Friedrich Theodor Vischer Auch Einer Eine Reisebekanntschaft Auch Einer von denjenigen nämlich – – – kurz, man versteht mich. Wer es darf, hebe den ersten Stein gegen ihn auf! Ich meinesteils gedenke es nicht zu tun. * Ich traf ihn auf dem Dampfboot, mit dem ich auf einer Schweizerreise über den Zuger See fuhr. In der bunt zusammengewürfelten Gesellschaft, die sich auf dem Verdeck umtrieb, hätte ich ihn schwerlich bemerkt, wenn nicht ein besonderer Umstand mein Auge auf ihn gelenkt hätte. Es befand sich unter den Passagieren ein junger Mensch, jeder Zoll ein Geschäftsreisender in Baumwolle, Zigarren oder Rotwein, der sich durch sein vorlautes und eitles Wesen lästig machte. Er schien gekommen, um über alles zu spotten, was er sah und genoß; bald ging es über den Mittagstisch her, von dem er kam, bald über die Einrichtung des Boots, bald über den Schweizerdialekt, den er mit den halb gestoßenen, halb verschwommenen Lauten des eignen Idioms unglücklich genug nachzuahmen suchte; die Berge waren ihm nicht hoch, der See war ihm nicht breit genug, er verglich sie zu ihrem Schaden mit skandinavischen, irischen, amerikanischen, und die ganze Gesellschaft mußte hören, wie weit er in der Welt gewesen sei. Er spielte den Kunstkenner, sprach von Tinten, Lasuren, Clair-obscur, Konturen, versicherte übrigens, die »Schanga-Malachai« sei mehr sein »Pangschang«, als die Landschaftmalerei. Dabei wandte er sich öfters an einen ernsten Mann, den ich schon an der Wirtstafel in Zug bemerkt, der mit uns das Dampfschiff bestiegen hatte und der dem Lästigen ein beharrliches Schweigen entgegenhielt. Durch diesen Kontrast wurde meine Aufmerksamkeit auf die Erscheinung des stillen Fremdlings hingezogen. Man konnte seine Züge nicht eben interessant nennen, aber es war jenes Etwas darin, das man nicht häufig findet und das wenige zu bemerken pflegen, – jenes Etwas, wozu man sagen möchte: wieder einmal ein Mensch. Allerdings lag auch eine Art von Beschattung, etwas wie ein dunkler Flor darüber. Wenn sein Blick an den waldigen Ufern, am Rücken und steilen Gipfel des Rigi aufstieg, oder über die schimmernde Fläche des hellgrünen Sees hinlief, so meinte ich ihn öfters mit einem gewissen müden Ausdruck von seiner Bahn zurückkehren zu sehen, als wollte er sagen: das alles könnte schön sein, wenn nur – Was dem Wenn in seiner Seele folgte, war freilich aus dem Blicke nicht zu lesen. Der unbescheidene junge Mensch schien es auf den Schweigenden gemünzt zu haben und ließ einmal ziemlich hörbar etwas von katonischer Würde fallen, als derselbe einem erneuten Versuch, ihn ins Gespräch zu ziehen, mit der gewohnten Stummheit begegnete und ihm etwas auffallend den Rücken kehrte. In Immensee stieg ich in den Postomnibus, der damals nach Küßnacht führte, ein Teil der Dampfbootgesellschaft fand sich hier wieder zusammen, darunter der Geschwätzige, der dem Stummen gegenüber zu sitzen kam. Als wir durch die hohle Gasse fuhren, ließ er einige frivole Witze los, deren Wiederholung dem Leser billig erlassen wird, machte sich hierauf an die Telltradition, spielte sich als historischen Kritiker auf, indem er einige unverdaute Brocken von »bloßer Sage« vorbrachte, erklärte die Sage für eine pure Erfindung der schweizerischen Selbstgefälligkeit, kam von da auf die nächste politische Vergangenheit zu sprechen, spottete über die kriegerischen Rüstungen, die im Jahre 1856 die preußische Drohung hervorrief, und ergoß sich nun in einen Schwall von höhnischen und prahlerischen Reden, der mir solchen Widerwillen erregte, daß ich im Begriff war, den Schwätzer mit heftigem Wort anzulassen. Dieser aber wandte sich plötzlich an den stillen Mann gegenüber und fragte ihn frech: »Nun, was sagen Sie dazu?« Ueber dessen Gesicht war schon eine Zornröte gefahren, die Augen funkelten, er erhob sich, und mit mächtiger Stimme rief er: »Was ich dazu sage? Daß Sie nicht unter gebildete Menschen gehören, daß es gemein ist und Ekel erregt, ein ehrwürdiges Heldenbild, woran seit Jahrhunderten ein braves Volk hinaufschaut, mit Schmutz zu bespritzen; die verkehrte Politik eines an Macht überlegenen Staates um ein Nichts« – hier, mitten im Zug, Schwung und kräftigen Schall seiner Rede überfiel ihn plötzlich ein krampfhafter Hustenreiz, die Stimme überschlug sich in lächerliche Fisteltöne, knirschend vor Aerger fuhr er in die Höhe, riß den Wagenschlag auf, sprang hinaus, blieb am Tritt hängen und fiel zu Boden in den dichten Staub des Weges. Die langsame Bewegung des Wagens auf einer Steigung der Straße ließ unserm Geschäftsreisenden Zeit, den Kopf aus dem Fenster zu strecken und dem so peinlich unterbrochenen Gegner ein schallendes Hohngelächter nachzusenden; die Mitfahrenden, obwohl sichtbar teilnahmvoll für letzteren gestimmt, konnten sich des Lachens doch auch nicht ganz erwehren, und ich selbst, im stillen schnell sein Freund geworden, betroffen und stutzend und für ihn beschämt, konnte ein Zucken der Lachmuskeln nicht unterdrücken. Der Gefallene aber hatte sich schnell aufgerafft, über und über mit Staub bedeckt stand er und rief uns mit vernehmlicher Stimme nach: » Amplificatio , Ignoranten, amplificatio !« – Der Kondukteur hatte inzwischen halten lassen, der Bestäubte winkte ihm, weiter zu fahren, dann sah ich ihn umkehren und in entgegengesetzter Richtung forteilen. Das Wort gab mir zu denken; der nächste Sinn war unschwer zu finden, allein es schien auf einen Zusammenhang sonderbarer Art, auf eine Klassifikation, auf ein System zu deuten, gab zu raten, was für ein System das denn sein möchte, und von da weiter zu raten über den ganzen Mann, der mir so würdig und ernst erschienen war, den jetzt ein lächerliches Mißgeschick ereilt, der dessen offenbar schon viel erlebt hatte und dem das Erlebte längst ein Anreiz zu seltsamem Denken geworden sein mußte. Völliges Licht über den Zuruf sollte mir freilich erst in sehr später Zeit werden. Inzwischen gab sich der Ungezogene ganz dem Genusse seines unverdienten Triumphes hin, unter gellendem Gelächter machte er sich in frechen Reden lustig über den unglücklichen Gegner. »Wo mag er nun wohl stecken? Ob er nun wohl seine Rede als Monolog hält, schreibt und herausgibt?« In diesem Tone ging es fort. Rasch hatte in mir über den augenblicklichen Lachreiz die Teilnahme den Sieg gewonnen, die Geduld ging mir aus, und ich fuhr den Menschen an: »Herr! nun ist es genug!« Alsbald bekam ich Beistand von der Gesellschaft, ein erster, zweiter, dritter stimmte ein, und als das Subjekt widerbellte, erklärte man ihm, daß es länger nicht im Wagen geduldet werde. Da nun wenig Aussicht vorhanden war, daß der Bedrohte freiwillig dieser Einladung oder eigentlich Ausladung folgen werde, so stand offenbar Geringeres nicht bevor, als jener tätliche Akt, den man mit dem Ausdruck »an die Luft setzen« zu bezeichnen pflegt. Unterdessen hatte der Kondukteur vom Bock aus, wo er neben dem Postknecht saß, längst unwillige Blicke durch das offene Wagenfenster hereingeworfen, er ließ plötzlich wieder halten, sprang herab, öffnete den Wagen und rief dem Friedensstörer zu, seine Vorschrift befehle ihm, ungesittete Personen, welche die Fahrgesellschaft beleidigen, aus solcher auszuweisen; er habe auch über die Schweiz gespottet und sei »einen unverschamten Mansch«. Da nun der »Mansch« nicht zweifeln konnte, daß der ehrsame Schirrmeister, wenn seinem Befehl nicht freiwillig Folge geleistet würde, in handgreiflichem Einwirken hinreichende Unterstützung bei der Gesellschaft fände, so blieb ihm keine Wahl, als weichen. Er stieg aus, der Kondukteur nahm, einige Worte vor sich hinmurmelnd, aus denen ich das minder gewählte »Lausbub« herauszuhören glaubte, seinen Platz auf dem Bock wieder ein, und bald waren wir in Küßnacht, wo ich das Dampfboot bestieg, um nach Luzern zu fahren und dort zu übernachten. Der See funkelte im Feuer der Abendsonne, die Türme der Stadt leuchteten in ihrem Golde, eine Rosenwolke kränzte das Haupt des Pilatus. Ich vergaß das halb ärgerliche, halb lächerliche Abenteuer des Reisetags zugleich mit allen Dornen und Nesseln der menschlichen Lebensreise. Am andern Morgen reiste ich mit dem Dampfer ab, der nach Flüelen fuhr; meine Absicht war, den herrlichen See in seiner Ausdehnung zu beschauen, dann weiter zu Fuß bis zur Teufelsbrücke oder bis Andermatt zu gehen, um ruhig die vielgepriesene wilde Schönheit des Gotthardpasses zu betrachten. Halb und halb gedachte ich, schon in Brunnen auszusteigen und auf der kürzlich vollendeten Axenstraße nach Flüelen zu wandern. Eine der Stationen des Dampfschiffes ist, wie jeder weiß, der den See befahren oder seinen Bädeker studiert hat, Weggis am rechten Ufer. Ich stand am Geländer und sah zu, wie die einen aus-, die andern einstiegen. Da gewahrte ich unter den letzteren meinen Mann, den Mann der Tragödie von gestern. Er sah heute ungleich heiterer aus; mit rüstigen Schritten betrat er das Verdeck und grüßte mich ganz unbefangen, als er mir von ungefähr ins Gesicht sah und den Mitreisenden vom vorigen Tag erkannte. Dies ermutigte mich, ihn zu fragen, woher er komme. »Vom Rigi herunter,« war die Antwort. »Wie? in der kurzen Zeit?« – »Will nicht viel heißen; gestern abend hinauf, in der schönen Mondnacht herunter.« – »Wie war's? Schön, nicht wahr? Es war ja ein prächtiger Abend.« – »Wohl, wohl! Nur viel Bildungsvolk oben! Werden die Berge bald vollends wegätzen. Fehlt ein Abschreckungs-Bädeker, daß es wieder einsam würde und stille Menschen ein vertrautes Wort mit der Natur reden könnten oder von ihr anhören. Wollte auch morgens den Kerl nicht erleben, der in alter Schweizertracht den Kuhreigen bläst zum Sonnenaufgang, dann im Gasthof sein Trinkgeld einzieht; daher ab, fort, weg noch in der Nacht!« Damit wandte er sich, flüchtig grüßend, von mir und hielt sich seitab wie einer, der allein sein will. Er war nun wieder der trübernste Mann und saß so versunken in sich wie gestern. Am Tisch auf dem Verdeck entspann sich ein lebhaftes Gespräch über eine Umgestaltung des Rütli, die damals im Plane war; es handelte sich darum, saubere Wege anzulegen, die drei Quellen in irgend einer Weise zu fassen, und die Meinungen gingen darüber auseinander, ob es passender sei, nur mit schonender Hand die gegebene Natur einigermaßen zu regeln oder bei Fassung der Quellen architektonische Kunstformen anzuwenden, und wenn dies, in welchem Stil, klassisch, Renaissance, romanisch oder gotisch. Mein Mann wurde aufmerksam, blieb stehen und hörte mit sichtbarem Interesse dem wachsenden Eifer zu, womit die verschiedenen Ansichten sich aussprachen, wobei Schweizer und Deutsche, Herren und Damen in bunter Mischung sich beteiligten. Er nahm Platz am Tische, ließ sich sogar ein Glas Wein kommen, zündete eine Zigarre an, und man konnte sehen, daß er sich anschickte, sich lebhaft ins Gespräch zu mischen. Einer der Herren erklärte sich soeben für die Wahl klassischer Formen, für eine Säulenhalle. Jetzt begann der Ankömmling von Weggis: »Bitte, mein Herr, verzeihen Sie – Klassisch? ei, das wäre ja der reine –« Der Herr fiel ihm ins Wort, diesem ein zweiter, dem zweiten eine Frau, es gab ein krauses Durcheinander von Stimmen; eine augenblickliche Pause schien wieder Luft zu gewähren. Er setzte wieder an, das Wort wurde ihm wieder aus dem Munde geschnellt, so noch ein drittes Mal, dann fuhr er auf, mit einigen starken Schritten auf mich los, faßte mich ziemlich derb am Arm, zog mich hinweg und sagte: »Da haben wir wieder das Menschenvolk! Und darunter sind erst noch Schweizer, Republikaner! Selbstregierung bei Menschen, die nicht einmal warten können, bis ein Mitmensch ausgeredet hat? Reif für Tyrannenstock! Und Sie sind gewiß so klar, nicht zu meinen, ich sei bös um meinetwillen; ich empöre mich ganz gleich für jeden, der plump unterbrochen wird. Durch alle Nationen, durch alle Stände geht die Unart! Wenn die Schwätzschüssel aufgesetzt ist: wie junge Hunde sind sie, die mit den Pfoten in den Milchnapf tappen! Wie könnten solche Wesen je einen vernünftigen Staat bilden! Blindes, wirres Pack die ganze Menschenherde! Der Freiheit unwürdig!« Während ich ihn befremdet, nach einer Antwort suchend, ansah, schien sein Zorn schnell wieder dem stärkeren Interesse am Gegenstand des Gesprächs zu weichen. »Was sagen Sie zur Sache?« fuhr er nach kurzer Pause fort. Ich gestand, nicht darüber nachgedacht, mir keine Ansicht gebildet zu haben. Dies Wort versetzte ihn sichtbar in eine lehrhafte Stimmung. Mit dem Ausdruck und Ton, womit man zu gründlicher Behandlung eines Themas auszuholen pflegt, begann er: »Sie haben mir Zutrauen eingeflößt.« – Ich bewegte die Lippen zu einer Erwiderung, er schien zu merken, daß ich etwas von redlicher Teilnahme bei dem gestrigen Vorfall anzudeuten im Begriff war, und sagte kurz und scharf: »Lassen wir das,« dann knüpfte er an seine vorigen Worte wieder an: »Die vorliegende Frage ist eigentlich ohne Belang; ich meine im Grund auch, man sollte das Rütli lassen, wie es ist; da aber doch einmal Hand daran gelegt werden soll, so drängt sich die Stilfrage auf; ich beschäftige mich gern mit Kunstgeschichte, insbesondere Geschichte der Architektur; sie liegt noch ganz im argen; man hat den Begriff des Wesens der historischen Hauptstile noch nicht entdeckt, und wie will man einen neuen finden, wenn man solchen nicht aus dem rechten Grunde des Begriffes schöpft? Ich erlaube mir, Ihnen meine Idee vorzutragen; es macht eben jeder gern Propaganda für seine Gedanken, seine Entdeckungen. Ich unterscheide den rein katarrhalischen Baustil: dies ist der klassische; ferner den gemischt katarrhalischen oder den Katarrh- und Frostbeulenstil: dies ist der gotische, mit einer Vorstufe, dem romanischen, mit dessen Ergründung und schärferer Begriffsbestimmung ich noch beschäftigt bin; der Renaissancestil, wie er aus dem römischen hervorgegangen, gehört einerseits noch zur rein katarrhalischen Form – schon wegen seiner Vorliebe zu Hallen und Loggien –, enthält aber andrerseits Keime, um aus ihm den Zukunftsstil, den einzig richtigen, den absoluten Stil, das heißt den reinen Segensstil zu entwickeln.« Ich starrte den eifrig Vortragenden in großer Verblüffung an; ich mochte unbeschreiblich dumm aussehen. Er ließ sich nicht stören, sondern fuhr sehr ernst fort: »Sie erkennen doch, daß im klassischen, das heißt rein griechischen Stil alles auf den Ausdruck des Satzes angelegt ist: hier, auf diesem windigen Peribolos, hier, in diesen zugigen Säulenhallen, hier, in diesem kühlen, lichtlosen oder (wenn der Tempel ein hypäthrischer ist) erst doppelt zugigen Heiligtum wirst du, mußt du – wenigstens gewiß, wenn du ein Nordländer bist – dich verkälten! – Glauben Sie mir, verehrter Herr, der Anblick solcher Räume in einem Gemälde kann allein schon gefährlich werden. Als ich in Paris zum erstenmal die Hochzeit zu Kana von Paolo Veronese sah, als ich nur in Gedanken mit dieser glänzenden Gesellschaft in der offenen, luftdurchzogenen Halle verweilte, habe ich mir einen meiner bösesten Schnupfen geholt. Wo soll man die Stimmung herbringen, ein solches Gemälde froh zu betrachten, zu bewundern? – Was wir dagegen aus dem klassischen Baustil allerdings entlehnen, wie das Entlehnte echt symbolisch weiterbilden sollen, darüber nachher, wenn ich in meiner Auseinandersetzung zum wahren Ideal- oder Segensstil gelange. Um nun zum gemischt katarrhalischen oder Katarrh- und Frostbeulenstil überzugehen – er ist für Nordländer geschaffen in einer Zeit der Roheit, da man nicht wußte, daß das Geschlossene noch nicht genügt, so –« Er hatte schon bei den letzten Sätzen begonnen, langsamer, unterbrochener, zerstreuter zu reden, die Stimme sank, die Züge verfinsterten sich, und es fiel mir seltsam auf, daß er stark einwärts schielend auf seine Nasenspitze herniedersah. Bei den letztgenannten Worten hielt er plötzlich inne und sagte in gedehntem, tiefem, dumpfem, eigentlich tragischem Tone vor sich hin, als wisse er nicht mehr, daß er im Gespräch mit einem andern begriffen sei: »Sie glänzt.« Er lief plötzlich weg, ließ mich ohne alle Entschuldigung stehen und wandte sich dem fast leeren Platz zweiter Klasse zu. Hier sah ich ihn heftig auf und ab gehen, dunkle Worte vor sich hinmurmelnd, von denen ich, behutsam mich nähernd, doch einmal deutlich den Satz heraushörte: »Den haben mir die Ungeheuer, die Kellner auf Rigi-Kulm hingelaufen; – also jetzt zum alten und halbalten ein neuer!« – Ich konnte keinen Versuch machen, mit dem Manne noch einmal anzuknüpfen; alles sah danach aus, daß ich heftig abgewiesen würde. Was der gemischt katarrhalische Baustil, was der reine Segensstil sei, das sollte mir im Schoß des ewigen Dunkels verborgen bleiben, wenn nicht ein glücklicher Zufall mir noch zum Lichte verhalf. Ich stieg in Brunnen aus, um einen ruhigen Abend in dem freundlichen Dorfe zuzubringen, das in die Verengung des Sees so reizend sich einschmiegt, und entschloß mich nun gleichzeitig, den andern Tag bis Flüelen auf der neuen Axenstraße zu gehen, nahm ein Zimmer im nächsten Wirtshaus und suchte schnell wieder das Freie, um von der Landungsstätte den großen Blick aufwärts und abwärts über den See, über die wilden und doch am Fuße so anmutig bekränzten Ufer zu gewinnen. Auf der Bank vor dem Hause saß mein Mann; ich hatte nicht bemerkt, daß er mit mir ausgestiegen war. Er schien alles Leid vergessen zu haben, denn er spielte wie ein Kind mit zwei jungen Hunden, deren Hanswurstpossen ihm sichtbar ein volles, ungeteiltes Vergnügen bereiteten. Ich blieb stehen und hatte meinen Spaß an dem Anblick. »Sind Sie auch ein Hundsfreund?« fragte er ganz heiter; ich bejahte es, er erging sich in Bemerkungen über die Rasse der drolligen Gesellen, die von mehr als gewöhnlicher Kennerschaft zeugten, er zeigte mir an beiden eine Reflexbewegung, von der er behauptete, sie komme fast ohne Ausnahme bei allen Hunden vor; er kratzte nämlich scharf an einer Stelle der Brust, worauf alsbald der eine Hinterfuß in ein heftiges, unwillkürliches Scharren geriet; er erklärte dies für eine bloß physiologische Aktion, ich war der Ansicht, der Hund meine, scharren zu müssen, weil er durch das Kratzen gekitzelt werde; er bestritt mir dies heftig als eine seicht »rationalistische« Deutung, und ich bemerke gelegentlich, daß ich nach vielen seither gemachten Beobachtungen diesem Gelehrten recht geben muß; wir plauderten dies und das über den ehrlichen Gespielen, Diener, Wächter des Menschen, und mein Mitfreund des wackeren Geschlechts bedauerte schließlich lebhaft, daß er ein prächtiges Paar, einen großen Hatzrüd und einen Rattenfänger, habe zu Haus lassen müssen; der erste sei »ganz ein Charakter«, der zweite »Charakter mit Frechheit und Humor«. Ich fragte, ob ich ihn nicht zu einem kleinen Spaziergang einladen dürfe, die Abendbeleuchtung sei so schön; er schüttelte lächelnd den Kopf und sah mit erklärendem Blick auf seine zwei Hunde. Ich ging allein. Später, beim Abendessen, sah ich den seltsamen Kauz nicht; als ich aber nachher im Vorbeigehen einen Blick in die allgemeine Wirtsstube warf, entdeckte ich ihn mitten unter breitschulterigen Bürgersleuten, größtenteils in Hemdärmeln; er lauschte mit glänzenden Augen den rauhen Rachentönen des lauten Gesprächs und den wiehernden Jodlern, die es unterbrachen, und das Durcheinander der Stimmen schien ihn diesmal durchaus nicht zu belästigen. Das Bild erschien mir so heiter naiv, daß ich fast bedauerte, nicht dasselbe Teil erwählt zu haben, denn ich war langweilig genug unter einigen steifen Teegesichtern in der » salle à manger « gesessen, wozu ich das früher einfache Landwirtshaus emporgeschraubt finden mußte. Ich konnte lang nicht einschlafen, hörte meinen Wandnachbar in sein Zimmer treten, sich auskleiden und zu Bett legen. Das Haus war so hörsam, daß selbst das Nagen einer Maus im Nebenzimmer meinem Ohre nicht entging. Den unbekannten Bewohner desselben hielt ich für längst eingeschlafen, als ich die Worte vernahm: »Ach, es fängt an.« Es war die Stimme meines armen Verkälteten. Was denn auch wirklich anfing, war ein scharfes Husten und häufiges starkes Räuspern und Spucken, das, von tiefen Seufzern unterbrochen, zu meiner eignen Qual wohl eine Stunde dauerte, dann aber einem fürchterlichen Schnarchen Platz machte, das im ganzen Register einer Orgel sich hin und her bewegte, oft von stoßenden, plötzlich abschnappenden Tönen und bangen Pausen unterbrochen, worin der musikalische Schläfer nach Atem zu ringen schien. Ich hätte ernstlich für seine Lunge gefürchtet, wenn nicht seine Gesichtsfarbe, gewölbte Brust, Energie der Bewegungen, wie ich sie während des Tags beobachtet hatte, eine ausdauernde Widerstandskraft verbürgt hätten. Endlich schlief ich doch selbst ein, freilich nur, um sehr früh geweckt zu werden und zwar durch ein Auf- und Abgehen meines Nachbars, das mit Geräuschen wechselte, aus denen ich auf ein ungeduldiges Suchen in Schubladen, auf Tischen, in allen Geräten des Zimmers schließen mußte. Das Laufen, Stöbern wurde immer heftiger, ein Selbstgespräch, das diese wilden Bewegungen zuerst leis begleitete, wurde lauter und lauter und ging dann in wütende Ausrufungen, endlich in einen Hagel von Flüchen über, die in der Tat nicht christlich, vielmehr türkisch, ja heidnisch zu nennen waren und von einem wütenden Stampfen und Wettern begleitet wurden. Ich hielt es nicht mehr aus, der Mensch schien mir rein toll geworden, ich kleidete mich flüchtig an, klopfte an seiner Türe und trat, in meiner Aufregung die Form vernachlässigend, ins Zimmer, ohne auf das »Herein« zu warten. Mit zornsprühenden Augen, hochrot im Gesicht, fuhr der Bewohner auf mich zu, er schien mich an der Kehle packen zu wollen; plötzlich aber faßte er sich, stand unbewegt vor mir, sah mich mit durchdringendem Blick an und sagte ruhig streng: »Mein Herr, Sie führt ein Bildungsbedürfnis hierherein.« Es war mit meinem Gewissen nicht sonderlich bestellt, denn ich hatte doch eine Form-Verletzung begangen; dies machte mich wehrlos, ganz kleinlaut sagte ich: »Ja,« und fragte nun, was er denn aber ums Himmels willen eigentlich habe. A. E. – so wollen wir meinen Reisebekannten von nun an der Kürze halber nennen – fiel jetzt wieder in seinen Wutzustand und schrie mit Donnerlaut: »Meine Brille, meine Brille! Die Canaille hat sich wieder einmal verkrochen – vom Schlüssel, dem kleinen Teufel, vorerst nicht zu reden!« »Also Ihre Brille suchen Sie? Ist dies Objekt es wert, daß man in solche Wut gerate? Kennen Sie denn auch gar keine Geduld?« Er wollte gegen mich auffahren, faßte sich aber auch diesmal wieder, sah mich an und sagte: »Schraubenschlüssel? Pfropfzieher?« »Was soll das?« »Nun, neulich träumte mir schrecklicherweise, ich habe eine Frau; ich lachte sie aus, daß sie die Zeitung unaufgeschnitten lese und jahrelang eine Schublade dulde, die nicht geht. Hierauf hielt sie mir eine Geduldpredigt und verlangte, ich solle zur Uebung dieser Tugend an meinem Rock statt Knopflöcher und Knöpfe Schrauben und Schraubenmütter tragen, die sich ja ganz elegant von blau angelaufenem Metall herstellen ließen, oder auch Pfropfe, und ich könne jedesmal, wenn ich den Rock öffnen wolle, jene mit einem Schraubenschlüssel, diese mit einem Pfropfzieher aufmachen. – O was! ein Weib ist fähig, über einen Schrank einen Teppich so zu legen, daß er über die oberste Schublade überhängt und, so oft diese gezogen und geschlossen wird, sich einklemmt! Mein Herr, das Weib hat Zeit für den Kampf mit dem Racker Objekt, sie lebt in diesem Kampf, er ist ihr Element; ein Mann darf und soll keine Zeit hiefür haben, er braucht seine Geduld auf für das, was der Geduld wert ist. Ueber die Zumutung, beides zu verwenden an das Unwerte, kann, darf, soll er wüten! Sie können doch wissen, daß die elenden Objekte, diese Igel, diese Nickel, sich nie lieber einhaken, als wenn wir die höchste Eile haben, etwas fertig zu bringen, was nötig und vernünftig ist! Elender Bettel, nichtswürdiger Knopf oder Knäuel eines Bändels, Lorgnettenschnur, die sich um meinen Westenknopf wickelt, just, wenn es auf der Eisenbahn aufs äußerste eilt, einen klein gedruckten Fahrplan nachzusehen, ich hab' ja keine Zeit, keine Zeit für euch! Und wenn ich tausend Blutigel an die Ewigkeit setze, sie ziehen mir nicht eine Sekunde Zeit für euch heraus!« »Was nützt aber die Wut?« »O, geistlos! Hat es Luther nichts genutzt – falls von Nutzen die Rede sein soll –, wenn er den Teufel fortschalt? Wißt ihr denn nichts von Entlastung der armen Seele? Von der köstlichen Arznei, die im Fluchen liegt?« Der böse Geist kam mit neuer Gewalt über ihn, er schoß wütend im Zimmer hin und her und ergoß eine Flut von Schimpfwörtern auf die arme Brille. Ich suchte inzwischen am Boden herum; ich hob ein paar Hemden weg, die blank, aber zerzaust umherlagen, und mein Blick fiel auf ein Mausloch in einem Bretterspalt; ich glaubte darin etwas schimmern zu sehen, strengte meine Augen an, die sich einer guten Sehkraft erfreuen, und die Entdeckung war gemacht; ich nahm den schwergeärgerten Mann leicht am Arm und deutete schweigend auf die Stelle. Er stierte hin, erkannte die vermißten Gläser und begann: »Sehen Sie recht hin! Bemerken Sie den Hohn, die teuflische Schadenfreude in diesem rein dämonischen Glasblick? Heraus mit dem ertappten Ungeheuer!« Es war nicht leicht, die Brille aus dem Loch zu ziehen, die Mühe stand wirklich im Mißverhältnis zum Werte des Gegenstands, endlich war es gelungen, er hielt sie in die Höhe, ließ sie von da fallen, rief mit feierlicher Stimme: »Todesurteil! Supplicium !« hob den Fuß und zertrat sie mit dem Absatz, daß das Glas in kleinen Splittern und Staub umherflog. »Ja, jetzt haben Sie aber ja keine Brille,« sagte ich nach einer Pause des Staunens. »Wird sich finden, diese Teufelsbestie wenigstens hat ihre Strafe für jahrelange unbeschreibliche Bosheit. Kommen Sie, da, sehen Sie!« Er zog seine Uhr heraus; es war eines der ordinärsten, in der Tat gemeinsten Produkte der horologischen Industrie, ganz Zwiebel. »Statt dieses redlichen, treuen Wesens,« fuhr er fort, »fungierte früher eine goldene Repetieruhr, die, ich kann es sagen, ihr Stück Geld gekostet hatte; sie vergalt dieses Opfer jahraus jahrein mit Tücken jeder Art, ging nie recht, benützte arglistig jede Gelegenheit, zu fallen, sich zu verstecken, Gläser zerbrachen so viele, daß es mich bald an den Bettelstab gebracht hätte, endlich setzte sie sich mit dem Haken der goldenen Uhrenkette in Einverständnis, in Verschwörung. Mit den Haken, mein Herr, hat es nämlich eine eigne Bewandtnis. Das Tendenziöse, was im Objekt überhaupt liegt – darüber wäre einiges zu sagen, mein Herr, aber das ist von langer Hand – das Tendenziöse spricht sich so offenkundig in der Galgenphysiognomie der Haken aus, daß man im Umgang mit diesen hämischen Gesichtern leicht unvorsichtig wird; man denkt: dich kenne ich ja, dich verrät deine griffige, vor sich selbst warnende Bildung, du wirst mich nicht überlisten; eben darüber wird man im Gegenteil fahrlässig. Ganz umgekehrt verhält es sich bei so manchen andern Objekten. Wer sollte zum Beispiel einem simplen Knopf seine Verruchtheit ansehen? Aber ein solcher Racker hat mir neulich folgenden Possen gespielt. Ich ließ mich gegen alle meine Grundsätze zur Teilnahme an einem Hochzeitsschmaus verleiten; eine große silberne Platte, bedeckt mit mehrerlei Zuspeisen, kam vor mich zu stehen; ich bemerkte nicht, daß sie sich etwas über den Tischrand heraus gegen meine Brust hergeschoben hatte; einer Dame, meiner Nachbarin, fällt die Gabel zu Boden, ich will sie aufheben, ein Knopf meines Rockes hatte sich mit teuflischer List unter den Rand der Platte gemacht, hebt sie, wie ich schnell aufstehe, jäh empor, der ganze Plunder, den sie trug, Saucen, Eingemachtes aller Art, zum Teil dunkelrote Flüssigkeit, rollt, rumpelt, fließt, schießt über den Tisch, ich will noch retten, schmeiße eine Weinflasche um, sie strömt ihren Inhalt über das weiße Hochzeitkleid der Braut zu meiner Linken, ich trete der Nachbarin rechts heftig auf die Zehen; ein andrer, der helfend eingreifen will, stößt eine Gemüseschüssel, ein dritter sein Glas um – o, es war ein Hallo, ein ganzes Donnerwetter, kurz ein echt tragischer Fall: die zerbrechliche Welt alles Endlichen überhaupt schien in Scherben gehen zu wollen; mich ergreift die Stimmung des Erhabenen, ich fasse zunächst eine Champagnerflasche, trete ans Fenster, öffne es, schwinge sie empor, der Bräutigam fällt mir in den Arm, ich erzürne mich, es gibt bös Blut, die Braut war ohnedies halb ohnmächtig, kurz, – ich mag nicht weiter erzählen, denn nun wurde die Sache komisch.« – »Ernst, wollen Sie sagen?« Er staunte mich an wie einen Menschen, der alle gesunden Begriffe verwirrt; ich verzichtete auf weiteres Eingehen und bat ihn, das Trauerspiel von Haken und Uhr zu vollenden. »Ja so, ja, also: der Haken schlich in einer Nacht über das Tischchen, worauf ich die Uhr achtsam gelegt, leise hinüber nach dem Bett, nestelte sich in eine Naht des Kissenüberzugs ein, das Kissen war mir überflüssig, ich hob es rasch und warf es an das Fußende des Bettes, die Uhr nun natürlich mit; in einem prächtigen Bogen schwang sie sich an die Wand und fiel mit zersplittertem Glase nieder. Es war genug. Ich zertrat sie feierlich wie diese Verbrecherin von Brille, der Kobold gab dabei einen Ton von sich, einen Pfiff wie eine verfolgte Maus, ich kann schwören, daß es ein Laut war, der nicht im Umfange der physikalischen Natur liegt. Nun, dann habe ich mir hier diese bescheidene Zeigerin der Zeit um niederträchtig geringes Geld gekauft; betrachten Sie die Gute: bemerken Sie den Ausdruck von Biederkeit in diesen schlichten Zügen; seit zwanzig Jahren dient sie mir, – unberufen, unberufen! – treu und ehrlich, ja ich kann sagen, nicht einen Verdruß hat sie mir bereitet. Die goldene Uhrenkette hat jetzt mein Bedienter, der Haken wurde zu schmachvollem Tod in der Kloake verdammt, und ich trage meine redliche Zwiebel an dieser sanftgearteten seidenen Schnur; Johann, der muntre Seifensieder.« A. E. war während dieser Darstellung, in deren Breite er sich zu gefallen schien, ganz ruhig geworden und fuhr gelassen fort: »Jetzt das übrige! Die übrige Geschichte dieser schwarzen Morgenstunde! »Zuerst springen an drei Hemden die Knöpfchen ab, da ich sie anziehen will. Ja, ja, so ein Hemdknopf! Ein Bär stellt sich ehrlich zum Kampf; ich weiß, was ich zu tun, wie ich meine Waffe anzuwenden habe; einen hundertjährigen Eichbaum kann ich mit Kraft und Ausdauer umhauen; aber der Knirps! Ich soll Kraft anwenden, denn die Bestie will absolut nicht durchs Knopfloch, und ich soll sie zugleich ebensosehr gar nicht anwenden, sondern ganz fein und leicht mit den Fingerspitzen arbeiten, und indem ich mich placke, schinde, abrackere, foltere, töte, das Widersprechende zu leisten, – o lustig! springt die Schmachcanaille erst recht ab! Die Teufel nehmen Besitz vom Weibe, uns dies Scheußliche zu bereiten. Ich habe es von glaubwürdigen, wahrheitliebenden und besonnenen Ehemännern: wegen der Hemdknöpfchen heiratet man, und dann ist es erst recht nichts damit. – Weiter! – Nur im Vorbeigehen will ich anführen, daß mich zuerst beim Ankleiden ein höchst ränkesüchtiges Armloch gute fünf Minuten lang insultiert hat, – dabei blieb ich aber noch ganz ruhig – denn ich kann mich beherrschen, mein Herr! Nun aber sehen Sie diesen Schlüssel« – er zog einen kleinen Schlüssel hervor, der wohl zu seiner Reisetasche gehörte, – »und sodann diesen Leuchter!« – er hielt mir den metallenen Leuchter umgekehrt vors Auge, so daß ich in die Höhlung seines Fußes sah; – »was glauben, was denken, was sagen Sie?« »Ja, was weiß denn ich?« »Stark eine halbe Stunde lang habe ich heute morgen diesen Schlüssel gesucht, – es war zum Rasendwerden, da finde ich ihn endlich, sehen Sie, so!« Er legte den Schlüssel auf das Tischchen am Bett, stellte den Leuchter darauf; der Schlüssel fand just, wie ausgemessen, Platz unter dem Leuchterfuß. »Wer kann nun daran denken, wer auf die Vermutung kommen, wer so übermenschliche Vorsicht üben, solche Tücke des Objekts zu vermeiden! Und dazu lebe ich! An solches hündische Suchen muß ich meine arme, kostbare Zeit verschwenden! Suchen, suchen, und wieder suchen! Man sollte nicht sagen: so und so lang hat A. oder B. gelebt, nein: gesucht! – Und ich bin sehr, sehr pünktlich, glauben Sie mir das!« – »Jawohl ist das Leben ein Suchen,« sagte ich mit einem Seufzer, der scheinen konnte, den Mühen des Lebens zu gelten, während er in Wahrheit von der Langeweile ausgepreßt war, da die breite Beschäftigung mit dem Bagatell mich denn doch zu ermüden begann. Daher denn auch die flache Bemerkung selbst, die nur um jeden Preis nach einem Inhalt abzulenken suchte. Ich kam schlecht an. »So, mein Herr, symbolisch?« sagte er. »Und das soll dann tiefer sein! Ah! O!« »Nun, was denn?« »Sehen Sie, mein Herr, suchen im bildlichen Sinn, darüber, daß das Leben so ein Suchen ist, darüber klage ich nicht, darüber sollen Sie nicht seufzen. Das Moralische versteht sich immer von selbst. Ein rechter Kerl sucht, strebt und beschwert sich nicht darüber, sondern ist glücklich in diesem Unglück der ansteigenden und nie anlangenden Linie des Lebens. Das ist unser oberes Stockwerk. Aber die Zugabe, die Hundenot gleichzeitig im untern Stockwerk des Lebens, – davon ist die Rede. Da ist also zum Beispiel das Suchen, das so toll, so nervös, so wahnsinnig macht. Man verfällt ja dabei immer in den Theismus. Der liebe Gott, der oben herunterschaut, der die Haare auf unserm Haupte zählt, der mich nun stundenlang meine Brille suchen sieht, – er sieht ja auch die Brille, weiß recht gut, wo sie liegt, – ist es zum Ertragen, nun denken zu müssen, wie er lachen muß? – Allgütiges Wesen! Meinen Sie, ein solches würde ferner den Katarrh zulassen? Leben – Suchen – Spucken! Da sagen die törichten Menschen von einem Ausgedienten, von einem Erlösten, von dem sie meinen, er gehe als Geist um, er spuke! Dummes Zeug, aus hat er gespuckt! O, wir sind geboren, zu suchen, Knoten aufzudröseln, die Welt mit Hühneraugen anzusehen, und ach! zu niesen, zu husten und zu spucken! Der Mensch mit seines Hauptes gewölbter Welt, mit dem strahlenden Auge, dem Geist, der in die Tiefen und Weiten blitzt, mit dem Fühlen, das mit Silberschwingen zum Himmel aufsteigt, mit der Phantasie, die ihres Feuers goldene Ströme ausgießt über Berg und Tal und sterblich Menschenbild zum Gott verklärt, mit dem Willen, dem blanken Schwert in der Hand, zu schlichten, zu richten, zu bezwingen, mit der frommen Geduld, zu pflanzen, zu pflegen, zu wachen, daß der Baum des Lebens wachse, gedeihe und Himmelsfrucht jeder sanften Bildung trage, der Mensch mit der Engelsgestalt des ewig Schönen im ahnenden, sehnenden Busen – ja, dieser Mensch verwandelt in einen schleimigen Mollusken, zur klebrigen Auster erniedrigt, ein Magazin, ein Schandschlauch für vergärenden Drüsensaft, eine Schneuzmaschine, im Hals ein zackig Kratzeisen, ein Nest von Teufeln, die mit seinen Nadeln nächtelang am Kehlkopf kitzeln, die Augen trübe, das Hirn dumpf, stumpf, verstört, der Nerv giftig gereizt, und dabei erst nicht als Kranker geltend, noch geschont – und da soll es einen Gott –!« Hier geriet mein Gottesleugner in ein Niesen und Husten so teilnahmwerter Art, daß ich eine Bemerkung, die mir auf der Zunge lag: der Katarrh sei denn doch nicht der gewöhnliche Zustand des Menschen, gern unterdrückte; ich konnte freilich ohnedies ahnen, daß ich schlecht damit gefahren wäre. Dagegen wollte ich mich doch nicht enthalten, als der Paroxismus zu Ende war, vorzubringen: »Aber was machen Sie denn, wenn Sie ernstlich, schwer krank sind?« A. E. war inzwischen daran, sich reisefertig zu machen, wurde über einem Hindernis, das sich an der Rückseite seiner Beinkleider zu befinden schien, noch einmal sichtlich aufgeregt, trat plötzlich hart vor mich, machte straff wie ein Soldat rechtsumkehrt und schrie sehr laut und schroff: »Hier!« Ganz verdutzt, als ich nun so breit seinen Rücken vor mir hatte, dachte ich, ob denn dies der Anfang des versprochenen Bildungsunterrichts sein solle; er ließ mir ziemlich Zeit zur Betrachtung, bis der Aufschluß kam: »Sehen Sie die Lappen am Hüftgurt? sind fünfmal, sage fünfmal beim Schneider gewesen vor der Abreise; zuerst zu lang oder zu weit, dann wieder zu kurz oder zu eng, dann beides nocheinmal so – nun? wie steht's mit der Theologie?« Ich verstand jetzt, daß ich sehen sollte, wie die Lappen einander zu nah angenäht waren, die Gürtung also nicht genug angezogen werden konnte; er war zufrieden, als ich mein Verständnis kund gab, und nun schien der Sturm ausgetobt zu haben. Meine vorige Bemerkung fiel ihm jetzt wieder ein. »Was haben Sie von recht Kranksein gesagt? Nun, das ist ja Geduld wert. Das Moralische versteht sich immer von selbst.« Er hatte inzwischen seine Reisetasche gepackt, wobei er, wie ich bemerkte, sehr geschickt zu Werke ging; es galt, viele Kleinigkeiten in engen Raum zusammenzufügen, und er brachte es ganz nett zustande; Ungeschicklichkeit, das sah ich, konnte nicht die Ursache des Kriegszustandes sein, in dem er mit dem Bagatell sich befand. Er sagte mir nun, er wolle seine Reise auf der Axenstraße am See zu Fuß fortsetzen. Leicht konnte er sich denken, daß ich wahrscheinlich ebendasselbe vorhabe, der Gedanke eines Zusammenwanderns lag, da wir denn doch schon Bekannte waren, nahe genug, aber es fiel ihm nicht ein, auch nur einen Wink zu geben, der entfernt einer Einladung gleichgesehen hätte. Ich dachte, er erwarte, daß ich mich ihm erst vorstelle, und begann: »Erlauben Sie, es ist doch wohl Zeit, daß ich mich Ihnen –« Er unterbrach mich: »Bitte, danke, lieber nicht, – verzeihen Sie, es ist nicht Maske, nicht Geheimtuerei von mir, gewiß nicht, liebe aber, auf der Reise wenigstens, alles klar, frei. Name und Stand macht Nebengedanken, führt auf Namen-Etymologie und dergleichen, wir sind eben jeder ein Ich, eine Person oder, wie Fischart sagt, seelhaftes Lebwesen; wir befinden uns besser so.« Ich war nun schon im Zuge, dem wunderlichen Kauz nichts übel zu nehmen, und da, wie ich gestehe, meine Neugierde nach Namen und Stand eben auch nicht groß ist, so ließ ich mir's unschwer gefallen, daß ich auch nicht erfahren sollte, wen ich eigentlich vor mir habe. Ich reichte auf der Schwelle die Hand zum Abschied, und A. E. wollte sie eben nehmen, als ihm einfiel, daß er doch erst frühstücken sollte; dieses Werk wenigstens noch gemeinsam zu verrichten, dagegen schien er denn doch nichts zu haben, und so stieg ich mit ihm in die » salle à manger « hinab. Beim Eintreten bemerkte ich, daß er einen ängstlich suchenden Blick nach den vier Ecken des Saales, und zwar auf den Fußboden, warf; der Blick kehrte beruhigt zurück, als er in der vierten ein kleines Gerät bemerkte, das hustenden Menschen erwünscht sein mag; mit höchst gemütlichem Tone sagte er: »Der Saal ist doch ganz ordentlich möbliert,« und von da schien eine erträglich gute Laune bei ihm einzutreten. Das Frühstück stand nach Art der Schweizer Gasthöfe in diesen Frühstunden stets bereit, und A. E. – nachdem er Honig und Butter heftig weggeschoben hatte – griff rüstig zu, ich desgleichen. Wir waren allein im Saale, doch bald trat ein dritter Reisender ein. Es war ein Mann von gesetzten Jahren, er trug ein Staubhemd von ungebleichter Leinwand mit einem kleinen, über die Schultern hängenden Kragen und auf dem Rücken einen nicht ungewichtigen Leinwandtornister, auf seiner Stirne lag ein bemerklicher Wanderschweiß, man sah, er hatte diesen Morgen schon einige Stunden zurückgelegt; er legte seine Last ab, stellte den soliden, bauschigen Regenschirm in eine Ecke, nicht ohne ihn mit einem Blick zu betrachten, der eine innere Zufriedenheit mit dem gediegenen und nützlichen Gerät ausdrückte, begab sich rasch an den Tisch, setzte sich an sein andres Ende, rückte sich den Stuhl recht nahe, zog eine Brille hervor, besah sich, was aufgesetzt war, schien mit der Vollständigkeit der Dinge, die zu einem englischen Frühstück gehören, sehr einverstanden und begann mit dem vollen Ausdruck einer Seele, die sich bewußt ist, daß ihr Leib sein Frühstück redlich verdient habe, die genußverheißende Arbeit des Schneidens und Butterstreichens. Es war leicht zu ersehen, daß der Mann dem Gelehrtenstande angehören mußte, und seine etwas bleiche Gesichtsfarbe legte den Schluß nahe, daß er zu jener Gattung der Gebirgsreisenden gehören möge, die durch starke Fußmärsche in Ferien einzubringen suchen, was sie durch sitzende Lebensart das Jahr hindurch ihrem Organismus Leides zufügen müssen. A. E., der inzwischen die Eßlust gestillt, schien zum Abmarsch keine besondere Eile zu haben, steckte sich gemächlich eine Zigarre an und begann zu mir: »Sie geben also zu, daß die Physik eigentlich Metaphysik ist, Lehre vom Geisterreich. Das heißt, ich vermute, daß Sie es zugeben, wiewohl ich es Ihnen philosophisch eigentlich noch nicht begründet habe, denn was Sie sicherlich bereits erkannt haben, das ist die allgemeine Tendenziosität, ja Animosität des Objekts, des sogenannten Körpers, was die bisherige Physik geistlos mit Namen wie: Gesetz der Schwere, Statik und dergleichen bezeichnet hat, während es vielmehr aus Einwohnung böser Geister herzuleiten ist.« Der Fremde hatte inzwischen einen länglichen Brotlaib höchst kunstgerecht, wie man es wohl im »Kurmärker und die Picarde« vom preußischen Landwehrmann verrichten sieht, der Länge nach entzweigeschnitten und war eben beschäftigt, die Butter schön und glatt wie mit einem Modellierholz aufzustreichen; er hielt bei diesen Worten einen Augenblick inne, warf unter den buschigen Brauen einen sonderbaren Blick nach uns herüber und fuhr dann nachdenklich in seinem plastischen Geschäfte fort, indem er öfters mit einem Ausdruck von Staunen und Ironie den Kopf hin und her wiegte. Es kam mir der Gedanke, ob A. E. auf ihn berechne. Es schien entschieden nicht. Er hatte auf den Eintretenden nur einen raschen Blick geworfen, freilich einen scharf erfassenden, denn sein Auge pflegte zu blicken, als wäre eine fest greifende Hand darin, doch nicht ein Zeichen ließ vermuten, daß er sich weiter um den Unbekannten kümmere. »Animos,« fuhr er fort, – »haben Sie denn auch nur schon beobachtet, wie das fallende Papierblatt uns verhöhnt? Sind sie nicht wahrhaft graziös, die Spottbewegungen, womit es hin und her flattert? Sagt nicht jeder Zug mit blasiert eleganter Frivolität: doch noch gewonnen!? O, das Objekt kauert. Ich setze mich nach dem Frühstück frisch, wohlgemut an die Arbeit, ahne den Feind nicht. Ich tunke ein, zu schreiben, schreibe: ein Härchen in der Feder, damit beginnt es. Der Teufel will nicht heraus, ich beflecke die Finger mit Tinte, ein Flecken kommt aufs Papier, – dann muß ich ein Blatt suchen, dann ein Buch und so weiter, und so weiter, kurz, der schöne Morgen ist hin. Von Tagesanbruch bis in die späte Nacht, solang irgend ein Mensch um den Weg ist, denkt das Objekt auf Unarten, auf Tücke. Man muß mit ihm umgehen, wie der Tierbändiger mit der Bestie, wenn er sich in ihren Käfig gewagt hat; er läßt keinen Blick von ihrem Blick und die Bestie keinen von seinem; was man da von der moralischen Gewalt des Menschenblickes vorbringt, ist nichts, ist Märchen; nein, der starre Blick sagt dem Vieh nur, daß der Mensch wacht, auf seiner Hut ist, und Blick gegen Blick, gleich fix gespannt, lauert es denn, ob er sich einen Augenblick vergesse. So lauert alles Objekt, Bleistift, Feder, Tintenfaß, Papier, Zigarre, Glas, Lampe – alles, alles auf den Augenblick, wo man nicht acht gibt. Aber um Gottes willen, wer kann's durchführen? Wer hat Zeit? Und wie der Tiger im ersten Moment, wo er sich unbeobachtet sieht, mit Wutsprung auf den Unglücklichen stürzt, so das verfluchte Objekt; plumper oder feiner, wie es kommt, diabolisch fein zum Beispiel das Eisenfeilstäubchen, das mir ins Auge flog am Morgen, als ich eine Fußreise antreten wollte, auf die ich mich lange gefreut, und das mich ums Auge zu bringen drohte – o, überhaupt: glauben Sie, wenn ein ordentlicher Mensch reisen will, halten die Teufel ein ökumenisches Konzil, – Vorschläge – Anträge – Amendements – zum Exempel: Antrag: Hühnerauge, Amendement: unter dem Nagel; oder Antrag: Grimmen auf der Eisenbahn, Amendement: in Gesellschaft einer Dame; Antrag: schlecht Wetter, Amendement: zerrissene Schuhe und die neuen zu eng. Doch nicht immer waltet aggressive Form. Das Objekt liebt in seinem Teufelshumor namentlich das Verschlupfspiel. Wie die gute, sorgende, schützende Natur einige Tiere dem Boden gleich färbt, bildet, auf dem sie leben, sich nähren, damit sie der Feind schwerer entdecke – Raupe, Schmetterling der Baumrinde, dem Baumblatt, Hase der Erde gleich –, so verfahren auch gern die Dämonen: zum Beispiel rotbraunes Brillenfutteral versteckt sich auf rotbraunem Möbel; doch Haupttücke des Objekts ist, an den Rand kriechen und sich da von der Höhe fallen lassen, aus der Hand gleiten, – du vergissest dich kaum einen Augenblick und ratsch –« Wir hörten in diesem Augenblick ein kleines Geräusch von der Seite des dritten Gastes her, sahen ihn hastig unter den Tisch fahren und mit einem Körper in der Hand wieder auftauchen, den er mit großem Schrecken und darauf folgender tiefer Wehmut betrachtete. Es war sein zuerst mit Butter, dann mit Honig ebenso korrekt gestrichenes, als korrekt geschnittenes Brot, und dasselbe war – »natürlich« würde A. E. sagen – auf die gestrichene Seite gefallen. Ich unterdrückte nur notdürftig einen mächtigen Lachreiz, denn es war doch auch gerade, als ob das »Ratsch« und das Fallen des Brotes in einem geisterhaften Kausalitätsverhältnis gestanden wären. A. E. sah ganz ernst hinüber und nickte sanft mit dem Kopfe, ohne einen Zug des Spottes, ja eher mit einem Zug der Teilnahme, als wollte er sagen: das kennen wir armen Sterblichen. Der Fremde schoß jetzt nicht nur einen, sondern eine Batterie von Blicken, grimmigen, auf uns herüber und machte sich höchst verdrießlich an das Geschäft, dem unheilbaren Schnitten einen entsprechenden Nachfolger hervorzubringen. A. E. fuhr ruhig fort: »Dann ist es überhaupt so eine Sache mit dem Ding da, den zwei Dingern, was Kant die reinen apriorischen Anschauungsformen nannte.« »Raum und Zeit?« »Eben. Was ist der Raum denn andres, als die unverschämte Einrichtung, vermöge deren ich, um den Körper a hierherzusetzen (– er zeigte es an Tassen, Kannen, Körbchen, Flaschen, Gläsern, die etwas dicht auf dem Tische standen –), vorher b dort weg, um Platz für a zu bekommen, wieder c da hinwegstellen muß und so mit Grazie in infinitum  –? Und die Zeit? Das ist dasjenige, was man dazu doch nicht hat. Denn Donnerwetter und alle tausend Teufel, leben wir dazu, um zehn Griffe nötig zu haben zu dem, was kaum eines Griffs wert ist!« Der Unbekannte bewegte jetzt stärker und ärgerlich lachend den Kopf hin und her und eine sichtbare Unruhe kam ihm in die Beine. A. E. war nun gut im Zuge. »Ein andermal,« fuhr er fort, »sind die Nickel unverschämt in entgegengesetzter Richtung. Jetzt will zusammen, was nicht zusammengehört. Kennen Sie eine der verfluchtesten Formen: das Mitgehen? Wenn so ein liebenswürdiges Blatt, das zum Aktenstoß Y gehört, beim Ordnen, Aufbewahren zu unterst an Faszikel Z hinkriecht und mit hinein in das Schubfach schlüpft und sich über Tag, Woche oder Jahr nicht finden, sich suchen läßt unter Verzweiflung, Wut, Rennen bis zum Wahnsinn? Dagegen ist so was, wie das bekannte, ewige Unterschlüpfen der Damenkleider unter den Stuhlfuß des Nachbars nur ein kleiner, zierlich pikanter Spaß des teufelbesessenen Objekts, doch interessant als allein schon hinreichend, unsre dumme Physik zu stürzen, denn wer könnte so etwas mechanisch erklären?« Jetzt fuhr der Fremde auf mit dem Ruf: »Es wird zu viel!« stieg mit straffen Schritten auf uns los, pflanzte sich vor A. E. auf und mit Zornblick rief er: »Mein Herr! Wissen Sie, ich bin Professor der Physik! Sie haben mir aber auch gleichsam mein Butterbrot hinuntergeworfen!« A. E. verweilte auf dem Mann mit einem ganz gelassenen, ganz kontemplativen Blick und schwieg. Was werden sollte, wer konnte es wissen? Plötzlich stieg ihm eine flammende Röte ins Gesicht, seine Augen funkelten, er fuhr auf, und ich, da ich meinen Mann eben doch noch nicht so ganz kannte, wurde schon für den Frieden besorgt, als er mit Sturmschritten, ja mit Sätzen wie ein Panther quer über das Zimmer nach einer Ecke schoß, wo das oben zart erwähnte Gerät stand, und nun ging ein Husten, Niesen mit untermischtem Schlucken, seltsamen, wilden Gurgel- und Schnapptönen, ein so schreckliches Glucksen, Kollern, Fauchen, Raspeln, Schnarren, Stöhnen, schußartiges Bellen los, als hörte man die rasende Musik eines Chors von Höllengeistern. Es dauerte ziemlich lange, bis diese furchtbare Naturerscheinung vorüber war, dann richtete sich der leidende Mann matt in die Höhe, griff nach Hut, Tasche, Stab und sagte im Abgehen zu mir mit jammernswert fistulierender Stimme: »Bitte, haben Sie die Güte, den Herrn zu beruhigen! Guten Tag beiderseits.« Der Herr war im Schrecken zur Seite getaumelt, als A. E. so jäh in die Höhe fuhr; dann sah und hörte er mit starrem Staunen den Evolutionen des erschrecklichen Gewitters zu und schickte dem Abgehenden einen langen, verwirrten Blick nach. Endlich wandte er sich gegen mich, zwinkerte mich mit den Augen an und deutete mit dem Finger auf seine Stirn. Ich zuckte die Achseln. Er schien dies für volle Bejahung zu nehmen, war nun wirklich beruhigt und schritt mit frischem Eifer an die Erneuerung seines Frühstückwerks. Ich mochte dem Vorangegangenen nicht so schnell folgen; es hätte scheinen können, als wolle ich mich aufdrängen. Ich war doch etwas ungehalten, daß er so rücksichtslos davongelaufen; indem ich mich besann, was ich beginnen solle, um meinen Abmarsch ein halbes Stündchen noch hinzuziehen, fiel mir ein: Halt, gefunden! Grobian, deine Strafe soll nicht ausbleiben, du sollst beschrieben werden! Ich ging gleich an die Vorarbeit, machte mir eine Reihe von Notizen in mein Tagebuch und brach auf, als ich annehmen konnte, mein wunderlicher Held habe nun genügenden Vorsprung. Ich schritt geruhig meines Wegs, beschaute mir See, Fels und hohe Bergeshäupter, nicht eben zu gehobener Naturempfindung gestimmt, der Himmel war bedeckt, die Spitzen des Nieder- und Oberbauen, des Uri-Rotstocks verhüllt, ein schweres Grau lag auf allen Höhen, Tiefen und Flächen. Dennoch war die Landschaft nicht tonlos. Eine eigentümliche Unruhe schien im See sich zu rühren, der doch kaum von einem Windhauch bewegt wurde; kleine Wellen hoben sich da und dort, als brennte ein Feuer unter dem großen Becken und das Wasser käme ins Kochen; das gedämpfte Rauschen mußte ich mit dem Knistern einer leis anwachsenden Feuersbrunst vergleichen. Seltsam blitzte da und dort ein scharfer Lichtstreifen auf dem Wasserspiegel auf, wie ein zorniger Blick aus einem Auge schießt. Es war etwas Geheimnisvolles, dumpf Verhülltes rings umher, wiewohl alle bestimmten Anzeichen nahen Unwetters fehlten. Das verschleiert Drohende, das sich dunkel zu fühlen gab, führte mir doch die Sturmbilder aus Schillers Tell vor die Phantasie. Versenkt in diese innere Anschauung ging ich meines Wegs und hatte einen Lärm, der in mäßiger Entfernung sich hören ließ, mit dem körperlichen Ohre wohl längst aufgenommen, ehe mir die Sinnesempfindung zum Bewußtsein kam. Es war heftiges, zorniges Geschrei von Männerstimmen, Hundegebell dazwischen. Jetzt erschollen die wilden Laute schon ganz nahe, und wie ich um eine Ecke bog, sah ich eine Szene höchst unerwarteter Art, eine Gruppe, die mich in leidiger Wirklichkeit an die zwei Ringer, die berühmte und doch unerfreuliche Antike in Florenz, erinnerte. Am Boden wälzte sich, ankämpfend gegen meinen Reisebekannten, ein Mensch, der offenbar zu dem Handwägelchen gehörte, welches daneben stand. Es war ein gedrungener, breitschultriger Kerl von offenbar nicht geringer Körperkraft, aber die Vorteile, die er vorübergehend im Raufen gewann, halfen ihm nichts; A. E. war ihm an Stärke gewachsen, an Gewandtheit überlegen, drückte ihn mit gewaltiger Faust zur Erde, kniete über ihm und schrie dem Ueberwundenen wütende Worte zu: »Willst du, Tierschinder, mir jetzt zugeben, daß es ebenso grausam als dumm ist, Hunde einzuspannen? Willst du begreifen, daß ein Pfotentier nicht zum Ziehen gebaut ist, weil ihm der Huf fehlt, in den Boden zu greifen? Daß es das Sechsfache der Kraft aufwenden muß, die ein Huftier braucht? Daß der gute arme Hund in seinem Diensteifer dies Sechsfache noch überbietet, während ihr Henkersknechte diesen Eifer dazu mißbraucht, noch aufzusitzen, ja, das keuchende Geschöpf mit der Peitsche in Trab hetzt? Weißt du nicht, daß nach einem Vierteljahr solchen Qualdienstes der beste Hund struppiert ist, lahm im Kreuz und Sprunggelenk?« Der Unterworfene remonstrierte in rauhen Gurgeltönen mit Fluchen und Schimpfwörtern, aus denen ich nur das sonst schon gelegentlich vernommene »Kaib« heraushörte. A. E. holte zu einer Ohrfeige aus, der eingespannte Hund in rührender Treue versuchte unter rasendem Gebell seinem Dränger und Quäler beizustehen, vergeblich, denn ihn hinderten die Riemen des Geschirrs; im tollen Durcheinander besann ich mich rasch, daß ich nicht in tadelnswerter Untätigkeit des Staunens verharren dürfe, riß mit vieler Mühe die Raufenden auseinander, half den wütenden Fuhrmann, der, befreit, alsbald die Fäuste brauchen wollte, festhalten, und nach langem, langem Reden gelang es mir, so viel Ruhe herzustellen, daß ein vernünftiges Wort gesprochen werden konnte. Es ergab sich, daß A. E. den Fuhrmann in der vorhin von ihm verurteilten Situation getroffen hatte: der Hund im Trab, der Mann mit geschwungener Geißel auf dem Wagen stehend, der eigentlich dazu eingerichtet war, daß er mit dem Hunde ziehen sollte. A. E. hatte ihn angehalten, vernünftig zu belehren versucht, der rohe Treiber hatte ihm alsbald mit Hieben gedroht, und so hatte sich die Szene entsponnen, zu deren Ablauf ich gekommen war. Ich mußte nun A. E. recht geben; der Bote erklärte, er wolle klagen; da er aber begreifen mußte, daß er seinem gewalttätigen Humanitätslehrer die Nennung seines Namens nicht abzwingen konnte, und da ich ihm auseinandersetzte, daß durch die Drohung mit Schlägen das erste strafwürdige Unrecht auf seine Seite gefallen sei, verlor sich sein Schimpfen allmählich in ein Brummen, dann in Schweigen. A. E. war ganz ruhig geworden und sagte mit einem Tone voll Gutmütigkeit: »Wollt Ihr mir versprechen, einen Esel statt des Hundes anzuschaffen, wenn ich ihn zahle?« Der Bote schwieg und sah ihn mit einem Blick an, der zu sagen schien: Dummer Mensch, wie wolltest du mich kontrollieren, wenn ich's verspräche und nicht täte? »Hört einmal,« sagte er, »Ihr seid kein reicher Mann, sonst würdet Ihr nicht Botenfahren –« Der Fuhrmann beteuerte, er komme schwer aus mit Frau und vier Kindern. »Nun,« fuhr A. E. fort, »so will ich Euch einen Vorschlag machen. Schafft einen Esel an, versprecht mir, wenn es mit dem Tier gut geht, daß Ihr in der Nachbarschaft bei den Boten herum –« – »O, die lachen mich aus!« fiel der abgeneigte Mann ein. »Ah bah! man muß das nur nicht fürchten, man wird immer ausgelacht, wenn man was gutes Neues einführt; nun also, lobt es den andern, helft, daß sie's nachmachen! Im Frühling komm' ich wieder des Wegs und sehe nach Euch; da steht am Wagen Euer Name und Ortschaft angeschrieben, ich werde Euch finden, und wenn Ihr dann einen Esel habt, bekommt Ihr das Doppelte, und wenn Ihr einen, auch nur einen Nachbar persuadiert habt, es nachzutun, das Dreifache von dem da.« Er zog einige Goldstücke heraus und zeigte sie dem Boten. »Wollt Ihr mir Euer Wort geben?« Der Mann schlug ein, und die Goldmünzen glitten in seine rauhe Hand. Gerührt dankte er mit einem zweiten, herzlichen Handschlag und nahm Abschied. Er fuhr langsam weiter, neben dem Hund ordentlich ziehend, und wir sahen noch, wie er das Gold wieder aus der Tasche zog, betrachtete und wieder einsteckte. »In der Schweiz,« sagt nun mein Begleiter, »empört mich der Anblick dieser Roheit doppelt. Ich bin nicht zum erstenmal in diesem glücklichen Land. Manches hat mich da gefreut, am meisten die Schonung des Tiers; Pferd und Rind wird menschlicher behandelt als irgendwo, und gerade da muß nun dieser Unfug der Hundefuhren herrschen, eine der allerschnödesten Formen der Barbarei. – Ach, Herr, ich komm' halt noch ins Zuchthaus, Sie werden's sehen, denn ich lang' eben doch noch einmal einen Tierschinder mit dem Stutzen vom Bock herunter – schießen kann ich.« – Ich ging neben ihm fort; eine Einladung zum Anschluß glaubte ich nach dem Vorgefallenen und dieser einläßlichen Gesprächseröffnung nicht erst erwarten zu müssen. Wir zogen eine gute Weile schweigend weiter. »Es ist heute sehr schön Wetter,« fing A. E. endlich an. Ich mochte nichts einwenden, wiewohl das Wetter war, wie ich es vorhin geschildert habe, also eben nicht schön zu nennen. »Warmkaltlaukühl. Ganz schwacher Nordwest mit oberem Föhn, beide noch nicht im Kampf. Heut wird's noch halten; morgen steh' ich für nichts, ich denke, er wird herunterkommen.« Ich kannte den Namen Föhn für Schirokko, wußte aber nichts von Ober oder Unter, und ließ mir gern auseinandersetzen, daß die elektrisch warme, zu uns von Süden kommende Luft häufig in der höheren Schicht erkennbar herrscht, während in der unteren sogar Ost- und Nordwind gehen kann. »Sie sind ja ordentlich. Draußen – und der Föhn ist ja doch überall, in Deutschland, in ganz Europa, wie hier – draußen glaubt mir's niemand, so muß ich immer davon reden und gelte als Narr. Dem Spott nur etwas vorzukommen, habe ich selbst mir den Namen Föhn-Phänomenoman aufgetrieben. – Sind Sie auch so ein Freund vom anspruchslosen grauen Wetter?« Ich konnte es glücklicherweise ziemlich bejahen. »Nicht wahr? Doch besser, als bei Prachtwetter sitzen wie ein armer Teufel an reicher Wirtstafel, dem das Herz bebt, wenn er an die Zeche denkt? Vollends, wenn es föhnhell ist! O, das ist ein bildschönes, welsches Weib, die Föhnklarheit, wenn sie da ist, ein Weib, das mit der rechten Hand schmeichelt und die linke auf dem Rücken hält mit einem Dolch; – da meinen die Menschen, wenn so ein unheimlich schöner Sonntagmittag herunterstrahlt, es sei gut Wetter, und laufen und strömen hinaus dem Vergnügen nach, und ich, Kassandra, steh' am Fenster und weiß, daß sie wie gebadete Mäuse abends heimkriechen.« »Ach, lassen Sie ihnen die Täuschung,« erwiderte ich, »sie bringt den guten Tröpfen doch ein paar vergnügte Stunden.« »Ja, ja! das ist auch wahr! Machen wir's nur auch so, genießen wir dies philosophische Wetter, obwohl wissend, daß morgen der dumme Lebtag in der Luft angehen wird, – haben Sie schon im Schopenhauer gelesen?« Der Philosoph des Nihilismus und Pessimismus war damals noch sehr wenig bekannt. Ich wußte ungefähr von ihm, nichts aus ihm, hatte seine Werke nie zur Hand gehabt. »Müssen doch hineinsehen und genau. – Geistreich, aber doch eigentlich nur geistreich. Eben doch nichtig. Sonderbar: Freude, meint er, sei nur im Anschauen der Ideen, in der Kunst. Aber er muß doch sein Buch selbst gemacht haben und das war Arbeit. Hat er denn da nicht spüren müssen, daß auch Arbeit froh macht? Der alte Knabe Salomo war doch nicht dumm, der sagt: Nichts besser, denn daß der Mensch fröhlich sei in seiner Arbeit, denn das ist sein Teil. Dienst, mein Herr, Dienst! Dort liegt's! Das Moralprinzip müßte lauten: du sollst dienen! Aber wer kann das begreifen, der bloß Gattungen der Einzelwesen sieht und hinter ihnen gleich das Nichts? Der nicht merkt, daß das Tun und Treiben der Vielen etwas herausgearbeitet hat, das über ihnen steht, ein oberes Stockwerk, bleibende Ordnungen, ewige Gesetze, denen zu dienen reine Lust ist, weil dies Dienen den Diener ins Zeitlose hinaufhebt? Möchte sonst immerzu schimpfen, was das Zeug hält, über die Qual im unteren Stockwerk! Schwätzt immer von jenen Uebeln, gegen die es doch der Mühe wert ist, den Willen aufzubieten, weiß nichts von reiner Lust in reinem Kampf – das Moralische versteht sich doch immer von selbst –, kennt dagegen die Uebel erst recht nicht, die ihm gerade Wasser auf seine Mühle wären. Meint, ein dummer Teufel (sogenannter Wille) habe die Welt gemacht, und er möchte das immerhin, wenn er nur begriffe, wie dann ein Lichtgott darüber gekommen ist, der nur mit der Vasallenschar des Teufels, mit den Dämonen, nicht mehr ganz hat fertig werden können; weiß nicht, wo die Dämonen eigentlich sitzen, die den Menschen auf den Tod hassen dafür, daß er die Liebe und die vernünftige Arbeit in die Welt gebracht hat und ihnen damit das Spiel verderbt, kennt nicht, weiß nicht anfzuzählen all ihren Schabernack, ihre nickelhaften Teufeleien.« – Wir waren inzwischen an der Stelle angekommen, wo man zur Tellsplatte hinabsteigt, ich machte ihn aufmerksam und führte ihn die Stufen hinunter. Wir standen bei der Kapelle und sahen uns das Felsriff an. »So? Ist das da das, wo der Schiller die dumme Komödie drüber geschrieben hat?« »Aber, bitte, Sie haben doch vorgestern den frivolen Spötter im Omnibus –« »Nun ja, natürlich! Der Wicht hatte ja den inneren Wert der Sage mitverhöhnt, – das Moralische versteht sich doch immer von selbst, da soll mir keiner den Schiller antasten, aber wenn man's als Geschichte vorstellt – als ob's geschehen wäre – geschehen könnte – und weiß es nun nicht zum wahrhaft, zum allein Tragischen zu wenden, weiß nicht, was die bösen Geister treiben, in Wirklichkeit hindern, was sie gegen das Kühne, Große und Gute vermögen und wie darauf, darauf allein die echte Tragödie zu bauen wäre, darauf, auf den Grund der Wahrheit!« »Aber ich bitte, was wäre denn hier die Wahrheit?« »Nun, das sollte doch klar sein! Was anders als: daß, wenn man mit der Sage annimmt, Wilhelm Tell sei aus dem Schiff auf die Platte gesprungen, man notwendig auch annehmen muß, daß er ausrutschte und ins Wasser plumpte. Und nachher vollends mit einem Fußtritt das Schiff vom Ufer zurückstoßen? Im Sturm? Ich bitte! Das ist keine Kunst, sogenannte Tragödien, Dramen des hohen Stils zu dichten, wenn man den Zuschauern Sand in die Augen streut! Das ist leichter Idealismus, so hoch daherfahren. Sehen Sie, was ich doch aber auch nicht ausstehen kann, das ist, wenn man die Dinge ungenau nimmt. Die Sage ist naiv, sie weiß nicht, wie sie das höhere Gesetz umgeht, der Dichter soll bewußt handeln, nicht blind, leichtsinnig über den Punkt weghuschen, wo das wahrhaft Tragische ruht. Das aber ist der Krieg des Menschen mit den Geistern, dort werden die wahrhaft erhabenen Schlachten und Wunden geschlagen, dort erfolgen die furchtbaren Niederlagen, aus deren Schauern das tragische Grundgefühl, das heißt das ganze Gefühl unsrer Endlichkeit emporsteigt.« »Ja, wie würden Sie denn nun aber die Tellsage behandeln, wenn Sie glauben, daß sie überhaupt behandelt werden könne?« A. E. schien nur auf diese Einladung gewartet zu haben, es schien ihm sehr zu gefallen, daß ich mich so läßlich und eingehend zu ihm verhielt. »Was vorgeht bis zur Einschiffung Tells mit Geßler und Gefolge,« so begann er, »das mag im Wesentlichen stehen bleiben, wiewohl zum Stil, zur ganzen Behandlung viel und Wesentliches zu bemerken wäre. Jener Realismus, welcher überhaupt allein der echte Idealismus ist, müßte ja natürlich im ganzen walten; diese Hirten sind zu allgemein, zu griechisch gehalten, sind lauter gebildete Redner, und das Gute, das Mutige gelingt ihnen nur so, als ob es keine Kobolde gäbe. Doch das sei, ich muß zugeben, daß der Dichter die Ueberfahrt des Baumgarten und den Pfeilschuß gelingen lassen muß, um da anzukommen, wo er das erhaben tragische Mißlingen soll eintreten lassen. Die Szene des Tellsprungs dürfte nun keineswegs nur erzählt, müßte dargestellt werden, und mit unsern theatralischen Mitteln wäre das möglich. Also: Tell springt, gleitet aus, fällt ins Wasser. Wird herausgefischt, trotz allem Sträuben in den Kahn gezogen. Geßler ruft mit teuflischem Tone: ›So, jetzt verklabastert ihm den Sitzteil recht tüchtig!‹ Es geschieht, und zwar um so wirksamer, da Tells Hosen bereits durch die Nässe gespannt sind. Erlauben Sie hier eine kleine Abschweifung. Ich trage mich mit der Idee, den antiken Chor in die Tragödie hohen Stils wieder einzuführen, so auch hier. Der Chor spricht bekanntlich allgemeine Betrachtungen aus und könnte zur Verbreitung nützlicher Kenntnisse verschiedener Art benutzt werden. Hier nun, an dieser Stelle, hätte ein am Lande befindlicher Chor von Kunstfreunden aus Geßlers Umgebung – ein Anachronismus, ich gebe es zu, doch ein poetisch erlaubter – einige Sätze über die Bedeutung der sogenannten nassen Gewänder in der Skulptur vorzutragen.« Ein ganz leichtes Zucken lief hier über seine Züge, so schwach und so blitzschnell, daß ich schlechtweg keine Zeit fand, einen deutlichen Schluß darauf zu gründen. Er fuhr fort: »Nun aber macht die Exekution den armen Heros so wütend, daß er mit der Kraft der Verzweiflung sich losreißt und trotz dem Sturm ins Wasser springt. In höchster Spannung erwartet der Zuschauer, ob es ihm gelingen wird, sich zu retten. Der Dichter darf es annehmen; Tell kann gut schwimmen und eine flache Uferstelle erreichen. Danach ist nun in der ersten Szene des vierten Akts die Erzählung abzuändern, worin Tell dem Fischer seine Rettung berichtet. Folgen die Auftritte wie bei Schiller, auch der Monolog in der hohlen Gasse und das Weitere bis zu den Worten: ›Ein neu Gesetz will ich dem Lande geben, ich will –‹; hier unterbricht sich Geßler, aber nicht mit den Worten: ›Gott sei mir gnädig,‹ denn ihn hat kein Pfeil getroffen; vielmehr hört man nur eine Bogensehne schwirren, gleichzeitig ein ungemein starkes Niesen in einem Busch und die Worte: ›Versuchter Zufall, List und Trug der Hölle!‹ Dies kann nicht mißverstanden werden. Tell hat sich ja natürlich verkältet und verniest seinen Schuß; Geßler ruft: ›Das ist das Niesen Tells, verfolget ihn.‹ Allein Tell hat noch Zeit, sich aus dem Staube zu machen. Nun muß ich Ihnen eine Notiz mitteilen. Ich habe vor ein paar Jahren in Wien auf dem Schild eines Tischlers den Namen Tell mit eignen Augen gelesen. Das gibt uns den richtigen, den wahrhaft tragischen Schluß an die Hand; echte, höhere Ironie des Schicksals: Tell gelangt auf seiner Flucht nach Wien, nimmt einen falschen Namen an, erinnert sich an seine Geschicklichkeit in Holzarbeiten, wird Schreiner, zieht seine Familie nach und überläßt es den Enkeln, im Verlauf der Zeit den richtigen Namen wieder zu schreiben. Die Schlußszene gäbe ein herrliches, herzlich rührendes Tableau: der gerettete, wehmütig zufriedene Tell mit Weib und Kind in seiner Werkstätten.‹ »Und Geßler? Und die Schweiz?« »Nun, Donnerwetter, die Schweizer in Masse schlagen das Luder tot, das ist doch gewiß besser als ein Mord, und ich finde es dumm genug, daß sich die guten Leute so um ihren Tell wehren, um den einzigen, da sie Tausende von Tellen gehabt haben. Doch weiß ich nicht, ob ich das darstellen würde, das Moralische versteht sich immer von selbst.« Ich war nur halb aufgelegt, über diesen erhabenen Entwurf zu lachen; es grub und bohrte doch etwas in mir wie ein feiner Dorn, oder eigentlich stachen zwei Dorne in entgegengesetzter Richtung. Es war dort bei der Stelle vom Chor und den nassen Gewändern und bei dem flüchtigen Zucken um A. E.'s Mundwinkel doch etwas in mir vorgegangen, was zum Bewußtsein heraufdringen wollte. Sollte das nicht am Ende ein Kapitalschelm sein, der dich zum Narren hat, wie er ja wohl auch den guten Professor der Physik zum Narren gehabt hat? Dem widersprach nun freilich so vieles, daß der Verdacht, kaum geboren, wieder erstickt wurde; stellte ich mich aber auf diese andre Seite, so meldete sich in mir ein Aerger, ein Verdruß über solches Pflegen und Hegen des Peinlichen, das am Ende doch krankhaft, weichlich, wohl auch selbstgefällig zu nennen war. Da nun mein Begleiter durch seinen Idealentwurf für eine bessere Tragödie Wilhelm Tell wieder auf das leidige Katarrhthema kam und daran fortnörgelte, so steigerte sich dieses zweite Gefühl allgemach zur Entrüstung. In der Tat wurde er nun entsetzlich langweilig, unleidlich ermüdend. Er klagte die Geschichtsschreibung an, daß sie die erste ihrer Pflichten versäume: sie müßte doch wissen, daß sie nichts Großes und nichts Kleines im Gang der Weltgeschichte zu verstehen, zu würdigen vermöge, ohne die Katarrhe, die dabei mitgespielt haben, in ihrem Wesen, Verlauf und ihrer Individualität gründlich zu kennen und zu schildern, er fragte mit Pathos: »Ist auch je einer in seiner Genesis, Verwicklung, Ablauf exakt – was doch allein historisch – zur Darstellung gelangt? Mein vorletzter zum Beispiel domizilierte zuerst acht Tage lang im linken Nasenloch, ich hoffte bereits –« Ich bat ihn um Gottes willen, abzustehen, ich wolle ja gern alles glauben, aber er verzichtete nur, um nun aufs minutiöse auszumalen, wie sich just, wenn man keine Hand frei habe, zum Beispiel einen Kupferstich mit beiden halte, ein heißes Tröpfchen an der Nase sammle und dann natürlich mitten auf das Kunstwerk falle; er verbreitete sich des Näheren und Nächsten speziell über den krampfartigen Hustenreiz, der gerade nach Lösung eines Katarrhs zurückbleibe; eine Reihe von Bildern: Kitzeln mit einer feinen Nadel, einem Roßhaar, Zusammenschnüren mit einem Pechfaden und dergleichen, wurden verwendet, – und so schien es sich ins Unendliche ziehen zu wollen. Wir waren jetzt in einen der Tunnels eingetreten, die so kühn durch die Felswände des Axenberges gesprengt sind; A. E. verstummte im Dunkel, während in mir der angesammelte Verdruß zum Zorn aufschwoll. Als wir heraustraten und mein Begleiter alsbald seinen Pechfaden wieder aufnahm, als ich hinabsah nach dem See, wie er am Fuß des senkrechten Felsabsturzes anschlug, so war mir, als sei mein Grimm mit diesem Gestein und dieser grollenden Flut ein Ding und müsse ich auch so trutzig starren wie der jähe Fels und so brandig wie der Gischt der anprallenden Woge aufschäumen, ich stand plötzlich still und sagte in hartem Ton: »Herr, jetzt ist Heu genug hunten!« Ich wollte rasch fortfahren, A. E. hätte mich fast aus dem Konzepte gebracht, er legte mir bei diesen Worten die Hand auf den Arm und fiel schnell und munter ein: »Hunten, Gegensatz von drunten, das ist gut, gutes Wort, kannte es noch nicht, versteh' es aber –« Jedoch einmal im Zuge, fuhr ich fort: »Sie glauben interessant zu reden, und reden nur langweilig; Sie gefallen sich darin, die Wahrheit des Lebens auf den Kopf zu stellen; Sie haben einen Palast vor sich und nehmen zum Standpunkt für Ihr Urteil die Hinterseite mit dem, was sie verbirgt; was man vergessen soll, bei dem halten Sie sich auf, was des Denkens nicht wert ist. darüber studieren Sie, daraus machen Sie ein System! Was keiner Zeit wert ist, dem widmen Sie Ihre beste Zeit, was winzig ist, treiben Sie auf und vergrößern Sie, um recht närrisch zürnen zu können. Nicht aufgespart, sondern aufgezehrt wird auf diesem Wege die Kraft des Widerstandes gegen die großen und ernsten Uebel des Lebens!« A. E. besah während dieser Worte nachlässig seine Zigarre, die dem Ende zuneigte; dies reizte mich, noch hinzuzusetzen: »Uebrigens rauchen Sie auch zu viel! Lassen Sie das, und es wird mit den Katarrhen besser werden!« Er hatte eben den Zigarrenstumpf aus der Meerschaumspitze geblasen, dieser blieb an dem anklebenden Ende des aufgerollten Deckblattes hängen; er ließ den Klunker hin und her baumeln und sah diesen Pendelschwingungen ein paar Sekunden zu, schickte dann einen geruhigen Blick auf mich herüber und sagte: »So? Tetem? Adjes!« Er zog den Hut, eilte hinweg und überließ mich der vergeblichen Anstrengung, in dem freilich sehr schwachen Vorrat meiner Sprachkenntnisse eine Erklärung des nie gehörten Wortes zu suchen. Es schien mir orientalisch, und ich mußte den Versuch aufgeben, da mein Wissen an dem Gebiete der Sprachen des Morgenlandes rein aufhört. Ein Spott mußte jedenfalls dahinter stecken. Dazu kam das »Adjes«. Ich verlangte nicht, daß er Adieu hätte sagen sollen, aber wenigstens: Adje; das s war grob. – Ich suchte mir den schroffen Abbruch aus dem Sinn zu schlagen, um mir die Reiselaune nicht zu verderben. Flüelen war erreicht, A. E. aus meinen Augen verschwunden. Ich schlenderte erst an der Schifflände, es unterhielt mich, dem Treiben des Wasserverkehrs zuzusehen. Ein abgehendes Dampfboot nahm Reisende auf, die mit der Post über den Gotthard gekommen waren, darunter drei Jesuiten, die, kaum eingestiegen, ihr Brevier hervorzogen und, auf dem Verdeck wandelnd, ihre Gebete halblaut ablasen; die Ankunft eines großen Nachens, der eine als englisch oder schottisch leicht erkennbare Familie auf Land setzte, zog mich ab und befreite mich von dem widerlichen Anblick. Ein würdiger, älterer Herr, eine anmutvolle Frau, aus deren Schalten mit zwei schönen Knaben zu entnehmen war, daß sie ihre Mutter sein mußte, während ihre ganze Erscheinung zu jenen gehörte, die sich in die reiferen Jahre das Gepräge der Jugendlichkeit, der Jungfräulichkeit bewahren; eine ältere Dame mit langem, welkem Gesicht und gestrengen, essigsauren, puritanischen Zügen, offenbar Gouvernante. Alle waren in Schwarz gekleidet; eigentümlich wohl stand jener edlen Gestalt die ernste Farbe, ihr Wuchs war von der reinsten Schlankheit, es war, als biege sich eine junge Weide, wenn sie sich zu den Knaben niederneigte. Ihre Gesichtsbildung war nicht eben regelmäßig schön, aber durchdrungen und belebt von einem Ausdruck der rührendsten Güte und Offenheit. Die Gesichtshaut war blaß, ohne Anschein von Kränklichkeit, überhaucht von jenem Dufte, der an den weichsten Pfirsichflaum erinnert, und vollkommen gestimmt zu dem glanzlosen Aschblond der anspruchslos glatt gescheitelten Haare. Man hätte zu dieser Farbe blaue oder graue Augen erwartet, sie waren aber braun, dunkel, südlich, doch ohne einen Funken der Leidenschaftlichkeit, die oft aus solchen Augen blitzt, vielmehr lag darüber jenes Etwas, das durch den Ausdruck: beflort, beschleiert nur mangelhaft bezeichnet wird. Es war das nicht bloß ein Zug von Trauer, wozu man die Erklärung in ihrem schwarzen Anzug finden konnte, es waren die langen Wimpern und ihre beschattende Wirkung, die großen Augenlider, es war der mandelförmige Schnitt des ganzen Auges, was jene Art träumerischer Verhüllung bewirkte, wie man sie wohl bei umbrisch-italienischen Frauenaugen trifft, aber bei angelsächsischem Blute nicht zu finden gewohnt ist. Die Lippen waren nicht zurückgekniffen, wie man es bei Mann und Weib im englischen Volke so häufig bemerkt und auf der Gewöhnung dieses Organs bei der Aussprache des W sich leicht erklärt, sondern gesund, voll, blühend, atmend, umspielt von einem Zuge, der mir vor die Seele führte, was der Edelmann im König Lear zu Herzog Kent von Cordelia sagt und ihren »reifen« Lippen. Schwer riß ich mich von dem Anblick los, der mich mehr und mehr gefangen nahm. Aber mein Reiseplan stand fest, ich mußte vorwärts, denn ich wollte heute noch Amsteg erreichen, dort übernachten, morgen den Gotthardpaß in seinen wilden Hauptstellen mit Muße beschauen, etwa bis Andermatt gelangen und von da die Rückreise antreten, denn meine Zeit war kurz bemessen; alles zu Fuß, um ganz unabhängig der Betrachtung mich hingeben zu können. Mittag wollte ich in Bürglen machen, im Schächental; ich hatte mir den kleinen Abstecher vorgenommen, um doch auch einmal die Stätte zu sehen, wohin die Sage Tells Heimat verlegt und die durch Uhlands Gedicht über seinen Tod gefeiert ist. Ich ging rasch durch Flüelen, nachdem ich noch gesehen hatte, wie die englische Familie sich im ausgeworfenen Netz eines Heeres von Kutschern verstrickte, wobei die steife ältere Dame die Rolle der Dolmetscherin in den Unterhandlungen um den Fahrpreis zu spielen schien. In Altdorf wollte ich erst kurzen Halt machen und einen Imbiß nehmen. Wie ich da einem Wirtshause zugehe, führt mich der Weg an einem Trödlerkram vorüber, mein Blick fällt durchs niedrige Fenster in die Stube, und wen erkenne ich da drin? Meinen A. E., eben eine Brille prüfend, gegen das Fenster haltend; der Trödler, sichtbar zum Kaufe zuredend, stand neben ihm. Ich blickte schnell wieder weg, hatte aber doch Zeit gehabt, zu bemerken, daß es eine Brille von gediegen altmodischer Gestalt war, und mich an die Zwiebel zu erinnern, die mir in Brunnen als redlichere Nachfolgerin einer zertrümmerten Uhr gezeigt worden war. Zugleich meinte ich, so flüchtig mein Blick auch gewesen, doch beobachtet zu haben, daß A. E. mich erkannte und sich umdrehte. Ich weiß nicht, welche Rührung in diesem Momente über mich kam. Während der Anblick doch eigentlich komisch war, fiel mir alles ein, was mich an den Mann angezogen, ja, ich muß gestehen, mir imponiert, mich sogar in ein gewisses Verhältnis nicht drückender Unselbständigkeit zu ihm gesetzt hatte; seine Schwächen und Grillen flößten mir nicht mehr Unwillen, sondern Teilnahme ein. Es kam mir klarer zum Bewußtsein, was es doch eigentlich war, das diesen Menschen so peinvoll empfindlich, so schallos gegen die kleinen Uebel des Lebens machte. Ja, ich war jetzt sogar geneigt, den Ausdruck: Vernunftwut, den er einmal von seiner durchdachten Leidenschaft gegen diese Dinge gebraucht hatte, zu verstehen, zurechtzulegen. Kurz, ich fing an, zu bereuen, daß ich ihm unfreundlich begegnet war, und es tröstete mich noch ein wenig, daß ich ein noch härteres Wort, das mir dort am Axentunnel auf der Zunge lag, unterdrückt hatte, nämlich: alter Kindskopf! Doch, das half nicht viel; ich verzehrte in der Tat mit mehr Hunger als Froheit meine paar Schinkenschnitten und Eier und nahm ziemlich verdrossen, mit wenig Sinn für große und kleine Windgelle und Bristenstock, meinen Weg unter die Füße. Ein Wagen fuhr an mir vorüber, ich erkannte gleich an einem der Knaben, der neben dem Kutscher auf dem Bocke saß, die fremde Familie wieder, ich traute meinen Augen kaum, als mir schien, ich entdecke im Innern neben der anmutigen Britin oder Schottin meinen A. E. Das Fahren an sich schon war es, was mich an ihm wunderte, denn er hatte auf der Axenstraße, als ein Reisewagen an uns vorüberfuhr, gesagt: »Da hocken sie wieder drin im Kasten, der nach Leder riecht, und haben nicht ein Fleckchen Raum, um nur auszuspucken,« wobei er, seiner Freiheit froh, in stolzem, kühnem Bogen die hiermit bezeichnete Tat verrichtete; er hatte ferner bei derselben Gelegenheit das Fahren für die unter allen Umständen unbequemste, dummste und anstrengendste Art der Fortbewegung erklärt. »Was haben doch die Menschen für Begriffe von Freiheit,« rief er aus, »da meinen sie, frei zu sein, weil sie die Beine nicht rühren!« Es lag nahe genug, den Widerspruch zwischen diesem Preise der freien Bewegung und dem jetzigen Tun einfach aus einer Bekanntschaft mit der Familie zu erklären, aber der Zustand meines Gewissens raunte statt dessen mir ein, er werde sich zur Fahrt entschlossen haben, um mit gutem Schick an mir vorüberzukommen; eine Vorstellung, die eben nicht geeignet war, meine Laune zu verbessern. Daß mein Reiseziel der Gotthard sei, hatte ich A. E. gesagt; daß auch er dahin strebe, war keine Frage; es schien mir so die Hoffnung genommen, noch einmal mit ihm zusammenzutreffen und eine Aussöhnung zu suchen. Da ich nun doch einmal zum Nachzügler geworden, blieb ich um so mehr bei meinem Vorhaben, die kurze Seitenwendung von der Hauptstraße ab nach Bürglen zu nehmen. Der Kellner im Gasthof »Zum Wilhelm Tell« sagte mir, wie ich eintrat, ich könne sogleich am Mittagstisch Platz nehmen, das Essen habe begonnen, er werde mir nachservieren. Ich lege ab, lasse meinen Anzug säubern, trete ein, und mein erster Blick begegnet dem verlorenen Reisegenossen. Er saß mitten unter der englischen Familie, dem Alten gegenüber, zu seiner Rechten die junge Frau oder vielmehr sichtlich Witwe, zu seiner Linken die Gouvernante. Die Tafel war außerdem von Fremden so besetzt, daß für mich nur ein Platz blieb, und zwar neben dem älteren Herrn und den zwei Knaben, dem Meidenden und Gemiedenen schief gegenüber. Er grüßte nicht unfreundlich, doch formell. Er war im Gespräch mit der Lady begriffen. Sie sprachen italienisch, wohl in der Voraussetzung, daß wenige der Tischgäste dieser Sprache kundig seien. Ohne zu horchen, konnte ich wohl vernehmen, daß einige Fragen A. E.'s sich auf einen Todesfall beziehen mußten, dessen Einzelheiten ihm wohl unterwegs schon erzählt worden waren. Ich hörte den Namen Erik. Aus Ton und Mienen der Dame ließ sich erkennen, daß das Gespräch sich auf den verlorenen Gatten beziehen mußte; es war der Ausdruck gehaltenen Schmerzes einer Seele, die mit der Kraft der Sanftmut schweres Leiden beherrscht. Tief bewegt hörte A. E. ihr zu, man sah, daß er diesen Kummer im tiefsten Gemüte teilte und ebensosehr die Schönheit des Schmerzes in dieser anmutvollen Erscheinung bewunderte. Mit Blicken wie Blicke der Andacht schaute er zu ihr auf, und wirklich mußte ich mir nun sagen, daß mir nicht umsonst Cordelia in den Sinn gekommen war, denn niemals wird Wehmut und ein gewisses Lächeln, wie es auf den Lippen, in den Wangengrübchen wohlwollender Seelen zum bleibenden Zuge wird, sich schöner auf einem Angesicht verschwistern. Nicht minder herzgewinnend war die sanfte Stimme und der Klang des Italienischen in diesem Munde. Sie sprach es nicht völlig rein; der Vokal a nahm eine Färbung gegen ae an, aber nur eine ganz leise, weit entfernt von der Quetschung, die dieser reine Laut in der englischen Aussprache sonst erfahren muß. Alle übrigen Buchstaben kamen ganz lauter und richtig, nur viel milder, als aus südlichen Organen; es war eine Süßigkeit, Zartheit, Keuschheit in dieser Mischung, in diesem dämpfenden Lispeln, wobei doch der Bestimmtheit und Klarheit der Laute ihre Geltung blieb, daß ich mir sagen mußte, man könnte nicht nur lingua toscana in bocca romana rühmen, sondern auch lingua toscana in bocca inglese . Die ältliche Dame hatte inzwischen mit dem alten Herrn ein Gespräch über Volk und Natur der Schweiz begonnen, so viel sie auf dieser Reise bis dahin gesehen, und wandte sich jetzt an A. E. mit der Aufforderung, auch seine Meinung zu sagen. Das Volk fand sie etwas viereckig und derb. Sie war bei dieser Anrede vom Englischen ins Deutsche übergegangen und schien gerne zu zeigen, daß sie dieser Sprache mächtig sei, deren Töne in ihrem Mund allerdings stark angelsächsische Trübung annahmen. Die Unterbrechung war ihm sichtbar lästig, es zuckte auf seinem Gesicht und er diente nun der Fragerin mit einer Vergleichung der schottischen Hochländer und der Schweizer, die offenbar zugunsten der letzteren gemünzt war, deren Inhalt ich aber kaum verfolgen konnte, da sein sonderbares Lippenspiel meine ganze Aufmerksamkeit anzog. Er lenkte nämlich das Gespräch wieder ins Englische, und sichtbar trieb ihn der Aerger, die englische Aussprache zu karikieren. Er zog zum Beispiel bei den Silben, wo w und a zusammentreffen, wie bei what , die Mundwinkel um ein gutes weiter zurück als üblich, und brachte so eine Reihe froschähnlich quakender Laute hervor, die die beiden Knaben mit offenem Munde und sichtbar gegen Lachreiz ankämpfend bestaunten, und mir ging es nicht besser. Jetzt kam die säuerliche Dame, die das in ihrem Eifer nicht merkte, auf die Landschaft zu sprechen und dehnte ihre Vergleichung auch auf Norwegen aus. A. E. wurde dabei sichtbar unruhig, und als sie die Schönheit der Wasserfälle rühmte, den Rjukanfoß als den mächtigsten, den Ovsthusfoß als den eigentümlichsten erwähnte, fuhr A. E. sichtbar zusammen, erbleichte, und das Messer entfiel seiner Hand. Jetzt wendete sich die aschblonde, junge Frau zu ihm her, näherte ihm mit unaussprechlich sanfter Beugung – Johannes auf Leonardos da Vinci Abendmahl fiel mir ein – ihr liebliches Haupt und begann zu flüstern. Ich konnte vernehmen, daß es nicht Englisch und nicht Italienisch war. was sie jetzt sprach; es mußte, wie ich aus einigen Lauten schloß, Norwegisch-Dänisch sein. Der ernste alte Herr hatte inzwischen mit seinen Enkeln – denn das mußten die Knaben ja sein – ein Gespräch über Wilhelm Tell begonnen. »Laßt sehen,« sagte er, »was ihr von Miß Alton gelernt habt,« und ich erkannte jetzt, was die steife Dame bei der Familie zu tun habe. Sie war Lehrerin der Knaben im Deutschen und zugleich Reisemarschallin in deutsch redendem Land. Diese zeigten sich nicht nur in der Sage, sondern auch in Schillers Drama wohl bewandert, und die Sprachmeisterin nahm nun Anlaß, in volleres Licht zu setzen, wie weit sie es in ihrem Unterricht gebracht habe, sie forderte den älteren, etwa dreizehnjährigen, auf, auch Schillersche Verse in antikem Metrum vorzutragen. Er wählte das schöne Distichon auf das Distichon, und begann, unterstützt von der mitskandierenden Lehrerin: »Im Hexameter steigt des Springquells flüssige Säule –« So weit kam er. Die Geschichte ist eine strenge Wissenschaft. Sie kennt nur die Wahrheit. Die Schicklichkeit wird sie beobachten, so lange es tunlich, ohne ein wesentliches Stück der Wahrheit zu unterdrücken. Würde diese leiden, wenn sie jener sich fügte: sie wird, wenn auch mit Wehmut, unerbittlich ihre Bahn verfolgen. Zarte Gemüter, denen diese Strenge unerträglich: sie sind frei, sie können die ernsten Blätter der Geschichte zuklappen, sie können weiter lesen – nach Belieben. Es hatte mir geschienen, A. E. sei des lästigen Uebels, das ihn auf der Reise befallen, ungewöhnlich schnell los geworden; doch das war Täuschung. Ein Niesreiz just bei jenen Worten – schnelle Seitenwendung von der schönen Nachbarin ab – Taschentuch – vorsichtige Applikation – trotzdem – der Ueberraschte schien im Drang des Augenblicks versäumt zu haben, eine doppelte Ringmauer von Leinwandfalten um den kleinen Geiser der Nase zu bilden, – wenig half es, daß die um Menschenbegriffe so schuldlos unbekümmerte Natur diesmal mehr zierlich, als gröblich, ja mit einer gewissen fein spielenden Zartheit sich einmischte – die Dame zur Linken zuckt hinter ihrem soeben mit Kapernsauce frisch versehenen Teller zusammen und rückt mit dem Stuhl. Die Freundin zur Rechten bemerkt den Vorgang nicht, wohl aber der Alte, der ein Lächeln unterdrückt, und sehr wohl die zwei Knaben, die ein helles Lachen nicht unterdrücken, und nicht minder der Kellner, ein Subjekt mit einem jener Gesichter, die man als ohrfeigenwürdig bezeichnen möchte; er sprach einen abgeriebenen rheinischen Dialekt und war offenbar nur für die Sommersaison herbeschrieben, A. E. hatte ihm ab und zu einen Blick voll Widerwillen zugeworfen; dieser nahm grinsend den Teller schnell weg und schob einen neuen hin. A. E. war verschwunden, als hätte ihn die Erde verschlungen. Beklommen suchte ich eine Unterhaltung mit der schönen Frau einzuleiten, vermochte aber in meiner Beunruhigung nicht, sie fortzuführen, und brach auf, ehe der Nachtisch kam. Ich erledigte meine Zeche und war unten im Hausflur angekommen, als A. E. die Treppe herabgerasselt kam, hinter ihm der Kellner, der ihm nachrief, er bekomme noch heraus. A. E. hörte nicht, wollte an mir vorüberstürzen, blieb aber plötzlich stehen, faßte mich am Arm und zeigte auf eine Katze, die mit ihrem Jungen auf einem Strohstuhl schlief. Es war ein schönes Tier, von dem seltenen dreifarbigen Schlage, schwarz, rotgelb, weiß, und sie hatte beide Vorderfüße um ihr gleichfarbiges Junges gelegt: eine wirklich rührende Gruppe. »O, sehen Sie,« rief A. E., »aber auch wie eine Raffaelische Madonna!« – Das war Sache eines Moments; im nächsten sieht A. E. den Kellner vor sich stehen, der ihm, noch dasselbe Grinsen auf dem Gesicht, womit er vorhin den Teller der Gouvernante gewechselt und dadurch die leidige Ungeschicklichkeit markiert hatte, nun das übrige Geld hinhält. Ihm versetzt A. E., die Faust ballend, mit dem Gelenk des Mittelfingers einen Stoß unter das Kinn und stürmt aus dem Hause. Der Kellner war rücktaumelnd auf die Treppe hingestürzt, richtete sich auf, stand zuerst sprachlos und brach dann in heftiges Schelten aus. Ich konnte mich nicht enthalten, dem Menschen zu sagen, ihm geschehe recht; jetzt fährt er wild gegen mich auf, in verspäteter, fehlgehender Rache hebt er die Faust und ich versetze ihm eine Ohrfeige. Es stand nun bedenklich, denn am Türpfosten lehnte der Hausknecht und der doppelt Geschlagene rief ihn zu Hilfe; dieser jedoch verharrte in seinem Phlegma und sagte zu mir: »Schad't nichts, der Herr ist immer naseweis gewesen, gehört ihm schon lang eins hinter die Ohren.« So konnte ich denn ohne weitere Fährlichkeit abziehen und fragte nicht nach den Schimpfworten, die mir der Bestrafte nachrief. Ich war also wieder allein und hatte Zeit, nachzudenken. Wohl sagte mir nun mein Gefühl, daß hier im Grunde etwas Trauriges vorgegangen sei; mußte an sich schon ein so peinlicher Zufall einen Mann, wie ich A. E. kannte, höchst empfindlich treffen, so waren hier überdies offenbar Beziehungen durchschnitten, deren Tiefe und Zartheit ich gar wohl ahnen konnte. Allein das Mitleid blieb ganz im Hintergrund, ich verspürte zunächst keine Nachwirkung in mir, als eine unbezwingliche Lachlust, mehr allerdings über die Prügelszene am Schluß, als über die Katastrophe bei Tisch. Ja es wollte mir kaum gelingen, angesichts der Begegnenden auf der Straße die Erscheinung der Menschenwürde notdürftig aufrecht zu erhalten; einmal, als eben ein paar rotbackige Bauernmädchen vorübergingen, konnte ich mich so wenig beherrschen, lachte so laut auf, daß ich die eine hinter mir sagen hörte: »Was hat auch der Herr, es ist ja noh nüt Suferzit.« Der trotzige Ernst der furchtbaren Steinpyramiden, Stöcke, Kuppen, der schroffen Wände, die mir näher und näher entgegenstarrten, als ich wieder in das Tal der Reuß eingetreten war, sie vermochten nicht, mein mutwilliges Herz zu bändigen; als ich bei sinkendem Abend in der Nähe von Klus dem eilenden Bergfluß näher trat und sein Rauschen mir stärker und stärker in das Ohr drang, wurde mein Zustand statt ernster nur närrischer. Das dumme, unsinnige Wort Tetem kam mir ins Gedächtnis, und es war mir angetan, daß ich den blöden Laut nicht mehr los wurde. Ein begegnender Bauer grüßte mich und ich antwortete: »Tetem.« Ich blieb öfters stehen und starrte in die dunkel murrende, dem schroffen Felsblock auf gehemmter Bahn entgegenrollende Flut, ich wollte an diesem Bilde mich zum Ernste zwingen, aber es half nichts: als hätte ich die kindische Wortform in den Strudeln gelesen, zöge sie als Resultat meiner Betrachtung aus der wilden Woge, mußte ich denken, sagen: »Richtig, ja, Tetem!« Die Felshäupter, Zacken, Zinken, Ecken hatten Mäuler, nickten und blökten: »Tetem!«, »Tetem!« brummte der Bristenstock, »Tetem!« kicherte der schroffe Gitschen, »Tetem!« gellten die Windgellen. Ich wurde mir selbst zum Abscheu und fing das Laufen an, um mir zu entspringen; was half es? Nun schlug meine Umhängetasche mit rhythmischen Schlägen mir an die Hüfte: »Tetem! Tetem!« Ich riß sie von der Schulter, es erschien mir als das einzig Rationelle, sie hoch in der Luft zu schwingen und zur Strafe samt ihrem Inhalt an einem Felsen abzuschlagen; der Inhalt fiel heraus, und während ich mich bückte, die sieben Sachen aufzulesen, erschrak ich über mich selbst in der Tiefe meiner Seele. »Um Gottes willen,« rief es in mir, »der Mensch hat dich angesteckt, du wirst verrückt!« Es zogen mir Wolken, Wallungen über das Gehirn her, und als ich in die Wirbel sah, in denen das Wasser zwischen den Granitblöcken sich dreht, um dann schäumend vor- und hinabzustürzen, so wurde mir, als wirble und schäume es mir gerade so in meinem armen Kopfe. Ja, ja! es ist nicht anders, der Mensch hat dir's angetan! Aber während ich innerlich so sprach: der Mensch! stellte sich freiwillig die Vernunft ein: der Mensch! O ja, ein Mensch! ein menschlicher Mensch! Die Stimmung kam wieder, in welcher ich Bürglen zugewandert war: Reue über mein hartes Anlassen dort auf der Axenstraße, Rührung, Mitleid, Liebe, und hinter und über der Liebe Achtung, und je mehr Achtung, um so mehr wieder Mitleid; kreuzweise durchbohrt von all den widersprechenden Gefühlen, aufgeregt im Grunde der Seele und niedergeschlagen zugleich langte ich in Amsteg an, und nur die Ermüdung brachte mir den erwünschten Schlaf, tief und traumlos, wie er nach tüchtigem Marsch den Wanderer erquickt. Ich stand früh auf und ging rüstig meiner Straße. Mein A. E. schien diesmal wenigstens keine Wetterkassandra gewesen zu sein. Die Luft war hell; der Bristenstock stieg rein gezeichnet in die Höhe und gönnte dem Auge, mit Wohlgefallen an seinem Kegel empor und an dem sanft geschwungenen Sattel seiner linken Abdachung niederzusteigen. Steiler und wilder starrten die näheren Felsen aus dem bewaldeten Fuße hinan und schauten ernst auf die sanften Matten, die friedlichen Dörfer herab. Bald offener fließend, bald in tiefe Schluchten eingewühlt, dumpf tosend und trommelnd wälzte die Reuß ihre milchig hellgraublauen Wogen. Manche Stellen nah am Wege erzählten eine grause Geschichte von Zertrümmerung der Felswelt des Hochgebirges. Da lagen ganze Haufen wild übereinandergeworfener Steinmassen, in allen Richtungen der Stellung verworren hingeschüttet und aufgetürmt; hier und da aber ragte ein vereinzelter Felsblock von ungeheurer Größe, bemoost und etwa von kleinen Tannen bewachsen, die mit den seltsam verkrümmten Wurzeln in die Spalten hineinsuchten, um kümmerliche Nahrung zu finden. Schaute man nach den Gebirgswänden auf, so konnte man bei dem einen und andern dieser niedergestürzten Riesen noch die Stelle entdecken, wo er einst oben hing, da sich die Gleichheit seiner Form mit den Umrissen einer Kluft in dem Felsenkörper, zu dem er gehört haben mußte, klar erkennen ließ. Mit welchem Donner mögen einst diese Lasten, alles rings zerschmetternd, nieder ins Tal gesprungen sein! In der Nähe von Wasen fand ich einen solchen Block am Wege, wohl fünfzehn Ellen hoch, dem das alles bezwingende Geschick eine seltsame Verknüpfung des Furchtbaren mit dem Komischen beschieden hatte: er trug ein Kartoffeläckerchen auf seinem Rücken. Ich mußte geradezu lachen; der Gegenstand schien mir so sehr bedürftig, poetisch behandelt zu werden, daß ich in Wasen, wo ich eine Erfrischung einnahm, trotz allem herzlichen Verzicht auf den Anspruch, ein Dichter zu sein, ein paar Verse darauf schmieden mußte. Der Leser wird erfahren, warum ich so unbescheiden bin, dies anzuführen. Als ich weiter ging, fühlte ich mich über Erwarten müde. Ich hatte doch erst dritthalb Stunden gemacht. Es war eine Schwüle gekommen, die Luft wurde dunstig ohne Wolken, der Dunst nahm einen strohähnlich fahlgelben Ton an, verdünnte sich aber allmählich und wich einer neuen, sonderbaren, unheimlichen Helle, da von den Massen im Mittel- und Hintergrund ganz jener bläuliche Duft hinwegschwand, welcher doch eigentlich allein der Landschaft den malerischen Schein verleiht, der sie vom Stoffartigen entlastet, zugleich aber die Entfernungsgrade klar unterscheidet und dadurch unser Raumgefühl ausweitend lüftet und beglückt. Zufrieden aber, daß man doch deutlich sehen konnte, drang ich vorwärts, denn meiner wartete noch das Größte: die starrste Felswelt und der wildeste Kampf zwischen Wasser und Fels auf der Strecke von Göschenen bis zum Urner-Loch, die schauerliche Schlucht, die den Namen der Schöllenen trägt. »Kennst du den Berg und seinen Wolkensteg?« sang es in mir, als ich in die Biegung eintrat, welche die Straße bei dem genannten Dorf links nimmt, – »in Höhlen wohnt der Drachen alte Brut – es stürzt der Fels und über ihn die Flut.« – Die Phantasie läßt sich den Zwang nicht antun, sich die Art, wie sich einst das Wasser diesen Weg bahnte, als einen Jahrhunderte, Jahrtausende dauernd langsamen Gang vorzustellen, sie muß sich den Durchbruch wie einen fürchterlichen stürmischen Gewaltakt denken, sie wirft sich selbst ins unwiderstehliche Element hinein, stürzt sich tobend mit ihm auf die trotzenden Riesen, zertrümmert sie, schlendert sich ihre ungeheuern Blöcke in den Weg und schäumt zornig zischend, brausend, brüllend über das selbstbereitete Hindernis dahin. Bei einer der Windungen des Weges bekam ich plötzlich einen Stoß, der mich fast zu Boden geworfen hätte. Auf Geierfittichen war jetzt der Föhn über das Joch herabgeschossen und schrie wütend auf, da er sie an den stahlharten Felswänden zerstieß. Zwischen sein Aechzen, Pfeifen, Kreischen, Heulen mischten die klagenden, grollenden Wasser ihr Weinen, ihr Schelten, ihren Donner; es war, als sei die Hölle losgelassen. Die Sinne wurden betäubt, die Augen brannten in ihren Höhlen, es war, als siedete es mir in den Ohren, als wäre mir höllischer Schwefelbrodem durch alle Poren der Haut in den Leib gepeitscht, glühte mir den Schlund herauf und hauchte Flammen aus meinen heißen Lippen, meine Schritte taumelten und schwankten, als wäre ich betrunken. Und jetzt, – halt, was sehe ich? Täuscht es mir der Schwindel vor? Auf dem Vorsprung eines der granitnen Felsungeheuer eine Gestalt – ist es möglich? kann ein Mensch dort hinaufgelangen – und die Gestalt: ich erkenne sie – A. E.! Den Rücken an die Felswand gestemmt, einen Fuß vorgestellt, die Faust himmelwärts geballt – der Sturm wühlt in seinen Locken – den leichten Mantel, den er auf der Wanderung gerollt über der Schulter getragen, hat er umgenommen, er flattert in den Stößen und Wirbeln der Windsbraut, und sie zaust und zaust, bis er ihm vom Leibe gezerrt ist, dort fliegt er, bleibt an einem Dornbusch hoch an der Felswand wie eine gespießte Fledermaus hängen – aber A. E. selbst – man sieht: er spricht laut – man kann nicht hören – Ich suchte näher zu kommen, es gelang mir mit schwierigem Klettern so weit, daß ich einige zusammenhängende Worte wenigstens in den Augenblicken vernahm, wo der Sturm, in seinem Anprall an die Hindernisse der Felsschlucht wechselweise nach allen Richtungen stoßend, von der Stelle, wo A. E. stand, nach meiner Seite her blies. Ich suche diese Bruchstücke wiederzugeben. Die Gedankenstriche, die ich dazwischen setze, sollen die Stellen anzeigen, wo das Getöse des Windes und das Rauschen der stürzenden, schäumenden Wasser mir das wilde Selbstgespräch in Stücke riß. Ich habe bisher versäumt, die Erscheinung des Mannes näher zu schildern. Es war mir vom ersten Moment an eine Aehnlichkeit mit Hölderlin aufgefallen; der Leser kennt wohl das Titelkupfer in der Ausgabe der Gedichte von 1843; der unglückliche Dichter ist hier im hohen Alter abgebildet; dieses hat nicht vermocht, dem fast regelmäßigen Profil seinen Adel zu nehmen, aber es hat im Bunde mit dem Wahnsinn die hohe Stirn, die feinen Züge tragisch zerfurcht; man verjünge diese Züge zu etwa fünfzig Jahren, denke sie sich überhaupt markiger, die Stirne etwas weniger steil, doch hoch, weniger gefaltet, doch nicht ohne einige Furchen über der Nasenwurzel, man öffne die Augen etwas weiter, lasse sie aber gleich tiefliegend unter starken Augenknochen, man ziehe die Mundwinkel ums Kennen weniger herab, so wenig nur, daß ein Gepräge von Gewohnheit bitteren Betrachtens nicht ganz aus dieser Linie verschwindet, halte aber im ganzen das wohlgebildete Profil fest, man setze diesen Kopf auf eine muskulöse Gestalt: so kann man sich eine Vorstellung von dem seltsamen Reisefreund machen, um den mich meine Härte gebracht hatte; ich muß beifügen, daß mir die Rückführung erleichtert war, da ich Hölderlin schon zu einer Zeit gesehen habe, wo jene zwei Feinde seine Erscheinung noch nicht so sehr zermürbt und gebrochen hatten. Leicht erkennt der Leser aus dem Bisherigen, daß der Ausgangspunkt der Seltsamkeiten, die er an unserm Manne kennen gelernt hat, in einer Grundstimmung, einer Ideenrichtung liegen mußte, die dem Geiste des früh verdunkelten Dichters verwandt war, aber ebenso leicht, daß der stärkeren Männlichkeit in der Erscheinung des ersteren etwas im Innern entsprach, was dem Zweiten ganz fremd war. Hölderlin war humorlos; ich kann mir nicht denken, daß der unglückliche Dichter aus dem Ernste jemals in solche Derbheit hätte umspringen können, wie A. E. es liebte. Eben an diese Derbheiten, an diese Stöße des Zorns und gröblichen Witze hatte ich schon bisher den tröstlichen Gedanken geknüpft, A. E. könne nicht der Verzweiflung, nicht dem Wahnsinn verfallen, wie der wehrlose schwäbische Sänger. Solche Umsprünge, ja Zynismen wird man nun auch mitten aus den Worten des tiefsten Seelenwehs in diesem verzweifelten Selbstgespräch heraushören, und ich gestehe, daß sie in jenen todesbangen Momenten mir doch eine gewisse Beruhigung gaben, es werde nichts Aeußerstes geschehen; so betröstete ich mich wenigstens bis zu dem Augenblick, wo – Doch es ist Zeit, den rasenden Redner zu vernehmen, soweit das Brüllen des Sturmwinds, das Donnern der Wasser es uns vergönnt. »Apollo – deine Kinder – Söhne des Lichts – warum nicht – leichten, rhythmischen Aetherschwingungen – – nicht sterben dürfen an deinen tödlichen Göttergeschossen – oder warum nicht – Drachen Python – warum – mit Nadeln totstechen – Ameisenhaufen – zu Tode kitzeln – Niesen – Husten – Schnäuzen – Qualle – Kaulquappe – widerliche Schnecke – – Und Gott sprach: es werde! und der Katarrh ward –« Täuschte ich mich nicht, so konnte ich in diesem Moment von all den umgebenden furchtbaren Geräuschen ein ungeheures Räuspern unterscheiden. »Welt – eine Erkältung des Absoluten – in der Einsamkeit – spuckte aus und die Welt war – die Welt vom Ewigen gehustet, geräuspert – Schandgallert – Brütnest der Plagteufel – Trichinen des Daseins –« Jetzt ballte er wieder die Faust gegen einen der Felsriesen, die ihm gegenüberstanden. »– – verhöhnst du mich? Urkerl – Schöpfungstagen – immer gleich – undurchbohrbar – Urlümmel – Schweig! – selbst ein alter Rotzler – Triefnase – – Mensch doch wenigstens Schnupftuch –« Er gebrauchte es mächtig. »Warum – warum, ewiger Gott, der du nicht bist – dies tiefe, starke Bewußtsein der Zwecke – Zusammenhangs – daß etwas, auch nur etwas ganz sei – Durchkreuzung – herrliche Gefühle – Kröten – über den Weg laufen – Beinstellen – uns, deren Adlersonnenblick – Ganzes – Harmonie – Freude – einmal – einmal – Blütenkelch – Feldwanze darin – Gespensterangst, Tag und Nacht – Herzensbangigkeit, tiefe – unsichtbaren Feind – Furcht? – Nie, – vor keinem sichtbaren – will endlich frei sein – frei – Angstband zerreißen – in Fetzen vor deine Füße! – Ha! Wie? Du auch da unten im Wasserstrudel, Nixe mit den Fischaugen? Kennst mich noch? Glotzt herauf? Soll ich kommen? Fort! fort! Nicht zu dir, nicht dir zulieb! – – Suwarow – weiß, – Gebrüll der Schlacht – wie so wohl, so frei – Gebeine im wütenden Wasserstrudel bleichen –« Er tat auf der Spanne Raums über dem Abgrund einen Schritt – eine kupferrot glühende Wolke war über der Schlucht aufgezogen, scharf und dunkel hob auf ihrem Grunde die wilde Gestalt sich ab, über deren Haupt, mit rudernden Schwingen gegen die Sturmwirbel anstrebend und zappelnd und krächzend, ein Rabe flatterte, – tödliche Angst um den Unglücklichen malte mir im Nu das Bild vor, wie er zerschellt in der Tiefe liege, ein Schmaus den Vögeln des Himmels, ich mußte ihn retten, suchte weiter aufzuklettern, gelangte mit äußerster Not langsam um ein paar Schritte vorwärts, aber jetzt wackelte unter meiner Fußspitze das schmale, kaum zollbreit ausgeladene Felsstückchen und unter der greifenden Hand der kleine Zacken – ein Angstschrei – ich fiel, ich verlor das Bewußtsein. Ich erwachte und fand mich in A. E.s Armen liegend hart am steilen Ufer der tosenden Reuß, nahe der Teufelsbrücke. Er goß mir mit der hohlen Hand eiskaltes Wasser über das Haupt. »Wie steht's?« Ich tastete an mir herum. »Suchen Sie sich zu bewegen!« Ich konnte es, nur in der rechten Hüfte und linken Schulter fühlte ich scharfe Schmerzen; er untersuchte und fand nur starke Schürfungen. Inzwischen sah ich, daß ihm selbst aus einem großen Riß im Rockärmel das Blut hervorschoß. Er zog den Rock aus, streifte den Hemdärmel auf und es zeigte sich eine lange Wunde, von einem großen Dorn oder scharfen Felszacken gerissen. Er wusch sich den Arm mit der niedertriefenden Gletschermilch einer Runse, an der wir uns befanden, und sagte: »Es ist nur eine Fleischwunde, aber verbinden!« Er stöberte in seinen Taschen, und ich mußte in allem Elend einen Augenblick lächeln, als neben zwei gebrauchten zwei ungebrauchte feine Leinwandnastücher zum Vorschein kamen. Ich half ihm den Verband anlegen und freute mich, des Gebrauchs meiner Hände fähig zu sein. Bei dieser Arbeit bemerkte ich eine lange, große Narbe, welche, durchkreuzt von der frischen Wunde, schief über den rechten Oberarm lief. »Was ist denn aber das?« fragte ich. – »Ach,« sagte er, »der Lümmel, der dänische Dragoner bei Krusau – still davon! Das Moralische versteht sich immer von selbst!« Ich richtete mich langsam auf, tat ein paar Schritte und fand, daß ich auch leidlich gehen konnte. »Wir schleichen nach Göschenen hinunter,« sagte er, »kommen Sie.« – »Warum nicht lieber vorwärts nach Andermatt?« – »Nein, nein! dort sitzt es voll von Fremden; drunten ist's still!« Mit unendlicher Mühe wurden die Hindernisse bis zur Teufelsbrücke überwunden; er schob, zog, hielt mich, während ich weniger kletterte, als auf allen vieren kroch. Endlich war die geebnete Straße erreicht, er gab mir den gesunden Arm und mit langsamen Schritten begann die nun etwas leichtere, doch immer noch schwierige Wanderung. »Aber wie ist's denn gegangen?« fragte ich. – »Nun, ich hab' Sie auf einmal gesehen, wie Sie hingen, dann vorwärts klettern wollten. Wie ich herabgelangt bin, das weiß der Himmel, ich nicht mehr. – Sehen Sie dort!« – Er zeigte nach der Stelle. »Nicht ein Pfad, nur ein Ritzenzug im Fels, der mir für Gemsen zu ungangbar schien, – es gelang mir, just noch im rechten Augenblick unter Sie zu kommen, – Sie schreien – gleiten mir an die Schulter, ich packe Sie, – und nun, dann sind wir eben miteinander heruntergerumpelt, wie's zuging, weiß ich eben auch nicht mehr – es ist ja recht gnädig abgelaufen – nicht immer können die Geister doch das Gute stören. Frau von Vorsehung, geborene Zufall, hat sich diesmal doch ganz ordentlich gehalten.« Wir schwiegen lange, dann fing er, in den Anblick der stürzenden Wasser vertieft, an: »Wissen Sie, wo die Schönheit liegt in dem Vers: ›Es stürzt der Fels und über ihn die Flut?‹ Gar nicht bloß im Klang der Vokale und Konsonanten und nicht bloß im Kraftstoß der einsilbigen Wörter; nein, hauptsächlich in der Cäsur, die mitten in das Wort ›über‹ fällt. Wie die Woge da – sehen Sie hin – über den glatt gespülten Felsblock rinnt, so das Wort über den Verseinschnitt.« Eine solche lehrhafte Bemerkung in solcher Stunde wollte mir im ersten Augenblick schulmeisterhaft erscheinen, aber schnell besann ich mich, daß ich darin vielmehr ein Zeugnis sokratischer Geisteskraft zu achten hatte; ich fand die Reflexion fein und richtig und die heilsame Kühle wissenschaftlichen Denkens drang mir beruhigend in die erschütterte Seele, ja ich meinte zu fühlen, daß sie von innen auf die zerstoßene, brennende Haut herausdringe. Ich wollte eben meine Zustimmung aussprechen, als uns ein italienisches Fuhrwerk begegnete, gezogen von einem Maultier, das ganz nach der welschen Art aufgeschirrt war: roter Federbusch, rot gesäumter Pelzbesatz an den Scheuledern, um den Hals ein klingelndes Schellenband. Wir freuten uns des Anblicks. »Das Maultier sucht im Nebel seinen Weg,« zitierte ich. »Ja, wie wir alle,« sagte er, »nur stolpert es weniger.« Wir verfielen wieder in langes Schweigen, jeder in sich vertieft und bei der Mühe unsrer Bewegung doppelt wenig zum Sprechen aufgelegt. Die Straße war jetzt ganz menschenleer. Indem wir so dahinschlichen, begegneten uns ein paar Kerle, verlumpte Gestalten, als Landstreicher leicht zu erkennen, gaben sich ein Zeichen, als sie uns sahen, und bettelten uns dann mit einem Tone an, der auch ohne die unheimliche Erläuterung durch die derben Stöcke, die sie führten, nicht mißzuverstehen war. Plötzlich war A. E. ganz verändert; bolzgerad aufgerichtet, nicht mehr ein Hölderlin, sondern ganz Bild des persongewordenen Befehls, herrschte er die Strolche an, verhörte sie wie ihr gesetzlicher Richter nach Namen, Herkunft, Stand, kanzelte sie dann als Lumpen ab und schloß mit der Drohung, sie arretieren zu lassen, wenn sie ihm noch einmal unter Augen kämen. Sie standen überrascht und verschüchtert, doch zaudernd. Jetzt kommandierte A. E. mit lautem und straffem Stoß der Stimme: »Links um! Vorwärts marsch!« Es fuhr ihnen wie ein Blitz in die Beine und sie gehorchten. Ich sah recht, was die Persönlichkeit allein, auch ohne Machtmittel, durch das Gewicht des einfachen Imponierens erreichen kann. »Sie können herrschen,« sagte ich. –»Es lernt sich ein wenig,« war die Antwort, »über Subjekte immerhin, dagegen über Objekte – kaum, – nicht – nie. – Uebrigens hatte ich den Kerlen am Gang angesehen, daß sie Soldaten gewesen sein müssen.« Darauf ruhten wir kurze Zeit an einer Stelle aus, wo wir auf einen der reißendsten Wasserstrudel hinabsahen. Wie wir uns schweigend das Schauspiel betrachteten, kam ein Gegenstand hergeschwommen, in welchem wir, als er näher war, A. E.'s vom Sturm geraubten breiten Hut erkannten, obwohl er sich allerdings in sehr erschüttertem Zustande befand. Die arme Filzgestalt trieb dem quirlenden Kessel hart an einem der Abstürze zu und spielte hier eine Weile im Kreise. »Was mag nun der Filz wohl denken, daß das für ein rasendes Zeug sei, was ihn da umwirbelt?« sagte ich. »Und was die wilde Reuß,« setzte er hinzu, »daß das wohl für ein Ding sei, das ihr da aufgepackt ist?« – »Nun, was neulich der Mutz im Berner Bärengraben dachte; als ein Hut hinunterfiel, hob er ihn auf, sah ihn lange an, drehte ihn zwischen den Tatzen um, zerarbeitete ihn gründlich und fraß ihn dann auf – geben Sie acht, sie wird's gleich ebenso machen!« – Im selben Moment war das Artefakt vom Stromsturz ergriffen und verschwand. »Doch den Jüngling sah niemand wieder« – oder auch: »Denn die Elemente hassen das Gebild der Menschenhand,« zitierte A. E. und setzte lachend hinzu: »Und so hätten wir uns denn in aller Trübsal doch noch mit unsern zwei Klassikern beschäftigt.« Ich hatte bis dahin vergessen, daß er barhaupt war, und suchte ihm vergeblich meinen Hut aufzunötigen, den ich in eine Felsspalte geklemmt wieder gefunden hatte. Die ruhiger gewordene Luft spielte mit seinem feinen, auf dem Scheitel etwas sparsam gewordenen, nur um Stirne und Hinterhaupt reichlicheren Haare. Es wurde mir eigentümlich weich zumute, als ich dem so zusah. – Wir erreichten nun Göschenen. Das Dorf kannte noch nicht die Unruhe, die da herrschte, als man den Tunnel grub; wir traten in ein ländlich solides Wirtshaus ein, machten dem freundlich und mitleidig fragenden Wirt etwas von einem unglücklichen Kletterversuch vor, und A. E. zwang mich nun ins Bett, verschwand auf kurze Zeit, kam dann mit einem nassen, ausgewundenen Leintuch, wickelte mich kunstgerecht und sagte: »So, jetzt ruhen Sie, schlafen ein Stündchen, ich will inzwischen nach einem Bader umschauen.« Bald meldete sich, als er hinweg war, der Schlummer bei mir, nur schickte er sich, ehe er eintrat, eine Reihe todbanger Traumbilder voraus; ich glaubte von Fels zu Fels ins Unendliche zu stürzen; so müßte es einem Wasserfall zumute sein, wenn er fühlen könnte; ich zerschellte tausendmal in einer Minute zu Staub; ich war der Filzhut, den wir treiben gesehen, ich war zugleich auch sein Träger; das Becken der Reuß, auf dem ich schwamm, erschien mir als Suppenteller, und ich wurde für seine Entweihung verurteilt, mit den jäh abstürzenden Wogen in die Tiefe geschleudert zu werden; ich war ein Leichnam, Raben zerhackten mich, ein Geier schlug seine Krallen in meine linke Schulter, ein Adler seinen Schnabel in die rechte Hüfte, ein Felsblock fiel mir auf die Brust, das tosende Wasser schwemmte ihn weg, fuhr mir zischend in alle Röhren des Leibes, mein ganzes Inneres fing an zu rauschen, zu schäumen, ich wurde selbst zum rasenden Strudel, löste mich in Schaum auf, im Schaum zerstob der Traum und ich sank in das reine Dunkel des ganzen Schlafes. Ich mochte ein paar Stündchen geschlafen haben, als ich, die Augen aufschlagend, meinen Retter neben mir sitzen sah. Ich erkannte ihn nicht sogleich, denn er hatte eine Pelzkappe auf dem Kopf. Er merkte es, zeigte sie mir her und erzählte, das Glück habe ihn an einen ländlichen Kleiderkram geführt, wo er sie gefunden. Sie stand ihm wirklich ganz gut zu Gesichte. »Nun,« fing er dann an, »Sie sehen ja ganz frisch aus, jetzt aus der Wickel! und da ist der Herr Obermedizinalrat von Göschenen.« Ein echtes Charakterbild von ländlichem Chirurgen sah ich jetzt erst drüben am Tisch stehen und Pflaster streichen. »Es wird dem Herrn gut tun, wie Ihnen,« sagte der ehrsame Künstler, legte mir zwei große Pflaster auf und half mich dann ankleiden. Doch ich hätte der Hilfe nicht mehr bedurft; ich fühlte mich ganz leicht und stark, die tobende Musik im Kopfe war verstummt; mich drängte es, meinem Schicksalsbruder um den Hals zu fallen und Laute des Dankes zu stammeln, aber ich hütete mich wohl, diesem Gefühle zu folgen; ich wußte, wie es mir gegangen wäre: ein Pah! und ein paar Sprachspiele von gerettetem Retter und rettendem Gerettetem wären sicher nachgefolgt, ja bei einer leidigen Neigung zum schlechten Witz, die ich schon an ihm kannte, hätte er nicht geruht, bis ein gegabelter Retter-Rettich zum Vorschein gekommen wäre, und so hätte er die rührende Szene in eine Lachszene verkehrt. »Appetit?« »Ja wohl, ja freilich!« »Schon besorgt, kommen Sie zu Tisch!« Der Bader wurde, zufrieden mit seiner Belohnung, entlassen, wir Zwei traten in ein etwas niedriges Zimmer, das aber mit seiner Täfelung und reinlichen Gardinen einen ganz heimeligen Eindruck machte, der Wirt erschien und hinter ihm ein Mädchen mit der Suppenschüssel. Ich bemerkte, daß A. E. sie ins Auge faßte. »Ein Töchterchen?« fragte er den Wirt. »Eine Nichte,« war die Antwort. »Ein hübsches Kind,« sagte ich, als beide hinaus waren. »Ich weiß nicht; halb hübsch oder so oder – halt! so ist's: sie sieht aus, als hätte sie eine schöne Schwester.« Ich nahm mir keine Zeit zum Nachdenken über gemischte hälftige Schönheit und über Schließbarkeit auf eine schönere Hälfte, denn der Hunger war groß, und ebenso erging es sichtlich meinem Tischkameraden. Es begann nach Stillung des ersten Bedürfnisses ein wachsend heiteres, belebtes Gespräch. Ich sah ihn zum erstenmal eigentlich hell in seiner Stimmung. Seine Atmungsorgane erschienen mir unbelästigt, das starke Ereignis hatte wohl eine gute Krisis mit sich geführt. Er fing wie dort am Axen vom Wetter an: »Der Föhn legt sich, will sehen, wann der Regen kommt; ich glaube, viel wird's nicht sein, er wird wohl diesmal die Hauptmasse des Feuchten drüben überm Bodensee hinunterschütten. Können Sie denn den Wind ausstehen?« Ich hütete mich wie billig, von der physikalischen Notwendigkeit der Luftbewegung anzufangen, und A. E. fuhr auch fort, ohne Antwort abzuwarten: »Geduld bei allem andern übeln Wetter, aber der Wind ist spezifisch unverschämt, betäubt die feinsten Sinne, Auge und Ohr, macht durch den unnötigen Lärm das Hirn trunken, wild, ist wie ein Kerl, der mich mit Ohrfeigenregen begleitet, mir auf Tritt und Schritt vorheult, der Teufel sei los, kurz, kann mich geradezu ganz wütig machen.« Dies war die einzige Andeutung, das einzige, entfernte, nur sehr mittelbare Geständnis der Unvernunft der Szene, die er am Fels aufgeführt. Der Wink war mir wenigstens hinreichend, um zu schließen, was übrigens auch sonst der Augenschein zeigte: daß eine gewisse Befreiung eingetreten sei. Nur nehme der Leser die Befreiung nicht für wirkliche Besserung: er würde sich täuschen, wie sich bald finden wird. Er hatte gestern den Föhn mit einem bösen schönen Weibe verglichen, jetzt führte ihn das Föhngespräch auf die selbe, aber umgekehrte Vergleichung: »Dämonisch reizvolle Weiber sind doch wie der Föhn; sie machen warm, warm, aber schwül, nicht Sonnenwärme, – elektrisch, bang, – Schönheit des Tigers – geben die Seele nicht, haben keine – wurzelt nichts – Liebe und Katarrh wurzelt im Mann tiefer als im Weib, – aber, aber, mein Herr –« hier begannen seine Augen zu funkeln und er fuhr mit der Stimme heraus, als spräche er mit einem Feind – »es gibt Kuren – wenn erst ein rechter Katarrh dazu kommt – wild – scheußlich –« Er brach ab, erbleichte, versank in ein Brüten und sprach mit plötzlich erweichtem Tone vor sich hin: »O keine Kuren – Heilung erst vom Himmel – vom Lichtgeist – dann ein gesunder Säbelhieb –« Er faßte sich schnell, und als wäre ihm mit den letzten Worten das Stichwort von außen gegeben, auf ein andres Thema einzugehen, nahm er die deutsche Frage auf und trug durch einen sichtbar künstlichen Akt der Seele seine Erregung auf diesen ganz andern, sächlichen Inhalt über: eine Gewaltsamkeit, die ihm doch so völlig gelang, daß die Kunst zur Natur wurde und nun die ganz ungeheuchelte Leidenschaft eines echten Patrioten zum Vorschein kam. Er brach in bittere Klage aus über die Verachtung, die noch auf der Nation laste. »Fast gleichen wir ja,« rief er aus, »den Juden, die auf Kohlen sitzen, wo das Gespräch auf ihr Volk führt. Ich hab's Ihnen nicht erzählen mögen,« sagte er; »vorgestern nacht in Brunnen – ich saß eigentlich gern unter den Schwyzer-Mannen, obwohl ich sonst das Schreien nicht leiden kann; Luftstimmen, voces non subactae , aber Bruststimmen, Metall, Korn! Da kommen die Kerle auf die Dinge zwischen Preußen und Oesterreich« – (wir sind im Spätsommer 1865) –»fängt einer an: ›ja, die Dütschen! 's ist nüt und wird nüt‹; ich fahr' auf, weis ihn zurecht, man droht mir, aber da sie sahen, daß ich keinen Teufel fürchte, haben sie mich in Ruhe gelassen. – Inzwischen, es kommt jetzt anders, Sie werden sehen, aus diesem Wirrwarr entsteht etwas. – So gewiß glaub' ich's, meine es schon zu sehen, daß mir schon vor den nächsten Folgen bang ist, wenn das Deutsche Reich aufgebaut sein wird.« »Da sind Sie doch mehr als eine Wetter-Kassandra! Was für Folgen?« »Sehen Sie, die Deutschen können das Glück und die Größe nicht recht vertragen. Ihre Art Idealität ruht auf Sehnsucht. Wenn sie's einmal haben – vielleicht erleben wir's, geben Sie acht, – und nun nichts mehr zu sehnen ist, so werden sie frivol werden, die Hände reiben und sagen: unsre Heere haben's ja besorgt, seien wir jetzt recht gemeine Genuß- und Geldhunde mit ausgestreckter Zunge –« Ich erschrak, wollte es nicht glauben, und erschrak doch. Und an dieser Stelle angelangt, erlaube mir der Leser eine kurze Unterbrechung: Seit es nach und nach kam, wie es nun gekommen, seit Unehrlichkeit, Betrug, Fälschung, Fäulnis so mancher Art tiefer und tiefer in das Blut unsrer Nation sich einfrißt, muß ich täglich dieser Prophetenworte gedenken. Ja ich bekenne, vielleicht hätte ich trotz meinem Vorsatz es doch unterlassen, den unbequemen Sonderling zu schildern, wenn nicht diese Weissagung zu melden wäre, die so leidig eingetroffen ist. A. E. legte mir, den er sehr nachdenklich sah, jetzt die Hand auf den Arm und sagte: »Nehmen wir's auch nicht zu schwer; eine anständige Minorität wird bleiben, eine Nation kann so was überdauern; es bedarf dann eines großen Unglücks, und das wird kommen in einem neuen Krieg, dann werden wir uns aufraffen müssen, die letzte Faser daran setzen, und dann wird's wieder besser und recht werden.« Ob auch dies in Erfüllung gehen wird? A. E. wurde, als dieser schwer lastende Ernst heraus war, wirklich munter, er geriet, redselig aufgelegt wie er war, in sein altes Fahrwasser, und sein Schiff fuhr so mit vollen Segeln, daß ich in meinem Zuhörerkahne daneben von ganzen Sturzwellen übergossen wurde. Wie sollte ich dieses Sturzbad schildern können! Nur einige Wellen mögen ausgehoben werden. Die Politik brachte ihn auf die Geschichtsschreibung, und nun ging's an, nun legte er wieder mit seinen Marotten los. Er fordere Gründlichkeit, und die Frucht werde sein: Billigkeit, Gerechtigkeit, Mitgefühl, Toleranz, wahre Humanität. Der Geschichtsforscher müsse vor allem eine richtige metaphysische Vorbildung genießen, müsse sich gute Kenntnisse in der Urgeschichte erwerben. Ich bekam bei dieser Gelegenheit etwas mehr vom philosophischen System oder vielmehr eigentlich der Mythologie des sonderbaren Denkers zu hören, als ich bisher wußte. Die Natur sei das Produkt eines Urwesens weiblichen Geschlechts. Dieses höchst geniale, reizvolle, höchst gütige und zugleich höchst leichtsinnige und dämonische, höchst grausame Weib habe sich mit Legionen böser Geister verbündet, die sich im Urschlamm erzeugten. Man solle zusehen, ob nicht alles Tun und Hervorbringen der Natur weibartig sei. So leicht, als die Weiber empfangen, schaffe sie; so ohne alles Nachdenken, wie ein begabtes Weib geistvolle Gedanken und Pläne entwickle, quellen aus ihrer Hand die unendlichen Formen hervor; so geschmackvoll und eitel, als das Weib sich aufputze, schmücke sie ihre Wesen; man solle doch nur zum Beispiel die Toilette der Vögel sehen, die Büsche, Hauben, Klunker, Kragen, Schweife in allen Formen, namentlich in solchen, die sich zu Prachträdern aufschlagen: man werde doch nicht meinen, diese Dinge seien gemacht, damit niemand sie sehe, es liege ja auf der flachen Hand, daß das von einer genialen Urkokette stamme; dies Weib sei wohl auch gut: sie nähre, pflege, sorge, heile, wie nur ein Weib es könne; dann aber sei sie plötzlich total gedankenlos, absolut vergeßlich, ganz so dumm, wie oft das geistreichste Weib, ja eine reine Gans.« »Von der Sie auch gelegt sind,« fiel ich ein. »Jawohl, ja leider wohl,« sagte er und fuhr ungestört fort: »So vergißt sie, daß sie einen Frühling voll Blütenherrlichkeit hat sprossen lassen, macht den ganzen Spaß mit einem Nachtfroste hin, vertilgt ihre eignen Produkte, läßt ihre geliebten Kinder verhungern, verschmachten, verfrieren; sie flößt der Tiermutter die zärtlichste Liebe für ihre Jungen ein und leitet den Bärenvater, den Kater an, sie zu fressen; sie gibt dem besten aller Tiere, dem sehr philosophischen Tiere, wie Plato es nennt, dem Hunde, die Hundswut zur Mitgift und macht ihn zum Scheuel und Greuel der Menschen, die er liebt und die ihn lieben; sie ist mißlaunisch, widerwärtig just wie die Weiber und wirft neben ihre Künstlergebilde das Warzenschwein, die Kröte, den Bandwurm, die Läuse, Flöhe, die Wanzen. Kann dies alles noch aus purem Dusel und Unwirschsein erklärt werden, so ist sie nun aber auch recht eigentlich grausam, so grausam als gütig, und hier nun erst gleicht sie ganz dem dämonischen Weibe oder vielmehr hier am deutlichsten liegt der Beweis, daß dieses alles nur von einem Weibe herkommen kann, nämlich einem genial boshaften. Ich habe diesen Zug oft am Weibe bewundert. Macht das Weib eine rechte Teufelei und man hält es ihr nun vor, so pflegt sie zu sagen, es sei nicht mit Ueberlegung geschehen. Das ist denn auch ganz wahr: eine Bosheit, so raffiniert, wie sie der Mann nur mit angestrengtem Denken ersinnen könnte, bringt das Weib ohne alles Nachdenken im Augenblick fertig, satanisch schuldhaft ganz unschuldig; das Weib führt ein Gift, das ein moralisches und doch ebensosehr ein pures Naturgift ist, genau wie die Nattern, Skorpionen, Taranteln; ich habe schon Briefe gelesen, von erbosten Weibern geschrieben: kein Mann, so lange er auch grübelte, könnte ein solches Arsenal von Nadeln mit vergifteten Widerhaken zustande bringen; den Stich fühlt man oft im Anfang kaum, dann fängt er an zu brennen, und nach und nach empfindet man sein ganzes Wesen bis ins Herz hinein vom höllischen Schierling durchträufelt, durchsickert, durchbeizt. Doch weiter im Text: inzwischen nun hatten sich im Urschlamm infusorisch, unabhängig vom Fortpflanzungssystem der persönlichen Urgottheit, nämlich eben jenes Weibs, in der tropischen Hitze der Urwelt Legionen von bösen Geistern erzeugt, sie boten sich ihr als Gehilfen an, und mit ihrer Assistenz erst ist nun das Ganze aller Scheußlichkeiten, die ganze Welt raffinierter Grausamkeit fertig geworden, welche die Natur ausweist, die ganze wurstgiftige Wurst des Daseins. Es ist viel zu mild, die Natur ein allgemeines Wechselmordsystem zu nennen, man soll bedenken, wie die Tiere ihr Opfer nicht einfach morden, sondern zum Ueberfluß, zur reinen Wollust stundenlang, tagelang martern; wissen Sie, daß die Raben einen feineren Leckerbissen nicht kennen, als die Augen eines jungen Hasen? – es ist mir gelungen, einmal einen solchen armen kleinen Tropf zu retten, hinter dem sie schon her waren. In Norwegen sah ich in einem Fjord einen Walfisch stundenlang wie toll aus dem Wasser emporschnellen, ich erzählte es einem Schiffer, der fragte mich, ob ich nicht an seiner Brust zwei schwarze Körper bemerkt habe, ich solle acht geben, wenn ich diese Erscheinung wieder beobachte; es sei eine Art kleinerer Haie, die immer paarweise schwimmen, denen die Brüste des weiblichen Walfisches die höchste Delikatesse seien, die sich darin festbeißen und nicht ablassen, bis das ganze weiche Organ aus seinem tiefsten Sitz herausgenagt sei; das könne tagelang, nächtelang dauern, und da springe denn das wehrlose Tier vor wütendem Schmerz aus der Flut empor, bis es ermatte und verende. Und da soll man singen: Wie groß ist des Allmächtigen Güte!? Nein, nein, das freilich ist klar, daß dies ebenso pein- als freudenreiche Ganze, dies kunst- und pracht- und teufeleivolle System nur von einem höchst intelligenten persönlichen Wesen hervorgebracht sein kann, aber nicht minder klar, daß dieses Wesen ebenso blind als weise, ebenso bös als gut ist, kurz, daß es nur ein geniales Weib sein kann. Uebrigens erhellt dies auch daraus, daß die Natur schlechterdings nicht mit sich reden läßt, daß man mit Gründen absolut nichts bei ihr ausrichtet, just wie die Weiber, die sagen: drum eben, wenn man sie stundenlang widerlegt hat.« »Zu was brauchen Sie aber noch die Geister?« »Bitte, mich nicht zu unterbrechen. Der Natur war etwas Ausnehmendes gelungen: sie hatte endlich den Menschen gebildet. Mit Hilfe der Geister wurde er die grausamste aller Bestien, denn ihm diente der Verstand zur Erfindung ausgesuchter Qualen für Tiere und seinesgleichen. Allein es geschah ein Strich durch die Rechnung. Derselbe Mensch erfand, geführt von einer zweiten, höheren Gottheit, einer männlichen, einem Lichtgeist, von dem wir ein andermal noch sprechen, nach und nach Dinge, auf welche das Urweib und die Geister nicht gefaßt waren: das Recht, den Staat, die Wissenschaft, die begierdelose Liebe und die Künste. Das Weib war mehr nur verwundert, die Natur ist ja gut und bös, bös und gut durcheinander; sie hatte es in unachtsamen Stunden werden lassen und machte nun große Augen, wie es da war. Aber die Geister, das Schandschlammprodukt, wüteten und beschlossen furchtbare Rache. Sie schlüpften in die Objekte. – Das Weitere wissen Sie, wissen, wie der Mensch nun geschunden wird, was alles ihm über den Weg rennt, wenn er mitten im besten, im vernünftigsten, im zweckmäßigsten Tun begriffen ist, wissen, wie er in allem tückisch durchkreuzt, durchbrochen, das Hackbrett ist, worauf kichernd, hohnlachend die bösen Geister spielen. Es ist nur noch beizubringen, daß es ungenau gesprochen ist, wenn man das besessene Objekt anschuldigt, statt den besitzenden Dämon. Dies ist nur sprach- und phantasiegemäß; man kann nicht allemal zwei nennen.« »Aber Sie waren eigentlich an der Geschichte.« »Ja so, ja! Billigkeit, Gerechtigkeit, Mitleid, Humanität – wenn sie gründlich geschrieben würde. Wenn ein braver, wenn ein gescheiter, wenn ein großer Mann unsinnig, zweckwidrig, unrecht handelt, schwächlich unterläßt, wenn ein Redner, wenn ein Denker sich in unbegreifliche Widersprüche verwickelt: wissen wir denn, ob ihm nicht ein Knopf an den Hosen gerissen war? Wer kann Vernunft bewahren in diesem Zustand? Ob ihm nicht der Katarrh ein teuflisches Haarseil durch den Schlund zog, sein Gehirn trübte, bewölkte, versimpelte und nichts ihm zu denken mehr übrig ließ als Unsinn, Unrecht, Widersinn? Brannte nicht vielleicht ein Hühnerauge, gab ihm glühende Dolchstiche von der Zehe aufwärts bis ins Herz und Mark? O Menschheit, erkenne dies, werde klar und du wirst verzeihender, wohlwollender, edler werden! Menschheit, habe Religion! Ein Held kann über einen Strohhalm stolpern! Ein Halbgott an einer Gräte ersticken! Und das ist noch nicht das Schlimmste, aber ein Begünstiger, ein Braver kann zum Fex, zum Trottel, zum Kinderspott, zum bösen Nickel, zum Schmutzigel, ja zum Verbrecher, zum Scheusal werden. Kurz, der Wahnsinn beherrscht das Geschehen: die Schuld der Geister, die Schuld der Teufelsrotte. Und aber trotzdem: sie können die Menschheit placken und schinden, aber nicht mehr unterkriegen, den Oberbau: Gesetz, Staat, Liebe, Kunst nicht mehr einstürzen, wir müssen streben, ringen, kämpfen, als ob sie nicht wären. Ja die Geister selbst und ihre bösen Werke, obwohl wir sie nicht hindern können, müssen uns dienen: wir erkennen sie, wir verwenden sie, namentlich in der Kunst.« Ich erschrak, weil ich mir denken konnte, nun werde er erst recht ins Zeug gehen. Denn er war immer aufgeräumter geworden, ließ sich nicht im geringsten verstimmen durch die schwierige Aufgabe, die uns ein Teil des gediegenen Mittagessens stellte: alles Fleisch war hart, wie man es dort zu Lande liebt, aber A. E. arbeitete mit guten Kieferwaffen munter zu und half kräftig mit dem feurigen Veltliner nach, der uns gar wohl tat nach unserm Abenteuer. Ich durfte ihn nicht stören in seinen Tischreden und hörte denn geduldig weiter. Er bewegte sich durch das Gebiet der verschiedenen Künste. Zunächst kam die Poesie daran und zwar das Drama, die Tragödie. Schillers Tell fiel ihm wieder ein, und er sagte: »Wollen Sie dagegen eine wahre Tragödie, das heißt eine solche, die den Konflikt der Konflikte, den des Menschen mit den Geistern, behandelt? Eine Tragödie, die aus der Menschengeschichte den wahren Inhalt destilliert hat? Eine Tragödie, aus der wir die echte Lehre vom Mitgefühl mit dem armen Sterblichen entnehmen, die echte Humanität schöpfen sollen? Eine Tragödie, deren wahre Bedeutung doch bis heute noch gröblich verkannt ist? Ich kenne, darf ich sagen, die ganze Literatur über Shakespeares Othello. Nirgends auch die blasse Spur von Ahnung der eigentlichen Intention des tiefsinnigen Dichters, zu deren Verständnis er uns doch einen so deutlichen Wink gegeben hat! Was sagt denn Othello im vierten Auftritt des dritten Akts zu Desdemona? ›Ich fühle Schmerz an meiner Stirne hier‹, und wie erläutert er dies deutlicher im vierten? ›Mich plagt ein widerwärtiger böser Schnupfen.