich auch, daß es nicht klug ist, ihn in Freiheit zu lassen. Diese Erklärung brachte eine gewisse Aufregung hervor. Herr Rastoil betrachtete unwillkürlich die Mauer, welche die beiden Gärten trennte. Alle blickten auf den Doktor. Ich kannte eine reizende Dame, fuhr er fort, die großes Haus machte, Essen gab, die höchsten Personen empfing und selbst sehr geistreich sprach. Sobald diese Frau in ihr Zimmer kam, schloß sie sich ein und brachte einen Teil der Nacht damit zu, daß sie auf allen vieren in ihm herumlief und wie ein Hund bellte. Ihre Leute glaubten lange, daß sie in ihrem Zimmer einen Hund versteckt halte. Diese Frau bot uns Ärzten einen Fall dar, den wir »lichten Wahnsinn« nennen. Der Abbé Surin hielt das Lachen zurück, als er die Fräulein Rastoil ansah, die die Geschichte einer Person, die einem Hund nachäfft, sehr belustigte. Doktor Porquier räusperte sich mit ernster Miene. Ich könnte noch zwanzig ähnliche Geschichten erzählen, fügte er hinzu. Leute, die ihren vollen Verstand zu haben scheinen und sich den überraschendsten Sonderbarkeiten hingeben, sobald sie allein sind. Herr von Bordeu hat sehr gut in Valence einen Marquis gekannt, ich will ihn nicht nennen. Er ist mein intimster Freund gewesen, sagte Herr Bourdeu; er speiste oft auf der Präfektur. Seine Geschichte hat riesiges Aufsehen gemacht. Welche Geschichte? fragte Frau von Condamin, als sie sah, daß der Doktor und der ehemalige Präfekt schwiegen. Die Geschichte ist nicht sehr anständig, hub Herr von Bourdeu lachend wieder an. Der Marquis, der übrigens ein Schwachkopf war, brachte ganze Tage in seinem Arbeitszimmer zu, wo er, wie er sagte, mit einem großen volkswirtschaftlichen Werke beschäftigt sei ... Nach zehn Jahren entdeckte man, daß er dort von früh bis abends kleine, gleich große Kugeln machte aus ... Aus seinem Kote, ergänzte der Doktor mit so ernster Stimme, daß das Wort nicht auffiel und nicht einmal die Frauen erröteten. Ich, sagte der Abbé Bourrette, den diese Anekdoten unterhielten, hatte ein sonderbares Beichtkind ... Sie hatte eine Leidenschaft, Fliegen zu töten; sie konnte keine sehen, ohne von einer unwiderstehlichen Lust überfallen zu werden, sie zu fangen. Zu Hause spießte sie sie auf Stecknadeln. Wenn sie dann beichten kam, weinte sie heiße Tränen; sie klagte sich des Mordes an diesen armen Tieren an, hielt sich für verdammt ... Nie konnte ich sie davon abbringen. Die Geschichte des Abbé gefiel. Selbst Herr Pequeur des Saulaies und Herr Rastoil geruhten zu lächeln. Es ist kein großes Unglück, wenn man nur Fliegen tötet, bemerkte der Doktor. Aber die mit lichtem Wahnsinn Behafteten sind nicht immer so harmlos. Es gibt welche, die ihre Familie durch ein heimliches Laster, das zur Manie geworden ist, quälen; Elende, die trinken, sich geheimen Ausschweifungen hingeben, stehlen, weil sie stehlen müssen, die vor Stolz, Eifersucht und Ehrgeiz vergehen. Sie können sich in ihrem Wahne so verstellen, daß es ihnen gelingt, sich selbst zu überwachen, und die verwickeltesten Pläne zu Ende führen, ohne daß jemand ihr geistiges Gebrechen ahnt; wenn sie mit ihren Opfern allein sind, geben sie sich ihren hirnverbrannten Einfällen hin und werden zum Henker. Wenn sie nicht morden, töten sie nach und nach. Wie ist es denn mit Herrn Mouret? fragte Frau von Condamin. Herr Mouret ist immer zänkisch, unruhig, herrschsüchtig gewesen. Diese geistige Störung scheint mit dem Alter schlimmer geworden zu sein. Heute zögere ich nicht, ihn zu den bösartigen Wahnsinnigen zu rechnen ... Ich hatte eine Kranke, die sich wie er in ein entlegenes Zimmer einschloß, wo sie ganze Tage mit dem Ersinnen der scheußlichsten Pläne zubrachte. Aber, Herr Doktor, wenn das Ihre Meinung ist, müssen Sie es melden! rief Herr Rastoil aus. Sie sollten an die zuständige Behörde einen Bericht machen. Doktor Porquier war ein wenig verlegen. Wir plaudern, sagte er, indem er wieder das Lächeln eines Frauenarztes annahm. Wenn ich gefragt werde, wenn es ernst ist, tue ich meine Pflicht. Bah, schloß boshaft Herr von Condamin, die größten Narren sind nicht jene, die man dafür hält. Für einen Irrenarzt gibt es kein gesundes Gehirn ... Der Herr Doktor hat uns da soeben eine Seite aus einem Buche über den hellen Wahnsinn erzählt, das ich gelesen habe und das ebenso interessant ist wie ein Roman. Der Abbé Faujas hatte neugierig zugehört, ohne an der Unterhaltung teilzunehmen. Als man schwieg, machte er die Bemerkung, daß diese Wahnsinngeschichten die Damen traurig stimmten, und er wünschte, daß man von etwas anderem spreche. Aber die Neugierde war erwacht, die beiden Gesellschaften begannen die geringfügigsten Handlungen Mourets zu beobachten. Dieser kam nur eine Stunde täglich in den Garten nach dem Frühstück, während die Faujas mit seiner Frau bei Tische blieben. Sobald er den Fuß in den Garten setzte, wurde er von der Familie Rastoil und den Familienmitgliedern der Präfektur beobachtet. Er mochte vor einem Gemüsebeete stehen bleiben, sich für den Salat interessieren oder eine Gebärde machen, so fand dies rechts und links in den Nachbargärten die böswilligsten Auslegungen. Jedermann trat gegen ihn auf. Herr von Condamin verteidigte ihn allein noch. Aber eines Tages sagte Octavia beim Frühstück zu ihm: Was kümmert es dich, ob dieser Mouret verrückt ist? Mich, liebe Frau? gar nicht, erwiderte er erstaunt. Nun, dann laß ihn verrückt sein, da einmal jeder dir sagt, daß er verrückt ist. Ich weiß nicht, weshalb du anderer Ansicht sein willst als deine Frau. Das bringt dir kein Glück, mein Lieber ... Habe so viel Geist, in Plassans nicht geistreich zu sein. Herr von Condamin lächelte. Du hast recht wie immer, sagte er galant; du weißt, daß ich mein Glück in deine Hände gelegt habe ... Erwarte mich nicht zum Essen. Ich muß nach Saint-Eutrope reiten, um einen Holzschlag anzusehen. Er ging fort, an einer Zigarre herumkauend. Frau von Condamin wußte, daß er bei Saint-Eutrope ein Verhältnis mit einem Mädchen hatte. Aber sie war nachsichtig und hatte ihn selbst zweimal vor den Folgen sehr heikler Geschichten gerettet. Er selbst war ganz beruhigt über die Tugend seiner Frau; er hielt sie für viel zu klug, um in Plassans sich mit Männern einzulassen. Du wirst dir niemals vorstellen können, womit Mouret seine Zeit in dem Zimmer vertreibt, in dem er sich einschließt, sagte den folgenden Tag der Forstinspektor, als er sich auf die Präfektur begab. Er zählt, wieviel S in der Bibel vorkommen. Er fürchtete, sich verzählt zu haben und hat schon dreimal wieder von vorn angefangen ... Du hattest wirklich recht, der Sonderling ist ganz verrückt. Von diesem Augenblicke an fiel Herr von Condamin schrecklich über Mouret her. Er trieb die Dinge etwas zu weit, indem er seine ganze Erfindungsgabe darauf verwandte, heikle Geschichten aufzubringen, die die Familie Rastoil entsetzten. Er suchte sich besonders Herrn Maffre als Opfer aus. Eines Tages erzählte er ihm, daß er Mouret an einem Straßenfenster ganz nackt und mit einem Frauenhut auf dem Kopfe Verbeugungen in das Leere habe machen gesehen. An einem anderen Tage wieder versicherte er mit erstaunlicher Gewichtigkeit, daß er drei Meilen entfernt Mouret begegnet sei, der in einem kleinen Walde wie ein Wilder herumgetanzt habe. Als der Friedensrichter zu zweifeln schien, ärgerte er sich und erklärte, daß Mouret, ohne daß man ihn bemerke, an der Dachrinne herunterklettern könnte. Die Familienmitglieder der Präfektur lächelten; aber von dem folgenden Tage an verbreitete das Dienstmädchen Rastoils diese unglaublichen Geschichten in der Stadt, wo das Märchen von dem Manne, der seine Frau prügelt, immer größere Verhältnisse annahm. Eines Nachmittags erzählte Aurelia, das ältere Fräulein Rastoil errötend, daß sie am vorhergehenden Abende, als sie gegen Mitternacht an das Fenster getreten war, den Nachbar mit einer großen Kerze in seinem Garten habe spazieren gehen sehen. Herr von Condamin glaubte, daß das Mädchen sich über ihn lustig mache, aber sie gab genaue Einzelheiten darüber. Er hielt die Kerze in der linken Hand und kniete nieder; dann kroch er schluchzend auf den Knien weiter. Vielleicht hat er ein Verbrechen begangen und den Leichnam im Garten vergraben, meinte Herr Maffre, der blaß geworden war. Dann kamen die zwei Gesellschaften überein, eines Abends, wenn es nötig sei, bis Mitternacht zu wachen, um dieses Abenteuer aufzuklären. Die folgende Nacht lauerten sie in den zwei Gärten; aber Mouret erschien nicht. Drei Abende gingen so verloren. Die Präfektur gab es auf; Frau von Condamin weigerte sich, unter den Kastanienbäumen zu bleiben, wo es schrecklich finster war, als in der vierten Nacht bei pechschwarzem Himmel ein Licht in dem Erdgeschosse der Mourets schimmerte. Herr Péqueur des Saulaies, der in Kenntnis gesetzt wurde, schlich sich in die Sackgasse, um die Familie Rastoil einzuladen, auf die Terrasse seines Hauses zu kommen, von wo man den benachbarten Garten übersehen konnte. Der Präsident, der mit seinen Töchtern hinter dem Wasserfalle lauerte, zögerte ein wenig; er überlegte, daß er sich in politischer Beziehung schade, wenn er zu dem Unterpräfekten gehe; aber die Nacht war so finster, seine Tochter Aurelia hielt so sehr darauf, die Wahrheit ihrer Geschichte zu beweisen, daß er Herrn Péqueur des Saulaies leise im nächtlichen Dunkel folgte. So kam es, daß in Plassans zum ersten Male die Legitimität zu einem bonapartistischen Beamten ging. Machen Sie kein Geräusch, empfahl der Unterpräfekt, bücken Sie sich auf der Terrasse. Herr Rastoil und seine Töchter trafen dort den Doktor Porquier, Frau von Condamin und ihren Gatten. Die Finsternis war so dicht, daß man sich begrüßte, ohne einander zu sehen. Doch alle atmeten kaum. Mouret hatte sich soeben auf der Freitreppe gezeigt mit einer Kerze, die in einem großen Küchenleuchter stak. Sie sehen, daß er eine Kerze hat, murmelte Aurelia. Niemand machte eine Einwendung. Tatsache war, daß Mouret eine Kerze in der Hand hielt. Er stieg langsam die Freitreppe herab, wandte sich nach links und blieb unbeweglich vor einem Salatbeete stehen. Er hob die Kerze, um den Salat zu beleuchten; sein Gesicht erschien ganz gelb in dem schwarzen Grunde der Nacht. Was für ein Gesicht! sagte Frau von Condamin. Das kommt mir sicher im Traume vor ... Schläft er, Herr Doktor? Nein, nein, erwiderte Herr Porquier, er ist kein Nachtwandler, er ist ganz wach ... Sie können seinen starren Blick sehen; auch bitte ich Sie, die Unbeholfenheit in seinen Bewegungen zu beachten ... Schweigen Sie doch, wir brauchen jetzt keinen Vortrag, unterbrach Herr Péqueur des Saulaies. Dann herrschte das tiefste Stillschweigen. Mouret war über das Gebüsch gestiegen und inmitten des Salates niedergekniet. Er hielt die Kerze tief, er suchte unter den grünen ausgebreiteten Blättern längs der Rinnen. Von Zeit zu Zeit brummte er leise; er schien etwas im Boden zu vergraben. Das dauerte ungefähr eine halbe Stunde. Er weint, ich sagte es Ihnen ja, meinte Aurelia selbstgefällig. Das ist wirklich schrecklich, stammelte Frau von Condamin. Kommen Sie, bitte. Mouret ließ seine Kerze fallen, die erlosch. Man hörte ihn schimpfen und die Freitreppe stolpernd hinaufgehen. Die Fräulein Rastoil stießen einen leisen Schrei des Schreckens aus. Sie beruhigten sich erst in dem kleinen erleuchteten Salon, wo Herr Pequeur des Saulaies in die Gesellschaft drang, daß sie eine Tasse Tee und Biskuits nehme. Frau von Condamin zitterte immer noch; sie ließ sich in einer Ecke auf einem Sofa nieder und versicherte mit einem Lächeln der Rührung, daß sie noch nie so aufgeregt gewesen sei, selbst nicht an dem Morgen, wo sie aus häßlicher Neugierde einer Hinrichtung beigewohnt habe. Es ist sonderbar, sagte Herr Rastoil, der seit einem Augenblick sehr nachdenklich war, Mouret sah aus, als wenn er Schnecken unter seinem Salat suche. Die Gärten sind davon überschwemmt und ich habe mir sagen lassen, daß man sie bei Nacht besser ausrotten kann. Die Schnecken! rief Herr von Condamin aus. Gehen Sie, er wird sich um die Schnecken kümmern! Sucht man Schnecken bei Kerzenlicht? Ich glaube vielmehr, wie Herr Maffre, daß irgendein Verbrechen dabei ist ... Hat dieser Mouret nicht einen Dienstboten gehabt, der verschwunden ist? Man sollte Nachforschungen anstellen. Herr Péqueur des Saulaies sah ein, daß sein Freund, der Forstinspektor, zu weit ging. Er sagte leise, während er einen Schluck Tee nahm: Nein, nein, mein Lieber. Er ist verrückt und hat außerordentliche Einfälle, das ist alles ... Es ist schon schrecklich genug! Er nahm den Teller mit Biskuit und reichte ihn mit der strammen Haltung des feschen Offiziers den Fräulein Rastoil; dann fuhr er fort und setzte den Teller wieder hin: Wenn man bedenkt, daß dieser Unglückliche sich mit Politik beschäftigt hat! Ich will Ihnen nicht Ihre Verbindung mit den Republikanern vorwerfen, Herr Präsident, aber gestehen Sie, daß der Marquis von Lagrifoul einen sehr sonderbaren Bundesgenossen hatte. Herr Rastoil war sehr ernst geworden. Er machte eine unbestimmte Handbewegung, ohne zu antworten. Und er beschäftigt sich noch immer damit; vielleicht verdreht ihm die Politik den Kopf, meinte die schöne Octavia, indem sie sich zierlich den Mund abwischte. Man stellt ihn als sehr eifrigen Agitator für die nächsten Wahlen hin, nicht wahr? Sie wendete sich zu ihrem Gatten, dem sie einen Blick zuwarf. Er geht daran zugrunde, rief Herr von Condamin aus; er erklärt überall, daß er über die Stimmen gebiete, und wenn es ihm gefällt, einen Schuhmacher wählen lassen könne. Sie übertreiben, versetzte Doktor Porquier; er hat nicht mehr soviel Einfluß, die ganze Stadt macht sieh über ihn lustig. Eh, da täuschen Sie sich recht! Wenn er will, führt er das ganze alte Viertel und eine große Anzahl Dörfer zu den Urnen ... Er ist zwar närrisch, aber das ist eine Empfehlung. Ich finde ihn noch immer sehr vernünftig für einen Republikaner. Dieser mittelmäßige Witz erzielte einen lebhaften Erfolg. Die Fräulein Rastoil lächelten wie Backfische. Der Präsident wollte mit einem Kopfnicken zustimmen; er kam von seinem Ernste ab und sagte, wobei er vermied, den Unterpräfekten anzusehen: Lagrifoul hat uns vielleicht nicht die Dienste erwiesen, die wir mit Recht von ihm erwarten durften; aber ein Schuhmacher wäre wirklich eine Schande für Plassans. Um jede Erwiderung auf seine Bemerkung abzuschneiden, fügte er schnell hinzu: Es ist halb zwei Uhr; das ist über das Maß. Herr Unterpräfekt, wir danken alle. Frau von Condamin fand, als sie den Schal um ihre Schultern warf, eine Schlußbemerkung: Man kann doch die Wahlen nicht durch einen Mann leiten lassen, der nach Mitternacht unter seinen Salatbeeten herumrutscht. Diese Nacht kam in aller Mund. Herr von Condamin hatte leichtes Spiel, als er das Abenteuer den Herren von Bourdeu, Maffre und den Abbé erzählte, die den Nachbar nicht mit einer Kerze gesehen hatten. Drei Tage später schwur das Viertel, daß es den Narren, der seine Frau schlug, gesehen habe, wie er spazieren ging, den Kopf in ein Leinentuch eingehüllt. In der Laube bei den Nachmittagszusammenkünften beschäftigte man sich besonders mit der Kandidatur des Schuhmachers Mourets. Man lachte, während man sich gegenseitig genau beobachtete. Es war ein Mittel, die politische Gesinnung zu erfahren. Herr von Bourdeu glaubte aus gewissen vertraulichen Bemerkungen seines Freundes, des Präsidenten, zu entnehmen, daß ein stilles Einvernehmen hinsichtlich seiner zwischen der Unterpräfektur und der gemäßigten Opposition Zustandekommen könnte, so daß die Republikaner schmählich geschlagen würden. Auch zeigte er sich immer bissiger gegen den Marquis von Lagrifoul, dessen kleinste Mißgriffe in der Kammer er festnagelte. Herr Delangre, der nur selten kam, unter dem Vorwand der Sorgen um die Stadtverwaltung, lächelte schlau bei jedem Spotte des ehemaligen Präfekten. Sie brauchen den Marquis nur mehr zu begraben, Herr Pfarrer, flüsterte er eines Tages dem Abbé Faujas ins Ohr. Frau von Condamin, die es hörte, drehte sich um und legte einen Finger auf ihre Lippen mit dem Ausdrucke des größten Unwillens. Der Abbé Faujas ließ jetzt in seiner Gegenwart von der Politik sprechen. Er gab manchmal selbst eine Meinung ab und war für die Vereinigung der ehrenhaften und religiös gesinnten Geister. Da überboten sich alle, Herr Péqueur des Saulaies, Herr Rastoil, Herr von Bourdeu, selbst Herr Maffre. Es mußte leicht sein, unter guten Menschen sich zu verständigen und gemeinschaftlich an der Befestigung der großen Grundsätze zu arbeiten, ohne die keine Gesellschaft bestehen könne! Das Gespräch kam auf das Eigentum, die Familie und die Religion. Manchmal wurde der Name Mourets genannt, und Herr von Condamin murmelte: Ich lasse meine Frau nur mit Zittern hierherkommen. Ich habe Angst! Sie erleben bei den Wahlen eigentümliche Dinge, wenn er noch in Freiheit ist. Unterdessen suchte Trouche alle Morgen den Abbé Faujas, mit dem er regelmäßig sich besprach, zu erschrecken. Er brachte ihm die beunruhigendsten Nachrichten: Die Arbeiter des alten Viertels beschäftigten sich, sagte er, viel zu sehr mit dem Hause Mouret; sie redeten davon, den guten Mann zu besuchen, seinen Zustand zu beurteilen und seine Meinung zu hören. Der Priester zuckte wie gewöhnlich die Achseln. Aber eines Tages kam Trouche entzückt von ihm. Er umarmte Olympia und rief aus: Diesmal, liebes Kind, ist es geglückt. Er erlaubt dir zu handeln? fragte sie. Ja, in voller Freiheit ... Wir können ruhig leben, wenn der andere nicht mehr da ist. Sie lag noch im Bette; sie sprang unter der Decke wie ein Karpfen und lachte vergnügt. Nun also! Alles wird uns gehören, nicht wahr? ... Ich nehme ein anderes Zimmer. Und ich will in den Garten gehen, ich will unten kochen ... Mein Bruder schuldet uns das alles. Du hast ihm sicher einen guten Dienst geleistet! Am Abende kam Trouche erst gegen zehn Uhr in das verdächtige Kaffeehaus, in dem er mit Wilhelm Porquier und anderen jungen Leuten der Stadt zusammentraf. Man hänselte ihn wegen seines Spätkommens und beschuldigte ihn, daß er mit einem der jungen Mädchen aus der Anstalt der heiligen Jungfrau auf den Wällen spazieren gegangen sei. Dieser Scherz schmeichelte ihm gewöhnlich; aber er blieb ernst. Er sagte, daß er Geschäfte, ernste Geschäfte hatte. Erst gegen Mitternacht, als er die Flaschen auf dem Tische geleert hatte, wurde er mitteilsam. Er duzte Wilhelm und stammelte, mit dem Rücken an die Wand gelehnt, während er seine Pfeife bei jedem Satze anzündete: Ich habe heute abend deinen Vater besucht. Er ist ein braver Mann ... Ich brauchte ein Papier. Er ist sehr zuvorkommend, sehr zuvorkommend. Er hat es mir gegeben. Ich habe es da in meiner Tasche ... Zuerst wollte er nicht. Er sagte, daß es die Familie angehe. Ich habe ihm gesagt: Ich bin die Familie; ich habe den Auftrag von der Mama ... Du kennst sie, die Mama; du gehst zu ihr in das Haus. Eine brave Frau. Sie schien sehr zufrieden zu sein, als ich ihr vorhin die Angelegenheit erzählte ... Dann hat er mir das Papier gegeben. Du kannst es anrühren, fühlst es in meiner Tasche ... Wilhelm sah ihn scharf an und verbarg seine lebhafte Neugierde unter einem zweifelnden Lächeln. Ich lüge nicht, fuhr der Betrunkene fort; das Papier ist in meiner Tasche ... Du hast es gefühlt? Das ist eine Zeitung, meinte der junge Mann. Trouche zog grinsend aus seinem Rocke einen großen Briefumschlag heraus, den er auf den Tisch mitten unter die Tassen und Gläser legte. Er verteidigte ihn einen Augenblick gegen Wilhelm, der die Hände ausgestreckt hatte; dann ließ er ihn ihn nehmen, indem er noch stärker lachte, als habe man ihn gekitzelt. Es war eine Erklärung des Doktor Porquier über den Geisteszustand des Herrn François Mouret, Hausbesitzers in Plassans. So will man ihn einsperren? fragte Wilhelm und gab das Papier zurück. Das geht dich nichts an, mein Junge, erwiderte Trouche, der wieder mißtrauisch geworden war. Dieses Papier da ist für seine Frau. Ich bin nur ein Freund, der anderen gern einen Dienst leistet. Sie soll machen, was sie will ... Sie kann sich nicht länger hinmorden lassen, die arme Frau. Er war so betrunken, daß, als man sie zur Türe hinauswarf, Wilhelm ihn bis zu der Balande-Straße begleiten mußte. Er wollte sich auf allen Bänken der Promenade Sauvaire schlafen legen. Als er auf den Präfekturplatz kam, schluchzte er und sagte: Es gibt keine Freunde mehr; weil ich arm bin, werde ich verachtet ... Du, du bist ein guter Junge. Du trinkst mit uns Kaffee, wenn wir erst die Herren sind. Wenn der Abbé uns im Wege steht, schicken wir ihn zu dem anderen ... Es ist mit ihm nicht weit her trotz seines Stolzes; ich mache ihm alles weis. Du bist ein Freund, ein wahrer Freund, nicht wahr? Der Mouret ist ein abgetaner Kerl; er wird eingesperrt und wir trinken seinen Wein. Als Wilhelm den Trouche vor seiner Haustüre abgesetzt hatte, ging er durch das schlafende Plassans und pfiff leise vor dem Hause des Friedensrichters. Das war ein Zeichen. Die jungen Maffre, die ihr Vater eigenhändig in ihr Zimmer einsperrte, öffneten im ersten Stocke ein Fenster, aus dem sie herunterstiegen, indem sie sich an dem Fenstergitter des Erdgeschosses festhielten. Jede Nacht gingen sie auf diese Weise in Gesellschaft des jungen Porquier dem Laster nach. Nun, sagte dieser zu ihnen, als sie schweigend die dunklen Gäßchen der Schanzen erreicht hatten, wir wären dumm, uns zu genieren ... Wenn mein Vater noch einmal droht, mich aus Strafe in irgendein Loch zu schicken, so weiß ich, was ich ihm zu antworten habe. Wollt ihr wetten, daß ich in den Jugendklub aufgenommen werde, sobald ich will? Die jungen Maffre nahmen die Wette an. Alle drei schlichen in ein gelbes Haus mit grünen Vorhängen, das am Ende einer Sackgasse in einem Winkel der Schanzen stand. In der folgenden Nacht hatte Martha einen schrecklichen Anfall. Sie hatte am Morgen einer langen religiösen Feier beigewohnt, die Olympia bis zu Ende sehen wollte. Als Rosa und die Mieterin auf die herzzerreißenden Schreie herbeieilten, fanden sie sie am Fuße des Bettes mit einer klaffenden Wunde an der Stirne ausgestreckt liegen. Mouret, der auf den Bettdecken kniete, zitterte am ganzen Leibe. Diesmal hat er sie getötet! rief die Köchin. Und sie nahm ihn in ihre Arme, obgleich er im Hemde war, schleppte ihn durch das Zimmer bis in seine Kanzlei, deren Türe sich am anderen Ende des Flurs befand. Trouche war fortgelaufen, um den Doktor Porquier zu holen. Der Arzt verband die Wunde Marthas; zwei Linien tiefer, sagte er, und der Schlag wäre tödlich. Unten im Vorraum erklärte er vor allen, daß man handeln müsse und nicht länger das Leben der Frau Mouret der Gnade eines Tobsüchtigen überlassen dürfe. Martha mußte am folgenden Tage das Bett hüten; sie phantasierte auch und sah eine eiserne Hand, die ihr mit einem flammenden Schwerte den Schädel spaltete. Rosa weigerte sich entschieden, Mouret einzulassen. Sie trug ihm das Frühstück in der Kanzlei auf dem staubigen Tische auf. Er aß nicht, sondern sah stumpfsinnig auf seinen Teller, als die Köchin drei schwarz gekleidete Herren zu ihm führte. Sind Sie die Ärzte? fragte er. Wie geht es ihr? Es geht besser, antwortete einer der Herren. Mouret schnitt sich mechanisch ein Stück Brot ab, als wenn er essen wolle. Ich möchte, daß die Kinder da seien, sagte er leise; sie könnten sie pflegen, und wir würden weniger allein sein. Seitdem die Kinder fort sind, ist sie krank ... Auch ich bin nicht mehr ganz wohl. Er hatte einen Bissen Brot in den Mund gesteckt und schwere Tränen liefen über seine Wangen. Der Mann, der schon mit ihm gesprochen hatte, sagte dann mit einem Blicke auf seine zwei Begleiter: Wollen wir Ihre Kinder holen? Gewiß, rief Mouret und erhob sich. Reisen wir sofort! Auf der Treppe sah er nicht, wie Trouche und seine Frau im zweiten Stocke über dem Geländer lehnten und mit glühenden Augen ihm über jede Stufe folgten. Olympia schritt schnell hinter ihm herunter und stürzte in die Küche, wo Rosa in großer Aufregung an dem Fenster lauerte. Als ein Wagen, der vor der Türe wartete, Mouret weggeführt hatte, nahm sie vier Stufen auf einmal und eilte in den zweiten Stock hinauf, nahm Trouche bei den Schultern und tanzte mit ihm auf dem Stiegenabsatze herum; sie war vor Freude schier toll. Den sind wir los! rief sie. Martha blieb acht Tage lang zu Bette. Ihre Mutter besuchte sie jeden Nachmittag und bezeigte ihr große Zärtlichkeit. Die Faujas und die Trouche kamen fortwährend an ihr Bett. Auch Frau von Condamin besuchte sie mehrmals. Nach Mouret wurde nicht gefragt. Rosa sagte ihrer Herrin, daß er nach Marseille habe fahren müssen; aber als Martha zum ersten Male hinuntergehen und sich im Speisezimmer an den Tisch setzen konnte, geriet sie in Erstaunen und fragte mit einiger Unruhe nach ihrem Gatten. Liebe Frau, machen Sie sich nicht krank, sagte Frau Faujas. Sie kommen sonst wieder ins Bett. Man mußte einen Entschluß fassen. Ihre Freunde haben sich beraten und in Ihrem Interesse handeln müssen. Sie brauchen ihn nicht zu bedauern, rief