Heinrich von Treitschke Deutsche Geschichte des 19. Jahrhunderts – Zweiter Band * Herausgegeben und eingeleitet von Wilhelm Mommsen * Dieses Werk erschien in der Auswahlreihe des Volks-Verbandes der Bücherfreunde und wird nur an dessen Mitglieder abgegeben. Den Einband zeichnete Walter Schulze-Keller. Der Druck erfolgte in Offenbacher Schwabacher durch die Spamersche Buchdruckerei in Leipzig Aus dem Vorwort: Bis zum Tode König Friedrich Wilhelm III. (Aus dem vierten Bande der »Deutschen Geschichte«) Um die Geschichte der dreißiger Jahre hat sich ein vierfacher Sagenkreis gelagert. Die französisch-polnischen und die nahe verwandten partikularistisch-liberalen Märchen geraten zwar allmählich in Vergessenheit; die englisch-coburgische Legende aber und die Legende des Literatentums behaupten noch einen Teil ihrer alten Macht. Leicht ist es nicht, durch diese Fabelwelt zu einer unbefangenen, schlicht deutschen Auffassung der Ereignisse hindurchzudringen; noch schwieriger, die unendliche Bedingtheit alles historischen Lebens auch in den verworrenen Parteikämpfen dieses Jahrzehntes zu erkennen und getreu zu schildern, wie Deutschlands Einheit gewiß nicht durch den Liberalismus, doch ebenso gewiß nicht ohne ihn möglich wurde, wie bald die Kronen, bald die Opposition das nationale Leben gehemmt oder gefördert haben. Soweit mein Scharfsinn reichte, habe ich mich bemüht, Licht und Schatten gerecht zu verteilen. – – – Bei ausländischen Kritikern, freundlichen und feindseligen, hat der ganze Ton meines Buchs Befremden erregt, und ich konnte nichts anders erwarten. Ich schreibe für Deutsche. Es mag noch viel Wasser unsern Rhein hinabfließen, bis die Fremden uns erlauben, von unserm Vaterlande mit demselben Stolze zu reden, der die nationalen Geschichtswerke der Engländer und Franzosen von jeher ausgezeichnet hat. Einmal doch wird man sich im Auslande an die Gesinnungen des neuen Deutschlands gewöhnen müssen. (Vf.) Preußens Mittelstellung Preußische Zustände nach der Julirevolution Gleichviel, überall wo die schwarzweißen Fahnen wehten, behauptete das Königtum noch sein altes Ansehen. Mit Erstaunen bemerkten Freund und Feind, wie treu das katholische Rheinland zu seinem Herrscher stand; die schwerste unter allen den schweren Aufgaben, welche der Wiener Kongreß diesem Staate gestellt, schien glücklich gelöst. Zahllose Sendboten aus Frankreich und Belgien trieben am Rhein ihr Wesen; überall fanden sie taube Ohren, überall wurden die vaterländischen Truppen, als sie zum Schütze der Westgrenze heranzogen, mit offenen Armen aufgenommen, und Prinz Wilhelm der Ältere, der als Gouverneur an den Rhein kam, gewann sich in Köln bald die allgemeine Verehrung. Nur die dreistere Sprache des Klerus ließ zuweilen schon erraten, daß die Nachbarschaft der belgischen Priesterherrlichkeit mit der Zeit vielleicht den Frieden der preußischen Rheinlande stören würde. Begreiflich also, daß die harmlosen preußischen Zeitungen im Selbstlobe schwelgten und der rheinische Pädagog Aldefeld in zweifelhaften Versen weissagte, das starke Preußen werde fortan das Land der Ruhe heißen. Aber auch einsichtige Beobachter erkannten an, wie überlegen dieses Volk mit seiner Zucht und Treue inmitten der aufgeregten Nachbarn stand. Selbst der Holste Rist, der sonst nach Landesbrauch auf Preußen tief herabgesehen hatte, pries jetzt, da er die westlichen Provinzen durchreiste, die glückliche Ordnung des wohlregierten Staates. Noch zuversichtlicher schrieb der junge Hauptmann Helmuth von Moltke in seinem geistreichen Buche über Polen: Der preußische Staat zeichnet sich aus durch sein unaufhaltsames ruhiges Fortschreiten, durch die stetige Entwicklung seiner inneren Verhältnisse, »welche Preußen an die Spitze der Reformen, der Aufklärung, der liberalen Institutionen und einer vernünftigen Freiheit – mindestens in Deutschland gestellt haben«. Wieder wie in den Zeiten der ersten Revolution fühlten sich die Preußen stolz als Mannen ihres Königs, und begrüßten den alten Herrn, wo er sich zeigte, mit stürmischen Huldigungen. Und wie damals zur Antwort auf den Marseiller Marsch das Heil dir im Siegerkranz erklungen war, so machte jetzt das neue Preußenlied, gedichtet von Rektor Thiersch, dem Bruder des Münchener Philologen, und von Neithardt in Musik gesetzt, die Runde auf allen vaterländischen Festen. Mochten die Liberalen des Südens über den preußischen Hochmut schelten, sie fühlten doch mit stillem Neide, daß die stolzen Klänge ganz etwas anderes bedeuteten als alle jene läppischen Farbenlieder auf das Weiß der Unschuld und das Grün der guten Hoffnung, welche die kleinen Hofpoeten zum Preise ihrer geschichtslosen Landeskokarden anfertigten; sie ahnten die Wahrheit der Verse: »Daß für die Freiheit meine Väter starben, das deuten, merkt es, meine Farben an.« Die Erinnerungsfeiern der alten Landwehrmänner und Kriegskameraden verliefen meist anspruchslos und ohne Wortprunk, nur in Berlin pflegte Fouqué schmetternde Husarenreden zu halten; aber sie hielten unter den Versammelten das Gefühl der Staatseinheit wach. Als dem Prinzen Wilhelm 1831 am siegverheißenden Jahrestage der Leipziger Schlacht ein Sohn geboren wurde, der vermutliche Thronfolger, da erklang in allen Provinzen ein Freudenruf, der offenbar aus den Tiefen der Herzen kam. Und da man sich so stolz und sicher fühlte, so gewann auch der Traum der deutschen Einheit in einzelnen Kreisen der preußischen Jugend schon eine festere Gestalt. Die Bonner Burschenschafter schwärmten für das preußische Kaisertum, und es war ein Sohn des linken Rheinufers, der diesen Gedanken zuerst im Liede aussprach. Karl Simrock hatte soeben die Ängstlichkeit der Regierung am eigenen Leibe erfahren – denn die alte Furcht vor den Demagogen war noch immer nicht verschwunden, und das Justizministerium hielt für nötig, seinen Beamten alle absprechenden politischen Urteile an öffentlichen Orten zu untersagen; er hatte den Staatsdienst verlassen müssen wegen eines Gedichtes auf Frankreichs drei Tage und drei Farben, das ihm in der ersten Aufregung der Juliwochen entstanden war. Doch die Unbill focht den Treuen nicht an. Gleich darauf schilderte er in einem feurigen Liede, wie der Siegeswagen vom Brandenburger Tor durch Land und Volk dahinfuhr, – er sah »das Zepter Karls des Großen in Friedrich Wilhelms Hand« und hörte den alten Blücher sprechen: Es möge sterben, was nicht zu leben weiß. Und fragt ihr nach dem Erben? Das junge Preußen sei's! Bei solcher Gesinnung vermochten die konstitutionellen Kämpfe der kleinen Staaten nur wenig Teilnahme zu erwecken, und die Süddeutschen klagten bitterlich über die politische Unreife der preußischen Nachbarn. Allerdings nahm die Sorge um Haus und Wirtschaft in dem langsam wiederaufblühenden verarmten Lande noch immer die besten Kräfte der Männer in Anspruch, die praktischen Fragen der Steuerverteilung und der Ortsverwaltung standen diesem hart arbeitenden Geschlechte weit näher als der Gedanke an die verheißenen Reichsstände. Der eigentliche Grund der unwandelbar ruhigen Haltung des Landes lag jedoch in der kräftigen Staatsgesinnung, welche dies Volk vor den andern Deutschen voraus hatte. Zwei Jahre lang blieben die Preußen in der Erwartung eines Weltkrieges; sie wußten, daß sie fast allein diesen Kampf würden entscheiden müssen, denn auf die Kriegsmacht ihrer kleinen deutschen Bundesgenossen blickten sie mit wohlberechtigter Geringschätzung. Sie trugen ohne Murren die schwere Einquartierung und alle die andern drückenden Lasten des bewaffneten Friedens. Wie hätte ein kriegerisch erzogenes Volk den Gedanken fassen sollen, in so drangvoller Zeit, gleichsam im Angesichte des Feindes, die Krone mit Bitten zu bestürmen, welche doch nicht durch drängende Not geboten waren? Fast kindlich harmlos zeigte sich diese Königstreue auf dem Westfälischen Landtage. Dort war unter Steins Leitung das ständische Leben immer rege geblieben, und im Dezember 1830 beschloß der Landtag den König um die Berufung des Reichstages zu bitten, der »die verschiedenen Provinzen mit einem neuen geistigen Bande umschlingen«, die erkaltete Teilnahme an den Landständen allenthalben beleben werde. Aber Stein selbst, der Landtagsmarschall, hegte jetzt Zweifel, ob der Antrag in solchen Tagen der Gärung und der Kriegsgefahr nicht unzart oder unzeitgemäß erscheinen werde; er übernahm es endlich, den Gouverneur um seine Vermittlung zu bitten, und als Prinz Wilhelm, auf einen Wink aus Berlin, sich bedenklich äußerte, gaben die Stände gehorsam ihr Vorhaben auf. Stein erwähnte des Antrags im Landtagsberichte und erinnerte den König an »das schöne Lob seines Ahnherrn Adolf von Cleve: sein Wort, das war sein Siegel«; doch auf die Vorstellungen des Oberpräsidenten Vincke strich er diese Sätze wieder, und des ganzen Vorfalls, der bei Hofe lebhafte Besorgnisse erregt hatte, wurd amtlich mit keinem Worte mehr gedacht. In den übrigen Provinziallandtagen war von den verheißenen Reichsständen gar nicht die Rede. Selbst die Altpreußen hielten sich still, obgleich ihr ständischer Ausschuß schon vorm Jahre erklärt hatte, Preußen bedürfe einer reichsständischen Verfassung, da die Nachbarstaaten durch ihre Institutionen allmählich ein Übergewicht gewännen; der Landtag wagte nur in aller Ehrfurcht um die Öffentlichkeit der provinzialständischen Verhandlungen zu bitten. Auch in den zahlreichen Flugschriften der Preußen wurde das Verlangen nach einer Verfassung nirgends laut; kaum daß einmal ein stiller Gelehrter, wie der Schlesier Thilo in seiner Schrift »Was ist Verfassung« den theoretischen Beweis führte: Der Fürst vertrete den Staat doch nur nach außen, folglich müsse das Volk im inneren Staatsleben seine eigene Vertretung erhalten. Nur ein Mann wagte in diesen Jahren den König unumwunden an die alte Verheißung zu erinnern: Der rheinische Kaufmann David Hansemann, ein evangelischer Predigerssohn aus dem Hamburgischen, der in jungen Jahren die französische Verwaltung gründlich kennen und leider auch überschätzen gelernt, dann in Aachen die große Feuerversicherungs-Gesellschaft gegründet und durch seine glänzende geschäftliche Begabung in der strengkatholischen Stadt ein unbestrittenes Ansehen errungen hatte. In einer »Denkschrift über Preußens Lage und Politik«, die er im Dezember 1830 dem König einsendete, sprach er durchaus als treuer preußischer Patriot; er erkannte dankbar an, wie stark sein Staat in dem zerfahrenen Treiben der deutschen Kleinstaaterei dastehe, und hoffte die Zeit noch zu erleben, da die undeutschen Länder dereinst aus dem Bunde ausscheiden, Preußen aber die Führung eines Bundesrats und eines deutschen Reichstags übernehmen würde. Doch mit der ganzen Rücksichtslosigkeit, welche alle neuen sozialen Mächte auszeichnet, vertrat er zugleich die Interessen seines jungen rheinischen Bürgertums. Ihm war unzweifelhaft, daß »die bei dem lebendigsten und mitteilendsten Volke Europas herrschenden Prinzipien« sich überall in der Welt verbreiten müßten, daß jede vernünftige Regierung sich auf die Mehrheit des Vermögens und der Bildung – gleichviel woher diese stammten – zu stützen habe, und Preußen jetzt im Begriff stehe, aus der Feudalzeit durch den Beamtenstaat zu dieser Mehrheitsherrschaft überzugehen. Die ständische Gliederung der Provinziallandtage verwarf er gänzlich, weil jeder Abgeordnete von Köln oder Aachen hundertundzwanzigmal mehr Köpfe, vierunddreißigmal mehr Steuerkraft vertrete als ein Mitglied der rheinischen Ritterschaft. Er glaubte zu wissen, daß die Städte durch Kenntnisse und politische Bildung weit mehr bedeuteten als das flache Land, daß der Thron an den großen Kaufleuten und Fabrikanten, die bei Krieg oder bürgerlichen Unruhen alles zu verlieren hätten, mindestens eine ebenso feste Stütze fände wie an dem Grundadel, und forderte darum außer einem Oberhause, das aus Majoratsbesitzern und aus Vertrauensmännern der Krone bestehen sollte, eine von den Höchstbesteuerten gewählte zweite Kammer. Also traten die neuen Anschauungen, welche sich in den großen Städten des Rheinlandes unter der Herrschaft des Napoleonischen Gesetzbuchs und der beständigen Einwirkung französischer Ideen gebildet hatten, zum ersten Male freimütig vor den Thron. Dieser neue Mittelstand hielt sich in seinem jugendlichen Selbstgefühle für den Staat selber; er ließ in der bürgerlichen Gesellschaft überhaupt nur noch den einen Unterschied gelten, der im Mittelstande vorherrscht, den Unterschied des Geldes und des Wissens. Der König nahm die Denkschrift nicht unfreundlich auf, doch weder er noch seine Räte erkannten, welch eine starke, zukunftssichere soziale Macht hinter den Vorschlägen des rheinischen Kaufmanns stand. Die Versöhnung zwischen dem Westen und dem Osten, die man in Berlin schon beendet glaubte, hatte in Wahrheit noch kaum begonnen; zwischen dem abstrakten Staatsbürgertum der rheinischen Städter und der altständischen Gesinnung der brandenburgischen Grundherren lag eine Kluft, die nur durch die Arbeit langer Jahre überbrückt werden konnte. Auch im Osten war die Zufriedenheit bei weitem nicht so ungetrübt, wie man aus der allgemeinen Stille wohl schließen mochte. Es konnte nicht fehlen, daß die Gelehrten und Beamten aus den eifrig gelesenen ausländischen Zeitungen neue Gedanken einsogen, und wenngleich die Zahl der Konstitutionellen noch sehr gering blieb, so bekundete sich doch der altpreußische Widerspruchsgeist oft in scharfer Kritik, und die österreichischen wie die kleinfürstlichen Diplomaten vermochten sich über die liberale Gesinnung dieser Bureaukratie nicht genug zu wundern. Im Volke aber mußte die Beamtenherrschaft, wie Tüchtiges sie auch leistete, zuletzt manches Mißtrauen erregen, weil sie unbeschränkt schaltete. Selbst Reaubes »Jahrbücher der preußischen Provinzialstände« – die einzige Zeitschrift, die sich mit dem Stilleben der Provinziallandtage befaßte – brachten unter einem Wuste stillvergnügter Philisterbetrachtungen zuweilen schon einen heftigen Ausfall wider dies ungeheure Beamtenheer, das sich stets nur aus sich selbst ergänze, während in England und Frankreich auch ein Kaufmann oder Grundbesitzer Minister werden könne; in Preußen müssen immer 49 Menschen arbeiten, um einen Beamten zu ernähren! Noch bitterer äußerte sich der Adelshaß der bürgerlichen Kreise. Der einzige der altgermanischen Geburtsstände, der sich inmitten der Berufsstände der neuen Gesellschaft noch erhalten hatte, konnte der in sich selbst verliebten modernen Bildung nur widerwärtig erscheinen. Da der Adel zudem auf den Provinzial- und Kreistagen ein ganz unbilliges Übergewicht behauptete, so klagte alle Welt über die Macht des Junkertums und zählte mit widerwärtigem Kleinsinn nach, wie viele Edelleute in den hohen Staatsämtern säßen. Die vorletzten Minister der Justiz und der Finanzen, Kircheisen und Klewitz, waren bürgerlich geboren, ihnen folgten die Edelleute Danckelmann und Motz; als diese starben und jetzt wieder zwei Bürgerliche, Mühler und Maatzen, eintraten, da jubelte die gesamte Presse, wie liberal Preußen geworden sei. Und doch war unter den drei Finanzministern der Edelmann unzweifelhaft der freieste Kopf, und bei allen diesen Ernennungen hatte der König die Frage der Geburt gar nicht in Betracht gezogen. Ja, sogar als Ancillon nachher ins Ministerium berufen wurde, erhoben die Zeitungen ein Freudengeschrei über den bürgerlichen Minister, dessen reaktionäre Gesinnung man doch kannte. Vornehmlich im Heere sollte der Adel ungebührlich bevorzugt sein; aber auch bei dieser landläufigen und nicht ganz grundlosen Klage spielten gehässige Übertreibung und Unkenntnis mit. Unter den Generalen und Obersten des stehenden Heeres konnten sich nur vereinzelte Bürgerliche befinden, weil erst Scharnhorst die alten Vorrechte des Adels beseitigt, erst der Befreiungskrieg eine größere Anzahl bürgerlicher Offiziere in die Regimenter der Infanterie und der Reiterei eingeführt hatte. In den mittleren Stellen hingegen war der Adel schwächer vertreten als in den untersten; von den Stabsoffizieren war fast ein Fünftel, von den Hauptleuten und Rittmeistern beinahe die Hälfte bürgerlich, von den Sekondeleutnants nur ein Zwanzigstel, weil der Kriegsdienst in diesen stillen Friedensjahren nichts Verlockendes hatte und der junge Nachwuchs mithin ganz überwiegend von jenen alten Soldatengeschlechtern gestellt wurde, welche das Waffenhandwerk als den Beruf ihres Hauses betrachteten. All dieser kleine Groll blieb für jetzt noch halb verborgen; wer aber die stille tiefe Leidenschaft der norddeutschen Stämme kannte, der mußte einsehen, daß es nun endlich an der Zeit war, den Gegensätzen der Landschaften, der Stände, der politischen Gesinnungen einen freien Kampfplatz zu eröffnen. Ein aus den Provinzialständen hervorgegangener beratender Reichstag, wie er versprochen war, konnte jetzt, da niemand ihn ungestüm forderte, von dem