‹ Weiter ist hier zu bemerken, wie erbärmlich die Uebersetzer verflachen: ›Widerwärt'ger!‹ Salt sagt Shakespeare: salzig; o, Shakespeare ist konkret, nie abstrakt allgemein! o, der kennt es! – Nun meinen die seichten Köpfe, das sei bloß Vorwand von Othello, um herauszubringen, ob Desdemona das Schnupftuch noch habe. Schnupftuch! Handkerchief! Worüber die gemeinen Seelen noch lachen! Als ob Shakespeare nicht leicht sonst ein Tuch hätte setzen können, wenn nicht tiefere Absicht gerade dies verlangt hätte! Meint man denn, eine Wut, eine Tat wie des Othello sei aus moralischer Verfinsterung allein zu erklären? Nimmermehr! Der Schauspieler, der sich ganz in die Tiefe des Dichtergeistes versetzt, wird schon im zweiten Akte bei der Ankunft auf Cypern durch eine gewisse Dumpfheit, eine nasale Färbung des Tons fein andeuten, daß sich Othello auf der stürmischen Seefahrt bedenklich verkältet hat; nun erwäge man, daß es ihm, schon angeschnupft, wie er ist, unmöglich gut sein kann, wenn er bei dem nächtlichen Skandal auf der Wache schnell das Bett verlassen muß; der darstellende Künstler wird also vom dritten Akt an die Symptome etwas steigern, etwa auch durch Auftragung von etwas Rot auf dem Nasenzipfel – (hier fühlte A. E. nachdenklich an seinen eignen) – oder, als Mohr – von etwas Dunkelblau oder Grün? – er wird beim ersten Ausbruch von Heftigkeit gegen Desdemona durch scharfes, trockenes Husten dem Zuhörer die Ueberzeugung einflößen, daß der Katarrh jetzt in den Hals getreten ist und allda wie mit einer Nadelspitze kratzt, kitzelt und krabbelt. Jetzt tritt das eigentliche Katarrhfieber ein, das Hirn ist eingenommen, giftig gereizt, alles Blut im Kopf, nicht nur die Nase ist rot oder blau, auch die Ohren sind es – Sie wissen, mein Herr, wie wütend und blutdürstig der Mensch ist, wenn er heiße, rote Ohren hat –; mit Jagos Scheinbeweisen, stets erneuten Einflüsterungen steigt in gleichem Schritte dieser traurige Zustand, die Ohnmacht im vierten Akt, aus bloßer Phantasieaufregung denn doch nicht erklärlich, ist Beweis einer radikalen inneren Verpfropfung, das Uebel ist offenbar in den Magen niedergestiegen, ist ganz zur höllischen Grippe geworden; von nun an begleite Räuspern, Husten, unendliches Schnäuzen jeden Schritt des Unglücklichen! So gelangen wir zur Mordszene; hier leistet der Künstler das Höchste! Othello ist jetzt auf dem Gipfel seines Leidens; nicht in kleinlich naturalistischer Weise, nein, ganz im furchtbar hohen Stil werde dieses Aeußerste des tragischen Zustands dargestellt, es seien Hustenanfälle erhabener Art, die wie Kanonenschüsse explodieren, endlich wird der Unselige blaurotgrünschwarz im ganzen Gesicht, er kann mit aller verzweifelten Anstrengung die im Halse sitzenden zähen, schmählichen Hindernisse nicht herauswürgen, er kann durch den Mund nicht genug atmen, und die ganz verschwollene Nase versagt völlig den Luftdurchgang; er ist am Ersticken; da, in der Wut, in diesem Krampf des Lebens, diesem rasenden Sieden des Gehirns wird er zum Teufel: soll ich ersticken, so sollst du es auch, so denkt er; das Schnupftuch! das Schnupftuch! Dieser Ausruf – (er hat das seinige offenbar verlegt) – zeigt an, mit welchen Objekten seine tollgewordene Phantasie sich einzig noch beschäftigt, und jetzt – erwürgt er Desdemona. In diesem Sinn, und in diesem allein richtig aufgefaßt, haben wir im Othello die Tragödie aller Tragödien, die erste, vollkommenste, ergreifendste Dichtung aller Zeiten. Da erst muß jedes Herz klopfen, jede Lippe seufzen: o, was ist Menschengröße, Menschenruhm! O, sehen Sie,« fuhr er heftiger fort – »ich selbst – an wie viel Gutem haben mich die Katarrhteufel verhindert, aber zum Bösen, zum Grauenhaften – ja dazu – damals – damals – o man bedarf Nachsicht –« Er stockte, besann und faßte sich und fuhr ganz nüchtern fort, es falle ihm übrigens nicht ein, irgend jemand zu vergöttern. Von den bekannten Flecken Shakespeares – Absurditäten, Roheiten – wolle er jetzt nicht reden, sondern nur bemerken, daß es ihm widerfahren könne, gerade in dem Punkte zu fehlen, worin doch seine wahre Größe bestehe. Er mache auf eine schwere Unterlassung im König Lear aufmerksam. Der brave Kent lange nach scharfem Ritt in Cornwalls Schloß an, überreiche den Brief von Lear, werde alsbald beordert, Cornwall und Regan nach Glosters Schloß zu folgen, und zwar nachts, erhitze sich hieraus wieder sehr stark in der herrlichen Schimpf- und Prügelszene mit Oswald, werde dann von Cornwall in den Block gespannt, liege nun da, die Füße eingeklemmt, den Leib auf der feuchten Erde, schlafe sogar in dieser Lage und – kriege bei solcher Verkältung keinen Katarrh. Nun wäre es aber sehr geistlos, zu meinen, dies stehe in keinem Zusammenhang mit dem sittlichen Gehalte der Tragödie. Dieser Kent, dieses wackere, herzstärkende Mannsbild, vergelte seines Königs Ungerechtigkeit mit rührender Dienertreue in freiwilligem Stand der Erniedrigung, werde für ihn beleidigt, schmählich bestraft, aber das größte, das erhabenste aller Opfer, daß er für ihn einen Schnupfen, einen Katarrh auf sich nehme: das sei vergessen, dieses Prachtmotiv nicht entwickelt. – Von da an sprang er zu der Skulptur über. Auch hier äußerte er sich leidenschaftlich gegen das, was er falschen Idealismus nannte, um das Prädikat des wahren Idealismus dem entsetzlichen Naturalismus vorzubehalten, den er predigte, von dem er sich aber vorstellte, daß er mit allen hohen Zügen des klassischen, hohen Stils vereinbar sei. So rief er unter anderm aus: »Da stellen uns die Zuckerlecker die drei Grazien dar in holder, marzipansüßer Umschlingung! Es ist leicht, es ist wohlfeil, mit so butterweichem Symbole lügen, das Leben verlaufe sich in ungebrochenen Wellenlinien! Man stelle die Wahrheit dar, allerdings in mythischem Gewand, in großartiger, geisterhafter Personifikation! Drei furchtbare Weiber, schön und entsetzlich, grauenhaft schön, bilden, sich umarmend, eine Gruppe, ein Symplegma! –: der Schnupfen, der Katarrh oder Pfnüssel (dies Wort hatte er, wie er mir sagte, in der Schweiz aufgefangen; er unterbrach hier den Zug seiner Rede, verbreitete sich über dessen onomato-poetischen Wert und behauptete mit komischer Heftigkeit, das Wort sei keltischen Ursprungs, was ich ihm doch nicht bestritt, obwohl ich es für gut deutsch hielt) – der Pfnüssel – und die Grippe! Ziel, des edelsten Künstlers würdig! Hauptaufgabe: die Nuancen, die Stufen richtig zu geben, abzutonen! Es bedarf dabei keiner gemeinen Naturwahrheit, man kann ganz ideal und doch ganz wahr sein, der Ausdruck in Stirne, Augen, Lippen, Haltung und Bewegung des ganzen Leibes genügt, wenn er mit zartem Verständnis behandelt wird, vollständig, die verschiedenen Grundzustände, die Stimmung, die Verdüsterungsgrade der Nerven, des Gehirns höchst überzeugend auszuprägen; haben doch die Griechen selbst uns den Weg gezeigt, indem sie die Meduse – vielleicht selbst ursprünglich eine Personifikation des Katarrhs – (er drohte, die Hypothese durch eine mythologische Untersuchung zu beweisen, doch glückte es mir, dies wenigstens abzuschneiden) – die Meduse früher als scheußliche Fratze, endlich aber in jenem Wunderwerk aus Palast Rondanini als ein Weib darstellten, das den Reiz hoher Schönheit mit den hippokratischen Zügen und dem Ausdruck dämonischer Bosheit so schaurig entzückend und entzückend schaurig in sich vereinigt!« Bei den Griechen angekommen, verfiel er auf die Architektur. Das Rätsel des »reinen Segensstils«, von dem er auf dem Vierwaldstättersee gesprochen, sollte mir jetzt gelöst werden. Allein meine Aufmerksamkeit war denn doch an der Linie der Ermüdung angekommen, um so mehr, da ich mit Prämissen jetzt reichlich genug versehen war, um mir eigentlich selbst vorstellen zu können, was folgen werde. Dazu kam aber noch ein besonderer Umstand, den ich angeben werde; zuerst sei bloß flüchtig gesagt, daß ich nur obenhin einige Bemerkungen vernahm, wie in den neuen Stil aus der klassischen Architektur ein System von kannelierten Pilastern für die Dekoration der Schauseite, ebenso zu dem Kranzgesimse wesentlich die Hängeplatte mit den kleinen Zäpfchen an den mutuli , genannt guttae oder Tropfen, herüberzunehmen seien, am Sockel dann eine Reihe schön und entgegenkommend ausgebreiteter Nastücher auszumeißeln wäre, und so weiter, und so weiter; kurz, alle Formen müssen aussprechen: hier tritt nur ein, hier soll dir's bequem gemacht werden, hier darfst du dir normalen »Verlauf« versprechen und unbehinderte Pflege. – Ich weiß nicht mehr, wie es sich gab, daß er noch einmal auf die Poesie zurücksprang. Es summt mir noch halbdeutlich im Ohre nach, daß er weiterhin auf das Epos zu sprechen kam und sich rühmte, sein System könne es wieder beleben, da es eine neue, tiefe, herrliche Mythologie darbiete, und daß er hierauf noch einmal zum Drama, zu seinem Shakespeare überging. Er war eben beim Hamlet angekommen und eifrig beschäftigt, auszuführen, wie es doch wieder ein Beleg der Leichtigkeit aller bisherigen Erklärung sei, daß noch niemand die Grundursache aller Ursachen seines Zauderns, Stockens, seiner geistigen Obstruktion als eine physiologische erkannt habe; alle Hauptstellen in diesem unsterblichen Drama verkünden doch mit Flammenschrift: jeder Zoll ein Hämorrhoidarius! Er machte nun Anstalt, das Gesamtbild der Konstitution des Helden in breiter Ausführung aus den Worten der Königin zu entwickeln: »Hamlet ist fett und kurz von Atem,« dies alles war eben im Zuge, als das psychologische Ereignis in mir eintrat, das ich zu melden habe. Der Tisch war fast voll besetzt mit Schüsseln, Nebenschüsseln, Töpfchen, Flaschen, Gläsern; ein alter steinerner Krug solider Gestalt enthielt das Wasser; ich hatte ihn wohl bald zehnmal anders gestellt; er wollte nirgends recht Platz finden; auch A. E., wie ich wohl bemerkt hatte, war schon lange von ihm belästigt. Was kann gleichgültiger, nennensunwerter sein? Aber – auf unbewußten Stufen vorbereitet – sprang plötzlich ein Etwas in mir empor, eine gewisse Art von zweitem Gesicht, oder wie soll ich es nennen? Der Krug war mir kein Krug mehr, sondern ein beseeltes. unverschämtes Wesen, ein Geisterlümmel oder Lümmelgeist; – seine Schnauze war ein unverschämtes Maul, der erhöhte zinnerne Deckel ein freches Gesicht, der Griff ein trotzig eingestemmter Arm, dieses Wesen kroch von Stelle zu Stelle immer dahin, wo es für uns unbequem stand. Und das Schlimmste war. daß ich über diesen unseligen neuen Sinn, der mir angehext war, nicht einmal erschrak, wie gestern über die andern bedenklichen Symptome, sondern ganz mit mir eins, ganz sicher war und voll Begierde, das unzweifelhaft schuldvolle Wesen nach Recht und Gerechtigkeit zu behandeln: ein Beweis, daß der Prozeß der Ansteckung sich gänzlich in mir vollzogen hatte. Ich fuhr aus, ergriff den Sünder, stürzte ans Fenster, riß es auf, – aber schnell fiel A. E. mir in den Arm: »Noch nicht, mein Lieber! Ich weiß schon, daß Sie schöne Fortschritte gemacht haben in der Bildung, aber es ist noch nicht ganz reif, vielleicht sogar noch etwas Schmeichelei dahinter. Warten Sie! Wenn es Zeit, werde ich das Zeichen geben!« Wir waren beim Nachtisch angekommen. und bei den aufgetragenen Früchten erinnerte sich A. E. des verkohlten Obstes, das er kürzlich unter den Funden aus der Pfahldorfzeit gesehen hatte, welche in besonders reicher Sammlung die Stadt Zürich bewahrt; wir sprachen vom Kulturzustande der Steinperiode, wie er sich aus den Resten ergibt, die man nicht lang vorher in überraschender Menge da und dort im Grunde des Bodensees und der Schweizerseen ausgegraben hatte, von den Fortschritten der Technik, die doch schon gemacht waren, als das Metall noch unbekannt war, von Ackerbau, Brot, Webekunst, Schnitz- und Töpferarbeit. Der Wirt hatte auf unser Gespräch gemerkt und sagte: »Ich hab' so etwas, ich bringe Ihnen zum Nachtisch ein extrafeines Messer.« Wirklich erschien mit den Dessertbrocken ein derber Meißel aus Nephrit, sehr geschickt in einen Hirschhorngriff eingefügt, einer der wertvolleren Funde, da man begreiflicherweise Klinge und Griff selten mehr vereinigt findet; A. E., der auf das Thema mit lebhaftem Interesse eingegangen war, zeigte große Freude an dem Gerät, und der Wirt ließ es sich abkaufen. »Ich kann es gut für meine Novelle brauchen,« sagte er, als der Verkäufer aus der Türe war. Er schien einen Moment in Verlegenheit, daß ihm das Wort entflogen, ergab sich aber schnell in das einmal Geschehene und fuhr dann fort: »Eine Pfahldorfgeschichte. – Die kann ordentlich werden.« »Ja, sind Sie denn auch ein Dichter?« »Nun, das will ich doch glauben! Wen anders werden denn die Geister so placken und schinden als einen Dichter?« Pause. Dann sagte er mit einem Ausdruck von großer Freundlichkeit, ja wahrer Herzlichkeit: »Sie sollen sie haben, bald vollends ist sie fertig, das Manuskript hab' ich im Koffer mit, der nach Airolo vorausgeschickt ist. Wenn die Arbeit vollendet ist, sollen Sie eine Abschrift bekommen aus Italien.« Bei dem Anlaß fiel mir ein, daß ich selbst ein wenig in Poesie gepfuscht hatte. Ich erzählte ihm von dem kartoffel-nährenden Felsblock, zog mein Blatt heraus und schickte mich an, ihm meine Verse vorzulesen, nicht ohne erst versichert zu haben, daß ich mich sehr bescheide, mich als Kollege in Apollo aufspielen zu wollen. Er unterbrach mich bei den ersten Worten mit der Frage, ob ich auch die Haufwerke angesehen habe. Ich erfuhr von ihm, daß man so die wild übereinander gestürzten Felstrümmermassen nennt. »Wissen Sie auch,« sagte er, »wie sie das Volk hierzulande heißt?« Ich verneinte. »Dolmen,« sagte er, »das ist keltisch und bedeutet Opfertisch – Sie wissen doch von den uralten, geheimnisvollen Steinmalen in der Bretagne, Skandinavien, England – Dolmen sollten nur die Gruppen heißen, wo ein Felsblock wagrecht über senkrecht stehende hergestürzt ist, das Gebirgsvolk hier hat das Wort noch, versteht es nicht und wendet es auf das ganze Haufwerk an. – Nun haben Sie die Güte, zu lesen.« So las ich denn: Aus des Felsblocks rauhen Spalten Tönt ein Aechzen, tönt ein Knurren. »Das zu bieten einem Alten!« Hör' ich eine Stimme murren. Soll der Sohn so hoher Ahnen, Zeuge von der Urzeit Tagen, Soll der Sprosse der Titanen Einen Grundbirnacker tragen? Wild und frei emporgehoben An des Hochgebirges Wangen Bin ich einst – schaut hin, dort oben! Stolzes Riesenkind gehangen. O die Zeit, da um beeiste Zacken noch der Sturmwind sauste, Um mein Haupt der Adler kreiste, Meinen Fuß ein Meer umbrauste! Hätt' ich, als herabgewettert Nieder in das Tal ich krachte, Deine Hütten gleich zerschmettert, Menschenvolk, bei dem ich schmachte! Lieber Staub und Splitter werden, Träg als Lehm am Boden liegen, Als so schmählichen Beschwerden Länger mich als Dienstmann fügen! Und so hebt er an zu drücken, Ihn durchzuckt ein Krampf, ein Schüttern, Daß auf seinem breiten Rücken Die Kartoffelblüten zittern. Laß das Klagen, laß das Knacken, Das wird alles nichts mehr nützen, Laß geruhig dir im Nacken Den bescheidnen Acker sitzen! Denke nur: auch die Kartoffel Ist ein Kind der Erdenmutter Und – erlaub mir, alter Stoffel – Schmackhaft namentlich mit Butter. Mußt dich gar so sehr nicht schämen, Mußt dich, dicker Trotzkopf, eben Auch dem Praktischen bequemen, Das ist Losung jetzt im Leben. Siehst du, so wird jener, dieser Wildfang im gesetztern Alter Noch ein brauchbarer Akziser Oder Kameralverwalter. Meine Leistung wollte mir doch wirklich im Vorlesen gar nicht so übel vorkommen, und der wartende Blick, den ich auf A. E. richtete, mochte ziemlich selbstzufrieden aussehen. »Nun, das ist ja ganz nett,« sagte er heiter, »aber, bitte, werden Sie mir nicht böse, wenn ich sage: eigentlich nur unter heiteren Freunden beim Weinglas ostensibel. Die ironischen Abschnappungen einer poetischen Anschauung, diese prosaisch negativen Schlüsse sind mehr nur ein Studentenspaß als Poesie, wobei ich nur nebenbei bemerke, daß das Wort Stoffel doch etwas zu hemdärmelig ist. Ich will Ihnen damit ja nicht weh tun, wenn ich sage: Heine hat's angefangen und dann ins Giftige getrieben. Und was Sie von mir lesen werden, kann sich auch nicht hoch rühmen, man wird es zur ironischen, ja vielleicht zur satirischen Gattung stellen, mein Talent geht nicht weit, ich hab' da vorhin im Eifer etwas dick getan. Inzwischen bitte ich Sie doch, geben Sie ein bißchen Achtung, ob Sie nicht doch auch Positives, ich meine: so etwas, was man –« »Was man Poesie nennt,« half ich nach. – »Nun ja, falls Sie so etwas finden, da und dort wenigstens, so dürfen Sie den Spaß drucken lassen, wenn ich einmal ausgehustet habe. Mir ist immer vor, es währe nicht mehr lang bis dahin.« Das Schlußwort seiner Rede packte mich so, daß ich, über seine Kritik ohnedies nicht empfindlich, nun mich und mein Werk ganz vergaß. Ich drückte ihm dankbar für sein Vertrauen und wehmütig die Hand und glaubte billig jetzt wenigstens den Augenblick gekommen, daß wir einander uns endlich vorstellten. Ich griff nach meiner Brieftasche, um ihm meine Karte zu geben, und hoffte auf die seinige. »Bitte, bitte,« sagte er, »lassen wir's lieber! Kommt es Ihnen denn nicht auch hübsch vor, einmal im Leben nur Mensch zu Mensch?« Ich verstand und darf sagen: mir tat wohl, was ich entnahm. Eine feurige Freundschaftserklärung hätte mir so viel, so Schönes nicht gesagt. Von einem andern geübt, hätte die Abwehr und Versagung alles Wissens um Stand und Namen gesucht und eitel erscheinen können; hier wäre nur eine stumpfe Seele einer solchen Auffassung fähig gewesen. »Aber wie bekommen?« »Bitte um eine Chiffre und Wohnort.« Ich schrieb und die Sache war abgemacht, worauf A. E. noch so weit auf sein Opus einging, daß er sich sehr lebhaft der Originalität seiner Erfindung annahm, ja dafür verwehrte, als hätte ich sie bezweifelt. Das Pfahldorf- und Steinzeitthema war damals in Karikatur und Schrift schon zu mancherlei Scherzen verwendet worden. Mit einer Leidenschaft, als handelte es sich um einen wichtigen Ehrenpunkt, rief mein Freund – so darf ich ihn nun nennen, nachdem er mir Menschenwert ohne Rücksicht auf Namen und gesellschaftliche Stellung zuerkannt hatte – rief mein Freund aus: »Glauben Sie mir, ich bin darin neu und ganz selbständig! Sie werden sehen, die ganze Dichtung geht tiefsinnig von einer Entdeckung, die nur mir gehört, von einer Idee über den wahren, noch immer nicht erforschten Grund aus, warum diese Menschen auf Seen wohnten; denn Sicherheit gegen wilde Tiere und Feinde? Ist ja nichts! Fror ja im Winter zu!« Der Nachtisch war inzwischen vorüber und der Wirt brachte Licht zum Zigarrenanzünden. Als A. E. das Handleuchterchen gefaßt hatte, hielt er es mir hin mit den Worten: »Da, sehen Sie: ist das nicht wieder, um sich aufs tiefste zu empören!« Er zeigte mir, daß dem Geräte das flache Plättchen am Griffe fehlte, worauf man den Daumen setzen muß, um es sicher zu halten; das Metall hatte an dieser Stelle eine runde Biegung, die so wenig Halt bot, daß es in jedem Moment vornüberzurutschen drohte. Wie ich ihn kannte, ließ ich mich durch das Maß seines Zorns über diese Kleinigkeit nicht befremden; ja, es schien mir einen belehrenden Blick in das Innere dieses Menschen zu öffnen. Wer über so etwas ergrimmen kann, in dem muß das Gefühl der Zweckmäßigkeit von ungewöhnlicher Schärfe sein. – Uebrigens setzte er noch hinzu, ein solches Produkt sei ein wahres Bild unsrer deutschen Industrie, deren Hauptbestreben es ja doch sei, alles zweckwidrig zu machen. »Man sollte meinen,« sagte er, »was einer sachgemäß treibt, das müsse er doch verstehen; ja, ja, hübsch umgekehrt! Der Schneider kann erst recht nicht schneiden, der Sattler nicht polstern, der Schreiner erst recht keinen Stuhl bauen! Der erste schneidet einen Kasten statt eines Rocks, der zweite bauscht Matratze und Sitz so, daß du nicht liegen, nicht sitzen kannst, der dritte baut den Sessel so, daß du dich mit den Füßen anstemmen mußt, um nicht unter den Tisch zu rutschen.« Inzwischen war ihm über Eis und Winter das Ziel seiner Reise, Italien, wieder eingefallen. »Und nun will ich's also eben wieder dort probieren,« sagte er, »bei meinen lieben Zugteufeln! Denn Teufel sind sie im Zugmachen; Fenster und Türen auf! anders tun sie's nicht! Und die verruchten steinernen Böden! Aber mein Doktor hat doch recht: er bleibt dort zwar nicht aus, aber verläuft milder, unschädlicher. Und eben dann noch etwas!« »Was denn?« »Wissen Sie – es ekelt einem eben oft am Menschen, zumeist in der nordischen Kulturwelt, die so vieles so ängstlich verbirgt, – Akzent durch Gegensatz: Sie wissen, Sie wissen! Dort aber: naturalia non sunt turpia . Also weniger Ekel.« Er zog nun eine Landkarte hervor, um mir seinen Reiseplan darauf zu zeigen. Es war nicht Raum auf dem Tisch, um sie ganz auszubreiten; die Karte war aufgezogen, er öffnete die Blätter zunächst so weit, als der Tisch Platz bot, aber die weitere Verfolgung der Reiselinie forderte, daß nach und nach die andern Abteilungen aufgeschlagen wurden, und nun ging ein Umstellen, ein Aufräumen mit den mancherlei Geräten an, womit die Fläche besetzt war. Der Wirt schien gern zu zeigen, daß er einen reichhaltigen und schmucken Service besitze, und hatte daher manches entbehrlich gewordene Gefäß nicht abgetragen; auf einem zweiten Tisch und einer Kommode standen Blumenvasen, Tassen und andres, in derselben Art wie jene Gefäße mit Goldrand und farbigen Mustern verziert, umher; wollten wir auf dem Speistisch abräumen, so mußte erst auf einem dieser Möbel dieselbe Arbeit vorgenommen werden, dazu bot aber wieder nur der Speistisch Raum, den man doch eben leeren wollte, und so entstand ein Kreislauf höchst verwirrender und bemühender Art, der endlich in ein leidenschaftlich wirbelndes Hin und Her überging und kein Ende zu nehmen drohte. Ein Gott schien uns mit Blindheit geschlagen zu haben, daß uns das einfachste Mittel nicht einfiel, nämlich abtragen zu lassen. Plötzlich hielt A. E. inne, während ich in diesem Geschäfte noch fortfuhr. Daß er bei diesem Kreisen der Objekte soeben noch selbst mittätig gewesen, schien er rein vergessen zu haben. Mit Stentorstimme rief er: »Auch gar noch Fandango? Es ist genug!« Er klingelte. Der Wirt erschien. »Was kostet der ganze Service, alles was hier im ganzen Zimmer umhersteht?« Der Wirt fragte: »Wozu?« und zeigte sich auf die ungenügende Antwort von A. E., er möchte ihn eben haben, wenig geneigt, seinen Schatz zu verkaufen. Doch, da er kaum anders denken konnte, als, der Gast sei auf diese Gegenstände um ihrer Schönheit willen erpicht, da ihm dies schmeichelte und da er schließlich wohl kein Geldverächter war, so ließ er sich bestimmen und nannte eine Summe, die eben nicht bescheiden, doch auch nicht so hoch gegriffen war, als die kundigere Gewinnsucht eines Städters sie gespannt hätte. Sie wurde ihm rund in Gold ausbezahlt; er strich ein und fragte: »Soll ich auch die Verpackung übernehmen?« A. E. sah ihn sonderbar an, wendete sich gegen mich und sprach feierlich, wie damals im Wirtshaus zu Brunnen: » Supplicium ! Todesurteil!« Er gab mir den Krug in die Hand und sagte: »Ihnen die Ehre des Vortritts!« Ich, wie ich nun leider geworden war, gehorchte mit Pflichtgefühl. Dem Fenster gegenüber stand jenseits der Straße ein mächtiger Granitblock, einst – wer weiß vor wie viel Jahrhunderten – herabgestürzt von einem der Felsungeheuer und nun als Damm und Schranke hier aufgepflanzt, Zeuge einer Zeit, da es Krüge und Service freilich noch nicht gegeben. Ich zielte nicht schlecht und der Krug zerschellte an ihm in zahllose Scherben und Splitter. A. E. belobte mich und ergriff eine Obstvase; ihr Schicksal war dasselbe. Wir wechselten ab mit Tellern, Platten, Gläsern, was uns nur in die Hände kam. Unten hatte sich schnell ein Zuschauerkreis von Dorfjugend versammelt und jubelte über das ungewohnte Schauspiel. Unter großem Gelächter wurde nach jeder Aktion unsrer Kriminaljustiz gerufen: »G'hei abe! G'hei abe!« A. E. hatte eben eine hübsche Karaffe aufgenommen, als dieser Ruf zum erstenmal erscholl, hatte auch schon zum Wurf ausgeholt, hemmte aber seine Bewegung, faßte mit der einen Hand meinen Rockknopf, während die andre mit dem Gefäß mitten im Schwung hoch gehoben verweilte, und hielt mir eine kurze Vorlesung über das Wort, das die Knaben riefen und das ich, der Aussprache folgend, ohne seine Belehrung schreiben würde: Keien. »G'heien,« so dozierte er in der geschilderten Stellung, – »schreibe G, Apostroph, HEI – also eigentlich geheien – von heien mit Vorschlagsilbe ge – heißt: werfen; belästigen (›laß mi ung'heit‹, sagen Oberschwaben und Schweizer), auch dämonisch verfolgen (der Teufel geheit mich‹, sagt Luther); äußerst feine Modifikation des Sinns, die ich in Schwaben gelernt: es g'heit mich, heißt: ich habe das Mißgefühl, etwas Angenehmes versäumt, verscherzt zu haben. Ob noch eine andre Bedeutung zugrunde liege, darüber habe ich lange vergeblich geforscht, glaube aber jetzt auf der rechten Spur zu sein. Davon ein andermal.« Nach diesem Vortrage befreite er den gehobenen Arm aus seinem Banne, holte noch einmal aus, die Karaffe flog den Weg ihrer Geschwister und zerplatschte am Granitblock. Ich wollte nun in rhythmischer Abwechslung alsbald wieder folgen, als er, den Blick auf unsern Zuschauerkreis geheftet, mir plötzlich in den Arm fiel und sagte: »Halten Sie inne, bis ich wieder komme.« Er eilte hinaus und hinab, ich sah ihn mitten durch den Haufen der Dorfjungen dringen auf eine Frau zu, die hinter ihren Reihen stand, ein Kind auf dem Arme. Sie war dürftig gekleidet, ihr und dem Kind sah der Hunger aus den Augen. A. E. hatte mit seiner scharfen Sehkraft offenbar von oben bemerkt gehabt, daß sie dem tollen Schauspiel mit vorwurfsvollen Blicken zusah; man konnte schließen, daß seine Anrede an das Weib etwas darauf Bezügliches enthielt. Ihre Antwort ließ sich deutlich hören, da der ganze Haufen mäuschenstill geworden war: »Ja, Herr, wie das Geschirr so flog, dachte ich: wenn ich nur in meiner irdenen Schüssel zu Haus ein paar Schübchen gute Suppe hätte.« Ich sah, daß Geldstücke in ihre Hand glitten, er flüsterte ihr einiges zu, das sichtbar beruhigend wirkte, wohl aber zugleich eine Bitte enthalten mochte, nicht weiter zuzusehen; denn sie ging hinweg und mit sichtbar aufgeheiterter Miene. A. E. eilte wieder herauf und sagte sehr munter: »Vereinbar! vereinbar! so, nun kann es wieder fortgehen!« Ich holte wieder aus und zum großen Troste der Versammlung auf der Straße lief denn die Aktion weiter. Hinter uns stand der Wirt und sah zu, starr, sprachlos, »zur Statue entgeistert«. »Hoffnungslos Weicht der Mensch der Götterstärke; Müßig sieht er seine Werke Und bewundernd untergehn.« Unser Eifer nahm zu, als sich unsre Arbeit dem Ende näherte, die Bogen, in denen wir warfen, wurden immer kühner, der Wurf immer sicherer; im Feuer dieses Tuns bemerkten wir nicht, daß außer dem Mädchen, das mit dem Wirt uns bedient hatte, noch jemand zu ihm getreten war; es war mir nur vor, als hörte ich hinter mir ein helles Lachen und Klatschen, ich hatte keine Zeit, darauf zu achten. Jetzt war der feierliche Akt vollendet, und wie wir uns zurückwenden, steht bei jenen zweien eine dritte Gestalt, ein hohes, bildschönes Mädchen, mit großen, dunkeln, vor Freude leuchtenden Augen, in die Hände klatschend und lachend, wie Kinder im höchsten Jubel lachen. Schwarze Locken, von silberner Nadel gehalten, fielen um ihr braunes Antlitz, gefüllt und stolz geschwungen stieg der Nacken und hielt aufrecht das Haupt mit seinem reinen Profil empor; man sah wieder eine Wölbung des Brustbaues, wie sie in unsern nördlichen Ländern so selten ist: frei, kräftig, ein wohlgebildeter Raum für das Organ des Atmens. Wie ich sie näher ansah, tauchte mir erst von ferne, dann deutlicher eine Erinnerung auf. Um diese schönen Augen spielte etwas Weiches, man konnte nicht sagen, in welchen Formen der Augenhöhle und ihrer Umgebung es lag, nicht wenig trugen die großen Lider und die langen Wimpern dazu bei; nach kurzem Suchen kam mein Gedächtnis bei der Dame an, die ich erst gestern in Bürglen gesehen hatte. Die Aehnlichkeit in diesem Zuge war so stark, daß man leicht das Unähnliche in Gedanken ausschied; man konnte sagen: es war diese Erscheinung aus Blond in Schwarz und Braun, aus dem fein Schlanken ins Vollere, aus dem zart Durchgebildeten ins kräftig Volksmäßige übersetzt. A. E. stand erstaunt, in Schauen verloren. » Come vi chiamate? « fragte er. » Cornelia. « » Siete da Perugia? « » No, Signore. « » Da Assisi? « » No, Signore. « » Da Arezzo? « » No, Signore. « » Da Siena? « » No, Signore. Io sono da Bellinzona. « » Fa niente, « rief er jetzt, schloß sie in die Arme und drückte der Ueberraschten, die kaum sich sträubte, einen feurigen Kuß auf die Lippen. Der Wirt sah verwundert, halb ärgerlich, halb lachend zu dieser Szene, ließ jedoch geschehen. Man konnte ihm aus dem Gesichte lesen, daß in seinem Gemüte zwei Mächte sich eine ordentliche Schlacht lieferten: das Gefühl der Zweckwidrigkeit des erst Vorgefallenen, der Unmut über so verkehrtes Handeln und über die jetzige Dreistigkeit auf der einen, und auf der andern Seite der Respekt vor Fremden, die sich eine so großartige Verschwendung erlaubten, und die Lust am Spaße, den eine Szene, wie die letzte, denn doch jedem Zuschauer bereiten mußte. A. E. wandte sich jetzt mit der Gebärde eines Mannes, dem etwas Vergessenes einfällt, plötzlich zu ihm, nahm ihn beiseite, fragte ihn leise etwas, die Antwort des Wirts, der seine Stimme zum Flüstern nicht gebildet hatte, verriet, von was die Rede war: er nannte den Namen einer Frau mit dem Zusatz einiger weiteren Personalien; es konnte nur das arme Weib sein, dessen Erscheinen das kurze Zwischenspiel im großen Töpfedrama herbeigeführt hatte. A. E. machte sich eine Notiz ins Tagebuch. Der Wirt war jetzt sichtbar so ausgesöhnt, daß er unsres Wohlgefallens an dem Mädchen einfach sich erfreute; er sagte freundlich: »Meines Bruders Kinder, der eine Italienerin zur Frau hat und in Bellinzona wohnt.« A. E. stand noch einige Augenblicke, die Hand des schönen Mädchens haltend, fragte, ob er Grüße nach der Heimat bringen dürfe, sie wurden ihm gern aufgetragen, dann wandte er sich zu mir und sagte: »So, jetzt lassen Sie uns scheiden und gehen; nach dem Vernunftakte, nach der religiösen Opferhandlung, die wir vollzogen, könnte uns ein schöneres Punktum nicht mehr werden.« Er nahm seine Sachen um und an, gab dem Wirt und seinen Nichten noch herzlich die Hand und ging voran und ich folgsam ihm nach. Während er die Treppe hinabstieg, blieb ich noch bei Cornelia, die mir vor die Türe folgte, stehen und sah sie fragend an; sie verstand meinen Blick, sie las schnell darin, daß er forschte, wie ihr der Herr gefalle, und sie sagte: È pazzo, ma pur simpatico. Pazzi siete tutti e due. [Er ist verrückt, aber sympathisch. Ihr seid alle beide verrückt.] Es drängte mich, sie dafür nun meinerseits auch zu küssen, ich bedachte aber schnell, daß sie » pazzi « in den Plural verwandelt hatte, » simpatico « aber nicht, auch widersprach ein Etwas in mir der Nachahmung in diesem Fall, kurz ich bezwang die Anwandlung und drückte ihr nur zum Abschied die Hand. Ich trat zu A. E. vor die Haustüre. Der Föhn hatte sich gelegt, sein Glutsturm schien die Wassermassen, die er mit sich zu führen pflegt, hinter uns auf die Flächen Deutschlands gejagt zu haben; hier im Gebirg war nur ein leichter Regen gefallen und hatte die Luft mäßig gekühlt. »Ich wollte eigentlich bis Andermatt,« sagte ich, doch setzte ich alsbald hinzu: »Nein, es ist wahr, es ist besser, wir scheiden nun.« – »Nicht wahr?« sagte A. E. mit herzlichem Tone und grundfreundlichem Blick; – »das weitere würde nur nachhinken, und beisammen bleiben wir ja doch nicht; den Rest des Passes mit Teufelsbrücke können Sie ja morgen oder sonst einmal sehen. Die Novelle also kommt. Addio !« Er schüttelte mir die Hand, schwenkte mit rascher Wendung und ging dahin. Es konnte mir nicht in den Sinn kommen, auch nur ein Wort zu sagen, eine Bewegung zu machen, wodurch ich dem Gefühl Ausdruck gab, das im Augenblick dieses Abschieds über mich kam, obwohl es nach aller Wahrscheinlichkeit ein Abschied für immer war. Ich kannte ihn zu gut, um nicht zu wissen, wie wenig Glück ich mit einem Anlauf zärtlicher Art gemacht hätte; ich erwiderte stumm den Handdruck und ging gleichfalls meines Weges. Im nächsten Moment fiel mir ein, daß ich nicht dazu gelangt war, nach dem Sinn des seltsamen Wortes zu fragen, das mich am vorigen Tage wie ein Geist verfolgt hatte. Schnell aber wurde ich mir bewußt, daß dies darum unterblieben war, weil ich einen passenden Moment zu der Frage nicht fand, und weiter wurde mir klar, daß noch etwas andres zugrunde lag: ich war eigentlich doch nicht dazu aufgelegt. Alsbald verging mir daher auch die augenblickliche Lust, zurückzulaufen und das Versäumte nachzuholen. Ich wäre vor A. E. schlecht bestanden, wenn ich, vollends nach dem Abschied, einen besondern Schritt getan hätte, um zu erfahren, was ein Humorwort bedeute, das irgend einer geringfügigen Anekdote seinen Ursprung verdanken mochte. So resignierte ich denn darauf, jemals noch im Diesseits das Rätsel des Tetem gelöst zu sehen. Ich war etwa zwanzig Schritte entfernt, als ich seine Stimme rufen hörte: »Sie!« Ich kehrte mich um: A. E. war stillgestanden und rief mit einem Tone, woraus die helle Froheit klang, mir zu: »Und sie hat's erst nicht abgewischt!« Dann wandte er sich und ich sah ihn mit nervigen Schritten die Straße hinansteigen. Zugleich erkannte ich am Fenster das dunkle Lockenhaupt Corneliens; sie sah ihm nach, bis er an der nächsten Biegung der Straße verschwand. Ich wanderte langsamen Schrittes bergab. Warum sollte ich nicht gestehen dürfen, daß mir das Auge feucht wurde und warum nicht, daß ich zu fühlen meinte, dieser Tropfen gelte gar nicht allein dem Abschied, sondern wohl mehr noch gerade dem letzten, komischen Wort und dem, was es mir zu denken gab, zu denken nicht bloß über den einen Menschen, der dort über das wilde Gebirgsjoch in die Ferne zog. Es war etwa zwei Monate später, als ein Paket an mich kam mit dem Poststempel Venedig. Ich öffnete sehr begierig, und da hatte ich nun die Pfahldorfgeschichte – in sauberer Reinschrift, da und dort mit Korrekturen von andrer Hand, welche die des Verfassers sein mußte. Ein Zettel lag bei; ich werde nachbringen; was darauf geschrieben stand. Es ist ein gewisses Gefühl von Bedürfnis der Abwechslung, was mich bestimmt, meinem ferneren Berichte den Abdruck der Novelle vorangehen zu lassen; ich habe so lange selbst geredet, daß es Zeit ist, unsern Freund – ich hoffe, das sei er trotz alledem – ganz zu Worte kommen zu lassen.   Der Besuch Eine Pfahldorfgeschichte von A. E. Wir blicken durch eine kleine Fensteröffnung in eine Hütte, die uns gar dürftig erscheinen müßte, wenn wir uns nicht Bau, Ausstattung, Schmuck unsrer Räume aus dem Sinne schlagen wollten. Die Wände bildet ein Flechtwerk, das mit Lehm bekleidet ist, daran läuft ein Bord, der einen Hausrat von äußerster Einfachheit trägt, ein roher Tisch in einer Ecke, einige Stühle von nicht feinerer Arbeit sind zu sehen, und auf dem Estrich, der eben nicht aus Parkettafeln, sondern aus einem Guß von Ton und Kohlenstaub über einer einfachen Lage von Planken besteht, erhebt sich ein Herd, dessen Form aus so höchst ursprüngliche Zustände hinweist, wie alles, was wir erblicken. Und dies alles gehört keinem armen Manne; die Matte dort aus Binsengeflecht scheidet das Ganze des Bodens in eine Schlaf- und eine Wohnstube, die freilich zugleich als Küche dient, und das ist ein Raumluxus, den nicht jede dieser Hütten aufweist. Der wohlhabende Besitzer ist ein ehrsamer Pfahlbürger des Dorfes, das sich über dem Spiegel des Sees Robanus, wenige Meilen entfernt von der größeren Wassergemeinde Turik, erhebt. Er heißt Odgal und ist augenblicklich abwesend; einige hundert Schritte entfernt sitzt er in einem Einbaum auf dem Wasser und ist mit seinen Fischernetzen beschäftigt. Dem Gemach aber fehlt es nicht an einem lebendigen Schmuck. Eine rüstige, rotbackige Dirne, von munteren Kindern umgeben, hantiert mit einem schweren runden Stein auf einer größeren Steinplatte, auf welche sie einen Haufen Weizenkörner geschüttet hat: sie mahlt. Die Arbeit ist nicht leicht, schwerlich würde auch eine starke Bauerntochter unsrer Zeit die Last des Kornquetschers so leicht heben, so geschickt und leicht handhaben, und wir bewundern dabei ein paar prächtige Arme, die auf den aufgestreiften Aermeln des einfachen Bastkleids ebenso wohlgebildet als muskulös hervorglänzen. Etwas Sonderbares erblicken wir freilich auf dem linken Oberarm: ein seltsames Bild, das ebensowohl einen Kuhkopf, als einen Halbmond vorstellen kann, ist hier mit blauer Farbe eingeritzt und längst mit der Haut verwachsen. Niemand jedoch wird sagen, daß es den schönen Arm entstellt; es sieht eben aus, als hätten die blauen Aederchen, die diese schimmernd klare Haut durchrieseln, den Einfall gehabt, sich gelegentlich zu einer Art von Verzierung zu gestalten. Also lassen wir uns die tätowierte Schöne gefallen und sehen uns weiter um in diesem Raume. Drei Kinder, ein Knabe und zwei Mädchen, treiben ihr Spiel mit einem Eichhörnchen; das kleinere ist seit einem Jahr erst aus den Windeln und erfreut sich jetzt zugleich seiner Freiheit; neben ihm liegt ein Ding, etwas wie ein eigentümliches Zaumgebilde, am Boden: es ist der Halfter, womit der arme Wurm an einem Pfosten festgebunden wird, wenn die Falltüre offen ist, die wir jetzt niedergelassen sehen; sie deckt eine Oeffnung, die sich einfach über dem Seespiegel befindet und ursprünglich zum Fischfang bestimmt war. Man ließ durch sie einen Korb ins Wasser hinab und durfte sicher sein, daß er zappelnde Beute mitbrachte, wenn man ihn nach einiger Zeit aufzog. Seit die Gemeinde stark über zweihundert Bürger zählt, ist der See so ergiebig nicht mehr, die Oeffnungen aber sind geblieben, eine Treppe führt hier ins Wasser, um schneller zum Kahn zu gelangen, als durch die spärlichen und engen Durchgänge zwischen den Häusern, die man mit wenig Recht Gassen zu nennen beliebt, und über die einzige Brücke des Dorfes. Einen eigentümlichen Gegensatz zu den Erscheinungen der blühenden Kinder und der schönen, rüstigen Jungfrau bildet eine unheimliche Alte, runzlich, von gelber Farbe, die grauen Haare hängen ihr fast ungeordnet über die Stirne; sie sitzt in einer Ecke und spinnt. Dazu singt sie in eintöniger Weise – man kann es kaum Melodie nennen, es ist nur wie ein dumpfes Murmeln – ein dunkles, uraltes Lied. »Helft mir spinnen, spinnen, Heil'ge Spinnerinnen,       Die ihr schwebt im Schilf!       Selinura, hilf! Faden kam geronnen, Haft die Welt gesponnen,       Du und deine Feen,       Geister in den Seen! Tanze, Spindel, tanze, Fäden, feine, ganze!       Wirtel mit Gesumm       Wirble um und um! Leise rauscht's im Riede Mir zum Spinnerliede,       Flüstert Zaubersang       Mir zum Spindelklang.« Dazu hörte man die Welle unter dem hohlen Bau an den Pfählen plätschern und den Abendwind raschelnd durch den nahen Uferschilf wehen: eine Begleitung, die gar wohl zu dem geisterhaften Gesange stimmte. Ein frischerer, hellerer Klang, von ferneher vernehmbar, unterbrach diese düstere Musik. Es war ein Jodeln, ganz dasselbe Spiel wechselnder starker Fistel- und Baßtöne, wie man es heute noch in den Schweizer und Tiroleralpen oft und gern vernimmt. Das Mädchen strich sich die braunen Locken aus, die ihr bei der starken Arbeit über die Stirne gefallen waren, und aus ihren dunkelblauen Augen, die bisher nachdenklich, träumerisch unter den langen Wimpern dareingeschaut hatten, blitzte die helle Schalkheit hervor. Wie ein morgendlicher Strahl fuhr jetzt ihre glockenhelle Stimme durch die nebligen Laute der gespenstischen Alten »Und mein Schatz, der kann singen       Und jodeln dazu, Wenn er ausi tut treiben       Sein Kalb und sein' Kuh.                                         Ju! Und e schwarzbrauner Jager,       E lustiges Blut, Der wär' mir schon lieber,       Mit em Gamsbart uff'm Hut!                                       Ju! Ju!« Das Ju denke man sich mit jenem durchdringenden gezogenen Jodelton gesungen, der fernhin durch Berg und Tal ausklingt. Man sollte meinen, der entfernte Sänger werde ihn erwidern, aber von dorther ließ sich kein Laut mehr vernehmen. Ueber die Züge der Alten ging ein Schatten, ihre finsteren Augen schickten einen stechenden Blick nach dem Mädchen, ihre Spindel stand still, und sie sagte nur die zwei Worte: »Wieder das?« »O was ist's denn weiter auch?« erwiderte das Mädchen und wandte sich nun zu den Kindern, die nach Abendbrot verlangten. Nicht so zierlich wie Werthers Lotte teilte sie mit einem Steinmeißel einen dunkeln Brotlaib, dessen Rinde in der Tat ziemlich kohlig und dessen Substanz eben nicht so weiß und porös aussah wie bei unserm leichtverdaulichen Brot, in wenig regelmäßige Schnitten; der Leser begreift, daß Messerklingen von genügender Länge aus Stein nicht herzustellen waren, so mußte denn bei Körpern, die für ein Holzmesser zu hart waren, der Meißel die Stelle versehen; man darf übrigens zugeben, daß Sigune den Druck oder Stoß von oben, womit er gehandhabt wird, mit so viel Grazie ausübt, als irgend mit dieser gröberen Bewegung vereinbar ist. Sie nimmt hierauf mit einem Holzlöffel Butter aus einem tönernen Napf, dessen Hals einige aufgemalte Zickzacklinien einfach genug verzieren, streicht sie mit dem spatelförmigen Stiele zierlich auf die Brote und sagt dann: »Wartet, weil ihr ordentlich brav gewesen, sollt ihr einen Vorschmack vom Fest haben.« Sie holt noch einen andern Topf vom Borde und schöpft daraus einen braunen Stoff, bei dessen Anblick die Kinder jubeln: es ist ein Mus von verkochten Apfelschnitzen mit etwas Zusatz von Honig. »Gsälz! Gsälz!« riefen die Kinder und konnten kaum erwarten, bis die Butterlage mit dem wohlschmeckenden Ueberzuge bedeckt war. Sigune – denn so hieß die erwachsene Schwester der Kleinen, die ihnen getreulich seit einem Jahr die tote Mutter ersetzte – vergaß sich selber nicht; der Alten wurde dann ein Becher Met gereicht und auch das Eichhörnchen nicht vergessen, ihm wurden einige Haselnüsse gespendet, und so ließ sich denn die ganze Gesellschaft ihr Vesperbrot schmecken. »Hixi, Hixi!« rief jetzt das ältere Schwesterchen Sigunens, »komm, sing mit uns das Märchenlied von Coridwen einmal wieder!« Der Knabe stimmte mit ein, die Alte – ihr Name nicht abgekürzt hieß Urhixidur – war inzwischen munterer geworden und stellte nur die Bedingung, daß die Kinder ordentlich einfallen; sie versprachen eifrig, und so begann denn der Gesang, wobei der Leser zu merken hat, daß bei den fünf ersten Strophen je die zweite Zeile vom Knaben, die vierte vom Mädchen übernommen wird, das übrige aber mit näselndem und zugleich hohlem Tone die Alte vorträgt. »Gwyon, dieser kleine Tropf –       Was tut der? Hat geschleckt vom Zaubertopf.       Wer kommt her? Kommt hinzu, o weh! o weh! Coridwen, die starke Fee! Gwyon, dieses Zwergelein,       Was wird er? Wird ein flinkes Häsulein.       Wer kommt her? Coridwen als Hündin schnell Will zerzausen ihm das Fell. Daß sie ihn nicht packt am Wisch,       Was tut er? Gwyon wird im Nu ein Fisch.       Wer kommt her? Coridwen als Ottertier Jagt ihn und erhascht ihn schier. Gwyon , Gwyon, jetzt sei flink!       Was tut er? Er wird flugs ein Distelfink.       Wer kommt her? Coridwen stößt auf den Schalk Gleich herab als Finkenfalk. Zu entfliehn des Falken Zorn,       Was tut er? Er wird rasch ein Weizenkorn.       Wer kommt her? Coridwen wird eine Henn' Und verschluckt ihn, Coridwen.« Von ihrer gelungenen Gesangleistung fast noch mehr als von dem gern gehörten Märchen beglückt, jubelten und klatschten die Kinder, während die Alte, ohne weiter auf sie zu achten, mit verändertem, tiefem, finsterem Tone den Schluß vor sich hinsang, um den sich die Kleinen niemals bekümmert hatten: »Das Korn hat gegoren       Im heiligen Leib, Da hat sie geboren       Das Wunderweib, Die Strahlenstirne, den Taliesin, Der da schauet allen geheimen Sinn, Der da blicket hinaus in die Ewigkeit, Der da ist und war in aller Zeit, Der Druiden Vater und Geisterhaupt. Verflucht, wer nicht an Taliesin glaubt!« Ein Huhn flog herein und pickte die Weizenkörner auf, die bei der Mahlarbeit zu Boden gefallen waren. Dies steigerte den Jubel der Kinder und eins ums andre riefen sie: »Schluck das Körnchen, Henn, Henn, Henn! Coridwen, Coridwen!« Inzwischen ist an der Fensteröffnung ein unbemerkter Zuschauer erschienen, ein Bursch im besten Jugendalter. Er betrachtet sich mit sichtbarem Wohlgefallen die Gruppe und verweilt mit innigen Blicken auf der mütterlichen Schwester der Kleinen. Nachdem er manche Minute so ohne Regung gestanden, zieht er eine Binse hervor und kitzelt mit ihrem Ende Sigunen hinter dem Ohr; sie springt auf, »wart nur, wart, Alpin, ich brech' dir den Finger ab,« ruft sie, faßt seine Hand und drückt auf das Zeigfingergelenk, als wollte sie die Strafe vollziehen. Der Bursche grillt auf und lacht, tritt schnell in die Hütte ein, gefolgt von einem zottigen Schäferhund, der mit lustigen Sätzen, wedelnd, bellend, leckend Sigunen und die Kinder begrüßt, nimmt die Täterin um den Hals und klemmt sie ins Ohrläppchen, daß nun das Aufschreien an sie kommt. Dann wird er plötzlich ernst, setzt sich auf den Herd und sieht sie schweigend an. »Hast wieder das Gsatzli vom Jäger gesungen oder nicht?« »Ja, ja, sie hat's,« mischt sich mit angeberischem Ton die Alte ins Gespräch, setzt ein »aber« ohne Wortfolge hinzu und bricht mit ihrem Spinnrocken auf, nachdem sie den Wirtel sorgfältig eingepackt und eingeschoben hat; denn es ist einer von den kostbaren, nur von Ton, aber niedliche Verzierungen, dazwischen seltsame Runenzeichen sind darauf eingegraben. Im Abgehen klopft sie mit ihrem Kunkelstecken noch leise an den größten der Kochtöpfe, die auf dem Bord am Herd stehen, und sieht Sigunen mit einem Blick dabei an, als wollte sie sagen: »Da hab' ich zu Haus einen andern!« Diese lacht und versetzt spöttisch: »Na, ich bin dir nicht neidig auf deinen alten Krauthafen!« »Und hab' dir grad wollen eine Freud' machen, – so etwas fürs Fest – aber ich weiß, es g'freut dich erst nicht,« sagt jetzt Alpin. Er handelt jedoch seinem eignen Worte zuwider und zieht unter seinem Schafpelz, dessen Wolle nach außen gekehrt ist, eine Schnur von glänzenden Körpern hervor. »Ah! Ei! Je, wie nett!« ruft das Mädchen, das ohne viel Umstände danach gegriffen hat und dem der freundliche Geber das kostbare Geschenk leicht in die Hand fallen läßt. Es ist ein Halsband von aufgereihten Stückchen aus Bergkristall; sie sind nicht eben ganz gleich an Form, aber man sieht, sehr sorgfältig nach annähernder Aehnlichkeit zusammengelesen; sie zu schleifen, bis sie in ihrer Durchsichtigkeit hell leuchteten, mag mühsam genug gewesen sein, noch viel mühsamer jedoch das Durchbohren. Sigune weiß wohl, was das Arbeit kostet, mit einem spitzen Splitter von Quarz oder Feuerstein einen, noch dazu kleinen, harten Körper zu durchlöchern, ohne ihn zu zerbrechen, und sie kann sich gar wohl vorstellen, wie manche lange Stunde, beim weidenden Vieh sitzend, der zärtliche Hirte daran gearbeitet haben mag. Und daß sie Sinn dafür hat, am Feste, statt mit ihrer alten Schnur von farbigen Tonperlen mit solchem Schmuck zu erscheinen, bedarf keiner Versicherung. Sie ist nun wohl herzlich gerührt, reicht auch dem Geber mit den Worten: »Bist immer gut!« einen Schmatz, aber Alpin spürt, daß er etwas kurz und oberflächlich ist, er weiß gar wohl: hätte er Sigunen einen Auerhahn oder Gemsbock zu Füßen gelegt und erzählt, wie er ihn auf gefahrvollen Wegen erschnappt habe, da hätte sie ihn an den Locken gepackt und anders geküßt. Es trat wieder eine Pause ein und Alpin, als wäre gesprochen, was er soeben nur gedacht hat, sagt mit weicher Stimme: »Ich mag halt eben die ordentlichen Tierli nicht umbringen, sie wollen halt auch leben; und weißt, neulich wieder – wie ich den angeschossenen Rehbock im Wald gefunden, mit dem Pfeil im Leib, langsam verendet, aber noch lebig von Hunden angefressen, – seitdem mag ich schon gar nicht mehr jagen; ja, wenn's auf ein recht schädliches wildes Tier geht – hab' ich je den Wolf gefürchtet? – soll ich dick damit tun, daß ich jüngst den Bären –« Hier veränderte sich der Ausdruck seiner milden, hellblauen Augen, er richtete sich stolz und steil auf und fuhr fort: »Man hat dir's erzählt – nicht ich – ich mag mich nicht brüsten – heut sag' ich dir's: sieh, so stand das Ungetüm, nahm den Kampf an, will mich umarmen – mein Speer war keiner von den starken – sonst eben gut genug zur Schippe –, ich wag's darauf und ganz nah heran, – die Spitze richtig in den Rachen – schnell nachgebohrt mit aller Kraft – 's war grad keine Kleinigkeit –« Er erzählte nicht weiter, sondern rief heftig: »Wer das kann, der nimmt's auch noch mit manchem Jäger auf! Komm, Ryno, wir gehen! Gut' Nacht!« Und er war hinweg, begleitet von seinem Tiere, das sich eben nicht gerne von der munteren Gesellschaft zu trennen schien. Sigune saß nachdenklich, die Halsschnur in der Hand wiegend. Es war eben so eine Sache. Alpin war ihr lieb, aber – Man wußte damals noch nichts von Ideal, und Bauernmädchen pflegen heute noch nichts davon zu wissen, sonst würden wir sagen: es schwebte ihr eben ein andres Ideal vor. Sie hatte dem guten Alpin noch nie bestimmten Anlaß zur Eifersucht gegeben, aber so viel neckische Bosheit war allerdings in ihr, daß sie ihn oft genug in ihre Gedanken hineinsehen ließ, und diese lauteten: schlank, behend, schwarzbraun blitzende dunkle Augen, Kraushaar, hübscher Schnurrbart, wo möglich an den Spitzen in die Höhe gestrichen, überhaupt keck, flott, jägerartig. Alpin aber war stämmig, langsam, hatte Augen, die wir als hellblau schon kennen und die gewöhnlich sanft und nachdenklich blickten, glattes Flachshaar und – was ihm besonders im Wege stand und allerdings ihm selbst auch Kummer machte: der Schnurrbart wollte, obwohl es längst, längst Zeit war, nicht recht kommen, sondern beharrte darauf, dem dünn bewachsenen Kornfeld nach langer Trockenheit gleich zu sehen. Man hörte jetzt unten einen Kahn anfahren, anlegen, der Vater kam zurück, brachte in einem Schaff seinen Fang, einen fetten Karpfen und ein Prachtexemplar der forelleverwandten Äsche nebst einigem Volke niedrigeren Schlags; Sigune hatte nicht Zeit, ihren Gedanken nachzuhängen, Odgal bezeigte Lust, sich den Karpfen heut abend schmecken zu lassen, und die Tochter machte sich ungesäumt ans Geschäft der Zubereitung. Alpins Geschenk wurde dem Vater nicht verheimlicht, und er schien es nicht ungern zu sehen. Wir überlassen sie ihrer Arbeit und folgen dem aufgeregten Alpin durch ein paar Zwischengänge des Pfahldorfs nach der Hütte seines Vaters. Es ist kein guter Abend heute für unsern jungen Freund. Er findet den Vater öfters niesend und hustend, dazwischen fluchend auf einen vor ihm liegenden Stein, der seiner bearbeitenden Hand sichtbare Schwierigkeit entgegensetzt. Es ist ein ovaler Kiesel von der Größe einer starken (damaligen) Männerhand, und der alte Ullin ist beschäftigt, ihn der Länge nach zu durchsägen. Seine Säge besteht aus einem nur zwei Zoll langen Stück Flints, das heißt Feuerstein, mit unregelmäßig gezahntem Rande. Der Kiesel soll zwei Aexte geben, aber die Säge stößt auf eine Verhärtung und kann nicht vorwärts kommen. Schon zwei Tage lang hat sich Ullin daran abgemüht; jetzt, eben wie der Sohn eintritt, hat er die Geduld verloren, schleudert den Stein auf den Estrich und flucht unter einem neuen Nies- und Hustenanfall: »Hol euch der höllische Grippo, Stein, Säge und Nase!« Dabei stößt er eine Schale voll Met um, die er sich eben frisch eingeschenkt hat. Mit dem süßen und eben nicht schwachen Getränke hat er sich unter der sauern Arbeit gestärkt und zugleich das Kratzen im Halse zu beschwichtigen gesucht. Die Schale ist ungleich feiner als andre Arbeiten der Pfahlbewohner, und aus einem Stoffe geschnitzt, der dort selten genug war, dem Holze des Buchsbaums, Erzeugnisses einer wärmeren Sonne. Ullin hatte das Gerät von einem Freund am Podamursee, wohin es ein Händler aus fernem Lande gebracht, um die Bälge von zwölf Edelmardern erstanden. Wer der höllische Grippo ist, werden wir erfahren; für jetzt müssen wir dem Gespräche folgen, das zwischen Vater und Sohn beginnt. Sie hatten eben auch einen Span miteinander und nicht erst von gestern her. Der Vater wollte mit dem Sohn höher hinaus, als dieser mochte. Das unzureichende Werkzeug, das ihm den Kampf mit dem spröden Stein erschwerte, brachte ihn jetzt wieder auf dieses Thema. Ging es nach seinem Willen, so sollte der Sohn Fabrikant werden, und längst hatte er ihm vorgeschlagen: entweder sollte er sich in einem Schnur- und Fadengeschäft, das sich in der großen Wassergemeinde Turik aufgetan, oder in der weitbekannten Werkzeug- und Waffenfabrik am See Podamur zum Meister ausbilden, um seinerzeit ein eignes Anwesen hier auf dem See von Robanus zu gründen. Der Leser möge nicht zu sehr staunen, wenn wir von Fabriken reden in einer Zeit, wo die menschliche Bildung auf einer Stufe stand, wie wir hier sie darzustellen haben. Wo ein Volk doch schon so weit ist, wie wir hier sehen, da hat immer auch schon eine Teilung der Arbeit und mit ihr eine Vervollkommnung durch Massenbetrieb einer Gattung von Arbeit begonnen. Wohl ist der Bauer auch Fischer, kann Netze stricken und flicken, ist Zimmermann, spitzt seine Pfähle selbst mit der Steinaxt, treibt sie mit dem schweren Holzschlegel in den Seegrund und errichtet darüber seine vier Wände, ist Wagner, baut sich einen schwerfälligen Pflug mit hölzerner Pflugschar, einen Wagen mit Rädern, aus einer, durch schwere Leisten kümmerlich gefestigten Holzscheibe, wohl kann Frau und Tochter nicht nur melken, kochen, sondern auch mahlen, spinnen, mit beinerner Nadel oder mit Fischgräte nähen und auf sehr einfachem Webstuhl, dem Kegel und Kugeln von Ton als Netzstrecker dienen, vermag sie Stoffe zu weben, nicht nur einfache, sondern sogar gemusterte von ganz niedlicher Zeichnung; aber neben solcher Vereinigung von Fertigkeiten in einer Hand haben sich doch schon die Anfänge des Handwerks eingestellt, denn bereits mußte man erkennen, daß Vervollkommnung Zeit braucht und daß nicht jeder Zeit hat, von dem Vielerlei, das er treibt, jegliches recht zu lernen. Unternehmende und kluge Männer haben da und dort sogar einen weiteren Schritt getan: sie haben begriffen, wie ersprießlich es ist, wenn man sich zusammentut zu einerlei Geschäft, viele Hände in seinen Dienst zieht und in der Teilung wieder eine Teilung vornimmt, indem man je eine der Arbeiten, die das Ganze in sich begreift, einer Anzahl dieser Hände zuweist, so daß sie darin eine ausnehmende Fertigkeit erlangen. So ist drüben am Podamursee aus kleinen Anfängen ein Anwesen erwachsen, das weit hinein die Lande diesseits und jenseits dieses großen Wassers mit Werkzeugen von Feuerstein und anderm hartem Mineral versorgt; viele Arbeiter sind beschäftigt und teilen sich, wie gemeldet, in die Arbeit; die einen fertigen Pfeil und Speerspitzen, die andern Meißel verschiedener Stärke und Breite, wieder andre, und zwar die Geschicktesten, sind Sägenschläger, und es war eines ihrer Produkte, das wir in Ullins Hand gesehen haben; sie wissen ein Stück Feuerstein durch wenige geschickte Schläge zuerst in längliche Splitter zu teilen und dann den Rand eines Splitters so zu sprengen, daß seine Zacken ungefähr den Dienst der Zähne einer metallenen Sägenklinge verrichten können. Diese kannte man ja noch nicht, und so hielt man große Stücke auf ein Werk, das uns gar dürftig erscheinen muß; man muß auch bedenken, daß kein metallener Hammer, sondern nur ein kleiner Steinschlegel zu Gebote stand, um die schwierige Spaltung vorzunehmen. Wie sehr man doch die Unzulänglichkeit des Gerätes zu fühlen bekam, haben wir aus Ullins Geduldermüdung gesehen. Er wußte aber von einem neuen, großen Fortschritt, der in dieser Fabrik gemacht worden: die durch Schlagen, Sprengen hervorgebrachte Form wurde durch Schleifen auf Granit, aus harten Quarzen geglättet, regelmäßiger gebildet, die Zähne der Säge wurden durch feilenartige Handhabung desselben Gesteins geschärft, alles bekam eine Präzision und Brauchbarkeit, die man bis dahin bitter vermißt hatte, doch länger konnte man freilich die Säge, härter Waffe und Meißel nicht machen. Unbestimmte Ahnungen von künftigen, noch größeren Fortschritten schwebten aber Ullins denkendem Kopfe vor, und es war sein Lieblingsgedanke geworden, seinen Sohn in diese große Bahn einzuschieben. Mit der Schnur- und Fadenfabrik in dem näheren Turik schien es ihm weniger Ernst zu sein, denn sein Alpin, obwohl eine stille Natur, hatte bei früheren Anläufen eine noch stärkere Abneigung gegen diese Art von Arbeit an den Tag gelegt, und der Vater selbst dachte sich in Wahrheit seinen Sohn lieber in einem luftigen Schlag- und Klopfwerk, als in einem dumpfen Gemache voll Flachsgeruch und surrenden Häspeln. Aber auch gegen den andern Vorschlag sträubte sich der Sohn heute wie immer, ja heftiger als jemals. Denn, gereizt wie er von Sigunen herkam, war er sich eben jetzt recht bewußt, daß sein Stand auch seine Ehre habe, und wollte ein Fabrikant so wenig werden wie ein Jäger. Stand dürfen wir sagen, denn allerdings war auch das Viehhüten in jener Zeit schon zum besondern Geschäfte geworden wie überall, wo ein Volk zum Ackerbau vorgeschritten ist. Und da wollte es einen Mann auf dem Platze; das haben wir aus Alpins Bärenkampf ersehen, und außer den Bären gab es nicht nur Wölfe, Luchse, Lämmergeier, sondern noch andre, nicht die Herde, aber den Hirten bedrohende schreckliche Feinde, deren einer uns im Verlauf dieser Geschichte begegnen wird. Schon darum konnte der Hirtenstand nicht verachtet sein, aber er war es ohnedies nicht, sondern etwas Ehrwürdiges. Und Alpin war ein kleiner König. Er selbst hatte sich das ernsthafte, geruhige, genährige, stille Rind vorbehalten; unter ihm stand ein Roßhirt, ein Schafhirt, ein Ziegenhirt und ein Schweinshirt, den zwar kein Homer den göttlichen Sauhirt Eumaios nannte, den aber die Welt doch nicht minder in Ehren hielt, als seine Kollegen, und diese untergeordneten Herrscher hatten sich wie der Regent selbst noch Hilfskräfte in Form von anstelligen Buben herbeigezogen. Die erwähnte Gefahr brachte es mit sich, daß der Hirte oft in den Jäger überging, aber darum war er nicht Jäger von Handwerk. Auch die Jagd, obwohl jedermann nebenher auch jagte, forderte schon einen besonderen Stand. Der gelegentliche Kampf gegen die vielen starken und wilden Feinde im Tierreich konnte nicht ausreichen, sie mußten verfolgt werden, und da bedurfte es ausdrücklich zu diesem Zwecke geübter List und Kraft; auch liebte man sehr das Wildbret, das wird uns gründlich der Festschmaus bezeugen, von dem späterhin zu berichten ist. Wir kehren zum einredenden Vater und ablehnenden Sohne zurück. »Ach, laß, Vater! Wenn ich so bei meinen Tierlein sitze und denke so allerhand über ihre Art und Tun und kenne sie auseinander und wundre mich, wie sie doch verschieden sind, und wenn ich so weiter denke und kommt mir als großmächtig Geheimnis vor, wie alles das so sein mag, auch Gras und Laub und die großen Berge und die Sterne, und wenn ich dann nicht weiter weiß und blase oder jodle oder blättle – –« Der Vater unterbrach ihn: »Was nützt mir das Jodeln und Blätteln!« Aber Alpin war stolz auf sein Jodeln und noch mehr auf sein Blätteln, und dies mit Grund: er entlockte dem Buchenblatt zwischen seinen Lippen Töne und Melodien, wie sie jetzt ein Virtuos auf Klarinette oder Fagott bezaubernder nicht hervorbringen könnte. Und nun war das Gespräch natürlich schon im unebenen Geleise. »Und blättle,« nahm Alpin in gereiztem Tone wieder auf, »und denke dagegen, ich sollte zu Zwanzigen klopfen und hämmern an dem toten Gestein und mein eigen Wort nicht hören vor dem Lärm – und so immer das gleiche den ganzen Tag – und dann der Herr oder die Herren – ich arbeite ja dann nicht für mich – was krieg' ich von denen?« Geld gab es dazumal, in jenen Gegenden wenigstens, noch keins. Der Vater konnte nichts nennen, als die Tauschmittel: Geräte, Kleider, Schmuck, Vieh, Felle, Wolle, Getreide. »Und wer hilft mir, wenn ich zu wenig krieg' und mit dem, was ich krieg', was soll ich anfangen?« Der Vater fand sich in einige Konfusion versetzt und antwortete nach einer Pause: »Wieder tauschen oder aufsparen und Land kaufen.« »Wozu brauch' ich aber so viel Zeug? Und Land haben wir ja genug!« Man war an einem Punkt angekommen, wo kein Teil weiter wußte. In beiden Köpfen bohrte etwas, wollte ein Gedanke zur Geburt dringen, der doch unmöglich geboren werden konnte. Zwei Pfahlbauerngehirne, Gehirne, wie sie organisiert sein konnten vor etwa sechs Jahrtausenden, an dem Punkte einer Vorstellungsreihe angekommen, der sie in logischer Linie hätte auf die Perspektive weisen müssen: die Arbeiterfrage! Geld! Geldspekulation, Geldhandel, Geld aus Geld! Banken! Gründungen! – In der Tat machten beide jetzt so unkluge Gesichter, daß ein moderner Zuschauer sich des Lachens nicht hätte enthalten können. Der Vater nahm zur Beruhigung seiner so ungewohnt arbeitenden Zentralnervenstränge wieder einen langen Schluck Met. Der Sohn, dem Schwindel zu entgehen, den ihm das Stieren in diesen kohlrabenschwarzen Abgrund erregen mußte, packte jetzt die Sache von einer andern Seite, die ihm ein klein, ein ganz winzig klein wenig deutlicher vorschwebte: »Und dann – mithelfen soll ich, daß das Zeug aufkommt? Und so fortwächst, daß am End' kein Tal in diesen ganzen Landen vor dem Pick-, Klopf- und Hämmer- und Haspelwesen mehr sicher ist? Kein Bächlein lauter und lieblich mehr gehen kann, weil sie's verschmutzen mit Waschereien und – mit« (man erkennt, daß er Mühlwerke und Fabriken mit Wassertrieb ahnt und nicht nennen kann, daher setzt er nur hinzu): – »und daß am Ende der Kuhreigen verstummen muß?« Mit dem Wort wurde ihm ganz erbärmlich zumute. Er war Meister auf dem langen Hirtenhorn so gut wie im Jodeln und auf dem Buchenblatt. Er konnte blasen, daß es in die innerste Seele ging. Ihm kam in diesem Augenblick das Heimweh, als ob er schon weit, weit weg in dem steinklappernden Hämmerwerk wäre. Sein See, seine Schafe, seine Rinder, voran die Pracht- und Staatskuh, die graue Lisel, die so sanft blinzte, wenn er sie hinter dem Ohr kratzte, seine Berge, die fernen silberblitzenden Gletscher – alles kam ihm vor, als sehe er es bereits kaum noch nur ganz ferne – und ebenso ferne Sigunen. – Auch seine gute Mutter Minona fiel ihm ein, die draußen am Lande seit zehn Monden im stillen Eichenhaine den ewigen Schlummer schlief. Sie hatte freilich ihrem Alpin auch manchmal eine schwere Stunde bereitet, da sie ihm mit einem Lieblingsgedanken anlag, der dem braven Sohne so wenig ein wollte, als die weltmäßigen Ideen des Vaters. Sie wünschte, er solle studieren. So dürfen wir wohl sagen, da es etwas dem ganz Aehnliches, was wir so nennen, schon in jenen Zeiten allerdings gab. In Turik war nicht bloß die große Schnur- und Fadenfabrik, sondern unter anderm auch ein Druidenorden mit seiner Pflanzschule, einem großen Seminar, und neben ihm eine Bardenschule, die zusammen das bildeten, was wir jetzt eine Universität nennen. Der Druidenorden mit seiner klösterlichen Lehranstalt entspricht dem, was jetzt theologische Fakultät heißt; die Bardenschule daneben umfaßt als große, weltliche Fakultät manche Zweige, die jetzt an mehrere sich verteilen, als da sind: die juristische, kameralistische, medizinische, die philosophische mit Katheder für Naturwissenschaften, Geschichte, namentlich Kulturgeschichte, Metaphysik, Aesthetik, insbesondere Poetik, die jedoch mit der Musik auch praktisch gelehrt wird, also mit einer Dichterschule und einem Konservatorium verbunden ist. Wenn wir uns hiemit einiger moderner Namen bedienen, so wollen wir andurch dem Leser nicht verwehren, sich den Zustand bemeldeter Wissenschaften noch etwas primitiv, gewissermaßen steinern vorzustellen. Die Barden waren im Grund eigentlich ein Zweig des Druidenordens, wir werden aber im Verlaufe noch allerhand vernehmen von bedenklichen Spannungen zwischen diesem Zweig und seinem ursprünglichen Stamme. – Der stolzeste Traum von Alpins Mutter war denn, ihr Sohn sollte in Turik studieren, und zwar Theologie; sie hoffte, ihn einst als Druiden zu sehen, und da stieg ihre Phantasie von Sprosse zu Sprosse; wir würden sagen: Pfarrer, Diakonus, Superintendent, Prälat, aber darüber gab es noch eine Spitze, zu der sie in ihren kühnsten Phantasiegebilden schwindelnd emporglomm: Coibhi-Druid! Druidenhaupt! Und das war keine Kleinigkeit, denn der war Oberpriester und Fürst in einer Person, da es Könige zu selbiger Zeit noch keine gab. Der Coibhi-Druid war zudem unfehlbar, und vernichtend wirkte sein Bann, der den Getroffenen von den Opfern ausschloß. So hoch nun aber die gute Minona träumte, Unmögliches träumte sie nicht. Denn der Coibhi-Druid wurde (auf lebenslänglich) von seinem Orden gewählt, und wenn es denn bei der Wahl nur auf Würdigkeit ankam, warum sollte nicht einst möglich sein, daß –? All diese Hoffnungen gründete sie auf Alpins stille und sinnige Gemütsart. Aber der sonst so lenksame Sohn stemmte sich, wie schon erwähnt ist, dagegen nicht minder fest, als gegen die Pläne des Vaters. Alpin hatte mehr als einen Grund gegen das Geistlichwerden. Der erste, allein schon entscheidende war: er mochte überhaupt nicht. Warum? Das konnte er nicht so recht erklären. Das eine Mal sagte er, der lange weiße Rock sei ihm zu vornehm, er bleibe lieber in seiner Juppe von Schafpelz; das andre Mal: die geistlichen Herren wissen alles so gar gewiß, davor sei ihm bange. Kurz, er respektierte die Priester, mochte aber keiner werden. Nun kam aber freilich noch ein Grund, den er selbst der lieben Mutter nicht gestehen mochte. Die geistlichen Herren durften nicht heiraten. Die Mutter aber fing an, zu merken, und als sie deutlicher und deutlicher merkte, stand sie sanft von ihrem Zureden ab, denn sie war Sigunen gut, sie mochte das frische Mädchen gar gerne leiden. Der Sohn merkte, daß sie merkte und nicht ungern sah, und als sie starb, betrauerte er in ihr nicht nur die Mutter, sondern auch eine Stütze für den Wunsch seines Herzens. Davon konnte er nun dem Vater, wie er ihn kannte, kein Wörtchen sagen. Der Mann, der so weit hinaus wollte mit dem Sohn, was war von dem zu erwarten, wenn er ihm sein Herz eröffnete! Es mußte freilich um jene Zeit auch dem Vater schon zugetragen sein, was in der Gemeinde kein Geheimnis mehr war. Er hatte nicht darauf geachtet, weil er nicht hatte achten wollen; er hatte beschlossen, es für eine Jugendspielerei anzusehen und totzuschweigen. Nehmen wir abermals das Gespräch wieder auf, das wir nur zu lange unterbrochen haben. Die wehmütigen Worte vom Kuhreigen hatten den Alten nicht im geringsten gerührt. Daß dem Sohne vor Leid die Stimme brechen wollte, merkte er gar nicht. Er griff eben wieder nach seiner Metschale, hielt sie betrachtend in der Hand und begann seinem Sohne noch einen andern Plan zu empfehlen: er solle sich dahin ausbilden, daß er seinerzeit eine große Holzschnitzanstalt errichten könne. Es ließe sich, meinte er, wohl die Quelle erkunden, woher die Schale einst gekommen, ein ergiebiger Verkehr mit dem fernen Land einleiten, man könnte geschickte Hände heranbilden, um Geräte verschiedener Art mit so zierlichen Gliedern, wie sie den Rand dieses Runds einfaßten, zu einträglichem Verkaufe zu schnitzen. Inzwischen kam dem gequälten Sohne die liebe Natur selbst zu Hilfe. Der Alte hatte des wirksamen Getränkes nachgerade doch stark über Durst geschluckt und es kam ein gewisser milder Nebel über ihn, der sich in der Erscheinung des Lallens oder sogenannten Zungenschlags äußerte. Er wollte sagen, er vermute oder mutmaße, daß sich mit Schnitzereien aus Buchsmaser etwas Tüchtiges anfangen, ein gutes Geschäft gründen ließe. Die Aehnlichkeit der Silben in: Mutmaßen, Vermuten und Buchsmaser wurde ihm zur Klippe, woran er scheiterte. Er produzierte Wortmischungen wie Verbuchsmaserung, Vermasmutbuchserung, Buchsvermutmaserung, Mutverbuchsmaserung, Maßverbuchsmuterung und ähnliche. Dem Sohne war es nicht danach zumut, daß er hätte lachen können, aber er nahm die Zeit wahr, sagte gute Nacht und ging. Am Ende des Pfahldorfs standen drei große Ställe für die Herden, die untergeordneten Hirten schliefen auf Heu- und Strohlagern bei dem Getier, Alpin, der Oberhirt, hatte seine besondere kleine Hütte daneben. Dorthin schlich er nun in seines Herzens Weh und streckte sich auf seine Felle nieder. Lange wollte sich der Schlaf nicht einstellen, als aber endlich die Natur ihr Recht in Anspruch nahm, ließ sie sich auch durch ein sonderbares Geräusch, das ringsherum anhub und immer stärker wuchs, nicht aus ihrer wohltätigen Ordnung bringen, um so weniger, da dem Schläfer diese Erscheinung nichts Neues war. Ehe wir dem Ursprung des Lärms nachforschen, müssen wir uns erst nach einer andern Stelle begeben. Wir lassen die Nacht bis zum Morgengrauen verstreichen, verfügen uns ans Land und sehen in der Dämmerung einen schlanken Burschen dem See zuschreiten. Eine Pelzmütze bedeckt sein dunkles Lockenhaupt; sie ist mit einer Spielhahnfeder geschmückt, die aus einem Kreise von Gemshaaren aufsteigt, und sie ist breit verbrämt mit einer Borte aus zusammengefügten roten Federn vom Kopfe des Steinhuhns. Er trägt einen Gürtel, vorn mit einer großen Erzplatte geschmückt, deren dünne Fläche mit einer reichen Zusammenstellung von Linien und kleinen, getriebenen Buckeln verziert ist, – wer weiß, ob nicht das Urbild des breiten Mittelschilds am Ledergurt, der heute noch in den benachbarten Gebirgen Tirols getragen wird und an dessen weiß eingestickten Verzierungen man ganz ähnliche Zeichnung bemerken will, wie an jenen uralten Mustern; bei Arthur aber ist in der Mitte der Ornamente ein Kreis und im Kreise ein Dreieck zu sehen; an diesem Gürtel hängt links ein ehernes Schwert in eherner Scheide und rechts ein breiter, stark kegelförmig in die Spitze zulaufender Dolch von demselben Metalle. Ein Sack aus Rehfell hängt auf seinem Rücken, mit einer Schnur zusammengezogen, der jetzt noch übliche Rucksack unsrer Gebirgsbewohner. Er ist sichtbar gefüllt und wird wohl nicht leicht sein, doch der Träger erscheint von seiner Last so wenig als von seinem Marsch ermüdet, das Haupt hängt ihm nicht vor, sondern steht aufrecht auf dem schwungvoll aufsteigenden Halse, und rasch, mit elastischem Schritte bewegt er sich vorwärts nach dem Seeufer, es ist ein Gang, wie man ihn jetzt nur noch bei Völkern sieht, deren Füße nicht Schuh und Stiefel, nur Sandalen kennen. Ein Hund begleitet ihn, ein großer braungestriemter Hatzrüd; er mochte der Wachsamkeit, des Beistands des treuen Tieres wohl bedurft haben auf der gefährlichen Wanderung, die er heute schon mehrere Stunden vor Tag angetreten. Das erwähnte Geräusch ist inzwischen zu gewaltiger Stärke angewachsen. Es erinnert bald an das gebellartige Schreien des Schuhus, bald glaubt man schmetternde Posaunenklänge, bald das schrille Kreischen großer Sägen zu vernehmen – ein Durcheinander von Tönen, als brüllte ein Chor von unbekannten, geisterhaften Ungeheuern. Der Bursche lächelt und streicht sich den Schnurrbart. Er kennt das. – Auch das wachsame Tier wird nicht stutzig, schont längst Gewohntes zu vernehmen. Nahe dem Ziele führt unsern Wanderer sein Weg an vier grauen, dunkeln Steinmalen vorüber. Sie scheinen gottesdienstliche Bedeutung zu haben. Eines derselben besteht in einer rohen, mächtigen Granitplatte, die wagerecht auf vier ebenso rohen steinernen Stützen ruht. Es wird wohl ein heiliger Tisch, ein Altar sein. Rechts davon, etwas rückwärts, befindet sich, senkrecht als hochragender Steinpfeiler aufgestellt, ein zweiter Granitblock, unbehauen wie jener; auf seinem Gipfel erscheint ein Gebilde des Meißels, so unbeholfen, als es herzustellen ist, wo alle Geräte selbst noch aus Stein bestehen und nur der härtere in weicherem arbeitet. Es gleicht der Form, die wir auf Sigunens Arm eingeritzt gesehen haben: zwei ausgebogene Hörner stellen wohl einen Halbmond vor, scheinen aber auch an den Stirnschmuck des Rindes erinnern zu wollen. Links vom Steintisch, ebenfalls etwas zurücktretend, ragt ein zweiter Pfeiler, gleich massig und roh, nur etwas niedriger; er trägt auf seiner Spitze ein Bild, so ungeschlacht wie jenes, nur etwas erkennbarer; es ist offenbar ein Molch, was es darstellt. Unbekrönt dagegen steht in gerader Richtung hinter dem Altare, tiefer zurückgestellt als die beiden Seitenpfeiler, ein dritter, der größte, er besonders altersgrau, rauh und gemahnend, als schwebten uralte Ahnungen der Völker, die in unvordenklicher Zeit solche Felsen aufgerichtet, um seine moosbewachsenen Hüften. Arthur – so heißt der Wanderer – geht mit gleichgültigem Blicke vorüber. Er unterläßt es, die Steinmale mit einem Zeichen der Ehrfurcht zu begrüßen; er beschreibt nicht, wie es der fromme Brauch verlangt, mit drei Fingen einen Kreis, dann eine Schlangenlinie auf seiner breiten, wohlgewölbten Brust. Nach den fernen Gebirgsstöcken, Gräten und Spitzen ist sein Auge gekehrt. Der breite Glärnisch, der steile Reiseltstock, der stolze Tödi, die schimmernden Klariden tauchen ihre Rücken, Zacken und Häupter in den ersten Strahl der Morgensonne; jene Firnfläche, die jetzt Brenelis Gärtli heißt und schon damals von alten Sagen umwoben sein mochte, leuchtet in rein bläulichem Weiß herüber; weit sind Arthurs Augen geöffnet und ein Ausdruck ist in ihrem feuchten Glanze zu lesen, der zu sagen scheint, daß schon die Seele eines Pfahlbewohners im Bilde bestrahlten Hochgebirges mehr zu fühlen fähig war, als nur Stein, Erde, Schnee und Eis. »Halt, wer da?« schrie eine rauhe Stimme. »Gut Freund!« Der Wächter oben an der Pfahlbaubrücke hatte bei seinem Anruf den Eibenbogen von der Schulter genommen, einen Pfeil aufgesetzt und lag im Anschlag. Es war herkömmliche Form, so oft ein Bewaffneter sich der Brücke näherte, aber diesmal zielte er so scharf, daß es fast aussah, als könnte es Ernst werden, denn er hatte die ungewöhnlichen Waffen gesehen; das Erz schimmerte in der Morgensonne. »Sag an, was willt du schaffen Mit deiner Wehr und Waffen?« –       ›Will euch lassen in Frieden!‹ »Sollst sie wieder haben beim Druiden.« Man erkennt auch aus diesem Anruf und der Antwort einen bestehenden Brauch, der dem Ankömmling geläufig sein muß. Er löste Schwert und Dolch von dem schimmernden hohen Hüftgurt, von dem sie an zierlichen Ketten niederhingen, und legte beide Waffen vor sich nieder. Der Wächter ließ jetzt das bewegliche Stück der Brücke herab, nahm die Waffen auf und führte ihn zum Druiden. Wir begleiten die zwei zu seiner Wohnung. Sie war inmitten der übrigen Häuser der geräumigste Bau des Dorfes, eine Art von Apsis, ein halbkreisrunder Anbau befand sich an der hinteren Seite des Vierecks, man sah schon von außen, daß darin mehr Bequemlichkeit sein müsse, mehr Teilung für verschiedene Zwecke des Tuns und Lassens, als in den gewöhnlichen Bauernhütten. Während der Wächter dreimal an der Tür klopfte, zog eben Alpin mit seiner Herde vorüber; es war die Stunde, wo er austrieb. Er maß den Fremden mit erstaunten Blicken; als er auf der Mütze die Spielhahnfeder und den Gemsbart bemerkte, verdunkelte sich das Licht in seinen weit geöffneten Augen und zog sich eine Falte über seine Brauen. Zögernd und noch ein paarmal sich umsehend trieb er weiter. »Herein!« Der Druide saß eben, während im Hinterraum das Wasser zum Kaffee siedete, behaglich in seinem pelzverbrämten Schlafrock, und hinter ihm stand seine alte Hauserin, beschäftigt, ihm die Haare zu ordnen. Er pflegte den noch reichlichen Naturschmuck seines Hinterhauptes in Anspruch zu nehmen, um die Kahlheit seines Vorderhauptes nach Möglichkeit anständig zu decken. Die Alte wußte die herübergezogenen Stränge zierlich mit ausgesucht zartem, höchst geläutertem Tannenharz festzukleben. Der Wächter meldete den Fremdling. Angus, so hieß der Druide, gebot, ihn einzuführen, stand auf, nahm seine hohe, spitze Pelzmütze vom Ende eines Hirschgeweihs, das, zum Zweck eines Aufhängegeräts sehr bequem zugerichtet, an der Wand angebracht war, setzte sie auf und gab sich eine Positur, wie sie seinem dreifachen, ja vierfachen Amte entsprach. Denn er vereinigte in seiner Person den Priester, Polizeibeamten, Richter und dazu den Schatzmeister des auf den Abgaben schön sich mehrenden Kirchenguts, das in viel Vorrat an Getreide, Fellen, Wolle und ansehnlicher Rinderzahl bestand. Der Wächter führte jetzt Arthur herein, dieser stellte sich schweigend vor dem Druiden auf in geneigter Haltung und die Hände über der Brust kreuzend, denn dies war die Begrüßungsform, wie die Würde des Seelenhirten sie forderte. Der ernste Beamte ließ sich nun vom Wächter Bericht erstatten, die nie gesehenen Waffen näher vorzeigen und eröffnete dann das Verhör mit einem Hustenanfall. Es war etwas in dieser Aktion, wodurch sie sich fühlbar von einem bloßen Naturereignis unterschied; es war Takt und Tempo, es war Rhythmus, es war etwas Feierliches, Erhabenes darin. Arthur kannte das und verharrte in seiner ehrerbietigen Stellung. »Woher, o Fremdling?« begann nach dieser musikalischen Einleitung der Druide. – »Vom See Nuburik« (– er meint den See, den wir jetzt den Neuenburger nennen.) – »Was willst du hier bei uns?« – »Den Bürger Odgal besuchen, meines Vaters Geschwisterkind.« – »Willst du Urfehde schwören, daß du nichts Feindliches willst beginnen?« Der Druide nahm das Schwert auf, besann sich einen Augenblick, ob er es für die Steinstreitaxt, worauf seine Bürger zu schwören pflegten, wolle gelten lassen, bot es dann Arthur hin, und dieser legte drei Finger auf die Klinge und schwor. Jetzt erst erlaubte sich der Priester, seiner neugierigen Verwunderung über die Erzwaffen Ausdruck zu geben und Frage auf Frage darüber zu stellen. Er hatte vorlängst ganz dunkel etwas sagen hören von Geräten aus einem neuen, harten, gelbglänzenden Stoffe, die man in Turik gesehen haben wollte; er hatte es kaum aufgefaßt und bald vergessen; der Verkehr mit der Pfahlstadt war eben kein sehr häufiger; jetzt fesselte der Augenschein nicht wenig seine Aufmerksamkeit. Arthur gab ihm alle gewünschte Erläuterung. Vor Jahr und Tag sei ein Fremdling fernher über das Alpengebirge gekommen zur Gemeinde Nuburik, ein Handelsmann aus dem Lande, wovon alte, dunkle Kunde gehe, daß da eine wärmere Sonne scheine und Menschen wohnen, die in allerhand Kunst denen des Alpenlandes weit voraus seien; der habe Beile, Hämmer, Meißel und manches andre aus diesem blinkenden Stoffe gebracht und gegen Felle, Rinder, Schafe und Wolle eingetauscht. Dann nach Jahresfrist sei ein zweiter eingetroffen und habe kunstreichere Werke aus derselben Mischung zum Verkauf geboten: Schwerter, Dolche wie die, welche der Druide hier sehe, Speer und Pfeilspitzen, auch Töpfe, Schalen und außerdem gar feine Dinge, Fischangeln, hübsche Schmucksachen, zierliche Kämme, Armringe, Heftnadeln, Halsschnüre aus Kügelchen und Kettchen, die den Frauen gar wohl gefallen haben. Das sei noch immer Tauschware geblieben, dann seien Männer gekommen, die auf Saumtieren ganze Lasten der Stoffe gebracht haben, wie man sie auf den Bergen grabe, schmelze und aus der Mischung des weißen und roten, des Zinns und Kupfers dies blinkende harte Erz bereite. Aber auch Gußformen haben sie mit sich geführt und gezeigt, wie man verfahre, und nun habe man das gelernt und verfertige selbst alle diese nützlichen und schönen Dinge. Dann habe man angefangen, in den eignen Bergen zu graben, die Metallstoffe gefunden, und seitdem sei nun ein ganz neues Leben dort auf dem See zu Haus, es komme da den Menschen alles leichter vor, und sie seien geweckter, beweglicher geworden. Auf dem großen Nachbarsee Leman und dann in Turik habe man in den letzten Zeiten diesen wichtigen neuen Zeug auch kennen gelernt und mit Eifer ergriffen. Ihm, dem Herrn Druiden, aber beehre er sich hiermit eine bescheidene Gabe für seinen Haushalt demütigst zu überreichen mit der Bitte, sie in Gnaden anzunehmen. Er zog aus seinem Rucksack ein zierliches Messer hervor, die Klinge hübsch jataganförmig geschwungen, zierliche Ornamente auf ihrer Fläche, das Heft ungleich feiner als bei den schweren Steingeräten, aus Hirschhorn gebildet. Der Druide hatte bei jenen Erläuterungen nachdenklich den Kopf hin und her gewiegt. Er zögerte ebenso nachdenklich, nach dem schimmernden Geschenke zu greifen. Ein Schatten glitt über sein dickes Gesicht, seine kleinen, tiefliegenden, sonst behaglich glitzernden Augen. Inzwischen war hinten im Anbau das Frühstück fertig geworden. Wir haben es als Kaffee bezeichnet, und es war auch Kaffee, nur nicht aus der arabischen Bohne, sondern aus gerösteten und gemahlenen Eicheln, ein recht gutes und gesundes Getränke, wie man weiß. Die Bereiterin dieses Labsals ist dasselbe Wesen, das wir im Anfang spinnend und singend bei Sigunen und soeben als Haarkünstlerin gefunden haben, es ist Urhixidur, die geschäftige Pflegerin, Hausverwalterin des Druiden und von Geburt seine Base; sie hat sich bei Arthurs Eintritt zurückgezogen, unter der Arbeit an der Matte gelauscht, hervorgeschielt und trägt jetzt auf hölzernem Runde das duftende Getränk herein, mehr als dies: ein Ganzes, von dem man sagen kann, es wetteifere mit der Vollständigkeit eines englischen Frühstücks, denn nicht nur ein Topf herrlichen Rahmes voll gesellt sich zum Kaffeegefäß, sondern nebst einem Brotlaib auch gesottene Eier, Butter, Honig und ein Bärenschinken, ein Teil des Tieres, welches Alpin kürzlich in so mutigem Kampfe getötet hat. Sie ist in dem Moment eingetreten, wo Arthur dem Druiden das Messer hinbeut, und die ehrsame Schaffnerin findet es passend, ohne Zögern und mit scharfem Tone zu bemerken: »Dies ist auch wieder so eine von den gefährlichen Neuerungen. Soll denn alles gute Alte zugrunde gehen?« Der Druide strich sich verlegen seinen mit Grau durchschossenen Bart, Widersprechendes ging in ihm vor: er schämte sich des Pantoffels, dessen Herrschaft die kecke Einmischung so klärlich an den Tag legte, die Waffen gefielen ihm eigentlich und noch mehr das hübsche Messer, zugleich aber mußte er im Innern der Hauserin recht geben, denn von Anfang an, beim Anblick der Waffen schon, hatte ihm so etwas vorgeschwebt, wie es die vorlaute Alte nun in Worte faßte. Diese ergriff jetzt ein sauberes, glattes Holzmesser, trennte damit ein Stück von der Butterform ab und lobte die guten alten Werkzeuge. Arthur hatte schon vorher den Schinken ins Auge gefaßt; er war angeschnitten oder vielmehr angemeißelt, was wir ja bereits kennen; man sah deutlich die rohen einzelnen Eingriffe des unzureichenden Werkzeugs, und zum Ueberfluß lag ein solches daneben. Arthur trat hinzu und schnitt mit sicherem Druck und Zug seines Erzmessers eine dünne Scheibe des rötlichen Fleisches herunter. Der Alten funkelten die schwarzen Augen in ihren tiefen Höhlen, ihre gelbe Haut wurde blaß, das heißt hellgelb, dann grünlich, dann rot, richtiger orangegelb, sie riß Arthur das Messer weg, schleuderte es zu Boden und rief: »Man wird uns auch noch unsre gute alte Religion zerschneiden.« Arthur stand schweigend, lächelnd über die rasche Logik und sah den Druiden an mit einem Blicke, der deutlich sagte: »Was wirst du nun dazu sagen?« Der Druide zog einen mittleren Weg vor – das liebte er, mit gewissem Ausnahmen – überhaupt. Er fühlte, daß dem Weibe, dessen vorstürzende Leidenschaft ihn vor dem Fremden beschämte, ein Verweis gebühre, allein er kannte ihre Wehrhaftigkeit, und zudem, wenn denn einmal sein ahnendes Gefühl den Besorgnissen der Alten beistimmte, so konnte er auch nicht umhin, die so weit gedehnten Folgerungen gutzuheißen. Er beschloß in dieser Verwicklung, der gestrengen Herrscherin seines Hauses sowohl Unrecht als Recht, das heißt dem Ankömmling sowohl eine Artigkeit als auch einen ernsten Wink zukommen zu lassen. Die Artigkeit lautete: »Ich nehme die Gabe an, o Fremdling, und gebe dir deine Waffen zurück.« Eigentlich fragte er sich, ob er nicht zu Ehren höflicher Sitte, auch zu schärferer Bestrafung seiner unbotmäßigen Schaffnerin ihn zum Kaffee einladen sollte, aber diese las ihm das aufrührerische Vorhaben aus den Augen ab, und ein strenger Blick aus den ihrigen genügte, es nicht zur Ausführung gedeihen zu lassen. Der Wink aber bestand in den Worten: »Ich hoffe, daß du unsre heiligen Gebräuche achtest, und erwarte, daß du heute abend bei dem ersten Vorakte des großen Festes, der Betuchung unsrer frommen Jugend, erscheinest.« Arthur bejahte, verabschiedete sich, und der Druide machte sich an seinen Kaffee. Er trank mit wenig Behagen diesmal; er hätte sich sogar fast unterstanden, einen an der Beharrlichkeit Urhixidurs längst erlahmten Widerstand heute nach langer Zeit wieder zu eröffnen; sie ließ sich's nicht nehmen, dem redlichen Getränk eine Beimischung von der Wurzel einer Pflanze, genannt Wegeluge, zu geben: demselben Vegetabil, das wir jetzt Zichorie benennen; sie behauptete, es gebe dem Kaffee eine bessere Farbe und Konsistenz; der Druide meinte: aber keinen guten Geschmack; es hatte darüber schon Szenen gegeben, die stärkste, als der würdige Mann einmal sich so weit vergessen hatte, aufzustellen: die kleinste Dosis von dieser gemeinen Pflanze gebe dem Kaffee einen Geschmack von Jauche; darüber war die Verfechterin guter alter Sitte so wild geworden, daß von nun an der Mut des Widerstrebenden gebrochen war. Schweigend, mitunter zwischen den Zähnen murmelnd, trank und aß er und ebenso die Alte. Einen giftigen Blick auf sie werfend, schnitt er sich mit dem Erzmesser ein Stück vom Schinken ab, mit einem noch giftigeren meißelte sie sich einen derben Schnitz davon herunter und schmatzte zum Essen etwas stärker als sonst, denn sie wußte daß der Druide das nicht leiden konnte. »Der Fremdling besucht Odgal?« fragt die Alte. »Ja,« antwortete der Druide. »Kann Sigunen gefährlich werden.« »Ah bah!« Doch ließ es einen Stachel in ihm zurück; er hatte daran noch nicht gedacht. Er war ein entfernter Vetter von Ullin wie von Urhixidur, die also das lebendige verwandtschaftliche Band zwischen beiden Häusern vorstellte. Daß diese dem frommen Hirtenjüngling, wie sie Alpin nannte, wohlgewogen war und ihn bei Sigunen eifrig unterstützte, haben die Leser schon aus dem Anfang unsrer Geschichte ersehen. So war ihm auch ihr Hausherr freundlich geneigt, nicht nur als Verwandter, sondern insbesondere als Freund des Hirtenstands, in welchem er einen Träger der guten, gläubigen, alten Sitte und Gesinnung sah. Sigunens Mutwille machte ihm weniger Sorge als der Alten, er scherzte selber manchmal mit der munteren Maid und mochte dem braven Burschen wohl gönnen, daß es ihm mit ihr gut werde. Alpin war inzwischen eine Strecke weit in tiefen Gedanken mit seiner Herde hinausgezogen; plötzlich hielt er, sagte dem Rinderbuben, er solle nur zufahren, und ging zurück, anfangs langsam, dann schneller, dann war der Gang ein Laufen, endlich ein keuchendes Jagen, so kam er an bei Odgals Hütte und stand an demselben Fenster, durch das er gestern Sigunen belauscht, geneckt, herzlich begrüßt hatte. Was mußte er sehen! Arthur saß neben Sigunen, den Arm um ihren Nacken, und sah mit glänzenden Augen zu, wie sie einen blinkenden Gegenstand in der Hand wiegte. Es war eine Halsschnur, wie er sie noch nie gesehen; ein zartes Geflechte von gewundenen Erzfäden wechselte mit Kugeln fein gegliederter und verzierter Gestalt von demselben Metall und von Stelle zu Stelle mit ebensolchen Formen aus durchsichtigem Bernstein. Entzückt betrachtete sie den wunderneuen Schmuck und ließ seinen Glanz in der Morgensonne spielen. Und was dem Armen noch einen rechten Stich ins Herz geben mußte: daneben auf dem Tisch lag unbeachtet das Werk seines Fleißes, seines Schweißes, die Halskette aus Bergkristall. Zugleich bemerkte er, daß der Geber des Geschenks einen ähnlichen Schmuck selbst trug; zwar einfacher: ein Erzgeflechte ohne Zutat, doch vornehm und prächtig schimmernd auf der bräunlichen Haut des schlank geschwungenen Halses. Es war allgemeine Sitte der Männer, einen Halsring zu tragen, aber um den Hals Alpins zog sich nur ein Reif aus geschlungenen gelben Wollfäden: ein Schmuck, der ihm jetzt gar trocken und ärmlich vorkam trotz dem Klunker von Bärenzähnen, den er kürzlich darangehängt hatte. Die Kinder jubelten laut auf, auch sie hatten herrliche Gaben bekommen; das ältere Mädchen Ohrenringe: da baumelten an feinen Kettchen durchbrochene Kugeln, in jeder eine kleinere eingeschlossen, – wie es nur möglich war, diese in das gegitterte Gelaß hineinzubringen! Und wie allerliebst mußte das immer spielen, klingen, glöckeln, wenn man's nun im Ohrläppchen trug! Der Knabe war beschäftigt, einen Boug, will sagen einen Armring über sein Handgelenk zu streifen, in dessen schimmernde Oberfläche gar anmutige Ordnungen spielender Linien eingegraben waren, ein Gebilde fast so schön wie jenes, das an Arthurs eignem Arme funkelte. Das kleinere Mädchen schüttelte ein Spielzeug von Erzringen, die an einem Zinnring hingen, und ergötzte sich an ihrem Rasseln. Der Vater aber stand unbeweglich, sprachlos über ein winziges Objekt gebeugt, das er in der Hand hielt und das ihm wie ein Weltwunder erscheinen mußte: eine Fischangel, die ihm von nun an die kümmerlichen Aushilfen von Bein ersetzen sollte; und was sein Glück bis zur Höhe des Verstummens steigerte, das war eine Gußform für dasselbe Geräte, die er in der Linken hielt. Alpin blieb unbemerkt; er wollte sich still zurückziehen, aber sein Ryno war ihm gefolgt, er schnüffelte an der Türe, ihn hörte und witterte Tyras, der gestrenge Begleiter Arthurs, stieß die Türe auf, und im Nu waren sich beide Hunde in den Haaren. Ein wildwütendes Raufen ging los, während die Familie und der Gast herausstürzten. Der große Bulle war dem braven Schäferhund nicht an Tapferkeit, aber an Kraft überlegen, das zottige Fell des Feindes bot seinen Zähnen Anhalt, und er verbiß sich nach Art seines Schlages so in dessen Genick, daß Alpin nicht zaudern durfte: er packte das starke Tier um den Hals und schleuderte es mit einem mächtigen Schwung über die Brustwehr des Pfahldorfs; erst der Flug durch die Luft vermochte die festgeklemmte Zange seiner Zähne zu lösen, so war Ryno mitgerissen worden und fielen beide Hunde zusammen in das Gewässer des Sees. Mit rollenden Augen standen Arthur und Alpin einige Minuten sich gegenüber, Odgal suchte seinen Gast zu beschwichtigen, auf Alpin fiel ein Blick von Sigunen, seltsam gemischt aus Unwillen und zugleich aus Mitgefühl, und dann doch auch aus Furcht und Scheu, wie ein Weib sie wohl fühlen mag vor einem Mann, den sie als gutmütig kennt, von dem sie aber weiß, daß er doch auch einmal schrecklich werden könne. Mitten in seinem Zorn und Jammer schöpfte Alpin aus diesem Anblick unbewußt eine gewisse Genugtuung, die ihm so viel Halt gab, daß er sich durch Arthurs drohende Blicke zu keinem Ausbruch hinreißen ließ. Auch dieser nahm sich zusammen und schien nachgerade doch zu bedenken, daß hier kein Unrecht geschehen war. »Auf Wiedersehen!« sagte Alpin, freilich in einem dumpfen Tone, der nichts Gutes versprach, wandte sich und ging hinweg. Er schritt der Brücke zu, erst jenseits derselben fiel ihm sein Ryno wieder ein, er tat einen schrillen Pfiff, nach kurzer Zeit erschien das treue Tier, keuchend, pudelnaß, ganz erschöpft, wollte am wiedergefundenen Herrn hinaufspringen und mußte, elend zugerichtet, am Nacken blutend, von dem Versuche abstehen. »Armes Tier!« er sagte das mit wenig fester Stimme, und ihm war, als käme ihm die Nässe aus dem zottigen Fell in die Augen. Langsam zog er mit dem matten Begleiter hinaus seiner Herde zu; als er sie erreicht hatte, war sein erstes, eine Kuh zu melken und die Wunde des Tieres mit warmer Milch zu waschen, dann mit welkem Moos sein Fell zu trocknen; als dies geschehen, legte er es wie ein krankes Kind auf ein Rehfell, und nun – dachte er an sich. An wen? An den armen, verlassenen, verratenen Alpin. Er schlich weg ins Dunkel eines Gehölzes, warf sich ins hohe Gras, wälzte sich links und rechts, wie glühende Nadeln arbeitete es in ihm, ein Schweiß brach ihm auf, er fuhr in Wut empor, warf sich wieder zu Boden, betrachtete sich selbst, wie er so hingestreckt lag, und zu neuer Qual tauchte jetzt plötzlich das Erinnern einer Wahrnehmung in ihm auf, die er sich vorher nicht zum Bewußtsein gebracht hatte. Er sah seine Hosen an, sie waren von grobem Lodenstoff und eben nicht geeignet, die Gestalt seiner Beine, die sich eigentlich gar wohl sehen lassen konnte, vorteilhaft zu zeigen, und nun fiel ihm ein, daß Arthurs Beine doch ganz anders sich ausnahmen; da sah zwischen Lederhose und gemustertem Stutzstrumpf das nackte Knie hervor, und unbehindert von knorrigen Falten erschien die sichere Zeichnung des wohlgeschaffenen männlichen Bewegungsorgans in ihrer Kraft und Schönheit. Jetzt erst wurde es ihm siedend heiß, und abermals warf er sich zu Boden. »Ja! ja! ich bin ja nur ein stiller, zahmer, dummer Hirte! Ich hab' keine so gewellten Tanzbeine, trag' ja auch keine Spielhahnfeder und Gemsbart, nur ein paar blaue Häherfedern und einen Wisch von Luchsohrenborsten an der Pelzkappe, und bin nicht wie ein Mädel mit glitzernden Ringen ausgeputzt.« Die Ironie half ihm nichts, die Kraft des Stolzes brach, eine Flut von Tränen stürzte hervor; Ryno kam ihm zugekrochen, wie er so lag. »Komm her, gutes Vieh,« sagte er, »wir sind ja wohl zwei unglückliche Kerle miteinander,« er duldete ihn neben sich, ja legte den Arm über ihn, versank nach und nach in ein stumpfes Brüten, und endlich kam über die beiden Verwundeten, den einen, der im Nacken, und den andern, der tief in der Seele getroffen war, die Wohltat des Schlafes. Der Hirtenbub weckte ihn, es mußte heute früher eingetrieben werden, denn Alpin durfte bei der abendlichen Feier nicht fehlen. Der Hunger stellte sich ein, er machte sein einfaches Hirtenmahl kurz ab und fuhr heim mit seiner Herde, entschlossen, Arthur fürs erste zu vermeiden, – und Sigunen? Er wollte sie nie wieder sehen, ja, er dachte gar, dem Vater nachzugeben, sei es, daß er Feuersteinschmied werde, sei es, daß er zu den Druiden oder Barden nach Turik in die Lehre gehe; was dachte er alles, und hinter dem allem dachte wieder etwas andres in ihm, eine dunkle Stimme, die er nicht recht verstand, nur daß ihm schien, sie sage, aus all den trotzigen Vorsätzen werde nichts werden. Er fand die Gemeinde in verworrener Aufregung, das Dorf glich einem Bienenschwarm; alles lief durcheinander, der Plankenboden der engen Gassen polterte von tausend Schritten derb auftretender Mannen. Kurz nach dem unheimlichen Auftritt am frühen Morgen war die Neuigkeit von der wunderbaren Erfindung, deren Erzeugnisse Arthur mitgebracht, wie ein Lauffeuer durch die Hütten gesprungen. Man kam, man sah, man staunte an, man versuchte die Waffen an Fleisch und Holz, man war entzückt, und man schüttelte doch auch die Köpfe. Das Staunen nahm einen eigentümlichen Charakter an, als Arthur nun etwas vorzog, was er in Odgals Hause noch nicht gezeigt hatte. Es war ein kleines Stückchen Erz, flach, viereckig, es zeigte auf einer Seite das Bild einer Kuh, umgeben von einem System sehr kunstreich ineinander verschlungener Linien. Er suchte den sonderbaren Gegenstand zu erklären, er sagte geheimnisvoll, es sei ein neues Tauschmittel; er nahm einen Ansatz, die Bedeutung auseinanderzusetzen, allein er stieß auf solches stummes Stieren, verdrießliches Kopfschütteln, ärgerliches Lachen, daß er sein Erzstückchen wieder einsteckte mit einem Gesicht, das sagte: das ist noch nicht für euch. Einige der Mannen, denen er es gezeigt, sahen ihn von da an mit gewissen Blicken an, die zu fragen schienen: Narr oder verdächtiges Subjekt? Es kam noch etwas dazu, den Luftkreis, der den Fremdling umgab, in eine gewisse Gespanntheit zu versetzen. Es entfielen ihm, wenn er so von Neugierigen umringt war, ab und zu Reden, Andeutungen, die zu denken gaben, als zum Beispiel: es könne sonst auch noch manches anders werden, – es sei nicht gerade alles für die Ewigkeit, was jetzt felsenfest scheine, – die Welt sei weit, und wohl nicht überall kommen den Menschen die Dinge so vor, wie hierzulande. Der Wächter wollte bemerkt haben, daß der Ankömmling die Steinbilder am Ufer nicht begrüßt habe, wie jeder ordentliche Heidenmensch doch tue. Noch eine andre bedenkliche Erscheinung gab viel zu raunen und zu munkeln: niemand hatte Arthur husten gehört; ein Punkt, dessen Erläuterung wir allerdings dem Leser noch schuldig, aber auch mit Nächstem zu geben bereit sind. Darauf legten besonderes Gewicht ein paar Alte, an deren Atmungswerkzeugen diese Art von organischer Erschütterung allerdings in regelmäßiger Wiederholung von Pause zu Pause zu bemerken war; sie liefen zum Druiden und gaben ihm alles an, was unheimliche Bedenken über den Ankömmling erregte, und mit wichtig aufgezogenen Augenbrauen betonten sie vor allem das letztere bedeutungsschwere Phänomen oder vielmehr Nichtphänomen. Der Druide hatte heut keinen guten Tag, er war schlecht bei Laune zum voraus: nicht bloß, weil er sich am frühen Morgen schon bei seinem Kaffee hatte ärgern müssen – eine Erfahrung, die uns bekanntlich den ganzen Tag zu vergällen geeignet ist –; nein, es war da noch ein besonderer Umstand, der ihm die Laune verderbte: die alten Denunzianten brachten ihm zugleich die Nachricht, daß auf morgen die zwei Barden angesagt seien, die man von Turik hergebeten habe, und sie trugen das vor mit Kopfschütteln und mit Vorwurf in Blick und Ton. Wir müssen in der Zeit etwas zurückgehen, dem Leser Licht zu geben. Die ungewöhnliche Hitze dieses Sommers hatte einen Teil des Sees trockengelegt. Ein Pfahlbürger mit Namen Massikomur, der wie andre öfters den Weg zu seinen Aeckern der Abkürzung wegen über diesen Seegrund nahm, meinte einmal, als er in die Spalten des gedörrten und geborstenen Schlamms hineinsah, etwas wie Tonscherben, ein andermal etwas wie eine rohe Axtklinge von Stein zu bemerken. Er war ein nachdenklicher, wißbegieriger Mann; er fing an, zu graben. Er hackt und hackt und stößt, nachdem er einige Schuh in die Tiefe gelangt, auf größere Scherben von Töpfen, denen gleich, die man jetzt gebrauchte, aber weit roher an Form, ohne verzierendes Glied, und wo sich ein solches findet, besteht es nur in einer Reihe von Vertiefungen am Halse, die sichtbar mit dem Nagel eingedrückt sind; der Ton gröber, unverarbeiteter und viel schlechter gebrannt, als der jetzige, die Rundung unförmlicher, als man sie heutzutage herzustellen versteht: jetzt, heutzutage, das heißt dazumal, als Massikomur lebte, wo die Glasur und die Töpferscheibe zwar auch noch nicht bekannt, aber doch die Brennung sorgfältiger, Augenmaß und Hand in der Formung ungleich sicherer und feiner geworden war. Ferner finden sich Geräte und Waffen aus Holz, Stein, Bein, aber weit nicht so vielfältig und weit roher, als man sie jetzt zu bereiten weiß: die Pfeil- und Lanzenspitzen aus Feuerstein durchaus nur gespalten, nicht nach allerneuester, zwar noch seltener Art geschliffen; was aus weniger hartem Stein gebildet war, Aexte, Kornquetscher, Meißel, von so plumper Form, daß leicht ersichtlich, wo man den Schleifstein anwandte, da fehlte die Geduld zu pünktlichem Gebrauch. Mit Hämmern, Schlegeln muß es dürftig ausgesehen haben; es finden sich mehrere Unterkiefer von dem gewaltig großen Bären jener Zeit, dem Höhlenbären, die sichtbar die Stelle jener Schlagwerkzeuge versehen mußten. Man entdeckt Küchenabfälle: Fischgräten, Körner von Himbeeren, Erdbeeren, allerhand Knochen; hier ein ungeheurer Rückgratwirbel! Den kennt man: er stammt vom Ur, der wohl seltener geworden, aber noch nicht ausgestorben ist; noch gelingt es wenigstens einmal im Jahr, einen dieser Riesenochsen in der Grube zu fangen und (langsam und grausam genug mit den doch immer noch höchst unvollkommenen Waffen) zu töten. Stangenstücke vom Schelch, – die Zeugen der Ausgrabung bedurften keiner Uebersetzung des Worts, noch konnte man, wiewohl nicht oft, die Wälder vom streifenden Geweihe des Riesenhirsches rauschen hören. Hier ein Ende zu einem Dolche verarbeitet – »Wir machen das jetzt feiner,« sagte der Finder. Aber halt! was mag das sein? Ein ungeheures Stück von glattem Bein, rund, es kann nur Zahnbein sein; dort noch ein Stück, beide gehörten sichtbar zusammen und ergeben, da sie Massikomur aneinanderfügt, das Bruchstück eines riesenhaften Zahns, der hauerartig aus dem Rachen eines Tiers herausgeragt haben muß, und zwar zuerst abwärts gebogen, dann nach oben gekrümmt: das muß ein Tier von fabelhafter Größe gewesen sein! Man staunte, man riet vergebens, denn man wußte nichts mehr vom Mammut. Nun tauchten mancherlei Knochen auf von nicht so über alles bekannte Maß großen, doch sichtbar auch sehr ansehnlichen Tieren, die man durchaus nirgends hinzutun wußte. Unsre Pfahlbürger waren so weit ganz exakte Osteologen, daß sie genau bestimmen konnten, ob ein Teil eines Knochengerüstes einem der ihnen bekannten Tiere angehörte; das Verarbeiten des Beins zu so mancherlei Geräten und das beliebte Spalten, um die Kraft- und Leckerspeise des Marks zu gewinnen, hatte ihnen eine große Sicherheit des Blicks verliehen. Aber wer noch kein Nashorn, noch keinen Löwen gesehen und geschlachtet hatte, wie sollte er das Ganze ihres tierischen Baus sich denken, wie ihre Gattung und Art feststellen können, wenn er Reste ihrer Knochen fand? Es war eine willkommene Abspannung von den Anstrengungen des Staunens, des vergeblichen Ratens, Sinnens, als man wieder zu Lagen gelangte, woraus Geläufiges, Wohlbekanntes ans Tageslicht trat. Auf Getreidebau hatten schon die plumpen Kornquetscher gewiesen, und nun: siehe da! ein Brotlaib, freilich nicht so gefällig rund, wie Sigune sie zu kneten wußte. Und endlich: »Donnerwetter! komm her, Gwalchmai!« rief Massikomur seinem Nachbar zu, der soeben auch den kürzeren Weg über den vertrockneten Seegrund zu seinem Acker ging; »sieh her!« Gwalchmai eilt herbei, und jener hebt ihm eine Schaufel voll verkohlter, kleiner, halbrundlicher Gegenstände unter die Augen. »Hagel auch, Schnitzli!« rief Gwalchmai, denn es waren ja unzweifelhaft Schnitze von Aepfeln und Birnen, wie sie heute noch, so und so verkocht, mit würzigen Körnern, mit Met angesetzt, die große Rolle des beliebtesten aller Gemüse, des allgemeinen Nachtischs, des allgemeinen Vesperbrots spielten! Das hing, um an der Sonne gedörrt zu werden und Vorrat für den Winter zu bilden, an allen Dachgesimsen und Fenstern in Bündel gefaßt herum, wie heutzutage (das heißt diesmal: in den Tagen des Verfassers dieser Geschichte und seiner Leser) die Maiskolben, das wurde dann in großen Holztruhen aufbewahrt, und die Schnitztruhe war den Kindern eines Hauses das wichtigste aller Geräte. Es sammelte sich ein Kreis von Neugierigen; Zweifler waren darunter, die meinten, das Zeug werde eben vom jetzigen Dorf einmal hinabgesunken sein; sie stutzten, als man ihnen die Tiefe wies, aus welcher der Fund kam, sie verstummten ganz und sperrten weit den Mund auf, als Massikomur, vor ihren Augen weiter grabend, zu seiner eignen Verwunderung auf Stümpfe von Pfählen stieß in derselben Tiefe, das obere Ende kohlicht, also das Holz herabgebrannt bis auf den noch im alten Seegrund feststeckenden Stummel. Also kein Zweifel mehr: ein altes Pfahldorf! Alt, wer konnte wissen, wie viele Jahrhunderte! Abgebrannt, wie einst vielleicht – – man schauderte, denn man kannte diese Gefahr, wie sie nicht bloß vom Feinde drohte; strenge Gesetze hüteten ängstlich das Feuer; wenn Föhn kam, ging der Büttel um und sah strenge nach, ob es auf jedem Herd richtig ausgetan sei. Doch viel größer als der Schauer war das Staunen, das Gefühl des Dunkels, der Reiz, die Begierde, es gelichtet zu sehen. Zwar könnte man meinen, es sei doch keine schwere Aufgabe für die Fassungskraft der Verwunderten gewesen, sich vorzustellen: der Seegrund lag einst tiefer, ein Pfahldorf stand darauf, brannte ab, der Seegrund stieg mit der Zeit durch neue Schlammschichten, und in der neuesten stehen die Pfähle der jetzigen Gemeinde. Aber man versetze sich billig in den Kopf eines Pfahlbewohners! Dann versenke man sich in den Gedanken: Kulturperioden! Ungeheure Zeiträume! Ewiger Wechsel! Man werfe nur einen Blick in die Perspektive der Betrachtungen die sich daran knüpfen, und man wird begreiflich finden, daß die Geister gründlich verwirrt, beunruhigt, ja durchschauert waren. – Dem Druiden hatte man gleich im Beginn Anzeige von diesen Funden gemacht; er verhielt sich abweisend, verdrießlich; er kam nicht zur Ausgrabung; er wollte nichts davon wissen. Auch die geregelten alten Huster, die wir erwähnt haben, schüttelten mißlaunisch, mißtrauisch die Kopfe zu der rätselhaften Entdeckung. Das ärgerte nach und nach die aufgewecktere Minderzahl der Bürger, man saß beim Met zusammen, man murrte, man grübelte, man beriet. Eine so gestimmte Gruppe von Pfahlmännern finden wir eines Abends bei Alpins Vater Ullin im Gespräche beisammen. »Von dem, was vorher gewesen, will unsereins eben auch was wissen.« brummt der hagere Griffith. – »Ja,« fällt Nachbar Gwalchmai mit den kleinen, klugen Augen ein, »wir wollen nicht so ganz im Dunkeln wandeln.« – »Und in der Zukunft, was kann da vielleicht alles noch werden?« bemerkt der fortschrittliebende Hausherr und fährt fort: »Wenn der Druide uns nichts sagen will oder am Ende wirklich selber nichts weiß –« – »Gerade das glaub' ich, daß er selber nichts weiß, er hat ja doch nichts als Theologie studiert,« meint der dickbackige Karmor und lacht. – »So verlangen wir,« schließt Ullin, »er solle einen Seanacha aus Turik herbeirufen; ich weiß gleich einen, den hat man mir hoch gerühmt, als ich neulich drüben war, um Häute gegen Meißel zu verkaufen, – Feridun Kallar heißt er –, der wisse mehr von alten Geschichten, auch von Sonne und Mond, Erde, Wasser, Feuer, Bäumen und Tieren und Menschenwesen, als irgend einer. Versteht sich, daß er ein Meister, ein Pencerdd ist.« Griffith: »Aber die Barden kann unser Herr nicht leiden.« Gwalchmai: »Ja freilich nicht, weil sie mehr wissen als er! Drum sagt er immer, von Turik wehe ein schlechter Wind herüber.« Griffith: »So verlangen wir's erst gerade recht. Wir wählen eine Deputation, die soll morgen gleich zu ihm: der Barde muß her!« »Nehmt mich in die Deputation,« ruft Karmor, »ich freue mich schon jetzt drauf, was der alte Hausdrach Urhixidur für Augen macht, wenn wir unsern Willen vortragen.« »Ja, ja,« lachte Gwalchmai, »die gelbe Bohnenstange möchte eben immer für eine Gwyllion gelten, und ihr Herr läßt es ihr so hingehen, läßt manchmal selbst so einen Wink fallen, als ob was dran wäre!« Wir müssen hier einen Augenblick ungern die Redner unterbrechen. Der Leser wird nicht wissen, warum Gwalchmai nicht sagt, Urhixidur möchte für eine Druidin gelten, sondern für eine Gwyllion. Die Druiden leiteten sich, wie man aus unsrer Geschichte des weiteren ersehen wird, von Taliesin, als dem Gründer ihres Ordens, ab, den Druidinnen wollte man so hohe Abkunft, Erleuchtung von so hoher Lichtquelle nicht zugestehen und nicht absprechen; man ging daher einen Mittelweg: sie sollten sich auf ihn zurückführen dürfen, aber aus ihn nur, als er noch Gwyon war, der eben aus dem Zaubertopf genippt hatte. So nannte man sie denn Gwyonkind, Gwyonchen, denn das bedeutet Gwyllion. Wir kehren zu unserm Gespräch zurück. »Als ob!« versetzt Griffith. »Ja, als ob,« fährt Gwalchmai fort, »als ob wir nicht wüßten, daß sie im Examen durchgefallen ist!« »Ja,« erläutert jetzt Karmor, »und ich weiß, warum? Ich hab' mir's neulich in Turik sagen lassen: sie ist im Prophezeien schlecht bestanden, und da hat sie nun aber den alten Hafen und sagt, es sei der Weisheits- und Zauberhafen der Fee Coridwen, und sie habe ihn von ihr geerbt nebst dem Wirtel, denn sie sei ihre Ur-Ur-Ur-Urenkelin. Der Pfaff nickt dazu, als ob er's glaubte, sie hat ihn ganz in ihrer Gewalt, ja, ja, wir wollen beide recht ärgern.« Massikomur, bisher stummes Mitglied dieser Gesellschaft, nahm jetzt das Wort: »Müßt nicht so spotten, ihr Bürger wir müssen gesetzte Mannsleut sein; ihr könnte im großen doch nicht anders machen, als es ist, und im kleinen werden die Druiden eben immer auch so ihre schwachen Seiten haben. Gegen diese mögt ihr euch, wenn's der Müh' wert ist, fest hinstellen, aber ohne Bosheit. Wählen wir also Boten, sie sollen ordentlich und ruhig vorbringen, was wir für eine vernünftige Forderung halten; es wird ja gehen.« Auch Alpin fehlte nicht im Kreise, schon darum nicht, weil man in der Stube seines Vaters tagte; die Funde gaben auch ihm viel zu denken, die scharfen Reden waren gerade nicht sehr nach seinem Geschmack, ohne daß er sich übrigens darüber empört fühlte; er liebte sich eben eine gewisse Ruhe und Stille, daher gefiel ihm die Gesinnung Massikomurs, und da dessen Worte sichtbar wirkten, so wagte er sich in der Pause, die entstanden war, seinerseits mit einem Vorschlag heraus. »Ich meine,« sagte er, »wir könnten bei der Gelegenheit auch einen Filea, natürlich auch einen Meister, einen Pencerdd, bitten, daß er uns zum Fest ein recht schönes Lied dichte. Ich kenne einen aus der edlen Sängerzunft der Barden, er heißt Guffrud Kullur, ist erfahren in allen Weisen der Dichtkunst und Musik, er baut gar so schöne Lieder, die schönsten Reimgesetzel und singt sie mit Cwlwm und Mwchwl, daß es eine Pracht ist!« Seine Zuhörer wußten besser, als unsre Leser, daß die zwei niedlichen Wörter musikalische Sätze und Weisen bedeuteten; Alpin fuhr fort: »Die Mädel hier singen auch gar so ein schönes Lied von ihm; ihr müßt's schon gehört haben.« Es machte ihm kein Beschwer, zu wissen, daß die Zuhörer gleich auf Sigunen raten mußten, denn keine sang so schön. Er war verschämt mit seiner Liebe und doch auch stolz darauf; wir sind ja, wie sich der Leser erinnert, um einige Wochen zurückgegangen, es stand noch harmloser zwischen den beiden. Alpin hörte denn nicht ungern, daß Massikomur sagte: »Ja, Sigune singt so etwas gar Schönes; hab's öfter gehört; ist das von dem berühmten Barden Kullur? Den wollen wir uns erbitten.« Alpin fing jetzt an, eine Melodie zu summen, und aufgemuntert von Zeichen des Wohlgefallens, ging er in Gesang über, begann wieder von vorn und sang hell bis zu Ende: »Im Kahne, im Kahne, Wenn er am Röhricht leise streift, Das Auge weit und weiter schweift, Was still ich ahne, Ich weiß es nicht; Im Mondenlicht, Im Nebelschein     Gedenk' ich dein. Die Welle, die Welle, Wenn sie so flüstert und so raunt Zum Herzen, das so träumt und staunt, So dunkel helle, Ob sie es weiß? Ich singe leis: Im Nebelschein     Gedenk' ich dein. Im Walde, im Walde, Im Schatten dort schläft Baum an Baum Und rauschet auf als wie im Traum; Dort in der Halde Ein ferner Klang – Wie wohl und bang! Im Nebelschein     Gedenk' ich dein. Vom Eise, vom Eise, Vom reinen Schnee, vom hellen Firn Dort auf des Riesenberges Stirn Wie Sangesweise Zieht's in die Brust In stolzer Lust, Beim hochher blitzenden Silberschein     Gedenk' ich dein.« Die Männer faßten schnell die angemessene, ohrgerechte Melodie auf, sangen die letzten Verse kräftig mit, hielten bis zum letzten Vers die Schlußzeilen gedämpft, wie sich ziemte, ließen sie aber am Ende mit laut vorbrechendem Jubel erschallen, so daß die Tonwelle mächtig und prächtig über die Wasser des Sees hinaus ins Weite schwoll und im Widerhall der nahen Berge verklang. Massikomur, Ullin und Karmor wurden gewählt, zogen ihre besten Röcke an, verfügten sich zu dem Druiden und trugen ihm gesetzt und höflich ihr Sprüchlein vor. Der Priester machte ein saures Gesicht, als er den Antrag vernommen. Wir wissen bereits, daß er dem Winde, der von Turik wehte, nicht zu trauen gestimmt war, müssen uns aber die Sachen jetzt etwas näher ansehen. Die Barden waren, wie der Leser sich erinnert, eigentlich eine Zunft im Orden der Druiden. Man sollte meinen, diese hätten sich mit ihren Kollegen friedlich in die Wissenschaften so geteilt, daß sie den Barden das Weltliche überließen, während sie selbst dem Geistlichen oblagen. Zunächst haben wir zur Vervollständigung des früher Vorgebrachten hinzuzufügen, daß in der Körperschaft der Barden auch ein Fach für Erfindung bestand; ein Barde, der sich hiemit beschäftigte, hieß Priveirdd, und da für den Unterricht in diesen Dingen eine eigne Schule errichtet war, so können wir sagen: es bestand neben der Hochschule in Turik ein Polytechnikum. Aus dieser Anstalt waren die Köpfe hervorgegangen, denen die große neue Garnfabrik in Turik und das große Anwesen für neue Feuersteinbearbeitungsmethode am Podamursee, von denen wir Alpins Vater sprechen hörten, ihre Gründung verdankten. Nicht genug. Unlängst hatte man bemerkt, daß ein paar unruhige Geister dieser Schule mit einem Manne, der vom See Leman herübergekommen, viel zusammenstaken und munkelten und daß sie dann mit ihm hinüberreisten. Man sah es nicht gern, denn die Stämme, die dort wohnten gegen Untergang, galten als leichtfertig und neuerungssüchtig. Das sagte man zunächst besonders den Leuten vom See Nuburik nach und wollte wissen, sie üben neuerdings einen schlimmen Einfluß auf die am See Leman, wo es bis dahin den Druiden gelungen war, mit Hilfe eines Anhangs frommer Bürger das leichtblütige Völkchen in guter Zucht zu halten. Nun brachten die Reisenden mancherlei Gerät aus dem wunderbaren Stoffe, dem Erz, mit herüber. Heftiger Streit begann in der Wasserstadt Turik, als man die Neuerung kennen lernte. Man begriff, daß sie die Welt fast auf den Kopf stellen würde. Die einen sahen darin den Untergang aller guten Sitte und Ordnung, und zu diesen gehörten die Druiden, die andern eine unendliche Wohltat, zu diesen gehörten alle Freunde des Neuen, und so auch die Barden; diese warfen sich mit Feuer auf die Aneignung und Fortbildung der durchreisenden Errungenschaft. Nun war es aber eine schwierige Sache zunächst um die Teilung überhaupt in geistliche und weltliche Wissenschaft. Die Druiden nämlich beschäftigten sich auch mit den weltlichen Zweigen und behaupteten, sie seien deren so kundig wie die Barden; die Barden aber beschäftigten sich auch mit dem Geistlichen, mit Fragen vom Ursprung und von der Regierung des Weltalls, und behaupteten, das gehe sie so gut an wie die Druiden. Dieselben waren aber zudem in diesen und jenen Dingen so rücksichtslose Forscher, daß den letzteren die Sache anfing nach allen Seiten sehr bedenklich zu werden. Eben um jene Zeit hatte es ein großes Aergernis gegeben. Es verlautete, ein Barde habe auf dem Lehrstuhl Aeußerungen fallen lassen, welche sehr geeignet seien, den Glauben an Selinur, ein andrer Aeußerungen, nicht minder geeignet, den Glauben an Grippo zu erschüttern: göttliche Wesen, die wir bald näher werden kennen lernen. Ja noch mehr: mit Schauder erzählte man sich, ein besonders kühner junger Meister habe sich erfrecht, Zweifel an der Vernünftigkeit des Wohnens auf Seen, obwohl nur andeutungsweise, vorzubringen, einer Sitte, die doch im tiefsten Zusammenhang mit der Religion stand. Die Druiden wußten aber doch ganz gewiß, daß diese Götter existierten und diese Wohnweise geboten hatten; deswegen gewiß, weil der Oberdruide, der Coibhi-Druid, es gewiß zu wissen befahl, er, der ja nicht irren konnte. Dazu waren denn überdies die genannten umwälzerischen Bewegungen in der Abteilung der Erfinder gekommen: Stoff genug, um zu befürchten, zu schauern, zu hassen. Ging das so fort, verbreitete sich dieser neuerungssüchtige Geist, so war zu besorgen, daß bald den Menschen nichts mehr heilig sein und die scharfe Waffe gegen Ungläubige, der Bann, der Fluch sich abstumpfen werde. Man mußte sich daher nach einem Rückhalt umsehen, der geeignet wäre, diesem geistlichen Schwert im Notfall mit weltlichen Mitteln den gehörigen Nachdruck zu geben. Es war der Adel, der vorzugsweise kriegerische Stand, bei dem man diese Anlehnung suchte. Allein der Adel war in seinen Gesinnungen selbst geteilt. Die einen hielten stark zu den Druiden; denn ihre Ansicht war, ein Orden, der die Götter stütze, stütze auch den Adel, indem der feinere Menschenteig, aus welchem derselbe bestehe, mit demjenigen feinsten Teig, aus welchem die Götter bestehen, auf eine ganz besondre Weise verwandt sei. Die andern hielten zwar auch große Stücke auf ihren feineren Teig, doch dünkte es ihnen löblich, diese Feinheit durch Wissenschaften und Künste weiter zu verfeinern, und diese hielten zu den Barden und machten sich weiter nicht allzuviel aus ihrem Unglauben. Bald hatten die einen, bald die andern das Uebergewicht, und so war denn auf die Stütze des Adels nicht eben stets ein sicherer Verlaß für den höchsten, den Druidenstand. Nun war noch das Volk da. Es hatte freilich seinen Namen von: Gefolg, aber so stark auch das Gefolge der adeligen Herren, es war doch natürlich nicht alles Volk Gefolg, und die Zahl der noch übrigen Fäuste stellte eine Macht vor, groß genug, um als drohendes Mittel in den Händen einer Partei zu erscheinen und in äußersten Fällen den Ausschlag zu geben. Druiden- wie Bardenstand sah bei der Aufnahme seiner Schüler nicht auf die Geburt, nur auf Talent und Fleiß, der erstere allerdings auf noch etwas: auf den Sinn unbedingten Gehorsams; wen er umklammert hatte, der wurde durch strenge Beherrschung zum strengen Herrschen erzogen. Hierdurch gelangte der Orden wohl zu großer Macht über die zu den Volksfäusten gehörigen Volksgemüter, aber die aufgeweckten Bardenschüler und ihre Meister hatten eben auch Eltern, Verwandte, Freunde, gar mancher einfache Mann spürte wohl, daß man mit den nützlichen Erfindungen, die man dieser Zunft verdankte, nicht schlecht fahre, und an diesem Teil der Volksmenge hatte denn jene zweite Adelspartei einen Rückhalt von beträchtlicher Kraft und Breite. In dem Zeitpunkt nun, auf welchem unsre Geschichte vorgeht, bewegte sich das Zünglein der oft schwankenden Wage merklich nach dieser Seite hin. Der Oberdruide, der sich den stolzen Namen Mac-Taliesin beigelegt hatte, war alt und etwas bequem geworden, die alte Rührigkeit des Ordens aus Mangel an Trieb von oben erschlafft und von der jugendlichen Beweglichkeit der Gegner überholt. Daß dieser Stand der Dinge sich auch im Dorfe Robanus verspüren ließ, haben wir ja eben aus den ziemlich unehrerbietigen Reden erkannt, deren Ergebnis die Deputation an den Druiden Angus war, und es begreift sich nun nicht nur ganz, warum er den Boten ein saures Gesicht machte, sondern zugleich auch, warum er nicht genug Sicherheit in sich fühlte, der unwillkommenen Zumutung zu widerstehen. Er besann sich kurz und sagte dann: »Nun ja, meinetwegen!« Wir werden sogleich noch einen bestimmteren, einzelnen Grund erfahren, der ihm die Einwilligung erschweren mußte. Die Deputation zog ab, dieselben Männer wurden bestimmt, sich zur Einladung der Barden nach Turik aufzumachen, die berühmten Meister daselbst gaben freundlich ihr Jawort, und auf morgen also, den zweiten der drei Festtage, vor denen wir stehen, wird ihre Ankunft erwartet. Wir haben zurückschreiten müssen, um das Kopfschütteln zu erklären, womit jene frommen Alten dem Druiden diese Nachricht mitteilten; wir begeben uns wieder auf die Zeitstelle, von der aus wir diesen kurzen Abstecher angetreten haben. Angus hat den Ankömmling angefordert, heute abend nicht beim Betuchungsfeste zu fehlen, womit die dreitägige Feier beginnt. In wenig rosiger Stimmung finden wir ihn beschäftigt, mit Hilfe Urhixidurs seinen Ornat anzulegen. Er hat ihr die verdrießliche Neuigkeit nicht vorenthalten. »Mich dauern nur die schönen Verse, die jetzt ins Wasser fallen,« sagt die Alte. Er hatte ihr noch etwas vertraut, früher, ehe von der Berufung der Barden die Rede war. In der gehobenen Stimmung, womit er dem Fest entgegensah, hatte sich eine lyrische Ader, die einst in den Tagen seiner Jugend öfters sich verspüren ließ, merkwürdigerweise wieder geregt, Vers um Vers war ein prächtiger neuer Festhymnus aus seinem Geist hervorgequollen, so oft einer fertig, hat er ihn der getreuen Schaffnerin vorgetragen, und sie hat jedesmal eine sehr günstige Kritik abgegeben; wie wohlwollend hat er ihr noch vor wenig Tagen dafür die welke Wange getätschelt und gesagt: »Bist eben mein gutes altes Durli!« Und nun war ein Fremder berufen, wahrscheinlich ein moderner, phantastischer Dichterling, der ihn um die schöne Frucht seiner Weihestunden bringen sollte! – »Nein, ich weiche nicht,« rief Angus, schwieg eine kurze Weile, preßte dann den unteren Kiefer fest an den oberen und setzte hinzu: »Ich lasse mich nicht verdrängen! Ich werde mein Werk trotzdem zur Geltung bringen! Wirst schon sehen!« Die Alte nickt zufrieden, nestelt weiter am weißen Mantel und sagt, während sie die Teile mit einem fein geglätteten Dorn an der Schulter zusammenheftet: »Sollte der Fremdling mit den neuen unheimlichen Waffen, der heute gekommen, auf seiner Reise nicht in Turik eingekehrt sein? Der Weg führte ihn doch darüber!« – Der Druide schrillte auf; er hatte bei der Vemerkung einen so heftig zuckenden Ruck getan, daß ihm der Dorn in die Haut seiner Achsel fuhr. Das war eine Fernsicht, die zu denken gab. Gar vielleicht ein Sendling der Bardenpartei, als Wühler vorausgeschickt und mit den Gästen fortzuwühlen bestimmt? Sein Anzug war vollendet, und während Urhixidur im Nebenraum hinter der hängenden Matte ihr Festkleid anlegte, ging er mit großen Schritten auf und nieder. Es wollte ihm scheinen, der Boden schwanke unter seinen Füßen. Freilich war derselbe immer etwas wacklig gewesen, aber heute kam er ihm wackliger vor als sonst. Eines stand ihm als Ergebnis seiner Betrachtungen fest: auf den Fremdling wollen wir ein scharfes Auge haben. Urhixidur war ebenfalls fertig, seine Begleitung stand draußen bereit, und er schritt hervor, nicht ohne beim Austritt feierlich zu husten. Alle Kinder der Gemeinde, die das vierzehnte Lebensjahr erreicht hatten, standen zu zwei und zwei geordnet in ihren Festkleidern bereit; über bunt gewürfelten Röcken trugen sie kurze weiße Mäntelchen um die Schultern. Zunächst ihnen sehen wir die Personen aufgestellt, die von Amts wegen auf diesem Gang nicht fehlen dürfen; die übrige Gemeinde befindet sich schon am Lande drüben auf dem heiligen Platz und harrt auf die Ankunft der Festschar. Der Zug setzt sich in Bewegung. Voran schreitet der Weibel, das ist der Amtsdiener des Druiden, zugleich der Opferdiener. Er trägt senkrecht einen langen Stab von Buchenholz, worauf fremdartige Zeichen eingeschnitten sind. Darauf folgen zwei Büttel, das heißt Amtsdiener des Gemeinderats, zugleich Polizeimänner. Einer derselben ist außerdem Ehegoumer. Was ein Ehegoumer sei, weiß man in jenen Gegenden noch heutzutage sehr wohl, die ehrwürdige Sitte, das ernste Gemeindeamt hat sich bis heute erhalten; es ist ein Mann, der ein wachsames Auge auf sämtliche Ehen der Gemeinde hat, nachspürt, wo Uneinigkeit in einem Hause aufkommt, den schuldigen Teil erkundet, zurechtweist, warnt, ermahnt, und wenn er durchaus gegen Besserung verstockt ist, tüchtig durchhaut. Dem großen deutschen Dichter, als er die Figur des Mittler in seine »Wahlverwandtschaften« einführte, hat ohne Zweifel diese uralte Form vorgeschwebt, er hat das Motiv benutzt, veredelt und so denn auch den letzteren, drastischen Zug passenderweise ausgeschieden. Das Wort kommt von goumen, ein wachsames Auge auf etwas haben, hüten. Man begreift, daß dieses Amt eine ansehnliche und muskelstarke Persönlichkeit verlangte: Eigenschaften, die dem Ehegoumer von Robanus nicht abgingen und die ihn auch ganz befähigten, zugleich als zweiter Büttel die Polizei zu unterstützen. Jetzt folgt, feierlich schreitend, der Druide. Weiß wie sein Mantel ist sein Unterkleid, sein Haupt ziert eine hohe, kegelförmige Pelzmütze, festlicher als jene, die wir als seine häusliche Kopfbedeckung schon kennen: sie ist von Biberfell und mit handbreitem Aufschlage von Hermelin geschmückt. In der Hand trägt er einen Stab mit einem szepterähnlichen Knauf, an dem jenes Mittelding zwischen Halbmond und Kuhhörnern ausgeschnitzt ist, dem wir schon mehrfach begegnet sind. Hinter ihm schreitet Urhixidur und neben ihr ein noch kräftiger Greis mit langem weißem Barte. Sie hat heute öffentlichen Dienst und ist – man sieht es ihr an – sich dessen sehr bewußt. Ein langer schwarzer Mantel mit rotem Gürtel umwallt ihre hageren Glieder, ein rotes Tuch ist turbanartig um ihr Haupt geschlagen; die grauen Haare hat sie heute sorgfältig geflochten, sie hängen ihr in langen Zöpfen über die Brust. Ihr Antlitz ist heute bemalt: sie hat sich mit Rötel (Rotstein) Figuren darauf gezogen, Linien, die von den Schläfen verlaufend über die Wangen sich verbreiten und abwärts als in sich gezogene Kreise endigen; ob sie bloße Ornamente oder von geheimnisvoller Bedeutung, eine Art Runen sind, wissen wir nicht zu sagen. Die Stelle unter den Augen hat sie dunkelblau gefärbt, wie heute noch die Orientalinnen es lieben; ihr Auge lag zwar tief und blitzte stechend genug, um solcher hebenden Folie nicht zu bedürfen. Das Bemalen des Gesichts war eine eben abkommende Sitte, wenige alte Weiber hingen ihr noch an; daß sie einst geherrscht haben müsse, beweist die Menge von Rotsteinstückchen, die Massikomur damals unter den Zeugen der Vergangenheit im alten Seegrund gefunden hat. Der rechte, hinter das Haupt zurückgebogene Arm der unheimlichen Alten hält den Handgriff eines großen Topfes, zwischen dessen Zickzackverzierungen man dasselbe Zeichen eingegraben sieht, das wir soeben wieder am Stabe des Druiden erblickt haben: eine Gefäßträgerin, freilich nicht so anmutig wie die Kanephoren auf dem Fries des Parthenon, nicht so schön bewegt in Linien, wie wir im Orient und in Sizilien Wasserträgerinnen, ihren Krug auf der linken Achsel haltend, wandeln sehen; eine seltsame, wildfremde, gespenstische Erscheinung. Der Greis neben ihr trug an einer blauen Schnur einen Holznapf, in seinem Gürtel steckte eine Art von Futteral, ungefähr jenem gleich, worin unsre Schnitter den Sensenwetzstein tragen. Hinter den zweien sah man sechs Gemeindeälteste schreiten, auf sie folgte der Zug der Knaben und Mädchen und ihn beschlossen zwei Wächter mit Bogen und Speer. Draußen auf dem Platze standen Männer und Frauen getrennt, doch nicht durch so starke Zwischenräume, daß die äußersten Flügel der Bursche und der Dirnen nicht Fühlung miteinander gehabt hätten. Da gab es Geplauder, Spaß, Neckereien. Alpin mied Sigunen; er mußte sie in munterem Gespräch mit Arthur sehen; es tröstete ihn wenig, daß sie doch seine kristallene Halskette trug, denn er dachte, die kostbarere Gabe des schrecklichen Nebenbuhlers werde fürs Hauptfest gespart sein; er wollte sich abzwingen, nicht weiter hinzublicken, und tat es doch; ihm war, wie es Verdammten sein mag, wenn ihnen Teufel die himmlische Seligkeit vormalen, denn wie schön war sie heute! wie leuchtend hob sich Hals und Kopf aus dem feinen Marderpelz, der ihr blau und rot gestreiftes Gewand verbrämte! Die Kugeln und Würfel des Schmuckes aus seiner Hand kamen ihm vor wie Tränentropfen, die er an ihrem Halse weinte. Inzwischen machte sich Gwennywar, Gwydyrs Tochter, in seine Nähe, sein Drittenkindbäschen. Es war der zierlichen Maid etwas mehr im Herzen als Verwandtenliebe; sie sah, wie Alpin nach dem Paare hinstarrte. Ihr gab der Teufel ein höllisches Wort ein: »Du, Alpin, weißt, was Sigune heut im Herausgehen zur Nachbarin Daura gesagt hat?« – »Will's nicht wissen,« aber es war ihm gut anzusehen, daß er's doch wissen wollte. – »Der Arthur hat gar so ein schönes, liebes Genick; es steigt so schön auf und das dunkle Lockenhaar schwebt gar so schön wie angeflogen daran hinauf.