in rohem Tone Rosa, nach dem Hieb mit dem Stocke, den er Ihnen auf den Kopf versetzt hat. Das Viertel atmet auf, seitdem er nicht mehr da ist. Man befürchtete immer, er werde Feuer legen oder mit einem Messer auf die Straße stürzen. Ich versteckte alle Küchenmesser; das Dienstmädchen des Herrn Rastoil tat es ebenfalls ... Und Ihre arme Mutter, die kaum mehr lebte! ... Alle, die Sie während Ihrer Krankheit besuchten, alle Damen und Herren sagten mir es wohl, wenn ich sie hinunterbegleitete: Es ist eine Erlösung für Plassans. Eine Stadt ist in ewiger Sorge, wenn ein solcher Mensch frei herumgeht. Martha hörte diesen Wortschwall mit weit geöffneten Augen und schrecklicher Blässe an. Sie hatte ihren Löffel fallen lassen und sah zu dem offenen Fenster ihr gegenüber hinaus, als wenn sie irgendeine Erscheinung hinter den Obstbäumen des Gartens erschreckt habe. Tulettes! Tulettes! stotterte sie und verbarg ihre Augen hinter den zitternden Händen. Sie sank zurück und reckte sich schon in einem Nervenanfalle, als der Abbé Faujas, der mit seiner Suppe fertig war, sie bei den Händen nahm und sie fest drückte, indem er im sanftesten Tone flüsterte: Seien Sie stark bei dieser Prüfung, die Ihnen Gott schickt. Er gewährt Ihnen Tröstungen, wenn Sie sich nicht auflehnen; er schenkt Ihnen das Glück, das Sie verdienen. Unter dem Händedrucke des Priesters und dem zärtlichen Tone seiner Worte ermannte sich Martha, wie zu neuem Leben erweckt, und ihre Wangen glühten. O ja, sagte sie schluchzend, ich brauche viel Glück, versprechen Sie mir viel Glück. Neunzehntes Kapitel. Die allgemeinen Wahlen sollten im Oktober stattfinden. Gegen Mitte September reiste der Bischof Rousselot plötzlich nach Paris, nachdem er eine lange Unterredung mit dem Abbé Faujas gehabt. Man sprach von einer ernsten Erkrankung seiner Schwester, die in Versailles wohnte. Nach fünf Tagen kehrte er zurück; er ließ sich in seinem Arbeitszimmer von dem Abbé Surin vorlesen. Zurückgelehnt in einem Sessel, fröstelnd und eingehüllt in eine Decke von violetter Seide, obwohl es draußen noch sehr warm war, hörte er lächelnd der weiblich klingenden Stimme des jungen Abbé zu, der Anakreontische Strophen skandierte. Gut, gut, sagte er leise, Sie haben die Musik dieser schönen Sprache. Dann sah er mit unruhiger Miene auf die Pendeluhr und fuhr fort: Ist der Abbé Faujas schon heute morgen dagewesen? ... Ach, mein Kind, wieviel Lärm! Ich habe noch immer dieses schreckliche Getöse der Eisenbahn in den Ohren ... In Paris hat es die ganze Zeit geregnet. Ich mußte nach allen Ecken und Enden der Stadt und habe nur Schmutz gesehen. Der Abbé Surin legte sein Buch auf die Ecke eines Tischchens. Ist Ew. bischöfliche Gnaden mit dem Ergebnis der Reise zufrieden? fragte er in dem vertraulichen Tone eines verzogenen Kindes. Ich weiß, was ich wissen wollte, erwiderte der Bischof wieder mit einem feinen Lächeln. Ich hätte Sie mitnehmen sollen. Sie hätten Dinge gelernt, die zu wissen nützlich sind, wenn man in Ihrem Alter ist und man durch Geburt und Verbindungen dazu bestimmt ist, Bischof zu werden. Ich höre Ew. bischöfliche Gnaden, sagte der junge Priester mit bittender Miene. Aber der Prälat schüttelte mit dem Kopfe. Nein, nein, diese Sachen lassen sich nicht sagen ... Seien Sie ein Freund des Abbé Faujas, er kann für Sie eines Tages viel tun. Ich habe vollständige Erkundigungen eingezogen. Der Abbé Surin faltete die Hände mit einer Gebärde von solch kindlicher Neugierde, daß der Bischof Rousselot fortfuhr: Er hatte in Besançon Schwierigkeiten gehabt ... Er wohnte in Paris in sehr ärmlichen Verhältnissen in einer Pension und bot sich selbst an. Der Minister suchte gerade der Regierung ergebene Priester. Ich begreife, daß der Abbé Faujas mit seiner finsteren Miene und dem alten Talar ihn zuerst erschreckt hat. Er sandte ihn also aufs Geratewohl hierher. Der Minister war mir gegenüber sehr liebenswürdig. Der Bischof vollendete seinen Satz durch ein leichtes Wiegen seiner Hand, indem er aus Furcht, zuviel sagen zu können, nach Worten suchte. Dann trug sein Wohlwollen zu seinem Sekretär den Sieg davon; er fügte lebhaft hinzu: Kurz: glauben Sie mir, seien Sie dem Pfarrer von Saint-Saturnin nützlich; er braucht jeden; er scheint mir ein Mann zu sein, der weder eine Beleidigung noch eine Wohltat vergißt. Aber verbinden Sie sich nicht mit ihm. Er nimmt ein schlechtes Ende. Das ist so mein persönlicher Eindruck. Er nimmt ein schlechtes Ende? wiederholte der junge Abbé überrascht. In diesem Augenblicke ist er der Sieger ... Aber sein Gesicht beunruhigt mich, liebes Kind; er sieht schrecklich aus. Dieser Mann stirbt nicht in seinem Bette ... Kompromittieren Sie mich nicht; ich will nur ruhig leben, ich bedarf nur der Ruhe. Der Abbé Surin nahm sein Buch wieder zur Hand, als der Abbé Faujas sich anmelden ließ. Der Bischof Rousselot ging ihm lächelnd entgegen, streckte ihm die Hände hin und nannte ihn »mein lieber Pfarrer«. Lassen Sie uns allein, mein Kind, sagte er zu seinem Sekretär, der sich zurückzog. Er sprach von seiner Reise. Seiner Schwester gehe es besser; er habe alten Freunden die Hände schütteln können. Und haben Sie den Minister gesehen? fragte der Abbé Faujas, indem er ihn scharf ansah. Ja, ich glaubte ihm meinen Besuch machen zu sollen, erwiderte der Bischof errötend. Er hat mir viel Gutes von Ihnen gesagt. Dann zweifeln Sie nicht mehr, Sie trauen mir? Vollkommen, mein lieber Pfarrer, übrigens verstehe ich nichts von Politik, ich lasse Sie gewähren. Sie plauderten den ganzen Vormittag zusammen. Der Abbé Faujas erlangte von ihm, daß er eine Rundreise durch den Amtsbezirk mache; er werde ihn begleiten und ihm seine Reden einflüstern. Es sei außerdem notwendig, alle Dechanten zu benachrichtigen, damit die Pfarrer der kleinsten Gemeinden Verhaltungsmaßregeln empfangen. Das mache keine Schwierigkeit, der Klerus werde gehorchen. Die heikelste Aufgabe sei in Plassans selbst im Sankt-Markus-Viertel zu erledigen. Der Adel, der in seinen Häusern verschlossen lebe, entzog sich ganz der Einwirkung des Priesters; er hatte bis jetzt nur auf die ehrgeizigen Royalisten, wie Rastoil, Maffre und Bourdeu einwirken können. Der Bischof versprach ihm, gewisse Salons des Adelsviertel, wo er empfangen werde, auszuholen. Übrigens vereinigte der Adel, angenommen er stimme gegen die Regierung, nur eine lächerliche Minderheit für sich, wenn die klerikal gesinnte Bürgerschaft ihn im Stiche lasse. Jetzt, sagte der Bischof und stand auf, wäre es vielleicht gut, wenn ich den Namen Ihres Kandidaten kenne, um ihn in allen Briefen zu empfehlen. Der Abbé Faujas lächelte. Ein Name ist gefährlich, erwiderte er. In acht Tagen bliebe nicht ein Stück von unserem Kandidaten übrig, wenn wir ihn heute nennen würden ... Der Marquis Lagrifoul ist unmöglich geworden. Herr von Bordeu, der sein Nachfolger zu werden gedenkt, ist noch unmöglicher. Wir werden sie einander vernichten lassen und erst im letzten Augenblick eingreifen ... Sagen Sie einfach, daß eine rein politische Wahl bedauerlich sei, daß man im Interesse von Plassans einen Mann brauche, der außerhalb der Parteien gewählt, die Bedürfnisse der Stadt und des Kreises gründlich kenne. Lassen Sie durchblicken, daß dieser Mann gefunden sei; aber gehen Sie nicht weiter. Jetzt lächelte der Bischof. Er hielt den Priester zurück in dem Augenblicke, als er sich verabschieden wollte. Und der Abbé Fenil? fragte er ihn mit leiser Stimme. Fürchten Sie nicht, daß er Ihre Pläne durchkreuzen werde? Der Abbé zuckte mit den Schultern. Er hat sich nicht mehr gerührt, sagte er. Gewiß, versetzte der Prälat, diese Ruhe macht mir Sorge. Ich kenne Fenil, er ist der gehässigste Priester meines Bezirkes. Er hat vielleicht den Plan aufgegeben, Sie auf dem politischen Gebiet zu schlagen, aber seien Sie sicher, daß er sich Mann gegen Mann rächen wird. Er muß Sie aus einem Hinterhalte belauern. Bah, meinte der Abbé Faujas und zeigte seine weißen Zähne, er wird mich nicht lebendig fressen. Der Abbé Surin war soeben eingetreten. Als der Pfarrer von Saint-Saturnin fort war, erheiterte er den Bischof Rousselot ungemein, indem er leise sagte: Möchten sie doch einander auffressen wie die beiden Füchse, von denen nur die zwei Schwänze übrig blieben. Die Wahlperiode wurde eröffnet. Plassans, das die politischen Fragen sonst ganz ruhig ließen, hatte einen Anfall von leichtem Fieber. Ein unsichtbarer Mund schien in die friedlichen Straßen Krieg hinein zu blasen. Der Marquis von Lagrifoul, der in La Palud, einem großen benachbarten Marktflecken wohnte, war seit vierzehn Tagen bei einem seiner Verwandten, dem Grafen von Valqueyras, abgestiegen, dessen Besitz ein ganzes Stück des Sankt-Markus-Viertels einnahm. Er ließ sich sehen, ging auf der Promenade Sauvaire spazieren, besuchte die Kirche Saint-Saturnin, grüßte die einflußreichen Personen, ohne aber aus seiner vornehmen Zurückhaltung herauszutreten. Aber alle diese erzwungene Liebenswürdigkeit, die ein erstes Mal genügt hatte, schien keinen großen Erfolg zu haben. Es waren Beschuldigungen im Umlaufe, die sich jeden Tag mehrten, und deren Quelle man nicht kannte: Mit einem anderen Vertreter als dem Marquis hätte Plassans schon längst eine Zweigbahn bekommen, die es mit der Linie nach Nizza verbinde; wenn ein Landsmann den Marquis in Paris besuchen wolle, müsse er drei- oder viermal vorsprechen, bevor er den geringsten Dienst erlange. Doch obwohl die Kandidatur des Deputierten durch diese Vorwürfe sehr kompromittiert war, war doch noch kein anderer Kandidat offen hervorgetreten. Man sprach vom Herr von Bourdeu, obwohl man erklärte, daß es schwer sein werde, eine Majorität auf den Namen des ehemaligen Präfekten Louis Philipps zu vereinigen, der nirgends einen festen Anhang hatte. Die Wahrheit war, daß ein unbekannter Einfluß in Plassans die Aussichten der verschiedenen Kandidaturen vollständig erschüttert hatte, indem er das Bündnis der Legitimisten und Republikaner sprengte. Es herrschte eine allgemeine Bestürzung, eine Verwirrung voll Überdruß, ein Bedürfnis, die Wahl so schnell wie möglich abzutun. Die Mehrheit ist ins Wanken gebracht, sagten wiederholt die Politiker der Promenade Sauvaire. Die Frage ist, wie sie sich wieder festigt. In diesem Fieber der Spaltung, das die Stadt durchdrang, wollten die Republikaner ihren Kandidaten haben. Sie wählten einen Hutmachermeister, einen gewissen Maurin, der in den Arbeiterkreisen sehr beliebt war. Trouche traf abends den Maurin in den Kaffeehäusern an in großer Aufregung; er schlug einen Geächteten aus den Dezembertagen vor, einen Wagner aus Tulettes, der verständig genug war, die Kandidatur auszuschlagen. Man muß sagen, daß Trouche sich auf einen der glühendsten Republikaner aufspielte. Er hätte sich, wie er sagte, selbst an die Spitze gestellt, wenn nicht sein Schwager Priester wäre; zu seinem großen Bedauern sehe er sich genötigt, das Brot der Betbrüder zu essen, was ihn zwinge, im Dunkel zu bleiben. Er war einer der ersten, die die bösen Gerüchte über den Marquis von Lagrifoul verbreitete; er riet zum Bruche mit den Legitimisten. Die Republikaner von Plassans, die wenig zahlreich waren, mußten geschlagen werden. Aber der Hauptschachzug des Trouche war, daß er die Gesellschaft der Unterpräfektur und die Rastoils beschuldigte, den armen Mouret aus dem Wege geräumt zu haben, um die demokratische Partei ihres ehrenwertesten Führers zu berauben. An dem Abende, wo er in einem Schnapsladen der Canquoin-Straße zum erstenmal diese Beschuldigung ausstieß, sahen sich die anwesenden Leute mit seltsamer Miene an. Die Klatschbasen des alten Viertels, die jetzt, wo der »Narr, der seine Frau schlug«, eingesperrt war, diesen bemitleideten, erzählten, daß der Abbé Faujas sich nur eines lästigen Ehemannes habe entledigen wollen. Dann wiederholte Trouche jeden Abend seine Geschichte und schlug dabei dermaßen überzeugt mit der Faust auf die Tische der Kaffeehäuser, daß er schließlich ein Märchen glauben machte, in dem Herr Péqueur des Saulaies eine höchst eigentümliche Rolle spielte. Die Meinung schlug zugunsten Mourets um. Er Wurde ein politisches Opfer, ein Mann, dessen Einfluß man so gefürchtet hatte, daß man ihn in eine Zelle von Tulettes steckte. Lassen Sie mich nur machen, sagte Trouche in vertraulichem Tone. Ich lasse die frommen Betschwestern im Stiche und erzähle schöne Geschichten von der Anstalt der heiligen Jungfrau ... Ein nettes Haus, wo diese Damen Stelldicheine geben! Unterdessen vervielfachte sich der Abbé Faujas; man sah seit einiger Zeit nur ihn auf der Straße. Er hielt noch mehr auf sich und gab sich Mühe, stets liebenswürdig zu lächeln. Manchmal senkten sich seine Augenlider, um das unheimliche Feuer seines Blickes zu verbergen. Oft kehrte er, wenn seine Geduld zu Ende und er dieses elenden täglichen Kampfes überdrüssig war, mit geballten Fäusten, die Schultern von seiner unnützen Kraft geschwellt, in sein kahles Zimmer zurück und wünschte sich ein Ungeheuer, um es zu seiner Erleichterung erdrosseln zu können. Die alte Frau Rougon, die er noch immer im geheimen besuchte, war sein guter Schutzgeist; sie kanzelte ihn tüchtig herunter, hielt seinen großen Leib vor sich in einem niedrigen Stuhle festgebannt und wiederholte ihm, daß er gefallen müsse, daß er alles verderbe, wenn er törichterweise seine nackten Ringkämpferarme zeigen würde. Später, wenn er Herr sei, könne er Plassans bei der Kehle packen und es erwürgen, wenn ihm dies Erleichterung bringe. Gewiß war sie nicht zärtlich gegen Plassans gesinnt, gegen das sie einen Groll für vierzig Jahre des Elends hatte und das sie seit dem Staatsstreiche vor Ärger bersten machte. Ich trage den Talar, sagte sie manchmal lächelnd zu ihm, Sie, mein lieber Pfarrer, treten wie ein Gendarm auf. Der Priester zeigte sich sehr häufig in dem Lesesaale des Jugendklubs. Er hörte dort nachsichtig die jungen Leute von Politik sprechen, schüttelte den Kopf und erklärte wiederholt, daß die Ehrenhaftigkeit genüge. Seine Volkstümlichkeit wuchs. Er hatte eines Abends eingewilligt, Billard zu spielen, wobei er eine ziemliche Geschicklichkeit entwickelte; in kleinem Kreise rauchte er Zigaretten. Darum nahm der Klub seine Meinung in allen Dingen an. Vollends als duldsamen Mann stellte ihn die Gutmütigkeit hin, mit der er für die Aufnahme Wilhelm Porquiers eintrat, der sein Gesuch wieder eingebracht hatte. Ich habe den jungen Mann gesehen, sagte er; er hat bei mir eine Generalbeichte abgelegt, und ich habe ihm die Absolution erteilt. Jedem Sünder wird verziehen ... Weil er in Plassans einige Schilder von den Kaufläden heruntergerissen und in Paris Schulden gemacht hat, braucht man ihn nicht wie einen Aussätzigen zu behandeln. Als Wilhelm aufgenommen war, sagte er höhnisch zu den jungen Maffre: Also, ihr schuldet mir zwei Flaschen Champagner ... Ihr seht, daß der Pfarrer alles tut, was ich will. Ich habe eine kleine Maschine, um ihn an einem empfindlichen Flecke zu kitzeln, und dann lacht er, Kinder, und kann mir nichts mehr abschlagen. Er sieht mir aber nicht danach aus, als ob er dich sehr gern hätte, bemerkte Alphonse; er schaut dich recht von der Seite an. Ich habe ihn vielleicht zu stark gekitzelt ... Ihr sollt sehen, daß wir bald die besten Freunde der Welt sind. In der Tat schien der Abbe Faujas für den Sohn des Doktors eine Zuneigung zu fassen; er sagte, der arme junge Mann habe es nötig, von einer sehr milden Hand geführt zu werden. Wilhelm wurde binnen kurzem der Lustigmacher des Klubs; er erfand Spiele; gab das Rezept eines Kirschpunsches an und verführte die ganz jungen Leute, die eben erst das Gymnasium verlassen hatten. Seine liebenswürdigen Laster verliehen ihm einen großen Einfluß. Während die Orgel über dem Billardzimmer ertönte, trank er, umgeben von den Söhnen der besten Familien Plassans, seine Schoppen, indem er ihnen unanständige Sachen erzählte, worüber sie in helles Gelächter ausbrachen. Der Klub gab sich auf diese Weise den Zoten hin, die in den Winkeln blühten. Aber der Abbé Faujas hörte nichts. Wilhelm nannte ihn einen »feinen Kopf«, der sich mit großen Gedanken trage. Der Abbé wird Bischof, wenn er will, erzählte er. Er hat schon eine Pfarre in Paris ausgeschlagen. Er will in Plassans bleiben, weil er die Stadt liebgewonnen hat ... Ich würde ihn als Kandidaten aufstellen. Er würde unsere Interessen in der Kammer vertreten; er ist zu bescheiden und nimmt nicht an ... Man kann ihn fragen, wenn die Wahlen kommen. Er läßt niemanden aufsitzen. Lucian Delangre blieb der Ernste im Klub. Er zeigte eine große Verehrung für den Abbé und gewann ihm die Schar der studierenden jungen Leute. Oft begab er sich mit ihm in den Klub und unterhielt sich lebhaft mit ihm; doch schwieg er, sobald sie den großen Saal betraten. Der Abbé begab sich regelmäßig von dem Kaffee unter der Minoritenkirche in die Anstalt der heiligen Jungfrau. Hier kam er während der Erholungspause an und zeigte sich lächelnd auf der Freitreppe. Dann liefen die Mädchen herbei und stritten sich um seine Taschen, aus denen sie Heiligenbilder, Rosenkränze und geweihte Münzen hervorzogen. Er hatte sich bei diesen großen Mädchen beliebt gemacht, indem er ihre Wange streichelte und ihnen empfahl, sehr brav zu sein, was auf ihren frechen Gesichtern immer ein verstohlenes Lächeln hervorrief. Oft führten die Nonnen bei ihm Klage: die ihrer Obhut anvertrauten Kinder seien nicht zu bändigen, sie rauften sich derart, daß sie sich die Haare herausrissen und täten noch schlimmere Dinge. Er sah alles nur für kleine Fehler an; er ermahnte die Unartigsten in der Kapelle, die sie demütig verließen. Manchmal nahm er ein ernsteres Vergehen zum Vorwande, um die Eltern rufen zu lassen, die stets gerührt über seine Gutmütigkeit wieder heimkehrten. So hatten die Zöglinge der Anstalt der heiligen Jungfrau ihm die Herzen der armen Familien von Plassans gewonnen. Wenn sie abends nach Hause gingen, erzählten sie außerordentliche Dinge über den Herrn Pfarrer. Es kam nicht selten vor, daß bei diesem Erzählen zwei daran waren, sich in den dunkeln Winkeln der Schanzen zu ohrfeigen, weil sie über die Frage in Streit geraten waren, welche von ihnen der Herr Pfarrer am liebsten habe. Die kleinen Dirnen geben zwei- bis dreitausend Stimmen, dachte Trouche, wenn er aus dem Fenster seiner Kanzlei die Liebenswürdigkeit des Abbé Faujas betrachtete. Er hatte sich angeboten, »diese kleinen Herzen«, wie er die Mädchen nannte, zu erobern; aber der Priester, den seine leuchtenden Blicke beunruhigten, hatte ihm ausdrücklich untersagt, den Hof zu betreten. Er begnügte sich, sobald die Nonnen den Rücken kehrten, den »kleinen Herzen« Leckerbissen zuzuwerfen, wie man den Sperlingen Brotkrümchen zuwirft. Er füllte besonders mit Zuckerwerk die Schürze einer großen Blondine, der Tochter eines Gerbers, die mit dreizehn Jahren die Schultern einer entwickelten Frau hatte. Das Tagewerk des Abbé Faujas war damit nicht beendigt; er machte noch den Damen der Gesellschaft kurze Besuche. Frau Rastoil, Frau Delangre empfingen ihn voll Entzücken; sie wiederholten seine unbedeutendsten Worte und sammelten bei ihm Gesprächsstoff für eine ganze Woche. Aber seine beste Freundin war Frau von Condamin. Diese bewahrte eine lächelnde Vertraulichkeit, das Siegesbewußtsein der schönen Frau, die sich allmächtig weiß. Ihre leise Unterhaltung, ihre Blicke und ihr sonderbares Lächeln zeigten, daß ein geheimes Bündnis zwischen ihnen bestand. Wenn der Priester sich bei ihr melden ließ, wies sie ihrem Manne mit einem Blicke die Türe. »Die Regierung hält Sitzung«, scherzte dann der Forstinspektor und bestieg mit philosophischer Ruhe sein Pferd. Frau Rougon war es, die den Priester auf Frau von Condamin aufmerksam gemacht hatte. Sie ist von der Gesellschaft noch nicht völlig aufgenommen, erklärte sie ihm. Sie ist eine sehr schlaue Frau, wenngleich sie ganz hübsch die Kokette spielt. Sie können sich ihr ganz anvertrauen; sie wird in Ihrem Triumphe ein Mittel, sich völlig festzusetzen, erblicken. Sie wird Ihnen von großem Nutzen sein, wenn Sie Stellen und Orden zu verteilen haben ... Sie hat einen guten Freund in Paris, der ihr rote Bänder schickt, soviel sie will. Da Frau Rougon sich durch ein geschicktes Manöver abseits hielt, so wurde auf diese Weise die schöne Octavia die tätigste Bundesgenossin des Abbé Faujas. Sie gewann ihm ihre Freunde und die Freunde ihrer Freunde. Jeden Morgen eröffnete sie ihren Feldzug und machte mittelst kleiner Grüße, die sie mit den Spitzen ihrer behandschuhten Finger hinwarf, erstaunliche Propaganda. Sie warb besonders unter den Bürgern, sie verzehnfachte den weiblichen Einfluß, dessen unbedingte Notwendigkeit der Priester seit dem ersten Tage seines Eintrittes in die kleine Welt von Plassans erkannt hatte. Sie stopfte den Paloques den Mund, die über das Haus der Mouret herfielen: sie warf diesen zwei Ungeheuern einen Honigkuchen hin. Sie zürnen uns also, hebe Frau, sagte sie zu der Gattin des Richters, der sie begegnete. Sie tun sehr unrecht daran; Ihre Freunde vergessen Sie nicht, sie beschäftigen sich mit Ihnen und bereiten Ihnen eine Überraschung vor. Eine schöne Überraschung! Irgendeinen Hinterhalt! rief Frau Paloque bitter. Man soll sich nicht mehr über uns lustig machen; ich habe geschworen, in meinem Winkel zu bleiben. Frau von Condarain lächelte. Was würden Sie sagen, fragte sie, wenn Herr Paloque einen Orden bekäme? Die Frau des Richters war sprachlos. Das Blut schoß ihr in das Gesicht und machte es scheußlich. Sie scherzen, stammelte sie; das ist ein neuer Anschlag gegen uns. Wenn es nicht wahr wäre, würde ich es Ihnen in meinem Leben nicht verzeihen. Die schöne Octavia mußte ihr schwören, daß nichts wahrer sei. Die Ernennung sei sicher, nur werde sie im »Moniteur« erst nach den Wahlen erscheinen, weil die Regierung nicht den Anschein erwecken wolle, als wenn sie die Stimmen des Richterstandes erkaufe. Sie ließ durchblicken, daß der Abbé Faujas dieser seit so langer Zeit erwarteten Belohnung nicht fern stehe; er habe darüber mit dem Unterpräfekten gesprochen. Dann hatte mein Mann recht, sagte Frau Paloque bestürzt. Seit langem schon macht er mir schreckliche Auftritte, daß ich den Abbé um Entschuldigung bitten soll. Ich bin eigensinnig und hätte mich eher töten lassen ... Aber sobald der Abbé den ersten Schritt tut ... Gewiß, wir wollen in Frieden mit jedermann leben. Morgen gehen wir auf die Unterpräfektur. Am folgenden Tage waren die Paloques sehr demütig. Die Frau sagte über den Abbé Fenil alles Schlimme. Mit größter Unerschrockenheit erzählte sie sogar, daß sie ihn eines Tages besucht habe; er habe in ihrer Anwesenheit erklärt, daß er den »ganzen Anhang des Abbé Faujas« zu den Toren von Plassans hinausjagen werde. Wenn Sie wollen, sagte sie zu dem Priester und nahm ihn beiseite, so gebe ich Ihnen das Manuskript einer Notiz, die der Großvikar diktiert hat. Es ist darin von Ihnen die Rede. Es sind, wie ich glaube, abscheuliche Geschichten darin, die er in dem »Anzeiger von Plassans« veröffentlichen will. Wie ist denn dieses Schriftstück in Ihre Hände gekommen? fragte der Abbé. Ich habe es, und das genügt, erwiderte sie, ohne sich aus der Fassung bringen zu lassen. Dann lächelte sie. Ich habe es gefunden, fuhr sie fort. Und ich erinnere mich jetzt, daß über einer durchgestrichenen Stelle zwei oder drei Worte von der Hand des Großvikars selbst geschrieben stehen ... Ich vertraue alles Ihrer Ehre an, nicht wahr? Wir sind anständige Leute und wollen nicht kompromittiert sein. Bevor sie ihm das Schriftstück brachte, heuchelte sie drei Tage lang Gewissensbisse. Frau von Condamin mußte ihr besonders schwören, daß die Pensionierung des Herrn Rastoil demnächst verlangt werde, so daß ihr Gatte endlich die Präsidentschaft antreten könne. Dann lieferte sie das Papier aus. Der Abbé Faujas wollte es nicht behalten; er brachte es Frau Rougon und beauftragte sie, davon Gebrauch zu machen und sich ganz abseits zu halten, wenn der Großvikar sich nur im geringsten in die Wahlen mischen sollte. Frau von Condamin ließ auch Maffre gegenüber durchblicken, der Kaiser gedenke, ihn zu dekorieren, und versprach dem Doktor Porquier, daß sich für seinen leichtsinnigen Sohn wohl eine Stelle finden lasse. Besonders war sie von großer Zuvorkommenheit bei den intimen Zusammenkünften am Nachmittag in den Gärten. Der Sommer neigte sich seinem Ende zu; sie erschien in leichter Toilette, um, trotzdem sie ein wenig fröstelte und einen Schnupfen riskierte, ihre nackten Arme zu zeigen und die letzten Bedenken der Gesellschaft Rastoil zu beseitigen. So wurde tatsächlich die Wahl in der Laube Mourets entschieden. Nun, Herr Unterpräfekt, sagte der Abbé Faujas eines Tages lächelnd, als die beiden Gesellschaften beisammen waren, die große Schlacht naht. In eingeweihten Kreisen lachte man über die politischen Kämpfe. Man drückte sich hinter den Häusern, in den Gärten die Hände, während man vor ihnen sich gegenseitig auffressen wollte. Frau von Condamin warf einen lebhaften Blick auf Herrn Péqueur des Saulaies, der sich mit seiner gewohnten tadellosen Haltung verbeugte und in einem Zuge sagte: Ich werde unter meinem Zelte bleiben, Herr Pfarrer. Ich habe mich glücklich geschätzt, Se. Exzellenz wissen zu lassen, daß die Regierung im unmittelbaren Interesse Plassans sich jeden Einflusses enthalten müsse. Es wird kein Regierungskandidat aufgestellt. Herr von Bourdeu wurde bleich. Seine Augenlider senkten sich, seine Hände zitterten vor Freude. Kein offizieller Kandidat? wiederholte Herr Rastoil, durch diese unerwartete Nachricht sehr erregt und trat danach aus seiner Zurückhaltung heraus, in der er sich bis dahin gehalten hatte. Nein, versetzte Herr Péqueur des Saulaies, die Stadt zählt genug ehrenhafte Männer und ist mündig, um sich selbst ihren Vertreter zu wählen. Er neigte sich leicht nach Herrn von Bourdeu hinüber, der sich erhob und stammelte: Ohne Zweifel, ohne Zweifel. Unterdessen hatte der Abbé Surin ein Spiel »Es brennt!