treuen Volke nur mit Dank begrüßt werden, er konnte nicht die Macht des gerade in diesen Tagen unbeschreiblich geliebten Königshauses erschüttern, sondern nur die Staatseinheit befestigen und die Preußen daran gewöhnen, daß sie in gemeinsamer politischer Arbeit einander verstehen und ertragen lernten. Sehr nachdrücklich mahnte auch der Zustand des Staatshaushalts an die Einlösung des alten Versprechens, während die andern Bundesstaaten gar nichts leisteten, verwendete Preußen für die Beschützung der deutschen Grenzen binnen anderthalb Jahren 39,28 Millionen Taler, vier Fünftel seiner regelmäßigen Jahreseinnahmen. Da förmliche Anleihen nur noch unter der Bürgschaft der Reichsstände erfolgen durften und der gutmütige König zu einer Steuererhöhung sich auch nicht entschließen wollte, so wurden diese Ausgaben vorläufig gedeckt durch Zahlungen aus dem Staatsschatze, durch kurze Darlehen der Seehandlung, durch die Einziehung der entbehrlichen Kapitalbestände der Staatsverwaltung, ja sogar der hinterlegten Kautionen der Beamten, und dann nach und nach aus dem wachsenden Ertrage der neuen Abgaben zurückgezahlt. Das alles ward mit altpreußischer Genauigkeit abgewickelt; doch wohin sollte dies geheime Treiben führen, wenn der Zustand des bewaffneten Friedens sich verlängerte oder gar der Weltkrieg ausbrach? Und war es eines stolzen Staates würdig, wenn die veröffentlichten Jahresbudgets in solcher Zeit immer nur von dem vollkommenen Gleichgewichte der regelmäßigen Einnahmen und Ausgaben fälschlich berichteten? Jene schweren Aufwendungen für Deutschlands Sicherheit wurden ängstlich geheimgehalten, wie die Schulden eines leichtsinnigen Jünglings; und doch gereichten sie der preußischen Staatskunst zu hoher Ehre, und doch mußten sie, wenn man sie offen eingestand, dem Volke der Kleinstaaten, soweit es nicht durch die Polenschwärmerei verdorben war, handgreiflich beweisen, daß Preußen allein für das große Vaterland Opfer brachte. Aber die Not des Augenblicks ging vorüber, und fester denn je war der König jetzt überzeugt, mit der Einrichtung der Provinzialstände das Rechte getroffen zu haben. Er hatte einst, als ihm die Verordnung vom Mai 1815 vorgelegt wurde, das Steuerbewilligungsrecht des Reichstags eigenhändig ausgestrichen und dem Reichstage nur beratende Befugnisse gewährt; er hatte fünf Jahre darauf den künftigen Reichsständen nur darum die Mitwirkung bei Staatsanleihen zugestanden, weil er bestimmt hoffte, daß die Monarchie neuer Schulden nicht mehr bedürfe, bei augenblicklichen Verlegenheiten aber die Seehandlung eintreten könne; er hatte damals nachdrücklich ausgesprochen: »Repräsentanten der Nation, Repräsentation des Volks, Landesrepräsentanten, das verbitte ich mir; Reichsstände liebe ich auch nicht, aber ich habe auch nichts dagegen.« Nun sah er sein Volk zufrieden, unvergleichlich zufriedener als die Bewohner der benachbarten konstitutionellen Staaten. Nichts drängte zu einer entscheidenden Änderung, und wer das enge, schwunglose Wesen des Königs durchschaute, mußte voraussehen, daß die Reichsstände bei seinen Lebzeiten niemals zustande kommen würden. Und wie schwer, ja unmöglich erschien ein solcher Entschluß angesichts der allgemeinen Lage Europas! Dahin war es doch gekommen durch die brutale Schroffheit Lord Palmerstons und des Zaren Nikolaus, daß die Welt in die zwei großen Heerlager der konstitutionellen Staaten und der absoluten Monarchien zerfiel. Wie die Dinge lagen, hatte Preußen zunächst nur einen Feind zu fürchten: das revolutionäre Frankreich, das seine frechen Anschläge auf die Rheingrenze mit unbelehrbarer Verblendung kundgab. Wer durfte dem deutschen Staate zumuten, die sichere Bundesgenossenschaft der Ostmächte mit der treulosen Freundschaft der Freiheitsheuchler Westeuropas zu vertauschen? Im übrigen ward der mildere und freiere Geist, der seit dem Ende der zwanziger Jahre in der Regierung vorherrschte, durch die Julirevolution nicht erschüttert. Während Bernstorff die Kriegspläne des Zaren vereitelte, die konstitutionelle Bewegung in den norddeutschen Nachbarstaaten mit wohlwollender Zurückhaltung gewähren ließ, die Erhebung der Braunschweiger sogar selbst zum glücklichen Abschluß brachte, führte Maaßen die von Motz eingeleiteten Zollvereinsverhandlungen fort, und der Staatsrat arbeitete weiter an den Reformgesetzen. Die seit Jahren mit den Provinzialständen besprochene Landgemeindeordnung kam freilich noch immer nicht zustande, da das unabsehbare Gewirr der örtlichen Interessen sich jeder Neuerung entgegenstemmte. Aber am 17. März 1831 wurde die revidierte Städteordnung veröffentlicht. Stein selbst begrüßte diesen Umbau seines eigenen Werkes mit Freuden, weil das neue Gesetz an den bewährten Grundsätzen der Selbstverwaltung nichts änderte, sondern nur einige durch die Erfahrung erwiesene Übelstände behutsam hinwegräumte; und Savigny erwies in einer geistreichen Abhandlung, daß die Neuerungen in der Tat meist Verbesserungen waren. Die Städte erhielten fortan eine erhöhte Selbständigkeit, indem sie durch Ortsstatute das allgemeine Gesetz ergänzen, zum Teil selbst abändern durften; die Befugnisse des Magistrats, der bisher von den Stadtverordneten ganz abhängig gewesen, wurden etwas erweitert; die Regierungen sollten bei Streitigkeiten zwischen Magistrat und Stadtverordneten entscheiden und überhaupt ein schärferes Aufsichtsrecht ausüben, was dringend nötig war, da in einzelnen heruntergekommenen kleinen Städten sich arge Mißbräuche eingenistet hatten. Dazu einige neue Bestimmungen über das Bürgerrecht, die sich von selbst ergaben, seit die neue Gewerbefreiheit den Bürgern das Vorrecht des Gewerbebetriebs genommen hatte. Bedenklich war nur, daß die Grundherren der Mediatstädte ihre alten Kommunalrechte behalten sollten. Bei der Einführung des Gesetzes verfuhr die Krone mit einer zarten Schonung, welche von der scharfen Zentralisation der meisten konstitutionellen Staaten seltsam abstach. Alle Städte, die schon unter Steins Gesetze standen, verblieben bei dieser Ordnung, falls sie nicht ausdrücklich die Verleihung des neuen Gesetzes beantragten. In den andern sollte das revidierte Gesetz provinzenweise nach und nach eingeführt werden; die Oberpräsidenten erhielten aber den Auftrag, zuvor mit den Landtagsabgeordneten des Standes der Städte zu beratschlagen. Wie wohlgemeint die Reform auch war, die Macht des Beharrens, die im Gemeindeleben so unwiderstehlich waltet, und das stille Mißtrauen gegen das Beamtentum bewirkten doch, daß von allen Städten, welche die alte Städteordnung besaßen, nur drei die Einführung des neuen Gesetzes verlangten: das schöne alte Königsberg in der Neumark und zwei brandenburgische Landstädtchen. In den neuen Provinzen dagegen bewährte sich wieder einmal die zähe Widerstandskraft des Partikularismus. Die Stände der Provinz Sachsen freilich nahmen das neue Gesetz sofort dankbar an, sie freuten sich, der alten kursächsischen Vetternherrschaft entledigt zu werden. Die Westfalen, die sich um Vincke versammelten, wünschten das alte Gesetz ihres Landtagsmarschalls, doch da sie an dem neuen Gesetze nur wenige Bestimmungen anstößig fanden, so begannen langwierige Verhandlungen mit den einzelnen Kommunen, bis endlich im Jahre 1841 die revidierte Städteordnung in allen größeren Städten der Provinz eingeführt war. Um dieselbe Zeit ward die Reform auch in Posen beendigt. Die Neuvorpommern aber wollten weder das alte noch das neue Gesetz, sie bestanden hartnäckig auf ihren durch die schwedischen Freiheitsbriefe verbürgten Städteverfassungen, fanden an dem romantischen Kronprinzen einen warmen Fürsprecher und setzten schließlich ihren Willen durch; nur einzelne unvermeidliche Änderungen sollten noch mit den Bürgerversammlungen von Stralsund, Greifswald, Barth vereinbart werden. Ebenso hartnäckig hielten die rheinischen Stände an ihrer Napoleonschen Gemeindeordnung fest, weil die Trennung von Stadt und Land in dem hochentwickelten wirtschaftlichen Leben des Rheinlands schwer durchzuführen war, aber auch weil dies Volk mit seiner bureaukratischen Gewöhnung den Segen deutscher Selbstverwaltung nicht verstehen wollte. Auch sie erreichten, daß die französischen Gesetze vorläufig fortbestanden; nur drei Städte der Provinz nahmen die neue Städteordnung freiwillig an. Diese Nachgiebigkeit der Krone erregte in der reaktionären Partei am Hofe schwere Besorgnis. Herzog Karl von Mecklenburg beschwor den König, das Zugeständnis zurückzuziehen: selbst in konstitutionellen Staaten werde den Untertanen nie erlaubt, zwischen verschiedenen Gesetzen zu wählen. Wie so oft schon, drohte er wieder den Vorsitz im Staatsrate niederzulegen. Friedrich Wilhelm aber erwiderte: die revidierte Städteordnung sei kein neues, sondern nur ein verbessertes Gesetz; also müsse den Städten die Wahl frei bleiben, damit das Volk zufriedengestellt und die Mannigfaltigkeit der örtlichen Verhältnisse berücksichtigt würde. (184–192.) Der Deutsche Zollverein Radikale Theorien leiten den Staat aus dem freien Willen des souveränen Volkes ab. Die Geschichte lehrt vielmehr, daß in einfachen Verhältnissen die Staaten, meist gegen den Willen der Mehrheit des Volkes, durch Eroberung und Unterwerfung entstehen; und wie der Krieg selbst in Zeiten bewußter Gesittung immer seine staatenbildende Kraft bewahrt, so wird auch die innere Politik freier Völker keineswegs allein durch die Wandlungen der öffentlichen Meinung bestimmt. Die folgenreichste politische Tat dieses Zeitraumes, die alle die kleinen Kämpfe um konstitutionelle Rechte gänzlich in den Schatten stellte, vollzog sich unzweifelhaft gegen den Willen der Mehrheit der Deutschen; die Nation wirkte nur mittelbar und halb unbewußt mit, da die Zornreden der Liberalen wider das deutsche Elend und die berechtigten Klagen der Geschäftswelt den Regierungen einen rettenden Entschluß aufzwangen. Der größte praktische Erfolg der Idee der deutschen Einheit war das Werk der nämlichen Kronen, welche die deutschen Farben verfolgten und den Vorschlag eines deutschen Reichstages als eine revolutionäre Ketzerei zurückwiesen. So unerbittlich zwang die Vernunft, die in den Dingen lag, auch die widerwilligen und die Ahnungslosen in ihre Dienste. (350.) Die wirtschaftliche und die politische Einigung Deutschlands zeigen eine überraschende Verwandtschaft in ihrer Geschichte. Beide Bewegungen gleichen einem großen dialektischen Prozesse: erst nachdem durch wiederholte vergebliche Versuche die Unmöglichkeit jeder andern Form der Einheit zweifellos erwiesen war, errang die preußische Hegemonie den Sieg. Ein reiches Erbe monarchischer und im guten Sinne föderalistischer Überlieferungen ist aus den Erfahrungen des Zollvereins übergegangen auf den Norddeutschen Bund und das Deutsche Reich. In dem Zollvereine lernte Preußen, einen vielköpfigen, fast formlosen Bund, der sich in keine Kategorie des Staatsrechts einfügen wollte, monarchisch zu leiten, mehr durch Einsicht und Wohlwollen und durch das natürliche Übergewicht der Macht als durch förmliches Vorrecht. Zwei grundverschiedene Schulen deutscher Staatsmänner wuchsen auf seit den dreißiger Jahren. Auf der einen Seite die Politiker des Bundestags, diese bejammernswerten Geschöpfe, denen die Erbsünde der Diplomatie, die Verwechslung von Geschäft und Klatscherei, zur andern Natur geworden war, diese durch die kondensierte Milch der »Augsburger Allgemeinen« und der »Frankfurter Ober-Postamts-Zeitung« mühsam am Leben erhaltenen politischen Kinder, die mit so feierlichem Ernst von den Formen und Formeln des hohlen Bundesrechts zu reden wußten. Und daneben die Geschäftsmänner des Zollvereins, nüchterne praktische Leute, gewohnt, ernsthafte Interessenfragen umsichtig zu erwägen, die Wünsche und Bedürfnisse der Nachbarn mit Gerechtigkeit und Milde zu beachten. Auf der hohen Schule der Zollkonferenzen und der mannigfachen Beratungen über die Fragen des Verkehrs, lernten Preußens Staatsmänner die Methode neuer deutscher Politik: die Kunst, reizbare kleine Bundesgenossen ohne Gehässigkeit und Gewalttat zu leiten, unter bündischen Formen das Wesen der Monarchie zu wahren. Der Gedanke des Zollvereins war nicht eines Mannes Eigentum, er entstand gleichzeitig in vielen Köpfen unter dem Drucke der Not des Vaterlandes; daß der Gedanke Fleisch und Blut gewann, war allein Preußens Werk, war das Verdienst von Eichhorn, Motz und Maaßen und nicht zuletzt das Verdienst des Königs. Nicht die Anstandspflicht monarchischer Staatssitten, sondern die Pflicht historischer Gerechtigkeit nötigt zu dem Urteil, daß nur das feste Vertrauen auf Friedrich Wilhelms unverbrüchliche Treue die deutschen Fürsten bewegen konnte, ihre Souveränität freiwillig zu beschränken. Eben die anspruchslose Schlichtheit seines Wesens, welche diesen Hohenzollern in den wilden napoleonischen Tagen so oft kleinmütig erscheinen ließ, befähigte ihn, in stiller Zeit den Samen einer großen Zukunft auszustreuen. (405–406.) Allgemeine Bedeutung de« Zollvereins Veränderungen seines Länderbestandes hat jedes große Volk von Zeit zu Zeit erlebt, aber nur den Deutschen beschied eine wechselreiche Geschichte, daß sich die Marken ihres Vaterlandes die Jahrhunderte hindurch fast unaufhörlich verschoben und niemand zu sagen wußte, welchen Gebieten eigentlich der große Name Deutschland gebühre. Derweil das alte Reich seine welschen Vorlande im Süden und Westen verlor, Österreich, die Schweiz, die Niederlande ihrem Sonderleben überließ, erwuchs ihm ein köstlicher Ersatz in den Kolonien jenseits der Elbe, und aus diesen Landen des Nordostens, die zum guten Teile dem Reichsverbande nicht angehörten, erhoben sich die staatenbildenden Kräfte unserer neuen Geschichte. Auch der Deutsche Bund war gleich dem Heiligen Reiche noch ein unfertiges politisches Gebilde ohne feste Grenzen, halb weltbürgerlich, halb national, zugleich zu weit und zu eng, mit Österreich und noch drei andern undeutschen Mächten wunderlich verkettet und doch den preußischen Staat nicht ganz umschließend. Erst durch den Zollverein begann sich's zu entscheiden, welche Teile der ewig beweglichen Ländermassen Mitteleuropas fortan das politische Deutschland der neuen Geschichte bilden sollten. Er umfaßte, Österreich in weitem Bogen umklammernd, das deutsche Land vom Memelstrom bis zum Bodensee – denn da die Küste immer dem Binnenlande gehört, so war der Zutritt der Staaten des hannoverschen Steuervereins nur noch eine Frage der Zeit – nicht alle die Gebiete, auf denen einst der Ruhm des deutschen Namens geruht hatte, aber ihren edlen Kern, die fröhliche Heimat deutscher Kunst im Südwesten und die waffenstolzen Adlerlande des Nordens, herrliche Kräfte, die im treuen Verein dereinst eine neue Zeit vaterländischen Glanzes heraufführen konnten. An den idealen Mächten der Sprache und Gesittung, des rechtsbildenden Gemeingeistes, der Hoffnungen und Erinnerungen hatte die Nation bisher das Bewußtsein ihrer Größe genährt; jetzt erlangte sie auch die Gemeinschaft des wirtschaftlichen Lebens, den natürlichen Unterbau der politischen Einheit, der ihr immer gefehlt hatte. In denselben schicksalsschweren Januartagen des Jahres 1834, da der Wiener Hof den hohen Rat der deutschen Bundespolizei zum letzten Male zu unfruchtbaren Verhandlungen um sich versammelte, erstand im Westen und Norden das neue in Arbeit geeinigte Deutschland, scharf abgegrenzt gegen Österreich wie gegen das Ausland. Das letzte Ziel der friderizianischen Politik, die Lösung des deutschen Dualismus, schien jetzt nicht mehr unerreichbar, und hoffnungsvoll sagte Karl Mathy: »Noch niemals ist Deutschland so einig gewesen wie seit der Stiftung des Zollvereins.