« – Sie zupfte, während sie das sagte, schelmisch an dem Kragen von Schwanenpelz, der über ihrer feingebildeten Brust und Schulter lag. Die schlimme Kröte! In Alpin zischte es auf, als wäre ihm siedender Schwefel aus der Glutesse des Höllenpfuhls in die Seele gespritzt. Er ward sich plötzlich und zum erstenmal einer äußerst unvorteilhaften Partie in seiner Erscheinung bewußt. Er trug, wie die andern Bursche des Pfahldorfs, was man im heutigen Süddeutschland einen Hausknecht oder Johann nennt, das heißt einen Kranz von längeren Locken im Nacken, während die Haupthaare kurz geschnitten, oder vielmehr, da es damals nur Scheren von Bein gab, grausamlich abgezwickt waren. Er griff sich mit der Hand da hinten hin; ihm blitzte Selbsterkenntnis auf, ein entsetzliches Licht. In Arthurs Heimat schnitt man sich die Haare aus dem Nacken; dort wußte man, wie das die Linie der Gestalt herausnimmt, hebt, ihr etwas Ausgewickeltes, Freies gibt. Noch einmal: ein Giftwort! Den armen Burschen, den sie doch heimlich liebt, so stechen, verspotten, martern! Und wer weiß, ob sie nicht erst noch lügt? Der Zug hat inzwischen die Brücke überschritten und ist am Festplatze angekommen. Wir haben uns diese Stelle mit ihren geheimnisvollen Steinmalen schon betrachtet, als Arthur daran vorüberschritt. Hinter ihr dehnt sich ein Eichenhain aus, vor ihr ein freier Platz. Die rohe Steintafel, die auf ebenso rohen Stützen ruhte, haben wir als einen Altar angesehen und darin nicht geirrt; sein Name ist Dolmen (Steintisch). Vor ihm pflanzt der Büttel, wie der Zug angekommen, den Stab mit den eingeschnittenen Runen auf. Der Zug wendet sich inzwischen nach rechts, bleibt vor dem Pfeiler mit dem Halbmondbilde stehen, der Priester verneigt sich tief und beschreibt dieselbe Linie, die das Bild darstellt, mit dem Daumen auf seiner Brust, die Kinder folgen seinem Beispiel. Der Zug geht weiter zum rückwärtsstehenden massigen Steinpfeiler. Ihn müssen wir jetzt näher ins Auge fassen als damals, wie wir mit Arthur vorübergingen: er steht schief, er neigt sich über, sein Fuß ruht in einem Felsblock, in dessen Höhlung er wie in einen Sattel eingelassen ist. Der Zug steht wieder still, der Druide winkt, alle männlichen Mitglieder, die drei Diener, die sechs Gemeindeältesten, die zwei Wächter, treten vor und stemmen mit äußerster Kraft die Schultern an eine Seite des Pfeilers, jedoch nicht in rechtem, sondern in spitzem Winkel, sie drücken und drücken, und siehe, er schwankt! Er schwankt nicht nur, sondern er dreht sich auch! Jetzt wiederholen sie den Druck, er dreht sich weiter und so fort, bis eine Kreisbewegung vollendet ist und, da der Druck nicht wiederholt wird, die Felslast in ihre Ruhe zurückkehrt. Ehrfurchtsvoll spannen sich alle Blicke auf diese Erscheinung, alle Lippen vereinigen sich zu einem murmelnden Gebet, solange sie dauert, dann umwandelt der Zug dreimal den ungeheuern Block und schreitet linkwärts weiter. Was will, was soll dieses rätselhafteste unter den Malen, was bedeuten die heiligen Bräuche, die wir vor und an ihm vollziehen sahen? Niemand weiß es, niemand selbst unter eben dem Geschlechte, bei dem wir uns hier befinden, es müßte denn eine dunkle Sage Grund haben, die in unsrer und rings in mancher Dorfgemeinde umging: es leben in den größeren Niederlassungen, den Wasserstädten, wo sich die Druiden- und Bardenschulen befanden, im Schoße dieser Zünfte noch Männer, welche uralte Erinnerungen und mit ihnen den Schlüssel des Geheimnisses bewahren. Der Name dieser Pfeiler war Menhir, und der besagt nichts als: Steinsetzung, Steinmal. Am Ufer bei Turik standen deren zwölf, einen Kreis um den Dolmen bildend, dunkle Gerüchte gingen um, daß sie bei verwandten Völkern gegen Abend in ganzen langen Doppelreihen, bis zu hunderten, ja zu tausenden stehen. Einige meinten, sie seien zum Andenken tapferer und verdienter Männer einst hergewälzt und gesetzt, andre bezweifelten das und rieten auf dunkle Religionsgeheimnisse, die meisten dachten gar nichts, alle aber betrachteten sie mit dunkler Scheu und Ehrfurcht. Der Zug verweilt jetzt vor dem Pfeiler mit der unförmlichen Molchgestalt; der Druide betrachtet dies Gebilde mit Schauder, macht mit beiden Händen eine Gebärde, die ein Abweisen, eine Scheue ausdrückt, beschreibt hierauf mit dem Daumen eine Schlangenlinie auf der Brust, verbeugt sich dann tief, und auch diese Bewegungen werden von sämtlichen Teilnehmern des Zuges nachgeahmt. Hierauf schwenkt derselbe linksum in der Richtung des Dolmen ab, auf ihn stellt Urhixidur feierlich ihren großen Topf, sein Inhalt muß hochbedeutend sein, wenn er an diesem Orte ruhen darf; ihr gegenüber setzt der Greis, der im Zuge neben ihr ging, seinen Napf auf das andre Ende des Steintischs, zieht das Holzhalfter aus dem Gürtel und nimmt daraus einige dünne, kurze, spitze weiße Beinchen, die er pünktlich nebeneinander auslegt. Beide bleiben neben dem Altare stehen, die Kinder stellen sich ihm gegenüber in einem Halbkreis auf und inmitten des freien Raums ernst und feierlich der Druide. Ringsherum steht die Gemeinde; zu sitzen gibt es nichts, nur zum großen Festmahl übermorgen sind Bänke und Tische, sehr einfache Zimmerarbeit, im Hain errichtet, der an den Dolmen stößt. Der Druide räuspert sich und hustet, gemessen, feierlich. Die Gemeinde folgt seinem Beispiel, ebenso die Kinder, mit Nachdruck die Knaben, schwächer und unzulänglicher die Mädchen. Der Druide intoniert einen Gesang, ein kurzes, geistliches Lied, dessen Text wir nicht hersetzen, weil er in poetischer Kürze nur enthält, was wir jetzt aus Fragen und Antworten ausführlicher entnehmen werden. Mit freundlich väterlichem Tone beginnt nun der Priester: »Ihr sollt heute zeigen, liebe Kinder, ob ihr im Glauben fest seid und wohl vorbereitet, aus dem Kindesalter überzutreten in das Alter des Jünglings und der Jungfrau, auf daß ihr nicht erlieget den Versuchungen der Jugend, den Gefahren der Welt, sondern wandelt als ehrsame Glieder dieser frommen Heidengemeinde, bis ihr einst das Irdische segnet und ausgenommen werdet in das Paradies, das da ist im lichten blauen Zelt über den Sternen.« Es beginnen nun die Fragen, deren wichtigsten Teil wir mit den Antworten ihrer Reihe nach hersetzen. 1. Warum wohnen wir auf den Seen? Weil es Selinur befohlen hat. 2. Woher weißt du das? Es stehet geschrieben. 3. Wo stehet es geschrieben? Auf dem heiligen Buchstab. Wobei das Kind zu dem oben erwähnten Stab aufschaut und hindeutet. 4. Hat Selinur uns geoffenbart, warum sie es befohlen hat? Ja. 5. Hat sie es befohlen aus weltlichen Gründen? So meinen die törichten Weltmenschen. 6. Was meinen denn die törichten Weltmenschen? Sie meinen, wir wohnen auf den Seen, um Schutz zu haben vor wilden Tieren und vor Feinden. 7. Warum ist dieses töricht? Weil unsre Seen im Winter zufrieren, so daß uns böse Tiere und Menschen leicht erreichen könnten, wenn wir sie nicht anders abwehrten. 8. Was ist der wahre Grund, aus welchem Selinur es befohlen? Zum Heil unsres Leibes und unsrer Seele. 9. Wer ist denn Selinur? Die große Mutter aller Dinge, die da wohnet im Monde, die da gesponnen hat auf heiliger Spindel Erde und Wasser und Luft und Gras und Bäume und Tiere und Menschen und diesen oft erschienen ist als weiße Kuh. 10. Was tat sie, als sie den Menschen gesponnen? Sie blies ihm den lebendigen Odem durch die Nase. 11. Was tat der Mensch hierauf? Er nos. Richtig, liebes Heidenkind, aber man sagt nicht: er nos, sondern: er nieste. Der Knabe, ein allerliebster Lockenkopf, wurde feuerrot. Der Druide streichelte ihm freundlich die Wange. In diesem Augenblick mußte der Junge selbst niesen. Ein wohlwollendes Nicken und Lächeln ging durch die Gemeinde. Der Druide fragt weiter den nächsten Knaben. 12. Was bedeutet es aber, daß der Mensch niesen mußte? Es bedeutete, daß er solle leben und sich bewegen und eine Seele haben und aber auch unterworfen sein dem schlimmen Reize, denselbigen aber ausstoßen und sich läutern, auf daß er werde rein, klar und gut. 13. Wer hat solches bemerket und zum Uebel gewendet und will den Menschen damit verderben? Der böse Grippo. 14. Wer ist Grippo? Der Geist der Finsternis, der große Molch, der da erzeuget ist im Urschlamm, der Drache aus dem Pfuhl, der furchtbare Entzünder. Das Kind blickt mit Schauer nach der Molchgestalt auf dem hohen Blocke links vom Dolmen. 15. Sollen wir ein so finsteres Wesen hassen und verachten? Scheuen sollen wir es und begütigen durch Opfer. 16. Was für Opfer? Lämmer, Böcke, Stiere. 17. Sind nicht in schweren Fällen noch andre Opfer nötig? Ja. 18. Was für? Menschenopfer. 19. Wozu sind Menschenopfer außerdem noch gut? Wahrzusagen aus den Zuckungen der Sterbenden. 20. Aus welchem besonderen Grunde sollen wir Grippo scheuen und ihm opfern? Weil der große Grippo auch ist der Gott des Kriegs und dem Volke, dem er gnädig, aus dem Hirnreize des Pfnüssels entzündet die Aergawydd, das heißt die Schlachtwut, den Feind aber schläget mit Stumpfheit und Dumpfheit, die da ist eine Frucht desselbigen Uebels. 21. Was aber ist dies für ein Uebel, sofern es nicht also dienet, sondern uns verderbet? Es beginnet in der Nase und im Hals und will nicht heilen und gehet hinab in den Magen und in alle Gedärme und wird Stockschnupfen, bleibende Verschleimung, jahrelanger Husten, sei es einfacher oder Keuchhusten, Glutgift, das da dringet durch alle innere Haut und Fleisch, Blut, Mark und Knochen, und tötet öfters schmachvoll den Menschen im Wust, der da gleichet dem Urschlamm, woraus Grippo erzeuget ist. 22. Welchen Schaden nimmt dadurch die Seele des Menschen? Sie wird zuerst dumpf und stumpf, hierauf erzeuget sich, wenn die Augen brennen und die Ohren blaurot werden, Erbitterung, Zorn, Grimm, Wut, steigen auf arge Gedanken, Haß, Bosheit, Mord, Raub und alle Laster, kurz die Sünde. 23. Können wir uns davor schirmen und retten durch uns selbst? Ach, nein! 24. Warum nicht? Weil vor dem Feuerqualm des Gottes sich nicht gehütet hat Urnar der erste Mensch und hat vererbet auf alle seine Kinder und Kindskinder den bösen Hang zum giftigen Pfnüssel. 25. Wer allein kann uns helfen? Die große Göttin, welche liebet die Menschen, die Weltmutter Selinur. 26. Was hat die große Gottheit getan zu unserm Heile? Sie hat sich unser erbarmet und uns geoffenbaret, wir sollen wohnen auf den Seen, als da geschrieben stehet Buchstab Zeile 2. 27. Kann uns die große Mutter ganz bewahren vor dem Uebel? Nein, es ist zu spät. Aber sie kann das Uebel selbst zum Guten wenden. 28. Sage mir dieses nun deutlicher. Wir sollen wohnen auf den Seen, weil allda der feuchte Nebel über dem Wasser den Pfnüssel zu regelmäßigen Fristen hervorbringt und aber der Mondschein, der da ausgehet von der Göttin Selinur und im Nebel dämmert und wallet, ebendenselbigen Pfnüssel gesetzmäßig ausbrütet, auskocht, ausheilet. 29. Welches sind diese Fristen? Vier im Jahre: Anfang März, Anfang Juni, Anfang September, Anfang Dezember. 30. In welchem Zeitpunkte befinden wir uns jetzo? Im Anfang der dritten Heilwoche des September, da in der letzten großen Hust- und Niesnacht das Uebel sich ersprießlich gelöset hat. 31. Was ist die Frucht solcher Auskochung und Ausschüttung? Leib und Seele wird geläutert und der Geist wird offen, Selinur zu erkennen, zu verehren und ihr zu dienen mit guten Werken und viel Gebet. 32. Wen würdiget Selinur besonders solcher ordentlicher Verkältung und folgender Läuterung? Fromme Menschen. 33. Wodurch äußert sich der Beginn der jedesmaligen Läuterung? Durch kräftiges, helles, gesundes und biederes Husten. Es läuft hier durch die versammelte Gemeinde eine geordnete Reihe solcher stoßenden Kehlvorgänge, wobei jene Männer, die wir schon unter dem Namen alte Huster aufgeführt haben, sich durch besonders feierliche Aktion auszeichnen. 34. Wer stehet der großen Göttin in diesem heilsamen Werke noch insbesondere bei? Die heiligen Feen, ihre Dienerinnen, die schönen, die weißen. 35. Wo sind diese? Sie schweben und weben mit den Strahlen des Mondes in den Lüften überall und besonders im Schilf, im Röhricht der Seen, und singen geheimnisvolle Lieder und niesen sanft. 36. Hat der wilde Grippo auch Gehilfen? Ja, die Korrig, das sind die bösen schwarzen Zwerge. 37. Wo wohnen solche? In der Zugluft. 38. Welche Waffen führen sie? Feine Binsen, Distelstacheln, Schneidgrasspitzen, Dorne, Brennesseln, Büschel aus Raupenhaaren, Barte der Gerstenähre, womit sie in der Nase kitzeln, im Schlunde kratzen und stechen und hinablangen tief ins Innere des Menschen, Fläschchen voll brennenden Giftes, das sie in die Blutadern spritzen, Bretter, die sie dem Menschen vor die Stirne nageln, daß er wird verstöret und seine Seele verfinstert und verblendet, daß sie nicht mehr kann unterscheiden Recht und Unrecht, Gut und Böse. Der Druide hielt nun einige Minuten inne und man sah ihm an, daß es ein schwieriger Punkt sein müsse, zu dem er zaudere überzugehen; dann fragte er weiter: 39. Sind mehr als nur die zwei großen Götter? Ja, es ist noch ein Gott. 40. Wie heißt er? Der unbekannte Gott. 41. Was wissen wir von ihm? Nichts. 42. Woher wissen wir, daß er ist? Es steht auf dem heiligen Buchstab Zeile 7 43. Wie sollen wir ihm dienen? Wir sollen sagen am Schluß aller unsrer Gebete. Sei auch du uns gnädig, unbekannter Gott! Nachdem dies letztere Thema in solcher Kürze absolviert war, wandte sich der Fragende, sichtbar erleichtert, zu einem andern, das ihm weniger peinlich zu sein schien. 44. Wie erlangen wir Gehör bei den Göttern? Allein durch die Druiden, welche sind die Mittler zwischen der Gottheit und dem Menschen und welche zweierlei Gewalt haben: den Frommen die göttliche Gnade zu öffnen, den Gottlosen zu verschließen. 45. Wer hat den heiligen Orden der Druiden gestiftet? Taliesin oder Strahlenstirn, der als Zwerg Gwyon genossen aus dem Wundertopfe der Fee Coridwen, von ihr verschluckt worden ist als Weizenkorn und aus ihr geboren als Grundbesitzer aller Gnadengaben des Geistes und solche verliehen hat dem heiligen Orden, den er gegründet. Bei Erwähnung des Zwergs Gwyon zuckte etwas wie verhaltenes Lächeln in den Zügen des antwortenden Kinder und die Gemeinde schien ähnlich gestimmt, doch alle Gesichter wurden wieder sehr ernst bei dem Schlußsatze von der Gründung des ehrwürdigen Druidenordens. 46. Was ist die größte Gottlosigkeit? Zu leugnen, daß Selinur sei und ihre heiligen Feen, und zu leugnen, daß Grippo sei und seine schwarzen Zwerge, und nicht zu gehorchen dem Willen der Götter, der da spricht aus den Druiden. 47. So ein Mensch sich also verhärtet und verstocket, was soll ihm geschehen? Die Antwort auf diese Frage war an ein Mädchen gekommen. Es fing an: Er soll werden gepfählet oder – Hier stockte es, zuckte zusammen und zitterte. Der Druide nahm es freundlich an der Hand und sagte: »Wart, liebes Kind, ich helfe dir, sprich nur zugleich mit mir.« Gestützt und getragen von der Stimme des Priesters brachte nun das Kind mühsam die Worte hervor: oder gekreuzigt oder soll ihm mit Horndolch aufgeschlitzt werden die Brust oder der Bauch, und wann der Druide hat geweissagt aus dem Zucken seiner Glieder oder Eingeweide, soll er verbrannt werden vor dem Bilde Grippos. 48. Was wird aus ihm werden nach seinem Tode? Er wird verdammt sein in Ewigkeit, sich zu wälzen im Pfuhle des Schlammes und der Flammen, darin hauset der böse Grippo, der Wurm der Hölle, und soll ihm dennoch das Feuer nicht ausglühen den ewigen Pfnüssel, damit er ist behaftet und gestrafet. 49. Was aber wird werden aus den Gläubigen und Frommen nach ihrem Tode? Sie werden wohnen in Ewigkeit im blauen Gezelte Selinurs und tanzen und singen mit ihren Feen. Es sei uns erlassen, den Fragen und Antworten weiter zu folgen; die fernere Reihe derselben beschäftigt sich mit den Einzelheiten des Gottesdienstes, deren interessanterer Teil durch unsre Erzählung dem Leser vor Augen geführt wird. Es waren siebzig Kinder und ebensoviel Fragen. Den Schluß machte ein Gebet, das der Druide vorsprach und die Kinder nachsprachen. Hierauf tritt der Druide an den Dolmen und spricht: »Ihr sollt nun, geliebte Kinder, das Zeichen empfangen, daß ihr jetzo gewürdigt seid, einzutreten in die Heilsordnung der großen Mutter Selinur, reif und mündig, zu wandeln durch die Pforten, die sie gesetzet hat, und die da führen zur Läuterung des Leibes und der Seele.« Die Kinder, ihm folgend, stellen sich am Dolmen auf. Jetzt hebt Urhixidur feierlich den Deckel von ihrem Topf, nimmt heraus und reicht dem Priester ein viereckiges Stück feinen Linnens, blau mit weißen Tupfen; in der einen Ecke ist mit gelbem Zwirn das Halbmondzeichen der Selinur eingestickt: eine mühsame Arbeit der Alten, unter Mithilfe einiger geschickter Mütter vollzogen. Der Priester reicht die Gabe dem ersten Kinde und so geht die Handlung der Reihe nach fort, bis das letzte beschenkt ist. Angus zog, als die Verteilung zu Ende war, sein eignes, ebenfalls blaues und weißgetupftes Tuch und gebrauchte es kräftig und feierlich. Die Kinder folgten ihm auch in diesem Akte, doch die Mädchen fast nur scheinbar. Der symbolische Akt dieser ersten Verwendung war eigentlich feststehendes Herkommen, bei den Mädchen hielt man aber nicht eben strenge darauf und sah es gerne, wenn sie das Angebinde nur vergnügt ansahen, kaum zum Näschen führten und dann einschoben. Das Weib war, wir dürfen es nicht verschweigen, von den Pfahlbewohnern nicht eben hoch geachtet; daß es von der Entzündung der Schleimhäute, welche der Glaube dieses Volks in so sonderbare Verbindung mit der Religion brachte, seltener befallen wird, und daß sie bei ihm viel leichter zu verlaufen pflegt, darin sah man eine gewisse Oberflächlichkeit, um deren willen man sich berechtigt glaubte, es als ein niedrigeres Wesen zu betrachten. Nicht daß es unter diesem verwerflichen Fehlschlusse viel gelitten hätte; heimlich im Innern der rauhen Männerbrust fällte das Gefühl ein zarteres Urteil als im Kopfe der dogmatisch beengte und erstarrte Verstand: selbst der Pfahlbürger sah es denn doch natürlich nicht ungern, daß das schöne Geschlecht bei Verkältungen von der Natur milder und schonender behandelt wird als der Mann, selbst er fühlte, daß er für die Gründlichkeit, womit die Natur im starken Geschlechte diesen Prozeß durchzuführen pflegt, denn doch auch sehr der Langmut und Nachsicht jener bedurfte, die sie ihrerseits darin nicht ebenso bedürfen. Und so verweilten denn nicht nur die Mütter, sondern auch die Väter mit wohlgefälligen Blicken auf den anmutigen Mädchen, wie sie der säuberlichen Gabe sich nur als einer Art von neuem Garderobestück erfreuten. Jedes beschenkte Kind war, die vorige Ordnung einhaltend, auf seine alte Stelle zurückgetreten, der Halbkreis war wieder gebildet, der Druide trat wieder vor und redete die Kinder an: »Und jetzo empfanget mit Andacht an euerm Leibe das heilige Zeichen der Weihe!« Die Kinder wurden unruhig, mehreren sah man Spannung und Angst an, sie wurden dafür von den andern geneckt, die Miene des gestrengen Priesters selbst zeigte eine gewisse Erheiterung, es zuckte in seinen Mundwinkeln, durch die Gemeinde, namentlich durch die Schar der Dirnen zog ein anwachsendes Kichern. Der erste Knabe schritt stolz entschlossen zum andern Ende des Dolmen, wo der bärtige Alte stand, und bot ihm den entblößten Arm. Der Greis hatte bereits eines seiner spitzen Beinstäbchen in den Napf getaucht, die Spitze erschien nun blau, er faßte den Arm des Knaben, ritzte ihm die Haut und verweilte einige Sekunden drehend in der Wunde, der Junge biß die Zähne übereinander und verharrte lautlos. Nicht alle Kinder hielten so fest, wie sie nun nacheinander drankamen, unter den Mädchen waren kaum ein paar, die nicht aufquiekten und weinten, worauf jedesmal ein helles Lachen durch das junge Volk in der Gemeinde lief. Auch diese Handlung war endlich zum Schlusse gelangt, das Halbmondzeichen war auf dem letzten Mädchenarm – noch nicht fertig, aber angelegt. Es wäre nicht so heiter, nicht mit so wenig Schmerzen abgelaufen, wenn das Ritzgeschäft mit diesem einen Mal ganz durchgeführt worden wäre. Die Kinder mußten in den folgenden Wochen noch mehrmals daran, dann tat es weher, denn für jetzt wurden nur die Endpunkte des Bildes leicht eingegraben, später erst ward das Blau, der Saft aus der Pflanze Waid, mit ätzender Flüssigkeit gemischt und so in die frische Wunde eingeführt, um sich inniger mit der Haut zu verbinden, dann erst zugleich das ganze Bild fertig punktiert, und endlich auch an diesem neuen Teil noch eine Wiederholung vorgenommen. Doch die Opfer dieser harten chirurgischen Einwirkung standen ja in dem glücklichen Alter, wo man nicht an die Zukunft denkt, jetzt hatten sie nur noch ein kurzes heiliges Lied zu singen, dann wartete ihrer zu Hause ein wohlbesetzter Tisch, und vergnügt suchte nun jedes seine Eltern auf, als nach Vollendung der Zeremonien alles nach dem Dorfe zurückging. Arthur hatte dem zweiten Teile der Handlung keine Aufmerksamkeit zugewendet, dem ersten aber von Anfang an mit gehaltenem Ernste, zugleich mit einem Ausdruck von Trauer zugesehen und bei den Fragen und Antworten finster den Kopf geschüttelt. Wir haben längst gesagt, daß er das alles kennt; er kennt es, und doch ist es ihm bei diesem Anblick wieder neu geworden und drückt ihm sichtbar die Seele nieder. Zu spotten über Dinge, die andern heilig scheinen, war nicht seine Art. Einen gewissen Blick, den ihm der Druide zusandte an jenen Stellen der Fragen, wo von schweren Fällen, verstockten Leugnern und Menschenopfer die Rede war, hatte er in seiner Unbefangenheit gar nicht bemerkt. Nun aber kam ein Moment, wo er sich des Lächelns nicht ganz erwehren konnte. Als die singenden Kinder gleichzeitig und anhaltend alle den Mund weit öffneten, fiel ihm auf, daß er in lauter blauschwarze Höhlen sah. Es war die Heidelbeerenzeit, die Kinder sämtlich hatten sich's vormittags im Walde schmecken lassen, und nachmittags die Eltern wohl daran gedacht, sie hübsch herauszuputzen, aber nicht daran, daß sich die Kleinen den Mund ausspülen sollten. Das Kosmetische war eben in dieser Richtung sehr wenig ausgebildet. Die Erscheinung fiel auch keinem Menschen außer Arthur auf; um so mehr wurde sein Lächeln von den vielen mißdeutet, die es bemerkten. Das hätte man vielleicht vergessen, als aber die Gemeinde mit den Kindern heimzog, entfiel ihm ein sehr unbedachtes Wort; die Brust war ihm zu voll, er konnte nicht schweigen. Gwalchmai ging gerade neben ihm, den er als einen der aufgeweckteren Köpfe des Pfahldorfs schon kannte. »Arme Kinder!« sagte er zu ihm, »ich denke, die Heidelbeeren werden ihnen gesünder sein, als der Blödsinn! Wie ist es nur möglich, daß er noch besteht! Kann man damit noch ein Volk erziehen? Ist dies ein Stab und Schild für den Eintritt in die Welt? Und es wär' so ein schöner Brauch, einen starken Einschnitt in die junge Seele zu machen an diesem Wendepunkt! Was hätt' ich drum gegeben, hätt' mir einer zu der Zeit eindringlich, aber einfach gesagt, wo das wahre Glück zu suchen ist! Und der unbekannte Gott, nun, was den betrifft –« Er brach ab, er wußte wohl nicht weiter. Er ging vorwärts, ohne eine Antwort abzuwarten, still vor sich niederblickend wie ein Mann, in welchem Gedanken gären und langsam reifen. Wer außer Gwalchmai seine Worte noch vernommen, hatte er nicht bemerkt. Es war Alpin, zugleich aber noch ein andrer, von dem wir hören werden. Jetzt kam mit einem Trupp Kameradinnen Sigune vorüber, ohne Alpin gewahr zu werden; sie holten Arthur ein, Sigune nahm ihn an der Hand und sagte: »Komm jetzt zu uns, Vetter, wirst einen langen Magen haben, laß dir gefallen, was unser Tisch bietet.« Alpins guter Wille war gewesen, abzuzwingen, was in ihm stach, bohrte, brannte, trotz alledem wieder in Odgals Haus einzutreten und mit breiter Brust sich vor Sigunen zu stellen auf Gefahr, daß er den tief Gehaßten dort treffe. Jetzt gab er es auf und rannte weg, hinaus und dahin, wo er am frühen Morgen schon Trost gesucht: in die Berge, in die Wälder, um ihnen aufs neue sein Leid zu klagen. Er war da zu fern, um einen Auftritt mit anzusehen, der die Gemeinde abends noch einmal aus ihren Wohnungen, von ihren festlich besetzten Tischen ins Freie trieb. Ein Verwundeter war im Walde gefunden worden, ohnmächtig, man trug ihn herein; als er zu sich kam und die Sprache wieder fand, berichtete er in abgerissenen Lauten, ein Wisent habe ihn beim Holzschlagen überrascht, angegriffen, mit einem Stoß in die Seite niedergeworfen, und nur dem Umstand, daß ein zweites Wild derselben furchtbaren Gattung herbeigekommen und alsbald ein Kampf zwischen beiden Stieren sich entsponnen habe, verdanke er seine Rettung; er wäre sicher in die Luft geschleudert und dann zerstampft worden; er sei dann fortgekrochen, so weit er konnte, bis ihn das Bewußtsein verlassen habe. Er hatte eine breite Wunde unter der linken Brust, das Blut floß noch immer. Man brachte ihn zum Druiden. Als wir die Aemter dieses Mannes aufzählten, erschien es nicht notwendig, auch die Funktion des Arztes mitzunennen. In größeren Gemeinden war allerdings ein besonderer Arzt, ein Barde, ein Naturkundiger und Mediziner vom Fach, aber für kleinere Gemeinden, wie die unsrige, versah der Druide diese Stelle; es wurden in Turik von den Barden besondere Vorlesungen für künftige Druiden gehalten, die ihnen das Nötigste aus der Medizin und Chirurgie zu eigen machten. Der Leser ist bereits gewarnt worden, sich den Stand dieser Wissenschaften in jener Zeit nicht als einen allzu rationellen zu denken. Immerhin waren neuerdings bedeutende Fortschritte gemacht worden; die Studienzeit unsres sechzigjährigen Druiden war aber vor dieselben gefallen. Er hatte zudem, die Wahrheit zu gestehen, die pastoral-medizinischen und chirurgischen Vorlesungen etwas unregelmäßig besucht, indem er dachte, er könne seine Zeit besser anwenden mit Erwerbung von Kenntnissen solcher Heilungsmittel, von denen kräftigere Wirkung zu hoffen sei. Wie diese Mittel beschaffen waren und wen er hierin zu getreuer Beihilfe herangezogen, das werden wir nun ersehen. Alpin kam spät abends nach Hause. Als er Ruhe suchen wollte – mit wenig Hoffnung, sie zu finden –, hörte er in geringer Entfernung einen Einbaum lösen, stand auf, sah hinaus und erkannte Arthur aufwärts rudernd im See. Jetzt hörte er auch eine weibliche Stimme fernher vom Saume des Gewässers, wo der helle Mond in den Nebel über dem Röhricht schien. Augenblicklich löste er den eignen Kahn, der angebunden unter dem Haufe lag, fuhr schnell und leise am Gestrüppe des Ufers hin und hielt im dichteren, höheren Schilfe, als er so nahe war, daß er deutlicher sehen und hören konnte. In kurzen Kreisen sah er langsam einen Kahn sich drehen, darin eine dunkle weibliche Gestalt. Sie sang oder schleppte vielmehr durch wenige Töne dumpf, einförmig, hohl, einen uralten Zaubersegen: »Unser Herr Grippo fuhr über Land, Im Brande ein Brand. Brand, du sollst nicht hitzen, Brand, du sollst nicht schwitzen, Brand, du sollst nicht schwären, Noch über dich begehren, Bis der Weltenmutter die Spindel bricht, Bis erlischt des ewigen Mondes Licht.« Nach je zwei Zeilen wurde kurz pausiert, und Alpin glaubte zu sehen, daß die weibliche Gestalt über einem undeutlichen Gegenstand, der ausgestreckt im Kahne lag, mit der Rechten, worin sie etwas hielt, das sich im Helldunkel nicht erkennen ließ, seltsame Handbewegungen machte, senk- und wagerechte und kreisförmige Linien in der Luft zog. Was es für ein Körper war, der sich im Einbaum befand und dem diese Gebärden galten, darüber konnte er nicht im unklaren bleiben, als er in diesen Pausen ein schwaches Aechzen vernahm. Er sah Arthur jetzt ganz nahe fahren, Kahn an Kahn drängen, sich hinüberbücken, die sich Widersetzende gewaltsam beiseite drücken, etwas Dunkles in die Höhe richten. »Soll das ein Verband sein?« hörte er ihn rufen. – »Zauber tut mehr denn Verband.« – »Gib ihn her, du mordest ihn.« – »Hinweg, Gottloser!« – »Du mußt!« Er ist in den andern Kahn hinübergesprungen, sie packt ihn an und rauft mit ihm, ein schnellender Ruck, und das hexenhafte Weib ist beiseite geschleudert, fällt ins Wasser, Arthur hebt mit der Sicherheit gewandter Kraft den Verwundeten in seinen Kahn und fährt mit pfeilschnellen Ruderzügen hinweg. Alpin ließ untätig alles geschehen, sah zu, wie von Geistern gebannt und gefesselt. Jetzt rückt er hervor aus dem Röhricht. »Hix, Hix!« ruft er, »ich komme.« – »Bist du's, Alpin! Hilf! Hilf!« Der Alten ist es nach einigem Umplätschern gelungen, den Rand ihres Kahnes zu erfassen, er hilft der Zappelnden hinein, läßt die Durchnäßte auf das Fell nieder, auf welchem vorher der Verwundete gelegen, und zuckt das Ruder, sie fortzubringen. »Halt, halt! mein heiliger Mistelzweig, in heiliger Herbstmondnacht geschnitten mit der heiligen Sichel, dort schwimmt er,« ächzte die Alte. Alpin gab dem Kahn ein paar Stöße, fischte ihn heraus und ruderte weiter dem Pfarrhause zu. Er trat in etwas Hartes und Scharfes, das ihm in die große Zehe schnitt, griff hinab und zog eine Scherbe herauf. Urhixidur stieß einen Schrei der Verzweiflung aus: »Coridwen! Coridwen! mein Zauberhafen hin! O hin, hin!« Sie wälzte sich vor Jammer im Boot und weinte laut auf, daß es fernhin hallte. Alpin erinnerte sich jetzt, daß er bei dem Kampfe zwischen Arthur und dem unheimlichen Weib ein gellendes Schüttern gehört hatte, wie wenn ein irdener Körper zerbricht. Sie hatte geglaubt, den Schwingungen des Mistelzweigs mehr Zauberkraft zu verleihen, wenn sie ihn in dem geheimnisvollen Gefäße mitnehme, und unvorsichtig genug das Heiligtum einer Wasserfahrt anvertraut. Endlich schwieg sie erschöpft vom Stöhnen und lag stumm, auf einen Arm gestützt, im Kahne. Auf einmal fuhr sie mit einer zuckenden Bewegung in ihre Rocktasche und ein neuer Aufschrei folgte dieser Bewegung: »Auch das, auch das! Mein Wirtel auch dahin! Heilige Erbstücke! O, Urururahnmutter Coridwen, du, die aus der Weltenspinnerin eigner Hand die göttlichen Gaben empfangen, schau nieder aus den Wolken und hilf rächen, strafen!« Schließlich verstummte auch diese Klage, und man legte an dem Stiegchen an, das in das Haus des Druiden hinaufführte. Dieser lag schon in so festem Schlafe, daß das Geräusch ihn nicht weckte, das überdies von seinem gewaltigen Schnarchen übertönt wurde. Er hatte ja sein Amt als Heilkünstler mit so voller Ueberzeugung an Urhixidur abgegeben, ihr den Verwundeten mit so vollem Vertrauen überantwortet, daß er sich, als sie mit ihm abfuhr, mit ganzer Seelenruhe zum Schlummer niederlegen konnte, und der pflegte bei ihm tief und gesund zu sein. – »Es gibt ein kaltes Bad, aber auch ein heißes,« murmelte die Alte, als sie ausstieg. »Ein gefährlicher Ketzer,« sagte Alpin, »er hat auch über unsre Religion gespottet,« mit diesen Worten löste er den Wiedring, an dem er seinen eignen Kahn nachgezogen hatte, und fuhr heim. Er mußte wissen, was er tat, als er in so gehäuften Brennstoff die Brandfackel dieser Angeberworte warf, es war ihm gar wohl bekannt, was die Base bei dem Druiden galt, und er war nicht so blind, das verborgene sehr Gefährliche in diesem Manne nicht wenigstens dunkel zu ahnen. Aber er kam sich ganz zufrieden mit sich vor, sein Gemüt schien ihm ruhig wie der See, dessen Spiegel kein Lüftchen bewegte. Es war nur in dem Einbaum so eine sonderbare Unruhe, er wollte in keine regelmäßige Gangart kommen, er schwankte, und das Vorderteil fuhr manchmal so eigentümlich wie ein Ausruf in die Höhe. Das Wasser gluckste am Holze wie sonst eben auch, aber es klang heute so seltsam; einmal meinte der Ruderer gar flüstern zu hören: »Alpin, das war nicht recht!« Dann kamen dumpfe Töne, die murmelten etwas wie: krumm, oder: Lump! dann spitze, die taten wie: Wicht! Wicht! Er dachte: dummes Zeug! und legte sich schlafen; er sagte sich, er habe nun endlich doch einen ruhigen Schlaf verdient. Kaum lag er auf dem Ohre, so fiel ihm siedend heiß ein: jetzt pflegt Arthur den Verwundeten sicherlich mit Hilfe Sigunens. Er warf sich auf das andre Ohr, da fragte plötzlich etwas in ihm: Alpin, was hättest du tun sollen? Entweder glaubst du, die Hexe könne mit Zauberspruch und Mistel besser heilen, dann durftest du ihr den Verwundeten nicht abjagen lassen; oder Arthur mit den Mitteln, die er anwenden wird, dann mußtest du ihm beistehen. Ueber das Entweder-Oder in den beiden Vordersätzen hatte er nun freilich noch niemals nachgedacht, und er konnte sich betrösten: wenn man zweifelt, wenn man nicht weiß, was tun von zweien, so tut man am besten nichts. Dennoch wollte der Trost nicht vorhalten und – auf einmal sprang er auf, und: – etwas hast du ja doch getan: Pfui! Pfui! und noch einmal Pfui! Er rief es laut, so laut, daß der Rinderknecht im Nebenraum aus seinem tiefen Schlaf emporfuhr und rief: »Was gibt's?« Doch legte sich der wieder zurück und schlief alsbald weiter, auch Alpin streckte sich wieder hin, verhielt sich still und blieb so liegen auf seinem Bärenfell, das nur jetzt kein Fell mehr war, sondern ein Ameisenhaufen. Mit dem ersten Morgendämmern ging er aus dem Hause. »Auch so früh schon auf?« grüßte er den Büttel, dem er begegnete. – »Das trifft sich gut, Alpin, ich soll dich zum Druiden bestellen.« Er sagte das nicht im Befehlton, sondern freundlich und mit einem gewissen Zwinkern der Augen. – »Später, später, hab' Augenblicks nicht Zeit, der Schafhirt hat ein paar hustenkranke Hammel, muß nach dem Vieh sehen.« Die Ausrede war nicht uneben erdacht, doch immerhin auffällig und der Büttel blieb verdutzt stehen. Alpin begab sich in seinen Herdestadel; es schien ihm, sein Vieh begrüße ihn nicht so herzlich wie sonst, und seine Lieblingskuh, die Lisi, bog gar den Kopf zur Seite, als er zu ihr trat; er gab ihr einen Faustschlag und rief: »Willst auch du mich verachten?« Das Tier, so rohe Behandlung nicht gewohnt, sah ihn mit den großen Augen traurig vorwurfsvoll an, als fragte es: wohin ist's mit dir gekommen? Er trat heraus, bleich, unschlüssig, ging wieder hinein, streichelte die Kuh, dann fuhr er schnell wieder aus der Türe. Es muß etwas geschehen! es muß durchgebrochen werden! rief es in ihm, dunkel, aber stark. Mit straffen Schritten ging er nach Odgals Haus; er wußte, daß Sigune früh aufstand. Da sitzt sie auch, das Herdfeuer ist schon angezündet, aber sie macht sich nichts dabei zu tun; sie hält ein Ding in der Hand, auf das ihre Augen mit großer Spannung gerichtet sind, während alle Mienen von einem Gefühle lebhaften Wohlgefallens zeugen. »Darf man herein?« fragt Alpin durchs Fenster. – »Ja, komm nur; sieht man dich einmal wieder? Du siehst bleich.« Sie gab ihm die Hand. »Heut nacht hättest dabei sein sollen drüben im Freihof –« Wir müssen sie hier einen Augenblick unterbrechen, um dem Leser ein Wort vom Freihof zu sagen. Wir befinden uns natürlich in Zeiten allgemeiner Gastfreundschaft, aber auf Pfahldörfern ist eben kein Ueberfluß an Raum, und wenige Familien sind in der Lage, zu beherbergen. Die wohlhabenderen Gemeinden besitzen daher ein Haus zur Aufnahme von Fremden, die eine andre Unterkunft nicht finden können oder nicht wünschen. An Ausstattung, Bedienung ist begreiflich nicht zu denken, einige Pelze zum Lager sind alles, für das übrige muß ein Gastfreund sorgen. Hotel können wir das also nicht wohl nennen; damals sagte man Freihof. In diesen seinen Wohnraum hat Arthur den Unglücklichen gebracht, dem im eignen Hause die richtige Pflege gefehlt hätte. Also – »drüben im Freihof,« sagt Sigune. »Wir haben,« fährt sie fort, »den Wunden gepflegt, Arthur und ich; solltest sehen, wie der verbinden kann, und ein Glück, er hat von seiner Reise, die ihm selbst Anfall und Wunden bringen konnte, gute, kühlende Salben mitgebracht, aus der Pflanze Selago und Verbena, und hat sie aufgelegt; der Kranke liegt jetzt in erquickendem Schlaf auf Fellen und weicher Streu.« – »Gut, ganz recht,« sagte Alpin, einen Stich verarbeitend, der ihm durch die Seele ging. »Was hast denn aber da?« Sie hatte den Gegenstand beiseite gelegt. »Da schau her,« rief sie jetzt, »was Neues, Wunderbares! Vetter Arthur hat uns zu den schönen Sachen gestern abend noch das gebracht, nun guck! Nachher will ich den neuen Schmuck anziehen und mich so da drin sehen.« Es war eine ovale Scheibe von Erz mit zierlichem Griff; Sigune drückte sie ihm in die Hand. »Was soll's?« – »Nun sieh doch stät auf die Fläche.« Alpin schaute und schaute, er sah sich selbst. Vergliche man dies Bild mit dem, das unsre jetzigen Spiegel uns zeigen, so müßte es freilich nur als ein verschwommenes erscheinen; das wäre aber sehr unrichtig, wir haben das Bild im Erzspiegel mit dem ungleich verschwommeneren aus dem Wasserspiegel zu vergleichen, dem einzigen, das unserm Alpin bekannt ist, und so kommt es ihm deutlich in einem Maße vor, das alle seine Begriffe übersteigt. Er läßt den Spiegel fallen, geisterhaft wird ihm zumute. Er steht so und starrt vor sich hin, hinaus ins Leere, wie in eine tiefe Finsternis. Allmählich taucht ein schwaches Licht in dieser Finsternis auf: »Also – also so – von nun an wird der Mensch sich selbst sehen – zweimal dasein – und dann – wenn er von dem Bild weggeht, wird es doch in ihm bleiben – und er wird inwendig sich selbst sehen – wird nicht mehr einfach, nicht mehr ein Einfacher sein – wird sich zugleich immer auch inwendig fragen, wie er wohl andern Menschen vorkomme – und dann – wenn er etwas denkt oder sagt oder tut, wird man nicht mehr wissen, ob er's nicht denkt oder sagt oder tut, weil er sich vorstellt, wie er dabei aussehe, sich ausnehme –« Er stockte – wie hätte der Pfahlhirte für das, was ihm in dunkler Ahnung aufdämmerte, die Begriffe finden können und die Worte für die Begriffe! Wir Jetzigen freilich könnten ihm gut nachhelfen, wir, denen so leicht ersichtlich ist, daß mit der Erfindung und Vervollkommnung des Spiegels eine gründliche Veränderung in das Seelenleben, in alle Zustände der Menschheit getreten ist. Verschärfung des Selbstbewußtseins, aber auch eitle Selbstbespieglung und eitle Bespieglung in andern: wie sollte der arme Alpin diese Bezeichnungen aufbringen und wie all das Unabsehliche ermessen, das sich aus einer solchen Wendung im Bewußtseinsstande des Menschen ergeben, entwickeln mußte! Ihm wurde schwindlig vor dem Bilde der künftigen Jahrhunderte, das ihm dunkel vorschwebte und das er nicht erfassen konnte. Er fand noch das Wort: schillern – ihm scheine, da schillere alles. Weiter reichte es nicht. Und nun bedenke man noch dazu, daß er nicht in der Lage war, mit freiem Gemüte über dies Rätsel zu forschen, denn ach! der Spiegel gehörte Sigunen, war ein Geschenk Arthurs! Ob sie ihm gefalle, wird sie den Spiegel fragen, und dann wohl auch, wie dem und jenem und einem dritten – und wie wird sie dann werden? Nun, den Namen Kokette lieferte ihm wahrhaftig sein Sprachvorrat eben auch nicht, aber die Sache flimmerte ihm vor dem inneren Blick. Wir werden also billig sein: es kommt vieles zusammen, was jetzt in diesem Herzen umwühlt. Grauen überrieselte ihn, dann kochte ein Grimm, eine Wut auf. Mit wilden Blicken fuhr er in die Höhe, hinaus zur Türe und schleuderte den Spiegel ins Wasser. Wie er sich umkehrt, steht Arthur vor ihm. Er packt ihn an der Kehle und ruft: »Giftschenk!« Arthur legt die Hand an sein Schwert und zuckt es halb aus der Scheide. Alpin fällt ihm in den Arm: »Nicht so! nicht hier!« Sigune war herbeigestürzt, flehte Arthur, hing an Alpins Knien: »Laßt, laßt!« Die beiden Feinde vereinigten sich, sie zu beruhigen, ihr die Vorstellung beizubringen, als könnte vielleicht mit Worten ausgeglichen werden, führten sie mit freundlicher halber Gewalt in ihre vier Wände zurück, eilten hinweg und mit wenigen Silben war verabredet, was in schweigendem Einverständnis schon innerlich beschlossen war. »Steinaxt und Hirschhorndolch gegen Erzschwert und Erzdolch, soll's gelten?« – »Gut,« sagte Arthur, »es soll.« – »Draußen im Fichtenwald, wo die kleine Lichtung ist, dreihundert Schritte in gerader Richtung hinter dem Dolmen und Eichenhain! Ich hab' erst noch einen Gang zu tun, in einer Stunde bin ich da!« – »Du triffst mich.« Alpin war es so leicht und frei zumut, als wären ihm Zentnergewichte von der Brust gefallen. Er tat einen Jauchzer, als er zu Hause seine Steinaxt genau untersuchte, ob der Stiel auch fest genug sitze, und unter zwei Dolchen den stärkeren und schärferen wählte. Aber ein leiser Seufzer folgte dem Jubelruf. Sigune! – doch das war nicht das Schwerste; Zorn, Grimm war zwar verflogen und die Seele hatte zum Sorgen und Bangen um sie wohl wieder Raum, aber das mußte jetzt zurückstehen, denn jetzt galt es nur eines: Mann gegen Mann; sie ist Weib, Schicksal ist Schicksal, sie soll's tragen, wie es fallen mag. Aber, aber! da hing noch ein böses Gewicht; wie es abschneiden? Da saß noch ein böser Flecken; was auf der weiten Welt tun, ihn abzuwaschen? Er war ja zum Druiden gerufen, nicht eigentlich befohlen, er konnte wegbleiben, aber das wäre feig, sagte er sich; heut wollte er gut machen als gerader Mann, was er gestern nacht schlecht gemacht als krummer Angeber, aber der Vorsatz, der Entschluß zur Tat, zum Zweikampf, genügte ja nicht und die getane Tat doch auch nicht, der Flecken der Verdächtigung stand für sich da, kohlrabenschwarz, er wollte für sich behandelt, ausgelöscht sein, er blieb sonst hängen, klebte seinem Gewissen an, wenn er lebte, seinem Namen, wenn er fiel. Was tun, was tun? – Halt! – ihm kam Licht – die Wahrheit! Die Wahrheit: sonst gibt's hier nichts! Die Wahrheit befreit! Er ging zum Druiden, ausgerüstet, wie er war, mit seinen Waffen. Vor der Türe hörte er drinnen einzelne Hustlaute von verschiedenen Stimmen. Er trat ein. Urhixidur war – gottlob! rief es in ihm – nicht da, sie lag in der Hinterstube tief in einen Berg von Wolfsfellen versteckt, da sie, für ihre eigne Person doch mehr auf natürliche Mittel als auf Magie vertrauend, eine Schwitzkur auf das nächtliche kalte Bad für gut befunden hatte. Dagegen standen zu den Seiten des Druiden fünf ältere Männer; sie gehörten zu dem Schlage der »alten Huster«, unter ihnen ein wahres Spinnengesicht, für Alpin doppelt unheimlich, weil er in Dyfuwal (so hieß der Mann) seinen ersten Vorgänger im Denunziantentum ahnte. Der Druide hatte Züge, so hart und gespannt, als wären sie gefroren, man sah auf den ersten Blick: das war ein Verhörgesicht! Der Schluß: ein Zeugenverhör, und die Huster haben schon deponiert, ergab sich von selbst. »Es liegen,« begann Angus, »gegen den Fremdling Arthur mehrere sehr beschwerende Inzichten vor als gegen einen Religionsspötter, gegen einen Götterleugner; von dir, Alpin, ist mir zu Ohren gekommen, du müssest als Zeuge gegenwärtig gewesen sein, als er das eine und andre giftböse Hohnwort über unsern heiligen Glauben und ehrwürdige gottesdienstliche Handlung fallen ließ; dies wird bestätiget durch die Bemerkung, die du in dieser Nacht gegen Urhixidur gemacht hast, als sie von dem Uebeltäter ruchlos gestöret worden in dem Heilwerke, das sie in meinem Auftrag vornahm, als der Frevler sich sogar erfrecht hatte, diese achtbare Person ins Wasser zu werfen, als dabei der heilige Coridwentopf zerbrach, als er ihr den wunden Pflegling raubte und als dich die Gottheit zu ihrem Retter ausersehen; sag an, sprich, was weißt du? Zuerst wiederhole mir die Worte, die du zu meiner Hausmeisterin gesprochen.« »Hochwürdiger Vater!« sagte Alpin, »erlaube mir, zu schweigen. Mich drückt mein Gewissen, denn ich habe aus Haß gesprochen, was ich zu Urhixidur über den Mann gesagt; ich hasse ihn aber nicht, weil ich nachgedacht hätte über die göttlichen Dinge und mir zutraute, das zu verstehen, und überzeugt wäre, daß er darin ein Frevler ist, sondern ich hasse ihn, weil ich ihn hasse, und nicht der Strafe andrer will ich ihn übergeben, sondern ich selbst will ihn strafen, will es versuchen, ob mir Grippo, der Herr und Gott des Krieges, vergönnt, ihn zu bezwingen und zu vertilgen.« »Warum hassest du ihn? Ich will es wissen!« Alpin stockte; ungern rückte er hier und jetzt mit dem wahren Motiv heraus, doch vermochte er es, sein inneres Widerstreben zu bezwingen, und sagte: »Weil er eine Tochter unsres Volks hinwegführen will zu dem seinigen, wo alles fremd und anders ist und –« Die Sprache lieh ihm auch hier kein Wort, der Satz blieb unvollendet. Auch seine Zuhörer hätten ihn nicht zu ergänzen vermocht mit Worten; woher sollten er und sie Bezeichnungen schöpfen wie: Ueberbildung, von der Natur abweichende Kultur, Raffiniertheit, Frivolität und dergleichen? aber sehr leicht und gern ergänzten sie ihn mit ermahnenden Vorstellungen, mit helldunklen Schlüssen, die, von der Prämisse: Erzwaffen ausgehend, durch eine Kette von unbestimmt vorschwebenden Mittelgliedern rasch bei der Folgerung: Gottlosigkeit anlangten. So war denn Alpins Wort ganz Wasser auf ihre Mühle, ja mehr Wasser, als er eigentlich wollte, da gerade dies ein Punkt war, den er seinerseits, obwohl gestern noch Angeber, lieber dahingestellt sein ließ; wir werden ihn in dieser letzteren Richtung noch näher kennen lernen. »Was hast du eigentlich vor?« »Zweikampf; der Fremdling ist einverstanden.« Die umstehenden Zeugen riefen: »Es sei so! Verhindert es nicht, ehrwürdiger Vater! Es sei Gottesurteil! Gottesurteil auch über die Waffen: ob besser das gute Alte, Stein und Horn, oder der tückisch schimmernde neue Stoff!« Angus wiegte bedenklich das Haupt hin und her; es mochten einige Zweifel sehr realen, physikalischen Inhalts durch dieses Haupt gehen. Er verschwieg sie und faßte die Frage von einer andern Seite: »Gottesurteil,« sprach er, »muß öffentlich und feierlich sein; Alpin muß anklagen vor der versammelten Gemeinde auf Götterleugnung, Kampfrichter müssen aufgestellt sein und ich muß vorsitzen.« »Die Anklage erheb' ich nicht,« fiel Alpin rasch ein. Es war noch eine andre Schwierigkeit: Arthur hatte in der kurzen Zeit doch manche Gemüter gewonnen; daß es in der Gemeinde das gab, was wir eine Linke nennen, haben wir aus den Verhandlungen ersehen, auf denen die Berufung der Barden von Turik hervorging. Es war zu befürchten, daß die Einleitung eines Gottesurteils auf so schwere Anklage großen Widerspruch fände. Derselbe Grund aber mußte dem Druiden starke Zweifel erwecken, ob er einen Prozeß mit der einfachen Folge der Verurteilung Arthurs als Ketzer auch durchzuführen vermöge, ohne seine Autorität und Beliebtheit bei der Gemeinde zu untergraben. »Kein Gesetz hindert,« sagte jetzt Morbihan, einer der fünf Zeugen, »daß Zweikampf auch geheim stattfinden könne und doch sein Ausgang als Gottesurteil gelte; unser altes Gesetz ist für den öffentlichen, keines besteht gegen den geheimen.« Die Bemerkung wurde beifällig aufgenommen und unterstützt. Nach einer Pause sagte, leicht zum Ja bekehrt, der Druide: »Es sei! Biete deine Waffen!« Alpin hielt Axt und Dolch hin, ungern allerdings, denn, was er vorhatte, das meinte er doch eigentlich nicht in dem Sinn, in welchem seine Waffen nun eingesegnet werden sollten. Der Priester beschrieb das Schlangenzeichen Grippos in der Luft und sprach halbsingend in hohldumpfem Beschwörerton: »Gib, o Grippo, Alter Rohrmolch, Daß der Horndolch     Sicher steche! Gib, o Grippo, Urweltsschlammwurm, Daß im Kampfsturm     Axt nicht breche! Gib, o Grippo, Lurch im Urstrupp, Daß Hirnstockschnupp     Feinds Kraft schwäche!« »Und nun zeuch hin, mein Sohn, und schlag und stoß zu in Gottes Namen!« schloß der Priester. Alpin trat seinen Gang an. Er war schon einige Schritte entfernt, als ihm Angus nachrief, er solle erst seinem älteren Geißbuben aufgeben, daß er heute noch einmal zu ihm komme. Alpin besorgte dies noch; der Druide machte sich mit dem Jungen seit ein paar Wochen alltäglich zu tun; was? war ein Geheimnis; doch bemerkte man, daß es musikalischer Art sein müsse; der Bursche war ein sehr gelehriger Schüler Alpins auf dem Hirtenhorn. »Er ertobte des Muotes,« heißt es im Nibelungenliede, da Rüdiger von Bechlarn nach schwerem inneren Kampfe und herzerschütternden Wechselreden das Schwert zückt, gegen seine Freunde, die Nibelungen, zu streiten. Der letzte Auftritt hatte Alpins Seele wieder beschwert; er war eben doch unheimlich gewesen, und es wollte sich nun etwas in ihm regen, was wider den Kampf sprach, aber er nahm sich straff zusammen, spannte seine ganze Seele auf den Gedanken der Entscheidung, die nun einmal dieser Schwüle ein Ende machen müsse, der Kampfgeist fuhr in ihm auf, er beschleunigte seine Schritte, und dies um so mehr, da er befürchtete, er habe über die Zeit gezögert und dies könnte ihm falsch ausgelegt werden. Er war eingetreten in den dunkeln Fichtenwald; er hörte von fern ein Geräusch wie ein Prasseln, Wischen, Streifen, kurze Rufe einer Menschenstimme dazwischen, der Wald gab diese Töne mit dem eigentümlich verklingenden Nachhall wieder, als riefe Baum dem Baum eine Kunde zu, die so fortlaufe bis in unbekannte Fernen. Aber halt! Was ist dies? ein brummender, gezogener Laut ist nun deutlich zu unterscheiden, finster, furchtbar, tief wie aus den Höhlungen der Erde heraufgrollend, – Alpin kennt ihn, es ist das Brummen des Wisents, er eilt vorwärts, so schnell es nur der Wald erlaubt, erreicht die Stelle und erblickt – Wir wenden uns in der Zeit um ein Weniges zurück. Arthur hatte sich beeilt, den verabredeten Kampfplatz zu erreichen. Er steht in Gedanken verloren, den Gegner erwartend; auch in ihm spricht etwas gegen den Kampf und gegen dieses Etwas wieder die Ehre und der Zorn. So in sich versunken hört er nicht, daß nahe im niederen Holze sich etwas erhebt und gegen ihn herbewegt, bis ein dumpfes Brüllen ihm die furchtbare Gefahr verrät. Es war der Wisent, der gestern den Bürger des Pfahldorfs verwundet hatte; Arthur trug – unvorsichtigerweise, denn er konnte vermuten, daß das schreckliche Tier noch um den Weg sei – sein rotes Brusttuch offen. Der wilde Stier, den unsre Ahnen Wisent nannten, dessen amerikanischer Vetter Bison dem Leser wohl bekannt sein wird und der nur an einem Ort in Europa durch Hut und Hegung sich noch erhalten hat, im Walde von Bialowicza in Littauen: der Wisent ist zwar weit nicht so groß, wie der längst ausgestorbene, damals schon äußerst seltene Stammvater unsres Rinds, der Ur, der Auerochs, von dem er jetzt fälschlich den Namen trägt, doch weist eine Höhe von sieben und eine Länge von dreizehn Fuß, unter welche freilich seine heutigen Nachkommen stark herabgesunken sind, eben auf kein geringes Kraftmaß hin. Schwerlich war selbst der riesenhafte Ur ein so gefährlicher Feind des Menschen wie dieses unzähmbar wilde Geschöpf. Sein Element ist Wut; man kann nie wissen, wann sie ausbricht, am sichersten geschieht es beim Anblick roter Farbe. In jähem Sprunge fährt das Ungetüm auf Arthur los, er vergißt im schrecklichen Drange des Moments, daß sein Schwert eine unmächtige Waffe gegen solchen Feind ist, zieht, stößt, die Klinge trifft schief, schlitzt nur die Haut unter der wolligen Halbmähne, die den Wisentstier bis in die Mitte des Leibs umkleidet, er wird von der Wucht des Anpralls niedergeworfen, schnellt auf und nun beginnt eine Jagd von Tier auf Mensch, die den Tapfersten endlich betäuben, lähmen, entseelen müßte. Es gelingt Arthur, einen jungen Baum im Sprung zu erfassen, aufzuklettern, der wütende Feind führt einen Stoß dagegen, daß der schenkeldicke Stamm abknallt und der Hingeschleuderte abermals nur seiner pfeilschnellen Behendigkeit die augenblickliche Rettung verdankt. Er besinnt sich, daß man vor einem Stier in scharfen Zickzackbewegungen fliehen muß, weil es dem Tiere schwer wird, rasch umzuwenden: ein Mittel, das vielleicht vorhält, so lang ihm die Geistesgegenwart bleibt; aber kein Augenzeuge der verzweifelten Hetze könnte das hoffen. Fürchterlich an sich schon der Anblick eines Tieres, an dessen breitgestirntem Haupte durch den krausen Haarwald die ohnedies groben organischen Formen so verdeckt sind, daß es einfach bloß zur ungeschlachten, blöckischen Stoßwaffe geschaffen scheint. Tiger- und Löwenkopf hat bei schöner Bildung grundfalsche, blutdürstige Katzenzüge; da mag dem Schrecken des Angegriffenen noch die Seelenqual sich beimischen, so viel Wildheit mit solcher tierischen Schönheit verbunden zu sehen, aber er sieht doch Züge, das Entsetzen ist nicht so dumpf, wie beim Anblick dieses Stierkopfs, der wie ein Stück roher Masse aussieht, von dem langen Leibe wie ein Mauerbrecher vorwärts gewesen, um zu Brei zu zermalmen, was nicht hart wie Fels und Eisen ist, oder mit Hilfe der kurzen, nah an den Schläfen aufwärts stehenden Hörner, was da Lebendiges begegnen mag, und wäre es der schwere Körper eines Bären, wie einen Ball in die Luft zu schleudern. Und doch verkünden furchtbare Zeichen, daß eben in diesem formlosen Blocke der dumpfwilde Geist wohnt, der ihn als seinen Sturmbock, seine Schleuder regiert: Feuerqualm scheint aus den schnaubenden Nüstern zu sprühen, das tiefe, wie aus langem Gewölb herausgeholte Brummen ist nur noch schrecklicher als Brüllen des Löwen, des Bären, dämonische Wut funkelt in dem großen, dunkeln Auge, bei seinem Schwellen und Rollen zeigt sich die Bindehaut, die als weißer Grund dem menschlichen Augenstern seine edle, reine, hebende Umrahmung gibt, als rot durchäderte Folie und erhöht so mit ihrer Blutfarbe das scheußliche Wutbild, aus dem Maule hängt die blaurote Zunge und ein dunkler Bart schwankt am Unterkiefer, als hätte der teuflischen Maske noch ein Stück vom Kopfe des Ziegenbocks gefehlt. Vom mächtigen langen Leibe wird dies Haupt in ungeheuern Galopprucken zum Stoß vorgeworfen und mit der geschwungenen Zottel des Schweifes scheint sich das Untier zu immer erneuter, wachsender Furie zu peitschen. Das war, muß man gestehen, ein Anblick besinnungraubender Art; Arthur stand auf dem Punkte, sie zu verlieren, und sobald er sie verlor, mußte seine Behendigkeit selbst sein Untergang sein, denn eine einzige seiner blitzschnellen Kehrungen verfehlt – und sie mußte ihn gerade in die Stoßlinie des fürchterlichen Feindes hineinführen. Bereits ist ihm dies widerfahren, er blutet aus einer Streifwunde an der Stirne, sein Auge umflort sich, er schwankt, er beginnt zu taumeln. In diesem Augenblick unendlicher Gefahr ist Alpin erschienen, ein Gedanke wie ein zuckender Strahl erleuchtet ihn, er nimmt einen Ansatz, springt dem Ungeheuer auf den Rücken, auf den höckerartigen Wulst des Widerristes, klammert sich mit mächtigen Schenkeln fest und stößt mit der Riesenkraft und mit den sicheren Sinnen des Natursohns den starken, äußerst glatt polierten und spitzen Dolch aus dem Ende eines Hirschgeweihs, ungehindert von der bauschigen Mähne, der dicken Haut, den stahlharten Sehnen, zwischen den Hinterhauptknochen und den ersten Halswirbel hinein, daß er mit Blitzesschnelle die Verbindung von Gehirn und Rückenmark zerreißt. Das schwere Tier bäumt sich empor wie ein Hirsch, schnellt mit einer unwiderstehlichen Schüttelbewegung den tödlichen Reiter weit weg, stürzt auf den Rücken, zappelt und verendet. Arthur sah nur wie durch einen Schleier diese Tat der Rettung, ein starrer, in allen Nerven gelähmter Zuschauer stand er wie in den Boden gewurzelt, an einen Baum gelehnt, und statt dem Retter, der nun bewußtlos am Boden lag, zu Hilfe zu eilen, sank er jetzt selbst zusammen und blieb so liegen wie ein Träumender mit offenen Augen, bis auch ihm die Lider sich schlossen. Jetzt hört man ein Bellen, kurze, kläffende Laute, wie die Hunde sie hören lassen, wenn sie einer Spur nachjagen. Schnell dringt es näher und mit einem Sprunge, heulend vor Freude, wirft sich Tyras auf seinen Herrn und leckt ihm die Hände, die blutende Stirne. Kurz danach rauscht es wieder durch das Gehölz und aus den Büschen taucht Sigunens hohe Gestalt hervor, ihre Haare fliegen, ihre Gewänder sausen noch von der Heftigkeit atemloser Bewegung, ihre schönen Arme sind von scharfen Fichtenzweigen, Stechpalmdornen blutig geritzt, das Brusttuch hat sich im stürmischen Rennen durch diese dichten Hindernisse herabgestreift; so steht sie nun, schaut, sieht die zwei Betäubten am Boden und – wirft sich über Alpin. Er erwachte, das Antlitz an ihrem weißen, warmen Busen, von ihren braunen Locken überschattet, benetzt von ihren reichlichen Tränen. »Bist du es?« fragt er. »Ich bin's,« antwortet Sigune. »Ja, hast du mich denn lieb?« Jetzt verfiel sie in ein tiefes, lautes Schluchzen, und als sie die Sprache wieder fand, da brach es hervor: »Vergib! vergib! gequält, gepeinigt, gefoltert hab' ich dich im wilden Mutwill, in der grundbösen Schelmenlaune – Liebe war's – Liebe gegen sich selbst verkehrt – dein will ich sein – mein sollst du sein – beisammen, beisammen, treu bis in den Tod!« Und sie wußte noch nicht, daß er Arthur gerettet. Alpin wußte es auch nicht mehr, das Geschehene war ihm rein entschwunden, er kannte nur die Gegenwart und preßte wie in seligem Traume, auch er nun in einen Strom von Tränen ergossen, das schöne reuige Weib an seine Brust. Mit sanfter Hand schob Sigune jetzt sein Haupt beiseite, sie errötete, sie besann sich auf sich, verhüllte ihren keuschen Busen und schaute sich nach Arthur um. Ihn hatte nicht eine schöne Menschenerscheinung, nur das treue Tier aus seiner Betäubung geweckt; er sah um sich. Wenige Schritte neben ihm lag das braune Ungeheuer auf dem Rücken, geisterhaft aufstarrend mit den erloschenen großen schwarzen Augen. Er entsann sich. Jetzt sah er auch die zwei; seine und Sigunens Blicke begegneten sich, er nickte, raffte sich auf, trat hinüber, legte die Hand auf Alpins blondes Haupt und sagte, mit der Linken auf die Leiche des grimmen Feindes deutend: »Von jenem hat mich dieser gerettet.« Nun kam auch Alpin das Gedächtnis wieder, doch mit ihm eine Erinnerung, deren Herbe und Bitterkeit ihm plötzlich die erschlafften Lebensgeister sammelte, spannte, um einen peinvollen Gedanken zusammenzog. Er schnellte vom Boden auf: »Danke mir nicht,« rief er, »von dem dort habe ich dich gerettet, aber an einen Schlimmeren dich verraten; o Götter, Götter! was habe ich getan!« Er erzählte mit wenigen Worten, setzte ebenso kurz die Lage, die Gefahr, die vom Druiden und seinem Anhang drohte, ins Licht, starrte dann vor sich hin, einem Menschen gleichend, der eben im Begriff ist, sich in grenzenlosem Jammer zu verlieren, faßte sich aber plötzlich im Bewußtsein, daß hier keine Zeit zum Klagen sei, sann und sann und hatte schnell einen Rettungsplan entworfen. »Es ist«, sagte er, »nicht weit entfernt eine tiefe Höhle mit mehreren Nebenkammern; hier kannst du dich den Tag über verbergen; abends wird alles Volk um die Barden versammelt sein, niemand deine Abwesenheit bemerken, und nachts hole ich dich ab und bringe dich fort.« Rasch überschlug er sich das Weitere. Wohin den gefährdeten Gast zunächst bringen? Am besten nach Turik; denn bei dem Stande der Dinge in der großen Wassergemeinde, wie wir ihn schon kennen, war schwerlich zu erwarten, daß es der Druide versuchen werde, ihn dort mit einer Anklage zu belangen. Wie aber auf dem Wege bis dahin vor etwaiger Verfolgung sichern? Es galt, ihn auf Richtpfaden zu führen. Auf einem Teil des Weges konnte er diesen Dienst selbst übernehmen, aber er durfte nicht zu lange abwesend sein. Er gedachte eines treuen, zuverlässigen Freundes auf dem nahen Gripinsee, seine Hütte war die nächste am Ufer; zu diesem wollte er ihn am Aaflüßchen hin, das sich in den Robanussee ergießt, selber begleiten; er sollte den Flüchtling noch in derselben Nacht über den See setzen; alle nur Hirten bekannten Wege, die von da durch dick und dünn nach Turik führten, waren dem Manne bekannt, und Alpin durfte vertrauen, daß der längst Bewährte, durch manche Dienste und Gegendienste Verbundene sich gern bereit finden werde, seinen Schützling auf diesen geheimen Pfaden sicher zum Ziele zu geleiten. Den Tag über mußte er den teuern Neugewonnenen leider allein lassen, man durfte ihn im Dorfe nicht vermissen, die Bezwingung des Wisents konnte nicht lang geheim bleiben, eine Fabel mußte erfunden, dem wartenden, auf Kunde vom Ablauf des Zweikampfs höchlich gespannten Druiden mußte weißgemacht werden, der Gegner sei nicht zu finden gewesen, dafür plötzlich der gefährlichere Feind erschienen und glücklich besiegt worden. Einen Schutz, der nicht zu verachten war, versprach inzwischen der starke, mutige Tyras, und abends hoffte Alpin doch auf so lange wenigstens abkommen zu können, um dem Einsamen die nötige Erfrischung zu bringen. Die drei wandelten zur Höhle. »Kannst du mir verzeihen?« sagte Alpin. »Du hast's ja,« erwiderte Arthur, »mannhaft wieder gutgemacht vor dem Druiden und dann im Walde. Bist bös gewesen, jawohl, aber ich kenne die Eifersucht; hab's auch einmal durchgemacht und noch anders als du, hätte fast einen Mord auf meine Seele geladen.« Ein Schatten lief über seine Züge; er fuhr fort: »Ich hab' in heißer Zeit erster Jugend ein bildschön Mädchen geliebt aus frommem Hause, meine Seele war wie ein Sturm, die Jungfrau schwur mir Lieb' und Treue, und am Tag darauf find' ich sie in den Armen eines jungen Druiden, der eben von der Schule kam und jüngst geweiht war, ein hübsch, glatt Bürschchen mit gescheitelten Locken, fast einer Fee im Mondschein gleich. Und wie ich den Scheinheiligen einsam finde am Ufer des Sees, pack' ich ihn an der Brust und halt' ihm seine Sünde vor. Der entgegnet frech, heuchlerisch und spitzfindig. Ich stoß' ihn ins Wasser, wie ich aber den Tropf zappeln sehe, spring ich nach und zieh' ihn heraus. Das Mädel hat noch manchen betrogen, ich aber hab' mich auf die Jagd geworfen, sie zu vergessen, und wie ich einmal auf einen Wolf laure, kommt mir der junge Pfaff in den Schuß, der eben zum heiligen Haine ging. Ich hatte die Finger an Pfeil und Sehne und will schon drücken, erschrecke aber an mir und setze ab. Bin ein wilder Mensch gewesen, seither hab' ich mich besonnen und bin stiller. Du aber, Alpin, bist ein Narr gewesen, wir sind ja Vetter und Base; ist dir doch auch ein wenig recht geschehen, daß sie dich geplagt hat.« »Und a schwarzbrauner Jager mit'm Gamsbart auf'm Hut,« sagte halbsingend Alpin und deutete auf den Schmuck an Arthurs Mütze. »Gefällt mir schon recht,« scherzte Sigune, »aber du steckst jetzt einen Büschel vom Wisentbart auf die deine.« »Komm, Base,« sagte Arthur, »gib mir die Hand!« er ergriff dazu Alpins Rechte, legte ihnen die Hände zusammen und darüber seine eigne Rechte. Die Blicke des braven Paares weilten ruhig und still ineinander, kein Wort und kein Kuß wurde gewechselt. »Ich kann's jetzt schon sagen,« fuhr Arthur fort; »es hätte meinen Vater gefreut, wenn ich das Bäschen heimgebracht hätte, aber –« Er nahm seine Erzählung wieder auf, als hätte er sie nicht unterbrochen gehabt: »Es träumte mir in der Nacht nach der Wolfsjagd, ich stehe wieder im Wald und ziele und wolle eben abschnellen auf den jungen Priester, da fühle ich meine Hand gehalten und sehe einen Glanz um mich und neben mir steht Taliesin, der Glanz geht von seiner Stirn aus und er spricht: ›Diese soll nicht Pfeil niederstrecken, sondern neuer Taliesin.‹ Es kam dann das Erz zu uns, und ich erfreute mich noch eine Zeit der Jagd mit den neuen Waffen, aber der Traum kehrte öfters wieder, Gedanken wie Blitze sind mir in manchen Stunden aufgestiegen, unser alter Götterglaube und Dienst wollte mir vorkommen glanzlos, zerbrechlich, matt, wie Bein und Stein gegen das gediegene glänzende Metall, das Jagen fing an, mir zu entleiden – und nun auf der Reise – drüben in Turik – bei den Barden – es wurde heller und heller – schicken tut mich niemand als mein Vater zu Odgal, die Verwandten wieder einmal zu begrüßen und nach der Base zu schauen, aber jetzt, seitdem es mir so wetterleuchtet im Kopf und jetzt seit dem Feste da, wo der alte Wust mir wieder so gröblich vor Augen geplatzt ist, jetzt muß ich wandern, wandern, es läßt mir keine Ruhe, und dann – ja, ich spür's, mir schwant's, von diesen Tagen, von gestern, von heute an wird mein Leben – wenn ich's rette – eine Jagd werden – eine Jagd, ich werde jagen, nach Menschen jagen und gejagt werden – und –, glaub mir, Alpin, zur Liebe hab' ich keine Zeit mehr, auch wenn ich wollte.« Die Worte blieben unerläutert und waren dem Sprecher vielleicht selbst nicht so klar, daß er die Erklärung dazu hätte geben können. Und nun war unter all dem das übervolle Herz noch nicht dazu gelangt, die Hauptsache, den Dank auszusprechen. Es geschah erst, als man am Eingang der Höhle angelangt war. Nur erwarte der Leser keinen stürmischen Gefühlsauftritt. Daß auch Männer sich umarmen und küssen können, war den Pfahlbewohnern noch rein unbekannt; hätten sie sehen können, wie das betrieben wurde zu den Zeiten Vaters Gleim und wie noch hentigestags da und dort Männer sich abschmatzen: man darf wohl annehmen, sie hätten sich mit Scham und Schauer abgewendet. Arthur sagte einfach: »Ich danke dir, dem Feind, mein Leben!« und begleitete die Worte mit einem Druck der Rechten, worüber unsereinem das Blut aus den Fingern spritzen würde und den nur eine Hand aushielt, die fähig war, einen Wisent mit einem Horndolchstoß niederzustrecken. Die Höhle war tief und weit und enthielt Nebenhöhlen in sich, die aussahen, als hätte Menschenhand nachgeholfen, sie zu Wohnungsstätten herzustellen. Einzelne Tierknochen und Scherben lagen umher; es ging eine alte Sage, dort hätten einst Menschen gewohnt. – »Langweilig wird's schon sein,« sagte Alpin. Arthur sah an der hohen, dunkelgrauen Wölbung hinauf. »Ich bin gern allein,« versetzte er dann. »Du hast nun recht Zeit zum Brüten,« meinte Alpin. Arthur nickte lächelnd und strich ihm mit der Hand über die blühende Wange. Eine dunkle Sorge kam über Alpin, als man sich trennte, obwohl es für ihn vorerst nicht auf lange war. Ungleich schwerer noch lag es auf Sigunen. Wer weiß, wann im Leben man sich wiedersehen wird? Ja wer weiß, ob? Es kamen ihr Tränen. »Gib ihm einen Kuß,« sagte Alpin. Sie reichte ihn, die gegenseitigen Lippen verweilten nicht heiß, aber innig in sanfter Berührung. Man trennte sich, der versöhnte Tyras sah wie fragend zu, als die beiden hinweggingen. Arm um Hüfte, Arm um Schulter geschlungen, gingen Alpin und Sigune heimwärts durch den Fichtenwald bis an die Lichtung des Eichenhains. Jetzt erfuhr Alpin, wie die Dinge gekommen. Die Herausforderung war aus Blick und dunkelm Wort leicht zu erschließen, Ort und Zeit blieben ihr verborgen. Was litt sie nun! Wie zerwühlte die Reue, die Liebe, die Todesangst, die Höllenqual des Schuldgefühls ihre Seele! Jetzt, jetzt fand sie Worte, und doch weit, weit nicht genug Worte für die Ewigkeit dieser fürchterlichen Stunde. Sie rennt im Dorf um, sie fragt alt und jung, ob niemand Alpin und Arthur habe hinausziehen sehen und in welcher Richtung; niemand weiß Auskunft, zu viele darf sie nicht fragen, denn sie muß Aufsehen vermeiden; da verbreitet sich die Kunde von der nahen Ankunft der Barden aus Turik; zwei Gemeindeälteste sind ihnen entgegengeritten, sie werden, vom Druiden feierlich empfangen, in den Freihof geleitet. Die Türe dieses Gelasses wird kaum geöffnet, so stürzt Tyras heraus und fort über die Brücke ans Land. Sigune hat einen Führer gefunden! Das Schnobern nach der Spur seines Herrn hemmt die Schnelligkeit seines Laufes, Sigune kann ihm folgen und – das übrige wissen wir. Sie standen am Waldsaum, als sie ihre Erzählung – nicht Erzählung, ihr in abgebrochenen Sätzen gestammeltes Bild vollendet hatte. Alpin schwieg, sie sahen sich lang in die Augen. »Darf ich bald vier Pfähle hauen?« fragte Alpin. Sie drückte ihm die Hand, die in ihrer Rechten lag, errötete, zupfte ihn mit der Linken an seinem Nackenhaar und entsprang. Alpin, als er im Dorf ankam, wünschte sich Glück, daß aller Welt Aufmerksamkeit von den zwei berühmten Fremden hingenommen war. Der Druide, in dessen Haus ein Festmahl für die Ankömmlinge bereitet wurde, hatte keine Zeit, Alpin ausführlich zu verhören; es war also glücklicherweise nicht nötig, die bereitgehaltene Notlüge lang auszuspinnen. Urhixidur, die natürlich schnell erfragt hätte, was im Werke gewesen, war unsichtbar, ganz, wiewohl ungern, Köchin für das große Bewirtungswerk, und den Leuten der Gemeinde gegenüber durfte Alpin doch wenigstens nur ein Stück der Tatsache weglassen, brauchte kaum eigentlich zu lügen. So völlig hatte man nun allerdings nicht bloß für die Barden Sinn und Ohr, daß man nicht mächtig aufschaute bei der Kunde von der Erlegung des gefährlichen Wilds und daß sie nicht wie ein Lauffeuer sich verbreitete. Zwar der Genickstich, »Knickfang«, war keine unbekannte Tötungsart, zufällige Erfahrung ersetzte die anatomische Kenntnis, aber man wußte nicht anders, als daß so gewaltige Tiere wie Ur und Wisent erst in Gruben gefangen, mit Stricken geknebelt sein müßten, ehe an der Stelle der langsamen Vernichtung ihres zähen Lebens durch Axtschläge und Speerstiche diese rasche Abschneidung seines Fadens durch eine ungewöhnlich starke Faust mit Nachhilfe eines Schlegels zum Eintreiben des Horndolchs versucht werden könnte. Alpin wurde angestaunt; »da haben wir ja zum voraus den Schützenkönig für morgen, so trifft doch keiner ins Schwarze!« hieß es, denn der Morgen des ersehnten hohen Freudentags war dem jährlichen Schützenfeste bestimmt. Für Sigunen aber war der allgemeine Jubel kein kleiner Zuwachs zu dem inneren, mit Angst um Arthur wunderbar verwobenen Jubel ihrer Seele; wohl kein Jäger, aber doch ein von der ganzen Gemeinde bewunderter Jagdheld! Und wie heiter glänzten Vater Odgals Augen! Sigune wußte schon lange, daß er nichts gegen die vier Pfähle hätte, aber nun: ein Wisenttöter zum Eidam! Er rühmte sich, einmal einen Wels mit seinem Flintspeer gespießt zu haben, einen hundertpfündigen! Zwei stolze Mannen! Für die Gemeinde aber erstand noch ein Hebel zur Mehrung der allgemeinen Freude nicht sowohl aus der Seele als aus dem Magen: ein seltener Festbraten für morgen! Man machte Anstalten, das Wild zu holen; Alpin beeilte sich, sie zu leiten, damit ja niemand nach Arthurs Zufluchtsstätte sich verlaufe; im Walde wurde schnell eine Tragbahre aus jungen Stämmen gefügt, die man mit starken Wiedschlingen verband, und nicht weniger als zwölf starke Männer schleppten laut jauchzend die Last des Tieres hinüber ins Pfahldorf. Mit Augen, die vor Stolz und Freude leuchteten, stand Vater Ullin an der Brücke, als man die seltene Beute herauftrug. Das war nicht der kleinste Gewinn, daß Alpin jetzt aus diesen Blicken lesen durfte, der Papa werde ihn künftig mit seinen Feuerstein-, Faden- und Buchsmaserschnitzfabrikideen in Ruhe lassen. Wir werden morgen einem größeren Schmause zusehen als dem, welcher heute die zwei Barden mit den Gemeindeältesten im Hause des Druiden vereinigt, der es – mit wenig Lust – ehrenhalber hat übernehmen müssen, sie zu bewirten; wir wollen uns daher nicht dabei aufhalten, wollen die Reisemüden ruhig ihrem Nachtischschlummer überlassen, noch einige weitere Stunden überspringen und uns am Abend nach dem Dolmen begeben, wo bereits die Gemeinde versammelt ist und dem Priester zu beiden Seiten die Barden sitzen. Blaue Talare sind ihr stattliches Festkleid, ihre Häupter unbedeckt, mit Eichenkränzen geschmückt. Die Pfahlbürger sind bewaffnet; das war, ausgenommen die heilige Betuchungsfeier, unzertrennlich von der Festtracht bei allen Volksversammlungen. Der lange Bogen von Eibenholz hing über die Schulter, der Köcher über den Rücken, der Horndolch stak im Gürtel, nur der Speer, die schwere Steinaxt war zu Hause geblieben. Die Frauen und Töchter waren nicht zu sehen. Zwar verbot keine hergebrachte Sitte ihre Zulassung, das Weib war nur von der politischen Versammlung, der Landsgemeinde, ausgeschlossen; allein das schöne Geschlecht hatte damals noch wenig Lust, belehrende, bildende Vorträge anzuhören, mit rührender Offenherzigkeit wurde vielmehr gestanden, man finde dergleichen langweilig. Nachdem Stille geboten war, erfolgte nun durch Angus die feierliche Vorstellung der Barden bei der Gemeinde und an den Seanacha Feridun Kallar die Einladung, seinen Vortrag zu beginnen. Er schlug den Vortritt aus. »Nicht ich,« sprach der freundliche Mann, »der Sänger sei gebeten, voranzugehen! Es ist billig, daß die helle, jugendliche Dichtung den Reigen führe, daß sie in den Seelen den schönen Stimmungsgrund für die ernsten Wahrheiten lege, welche die Wissenschaft vorzutragen hat.« Nach kurzem Widerstreben gegen die Ehre, die ihm der ältere Freund erwies, trat ein jugendlicher Mann vor und bestieg die Kanzel. Sie war vor dem Dolmen errichtet, ihre Brüstung mit Tannenreisern geschmückt, darin war eine Oeffnung gelassen für eine Harfe. Ein Diener trug das hochgebaute Instrument, die Telyn, hinauf und stellte sie zurecht. Mit feierlicher Verbeugung, die Hand auf die Brust gelegt, begrüßte der Dichter die Versammlung. Erwartungsvolles Flüstern ging durch die Reihen. »Groß ist er nicht,« sagte Bürger Porree zum Nachbar Ferrex. »Aber sieh, was für ein edles Haupt,« erwiderte dieser und hatte recht, denn unter der klaren Stirne wölbten sich in feinem Bogen die Brauen über den lichtvollen dunkeln Augen, die Adlernase deutete auf Feuer und Schwung, und auf die süße Gabe des rhythmischen Wortes die wohlgeformten, nur leicht geschlossenen Lippen. »Und wie schön er den Kopf trägt,« ergänzte Bürger Liwarch die beiden andern, denn ungesucht stolz aufrecht stand das bärtige Haupt auf dem schwungvoll gezeichneten Halse. Der Mond war jetzt über dem See aufgegangen und warf seinen ersten, noch matten Schein auf den Filea, den Sängerbarden, Guffrud Kullur. Er griff einige einleitende Töne auf der Harfe und begann seinen Vortrag. Seine Dichtung war auf eine uralte Melodie gesetzt, die nur den Aelteren in den Gemeinden noch geläufig war; im musikalischen Geschmack war seit einiger Zeit eine Wandlung eingetreten, man liebte bewegtere Weisen, doch bedurfte der Sinn für den Wert der alten ernsten Gangart nur einer Weckung, und der Barde war der Mann, solche ins Werk zu setzen: »Sehe dich im Dunkeln leuchten, Sehe dich im grauen, feuchten Nebel sanft und stille brüten, Samen alles Werdens hüten: Willkommen, Auge du der Nacht, Die auf den Wassern träumend liegt, Gegrüßt im Kranz der Sternenpracht, Die spielend sich im Weltraum wiegt! Weiße Schleier seh' ich wehen, Lispeln hör' ich heil'ge Feen, Tauchen auf und tauchen nieder, Singen dunkle, alte Lieder: Sie wissen, was da ist und war, Eh' noch ein Menschenkind gelebt. Dem Geisterblick ist offenbar, Was werdend in den Nebeln schwebt. Urgebirge seh' ich ragen, Aus der Schöpfung ersten Tagen, Felsenkämme breit geschichtet, Hörner himmelan gerichtet: Das schimmert von der Ferne her Tiefschweigend wie ein Nachtgebet, Dahinter höre ich das Meer Im Geist und wie die Brandung geht.« Hier griff der Sänger gewaltig in die Saiten, denen er bis dahin am Schlusse der Strophen nur leise, zitternde Akkorde entlockt hatte; eine stürmische Tonflut brauste durch die stille Nacht und durch die erschütterten Seelen der Zuhörer, die noch tiefer schwiegen, als der kaum bewegte Spiegel des Sees im Strahle des Mondes. Der Barde ließ die mächtigen Laute noch fortrollen, während er die nächste Zeile sang, dann ging er wieder in die zart gegriffenen Töne über, denen er Pausen ließ, um noch hörbar unter dem gleich sanften Plätschern der Wellen im Röhricht und dem leisen Rauschen des nahen Haines zu verschweben und zu verhauchen: »Brausen hör' ich's allerwegen Einem neuen Tag entgegen, Durch die weiten Geisterbahnen Geht ein Träumen, geht ein Ahnen. Wir sinnen, wo in weiter Welt Die Tore wohl geöffnet sind Und wann wohl seinen Einzug hält Das längst ersehnte Heldenkind. Brüte, Nebel, wärme, brüte Dunkler Keime Wunderblüte! Einst gelangt die Welt zum Worte In der Göttin keuschem Horte: Schon weicht der letzte, leise Spott Und Zweifel aus des Herzens Grund; Es ist, als tät' der alte Gott Mir endlich seinen Namen kund.« Es folgte eine lange Pause allgemeiner Stille, nachdem die letzten Töne der Harfe fernhin verzittert waren. Dann begann ein Flüstern und man hörte aus demselben da und dort ein tief aus der Brust geholtes: »O!«, das nicht nach Schmerzlaut klang oder, wenn nach einem solchen, dann war es der Seufzer, der sich der Brust entringt, wenn sie in ihren Tiefen von Sehnsucht und Ahnung erregt ist. Dagegen auf einer Seite des Halbkreises begannen andre Töne hörbar zu werden, Laute von jener Gattung, die man ein Munkeln nennt. Diese Töne mehrten sich, wuchsen, man bemerkte dann eine Bewegung unter den Leuten, man sah, wie sie, auf den Druiden weisend, einander anstießen, hierauf sammelten sich einige um ihn und das Ergebnis war, daß er die Rednerbühne bestieg. Der Hymnus war eigentlich der Gemeinde zur Entscheidung darüber vorgelegt, ob er ihr gefalle und sie ihn am Feste gern singen möge. Daß der Druide sie als ihr Sprecher vertrat, war nur natürlich, dagegen immerhin etwas vom Zaun gebrochen, daß er nun die Stimmen der Bürger, die ihn da umstanden, nur so ohne weiteres für den Ausdruck der Meinung aller nahm, wiewohl übrigens streng parlamentarische Formen der Abstimmung allerdings noch nicht im Gebrauche waren; kurz, der ziemlich parteiische Obmann betrat nun die Kanzel und sprach: »Hochgeachtete Gäste, insbesondere hochgeachteter Herr Bardensänger! Ich weiß, daß ich im Sinne der ganzen Gemeinde spreche, wenn ich erkläre, daß sie in Eurem Festgedichte ein Erzeugnis sowohl der religiösen Gefühlsbegeisterung, als auch der tiefen poetischen Stimmung begrüßt, im Inhalt höchst bedeutend, in der Form fließend, korrekt, geisterhaft. Nur ganz unmaßgeblich, weit entfernt von aller Absicht, diese Blüte der Dichterphantasie irgend verkleinern zu wollen, möchte ich mir einige bescheidene kritische Bemerkungen erlauben. Dürfte es nicht vielleicht denkbar sein, daß ein Festgesang als Hymnus mehr ausdrückliche verherrlichende Anrede an die Gottheit, zugleich auch und eben im Zusammenhang damit mehr eigentlichen religiösen Glaubensgehalt in sich schlösse? Nicht als Dichter darf ich mich für befugt erachten, diese leisen Ausstellungen vorzubringen, ich rühme mich nicht, mit der Gabe der Poesie gesegnet zu sein; jedennoch sind in diesen Tagen weihevoller vorfestlicher Stimmung Augenblicke für mich gekommen, wo es mir war, als fühle ich ein Wehen von oben, vom Gestirn Selinur, und wieder ein Wehen von den Wassern her, und vernehme eine Stimme, die da rief: ›Wage es, mein Knecht Angus, dichte, dichte mir ein hohes Lied aufs Fest!‹ – Ich habe gehorcht, ich habe es versucht. Ich bin bereit, die Frucht dieser schüchternen, doch innigen und mutigen Beflissenheit dem Urteil der Gemeinde zu unterbreiten, nicht als gehässiger Nebenbuhler des geistvollen Barden, den ich verehre, sondern in der Meinung, es dürften vielleicht zwei Festgedichte in lieblicher Eintracht nebeneinander bestehen können und es wäre nicht unpassend, das eine zum Beginn, das andre zum Schluß der heiligen Handlung des Opfers zu singen.« Barde Kullur sprang sogleich, als Angus herabgestiegen, auf die Bühne und beteuerte in heiterem Tone, daß er gern bereit sei, ganz zurückzutreten, er sei tief durchdrungen von der Ueberzeugung, daß ein Druide besser wissen müsse, was in einem geistlichen Festliede zu sagen sei, als ein Laie, ein Barde; auch glaube er im Sinne der ganzen achtbaren Versammlung zu handeln, wenn er ihn ergebenst und dringlich bitte, das Erzeugnis seiner Inspiration nicht länger den gespannt Harrenden vorzuenthalten, sondern unverweilt vorzutragen. Jetzt stieg wieder der Druide empor und versicherte, das lasse einesteils seine Bescheidenheit nicht zu, daß er mit seinem schlichten Werke sich so unmittelbar neben den berühmten Dichter dränge, und andernteils bedürfe es zum Vortrag noch einiger Vorbereitung. Im Bewußtsein nämlich, daß man in gegenwärtiger Zeit an der Poesie einen gewissen träumerischen Charakter liebe – (er sandte bei diesen Worten dem Barden einen Blick zu, Kultur bemerkte ihn und lächelte leicht) – und im Bewußtsein, daß sein Produkt dagegen durch einen gewissen deutlichen, mehr nur verständigen, weil dogmatisch klaren Charakter in seiner Wirkung verlieren könnte, habe er für gut erachtet, diesen Mangel durch eine größere Fülle musikalischen Schmuckes zu ersetzen; in der Tat, er lege fast mehr Wert auf diese Begleitung als den Text, indem er – hierin vielleicht fast unbescheiden – sich schmeichle, durch seine Komposition möglicherweise eine neue Aera in der Musik hervorzurufen. Die Exekution sei aber nicht leicht, fordere noch weitere Einübung, und es sei jedenfalls noch eine Generalprobe vorzunehmen. Niemand widersprach und so blieb denn dieser Genuß vorbehalten. Angus stellte jetzt den älteren der zwei Ehrengäste, Feridun Kallar, den Versammelten vor und bat ihn, die Kanzel zu besteigen. Ernst und doch freundlich ließ der Mann, wie er nun oben stand, die Augen auf der harrenden Gemeinde verweilen, ein mildes Lächeln spielte um seine Mundwinkel, die hohe, von krausen grauen Locken umgebene Stirne verkündigte einen Mann des Sinnens und Forschens, die etwas gelbliche Gesichtsfarbe störte nicht im mindesten den Ausdruck von Güte und feiner Laune, der auf diesen Zügen lag, sondern ließ nur schließen, daß anhaltende Geistesarbeit die Verrichtung der Leber etwas beeinträchtigt haben dürfte. Er begann: »Hochwürdiger Herr Druide! Hochachtbare Gemeindeältesten, achtbare und ehrsame Mannen! Pfahlbürger! Pfahlkerle, Pfahlekarlier! (Bravo!) Ihr habt mir die Ehre erwiesen, mich zu einem Vortrag über die merkwürdigen Fünde einzuladen, die euer Seegrund zutage gefördert hat. Glücklicherweise bin ich nun in der Lage, euch melden zu können, daß an unsrem See, nur ein paar Stunden von Turik entfernt, gerade dieselbe Entdeckung gemacht worden ist; nämlich an der Stelle, wo jetzt die ehrenwerte Gemeinde Milun auf ihren Pfählen wohnt, legte die große Dürre einen Teil des Grundes trocken, man sah uralte schwarze Stümpfe hervorragen, Kinder fanden Scherben von Töpfen, brachten sie nach Hause, die Alten wurden aufmerksam auf die rohe Form, die arme und ungeschickte Art der Verzierung – es waren, wie ihr es hier gefunden, bloße Reihen von Eindrücken mit Fingernägeln, während man jetzt doch einige feinere Linien, ein Zickzackornament einritzt oder aufmalt –, ebenso auf den zerbrechlichen Ton, der nicht mit feinem Staub aus hartem Gestein verdichtet war, wie man es jetzt tut; man grub weiter, fand in Milun wie in Robanus Knochen von unbekannten ungeheuern Tieren, insbesondere einen Stoßzahn von einem fürchterlichen Geschöpf, das wie ein trampelnder Berg ausgesehen haben muß; Enden vom Geweih des Riesenhirsches Schelch, Wirbel und Schenkelknochen des Ur fehlten so wenig, daß man leicht sah, die beiden gewaltigen Tiere müssen damals weniger selten gewesen sein als jetzt, wo man ihre Gehörne und Köpfe, bringt einmal das Glück die rare Beute, an die Rathaustüre nagelt, wie man das in Turik tut und ich heut auch hierorts gesehen habe. Die menschliche Kunst, – das konnte man leichtlich schließen, – muß damals noch weit zurückgewesen sein; wir haben jetzt angefangen, unsre Flintswaffen glatt zu schleifen; deren fanden sich nur roh gespaltene; man entdeckte keine Spur von Weberei; die Leute von damals werden wohl nur das Gerben verstanden haben, also in lauter Pelz und Leder dahergestiegen sein, und da das Zeug im Sommer doch arg heiß gibt, so mußten sie entweder sehr schwitzen oder sie gingen um diese Jahreszeit eben fast nur so um, wie Selinur den Menschen erschaffen hat. Doch ohne Putz müssen sie nicht gewesen sein, denn von jenem Rötel, womit sich jetzt nur noch wenige alte Leute das Gesicht malen –« (Gelächter – man hört leiser, dann lauter den Namen Urhixidur nennen – Angus blickt finster) – »von jenem Rötel hat man auch dort gar viele Stückchen entdeckt. Und das läßt schließen, daß es an allerlei anderm Schmuck, wie Federn auf dem Kopf, buntem Pelzbesatz an Kleidern und Mützen nicht werde gefehlt haben. Nähen und ein bißchen Steppen und Sticken konnte man schon, aber man sieht aus den Stichen, daß die Nadeln, die wir jetzt aus Vogel- und Mausbeinchen, Fischgräten, ja aus Erz so fein herzustellen und handzuhaben wissen, noch sehr grob gewesen sein müssen. Auch Halsschnurkugeln und Wirtel aus Ton hat man gefunden, sogar mit eingeritzten, freilich sehr uranfänglichen Verzierungen. Man hat keine Wagenreste entdeckt, sie werden nur grobe Schlitten zum Lastführen gebraucht haben; daß aber keine Trümmer von Pflügen vorkamen, das kann nicht beweisen, daß jene unsre Ahnen kein Getreide bauten, kein Brot aßen, das wißt ihr, denn auch bei euch hat man ja die groben Pumpernickel gefunden, wie dort. Und endlich führte man im alten Milun kein so armseliges Leben, daß es nicht so gut wie im alten Robanus schon Schnitzli gegeben hätte. (Heiterkeit.) »Nun aber, hochwürdige, hochachtbare und achtbare Zuhörer, ist das eigentlich kein so gar besonderer, sondern ein ganz einfacher Fall, und hättet ihr keines auswärtigen Gelehrten bedurft, ihn euch zu erklären, wenn sonst nichts dabei wäre. Ich kann euch weiter nichts Neues sagen, als daß wir in Turik durch unsre vergleichenden Knochenmessungen herausgebracht haben, die Haustiere: Rind, Ziege, Schwein, Hund, müssen dazumal dieselben gewesen sein wie jetzt. Es haben eben vor uns Menschen mit allerhand Getier zusammengelebt wie wir auch, Menschen, die aber nicht so weit waren wie wir; daran ist ja nichts Wunderbares. Wie lang es her ist, wer weiß es? So eine Seeschlammschichte von drei, vier und mehr Fuß Dicke, die braucht schrecklich lange, bis sie fertig ist. Viel Hunderte von Jahren kann's her sein, daß das alte Pfahldorf tief unter dem jetzigen über dem damaligen Seespiegel stand. Es muß verbrannt sein, vielleicht durch Zufall, vielleicht durch Feindeshand. Still flutete dann der See darüber und ungezählte Zeitläufe lang schien die flammende Sonne und der sanfte Mond auf seine Wasser, und still war alles und stumm und öde, während in der Tiefe langsam, langsam eine dünne Lage Schlammes um die andre sich ansetzte und tiefer und tiefer die Zeugen eines untergegangenen Lebens begrub. Da kamen einmal Leute, die suchten sich – wir wissen nicht warum: vielleicht war denen auch irgendwo ihr Pfahldorf abgebrannt – suchten sich einen stillen, guten, fischreichen Platz zum Wohnen, und wählten die Stelle von Milun und wußten nicht, was da unten begraben sei, und schlugen Pfähle und vermehrten Jahr um Jahr ihre Familien und Häuser, und gaben sich Mühe, ihre Geräte, Waffen, Kleider immer besser und feiner, ihre Speisen immer schmackhafter zu bereiten, und lernten auch von Mannen aus andern Städten und Dörfern, mit denen sie im Verkehr waren, und so ist es hier in Robanus auch gegangen und in Turik selbst wohl auch und anderwärts auch, und so sind wir nun miteinander auf der Höhe der Bildung angekommen, auf der wir stehen. »Nun aber hier kommt der Punkt. Die Sache ist eben nicht wichtig, aber das ist wichtig, was sie zu denken gibt, und hievon zu reden ist nun freilich der Mühe wert und will ich's versuchen, so gut ich kann. »Auf der Höhe der Bildung habe ich gesagt. Ja, wir glauben, darauf zu stehen, ihr glaubt's auch, nicht wahr? So recht auf der Spitze, dem Giebel, Gipfel, Wipfel der Bildung, und lächelt über die Geschlechter, deren arme Ueberbleibsel wir nun zu Gesicht bekommen haben? »Seid versichert: genau dasselbe glaubten jene Geschlechter auch und sie standen auch auf dem Gipfel, denn die Höhe, worauf sie standen, war für sie Gipfel. (Stimmen: ›Oho!‹) »Ihr stutzt. Jetzt wartet, jetzt wollen wir einmal vorwärtsschauen! Vor kurzer Zeit haben wir unsre Webstühle ungleich kunstreicher als früher gebildet, wir weben die schönen gemusterten Stoffe. Feiner schleifen wir den Flintstein für unsre Aexte, Speer und Pfeilspitzen. Noch viel Wichtigeres hat sich ereignet. Wir haben durch Austausch und Verkehr mit den Seen der Nachbarstämme vor kurzem den neuen Stoff, das Erz, kennen gelernt, von dem ihr seit gestern erst wißt, da Odgals Vetter Sachen davon hergebracht hat. Es wird nicht mehr lang anstehen, so wird man alles Geräte, Schmuck, Waffen daraus bilden. Ein andres, ganz absonderliches Ding hat euch wohl der Gast auch schon gezeigt: die kleinen Erzstückchen, die künftig im Handel und Wandel für Tauschware gelten sollen. (Lachen rechts und im Zentrum, Stimmen: ›Lumpenzeug! Windige Bröcklein!‹) »Man lacht; aber ich bitte: möchtet ihr nicht die Güte haben, darüber nachzudenken, welche Umständlichkeiten euch dadurch erspart werden? Stier, Ochs, Kuh, Kalb dahertreiben, um so und so viel Getreide, gegerbte Häute, Waffen dafür zu bekommen; geht's nicht kürzer und leichter mit Stückchen Erz, deren einer leicht ein paar Hundert im Rucksack trägt? (Stimmen: ›Tür und Tor für Betrug! Werden leicht nachzumachen sein!‹) Ei, habt ihr nicht gesehen, daß man den Stückchen sehr künstliche Stempel gibt, die nicht leicht jemand nachmacht? Und noch dient zu wissen: die fremden Männer haben geheimnisvoll herumgeflüstert, daß sie noch ganz andre Wunderdinge bald bringen werden: Tauschstücke aus einem weiß und aus einem hochgelb glänzenden Körper, der aus den Tiefen der Erde gegraben wird, aber so selten, daß ein Stückchen davon in Form gebracht wirklich ganz wohl so viel Wert hat, als ein Hammel, eine Kuh, die man dagegen eintauscht. – Nun, ich sehe wohl, daß euch das Ding noch zu fremd ist, überlassen wir's der Zukunft, aber noch etwas andres laßt mich erwähnen. Denkt! schon haben die wandernden Männer von jenseits der Alpen, die uns das Erz gebracht und gezeigt haben, wie man es aus Kupfer und Zinn bereitet, uns erzählt, man sei auf einen andern noch besseren Stoff gekommen, der sich fertig in den Bergen finde, nur mit allerhand Erde vermischt, so daß er durch Feuer aus diesen Zusätzen herausgeschieden werden müsse; der gebe, wenn man ihn tüchtig schmiede, Waffen und Geräte, die noch weniger leicht brechen, als die von Erz, er sei zäher und lasse sich doch aufs Aeußerste härten. Er sehe nicht so schön gelb aus, nur schlicht grau, blinke aber doch, wenn er geglättet sei, in einem Glanze, daß man ihm seine Tugend wohl ansehe. Sein Name sei Eisen. Bereits haben auch die fremden Händler Sachen aus diesem Stoffe an den See Leman gebracht, deren einige zu uns herübergelangt sind. Ich hab' etwas hier.« Er winkte seinem Freunde Kullur und dieser ließ ihm einen bereitgehaltenen Korb reichen. »Was meint ihr, daß das sei?« rief er, indem er einen Gegenstand herauszog und emporhielt, dessen Gestalt den Zuhörern ein reines Rätsel war. Er trat an die nächste Eiche, stemmte ein Brettchen, das er aus dem Korbe nahm, gegen ihren Stamm, fing an zu bohren, griff dann einen Nagel und eisernen Hammer heraus, nagelte das durchbohrte Brett an den Baum und sprach, indem er das erstere Werkzeug wieder vorzeigend in die Höhe hielt: »Seht, meine lieben Pfahlemannen, das nennt man einen Bohrer; das ließe sich von Erz nicht so gut herstellen, es bräche zu leicht; das übrige, Nagel und Hammer, kennt ihr, ihr habt es bis jetzt von Holz und Horn gehabt, aber das da – was meint ihr? – das battet doch anders! Denkt nun, was man alles wird machen, was alles aneinander befestigen können, nachdem man diese Sachen hat! Mir ist unter anderm der Gedanke gekommen, um wieviel haltbarer man die Wägen machen könnte, wenn man auf die Stirnseite der Räder, mit der sie am Boden laufen, ein Beschläg von derselben Masse, einen Reif nagelte; mit einem solchen Gestell könnte man doch wohl sicherer fahren, als mit unsern Rumpelkarren auf den wackligen, zusammengeflickten Rädern! Und also wieviel schneller! Da wird's gehen! Das wird hinsausen! Und so in tausend Dingen! Denkt euch nur zum Beispiel das Sägen! Stellt euch vor: Sägen von diesem hartzähen Stoff, richtig und scharf gezahnt! Braucht nicht jetzt ein Mann drei Wochen, bis er aus einem Stamm sechs Bretter gespalten hat? Das werden Leute sein, die das alles erfinden, was sich aus dem Zeug noch machen läßt! In den Köpfen wird's aussehen! Und wenn's weiter und immer weiter getrieben wird, wenn's am Ende gar blitzschnell geht –« Er stockte und seine Augen starrten aufgerissen, glänzend ins Weite. Dann lächelte er, er schien sich durch einen Spaß aus der Wirrnis vorschwebender und doch unvollziehbarer Bilder befreien zu wollen. »Zeit,« fuhr er fort, »Zeit – Zeit – o, das wird ein Geschlecht sein, da wird man meinen, noch Zeit herausbekommen zu müssen, wenn man von Robanus nach Turik fährt! – Ueberhaupt: Zeit! – Was ist Zeit? (Stimme: ›Zeit ist eben Zeit!‹) – Nein! mir scheint: Zeit ist eigentlich – doch halt, daran kommen wir nachher noch einmal. Jetzt denkt euch erst, versetzt euch in die unglaublich schnellen, hand- und gedankenschnellen Menschen, die es dann geben wird, an all die kunstreichen Sachen, die sie hervorbringen, treiben, haben werden, und fragt euch: wie müssen wir denen vorkommen, wenn unsre Städte und Dörfer einmal drunten im Seeschlamm liegen und sie ausgraben, was von unsern Sachen noch erhalten sein wird, und sinnen und grübeln und ungefähr herausbringen, wie es bei uns ausgesehen haben mag?« Er schwieg. Es wurde eine lange Stille. Die Zuhörer sahen etwas verblüfft vor sich nieder. »Grämt euch nicht viel darum! Braucht euch nicht zu schämen! Die Leute, die uns herausscharren: wir, unsre Geister werden sie nicht allzu gelb und grün beneiden! Ueberklug werden sie sein, diese späten Enkel, hastig, unruhig, fahrig, immer eilig, immer gedrängt. Wie gemütlich ist unser Abschiedsgruß, wenn einer geht: Lassen's Zeit! Wie schrecklich ist das Pressieren, das Pressiertsein! So ein Mensch wird nichts mehr geruhig betrachten, bei nichts mehr mit stillem Sinnen verweilen! Sein Leben wird ein Jagen sein! Er wird raffen und raffen, um zu genießen! Was für Köche, was für Zuckerbäcker wird's dann geben! Und es wird den Menschen dann erst nichts recht schmecken, weil sie ja doch immer aufs Folgende spannen Sie werden endlich nicht mehr raffen, um zu genießen, sondern um zu raffen! Es wird keine Gegenwart mehr für sie geben! Und wenn sie sich vormachen, sie haben eine Freud' am Mädel, so werden sie sich nur anlügen, denn auch da wird ihnen nichts genug sein! Und Schneider wird's geben! Denkt euch: die Kleider! die Klunker! das Geflunker! O, die Kerle werden kleine Türme auf den Kopf setzen, und wenn ihnen der runde Turm nicht mehr gefällt, viereckige Schubladen! Die Weiber werden sich Haarhörner in die Höhe aufstapeln, wie drüben der Tödi, der Titlis und der Glärnisch mit Vrenelis Gärtli. Und werden noch ganze getrocknete Vögel drauf setzen und Fuchsschwänze, Schinken und Hasenschlegel! Röcke werden sie tragen, bald weit wie das runde Haus unsrer vornehmen Herren, bald so eng, daß sie gehen wie in Knieschellen, und am Ende gar noch ein Gebausch und Gerausch auf den Hintern nesteln wie einen rasend gewordenen Hahnenschwanz, denn die Scham wird zum Grippo sein! (Stimmen: ›O! O! Pfui!‹ Gelächter.) Aber halt! halt! Nun seht noch einmal, noch weiter vorwärts, und fragt euch, wenn dann diese Menschengeschlechter auch hinunter sein werden und noch viel Spätere graben ihre Trümmer aus (– wer weiß: vielleicht nicht mehr auf den Seen, denn es werden sich ja die Lebwesenscharen so vermehren, daß da kein Platz mehr ist, und übrigens – übrigens – nein, lassen wir das!) – graben also die Künftigen ihre Trümmer aus und buchstabieren sich daraus zusammen, wie's wohl ausgesehen haben möge dazumal in der Menschenwelt: wie blind und dumm muß dann die versunkene Zeit derjenigen erscheinen, welche sie ans Tageslicht zieht! Und zwar doppelt und dreifach, denn man kann sich doch wohl denken, daß diese ganz Späten wieder ernsthafter geworden sind und gern gründlich nachdenken. Wie und was alles werden diese Menschen denken! Wer weiß, ob nicht tausend Dinge geradezu umgekehrt, wie wir sie uns vorstellen! Wer weiß, was bis dahin alles erfunden ist, daß die Menschen leichter voneinander lernen und mehr von der Ferne erfahren! O, ich hab' da schon öfters einen gar sonderbaren Einfall gehabt. Da droben, die großen Lichter am Himmel: sie müssen arg weit von uns weg sein, und da die entfernten Dinge kleiner scheinen als sie sind, wie groß mögen sie sein! Und, ja – wie? Sind sie nicht vielleicht eigentlich etwas Dichtes, das durch die große Macht und Kunst der Gottheit ohne Stützen so im Freien schwebt? Und was meint ihr, wär's am End' nicht gar auch möglich, daß auf diesen großen, beleuchteten Kuchen auch eine Art Leute lebten? Und gar auch noch, da die Leute hier auf unserm Kuchen gar so viel Mittel erfunden haben werden, voneinander und von der Ferne zu erfahren und zu wissen, – was meint ihr, wär's nicht gedenkbar, daß die hier und die dort – was weiß ich, wie und auf welchen Wegen! – auch von einander erführen und in eine Art Gemeinschaft miteinander träten! (Stimmen: ›Verrückt! Er ist ein Narr!‹) Nicht verrückter, meine Lieben, als denen, deren Zeug ihr kürzlich ausgegraben, derjenige erschienen wäre, der ihnen gesagt hätte, was wir jetzt alles können! – Seht, meine teuren Mitheiden, und so geht's nun fort und fort und immer fort. Die Zeit und die Leute bleiben nie stehen und immer die folgenden haben die Augen weiter offen und kommen ihnen die Vergangenen vor wie junge Katzen, die noch nicht sehen. Und so haben wir immer neue Gipfel der Bildung, und weil es immer neue gibt, so gibt es keinen. Dazu hab' ich aber noch etwas zu sagen. Es ist gar wohl möglich, daß vor vielen tausend Jahren da oder dort Geschlechter gelebt haben, die in allen Künsten schon so weit waren, als man von jetzt an in vielen tausend Jahren sein wird, und daß all ihr Reichtum und ihre Pracht und feinen Werke dann in Wildnis versunken sind, und daß über dem Schutt die Menschen wieder haben vorn anfangen müssen. Wär' es so gegangen, so hätten wir also einen Weg, auf dem die Wesen ziehen und wandern, der ginge nicht immer bergauf, sondern auch bergab und bergauf. Aber hin wie her, es ist eben ein Weg, eine Bahn, eine Bewegung! »Und jetzt laßt mich auf die Zeit zurückkommen und noch einmal fragen: was ist die Zeit? Die Zeit geht weiter. Sie läuft immer, immer fort. Wir haben das Wort Zeit erfunden dafür, daß alles immer wechselt. Wenn alles immer wechselt, ist sich im Wechseln alles gleich. Ist also eigentlich nur eines, das immer wechselt. (Gähnen. Eine Stimme: ›Er wird langweilig.‹ Eine andre: ›Sehr unverständlich.‹) Ja, ja! habt recht! Es ist mir eigentlich ebenfalls langweilig. (Er gähnt.) Die Zeit ist eben langweilig. Darum sollte man in der Zeit aus der Zeit hinaus! Ich will mich verbessern. Es findet da etwas Eigenes statt, was mir natürlich eben auch sehr unverständlich ist. Denkt euch einen Zapfen, woran eine Schnur mit einem Steingewicht hängt. Treibt die Schnur, daß sie auf und ab schwingt, endlich in ganzem Kreise. Denkt euch nun, sie brauche nicht getrieben zu werden, sondern schwinge von selbst immer fort. Das ist die Zeit oder sind die Dinge, deren steter Wechsel Zeit heißt. Auf und nieder, nieder und auf, links rechts, rechts links, hinum, herum, so heißt's fort und fort in Ewigkeit. Oder halt! Ich weiß ein deutlicheres Beispiel. Ihr habt doch schon euch selbst oder einer dem andern einen Finger ans Geäder dort am Handknöchel gelegt? Ihr wißt, da pickt, da schlägt etwas. (Bejahende Gebärden.) Wir sind nicht so dickfest, als wir meinen, nicht Fleisch und Bein durch und durch, es läuft etwas Flüssiges in uns um, das uns jeden Augenblick erst webt, flicht, strickt. Es ist sonderbar, man sollte nicht glauben, wenn man so einen Handdruck bekommt, wie ich gestern vom Gwalchmai, daß ich meinte, meine Hand sei zwischen zwei Balken gequetscht. (Gelächter. Stimmen: ›Ja, der kann's.‹) Nun gut, wieder zur Sache! Nun haben unsre Naturgelehrten in Turik herausgebracht, daß dies das Blut sein muß, welches in immer gleich wiederkehrenden Stößen vom Herzen aus, das da liegt (er legte die Hand unter die linke Brust), nach den Adern gepumpt wird. Das ist nun eine viel künstlichere Sache, als die Schnur und der Zapfen, aber wir haben beidemal etwas, was sich bewegt, und etwas, von dem die Bewegung abhängt oder ausgeht. Gut. Nun wollen wir das Gleichnis anwenden und sagen: die Schnur mit dem Gewicht und das Blut in der Schlagader, das sind die Dinge der Welt und vorzüglich die Menschen. Es paßt und paßt auch nicht. Die Wesen der Welt, die da leben und empfinden, sind doch keine bloße Schnur mit Gewicht, keine bloße Blutwelle, darum paßt das Gleichnis nicht. Aber sie hängen ab wie die Schnur vom Zapfen und die Blutwelle vom Herzen, darum paßt es. Sie hängen ab, weil sie sich das Leben ja nicht selbst geben und dem Tode nicht entrinnen, sie hängen ab von etwas, das mitten in der Bewegung, also in der Zeit fest bleibt, das zeitlos ist. Ihr seht, ich mühe mich ab, ein Bild zu finden. Unsre Urahnen haben sich auch drum abgemüht. Da schaut hinüber! (Er wandte sich und zeigte nach dem Menhir.) Da steht der Wagstein, ihr habt gestern wieder gesehen, wie er schwankt und sich dreht! Und so oft ein Sturm geht, seht ihr ihn schwanken, und kommt ein Wirbelwind, so bewegt er sich im Kreise. Und nie fällt er, immer kehrt er in seine sichere Ruhe zurück. Ihr wißt, in Turik stehen deren zwölf, und Männer, die weither gekommen vom fernen Lande, haben erzählt, sie haben die Menhir stehen sehen zu hunderten und aberhunderten in langen, mehrfachen Reihen. Was muß das eine Arbeit gewesen sein, auch nur einen herzuschleppen und aufzustellen, als die Werkzeuge noch so arm waren, wie die Fünde im Seegrund erweisen! Und warum, wofür hat man sich so viel Mühe gegeben? Was haben denn jene Alten in grauer Vorzeit sich selbst und der Mitwelt und der Nachwelt sagen wollen, als sie so in ihrem dunkeln, ahnenden Wesen diese ungeheuern Blöcke heranwälzten und sie mit unendlichem Sinnen und Schweiß in einen rund gehöhlten Sattel oder überdies auf eine Steinkugel in diesem Sattel so stellten, daß sie schwanken und kreisen und nicht stürzen? Nun, ich denke, das haben sie sagen wollen: die Welt schwanke, schwebe, kreise und es bleibe doch sicher und unentrückt in sich der Mittelpunkt, der sie trägt, das Ewig eine, das sie zusammenhält. Gewiß hätten sie's gern besser gezeigt und ein Gebild erfunden, das immer, jeden Augenblick sich bewegt, um sich selbst kreist, denn das tut ja die Welt. aber sie haben es eben gemacht, so gut sie konnten. Und predigen wollten sie damit: merk dir's, o Mensch! Du bist ein Körnchen im Wagstein der Welt, du bist nichts ohne den Mittelpunkt, halt an ihm, denn er allein trägt dich, in ihm allein ist Ruhe, Grund und Halt! Wolle nicht etwas sein ohne ihn, lösest du dich ab, so verweht dich der Wind! »Was folgt? Nun, es ist ja schon gesagt! Die feinsten unter den Körnchen im Gestein des kreisenden Felsblocks, im Gewichte, das am Zapfen schwebt, die zartesten Kügelchen in der Blutwelle, die das Weltherz treibt, die vorzüglichsten unter den Lebwesen, sie, die eine Seele haben und ihrer selbst inne werden, sollte denn nicht ihr Sinn dahin gehen, daß sie sich versenken in das, was zeitlos ist und sich selbst gleich und außer dem sie nichts sind und ohne das sie versiegen, verwehen, hineinfallen in den Rachen der alles verschlingenden Zeit? Aber wie wenige tun es! Wie treiben es denn die meisten? Sie hasten und hetzen dem vermeintlichen Gipfel zu, der doch keiner ist, weil viele Gipfel heißt: kein Gipfel, und vergessen das eine, an oder aus dem sie schwingen, und das doch immer eins und dasselbe bleibt. Es sollen ja freilich wohl immer neue Gipfel sein, mit andern Worten: der Mensch soll immer heller und gescheiter werden. Aber man kann hell und gescheit werden auf zweierlei Art. Man kann sinnen und sinnen, entdecken und entdecken, Neues auf Neues erfinden, alles nur, um immer bequemer zu leben, mehr und feinere Lust zu haben. Das führt zu den Gipfeln, die doch immer wieder nur Niederungen sind. Die andre Art aber, die ist ein Sinnen, das geht nach dem Wesen der Dinge und tiefer und tiefer nach dem einen in allem, das nicht größer, nicht kleiner, nicht höher, nicht niedriger wird, sondern immer gleich es selbst ist. Und obwohl man es nie ganz erforscht, ihm nie ganz auf den Grund sieht, so kühlt doch dies Sinnen und Forschen die Seele gar heilsam aus, nimmt ihr die falsche Hitze und durchwärmt sie dafür mit der Liebe zu dem einen, und sie fängt an, auf das, was da wechselt in der Zeit, herabzusehen wie von einem hohen Berg. Oder mit andern Worten, da wird man selbst ein Menhir. Ich glaube, daß in allen Zeiten Männer, die sich also begründet haben, dastehen wie die gewaltigen Wagsteine zwischen den kleinen Menschlein, die sich an ihrem Fuß herumtreiben, und daher wohl haben unsre Urahnen da und dort der beweglichen und doch unentwegten Wagsäulen so viele gesetzt, weil sie wünschten und hofften, daß es viele solche Männer gebe. »Laßt mich auch ein Wörtlein vom Glück reden. Glück, denk' ich, ist nur, wenn man also feststeht und auf diese Weise hell und gescheit wird. Es ist ja nur aus Blindheit und Gleichgewichtsmangel und Lossprung vom Mittelpunkt, daß die Menschen Toren werden und wilde Narren, und lügen, betrügen, stehlen, ehebrechen, rauben und morden, im Rausch, im Taumel leben, nach Glück haschen und das Elend erhaschen. »Gute, brave Stein-, Bein-, Horn- und Holzgemüter! Wackere Seeseelen! Nehmt mir nicht übel, ihr solltet ein bißchen weniger steinern, beinern, holzig und hornig sein! Der See macht noch nicht selig! Ihr solltet ein bißchen mehr bohren, ich meine mit dem Bohrer, der da hoben ist. (Er deutete mit dem Bohrer, den er immer noch in der Hand hielt, nach der Stirn.) Ihr wollt zu wenig harte Brettchen bohren! »Ich bitt' euch, wozu ist man denn eigentlich? Wozu braucht es denn eigentlich die Seinerei, die Existiererei? Als, damit Wesen seien, welche das Wesen wissen? Das Wesen wissen heißt denn auch das Rechte wissen und tun. Es tut niemand gut, der nicht nachdenkt; recht tun heißt, gemäß der Wahrheit handeln, nachdem man sie durch ordentliches Denken herausgebracht. Wer nicht nachdenkt, kommt herunter. Man findet aber die Wahrheit nicht im Schlaf, da muß man arg geschüttelt werden. Aller guten Dinge sind drei. Drei gute Dinge sind: strenge Erziehung, heilsame Stöße des Schicksals und Durst nach Wahrheit. Man darf wohl fröhlich sein; drei Dinge sind schön: ein wohlgetaner Mann, ein wohlgetan, hold Weib und der blaue lichte Himmel. Drei Dinge sind schöner: Gesang, edle Sitten und gutes Gespräch. Drei Dinge sind die schönsten: Erkenntnis, Tätigkeit und selbstlose Liebe. Drei Dinge sind klein: ein Floh, ein Zwerg und ein Mensch, der nicht sterben will den Tod des Ich. Drei Dinge sind häßlich: eine Kröte, die dumpfe Lust und die Angst vor dem Geistlicht. »Und jetzt laßt mich ein Wörtlein sagen vom häßlichen Knirps Gwyon und von der Fee Coridwen.« (Gelächter. Man hört Summen von mehreren Stimmen: – Gwyon, dieser kleine Tropf – dieses Zwergelein – Häsulein – Hündin schnell – im Nu ein Fisch – Ottertier – Finkenfalk – Weizenkorn – wird eine Henn', Coridwen, Coridwen –.) »Weiß schon, daß ihr's gern singt, ihr Kindsköpfe! Ein Kindermärchen ist euch die heilige Ueberlieferung geworden; was sie will, habt ihr rein vergessen und den Schluß des alten Liedes laßt ihr weg, oder wenn ihr ihn einmal singt, singt ihr ihn falsch, denn wo es heißt, daß Coridwen gebiert die Strahlenstirn, Taliesin, da singt ihr: verflucht, wer nicht an Taliesin glaubt! Selig, heißt es, selig, wer ihn versteht und glaubt! »Wer ist denn der kleine Tropf, der häßliche Knirps Gwyon? Der Erdenmensch ist er. Was hat er verschmeckt, als er aus dem Zaubertopf naschte? Den Geist, denn im Topf war ein Brei aus Kräutern, die da geben das Schauen, das Durchschauen. Was ist das für eine Jagd und Hatz, die dann angeht, da ihn Coridwen verfolgt im Hasen als Hündin, im Fisch als Otter, im Finken als Falk, im Weizenkorn als Henne? Nun, was wird's besagen? Den Geist kriegt man nicht umsonst, der läßt sich nicht nur so schlecken, da muß man gejagt, geängstet, gebeutelt, getrillt, geworfelt werden, da muß man sich durch alle Formen durchwürgen, hat sich ja vor der ersten Geburt schon durchwürgen müssen als Has, Fisch und Fink, da muß man die Todesangst der Kreatur nicht viermal, nein viermillionenmal schmecken, da muß man endlich gar verschluckt werden und, wie das Samenkorn abstirbt im Erdschoß, um Aehre zu werden, absterben dem ersten, frischen, lustigen, bunten Leben, um aufzustehen als Taliesin, als Strahlenstirn, als Geistmensch und so im Leben das zweite Leben zu leben. Wer wird denn die Fee Coridwen eigentlich sein? Die Erdmutter ist sie, die aber gescheiter ist als ihre Kinder, die da weiß, wo es hinaus will und soll mit dem Erdwesen, welche sie darum mit Plagen und Jagen durch und durch schüttelt und dann gar verzehrt und neu gebiert als Lichtwesen in der strahlenden Schönheit der Geistgestalt. Strahlenstirn hat ja freilich wohl gestiftet den Druidenorden, das ist ihm aber nicht eingefallen, daß er irgend jemand zu blindem Ansehen verhelfe, sondern er hat ihn gestiftet, daß er euch zur Vernunft befreie, indem er euch die wahre Bedeutung des Ackerbaues zu bedenken anhält. Da ist nämlich noch etwas hinter dem Weizenkorn. Taliesin hat auch den Ackerbau erfunden und eingeführt und damit hat er Gesetz und Ordnung gegründet. Denn ihr seht doch ein, daß ihr noch Wilde wäret, wenn ihr keine Aecker hättet, darauf ihr Getreide pflanzt. Ehe der Mann seinen Acker hatte, konnte er nichts recht sein eigen nennen und war ein ewiges Prügeln und Morden um die Früchte des Baumes und die Beute der Jagd; wie aber die Menschen anfingen, den Boden zu bauen, ein Stück Feld zu umgrenzen, da fing das Eigentum an und mußte Gesetz und Recht geschaffen werden, es zu schützen. Nun aber seht, wie das wieder zusammentrifft mit dem, was ich vorher gesagt vom Ersterben und Neuerstehen. Denn erst seit es auf Grund des Eigentums Gesetz und Ordnung gibt, hat es auch andre feinere Dinge können geben, als da sind die Runen und die edle Dicht- und Tonkunst und das Nachdenken und Lehren über das Wesen der Dinge. Wie das Weizenkorn aus dem Boden vorsproßt und als Aehre in Luft und Licht hinaufsteigt, so ist aus dem Ackerbau emporgekeimt all die gute Erfindung und Anstalt, dem Menschen aufzuhelfen, daß er als Gwyon ersterbe und aufstehe als Strahlenstirn. Das alles hat Taliesin gestiftet und mit dem allem will er euch gescheit und gut machen. Er meint's wohl und freundlich und hat niemand mit Fluch bedroht, als die, welche sich selbst verfluchen, weil sie Holzköpfe und steinhart und horndumm bleiben wollen; und wahnsinnig, ja schändlich und scheußlich ist es, zu glauben, er halte die Menschen an, den schrecklichen Gott der Kriegswut und Pfnüsselverstörung zu ehren mit Menschenopfern, und nun sagt einmal, ihr Pfahlmannen, ihr Pfählmannen, die ihr Ketzer und Kriegsgefangene pfählt, kreuzigt, metzget, lebendig verbrennt, wo steht ihr, auf welcher Höhe befindet ihr euch, daß ihr glaubt, herabzusehen auf die Ahnen, deren Reste ihr ausgegraben und bei denen vielleicht, wie roh sie auch waren, doch die grause Sitte der Menschenopfer noch nicht aufgekommen war? Ist das der Gipfel, Giebel, die Zwiebel, der Spitzgipfel, Gipfelspitz und Zipfel eurer Aufklärung?« Er konnte nicht enden. Der Druide war schon an jener Stelle sehr unruhig geworden, wo der Rotstein als Gesichtsfärbemittel erwähnt wurde und das Geflüster der Zuhörer die Silben des Namens seiner guten Haushälterin an sein Ohr trug. Dann als von möglichen künftigen Hüten turmartiger Gestalt die Rede wurde, glaubte er eine Anspielung auf seine Zipfelpelzmütze, dies Hauptstück seiner Festamtstracht, entnehmen zu müssen und am unfreiwilligen Schlusse das Wortspiel mit Gipfel der Aufklärung schien ihm diesen Verdacht nur ganz zu bestätigen. Es bedurfte freilich nicht erst dieser persönlichen Stiche, die er mit Unrecht zu erleiden glaubte, sie verschärften nur die Empörung, die jeder Teil des Inhalts in ihm anfachen mußte. Immer unruhiger rückte er auf seinem Ehrenstuhl hin und her und endlich das Wort von den Menschenopfern schlug dem Faß den Boden aus, er fuhr auf, Kallar sah ihn nach der Rednerbühne herstürzen und sagte ruhig: »Ich bin eigentlich fertig und trete dem würdigen Oberhirten meinen Platz ab;« so stieg er herunter und Angus stürmte hinauf. Er nahm sich zusammen, setzte sich in Rednerpositur und stellte das linke Bein vorwärts, daß der Fuß in der Oeffnung hervorsah, die für Kullurs Harfe in der Brüstung gelassen war. Auf dem Schuh war ein Drudenfuß (Pentagramma) so zierlich, als man es mit Fischgräte oder beinerner Nadel vermag, aus den weißen Kielfasern von Gänseflugfedern eingeflickt, eine Kunstleistung Urhixidurs. Die Bauern sahen mit ehrfurchtvoller Scheu nach dem heiligen Zierat hin; er ließ ihnen Zeit dazu und begann dann mit merkbarem Willen, sich zu mäßigen: »Hochachtbarer Seanacha! Wir sind Euch edlem Gaste äußerst dankbar für die Aufklärung, die uns Eure Gelehrsamkeit über den merkwürdigen Fund hat zuteil werden lassen. Nicht minder für einen Teil der tiefsinnigen Betrachtungen, die Ihr an Eure Aufschlüsse geknüpft habt. Ohne dem hochedeln Stande der Barden das kleinste entziehen zu wollen von der Ehre, die seinem profunden Wissen gebührt, möchte ich nur rücksichtsvoll andeutend darauf hinweisen, daß das Volksgemüt aus einem andern Teil dieser Betrachtungen den scharfen, ätzenden, Schwärung zeugenden Saft des Aergernisses, des höchst bedenklichen Anreizes ziehen könnte. Es wurde sich gegönnt (Kallar lächelte über die kostbare Wendung), die Vermutung fallen zu lassen, daß künftige Menschengeschlechter nicht mehr auf den Seen wohnen würden; dies ist aber ein Hauptstück unsrer ehrwürdigen Religion. Der wertzuschätzende Vorredner hat ferner einige sehr neue Bemerkungen über die Gestirne vorgebracht; er hat dabei zwar jenes herrlichsten aller Lichter, das wir sogar höher als die brennende Sonne verehren, – er hat jenes Lichtes nicht gedacht, worin selbst das blödeste Auge die sanften und vollen Züge des Angesichts der Weltmutter Selinur erkennt; aber sollte die Folgerung zu kühn sein, daß er sie nicht ausnimmt von der – ich darf sagen: phantastischen und doch zugleich trivialen Vorstellung, daß die Himmelslichter eine Art von schwebenden Scheiben seien, auf welchen gar vielleicht menschenähnliche Wesen wohnen dürften? Da nun unsre altersheilige Sitte, auf Seen zu wohnen, und der Dienst der erhaben-sanften Selinur so unzertrennlich zusammenhängen, so erlaube ich mir die Frage: Was ergibt sich?« Er wurde rot und röter, fing an heftiger zu gestikulieren und schlug mit der Faust auf das Brüstungsbrett der Rednerbühne. »In den übrigen Lichtern verehren wir die Geisterschar der Urmutter, der ganze Himmel ist entweiht, entgöttert! Die Altäre werden stürzen! Die Vorstellungen der Menschengeschlechter wechseln, hat es geheißen; so wird ja wohl auch die Grundvorstellung wechseln, es wird eine Zeit geben, wo unser heiliger Glaube, der bestanden hat, solange die Welt besteht, nicht mehr besteht! Entsetzlich! Nichts ist mehr fest, alles wankt und schwankt! Grauenhaft, eine Zeit zu denken, wo es keine Heiden mehr gibt – Zeitlosigkeit? Ewigkeit? – Leeres Wortgetändel! Sich gleich bleibendes Eines, Zapfen mit Hängegewichtschnur, pochender Herzklumpen statt Götter? – Spitzfindige, unerbauliche Menhirdeutung! Gezwungene, bodenlose Sinnklauberei aus Coridwens Zaubertopf und leichtfertige Dehnung des erhabenen Inhalts, der dem Geburtswunder Taliesins innewohnt, armer Versuch, in ihm etwas andres zu sehen, als den Gottmenschen, durch den unser heiliger Orden sein Ansehen an die Gottheit knüpft! Auch das ist höchst verdammliche Irrlehre, daß Coridwen die Erdmutter sei: denn dadurch wird sie ja an die Stelle der allwebenden Selinur gehoben. Sie ist nur eine der Feen der Weltmutter gewesen, allerdings von ihr gewürdigt, einen Strahl ihrer Schöpferkraft in sich zu tragen und dem Weizenkorn geheimnisvoll einzuverleiben. Sie ist öfters freundlich unter Menschen gewandelt; es leben noch Menschen, die durch Verwandtschaft mit dem von ihr geborenen Taliesin mit ihr selbst verwandt sind. Sie hat ihren Zaubertopf vererbt; diese Gemeinde weiß, wo er sich befand, er ist nicht mehr, Frevlerhand hat ihn zerschlagen. Alles wird zertrümmert, Menschliches vergöttert, die Gottheit gestürzt. Die alte Urnacht kehrt wieder! Leere! Unendliches Hohl! Nichts! Nichts! Ich sehe den Fürsten der Nacht, den finstern Grippo lauern – seine Augen glühen wie Feuerräder – sein Kamm steigt und brennt feuerrot – Schwefelglut haucht sein Rachen – sein Drachenschweif ringelt sich – ihm, dem Schrecklichen, und ihm, dem gottgesandten Ordenshaupte sollen die Menschenopfer versagt sein? Entsetzlich! Nein, nie, nie soll –« Er hatte stärker und stärker auf das Gesimsbrett zu schlegeln und zu trommeln angefangen, dann versucht, auf der Bühne sich heftig hin- und herzubewegen; sie war zu eng, die Leidenschaft erlaubte ihm nicht, den Bewegungsdrang zu hemmen, er vergaß in seinem Eifer die offene Stelle in der Reisigbrüstung der Rednerbühne, die ihm doch gedient hatte, seinen Drudenfuß so bewußt vorzuzeigen, – bei einem zornigen Vorstoß durchbrach sein dicker Körper die schmale Spalte des biegsamen Tannenzweiggeflechts, er fiel hinaus und purzelte zu Boden, fünf Fuß tief etwa. Die zwei Barden waren die ersten, die herbeieilten, ihn aufzuheben, rasch drang ihnen die Gemeinde nach, schnell umdrängte den unglücklichen Redner ein dichter Knäuel von Menschen, die sichtbar nicht von einem Gefühle getrieben waren, in dem Wirrwarr von Tönen konnte man Stimmen des Mitleids, frommes Seufzen, rauhes Murren und Fluchen und nur halb unterdrücktes Lachen wohl unterscheiden, die Aufregung wuchs, und es sah ganz danach aus, als müsse es hier zu einem wilden Handgemenge kommen; da erscholl plötzlich eine helle, starke Stimme von oben, von unbekannter Höhe herab: »Hört, hört! Hört mich! Mich hört!« Alles schaute empor. Auf dem Wagsteine steht eine dunkle Gestalt. Jetzt erscheint noch ein Wesen neben ihr, man hört das Bellen einer mächtigen Hundsstimme. »Schweig, Tyras!« ruft es jetzt wieder aus Menschenkehle, in diesem Augenblicke tritt der Mond aus den verfinsternden Wolken und man erkennt Arthur. Wie er den Wagstein erklommen, wer konnte es wissen, denn noch kein Mensch hatte es versucht, der Stein war hochheilig, aber wäre er es auch nicht gewesen, der hängende, doch steile Felsblock hätte als unersteiglich erscheinen müssen. Wie dem Frevler die große, schwere Dogge folgen konnte, das ließ sich nur durch die bekannte Stemmkraft der Fußmuskeln, die im starken Ansprung diesem Hundeschlag sogar ein Klettern möglich macht, zur Not erklären. Zerfurcht und bleich von der tiefen Erregung des Augenblicks und der letzten Erlebnisse erschienen Arthurs Züge noch bleicher im blassen Lichte des Mondes. Wie ein Geist stand er da oben, aber schön, hochgewachsen, schlank, mit großen, weit offenen, leuchtenden Augen. Schauer fesselte die Herzen, niemand wagte den Mann anzutasten, dessen Fuß doch so empörend die geweihte Stelle entheiligte. Stumm blickte alles nach ihm hinauf, tiefe Stille trat ein. Nun hebt er wieder an: »Zerreißt mich, zerhackt mich, siedet oder bratet mich lebendig, aber sprechen muß ich, hören müßt ihr mich, hören!« Er stockte, er schien schwer den Anfang zu finden und fuhr dann fort, zuerst im verlegenen, schüchternen, naiven Tone eines Neulings im Ordnen der Gedanken und im öffentlich Reden, doch allmählich erwarmend, die Worte wie in einem Strom rollend, den Ton zum Donner anschwellend. »Das kann schon sein, das ist schon möglich, daß die Sachen da herum um uns, Licht, Luft, Erde, Bäume, Tiere und Menschen ein Weib geschaffen hat. Es sieht schon danach aus, denn da ist schön und häßlich, gut und grausam, sanft und wild, ordentlich und wieder so unordentlich durcheinander, wie in Weibes Leben und Weibes Seele, die launisch ist und sich nicht gleich bleiben kann. Aber nachher ist ein Manngott drüber gekommen und hat's zu ordnen angefangen. Nur etwas verspätet hat er sich, weil Männer langsamer sind, und so hat er nicht mehr ganz fertig werden, hat's nicht mehr ganz richten können. Ein Manngott, ein herrlicher, ein strahlender. Wo ist er? Hauset er in der Sonne, von deren Majestät euer blasser Mondsdienst nichts weiß, nichts wissen will? Mannheit und Macht ist er, er brauset im Sturm, er ist der große Atem der Welt, aus der Donnerwolke fährt er daher. Das ist der unbekannte Gott, den eure Priester nennen und von dem sie doch nichts hören wollen!« Ein Gewitter zog inzwischen am nächtlichen Himmel auf, schwarze Wolkenberge türmten sich im Westen. Man hörte eben bei den letzten Worten das erste ferne Grollen des wirklichen Donners. Die Männer erbleichten, der Redner erschien ihnen verschworen mit der geheimnisvollen Naturmacht, und die Scheue, die sich ihrer bemächtigte, schützte ihn vor den Leidenschaften, die ihn in jedem Augenblick zu unterbrechen drohten. So fuhr er fort: »Aber nein, nein! Nicht dunkle, dumpfe Macht ist er, er ist hell, offen, ganz offen. Licht ist er, er scheinet durch alles und in alles, da ist alles durchsichtig. Er hat vielleicht auch gar kein Haus, die Sonne ist nur sein Glanz- und Prachtbild. Er ist vielleicht, obwohl Mannesart in all seinem Tun, doch eigentlich auch kein Mann, denn er ist überall. Er ist einer und auch keiner, er ist einer und auch drei. Drei Dinge ist er: das Sein, der Tod und der Geist. Er zeuget alles, wandelt alles und steigt auf aus allem. Darum ist er ein Feuergeist, denn er brütet aus, verzehret und leuchtet. Die Menschen suchen seinen Namen und verwirren sich. Es sind Männer an unsre Seen gekommen von drüben her, vom weiten Lande gegen Untergang der Sonne, sie haben sich Gaels oder Gadhelen genannt, die haben berichtet vom Glauben ihres Volkes, da werde als oberster aller Götter verehrt Esus, der Schauerliche, dessen Odem zu vernehmen im stillen, geheimnisvollen Walde, der aber webe und wehe durch das ganze Weltall, und dessen heiliges Zeichen der Kreis sei, weil er aus sich lauft und in sich zurück und keinen Anfang hat noch Ende. Aber dieser Gott ist ein dunkler Gott und ein Abgrund. Und es sind andre Männer gekommen noch weiter her von einem breiten Eiland im großen Wasser, und sie hießen sich Kymren und haben Wunderbares gesagt von einem Gott, den nannten sie Hu Gadarn, das ist Hu der Gewaltige. Sie glaubten, er sei auch die Sonne, und sprachen von ihm: Licht ist sein Weg und sein Rad, Sonnenschein sein Wagen und mit Geisterschwingen schwebet er über den Wassern, groß ist er in Land und Meeren, der größte in allen Welten. Er habe die große Flut geteilt und die Menschen den Ackerbau gelehrt, und er wolle den Frieden und nur, um ihn zu schaffen, den Krieg, Gesetz und Ordnung habe er gestiftet, den Gesang, die Künste den Menschen herabgebracht, und er sei Geber alles Guten. Als das hörten die Gaels, sprachen sie, Hu sei nicht der Gott selbst, er sei ein Gottsohn oder Göttinsohn wie Taliesin, den wir verehren wie sie, Esus habe die Welt geschaffen und sei eingeboren in den Hu und habe sie durch ihn geordnet und durchleuchtet. Dieser Hu ist ein Lichtgeist nach meinem Sinn, aber die Menschen wollen den Geist fangen im Namen und göttliche Leiber und verdunkeln ihn und tappen umher in krausem Dickicht. Arm ist die Sprache, in Banden der Sinn, ich weiß kein Wort als: der Geistgott, obwohl er nicht Mann sein kann wie ein Mensch. Er ist Gesetz, Ordnung, Klarheit. Er ist in uns, er ist die Gerechtigkeit, die Tapferkeit, die den Frieden schützt, die Güte, das Mitleid, das Wissen, die Weisheit. Er ist sie. Wo Dumpfes, wo Wildes bezwungen wird, da ist er. Er bezwingt auch die Zeit. Morgen und Abend, Tag und Nacht, Mond und Jahr sind gleich vor ihm. Da gibt es kein Vorher und Nachher. Er ist das ewig Bewegende in aller Bewegung. Wer ihn liebt, schüttelt es ab, das Alpgewicht der schrecklichen, gähnenden Zeit und tauchet auf in das Urlicht, das da zeitlos ist, wie euch der weise Barde gesagt hat. Wir sind Wellen im unendlichen Zeitmeer, wir sind nichts, wo wir uns nicht heben in den Strahl der Ewigkeit. O süßes Zittern, wenn berührt von der Weltensonne unser Scheitel blitzt! Wenn sie unser kaltes Wogenherz durchwärmt, unser Eis schmelzt! Es schmilzt, wenn wir gut sind! Es schmilzt, wenn wir lassen vom Dumpfen, vom Armseligen, von all dem, um dessenwillen es nicht der Mühe wert ist zu leben. In was lebt ihr? Im Schund um Essen und Trinken und schöne Kleider, um Rinder und Ziegen und Häute, im Zank um nichts! Wo schwebt ihr? Wo schwimmt ihr? Im blitzenden Weltmeer des Lichts? Ihr schwebt nicht, ihr klebt, im Sumpfe klebt ihr, im Schlamm zwischen Binsen und Röhricht – schleimige Schneckenseelen seid ihr! Ekeln sollte es euch an euch selbst!« – Jetzt begann und wuchs ein Murren unter den Zuhörern, aber nur heftiger schalt er fort: »Der milde Barde hat's euch sanft und leis gesagt, laut und scharf will ich es euch sagen! Da habt ihr euch einen Glauben zurechtgemacht oder zurechtmachen lassen, der ein blöder Wahn ist um und um, von wo man ihn auch mag ansehen. Ihr glaubt, daß Selinur durch den feuchten Seedunst euch die Pfnüssel ordne? Nein, ihr glaubt es erst recht nicht. Tut nicht so! Ihr wißt wohl, daß euch das schnöde Uebel nur vielhundertmal öfter und ärger heimsucht in euern feuchten Nestern! Nicht geregelt hustet und nieset ihr, sondern durcheinander kraus, wirr und wüst! Klebrige Schaltiere werdet ihr! Die Zähne frißt euch der Nebel an und im Winter habt ihr die Fußböden so kalt, daß euch die juckenden Frostbeulen an den Zehen herumhängen wie Klumpen von Waldbeeren und daß euch vor Fußfrost alles Blut zu Kopf steigt, was eben eine Hauptursache ist, daß ihr nichts Gescheites denken könnt! – Die Seele, den Geist nieset und hustet ihr euch aus dem Leibe! – Wißt es, schon ist's im Werk, daß wir andern wegziehen vom See aufs Land! Fest soll's sein unter uns, aufs Trockene wollen wir! Man wird dumm über den trüben Wassern, verschnuppt, hirnverstört, abergläubisch, fürchtet Gespenster, fürchtet den Grippo. Wozu braucht ihr ihn noch? Wozu noch den schnöden Wurm? Den gibt's ja nicht, kann's nicht geben. Ist's nicht an der Weibgottheit und an Regimentern von nickelhaften Erdgeistern, die sie in ihrem Leichtsinn walten läßt, ist's daran nicht genug, um allen Schabernack zu erklären, mit dem das Leben uns zwickt und zwackt? Brauchen die bösen Zwerggeister noch ein Oberhaupt, das am Ende mächtiger wäre als der Lichtgott, der unter eurem unbekannten Gott steckt? Aber all das dumme Zeug, ich weiß, warum ihr's euch vormacht. Ihr ahnt gar wohl, daß noch ein andrer Pfnüssel im Menschen sitzt, jener, der im Herzen drückt und kratzt und bohrt. Die Faulheit ist's und der wüste böse Wille, der nichts wissen mag von der oberen Ordnung, die der Geistgott gebaut, der Burg, wider welche die bösen Geister nicht aufkommen. Aber darüber huscht ihr hinweg und macht's euch leicht, indem ihr's zusammen bringt mit dem Uebel in Hals und Nase und euch ein flüchtig seichtes Wort vorschwätzt vom Läutern! Wohl hängt's auch zusammen, aber nicht, wie ihr euch vormacht. Arger Pfnüssel entschuldigt manche böse Zorntat, aber nicht jede, das Reich des Guten steht fest auf eignen, ewigen Säulen und hängt nicht ab von den Häuten und Drüsen im Leib, und das Böse steigt nicht in ihnen auf und läßt sich nicht weghusten. Die Schuld wegschieben, dem Grippo in die Schuhe, und das Gut- und Vernünftigwerden von der Selinur im helldunkeln Seenebel erwarten – das ist eure Eselsbrücke! Eure Sünden nicht redlich ausbüßen, sondern an den Priester hinüberhusten, der sie dann weiterhusten soll und befördern zur Vergebung, das ist euer Selinurdienst! Nicht kennen wollt ihr euch selbst, fremd wollt ihr bleiben euch selbst! Alles ertragt ihr eher, als Wohl und Weh eurer armen Seele mit euch selbst auszumachen! Weiber seid ihr, nicht Männer, darum wollt ihr nichts wissen vom Lichtgott, vom Manngott, vom mannhaften Geistgott, denn der verlangt, nicht nur um euch herumzuscheinen, sondern in euch hineinzuscheinen, zu durchleuchten den harten Stein, euer Herz, daß es licht werde, lind und gut und vernünftig und stark in aller Milde und Weichheit! Auf! auf! heraus aus dem Klebeschleim und Stankschlamm eures alten Wahns! Er ist gottlos! In euch ist keine Gottesliebe, ihr habt keinen Gottesdienst!« »Es ist genug!« rief jetzt der Druide, der von seinem Falle keinen Schaden genommen, vom Schrecken sich schnell erholt und mit großer Spannung zugehört hatte; »es ist genug! Herab mit dem Lästerer!« Das Murren in der Gemeinde hatte sich etwas gelegt, als Arthur von der nicht zu leugnenden Unregelmäßigkeit, von der ganz rhythmuslosen Häufigkeit des katarrhalischen Uebels und von der Heimsuchung mit Frostbeulen sprach. Die Wahrheit seiner Worte war zu schlagend, als daß sie nicht ein gewisses Insichgehen der Gemüter bewirkt hätte. Nun aber, da der Eiferer mit seinen unzulänglichen Sprachmitteln Anstalt machte, die sittliche Welt in ihrer Strenge aus der Vermengung mit dem physischen Uebel zu scheiden, als er zur unbequemen Zumutung der Selbsterkenntnis und inneren Umkehr überging, wurden die Leute wieder bös, zürnten sich selbst, daß sie so lange geduldig zugehört, und warfen – nach Menschenart – diesen Zorn verdoppelt auf den Urheber der inneren Unbehaglichkeit. Die erneuerten Scheltworte des heftigen Strafredners taten das Ihrige, und der Zuruf des Druiden traf daher auf eine Stimmung, die reif war, zum Handeln überzugehen. »Bogen gerichtet, Pfeil auf, legt an!« befahl der Priester. Im Nu lagen jetzt mit wenigen Ausnahmen die Männer der Gemeinde im Anschlag, alle nach dem verwegenen Jüngling zielend. Sein Hund verstand, brach in ein wütendes Bellen aus, er mußte ihn am Halsband halten, gebot ihm Stille und schrie dann mit Donnerstimme: »Halt, halt, halt sag' ich! Noch eines müßt ihr hören!« Die Männer sahen fragend den Druiden an, der sich wie ein Kriegsbefehlshaber an ihre Front gestellt hatte. »Absetzen!« kommandierte er. Es konnte nichts schaden, wenn der Verbrecher durch Weiterreden seine Schuld noch vergrößerte. »Wißt ihr denn auch, was die drei Hauptstücke des wahren Frommseins sind? Die Gemeinde mehr lieben als sich, die vielen Gemeinden mehr als die eigne, und alle Gemeinden des Volks, das eine Sprache spricht, so lieben, daß man Gut und Blut für sie zu opfern all Stund' von Herzen bereit ist. Drei sind der Sümpfe, darin man nicht leben soll: der Sumpf der Seen, der Sumpf der Schlaffheit und der Sumpf des engen Pfahlsinns, der von keinem Vaterland weiß. Wißt ihr denn von einem Vaterland?« Die guten Leute hörten das Wort wirklich zum erstenmal. Dem Druiden war es in seiner Studienzeit nicht unbekannt geblieben, aber er hatte sich wohl gehütet, solchen weltlichen Gegenstand jemals in seinem Glaubensunterricht und seiner Seelsorge vorzubringen. Die Männer stutzten, und für Arthur war dadurch eine Pause zum Weiterreden gesichert. »Nun, ich will's euch sagen. Die fremden Männer, die uns übers Gebirg her die neuen Waffen und Geräte gebracht, darunter ist mir der ein' und andre gut Freund geworden, weil ich gern von ihnen hörte und lernte und auch von ihrer Sprache mir einiges merkte, so daß ich über mehr als nur den Kram mit ihnen verkehren konnte. Die haben mir vertraut, daß das Volk, von dem sie kommen, ein gar mächtiges und reisiges Volk sei und ringsum weithin schon alle Völker bekriegt und in seine Botmäßigkeit gebracht habe, und daß es, trunken von seinen Siegen, weiter und weiter seine Hand strecken und nun gar über die Alpen herübergreifen und unser Land, das unsre Väter uns vererbt, bekriegen und bewältigen wolle vom großen Gebirg hinwärts bis zum Podamursee und weiter, viel weiter in die Gelände hinein, wo die breiten Ströme durch die langen Täler fließen, und links weithin bis an den Leman und meinen geliebten Nuburiksee, und weiter und weiter bis über das große Wasser zum Eiland, wo die Kymren wohnen. Sie werden kommen, die Unersättlichen, die da meinen, sie müssen die Welt verschlingen! Und ihr? Was sind eure Kriege gewesen bis heute? Untereinander um nichts und wieder nichts habt ihr euch zerfleischt! Eure Gefangenen gepfählt, gekreuzigt, auf jede scheußliche Art gemartert als Opfer für euer Scheusal von Grippo! Jetzt droht euch allen der Fremdling! In eure schwebenden Holzhütten wird er die Brandfackel schleudern, mit seinen Erzwaffen, seiner Ueberzahl, seiner Kriegsordnung und festem Halt seiner Scharen euch zu Tausenden in die Sümpfe eurer Seen hineinwürgen, eure Weiber und Töchter schänden und in die Knechtschaft abführen, eure Kinder wie Zicklein abschlachten! Schon seh ich im Geiste die Feuersäulen, höre den Schlachtruf der Feinde, das Aechzen und Winseln der Sterbenden, der schmachvoll Mißhandelten! Auf! auf, solange es Zeit ist! Einen festen Bund stiftet von Gemeinde zu Gemeinde, von Stamm zu Stamm! Dem unbekannten Gotte – o, bei allen Himmeln, er ist auch der Gott des Vaterlands! – ihm an seinem Altare schwört, treu zu sein dem Bunde bis auf den letzten Atemzug! Und fort mit den Steinwaffen! Meint ihr, ich sei gekommen, mit dem kleinen Plunder von Schmuck, Spielzeug, Tischmesser euch Spaß zu machen? Waffen! Waffen! Greift zum Erze! Hier seht mein gutes Schwert! Es funkelt in der Nacht, ein feurig Bild und Zeichen sei es euch! O, bei dem Bilde schwört, schwört euch zu eigen dem schwer bedrohten Vaterland! O, heilig, heilig ist das Vaterland!