« begonnen. Die Fräulein Rastoil, die jungen Maffre und Severin waren gerade daran, »die Fackel« zu suchen, nämlich das zu einem Knäuel zusammengerollte Taschentuch des Abbé, das er eben versteckt hatte. Die jungen Leute liefen um die Gruppe der ernsten Personen herum, während der Priester mit seiner Fistelstimme rief: Es brennt! Es brennt! Angelika fand die Fackel in der gähnenden Tasche des Doktor Porquier, wohin der Abbé Surin sie geschickt praktiziert hatte. Man lachte sehr, man sah die Wahl dieses Versteckes als einen sehr geistreichen Scherz an. Bourdeu hat jetzt Aussichten, sagte Herr Rastoil und nahm den Abbé Faujas beiseite. Das ist sehr ärgerlich. Ich kann es ihm nicht sagen, aber wir stimmen nicht für ihn; er ist als Orleanist zu sehr kompromittiert. Sehen Sie doch Ihren Sohn Severin, rief Frau von Condamin aus und unterbrach das Gespräch. Welch großes Kind! Er hat das Sacktuch unter den Hut des Abbé Bourrette gesteckt. Dann sagte sie leise: Richtig, ich beglückwünsche Sie, Herr Rastoil. Ich habe einen Brief aus Paris erhalten, in dem man mir anzeigt, daß man den Namen Ihres Sohnes auf einer Liste des Justizministers gesehen habe; er wird, glaube ich, zum Vertreter in Faverolles ernannt. Der Präsident verneigte sich errötend. Das Ministerium hatte ihm die Wahl des Marquis von Lagrifoul niemals verziehen. Seit der Zeit hatte er wie durch ein verhängnisvolles Geschick weder seinen Sohn unterbringen, noch seine Töchter verheiraten können. Er klagte nicht darüber, aber der bittere Zug um seine Lippen sagte genug. Ich bemerkte also, fuhr er fort, um seine Bewegung zu verbergen, daß Bourdeu gefährlich ist; andererseits ist er nicht von Plassans und kennt nicht unsere Bedürfnisse. Ebenso gut könnte man den Marquis wiederwählen. Wenn Herr von Bourdeu seine Kandidatur aufrechterhält, erklärte der Abbé Faujas, werden die Republikaner eine stattliche Minderheit zusammenbringen, was noch abscheulicher wäre. Frau von Condamin lächelte. Sie behauptete, von der Politik nichts zu verstehen und entfernte sich, während der Abbé den Präsidenten in die Laube führte, wo er die Unterhaltung mit leiser Stimme fortsetzte. Als sie langsam zurückkamen, erwiderte Herr Rastoil: Sie haben recht, das wäre ein passender Kandidat; er gehört keiner Partei an, und es ließe sich auf seinen Namen eine Einigung erzielen ... Ich kann das Kaiserreich ebensowenig leiden wie Sie, nicht wahr? Aber es wird schließlich kindisch, in die Kammer Abgeordnete zu schicken, die nur das Mandat zum Ärgern der Regierung haben. Plassans leidet darunter; es braucht einen Geschäftsmann, einen Sohn der Gegend, der fähig ist, die Interessen seiner Heimat wahrzunehmen. Es brennt! Es brennt! rief die Flötenstimme Aureliens. Der Abbé Surin, der die Schar anführte, schritt prüfend durch die Laube. Kalt! Kalt! rief jetzt das Fräulein voll Freude über sein vergebliches Suchen. Doch einer der Söhne Maffres hatte einen Blumentopf aufgehoben und fand das zusammengefaltete Taschentuch darunter. Die lange Aurelia hätte sich das Taschentuch in den Mund stecken können, sagte Frau Paloque; dort hat es Platz, und niemand hätte es dort gesucht. Ihr Gatte hieß sie mit einem wütenden Blicke schweigen. Er duldete von ihr nicht das geringste bittere Wort mehr. Da er fürchtete, daß Frau von Condamin es gehört habe, sagte er leise: Welch schöne Jugend! Lieber Herr, sagte der Forstinspektor zu Herrn von Bourdeu, Ihr Erfolg ist sicher; nur seien Sie vorsichtig, wenn Sie in Paris sind. Ich weiß aus guter Quelle, daß die Regierung zu einem Gewaltstreich entschlossen ist, wenn die Opposition ihr Hindernisse in den Weg legen sollte. Der ehemalige Präfekt sah ihn unruhig an und fragte sich, ob er sich über ihn lustig mache. Herr Péqueur des Saulaies lächelte nur, während er seinen Schnurrbart strich. Dann wurde die Unterhaltung allgemein und Herr von Bourdeu glaubte zu bemerken, daß alle ihn zu seinem nahen Triumphe mit taktvoller Zurückhaltung beglückwünschten. Er genoß eine Stunde köstlicher Volkstümlichkeit. Es ist erstaunlich, wie der Wein in der Sonne schneller reift, bemerkte der Abbé Bourrette, der sich nicht von seinem Stuhle gerührt hatte und auf die Laube sah. Im Norden, erklärte Doktor Porquier, wird der Wein oft nur reif, wenn man die Trauben von den umgebenden Blättern befreit. Es entstand darüber ein Streit, als Severin ausrief: Es brennt! Es brennt! Aber er hatte das Taschentuch so einfältig hinter die Tür des Gartens aufgehängt, daß der Abbé Surin es sofort fand. Als letzterer es versteckt hatte, suchte die Schar fast eine halbe Stunde nutzlos in dem Garten umher. Alle Mühe war vergeblich. Dann zeigte ihnen der Abbé das Taschentuch in der Mitte eines Beetes, wo es so geschickt zusammengerollt lag, daß es einem weißen Steine glich. Das war der schönste Augenblick an diesem Nachmittag. Die Nachricht, daß die Regierung darauf verzichte, einen Kandidaten zu unterstützen, durchlief die Stadt und brachte eine große Aufregung hervor. Die Zurückhaltung hatte zur Folge, daß die verschiedenen politischen Parteien, die auf eine Stimmenzersplitterung infolge einer offiziellen Kandidatur rechneten, um den Sieg davonzutragen, in Unruhe gerieten. Der Marquis von Lagrifoul, Herr von Bourdeu, der Hutmacher Maurin schienen fast, zu drei gleichen Teilen die Stimmen auf sich zu vereinigen; es werde gewiß zur Stichwahl kommen, und Gott weiß, wer aus der zweiten Wahl hervorgehen werde. In Wahrheit sprach man von einem vierten Kandidaten, dessen Namen niemand genau anzugeben wußte, einem Mann von gutem Willen, der vielleicht einwillige, alle unter einen Hut zu bringen. Die Wähler von Plassans, die sich fürchteten, seitdem ihnen der Strick um den Hals lag, verlangten nichts Besseres, als über die Wahl eines Kandidaten, der allen Parteien angenehm sei, sich zu verständigen. Die Regierung hat unrecht, uns wie ungeratene Kinder zu behandeln, sagten die schlauen Politiker des Handelsklubs ärgerlich. Man möchte glauben, die Stadt sei ein Revolutionsherd. Wenn die Verwaltung das Geschick gehabt hätte, einen möglichen Kandidaten aufzustellen, so würden wir alle für ihn gestimmt haben. Der Unterpräfekt hat von einer Lehre gesprochen. Wir nehmen die Lehre nicht an. Wir wissen unseren Kandidaten selbst zu finden und zeigen ihnen, daß Plassans eine vernünftige und wahrhaft freie Stadt ist. Und man suchte. Aber die Namen, die von Freunden oder Interessierten genannt wurden, verdoppelten nur die Verwirrung. Plassans hatte in einer Woche mehr als zwanzig Kandidaten. Frau Rougon wurde unruhig und eilte, da sie sich nicht mehr auskannte, zu dem Abbé Faujas, wütend über den Unterpräfekten. Péqueur sei ein Esel, ein Schönling, ein dummer Mensch, nur dazu gut, einen offiziellen Salon zu zieren; er habe schon die Regierung schlagen lassen und schädige sie vollends durch eine Haltung lächerlicher Gleichgültigkeit. Beruhigen Sie sich, sagte der Priester lächelnd; diesmal begnügt sich Herr Péqueur des Saulaies damit, daß er gehorcht ... Der Sieg ist sicher. Ja, aber Sie haben keinen Kandidaten! rief sie aus. Wo ist Ihr Kandidat? Hierauf entwickelte er seinen Plan. Sie billigte ihn als einsichtige Frau, nahm aber den Namen, den er ihr vertraute, mit der größten Überraschung entgegen. Wie! sagte sie, den haben Sie gewählt? ... Ich versichere Ihnen, niemand denkt an ihn. Das glaube ich, fuhr der Priester lächelnd fort. Aber wir brauchen einen Kandidaten, an den niemand dachte, so daß ihn jedermann annehmen kann, ohne sich für kompromittiert zu halten. Dann fuhr er fort mit der Hingebung eines klugen Mannes, der sein Benehmen zu erklären einwilligt: Ich habe Ihnen sehr zu danken, Sie haben mich vor sehr vielen Fehlern bewahrt. Ich schaute auf das Ziel und bemerkte nicht die ausgespannten Fäden, die vielleicht genügt hätten, mir die Glieder zu brechen. Gott sei Dank! Dieser ganze kindische Krieg ist beendet; ich kann mich wieder frei bewegen ... Meine Wahl ist gut, seien Sie überzeugt. Seit dem Tage meiner Ankunft in Plassans habe ich einen Mann gesucht und nur diesen gefunden. Er ist geschmeidig, sehr tüchtig und sehr tätig; er hat bisher mit jedem auszukommen gewußt, was gewiß nicht von einem gewöhnlichen Ehrgeize zeugt. Ich weiß, daß Sie nicht zu seinen Freundinnen gehören, deshalb habe ich Sie nicht in das Vertrauen gezogen. Aber Sie tun unrecht, Sie sollen sehen, daß er seinen Weg macht, wenn er erst den Fuß im Steigbügel hat; er stirbt im Frack eines Senators ... Für ihn entschieden haben mich die Geschichten, die man mir von seinem Vermögen erzählt hat. Er hat dreimal seine Frau, die er auf frischer Tat erwischt hatte, wieder zu sich genommen, nachdem er sich jedesmal von seinem Schwiegervater hat hunderttausend Franken auszahlen lassen. Wenn er wirklich auf solche Weise sich Geld gemacht hat, ist er ein Schlaukopf, der in Paris für gewisse Geschäfte sehr nützlich sein kann ... Sie sollen lange suchen! Wenn Sie ihn beiseitestellen, bleiben nur Dummköpfe in Plassans. Dann machen Sie also der Regierung ein Geschenk, erwiderte Felicité lachend. Sie ließ sich überzeugen. Am nächsten Tage ging der Name Delangre von einem Ende der Stadt zum anderen. Freunde hätten, sagte man, mit Gewalt ihn dazu bestimmt, die Kandidatur anzunehmen. Er habe sich lange geweigert, weil er sich für unwürdig hielt und wiederholt erklärte, daß er kein Politiker sei, daß vielmehr die Herren Lagrifoul oder von Bourdeu eine lange Erfahrung im Staatsdienste für sich hätten. Da man ihm versicherte, daß Plassans gerade einen Abgeordneten brauche, der über den Parteien stehe, habe er sich bestimmen lassen und ein sehr klares, politisches Glaubensbekenntnis abgelegt. Es sei natürlich selbstverständlich, daß er nicht in die Kammer gehe, um die Regierung zu ärgern, noch auch um durch dick und dünn mit ihr zu gehen; daß er sich nur als der Vertreter der Interessen der Stadt betrachte; er werde übrigens immer für die Freiheit in der Ordnung und für die Ordnung in der Freiheit stimmen; endlich bleibe er Bürgermeister von Plassans, um zu zeigen, daß es eine völlig versöhnliche, durchaus administrative Rolle sei, die er übernehme. Solche Worte schienen besonders klug. Die schlauen Politiker des Handelsklubs wiederholten noch an demselben Abend um die Wette: Ich habe es immer gesagt, Delangre ist der Mann, den wir brauchen ... Ich bin neugierig, was der Unterpräfekt antworten kann, wenn der Name des Bürgermeisters aus der Urne hervorgeht. Man soll uns nicht beschuldigen, daß wir als trotzige Schüler gestimmt haben; auch soll man uns nicht vorwerfen, daß wir uns vor der Regierung auf die Knie geworfen haben. Wenn das Kaiserreich einige solche Lehren erhielte, würden die Sachen besser stehen. Es war wie ein Lauffeuer. Die Mine war bereit, ein Funke hatte genügt. Auf einmal wurde in allen Teilen der drei Stadtviertel, in jedem Hause, in jeder Familie der Name des Herrn Delangre bis in den Himmel gelobt. Er war der ersehnte Messias, der Retter, am vorhergehenden Tage unbekannt, am Morgen entdeckt und am Abend angebetet. In den Sakristeien, in den Beichtstühlen wurde der Name des Herrn Delangre gestammelt; er widerhallte im Echo der Kirchenschiffe, ertönte von den Kanzeln der Kirchen im Weichbilde der Stadt, ging wie ein Sakrament von Ohr zu Ohr und verbreitete sich bis in die letzten frommen Häuser. Die Priester trugen ihn in den Falten ihres Talars; der Abbé Bourrette lieh ihm die achtenswerte Behäbigkeit seines Bauches; der Abbé Surin die Huld seines Lächelns, der Bischof Rousselot den ganzen weiblichen Reiz seines Hirtensegens. Die feinen Damen ermüdeten nicht, von Herrn Delangre zu sprechen; sie fanden an ihm einen so schönen Charakter, ein so feines, so geistreiches Gesicht! Frau Rastoil errötete noch immer; Frau Paloque war in ihrer Begeisterung fast schön; Frau von Condamin hätte sich auf Fächer für ihn geschlagen, sie gewann ihm die Herzen durch die Art und Weise, wie sie zärtlich den Wählern die Hand drückte, die ihm ihre Stimmen versprachen. Endlich gewann sich Herr Delangre den Jugendklub, indem Severin ihn als Helden hinstellte, während Wilhelm und die jungen Maffre ihm die Teilnahme in den übel beleumdeten Stätten des Ortes eroberten. Das erstreckte sich bis auf die jungen Gassenmädchen der Anstalt der heiligen Jungfrau, die in den Gäßchen der Schanzen mit den Gerberlehrlingen des Viertels würfelten, wobei sie die Verdienste des Herrn Delangre feierten. Am Tage der Wahl war die Mehrheit vernichtend. Die ganze Stadt war mitschuldig. Der Marquis von Lagrifoul und Herr von Bourdeu waren wütend und schrien: Verrat! Sie hatten ihre Kandidaturen zurückgezogen. Herr Delangre stand daher allein dem Hutmacher Maurin gegenüber. Letzterer erhielt die eintausendfünfhundert Stimmen der unversöhnlichen Republikaner der Vorstadt. Der Bürgermeister hatte für sich die Landgemeinden, die bonapartistische Kolonie, die klerikal gesinnten Bürger der Neustadt, die feigen Krämer der Altstadt und sogar einige einfältige Royalisten des Sankt-Markus-Viertels, dessen adlige Bewohner sich der Wahl enthalten hatten. Er erhielt auf diese Weise dreiunddreißigtausend Stimmen. Die Sache verlief so glatt, der errungene Erfolg war so vollständig, daß am Abend der Wahl Plassans ganz überrascht war, einen so einhelligen Willen gehabt zu haben. Die Stadt glaubte, daß sie soeben einen heldenmütigen Traum erlebt, daß eine mächtige Hand aus dem Boden diese dreiunddreißigtausend Wähler herausgestampft habe, dieses schier erschreckende Heer, dessen Wucht bisher niemand geahnt hatte. Die Politiker des Handelsklubs sahen sich bestürzt an wie Menschen, die der Sieg verwirrt. Am Abende vereinigte sich die Gesellschaft des Herrn Rastoil mit der des Herrn Péqueur des Saulaies, um sich verschwiegen in einem kleinen Salon der Unterpräfektur, der auf die Gärten hinausging, zu unterhalten. Man trank Tee. Der große Triumph des Tages machte die Verschmelzung der beiden Gruppen zu einer vollständigen. Alle Stammgäste waren anwesend. Ich habe mich keiner Regierung grundsätzlich entgegengestellt, erklärte schließlich Herr Rastoil, indem er kleines Backwerk annahm, daß ihm Herr Péqueur des Saulaies reichte. Der Richterstand soll sich nicht in politische Kämpfe mischen. Ich gestehe sogar gern, daß das Kaiserreich schon Großes geleistet hat und zu noch Größerem berufen ist, wenn es auf dem Wege der Gerechtigkeit und der Freiheit ausharrt. Der Unterpräfekt verneigte sich, als seien diese Lobreden an ihn persönlich gerichtet. Den Tag vorher hatte Herr Rastoil in dem »Moniteur« die Ernennung seines Sohnes Severin zum Vertreter zu Faverolles gelesen. Man sprach auch viel von einer Heirat zwischen Lucien Delangre und dem älteren Fräulein Rastoil. Ja, es ist eine abgemachte Sache, sagte Herr von Condamin ganz leise zu Frau Ploque, die ihn soeben danach gefragt hatte. Er hat Angeline gewählt. Ich glaube, er hätte Aurelia vorgezogen. Aber man hat ihm begreiflich gemacht, daß man nicht die Jüngere vor der Älteren verheiraten könne. Angeline, wissen Sie das bestimmt? murmelte boshaft Frau Paloque; ich glaubte, daß Angeline eine Ähnlichkeit habe mit ... Der Forstinspektor legte lächelnd einen Finger an seine Lippen. Schließlich versucht man's auf gut Glück, nicht wahr? fuhr sie fort. Die Bande zwischen den beiden Familien werden dadurch um so fester ... Man steht jetzt auf gutem Fuße. Paloque erwartet das Kreuz der Ehrenlegion. Es nimmt alles ein gutes Ende. Herr Delangre kam sehr spät. Man bereitete ihm eine wirkliche Siegesfeier. Frau von Condamin hatte dem Doktor Porquier soeben mitgeteilt, daß sein Sohn zum Postsekretär ernannt sei. Sie teilte überallhin gute Nachrichten aus: Sie sagte, der Abbé Bourrette werde im nächsten Jahre Großvikar des Bischofs sein, gab dem Abbé Surin einen Bischofsstuhl vor dem vierzigsten Lebensjahre und verlieh Herrn Maffre das Kreuz der Ehrenlegion. Dieser arme Bourdeu, sagte Herr Rastoil mit einem letzten Bedauern. Er ist nicht zu beklagen, rief sie lustig aus. Ich nehme es auf mich, ihn zu trösten. Die Kammer war nicht seine Sache. Ihm tut eine Präfektur not ... Sagen Sie ihm, daß man schließlich für ihn eine Präfektur findet. Die Fröhlichkeit steigerte sich. Die liebenswürdige Laune der schönen Octavia, die Sorgfalt, mit der sie jedermann zufrieden stellte, entzückten die Gesellschaft. Sie spielte tatsächlich die Rolle der Herrin. Sie gab scherzend dem Herrn Delangre die praktischsten Ratschläge über die Stellung, die er im gesetzgebenden Körper einnehmen solle. Sie nahm ihn beiseite und bot ihm an, ihn bei einflußreichen Personen einzuführen, was er mit Dank annahm. Gegen elf Uhr sprach Herr von Condamin davon, den Garten zu illuminieren. Aber sie dämpfte die Begeisterung der Herren, indem sie sagte, daß es sich nicht schicke, weil es den Anschein habe, als wolle man sich über die Stadt lustig machen. Und der Abbé Fenil? fragte sie plötzlich den Abbé Faujas, den sie in eine Fensternische führte. Ich denke jetzt an ihn ... Er hat sich also nicht gerührt? Der Abbé Fenil ist ein kluger Mann, erwiderte der Priester mit einem feinen Lächeln. Man hat ihm zu verstehen gegeben, daß es von ihm unrecht sei, sich künftighin mit Politik zu beschäftigen. Der Abbé Faujas blieb inmitten der Siegesfreude ernst. Er war rauh in seinem Siege. Das Geplauder der Frau von Condamin ermüdete ihn; die Zufriedenheit dieser gewöhnlichen Ehrgeizigen erfüllte ihn mit Verachtung. Er stand an den Kamin gelehnt und schien zu träumen, die Augen irrten in die Ferne. Er war der Herr; er brauchte sich nicht mehr zu verstellen; er konnte die Hand ausstrecken, die Stadt fassen und sie erzittern lassen. Dieses stolze, unheimliche Gesicht erfüllte den Salon. Allmählich wurden die Sessel näher gerückt, man bildete einen Kreis um ihn. Die Männer warteten, bis er ein Wort der Befriedigung ausspreche, die Frauen flehten ihn mit Blicken untergebener Sklavinnen an. Aber er durchbrach schroff den Kreis und ging als erster fort, indem er sich kurz verabschiedete. Als er in das Haus der Mourets durch die Sackgasse Coevillottes und den Garten kam, traf er Martha allein in dem Speisezimmer, die nachdenklich und blaß auf einem Stuhle an der Wand saß und mit starrem Äuge in die verlöschende Lampe sah. Oben hatte Trouche Gäste und sang einen Gassenhauer, den Olympia und die übrigen mit den Messergriffen an die Gläser schlagend begleiteten. Zwanzigstes Kapitel. Der Abbé Faujas legte seine Hand auf die Schulter Marthas. Was machen Sie da? fragte er. Warum haben Sie sich nicht schlafen gelegt? ... Ich hatte Ihnen verboten, auf mich zu warten. Sie erwachte wie aufgeschreckt. Ich glaubte, stotterte sie, daß Sie früher heimkommen würden. Ich bin eingeschlafen ... Rosa hat Tee kochen müssen. Aber der Priester rief die Köchin und schalt sie, weil sie nicht ihre Herrin genötigt habe, zu Bett zu gehen. Er sprach zu ihr in gebietendem Tone und duldete keine Erwiderung. Rosa, sagte Martha, geben Sie dem Herrn Pfarrer den Tee. Ich brauche keinen Tee, rief er ärgerlich. Gehen Sie sofort schlafen! Es ist lächerlich. Ich bin nicht mehr mein eigener Herr ... Rosa, leuchten Sie mir! Die Köchin begleitete ihn bis zum Fuße der Treppe. Herr Pfarrer wissen wohl, daß es nicht meine Schuld ist, sagte sie. Die gnädige Frau ist sehr launenhaft. So krank sie ist, kann sie nicht eine Stunde in ihrem Zimmer bleiben. Sie muß hin und her gehen, bis sie außer Atem kommt, sich drehen und wenden, rein nur zum Vergnügen, ohne etwas zu machen ... Sehen Sie, ich leide zumeist darunter; sie ist mir immer im Wege ... Wenn sie auf einen Stuhl sinkt, ist es für lange Zeit. Sie bleibt dort ruhig, starrt mit erschreckender Miene vor sich hin, als ob sie fürchterliche Dinge sehe ... Ich habe es ihr heute abend mehr denn zehnmal gesagt, Sie würden ärgerlich sein, wenn sie nicht hinaufgeht. Sie hat nicht einmal getan, als wenn sie mich hörte. Der Priester ging hinauf, ohne zu antworten. Oben vor dem Zimmer der Trouche streckte er den Arm aus, als wolle er mit der Faust an die Türe schlagen. Aber das Singen hatte aufgehört; er entnahm aus dem Stühlerücken, daß die Gäste sich anschickten fortzugehen; er ging daher schnell in sein Zimmer. Trouche ging wirklich fast gleich nachher mit zwei Freunden hinunter, die er unter den Tischen eines berüchtigten Kaffeehauses aufgelesen hatte; er rief auf der Treppe, daß er Anstand kenne und sie nach Hause begleite. Olympia neigte sich über das Geländer hinab. Sie können zuriegeln, sagte sie zu Rosa. Er kommt doch erst morgen früh nach Hause. Rosa, der sie die schlechte Aufführung ihres Mannes nicht hatte verbergen können, bedauerte sie sehr. Sie riegelte zu und brummte: Heiratet nur! Entweder prügeln euch die Männer oder sie treiben sich herum. Da ist es mir doch lieber, ledig zu bleiben. Als sie zurückkam, fand sie ihre Herrin wieder auf dem Stuhle, in eine Art schmerzlicher Starrheit versunken, die Blicke auf die Lampe gerichtet. Sie rüttelte sie und hieß sie, sich niederlegen. Martha fürchtete sich jetzt sehr. In der Nacht, sagte sie, sehe sie große Lichter an den Wänden ihres Zimmers und höre heftige Schläge am Kopfende des Bettes. Jetzt schlief Rosa neben ihr in einem Kabinett und eilte bei dem geringsten Stöhnen herbei, um sie zu beruhigen. Diese Nacht entkleidete sie sich noch, als sie Martha röcheln hörte; sie fand sie inmitten der zerrissenen Decken liegen mit schreckensstarren Augen, die Hände auf den Mund gedrückt, um nicht zu schreien. Sie mußte ihr wie einem Kinde zureden, die Vorhänge auseinander tun, unter die Möbel schauen und ihr versichern, daß sie sich getäuscht habe, daß niemand da sei. Diese Furchtanfälle endeten mit einem Starrkrämpfe; sie lag dann wie tot da mit dem Kopfe auf den Kissen und offenen Augen. Der gnädige Herr quält sie, sagte die Köchin leise, als sie sich endlich zu Bette begab. Am nächsten Tage kam Doktor Porquier, der zweimal die Woche sie besuchte. Er schlug freundschaftlich auf ihre Hände und sagte ihr in seiner liebenswürdigen Redeweise: Liebe Frau, es ist nichts ... Sie husten noch immer ein wenig, nicht wahr? Ein vernachlässigter Schnupfen, nichts weiter; wir kurieren ihn mit einem Säftchen. Dann beklagte sie sich über unerträgliche Schmerzen im Rücken und in der Brust, ohne einen Blick von ihm zu wenden und suchte auf seinem Gesichte, auf seiner ganzen Person, was er nicht sagte. Ich fürchte mich, wahnsinnig zu werden, bemerkte sie mit einem Seufzer. Er beruhigte sie lächelnd. Der Anblick des Doktors verursachte ihr immer eine große Angst; sie fürchtete sich vor dem höflichen, freundlichen Manne. Oft verbot sie Rosa, ihn einzulassen; sie erklärte, sie sei nicht krank, sie habe es nicht notwendig, immerfort einen Arzt um sich zu haben. Rosa zuckte mit den Achseln und führte den Doktor doch hinein. Übrigens sprach er schließlich von ihrem Leiden gar nicht mehr und schien einfache Anstandsbesuche zu machen. Beim Fortgehen begegnete er dem Abbé Faujas, der sich nach der Kirche Saint-Saturnin begab. Als ihn der Priester über den Zustand der Frau Mouret befragte, erwiderte er ernst: Die Wissenschaft ist manchmal ohnmächtig; aber die Vorsehung bleibt in ihrer Güte unerschöpflich ... Die arme Frau ist sehr erschüttert. Ich gebe sie nicht unbedingt auf. Die Brust ist nur schwach angegriffen, und das Klima ist hier gut. Er hielt hierauf einen Vortrag über die Behandlung der Brustkranken in dem Bezirke Plassans. Er verfasse über diesen Gegenstand eine kleine Schrift, nicht um sie zu veröffentlichen, denn er sei klug genug, sich nicht auf den Gelehrten aufzuspielen, sondern um sie einigen guten Freunden vorzulesen. Das sind die Gründe, schloß er, die mich glauben lassen, daß die stets gleichmäßige Temperatur, die stärkende Luft, die guten Gewässer unserer Hügel ausgezeichnet auf die Heilung der Brustkranken wirken. Der Priester hatte ihm schweigend und ernst zugehört. Sie sind im Unrecht, erwiderte er langsam. Frau Mouret befindet sieh in Plassans sehr unwohl ... Warum schicken Sie sie über den Winter nicht nach Nizza? Nach Nizza? wiederholte der Doktor