« Der junge Tag, der über Deutschland heraufdämmerte, ward aber nur von wenigen Einsichtigen bemerkt; die emporsteigende Sonne verbarg sich hinter dem Gewölk langweiliger und widerwärtiger diplomatischer Zwistigkeiten. wie oft hatten die Patrioten gesungen und gesagt von der Stunde des Heiles, da die Raben nicht mehr den Kaiserberg umkreisen, da der Birnbaum auf dem Walserfelde wieder grünen, der alte Rotbart seinen Flamberg schwingen und den Reichstag der freien deutschen Nation einberufen würde – ein Gedanke, der noch kaum greifbarer war als weiland die Weissagungen des Simplizissimus von dem »deutschen Helden« und seinen Parlamentsherren. Neben diesen strahlenden Traumbildern eines Volkes, das schon in zorniger Ungeduld seine künstlich niedergedrückte Kraft zu fühlen begann, erschien das neue wirtschaftliche Gemeinwesen der Nation in seinem Werktagskleide unscheinbar und nüchtern. Die Deutschen wußten ihrem Beamtentum für seine treue Arbeit wenig Dank; denn immer ist es das tragische Los neuer politischer Ideen, daß sie zuerst von der gedankenlosen Welt bekämpft und dann, sobald der Erfolg sie rechtfertigt, als selbstverständlich mißachtet werden. Eben in den Tagen, da der deutschen Politik Preußens endlich wieder ein großer Wurf gelungen war, verfiel die öffentliche Meinung nochmals in einen Zustand der Ermattung und Verstimmung, wie zehn Jahre zuvor, und fast allein in den Kämpfen des literarischen Lebens entlud sich noch die verhaltene politische Leidenschaft der Zeit. (407–408.) Stille Jahre Die ersten Eisenbahnen und ihre Bedeutung Und wie dürftig, eng, kleinstädtisch blieb noch immer die Industrie, trotz der besseren Zeiten. An Stahl erzeugte ganz Preußen im Jahre 1826 nur 62 000 Zentner, an Gußstahl 1832 gar nur 94 Zentner. Schienen und andere Eisenwaren, die nur mit Koks hergestellt werden konnten, kamen aus England, weil die deutschen Werke meist mit den Holzkohlen aus den nahen Waldungen heizten und die Fracht für die Steinkohlen nicht zu zahlen vermochten. Von Westfalens mächtigen Steinkohlenlagern wurde, wieder wegen der Frachtkosten, nur ein kleiner Teil ausgebeutet. Im Bochumer Revier waren 130 Gruben im Betrieb, 400 ruhten; so rechnete 1833 Friedrich Harkort, der beliebte Volksmann Westfalens. Harkort selbst leitete in Wetter an der Ruhr, Aston in Magdeburg eine große Maschinenfabrik. Jedoch im Jahre 1837 besaß Berlin erst 29 Dampfmaschinen mit 392 Pferdekräften, ganz Preußen ihrer 419 mit 7355 Pferdekräften; das Wagnis der kostspieligen Anschaffung erschien auch mutigen Gewerbtreibenden oft zu groß. Da und dort versuchte man schon eine Gewerbeausstellung zu veranstalten, aber wie schwach war die Teilnahme; viele Fabrikanten trauten dem neuen Wesen nicht recht, die meisten scheuten sich, ihre Werke dem rücksichtslosen öffentlichen Urteil auszusetzen. Die Breslauer Ausstellung von 1832 fand in einem Stockwerk eines mittelgroßen Hauses genügend Raum, und der Ausschuß bestimmte 100 Taler für den Ankauf der auserlesenen Prachtstücke. Bis gegen das Ende des Jahrzehntes merkte die Masse des Volkes noch sehr wenig von dem Nahen einer neuen Zeit. Der Bauer ging dreimal jährlich in die Stadt auf den Jahrmarkt, um neue Stiefel oder was an Werkzeug fehlte einzukaufen; in der Tabaksbude fand er den Bedarf für seine lange Pfeife, und nebenan hielt, mit der Schwammütze auf dem Kopfe, der vom Volksliede viel besungene »arme Schwammann« seine Zündwaren feil; dann gab es noch Pulsnitzer, Thorner oder Braunschweiger Pfefferkuchen für die Kinder, und wenn es hoch herging, zeigten eine starke Dame oder ein Affe auf dem Kamel ihre Künste. – Erst die Eisenbahnen rissen die Nation aus ihrem wirtschaftlichen Stilleben, sie vollendeten erst, was der Zollverein nur begonnen hatte, sie griffen in alle Lebensgewohnheiten so gewaltig ein, daß Deutschland schon in den vierziger Jahren einen völlig veränderten Anblick darbot; und immer wird es eine frohe Erinnerung unseres Volkes bleiben, wie rasch, tatkräftig, entschlossen dies arme, politisch zersplitterte Geschlecht sich der weltumgestaltenden neuen Erfindung bemächtigte. Vieles traf zusammen, was den Deutschen den Entschluß erschwerte. Vor wenigen Jahren erst hatte man die neuen preußischen Schnellposten wie ein Wunderwerk angestaunt; der Chausseebau war überall erst im Gange; ganze Landesteile, selbst das reiche Vorpommern, entbehrten noch völlig der Steinstraßen. Dies neue Straßennetz auszubauen und mit Schnellposten auszustatten, erschien allen als die nächste Aufgabe; und sie war schwierig genug, da der Zollverein die Warenzüge vielfach verändert, eine Menge neuer Verkehrsbeziehungen geschaffen hatte. Wer hätte es nicht für tollkühn halten sollen, in einer solchen Zeit der wirtschaftlichen Umwälzung auch noch eine Erfindung einzuführen, welche den Postbetrieb völlig umzugestalten, die Chausseen zum alten Eisen zu werfen drohte? Nach der Eröffnung der Bahn von Liverpool nach Manchester (1826) begannen in England wie in Nordamerika große Eisenbahnbauten. Das britische Parlament hielt sich aber noch lange mißtrauisch zurück: sein Komitee erklärte es für »unzulässig, der Eisenbahnen wegen Opfer zu bringen oder das Nationalvermögen zu verschleudern«. Auf dem Kontinente ging Belgien voran. Hier lagen die Verhältnisse sehr einfach. Der junge Staat bedurfte durchaus einer Bahn von Antwerpen nach dem Rheine, um seinen Scheldehafen gegen den Wettbewerb der feindseligen Holländer zu decken; da die reiche Bourgeoisie die Kammern vollständig beherrschte, die großen Städte allesamt nahe beieinander lagen, auch der Bau in der Ebene geringe Schwierigkeiten bot, so wurde schon 1834 ein Staatsbahnsystem für das ganze Land, nach Stephensons Plänen, beschlossen. Die Franzosen zauderten lange; selbst der sanguinische Thiers meinte noch im Jahre 1830, eine Eisenbahn könne höchstens zum Spielzeug für Großstädter dienen. Nachher übernahmen sie sich in kühnen Entwürfen, jedoch die Korruption ihres Parlamentarismus verhinderte rasches Gelingen. Die großen Gesellschaften, die allesamt von Paris aus nach den Grenzen zu ihre Bahnen bauen wollten, durften während langer Jahre keine Teilstrecken eröffnen, weil die Regierung aus Furcht vor den Wählern keinen Landesteil bevorzugen wollte. So geschah es, daß Frankreich noch in den vierziger Jahren nur eine Eisenbahn besaß, die kleine Lustbahn, welche die Pariser in die Versailler Gärten führte, und erst unter der Herrschaft des dritten Napoleon seine großen Bahnlinien eröffnen konnte, Zu einer Zeit, da die deutschen Hauptbahnen schon seit einem Jahrzehnte im Betriebe waren. Deutschland schritt in diesem friedlichen Wettkampfe allen Völkern des Festlandes, mit der einzigen Ausnahme Belgiens, weit voran, dem zentralisierten Frankreich so gut wie dem reichen Holland. Schon im Jahre 1828 hatte Motz an eine Eisenbahn zwischen den Stromgebieten des Rheins und der Weser gedacht, um also die holländischen Rheinzölle zu umgehen; der noch gänzlich unreife Plan ward aber aufgegeben, sobald die Niederlande in dem Zollstreite zurückwichen. Aus demselben Grunde, um Holland zu bekämpfen, verlangte der westfälische Landtag 1831 eine Bahn von Lippstadt nach Minden. Zwei Jahre darauf forderte der Rheinische Landtag eine Bahn von der belgischen Grenze zum Rheine und zum Kohlenbecken der Ruhr, eine zweite von Elberfeld nach dem Rheine; die Stände wünschten, der Staat solle den Bau entweder selbst unternehmen oder einer Aktiengesellschaft eine Verzinsung von 4 % verbürgen. Größer gedacht war der Plan einer Bahn von Köln nach Minden, welchen Friedrich Harkort in einer Druckschrift begründete und den westfälischen Ständen vorlegte. Aber wie konnte der König in diesem Augenblicke, da die Verhandlungen über den Zollverein noch schwebten, sich auf so weit aussehende Entwürfe einlassen? Er erwiderte den Rheinländern, ihr Handelsstand würde, so hoffe er, selber die Mittel für jene Bauten zu finden wissen. Unterdessen hatte der rührige Unternehmer Gerstner in Böhmen die Budweis-Linzer Eisenbahn zustande gebracht (1828); sie diente jedoch lediglich der Abfuhr des Salzes aus dem Salzkammergute, wurde nur mit Pferden betrieben und konnte als große Verkehrsstraße nicht benutzt werden. Eine Menge von Projekten tauchten auf, alle noch so unklar und nebelhaft, daß selbst der unternehmende russische Finanzminister Cancrin zu Gerstner spöttisch sagte: in hundert Jahren werde für dergleichen wohl die Zeit kommen. Die Staatsmänner klagten sämtlich über die tolle »Eisenbahn-Manie«. Noch war man ja nicht einmal über die technischen Vorbedingungen einig. Hauptmann von Prittwitz in Posen, einer der tüchtigsten Ingenieure des deutschen Heeres, empfahl statt des Stephensonschen Systems die Anlage »schwebender Eisenbahnen« in der Art der Drahtseilbahnen, vornehmlich ward bezweifelt, ob große Bahnstrecken in dem armen Deutschland überhaupt einen Ertrag bringen könnten; die meisten glaubten, nur zwischen nahe benachbarten größeren Städten, wie Berlin und Potsdam, würde sich die Unternehmung lohnen. Mit feuriger Begeisterung, wie er jeden neuen Gedanken ergriff, wendete sich König Ludwig von Bayern den Eisenbahnplänen zu. Er besaß an dem Bergrat Joseph von Baader, dem Bruder des Philosophen, einen geistreichen Sachverständigen, der gern in kühnen Plänen schwelgte und sich selbst den Veteran des deutschen Eisenbahnwesens nannte. Er ließ sich auch nicht beirren, als sein Obermedizinalkollegium ihm beweglich vorstellte, der Dampfbetrieb werde bei den Reisenden wie bei den Zuschauenden unfehlbar schwere Gehirnerkrankungen erzeugen, und damit wenigstens die Zuschauer Schutz fänden, müsse der Bahnkörper mit einem hohen Bretterzaune umgeben werden. Ludwig sendete seinen Architekten Klenze nach England, Belgien und Frankreich, um sich über das Eisenbahnwesen zu unterrichten, und hörte es gern, wenn ihm Feldmarschall Wrede von einem bayrischen Kriegsbahnnetze sprach, das in der Festung Ingolstadt seinen Mittelpunkt finden sollte. Am stärksten lockte ihn der Gedanke einer großen Bahn von Lindau nach Hof, die sich über Leipzig und Magdeburg bis Hamburg fortsetzen, den Zollverein zusammenhalten, Deutschlands Hauptverkehr in die Richtung vom Norden nach dem Süden, von der Elbe zum Bodensee ablenken sollte; so sollte sein Bayern die Vorhand im nationalen Handel erlangen. Er ließ deshalb schon in Berlin anfragen, empfing aber zur Antwort nur warmen Dank und die Versicherung, daß man den bayrischen Vorschlag reiflich erwägen werde, von einer Eisenbahn zwischen Ulm und Augsburg wollte er freilich nichts hören; sie konnte den schwäbischen Nachbarn bedenkliche Vorteile bringen. Auch einen Schienenweg zwischen Würzburg und Frankfurt fand er bedenklich: das würde den Verkehr mit den gefährlichen Franzosen zu sehr erleichtern. Nun gar der Plan einer Bahn zwischen dem Elsaß und der Pfalz, den ihm der französische Gesandte unablässig anempfahl, erweckte sein patriotisches Mißtrauen; so nahe an die Mainzer Bundesfestung wollte er die Straßburger Garnison nicht heranlassen. Wichtiger als alle Eisenbahnen erschien ihm doch der so lange geplante Ludwigskanal. Der große Gedanke, das Werk Karls des Großen zu vollenden, die Nordsee mit dem Schwarzen Meere zu verbinden, übte auf sein romantisches Gemüt einen unwiderstehlichen Zauber; und als nun Rothschild dienstbeflissen 8 Mill. fl. Kanalaktien an der Börse unterbrachte, auch der Landtag sich dem königlichen Lieblingsplänen willfährig zeigte, da wurden die Eisenbahnpläne über der fossa Carolina bald fast vergessen. Gleichwohl erlebte er die Genugtuung, daß in seinem Bayern die erste deutsche Dampfbahn eröffnet wurde, die Bahn von Nürnberg nach Fürth, eine Strecke von einer Meile, die man mit Dampf in 15, mit Pferden in 25 Minuten durchlaufen konnte. Sie war das Werk des wackeren Nürnberger Bürgertums. Joh. Scharrer brachte das Unternehmen in Gang, Plattner verschaffte das Aktienkapital von 175 000 fl., der Ingenieur Paul Denis leitete den Bau. Die Behörden zeigten sich wenig günstig, weil sie für den Ludwigs-Kanal fürchteten; die Ansbacher Regierung kaufte nur zwei Aktien zu 100 fl. Erst als die Unternehmer auf den schlauen Gedanken kamen, ihren Schienenweg Ludwigsbahn zu nennen, wurde die amtliche Welt etwas freundlicher. Groß war der Jubel, als am 7. Dezember 1835 der erste Bahnzug unter Kanonendonner abfuhr; ein Denkstein und ein Geschichtstaler verherrlichten »Deutschlands erste Eisenbahn mit Dampfwagen«. Aber mit dieser kleinen, nur für Personen bestimmten Stadtbahn, die sich bald mit 6 % verzinste, war die Frage nach der Möglichkeit großer Eisenbahnen noch nicht beantwortet. Alle diese wohlgemeinten Entwürfe waren doch nur auf das Wohl einzelner Städte oder Landschaften berechnet, und fast schien es, als sollten die Deutschen durch den Fluch ihres Partikularismus verhindert werden, die große Erfindung mit großem Sinne zu benutzen. Da trat Friedlich List hervor mit dem Plane eines zusammenhängenden, ganz Deutschland umfassenden Eisenbahnnetzes und zeigte durch die Tat, durch die glückliche Vollendung einer großen Bahnlinie, daß sein den Durchschnittsmenschen fast unfaßbares Ideal sich verwirklichen ließ. Als der Bahnbrecher des deutschen Eisenbahnwesens erwarb er sich sein größtes Verdienst um die Nation, seine Stellung in der vaterländischen Geschichte. Als er vor Jahren für die deutsche Zolleinheit gearbeitet, hatte er doch nur mutig ausgesprochen, was die Mehrzahl der Zeitgenossen schon ersehnte, und in der Wahl der Mittel vielfach fehlgegriffen; jetzt aber, mit seinen Eisenbahnplänen, eilte er allen Landsleuten weit voraus und bewährte überall die geniale Sicherheit seines Seherblicks. Nach seiner Flucht vom Hohenasperge hatte er mehrere Jahre in Nordamerika verbracht, und dort, in den glücklichsten Zeiten der jungen Union, ging ihm ein neues Licht auf; er sah das gewaltige Ringen des Menschengeistes mit der Macht der Elemente, eine Kühnheit der Unternehmungslust, wovon sein stilles Vaterland sich noch nichts träumen ließ; er sah die vornehmsten und höchstgebildeten Männer der Nation ihre beste Kraft der Volkswirtschaft widmen, was daheim im Lande der Gelehrten und Beamten ganz unmöglich war. Derweil er in den Blauen Bergen nach Kohlenminen suchte, träumte der arme Flüchtling von einem deutschen Eisenbahnsystem und sagte: »Im Hintergrunde aller meiner Pläne liegt Deutschland.« Zur Zeit der Julirevolution kehrte er zurück, ungastlich empfangen von der alten Heimat. Der Hamburger Senat trug Bedenken, den verrufenen Demagogen als amerikanischen Konsul anzuerkennen, die Kaufherren aber zuckten die Achseln, als er von seinen Bahnplänen sprach; denn soeben hatte ihnen der Engländer Elliot bewiesen, in Deutschland sei nur eine einzige Eisenbahn möglich, die Bahn von Hamburg nach Hannover, und daß ein Deutscher gegen einen Briten unmöglich recht haben konnte, verstand sich in dieser Stadt der künstlichen Engländer ganz von selbst. Bei König Ludwig klopfte er ebenso vergeblich an; er suchte ihm zu beweisen, ein Kanal vermöge doch nur gegebene Punkte zu verbinden, während die Eisenbahnen ein zusammenhängendes Netz bilden könnten, auch sei die ersehnte Verbindung zwischen der Nordsee und dem Schwarzen Meere ja schon längst vorhanden, der beste Weg führe durch die Straße von Gibraltar. Zugleich arbeitete er unermüdlich für die Zeitungen und nannte sich selbst gern Dr. Möser den Jüngeren; seine Kunst, schwere volkswirtschaftliche Fragen leicht, lebendig, anschaulich zu behandeln, erinnerte in der Tat an Justus Mösers schalkhafte Weise, nur daß bei dem streitbaren Schwaben die Leidenschaft immer wieder durchbrach. Wenig gelehrt, aber reich gebildet und im Leben erfahren, überragte er alle andern volkswirtschaftlichen Publizisten so weit, wie sein Landsmann Paul Pfizer die politischen. Die herrschende abstrakte Freihandelsdoktrin, die sich gleich der Naturrechtslehre einen durch Naturgesetze bedingten Normalzustand der Volkswirtschaft konstruierte, ward ihm immer verhaßter. Er begann schon das wirtschaftliche Leben historisch zu betrachten, wie Savigny das Recht, und suchte die Gesetze der Volkswirtschaftspolitik aus den wechselnden sozialen Zuständen abzuleiten. Ein gütiges Geschick führte ihn endlich nach Leipzig, eben in dem Augenblicke, da die Bürgerschaft dem Anschluß an den Zollverein entgegensah und, ohne Wasserstraßen wie sie war, ängstlich nach neuen Verkehrswegen suchte, hier oder nirgends, das sah er auf den ersten Blick, mußte der Grundstein des deutschen Eisenbahnnetzes gelegt werden; wenn hier mit den Kapitalien der bedrängten reichen Handelsstadt eine große Verkehrsbahn entstand, so konnte ihr in dem gewerbreichen Lande der Erfolg nicht fehlen, und der Anschluß neuer Bahnen nach dem Norden und Westen ergab sich dann fast von selbst aus Leipzigs zentraler Lage. Die wohlwollende sächsische Regierung gestattete ihm den Aufenthalt, unbekümmert um die Warnungen der Wiener Hofburg und des unversöhnlichen Königs von Württemberg. Sofort ließ er nun sein Büchlein »Über ein sächsisches Eisenbahnsystem als Grundlage eines allgemeinen deutschen Eisenbahnsystems« (1833) erscheinen. In großen Zügen entwarf er hier, mit wunderbarem Scharfblick fast überall das Rechte treffend, ein Bild von dem Eisenbahnwesen der Zukunft: Lindau und Basel, Bremen und Hamburg, Stettin, Danzig und Breslau sollten vorläufig die Endpunkte des deutschen Bahnnetzes bilden, ganz wie es sich nachher erfüllte. In Berlin, das er nur oberflächlich kannte, sah er doch schon den Mittelpunkt des deutschen Verkehrs; sechs große Bahnlinien, die allesamt späterhin gebaut worden sind, wollte er dort einmünden lassen. Sein Plan galt nur dem Zollvereine und dessen Vorlanden; Österreich ließ er, mit Ausnahme der einen Linie Dresden-Prag, vorläufig unberücksichtigt, weil er einsah, daß dort ganz eigenartige Verhältnisse vorlagen. Durch diese Schrift wurden vier unternehmende junge Leipziger Kaufleute für den Plan der Leipzig-Dresdener Eisenbahn gewonnen: Wilhelm Seyfferth, A. Dufour-Feronce, C. Lampe und der Bruder des westfälischen Volkmannes, Gustav Harkort. Sie veranstalteten eine Versammlung, dann eine Eingabe an die Regierung, und König Friedrich August ging gütig und einsichtig auf die Pläne ein. Nun erließ List einen feurigen Aufruf zur Beteiligung an dieser »Nationalangelegenheit«. Mit der Begeisterung des Reichsstädters redete er von der neuen Blütezeit, die unsern alten Städten jetzt kommen werde; seit dem glücklich vollendeten Zollvereine bedürften die Deutschen nur noch des wohlfeilen und schnellen Transports, »um sich auf die Stufe der gewerbfleißigsten Nationen der Erde emporzuschwingen«. Für das Komitee, das sich nunmehr bildete, erstattete List dem Publikum fortlaufende Berichte, und hier sprach er schon zuversichtlich aus, was den meisten noch wie Wahnsinn klang: »Die Eisenbahnen müssen auf den großen Routen zum ordinären Transportmittel werden.