« Das Gewitter hatte inzwischen den Himmel mit Nacht bedeckt, wilde Blitze zuckten aus den übersatten Wolken, mit greller Helle wechselte rabenschwarzes Dunkel; soeben erscholl aus unsichtbarem Munde die mächtige, klangvolle Bruststimme des jugendlichen Redners, jetzt fuhr wieder ein Blitz über ihn hin, wie er stolz und hoch sich streckend das gezückte Schwert in der Rechten emporhielt, und wunderbar glühte die schlanke, ragende, wachsende Gestalt auf dem Schoße der Finsternis heraus, daß sie von innerem Feuer zu lodern schien. Den Druiden erschütterte nicht dies große, geisterhafte Bild, die Rede vom Vaterland war es, die ihn mehr empörte als alles andre, so daß er jetzt beschloß, den Augenblick für gekommen zu erklären. Mit durchdringender Stimme rief er: »Vaterland? Wißt ihr, wo es ist? Im Himmelszelt bei Selinur und ihren Feen! Er leugnet das himmlische Vaterland wie die Götter! Die himmlische Seligkeit dem Schützen, der ihn herunterschießt! Halt, nein, noch höhere Wonne im Himmelssaal dem, der ihn lebendig fängt! Her mit dem Lästerer, dem Götterleugner, dem Gripposohn, dem – dem –« Er drückte und preßte, das stärkstmögliche Schimpfwort zu ersinnen und hervorzustoßen, endlich entrang es sich seinen Lippen: »dem Erzketzer!« Hiemit ist die einzig wahre Ableitung unsrer Vorsatzsilbe »Erz« den Lesern, namentlich den philologischen, zur Kenntnis gebracht.   Anm. d. Verf. Wie aber sollte man den Uebeltäter lebendig fangen? Woher die Zeit nehmen, Aeste zu einer Leiter zu fügen? denn am Wagstein hinaufzuturnen getraute sich niemand. Ein Teil der Schützen beschloß so zu zielen, daß er nur verwundet herabfiele. Als der nächste der schnell sich folgenden Blitze ihnen ihre lebendige Scheibe und dem Bedrohten seine Gegner wieder zeigte, sah Arthur aufs neue die ganze Männerschar im Anschlag. Es war schon ein Bild, das Furcht einflößen konnte. Ueber dreihundert große Bogen – denn dabei war auch die waffenfähige Jugend –, die Sehnen gezogen bis zum Halse der Schützen, die Pfeile aufgelegt; zwar nur rohe Feuersteinspitzen, aber Arthur wußte gar wohl, welche Wunden sie reißen, – diese Waffen haarscharf auf ihn, den einen, gerichtet: gar manchem wäre wohl zumute geworden wie dem Verbrecher vor dem Todeshiebe. »Das Schwert her!« rief der Priester, ihm nach die nächsten Schützen; der Ruf pflanzte sich wie ein Lauffeuer schnell durch die Reihen fort; obwohl so überlegen und so aus der Ferne den einen bekämpfend, fühlten sie doch Grauen vor der Waffe und eine Art Bedürfnis, dem Verbrecher, ehe er gerichtet würde, erst seine Ehre, die Mannesehre des Waffentragens abzusprechen. »Fürchtet ihr mein Schwert, ihr Tröpfe? Ich fürchte keinen von euch, auch ohne Schwert! Ringt mit mir! Hier bin ich!« Mit diesem Rufe schleudert der Ueberkühne sein Schwert hinab und springt in einem weiten Satz ihm nach mitten unter die Männer hinein, mit ihm sein starker Hund, der wilde Tyras. Augenblicklich entsteht ein fürchterliches Raufen, Schreien, Fluchen, dazwischen das Geknurr und Gebell des wütend um sich beißenden Tiers, man schlägt, man zerrt, man sticht mit Horndolchen zu, deren Stöße glücklicherweise fehlen oder am ehernen Gürtelschild des schwer gefährdeten Jünglings abgleiten, mit überlegener Kraft hat er mehrere zu Boden geschleudert, aber lange kann der ungleiche Kampf nicht dauern; schon taumelt Arthur, da ist es dem Druiden gelungen, durch den rasenden Knäuel sich durchzuarbeiten und seine Stimme hörbar zu machen: »Die Hände, die Fäuste weg! Mir gehört er, mir, mich laßt sorgen! Die Büttel und Wächter her!« Es gelang ihm, den schon so gut als Verlorenen zu befreien, um ihn – aufzusparen. »Fesselt ihn mit Stricken!« Vergeblich sträubte sich der tollkühne Ringer noch mit seinen letzten Kräften. »Fort ins Verlies!« Er wurde abgeführt. »Erzketzer! Erzketzer!« scholl es aus Hunderten von Kehlen hinter ihm her, während die Schergen ihn über die Brücke zum Blockhaus führten, das als Gefängnis diente. Die Eifrigsten der Gemeinde begleiteten sie, Angus selbst ging mit, und ihnen nach wälzte sich der schreiende Schwarm. In schwerer Lage befanden sich jene wenigen klarer denkenden Bürger, deren wir früher einige beisammen gefunden, um die Berufung der Barden zu beantragen. Sie waren nachdenklich geworden bei Kallars Rede, Arthurs Feuerworte ergriffen sie, doch wie er heftiger und heftiger sprach, wurde es auch ihnen zu viel, sie erhoben ihre Bögen zwar nur lässig und zum Scheine, aber sie erkannten, daß ihm nicht zu helfen sei. Ratlos standen die beiden Barden. Kallar hatte voll Teilnahme sorglich oft den Kopf geschüttelt, während Arthur sprach, Kullurs Augen hatten geblitzt und sich wieder verdunkelt. Beide hatten im Gemenge vergebliche Versuche gemacht, abzuwehren, beide sahen nun kummervoll dem wilden Haufen nach, der sich hinter den Wächtern herdrängte. »Was tun?« sagte Kullur. »Laß uns nachdenken,« erwiderte Kallar, »es ist noch eine Frist; ganz rasch und auf eigne Faust kann der Druide nicht handeln.« Er faltete gedankenvoll die Stirne, plötzlich schien ihm Rat aufzutauchen, er flüsterte seinem Genossen einige Worte zu, sie eilten nach den Sitzen, die sie vor und nach ihrem Auftreten eingenommen hatten, schienen einen Gegenstand zu suchen, aufzugreifen und verschwanden dann im Dunkel. Das Schloß des Gefängnisses war ein schwerer Holzriegel, der durch einen kunstreichen Knoten aus dem stärksten Seile so befestigt wurde, daß er als unlösbar gelten konnte. Nur durch Hiebe eines scharfen Steinbeils hätte ein Unkundiger ihn entfernen können; dagegen war durch die Wächter gesorgt, denen die strengste Hut eingeschärft wurde. Die karge Kost wurde durch eine enge Dachöffnung hinabgelassen; der Büttel, der hiezu den Auftrag hatte, war auf strenge Wachsamkeit besonders in Pflicht genommen. Wo aber war denn Alpin? Er hatte sich während Kallars Rede, das eintretende Dunkel benutzend, hinweggeschlichen, hatte einen Korb voll Speise und Trank aufgenommen, den ihm Sigune an einem verabredeten Platz im Haine bereitgestellt, und war der Höhle zugegangen, den einsamen Freund besser zu laben, als ein Stück Brot, das er morgens beim Abschied ihm aus seiner Tasche gereicht, und die Beeren des Waldes es vermochten. Als er nach ängstlichem Suchen ihn nicht fand, befiel ihn zuerst die schreckliche Sorge, er möchte entdeckt, in den Wald fortgeschleppt, ermordet sein. aber eine schlimme, dunkle und dennoch bestimmte Ahnung trieb ihn zurück nach dem Festplatz; schon von weitem hörte er Arthurs gewaltige Stimme von der Höhe herschallen, stellte sich unbemerkt bei den hintersten Zuhörern auf und mußte nun, unfähig, dazwischenzutreten, Zeuge der tödlichen Gefahr sein, in die den Freund seine wilde Begeisterung tiefer und tiefer hineinriß. Als Arthur herabgesprungen, drängte er sich mit verzweifelter Gewalt in den Menschenknäuel hinein; was konnte er ausrichten mit aller Kraft seiner Arme? Nur eines: mitten im Stoßen, Zerren, Ringen, Stampfen sieht er das Erzschwert am Boden auffunkeln, da eben ein neuer Blitz über die tobende Menge hinzuckt. Man hatte es, als Arthur so plötzlich der hinabgeschleuderten Waffe nachsprang, in der Wirrnis vergessen. Ein Geist gab ihm ein, es schnell aufzunehmen, unter seinem faltigen Festrocke zu verbergen und, während man den Ueberwältigten fortführte, mit seiner Beute Sigunen zuzueilen, die bei der Glut ihres Herdes saß, einsam, tief in Gedanken. Die Kinder schliefen, Vater Odgal war draußen in der Versammlung; sie hielt Alpins Geschenk, die Halsschnur aus Bergkristallen, in der Hand und ließ sie im rötlichen Scheine spielen, und voll herzlichen Glücks redete sie mit ihr, als wäre sie ein belebtes Wesen. Alpin stürzt herein, mit wenigen Worten ist alles erzählt, »– und nun, wie helfen? wie helfen?« schließt er und wirft sich schluchzend an den Hals der Geliebten. In allem Unglück, in allem peinvollen Drange des Augenblicks, welch ein Glück, sich nun ganz eins zu wissen im glühenden Wunsche, den Jüngling, der ohne seinen Willen die beiden Herzen so düster entzweit hatte, zum andern Male zu retten! »Du bist gut, o, du bist gut!« rief unter Tränen das entzückte Mädchen und legte, als er sich unter erneuten Klagen über die Ratlosigkeit der Lage auf den Sitz am Herde niederfallen ließ, vor ihn kniend das lockige Haupt in seinen Schoß. Schweigend verweilten sie manche Minute in dieser Stellung; auf einmal stand Sigune schnell auf, nahm die Bergkristallschnur vom Herde, hielt sie Alpin vor Augen und sagte: »Wer das machen, die Kristalle schleifen, durchbohren konnte, der kann auch« – Wir ziehen vor, nicht zu verraten, was sie weiter sagte, noch was Alpin nach einigem Sinnen erwiderte; nur das Wort sei angeführt: »Ihr Weibsleute seid doch öfters gescheiter als wir.« Er nahm das Schwert, der Abschied war so kurz als zärtlich, und dann eilte er nach Haus mit den Schritten eines Mannes, der keine Zeit zu verlieren hat. Das Gewitter hatte sich verzogen, die Menge vom Festplatze sich verlaufen, alles war zur Ruhe gegangen, und der Mondschein lag still auf dem schimmernden See. In der kleinen Gemeinde – wie viele und verschiedene heftige Bewegungen wühlten bei stiller Nacht in den Gemütern der Schlaflosen und der träumenden Schläfer! Arthur war übel gebettet in seinem »Ungemach« (wie das Nibelungenlied den Kerker nennt), sein Lager war ein Haufen alten Strohs, sterbensmüde streckte er sich nieder; Wasser und ein Brotlaib war ihm verabreicht; er aß einen Brocken, nahm einen Schluck, legte sich wieder zurück, starrte eine Zeitlang zur Strohdecke des Raums hinauf, sprach dann vor sich hin: »Nicht klagen, Schicksal ist Schicksal, bleib fest, Herz!« Dann seufzte er noch: »Armer! Armer!« Das galt aber nicht ihm selbst, sondern seinem Hunde Tyras, den er im Getümmel verloren hatte. Die einförmige Musik der Schritte der Wächter, die draußen polternd auf und nieder gingen, und die grenzenlose Ermattung halfen zusammen, die verstörten Nerven zu beschwichtigen, und er sank in tiefen, festen Schlaf. Der Morgen des feierlichen Tages brach an. Auf den Vormittag war der erste Teil des Festes, das Preisschießen, angesetzt. Alpin durfte um so weniger fehlen, da auf ihn als den großen Jagdhelden des vorigen Tages aller Augen warteten. Ihm zu Ehren, zum Ruhme der Gemeinde, die einen solchen Jäger hervorgebracht, und zum Sporn für alle, ihm nachzustreben, hatte der kunstfertige Bürger Bappabuk diesmal eine Festscheibe von ungewöhnlicher Pracht hergestellt. Auf eine große Fläche, die mühsam genug aus einigen rauh gehauenen Holztafeln gefügt war, hatte er das Bild eines Wisent gemalt. Das Braun des Fells war freilich dunkler geraten, als die Naturwahrheit erlaubte; er hatte einfach ein Schwarz verwendet, das er sich aus Kohlenstaub zurechtgemacht; ein Kenner hätte den amerikanischen Bison, nicht seinen lichteren europäischen Verwandten zu sehen geglaubt. Aber mit entschiedener Sicherheit des Blicks und der Hand war nicht nur die Gestalt, sondern mehr noch die Bewegung erfaßt. Man sah das Tier in wildem Ansprung, den Kopf zum Stoße gesenkt; daß dieser von vorn, der Körper aber von der Seite genommen war, darüber durfte man billig wegsehen; man kannte und forderte Verkürzungen dortzulande so wenig wie im alten Aegypten und später in Byzanz; übrigens kam die Kühnheit daher, daß es das Absehen des Künstlers war, die Augen beide in ihrer ganzen Schrecklichkeit wiederzugeben. Mit dem rötesten Rötel, den er auftreiben konnte, hatte er die blutrünstige Bindehaut, mit der schwärzesten Mischung von Kohlenstaub und Kienruß die Augensterne aufgetragen und in dieses Schwarz je ein Stück des findbar reinsten Bergkristalls eingelassen. Mit Staunen und Grauen wurde das Meisterwerk begrüßt, als es aufgestellt war. Die Senkung des Kopfes erlaubte auch, das Zentrum der Scheibe an der Stelle anzubringen, auf welche Alpin den tödlichen Stoß geführt hatte: es war ein rundgeschnittenes Blatt von rotem Zeug, das zwischen Kopf und Nacken saß. Der erste Festpreis, von Alpin selbst gewidmet, war das kostbare große Fell des erlegten Tiers. Man säumte nach Betrachtung des Bilds und dieser ersten aller Ehrengaben nicht länger, den Ueberwinder des Ungetüms, den edlen Schenker durch eine Abordnung in seinem Hause abzuholen, auf dem Festplatz wurde er als Schützenkönig in spe von jubelnden Stimmen begrüßt. Er sollte den ersten Schuß haben, er trat zurück, den Aelteren sollte die Ehre bleiben. Endlich half kein Zögern mehr; Alpin legte an, zielte unsicher, die Nachbarn schüttelten die Köpfe, einer flüsterte: »O je, er verwackelt's!« Alpin setzte ab, zielte wieder, schnellte ab, und das Geschoß – saß in der Zottel des kurzen Schwanzes. Der Zeiger, der sich schon darauf gespannt hatte, zuerst mit närrischen Sprüngen dreimal um die Scheibe zu tanzen, dann mit seiner Kelle auf das durchschossene Zentrum zu zeigen, hierauf gegen den Schützen drei grundtiefe Bücklinge zu machen, er war, als er vorsprang, in keiner kleinen Verlegenheit; ganz verblüfft stand der arme Bursch in seiner bunten Hanswurstjacke – denn so trugen sich die Zeiger schon damals – und seiner Mütze aus Fellstücken des weißen Berghasen und einem Fuchsschweif, er konnte sich nicht zu den Spottgebärden entschließen, die bei schlechten Schüssen üblich waren, zeigte wehmütig nach dem Pfeil im Schwanzende und schlich mit trübseliger Miene hinter seine Schutzwand zurück. Alpin hatte sich zum voraus nichts Gutes versprochen; er besann sich aber schnell, sich über sein Ungeschick viel mißmutiger zu stellen, als er war, schüttelte wie in einem Anfall grimmigen Verdrusses den Köcher aus, schleuderte den Bogen von sich und rannte hinweg. Man wollte ihn zurückzerren, gab es aber bald auf, denn die Mannen wußten als richtige Schützen gar wohl, daß man's nicht verzwingen soll, wenn man nicht seinen Tag hat, und so war für Alpin gewonnen, was er brauchte: Zeit und Verborgenheit. – Billig enthalten wir uns, den Verlauf des Schützenfestes zu beschreiben; es genüge, zu berichten, daß den ersten Preis ein Schütze jener Gattung herausschoß, die wir jetzt Kommißschützen zu nennen lieben, ein Mann, der des Gewinnes wegen auf alle Schützenfeste lief und dessen handwerkmäßig sicheres Auge und Hand nie eine innere Aufwallung irrte. Den zweiten Preis, ein Trinkhorn, aus der mächtigen Stoßwaffe des seltenen Ur mit der saubersten Glättung hergestellt, gewann ein Normalhuster, welchem niemand ein Glück gönnte, das ihm so wenig anstand. Die weiteren Ehrengaben bestanden in Pfeilen, Köchern, Speeren, Aexten, auch lebendes Getier, Gänse, Hühner, ein Schwein, Kalb, Ziege standen in einer Hürde als Gewinste bereit. Der Preise waren viele, denn jung und alt schoß mit; Schützen waren alle vom siebzehnten Jahr an, und zwar pflichtmäßig. Diese Verpflichtung war ein Stück der Religion, und zwar, wie der Leser vielleicht mit uns findet, kein schlechtes. Vom nahen Haine ließ während der Schießbelustigung ein Gesang heller Knabenstimmen, begleitet von Harfentönen und geführt von einer Mannsstimme, anfangs schüchtere ungelenk und oft unterbrochen, dann melodischer und zusammenhängender sich vernehmen. Dort übte der Barde Kullur die Knaben des Dorfes zum Vorsingen seines Hymnus ein. Er war zwar, wie schon erwähnt, auf eine alte, heilige Melodie gesetzt, aber die Verbindung derselben mit einem neuen Texte wollte gelernt sein, und zudem hatte der Dichter, vornehmlich an den Schlüssen der Strophen, gewisse höchst stimmungsvolle neue Tonfiguren angefügt. Bei Festgesängen pflegte ein Knabenchor der Gemeinde vorzusingen, und diesmal war denn hiezu eine besonders gründliche Einschulung vonnöten. Dem Sänger Kullur assistierte bei diesem Geschäfte der Gelehrte Kallar, und beide wußten die Knaben mit so viel Liebe und Humor zu behandeln, daß sie höchst willig und heiter sich leiten ließen. Gleichzeitig aber hörte man von einer entfernteren Stelle des Hains mannigfache und verworrene Laute von eigentümlich sonderbarer Beschaffenheit, teils Vokal-, teils eine Instrumentalmusik, wie man sie niemals vernommen. Woher diese Töne kamen, wußte man: es war der Druide, der geheimnisvoll mit den ständigen Musikern des Dorfes und einigen jüngeren Dilettanten sich an einen entlegeneren Ort zurückgezogen hatte, um den andern Hymnus einzuüben, den er gedichtet und neu komponiert hatte, aber welche neue Tonwelt den Ohren bevorstand, das wußte man nicht, das konnte man aus den verlorenen Klängen noch lange nicht entnehmen. Das Schießen wurde sonst mit einem starken Frühstück und Trunk beschlossen, wobei das Volk der Pfahlmänner mit schönen Trinksprüchen in gemütlichem Selbstlob nicht Geringes zu leisten pflegte. Diesmal begnügte man sich mit einem kürzeren Frühtrunk, denn man wollte die Kraft der Kiefer und den Vorrat von Rednergeist auf den abendlichen Festschmaus sparen, der den Gästen zu Ehren noch viel großartiger als sonst ausfallen sollte. Man verfügte sich also, nachdem das große Trinkhorn einige Male gekreist hatte und den besten Schützen Hoch ausgebracht war, solid nach Hause und ließ sich zum Mittagimbiß gefallen, was die einzelne Küche vermochte. Was vereinigte Kräfte und ausgebildete Technik der Kochkunst zu leisten imstande waren, das gedenken wir pflichtschuldig ins Licht zu setzen, wenn wir dieser bedeutenderen Entfaltung zusehen werden. Die ersten Nachmittagsstunden brachten – nichts; sie blieben leer. Ein Teil der Mannen legte sich aufs Ohr und schnarchte, ein Teil und besonders die ledigen Bursche liebten es, wie heute noch unsre Bauern und das italienische Volk, am Sonntagnachmittag einfach den Häusern entlang sich aufzupflanzen, zu gaffen und gar nichts zu denken. Es war reiner Genuß des Seins ohne jeglichen Zusatz, vollendete Poesie der Langweile, gründliches Erschöpfen alles göttlich Schönen, was im reinen Blödsinn liegt. Da jedes Bestimmte endlicher Art ist, jedes Interesse den Geist ins Bedingte führt, so ergab sich hier dem regungslos brütenden Gemüte ein reines Weben und Wiegen im Unendlichen und Unbedingten. Nur die Jüngeren waren solcher idealen Erhebung noch nicht ganz fähig. Eine Nelke hinterm Ohr ließ merken, daß sie gern gesehen wären. Sie zogen den inneren Gassen den Korso oder Jungfernstieg vor. Wohlhabendere Dörfer sparten sich nämlich einen freien Gang an der Seeseite längs einer Reihe der äußersten Hütten aus, den nach außen ein Geländer begrenzte; ein solcher Spazierweg fehlte auch in Robanus nicht, und hier lehnten sich denn die jungen Burschen gern an die Schranken oder setzten sich darauf, gampelten mit den Beinen und guckten, und die blühenden Töchter der Gemeinde waren nicht so pfahlhaft trocken von Gemüt, daß sie mit ihrer Erscheinung unbarmherzig gegeizt und nicht ihrerseits auch geguckt hätten. Wo mochte wohl der Druide stecken in dieser schwülen, stillen Zeit nach Tages Mitte? Er war an einem Orte, wo er nach herkömmlich heiligem Brauch in der Stunde vor einer Opferhandlung zu verweilen pflegte, an einer Stätte der Schauer, die kein Fuß eines Ungeweihten je betreten durfte. In der Mitte des Eichenhains, der sich hinter dem Dolmen ausdehnte, war in Kreisform ein Graben gezogen, der vom übrigen Gehölz einen dichteren Teil absonderte, einen Hain im Haine, worin die ältesten Eichen standen und ihre knorrigen Aeste zu einem so verschlungenen Dach ineinanderschoben, daß kein Strahl der Sonne das geisterhafte Dunkel durchdringen konnte. Der allgemeine Glaube war, hier wehe der Odem der Gottheit vernehmlicher als draußen in der offenen Welt und verrate Urgeheimnis dem Ohre des Priesters; nur scheue Blicke wagte das Volk von weitem in das verbotene Heiligtum zu werfen, und eine dunkle Rede ging um, man könne die weiße Gestalt der Selinur und die greuliche Unform des Grippo erkennen, wenn es einem Mondstrahl gelinge, sich in diese Schattenwelt zu schleichen. An Festen, wo Menschenopfer fielen, trat der Druide mit einem heiligen Eimer in dies Dunkel und beschüttete die uralten Stämme mit dem Blute der Geschlachteten als dem edelsten, den Göttern besonders wohlgefälligen Safte. Es war lange her, daß die Gemeinde kein Fest gefeiert hatte, wo diese wertvollsten aller Opfer gebracht wurden; sie war im Grunde mehr frieden- und erwerb-, als kriegliebend; Jahre waren verflossen, seit sie an einem Kampfe mit Nachbarstämmen teilgenommen und ihre wenigen Gefangenen dem Grippo dargebracht hatte. Angus war damals noch auf einem Anfangsdienste, und seit er zu der hiesigen stillen Gemeinde versetzt war, hatte sich kein Kapitalverbrecher finden lassen, der an der Stelle von Kriegsgefangenen hätte bluten können. Es war teure Zeit gewesen für den Durst der Götter. »Hochwürdiger Herr,« ließ sich halblaut eine rabenartige Stimme vernehmen. Der Priester trat aus dem Schatten näher an den Graben. »Bist du's, Hixi,« sagte er, »du darfst herein, niemand sieht es jetzt.« Er schob das Brett herüber, das seinem priesterlichen Fuß als Brücke des Einfassungsgrabens diente, und führte die Alte an der Hand ins Dickicht. Sie erschrak vor einem Baumgerippe, das wirklich Grauen einflößen konnte; es war eine fast abgestorbene Eiche, deren Aeste so wild verkrümmt waren, daß sie wie im Wahnsinn umherzugreifen schienen, und an deren Stamm ein paar Risse und Astlöcher sich so zusammenfanden, daß man eine scheußliche Fratze zu sehen glaubte. Die Rinde war unten am Stamm kohlschwarz. »Das ist der Grippo,« sagte gemütlich der Druide, »das Schwarze kommt von altem Opferblut; ist lange nicht gegossen worden.« Aber kaum beruhigt fuhr Hixi aufs neue zusammen: »Dort, dort – ein Geist!« rief sie. »Und das ist Selinur,« schmunzelte der Druide, »sieh dir's an!« Es war eine Birke, die sich als Gast zwischen den Eichen befand und deren weiße Rinde ein schwacher Lichtstreifen traf, der sich durch das dichte Laubdach hereinstahl. »Nun sieh auch dorthin,« fügte er hinzu, indem er auf eine Stelle im tieferen Dunkel hinwies, wo das Scheinholz eines verwesten Eichenstumpfes schimmerte; »da ist auch Strahlenstirn Taliesin.« Sie sah sich jetzt beruhigt, neugierig staunend um, wie ein Kind in einer hübschen Puppenstube. Angus führte sie hierauf an einen mit starken Farnkräutern und Buschwerk bewachsenen Platz: »da such!« sagte er. Sie streifte die Stauden auseinander und fand einen großen Topf, aufs Haar gleich dem zertrümmerten Erbstück der Coridwen. Sie jubelte auf wie ein Kind, dem der Hase gelegt hat. – Es wurde verabredet, wie es einzuleiten sei, daß die Wundergabe gleich heut abend beim Fest figuriere. Aber Urhixidurs Freude war flüchtig, sie wurde auf einmal sehr traurig und begann zu weinen. »Was ist dir, Durli?« – »Ich möcht' eben weissagen lernen, ich bin ja nie dazu gekommen.« – »Noch kurze Geduld,« sprach er, »bald ist Gelegenheit: er soll hübsch zucken, und ich werde dich kunstgerecht informieren.« Sie flüsterten noch einiges, was der Leser aus den folgenden Ereignissen so klar erkennen wird, daß es für jetzt Geheimnis bleiben mag. Die Unterredung durfte nicht lange dauern, der Priester brachte die getröstete Alte zurück, bei der Fratzeneiche vorübergehend sagte sie: »Sollst bald wieder einmal begossen werden.« Angus half ihr über den Graben zurück, und sie schlich auf Umwegen bis zur Dorfbrücke. Endlich kam der Spätnachmittag und der Abend, auf den alle Welt sich freute. Wir geben vorerst in Kürze das Programm der Herrlichkeiten, die in Aussicht standen. Erstens . Das Opfer. Zum Beginn: Singung des Hymnus, vielmehr der zwei Hymnen, denn es sollte ja nach dem Dichtwerke des Barden auch das Erzeugnis des Druiden zur Aufführung gelangen. Zweitens . Ballett. Das Nähere wird uns seinerzeit der Herold, dann der Anblick selber sagen. Drittens . Großer Festschmaus mit Tafelmusik und Extrabeleuchtung. Vom Aufzug am vorletzten Abend unterscheidet sich der heutige dadurch, daß an der Spitze die Musik geht. Sie ist ungewöhnlich stark vertreten, wir haben bereits gemeldet, daß zu den Künstlern vom Fach noch manche Kräfte beigezogen waren, welche das Spiel der Töne sonst nur zum Zeitvertreib übten und welche man in der Schnelligkeit noch etwas gründlicher durchzubilden gestrebt hatte. Voraus schritten die größeren Blaswerkzeuge. Da marschiert selbstbewußt der schon berührte Geißbub, der Virtuos auf dem langen Hirtenhorn. Es war zwar nicht Sitte, der Ziegenherde den Kuhreigen vorzublasen, aber der Bursche hatte sich so begierig gezeigt, dies Instrument zu lernen, und in Alpins Unterricht so viel Eifer und Begabung entwickelt, daß man gern darüber hinwegsah, wenn er nicht nur außeramtlich seinen Uebungen sich hingab, sondern auch seine Herde eines musikalischen Genusses würdigte, der eigentlich dem ungleich vornehmeren Rinde vorbehalten war. Neben ihm stolziert ein Bläser auf dem Stierhorn; der größte Bullenstirnschmuck, den man auftreiben konnte, war zum Tonwerkzeuge so glatt als möglich verarbeitet. Der dritte Mann in dieser ersten Reihe ist ein Trompeter, wobei zu wissen, daß dies Instrument, ehe das Metall bekannt war, aus dickem Leder gebildet wurde. Es folgten drei Pfeifer, doch nicht mit gleichen Werkzeugen: der eine bläst die kurze Querpfeife, die man Schwegel nannte; der zweite das Instrument, das bei den Griechen Syrinx, bei den Pfahlbewohnern Bündelpfeife hieß: Rohrpfeifen, nach der Tonleiter zu einer Gruppe geordnet; der dritte weiß einem ungleich entwickelteren, doch immer noch ursprunghaft unschuldigen Instrument eine Welt von etwas näslichen, doch innig rührenden Tönen zu entlocken: es ist der Dudelsack. Die nächste Reihe bilden drei Krottler. Krott (der) hieß das Streichinstrument jener Völker: eine Geige mit drei bis vier Saiten. Kräftig führten die heiteren Künstler ihre derben Fiedelbögen auf und nieder und ließen dem gezogenen Anstrich scharf gerupfte Risse folgen, die so recht mächtig an das Ohr der erbauten Hörer schlugen. Nicht daß diese biedere vorgeschichtliche Fiedel dem weichen Elemente verschlossen gewesen wäre, aber die Saiten waren immerhin etwas dick und die Roßhaarstränge des Bogens auch; ein schmelzendes Adagio wäre bei solcher Beschaffenheit freilich eine schwierige Aufgabe gewesen. Da man sich zudem die Töne der Pfeifen auch nicht sehr flötenhaft vorstellen darf, so fühlte allerdings auch der Pfahlbewohner, daß das zärtere Tonreich einer doppeltstarken Vertretung bedürfe. So folgten denn zwei Reihen, also sechs Mann Blättler. Ihre Kunst war es, die in schönem Bunde dem Starken und Strengen das Weiche und Milde paarte, denn wirklich, sie wußten dem zwischen den Lippen erzitternden Buchenblatt Tonwellen abzugewinnen, denen der Nerv des Gehörs in der zartesten Schwingung nachzittern mußte. Diese Töne glichen dem Summen und Surren schwärmender Bienen, aber wie arm ist diese zufriedene Musik der emsigen Tierchen gegen die melodischen Wechsel des lachenden Scherzes und sanften langen Weinens, wozu der seelische Menschenatem die grüne Pflanzenfaser bewegte! Alpin, den wir als Meister aller Blättler schon gerühmt haben, konnte sich diesmal der Mitwirkung nicht entziehen, er mußte vielmehr die führende Stimme übernehmen; es war ihm leid und lieb; wer gewußt hätte, was in ihm vorging, hätte sich leicht erklärt, warum heute sein Blättchen so besonders ergreifend, so bange und wieder so wonnevoll erbebte, wenn man es zwischen den andern Stimmen und Klängen heraushören konnte. Etwas auffallend war es, daß man in der Anordnung des Zuges dies Weiche und Milde so unmittelbar neben das Stärkste des Starken gestellt hatte, denn hinter den Blättlern kamen, mit ziemlich behindertem Schritte, die Trommler gestiegen, vielmehr zwei Trommler und ein Pauker. Die Eselshäute waren natürlich nicht über Messing, sondern über ein Rund gezogen, das von Schefflerhand aus reinlich weißen Dauben gebildet und mit rotgefärbten Reifen umspannt war. Die Pauke muß man sich nicht wie die doppelte Kesselpauke unsrer Orchester, sondern wie den gewaltigen Bau vorstellen, der bei der türkischen Musik quer wie ein Faß auf dem Bauche geschleppt und auf der einen Seite mit einem großen Schlegel, auf der andern mit einem Wedel bearbeitet wird. Eine Schar Dorfknaben, die sehr fröhlich die Musikbande begleiteten und sich ihrem Geschmacke gemäß namentlich zu den Trommlern hielten, drängte sich am dichtesten um den starken Mann, der mit derben Fäusten auf dies Ungetüm einwirkte. Sie schlichen sich ihm nahe, es gelang etwan einem der Schelmen, mit seinem Stecken auf das Paukenfell zu schlagen, er bekam einen Klaps mit dem Wedel, und das gab denn nicht wenig zu lachen. Zuletzt kam, einzeln für sich schreitend, ein Mann, der ganz ausnahmsweise diesmal eine Rolle bei der Musik übernommen hatte. Es war der Dorfrätscher, das heißt das Gemeindemitglied, welches mit jenem Instrumente, das man in einigen Gegenden Deutschlands eine Schnarre, in andern aber vermöge uralter Ueberlieferung aus der damaligen Zeit eine Ratsche nennt, zweierlei Verrichtungen vollzog. Als Ausrufer kündigte dieser nützliche Mann die öffentlichen Bekanntmachungen durch die Klapperlaute seines Werkzeuges an, wie seine Nachfolger in neuerer Zeit mit der Schelle, als Flurschütz verscheuchte er durch sein Geräusch die Vögel aus Obstpflanzungen und Aeckern. Die Rätsche war gewaltig groß, gut zwei Ellen lang; er hätte keinen Raum gehabt, sie zu drehen und zu treiben, wenn er zu dreien gegangen wäre, so beschloß er den Zug als ungerader neunzehnter Mann. Er blickte stolz, er fühlte die Ehre, diesmal durch besondere Einladung des Druiden zur Kapelle gezogen zu sein. Bei der Einübung hatte er sich sehr gelehrig erwiesen und erprobte dies schon jetzt durch richtiges und kräftiges Einfallen bei den stärkeren Stellen der uralten Marschmelodie, unter deren Klängen in gleichem Schritt und Tritt die Bande daher- und voranzog. Nicht wenig reizte es die Neugierde der Knaben, die den Zug umschwärmten, daß einige der Musiker, namentlich die Bläser, stattliche, von unbekanntem Inhalt strotzende Taschen an der Seite trugen. Diese lächelten zu den fragenden Blicken, der Geißbub tat besonders geheimnisvoll und schlug manchmal mit eigentümlichem Augenzwinkern auf sein gefülltes Umhängsel. Den Musikern schlossen sich, zunächst untätig, die Singknaben an, und hinter diesen ging in dem Festanzuge und mit dem szepterähnlichen Stabe, den wir schon kennen, der Druide, sehr feierlich wandelnd, mit scharfgeschlossenen Lippen wie ein Mann, der eines Vorsatzes voll ist. Die sechs Gemeinderäte fehlten auch heute nicht im Zuge, sie waren seine Assistenten und Zeugen bei der Opferschau. Die Ehrenstelle nach dieser Reihe nahmen die zwei Gäste, die Barden, ein; erst nach ihnen folgte diesmal der Weibel, der wieder dem Büttel und Ehegoumer voranging; ihm war jetzt das Amt zugefallen, dem Sängerbarden die große Harfe nachzutragen. Und nun erschien jenes Wesen, das schon im ersten Zuge nicht gefehlt hat: Urhixidur. Vor Jahr und Tag schon hatte der Druide seiner werten Hausmeisterin auch das Ehrenamt einer Opfertierführerin, einer Opfernorne zuzulegen gewußt; nun war es verjährt und galt wie ein Brauch, der nicht anders sein könnte. Sie führte mit der Rechten ein schneeweißes Lamm an einem Rosaband, mit der Linken an schwarzer Leine ein schwarzes Böckchen. Beide Tiere waren mit einer Art von Schabracken geschmückt in denselben Farben und mit einem Saume von gelben Tonperlen und Fransen eingefaßt. Die Züge der Greisin hatten heut etwas Entwölktes, sanft Heiteres, sie wendete sich mit weicher Beugung öfters zu den Tierchen, wenn sie nicht weiter wollten oder Sprünge machten, redete sie mit Kosenamen an und streichelte sie, namentlich das Böckchen, das, anfangs ganz munter, bald in eine Trägheit verfiel, ja so matt wurde, daß es sich zu Boden legen wollte. Die Alte konnte zwar nichts von klassischer Idylle wissen, wir aber, die wir davon wissen, können anders nicht sagen, als: sie fühlte und trug sich, ihr Alter schön vergessend, hold wie eine arkadische Schäferin. Ihr folgte, eine blutrote Schürze angetan, der heilige Metzger: der Schlächter der Opfertiere. Auf der Schulter hielt er die Steinaxt, im Gürtel steckte ein scharfer, schmaler Meißel mit Hirschhorngriff; die Klinge bestand aus einem Stein von ungewöhnlicher Farbe: grün mit graulichen Wolken durchzogen. Man fand diesen Stein nirgends im Land, eine dunkle Sage ging um, solche Opfermesser seien kein Naturerzeugnis, sondern eine Wundergabe der Götter selbst; er hieß daher heiliger Grünstein, während unsre profane Sprache ihm den Namen Nephrit gegeben hat. Der Gemeinde voraus, die diesmal, Männer und Frauen, alt und jung, am Zuge teilnahm, gingen heute die neu betuchten und durch Ritzung besiegelten Knaben und Mädchen, zu vier und vier marschierend wie die Gemeinde und fleißig, obwohl meist unnötig, ihre frischen Tüchlein in Gebrauch setzend. So wallte denn der Zug dahin. Als er über die Brücke war, fanden Alpins Blicke in einer Gruppe von Mädchen am Ufer endlich die eine, die sie suchten. Inniger und heißer hauchte er auf sein Blatt, und entzückt sah Sigune herüber. Der Zug laugte am Opferplatz an; ein Flüstern des Staunens ging durch die Reihen, je die Vorderen, am Dolmen Angelangten, deuteten, rückgewendet zu den Folgenden, auf einen Gegenstand hin, der sich auf dem Steintisch befand. Es war vielen aufgefallen, daß der heilige Metzger heute nicht wie sonst den Kübel trug, der das Opferblut aufzunehmen bestimmt war. Nun sah man auf dem Altar einen Topf stehen, zum Verwechseln ähnlich dem Coridwenhafen, dem Gegenstande scheuer Ehrfurcht nicht eben für alle, doch für die meisten in der Gemeinde. Der Priester hat, wie sich der Leser erinnert, die Zerstörung dieses geheimnisvollen Gefäßes »durch Frevlerhand« öffentlich in der Versammlung beklagt. Unter den Vorbereitungen zum Festzuge hatten sich nun verschiedene Stimmen vernehmen lassen, man werde ein Wunder vorfinden, wenn man am Steinmal anlange. Sie gingen von einigen alten Männern aus, Mitgliedern des Gemeinderats, und diese beriefen sich wieder auf ein paar alte Weiber und Kinder. Eine weiße Gestalt, hieß es, sei wie ein Nebelstreif aus dem heiligen Haine her zum Dolmen geschwebt und habe ein undeutliches Etwas auf ihn niedergesetzt, das man, nachdem sie verschwunden, als Coridwentopf erkannte. Eine Frau habe es gewagt, ihr hinkendes Kind näher zu führen, und ihm erlaubt, den Finger an die Wand des Gefäßes zu legen; kaum getan, sei das Kind fröhlich aufgesprungen, das lahme Bein sei geheilt. Man zeigte das Kind, es war dem wirklich so. Und nun denn sah man wirklich den Topf da stehen! Als der Druide bei dem Altar anlangte, schien er zu stutzen, hemmte einen Augenblick seinen Schritt, betrachtete mit weit offenen Augen das Geräte, ging dann vorwärts und trat, nachdem der ganze Zug in der Ordnung eines Halbkreises aufgestellt war, feierlich vor den Pfeiler mit dem Steinbilde der Selinur. Er sprach ein uraltes Bittgebet an die Weltmutter, sie möge sich das Opfer gnädig gefallen lassen, und fügte mit tiefbewegter Stimme Dankesworte für das Wunder bei, das hier sichtbarlich den Augen des Volkes erscheine. »Du hast,« sprach er, »o Göttin, das Gefäß neu geschaffen, in welchem einst jener geisterfüllte Brei gekocht wurde, durch dessen Genuß nach wunderbaren Wandlungen der Zwerg Gwyon zum Taliesin wurde, der unsern heiligen Orden gestiftet. Du selbst hast uns gewürdigt, in Lichtwolkengestalt diese Neuschöpfung als Göttergabe herbeizubringen und hier auf deinen Altar zu stellen, ja noch mehr, du hast seine Wunderkraft an einem unglücklichen Erdenwurm betätigt!« In diesem Augenblick führte die Mutter das geheilte Kind hervor. »Tanze und springe, du beglücktes Wesen!« rief der Priester, und das Mädchen umtanzte in rhythmischen Galoppsprüngen den Altar. Er vollendete sein Gebet, und jetzt führte Urhixidur das Lamm vor, es wurde am Altare festgebunden und fiel unter dem sicheren Hiebe des Schlächters, der sodann das abfließende Blut in dem Coridwentopf auffing. Als das Tier ausgezuckt hatte, öffnete er mit dem Nephritmeißel seinen Bauch, zog die Eingeweide heraus, der Druide prüfte sie mit strengem Einblick, nickte dann mit froher Miene und besagte dadurch, daß das Opfer tadellos glückverkündend und der Göttin willkommen sei. »Nimm es gnädig hin,« rief er, »dies zarte, gesunde Lammesherz! In ihm sind dir geweihet alle frommen Herzen dieser Gemeinde!« Jetzt wurden die Eingeweide auf das Holz gelegt, das auf der Dolmenplatte gehäuft war, und das Feuer angezündet. Als es prasselte, hob der Schlächter den Topf auf und überreichte ihn feierlich dem Druiden. Langsam schritt dieser mit seiner heiligen Last hinweg dem Haine zu und verschwand in dessen Dunkel. Lautloses Schweigen herrschte im Kreise. Alles Volk wußte, daß jetzt im Heiligsten des Waldes der Baum der Selinur mit dem Opferblute begossen wurde. Nach kurzer Zeit kam der Priester zurück, das Feuer brannte noch und jetzt begann der Gesang des neuen Hymnus. Zur Begleitung hatte Kullur nur die Pfeifer und Blättler und für einige Stellen das Hirtenhorn beigezogen. Anfangs schüchtern, dann voller und freier folgte die Gemeinde der führenden Musik, den tragenden Stimmen der Knaben und älteren Männer, denen die Weise noch in Erinnerung war, das Gefühl des Ahnungsvollen in den traumhaft tiefen Worten ergriff sie stärker und stärker, und bald schwoll ein Massengesang heran, so mächtig wogend, wie er aus Stimmen der heutigen Menschenwelt nimmermehr zu erzeugen wäre. Als der Gesang ausgeklungen, trat der Druide vor und begann: »Ich erlaube mir nun, hochgeachtete Gäste und achtbare Gemeinde, euch den bescheidenen Versuch vorzuführen, dessen ich vorgestern Erwähnung zu tun mir die Ehre gab. Der Urheber eines Werkes ist ein parteiischer Zeuge für seinen Wert. Hört an, urteilt, ich unterwerfe mich eurem Ausspruch! Nur die kurze Bemerkung schicke ich der Produktion noch voraus, daß mir wohl bewußt ist, wie dieselbe vielleicht etwas länglich erscheinen dürfte. Dies rührt daher, daß ich glaubte, ein Ganzes zunächst aus zwei Gliedern bilden und bauen zu müssen: das erste mehr lehrhaft, um dem Inhalt unsers heiligen Glaubens klaren, verständigen und verständlichen Ausdruck zu geben, das zweite Glied aber echt lyrisch, um dann auch der Empfindung ihr volles Recht zu gönnen, denn das erste ist, daß die Religion als strenge und deutliche Wahrheit feststehe, das zweite, daß diese Wahrheit, nachdem sie den Menschen ganz durchdrungen, nun auch ganz in Gefühlsleben sich umsetze und verwandle. Uebrigens erwartet, wenn jemals, so gewiß auch diesmal, der große, furchtbare Grippo seinen besonderen Fest- und Lobgesang. Dieser Pflicht wird mein Hymnus entsprechen und sich so zu einem dreigliedrigen gestalten. Noch bemerke ich, daß ich die achtbare Gemeinde für jetzt noch nicht zum Mitsingen aufzufordern für passend halte. Dem ersten Glied meiner Dichtung zwar ist eine alte strenge Weise zugrunde gelegt, in welche die ehrenwerten älteren Bürger schnell sich wieder einfinden werden; anders aber verhält es sich mit den folgenden Gliedern, wo Dicht- und Tonkunst zu ungewohnten Höhen kunstreicherer Bewegung sich aufschwingt und unter dem Mitgesang Ungeübter leicht die Feinheiten, insbesondere der Instrumentalbegleitung, leiden könnten. Ich schlage vor, ich rate: singen wir gemeinschaftlich das erste, größere, einfachere Glied meiner Trilogie heute abend zum Beginn des Festschmauses, und überlassen wir es der Zukunft, ob nach öfterem Vernehmen das Gehör der Gemeinde auch in die schwierigeren, kunstvoller wechselnden Weisen der folgenden zwei Glieder sich so eingewöhne, daß sie zum Volksgesange werden können.« Es erfolgte ein beifälliges Nicken, er hob die Hand wie ein Kapellmeister, gab mit den ersten Worten den Ton an, die Knabenstimmen setzten hell und sicher ein, nur die Krottler begleiteten die ersten drei Strophen, bei der vierten und fünften wirkten die Trommler, der Pauker und der Rätscher mit, bei der letzten fielen die Blättler ein, und ein Finale von Pfeifern und Hornbläsern setzte das Punktum. Da wir noch ganz andre Leistungen zu erwarten haben, so genüge es, zu bemerken, daß ohne Fehl und Mangel der Strom des Hochgesangs in Ohr und Gemüt der andächtig lauschenden Gemeinde sich ergoß. Niemand soll die Nase rümpfen, Daß wir zwischen Moor und Sümpfen, Zwischen Schilf und Weidenstümpfen     Auf den Seen seßhaft sind! Die du webst in Nebelhüllen, Sanft erhaben in dem stillen Mondschein thronest, deinem Willen     Folget fromm das Menschenkind. Doch du hast uns auch belehret, Deinen Willen uns erkläret, Deine Gnade sei verehret,     Große Weltenspinnerin! Du erlaubst, daß in die Zwecke Unsre Einsicht sich erstrecke, Zeigst uns, wo verborgen stecke     Deiner Vorschrift tiefer Sinn. Menschen pfleget zu befallen Oft ein Uebel, das vor allen Sie erfaßt mit scharfen Krallen,     Welches Pfnüssel ist benannt; Kommt und wächst es ohne Regel, Uebersteiget es den Pegel, So wird davon Kind und Kegel     Bitterbös und wutentbrannt. Wenn es schleichet durch die Glieder, Beißt und kitzelt hin und wieder, Wenn es von der Nase nieder     Steigt bis in des Magens Schacht, Aufwärts wieder dann erbrauset Zum Gehirn, das gärt und sauset, Dann im ganzen Menschen hauset     Grippos finstre Herrschermacht. Es erwachen, es entzünden Sich dann in der Seele Schlünden Alle Tücke, alle Sünden,     Bös Gelüste, dumpf und taub, Wollust toll und ohne Schranken, Zorn und Lust zu wüstem Zanken, Mörderische Haßgedanken,     Diebstahl, Lug und Trug und Raub. Diesem Uebel nun gebietet Selinur, die uns behütet, Die im grauen Seedunst brütet,     Ordnung, Ziel und Mäßigung; Regelmäßig soll es kommen Und, ist es einmal entglommen, Klar verlaufen und uns frommen     So sogar zur Läuterung. Die Gemeinde hatte sich doch nicht ganz nur lauschend verhalten; einige gesetzte ältere Bürger und sogar einige alte Frauen hatten es sich nicht nehmen lassen, nachdem sie sich in die altertümliche Choralmelodie wieder eingehört, bei der zweiten Strophe einzufallen, die Weiber nicht ohne den gewissen Näselton, der didaktischen Kirchenliedern im musikalischen Vortrag so gut ansteht, auch nicht ohne das Wagnis, bei gewissen Uebergängen angenehme Koloraturen anzubringen. Die übrige Gesellschaft aber verharrte allerdings in der Rolle des bloßen Zuhörers, der gesetztere Teil mit Gebärden und Mienen, die eine große Genugtuung kundgaben, ganz das Gefühl, wie wir es dem höchst einleuchtend Klaren gegenüber empfinden. Ans den jüngeren Gesichtern dagegen erschien ein gewisser Ausdruck, den man in Süddeutschland mit dem Worte zu bezeichnen pflegt: er hat den Glotzer. Dieser Ausdruck war so weit als möglich entfernt von irgend einem Zeichen des Urteils, wir würden sagen: unbeschreiblich dumm, wenn wir geneigt wären, über gewisse Zustände, worin wir unfähig sind, zu irgend einem Gegenstand in ein inneres Verhältnis zu treten, ein herbes Gericht zu halten. Der Druide hatte unausgesetzt die zwei Barden fixiert; sie kamen ihm jetzt entgegen mit sehr aufgeweckten Gesichtern, in denen sich zwar einige Verlegenheit spiegelte, wie sie zwischen Wahrheit und Höflichkeit durchkommen sollten, ohne doch allzu ironisch zu werden. Er ersparte ihnen die Schwierigkeit, indem er leuchtenden Auges bat, sie möchten ihr Urteil noch zurückhalten und vorerst auch den poetischeren, lyrisch und musikalisch bewegteren Nachsatz hören, oder sozusagen den feineren Oberstock seines Aufbaus betrachten. Er wandte sich, gab wieder sein Zeichen. Ein Teil der Musiker war inzwischen beschäftigt gewesen, aus den mitgebrachten Säcken auf eine Schranne, die sie sich hatten hinstellen lassen, kleinere und größere Körper, Artefakte ganz unbekannter Art, sorgsam und geordnet hinzulegen. Wir geben zuerst den Text: Sende, o Neblige, Mondenscheinschweblige!     Sende das kitzlige,     Prickelnde, bitzlige,     Kratzende, kritzlige         Uebel uns nur!         O Selinur! Pfisala, Pfnisala, Pfeia! * Gleitende, Wehende! Spindelumdrehende!     Hüte vor Stopfungen,     Stockungen, Pfropfungen,     Nasigen Knopsungen         Gnädig uns nur!         O Selinur! Pfuisala, Pfuiala, Pfuia! * Schenke, o Schimmernde, Röhrichtdurchflimmernde!     Lästigen Fließungen,     Hustigen Niesungen     Läuternde Schließungen,         Schenke sie nur!         O Selinur! Leiala, Fleiala, Fleia! Die Musik begann je bei den zwei ersten Zeilen dieser drei Strophen mit einigen stimmungsreichen melodischen Sätzen, wobei die Blättler ihr Bestes taten und nur von den Pfeifern unterstützt wurden. Das gewisse Helldunkle, Schwebende, Flüsternde, zart Geisterhafte in diesen Stellen kam wirklich zu gefühlter musikalischer Geltung. Bei den folgenden Zeilen aber sprang die Musik in ein Element über, welches die Welt bis dahin noch nicht gekannt hatte. Statt sich im Melodischen gedankenlos zu wiegen, wurde sie ganz nur ausdrucksvoll. Nicht nur, was jedes Wort, nein, was jede einzelne Silbe, ja jeder Buchstab sagte, kam in Tönen, Tonbewegungen, Klangfarben zu unnachahmlich charakteristischer Offenbarung. Zu diesem Zweck nun bedurfte es auch neuer instrumentaler Mittel; in einer Reihe geheimgehaltener Beratungen mit dem Druiden hatte der Geißbub unter seiner Anleitung und inspiriert von seinem eignen eminenten Talent eine Anzahl ungekannter Zutaten zu den Tonwerkzeugen, kleine Kunstwerke für sich, geschaffen; für die Trommler hatte er verschiedene, feinere und gröbere, rund- und ovalköpfige Schlegelpaare zierlich hergestellt, die Syrinxpfeifen hatten Ansatzstücke nach Höhe und Tiefe aus Schilfrohr erhalten, die mittels seiner Hornhaften schnell angefügt werden konnten; die Löcher der Schwegeln waren vermehrt. Jede hatte zum Abwechseln drei neue Einsatzstücke bekommen; da es noch keine Drehbank, also auch keine Schrauben gab, so hatte es keine kleine Mühe gekostet, es zu bewerkstelligen, daß diese neuen Teile durch fein geschnitzte, wohl gerundete und geglättete Nüsse und Zapfen dem schnellen Wechsel mitten in der Produktion bequem und handlich dienten; so hatten ferner die Dudelsackpfeifen, das Stierhorn und die Ledertrompete verschiedene Mundstücke von breiterer oder schmälerer Oeffnung erhalten; die größte Sorgfalt aber hatte der junge Tausendkünstler auf sein eignes Instrument, das lange Kuhreigenhorn verwendet; hier waren die Zutaten am reichsten und die Arbeit die feinste, nicht nur verschiedene Mundstücke von ungleicher Weite der becherförmigen Oeffnung, sondern auch Endstücke von verschiedenem Durchmesser der Mündung waren bestimmt, als Mittel zu vielsagenden Tonschattierungen zu dienen. Nun begann diese Wunderwelt von neuen Bereicherungen der Mechanismen ihre ganze Kraft und Fülle zu entwickeln bei den drei gleichreimigen Zeilen in der Mitte der Strophen, und noch unendlich mehr bei den aus der Tiefe des Wesens der Sache und der Sprache mit dunkelgewisser Symbolik des Klanggefühls geholten Lautfiguren je in der letzten Zeile. Diesem Schlusse ging aber in jeder Strophe wieder eine Leistung der sanften Blättler voraus, denn ihnen war vorherrschend die Begleitung der Anrufungen der Göttin in der dritt- und vorletzten Zeile übergeben, schön lösten sie die Aufgabe, an dieser Stelle in die weichen Modulationen der Versanfänge zurückzulenken, und so bewegte sich denn die volle, mächtige Orchesterentfaltung zweimal in jeder Strophe durch eine Welt lebendiger Kontraste zum seelenvollen Schluß. Wie sollte man nun mit den Mitteln der Sprache sagen können, welchen Ausdruck das gewisse Spitzscharfe der I und Z in dem: »kitzlige, bitzlige, kritzlige« durch die neuen Tonmittel fand! Mehrere Zuhörer mußten unmittelbar niesen und husten, es fuhr ihnen, wie vom Ohr in die Seele, so von der Seele flugs in die Nase. Bekannt ist, daß bei den schnuppigen Vorgängen in Nase, Rachen und Lippen neben andern akuteren auch gewisse blasende Töne erscheinen; diese höchst feine Nuance kam in der Exekution des »Pfisala, Pfnisala, Pfeia« zu ungeahnter, geradezu hinreißender Geltung. Im folgenden Vers das dumpf Verschlossene, Luftsuchende in den Reimen »Stopfungen, Pfropfungen, Knopfungen« – es erdrückte den Hörern fast den Atem, der horn- und lederdunkle Ton des Stierhorns und der Trompete versetzte das Gemüt mitten in den Engpaß der bang versperrten Nasenhöhle, und wohlangebrachte Paukenschläge mit den größeren Schlegeln vermehrten die finsteren Schrecken dieser Gefangenschaft; knarrende Ratschenlaute, schrille Pfeifentöne, scharfe Fiedelbogenrisse, näselnde Dudelsackschnarrungen dazwischen gaben den momentanen Oeffnungen der Einpressung, diesen kargen Befreiungen ihr wohlverdientes Recht. Jetzt folgte das mächtig beredte: »Pfuisala, Pfuiala, Pfuia!« Hier tat das lange Hirtenhorn sein Bestes, nicht ohne daß Stierhorn und Trommel wieder großartig mitgewirkt hätten; breite, fagottartige Klänge zogen sich mit gehaltener Energie zu gestreckter Dehnung aus, die Krottler gingen von ihren kurzen Rupfen zu lang getragenen Strichen über, Paukenschläge besagten ein Etwas wie verwerfenden Abscheu, aber gleichsam mit geistreicher Frivolität wurde dieses Pathos umspielt von kurzen, neckisch tanzenden Blatt- und Pfeifentönen. Dann nahmen diese weicheren Tonwerkzeuge einen Uebergang ins Schmelzende und Rührende, womit sie die letzte Strophe, diesen stimmungsvollen Ausdruck der Lösung, der Befreiung einleiteten. Zwar nicht sogleich erfolgte dieser Uebergang, gewisse rinnende und rieselnde Töne, bei den »lästigen Fließungen« hervorschlüpfend, hatten noch etwas Gehemmtes, Stockendes, Aengstliches, dann wieder Heftiges; als die »hustigen Niesungen« folgten, wurde mit kurzen Paukenwirbeln, Knarrgeräuschen, punktuellem Pizzikatospiele aus den Fiedeln, mit einzelnen Hornschmetterungen noch einmal das nun fernab schwebende Uebel angedeutet, aber bei den »Schließungen« begann nach einer Ruhepause ein himmlisch sanftes Adagio flötenartiger Mollklänge, das für seine völlige Entwicklung sich an den finalen Silbenausklang: »Leiala, Fleiala, Fleia« wundermild anlehnte; jetzt wurden ja nicht nur die hellen Vokale ei und a, sondern auch die weichen Konsonanten L und F aus Buchstaben zu musikalischen Tönen und offenbarten erst so den geheimnistiefen Sinn ihrer Wahl; innige, seligmüde Auflösung, das war das Grundgefühl; die Mehrheit der Zuhörer, der Frauen insbesondere, ergossen sich in wehmütig sanfte Tränen, ein kurzer Paukenschlag – und die Aufführung war geschlossen. Langes Stillschweigen. dann ein gezogenes, tiefgeholtes »Ah!«, und hierauf brach ein Jubelstrom los ohnegleichen, – zwar nicht allseitig; einige Zuhörer verharrten in Schweigen, andre brummten, etliche wenige grunzten, aber diese Verstockten wurden überflutet vom Stimmengewoge der jauchzenden Menge. Man eilte auf den Schöpfer des Wunderwerks zu; man umarmte ihn, man rief: »Ueberweltlich!« Aber er erwehrte sich; als er zu Worte gekommen, sagte er sehr ernst: »Wir haben des ernsten Gottes Grippo noch nicht gedacht! Zuerst das Opfer! Dann das letzte Glied des Hymnus, den Schluß der poetisch-musikalischen Triade!« Er trat vor den Pfeiler mit dem Molchbild. Er schaute lange die rohe Steingestalt an mit bedenklich ernsten Blicken. Er sprach feierlich das Gebet an den Gott und rief dann Urhixidur zu: »Führe das Opfer vor!« Sie stand bei dem Böcklein und schien es mitleidig anzusehen, denn es lag matt am Boden. Sie zog es in die Höhe, es stand schwank auf den Füßen, der heilige Metzger tat wieder seine Pflicht, dann ward der Bauch des getöteten Tierchens aufgeschnitten, der Druide sah hinein und schüttelte bedeutungsvoll trüb den Kopf. »Der Magen entzündet! Milz und Leber geschwollen!« sagte er in dumpfem Tone und erklärte: »Grippo verschmäht das Opfer, das Opferholz wird nicht angezündet! Der heilige Baum muß unbegossen bleiben!« Eine bange Stille lag über allem Volk. »Seinen Hymnus aber wird er nicht verschmähen, tretet abermals vor, ihr Sänger und Musiker!« Sie folgten, sichtbar erschöpft, am meisten der Geißbub. Ehe sie begannen, sprach der Druide: »Ich ersuche die hochachtbare und achtbare Gesellschaft, zu bemerken, daß ich für angemessen erachtet habe, bei diesem dritten Gliede meines Dreigesangs, das ebensosehr auch als selbständiger Hochgesang zu gelten hat, die uralt gewichtige Form des Stabreims anzuwenden, und zwar, was ich nicht zu übersehen bitte und was nicht sehr leicht war, in dreizeiliger, zum Teil selbst vierzeiliger Durchführung. Was ihre Klangverhältnisse ausdrücken, werdet ihr fühlen, wenn ihr mit offnen Sinnen hören wollt. Hebet an!« »Du aber, Grippo! Grimmiger Greifer, Grunzender Lindwurm, Dräuender Drache! Jegliche Dumpfheit, Dickung und Dämmung, Die das Gehirn drückt, Wenn sich der Pfnüssel Sperret und pferchet, Spare den Pfahlmann, Pfropfe dem Feind ein, Daß er in Stumpfsinn Stocke und starre, Sticke und stiere! Uns aber lasse, Liegen im Krieg wir, Lästigen Uebels Einziges Gute, Glühenden Wutbrand, Grinsende Zornwut! Laß von dem Schnupfen Uns nur das Schnauben, Schäumende Toben, Daß unter Streichen, Stichen und Stößen Sterbe der Feind! – Wähle dein Opfer! Wir bringend willig! Wär' es das Höchste: Heiß schlagend Manns Herz, Heische es immer! Wir zucken Messer Zwischen die Rippen, Ziehen es zerrend Rasch aus des Feinds Brust, Wildfrechen Frevlers; Feuer soll flammen, Blutrote Zacken Hoch aus der Beuge Brennender Scheiter! Und in die Lohe Werfen das leckre Liebliche Mahl wir, Loblieder singend. Grissolo, Griolo, Grio! Grusfulu, Grugulu, Gruffu!« Wir müssen hier jeden Versuch aufgeben, in Worten zum Ausdruck zu bringen, was bei dieser dritten Leistung nun noch den Singstimmen zugemutet war und welches schäumende Meer von dumpfen, drohenden, murrenden, aufzischenden, schrillen, zum Teil auch vermittelst grellen Pfeifens durch die Finger hervorgebrachten, dann donnernden, brüllenden, wirbelnden, dann gedehnt anschwellenden oder wellig geschlängelten, dann wieder aufschreienden, bellenden, grell-rätschenden Instrumentaltönen losgelassen wurde. Es war dem Dichter und Komponisten gelungen, ein höllisches Konzert, einen Hexensabbat zu entfesseln, dem in jetziger Zeit kaum der Gehörsnerv eines Ochsen gewachsen wäre. Das Unmögliche war wirklich gemacht: diese Musik erst war ganz und wahrhaft nicht nur entwickelter Vokal, sondern – wie es der Stabreim mit sich brachte – sogar entwickelter Konsonant. Die G, die D, die Pf, die St, die L, wieder die G, die Sch, von neuem die St, die W, die H, die Z, die F, die B, die abermaligen L, endlich noch einmal die G als Gr wurden – weiß der Himmel, vermöge welcherlei unaussprechlicher Verwendung der aufgeführten Instrumente, mit ihren neuen Zusätzen, wozu noch klappernde Büschel von Hölzchen, Säckchen voll kleiner Steine und aus dem Reiche der Fauna getrocknete Gansgurgeln mitwirken mußten, – alle diese Laute wurden bis zu vollendeter Charakteristik ihres tiefen Sinnausdrucks reproduziert. Die wilde Musik der ungarischen Zigeuner sei, sagt man, in Noten nicht darzustellen – von solcher Schwierigkeit war der große Künstler Angus durch den Umstand befreit, daß es damals noch keine gab; – sagen wir aber nicht: Noten, sondern: Gesetz –: nur ein Prophet, der das Senkblei seines Geistes in den Abgrund noch verhüllter Weltordnungen niederzulassen vermag, wäre fähig gewesen, dieser ungeheuren Tonwelt in die Tiefen ihres verborgenen Melodie- und Harmoniegesetzes nachzutauchen. Das Höchste war nun aber auch hier wieder in den Ausklangsilben geleistet. Die Musik war wilder und wilder geworden, als sich der Text zu der Stelle vom Menschenopfer fortbewegte, das dem Grippo, wenn er es verlange, bereitwillig geweiht sein solle. Dumpfe Trommelwirbel kündigten das Schreckliche an, ein plötzlicher Schlag schien zu sagen: jetzt wird dem Feind das Herz aus dem zerschlitzten Leibe geschnitten! Dann meinte man ein zischendes Reißen zu hören, tief, dunkel, todesbang klang es hervor, wo die Worte »wildfrechen Frevlers« betont wurden, – dann fing es an zu lohen, zu prasseln, es war, als würden Töne zu leckenden Flammenzacken, zu wirbelndem Rauch, plötzlich bei den Worten: »Das leckere liebliche Mahl wir, Loblieder singend« drang, von den Blättlern und Schweglern vorgetragen, eine weiche Melodie dazwischen, doch nur um dem Grausen Platz zu machen, das nun eben bei den so bedeutungsvoll unsprachlichen Schlußlauten in die Seele des Hörers gepreßt wurde. In der ersten Reihe derselben, wo der Vokal I herrscht, sprangen aus dem schwarzen Hintergrunde der geblasenen Tieftöne der zweierlei Hörner und der Trompete noch eigentümlich scharfspitze Klänge der höchsten Pfeifenregister hervor, stärker und schwerer intonierten diese Blaswerkzeuge, als in der zweiten Reihe (Gruffulu u. ff.) nun das U in seine tiefsinnige Rolle eintrat. Schauriger und schauriger wuchsen diese Töne, jetzt mischten sich in anschwellenden Wirbeln wieder die Trommeln ein, dann furchtbar knarrend und schnarrend die Rätsche, nach und nach alle Instrumente, und endlich schien der Höllenschlund selbst – »besinnungraubend, herzbetörend, des Hörers Mark verzehrend« – alle seine Schrecken, seine Dämonen, seine Furien auszuspeien. Der Barritus, das Kriegsgeheul der Cimbern und Teutonen, vor dem die Legionen des Marius bebten, war ein Spaß dagegen. Ein langer, zentnerschwer ahnungsvoller Stierhornton ließ als Finale alle Welt der Todesbangigkeit, die in diesen musikalischen Schrecknissen zum Durchbruch gekommen, zukunftdrohend ins Unendliche hinüberdröhnen. Als die Zuhörer nach und nach zu sich kamen, war es, als ob man auf ein Schlachtfeld sähe. Die Sänger und Musiker lagen halb ohnmächtig am Boden, der Rätscher wirbelte taumelnd im Kreis, der Geißbub wälzte sich, mit Todesschweiß bedeckt, in epileptischen Krämpfen, der Arme hatte sich des Guten zu viel zugemutet. In ähnlichem Zustand befanden sich die Hörer und noch mehr die Hörerinnen. Nur ganz wenige unter den Männern waren ruhig geblieben und schienen einfach zu denken, was denn eigentlich das nun sei, was sie gehört hatten. Weit die Mehrzahl war außer sich. Von den Weibern lag ein Teil von Weh und Entzücken geschüttelt halbtot zappelnd an der Erde. Andre, im Verein mit der empfänglichen Mehrzahl der Männer, jubelten, jauchzten, klatschten sich die Hände fast blutig, schrien, tobten, weinten. Einige waren vom St. Veitstanz ergriffen, andre tanzten Figuren, die mehr dem Saltarello und der Tarantella glichen, die Mehrzahl stürzte, von heiliger Wut ergriffen, auf den Meister zu, ihn zu umarmen. Er aber stand ruhig, hielt sie ab, und als er sich notdürftig Stille geschafft, sprach er: »Ihr habt nun gehört, was wir können! An euch liegt es, ob es künftig eine Pfahlvolkmusik geben soll!« Dieses große Wort brachte die Nerven zur Ruhe, indem es vor das innere Auge ein Zukunftsbild hinstellte, an welchem die Geister still hinaufstaunten. Als sie, so beschwichtigt, nach Möglichkeit zu sich gekommen waren, stieg in der Gemeinde die Erinnerung an das von Grippo verschmähte Opfer und hiemit die Frage auf, was nun in dieser Rücksicht geschehen solle. Die Frage wurde laut, durchlief die Reihen und gelangte durch einen Gemeindeältesten an den Priester. Er schwieg mit geheimnisvollem Ausdruck im Blick und, als hätte er gar nicht gehört, rief er dann in ganz gemütlichem Tone: »Wir haben unsre Seelen zu tiefem, andachtsvollem Ernste gesammelt, haben sie hoch, höchst, zum höchsten empor angespannt, laßt sie uns nunmehr abspannen! Laßt uns Kinder sein, uns wie Kinder freuen! Dem Erhabenen folge das heitere Spiel. Auf zum Haine!« Gern begleitete ihn die Schar in eine Lichtung des Haines, wo sie eine einfache Bühne aufgeschlagen fand. Die Einfassung war aus Laubwerk, einem Geflechte blattreicher Zweige, hergestellt. Ueber das wenig erhöhte Podion weg sah man in den natürlichen Wald, dessen Boden hier etwas aufstieg, so daß sich der künstliche der Bühne an ihn anlehnte und das Waldstück bequem für die Handlung verwendet werden konnte. Ein paar Felsblöcke zwischen den Bäumen konnten dabei so oder so ganz gut mitbenützt werden. Was von Musikanten sich wieder emporgerafft hatte, war vor der Bühne als Orchester aufgepflanzt. Es war gut, daß eine Trauerkunde, die langsam sich verbreitete, erst gegen Ende der Aufführung das Ohr der Künstler erreichte: der Geißbub war gerettet, hatte aber einen Leibschaden genommen. – Ein Hornsignal gab das Zeichen zum Anfang. Ein Herold trat auf die Bühne, lebendiger Theaterzettel; er blies auf seiner Ledertrompete eine Fanfare und ließ sechs sonderbare Töne folgen, zwei spitze und einen starkdumpfen, dann wiederholte er solche in umgekehrter Ordnung: ein Vorbild dessen, was der folgende Titel mit Worten besagte; er setzte ab und rief: »Wir werden heute die Ehre haben, unsern hochachtbaren und biederen Gönnern vorzuführen das Tanzspiel: Hu – hu -– brum – brum – hu – hu! oder Entbehrung ist Entbärung , erfunden und in Szene gesetzt von Tanzmeister und Tanzdichter Hopp-Hoppodur Das Spiel begann. Ein mächtig großer Bär trat auf, in jeder Bewegung noch plumper, als Bären sonst sind. Er setzt sich auf einen Felsblock, streckt die Vorderfüße sehnsuchtsvoll in die Luft, drückt auf jede Weise das schmerzliche Gefühl des Alleinseins aus und ergießt sich in Tränen. In Ermanglung eines Sacktuchs wischt er sich die Augen und sofort auch die vom Weinen hörbar affizierte Nase mit den Tatzen, welche er hierauf an seinem Pelz abreibt. Heftiger wird das Weinen, es geht in Gebrüll über, heftiger werden die genannten Wischbewegungen. Plötzlich hält er inne, starrt ins Weite und verschwindet mit schwerfälligen Sprüngen von der Bühne. Nach kurzer Zeit erscheint eine Bärin, ungewöhnlich glatt von Pelz, von rundlicher Hüftbildung und weich von Bewegungen. Hinter ihr Petz. Sie setzt sich mit vornehmem Anstand auf den Felsblock. Petz wartet vor ihr auf, ringt die Vorderfüße, fällt dabei ungeschickt um und wälzt sich wild brummend am Boden, die Bärin lacht. – Es war wie im italienischen Maskenspiel erlaubt, mit einzelnen Lauten die Stummheit der Pantomime zu unterbrechen. – Petz richtet sich auf, bricht in Tränen aus, wiederholt die unanständige Art des Abwischens und will die so gebrauchte Pfote der Bärin reichen. Er erhält eine große Ohrfeige. Geht ab mit traurigem Grunzen. Die Bärin drückt durch Gebärden aus, daß dieser Verehrer denn doch an sich eine brave, künftiger Tröstung nicht unwerte Natur, vielleicht ein nur noch ungeschliffener Edelstein sein dürfte. Langsam, schüchtern, ganz niedergedrückt erscheint Petz wieder vor dem süßen Bilde. Sie fordert ihn auf, zu tanzen. Er versucht ein Solo auf den Hinterbeinen. Fällt wieder öfters und überkugelt sich mehrmals, läßt sich durch das Lachen der Dulzinea nicht verstimmen und versucht eine neue Methode. Er fängt an, sich wie in einem Menuett einfach, aber in durchaus reizender Weise nach der Angebeteten vorwärts und zurück zu bewegen und bei jeder Annäherung aufgerichtet eine zierliche Verbeugung zu machen. Wir müssen hier einschalten, daß der darstellende Künstler diese Weise, den Hof zu machen, gründlich der Bärennatur abgesehen hatte und mit vollendeter Virtuosität wiedergab. Petz war unermüdlich in diesen Pas, wohl fünfzigmal bewegte er sich auf seinen rutschenden Sohlen hin und wieder. Endlich spiegelt sich Erweichung in den Zügen des so schmelzend angeschmachteten Weibs. Aber jetzt ereignet sich leider eine Ungebührlichkeit. Der Bär muß vor Rührung niesen. Er fällt in seine Unbildung zurück und gebraucht wie vorhin die Pfoten. Petzin will zu einer zweiten unsanften Behandlung ausholen, besinnt sich aber, trabt plötzlich hinweg und erscheint nach einer Pause, in welcher sich der Verlassene trostloser Verzweiflung hingegeben, unter dem Jubel der Zuschauer mit einem schneeweißen, rotgesäumten Tüchlein. Mit Grazie zeigt sie ihm den Gebrauch, mit Grazie reicht sie es hin, sinnend betrachtet es Petz, man sieht, daß ein radikaler Prozeß in seinem Geist und Gemüt vor sich geht, und – zum erstenmal im Leben – schneuzt er sich – kräftig, vernehmlich, laut! Lebhafter Beifall. Der erste Akt ist vorüber. Mit kühnem Geistesfluge nimmt der Tanzdichter an, eine geraume Zeit, Monate, Jahre, seien in der kaum viertelstündigen Pause verstrichen. Hornstöße verkünden den Anfang des zweiten Aktes; ihnen folgt eine lustige Melodie von Pfeifen und Blättlein, unter deren Klängen eine glückliche Bärenfamilie auf die Bühne tritt. Vier muntere Kinder folgen dem zärtlichen Elternpaar. Der kleine Bruder und das Schwesterchen Sigunens mit zwei Nachbarkindern staken in den Pelzen. Wer je den Galopp von Bärenjungen gesehen und bemerkt hat, wie drollig sie dabei mit dem rechten Hinterbein nachschieben, der mußte staunen, mit welcher Meisterschaft die klugen Kinder das vorstellten; schon in ihrem Alter zeigte sich die Schärfe der Beobachtung, die Geschicklichkeit der Nachahmung charakteristischer Tiertypen, wie sie Naturvölkern eigen ist; man weiß, mit welch treffender Wahrheit die Indianer in ihren Tänzen diese naive Kunst üben; kein moderner Pantomime, der den Joko spielt, wird diese Kinder erreichen. Nun entwickelte sich im gemütlichen Familienkreise ein herzgewinnendes Bild von sorgsamer Erziehung. Die Jungen wurden von Vater und Mutter gelehrt, das Tüchlein richtig zu brauchen, einer der Söhne, als er ein Schwesterchen zauste, vom Papa mit einer Rute gestrichen, wobei er ihn elegant zwischen die Beine nahm und ihm hinten aufmaß; ein Sturm von Gelächter brach im Publikum, namentlich unter den Frauen und Mädchen los, als in einem kritischen Moment die Mama hinaustrabte, mit einem Topfe wiederkam und die kleinere Tochter zierlich daraufsetzte. Nach solchen Handlungen erziehender Tätigkeit erfolgte orchestischer Unterricht, der nach einigen drolligen Vorübungen so beschleunigte Früchte trug, daß die Familie zu einem ordentlichen Tanze schreiten konnte. Es war ein Landler, was sie aufführten, das heißt jener Tanz, wovon unser Walzer nur ein geistlos weggebrochenes Stück ist: zuerst walzte Papa mit Mama, dann je ein Brüderchen mit einem Schwesterchen, hierauf lösten sich die Paare, jeder Tänzer schien sich mit der Tänzerin zu entzweien, eilte ihr nach, fing sie, faßte sie an beiden Händen, hielt ihr die eine hoch und sie schlüpfte, während beide sich zugleich drehten, unter den gehobenen Armen durch, dann ließ er sie wieder los, Tänzer und Tänzerin kreisten, jetzt jedes selbst wieder wirbelnd, umeinander, dazwischen machten die Tänzer allerhand Kunststücke, sprangen hoch, patschten sich in der Luft mit den Händen auf die Fußsohlen, jauchzten dazu, ergriffen ihr Dirndl wieder, und endlich wurde die allgemeine Wiederfindung und Beglückung mit einem rasenden Schlußwalzer besiegelt. Inzwischen hatten sich aber nach und nach auf der Bühne selbst Zuschauer eingefunden: ein Wolf, ein Fuchs, ein Dachs, ein Füllen, ein Wildschwein, eine Gemse, ein Steinbock, ein wilder Kater, ein Murmeltier, ein Auerhahn und noch mehreres Waldvolk; sie schienen die Feindschaft unter sich zu vergessen, fingen an, das Tanzen nachzuahmen, anfangs täppisch, unglücklich, dann geschickter, behender, die Musiker waren längst wieder erwarmt, bliesen und schlugen, was das Zeug hielt, die Tiere wurden sämtlich so charaktertreu gespielt wie die Bären und fügten sich unbeschadet dieser Besonderheit immer glatter in das Gesetz, das die Tanzverschlingungen beherrschte. Endlich vereinigte sich alles zu einem großen – Kotillon würden wir sagen, Volltanz sagten die Pfahlleute, und dieser Volltanz schloß mit einer höchst korrekt und zierlich durchgeführten Schnupftuchtour. Der dritte Akt trat ein ohne eigentliche Pause, doch nicht ohne nachdrücklichen Einschnitt. Man vernahm plötzlich ein furchtbares Grunzen, ein eigentümliches Schnarchen, Speien, Prusten. Der Tanz stand augenblicklich still. Aufgerichtet horchten die sämtlichen Tiere. Ein Drachenungetüm wackelte auf die Bühne, es spie Feuer, glutrot funkelten seine Augen, ein roter Kamm bekrönte schrecklich seinen krokodilähnlichen Kopf, kurze Flügel schwankten auf seinem Rücken, lang hin starrte sein schuppiger Schwanz. Die Tiere stieben auseinander, der Drache wirbelt auf der leeren Bühne um seine Achse, zuerst die Bären sind es, die vorsichtig wieder den Kopf hereinstrecken, sie wagen sich herbei, der Petz wirft sich dem Ungetüm rittlings auf den Hals und bearbeitet seinen Kopf mit den Tatzen, die Bärin, ermutigt, steigt auf seinen stacheligen Rücken, die Jungen setzen sich auf seinen Schwanz, in wilderen und wilderen Kreisen wirbelt das Scheusal. Jetzt geschieht ein kleiner Unschick. Die Drachenmaske war mühsam und sinnreich genug, doch eben nicht allzu haltbar aus Leinwand und Bast zusammengestoppelt und mit dem Nötigen ausgestattet, um Feuer zu speien, – der Künstler war derselbe Bappabuk, der die Festscheibe erbildet hatte. Bis dahin war es nun ganz ordentlich gegangen, jetzt aber fing der Drache auf einmal an, ganz menschlich zu husten, gleichzeitig fiel ein Kohlenbecken aus seinem Rachen, dann fuhr eine Hand heraus und griff danach. Dank der Höhe, auf welcher die Bildung der Pfahlbewohner angekommen war, hatten sie bereits das Bärlappenmehl erfunden; der eine der zwei in dem Balg verborgenen Burschen, dessen Beine in den Vorderfüßen staken, hatte neben dem Prusten, Brüllen, Grunzen, das er im Verein mit seinem Hintermann besorgte, das Feuerspeien ins Werk zu setzen; er blies den genannten Staub auf einem Federkiel über die Kohlen; jetzt verschluckte er sich im Einatmen des Rauchs und stieß den schwach befestigten Kohlentopf hinaus. Der hintere Bursche, unbequem auf dem Bauch liegend, um dem Rumpfe des Untiers mit seinem Leib eine Füllung zu geben, hatte überdies zwischen seinen Füßen hindurch, welche die Hinterbeine vorstellten, nach rückwärts ein schwankes, schlankes Weidenstämmchen zu regieren, das den Grat des Schwanzes bildete; es war keine Kleinigkeit, diese Stange festzuhalten, als die Bärchen sich daransetzten, sie entfiel ihm, zerriß die Wandung der künstlichen Form, der Schwanz brach ab, die kleinen Petze kugelten um. »Tut nichts, tut nichts!« schrien ein paar muntere Bursche aus der Mitte der Zuschauer, hemdärmelig, die Wämser resolut über die linke Schulter geworfen; »nur lustig weiter, kleiner Meilyr, kleiner Cynddelw!« Man ordnete den Schaden mit Schnüren, so gut es ging, die zwei munteren Grippospieler halfen sich weiter, so gut sie konnten, die übrigen Tiere erschienen, nun ebenfalls ermutigt, wieder auf der Bühne, und es erfolgte ein rasendes Zausen zwischen dem Drachen und der ganzen Gesellschaft, dem jedoch gewisse Töne ein so plötzliches Ende setzten, wie vorhin die Erscheinung des Drachen dem Rundtanz. Die Töne waren nicht stark, es war ein feines, hochstimmiges Wimmern; man erkannte den klagenden, weichen Laut des Kiebitzes. Ein paar erlegte Exemplare der Gattung wurden über die Bühne so geworfen, daß sie fliegend scheinen konnten; das Wimmern wußte ein Meister im Nachahmen aller Vogelstimmen, wie Hopp-Hoppodur, hinter der Szene täuschend genug hervorzubringen. Jetzt aber läßt sich ein Ton ganz andrer Art vernehmen, ein Ton, der schwer zu beschreiben ist. War es ein Heulen, ein Schnarren, Bellen, ein Brüllen? Gewiß war nur, daß der Ton eine Stärke hatte, als käme er aus dem Hals eines großen Vierfüßlers. Die Laute waren, in Silben dargestellt: »Hu! Hu! Brum!« Dann folgte zuerst »Brum« und die »Hu, hu« wurden jetzt zum aus- und nachtönenden Schlußklang. Das waren denn die Töne, welche den Titel des Tanzspiels bildeten, wo sie nur zugleich nebenher dem Brummen des Bären galten. Die Tiere standen wie versteinert, der Drache saß aufrecht auf der Wurzel seines notdürftig wieder befestigten Schwanzes, der vordere Insasse hatte sich auf die Schultern des hinteren gesetzt, die Knochen und Muskel des letzteren trugen und hielten mühsam das Ganze, und der Schweif legte sich wie ein langer Frack über die Bühne. Im damaligen Publikum gab es keinen Zuschauer, der den Ton nicht ganz gut kannte; von unsern heutigen Lesern kennen wohl nur wenige den Ruf der Rohrdommel so gut, sie hätten erst warten müssen, bis dieser Wasservogel, der Selinur heilig, nun in Person auf der Bühne erschien und seinen unheimlichen Geisterruf wiederholte, nicht in einem nur, sondern in sechs Exemplaren, die gravitätisch wie Soldaten eintraten, sich in drei und drei teilten und nun wie beorderte Leibwachen freien Raum für eine noch unsichtbare, ehrfurchtsvoll erwartete Persönlichkeit herstellten. Die übrigen Tiere drängten sich willig hinter diesen lebendigen Spalieren zusammen. Die gelben, schwarzgefleckten Bewohner des Röhrichts ließen hierauf wieder ihren seltsamen Brüll- und Klageruf vernehmen, reckten dabei die dicken Hälse lang vorwärts, zogen sie dann ein und stellten die Köpfe, die jetzt halslos auf dem Rumpfe zu ruhen schienen, steil aufwärts, daß der Schnabel zum Himmel sah, und so standen sie nun als unbewegte Schildwachen, allerdings nur auf einem Bein oder vielmehr »Ständer«, wie der schulgerechte Jäger sagt. – Stumme, erwartungsvolle Pause. Da wandelt aus dem Wald eine schneeweiße Kuh hervor und stellt sich mitten in die Oeffnung der zwei von hier in die Breite der Bühne auslaufenden Spalierradien. Sie blickt sanft und groß. Alle Tiere stehen jetzt tief gebückt, der Drache kriecht vor sie hin und winselt. Sie brüllt weich, lieblich, mit mütterlichem Tone. Auf einmal erscheint ein munteres Kalb, ein Scheck; es vergnügt sich in schwerfälligen, ungeregelten Sprüngen. Das wurde wiederum ganz meisterlich agiert; der Künstler wußte sich mit ganzer Seele in das gründlich Unvermittelte, jedes runden Uebergangs Entbehrende der Scherzbewegungen des Kuhsöhnchens zu versetzen; bei der Herstellung der Maske hatte Bappabuk sogar nicht vergessen, in der Mitte des Schwanzes jenen knopfigen Bug anzubringen, vermöge dessen dies Organ des jungen Rinds wie halbgebrochen aussieht. Wie ward der Sinn dieser Erscheinung von den Zuschauern verstanden! Da war keiner so gedankenlos, daß er nicht begriffen hätte, der Scheck sei die Welt und die plumpen Sprünge seien die noch bildungslosen Urzustände der Menschheit. Nun aber richtete sich die Kuh auf, trat auf den Hintersüßen hervor, faßte mit dem einen Vorderhuf ihr Kind am Ohr, mit dem andern den Drachen am Kamm, stellte sie in die Mitte, bedeutete ihnen, wohl aufzumerken, holte dann zwei der jungen Bären hervor und forderte sie auf, eine Galoppade zu beginnen, indem sie ihnen die Tanzschritte vormachte. Die Bärchen machten ihre Sache so hübsch ordentlich, daß nun die Kuh sie dem Drachen und Kalb als Muster empfehlen durfte. Das neue Paar umfing sich mit den Vorderfüßen, trat an und versuchte seine Kunst. Es ging zuerst holperig, das Paar fiel sogar zu Boden, aber es raffte sich auf, schliff glatter und glatter, ging in einen Hopswalzer über, jetzt begannen die übrigen Tiere mit den Beinen zu zappeln, konnten sich nicht länger halten, faßten sich zum Tanz an, und die ganze Gesellschaft umkreiste nun die aufrecht thronende Kuh; rascher und feuriger erscholl die Musik, die Tiere fingen an, den Tanz mit den verschiedenen Rufen ihrer Gattung zu begleiten: der Wolf heulte, der Fuchs ließ sein heiseres Bellen hören, der Dachs knurrte, das Füllen wieherte, das Wildschwein grunzte, Gemse und Steinbock mischten zwischen Meckern ihren pfeifenden Warnlaut, der Kater rallte, das Murmeltier pfiff ganz fein, der Auerhahn gab gestoßene, tiefe Krächztöne von sich wie beim Balzen, die Rohrdommeln blieben nicht zurück, tanzten mit und ließen ihre durchdringenden U-Laute wieder vernehmen, die Bären brummten, der Drache fauchte, das Kalb muhte, und selbst die ehrwürdige Mutter stimmte anmutvoll in das allgemeine Konzert mit ein; die Jugend unter den Zuhörern sang Schnaderhüpferl dazu – es war lustig. Es war nun aber auch genug. Bis zur Sättigung der Geister war es begriffen, daß hier die Unbildung, ja das Böse dargestellt war, zuerst als Störenfried der in schöner Entwicklung begriffenen Humanität, dann überwunden, ja zum dienenden Moment herabgesetzt von der Weltordnung selbst, die schon durch ihre Inkarnation als Kuh es erklärt hat, daß sie mit der Grundlage aller Gesittung, dem Ackerbau, auch die Bildung, die sanfte, schöne Menschlichkeit gewollt hat. Ein Paukenschlag bezeichnete wiederum das Finale, alle Tiere standen plötzlich still, jedes, die heilige Kuh voran, schlug zuerst eine Pirouette und ließ dieser Kreiselbewegung eine rein wagrechte Ausstreckung des einen Beines folgen. Ungeheurer Jubel, als das eigentliche Punktum der Handlung, erlöste nun die Müden aus dieser Stellung. Stürmisch wurde der sinnreiche, liebenswürdige Urheber der Schöpfung, der Tanzdichter Hopp-Hoppodur gerufen. Mit ein paar lustigen Tanzsprüngen hüpfte der philosophische und doch so heitere Künstler aus den Büschen des Hintergrundes auf die Bühne, ließ sich hochpreisen, war mit einem Satz unter den Zuschauern, ergriff die hübsche Gwennywar, die wir schon kennen als die Schelmin, welche Alpin das schweißaustreibende Wort Sigunens von Arthurs schönem Nacken hinterbracht hatte; er zog die gern Folgende auf die Bühne, führte sie zu einem Landler auf, das schlanke Fratzenmädel war die erste Tänzerin des Dorfes und entsprach den Künsten des Meisters mit reizenden Wendungen, Schritten und Beugungen, alles folgte, was junge Beine hatte, ja selbst ein paar Graubärte konnten nicht widerstehen, ein Tanzlebtag ging los, wie ihn Dorf Robanus noch selten gesehen, die müden Tiere wurden jetzt aus Spielern Zuschauer, und unter behaglichem Gucken erlabten sie mit kräftigen Metzügen die durstige Kehle und die vielgebrauchten Glieder; der Drache soff beträchtlich. »Wo steckt denn Alpin?« fragte ein Bursche Sigunen, die teilnahmlos, gedankenvoll unter den Mädchen stand. – »Weiß nicht,« versetzte sie, »er wird beim Tischzurichten helfen.« – »Nun, komm her, so tanz mit mir,« sagte der Frager und bot ihr den Arm, bekam aber einen Korb, und unter dem Vorwand, nach dem kleinen Schwesterchen sehen zu müssen, ging sie nach Hause. Auch Gwennywar hatte lange nach dem Vermißten umgeschaut, jetzt aber vergaß das junge Quecksilber alles im Arm ihres bewunderten Tänzers. Die Greise, mit Ausnahme der erwähnten paar lustigen alten Knaben, auch die Mehrzahl der Männer hatten sich nach dem Ende der Aufführung verlaufen, und diesen Müßigen fiel nun doch auch der Gefangene wieder ein, den man unter Schützenfest, Morgenimbiß und Tanzspiel fast vergessen hatte. Der Druide, der sonst an Festen beim Schaustück auf seinem Ehrensitze so behaglich lachend bis zum Schluß verweilte, wie wohl einst der Hohepriester des Dionysos auf seiner Marmorbank im Theater zu Athen, er war diesmal bald nach Beginn verschwunden. Heimgekehrte fanden sein Haus geschlossen. Es hieß, man habe die Gemeindeältesten hineingehen sehen. Man munkelte von einem unbekannten Etwas, das gegen den Erzketzer im Werk sein müsse. Was sollte es mit ihm werden? Strafen bis zu einer gewissen Höhe zu verfügen, lag in der Macht des Oberhirten. Sollte aber – weitergegangen werden, so war, wenn es sich nicht um Kriegsgefangene handelte, aus denen das Los die Opfer für Grippo bestimmte, die Gemeinde zu befragen. Nun – es war Festtag; man schlug sich's aus dem Kopfe; es hatte ja weiter keine Eile, auf alle Fälle konnte es um den Sünder nicht viel schade sein, wenn er in seinem Käfig einige Tage oder Wochen tüchtig brummte. Inzwischen waren vereinigte Kräfte längst beschäftigt, den Festschmaus vorzubereiten. Tische und Bänke waren im nahen Haine schon aufgeschlagen, Köche und Köchinnen an einer Reihe von Feuern in voller Tätigkeit. Wir glauben uns verpflichtet, den Speiszettel zu geben; menu dürfen wir ja nicht sagen, die Pfahlmänner hätten sich geschämt, das welsche Wort zu gebrauchen, wenn sie es gekannt hätten, sie verabscheuten alle unnötige Entlehnung aus fremden Sprachen. »Speiszettel« ist natürlich auch nur poetische Lizenz; das Kunstwerk der Komposition dieses Schmauses stand klar entfaltet nur vor dem Geiste des Oberkochs Sidutop, minder klar, in gewissem Helldunkel vor dem Innern seines Gefolges von Köchen und Köchinnen, und das Publikum befand sich in blindem Autoritätsglauben, man wartete, man vertraute unbedingt und dachte, es werde schon recht werden; nur Angus, der Druide, hatte durch Hilfe Urhixidurs einen hellen Einblick in das wohlgegliederte Ganze gewonnen. Dieses Ganze überblicke man nun, und man wird nicht mehr glauben, daß die Pfahlbewohner schlecht gegessen haben! Diese irrige Vorstellung zu widerlegen, das ist es, was wir für Pflicht halten, darum geben wir in formell präzisierter Ordnung hiemit die Gedankenreihe Sidutops, wie sich solche an jenem Abend in der Körperwelt verwirklichte. Um diesen logischen Zusammenhang nicht zu unterbrechen, lassen wir die Erläuterung einzelner Punkte, die vielleicht dem Leser dunkel sein dürften, in Anmerkungen folgen. Zuvor ist nur noch von der Beleuchtung zu melden. In dieser Festnacht sollte es nicht an den Pechfackeln genügen, die rings um die Tische, in hohe Pfähle eingelassen, ihr rötliches Licht verbreiteten; zwischen je zweien derselben loderte in irdenem Becken eine zartere Flamme von Kienholz, und an den Stämmen der nächsten Eichen hingen Kränze von Schüsselchen, worin ölgetränkte Dochte brannten. Knaben waren aufgestellt, sorgsam diese dreierlei Lichtquellen zu unterhalten, deren Harzgerüche sich angenehm mit dem Dufte mischten, der aus den Kochkesseln emporstieg. – Und nun mag denn die Beschreibung ihres reichen Inhalts folgen. Speiszettel I. Voressen Schlehen in Obstweinessig und Buchelöl. (Zur Appetitschärfung.) Mark verschiedener Art. Ad I, 2. Daß die Menschen der Steinzeit große Liebhaber von Mark waren, geht aus der Menge gespaltener Knochen hervor, die man in ihren Niederlassungen findet. In der Kunst des Spaltens hatte zwar jedermann Uebung, doch auch hier war bereits eine gewisse Teilung der Arbeit eingedrungen. So exakt, so glattweg verstand es nicht jeder zu machen, wie der Techniker in diesem Fach, der Knochenschlitzer, der hinten in der Feldküche schon seit ein paar Stunden seine Virtuosität in diesem Zweige der feineren Arbeit entfaltete. Den Knochen senkrecht stellen, den Feuersteinmeißel haarscharf auf die Achse ansetzen, einen mathematisch geraden Schlag mit dem Holzhammer darauf führen: es ging wie gehext; wer ihm zusah, konnte nur wünschen, es möchten verwickelte politische Fragen einen solchen Schlitzkünstler finden, wie es der wackere Meister Binuschnidur war. a. Aus Knochen des Rinds. b. " " " Keilers. c. " " " Bären. d. " " " Wisents. e. " " " Elchs. Ad I, 2, e. Elch oder Ellen (nicht »Elend«; das Wort Ellen ist aus einer slawischen Umbildung entstanden) war nicht selten, obwohl weit seltener als der gewöhnliche Hirsch und das Reh, die auf unsrer Liste fehlen, weil sie für ein Festessen zu gewöhnliche Speise waren. Das Tier ist von ochsenartig starkem Leibe, auch der Geschmack seines Fleisches schwebt in einer seinen Mitte zwischen ochsenhaft und hirschähnlich. Kuttelfleck, gesotten. Ad I, 3. Die Beliebtheit des edlen Gerichts Kuttelfleck erkennt der geneigte Leser daraus, daß es nicht nur hier, sondern auch unter II, 2, A, e ferner II, 2, B, d auftritt. Eine der Gassen von Robanus hieß zu Ehren dem Hause, worin die Gekröse kochfertig zubereitet wurden, Kuttelgasse. Starke Spuren dieser Beliebtheit bemerkt man noch heutzutage bei den Enkeln der Pfahlbewohner jener Gegenden, wie sich der Durchreisende bei Lesung der Speisezettel selbst feinerer Garküchen überzeugen kann. Früchte, eingemacht in Obstweinessig und Honig. Ad I, 4. Das Früchteeinmachen verstand zwar auch die Hausfrau, aber auch in diesem Gebiete gab es schon Techniker, gab es Fachmänner. Wir werden den Künstler nennen, wenn unsre Erläuterungen erst bei seinem Meisterwerk angelangt sein werden. Nicht erwähnt ist die damals höchst beliebte Speise Haselnuß, denn sie trat nicht eingemacht auf, sondern wurde einfach im Naturzustand immer mit dem Brot aufgetragen und mit ihm gegessen, um ihm feineren Beischmack zu geben. – Eine Zeile ohne Einteilungszeichen nennt als begleitendes Getränke des Voressens: Metbock. Es war sehr starker Doppelmet, bestimmt, in zierlichen Holzkelchen zum Voressen nur genippt zu werden, um den Appetit zu schärfen; eine diätetische Bemessung, an die man sich doch nicht ängstlich zu halten pflegte. a. Preißelbeeren. b. Himbeeren. c. Heidelbeeren. d. Erdbeeren. e. Birnen und Aepfel gemischt.. Begleitendes Getränk: Metbock   II. Essen 1. Eingang Suppe mit Speckknödeln. Suppe mit Leberknödeln. Gesottene Krebse. Forellen, blau gesotten. Ad II, 1, d, e. Es mag Verwunderung erregen, daß außer Forellen und Aal keine Fische auftreten. Die Erklärung ist einfach: die Pfahlbewohner aßen jahraus, jahrein so viel Fische jeder Sorte, daß sie bei Festmahlzeiten wenig Wert auf diese Speise legten. Nur die Forelle und der Aal genossen ein Vorrecht, jene nicht bloß wegen der Feinheit ihres Geschmacks, sondern wegen der großen Schwierigkeit, sie zu fangen. Dieses blitzschnelle und höchst vorsichtige Flossentier ließ sich ja durch die plumpe beinerne Angel nicht täuschen, in die Reusen, so grob wie sie damals waren, äußerst selten verlocken, gleich selten mit der Hand fangen, wenn sie schlummernd in den Höhlungen am Ufer schwamm, und nur ab und zu gelang es einem sehr geschickten Schützen – nicht, den Fisch zu treffen, aber den Pfeil so unter ihm durchzuschießen, daß er aus seinem Waldbach ans Ufer geschnellt wurde. Den Aal mit Salbei umwickelt zu braten, war eine neue Erfindung, und man wußte den Wert dieser leckeren Zubereitung allerdings zu würdigen. Aal mit Salbeiblättern, gebraten. Kibitzeneier. Saure Nieren.   2. Mittelpunkt In zwei Abschnitten, deren erster wiederum eine Art Vorstufe für den zweiten, den Blütenpunkt, bildet Abschnitt A Rindfleisch, gesotten. Zuspeisen: α. Rettich, als Salat angemacht mit Metessig und Buchelöl. β. Brunnenkresse mit Gelbrüben, ebenso angemacht. γ. Ochsenmaulsalat, ebenso. δ. Boragen, ebenso. Ad II, 2, A, b, δ. Boragen: Borago officinalis , mit bläulichen Blumen, haarigen Blättern, jetzt fast für Unkraut geltend, hat einen sehr angenehm heringähnlichen Geschmack. Durch ihren Genuß gaben sich die Pfahlmänner die Vorahnung der Gaumenfreude, welche der ihnen noch unbekannte Meerfisch im eingepökelten Zustande uns späteren Geschlechtern bereitet. Deckelschnecken mit Zwiebeln, gedämpft. Gemüse mit Beilagen. α. Bohnen mit Bärenschinkenschnitten. Ad II, 2, A, d, α. Es darf nicht unterdrückt werden, daß die Bohnen unentfasert auf den Tisch kamen. Die Schüsseln mit diesem Gerichte sahen daher aus wie eine borstige Perücke. Pietät gegen die Altvordern hat diesen Brauch bis heute in der bürgerlichen Küche jener Gauen fromm erhalten. β. Erbsen mit Landjägern. Ad II, 2, A, d, β. Erbsen mit Landjägern: die Erbsen, wie man sich denken kann, nicht zerrieben, große gelbe Gattung, hart wie Bleikugeln. Die Verdauung war eben eine vortreffliche. »Mit Landjägern.« Der Verfasser bedarf Nachsicht. Diese Würste hießen damals wegen ihrer gediegenen Härte Lederwürste; er hat den modernen Namen vorgezogen, um dem Kenner das Objekt rascher zu vergegenwärtigen. Der Ursprung der letzteren Benennung ist von der Philologie noch nicht erforscht. Schreibt man den Landjägern etwa besonders gute Zähne zu? Oder vergleicht man die länglich hagere, flache Gestalt der Wurst mit der Dürrheit, welcher die Figur der Landjäger durch ihre Streifstrapazen wohl häufig verfällt? γ. Rüben mit Schübling. Ad II, 2, A, d, γ. Rüben mit Schübling. Schübling heute noch in ganz Süddeutschland bekannte Wurst, nahe Verwandte der Knackwurst. Fischart beehrt sie mit Aufführung, wo er Gargantuas Speisekammer beschreibt. δ. Sauerkraut mit Blunse und geräuchertem Fleisch des Murmeltiers. Ad II, 2, A, d, δ. Daß das beliebte Sauerkraut schon jenen Zeiten bekannt war, ergibt sich keineswegs nur aus dem sicheren Schluß, den man aus der Gemütlichkeit der Zustände ziehen darf, sondern auch aus verbürgter Ueberlieferung. »Blunse«; – was wir jetzt Blutwurst nennen, war unbekannt; in die Blutwurst gehört außer Blut Gewürze mit Speckwürfeln; dies wäre jenen körnigen Menschen zu künstlich erschienen, auch wenn sie Gewürze gekannt hätten. Die Blunse, ein Darmhautrund einfach mit Blut gefüllt, entsprach besser der Biederkeit ihres Wesens. Doch verschmähten sie nicht, durch Hinzunahme geräucherten Murmeltierfleischs der Zunge gleichzeitig einen schärferen Reiz zu bieten. Kuttelfleck, gedämpft.   Abschnitt B Zahmbraten und Zahmgesulztes. α. Kalbs-, β. Lamms-, γ. Rindsbraten. δ. Gesulzte Spansau. Ad II, 2, B, a, δ. Gesulzte Spansau: besonders beliebt, hatte einen gebratenen Apfel zierlich im Maul stecken. Wildbraten von Vierfüßlern. α. Wildschwein in Brühe von Blut und Mehl mit Thymian, Kümmel, Wacholderbeeren, Zwiebeln und Pilzen gewürzt. Ad II, 2, B, b, α. Wir haben nur hier die Brühe erwähnt, weil sie bei dieser Speise extrafein war, und fügen bei dieser Gelegenheit eine sprachliche Bemerkung bei. Wir sagen jetzt Sauce. weil wir uns des guten Worts Brühe dadurch beraubt haben, daß wir es verächtlich von unsauberer Flüssigkeit gebrauchen. Diese Einschränkung hatten sich die Pfahlbewohner noch nicht beikommen lassen, daher sich auch nicht in die Lage gebracht, für ein ganz ausreichendes eignes Wort ein Fremdwort zu entlehnen. β. Hase, gespickt. Ad II, 2, B, b, β. Hase gespickt. Es war nur einer. Lampe war damals außerordentlich selten; er hatte zu viele Feinde, deren nicht die geringsten die Adler und Geier waren, die auch als Räuber der kleinen Lämmer den Hirten nicht wenig zu schaffen machten. Das Exemplar, in einer Schlinge gefangen, war etwas alt, desto neuer die Kunst des Spickens, die sich am zähen Stoff siegreich bewährte. Der seltene Bissen. der nicht für alle sein konnte, war den Gemeindeältesten vorbehalten. γ. Wisentbraten. Ad II, 2, B, b, γ. Wir gestehen, daß der Wisentbraten, obwohl von einem Stier in den besten Jahren, ziemlich hart war, allein das andre Fleisch war nicht viel weicher. Die Pfahlbürger liebten das Weiche, Kätschige nicht, die prächtigen Zähne jener Geschlechter hatten Jahrhunderte hindurch den schädlichen Einflüssen der Seenebel bis dahin noch fest widerstanden, und insofern war Arthurs Behauptung in seiner Rede ein Vorgriff. Zu ββ ist zu wissen, daß die Pfahlleute den Namen: Kotelette noch nicht kannten. Hat doch der Berichterstatter mitzuteilen, daß manches Jahrtausend später, nämlich in seiner Knabenzeit, noch kein Mensch Kotelette, alle Welt nur Ripplein sagte. Jenes waren nun freilich keine Ripplein, sondern Rippen. Sie waren mit Speckstückchen und Petersilie höchst appetitlich belegt und wurden zuerst nur als Schaustücke, dann zerlegt zum praktischen Gebrauch aufgesetzt. Der Wisentschwanz (γγ) galt als großer Leckerbissen; auf ein genußreiches Benagen folgte ein genußreicheres Aussaugen. Das war denn natürlich nicht für alle, sondern Vorrecht des Druiden; dies Hauptstück wurde also ihm allein vorgesetzt, und kunstgerecht machte er sich an die Arbeit. αα. In größeren Stücken, als: Lummelbraten, Ziemer. ββ. Rippen. γγ. Schwanz, gebeizt. δ. Elchbraten in den Formen αα und ββ. Geflügel. α. Wildente. β. Wildtaube. γ. Rebhuhn. δ. Zwei Schnepfen. Ad II, 2, B, c, δ. Armer Arthur! Niemand gedachte deiner bei den zwei Schnepfen! So sind die Menschen! Während der Geber im Gefängnis schmachtet, wird unter Scherzen seine Gabe herausgeknöchelt und mit Schmatzen von den Gewinnern verzehrt! Arthur hatte auch einige Pfeilspitzen von Erz mitgebracht, in Robanus auf Schäfte gesetzt, war mit ein paar Burschen auf den Schnepfenstrich gegangen und hatte den einen Vogel durch den Kopf, den andern unter dem Flügel in die Seite getroffen. So etwas war mit Steinpfeilspitzen begreiflicherweise nicht, aber auch so nur einem Falkenauge wie dem seinen und einer Hand so flink und zugleich so stet wie die seine möglich. Schnepfen wurden sonst, und natürlich schwer und selten genug, wie auch die Rebhühner, nur in Netzen gefangen. ε. Auerhahn, gebeizt. Kuttelfleck in Sauerbrühe. Salate. α. Eier und wilder Lattich, angemacht wie die Zuspeisen II, 2, A, b, α, β, γ, δ. β. Meerrettich mit Sauerampfer, ebenso. γ. Schlehen mit Zwiebeln und Kümmel, ebenso. Getränke zu II: Einfacher Met und Obstwein   III. Nachtisch Natürliches Obst. a. Stachelbeeren. b. Brombeeren. c. Himbeeren. d. Zwetschen. e. Aepfel. f. Birnen. Gedämpftes Obst. Schnitzli. Ad III, 2. »Schnitzli« war ein Lieblingsgericht, wie schon früher angedeutet. Das Wort wurde in engerer und weiterer Bedeutung gebraucht, in jener bedeutete es Apfelschnitze, gedämpft mit Speckwürfelchen, und so ist der Ausdruck hier gemeint. Es darf nicht verschwiegen werden, daß die Schnitze nicht geschält waren. Auch diese Speise pflegen in Ehrfurcht vor alter Sitte heute noch die späten Enkel der Pfahlbürger als Nachtisch gern auf ihre Tafel zu setzen. Backwerk. a. Riniturleckerli. Ad III, 3, a. Riniturleckerli. Leckerli sind die heute noch wohlbekannten Leb- oder Honigkuchen. Sie wurden besonders schmackhaft in der Stadt Rinitur, dem jetzigen Basel, bereitet. Die Pfahlniederlassungen waren nicht so außer Verkehr, daß nicht wandernde Händler ein Produkt der Küche, worin eine Gemeinde die andre überflügelt hatte, weit ringsum verbreitet hätten. Bald aber wurde dieses Backwerk nachgeahmt, und der Name bezeichnete nicht mehr die Herkunft, nur die Güte. b. Hutzelbrot. Ad III, 3, b. Hutzelbrot. Welcher Kenner der deutschen Literaturgeschichte weiß nicht, daß Schiller noch in späten Jahren dies Gebäck aus gedörrten Birnen, Mehl, Zibeben, Mandeln von einer schwäbischen Köchin sich bereiten ließ, Gästen zu versuchen gab und verlangte, daß sie es lobten? Man sieht nun aus unserm Berichte, daß es uralt ist und sich von jenen Gegenden über den Podamursee nach Schwaben verbreitet haben muß. Die Stelle der Mandeln vertraten damals Haselnüsse, die der Zibeben Brombeeren. c. Wähen, das heißt Kuchen mit verschiedenem Obst. Ad III, 3, c. »Wähen«: uralter Name für Kuchen; Ableitung dunkel. d. Mohnkrapfen. e. Krone des Ganzen: eine Pastete drei Fuß hoch. α. Inhalt. Füllsel von Zahmflügelstücken, Milken, Mausschlegeln und Eidechsenschwänzen. Ad III, 3, e, a. Der Leser hat wohl längst die Frage auf den Lippen, wo denn das Zahmgeflügel bleibe? Hier, bei diesem Gipfel der Küchenkunst, bei der Pastete, hat er die Antwort. Im Bauche dieses Prachtgebäudes befanden sich butterweich gebettet die Mäglein, Leberlein, Herzlein von Hühnern, Enten, Gänsen, nicht minder Flügel, Schlegel, Pfaffenschnitze, und zwar vereinigt mit »Milken« (was wir jetzt Brieschen nennen, die drüsenartigen Knollen am Halse des Kalbs) und mit Mausschlegeln. Mausbraten wird jetzt infolge törichten Vorurteils vernachlässigt. Warum sollte eine Maus unappetitlicher sein als eine Ente, eine Sau? Mausfleisch, insbesondere Schlegelstück, verbindet in seiner Einheit Wildfleischgeschmack mit dem zarten Geschmacke des Nußkerns. Etwas salzig Prickelndes enthält dagegen der Eidechsenschwanz, man möchte sagen, er bewirke ein gewisses wuseliges Gefühl auf der Zunge. – Zu β: »Form«, nämlich zu der plastischen Gruppe, welche den Deckel des reichen und wohlgefälligen Ganzen bildete. haben wir nur die eine Bemerkung, und auch diese nur für Kenner der Kunstgeschichte: Die Stilgebung des Künstlers stand auf einer Stufe ganz parallel mit dem Stile der Metopen von Selinunt. Der Name des Künstlers darf so wenig im Dunkel bleiben, als der des Kochs und des Knochenspalters. Er hieß Schababerle und nannte sich Hofzuckerbäcker. Es gab freilich in Robanus keinen Hof, aber der Mann schuf und bildete an festlichen Tagen für die Tafel des Druiden, und dieser ließ es gerne zu, daß er sich darum den Titel beilegte. Es ist nachzubringen, daß auch Sidutop auf denselben Grund hin ähnlich verfuhr; er nannte sich Hofkoch oder Hochwürdlicher Koch; den Knochenspalter Binuschnidur nicht zu vergessen; er betitelte sich gern Hofknochspalter oder Seiner Hochwürden Leibschlitzer. β. Form. Rund, mit Blumen garniert, Honigüberguß mit Safran gefärbt. Spitze: plastische Gruppe aus Mehl mit Honig, in polychromer Behandlung darstellend: die Feen Selinurs umschmeicheln den Drachen Grippo; Fülle weiblicher Grazie, im Kontrast mit dem dämonisch Häßlichen doppelt wirksam. Getränke: Außer Metbock – Stachelbeerwein Zur bestimmten Zeit erschien pünktlich der Druide mit den Gemeindeältesten und den Singknaben. Er lud die Gemeinde feierlich ein, seinen Hymnus nun vollstimmig als Tischgebet zu singen, – nur das erste der drei Glieder, wobei der einfacheren Melodie wegen die Vorsänger genügten. Die Musiker waren schlechtweg zu sehr erschöpft, das zweite und dritte Glied vorzutragen, und ohne ihre Mitwirkung war es unmöglich, diese kunstreichen Gefüge mit ganzer Gemeinde zu singen. Alles Volk hatte sich die alte Weise schnell wieder im Gedächtnis aufgefrischt, und mit wenig Anstoß wurde das ebenso verständige als fromme Festlied abgesungen. Gern setzte man sich jetzt und hob zum leckeren Mahle die Hände. Wir überlassen nun die tatlustige Gesellschaft im Glanze dreifacher Beleuchtung dem Genusse dieser Herrlichkeiten. Es ist lieblich, im grünen Haine umstrahlt von seenhaftem Lichte zu speisen, und unsre Pfahlmänner bedrängte es wenig, daß die drei langen Tafeln eigentlich keine Tafeln, sondern aus quergelegten Prügeln nicht allzu eben hergestellte Flächen waren; lagen doch Bastdecken darüber gebreitet, welche das so ziemlich ausglichen und den Schüsseln einige Standfestigkeit gönnten. Nur die Männer sehen wir vereinigt; das Frauenvolk mußte zu Hause bleiben; ihnen wurden je nach einem Gang des Festschmauses die übriggebliebenen Brocken zugetragen, woraus sich denn auch die Frage beantwortet, ob denn der Speiszettel für die bloße Hälfte der Gemeinde nicht zu reichlich sei. Die schönere saß in den geräumigeren Häusern des Dorfes zusammen, unter heiteren Gesprächen auf die willkommenen Abhübe wartend, und zwar an solchen Abenden beim Tee. Chinesischer war das freilich nicht; vielmehr ein Sud aus Schlüsselblumen, Holder und Schlehblüte, der mit Met ausreichend versüßt wurde. Da war denn der Genuß der schwatzenden Zunge fast gleich hoch geschätzt wie der schmeckenden, das Gespräch fiel schnell auf dankbare Stoffe, wie die halb bekannten, halb geahnten Vorgänge in Odgals Haus, Sigune, Alpin, der eingetürmte Fremdling, und man kann sich denken, daß schnell genug der Mythus sich beeilte, aus dem Einfachen und dem Dunkeln sein buntes und glänzendes Gewebe zu spinnen. In einem dieser Teezirkel erwartete man vergeblich die Nachbarin Sigune. Eine Frau ging in ihr Haus, sie herbeizuholen, und fand sie mit Packen beschäftigt; sie wickelte eben einige Speisen: Schinken, Wurst, Brot mit einer wohlgepfropften Holzflasche zu einem Päckchen zusammen. »Was machst?« sagte die Nachbarin, »was packst da?« – »Es ist für Alpin,« erwiderte sie, »der morgen weit hinaus in den Wald gehen muß, nach einem verlaufenen Rind suchen, auch nach den Wolfsgruben sehen will, ob keiner sich gefangen hat.« Auf die Einladung, gleich zur Gesellschaft mitzugehen, sagte sie mit befangener Stimme, das Kleine sei so unruhig, sie fürchte, der Scharlach breche aus; wenn das Kind ruhig werde und ordentlich schlafe, komme sie wohl nach. Mit einem fragenden Blick entfernte sich die Nachbarsfrau. – Wer nicht nachkam, war Sigune. Bei den Männern draußen kam über der ernsteren fachlichen Tätigkeit nur langsam das Gespräch in Fluß; erst als man beim Mittelpunkte, ja eigentlich erst als man bei dessen zweitem Abschnitt, dem Bratenstadium, angekommen, wurde es warm und lebhaft, dann aber schnell anwachsend so mächtig laut wie die brüllende See; denn die Pfahlbewohner hatten gar kräftige Stimmen; man hätte sie Luftstimmen heißen können, weil sie in der Tat für geschlossene Räume nicht angetan waren; sprachen hier auch nur zwei oder drei, so hätte ein Menschenkind unsrer Zeit mit seinem gezähmten Organ nicht mehr daneben aufkommen können und bei dem bloßen Anhören der tief geholten Rachentöne einen Hustenanfall erlitten. Die Getränke taten das Ihrige, die Seelen und Kehlen zu befeuern, und da jegliches Ding, das sich ohne Einhalt steigert, einen Grad erreichen muß, wo es umspringt und überschlägt, so trat nun eine Erscheinung ein, die wir am passendsten schildern, wenn wir am Bilde von der bewegten See festhalten. Wenn man dem Spiele der Meereswogen zuschaut, so wird das Auge besonders von der Art gefesselt, wie sie, auf ihrer Höhe angekommen, sich auflösen. Die Welle hat zuerst einfache stumpfe Kegelform, dann wächst sie auf der Seite, woher der Wind weht oder die Flutbewegung geht, zu einem Schwanenhals an und bildet auf der entgegengesetzten eine Hohlkehle; jetzt, wenn sie reif ist, fällt der Kamm des Halses schäumend über diese Hohlkehle herunter, und die furchtbare Tönewelt eines Seesturms rührt nicht zum geringsten Teile von dem Donner dieser niederbrausenden Wasserfälle. Die Auflösung der Wogen beginnt bald an einer Stelle, die dem Auge des Zuschauers so entfernt liegt, daß sie ihm als das Ende erscheint, bald in der Mitte, bald aber auch an zwei Enden und so, daß die Bewegungen des Zerschäumens nach der Mitte zugehen und hier zusammentreffen. So nun begann am einen Ende des mittleren der drei Tische, an welche die Gesellschaft verteilt war, das Gespräch der Männer, auf der Höhe seiner Kraft angekommen, sich in eine Kraftäußerung andrer und zwar jener tätigen Art aufzulösen, welche wir durch das Wort Keilerei zu bezeichnen pflegen; gleichzeitig nahm derselbe Umsprung seinen Ausgang am andern Ende, beide Bewegungen wälzten sich fort nach der Mitte, wo der Druide saß und neben ihm die zwei Barden die Ehrenplätze einnahmen, und rissen auch diese würdigen Personen in ihre Wirbel. Die Ursache des Umsprungs war eine andre am oberen, eine andre am unteren Ende. An jener Stelle hatte sich ein Gespräch über den Wert der beiden Hymnen zum Zank erhitzt. Dort saß Gwalchmai, den wir bereits als ein Mitglied jenes Kreises kennen, welcher vom Druiden die Einladung der zwei Barden von Turik erwirkte. Er kam mit einem Normalhuster, der ihm gegenübersaß, einem alten, aber heftigen Manne, in Streit über den Hochgesang Kullurs. Dies war Morbihan, den wir als einen der Zeugen wider Arthur schon im Hause des Druiden gefunden haben. Derselbe nahm sich eifrig des dreigliedrigen Dichtwerks von Angus an und ließ sich von der Leidenschaft hinreißen, seinen Gegner einen Narren und Schwindelkopf zu schelten, Gwalchmai gab es heim mit: langweiliger und noch dazu giftiger Normalhuster. Dieses Wort, das wir bisher ohne Fährde gebraucht haben, war in der damaligen Gegenwart ein gar hartes, und hatte oft genug die Losung zu Schlägereien gegeben; der Beleidigte ballte die Faust und schlug den Gegner derb über den Kopf, der war nicht faul und gab es mit einer Maulschelle heim. Die zwei saßen sich schief gegenüber; nun wollte es das Unglück, daß neben Morbihan Griffith faß, ebenfalls einer aus jener Gruppe, die wir als eine Art Linke bezeichnen, und wiederum diesem schief gegenüber Avagddu, ein Mann der Partei, die wir nun folgerichtig als Rechte bestimmen dürfen; wir werden ihn wie Morbihan in unsrer Geschichte noch weiterhin beteiligt finden. Diese zwei hatten sich über die Rede Kallars ereifert, Griffith hatte ihn einen zweiten Merlin genannt, was Avagddu so empörte, daß er den Barden einen duckmäuserischen Grippodiener schimpfte, hier war der Mann der Linken der zornigere Teil, schlug mit der knochigen Faust hinüber, und Avagddu blieb den Schlag nicht schuldig. Nun hatte es aber bei dieser Aktion zweier Paare, die sich übers Kreuz schlugen, nicht sein Bewenden, die Nachbarn wollten zuerst Einhalt tun, bekamen dabei Püffe weg, wurden darüber aus Friedensstiftern Mitprügler, und so lief es denn fort wie der ununterbrochene Schaumstreifen der überstürzenden Woge. Am andern Ende war der Ursprung desselben Aufruhrs nicht ebenso geistiger Art. Hier war einem biedern Holzhauer ein Unschick begegnet. Wir müssen eine kulturhistorische Bemerkung voranschicken. Das Fleisch wurde zerschnitten aufgesetzt. Es gab ja, wie wir längst wissen, keine ordentlichen Messer, und von fassenden Gabeln konnte ohnedies nicht die Rede sein. Ein Vorschneider nahm in der Küche die Zerlegung vor mit einer der äußerst seltenen Klingen, die beim Zerschlagen des Feuersteins lang und scharf genug ausgefallen war, um dies Geschäft damit zu versehen; auch so bedurfte es noch besonderer Kunst, und demnach gab es denn auch in diesem Gebiete Techniker. Auf großen Holztafeln wurde die Frucht der Vorschneidarbeit ausgesetzt und jeder Gast nahm sich seinen Bissen mit dem Naturwerkzeuge der Hand. Löffel aber gab es, aus Horn und feinem Holze gar nicht übel geschnitzt, wiewohl etwas groß. Man bedurfte ihrer doch zu Suppe und Gemüs; gewöhnlich holte sich jeder seinen Schub aus der gemeinschaftlichen Schüssel und führte ihn geradlinig zu Munde. Bei Festschmäusen aber hatte ausnahmsweise, um die würzreiche Brühe, die zu den auserlesenen Fleischspeisen gehörte, mit Ruhe und Verstand genießen zu können, auch der einzelne seinen Teller, d. h. seine mit schwerer Schnitzkunst erträglich konkav gebildete Holzscheibe. Das Abtropfen des Fetts, wenn der Esser seinen Bissen aus der gemeinschaftlichen Schüssel zum Mund herüberhob, hatte zu dieser Neuerung den Anlaß gegeben. Nun aber führte das noch zu einer weiteren Geltendmachung der einzelnen Persönlichkeit: man benützte den Teller, um den Fleischbrocken nach eignem Geschmack noch etwas mehr ins Spezielle zu bearbeiten, als der vielbeschäftigte Vorschneider es getan. Dies geschah mit dem Steinmeißel, den jeder sich mitbrachte. Ueber das Verfahren haben wir unsern modernen Leser bereits aufgeklärt: das Werkzeug wurde am Hirschhorngriff gefaßt, auf das Fleischstück aufgesetzt, und die Hand war hart genug, um als Hammer zu dienen. Leicht wird man jetzt den Zufall begreifen, der dem guten Holzhauer begegnete. Seine schwere Faust schlug etwas zu stark, stieß Meißel und Fleischklumpen über den Teller hinaus, und die Brühe spritzte dem Nachbar Zimmermann ins Gesicht. Der fuhr auf und schrie: »Kaib!« Der reißend schnelle Hergang muß einen Augenblick mit einer erläuternden Bemerkung unterbrochen werden, die der Leser billig erwartet. Das Wort Kaib war Entstellung eines hohen Ehrennamens. Der oberste Druide hieß, wie man sich erinnert, Coibhi-Druid, Druidenhaupt. Es kam auf, dies Wort ironisch anzuwenden, so daß es das Gegenteil seines Sinns bezeichnete; um den Frevel zu mindern, sprach man es unrichtig aus, wie wir heute noch mit Wörtern heiligen Sinns verfahren, wenn wir sie zu Fluch oder Schimpf mißbrauchen. Man begreift, daß es in einer Zeit, wo dieser sein Ursprung noch bekannt war, für ein sehr starkes Scheltwort galt. Kein Wunder denn, daß dem bespritzten Zimmermann zu der Brühe alsbald noch eine Ohrfeige ins Gesicht flog. Des Zimmermanns nahm sich tatkräftig der Nachbar Fleischer an, des Holzschlägers der nicht so leibstarke, aber behende Schneider, und das weitere ergibt sich durch Vergleichung mit dem Hergang am andern Ende: die Handlung war im Gang und bewegte sich mächtig in der entgegengesetzten Richtung. Wir können also sagen: die Wogenschäumung ging von zwei Polen aus, dort einem idealen, hier einem realen. Noch ehe aber diese zwei Sturzbewegungen die Mitte erreicht hatten, wurden sie durch zuwachsende seitliche Strömungen noch wesentlich verstärkt. An dem einen der zwei übrigen Tische saßen die ledigen Bursche. Sie waren bereits nicht besonders nüchtern zum Schmause gekommen und hatten sich dennoch den Met und Obstsuser tüchtig schmecken lassen. Die Unterhaltung galt den Ereignissen des Schützenfestes, den besten Schüssen, den Gewinnen. Manches Hoch wurde ausgebracht, man rühmte sich gegenseitig in blühenden Trinksprüchen; das Andenken sagenhafter Schützen aus der Vorzeit wurde gefeiert, in deren Ruhm die späten Enkel gerne sich sonnten. Aber man neckte sich auch mit verfehlten Schüssen, und der Neid um glückliche glostete als verborgenes Feuer in manchen Gemütern. Dabei entzündete sich anderweitiger Brennstoff: Eifersucht um Mädel, die unter der Decke glomm und gelegentlich zum Ausbruch kam. Einer der Bursche, Dubrach mit Namen, hatte gar ungern gesehen, wie der Tanzdichter Hopp-Hoppodur die reizende Gwennywar zum Tanz aufzog, denn sie war seine Flamme. Der heitere Künstler hatte sich als Junggeselle zu den Burschen gesetzt, obwohl er um etliche Jahre über sie hinaus war. Dubrach fing an, mit Scherznamen wie Tänzerling, Hüpfmeister, Flederwisch herauszurücken, bei letzterem Wort sprang der behende Mann auf, war mit einem Satz über dem Tisch, mit einer flinken Schwenkung saß er dem breiten Spötter auf den Schultern, hatte die Hände an seinen Ohren und zog und zwickte ihn scharf in die Läppchen. Man lachte, aber es blieb nicht lang beim Scherz. Dubrach wurde wild, da er den festeingeklemmten Reiter nicht abzuschütteln vermochte, fand Bundesgenossen, andre sprangen dem Tänzer bei, die Aufregung pflanzte sich auf die übrigen fort, es gab ein Gezerre und schnell ging der Spaß in Ernst, in Taten über. Nun brach es aber auch hier noch auf einem zweiten Punkte los. Zwei Jägdler, schon bejahrtere Hagestolze, die sich aber ebenfalls zu den Burschen gesetzt hatten, ereiferten sich in einem Gespräch über die Frage, was als wesentliches Merkmal der Hirschlosung zu bestimmen sei. Der rothaarige Caractac behauptete, das wahre Kennzeichen sei die Gestalt, bestehend in einer Reihe verbundener, nußförmig runder Körper, wogegen der spitznasige, schwarze Llywelin festhielt, das wichtigere Merkmal sei der weißliche Schleim, womit dieses Gebilde netzartig wie mit Spinnwebe überzogen sei. Man sieht, es war eigentlich ein Gegensatz von plastischer und malerischer oder, genauer zu sagen, zeichnerischer Anpassung. Da keiner den andern überzeugte und keiner nachgab, so war der Streit zwischen dem Plastiker und dem Pittoresken oder Skizzisten bald nahe daran, zu schließen, wie der Disput der Völker zu schließen pflegt, wenn die Gründe und Gegengründe erschöpft sind. Auf diesem Punkte standen denn eben die beiden Gruppen, als das Brausen der Schlacht am mittleren Tisch anhub. Beide vergaßen augenblicklich den eignen Span, dort verlor der Reiter den Schluß, sprang ab, hinüber mitten ins Gewühl, nicht minder beeilten sich die nächsten, die geballte Kraft vielmehr nach jenseits zu entladen, hier die zwei Jägdler machten es ebenso, dann nacheinander, wie Eisen vom Magnet angezogen, flogen sämtliche jugendliche Ansassen dieser Tafel ebenfalls nach der Mitte hinüber und schlugen blind darauf, wo es nur hinging. Am dritten Tisch saßen Verheiratete, so viel ihrer am mittleren Tische nicht Platz hatten, ältere, jüngere durcheinander. Hier hatten sich, kühn genug, einige Stimmen des Mitleids mit Arthur vernehmen lassen; zuerst der verständige Massikomur, der Finder der uralten Pfahlzeitreste im Seegrund, hatte es gewagt, den vermessenen Redner mit seiner Jugend zu entschuldigen; er hatte in ein Wespennest gestochen, eine milde Rede hatte eine wilde, eine wilde eine wildere gegeben, und so stand auch hier alles in Feuer und Flammen, als der Krieg am mittleren Tisch ausbrach und schnell den zweiten in seinen Krater hineinriß. Da war denn auch für Gesetztere kein Widerstehen mehr und in wenigen Augenblicken die ganze Gesellschaft aller drei Tische nur ein ungeheurer Knäuel wildbewegter, klopfender und klatschender Glieder, worin eine deutliche Form, ein deutlicher Ton nicht mehr zu unterscheiden blieb. Man sah gehobene Arme, man sah auftauchende Köpfe, in der Luft baumelnde Beine, man sah breite Rücken und darüber dreschende Fäuste, aber jegliches Gebilde verschwand blitzschnell vor dem schwindelnden Auge, das in die Schlünde der Charybdis zu sehen glaubte. »Wessen Auge? Da gab es ja keinen Zuschauer!« O ja, doch! – Wir haben noch keinen Augenblick gefunden, des näheren zu erzählen, wie die Wirbel der Doppelbewegung am mittleren Tische nun dessen Mitte ergriffen, wo zwischen den zwei Barden der Druide saß. Der würdige Mann war nicht so überzart, nicht gegenzuwirken, als er von links und rechts Püffe erhielt; in der Tat erfreute sich jenes ganze Zeitalter noch eines hinreichend frischen Natursinnes, um es nicht gar so fürchterlich zu finden, wenn ein Druide oder Barde einmal in die Wechselwirkungen einer Prügelei hineingerissen wurde. Es konnte als Zufall gelten, daß der Barde Kullur einen seiner ersten Hiebe zu fühlen bekam, dieser jedoch nahm es – aus Irrtum oder nicht, bleibe dahingestellt – als Absicht, zog mit der gedrungenen Kraft seiner kurzen, stämmigen Glieder den großen, etwas fetten und eben nicht abgehärteten Mann über die Bank herüber und bearbeitete gründlich seinen breiten Rücken, gründlicher seinen fetten Sitzmuskel. Es geschah eigentlich nicht aus Unmut wegen der Hymnenkonkurrenz, vielmehr im Grund einfach, weil er ihn und seinesgleichen überhaupt nicht leiden konnte. Des weiteren aber verschwanden beide in den allgemeinen Wogen des Getümmels und waren als einzelne Wellen nicht mehr zu unterscheiden. Anders der Barde Kallar. Er wußte sich mit großer Gewandtheit nach den ersten Zerrungen und Stößen aus dem Gewirre zu entwinden, beiseite zu treten, stand, da niemand Zeit hatte, ihn zu bemerken, ganz ruhig an einem Eichstamm und beobachtete mit übergeschlagenen Armen, gelassen lächelnden Lippen das Schauspiel wie ein merkwürdiges Naturereignis. Das ist die Ruhe, welche die Wissenschaft gibt! Er genoß sie rein, wolkenlos, ohne den geringsten Verdruß über das heißere Blut seines Kollegen. Jedes Drama hat sein Ansteigen, seine höchste Verwicklung, aber auch seinen Ablauf, seinen Schluß. Die Kämpfer sättigten sich, wurden müde, die Schläge fielen seltener, Ausruf und Schrei begann sich zu legen, und endlich trat Meeresstille ein. Koch, Knochenschlitzer, Vorschneider mit ihren Gehilfen traten jetzt aus der Schußweite der Küche hervor; sie hatten ein solches Schauspiel nicht zum erstenmal gesehen und beeilten sich nun, die zerzauste Matte wieder zu ordnen, die zerbrochenen Schüsseln und Krüge wegzunehmen, neue aufzutragen, inzwischen verschnauften die Kämpfer und setzten sich dann geruhig wieder an ihre Plätze. Sie hatten eine Erfrischung genossen, die zum jährlichen großen Opferschmaus in Wahrheit niemals fehlen durfte. Wer möchte sie verdammen? Ist nicht das Essen eine träge Art von Genuß, der es gar wohl ansteht, in einer Beigabe mannhafter und aktiv bewegter Art ihre Ergänzung, ihren höheren Schmuck zu finden? Auch waren sich die Pfahlbewohner wohl bewußt, daß dieser bewegungsreiche ornamentive Zusatz zugleich ein Ersatz sei für eine Einrichtung, die ihnen fehlte: gymnastische Uebung; ihr Speiseplatz wurde so ihr Turnplatz; ihre Körper, eckig und schwerfällig von harter Arbeit, wurden durch diese Knetungen (jetzt: massage ) geschmeidigt; die Schlägerei hatte eine muskelbildende – sage griechisch: myoplastische –, nebenbei zu erwähnen auch eine entschieden verdauungsfördernde Wirkung; man darf hinzusetzen: sie vertrat durch den gesunden Schweiß, den sie mit sich brachte, die Stelle von römisch-irischen Bädern, welche die Pfahlmänner noch entbehrten; sie badeten ihn ihren Seen, aber der Mensch bedarf von Zeit zu Zeit auch eines Dampfbades. Ja, ungleich Höheres noch dürfen wir behaupten: die Wirkung war auch eine seelenbildende, denn ein gewisser sanfter Friede: ein calmo di mare pflegte nach diesen Stürmen auch auf die Gemüter sich zu senken, und dagegen kamen ein paar Schrammen und Beulen doch wirklich nicht in Anschlag. Unbedingt war freilich solcher Ruhe des Meeres nicht zu trauen. Oft folgt ja auf einen Sturm ganz unerwartet ein zweiter; eine müde, scheinbar erstickte Granatkugel fährt oft noch einmal empor, zerplatzt und tötet rings, was ihr begegnet. Nicht bei allen Mitgliedern der Gesellschaft hatte sich Einnahme und Ausgabe in der Prügelrechnung befriedigend ausgeglichen. Wer konnte wissen, ob es nicht da und dort unter der Asche noch unheimlich nachglimme! Vorerst sollte sich zeigen, daß dies wenigstens beim Druiden der Fall war. Körperlich war zwar auch ihm die Motion im allgemeinen ganz gut bekommen. Wir wollen nur verraten, was wir bisher noch rücksichtsvoll verschwiegen haben: sein letzter war nicht so musterhaft verlaufen, wie es für einen voranleuchtenden Druiden sich ziemte; er hatte ihm einen rheumatisch krummen Hals zurückgelassen. Die Durcharbeitung, die gründliche Walkung hatte ihn jetzt kuriert: sein Kopf stand wieder gerade auf seinem Rumpf. Aber sein Inneres war nicht gerade, nicht still und weich geworden. Er hatte vor der motorischen Episode wenig gesprochen, starr vor sich hin gesehen; jetzt, obwohl er die passive und aktive Teilnahme an der Kraftäußerung der Gemeinde im ganzen als eine wohltuende nachfühlte, verhielt es sich doch anders mit einem Bruchstück derselben: im allgemeinen Durcheinander hatte es sich doch seiner Wahrnehmung nicht entzogen, wer es war, der ihm auf seine Sitzgegend so tüchtig aufmaß; das brannte nun empfindlich nach, eine prickelnde Glut stieg aus dem unteren Teil seines Organismus empor und traf oben, in Herz und Hirn, mit dem verhalten gärenden Grolle zusammen. ›Wartet, ihr Barden,‹ dachte er, ›Schlag gegen Schlag! Kann ich euch nicht treffen, euern Freund, euern Gesinnungsgenossen werde ich zu erreichen wissen!‹ Er schwieg, bis alles wieder saß; er selber zog vor – wie ihm dies ohnedem der eben bemerklich gemachte Zustand der Basis seiner Persönlichkeit anriet – sich nicht niederzulassen. So stand er, nicht schmunzelnd wie sonst. Die kleinen Augen waren in die Höhlen zurückgesunken, erst wie erloschen, dann fingen sie an, sich krebsaugenartig hervorzutreiben und wieder zu funkeln. Die Haarstränge, die von hinten über seine Glatze herübergezogen und festgeklebt waren, hatten sich losgemacht und ragten unter der hohen Pelzmütze, die nach den Körperübungen Morbihan wieder aufgelesen und ihm aufgesetzt hatte, lang und fetzig, ein verrückter Zackenkranz, hervor. Er hatte sich das große Trinkhorn mit Metbock füllen und reichen lassen; es war ein altes Erbstück der Gemeinde aus der Stirnwaffe eines Urs, das an hohen Festen umging. Er hob es, er rief: »Der großen Göttin!« stieß ringsum an und tat einen tiefen Trunk. »Den zweiten dem großen, finsteren und heilig zu scheuenden Urwurm Grippo!« Er tat einen zweiten noch tieferen Zug, reichte das Horn weiter und sah dann, als störte ihn etwas im Fortsprechen, hinter sich nach der Feldküche. Hier gab es eine Bewegung, der Koch Sidutop kam jetzt herbei und flüsterte ihm etwas ins Ohr. »Er komme und melde!« sagte Angus; der Koch eilte zurück, und gleich darauf trat ein Mann vor, todesbleich, zitternd an allen Gliedern, in voller Bewaffnung, der Speer schwankte hin und her in seiner schlotternden Rechten. »Sprich!« befahl Angus. Es war einer der zwei Wächter an Arthurs Gefängnis. Er stammelte daher: »Seit einer starken Stunde – dort – unten – oben – neben – in den Lüften – wo? was? ein Ton – Töne – entsetzlich – ein Fauchen – Prusten – Schnarren – Rumpeln – Krähen – lautes Heulen – Brüllen – dumpfes Murren – o! o! au!« Die Sprache versagte ihm, er taumelte an einen Eichenstamm, preßte den Rücken daran und hielt mühsam so die lummelnden Glieder aufrecht. Einige kritische Augen meinten zu bemerken, es sei nicht bloß Entsetzen und Angst, was seine Organe lähme. Der Druide ließ diesen Zweiflern keine Zeit zu näherer Prüfung. Er richtete sich steiler auf und begann feierlich: »Ihr habt es gehört. Die finstere Gottheit zürnt, verlangt ihr Recht, schwebt grollend um den Kerker des Frevlers! Der gewaltige, dunkle Grippo hat zu lange ein Menschenopfer entbehrt. Darum hat er unser Böcklein verschmäht. Wunderbares Wehen und Rauschen habe ich verspürt, Geisterstimmen habe ich vernommen heut abend im heiligen Innersten des Haines. ›Geuß mich mit Sünderblut!‹ rief hohler Tiefton aus den Aesten des Schauergebildes. ›Versöhne ihn!‹ lispelte es aus zitterndem Birkenlaub. Fromme Metheiden! ein Unheiliger, ein Götterfeind, ein Lästerer weilt in unsrer Mitte. Ihr kennt mich, ihr wißt, ich bin eigentlich ein Mann der Billigkeit. Ich lasse der denkenden Vernunft einen Spielraum. Zweifel ist bis an gewisse Grenzen erlaubt. Wir haben Köpfe in der Gemeinde, welche an den heiligen Zahlen fünfunddreißig und neunundvierzig zu rütteln wagen betreffend die Feen der Göttin Selinur und die Zwerggeister des Grippo. Ich habe diese Grübler nie verfolgt, nur sanft gewarnt. Ich selbst habe mich durch Zweifel zum Glauben durchgekämpft. Aber zu viel ist zu viel. Es darf nicht an den Kern, an die Wurzel, nicht an die Hauptkapitel gehen. Dieser Fremdling hat aber unsre allerheiligste Religion in ihren Grundwahrheiten verspottet, schon ehe er in die wildfrechen öffentlichen Reden ausbrach. Er hat unsre ehrwürdige, hochwichtige Betuchungs- und Ritzungsfeier belacht; er hat giftscharfe Worte fallen lassen, dahin zielend, daß unser Glaube keine Kraft mehr habe, die Völker zu erziehen; sie sind mir von treuen Seelen hinterbracht worden. Ich weiß mehr: er hat einem ehrsamen Jüngling der Gemeinde nach dem Leben gestrebt in höllischer Eifersucht, da er eine Tochter unsrer Gemeinde zu verführen, zu entführen trachtete, die dieser edle, gottesfürchtige Sohn Odgals lieb hat und freien will.« – Man schaute umher, aller Augen suchten Alpin. Stimmen ließen sich hören: »Wo ist er?« Die ledigen Bursche riefen: »Er fehlt schon den ganzen Abend.« – »Ja, seit dem Festschießen schon.« – »Halt, er wird ermordet sein!« rief eine spitze Stimme aus der Männerschar. Ein Murren, ein Flüstern ging durch die Versammelten, das sich zu tumultuarischer Unruhe steigerte. Vergebens rief Odgal: »Mein Sohn ist gesund und wohl vom Schützenfest zurückgekommen und hat zu Hause gegessen um Mittag; wer sollte ihn denn in der Zwischenzeit ermordet haben, Arthur ist ja gefangen!« – »Der Gauner kann verborgene Helfershelfer haben,« schrie eine heisere alte Kehle. Kurzes allgemeines Stillschweigen, dann neues Flüstern, dumpfer, dunkler, unheimlicher als das vorige; Wechselblicke des Verdachts, gehässige Aufregung von Nachbar gegen Nachbar, anzügliche Reden untereinander, alles zu einem Getöse anschwellend, worin die Mahnungen einiger Nüchternen, namentlich der Barden, man solle doch erst nach dem Vermißten suchen gehen, rein überhört wurden. Ein ruhiger Zuschauer hätte bemerken können, daß eine zusammenhaltende Anzahl von Hetzern geschäftig war, zu schüren und durch wiederholte Ausrufe: »Mörder! Mörder!« die aufgescheuchte Phantasie noch wilder in das dunkle Bild eines vorgestellten Verbrechens, einer geheimen, schleichenden, bösen Macht hineinzuverwickeln. Schon fingen die Vernünftigeren an, selbst beirrt zu werden, sonst hätte sich doch müssen eine Minderheit zusammentun, die stark genug war, durchzusetzen, was die Barden verlangt hatten: daß nach Alpin gesucht werde. Es war der Druide, dem es gelang, mit gebieterischem Befehl sich eine Stille zu erzwingen. »Vielleicht auch Mörder!« rief er, »aber er ist gerichtet auch ohne das! Er hat in seiner schamlos frechen Rede, den heiligen Wagstein schändend, indem er ihn zu seiner Kanzel machte, unsre Obergöttin zwar gelten lassen, aber nur in bedenklichem, hinterhältigem Sinn. Den furchtbaren Grippo hat er geleugnet. Die Lehre vom unbekannten Gott hat er wahnsinnig ausgedeutet, hat sich vermessen, uns eine undenkbare neue Gottheit aufdrängen zu wollen. Und das Abscheulichste: wißt ihr noch, wie er sprach von drohendem Ueberfall fremden Volkes, das unsre Hütten plündern, sengen, unsre Kinder niedermetzeln, unsre Weiber und Töchter schänden, in Gefangenschaft führen werde? Da predigte er Widerstand durch Menschenkraft ohne Grippos Hilfe! Was? Wie? Wer ist der, der uns des Beistands der Gottheit entblößen will, wenn unser Hab und Gut und Leben und das Leben von Weib und Kind bedroht ist? Nicht nur ein Ketzer, ein Hochverräter ist er! Ihn, ihn fordern, wie die Geistertöne im heiligen Hain, so die furchtbaren Laute, die über den Wassern um sein Gefängnis Luft und Ohr erschüttern! ›Gebt ihn mir,‹ ruft Grippo, ›gebt ihn uns,‹ seine Geister! Verloren seid ihr, wenn ihr das Opfer weigert, gerettet, wenn ihr es bringt! Ihr wißt, daß aus eurem Seelenhirten nicht Leidenschaft spricht, der Verbrecher ist in aller Form abgeurteilt; reiche mir [den Stab], Dyfuwal, du rechtgläubig Frommer, der du mir zuerst jene Hohnworte des Erzketzers getreulich hinterbracht hast!« Einer der Alten in seiner Nähe erhob sich, jener Unheimliche, den Alpin vor dem Zweikampf nebst andern bei dem Druiden getroffen hat, ein hohläugiger Greis, groß und dürr, vom Alter gekrümmt, mit langem, doch sparsamem weißen Barte, der in zwei Strängen vom spitzen Kinn niederhing; er trat an einen hohen Busch, über den eine Bastmatte gebreitet war, hob sie, wollte hineingreifen, fuhr aber wie von Scheu überwältigt zurück, denn aus dem Busch richtete eine Gestalt sich empor, ganz in Schwarz gekleidet, ein Weib mit gelbem Gesicht, mit starren, weit aufgerissenen Augen, hoch in der Hand einen weißen Stab haltend. Geheimnisvolle Zeichen, eingeschnitten, mit Rot bemalt, waren darauf zu sehen. Es war Urhixidur. Dyfuwal überließ ihr ohne Widerrede, was eigentlich sein Geschäft war. Sie reichte den Stab dem Druiden, zog eine der Fackeln aus der Klamme, die sie am Pfahle festhielt, und beleuchtete den Stab in Angus' Hand. Man konnte jetzt sehen, daß das Rot der Zeichen aus Blut bestand. »Hier ist das Urteil,« rief der Druide, den Stab hoch emporstreckend. »Wer sind die Richter?« riefen gleichzeitig die zwei Barden, »nur ein Beschluß der Volksgemeinde kann Todesurteil fällen.« – »Das ist nicht Gesetz, nur Brauch,« rief Angus.– »Ererbt, verjährt, durch die Jahre geheiligter Brauch!« entgegnete Kullur. Jetzt trat schnell Sigunens Vater, Odgal, vor und sprach: »Er war mein Gast, verklage ihn, wenn du willst, förmlich vor der Gemeinde; er soll nicht ungehört, nicht unverteidigt gerichtet werden!« »Das gemeinschaftliche Amt,« erwiderte der Druide, »ist befugter Vertreter der Gemeinde, ich habe zu den zwei Aeltesten, die mir in Sachen des Gottesdienstes zur Seite stehen, vier weitere beigezogen, die vom Volke gewählten, dem obersten Haupt und Richter, dem Druiden, an die Hand gegebenen Berater und Verwalter der weltlichen Dinge – lies,. Urhixidur! lies das Urteil, das nun dem Verbrecher soll verkündigt werden!« Sie sagte zuerst in trockenem, litaneiartigem Tonfall das Urteil her, als läse sie es vom Runenstabe herunter; in der Tat war sie sehr schwach in der Kunde dieser Schriftzeichen, konnte aber Eingelerntes sehr gut auswendig behalten. »Im Namen des Coibhi-Druid und kraft der von Seiner Heiligkeit uns übertragenen Gewalt, zu herrschen und zu richten und auf Grund genauer und gesetzlicher, unter Mitwirkung der für Beratung geistlicher und weltlicher Dinge uns beigegebenen Aeltesten unsrer Gemeinde Robanus vorgenommener Untersuchung, auch in Uebereinstimmung mit dem Wahrspruche dieser unsrer Beisitzer erkennen wir dich, Arthur von Nuburik, schuldig der Lästerung unsrer heiligen Religion, der Leugnung der Götter und zugleich des Hochverrats, und sprechen das Urteil, daß du alsbald nach Verkündigung aus dem Kerker an den heiligen Dolmen sollst geführet und zu Ehren der furchtbaren Gottheit Grippo und gemäß dem bejahenden Willen der Weltgöttin Selinur vermittelst Aufschlitzung der Brust und des Bauches vom Leben zum Tode gebracht werden, und es soll aus den Zuckungen deiner Eingeweide die Zukunft unsrer Gemeinde Robanus geweissagt, und es soll hierauf dein Leib, tot oder noch lebendig, zu Asche verbrennet werden. »So beschlossen in der Gemeinde Robanus und gezeichnet mit dem Blut des Böckleins.   Gemeinderat –:     Dyfuwal. Morbihan. Avagddu. Gueyrydd. Angus, Druide, Gwrtheyrn. Pfarrer. Galgak.« Die Vorleserin verstärkte jetzt ihre Stimme und ging in einen andere Ton über, denn sie gelangte an die poetische Fassung des Urteils, die nach damaliger Sitte und Gesetz der prosaischen folgen mußte. Die Anstrengung trieb ihre Stimme in die Höhe, laut und grell wie ein krächzender Nachtvogel kreischte sie in gesangartig gezogenen Tönen: »Fest steht Stabspruch: Sterbe, Frevler! Steche, schlitze Scharfe Schneide Langen Leibschnitt, Daß man Lung' und Herz und Leber Zukunftkündend, Zeichenbringend Zucken sehe! Züngle, Flamme! Zische, zehre Ihn zu Asche! Wehe! Wehe! Wehe!« Diese drei Ausrufe, den hergebrachten Schluß eines Todesurteils, stieß sie mit einem Laute aus, so wild grausig gellend, wie man sich den Schrei des blutigen Kindes im »Macbeth« denken muß, das aus dem Hexenkessel steigt; es kreischt dreimal seinen Namen so entsetzlich, daß er ruft: »Hätt' ich drei Ohren, hört' ich dich!« Kaum war sie zu Ende, so riß Angus, den Augenblick benutzend, wo Schauer alle Zungen band, eine Fackel vom nächsten Pfahl, schwang sie, rief: »Vorwärts!« setzte sich in Bewegung, ihm nach das geisterhafte Weib, in der einen Hand den Runenstab, in der andern die Fackel, die sie vorhin ergriffen hatte und nun in Kreisen über dem Haupte drehte; an sie schlossen sich rasch die Gemeindeältesten, und hinter diesen drängte sich alles, was streng und feindlich gegen Neuerungen gesinnt war; dagegen die Barden, die Männer, die wir als eine Art von Linker schon kennen, die Unentschiedenen, die sich gern einige Nüchternheit bewahrten: sie alle bedurften nur wenige Minuten, sich vom lähmenden Grausen zu erholen, dann stürzten sie sich nach, abmahnend, klagend, heftig bemüht, die vorwärts Stürmenden aufzuhalten. Durcheinander schreiend, ziehend und stoßend, zerrend und gezerrt, wälzte sich der wirre Menschenknäuel über die Opferstätte hin, wo vor Grippos Bild ein Scheiterhaufen aufgerichtet stand und rötlich im Fackellicht aufglühte, wo auf dem Dolmen schon der Coridwentopf bereit stand, das Blut des Menschenopfers zu empfangen, dann weiter der Brücke zu, worüber zuerst Urhixidur hinraste, die sich auch vor Angus den Vortritt errafft hatte. Mit sausenden Flechten stürmte sie über die polternden Planken, immer die Fackel schwingend, deren Flamme nun auf den dunkeln Spiegel des Sees ihren feuerroten Schein umherstreute – eine Eumenide, ein höllischer Dämon –, ihr nach der Druide, die sechs Aeltesten, dumpf erkrachte unter der wildbewegten, stampfenden Last des nachdrängenden Gewühls der ganze hohle Unterbau des Wasserdorfes, von fern hörte man das Geheul eines Wolfes, ein aufgescheuchter Schuhu umschwebte lautlos das wilde Heer; – jetzt sind die vordersten am Gefängnis angelangt, der eine der zwei Wächter, der auf seinem Posten geblieben, liegt schnarchend am Boden, Angus schwingt eine Steinaxt, die ihm unterwegs schnell gereicht worden, zerhaut den Knoten am Riegel, reißt die Türe auf, rennt hinein, ihm folgen augenblicklich Urhixidur und die Aeltesten. – Ein dumpfes, klatschendes Geräusch wird vernommen, es wiederholt sich schnell und öfters, und rasch vereinigen sich diese schlagartigen Laute zu einer dunkeln, verworrenen Masse von Gehörseindrücken, die nur von zappelnden heftigen Bewegungen im plätschernden, schäumenden, spritzenden Elemente des Wassers herrühren können. Dazwischen erschallt mehrstimmiges Geschrei, verzweifeltes Hilferufen; die Nächsten, die den Eindringenden hatten folgen wollen, machen wohlweislich Halt, drehen sich um, schreien nach Kähnen, die Nachdrängenden, die noch nicht wissen, was vorgegangen, schieben und stoßen vorwärts, so erleiden noch mehrere Personen das Schicksal der Zugführer; nach und nach lichten sich die Geister zum Verständnis, man eilt nach Einbäumen, kann sie nicht schnell genug lösen, dieser und jener springt aus freien Stücken ins Wasser, um schwimmend die Hineingestürzten zu retten, andre wirft im Gedräng und in der Hast um die Kähne der Zufall in die Wellen, und endlich befindet sich der ganze männliche Teil der Gemeinde in dem wogenden See, die Frauen sind inzwischen aus den Hütten gestürzt, wehklagen wie ein antiker Chor an den Geländern, eines derselben bricht vom Drucke der Menge, und ein Haufen von Müttern und Töchtern stürzt hinab, weit und breit ist nun die Wassermasse bedeckt, durchschossen, durchrauscht von einem dunkeln Getümmel schwimmender, kähnerudernder, drängender, zappelnder, lautschreiender Gestalten; aus dem Schlaf aufgeschreckt flattern schneeweiße Möwen über dem tollen Schauspiel und sagen durch Wimmern und fahrige, verrückte Zickzackflüge ihr Erstaunen über den unbekannten Anblick. Nur drei Menschen stehen unbemerkt ganz ruhig oben und schauen ins das Getrieb hernieder; es sind die zwei Barden und ein Jüngling, der sich soeben erst, stark erhitzt wie von raschem Marsche, zu ihnen gefunden hat und den wir nicht zu nennen brauchen. Sie flüstern; kaum vernimmt man die Worte: »– und Tyras hat sich auch eingestellt, ist mit.