unruhig. Er sah den Priester einen Augenblick an, dann sagte er mit seiner zuvorkommenden Stimme: Sie wäre in der Tat in Nizza gut aufgehoben. In dem Zustande nervöser Überreizung, in dem sie sich befindet, würde ein Wechsel des Aufenthaltes sehr gut tun. Ich werde ihr diese Reise anraten müssen ... Sie haben da einen ausgezeichneten Gedanken gehabt, Herr Pfarrer. Er grüßte und trat bei Frau von Condamin ein, deren geringste Kopfschmerzen ihm außerordentliche Sorgen bereiteten. Am folgenden Tage sprach beim Essen Martha von dem Doktor in fast heftigen Ausdrücken. Sie wollte ihn durchaus nicht mehr empfangen. Er macht mich erst krank, sagte sie. Heute hat er mir gar geraten, eine Reise zu unternehmen. Ich billige es vollkommen, erklärte der Abbé Faujas, und faltete seine Serviette zusammen. Sie sah ihn starr und ganz blaß an und murmelte leise: So schicken auch Sie mich von Plassans fort? Aber ich sterbe in einem unbekannten Lande, fern von meinen Gewohnheiten, fern von denen, die ich liebe! Der Priester war aufgestanden, um das Speisezimmer zu verlassen. Er näherte sich ihr und erwiderte lächelnd: Ihre Freunde wünschen nur Ihre Gesundheit. Warum lehnen Sie sich auf? Nein, ich will nicht, ich will nicht! rief sie, indem sie zurückwich. Es war ein kurzer Kampf. Das Blut war dem Abbe ins Gesicht gestiegen; er hatte die Arme gekreuzt, wie um der Versuchung zu widerstehen, sie zu schlagen. Sie lehnte an der Mauer in voller Verzweiflung über ihre Schwäche. Dann streckte sie besiegt die Hände aus und stöhnte: Ich flehe Sie an, lassen Sie mich hier ... Ich werde Ihnen gehorchen. Da sie in Schluchzen ausbrach, ging er achselzuckend hinaus wie ein Gatte, der die Tränen fürchtet. Frau Faujas, die ruhig ihr Essen beendete, hatte diesem Auftritte mit vollem Munde beigewohnt. Sie ließ Martha ruhig weinen. Sie sind nicht bei Vernunft, mein liebes Kind, sagte sie endlich, indem sie noch einmal Eingemachtes nahm. Sie machen sich schließlich bei Ovid verhaßt. Sie wissen ihn nicht zu gewinnen ... Warum weigern Sie sich zu reisen, wenn es Ihnen wohltun muß? Wir hüten Ihr Haus. Sie finden alles an seinem Platze wieder. Martha weinte noch immer und schien nicht zu hören. Ovid hat so viele Sorgen, fuhr die alte Frau fort. Wissen Sie, daß er oft bis vier Uhr früh arbeitet ... Wenn Sie in der Nacht husten, regt ihn das auf und bringt seine Gedanken aus dem Geleise. Er kann nicht mehr arbeiten, er leidet mehr als Sie ... Tun Sie es um Ovids willen, mein liebes Kind. Gehen Sie fort und kommen Sie gesund wieder. Doch Martha erhob ihr tränengerötetes Gesicht und rief in verzweifeltem Schmerze aus: Ach, der Himmel lügt! Die folgenden Tage wurde nicht mehr von der Reise nach Nizza gesprochen. Frau Mouret geriet bei der geringsten Anspielung in Zorn. Sie weigerte sich mit verzweifelter Kraft, Plassans zu verlassen, so daß der Priester selbst die Gefahr einsah, auf diesem Plane zu bestehen. Sie begann ihm ein arges Hindernis in seinem Triumphe zu werden. Wie Trouche höhnisch sagte, hätte man sie zuerst ins Irrenhaus schicken sollen. Seit der Entfernung Mourets gab sie sich den strengsten religiösen Übungen hin, vermied es, den Namen ihres Gatten auszusprechen, und wollte in dem Gebete ihr ganzes Wesen auflösen. Aber sie blieb, wenn sie aus der Kirche Saint-Saturnin kam, in Unruhe und fühlte ein noch größeres Bedürfnis nach Vergessenheit. Die Hausfrau verdreht ordentlich die Augen, erzählte jeden Abend Olympia ihrem Gatten. Heute habe ich sie in die Kirche begleitet; ich habe sie von der Erde aufheben müssen ... Du würdest lachen, wenn ich dir alles erzählen wollte, was sie gegen Ovid schimpft; sie ist wütend, sie sagt, daß er kein Herz habe, daß er sie getäuscht habe, indem er ihr eine Menge Tröstungen versprochen. Und erst gegen den lieben Gott! Man muß sie hören! Nur eine Betschwester kann so schlecht von der Religion sprechen. Man möchte glauben, der hebe Gott habe sie um eine große Summe Geldes betrogen. Soll ich es dir sagen? Ich glaube, ihr Gatte kommt alle Nacht und zerrt sie an den Beinen. Trouche hatte eine Freude an allen diesen Geschichten. Um so schlimmer für sie, erwiderte er. Wenn dieser Possenreißer von einem Mouret unschädlich gemacht ist, so hat sie es gewollt. Ich wüßte schon an Stelle Fauja's die Sachen einzurichten; ich würde sie zufrieden und geschmeidig wie ein Lamm machen. Aber Faujas ist dumm; er wird seine Haut dabei einbüßen, sollst du sehen ... Dein Bruder ist gegen uns nicht so gut, daß man ihm aus der Verlegenheit helfen soll. Ich werde lachen an dem Tage, wo die Hausfrau ihn untertaucht. Zum Teufel, wenn man so geschaffen ist wie er, läßt man die Weiber aus dem Spiel. Ja, Ovid verachtet uns sehr, murmelte Olympia. Dann fuhr Trouche mit leiser Stimme fort: Wenn die Hausfrau sich eines Tages mit deinem dummen Bruder in einen Brunnen stürzt, sind wir die Herren; das Haus gehört dann uns. Es wäre ein fetter Brocken, und alle Not hat dann ein Ende. Übrigens hatten die Trouche seit der Entfernung Mourets sich des Erdgeschosses bemächtigt. Olympia hatte sich zuerst darüber beklagt, daß die Kamine oben rauchten; dann hatte sie Madame Mouret überredet, daß der Salon, der bisher fast verlassen war, das gesündeste Zimmer des Hauses sei. Rosa hatte den Befehl erhalten, dort ein großes Feuer zu unterhalten, und die beiden Frauen brachten dort vor den großen brennenden Holzstößen in endlosem Geplauder die Tage zu. Einer der liebsten Träume Olympias war es, so zu leben, schön gekleidet auf einem Kanapee liegend, umgeben von dem Luxus eines schönen Zimmers. Sie bestimmte Martha, den Salon neu tapezieren zu lassen, Möbel und einen Teppich anzuschaffen. Dann war sie die gnädige Frau. Sie ging in Pantoffeln und Schlafrock hinunter und redete, als sei sie die Hausfrau. Die arme Frau Mouret, sagte sie, hat soviel Verdrießlichkeiten, daß sie mich flehentlich gebeten hat, sie zu unterstützen. Ich beschäftige mich ein wenig mit ihren Angelegenheiten. Was wollen Sie? Es ist ein gutes Werk. Sie hatte in der Tat das Vertrauen Marthas zu gewinnen gewußt, die aus Lässigkeit alle kleinen Sorgen des Haushaltes ihr überließ. Sie hatte die Schlüssel des Kellers und der Schränke; außerdem bezahlte sie die Lieferanten. Lange dachte sie nach, ein Mittel zu finden, wie sie sich auch des Speisezimmers bemächtigen könne. Aber Trouche riet ihr davon ab; sie würden nicht mehr so frei und nach ihrem Belieben essen und trinken können; sie könnten es kaum mehr wagen, reinen Wein zu trinken noch einen Freund zum Kaffee einzuladen. Doch versprach Olympia ihrem Manne, ihm seinen Anteil an dem Nachtisch hinaufzubringen. Sie füllte sich die Taschen mit Zucker und nahm sogar Kerzenstümpfe mit hinauf. Zu diesem Zweck hatte sie sich große Leinwandtaschen genäht, die sie unter ihrem Rocke befestigte, und zu deren Entleerung sie jeden Tag eine gute Viertelstunde brauchte. Siehst du, das ist eine Birne für den Durst, sagte sie leise, indem sie die Vorräte durcheinander in einen Koffer tat, den sie unter das Bett schob. Wenn wir uns mit der Hausfrau überwerfen, haben wir genug für einige Zeit. Ich muß auch Töpfe Eingemachtes und Pökelfleisch heraufschaffen. Du bist zu gut, daß du noch Heimlichkeiten machst, erwiderte Trouche. An deiner Stelle würde ich mir alles durch Rosa heraufbringen lassen; du bist die Herrin. Er selbst hatte sich des Gartens bemächtigt. Schon lange hatte er Mouret beneidet, wenn er ihn sah, wie er die Bäume beschnitt, die Alleen mit Sand bestreute und den Salat begoß; er wiegte sich in dem Traum, auch einen Winkel Erde zu besitzen, wo er nach Herzenslust graben und pflanzen könne. Als Mouret nicht mehr da war, machte er sich über den Garten her mit seinen Plänen zu vollständigem Umsturz. Er begann damit, die Gemüse zu verbannen. Er gab sich für eine zart angelegte Natur und einen Blumenfreund. Aber die Arbeit mit dem Spaten ermüdete ihn schon am zweiten Tage; es wurde ein Gärtner gerufen, der die Beete nach seinen Anordnungen umgrub, den Salat in die Düngergrube warf und den Boden für das Frühjahr vorbereitete zur Aufnahme von Päonien, Rosen, Lilien, Samen von Lerchensporn und Geisblatt, Nelken und Geranien. Da erfaßte ihn ein neuer Gedanke: Er wollte beobachtet haben, daß das düstere Aussehen der Beete von den großen dunklen Gebüschen herrühre, die sie umgaben, und überlegte lange, ob er sie nicht solle umhauen lassen. Du hast ganz recht, erklärte Olympia, die er um Rat fragte. Es sieht wie ein Friedhof aus. Ich möchte am liebsten als Einzäunung gußeiserne Zweige in Gestalt von Laubwerk haben ... Ich bestimme die Hausfrau dazu. Laß nur immerhin die Sträucher herausreißen. Das Strauchwerk wurde herausgerissen. Acht Tage später stellte der Gärtner die gußeiserne Einfriedung auf. Trouche versetzte noch mehrere Obstbäume, welche die Aussicht versperrten, ließ die Lauben hellgrün anstreichen und schmückte den Springbrunnen mit Gestein. Der Wasserfall des Herrn Rastoil stach ihm sehr ins Auge; aber er begnügte sich damit, einen Platz auszuwählen, wo er einen ähnlichen errichten könne, »wenn die Geschäfte gut gehen«. Die Nachbarn sollen Augen machen! sagte er abends zu seiner Frau. Sie sehen wohl, daß ein Mann von Geschmack jetzt da wohnt ... Wenigstens macht es sich im Sommer gut, wenn wir uns an das Fenster stellen, und wir haben eine schöne Aussicht. Martha ließ sie gewähren und billigte alle Pläne, die man ihr vorlegte; übrigens fragte man sie schließlich gar nicht mehr. Die Trouche hatte nur mehr gegen Frau Faujas zu kämpfen, die ihnen Schritt für Schritt das Haus streitig machte. Als Olympia sich des Salons bemächtigte, mußte sie der Mutter« eine regelrechte Schlacht liefern. Wenig hätte gefehlt, so hätte diese gesiegt. Der Priester vereitelte es. Deine nichtsnutzige Schwester sagt über uns die schlimmsten Sachen vor der Hausfrau, beklagte sich fortwährend Frau Faujas. Ich durchschaue sie; sie will uns verdrängen und jede Bequemlichkeit für sich haben ... Richtet sich diese Tagediebin nicht in dem Salon ein wie eine Dame! Der Priester hörte nicht zu und machte nur barsche Gebärden der Ungeduld. Eines Tages geriet er in Zorn und rief: Ich bitte dich, Mutter, laß mich in Frieden. Sprich mir nicht mehr von Olympia, noch von Trouche ... Sie sollen sich hängen lassen, wenn sie wollen. Sie nehmen das Haus in Besitz, Ovid, sie haben wahre Rattenzähne. Wenn du deinen Anteil haben willst, haben sie alles aufgezehrt ... Nur du kannst sie zurückweisen. Er sah seine Mutter lächelnd an. Mutter, sagte er leise, du liebst mich; ich verzeihe dir ... Sei versichert, ich will etwas anderes als das Haus; es gehört nicht mir, und ich behalte nur, was ich erwerbe. Du wirst erfreut sein, wenn du meinen Anteil siehst. Trouche ist mir von Nutzen gewesen. Ich muß ein wenig die Augen zudrücken. Frau Faujas mußte den Rückzug antreten. Sie tat es sehr ungern und ärgerte sich über das triumphierende Gelächter, womit Olympia sie verfolgte. Diese vollständige Uneigennützigkeit ihres Sohnes brachte sie bei ihren rohen Begierden und ihrer vorsichtigen Sparsamkeit einer Bäuerin zur Verzweiflung. Sie hätte gern das Haus leer und rein in Sicherheit bringen mögen, damit es Ovid eines Tages finde, wenn er seiner bedürfe. Die Trouche mit ihren langen Zähnen brachten sie in Verzweiflung wie einen Geizigen, der von Fremden bestohlen wird; es war ihr, als würden sie ihren Besitz aufzehren, ihr das Fleisch vom Leibe essen, sie und ihr Lieblingskind an den Bettelstab bringen. Als der Abbé ihr verboten hatte, sich dem langsamen Vordringen der Trouche entgegenzustellen, beschloß sie, wenigstens vor der Plünderung zu retten, was noch zu retten sei. So begann sie ebenfalls aus den Schränken zu stehlen wie Olympia; sie befestigte sich ebenfalls große Taschen unter den Röcken; sie hatte einen Koffer, den sie bald mit allem füllte, was sie zusammenscharren konnte, mit Vorräten, Wäsche und kleineren Sachen. Aber was versteckst du denn da, Mutter? fragte sie eines Tages der Abbé, als er, durch das Geräusch mit dem Koffer aufmerksam geworden, in das Zimmer trat. Sie stotterte. Aber er begriff und geriet in einen fürchterlichen Zorn. Welche Schande! rief er. Jetzt stiehlst du auch! Was soll denn aus dir werden, wenn man dich erwischt? Ich würde zum Gespött der Stadt. Es ist ja für dich, Ovid, sagte sie leise. Eine Diebin, meine Mutter, eine Diebin! Glaubst du vielleicht, daß ich auch stehle, daß ich hierhergekommen bin, um zu stehlen, daß es mein einziger Ehrgeiz ist, die Hände auszustrecken und zu stehlen! Mein Gott, was denkst du von mir? ... Wir müssen uns trennen, Mutter, wenn wir uns nicht mehr verstehen. Dieses Wort erfüllte die alte Frau mit Entsetzen. Sie kniete noch vor dem Koffer; blaß, dem Ersticken nahe und mit ausgestreckten Händen saß sie auf dem Boden. Als sie endlich sprechen konnte, sagte sie: Es ist für dich mein Kind, für dich allein, ich schwöre es ... Ich habe es dir gesagt, sie nehmen alles; sie trägt alles in ihren Taschen fort Du bekommst nicht ein Stück Zucker ... Nein, ich nehme nichts mehr, weil es dich kränkt; aber du behältst mich bei dir, nicht wahr? Du wirst mich bei dir behalten? Der Abbé wollte ihr nichts versprechen, solange sie nicht alles wieder an den Platz gebracht habe, von wo sie es genommen. Er selbst beaufsichtigte sie während einer Woche, wie sie heimlich alles aus dem Koffer fortschaffte, um es zurückzubringen; er sah ihr zu, wie sie die Taschen füllte, und wartete, bis sie heraufkam, um einen neuen Weg zu machen. Aus Vorsicht ließ er sie diesen Weg jeden Abend nur zweimal machen. Der alten Frau drohte bei jedem Gegenstande, den sie wieder hinuntertrug, das Herz zu brechen, Sie wagte nicht zu weinen, aber die Tränen hingen ihr an den Augenwimpern, ihre Hände zitterten ihr mehr als damals, da sie die Schränke geleert hatte. Vollends drückte es sie nieder, als sie am zweiten Abend bemerkte, ihre Tochter Olympia nehme alles, was sie zurückgab, hinter ihrem Rücken weg und bemächtige sich desselben. Die Wäsche, die Vorräte, die Kerzenstümpfe wanderten aus der einen Tasche in die andere. Ich trage nichts mehr hinunter, sagte sie zu ihrem Sohne und lehnte sich gegen diesen unvorhergesehenen Streich auf. Es ist unnütz, deine Schwester rafft alles hinter meinem Rücken zusammen. Ach, die Schurkin! Da hätte ich ihr gleich den Koffer geben können. Sie muß oben einen hübschen Schatz beisammen haben ... Ich flehe dich an, Ovid, laß mich behalten, was mir noch bleibt. Die Hausfrau hat dadurch keinen Schaden, es ist doch für sie ohnehin verloren. Meine Schwester ist, was sie ist, erwiderte der Priester ruhig; aber meine Mutter soll eine ehrliche Frau bleiben. Du nützest mir mehr, wenn du so etwas nicht mehr begehst. Sie mußte alles zurückgeben und hatte seitdem einen furchtbaren Haß auf die Trouche, Martha und das ganze Haus. Sie sagte, der Tag werde kommen, wo sie Ovid gegen alle diese Leute verteidigen müsse. Jetzt herrschten die Trouche als Gebieter. Sie vollendeten die Eroberung des Hauses und drangen in die engsten Winkel ein. Nur die Wohnung des Abbé wurde geachtet. Sie zitterten nur vor ihm; das hinderte sie aber nicht. Freunde einzuladen und Gelage zu halten, die nicht selten bis zwei Uhr früh dauerten. Wilhelm Porquier kam mit einer ganzen Schar junger Leute hin. Olympia zierte sich trotz ihrer siebenunddreißig Jahre, und mehr als ein Student rückte ihr nahe an den Leib, worüber sie als kitzlige Frau überglücklich lachte. Das Haus wurde für sie ein Paradies. Trouche höhnte und scherzte, wenn er mit ihr allein war; er behauptete, unter ihren Röcken eine Schultasche gefunden zu haben. Nun, sagte sie, ohne sich zu ärgern, unterhältst du dich nicht? ... Du weißt doch, daß wir frei sind. Dieses lustige Leben hätten die Trouche durch einen gar zu argen Streich beinahe aufs Spiel gesetzt. Eine Nonne hatte ihn in Gesellschaft der Tochter eines Gerbers, der großen, dicken Blondine, überrascht, die er seit langem mit den Augen verschlang. Die Kleine erzählte, daß sie nicht die einzige sei, daß auch andere Zuckerwerk erhalten hätten. Die Nonne, die wußte, daß Trouche mit dem Pfarrer von Saint-Saturnin verwandt war, hatte die Klugheit, von diesem Vorfalle nichts zu erzählen, bis sie letzteren gesprochen. Er dankte ihr und bemerkte, daß die Religion in erster Linie unter einem solchen Skandale leide. Die Geschichte wurde vertuscht, und die Damen hatten keinen Verdacht. Aber der Abbé Faujas hatte mit seinem Schwager eine fürchterliche Auseinandersetzung, die er in Anwesenheit Olympias herbeiführte, damit die Frau eine Waffe gegen den Gatten habe und ihn in Respekt halten könne. Seit jener Geschichte sagte Olympia jedesmal, wenn Trouche sie ärgerte, in trockenem Tone: Geh, gib doch den kleinen Mädchen Zuckerwerk. Lange Zeit litten sie unter anderen Sorgen. Trotz des üppigen Lebens, das sie führten, und obwohl sie mit allem aus den Schränken der Hausfrau versehen waren, waren sie doch bei aller Welt im Viertel verschuldet. Trouche verbrauchte sein Gehalt im Kaffeehause; Olympia verwendete das Geld, das sie durch Erdichtung von außerordentlichen Geschichten Martha aus der Tasche lockte, für eitlen Putztrödel. Die zum Leben notwendigen Sachen wurden auf Borg genommen. Eine Rechnung, die sie besonders beunruhigte, war die von dem Pastetenbäcker der Banne-Straße – sie betrug mehr als hundert Franken; – denn dieser Bäcker, ein gar grober Mann, drohte, alles dem Abbe Faujas zu sagen. Die Trouche lebten in großer Angst und fürchteten einen schrecklichen Auftritt; aber als die Rechnung dem Abbé zugeschickt wurde, zahlte dieser ohne Umstände und vergaß sogar, ihnen Vorwürfe zu machen. Der Priester schien über diese Erbärmlichkeiten erhaben zu sein; er lebte einsam und ruhig weiter in diesem Hause, das der Verwüstung preisgegeben war, ohne die wilden Gebisse zu sehen, die an den Mauern fraßen, noch den langsamen Ruin, der allmählich die Decken zum Bersten brachte. Alles versank um ihn, während er geradeaus seinen ehrgeizigen Träumen folgte. Er hauste noch immer wie ein Soldat in seinem kahlen Zimmer, gönnte sich nichts und ärgerte sich, wenn man ihn verhätscheln wollte. Seitdem er der Herr von Plassans war, wurde er wieder schäbig; sein Hut war abgeschossen, seine Strümpfe schmutzig; sein Talar, der jeden Morgen von seiner Mutter geflickt wurde, ähnelte wieder dem elenden, abgenützten, abgeschossenen Fetzen, den er in der ersten Zeit getragen hatte. Bah, er ist noch ganz gut, erwiderte er, wenn man einige schüchterne Bemerkungen darüber zu machen wagte. Er zeigte ihn mit erhobenem Kopfe auf seinem Spaziergange durch die Straßen, ohne sich von den sonderbaren Blicken beunruhigen zu lassen, die man ihm zuwarf. Es. war kein Trotz, sondern ein natürlicher Rückfall. Jetzt fand er es nicht mehr notwendig zu gefallen und kehrte zu seiner Verachtung alles Äußerlichen zurück. Sein Triumph war, sich so, wie er war, mit seinem ungeschlachten Körper, seinem rohen Benehmen und seinen zerrissenen Kleidern mitten in dem eroberten Plassans niederzulassen. Frau von Condamin, die von dem scharfen Soldatengeruche, der seinem schäbigen Talar entstieg, sich verletzt fühlte, wollte ihn eines Tages in mütterlichem Tone auszanken: Wissen Sie, daß die Damen anfangen, Sie zu verabscheuen, sagte sie lächelnd. Sie werfen Ihnen vor, daß Sie gar nichts mehr auf die Toilette halten ... Wenn Sie früher Ihr Taschentuch zogen, schien es, als ob ein Chorknabe ein Weihrauchfäßchen hinter Ihnen schwinge. Er schien sehr erstaunt. Er habe sich nicht geändert, meinte er. Aber sie näherte sich ihm wieder und sagte in freundlichem Tone: Mein lieber Pfarrer, gestatten Sie mir, offen mit Ihnen zu sprechen ... Sie tun unrecht, sich zu vernachlässigen. Ihr Bart ist kaum rasiert, Sie kämmen sich nicht mehr. Ihre Haare sind so wild durcheinander, als wenn Sie soeben mit jemandem gerauft hätten. Ich versichere Ihnen, das macht einen sehr üblen Eindruck ... Frau Rastoil und Frau Delangre sagten mir gestern, sie erkennen Sie kaum mehr. Sie schädigen Ihre Erfolge. Er begann, höhnisch zu lachen, und schüttelte seinen ungepflegten, mächtigen Kopf. Jetzt ist es geschehen, begnügte er sich zu antworten; sie werden mich wohl auch schlecht gekämmt nehmen müssen. Plassans mußte ihn in der Tat schlecht gekämmt hinnehmen. Aus dem geschmeidigen Priester entwickelte sich eine düstere, herrische Gestalt, die jeden Willen beugte. Sein Gesicht, das wieder erdfahl geworden, schleuderte furchtbare Adlerblicke; seine plumpen Hände erhoben sich zu Drohungen und Züchtigungen. Die Stadt fürchtete sich wirklich, wenn sie den Gebieter, den sie sich gegeben, so maßlos heranwachsen sah mit den schäbigen Kleidern, dem scharfen Gerüche und dem rötlichen Haare. Die stumme Furcht der Frauen befestigte seine Macht noch mehr. Er war grausam gegen seine Beichtkinder, und doch wagte nicht eines ihn zu verlassen; mit einem süßen Schauder kamen sie immer wieder zu ihm. Meine Liebe, gestand Frau von Condamin Martha, ich hatte unrecht zu wünschen, daß er sich parfümiere; ich gewöhne mich daran und finde sogar, daß er so vorteilhafter aussieht. Das ist ein Mann! Der Abbé Faujas regierte besonders in der bischöflichen Residenz. Seit den Wahlen hatte er dem Bischof Rousselot das Leben eines nichtstuenden Prälaten eingeräumt. Der Bischof lebte seinen lieben Büchern in seinem Arbeitszimmer, wo der Abbé, der aus dem Nebenzimmer den Amtsbezirk leitete, ihn tatsächlich eingeschlossen hielt und ihn nur den Personen zeigte, denen er nicht mißtraute. Der Klerus zitterte vor diesem unumschränkten Herrn; die alten Priester mit weißen Haaren beugten sich in ihrer kirchlichen Demut und gaben jeden Willen auf. Oft weinte Bischof Rousselot, wenn er mit dem Abbé Surin eingeschlossen war, und vergoß schweigend bittere Tränen; er bedauerte die trockene Hand des Abbé Fenil, der doch manche Stunde freundlich war, während er sich jetzt unter einem unversöhnlichen, fortwährenden Drucke niedergehalten fühlte. Dann lächelte er, ergab sich in sein Schicksal und murmelte mit seinem liebenswürdigen Egoismus: Nun, liebes Kind, machen wir uns an die Arbeit ... Ich sollte mich nicht beklagen; ich habe das Leben, das ich mir immer erträumt: Ganz allein, nur mit meinen Büchern. Er seufzte und setzte leise hinzu: Ich wäre glücklich, wenn ich nicht fürchtete, Sie zu verlieren, mein lieber Surin ... Er wird Sie schließlich hier nicht mehr dulden. Gestern schien es mir, als wenn er Sie mit verdächtigen Blicken ansehe. Ich beschwöre Sie darum, reden Sie immer wie er, stellen Sie sich auf seine Seite, schonen Sie mich nicht. Ach, ich habe nur Sie mehr. Zwei Monate nach den Wahlen übersiedelte der Abbé Vial, einer der Großvikare des Bischofs, nach Rom. Natürlich setzte sich der Abbé Faujas an seine Stelle, obwohl sie schon seit langem Abbé Bourette versprochen war. Er verlieh letzterem auch nicht die Pfarre von Saint-Saturnin, die er aufgab; er setzte daselbst einen jungen, ehrgeizigen Priester ein, der sein Geschöpf war. Se. bischöfliche Gnaden hat von Ihnen nichts hören wollen, sagte er trocken zu dem Abbé Bourette, als er ihm begegnete. Als der alte Priester stotterte, daß er den Bischof besuchen und um eine Erklärung bitten wolle, fuhr er in sanfterem Tone fort: Se. bischöfliche Gnaden ist zu leidend, um Sie zu empfangen. Verlassen Sie sich auf mich, ich vertrete Ihre Sache. Sobald Herr Delangre in die Kammer eintrat, stimmte er mit der Majorität. Plassans war offen für das Kaisertum erobert. Es schien sogar, als führe der Abbé eine gewisse Rache aus, diese vorsichtigen Bürger vor den Kopf zu stoßen, indem er von neuem die kleinen Türen in der Sackgasse Chevillottes verrammeln ließ und so Herrn Rastoil und seine Freunde zwang, zu dem Unterpräfekten über den Platz durch die offizielle Türe sich zu begeben. Wenn er sich bei den vertraulichen Zusammenkünften zeigte, blieben diese Herren sehr unterwürfig vor ihm. So groß war die zauberische Macht, der stumme Schrecken, den seine große, vernachlässigte Gestalt verbreitete, daß in seiner Abwesenheit niemand wagte, über ihn ein zweideutiges Wort zu sprechen. Es ist ein Mann von dem größten Verdienste, erklärte Herr Péqueur des Saulaies, der auf eine Präfektur rechnete. Ein ganz hervorragender Mann, erklärte Doktor Porquier. Alle nickten mit dem Kopfe. Herr von Condamin, den dieses übereinstimmende Lob schließlich ärgerte, machte sich manchmal das Vergnügen, die Leute in Verlegenheit zu bringen. In jedem Falle hat er einen schlimmen Charakter, sagte er leise. Diese Bemerkung machte die Gesellschaft schaudern. Jeder der Herren hatte seinen Nachbar im Verdachte, ein Spion des Abbé zu sein. Der Großvikar hat ein ausgezeichnetes Herz, meinte Herr Rastoil vorsichtig, nur ist er wie alle großen Geister ein wenig zu streng. Ganz so wie ich; mit mir ist sehr leicht auszukommen, und doch habe ich immer für einen hartherzigen Mann gegolten, rief Herr von Bourdeu aus, der sich mit der Gesellschaft wieder ausgesöhnt, nachdem er eine lange Unterredung unter vier Augen