Kurt Tucholsky 20 Gedichte Die Frau spricht Die geschiedene Frau Ja ... da war nun also wieder einer ...       das ist komisch! Vor fünf Jahren, da war meiner; dann war eine ganze Weile keiner ...       Und jetzt geht ein Mann in meiner Wohnung um,       findet manches, was ich sage, dumm;       lobt und tadelt, spricht vom Daseinszwecke       und macht auf das Tischtuch Kaffeeflecke –             Ist das alles nötig –? Ja ... er sorgt. Und liebt. Und ists ein trüber Morgen, reich ich meine Hand hinüber ...       Das ist komisch: Männer ... so in allen ihren Posen ... und frühmorgens, in den Unterhosen ...       Plötzlich wohnt da einer auch in meiner Seele.       Quält mich; liebt mich; will, daß ich ihn quäle;       dreht mein Leben anders, lastet, läßt mich fliegen –       siegt, und weil ich klug bin, laß ich mich besiegen ...              Habe ich das nötig –? Ich war ausgeglichen. Bleiben wir allein,       ... komisch ... sind wir stolz. So sollt es immer sein!       Flackerts aber, knistern kleine Flammen,       fällt das alles jäh in sich zusammen.       Er braucht uns. Und wir, wir brauchen ihn.       Liebe ist: Erfüllung, Last und Medizin.       Denn ein Mann ist Mann und Gott und Kind,       weil wir so sehr Hälfte sind.             Aber das ist schließlich überall:             der erste Mann ist stets ein Unglücksfall.             Die wahre Erkenntnis liegt unbestritten             etwa zwischen dem zweiten und dem dritten. Dann weißt du. Vom Wissen wird man nicht satt, aber notdürftig zufrieden mit dem, was man hat, amen. Eine Frau denkt Mein Mann schläft immer gleich ein ... oder er raucht seine Zeitung und liest seine Zigarre. ... Ich bin so nervös ... und während ich an die Decke starre, denke ich mir mein Teil. Man gibt ihnen so viel, wenigstens zu Beginn. Sie sind es nicht wert. Sie glauben immer, man müsse hochgeehrt sein, weil man sie liebt. Ob es das wohl gibt: ein Mann, der so nett bleibt, so aufmerksam wie am ersten Tag, wo er einen nahm ...? Einer, der Freund ist und Mann und Liebhaber; der uns mal neckt, mal bevatert, der immer neu ist, vor dem man Respekt hat und der einen liebt ... liebt ... liebt ... ob es das gibt? Manchmal denke ich: ja. Dann sehe ich: nein. Man fällt immer wieder auf sie herein. Und ich frage mich bloß, wo diese Kerls ihre Nerven haben. Wahrscheinlich ... na ja. Die diesbezüglichen Gaben sind wohl ungleich verteilt. So richtig verstehen sie uns nie. Weil sie faul sind, murmeln sie was von Hysterie. Ist aber keine. Und wollen wir Zärtlichkeit, dann haben die Herren meist keine Zeit. Sie spielen: Symphonie mit dem Paukenschlag. Unsere Liebe aber verzittert, das ist nicht ihr Geschmack. Hop-hop-hop – wie an der Börse. Sie sind eigentlich nie mehr als erotische Statisterie. Die Hauptrolle spielen wir. Wir singen allein Duett, leer in der Seele, bei sonst gut besuchtem Bett. Mein Mann schläft immer gleich ein, oder er dreht sich um und raucht seine Zigarre.         Warum? Weil ... Und während ich an die Decke starre,         denke ich mir mein Teil. Die Nachfolgerin Ich hab meinen ersten Mann gesehn –         der ging mit einer! Hütchen, Rock und Bluse (Indanthren)         und zwei Kopf kleiner! Sie muß ihn wohl ins Büro begleiten ... Über den Geschmack ist nicht zu streiten.         Na, herzlichen Glückwunsch! Sein Gehirn ist bei der Liebeswahl         ganz verkleistert; wenn er siegt, dann ist er allemal         schwer begeistert. Ob Langettenhemd, ob teure Seiden – seinetwegen kann man sich in Säcke kleiden ...         Na, herzlichen Glückwunsch! Frau ist Frau. Wie glücklich ist der Mann,         dem das gleich ist! Und für so was zieht man sich nun an!         