« Er meinte sogar hoffnungsvoll, die Eisenbahnen würden die stehenden Heere beseitigen oder vermindern. Glücklicherweise unterschätzte man beträchtlich die Kosten, sonst wäre das Wagnis in der armen Zeit schwerlich begonnen worden. List, der wie alle Prophetennaturen von abenteuerlichem Leichtsinn nicht frei war, meinte mit einer halben, höchstens mit einer Million Taler auszukommen. Das vorsichtigere Komitee gab für 1½ Millionen Aktien aus und mußte sich bald überzeugen, daß man der dreifachen Summe bedurfte. Mittlerweile war aber das Unternehmen schon weit gefördert, niemand wollte mehr zurück, und auch »die Drillinge« fanden jetzt Abnehmer. List empfahl den geraden Weg über Meißen durch das schöne volkreiche Bergland der Mulde; ein englischer Ingenieur J. Walker warnte jedoch vor den Schwierigkeiten einer Gebirgsbahn, und man wählte den Umweg durch die Ebene über Riesa, weil man der jugendlichen deutschen Technik nicht zu viel zumuten wollte. Dann begann das schwere Werk des Bodenankaufs, das der Staat durch ein verständiges, den Vorschlägen Lists entsprechendes Enteignungsgesetz erleichterte. Zahllose Prozesse mußten überstanden werden. Ein Windmüller klagte, weil ihm die Bahn den Wind abfange, ein anderer, weil sie die Ackerflur seiner Bauern und dadurch seinen Verdienst geschmälert habe; in einigen Dörfern leistete das Landvolk sogar tätlichen Widerstand. Unterdessen leitete Hauptmann Kunz den Bau umsichtig und tatkräftig. Eine Lokomotive, der Komet, wurde in England angekauft und eine Weile für Geld zur Schau gestellt; auch der Wagenbauer und der erste Lokomotivenführer kamen aus England. Im April 1837 konnte endlich die erste Strecke von Leipzig nach einem nahen Dorfe befahren werden; dicht gedrängt standen die Massen zu beiden Seiten der Bahn, kein lautes Wort ließ sich hören, so schreckhaft wirkte der unerhörte Anblick. Dann mußte »der Einschnitt« bei Machern ausgeschaufelt werden, durch eine Bodenwelle, welche der Reisende heute kaum bemerkt; von weither kamen die Fremden, auch der länderkundige Freiherr von Strombeck, um das Wunderwerk zu betrachten und gründlich zu beschreiben. Der schwierigste Kunstbau der Bahn, der Tunnel bei Oberau, wurde durch Freiberger Bergleute ganz nach Bergmannsbrauch wie ein Stollen von vier niedergesenkten Schachten aus in Angriff genommen; als alles beendet war, bildeten die Knappen in ihrem Paradeanzug, mit Fackeln in der Hand, im Tunnel Spalier, um den ersten durchbrausenden Zug mit dem alten Glückauf-Ruf des Erzgebirges zu begrüßen. »Die Herrschaft des Geistes über die materielle Welt schreitet mit einer stets beschleunigten Kraft vorwärts«, so schrieb damals Babbage, der Theoretiker des englischen Maschinenwesens. Ein technischer Fortschritt folgte dem andern. Im Jahre 1839 brachte Hossauer das erste Daguerreotyp aus Paris in den Berliner Gewerbeverein; es war der bescheidene Anfang einer neuen kulturfördernden Industrie. Die eigentümliche Wagelust des Jahrhunderts trat immer zuversichtlicher auf, hoffnungsvoll sah das heranwachsende Geschlecht einer unermeßlichen Zukunft entgegen. Derweil die Deutschen sich noch an ihrer ersten großen Eisenbahn abmühten, versuchte schon eine andere folgenschwere Erfindung, die deutsche Erfindung der elektro-magnetischen Telegraphie, sich Raum zu schaffen. Das alte optische Telegraphenwesen hatte in Preußen während der jüngsten Jahre eine hohe Ausbildung erlangt. Auf eine Anfrage aus Berlin traf die Antwort aus Koblenz schon binnen vier Stunden ein, freilich nur bei hellem Wetter, wenn das hohe Balkengerüste auf dem Turmhause in der Dorotheenstraße einmal den ganzen Tag hindurch ununterbrochen seine rätselhaften Bewegungen ausführte, dann meinten die Berliner bedenklich, die Zeiten würden schlimm. Aus Petersburg konnten die Nachrichten durch den Telegraphen und durch Kuriere in fünfzig Stunden befördert werden, und man hoffte noch auf größere Beschleunigung, da der Zar soeben bei Fraunhofer in München 450 Fernrohre für die russischen Telegraphen bestellt hatte. Aber der optische Telegraph diente ausschließlich den Behörden. Ein rascher Nachrichtendienst für den allgemeinen Gebrauch ward erst möglich, als der junge Wilhelm Weber nach Göttingen kam und Gauß entzückt ausrief: der Stahl schlägt auf den Stein. Der Physiker und der Mathematiker verfolgten selbander die geniale Entdeckung Soemmerings weiter; sie verbanden den elektromagnetischen Apparat ihrer Sternwarte durch einen 3000 Fuß langen Draht, über den Turm der Johanniskirche hinweg, mit dem Physikalischen Kabinett (1833). Ein echt deutsches Bild: diese gewaltige Erfindung zuerst in einer stillen Gelehrtenstadt, deren behäbige Bürgerschaft sich vom Welthandel gar nichts träumen ließ! Die beiden Gelehrten behaupteten, ihr Telegraph müsse auch auf weite Entfernungen, Länder und Völker verbindend, mit der gleichen Sicherheit wirken, und Wilhelm Weber erbot sich (1836), neben der Leipzig-Dresdener Bahn, zunächst bis Wurzen, eine Drahtleitung anzulegen; die Kosten des Versuchs schätzte er auf 2000 Taler. Das sparsame Komitee wollte aber eine solche Summe nicht an einen zweifelhaften Erfolg wagen. So blieb die deutsche Erfindung liegen, bis die Amerikaner nach Jahren sich ihrer bemächtigten und sie dem Weltverkehre dienstbar machten. Am 7. April 1839 wurde die ganze Bahn eröffnet, und noch lange erzählte sich das Volk von den Abenteuern dieser ersten Fahrten. Auf einer Station war ein Leipziger Student mitsamt einem unbezahlten Glase Bier dem Kellner hohnlachend davongefahren; in dem gefürchteten Tunnel pflegten die Damen reiferen Alters eine Stecknadel zwischen die Lippen zu nehmen, um sich gegen die Liebkosungen ausschweifender Jünglinge zu sichern. Vorsichtige Ärzte wollten von der Tunnelfahrt, die fast eine Minute währte, überhaupt nichts hören; sie befürchteten, bei dem plötzlichen Luftwechsel müsse ältliche Leute der Schlag rühren, und allerdings waren die Wagen der dritten Klasse noch unbedeckt, die der zweiten ohne Fenster. Daß die Schienen und die Räder durch die ungeheure Reibung notwendig in Brand geraten müßten, war die allgemeine Ansicht; erst die vollendete Tatsache schlug alle Befürchtungen zu Boden. Der Erfolg übertraf die kühnsten Erwartungen. Erstaunlich, wie diese erste große Eisenbahn auch auf den benachbarten Landstraßen Mitteldeutschlands sofort die Reiselust belebte; im Jahre 1828 beherbergten die Dresdener Gasthöfe 7000 Fremde, in den ersten drei Vierteljahren 1839 bereits 36 000. Schon in ihrem ersten Jahre beförderte die Bahn 412 000 Personen und 3,85 Millionen Meilenzentner. Im Zweiten Jahre sank der Personenverkehr um ein Geringes, weil sich die erste Neugierde etwas gelegt hatte – der Güterverkehr aber stieg mit einer ganz ungeahnten Schnelligkeit. Anfangs waren viele Frachtfuhrleute noch gemächlich auf der Landstraße neben dem Dampfwagen hingefahren, weil die Spediteure die Kosten des Umladens scheuten. Erst seit die Bahn Anschlüsse erhielt und die Anfuhr zu den Bahnhöfen erleichterte, riß sie auch den Güterverkehr an sich, und nach einer Reihe von Jahren ergab sich, daß sie von den Gütern mehr einnahm als von den Personen. Dies widersprach allen Vorhersagungen; hatte doch selbst der berühmte Arago versichert, eine Eisenbahn könne vielleicht Personen, doch unmöglich große Gütermassen befördern. Leider erlebte List an diesem Triumphe seiner Idee wenig Freude. Es gibt einsame Genies, die wohl durch schöpferische Gedanken ihre Nation erwecken und erheben können, aber nicht fähig sind, mit ihrer vollsaftigen ursprünglichen Kraft in dem alltäglichen kleinen Getriebe des öffentlichen Lebens mitteninne zu wirken. Ihnen fällt meist ein tragisches Los. Wie einst seinen Genossen in der württembergischen Kammer, so wurde List auch dem Leipziger Eisenbahn-Komitee bald lästig. Die Männer des Komitees waren durchweg tüchtige und keineswegs engherzige Geschäftsleute, aber sie dachten zunächst an die Interessen ihrer guten Stadt, und wenn List in den Generalversammlungen von der großen Eisenbahn Prag-Hamburg zu reden begann, so befürchteten sie, nicht mit Unrecht, er werde die ängstlichen Philister abschrecken. Der frohmutige Mann bot, wenn er mit mächtigem Lachen seinen Löwenkopf schüttelte, ein Bild urkräftigen Behagens; doch zuweilen überfiel ihn eine furchtbare Hypochondrie, und dann war mit seiner unbändigen Grobheit kaum auszukommen. Also schob man ihn leise zur Seite und fand ihn ab mit einem Ehrengeschenke von etwa 4000 Talern, ohne ihm auch nur einen Anteil an den Aktien zu gewähren. Die braven Leipziger Kaufleute glaubten damit durchaus nicht kleinlich zu handeln; verfuhren sie doch selber höchst uneigennützig, ihre vier Direktoren bezogen 750 Taler Gehalt, ihr Präsident 1500. Jenem Engländer freilich, der ihnen den Weg durch die Ebene empfahl, zahlten sie für seine kurze Reise fast 7000 Taler; denn daß ein Brite höher gelohnt werden müsse als ein Deutscher, bezweifelte in diesen fremdbrüderlichen Tagen niemand. Wieviel Unfug stiftete doch die deutsche Ausländerei auch im Eisenbahnwesen an. Nur aus Nachahmungslust wurde die allzu schmale Spurweite der Stephensonschen Bahn von der Leipzig-Dresdener Gesellschaft und nachher, zum Schaden für die Nerven der Reisenden, auch von den andern deutschen Bahnen angenommen. Und welche Flut von französischen oder französisch klingenden Wortungetümen drang jetzt in unsere Sprache ein, die doch gerade hier ihre schöpferische Kraft erproben konnte. Die Deutschen hatten im Eisenbahnwesen von den Franzosen nichts zu lernen, sondern schritten ihnen voran; und doch redeten sie von der Compagnie, ihren Billet-Expeditionen und Conducteuren, von Perrons, Waggons, Coupés und Extra-Convois; es war leider die Zeit, da das Junge Deutschland die Zeitungssprache von Grund aus verfälscht hatte. Unerbittert durch seine Leipziger Erfahrungen arbeitete List rastlos weiter. Er gründete ein Eisenbahn-Journal, das sich freilich nicht lange halten konnte, weil es in Österreich verboten wurde, und zwang durch sein Beispiel die Presse, auf die so lange vernachlässigten volkswirtschaftlichen Fragen gründlich einzugehen. Um seiner Bahn die Fortsetzung nach Norden zu sichern, begab sich List 1835 nach Magdeburg, und die Kaufmannschaft, die erst vor sechs Jahren alle Eisenbahnpläne abgewiesen hatte, nahm ihn jetzt mit offenen Armen auf; allen voran der wackere Oberbürgermeister Francke, einer der angesehensten Bürger der Monarchie, denn wie im Süden die Abgeordneten, so galten im Norden die Gemeindebeamten, Kospoth in Breslau, Bärensprung in Berlin, Demiani in Görlitz, als die eigentlichen Volksmänner. Die Magdeburger rühmten sich: unsere Eisenbahn nach Leipzig wird die erste Bahn der Welt sein, welche die Grenzen verschiedener Staaten durchschneidet! Francke trat an die Spitze eines Ausschusses und sendete nach Berlin eine Eingabe, welche das Ministerium zwang, die Eisenbahnfrage ernstlich ins Auge zu fassen. So brachte List auch in Preußen die Kugel ins Rollen. Mehrere andere Anfragen lagen bereits vor, wegen der Bahnen Berlin-Potsdam, Köln-Aachen, Düsseldorf-Elberfeld, Düsseldorf-Minden, Berlin-Stettin, und es ließ sich jetzt schon erkennen, daß der preußische Verkehr vornehmlich einer rascheren Verbindung des Ostens mit dem Westen bedurfte; die von Bayern befürwortete nord-südliche Linie erschien zunächst noch minder dringend. Minister Rother aber konnte zu keinem der Entwürfe ein Zutrauen fassen, während fast jedermann noch glaubte, die Eisenbahnen seien Wege wie andere auch, für alle benutzbar, und könnten den Unternehmern nur ein hohes Wegegeld einbringen, erkannte der welterfahrene Bankdirektor sogleich, daß die Eisenbahngesellschaften das gesamte Transportgeschäft auf ihren Linien an sich reißen würden; ein solches Vorrecht wollte er Privatgenossenschaften nicht gewähren, er fürchtete den Mißbrauch des Monopols und einen schlimmen Aktienschwindel. Aber auch der Staatsbau schien ihm nicht ratsam, denn er bezweifelte noch die Einträglichkeit der Eisenbahnen und hielt den Staat für verpflichtet, weder die Post noch die bestehenden Land- und Wasserstraßen zu schädigen. Sogar politische Besorgnisse stiegen ihm auf: durch die Bahnen nach dem Rhein, nach Bayern, nach Belgien werde Preußen vom Auslande abhängig. Daher schloß er seinen Bericht an den König mit der Erklärung: »Die Staatsregierung hat jetzt noch keine Veranlassung, Eisenbahnen, welche als Handelsstraßen dienen sollen, auf eigene Kosten anzulegen, durch Beteiligung mit verhältnismäßig ansehnlichen Summen zu unterstützen oder ihnen andere namhafte Opfer zu bringen und Vorrechte einzuräumen.« Verhielt sich Rother nur kühl zuwartend, so trat der Generalpostmeister Nagler als entschiedener Feind der Eisenbahnen auf. Er hatte seit Jahren das Postwesen mit glänzendem Erfolge ausgebildet und hoffte für Seiner Majestät Fahrpost noch Größeres zu erreichen; was konnte er in dieser neuen Erfindung anderes sehen als eine schnöde Gewerbsbeeinträchtigung? Auch das strenge Rechtsgefühl des Beamtentums erhob mannigfache Bedenken. Nach dem Gesetze sollte die Enteignung nur ausnahmsweise, um des öffentlichen Wohles willen, zugelassen werden; für die Chausseen und für solche Eisenbahnen, welche den Staatszwecken dienten, wie etwa für die Magdeburg-Leipziger, konnte man sie also mit gutem Gewissen benutzen, so meinten die alten gestrengen Richter. Aber war es statthaft, das Expropriationsrecht auch der geplanten Berlin-Potsdamer Bahn zu verleihen, die doch nur den frivolen Zweck verfolgte, den Berlinern das Lustwandeln in den Potsdamer Gärten zu erleichtern? Der König selbst zeigte sich den Eisenbahnen anfangs abgünstig; er war zu alt, um sich noch für eine Erfindung zu erwärmen, welche die Freude seiner letzten Jahre, den Chausseebau, zu stören drohte. Auch der durchaus demokratische Charakter dieses neuen Verkehrsmittels kam ihm ungelegen, seit Jahrtausenden hatte das schnelle Reisen für ein natürliches Vorrecht der Fürsten und der Aristokratie gegolten; und diese uralten Sitten sollten sich jetzt mit einem Schlage ändern! So schlicht bürgerlich er auch dachte: daß er mit seinen Berlinern zusammen in demselben Zuge nach Potsdam fahren sollte, schien ihm doch sehr unanständig. Der Thronfolger dagegen schwärmte für die Eisenbahnen, noch weit feuriger sogar als sein Schwager König Ludwig. Er zählte zu den vielen Rätseln dieses so seltsam gemischten reichen Geistes, daß der Kronprinz die nüchternen Angelegenheiten der Volkswirtschaft, die seiner romantischen Weltanschauung so fernzuliegen schienen, immer mit besonderem Eifer verfolgte und überraschend richtig beurteilte. Wie er den Zollverein stets gegen die Sparsamkeit der Finanzpartei verteidigt hatte, so glaubte er auch fest an die große Zukunft der Eisenbahnen; er wollte die Bahnen am liebsten von Staats wegen bauen oder doch die Privatbahnen durch Zinsgarantien, durch die erleichterte Enteignung und andere Vorrechte, unterstützen. Da der Thronfolger so stürmisch drängte und die Anfragen der Eisenbahngesellschaften sich mehrten, so befahl der König eine gründliche Beratung über ein umfassendes Eisenbahngesetz, das die Stellung der Staatsgewalt zu der neuen Erfindung endgültig regeln sollte. Die Verhandlungen währten sehr lange. Eine Kommission aus Räten aller Ministerien ward gebildet; der Kriegsminister sendete einen seiner besten Offiziere, den gelehrten Oberst Peucker. Dann beriet das Staatsministerium, endlich noch der Staatsrat. Der Streit ward sehr lebhaft; die alten Minister hegten Zweifel, die jüngeren, Rochow, Mühler, Alvensleben, hielten zu dem Kronprinzen, weil sie der Zukunft vertrauten. Es kam so weit, daß Rother nach einem heftigen Wortwechsel mit dem Thronfolger im April 1837 die Leitung der Handelspolitik niederlegte. Er beschränkte seine Tätigkeit fortan auf die Seehandlung und auf die Bank, die er seit Frieses Abgang übernommen hatte; das Handelsamt wurde wieder mit dem Finanzministerium vereinigt. Der Gegenstand war noch so neu, so unberechenbar, so gänzlich unerprobt, daß niemand sich einen Sachkenner nennen durfte und die tüchtigsten Männer in ihren Meinungen sehr weit auseinander gingen. Der geniale Beuth, der doch noch in seinen besten Jahren stand und sonst jeden technischen Fortschritt mit Feuereifer begünstigte, betrachtete die Eisenbahnen sehr mißtrauisch. Ihr erklärter Gegner aber war General Aster, der erste militärische Ingenieur des Zeitalters, obwohl er doch selbst bei seinen Festungsbauten schon oft kleine Eisenbahnen in Betrieb gesetzt hatte. Er meinte: »Die Eisenbahnen halten wegen der Kostbarkeit der Anlage und einer ziemlichen Ausschließlichkeit des Gebrauchs mit andern weit wohlfeileren und in ihrer Anwendung teilbaren Erfindungen, wie z. B. Buchdruck und Schießpulver, den Vergleich nicht aus.