mit der Abbé Faujas gehabt hatte. Der Präsident, der sich jedermann geneigt machen wollte, fragte: Wissen Sie, daß man davon spricht, dem Großvikar ein Bistum zu verleihen? Alle waren entzückt. Herr Maffre rechnete darauf, daß der Abbé Faujas in Plassans selbst Bischof werde, da Rousselot aus Gesundheitsrücksichten zurücktreten wolle. Jeder werde dabei gewinnen, sagte in seiner Einfalt der Abbé Bourrette. Die Krankheit hat den Bischof erbittert, und ich weiß, daß unser ausgezeichneter Faujas die größten Anstrengungen macht, um in seinem Kopfe gewisse ungerechte Vorurteile zu zerstören. Er hat Sie sehr gern, versicherte der Richter Paloque, der soeben einen Orden erhalten hatte; meine Frau hat ihn gehört, als er sich beklagte, daß man Sie ganz vergißt. Wenn der Abbé Surin anwesend war, schloß er sich diesen Ansichten in; aber obwohl er nach der Redeweise der Priester des Amtsbezirkes den Bischofshut in der Tasche hatte, beunruhigte ihn doch der Erfolg des Abbé Faujas. Er sah ihn mit seinem hübschen Gesichte an und suchte, verletzt durch sein barsches Wesen, indem er sich an die Voraussage des Bischofs erinnerte, den Riß, der den Koloß zu Fall bringe. Indes waren diese Herren befriedigt, ausgenommen Herr von Bourdeu und Herr Péqueur des Saulaies, die noch immer auf die Gnaden der Regierung warteten. Darum waren sie die eifrigsten Anhänger des Abbé Faujas. Die anderen hätten sich wirklich gern empört, wenn sie es gewagt hätten; sie waren der fortwährenden Dankbarkeit müde, die der Gebieter forderte, und wünschten eifrigst, daß eine mutige Hand sie befreie. Darum wechselten sie auch sonderbare Blicke, die sich sogleich wegwandten, als eines Tages Frau Paloque mit erheuchelter Gleichgültigkeit fragte: Was wird denn aus dem Abbé Fenil? Ich habe seit einem Jahrhundert von ihm nicht reden hören. Eine tiefe Stille trat ein. Herr von Condamin war allein imstande, sich auf ein so heikles Gebiet zu wagen; man sah auf ihn. Ich glaube, erwiderte er ruhig, daß er sich auf seine Besitzungen in Tulettes zurückgezogen hat. Frau von Condamin fügte mit spöttischem Lächeln hinzu: Man kann ruhig schlafen. Er ist abgetan und mischt sich nie mehr in die Angelegenheiten von Hassans. Martha allein blieb ein Hindernis. Der Abbé Faujas fühlte, wie sie mit jedem Tage mehr seinem Einfluß entschlüpfte; er festigte seinen Willen, nahm seine Kräfte als Priester und Mann zu Hilfe, um sie zu beugen, ohne daß es ihm gelang, in ihr die Glut zu dämpfen, die er in ihr entfacht hatte. Sie ging auf das natürliche Ziel jeder Leidenschaft zu und verlangte zu jeder Stunde mehr den Frieden, die Verzückung, das vollkommene Aufgehen in die göttliche Glückseligkeit. Sie hatte eine tödliche Angst, eine Gefangene ihres Fleisches zu sein, sich nicht zu jener Schwelle des Lichtes erheben zu können, die sie immer weiter, immer höher zu sehen glaubte. Jetzt fröstelte sie in der Kirche Saint-Saturnin, in diesem kalten Schatten, wo sie eine Vorahnung glühender Wonnen gekostet hatte; die rauschenden Orgeltöne gingen über ihr gebeugtes Haupt hinweg, ohne ihre krausen Haare in einem wollüstigen Schauer aufzurichten; die weißen Rauchwolken des Räucherfasses versenkten sie nicht mehr in ein geheimnisvolles Träumen; die leuchtenden Kapellen, die heiligen Kelche, die wie Sterne strahlten, die goldenen und silbernen Meßgewänder erblichen und versanken unter ihren tränenfeuchten Blicken. Dann hob sie wie eine ewig Verdammte, die von dem Feuer des Paradieses verzehrt wird, verzweiflungsvoll die Arme, begehrte nach dem Geliebten; der sich ihr entzog, und rief stammelnd: Mein Gott! Mein Gott! Warum hast du dich von mir abgewendet? Beschämt, gleichsam beleidigt durch die dumpfe Kälte der Gewölbe verließ Martha die Kirche mit dem Zorne einer verachteten Frau. Sie träumte von Martern, um ihr Blut hinzugeben; sie wand sich wütend in dieser Ohnmacht, weiter zu gehen als bis zum Gebet, sich nicht mit einem Sprunge in die Arme Gottes werfen zu können. Wenn sie dann heimkehrte, setzte sie ihre Hoffnung nur auf den Abbé Faujas. Er allein konnte ihr Gott geben; er hatte ihr die Freuden des Anfanges erschlossen, er mußte jetzt den Schleier ganz zerreißen. Sie bildete sich eine Reihe von frommen Übungen ein, die zur völligen Befriedigung ihres Wesens führen sollten. Aber der Priester geriet in Zorn und vergaß sich soweit, daß er sie grob behandelte, sich weigerte, sie anzuhören, bis sie nicht demütig und machtlos wie ein Leichnam auf den Knien lag. Sie hörte ihn stehend an, ihr ganzer Körper lehnte sich auf, und in ihren getäuschten Begierden grollte sie ihm und warf ihm den feigen Verrat vor, an dem sie hinsiechte. Oft glaubte die alte Frau Rougon zwischen dem Abbé und ihrer Tochter vermitteln zu müssen, wie sie es früher zwischen dieser und Mouret getan. Martha hatte ihr ihren Kummer geklagt, und sie sprach mit dem Priester wie eine Schwiegermutter, die das Glück ihrer Kinder wünscht und die Zeit damit verbringt, in ihrem Hause Frieden zu stiften. Hören Sie, sagte sie lächelnd zu ihm, können Sie denn nicht ruhig leben? Martha beklagt sich immer, und Sie scheinen fortwährend mit ihr zu schmollen ... Ich weiß wohl, daß die Frauen anspruchsvoll sind, aber gestehen Sie Ihrerseits, daß es Ihnen an Zuvorkommenheit fehlt ... Es macht mir wirklich Kummer; es wäre doch so leicht, sich zu verständigen! Ich bitte Sie, mein lieber Pfarrer, seien Sie gütiger! Sie zankte ihn auch in dem gleich freundschaftlichen Tone wegen seines nachlässigen Äußeren aus. Sie fühlte als kluge Frau, daß er seinen Sieg mißbrauche. Dann entschuldigte sie ihre Tochter; das liebe Kind habe viel gelitten, ihre nervöse Empfindlichkeit verlange große Schonung; übrigens habe sie einen ausgezeichneten Charakter, ein liebebedürftiges Wesen, mit dem ein geschickter Mann alles machen könne, was er wollte. Doch als sie ihm eines Tages abermals riet, mit Martha zu tun, was er wolle, hatte der Abbe Faujas diese ewigen Ratschläge satt. Nein, rief er in barschem Tone, Ihre Tochter ist verrückt, sie martert mich, ich will von ihr nichts mehr wissen: ... Ich würde den Burschen gut entlohnen, der mich von ihr befreit. Frau Rougon sah ihn mit gespitzten Lippen scharf an. Hören Sie, mein Lieber, erwiderte sie nach einer Pause, es fehlt Ihnen an Takt, und das wird Sie verderben. Richten Sie sich zugrunde, wenn es Sie freut. Ich wasche meine Hände in Unschuld. Ich habe Sie unterstützt nicht wegen Ihrer schönen Augen, sondern um unseren Freunden in Paris gefällig zu sein. Man schrieb mir, ich solle Sie führen; ich führte Sie ... Nur merken Sie sich wohl: Ich werde nicht dulden, daß Sie in meinem Hause als Herr auftreten. Mögen der kleine Péqueur und der Simpel Rastoil bei dem Anblicke Ihres Talars zittern, meinetwegen. Wir haben keine Furcht, wir wollen die Herren bleiben. Mein Mann hat Plassans vor Ihnen erobert, und wir behalten Plassans, das sage ich Ihnen im voraus. Von diesem Tage an herrschte eine große Kühle zwischen den Rougon und dem Abbé Faujas. Als Martha sich wieder bei ihrer Mutter beklagte, sagte diese kurz: Dein Abbé hält dich zum besten. Du findest bei diesem Manne nie die geringste Befriedigung. An deiner Stelle würde ich mich gar nicht scheuen, ihm meine Meinung ins Gesicht zu sagen. Dazu ist er seit einiger Zeit schmutzig wie ein Kamm; ich begreife nicht, wie du neben ihm essen kannst. Frau Rougon hatte ihrem Gatten einen sehr pfiffigen Plan eingegeben. Es handelte sich darum, den Abbé zu stürzen und seine Erfolge auszunützen. Jetzt, wo die Stadt entsprechend stimmte, mußte Rougon, der nie einen offenen Feldzug hatte wagen wollen, allein genügen, sie auf dem guten Wege zu erhalten. Der grüne Salon würde dadurch nur noch mächtiger werden. Felicité wartete seit dieser Zeit mit jener ausdauernden List, der sie ihr Glück verdankte. An dem Tage, wo ihre Mutter ihr erklärte, daß der Abbé sie zum besten halte, begab sich Martha nach der Kirche Saint-Saturnin mit blutendem Herzen, zu dem Äußersten entschlossen. Sie blieb zwei Stunden in der öden Kirche, indem sie sich in Gebeten erschöpfte, die Verzückung erwartete, und sich marterte, Erleichterung zu finden. Die Demut drückte sie zu Boden, die Empörung richtete sie wieder auf mit geschlossenen Zähnen, während ihr bis zum Wahnsinn gespanntes Wesen sich darin erschöpfte, nach dem Nichts zu haschen, nur das Leere ihrer Leidenschaft zu küssen. Als sie sich erhob und fortging, schien ihr der Himmel schwarz zu sein; sie fühlte nicht das Pflaster unter ihren Füßen, und die engen Straßen machten auf sie den Eindruck ungeheurer Einsamkeit. Sie warf Hut und Schal im Speisezimmer auf den Tisch und ging geradeswegs nach dem Zimmer des Abbé Faujas hinauf. Der Abbé saß nachdenklich vor seinem kleinen Tische; die Feder war ihm aus der Hand gefallen. Er öffnete ihr schnell; aber als er sie erblickte, ganz blaß und mit jenem glühendem Entschlüsse in ihren Augen, machte er eine zornige Gebärde. Was wollen Sie? fragte er. Warum sind Sie heraufgekommen? ... Gehen Sie wieder hinunter und erwarten Sie mich, wenn Sie mir etwas zu sagen haben. Sie schob ihn beiseite und trat ein, ohne ein Wort zu sagen. Er zögerte einen Augenblick und kämpfte gegen die Roheit, die ihn schon die Hand erheben ließ. Er stand vor ihr, Auge in Auge, ohne die weit offenstehende Türe zu schließen. Was wollen Sie? fragte er wieder; ich bin beschäftigt. Dann schloß sie die Türe. Hierauf trat sie, da sie mit ihm allein war, näher. Endlich sagte sie: Ich habe mit Ihnen zu sprechen. Sie hatte sich gesetzt und blickte in dem Zimmer umher. Sie sah das schmale Bett, die armselige Kommode, das große Kruzifix aus schwarzem Holze, dessen plötzlicher Anblick an der kahlen Wand sie einen Augenblick schaudern machte. Ein eisiger Friede senkte sich von der Decke herab. Der Kamin war leer, nicht ein Stückchen Asche lag dort. Sie werden sich eine Erkältung zuziehen, sagte der Priester ruhig. Ich bitte Sie, lassen Sie uns hinuntergehen. Nein, ich habe mit Ihnen zu sprechen, wiederholte sie. Mit gefalteten Händen wie eine Beichtende sagte sie: Ich verdanke Ihnen vieles ... Vor Ihrer Ankunft war ich ohne Seele. Sie haben mein Heil gewollt. Durch Sie habe ich die einzigen Freuden meines Daseins kennen gelernt. Sie sind mein Retter und mein Vater. Seit fünf Jahren lebe ich nur durch Sie und für Sie. Ihre Stimme brach, sie sank auf die Knie. Er hielt sie mit einer Gebärde aufrecht. Nun denn, rief sie, heute leide ich; ich bedarf Ihrer Hilfe ... Hören Sie mich, mein Vater. Ziehen Sie sich nicht von mir zurück. Sie können mich nicht so verlassen ... Gott hört mich nicht mehr. Ich fühle ihn nicht mehr ... Haben Sie Mitleid, ich bitte Sie. Raten Sie mir, führen Sie mich zu diesen göttlichen Gnaden, deren erste Wonnen Sie mich erkennen ließen. Sagen Sie mir, was ich tun muß, um zu gesunden, um der Liebe Gottes näher zu kommen. Sie müssen beten, sagte der Priester ernst. Ich habe gebetet, ich habe stundenlang gebetet, den Kopf in die Hände vergraben, habe versucht, mich ganz in jedes Wort des Gebetes zu versenken, und ich war nicht erleichtert, ich fühlte Gott nicht. Sie müssen beten, noch mehr beten, immer beten, bis Gott gerührt ist und zu Ihnen herabsteigt. Sie sah ihn ängstlich an. So gibt es denn nur das Gebet? fragte sie. Sie können nichts für mich tun? Nein, nichts, erklärte er barsch. Sie hob in einem Anfalle von Verzweiflung ihre Hunde empor, und der Zorn schnürte ihr die Kehle zu. Aber sie hielt an sich und stotterte: Ihr Himmel ist geschlossen ... Sie habe mich bis hierher geführt, wo ich auf die Wand stoße. Ich lebte sehr ruhig, Sie erinnern sich, als Sie zu uns kamen. Ich wohnte in meinem Winkel ohne Wunsch, ohne Neugierde. Sie haben mich mit Worten geweckt, die mein Herz umwandten. Sie haben mir eine zweite Jugend erschlossen ... Ach, Sie wissen nicht, welche Freuden Sie mir im Anfange bereiteten! Eine milde Wärme durchdrang mein Innerstes. Ich hörte mein Herz. Ich hatte eine unermeßliche Hoffnung. Mit vierzig Jahren kam es mir manchmal lächerlich vor, und ich lächelte; dann verzieh ich mir, so glücklich fühlte ich mich ... Aber jetzt will ich den Rest des versprochenen Glückes. Es kann nicht alles sein. Es gibt noch etwas, nicht wahr? Verstehen Sie wohl, daß ich dieses fortwährenden Begehrens müde bin, daß dieses Begehren mich verzehrt, mich ins Grab bringt! Ich muß mich beeilen, denn ich bin nicht mehr gesund; ich will nicht betrogen sein ... Es gibt noch etwas; sagen Sie mir, daß es noch etwas gibt. Der Abbé Faujas blieb unerbittlich, diese Flut von glühenden Worten ging spurlos an ihm vorüber. Es gibt nichts! Es gibt nichts! fuhr sie erregt fort; dann haben Sie mich getäuscht ... Sie haben mir den Himmel versprochen da unten auf der Terrasse in den sternenhellen Nächten. Ich habe es hingenommen. Ich habe mich verkauft, ich habe mich überliefert. Ich war wahnsinnig in dieser ersten Inbrunst des Gebetes ... Heute gilt der Handel nicht mehr. Ich will in meinen Winkel zurückkehren, mein ruhiges Leben wiederfinden. Ich werde alle zur Türe hinausjagen, mein Haus in Ordnung bringen und auf meinem gewohnten Platze auf der Terrasse wieder Wäsche ausbessern ... Ja, ich besserte so gern Wäsche aus. Das Nähen ermüdete mich nicht... Ich will, daß Desirée bei mir ist auf ihrer kleinen Bank; sie lachte, sie machte Puppen, die liebe Unschuld ... Sie schluchzte. Ich will meine Kinder! ... Sie beschützten mich. Als sie nicht mehr da waren, verlor ich den Kopf; ich habe ein schlechtes Leben begonnen ... Warum haben Sie sie mir genommen? ... Sie sind eines nach dem anderen fort, und das Haus ist mir wie fremd geworden. Ich hatte daselbst kein Herz mehr. Ich war froh, wenn ich es des Nachmittags verlassen konnte; wenn ich dann abends heimkehrte, war es mir, als wenn ich zu Fremden ginge ... Selbst die Möbel schienen mir fremd und kalt ... Ich haßte das Haus ... Aber ich werde mir die armen Kleinen wieder holen. Sie werden durch ihre Rückkehr hier alles verändern ... Ach, wenn ich wieder in meinen guten Schlaf sinken könnte! Sie wurde immer erregter. Der Priester versuchte sie durch ein Mittel zu beruhigen, das ihm oft gelungen war. Seien Sie doch vernünftig, liebe Frau, sagte er, indem er sich ihrer Hände zu bemächtigen suchte, um sie zwischen den seinigen zu halten. Rühren Sie mich nicht an! rief sie und wich zurück. Ich will nicht ... Wenn Sie mich halten, bin ich schwach wie ein Kind. Die Wärme Ihrer Hände erfüllt mich mit Feigheit ... Ich würde morgen wieder anfangen; ich kann nicht mehr leben, und Sie beruhigen mich nur für eine Stunde. Sie war wieder tief traurig geworden. Nein, sagte sie leise, ich bin nunmehr verdammt. Nimmermehr gewinne ich mein Haus lieb. Und wenn die Kinder kämen, würden sie nach ihrem Vater fragen ... Das erstickt mich! ... Mir wird nicht eher verziehen sein, als bis ich mein Verbrechen einem Priester gebeichtet habe. Sie fiel auf die Knie. Ich bin strafbar, deshalb wendet sich das Antlitz Gottes von mir. Doch der Abbé wollte sie aufheben. Schweigen Sie! rief er ihr heftig zu. Ich kann Ihr Geständnis hier nicht entgegennehmen. Kommen Sie morgen in die Kirche Saint-Saturnin. Mein Vater, begann sie wieder in flehentlichem Tone, haben Sie Mitleid! Morgen habe ich nicht mehr die Kraft! Ich verbiete Ihnen zu sprechen, rief er noch heftiger, ich will nichts wissen, ich werde mich wegwenden und die Ohren verschließen. Er wich mit ausgestreckten Armen zurück, als wenn er das Geständnis auf ihren Lippen aufhalten wolle. Beide sahen sich einen Augenblick schweigend an mit dem stummen Zorne ihrer gemeinsamen Schuld. Nicht ein Priester würde Sie hören, fügte er mit erstickter Stimme hinzu. Nur ein Mann ist hier, um Sie zu richten und zu verurteilen. Ein Mann! wiederholte sie verwirrt. Gut, um so besser. Ich ziehe einen Mann vor. Sie erhob sich und fuhr mit fieberhafter Hast fort: Ich beichte nicht, ich gestehe Ihnen meine Schuld. Nach den Kindern habe ich den Vater ziehen lassen. Der Unglückliche hat mich nie geschlagen! Ich war wahnsinnig! Ich fühlte durch meinen ganzen Körper ein Brennen, ich zerkratzte mich, ich verlangte nach den kalten Steinen des Fußbodens, um mich zu beruhigen. Dann schämte ich mich, weil mich die Leute ganz nackt sahen, so sehr, daß ich nicht zu sprechen wagte. Wenn Sie wüßten, welch fürchterliche Schreckbilder mich niederwarfen! Die Hölle drehte sich mir im Kopfe! Der arme Mann tat mir leid, wenn er so mit den Zähnen klapperte. Er fürchtete sich vor mir. Wenn Sie nicht mehr da waren, wagte er nicht, sich mir zu nähern; er verbrachte die Nacht auf einem Stuhle. Der Abbé Faujas suchte sie zu unterbrechen. Sie töten sich, sagte er. Erwecken Sie nicht diese Erinnerungen. Gott wird Ihnen diese Leiden anrechnen. Ich habe ihn in das Irrenhaus geschickt, fuhr sie fort, indem sie mit einer energischen Bewegung dem anderen Schweigen gebot. Ihr alle sagtet mir, daß er irrsinnig sei ... Ach, welch ein unerträgliches Leben! Immer fürchte ich, wahnsinnig zu werden. Als ich jung war, schien es mir, als hebe man mir die Schädeldecke weg und nehme mir das Gehirn. Ich hatte es wie einen Eisblock auf meiner Stirn. Dieses Gefühl der Totenkälte habe ich wieder; ich fürchte immer, wahnsinnig zu werden ... Ihn hat man fortgeschafft. Ich habe es geschehen lassen. Ich wußte es nicht mehr. Aber seit jener Zeit kann ich die Augen nicht mehr schließen, ohne ihn zu sehen. Es verwandelte mich so ganz eigentümlich; es hält mich stundenlang auf demselben Platz mit offenen Augen fest ... Ich kenne das Haus, ich sehe es. Der Onkel Macquart hat es mir gezeigt. Es ist ganz grau wie ein Gefängnis und hat düstere Fenster. Sie stöhnte. Sie führte ein Taschentuch an die Lippen, das sich mit einigen Blutstropfen färbte. Der Priester wartete mit gekreuzten Armen ruhig das Ende der Erregung ab. Sie wissen alles, nicht wahr? vollendete sie stammelnd. Ich bin eine Elende, ich habe um Ihretwillen gesündigt ... Aber geben Sie mir das Leben, geben Sie mir die Freude, und ich gehe ohne Gewissensbisse in dieses überirdische Glück ein, das Sie mir versprochen haben. Sie lügen, sagte der Priester langsam, ich weiß nichts, mir ist es unbekannt, daß Sie dieses Verbrechen begangen haben. Sie wich zurück, die Hände gefaltet, zitternd und sah ihn mit schrecklichen Blicken an. Dann geriet sie außer sich, verlor schier das Bewußtsein und sagte in vertraulichem Tone: Hören Sie, Ovid, ich liebe Sie, und Sie wissen es, nicht wahr? Ich habe Sie geliebt, Ovid, von dem Tage an, da Sie hierherkamen ... Ich sagte es Ihnen nicht. Ich sah, daß es Ihnen mißfiel. Aber ich fühlte wohl, daß Sie mein Herz errieten. Ich war zufrieden; ich hoffte, daß wir eines Tages in einer göttlichen Vereinigung glücklich sein könnten ... Dann habe ich um Ihretwillen das Haus geleert. Ich habe mich auf den Knien fortgeschleppt, ich bin Ihre Magd gewesen ... Sie können doch nicht bis zu Ende grausam sein. Sie haben in alles eingewilligt, Sie haben mir erlaubt, Ihnen allein anzugehören, die Hindernisse zu beseitigen, die uns trennten. Erinnern Sie sich dessen, ich flehe Sie darum an. Jetzt bin ich krank, verlassen, mein Herz ist gebrochen, mein Kopf leer, Sie können mich unmöglich zurückstoßen ... Wir haben nichts laut gesagt, nicht wahr? Aber meine Liebe sprach, und Ihr Schweigen antwortete. An den Mann wende ich mich, nicht an den Priester. Sie haben mir gesagt, daß nur ein Mann da sei. Der Mann wird mich hören ... Ich liebe Sie, Ovid, ich liebe Sie, und ich sterbe daran. Sie schluchzte. Der Abbé Faujas hatte sich aufgerichtet. Er trat auf Martha zu und ließ seine Verachtung gegen das Weib auf sie niederfahren. Ha, elendes Fleisch! sagte er. Ich glaubte, daß Sie Vernunft annehmen würden, daß Sie es nicht zu dieser Schande würden kommen lassen, mir diese Gemeinheiten zu sagen ... Ja, das ist der ewige Kampf des Bösen gegen den starken Willen. Sie sind die Versuchung der Hölle, die Feigheit, der schließliche Sturz. Der Priester hat nur euch zum Feinde, und man sollte euch aus den Kirchen jagen wie unreine und verfluchte Wesen. Ich liebe Sie, Ovid, stotterte sie wieder. Ich liebe Sie, helfen Sie mir! Ich habe mich Ihnen schon zu viel genähert, fuhr er fort. Wenn ich falle, hast du, Weib, mir durch deine Begierde meine Kraft genommen. Geh' von hinnen, du bist der Satan! Ich schlage dich sonst, um den bösen Geist aus deinem Körper zu treiben. Sie sank an die Mauer, stumm vor Schreck angesichts der Faust, mit der sie der Priester bedrohte. Ihre Haare lösten sich, eine große weiße Locke hing ihr über die Stirn. Als sie in dem kahlen Zimmer Hilfe suchend das hölzerne Kruzifix erblickte, hatte sie noch die Kraft, mit einer leidenschaftlichen Bewegung die Hände nach ihm auszustrecken. Flehen Sie nicht das Kreuz an, rief der Priester zornig. Jesus hat keusch gelebt und deshalb zu sterben gewußt. Frau Faujas kehrte heim am Arm einen großen Korb mit Vorräten. Sie setzte ihn schnell ab, als sie ihren Sohn in diesem schrecklichen Zorne sah. Sie erfaßte ihn bei den Armen und sagte zärtlich zu ihm: Ovid, beruhige dich, mein Kind. Dann wandte sie sich mit einem wütenden Blicke gegen die niedergeschmetterte Martha: Sie können ihn nicht in Ruhe lassen! ... Er will von Ihnen nichts wissen, machen Sie ihn wenigstens nicht krank. Gehen Sie hinunter; Sie dürfen nicht da bleiben! Martha rührte sich nicht. Frau Faujas mußte sie aufheben und zur Tür drängen; sie zankte, warf ihr vor, daß sie nur gewartet habe, bis sie ausgegangen sei und nahm ihr das Versprechen ab, nicht mehr heraufzukommen, um das Haus durch solche Auftritte in Aufruhr zu bringen. Dann schloß sie heftig die Tür hinter ihr. Martha ging wankend hinunter. Sie weinte nicht. Sie sagte wiederholt: François wird zurückkehren; François jagt alle hinaus. Einundzwanzigstes Kapitel. Der Postwagen von Toulon, der durch Tulettes fuhr, wo haltgemacht ward, ging von Plassans um drei Uhr ab. Martha, von einer fixen Idee erfaßt, wollte keinen Augenblick verlieren; sie nahm ihr Schaltuch um, setzte ihren Hut auf und befahl Rosa, sich sofort anzukleiden. Ich weiß nicht, was die gnädige Frau hat, sagte die Köchin zu Olympia; ich glaube, wir treten eine für mehrere Tage berechnete Reise an. Martha ließ alle Schlüssel stecken. Sie hatte Eile, nur hinauszukommen. Olympia, die sie begleitete, versuchte vergebens zu erfahren, wohin sie gehe und wieviel Tage sie fortbleibe. Nun, seien Sie beruhigt, sagte sie zu ihr auf der Schwelle in freundlichem Tone; ich versorge alles gut, Sie finden alles in Ordnung wieder ... Lassen Sie sich Zeit, machen Sie Ihre Geschäfte ab. Wenn Sie nach Marseille reisen, bringen Sie mir frische Seemuscheln mit. Martha war noch nicht um die Ecke der Travelle-Straße, als Olympia von dem ganzen Hause Besitz ergriff. Als Trouche nach Hause kam, fand er seine Frau, wie sie die Türen zuwarf, die Möbel durchsuchte, umherspähte, sang und die Zimmer mit dem Geflatter ihrer Röcke erfüllte. Sie ist abgereist, und der Waschlappen von Köchin mit ihr, rief sie ihm zu und streckte sich auf einen Sessel. He? Das wäre ein Glück, wenn beide in einem Straßengraben liegen blieben ... Für einige Zeit können wir es uns nach unserer Bequemlichkeit einrichten. Ach, wie es doch schön ist, allein zu sein, nicht wahr, Honore? Da, komm her und gib mir für die Mühe einen Kuß. Wir sind zu Hause und können uns bis aufs Hemd ausziehen, wenn wir wollen. Unterdessen kamen Martha und Rosa gerade auf die Promenade Sauvaire, als der Touloner Postwagen abfuhr. Er war leer. Als die Köchin ihre Herrin zum Schaffner sagen hörte, daß sie nach Tulettes fahren wolle, fuhr sie nur mit Widerwillen mit. Der Wagen hatte die Stadt noch nicht verlassen, als sie schon in ihrem mürrischen Tone sagte: Ich glaubte, daß Sie endlich Vernunft angenommen hätten. Ich bildete mir ein, wir reisten nach Marseille, um Herrn Octave zu besuchen. Wir hätten einen Seekrebs und Muscheln mitbringen können ... Da habe ich mich zu sehr beeilt. Sie sind immer die gleiche, Sie machen sich nur Kummer und kommen immer nur auf verkehrte Gedanken. Martha saß in der Ecke des Coupés halb ohnmächtig. Eine tödliche Schwäche bemächtigte sich jetzt ihrer, da sie sich nicht mehr gegen den Schmerz aufraffte, der ihr die Brust zerwühlte. Aber die Köchin sah sie nicht an. Ist das ein dummer Einfall, den gnädigen Herrn zu besuchen! fuhr sie fort. Ein schöner Anblick, der uns aufheitern wird. Wir werden acht Tage lang keinen Schlaf finden. Sie können sich dann in der Nacht fürchten, so viel Sie wollen; der Teufel hole mich, wenn ich aufstehe, um unter die Möbel zu schauen ... Ja, wenn Ihr Besuch noch dem gnädigen Herrn guttun würde! Aber er ist imstande, Ihnen ins Gesicht zu springen und selbst dabei zugrunde zu gehen. Ich hoffe wenigstens, daß man Sie nicht zu ihm läßt. Es ist ja verboten ... Ich hätte nicht in den Wagen steigen sollen, als Sie von Tulettes gesprochen haben; Sie hätten vielleicht allein diese Dummheit nicht gewagt. Ein Seufzer Marthas unterbrach sie. Sie drehte sich nach ihr um. Als sie sie ganz blaß und dem