Als ob man reich ist! Das heißt: für ihn ...?                                 Wir ziehen unsre Augenbrauen für und gegen alle andern Frauen.         Immerhin erwart ich, daß ers merken kann;         ich will fühlen, daß ich reizvoll bin.         Dreifach spiegeln will ich mich: im Glas, im Neid, im Mann. Und der guckt gar nicht hin. Liebe kostet manche Überwindung ... Männer sind eine komische Erfindung. Lamento Der deutsche Mann                         Mann                                 Mann das ist der unverstandene Mann.         Er hat ein Geschäft, und er hat eine Pflicht.         Er hat einen Sitz im Oberamtsgericht.         Er hat auch eine Frau – das weiß er aber nicht.         Er sagt: »Mein liebes Kind . . .«, und ist sonst ganz vergnügt -         Er ist ein Mann., Und das                                 genügt. Der deutsche Mann                         Mann                                 Mann das ist der unverstandene Mann. Der deutsche Mann                         Mann                                 Mann         Die Frau versteht ja doch nichts von dem, was ihn quält.         Die Frau ist dazu da, daß sie die Kragen zählt.         Die Frau ist daran schuld, wenn ihm ein Hemdknopf fehlt.                                  Und kommt es einmal vor, daß er die Frau betrügt:                 Er ist ein Mann. Und das                                 genügt. Der deutsche Mann                         Mann                                 Mann – das ist der unverstandene Mann.         Er gibt sich nicht viel Mühe, wenn er die Frau umgirrt.         und kriegt er nicht die eine, kommt die andere angeschwirrt.         Daher der deutsche Mann denn stets befriedigt wird.         Hauptsache ist, daß sie bequem und sich gehorsam fügt.         Denn er ist Mann. Und das                         genügt. Der deutsche Mann                         Mann                                 Mann – das ist der unverstandene Mann.         Er flirtet nicht mit seiner Frau. Er kauft ihr doch den Hut!         Sie sieht ihn von der Seite an, wenn er so schnarchend ruht.         Ein kleines bißchen Zärtlichkeit – und alles wäre gut.                 Er ist ein Beamter der Liebe. Er läßt sich gehn.                 Er hat sie doch geheiratet – was soll jetzt noch geschehn?          Der Mensch, der soll nicht scheiden, was Gott zusammenfügt. Er ist ein Mann. Und das                         genügt. 1931 Ehekrach »Ja -!« »Nein –!« »Wer ist schuld?                         Du!« »Himmeldonnerwetter, laß mich in Ruh!« – » Du hast Tante Klara vorgeschlagen! Du läßt dir von keinem Menschen was sagen! Du hast immer solche Rosinen! Du willst bloß, ich soll verdienen, verdienen – Du hörst nie. Ich red dir gut zu . . . Wer ist schuld –?                         Du.« »Nein.« »Ja.« – » Wer hat den Kindern das Rodeln verboten? Wer schimpft den ganzen Tag nach Noten? Wessen Hemden muß ich stopfen und plätten? Wem passen wieder nicht die Betten? Wen muß man vorn und hinten bedienen? Wer dreht sich um nach allen Blondinen? Du –!« »Nein.« »Ja.« »Wem ich das erzähle ...!                          Ob mir das einer glaubt –!« – »Und überhaupt –!«                 »Und überhaupt –!«                         »Und überhaupt –!