« Militärisch brauchbar seien sie nur dort, »wo zufällig die Wege für den Krieg mit denen für die Industrie angelegten Bahnen zusammenpassen«; ein Eisenbahnnetz nütze militärisch nichts, weil es von der leidenden Partei bald außer Betrieb gesetzt würde, auch der aktiven Partei zuwenig Sicherheit gewähre; und woher sollten die Mittel kommen, um die zerstörten Eisenbahnen nach dem Kriege wiederherzustellen? Savigny erwiderte dem General – wohl nicht ohne Zutun des Kronprinzen, der wieder von Kühne Ratschläge empfing: man beabsichtige lange, ununterbrochene Eisenbahnlinien, etwa von Berlin zum Rheine, und diese würden einem im Westen kämpfenden Heere sicherlich Vorteil bringen. Mit der ganzen Feierlichkeit seiner Amtsmiene trat Nagler für sein bedrohtes Postwesen ein und versicherte: »Das gänzliche Lostrennen und Emanzipieren eines höchst beschränkten und untergeordneten Kommunikationsmittels – der Eisenbahnen – von einer Staatsinstitution wie der Post, welche die wichtigsten Zweige der Kommunikation für das Ganze leitet und fördert, kann nur höchst nachteilig sein und muß den richtigen Standpunkt ganz verrücken.« Noch einmal, in einer großen Denkschrift, legte er dem Könige ans Herz, »daß das Postinteresse den Eisenbahnunternehmungen nicht aufgeopfert werden dürfe«. Nach langen Kämpfen begannen sich die Meinungen doch zu klären. Den Staatsbau empfahl unter den hohen Beamten niemand, obgleich David Hansemann noch während der Beratungen in einer beredten Flugschrift dringend vor den Gefahren der Privateisenbahnen warnte. Ein solches Wagnis erschien zu groß für die beschränkten Finanzen. Darum ward auch die schwere Frage, ob die Krone ohne Reichsstände große Anleihen aufnehmen könne, für jetzt noch gar nicht erwogen. Andererseits wollte der König auch nicht den Privatgesellschaften ein gemeinschädliches Monopol gewähren; er erklärte ausdrücklich: »daß sie zu ewigen Zeiten im Genuß der ihnen eingeräumten Vorrechte verbleiben, ist weder beabsichtigt noch zulässig.« Aus solchen Erwägungen entstand, noch bevor die erste große deutsche Eisenbahn vollendet war, das preußische Eisenbahngesetz vom 3. November 1838, eines der letzten denkwürdigen Werke des alten Beamtenstaates, ein Gesetz, das zur Regelung ganz unbekannter Verhältnisse bestimmt war und doch ein halbes Jahrhundert voll ungeahnter Wandlungen lebenskräftig überdauert hat. Seine Stärke lag darin, daß die Staatsgewalt sich ein sehr weit ausgedehntes Aufsichtsrecht über die Privatbahnen, auch die Möglichkeit eines künftigen Staatseisenbahnsystems vorbehielt und doch sich weislich hütete, durch gehäufte Einzelvorschriften einer noch nicht übersehbaren Entwicklung vorzugreifen. Alle Eisenbahnen unterlagen der königlichen Genehmigung, desgleichen im einzelnen die Bahnlinie, der Bau der Bahn und seine Fristen, die Einrichtung der Wagen und Maschinen; sie mußten jederzeit in sicherem und dem Zwecke entsprechendem Zustande erhalten werden. Der Staat erteilte ihnen das Recht der Enteignung, wie den Chausseen, er prüfte ihre Rechnungen und beaufsichtigte sie durch ständige Kommissäre. Er behielt sich vor, die Bahnen nach dreißig Jahren anzukaufen, und belegte sie mit einer noch näher zu bestimmenden Steuer, welche teils zur Amortisation des Aktienkapitals, teils zur Entschädigung der Post dienen sollte. Die Höhe dieser Entschädigung blieb auch noch vorbehalten; vorläufig schloß man mit den einzelnen Bahnen besondere Verträge und verpflichtete alle zur unentgeltlichen Beförderung der Postsendungen – eine wohlberechtigte Vorschrift, welche allein der Post ermöglichte, auch unter veränderten Verhältnissen ihre kulturfördernde Arbeit zu vollziehen, doch freilich in der Folge zahlreiche, noch heute nicht beendigte Zwistigkeiten hervorrufen sollte. Außerdem behielt die Krone das Recht, die Bestimmungen des Gesetzes nach freiem Ermessen abzuändern oder zu ergänzen, und die bestehenden Gesellschaften mußten sich im voraus solchen Änderungen unterwerfen. Also war dem Monopolgeiste ein starker Riegel vorgeschoben. Die Geschäftswelt klagte über die unmäßige Bevormundung; Hansemann veröffentlichte eine scharfe Kritik und beschwor die Regierung, die Kapitalien des In- und Auslandes nicht abzuschrecken. Aber die dehnbaren Vorschriften wurden verständig gehandhabt, und sie genügten für eine Reihe von Jahren, solange der Staat noch nicht in der Lage war, selber den Bahnbetrieb zu übernehmen. Inzwischen hatte auch in Preußen der Bahnbau begonnen. Zuerst wurde die kleine Strecke von Düsseldorf nach Erkrath eröffnet; dann folgte, noch im Jahre 1838, die Berlin-Potsdamer Bahn, und groß war das Erstaunen, als dort täglich 2000, an Festtagen sogar 4000 Menschen verkehrten. Schon nach Jahresfrist mußte man dieser Gesellschaft gestatten, daß ihre Züge auch in der Dunkelheit fahren durften, natürlich langsam und unter mannigfachen Vorsichtsmaßregeln. Dem Könige war das neue Wesen noch immer nicht recht geheuer; er fuhr noch eine Zeitlang in seinem Wagen neben der Bahn her. Dann merkte er doch, daß selbst seine edlen Trakehner Rappen mit der Lokomotive nicht Schritt halten konnten, und eines Tages erfuhren die Berliner zu ihrer freudigen Überraschung, Seine Majestät sei heute früh mit dem Bahnzuge nach Potsdam gereist. Die Magdeburger Kaufmannschaft rührte sich kräftig. Derweil die Leipziger Bahn in Angriff genommen wurde, begannen schon erfolgreiche Vorarbeiten für eine zweite Linie über Köthen nach Berlin und zugleich Verhandlungen wegen einer dritten Bahn nach Hamburg. Dort freilich zeigte sich der Senat sehr ängstlich, er fürchtete die Abnahme der Elbschiffahrt und die Verarmung der Schiffer. Sehr lange währten die Vorbereitungen für die wichtige Bahn von Köln zur belgischen Grenze. Da mußten sich erst zwei streitende Gesellschaften verschmelzen. Dazwischen hinein spielten widerwärtige Verhandlungen mit dem Brüsseler Hofe, der damals, aufgestachelt durch die Westmächte, dem preußischen Nachbarn eine wenig freundliche Gesinnung zeigte und, dem Geiste der Neutralität zuwider, schon an eine umfassende Befestigung seiner Ostgrenze dachte. Der König schrieb deshalb selbst an König Leopold und drohte mit dem Abbruch der diplomatischen Verbindungen (1837). Trotzdem ließ er, auf Werthers verständigen Rat und die dringenden Bitten König Ludwigs von Bayern, den Plan der Köln-Antwerpener Eisenbahn nicht fallen. Die Bahn war zu wertvoll, nicht bloß für den Handel der Rheinlande, sondern auch für die deutsche Politik: sie sollte Hollands allzeit unberechenbare Zölle umgehen und das belgische Land fester an Deutschland anschließen, da die Brüssel-Pariser Eisenbahn immer noch nicht fertig wurde. Endlich lenkte Belgien ein, und man ward handelseinig. Im August 1839, am Vorabend des königlichen Geburtstages, eröffnete Ammon, der Vorsitzende der neuen Gesellschaft, die erste Bahnstrecke. Er wußte, wie lebhaft Rother und mehrere der andern Minister die Abhängigkeit vom Auslande fürchteten, und sagte darum in seiner Festrede stolz: »Die deutsche Treue beruht auf festem Grunde, auf der angestammten Liebe zu König und Vaterland, auf der klaren Erkenntnis unserer nationalen Vorzüge, unserer sittlichen Volkswürde.« Unterdessen berieten die Kölner schon über die unentbehrliche große Eisenbahn nach dem Osten, nach Minden und Magdeburg. Ungeheuer war der Umschwung. Die Eisenverzehrung des Zollvereins stieg in den Jahren 1834–1841 von 10,6 auf 18,1 Pfund für den Kopf der Bevölkerung, an Schienen, Roh-, Stab- und Schmiedeeisen wurden im Jahre 1834 erst 367 000 Ztr. eingeführt, 1840 schon 1,203 Mill.; denn leider mußte man die Schienen noch aus dem Auslande beziehen, wie die Welt sich verwandelte, das lehrte das tragikomische Beispiel des Generalpostmeisters Nagler. Dieser Todfeind der Eisenbahnen wollte jetzt, nach seiner Niederlage (1839), selber mit den Mitteln der königlichen Post eine Bahn von Halle durch die Goldene Aue nach Kassel bauen, mit Zweigbahnen nach Erfurt, Weimar, Gotha, und sie zum Besten des Postfiskus verwalten. Rother empfahl den Plan dem Könige aufs wärmste, da Post und Eisenbahnen eigentlich denselben Zweck verfolgten. Die andern Minister jedoch erklärten sich dawider. Sie wollten das Monopol der Post nicht noch erweitern; und welch eine partikularistische Torheit, die uralte Handelsstraße, die durch das innere Thüringen über Erfurt und Gotha führte, absichtlich zu umgehen, bloß weil der Weg durch die Goldene Aue mehr preußisches Gebiet berührte! Als nunmehr auch Frankfurt in die Eisenbahnbewegung eintrat, da zeigten sich schon die dunklen Schattenseiten der neuen Erfindung. Eine Uneigennützigkeit, wie sie die Leipziger und die Magdeburger Kaufleute bewiesen hatten, ließ sich von der Residenzstadt Rothschilds nicht erwarten; dort wurde der Kaufmannsgeist nicht durch eine monarchische Gewalt gezähmt. Schon die Frage, auf welchem Ufer des Mains die geplante Frankfurt-Mainzer Eisenbahn angelegt werden sollte, verursachte ärgerlichen Zwist. Nassau verlangte den Bau auf dem dichter bevölkerten rechten Mainufer, Hessen begünstigte sein linkes Ufer; und der Bundestag erlaubte nicht, daß die Mainzer Festungsbehörden sich unmittelbar mit der Gesellschaft verständigten, obwohl der Festungsingenieur, der preußische Major Pientka, sogleich ein treffliches Gutachten abgegeben hatte. Nach langem Streite ward endlich beschlossen, die Bahn auf dem rechten Ufer zwischen Frankfurt und Kastel auszuführen (1838); denn eine Überbrückung des Rheins galt noch für unmöglich. Nun bot das gefällige Komitee dem hessischen Minister du Thil Aktien zum Kaufe an. Du Thil weigerte sich, und auch Großherzog Ludwig erklärte: »Ich weise das weit weg«, sobald ihn sein erfahrener Minister über die menschenfreundlichen Absichten der Unternehmer aufgeklärt hatte. Nur der Geh. Rat Knapp ging in die Falle und mußte dann, nach einer heftigen Interpellation in der Kammer, aus dem hessischen Ministerium ausscheiden. Nachher wollte Rothschild die hessische Regierung zwingen, den Plan binnen sechs Wochen zu genehmigen, weil er für seine Spekulationen den Zeitpunkt der Ausgabe der Aktien genau vorher wissen mußte. Auch diese Zumutung wies du Thil entrüstet zurück. So hielt sich Hessen die Frankfurter Börsenmänner tapfer vom Leibe. In Nassau aber war der Präsident Magdeburg »Komitee und Regierung in einer Person«, und der Frankfurter Senat erließ ein, wie du Thil sagte, »haarsträubendes« Expropriationsgesetz, das den Grundbesitzern eine viermal höhere Entschädigung gewährte als das hessische. Als die Taunusbahn endlich eröffnet war, wurde sie gut verwaltet; sie verlangte aber unbillige Preise, die höchsten in Deutschland. Umsonst versuchte du Thil den Unfug abzustellen. Er scheiterte an dem Widerspruche Frankfurts, »denn in dieser Republik«, so sagte er schwermütig, »ist es eingeführt, daß stets eine Hand die andere wäscht, und überdies waren zu viele Senatoren beteiligt«. Diese Frankfurter Erfahrungen blieben in Baden unvergessen. Dort berief die Regierung eine Notabelnversammlung, um über den Plan einer Eisenbahn von Mannheim nach Basel zu beraten. Der Gedanke fand Anklang, und Nebenius erwies den Notabeln in einer trefflichen Denkschrift, die auch den anfangs widerstrebenden Finanzminister Böckh überzeugte, daß der Staat, um den Aktienschwindel und den Einfluß der Börse fernzuhalten, die Bahn selber bauen müsse. Es war das erste Programm des deutschen Staatseisenbahnwesens. Die Größe der beginnenden sozialen Umwälzung ließ sich am sichersten daran erkennen, daß schlechterdings niemand ihre Folgen genau vorhergesehen hatte. Nicht bloß der Gesamtverkehr wuchs über alle Vorhersagungen hinaus; hatten doch selbst mutige Männer höchstens gehofft, die Eisenbahnen würden den Chausseen etwa ebensoweit überlegen sein wie diese vormals den alten Landwegen. Auch im einzelnen kam fast alles anders als die klügsten Leute erwarteten. Der Betrieb der Eisenbahnen war unzweifelhaft ein Monopol, und jener Paragraph des preußischen Eisenbahngesetzes, welcher auch andern, nicht zur Gesellschaft Gehörigen den Transport gestatten wollte, erwies sich sogleich als ein toter Buchstabe. Die Güter brachten mehr ein als die Personen, der Lokalverkehr mehr als der große, die dritte Wagenklasse mehr als die beiden ersten zusammen; und wie verwundert hatte man noch vor kurzem dem wackeren Friedrich Harkort zugehört, als er voraussagte, der kleine Mann würde die Eisenbahnkassen füllen wie den Steuersäckel, schon um Arbeitslohn zu gewinnen das Fußwandern aufgeben. Die Gewerbsstraßen trennten sich nicht ab von den Kriegsstraßen, wie Aster fürchtete, sondern sie zwangen den Krieg, ihren Bahnen zu folgen. Auch der Pferdebestand nahm nicht ab, wie jedermann glaubte; sondern die Deutschen erfuhren, daß in einem fleißigen Volke jedes befriedigte Bedürfnis neue Bedürfnisse in unendlicher Folge weckt: die Nebenstraßen beschäftigten fortan mehr Pferde als früher die Hauptstraßen. Nun da die Macht des Raumes überwunden ward, begann die Welt auch erst den Wert der Zeit zu schätzen, ja zu überschätzen. Ein hastiges, atemloses Treiben nahm überhand, eine fieberische Begehrlichkeit nach dem Neuen und Unbekannten, ein Drang nach Genuß und Gewinn, der von dem überspannten Idealismus des älteren Geschlechts unheimlich abstach. Die Geselligkeit verödete. Je mehr die Zahl der Briefe zunahm, um so dürftiger wurde ihr Inhalt, und seit die Zeitungen sich mehrten, schrieb der gebildete Mann fast nur noch Geschäftsbriefe. Der anschwellende Verkehr wirbelte alle Stände dermaßen durcheinander, daß der Kastendünkel sich kaum mehr halten konnte. Die Gesellschaft demokratisierte sich, die Umgangssprache ward kürzer, geschäftlicher, aber auch grob und ungemütlich. Der Durchschnittsmensch empfing eine Masse neuer Eindrücke und Kenntnisse, doch je mehr sie sich drängten, um so weniger hafteten sie. Das neue Geschlecht krankte an einer vielseitigen, oberflächlichen Bildung, an Übersättigung, Zerstreutheit, Anmaßung. Die großen Städte wuchsen unaufhaltsam, manche der kleinen sanken, eine krampfhafte Lust an den großstädtischen Genüssen verbreitete sich weithin im Volke, und mit der Macht der Massenkapitalien stieg auch das Massenelend. Für das zerrissene Deutschland war der Segen dieser neuen Verhältnisse doch ungleich größer als ihre Nachteile. Der schreiende Widerspruch geistiger Größe und wirtschaftlicher Armseligkeit konnte nicht fortdauern, ohne den Charakter des Volkes zu gefährden. Die werdende politische Macht des neuen Deutschlands bedurfte des Wohlstandes und der kecken Unternehmungslust, das verhockte und verstockte Treiben der Kleinstädter einer kräftigen Aufrüttelung. Der unwürdige polizeiliche Druck, der auf dem deutschen Leben lag, konnte weder durch Kammerreden noch durch Zeitungsartikel überwunden werden, sondern nur durch die physische Macht eines aller Überwachung spottenden gewaltigen Verkehrs, seit man das engere Vaterland in drei Stunden durchfuhr, kam auch dem schlichten Manne die ganze verlogene Niedertracht der Kleinstaaterei zum Bewußtsein, und er begann zu ahnen, was es heiße, eine große Nation zu sein. Die Grenzen der Stämme und der Staaten verloren ihre trennende Macht, zahllose nachbarliche Vorurteile schliffen sich ab, und die Deutschen erlangten allmählich, was ihnen vor allem fehlte, das Glück, einander kennenzulernen. Darum nannte der deutsch-ungarische Poet Karl Beck, in dem Feuilletonstile der Zeit, die Eisenbahnaktien: »Wechsel ausgestellt auf Deutschlands Einheit«. Auch dem Auslande gegenüber bewährte sich dies erstarkende Selbstgefühl. Die ersten Eisenbahnen wurden noch zum guten Teile mit englischem Kapital erbaut. Nach und nach versuchte der deutsche Geldmarkt selbständiger zu werden, und, was unendlich mehr bedeutete, seit die deutschen Eisenwerke wohlfeilere Kohlen erhielten, begannen sie die englischen Schienen zu verdrängen. Erst durch die billigen Eisenbahnfrachten gelangte die Nation wirklich in Besitz ihrer Eisen- und Kohlenschätze, wieder einmal bewährte sich das alte heilsame Gesetz des historischen Undanks. Deutschland hatte von