« Anderswo liegt in ihrem Kämmerchen eine Jungfrau mit geschlossenen Augen, mit dem inneren Auge alles sehend, was sich begibt, und alles verstehend; und von Lust und von Bangen zitternd, zieht sie die Decke ihres Lagers über sich her und versteckt darin ihr schönes Lockenhaupt. Nach und nach wird die Fläche des Sees wieder sichtbar und ruhig, Lärm und Menschengedräng zieht sich ins Dorf hinaus, hier beginnt ein Laufen, Poltern, Herbeischleppen wärmender Pelze, in den Küchen ein Wasser- und Metsieden, auch diese Unruhe legt sich allmählich, und endlich ist es stille. Ruhig scheint der Mond auf den befreiten glatten Wasserspiegel. Nichts ist mehr zu sehen von all der Menge von Menschen und Dingen; nur eine Zipfelpelzmütze, der Hauptschmuck des Druiden, treibt einsam, träumerisch auf den Wellen dahin. – * Drei Jahre sind seit dem Ereignis vorübergegangen. Am Ufer sitzt ein junger Mann, neben ihm ein bildschönes Weib. Sie sehen einem Kinde zu, einem kräftigen Knaben, welcher im Grase mit Blumen spielt und abwechselnd einen alten Schäferhund an Fell und Ohren zaust, der es geduldig sich gefallen läßt. Der Kleine hat des Vaters blonde Locken, aber ganz die dunkelblauen Augen und das schelmische Lächeln der Mutter. Die beiden sitzen lange schweigend beisammen. »Wo er wohl sein mag, was wohl aus ihm geworden ist?« sagt endlich, in Gedanken verloren, Alpin. »Ach,« antwortet Sigune, »es ist besser, ich sage dir's, als daß du es durch andre erfährst. Gestern kam mir ein Gerücht zu Ohren. Männer vom Podamursee, die mit Waren zu uns gekommen, haben es herübergebracht; sie sagen, ihnen selbst sei es auch durch warentauschende Leute zu getragen und diesen ebenso aus weiterer Ferne. Es lautet traurig.« »Sag nur, ich ahn' es wohl.« »Weit, weit weg in einem wilden Lande sei er, so heißt es, von grausamen Menschen erschlagen worden, weil er ihnen ihre Götter nehmen wollte. Ach, wenn's so ist, du hast ihn umsonst gerettet!« Alpin ließ das Haupt sinken, zog dann sein Weib an seine Brust und unterdrückte ein Schluchzen. Dann hob er sich und sagte: »Doch nicht umsonst, lieb Herz! Was er ausgestreut, wird aufgehen. Ist ja bei uns auch aufgegangen: nicht zu viel, doch manches. Der neue Druide haßt und verfolgt die Leute nicht, die nicht gerad' alles so glauben.« »Dem Alten hat doch noch etwas geschwant, als er an der argen Verkältung mit seiner Alten so hinstarb und ich die beiden eben doch pflegen mußte; er richtete sich im Fieber einmal auf, blickte starr nach oben und stöhnte: ›Schau nicht so schwer auf mich hernieder, Geist! vergib mir.‹ Die Alte aber starb unter Flüchen, die hat mich nicht gedauert.« »Mich beide nicht.« »Du bist im Herzen doch eigentlich auch fürs Neue.« »Weißt, ich kann freilich die Steckköpfe und Mucker nicht leiden. Was Arthur gemeint, hat mir stückweis wollen einleuchten, ja sind mir auch schon fast ähnliche Gedanken gekommen, wenn ich so auf meine Schippe gestützt ins Weite hinausschaue oder wenn ich im Regen unterstehe dort in der Höhle, wo Arthur sich verbarg. Da fällt mir immer ein, was er gesagt hat in der Nacht, als ich ihn über den See setzte. ›Warum bist du denn eigentlich aus deinem Versteck heraus?‹ frag' ich ihn. ›Ich weiß selbst nicht recht,‹ sagt er, ›und doch, ich weiß. Als ich in der hohen dunkeln Höhle so dasaß, da kam es über mich; es wehte mich an; es rief etwas über mir hoch herab vom grauen Felsgewölbe und doch in mir: drüben am Dolmen reden sie jetzt, rief es, gehe hin, zeuge vom neuen Gott, den du nicht kennst und doch kennst, sprich, zeuge laut vor allem Volk! Da ließ es mich nicht; ich brach aus.‹ Sieh,« fuhr Alpin fort, »wenn ich nun in der Höhle sitze, da muß ich dieser Worte gedenken, da meine dann auch ich ein Rauschen, ein Klingen zu hören und eine Stimme, die da sagt: eure Götter sind nicht die rechten und euer Sinn und Leben soll erneuet werden, wie die Welt erneuet ist, seit dunkle, wilde Menschengeschlechter gewohnt und gehauset in diesen Kammern! Aber mein Geschmack ist eben nicht, zu schieben und zu treiben an solchen neuen Gedanken. Ich denk' halt: manches Alte ist doch auch gut, und stille Hirten muß es doch immer geben, und ich denk' halt: wer immer recht behalten mag, es ist immer gut, wenn ein Teil Leute noch stet, aber ohne Gift am Alten hängt, und ich fürcht' halt, das laute Klopf- und Hämmerwesen, das Gehaspel und Gesause der vielen Spindeln und Webstühle in den großen Arbeiterpferchhäusern, all der Lärm und das Unsal möcht' immer mehr aufkommen, das mir so arg zuwider ist.« »Ja, drum hältst du's auch mit denen, die sich so stark gegen die Einführung des Erzes sperren.« Sigune lächelte zu diesen Worten; nachdem alles gut geworden, hatte sie, schelmisch wie sie war, ihren Alpin öfters mit der bewußten Szene geneckt. Alpin stand auf, hob das Kind auf seine Arme, beugte sich zu Sigunen nieder, hielt ihr das kleine Haupt nah unter die Augen und sagte: »Lieb Weib, ist das nicht ein schönerer Spiegel?« Sigune bedeckte das Kind und dann den geliebten Mann mit Küssen. Als sie wieder aufschauten, sahen sie im Hintergrund den Ehegoumer eilig über die Wiese laufen. »Gelt du,« sagte Sigune, »den brauchen wir nie und nimmer!« * Die Fundstücke, die man auf dem Robanus-Seegrund ausgegraben hat, gehören der Steinzeit an, doch befinden sich auffallenderweise zwei Ausnahmen darunter: ein Erzschwert, dessen Schärfe so gezahnt ist, daß es offenbar als Säge gedient haben muß, und ein großer eiserner Bohrer, beide stark vom Rost angefressen, doch mit Sicherheit noch bestimmbar. An einigen Dielen, die man an einer Stelle noch ziemlich erhalten beisammen fand, lassen sich Spuren von Bohrlöchern und von da auslaufend starke Eingriffe eines rauhdurchschneidenden Werkzeugs erkennen. In der Pfahldorfgeschichte hat der geneigte Leser das Manuskript kennen gelernt, das mir aus Venedig zukam. Der zwei Bedingungen, an welche die Vollmacht zum Abdruck geknüpft war, erinnert er sich aus unserm Gespräch in Göschenen. Er wird also auf der Tatsache, daß der Abdruck vorliegt, bezüglich der einen Bedingung von selbst den Schluß ziehen, daß ich in der Pfahldorfgeschichte noch etwas andres fand als nur einen anachronistisch satirischen Scherz. Was dies andre sei, hat A. E. dazumal so bescheiden angedeutet, als man es irgend von einem Menschen erwarten darf, der Selbstgefühl, der Charakter hat; ich würde näher darauf eintreten, wenn ich nicht allen Schein der Parteilichkeit für meinen Mann vermeiden möchte; eher ist es von Interesse für mich, auf die Mängel hinzudeuten, wozu Gelegenheit sich ergeben wird. Bevor ich erzähle, wie die andre Bedingung eintraf, will ich noch melden, was auf dem beigelegten Zettel geschrieben stand; es lautete: »Sollte Ihnen das Opus in dem Sinne, wie ich damals in Göschenen gesagt, nicht eben unwert erscheinen, so mögen Sie es also vom Stapel lassen, wenn ich tot bin. Dann müssen Sie aber eine Bemerkung beifügen. Ich habe in dem Hymnus des Barden ein Gedicht von einem lebenden Dichter auf eine Weise verwendet, die unverantwortlich ist, wenn ihm nicht eine Genugtuung gegeben wird, falls der Spaß gedruckt erscheint. Ich habe seine Strophen erweitert, da verändert, dort unverändert gelassen. So verlangte es mein Zusammenhang. Es lieber durch ein andres ersetzen? Das konnte ich nicht über mich bringen, weil ich einen gleich guten Grund für den gegebenen Zweck zu legen mich unfähig fühlte. Aber auf mein heilig Ehrenwort, es soll kein Diebstahl sein und ebensowenig eine wohlweise Verbesserung. Wer die Gedichte des Mannes kennt, der weiß, welches ich meine; wer sie nicht kennt, den geht dieser Umstand eben einfach nichts an. Noch eine andre Untat habe ich begangen: demselben Poeten ist das Kahnlied zugeschrieben, das Alpin singt dort, wo über die Beschickung der Barden beraten wird. Taugt es nichts, so habe ich sehr gefrevelt. Es soll für beide Sünden seine Verzeihung, seine Zulassung eingeholt und dies im Buch angemerkt werden.« Ist geschehen.   Anm. d. Herausg. Mit Seufzen packte ich das Manuskript zusammen, als ich es gelesen, und barg es bei den Papieren, die ich am sorglichsten verwahre. Je mehr es mich rührte, daß der Mann, mit dem ich menschlich einst in so eigentümliche Berührung gekommen, mich nun so vertraut auch in die Gänge seines Talents blicken ließ, desto stärker wollte sich der Unmut in mir melden, daß er mit seiner Person solch grillenhaft heimliches Wesen trieb. Von Zeit zu Zeit überfiel mich auch einfach die Neugierde, ein paarmal schoß der Gedanke in mir auf, ich wolle schnell nach Italien aufbrechen, seine Spuren aufsuchen, seinen Namen und Stand erkunden. Doch ebenso schnell faßte ich mich nach solchen Momenten und sagte mir, daß das kindisch wäre. Und gerade diese Selbstrüge führte auch wieder zu gerechterer Auffassung jener Grille. Mußte ich mir gestehen, daß ein solcher Spürungsgang ein kleinliches Tun wäre, so war damit auch anerkannt, daß es gar so unnatürlich eben nicht war, wenn der Sonderling die Anhängsel seiner Persönlichkeit, Namen, Heimat, Stand verbarg und nur Mensch zu Mensch sich stellen wollte. Freilich konnte auch diese Erwägung nicht immer vorhalten; denn jene Anhängsel sind ja das Mittel, wodurch Menschen, die sich kennen gelernt, sich menschlich nahe getreten, einander wieder auffinden können. Warum sollte ich ihn, warum wollte er mich nicht wiedersehen? Dies war denn doch krank. Was konnte dahinter stecken? Hatte ihm unser Abenteuer in den Schöllenen den Gedanken des Selbstmords, der ja unheimlich genug aus seinem Selbstgespräch am schauerlichen Felsrand hervorblitzte, noch nicht ausgeheilt? Wollte er allein wandeln, um frei dem Todesgedanken nachzugehen und ungestört, wenn er reif wäre, ihn zur Tat zu machen? Bei dieser Betrachtung überkam mich wieder das Mitleid, jenes Mitleid, das mich einst zum halsbrecherischen Kletterwagnis getrieben, das mir beim Abschied die Träne ausgepreßt hatte. Und nun ward mir der Inhalt der Pfahldorfgeschichte zu einer Quelle neuer herzlicher Rührung. Ich zog sie wieder hervor und vertiefte mich so recht rein pathologisch in das durchgehende Motiv: die wunderliche Erfindung einer Religion, einer Mythologie, worin sich alles um den Katarrh dreht. Doch wurde durch ein Gefühl andrer Art dem Mitleid das Gleichgewicht gehalten: der Arme, der mit diesem lästigen Leiden so fatal verwachsen war, daß sein Gedankenleben sich gewöhnt hatte, sich halbwahnsinnig um diesen einen und verwandte Punkte zu drehen: er hatte es ja doch vermocht, sich so seiner selbst zu entäußern, daß der Krankheitsstoff als gegenständliches Bild humoristisch ausgeschieden wurde. Das war denn wirklich kein geringer Akt geistiger Freiheit. Immerhin komisch war mir allerdings die Stelle in Arthurs Feuerrede, wo so manches Böse doch als Ausfluß genannten Uebels entschuldigt wird, der Redner aber fühlt, daß dies gegen den Strich seines Gedankengangs läuft und sich mühsam in diesen zurückhilft. Dabei drängte sich mir zugleich die Bemerkung auf, daß der Autor sich im Verhältnis zum Umfang seiner Grille im Grund enthaltsam erwiesen habe, denn die Versuchung mußte groß genug sein, sich nicht auf das eine der sogenannten kleinen Uebel zu beschränken, sondern deren noch gar manche andre einzuführen, um eine weite Aussicht auf das unabsehliche Gebiet lästiger Durchkreuzungen menschlichen Seins und Tuns vom winzigen Zufall zu eröffnen, mit dem er sich in so großer Ausdehnung und so verbissen beschäftigte. Einzelnes der Art, was vorkommt, wie das Herabfallen des Druiden von der Kanzel, ist doch motiviert und zählt also eigentlich nicht in die Sphäre des reinen Widersinns. Diese Einschränkung durfte ich ebenfalls für einen Erweis von Freiheit gelten lassen: er konnte eine Menge komischer Motive aus diesem Gebiete schöpfen, aber der Zusammenhang seiner Komposition wollte es nicht zulassen, und als Künstler fügte er sich in dies Verbot, während er als Mensch doch gewiß auf Schritt und Tritt einen starken Reiz fühlen mußte, es zu übertreten. So schwankte mir Denken und Gefühl hin und her, bis endlich die allgewaltige Macht der Zeit, die politischen Ereignisse, die Häufung täglicher Arbeit das Bild des Mannes und seines Werks mir in den Hintergrund der Erinnerung schoben, aus dem es nun seltener, doch allemal frisch und lebendig wieder auftauchte. Des Tages dachte ich weniger daran, aber häufig träumte mir von Urhixidur, vom Wisentkampf, vom Scheiterhaufen, zu welchem Arthur verdammt war, und ein andermal schwebte ich schwindelnd über Abgründen, tosenden Wassern, über mir, hoch am steilen Fels, eine geisterhafte, titanisch bewegte Gestalt, und oft erwachte ich dann schweißgebadet im Augenblick, wo ich in die jähe Tiefe zu stürzen glaubte. Es war in der Nacht, nachdem die französische Kriegserklärung 1870 bekannt geworden, als sich mir solche Erinnerungsbilder mit Vorstellungen, welche diese Kunde mit sich brachte, wunderlich im Traume verknüpften. Ich befand mich wieder in der Schöllenenschlucht und sah auf einer der wilden, steilen Felshöhen – nicht meinen Mann, sondern einen Spahi, einen wilden Sohn Afrikas – nicht stehen, sondern reiten; der Fels nahm die Form eines Pferdes an, der Spahi, während sein weißer Mantel dunkler und dunkler wurde, sich mehr und mehr ausbreitete und als silbergesäumte Wetterwolke am Himmel zu flattern schien, spornte es heftig in die Seite und rief: »Nach Berlin! nach Berlin!« Jetzt kam A. E. herbeigeeilt, schrie: »Herab, Pferdsschinder!« packte ihn am Bein, der Spahi springt aus dem granitnen Sattel herab, zieht seinen krummen Säbel, ich stürze hinzu, wir raufen, und im Handgemenge sehe ich A. E. stürzen, die blitzende Waffe ist ihm in die Hüfte gefahren, ein Blutstrahl spritzt aus der Wunde, der Schreck weckt mich auf, und erwacht meine ich noch mein Stöhnen im Traume zu hören. Am Morgen darauf hatte ich eine kleine Reise anzutreten in der Richtung gegen Süden. Ich stand auf dem Perron eines Bahnhofes und sah die Leute in einen Zug einsteigen, der, von oben kommend, einen kurzen Halt gemacht hatte. Das Zeichen zur Weiterfahrt war schon gegeben, als ich einen Mann, der sich etwas verspätet hatte, dem Wagen zueilen sah. Er erreichte ihn noch, blieb aber mit der Brusttasche seines nur umgeworfenen Ueberrocks im Griff der Wagentüre hängen; ich hörte einen heftigen Fluch und sah zugleich, wie der Fremde einen zornigen, so gewaltsamen Ruck mit seinem Kleide tat, daß die Tasche riß; man hörte trotz dem Prusten des Dampfrohrs die Nähte krachen, und der Inhalt rollte über den Wagentritt auf die Schienen und über sie hinweg bis an die Grenze des Perrons. Inzwischen war der Mann im Wagen verschwunden und der Zug fortgesaust. Ich war seiner nur von hinten ansichtig geworden, aber Gestalt und Bewegung waren mir bekannt vorgekommen, die Stimme, der Fluch und das ungeduldige Reißen kamen mir noch bekannter vor; jetzt beeilte ich mich, die Sachen aufzunehmen; es war eine Brieftasche und eine Zigarrenspitze; mit dem ersten Blick erkannte ich diese Dinge als Eigentum A. E.s, denn wenn sich bedeutende Stunden in unserm Gedächtnis festsetzen, so gräbt sich ja gern auch unwichtig Aeußerliches als geläufiges Zubehör der Persönlichkeit in die geistige Tafel mit ein. Ich begab mich mit meinem Fund auf das Zimmer des Inspektors. Er öffnete vor meinen Augen die Brieftasche und zog neben einigen Blättern und Briefen eine Paßkarte hervor; sie war 1869 ausgestellt nach Italien (und Sizilien), daneben aber lag ein älterer, ganz vergilbter Paß von 1865, der wohl mitgenommen war für den Fall, daß die Paßkarte nicht genügen sollte. Er lautete ebenfalls nach Italien. Ganz merkwürdig: der Name hieß Albert Einhart; also die Anfangsbuchstaben ebendie, womit ich mir nur zur Aushilfe, die Bedeutung: »Auch Einer« hineinlegend, bisher den Mann bezeichnet hatte. Alter auf dem Paß: fünfzig Jahre, Paßkarte demgemäß: vierundfünfzig. Stand: Vogt außer Diensten. Flugs fiel mir dabei der Auftritt mit den zwei Strolchen auf dem Gotthardpaß ein. – Den Wohnort wollen wir übergehen; er tut nichts zur Sache, und der Leser, wenn ihn etwa die Neugierde hinreizte, würde den Mann doch nicht mehr finden. Ich schrieb auf eine Karte mit meinem Namen: »Der glückliche Finder, der Reisekamerad von 1865, grüßt;« ich bat den Beamten, die Karte zu den Sachen zu legen; er erklärte am übernächsten Tage, wo sich die Ankunft des Eigentümers in seinem Wohnort als erfolgt mit Wahrscheinlichkeit annehmen lasse, werde er telegraphieren. Der Vorfall machte mir Spaß, wohlgestimmt reiste ich weiter; allein die Zufriedenheit hielt nicht lange vor, eine Unruhe kam über mich; du mußt hin, sagte ich mir, eine Dummheit wär's, sich länger an die Schrulle eines Eigensinnigen binden; naturwidrig, barbarisch ist's, daß man sich nicht mehr sehen soll. Ich entschloß mich und wollte, wieder zu Haus angekommen, ungesäumt aufbrechen. Allein ich konnte mich so schnell nicht losmachen. Der Krieg hatte seine blutige Arbeit begonnen, nahe Verwandte hatten Söhne im Feld, Schlag auf Schlag folgten sich die großen, mörderischen Schlachten, es gab zu Hause gar viel zu tun für Pflege der Verwundeten, für Sanitätszüge, ich durfte, ich konnte mich von meinen nächsten Umgebungen nicht trennen. Endlich kam der Schicksalstag von Sedan. Die Hoffnung auf das Ende des Kriegs konnte ich zwar nicht teilen, aber eine Pause mußte folgen, ich glaubte mich auf einige Tage freimachen zu dürfen, doch nicht so schnell gelang es mir, loszukommen; erst gegen Ende Septembers reiste ich ab; bald genug wird der Leser erfahren, wie sehr ich diesen neuen Aufschub zu bedauern hatte. Auf der Station, wo der erzählte Vorfall spielte, setzte ich einen Zug aus und fragte an, ob die Sachen abgegangen und Nachricht von ihrer Ankunft eingetroffen sei. Der Beamte zeigte mir den Empfangschein, und ich erkannte mit dem ersten Blick die Handschrift. Man kann sich denken, daß ich mich doch nicht wenig gespannt fühlte, als der Zug am folgenden Morgen dem Ziele sich näherte. Ich enthielt mich, Mitreisende mit Erkundigungen anzugehen; ungeschmälert von halbem Vorwissen wollte ich die Wohltat genießen, nun den Mann in seiner Heimat, seinen Lebensbedingungen erst ganz kennen zu lernen. Gleich nach der Ankunft eilte ich in einen Gasthof und fragte schon unter der Türe nach der Wohnung des rätselhaften Freundes. »Sie treffen ihn nicht mehr am Leben,« sagte mit schmerzlicher Miene der Wirt. Ich zuckte zusammen. »Ein blutiger Tod,« setzte er hinzu; »Tod durch einen Messerstich im Streite mit einem rohen Fuhrmann.« – »Hat er Familie hinterlassen?« – »Er war Junggeselle, eine Verwandte hielt ihm Haus, Frau Hedwig, eine Witwe.« – »Ist sie noch da?« – »Sie verbleibt im Hause.« – Ich ließ mir Straße und Hausnummer angeben, wies Begleitung ab und fand mich bald zurecht. Ich sah an der Nummernzahl, daß ich der Wohnung nahe sein müsse, als mir hart an der Nase ein Trinkglas vorüberflog und auf dem Pflaster klirrend zerschellte. Mir war, als streifte mich der Geist des Verstorbenen. – Das Haus war gefunden und wurde auf mein Läuten geöffnet; im Flur stürzten zwei Hunde die Treppe herab auf mich zu, laut bellend, doch nicht in feindlichem Tone, es war der halbwimmernde Ruf, welchen dies Haustier in der Aufregung der Freude hören läßt. Plötzlich blieben sie vor mir stehen, blinzten mich an und hängten die Schweife. Es war ein großer Hatzrüde von der gelbgrau gestriemten Rasse und ein borstiger Rattenfänger. Ich betrachtete sie mir und redete sie wie alte Bekannte an, denn das waren sie doch, da ihr verlorener Herr sie mir ja im Geiste längst schon vorgeführt hatte. – »Ach, ihr guten Kerle, gelt, 's ist eben nicht euer Herr, der kommt nicht mehr.« Die Tiere winselten leise und gingen mir die Treppe hinauf zur Türe voran, die nun geöffnet wurde, ehe ich sie erreicht hatte. Eine Frau im Alter von etwa fünfzig Jahren, ganz in Schwarz gekleidet, kam mir entgegen; ich nannte meinen Namen. – »Ach, sind Sie's?« rief sie, »es war mir doch vor, ich hab's gleich gedacht! Denken Sie, ich bin zusammengefahren, als Sie schellten! Sie ziehen die Glocke ganz wie der Herr selig!« – Sie gab mir die Hand, führte mich in ein behagliches getäfeltes Zimmer, worin auf dem Fenstersims ein großer Kater ruhte und halbschläfrig nach mir hersah. Wir standen uns gegenüber und sahen uns in die Augen. Sie weinte, und auch ich konnte die Tränen nicht unterdrücken. Mit gebrochener Stimme brachte sie nach einer Pause hervor: »O, wie ist das unglücklich gegangen! Er hat mir von Ihnen erzählt, ich weiß, daß Sie die Pfahldorfgeschichte haben, ich hab' ihm recht Vorwürfe gemacht, daß er so grundlos Geheimnis hielt, er war darin gar so eigensinnig, doch gegen das Ende ist er milder geworden, und als die Sachen ankamen mit Ihrer Karte, so wollte er Ihnen schreiben oder Sie besuchen, aber dann verschleppte er es wieder, nun kam das Unglück, und danach in seinen letzten Stunden hat er noch einmal von Ihnen gesprochen und mir das Versprechen abgenommen, Sie noch recht herzlich zu grüßen, auch noch einen Auftrag gegeben, von dem wir ein andermal reden wollen.« »Und das Unglück? Wie ist es geschehen?« Wir hatten uns gesetzt. Sie fing an: »Mein Vetter war seit der Nachricht von der Schlacht von Gravelotte –« Sie wurde durch ein Klopfen unterbrochen. Ein Polizeidiener trat ein, blieb an der Türe stehen und sagte, den Kopf schief haltend und schmunzelnd: »Frau Hedwig, 's Gewöhnliche!« Die Frau wurde hochrot bis unter die Stirnhaare, ging zu einem Schranke, holte Münze heraus und gab sie dem Polizeimann, der, immer noch halblächelnd, mit Verbeugung abging. Ich hatte verstanden – das Glas! Also auch sie – auch diese sichtbar so gehaltene, verständige Frau! – Sie machte sich beiseite zu schaffen, suchte ihr Gesicht zu verbergen, besann sich aber, trat vor mich, sah mich fest an und sagte: »Göschenen – ich weiß.« Mir kam mitten im Weh das Lachen, ihr auch, und sie überließ sich der befreienden Erschütterung, während ihr noch die hellen Tränen in den Augen standen. Und so lachten zwei redlich tiefbetrübte Menschen ein Duett. Der Ernst stellte sich schnell genug wieder ein, und sie erzählte: »Herr Einhart kam im Frühjahr 1866 von seiner zweiten Reise nach Italien zurück. Die erste hat er im Jahre 1860 gemacht. Er hatte Italien früher sehen wollen; ein Jahr Urlaub von 1847 auf 1848 war, das weiß ich, zuerst für Norwegen, dann für Italien bestimmt. Damals muß ihn nicht nur ein Nervenfieber aufgehalten haben, das ihn dort heimsuchte, dort spielt ein Geheimnis, und statt über die Alpen ging er in den Kampf für Schleswig-Holstein. Genug, es gelang ihm zwölf Jahre später, das ersehnte Land endlich zu sehen. Er kam sehr erfrischt und erheitert zurück, mit ganz besonderer Empfindung sprach er von den umbrischen Bergstädten, hielt aber ein paarmal auffallend schnell inne, als ihn die Schilderung der Madonnen der alten sienesischen Meister auf den dortigen Frauentypus zu sprechen brachte. Das neue größere Amt, das er um dieselbe Zeit angetreten, nahm nun seine ganze, stets willige Arbeitskraft in Anspruch. Lassen Sie mich für jetzt schweigen von den Dingen, die nachher kamen, von seinem Sturz, von der Stimmung, in welcher er die zweite Reise nach Italien unternahm, auf welcher er im Hinweg Sie kennenlernte. Nach seiner Rückkehr ging es im Anfang ordentlich, er lebte gesammelt in seinen Reiseerinnerungen, manchmal freilich befiel ihn eine plötzliche Unruhe, und es schoß der Gedanke in ihm auf, er wolle wieder fort, wieder nach Italien. Er schob es auf das nordische Wetter, mir wollte scheinen, es müsse noch etwas andres dahinter stecken. Es kostete mich Mühe, ihm den Einfall auszureden. Ab und zu taute er auf und sprach dann prächtig über einige Hauptstellen seiner Reise, über Land und Leute, über Formen und Farben der südlichen Natur, über Kunstwerke, die er sah, wie sie nicht jeder sieht, nämlich mit den eignen Augen. Dabei fehlte es nicht an komischen Beobachtungen und Erlebnissen, und so hat er mir denn auch den großen Opferakt, den er auf der Hinreise auf dem Gotthard mit Ihnen vollzogen, heiter und feierlich erzählt. Doch immer kehrten dunkle Stunden wieder; ich mußte denken, der verschlossene Mann verschweige mir irgendwelche neue trübe Erfahrungen.« »Hat er Ihnen auch erzählt,« fragte ich, »was jenem Auftritte voranging?« »Nichts,« war die Antwort. Sie fuhr fort: »Nun blieben auch neue Verkältungen nicht aus und warfen sich ihm wie immer auf die Schleimhäute, und da war er dann, wie Sie sich denken können, – schrecklich –« Ich unterbrach sie mit der Frage, ob sie ihn auch schwer krank gesehen und wie er dann sich gehalten habe. »O, wie ein Lamm,« war die Antwort; »kein Wort der Klage. Zweimal hab' ich's erlebt: einmal Gesichtsschmerz, glücklicherweise vorübergehend; man hörte kaum ein unterdrücktes Stöhnen; einmal eine Luftröhrenentzündung; dieses Mal sprach man ihm von möglichem Tode, und er nahm es ganz unbewegt auf. Nur zu beklagen war's, daß er fast alle Pflege abwies. Ein Kranker sei ein Lump, stieß er aus, der müsse bescheiden sein und sich hübsch verbergen. Uebrigens sagte er auch gern, wenn man seine Geduld rühmte: ›Das Moralische versteht sich immer von selbst.‹ Um jene Zeit nahmen auch seine sehr guten Augen etwas ab, er wurde fernsichtig, mußte zum Lesen eine Brille, zu augenblicklicher Aushilfe eine Lorgnette tragen. Nun kam das häufige Suchen, das ewige Putzen, wobei er jedesmal über die Heimtücke der Stangen wetterte, daß sie hindernd über die Gläser hereinfielen, und, was noch schlimmer war: die Schnur, woran er das Gläschen trug, tat ihm gar so viel Schabernack, fing sich an einem Westenknopf, schob sich in die Brusttasche mit ein, wenn er sein Notizbuch hineinstecken wollte, so daß es sich staute, und das immer am liebsten, wenn die Sache Eile hatte. Herr meines Lebens, ist er da wild geworden!« »Kenne, kenne, weiß,« sagte ich etwas ungeduldig. »Inzwischen war es in der Welt draußen ja zum Kriege zwischen Preußen und Oesterreich gekommen. Sie können sich denken, wie es einem alten Kämpfer für Schleswig-Holstein zumute war, als die Sache diesen Gang nahm, als nun die Preußen in Böhmen einrückten, als Schlag auf Schlag ihre blutigen Siege folgten. Man sah dem Mann einen schweren inneren Kampf an, er sprach wenig, ich hörte ihn droben häufig mit starken Schritten auf und ab gehen. Einmal sagte er: ›'s ist unrecht, aber es wäre schwerlich anders gegangen,‹ das andre Mal: ›es wäre schwerlich anders gegangen, aber es ist unrecht, es wird nachhaltig der öffentlichen Moral schaden.‹ Aus seiner Abendgesellschaft im Stern kam er meist aufgeregt, oft verstimmt nach Haufe. Wenn ich ihn zu beruhigen suchte und zur Langmut ermahnte, konnte er sagen: ›Es sind eben Parteisimpel, alle bis auf einen.‹ Er meinte einen jungen Mann, den Assessor. Schließlich schöpfte er doch immer wieder Hoffnung. Man konnte merken, daß ein Umschlag alter Ansichten in ihm vor sich ging. Einmal fuhr er bei Tische plötzlich auf, trat ans Fenster, als sähe er nach dem Wetter, und sagte dann mit einem Tone wie ein Schlafredner: ›Da ist Hoffnung, ja, ja, – der Spieler in Frankreich – der hilft uns noch – ein guter Krieg korrigiert den schlimmen und die Mainlinie.‹ »Die Jahre,« fuhr sie fort, »zogen sich so hin, er warf sich wieder recht auf seine Bücher. die Laune wurde erträglicher, und als ich einen jungen Kater von ungewöhnlichem Feuer eintat, war er dessen sehr zufrieden. Dort sitzt das Tier, aber es ist seit seinem Eintritt ins mannbare Alter sehr langweilig geworden, ganz rein materiell, der Selige hat einmal behauptet, er habe den Kerl überrascht, wie er aus seiner Bibliothek Büchners Schrift: ›Kraft und Stoff‹ hervorgezogen hatte und studierte. – Im vorigen Jahr kam wieder ein ganz böser.« Frau Hedwig nahm mit Grund an, ich wisse hierzu das Hauptwort zu ergänzen. – »Ich riet ihm, den Winter in Rom oder lieber in Palermo zuzubringen und vorher oder nachher Neapel zu besuchen, das er noch nie gesehen hatte. Schon öfters, ja schon in den vorderen Mannesjahren, war man für seine Brust besorgt gewesen; er muß doch eine sehr starke Natur gehabt haben, daß die Lunge den Folgen so vieler Verkältungen so lange zu widerstehen vermochte. Er ließ sich meinen Vorschlag gefallen, ja mehr als dies, mir schien aus einzelnen abgebrochenen Winken diesmal wie früher, nur noch merklicher, hervorzugehen, es treibe ihn neben dem besonderen Reiz, den das klassische Land auf eine so nordische Natur üben mußte, noch etwas Einzelnes, Geheimes. Freche Raubanfälle waren damals in Sizilien vorgekommen, das machte ihm keine Sorge, doch nahm er die Reise diesmal schwerer als sonst und war viel in Gedanken. Kurz vor Aufbruch fiel es ihm ein, er wolle das Tal ›noch einmal‹ sehen, wo er vier Jahre, vom vierzehnten bis zum achtzehnten, in einer Erziehungsanstalt zugebracht hat. Er hatte immer gern von jener Zeit gesprochen, von den alten Klosterräumen, worin die Schule sich befand, von der Schönheit des Tales, von den alten Kameraden. Still und sichtbar weich gestimmt kam er zurück und trat bald darauf die Reise an. Er schien sich nach den wenigen Lebenszeichen, die mir aus der Entfernung zukamen, in Neapel, dann in Palermo ganz munter zu befinden. Ueber Pompeji schrieb er einen ausnahmsweise langen, gar schönen Brief; durch den tiefen Ernst seiner Schilderung und Betrachtungen schien mir etwas wie eine Todesahnung hindurchzuklingen, am Schluß aber sprang er auf seine Weise in Scherz um, indem er berichtete, er beschäftige sich jetzt profund mit der Frage, ob die Griechen und Römer auch Hühneraugen gehabt haben; er habe die Figuren der Verschütteten, die man durch Gipseinguß in den Lavamantel gewonnen, mikroskopisch genau darauf angesehen, aber leider sei die Epidermis zu sehr zerstört. Von Palermo sollte im Frühling eine Rundreise durch die Insel angetreten werden, aber auf einmal kam ein Brief aus Rom, dann lange keiner mehr, ich dachte, er sitze nun im römischen Gebirge, als endlich, um die Zeit des Kriegsausbruchs, ein paar hingeworfene Zeilen aus Assisi anlangten, die mir seine plötzliche Rückreise anzeigten. Ein paar Wochen darauf war er da, eigentümlich verändert. Es war etwas Geklärtes in seinen Zügen, die Stirne erschien glätter, der Blick freier und heller, die Mundwinkel neigten nicht mehr zu dem bitteren Zug nach unten. Er erklärte, er wolle in den Krieg. Ich erschrak, wiewohl ich es voraussehen konnte; es wäre ein Wunder gewesen, wenn der Freiwillige von 1848 sich nicht in ihm geregt hätte. Nach seinem Kraftmaß reichte auch die Rüstigkeit noch aus, aber mit so unseliger Haut, zu schweren Verkältungen so entsetzlich geneigt, wie wäre es möglich gewesen, die Strapazen, namentlich die Beiwachen, auszuhalten! Mit so schwarzen Farben als denkbar malte ich ihm das vor und stellte ihm das Gespenst eines Nervenfiebers in Aussicht. ›Nervenfieber oder Schuß,‹ rief er, ›gleichviel, doch anständig gestorben!‹ Er wollte ein freiwilliges Jägerkorps, ein berittenes, errichten, gewann Freunde zu Niedersetzung eines Komitees, man wandte sich an das Kriegsministerium, er schaffte sich ein neues Reitpferd an und nahm bei einem Rittmeister Lektionen in der Offizierschule. Da kam mir ein Unfall zu Hilfe: er stürzte auf einem Ritt und verrenkte den Fuß. Er pflegte auf ebenem, sicherem Boden äußerst vorsichtig, ja ängstlich, dagegen auf schlimmen, gefährlichen Wegen ganz tollkühn zu reiten; so sprengte er eines Tags über einen holprigen, steinigen Abhang, und zwar ohne Anstoß, aber auf der bequemen Landstraße angekommen, machte er durch unnötiges Zockeln sein Pferd unruhig, es scheute an einem Papierblatt auf dem Wege, stieg, kroupierte, fiel mit ihm, und er konnte noch von Glück sagen, daß er mit verletzten Fußsehnen davonkam. So erfuhr man es von einem Augenzeugen, er selbst wetterte auf die bösen Geister, die ihm solches angetan, während er doch so vorsichtig sei. Sie können sich denken, wie schlecht er die Geduldprobe des langen Stillhaltens, Schonens, nachdauernden Hinkens in so drangvoller Zeit bestanden hat. Inzwischen wurde das kriegerische Vorhaben ohnedies vereitelt, da die Regierung, nachdem sie sich zuerst geneigt erwiesen, am Ende doch abschlägig beschied. So war es denn kein Wunder, wenn die klare und freie Stimmung, die A. E. von der Reise mitgebracht hatte, nicht vorhielt. Aber es war da noch etwas andres, als Mißlaune; wäre es diese allein gewesen, sie hätte den Siegesbotschaften, wie sie sich auf dem Fuße folgten, doch nicht zu widerstehen vermocht. Sie entzückten ihn auch, aber dahinter stieg ein dunkler Geist in ihm auf, den ich anfangs nicht enträtseln konnte, der erst nach und nach durch bestimmtere Aeußerungen mir verständlich wurde. ›Ich bin der Eulenspiegel,‹ sagte er einmal, ›der heult, wann's lustig bergab geht.‹ Als der Tag von Sedan kam, rief er, sichtbar den Jubel der Seele unterdrückend: ›Ach Gott, ach Gott! so viel Glück ertragen die Deutschen nicht!‹ Schließlich folgte das klare Wort: ›Wir werden unser Ziel erreichen, aber von so viel ungewohntem Gelingen auch einen schlimmen Butzen davontragen; wenn der Tempel aufgebaut ist, gebt acht, wie sich die Fälscher, Krämer, Wechsler, Wucherer breit darin einnisten werden!‹ Am Abend jedoch ließ er frei und hell den Freudensturm des Herzens hervorschießen und gab seinen Hunden einen Festschmaus. So trieb es ihn um. Wo er Schlechtes sah – und es gibt dessen genug in unsrer Stadt, mein Herr, gar viele wollen schneller reich werden, als es mit Ehre und Gewissen vereinbar ist, und die Mehrheit ist gar genußsüchtig, Verbrechen, Raub, Totschlag, Brandstiftung häufen sich – da wurde er noch grimmiger als sonst, beklagte aufs neue, was verschmerzt schien, den Verlust seines Amts, seiner Amtsgewalt –« Wie sehr es mich drängte, über diesen schweren Schlag, den sie mir schon angedeutet hatte, Näheres zu erfahren, wollte ich doch mit Fragen jetzt nicht in die Erzählung eingreifen; ich sah der Frau an, daß sie sich dem Schlusse näherte, ihr Atem wurde kürzer – »Um die Zeit mußte wieder ein Katarrh kommen, und als er sich erträglich abwickelte, stellten sich bereits Anzeichen eines neuen ein. In diesem Zustand geht er eines Tags aus – zum letztenmal: man brachte ihn mir ohnmächtig mit einer tiefen Wunde in der Hüfte.« Sie verfiel in Schluchzen und sammelte sich mühsam, den Bericht zu vollenden. »Er begegnete auf der Landstraße einem Fuhrmann, der mit grausamen Hieben ein überladenes Pferd mißhandelte. Es war ein Mensch, den er einst als Vogt wegen derselben Roheit scharf bestraft hatte. Zuerst ermahnt er ihn ruhig, bekommt darauf eine rohe Antwort und der Barbar haut nur noch wilder auf das Tier los. Einhart entreißt ihm die Geißel, sie raufen, der Fuhrmann vermag ihn nicht zu bewältigen, zieht sein Messer und versetzt dem Pferd mehrere Stiche; jetzt haut A. E. mit der entrissenen Peitsche auf den Wüterich ein, dieser springt wie ein Tiger gegen ihn und das Messer fährt ihm in die Hüfte. »Leute, die des Weges kamen, fanden den Fuhrmann zu Boden gerissen und hier festgebannt vom drohenden Rachen des Hatzrüden, daneben den Verwundeten; ein Wagen wurde rasch herbeigeschafft, die Kunde verbreitete sich pfeilschnell, als man ihn durch die Straßen führte; ein Freund, der Assessor, kam herbeigeeilt und brachte unsern Arzt schon mit, den er unterwegs aufgeboten hatte. Wir trugen den Ohnmächtigen aufs Bett, ich und der Assessor, nachdem mit seiner Hilfe ein Verband angelegt war, verließen das Zimmer, um durch keinen Laut den Schlummer zu stören, in welchen nach schmerzhaftem Zucken die Ohnmacht übergegangen war. Der Arzt hat mir nachher so erzählt: nach einiger Zeit schlug der Kranke die Augen auf, schien mit Verwundern sich in dieser Lage und den Arzt neben sich zu sehen, besann sich eine Weile und nickte dann wie einer, dem Entschwundenes zum Bewußtsein kommt. Er fühlte an seine Hüfte, nickte noch einmal, nahm dann nach einer neuen Pause die Hand des Arztes und sagte: ›Doktor, eine Gewissensfrage: Ist anzunehmen, daß ich noch einen kriege?‹ Der Doktor war in kurzem Kampfe mit sich, erwiderte dann ruhig den festen, wartenden Blick des Kranken und sagte: ›Kaum.‹ – ›Ich danke,‹ versetzte dieser und zog die Glocke. »Wir waren indessen schweigend, in tödlicher Spannung im Nebenzimmer gestanden, traten jetzt leise hinein, A. E. sah uns der Reihe nach freundlich an und sagte dann mit schwacher Stimme, aber in ganz warmhellem Tone: ›Freut euch mit mir, ich kriege keinen mehr, ich weiß es vom Doktor da! Ich darf anständig sterben. Es ist doch so auf eine Art, wie wenn ich im Kriege gefallen wäre.‹ Der Arzt widersprach nicht. Der Kranke fiel wieder in Schlummer. ›Warum sollte ich es ihm verschweigen?‹ flüsterte nun jener uns zu, ›er ist ein Mann; wir müssen uns gefaßt halten, er ist unrettbar, jede weitere Behandlung seiner Wunde würde nur die Qual vermehren; er wird den Tag nicht überleben.‹ Wieder erwacht, gab A. E. ein Zeichen, daß er ein Wort mit mir allein sprechen wolle. ›Frau Base,‹ sagte er, als die andern das Zimmer verlassen hatten, ›in Platos Phädon hat mir immer etwas so gut gefallen: wie Sokrates den Tod herankommen fühlt, sagt er den Freunden, sie sollen dem Asklepios einen Hahn opfern; das möchte ich wohl auch tun.‹ Ich übernahm den Auftrag, er sank mit geschlossenen Augen ins Kissen zurück, schlug sie aber nach einigen Minuten wieder auf und sagte: ›Wissen Sie was? wir lassen es, mein' ich, lieber bleiben, es wäre doch nur eine Nachahmung, und dann, warum soll der Gockel, der zum Opfer ausersehen würde, nicht noch eine Weile fröhlich und stolz scharren und krähen und sein Hühnervolk beherrschen?‹ Die Augen fielen ihm wieder zu, er entschlummerte, schien zu träumen, seine Lippen zuckten, er sprach: ›Tief da unten wirbelt die Reuß! Wie tobt sie! Hinab? Nein!‹ – Er wachte wieder auf und fragte: ›Wo ist er?‹ – ›Wer?‹ – ›Der Reisekamerad!‹ – Er nannte Ihren Namen, kam klar wieder zu sich und nun hat er mir den herzlichen Gruß an Sie und den Auftrag gegeben, den ich Ihnen mitteile, wenn ich Ihnen seinen Nachlaß zeige. »Die Männer traten wieder ein. Er wurde schwächer und schwächer, die Zwischenräume tiefen, matten Schlummers länger. Gegen Abend aber richtete er sich mit unerwarteter Kraft im Bett auf und sprach mit fester Stimme: ›Ich hab's erleben dürfen, daß meine Nation zu Ehren gelangt, und ich will mit Manneskraft die Angst abschütteln, daß der traurige Ansatz sittlicher Fäulnis in ihr fortfresse; ein Volk, dem zu Ehren der Weltgeist den Tag von Sedan eingeleitet hat, kann nicht so bald verlottern! – Ach, daß ich nicht mittun konnte, – bringt Wein!‹ Ich sah den Arzt an, er nickte; es wurde Rheinwein gebracht, jedem ein Glas gefüllt, er hob das seine, stieß an und trank es kräftig aus. Dann fiel er in solche Ermattung, daß wir den letzten Augenblick gekommen glaubten; er begann aber noch einmal zu phantasieren, er schien sich träumend in der Schlacht zu befinden und in heißer Bedrängnis Befehle zu geben, die Stimme war aber zu schwach zum Ruftone, man vernahm nur gepreßte Laute; die Worte: Signal – Front – Feuer – Bajonett – Klumpen bilden! – sind mir, wie fremd auch einem weiblichen Ohr, im Gedächtnis geblieben, – die Lippen bewegten sich lautlos noch kurze Zeit, das Haupt sank zurück, doch nach einer Viertelstunde etwa erwachte er noch einmal, da unversehens der kleine Hund, der Schnauz, winselnd auf sein Bett sprang, während Tyras daneben saß und kein Auge von seinem Herrn verwandte. Er reichte mir matt die Rechte und sprach: ›Ich danke Ihnen für alle Treue; droben im Schreibtisch, mittleres Fach, liegt mein letzter Wille.‹ Mit der Linken streichelte er dann zuerst den kleinen, dann den großen Hund, zu dem er noch kaum hörbar murmelte: ›Armes, treues Tier, hast mir nicht mehr helfen können.‹ Nach einer Pause stammelte er noch wenige Worte; ich meinte zu verstehen: ›Kommst du, Erik, führst – an der Hand? Sie nickt –‹ Mitten in diesen gebrochenen Lauten verschied er. Der zweite Name, den er genannt, war mir unverständlich geblieben, er klang nicht deutsch.« Wir schwiegen lange. Ich drängte alle weiteren Fragen über Persönlichkeit und Leben des Verstorbenen zurück; es war mir nicht danach zumute, jetzt weiter zu reden; ich brach auf. Eine Einladung zu Tische lehnte ich dankbar ab, bat dagegen am Abend eintreten zu dürfen, begab mich in meinen Gasthof und ging nach Fassung ringend in meinem Zimmer auf und nieder. Peinlich genug war es mir, in dieser Stimmung an der Wirtstafel sitzen zu sollen, dennoch mochte ich nicht allein auf meinem Zimmer essen, es schien mir noch unheimlicher. Einige Stammgäste und wenige Fremde saßen am Tische. Unter jenen war ein junger Mann, dessen Gesicht mir wohlgefiel, ich meinte einen Ausdruck von Vernünftigkeit in seinen Zügen zu sehen; er trug eine Brille, die ihm doch keinerlei Anschein von Wohlweisheit gab, und fixierte mich ein paarmal flüchtig, ohne den geringsten Anflug lästiger Neugierde. Ich brach vor Beendigung der Tafel auf, er folgte mir und sagte: »Entschuldigen Sie, daß ich als Unbekannter mich Ihnen selbst vorstelle, Assessor N. Ich habe vom Wirt erfahren, daß Sie gekommen sind, nach unserm Verstorbenen zu fragen; ich schließe, Sie seien der Herr, den er auf seiner zweiten italienischen Reise kennen gelernt hat; er hat mir von Ihnen erzählt. Sie sind wohl begierig, Näheres von ihm zu erfahren. Nicht eben viel, doch einiges kann ich Ihnen mitteilen.« Das war denn der junge Mann, den Frau Hedwig erwähnt hatte; ich nahm dankbar sein Anerbieten an und er schlug mir auf die spätere Nachmittagszeit einen gemeinschaftlichen Gang vor. Bis dahin streifte ich zuerst planlos durch einige Straßen der Stadt, immer begleitet von dem Gedanken: diese Häuser, diese Wege sind das Bild gewesen, das täglich in sein Auge fiel; daran verspürte ich, wie teuer mir der Tote geworden war. Tief in Betrachtung versunken wartete ich dann zu Hause, bis ich abgeholt wurde. Der Assessor schlug mir einen Gang um die Stadt und dann zu Einharts Grabe vor; wir brachen auf, und sobald wir uns außerhalb der belebteren Straßen befanden, bat ich den jungen Mann, mir zu erzählen. So erfuhr ich denn die früheren Lebensumstände. »Ich war Referendär unter ihm,« begann er, »als er noch wohlbestellter Vogt war – – Sie wissen, der alte Titel für unsre Oberamtleute oder Bezirkspolizeidirektoren? – Er war rasch in das hiesige Amt, einen bedeutenden Wirkungskreis, vorgerückt; man hatte ihm verdenken wollen, daß er auf einer Urlaubsreise im Jahr 1848 sich von Norwegen nach Schleswig-Holstein aufmachte und mitkämpfte; er war damals Beamter in einem kleinen Landkreis, im Jahr nach seiner Rückkehr aber gelang es ihm, eine große Gaunerbande durch die Umsicht und die Straffheit seiner Fahndungen zu bewältigen. An einem Kampfe mit den zwei überlegenen Führern nahm er persönlich Teil und riß den einen, der seine Pistole auf ihn abgefeuert, zu Boden. Bald darauf wurde er auf den größern Posten hierher versetzt. Ein Jahr vor seiner Entlassung trat ich als junger Anfänger bei ihm ein. Haarscharf streng war der Mann in der Ordnung des Dienstes, ein Minos und Rhadamant gegen rohe oder frivole Willkürexzesse, gegen alles, was nach Zuchtlosigkeit aussah, insbesondere richtete sich sein Eifer auch gegen die Tierquälerei, einen Zug von Roheit, der in unserm Volke leider sehr stark ist und in dem er ein Hauptsymptom wachsender Verwilderung sah; seine Polizeimannschaft war streng angewiesen, diese Form der Barbarei scharf zu überwachen. Dabei ganz unpedantisch, nachsichtig, soweit irgend das Amt es erlaubte, gegen Ausschreitungen harmloser Art, hilfreich, höchst tätig in Pflege von Wohltätigkeitsanstalten, in Verbesserung der Gefängnisse, in Austreibung von Mitteln zur sittlichen Rettung Bestrafter, und äußerst mild in der Form, wo nicht Kampf gegen Trotz und schlechten Willen geboten war, dann aber, wenn dies eintrat, voll imponierender Straffheit und wohlbeherrschten, befehlenden Zornes. Der Mann war nun aber doch wenig beliebt bei der Regierung. Man kannte seine Mücken, die ich Ihnen nicht zu nennen brauche; man war zur Nachsicht geneigt, obwohl es dabei nicht ohne Ausschreitungen ablief, die am allerwenigsten bei einem Polizeibeamten vorkommen sollten. Da muß ich Ihnen doch einen einzelnen Fall erzählen. Die ›Exekutionen‹, die er an ›strafwürdigen Objekten‹ vorzunehmen liebte, sind Ihnen vielleicht bekannt.« »Ja, ziemlich,« sagte ich kleinlaut. »Sie galten gewöhnlich nur leblosen Gegenständen. Einmal aber hatte ihn ein Hund durch wiederholten Ungehorsam erzürnt. Er war sonst nur zu gut gegen Tiere, aber wo es Disziplin galt, verstand er auch da keinen Spaß und konnte sehr hart sein. In seinem Grimm packt er den Hund und schleudert ihn aus dem Fenster. Der Unstern will es, daß das Tier einem Menschen an den Kopf fliegt und ihn zu Boden wirft. Der Mensch war zufällig ein Ministerialrat und Abteilungschef im Ministerium des Innern. Mit großer Mühe wurde der schlimme Fall abgeglichen; der Herr hatte eigentlich auf Realinjurie klagen wollen wegen Werfung eines Hundes an den Kopf‹. Man sah durch die Finger, weil der Täter im übrigen ein so verdienter Beamter war. Auch bei einigen starken Verstößen in seinen Amtsrechnungen kam er mit leichter Rüge davon. Uebler vermerkte man allerdings, daß er zu Hause Philosophie-, Literatur- und Kunststudien trieb, man roch hinter denselben politische Ketzerei. Und hier lag nun ein bedenklicher Punkt; er war politisch eben gar nicht so ganz korrekt. Er war von der Freiheitsbewegung der Jahre von 1848 nicht berauscht worden, aber zu sehr ein Mann des Rechtes, um die Stumpfheit, Roheit und Heuchelei, die nach ihrem Niedergang ans Ruder kam, nicht von Herzen zu verabscheuen und offen zu verdammen. Sie kennen die Jahre der schnöden Reaktion, Sie wissen, wie Schleswig-Holstein preisgegeben wurde, Sie werden sich vorstellen, wie das dem Kämpfer von Bau in die Seele schnitt; nun kam die Wiederaufrichtung des Bundestags, kamen die Reden vom christlichen Staat, die Bündnisse zwischen der Gewalt und ihrer vermeintlichen Stütze, der Hierarchie, die Konkordate, kam die Begrüßung Napoleons III. als Retter der Gesellschaft. Ich verfolge nicht die weiteren Ereignisse in der politischen Welt bis in den Anfang der sechziger Jahre, denn es war eine Frage der inneren Gesetzgebung, welche zu dieser Zeit die Katastrophe im Schicksal Einharts herbeiführte. Es begab sich das Wunder, daß ein Beamter, und gar ein durch seine Strenge bekannter Polizeibeamter, vom hiesigen Wahlkreis in die Kammer gewählt wurde. Es war dies sonderbarerweise ebensosehr das Werk von Umtrieben der Regierung als von Agitationen der patriotisch Gesinnten in der liberalen Partei; jene, obwohl ihm sonst doch eben nicht hold, begünstigte in ihm den Mann der strengen Ordnung, diese den Mann des Rechts und noch mehr des deutschen Einheitsstrebens. Die Dinge in Schleswig-Holstein waren soeben wieder in Fluß gekommen, und man wußte, daß Einhart zu sagen pflegte, die deutsche Kaiserkrone liege dort im Küstensand begraben, müsse dort herausgehauen werden. Einhart nahm die ungesuchte Wahl an und führte seinen Sturz herbei. Sie erinnern sich, daß damals viel von Wiedereinführung der Prügelstrafe die Rede war. Er stellte einen Antrag, der sich in den Vordersätzen nachdrücklich dagegen aussprach, weiterhin aber eine Ausnahme postulierte, und zwar gegen die Mißhandlung von Tieren. In der Kammerrede, worin er den Antrag begründete, – Sie müßten sie gehört haben wie ich! – es war ein Feuerstrom und doch alles wohlbedacht! so mag Demosthenes auf der Rednerbühne gesprüht und sonnenhell gestrahlt haben – im ersten Teil dieser Rede nahm er den Ruf der reaktionären Kreise nach Wiedereinführung der entehrenden Strafe zum Ausgangspunkt, ein vernichtendes Bild jener kurzsichtigen Leidenschaft zu entwerfen, welche damals die Regungen alles berechtigten Dranges der Nation nach einem würdigen politischen Dasein zerstampfte, welche sich nicht begnügte, die Propheten maßloser, zentrifugaler Freiheit mit später Strenge zu verfolgen, sondern auch schnöde Rache gegen alle sann, die den Gedanken der nationalen Einigung mit der Energie und Vernunft des Mannes zu verwirklichen gestrebt hatten. Aetzende Ironie wechselte mit Donnerschlägen des reinsten sittlichen Zornes. Wie arme Sünder saßen die Herren herum, die damals jene Phrase vom christlichen Staat im Munde führten, gerade diese und ihre nackte Heuchelei zerrieb er zu Staub im Mörser seiner Dialektik und seines echten Pathos. Jetzt ging er zum Bilde der Schmach über, welche die Politik der ›Feuerlöschanstalt‹ angesichts der Völker Europas über Deutschland gebracht, welche es dahin getrieben, daß ein Zwerg wie Dänemark uns verhöhnen dürfe. ›Schmach,‹ rief er, ›den Seelen, die nichts von der Ehre einer Nation wissen! – Ihr lächelt und steckt die Köpfe zusammen? Ich weiß, was ihr flüstert, ihr meint, ich habe vergessen, wer es zuerst war, der die schöne Bewegung für Freiheit und Einheit der Nation entstellt und verderbt hat, aber mit nichten ist das Unrecht derer, die dies verschuldet, euer Recht!‹ – Jetzt wurde die Front verändert, die Hiebe fielen gegen die Blindheit und Wildheit, in welcher die Demokratie durch Unmaß, rohes Treiben, Putsch und Barrikaden und Mord verwüstet hatte, was so groß, so rein im Werden war. Bis dahin war alles ein Guß aus glühendem, echtem Redemetall. Nun aber, als diese Kraftfülle entladen war und als der Redner auf sein Thema, die Prügelstrafe zurückkam, geriet er bald auf eine schiefe Fläche. Was er gegen Wiedereinführung der rohen, menschenentehrenden Strafart überhaupt vorbrachte, war nur vernunftgemäß und gut, wenn auch mitunter barock. So sagte er, indem er sie mit der Todesstrafe verglich, für die er sich erklärte, unter anderm, der unschuldig Hingerichtete habe doch nicht mehr nötig, sich aus Verzweiflung über das ungerecht Erduldete umzubringen, aber der unschuldig Geprügelte müsse ja dies noch auf sich nehmen. Dann aber, da es an die Ausnahme ging, kam mehr und mehr unausgeschiedener Stoff aus den Eigenheiten des Redners zum Vorschein. Den Satz, daß frühe Tierquäler oft zu Mördern und in politischen Stürmen zu Blutmenschen werden, stellte er nicht nur als einen allgemeinen, unbedingten hin, sondern stürmte los, als wäre er auch umzudrehen, so daß folgte, jeder Verbrecher müsse notwendig zuerst ein Tierquäler gewesen sein. Die Zuhörer wurden unruhig, fingen an zu murren, und als er nun gar verlangte, Tierpeiniger sollen auf öffentlichem Platz ausgepeitscht werden, wuchs der Tumult zu einem Gewitter, wie es unsre Kammer nie erlebt hat; rechts die Männer des Rückschritts, links die Fortschrittsleute, sie übertobten sich um die Wette, die einen gegen jene, die andern gegen diese Hälfte der Rede. Einige Augenblicke war es prächtig, zu hören, wie der Redner mit seinem mächtigen Organ diesen furchtbaren Lärm noch überdonnerte; plötzlich aber schlug ihm die Stimme über, lächerlich hohe Fisteltöne ließen sich vernehmen, Gelächter mischte sich jetzt in das Geschrei der empörten Gegner, und wütend stürzte Einhart von der Rednerbühne.« – »Das kenne ich von unsrer Reise her, kann mir's sehr gut vorstellen. Und?« »Die Folgen des unglücklichen Vorgangs ließen nicht lange auf sich warten. Sein Minister berief ihn, ließ ihn heftig an, worauf Einhart sagte: ›Exzellenz leiden wohl an Katarrh? Kondoliere.‹ Abends am selben Tage kam ihm ein schriftlicher Verweis zu, so gesalzen, daß er umgehend sein Entlassungsgesuch eingab. Daheim wollte das Volk sein Haus stürmen, man warf die Fenster ein, und der Frau Hedwig, die krank zu Bette lag, flog ein schwerer Stein hart am Kopfe vorbei. Schnell benachrichtigt, eilte er von der Residenz nach Hause; am folgenden Abend erneuerte sich der Sturm, seine Mannschaft war zu schwach, ihn zurückzuschlagen, und als wieder Steine in die Fenster flogen, feuerte er sein Gewehr in den Haufen ab und tötete einen der Schreier. Es war ein Glück, daß gleichzeitig die Entlassung da war, da sie auf diese Handlung unerbeten hätte folgen müssen. Er kam vors Schwurgericht, es sprach ihn frei, die Notwehr konnte nachgewiesen werden und der Getötete war ein Elender aus der Hefe des Volkes.« »Wie trug er sein Schicksal?« »Still und fest, doch hat er's nie ganz verwunden.« »Ich begreife doch immer noch nicht, kann mir eine Persönlichkeit, die doch so vorwiegend Innenleben war, als Polizeimann nicht denken. Wie reime ich den verbohrten Phantasiekampf gegen den kleinen Zufall mit dem Willensschritt einer tätigen Natur?« »Je nun, in wie manchem stecken zwei Naturen! Uebrigens ist doch ein Zusammenhang. Er war eine befehlende Kraft und eine dichterisch denkende; den befehlenden Mann empörte der Widerstand der unbotmäßigen toten Dinge, denen der dichterisch vorstellende einen Willen lieh, und den harmoniesuchenden Denker das Chaos der Durchkreuzungen. Wissen Sie, was eines seiner ersten Worte war, als er amtlos in der Welt stand? ›Auch gut,‹ sagte er zu Frau Hedwig, ›jetzt les' ich in meinen Büchern, schreibe etliches nieder, prügle ab und zu einen argen Tierquäler und exekutioniere einiges allzu rebellische Objekt.‹« – Wir waren an den Kirchhof gekommen und gingen an der Werkstätte eines Grabmalkünstlers vorbei. »Gerade recht,« sagte der Assessor, »treten wir einen Augenblick ein.« Er zeigte mir in der Ecke des Hofes eine Marmorplatte: »Da, sehen Sie die Inschrift an!« Sie lautete: »Hier ruht nach . . . jährigem redlichem Kampfe gegen das                           Albert Einhart , weiland Vogt, fernerhin nur Mensch, geboren den 1. Juli 1815, gestorben den . . .« Ich ahnte dunkel, was die Lücke bedeuten mochte, aber wie hätte ich die Lösung wirklich finden können? Der Assessor kam zu Hilfe. »Diesen Grabstein,« sagte er, »hat sich A. E. schon bald nach seiner Entlassung bestellt, damit er einst sein Grab schmücke. Es sollte heißen: ›Hier ruht nach (so und so viel) -jährigem redlichem Kampfe gegen das verfluchte Objekt u. s. w.‹ Aber der Tetem erfuhr es und erklärte, dieser Stein dürfe nie gesetzt werden; o, es gab schreckliche Händel!« In mir tauchte es auf wie ein alter Traum. Die Axenstraße, dann der Gotthardpaß standen vor mir, ich sah die Felsengesichter wieder, hörte sie höhnen: »Tetem«, ich sah mich mit meiner Reisetasche wieder laufen, hörte sie mit dem absurden Laute: »Tetem, Tetem« an meine Hüfte schlagen – »Wie? Was? Tetem? Was ist das? Wer ist das?« »Verzeihen Sie, mein Herr, Sie sprechen die zwei E unrichtig aus; es heißt –« »Aber so sagen Sie mir doch –« »Die E sind eigentlich so zu sprechen wie in Flexionssilben, mit dem Nebenlaut eines dumpfen, halb nasalen A.« »Nun ja, meinetwegen, – also?« »Der Tetem ist unser zweiter Stadtgeistlicher, ein hochbeliebter Kanzelredner. Er heißt eigentlich Zunger. Er ist freisinniger Theolog. A. E. kannte ihn gut, er unterhielt sich gern mit ihm, denn er ist ein humanistisch wohlgebildeter Mann. Allein das Verhältnis wechselte zwischen Anziehung und Abstoßung. A. E. hatte dieser Schattierung im geistlichen Stande gegenüber statt eines Standpunktes zwei, die sich schwer vereinigen ließen und, wie es in solchen Fällen geht, wechselsweise die Oberhand bekamen. Mit seiner schwertscharfen Logik erkannte er leicht die Inkonsequenz, bis zu gewissen Grenzmarken der modernen Wissenschaft ihr Recht einzuräumen, an diesen Stellen aber ihr Halt zu gebieten oder mit schönen Redensarten sich und andern Einklang zwischen ihr und dem Dogma vorzutäuschen; ›überdies,‹ so pflegte er zu sagen, ›sind sie eben doch Heuchler auf alle Fälle, denn auch die Glaubensstücke, die sie offen für unhaltbar erklären, müssen sie in Gottesdienst und Seelsorge trotzdem jederzeit im Munde führen; was hilft da die Hintertüre des symbolischen Sinnes? Unwahr ist und bleibt unwahr.‹ Dazu kam, daß Zunger immerhin auch ein Geschmäckchen von Wohlweisheit hat. Er ermahnt gern, gibt gern erzieherische Winke; man bekommt zu fühlen, daß er der Menschennatur im Grunde nicht viel Gutes zutraut. Allein A. E. war doch auch wieder viel zu billig und gerecht, um nicht einzusehen, wie man durch Lebensbedingungen in solch ein Fahrwasser hineingeraten kann, zu klar, um nicht einzusehen, daß die Welt ohne Halbheiten nicht durchkommt und daß sich das Volk in den Händen dieser Halbdurchsichtigen unzweifelhaft besser befindet als unter den Fingern und Fäusten der Schwarzen. Ich erinnere mich, wie er einmal sagte: ›Ach, geht mir mit diesen geweihten Besserungstechnikern!‹ Aber er nahm das Wort schnell zurück: es müsse eben doch einen Stand geben, so berichtigte er sich, welcher der Wechselerziehung der Leute ein wenig nachhelfe, eine Art Sittengoumer. Sie kennen das Wort? Ich habe es von ihm.« »Jawohl, ich auch.« »Nun,« fuhr er fort, »so vertrug man sich denn zwar nicht ohne Ebbe und Flut, doch ganz leidlich. Ebbe pflegte namentlich einzutreten, wenn ein gewisser süßer Zug in dem würdigen Manne hervortrat. Zunger ist musikalisch und singt gern Choräle zur Hausorgel. Er gibt ab und zu Gesellschaften und schenkt es den Gästen nicht, beim Tee ein Zwischenspiel musikalischer Erbauung sich gefallen zu lassen. A. E. war einmal eingeladen und hatte dies mitzugenießen. Zunger liebt ganz besonders das Lied: ›Wie groß ist des Allmächt'gen Güte.‹ A. E. konnte es nicht leiden, nicht aufstehen. Dieser Kinderbrei, pflegte er zu sagen, reize zu entbrannter Opposition, bei so zuckerigem Lobpreis müsse es jedem, der kein Dummkopf sei, gerade recht einfallen, daß in der Natur ebensoviel, wenn nicht mehr teuflische Grausamkeit als Güte herrsche; gebe es darüber einen Trost, so sei der mit kräftigen Gedanken mannhaft zu erringen, zu erkämpfen, zu ertrotzen, denn er ruhe auf einem: trotzdem; solchen Trost sauge man nicht aus dem Kinderschnuller. Nun, erinnern Sie sich der Melodie; bitte, vergegenwärtigen Sie sich, wie sie klingt bei den Worten: ›Der mit verhärtetem Gemüte‹. Zwei ausdrucksvolle Noten fallen gerade auf die bedeutungslosen Biegungssilben des Worts: ›verhärtetem‹, und eben diese zwei Noten sang Zunger so gefühlsinnig, so höchst seelenvoll, daß allerdings ein gründlich komischer Widerspruch zwischen Sinnwert und Tonwert entstand; er schwelgte förmlich in diesem gefühlten ›Tetem‹. A. E. war zum Lachkrampf disponiert. Er versteckte sich, da er dies Uebel anpochen fühlte, unter den Zuhörern, aber es schüttelte ihn so, daß es nicht zu verbergen war, und ihm blieb nichts als ausbrechen, entwischen, abstürzen. Von da an führte bei ihm Zunger den Namen ›Tetem‹, Frau Hedwig eignete sich die Nomenklatur auch an, weiterhin ich und mehrere. Tetem nun erfuhr um dieselbe Zeit von der verrückten Grabschrift und erklärte, wie gesagt, er werde nie dulden, daß ein Stein mit solcher Inschrift auf dem Kirchhof stehe; man muß ja wohl auch zugeben. daß er es wirklich nicht konnte, nicht durfte. A. E. aber war darin unbillig, ja unvernünftig, hat ihm von da an gezürnt, daß er ihm sein ›schönes‹ Epitaphium unterdrücke, dies Zeugnis edler und gerechter Selbstachtung, das er sich nach seinem Tode vor der Welt auszustellen gedenke. Vom Tetem muß ich rühmen, daß er ihm sein Zürnen nicht nachgetragen, daß er ihm eine nach Möglichkeit dogmenfreie, nach Kräften verständnisvolle, ja schöne Grabrede gehalten hat.« Wir waren auf den Kirchhof eingetreten. Wie ernst-andächtig hatte ich mir diesen Moment vorausgedacht! Wie anders sollte es kommen! Ich mußte mir immer den frommen Sänger mit seiner gefühlvollen Partizip-Deklinationsendung und dahinter den lachkrämpfigen A. E. vorstellen, mit aller innern Anstrengung konnte ich das alberne Bild nicht loswerden, vergeblich sagte ich mir, wie schmachvoll es wäre, wenn ich lachend an den Totenhügel träte; das wäre ja, so ermahnte ich mich, nicht ein entlastendes, rührungsvolles Lachen wie jenes, das mich am Vormittag mit der guten Frau Hedwig in einer Stimmung vereinigte, sondern häßlich, mit bösem Gewissen behaftet, armensündermäßig, wüst, schnöd, ja bübisch; gerade die grausame Anspannung des Willens gegen eine solche erniedrigende Naturgewalt wirkte mit dem Reize des Verbotenen nur doppelt stark auf das blinde Zwerchfell, damit steckte ich meinen Begleiter an, und so schritten zwei ernste Männer mit krampfverzogenen Gesichtern, momentane Ausbrüche des verhaltenen Kitterns erbärmlich verbeißend, an eine Stätte, die sie mit dem reinen Gefühl der tiefstgesammelten Trauer zu betreten gewillt waren. Ach, was ist der Mensch! Zwei Hunde mußten uns zu uns bringen. Einharts Lieblingstiere lagen auf dem Grabe, sie wedelten und wimmerten, als sie uns sahen, ohne sich von der Stelle zu rühren. Mit einem Schlage war durch diesen Anblick die Stimmung gereinigt, und schnell wich die profane Träne des Lachens dem heiligen Tau, der vom kristallenen Nachthimmel frommen Gedenkens fällt, Gedenkens an gute Menschen, an Menschenlos und an das, was ewig ist. Als wir hinweggingen, lockte ich den Hunden und sie folgten mir. »Sie sind der erste, dem das gelingt,« sagte mein Begleiter; »die Tiere schlichen dem Leichenzuge nach, sie ließen sich nicht abtreiben, seither machen sie von Zeit zu Zeit den Gang und gehorchen keinem Befehl, die Stelle zu verlassen, bis sie Nacht und Hunger nach Hause treiben.« Der Assessor lud mich beim Abschied ein, mich am Abend des folgenden Tags im Herrenstübchen des Gasthofs zum »Stern« einzufinden, wo ich eine Gesellschaft treffen werde, in welcher A. E. an zwei Abenden wöchentlich einige Zerstreuung zu suchen gepflegt habe. Gern sagte ich zu und begab mich zu Frau Hedwig. Ich traf die trauernde Frau im Helldunkel der Dämmerung ohne Licht. Wie manche Abendstunden mochte sie so zugebracht haben, still in Gedanken an den Toten! Sie ermunterte sich bei meinem Eintritt, ließ die Lampe anzünden und begann Tee zu bereiten. »Er mochte ihn nicht,« sagte sie dazwischen; ich gestand, daß ich es darin mit ihm halte, sie schien das erwartet zu haben und stellte mir ein schweres geschliffenes Glas hin mit den Worten: »Sie sollen seinen Wein aus seinem Tischglas trinken.« Als ich durch die erhellte dunkelrote Flut auf den Grund des Gefäßes sah, fiel mir Justinus Kerners schönes Gedicht auf das Trinkglas eines Freundes ein; ich gedachte dieser liebenswürdigen Dichternatur, und Frau Hedwig erzählte mir, daß A. E. in seiner Abendgesellschaft ein paarmal sich für ihn verstritten habe. »Die Menschen,« sagte er einmal beim Frühstück nach einem solchen Zanke, »wissen doch auch von nichts als von Alternativen! Entweder, oder, so steht's in ihren Zwischenwandköpfen! Entweder Betrüger oder Narr! Keiner wollte begreifen, daß der Mann mit einem Fuß im Geisterwesen stand, mit dem andern heraus war. Logische Konsequenz fordern von einem Poeten, dessen bestes Talent ein ungemein herrlicher, grundnaiver und doch freier Phantasiesinn fürs Verrückte war! O, Poeten schweben ja! Es ist ja ein Schweben!« Wir saßen eine Weile nun schweigend beisammen, an der Wand tickte eine Schwarzwälderuhr, am Boden lagen die Hunde, Tyras zuckte und bellte dumpf im Schlaf – ob er wohl im Traum wieder für seinen Herrn kämpfte? – Frau Hedwig, wohl fühlend, wie manche Fragen ich am Vormittag werde zurückgehalten haben, begann nun unaufgefordert von sich und von A. E. zu erzählen. Ich gebe nur in Kürze wieder, was sie selbst betrifft, da uns hier ein andres Schicksal beschäftigt. Sie war Drittenkind mit ihm und verlor frühe einen geliebten Gatten. Dieser Tod brachte ihr zugleich den bittern Kelch der Armut. A. E. war ihr Retter, er bat sie, sein Haus zu führen, – »und wie schön ist es, dankbar sein zu dürfen, wenn man zugleich weiß, daß man nützlich sein kann! Wie sah es da im Haushalt aus, als ich die Leitung in die Hand nahm, wie war der Mann vernachlässigt und betrogen worden! Ach, er konnte ja gar nicht rechnen! Nur das Addieren ging noch so halbwegs!« »Eine schlimme Sache bei einem Beamten,« meinte ich, »auch wenn er kein Finanzbeamter ist.« »Freilich, freilich! es hat doch auch ein wenig zu seinem Sturze mit beigetragen, es fanden sich Verstöße schwerer Art in seinen Amtsrechnungen, und nur halb sah man ein, daß man es hier mit einem Kind im Zahl- und Geldwesen zu tun habe. Wären nicht seine vielen Verdienste gewesen, hätte man vergessen dürfen, daß er dazumal die gefährliche Gaunerbande eingefangen, man hätte ihn schon viel früher fortgeschickt.« Ich erfuhr weiter, daß A. E. nicht reich, doch vermögend war. »Er brauchte blutwenig für sich, viel für die Armen und« – setzte sie noch einmal errötend hinzu – »einiges für Exekutionen an aufrührerischen Objekten, die er seine weisesten, sittlichsten, wahrhaft gemeinnützigen Handlungen nannte.« »Weiß, weiß, kenne das,« fiel ich ein. »Wir verstehen uns mit ihm,« sagte sie lächelnd. »Und nun kommen Sie, lassen Sie uns in sein Studierzimmer gehen!« Wir stiegen über eine Treppe und betraten einen prunklosen Raum mit Schreibtisch, Bücherschränken, wenigen Möbeln für die Bequemlichkeit und einigen Gemälden und Kupferstichen an den Wänden. Sie öffnete ein verschlossenes Fach im Schreibtisch, zog ein Blatt heraus und reichte mir es hin. »Das Original,« sagte sie, »liegt auf dem Rathaus; es ist amtliche Abschrift.« Ich las: »Ich setze Frau L. Hedwig als Erbin meines Hauses und Vermögens ein. Ich füge eine Liste der Armen bei, die sie ferner zu unterstützen hat. Sämtliche Papiere, die zu meinen Studien gehören und sich in den Fächern . . . befinden, vermache ich Herrn . . . als Eigentum und überlasse seinem Ermessen, welche Bestimmung er ihnen geben will. Albert Einhart, Vogt a. D.« »Und also auch das Haus gehört mir,« sagte sie, indem sie das Blatt aus meiner Hand zurücknahm und Tränen ihr ins Auge traten, »das Haus, das er gekauft und sich zurechtgebaut hat, als er verabschiedet war; ich bin reicher geworden, als ich bedarf, und kann dafür mehr an den Armen tun, als mir wörtlich aufgegeben ist.« Das Vermächtnis, das unvermutet mir geworden, war mir im ersten Augenblick befremdend, ich konnte die Ueberlassung nicht mit dem Wesen eines Mannes reimen, dem es eben nicht gleich sah, sich vor irgend jemand nackt zu zeigen, und Enthüllungen waren von diesen Blättern doch zu erwarten. Da fiel mir Hamlet ein, wie er sterbend den Horazio bittet, dem versammelten Volke kundzugeben, wie alles gekommen sei, damit sein schwer verletzter Name gerettet werde. Jetzt erfaßte ich, daß dieser seltsam verhüllte, dem tragischen Helden nicht eben unverwandte Mann doch ein Bedürfnis in sich getragen habe, nach seinem Tode in richtigem Lichte gesehen zu werden, und herzlich fühlte ich mich nun geehrt, daß er mich als seinen Horazio auserlesen. Während Frau Hedwig die Fächer öffnete, worin die Papiere lagen, sah ich mich etwas im Zimmer um. Drei Landschaftsgemälde von guter Hand schmückten eine der Wände: das eine Perugia, das andre die römische Campagna, das dritte Venedig darstellend; an einer andern Wand fiel mir ein Bild auf, das durch ein Loch verunstaltet war. Als ich näher trat, erkannte ich ein Werk aus der altdeutschen Schule; ein heiliger Sebastian, von den Pfeilen durchbohrt, schien im Ausdruck ergreifend gegeben, so weit der defekte Zustand erraten ließ, gewisse Eigenheiten der Form, die leuchtende Kraft der Farbe, die warme Mürbe des Fleisches schienen mir auf Zeitblom zu weisen, das Loch aber ging mitten durch die Nase und erstreckte sich noch auf die Nasenwurzel, so daß ein sicheres Kennzeichen des Ulmer Meisters ausgetilgt war; denn dieser ernste, feierliche, innigfromme, farbensaftige, lebenswahre Künstler hat ja leider die Grille gehabt, fast alle seine Köpfe mit rot angelaufenen Nasen und einer knopfigen Anschwellung der Nasenwurzel auszustatten. »Was ist denn nun aber das?« fragte ich. – »Ja, der schöne Zeitblom!« war die Antwort, »den der Herr auf einer Reise nach Schwaben entdeckt und um schweres Geld gekauft hat! Er schätzte und liebte das Bild nicht nur wegen seines Kunstwerts, er dachte dabei gern an seine eignen Leiden unter den spitzen Bolzen der Lebensübel. Da fuhr einer der Steine durch, die dazumal, als ich krank lag, durchs Fenster flogen, der Selige hängte das Bild nun in sein Studierzimmer und war schlechterdings nicht zu einer Herstellung zu bewegen. Das geschah keineswegs bloß zum Andenken an die überstandene Gefahr. Er hatte immer seinen Spaß getrieben über die rote Nase und geschwollene Nasenwurzel. ›Es werden wohl,‹ pflegte er zu sagen, ›die starken Donaunebel schuld sein, daß in Ulm jedermann immer Schnupfen hat, alten oder neuen; der gute Meister wird seine Mitchristen wohl nie in einem andern Zustande gesehen haben! Das wär' ein Aufenthalt für mich, das Ulm!‹ Nun, als der Stein durchschlug, da ging, sobald nur Schrecken und Zorn verraucht waren, der Spaß erst recht an: ›Der Lümmel hat's verstanden! Radikalkur! Der Sebastian kriegt keinen mehr! Nun, und der Schütze auch keinen mehr! Dem ist's fast zu gut geworden durch meinen Schuß!‹ – So ging es fort. »Da,« sagte Frau Hedwig, indem sie nun eine eingerahmte, auf dem Schreibtisch stehende Photographie mir hinhielt, »das ist ein Bild, das er immer vor Augen hatte.« Es war das Porträt eines Mannes in den besten Jahren und je mehr ich es betrachtete, um so tiefer fühlte ich mich angezogen. Selten habe ich so viel Festigkeit mit so viel Güte in einem Ausdruck verbunden gesehen. – »Diesem Mann ist zu trauen!« sagte ich. – »Ja,« erwiderte Frau Hedwig, »und dem muß der Verstorbene viel verdankt haben, mehr, als wir wissen.« Sie konnte nur angeben, daß es das Bild eines schwedischen Arztes sei, der ihn auf der norwegischen Reise von einem Nervenfieber gerettet habe; »aber,« sagte sie, »da muß noch etwas vorgegangen sein, was ich nie erfuhr, es war etwas Geheimnisvolles in dem Kultus der Pietät, womit er an diesem Bilde hing; und ein Jahr vor der zweiten Reise nach Italien, auf der Sie mit ihm zusammentrafen, erfuhr Einhart den Tod dieses Mannes. Er schloß sich einen Tag lang ein, und man hörte ihn weinen. Er hat nie aufgehört, ihn zu betrauern.« Sie nahm ihr Geschäft an den Schubfächern wieder auf und als sie eine Blätterschichte aus einer der Laden heben wollte, stieß ihre Hand in der hintersten Ecke an etwas Hartes, sie zog einen schwarzen Gegenstand heraus und rief bei seinem Anblick: »Ah, dort stak's? find' ich's wieder?« Sie reichte mir ein Etui hin, aus dem mir, als ich es öffnete, eine Photographie entgegensah, ein weibliches Brustbild von großer, aber unheimlicher Schönheit. Ein ganzer Wald von glänzenden Locken umgab wie eine Löwenmähne das wohlgebildete Haupt; ich konnte es nicht bloß auf die Lichtwirkung schieben, daß mir dieses Haar wie metallisch erschien. Warum wollte mir, wenn mein Auge von der Betrachtung des Gesichts zu dieser reichen Umkränzung zurückkehrte, mehr und mehr scheinen, als bewegten sich diese Ringel, als zischelten Schlangen aus ihren Spitzen? Das konnte nur eine Phantasieübertragung des Eindrucks sein, den die Gesichtszüge mir machten. Aus diesen Augen blitzte etwas, auf diesen Lippen, dieser leicht gehobenen Unterlippe saß etwas, um diese Mundwinkel spielte etwas, das ich unbewußt in die Vorstellung Schlange übersetzte. Und doch wieder ein Gepräge der Tüchtigkeit und eine Anmut! Aus denselben Augen schien Juno und Aphrodite zu blicken, auf diesen Lippen sich edler Stolz und freie Gewährung zu wiegen, auf dieser Stirne, auf dieser fein gebogenen Nase sinniges Denken und heiterer Witz zu thronen. Während ich in diesen Anblick verloren war, rief Frau Hedwig: »Halt! hier ist das rechte!« Unter dem Umschlag eines Papierstoßes war ein Blatt hervorgefallen, sie hatte es aufgenommen, betrachtete und bot es mir her. Es war eine Kreidezeichnung, ebenfalls ein weibliches Brustbild, und ich erkannte im Augenblick die Dame von Flüelen und Bürglen. Ich hielt beide Bildnisse nebeneinander in der Hand, Frau Hedwig sah mir über die Schulter, vertieft wie ich in den vergleichenden Anblick. Unter dem zweiten stand: Σωτειρα. Als ich das Wort aussprach, rief Frau Hedwig: »Das ist's! So klang sein letztes Wort!« Ich übersetzte: Retterin. – »Retterin?« sagte sie, nickte und wurde sehr nachdenklich. Dann fragte sie mich: »Haben Sie dies Weib gesehen?« Ich erzählte ihr jetzt den Teil unsrer gemeinsamen Reiseerlebnisse, den ihr Einhart verschwiegen hatte, doch nicht sogleich alles, nicht den traurig komischen Abbruch in Bürglen, nicht die Szene am Felsen. – »Was wissen Sie denn,« sagte ich, »wenn die Frage nicht unzart ist?« Eigentlich muß ich gestehen, daß seit Jahren und jetzt in diesen Tagen stärker denn doch etwas wie Neugierde im Innern mir umschlich, ob denn dieser seltsame Mann auch Beziehungen zum Weib – oder vielmehr, da sich dies von selbst bejahte – was für er wohl gehabt habe. Geborener und geschworener Weiberfeind konnte er nicht sein, die letzten Momente in Göschenen sprachen zu hell dagegen; aber gewordener? Hartgesottener Junggeselle? Und warum? Wie mochte das mit den zwei Bildern zusammenhängen? »Wissen?« sagte Frau Hedwig, »eigentlich nichts, nur raten. Raten aus Andeutungen, die ihm in bewegten Momenten entschlüpften. Einmal, ja, in der Zeit vor seiner Entlassung, als ihm eine hiesige Frau durchaus kuppeln wollte – die Frau des Herrn Tetem, – gewiß auf wohlgemeintes, besserungseifriges Zureden ihres Mannes, – da wurde er sehr wild, sprang dann auf sein Studierzimmer, polterte wieder herab und hielt mir das eine Bild unter die Augen, das da (sie zeigte auf die Dämonische), und stieß hervor: ›Die Valandinne hat mir's vertrieben!‹ Das Wort hab' ich dann in seinem altdeutschen Lexikon aufgeschlagen, Teufelin heißt's. Weiter kein Wort! Das eine schien ihn zu reuen. Es war Schlafenszeit, er eilte auf sein Zimmer. Ich hörte ihn oben laut mit sich selber reden, was er freilich gar oft tat. Es ist schmählich, zu sagen, ich habe dann im Vorbeigehen ein wenig gehorcht – ich hörte ihn auf und ab stürzen, Stühle auf die Seite schleudern – ich vernahm unverständliche Laute, ein Wort kehrte wieder, das hieß Foß, aber in Zusammensetzungen, die ich nicht behalten konnte, dazwischen: ›Schweiß der Scham!‹ – ›Höllischer Hohn!‹ – Nach einer Pause hörte ich wieder fremdklingende Namen rufen, eine Zusammensetzung mit Strand, Sjöstrand oder ähnlich, und mit Hag – ich meine: Baldurshag. Er schrie öfters: ›O! o!‹ Er stöhnte. – Dann war es lange still, und dann vernahm ich weiche Laute: ›Lichtgeist, Friedensbote – frei! frei!‹ – Wieder ward es stiller, hierauf hörte ich ihn laut kommandieren, ähnlich wie später in seiner Todesstunde; soweit ich es verstehe, waren es Rufe, wie wenn einer Truppe auf drangvollem Rückzug vor starker Uebermacht öfters Halt und erneuerte Gegenwehr geboten wird, dabei hörte ich eine Mühle und ein Gehölz nennen.« »Die Kupfermühle bei Krusau,« sagte ich, »ich wollte damals, als Sie mir das Aehnliche von seinen Traumreden kurz vor dem letzten Augenblick erzählten, nicht mit einer Notiz unterbrechen; ich erinnere mich noch der Berichte von dem Kampfe bei Bau, A. E. muß beim rechten Flügel gestanden sein, der sich so heldenmütig bis zur Eisengießerei vor Flensburg durchgeschlagen hat.« »Nach geraumer Zwischenzeit meinte ich ein leises Weinen zu vernehmen und wieder das Wort: ›Gerettet!‹ Dann den Seufzer: ›Spät! – Cordelia, o Cordelia – warum –‹ Bei diesen Lauten voll Innigkeit überfiel mich eine Scham, daß ich horchte, und ich schlich hinweg. – Noch einmal: es muß sich in Norwegen etwas ereignet haben, ehe er von dort nach Schleswig-Holstein ging und verwundet wurde. Er hat immer so sichtbar abgelenkt, wenn ich auf das Land zu sprechen kam oder wenn man ihn gar in Gesellschaft mit Fragen bedrängte.« Dunkle Schlüsse aus diesen kargen Spuren ziehend, verweilte ich in der Betrachtung der beiden Bilder. Es war, als ränne ein milder Geist des Friedens aus den sanften Zügen des zweiten Bildes und legte sich beruhigend über die wirren Wogen widersprechender, beängstigender Vorstellungen, die aus dem andern wie aus einem Hexenkessel brodelnd hervorquollen. Es war ganz der Ausdruck der Lauterkeit, Güte und Vernunftruhe, der mich vor Jahren an diesem Weibe so herzlich gerührt hatte, jetzt nur doppelt wirksam im schlagenden Gegensatze zur wilden Schönheit des Nebenbildes. »Nun aber,« fing Frau Hedwig nach einer Weile wieder an, »muß da später noch etwas gekommen sein, irgend ein Unglück, ein Unstern, der Unglück wurde. Denn nach der Reise, wo er Sie kennen gelernt hat –« »Eben auf der Reise ist solch ein Unstern vorgekommen,« fügte ich ein. Sie fragte gespannt, und ich erzählte jetzt den Auftritt in Bürglen und was dann in der Gotthardschlucht Unheimliches, Erschütterndes dem närrischen Schlußakte in Göschenen vorangegangen. Es wäre kindisch gewesen, ihr das Unschickliche, was dort geschah und den plötzlichen Aufbruch veranlaßte, zu verschweigen oder mit einem erfundenen Surrogate zu vertuschen; die Frau hatte ja Salz. Sie wurde sehr aufmerksam, lachte über das Komische jenes ersten Vorgangs nicht, schwieg nachdenklich und fragte dann, ob ich keine weitere Spur von der reisenden Familie entdeckt habe. Ich verneinte. »Er wird gemeint haben, sie meiden zu müssen,« sagte sie, »ich muß da noch etwas anführen: daß er nach seiner Rückkehr damals bald wieder in Mißlaune und Trübsinn verfiel, dazu muß diese Folge des Vorfalls mitgewirkt haben. Im Anfang eines neuen heftigen Katarrhs hörte einmal der Bediente, der neben seinem Studierzimmer zu tun hatte, wie er nach wiederholtem starkem Niesen tief aufatmend schrie: ›Ach, gottlob, gottlob! Hier verjagt mich's doch von keinem Himmelsboten, der vielleicht – Gelt, gutes dummes Vieh (– das konnte nur seinem Kater gelten, den er gern bei sich duldete, wenn er sich schnurrend auf seinem Schreibtisch niederließ –) »gelt, dir ist es gleich, ob ich dich anniese?‹« Wir wetteiferten in Vermutungen und Verknüpfungen, mußten aber, da uns aller bestimmtere Anhalt fehlte, unsre Versuche aufgeben. Es war auch offenbar nicht Ort und Stunde, zu grübeln; das Gefühl sträubte sich dagegen, an der Schnur der Reflexion fortzuspinnen, und strebte zurück zur Vertiefung in reine Trauer um den teuren Toten. Aber eine Beimischung des Geheimnisvollen erhielt nun dies einfache Gefühl des innigen Leides. In diesem Leben mußte ein Sturm gewütet haben, dessen Gewalt wir wohl kaum ahnten; rettendes, himmlisches Licht mußte dann erschienen, aber irgend ein Schmerz nachgeblieben sein, der einen Wolkenschleier von Wehmut um die Lichterscheinung legte. Wir saßen noch ein Stündchen in der Nacht beisammen und sprachen von dem Toten. Die gute, klare Frau erzählte mir noch manches aus seinem Leben, seinen Verhältnissen zu manchen Menschen aus allerlei Ständen. Das Bild der Persönlichkeit wurde mir runder, voller, ohne mir planer zu werden. Der andre Tag, der letzte des kurzen Aufenthalts, den mir meine Zeit erlaubte, war bestimmt, eine erste Einsicht von den Papieren zu nehmen, die mein Eigentum geworden waren. So betrat ich denn des andern Morgens zu früher Stunde den stillen Raum, worin der Geist des Verstorbenen mich zu umschweben schien. Die Bücher rings in den Schränken sahen mich an, als wollten sie mit mir sprechen, mir vom Zwiegespräch zwischen ihnen und dem Toten erzählen. Ich fand die staatswissenschaftliche Literatur weit abseits gestellt und nur mäßig vertreten. Dagegen nahe zur Hand standen philosophische und schönwissenschaftliche Werke. Starke Spuren von häufigem Gebrauch zeigten die Werke des Plato, des Aristoteles, Spinoza. Kants, Fichtes, Schellings, Hegels Schriften, die größeren, wie einzelne Abhandlungen, füllten eine Reihe von Fächern; was von Schopenhauer bis dahin erschienen, fand sich in der Nähe; den meisten Bänden sah man, wie jenen Werken der älteren Philosophen, leicht an, daß sie nicht als müßige Zierde standen. Eine ausgewählte poetische Literatur reihte sich an diese ernsten Kolonnen, Homer, Aeschylos, Sophokles, Euripides und neben ihnen Shakespeare befanden sich griffbequem auf dem Bücherbrett just dem Sitzenden gegenüber; ich schlug im Vorübergehen den Hamlet auf und fand alle Blätter zwischen den Linien und am Rand über und über beschrieben, ebenso Goethes »Faust«, als ich mich in der deutschen, solid vertretenen Literatur umsah. Mein Blick fiel im Streifen auf den Namen Hölderlin; neben den sämtlichen Werken in der bekannten verdienstvollen Ausgabe von Christoph Schwab standen die Gedichte in der Sammlung von 1843, mit dem Bildnisse nach der Zeichnung von Luise Keller, das ich erwähnt habe, als ich von der Gotthardreise erzählte. Ich griff nach diesem Bändchen, und als ich es aufschlug, entglitt ein Blatt, das neben dem Stiche lag, ich nahm es auf und fand mit Bleistift querüber darauf geschrieben: »Armer Werther Griechenlands! Dein Lieben war ja wohl hoffnungslos, denn einem Albert, der seine Braut strenge verschließt, dem unerbittlichen Chronos war deine Lotte verlobt. – Du führtest zu wenig Eisen, du Guter, du Schöner, du mein edlerer Bruder mit dem Heiligenscheine des ganzen Wahnsinns ums Haupt!« Ich wurde begierig, zu wissen, ob er nicht auch in J. Pauls Werke etwas eingeschrieben habe, die daneben standen. Und richtig fand ich auf dem weißen Blatt vor dem Titel des ersten Bandes folgende Verse, die ich mir sogleich abschrieb: »O du, dem unter Narrheit, unter Witzen Der Sehnsucht Zähren an der Wimper blitzen,     In Scherz und Schmerzen schwärmender Bacchant! Der Kunstform unbarmherziger Vernichter! Du Feuerwerker, der romanische Lichter     Aufwirft und Wasser, Kies und Kot und Sand! O du, dem hart am überschwellten Busen Ein Spötter wohnt, ein Plagegeist der Musen,     Der Todfeind des Erhab'nen, der Verstand! Grabdichter, Jenseitsmensch, Schwindsuchtbesinger! Herz voll von Liebe, sel'ger Freude Bringer     Im armen Hüttchen an des Lebens Strand! Du Kind, du Greis, du Kauz, Hanswurst und Engel, Durchsicht'ger Seraph, breiter Erdenbengel,     Im Himmel Bürger und im Bayerland! Komm, laß an deine reiche Brust mich sinken, Komm, laß uns weinen, laß uns lachen, trinken,     In Bier und Tränen mächtiger Kneipant!« Der Leser soll sich nicht weiter bemühen. die Büchersammlung mit mir zu durchmustern; erwähnt sei nur noch, daß mehrere englische, französische, deutsche Werke nebst Julius Cäsars Schrift de bello gallico (– in Zeichen stak noch im Abschnitt von den Druiden –) auf eingängliche keltische Studien zu schließen gaben, die der Verstorbene für seine Pfahldorfgeschichte gemacht haben mußte. Man erkennt, wie er bestrebt war, seiner Komposition durch die Früchte dieser Bemühung Fleisch und Bein zu geben, und wie sehr er doch gleichzeitig fühlte, daß es dem Dichter nicht ziemt, sein Werk mit antiquarischem Stoff zu beladen. Er bringt solchen Stoffs nicht wenig, aber oft genug humorisiert er ihn, neckt nur damit, und sehr keck durchkreuzt er ihn mit der selbsterfundenen närrischen Religion seiner Pfahlbewohner. So gewagt dies alles, es schien mir doch nicht zersetzend auf den Körper der Dichtung gewirkt zu haben. An barocken, ja krassen Vorstellungen hat es keiner Naturreligion gefehlt; daß aus einer schon zum Erz vorgeschrittenen Bevölkerung in eine stehengebliebene ein Gast kam, als gefährlicher Neuerer erschien, ja Gefahr lief, als Ketzer verbrannt zu werden, ist am Ende sogar geschichtlich ganz denkbar. Die durchgängige Aufhöhung der Zustände, die anachronistische Aufhellung des Kolorits mit modernem Licht ist im Grunde nicht kühner als ein humaner Thoas in der Zeit der Menschenopfer. Am meisten aber schien mir alles Aetzende, Negative, Auflösende von diesem ironischen Elemente dadurch ferngehalten, daß das Streben des Poeten überall so sichtlich dahin geht, zu vergegenwärtigen, dem Gesetz anschaulicher Bildlichkeit zu genügen, – doch ich will dem Urteil des Lesers nicht vorgreifen. Ich füge noch hinzu, daß in einem der geschlossenen Fächer des Schreibtisches auch das Konzept der Pfahldorfgeschichte sich vorfand, ein Manuskript, von Durchstrichen, Korrekturen, Einschiebungen über und über durchschnitten und übersät. Da ich schon öfters Gelegenheit gehabt hatte, mit Hilfe solcher Blätter in die geheime Werkstätte eines Dichters zu sehen, so konnte mich dieser Zustand nicht zu der Vorstellung verleiten, die Arbeit sei wie ein mühsames Mosaik entstanden. Frei poetische Initiative und häufiges Umändern und Nachbessern schienen mir einander nicht auszuschließen. Dem Dichter schwebt ein Bild vor wie ein Traumbild, hell in allen wesentlichen Zügen und doch noch schwebend, unbestimmt in Umrissen. Zudem ist die Sprache ein sprödes Material, das nicht leichten Kaufes sich hergibt, sein dem Prosabedarf dienendes Gefüge zur durchsichtigen Form für freie Anschauung umwandeln zu lassen. Er sucht und sucht, ringt und ringt, er reibt, wie man reibt, um einen verdunkelten Firnis zu entfernen, der über einem Gemälde liegt, endlich gelingt es der sauern Mühe, herauszuarbeiten, was ganz frisch, ganz leicht, ganz ein Guß und Fluß aus eigner Tiefe von Anfang an vor der Seele stand. Nun ein Wort von den zu freier Verfügung mir vermachten Papieren. Es wird wohl gut sein, wenn ich vom Zufall den Rat annehme, gewisse Stücke aus denselben dem Leser vorzuführen, ehe ich zur weiteren Mitteilung übergehe. Sie fielen mir bei vorläufigem Durchblättern in die Augen und sind so närrischen Inhalts, daß ich sie lieber gesondert vom übrigen aufdecke, – nicht daß der Leser erwarten dürfte, im nachfolgenden ununterbrochenen Ernst zu finden, bunt genug sieht es überall aus in diesem Tagebuche, – wenn man ihm den Namen geben darf, denn es ist keineswegs erzählende Buchführung des Verstorbenen über sein Leben; ein abgebrochenes Hinwerfen von Erlebtem, untermischt mit nachdenklichen Reflexionen und wetterleuchtenden Einfällen möchte ich es nennen, und überall, wie man sich denken kann, wechselt Ernst mit Humor oder schimmern beide durcheinander. Die Dinge aber, die mir da zuerst entgegensprangen, sind von der Art, daß ich besorge, sie möchten, wenn ich sie nicht getrennt halte, der Stimmung des Lesers, obwohl sie auf solche Mischung gefaßt ist, denn doch zu viel bieten. Nur unterdrücken glaube ich sie nicht zu dürfen, denn ich soll ein Bild von einem Menschen geben und darf nichts ausscheiden, was bezeichnend ist. So mag denn das vor dem Eintritt abgetan werden. Zunächst fielen mir zwischen den Blättern gewöhnlichen Formats zwei zusammengelegte Bogen auf, dickes Zeichenpapier und ungemeiner Umfang. Ich entfalte sie und meinem Auge zeigt sich ein Chaos von Linien auf dem einen, ein noch größeres von Linien und Farben auf dem andern. In den Feldern dieser krausen Netze stand Schrift in verschiedenen Richtungen geführt, wie solche durch die einteilenden Linien gegeben waren: senkrecht, wagrecht und übers Kreuz in Diagonalen. Beide mühsamen Kunstwerke waren unvollendet, man sah ein Stück ausgeführt, daneben auf derselben Fläche Versuche, andre Teilungslinien zu führen, die verworrener und verworrener wurden und schließlich erkennen ließen, daß der Künstler nicht weiter wußte, stecken blieb, erlag. Kleinere Blätter lagen dabei, auf denen der Unglückliche es mit wiederholten neuen Anordnungsentwürfen versucht und einzelne Anmerkungen niedergeschrieben hatte. Beide Papierungeheuer trugen die sehr schön in Fraktur geschriebene Ueberschrift: System des harmonischen Weltalls Mir wurde ganz schwindlig, als ich angefangen, mich in den Inhalt hineinzulesen, und mit Hilfe des wenigen Kommentars aus den Beilagen zu einer ungefähren Vorstellung von der Absicht des Unternehmens gelangte. Ich rannte wie betrunken mit den zwei Riesentabellen zu Frau Hedwig hinab, hielt sie ihr vor Augen und fragte: »Kennen Sie denn das?« – »Ach freilich, freilich!« war die Antwort, »das war's ja eben! Ich weiß noch, als wär's heute, wie er anfing, sich oben einzuschließen, ganz zergrübelt, in allen Nerven gespannt aussah, wenn er zu Tische eintrat, wie er einmal herabgesprungen kam und den Bedienten fortjagte, ihm ein Reißzeug zu kaufen, – er müsse eine geometrische Figur ausführen –, dann wie er ebenso hastig des andern Tags nach einer Farbenschachtel schickte! Wie es immer ärger mit ihm wurde, hab' ich dann nicht geruht, bis er mir seine Arbeit gestand und zeigte. Ich beging anfangs die Torheit, ihm helfen zu wollen, wurde aber selbst darüber fast verrückt. Und nun erkannte ich, daß es hohe Zeit sei, ihn herauszureißen, denn wirklich, er war nah am Ueberschnappen; so erreichte ich es denn mit viel Bitten und Drängen, daß er nach Italien abreiste durch die Schweiz über den Gotthard, und nun sehen Sie, in dieser Periode haben Sie ihn kennen gelernt!« Ich gehe nun mit Seufzen an die Aufgabe, dem geneigten Leser ein, nach Möglichkeit abgekürztes, Bild von dem Bilde des harmonischen Weltalls vorzuführen. Was gegeben werden sollte, war eine klar geordnete Uebersicht der Durchkreuzungen, denen das Leben und Tun des armen Sterblichen durch die Tücke jenes Etwas unterliegt, das wir in Kürze den kleinen Zufall nennen. Man begreift, daß A. E. seinem Plane gemäß eigentlich hätte schreiben müssen: Harmonisches Bild des unharmonischen Weltalls; man begreift aber ebensosehr, daß ein Geschmack wie der seine den einfach ironischen Ausdruck vorziehen, man ahnt auch zum voraus, wie es ihm bei seinem Versuche systematischer Ordnung ergehen mußte. Kaum ist die Vorbemerkung nötig, der Leser möge sich erinnern, wie A. E. gewohnt war, vermöge einer poetischen Verwechslung von Objekt und Subjekt die Stellen und Gegenstände, worin nach seiner Mythologie die bösen Geister sich einzunisten belieben, so zu titulieren als wären sie selbst die bösen Geister oder verwandelten sich in solche. Fangen wir nun an, die Ober- und Untereinteilungen des Materials, mit welchem unser Philosoph schaltet, abmarschieren zu lassen, so wird der Leser sogleich in eine Art von logischer Beunruhigung sich gestürzt fühlen. »Hauptarten der Teufel« ist die erste Obereinteilung und diese zerfällt in: innere und äußere Teufel. Unter »innere Teufel« versteht er die Stellen und Angriffspunkte, die der Mensch durch seinen Körper (natürlich ebensosehr als geistig höchst leidensfähiges Wesen) dem störenden Zufall darbietet; unter »äußere Teufel« die Leiden verursachenden Gegenstände in unsrer Umgebung. Schon dies ist verwirrend. Die Einteilung scheint nur Störungen im Auge zu haben, die von außen kommen; sitzen nun in den Organen unsers Leibes Teufel und ebenso in den äußeren Dingen, von denen die Störung ausgeht, so folgt ja, daß in allen diesen Fällen ein Teufel einen Teufel plagt. Es entstehen aber doch viele Leiden direkt aus dem eignen Organismus, das einzelne Organ erkrankt infolge von Störungen in irgend einem größeren Funktionsgebiete; sitzt nun dort ein innerer Teufel, dann wohl auch hier, und somit plagt auch in diesem Fall ein Teufel einen Teufel, diesmal ein innerer einen inneren. Jedoch kann man sagen, auch Störungen, die zunächst aus dem Innern des Organismus kommen, seien indirekt durch Einflüsse der äußern Natur herbeigeführt, dann kehrt aber das erste der genannten Verhältnisse wieder: ein (äußerer) Teufel plagt einen (inneren) Teufel. Dies sind nur Andeutungen, die Reihe der sich ergebenden Skrupel ist unendlich. Genug, der Urheber wird selbst nicht am wenigsten darunter gelitten haben – zur Sache! Als Motto steht ein ziemlich ruchloser Vers: O Weltgeist, was hast du getrieben! So gerade zu bauen, so toll zu verschieben!     In deinem weiten Königtum     Wird alles schief, wird alles krumm, Wo nicht Menschen denken und lieben. Hierauf folgt die Einteilung und lautet also I. Hauptarten der Teufel Innere Teufel Schleimhäute. Zunge. Kehle. Lunge. Zwerchfell. Magen. Gedärme. Blase. Gelenke. Sehnen. Nerven. Gehirn. Augen. Nase. Ohren. Haut. Hals. Rücken. Arme. Finger. Kreuz. Beine. Zehen. Nägel. Es fällt sehr auf, wie wenig dies ist. A. E. hätte ja eigentlich alle empfindungsfähigen Stellen unsres Körpers, selbst die mikroskopisch kleinste, aufführen müssen. Er wollte sich auf die vorzüglich gefährdeten beschränken und diese nur in Bausch und Bogen angeben, wurde an diesem Verfahren irre, fing an, mehr ins einzelne zu gehen, führte unter anderm die einzelnen Teile des Auges auf, z. B. Lid und Wimper (offenbar, um nachher das peinliche Einstrupfen von Wimperhaaren anzubringen), er sah im Fortgang ein, daß er ins Unendliche geriete, strich wieder aus, schrieb doch wieder, strich wieder aus und so fort. – Merkwürdig verloren steht zwischen dem übrigen das Gehirn, doch begreift man die Verlegenheit des Anordners; denn von der einen Seite wird freilich jeder Eindruck im Gehirn erst empfunden, und demgemäß müßte eine klare Einteilung zeigen, daß hier alles im Mittelpunkte sich sammelt; von der andern Seite gibt es aber doch auch lokale Leidenszustände des Gehirns, und insofern war dies Zentralorgan unter andre einzureihen. Ersichtlich ist übrigens, daß er unter Gehirn auch die geistigen Funktionen in der Weise mitinbegriff, daß er an Durchkreuzungen eines Gedankenzusammenhangs durch Vorstellungen dachte, die in denselben nicht gehören, an Zerstreutheiten, Gedächtnisirrungen und dergleichen, wie solche sich dann im Sprechen äußern, da die Zunge aufgeführt ist, so haben wir allerdings das Material beisammen, um erwarten zu können, daß nachher in der betreffenden Rubrik der entsprechende Zufallsakt, also z. B. närrisches Vernennen, nicht fehlen werde. B. Aeußere Teufel a. Unorganisches und abgestorbene organische Stoffe Luft. Wind. Licht. Finsternis. Nebel. Wasser. Regen. Schnee. Eis. Erde. Morast. Pfützen. Staub. Sand. Steine. Gruben. Holzpflöcke. Strohhalme. Dorne. Härchen. Schreibfedern. Sägmehl. Eisenfeilspäne. b. Artefakte Brillen. Haken. Nägel. Uhren. Zündhölzchen. Kerzen. Lampen. Münzen. Stiefelknechte. Schnüre. Bändel. Beinkleider. Hosenträger. Knöpfe. Knopflöcher. Rockhängeschleife. Hut. Armlöcher. Schuhe. Stiefel. Galoschen. Messer. Gabel. Löffel. Teller. Schüssel mit Suppe und anderm. Papier. Tinte. Böden, besonders Parkettböden. Treppen. Türen. Schlösser. Wände. Fenster. Kandeln. Fußbänke. Wägen, speziell Eisenbahnwägen. c. Pflanzen Blatt. Stengel. Zweig. Ast. Stamm. Wurzeln. Kirschen-, Trauben- und andre Kerne. Erbsen. Bohnenfasern. Spitzgras. Brennesseln. d. Tiere Insekten. Vögel. Mäuse. Rind. Pferd. Hunde. Katzen. Hasen. Rehe. Hirsche. Roß. Elefant. Würmer. Fische. Gräten. e. Menschen Kinder. Frauen. Männer. Greise. Stände: besonders vornehme. An dieser Stelle wimmelte es von Korrekturen und Durchstrichen. Man sah in eine wahre logische Verzweiflung hinein. Der Verfasser fing an, aufzuzählen, nämlich die Organe, vermittelst welcher uns von außen durch Menschen verdrießliche Störungen bereitet werden, sichtbar aber erkannte er, daß er dadurch in Wiederholungen geriet, teils mit I. A., teils mit der folgenden Rubrik: Aktionen. Immerhin war denn nun eine – freilich sehr mangelhafte – Uebersicht der Leidensquellen und Leidensstellen gegeben. Nun mußten die Leiden selbst aufgezählt werden, die im Zusammenstoß aller dieser Dinge den leidensfähigen Teil mehr oder minder empfindlich treffen. Dies bringt die nächste Haupteinteilung: II. Aktionen A. Der inneren Teufel Kratzen. Kitzeln. Niesen. Husten. Schleimen überhaupt. Tröpfchen an der Nase. Rasseln. Orgeln. Pfeifen. Raspeln. Schnarchen. Sich verschlucken. Lachkrampf. Kolik. Rheumatismen. Hexenschuß. Dumpfheit. Schlafdruck. Schwindel. Stechen. Glühen. Brennen. Toben. Brausen. Jücken. Beißen. Bohren. Rutschen. Stolpern. Fallen. Anstoßen. Danebengehen. Sich verwickeln. Fehlgreifen. Fehlschlagen. Fehltreten. Hühneraugenstich. Ueberschlagen (der Stimme). Fehlsprechen. Sich verrennen. Bock schießen. Vergessen. Mit sich reden. Im Schlaf sprechen. Verwechseln. B. Der äußeren Teufel Hier hat es denn, wie wir vorbereitend schon bei I. bemerkt haben, dem Verfasser große Schwierigkeiten gemacht, daß er vieles, was der Rubrik I. B. a. (unorganische und abgestorbene organische Stoffe) entspricht, bereits unter II. A. gebracht hat, als z. B. Rutschen, Stolpern, Fallen: Ereignisse, die allerdings öfters ohne erkennbares Einwirken eines äußeren Teufels vorkommen, am öftesten aber doch durch solche herbeigeführt werden, die sich in Schnee, Eis, Steine, Holzpflöcke, Strohhalme verstecken. Auch was die weiteren Einteilungen unter I. B. betrifft, so konnte er in gegenwärtiger Rubrik nicht mehr mit ihnen zurechtkommen, wenn er in dieser letzteren Einteilungsfelder ziehen wollte, die den I. B. a. b. c. d. e. logisch entsprächen; denn es ist doch klar, daß z. B. Sich verstecken eine Tücke ist, welche von der Schreibfeder, die unter I. B. a. vorkommt, ebenso häufig verübt wird, als von der Brille, die unter I. B. b. auftritt. Er ließ also in dieser jetzigen Rubrik alle Untereinteilung weg und schrieb getrost ohne symmetrische Ordnung nieder, was ihm eben gerade einfiel, als z. B.: Sich verstecken. Einhaken. Fallen. Fliegen. Flattern. Knotenbilden. Zu weit, zu eng sein. Fortrollen. Gleiten, Mitgehen (– ein Randzeichen verweist hier auf ein Beiblatt, das Belege enthält, als z. E.: ein Jahr lang wird in der Registratur der letzte Bogen eines Aktenstoßes verzweifelt und vergeblich gesucht, endlich findet er sich auf dem Grund eines andern Faszikels; er war beim Verpacken mitgegriffen worden. Der Leser wird sich erinnern, daß A. E. dieses hochwichtige Ereignis auch in Brunnen erwähnt hat. Folgt noch eine Reihe ähnlicher Trauerspiele). Klemmen. Ankleben. Ein Loch kriegen. Umstrupfen (z. B. Regenschirm, Handschuh). Verlöschen, Ausgehen. Dazwischenrennen, Dazwischenreden u. s. f. Nun fügte er zu den Aktionen A. der inneren, B. der äußeren Teufel noch eine Rubrik, und zwar: C. Kombinierte Aktionen oder Häufungen Man versteht, daß hier das Zusammentreffen von zwei oder mehreren Unfällen an die Reihe kommt. Hier war denn aufzuführen z. B. Husten und Hexenschuß vereinigt (Beisatz: »so daß bei jedem Hustenstoß ein Schmerz durchs Kreuz geht, als führe ein glühendes Bajonett hinein«). (Der Verfasser hatte hier im Zorn einen Fluch beigesetzt, doch sich fassend ihn wieder gestrichen.) Hier ferner: Katarrh und Kolik (Beisatz, für letztere roter Wein verordnet, für ersteren verboten); Kolik auf der Eisenbahn. Hut vom Wind fortgerollt, gleichzeitig eine Galosche vom Fuß verloren, auch summiert mit Umstrupfen des Schirms, etwa überdies mit Hinunterfallen der Brille. Merkwürdigerweise steht unter anderm ahnungsvoll, als hätte er vorausgesehen, was ihm auf der Fahrt nach Luzern widerfuhr: Stimme überschlagen, Hängenbleiben, Fallen vereinigt. Welche Schwierigkeiten sich hier einer den andern Teilen parallel entsprechenden Anordnung entgegenstemmten, werden wir sehen; erst müssen wir alles Material beisammen haben. Der Verfasser begnügte sich nicht mit den bisher aufgereihten Rubriken. Als Mann von Geist mußte er diese nackte Aufzählung von Mißgeschicken, die großenteils nur sinnlicher Art sind, doch ungesalzen finden. Es fehlte noch eine höhere Beziehung, eine ideale Beleuchtung. Es sollte dargestellt werden, wie die Teufel lügen, als wären die Künste, womit sie die Menschen foltern, schöne Künste, als wäre ihre Hölle ein Paradies, ein Himmel, ihre Folter und Schmachwelt eine Welt der Romantik. »Schön ist häßlich, häßlich schön.« So beschloß er denn, seinem Aufzählungssystem eine ästhetische Weihe zu geben, ein Afterbild von Weihe freilich, eine Taufe des Satans, eine Glorie von farbig schillernden Lichtern aus dem Schwefelpfuhle des Abgrunds. Dies sollte vollzogen werden durch Zusammenstellung der abgezählten Uebel mit den schönen Künsten und deren Zweigen. Dabei schien er es mit der Architektur und Skulptur ohne Erfolg versucht zu haben, dagegen mit der Malerei, Musik und Poesie ging es ihm sichtbar besser – vorerst nämlich – d. h. im Konzept, auf den Beiblättern. Hier hat er sich zunächst seine Rubriken aufgestellt: Malerei mit ihren Zweigen: Landschaft, Sittenbild, Historie, dazu Untereinteilungen: Freske, Staffeleibild und andres. Musik – Instrumental- und Vokalmusik; in Untereinteilungen steht: Dur, Moll; verschiedene Taktarten, tempi ; Ouvertüre, Symphonie; Lied, Arie; Duett, Terzett, Quartett und so manches weitere. Bei Poesie fehlte natürlich nicht die Hauptunterscheidung: Lyrik, Epos, Drama; bei Lyrik: Hymne, Dithyrambus, Ode, Elegie, Lied, Ballade. Bei Epos fand sich die beliebte Einteilung: ernstes und komisches nicht, – begreiflich, da in diesem ganzen System alles komisch ist, nämlich für uns, und alles sehr ernst, nämlich für seinen philosophischen Urheber. Nicht vergessen waren natürlich die modernen Formen der epischen Dichtung, Roman und Novelle. Bei Drama wird in erster Linie die Gliederung in Exposition, Schürzung und Katastrophe betont, sodann der Unterschied der Stile: klassisch hoher Stil und modern charakteristischer oder realistischer. Die Einteilung: Tragödie und Komödie fehlt aus demselben Grunde, warum diese Stimmungsgegensätze im Epos nicht aufgeführt sind. – Als Anhang zur Poesie ist noch die Rhetorik aufgeführt. Dies also das Ganze des Materials, das zusammenzustellen war. Wie es nun tabellarisch ordnen? Für I. A. B. wurden zuerst senkrechte Felder durch Linien abgeteilt und das einzelne in Kolonnenform hineingeschrieben. Es machte sich sehr ungleich: für die inneren Teufel (A.) hatte der Schöpfer dieses Systems, wie der Leser mit uns schon begriffen hat, keine förmliche Einteilung finden können. Er hatte es versucht, z. B. indem er setzte: a) Bedeckung, b) Eingeweide, c) Schleimhäute, d) Sinne, e) Glieder, f) Muskel, g) Nerven, Gehirn u. s. w.; allein er gab es wieder auf, da er sah, daß sich hier so nicht trennen lasse, indem doch, um nur ein Beispiel anzuführen, die Nase hauptsächlich um Schleimhautleidens willen aufgeführt war, die Schleimhäute aber unter einer andern Nummer standen. Dagegen die äußeren Teufel (B.) erfreuten sich ja einer ziemlich reichlichen Disposition. – Nun ging es an die Aktionen. Für diese wurden wagerechte Felder abgeteilt, das einzelne kam also in ebensolche Linienform zu stehen; der Papierbogen wurde in derselben Dimension in zwei gleiche Hälften geteilt, die eine für innere Aktionen, die andre für äußere. Viereckige Fächer waren jetzt entstanden, und in ihnen sollten je die bezüglichen Aktionen sowohl mit den betreffenden Organen des Körpers, als auch mit den äußeren Teufeln sich zusammenfinden. Sie fanden sich auch etwa da und dort zusammen, z. E. Eisenfeilspäne mit Augen oder Härchen mit Schreibfeder, aber dies eben nur ausnahmsweise, im ganzen entstand lediglich ein kunterbuntes Gemisch. Nun aber die kombinierten Aktionen! Für sie wurden Linien gezogen, welche die vorigen Quadrate in der Diagonale schnitten, so daß also nun auch ein System von Dreieckfeldern entstand. Jetzt sollten denn zum Beispiel Hexenschuß und Husten aneinanderstoßen, und zwar ersterer zugleich mit: Kreuz, der zweite mit: Schleimhäute; allein es ging nicht anders als vorher, wo das einzelne von I. A. B. mit dem einzelnen von II. A. B. richtig zusammentreffen sollte: die Sachen trafen eben nicht zusammen, oder ebenso wie vorhin nur ganz ausnahmsweise fand sich etwa: Fortrollen mit Hut und Morast in nachbarlicher Stellung. Und endlich die Künste! Für diese, das gesamte Gebiet der realen Leiden überspannende Idealbeziehung wurde wiederum eine Quereinteilung angeordnet: Diagonalen, die mit den vorigen sich kreuzen, so daß jetzt sämtliche Vierecke nicht mehr nur in zwei größere, sondern in vier kleinere Dreiecke, dem Kreuzgewölbe gleich, zerfielen. Nun ging es aber eben nicht anders als bei den früheren Einteilungen. Es war leicht abzunehmen, wohin der Schalk eigentlich zielte, auf Beiblättern war sogar ausdrücklich vorgemerkt, was zusammentreffen sollte, es braucht dem denkenden Leser nicht gesagt zu werden, welche Unfälle mit welchen Formen der Musik, welchen Instrumenten, ferner mit welchen Formen der Dichtkunst sollten nebeneinander zu stehen kommen. Allein es wollte eben wiederum nicht gehen; ausnahmsweise wohl auch hier: z. B. Hals, Kehle, Schnarchen, Fagott trafen zusammen, aber andres, was noch viel klarer sich zusammenfinden sollte, verirrte sich rein irrationell in andre Kreuzgewölbe. Es ist schon erwähnt, daß unser Tabellenbildner behufs klarerer Unterscheidung auch zu den Farben griff. Offenbar waren es die Künste, die ihn dazu gestimmt hatten, dies augerfreuende Mittel beizuziehen. Ein starkes Blau sollte diesen Pseudohimmel charakterisieren und war in den starken Strichen der genannten zweiten Diagonalen repräsentiert; nun wurde die koloristische Behandlung fortgesetzt; kombinierte Aktionen feuerrot; einfache Aktionen grün in zwei Schattierungen, innere Teufel gelb, äußere rotgelb. Die Farben waren am leeren Rand ungemischt vorgesetzt. Aber nun, da in allen Feldern alles zusammentraf, durchdrangen sich ja alle diese Farben und entstand ein verschwommenes Schmutzbild, unter dessen Geschmiere man die Schrift kaum noch lesen konnte. Diese und alle vorhin genannten Uebelstände bestimmten den Künstler, es öfters aufs neue mit andern Anordnungen zu versuchen: I. A. B. wagerecht, II. A. B. senkrecht, die linke Diagonale (kombinierte Aktionen) rechts, die rechte (Künste) links, das einzelne in allen Rubriken umgestellt, das Farbengemengsel durch feine Lasuren gemildert: – Alles umsonst, das Gewirre und Gekleckse wuchs und wuchs und spiegelte sich so sichtlich auf den Hauptbögen und Beiblättern ab, daß aus diesen stummen Flächen in mein eignes Gehirn der Wahnsinn herüberzuschweben drohte. Ich warf den schnöden Papierhaufen zu Boden, eine gründliche Empörung kam über mich. Ich wußte doch genug von diesem Menschen, um ein solches Aeußerstes denn doch nicht von ihm zu erwarten. Man durfte ihn nur eine Stunde kennen, um überzeugt zu sein, daß sein Geist immer in Arbeit war. Sein Grimm über die störenden Zufälle war ja in seiner besseren Quelle nichts andres als Grimm über Zeitraub, der auf einer Vergleichung des Wertes der kleinen Außendinge mit dem Werte seiner Geistestätigkeit ruhte. So konnte man den Widerspruch begreifen und verzeihen, daß er eben aus diesem Grimm bei der Betrachtung jener Dinge sich aufhielt und eben die Zeit, deren sie nicht wert sind, in nur zu vollem Maß ihnen widmete. Aber nun diesen Widerspruch so weit treiben, sich so schwer an seiner Zeit versündigen: das war denn doch zu arg, war unverantwortlich, war abscheulich! Mir fiel wieder ein, was ich einst auf der Axenstraße ihm zu Gewissen geführt, ich hätte den Toten aus dem Grabe fordern und in Donnerpredigt wiederholen mögen, was ich ihm schon damals vorgehalten, ich ballte den Papierhaufen zu einer großen Kugel zusammen und schleuderte sie an die Wand, als wäre ihre Fläche die Stirne des strafwürdigen Sünders. Doch dessen schämte ich mich wieder, legte den Knäuel vor mich hin, sah ihn ruhig an und fand bei gesammeltem Nachdenken, daß dieser närrische Versuch so ganz unmerkwürdig eben nicht sei, freilich nur im negativen Sinne, nämlich als abschreckendes Beispiel. A. E. wollte seine Gedanken in ein System bringen, es begreift sich denn doch, daß sie einmal bis dahin sich zuspitzen mußten; er wollte der Weltordnung – allerdings nur dem unteren Stockwerk derselben, denn an der Güte des oberen Stockwerks, des sittlichen Reiches, war er ja nicht verzweifelt – den Possen spielen, ihr einmal tabellarisch vor die Augen – als hätte sie solche – zu rücken, was für eine schlechte Ordnung sie sei. Also ein geordnetes Bild des Ungeordneten sollte aufgebaut, eine harmonische Uebersicht über alle disharmonischen Durchkreuzungen sollte hergestellt werden. Wie konnte es anders kommen, als daß das Objekt auf das Subjekt, der Inhalt auf die Form sich übertrug? Durchkreuzungen sind ja Durchkreuzungen; ich kann sie nicht berechnen, nicht ordnen, sie laufen von und nach allen Seiten, sind rein unbestimmbar; so mußte denn die Uebersicht einer ungeordneten Welt natürlich selbst ungeordnet, das Bild der Disharmonie selbst disharmonisch werden; es gibt ja keinen Plan fürs Planlose, kein System des Systemlosen. – Ich wollte, da sie nun in diesem verneinenden Sinne Wert für mich bekamen, die Papiere doch nicht zerstören, faltete den Klumpen wieder auseinander, glättete die Bogen, da fiel mein Blick auf eine Stelle, wo ein Wort stand, das ein in dunkler Ferne schwebendes Erinnerungsbild in mir auffrischte. Es hieß amplificatio . Ich sah aufmerksamer nach. Es kam vor bei der Rubrik Rhetorik. Dort standen einige der Namen, mit welchen die alte Wissenschaft der Beredsamkeit gewisse Teile der Rede lateinisch zu bezeichnen pflegte: exordium, narratio, reprehensio und dergleichen. Amplificatio nannte man eine Prachtwendung am Schlusse, worin der Redner durch eine Fülle von Bildern und Häufung konzentrierter Beweissätze seine Weisheit noch einmal tüchtig aufputzt, um so mit einem recht flotten Trumpf abzutreten. Diese amplificatio sollte nun auf der Tabelle zu einem Hauptstück kombinierter Aktionen zu stehen kommen. Und diesmal war es ihm denn wirklich gelungen, das Wort zusammenzubringen mit der vorhin erwähnten Kombination: Husten, Hängenbleiben, Fallen. Geheimnisvoller Zug des Menschenschicksals! Als hätte er es geahnt, was ihm kurz darauf bei Küßnacht widerfahren sollte! War es ein Wunder, wenn er uns das gelehrt klassifizierende Wort zurief, als seine Ahnung so furchtbar sich erfüllt hatte? Und nun – was konnte ich machen? – nun dauerte er mich wieder. Gesondert vom übrigen teile ich ferner die unvollendete Skizze eines Singspiels mit, die mir beim Blättern in die Hände fiel. Die Ueberschrift bezeichnet dies Produkt als Singtragödie. Akt I Szene 1. Schreibzimmer Personen: Ein Härchen. Tinte. Eine Schreibfeder. Ein Buch. Das Härchen, mikroskopisch klein, in einem Tintenfaß befindlich, trägt im dünnsten Sopran eine Arie vor, Text gerichtet an die danebenliegende Schreibfeder, welche den ausgedrückten bösen Absichten Entgegenkommendes in einer Antistrophe spitz vorträgt, hierauf entsprechendes Duett. Demnächst Rezitativ, Baßstimme, ausgehend von einem Buch auf dem Bücherbrett über dem Schreibtisch. Kichernde Antwort von Geistern in der Tinte. Duett von Tinte und Buch vereinigt sich mit Härchen und Feder zu einem gefühlten Quartett. Szene 2. Personen: Hilario, schöner Jüngling. Die vorhergehenden. Man hört Schritte, genannte Geister verstummen. Hilario tritt ein. Monolog. Hilario liebt aufs äußerste eine Jungfrau Adelaide. Ist schüchterner Komplexion, hat noch kein Wort gewagt, beschließt zu schreiben. Tunkt ein. Härchen und Feder vereinigen sich innig, Hilario wird nach mehreren Versuchen, mit dem verfluchten Pinsel zu schreiben, sehr wild, schreibt Grobheiten statt Zärtlichkeiten. Neue Feder. Fängt von vorn an. Es geht spießend vorwärts. Beschließt Zitat aus Petrarka. Will den Band herabnehmen, er fällt aufs Tintenfaß, das ganze Schreiben wird schwarz übergossen. Hilario beschließt in Verzweiflung, es doch mit dem lebendigen Worte zu versuchen. Er hofft, der Geliebten im Park zu begegnen, will wagen, sie anzureden. Hinter ihm her höllischer Lachchor genannter Personen der ersten Szene. Szene 3. Park Personen: Eine Pfütze. Ein Hühnerauge. Arie mit einem gewissen klebrigen Etwas in der Tonfärbung vorgetragen von der Pfütze, entsprechend von Instrumenten begleitet. Ein weißlicher Punkt schwebt herbei; derselbe erweist sich, näher sichtbar, als Hühnerauge (äußerst giftiger Blick und Gesamtausdruck). Arie: hornig harter, friktiv brennender Ton. Text offenbart teuflische Absichten. Verschwörungsduett zwischen beiden. Akt II Szene 1 Personen: Die vorhergehenden. Hilario. Adelaide, selbstbewußte Jungfrau. Vögel. Hilario tritt auf, heiter gespannt, das Hühnerauge schwebt, einen feurigen Faden durch die Luft ziehend, nach ihm hin, verschwindet in seinem Lackstiefel. Er winselt, hinkt, fällt in die Pfütze, wird sehr dreckig. In diesem Augenblick erscheint Adelaide. Lacht sehr, verhöhnt ihn bitterlich. Beide ab. Triumphchor genannter Objekte, vermehrt durch Vögel, welche von Bäumen zugeschaut. Dies wird genügen, ein Bild von A. E.s Komposition zu geben; ich darf die Geduld des Lesers nicht durch weiteren Auszug ermüden. Es genügt, noch zu erwähnen, daß die Skizze andeutet, Hilario wisse, durch einen Kampf mit einer Reihe ähnlicher Hindernisse vordringend, endlich doch Adelaidens Liebe zu erringen, eine selige Stunde werde ihm in Aussicht gestellt; dann folgt noch eine um weniges ausgeführtere Szene: Szene X Apotheke Personen: Ein Kolben mit Mandelmilchsirup. Eine junge Katze. Ein junger Apotheker. Hilario. Arie obgedachten Kolbens: weichlich zäher, doch ungleich tückischer Ton, entsprechender Text. Junge Katze erscheint; kindlich heiterer Gesang. Duett. Sehr eilig eintretend Hilario. Aus dem Nebenzimmer kommt der Apotheker. Hilario bittet sehr dringend um einige Tropfen Laudanum, der Apotheker verlangt ärztlichen Vorweis, und allzu gewissenhaft (– noch junger Gehilfe –), da Hilario solchen nicht besitzt, verweigert er die Bitte. Hilario: »dann Mandelmilch, schnell!« – Apotheker: »dies gern!« holt den Kolben, stolpert über die junge Katze, der Kolben liegt zerschellt am Boden, Hilario rasend ab. Furienhafter, grellgellender Verhöhnungschor der Scherben und der Katze. Trio mit der Jammerstimme des Apothekers. Hier brach das Fragment mit einem wilden Fahrstriche der Feder ab, die dann wie toll in kratzigen, borstigen Linien auf dem Papier umhergewütet haben, hierauf etliche Male senkrecht aufgestaucht worden sein mußte; dies bewiesen starke, von Spritzaureolen umgebene Tintenkleckse. Das pathologisch schnelle Abbrechen war mir nicht gerade komisch, es gab an andres, wenn auch noch so Verschiedenes, zu denken. Bei weiterem Durchstöbern stieß ich auf eine Schicht gedruckter Blätter, auf deren Rand ich Anmerkungen mit roter Tinte bemerkte. Das Gedruckte konnte nicht von A. E. verfaßt sein, es war der Anfang eines Romans, dessen Stil und Inhalt weiblichen Ursprung erkennen ließ, das Titelblatt fehlte. Auf einem Beiblatt stand von seiner Hand geschrieben: »Das ist keine Kunst, ideal tun, wenn man alles ungenau nimmt. Wart, Blaustrumpf, wart, Gans, ich will dir's einmal zeigen! Meinst du, die Dinge der Welt laufen nur so glattweg in geölter Kurbel?« Ich stelle einige Sätze heraus mit den Anmerkungen, um einen Begriff von diesen Korrekturen zu geben: »Es war ein lachender Morgen Ende Augusts. Wir standen reisefertig. Der gute, liebe Onkel! Es war ihm schwer geworden in seinen Jahren, aber er hatte sich entschlossen; mein Sehnen sollte erfüllt werden, er führte mich nach Paris. Die Koffer waren gepackt – Anmerkung: bis auf einen, den Hauptkoffer, wozu der Schlüssel verlegt war – Die Droschke war bestellt – Anm.: und kam nicht. Endlich steigen wir in den Wagen – Anm.: wobei der Onkel fehltrat und umfiel – Wir sitzen, das Dampfroß schnaubt, die Räder beginnen zu rollen – Anm.: das Handgepäck fällt aus dem Netzfach und treibt dem Onkel den Hut an. Noch ein Gruß an die liebe Schwester Ida, ein Schwenken meines Tuchs – Anm.: wobei das Fenster fällt und ihr die Hand einklemmt. Der Kondukteur coupiert; o, er erschien mir wie ein Götterbote, der meine Seele nach Elysium einlade – Anm.: doch der Onkel fand die Billette nicht. Mir gegenüber – o schöner Anfang! ein junger Mann – in Zivil – hat aber etwas edel Kriegerisches, selbstbewußte Haltung, Blick lebhaft, dabei etwas männlich Herrschendes und doch zugleich so Feines – wohl Gardeoffizier? Anm.: worauf besagter Herr den einen und dann den andern Fuß neben den Onkel aufs Polster hinüberlegt und der Onkel sich sanft beschwert und eine sackgrobe Antwort bekommt. Balsamische Morgenluft weht herein. Anm.: Dem Onkel fährt eine Kohlenstaubfaser ins Auge. Städte und Dörfer im Sonnenglanz fliegen vorüber, die Schwalben schwirren, die Natur taucht, badet, schwimmt beseligt in sich selbst. Ja, die Natur hat Seele, sie ist doch immer seelisch besagend. Die Natur ist Geistflüsterung, der Mensch Geistsprechung, sie ist Geistduftung, der Mensch Geistblitzung. – Dies ist ein Gedanke! Ich zeichne mir ihn in mein Poesiealbum. – Und nun, du Natur der Natur, goldiger Süden, dufte mir labend entgegen! Anm.: Sie sucht die mitgenommene Orangentorte, der liebe Onkel hat sie versessen. Wehe! kann wolkenlos kein Himmel bleiben? Das lachende Antlitz der Natur trübt sich, ein Strichregen beginnt zu fallen, sie sinkt sich selbst als weinendes Kind in die Arme. Aber warum so heftig, deine Tränen netzen mich zu stark! – ›Ja, bitte, edler junger Mann, schließen Sie das Fenster –‹ Anm.: welches sich nicht schieben lassen will, weswegen der Onkel mithilft. Beide drücken, und da es rasch nachgibt, stoßen sie die Scheibe hinaus.« Genug und wohl schon allzuviel, der Spaß wäre geradezu langweilig zu nennen, wenn der wunderliche Korrektor nicht auf eine Steigerung losarbeitete. Eine solche lag denn auch im Entwurfe bereit und daneben das Material, woraus er das Hauptmotiv hierzu entlehnte, nämlich einige Blätter aus der Schrift des bekannten Odpropheten von Reichenbach: »Der sensitive Mensch«, auf denen sich das Odleuchten der bei Schnupfen und Katarrh affizierten Körperteile beschrieben findet. Eine große » amplificatio « sollte nun losgehen. Man ist in einen langen Tunnel eingefahren. Die Lampe, angezündet, geht durch irgend einen Zufall wieder aus. Der gute Onkel hat die Reise im Zustand besagter Affektion angetreten. Jetzt, im Dunkel, bemerkt man zuerst, daß beim Husten ganze Lichtgarben, Odlicht der entzündeten Schleimhäute der Mundhöhle, stoßweise seinem Munde entfahren – (diese und alle folgenden Erscheinungen wörtlich nach Reichenbach). Bereits hat auch seine Nase zu leuchten begonnen; sie erscheint in dieser Lichtemanation drei- bis viermal vergrößert, armlang, fußdick, stets intensiver wird das Odglühen, Tausende von roten und gelben Odfünkchen entsprühen dieser furchtbaren Leuchte, dann scheint es wieder, als hänge ein großer Lichtklumpen wie eine baumelnde Laterne von ihr herunter. Aber mehr noch, Entsetzlicheres gelangt zur Wahrnehmung der Insassen des Wagens: durch die Bekleidung hindurch erscheint auf der linken Brust ein handgroßer leuchtender Fleck, – das Herz –, dann etwas tiefer, unter den Rippen, ein schräger Lappen bläulichen Lichts – die Leber des unseligen Greises. Die Augenzeugen wollen zuerst ihren Sinnen nicht trauen; ehe sie Zeit haben, die Häufung dieser wunderbaren Phänomene zu beobachten, hat sich noch andres ereignet. Der Onkel und dann der junge Mann hatten sich in die Scherben der zerbrochenen Scheibe gesetzt; sie schreien erbärmlich auf. Inzwischen sind die genannten Odstrahlungen auf solche Höhe gestiegen, daß der Ruf: Feuer! Feuerjo! mit dem Wehrufe der Verwundeten zusammentrifft. Der Kondukteur erscheint eilig im Wagen (man hat sich die langen Waggons der Schweiz und Amerikas vorzustellen), stürzt alsbald wieder fort und läßt wegen Feuergefahr den Zug stoppen, bringt den Zugführer herein, dieser erkennt in dem jungen Mann einen reisenden Künstler im Fach der natürlichen Magie, der kürzlich in der Hauptstadt aufgetreten ist, fährt ihn an mit Scheltworten über schlechte Charlatankünste; die sämtlichen Passagiere verharren in der Vorstellung, es brenne, der Onkel – ein Greis von chemisch-physikalischer Selbstkenntnis –, ruft dazwischen häufig und vergeblich: »Es ist ja nichts, es ist ja nur Od-positiv!« Die Nichte liegt in Ohnmacht, jetzt ertönt der Schreckensschrei, es komme ein Gegenzug herangebraust – Bis hierher war dieser schreckliche Hergang skizziert, und hier fand ich das Manuskript abgebrochen. Der Urheber mußte fühlen, daß er seinen ursprünglichen Vorsatz ganz aus dem Auge verloren hatte; das war ja nicht mehr Korrektur einer fremden Arbeit, des Damenromans, sondern eigne, freie Idealdichtung (in seiner Sprache zu reden). In diese falsche Wendung war er begreiflicherweise hineingeraten, weil ihm die unterbrechenden Schulmeisterrotstriche denn doch entleidet waren und weil er denn doch fühlen mußte, daß jede seiner Zwischenbemerkungen die folgende und so den ganzen Roman aufhob. Nun hatte er es aber doch auch nicht darauf angelegt, selbst zu dichten, also ging das eine nicht und das andre nicht, also: Punktum, Ende! Haben diese grillenhaften Phantasien, wie sie bis in die Schnurre, die Kinderei ausschweifen, den hartgeprüften Leser verdrossen, geärgert, fast um die Geduld gebracht, so söhnt er sich doch vielleicht mit dem schiefgewickelten Manne wieder aus, wenn er nun im Tagebuche die Goldfäden findet, die sich durch das bunte Garn dieser Wicklung reich und stark hindurchziehen. Das feinste dieses Goldes ist Denken, philosophisches Denken, »des Menschen allerhöchste Kraft«. Ob man darum den Mann einen Philosophen nennen darf, das freilich ist eine Frage; ich enthalte mich, das Wort darüber zu nehmen, das Tagebuch mag selbst antworten. Vielleicht ist ein Teil des inneren Unglücks in diesem Leben auf dieser Stelle zu suchen; der Leser wird Andeutungen finden, die dahin zeigen; vielleicht trug es zu seiner Verstörung bei, daß die Mischung der Kräfte in ihm zu bunt war, um der edelsten ein gerades und ausgewachsenes Gebilde zu erlauben. Und doch war sie stark genug, ihrer Gegenfüßlerin, der Phantasie, des Raumes so viel wegzunehmen, daß ihr dieselbe Hemmung widerfuhr. Freilich ist es mit diesem bunten Teil des Einschlags an sich schon eben auch seltsamlich bestellt; der Weber neigt zu sehr zum Zickzack, als daß man ein harmonisches Geflecht von ihm erwarten könnte, und wir dürfen es ihm wohl immerhin gutschreiben, daß er es dieser Neigung wenigstens abgerungen hat, die Pfahldorfgeschichte fertigzubringen, die doch in einem gewissen Sinn ein Ganzes genannt werden kann. Diese ist aber auch das einzige Durchgeführte; da und dort finden sich Fäden für andre Kompositionen, sie brechen jedoch ab, sind fallen gelassen, und so kann man schließen, daß auch nach dieser Seite ein Gefühl des Unglücks über eine unterbundene Ader in ihm umwühlte; denn er wollte tätig sein, wollte leisten, wollte der Welt etwas sein. Was ich Zickzack nenne, dazu gehört auch eine über das Maß gehende Liebe zum Elemente der närrischen Vorstellung. Oft mußte ich schon beim ersten Durchlesen an Lichtenberg denken. Obwohl ich einige der stärksten Proben dieses Zuges vorausgenommen habe, möge sich der Leser doch erinnern, daß ich ihm nicht die Aussicht eröffnen konnte, es werde ihm nach überstandener Geduldprobe im folgenden nur Vernünftiges geboten werden; auch des Tollen im ebengenannten Sinne wird ihm noch manches aufstoßen. Es wäre in der Tat ein verkehrtes Tun, wenn ich eine völlige Ausscheidung vornehmen wollte, so verkehrt, wie wenn ich frei über die Reihenfolge der Blätter disponierend versuchen würde, in das Durcheinander eines Tagebuchs, geführt unter den Impulsen des Augenblicks von einer tief, heftig und widerspruchsvoll bewegten Natur, eine logische Ordnung zu bringen. Noch finden sich andre Fäden, die der wilden Farbenmischung einen sehr ernsten Untergrund geben, schwarz wie die Nacht, wohl auch blutrot. Ich fand zwischen den Blättern ein schwarz eingesiegeltes Paket. Ich scheute mich, es in jenen Tagen zu öffnen, die ich in der Heimat des Verstorbenen zubrachte. Ich ahnte Erschütterndes und wollte es für jetzt ruhen lassen mit dem Toten, der es überwunden hatte; ich wollte dem Ganzen eines abgeschlossenen Lebens in still wehmütiger Betrachtung nachschauen, kein Teil dieses Ganzen sollte mir in dieser Stimmung reinen Schmerzes zur erschreckenden Gegenwart werden. Wie sehr fühlte ich, daß ich recht getan, als ich nachher zu Hause die Siegel öffnete! Das Rätsel, das jene zwei Frauenbilder uns vorgelegt, es löste sich, wiewohl nicht zu völliger Helle. Ein zuckendes Schlaglicht fiel auf ein schweres, ja furchtbares und nach Ueberwindung des Schwersten immer noch tragisches Stück Menschenleben. Einen Beitrag zu weiterer Lösung brachte mir später ein Zufall, von dem ich berichten werde. An der Stelle, wo im Tagebuch eine große Lücke aufstößt, werde ich als Herausgeber das Wort ergreifen und einfügen, was ich durch diesen Zufall erkundet habe. Alles Dunkel wird freilich auch durch diese Nachhilfe nicht gehoben. Uebrigens war A. E. in dem Versiegeln von Stücken, denen er besonders intime Erlebnisse anvertraut hatte, nicht konsequent. Im offenen Teil der Manuskripte finden sich der Stellen nicht wenige, die sich auf den gewitterdunkeln Inhalt jener Blätter beziehen, auf den schrecklicheren ihrer Lücke raten lassen, und man sieht in einen Zusammenhang, der sich weiterhin durch das Ganze dieses schwergeprüften Lebens als nächtliche Stimmung ausbreitet. Ein Leser, den auch der Gedankenernst des Verstorbenen noch nicht mit seinen Launen, seinem barocken Humor versöhnt haben sollte, wird, so darf ich wohl voraussetzen, wenigstens durch Teilnahme an den Stürmen, die durch dieses Leben gefahren sind, zu größerer Nachsicht bewegt werden, um so mehr, da doch in der Schlußstimmung, so viel möglich, die harten Mißklänge sich lösen. Bedauerlich ist, daß man nichts von der Jugendgeschichte des Verfassers erfährt; das Tagebuch beginnt nicht früher, als mit dem Antritt seines ersten Amtes. Man möchte so gern Aufschluß darüber erhalten, aus welchem Boden ein Baum mit so krausgebogenen Aesten entsprungen, unter welchen Einflüssen er so knorrig und krumm und doch auch so tüchtig gewachsen ist. Mir ziemt jedoch nicht, den Gedanken, die sich der Leser hierüber bilden mag, mit Schlüssen und Vermutungen aus meiner Werkstatt vorzugreifen. Sehr vieles habe ich gestrichen, die Blätter könnten mit weit mehr Recht ein Tagebuch genannt werden, wenn ich allen Stoff aufgenommen hätte, was doch gewiß nicht zweckmäßig gewesen wäre. Ein Teil desselben besteht aus einer Masse ganz trockener Notizen. Es sind in den Abschnitten, welche der Zeit der Amtstätigkeit angehören, meist Vormerkungen für die Tagesaufgaben, man sieht in ein sehr pünktliches, gewissenhaftes Arbeiten hinein. Außerdem findet sich überall eine Menge äußerst kleinlichen Zeuges; A. E. zeichnet sich auf, wo man diese und jene Bagatelle am besten kauft, zum Beispiel Hemdknöpfe von richtigem Profil; für die Reisen besonders ist in dieser Richtung umständlich vorgesorgt; sehr wichtig wird überall die Frage nach guten Gasthöfen behandelt, und es läßt sich erkennen, daß A. E. ein bitterer Feind der Häuser war, die auf vornehmen, modernen Fuß eingerichtet sind; eifrig meidet er, was Hotel heißt, und weilt dagegen gern, wo es noch in gutem patriarchalisch-gemütlichen Stile zugeht. Gerät er in ein Gasthaus der ersteren Klasse, so kann man die Zwischenbemerkung finden: »Einen naseweisen Kellner geschüttelt«, oder: »Die Bougies auf die Straße geschmissen«, oder: »Händel wegen der Zeche«, während in einem albergo , das er als alt gediegen belobt, Trinkgelder von auffallend splendider Höhe notiert sind. Für die Städte sind überdies als Frucht eines sichtbar eifrigen Nachfragens häufig die Geschäfte bemerkt, wo man den und jenen Artikel des Reisebedürfnisses gut einkauft, namentlich findet sich die Fußbekleidung ernstlich bedacht. In Venedig heißt es einmal: »Wieder eine Stunde bei meinem wackeren calzolajo gesessen; guter Alter, enge Werkstätte malerisch; intelligenter Kopf, begreift den Fuß.« Zwischen solchen Notizen liest man einmal: »Da bittet mich eine deutsche Dame in Mailand, sie mit belehrenden Winken für ihre weitere Reise auszurüsten. Bereitwillig nenne ich ihr gute Gasthöfe, gebe ihr den wertvollen Rat, nie anders als mit genügend ausgetretenem Schuhwerk zu reisen und so weiter, sie sieht mich verblüfft und verstimmt an und gesteht dann ihre Enttäuschung. Dumme Menschen! Jetzt meinen die, ich werde mit ästhetischen Phrasen – ›Italiens ewig blauer Himmel – entzückendes Panorama – Perle der Plastik – göttliches Gemälde‹ – und derlei loslegen – Donnerwetter! Wer kann Schönes sehen, Schönes fühlen, wenn ihn ein Hühnerauge brennt! Wer widrig wohnt, hat für nichts Stimmung, wer nicht gern zu Haus ist, den freut auch draußen nichts. Das Höhere versteht sich ja immer von selbst! Für die Basis, die Vorbedingung, muß gesorgt werden.« Solcher Zwischenbemerkungen, weil sie doch charakteristisch erscheinen, hätte ich vielleicht mehr aufnehmen sollen, aber da sie meist mit so viel trockenem Inhalt verzahnt sind, war es zu schwierig, sie anzuschneiden. – Zwischen diesen Dingen liegt in dichten Garben die Ernte wichtigerer Vorstudien gehäuft: Auszüge aus Reisebüchern, Geschichtswerken, namentlich aber aus kunsthistorischer Literatur. Man sieht mit Vergnügen: der seltsame Mensch war soweit ganz vernünftig, daß er gut einsah, man könne nie zu wohl vorbereitet auf Reisen gehen. In der Tat hängt ja von dieser Stoffsammlung, die dem Naturmenschen als etwas Totes erscheint, nichts Geringeres ab als die Belebung der Stätten, die der Reisende besucht. Ehe ich an die Veröffentlichung ging, habe ich mich nach . . . begeben und das Ganze des Tagebuchs Frau Hedwig vorgelegt. Man kann sich denken, wie die Mitteilung der besonders inhaltschweren Abschnitte sie bewegte. Einverstanden war sie mit mir, daß ich mich nicht scheuen dürfe, auch diese Teile der Oeffentlichkeit zu übergeben. Sie sind zum Verständnis des Ganzen der Persönlichkeit nicht zu entbehren, und übrigens hat ja der Tod »eine reinigende Kraft«. Auch das Wildeste, ja das Grasse erscheint abgekühlt, erscheint wie unter einem dämpfenden Flor, wenn das Leben abgeschlossen, wenn es ein Vergangenes geworden ist. Nur weniges bleibt mir noch zu erzählen, ehe ich das Wort an die sprechenden Blätter abtrete. Mein ganzer zweiter Tag jenes ersten Besuches in . . . war einer vorläufigen Durchsicht des offenen Teiles derselben gewidmet; abends holte mich der Assessor ab, um mich unsrer Verabredung gemäß in die Gasthofgesellschaft zu bringen, in welcher der Verstorbene ein paarmal jede Woche seine Abenderholung zu suchen pflegte. »Spielen Sie Billard?