« Ihr meint kein Wort von dem, was ihr sagt: Ihr wißt nicht, was euch beide plagt. Was ist der Nagel jeder Ehe? Zu langes Zusammensein und zu große Nähe. Menschen sind einsam. Suchen den andern. Prallen zurück, wollen weiterwandern ... Bleiben schließlich ... Diese Resignation: Das ist die Ehe. Wird sie euch monoton? Zankt euch nicht und versöhnt euch nicht: Zeigt euch ein Kameradschaftsgesicht und macht das Gesicht für den bösen Streit lieber, wenn ihr alleine seid. Gebt Ruhe, ihr Guten! Haltet still. Jahre binden, auch wenn man nicht will. Das ist schwer: ein Leben zu zwein. Nur eins ist noch schwerer: einsam sein. 1928 Es ist Es ist soviel unverbrauchte Zärtlichkeit in Hotelzimmern, wo sie allein liegen: ein Mann, oder eine Frau, oder ein angebrochenes junges Mädchen – in leiser Lächerlichkeit liegen wir allein. Es ist eine Einsamkeit, umflossen von den Strömen des städtischen Gases, des elektrischen Stromes, für alle gemacht, einer Zentralheizung, eines Zentralessens, einer Zentralzeitung ... aber ein kleiner Fleck ist noch da, auf dem sind wir allein. Jeder liegt in einer Schublade. Die kleinen Härchen auf den Oberarmen schwanken suchend im Luftzug, wie die Greifer der Meerespflanzen in strömendem Wasser; die Haut langweilt sich. Wenn jetzt einer käme und sagte: »Bitte sehr! ich liege Ihnen zur Verfügung!« wenn ich jetzt durch die Wand ginge zu meiner Nachbarin – (»Man ist doch keine Hure! ich werfe mein Leben nicht in Hotels weg!« – Kusch.) – wenn jetzt eine dicke Dame käme, mich im Bad zu massieren; wenn sich jetzt der Jungen ein verständiger Mann gesellte, der sie nur streichelte ... ungenützt ist die Nacht. Dreivierteleins. Es kocht in den Röhren des Badezimmers; badet jemand noch so spät? Neugierig sind wir auf fremde Körper. Wie legen Sie abends das Hemd auf den Stuhl? Lieben Sie Fruchtsalz? Ziehen Sie ihre Uhr morgens oder abends auf? Und in der Liebe? Sind Sie gesund? Verzeihen Sie, ich habe solche Furcht vor Krankheiten – das ist der Teil meiner Tugend. I'm in love again – nein, das eigentlich nicht: es sollte nur jemand dasein, an dem ich mich spüren kann. Warum, 318 (mit Bad), liegen Sie so allein? Denkbar wäre auch eine Hotelgeisha, die höflich liebt, und die auf der Rechnung nur als kleiner, diskreter Kreis vermerkt ist – aber schöner wäre ein Gast. Warum kommt nie ein Einsamer zu einer Einsamen? Stolz kriechen wir in unser zuständiges Gehäus, hygienisch, unnahbar, vernünftig, allein. Knips das Licht an, sagt der Schlaflose zu sich selbst (er duzt sich, weil er sich schon so lange kennt) – und lies noch ein bißchen. Du hast zuviel Pfirsich-Melba gegessen, daher solche Gedanken, Luftblasen auf dem Meer der inneren Sekretion. Du bist überhaupt gar nicht allein. Du hast ein Buch. Lies: 8. Fortsetzung                        Nachdruck verboten Schließlich raffte sie ein Spiel Karten auf, kauerte sich neben den Kamin und begann eifrig und hingegeben zu mischen. »Ich kam in der Absicht«, begann er mit einer nicht ganz festen Stimme, »noch heute um Ihre Hand anzuhalten.« Das schöne Mädchen 1928 Träumerei auf einem Havelsee Ich bin Prokurist einer Wäschefabrik, Sternberg, Guttmann \& Sohn. Mein Segelboot heißt »Heil und Sieg«, zwei Stunden lieg ich hier schon         und seh auf die Kiefern und in das Wasser hinein –                 auf meinem Boot ganz allein. Urlaub hatte ich im August, ich war in Norderney, mit Lilly ... ihre linke Brust sieht aus wie ein kleines Ei.         Wenn man sie da kneift, dann wird sie gemein –                 auf meinem Boot ganz allein. Graske ist ein gemeiner Hund, ein falsches Aas – er tut bloß so ... er weiß, der Alte ist nicht ganz gesund; wenn mans merkt, bleibt er länger im Büro.         Und dem Junior kriecht er jetzt auch hinten rein –                 auf meinem Boot ganz allein. Mutter wird alt. Wie alt ... warte mal: vierundsechzig, nein: achtundsechzig, genau. Grete soll ganz still sein; sie pöbelt mit ihrem Personal wie eine Schlächtersfrau.         