England gelernt und schob nun, rasch erstarkend, den Lehrer zur Seite. Große Fabriken entstanden, die den Bahnen ihre Wagen und Maschinen bauten. In Berlin gründete der junge Schlesier Borsig, nachdem er eine Zeitlang die Eisengießerei der Firma Egells geleitet, eine Maschinenfabrik für den Bau von Lokomotiven; mit fünfzig Arbeitern begann er, nach wenig Jahren beschäftigte er ihrer schon tausend; er wußte, daß dem Mutigen die Welt gehört. In Nürnberg erweiterte sich die kleine Wagenbauanstalt der Fürther Eisenbahn zu der großen Fabrik von Klett und Cramer. Ein neuer Stand von Ingenieuren und Eisenbahntechnikern kam empor, sehr reich an Talenten, unternehmend, stolz im Bewußtsein einer großen Kulturaufgabe. Es war eine schöne friedliche Arbeit nationaler Befreiung – erst im nächsten Jahrzehnt sollte sie ihre ganze Stärke offenbaren. (580–598.) Der welfische Staatsstreich Trotz der allgemeinen Ermattung und trotz seiner parlamentarischen Niederlagen blieb der Liberalismus im Wachstum. Seine sozialen Ideen verbreiteten sich in der Stille, sie wurden allmählich zu Standesvorurteilen des gebildeten Bürgertums, das sich jetzt, seit zu dem Wissen der neue Wohlstand hinzukam, ganz unbedenklich für den Kern der Nation hielt. Die scheinbare gesellschaftliche Gleichheit der Franzosen und das Gesetzbuch der durchgebildeten Geldwirtschaft, der Code Napoléon , fanden Bewunderung nicht bloß im Südwesten, auch in Thüringen, in Sachsen, in den Städten der alten preußischen Provinzen. In diese demokratisierte, den alten Standesunterschieden entfremdete Gesellschaft schlug nun eine Gewalttat hinein, welche auch die schlummernden politischen Leidenschaften wieder erweckte und von der häßlichen Lüge des deutschen Bundesrechts den letzten Schleier hinwegriß, ein Staatsstreich so frevelhaft, so unentschuldbar, so gemeinverständlich in seiner Roheit, daß der sittliche Ekel fast alle irgend selbständigen Männer zum Widerspruche zwang und den Reihen der liberalen Opposition mit einem Male neue Kräfte zuführte. Am 20. Juni 1837 starb König Wilhelm IV., und da nach deutschem Rechte der Mannesstamm den Weibern vorging, so zerriß jetzt, zum Segen für beide Teile, das unnatürliche Band, das die kurbraunschweigischen Lande durch vier Menschenalter an Großbritannien gekettet hatte. Für die Briten hatte diese Verbindung längst allen Wert verloren. Die hannoverschen Truppen für englische Zwecke zu verwenden war unter dem Deutschen Bund kaum noch möglich; seit der Entstehung des preußischen Volksheeres bedeutete die kleine Armee ohnehin nicht mehr soviel wie im alten Jahrhundert. Seit der Zollverein gesichert war, konnte auch die handelspolitische Dienstbarkeit Hannovers den Engländern nichts mehr nützen. Einzelne kleine Gewinste vermochte Palmerstons geschickte Hand wohl noch aus dem deutschen Nebenlande herauszuschlagen; mit Hannovers Hilfe hatte er vor kurzem die Bundesexekution in Luxemburg vereitelt. In der Regel empfand er die Doppelstellung der Krone nur als eine Last; wenn der König von Hannover andere Wege ging als der König von England und die Bundespolitik der Hofburg unterstützte, dann mußte die britische Staatskunst vor den Augen der Welt noch treuloser erscheinen als sie wirklich war. Gesättigt von den Erfolgen des Napoleonischen Zeitalters, hatte sich der Ehrgeiz der Nation seit einigen Jahren fast ausschließlich den überseeischen Interessen, dem Oriente und den Kolonien, zugewendet. Die öffentliche Meinung verstand den Grundsatz der Nichteinmischung, der von Palmerston so mannigfach ausgelegt wurde, in buchstäblichem Sinne; sie wollte von den festländischen Wirren wenig hören, sie verlangte, daß England wieder ein Inselreich würde, und schon darum hieß sie die Trennung von Hannover willkommen. Mit der Thronbesteigung der Königin Viktoria errang die Politik der Reform für lange Zeit einen vollständigen Sieg. Die unerfahrene junge Fürstin sah sich außerstande, die schattenhafte monarchische Gewalt durch die Kraft eines selbständigen Willens neu zu beleben, sie konnte sich nur von dem Strome der vorherrschenden nationalen Gesinnung treiben und tragen lassen. König Wilhelm war den liberalen Ideen halb widerstrebend gefolgt, Viktoria gehörte ihnen schon durch die Geburt an, da ihr väterliches Haus mit den Hochtorys stets in Feindschaft gelebt hatte. Sie überließ sich willig der Führung des Hauptes der Whigpartei, Lord Melbourne, und wurde zugleich von ihrem Oheim, König Leopold, mit politischen Ratschlägen unterstützt. Der kluge Coburger arbeitete bereits seit Jahresfrist an einem neuen Heiratsplane, der seinem Hause die dritte Königskrone einbringen sollte; er dachte seinem Neffen Albert die Stellung des englischen Prinzgemahls, die er einst für sich selber erhofft hatte, zu verschaffen. Um sich auf sein hohes Amt vorzubereiten, mußte der junge Prinz ein Jahr in Brüssel verleben, denn in Berlin, so meinte Stockmar, könne man nichts lernen, Preußens Haltung gegen Deutschland sei »weder politisch noch ehrlich«. Durch die coburgische Verwandtschaft wurde die Königin auch dem Tuilerienhofe nähergeführt; das gelockerte Bündnis der Westmächte schien sich wieder zu befestigen, mit donnernden Hochrufen empfing das Londoner Volk bei der Krönung den französischen Botschafter Marschall Soult, der sich in Spanien so oft mit den Briten gemessen hatte. Die Reformbill hatte den Umbau des alten aristokratischen Staatswesens nicht vollendet, sondern erst begonnen; eine Zeit großer sozialer Neugestaltungen nahte unverkennbar heran. Das ahnte jedermann, als die Königin in den ersten Tagen ihrer Regierung den reichen, menschenfreundlichen Moses Montefiore als Sheriff von London in den Ritterstand erhob – den ersten Juden, dem solche Ehre widerfuhr. Während also in England unter einem willenlosen Königtum die öffentliche Meinung ihre unbeschränkte Herrschaft antrat, erhoffte das hannoverische Volk von der Gnade des einheimischen Landesherrn ein unbestimmtes Glück. Unablässig arbeiteten die schöpferischen Kräfte der neuen deutschen Geschichte an der Zerstörung der seit zwei Jahrhunderten eingedrungenen Fremdherrschaft, was in Pommern, in Preußen, in Schlesien nur unter schweren Opfern und Kämpfen erreicht war, das gelang in Hannover durch die Gunst des Zufalls, und alsbald zeigte sich, wie wenig die lange Verbindung mit dem Auslande den Kern des niedersächsischen Volkstums verändert hatte. Die starke englische Kolonie in der Stadt Hannover, einige britische Sitten und Familienverbindungen in der vornehmen Gesellschaft, dazu die kriegerischen Erinnerungen der Veteranen und ein hohes Maß von Selbstgenügsamkeit, das war in Wahrheit alles, was von dem ausländischen Wesen noch übrigblieb. Ohne Kummer gaben die Hannoveraner den Namen der deutschen Großbritannier auf, um fortan sich selbst und ihrem endlich sichtbaren Könige zu leben. Ein Glück nur, daß sie trotz ihrer britischen Neigungen selten englische Zeitungen lasen und von dem schlimmen Rufe ihres neuen Herrschers wenig wußten. Mit der einzigen Ausnahme des Selbstmords hat der Herzog von Cumberland schon jedes erdenkliche Verbrechen begangen – so schrieb um jene Zeit ein radikales englisches Blatt und sprach damit nur in pöbelhaften Formen aus, welchen furchtbaren Haß dieser unbeliebteste aller englischen Prinzen im Verlaufe eines sechsundsechzigiährigen Lebens auf sich geladen hatte. König Ernst August war der begabteste unter den sieben Söhnen Georgs III., aber schlecht erzogen, nicht bloß aller Bildung bar, sondern ein abgesagter Feind der Wissenschaft, die er »dem Federvieh der Tintenkleckser« überließ; nur wer wohl geboren, wohl gekleidet und mäßig gelehrt war, galt ihm, wie einst den Römern, für einen anständigen Mann. Auf der Göttinger Hochschule hatte er nicht einmal die deutsche Sprache gelernt, um so gründlicher die Reitkunst. Als er dann in den niederländischen Feldzügen ein hannöversches Dragonerregiment befehligte, zeigte er sich sehr tapfer, aber auch so roh und grausam, daß Scharnhorst seinen Abscheu kaum bezwingen konnte. Wiederholt verbot er seinen Reitern, ihm die verfluchten französischen Republikaner gefangen einzubringen; alles wollte er niedersäbeln, in einem wilden Handgemenge verlor er selbst ein Auge. An den Napoleonischen Kriegen beteiligte er sich nicht, nur in den Tagen der Schlacht von Kulm erschien er für kurze Zeit im Hauptquartier der Verbündeten. Trotz dieser geringen Kriegserfahrung betrieb er das Soldatenhandwerk mit leidenschaftlichem Eifer, und unbeschreiblich war seine Freude, als König Friedrich Wilhelm ihn zum Chef der Roten-Zieten-Husaren ernannte. Neben dem steifen Dünkel des englischen Lords behielt er doch immer etwas von der naturwüchsigen Frische des deutschen Reiteroffiziers. Im Oberhause ward er rasch ein gefürchteter Führer der Hochtorys; bald drohend und lärmend, bald schlau belügend, bald leise hetzend wußte er seine Leute bei der Stange zu halten. Nur die hartreaktionären Grundsätze Lord Eldons fanden seinen Beifall; selbst den eisernen Herzog hielt er für einen gefährlichen Ränkeschmied, weil Wellington sich den Forderungen der Zeit doch nicht ganz versagte. Die für so lange Jahre folgenreiche Wiedererhebung der Torys im Jahre 1807 war zum guten Teile Cumberlands Werk und blieb ihm bei den geschlagenen Whigs unvergessen. In den folgenden Jahren bekämpfte er hartnäckig jeden Reformvorschlag, am heftigsten die Emanzipation der Katholiken; denn ganz so buchstabengläubig wie sein Vater hielt er es für einen Eidbruch, wenn die verfassungsmäßigen Vorrechte der anglikanischen Kirche auf verfassungsmäßigem Wege beschränkt würden. Er wurde Großmeister des reaktionären Geheimbundes der Orangelogen, der unter dem Banner »Thron und Kirche« höchst verdächtige Zwecke verfolgte und schon durch seine Heimlichkeit allen guten altenglischen Überlieferungen widersprach; manche Heißsporne unter den Verschworenen hofften im Ernst, den reformfreundlichen König Wilhelm zu beseitigen und Cumberland auf den Thron zu erheben. Als die Wühlerei im Parlamente zur Sprache kam und der Herzog sich genötigt sah, die Logen aufzulösen (1836), da beteuerte er heilig, vielleicht mit Recht, von solchen Plänen nichts gehört zu haben. Doch wer sollte ihm Glauben schenken, wenn er, der Feldmarschall und Großmeister, dann auch noch behauptete, ganz ohne sein Wissen seien Offiziere in die Logen eingetreten? Die Briten kannten ihn schon. Aufrichtig war er nur, sobald er unter Kameraden gemeine Witze riß oder seine Gegner mit schmutzigen Schimpfreden überflutete. Seine geschmacklosen Ausschweifungen und seine tolle Verschwendung hätte man ihm gern verziehen, wenn sich in dem wüsten Treiben auch nur ein Zug menschenfreundlichen Humors gezeigt hätte. Er aber fand seine Lust daran, den Freund gegen den Freund, den Gatten gegen die Gattin, die Geliebte gegen den Liebhaber aufzustacheln. Das eine kurzsichtige Auge, das ihm noch geblieben war, bemerkte jede Unordnung, jede Schwäche, jede Lächerlichkeit, und feige, unritterlich den Vorteil seiner hohen Stellung mißbrauchend, hechelte er dann mit seiner feinen Stimme seine Opfer durch schlagfertige Erwiderungen, wie sie der Große Friedrich und alle wahrhaft witzigen Spötter liebten, donnerte er mit einem Fluche nieder. Jedem Menschen trat er auf die Hühneraugen, so sagten seine eigenen Brüder, wenn er einen gebrechlichen greisen Herrn recht lange stehen ließ oder einen Feinschmecker durch eine plötzliche Einladung vom leckeren Mahle hinwegscheuchte oder an einer hellgekleideten alten Dame sich den Rücken wärmte, als ob er sie für einen weißen Ofen hielte, dann fühlte er sich behaglich; und sein getreuer Referent Wilkinson, den er nachher als Hofkaplan nach Hannover berief, bewunderte diese brutalen Witze mit so bedientenhafter Freude, daß die Deutschen glauben mußten, nach englischer Anschauung bestehe der Lebensberuf des Fürsten wirklich im Zertreten von Leichdörnern. Eine stattliche Erscheinung, wenn der starke große Herzog mit dem meisterhaft gewichsten grauen Schnurr- und Backenbarte auf seinem edlen Rosse dahergeritten kam; die Husarenuniform saß ihm wie angegossen, aber in den scharfgeschnittenen soldatischen Gesichtszügen lag ein so widerwärtiger Ausdruck von Hohn und Härte, daß viele den unleugbar schönen Mann für abschreckend häßlich erklärten, wie oft warnte der Dichter der Whigs, Thomas Moore, die englischen Mädchen vor der bärbeißigen Larve ( grim phiz ) des öden galoppierenden Herzogs: Der edle Prinz, es trifft sich gut, Gleicht gar so sehr in Fleisch und Blut Dem Chef des Hauses Belzebub! Während der letzten Jahre pflegte er bald in Berlin, bald in London Hof zu halten. In Preußen galt er wenig; man erzählte nur beiläufig, daß er in den reaktionären Kreisen der Mecklenburgischen Partei sehr laut zu reden liebte. In England wurde seine Stellung immer peinlicher, seit die Whigs wieder obenauf kamen. Er haßte den König, der ihn zwang, die Reformbill ohne Widerstand hinzunehmen und ihm bei der Besetzung der hannoverschen Vizekönigsstelle den jüngeren Bruder Cambridge vorzog; er haßte noch bitterer seine junge Nichte, die ihm den Weg zum längst erhofften Throne vertrat – und trotz seiner zynischen Menschenverachtung wurmte es ihn tief, daß die Londoner Gesellschaft ihm schlechthin alles zutraute, greuliche, längst widerlegte Skandalgeschichten aus seiner Jugendzeit immer wieder auftauchten. Die ihn näher kannten, wußten wohl, daß Ernst August auch ungewöhnliche Herrschergaben besaß, wenn es ihm ernst war, dann arbeitete er mit eisernem Fleiße, wachsam, sicher, sorgfältig; sein scharfer natürlicher Geschäftsverstand ersetzte vollauf die mangelnde Bildung, und wo der Vorteil seines Hauses nicht ins Spiel kam, zeigte er sich sogar gerecht. Selbst sein Gemüt war doch nicht ganz verödet, wie hätte er sonst seine Gemahlin Friederike so zärtlich lieben können. Die schöne Schwester der Königin Luise hatte schon zwei Gatten beglückt, den Prinzen Ludwig von Preußen, nachher den Fürsten von Solms-Braunfels, und im Witwenstande auch noch manche süße Stunde verlebt. In ihrem leichten, lachenden, liebreichen Wesen lag ein bestrickender Zauber, dem selbst der sittenstrenge König Friedrich Wilhelm nicht widerstand; wenn man in früheren Jahren seine muntere Schwägerin bei ihm verklagte, dann sagte er ärgerlich: Ach was! Andere auch nichts taugen! In den Napoleonischen Zeiten hatte sie sich stets als gute Preußin gezeigt und mit den Führern der Patrioten fest zusammengehalten. Jetzt war sie längst gesetzter geworden, streng kirchlich, wohltätig, eine sorgsame Gattin. Ihre dritte Ehe wurde durch die Weihe eines großen Schmerzes geadelt. Der einzige Sohn Prinz Georg konnte von der Wiege an mit dem einen Auge nicht sehen und verletzte sich dann, als er einen Geldbeutel im Kreise wirbeln ließ, das gesunde Auge so schwer, daß er rettungslos dem Erbleiden der Welfen, der Blindheit, zu verfallen schien. Dies Unglück bestärkte den Vater in seiner religiösen Empfindung. Der alte Eisenkopf liebte den Gottesdienst, nicht bloß aus englischer Gewohnheit; nur mußte die Predigt kurz sein, kräftig, ohne Prunk und Salbung. Er fühlte in seiner Weise sehr lebhaft seine Verantwortlichkeit vor Gott, er betete still, bevor er einen schweren politischen Entschluß faßte und erlangte dann stets die tröstliche Gewißheit, daß die Wege Gottes mit den Ratschlüssen des Welfenhauses genau zusammenträfen. So war der seltsame Sterbliche, der jetzt einen friedlichen, ihm fast ganz unbekannten deutschen Kleinstaat regieren sollte, ein geborener Tyrann, gewohnt, sich selber alles, andern nichts zu erlauben. Suscipere et finire hieß sein Wahlspruch. Den Deutschen war er schon darum ein furchtbarer Gegner, weil sie diesen sonderbar gemischten, durchaus englischen Charakter nicht sogleich durchschauten. In Deutschland ist die Grobheit fast immer ehrlich. Dem polternden alten Husaren traute niemand eine Falschheit zu; darum konnte er auch die hannoverschen Minister so leicht überlisten, als er einst die Annahme des Staatsgrundgesetzes zusagte und dann wieder hinausschob. Erst nachdem das Lügenspiel vollendet war, erkannte unser Volk, wieviel durchtriebene Arglist sich hinter den rohen Formen des Briten versteckte, und der preußische Gesandte Oberst Canitz merkte dann auch bald, daß der Welfe selbst seine Wutausbrüche zuweilen erkünstelte, um andere einzuschüchtern. Gleich nach dem Tode seines Bruders huldigte Ernst August kniend der neuen Königin; sonst hätte er seine Prinzenrechte und die Apanage von 21 000 £ verloren. Dann reiste er ab, und die große Mehrzahl der englischen Zeitungen geleitete ihn mit dem Segenswunsche: hoffentlich würde man einander niemals wiedersehen. Er war jetzt englischer Thronfolger, und solange Victoria kinderlos blieb, hielt er eigensinnig die Hoffnung fest, ihr plötzlicher Tod könnte ihm doch noch die englische Königswürde verschaffen; hatte doch das Parlament für diesen Fall schon durch ein Gesetz Vorsorge getroffen. Die kleinere Krone aber, die ihm vorläufig genügen mußte, sollte ganz selbständig dastehen: unabhängig nach außen – darum nannte er sich fortan mit Stolz einen souveränen deutschen Fürsten, obgleich er den englischen Sitten treu blieb und immer nur ein gebrochenes Deutsch sprach – unabhängig auch im Innern. Bei seinen gelegentlichen Besuchen in Hannover hatte er das bequeme alte Beamtenregiment, »das Reich der Sekretäre« oft mit ätzendem Spotte übergossen. Er wußte, daß diesem Lande vornehmlich eine starre monarchische Gewalt not tat, und er dachte sie ihm zu bringen; er dachte ihm eine andere Verfassung zu geben und dann nach dieser treulich zu regieren. Dies nannte er Ordnung und beteuerte: »Regierungswillkür war mir immer verhaßt!