Ersticken nahe sah, geriet sie noch mehr in Zorn. Sie ließ ein Fenster herab, um frische Luft einzulassen und rief: Das fehlte mir noch, daß Sie mir unter der Hand hin werden. Wäre es nicht besser, Sie lägen in Ihrem Bett und ließen sich pflegen? Wenn man bedenkt, daß Sie das Glück gehabt haben, nur ergebene Leute um sich zu haben, ohne dem lieben Gott auch nur dafür zu danken. Sie wissen wohl, daß es wahr ist. Der Herr Pfarrer, seine Mutter, seine Schwester und Herr Trouche sind aufs äußerste um Sie besorgt; sie würden für Sie durchs Feuer gehen, sie sind jede Stunde bei Tag und bei Nacht für Sie auf den Beinen. Ich sah Frau Olympia weinen, ja weinen, als Sie das letztemal krank waren. Wie danken Sie ihnen für diese Güte? Sie bereiten ihnen Kummer, reisen wie eine Duckmäuserin ab, um den gnädigen Herrn zu besuchen, obwohl Sie wissen, daß es jene sehr schmerzt; denn sie können den gnädigen Herrn nicht leiden, der gegen Sie so grausam gewesen ... Soll ich es Ihnen sagen, gnädige Frau? Die Ehe hat Ihnen keinen Nutzen gebracht, Sie haben die Bosheit des gnädigen Herrn angenommen. Hören Sie, an manchen Tagen sind Sie ebenso boshaft wie er. Sie fuhr in diesem Tone fort, bis man in Tulettes eintraf; sie nahm die Faujas und die Trouche in Schutz und warf ihrer Herrin alle möglichen Schlechtigkeiten vor. Schließlich sagte sie: Die Leute wären eine gute Herrschaft, wenn sie genug Geld hätten, um sich Dienerschaft zu halten! Aber das Geld haben immer nur die schlechten Leute! Martha war ruhiger geworden und schwieg. Sie sah starr die dürren Bäume der Straße vorüberfliegen und die weiten Felder wie Stücke braunen Stoffes sich ausdehnen. Das Gezänk Rosas wurde von dem Gerassel des Wagens übertönt. In Tulettes ging Martha schnell auf das Haus des Onkels Macquart zu, während die Köchin, die jetzt schwieg, mit verdrießlicher Miene ihr achselzuckend folgte. Wie! Du bist es? rief der Onkel sehr überrascht. Ich glaubte, du lägest zu Bette. Man hat mir erzählt, du seiest krank ... Ei, ei, Kleine, du siehst nicht gut aus ... Kommst du zum Essen? Ich möchte François sehen, lieber Onkel, sagte Martha. François? wiederholte Macquart, indem er sie ansah, du möchtest François sehen? Das ist der Gedanke einer guten Frau. Der arme Bursche hat genug nach dir geschrien. Ich bemerkte ihn aus meinem Garten, wie er mit den Fäusten die Mauern schlug und dich rief ... Ei; du willst ihn sehen? Ich glaubte, ihr alle hättet ihn vergessen. Große Tränen glänzten in Marthas Augen. Es wird nicht leicht sein, ihn heute zu sehen, fuhr Macquart fort. Es geht auf vier Uhr. Dann weiß ich nicht, ob der Direktor dir die Erlaubnis gibt. Mouret ist seit einiger Zeit nicht mehr ruhig; er zerschlägt alles und spricht davon, die Bude in Brand zu stecken. Ja, die Verrückten sind nicht immer angenehm. Sie hörte schaudernd zu und wollte den Onkel ausfragen, aber sie begnügte sich damit, die Hände nach ihm auszustrecken. Ich gehe dich darum an, sagte sie. Ich habe die Reise nur deshalb gemacht, ich muß unbedingt mit François sprechen, heute, augenblicklich ... Du hast in dem Hause Freunde. Du kannst mir die Tore öffnen. Gewiß, gewiß, erwiderte er leise, ohne sich deutlich auszusprechen. Er schien sehr verwirrt zu sein, da er sich die Ursache dieser plötzlichen Reise nicht erklären konnte und auch den Fall nur aus einem persönlichen, ihm allein bekannten Gesichtspunkte ansah. Er befragte mit einem Blicke die Köchin, die ihm den Rücken wandte. Schließlich umspielte ein feines Lächeln seine Lippen. Weil du es verlangst, murmelte er, will ich die Geschichte versuchen. Nur erinnere dich, daß es deiner Mutter nicht recht ist, sage ihr, ich hätte deinem Drängen nicht widerstehen können ... Ich fürchte, daß es dir schadet. Lustig ist die Sache nicht, das versichere ich dir. Als sie aufbrachen, weigerte sich Rosa entschieden, sie zu begleiten. Sie hatte sich vor dem Kaminfeuer niedergelassen und meinte: Ich will mir nicht die Augen auskratzen lassen. Der gnädige Herr konnte mich nicht leiden ... Ich bleibe hier und wärme mich lieber. Dann seien Sie so gut, uns einen Topf Glühwein zu bereiten, flüsterte ihr der Onkel zu. Wein und Zucker sind da im Schranke. Wir brauchen es, wenn wir zurückkommen. Macquart ließ seine Nichte nicht zum Haupttore des Irrenhauses eintreten. Er wandte sich nach links und fragte an einer kleinen Tür nach dem Wärter Alexander, mit dem er einige leise Worte sprach. Dann betraten sie alle drei schweigend die endlosen Gänge. Der Wärter schritt voraus. Ich warte hier auf dich, sagte Macquart und blieb in einem kleinen Hofe stehen. Alexander begleitet dich. Ich möchte lieber allein sein, murmelte Martha. Es ist kein Spaß, erwiderte der Wärter mit ruhigem Lächeln. Ich wage schon viel, daß ich Sie einlasse. Er ließ sie einen zweiten Hof durchschreiten und blieb vor einer kleinen Türe stehen, Als er den Schlüssel leise umdrehte, flüsterte er ihr zu: Fürchten Sie sich nicht ... Er ist seit heute früh ruhiger, man hat ihm die Zwangsjacke ausziehen können ... Wenn er böse wird, gehen Sie rücklings hinaus und lassen mich mit ihm allein. Martha trat zitternd und nach Atem ringend ein. Sie sah zuerst nur eine Masse an der Wand in einer Ecke zusammengekauert. Der Tag ging zur Neige, und die Zelle war nur durch das kärgliche Licht beleuchtet, das durch das vergitterte Fenster hereinfiel, das noch durch ein Brett halb verdeckt war. He, mein Lieber, rief in vertraulichem Tone Alexander, und klopfte Mouret auf die Schulter. Ich bringe Ihnen Besuch ... Hoffentlich sind Sie artig. Er ging dann zur Türe und lehnte sich mit verschränkten Armen an sie, ohne den Irrsinnigen aus den Augen zu lassen. Mouret hatte sich langsam erhoben. Er schien nicht im geringsten überrascht zu sein. Du bist es, sagte er ruhig; ich erwartete dich, ich war um die Kinder besorgt. Martha, der die Knie schlotterten, war sprachlos angesichts dieses zärtlichen Empfanges; sie sah ihn ängstlich an. Übrigens hatte er sich gar nicht verändert; er sah sogar besser aus, war kräftig und dick, hatte einen wohlgepflegten Bart, und seine Augen waren hell. Seine Gewohnheiten eines behäbigen Bürgers kamen wieder zum Vorschein; er rieb sich die Hände, zwinkerte mit dem rechten Auge und ging hin und her, indem er wie in den besseren Zeiten mit seiner spaßhaften Miene fortwährend plauderte. Ich befinde mich ganz wohl. Wir können nach Hause gehen ... Du holst mich, nicht wahr? ... Hat man immer auf meinen Salat geschaut? Die Schnecken fressen gar so gern die Stengel, der Garten war ganz zernagt, aber ich kenne ein Mittel, sie zu vertilgen ... Ich habe Pläne, du wirst staunen. Wir sind reich genug, wir können uns unsere Launen schon gönnen ... Hast du nicht den Vater Gautier aus Saint-Eutrope während meiner Abwesenheit gesehen? Ich hatte ihm dreißig Krüge gewöhnlichen Wein zum Verschneiden abgekauft. Ich muß ihn besuchen ... du hast aber nicht für zwei Sous Gedächtnis. Er machte sich über sie lustig und drohte ihr lächelnd mit dem Finger. Ich wette, ich werde alles in Unordnung finden, fuhr er fort. Ihr habt auf nichts acht; die Geräte hegen herum, die Schränke stehen offen, Rosa macht mit ihrem Besen die Zimmer schmutzig. Warum ist denn Rosa nicht mitgekommen? Ach, die hat einen harten Schädel! Aus der werden wir nie etwas Rechtes machen! Du weißt nicht, daß sie mich eines Tages zur Türe hinausjagen wollte. Jawohl! Das Haus gehöre ihr, sagte sie; es ist zum Totlachen! ... Aber du erzählst mir gar nichts von den Kindern? Desirée ist noch immer bei ihrer Amme, nicht wahr? Wir besuchen sie und fragen sie, ob sie sich nicht langweilt. Ich will auch nach Marseille fahren, denn Octave macht mir Sorge; als ich ihn das letztemal sah, fand ich ihn sehr verbummelt. Von Serge spreche ich nicht: Der ist viel zu brav; er ist fromm für die ganze Familie ... Wie freut es mich, wenn ich von Hause sprechen kann! So redete und redete er weiter, erkundigte sich nach jedem Baume seines Gartens, verweilte bei den geringsten Einzelheiten seiner Wirtschaft und zeigte in einer Menge Sachen ein erstaunliches Gedächtnis. Martha war von dieser Anhänglichkeit, die er ihr gegenüber bekundete, tief gerührt und glaubte ein großes Zartgefühl darin zu sehen, daß er es vermied, ihr einen Vorwurf oder auch nur die geringste Anspielung auf sein Leiden zu machen. Ihr war verziehen; sie nahm sich vor, ihr Verbrechen zu sühnen, indem sie die gehorsame Magd dieses Mannes wurde, der sich so großmütig zeigte; große, stille Tränen rollten über ihre Wangen, während sie ihr Knie beugte, um ihm Dank zu sagen. Nehmen Sie sich in acht, sagte der Wärter ihr ins Ohr, seine Augen beunruhigen mich. Aber er ist nicht verrückt, stammelte sie. Ich schwöre Ihnen, er ist nicht verrückt ... Ich muß mit dem Direktor sprechen ... Ich will ihn sofort mitnehmen. Nehmen Sie sich in acht, wiederholte der Wärter barsch, indem er sie bei dem Arme zurückzog. Mouret hatte sich mitten in seinem Plaudern wie ein zu Tode getroffenes Tier herumgedreht. Er fiel zu Boden und kroch auf allen vieren die Mauer entlang. Hu! Hu! brüllte er mit rauher, langgedehnter Stimme. Er sprang mit einem Satze auf und fiel dann wieder auf die Seite. Dann fand eine fürchterliche Szene statt: Er krümmte sich wie ein Wurm, schlug sich mit den Fäusten ins Gesicht, riß sich mit den Nägeln die Haut herunter. Bald war er halbnackt, die Kleider hingen in Fetzen an seinem Leibe; zerschlagen und zermartert lag er röchelnd am Boden. Gehen Sie hinaus! rief der Wärter. Martha war festgebannt. Sie erkannte sich selbst in ihm; sie selbst warf sich so zur Erde in ihrem Zimmer, kratzte und schlug sich. Sogar ihre Stimme erkannte sie wieder. Mouret hatte genau ihr Röcheln. Sie selbst hatte diesen Unglücklichen zu dem gemacht, was er war. Er ist nicht verrückt, stammelte sie, er kann nicht verrückt sein! ... Das wäre schrecklich! Ich wollte lieber sterben. Der Wärter faßte sie um den Leib und trug sie hinaus; aber sie blieb lauschend an der Türe stehen. Sie hörte in der Zelle ein Geräusch wie von einem Kampfe, Schreie wie die eines Schweines, das man abschlachtet, dann einen dumpfen Fall, als wenn ein Pack nasser Wäsche hingeworfen wird; hernach trat Totenstille ein. Als der Wärter herauskam, war es fast finster. Sie bemerkte durch die halb offenstehende Türe nur ein schwarzes Loch. Teufel, sagte der Wärter noch in Wut, ist das komisch von Ihnen zu sagen, er sei nicht verrückt! Ich hätte bald meinen Daumen dabei gelassen, so fest hielt er ihn zwischen den Zähnen ... Jetzt ist er für einige Stunden ruhig. Indem er sie hinausführte, fuhr er fort: Sie wissen nicht, wie bösartig hier alle sind ... Stundenlang sind sie artig, erzählen ganz vernünftige Geschichten, dann auf einmal, ehe man sich dessen versieht, springen sie einem an die Kehle ... Ich bemerkte gleich, während er von den Kindern sprach, daß er etwas im Schilde führe; er hatte die Augen ganz verdreht. Als Martha wieder zu ihrem Onkel in den kleinen Hof trat, rief sie, ohne weinen zu können, fieberhaft, mit gebrochener und langsamer Stimme: Er ist wahnsinnig! Er ist wahnsinnig! Freilich ist er wahnsinnig, sagte der Onkel höhnisch. Glaubtest du, ein geschniegeltes, artiges Modeherrchen anzutreffen? Zum Vergnügen hat man ihn gewiß nicht hierhergebracht ... Übrigens ist das Haus nicht gesund. Nach zwei Stunden würde ich da auch verrückt werden. Er musterte sie von der Seite und achtete auf ihre geringsten nervösen Zuckungen. Dann fragte er in gutmütigem Tone: Du willst vielleicht die Großmutter besuchen? Martha machte eine Gebärde des Schreckens und verbarg das Gesicht in den Händen. Das hätte niemanden gestört, fuhr er fort. Alexander würde uns dieses Vergnügen bereiten ... Sie ist dort im Seitengebäude; bei ihr ist nichts zu befürchten; sie ist sehr ruhig. Nicht wahr, Alexander, sie hat noch niemals Umstände gemacht. Sie sitzt immer und starrt vor sich hin. Seit zwölf Jahren hat sie sich nicht gerührt ... Aber da du sie nicht sehen willst ... Als der Wärter sich von ihnen verabschiedete, lud er ihn ein, ein Glas Glühwein mit ihnen zu trinken, wobei er eigentümlich mit den Augen zwinkerte, was Alexander bestimmte, die Einladung anzunehmen. Sie mußten Martha stützen, da ihr bei jedem Schritte die Beine versagten. Als sie ankamen, trugen sie sie; ihr Gesicht war verzerrt, ihre Augen standen weit offen, sie war in einen jener nervösen Anfälle verfallen, die sie Stunden hindurch in eine Totenstarre versetzten. Habe ich es nicht gesagt? rief Rosa, als sie ihre Herrin erblickte. Sie ist in einem schönen Zustande, und so sollen wir heimkehren! Darf man einen so harten Schädel haben? Der gnädige Herr hätte sie erwürgen sollen, dann hätte sie es sich doch gemerkt. Bah, sagte der Onkel, ich lege sie in mein Bett. Wir sterben nicht daran, wenn wir die Nacht am Herde zubringen. Er zog einen baumwollenen Vorhang beiseite, der ein Schlafzimmer verdeckte. Brummend entkleidete Rosa ihre Herrin. Man kann nichts anderes tun, sagte sie, als ihr einen heißen Ziegel auf die Füße legen. Jetzt schläft sie, und wir können einen Schluck trinken, sagte der Onkel in seinem spöttischen Tone. Mutter, Euer Glühwein riecht verdammt gut. Ich habe auf dem Kamin eine Zitrone gefunden und sie dazu genommen, erwiderte Rosa. Das war recht. Hier findet sich alles. Wenn ich ein Kaninchen zubereite, fehlt nichts. Er hatte den Tisch zum Kamin gerückt und setzte sich zwischen Alexander und die Köchin, indem er den Glühwein in große gelbe Tassen goß. Als er zwei Schlucke genommen hatte, sagte er andächtig, während er mit der Zunge schnalzte: Sapperment, der Glühwein ist gut! Ei, ei, Ihr versteht es; er ist besser als der meinige. Ihr müßt mir das Rezept geben. Rosa, durch diese Lobsprüche geschmeichelt, begann zu lachen. Das Feuer im Kamin prasselte lustig; die Schalen wurden von neuem gefüllt. Also meine Nichte, sagte Macquart, indem er sich mit den Ellenbogen auf den Tisch stützte, um der Köchin in das Gesicht zu sehen, ist so in einem plötzlichen Einfall hierhergekommen? Reden Sie mir nicht davon, erwiderte sie, das bringt mich in Zorn ... Die gnädige Frau wird verrückt wie der Herr; sie weiß nicht mehr, wen sie gern hat, und wen sie nicht gern hat ... Ich glaube, sie hat einen Streit mit dem Herrn Pfarrer gehabt, bevor sie abreiste; ich hörte beide schreien. Der Onkel lachte. Sie standen doch so gut miteinander, brummte er. Freilich, aber mit einem solchen Kopfe, wie die gnädige Frau einen hat, geht es nicht lange ... Ich wette, sie sehnt sich nach den Prügeln, mit denen der Herr sie nächtlicherweile bedachte. Den Stock haben wir im Garten gefunden. Er sah sie aufmerksam an und sagte, indem er wieder einen Schluck Wein nahm: Vielleicht wollte sie François holen. Ach, Gott beschütze uns davor! rief Rosa erschreckt. Der gnädige Herr würde eine schöne Verwüstung im Hause anrichten; er schlüge uns alle tot ... Ich fürchte immer noch, daß er eines Nachts kommt, uns zu ermorden. Wenn ich in meinem Bette daran denke, kann ich nicht mehr einschlafen. Es kommt mir vor, als sehe ich ihn mit struppigen Haaren und funkelnden Augen zum Fenster hereinsteigen. Macquart belustigte dies; er setzte heftig seine Schale auf den Tisch und sagte: Das wäre drollig, ja, das wäre drollig! Er muß euch nicht leiden können, besonders den Pfarrer, der seine Stelle eingenommen hat. Er würde den Pfarrer mit Haut und Haar fressen, so kräftig dieser auch ist; denn die Irren sind sehr stark, wie man sagt ... Alexander, stelle dir den armen Francis vor, wie er nach Hause kommt! Der würde reinen Tisch machen. Das müßte heiter sein. Dabei sah er den Wärter an, der ruhig den Glühwein trank und nur mit dem Kopfe zustimmend nickte. Ich denke es mir nur so zum Spaße, fuhr Macquart fort, als er bemerkte, wie erschreckt ihn Rosa ansah. In diesem Augenblicke wälzte sich Martha wütend hinter dem Vorhang herum; man mußte sie einige Minuten lang halten, damit sie nicht aus dem Bett falle. Als sie wieder starr ausgestreckt dalag, kehrte der Onkel nachdenklich zu dem Ofen zurück, um sich die Beine zu erwärmen, und brummte, ohne zu bedenken, was er sagte: Die Kleine ist nicht angenehm. Dann fragte er plötzlich: Und was sagen denn die Rougons zu all diesen Geschichten? Sie halten zum Abbé, nicht wahr? Unser Herr war nicht so freundlich, daß sie ihn bedauern sollten, erwiderte Rosa; er wußte nicht, welche Bosheiten er gegen sie ersinnen sollte. Da hatte er nicht unrecht, fuhr der Onkel fort, die Rougons sind Spitzbuben. Wenn man bedenkt, daß sie nicht das Getreidefeld da drüben kaufen wollten; ein prächtiges Geschäft, das ich zur Durchführung übernahm ... Felicité würde ein Gesicht machen, wenn sie François zurückkehren sähe! Er höhnte so weiter, während er den Tisch umkreiste. Dann brannte er mit entschlossener Miene seine Pfeife an und sagte mit einem neuerlichen Augenzwinkern zu Alexander: Du darfst die Stunde nicht vergessen, mein Lieber. Ich begleite dich ... Martha ist jetzt ruhig. Rosa soll unterdessen den Tisch decken ... Sie haben Hunger, nicht wahr, Rosa? Da Sie genötigt sind, die Nacht hier zuzubringen, sollen Sie einen Bissen mit mir essen. Er führte den Wärter hinweg. Nach einer halben Stunde war er noch nicht zurück. Die Köchin, die sich langweilte, öffnete die Türe, neigte sich über die Terrasse hinaus und sah auf die leere Straße in der hellen Nacht. Als sie hineingehen wollte, glaubte sie auf der anderen Seite des Weges hinter einer Hecke mitten auf einem Pfade zwei schwarze Schatten zu bemerken. Man sollte meinen, es sei der Onkel, dachte sie; mir scheint, er spricht mit einem Priester. Einige Minuten später trat der Onkel ein. Er sagte, daß ihm dieser verteufelte Alexander endlose Geschichten erzählt habe. Waren nicht Sie das, der soeben dort drüben mit einem Priester stand? fragte Rosa. Ich, mit einem Priester! rief er aus. Zum Teufel, Sie haben geträumt! In der Gegend gibt es gar keinen Priester. Er rollte seine funkelnden Augen. Dann schien er mit dieser Lüge unzufrieden und hub wieder an: Bloß der Abbé Fenil wohnt hier; aber es ist so, als wenn er gar nicht da ist, denn er geht nie aus. Der Abbé Fenil ist ein Nichtsnutz, sagte die Köchin. Darüber wurde der Onkel ärgerlich. Warum denn? Er tut hier viel Gutes; er ist ein gar kluger Mann ... Er taugt mehr als viele andere Pfaffen, die einem nur Verlegenheiten bereiten. Aber mit seinem Zorne war es auf einmal wieder aus. Er begann zu lachen, als er Rosas erstaunte Blicke sah. Ich kümmere mich übrigens nicht um diese Leute, sagte er. Sie haben recht, ein Pfaffe ist des anderen wert. Ein heuchlerisches Pack! Ich weiß jetzt, mit wem Sie mich gesehen haben mögen. Ich bin der Gewürzkrämerin begegnet; sie hatte ein schwarzes Kleid an; Sie haben es jedenfalls für einen Talar angesehen. Rosa machte einen Pfannkuchen, der Onkel legte ein Stück Käse auf den Tisch. Sie waren mit dem Essen noch nicht fertig, als sich Martha im Bette aufrichtete und sich erstaunt umsah wie jemand, der an einem unbekannten Orte erwacht. Als sie ihre Haare aus dem Gesichte gestrichen und sich wieder erinnert hatte, sprang sie aus dem Bette und erklärte, daß sie sogleich aufbrechen wolle. Macquart war über dieses Erwachen sehr ungehalten. Unmöglich, du kannst heute nicht nach Plassans zurückkehren, sagte er. Du fieberst ja und würdest unterwegs krank. Ruhe aus; morgen findet sich alles ... Vor allem ist kein Wagen da. Du fährst mich in deiner Karre zurück, erwiderte sie. Nein, ich will nicht, ich kann nicht. Martha kleidete sich mit fieberhafter Eile an und erklärte, daß sie lieber zu Fuße nach Plassans gehen werde, ehe sie in Tulettes übernachte. Der Onkel überlegte; er hatte die Türe geschlossen und den Schlüssel in die Tasche gesteckt. Er bat seine Nichte, er drohte ihr, er erfand alle möglichen Geschichten, aber sie hörte nicht auf ihn und setzte den Hut auf. Sie glauben, bei ihr etwas auszurichten? sagte Rosa, die ruhig ihren Käse aß; sie springt eher zum Fenster hinaus. Spannen Sie den Gaul an, das ist besser. Der Onkel zuckte nach kurzem Schweigen die Achseln und rief zornig: Mir kann es recht sein! Mag sie sich erkälten, wenn sie durchaus will. Ich wollte einem Unglück vorbeugen ... Komme, was kommen muß. Ich will euch fahren. Martha mußte in den Wagen getragen werden; ein heftiges Fieber schüttelte sie. Der Onkel warf ihr einen alten Mantel um. Er schnalzte mit der Zunge, und dann ging es fort. Mir ist es gerade recht, sagte er, daß ich heute abend nach Plassans fahre. Ja! ... In Plassans kann man sich unterhalten! Es war ungefähr zehn Uhr. Der regenschwangere Himmel hatte eine rötliche Helle, die den Weg schwach beleuchtete. Längs der Straße sah er hinter die Hecken, in die Gräben hinein. Als Rosa ihn fragte, was er suche, erwiderte er, daß aus den Schluchten von Seille Wölfe hervorgebrochen seien. Er war wieder bei guter Laune. Eine Meile vor Plassans ging ein eisiger Regen nieder. Der Onkel fluchte. Rosa hätte am liebsten ihre Herrin, die unter dem Mantel dem Tode nahe war, durchgeprügelt. Als sie endlich ankamen, war der Himmel wieder hell und blau. Fahren wir in die Balande-Straße? fragte Macquart. Gewiß, erwiderte Rosa erstaunt. Er machte ihr jetzt klar, daß Martha ihm sehr krank scheine und daß er sie lieber zu ihrer Mutter bringen wolle. Aber er willigte nach langem Zögern doch ein, vor dem Hause der Mouret zu halten. Martha hatte nicht einmal den Hausschlüssel mitgenommen. Rosa fand zum Glück den ihrigen in der Tasche; aber als sie öffnen wollte, ging die Türe nicht auf. Die Trouche schienen die Riegel vorgeschoben zu haben. Sie schlug mit der Faust daran, ohne aber ein anderes Geräusch zu wecken als das Echo in dem großen Vorhause. Sie können es sich noch so sehr in den Kopf setzen, sagte der Onkel höhnisch lächelnd, sie kommen nicht herunter, das würde sie stören ... Kinder, ihr seid tatsächlich aus eurem Hause ausgesperrt. Mein erster Gedanke war gut: Wir müssen das liebe Kind zu den Rougon bringen; sie ist dort besser aufgehoben als in ihrem eigenen Zimmer; das sage ich. Felicité geriet in eine sehr geräuschvolle Verzweiflung, als sie ihre Tochter ganz durchnäßt und halb tot zu einer solchen Stunde erblickte. Sie brachte sie zu Bette, versetzte das Haus in Aufruhr und jagte die Dienerschaft auf. Als sie ein wenig beruhigt am Bette Marthas saß, fragte sie: Aber was ist denn vorgefallen? Wie kommt es, daß ihr sie uns in einem solchen Zustande bringt? Macquart erzählte in gutmütigem Tone die Reise des »lieben Kindes«. Er verteidigte sich, indem er erklärte, daß er alles getan habe, um sie zu verhindern, François zu besuchen. Schließlich rief er Rosa als Zeugin an, als er sah, daß Felicité ihn mißtrauisch anblickte. Doch sie fuhr fort, den Kopf zu schütteln. Die Geschichte ist sehr verdächtig, murmelte sie; es steckt etwas dahinter, das ich nicht begreife. Sie kannte Macquart und witterte in seiner heimlichen Freude, die sich in dem Zwinkern seiner Augenlider zeigte, einen bösen Streich. Sie sind eigentümlich, sagte er ärgerlich, um sich ihren forschenden Blicken zu entziehen. Sie denken gleich immer an alles Unmögliche. Ich kann Ihnen nur sagen, was ich weiß ... Ich liebe Martha mehr als Sie, ich habe nur immer in ihrem Interesse gehandelt. Ich laufe zum Arzt, wenn Sie wollen. Frau Rougon blickte ihm nach. Sie fragte Rosa lange aus, ohne etwas zu erfahren. Übrigens schien sie sehr glücklich zu sein, ihre Tochter bei sich zu haben; sie ließ bittere Worte gegen die Leute fallen, die einen vor der Türe des eigenen Hauses umkommen lassen, ohne zu öffnen. Martha lag, den Kopf auf dem Kissen, im Sterben. Zweiundzwanzigstes Kapitel. In der Irrenhauszelle zu Tulettes herrschte finstere Nacht. Ein eisiger Zug weckte Mouret aus der stumpfen Starre, in die der Anfall ihn versetzt hatte. Neben der Mauer hockend, blieb er einen Augenblick unbeweglich; seine Augen standen offen, er rieb sachte den Kopf an den kalten Steinen und wimmerte wie ein Kind, das aufwacht. Aber er hatte von dem feuchten Luftzuge einen solchen Schmerz in den Beinen, daß er aufstand und sich umsah. Da erst bemerkte er, daß die Türe der Zelle ganz offen stand. Sie hat die Tür offen gelassen, sagte der Irre laut. Sie erwartet mich, ich muß gehen. Er ging hinaus, kam wieder zurück und befühlte seine Kleider sorgfältig wie ein ordnungsliebender Mann, der fürchtet, etwas zu vergessen; dann schloß er sorgfältig die Türe. Er ging langsam über den Hof mit den bedächtigen Schritten eines müßigen Spießbürgers. Als er in den zweiten Hof kam, sah er einen Wärter, der umherzuspähen schien. Er blieb stehen und sann einen Augenblick nach. Aber der Wärter war verschwunden, und er befand sich am anderen Ende des Hofes vor einer zweiten offenen Tür, die in das Freie führte. Er schloß sie hinter sich, ohne sich zu wundern, ohne sich zu beeilen. Sie ist doch eine gute Frau, brummte er, sie hat gehört, daß ich sie rief ... Es muß spät sein. Ich will heimkehren; sie müssen zu Hause schon besorgt sein. Er schlug einen Weg ein. Es schien ihm ganz