« fragte mich ganz außer Zusammenhang mein Begleiter, als wir uns mit einiger Schwierigkeit aus der stark belebten Hauptstraße vorwärtsbewegten. »Warum? Wird denn heut abend dort –« »Nein, nein, nur um zu wissen, ob Sie das Spiel kennen.« »Wohl, ich habe früher nicht ungern gespielt.« »Nun, dann wissen Sie, was man Dessin nennt, mit oder ohne Dessin spielen, – verzeihen Sie mein rasches Fragen, – ich wollte eigentlich vom Seligen reden –« »Sollte der ein leidenschaftlicher Billardspieler –?« »Durchaus nicht, konnte es wenigstens in Konversationszimmern nicht ausstehen –›verklappert uns das Wort im Munde – macht den Gelben des besten Gedankens ins Eckloch‹ konnte er sagen; – ich bedurfte nur des Wortes Dessin.« »Wir können es mit Vordenken übersetzen.« »Recht, also Vordenken. Sehen Sie, ging man mit dem Seligen durch diese Straße, da hatte man seine liebe Not. Er war so furchtbar heftig gegen unbequemes Indenweglaufen, er ging auch sehr schnell –« »Jawohl, und straff geradlinig, immer die kürzeste Linie beschreibend, es schien mir, er könne gar nicht schlendern, ich bemerkte, daß er, wo irgend möglich, bei Biegungen des Weges die Sehne des Bogens ging –« »Freilich! Freilich! Und im Menschengedränge, da war es ja nicht möglich, so direkt und rasch nach dem Ziel zu eilen. – Nun brauche ich Ihnen nicht erst zu sagen, daß er das sehr wohl begriff, so unvernünftig, so sinnlos ungeduldig war er ja nicht. Er nahm das Gedränge ganz in Rechnung, faßte mit seinen scharfen Sinnen das Raumbild mit den darin sich bewegenden Menschen blitzschnell auf und zog sich im Geist augenblicklich eine Linie, auf welcher er durch die gegebenen Lücken wie ein Pfeil hindurchschießen wolle. Bei dieser Linearberechnung vergaß er nur, daß der Zufall noch schneller ist als unsre Strategie, und in solche Engpässe im Nu neue Wanderer hineinzuschieben pflegt. Wenn nun das geschah, so wurde er – nicht sogleich, aber bei lästiger Wiederholung – geradezu wütend; er erklärte die Eindringlinge für Menschen, die sich von den Teufeln aufstiften lassen. Wir gingen einmal just in dieser Gegend hinter drei Menschen her, welche die Breite der Fußbank einnahmen und uns zu langsam sich vorwärtsbewegten. An ihnen vorüberzukommen, will A. E. einmal, zweimal den Moment benutzen, wo sich ein Zwischenraum zwischen oder neben den dreien ergab, jedesmal wird uns der freie Raum verrannt, und als das zum drittenmal kam, verlor er die Fassung so sehr, daß er dem harmlosen, unbekannten Täter im Anstreifen zurief: ›Welcher Teufel führt Sie in meine Thermopylen?‹ Der Herr schoß mit einem unwilligen Grunzen weiter, kehrte dann rasch um, holte A. E. ein, hielt ihn an einem Rockknopf und sagte: ›Wohin, Herr Leonidas? nach Fernau?‹ (unsre Irrenanstalt). – ›Nein, o Xerxes, nur zum Hades!‹ antwortet A. E. sehr ruhig und ernst. Im Weitergehen sagte er mir, es habe ihm allen Zorn niedergeschlagen, daß der Herr etwas griechische Geschichte wisse. – Es war kurz vor seinem Tode.« »Hübsch, daß Sie mir das erzählen,« sagte ich, »ein Bild des Lebens –« »Nicht wahr? Dies Durchkreuztwerden im Gehen – ›Wenn aller Wesen unharmonische Menge Verdrießlich durcheinander klingt.‹ Und sein straffes Zielen im Gang ein rechtes Bild jener Menschen, die von einem besonders feinen und scharfen Gefühl des Zweckmäßigen heimgesucht sind –« »Ja, zu vordenkende Naturen, die stets übler durchkommen als die glücklich Blinden, welche einfach zutappen, – Naturen, denen das Leben so schwer wird, weil sie das Zweckwidrige zehnmal wunder reibt als den gröberen Nerv.« »Prometheus, nicht vom Geier, sondern von Spatzen zerhackt –« Wir waren im Abendzirkel angekommen. Außer ein paar Herren, deren Namen und Stand ich vergessen, fand ich den Diakonus Zunger (Tetem), den Oberförster, zwei Aerzte, einen pensionierten Kameralverwalter. Ich wurde natürlich als ein Freund des Verstorbenen vorgestellt. »Eben recht,« sagte der Oberförster, »wir sind gerade einmal wieder am Thema.« Der eine der Aeskulape – mit Namen Schraz – der Assessor sagte mir nachher, A. E. habe ihn früher zum Arzte gehabt, dann »wegen sehr dummer Art von Verständigkeit« aufgegeben – dieser Doktor Schraz hatte behauptet, das verstorbene Mitglied sei ein Gesprächtyrann gewesen, habe nur sich wollen reden hören. Der Oberförster hatte ihm halb und halb beigestimmt. »Das erlaube ich mir zu bekämpfen,« sagte Zunger, »und es ist – verzeihen Sie, meine Herren – ungerecht von Ihnen, so zu urteilen. Der Herr Vogt wurde mindestens ebenso ärgerlich, wenn man andre, als wenn man ihn unterbrach. Erinnern Sie, Herr Oberförster, sich nicht mehr, wie er damals fortlief, weil man Ihnen öfters in die Rede fiel?« »Ja, ja, damals,« sagte der andre Arzt, »wie Sie die Geschichte von Ihrer isabellfarbigen Diana erzählten mit der Wurst und –« »Und wahr ist's erst noch,« rief jetzt der Nimrod, der plötzlich das eigentliche Thema vergaß; er ließ sich gern anreizen, noch einmal zu erzählen, und nach einer begeisterten Charakterschilderung seiner Hündin, die »mindestens so gescheit sei wie ein Mensch«, erfuhren wir denn, daß der Jägersmann dieses edle Tier einmal ertappte, wie es so ganz unter seine Würde herabsank, daß es in der Küche eine Bratwurst stahl. »Und dann?« riefen die Zuhörer. »Und wahr ist's und bleibt wahr,« beteuerte er, seinen langen, blonden Schnurrbart streichend, »ich nehme Gift darauf, die Diana, wie sie mich sieht, läßt die Wurst fallen und wird feuerrot im ganzen Gesicht –« Ich lachte herzlich mit dem Chore, ein errötendes Tier war auch mir neu, weit neuer als die Behauptung dieses Münchhausen, seine Diana könne veritabel lachen. Man kam auf A. E. zurück, seine Tierliebe, man erfreute sich der Eigenschaft, nur Doktor Schraz fand sie »etwas kindlich«. Dann brachte ihn die Hundsgeschichte auf das Anekdotenwesen, und dies gab dem wenig Wohlwollenden Anlaß, den Toten zu beschuldigen, daß er doch ein gar zu starker Anekdotenerzähler, ein Meidinger II. gewesen sei. Jetzt fiel lebhaft der Assessor ein: »Haben Sie nie bemerkt, meine Herren, daß er in dieser Richtung immer nur dann loslegte, wenn sich Sondergespräche am Tisch auftaten? wenn dann auch das zu laute Sprechen anfing? Die Leute zu einem Gespräch zusammenbringen mit jedem Mittel – helfe, was helfen mag! – war das keine gesellige Tugend? Ist unsre Unterhaltung nicht harmonischer geflossen, solange er uns so zusammenhielt?« »Doch jedenfalls über die Maßen nervös hat er's getrieben,« meinte der Oberförster; »das führt denn doch weit, wenn man gar keine Teilgespräche an einem Tisch dulden will, es hat doch so mancher mit dem und jenem etwas Besonderes zu reden.« »Nervös,« sagte der andre Arzt (er hieß Volkart); »nun, wenn man will. Oft nennt man normale Nerven kranke, denn die der Mehrheit sind stumpf und so erscheint ihr das Richtige als pathologische Ausnahme. Bemerken Sie, wenn abends in einer Familie die Lampe aufgestellt wird: die Kinder halten sich die Augen zu, die Flamme blendet sie. Das ist aber gesunder Sehnerv, und abgestumpft ist der von uns Alten, der keine Blendung empfindet. Grellem Lichte kommt aber doch gewiß ein Gewirre von Gesprächen gleich.« »Es war eben doch überhaupt eine besondere Art von Gehirn,« bemerkte jetzt der Geistliche; »wir dürfen fast sagen: eine Annäherung an Wahnsinn –« »Nun, nun,« versetzte Doktor Volkart; »ja und nein, nein und ja, jedenfalls nimmermehr bis zu der Linie, wo es Gegenstand für Psychiatrie wird, – wer ergründet Gehirnleben!« Jetzt fuhr Doktor Schraz auf: »Ich wiederhole, was ich oft gesagt: kein Narr war er, sondern – erlauben Sie mir das Wort männlich zu bilden: ein Kokett, denn Coquard sagt nicht ganz dasselbe. Gespiegelt hat er sich in seiner Seltsamkeit und gespielt mit uns und allen.« Das Wort entzündete Aufruhr, es entstand ein Durcheinander von lebhaften Reden und heftigen Gegenreden; der Widerspruch war fast allgemein, ich bemerkte, wie der Assessor lächelnd dem Tumulte zusah, und meinte auf seinem Gesichte zu lesen, was ich ungefähr auch dachte: daß nämlich der Doktor ein mikroskopisch kleines Körnchen Wahrheit, das dem Inkulpaten nicht im mindesten zur Unehre gereichte, zum groben Klumpen aufgeschwellt hatte. – Dem Geistlichen gelang es, den wirren Streit zu beschwichtigen. Mit gehaltener Würde sprach er, nachdem die Ruhe hergestellt war: »Einen Vorwurf freilich können wir dem guten Manne nicht ersparen: all diese Ungeduld beruhte schließlich doch einfach auf Unglauben an die Vorsehung, an einen persönlichen Gott.« »Im Krieg schießt man mit Fleiß auf die Leute,« sagte jetzt ruhig der Assessor. »Wie? Was? Wie?« »Ich meine es nur formal logisch,« versetzte mild der junge Mann. »Wenn jemand aus allerlei Gründen, zum Beispiel wegen der großen und allgemeinen Grausamkeit in der Natur, namentlich aber aus sehr scharfer Erkenntnis der unendlichen Durchkreuzungen in der Welt dahin gelangt, daß er dem einen, das allem zugrunde liegt, die Persönlichkeit absprechen zu müssen glaubt, so kann man doch nicht sagen, das komme eben daher, daß er sie ihm abspreche.« »Und an eine sittliche Weltordnung hat er doch geglaubt,« fiel Doktor Volkart so rasch ein, als befürchtete er von den sprechbereiten Lippen des Kanzelredners einen längeren Vortrag. »Ohne Gründer und Hüter!« rief der eifrige Mann. »Ohne einen, aber mit vielen, sehr vielen!« erwiderte für den Arzt der Assessor. »Ja, das ist auch wahr, beim Moralischen war er streng fest, sagte ja auch so oft: das Moralische versteht sich immer von selbst,« so unterstützte nun der ehrsame Oberförster. Das Gespräch verstrickte sich wieder zu einem Wirrwarr, worin es stets aufs neue sich um den Punkt der einen Frage drehte, ob die Grillen des Verewigten nicht viel weiter gegangen seien, als zulässig, als mit Vernunft, Würde und Normalstand der Menschennatur vereinbar sei. Die ganze Zeit über hatte der pensionierte Kameralverwalter, der unten am Tisch saß, beharrlich geschwiegen. Ich hatte mir ihn öfters betrachtet. Er gehörte zu jenen bequemlichen alten Herren, die einen ganzen Abend stockstill in einer Gesellschaft sitzen; die einzige dramatische Belebung, wodurch sie etwas Wechsel in die absolute Gleichheit dieses Daseins bringen, besteht darin, daß sie von Zeit zu Zeit bedächtig die Zigarre aus dem Mund nehmen, die Meerschaumspitze betrachten, wie weit sie braun geraucht sei, und sie ebenso bedächtig, ja feierlich wieder in den Mund stecken. So hielt es auch dieser stumme Herr, mit der einzigen Zutat, daß er bisweilen die Hand langsam über seinen Kahlkopf gleiten ließ, wie um zu prüfen, ob die sorgsam von hinten herübergekämmten grauen Härchen noch ordentlich liegen. Der Assessor hatte mir, bemerkend, daß mein Blick öfters mit Behagen auf dem behaglichen Schweiger verweilte, einmal zugeflüstert: »Ueber diesen hat der Selige einst zu mir gesagt: ›der ist so trocken, ich muß in die Hand spucken, wenn ich nur an ihn denke; der Mensch feiert ja ordentliche Bacchanalien, Orgien der langen Weile‹; dennoch hat er ihn gern gehabt.« Nun, dieser Herr begann jetzt unter allgemeinem Erstaunen über das Wunder, daß man ihn zu mehr als ein paar Worten ausholen hörte: »Ich bitte, meine Herren, da hab' ich heut in dem guten alten Buch Simplizissimus von Grimmelshausen [Am Anfang des 17. Kapitels im dritten Buche .] etwas gelesen, das hab' ich mir wörtlich gemerkt, mir scheint, es passe hierher: ›Ich glaube, es sei kein Mensch in der Welt, der nicht seinen Sparren habe, denn wir sind ja alle einerlei Geschöpfe, und ich kann bei meinen Birn' wohl merken, wann andre zeitig sind.‹« Die Herren wurden nachdenklich und still. Mir schien das Zitat nicht übel, nur zu wenig. Ich gestehe, daß es mich anwandelte, die Gesellschaft mit der Paradoxie zu erschrecken, der Selige habe mit seinen angeblichen Grillen überhaupt recht gehabt. Ich tat es nicht, ich dachte: für den Hausbrauch ist das Wort des behäbigen Herrn gerade ausreichend, und was den Gescheiteren, den Assessor, betrifft, der wird sein Teil schon von selbst hinzudenken. Das Gespräch verlief und warf sich dann auf andre Gegenstände. Das sind die Brocken aus jener Abendunterhaltung, die ich mir vor Bettgehen aufzeichnete und die ich dem Leser nicht vorenthalten zu dürfen glaubte. Ich nahm des andern Tages mit dem Vorsatz, von Zeit zu Zeit wiederzukommen, gerührten Abschied von Frau Hedwig und vom Assessor und reiste mit meinem Papierpack nach Hause. Es ist noch zu erzählen, daß ich vor ein paar Jahren im Herbst die Gotthardstraße und den Schauplatz unsrer Großtat wieder besucht habe. Den Wirt in Göschenen fand ich nicht wieder, von den schönen Bellinzonesen sah ich nichts mehr, der Granitblock gegenüber dem Wirtshause war verschwunden, die ganze Ortschaft schien italienisch geworden, denn sie wimmelte von welschen Arbeitern am Bau der furchtbaren Höhle, die Menschenhand durch die Eingeweide der Granitwelt bohrt: bleiche, traurige Gestalten, die man mit ihrer Hängelampe zu dem dumpfen, stickluftschwangeren Schlunde schleichen sieht, als ginge es ins Grab. Als ich vom Marsche bis Andermatt wieder zurückkam und das Dorf rasch durchschritt, kam mir jemand nachgelaufen und sprach mich an. Es war eine wohlgetane Frau von vorgeschrittenen Jahren in sauberer, ländlicher Kleidung; »ach,« rief sie, »verzeihen Sie doch, schon heut vormittag meinte ich Sie zu erkennen, sind Sie denn nicht der Herr, der Anno Fünfundsechzig dazumal mit dem andern Herrn –?« Ich ersparte ihr gern die Mühe, einen Satz zu vollenden, der die nicht leichte Aufgabe hatte, rücksichtsvoll zu bezeichnen, was Tolles damals geschehen war, und bejahte um so eher, da ich gleichzeitig die Frau zu erkennen meinte, die damals mit dem Kind auf dem Arm so still vorwurfsvoll unserm Beginnen zusah. »Burgi! Burgi!« rief sie zurück, »komm doch, komm!« Ein blühendes Mädchen kam nachgelaufen. »Sieh, das ist der Herr, der kann uns erzählen von unserm Wohltäter, der ist mit ihm dagewesen.« Ich küßte das Mädchen auf seine erdbeerfrischen, roten Backen. »Damals war es ein mageres, bleiches Kind,« sagte sie, »und ich ein dürres, hungerbleiches Weib; wissen Sie denn auch? Ein Kapital, von dem wir einen Acker und zwei Kühe kaufen konnten; mit Sparen und Hausen haben wir's dann zu einer kleinen Wirtschaft gebracht, wir geben jetzt Arbeitern Kantine, aber keine schlechte, über die unsrige hat's nicht den Krawall gegeben, und das Kapital, aus Deutschland ist's gekommen von dem guten, lieben Herrn, ach, nun kann ich ihn noch grüßen, ihm tausend, abertausendmal danken, sagen Sie ihm: vergelt's Gott sein ganzes Leben lang und noch im Himmel droben!« Ich schwieg vorerst von dem, was seither geschehen, ging mit der Frau in ihr Haus, fand in der reinlichen kleinen Wirtsstube ihren Mann, der mir herzlich die Hand drückte und ein Glas feurigen Veltliner vorsetzte. Ich begann zu erzählen und suchte den einfachen Menschen einen ungefähren Begriff von dem Manne zu geben, den die Frau so närrisch gesehen und der dann ihr Retter geworden. Nun hielt ich nicht mehr zurück mit dem traurigen Ende. In der Ecke saß ein italienischer Arbeiter in verschossener Sammetjacke, er bat mich, da er die Tränen der tiefbewegten, dankbaren Menschen sah, ihm zu ergänzen, was er nicht verstanden hatte. » Ah, che bravo! « sagte er dann und bewegte die braune Hand nach den dunkeln Augen. – Ich nahm herzlichen Abschied von den guten Leuten und machte mich auf den Weg, um in Wasen zu übernachten. Unweit des Dorfes fuhr ein Wagen an mir vorüber, in welchem ich den würdigen alten Herrn und die zwei Knaben zu erkennen glaubte, die ich einst in Bürglen an der Tafel getroffen hatte. Es war an einer Steigung, der Wagen fuhr langsam. Ich bemerkte, wie die Knaben, nachdem sie aufmerksam nach mir hergesehen, dem Alten etwas zuflüsterten. Er ließ halten und fragte mich höflich, ob er nicht im Spätsommer 1865 das Vergnügen gehabt, mich in Bürglen an der Tafel zu treffen; er sagte, er erinnere sich zwar nicht, daß ich damals an der Unterhaltung teilgenommen hätte, wohl aber, daß ich Herrn Einhart halb fremd, halb wie ein Bekannter gegrüßt. Er bot mir an, einzusteigen, ich schlug höflich ab; er mochte mir aber anmerken, daß ich zwischen Unlust, zu fahren, und Drang, ihn zu sprechen, im Kampfe stand, und fuhr fort: »Wir füttern in Wasen die Pferde, werden eine starke Stunde verweilen; könnten wir uns dort sprechen?« Ich bejahte gern. Wasen war bald erreicht. Herr Mac-Carmon, so hatte er sich mir vorgestellt, kam mir entgegen; schnell war unser Gespräch im Fluß, und schmerzvoll teilte er mir mit, er sei auf dem Rückwege nach Schottland von Italien, er habe sich schwer vom Grabe seiner Tochter getrennt, der ihr Mann, ein schwedischer Arzt, sieben Jahre im Tode vorangegangen sei. »Sie ruht neben ihrer Mutter,« sagte er mit brechender Stimme, »die auch jung gestorben ist auf einer Reise, die ich mit ihr nach Perugia, ihrer Vaterstadt, machte. Beide konnten das Klima Schottlands nicht ertragen, und meiner Tochter hat wohl das norwegische den Todesstoß gegeben. Zweimal habe ich Cordelia zu ihrer Erholung nach Italien gebracht; wir verweilten den Winter, nachdem wir Sie in Bürglen getroffen, in den umbrischen Städten, wir begaben uns vor wenigen Jahren wieder dahin, als ihre Kräfte sich immer schwächer erwiesen, unsre Nebel, unsre Winde zu ertragen. Sie war nicht mehr zu retten, sie starb in Assisi und ruht in Perugia.« Ich drückte ihm schmerzergriffen, schweigend die Hand. »Sprechen wir von Einhart,« fuhr er nach einer Pause fort; »Sie kannten ihn doch wohl näher?« Ich erzählte in kurzen Zügen von der sonderbaren Einleitung unsrer Bekanntschaft, der augenblicklichen Verstimmung, die uns dann trennte und beim Mittagstisch in Bürglen auseinander hielt, ich erwähnte, wie unser Verkehr durch neues abenteuerliches Zusammentreffen rasch wieder in Fluß gekommen, faßte alles Weitere im Abriß zusammen und berichtete vom blutigen Ende, das der Unglückliche gefunden. Mac-Carmon sah tief erschüttert eine Weile vor sich nieder und sagte dann: »Das also war die Ahnung Cordeliens? – Sie hat ihn kurz vor ihrem eignen Ende gesehen, nachdem auf unsrer früheren Reise eine Spur von ihm in Assisi aufgetaucht, aber schnell wieder verschwunden war.« Ich sagte, daß ich dies aus dem Tagebuch entnommen habe. »Und auch die Ahnung?« fragte der Schotte. Auf meine Erwiderung, daß nur ein paar Worte in diesen Blättern auf einen solchen innern Vorgang dunkel hinweisen, erzählte er mir, als Cordelia in Assisi der Auflösung nahe im Haus ihrer Tante darniederlag, sei ganz unvermutet von A. E. ein Brief eingetroffen mit der Frage, ob sein Besuch nicht unwillkommen wäre. Am Abend vorher sei die Nachricht von der Kriegserklärung zwischen Frankreich und Deutschland nach Assisi gelangt, und in der Nacht habe Cordelia geträumt, sie sehe den alten Freund verblutend neben einem Pferde liegen. »Ohne daß wir,« fuhr er fort, »eben geneigt wären, an mystische Fernsicht der menschlichen Seele zu glauben, wollte uns unter dem Eindruck der aufschreckenden Kriegskunde dieses Traumbild doch wie ein prophetisches erscheinen, und die schwere Stimmung, in die es uns versetzte, hat dann diesem Wiedersehen eine gar dunkle Farbe gegeben, die ich doch keine trostlose nennen kann, denn – o, Sie hätten diesen Abschied zwischen beiden mit ansehen müssen! – Das war –« – »Die wenigen Worte der hinterlassenen Blätter lassen mich erraten, was das für eine Stunde war,« ergänzte ich die stockende Rede. Ich meldete ihm jetzt vom Testamente, von der Vollmacht, die es in meine Hand gelegt, teilte ihm mit, daß ich eben im Begriff stehe, das Interessanteste aus dem Tagebuch zu veröffentlichen, und ließ nicht unerwähnt, daß ich hier auf Lücken und Andeutungen rätselhafter Art, auf schweres Dunkel zwischen jähen, kurzen Lichtern gestoßen sei. »Einige Aufhellung kann ich Ihnen geben, wenn auch keine volle,« sagte der tiefbewegte Mann, »Sie werden dann auch erst ganz verstehen, warum mir die Worte nicht gehorchen wollen, ein Bild von jener Scheidestunde zu geben; wer vermochte es mit trockenem Auge zu sehen, wie er ihre blasse Hand drückte und mit Tränen bedeckte, mit welchem Blick seine Augen zu ihr aufschauten! – Sie sollen, so viel ich zu berichten weiß, erfahren, was in Norwegen geschehen ist, lassen Sie uns hinaus ins Freie gehen.« Ich nahm die nötigste Erfrischung und trat dann einen Gang in die nächsten Feldwege mit ihm an, der uns nahe an der tosenden Reuß hinführte; ihr dumpfes Donnern in tiefgefressener Felsschlucht war die rechte Begleitung zu dem, was der Mann mir zu sagen hatte. In einer Bewegung, die der Leser im Verfolg begreifen wird, nahm ich Abschied von Vater und Enkeln, die in der Nacht noch Flüelen erreichen wollten. Die Knaben waren schlank emporgewachsen, seit ich sie das erstemal gesehen hatte, der eine schon zum Jüngling entwickelt. Sie hatten beide die dunkeln, großen, von langen Wimpern beschatteten Augen der Mutter und blickten mich an wie einen Vertrauten ihres Kummers, ich umarmte die Frühverwaisten und küßte sie auf die reinen Stirnen. Mit fliegendem Stifte und, ich gestehe es, mit zitternder Hand zeichnete ich mir in der Herberge auf, was ich vernommen, und beschloß, nicht, wie ich gewollt, in Wasen zu übernachten. Ich hätte nicht schlafen können, ich zog einen nächtlichen Marsch bis Amsteg vor, um durch Ermüdung Ruhe zu finden. Es war ein dunkler Gang, dunkel von innen wie von außen. Freier und heller wurde es in mir, als am andern Vormittag der Vierwaldstättersee im Gürtel seiner stolzen Ufer groß, weit, den blauen Himmel spiegelnd vor meinen Augen sich auftat. Das sonnige Bild schien mir zu sagen, daß im unendlichen All doch jeder Mißlaut sich lösen muß, und ich durfte es mir bestätigen, indem ich bedachte, daß auch der umgetriebene Sohn der Erde, mit dem ich einst dort drüben auf der Axenstraße gewandelt, doch freien Geistes über den Rissen und Klüften in seiner Seele schwebte und daß ihm gegönnt war, mit einer letzten reinen Rührung im Gemüte sein Einzelleben dem Weltall zurückzugeben. Das Dampfboot war stark besetzt, ich zog die Stille und Einsamkeit eines Marsches auf der Axenstraße bis Brunnen vor und wanderte so meines Weges, in Erinnerung versunken. Ein Bote begegnete mir, ein Esel zog seinen kleinen Wagen. Ich erkannte den Mann jener Szene wieder, die vor Jahren hier vorgefallen; er war etwas gealtert, sah aber ganz behäbig aus. Ich sprach ihn an, wurde von ihm ebenfalls erkannt, und nun erzählte er, der sonderbare und doch gute Herr sei im Frühling 1866 erschienen, um nachzusehen, ob er Wort gehalten; er habe ihm seinen Esel gezeigt, dann seien sie zusammen nach der Ortschaft N. gegangen, einen »Kollegen« zu besuchen, der von ihm bewogen worden, ebenfalls seinen Zughund mit dem leistungsfähigen grauen Huftier zu vertauschen, dann habe der Herr sie beide ins Gasthaus mitgenommen, bewirtet und ihn reicher beschenkt, als er versprochen hatte. Tagebuch Also ein Amt! Kann wirken! Recht! Frisch dran! Viel zu ordnen! Will drein fahren! Sollen mich spüren! * Wie will ich fertig werden? Kann doch meine Bücher nicht ganz liegen lassen. Die Zeit zum Lesen muß her und müßte ich sie an den Haaren herbeireißen. Vier ganze Wochen nicht dazu gelangt, etwas zu lesen. Da entdeck' ich den Schopenhauer: Die Welt als Wille und Vorstellung. Schon zweite Auflage. Die Welt so schlecht als möglich, Produkt des ganz dummen Urwillens, das Wesen der Dinge nichts. Höchstes Ziel Nirwana. Voll von Widersprüchen, bestechend gut geschrieben, geistreich. Hat doch Tiefe. Verwandt. Wie hab' ich als Student über dem Nichts gebrütet! Oft Pistole schon geladen. Klage einmal dem ordentlichen Kerl, dem Theologen aus Stolpe, ich zweifle eigentlich, ob etwas sei. Der rät mir, Trost bei der Bibel zu suchen, ich sage: wenn ich nur wüßte, ob es eine Bibel gibt. * Wenn aber nichts ist, ist doch Schlechtes so wenig, als Gutes. * Der Unsinn mit dem Nichts kommt nur daher, daß man zuerst verlangt, die Einheit aller Dinge solle neben den Dingen auch etwas sein, und dann sich darüber erzürnt, daß sie nichts ist, wenn man die Dinge, deren Einheit sie ist, von ihr wegdenkt. Es ist latenter Theismus. Davon kommt alles her. Man sieht große Uebel in der Welt, negiert einen persönlichen Gott, meint aber doch jemand verantwortlich machen zu müssen, und stürzt in die Narrheit, ihn heimlich zu glauben, aber für einen schlechten Kerl zu halten. Fällt mir der Krämer in Bracknitz ein, Dilettant im Atheismus. Hatte ein Lädchen zu ebener Erde, zwei Stufen unter der Richthöhe der Straße. Wenn der Bach anschwoll, lief ihm das Wasser herein, er mußte dann mit dem ganzen Kram in den ersten Stock ziehen. Pflegte, wenn's lang regnete und das Uebel drohte, zum Himmel hinaufzusehen und boshaft zu sagen: »nun ja, ich kann dir ja den Gefallen tun, wenn es durchaus sein soll!« Einmal, als er hinaufziehen gemußt, stellt er sich ans Fenster und brummt, in den Regenhimmel hinaufblickend: »dir geh' ich noch mehr zum Abendmahl!« * Um Gottes willen, mein kleiner Finger jückt, linkes Auge glüht, Nasenzipfel brennt – es kommt ein neuer! * Zum Trost einen Hund gekauft, junger zottiger Dachs; seltener Schlag. Heißt Igelmeyer. Neulich sagt des Oberrichters Sohn: »Gelt, Vater, ohne Hund wär's doch nix auf der Welt.« Gut! Wahr! * Dieser Nihilismus und Pessimismus ist eigentlich Spätprodukt der Romantik, Erscheinung ihres Zersetzungsprozesses, Schopenhauer ist Heine in der Philosophie. Mit Abzug natürlich; der Philosoph ernster, trauriger. Herkunft der Romantik vom Idealismus. Der verlangte von der Welt mehr, als sie sein kann, forderte überspannt. Nun Weltschmerz, Zerrissenheit. Dann Blasiertheit. Diese nimmt jetzt philosophische Form an: es ist alles nichts. Doch vieles wahr, viel Recht gegen erbauliche Illusionen. Hauptfehler: sie erkennen ganz, wie schlecht es neben so viel Schönem hergeht im unteren Stockwerk, in der Natur, wollen aber nicht einsehen, daß sich über ihm ein zweites aufgebaut, das Gesetze hat, fest über der Willkür, objektiv, nichts fragend nach Lust oder Unlust und doch Seligkeit gewährend im Dienst, in der Arbeit am zeitlos Wertvollen. * Die Natur hat sich schwer und wild abgemüht, bis sie die jetzigen Typen (Gattungen und Arten) festgestellt hat, an ihrer Spitze den Menschen. Vielleicht kommt noch einer auf den Gedanken, wahrscheinlich zu machen, daß sie nicht nur formell aussehen, als wäre eine Form aus der andern entwickelt (wie die vergleichende Anatomie bei der Tierwelt zeigt), sondern daß es wirklich real so zugegangen, also auch der Mensch vorher Tier gewesen ist. Nun hat dann der Mensch wieder von vorn angefangen, er ist zuerst jedenfalls nicht viel besser gewesen als ein Tier. Wütend, viehisch muß Mensch mit Mensch gerauft haben um Wohnsitz, Speise, Weib, Macht. Ein Kampf, dem analog, durch den einst die Typen, die genera und species geworden sein müssen. Durch eine Reihe furchtbarer Erfahrungen, in unermeßlicher Zeitdauer muß dieser Kampf dahin geführt haben, daß allmählich rechtliche, sittliche, politische Ordnungen sich herausarbeiteten und gründeten, zum Beispiel bis man einsah, daß es Eigentum geben muß, durch Gesetze geschützt, daß die Raserei des Geschlechtstriebs nicht zu zügeln ist, als durch die Ehe. So entstand eine zweite Welt in der Welt, eine zweite Natur über der Natur, die sittliche Welt. Dies heiße ich für meinen Bedarf das zweite Stockwerk. Wie nun jene Naturtypen nach so langen, harten Prozessen festgestellt sind, als wären sie ewig festgestanden, so die sittliche Ordnung. Sie hebt sich über die Zeit aus der Zeit heraus, ist ein Unbedingtes, an sich Wahres, man kann ganz davon absehen, es ist auch gleichgültig, daß sie in der Zeit entstanden ist, – ewige Substanzen, die »droben hangen unveräußerlich und unzerbrechlich, wie die Sterne selbst«. Sie sind allerdings auch in einer Entwicklung begriffen, aber diese trifft nicht ihren Kern; Eigentum, Recht, Gesetz, Staat muß immer und ewig sein. Und das Höchste in diesem Hohen: die Einrichtungen, Tätigkeiten, die dem Mitleid ihr Dasein verdanken, und Kunst und Wissenschaft. – Mir will es aber immer vorkommen, als sei in dem ersten Stockwerk ein Zorn, ein Gift darüber, daß es das zweite tragen muß, als sei da – ein – ein Etwas, ein Rachegeist, Tücke, nach den höheren Wesen, nach den Zimmerleuten des zweiten Stockwerks mit Nadeln, mit Pfriemen, haarfeinen Dolchen durch die Dielenspalten hinaufzustechen – – * Noch so jung, ein Eichbaum in Kraft, und diese Schmarotzerpflanze an ihn angesogen, die ihn umschlingt, umgarnt und schmachvoll, langsam töten wird! * Igelmeyer schon sehr anhänglich. Begrüßt mich sehr, wenn ich vom Amt komme, gerät dann öfters in einen bacchischen Wahnsinn vor Freude, umkreist mich in rasendem Laufe, springt auf Tische, Schränke in tollen Sätzen. In einer italienischen Reisebeschreibung habe ich auch so etwas Dionysisches gelesen. Der Verfasser reist mit einem deutschen Grafen, einem bildschönen jungen Manne, kommt nach Ischia, eine Alte sieht den Jüngling, gerät in Rausch des Entzückens, holt ihr Tamburin und umtanzt ihn trommelnd und singend: quanto è bello! quanto è bello! Er war ihr ein Gott. – So der wieder erscheinende Herr dem Hund. Ja, Tiere und Völker, die noch halbe Heiden sind, die wissen's anders, als wir vernunftledernen Aufklärungschristen. * Komisch sind gar nicht bloß die starken Irrungen der Tiere, wie gestern, da man den Igelmeyer in der Küche allein fand, vor dem Speiseschrank aufwartend. Ein Tier ist überhaupt den ganzen Tag komisch in seiner Menschenähnlichkeit, die doch nicht zum Menschsein reicht. Jede Gebärde, das Gesicht, die Leidenschaftlichkeit, die Dummheit in der Gescheitheit. Legt man ihnen einen Menschen unter, so gibt es zu lachen auf Tritt und Schritt. Wer die Tiere nicht liebt, dem fehlt die Phantasie, diese Unterlegung zu vollziehen. * Die Tiere sind ungeheuer neugierig wie leere Menschen. Lieber Gott, was sollen sie auch tun, womit ihren Tag ausfüllen! – Für die Menschen gilt: je weniger Wißbegierde, desto mehr Neugierde. * Heute etwas freier. Frühstück geschmeckt. Fällt mir da am Tisch der Pessimismus und Nihilismus wieder ein. Habe da einen runden Tisch, trägt mir loyal meine Kanne, Tasse, Krug, Zeitungen, Schüsseln, Teller. Denke manchmal, er könnte auch viereckig sein, aber er ist eben rund und mir doch so gerade recht, bin zufrieden. Kommt da ein Kerl her und sagt: »Du bist ein elender Optimist, du sollst den ganzen Tag daran denken, daß der Tisch nicht zugleich viereckig ist, daß er da aufhört, wo er aufhört, sollst in das Nichtsein des Vierecks in seinem Rund dich vertiefen, verbohren, verbeißen, sollst ferner täglich und stündlich erwägen, daß er nicht ewig dauern kann, sollst also an dem Tisch kein Genüge mehr haben, sollst ferner von ihm Anlaß nehmen, vom frühen Morgen bis zum späten Abend dich zu entsinnen, daß überhaupt alles im Sein auch nicht ist, nein! sollst vom Sein absehend in das Nichts hineinstieren und so denn tagtäglich schon beim Frühstück dich verbittern!« – Den Kerl soll doch der Teufel holen! * Es ist derselbe Prometheus, der den Menschen das Feuer, die Technik, das Selbstbewußtsein, das Denken, die Vernunft, und der ihnen die Illusion gebracht hat: er gab ihnen die Freude am Augenblick und das Glück der blinden Hoffnung – derselbe . So nimmt es wenigstens Aeschylos. Also Prometheus, der Vordenkende! Er, der uns das Vordenken gebracht, er hat es auch durch die Phantasie begrenzt, begrenzt aus Vordenken darüber, was sonst folgen würde. Die Illusion ist also ein philosophisches Gut. * Man wird sehen, es taucht gewiß noch einer auf, der aus Schopenhauers blindem Urwillen und der Vorstellung, indem er sie kopuliert, vollends eine ganz niedliche Mythologie herausspinnt! Und ich wette, er wird dabei noch verlangen, man solle ernst bleiben. * Gestern den rückfälligen störrischen Lumpen Peter krumm geschlossen, er verdiente Feßlung, doch nicht so hart. Bin ungerecht gewesen, hab's in der Katarrhwut getan, da sieht man, wohin es einen bringt. Dennoch werde ich kein Pessimist. Oberer Stock bleibt. * Welche rasselose Weiber sind doch hier! Schlechter Hals und Nacken, Schultern und Brustkorb abgenagte Gansgerippe u. s. f. – Was geht's mich an! Das Weib ist nicht für mich, bin schon mit Fräulein Schnuppe verlobt. * Höchstens ein Frauenbild im großen Stil könnte mich aus dem Gleichgewicht bringen – wahrscheinlich zu meinem Unglück. Ich habe auf der Insel Föhr friesische Landmädchen gesehen, groß, aufrecht, in Bewegung und Benehmen vom Naturadel alter Völker. Die altdeutschen Weiber müssen noch stolze Erscheinungen gewesen sein! Fern in Skandinavien muß es noch mehr dergleichen geben. Auf einigen griechischen Inseln soll noch altgriechischer Schlag sein, gewiß auch altmorgenländischer im Orient. Nun, und Italien! Römisches Gebirge – auch mit altklassischen Frauennamen: Valeria, Cornelia und so – man muß doch hin! Dort, auf jenen Inseln der Nordsee hat sich die schöne Rasse erhalten trotz der Durchsäuerung, welche die menschliche Natur durch die finsteren Zeiten des Protestantismus erfahren hat; merkwürdig, denn sonst ist die Scheidung so scharf, daß man nur durch einen Fluß getrennt verkümmertes Menschenbild in traurigem Schwarz auf dem protestantischen, stilvolle Weiber in erhaltener schöner alter, farbiger Tracht auf dem katholischen Ufer sehen kann. Mehr Heidentum in der katholischen Welt, also auch noch mehr Natur, – auch Augen mit Naturglanz, frische Waldkirschen. Doch dafür auch leidenschaftlicher, leicht wild in Liebe und Zorn; schon die Griechen klagen über die verrückte Leidenschaftlichkeit ihrer Weiber. – Edler Schlag und protestantisch tiefe Bildung vereinigt: das wäre schön. – Auf alle Fälle tut Vorsicht gut. * Mau muß eben immer und überall dafür sorgen, daß man sich selbst behält. »Sich selbst haben ist der größte Reichtum«, altes Wort von Christoph Lehmann, † 1630. ( Florilegium poeticum .) * Lessings »Nathan«, Goethes »Iphigenie« und Schillers »Don Carlos« sind die drei priesterlichen, hochreligiösen Dichtungen des Aufklärungszeitalters in der reinsten, geläutertsten Form seiner Ideen. Dramen der Humanität, der Menschenliebe. Alle drei symbolische Gedankenprodukte, das Geschichtliche nur Maske: Orient im Mittelalter, vorgeschichtliches Griechenland, Spanien zur Reformationszeit; überall die Handlung unwahrscheinlich. In allen drei der Gedanke zur tieferen Gefühlsmacht geworden, daher trotz der Symbolik alle drei poetisch, am stärksten wirkend das dritte, weil das Gefühl Feuer, Leidenschaft. Zweien davon fehlt, echt deutsch, das dramatische Leben, am meisten der »Iphigenie«, die darin sehr schwach ist; das dritte voll Spannung und Handlung, dagegen in der Komposition gequält, auch zu rednerisch. Die Menschenliebe ist im »Nathan« religiöse Toleranz zwischen Nationen, Religionen, in »Iphigenie« sittigende, sühnende, fluchlösende Kraft, ausgehend von der Familienliebe (Schwesterliebe), im »Don Carlos« politisch, völkerbefreiend, Staat auf Menschenwürde gründend, mächtig ins Allgemeine wirkend. Träger: im »Nathan« ein Greis, im »Don Carlos« ein jugendlicher Mann, in der »Iphigenie«, echt Goethisch, ein Weib, reine Jungfrau. In allen dreien ruht das Werk der Liebe auf Resignation, Frucht schweren inneren Kampfes. In den zwei ersten ist es still wie in einer Kirche (aber ohne Pfarrer), im »Don Carlos« laut, doch die Lust im Mittelpunkt religiös gestimmt auch hier. (W. Tell reifes Kunstwerk, doch zu klassizierend plan.) Welches Menschenvolk, das, diese Vernunftwerke an der Spitze seiner Dichtung und Bildung, heute noch nicht weiß, was Religion ist! Sie noch in den Glaubenssätzen sucht! Oder mit ihnen wegwirft! * Goethe hatte fürs Drama zu wenig Galle. Schiller hatte mehr von diesem Desiderat. Shakespeare das rechte Quantum, und doch gerade bei ihm bleibt die Galle nirgends als bloßer Stoff liegen (außer im Timon von Athen). – Ungeläuterter Stoff findet sich bei ihm auf andern Punkten. * Goethe hat in die Schlechtigkeit der Menschen schon in früher Jugend zum Erschrecken hell hindurchgesehen. Er sagt irgendwo, es sei ein Wunder, daß ihm das Leben nicht langweilig werde, da ihm die Erfahrung hierin gar nichts Neues bringe. Seine hohe Natur hat ihm darüber emporgeholfen, er hat sich an die Guten gehalten und von da aus – von der »engen Himmelszelle« – die Welt angeschaut. Wobei ihm sein leichtes Frankenblut viel geholfen hat. Nun hat er aber keine rechte Entrüstung, keinen Zornstoß. »Töricht, auf Bess'rung der Toren zu hoffen« – »haltet die Narren eben für Narren auch, wie sich geziemt« – Aber was sagt er von Schiller? »Es glühte seine Wange rot und röter     Von jenem Feuer, das uns nie verfliegt, Von jener Glut, die früher oder später     Den Widerstand der dumpfen Welt besiegt.« Goethe war in diesem Sinn zu früh objektiv. Der Dichter soll freilich auch das Schlechte, Dumpfe, Böse ganz objektiv geben, dennoch soll man ihm anspüren, daß er es haßt, daß ein Grimm dagegen in ihm kocht. * Gestern ein Gespräch mit einem Dichter von großem Talent. Der glaubt an Fernsehen, Fernwirken, Geister. Erzählt mir als ganz beglaubigt eine Geschichte von einem adeligen Schloß, wo irgend eine Ahnfrau, deren Bild im Saale hängt, alle Abend zum Essen erscheint und hinsitzt. »Das ist ein langweiliger und impertinenter Geist,« sage ich; »der Geist Banquos, der weiß, warum er kommt; ein Geist darf erscheinen, wenn ihn ein Dichter brauchen kann; Punktum.« – Es tat mir besonders leid, weil es ein Poet ist. Die Poesie läßt nicht nur in Erfindung von Handlungen, Begebenheiten, sondern in jedem gefühlten und stimmungsvollen Einzelbilde die Kräfte der Seele und der Natur zusammenwirken wunderbar, mystisch, die bekannten unumstößlichen Grenzen, Gesetze durchbrechend, überwiegend; sie kann Wunderwesen erscheinen lassen, wie es ihr dient; ihr einziges Gesetz ist sie selbst und was ihr Gebilde fordert. Ob es außerhalb der Dichtung solches gibt – mit dieser Frage verhält es sich so: es werden wohl Fälle berichtet von mystischen Hinüberwirkungen, die gut bezeugt scheinen. Aber was sollen wir damit anfangen? All unser Tun und Denken ruht unverbrüchlich auf dem Grunde der festen Naturgesetze. Soll ich glauben, die Natur sei bloß ein fadenscheiniger Vorhang, hinter welchem ein Geisterreich laure, um hervorzubrechen, niemand weiß, wann? so wird alles ungewiß und schwankend; ich weiß nicht, ob dieser Tisch, dieser Stuhl, dieser Vogel nicht sich in einen Geist verwandelt oder sein Träger wird; ich lebe wie im Rausche, die Konsequenzen, wenn ich sie vollzöge, müßten mich verrückt machen. Es folgt, daß man sich mit diesen Dingen nicht befassen kann, nicht befassen soll. Ich sag' allemal, wenn man mir derlei bringt: »Mir ist's, als wenn man einem Hund einen Apfel gäbe: er riecht für ihn nicht, er hat keine Beziehung zu ihm, er kann einfach damit nichts anfangen.« Nun aber erst der Poet! Uebel, übel, wenn er anfängt, sich in hölzernem Ernst doktrinell, dogmatisch mit diesen Dingen zu beschäftigen! So viel er sich damit abgibt, so viel ist es Abbruch an seiner Poesie. Was er als Phantasieschein betreiben darf und soll, das betreibt er nun lehrhaft, scheinlos, physikalisch oder eigentlich hyperphysikalisch. Der Dichter läßt das Zentrum alles Daseins aus den Dingen, den Wesen, herausscheinen, glühender, als es je in Wirklichkeit geschieht; in freiem idealem Spiele durchlöchert er für diesen Zweck je nach Bedürfnis die naturgesetzlichen Schranken und läßt zum Beispiel inniges Andenken an die Geliebte magisch in die Ferne wirken. Die Phantasie beseelt die Natur; dies ist Dichtung. sofern die Natur so nicht beseelt ist, wie es fingiert wird; dahinter steht aber die Wahrheit, daß der Geist in der Natur gebunden schlummert. Jene freie Mystik wird pure, auf Kosten des Phantasiespiels geschäftlich betriebene Prosa, wenn man sich ernstlich auf den Wunder- und Geisterglauben einläßt, und jede Viertelstunde, die ein Dichter diesem traurigen Ernste widmet, stiehlt er seinem höheren Tun, wo er denselben Stoff frei symbolisch, im Sinne des gefühlten, ahnungsreichen Symbols allerdings, zu behandeln hat. – Nicht zu reden davon, wie dick man angelogen wird, wenn man einmal auf das Zeug angebissen hat. * Goethe erfährt, daß Hegel eine Vorlesung über die Beweise vom Dasein Gottes halte, und sagt zu Eckermann, »dergleichen sei nicht mehr an der Zeit«. Das hat nun der alte Herr eben doch nicht recht verstanden, sich gar nicht vorstellen können, was da vorkommt: das reinste Wasser auf die Mühle seiner eignen großen Anschauung: »Das Dasein ist Gott« – und dies als Ergebnis einer Kritik der so genannten Beweise von Gottes Dasein. Das eben zeigt Hegel, daß man eigentlich nicht sagen kann, das Dasein der Welt sei Beweis für das Dasein Gottes, sondern sagen muß: »Das Dasein Gottes ist die Welt.« * Allerdings mit Unterschied. Die Welt ist das Dasein Gottes nicht in ruhiger Weise, sondern so, daß Gott sein Dasein darin stets verbessert, stets aufs neue eine geringere Form desselben durch eine bessere beschämt. Gott ist eigentlich eben diese wunderbare und heilige Unruhe. * Gott ist das Beste in allem. * Seit ich nichts mehr glaube, bin ich erst religiös geworden. * Neulich sagt einer. das sei doch abscheulich, daß Gott den Juden geboten habe, ganze Städte zu verwüsten, alles, was männlichen Geschlechts, niederzumachen. Sagt ein andrer drauf: »Da war eben der liebe Gott selber noch jung.« Gut. * Eine der liebenswürdigsten Etappen aus Gottes Weltgang vom Guten zum Bessern ist die Schöpfung des Hundes. * O weh, jetzt hab' ich mich selbst strafen müssen, weil der Igelmeyer polizeiwidrig gehandelt hat! Wagen angebellt, Pferde scheu gemacht. Hab' ihn fortgeben müssen, den guten; froh, daß gut untergebracht. Sie haben erst so sehr recht, die Köter, aber man darf es ja nicht sagen! Alles schnelle Fahren in Städten ist eigentlich Unfug, Unverschämtheit gegen die Fußgänger, Beschämung, Beleidigung. Wäre ich mächtiger Tyrann, in meiner Stadt dürfte nicht im Trab gefahren und geritten werden. Der Hund ist Polizeimann, höchst polizeilich gesinnt, er erkennt einfach richtig den Unfug, nur natürlich das zu begreifen, daß man ihn nicht verbieten kann, ist ihm zu verwickelt. Er handelt in der tiefsten Ueberzeugung, recht zu tun, der öffentlichen Ordnung zu dienen. Er schläft nach solcher Tat den Schlummer des Gerechten. O, wie rührend ist so ein gutes, ehrliches Hundsgesicht im Schlaf! * Das Bellen kann sehr störend sein, wohl! aber viel öfter muß es erfreuen. Es ist so etwas Resolutes darin. Ein Schuß. Wie oft, wenn ich in Zweifeln hing und zappelte, in Brüten klebte, hat es mir wohlgetan, mich erfrischt; gelabt, wenn ich den entschlossenen, unzögernden, frischweg vorbrechenden Laut vernahm. Es ist auch der Stolz des Hundes. Ich bin überzeugt, eine Hundsmutter, wenn sie ihren Sohn zum erstenmal bellen hört, fühlt dasselbe, was eine menschliche Mutter, wenn sie ihrem Sohn, welcher Theologie studiert und welcher die erste Predigt tut, mit Mann, Vetter und Base hineingeht. * Da erfahre ich, daß einer, sonst ein ordentlicher Herr, mir einen Polizeidiener besticht, und zwar erst noch ganz unnötig, da der Mann doch ganz diensteifrig ist und von selbst bereit war, auf begründete Klage über störenden Lärm gegen den Nachbar einzuschreiten. Ich habe die zulässig schärfste Strafe gegen Bestechungsversuch in Anwendung gebracht. – So sind die Menschen! Der  A besticht, der  B noch flotter, der  C überbietet beide, die Menschen in Dienst und Amt werden verderbt und tun endlich ihre Pflicht nicht mehr, wenn ein Armer, der nicht bestechen kann, oder ein Redlicher, der es nicht will, ihrer Dienste bedarf. – Eine allgemeine Kette der Charakterlosigkeit, der breiigen Schlechtigkeit. – * Ach Gott, wenn ich doch meinen Katarrh hinausbellen könnte! Doch wieder den ganzen Tag gearbeitet. Mit welchem Hindernis, weiß niemand. Das Hirn verwüstet, blöd, ein Halbsimpel, möchte nur schlafen, und muß mich stellen, als wachte ich. Und ein Wetter! Ja, Deutschland! Ist == das Land, wo man neun Monate Katarrh und drei ein Tröpfchen an der Nase hat. – Bruststechen. Doktor fängt an, mich bedenklich anzusehen. Spricht von Urlaub. Was? In meinen Jahren, mit meiner Kraft? – Bringe doch etwas vorwärts. Schon manches aufgeräumt im Bezirk. Unordnung im Abnehmen. Straßen reinlicher. Spitalverhältnisse geordnet. Gefängnisbau. Strammes Landjägerkorps. – Einfluß auf die Wahlen, den die Regierung mir zumutete, abgelehnt. * Wenn ich im Amte etwas zustande gebracht habe, vergrabe ich mich doppelt gern in meine Bücher. Der gelungene Kampf führt mich hoch in den reinen Aether. Da ist mir dann Spinoza so friedenbringend! Calmo di mare ! * Ich philosophiere gern, bin aber kein Philosoph. Meine Gedanken gehen zu schnell. * Einen Schandschuft von Weinfälscher erwischt. Seinen ganzen Keller voll herausgerissen, in die Gosse auslaufen lassen! Hätten wir ein strengeres Strafgesetz! Einst stand auf gesundheitsschädliche Fälschung Todesstrafe! O, wie Aepfel im Herbst sollten mir die Schurkenköpfe fallen! * Habe dem Halunken gesagt, er habe keine Religion, und er hat mich angegrinst und erwidert, er habe mich noch in keiner Kirche gesehen. »Man fälscht die Religion, wie Sie den Wein,« habe ich gesagt. * Gott ist die Religion. * Die reine Religion begründet reine Ethik, nicht von außen befohlen. * Also ist Gott das Gute. * Wo das Menschliche waltet gegen das Rohe, Wilde, Böse, besonders gegen das Grausame, gegen das Schlechte, da ist Gott. * Insbesondere aber auch, wo geforscht wird * »Edel sei der Mensch, hilfreich und gut!« man kann hinzufügen: »und klar im Geist, ein Denker und ein Künstler!« Damit dies sein könne, muß es eine Welt geben, dem zu lieb ist sie da. Aber warum gar so viel des übrigen? Es ist nicht anders: Gott hat einen Untergrund. Jakob Böhme, Schelling. Schopenhauer haben soweit recht (dunkler Grund, purer Wille und wie sie es nennen). Er mußte sich – muß sich – einen undurchsichtigen Unterbau schaffen, um als Geist aus ihm aufzusteigen, und gerät darüber so ins Zeug, daß er oft ganz vergißt, es handle sich erst um einen Unterbau; daher zum Beispiel alle wild teuflische Grausamkeit in der Natur und im Menschengeschlecht, soweit es bloß Natur. Wo in aller Welt mag währenddessen das wahre Wesen Gottes stecken? Das Grundtätige im Universum weiß zum Beispiel um die Zeit, wo es dem Gattungstrieb seine furchtbare Stärke gibt, nichts davon, daß die Menschen ein Reich der Sitte gründen müssen, wozu unter anderm das Institut der Ehe gehört; es weiß nur, daß jener Trieb ungeheuer stark sein muß, weil sonst aus – stille davon! – kein Mensch gezeugt würde; darüber macht es ihn im Eifer noch stärker als notwendig, und daraus entsteht in unzähligen Kollisionen mit dem Reich der Sitte unabsehliches, fürchterliches Elend. Dies ist die blinde Wildheit in der Natur, sie ist der schwerste Stein im Wege des Forschens nach dem Geheimnis der Gottheit. Man ziehe nicht das eigentlich Böse, die Empörungen des Willens gegen die sittliche Welt herbei! Da liegt die Sache ungleich klarer. Es wäre kein Gutes, wenn kein Böses wäre. Aus dieser Notwendigkeit des Bösen als Reiz, Ferment und als Objekt des Guten folgt nicht im mindesten, daß der Adler den Hasen, die Katze die Maus stundenlang teuflisch quälen muß, statt die Beute kurzweg zu fressen. Es ist etwas Dämonisches in der Natur – es ist nicht anders, das eben ist »der dunkle Grund«, das traurige Geheimnis im Unterbau. Wem dies Wort sonderbar vorkommt, der möge nur bedenken, wie rätselhaft das ist: aus dem Schoß der Natur kommt ein Wesen, das die Natur (nicht ganz, aber doch in vielem) überwindet. Da nun die Welt keine eigne Substanz neben und außer Gott haben kann, so folgt: es ist eine Selbstsetzung und eine Negation und Verbesserung dieser Setzung im absoluten Wesen. Der Mythus von der Auferstehung Christi, wenn er einen Sinn hat, muß diesen haben. – Aber es ist und bleibt eben unbegreiflich: der Mensch findet unter sich die Natur, als unteren Teil seines Wesens, den er oft genug verächtlich hinabzwingen muß; da der Mensch aber doch aus der Natur kommt und Natur bleibt, so verachtet dann also in ihm die Natur sich selbst. Der Untergrund zieht sich, erstreckt sich in den Oberbau hinaus, der ihn doch absetzt, entsetzt, der Unterbau setzt sich also durch diesen selbst ab. Ich bin kein Raubtier und trage doch ein Raubtier in mir, ich bin wandelnder Sichselbsterhöher und Sichselbstabsetzer und darin ein Bild der Welt. – So viel ist gewiß: das Universum ganz begreifen hieße die ganze Einheit im ganzen Widerspruch begreifen. * In diesem Dunkel gibt es keine Beruhigung als diese: wo Liebe ist, wo Mitleid ist, dann, wo Klarheit ist, da jedenfalls ist Gott. Da ist denn auch allein wirkliche Lust, und weil alles Gute erarbeitet sein will, also wahre Lust nur in der Arbeit. Es ist einer der Grundfehler des Pessimismus, daß er eudämonistisch von der unmittelbaren Lust ausgeht, von da aus operiert. Sagt man zum Beispiel: Niemand arbeitet, wenn er nicht muß, so gilt dies richtig vom Menschen, so lange er noch im Untergrund, im untern Stockwerk steckt. Die zweite Ordnung, die sich darüber aufbaut, hat nach der Meinung der Pessimisten keine Bälken, da baut sich kein Objektives, kein Gesetzmäßiges, da kann man also auch nicht wohnen. O alter Hegel, stilvoller Philister, der du großbefohlen hast, daß das Subjekt parieren soll, könnte man das erleben, daß du erständest und mit deinem Stecken über das substanzlose Geschlecht kämest! * Wenn die Menschen nur nicht immer auseinandersägen, nur nicht in ihrem Denken immer alles trennen würden, was zusammengehört! So meinen sie, sie hätten die Schlechtigkeit der Welt bewiesen, wenn sie aufgezeigt haben, daß Illusion Illusion ist! Daß es ein Wesen gibt, Mensch genannt, dessen Phantasieblick die Natur beseelt, alles in schönere Farbe, reineres Licht taucht, in der guten Stunde über das Elend der Welt hinwegsieht, das gehört ja auch zur Einrichtung der Welt, ohne diese edlen Täuschungen ist ja die Stimmung nicht denkbar, aus der auch das Gute fließt. Im Guten wird freilich ein Teil der Täuschung abgeworfen, da muß dem Elend der Welt hell ins Gesicht gesehen werden, bleiben aber muß die Hoffnung, die zwar mehr vortäuscht als erreicht wird, aber darum nicht ganz Täuschung ist, sondern zur größeren Hälfte Wort hält, indem sie selbst Ursache dessen wird, was sie hofft, nämlich als Sporn des einzig Realen, des Guten. * Das Bäschen auf einen Ball begleiten müssen. Schrecklich! – Und tanzen tun sie, als sähe man Hühner im Dünger scharren. – Seit ich dazumal in Amtspflegers Töchterlein verliebt war, mit ihr nachts nach den Sternen sah und daraus ein Gedicht machte, – ich erinnere mich gut: in horazischem Odenmaß, und der Schluß hieß: Ein kurzer Traum war's, Aber ein schöner – Und ich schwankte sehr, ob es nicht besser wäre, zu setzen: Ein schöner Traum war's, Aber ein kurzer – ich weiß es wirklich heute noch nicht – seit damals, als ich so klassisch dichtete und als ich ein paar Wochen lang heulte, da sie fortreiste, hab' ich triplex aes circa pectus . Die Liebe kommt mir langweilig vor. – Seele, den Tag nicht vor dem Abend loben! Wenn dir ein Weib erschiene das Stil hat? * Ich muß recht Philosophie treiben, das wappnet am besten gegen dies und das, gegen mich, gegen mein leidenschaftlich Wesen. Auch Stoiker! Man liest sie zu wenig. Der Mensch ist eine Entelechie. Eine Burg. Will er recht, ihn kann nichts erschüttern. Erschüttern wohl, aber nicht brechen. Starke Türme schwanken, wenn man läutet, gerade Beweis ihrer Festigkeit. * Aus dem Ball dann weg aus dem Saal in die Wirtsräume. Im Nebenzimmer die Gespräche gehört, die an den Tischen in der Volksstube los waren. Zwischen den Bürgern unzufriedene Arbeiter, unter den Bürgern selbst unruhige Köpfe. Die politische Luft wird schwül. Es flirrt elektrisch. In Frankreich wackelt Louis Philipps großer Regenschirm, bekommt Risse. Wäre gut genug für die Franzosen, aber zu unritterlich und doch auch gemein, krämerhaft. * Es wird eine große Freiheitsbewegung kommen. Geschrei nach Republik. Eigentlich wäre auch mein Geschmack Republik, aber eine recht strenge, der zuchtlosen Willkür eine Schraube, daß ihr das Blut aus den Nägeln spritzte, und die gibt's nicht mehr. Sie werden nach Republik brüllen und Gesetzlosigkeit darunter verstehen. Alles begreiflich, weil Gesetz und Ordnung jetzt fast überall in unreinen Händen ist. O Elend! Es ist freilich wahr: »Der Mensch ist nicht geboren, frei zu sein.« Unrecht, ungerechter Druck erzeugt den Schrei nach Freiheit, und Freiheit wird alsbald Willkür. Sie wird niedergeschlagen von der Gewalt und dann fängt das Lied von vorne an, indem die Gewalt das Unrecht (mit dem schnöden Vorrecht) herstellt. Wer das Geheimnis finden könnte, die Strenge, die Zucht, die der Mensch bedarf, nur in reine Hände zu legen! Arme, ratlose Menschheit! * Man wird es sehen, wenn's losgeht, wenn dann gegen wildes Unmaß die Gewalt wieder ans Brett kommt, dann wird sie mit der Spreu das Korn ausfegen. Eine anständige Minderheit in der Bewegung, die da bevorsteht, wird gegen die schlechteste aller Republiken, die Fürstenrepublik: Deutscher Bund, diesen polnischen Reichstag Deutschlands kämpfen. Die siegreiche Gewalt wird sie noch rachsüchtiger verfolgen, als die Schreier nach falscher Volksfreiheit. Die Verfolgung der Einheitsbestrebungen ist der schnödeste, schmutzigste Schmachfleck in der Geschichte unsrer Nation. Wer nicht wollte, daß der Deutsche im Ausland wie ein Hund verachtet sei, dem war Kerker, dem war Vertrauern der besten Jugend in feuchtem Mauerloch gewiß. Der übelriechendste Proletarier, der nach zuchtloser Freiheit schreit, ist so gemein nicht als jene Gewalthaber, die ganze Hekatomben Menschenglücks und Menschenlebens opferten für die zuchtlose Fürstenfreiheit im Deutschen Bunde. * Ach, vielleicht seh' ich zu schwarz! Geb's der Himmel! Lasse mich, du besserer Stern meines Lebens, mitstreiten, wenn es losgeht, mitstreiten für das Goldkorn im wilden Schutte, den die Bewegung aufwirbeln wird! Und doch, wie nobel ist selbst die verrückteste politische Leidenschaft gegen die Gelbsucht der Geldsucht! Gestern ein paar solche Gesichter in der Gesellschaft. Zum Erbrechen. Ein grausig Mördergesicht ist flott dagegen. – Und um was drehen sich die Unterhaltungen dieses Geschlechts! Nicht daß sie vom Kleinen reden, ist das Niedrige, sondern daß sie vom Kleinen nicht zum Bedeutenden aufsteigen, vielmehr umgekehrt jedes Bedeutende ins Kleine zerren. Spricht man etwas, das Inhalt hat, so übersetzen sie es gütig nachhelfend erst ins Platte, dann verstehen sie es. – Ihr liebstes Element aber ist der Klatsch. * Es hilft nichts, mit aller Mühe kann ich das Gemeine nicht begreifen. Ich bin doch gar kein Idealist, glaube mir auch das Zeugnis geben zu dürfen, daß ich läßlich bin, eingänglich, ein herzlicher Feind der Prinzipien-Fanatiker. Ein Gespräch von Hunden, Pferden, richtiger Konstruktion von Oefen ist mir ganz recht und gut genug. Aber das Gemeine! Daß ich durchaus mir nicht abtun kann, alle Menschen für nobel zu nehmen und mich zu wundern, wenn ich das Gegenteil finde! – Es wird daher kommen, daß ich zu sinnlich bin, um Verkünsteltes zu begreifen, denn das Künstlichste, was es gibt, ist das Gemeine. * Die besseren Menschen sind Gebirgsleute, sie kommen vom Gebirge her, sind gesunde Gebirgsbauern, das Tal mit seiner dumpfen Luft drückt auf ihre Lunge. * Das Gemeine ist künstlich, weil der Mensch als solcher von Adel ist. * Die Menschheit hat sich um dies Bewußtsein gebracht, indem sie den Adel als besonderen Stand geschaffen hat. Diesem hat sie aufgetragen, für sie edel zu sein, zu vikarieren. Eine der schädlichsten, menschheitentwürdigendsten Mythenbildungen, die es gibt, und doch so begreiflich wie jeder andre Mythus, und ebenso unvertilgbar. * Große Freiheitsbewegungen der Völker haben einen ganz andern Charakter als Einheitsbewegungen. Jene beginnen mit einer seligen Trunkenheit, diese sind, sollen sie irgend etwas taugen, auf die prosaische Frage der zweckmäßigsten Form der Einheit gerichtet. Freiheit ist heilig, Einheit ist notwendig. Wer die erste Begeisterung der ersten französischen Revolution erlebt hat, ist zu beneiden. Aber die Freiheitsbewegung berauscht, der Rausch wird in den Mehrheiten ein wüster und die Schönheit der Bewegung verläuft in Schmutz, Schlamm, Blut. Die wahre Freiheit ist die Ordnung. Fällt Freiheits- und Einheitsbewegung in eine Zeit, so reißt leicht die erste die zweite mit sich in den Untergang. * Gelingt es unsrer Nation noch, die Einheit zu erringen, so ist sehr zu wünschen, daß bei der Verfassung, die dann zu beraten ist, die Stimmung, die jetzt anwächst, so wenig als möglich nachwirke. Die Folge wäre namentlich eine zu milde Strafgesetzgebung. Milde gegen das Verbrechen und besonders Milde in der Subsumtion verschiedener Schlechtigkeiten (wie Fälschung, Beschwindlung, Wucher und dergleichen) unter den Begriff des Verbrechens würde dahin führen, daß die deutsche Nation verlumpt. * Rekrutierungsgeschäfte. Tabellenarbeit sehr langweilig. Bei der Musterung und Messung anwesend. Mich doch erfrischt; der Schlag geht an; Rasse noch ziemlich. Einige stattliche Bursche, groß und breit. Wenn ich das erleben dürfte, daß die Lümmel auf den Reichsfeind, auf die Franzosen klopfen dürften! Und mit ganz Deutschland! Armer Traum! Gegenwärtig große Verhandlung im Bundestag um gleiches Kaliber für die Muskete. Unser Zwergstaat gibt nicht nach; ist ja Selbstherr, natürlich! Und Kopfbedeckung! Jeder will einen andern Kübel. Könnt' ich ihnen drauf hauen, daß die Reife und Dauben flögen! * Wenn nur meine Gesundheit hält! Ich bin doch eigentlich nicht » veiclich getân « wie Hagen von Kriemhildens Knaben Ortlieb sagt. Was will der Doktor immer? Ich lass' mir nicht angst machen. Spricht wieder und dringender von einem Urlaub! Soll ich jetzt, jetzt schon von der Arbeit weg? * Halt! ich folg' ihm. Ein Stück helleres Leben im Weiten, Freien, Großen kann gut tun. Kann mich konservieren, erfrischen für die Zeit, die da kommt. *           * * Norwegen. Christiania . Schlimmes kann doch auch Gutes tragen, zum Beispiel Sorge vor Emphysem ein freies Jahr. Möchte schon lang Italien sehen, aber auch Norwegen. Gut, gut, Herr Doktor, Sie wollen mich nach Italien, aber da ist Juli und August zu heiß, dagegen in Norwegen die Zeit der hellen Nächte, also zuerst Norden, dann Süden! Durchgesetzt und – einmal ein Glück – ein Stellvertreter geschickt zur Hand, Urlaub herausgeschlagen, fort, fort! Wie freier schon die Brust, seit ich das Meer wieder gesehen! Eigentlich zum erstenmal; denn damals auf Sylt und Föhr habe ich es noch nicht so recht verstanden, brachte noch nicht Ernst genug. Zuerst groß, unendlich in Stille. Dann mäßig bewegt, also alles sehen dürfen: die Großheit der Horizontale, Helldunkel, Farbe, Durchsichtigkeit, Spiel der Reflexe und der herrlichen, schwanenhalsigen Bogenlinien! Die Seele jauchzte mir. O, da gibt es viel Gott! * Jetzt bald in die Berge! Hinein zu den Asen, den alten Göttern! Brause mir entgegen, Odin, Lebensatem! Zerschmettere, Thor, mit dem Donnerhammer meine bösen Geister! Baldur, du Guter, du Schöner, laß meine Seele nicht zu stolz und wild werden, wenn sie unter den alten Riesen wandelt, und führe mir Bragi herbei, seine Gattin Idun an der Hand mit den alles verjüngenden Wunderäpfeln! Du aber meide mich, wie ich dich meide, liebreizende Freyja! Behüte mich vor ihr, Heimdall! Warne mich mit dem Gjallarhorn, wenn sie mir naht! * Was erlebt! Von Christiania nach Kongsberg, dann westlich hinein, die Bekanntschaft der Schneegebirge machen, Melfjeld, Liefjeld, Bleefjeld, Riesenhaupt Gousta; den Tindsee, dann den Rjukanfoß sehen! – Pferd genommen vom Hofe Vig, guter Rappe; trägt mich lustig ans Ziel. Ein Kahn mit drei Personen am Ufer des Tindsees, im Begriff abzustoßen; man bemerkt, daß ich mich nach Fahrgelegenheit umsehe, und lädt mich ein. Ich lehne nicht ab. Führer nimmt das Pferd zurück. Ein älterer Herr, ein junger Mann, eine Dame. Stelle mich vor, wer ich sei, der Herr sich und die andern. Gebe kaum Achtung, höre nur, daß der Aeltere Dyring heißt und daß sie in Bergen zu Hause sind. Denn welch ein Weib! Haare, wie ich sie nie gesehen. Rein metallischer, hochgelber Goldglanz, sonderbar, herrlich und unheimlich. Fallen geringelt an der Stirn, den Schläfen herab, darüber rotes Tuch um den Kopf; hat auf dem Bergausflug dies Stück Volkstracht angelegt; Kopftuch sonst blau, würde ihr besser stehen; scheint für Rot gestimmt. Reines Profil, markiges Kinn, Unterlippe ums Merken voller als Oberlippe. Auge zeigt sich noch wenig, läßt einen raschen Blick aus weiter, freier Wölbung über mich hinschießen, senkt dann die Lider wie vorher, und sie schaut still vor sich hin; Gestalt groß, zwar noch verborgen unter faltenreichem Ueberwurf. Vorderer Arm des Sees in furchtbarer Felsschlucht; die Gipfel scheinen sich oben zusammenzuneigen. Dunkel, unterweltlich, dann eine so schmale Spalte, daß eben nur Raum für die Ruder bleibt, dann ins Offene, Breite, rechts leuchten die fernen Schneekuppen des Bleefjelds herein, links stürzt der Gigantenleib des Gousta herab. Alles Ufer steile nackte Felswand. »Rudre du, Goldrun,« sagt Herr Dyring, »zeig jetzt, was du kannst.« Sie legt den Ueberwurf ab, einer der Schiffer gibt ihr sein Ruder. Welche Gestalt entwickelt sich, welche Kraft und Gewandtheit in der Bewegung und wie mächtig schön treten diese großen Formen, tritt diese energische Schwellung der Hüfte heraus, wenn sie, das eine Bein kräftig vorgesetzt, das Ruder zuckt, eintaucht und drehend nachdrückt! – Wolken, Wind. Schaumbüsche fahren auf an den unnahbaren, unerbittlichen Schroffen der Ufer. »Und nicht wahr, jetzt singen Sie uns etwas?« sagt Arnhelm, der junge Mann. Sie schaut zurück, sieht mit leuchtendem Blick bejahend den Jüngling an, ein zweiter fliegt wieder nach mir hin, dann beginnt sie, während der Wind in ihren Goldlocken wühlt, daß sie bald langgezogen in der Luft spielen, bald wellig mit aufschimmernden Lichtern das stolzgehobene Haupt umwogen. Stimme gegen Alt hin, düstere Melodie: Herr Olaf reitet im weichen Sand, Im Wellenschaum am Meeresstrand.     Merk auf, Herr Olaf! Die Woge spritzet, die Woge rauscht. Was klinget dazwischen? Herr Olaf lauscht.     Merk auf, Herr Olaf! ›Komm, Olaf, zu mir, komm, steige vom Roß! Komm zu mir herab in mein grünes Schloß!‹     Merk auf, Herr Olaf! Es singet so süß, es locket so laut, Er vergißt zu Hause die treue Braut.     Merk auf, Herr Olaf! Er spornt seinen Rappen ins Meer hinein, Die Sonne geht unter in rotem Schein.     Merk auf, Herr Olaf!« Sie ruhte einen Augenblick. Die letzten Töne hallten lang nach an den Felswänden. Weithin hörte man das Rauschen der schäumenden Brandungen. Mitten aus ihnen schien mir jetzt die verhallende Menschenstimme entgegenzukommen, ein Geisterlaut. Mir schwindelte in tiefster Seele. Sie schaute zurück und ihr Auge, erglänzend im Widerschein ungewissen Lichtschimmers, der durch die Wolken brach, ruhte zuerst auf dem einen, dann dem andern der zwei Begleiter – mit einem Ausdruck – o, träfe auch mich ein solcher Blick! Aber mich überging sie, ruderte wieder einige Schritte und fuhr dann fort im Gesange: »Und heller und heller das Meerweib singt, Und süßer und süßer die Stimme klingt.     Merk auf, Herr Olaf! Laß fahren die Welt, laß fahren den Schwarm, Laß dich küssen und wiegen in meinem Arm!     Merk auf, Herr Olaf! Was sieht er im Strudel? Ein Augenpaar, Eine schneeweiße Brust, blond Lockenhaar.     Merk auf, Herr Olaf! Und er spornt seinen Rappen, der wirft ihn ab, Und er sinkt hinunter ins feuchte Grab.     Merk auf, Herr Olaf!« In diesem Augenblick fuhr ein Fisch von seltener Größe, wohl acht Schuh lang, dunkel, breitmaulig, aus dem Wasser hervor, glotzte sie einen Moment lang an und tauchte wieder unter, sie schlug ihm mit dem Ruder nach und rief: »Das ist ein Wels! Hat dich die Gewitterschwüle heraufgelockt, alter Seeräuber?« »Auch ein Verehrer,« sagte Dyring. Die paar Wörtchen wollten mir unheimlich vorkommen. Ich hatte keine Zeit, zu grübeln. Sie sang zu Ende: »Schön Ranild schaut zum Fenster heraus, Ein nasser Rappe steht vor dem Haus.     Merk auf, Herr Olaf! O Rappe, o Rappe, dein Sattel ist leer, Sag an, was bringst du für traurige Mär'?     Merk auf, Herr Olaf! ›Dein Liebster ist hin, daß Gott sich erbarm', Ihn wieget die Nixe im schneeweißen Arm!‹     Merk auf, Herr Olaf! ›Bei den Fischen wohnt er im tiefen Meer, Die Sonne siehet er nimmermehr.‹     Merk auf, Herr Olaf!« Wer könnte die Töne dieses Gesangs beschreiben! Schweres Dunkel, sich verdichtend, anschwellend, war ihre Grundstimmung. Bei den Lockworten der Nixe gingen sie in eine schmelzende Süßigkeit über, wurden heißer und heißer, man meinte den wollüstigen Jubel zu hören, der nach den gezogenen Klagelauten aus den Wirbeln der Nachtigallstimme auflodert. Sie sanken in ein tiefes Weh gegen das Ende, aber wirklich am Ende, beim letzten Verse stieg wie ein Geist aus den gesungenen Tränen des Mitleids ein Etwas hervor und mischte sich unsagbar mit ihnen, – ein Etwas – Triumph und Schadenfreude wären ein plumper Ausdruck; auch wenn ich es umschreiben wollte: »dahin kann ein Weib einen Mann bringen,« es wäre nackt und roh übersetzt, o, es war unheimlich und doch unwiderstehlich! – Die letzten Töne verklangen im Echo der Felsen, und jetzt sah sie wieder zurück, diesmal auf mich. Wer kann sagen, was über ihr Angesicht zuckte! Ein Schatten von Ernst, dann wieder Lust, Reiz, Wonne, Mutwille, Witzgeist, Spott, Uebermut, helles Siegesfrohlocken, das beim Himmel noch etwas andres besagte, als: »so kann ich singen!« Aber wer hätte das triplex aes circa pectus bewahrt! Ja, so konnte sie singen – und? – »Jetzt aber rasch ans Land!« rief Dyring, »es wird bedenklich; und sitze jetzt zu uns!« Sie gab das Ruder ab, die zwei Bootsmänner strebten mit Macht vorwärts, hinaus aus dem Felsengefängnis, Sanden zu. Goldrun setzt sich aber nicht, sie schaukelt den ohnedies taumelnden Kahn, trunken von Lust schnalzt sie mit den Fingern, als schlüge sie Kastagnetten, und jauchzt in den brausenden Wind hinaus: Evoë! Evoë! Ιακχε, Ιακχε! Wie blitzten ihre großen Augen! Noch mutwilliger als vorhin, halbwild trifft mich ihr Strahl! – Angst wegen des Sturms kann sie mir nicht ansehen. Darum kann sie mich nicht auslachen. Ein entzückend Weib. Aber warum fuhr mitten im Entzücken ein paarmal der Gedanke in mir auf: stoße sie hinab zu den schnappenden Fischen, zum phosphoraugigen Wels, da gehört sie hin!? * Westjorddalen. Herrliches grünes Tal, Kornfelder, samtene Matten, Saft und Pracht der Bäume, ein Tempe, von Bergen umschlossen, und majestätisch im Silberglanz ragend die Pyramide des Gousta, sechstausend Fuß hoch. Wir wandeln durchs Grüne, an Hütten, Höfen vorüber. Still, ganz still. Nur der dumpfe Donner des Hongafosses von dort herüber. Goldrun ist wie umgewendet. Sanft. Vater und Mutter früh verloren. Nachdenklich. Dann wieder heiter. Scherz; versteht selbst meine Lust am schlechten Witz. Tut mit. Dann wieder ernste Gedanken über Mensch, Leben, Religion. Sie ist doch gut. Nun an einem klaren Bach hin, Erlen. »Der Ilissus mit seinen Platanen ist's nicht, doch anmutig Denken schwebt auch hier,« sagt sie. Diese drei Menschen leben in Platos Ideenwelt. Dyring ihr Lehrer, Freund des früh der Mutter nachgestorbenen Vaters. Er hat sie in die Griechen eingeführt, und jetzt atmen sie in der Bergluft des attischen Philosophen. Arnhelm, Schriftsteller, Dichter, nimmt eifrig Teil an den Lehr- und Gesprächstunden. – Phädrus. Seele am überhimmlischen Ort die Urbilder schauend, das Gute, Wahre, und leuchtender das Schöne. Herabgesunken ins Irdische, und nun, wenn sie ein schön Menschenbild sieht: Erinnerung, Staunen, Entzücken, Begeisterung, heiliger Wahnsinn. Wie hat sie's verstanden! Wahre Liebe, erziehende Seelenliebe. Dabei lange Blicke gewechselt zwischen ihr und Dyring, wie väterlich die seinen, wie dankbar die ihren! Und Arnhelm, welche reine Glut, womit seine Augen bitten, der Dritte im Bunde zu sein! Diese Liebe, die erziehende, die seelenbildende, ist entsinnlichend, zähmt das dunkle Roß Begierde. Goldrun sagt es ohne Schüchternheit, philosophisch objektiv. Wir gingen um eine Biegung des Wegs, die Zwei auf Augenblicke zurücklassend. Dieser Gesundheit des Geistes kann ich nicht widerstehen, fasse ihre Hand. Ein warmer, langer Druck der ihrigen sagt mir, wie sie mein Verständnis versteht. »Phile Phaidre,« sagt sie lächelnd dazu. »Diotima!« rufe ich. * Rjukanfoß, wilde Herrlichkeit des Rauchfalls. – Sie hat's gewagt, mit mir den schwindelnden Fußsteg Maristien hinauf über die fürchterlichen Felswände. Die andern nicht, sind unten geblieben. Sie ist von echtem altem Gotenblut! Ja, so müssen die altdeutschen Heldenweiber gewesen sein. – Hoch oben. Der ganze Fluß Maanelv wütet neben uns herab, tief unten hinein in schwarzen, zackig umstarrten Höllenschlund, wo er verborgen weiter siedet, donnert, dumpf hinbrüllt. Wie sie wirbeln, hochauffahrend schwellen, dem Rauch einer Feuersbrunst gleich, die Dampfwolken des Wasserstaubs! Schwindellos steht das stolze Weib und schaut, und ihr Auge leuchtet. Und ich schaue sie an, fasse und küsse sie. Und wie hat sie's erwidert! Küsse aus der Wurzel gesogen! Drunten über dem rauchenden Schlund ein dreifacher Regenbogen, glühend, wie ich das Schauspiel nie gesehen. Verkündigst du Frieden? Du brennst auf Dampfsäulen aus Schauertiefen, zitterst an schwarzen Felswänden, schillerst über Todesgrauen – – strahle, Traumbild, streue Schimmerfarben, male Seligkeit über den Abgrund! Schieße noch höher empor, Gousta, und schau unter dem Schneehelm her auf mein Glück! * Hinab mit ihr in den Abgrund! – es schoß mir mitten in der Wonne wie ein Blitz, wie ein langer, dünner Dolch durch die Seele. * Im Herabklettern gleite ich auf. Sie hält mich. Nur ein Haar fehlte, und ich zerstäubte, war dahin, lag als Schutt, als Nichts im finsteren Schachte. Aber sie lacht. Spottet, bei den zweien angekommen, über meine Bleichheit. Bleibt spöttisch den ganzen Tag. Bleich? War ich bleich vor Todesangst? Warum blieb ich bleich? Hab' ich jetzt den Tod gefürchtet? * Den Kuß und dann die Kralle. So sind sie alle. * Pfui! * Fort? – Sie ist wieder gut, strahlt wieder. * Kann die Tiere nicht leiden, mag die Hunde nicht. Auch kein guter Zug. * Doch wer widersteht! Es geht nach Hardanger. Und soll ich die Gelegenheit nicht benützen? Welt der Prachtwasserfälle, Welt der Gletscher und Gletscherketten soll ich sehen, Hardanger-Jökul, Treßfonn, Folgefonn, weiße Riesenhäupter, ragend, schauend über die Buchten, die grünen Täler. * Im Gebirge redet leis, flüsternd und laut im Donnerton die Natur mit sich selbst. Alles spricht. Selbst innen in den Felsen tönt es von geheimen Stimmen der eingeschlossen fallenden, steigenden Wasser. Wie löst sich aber die Zunge im Wasserfall! – Am Vöringsfoß, der mit so wütendem Gebrüll seine Wasser in den Abgrund jagt, da fällt mir der Rjukanfoß wieder ein und will mir unheimlich werden neben dem Weibe, das dort mich entzückt und gehöhnt; aber sie steht ruhig ernst, schaut vom wilden Schauspiel hinüber nach den hohen blauweißen Eismassen des Hardanger-Jökul und sagt: »Das sind Jötunstimmen, Stimmen der alten Riesen, die noch erzählen vom Kampfe mit Thor.« Sie kennt den alten Götterglauben, die Heldensagen. Ich habe ihr auch vom keltischen Glauben erzählt und gesagt, er weise doch eigentlich auf mehr Geist; eine Sage, wie die von Gwyon-Taliesin, habe die germanische Religion nicht, man erfahre kaum von Gründung der Zivilisation, der Humanität. »Ja,« sagt sie, »und doch nein. Thor, mit seinen Gewittern das Eis bezwingend, ist doch Vorarbeiter des Landbaus, also auch der Gesittung, und dann: keine andre alte Religion hat eine Götterdämmerung. Verglühen alles Endlichen, selbst dessen, was ewig schien, ist doch weit, weit mehr als Taliesin; wissen Sie aus der Edda vom Wettgespräch zwischen Odin und dem weisheitsberühmten Riesen Vafthrudnir?« »Nein.« »Der weiß auf alle Fragen Odins Bescheid, auf eine nicht; Odin fragt ihn: ›weißt du, was ich meinem Sohne Baldur ins Ohr gesagt habe, ehe er auf den Scheiterhaufen gelegt wurde?‹ Das weiß der Riese nicht. – Wird ein Wort gewesen sein vom neuen Leben nach der Götterdämmerung, Wiedergeburt der Welt, Aufgang der Geistwelt.« Ich schwieg und dachte: wie konnte ich sie verkennen! Dann sagte ich: »Ja, da liegt Tiefe; im übrigen ist alles wilder, mannhafter, bergiger als im Keltischen; Streitbarkeit ist Grundzug, Heldenkampf, es ist eine Reckenreligion. Doch ist auch ein Geistgott da, ein Apollo: Bragi, der Skaldengott. Und ein Zug von weicher, holder Güte, so recht ein grundguter Zug: Baldur, den alle Götter lieben, durch ihn ist dem Frühling inniges Gemüt geliehen.« Sie wandte sich heiter zu mir und sagte: »Liebreiz ist ja doch auch, – Freyja, Freyja, die Freundin der Liebenden, die gern ein schönes Liebeslied anhört.« Ich sagte: »Ein Lied versuch' ich wohl auch noch um einen recht guten Kuß.« Schimmernd erglänzte die Reihe feiner Goldketten an ihrem Hals, wie sie sich umwandte. Freyjas goldenes Halsband fiel mir ein. Sie biegt sich zu mir her, das hohe, stolzfreie Weib, leuchtend, atmend, ich strecke die Arme aus. Da zuckt mir etwas durch die Seele, was mich bannt, ich weiß nicht, welches innere Stocken. Es muß ausgesehen haben wie Schüchternheit, Blödheit. Ich überwinde es, will in ihre Arme stürzen, strauchle über eine Wurzel und taumle wie ein Tölpel. Sie lacht laut auf, gellend, und geht vorwärts. »Und Katzen ziehen Freyjas Wagen,« rufe ich erzürnt ihr nach. Sie schaut nicht um, man sieht ihrem Schritt, dem Schwenken der Hüfte an, daß mein Wort ihr einen Stich gegeben. – Aber wie herrlich schreitet das Weib! Die kann gehen, was ja doch Tausende nicht können. Ihr Gang ist hoher Wohllaut. Verloren schau' ich ihr nach. * Natürlich kein Zweifel, daß unser Planet einmal in Stücke fährt und in die Sonne fliegt oder so etwas. Und unser Sonnensystem geht eben auch einmal in Trümmer. Dem Weltall sehr gleichgültig, denn es entstehen immer neue. Götterdämmerung ist immer. Der Geist steht aus der Verglühung des Zeitlichen nie auf oder immer. Es gibt jetzt Wesen, die es erringen, jetzt über der Zeit zu leben, oder es gibt keine. Gibt es jetzt solche, jetzt ist immer, es werden immer solche Jetzt sein, wo zeitliche, empfindende, denkende Wesen sich erheben in das, was nie und immer, nirgends und überall ist. Ist es so, so ist es um keinen Untergang schade. Fragt man: was wird aus dem ganzen Schatze von Erfahrung, Wissen, Bildung, den das Geschlecht auf unserm Planeten mit unnennbaren Mühen, in furchtbaren, ungezählte Jahrtausende langen Kämpfen gesammelt hat? Geht er mit dem Planeten verloren oder ist ein Weg denkbar, daß er erhalten, anderswo aufgefaßt, dort weiter entwickelt ein Glied bildete in einer unendlichen Kette geistiger Erwerbungen aller denkbaren menschenähnlichen Wesen auf allen bewohnbaren Weltkörpern? Die Antwort ist leicht: verloren geht er, undenkbar ist solch ein Band, solch ein Weg. Das scheint trostlos. Ist's aber gar nicht. Alle ansteigende Bildungsarbeit aller Geschlechter erreicht ja nie das Ziel. Gibt es kein Vollglück auf jedem Punkte mitten in der ewig ansteigenden Bahn, so gibt es überhaupt keines. Jeder Augenblick der Freude, der wahren Freude, also vor allem der Freude im reinen Schauen, Forschen und im reinen Wirken ist aber doch Sein im Ewigen an sich, greift also aus der Kette heraus, unabhängig von ihren Bedingungen, eins mit sich, frei. Jene Schätze haben ihren Wert in sich selbst gehabt. Was Wert in sich hat, das beglückt, beseligt. Jeder Mensch, der sich in die Welt des in sich Wertvollen erhebt, ist in jeder Minute, in der es geschieht, mitten in der Zeit ewig. Wie viele Menschen, wie lange Zeit Menschen so des Ewigen teilhaftig werden, verändert daran gar nichts. Sind auf andern Weltkörpern menschenähnliche Wesen, sie mögen sorgen, daß sie ebenso ins Unzeitliche sich erheben. So ist es ja auch mit der Frage nach der Unsterblichkeit des einzelnen. Du möchtest der Zeit nach ewig leben, mein lieber Piepmeyer? Aber wenn du auf immer neuen Planeten ewig ein neues Zeitleben lebst, so kommt es in jedem derselben immer nur darauf an, ob du vermagst, ins Zeitlose emporzusteigen. Von der endlosen Zeit, mein Lieber, hast du gar nichts, nicht den geringsten Spaß, sie gähnt dich nur an, ihr gehören ist nicht besser, als ewige Höllenstrafe. Wir sind nur Bilder; wirklich, buchstäblich nur Bilder. Wir werden ja in jedem Moment erst gewoben, gemalt und auch wieder aufgetrennt, ausgewischt. Was jeden Augenblick erst wird, ist doch kein wahrhaft Seiendes. Wir stehen ja nicht fest, wir schweben ja nur wie ein Traumbild. Wir scheinen so solid wie Bein und Eisen, und sind doch so porös, nur wandelnde Auflösung und Wiederknüpfung. Wie hoch die Welt sich bäumet, Wie laut auf breiter Spur     Das Leben schäumet, Uns alle träumet     Der Weltgeist nur. Das braucht aber niemand bange zu machen. Sorge du nur dafür, daß du Bild wirst in einem zweiten und besseren Sinn. Laß dich nicht bloß von der Natur hingepinselt, hingestickt sein! Sorge dafür, daß du Bild wirst, aufbewahrt im Geiste der Menschen. Sein ist Schein. Das wahre Sein verdient man sich durch nicht mehr Sein, – wer nämlich gut vorgearbeitet hat. Das kann auch der Geringste machen, daß ein gutes Bild von ihm in den Seinigen fortlebt. Der große Mann freilich hat als die Seinigen ein ganzes Volk, ganze Völker. Aber man braucht kein großer Mann zu sein; das kleinste Scherflein zum Kapital der Menschheit wuchert fort und fort. Das Brot, das ich heut esse, das Kleid, das mich wärmt, die Gerechtigkeit, die mich schützt im Verein mit vielen: vor tausend und tausend Jahren haben schon gute Menschen daran gearbeitet. Kannst du's so machen, daß du auch deinen Namen ins Gedenkbuch der Menschheit einschreibst: gut, aber nicht notwendig; mag dein Gedächtnis nach wenigen oder mehreren oder vielen Generationen es löschen, geht der Planet auch unter und mit ihm das Gedächtnis der Größten, die unsterblich heißen: Wert und Zeit sind ja zweierlei; in dem Wissen, es wert zu sein, daß man deiner gedenke, bist du ewig, bist wahres, unvergängliches Bild. * Goldrun, du bist eben auch nur ein Bild und darum noch lange kein zweites, kein wahres. Du scheinst es in manchem, jetzt in mir, doch das ist nur Schimmer. Du schwebst nur. Dein Gerippe wird einst im Grab faulen, wie jedes andre auch, und in wem lebst du dann noch? * Ach, was hilft mir alle Philosophie gegen das Traumbild! Mir schwindelt, wenn ich es schweben sehe, mein Gehirn wirbelt. * Weiter, weiter! Berg und Tal, Fjord herüber und hinüber, Buchten, Ströme, Fels, Gebirge, Wasserstürze; gestern unausstehlich launisch, heute wieder sprühend von Lust, Witz, Reiz. Taghelle Nächte, Mitternachtsonne, Geisterglut, banges, fremdes Entzücken. * Gestern! O! – Gelandet in Vikör, Noreimssund. Bauernhochzeit auf Sandven. Tanz. Goldrun verschwindet und erscheint wieder in der Festtracht der Braut, roter Rock, schwarzes Mieder, reiche Ketten um Hals und Brust, »Lilienhaube«: Goldkrone voll schwanker Spitzen, spielender Flitter. Tanzt mit dem Bräutigam, mit zwei andern hübschen Burschen, mit Arnhelm, dann allein. Wer kann da vernünftig bleiben! So hat Herodias des Täufers Kopf weggetanzt. Gehaltene Grazie, dann rascher und rascher, heißer und heißer, endlich Bacchantin, heilige Wut im stolzen Leib, ihre Locken sausen ums hochgetragene Haupt; so mögen sie in Rom, in Neapel die Tarantella rasen. – Will mich aufziehen, ich danke, will mich nicht lächerlich machen, will schauen. Sie endet. Ich trete Kühlung suchend unter die Türe. Die Welt brennt im Nachtsonnenlicht, in Hochglut feurigen Goldes. Ein heißer, rascher Atem an meinem Ohr und die Flüsterworte: Ovsthusfoß – in einer Stunde. Wir hatten am Nachmittage den Wasserfall gesehen. Der Fluß springt im Bogen vom Felskamm, man steht unter dem Fall unbenetzt, sieht durch seinen breiten Silberschleier die Welt. Jetzt, in dieser Stunde, alles in mystischem Goldglanz, Wasser und Welt! O, hier! In solcher Grotte! Geborgen! »Die Welt wird nie das Glück erlauben, als Beute wird es nur gehascht; entwenden mußt du's oder rauben, eh' dich die Mißgunst überrascht. – Leis auf den Zehen kommt's geschlichen – die Stille liebt es und die Nacht – O, wölbe dich in breitem Bogen, verschwiegner Strom, um uns herum, und drohend mit empörten Wogen verteidige dies Heiligtum!« – * Unerträglich! – Verhext – * Fort, verbirg dich, vergehe! verwehe! * Ein Teufel! ein Teufel! Nur ein Teufel kann mir das – böse Geister sind – müssen sein – * Und der Hohn seither! * Doch wieder nachgelaufen – Tropf, der ich bin! Jetzt muß ich laufen wie ein Geist, wie eine arme Seel', die keine Ruh' hat im Grab und verdammt ist, umzugehen und zu suchen vergrabenen Schatz, verscherztes Gut. – Natur sperrt sich gegen so viel gleichzeitigen Vorgang im Gehirn – Denken und geheimes Hassen –, und aber wiederum doch – * Bergen . Alter Königssitz; jetzt still trotz Handelsverkehr. Eingemietet in einer »Stube« der alten Hansekaufleute. Getäfelt, behaglich. Deutsche Erinnerungen. Tüchtige alte Stadt; bürgerlich, angenehm philisteriös; Holzhäuser, mit weißer Oelfarbe angestrichen; Almendingsplätze, zum Teil anziehend langweilig mit Gras bewachsen. Festung darüber, hoch auf den mastenreichen Hafen herabschauend. Will arbeiten, einmal wieder etwas lesen, nur selten hingehen. Es regnet viel, mir jetzt recht. Goldrun auf der Herreise lang still, dann voll Spott, höhnte auf Registraturen, Amtsstuben, Sitzen, Verdorren. – Jetzt still und zahm. Man hat die griechischen Studien wieder aufgenommen; Phädon, dann soll es an den Oedipus König. Ich muß doch teilnehmen; man lädt mich sehr ein. * Stille Tage. Gesammelte Abende. Dieser Dyring ist doch dem wilden Wesen ein Halt. Wie sanft ist sie, wenn sie an seinen Blicken hängt, auf seine Worte lauscht! Seine hohe Stirn, sein tiefes Auge breitet Meeresstille aus. Arnhelm in einer wahren Andacht, oft wie verzückt. Das Griechische fließt wie Honig des Hymettus von ihren Lippen; wie ertönt da das klangvolle ος der Endungen! * Merkwürdig, wie der Tod Leben entzünden kann! Ueber dem Phädon, dem sterbenden Sokrates gibt's viel zu denken an ihn. Der Tod ist pures Nichts, sage ich; der Tod ist, wobei man überhaupt nichts denken kann. Entweder ich lebe, dann bin ich nicht tot, oder ich bin tot und dann lebt keiner, der es bedauerte, daß er tot ist. Man hat Angst davor, sich einmal tot vorzufinden, aber der Tote sucht und sieht sich ja nicht. Daher ist es purer Unsinn, an den Tod zu denken. Wenn nur die Phantasie nicht wäre, die uns zwingen will, uns vorzustellen als im Tode lebend und uns tot wissend! Eine Witwe hat mir erzählt, sie habe den plötzlichen Tod des Vaters dem kleinen Töchterchen einen Tag lang verheimlicht, dann aber das nicht länger gekonnt. Das Kind schweigt eine Weile und sagt dann: aber da wird der Vater traurig sein, daß er tot ist! – Genau wie die alten Völker: Schattenleben im Scheol, im Hades; – tot und im Tod so viel lebend, um zu wissen, wie unangenehm der Tod sei. – Was ist nun das Uebel? Es braucht Denken, viel Denken, diese Phantasie fernzuhalten, als stäken wir lebend im Tod, und zu begreifen, daß man an den Tod schlechthin nicht denken soll. So kommt es, daß man vor lauter Denken, warum man an den Tod nicht denken soll, zuviel an den Tod denkt. Das hat nun Goldrun begriffen und mir die Hand gedrückt und mich hat es hoch gefreut, daß sie es begriff. Denn Jugend will ja sonst nichts vom Tode wissen. Vom Alter ja auch nichts. Ich erinnere mich, wie wir als junge Kerle von ungefähr fünfundzwanzig Jahren einen Kameraden auslachten, der dreißig geworden. Dummheit, denkt man, so etwas passiert mir nicht! Man will natürlich fortleben, aber daß man dabei älter wird, das schiebt man einfach aus dem Kopfe weg. Und sterben? Seien wir nur redlich gegen uns: wir sind in Wahrheit Aristokraten des Lebens und sehen spöttisch mitleidig auf den, dem das Sterben passiert, eben doch herab wie auf eine Art von Lump. Nun hat mich also der Handdruck gar sehr gefreut und ich habe wieder gedrückt und wir haben uns geküßt, und nun ist's wieder im Zug. * Dieser Arnhelm – jetzt gibt er wieder ein Bändchen Lyrische heraus. Wird es ihr widmen. Nun ja, wenn nur ich's nicht lesen muß; – schrecklich! Was will sie mit dem Süßling? In seinen Blicken nach Goldrun liegt doch ein Etwas – feucht sentimentaler Art – so etwas Ansaugendes, – hübscher Stutzer, was man schön nennt, Modejournal-Monatrettichgesicht mit aufgedrehtem Bärtchen – Wie, eifersüchtig auf den Wonneflöter? Schäm dich, Herz! * Wieder verschnupft. Sie meint mich wie armes Würmlein behandeln zu können. »Ei mit Kandiszucker? – Holdertee? Naß Tuch und wollene Binde um den Hals?« Als ob ich ein Mutterkindel wäre! Spottet auch auf deutsche Verweichlichung, deutsches Wesen, Volk, doch da bin ich gestern sehr grob geworden. Sonst – es soll Humor sein, und man will doch Spaß verstehen. Muß ich die verfluchten Hemdkrägen haben und kann nirgends rechte finden. Die haben ganz den Teufel im Leib, halten nicht hinten, rutschen über die Krawatte heraus, sitzen auf der bloßen Haut; muß zupfen den ganzen Tag. Sie sieht alles mit Sperberblick. Schrecklicher Realismus des Weibs, Falkenauge der Mädel für Komisches, für Ungeschicktes im Aeußern. Das tät' wenig, aber dann wieder bös launisch, tagelang; will sichtbar mich doch eifersüchtig machen. Wie hat sie gestern Dyrings Locken gestreichelt, mit Arnhelm geäugelt! Größere gewählte Gesellschaft in ihren Zimmern. Verehrer, einige Damen. Ihr Wesen vornehm, taktvoll unbefangen, das ganze Benehmen jene gesellige Kunst, die Natur ist. – Singt alte Balladen, auch die Olafballade wieder. Dabei Blick nach mir her, wie damals, Blitz im Auge. Dann Vorlesung aus Antigone. Dann Odyssee. Gesang von der Nausikaa. Sie hat nach deutschen Uebersetzungen mit Dyrings Hilfe gut ins Schwedische übersetzt. Liest abwechselnd mit ihm vor. Er singend, langweilig, sie mit ganzem Kothurngefühl, und wie mächtig das Leidenschaftliche in der Tragödie, wie rein und gehalten das gefühlt Ruhige im Epos! – Dann Tanz. Der Arnhelm nimmt sie doch sehr eng um den Leib. Sie tanzt auf Verlangen Solo. Pompejanische Tänzerin, – man meint, wie damals in Hardanger, sie werde jetzt aufschweben. Ich muß mich abwenden, mir wird unheimlich. Jetzt heißer und heißer, wieder die sausenden Tarantellakreise. Klatschen, Beifallstumult – inzwischen – sollte ich mich getäuscht haben? – wie sie atmend stillsteht, – ein Blick zu Dyring hinüber, der am Klavier sitzt – von ihm herüber – über die jungen Leute weg, die ihr die Hände fassen und tätscheln – nur ein Moment –, war das väterlicher Lehrerblick? War das dankbar töchterlicher Blick der Schülerin? – Nicht, als wollten sie sich sagen: nippt ihr immerhin, ihr Fliegen, – wir zwei – ? – Nein, fort mit dem Gedanken, fort! Er kommt aus der Hölle. * Will mich am Hafen zerstreuen, am wimmelnden Leben, den Völkertrachten. Schleppt ein schmutziger Bursch einen mächtigen Fisch an einem Wiedring, der durch die Kiemen gezogen, der Schwanz schleift auf dem Boden nach. Wie glotzt die tote Kreatur mich an! Muß an den Wels im Tindsee denken. »Auch ein Verehrer.« – Weg von da! Auch hier ist keine Zerstreuung für mich! * Niedlicher Traum das, heut nacht. Den dank' ich dem glotzenden Fisch von gestern. Träumt mir, ich schwimme als Fisch. Sie steht am Ufer und angelt mit goldener Angelschnur, daran hängt eine Goldfliege als Köder. Ich beiße an, zerre, die verfluchte schöne Fischerin zerrt auch, die Angelschnur reißt und ich bin frei mit der Angel im Rachen. Ich fahre umher wie verrückt. Kommt ein Hummer, verhöhnt mich, zwickt mich mit den Scheren, ruft eine Gesellschaft Krabben herbei, die zwicken und kitzeln auch. »He? he? Angebissen? Schmeckt's? Gesegnete Mahlzeit! Gute Verdauung!« Ich will das Hundepack schimpfen, – mummle, mummle – Papageno mit dem Schloß. – »Mummelbrei, Mummelbrei!« spottet die umtanzende Rotte. – Ich will wegschwimmen, bin ja schneller als das Krebsgesindel, – sie kreisen mich ein, bannen mich, klemmen mich – atemlose Angst und Wutpein – ich erwache, finde mich im Bett mich herumwerfend, höre mich noch mummeln. – Jetzt wie gerädert an allen Gliedern. – Habe übrigens beschlossen, in ein Tierschutzvereinsblatt einen Artikel gegen das Angeln zu schreiben. Man mag Tiere fangen, sie zu schlachten, auch mit List. Diese List aber gar zu schändlich, perfid, giftig. Das Tier wohlig in seinem Element, infam gelockt, getäuscht, in die Luft herausgeschnellt! Geschieht dem Fischer bei Goethe auch recht, daß ihn das Hexenluder hinunterkriegt. * Heut bringt der Arnhelm das Bändchen Lyrische. Bekommt einen Kuß. Kuß doch zu lang für bloß ornamentalen Kuß! Sie merkt mir etwas an, da geht der Spott wieder los. * Die Nagelschmiedin .         Was klopfet, was schmiedet das reizende Weib? Zum Amboß gebeuget den schlanken Leib, Einen zierlichen Hammer sie schwinget;           Dunkle und helle,           Süße und grelle Lieder zum Takt sie singet. Das Feuer, es sprühet in blutrotem Schein, Mitunter wohl spritzet sie Wasser hinein, Doch schnelle zum Blasebalg wieder           Hebt sie das linke           Füßchen und flinke Tritt sie ihn auf und nieder. Wie strahlet, wie blitzet ihr Auge dazu! Es stähl' einem Engel im Himmel die Ruh'. Auf der lächelnden Lippen Grunde           Glänzen und gleißen           Schneehell die weißen Zähnchen ihr aus dem Munde. Es rollen die Locken ihr übers Gesicht, Wie blinket und züngelt ihr goldenes Licht! Das sind ja die funkelnden Schlangen,           Die mit den Ringen,           Die mit den Schlingen Zauberisch mich gefangen. Was beugt sich, was lächelt, was strahlet und blitzt, Was klopfet, was hämmert, was glühet und spitzt Die Geheimnisvolle, die Arge?           Große und kleine,           Grobe und feine Nägel zu meinem Sarge. * Will mir mit Arbeit helfen. Einmal doch wieder Schellings Abhandlung über die Freiheit vornehmen und gründlich lesen, vielleicht, wenn ich Gedanken darüber zusammenbringe, einen Aufsatz schreiben. Richtig bei einem Antiquar gefunden, da liegt's vor mir: »Philosophische Untersuchungen über das Wesen der menschlichen Freiheit und die damit zusammenhängenden Gegenstände«. Landshut 1809. Lange her. Noch unaufgeschnitten; werden wenig Philosophen in Bergen sein. Goldrun hat's auch nicht erwischt. Die könnte sich spiegeln; stammt schnurgerad aus dem dunkeln Grund in Gott, den der Philosoph doziert. * Will nichts werden mit dem Denken und Schreiben. Wollte schreiben, ehe ich recht gedacht, das mechanische Tun der Hand dabei sollte mich an der Stange halten, daß die Gedanken nicht abschweifen. Aber auch dabei stellen mir die Teufel nach. Alles wie verhext. Will ich eifrig fortlesen, so wollen zwei Blätter nicht auseinander. Beim Schreiben ist die Nässe der Tinte, und daß man nicht schon etwas andres hat erfinden können, ein heilloser Umstand. Tags hundertmal ein Fließblatt einlegen! Darüber vergißt man die besten Gedanken. Und Sand? Dies Grüseliche nicht zum Ertragen. Feder will sich nicht schneiden lassen, und mit Metall kann ich nicht schreiben. Alles Papier zu glatt; macht mich nervös, wenn die Feder so rutscht; Spannen in der Herzgrube. Ich liege in einem Ameisenhaufen. Tinte auch klebrig. Und verschüttet, zwei wichtige Seiten im Buch zum Teufel! Drei Blätter zernagt mir des Hausbesitzers junger Hund, sonst liebenswürdig. Alles fällt. Tisch wackelt. Schreibunterlage will sich nicht flach legen. Es ist nicht anders, es muß Teufel geben. Ganze Nester wie Raupennester. Stammen auch aus dem dunkeln Grunde. Hassen den Menschen, weil er aus der Natur heraus – – * Ja, ja, ich muß eine Mythologie daraus entwickeln, und dazu eine überzeugende, sogar den eignen Urheber überzeugende. Aber doch cum grano . Es soll erlaubt sein, zu lachen, obwohl – * Mythologie? Werde mir bald selbst zum Mythus! Mich mit dem jungen Schöngeist um das unheimliche Weib als Trabantenpaar herumbewegen! – Der Fant ist auch Romantiker. Spricht da neulich mit Phrasenduft von den Uebertritten der Friedr. Schlegel, Zach. Werner! – Schönfärber. Widerlich! – Dabei ein gewisses Schillern, ein glasiger Doppelglanz im Auge, und das gescheitelte Haar! * Und sie? Und sie? Ein Mensch oder ein Geist? Solches Metallhaar hat ja doch kein richtiger Mensch. Ist Schmetterlingsflügelstaub oder Vogelfedernschmelz, Fischschuppenglanz. Ihre Augen: blau, grau oder grün? Kann es nicht herausbringen. Es muß eben doch eine Nixe sein. Aber diese Augen antik, das Weiß der Bindehaut über den Sternen sichtbar. Das glüht! Wie die Augen der Juno auf pompejanischem Wandbild. * Truggespenster um mich! – Treibt sich da seit Wochen eine Figur um mit glattem Elfenbeingesicht und so einem Strich, einem Pli über die Augen herunter, als hätte der Mensch als Magnetiseur sein eigen Gesicht mit der Hand gebügelt; man hält das Ding für einen Jesuiten. Find' ich in der Dämmerung den Armhelm in vertieftem Gespräch mit dem Gespenst, dort in der Nygaardsallee. Höre im Vorbeigehen die Worte: »Heilige Symbolik – Mariendienst –« Sollte das Bürschchen gar ein Krypto – nun, es wird eben ästhetische Leckerei sein. * Stachelschweinrauschen! – Sie wird mir immer unheimlicher. Gehe wieder hin, erzähle ihr die Beobachtung, rede vom Proselytentum jener widerlichen Seelen, die sich vom Schimmer des Katholizismus fangen ließen, Schönheit und Wahrheit verwechselten, predige ihr vom Ernste protestantischer Bildung, zu dem sie gehöre und einfach halten solle, – ach, wie man ja immer der Tor ist, bessern zu wollen, wenn man unwürdig liebt! – Sie spricht von Pedanterie – eine prédilection artistique sei noch nicht blutiger Ernst, und derlei mehr. Ich sag' ihr, das Wort habe sie aus einem Brief Wilh. Schlegels aufgeschnappt, der sei aber auch schon tief genug im Lügenquark gesteckt, nahe genug am Versinken, verlogenes Pack sei das ganze Gelichter gewesen – Wahrhaftigkeit, rufe ich, Wahrhaftigkeit! mit gehobenem Finger. Sie wird schnell bös, fährt vom Sessel auf, ruft mit Furienblick: Prediger! – und dabei in der kurzen Bewegung ein Rauschen der Kleider, so stark wie bei sausendem Fluge. – Wenn das Stachelschwein drohen will, so treibt es den Wald seiner Kiele auf, man vernimmt dabei ein Rauschen, viel zu stark, als daß es aus dem Aneinanderschlagen der vielen Hornspieße erklärt werden könnte, das Tier vermag Luft in die Röhren dieser Organe zu treiben, um durch den windsbrautähnlichen Ton den Feind zu schrecken. Eine ähnliche Vorrichtung müssen die dämonischen Weiber in den Poren haben, um bei heftigem Aufzucken Luft in ihre Gewänder zu pumpen, daß sie geisterhaft rauschen und sausen. – Sie wird mir physiologisch unheimlich, monströs. Und der Zorn, weil ich an Wahrhaftigkeit mahne! Weiß, warum so beleidigt. Dies Weib ist nicht wahr. * Tagelang wieder gemieden. Gestern nacht am Haus hin und her gestreift. Sie sang. Das Olafslied. Es schmetterte wie Nachtigallenschlag in die Nacht, und dann klang's wieder wie Drohen und Hohn dunkler Meergeister, und wieder wie Mitleid, o, wie Klage der Okeaniden, die den gefesselten Prometheus beweinen, – ach, dies Weib ist doch entzückend. * Dyring krank. Sie viel mit Arnhelm allein. Eigentlich nicht hingewollt. Aber es zog mich eben doch. War mir schwül zumute. Doch eben Sehnsucht! Sehnsucht – Und – gefunden in Arnhelms Arm – des Knaben – heiß! heiß! – O, jetzt fort, fort, hinweg aus der Hölle! * Geschlagen habe ich sie! Aber, – o Schmach! dann – ! – Wie ich sie so gefunden, stürze ich zuerst schweigend fort, kehre nach kurzem Gang wieder um, treffe sie jetzt allein, trete vor sie, sag' ihr die Wahrheit; Metze hab' ich sie genannt. Wie ein schöner gefleckter Panther springt sie gegen mich auf, stößt etwas heraus vom Rechte des freien Weibs – ich packe sie an den Schultern – sie tut einen schüttelnden Ruck mit solcher Brunhildenkraft, daß ich zur Seite schwankend den Kopf an einen Schrank schlage, jetzt muß ich mich erwehren, schleudre sie zu Boden und gebe der Fallenden einen Schlag – sie weint – es reut mich – ein Weib! – ich werde wieder weich, weil ich sie weich sehe – hebe sie auf – die Goldlocken umwallen aufgelöst ihr Haupt und Marmorschultern, ich muß selbst weinen, – ach, es ist ja so schade um sie! – bedecke sie mit Küssen, schäme mich vor mir und renne hinaus und begegne draußen wieder dem Monatrosengesicht mit den Belladonnaaugen, dem Fant, dem gescheitelten Schöngeist-Engelkopf Arnhelm, – ein Lechzen sichtbar auf seinen Kirschenlippen – und nun aber endlich anfgepackt und weit, weit fort! * Drontheim . Da wär' ich! Frei! Weit weg! Wie am Ende der Welt! – Wild auf wilden Wegen weiter, immer weiter. – Frei? Wenn nur die Träume nicht wären – auch ins Wachen herein! Diese beständige Bangigkeit, dies Weh in der Herzgrube! Ich fürchte keinen Menschen und bin doch so atemlos zusammengeschnürt – Träume voll Todesangst – ich bin vergeistert, wohne im Reich der Dämonen. * Hätte mich das Ungetüm zerrissen bei Jostedalsbrä, mir wäre wohl besser. Die Bärenjagd mitmachen, – ich hoffte eine Kraftkur für die arme Seele. Im ewigen Schnee, am Eis der Gletscher: Ausstürmen, Kühlung! Will es ohne Schuß wagen, mit angepflanztem Haubajonett. Bär steht, Stoß fehlt. Die Rotjacke hat mich mit wohlgezieltem Schusse gerettet. Unkraut verdirbt nicht. Aber Tatzenhieb über die Schulter. Gut, daß der Doktor die Jagd mitmachte, der Schwede Erik hat mich in den Gard bringen lassen, verbunden. Wundfieber. Wilde Phantasien: Goldrun, goldglänzende Bärin, haut mich über die Brust, schleppt mich hinter den Ovsthusfoß, umarmt mich dort als Meerfräulein, verwandelt sich plötzlich in den Wolf Fenrir. – Am andern Tage wieder hell, doch schwach. Der Doktor gar guter, gesund nüchterner junger Mann. Sitzt an meinem Lager, der Ton seiner Stimme, der Blick seiner Augen so ehrlich und beruhigend; erzählt: hat sich als Arzt in Bergen nieder gelassen, holt bald seine Braut von Schottland herüber. Wird nicht müde, sie zu rühmen, wie reiches Seelenleben, und dabei so sanft, gut, brav; Vater ein Schotte, Mutter auf Perugia; heißt Cordelia, »und,« sagt er, »ist auch Cordelia«. Malt sich rührend sein nahes Glück auf, – wie die Zimmer einrichten – alles. Mir tönt das wie ferne Glocken, wie alte Sage von der ins Meer versunkenen Stadt. Einfaches Menschenglück! – Für mich nie! * Geheilt weitergewandert. Ueber wüste Hochebenen, todeseinsam. Oft hungernd fortgeschleppt, bis ein ärmlicher Säter mich aufnahm. Ein Schneehuhn flattert auf, ein Fuchs schleicht, keine Menschenseele. An Bergseen schwerträumend. Hinab? Unter? Nein, weiter! Ich sehe Gestalten im Geist über diese Wüsten schreiten, kriegerische, abgemagert, zerlumpt, ungebeugt, ein jugendlich Haupt ihr Führer. König Sverrir, der du mit deinen kühnen Banden einst hier ringend mit Kälte, Schnee, Hunger umhergeirrt, Kriegern in Birkenrinde gekleidet, oft der Verzweiflung nahe, sich fragend, ob sie sich nicht lieber hoch von den Klippen stürzen oder gegenseitig töten sollten, – hast ausgehalten mit deiner Schar, ein halb Jahrhundert gekämpft gegen Priesterherrschaft, drunten im Sognefjord in blutiger Seeschlacht gesiegt, – o, so etwas! wer mir das brächte! – Aber will aushalten! Will mich nicht schämen vor euch Heldengeistern. Bin Mann. * Hinüber dann ins Jötunfjeld, von den alten Riesen getürmt gegen die Asen, Gipfel an Gipfel, Zacken an Zacken, ewiges Eis, wütende Wasserstürze, Hochtal dazwischen schauerlich schön –, geisterhafte Seen –, ich schaue empor an den unerbittlichen Kristallen – fällt mir ein aus der Edda, wie es von Brynhild heißt: »Oft geht sie mit Argem Innen erfüllet, Eilt ob Eisbergen Nächtlich dahin –« Die Wilde dort in der Stadt könnte ich mir auch so denken. Muß ich sie überall finden? * Was soll ich aber hier in dem Drontheim da wieder unter den Menschen? – Einst, welchen Zauber hätte für meine Phantasie gehabt so uralt, fremd, fern hochnordische Krönungsstadt! – Jetzt, was geht's mich an, was es hier gegeben hat seit Olaf Trygvessön? Die Domkirche studieren, ihre alten Königsgräber? Norwegisch gotische Zickzackornamente nachzeichnen? Zickzack genug in mir selbst. – Auf dem Fjord im Sturm gefahren, hat wohlgetan; doch, wo Wasser, fällt mir der Tindsee wieder ein, immer, immer – * Ja, wenn's noch Vikinger gäbe! Hinaus auf dem Wellenroß in Sturm, in blutigen Krieg! Das wäre für mich! * Warum nicht hinweg? Jetzt auf, fort, hin nach Italien? Es hält mich mit Geisterknoten; es bannt mich. Ich mache mir vor, ich müsse Stimmung abwarten, innen austoben lassen, bis Sammlung zu ruhiger Kontemplation –, als ob man die nicht suchen müßte durch Weithinwegeilen. Aus den Augen, aus dem Sinn! Im selben Land ist immer noch in den Augen. Ist es aber ganz nur Selbstanlügen? Mir ist immer: es fehlt noch ein Punktum. Ach, immer noch der unerlöste Geist von damals! * Als sie mich wegschüttelte, als ich den Kopf an den Schrank schlug, da fiel mir Siegfried ein: »Daz im sin Houbet lute an eime Schamel erklank«. Er hat dann das wilde Weib bezwungen, dafür hat sie ihn morden lassen. – Bin ich fertig mit ihr? * Daß aber doch auch das Denken nichts, gar nichts helfen will! Besinne mich auf alle Weisheitssprüche – was ich nur aufgraben kann, aus dem gefrornen Gedächtnis heraushauen – Sprüche Salomonis, Weisheit der Brahmanen, Sakja-Munis herrliche Arzneien gegen die Leidenschaft, Konfutses Weisheit, Sieben Weise Griechenlands, Plato – ach, über dem fällt mir der sanfte Gang in Westfjorddalen wieder ein, unsre Plato-Abende in Bergen, jede Stunde, wo sie gut war und vernünftig – – fort, weiter; die Stoiker, Markus Aurelius, der reine Kühlbrunnen seines Εις εαυτον –, Goldworte des Neuen Testaments –: da taute aus Knabenzeit wieder in mir auf: »Denen, die den Herrn lieben, müssen alle Dinge zum Besten dienen,« – die Augen wurden mir feucht –; mein Spinoza – Kant – der fiel mir nach langer Zeit wieder ein, sein ehrliches Schriftchen: »Von der Macht des Gemütes, durch den bloßen Vorsatz seiner kranken Gefühle Meister zu werden«, – u. s. w. u. s. w. u. s. w. – Und alles umsonst! Die Leidenschaft ist eine profunde Sophistin. Was sagt sie? Sie sagt: alles ganz wahr und schön, mag auf alle Fälle passen, nur auf diesen nicht; der ist von absoluter Besonderheit . Das Diese kämpft gegen die Wahrheit und Macht des Allgemeinen, will sich in seiner zäh gebackenen Dichtigkeit nicht von ihm perforieren lassen. Ja die Diesheit , das ist etwas gar Dunkles, Schweres, ein großes Geheimnis. * Und diese Einsicht in den Sophismus der Leidenschaft nutzt mir auch nichts, rein nichts, hilft mir nicht, meine Seele wieder holen, die mir abhanden gekommen, die nicht mehr mir gehört. Mein Zentrum ist außer mir, heißt Goldrun, läuft um, wo es – wo sie mag, mißhandelt mich, entehrt mich. Ich bin nicht mehr Ich. * Dämonisch ist das Weib, dessen Reiz noch fortwirkt, während man sie schon verachtet – Eine Definition unter andern, es gibt noch mehrere. * Oft war sie zwischen Herrschsucht, Siegeshohn ganz untertänig, mehr als recht. Der Hochmut und der Sklavensinn, Die sind in einer Schublad' drin. * Den ersten habe ich zu wenig bekämpft, den zweiten nie benutzen mögen. Ach, in der Liebe, meint man ja, gelte nur ein Gesetz: unendlich gut sein! * Vertrackte Zufälle führen mich ganz gegen meinen Sinn und Geschmack an eine Table d'hote. Rede nach Gewohnheit, weil ich in der Jugend für meine Zutulichkeit gar so schwer Lehrgeld gegeben, am Wirtstisch überhaupt nichts, außer wenn Nachbarn mit mir anfangen. Alles schweigt, nur da und dort kurze gedämpfte Gespräche. Dauert zwei Stunden, hab's eine ausgehalten, weil erst nach einer Stunde das Stückchen Braten kam, das gesunde Nahrung. Dann fort. – Unendlich rohe und gemeine Sitte, zwei Stunden lang stumm fressen, den Magen vollstopfen. Kuh an der Raufe frißt gebildeter. * Wieder hinaus in die Berge. Etwas erlabt. Rotmützige, dunkelbraune, schmalaugige Lappen gesehen, Renntiere weidend. Die haben's gut, still bei den stillen Tieren mit den waldfrischen, sanften Augen. Fressen auch beide an keiner Table d'hote. * Es ist gar trocken heiß, wir sind stark im August. Alles seufzt nach Regen. Alle Abend Wolken, lang Wetterleuchten und reicht doch nicht, kann doch nichts werden. So ist's in mir. Es muß noch einen Durchbruch nehmen. – * Endlich! Ein Prachtgewitter. Wie hat mir's wohl getan! So mächtig durchschlagen! – Da hat sich mir unvermutet die Muse einmal wieder eingestellt.             Es glüht das Land, es lechzet     Die ausgebrannte Au, Jedwedes Wesen ächzet     Nach einem Tröpfchen Tau. O Himmel, brich! Entschließe     Dies Blau aus sprödem Stahl, Nur Regen, Regen gieße     Herab ins schwüle Tal! Er hört. Im Westen webet     Und spinnt ein grauer Flor, Er ballt sich, schwillt und schwebet     Als Wolkenberg empor. Jetzt mit den Feuerzügeln     Fährt auf der jähe Blitz Und aus den luft'gen Hügeln     Löst er sein Feldgeschütz. Heut hat man baß geladen,     Es zuckt wie gestern nicht In fahlem Schwefelschwaden     Ein stumm verglühend Licht. Es kracht. In Ketten wandern     Die dumpfen Donner fort, Von einer Wacht zur andern     Rollt hin das Schlachtenwort. Was atmet, rauscht und sauset?     Frisch auf! Der Sturmwind naht. Der Wald erbebt und brauset,     In Wogen geht die Saat. Schon dampft ein Meer von Würzen     Aus der behauchten Welt Und satte Wetter stürzen     Auf das geborstne Feld. * Mir auch, mir auch so – Schlag, Sturz, Kühlung! * Gehe spazieren. Fjord prachtvoll. Luft mild. Selbst Nußbäume. Fluren saftig. Kröne mich mit Stille, salbe mein heißes Haupt mit Oel des Friedens, alte Krönungsstadt Nidaros! * Will keine Gesellschaft. Am wenigsten die Engländer da, die ich zum drittenmal in der Speisewirtschaft finde. Verwünschte Sprache. Ein Gott hat sie im Lachkrampf erfunden und gesagt: eine Sprache soll sein, die sei zweckmäßig kurz und doch reich, dadurch fast zur Weltsprache geeignet, aber im Klang so, als brächte man zum Spaß unanständige Töne hervor. – Uebrigens kann man die Sprachen auch so einteilen: das Englische reine Auster, schleimig mit Seegeruch. Das Italienische Rotwein mit Orangen. Das Französische Likör und Biskuit. Das Deutsche gutes Roggenbrot mit Rettich und kräftigem Bier. Das Holländische ganz Hering. Doch alles dies ist auch wieder gleichgültig, denn jede Sprache hat außerdem noch Nektar im Keller. Da sind die Dichter die Schenken, ideale Kellner. In der lächerlichsten aller Kultursprachen hat Shakespeare geschrieben. * Mich einmal wieder über die Menschen empört. Einige Herren, dabei Vater mit Sohn, am selben Tisch drüben im Kaffeehaus. Die Unterhaltung geht in Zoten über, ekelhaft. Man sollte gar nicht mehr unter die Menschen gehen. – Gewiß enthält das Geschlechtsleben des Menschen reichen Stoff des Komischen. Es wäre abgeschmackt, diese Quelle für Lachen und Witz verpönen zu wollen. Wo fängt nun aber das Gemeine, das Wachtstubenmäßige an? Was ist die Grenzlinie? Habe oft darüber nachgedacht, es ist schwer finden. Ungefähr so: das Gemeine beginnt, wo der Stoff nicht mehr durch zufälligen komischen Kontrast oder durch erzeugten, das heißt durch Witz verflüchtigt wird, sondern wo er als Stoff schon komisch interessant sein soll. Es muß ein Plus von komischem Kontrast oder Witz über den puren Stoff da sein. Wie ekeln mich die Kerle an, die meinen, es sei an sich schon witzig, wenn man dies oder jenes auf das Geschlechtliche bezieht! Dann das Augenzwinkern, Zunicken: weißt, wir verstehen, wir kennen das! Dann das stinkige Bocksgelächter. Diese Schweine in Glacéhandschuhen haben sogar vor dem Vater und Sohn, die nebeneinander saßen, Zoten gerissen. Schamlos; es sind Dreckseelen. – Man kann die Menschen nicht keusch machen, aber die Schamhaftigkeit sollten sie sich erhalten, Mann wie Weib. Keuschheit verloren ist noch nicht Scham verloren, sonst wäre ja die Ehe etwas Schamloses. Schamhaftigkeit zum Teufel, so ist die Schwungfeder zu allem Idealen in der Seele zum Teufel. – Das Geschlechtsleben ist an sich ehrwürdig, heilig. Der unverdorbene Jüngling verehrt unbewußt in der Jungfrau das geheimnisvolle Gefäß von Menschenkeimen. Das Geschlechtliche steht also an sich schlechtweg in keinem Kontrast zum rein Spirituellen in der Liebe. Der tiefste Geist kann so Tiefes nicht erfinden, wie das Wunder der Zeugung. Natürlich jedoch müssen Beleuchtungsmomente eintreten, wo scharfer Kontrastschein entsteht. Höchsten ethischen Zwecken, Gefühlen gegenüber fällt auf das Sexuelle das Schlaglicht des Tierischen, ja Mechanischen. Man hat über diesen Kontrast gelacht, solange die Welt steht, auch das reinste Weib. – Gut, dann lacht! Sucht es aber nicht, macht nicht Jagd nach solchen Beziehungen, meint nicht, es sei schon witzig, anzudeuten, daß euch der Geschlechtsprozeß und seine Lust bekannt sei; das ist ja Kot! Das heißt ja: sich freuen, Tier zu sein, unter dem Tier, das Tier reißt keine Zoten! * Keuschheit verloren, Etwas verloren, In der Ehe etwas gewonnen. Scham verloren, Alles verloren, Die Seele in Schmutz zerronnen. * Ihr Götter, was fange ich an zu fühlen! Himmelstau: Langeweile! O gegrüßt, das ist Zeichen der Genesung! * Draußen am Lerfoß gewesen, eine Gesellschaft getroffen aus Christiania, wobei ein Prachtweib, groß, durchaus stilvoll gebaut. Weg, will nichts davon! Will kein Rasseweib mehr sehen! Es ist ein Elend, daß unsereinem kein Weibesgebild gefallen kann, wo der Teig sitzen geblieben; bei den Rasseweibern ist er gut gegangen, aber der Teufel hat den Herd geheizt. * Sammlung wächst, wenn ich nicht ganz irre. Glaube mich auch gewappnet gegen die heißen und plastischen Weiber in Italien. Muß nun doch bald hin, dort Heilung vollenden. Noch eine, zwei Wochen vorher lateinische Klassiker lesen, wird gut tun. Objektive Sprache; wird kühlen. Dann auf und hin zum Süden. * Die Träume sind mir doch noch gefährlich. Diese Nacht vor Einschlafen surrt mir der letzte Vers des Gewittergedichts im Ohr. Träumt mir, das getränkte Erdreich öffne sich und ihm entsteige ein nacktes Prachtgebilde. »Dies ist nicht das Meer,« sage ich, »du bist nicht Anadyomene.« Sie nickt, ich meine das schöne Weib zu erkennen, das ich draußen am Lerfoß gesehen. »Laß mich!« rufe ich. »Komm,« flüstert sie, »ich zeige dir Anadyomene.« Wie magnetisch zieht sie mich, schwebt mit mir über Gebirge, Meere, der Himmel wird tiefer blau, Inseln schwimmen, rein gezeichnet, in Azur getaucht; ein Vorgebirge steigt auf, eine Landzunge ins Meer vorgelagert; »hier ist Knidos,« spricht die geisterleichte Trägerin, läßt mich vor einer Tempelhalle nieder, ich trete ein und da steht sie, die Gewänderablegende, – leuchtend, das Höchste, was kunstgewordene Natur erschaffen kann. Schauen will ich, spricht's in mir, und fernbleiben. Da seh' ich Lebenswärme durch den Marmor rieseln, das Antlitz färbt sich, das Haar wird Gold und ich erkenne Goldrun. Sie regt sich, winkt. Der Boden wankt. Ich versinke. * Teurer Phaon! Hier findet sich ein Blatt von fremder, weiblicher Hand, ein Brief in griechischer Sprache. Es geht zur Hälfte ein Riß hindurch; der Empfänger, scheint es, wollte ihn zerstören und ließ wieder ab. Ich gebe den Inhalt in deutscher Uebersetzung. Der Herausgeber. Hinweggegangen bist Du, und hergeschritten ist mit ehernem Fuß der langhinstreckende Tod, in Hades wandelt der Freund, der Enkel der Hellenen, der Weise, der Deuter des göttlichen Platon; sterbend hat er Dich genannt und gestammelt: er nun Dein Schutz und Hort. – Geschieden ist der Jüngling, der kurze Blindheit hellem Geist hat angehaucht. – Du zürnest, zürne nicht länger! Aber mein Zorn lodert nicht lange Zeit, Sondern friedlich und sanft ist mein Gemüt. Also spricht Psappha, die Lesbierin, also spreche ich, also sprich auch Du, o Freund! Einsam bin ich, o Guter, wandle seufzend wie Schatten am Acheron. Der Mond und die Siebensterne Sind unter und Mitternacht ist's; Vorüber ist schon die Stunde, Ich aber bin ganz alleine. – Vielfach sind die Bewegungen des Eros, sanft die einen, gewaltig die andern, um Dich aber, o Freund –: Eros schüttelt mir wieder so stark das Herz Wie der Sturm, der im Forste die Eichen bricht. Ich habe zu seiner göttlichen Mutter gefleht: Aphrodite, himmlische, thronumprangte Tochter Zeus, Listsinnende, hör mein Flehen: Laß in Gram und schmerzlicher Qual mein Herz nicht,     Herrscherin, brechen! Sondern komm, – – Und gekommen ist sie, Sperlinge, zierlich flinke, die eilenden Flügel schwingend, trugen den goldenen Wagen Mitten durch den Aether zur dunkeln Erde     Her vom Olympos. Und Lächeln im unsterblichen Antlitz, fragte die ewig Heitere: Was für Leid denn wieder mich plage, was denn     Wieder ich rufe, Was ich meinem schwärmerisch heißen Herzen Jetzt zumeist ersehne. »Wen soll denn wieder Peitho deiner Liebe gewinnen, wer denn Kränket dich, Psappha?« Sende hin zum zürnenden Freunde Peitho, Sprach ich, redend sänftige sie das Herz ihm, Führ ihn her zu seligen grünen Auen     Lieblichen Strandes. – Wisse, o Freund, am Sjöstrand dort, am Ufer des Sognefjords war Baldurs Hag, und Frithjof, der junge Held, fürchtete nicht des Gottes Zorn, und der gute schöne Gott duldete es, daß er in seinem Haine Götterstunden lebte mit der süßen Pflegschwester Ingeborg, König Belis Kind. Komm, Du Guter, Teurer, komm, Phaon, in die Arme Deiner Psappha Chrysostoma. * Aus ist's, ich kann nicht widerstehen. Es ist eben doch ein gutes Weib. Kurze Verirrung des Gefühls – warum soll man sie schließlich nicht verzeihen? Wird mit Arnhelm doch nicht zu weit gegangen sein, und übrigens muß man sie eben überhaupt als Griechin auffassen. Und ihr Spott war und ist eben Humor. Solch ein Weib findest du ja doch nicht wieder! Aus! Heute noch vorerst Eisenbahn bis Stören, dann weiter zu Schiff, zu Fuß, zu Pferd, Skyds-Fuhr, im rumpelnden Stolkjären, in schaukelnder Karriole, fort, fort durch dick und dünn, fort zu Baldurs Hag! Nach Haus, ja nach Haus, zu Haus bin ich doch nur, wo sie ist! *         Jetzt schnaube nur, Dampf, und brause! Jetzt rolle nur, Rad, und sause! Es geht nach Hause, nach Hause! Du kannst nicht jagen, o Wagen, Wie meine Pulse mir schlagen! Zur Geliebten sollst du mich tragen! Vorüber, ihr ragenden Stangen! Verschwindet, ihr Meilen, ihr langen! Wer ahnt mein Verlangen und Bangen! Auf den Bänken, wie sie sich dehnen! Wie sie schwatzen und gaffen und gähnen! Es ist nichts, wonach sie sich sehnen. Dort raset der Sturm durch die Tannen, Zum Dampfe noch möcht' ich ihn spannen, Daß er rascher mich reiße von dannen! Hinweg aus dem plappernden Schwarme, O, hin an die Brust, an die warme, In die offnen, die liebenden Arme! * Lekanger am Sognefjord . Getroffen. – Sjöstrand eine Lustaue, als wäre man in Italien, Fruchtgarten an Fruchtgarten. Vögel girren und schlagen, Eichen und Eschen flüstern, Bäche rieseln, groß brandet die Woge. Aber welche Berge, welche Schneehäupter ragen herüber wie Ewigkeit in den Moment der Wonne! Ja hier, hier! Gönne mir mein Glück in deinem heiligen Hage, deiner alten Friedens- und Opferstätte, du Jugendgott mit den blühenden Wangen, gönne mir's, Baldur! Hast's auch Frithjof nicht mißgönnt, als er herübersteuerte von Framnäs. des Vaters Haus, auf seinem Schiff Ellidi, und sie besuchte, die Gespielin seiner Kindheit, die holde Ingeborg, ihm verweigert von den stolzen Brüdern Helgi und Halfdan und verwahrt in deinem Heiligtum! * Selige Tage, nur Tage, denn noch scheint die Mitternachtssonne unsern Entzückungen. * Wir rudern her und hin am Fjord, hinüber nach Balholmen an König Belis Grabhügel, hinüber nach Vangsnäs, dem alten Framnäs, wo er seine Kindertage lebte, der starke, der liebende, der treue Held. * Welche Großheit wieder, wenn sie das Ruder schwingt, wenn sie vorgestreckt den starken Druck übt, dann die Schaufel dreht, das Ruder zurückzieht und aufrecht wieder in ihrer Gliederpracht steht, herumschaut, und gerötet vom tüchtigen Werk, mich mit den großen Augen anlächelt! So war sie ja auf dem Tindsee, da hat sie mir's angetan, nur hat sie mich so sonnig aufgeblüht noch nicht angeschaut! * Gestern Sturm. Wir hatten schwer zu kämpfen. Wie trotzig stand sie wieder, wie herrlich wühlte wieder der Wind in ihren Goldlocken! Frithjof fiel uns ein, wie er auf König Helgis Gebot fort muß, weg vom heißen Glück, und Jarl Angantyr zwingen, daß er Schatzung zahle, und wie draußen in offener See der tobende Schneesturm auf sein Schiff Ellidi gestürzt kommt. Sie sang aus dem alten Liede: Helgi läßt die Wogen, Die schaumgemähnten, wachsen, Nicht ist's, wie da wir küßten Die Braut in Baldurs Hag. Ich nahm die Strophe auf: Ich saß auf Polstern Im Baldurhag, Sang, was ich wußte, Der Königstochter. Nun soll ich sicher Rans Bett betreten, Ein andrer aber Ingeborgs. Der Sturm warf Regen und Hagel, die Kälte schüttelte uns. Da lachte sie und sagte: »Auch die Götter froren; als Frithjof zurückkam, fand er Helgis Frau, wie sie Baldur am Feuer wärmte.« – Wie verheißend zuckt es dabei über ihre Züge, welcher süße Frevel spielt auf ihren Lippen! * O ihr Asen hoch im Himmel! O Bragi, o Baldur. Nicht zu Ran, nicht zur dunkeln Hel im Abgrund, nein, als ehrlicher Kämpfer mit den Einherien zu Walhalla laßt mich einst fahren! – Es wird unheimlich um mich! – * Meine Eisenbahnverse haben wenig Glück bei ihr gemacht. Sie mag den gerührten Ton nicht. * Diese Nacht, wie ich so die Schlummernde, Hingegossene beschaute, warum kam denn plötzlich ein Grauen über mich? Ich bin doch so sehr im Vollglück. Und warum beim Anblick von Dyrings Bild, das sie als Medaillon am Busen trägt? Er war doch so eine platonische Natur, so ernst, so edel! * Warum wächst denn dies Grauen und muß mir einfallen, wie Faust in der Helena, die ihm der Teufel zuführt, ein Gerippe umarmt? * Habe den griechischen Einladungsbrief wieder gelesen. Wo war meine Nase? Zur Lust locken hart am Grabesrande des väterlichen Freundes! – Und sollte er, er sterbend sie an mich –, ist's glaublich, wenn ich mich gewisser Blicke – doch nein, diese Mißgeburt stoße aus, mein krankes Hirn! – Aber der Brief! Ein Geflick aus Lappen der Sapphobruchstücke! – * Mit ihrem Griechisch ist es auch so weit nicht her, als ich meinte. Dyring und Arnhelm haben ihr immer geschickt nachgeholfen. * Diese anhaltende alte Angst kommt wieder, diese Zusammenschnürung der Herzgrube. * Ich meine immer, ich müsse ihr recht fürchterliche Predigten halten und dafür solle sie mich recht küssen. Vereinigter, gleichzeitiger Kußregen und Ohrfeigenregen – so steht's hier ums Wetter, dies wäre meine Losung. * Könnte jetzt mit andern Versen aufwarten.         Du reizend Ungeheuer,     Neig her den schönen Leib! Reich mir den Kelch voll Feuer,     Du wunderbares Weib! Willst du mich küssen, drücken,     Werd' ich mich nicht entziehn, Spür' ich in meinem Rücken     Den Dolch auch immerhin. Wie salzlos wär' die Liebe,     Wie matt ihr Himmelsgold, Wenn sie aus einem Triebe     Allein bestehen sollt'! Da ist man erst gerühret,     Das ist der rechte Spaß, Wenn Haß die Liebe schüret     Und Liebe schürt den Haß. In unsrem Liebesorden     Mag man das Schlichte nicht, Da möchte man sich morden,     Wenn man sich heiß umflicht. Sag, welches Erdgeists Laune     Hat dich so stolz gebaut? Mir graut, indem ich staune,     Ich staune, wie mir graut. Sag, welcher wilde Dichter     Hat dich, o Weib, erdacht? In dir die Himmelslichter     Gemischt mit Hadesnacht? Du winkst mir in den Wagen,     Es ist schon eingespannt, Zwei Rappen uns wohl tragen –     Du weißt, in welches Land. Da bin ich schon zur Stelle,     Die Geißel schwinge frei! Nun im Galopp zur Hölle!     Hurra, ich bin dabei! Soll ich's ihr zum Lesen geben? * Entsetzlich! Unmöglich! Und doch! – »So war ich mit ihm.« Mit dem Platolehrer! – Sind mit dem Knaben Arnhelm zwei gleichzeitig, drei so gut als gleichzeitig! Denn daß sie mit dem jungen Schöngeist auch »so war«, wie könnt' ich noch zweifeln! – Und hingesagt hat sie's leichtweg, als verstände sich's nur so von selbst! * Wirklich, er hat's angenommen. Er muß arg hungrig gewesen sein, der Köter. Mir ist zumut, als nähme kein Hund mehr ein Stückchen Brot von mir an. Der eine wenigstens verachtet mich doch nicht. Bäume, Berge, Schornsteine grinsen auf mich her, Wasser blinzeln nach mir her und sagen: uns ekelt an dir! * Sie niederstoßen? – Ein Weib! – Daß ich ihn erreichen könnte – das Messer bis ans Heft in die Brust und zwölfmal darin umdrehen! – Einen Dolch muß ich mir doch anschaffen – einen schönen, spitzen, langen, recht blank – nur öfters ansehen und denken – * Lachst du, Heuchelfratze? Verkreuchst dich in deinen Fuchsbau drunten und kicherst heraus? Wart, wart, Larve, man kann auch einen Toten – – Mein Gehirn siedet, – es rieselt mir so oben herüber – Schatten, Wolken – auch der triefende Schweiß zurückgetreten, in dem ich von ihr fortstürzte hinaus in den Sturmwind – verkältet ins Mark hinein – böse, böse Mischung – *           * * Hier ist es, wo die Blätter des Tagebuchs auf eine lange Lücke schließen lassen. In diese Lücke tritt, was ich von Mac-Carmon in Wasen vernommen habe. Ich lasse ihn sprechen. »Mein Schwiegersohn Erik lernte A. E. kennen auf einer Bärenjagd in den Jostedalsgebirgen und behandelte ihn als Arzt, da er verwundet wurde. Er schien auch in der Seele wund, – sie kamen sich im Austausch ziemlich nahe, doch nur aus hingeworfenen einzelnen Worten konnte Erik auf eine Verstörung schließen, deren bestimmtere Ursache ihm undeutlich blieb; einige abgebrochene Reden, die er in der Phantasie des Wundfiebers hervorstieß, legten aber den Schluß auf eine schwere Erfahrung mit einem Weib nahe. »Erik kehrte nach Bergen zurück, wo er sich niedergelassen. Von A. E. wußte er nur, daß er sich Drontheim zugewendet. Ein paar Monate waren vergangen, da glaubt er nachts beim Schein einer Laterne A. E. zu erkennen, der in wildem Laufe keuchend an ihm vorüberstürzt. Er vernimmt ein heiseres Fluchen, von Husten und Niesen seltsam, fast komisch unterbrochen, und erinnert sich, daß A. E. öfters über Neigung zu katarrhalischen Affektionen geklagt hatte. Der kurze Lachreiz verging ihm, als er im Nachschauen etwas wie einen Dolch in der Hand des nächtlichen Springers funkeln sah. Er kann noch wahrnehmen, daß die dunkle Gestalt einem Hause zueilt, das vereinzelt an einem Kanale des Hafens steht; er sieht jemand aus dem Hause treten, A. E. den Begegnenden anhalten, er meint zu beobachten, wie er den blinkenden Stahl gegen ihn hebt, dann aber den Ruf zu vernehmen: ›Nein, nicht dir!‹ Verworrene Laute gedrängter Bewegungen lassen auf ein Ringen der beiden schließen, es folgt ein platschender Schall, wie wenn ein Körper ins Wasser fällt, Erik ist inzwischen näher gekommen, sieht einen Schwimmenden sich an die gegenüberliegende Kanaltreppe durcharbeiten, A. E. aber in dem Hause verschwinden. Es war ihm nicht unbekannt, daß hier eine durch Schönheit und Geist ausgezeichnete, aber von dunkeln Gerüchten umsponnene Dame wohnte; er bemerkt Licht in den Zimmern zu ebener Erde; nach wenigen Minuten hört er hinter den Fenstern einen Schrei, einen dumpfen Fall, kurz darauf stürmt A. E. aus der Haustüre und sinkt nah an der Schwelle zu Boden. Er beugt sich über ihn, befühlt ihn, kann kein Blut entdecken; ›nichts, nichts!‹ hört er ihn hauchen. Er läßt vorerst von ihm ab, denn ohne Verzug muß erkundet werden, was im Hause geschehen ist. Erik tritt rasch ein, sieht eine Tür offen, aus welcher Helle dringt, und im Zimmer eine weibliche Gestalt am Boden liegen; eine Dienerin ist um sie beschäftigt, Erik bemerkt einen Dolch am Boden und ruft: ›Hier ist ein Mord geschehen!‹ Bei diesem Laut erwacht die Hingestreckte und stöhnt: ›Kein Mord! kein Mord! Schweigen! Um Gottes willen, geheimhalten!‹ Die Dienerin stottert hervor, sie sei dem Hineinstürmenden nachgedrungen, habe noch gesehen, wie er unter wilden Ausrufungen, die sie nicht verstanden, der Herrin einen Dolch an den Kopf schleuderte, dann sei er fortgestürzt. Erik nahm den Dolch auf, es war kein Blut an der Klinge, aber mit Grausen warf er ihn weit von sich, als er näher hingesehen hatte. An der Stirn der Dame glaubte er eine kleine Ritzwunde zu bemerken. Er eilt nun, sich des Ohnmächtigen anzunehmen, bringt ihn durch Benetzen mit kaltem Wasser aus dem nahen Brunnen zu sich und schafft ihn halb führend, halb tragend, in seine nahe Wohnung, wo er, entkleidet, auf ein Bett gelegt, verworrene und doch nur zu verständliche Worte fiebernd herauszustoßen beginnt. ›Unter die Erde verschlüpft, Plato? – Man findet dich?‹ – Hier fing er an, mit den Händen Bewegungen zu machen, als hiebe und scharrte er mit einer Haue. – ›Haben wir dich? – Grinsest du? Höhnst mich? Ziehst du die halbverwesten Lippen in Fältchen zusammen und pfeifst mich aus? Her die Brust, woran sie gelegen! – So! So! – schon ziemlich weich! – Pfeifst wieder, loser Schalk? Auch aus der Brust?‹ Der Phantasierende rührte dabei die Arme, als stieße und wühlte er, und brach dann in ein entsetzliches Gelächter aus. Nun sah man seine Arme und Beine zucken, wie die eines Schlafenden, dem man anmerkt, daß er zu laufen träumt, auf einmal bäumte er sich auf seinem Lager, schien gewaltsam zu schütteln, dann wie mit einem heftigen Ruck etwas feindlich Umschlingendes hinwegznschnellen, und man hörte Worte: ›Da, kühl dich, Jesuit!‹ Es folgte eine Pause, dann keuchte er hervor: ›Erschrickst, Sappho? – Nur keine Angst – da hast deinen Plato!‹ Er hatte dabei den Arm wie zum Schleudern gehoben, ließ ihn schnell wieder fallen und sank nun mit schweißbedeckter Stirne matt in die Kissen zurück. »Am frühen Morgen ließ Erik den Kranken wohlverwahrt in dessen eigne Wohnung schaffen, kehrte das Nötige zu seiner Pflege vor und eilte dann zuerst auf den Kirchhof. Hier fand er den Totengräber in starrem Staunen vor einem aufgewühlten Grab stehen, darin einen offenen, sichtbar zerschlagenen Sarg und im Sarg eine Leiche mit zerrissener, breitklaffender Brust. Er vermochte den Mann zu überzeugen, daß es ein gutes Werk sei, diese Tat eines Wahnsinnigen geheimzuhalten; er glaubte in dem einen Falle kein Unrecht zu tun, wenn er seine Gründe mit einer Summe Geldes unterstützte, die dem bedürftigen Mann eine Wohltat war und niemand ein Uebel brachte. Während der Beschenkte sich schnell an die Arbeit machte, das Grab wieder zu schließen, eilte Erik in das Haus, wo der grasse Auftritt vorgefallen war; er fand die Dame im Fieber, die leichte Stirnwunde erschien etwas entzündet, er riet ihr dringend, sogleich den eignen Arzt herbeizurufen und ihm das Vorgefallene nicht zu verhehlen, er versicherte sie, daß er selbst für Wahrung des Geheimnisses gesorgt habe und weiter sorgen werde; die Kranke suchte ihn festzuhalten, Geständnisse schienen auf ihren Lippen zu schweben, aber er konnte und durfte nicht verweilen. Erik hatte in diesen Tagen alles zu einer Uebersiedlung nach Christiania vorbereitet, wo durch Abgang eines gesuchten Arztes ihm eine ungleich bedeutendere Praxis in Aussicht stand. Es war keine Zeit zu versäumen, der Zweck forderte dringend seine baldige Abreise, es gab viel zu tun, Anordnungen schnell abzuändern, die vor kurzem noch unter andern Umständen getroffen waren. Erik hatte eben um diese Zeit seine Braut in Edinburg abholen wollen. Ich selbst mußte ihm unter diesen Umständen raten, davon abzustehen, ich beschloß, meine Tochter nach Christiania hinzubringen und die Hochzeit dort zu feiern. Und in diesem Momente war dem edlen jungen Manne die Pflege jenes Unseligen aufgebürdet! Er konnte, er wollte ihn nicht im Stich lassen, zu tief bewegte ihn dies dunkle Menschenschicksal. Auf der andern Seite war die Sachlage doch auch nicht ungünstig zu nennen, da ihr Drang zugleich das Mittel der Rettung aus drohenden Gefahren darbot. Zwar daß der unfreiwillig Gebadete ausschwatzen werde, war offenbar nicht zu befürchten, aber wer konnte bürgen, ob von andrer Seite das Geheimnis bewahrt bleibe? Ob dem Totengräber nicht ein unvorsichtiges Wort entfalle, ob sich die verstörte Dame nicht selbst, ob der Kranke sich nicht verrate, wer wissen, wie der andre Arzt, den Erik nicht kannte, im Gewissenskonflikt sich entscheiden werde? Aufwühlung eines Grabes, Vergehen an einem Leichnam, – die Behörden mußten tätig werden, ein allgemeines Aufsehen mußte entstehen, und die unheimlichen Folgen waren nicht zu überschauen. Besser konnte nicht vorgebeugt werden, als wenn man den Mann, auf den vor allem das allgemeine Aufsehen sich werfen mußte, den Täter, den Kranken hinweg, weit hinwegschaffte – aus den Augen, aus dem Sinn! »Erik fand ihn, als er nach wenigen Stunden ihn besuchte, ruhiger, meist schlummernd, doch stark fiebernd, schwere Erkrankung des ganzen Nervensystems war sehr zu befürchten, trotzdem war es nicht allzu gewagt, ihn zu Schiffe fortzubringen, die Seeluft konnte sogar heilsam wirken; rasch wurden die Vorbereitungen getroffen, die Abreise bewerkstelligt, das Wetter war schön und versprach, es zu bleiben; wirklich begünstigte es die Dampfschiffahrt um die Südspitze der Halbinsel, und ohne störenden Zwischenfall wurde Christiania erreicht. Für Unterkunft und Pflege des Kranken konnte ausreichend gesorgt werden, in einem Nebenhaus der Wohnung, die Erik bezog, fand sich passender Raum, und ein verschwiegener Krankenwärter wurde bald ermittelt. Sehr glückliche Umstände! Denn jetzt brach das befürchtete Nervenfieber aus, furchtbar schüttelte es den Unglücklichen, und entsetzliche Phantasiebilder jagten sich in seiner Seele. Er glaubte, das falsche Weib als Drachen über Eisberge zu verfolgen, mit ihr vom Rjukanfoß durch Felsschluchten ins Innere der Erde hineingeschlagen zu werden, er verwechselte sich mit der mißhandelten Leiche und glaubte, Goldrun wühle mit dem Dolch in seiner Brust, dann träumte er wieder von der Sognebucht, vom Baldurshag, seine Ausrufungen ließen auf beseligende Bilder schließen, aber schnell vertauschte sich die Bucht mit dem Tindsee, er sang Verse von Olaf, den die Meernixe verführt, plötzlich sah er sich von einem Ungeheuer der Tiefe verfolgt, rettete sich auf ein Schiff, fuhr als Vikinger hinaus in die Welt, er ließ Schlachtrufe vernehmen, er glaubte, verwundet niederzustürzen, er röchelte wie ein Sterbender. Endlich traten die ersten Symptome der Genesung ein, Erik hatte von Anfang an vertraut, daß der gute Schatz männlicher Kraft in seiner Natur die starke Krankheit besiegen werde. Doch drückte ihn eine dunkle Sorge: er befürchtete Schlimmes von dem Moment, wo mit der völligen Helle des Bewußtseins die Erinnerung des wirklich Geschehenen sich einstellen müsse. Nur zu begründet war die Besorgnis; die schwachen Versuche, dem Fragenden die Wahrheit zu verhüllen, konnten nicht vorhalten, die tagende Besinnung fand den Weg zum Ausgangspunkte seines Leidens, die kaum erstarkenden Nerven hielten die Erschütterung des furchtbaren Lichtanbruchs nicht aus: der Rückfall war da. Eriks Kunst und Sorgfalt hat auch dies überwunden; doch nicht allein – ihm stand jetzt eine Gehilfin zur Seite. Es war seine junge Frau, es war meine Tochter Cordelia. Ich hatte mein liebes Kind dem Harrenden herübergebracht. Auf einen dunkeln Grund war nun freilich das junge Glück der Neuvermählten gesetzt. Aber nur um so reiner strahlte der Edelstein dieses braven Gemütes. Sie war eingeweiht, hatte geschaudert, begriffen, verziehen, denn das Element ihrer Seele war das Mitleid. Von den Tagen an, wo der Kranke wieder bei klarem Bewußtsein war, aber noch sehr matt niederlag, machte sie tägliche Besuche bei ihm im Nebenhaus. Es war zu erkennen, daß diese Besuche höchst wohltätig wirkten, und früher, als man gehofft, konnte er als genesen betrachtet werden.