Ich frage mich: muß eigentlich Verwandtschaft sein?                 auf meinem Boot ganz allein. Ich habe es schließlich zu was gebracht, ich geh auf den Presseball; auf Reisen fahre ich Zweiter, die Jacht hier hieß früher »Nachtigall«. Quatsch. Jetzt heißt sie richtig. Manchmal lade ich Willi und Ottmar ein – nein, Ottmar nicht, der hat mich bei den jungen Aktien nicht mitgenommen – schließlich werde ich dem Affen doch nicht nachlaufen, das hab ich nicht nötig; stehen jetzt 192, 193 ... wo ist denn die Zeitung? – auf meinem Boot ganz allein. Das ist meine liebste Erholungszeit,         auf meinem Boot ganz allein. Kein Mensch ist zu sehen weit und breit –         kann man einsamer sein? Eine Welle gluckst. Ich bin einsam. Zwar         die Inventur beginnt morgen, und wie die Sirenen mit schwimmendem Haar         ziehen im See meine Sorgen:         Lilly, Mama und die Wäschefabrik,         die Reparatur von »Heil und Sieg«,         Graske und Ottmar, der Egoist;         wer im Silbenrätsel »Fayence-Maler« ist –;         der Krach mit dem Chef von der Expedition;          die Weihnachtsgratifikation –         sonst aber schwimme ich hier im märkischen Sonnenschein –         auf meinem Boot ganz allein. 1928 Der Lenz ist da! Das Lenzsymptom zeigt sich zuerst beim Hunde, dann im Kalender und dann in der Luft, und endlich hüllt auch Fräulein Adelgunde sich in die frisch gewaschene Frühlingskluft. Ach ja, der Mensch! Was will er nur vom Lenze? Ist er denn nicht das ganze Jahr in Brunst? Doch seine Triebe kennen keine Grenze – Dies Uhrwerk hat der liebe Gott verhunzt. Der Vorgang ist in jedem Jahr derselbe: man schwelgt, wo man nur züchtig beten sollt, und man zerdrückt dem Heiligtum das gelbe geblümte Kleid – ja, hat das Gott gewollt? Die ganze Fauna treibt es immer wieder: Da ist ein Spitz und eine Pudelmaid – die feine Dame senkt die Augenlider, der Arbeitsmann hingegen scheint voll Neid. Durch rauh Gebrüll läßt sich das Paar nicht stören, ein Fußtritt trifft den armen Romeo – mich deucht, hier sollten zwei sich nicht gehören ... Und das geht alle, alle Jahre so. Komm, Mutter, reich mir meine Mandoline, stell mir den Kaffee auf den Küchentritt. – Schon dröhnt mein Baß: Sabine, bine, bine ... Was will man tun? Man macht es schließlich mit. 1914 Sexuelle Aufklärung Tritt ein, mein Sohn, in dieses Varité! Die heiligen Hallen füllt ein lieblich Odium von Rauchtabak, Parfüms und Eßbüfett. Die blonde Emmy tänzelt auf das Podium, der erste und der einzige Geiger schmiert »Kollodium« auf seine Fiedel für das hohe C... So blieb es, und so ists seit dreißig Jahren – drum ist dein alter Vater mit dir hergefahren. Sieh jenes Mädchen! Erster Jugendblüte leichtrosa Schimmer ziert das reizende Gesicht. So war sie schon, als ich mich noch um sie bemühte, und wahrlich: ich blamiert mich nicht! Siehst du sie jetzt, wie sie voll Scham erglühte? Was flüstert sie? »Det die de Motten kriecht...!« Wie klingt mir dieser Wahlspruch doch vertraut aus jener Zeit, da ich den Referendar gebaut! Sei mir gegrüßt, du meine Tugendlilie, du altes Flitterkleid, du Tamburin! Nimm du sie hin, mein Sohn – es bleibt in der Familie – und lern bei ihr: es gibt nur ein Berlin! Nun aber spitz die Ohren, denn gleich singt Ottilie ihr Lieblingslied vom kleinen Zeppeliihn... Kriegst du sie nicht, soll dich der Teufel holen! Verhalt dich brav – und damit Gott befohlen! 