natürlich, daß er sich im freien Felde befinde. Als er hundert Schritte gegangen war, hatte er Tulettes völlig vergessen; er bildete sich ein, daß er von einem Weinbergbesitzer komme, dem er fünfzig Krüge Wein abgekauft habe. Als er an einen Kreuzweg kam, wo sich fünf Wege schnitten, erkannte er die Gegend wieder. Er begann zu lachen und sagte: Wie dumm ich bin! Ich wollte jetzt die Höhe nach Saint-Eutrope hinauf; ich muß links gehen ... In anderthalb Stunden bin ich in Plassans. Dann schritt er auf der Landstraße fürbaß, indem er jeden Meilenstein wie einen alten Bekannten ansah. Er blieb vor gewissen Feldern und Landhäusern mit Interesse stehen. Der Himmel war grau, und große rötliche Nebelstreifen erhellten die Nacht mit dem bleichen Widerschein eines erlöschenden Feuers. Schwere Regentropfen begannen zu fallen; ein feuchter Ostwind blies daher. Zum Teufel, ich muß mich beeilen, sagte Mouret, indem er unruhig zum Himmel emporblickte. Es weht ein Ostwind, und wir bekommen einen hübschen Regen. Trocken komme ich nicht nach Plassans. Auch bin ich zu leicht gekleidet. Er zog die grobe, graue Leinwandjacke fester zusammen, die er in Tulettes in Fetzen gerissen hatte. Am Kinn hatte er eine tiefe Wunde, die er sich mit der Hand zuhielt, ohne sich von dem heftigen Schmerze Rechenschaft zu geben, den er da empfand. Die Landstraße blieb öde; er begegnete nur einem Wagen, der langsam dahinfuhr. Der schlafende Fuhrmann antwortete nicht auf den freundlichen Gruß, den er ihm zurief. Auf der Viornebrücke überraschte ihn der Regen. Er war ihm sehr unangenehm; er schützte sich davor, indem er unter die Brücke flüchtete. Es sei unerträglich, schimpfte er, nichts schade den Kleidern mehr als das; wenn er es gewußt hätte, würde er einen Regenschirm mitgenommen haben. Er wartete eine gute halbe Stunde, während er froh dem Rieseln des Wassers lauschte; als de« Regen vorüber war, stieg er wieder auf die Straße hinauf und kam endlich nach Plassans. Er vermied sorgfältig die Pfützen. Es war fast Mitternacht. Mouret berechnete, daß es noch nicht acht Uhr geschlagen habe. Er durchschritt die leeren Straßen voll Ärger, daß er seine Frau habe so lange warten lassen. Sie wird gar nicht wissen, was es heißen soll, dachte er. Das Essen wird kalt sein ... Na, Rosa wird mich schön empfangen! Er war in die Balande-Straße gekommen und stand vor seinem Haustor. Schau, sagte er, ich habe keinen Hausschlüssel. Aber er klopfte nicht. Das Küchenfenster blieb finster, und auch die anderen Fenster der Vorderseite schienen erstorben. Tiefes Mißtrauen bemächtigte sich des Irren; mit dem Instinkte eines Tieres witterte er eine Gefahr. Er zog sich in den Schatten der benachbarten Häuser zurück und prüfte nochmals die Vorderseite des Hauses; dann schien er einen Entschluß gefaßt zu haben; er ging in die Sackgasse Chevillottes. Aber die kleine Gartentüre war verriegelt. Da stemmte er sich mit übermenschlicher Kraft, die ihm eine plötzliche Wut verliehen, gegen die Türe, die morsch von der Nässe sofort entzweiging. Die Heftigkeit des Stoßes machte ihn betäubt, und er wußte nicht mehr, warum er die Türe soeben eingebrochen habe, die er wiederherzustellen versuchte, indem er die Stücke zusammenfügte. Da habe ich was Schönes angerichtet, und es war doch so leicht anzuklopfen! brummte er mit einem plötzlichen Bedauern. Eine neue Türe kostet mich wenigstens dreißig Franken. Er war jetzt im Garten. Als er den Kopf erhob und das Schlafzimmer im ersten Stocke hell erleuchtet sah, glaubte er, daß seine Frau eben zu Bette gehe. Das setzte ihn in großes Erstaunen. Ohne Zweifel hatte er unter der Brücke geschlafen, während er das Ende des Regens abwartete. Es mußte sehr spät sein. Wirklich waren die Fenster in der Nachbarschaft, die des Herrn Rastoil wie die der Präfektur, schon finster. Als er wieder hinaufsah, erblickte er im zweiten Stocke, hinter den dichten Vorhängen des Abbé Faujas das Licht einer Lampe. Es war wie ein flammendes Auge, das an der Mauer des Hauses angezündet, ihn schier verbrannte. Er preßte die Stirne in seine fieberheißen Hände, mit seinem wirren Geiste irrte er in einer schrecklichen Erinnerung, in einem verschwommenen Traume umher, wo nichts Deutliches sich formte, wo für ihn und die Seinigen eine drohende Gefahr emporstieg, die langsam größer und schrecklicher wurde und das Haus zu verschlingen drohte, wenn er es nicht rettete. Martha, Martha, wo bist du? stammelte er leise. Komm, führe die Kinder hinaus. Er suchte Martha in dem Garten, aber er erkannte ihn nicht mehr. Er schien ihm größer, öde und düster gleich einem Friedhofe. Die Sträucher waren verschwunden, die Salatpflanzen waren nicht mehr da, die Obstbäume schienen versetzt. Er ging zurück, kniete nieder, um zu sehen, ob nicht die Schnecken alles gefressen hätten. Das fehlende Strauchwerk, der Tod dieses hohen Grüns schnürte ihm ganz besonders das Herz zusammen wie der Tod eines lebenden Winkels des Hauses. Wer hatte das Strauchwerk vernichtet? Welche Sense war da drübergefahren und hatte alles wegrasiert und vernichtet, selbst die Veilchenstöcke, die er am Fuße der Terrasse gepflanzt hatte? Ein dumpfer Zorn stieg bei dem Anblicke dieses Verfalles in ihm auf. Martha, Martha, wo bist du? rief er wieder. Er suchte sie in dem kleinen Treibhause rechts von der Terrasse. Das Treibhaus war voll der dürren Reste der Büsche; sie lagen in Bündeln herum inmitten der Stümpfe der Obstbäume, die wie abgehauene Glieder herumlagen. In einer Ecke hing das Vogelbauer Desirees in einem kläglichen Zustande. Die Türe war zerschlagen, und die Drähte hingen wirr durcheinander. Der Irrsinnige wich entsetzt zurück, als wenn er die Türe einer Gruft geöffnet habe. Stöhnend stieg er die Terrasse hinauf und ging vor der Türe und den geschlossenen Fenstern hin und her. Der Zorn, der in ihm wuchs, verlieh seinen Gliedern die Geschmeidigkeit einer Bestie; er ging geräuschlos umher und suchte einen Spalt. Ein Kellerloch genügte ihm. Er kroch mit der Geschicklichkeit einer Katze hindurch, indem er sich mit den Nägeln an der Mauer festhielt. Endlich war er in dem Hause. Die Kellertür hatte nur eine Klinke. Er ging inmitten der tiefsten Finsternis durch das Vorhaus, indem er sich an den Mauern weitertastete, und stieß die Küchentüre auf. Die Zündhölzchen lagen links auf einem Brette. Er ging gerade auf das Brett zu, rieb ein Zündhölzchen an und machte Licht, um eine Lampe von dem Gesimse des Herdes zu nehmen, ohne etwas zu zerbrechen. Dann sah er sich um. Es mußte diesen Abend eine große Mahlzeit stattgefunden haben. Die Küche war in der größten Unordnung: Teller, Schüsseln, schmutzige Gläser standen auf dem Tische umher, zahlreiche Geräte noch warm in der Abwasche auf den Stühlen und dem Boden; eine Kaffeemaschine, die auf dem Ofen vergessen war, kochte noch, Mouret zog sie zurück und brachte die Schüsseln in Ordnung; er befühlte sie, roch an den Resten der Flüssigkeit in den Gläsern und zählte die Schüsseln und Teller mit tiefem Ingrimm. Das war nicht die saubere und kühle Küche eines von seinen Renten lebenden Kaufmannes; man hatte hier das Essen eines ganzen Wirtshauses verschlungen; diese gierige Unreinlichkeit troff von Übermaß. Martha! Martha! hub er wieder an, indem er, die Lampe in der Hand, in den Vorraum zurückkehrte; antworte mir, sage mir, wo sie dich eingeschlossen haben. Wir müssen fort, fort sogleich. Er suchte sie in dem Speisezimmer. Die beiden Schränke rechts und links vom Ofen standen offen; am Ende eines Brettes war eine Papiertüte geplatzt und ließ die Zuckerstücke auf den Fußboden rollen. Weiter oben erblickte er eine Flasche Kognak ohne Hals, die mit einem Leinwandfetzen zugestöpselt war. Er stieg auf einen Stuhl, um die Schränke zu untersuchen. Sie waren halb leer: Die Fruchtgläser halb ausgetrunken, das Eingemachte offen und zur Hälfte verzehrt, die Früchte angebissen, die Vorräte aller Art angegriffen, beschmutzt, als wenn ein Heer von Ratten durchgezogen sei. Da er Martha in den Schränken nicht fand, sah er überall hinter die Vorhänge, unter den Tisch; da lagen Knochen umher und Brotstücke; auf der Wachsdecke des Tisches hatten die Ränder der Gläser runde Spuren zurückgelassen. Hierauf ging er über den Flur und suchte sie in dem Salon. Aber auf der Schwelle blieb er stehen; er war nicht zu Hause. Die hellgelben Tapeten des Salons, der rotgeblümte Teppich, die neuen mit kirschrotem Damast überzogenen Sessel setzten ihn in großes Erstaunen. Er fürchtete, zu einem Fremden zu kommen; er schloß die Türe. Martha! Martha! stammelte er wieder verzweiflungsvoll. Er blieb im Vorraum stehen und überlegte, da er den dumpfen Zorn, der ihm die Kehle zuschnürte, nicht besänftigen konnte. Wo war er denn, daß er kein Zimmer wiedererkannte? Wer hatte ihm sein Haus so verändert? Seine Erinnerungen verschwammen. Er sah nur Schatten den Flur entlang gleiten; zwei schwarze, ärmliche Schatten, die sich höflich duckten; dann zwei graue verdächtige Schatten, die höhnten. Er hob die Lampe, deren Docht aufflammte; die Schatten wuchsen an den Mauern, stiegen die Treppe empor, erfüllten und verzehrten das ganze Haus. Ein böser Aussatz, ein Zerstörungskeim, der hier eingeführt worden war, hatte das Getäfel morsch, das Eisen rostig gemacht, die Mauern gespalten. Dann hörte er, wie das Haus in Staub sank gleich faulem Mauerwerk und zerschmolz wie ein Stück Salz, das in warmes Wasser geworfen wird. Oben ertönte helles Lachen, darob ihm die Haare zu Berge standen. Er stellte die Lampe auf die Erde und ging hinauf um Martha zu suchen; er stieg auf allen vieren geräuschlos und leicht wie ein Wolf hinauf. Als er auf dem Absätze des ersten Stockes war, kniete er vor der Türe des Schlafzimmers nieder. Ein Lichtstrahl drang unter der Türe hervor. Martha schien zu Bette zu gehen. Ah, ertönte die Stimme Olympias, ist ihr Bett aber gut! Sieh nur, Honore, wie man da einsinkt; mir gehen die Federn bis an die Augen. Sie lachte, streckte und wälzte sich in den Betten herum. Soll ich es dir sagen? fuhr sie fort. Seitdem ich hier bin, wollte ich immer in diesem Bette liegen ... Es war eine förmliche Krankheit von mir. Ich konnte diese dumme Trude von einer Hausfrau nicht da drinnen liegen sehen, ohne von einer wütenden Lust erfaßt zu werden, sie hinauszuwerfen und mich an ihre Stelle zu legen ... Da ist einem gleich warm! Mir ist, als läge ich in Wolle. Trouche, der sich noch nicht niedergelegt hatte, kramte unter den Toilettefläschchen herum. Sie hat alle Arten von Parfüm, murmelte er. Sieh, fuhr Olympia fort, da sie nicht hier ist, können wir es uns in dem schönen Zimmer bequem machen! Es hat keine Gefahr, daß sie uns stört; ich habe zugeriegelt ... Du wirst dich erkälten, Honoré! Er zog die Schubläden der Kommode auf und wühlte in der Wäsche herum. Zieh doch das an, sagte er und warf Olympia ein Nachthemd zu. Es ist voll Spitzen. Ich habe immer gewünscht, mit einer Frau zu schlafen, die ein Spitzenhemd an hat ... Ich will mir dieses rote Tuch um den Kopf binden ... Hast du frische Bettücher genommen? Nein, erwiderte sie; ich habe nicht daran gedacht; sie sind noch rein ... Sie achtet sehr auf sich, ich habe keinen Ekel vor ihr. Als sich Trouche endlich niederlegte, rief sie ihm zu: Stelle doch den Grog auf das Nachttischchen. Wir werden doch nicht aufstehen und bis ans Ende des Zimmers gehen, wenn wir trinken wollen ... So, jetzt sind wir wirkliche Hausbesitzer. Sie lagen jetzt beisammen und hatten die warmen Eiderdaunen bis an das Kinn hinaufgezogen. Ich habe heute abend gut gegessen, murmelte Trouche nach einer Pause. Und ich getrunken! fügte Olympia lachend hinzu. Ich bin ganz duselig; mir dreht sich alles im Kopfe ... Das Dumme ist, daß uns die Mutter immer auf dem Nacken sitzt; heute ist sie fürchterlich gewesen; ich konnte keinen Schritt mehr im Hause tun ... was nützt es uns, daß die Hausfrau fortgeht, wenn die Mutter hierbleibt und den Gendarmen macht. Das hat mir den ganzen Tag vergällt. Denkt der Abbé nicht daran fortzugehen? fragte Trouche wieder nach einer Weile. Wenn man ihn zum Bischof ernennt, muß er uns das Haus überlassen. Man weiß nicht, erwiderte sie verdrossen. Die Mutter will es vielleicht für sich behalten ... Es wäre so schön, wenn man ganz allein wäre! Ich würde die Hausfrau oben in dem Zimmer meines Bruders schlafen lassen, indem ich ihr sagen würde, daß es gesünder sei ... Gib einmal das Glas her, Honoré! Beide tranken und krochen dann wieder unter die Decken. Bah, fuhr Trouche fort, es ist nicht leicht, sie hinauszubringen; man kann es aber immerhin versuchen ... Ich glaube, der Abbé hätte schon eine andere Wohnung genommen, wenn er nicht fürchtete, daß ihm die Hausfrau einen Skandal macht, weil er sie verläßt. Ich habe Lust, die Hausfrau zu bearbeiten; ich würde ihr Geschichten erzählen, die ihr das Bleiben verleiden. Er trank von neuem. Wenn ich ihr den Hof machte, sagte er dann leiser. Ach nein, rief Olympia, die zu lachen begann, als wenn sie gekitzelt würde. Du bist zu alt und bist nicht schön genug. Ich würde mir nichts daraus machen, aber sie würde sicherlich von dir nichts wissen wollen ... Laß mich nur machen, ich werde ihr schön den Kopf zurechtsetzen. Ich gebe der Mutter und Ovid den Abschied, weil sie zu uns so wenig gut sind. Übrigens, wenn es dir nicht gelingt, brummte er, erzähle ich überall, daß man den Abbé bei der Hausfrau im Bette gefunden hat. Das wird ein solches Ärgernis erfegen, daß er ausziehen muß. Olympia hatte sich aufgesetzt. Das ist ein guter Gedanke, sagte sie. Morgen müssen wir damit anfangen. In einem Monat gehört uns die Bude ... Ich küsse dich für deine Mühe. Das stimmte beide ungemein heiter. Sie sprachen davon, wie sie das Zimmer einrichten wollten; die Kommode würden sie auf einen anderen Platz stellen und aus dem Salon zwei Sessel hinaufschaffen. Ihre Sprache stockte immer mehr. Es wurde still. He, du bist schon im Zuge, stammelte Olympia; du schnarchst mit offenen Augen. Laß mich vorne liegen; wenigstens kann ich meinen Roman beenden. Ich bin nicht schläfrig. Sie erhob sich, rollte ihn wie eine Masse gegen die Wand und begann zu lesen. Aber gleich bei der ersten Seite drehte sie unruhig den Kopf nach der Türe. Sie glaubte ein eigentümliches Grunzen auf dem Gange zu hören. Dann geriet sie in Zorn. Du weißt doch, daß ich solche Scherze nicht leiden kann, sagte sie und stieß ihren Mann mit dem Ellenbogen an. Du machst schon wieder den Wolf! ... Man möchte glauben, es sei ein Wolf vor der Türe. Nur zu, wenn es dir gefällt. Geh, du bist sehr lästig. Sie vertiefte sich von neuem eifrig in ihren Roman, nachdem sie an der Zitrone ihrs Grogs gesogen hatte. Mouret verließ mit schleichendem Gange die Türe, wo er zusammengekauert gewesen. Er stieg in das zweite Stockwerk hinauf, kniete vor dem Zimmer des Abbé Faujas nieder und schaute durch das Schlüsselloch hinein. Er erstickte in sich den Namen Marthas, spähte mit glühendem Auge in allen Winkeln des Zimmers umher und vergewisserte sich, daß man sie da nicht verberge. Das große kahle Zimmer war düster; eine kleine Lampe, die am Rande des Tisches stand, warf auf den Boden einen runden lichten Fleck. Nachdem Mouret hinter die Kommode und die Vorhänge gespäht hatte, blieben seine Blicke auf dem eisernen Bette haften, auf dem der Hut des Priesters wie das Haar einer Frau ausgebreitet lag. Martha mußte ohne Zweifel im Bette sein. Die Trouche hatten ja gesagt, daß sie jetzt da schlafe. Aber er sah das kalte Bett, das mit seinen glatt gespannten Tüchern einem Grabsteine glich; er gewöhnte sich an das Dunkel. Der Abbé Faujas mußte ein Geräusch gehört haben, denn er sah nach der Türe. Als der Irrsinnige das ruhige Gesicht des Priesters erblickte, röteten sich seine Augen, ein leichter Schaum erschien in den Winkeln seiner Lippen; er unterdrückte ein Geheul und ging auf allen vieren die Treppe und die Gänge zurück, indem er leise rief: Martha! Martha! Er suchte sie im ganzen Hause: in dem Zimmer Rosas, das er leer fand, in der Wohnung der Trouche, die mit den Möbeln anderer Zimmer angefüllt war; in den ehemaligen Zimmern der Kinder, wo er schluchzte, als ihm ein Paar vertretene Stiefelchen in die Hände fielen, die Desirée getragen. Er ging hinauf und hinunter, er hielt sich an dem Geländer fest, glitt die Mauern entlang, tastete sich durch alle Zimmer, ohne anzustoßen, mit der außerordentlichen Behendigkeit eines vorsichtigen Irren. Bald war kein Winkel im Keller und auf dem Dachboden, den er nicht durchsucht hatte. Martha war nicht im Hause, noch die Kinder, noch Rosa. Das Haus war leer, das Haus konnte zusammenstürzen. Mouret setzte sich auf eine Stufe der Treppe zwischen dem ersten und zweiten Stocke. Er unterdrückte den mächtigen Sturm, der seine Brust durchtobte. Er saß da mit gekreuzten Händen, dem Rücken an dem Geländer, offenen Augen und starrte ins Dunkel, ganz dem fixen Gedanken hingegeben, der langsam heranreifte. Seine Sinne waren so scharf, daß er das leiseste Geräusch im Hause vernahm. Unten schnarchte Trouche; Olympia drehte mit einem leisen Knistern des Papieres die Seiten ihres Romanes um. Im zweiten Stocke kratzte die Feder des Abbé wie die Füße eines Insektes, während in dem benachbarten Zimmer die schlafende Frau Faujas diese schrille Musik mit ihren kräftigen Atemzügen zu begleiten schien. Mouret lauschte so eine Stunde. Olympia sank zuerst in Schlaf; er hörte das Buch auf den Teppich fallen. Dann legte der Abbé Faujas die Feder weg und entkleidete sich unter leisem Schlürfen seiner Pantoffel; die Kleider glitten leise herab, das Bett krachte kaum. Das ganze Haus war zu Bett gegangen. Aber der Irre merkte an dem leisen Atem des Abbé, daß er nicht schlief. Allmählich wurde der Atemzug stärker. Das ganze Haus schlief. Mouret wartete noch eine halbe Stunde. Er lauschte noch immer mit großer Aufmerksamkeit, als wenn er die vier Personen, die da in ihren Betten lagen, mit immer schwerfälligerem Tritt in die Erstarrung des Schlafes versinken hörte. Das Haus verschwamm in der Finsternis und war wie ausgestorben. Da erhob er sich und ging langsam in den Vorraum. Er brummte vor sich hin: Martha ist nicht mehr da, das Haus ist nicht mehr, nichts ist mehr. Er öffnete die Türe, die in den Garten führte und ging in das kleine Treibhaus hinunter. Hier holte er die großen, trockenen Bündel heraus, trug sie armvoll hinauf und häufte sie vor den Türen der Trouche und Faujas' auf. Da er von einem Bedürfnisse nach großer Helle erfaßt wurde, zündete er in der Küche alle Lampen an, die er auf die Tische in den Zimmern und auf die Stiegenabsätze der Gänge stellte. Dann trug er den Rest der Reisigbündel herüber. Die Haufen türmten sich höher als die Türen. Aber als er den Weg zum letztenmal machte, fiel sein Blick auf die Fenster. Da kehrte er zurück und holte die Stümpfe der Obstbäume und errichtete unter den Fenstern einen Scheiterhaufen, indem er auf geschickte Weise für Luftzug sorgte, damit es besser brenne. Der Holzstoß kam ihm zu klein vor. Es ist nichts mehr da, sagte er, es muß auch nichts mehr da sein. Er besann sich, ging in den Keller hinunter und begann von neuem seine Wege. Jetzt schaffte er die Winterfeuerung herauf: Kohle, Reisig und Holz. Der Scheiterhaufen unter den Fenstern wurde größer. Bei jedem Reisigbündel, das er geschickt aufschichtete, wurde er zufriedener. Er verteilte dann den Brennstoff in den Räumlichkeiten des Erdgeschosses, errichtete einen Haufen in der Küche, einen anderen im Vorraum. Schließlich stieß er die Möbel um und brachte sie zu einem Haufen zusammen. Eine Stunde hatte ihm für diese harte Arbeit genügt. Ohne Schuhe, die Arme beladen, war er überall herumgeschlichen, hatte alles mit einer solchen Geschicklichkeit ausgeführt, daß er auch nicht einen Scheit Holz zu laut niederfallen ließ. Es schien neues Leben, eine ganz außerordentliche Logik der Bewegungen in ihn gefahren zu sein. Er war in seinen fixen Gedanken sehr stark, sehr vorsichtig. Als alles fertig war, sah er einen Augenblick wohlgefällig auf sein Werk. Er ging von Haufen zu Haufen, freute sich über die regelmäßige Form der Scheiterhaufen, schritt um jeden einzelnen herum und klatschte in äußerster Zufriedenheit leise in die Hände. Da einige Kohlenstücke auf der Treppe lagen, holte er einen Besen und kehrte den schwarzen Staub sorgfältig von den Stufen weg. Er vollendete so seinen Rundgang in der bedächtigen Weise eines sorgsamen Bürgers, der alles so einzurichten bemüht ist, wie es eingerichtet sein soll. Die Freude erschreckte ihn allmählich; er bückte sich und kroch auf allen vieren herum, stärker schnaufend und vor Freude grunzend. Dann nahm er eine Weinrebe und zündete die Haufen an, und zwar zuerst die auf der Terrasse unter den Fenstern. Mit einem Satze eilte er zurück, setzte die Haufen im Salon und Speisezimmer, in der Küche und im Vorraum in Brand. Dann sprang er von Stockwerk zu Stockwerk und warf die brennenden Reste seiner Weinrebe auf die Haufen, die die Türen der Trouche und Faujas' versperrten. Seine Wut steigerte sich, die Helle des Brandes machte ihn vollends toll. Zweimal eilte er mit gewaltigen Sätzen hinunter, drehte sich um sich selbst, drang durch den dichten Rauch, blies die Glut der Scheiterhaufen an und warf glühende Kohlen hinein. Als die Flammen schon bis zur Decke der Zimmer schlugen, setzte er sich zeitweilig auf den Boden nieder, lachte und klatschte in die Hände. Unterdessen schnaubte das Haus wie ein überheizter Ofen. Das Feuer brach an allen Punkten auf einmal mit einer Heftigkeit aus, die die Fußböden spaltete. Der Irrsinnige stieg mitten durch das Feuer mit versengtem Haar und geschwärzten Kleidern wieder hinauf. Er legte sich im zweiten Stocke wie eine lauernde Bestie in den Hinterhalt, auf den Fäusten kriechend, den grunzenden Kopf vorstreckend. So bewachte er den Gang und wandte von der Türe des Priesters kein Auge. Ovid! Ovid! rief eine erschreckte Stimme. Am Ende des Ganges öffnete sich plötzlich die Türe der Frau Faujas, und die Flamme schlug mit der Raserei eines Sturmwindes in das Zimmer hinein. Die alte Frau erschien mitten im Feuer. Die Hände ausstreckend, warf sie die brennenden Bündel auseinander, sprang in den Gang, stieß mit Händen und Füßen die Scheite hinweg, die die Türe ihres Sohnes verrammelten, den sie immerfort mit verzweifelter Stimme rief. Der Irrsinnige hatte sich mit glühenden Augen noch mehr geduckt, indem er immer noch sein klagendes Geheul ausstieß. Erwarte mich! Springe nicht zum Fenster hinaus! rief sie, indem sie an die Türe schlug. Sie mußte sie einbrechen. Die brennende Türe gab leicht nach. Sie erschien wieder und hielt ihren Sohn in den Armen. Er hatte sich noch Zeit genommen, seinen Talar anzuziehen; er war schier im Rauche erstickt. Ich trage dich, Ovid, rief sie in energischem Tone. Klammere dich an meine Schulter; halte dich an meinen Haaren fest, wenn du dich schwach fühlst ... Sei ruhig, ich bringe dich hinaus. Sie nahm ihn wie ein Kind auf die Schultern, und diese brave Mutter, diese alte Bäuerin, bis zum Tode ergeben, wankte nicht unter der erdrückenden Last des ohnmächtigen Körpers. Sie erstickte die Kohlen unter ihren nackten Füßen, bahnte sich einen Weg, indem sie die Flammen mit ihrer Hand abwehrte, damit ihr Sohn keinen Schaden nehme. Aber in dem Augenblicke, wo sie hinuntergehen wollte, stürzte sich der Irrsinnige, den sie nicht gesehen hatte, auf den Abbé Faujas, den er ihr von den Schultern riß. Sein klagendes Winseln artete in ein Geheul aus, während ein Anfall ihn am Rande der Treppe niederwarf. Er schlug, kratzte und würgte den Priester. Martha! Martha! rief er. Er rollte mit seinem Opfer die brennenden Stufen hinunter; während Frau Faujas, die mit ihren Zähnen ihn in die Gurgel biß, sein Blut trank. Die Trouche verbrannten in ihrer Trunkenheit, ohne einen Seufzer auszustoßen. Das verwüstete Haus sank inmitten eine Welle von Funken in Trümmer. Dreiundzwanzigstes Kapitel. Macquart traf den Doktor Porquier nicht zu Hause, so daß dieser erst um halb ein Uhr nachts herbeieilte. Das ganze Haus war auf den Beinen, nur Rougon war in seinem Bette liegen geblieben: Die Aufregung schade ihm, sagte er. Felicité, die noch immer auf demselben Stuhle neben dem Bette Marthas saß, stand auf und ging dem Arzte entgegen. Ach, lieber Herr Doktor, wir sind sehr besorgt, murmelte sie. Das arme Kind rührt sich nicht, seitdem wir sie zu Bette gebracht haben ... ihre Hände sind schon kalt; ich habe sie vergebens in den meinen gewärmt. Doktor Porquier sah aufmerksam Martha ins Gesicht; ohne sie weiter zu untersuchen, blieb er stehen, kniff die Lippen zusammen und sagte, indem er eine hoffnungslose Gebärde machte: Meine liebe Frau Rougon, Sie müssen Mut fassen. Felicité brach in Schluchzen aus. Es geht zu Ende, fuhr er leise fort. Schon lange erwartete ich diesen traurigen Ausgang, das muß ich Ihnen heute gestehen. Der armen Frau Mouret waren beide Lungenflügel angegriffen, und die Schwindsucht wurde durch ein Nervenübel noch beschleunigt. Er setzte sich und behielt