« Mac-Carmon wußte mir von A. E. des weiteren nichts zu erzählen, was nicht auch aus dem folgenden Inhalt des Tagebuchs zu entnehmen ist, der den Leser in die Lage setzt, vom Innern aus zu sehen, was sich ferner begeben hat, die Dinge in der Beleuchtung zu erblicken, die von der Seele des Erlebenden ausgeht. Es bleibt mir als Zwischenredner nur noch übrig, zu sagen, daß indessen der Winter weit vorgerückt, der Februar des Jahres 1848 über die Hälfte verflossen war, und daß ich von Mac-Carmon zum Schluß auch über das Ende der Urheberin so großer Leiden noch Kunde erhielt. Bei einer Begegnung mit dem Arzte in Bergen, der sie behandelte, erfuhr Erik, daß sie kurz nach jener Nacht an Blutvergiftung gestorben, daß es gelungen war, die wirkliche Natur dieser Todesursache sowie den ganzen Hergang geheimzuhalten, und daß sie neben dem Manne begraben lag, dem die Raserei einer empörten Seele die Grabesruhe gestört hatte. Und nun mag denn das Tagebuch wieder sprechen. *           * * Hat sich der Himmel über mir geöffnet? Ist aus goldenen Höhen ein Engel niedergeschwebt ins Tal der Fieberträume, ins Land des Bangens und der Folterqual? – Ich erwache vom Schlummer. Weiche Hände an meinem Haupt, ein feuchtes Tuch auflegend, ich fühle so eine sanfte Kühle um meine heiße Stirn –, über mich gebeugt eine schlanke Gestalt – flüstert mir zu: »Stille halten, ruhig bleiben, fortschlummern« – sie geht hinweg – mit Schritten – nicht Schritten – berührt sie den Boden? – Mildes Dämmerlicht im getäfelten Zimmer, gedämpfter, warmgelber Schein der Abendsonne – * Ich nickte wieder ein – seliger Traum – Traum wie Raffaels, als er seine Sixtina träumte – Augen weich beflort, in beschatteter Höhle aufdämmernd, – so menschlich gut und so fremd himmlisch – sagen, was sagen sie? Das faßt kein sterblich Wort, das nennt keine Zunge, wie es dort ist in jenen Gefilden – selig, Gefilde der Güte, des Friedens – so sagen diese Augen. Was stammle ich? Wer bin ich? * Es ist ein Wesen von Fleisch und Blut. Eriks junges Weib, und heißt Cordelia. Er hat sie an der Hand mir an mein Qualenlager geführt. Da ist mir wieder alles eingefallen – »Ja, ja! – berührt mich nicht,« rief ich, – »mir keine Hand – in die Hölle zu den Teufelsfratzen gehöre ich – grausen soll euch vor mir.« – »Cordelia,« sagt Erik, »leg ihm die Hand auf die Stirne« – sie tut es, läßt sie über meine Locken gleiten, – da fällt mir König Lear ein – träumend, nur halb bewußt, halb kindisch – erwachend im Arm seines guten Kindes –, hat große Torheit, schwere Schuld begangen, viel gelitten, in Sturmnacht umgewütet, all seiner Würde vergessen, in Wahnsinn getobt – und jetzt gebettet in Kindesliebe, sanft gepflegt, zu ihm geneigt die Gute, die Reine – läßt seine armen dünnen Locken durch ihre weichen Finger gleiten – * Und ihre Stimme »sanft, mild und leis, ein köstlich Ding an Frauen«. * Gestern kommt sie mit einem Zeitungsblatt; »Erik schickt's Ihnen,« sagt sie. – Was? Die Welt in Flammen? Sturmbrausen von Frankreich herüber? Deutschland aus dem Schlaf geweht – Schleswig-Holstein will frei werden, deutsch – »Einhart,« sagt sie, »Sie sollen leben, es gibt zu tun!« Ich Elender, ich hatte nur an mich gedacht – mein Vaterland vergessen! Hab' alles verdient – Abgrund von Schuld! Auf nun – da büße, da kämpfe, da arbeite – da ist die Heilung! * Ich erstarke, ich darf bald fort. *             O, du bist gut, ja, du bist gut!     Wie du dich sanft geneiget     Und über mich gebeuget, Da schwand die Fieberwut. O, du bist rein, ja, du bist rein!     Durch deiner Wimpern Schatten     Strahlt nieder auf mich Matten Ein heller Himmelsschein. O, du bist mild, ja, du bist mild!     Um deinen Mund dies Lächeln,     Es kühlet wie ein Fächeln Aus seligem Gefild. O, du bist lind, ja, du bist lind!     Von dir, von dir gerettet,     In Liebe weich gebettet Entschlummr' ich wie ein Kind. O, du bist still, ja, du bist still!     Dein leises Wort, dein Schweigen     Verbeut dem Höllenreigen Sein tobendes Gebrüll. O, du bist gut, ja, du bist gut!     Du bringst die Engelskunde:     Gesunde, Mann, gesunde! Auf! Lebe! Fasse Mut! * Hamburg . Schwerer Abschied! – Von Cordelien noch ein reiner Kuß. Meine Lippen sind entsündigt! – Nicht Schmerz brüten! Morgen hinüber! * Krusau bei Bau . Dank den ewigen Mächten im Himmel droben! Es geht los! Wir sind noch schwach, können die Preußen nicht abwarten – sei's drum, der Himmel wird weiter helfen! Kleines Gefecht bei Hökkerup, der Feind aus Rinkenys vertrieben. Zwar kein Gewinn, der kleine Sieg kein guter Anfang, der Feind nur im Vorteil frischer Rachwut. Großer Fehler, den selbst ein Laie in der Kriegskunst leicht erkennt, Freiwillige, Ungeübte, hier als Vorhut auf so wichtigem Posten auszusetzen: Studenten, Turner, ungenügend bewaffnet, dabei nur eine Handvoll Linie. Der Feind zur starken Uebermacht ein Regiment Reiter und die Kanonen der Kriegsschiffe dort im Hafen, – werden hübsch dreinfegen. Sei's auch darum! – Ich darf mich nicht anlügen, daß mir das Herz nicht klopfe, aber was ist dies bißchen Angst gegen jene Geisterbangigkeit drüben, solange ich in den Banden war! Etwas Beklemmung vor Fleisch und Blut, was will das heißen gegen die Seel' und Leib zusammenschnürende Gespensterangst! Und wie viel leichter zu bezwingen! Ich will mich gut halten. Sie haben mich zum Offizier gemacht, habe das mögliche getan, sie einzuüben, zu ordnen. Meine alte Vorliebe zum Soldatenwesen kommt mir jetzt zugute. * Kiel . Unsichere Züge, sichtbar mit der Linken geschrieben. Anm. d. Herausg. Wieder einmal ein Koboldstreich der Dämonen. Ich hatte den Kerl so richtig aufs Korn genommen, muß mir der gute Stutzen versagen! – Kann eben noch den Säbel ziehen und parieren, doch der Pallasch ist stärker, und nun mit dem zerhauenen Arm unbrauchbar! – Doch was will mein kleines Leiden sagen – da lagen sie, die Blüte des Landes – hingemäht! Ich hatte Freunde gewonnen in den wenigen Wochen. Dieser Karl, ein Jüngling wie ein Siegfried, da sank er neben mir, reicht mir noch seine Büchse, da er den Dragoner auf mich herjagen sieht; sein letzter Blick, im Tode brechend, ich werd' ihn nie vergessen. * Trost, die Preußen sind da, Wrangel dringt vor. Mein Urlaub zu Ende, jetzt beruhigt heim! Mit dem Blut in Bau ist mir aller alte Wahnsinn ausgeflossen. Das Hirn ist kühl geworden. Aber die versagende Büchse! Gibt zu denken – Zufallsteufel. * Wieder in Amt. Stete Arbeit. Wohltat! Wenn ich nur nicht zusehen müßte, wie die Narrenapostel den Pöbel berauschen und wie sie die schöne Saat eines neuen Staatslebens verwüsten! * Waffenstillstand von Malmö. O Pfuhl der Schmach! – Darüber Barrikaden in Frankfurt – schnöde Mordtaten des Gesindels – niedergeschlagen – und das ist der Todestag der großen Bewegung. – Wär's der Sinn, der über den Unsinn gesiegt! * Hier unter den Leuten, man kann kein Gespräch mehr führen. Die Menschen wissen nur von Partei, und keine versteht die andre. Ich fasse mich am eignen Nasenzipfel. Neulich hörte ich einen husten, und zwar auf sonderbare Art. Ich ärgerte mich. Er darf husten, aber er soll husten, wie ich huste. So ist es auch mit Speisen. Da ißt einer ein Gericht, das ich nicht mag, und mit Appetit. Esel! denke ich und spüre Lust, ihn zu injurieren. In einer sehr soliden Wirtschaft auf dem Lande ward neulich der Wirt sehr unangenehm, da ich sein Sauerkraut nicht mochte, das er mir höchlich anrühmte. – Wenn es nun so steht mit sonst leidlich vernünftigen Menschen, wie kann man sich verwundern, daß vollends Halb- und Ungebildete sich nicht in den andern versetzen können? Da diese Kunst, sich in die Menschen versetzen, so selten, so schwer ist, wie begreiflich der blinde Haß, die Extremreiterei der Parteien! – Wenn sie nur nicht so schädlich wären! * Die hab' ich doch gekriegt! Spitzbubenrotte mit kommunistischen Führern. Von Katzenmusiken nach und nach zu Diebstählen, Einbrüchen. – Dem roten Peter die Pistole aus der Hand – geht mir an der Nase los. Gut gelungen, alle eingetan. Zu meiner Erbauung im Heinrich VI. den Aufruhr von Hans Cade wieder gelesen. Wie wahr! * Die Zeit wird stiller. Kann wieder mehr lesen. Muß auch, denn in der Welt steht's so, daß ich gar nicht hinsehen mag. Kehre zurück in dich! Ich hoffe, wieder ganz zu mir zu kommen. Nur von Zeit zu Zeit ein Schwindel in der Seele, da ist mir, als fiele ich in den Tindsee. Dann kann ich nicht fortarbeiten. Ich muß noch ein Ablenkmittel haben. Aeltere Liebe, Tierwelt. * Hund eingetan; Pudel. Lustig und doch sehr rationell. Gutes Vieh. Rührend. Wie viel wedelt doch so ein Hund den Tag über! Wenn man bedenkt, daß jedes Wedeln eine heitere oder wohlwollende Empfindung ausdrückt, wenn man dann beobachtet, wie oft ein Hund wedelt: wieviel Herzensfreude, wieviel Menschenliebe, Güte zieht also den lieben, langen Tag durch so eine Hundeseele! Auch wieviel Humor, denn das Wedeln ist ja auch Surrogat für Lachen. Unendlich merkwürdiges Supplement für Mienenspiel, psychographischer Schwanz. * Merkwürdig, doch ganz konstant stehender Zug: wenn ein Hund in große Freudenbewegung gerät, wenn er zum Beispiel im höchsten Entzücken auf den ersehnten wiedergefundenen Herrn losstürzt, muß er mitten im Sprung einhalten und sich kratzen. Dies kann erklärt werden         a) direkt; b) indirekt.         ad a) Das Entzücken wirkt einfach als Reiz vom Nervenzentrum auf die Haut. ad b) Die Bewohner des Pelzes, entomologischer Klasse, spüren bei diesem Reiz Erwärmung und werden lebendig. Welche Erklärung ist die tiefere, a) oder b)? * Verhalten des Hunds, wenn ihm ein Fremder lockt. Da sieht man die Charaktere. Der eine folgt und schmeichelt: Kalfakter – schlecht. Der andre fletscht die Zähne, brummt, beißt sogar: Charakter, aber unschön harter Charakter. Ein dritter, und das ist der gute Hund, bleibt sitzen, wedelt ganz schwach und flüchtig und blinzt den Fremden an mit einem Blick, der höchst verständlich sagt: bedaure – könnte vielleicht ein ganz angenehmes Verhältnis werden – habe aber schon einen Herrn – bedaure wirklich. Dies ist der schöne Charakter, Würde mit Anmut; so ist mein Pudel. * Goethes Hermann und Dorothea wäre ein Dichtwerk dem man das Prädikat der Vollkommenheit zuerkennen müßte, wenn nicht eines darin fehlte: ein Hund. Gehört doch gewiß in ein Idyll. Goethe konnte aber bekanntlich die Hunde nicht leiden. Hätte er sie gern gehabt und selbst einen gehalten, so wäre gewiß seine spätere Poesie natürlicher geblieben und namentlich sein zweiter Teil Faust nicht so ganz fleischlos ausgefallen. * Wenn ein Hund seinem Herrn oder einem Freunde seines Herrn sich bemerklich machen, seine Anwesenheit ihm anzeigen möchte, kann aber nicht beikommen, weil der ihm den Rücken bietet, so stupst er ihn ein weniges mit der Nase an die Wade. – Mit seinem feinsten Organ. Wie zart! * Wieder viel geärgert. Das Objekt stellt mir doch wieder sehr nach. Ein Aktenstück hat sich ruchlos verkrochen, – verzweiflungsvoll gesucht – umsonst. Katarrh mit drei Tagen ordentlichem, dann sechs Wochen latentem, von keinem Arzt zugegebenem Fieber. Sonntags aufs Land. Mich doch sehr aufgeheitert über einem Bock. Etliche Buben fahren auf einem Reiberschlitten den Hügel am Pfarrhaus hinunter, mit großem Hallo, pfeilschnell, sitzen unten ab, ziehen den Schlitten wieder hinauf, dann wird wieder hinabgerutscht und so fort. Ein großer, schöner Bock dabei, der sich ganz zur Gesellschaft zählt; wenn's allemal wieder losgeht und die Buben jauchzen, springt er hoch, steigt und schlägt zugleich aus wie ein Pferd und meckert. Das heitere Bild hat mich ordentlich aufgerichtet. Die Haustiere rechnen sich ganz zu den Kindern. * Und kaum wieder da, Montag, so fängt der schnöde Schabernack wieder an. Amts- und Studierzimmer, alles hapert, zwickt, klemmt, klebt den ganzen Tag und Abend. Ein Glas, ein Plättchen, worauf meine Tasse, dann meine Lampe, begehen hintereinander dasselbe Bubenstück, sich nicht schieben zu lassen; pappen fest, es braucht stärkeren Druck, darauf lauert das Teufelspack, fällt um und schüttet seinen Inhalt auf meine Papiere. – Sind mit der niedrigen, giftigen Reaktion in der Welt draußen auch die Privatteufel wieder ganz los? – – Alles, alles rings um mich wie die versagende Waffe im Gefechte bei Bau und – o Symbolik! – stille! * Das darf ich doch auch sagen: wer nicht intensiv arbeitet, hat gut predigen über Geduld mit den kleinen Hindernissen. Wer nur mit halbem Willen an die Arbeit geht, nicht ganz dabei ist, den macht das Härchen in der Feder, der Tintenfleck, das Verkriechen nötiger Blätter, das Uebereinanderrutschen aller Papiere nicht wütend, er verliert darüber keinen Gedankenzusammenhang. Ja, es ist ihm wohl gerade recht, denn er kann sich anlügen, das Mühen mit diesen knirpsigen Dingen, das Zupfen, Nergeln, Krabbeln und Zappeln sei auch gearbeitet. * Abends in der Dämmerung, da kommt's über mich. Die Nerven werden ruhig. Oft fühl' ich's wie ein zartes, lindes Wehen. Frieden. Sie erscheint mir, beugt ihr Haupt über mich, blickt so himmlisch gut, kühlt mir die heiße Stirne. Erinnerung! – Aber ich darf nicht, darf ja nicht oft, nicht zu innig mich hineingeben, – ach, es könnte Sehnsucht werden und darf ja nicht! – Trauerst du mit mir Himmelsbild, daß es so gekommen im Vaterland, daß ich dafür, dafür mein Blut vergossen? * Schwarz zu sehen, dazu hätte ich ja wohl Grund genug. Das erleben! Und ich meine nicht das Aergste; da war ich schuldvoll – am tiefsten, als ich dem schnöd lockenden Briefe folgte, – obwohl doch auch ein wenig, wenig entschuldbar: warum? mag's mir selber nicht nennen. Und mein ganzes Leben der ewige Schund, Marterkampf mit den teuflischen Zwerggeistern des kleinen und doch so furchtbar großen Uebels ist doch auch ein Abbüßen. Es muß ja ein Nest irgendwo geben, wo sie brüten, von wo sie ausgehen. Muß weiter nachdenken; jetzt ernstlicher an meine neue Mythologie gehen. Dunkler Naturgrund, dort die Eier. Haß gegen den Menschen, weil er über die Natur aufsteigt, lichte Ordnungen gründet, Lichtreich. Dort muß es liegen. Richtig. – Nun mein Amt. Polizei üben ist ein gar enttäuschendes Tun. Könnte den Pessimisten noch viel Stoff liefern; hab' oft Ekel an den Menschen, an allem; aber sintemalen ihr Stoff ist, ist die Polizei eben auch . Das Böse ist Stoff fürs Gute. Ich arbeite, und nicht wie ein Karrengaul, ich arbeite gern . Ich bringe nicht soviel vorwärts, als ich will, aber ich bringe nicht nichts vorwärts, sondern etwas. Es wird besser in meinem Amtskreis, ich nütze. Dies ist Wesen , und so lebe ich im Wesen . * Hab' auch oft über das Nichts gegrübelt, aber es ist nichts mit dem Nichts. Es kann nicht Nichts sein, das Nichts kann nicht sein. Zu Nichts kann man nicht setzen das Verbum »sein«, außer wo man von einem bestimmten Einzelnen, das war oder zu sein scheint, auszusagen hat, es sei nichts mehr oder nichts. Weil nicht nichts sein, weil das Nichts nicht sein kann, darum, einfach darum ist die Welt. Zu dem Begriffe des Nichts gelangt man anders nicht als an der Springstange des Seins. Irrigerweise auch an der Stufenleiter des Seins, absteigend nämlich. Man geht von entwickelteren Wesen zu ärmeren, einfacheren herunter bis zum einfachsten, dem unorganischen Stoff, und unter diesem, meint man, einmal ins Niedersteigen hineingekommen, sei das Nichts. Da ist auch die Verwirrung des Zeitbegriffs, während Schopenhauer doch im übrigen die Zeit als bloßen Schein erkennt. Zuerst sind die Weltkörper entstanden als feuerflüssige Kugeln, ihre Oberfläche ist erstarrt, bewohnbar geworden, es wurden Pflanzen, Tiere, niedrige, immer höhere, bis zum Menschen, da kam Empfindung, in diesem höchsten Wesen Geist. Darüber vergißt man zwei Dinge: daß, wenn auf der Spitze der Geist ausschlüpft, er irgendwie zuunterst als künftige Möglichkeit schon stecken muß; ferner, daß unser Präteritum unwahr ist. Vergangenheit und Zukunft finden lediglich keine Anwendung auf das Weltall. Muß die aufzeigende Bewegung vom sogenannten Stoff zum Höheren und Höchsten immer gewesen sein (auf andern Planeten) und immer bevorstehen, wiederkehren, so fällt das Vorher und Nachher weg und ist ewige Kreisbewegung. Es wird noch kommen, daß der Nihilismus aufstellt, die Welt werde sich zurück ins Nichts auflösen; folgt, daß sie auch in der Zeit einst aus dem Nichts entstanden sei, – eine Vorstellung, so roh und kindisch, daß sie in keinem Hirn auftauchen sollte, das nur zwei Minuten lang philosophisch denken gelernt hat. * Gleich kindisch ist es, dem Universum das Prädikat schlecht beilegen. Was absolut, was notwendig ist, steht unendlich über gut oder schlecht. Das Universum ist, weil es ist, und ist so, wie es ist, weil es so ist. Das Prädikat gut oder schlecht erteilen wir, indem wir unsern Standpunkt über und außer dem Gegenstand nehmen und ihn mit andern Gegenständen vergleichen. Wir können aber aus dem Universum ja nicht hinaus, es gibt kein Universum neben oder über demselben, auf das wir uns stellen und das Universum abschätzen könnten. – Ich kann mein Vaterland verlassen und die Welt sehen, ich kann sie auch durch Bücher kennen lernen, und ich gewinne so einen Standpunkt über meinem Land und seinen Leuten, zu denen ich selbst gehöre und mit denen ich vorher unkritisch und selbstzufrieden in der Masse dahinschwamm, so daß ich sie nun einer Schätzung, einem Urteil unterwerfen kann. Aber aus dem Universum kann ich nicht fortreisen, kann nicht andre Universa durch Bücher kennen lernen, kann es aus keiner Vogelperspektive sehen. Davon gar nicht zu reden, wie winzig der Teil des einen und einzigen Alls ist, den ich übersehe. Gibt es nun da neben dem, was wir gut nennen, vieles, was wir übel nennen, was kann ein vernünftiger Mensch anders dazu sagen, als: ich übersehe zu wenig, um die Summe zu ziehen, und da das Universum notwendig ist, so wie es ist, so wird es auch recht sein. Recht: das heißt gerichtet nach absoluter Richtschnur. * Ich hab', glaub' ich, schon einmal in diese Blätter geschrieben, dem Pessimismus gehe ein verborgener Rest von Theismus nach. Sie wollen sich's nicht gestehen, daß sie den Kinderbegriff von einem Gott nicht los werden, der zwischen verschiedenen möglichen Welten wählte. Das beweist eben ihr Schlechtfinden »dieser« Welt. Gut oder schlecht kann im Grunde nur sein, was jemand gemacht hat. Die Welt kann nicht gemacht sein, weil die Kategorie Kausalität nur innerhalb des Ganzen, nicht für das Ganze gelten kann. Was von selbst ist, ist weder gut noch übel, sondern notwendig. Es kann einzelnes im Naturreiche für mich gut oder übel sein, aber nicht vom Naturreiche bloß (gegenüber dem moralischen Reiche) spricht man, wenn vom Universum die Rede ist und man es notwendig nennt, sondern vom Ganzen. Wer dies Ganze tadelt, der meint, es sei ein Machwerk. – Eine gute Arznei gegen die Uebel darin oder eigentlich gegen die Klage darüber ist und bleibt Beyles Satz: ce qui excuse Dieu, c'est, qu'il n'existe pas . Uebrigens war der Taugenichts Beyle ein Narr, der trotz diesem guten, echt religiösen Wort einen persönlichen Gott glaubte und haßte wie der Krämer von Brackniz. * Nun aber ist die Aufgabe, in dem, was ist, zu unterscheiden, was sich als wesenhaft bewährt und was zwar notwendig, aber nicht wesenhaft, sondern nur Moment ist, damit Wesenhaftes sein könne. Das vermögen wir. Wesenhaft ist nicht die Materie, das meint ja auch Schopenhauer nicht. Wesenhaft sind die Gattungsformen. Wesenhaft ist die Wissenschaft. Wesenhaft ist die Kunst. Wesenhaft aber auch alle redliche Arbeit. Denn sie ist Arbeit an der sittlichen Weltordnung. * Ob es aber eine solche gibt? Nein, was man so sagt: »es gibt«, das nicht. Das »es gibt« ist überhaupt, angewandt auf das wahre Sein, das nichts Einzelnes ist, ein Unsinn. »Gäbe« es einen Gott, so wäre er ein einzelner, also nicht das Absolute. – Die sittliche Weltordnung ist nicht außer dir. Sie ist nur durch dich. Glaube sie, und du hilfst sie – mit allen Guten – machen. Da ist der Glaube die Ursache dessen, woran er glaubt. So ist es mit allem ethischen Glauben: was er glaubt, macht er. Vom Glauben im Sinne der positiven Religion ist hier nicht die Rede, das gehört in ein andres Kapitel. * So ist es auch mit der Lust. Unser Glaube an Lust macht Lust. Wie kann man also meinen, man habe die Lust wegdisputiert, solange man diesen Glauben nicht wegdisputieren kann! * Wie wir Studenten waren, gingen wir einmal draußen vor der Stadt an einer Sumpflache vorüber, worin ein Schöpfkübel mit langer Stange lag. Will sich ein knotiger Bursch den Spaß machen, einem Kameraden rücklings den Kübel über den Kopf auszugießen. Schöpft, hebt hoch und der Inhalt fällt ihm selbst auf den Kopf. So macht's nach den Pessimisten der Weltgeist. * Himmelsstrahl ins Leben ist namentlich auch das Lächeln. Ein gutes und anmutiges Weib verbreitet Sonnenschein durch Lächeln um sich, beglückt Unzählige den lieben langen Tag. Dies Aufgehen, Auftauen der Züge erleuchtet und wärmt die eisige Welt. Es ist Licht, Tag der Schöpfung, übergegangen in ein Menschengesicht, lebendige Mimik gewordenes Licht. Es blickt freudiges Wohlwollen, ist also Lösung der Besonderheit der Einzelwesen; es vereinigt, es zaubert Getrenntes zusammen, ist Leuchten von Seele in Seele. * In einer Vorstadt von . . . . . traf ich noch einen alten Briefträger, der halb blind und halb taub war. Das gäbe Motiv zu mehr als einem Lustspiel: Liebesbriefe, Schuldbriefe, Scheltbriefe, Amtsschreiben falsch ausgetragen, – benützt von heiteren Schelmen, Intriganten; es steigt ein ganzes Gewimmel von Ansätzen zu komischen Verwicklungen aus dem Samenkorn auf. Wenn ich nur etwas derart machen könnte! * Junger Mann tritt auf in einem Gasthof. Ist in die Kreisstadt gereist, um seine Scheidung zu betreiben. Sieht am Fenster gegenüber eine reizende Erscheinung. Es beginnt ein Roman auf Distanz während der langen Weile des Prozesses. Zeichen, Briefchen u. s. w. Muß gesteigert, gespannt, auch gelegentlich exponiert werden, daß er kurzsichtig ist. Endlich Zusammenkunft. Die Unbekannte ist seine Frau. Versöhnung. * Ließe sich nicht die Agnes Bernauer noch einmal behandeln? Folgendes gäbe eine hochtragische Szene: Prinz Albrecht ist von Straubing, wo er Agnes im Schloß geborgen glaubt, Ingolstadt zu geritten, mit lustiger Begleitung. Macht Halt bei einem Dorf. Ahnt nichts vom Vorgehen des Herzogs gegen Agnes, vom Hexenprozeß. Selig in seinem Glück, übermütig. Man zecht im Freien, in der Nähe eines Bauernhofs. An dessen Wand liest Albrecht den Spruch:       Der Mensch hat Kreuz und Leiden, Dies schreib' ich mit der Kreiden, Und wer nicht Kreuz und Leiden hat, Der wische meinen Reimen ab! »Wisch ab!« ruft Albrecht einem der Begleiter zu. Dieser sträubt sich – warnt – tiefe Scheue. Der Prinz will ihn zwingen, vergeblich; »verlangt's nicht, Herr! Mir hält ein Geist die Hand.« Albrecht ergreift eine Hellebarde und schürft den Spruch aus. Im selben Augenblick kommt ein Bote und berichtet, wie Agnes vertränkt worden ist, mit allen grassen Einzelheiten des Hergangs. – Albrecht fällt in Ohnmacht. * Schon gut, aber was helfen mir die ungebrüteten Eier! Ich bringe nichts fertig. Bin ich ein tragischer Mensch? Nein, ich bin ein richtiger Polizeimann. Aber es füllt mich nicht aus. Poesie, Philosophie: bringe nichts fertig. Ich bin ein rüstig marschierender Stelzfußmann. * Ich glaube, mit der bildenden Kunst befasse ich mich noch zu wenig. Meine paar Bilder, Kupferstiche, Galeriegänge auf Reisen in Deutschland genügen eben nicht. Die bildende Kunst ist mir doch so wohltätig, weil ruhig, weil Ganzes gegenüber dem Subjekt. Auge stiller, kontemplativer Sinn. Heraus aus mir, aus meiner rings von Brennesseln zerstochenen Haut, mich in Gegenstand versenken – anschauen – das könnte kalmieren. Musik? Nein. Verstehe zu wenig, und sowie ich den Faden des Gesetzes im Tönegewirbel verliere, stellt sich das Auge ein, und ich denke nichts als: was haben denn die Kerle, daß sie so reiben, zwicken, kratzen, schlagen, die Backen aufblasen, oder die Sänger: das Maul so aufreißen? Aber wo ich verstehe, da zu pathologisch – alles aufgewühlt – tief – Herzbangigkeit Herzgruben-Geisterspannung kommt wieder, der Schwindel, der Tindsee. – Ich muß mich gegen das Gefühlswesen verhärten, mein Auge muß wie Horn werden gleich dem des Odysseus, da sein Hund Argos ihn sterbend noch erkennt. * Es ist hohe Zeit, hereinzuholen, Italien zu sehen. Wenn ich hin könnte! Rom – da sollte manches in mir sich setzen. Umbrien, Heimat ihrer Mutter, sehen – meiden? Könnten zufällig da sein – oder doch hin? * Ich habe Stiche gesehen nach Pietro Perugino und wenige Bilder von ihm in deutschen Galerien. Von Raffaels Jugendwerken die Madonna del Granduca, wo er noch Peruginesk, in – gewiß sehr unzulänglichem – Stich, – welche keusche Holdseligkeit muß im Originale sein! – o diese umbrischen Köpfe! Ich muß doch hin. * Die Alten haben vom Ich, von dem Gespenste des Ich eigentlich noch nichts gewußt. Die Italiener werden auch nicht darüber grübeln. Man wird das also los werden dort? Doch ja nicht so ganz! In dieser Krankheit ist auch Wahrheit – Fast allgemein unverstanden ist doch J. Pauls Schoppe geblieben, wie ihn das Brüten über das Ich wahnsinnig macht! Es ist eines der tiefsten poetischen Motive dieses Dichters. Nur fehlt in diesem Brüten eine Unterscheidung. Wenn ich so nachts im Bett vor dem Einschlafen über das Ich nachdenke, fühle ich immer gar gut, wie man darüber wahnsinnig werden kann. Doch nicht eigentlich, daß Ich ist, ist so seltsam, daß es verrückt machen könnte, darüber nachzudenken. Die Natur mußte auf der Spitze ihrer Bildungen den Sprung über sich hinaus machen, daß sie Wesen schuf, in denen sie sich selbst erfaßt, in denen also der Zirkel besteht, daß Erfassender und Erfaßter eines ist. Aber dieser Ich! Daß es da einen gibt, der A. E. heißt, der infolge Geburt von diesen Eltern, infolge Vererbung aus unendlicher Ahnenreihe, auf Grund unzählbarer Umstände so und so beschaffen ist, aussieht u. s. w. – was ist es denn nun mit diesem? Wer ist er? Was tut er da? O daran kann man gar nicht hin, das ist rein unfindbar, rein nicht zu heben, zu erheben! Warum denn? Nun, weil er eigentlich irrationell, nun, weil es eigentlich nichts damit ist; dieser Kerl, dieser Einzeltropf ist undenkbar, daher ist es nichts Rechtes, ist es nicht geheuer mit ihm, ist er nur ein Schein und daher muß er auch wieder fort. – Wieder auch hier das ungeheure Rätsel der Diesheit! * Ich wäre gewiß gesetzter, wenn es nur nicht so langweilig wäre. – Sitze ich bei Holzköpfen, so reizt mich ihre Fadheit, Langweiligkeit, wichtige Wohlweisheit und leerer Ernst, zu salzen, zu versalzen, zu übertreiben, meine Rede auf alle Art ins Leidenschaftliche zu steigern, um die Klötze zu erschrecken, aufzuregen, aufzuwecken. Natürlich verstehen sie es nicht, meinen, es sei mir alles ernst, belehren mich, spotten, werden unangenehm. * Cum grano! Cum grano! Cum grano salis! Wie Blutwenige verstehen's! Man kann nichts sprechen, wo sie nicht gleich meinen, es sei alles buchstäblicher, dicker, blutiger Ernst. Hören die Obertöne nicht; bei einem lebendigen Menschen schwirren ja neben dem Grundton seiner Worte immer noch Obertöne. Daher, mag er pfeffern so stark er will, es ist nie so schlimm, als es scheint, läßt Luft, Spielraum, hat etwas Unmaßgebliches, etwas Flüssiges, etwas Strahlenstreuendes. Und das verstehen dann die guten Leute nicht, wissen nichts von Hintergrund in der Malerei. Ja, unrechte Nebenbeziehungen supplieren, das können sie, das tun sie gern. So ist auch ihr eignes Reden entweder ohne allen Oberton oder mit dem falschen der List. – Das führt auch wieder auf die Parteien in allen Streitfragen. Kein Mensch von schwingendem Gehirn hängt niet- und nagelfest an der Hälfte einer ganzen oder der einen Seite einer zweiseitigen Wahrheit. Fordert es aber Zweck und ernster Augenblick und exakte Bestimmung, so wird kein rechter Kerl die Kraft der Einseitigkeit scheuen. * Noch etwas bereitet mir viel Not. Wenn ich mich für einen Satz, irgend eine Vorstellung erwärme im Gespräch, so schwebt mir oft ein imaginativer Gegner vor, gegen den ich hitzig werde, mich heftig ereifere, während der wirkliche Mensch, mit dem ich rede, ganz mit mir einverstanden ist, oder wenn nicht oder nicht ganz, mich doch mit keinem Worte gereizt hat. Das pflegt nun der nicht zu verstehen, bezieht es auf sich, und so – wie oft bin ich mißverstanden worden, wie oft habe ich ordentliche Leute abgestoßen, von mir entfernt! Die Phantasie tut doch dem Menschen viel Schabernack an! – Sehr oft hält man mich dann auch für betrunken. * Wenn ich mich unter dem Lärm vieler umgebender Gespräche mit jemand unterhalten soll, wenn ich daher schreien muß, um verstanden zu werden, so erzeugt sich mir sehr oft aus meinem Schreien die Vorstellung, ich habe Streit, und ich muß mich dann sehr zusammennehmen, nicht heftig, nicht beleidigend zu werden gegen ganz harmlose Mitsammenredner. * Nestelt sich da gestern einmal wieder in Gesellschaft einer an mich an und legt sich mir mit einem Seitengespräch ins Ohr, ja einem subtilen über feine Fragen, die in Stille bedacht sein wollen; vergeblich bedeute ich ihm auf alle Weise, daß ich bei einem Gesamtgespräche beteiligt bin. Ein andermal ebenso auf der Straße unter Wagengerassel und erhebt dabei nicht einmal, so viel nötig, die Stimme. Und das ist ein im übrigen ganz gebildeter Mensch. – Aber es spreche niemand von wahrer Bildung, der ungebildete Sinne hat! * Einmal wieder bei einem Leichenbegängnis gewesen, im Zuge gegangen; sehr verdienstvoller Mann begraben. Es war wieder, als zöge man mit einer wandernden Kaffeevisite; man schwatzt, gestikuliert, lacht, man mäßigt nicht einmal die Stimme. Und es sind lauter Männer aus den gebildeten Ständen! Also nicht einmal solange, nicht einmal, wo es doch gilt, den Ernst des Todes, die Religion des pietätvollen Andenkens auch nur wenigstens der Form nach darzustellen – auch das nicht! Könnt ihr denn auch absolut nur Ordnung halten, wenn ihr den Stock seht? Ein Beamter ging neben mir, redete mich immer an und begriff nicht, warum ich ihm keine Antwort gab. Der wird mich nun auch für ein Ungeheuer halten, für einen Schweigtyrannen, während man mich da, wo Sprechen vergönnt ist, für einen Gesprächtyrannen hält. * Auch die besten Toten haben eine Unart, sie ziehen beim Begräbnis gern die Freunde zu sich hinunter, indem dabei gewöhnlich Zugluft geht, die Leute bei den Grabgebeten den Hut abnehmen müssen und sich verkälten. Wie Unzählige haben da den Tod geholt! – Ich werde testamentlich verordnen, daß man an meinem Grabe während sämtlicher Bestattungsformen den Kopf bedeckt halten darf. Ein Toter muß nicht anspruchsvoll, muß billig sein. * Ich werde doch oft Menschenfeind, was doch gar nicht in meiner Art ist. Das Misanthropenwesen ist im Grund eine affektierte Geschichte aus dem Zeitalter der Sentimentalität. Es müßte sehr langweilig sein, die Maske festhalten. Einfach unlogisch; ich bin ein Individuum der Gattung, ein so kleiner Bruchteil, daß ich allein mir doch nicht die Gattung sein kann. Nun trifft man freilich nur allzu viele, die bloß nominell der Gattung, eigentlich dem Tierreich angehören, aber man soll bedenken, daß man eins ins andre rechnen muß, läßlich sein, zuwarten, bis man auf einen Zähler trifft. Es kann nicht lauter Brocken, es muß auch Brühe geben. Schillers »Menschenfeind« ist eine gesuchte Macherei. In Shakespeares »Timon von Athen« ist's anders, der flieht die Menschen, aber er braucht sie doch immer, um sie anzuwettern und anzufluchen. Dies ist energische Art. * Uebrigens hat man, wenn man es zeitenweis bei den Menschen nicht mehr aushält, die Tiere. Aus meiner Kinderzeit freut mich nichts so sehr, als wie ich eine »Arche Noä« zum Christtag bekam. * Der Hund – abgesehen vom Amtshund – ist wesentlich und vor allem Gassenjodel, eben ganz wie ein Bub. Dabei furchtbarer Renommist. Sein Fest ist, hinauslaufen mit dem Herrn, namentlich mit Pferd und Wagen. Er stürzt, wenn's fortgeht, hinaus mit wütendem Lärm, er tut, als wollte er die Welt zerfleischen, ja, das Kantische Ding an sich zerschlitzen. Hallo! Wir sind da! Hellauf! * Wenn ich mit Karo an einer Wiese vorbeigehe, so springt er hinein, hält, sieht mich an, und jeder Zug, Blick, jede Bewegung sagt: Wohlan denn! Eh bene! Eh bien! – Ich soll mit ihm Fangens spielen. * Höchst komisch ist das Scharren des Hundes, wenn er Wasser gelassen hat. Er vergißt vollständig, warum er es tut, fällt ihm nicht ein, dem Zweck des Zudeckens gemäß zu verfahren; hält sich für ein Pferd, das ausschlagen kann, und bellt mit großer Prahlerei. Also Zweckbewegung zum reinen Ornamentspiel geworden in großem Unterschied von der Katze, der es Ernst damit ist, rein zu machen. * Die Tiere sind auch sehr eitel. Zeigen, was sie können: fliegen, springen, apportieren, klettern u. s. w. Die Katze folgt dem Herrn, der Frau in den Garten, klettert auf die Bäume und sieht oben herunter: da guck her! mach's nach, wenn du kannst! Kommt ein Besuch, so hüpft sie auf den Sofa zu ihm, schmiegt sich ihm an und sagt mit jedem Zuge: siehst du, das ist nun unsre Stube! und ich gehöre auch dazu. – Pferd, Kuh sogar, wissen sehr wohl, wenn sie ausgeschmückt, bekränzt sind. * Ein ganzes Hauswesen wäre schon recht, aber – aber – wer das erfahren hat! – Und, wenn je ein gut Weib, ob sie meinen Kampf mit dem Objekt verstünde? Und wenn das nicht, wenn wohlweis, welches Elend! * Frauen sind die Schützerinnen der Unlogik. Ohne sie würden die Männer pedantisch. Tausend und tausend Fälle gibt es immer, wo es nicht die Logik, sondern der rasche oder der warme Blick tut; mit der Logik kann man ja kein Ganzes einholen. Anders, wo es auf Logik ankommt, da können sie abscheulich werden. * Bist du irgend ein Mensch, der gern nachdenkt, und willst heiraten, so nimm ja kein Weib, außer ein philosophisches. Unter philosophisch verstehe ich hier eigentlich das Gegenteil von philosophisch und doch auch wieder nicht das Gegenteil. Das Weib soll nur so viel des Ahnenden in sich haben, daß sie fühlt: mit Gemeinplätzen ist es nicht getan. Erwischest du ein Weib – es mag in weltlichen Dingen noch so gescheit sein – in göttlichen Dingen platt rationalistisch (von dumm pietistischen nicht zu reden), so gibt es im besten Fall eine lahme Ehe, wahrscheinlich eine unglückselige. Das Weib wird dir zuerst langweilig, dann nach und nach verhaßt werden. Nun aber ist die Mehrzahl der Weiber natürlich höchst zufrieden mit der geläufigen Lösung des Welträtsels: der liebe Gott hat die Dinge eben so gemacht, Punktum. Und da das Weib äußerst zur Wohlweisheit neigt, ist es auch fähig, einen Mann, der weiter denkt, lächerlich zu finden, sogar ihm noch zu predigen. Ergo : du tust unter anderm auch darum gut, nicht zu heiraten. * Man darf nur auf der Straße Kinderspielen zusehen und die kleinen Fratzen beobachten, so wird man den Satz nicht bestreiten, daß Wohlweisheit ein Hauptlaster des Weibs ist. Ach, weil »Weibersinn spannenlang ist«, darum ist ihnen alles so schrecklich klar! Vielleicht weil Sokrates gestand, daß ihm nichts klar sei, wurde Xanthippe zu einer Pantoffelmeisterin und zu einem Drachen. * Aber: incidit in Scyllam – noch viel schlimmer das Weib, das die Seichtigkeit der Gemeinplätze erkennt, aber nun den Weg der Unweiblichkeit einschlägt, das eigentliche Philosophieren anfängt und Blaustrumpf wird. Nein! nein! still ahnend und bescheiden, im stillen Ahnen begreifend, daß ein denkender Mann mit Grund, wenn auch ohne ganzen Erfolg, sich forschend abmüht: so ist das rechte Weib. Das Weib ist in seinem helldunkeln Wesen eine geheimnisvolle Einheit der Weltpole Natur und Geist. Will es zugespitzt aus dieser Einheit heraustreten, so wird es actu weniger, als es im Wesen ist, teilt sich, verliert sich, wird unangenehm, widerwärtig. Es gibt eine Dummlichkeit, die unendlicher Anmut voll ist. Eine Desdemona, eine Ophelia webt mitten in dem Traum, worin der Weltgeist dichtet. * Es gibt auch eine mittlere Gattung: ahnende Weiber mit einzelnen scharfen Gedankenblitzen – die geistreichen. Es kann scheinen, dies wäre ja das Rechte. Aber da sie es zum Ordnen der Gedanken doch nicht bringen, und da sie übrigens sehr gesalzen sind, so sind sie beunruhigend und öfter bös als gut. – Man kommt immer aufs Einfachste zurück: wünsche dir ein Weib, gut, wiewohl nicht dumm, verständig für die Welt, ahnungsstill in tieferen Dingen und dann etwa den Tagmenschen dummlich erscheinend, – tut nichts –. Es wird auch solche geben, aber sie zu finden, müßte man mehr Glück haben, als unsereiner, und übrigens ohnedies – o stille, an solche Sachen sollte ich gar nicht denken! * Im Elend dieser Zeiten, in dieser Aera der Konkordate der Staaten, die ihre ganze Aufgabe darein setzen, »Feuerlöschanstalten« zu sein, des verratenen Schleswig-Holsteins, des entehrten Preußens, des knabenhaften Gedankens, dafür in Neuenburg Lorbeeren zu holen, nun dieser Dinge in Italien, da Deutschland, da Europa den Spieler in Frankreich groß und größer werden, sich ganz über den Kopf wachsen läßt, – ich kann es einem Philistersmann nicht verdenken, wenn er aufs Heiraten verfällt, um sich in seine vier Wände warm einzuspinnen, und zu dem Zweck nun das schrecklich mühsame Geschäft auf sich nimmt, die schriftlichen Sachen, Taufschein, Leumundszeugnis und so weiter herbeizuschaffen. Der Ehebruch einer Frau ist hauptsächlich deswegen schändlich, weil es sich der Ehemann damit so sauer hat werden lassen müssen. Für diese Plackerei sollte er doch billig sein Weib allein haben dürfen. * Wie klafft doch immer die alte Lücke in mir, das versäumte Italien! In die Kunst, ins Große der Kunst – hier mich einspinnen, hier mich mit ganzer Seele häuslich einrichten! Da jetzt im Leben alles, alles so stillos, so verklebt, nichts Durchschlagendes, nichts, was Hunde vom Ofen lockt. In Italien zwar ein Hindernis für mich, daß es jetzt in politischen Geburtswehen liegt. Eben, weil mich das so zwiespältig bewegt. Bin kein ästhetischer Ruhkopf, gönne der Nation, daß sie wird. Aber gerade weil mich das beschäftigt, ich aber dabei nichts zu tun habe, und weil ich als Deutscher den Würfler hasse, dem sie's verdanken, und ferner, weil ich dort nur der Betrachtung leben will, so weiß ich doch kaum, ob ich jetzt hinreisen sollte, wenn ich könnte. * Zu meiner armen Seele Stärkung einmal wieder im Aeschylos gelesen. Agamemnon. Wie Klytämnestra vom Mord herauskommt, die Axt auf der Schulter, den Bluttropfen auf der Stirn – wie grausig groß! – Plötzlich weggeworfen, weil mir – ein Weib einfiel, das ich mir so denken könnte. Mich ermannt, wieder gelesen und nun frei im Elemente des Großen. * Möchtest du es zum großen Stil bringen in der Kunst, in der Dichtung? Ich weiß dir ein Rezept dazu: habe eine große Seele. Wenn man's nur in der Apotheke bestellen könnte! Es kommt alles darauf an, ob einer ein Kerl ist, das heißt, ob er Kaliber hat. Wie viele hübsche Sachen bringt Tieck! Er hat Geist, Witz, viel bildliche Erfindung, Anmut, schwebendes Spiel, aber er hat kein Kaliber, und so ist er doch eigentlich nicht unsterblich geworden. Die Zeit ist eben eine starke Worfelschaufel. Uebrigens führt das zu schweren Fragen. Die Formalisten werden sagen: gut, so kommt bei den Künstlern, Dichtern, die Größe haben, zum ästhetischen Wert ein zweiter, ein ethischer, hinzu. Aber ich bitte! Die innere Wucht in der Seele der großen Künstler hat ja doch eben die Formen selbst gestreckt! Das Große ist doch nicht neben den Formen! Also handelt es sich doch um eine völlige Einheit zweier Dinge: »der Gehalt in deinem Busen und die Form in deinem Geist«; wobei aber das bloße »und« beunruhigt, denn hier eben liegt ja die schwere Frage. * Soll auf einige Wochen nach Schwaben reisen, städtische Anstalten einsehen, Gefängniswesen und andres. Auch gut, verlufte mich nebenher, möchte auch bei der Gelegenheit die alte süddeutsche Malerschule besser kennen lernen; Zeitblom muß etwas von Stil haben und Farbe dem Giovanni Bellini verwandt. * Einen heiligen Sebastian von ihm aufgetrieben um viel Geld, das Geld fast so gern ausgegeben wie für großen Opferakt an rebellischem endlichen Objekt. Wahr, wahr, auch da ist Stil: Feier, Gesammeltsein tief in sich vor Gott. Farbe warm verarbeitet, leuchtend. Aber etwas Geschmackloses, etwas Vertracktes muß hinein, anders tun sie's nicht, unsre alten deutschen Meister. Bei Zeitblom außer der eckigen Dürre überall die dumme, bornierte Schwellung über der Nasenwurzel, die Nase selbst immer rot angezogen. Will er, muß er damit die gewisse Verknopfung im schwäbischen Wesen ausdrücken? * Meine sie nun zu kennen, diese Schwaben. Schwerblütig, unvermögend, sich aus sich herauszuleben. Wie leichtlebig dagegen selbst unsre mitteldeutschen Stämme! – Und dabei merkwürdig starkes Stammesgefühl. Meinen, ihre Eigenheiten seien bessere, eignere Eigenheiten, als die Eigenheiten andrer Stämme. Meinen, sie haben die Gemütlichkeit gepachtet. * Gemütlichkeit? Es ist jeder Dialekt gemütlich, und behüte uns der Himmel vor Dialektlosigkeit! Sie mögen recht haben, daß sie durch alle Stände daran halten. Aber es ist auch Gefahr in diesem Hegen, es bildet sich ein behagliches Einander-Mögen und -Gernhaben im engen Kreise, ein Element, aus welchem schwer zum resoluten Aussprechen der Wahrheit aufgetaucht wird, wenn sie unangenehm ist. Die Vettermichelsgemütlichkeit liegt so nahe an der unwahren Höflichkeit, als der weltglatte Bildungsschliff, mag sie auch am unrechten Orte manchmal grob sein. Man sollte jedem, der unfrei am Dialekt hängt, auf zwei Jahre den Gebrauch desselben bei Strafe verbieten und nachher wieder erlauben. * Nachdenkliches Wesen, viel Talent, aber da stellt sich das T und L um: Talent bleibt latent. Sind so gescheit wie nur irgend jemand, haben aber wie die Schildbürger beschlossen, heimlich gescheit zu sein. Will nichts heraus. Kein Zusammenleben, keine Gesellschaft – denn verhockte Wirtshauskreise sind nicht Gesellschaft, – kein Gespräch. Man trifft freilich im kleinsten Winkel vereinzelt unterrichtete Menschen, wenn man sie anbohrt, oft und viel, – guter Verstand überall. Aber kein Gespräch, will sagen kein geselliges, verbreitetes, Städte durchfliegendes Ventilieren neuer Dinge, die jedermann interessieren. Kein warmes Wort, kein lebendiger Ideenstreit über neue Bücher, Theaterstücke, Kunstwerke, aufregende politische Ereignisse oder Fragen. Scheint mir auch verstockter Eigensinn zugrund zu liegen, machen Gesichter, die sagen: jetzt, weil jedermann davon spricht, weil alle Welt meint, davon müsse die Rede sein, jetzt gerade erst recht nicht. – Sind übrigens auch fremdenscheu, fremdeln. * Auch Gutes in dieser Verstocktheit? Hassen windiger Volubilität? Flunkerhaften Leichtredens? Gewiß, und darin viel Recht. Begründeter, gerechter Widerwille gegen das Umsichwerfen mit vergriffener Sprachmünze bei so manchen Norddeutschen, gegen die Schwatzvirtuosität und Wohlweisheit des Berliners. – Auch eine gewisse edle Scham, das Innere nur so geschwind herauszugeben? Selbstgefühl, das sich gegen Modelebtag sperrt? Ja, auch davon ein Korn, im übrigen Phlegma, oder ist es anders zu bezeichnen? Man meint oft, diese Leute müssen ja Fischblut haben, wird irre, wenn man wieder den nachhaltigen Zorn sieht. * Die Schwaben sind zornig. Muß namentlich vom Neckarwein kommen, der bös macht; hab's in jenen Wochen an mir erfahren. Schiller hat diesen Zorn zum Zorn gegen das Gemeine veredelt. Das Volk sehr roh, soviel ich an Sonn- und Feiertagen auf der Eisenbahn bemerken konnte. Besonders wüstes Fluchen. Auch wilde Tiermißhandlung. Beamter in Stuttgart, klarer Mann, fähig, aus Vogelperspektive zu sehen, sagte: was ein rechter Schwab ist, wird nie ganz zahm. – Sehr häufig die » oculi truces « des Tacitus. * Formlosigkeit prinzipiell gemacht: sie gilt für wahre Natur; Form gilt für affektiert, vor allem: höher belebte Form, doch auch einfach richtige Form, zum Beispiel reines Deutsch. Wissen aber doch in Kunst und Wissenschaft sehr wohl, was große Form ist. * Vieles offenbar auch Folge der langen Abgeschlossenheit vom großen Verkehr. Weltlosigkeit, Versessenheit, Stagnation. Hauptstadt in einem Kessel, können nicht oben hinausgucken. Entsteht ein deutsches Reich, so wird sie vielleicht die Luftdurchströmung wecken; wird etwa sein, als ob man einen großen Fluß durchleitete. – Doch gewiß langsam. * Halten sich in ihrer Selbstliebe für besonders ehrlich, solid, reell – während es mit der Gewissenhaftigkeit in Handel und Wandel, im Handwerk um kein Haar besser steht als irgendwo in unsrer Zeit. Herrschend selbst in Städten, lange sogar in der Hauptstadt, lumpiger, fünf Zoll dicker Holzriegelbau, Nomadenzelte. Von diesen gefälschten Mauern muß ein Geist der Unsolidität in alle Geschäfte ausströmen. – Hören gern: »biedre Schwaben«. Der wahre Biedermann wird aber die Biederkeit haben, dies Prädikat nicht anzunehmen, weil es klingt, als ob die Leute anderswo nicht bieder wären. * Das viele Talent sichtbar in viel Humor. Aber dieser Humor öfters ins Kleine, eng Lokale verkräuselt. Lach- und Spottneigung: gefährlich, kehrt sich leicht gegen wahres wie gegen falsches Pathos. Spottlust dadurch etwas entschuldigt, daß man sie selbst viel verspottet, und doch viel mit Unrecht. Auch ihren Dialekt verspottet man oft ungerecht; unter all seiner Unschönheit ist doch ein feiner Sprachsinn verborgen, ein Ohr, ein Nerv von viel Schärfe für Sprachfehler moderner Abschleifung, naturloser Sprachkultur. Habe zum Beispiel niemals den Akkusativ und Ablativ, nie das Her und Hin, Hier und Dort verwechseln hören. Beamtenstand habe ich in Mehrheit sehr gewissenhaft gefunden. – Auch die Sitte im ganzen und großen noch etwas intakter, als anderswo. Verkehrsanstalten exakter Dienst. – Viel Tüchtigkeit. – Schulwesen höchst solid. – In diesen Dingen mehr Ernst, Sorgfalt, Genauigkeit als bei den südöstlichen Nachbarn. Protestantisches Land. * Summa: Völklein schwer zu begreifen; Gutes und Schlimmes verknäuelt wie kaum irgendwo. Ueberrascht auf seiner engen Existenz die Welt auf einmal mit einem Schiller, Schelling, Hegel. Vielleicht kann man sagen: unter dem dichten, knorpligen Schildkrötenschild ein stets gesparter, obwohl auch viel zu sehr gesparter Schatz von Talent und Kraft. Dies die mildeste Ansicht und billigste Entschuldigung. – Nur der Lebtag von der Gemütlichkeit sehr verdammenswert, erregt Ueberdruß. * Das ist übrigens auch wahr: keinen einzigen blasierten Menschen habe ich gefunden, und bin doch mit vielen umgegangen. Dies besagt nicht wenig. * Gemüt ist warmes, inniges Eingehen in Zustände, Tiere, Menschen. Scharfer Gegensatz gegen die Sinnesart, die mit Begriffen oder Zwecken sich nur von außen über die Dinge herspannt, daher humorlos ist und zum Beispiel nicht begreifen kann, warum ich auf der Straße stehen bleibe, dem Spiel junger Hunde zuzusehen. Ist sehr arm an Sinn fürs Naive, versteht vom Komischen fast nur das Ironische. Hierin nun sind die Schwaben sehr gut organisiert, auch die Bajuwaren; die Franken, zu denen ich mich rechne, obwohl nahe der alten Sachsengrenze, bin ich noch so eitel zu nennen. Das Niederdeutsche ist schon im Sprachklang laugiger, neigt mehr zum schelmischen Aufziehen (Reineke Vos). – Zum Finden oder Erzeugen des Komischen gehören zwei Dinge: jenes Eingehen, Mitsein, sich Mitfühlen im andern, also selbst noch naiv sein; gleichzeitig aber darüberschweben mit Blick der Geistesschärfe. Wem das erste fehlt, der mag lieber gar keinen Versuch machen, echt Komisches zu genießen, mag sich mit der sauern Dünnkost des Spottes begnügen. – Gut, also Gemüt. Etwas andres ist Gemüt lichkeit , sie ist verbreiteter Gemütston, ist Gemütston als Lokal- oder Provinzialkostüm, namentlich im Dialekt (zum Beispiel starker Gebrauch von Diminutiven). Nun aber, wenn dies Ton, Kostüm geworden, so spricht und tut auch der Spitzbube, der Betrüger, ja der Mörder gemütlich. Damit verliert es allen Wert; konventionell gewordenes Gemüt ist kein Gemüt mehr. Man kann höchstens sagen: denen, die doch wirklich Gemüt haben, hält rings herrschender Gemütston das Wesen des Gemüts in stets frischer Erinnerung und dient ihnen zugleich als Mittel, das Gemüt in angemessener Sprachform auszudrücken. * Noch Abstecher in die Schweiz. Tüchtige Männer kennen gelernt, brave, gastfreundliche Häuser. – Schon auf der Eisenbahn aufgefallen: man sieht mehr ganze Köpfe als anderswo. Ganz: worüber die zermürbende Egge der Kultur mit ihren teils nützlichen, teils charakterebrechenden feinen giftigen Spitzen nicht gegangen ist. Man hört auch gottlob nicht so viel von Gemütlichkeit. Was ich von jungen Leuten aus der Sphäre wissenschaftlicher Bildung kennen gelernt, frisch, frei von Ironie. – Schulen blühen, Dörfern ein schönes Schulhaus Ehrensache. Reinlichkeit höchst wohltuend. – Habe bemerkt, daß die Wahrheit mehr ins Gesicht gesagt wird, als in unsrer verschliffenen Welt, obwohl oft stroblig rauh; doch wie viel besser dies, als nach dem Maul schwätzen! Aber ernste Männer klagen über den reißenden Fortschritt des Geldgeistes. Monarchien, sagte ein Schweizer selbst, ein guter Republikaner, zu mir, öffnen den menschlichen Leidenschaften mehr Abzugskanäle, zum Beispiel Titel, Adelsdiplome, Hofdienste, Orden dem Ehrgeiz, der Eitelkeit; hier aber wirft sich aus Mangel an andrem die ganze Sinnlichkeit fast allein aufs Geld; dazu das Unglück, daß unser Land von der unendlichen Reiseflut überschwemmt wird; das ist ein Fluch, das muß verderben. Ach, schloß er, wir brauchen bald eine neue, große Bluttaufe, einen furchtbaren Kampf um unser Dasein; ich vertraue, es sei noch so viel alte Schweizertugend da, ihn zu bestehen. – Gebe ihm der Himmel recht, dem braven Manne! Denn daß inmitten unsrer monarchischen Großstaaten noch eine Republik besteht, auf altgesunder Grundlage, verständig, nicht ideologisch, gut konservativ: das soll sein, ist recht und in der Ordnung. Wenn sie sich nur auch vor der modernen Demokratie brav hütet! Gerade einer Republik nichts verderblicher, als der falsche, abstrakte Freiheitsbegriff! * Wieder zu Haus, kleine Reise will in der Nachkur nicht vorhalten. Wenn ich mich vom Amt verschnaufe und meinen Zeitblom ansehe, seinen Ansatz zur Streckung der Formen und daneben doch das Verwachsene, Unfreie, Verknorrte, so kommt mich's nun erst recht an: ich sollte eben doch hin, ich muß hin, muß den freien, großen Stil in der Kunst endlich einmal anders schauen, als nur in Gipsabgüssen und Stichen. Ein unwiderstehlich Sehnen kommt mich an, wie ich da schreibe: die Formen strecken. In meinem Leben, in dem Rattenkrieg mit dem kleinen Uebel ist alles geknittert, gekettelt, genergelt, gezupft, klein gebrochen, knopfig genestelt. Strecken! An dem, was dem Auge große Bahnen gibt, muß ich mich selber strecken. – Ich muß sehen, wie ich's mache. Muß aber dann, wenn es gelingt, mit aller Kraft meinen Vorsatz halten, nach den politischen Werdekämpfen Italiens nicht hinzusehen. Verzeih mir's zum voraus, Genius eines aufstrebenden, geistvollen und liebenswürdigen Volks! * Und ihrer Mutter Heimat sehen, das wird ja erlaubt sein und nicht zu stark an der Seele zucken, so daß sie aus der Ruhe der Betrachtung gerissen würde. * Bravo! Noch einmal Bravo! Zwei Dinge auf einmal: Neues Amt, größere Kreisstadt und vorher Urlaub! Doktor wieder brav; schreibt mir Zeugnis: »Abgearbeitet – akute und chronische Affektion der Schleimhäute – gestörte Verdauung – mildere Luft – Bewegung – mildes Klima –.« Wollte eigentlich Kairo, doch läßt mit sich auf Italien herunterhandeln. Regierung willfährig, insbesondere weil ich dazumal mit dem kommunistischen Gesindel fertig geworden und weil ich die Faust fest auf die verrotteten Volksbeglücker drücke. – Daß man mich nur nicht für gar zu brav hält!– Doch für jetzt schon recht!– Aufgepackt, fort! Von Karo schwerer Abschied, doch in guter Hand! * Sammlungen von Pfahlbewohnerresten – Bodensee – Schweizerseen – Steinzeit, Bronzezeit. Man wird ganz zu Hause, haben es auf ihre Weise ganz bequem gehabt, glaubten sich gewiß auf Bildungshöhe. – Gedanke einer Pfahldorfgeschichte. Mondsymbole – halt, daraus kann eine Religion für die Pfahlmenschen herausgesponnen werden! * Desenzano . Muße zum Schreiben, Strafe für meine Dummheit und vielleicht doch gut, daß ich mich etwas sammle von der Hast. – Durch die Schweiz gehetzt, will jetzt nichts vom Gebirgsland, vollends wenn vollgestopft mit Reisegeziefer. Abgeleckte Idylle. Wenn einlassen, dann brauchte es mehr Zeit, erst im Volk, fernab von den Gasthöfen, zuzusehen, wieviel noch alter Kern da ist. Hat mich nur der Splügen gefreut und wie flott der Postknecht die Zickzackwendungen hinabfuhr nach Chiavenna; das Resolute tut wohl, die hohen Berge sind auch resolut, aber mir für jetzt zu hart, zu formlos. Dürste nach andern, schwungvolleren Erdbildungen, auch nach großen Wasserflächen, dies hat mir doch Norwegen angetan mit seinen zwei Größen: Gebirg und Meeresbucht. War mir dann der Comersee doch wieder zu weich, will den Gardasee mit ihm vergleichen und seinem gestrengeren und doch, wie ich aus Beschreibung weiß, schon südlich plastischen Monte Baldo. Unterwegs in Brescia an zwei Gegenständen hoch erbaut: Köpfen weiblicher Heiligen von Moretto und antiker Erzfigur, griechischer Arbeit: Nike. Dort die Züge, hier die Gestalt – rühren mich noch anders, als Hinz und Kunz. Weiß warum; – erinnern. – Den Gardasee hinauf und herab. Meine ich Dummkopf, in Italien geb's keinen Katarrh, kleide mich zu leicht, fange einen gründlichen und sitze nun da und kann ihn ausbrüten. Ufer mit Limonengärten, malerische Steige hinauf nach Ledrotal, Ortschaften wie Schwalbennester hängend, rechts dann die rein modellierten Formen des Monte Baldo, sanft gerötet von Morgenlicht, herrliches Grünblau des Sees, alles nur wie im schweren Traum durch verklebten Flor gesehen – hat mich nicht gekühlt, Nase, Ohren, Augen glühend – das der Einstand? Du dort oben auf höchstem Berg, Madonna di Salò, bist gewiß eigentlich die Minerva, die dort sicher ihren Tempel hatte, warum hast du mir nicht gnädig Gehirn kühl, Augen klar bewahrt? * Vom Bahnhof auf die Spia d'Italia gesehen, steht bei Solferino auf der Höhe, wo der blutige Kampf war. Nicht hinüber! Das nicht sehen! Die Faust ballt sich mir gegen den glücklichen Croupier, während doch Oesterreich auch recht geschah für seine Lumperei. Aber der Croupier wird's auch noch büßen, das weiß ich. Doch Vorsatz halten! Keine Politik! * Verona . Arme Maultiere und Esel! Seufzende Kreatur! – Ihr stammt von dem Gesindel, ihr Tierschinder, das einst dort in der Arena die scheußlichen Kämpfe ansah. – Für was lauft ihr in die Kirchen? * Das katholische System ist Reklame, Revalenta arabica , Königstrank, Mailänder Haarbalsam. Kommt zu mir, ich habe eine Apotheke, euch selig zu machen ohne eigne Mühe! Was ihr am meisten fürchtet: das Gewissen und den Tod: ich zieh' euch den Zahn schmerzlos aus! * Doch nett in San Zeno. Ich trete in der Abenddämmerung ein. Dort in einer Kapelle ein gewöhnliches Kerzenlicht. Ich gehe hin: eine alte Nähterin näht an einem Röckchen fürs Christkind auf morgen zum Fest, ein alter, dicker geistlicher Herr steht dabei und fädelt ihr ein, mit großer Brille auf der Nase. * Und nun heut abend! In der Kapelle das ganze neue Kindszeug ausgestellt: Häubchen, Kittelchen fürs Christkind. Gedräng dahin von Mädchen, Frauen. » Ma, quanto grazioso! che carino! « – Man muß immer wieder lachen. Die Menschen bleiben Kinder. * Bologna . Akademie. Wie wird mir nun meine Vorstellung von diesem Pietro Perugino zur Wahrheit! Zu den Menschen da unten, die in unsagbarer Sehnsucht hinaufweinen, wie, mit welchem Blick der Unendlichkeit neigt aus geöffnetem Himmel die Jungfrau sich herab! Dabei alles noch grundnaiv, auch die mandorla , die Mandelform der Oeffnung des Himmels. Und doch Farbe schon tief warm, leuchtend von Seele. * Florenz . Hier nachts im Mondschein! Da wandle mit Andacht! Wo wären wir ohne diesen Quellpunkt aller neueren Bildung? Barbaren, nichts weiter. Dort im Garten lehrten die Griechen. Dann all die Dichter und Künstler! Die Geisterluft, die von hier aus wehte, ist weicher noch, als die Lüfte dieser Mondnacht. * Es ist wahr, die Renaissance war nur die eine Hälfte der Wiedergeburt, die andre die Reformation. Diese die ethische, und wie notwendig! Eine Halbheit zwar, auch mit ihrem eignen Maßstab, dem der Religion, gemessen. Aber durch Halbheiten geht die Geschichte; die Menschheit erträgt nichts Ganzes. Und wohl der Halbheit, die ein gut Stück vom Zentrum, vom Kern des Ganzen hat! Luther hat viel Unnötiges stehen lassen, aber in ihm brannte Zentralfeuer, heiliger Grimm aus heiliger Liebe sprühend. – Deswegen gehören auch nicht je wieder zwei Völker so zusammen, wie Deutsche und Italiener. Die zwei Hälften der Menschennatur suchen sich. Die Italiener erkennen es jetzt noch wenig, hassen uns historisch-politisch, aber es wird schon kommen. * Wie sich's gestreckt hat, weiß ich jetzt, hab's mit Augen verfolgen können. Kapelle Brancacci in S. Maria del Carmine: Masaccio, der hat den größten Ruck getan im Strecken. Aber wenn mir ist, als geriete ich bei diesem Anblick selbst ins Wachsen und freie Auswickeln, wie eigen rührt mich doch gleichzeitig die holde Unreife, die liebenswürdige Armut des Nochnichtkönnens! Sie hilft ja den geschaffenen Kern der Innigkeit streng bewahren, daß er in der entbundenen Form nicht verdunste. Seit ich den Perugino in der Akademie zu Bologna gesehen, ist mir das erst recht aufgegangen. Nun hier weiter in der Zeit zurück der herrliche Fiesole! Auch in ihm ist schon Zug zum Strecken, will da und dort die mündige Form schon ausschlüpfen, – welche große Bahnen in den Falten des weißen Mantels, der den auferstehenden Christus majestätisch umfließt – dort in der Klosterzelle von San Marco –, aber sein frommes Kinderherz! Welche Welt von Rührung! Wie keusch zusammengehalten! * Und dann, ich kann sagen, wahrhaft gute Stunden genieße ich in S. Maria Novella. Welch ein edel freier, heiterer Mensch ist dieser Domenico Ghirlandajo! Da geht's hinaus in die schöne, sonnige Welt. Und hinein in das Wärmeliche der Zustände menschlichen Behagens. Wie köstlich diese Kindsstuben, das Pflegen der Neugeborenen, die Nachfragen der besuchenden schönen Frauen und Mädchen, die wohnlichen Räume! Und wieder, welche Würde der Gestaltung schon! welch ernste Ruhe und adlige Bewegtheit. * Pitti. Madonna del Granduca. Nicht ganz, ihr Gesicht um einen Hauch schmäler, aber doch sie! O ja, sie, das ist sie! – Solches Oval, solches Blicken, Neigen, Beugen – nur Raffael, nur er, und er, als hätte er sie gesehen! * Der große Grabmalkünstler von San Lorenzo will mich nicht recht annehmen, stehe dort bald hingerissen, hoch getragen, bald geärgert. Zu dieser genialen Geistertiefe der übertriebene Wurf und so viel widerwärtige Gedunsenheit. – Rom abwarten. Dort laß dich auch von der Antike erst ganz erfüllen, – Seele! Und von Raffaels ganzer Herrlichkeit! * Oft, wenn ich oben stehe, bei dem Kleinod altfrommer Baukunst, bei San Mignato, und herunterschaue auf Tal und Berg und Fluß und Stadt, und dann auch jenes Wunderbaren gedenke, dessen Schatten hier umschwebt, des Hölle, Himmel und Welt umfassenden Dante, des Geistes, der einer weitgespannten, hochgewölbten Kuppel gleicht, und wenn ich dann denke, wie viel Wildes und Furchtbares doch auch an den Flächen dieser Kuppel wie mit Glut und Blut gemalt ist, dann entsinne ich mich auch, wie viel doch gewütet und gemordet worden ist in dieser sanften, edeln Stadt. Ja, ich weiß, ich kenne, was Wildes im Menschen ist. O ebnet mich, ihr weichen Linien! Singe mich in Schlaf, mild rauschender Fluß! Lindert mich, ihr Oelbäume, kühlet mich, ihr stillen Zypressen, und hebet mich, ihr schlanken Pinien mit der leichten, rundlich geschwungen übergelegten dunkeln Krone! * Da beginnt es, in Siena , da sieht man die traumhaft verschleierten, mandelförmigen Augen. Wie stimmen sie mit der Madonnenanmut der keusch hageren alten Bilder! Ist es etrurisch, umbrisch? Wer waren diese alten Umbrier? Doch gewiß nicht Kelten, nicht Gallier; – Iberer? Dunkles, vorgeschichtliches Volk der Eusken? – Und ihre, ihre Sprache! Lingua Toscana in bocca Romana ; nur in ihrem Mund feiner, ganz leiser, entfernt nicht unschöner Anklang des Englischen, – Stimme einer milden Fee, wenn sie lispelt. – * Gute stimmungsvolle Stadt, nicht nur so reich an Bildern, selbst Bild an Bild! Die gotischen Paläste, burgartig, die Zinnentürme, sie gemahnen den Deutschen deutsch – plaudernd mit deinen freundlichen, feinen Bewohnern lebt man sich zurück in die alten Zeiten, ich wandle mit dem guten, innig zarten Simone Martini, dem freieren Ambrogio Lorenzetti, der schon feinere Anmut und bewegteres Leben kennt, über den schönen, eingetieft aufsteigenden, halbrunden Marktplatz und sehe sie ihre kindlichen Bilder malen in den Rathausräumen, Ambrogio schaut mich freundlich an, da er merkt, wie mir sein ehrliches, grundnaives Bild gefällt: gutes und schlechtes Regiment – Wert der Polizei! –; ich begleite den sanften und doch so gestaltenreichen Duccio nach dem prächtigen Dom und freue mich mit ihm der leuchtenden Augen, womit das Volk seine herrliche Tafel betrachtet. Und hier, in der Libreria, schon Raffael näher, schon seine jugendliche Hand fühlbar in den Fresken! – Für Hände, die schon alles los haben wie Sodoma, so schön er's oft macht, kann ich jetzt, hier, keinen rechten Sinn in mir aufbringen. * Tiefer hinein in die alte etrurische Welt. Unheimliche Fahrt allein mit spitzbübischem Vetturino. Regen, Einkehr in Casciano; sitze fieberkrank auf dem Herd am Kohlenfeuer. Vetturin flüstert mit den Wirtsleuten, ich merke, daß er mich hier über Nacht festhalten, so den ganzen Kontrakt zu seinem Vorteil verwirren, vielleicht morgen mich Banditen in die Hände liefern will; weigert sich, einzuspannen. Ich springe wie ein Panther vom Herd und herrsche ihn an, daß er schnurstracks gehorcht. Kann doch noch befehlen. Und, Kerl, du ahnst nicht, wohin, wohin mein Sinn steht! * Mondnacht. Dort im Bergegürtel, hoch überragt von geisterhaften Gipfeln, blitzt silbergrau zwischen schwarzen Eichen der Trasimenersee auf. Im Röhricht flüstert's von Hannibal und Flaminius. Geisterheer von Reitern jagt die gedrängten Römer hinein in die Wasser, ich meine das Röcheln der Untersinkenden zu hören zwischen dem Schlachtgeschrei, karthagische, römische, gallische Rufe wild durcheinander. * Chiusi . Alter Herrschersitz des Porsena. Heut alles grau, schwerer Himmel, wandle durch Hügelland, Eichengründe nach alten Gräbern. Da – reichbemalte Grabkammer, kleiner Aschensarkophag mit stämmiger Figur des Toten. Stilles, stilles Totenhaus; Geisterstube, ganz wohnlich, ausgestattet mit allem, was dem Lebenden einst lieb war; sieht sich an der Wand im Bilde jagen, ausfahren mit zierlichen, schlanken Rossen. Tot sein ist doch auch gemütlich. – Was schwebt im Halbdunkel? Welche liebe Geistgestalt? Warum so bleich, da sie ferne noch atmend im frischen Leben wandelt? * Chieserella in Citta della Pieve. Die Anbetung der Könige. Da bist du etwas eilfertig gewesen, guter Meister Raffaels! Doch in der Madonna finde ich dich wieder. Sie schaut über das Kind hinaus zu Boden im reinsten, sinnenden Nichtwissen. Wie wollt ihr heutigen Nazarener diese holdselige Unschuld zuwege bringen, welche träumend die königlichen Ehren nicht versteht und nicht, wie königlich sie doch selbst ist! Männerköpfe in ernste, wehmutvoll beglückte Andacht ganz versunken. – Und wie wenig fragt meine Rührung danach, daß dies alles Märchen ist! Es ist dennoch wahr; wenige wissen wie ich, warum – * Und nun zur Abwechslung Salvator Rosa in natura : Einkehr in ländlicher Osteria, Wirtschaft in der Küche, Spieß dreht auf dem Herd; ein Jäger in hohen Campagnagamaschen mit Hund sitzt beim Wein. Alle Wände geschwärzt und darüber der rote Feuerschein der Herdflamme. Hexenhafte Wirtin, höchst malerischer Schmutz ringsum. – Dann hinaus, weiter, von Ochsen hinaufgezogen nach Perugia. Perugia . Da bin ich. Durfte es ja wagen, sie ist ja nicht da! – Ahnungsvolle alte Stadt, über Bergrücken kletterndes, durch Schluchten geschlungenes Labyrinth altergefurchter Häuser, Kirchen, Paläste, Klöster. Lucumonensitz im grauen Altertum. Dann Römerpomp, Tor des Augustus, Porta Marzia. Germanenzeit – ihres Bluts sicher auch ein Tropfen zurück; dann Mittelalter – Hohenstaufen – im Dom von Assisi Friedrich II. getauft, hat Kinderjahre dort drüben auf der Burg verlebt, – dies alles auf dem dunkeln alten Grund – wie seltsam alles, Klang einer alten Sage, wie wundersam fremd und magisch anziehend! Auch fürchterliche Zeiten – Bluthochzeit von Perugia! Alter Marktbrunnen mit den Figuren der pisanischen Meister, die aus halboffener Knospe der Kunst so frisch hervorquellen, was plauderst du? Was erzählst du die ganze lange Nacht, wenn's still ist ringsum? Weißt noch, wie du prangtest an Astorres Vermählungstag? Wie die Mordnacht folgte? Wie Simonettos Leiche, den alten Trotz im Angesichte, zum Himmel starrte? Und wie die zwei Frauen Atalanta und Zenobia die weißen Gewänder im Blut nachschleppten, als sie gingen, das Herz des sterbenden Grisone zu rühren, daß er seinen Mördern verzeihe? – Fort von den grausen Bildern! – Ihr blauen Gebirge, so feierlich violett am Abend, was habt ihr alles gesehen! Auf euch hat Raffaels junges Auge geweilt. – Alter Tiberfluß, wie viel Zeiten hast du geschaut! – Und diese Welt war das Bilderbuch der Kindheit ihrer Mutter. In reiner Unwissenheit über das Wilde, was einst in diesen Gassen, diesen Tälern getobt, wird sie den Ernst und im Großen das Sanfte, das Ahnungsvolle eingesogen haben, das rings in diesen tiefen Farben und gewaltigen Bahnen webt und waltet, wird oft da oben geweilt haben im Kloster Francesco del Monte und hinab, hinaus ins Weite geblickt! Da ist auch das liebliche Presepe, von Pietro Perugino; solchen Bildes mag sie in der Ferne gedacht haben im nebligen Norden, als Cordelia in der Wiege lag; wird dem heranwachsenden Kinde, wenn sie vom hohen Schloßturm in Edinburg mit ihm hinausschaute auf das graue Meer, erzählt haben, wie viel blauer und sonniger alles sei in ihrer Heimat und welche seligen Augen dort von Leinwand und Mauer auf fromme Beschauer blicken, und die Künstlergesichte werden wie ein Märchen in die träumende Seele des Kindes hineingeleuchtet haben. * Deutschen Kunstkenner getroffen; nennt Perugino süß sentimental. Man darf ihn nicht an die strengen, kräftig herben florentinischen Realisten halten, sage ich, man muß ihn für sich nehmen, sonst tut man ihm unrecht; seine weiche Welt ist seine Welt. * Das Elternhaus ihrer Mutter erfragt, auch erfahren, daß noch eine Muhme lebt, in Assisi verheiratet. Hinüber! Dort winkt sie schon von weitem her über die hohen Mauerbögen, die Franziskuskirche. Stigmatisiert, heiliger alter Bruder? Gut. Ich auch. Wir alle – wer nämlich in Wahrheit lebt. Wundenmale Christi – erfahren haben, was heißt: Mensch sein. Nur aber fort mit dem Heiligengeruch! – Warum mußte er heilig werden, genügte es nicht, daß er gut war? Ich mag ihn, seit ich seinen Hymnus kenne, jenen Hochgesang, worin er in seinem ehrlichen Altitalienisch den Allmächtigen preist, daß er geschaffen hat Herrn Bruder Sonn – misser lu frate Sol  –, der da schön und strahlend ist mit viel Glanz, daß er uns erleuchte für ihn , und Schwester Luna und die Sterne, die er am Himmel gebildet hat klar und kostbar und schön, Bruder Wind und Luft und Wolken und heiteres und jeder Art Wetter, die den Kreaturen ihren Unterhalt geben, Schwester Wasser, welche sehr nützlich und niedrig und köstlich und keusch ist, und Bruder Feuer, welcher ist schön und lustig und gewaltig stark, und unsre Mutter Erde, die uns trägt und führt und hervorbringt mancherlei Früchte und farbige Blumen und Kräuter. – Und am Schluß preist er den Herrn noch für den Tod, er ist ihm weiblich ( la morte ), und er nennt ihn unsre Schwester. * Die Tante gefunden, gesprochen. Frau Cornelia Ruggieri. Entfernte Aehnlichkeit, mehr latinisch. Gute Frau, echt katholisch, doch ohne Gift. Man sei sich etwas fremd geworden, seit ihre Schwester nach Schottland geheiratet habe und dort zwar nicht förmlich ins Lager der Unchristen übergetreten, doch, wie man vernehme, nicht mehr zur Messe gegangen sei. Als sie dem Tode nahe mit ihrem Mann nach Perugia kam, habe es sich bestätigt, daß sie der Kirche fremd geworden, und als sie gar auf dem Sterbebett die Sakramente nicht nahm, das sei ein Entsetzen für alle guten Christen gewesen. »Aber,« fügt Frau Cornelia weinend hinzu, »ich glaube doch, daß sie Gott Vater in Gnaden in den Paradiso aufnehmen wird nach kurzem Fegfeuer, sie war bis zum letzten Augenblick so carina, tanto, tanto buano .« – Die Tochter, befürchte man, folge der Mutter nach in der Ketzerei, man erfahre wenig von dorther, außer neulich sei eine Nachricht gekommen, daß Cordelia besorglich kränkle; das Klima Schottlands und Norwegens scheine dem südlichen Blute nicht zuträglich. – Wirst du früh hingehen, hinwegschweben in goldgesäumte Wolken, aus denen du mir kamst? Und ich – dir nachsehen, wie die Apostel auf dem alten Bilde dort im Kloster, gebräunt von Erdensonne, verlassen, arm, hilflos emporschaun, da die Erde nun öde, leer, grau, verwaist? * Werde ich Nazarener? Man spürt hier recht, wie diese alten Bilder es unsern Overbeck, Veit, Steinle haben antun können. Bei unsereinem ist aber doch besser dagegen gesorgt, ja gründlich. – Jetzt auf nach Rom! Das Große soll mich aufnehmen, umgeben. Da halt' ich's am ehesten aus, so tief bekümmert, so feierlich bang, wie mir zumut ist. * Rom . Es ist wahr, es ist richtig. In Rom erfährt ein nordischer Mensch, daß sich etwas in ihm setzt. Wenn ich sehr übel aufgelegt, Blut im Kopf, Hirn gereizt, Augen trüb, brennend, Ohren rot und blau flammend, dann hat mir öfters ein gutes, gut gegebenes Theaterstück geholfen: Kopf wurde kühl, Augen klar, alles, was nicht oben im Kopf sein soll, niedergeschlagen. Aristoteles hat seine καθαρσις halb physiologisch gemeint und muß genau an diesen Zustand gedacht haben. Nun, und so wirkt Rom auf die Grundstimmung. Das alles ist zu groß, als daß deine Grillen, deine Ich-Aushegungen, Ich-Brütungen, Hirnschnaken dagegen bestehen könnten! Sie werden zu Boden gelegt. Höhere Art von Brausepulver. – Nun auch namentlich die Campagna. Diese plastische Erdhorizontale, dies Meer von Erde, dahinter die schönen Berge, rechts fern die See: da wird der innere Mensch wie mit einem Modellierholz ausgestrichen, Knöpfe, Warzen, Buckeln, Naupen in der Seele planiert. * In unserm Klima, seiner Kälte, seinen Schermesserwinden, strupft, so schneidig angeweht, der ganze Mensch nach innen um und zieht sich krampfhaft auf einen Punkt zusammen: das ärgerliche Ich. Da soll man nicht subjektiv werden! Der Südländer lebt mit seiner gesund transpirierenden Haut von innen nach außen, wir von außen nach innen. Doch mit dieser unsrer Krankheit hängt untrennbar auch unser innerer Reichtum zusammen. * Also noch einmal: doch germanisch bleiben, nur lernen, nicht nachahmen, sonst flach, abgeflacht, leer wellenlinig wie die italienisierten, akademisierten Niederländer, denen Rubens und noch viel gröber Rembrandt die Faust entgegenballte. * Nimm dem Albrecht Dürer seine Ecken, Knorren, wurmgeringelten Faltennester: gut, versuch's und sieh zu, wo du durchschneiden kannst, ohne seine Eigenart gestrengen Charakters, sein Gefühl des warm Beschränkten und traulich oder herb Geflossenen, seine treulich zusammengehaltene Empfindung mit wegzumähen. Hätte er den freien Fluß der Linie gehabt, den Löwen des heiligen Antonius schlank, rund plastisch zu zeichnen, hätte er dann das Ganze gezeichnet, wie es ist? So gutes, warmes Stübchen, Sonnenbild der runden Scheiben an der Fensterlaibung, Schere im Riemen an der Wand, Kürbis an der Holzdecke hängend, ganzer Raum so gemütlich ausgefüllt, Spitzhund so schmuckelig hingelagert neben dem zahmen Raubtier, und den Heiligen so ehrlich vertieft? * Aber jetzt fort mit Vergleichungen, Unterscheidungen! Sei ganz hier! Wandle unter Göttern im Vatikan! Wesen aus einem Stück. Haben keinen Pfahl im Fleisch. * Der Künstler will uns sagen und sagt es ganz und rund: hier siehst du Wesen, die auf den Höhen des Olymp und Parnaß wohnen, wo allerdings (den Ausschmückungen der Dichter zum Trotz) bis in Sommers Mitte Schnee liegt, die aber dennoch nie einen Katarrh haben. Die innere unbewölkte Einheit dieser Wesen mit sich fühlt man nun erst im Marmor ganz, dessen körnige Textur, auf der Oberfläche durchscheinend, uns sagt, daß solches System ungestörter seelischer Prozesse spezifisch von ungestörtem Hautleben ausging. – O Stubenexistenz unsrer traurigen Menschheit! * Man hat aber immer seine Lieblinge. Trauer ist ja dennoch in all diesen seligen Gestalten. Besagt vielerlei, unter anderm, daß ein solches Volk, das seine Götter so sich dachte, so bildete, weil es so war, nicht lang bestehen konnte; »auch das Schöne muß sterben«. – Besagt mehr, mehr, leise Klage, die durch alles, alles Leben geht. Aber einige dieser Gestalten sind noch anders, sind ausdrücklich traurig. Da ist nun der Eros-Torso, und der ist mein Liebling; etwas versüßt zwar durch den Meißel des späten griechischen Nachbildners, doch das kann man ja abziehen. Selig schöner Halbjünglingsknabe, das Antlitz unter dem Lockenwald niederneigend in wehmutvollem, ahnendem Träumen. Was meinst du damit, Meister Praxiteles? Ist Eros dem Tode verwandt? O ja, er ist es, und nicht bloß, weil ein Ich sterben muß, um im andern aufzugehen. Liebe ist tödlich schön. Ihr innigster Wunsch kann werden: in einem Moment sich geliebt wissen und sterben dürfen. * Heute wieder Sixtina. Gewaltensturm im jüngsten Gericht, urgebirgs-, urweltkräftig. Wohl! Aber Michelangelo ist eben nicht mein Mann. Verstehe zwar seinen hohen Zorn, das Herum- und Auffahren seiner Geistmenschen gegen die Welt, das Wetternde, Schmetternde; verstehe dies grundmächtige Urgefühl der organischen Form und Bewegung und der Leidenschaft; – Deckenbilder: – ich bin wohl nicht der letzte, der die wahre Großheit hier und das mystisch tiefaufglühende Feuer fühlt, dies abgrundtiefe Brüten, dies sausende Wehen, dies zuckende Außersichsein des tiefsten Insichseins der Ahnung. Aber – aber – wie soll ich sagen? Michelangelo genoß die Titanenehre, in den Rat der Götter gezogen zu werden; er war dabei, stand ganz nahe, als aus dem Urfeuerschoß die ewigen Formen erquollen. Aber da dies doch über Menschengrenzen geht, so brannte er dabei das Hirn etwas an, und das verrät sich in geschwollener Ueberstärke, wildem Herumwerfen, in zu sichtbarem Zeigen seines Könnens, einem Reißen, Stoßen, Schlenkern, Aufbauschen, Rollen und wie man sonst die Auswüchse nennen mag, an welche dann die Ausartung sich knüpfte. Kurz, ich bleibe eben bei meinem Raffael, obwohl ich seine Achillesferse nun auch kenne, bleibe bei ihm, weil man von keinem Künstler in der Welt so sagen kann: was er gemacht, ist schön; – weiß wohl, was man dagegen hat; wird gar noch eine Zeit kommen, wo ein Künstler nichts mehr gilt, wenn er Schönes bildet. Pathologisch fühlen? Es sei darum! – – ich muß noch einmal hinauf nach Florenz zur Madonna del Granduca – dann auch vielleicht wieder nach Perugia. – * Nein! besser nicht. – Hinauf nach Pietro in Montorio! Dort noch einmal die Abendbeleuchtung! – Zuerst Purpurglut, wie flammt sie über Kapitol, Forum, Palatinus, Kolosseum! Breite ihn, breite ihn, scheidende Sonne, den Kaisermantel über die ewige Stadt, steiget auf im Feuermeer; ihr Riesengeister, die ihr um diese Trümmer schwebt! – Vergiß nicht, Seele, Rom war die Geschichte, Rom war die Welt. Hörst du den wunderbaren Klang in den Lüften? Stimmen der alten Tage, Klagelaut versunkener Götter. Und jene Wolke dort – ist es nicht Jupiters bärtiges Haupt, das auf sein Kapitol niederschaut? – Und doch wieder alles so ruhig sanft; auf Glut- und Blutrot, dann Prachtviolett folgt zarte Rosenröte, weich weilend auf Albaner- und Sabinerbergen und dem rein gezeichneten Sorakte. * Werde Heimweh haben wie alle. Noch ein Trunk aus Fontana Trevi. Hast mir oft Kühle ins verglühende Herz gerauscht. Rausche mir so kühlend in mein künftig Leben. – Seele hat sich hier doch angesogen, eingenistet. So tragisch groß und doch auch so gut heimatlich! Das bewohnte Rom, das sich zwischen die erhabenen Trümmer, Paläste, Kirchen gelegt, hat ganz gewöhnliches, ordinäres Aussehen, in Wohnungen findet man gemütliches Philisterium, gute Mütterchen, die dem Gast ein brodo lungo bereiten. So werden die Straßen, die Häuser bald alte Bekannte. Diese Mischung des Wunderbaren und des vertraut Gewöhnlichen, dies erst gibt Rom seinen Stempel und macht, daß man so anwächst. Und dazu so viel Stille und die vielen rauschenden Brunnen. – Mag es Italien gönnen, wenn du Residenzstadt wirst, aber ich gehe dann nicht mehr hin. Rom ohne Stille? Nein. * Genua . Der hat schön gewohnt, der alte Doria. Altersasyl am Golf, von der Stadt gebaut, » ut maximo labore jam fessus honesta vita requiesceret «. Edle Renaissance, heitere Fresken von Raffaels Schüler, Perin del Vaga. Blick über den Garten mit dem Prachtspringbrunnen nach dem Hafen. Drinnen altes Bild, sehr verwaschen, doch erkennbar: der alte Andrea und ein großer, prächtiger Kater. Dieser sitzt auf dem Tisch, der alte davor, beide sehen einander an. * Mailand . Bernardino Luini: auch die Holdseligkeit der früheren Meister. Das unsagbar sanfte, liebende Neigen des Hauptes haben sie hier von Lionardo da Vinci. Der Johannes dort auf dem herrlichen Abendmahlbilde, wie der sich zu Christus herbeugt. O, ich kenne dies Herneigen. Aber der junge Raffael! Sposalizio: ja diese keusche, kinderreine Grazie, – dies noch sehen ist mir wie noch einmal nach Perugia gehen und ihrer gedenken. * . . . Da wären wir wieder! Addio, Italia ! Alles nur grau hier, was uns blau vorkommt; Grün frischer, das ist wahr. Aber jetzt Schlackerwetter, Entlaubung. Gesichter – doch aber auch fast keins, das nicht verzeichnet wäre, verstaucht wie Zangengeburten, Nasen meist aufwärts, daß es hineinregnet. Vergiß nicht, Seele, vergiß nicht: wenn die Natur die Menschen individueller bilden wollte, so mußte sie von der Normallinie abweichen ins Unendliche. * Nimm dich zusammen! Frisch ans Werk! Großes Amt, gibt viel aufzuräumen. – Wenn ich nur gegen das Gesindel, das anständig aussieht und der Polizei nicht verfällt, mehr ausrichten könnte! Welche Charakterwelt! Fuchsschwänzer, Speichellecker und Flegel gegen den, der nicht wieder leckt, Tuckmäuser mit Biedermannston, gemütliche Seelen mit Taschen voll Steinen, auf die wenigen zu schleudern, die Charakter haben. Alles soll durch Gunst gehen, jeder tätschelt den andern um Gegendienst – Halunkenpack! * Gottlob, tüchtiger Referendar und gute Subalterne. – Hab's gleich bemerkt bei einer Einladung. Bedarfst du gute Arbeitskräfte für irgend ein geduldforderndes Geschäft, so suche die in Frage Kommenden beim Geflügelessen zu beobachten. Wer gern (und säuberlich) nagt, den wähle, wer sich mühelos die Pfaffenschnitten gönnt, mit dem wird nicht viel zu machen sein. * Gesuche um Theaterkonzessionen. Die Sache mit den städtischen Kollegien erörtert. Abgeschlagen. Weiß, was die Schufte wollen: etwas wie die jetzigen Wiener Vorstadttheater, die Variétés- und Café chantant-Schandbühnen in Paris. Wollen die Jugend vergiften. Das könnten wir in unsrer Zeit noch brauchen, daß das Lebensalter, dem es nottut, die Seele mit dem Hohen und Reinen und mit giftfreiem Humor zu nähren, sich gewöhnt, schamlose Weiber anzusehen und anzuhören, und zwar mit vielen zugleich, wobei jeder den Nachbar im Zustand der Begierde, in der Hundsbrunst weiß. Für die Deutschen gehört: sera juvenum Venus . Dem Deutschen soll das Weib bis in reife Jahre Mysterium bleiben, sonst verkommt sein Seelenleben, verlottert, fault im Kern, wird gemein. * Im Oeffentlichen noch der alte Stand: Pfaffen überall Oberwasser, Konkordate mehren sich; der Staat, der im Gefühl seiner Sünden die Kirche zu seinem Stab macht, wie wird er's büßen müssen! Einzig rechte, freilich leider nur ideale Formel lautet: der Staat muß die Kirche zerstören, um die Religion zu retten. Es können nicht zwei Arme in einem Aermel stecken, aller modus vivendi ist nur palliativ, es gibt kein gesundes Verhältnis zwischen Staat und Kirche, denn nie wird sie auf Macht verzichten, und Macht gehört doch nur dem Staate. Aber wie ein viel besseres Gewissen müßte der Staat haben, wenn er sich getrauen wollte, der einzige Hüter der ethischen Güter zu werden, wie viel ferner müßte die Gefahr byzantinischer Zustände liegen, die uns in dem Staate drohen würden, wie er bisher war und wie er ist! Er hat ein Gewissen wie ein böses Kind, das sich in der Angst an den Rock einer bösen Mutter hängt. – Und Cavour drüben: freie Kirche im freien Staat!? Unverschämte Kirche im feigen Staat. * Im besseren Staat wäre der Geistliche einfach Staatsdiener als Volkspädagog und Kultusverwalter. Jeder magische Nimbus fiele weg; der Nimbus enthält immer den Zauberbegriff in sich, und davon geht alle Unmöglichkeit des Friedens zwischen Staat und Kirche aus. * Die Romanen befreien sich kritisch von der Kirche, aber sie haben keine sittliche Empörung gegen ihre Lügen, Verderbnis, Blutsinn, Frechheit. Das hatte Luther, das ist deutsch. Daher bleibt ihnen die Kirche eine Schachfigur, mit der sie rechnen. Und so werden sie den Giftkörper, den Kanker nicht los. » Il papato è un cancro, che bisogna lusingare ,« sagte neulich ein Minister. Da hat man's. * Weiß der Himmel, daß es der Zeit an Religion fehlt! Aber was ist Religion? Wie tausendmal ist's gesagt, und immer vergeblich, daß an diese und diese übernatürliche Person, behauptete Wundertatsachen und dergleichen glauben nicht Religion ist! Ja, wenn man unter Glauben verstände Glauben an eine sittliche Weltordnung, die wir nicht streng beweisen können! Aber das meint man ja eben nicht bei dem Wort sondern Glauben an genannte Stücke, das heißt an sinnlich Einzelnes, das übersinnlich sein soll. Ein Kind könnte doch einsehen, daß man das alles glauben und doch gemein, niedrig egoistisch, seelenroh, undankbar, lieblos sein, überhaupt so leben kann, als müßte das Weltall diesem Ich dienen. Frage dich täglich: bin ich denn das Weltall? So kannst du dich zur Religion anleiten. Religion ist Opfer der Selbstsucht, Religion ist: Durchschüttert-, Durchweicht-, Durchmürbtsein vom Grundgefühl: ich bin ein Nichts im Ganzen, wenn ich ihm nicht diene! Religion ist daher tragische Freude, zu dienen. Was die Moral fordert, dazu gibt Religion die Lust und Kraft, und was ich fehle, nicht leisten kann: da tröstet mich die Religion durch Gefühl und Ahnen der unendlichen Wechselergänzung im Ganzen. * Je mehr getreuer Knecht, um so mehr bist du frei und Herr. * Alle positive Religion unterscheidet sich dadurch von der reinen, daß sie sinnliche Formen ins Uebersinnliche, Begriffe, die nur dem Endlichen gelten, ins Unendliche hinüberträgt. Der Fluch der Pfaffen auf uns heißt, richtig übersetzt: seid verdammt, weil ihr vom Uebersinnlichen nicht sinnlich denkt wie wir! * Geistlichkeit und Geistigkeit sind jedenfalls keine Synonyma. – Es ist nur das kleine l, was den großen Strich dazwischen macht. Das l ist hier eine Schlinge, mittels welcher in das rein Geistige (sittliche Volkserziehung) ein Zauberbegriff hereingezogen wird. Könnten wir den Begriff aufheben, daß die Verwalter des Kultus und höheren Volkspädagogen Magier seien (in den sogenannten Sakramenten), so wäre ihnen und uns geholfen. Ihnen, denn wie viele brave Männer in diesem Stande werden durch den Machtwahn, zaubern zu können, verführt und verkrümmt! * Religion zu haben, nicht die wahre, sondern was dafür gehalten wird, gilt jetzt für vornehm. Mit schöngebundenem Gesang- oder Gebetbuch in Predigt oder Messe! Wenn sie's wüßten, wie falsch sie recht haben! Jawohl, jawohl, niemand hat Bildung anzusprechen, der nicht Religion hat! Das wahrhaft Bildende ist nur die Religion; der Feinste bleibt ein Wilder ohne sie. Aber Religion ist eben ein ander Ding, als ihr meint. * Der Hund hat etwas der Religion Analoges in sich, indem er getreuer Knecht ist. – Um dieses Besten willen ist schändlicherweise sein Name ein Schimpfwort geworden. * Wie oft in Gesellschaft, die sich für so recht gebildet und interessant hält, bei all dem Gerede und Feintun seufze ich innerlich: wenn doch nur ein Hund da wäre! * Alle und jede, die in dieser arsenikalischen Zeit noch nicht so stark an Blutvergiftung leiden, daß sie nicht durch strenge Diät noch rettbar wären, sollte man einsperren und zwingen, den Homer zu lesen mit guter Anleitung, und zwar so oft, so lange, bis sie ihn auswendig wissen. Dann könnte man sie freilassen. Verdorbene, ironisch Durchsäuerte, Blasierte, die nur Verpfeffertes, Muffiges lesen können, sollte man auf Zeitlebens einsetzen mit keiner andern Lektüre als Homer: gute Höllenstrafe. * Ich muß mir mit Anstrengung immer wieder sagen: vergiß nicht, das Gemeine und Schlechte spielt breit auf der Oberfläche, ist draußen auf dem offenen Markte, still in ihren vier Wänden sitzen noch gewissenhafte Beamte, Gelehrte, Künstler, in ihren Werkstätten Handwerker, in ihren Spitälern Aerzte, und arbeiten ehrlich und ernstlich, oft um kargen Sold. Der Glaube ist eine gewisse Zuversicht des, das man nicht siehet. – * Aber was jene Hetzjäger um Geld und Genuß eigentlich meinen, dazu reicht mein Kopf nicht, das zu verstehen. Wer nur begriffe, was sie wollen? Muß man sich denn so schrecklich Mühe geben, um sich ein schlechtes Gewissen zu erschinden? Da wäre ein ordentlicher Straßenraub, Mord, Einbruch doch kürzer, rascher, unterhaltender. Meine Kerle hinter Schloß und Riegel sind mir oft ganz achtbar, wenn ich an das für honett geltende Hetzjagdpack denke. * Neulich bringt ein Scheusal im Wahne, die Seinigen vor Verarmung retten zu müssen, Frau und vier Kinder um. Nun schaudert alles. Es ist grauenhaft, aber viel grauenhafter ist mir das Gift, das jetzt wie ein Geist umgeht und immer tiefer und weiter in die Massen dringt; davor schauern die Leute nicht, weil sie Geister nicht sehen können. * Uebrigens hätte ich den Bluthund fixweg zum Tod verurteilt. Zurechnungsfähig oder nicht? Als er den Mordgedanken faßte, da war er unzweifelhaft zurechnungsfähig; es weiß jeder, daß Mord Verbrechen ist. Er gab ihm Gehör, er hegte ihn, bis er ihm über den Kopf wuchs, bis er halb unfrei von der großgenährten Geburt seines eignen Gehirnes fortgezogen wurde. Ebendies bedeutet der Geisterdolch, der den Macbeth magisch nach Duncans Schlafgemach zieht. Die Umkehrung der Freiheit in Unfreiheit ist also selbst Schuld. * Ueber Todesstrafe wie oft meine Ansicht gewechselt für und gegen, gegen und für, bis ich mir's ganz gemein einfach so formuliert habe –: An der Gewalt der Abschreckung ist nicht zu zweifeln. Das weiß ich von mir selbst. Es schlummert in jedem ein möglicher Mörder. Wenn ab und zu der Satangedanke in mir aufschoß, einen rechten Hauptschurken abzumurksen, hab' ich mich alsbald darüber ertappt, daß im selben Moment ein Besinnen eintrat: wie es verbergen, um dem Schafott zu entgehen? Natürlich nicht immer vermag es die Abschreckung gegen die Stärke der Leidenschaft, aber doch in manchen Fällen, nehmen wir immerhin die wenigeren an. Gut, und nun sage ich so: wenn ich sechs Mörder dem Schwert überliefert habe und es dadurch erreiche, daß in einem siebenten Falle die Angst vor der Todesstrafe einen Menschen zurückhält, der große Lust zu einem Morde hätte, daß also ein schon zum Mord ausersehenes Opfer gerettet wird, so sind doch jene sechs wahrhaftig nicht zu gut gewesen, diese Rettung durch ihren Tod zu erzielen. Dies ist eine schlichte und doch gewiß zugleich sehr expediente Rechnung. * Andres genügt nicht, die Todesstrafe zu rechtfertigen. Sie ist rein juridisch nicht haltbar. Strafe ist doch Zufügung eines Uebels für Schuld; das ist nicht die ganze Definition, aber doch ein wesentlicher Teil derselben. Um ein Uebel zuzufügen, brauche ich ein Subjekt, dem ich es zufüge, das es empfindet. Ein Subjekt aufheben heißt aber nicht, einem Subjekt ein Uebel zufügen. Der Tod ist kein Uebel, das ein Subjekt empfindet, denn wenn der Tod da ist, ist das Subjekt nicht mehr da. Etwas andres ist die Todes angst . Sie ist das entsetzlichste aller Uebel. Einem Menschen den Tod auf eine bestimmte Stunde, Minute als unentrinnbar ansagen, das stürzt seine Phantasie in eine Hölle von Qualen, die kein Name nennt. Diese Qualenhölle will aber als solche das Recht nicht: es verhängt den Tod, nicht die Todesangst. Also was das Recht will, ist kein Uebel, und was es nicht will, das größte, äußerste von allen. Dem ist aber nicht abzuhelfen, denn sucht man auch auf einen Augenblick den Unsinn festzuhalten, die Justiz dürfte die Ankündigung der Todesstrafe unterlassen, den Verbrecher im Gefängnis überfallen, wie er sein Opfer überfiel: das müßte ja eingeführt sein, dem Verbrecher wäre also diese Methode bekannt und das Bewußtsein der ungewissen Gewißheit, dies entsetzliche, grausige Warten stürzte ihn in denselben Höllenabgrund der Angst, wie die Ankündigung. Summa: die Todesstrafe ist keine rechtliche Strafe, aber eine wohlbegründete Sicherungsmaßregel gegen Bestien, vor denen das Menschenleben nicht sicher ist. * Erholt und erquickt nach so viel Grassem, da mich die bildschönen Nachbarkinder besuchten. – Man ist froh, wenn man wieder in ein gutes Kindergesicht sieht. – Am Kindergesicht finde ich dies das Rührende, daß es so lieblich arm bittend zu sagen scheint: ich kann ja gewiß nichts dafür, daß ich gemacht bin. – Eigentlich von Rechts wegen sollte man jeden vorher fragen, ob er existieren wolle. Dabei müßte man sein Lebensschicksal wissen, ihm voraussagen, und so dann fragen: willst du unter diesen Bedingungen zur Existenz gelangen? Müßte man nun dem Gefragten ein ganz unglückliches Leben in Aussicht stellen, würde der wohl ja sagen? – Hier hebt sich die ganze Vorstellung höchst belehrend von selbst auf. Ja, freilich würde er ja sagen! Denn unser Satz nimmt an, er lebe, ehe er lebt, sonst könnte man ihn ja nicht fragen. Dann hat er ja aber das Leben schon verschmeckt, schon sich angewöhnt, und diesem Reiz widerstehe der Teufel! * Wen der Gedanke unglücklich macht, nach dem Tode nicht fortzuleben, der müßte eigentlich an die logische Konsequenz erinnert werden. Es ist doch niemand unglücklich darüber, daß er einmal erst angefangen hat, zu leben, daß er vor seiner Geburt nicht lebte; ebensowenig sollte er darüber unglücklich sein, daß er einmal aufhören wird, zu leben. Freilich, da ist ein großer Unterschied: in der Zwischenzeit hat er sich das Leben angewöhnt, und das schmeckt eben ungeheuer nach mehr, mehr! Wohl, aber dennoch steht jene Logik fest, unwiderlegbar, mathematisch exakt. * »Süßes Leben! Schöne, freundliche Gewohnheit des Daseins!« So über die Straße gehen; da kommt ein alter Kamerad gestiegen. »Ei, grüß dich Gott! Was machst auch? Wie geht's? Komm da herein, wir trinken ein Gläschen!« – Ja, daß das einmal aufhören muß, lernt sich nicht leicht. * Aber es ist nicht anders: wenn wir unsterblich wären, würden wir nicht sterben. * Jeder Mensch ist ein Schwab. Und da ist das Sprichwort nicht richtig; es ist nichts mit dem Gescheitwerden im vierzigsten Jahr. Was ein rechter Mensch ist, wird nie gescheit. Ein dummer Mensch wird bald gescheit, ein gescheiter bleibt dumm bis an sein seliges Ende. Das Unglück, ganz gescheit zu werden, erlebt aber der Mensch erst, wenn er stirbt. Das einzige absolut richtige Urteil, das jeder, auch der Allerdummste fällt, ist der Tod, denn er ist das Urteil, daß der einzelne nicht die Gattung ist. * Das alles sind aber nichts als arme Zeitgeschichten. In jedem Zeitmoment, wo er wahrhaft lebt, lebt jeder Mensch ewig. Der Dummste kann sich wenigstens freuen, – ich meine wahre Freude. Da vergißt er die Zeit, und da ist er gescheit. * Wie hoch steht ein spielendes Tier über einer Geldseele, hoch im Idealreich des Zwecklosen! – Jetzt hab' ich's, ein Hund muß wieder her, das fehlt mir. * Und die Moden! Auf jedem Schritt über die Straßen werde ich beleidigt. Karikaturen auf Weg und Steg. »Jeder nach seinem Geschmack!« Gut! Nur zu! Nur zu! Man sieht, was dabei herauskommt! – Ich finde, daß ein Mensch, der sich ganz geschmacklos kleidet. ja in seinem Anzug eine förmliche Rebellion gegen den Geschmack auftut, eigentlich etwas Aggressives für jeden Begegnenden in seiner Erscheinung hat, etwas Kränkendes, Injuriöses. Ich meine nicht alte Herren, die hinter der Mode bleiben, nicht gutartige Narren, die irgend ein Formen- oder Farbenkobold reitet, sondern Stutzer und Stutzerinnen, die eine rohe Uniform der Mode flugs mitmachen und noch übertreiben. Sie haben einen Ausdruck im Gesicht, in allen Bewegungen, der stillschweigend dem Mitmenschen zuruft: »Es soll dir doch gefallen! Siehst du, so mußt du mich nun sehen, magst wollen oder nicht! Ich schlage dir mit dieser meiner Verzerrung des richtigen Menschenbilds ins Gesicht und du darfst nicht mucksen!« Was folgt? Das folgt, daß es auch in diesem Gebiet heißt: der Mensch ist nicht geboren, frei zu sein! Er gebraucht seine Freiheit, die freilich doch nur die Freiheit des Sklaven, nur Modeknechtschaft ist, zu nichts, als zur Mißhandlung seiner Mitmenschen! Ach! nun aber auch in diesem Stück: woher den Gerichtshof nehmen, woraus ihn bilden, dem man die Gewalt anvertrauen dürfte, eine Kleiderordnung einzusetzen, nach ihr die wilde Willkür zu maßregeln, frech Gekleidete kurzweg zu arretieren! * Sonntagsgetriebe. Da fahren sie; gefahren muß sein. Nach den Pferden, ob sie es leisten können, fällt keinem ein zu sehen, auch keinem Weib. Ich müßt' mich schon vor so einem armen, lahmen, müden Tiere schämen, breit einzusitzen und seine letzte Kraft zu mißbrauchen. * Unglückliche Hundsgeschichte. Dumm genug, einen Bologneser aus vornehmem Haus zu übernehmen. Hieß Ida. Demoralisierte Bestie, gehorcht nicht. Gerichtsakt vollzogen. Wieder teuflischer Rank des Zufalls! – Doch zugleich Lenkung höheren Fingers: muß gerade der Duckmäuser es sein – heiter, hübsch, wie das Ministerialrätchen in den Kot purzelt, da ihm das pelzige Wurfgeschoß an den Kopf fliegt. Diesmal noch verpflastert. Das Männlein wollte auf Realinjurie klagen. Steht wieder ab. Sie brauchen mich, weiß. – Bin aber nicht zu allem brauchbar. Mir ist doch immer vor, es gehe noch einmal zu bösen Häusern. * Ich tauge eben nicht in Familiengesellschaften. Kann ja jetzt auch besser abends daheim bleiben, seit Frau Hedwig mir haushält, und etwas plaudern. War das eine verfluchte Geschichte bei dem Stadtpfarrer Zunger, wo ich sonst nicht ungern, weil bürgerliche Bildung. Wieder Choralgespiel. Lachkrampf über dem »ver härtetem «. Gerade recht, daß ich durchbrennen mußte, so konnte die treffliche Frau Stadtpfarrerin doch ihr unerträgliches Thema nicht fortsetzen. Will mir kuppeln. »Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei« und dergleichen. Hat mich schon einmal ganz wild gemacht. Frau Hedwig versteht's besser, begreift, daß man mich damit in Ruhe lassen soll, daß ich einsamer, freier Mensch sein muß, gesellig nur, wenn ich mag und bedarf. Liebt die Tiere, hat mir den jungen Kater eingetan, wahrscheinlich echt ägyptischer Abkunft blaßgelb, gestriemt. Hilft mir auch, nachdem es nichts war mit der Ida, bessern Hund suchen. * Vortreffliche, vernünftige Art, diese hilfreiche Base. Nüchtern, nie aufgeregt. Kann sogar rechnen. Wenn es nur nicht vier Spezies gäbe, das ist zu viel; ich bringe es über Addieren nicht mehr hinaus. – Und hat doch Phantasietalent. Lernt; versteht die Tücke des Objekts und wie gerecht dagegen die Justizakte. Nur in Hemdknöpfchen auch sie, auch sie nicht ganz zuverlässig. Gleich zwei neue aufgegabelt, Hatzrüd und Rattenfänger, beide noch jung. Vom ersten Tag an schon gute Kameraden. Gute moralische Anlagen. * Höhere Tiere, gebildete Haustiere können doch recht affektiert sein; versteht sich: naiv affektiert zu ihrem Zweck. Der Kleine geht nicht gern ins Wasser. Ich hetz' ihn scharf. Jetzt stellt er sich, als versteh' er mich falsch, und fährt wie wütend auf einen unschuldigen Wanderer auf der Landstraße los. * Spielen ganz reizend mit dem Kater. Hund ganz Pierro, Katze ganz Arlecchino. * Außer dem Hunde wohl nur der Elefant lernt das Deuten verstehen, nie eine Katze, auch kein Affe. Es ist kein Kleines, von der Spitze des Fingers eine geistige Linie nach dem Punkte ziehen, wohin er deutet. Es hat mich einmal ein altes Weib bedient, das es nicht verstand. * Das Heulen des Hunds bei Musik ist ein ganz andres, als wenn er aus gewöhnlichem Schmerz heult. Ich habe einen Hund beim Anblick eines seltenen großen ungarischen Bocks ebenso heulen hören. Es ist Unglück, nicht klassifizieren zu können. * Die Katze hat neben dem vielen sich putzen auch dies mit dem Weib gemein, daß sie gern zu Haus bleibt. Aber noch etwas, was mich oft wirklich erschreckt: die starken Backenknochen; man sehe nach: fast jeder weibliche Kopf hat darin etwas Katzenartiges. Nicht alle, gottlob! Kenne Ausnahmen. * »Ausnahmen« – flach! fad! Man kann auch vom Männergeschlecht sagen, daß sehr viele Köpfe an Hundsköpfe erinnern. Die Geschlechter mögen einander necken, schließlich aber soll der Mann das Weib ehren, weil er aus Weibes Schoße stammt. * Die Menschen fallen mir sehr ein, wenn ich zu meiner Erheiterung morgens früh aus dem Fenster die Nachbarhunde beobachte. Einer wie der andre, auch die wohlgenährten Lieblinge seiner Familien machen sich an die Kehrichtfässer und wühlen, dabei haben sie ein grundschlechtes Gewissen und hängen miserabel den Schwanz, sie schämen sich ihrer Niedertracht vor ihrem Herrn, den sie abwesend wissen und sich doch gegenwärtig vorstellen, ja schämen sich vor sich selbst, vor ihrem besseren Ich, und können doch nicht ablassen. O, es sind noch lang nicht die übelsten Menschen, die wenigstens vor sich erröten, während sie im Kehricht nach dem alten schmutzigen Knochen wühlen, den die Mehrheit für Inhalt des Lebens hält. * Wie viel geben die Schreckmittel der Tiere zu denken. Neulich erschrak ich, als ich einen Siphon zu stark drückte und das Wasser zischend, speiend herausfuhr. Fiel mir ein, daß gerade so die Katze tut. Wer hat nun die Katze gelehrt: du mußt, um dich zu wehren, tun, daß der Feind meint, es werde ihm Wasser ins Gesicht gespien!? Der Siphon war doch lange noch nicht erfunden, als die Katze wurde. Wer die Gans: du mußt dich in eine zischende, züngelnde Schlange oder Drachen verwandeln!? Wer den Hund: du mußt durch einen Schuß erschrecken!? da doch das Schießpulver noch lange nicht erfunden war! – Dann die Mimik des Wohlbehagens. Als noch gesponnen wurde, wie behaglich hörte sich der Ton des Spinnrads namentlich an Winterabenden an, wenn die Familie gemütlich beisammensaß! Das weiß die Katze, darum schnurrt sie, aber es gab doch noch kein Spinnrad, als die Natur die Katze erfand und die Katze das Schnurren. * Nil admirari ? Nein, nein: omnia admirari ! * Symbolik der Tiersprache. Immer zu wenig beobachtet. Weit mehr Menschenähnlichkeit, als man glaubt. Viel gelernt aus dem trefflichen Buche von Piderit: wissenschaftliches System der Mimik und Physiognomik. In aller natürlichen Mimik werden physisch motivierte Bewegungen unwillkürlich verwendet, um nach Analogie seelische Zustände auszudrücken. Um zum Beispiel widerlichen Geschmack zu vermindern, entfernt der Mensch den Unterkiefer vom Oberkiefer, denn das Schmecken ist schwächer, wenn die Zunge sich nicht an die Gaumenwölbung legt. Und dasselbe tut man, wenn man moralischen Ekel ausdrücken will. An solchen Uebertragungen fehlt es auch im Tierleben nicht. Der Hund leckt sich das Maul aus, wenn er was Gutes gefressen hat, er tut es auch, wenn er einen guten Bissen vor sich sieht oder ihm nur die hoffende Vorstellung davon aufsteigt; er gibt sich Vorschmack. Diese Gebärde trägt er aber nun über auf Verhältnisse, die für ihn das sind, was für uns Situationen, welche versprechen, geistig interessant zu werden. Es nähert sich zum Beispiel ein Unbekannter – ein Hund meine ich und rede nicht von Hündin, es handelt sich von Fällen ohne Geschlechtsreiz. Wenn dieser dem diesseitigen Hund bedeutsam erscheint, so daß er sich vorstellt, es werde da ein belebtes Verhältnis, vielleicht flotte Rauferei sich ergeben, so leckt er sich das Maul aus, er gibt sich Vorschmack, nun also rein symbolisch. – Wie fragt ein Hund? Wenn er etwas sieht, was er nicht erkennt, so stellt er den Kopf schief, verändert hiemit den Sehwinkel, um deutlicher wahrzunehmen; dasselbe tut er nun, wenn er einen Befehl nicht versteht oder seinen Herrn fragt, ob er noch nicht nach Hause gehe. Wenn die Katze von einer ganz angenehmen Vorstellung erfüllt ist, stellt sie den Schwanz kerzengerad aufwärts. Wenn sie angreift, trägt sie ihn von der Wurzel aus in einem Bogen, von da an einfach niederhängend; ebenso wenn sie Ansatz zum Scheinkampf, zum Spiele nimmt. Soll aber das Spiel recht ausnehmend lustig werden, ist sie ganz hanswurstisch gestimmt, dann tut sie von der Seite gesehen dasselbe, jedoch so, daß von hinten gesehen der Schwanz zugleich schief steht. Das heißt doch klar: jetzt soll es einmal ganz schief hergehen! Es wäre noch viel von dem Ringeln des Schwanzes zu sagen. Es drückt immer prickelnde Gedanken aus, ernst schlimme oder humoristisch schlimme. Häufiger ersteres. * Ich sah auf einer Dachrinne ein Schwälbchen sitzen, das flügge war, aber noch nicht jagen konnte. Es wurde von den Alten geätzt, die mit Tausenden in der Luft herumschwirrten. Das Junge sah immer wartend in die Höhe und schüttelte mit der bekannten Bittgebärde die Flügel, wenn eines der Alten herbeigeflogen kam. Es erkannte aber dieselben auf weite Ferne, wenn sie sich noch mitten in der schwärmenden Schwalbenmenge befanden, und dies Erkennen ließ sich mit Sicherheit beobachten, denn niemals schüttelte es die Flügel, ohne daß bald nachher eines der Alten mit Futter eingetroffen wäre. An was nun aber? Unmöglich an etwas andrem, als an individuellen Eigenheiten in der Flugbewegung, die kein Menschenauge je entdecken könnte. Unbegreiflich! Da fiel mir aber ein, daß wir unsersgleichen an Eigenheiten der Handschrift erkennen, die um nichts bestimmbarer sind, als jene im Flug eines Vogels. Es gibt kein Maß für die Unterschiede der Führung der Feder bei Schreibung eines Buchstabens, sie sind nicht minder fein, als der Bogen oder Haken, wie diese und keine andre Schwalbe ihn beschreibt, oder die Art der Tragung, oder der besondere Umriß ihres Flügels, und doch, wenn uns eine Handschrift öfter vorgekommen, wissen wir mit dem ersten Blick auf eine Briefadresse, wer den Brief geschrieben. Unerforschliches Wunder der Individualität und der Sicherheit und Schnelligkeit des Schlusses aus der sinnlichen Wahrnehmung! * Zu den stärksten Beweisen gegen den Materialismus gehört die Schamröte und das Genie. Wenn sich der Mensch schämt, wünscht er, nicht gesehen zu werden, möchte sein Gesicht verhüllen; so ist sein Gefühl, nicht daß er es irgend in Worten dächte. Was tut die Natur? Sie pumpt das Blut in die kleinen Gefäße des Angesichts, um rasch einen roten Schleier darüber zu ziehen. Das ist freilich kein eigentliches Verhüllen, sie kann es eben nicht besser, sie macht's, so gut sie kann, symbolisch. Wenn nun die Natur so etwas vermag, wenn in dem, was wir Materie nennen, so etwas vorgeht, so muß doch die Materie etwas andres sein, als die Materialisten meinen. Sagte ein Gegner, da handle es sich ja nicht von getrennter Materie, sondern von solcher, die in den Zusammenhang aufgenommen sei, welchen wir seelisch nennen: gut; wie könnte aber Stoff, als purer Stoff angesehen, je in solchen Zusammenhang treten? – Das Genie wird geboren . Wird es geboren, so folgt haarscharf, daß die Natur selbst ein Genie ist. Wendet da nichts von Vererben ein! Es kann durch Vererbungssummationen nichts werden, was nicht potentialiter in den sogenannten Atomen liegt. Zwei Sätze stehen gegeneinander und wollen in Einklang gebracht sein: Geist ist nicht, wo kein Träger für Geist (Gehirn). Und: ein Träger für Geist könnte nicht entstehen, wenn die Materie nur wäre, was wir Materie nennen. Die Materie als Gehirn denkt, ist Geist, der Geist als Gehirn ist Materie, und umgekehrt. * Materialisten und Spiritualisten: sollte man die einen nehmen und die andern damit herumschlagen. Die Materie ist und ist nicht; sie wird stets aufs neue gesetzt, um in immer neuen Formen in Leben, Empfindung, Geist aufgehoben zu werden. Es gibt Materie, und es gibt keine. Sie ist das μη ον. Die Materie ist nur insofern, als – * Ein Dichter ist immer gescheiter als er selbst; freilich auch dummer als er selbst. * Wir stecken bis über die Ohren im Universum. Wir haben bei der Weltwerdung mitgetan, oder, da sie ja ewig ist, vielmehr: wir tun mit. Es sind nur so viele, daß die Portion von Mittun, die auf einen kommt, unendlich klein ist, und daher sind wir uns des Mittuns nicht bewußt. So können wir auch nur mit Hilfe schwerer Wissenschaft und nur sehr kümmerlich herausbringen, wie wir beim Bauen unsres unteren Stockwerks, des sogenannten Körpers, verfahren sind oder vielmehr verfahren. Ueber der Mühe, die der Aufbau des oberen Stockwerks kostet, haben wir es vergessen oder vielmehr vergessen es jeden Augenblick. So können wir uns auch durchaus nicht besinnen, warum wir als winzige Teile des Ganzen, doch aber bei ihm mitbeschäftigt, öfters nicht umhin können, uns krank zu machen. Daher kommt uns dies dann rein als fremde Gewalt vor. Aber es liegt ein großer Trost darin, es zu erkennen, daß eigentlich wir selbst als Teile des unendlichen Ganzen es eben nicht anders fügen konnten, daß also auch der Tod schließlich immer unsre eigne Tat ist; dies Denken befreit, macht frei. * Die Natur ist Phantasie und zwar geregelte. Unsre menschliche Phantasie ist vorerst ungeregelt; wenn sie aber gedeiht und ausreift, so bringt sie es dahin, der geregelten Phantasie, nämlich also der Natur, obwohl ihr absolut verpflichtet, in freiem Scheinbild nachzuhelfen. Denn die geregelte Phantasie bei aller übrigen Sicherheit leidet doch an sehr großen Lücken, lapsus , setzt ihre Produkte jedem verderblichen Zufall aus und führt daher ihre Anschauungen nie rein durch, bis sie sich im Menschen als Künstler erst zur Reinheit sammelt und aus den getrübten Formen die Urform herstellt. * Da die δοξα unvernünftig und allgemein ist, so muß, wer besser sieht, notwendig immer paradox erscheinen. Alle Wahrheit ist paradox. – Man sollte eigentlich Unterricht darin nehmen, in Gemeinplätzen zu reden; hätte man es gut gelernt, so wäre man in Gesellschaft besser gelitten. Es kann den Menschen nicht angenehm sein, wenn man ihnen zumutet, auf dem Kopfe zu gehen. * Auch im Sehen des sogenannten Kleinen hält man die helleren Menschen für halb verrückt. Im ganzen sind die Leute doch eben durch ihre Blindheit glücklich. Niemand will an einen Föhntag glauben, daß er die Zeche schon am Abend, in der Nacht, jedenfalls den andern Tag mit Unwetter zahlen muß. Die Menschen haben in Mehrheit auch äußerst grobe Sinne, stumpfe Nerven. Sie geben auch nicht acht. Sie wollen durchaus im Zerstreuten, im Dusel leben. Wer gefälschte Getränke genießt, dem schwebt wohl dunkel vor, er schmecke etwas Fremdes auf der Zunge, aber wie gegen den Satan sperrt er sich dagegen, den Eindruck ins Bewußtsein, ins Nachdenken zu erheben. Spürt er tags darauf die nux vomica im Hirn, so flirrt ihm wohl etwas vor, es sei da oben nicht ganz richtig; aber reflektieren? O, nur das nicht! – Neulich war ich im Gespräch mit einem sehr gelehrten und gescheiten Mann; es kam ihm ein Haar vom Kopf zwischen die Wimpern und hing ihm gerade übers Auge. Es brauchte ungefähr eine Viertelstunde, bis er etwas bemerkte, dann fing er an, zu schielen; man sah ihm an, daß ihn etwas störe, er wurde zerstreut, aber da war keine Spur von so viel Konzentration auf seinen Zustand, daß er auf die Ursache hätte kommen können. Ich stand auf, zog ihm das Haar aus den Wimpern, und er war sehr verwundert, daß es ihm nun wieder freier und lichter zumute war. – Ach, ja freilich, schon gut, daß die Welt so ist! Wenn die Menschen sehend wären, wo käme ihr Glück hin, so wie die meisten sind, unfähig, das Glück im Unsichtbaren zu finden! Aber wir wenigen sind eben auch so, wie wir sind, warum muß also uns die Menschheit so grimmig hassen, so höhnisch verlachen, weil wir das Haar vor ihrem Auge sehen? * Und im Gespräch sind sie auch merkwürdig, selbst abgesehen vom Durcheinanderschreien. Herr N. N. hört dir gespannt zu, so scheint es. Auf einmal fangen seine Augensterne an, zu fappeln, zu irren, er hört nach einer andern Seite. Die Gedanken auch nur fünf Minuten beisammen behalten – es wäre ja entsetzlich, nicht zu ertragen! O dies Geschlecht kann nur unter der Fuchtel des Unteroffiziers aufmerken, und darunter gehört es auch. – Unter den Künsten zwingt die Musik am wenigsten, die Gedanken zusammenzuhalten, darum ist die Mehrzahl musikliebend. Alle Menschen sind eigentlich Wiener. * Zwang der Verhältnisse: muß doch ab und zu in vornehme Gesellschaft – »Soiréen«. Weißer Handschuh, weiße Krawatte platzen, krachen, bersten meist in letzter Sekunde vor dem Eintritt. Bin dann doch eine Zeitlang ganz manierlich, bewege mich nicht ungern im Feinen, – dann aber ein Bock oder auch ein Mutwille. Spricht da der Herr von Petisch ein langes und breites von der Reihe seiner ritterlichen Ahnen. Frag' ich ihn, ob nicht unter ihnen, nachdem der Name in der Humanistenzeit etwa latinisiert worden, der gewisse Petiskus, der die lehrreiche Mythologie geschrieben. Wird bös. Die Gräfin X., die dürre ironische Stange aus einem Stück Adelstolz, Federmesserklingen im Blick, funkelt mich an und fragt, was der Petiskus von den Dii minorum gentium sage. Ich: »Frau Gräfin, ich schreibe nur mit Metallfedern.« Ist verlogen, ich schreibe nur mit Kielen; sie hat's aber, obwohl nicht sogleich, verstanden, hab's im Weggehen wohl gesehen am Nachblitz ihrer Klingen, deren sie sich bewußt sein muß. – L'hombre-Tisch – Kartler – der Teufel hole sie! Menschen unter Menschen und doch anwesend abwesend! Beleidigung gegen die menschliche Gesellschaft. Sieht immer heimtückisch auf, als verabredeten sie sich still mit Zeichen, die andern zu überfallen, zu beißen. Kartler sollten sich immer in getrenntem Lokal verbergen. Gespenstisch. Auch kann sich die kochende Leidenschaft doch nicht ganz verhüllen; habe in Räumen, wo nicht die feinere Sitte Selbstbeherrschung auflegt, selbst sehr vornehme Herren je am Schluß einer Partie gemein heftig werden sehen, wüst streiten hören. – Schleiche mich endlich fort, erwischt mich der Gastgeber, die gute, alte Exzellenz, auf dem Korridor. – »Wird Ihnen denn die Zeit bei mir so lang?« – »O nein, Exzellenz, nur länglich.« Der gute Herr hat doch gelächelt und mir's verziehen. Der regierende Herr selbst war da, hätte mich gern mit ihm unterhalten, er war aber von Hofleuten belagert. Strebt übrigens hochlöblich nach Kräften, über und außer dem Unterschied der Stände zu stehen. – Bin Monarchist – pur aus Gründen, ohne jegliche Sentimentalität, herzlich täuschungslos über jede Staatsform. Diese eben doch das geringere Uebel. Unter ihren Gebrechen freilich nicht das kleinste dies: der Fürst soll über und außer den Ständen stehen, sich zu allen gleich verhalten, gleich verständig, brav und gerecht, ist aber doch selbst aus einem Stand, nämlich dem Adel. Dies tiefer, innerer, logischer Widerspruch, dem doch natürlich nicht abzuhelfen. Der Adel bildet Partei, gewinnt Einfluß hinter vernünftigem Minister, steigt Hintertreppen, – Doppelregierung – Windekreuzung – und wer es büßt, ist das Volk und sein Wohl. – * Was ich doch mit der Form auf gespanntem Fuße stehe! Ich respektiere sie eigentlich, ja freue mich an ihr, weiß jedenfalls ganz gut, wie notwendig sie ist. Dazwischen aber habe ich Stunden, wo ich einem ungeheuren Reiz nicht widerstehen kann, sie vor den Kopf zu stoßen, ihr ausgelassen zu zeigen, daß ich sie als geistlos zugleich geringschätze, weil sie doch gar so viel Irrationelles enthält und so äußerst zahm ist. Auch Stunden, wo ich zwar ganz zahm, aber durchaus besinnungslos bin in Beziehung auf sie und Dummheiten, Vergessenheiten begehe, die unglaublich sind. Etwas von einer solchen Natur ist in Goethes »Tasso« idealisiert. Der Dichter selbst, in der Lage wie sein Tasso, hat sich durch die Angewöhnung einer steifen Würde herausgeholfen. Das ist die beste Entschuldigung für die seltsame Feierlichkeit, die er nach und nach annahm. Als ein Sohn der Natur und Phantasie konnte er sich nicht gehen lassen, ohne Formen zu verletzen; da konnte ihn nur der Zwang retten, den er sich so lange antat, bis er ihm saß wie ein getragener Rock. Seine Steifheit beweist also ihr Gegenteil in Goethes Natur. Wer über der Form steht, ist ängstlich in ihr. * Es gibt zweierlei Takt: formellen und Herzenstakt. Jener vermeidet das Unschickliche, dieser das Unzarte. Es ist schwer, den ersten sich zu erwerben, er lernt sich nur durch lange, gesellige Uebung. Es ist ungefähr wie vier- oder sechsspännig fahren lernen. Der Taktlose gibt nur auf die zwei ersten Pferde acht, und sieht nicht, ob die vordersten irgendwo anrennen: wer Takt hat, sieht immer auf alle vier oder sechs. Der Herzens- oder Seelentakt aber läßt sich nicht erlernen, man hat ihn oder nicht. Man kann ihn haben und den formellen nicht, man kann diesen haben, ja sehr haben und keine Spur vom Herzenstakt. Gar manche fahren ganz sicher und geschickt, rennen nie an einen Eckstein, aber es gibt unsichtbare Ecksteine, das sind die zartesten Empfindungen der Menschen, die wir schonen sollen, wir müssen sie spüren , und der feinste Pferdelenker spürt sie häufig nicht. Beide Taktarten vereinigen sich aber äußerst schwer und selten. Die formelle lernen besonders die Gelehrten schwer. Sie spannen sich zum Beispiel im Gespräch mit naivem Eifer direkt auf den Gegenstand und bedenken nicht, wer die Zuhörer sind. Sie können nur zwei-, fast nur einspännig fahren; es geht immer ungeschickt ehrlich, geradeaus auf Beweis, auf Erklärung los. Aehnliches passiert aber auch Phantasiemenschen wie unsereinem; im raschen Bilderzug vergessen sie, wer herumsitzt. * Man meint immer, einmal dürfe man sich doch gehen lassen. Falsch! Man darf es nie. Es ist kein Moment, wo man nicht gegen innern oder äußern Feind auf der Wacht stehen muß. Die Menschen um uns, selbst die besten, sie schenken uns keine Blöße. Selbst in der Liebe darfst du nie dich gehen lassen. Das liebreichste Weib möchte dich beherrschen. Nie ist Waffenstillstand. Das Leben ist schwer! Wehe dem, der nicht in jedem Augenblick geladen, Zündhütchen auf, Finger am Drücker hat! * Das darf ich diesem Herrn von Y nicht vergessen, daß ich neulich, als er mitten im friedlichen Gespräch so bissig gegen mich ausfuhr, nicht gefaßt war, ihm die gehörige Antwort zu geben. Wenn ich unvorbereitet mit scharfem Wort angegriffen werde, geht mir eine türkische Musik im Kopfe los, alles Blut steigt ins Hirn, die rechte Erwiderung fällt mir ein, wenn der Mensch fort ist, und wird dann zu einer vortrefflichen Rede komponiert. So bin ich wehrlos, aber darum darf ich nicht ehrlos sein. Etwas muß doch geschehen gegen den, der mich überfallen hat, als mein Gewehr ungeladen an der Wand hing; ich meide ihn, ich spreche womöglich nie mehr mit ihm. Blind, wie die Menschen in ihrer Bosheit sind, weiß ein solcher dann gewöhnlich gar nicht mehr, was er mir angetan hat und warum ich mit ihm gebrochen. Wird es ihm kund, so meint er, ich sei ein Trutzer, ein Nachträger, während ich im Grunde doch mir selbst eine Buße auflege; ich strafe mich für meinen erbärmlichen esprit de l'escalier dadurch, daß ich mir die Entbehrung eines Umgangs auflege, der Wert für mich hatte, worin ich aber jeden Tag unsicher bin, ob ich nicht aufs neue in den Fall komme, in der Blöße meiner Wehrlosigkeit dazustehen. – Es ist sehr fatal. Aber macht' ich's nicht so, die Menschen würden am Ende Holz auf mir spalten. * Hat mir jemand unrecht getan, so passiert mir oft und leicht die Verwechslung, daß ich mich vor ihm schäme, statt mich für ihn zu schämen; mir ist, als hätte ich das Unrecht ihm getan. Anders, wenn es in meiner Macht liegt, ihn zu strafen; ist dies vollzogen, so bin ich wieder leicht und frei und verzeihe mir, will sagen: ihm, gern und ganz das Verübte. Denn ich strafe eigentlich ungern, wiewohl scharf. * Briefe ohne besondern Inhalt lasse ich nun Frau Hedwig ganz selber komponieren und unterzeichne nur. Aber solche, die ich selbst abfassen muß, da ist eben die alte Not. O, wie schwer ist ein Brief! Gerade auch an Freunde! – Man meint: da darfst du dich ja gehen lassen, es ist ja doch fast wie gesprochen, ist ja kein Aufsatz, kein Amtsschreiben. Aber was Schwarz auf Weiß dasteht, ist eben ein ander Ding als das Gesprochene: hier ist der Ton der Stimme, Blick, Mienenspiel dabei und bringt zu einem scharfen Wort, einem stark gesalzenen Spaß die erklärende, versöhnende Begleitung, während die schwarzen Haken auf dem Papier abstrakt dastehen und am Leser herumkratzen. Das mag der Teufel lernen, sich gehen lassen und zugleich nicht gehen lassen, einen Besuch machen in Hemdärmeln und doch im wohlgebürsteten und geknöpften Rock! – Zehnmal lieber ein neues Polizeigesetz verfassen oder hundert Paragraphen eines philosophischen Lehrbuchs in Lapidarstil! Ich schreibe auch nicht einen Brief, in den mir nicht etwas Ungeschicktes hineinkommt. Wie viele habe ich verbrannt, neu geschrieben, ein drittesmal sogar! Aber es dauert einen eben oft die Zeit, da bedenkt man dann nicht, daß man besser jetzt Zeit verliert, als auf Tage, Wochen oder länger die gute Stimmung, und man wirft den Brief in die Postlade. Dann fängt die Reue an zu bohren, zu graben, – dumpfe Spannung, bis die Antwort kommt, – dann sieht man aus dieser, wie man wehe getan. – Nun aber erst noch das glatte Postpapier und der Racker von Feder! Wie oft habe ich mit spröder Feder grob geschrieben, wo ich freundlich, und mit zu weicher schlaff und breiig, wo ich mannhaft entschieden schreiben wollte! * Verwünschte Amtsrechnung! – Wieder dreimal verrechnet, da ich sie nicht zu Frau Hedwig hinübernehmen konnte, mir helfen zu lassen. Menschen, die das arithmetische Organ haben, können sich in solche, denen es fehlt, gar nicht genügend versetzen. Es ist nicht bloß, daß man notdürftig nur noch addieren kann; nein, man hat sich so oft verrechnet, daß man dem ganz Gewissen, dem Ausgemachten nicht traut. Wenn ich irgend eine Amtsrechnung prüfen soll: ich weiß wohl, daß zweimal zwei vier ist; aber könnte es denn nicht ausnahmsweise einmal, zum Beispiel heute vormittag, fünf sein? Ein Jammerstand des Bewußtseins, ein tiefinneres Unglück und Elend. * Frau Hedwig, mein guter Privatsekretär, meint, die Briefe, die ich selbst abfassen muß, könne ich ihr ja diktieren. Kann ihr aber nicht diktieren, fällt mir nichts ein, wenn jemand mit angesetzter Feder wartet. Neulich soll meinem Pferde zur Ader gelassen werden, der Bediente bestellt einen festen, auch darin erfahrenen Hufschmied. Ich sehe zu. Der nörgelt an dem Tiere herum, will den Schnepper hier, dort anlegen, kommt nicht zum Schluß, nimmt den Johann in eine Ecke, flüstert mit ihm, und dieser tritt zu mir her und richtet mir aus: ich möge doch verzeihen, der Hufschmied könne es nicht verrichten, wenn ich zusehe. Und es ist ein starker, breiter, nichts weniger als nervöser Mann! So das geschieht am grünen Holze – – –. * Ich suche und ich fliehe die Menschen, bin gesprächig, und kann mich so schrecklich erzürnen über ein dummes Gespräch. Jedes Gespräch, das nicht durch Austausch nach Erkenntnis strebt, ist dumm. Halt! Da muß aber Erkenntnis in fast unerlaubt weitem Sinn verstanden werden. Ich bin ein nur zu großer Freund von rein närrischen Gesprächen. Sie sind höchst erlaubt, ja von Zeit zu Zeit Pflicht, Pflicht gegen sich selbst, Pflicht gegen andre, denn Phantasie will leben. Und spielend muß alle Unterhaltung guter Gesellschaft sich bewegen. Doch jede, auch die närrische, führt auf manchen Punkten immer zu dem Bedürfnis, diesen oder jenen Begriff klarzustellen. Da gibt es nun aber Naturen, die sich dagegen sperren, davor verkreuzen wie vor dem Gottseibeiuns. Nur nicht in dem Nebel der Flachheit umrühren, nur auf nichts tiefer eingehen, nur nicht das Messer des unterscheidenden Begriffes an Gemeinplätze legen! Nur alles in der Brühe, in der Sauce der Unbestimmtheit belassen! – Die stumpfe Denkfaulheit der Menschen. Aber auf diesem Wege verkommt man. Gesellige Unterhaltung von Menschen ohne Erkenntnisdrang ist Sumpf. Das Forschen ist es, was den Menschen zum Menschen macht, ohne dieses auch keine Moral. Forschen ist die Stahlfeder im menschlichen Wesen. Was die Franzosen in ihrer liederlichsten Zeit aufrecht erhalten hat, das waren jene Salons, wo die Gespräche gepflegt wurden, in denen unter Scherz, Reiz des Weibes, Würze der Phantasie nach Erkenntnis, nach Quellen der Wahrheit gebohrt wurde. * Man sollte schlechterdings niemand heiraten lassen, der nicht ein Examen über Erziehung bestanden hat. Das Wissen allein macht nicht alles, aber etwas, ja viel. Es ist niemand berechtigt, Kinder zu erzeugen, der nichts von Erziehung weiß. * Die meisten Menschen werden in den ersten Lebensjahren, ja schon in den Windeln verzogen; später, wenn sie die ersten Kleider bekommen, am schlimmsten die Mädchen. Man kleidet sie äffisch nach der Mode der Erwachsenen, preist sie, wie hübsch sie seien, wenn sie herausgeputzt sind, und schon dadurch werden sie für immer zu Fratzen. Im übrigen verzieht die Mutter die Knaben, der Vater die Töchter, denn jene sieht in jenen, dieser in diesen das Erinnerungsbild der Jugendliebe heranwachsen. Den Knaben wird es im ganzen besser, weil es doch in der Schule streng zugeht und Gehorsam durchgesetzt wird. Klare Frauen selbst geben zu, daß mehr Ehen durch das Weib unglücklich werden, als durch den Mann. Meine nur ja nicht, Bildung und Moralität einer Familie verbürge dir, daß die Töchter gut erzogen sind! Gerade in den Kreisen der Bildung, insbesondere der vornehmen, werden sie erst recht verzogen. Es ist zwar richtig, daß die Mädchen wie Pflanzen den Charakter des Bodens und der Luft annehmen, worin sie stehen, und daß insbesondere das stille Beispiel der Mutter mehr wirkt als Erziehungsakte, aber manchmal braucht es eben auch bei ihnen ein Donnerwetter väterlicher Strenge, und daran pflegt es zu fehlen. * Wie mich alles, alles dorthin, dorthin führt, ich mag es zu unterdrücken suchen, wie ich will! Denn ich weiß ein Weib – eine Oase im Sandmeer. – Jetzt lange her, daß ich ohne Nachricht bin, seit der Geburt des zweiten Knaben. Glück gewünscht, herzlich, kurz. Ach, dorthin kann ich ja nicht schreiben! Wie oft versucht und ausgestrichen, Feder weggeworfen! Gewöhnliches? Wie nichtig! Inneres – wie wäre das möglich? In Tränen schwämme das Blatt! Und doch ist mir's unheimlich, mein vieles, langes Schweigen. Noch Beruhigung, daß Erik so wenig Freund vom Briefschreiben, als ich, und daß man mich dort kennt, daß er ja weiß, daß sie, sie weiß – oder auch ahnt – o nein, Schweigen! Schweigen! * Tot! Erik tot! Erik tot! – Als wäre der Welt ihr Krondiamant ausgebrochen! – Und sie? – * Wie selten wir uns geschrieben, ich wußte ihn doch! In dieser Welt der Falschheit, des Eigennutzes, der Kriecherei, der Ränke – ich wußte, wußte, sagte mir's tagtäglich: es gibt noch Redlichkeit, Geradheit, Treue, Opfer, Mannheit: Erik lebt! – An ihm ein Halt, auf ihn ein Verlaß, eine Ruhe für mein aufgeregt heftig Wesen – Mein Freund, mein guter Kern, mein Fels, meine Tugend – unsichtbar nahe – o, Erik tot! – Verwaist – rings kein Freund mehr! – Und – Soteira? – * Auf! Auf! Lebe noch! Es gibt noch zu tun! »Herz, mein Herz, halt aus, schon Schnöderes hast du erduldet.« * Abgeordneter? Gar noch? Ich? Doch es sei – Ruf des Schicksals – mich aufraffen – aufraffen zu mehr als Amt – auch aus dem Schlag! – Auf! – Hab' auch viel auf dem Herzen, es soll einmal heraus an den Tag, einmal ins Große, Oeffentliche! * Wahlkämpfe. Wahlreden. Zungenfechterei. Komödie. Doch gute Sprechübung. Das Reden geht ja besser, als ich mir zugetraut hatte, wenn nur genug Distanz ist. Sobald mir die Leute zu nahe sind, weiß ich nichts oder bleibe stecken. Sie drücken auf mich, sind statt bloße Bilder empirische Existenzen, die mich lästig fragen: Nun, was hast du zu sagen? Wird's bald? Nun, was weiter? – Das wirft mich aus dem Denken an die Sache heraus. In jedem Redner laufen zwei Vorstellungsreihen nebeneinander; die eine beschäftigt sich mit dem Thema, die andre mit den sinnlichen Wahrnehmungen während des Redens. Dies geht so lang, bis auf die zweite zu viel Akzent fällt, dann wirft er um. Zu viel Akzent: Ursache entweder eine Beobachtung, zum Beispiel dort wird geflüstert, gelacht, oder also die Leute zu nahe. Distanz bringt Objektivität. * Oft meine ich doch, ich vermög' es nicht länger. Der Schmerz um Erik will im Sturm hervorbrechen mitten in dem Gewühl; aber dann packe ich ihn und werf' ihn gewaltsam hinüber zu dem Zorn auf so viel Schlechtes in unsern Zuständen, zwinge ihn, sich als Zorn auf das Unrecht solchen Todes mit diesem Grimm auf die arge Welt zu addieren. Es muß doch gehen. Wenn ich nur nicht zu heftig werde! Mut! Sei Mann, es gibt zu tun, sei brav wie Erik! * Alte Devise: Adler, über Wolken der Sonne zufliegend mit Schrift: nunc pluat ! – sei mir Vorbild!                 Ein Adler flog empor Hoch, höher, bis hinan, wo fürchterlich Aus ew'gem Schnee Die letzten, wildgezackten Alpenhörner ragen. Da sah er hängen über sich Ein zweites, schrecklicher getürmtes Gebirg von Wetterwolken, Schwarz, dicht und breit und schwer, zum Bersten satt. Es drohen Stürme, Güsse, Ströme, Stürze Von Regen, Hagelkieseln, die das Haupt, Die breiten Schwingen ihm zerschmettern, An die Felsennadeln ihn spießen oder halbzerfetzt Zu Tal ihn schleudern werden. Er sieht's und schießt hindurch, Steil, kerzengrad', dem Pfeile gleich, Von straffer Sehne stracks emporgeschnellt. Schon schwebt er über der schwarzen Wand Im Blau, im strahlenden Aethermeer, Er schaut der Sonn' ins blitzende Flammenauge, Er schaut hinab und spricht: Nun mag es regnen! *           * * Zerfetzt! Am Boden! Was jetzt, wie weiter? * Erst nicht verzagen! Arbeiten! Gutes tun, wirken ohne Amt, Vereine für Wohltätigkeit, – Erziehung Verwahrloster. – Für mich meine Bücher, hab' nun Zeit. Schreiben – halt! an die Pfahldorfgeschichte! – gleich aufnehmen! Fortreisen, noch einige Sammlungen sehen von Ausgegrabnem aus der Pfahlzeit – Studien machen. – Man nimmt an, es seien Kelten – * Das Ueberschnappen der Stimme, das war das Aergste, das scheußliche Auslachen. Alles andre ertrüg' ich eher. Teufel! * Es muß ertragen sein. Dabei noch ein Trost. Jetzt muß ich die Türe von meinem Amtszimmer in die Kanzleistube doch nicht mehr knarren hören. Einölen schwierig und half so gut wie nichts. Der pfeifende Knarrton tat immer ganz deutlich wie » eo ipso !« O, ja freilich, will's ja glauben, es versteht sich von selbst, daß du knarrst! auch, daß ich gehen muß! – Noch als ich das letztemal dort war, auf immer Abschied vom Amte zu nehmen, knarrt das Luder: eo ipso ! – Dich, unverschämter Regenpfeifer, dich bin ich doch nun los – Eo ipso ! * Es geht ja vorwärts. Fort, ihr Dämonen, sollt mich nicht abbringen! – Ich weiß jetzt, ich mach's wie Luther, der dem Teufel das Tintenfaß an den Kopf warf! Will noch anders reagieren, als mit Exekutionen – literarisch – will euch brandmarken – ein ganzes System gegen euch, euch an den Kopf! Etwa: »System des harmonischen Weltalls« oder – * Ich bin zu ehrgeizig, um ehrgeizig zu sein. Ich habe ein heimliches, sehr verfängliches Verhältnis, eine unglückliche Liebe zu einer sehr spröden Schönen: der Nachwelt. Daher geize ich so wenig um die Ehre bei der Mitwelt, versäume so oft schuldige Aufmerksamkeit und bin so zerstreut gegen Formen: wie es eben allen Verliebten zu gehen pflegt. Es ist stolz gesprochen, ach, zu stolz, denn was habe ich getan meine Schöne zu erobern? Mein Wirken? – Lächerlich geendet! Da die Pfahlnovelle? Dichterruhm? Pah! * Wie ich das wieder lese – unselige Vergleichung! – Vier Worte, Laute habe ich ihr geschrieben: »O Gott! o Gott!