1913 Die arme Frau Mein Mann? Mein dicker Mann, der Dichter? Du lieber Gott, da seid mir still! Ein Don Juan? Ein braver, schlichter Bourgeois – wie Gott ihn haben will. Da steht in seinen schmalen Büchern, wie viele Frauen er geküßt; von seidenen Haaren, seidenen Tüchern, Begehren, Kitzel, Brunst, Gelüst... Liebwerte Schwestern, laßt die Briefe, den anonymen Veilchenstrauß! Es könnt ihn stören, wenn er schliefe. Denn meist ruht sich der Dicke aus. Und faul und fett und so gefräßig ist er und immer indigniert. Und dabei gluckert er unmäßig vom Rotwein, den er temperiert. Ich sah euch wilder und erpichter von Tag zu Tag – ach! laßt das sein! Mein Mann? Mein dicker Mann, der Dichter? In Büchern: ja.                         Im Leben: nein. 1918 An die Meinige Legt man die Hand jetzt auf die Gummiwaren? Erinnre, Claire, dich an deine Pflicht! Das geht nicht so wie in den letzten Jahren: Du bist steril, und du vermehrst dich nicht! Wohlan! Wohlan! Zu Deutschlands Ruhm und Ehren! Vorbei ist nun der Liebe grüner Mai – da hilft nun nichts: du mußt etwas gebären, einmal, vielleicht auch zweimal oder drei! Wir Deutschen sind die Allerallerersten, voran der Kronprinz als Eins-A-Papa. Der Gallier faucht – wir haben doch die mehrsten, und hungern sie, mein Gott, sie sind doch da! Denn sieh: die Babys brauchen Medizinen und manchmal auch ein weiß Getöpf aus Ton, Gebäck, das Milchgetränk – man kauft es ihnen, und dann vor allem, Kind, die Konfektion! Und wer soll in des Kaisers Röcken dienen, umbrüllt vom Leutnant und vom General? Stell du das her: es muß nur maskulinen Geschlechtes sein – der Schädel ist egal. Ins Bett! Hier hast du deine Wickelbinden! Schenk mir den Leo nebst der Annmarei! Und zählt man nach, wird man voll Freude finden sechzig Millionen, und von uns die zwei! 1914 Mit dem Weininger         Ja ... da sitzt du nun auf deines Bettes Rand, und die ganze Welt scheint dir nicht recht ... Lies du nur in diesem Lederband,         und erkenne dein Geschlecht!         Wisse, Mädchen, du bist null und nichtig! Bist ein subsidiäres Komplement! Tier und Fraue! Nimmst nur eines wichtig:         Wenn der Phallus dich erkennt.         Mit den sieben heimelichen Lüsten beugst du klaren, starken Mannessinn –: Wenn wir nur nicht mit euch schlafen müßten!          Er hat recht, und du bist Königin! 1919 An ihren Papa Amici! Plaudite! – Die bunten Bänder und Wimpel flattern froh im Wind! Wie danke ich dir gütigem Spender für dieses Kind! – Du würdiger Greis – vor so und so viel Jahren erzeugtest du's in einer Nacht ... Ich weiß, daß dies bei ungebleichten Haaren schon Mühe macht. Und du, im rüstigen Mannesalter, du produziertest dies bébé – ein Frauenseufzer ... leis verhallt er ... – Dir Evoë! – Dir Evoë! – Ich gratuliere! Dein denk ich, Autor, ist sie da – Dein denk ich, wenn ich kokettiere – Grüß Gott, Papa! 1919 Parkett Das Stück hat Weltanschauung. Neben mir Ottilchen hat weit die grauen Augen aufgemacht: Der, nach dem Spiel, erhofft ein Kartenspielchen, Der eine Nacht ... Der Diener meldet die Kommerzienräte, die Gnädige empfängt, ein Sektglas klirrt. Ich streichle ihre Hand, die sonst die Hüte nähte ... Ob das was wird? Da oben gibt es Liebe und Entsetzen, doch so gemäßigt, wie sichs eben schickt. »Ottilie«, flüstre ich, »vermagst du mich zu schätzen?!« Sieh da: Sie nickt! Nun läßt mich alles kalt: Die ganze Tragik ist jetzt für mich verhältnismäßig gleich. Und nimmt Madameken ihr Gift, dann sag ick: »Ich bin so reich ...« Was kümmern mich die blöden Bühnenränke! Nu sieh mal, wie sie um die Leiche stehn! Genug –               ... »Ottilie«, spreche ich, »ich denke – wir wollen gehn ...