in den Mundwinkeln jenes Lächeln eines wohlerzogenen Arztes, der auch im Angesichte des Todes höflich bleibt. Verzweifeln Sie nicht, machen Sie sich nicht krank, liebe Frau. Die Katastrophe war vorauszusehen, jede geringfügige Ursache konnte sie beschleunigen ... Die arme Frau Mouret hustete schon in der Jugend, nicht wahr? Ich glaube, sie hatte schon jahrelang den Keim der Krankheit in sich. In der letzten Zeit, besonders seit drei Jahren, machte die Schwindsucht schreckliche Fortschritte. Wie fromm sie war! Wie glaubenseifrig! Ich war immer gerührt, wenn ich sie so fromm sah ... Was wollen Sie? Die Wissenschaft ist sehr oft ohnmächtig. Da Frau Rougon noch immer weinte, suchte er sie in der zärtlichsten Weise zu trösten und forderte, daß sie zu ihrer Beruhigung eine Schale Lindenblütentee trinke. Ich beschwöre Sie, quälen Sie sich nicht, fuhr er fort. Ich versichere, sie fühlt nicht mehr ihre Krankheit; sie schläft ruhig ein und kommt erst im Todeskampfe zum Bewußtsein ... Übrigens verlasse ich Sie nicht; ich bleibe da, obwohl meine Bemühungen nutzlos sind. Ich bleibe da als Freund, liebe Frau, als Freund, verstehen Sie? Er richtete es sich bequem in einem Sessel für die Nacht ein. Felicité beruhigte sich ein wenig. Doktor Porquier hatte ihr zu verstehen gegeben, daß Martha nur mehr einige Stunden zu leben habe, weshalb sie den Entschluß faßte, Serge aus dem nahen Seminar holen zu lassen. Als sie Rosa bat, sich dorthin zu begeben, weigerte sich diese zuerst. Sie wollen den armen Kleinen also auch töten? sagte sie. Das wäre ein viel zu harter Schlag, mitten in der Nacht geweckt zu werden, um eine Tote zu sehen... Ich will nicht sein Henker sein. Rosa zürnte immer noch ihrer Herrin. Seitdem diese im Sterben lag, ging sie um das Bett herum und schob wütend die Schalen und Flaschen beiseite. Ist das vernünftig, was die gnädige Frau getan hat? sagte sie. Daran ist niemand schuld, wenn sie fortreist, um sich bei dem gnädigen Herrn den Tod zu holen. Und jetzt müssen wir alle auf den Beinen sein und flennen. Nein, ich will nicht, daß man den Kleinen plötzlich weckt. Schließlich ging sie doch ins Seminar. Doktor Porquier hatte sich vor dem Feuer ausgestreckt; mit halb geschlossenen Augen fuhr er fort, an Frau Rougon freundliche Worte zu richten. Ein leichtes Röcheln hob Marthas Brust. Der Onkel Macquart, der sich seit zwei Stunden nicht hatte sehen lassen, kam sachte zur Türe herein. Woher kommen Sie denn? fragte ihn Felicité und führte ihn in eine Ecke. Er erwiderte, daß er Wagen und Gaul in der Herberge »zu den drei Tauben« eingestellt habe. Aber seine Augen leuchteten von so teuflischer List, daß sie ihn in tausenderlei Verdacht hatte. Sie vergaß ihre sterbende Tochter und witterte einen Schurkenstreich, den sie erfahren wollte. Man sollte meinen, Sie haben jemandem aufgelauert, fuhr sie fort, da sie seine beschmutzten Beinkleider sah. Sie verheimlichen mir etwas, Macquart. Das ist nicht schön. Wir sind immer gut zu Ihnen gewesen. Ja, gut, brummte der Onkel höhnisch. Das sagen Sie. Rougon ist ein Geizhals; in der Geschichte mit dem Felde hat er mir mißtraut, mich schlecht behandelt ... Wo ist denn Rougon? Er pflegt sich und kümmert sich nicht um die Sorgen, die man wegen seiner Familie hat. Das Lächeln, mit dem er die letzten Worte begleitete, beunruhigte Felicité lebhaft. Sie sah ihm ins Gesicht. Welche Mühe haben Sie sich denn um die Familie genommen? fragte sie. Sie werden doch mir nicht vielleicht einen Vorwurf daraus machen, daß Sie Martha aus Tulettes zurückgebracht haben? ... Übrigens sage ich Ihnen nochmals, daß es mir sehr verdächtig vorkommt. Ich habe schon Rosa gefragt; es scheint, daß Sie den Vorsatz gefaßt hatten, gleich hierher zu kommen ... Ich wundere mich auch, daß Sie an dem Wohnhause in der Balande-Straße nicht stärker geklopft haben; man hätte Ihnen geöffnet ... Ich will damit nicht sagen, daß ich unwillig bin, das liebe Kind bei mir zu haben; sie stirbt wenigstens im Kreise der Ihrigen und hat Freunde um sich ... Der Onkel schien sehr überrascht; er unterbrach sie mit ängstlicher Miene: Ich glaubte, daß Sie mit dem Abbe Faujas in größerer Freundschaft ständen? Sie gab keine Antwort; sie näherte sich Martha, deren Atem stöhnender wurde. Als sie zurückkam, sah sie, wie Macquart den Vorhang des Fensters hob und mit der Hand die Feuchtigkeit von der Glasscheibe wischte, als suche er in die Nacht hinauszublicken. Fahren Sie morgen nicht eher ab, als bis Sie mit mir gesprochen haben, meinte sie; ich will alles ins reine bringen. Wie Sie wollen, erwiderte er. Man ist sehr in Verlegenheit, soll man Ihnen zu Gefallen sein. Sie lieben die Leute und dann wieder nicht ... Ich mache mir nichts daraus; ich gehe nur immer meinen Weg. Es war ihm augenscheinlich unwillkommen zu erfahren, daß die Rougon nicht mehr gemeinsame Sache mit dem Abbé Faujas machten. Er wischte mit den Fingerspitzen die Scheibe ab und sah unverwandt in die finstere Nacht hinaus. In diesem Augenblick rötete eine starke Helle den Himmel. Was ist denn das? fragte Felicité. Er öffnete das Fenster und sah hinaus. Man könnte meinen, es sei ein Brand, murmelte er ruhig. Es brennt hinter der Unterpräfektur. Auf dem Platze entstand Lärm. Ein Diener trat bestürzt herein und meldete, daß im Hause der Tochter der gnädigen Frau Feuer ausgebrochen sei. Man hätte den Schwiegersohn der gnädigen Frau, den man eingesperrt glaubte, in dem Garten mit einer brennenden Weinrebe herumrennen sehen. Das Schlimmste sei, daß man zweifle, die Bewohner des brennenden Hauses retten zu können. Felicité drehte sich hastig um, sah Macquart starr an und dachte einen Augenblick nach. Sie begriff endlich. Sie hatten uns doch versprochen, sagte sie leise, daß Sie sich ruhig verhalten würden, als wir Ihnen das kleine Haus in Tulettes übergaben. Nichts fehlt Ihnen, Sie leben dort wie ein wahrer Rentier ... Das ist schändlich, verstehen Sie! Wieviel hat Ihnen denn der Abbé Fenil gegeben, um François die Türe zu öffnen? Er geriet in Ärger, aber sie hieß ihn schweigen. Sie schien über die Folgen dieses Vorfalles beunruhigter als über das Verbrechen selbst entsetzt zu sein. Und welch schrecklicher Skandal, wenn man erfahren würde! ... murmelte sie weiter. Haben wir Ihnen je etwas verweigert? Wir sprechen morgen wegen des Feldes, mit dem Sie uns in den Ohren liegen ... Wenn Rougon es erfahren würde, wäre es sein Tod. Der Onkel mußte lächeln. Er verteidigte sich lebhafter und schwur, daß er nichts wisse, daß er sich in nichts gemengt habe. Als sich der Himmel immer mehr rötete und der Doktor schon hinuntergegangen war, verließ der Onkel das Zimmer und bemerkte neugierig: Ich will nachsehen. Herr Péqueur des Saulaies hatte zuerst Lärm geschlagen. In der Unterpräfektur war Gesellschaft gewesen. Er ging einige Minuten vor ein Uhr eben zu Bette, als er einen eigentümlichen roten Widerschein an der Decke seines Zimmers bemerkte. Er trat ans Fenster und war ganz überrascht, als er ein großes Feuer im Garten der Mourets brennen sah, während eine Gestalt, die er zuerst nicht erkannte, in dem Rauch herumtanzte und einen Feuerbrand schwenkte. Fast gleichzeitig brachen aus allen Öffnungen des Erdgeschosses die Flammen hervor. Der Unterpräfekt zog schnell seine Beinkleider an, rief seinen Diener und schickte den Hausmeister fort, um die Feuerwehr und die Behörden zu verständigen. Bevor er sich auf die Unglücksstätte begab, kleidete er sich vollends an und drehte sich vor einem Spiegel seinen Schnurrbart. Er kam als erster in die Balande-Straße. Die Straße war ganz leer, nur zwei Katzen rannten quer hinüber. Sie werden da drinnen braten wie Koteletten, dachte Herr Péqueur des Saulaies, erstaunt über die tiefe Ruhe der Vorderseite des Hauses, wo sich noch keine Flamme zeigte. Er pochte heftig an die Türe, aber er hörte in dem Stiegenhause nur das Prasseln des Feuers. Er donnerte dann an die Türe des Herrn Rastoil. Hier erhob sich ein durchdringendes Geschrei, begleitet von dem Hinundherrennen, Türenzuwerfen und Rufen. Aurelia, nimm etwas um die Schultern, rief der Präsident. Herr Rastoil stürzte heraus, gefolgt von Frau Rastoil und der jüngeren, noch unverheirateten Tochter. Aurelia hatte in der Eile einen Überzieher ihres Vaters umgeworfen, so daß ihre Arme nackt blieben; sie wurde ganz rot, als sie Herrn Péqueur des Saulaies erblickte. Welch schreckliches Unglück! stammelte der Präsident. Alles wird verbrennen. Die Wand meines Zimmers ist schon heiß. Die zwei Häuser bilden ja nur ein Gebäude, wenn ich so sagen darf ... Ach, Herr Unterpräfekt, ich habe mir nicht einmal die Zeit genommen, die Uhren zu retten. Man muß die Nothilfe in Anspruch nehmen; man kann doch nicht seine Möbel in wenigen Stunden verlieren. Frau Rastoil, die mit einem Schlafrocke nur halb bekleidet war, weinte wegen der Salonmöbel, die sie eben erst hatte frisch überziehen lassen. Unterdessen hatten sich einige Nachbarn an den Fenstern gezeigt. Der Präsident rief sie herbei und begann, seine Wohnung zu räumen; er belud sich besonders mit den Uhren, die er auf dem gegenüberliegenden Fußsteige niedersetzte. Als man die Sessel des Salons hinausgeschafft hatte, ließ er seine Frau und Tochter sich niedersetzen, während der Unterpräfekt bei ihnen blieb, um sie zu trösten. Beruhigen Sie sich, meine Damen, sagte er. Die Feuerwehr kommt und greift das Feuer tüchtig an ... Ich glaube, Ihnen die Versicherung geben zu können, daß man Ihr Haus retten wird. Die Fenster der Mourets platzten und die Flammen erschien im ersten Stockwerk. Sofort war die Straße hell erleuchtet; es war licht wie am Tage. In der Ferne schlug ein Tambour auf dem Präfekturplatze Alarm. Männer eilten herbei, es bildete sich eine Kette, aber es fehlte an Eimern, und die Spritze kam auch nicht. Inmitten der allgemeinen Bestürzung gab Herr Péqueur des Saulaies, ohne die Damen Rastoil zu verlassen, mit lauter Stimme Befehle: Den Durchgang freilassen! Die Kette ist dort drüben zu eng! Stellt euch immer zwei Schritte voneinander auf! Dann wandte er sich zu Aurelia und sagte in sanftem Tone: Ich wundere mich, daß die Spritze noch nicht da ist ... Es ist eine neue Spritze, die jetzt die Feuertaufe erhalten soll. Ich habe sofort den Hausmeister hingeschickt; auch auf die Gendarmerie mußte er laufen. Die Gendarmen waren zuerst da; sie hielten die Neugierigen zurück, deren Zahl trotz der vorgerückten Stunde immer mehr anwuchs. Der Unterpräfekt ordnete persönlich die Kette, die einige Spaßvögel aus der Vorstadt ins Wanken gebracht hatten. Die kleine Glocke von Saint-Saturnin läutete Sturm, und nach Mail zu in dem unteren Teile der Straße schlug ein zweiter Tambour Alarm. Endlich kam die Spritze rasselnd heran. Die Menschengruppen wichen zurück; fünfzehn Feuerwehrleute von Plassans liefen keuchend herbei; aber trotz des Eingreifens des Herrn Péqueur des Saulaies verging noch eine bange Viertelstunde, ehe die Spritze ihre Tätigkeit beginnen konnte. Ich sage Ihnen, der Kolben bewegt sich nicht, rief der Hauptmann dem Unterpräfekten wütend zu, der behauptete, die Schrauben seien zu fest angezogen. Als ein Wasserstrahl emporstieg, entrang sich der Menge ein Seufzer der Befriedigung. Das Haus brannte jetzt vom Erdgeschosse bis zum zweiten Stockwerk wie eine ungeheure Fackel. Das Wasser fuhr zischend in die Glut, während die Flammen in gelben Säulen immer höher stiegen. Einige Feuerwehrleute waren auf das Dach des Hauses des Präsidenten gestiegen, wo sie mit Hacken einige Ziegel einschlugen, um dem Feuer eine Grenze zu setzen. Die Bude ist verloren, murmelte Macquart, der mit den Händen in der Tasche ruhig auf dem gegenüberliegenden Fußwege stand und dem Umsichgreifen des Brandes mit lebhaftem Interesse zusah. Auf der Straße hatte sich im Freien ein Salon gebildet. Die Sessel standen im Halbkreise beisammen, als wolle man einem Schauspiele bequem zusehen. Frau von Condamin und ihr Gatte waren eben angekommen; sie seien kaum aus der Unterpräfektur zu Hause angelangt, sagten sie, als sie die Alarmsignale hörten. Herr von Bourdeu, Herr Maffre, Doktor Porquier, Herr Delangre, von mehreren Gemeinderatsmitgliedern begleitet, waren ebenfalls herbeigeeilt. Alle umstanden die Damen Rastoil, trösteten sie und ergingen sich in mitleidsvollen Worten. Schließlich setzte sich die Gesellschaft auf die Sessel, und es entspann sich eine Unterhaltung, während zehn Schritte weiter die Spritze arbeitete und die brennenden Balken krachten. Hast du meine Uhr an dich genommen? fragte Frau Rastoil; sie lag samt der Kette auf dem Kaminsims. Ja, ja, ich habe sie in der Tasche, erwiderte der Präsident erregt und vor Aufregung zitternd. Ich habe auch das Silberzeug ... Ich hätte alles mitgenommen; aber die Feuerwehrleute wollen es nicht, sie meinen, es sei lächerlich. Herr Péqueur des Saulaies zeigte sich sehr ruhig und höflich. Ich versichere, daß Ihr Haus in keiner Gefahr ist, sagte er; das Feuer ist eingeschränkt. Sie können Ihr Eßzeug in das Speisezimmer zurücktragen. Aber Herr Rastoil wollte sich nicht von seinem Silberzeug trennen, das er, in eine Zeitung eingehüllt, unter seinem Arme hielt. Alle Türen sind offen, stammelte er; das Haus ist voll Leuten, die ich nicht kenne ... Sie haben in mein Dach ein Loch geschlagen, dessen Ausbesserung mir viel Geld kosten wird. Frau von Condamin rief dem Unterpräfekten zu: Aber das ist schrecklich! Ich glaubte, daß die Bewohner Zeit gehabt hätten, sich zu retten! ... Man hat keine Nachricht über den Abbé Faujas? Ich selbst habe angeklopft, sagte Herr Péqueur des Saulaies; niemand hat mir geantwortet. Als die Feuerwehr ankam, ließ ich die Türe einschlagen und Leitern an die Fenster legen ... Alles ist vergebens gewesen. Einer unserer tapferen Gendarmen, der sich in den Vorraum gewagt hat, wäre bald in dem Rauche erstickt. Also der Abbé Faujas! ... Welch schrecklicher Tod! fuhr die schöne Octavia schaudernd fort. Die Herren und Damen sahen sich blaß in der flackernden Helle des Brandes an. Doktor Porquier erklärte, daß der Feuertod vielleicht nicht so schrecklich sei, wie man glaube. Man wird ohnmächtig, sagte er zum Schluß, und es ist in einigen Sekunden geschehen. Ich muß sagen, es hängt von der Heftigkeit der Hitze ab. Herr von Condamin zählte an den Fingern. Wenn Frau Mouret sich bei ihren Eltern befindet, wie man behauptet, sind es immer noch vier: Der Abbé Faujas, seine Mutter, seine Schwester und sein Schwager ... Das ist schrecklich! In diesem Augenblicke neigte sich Frau Rastoil zu dem Ohre ihres Mannes. Gib mir meine Uhr, flüsterte sie. Ich habe keine Ruhe. Du bewegst dich und setzest dich noch darauf. Da eine Stimme rief, der Wind treibe die Flammen gegen die Unterpräfektur, entschuldigte sich Herr Péqueur des Saulaies und stürzte fort, um dieser neuen Gefahr vorzubeugen. Unterdessen wollte Herr Delangre, daß man eine letzte Anstrengung mache, um den Opfern Hilfe zu bringen. Der Feuerwehrhauptmann erwiderte ihm kurz, er solle selbst auf die Leiter hinaufsteigen, wenn er es für möglich halte; ein solches Feuer, sagte er, habe er noch nie gesehen. Der Teufel müsse das Haus angezündet haben, daß es auf allen Seiten zugleich lichterloh brenne. Der Bürgermeister ging in Begleitung einiger hilfsbereiter Leute in die Sackgasse Chevillottes, indem er glaubte, man werde von der Gartenseite her hinaufsteigen können. Es wäre ein herrlicher Anblick, wenn es nicht so traurig wäre, bemerkte Frau von Condamin, die sich allmählich beruhigte. In der Tat war das Feuer prächtig. Funkengarben stiegen in großen blauen Flammen empor; rotglühende Löcher bildeten sich in jedem klaffenden Fenster, während der Rauch ruhig dahinzog und in einer großen bläulichen Wolke verschwand gleich dem Rauche des bengalischen Feuers bei einem Feuerwerke. Die Herren und Damen hatten es sich in den Lehnstühlen bequem gemacht; sie stützten die Ellenbogen auf, streckten sich aus und blickten empor; dann trat ein Schweigen ein, nur zeitweilig durch Bemerkungen unterbrochen, wenn ein noch heftigerer Flammenwirbel sich erhob. In der Ferne, in der tanzenden Helle, welche die dicht gedrängten Köpfe der Zuschauer beleuchtete, floß der Lärm der Menge und das Rauschen des Wassers zu einem unbestimmten Getöse zusammen. Die Spritze schnaubte zehn Schritte entfernt regelmäßig weiter und ließ das heisere Gurgeln in ihrem metallenen Halse hören. Sehen Sie doch zum dritten Fenster im zweiten Stock hinauf, rief plötzlich Herr Maffre erstaunt aus; man sieht deutlich links ein Bett brennen. Die Vorhänge sind gelb, sie brennen wie Papier. Herr Péqueur des Saulaies kam in mäßigem Laufe zurück, um die Gesellschaft zu beruhigen. Die Flammen werden wohl, sagte er, durch den Wind gegen die Unterpräfektur getrieben, aber sie erlöschen in der Luft. Es ist keine Gefahr, man ist des Feuers Herr geworden. Aber weiß man denn, fragte Frau von Condamin, wie das Feuer entstanden ist? Herr von Bourdeu versicherte, daß er zuerst eine große Rauchwolke aus der Küche habe emporsteigen gesehen. Herr Maffre wieder behauptete, daß die Flammen zuerst in einem Zimmer des ersten Stockes ausgebrochen seien. Der Unterpräfekt schüttelte mit amtlicher Bedächtigkeit den Kopf; schließlich sagte er leise: Ich glaube, daß Bosheit diesem Unglücke nicht fern steht, und habe schon eine Untersuchung angeordnet. Dann erzählte er, daß er einen Menschen gesehen, der mit einem brennenden Holzscheite das Feuer angezündet habe. Ja, auch ich habe ihn gesehen, unterbrach Aurelia Rastoil. Es war Herr Mouret. Das brachte eine außerordentliche Überraschung hervor. Es sei unmöglich, sagte man. Herr Mouret soll dem Irrenhause entsprungen und seinen Besitz angezündet haben, welch schreckliches Drama! Und nun bestürmte man Aurelia mit Fragen. Sie errötete, während ihre Mutter sie streng ansah. Es war nicht anständig, daß ein Mädchen jede Nacht so am Fenster stehe. Ich versichere Ihnen, ich habe Herrn Mouret genau erkannt, fuhr sie fort. Ich konnte nicht einschlafen, und stand auf, weil ich einen großen Lichtschein bemerkte ... Herr Mouret tanzte mitten im Feuer. Der Unterpräfekt sprach sich jetzt aus: Das Fräulein hat vollkommen recht ... Ich erkenne jetzt diesen Unglücklichen. Er sah so schrecklich aus, daß ich ganz bestürzt war, obgleich mir sein Gesicht nicht unbekannt vorkam ... Ich bitte Sie um Verzeihung, es ist sehr ernst; ich muß noch einige Befehle erteilen. Er entfernte sich neuerdings, während die Gesellschaft diesen schrecklichen Vorfall besprach, daß ein Hausbesitzer seine Mieter verbrenne. Herr von Bourdeu war gegen die Irrenhäuser entrüstet; die Aufsicht in ihnen sei ganz unzureichend. In Wahrheit fürchtete aber Herr von Bourdeu in dem Feuer die Präfektur aufflammen zu sehen, die ihm der Abbé Faujas versprochen hatte. Die Verrückten sind rachgierig, sagte Herr von Condamin einfach. Dieses Wort setzte die ganze Gesellschaft in Verlegenheit. Die Unterhaltung stockte sogleich. Die Frauen schauerten zusammen, während die Herren sich eigentümliche Blicke zuwarfen. Das brennende Haus wurde viel interessanter, seitdem die Gesellschaft wußte, welche Hand es angezündet hatte. Die Augen hafteten in wollüstigem Schreck an dem brennenden Scheiterhaufen drüben, und man dachte an das Drama, das sich dort abgespielt hatte. Wenn Papa Mouret drinnen ist, sind es ihrer fünf, sagte Herr von Condamin wieder, den die Damen schweigen hießen, indem sie ihm vorwarfen, er sei ein grausamer Mensch. Seit dem Beginn des Brandes lehnten die Paloques am Fenster ihres Speisezimmers und sahen zu. Sie befanden sich gerade über dem Salon, der auf dem Fußsteige sich gebildet hatte. Die Richterin ging schließlich hinunter, um in freundlicher Weise den Damen Rastoil wie auch den Personen, die sie umstanden, Gastfreundschaft anzubieten. Man sieht sehr gut von unseren Fenstern, sagte sie. Da die Damen sich weigerten, fuhr sie fort: Aber Sie werden sich erkälten; die Nacht ist sehr kühl. Frau von Condamin lächelte und streckte ihre kleinen Füße aus, so daß sie unter dem Kleide sichtbar wurden. Ach nein, uns ist nicht kalt, erwiderte sie; mir ist an den Füßen sehr heiß ... Ist Ihnen kalt, Fräulein? Mir ist zu warm, versicherte Aurelia. Es ist wie in einer Sommernacht. Das Feuer wärmt sehr hübsch. Die ganze Gesellschaft erklärte, daß es warm sei; so entschied sich Frau Paloque auch, zu bleiben und sich in einen Sessel zu setzen. Herr Maffre war soeben fortgegangen; er hatte in der Menge seine zwei Söhne in Begleitung Wilhelm Porquiers bemerkt, die alle drei ohne Krawatte aus einem Hause bei den Schanzen herbeigeeilt waren, um das Feuer zu sehen. Der Richter, der sicher wußte, daß er sie in ihrem Zimmer doppelt eingeschlossen hatte, führte Alphonse und Ambroise bei den Ohren fort. Wie wäre es, wenn wir zu Bette gingen? sagte Herr von Bourdeu, der immer mißlauniger wurde. Herr Péqueur des Saulaies war wieder zurückgekehrt; trotz seiner vielen Sorgen vergaß er die Damen nicht. Er ging schnell Herrn Delangre entgegen, der aus der Sackgasse Chevillottes zurückkam. Sie sprachen leise miteinander. Der Bürgermeister mußte einer schrecklichen Szene beigewohnt haben; er hielt sich die Hand vor die Augen, als ob er das fürchterliche Bild bannen wollte, das ihn verfolgte. Die Damen hörten ihn nur murmeln: Wir sind zu spät gekommen! Es ist schrecklich, schrecklich! Er wollte keine Frage beantworten. Nur Bourdeu und Delangre bedauern den Abbé, flüsterte Herr von Condamin Frau Paloque zu. Sie hatten mit ihm zu tun, erwiderte diese ruhig. Sehen Sie nur, da ist der Abbé Bourrette. Er weint aufrichtige Tränen. Der Abbé Bourrette, der mit in der Kette stand, weinte bitterlich. Der arme Mann war untröstlich und wollte sich auch nicht in einen Sessel setzen, sondern blieb stehen und sah unverwandt auf die letzten brennenden Balken hinüber. Man hatte auch den Abbé Surin gesehen; aber er war verschwunden, als er von Gruppe zu Gruppe schreitend die umlaufenden Gerüchte hörte. Gehen wir schlafen, sagte Herr von Bourdeu wieder. Es ist dumm, bis zu Ende da zu bleiben. Die ganze Gesellschaft erhob sich. Es wurde beschlossen, daß Herr Rastoil samt Frau und Tochter bei den Paloque übernachten solle. Frau von Condamin strich ruhig ihren Rock glatt, der ein wenig zerknittert war. Man schob die Sessel zurück, blieb einen Augenblick stehen, und wünschte sich dann gegenseitig eine gute Nacht. Die Spritze keuchte noch immer, der Brand erlosch inmitten eines schwarzen Rauches; man hörte nur noch das Getrappel der Menge und die Hacke eines Feuerwehrmannes, der einen Balken lostrennte. Es ist zu Ende, dachte Macquart, der den gegenüberliegenden Fußsteig nicht verlassen hatte. Er blieb noch einen Augenblick stehen, um die letzten Worte zu hören, die Herr von Condamin leise mit Frau Paloque wechselte. Bah, sagte die Frau des Richters, niemand wird weinen außer dem dummen Bourrette. Er war unerträglich geworden, wir alle waren seine Sklaven. Der Bischof wird lachen ... Endlich ist Plassans befreit. Und die Rougon, bemerkte Herr von Condamin, müssen entzückt sein. Bei Gott, die Rougon sind im siebenten Himmel. Sie treten die Erbschaft des Abbé an. Ja, sie hätten den sehr gut bezahlt, der gewagt hätte, die Bude anzuzünden. Macquart ging verdrossen fort. Er fürchtete schließlich, der Betrogene zu sein. Die Freude der Rougon machte ihn bestürzt. Sie waren Schurken, die immer ein doppeltes Spiel trieben und bei denen man schließlich immer der Betrogene war. Als er über den Präfekturplatz schritt, schwur er sich, nie mehr auf diese Weise im trüben zu fischen. Als er in das Zimmer hinaufging, wo Martha im Sterben lag, fand er Rosa auf einer Stufe der Treppe sitzen. Sie war noch immer blau vor Zorn und schimpfte: Nein, ich bleibe nicht in dem Zimmer; so etwas will ich nicht sehen. Möge sie ohne mich hinsterben! Ich kann sie nicht mehr leiden, ich kann niemanden mehr leiden ... Muß ich den Kleinen holen, um sich so etwas anzusehen! Und ich willigte ein! Ich ärgere mich mein ganzes Leben darüber ... Er war weiß wie sein Hemd, der Engel. Ich habe ihn vom Seminar bis hierher tragen müssen. Ich glaubte, er gebe unterwegs den Geist auf, so heftig weinte er. Es ist ein Jammer! ... Und jetzt ist er da und küßt sie immerfort. Mich überläuft es eiskalt. Ich wollte, das Haus stürze uns auf den Kopf, damit es mit einem Schlage aus ist ... Ich gehe in irgendein Loch, lebe für mich allein und sehe niemanden, nie, nie! Das ganze Leben ist nur da, um zu weinen oder sich zu ärgern. Macquart trat in das Zimmer. Frau Rougon lag auf den Knien und verbarg das Gesicht in ihren Händen, während Serge bei dem Bette stand und weinend das Haupt der Sterbenden stützte. Sie war noch nicht zum Bewußtsein gekommen. Die letzten Flammen des Brandes erleuchteten das Zimmer mit einem roten Scheine. Ein Schluchzen erschütterte Martha. Sie öffnete erstaunt die Augen, setzte sich auf und blickte herum. Dann faltete sie in einem unaussprechlichen Entsetzen die Hände und hauchte die Seele aus, als sie in dem rötlichen Feuerschein den Talar Serges erblickte.   Ende.