« – Mehr nicht? Muß sie nicht einen inhaltvollen Brief erwarten? Wohl zehnmal angefangen, verbrannt! Und es wäre doch so natürlich, wäre Pflicht. Ja, aber daß in jeden Brief etwas hinein will, – was doch nicht darf, nicht soll – davon darf kein Hauch – Sie wird wohl erraten, aber – o Knäuel von Verflechtung! * Arbeit will nicht gehen. Fehlt mir doch gar sehr Dienst, Pflichtzwang der Stunde. Daher auch die Teufel wieder in Legionen. Merken wohl meine Absicht, wollen mich vorher aufreiben. Zwei Tage ein entzündetes Auge. Fliegt mir eine Mücke just ins rechte, worein mir kurz vorher ein Funke Brennstoff von einem Zündhölzchen gefahren. * Das Leben ist eine Fußreise mit einem Dorn oder Nagel im Stiefel. Felsen, Berge, Schluchten, Flüsse, Löcher, Sonnenglut, Frost, Unwetter, Räuber, Feinde, Wunden, damit müssen wir kämpfen, das will bestanden sein, dazu haben wir die Willenskraft. Aber der Nagel im Stiefel: das ist die Zugabe , kommt außerdem und überdies dazu, und für den Nagel bleibt dem Manne, der mit den großen Uebeln redlich ringt, keine Geduld übrig. Haben denn die Menschen Zinkblech statt Haut an den Fußsohlen, daß mich darin niemand verstehen will? – Oder auch: das Leben ist eine Schublade, die nicht geht, stockt, staut, spannt – * In meiner Arbeit mag ich oft einen Haufen Papier, wo ich notwendig etwas herauszunehmen hätte, stundenlang nicht anrühren, weil ich weiß, beim ersten Griff fährt der helle Teufel hinein, alles schlüpft, klebt oder entwischt, – was nicht mit soll, geht mit, was mit soll, geht vom andern nicht los, die Feder fliegt zu Boden und spießt sich ins Holz, daß ich eine halbe Stunde brauche, eine neue zu schneiden, – der vollendete Pöbelaufruhr. – * Lang, lang nicht unter die Leute gegangen – was soll mir –? Frau Hedwig treibt – hat wohl recht. Habe mich doch oft vergessen, bin aufgetaut, wenn ich von Gram und Verdruß zu Stein, zur starren Maske gefroren unter die Menschen kam; eine Mehrheit von Augen wirkt erweckend auf mich. * Das war ein Tag! – Wetter: oberer Föhn bei unterem unverschämtem, injuriösem, rechtsverletzendem Nordwestwind, der mir meinen Hut nimmt, den ich doch um mein Geld erstanden habe und daher als rechtmäßiger Eigentümer besitze. Nerven und Gehirn elektrisch durchzuckt, Blut kochend, Haut stechend. Dennoch und auch unterschiedlichen Teufeln zum Trotz den ganzen Tag scharf gearbeitet. Abends sehr Erholung, Ausspannung bedurft. In Gesellschaft. Und hier? fängt erst die rechte Folter an. Zu acht an einem Tisch, eine Zahl, durchaus nicht zu groß, um recht gut noch eine gemeinschaftliche Unterhaltung zu erlauben. Beginnt folgendes liebliche Spiel: A eröffnet mit C ein Sondergespräch, dann E mit G, dann H mit F, und D foltert mich B, ich soll mit ihm eines führen. Da jedes dieser vier Sondergespräche das andre übertrommelt, so fangen alle das Schreien an, und nun hört man das eigne Wort nicht mehr. Ich suche auszuwickeln, suche laut ein Gespräch für alle aufs Tapet zu bringen, – vergeblich, niemand begreift mich. Nicht genug, weiter! Sie fangen übers Kreuz an: A mit D, E kräht nach mir (B) herüber, E mit H, G mit F. Nun ist zum Beispiel in einer der lieblichen Gruppen von Preußen und Bayern die Rede, in der Diagonale schlagen den zwei Politikern die Namen Dante und Petrarca, von andrer Seite Zervelatwurst und Gansleberwurst, in der dritten Kreuzung scheußlicherweise auch noch die Begriffe Aktien und Prioritäten, in der vierten die Streitfrage über Sängerin Blözke und Grilli aufs Trommelfell. Noch nicht genug. Eine kurze Pause tritt ein. D fragt A, welcher altdeutsch versteht, nach einem verwickelten Punkte, nämlich: wann das E geschlossen, wann offen zu sprechen sei. Man sieht, es ist ihm wirklich darum, belehrt zu werden, den andern ist es auch von Interesse, mir nicht weniger, und alle horchen. Während nun der A eben recht im Zug ist, den Punkt auseinander zu setzen, bricht ihm der D, der ihn ja eben selbst gefragt hat, in die Rede mit der Frage, ob er gestern im Konzert gewesen sei, gleich darauf fängt der C mit mir vom Theater an und so läuft es fort: Jeder hat vergessen, daß er soeben sich für einen Zusammenhang interessierte. Ich schoß auf und fort, zermartert, zerschunden, zerfetzt, zersägt, zerrieben, zerdroschen, zerwirbelt, zerraspelt in allen Nerven kam ich nach Hause. Das war meine Abenderholung: nach schwerer Tagesarbeit noch schwerere am Abend! Möchte das arme Hirn entlasten und muß mir alle seine Saiten zerreißen lassen. Die Mehrheit der Menschen besteht nicht gerade ganz aus Betrügern, Räubern, Dieben, Mördern, aber aus sozialen Ungeheuern , und zwar durch alle Stände und beide Geschlechter, die Weiber treiben's ärger, aber die Männer kaum um ein Haar besser. Was habt ihr dumpfe Geschöpfe nur für eine Vorrichtung in den Hörwerkzeugen, daß ihr das eine Gespräch gegen die andringende Lautmasse der fremden Gespräche in eurer Auffassung zu isolieren vermögt? Einen eisernen Rolladen? Einen Ofenschirm von Sturz? Ei was! nichts habt ihr, grobe, stumpfe, abnorme Sinne habt ihr und konfus im Kopf wollt ihr sein und bleiben, alles schlechterdings nur halb denken, und mich, der ich normale Sinne habe und klar sein will, mich haltet ihr für ein Monstrum! Ihr wollt sprechen und gehört sein, ihr wollt hören, und im Augenblick vergeßt ihr es wieder, weil euch noch viel lieber als Sprechen und Hören das Wirrsal, weil der Durmel euer Element ist. Für richtige Sinne und für wirkliche Bildung gibt es an einem Tisch, wo nicht so viele sitzen, daß ein gemeinsames Gespräch unmöglich wird, durchaus keinen einzelnen . Neben einem plätschernden Brunnenrohr kann man sich unterhalten, denn es spricht keine Worte, welche die Gesprächsworte durch Bezeichnungslaute aus einem andern Zusammenhang kreuzen, neben einem Separatgespräch ist es unmöglich. Ein Mensch, der gesunde Natur, Disziplin des Denkens und der Form hat, wird sich also im genannten Fall nie, absolut nie an einen einzelnen wenden, wissend, daß, sobald er's tut, die Losung zum allgemeinen Gesprächschaos gegeben ist, er wird immer nur nach der Mitte, ins ganze hinein sprechen. Da nun die Menschen auch hierin wirr, wild, willkürlich und disziplinlos sind, was folgt? Das folgt, daß sie nicht einmal der Gesprächsfreiheit im Privatleben wert sind. Das folgt, daß man sie auch hier in das Joch der parlamentarischen Ordnung einspannen sollte. Das folgt, daß eine Gesprächspolizei organisiert werden müßte. Macht mich zum Vorstand und ich verspreche euch, ein Tyrann erster Klasse, ein Nero, Caligula, Attila, Dschengis-Chan, Tamerlan der Gesprächszucht zu werden! Aber Strafgewalt müßt ihr mir geben! Mit Geißeln und Skorpionen will ich sie züchtigen, die Gesprächs-Buschklepper, Gesprächs-Strauchdiebe, Gesprächs-Räuber, Gesprächs-Mörder, Gesprächs-Meuterer, in die Wasser der Urflut will ich sie zurückstoßen, diese Gesprächs-Ichthyosauren! Und nie werde ich meine Vollmacht mißbrauchen, nie mir zum Vorteil anwenden, nein, andern soll sie zugute kommen auf meine Kosten! Ein Leben, das der Gerechtigkeit gewidmet war, sei Zeuge für meine Beteurung! Ach Gott, es ist ja auch dies nur ein schöner Traum! Ich weiß ja: ein Unsinn! Da aber der Zustand, wie er besteht, auch ein Unsinn ist, so bleibt's eben dabei: gerade so unfähig, wie einen vernünftigen Staat zu bauen, ist die Menschheit auch, eine Gesellschaft zu bauen, oder umgekehrt, wie man will! O Einsamkeit, wie gut bist du! * Dabei bin ich erst gar kein Pedant. Ausnahmsweise muß man auch in die Rede fallen dürfen, namentlich wenn sonst der Augenblick für einen guten Witz verloren ginge. Aber bei dem Trätschvolk ist die Ausnahme Regel und der konfuse Lärm Lebenselement. * Wieder lange einsam, hat gut getan und auch nicht. Wäre mein guter Rappe nicht – ihm verdanke ich, daß ich nicht einhuzle, einschrumpfe. Besuch manchmal vom Referendär, jetzt Assessor; der nicht unerquicklich. Gescheit. Wenn nur nicht auch da die Teufel wären – bleibt aus, wenn ich ihn so recht herwünsche, kommt dann im ungeschickten Moment – * Rezept: – Wenn du einen Besuch erwartest und er kommt lange nicht, so nimm kalt Wasser in den Mund. Es soll bekanntlich hinter den Zähnen gehalten werden, bis es warm ist, um den Mund auszuspülen, sonst verschlägt es sie. Vergiß, ein Gefäß aufzustellen, wohin du das Wasser ausspucken kannst. Laß den Diener entfernt sein, der einen Besuch ins Wartezimmer führen könnte. – In kurzer Zeit wird es klopfen. Der Mensch draußen hört dich zappeln, begreift nicht, klopft und klopft. – O, ich habe einen gekannt, sehr gebildet, sehr manierlich, der riß in der Verzweiflung die Tür auf und sprudelte dem unseligen Besucher die Bescherung ins Gesicht, – bereut innig den schmachvollen Wahnsinn – doch gab es ein Duell; glücklicherweise ohne Blut abgelaufen. * Ich mag es anfangen, wie ich will, es vergeht keine Woche, ohne daß ich einen oder mehrere Fehler mache. Und das beim redlichsten Bemühen, es recht zu machen. Ganz blind. Hintennach, meistens erst spät, gehen mir dann die Augen auf und senkt sich mir die Einsicht mit solcher Zentnerlast auf die Seele, daß ich allein in meinem Zimmer, ja auch mitten auf der Straße, laut hinausschreien muß, nur irgend einen Laut bellen, nur um mich etwas zu entlasten. Da meinen dann die Leute, ich sei verrückt, und muß ich mich vor meinem Bedienten schämen, wenn er im anstoßenden Raum ist, oder froh sein, wenn gerade Katze oder Hund bei mir im Zimmer ist, daß er etwa meinen kann, ich unterhalte mich mit diesen. – Wie geht es denn nun aber andern? Machen sie denn keine oder aber so viel weniger Fehler? Oder machen sie ebensoviele, werden sich aber nachher nicht durchsichtig, haben eine Seele von dickem Juchtenleder? – Oder werden sich durchsichtig, schütteln aber die Last des innern Vorwurfes federleicht ab? Geht doch kaum! Warum müssen sie denn also nicht auch schreien wie ich? * Wißt es, ihr Köpfe, mit meinen Fehlern und mit meinem Wahnsinn hab' ich so gut ein Recht, zu existieren, wie ihr mit euren Fehlern und mit eurem Kahlsinn! * Fremdlinge auf Erden lachen gern. Das kommt von ihrem scharfen Auge und von der Höhe ihres Sehpunkts. Aber es ist ein andres Lachen, als das Lachen gemeiner Seelen. – Auch lachen sie gern über sich selbst. * Du hast Langweile? Mußt nach Unterhaltung jagen? – Hast du denn an dir gar keine Gesellschaft? Kannst du dich gar nicht in zwei spalten und hat, wenn du es kannst, der eine dem andern gar nichts zu sagen? * Um mich zu bessern, habe ich schon das Mittel versucht, eine Korrespondenz mit mir selbst zu eröffnen. Ich schrieb mir sehr weise ermahnende Briefe. Nun wurde aber der Ich b über die Altklugheit des Ich a verdrießlich, fing an, unwirsch zu antworten, wurde grob und gröber, der Ich a blieb ihm die Antwort nicht schuldig, das Ding machte mir Spaß und endlich gab es eine vollkommene Zank- und Scheltkomödie – Larifari! – * Man soll den Idealismusnarren nicht trauen! Sie sind immer auch böse Narren. Sie werden giftig. Da sie an alle Welt die Forderung der Vollkommenheit stellen, nur nicht an sich selbst, so ist ihnen nichts und niemand recht, sie verdammen, höhnen, hassen, halten inwendig den ganzen Tag grimmige Monologen, ballen die Faust offen und im Sack, üben Ränke und Tücke. Dahin kommt es mit edeln Menschen, denen die Läßlichkeit fehlt. * Auch den Hamlet macht sein Idealismus bös, grausam gegen die arme Ophelia. Ein Weib schlecht, so werden es alle sein. – Ein Engländer hat einen unsrer Shakespeare-Erklärer, der die Ophelia für eine leichte Weltdame nimmt, auf Pistolen gefordert. Recht. Der hat meinen Geschmack. * Was ich immer aufs neue bewundern muß, ist das höchst Stimmungsvolle in allen Teilen dieses Dramas, das doch von Gedankentiefe und scharfer Bewußtheit strotzt. Das Grundgefühl ist Schwüle; dies ist längst erkannt und oft gesagt, aber es ist nicht bloß Schwüle in dieser bestimmten Situation. Hamlet geht um wie ein Mensch, der zu enge Schuhe anhat und sie nicht ablegen kann, dem daher alles Blut nach Herz und Gehirn schießt, und der es daher in seiner Haut fast nicht aushält, und der richtige Zuschauer fühlt nicht nur, wie schwer seine Lage, sondern wie furchtbar schwer das Leben überhaupt ist. Nur der paradiesisch naive, der beschränkte und der gewissenlose Mensch lebt leicht, dem tiefer Gehenden hämmern die Pulse, wenn er bedenkt, welch ein fürchterliches Schraubenwerk das Leben ist, das uns zwischen Fragen einpreßt bis zum Ersticken. Der Monolog »Sein oder Nichtsein« ist nach seinem Gedankengehalt sehr überschätzt worden, sein Wert liegt in der Stimmungstiefe: unerreichbar der Ausdruck des Brütens, das nicht weiß, wohinaus, des atemlosen Eingeengt-, Eingeschnürtseins. * Ich bin so schrecklich bedenklich, so sehr Buridans Esel, daß mich der Zweifel, in welchem Laden ich einen Kamm oder Bürste kaufen, mit welchem neuen Buchbinder ich es versuchen soll, wochenlang umtreiben, in ein wahres Elend von Einklemmung zwischen Für und Wider versetzen kann. Und doch bin ich auch wieder ganz unbedenklich, gehe frisch weg darauf los, fürchte nichts und niemand, und weiß ganz gewiß, daß ich, wäre ich ein Obergeneral und stünde im Felde, den richtigen Moment für eine Schlacht mit zweifelloser Entschlossenheit ergriffe und draufschlüge. Auch das würde mich nicht irren, daß gezweifelt werden könnte, ob nicht der folgende Tag einen noch günstigeren Moment brächte. Ich würde mir sagen: nach menschlicher Erkenntnis ist der Moment jetzt günstig, ob morgen ein noch günstigerer kommt, kann man nicht wissen, handle ich also jetzt, so habe ich richtig gehandelt, auch wenn's nicht gut ausläuft und wenn sich herausstellt, daß es besser gewesen wäre, zu warten. Daher wäre ich auch ganz fest gegen Reue. – Liest das einmal jemand, er mag's für Prahlerei halten, aber ich weiß, was ich weiß. * Sonst im bürgerlichen Leben und in allen Lagen, wo es nicht drängt, wo Aufschub nicht Gefahr und Schaden bringt, zapple ich, wenn Wahl ist, endlos im Hexenkreise der Abwägung. Wer denkend ist, hat eben eine lebhafte Vorstellung von den Hindernissen, von den Möglichkeiten des Mißlingens. Hamlet handelt freilich gerade da nicht, wo es eilt und drängt, im übrigen gilt für alle solche Naturen sein hartes Wort: »verzagter Zweifel, welcher zu genau bedenkt den Ausgang – ein Gedanke, der, zerlegt man ihn, ein Viertel Weisheit nur und stets drei Viertel Feigheit hat«. Hamlet ist verklemmt und resolut, beides, – just so geht mir's, ob mir gleich nicht einfällt, mich an Geist mit ihm zu messen. * Und auch diese Selbsterkenntnis hilft mir nichts, rein nichts. Daß man nicht aus seiner Haut fahren kann! * In welche führe ich? Ja, da fängt's erst recht an mit: wer die Wahl hat, hat die Qual! * Nun! in gar keine! * Es wird schlimmer. Nichts um mich und an mir, was nicht riebe, klebte, zwickte. Es sind keine Ameisen mehr, es sind Klemmer. Haben mir's wohl extra angetan, daß ich meine treffliche Arbeit: »System des harmonischen Weltalls« nicht vollenden soll, weil großer Hauptschlag gegen ihr Armeekorps. – Große Singtragödie will auch nicht werden. In dieser Gegend lagen die verrückten Elaborate, von denen der Leser schon weiß.   Anm. d. Herausg. Dort liegt die Pfahldorfgeschichte, – skizziert, kaum angefangen; keine Stimmung. * Ich werde lebendig mazeriert, zerstochen, zerkitzelt, zernagt, zerkritzelt, zerbröselt, zerstäubt. Seele, wohin? Wohin? O, eine Leidenschaft! – Die Eine, die arme, die unterirdische, gute, stille und tiefe, – darfst sie dir nicht gestehen! – In den Krieg? O, da lebt man! – »und setzet ihr nicht das Leben ein –«. Aber in diesen? in den, der sich in Deutschland bald entspinnen muß? O! – * Frau Hedwig schickt mich nach Italien. Hat am Ende recht. So vieles dort noch nicht gesehen. – Pfahldorfgeschichte mitnehmen, etwa im stillen Venedig vollenden, war ja einst auch ein Pfahldorf. * Airolo . Ausatmen, ausatmen! O scheußlich, o Streich in der untersten Hölle ausgeheckt! – Meine Sehnen müssen ja doch von Eisen sein! – Das absolut Lächerliche tödlich tragisch, das Tragische zum Totlachen! – O, wer aus dem Bewußtsein heraus könnte! – Hinab in die Strudel! Schnell! – Ja, wenn nicht da unten – mit den grünen Nixenaugen, sie – sie – Bist du da? * Gerettet? Heißt man das retten? Oder doch verborgenes Weltgesetz? Daß der gute Mensch sein Leben wagt und daß der zum Retter wird, der gerettet werden soll und – wird? Ist jener zu Diensten aufgehoben für das Leben, zu erklecklichem Wirken? Steht der Zufall in tiefem, nicht zu übersehendem Zusammenhang? Ich, auch ich zu Zwecken gerettet? Ich? o, das ist vorbei! * Ist meine Natur unverwüstlich? Stößt das Verzweiflungsfieber im Exekutionsverfahren aus, daß der Höllenstoff in Scherben dort liegt am Granitblock in Göschenen! Krise? Aber wozu? Sei's wie es will, was ist, ist, muß sein. * Immerhin ordentlicher Mensch das, hat's recht vernünftig mitgemacht. Nur komisch, daß er wissen und seinerseits angeben zu wollen schien, – als ob nicht: »Namen sind uns Dunst«. – Cornelia – Augen – seltsam – nicht weiter denken! Fort – dem Lago Maggiore zu! Tüchtig marschieren! – * Bellinzona . – Dort bei Osogna! Der Reisewagen – mich verborgen – Sie sind es gewesen, deutlich erkannt – und ich? – Hätte ich nicht doch gedurft? Tor, Tor, warum nicht hervortreten? – Nein, nein, es war besser so! * Aber wohin jetzt, wohin? Sie ist dort. Es zieht mich schwindelnd hin. Und darf doch nicht. Kann nicht, dürfte nicht, auch wenn ich dürfte. * Assisi . – Und doch hieher – im Fluge. – Dort bei den hohen, schlanken Säulen des Minerventempels hab' ich sie gehen sehen, schweben – Nacheilen? Halt, nein! Hinab, fort ins Tal, – sie darf mich nicht entdecken. Muß ihr's ersparen. Nicht anders möglich: das Grausen von damals hing doch wenigstens mit Furchtbarem zusammen, aber jetzt – Ja, wenn ich ihr Freund, nur ihr Freund wäre, sonst nichts, – vielleicht nach dem Freund sehnt sie sich trotzdem, aber – es bleibt dabei, es darf nicht sein. * Habe das Dienstmädchen der Muhme umlaufen sehen, schien eilig zu suchen, mich zu erkennen, verdoppelt ihre Schritte – sie soll mich nicht finden! * Verborgen im Gedräng der Anbeter in der Kuppelkirche. – Dumpfe, stumpfe Wahnsinnige, Zerrbilder der Menschheit, die ihr da das Bethäuschen des heiligen Franziskus anplärrt, das Rosenwunder anglotzt! – Und doch Wahnsinn – Wahnsinn des Sehnens auch in mir – Madonna degli angioli! * Hier ist es am besten, in diesem ganz einsamen Hochtal oben hinter dem Kastell. Dies Tal und ich, wir verstehen uns, und es verrät mich nicht. Es ist, als ob diese fast baumlosen Senkungen die wehmütigen Gedanken schon manches stillen Menschen eingesogen hätten, dessen Seele wohl still war, weil sie auch zu laut war wie die meinige. Ihr habt wohl auch schon leises Schluchzen gehört, verschwiegene Gelände. – Hier bleibe ich bis zur Nacht, dann die Nacht durch zu Fuß rückwärts und schnell weiter, hinaus, – wohin? Hin, wo großes Leben den Todesschlaf schläft – nach Venedig! *     Sag, alter Narr, was rennst du wieder So kreuz und quer bergauf und nieder? Was suchst du denn? Laß sein, laß sein! Die Weite bringt es dir nicht ein, Im Breiten wirst du's nicht erringen! Da mußt du in die Tiefe dringen. Der Weg ist kurz, die Arbeit schlicht: Fünf Schuh tief, weiter braucht es nicht. * Suchet nicht, so werdet ihr finden. * – Wer noch zu finden hat! * Hab' ja auch kein Handwerk mehr. »Der Mensch muß ein Handwerk haben.« – Wohl sagt Nathan: »Man muß nicht müssen,« das gilt ganz, wo es sich um Tat handelt. Anders ist es mit der Tätigkeit, da heißt es: der Mensch muß müssen. Unglücklich, wen kein Dienst an die Zeit bindet, gerade seine Freiheit drückt ihn ins Sklavenjoch der Zeit. * Eingefahren um Mitternacht in die Lagunenstadt. Ganz still, alles totenstill. Gerade recht für mich. Ihr erzählt viel, alte Mauern, in aller Stille viel. Mancher Mensch ist auch so eine still gewordene alte Stadt. – Unter der Seufzerbrücke heraus ins Offene. Der Mond taucht auf. Dogenpalast. Hier Piazzetta, Markus-Löwe, der heilige Theodor mit dem » cocodrillo «. Stich zu auf den Drachen, hab' auch ge – – – – still, still, davon still, ins Kühle schauen, ins graue Silber auf den Wellen! * Der Sarg auf der Gondel nach S. Christoforo schwimmend – wie still, lautlos – dort unter Zypressen am Meere – wie gut – dort ruht auch Leopold Robert – unsere Schatten würden sich leis als Verwandte grüßen – * Die Nacht nicht geschlafen, worauf ich mich nach dem langen Gang zu den fundamenta nuove doch gefreut. Zanzare , Moskitos um die Jahreszeit noch! – Verteufelte Symbole meiner Quälgeister! – Auf Lido, sagen sie, sei mehr Ruhe vor ihnen. Also dorthin, ins Einsame, an den frischen Hauch und Wogenschlag. * Lido . So mit mir allein, doch besserer Zustand, ein Freund: das Meer. Gänge am Strand. Täglich Bad, kühlend tief hinein. Warum so unstet, zapplich, ihr Möwen? Meer immer groß, stät; auch wenn es die Löwenstimme erhebt, auch im Sturm; immer Rhythmus. Machst mich ruhig, Dank, heiligen Dank, du Großes, du Unendliches! Was alles liegt begraben in dir, du aber schlägst und wogest ruhig darüber hin, wandellos in ewig gleicher Bewegung. Du überlebst, ich kann es auch überleben. Zerre, zapple nicht mehr, Seele, halt stille! * Die Pfahldorfgeschichte hervorgezogen. Das Wässerige um mich, Ufergeruch, Schilf, Röhricht, Seegras, Binsen am Strand bringt Stimmung zum Seebild. * Kann jetzt wieder unter Menschen. Herüber! – Schöne Wohnung gefunden an der Riva dei Schiavoni. Auch hier Seeluft, frei, frisch, weit. Kann auch wieder lachen. Menschen, selbst die schlimmen, doch alle etwas antik Naives. Puppenspiele drunten, ich stehe gern mitten unter den Kindern, alten und jungen, schaue und lache. Der Hanswurst schrauft seinem Widersacher die lange Nase aus dem Gesicht und haut ihn damit; gut, tief, sehr gut, mir lieber als seine Komödie. Dalmatiner, Montenegriner, Griechen vor den Kaffeehäusern, Feß, Pelzjacken, braune Raubvogelköpfe. – Und keine Tierqual, kein Fahrlärm; Hauptsache. * Alles groß, geschichtlich stilvoll und doch auch häuslich, heimelig, wie bei uns alte Reichsstadt. Die engen Gäßchen hab' ich besonders gern; Gemüt spinnt sich ein, wird zu Hause. Freunde gefunden, brave, heitere Kameraden. Gondolier plaudert mir vor von Kind und Kegel, auch von seiner Großmutter, liebenswürdig. Und dann wieder die hohen Bilder der alten Macht und Größe, die lebensvollen, blutwarmen und doch so adeligen Maler – die Kirchen, die Paläste; die Farben, die Reflexe im Wasser. Nun ja, man kann doch leben. Hinein in die Kirchen vorerst nicht, brauche Tageslicht, im Helldunkel drohen Gespenster. Die byzantinischen Starraugen an den Wänden in der Markuskirche predigen toten Tod im Leben, widerwärtige Mumien. * Gehe vom Arsenal zurück an der kleinen Kirche St. Martino vorüber, da ist noch einer der Fratzenköpfe mit offenem Rachen für Denunziationen. Hier gegen Ketzer; Inschrift: Denoncie secrete contro Bestemmiatori et Irreverenti alle chiese . Ein Grusel stieg mir auf und nachher mußte ich lachen, denn ich ertappte mich auf bösem Gewissen. Werden mich schön verketzern, denoncie , nicht secrete , sondern publiche in die Zeitungsrachen stecken, wenn der Reisekumpan sich einst entschließt, meine Pfahldorfgeschichte in Druck zu geben, und wenn sie das Kinderbehör am Fest, die Katechisation lesen. Und ist doch sehr harmlos. Ich muß die Religion der Pfahlbewohner exponieren – die übrigens nicht närrischer ist, als manche alte Naturreligion –, nun, das darf ich doch nicht in eigner Person, nicht direkt tun, muß doch als Poet verfahren, da fällt mir das Motiv ein, es so in Szene zu setzen. Wüßte durchaus nichts andres. – An sich habe ich, als ich zu Hause für diesen Zweck das Konfirmationsbüchlein wieder einmal zur Hand nahm, zweierlei gefühlt. Ganze Klumpen von logischen Widersprüchen, die den Kindern, sobald sie zu Verstand kommen, in die Augen stechen müssen, so daß sich ihr Kopf heftig gegen das Ganze sträuben wird und daß sie dann nicht nur herauswachsen, sondern in Widerwillen das Kind mit dem Bad ausschütten werden. Zugleich aber gewisser ehrlicher, guter Herzton, rührend; man sieht, wie felsenfest diese Theologen an die ganze Mischung von Sinn und Unsinn glaubten. Wären wir Neueren so herzfest in der wahren, der reinen Religion! * Halt, ein Gedanke! Ueber dem: Qui si denunzia! Alpin soll aus Eifersucht Denunziant an Arthur werden! Gut, muß sehen, wie ich's verwende. * Den Kirchenlauf nun doch angetreten. Wo freischöne Bilder, ertrage ich auch den Weihrauchgeruch. Wenn doch einmal Heidentum, sei es da, wo es seinen Göttern Herz und Schönheit verlieh. Dabei immer die Anfänge oder ersten großen Schritte, das Flügelregen bei noch nicht völliger Flügge so reizend. Dieser Giovanni Bellini, diese Maria mit den musizierenden Engelknaben am Throne, dort in der Sakristei von ai Frari, ist ganz zum innig reinen Verlieben. – Dann reife Schönheit. Heilige Barbara in S. Maria Formosa – jeden Tag dahin. Schreckte mich zuerst, weil die junonische Gestalt mich – ich stürzte hinaus. Doch wieder gewagt – und nun ganz andres Bild – das Etwas um die weichbeschatteten Augen ganz von ihr – wunderbar. Und diese Weichheit durchrinnt als Welle doch auch die stolze Gestalt – Siegerin über alles Wilde – Und Palmzweig! Ich habe dein Fächeln gespürt! – Gehe nun täglich dahin. * Sonst mag ich die Venezianer doch mehr als Männermaler, trotz Tizians, Paolo Veroneses, Palma Vecchios, Pordenones, Bordones Weibern. Suche meist vergeblich jenes Etwas. Aber ganze Mannheit, fest, sonnenbraun, im Gegenwärtigen zu Haus und eins mit sich, keine Sehnsucht, eine zweite Antike. – Tizian doch auch oft sinnlich brünstiger, als echte Kunst soll. Doch in der Verkündigung Mariä zu Treviso und in der Assunta auch das hoch mystisch »ewig Weibliche«. Apostel unten auf der Assunta – schon nah' an überreifer Kunst, wenigstens der eine mit dem theatralisch gestellten rechten Bein; andre herrlich – nun mit voller Herrschaft über die Darstellungsmittel jenes Nachschauen, das mich so ins Mark hinein ergreift, Gefühl: die Welt ein Schattental ohne sie. * Stehe oft und gern nachts auf einer der kleinen Brücken, sehe hinab auf den dunkeln Kanal, da und dort von Lichtschein überblitzt. Wenn dann eine Gondel durchfährt, so ganz still, nur selten der Ruf: Sta li! sonderbar, dann ist mir oft, als liege ich, der da oben zusieht, zugleich tot in der Gondel, und der Tote freue sich zugleich der stillen Nachtfahrt. * Hübsch – neulich auf der Fahrt nach Treviso; ein paar gebildete Venezianer im Wagen; auch ein Abbate, vernünftiger, klarer Mensch, interessante Ausnahme, Wagenfenster offen, auf dem Bocke sitzt ein hagerer Pfaff, wir kommen auf Klosterwesen, Zölibat, weiter auf andres Ungesunde der katholischen Kirche zu sprechen, ganz gesetzt, ernsthaft. Der Pfaff draußen horcht mit halbgewendetem Kopf. Der Wagen hält einige Minuten. Schaut der Pfaff herein mit durchbohrendem Blick und ruft mit Stentorstimme: Signori, la morte! – Er meinte, er dürfe das Wort nur nennen, so werde es uns wie ein Donnerwetter in die Eingeweide fahren. – Es war nicht möglich, nicht zu lachen. – Aber belehrend: da sieht man, an was die Schauspieler den armen, feigen Menschenpöbel packen. – Fürchte den Tod nicht und dir kann kein Pfaff bei! – * Einer der Italiener hat etwas höchst Treffendes gesagt. Ich lobte die Reformation, ich sagte, sie sei die unentbehrliche, sittliche Ergänzung zur Renaissance, die Italiener sollten sie irgendwie nachholen, sich beeilen, aus ihrer Kirche hinauszukommen. » Va bene, «, sagt der Herr, » ma poi anderemo più lontano che voi Tedeschi, che vi siete fermati nella prima osteria. « Wie wahr! Wie hat es die Reformation verderbt, daß sie sich gleich wieder in eine Kirche einschloß mit Dogmengezänk, wie ein Fußreisender, der im ersten Wirtshaus hängen bleibt! * Am Rialto, auf dem alten Börsenplatz jenseits der Brücke, meine ich leibhaft den Shylock zu sehen, wie sie ihm auf den Bart spucken, wie er hinwegschleicht, den brennenden Haß gegen die Christen in der Seele. Ja, Shakespeare! – Wenn er Venedig hätte sehen können, wie es jetzt ist! Das Traumgewordene! O, er hätte es ganz verstanden! Wie ist er traumwebend! Und zugleich heller, wacher Tag. Oft ist's, als sötte sein Gehirn vor Phantasieren, und doch ist er ganz bei sich, durchdenkt, ordnet, befiehlt. – Auf der Brücke, in der Dämmerung zurückgehend, glaubte ich ihm selbst zu begegnen. Konnte seine Züge nicht sehen, nur seine hohe Stirn. Kein Mensch auf Erden unter allen, die gewesen, den ich so drangvoll verlange von den Toten erwecken zu können, um ihn zu sehen, an seinen Lippen, seinen Augen zu hängen. Und wie würde ich ihn mit Fragen bestürmen! – Aber es ist gut, daß er uns nicht mehr erscheinen kann, er würde zu Tod gefragt – mit vielen nötigen und mit noch weit mehr dummen Fragen. * Pfahldorfgeschichte fertig. Besorge Abschrift für den Reisekameraden; soll bald abgehen. Etwas doch zustande gebracht! Wie es auch sei, es kann doch – im kleinen – ein Ganzes heißen. * Goethe hat gesagt, der Humor sei zwar ein Element des Genies, aber sobald er vorwalte, begleite er die abnehmende Kunst, zerstöre und vernichte sie zuletzt. Dies ist doch nur dann wahr, wenn man unter »vorwalten« außer dem Ueberhandnehmen besonders versteht eine Einmischung in das Dichtwerk auf Kosten der Objektivität. Belehrend ist hierin J. Paul; das humoristische Ich des Dichters drängt sich zersprengend in das Bild, das er geben soll. Er verwechselt Dichter und Gedicht. Er will Narren oder seltsame Begebenheiten vorführen und statt dessen führt er seltsam und närrisch vor. So wird der reiche, herrliche Geist ungenießbar und niemand liest ihn mehr, – leider! Sollte es aber nicht eine schöne Aufgabe sein, zu zeigen, daß es auch einen Humor gibt, der dieser Versuchung widersteht und ein Bild des Närrischen mit der Objektivität des Künstlers entwirft und durchführt? Zweite verbesserte Auflage J. Pauls, der mit Unrecht zu den Toten geworfen ist? Auferstandener, genießbar gewordener J. Paul? * Sei's, wie es kann, geh hin, mein Kind! Und ich kann auch gehen. Abschied wie von einer lieben Heimat. Noch einmal den Colleoni gesehen, ehern, dunkel ragend im Mondschein. Bleibe mir, Bild, erinnere mich zeitlebens an den Schlachttag! Dürft' ich einen zweiten erleben und dann als so ein eiserner Reitersmann voraus im Pulverdampf: vorwärts! vorwärts! Marsch! Marsch! – Noch einmal Markusplatz in Mitternacht, im Florlicht des blassen Gestirns – ob ich noch einmal herkommen werde? Ich Vergangenheit? – Was bliebe mir noch zu stürmen! – Zu meinem Fenster von der weiten Lagune her köstliche Nachtluft, Seeluft. Dort die Inseln wiegen sich schlafend auf dem weichen, freien, breitergossenen Elemente im Flimmerschleier der leise singenden Nacht. * Nun wieder zu Haus. Im Winter muß man zu Hause sein. Ofen. Ohne Ofen doch kein Gefühl des wahrhaft Heimischen. Völker, wo bloß Kamin herrscht, haben doch immer irgend einen unheimlichen Zug. – Des Reisens vorerst wieder genug. Reisen ist Schund. Reisen heißt, sich über grobe und spitzbübische Menschen ärgern, von Leuten bedient werden, die zu wenig Zeit für mich haben, weil sie zu viele bedienen müssen, die fortschnurren, wenn ich etwas frage, etwas bestelle. Reisen heißt in Zimmern wohnen, wo der Stiefelknecht fehlt oder zu weit, wo der Schrank nicht schließbar ist, weil der Reisende in Twist oder auch die Gräfin X. gestern aus Versehen den Schlüssel mitgenommen hat, oder der Schlüssel zwar steckt, aber nicht geht. Reisen heißt in dummen Betten schlafen (Italien ausgenommen), auf unsinnig konstruierten Sesseln, in wahnsinnig gepolsterten Coupés sitzen. Reisen heißt schamlos wohnen, in Gasthöfen nämlich, wo überall die Zimmer nur durch eine dünne Türe vom Nachbarzimmer getrennt sind; der hört also jeden Laut, und die Folge ist, daß man notwendig meinen muß, er sehe einen auch, zum Beispiel nackt beim Hemdwechsel; reisen heißt mit absurden Menschen sein müssen, wenn man einsam sein will, am meisten, wenn man mit der keuschen Natur andächtig verkehren möchte, dagegen einsam sein, wenn man sich nach Menschen sehnt; reisen heißt ewig packen müssen, und ein Fürst hat es nur scheinbar besser, ihm besorgt die Sache sein Marschall durch die Bedienten, aber wer besorgt ihm seinen Marschall und wer besorgt ihm, daß er nicht besorgt, sein Marschall besorge es ihm nicht recht? Dennoch muß man reisen, denn der Schund stärkt den Charakter. Und übrigens nachher vergißt man all die Not und eine Welt neuer Anschauungen – wenn anders man zu schauen wußte – bleibt. – Nebenher auch Argument gegen den Pessimismus. * Eine Art zu reisen, ja, die ist Genuß an sich, wohl der reinste Lebensgenuß, vorausgesetzt gut Wetter, gute, wohl ausgetretene Schuhe und kein Hühnerauge; eine Fußreise ohne Begleiter außer einem Hund. Nur ja niemand mit, und wäre es der Busenfreund, der eigne Bruder, der eigne Sohn – nicht, nicht! Man hat ungleichen Schritt, will sich gern nach dem Begleiter einrichten, vergißt es immer wieder nach wenig Minuten, und der eine oder andre zappelt sich ab, ist gehetzt; der eine will einkehren, der andre nicht, der eine reden, der andre schweigen, dieser gibt nach, und man verschwatzt die herrlichsten Landschaftspunkte, die schönsten Beleuchtungen. Es ist Entbehrung, sich nicht mitteilen zu können, aber dies negative Uebel viel kleiner als jene positiven. – Wandern, wandern, seiner Rüstigkeit froh, Diogenes mit federleichtem Gepäck, schauen, träumen, viel denken und nichts denken, bei Sennen einkehren, im ländlichen Wirtshaus übernachten, wo es noch einen Hausknecht gibt, der mit der Innigkeit edler Leidenschaft die Stiefel wichst, in dessen Gesicht nicht jeder Zug Trinkgeld heißt, – freundlich plaudern mit Landvolk, mit Haustieren, schlafen wie ein Sack, in Morgenfrühe weiter, von Lerche, Fink, Amsel begrüßt – kurz, man lebt. – Leider geht's in Italien, wenigstens auf den Hauptlinien, nicht; brennende Landstraßen, zu wenig Feldwege, zu wenig Grün, zu wenig reinliche und zuverlässige Landherbergen. * Warum fährt es manchmal wie ein Blitz in mir auf: gleich wieder fort und hin!? Hast Wahnsinn begangen dort in Assisi! Das einzige Glück für dein gebrochenes Leben. – Nein, nein, so spricht nur der alte Adam in mir! Besser so, es bleibe des Schmerzes Reinheit! * Was aber nun tun? Nachdem die Pfahldorfgeschichte fertig ist? Die Reiseerinnerungen niederschreiben? Gar drucken lassen? Pah! Diese Flut vermehren, unter die Schmierer gehen, die nichts leben können, ohne es zu schreiben? Wieder etwas komponieren? einen Roman, Drama? Pah! als ob dazu dein Talent reichte! Und überdies – aufwühlen? aufwühlen? – Könnte es ohne das abgehen? – Wie dann noch den Stoff beherrschen? * Philosophie? Etwas zu bauen suchen? Reicht nicht. Ueberdies das Unglück: die Diskreditierung der Philosophie durch die Systeme. System ist immer Ausbau eines Gedankens, der als Gedanke eines Kopfs, wenn auch auf und über vielen Schultern und Köpfen, doch immer nur dieses einen Menschen Gedanke ist. Und trotzdem das Erhabenste, was ein Mensch leisten kann: Versuch, das Weltall in Begriff nachzubauen. – Amphibolische Sache. * Er kommt, der Bürgerkrieg. Dialektik darin, die mich rasend machen könnte. Großdeutsch gewesen lange. Immer mit Eifer behauptet: ein Teil kann und darf nicht das Ganze werden, werden wollen. Wird nichts sein, falsche Anwendung der Logik auf das Reale, das aus zu vielen Fäden besteht, um direkt logisch vermessen zu werden. Auch das preußische Wesen nicht leiden können, Essigsäure, Wohlweisheit, Herr Doktor Gscheitle. Zuneigung zu Oesterreich, wußte nicht, wie liederlich. Antipathie, Sympathie – keine Politik. Nun Preußen sehr gute Nase: wittert, daß die deutsche Kaiserkrone im Dünensand Schleswig-Holsteins verborgen liegt, dort anszugraben ist. Oesterreich niedlich drangekriegt, hineingelockt, um graben zu helfen, – dann aus der Hand schlagen! – Begreife, es will aus Unrecht ein neues Recht aufstehen. Wohl, aber die Menschheit würde charakterlos, schlecht, wenn in solchem Fall niemand für das alte Recht kämpfte, ob auch hoffnungslos. Und dann – Politik und Privatmoral freilich zweierlei: aber Sieg neuer, politischer Form, auf Gewalt gebaut, die durch Listgewebe eingeleitet ist, doch immer auch von entsittlichender Nachwirkung – Moral der Nation trägt eine Schlappe davon. Man wird's sehen, wenn die neue Form wird. – Dennoch – * Die Politik ist doch ein merkwürdiges Gebiet, Theater, worin wie ein Narr sitzt, wer nicht hinter die Kulissen sieht. Und was dort hinten spielt, ist die List. Sie ist keine kleine Kraft, namentlich wo sie mit sehr vielen und verwickelten Fäden zu schalten hat, aber sie ist doch ein Element niedriger Art. Viel sapientia und doch nur quantilla . Die Katze ist listiger, weit mehr Diplomat als der viel gescheitere und viel edlere Hund. Verdient ein Staatsmann groß zu heißen, so verdient er es trotzdem , daß er in diesem Elemente sich bewegen muß. Den großen Staatsmann führt die Idee, sie ist sein Zweck, die List sein Mittel, – Edles im Unedlen, Hohes im Gemeinen. Man muß nur zum Beispiel bedenken, was da alles gelogen wird! – Reineke Fuchs – ein Heil, wenn er zugleich ein Löwe ist. – Doch ist jedem Glück zu wünschen, der mit der ganzen krummen Partie nichts zu tun hat. Was ist Kunst, Wissenschaft, einfache, gerade Amtsarbeit dagegen für ein reines Element! * Es fängt an, spielt sich in unsre Nähe – glaube, Hannover wird eingesackt werden – dies wäre jedenfalls hochkomische Episode – würdig, einen Aristophanes zu finden. – »Bis ans Ende der Tage!« * Kann in diesem Netz messerspitziger Fragen zappelnd nichts arbeiten. Aus Verzweiflung dummerweise wieder mehr in Gesellschaft. Da die pure Parteikonfusion, links, rechts, überall; mir schwindelt das Hirn, wenn ich mich in die undialektischen Köpfe versetze. – Noch dummer: nehme gestern einmal wieder eine Einladung an in patente Gesellschaft. Nobles Haus, gastfreundlich, aber wie alle. Wer bewirtet, trägt bei aller Güte doch meist eine Tücke im Herzen; denkt: das alles erweise ich euch nun, und ihr dürft keinen Heller dafür zahlen; aber dafür verlange ich eines: ihr sollt euch verkälten. Es werden im Sommer Fenster, im Winter Türen aufgerissen, die einen Zug geben. Der arme Gast zahlt die Zeche nach mit Elend! o Elend! – 's fängt schon an, beißt in der Nase, ich spür's. O großer Buchbinder Weltgeist, warum hast du mich zu fein eingebunden! – In dieser Welt braucht's Schweinsleder, wenigstens Ruck und Eck. * Diesmal war's ernst. Schnupfen nicht genug, Zahnweh, acht Tage Gesichtsschmerz. Zwar darin doch Fortschritt: doch der Mühe wert. – Und hat mir über's ärgste draußen in der Welt hinübergeholfen. Blutbad von Sadowa. Entschieden! – Was jetzt kommt? eine gute Weile schließ' ich die Augen. * Nach innen fühle ich ein Etwas befördert, beschleunigt, das freilich auch von selbst die Jahre mit sich bringen. Geht etwas vor in mir. Es ist wie eine Art Zahnen im Geist. Die Menschen werden mir durchsichtig. Es fällt mir wie Schuppen vom Auge. Eigentlich ein gar schwerer Uebergang! Denn seit die Menschen nackt vor mir stehen, weiß ich erst recht, daß die Mehrheit Lumpenpack ist. Kommt dazu das sichtbar beschleunigte Wachstum der Schlechtigkeit in jetziger Zeit. Es ist schon zum Bitterwerden. War einst so zutraulich, auch Polizeiberuf machte mich lange nicht mißtrauisch, dachte: das sind Ausnahmen, ging namentlich gern mit dem Bürger um, der Stand kam mir so recht kernhaft vor; fragte nicht lange nach Personalien. Jetzt kann man nicht mehr wohl mit einem Unbekannten sich einlassen, – vielleicht Gründer, – Sattler, der Roßhaar herausnimmt, Seegras hineinsteckt, – Fälscher von Waren, Lebensmitteln, Kassendieb – und weiß der Teufel, was alles. Dennoch soll man sich nicht verbittern lassen. Wenn man nicht zählt, sondern wägt, so wiegt ja doch die anständige Minderheit die schlechte Mehrheit auf; wohl selbst jetzt noch. Ferner: du darfst kein Menschenverächter werden, weil du nie wissen kannst, wer aus der schlechten Mehrheit fähig, empfänglich ist, in die Minderheit heraufgehoben zu werden. Die Grenze zwischen beiden ist flüssig. Man kann also heiter bleiben trotz der Weltlumperei, und man braucht diese Stimmung, eben um jene Grenze flüssig zu erhalten. Umgekehrt soll man auch der Festigkeit der Grenze von oben nach unten nicht trauen. Zählst du dich zur guten Minderheit: du magst recht haben, aber zupfe dich an der eignen Nase, besinne dich auf die Blindheit deiner Jugend, falle nicht in Sicherheit und Dünkel, insbesondere prüfe dich daran, ob du aktiv bist. Hochmut kommt vor dem Fall. Eine Minderheit, die nur klagt und schilt, taugt gar nichts, verliert ihren Wert. Nicht ob moralische Uebel vorhanden sind oder nicht, ist die Frage, – sie sind immer vorhanden, weil die Mehrheit schlecht ist, – sondern ob sie bekämpft werden oder nicht, ob die bessere Minderheit tätig ist oder untätig. Ist sie untätig, so verkommt sie selbst. Das Menschenbataillon hat eben wie jedes mehr Gemeine als Offiziere. Erst wenn diese faul werden, steht es schlecht. * Wer die Gemeinheit der Welt, den maschinenhaft rohen Druck der Verhältnisse in diesem stoßenden Gedräng, wo alles vom Interesse geschoben wird und dazwischen die eiserne Schraube der Notwendigkeit läuft, wer dies mit grausam täuschungslosem Auge gesehen hat wie kein andrer, das ist Shakespeare. Die Gröblichlichkeit der Welt nennt er's einmal, Buckingham sagt's in Richard III.: grossness of this age ; this age ist aber jedes age . Alle tragische Literatur aller Zeiten gibt dies Bild nicht in so unerbittlicher Schärfe; mit Shakespeare verglichen herrscht überall ideale Beschönigung, die nicht vollkommen ideal ist, eben weil sie noch beschönigt. Gegen diese Wildschweinwirtschaft der Welt brennt nun in ihm wie glühend Eisen der heilige Zorn und läßt er in seinen furchtbaren Tragödien die himmlische Gerechtigkeit mit blitzendem Flamberg durchhauen, und nicht von außen, sondern von innen. Er weiß sehr wohl, daß es so nicht wird in der Mehrzahl der einzelnen Fälle, im besten nicht so leuchtend; aber er vertraut und glaubt, obwohl er es so wenig beweisen kann als irgend ein Sterblicher, er glaubt, daß ein solches Gesetz geheimnisvoll, weil ein nicht übersichtliches Unendliches beherrschend, unserm Auge oft verschwindend, im großen waltet, und als Dichter faßt er diese zerstreuten Strahlen in den Fokus eines einzelnen Falls, der dadurch, wie durch jenes fürchterlich wahre Bild der Welt, hochsymbolisch wird. Dabei werden die tragisch Beteiligten und schuldig Gewordenen nicht , nur die Gesellschaft wird gerettet, die Wahrheit der über alles Einzelne übergreifenden Mächte: Ehre, Liebe, Recht, Vernunft, Menschlichkeit; unter ihrem mit so teurem Blut begossenen Baum können nun Unzählige in Frieden leben. Diese Mächte bleiben, während das Endliche verglühen muß. Shakespeare will durch die Häufung von Leiden und Leichen in seinen letzten Akten den Eindruck der Götterdämmerung, des jüngsten Tags hervorbringen. Daher ruft Kent beim Anblick Lears, der die tote Cordelia auf seinen Armen geschleppt bringt: »Ist dies das prophezeite Weltende?« und setzt Edgar hinzu: »Ist's ein Vorbild jener Schrecken?« und Albanien: »Des allgemeinen Untergangs?« * Und dieser Unerreichbare ist mit den argen, argen Flecken behaftet: Aberwitz und ekelhafte Zoten! Der letztere wird von den Anbetern nicht geleugnet, der erstere etwa einmal so zugegeben, wie man mit bedientenhafter Art von Respekt ein Mängelchen an Erdengöttern zugibt. Was ich doch aber auch nicht ausstehen kann, ist die Pietätsmichelei. An großen Männern werden zu Götzendienern alle und jede, die keine Spur verwandten Geistes in sich fühlen. So entsteht der Nimbus. Die Menschen müssen Götter haben. Es ist wohl wahr, daß die Sprache arm ist, eine Bewunderung auszudrücken, wie wir sie für so große Genien fühlen, sie kann fast nicht umhin, zu vergöttlichenden Namen zu greifen. Aber wer ihres Geists auch nur ein Tröpfchen in sich spürt, wird darüber nie und nimmer unkritisch werden, ja er wird gegen wirklich entstellende Flecken noch schärfer losgehen, als bei gewöhnlichen Sterblichen, denn der Bewunderte hat schwerere Verantwortung, als andre Menschenkinder. Gegen Mittelgut, wofern es bescheiden ist: mild, gegen Große streng! – Ich hätte gute Lust, eine Shakespeare-Absurditätensammlung anzulegen – zur größeren Ehre des Dichters. Nichts schadet ja dem großen Geiste mehr, als wenn man den guten Leuten zumutet, ihn mit Haut und Haar zu bewundern; ihnen soll man sagen: siehst du, das und das ist zugegeben als roh, als abgeschmackt u. s. w., damit plage dich nicht, damit du die Seele frei bekommst für das Große, das rein Schöne! – Es ist nicht leicht ergründen, worin eigentlich das Absurde besteht. Wer vermöchte den Abgrund von Aberwitz in folgendem Prachtstück mit Begriffen zu erschöpfen! Romeo im Sonettenstil über Rosalinde, da Benvoglio sagt, es gebe schönere Mädchen: »Wenn meiner Augen frommer Glaube trügt, Dann, meine Tränen, werdet Feuergluten! Durchsicht'ge Ketzer, nicht ertränkt in Fluten, Verbrennt in Flammen, weil ihr schnöde lügt.« Genommen vom Hexen- und Ketzerprozeß: Wasser- und Feuerprobe. – Das sagt nun Romeo zwar im euphuistischen Modeton, man kann sich aber darauf verlassen, daß Shakespeare damit etwas Extrafeines in allem Ernst zu bieten meinte und daß die Gesellschaft seiner Zeit es höchlich bewunderte. Und in keinem deutschen Kommentar auch nur ein Wort gegen den vertrackten, hirnverbrannten Schwulst! – Shakespeare ist mit einem Bein später aus diesem Geschling heraus, mit dem andern nicht, noch in seinen reifsten Werken kommen derart Schnörkel. Zeitgeschmack freilich, aber er hat sichtbar seinen Gefallen daran; der Zug zum Versalzen, allen phantasiestarken Geistern eigen, verführt ihn dazu. – Auch Zote war Zeitgeschmack, dennoch begreift man nicht, wie Shakespeare keinen Ekel davor haben konnte. Er steht doch über der Wachtstube. * Habe nebenher leider meinen besonderen Spaß am Absurden. Eigentümlicher Schauer über den Buckel herunter, kitzliges Weh- und Wohltun, Gänsehautreiz. Was nicht Gänsehaut macht, ist noch nicht recht absurd. Möchte eine Abhandlung darüber schreiben, habe aber den Grundbegriff noch nicht finden können: »Maßverletzung, Grenz- oder Taktverletzung« ganz oberflächlich. – Auf die Definition müßte eine Einteilung folgen. Shakespeares Absurditäten sind falsche, querköpfige Bilder, krumme Ideenassoziationen überreicher Phantasie. Eine andre Gattung wäre die wohlweise, die bei ihm nicht vorkommt. Derart habe ich mir einiges ausgeheckt, um für ferneres Nachdenken über das Wesen der Absurdität gute Beispiele bereit zu haben: Geistreiche Gedanken eines Schulpedanten Idee 1. Er hat sich die Lehre gemerkt, daß ein Dichter alles individnalisieren muß. Schlägt daher vor, eine Stelle in Schillers »Wilhelm Tell« zu verbessern oder eigentlich zu bereichern. Monolog in der hohlen Gasse. Stelle:         »Sonst wenn der Vater auszog, liebe Kinder, Da war's ein Freuen, wenn er wiederkam, Denn niemals kehrt' er heim, er bracht' euch etwas, War's eine schöne Alpenblume, war's Ein seltner Vogel oder Ammonshorn –« Hier einzufügen: »War's Terebratel oder Belemnit.«                   Idee 2. Anmerkung zum Schluß des Monologs: »Mach deine Rechnung mit dem Himmel, Vogt! Fort mußt du, deine Uhr ist abgelaufen.« Die ältesten Uhren waren Sand- oder Sonnenuhren. Es gab übrigens auch Wasseruhren. Häufig wird Severus Boëtius im Jahre 510 als Erfinder der Uhren betrachtet, aber er verfertigte nur eine künstliche Wasseruhr. Auch die Uhr, welche der Kalif Harun al Raschid Karl dem Großen schenkte, war wohl eine Wasseruhr, mit welcher jedoch Räderwerk in Verbindung stand, denn sie hatte ein Stundenglas, welches sich alle zwölf Stunden umdrehte. Dem Mönch Gerbert (später Papst Sylvester II., starb 1003) wird häufig die Erfindung der Schlaguhren zugeschrieben; er wurde deshalb als Zauberer verschrien; nach mancher Meinung war jedoch auch dieses Werk nur eine künstlichere Sonnenuhr. Dante zu Ende des dreizehnten Jahrhunderts beschreibt zuerst eine Schlaguhr. Die ersten bekannten Gewichts- und Schlaguhren sind von Dondi in Italien, von Wallingford in England und von de Wik in Deutschland. Im vierzehnten Jahrhundert hatte man Uhren zuerst in Klöstern, in Städten waren sie bis zu Ende desselben noch eine Seltenheit. – Wieviel mehr in Dörfern! Tell lebte im Anfang des vierzehnten Jahrhunderts; er hat also höchst schwerlich in einer Stadt (– er besuchte wohl überdies Städte nur selten –), eher etwa in einem Kloster eine mechanische Uhr gesehen. Doch ist wahrscheinlicher, daß Schiller nur eine Sand- oder Sonnenuhr im Auge hat. – Eine Taschenuhr konnte Tell nicht besitzen. Solche sind entweder von dem Nürnberger Peter Hele um 1500, oder nach andern von dem Straßburger Isak Habrecht um 1529 erfunden. – Doch wie, wenn der Dichter dem Schauspieler einen kühnen Anachronismus hätte nahelegen wollen? Von großer, ja ungeheurer Wirkung müßte es freilich sein, wenn der Mime bei obigen Worten eine Taschenuhr – um dem Geschichtlichen etwas näher zu bleiben, Nürnberger Ei –, zöge, einen Blick darauf würfe und dann straff abginge. Idee 3. Die Hand ist Prototyp für alle Werkzeuge, die der Mensch erfunden hat. So enthält sie im Nagel auch das Falzbein. Dies dürfen wir als Zeichen, Fingerzeig ansehen, daß der Mensch zum Schreiben, Papierbehandeln, zur Gelehrsamkeit bestimmt ist, und so gewinnen wir ein neues, höchst bedeutsames Argument für die teleologische Weltbetrachtung, für die Theodicee. Idee 4. Von einem übermütigen Offizier beleidigt, dichtet derselbe Schulmann zu seiner inneren Satisfaktion den Vers: »Wie der Soldat, so hat auch der Zivil Denken, Begehren und dann das Gefühl.« * Niemand aber, selbst dieser Schulmeister nicht, tut's in der Abgeschmacktheit dem Traume gleich. Der leistet hierin das Ideale. So träumte mir gestern, ich komme nachts an mein Haus und sehe vor demselben eine große Versammlung von Männern, schwarz angetan, Trauerflor am Hut und mit brennenden Frackzipfeln. Ich frage verwundert, was das bedeute, und erhalte zur Antwort: hiemit werde das Leichenbegängnis des Herrn A. E. gefeiert, und man nenne das einen Frackelzug. Ich war sehr erbaut und belehrt, bestaunte sehr die tiefsinnige Wortbildung, zündete mir selbst den Frackschoß an und ging mir selbst sehr andächtig in der Klage mit. Zugleich wie furchtbar eitel! * Außer dem Lächeln haben die Pessimisten auch ausgelassen: das Lachen. Sie sind ganz humorlos. Eine Welt, wo so viel gelacht wird, kann so schlecht nicht sein. Gelacht wird über das Verkehrte, auch das Ruchlose, selbst über die größten Uebel, wenn sie nur irgendwie unter den Gesichtspunkt der puren Zweckwidrigkeit gerückt werden können. Vorausgesetzt ist das humoristische Lachen freier, reiner und universal blickender Gemüter. Sie lachen im Bewußtsein, daß schließlich das Verkehrteste der sittlichen Weltordnung nichts anhaben kann, denn eben die so Lachenden sind ihre Schützer, ihre Retter. * Wir sind von Rätseln umgeben. In dieser Lage ist es das einzig Vernünftige, als wahr anzunehmen, was uns am wohlsten tut, sofern es nur unleugbaren Verstandesgesetzen nicht widerspricht. Dabei ist nur vorher auszumachen, was wahrhaft wohltut. Dies kann ausgemacht werden, denn es ist aus dem Wesen der menschlichen Seele und aus dem richtigen Begriffe der Zeit zu beweisen, daß wahrhaft wohl nur ein gutes Gewissen tut, das man sich erwirbt durch treue Arbeit im Dienste der unzeitlichen Güter. Nun werden wir in dieser Arbeit unendlich bestärkt durch die Annahme, es walte ein unbedingtes Etwas, das aus streng logischen Gründen nicht Person sein kann, das dennoch eine Ordnung erwirke und baue in dem verworrenen Wesen, Welt genannt, und zwar auf dem Unterbau der (auf diesem Auge) blinden Natur und des blinden Zufalls einen Oberbau, worin sich durch immer neue Tätigkeit uuzähliger Menschen die Sitte, das Gute, der Staat, die Wissenschaft, die Kunst herstellt. Indem nun diese Annahme uns in der Erwerbung eines guten Gewissens unterstützt, so kommt dieses unser Wohlbefinden zugleich andern zugut, und das ist Grund genug, zu glauben, was wir nie beweisen können. * Was ich mir immer und immer wieder vom Werte der Arbeit vorsage, darin bin ich aber gar kein Philister. Gestern abend kam ein Kauz in die Restauration, der Vogelstimmen, auch Stimmen mancher Vierfüßler so ausgezeichnet nachahmte, daß jedermann vergnügt wurde und auch ich aufs heiterste mich vergaß. Es muß alles entwickelt werden, was von Fähigkeiten im Menschen liegt, so auch Seiltanzen, Kunstreiten, Jongleur- und Ballinistenwesen. – Der heitere Schelm hatte sichtbar selbst eine Freude an seinen Leistungen, war ganz dabei. Warum soll das nun nicht auch gelten? Als der Spaßvogel anfing, befand ich mich eben in sehr mißlicher Lage. Saß mir am Tischchen ein Herr gegenüber, der schickt auf einmal aus der Zeitung einen höchst bedeutsamen Blick, einen wahren Couponblick unter der Brille hervor auf mich und sagt: »Amerikaner 70«. Der Mensch war am Ende wirklich fähig, zu meinen, ich verstehe das! Ich werde in solchem Fall leicht unangenehm, und es hätte bös ablaufen können. Da schlug die Wachtel und befreite mich. Wer könnte zweifeln, was höher ist, Vogelstimmen nachahmen oder in Papieren machen und davon sich unterhalten? – Der Künstler ging übrigens von einfachen Rufen zu belebten Szenen über: Plaudern junger Schwalben und Begrüßung der Alten, Gezänke zwischen Vögeln, ganze Katzenkonzerte, große Hunderaufereien, kurz: Idylle, Novelle, Eposfragment, Lyrik, Drama. Wohl interessanter, belehrender als manches Professors Vortrag über Zoologie. Jedenfalls hat der heitere Schelm ein paar Dutzend Menschen in der Abendstunde aus dem Gestrüpp und Sumpfschlamm Zeit herausgehoben. Ist er im übrigen ein Lump, er mag es mit sich abmachen; hier wenigstens hat er mit seiner Arbeit sich ein Verdienst erworben, worüber sein Bewußtsein ihm ein gutes Zeugnis ausstellen darf. * Ich weiß ein armes Weib von fünfundachtzig Jahren. Sie hat ihr Leben lang das Geschäft des Gassenkehrens getrieben, und zwar mit Eifer, mit Seele. Sie tut über Pflicht; sieht sie auch außer der Arbeitstunde tierische Abfälle liegen, so springt sie nach dem Besen. Das Weib ist heiter, gesund in ihrem Alter, ganz eins mit sich, ganz zufrieden klassisch gediegen. Ihr wird kein Monument errichtet werden, sie weiß sich aber als nützliches Glied in der unendlichen Kette wesentlicher menschlicher Tätigkeiten und ist darin unsterblich. * Von der Dichtkunst erwartet die Mehrheit der Menschen, sie solle ihnen ihre gewöhnlichen Vorstellungen, nur mit Flittern von Silber und Goldpapier ausgeputzt, angenehm entgegenbringen. Da sie in Wahrheit das gemeine Weltbild vielmehr auf den Kopf stellt, so wäre kein großer Dichter je berühmt geworden, wenn nicht die wenigen, welche wissen, was Phantasie ist, allmählich einen Anhang gesammelt und denselben mehr und mehr erweitert hätten. Sie haben Stein auf Stein in das stehende Wasser der Meinung geworfen, bis die Wogenkreise den ganzen Spiegel in Bewegung setzten. Wäre dies nicht, so stände heute noch Wieland, Iffland, ja gar Kotzebue in der Blüte der öffentlichen Gunst, Goethe und Schiller gälten für Phantasten. Man würde sich nur größere Dosis von Schauer ausbitten, als die alten Lieblinge boten, und in diesem Punkt eine Beimischung aus den Ritterromanen vorziehen; Wieland müßte noch stimulanter werden, als er schon ist. Nun, an solchen Wielanden fehlt es uns ja nicht. Das merkt sich jeder Elende, daß er seiner Wirkung sicher ist, wenn er mit sexualen Reizen operiert, denn wie dickhäutig ein Leser sein mag, Geschlechtsnerven besitzt er ja doch. Unsre Illustratoren schlagen ebenfalls hübsch Münze aus diesem Umstand. – Auch Humor will man haben, aber wenn er kommt, der Wilde, erschrickt man wie vor einem Geist. Er durfte wild sein, aber er soll zugleich zahm, anständig sein. Ja, Poeten vor tausend oder etlichen hundert Jahren, die durften im Humor auch den Zynismus wagen, das ist etwas andres, wir aber, wir Menschen der »Jetztzeit«, wir sind gebildet, und nicht wenige von uns gehören zur »guten Gesellschaft«; zwar eine feine Zote, ja, das ist was andres, das zieht. Diesem ebenso anmaßenden wie platten Philistervolk liebt nun die Poesie, die Kunst von Zeit zu Zeit recht grundsatzmäßig das Phantastische an den Kopf zu schleudern, damit es merke: die poetische Welt ist nicht die gemeine. Dies ist begreiflich, doch soll der Künstler und Dichter es nicht zum Prinzip erheben, wie unsre Romantiker taten. Das Ideale stellt die gemeine Ansicht von Welt und Leben auch dann auf den Kopf, wenn es die Dinge ganz naturgemäß geschehen läßt. Echtes Kunstwerk hat mitten im klaren doch immer Traumcharakter, ist von »Geisterhauch umwittert«. Goethes Gedichte hören sich wie ein leises Schlafreden, nur um ein weniges, ganz weniges deutlicher. Man kann ihren Inhalt nicht greifen, nicht an den Fingern abzählen. Der Charakter im Dichterbild wurzelt, so bestimmt er sich ausladet, in geheimnisvollen Naturtiefen, und das Sckicksal, die Nemesis, schreitet auch nicht fadengerade, sondern strickt aus gar vielen Maschen unrechenbar das Geisternetz, worin es die vermeintlich frei wandelnden Menschen einfängt. Auch die Zeit ist vor dem Dichter bloßer Schein. Glosters Schicksal steckt ahnbar schon im ersten kurzen Auftritt des ersten Akts des Königs Lear. Goneril blüht, strotzt in ihrer Bosheit und Frechheit. »Gut, gut, – der Ausgang,« sagt Albanien, da sie sich ihrer klugen Berechnung der Zukunft rühmt. In den vier Wörtchen liegt die ganze Lehre vom bloßen Scheine der Zeit. In Gonerils Verruchtheit blitzt schon das Messer, das sie sich, an der Verzweiflung angelangt, ins Herz stoßen wird. Also ist auch ihr Selbstgenuß in ihrer Verruchtheit nur Schein, sie ist schon unselige Selbstmörderin. – Was könnten die Menschen für ihr ethisches Leben lernen, wenn sie den Begriff der Zeit besser studieren würden! Alles Laster, Verbrechen ist schlechte Logik. * Lust fühlen heißt die Zeit nicht fühlen. Danach jagt nun alle Welt. Aber die Lust ist eine große Kokette; wer sie sucht, den täuscht sie, wer nicht nach ihr fragt, dem hängt sie an und wird am End' eine ordentliche Frau. – Das gibt zu denken über Eudämonismus. * Die meisten Menschen wissen sich nicht zu behandeln, daher stehen sie mit sich selbst auf so schlechtem Fuße. * Vorsehung. Man sollte eigentlich sagen: Nachsehung. Es handelt sich doch vom Zufall. Der Zufall ist eine im Moment ihres Auftretens von keiner Intelligenz überwachte, rein irrationale, gesetzlose Schneidung der Linien, auf denen die Natur und die Geisteswelt ihre Tätigkeiten, jede an sich gesetzmäßig, ausüben. Nun aber sind alle diesen zwei Gebieten angehörigen Kräfte stets beschäftigt, den Zufall zu verarbeiten: das Günstige, das er bringt, zu benutzen, auszubilden, das Uebel zu überwinden, zu heilen, selbst zum Gute und Guten zu kehren. Einen Mann, der verdienstvoll wirkt, der Familienvater ist, tötet ein Ziegel, der vom Dache fällt. Der Unfall spornt seine Söhne, der Mutter eine Stütze zu werden, der Staat strengt Kräfte an, die Lücke auszufüllen. Es kann auch schlimm gehen, beides nicht geschehen, dann wird das weitere Unglück Kräfte wecken. Es ist ein unendliches Netz, ein unendliches Weben. Das ganze Leben, die ganze Geschichte ist Verarbeitung des Zufalls. Er wird in das Reich des Naturwirkens und des menschlichen Denkens, Willens und Tuns hinein stetig umgebildet. Vorher, in seinem Eintreten, ist er blind, nachher wird er eine von sehenden Augen geflochtene Masche im unendlichen Netze der Tätigkeiten. Also eigentlich Nachsehung. Aber da die Zeit ja doch nur Schein ist, so ist das »Nach« auch falsch, so falsch wie das »Vor«. Soll man etwa einfach sagen: Sehung? Zusehung? Nicht das Auge eines persönlichen Gottes, aber unzählige Augen sehen den blinden Zufall, und ihnen dienen unzählige Kräfte, etwas aus ihm zu machen, was er in seiner Entstehung nicht ist. In der unendlichen Tätigkeit aller, den Zufall zu verarbeiten, sind nun geheimnisvolle Gesetze tätig, denen die Philosophie der Geschichte mit wenig Erfolg nachforscht. – Gewiß ist freilich eines: unendlich vieles fällt durch die Maschen ins Leere, unzähliges Leben geht elend zugrunde, ohne daß wir eine Frucht absehen. Da ist nicht zu helfen; darein muß man sich ergeben; da gibt es keinen Trost, als den: sollen die blinden Naturgesetze unendliches Leben schaffen und unendliches Wohl, so geht es nicht anders, sie müssen auch ihre Opfer haben. – Und erst der mesquine, der ganz knirpsige, lumpige, nüssige Kleinzufall, der niemals Frucht tragen kann, was ist es mit dem? Nun eben, hier tritt als einzige Auskunft meine Dämonologie ins Mittel. Aber es wird ja auch gegen die Dämonen gekämpft. Die Canaillen haben mich doch nicht untergekriegt, ich habe nie am oberen Stockwerk gezweifelt und treulich daran gebaut, was ich konnte. * Ueber Freiheit und Notwendigkeit, nachdem ich mir an der Frage fast das Hirn lahm gearbeitet, bin ich endlich bei einem ordinären Behelf angekommen, der mir doch seine Dienste tut. Es sei so, daß es Wahlfreiheit des Willens nicht gibt. Also schwindet die Zurechnung; es gibt nicht Schuld, nicht Verdienst, der Verbrecher muß . Allein, da doch alles notwendig, so müssen die, welche ihn strafen, auch . Sie strafen ihn, weil sie ihn für zurechnungsfähig, für schuldig halten, und da sie ihn strafen müssen , so ist es so gut, wie wenn er es wäre. Geschieht Heilsames, so freuen sich die guten Menschen und lohnen es, – nicht alle, doch viele, – als ob es Verdienst wäre. Sie müssen, und der Mann, der sich verdient gemacht, hat auch gemußt. Aber da beide müssen, so ist es ebensogut, wie wenn beide frei handelten. Und so kann ich ganz getrost nach den gewöhnlichen Begriffen von Freiheit des Willens leben, befehlen, strafen, loben, lohnen, und tut die Menschheit recht, sich an dieselben zu halten; denn da, wenn Notwendigkeit waltet, nicht das eine notwendig ist, das andre nicht, sondern sowohl die Gegenwirkung als die Wirkung, so bleibt gut gut und schlecht schlecht. Wer in schwerem Katarrh eine Untat begeht, der freilich handelt jedenfalls in Verfinsterung, doch ist zu fragen, ob er nicht vor derselben schuldhafte Gedanken nährte. * Nennt mich neulich ein junger Fant liebenswürdig. Dieser, Männern gegenüber von Männern gebraucht, unverschämte Ausdruck kommt immer mehr auf. Ich habe dem naseweisen Geck gesagt: Danke, bin nicht liebenswürdig, bin zufrieden, wenn man Respekt vor mir hat. * In was alles ich mich nicht gefügt, weiß man und rechnet mir dick auf. In was alles ich mich aber still gefügt, weiß oder bedenkt man nicht. * Ihr verlacht, verachtet mich wegen meines Grimms über die Kreuzung durch das Kleine. Ihr würdet mich verstehen, wenn Größe in euch wäre. Ich will gar nicht stolz reden; – ich meine darum nicht, ich sei Alexander der Große, Karl, Friedrich der Große, oder Plato, Aristoteles, Spinoza, Kant, oder ihr solltet so etwas sein. Aber etwas von Größe, ein Ansatz dazu ist doch in jedem rechten Kerl. Großen Uebeln begegnet das Große in ihm groß, der Schund mit dem Kleinen, dem Winzigen muß ihn empören. * Ich lasse meinen meisten Zorn an Schubladen, Töpfen, Hemdknöpfen und dergleichen aus. Das kommt den Menschen zugute, daß so viel Wut nach der Seite abläuft. Doch nie den schlechten. * Wer das Leben nach seinem Idealwerte schätzt, ich frage, ob der nicht wütend werden muß, wenn er auch nur ungefähr überschlägt, wieviel Kraft und Zeit uns das Bagatell raubt, ich meine das recht eigentliche Bagatell, das nicht des Nennens wert ist. Wer von jenem Werte durchdrungen ist und doch geduldig bleibt: gut, recht, er soll ein Engel sein. Solange ich aber nicht sonst Proben habe, daß einer engelgleich ist, bin ich so frei zu glauben, daß er den Kampf mit dem Bagatell nur darum leicht nimmt, weil er grobe Nerven hat oder nicht vergleicht, nicht rechnet. Rechnen wir nur sehr schwach: per Tag 1½ Stunden für An- und Auskleiden und dergleichen, hierzu nur ¾ Stunden für speziellen Kampf mit Knöpfen und Anverwandten: macht per Woche 105¾ Stunden . Nehmen wir hinzu, daß nur einmal wöchentlich noch speziellere und ganz tragische Kämpfe sich ereignen, wie verzweifeltes Suchen eines Blatts, einer Notiz, und bedenken wir, daß ein solcher Vorgang das Hirn, das ganze Nervenleben in eine ähnliche Betäubung versetzt, wie Verirren nachts im Walde, also für einen ganzen Vormittag arbeitsunfähig macht, tut 6 Stunden: Summa in der Woche 1056¾ Stunden: welche entsetzliche Zahl! * Was ich nicht aushalten kann, das ist ein Mensch ohne Leidenschaft, und ein Mensch, der gemeine Leidenschaften hat. * Nur keine Geschichten, nur keine Szenen! So denken die meisten und so zum unendlichen Schaden der Welt namentlich Staatsmänner. Es soll nichts aufgerührt werden, es soll alles beim alten bleiben, und wenn ein Kind einzusehen vermag: es kann nicht beim alten bleiben, es muß ja doch brechen. Aber: après nous le déluge ! * Das Weib ist schamhafter als der Mann, weil es weniger unschuldig ist. Das Mädchen weiß das Geschlechtliche weit früher als der Knabe, lernt früh, wenn auch noch unbeteiligt, das ganze Listgetriebe des Männerfangspiels kennen, das Weib ist sich des Geschlechts weit bewußter als der Mann und hat dies Wissen zu verbergen, daher muß es mehr Scham haben. Dies ist im geringsten keine Schande für das Weib. Es erhebt sie. Sie ist mehr Naturwesen als der Mann, und wird sittliches Wesen, indem sie es verhüllt, mit Bildungsleben zudeckt. Bedarf übrigens der Mann weniger Schamhaftigkeit, so ist das lange kein Freibrief für Schamlosigkeit. Ich halte an meinem alten Spruch, den ich mir damals in den norwegischen Bergen eingezeichnet: Scham verloren u. s. w. Wer gemein ist, mag noch manches leisten, aber er ist eben gemein. Den Mann, der darin richtig bestellt ist, wird man besonders daran erkennen, daß er gut unterscheidet, wo Zynismus berechtigt ist, wo nicht, und daß er gut erkennt: der gröbste Zynismus ist unschuldiger als der feinste Obszönismus. * Darin liegt eine große Schwäche des Weibs, daß es im Gespräch so gern Nebenbeziehungen findet, Anspielungen, Stiche, Ausfälle, wo davon keine Spur ist. Der Mann redet gewöhnlich einfach und ehrlich auf die Sache los und denkt nicht daran, was man dabei sonst und nebenher noch denken könnte. * Die Frage nach dem Werte des Weibs ist eine der zweiseitigsten, die es gibt. Der Mann ist weit kommensurabler. Mit diesem Wort ist sogleich der Grund der beunruhigenden Schwierigkeit in der Frage ausgedrückt. Inkommensurabler ist das Weib im Guten; Großtaten des weiblichen Enthusiasmus leuchten in Menge wie Sterne am Nachthimmel der Geschichte, inkommensurabler auch im Bösen: » O, undistinguish'd space of woman's will! « (König Lear IV, 6.) Wie sieht es mit der Geduld aus? Das Weib ist sowohl viel geduldiger, als auch viel ungeduldiger als der Mann. Jenes z. B. im Katarrh mit Zubehör und bei Krankenpflege, dieses bei Meinungs- und Willenskreuzungen. Ein Bekannter, der in ganz erträglicher Ehe lebt, sagt mir neulich, er habe so rührend schöne Ideen gehabt, wie er Geduld lernen wolle am sanften Bande der Ehe; »ja, oha!« fährt er fort, »hab' sie wohl lernen müssen, aber anders, als ich meinte: im Widerstand gegen Ungeduld.« * Gestern an unserm Tisch im Gasthoflokal mischt sich ein Herr ins Gespräch über das Weib und läßt sich sehr gemein aus, erlaubt sich auch Zoten. Sonst formell ganz anständiger Mensch, doch etwas anrüchig wegen Benehmens in Ehrenfragen. Wir schweigen ihn an, er macht fort, und fühlbar keimt und wächst nun im Kreis eine Neigung, ihm die Türe zu weisen. Plötzlich bricht er auf und geht von selbst. Staunen. Sagt X: »Mir scheint, der Mensch hat einen inneren Hausknecht – einen Rest von Scham –, der hat ihn hinausgeworfen.« Gut. * Nun muß sich aber hintennach in dem Menschen doch die Vorstellung ausgebildet haben, er sei von uns hinausgeworfen worden; er münzt es auf mich und verdächtigt mich politisch in einer Zeitung. »Schmutz riecht sich selber nur,« habe ich erwidert. * Menschen, die einander ohne tatsächlich klaren Grund nicht trauen, trauen sich selber nicht. * Diese Art Menschen kann man auch mit ziemlicher Sicherheit daran erkennen, daß sie nicht gern allein sind, obwohl man natürlich den Schluß nicht umdrehen darf, denn die Mehrheit ist nur aus Leerheit nicht gern allein. Auch spazieren können sie nicht recht gehen, denn eine gemeine Seele ist keiner Kontemplation fähig. * Man muß arbeiten können, man muß aber auch müßiggehen können, nur betrachten. In diesen Momenten muß man sich verhalten können wie bloße Natur oder eigentlich sich selbst betrachtende Natur. In glücklichem Wechsel mit Arbeit sind sie so gut, so wertvoll wie Arbeit. * Vater und Sohn, an einem See vorbeigehend. Knabe . Papa, heute nacht ist der See, glaub' ich, doch ein bißchen unartig gegen mich gewesen. Vater . Was hat er dir denn getan? Knabe . In der Schul' hat gestern der Schulmeister gesagt, was ein ordentlicher Mensch sei, müsse auch eine ordentliche Beschäftigung haben; danach müsse man bei jedem fragen. Jetzt hat mir's heut nacht geträumt, ich komm' an den See und frag' ihn: »Herr See, mit was beschäftigen Sie sich?« Jetzt hat der See gesagt: »Ich beschäftige mich damit, naß zu sein.« Ist das nicht ein wenig grob? Vater . Je nun! * Wenn ich Poetisches gelesen habe, zum Beispiel Jamben, und komme nachher an Prosaisches, so meine ich einige Minuten lang, es auch als Jamben lesen zu müssen. So ging es mir einmal mit einem Regierungsschreiben. Zufällig liefen die ersten Zeilen ganz ordentlich. Ich las: - —  |  - —  |  - —  |  - —  |  - —  |  Es wird | hiemit | dem Her | zoglich | en Amt | - — | - — | - — | - — | - — - | Auf den | Bericht | vom  sechs  | ten die | ses  Monats  | - — | - — | - — | - — | - — - | Betreffs | des Pa | ragra | phen  fünf  | und zwanzig | - — | - — | - — | - — | Der neu | en Po | lizei- | Ordnung | — — | So weit ging's, aber weiter nicht, das Folgende war nicht in Jamben zu bringen, und ich erwachte zur Prosa. Uebrigens belehrender Beitrag zur Psychologie der Rhythmik oder eigentlich der idealen Nervenlehre. Fortschwingen des rhythmusfühlenden Nervs. – Da liegt die Abschrift des Schreibens vor mir, die ich mir zum Andenken genommen habe, – Erinnerung an alte Zeiten. * Nachts hatte ich dann einen recht kindischen Traum. Ich kam in ein besseres, beglücktes Land, Wohnsitz hochgestimmter Menschen. Hier wurden alle amtlichen Schreiben, Regierungs- und Behördenerlasse, Reskripte, Ausschreiben, Gesetzurkunden, Protokolle, all dieses und ähnliches in Versen abgefaßt und zwar stets in einem zum Inhalt passenden Metrum. Einen Staatsanwalt hörte ich im Geschwornengericht die Anklage gegen einen Mörder in zentnerschweren kurzen Stabreimen vortragen. Das Protokoll über den Tatbestand erklang fürchterlich im Versmaß des Eumenidenchors des Aeschylos. Der Verteidiger suchte in weichen, sapphoartigen Strophen zu rühren. Das Strafgesetz bestand in lastenden Trochäen. Das Dienstreglement für meine Polizeimannschaft bewegte sich in gemessenen Danteschen Terzinen. Ein Gesuch um Freinacht bei Anlaß einer Hochzeit gewährte ich in hüpfenden Anapästen und Daktylen und ging gegen den Schluß in Zeilen über, die in freiem Spiel zwischen gebundener und ungebundener Form dithyrambisch schwebten. Dafür aber bekam ich einen Verweis von der Kreisregierung in taktfesten Alexandrinern, worin mir eröffnet wurde, daß Dithyramben fast eine Einladung zur Trunkenheit und jeder Art von Exzeß repräsentieren. Daran erwachte ich. Den Verweis überbrachte mir ein in die toga hirsuta (Zotteltoga) gekleideter Kanzleidiener. Die Beamten trugen die toga praetexta , untergeordnete mit breitem, höhere mit schmalem, feinem Streifen oder clavus . – Es war kurz vor den Dingen, die mich mein Amt gekostet haben, – ahnungsvoll! * Das habe ich doch meist bewährt gefunden, daß man den Menschen im Schlaf ihren Charakter ansieht. Seit es Eisenbahnen gibt, hat man mehr Gelegenheit. Da habe ich nun auch eine Gattung Menschen entdeckt, die ein Gesicht machen, als kostete ihnen das Schlafen Mühe. Es sind meist hart arbeitende Leute, denen der Ausdruck vom Wachen her auf den Zügen stehen bleibt. Doch nicht bloß, man kann es auch bei gebildeten und sicherlich nicht schwer beschäftigten Menschen beobachten. Das sind nun offenbar Naturen, denen alle Geistesfreiheit abgeht, denen im Wachen alles, selbst die Freude Geschäft ist, die niemals zu schweben verstehen, daher entbindet auch der Schlaf ihre Züge nicht. Ich nenne den Ausdruck ungernig, sie sehen aus, als schliefen sie ungern. * Es ist auch deswegen in Ordnung, daß der Mensch endlich stirbt, er soll sich schon deswegen gern darein fügen, weil sich mit der Zeit gar zu viel Sach um ihn ansammelt. Man erfährt das so recht bei einem Umzug. Nicht nur Bücher, – Briefe, Blätter, Blättchen, Zeitungsnummern, Büchsen, Schachteln, Salben, Pulver, tausend Geräte. Wie oft, alter Narr, willst du die alte Papierdüte hinten in der Schubladenecke noch einmal hervorziehen, öffnen, finden, daß ein Rest Holder- oder Wollblumentee darin steckt, dich besinnen, ob du ihn wegwerfen willst, ihn noch einmal behalten? – Mach, geh fort, nimm Abschied auf einmal von all dem Quark! * Ballast! Ein für allemal zu viel Ballast! – So stark bin ich nicht, daß mir nicht manchmal eine Sehnsucht aufstiege: nur ein Jährchen lang nach dem Tode noch auf einem Planeten, wo man keinen Schneider, Schuster, Schreiner braucht und wo es überhaupt gar kein Wetter, also auch keinen Katarrh gibt! Nicht unsterblich, o nein, nur dies Jährchen! – Aber das sind schwache Stunden. * Vitam, non mortem recogita! Altes Motto. * Aber man muß den Tod recogitare , um ihn nicht zu fürchten. Nun ist das nicht die Art der Menschen. Daß sie in Masse überhaupt auf kein Uebel gefaßt sind, hat seinen guten Grund. Sie wären, – so muß der erste Satz von mehreren Sätzen lauten –, sie wären ja Narren, sich das künftig mögliche Uebel vorzustellen, sie würden sich nur die Gegenwart verbittern. Lebe voll und ganz in der Gegenwart!: das ist ja richtig. Wer würde zum Beispiel die Geliebte an den Altar führen, wenn er sich recht darein vertiefte, daß eines von beiden vor dem andern sterben muß! – Allein der zweite Satz lautet: Stelle dir das Uebel dennoch vor, sonst trifft es dich ungefaßt und vor allem das scheinbar schrecklichste, der Tod. Also Widerspruch zwei gleich wahrer Sätze. Folgt, daß es eines dritten Satzes bedarf. Stelle es dir nicht nur vor, sondern durcharbeite, durchbohre, durchsetze, durchätze es ganz mit klaren Gedanken, bis du damit fertig bist, dann schwindet das Drohende des Schattens und du kannst frei die Gegenwart genießen, bist auf unendlich höherer Stufe, was das Tier auf seiner ist: sorglos blind für die Zukunft. »Gefaßt sein ist alles.« * Schiller hat gesagt, der Tod könne kein Uebel sein, weil er allgemein sei. Man denke sich einmal, ein Teil der Menschen müsse sterben, ein andrer nicht, und niemand wisse, ob er zur einen oder andern Klasse gehört: wie entsetzlich! Stelle dir immer vor, du fallest in der Schlacht, wo das Zusammensterben den Tod so sehr erleichtert. Das Allgemeine ist notwendig, ist ein Gesetz. Ein Gesetz fürchten ist kindisch. Du kannst doch nicht ansprechen, die Gattung zu sein! Was dir aber sicher hilft, das ist: lebe in der Gattung, im allgemeinen, dann stirbst du nicht, obwohl du stirbst, und kannst sagen mit dem Römer: non omnis moriar . * Träger, schwerfällig trauriger Nachmittag. Unten im Hofe wird Holz gemacht. Ich muß immer dem Sägen zuhören. Zuerst ein scharfkratziger Ton, dann tiefer, breiter, dann kommen hohe Klagetöne des Scheits, als riefe es: jetzt kann ich nicht mehr lange widerstehen! Es folgen noch einige kurze, gerupfte, schnell in der Skala sinkende, mürbe Laute, und man hört die Klötze fallen. – So sind mir die Freuden des Lebens durchgesägt worden, eine um die andre, ich höre jetzt noch die Stümpfe zu Boden rumpeln. Aber mit dem Holz hab' ich mir doch einen Ofen geheizt, den ich mir selbst gebaut habe. * Ofen freilich, wie er eben sein kann in Anbetracht der Umstände. Hat einen Riß, raucht. Doch etwas besser als keiner. * Eine große Gunst ist mir doch widerfahren: ich bin im Krieg gewesen, habe ein Treffen mitgemacht. Habe erfahren, wie es dem Mann in der höchsten Anspannung aller seiner Kräfte zumut ist. * Beklagen, daß ich damals nicht gefallen bin, wäre gemacht sentimental. Wenn ich aber nur wüßte, ob mir nicht das noch begegnet, daß ich lächerlich sterben muß! Es sähe mir ganz gleich. Oder gar ein Krüppel werden auf solchem Weg? Noch hübscher! Einem Soldaten wird ein Auge ausgeschossen; es geschieht auf dem Felde der Ehre. Ich wette, ich werde noch ein Auge durch ein Knallbonbon verlieren. * K. v. Suckow »Aus meinem Soldatenleben« erzählt von einem Hauptmann, der sich mit ihm aus Rußland fortschleppte, mit ihm hungerte und unter diesen Leiden nicht aufhörte zu rühmen, was für trefflichen Zwiebelkuchen seine Frau machen könne; es sei sein Leibessen, und wenn er nach Hause komme, müsse das erste sein, daß die Teure ihm einen bereite. Sein Idealtraum ging nicht in Erfüllung, er hat den Zwiebelkuchen nicht mehr gesehen, gegessen, ist in Wilna am Nervenfieber gestorben. Ach, so sterben wir alle, jeder trägt in sich den Traum vom Zwiebelkuchen und muß in die Grube, eh' er Wahrheit geworden! * Auch ist das ganze Leben ein russischer Feldzug. Allgemeiner wilder Stoß und Schub im Menschengetümmel ist die Beresinabrücke. Kanonenschläge dazwischen: das Unglück rechter Art, das drastische Uebel; dies Glück wäre mir nicht widerfahren. Für mich Lanzen der Kosakenschwärme, die Wespenstiche des kleinen Uebels. Das Aergste soll aber doch gewesen sein ein beständiger, fein messerscharf schneidender Wind, und – wer nicht fiel, nicht verhungerte, nicht am Typhus starb – hinsiechend in beständigem Katarrhfieber. * Hab' auch wieder einen, werde mir bald die Füße zum Mund heraushusten. * Frau Hedwig und der Doktor schicken mich noch einmal über die Alpen. Will gehorchen; muß Neapel, Sizilien nachholen – Nachholen? Sonst nichts? – Gesteh dir, Mensch, – eine Unruhe, als ob dein noch etwas wartete. – Willst suchen? – Nein! – Doch? * Ich muß, ehe es fortgeht, mein Jugendtal noch einmal sehen. Wird zum letztenmal sein. Träumt mir neuerdings mehr als sonst davon. * Geschrieben in der Felshöhle am Klosterberg in St....l .         Da bist du ja im Morgenstrahl, Mein nie vergeßnes Jugendtal!     Der Berge Kranz, die wunderblaue Quelle,     Städtchen und Kloster, alles ist zur Stelle. Noch immer steigt gezackt und wild Empor seltsames Felsgebild,     Burgtrümmer schauen über Höhlenschlünde     Auf stillen Fluß und zarte Wiesengründe. So oft hab' ich geträumt von dir: Fast, liebes Tal, erschienst du mir     Als Traum, als Märchen, alte, alte Sage     Vom Morgenland, vom jungen Erdentage. Hier kennt mich keine Seele mehr, Fremd sehn die Leute nach mir her,     Doch bring' ich mit, was Einsamkeit versüßet:     Ein Völkchen, das mich kennt und das mich grüßet. Laut reget sich ein Knabenschwarm, Zu zweien manche, Arm in Arm,     Mit hellem Aug' und rosenroten Wangen     Dort aus dem Kloster kommen sie gegangen. O Duft, o Kelch der Blütezeit! Der Jugend süße Trunkenheit!     Die Liebe weint, der holde Mutwill sprühet,     Die Seele singt, der goldne Himmel glühet. Wo sind sie hin? Zersprengt, verweht, Wie Gras des Feldes hingemäht!     Nur wenige Greise sind noch übrig blieben,     Zu zählen, wer noch lebt von all den Lieben. Du dort in der gedrängten Schar, Du mit dem dunklen Lockenhaar,     Dich kenn' ich näher, munterer Geselle,     Ja, du bist ich auf meiner Jugend Schwelle. Wie lachte ich das Leben an! Wie sprang ich jauchzend in die Bahn!     Wie arglos wohnte neben wilden Scherzen     Gesunder Ernst im frischen, schlichten Herzen! Fern leuchtet Rom und Griechenland Durch die geteilte Nebelwand,     Von Platos Silberfittichen gehoben     Schwebt fromm und stolz der junge Geist nach oben. Wie Licht so hell, wie Schnee so rein, Gelobt' ich, soll mein Leben sein!     Was wußt' ich von des Weltgangs irren Pfaden! –     Da bin ich nun, und bin so schuldbeladen. Nicht daß es bleiern mich beschwert, Ich kenne meines Lebens Wert,     Ich weiß, wie ich gestrebet und gerungen     Und was der sauren Arbeit ist gelungen. Doch heute, wo herauf zum Wald Das alte Klosterglöckchen schallt,     Heut, wo ich aus so ungeteilter Nähe     Dem frohen Knaben in die Augen sehe, Der ich einst war, der so vertraut, So schuldlos mir entgegenschaut,     Heut weiß ich nichts von meinem Tagewerke,     Hintaut der Stolz, es beuget sich die Stärke. Zur Felsenhöhle wandl' ich hin – Vor Zeiten träumt' ich oft darin –;     Laß, alt Gestein, mich heut in meinen Tränen     Ganz still an deine graue Wand mich lehnen. * München . Zuerst einmal hier verweilen, Kunst ansehen. Pinakothek. O Gott, o Himmel, wie trifft mich's! Da liegt sie unter königlichem rotem Baldachin, konnte die Kerze nicht mehr fassen, die ihr der weinende Johannes reicht; alles rings getreulich nach den Formen der Zeit; Wohnraum, Geräte, Kultushandlung beim Tod einer hohen Person, Weihwasser, Weihrauch, Gebetformeln aus dem Buch, die Apostel hartgemeißelte Köpfe, unfeine Gestalten aus der gröblichen Wirklichkeit, überall voller Schein des Lebens bis hinauf auf den Reflex der Kohlenglut im Gesichte des Jüngers, der ins Rauchfaß bläst. In allen ein Schmerz, der Widerklang dieses Todes in diesen ehrlichen Seelen. Und sie! Seligkeit der Auflösung in den Aether reinen Daseins, Verschweben im seligen Traum! Ein Kopf, Züge – reiner Kristall für durchscheinendes Himmelslicht! O, so, so stürbe – – und ich, ich grobe Erscheinung, ich gemeine Erdbildung, wenn – wenn dies – wenn – dabei Zeuge sein, das schauen – Verwehe, Traum! * Pisa . Habe widerstanden, bin nicht östlich hinüber von Pistoja; morgen nach Livorno, zur See hinunter. – Wie schön hier alles beisammen: Dom, Baptisterium, Campo santo, und wie gut ruhig, friedlich ringsum! – Komme mir vor wie der schiefe Turm dort, der hält, obwohl geknickt. Im Campo santo – hätte den ganzen Tag da bleiben mögen, ja möchte hier wohnen, mich an den rührenden Bildern freuen wie ein Kind und ganz stille sein. * Pompeji . Die Gipsformen der Toten – genau in dem Moment, wie sie vor fast zweitausend Jahren im Todeskampf zuckten. Sonderbar – das tut sonst der Bildhauer aus Kunstzweck: er fesselt einen Zeitmoment im Raume. Hier hat die Natur dasselbe getan: die Sterbenden erstickend umhüllt, die Umhüllung verhärtet und nach achtzehnhundert Jahren einem scharfsinnigen direttore degli scavi so die Gußform dargeboten, die er nur ausgießen durfte. * Ich möchte gerade nicht in einer solchen Todeszuckung nach Jahrtausenden als Gipsfigur wieder aufstehen, übrigens rasch und gewaltsam sterben ist doch auch so übel nicht. * Gegenwärtige Vergangenheit, vergangene Gegenwart, – aufgehobene Zeit – Traum, wunderbar. Komme mir selbst vor, als sei ich schon lange gestorben und sehe dort aus einem Denkmal der Gräberstraße mir zu, wie ich nun umgehe, schaue, staune. Oder als sei ich gerade vor einer Stunde gestorben und der Tod habe mir noch auf einen Tag Ferien gegeben, da spazieren zu gehen, als alter Pompejaner zu schlendern. Wir haben auch in Wahrheit alle in allen entschwundenen Menschengeschlechtern schon gelebt und werden leben mit den künftigen. Doch möchte ich herausbringen können, wie mir zumute gewesen, als ich noch ein antiker Mensch war, Mensch aus einem Guß, ohne Riß mittendurch, ohne mehr Augen, als nötig. Aber wenn vielleicht doch auch jene Einfachen –? Muß untersuchen, ob man an der Zehenhaut nichts mehr entdecken kann. – In Kleinasien, ja in Aegypten hat man in Schädeln plombierte Zähne gefunden. Also jedenfalls doch auch schon Zahnweh. Gibt sehr zu denken. * Droben qualmt der Vesuv. Bin doch hinauf zum Krater. Empedokles hat sich in den Aetna gestürzt, das Naturgeheimnis zu ergründen. Könnte man Element werden und zugleich wissen, was Element ist! * Zuerst Corricolo, dann ausgestiegen. Golf. Wie die Menschen, solche Linien, solche Kurven, solche Farben, solches Rauschen des ewigen Meeres vor Auge und Ohr, ihr Nachbar-Naturwesen, das Tier, so teuflisch mißhandeln mögen – o, fehlte mir nicht die Macht! * Sorrent . Alles kocht im Segen, man meint, man spüre die Frucht des Oelbaums, die Beeren der Traube sich mit Säften füllen. – Tassos Wohnung – wir kennen uns. – An die Marine. In einer Fischerhütte bildschönen Knaben mitgenommen. Sieht dem putto gleich rechts unten auf Raffaels Sixtina, der den Kopf auf die Aermchen legt und so küssenswert den Zuschauer ansieht. Starke Brise. Wie weit kann man auf die Klippen jetzt hinaus? »Paolo weiß schon.« Brandung wilder und wilder, ein göttliches Wüten. Wir stehen mitten drin auf einer der durchfressenen Klippen. Schaumwelt wie ein wahnsinniger Traum, Riesenfächer ausgebreitet, Federbüsche, breite Wasserraketen aufschießend, bäumende Rosse, Bären, Elefanten, Zentauren, Fabelungeheuer, – Gestalt in Gestalt verrinnend, Zischen, Speien, Pfeifen, Heulen, Klagen, Jauchzen, Kichern, Johlen, Wiehern, Brüllen, Baß und schrille Hochtöne einer Riesenorgel, – Kanonenschüsse, Donnerschläge, – wir zwanzigmal überschüttet, Paolos rote Mütze fort, in den Strudeln umgezerrt – o, so wohl, so frei ist mir's nur in der Schlacht gewesen, mir, der sonst mäßigen Wind nicht erträgt. – Paolo schlägt die großen dunkeln Augen unter den triefenden langen Wimpern doch etwas ängstlich nach mir auf. »Sei ruhig, caro ragazzo , uns geschieht nichts. Das kommt nicht von den Teufeln, kommt von guten Geistern, mir zu Ehren aufgeführt, zur Labung nach all der Qual!« – Ich stürme, jauchze, donnere mit, entbunden, frei alles und jedes, was Kraftahnung in mir ist. Hohe, herrliche Trunkenheit! * Abends im Albergo geplaudert mit den schönen Wirtstöchtern und ein paar frischen Burschen aus Nachbarhäusern. Fällt den jungen Leuten das Tanzen ein. Ich muß die Kastagnetten dazu schlagen. Es kommt toller und toller, aber stets anständig, wildes Feuer, doch ohne einen Hauch von Frechheit. Vom Saltarello zur Tarantella. Herr meines Lebens, welch mänadisches Sausen! – Plötzlich fällt mir Vikör und die Abendgesellschaft in Bergen ein. Die Kastagnetten entfallen meiner Hand, ich stürze hinaus, höre hinter mir sagen: » pare, che il Signor soffre. « Jawohl, jawohl! – Hinaus in Mitternacht wieder ans Meer. Es ist still, sanft geworden, Mondlicht. – Habe doch schlafen können. * Von Castellamar über den Monte S. Angelo nach Amalfi. Räuber? Warnt mich nicht! Tun mir nichts. Beglückender Marsch, gerollten Mantel über der Schulter. Oben oft wie deutsch, Dörfer zerstreut, Holzhäuser mit steilem Giebel, Meisen schlagen, Buchfinken schmettern ihr Reitersignal, aber dann weit, weit der Blick hinaus auf diesen, dann auf jenen Golf. So gelöst, so entlassen! Himmelsluft! * Ravello . Das ist nun aber doch auch ganz wie ein Traum! Hoch, hoch über dem Golf von Salerno alte, einst reiche, mächtige Stadt, ursprünglich maurisch. Paläste, Türme, Stadthaus, Spitäler, uralter, in Zopfschnörkel entstellter Dom. Baustil behielt übrigens im Rokoko immer arabische Anklänge, das Gerollte, Geschweifte lenkt in maurische Motive ein. Brunnen mit geflügeltem Löwen und Adler erzählt von sieben Jahrhunderten. – Nicht zerstört, aber fast ausgestorben. Große Terrasse weit vorspringend, schwebend auf Felsfläche über der steilen Tiefe. Unten tiefblau der Golf, Aussicht drüber hinaus wie ins Unendliche. Einsam, einsam, nur ein paar alte Herren dort, sonnen sich, sind wohl von den wenigen Nachkommen der stolzen Familien, gedenken wohl still an vergangene Zeiten wie an alte Märchen. Dort der Greis ist vielleicht ein Ruffoli aus dem Prachtpalaste da drüben. – Mein Leben wird mir auch ein Vergangenes, eine alte Sage von einem, der – – * Eigentlich gefällt es mir so ganz doch immer nur da, wo es traumhaft aussieht. Freilich doch auch im Deutlichen, Klaren. Aber beides kann sich ja gut vereinigen. * Jetzt durchs Mühltal herab nach dem Golf. Meer schäumt auf an Felsen und alten Sarazenentürmen, Gang zwischen Oliven, Johannisbrotbäumen, Limonen, Orangen, Feigen, Agaven, Piniengruppen, Himmel bedeckt, laue Luft, Vogelsang aus allen Zweigen. – * Amalfi . Was ist aus dir geworden, stolze, reiche, weitherrschende Republik! Dein alter Andreas dort in seiner Kathedrale, dem verbleichten Reste deiner Pracht, er hat dich nicht geschützt vor Pisas, Genuas Schwert und dem Rachen einstürzender Meerflut. – Da oben aber im einstigen Kapuzinerkloster, wie wohnt es sich so einzig still, so frei gehoben! Als Einsiedler da herabschauen? Nein, nicht Ritter Toggenburg! – Weiter, Salerno zu, immer am Ufer hin, rechts das mächtige Rauschen, der ernst stahlgraue Spiegelglanz des göttlichen Elements, links ein Paradies zwischen Fels, strengem Gebirgszug und all dem herrlichen Grün mit der klassischen Zeichnung und ernsten, gesättigten Farbe. – Mittags im Nest Minari nach Kaffeehaus gefragt; weist man mich da zu der Alten. Enger Raum, Küche und Stübchen zugleich; das Weib am großen Spinnrad. Ganz gemütlich geplaudert und Kaffee gut. Was gibt es behagliches Schwatzen in Italien mit alten Frauen! Gründliche Kinderunwissenheit. Lebt so da eingesponnen im Engen, um sich dies Elysium. Gehört auch in ein altes Märchen. * Salerno . Lange dem Meer zugehört im Bett. Tempo: stilleres, feierliches Rauschen, dann anschwellen zu Donnerton. Erzählte viel von Völkern, Griechen, Römern, Karthagern, Longobarden, Normannen, Sarazenen; sah die Roßschweife wallen, hörte ihr Allah il Allah! – Aber was raunst du mir , was rufst du mir? Darf ich bald hin ins ewig Große? * Oder kommt mir noch ein Großes hier auf diesem geballten Weltstoff? Darf ich's noch erleben und dann zerschäumen wie die Woge? – Darf ich, – wag' ich's, zu hoffen? – mein Vaterland noch groß sehen? – Wohin mich die Wanderschritte tragen, von Deutschland ist wie von einem Nichts die Rede. Jetzt zwar Respekt vor Preußen. Gestern abend wieder im Gasthof: Signore è Prussiano? Hab' der Wahrheit die Ehre gegeben: »nein«, und dann, als ich mein Ländchen nannte, gingen den Herren alle Begriffe aus. – Nach Pästum . Schwere, dunkelgraue Wolkenwand, darunter der Himmel offen, feuchtfett, giftig schwefelgelb glühend. Dunkel auf diesen Hintergrund gesetzt die alterbraunen Tempel, voran die stämmigen Säulen des Neptuntempels mit den breit ausgeladenen Wülsten. Da malt sie der Himmel hin, die Elegie des Völkerschicksals. – Bin doch plötzlich wieder aufgebrochen, es ging zu tief jetzt, jetzt, da ich horche, wann die Sonne in Donnergang aufsteige für mein Volk. Und die fiebergelben Menschen, die mich anbetteln, denen ich nicht helfen kann! Da regt sich die alte Zwecknatur wieder: entsumpfen, dann Anbau? reißt mich aus der Betrachtung des Bildes als Bild – in Pein hinweggereist. * Palermo . Fahrt hierher von Neapel in reinem Aether, alle Götter günstig, Phöbus strahlend, Poseidon lachend, Delphine umher spielend, in Bogenschüssen sich elastisch auf den Wogen schnellend, in unmalbarem Blau schwimmen die seligen Inseln und Vorgebirge. Es war ein Schweben, keine Erdenschwere mehr. * Das Schönste des Schönen der Monte Pelegrino. Unter allen Berglinien der Welt eine edler und in allem Adel leichter gezeichnete kann es nicht geben. Wie klar und ruhig legt oben die Fläche sich über, wie anmutig biegt sich das Profil ein, ehe es hinabrinnt, sich in die Horizontale von Land und Meer aufzulösen! O, wären die Linien meines Lebens so wie diese, o, senkte es sich so schön herab, in so reiner Kurve, wie dieser Berg sich herniedersenkt zum Meere! Und wäre die Farbe meines Lebens so rein blau wie das Meer, das ihn widerspiegelt! * Die Hohenstaufengräber in der Kathedrale kann ich nicht zum zweitenmal sehen. Hic situs est magni nominis Imperator et rex Siciliae Fredericus II. – – Kann nicht zur reinen Anschauung, nicht zur ungeteilten Stimmung gelangen vor dem Porphyrsarg. Der Hohenstaufen schiebt sich mir in die Bildkammer der Phantasie herein, wie ich ihn einst gesehen, in Formen so schön, als stände er nicht neben deutscher Alb, – kahl, matt rötlich beleuchtet von der Abendsonne. Verliere mich in die Frage, ob es geschichtliche Notwendigkeit gewesen, daß diese großen Kaiser Stiefväter ihrem Heimatland waren. Erwäge das vielbesprochene Für und Wider. Es gräbt, bohrt, sticht in mir, daß unsre Geschichte Gipfel hat, die keine Gipfel für unsre Nation sind. Alte Pein, einem belächelten Volk anzugehören, wacht auf. Werde mir nun selber bös, daß ich angesichts des großen Gegenstandes Auge und Gefühl nicht rein gegenständlich stimmen, meinen Vorsatz, die Politik zu lassen, nicht halten kann. Also eben fort, hinaus wieder an den Hafen, meinem Liebling, meinem Herzblatt gegenüber, dem Monte Pelegrino! * Die reinen Heiden sind sie doch! Man muß zürnen und lachen, lachen und zürnen. Führen da ihre Heilige als Puppe auf Prachtwagen herum wie die Alten ihre Götter. Blumenwesen, Feuerwerk mit Girandola, Musik, große Gugelfuhr. Wer war wohl einst die heilige Rosalia? Geborene Minerva, Diana, Juno? – Es sind Kinder, enfants terribles , diese guten Leute, gestehen nur ganz, sagen nur heraus, was allerwärts nicht besser ist, nur anderswo mehr inwendig stecken bleibt. * Immer mit einer wahren logischen Beunruhigung lese ich die Urteile der Römer und Griechen über das Christentum in seinen Anfängen. Es hat der Welt eine neue Seele eingesetzt. Es ist Religion der Herzlichkeit. Der Stifter war ein Mensch freien, wohlwollenden, lichthellen Gemüts, will uns sanft, liebevoll, verzeihend, gut. Das hatte keine der Naturreligionen, es war ganz neu; was Plato, was Stoiker, was jüdische Sekten lehrten, ist in manchem verwandt, hat vorbereitet, aber dieser Einheitspunkt, dies vertiefte Herz war das grundeigne Geheimnis des Mannes Jesus, von dem wir so wenig Geschichtliches wissen; Bergpredigt – himmlischen Geistes voll. Dazu ist gekommen oder daraus hat sich entwickelt die richtende Einkehr des Menschen in sich selbst, wie keine frühere Religion sie hatte, Geist der sittlichen Selbstkritik, begreiflicherweise zuerst zu negativ, finster dualistische Verwerfung der Sinnlichkeit, doch auch so Grundlage für eine neue Ethik. * Nun wurde dieser Kern hart am Ursprung schon getrübt, mit Mythologie umhängt. Der Stifter selbst schon glaubt Engel und Teufel, glaubt wiederzukommen als Königmessias und das himmlische Reich auf Erden zu gründen. Kaum tot, so vermehrt sich die Mythenglorie: Wunder, Auferstehung, Christus wird Gottessohn, sein Tod Opfertod nach alter, blutiger, ja grasser Opferidee, bald dann Maria Göttin. Müßte auch wunderbar zugegangen sein, wenn zu den jüdischen Wahnvorstellungen nicht die bekehrten Heiden zeitig die ihrigen zugebracht hätten: Göttersöhne, Frühlingsgötter, Osiris, Adonis, Mithras, Herkules, dann Urgöttinnen, Isis, Here, Venus, Astarte, Mylitta, Rhea, Kybele und wie sie heißen, – nachdem im Teufel schon der Ahriman eingewandert. Dort in Pompeji die ausgehängten Votivbilder im Tempel der Venus, kranke Arme, Beine, Hände, Nasen von Zinn, Silber, Ton, die sie heilen sollte, – sie ersetzen eine ganze religionsgeschichtliche Abhandlung über christliches Heidentum. * Nun, wenn ich lese, wie die Römer und andre Polytheisten über das Christentum urteilten, so peinigt mich ein eignes Gefühl: ich muß mich vor ihnen schämen für jene frühen Christen, wie ich mich heute noch schämen muß, wenn Missionäre den Heiden unsre Märchen bringen und diese sagen, sie haben das auch und reichlicher. Durch die beigemischte Trübung wurde die neue Religion in die grundschiefe Lage der Konkurrenz mit dem Heidentum gesetzt. Mit Mythologie konnte das auch aufwarten, und mit einer volleren, schöneren. Es ist wahr, die christlichen Götter hatten einen neuen Seelenblick und hoben dadurch dem verborgenen Sinne nach ihre Jenseitigkeit in Immanenz, hoben also ihre eigne Personifikation wieder auf. Aber diese Innigkeit verstand kein Römer, kein Syrier, kein Lydier, kein Aegypter, kein Grieche, und wenn: es war niemand da, ihm den letzteren Sinn zu deuten. * Dazu noch etwas gar Fatales. Die neue Liebeswelt, die neue Religion, aufgegangen in einem unterjochten Volk, wußte und wollte nichts von Staat, von öffentlichem Leben – heute noch ein für allemal ein ungeheurer Mangel des Christentums. Wollen wir Bürgerpflichten daraus ableiten: es muß auf mühsamem Umweg künstlicher Argumentationen geschehen. Man denke zum Beispiel: zur Vorschule des Mannes für sein politisches Pflichtleben gehört Gymnastik. Dem Griechen sagte das auch ohne Wort der Gott am Eingang der Palästra. Wie höchst verzwungen aber sind Versuche, vom Christentum auf so etwas als Pflicht zu deduzieren! – Die Alten haßten und verachteten die Christen darum am meisten, weil ihnen der Staat gleichgültig, ja Aergernis war. – Allerdings verwickelt sich das: den heidnischen Staat mußten die Christen freilich verabscheuen. Aber damit ist jene arge Lücke nicht hinwegdemonstriert. Das Christentum ist an sich eine apolitische Religion. Die Konsequenz haben wir heute noch: die Kirche leugnet den Staat und will den doch vorhandenen beherrschen. Da der Mensch ein handelndes Wesen und das Christentum diesem Wesentlichen seiner Natur abgewendet ist, so hat sich ergeben, daß es endlich zu einem System von Handlungen wurde, die gegen das System des vernünftigen Handelns, den Staat, gerichtet sind. * Wie ist es nun mit der mythologischen Trübung? – Ich nenne sie, diese Bilderwelt der Religion, kurzweg Pigment. – Dies führt auf eine Betrachtung, die bei der reinen, verzweifelten Ratlosigkeit anlangt. Die Sache liegt schlechthin amphibolisch, antinomisch. Für –: Ohne Pigment keine Religion – denn Religion muß ja doch eine Gefühlsgemeinschaft sehr vieler und ein Kultus sein. Es kann keine farblose Volksreligion geben. Die Andacht muß etwas zum Anreden haben, also vorgestellte übersinnliche Person, Personen und, zum Anschauen, Ansingen, auch Tatsachen. Woher sollte die Kirchenmusik – und Musik ist doch das Unentbehrlichste zum Kultus – ihren Text nehmen? – Das weiter zu demonstrieren, wäre vom Ueberfluß. Kurz, »Stützen«, wie es Lessing nennt. Gegen –: Diese Stützen sind ebensosehr Spieße ins Mark der Religion. Der tiefstliegende Schaden ist: sie dienen als Surrogate fürs Wesen; die Menschen, wie sie einmal in Mehrheit sind, meinen, sie dürfen sich dafür, daß sie an das Pigment glauben, die Religion ersparen. Da haben wir nun den »Glauben«, der = Religion gilt. Millionen Seelen, die nie von einer Ahnung des Unendlichen, nie von einem Gefühl der erhebenden Tragödie des Lebens durchhaucht worden sind, gelten nun sich und der Welt als religiös, weil sie glauben. Diese schnöde Verwechslung hat sich als allgemeines Vorurteil fixiert, mit Macht bekleidet, hat gefoltert, verbrannt, gekreuzigt, gepfählt, lebendig geschunden, Gedärme aus dem Leib gehaspelt, geblendet, verstümmelt, lebendig begraben, erdolcht, gespießt, vergiftet, – es gibt keine so wildviehische und keine so teuflisch durchdachte Grausamkeit, die nicht die gläubige Verfolgungswut mit technischer Vollendung ausgeübt hätte. Bekreuzt euch nicht davor, stillgläubige Seelen! Das folgt haarscharf aus der Verwechslung des Pigments mit dem Wesen! Bekreuzt euch nicht, gebildete Konsistorien! Ihr verbrennt, kreuzigt, pfählt nicht mehr, aber nun haben wir der Unzähligen noch nicht gedacht, denen ihr moralisch das Herz gebrochen, das Gewissen mißhandelt habt, indem ihr sie in die Wahl stießet: gläubiges Bekenntnis gegen die eigne bessere Ueberzeugung oder mit Weib und Kind zum Bettelstab greifen! Und du, zahmer Vermittler, sage nur ja nicht, der tote Glaube tauge freilich nichts, der Auferstandene müsse Leben in uns werden, und wie du es sonst schön ausdrücken magst. Nein! nein! Glauben und Religion sind zweierlei, und jener hat dieser von je mehr geschadet als genützt. Was, »den Glauben beleben«? Nichts da, fort mit dem Glauben, und die Religion kann leben! * Ihr lobt euern Schiller, ihr kennt sein Distichon: »Welche Religion ich bekenne? Keine von allen, Die du mir nennst. Und warum keine? Aus Religion.« Aber ihr lest es im gewohnten Dusel und seid zu denkfaul, zu begreifen, was es besagt, was daraus folgt. * Also der helle Widerspruch von Für und Gegen. Und also, wer weiß nun Rat? – Es scheint da eine Auskunft. Die wohlbekannte: symbolisch nehmen! Man muß wirklich sagen: es ist dies die Auskunft aller edleren Geister von humanistischer Bildung, und ihre Gemütslage ist darin nicht so einfach, als es scheint, es ist da ein sehr interessantes Helldunkel. Wir sind der christlichen Bilderwelt entwachsen, und sie ist uns zum freien ästhetischen Schein geworden, wie die alte Mythologie. Doch nein, wir, auch wir stehen nicht gleich zu beiden. An jene knüpft sich für uns eine Rührung, die einen Anklang an Glauben hat, ohne eigentlich Glauben zu sein, – innige Reminiszenz unsrer Kinderzeit. Faust am Osterfest, – Weihnachtsrührung, – und am stärksten: Versetzung in die Schönheit des Madonnenideals, der heidnischen Göttin, deren Bild das durchweichte und entzückte Herz des Mittelalters mit der Ahnung aller Unschuld und sittlichen Güte echter Weiblichkeit durchläutert hat. * Die Sprache selbst könnte ohne den religiösen Glaubensapparat des Christentums rein nicht mehr auskommen. Könnte die Liebe und könnten die Dichter die Engel entbehren? Und wo bliebe Goethes Faust ohne den Teufel und seine Gesellen? Und wo meine treffliche Mythologie? * Aber das hilft eben auch nichts, damit ist natürlich auch nicht auszukommen. Es handelt sich ja um die Masse, um das Volk, das sich auf Symbolik ein für allemal nicht versteht. Und da stecken wir nun in einer noch ganz andern, erst in der eigentlichen, verzweifelten Amphibolie –: Ein Satz: Die Masse braucht in alle Ewigkeit ein geglaubtes Bilderbuch. Wieviel immer das Pigment schaden mag, es ist doch auch Stütze. – Religion fort: auch Moral fort. Gefärbte Religion doch besser als keine. Andrer Satz: Ein sehr großer Teil des Volks ist allerdings aus der Bilderwelt herausgewachsen, das nimmt nun aber zu in geflügelter Progression; noch ist es nicht die Mehrheit, aber bald wird sie in die Strömung gezogen sein. Wer nur irgend sich etwas umsieht, Handwerker, Arbeiter, Kaufmann, wer immer von Physik und Geschichte auch nur einigen Lichtstrahl empfängt, ist rein fertig mit allem, was übersinnliche Figur, was Regierung des Universums von außen, was Wunder heißt, kurz mit dem ganzen Pigment. Sie zurückführen in den Glauben daran, ist unmöglich; wer seinen Widerstreit mit Natur und Denkgesetz erkannt hat, kann nie und nimmer in ihn zurück. Nun sind aber alle diese hilflos ins Leere geworfen. Die gefärbte Religion sind sie los, zur reinen reicht es bei ihnen nicht, und wenn es reichte, wer reicht sie ihnen? Niemand. Unsre Priester bieten nimmermehr Religion ohne Pigment, und man muß auf Grund des ersten Satzes zugeben: es wäre nicht möglich. Eigentlich ist auch die reine Religion allerdings nicht farblos. Zur Farbe hat sie nichts Geringeres als die Weltgeschichte, die mythenlos wahre. Das aber ist von viel zu langer Hand, mit dieser ungeheuren Palette kann der religiöse Volkserzieher nicht malen, da braucht es einen idealen Auszug, nämlich eben die Mythen. Und so fallen denn die Armen ins Leere, die über das mythisch illustrierte Christentum hinaus sind. Es liegt in der Tat so traurig, daß man jammern möchte. Die alte Ehrfurcht sind sie los, für eine neue können sie die Begründung nicht finden. Moral ruht schlechterdings auf Religion, und da sie mit der bunten Religion die reine wegwerfen, so werden sie Lumpenhunde, lassen sich in den Wirbel der Hetzjagd reißen, die jetzt los ist, der Hetzjagd nach dem Glück, das keines ist. Ihnen sagt niemand, zeigt niemand einfach aus dem inneren Wesen der Seele und aus dem Verhältnis der Einzelseele zur Seele der Menschheit, daß und warum es keinem Menschen wohl wird, außer im Guten. Sagt man es ihnen je, so hängt man doch den Märchenkram wieder daran, den sie nicht mehr ertragen, und so laufen sie weg. * Weiß der Himmel, wie sehr ich selbst mich oft sehne, mir von einem guten Redner die ermattende Seele aufrichten zu lassen, aber da schenkt uns ja keiner den Farbenzusatz, von dem wir nichts mehr wollen, der unserm erhellten Auge widersteht. * Wenn die allgemeine Zuchtlosigkeit zunimmt, wenn sie zu Verbrechen auf Verbrechen führt, wird der Staat meinen, die bestehende Religion mit Zwangsmitteln aufrechtzuhalten, wiederherstellen zu müssen. Vergeblich! Eine in der Auflösung begriffene Religionsform läßt sich nicht halten; man pflanzt nur Heuchelei. Drakonische Strenge gegen faktische Unterwühlung der Gesellschaft wird gut tun, aber eine Reaktion im kirchlichen Geist würde den Staat nicht stützen, nur noch mehr untergraben; er würde sich nur die Rute der Pfaffengewalt noch lästiger auf den Rücken binden, und wollte er nachher wieder einlenken, lockern, so würde ein Ravaillac nicht ausbleiben. * Oft in dieser Not meines Herzens um die hilflose Menschheit denke ich: ehe Luther kam, ahnte auch kein Mensch, daß ein solcher Reformator erscheinen werde. Niemand von allen, die in das Elend ein Einsehen hatten, wußte Rat. In solcher Stunde ist es doch schon mehr als einmal geschehen, daß der rettende Genius geboren wurde. Das ist nun freilich pure Hoffnung, ganz blind, ohne jeden Begriff; denn alle Begriffe führen ja eben ins Ratlose. Luther ließ einen guten Teil des Pigments stehen, dessen bedurfte ja die Mehrheit, und wenn jetzt die Mehrheit dem entwächst, so ist sie doch nicht die Allheit, ein Rest Bedürftiger bleibt in alle Zeit. Wie sollte nun ein neuer Luther etwas schaffen können für beide: für die, welche der Kinderkost bedürfen, und für die andern, die sie nicht mehr verdauen? – Oder bildet sich vielleicht eine Gemeinschaft für die reine Religion, die sich allmählich ausdehnt? Nichts, nichts, da ist ja kein Kultus möglich! * Allerdings ist es eben auch so eine Sache mit den Lokalen für den Kultus. Gebildete Persönlichkeiten pflegen sich da zu verkälten. In bitterem Ernste: kommt uns je ein Retter aus obiger Not, so denke ich mir gern, er werde zuerst als Erfinder auftreten, der eine urwohltätige Grundlage für die Stimmung herstellt: Luft in geschlossenem Raum und doch kein Zug! Wer diese Aufgabe löst, wird einer der größten Wohltäter der Menschheit sein. Ist dies erst entdeckt, so werden die Menschen milder, launenloser, klarer, gemütsfreier, sie werden besser, sie werden edler werden. Ja, damit wird der erhoffte Reformator beginnen, auf diesem Grunde wird er aufbauen! * Bin wahrlich kein Freund vom Allegorisieren, aber wem soll's nicht einfallen: ja, Schwüle oder Zugluft oder beides beisammen: so lebt die Menschheit. Wär' ich ein Egoist, mir könnt's ja eins sein. Warum muß ich dies Sensorium haben, daß mich ihr Los so bekümmert, mich nicht schlafen läßt? Die breiige Föhnluft ihres dumpfen Vorstellungslebens versetzt mir den Atem, und wenn sie die Fenster aufreißt und die tollen Windstöße verkehrten, abstrakten, fanatischen Ideenzugs hereinläßt, so bestürzt mich für sie die pneumatische Grippe. O Elend! O Leiden des Mitleids, das nicht raten, nicht helfen kann! Ich habe Stunden, wo ich die träge Seele beneide, die ihr Stück Käs in Ruhe verzehrt. Bis unter die Nägel brennt mich's, bis in die Zehen durchzuckt mich's. Dann veracht' ich mich wieder, daß ich, ich mit den dunkeln Flecken auf meinem Leben, ich vor mir poche, gar ein Jesus patibilis zu sein! Ach, es ist Zeit, daß ein Ende werde! Nehmt mich, wiegt mich, lüftet mir die Brust, singet den Schlaflosen in Schlaf, gute Geister, wo ihr schweben mögt, in Lüften oder im Meeresschoß! »Macht's gnädig, führt mich noch in eine Reinheit, eine Klarheit und laßt in Ehren mich enden.« – Gute Geister! Einen weiß ich. Zu ihm seufze ich, rufe ich, wie der Hirsch schreit nach Wasserquellen. * Was? Was war das? Welcher Abgrund sendet mir das? – Bist du da – dies Bild? – Engel und Boten des Himmels, steht mir bei! – Unter den Lustwandelnden auf Corso Garibaldi. – Nur etwas kleiner und kein Metallhaar, sonst ganze Doppelgängerin – hat bemerkt, wie scheu ich sie ansehe, läßt einen mürrisch fragenden Blick über mich herlaufen. – Gesichter hier sind eine Bilderreihe zur Geschichte der Insel. Dort ein rein latinisches, adlernasiges, hier noch ein Rest griechischen Profils, jetzt tiefbraun arabischer Typus, jetzt glaubt man schwäbisches Gepräge aus Hohenstaufenzeit zu erkennen, mitunter glüht Afrika herüber: äthiopische Wulstlippen und Plattnase, Farbe fast schwarzbraun, dazwischen aber auf einmal normannisch: da und dort ein weiblicher Kopf blond, helläugig, selbst mit dem mattsamtenen Hautton nördlichen Klimas – trotz der Sonne Siziliens. Und nun da – hat einst ein Normanne, ein wilder Vikinger, Ururahns Bruder, hier mit einem Meerweib die Ururahne dieser Erscheinung gezeugt? * Der Traum dieser Nacht sei aufgezeichnet, schnell, bevor er sich verwischen kann! So gut ich's vermag nach so viel Grausen, Beben und Entzücken. Ich wandle wieder auf dem Korso. Der Himmel wie neulich in Pästum. Die schwere Wolkenwand sinkt herab und schließt den Spalt, durch den man dort die Abendsonne im trüben Schirokkogelb leuchten sah. Nacht. Die Begegnenden sehen sich nicht mehr. Schwül und schwüler, endlich fast zum Ersticken. So muß es in und um Pompeji gewesen sein, als der alte Plinius den Atem aufgab. Jetzt langsam wächst eine Ziegelröte über den Himmel, geht in feuerrotes Glanzlicht über. Stille, todesbang. – Horch, welcher Ton? Man hört ein wehendes Blasen, etwas wie ein Fegen, es wird zu einem lauten und lauteren stürmischen Speien, jetzt knallen Donnerschläge dazwischen – jetzt wankt zuckend die Erde unter mir – ich schaue um und auf, der Monte Pelegrino hat sich in den Aetna verwandelt, offen ist die fürchterliche Esse, glutrot fährt die Lohe aus der Unterwelt empor, und rings am schrecklichen Geisterberge schlängeln sich Lavabäche zu Tal und verlöschen zischend im flammenden Gewässer des Hafens. Die Feuersäule aber, die zu oberst emporschießt, wölbt über sich hoch in Lüften eine rabenschwarze Wolke, aus der ein Regen von Asche, Steinen, Lavaklumpen niederprasselt rings über die bebende Menge, die dort fliehend auseinanderstäubt, hier in wilden Knäueln sich drängt und stößt oder Gebete heulend sich am Boden wälzt. Ich stehe schauernd, aber fest, und schaue in die brausende, sausende Lohe, still staunend, einsam unter den vielen, vielen Menschen. Da – was hebt sich aus dem Krater empor? Ein Drachengespann – es reißt hinter sich einen Wagen aus dem Schlund – er scheint leer – dann richtet sich ein Schatten in ihm auf – jetzt schwebt er wie auf sicherem Boden in ebener Linie durch die Lüfte – herwärts der Stadt, meinem Standort zu, – ist das nicht etwas wie eine weibliche Riesengestalt, was aus ihm emporragt? – – der Wagen senkt sich – schwebt sinkend näher und näher – deutlicher im schwefligen Glut- und Blutschein wird die Lenkerin des Drachenpaars – Augen wie Fackeln brennen aus ihrem Antlitz – ihre Locken sind von Gold, ringeln sich aber wie Schlangen, blaue Funken knistern aus ihren Spitzen – jetzt wankt mir der Mut, ich denke an Flucht, die Beine sind mir lahm, angewurzelt stehe ich, denn das ist ja – sie! sie! das Weib, das mir die Seele ver– der Wagen hält in Lüften – ein Blick – was für ein Blick! Ich kenne ihn! – trifft mich, streift dann über die Köpfe der Menge hin –; sie wirft stolz ihr Haupt auf und erhebt die Stimme, – es ist der Ton, mit dem sie einst jene Stellen des Olaflieds sang, woraus es hervorklang wie Mitleid und Hohn zugleich, – nur lauter jetzt, greller, ein Herrscherton – so mag einst Libussa ihre Schlachtbefehle gerufen haben – » Adoratemi! Sono la santa Rosalia! « Das Volk starrt sie an, dann rufen Stimmen: Auf die Knie! Seht ihr das Kreuz auf ihrer Stirn? – und alles sank auf die Knie. Ich sehe hin nach ihrer Stirne und erkenne mit Grausen – – »Betet nicht an! das ist kein Kreuz! schaut besser hin – eingeätztes Bild eines Dolches!« – Das entsetzliche Weib wendet den Blick wieder nach mir und herrscht mir jetzt griechische Worte zu: »Ανω την κεφαλην! Βλεπε ανω!« Ich schaue über ihr Gorgonenhaupt hinweg, hinauf nach dem speienden Krater. Da fliegt wie eine Rakete emporgetrieben ein schwarzer Körper zwischen den Flammengarben auf, hält dann im Schweben still, fängt an mit den Beinen zu gaukeln, zu zappeln, wie ein Hampelmann, tanzt baumelnd, sich überschlagend eine Weile in den Lüften, kugelt dann abwärts und herwärts, immer näher, bis er über meinem Haupte flattert, und beginnt nun mit kreischender Stimme zu stottern: »Gu– gu– guck mich an!« Ich lache, doch verzwungen und angstvoll, und rufe: »Du bist der Stotterer vom Theater S. Carlin in Neapel!« »Oho, oho,« stammelt es jetzt, »wie du– du– dumm! Ich bin ja der Pla– Pla– Plato! Kann auch pfei– pfeifen!« – Er pfiff; der schrille Ton ging in eine Schelmenmelodie über, und es war jetzt, als pfiffen zwei Stimmen, eine höhere und eine tiefere, und die tiefere schien aus einem großen Loch in der Brust zu kommen. – O, ich hatte mir's nur verhehlen wollen, – schon vorher hatte ich die nun verzerrten Züge, die halbgrauen, nun wild flatternden Locken erkannt, die mir einst so ehrwürdig erschienen. Eine Wut befiel mich mitten in der Versteinerung, im kalten Schauer, der mir vom Wirbel zur Fußsohle niederrieselte. »O, ein Gewehr, ein Gewehr,« brachte ich mit halb gebannter Stimme mühsam hervor, »wie einen Geier, wie einen Schuhu hole ich dich, Schandfetzen, aus der Luft herunter!« – »Da, nimm!« höre ich jetzt eine freundliche Stimme mir über die Schulter sagen, drehe mich um und in rotem Hemde steht ein Mann vor mir mit den bekannten Zügen Garibaldis und reicht mir ein Gewehr, doch war es auch wieder nicht Garibaldi, sondern der arme, treue Karl, der mir bei Krusau sterbend seine Büchse herbot; »da nimm, sie ist geladen und auch schon gespannt!« »O Dank, Dank, Dank!« Ich ergreife die Waffe, lege an, ziele, drücke – sie versagt! Nicht plötzlicher Donnerschlag, nicht Kanonenknall kann erschrecken, wie dies Ausbleiben eines Schalls, dieser Nichtschuß mich entsetzte. Ich erwachte, fuhr auf, eiskalt rann es mir durch die Glieder, aber schnell wich die tödliche Kälte einer brennenden Fieberglut. Mir war, ich fühle mein Gehirn in seiner Höhle kochen. Mein linker Arm war noch ausgestreckt, als hielte er den Lauf des Geschosses, mein rechter gekrümmt und der Zeigefinger gebogen, als läge er noch am Drücker. Ein Krampf spannte mir alle Muskeln auf die Folter. Als ich klarer zu mir kam, war mein ganzes Wesen nur ein Sehnen, nur ein Seufzer nach Ruhe, Stille, Kühlung. In diesem Gefühle schlief ich wieder ein. Der Traum nahm sein Spiel wieder auf und knüpfte seinen Faden an den ersten Gang, lose, wie er zu tun pflegt. Ich fand mich unterwegs aus der Stadt. Ich will jetzt auf meinen lieben Berg hinauf, sagte ich mir, hinauf nach der Grotte der wahren Rosalia, da will ich Kühlung suchen. Ich wanderte und wanderte, zwischen Villen, zwischen Aloëhecken, Gartenmauern weiter und weiter, konnte den Weg nicht finden, den Berg nicht gewahr werden. Da sehe ich unter dem Blätterbusch einer blühenden, hochaufgeschossenen Aloë einen Zwerg sitzen, der mich sinnend, freundlich, mitleidig ansieht. »Könnten Sie mir nicht sagen, guter Herr Nano,« rede ich ihn an, »wo es auf den Monte Pelegrino geht?« – »Verehrter Herr Pilger, Exzellenza irren sich,« ist die Antwort, »der Berg ist jetzt umgekehrt im Meer drunten – wissen Sie nicht, der Aetna hat ihn weg- und umgedrückt – wenn Sie nur gefälligst –« In dem Augenblick fühlte ich mich von Wasser umgeben und sinken. Ich sank tiefer und tiefer, nicht mit Bangen. sondern voll labenden Gefühles der Kühlung. Delphine huschten vorbei und sahen mich mit klugen Augen an, als wollten sie sagen: nicht wahr, hier ist es gut, hier sind keine feuerspeienden Drachen? Endlich fühlte ich Grund und der Zwerg stand wieder neben mir. »Hier,« sprach er, »hier ist die Grotte.« – »Das ist ja keine Grotte,« sagte ich, denn ich stand vor einem Hochaltar mit vergoldetem reichen Schnitzwerk, das über den geschlossenen Flügeln des Diptychon auf stieg. »Tut nichts,« flüsterte der Zwerg, den Zeigefinger der linken Hand an die Lippen legend, indes er mit der rechten einen Schlüsselbund aufnahm, der an seinem Gürtel hing. Er suchte lange, während ich in gespannter Erwartung nach dem geschlossenen Schreine hinsah und mich vergeblich bemühte, zu erkennen, was die verwaschenen Heiligenbilder auf den Flügeln vorstellten. Jetzt zog er aus dem Stahlring einen silbernen Schlüssel, öffnete, schlug die Flügel auseinander und – Hat sich der Himmel aufgetan? Vor mir wölbte sich die blaue Grotte von Capri, nicht Bild, nicht Gemälde, sondern Wirklichkeit. Und doch auch wieder nicht. Denn wohl raunt das Volk von gewissen Felshöhlen an jener Inselküste, es seien Spiriti darin, aber was leuchtet hier, welch Unbekanntes, Neues, welchen Wunderkern umschließen diese blauerglänzenden Wölbungen? Eine Erhöhung des Felsens ragt aus dem Wasser, wie zur natürlichen Ruhestätte gebildet; auf weißer Decke, die darüber sich breitet und faltenreich niederfällt, in weißem Gewande, das Haupt auf weißem Schlummerkissen ruht ein Weib, mir entgegengekehrt, das Angesicht mir gegenüber, halbgeschlossen sind die von langen Wimpern überschleierten Augen. Friede wohnt auf ihrer Stirne, ein seliges Lächeln umspielt ihre Lippen, Verklärung ist dies Antlitz. Das magische Licht, das auf Correggios berühmter »Nacht« vom Christuskind ausgeht, auf den Gesichtern der anbetenden Gruppe wiederscheint und im Dunkel der Hütte, der nächtlichen Landschaft verschwebt, es ist stumpf und erdig gegen die Lichtfülle, die von diesem Himmelsbilde ausströmt und doch nicht blendet, sondern mondscheingleich das Blau, das vor lauter Leuchtkraft wie Rot auf das Auge wirkt, zu sanfter Kühle ermäßigt. Ich sollte die Züge dieses Weibes kennen, sprach es in mir. Nur so wagte ich es im Innern zu sagen, denn sehr wohl beim ersten Blicke kannte ich sie. Doch drang es mir über die Lippen: »Soteira!« flüsterte ich und trat um einen kleinen Schritt näher; das Wasser, das ihr Felsbett umschwankte, schien zugleich fester Boden, der dem Fuße Stand und Gang erlaubte. Sie öffnete jetzt die Augen und ließ sie auf mir ruhen. Wer beschreibt den Blick! Mir war wie damals, als sie sich über mich beugte und das feuchtkühle Tuch auf meine Stirne legte, nur dasselbe Gefühl ins Unmeßbare, ins Unsagbare erhöht. Nun sprach sie, – es war jener grundgute Ton, der mir einst ins Herz des Herzens gedrungen –: »Nicht wahr, hier ist es gut still und kühl?« – »Ja, du Gute,« sagte ich, »aber das ist ein Ort für Reine, da darf ich nicht bleiben; verzeih, verzeih, daß ich hier eingedrungen; aber du glaubst nicht, o, du glaubst nicht, wie fürchterlich es droben aussieht im Tale der Schrecken.« Wie vorher ruhten diese Augen auf mir mit dem Blick der Güte und des Mitleids, den keine Zunge nennt. Dann hob sie langsam den Arm, bot mir die schneeweiße Hand und sagte: »Reiche die deine, das kühle Lichtblau hat alles, alles abgewaschen.« Zitternd hob ich die Hand und faßte die ihre. Sie war kalt, aber nie im Leben hat der Druck einer warmen, lebendigen Hand einen Menschennerv und ein Menschenherz so selig durchzittert, wie mich die Berührung dieser weichen, zarten Finger, die wie aus Schnee gerundet schienen. Ich hielt sie fest und flüsterte: »Ewig.« – »Ja,. ewig,« hauchte sie. * Ich glaubte sie noch zu halten, als ich erwachte. Dies Erwachen! Hinweggespült aus meiner hämmernden Brust ist der Krampf und Brand des Lebens, sanft geht mein Puls. Ich bin frei. * Aus Wust und Wut, Aus Schwefelglut, Aus atemloser Schwüle Hinab in Meeresgrund, hinab ins Kühle. Da ruh' ich aus Im Felsenhaus Von all dem Angstgewühle, Gebadet in der sanften, reinen Kühle. Im tiefen Blau Ruht eine Frau, Lichtweiß auf weißem Pfühle, Und lächelt selig in der stillen Kühle. Nah' ich mich ihr? Sie schaut nach mir, Fragt mich, ob ich auch fühle, Wie gut es weilen ist in dieser Kühle. Reicht mir die Hand, Daß ich den Brand Aus meinem Busen spüle Und mit ihr ewig bleibe in der Kühle. * Aber da bin ich noch und was nun tun? Der aufzuckende Gedanke, ich müsse nun auf und fort, hinwärts, dorthin – nein! Mein Traum und die Fragen, die Zwecke der Wirklichkeit: zwischen ihnen ist kein Verhältnis, keine Gleichung. Auch den Gedanken, mein Gesicht könne eine Ahnung gewesen sein, halte ich nieder. Ich mag mich mit keinerlei Fragen einlassen. Mir ist alles vollendet. Ich bin. Ich habe das Gefühl, zu sein. Mit ihr, in ihr. Tief in der blau schimmernden Grotte. – Die Dinge am Tageslicht sind mir nun pure Gegenstände, nichts mehr mit mir verwachsen. * Wenn man nicht weiß, was nun tun, so tut man vorerst nichts; das heißt, man treibt, was der Tag bringt. Ich bin einmal in Palermo, will mich erst noch weiter umsehen. Ich will doch die Einladung des fremden Herrn annehmen, den ich beim Frühstück getroffen, mit ihm zwei Bilder von Crescenzio, dem merkwürdigen Maler des Quattrocento, zu sehen, eines im Hofe des Hospitals, das andre eine Stunde von der Stadt im Kloster S. Maria di Gesù. * Freske im Kreuzgang des Hospitals: eine Art von Totentanz – trionfo della morte . Sieht sich fast deutsch an, blonde Köpfe, herb individuelle Formen; Sage von einem flandrischen Meister, doch möglich von Crescenzio unter frühem nordischen Einfluß. Der Tod rennt als Gerippe auf magerem Klepper durch die Luft, Pfeile vom Bogen schießend, Arme und Krüppel, die ihn um Erlösung flehen, übergehend, Hohe und Ueppige ereilend. Links eine heitere Gesellschaft: festlich gekleidete Mädchen zum Tanz antretend nach dem Klang einer Zither, aber schon von Todesblässe überzogen, dabei ein Paar, das verlobt wird. Ihr verlobt euch gültig, der Tod wird kopulieren. – Die Fresken im Kloster draußen großenteils verdorben; monochrom. Erhalten eigentlich nur eines der Seitenbilder: der Leichnam des heiligen Franziskus, umgeben von trauernden Mönchen und Volk. Der Meister, schwerlich Crescenzio, hat die streng auf die Sache losgehende Art des Giotto. Schmerz, andächtig rührungsvolles Schauen in die stillen Züge des Toten, diese Affekte in ihrer Einfachheit, ohne Zusatz feinerer Mischung, aber auch ohne abflachende Rundungen, und nur um so ergreifender. Die ausgewachsene Kunst füllt Formen und Ausdruck, spielt aber stets an der Grenze hin und über sie, wo das fühlbare Zeigen ihres Könnens beginnt. An der vollen Krone des Baums, der in Sommersmitte prangt, findet man immer schon einige welke Blätter. – Eigentümlich hat mich der tote Franziskus berührt, der tiefe Friede in seinen hageren Büßerzügen. Was ist es, worin er liegt? Ein gläserner Sarg? Nicht mehr zu erkennen. – Als Ort wird Assisi zu denken sein. – * Jetzt weiß ich, wohin! – Der Fremde im Rückweg lange schweigsam. Ich auch. »Die Bilder,« beginnt er endlich, »haben mich seltsam ergriffen, – auch darum, weil die Szene, die wir zuletzt gesehen, in Assisi vorzustellen ist. Ich habe eine traurige Nachricht: der Tod zielt jetzt eben in meine Verwandtschaft.« – Er nennt mir seinen Namen, sein Vaterland Schweden, seinen Heimatsort Gotenburg und seinen Stiefbruder – Erik. Dessen Witwe, ein Juwel aller Frauen, liege todkrank nieder in Assisi. – Zu Schiff, zu Schiff! * Neapel . So weit wär' ich. Der Seesturm überstanden, ich wußte gut, daß er mir nichts anhaben könne. Das Dampfschiff gilt für altersschwach, es müsse noch dienen, solange es halte; der Kapitän stand immer an der Maschine, sah hinab, horchte, ob sie noch gehe. Bald alles seekrank außer mir und der Bedienung des Fahrzeuges. Halte mich am Mast und schaue und höre. Ton durchaus wie von Millionen Trommlern, die mit anwachsender Schlaggewalt zum Sturme wirbeln, immer wieder von vorn beginnend. Womöglich furchtbarer das dünne, schneidend scharfe Pfeifen des Winds in den Tauen, wie wenn einer auf der schermesserschmalen Kante von Papier pfeift, – dies ins Unendliche gesteigert. Wogen – eine Welt; nicht jede gelingt, die gelungenen herrlich in der Linie ihrer Hohlkehlen und Roßhalsrücken, drüber die Schaummähnen, die der Sturm flockig hinausbläst. Wälzt sich eine heran, man meint jedesmal, sie müsse das Schiff umstoßen oder überflutend begraben, doch sie nimmt es auf ihre Schultern, dann schießt es ins nächste Wogental hinab. Welches Brausen und Donnern! Kann sonst den Wind nicht ausstehen; so gefällt er mir, wie neulich in Sorrent auf der Klippe: wenn einmal doch, dann auch recht! – Weinen, Jammern, Beten ringsum. Ich lasse mir stark den Syrakusaner munden; der Kellner preßt sich, um einschenken zu können, an Mastbaum oder Wand, wenn ich dann nicht schnell trinke, ist der Wein fort, als schlüge jemand mit Gewalt unten ans Glas. Nacht, unmöglich oben zu bleiben, ich muß hinab in meine Koje und wie ich entkleidet bin, beschleicht mich eine kurze Anwandlung von Feigheit. Was doch Kleider, namentlich Stiefel, ein Gefühl von Halt geben! – Da unten ist's unheimlich; an der Schiffwand höre ich mitten unter dem dumpfen Brummstoß der Wellen und dem Aechzen aller Rippen des hohlen Baues manchmal etwas wie Saugen und Gurgeln, als lutschten da draußen die Mollusken so vorläufig am Holz in Aussicht auf bessere Speise. Auf der Treppe sitzt ein großer, schöner Kerl mit langem Bart, in flotter Uniform, Leibjäger irgend eines vornehmen Herrn, und weint wie ein Kind; – vielleicht ein andermal beherzt; sind halbantike Menschen, lassen alles heraus. Im Damenkabinett liegt eine seekranke Frau mit Kind; ruft alle Viertelstund: cameriere! come sta? . Und der sagt jedesmal: così, così . Die Laterne hängt in immer spitzerem Winkel von der Decke; wenn sie mit ihr gar keinen Winkel mehr bildet, sondern parallele Linie, so sind wir fertig. Kommt ein Kapuziner und bittet mich, mit halbem Leib in meine Koje hineinliegen zu dürfen, die unterste von je dreien; ich erlaub' es, der Kapuzenzipfel kitzelt mich im Gesicht und überdies heult und jammert der Tropf, betet wimmernd den heiligen Antonius an und alle Heiligen noch dazu. Ich halte nun dem Wurm von Menschen eine Predigt – die erste in meinem Leben – ziemlich wohlgesetzt, im wesentlichen des Inhalts, er sehe mich, ein Weltkind, ruhig, er solle sich doch schämen, daß er, der all Tag und Stund die Erde als Jammertal schmähe, den Tod und den Himmel preise, nun so erbärmlich verzweifle. Hat natürlich den Teufel gefruchtet, obwohl der Vortrag nicht bloß leidlich gut eingeteilt, sondern auch rhetorisch hübsch geschmückt war. – Gegen Morgen ermattet die Sturmwut; man kann auf das Verdeck, doch als ich mich auf einen Feldstuhl gesetzt und eingenickt, rollt mich ein Ruck wie eine Kugel das Verdeck entlang. Hat mich gefreut, daß ich wieder hell lachen kann. – Der Sturm mit all seinem Lärm ist mir ganz still vorgekommen im Vergleich mit dem höllischen Traum, mit dem stummen Brüten in der Luft, das den Larven voranging, und mit ihren Hohnrufen. * Rom . Nur eine Wanderung hier über das Kapitol hinaus. Morgen vorerst Perugia. – Dum Capitolium scandet cum tacita virgine pontifex . Horaz hatte doch Momente. Cum tacita virgine – begleite mich, Bild der priesterlichen Jungfrau – mit ihren, ihren Zügen! – Ueber das Forum hinaus ein Stück in die Campagna, an diesem stillen Abend im Mondschein. Mein Leben wird Vergangenheit, es ist müdes, weiches Verdämmern ohne Empfindungsschwäche. Tiefes Weh nur, wenn ich vergleiche. Trümmer von so großem – und mein Dasein niemals mit vollem Band an großes geknüpft. Schäme mich vor den Geistern, die hier schweben. Horaz kann sich doch wenigstens rühmen, das äolische Versmaß der lateinischen Sprache angeeignet zu haben. Aber die Männer, die Helden! Und ich? Ja einmal, einmal, da wollte es werden, habe gekämpft für ein Vaterland. Kurzer Traum! – Ihr Gewaltigen habt Reiche besiegt, habt die Welt beherrscht. Wohl seh' ich auch im Geist, wie blondlockige Gotenscharen dort auf den Palatinus hinaus und ins Kolosseum dringen und die Mauern brechen. Alte Geschichten. Mein Deutschland schläft wieder, nachdem eine Halbheit auf zweifelhaften Wegen zustande gekommen. Man muß auch das lernen: hingehen, ohne ein Vaterland erlebt zu haben. Gefaßt, ganz gefaßt. Und so wird's wieder ruhig in mir, sanft. Ich fange eure Größe ein in süßem Diebstahl, ihr Trümmer, atme Heldenluft in großer Stille. * Was haben die deutschen Künstler da drin im Café Greco? Haschen heftig nach den Zeitungen. Wird auch der Mühe wert sein! – Mich kümmern keine Neuigkeiten mehr. * Perugia . Es ist so, sie liegt drüben in Assisi; man hat sie in die freiere Bergluft gebracht, zur Muhme Cornelia. Ihr Vater, ihre Söhne bei ihr. Habe an ihn geschrieben, ob ich erscheinen darf. Mir war nur still und feierlich zumute: jetzt bin ich nicht mehr so ruhig. Mutarm, schwer, bang, daß mir fast Arm und Fuß den Dienst versagt, bis Antwort da ist. – Stehe wieder vor dem Geburtshaus ihrer Mutter, verwechsle sie immer, und wenn ich da nach der Loggia hinaussehe, sehe ich statt ihrer Cordelia als Kind dort zwischen den Oleandern herabschauen. * Man erwartet mich, soll kommen, schnell. Mir wird schon leichter. Ich darf. * Es ist gewesen. Es ist. Ja, wie dort auf dem Bilde des Kölner Meisters die heilige Jungfrau, so umgeben von Weinenden, Vater, Kindern, so lag sie. Und auch wie der selige Geist im blauen Lichtmeer der verklärten geheimnisvollen Grotte. * Kniend an ihrem Bett – sie weint – weint sie auch um mich? – Es gibt Krieg, sagt sie. – Ich wußte nichts von der Welt draußen. – Der Vater bestätigt: Krieg Deutschlands mit Frankreich. – Ist die Stunde wieder da, wo in Christiania – ihr Aufruf –? Sie mahnt nicht, diesmal nicht. – In mir Entschluß, augenblicklich. Nun weiß ich meinen Weg, sage ich, – sie schweigt, sie weint, reicht mir die Hand, die weiße, bleiche, – hebt sie, nachdem ich sie lang gehalten, und legt sie auf mein Haupt, segnend, Worte flüsternd, unhörbar, meine Tränen strömen, – sie bedarf Ruhe – Leb wohl! leb wohl! – Ein sanftes »wohl« kann ich noch vernehmen – ein Blick ruht auf mir – ich werd' ihn ewig sehen. Und du, Erik! – dein Geist über uns – ich sah ihn freundlich nicken. – Ja, ja, nun weiß ich meinen Weg. – *           Der Erdenstoff verzehrt sich sacht und mild, Bald ist's vorbei und du bist ganz nur Bild! Du schwebst hinweg, schon strahlen wie von ferne In fremdem Glanz der Augen milde Sterne. Sei, Bild, mein Schild, solang der heiße Tag Mich noch umtost mit wildem Stoß und Schlag! O senke, steigt der dunkle Zorn mir wieder, Auf mich herab die träumerischen Lider. Die Blicke, die, dem reinen Kinde gleich, Nicht wissen, wie so gut sie sind, so weich! Ganz Geist, kannst du nun allerorten leben Und auch zu mir, dem Umgetrieb'nen, schweben. Vielleicht ist doch in nicht zu ferner Zeit Ein bleibend Haus zur Rast für mich bereit. Dann schwinge sanft um meinen Totenhügel Am stillen Abend deine Geisterflügel. * Hier endigt das Tagebuch. Weitere Aufzeichnungen haben sich nicht gefunden; nur die Tage der Schlachten jenes Sommers sind noch eingetragen, zuletzt der Entscheidungstag von Sedan.