« 1913 Versunkenes Träumen Lieblich ruht der Busen, auf dem Tisch, jener Jungfrau, welche rosig ist und frisch. Ach, er ist so kugelig und gerundet, daß er mir schon in Gedanken mundet. Heil und Sieg dereinst dem feinen Knaben, dem es freisteht, sich daran zu laben. Jener wird erst stöhnen und sich recken; aber nachher bleibt er sicher stecken. Heirat, Kinder und ein häusliches Frangssäh – nichts von Liebesnacht und jenem Kanapee ... Ich hingegen sitz bei ihren Brüsten, und – gedanklich – dient sie meinen Lüsten. Doch dann steh ich auf und schlenkre froh mein Bein, schiebe ab, bin frei – und lasse Jungfer Jungfer sein! – 1919 Wider die Liebe Die brave Hausfrau liest im Blättchen von Lastern selten dustrer Art, vom Marktpreis fleißiger Erzkokettchen, vom Lustgreis auch mit Fußsackbart. Mein Gott, denkt sich die junge Gattin, mein Gott! Welch ein Spektakulum! »Das schlanke Frauenzimmer hat ihn ...« Ja was? Sie bringt sich reinweg um. O Frau! Die Phantasie hat Grenzen, sie ist so eng – es gibt nicht viel. Nach wenigen Touren, wenigen Tänzen ists stets das alte, gleiche Spiel. Der liebt die Knaben. Dieser Ziegen. Die will die Männer laut und fett. Die mag bei Seeoffizieren liegen. Und der geht nur mit sich ins Bett. Hausbacken schminkt sich selbst das Laster. Sieh hin – und Illusionen fliehn. Es gründen noch die Päderaster »Verein für Unzucht, Sitz Berlin«. Was kann der Mensch denn mit sich machen! Wie er sich anstellt und verrenkt: Was Neues kann er nicht entfachen. Es sind doch stets dieselben Sachen ...                         Geschenkt! Geschenkt! 1920 Psychoanalyse Drei Irre gingen in den Garten und wollten auf die Antwort warten. Der erste Irre sprach:                 »O Freud! Hat dich noch niemals nicht gereut, daß du Schüler hast? Und was für welche –? Sie gehen an keinem vorüber, die Kelche. Ich kenne ja wirklich allerhand als Mitglied vom Deutschen Reichsirrenverband – aber die alten Doktoren sind mir beinah lieber als das Getue dieser                                                   Ja.« Der zweite Irre sprach:                               »Schmecks. Ich habe hinten einen Komplex. Den hab ich nicht richtig abreagiert, jetzt ist mir die Unterhose fixiert. Und ich verspüre mit großer Beklemmung rechts eine Hemmung und links eine Hemmung. Vorn hängt meine ältere Schwester und in der Mitte bin ich ziemlich gesund.                                                   Ja.« Der dritte Irre sprach:                               »Wenn heut einer mal muß, dann sagt ers nicht, denn er umwickelt sich mit düstern Neurosen, mit Analfunktionen und Stumpfdiagnosen –« (»Ha! – Stumpf!« riefen die beiden andern Irren, konnten den dritten aber nicht verwirren. Der fuhr fort:) »Vorlust, Nachlust und nächtliches Zaudern – es macht soviel Spaß, darüber zu plaudern! Die Fachdebatte – welch ein Genuß! – ist beinah so schön wie ein                                                   Ja.« Die drei Irren sangen nun im Verein: »Wir wollen keine Freudisten sein! Die jungen Leute, die davon kohlen, denen sollte man kräftig das Fell versohlen. Erreichen sie jemals das Genie?                               O na nie –! Jeder Jüngling von etwas guten Manieren geht heute mal Muttern deflorieren. Jede Frau, die in die Epoche paßt, hat schon mal ihren Vater gehaßt, Und die ganze Geschichte stammt aus Wien, und darum ist sie besonders schien –! Wir drei Irre sehen, wie Liebespaare sich gegenseitig die schönsten Haare spalten – und rufen jetzt rund und nett: Rein ins Bett oder raus aus dem Bett! Keine Tischkante ohne Symbol und kein Loch ... Wie lange noch –? Wie lange noch –?« Drei Irre standen in dem Garten und täten auf die Antwort warten. 1925 An die Berlinerin Mädchen, kein Casanova hätte dir je imponiert. Glaubst du vielleicht, was ein doofer Schwärmer von dir phantasiert? Sänge mit wogenden Nüstern Romeo, liebesbesiegt, würdest du leise flüstern: »Woll mit die Pauke jepiekt –?