« Wie die neue Verfassung beschaffen sein sollte? – das wußte er selbst noch nicht, da er sich um das Land nie bekümmert hatte; genug, wenn sie die Macht der Krone befestigte. Ein anderes Recht außer der Satzung seines eigenen Willens erkannte der Welfe nicht an. Gegen die Verfassungsgesetze von 1814 und 1819 hatte er protestiert – allerdings nur heimtückisch, in der Tasche; das Staatsgrundgesetz hatte er nicht förmlich angenommen. Folglich hielt er sich an die Gesetze seiner Vorfahren nicht gebunden und rüstete sich wohlgemut zu einem Staatsstreiche, dessen Frechheit durch keinerlei Notstand beschönigt werden konnte, wenn der neue König seiner Pflicht gemäß die zu Recht bestehende Verfassung beschwor, dann mochte er fast alle seine Wünsche auf gesetzlichem Wege durchsetzen. Das Staatsgrundgesetz bestand erst seit vier Jahren und hatte noch keine tiefen Wurzeln geschlagen; nicht bloß der Adel murrte, auch das Volk fand wenig Freude an den langweiligen, unfruchtbaren Landtagsverhandlungen. Die durchaus ergebene erste und die sehr nachgiebige zweite Kammer ließ sich zu einigen Verfassungsänderungen sicherlich leicht bewegen, und sobald erst ruhig verhandelt wurde, dann mußte der geschäftskluge Welfe bald selbst einsehen, daß die Vereinigung der Steuerkasse mit der Domänenkasse, die er jetzt als eine demagogische Neuerung verwünschte, nur der Krone selbst Vorteile brachte. Ihn aber verblendete die Leidenschaft. Er hatte durch Schele, den Führer der Adelspartei, Wunderdinge gehört über den Radikalismus des Staatsgrundgesetzes, das in Wahrheit die Rechte des Königtums sorgsamer schonte als irgendeine andere der neuen deutschen Verfassungen, und nannte deshalb den Kabinettsrat Rose den hannöverschen John Russell. Wie er die englischen Reformer bekämpft hatte, so hoffte er in Hannover »der Demokratie die Flügel zu beschneiden«; und – seltsam genug – bei dem rohen Rechtsbruche wirkte auch die bornierte Gewissenhaftigkeit mit. Nach seiner Auffassung des politischen Eides konnte Ernst August das Staatsgrundgesetz nicht beschwören, weil er sich dann verpflichtet geglaubt hätte, keinen Buchstaben mehr daran zu ändern. Um sein eigenes Gewissen zu sichern, hielt er sich berechtigt, die Gewissen seiner Untertanen zu bedrängen. Also stürmte er blindlings hinein in die Bahn des Unrechts – denn ich bin ein Bock, so gestand er selbst – und getröstete sich des altenglischen Glaubens, daß die Deutschen zwar die besten Soldaten der Welt seien, aber von ihren Fürsten alles gelassen hinnähmen. (643-649.) Die Göttinger Sieben Am 1. November wurde durch ein zweites Patent das Staatsgrundgesetz aufgehoben, die alte Verfassung von 1819 wieder eingeführt, das Beamtentum – oder, wie es fortan hieß: die königlichen Diener – des Verfassungseides entbunden, endlich, als ob man das Volk bestechen wollte, den getreuen Untertanen die Summe von 100 000 Talern jährlich an den direkten Steuern erlassen. So maßte sich der welfische König das Recht an, seine Beamten eines nicht ihm geleisteten Eides zu entbinden – ein Recht, das in der römischen Kirche nur dem Papste, in der evangelischen keinem zusteht. Auf einen solchen Frevel war trotz allem, was geschehen, niemand gefaßt. An jeden einzelnen Beamten trat jetzt die Frage heran, ob er sein Gewissen der Gewalt unterwerfen, den neuen Diensteid schwören und damit den alten brechen dürfe, während das Land unter dem Schlage noch wie betäubt lag, unterzeichneten am 18. November sieben der namhaftesten Göttinger Professoren eine Vorstellung an das Universitätskuratorium, worin sie einfach erklärten, daß sie sich auch jetzt noch an ihren Verfassungseid gebunden hielten: »Das ganze Gelingen unserer Wirksamkeit beruht nicht sicherer auf dem wissenschaftlichen Werte unserer Lehren als auf unserer persönlichen Unbescholtenheit, sobald wir vor der studierenden Jugend als Männer erscheinen, die mit ihren Eiden ein leichtfertiges Spiel treiben, ebensobald ist der Segen unserer Wirksamkeit dahin. Und was würde Seiner Majestät dem Könige der Eid unserer Treue und Huldigung bedeuten, wenn er von Männern ausginge, die eben erst ihre eidliche Versicherung freventlich verletzt haben?« E. Albrecht, der als Lehrer unvergleichliche, als Schriftsteller leider wenig fruchtbare Jurist, hatte den Gedanken zuerst bei Dahlmann angeregt, und Dahlmann darauf die Erklärung aufgesetzt, die unverkennbar den Ausdruck eines tiefen sittlichen Leidens trug. Es war, wie ihr Verfasser sagte, eine Protestation des Gewissens, nur durch den Gegenstand ein politischer Protest. Nachher unterzeichneten noch die Gebrüder Grimm, Wilhelm Weber, Ewald und der junge Gervinus. Von allen den Sieben hatten bisher nur Dahlmann und Gervinus am politischen Kampfe teilgenommen, und auch sie standen bei den Liberalen der Rotteck-Welckerschen Schule im Rufe übertriebener Mäßigung. Der alte Welfe geriet in furchtbare Wut, als er von dieser Tat erfuhr, die doch nicht einmal offene Widersetzlichkeit war; ihm fehlte jedes menschliche Verständnis für den Edelsinn der Gegner. Er selbst hatte fünf Monate lang geschwankt und erst zwei andere Pläne verworfen, bevor er die Verfassung umstieß; aber sobald seine Entscheidung gefallen war, meinte er alles erledigt und forderte schweigenden Gehorsam. So faßte er seine königliche Machtvollkommenheit auf. Alsbald verfügte er (28. November) eigenhändig in seinen rohen Schriftzügen: Er habe vernommen, wie »sich die Professoren nach erfolgter Aufhebung des Staatsgrundgesetzes dasselbe gewissermaßen noch als gültig zu betrachten und aufrechtzuerhalten herausnehmen«, und ersehe daraus, daß sie »augenfällig eine revolutionäre, hochverräterische Tendenz verfolgen, welche sie persönlich verantwortlich macht: sie scheinen daher der Macht des peinlichen Richters verfallen«; demnach sollten die Behörden »diesem verbrecherischen Beginnen« steuern und die Schuldigen zur Strafe ziehen. Schele stimmte freudig zu: Ein abschreckendes Beispiel sei nötig, damit die Übelwollenden sich nicht an die Erklärung der Sieben »als an ein Panier« anschlössen; aber statt der aussichtslosen peinlichen Untersuchung empfahl er ein kürzeres Verfahren, vergeblich baten die Minister Arnswald und Stralenheim als Kuratoren der Universität, man möge mindestens die Vorschriften der Bundesgesetze achten und zunächst den Bericht des Regierungsbevollmächtigten einfordern. Ein kurzes, von Leist entworfenes Reskript verfügte die sofortige Entsetzung der Sieben, und der König befahl nachträglich noch selbst, daß ihnen ihr Gehalt nur bis zum Tage der Entlassung ausgezahlt werden dürfe. Dahlmann, Jakob Grimm und Gervinus erhielten außerdem die Weisung, das Land binnen drei Tagen zu verlassen, weil sie die Erklärung einigen Freunden mitgeteilt hatten. Die Studenten hatten das Schriftstück längst überall verbreitet, sie nahmen nach dem schönen Vorrechte der Jugend ungescheut Partei für die gute Sache und begrüßten Dahlmann als »den Mann des Wortes und der Tat«; es kam schon zu Händeln mit der bewaffneten Macht. Nur einige Söhne des hannöverschen Adels schämten sich nicht, den Mißhandelten das Honorar durch den Stiefelputzer abzufordern. In der Nacht, bevor die drei Verbannten, von Kürassieren bewacht, abreisten, wanderten die Burschen in Scharen hinaus – denn den Lohnkutschern hatte die Polizeigewalt zu fahren verboten – und drüben in Witzenhausen, auf dem freieren hessischen Boden, nahmen sie Abschied von ihren Lehrern. Als der kleine Sohn im Grenzwirtshause sich vor Jakob Grimms majestätischem Kopfe hinter dem Rocke der Wirtin versteckte, sagte die Mutter mitleidig: Gib dem Herrn die Hand, es sind arme Vertriebene. Mit alledem war Ernst Augusts Rachgier noch nicht ersättigt. Kaum erfuhr er, daß Dahlmanns Berufung nach Rostock im Werke sei, so ließ er alsbald nach Schwerin und Strelitz schreiben, was dieser Mecklenburger alles verbrochen habe: »Seine Majestät haben geglaubt, den großherzoglichen Höfen Kenntnis von den Handlungen eines Mannes geben zu müssen, der in einem Lehramte an einer Universität nur höchst nachteilig auf die studierende Jugend wirken kann.« Die mecklenburgischen Regierungen fürchteten sich vor der drohenden Sprache des Welfen; sie beteuerten, der Wahrheit zuwider, die Verhandlungen seien längst abgebrochen, und erklärten, nunmehr könne von der Berufung »natürlich gar nicht die Rede sein«. Auf die Nachricht, daß Jakob Grimm die Seinigen in Göttingen heimlich besuchen wolle, erging sofort der Befehl, den Verbrecher durch Landdragoner über die Grenze zu schaffen. Um die offenbare Ungesetzlichkeit ihrer Entlassung auf dem einzigen gerichtlichen Wege, der ihnen noch offenstand, zu erweisen, klagten die Sieben auf Auszahlung ihres rückständigen Gehalts für das letzte Halbjahr. Da befahl der König der Justizkanzlei in Hannover durch ein Kabinettsschreiben des allezeit willigen Leist: sie solle die Klage einfach abweisen. Als der redliche Kanzleidirektor von Hinüber sich diesem rechtswidrigen Ansinnen widersetzte, da befürchtete Leist, die Justizkanzlei würde das königliche Kabinett verurteilen, oder auch die Professoren könnten beim Bundestage wegen verweigerter Justiz klagen. Um beides zu verhindern, beschloß man den Kompetenzkonflikt zu erheben. Die Kommission, welche die Kompetenzkonflikte zu entscheiden hatte, war freilich durch die Aufhebung des Staatsgrundgesetzes vernichtet; welches Recht stand denn noch fest in dem zerrütteten Staate? Indes gelang es, die Sache so lange hinzuhalten, bis Ernst August einen neuen Staatsrat gebildet hatte, und dieser entschied (1841): Das Gericht dürfe die Klage nicht annehmen, weil Entlassung und Gehaltsentziehung zu den Hoheitsrechten des Landesherrn gehörten. Der Welfe hoffte noch lange, die Federfuchser würden sich demütigen, und sagte in Alexander Humboldts Gegenwart: Professoren, Huren und Ballettänzerinnen kann man für Geld überall haben. Sobald Schele das falsche Gerücht hörte, daß Albrecht und Ewald das Geschehene bedauerten, schrieb er sogleich nach Göttingen: Die Wiederanstellung sei nicht unmöglich, falls die beiden wirklich Reue bezeigten. Leider gab die Haltung der andern Professoren dem Könige einigen Grund, so niedrig zu denken von dem Mute der Gelehrten. Die Gelehrsamkeit der Georgia Augusta hatte sich den Kämpfen des öffentlichen Lebens von jeher grundsätzlich ferngehalten; manche der alten Hofräte empfanden es wie eine Beleidigung ihrer Amtsehre, daß sie jetzt in die Wirren der Politik hineingerissen wurden. Wenige Tage, nachdem die Erklärung der Sieben ruchbar geworden, fuhren der Prorektor und die Dekane nach dem Jagdschlosse Rotenkirchen im Solling, um dem Könige untertänig auszusprechen, »daß sie in dem Vertrauen zu den landesväterlichen Absichten Seiner Majestät überall nicht wanken und niemals Gesinnungen hegen werden, welche dem entgegen sind«. Sie wagten sogar kein Wort der Erwiderung, als die amtliche »Hannöversche Zeitung« nachher dem Prorektor eine völlig gefälschte, die Tat der Sieben entschieden verwerfende Rede unterschob. Nur sechs jüngere Professoren, Otfried Müller voran, entschlossen sich, angeekelt durch dies Übermaß der Lüge, zu der öffentlichen Erklärung, daß sie den Schritt ihrer entlassenen Kollegen nicht mißbilligten. Aber niemand wollte sich den Sieben rückhaltlos anschließen. Der schon durch Rauschenplatts Revolution verdunkelte Glanz der Universität verblich jetzt gänzlich, für viele Jahre; die auswärtigen Studenten mieden den verrufenen Ort, der Abgang so trefflicher Lehrkräfte ließ sich nicht ersetzen. Ernst August wünschte vornehmlich die Lehrstühle Dahlmanns und Albrechts mit ergebenen Leuten zu besetzen, damit den Studenten die neue Lehre von der unbeschränkten Gewalt des alleinigen Dienstherrn eingeprägt würde; allein solche Gelehrte waren in Deutschland selten. Der Marburger Vollgraff, der in einigen verworrenen Schriften, nicht ohne Geist »die Täuschungen des Repräsentativsystems« bloßgelegt hatte, genügte doch zu wenig den hohen wissenschaftlichen Ansprüchen, welche das Orakel des Kuratoriums, der greise Historiker Heeren, an die Lehrer der Georgia Augusta zu stellen pflegte, und man wagte nicht, ihn zu rufen. Umsonst baten die Universität und die Stadt in wiederholten Eingaben um die Rückkehr der Sieben. Selbst der Gothaer G. Zimmermann, der einzige namhafte deutsche Publizist, der in die Dienste des Welfenhofes gegangen war, hielt die Rückberufung für nötig, um das Land und die tief erbitterte gelehrte Welt zu beruhigen. Ernst August blieb unerbittlich. Als man im Herbst 1846 erzählte, Dahlmann, Jakob Grimm und Gervinus wollten auf Besuch nach Göttingen kommen, entschied der Welfe kurzab: Es bleibe bei den früheren Befehlen. Wie gründlich täuschte er sich, als er in der ersten Schadenfreude zu Canitz sagte, »diese Leute haben meiner Sache eher genützt als geschadet«. Es währte nicht lange, da rief er zornig: »Hätt' ich gewußt, was mir die sieben Teufel für Not machen würden, so hätt' ich die Sache nicht angefangen.« Seit der Julirevolution hatte kein Ereignis mehr eine solche Aufregung hervorgerufen. Die Frage lag so einfach, sie berührte so unmittelbar die empfindlichste Seite des deutschen Gemüts, die Treue, daß die schlichten Leute mit ihrem Urteil rasch fertig wurden. Der Nation war zumute, als sei ein englischer Räuber plötzlich in ihren Garten eingebrochen. Der burschikose junge Poet Hoffmann von Fallersleben sagte nur grob heraus, was Tausende empfanden, als er sang: »Frisch Knüppel aus dem Sack! Aufs Lumpenpack! Aufs Hundepack!« Und wer noch irgend zweifelte, den mußten die Verteidigungsschriften der Sieben gewinnen. Dahlmanns Büchlein »Zur Verständigung« war ein Meisterwerk deutscher Publizistik; die leidenschaftlich bewegte Sprache blieb immer würdig und vornehm, und nirgends verleugnete sich die gemäßigte Gesinnung des Monarchisten: »Ich kämpfe für den unsterblichen König, für den gesetzmäßigen Willen der Regierung, wenn ich mit den Waffen des Gesetzes das bekämpfe, was in der Verleitung des Augenblicks der sterbliche König im Widerspruch mit den bestehenden Gesetzen beginnt ... Ich traue nicht dem Mut des Liebeleeren und nicht der Liebe des Mutlosen. Hier gilt es Deutschland. Kann eine Landesverfassung vor den Augen des Bundes wie ein Spielzeug zerbrochen werden, eine Verfassung, von der es unmöglich ist zu leugnen, daß sie in anerkannter Wirksamkeit bestanden hat, dann ist über Deutschlands nächste Zukunft entschieden, aber auch über die Zukunft, die dieser folgen wird.« Wie Dahlmann die politische, so zeigte Jakob Grimm die menschliche Niedertracht des Staatsstreichs in einem Schriftchen, das mit den Worten der »Nibelungen« anhob: »War sint die eide komen?« Albrecht beleuchtete die Rechtsfrage in einer scharfsinnigen Erörterung, die um so stärker wirken mußte, weil der große Jurist nie verhehlte, daß er die landläufigen liberalen Lehren vom sogenannten Widerstandsrechte für eitle Zirkelschlüsse hielt. Auch Gervinus und Ewald sprachen sich freimütig aus, und von allen Seiten her kam ihnen Beistand. Georg Beseler, der sich als Kampfgenosse wider die Dänen das Vertrauen Dahlmanns erworben hatte und jetzt an der Rostocker Hochschule lehrte, rechtfertigte die sieben in volkstümlichen Briefen. Anastasius Grün richtete an Jakob Grimm ein begeistertes Gedicht und wünschte: Daß bis Hannover hin der Sang sich schwänge wundertönig, Ans Ohr des Herzogs Cumberland, der jetzt Hannovers König. Versteht er auch des Deutschen Lied von deutscher Ehre schwerlich, Wird sich wohl einer finden dort, ihm's zu verwelschen ehrlich. Ein Märchen »Anno 1937« schildert, wie die Großmutter dem Enkel von dem bösen König, dem zerrissenen Freiheitsbriefe, den Sieben und den Dreien erzählte, und der Bube verwundert antwortete: »Das kann unmöglich möglich sein!