« Willst du romantische Feste, gehst du beis Kino hin ...          Du bist doch Mutterns Beste,          du, die Berlinerin –! Venus der Spree – wie so fleißig liebst du, wie pünktlich dabei! Zieren bis zwölf Uhr dreißig, küssen bis nachts um zwei. Alles erledigst du fachlich, bleibst noch im Liebesschwur ordentlich, sauber und sachlich: Lebende Registratur! Wie dich sein Arm auch preßte: gibst dich nur her und nicht hin.          Bist ja doch Mutterns Beste,          du, die Berlinerin –! Wochentags führst du ja gerne Nadel und Lineal. Sonntags leuchten die Sterne preußisch-sentimental. Denkst du der Maulwurfstola, die dir dein Freund spendiert? Leuchtendes Vorbild der Pola! Wackle wie sie geziert. Älter wirst du. Die Reste gehn mit den Jahren dahin. Laß die mondäne Geste!          Bist ja doch Mutterns Beste,          du süße Berlinerin –! 1922 Danach Es wird nach einem happy end im Film gewöhnlich abjeblendt.         Man sieht bloß noch in ihre Lippen         den Helden seinen Schnurrbart stippen –         da hat sie nu den Schentelmen.                 Na, un denn –? Denn jehn die beeden brav ins Bett. Na ja ... diss is ja auch janz nett.         A manchmal möcht man doch jern wissn:         Wat tun se, wenn se sich nich kissn?         Die könn ja doch nich imma penn...!                 Na, un denn –? Denn säuselt im Kamin der Wind. Denn kricht det junge Paar n Kind.         Denn kocht sie Milch. Die Milch looft üba.         Denn macht er Krach. Denn weent sie drüba.         Denn wolln sich beede jänzlich trenn...                 Na, un denn –? Denn is det Kind nicht uffn Damm. Denn bleihm die beeden doch zesamm.         Denn quäln se sich noch manche Jahre.         Er will noch wat mit blonde Haare:         vorn doof und hinten minorenn...                 Na, un denn –? Denn sind se alt.                                 Der Sohn haut ab. Der Olle macht nu ooch bald schlapp.         Vajessen Kuß und Schnurrbartzeit –         Ach, Menschenskind, wie liecht det weit!         Wie der noch scharf uff Muttern war,         det is schon beinah nich mehr wahr!         Der olle Mann denkt so zurück:         Wat hat er nu von seinen Jlück?         Die Ehe war zum jrößten Teile         vabrühte Milch un Langeweile. Und darum wird beim happy end im Film jewöhnlich abjeblendt. 1930 Stationen Erst gehst du umher und suchst an der Frau das, was man anfassen kann. Wollknäul, Spielzeug und Kätzchen-Miau – du bist noch kein richtiger Mann.         Du willst eine lustig bewegte Ruh:         sie soll anders sein, aber sonst wie du ...                 Dein Herz sagt:                 Max und Moritz! Das verwächst du. Dann langts nicht mit dem Verstand. Die Karriere! Es ist Zeit ...! Eine kluge Frau nimmt dich an die Hand in tyrannischer Mütterlichkeit.         Sie paßt auf dich auf. Sie wartet zu Haus.         Du weinst dich an ihren Brüsten aus ...                 Dein Herz sagt:                 Mutter. Das verwächst du. Nun bist du ein reifer Mann. Dir wird etwas sanft im Gemüt. Du möchtest, daß im Bett nebenan eine fremde Jugend glüht.         Dumm kann sie sein. Du willst: junges Tier,         ein Reh, eine Wilde, ein Elixier.                 Dein Herz sagt:                 Erde. Und dann bist du alt.                                 Und ist es soweit, daß ihr an der Verdauung leidet –: dann sitzt ihr auf einem Bänkchen zu zweit, als Philemon und Baucis verkleidet.         Sie sagt nichts. Du sagst nichts. Denn ihr wißt,         wie es im menschlichen Leben ist ...                 Dein Herz, das so viele Frauen besang,                 dein Herz sagt: »Na, Alte ...?«                                 Dein Herz sagt: Dank. 1930