« Überall hatten die vertriebenen Mühe, sich den Huldigungen und Zuschriften zu entziehen. Die Bewegung ergriff alle deutschen Gaue, bis zu den fernen Grenzmarken. Die Kieler überschickten an Dahlmann, den alten Vorkämpfer des Holstenrechts, eine Dankadresse; die Elbinger Bürger sprachen ihrem Landsmann Albrecht ihre Zustimmung aus, und die Königsberger philosophische Fakultät sendete ihm ein von Lobeck verfaßtes Doktordiplom. Ein Hamburger Reeder ließ in Kuxhaven ein auf Dahlmanns Namen getauftes Schiff vom Stapel laufen. An den Fenstern der Spielwarenläden sah man den Witzenhausener Abschied in Bleifiguren dargestellt, auf den Jahrmärkten wurden Pfeifenköpfe mit dem Bilde der Sieben feilgeboten. Und es blieb nicht bei den Worten und Bildern. Zum ersten Male seit dem Befreiungskriege veranstalteten die Deutschen wieder eine Geldsammlung für ihre eigenen politischen Zwecke; in den letzten zwanzig Jahren hatten sie nur zugunsten der Griechen und der Polen freiwillig gesteuert. In Leipzig entstand der Göttinger Verein, der sich bald über ganz Deutschland verzweigte und den Sieben bis zu ihrer Wiederanstellung ihren alten Gehalt zahlte. Einige der unternehmenden Bürger, welche die erste Eisenbahn bauten, Gustav Harkort und Dufour, standen an der Spitze, dazu die Besitzer der Weidmannschen Buchhandlung, Karl Reimer, und der junge Schweizer Salomon Hirzel; in Berlin übernahm Gans die Leitung, in Baden Rotteck, in Königsberg der radikale Jacoby, in Jena der streng kirchlich gesinnte Buchhändler Frommann, in Marburg sein Gesinnungsgenosse V. A. Huber. Alle guten Kräfte des Bürgertums fanden sich zusammen. In der amtlichen Welt waren die Meinungen geteilt. Die Taten des Welfen in Schutz zu nehmen, wagte fast niemand; nur da und dort jubelte ein übermütiger Junker, wie der Prinz von Noer, das sei brav, daß man die Kerls fortgejagt habe. Aber nach den Anschauungen des alten Beamtenstandes erschien das kühne Auftreten einfacher Professoren, die kein obrigkeitliches Amt bekleideten, als eine gefährliche Anmaßung. Selbst Canitz, der das Treiben am hannöverschen Hofe mit wachsender Sorge betrachtete und mit seinen Landsleuten, den Brüdern Grimm, auf freundlichem Fuße stand, meinte doch ängstlich: die Sieben hätten still ihren Abschied fordern sollen, ohne die Gewissen anderer zu verwirren. Diesen Kleinmut der Regierungen verstand der Welfe sehr geschickt auszubeuten; er wußte aus seiner parlamentarischen Erfahrung, wieviel die Frechheit über die Menschen vermag. Seine Gesandten traten mit einer Zuversicht auf, als ob sich Hannover durch seinen Staatsstreich besondere Ansprüche auf Dank und Dienst aller Kronen erworben hätte. Als Beselers Schrift erschienen war, sendete Ernst August den Prinzen Solms nach Schwerin, um die Bestrafung des Verfassers zu verlangen; der gutherzige Großherzog Paul Friedrich ordnete auch eine Untersuchung an, er berief aber in die Kommission drei verständige Männer, die natürlich erklärten, daß keine strafwürdige Handlung vorliege, sobald er hörte, daß einige der Sieben in Leipzig Vorlesungen halten wollten, verbot Ernst August seinen Untertanen sofort den Besuch der Leipziger Universität, worauf sich denn herausstellte, daß nur ein einziger Hannoveraner an der Pleiße studierte. Wo immer ein Buch zugunsten der Sieben oder des Staatsgrundgesetzes erschien, erhoben die welfischen Diplomaten alsbald Beschwerde; der Gesandte General von Berger in Berlin, ein alter Herr, der sich sogar unter ihnen durch Beschränktheit auszeichnete, fand es immer wieder unbegreiflich, wie die Zensur solchen Produkten »das Ultimatum erteilen könne«! Ganz ohne Erfolg blieben diese Einschüchterungsversuche nicht; Dahlmann und Jakob Grimm mußten ihre Rechtfertigungsschriften, zur Schande Deutschlands, in der Schweiz erscheinen lassen. Am willfährigsten zeigte sich der dänische Hof, weil er selbst eine streng konservative Politik verfolgte und wohl auch, weil er einen alten Haß gegen Dahlmann hegte. Er erteilte den Kieler Professoren, welche den Sieben geschrieben hatten, einen Verweis und forderte die Zensoren Schleswig-Holsteins zur Wachsamkeit auf, da »unzeitiges und böswilliges Aussprechen der öffentlichen Meinung« den Erfolg der in Hannover beabsichtigten Maßregeln gefährden könne. In Berlin äußerte sich Eichhorn sehr freimütig; er hoffte, der König würde die Brüder Grimm, vielleicht auch Dahlmann oder Albrecht an eine preußische Hochschule berufen. Bettina von Arnim ergriff den Gedanken mit ihrem hochherzigen Eifer und suchte, unterstützt von ihrem Schwager Savigny, den Kronprinzen dafür zu erwärmen. Minister Rochow dachte anders. Auch er mißbilligte das Verfahren des welfischen Hofes und war sehr unglücklich, als er späterhin für einige dem Sohne der Königin Friederike erwiesene Gefälligkeiten den Guelphenorden erhielt; für einen Bundesgenossen Ernst Augusts wollte er durchaus nicht gelten. Aber die Einmischung Unberufener in die hohe Politik hielt er für staatsgefährlich; nur unter der Hand durfte in Berlin für die Sieben gesammelt werden. Da übersendete ihm der Kaufmann Jakob van Riesen die Adresse, welche die Elbinger an Albrecht geschickt hatten; der ehrliche altpreußische Liberale hoffte arglos, den Minister dadurch für Albrechts Berufung günstig zu stimmen. Rochow brauste auf; er glaubte sich verhöhnt, und heftig wie er war, unterzeichnete er eine Antwort, deren maßloser bureaukratischer Hochmut den preußischen Staat vor aller Welt bloßstellte. Da hieß es: »Dem Untertanen ziemt es nicht, die Handlungen des Staatsoberhauptes an den Maßstab seiner beschränkten Einsicht anzulegen und sich in dünkelhaftem Übermut ein öffentliches Urteil über die Rechtmäßigkeit derselben anzumaßen.« Die Torheit sollte sich schwer bestrafen. Die Fama gestaltete aus diesen Sätzen das geflügelte Wort vom »beschränkten Untertanenverstande«, und fortan haftete an Rochows Namen unaustilgbar der Fluch der Lächerlichkeit. Man hielt den Minister für einen ausbündigen Narren, obwohl er sich eben jetzt bei der Beratung des Eisenbahngesetzes sehr verständig und neuen Ideen zugänglich zeigte. Den konstitutionellen Höfen war übel zumute. Alle Welt rief, jetzt sei es an ihnen, durch sofortige Berufung der Sieben den alten Ruhm deutscher akademischer Gastfreiheit von neuem zu bewähren und dem beleidigten Gewissen der Nation Genugtuung zu geben. Du Thil freilich blieb für solche Mahnungen taub und schrieb in seine Aufzeichnungen: »Mir träumte der Teufel«, als Gervinus sich um eine Stelle an dem heimischen Darmstädter Archiv bewarb. Als entschiedene Protestanten konnten die Sieben auch von Bayern und Baden wenig erwarten, seit dort die klerikale Luft wehte. Der gütige König Friedrich August von Sachsen dagegen und seine Minister wünschten lebhaft, die zurzeit etwas erstarrte Landesuniversität durch eine großartige Verstärkung der Lehrkräfte zu heben – wenn sie sich nur nicht vor der Grobheit des Welfen, vor dem Unwillen der Hofburg gar so sehr gefürchtet hätten. Wie viele diplomatische Widerwärtigkeiten hatte Minister Lindenau noch vor drei Jahren ertragen müssen, als ihm die Zeitungen eine halb erfundene radikale Äußerung in den Mund gelegt hatten. Solche Erfahrungen genügten, um den abhängigen kleinen Hof behutsam zu stimmen. Man sagte den Sieben in Dresden freundliche, unzweifelhaft ehrlich gemeinte Worte, allein man wagte nichts, und zornig schrieb Dahlmann in der Vorrede zu Albrechts Verteidigungsschrift: »Solange es bei uns nicht in politischen Dingen, wie seit dem Religionsfrieden gottlob in den kirchlichen, ein lebendiges Nebeneinander der Glaubensbekenntnisse gibt (solange die das beste Gewissen haben, könnten sich gebärden, als ob sie das schlechteste hätten, solange der feigherzigste Vorwand genügt, um nur alles abzuweisen, was an dem trägen Polster der Ruhe rütteln könnte), ebensolange gibt es keinen Boden in Deutschland, auf dem einer aufrechtstehend die reifen Früchte politischer Bildung pflücken könnte.« Die eingeklammerten Worte strich ihm der Leipziger Zensor, Professor Bülau, ein geistloser Vielschreiber, der den Sieben nicht an die Schultern heranreichte und ihnen nun wie Schulbuben das Konzept korrigierte. Zu solchem Aberwitz führte das Karlsbader Preßgesetz. Nach langen Erwägungen erhielt Albrecht in der Stille die Erlaubnis, an der Leipziger Universität Vorlesungen zu halten; nachher empfing er auch Gehalt, als geheimer Professor, wie die Kollegen spotteten, und erst nach längerer Zeit, als die Luft wieder rein war, wurde er förmlich angestellt. Dahlmann freilich schien den Kursachsen zu gefährlich; der politische Führer der Sieben lebte fortan mehrere Jahre lang ohne Amt in Jena und leitete von dort aus unverdrossen den Federkrieg wider die hannöverschen Gewalthaber. Unter allen deutschen Fürsten wagte allein König Wilhelm von Württemberg dem Welfen offen entgegenzutreten. Er berief Ewald nach Tübingen, der als der einzige geborene Hannoveraner unter den Sieben dem welfischen Hofe besonders verhaßt war. Natürlich verbot Ernst August seinen Landeskindern sofort den Besuch der schwäbischen Hochschule. Als die beiden Könige nachher in Berlin zusammentrafen, fragte der Welfe grob: »Warum haben Sie einen Professor angestellt, den ich fortgejagt habe?« Darauf der Württemberger: »Ebendeswegen!« Der welfische Staatsstreich rüttelte die halb entschlummerte öffentliche Meinung wach und zwang die Deutschen, ihre politische Leidenschaft wieder dem Vaterlande zuzuwenden. Seit dies Schandmal auf Deutschlands eigener Stirn brannte, begann die Presse die Fragen des Bundesrechts wieder ernstlich zu erörtern, die früher beliebten weltbürgerlichen Betrachtungen über die Pariser Kammern und die orientalischen Wirren erschienen jetzt schal. Leider wurde die dringend nötige Klärung unseres verworrenen Parteilebens durch diesen wohlberechtigten sittlichen Unwillen mehr gehemmt als gefördert. Die wilden Brandschriften der Flüchtlinge aus Frankreich und der Schweiz mußten jedem Besonnenen zeigen, daß die deutsche Opposition längst zwei grundverschiedene Parteien umschloß, die auf die Dauer nicht zusammenwirken konnten. Jetzt aber warf eine rein menschliche Entrüstung alles, was nicht schlechthin servil war, Radikale, Liberale, gemäßigte Konservative wieder in einen Haufen zusammen. Seit es auch im Norden konstitutionelle Märtyrer gab, verbreitete sich die doktrinäre Überschätzung der Verfassungsformen weithin über Deutschland. Dahlmanns politischer Takt empfand dies sogleich. Auf den Festgelagen, mit denen man ihn ehrte, betrachtete er ohne Freude die radikalen Feuilletonsschreiber, »mit denen wir doch nur sehr zufällig in dieselbe Gesellschaft geraten sind«. Den Freunden gestand er: ich hoffe bald »die Ähnlichkeit mit so vielen, denen ich mich in keiner Weise verwandt fühle, abzustreifen«. Beides gemeinsam, das Königtum und die bürgerliche Freiheit, macht den Staat aus, so sagte er in seinem Dankschreiben an Johann Jacoby: »Der Staat wäre eine ebenso flache und frivole Sache, als er eine tiefsinnige und heilige ist, wenn er nicht gerade diese Verbindung von Dingen zu leisten hätte, die allein dem oberflächlichen Beobachter unvereinbar scheinen.« Herrliche Worte, nur waren sie leider an eine falsche Adresse gerichtet, an einen Radikalen, der sie entweder nicht verstand oder als klägliche Halbheit verdammen mußte. Doch wie konnten diese Gegensätze sich scheiden, solange ein gemeinsamer edler Zorn sie zusammenhielt? Dahin war es mit uns gekommen, daß die härtesten und wirksamsten Anklagen gegen die bestehenden Gewalten jetzt von treuen Monarchisten ausgingen. Die Vertreibung der Sieben verwirrte und verwischte nicht bloß die Parteigegensätze, sie begründete auch die politische Macht des deutschen Professorentums, die erst durch den Krieg von 1866 gebrochen werden sollte. Als der Streit begann, sagte eine englische Zeitung: In Deutschland sind die Universitäten auch politische Mittelpunkte, welche dem übrigen Lande Impulse geben; die Professoren gelten als Magistrate, beauftragt, die Rechte des Volks so gut wie die Grundsätze der Vernunft zu verteidigen. Das Urteil war verfrüht, denn bisher hatten nur die Hochschulen von Jena, Kiel, Freiburg für kurze Zeit eine politische Rolle gespielt, doch es sollte sehr bald durch die Tatsachen gerechtfertigt werden. Aus dem Göttinger Gewaltstreiche entwickelte sich ein großer Kampf der deutschen Gelehrtenwelt wider einen Despoten, der seine Geringschätzung der Wissenschaften höhnisch zur Schau trug; keine deutsche Universität, die den Sieben nicht irgendwie ein Zeichen der Zustimmung gegeben hätte. In diesem Kampfe war alles Recht unzweifelhaft auf seiten der Gelehrten; an ihrer Spitze standen tapfere, makellose, schuldlos verfolgte Männer, während der Welfe sich nur auf gemeine Knechte und auf die Ängstlichkeit der deutschen Höfe stützen konnte. Wenn je im politischen Streite ein moralischer Sieg erfochten wurde, so war es hier. Ein solcher Erfolg mußte das ohnehin starke Selbstgefühl der Gelehrten mächtig heben; von den Sieben blieben fünf als Menschen schlicht, edel, liebenswert, in Gervinus aber und in Ewald verkörperte sich der unausstehliche Professorendünkel. Die einmal erregte politische Leidenschaft hielt an; die Gelehrten begannen durch Schriften und Reden unmittelbar an der politischen Erziehung der Deutschen zu arbeiten, und da sie gewohnt waren, zur ganzen Nation zu reden, so drangen ihre Stimmen weiter als die Reden der Landtagsabgeordneten. Die Gelehrtenversammlungen der nächsten Jahre wurden zu Vorparlamenten, in denen die Nation die großen Tagesfragen erörterte, und als nachher das wirkliche Parlament zusammentrat, da drangen die Gelehrten in Scharen ein, weil sie fast die einzigen Männer waren, welche ganz Deutschland kannte. Es war eine tragische, durch keines Menschen Willen abzuwendende Notwendigkeit, daß diese idealistische Nation, indem sie von den Höhen des literarischen Schaffens langsam zur politischen Arbeit hinabstieg, auch noch die Durchgangsstufe der Professorenpolitik überschreiten mußte. Durch dies Übergewicht des Professorentums wurde der doktrinäre Zug, der die Politik der deutschen Liberalen von jeher auszeichnete, ungebührlich verstärkt, und es entstand auch der falsche Schein, als ob der Liberalismus die Sache der Bildung verträte, während in Wahrheit die Helden der deutschen Kunst und Wissenschaft: Goethe, Cornelius und Rauch, Niebuhr, Savigny und Ranke, großenteils dem konservativen Lager angehörten. Zu Taten vermochte diese Gelehrtenpolitik sich nicht zu erheben, denn in der Stille der wissenschaftlichen Arbeit bilden sich nicht leicht politische Charaktere; unter den Sieben selbst war Dahlmann der einzige politische Kopf, auch er mehr ein Denker als ein Mann der Tat, während Gervinus' staatsmännisches Talent nur in seiner eigenen Einbildung beruhte, und die übrigen allesamt gar keinen politischen Ehrgeiz hegten. Aber an Ideen, an groß und tief gedachten Ideen, war dies Menschenalter des politisierenden Professorentums sehr fruchtbar. Bei der Lampe deutscher Gelehrten sind die Pläne für die Einheit des Vaterlandes zuerst erdacht worden, welche nachher durch die schöpferischen Hände großer Praktiker ihre Gestaltung empfangen sollten. Die deutsche Wissenschaft – so stark und unverwüstlich war ihr Wachstum – erlitt durch die politische Leidenschaft der Gelehrten durchaus keinen Schaden. Unter der Mehrheit der Göttinger Professoren befanden sich einige, die nicht aus Furcht, sondern grundsätzlich den Schritt der Sieben verwarfen, so Herbart, Hugo, Gauß. In einer nachgelassenen Schrift »Die Göttinger Katastrophe« hat sich Herbart über die Gründe seines Verhaltens freimütig ausgesprochen; er glaubte, der tiefe Ernst, die gesammelte Stille des deutschen akademischen Lebens würden verschwinden, sobald die Universitäten sich in politische Kämpfe einließen. Diese im Munde des strengen Philosophen wohl begreifliche Befürchtung erwies sich als irrig. Die Forscher arbeiteten rüstig weiter, und die Sieben selber gingen ihnen mit gutem Beispiele voran. Die historische Wissenschaft gewann sogar durch die politische Tätigkeit der Gelehrten. Ganz wertlose historische Tendenzschriften erschienen während der nächsten Jahre selten, seltener sicherlich als in dem Zeitalter des Rotteck-Welckerschen Liberalismus; wohl aber viele tüchtige Werke, welche den Deutschen ihre Vergangenheit wissenschaftlich erklärten. Die Blüte der politischen Geschichtschreibung in den vierziger und fünfziger Jahren, die Vertiefung unserer historischen Selbsterkenntnis ward nur darum möglich, weil die Historiker der Welt der politischen Taten so nahe, oft allzu nahe getreten waren. (657–668.) Bis zur Märzrevolution (Aus dem fünften Bande der »Deutschen Geschichte«) Vorwort Durch ein langes Augenleiden ist die Fortsetzung dieses Buches verzögert worden, und ich will nur wünschen, daß man dem Lande nicht anmerke, wie schwer mir zuweilen die Arbeit fiel. Noch weit mehr als seine Vorgänger verdankt der vorliegende Band den Beiträgen freundlicher Leser. Ohne diesen gütigen Beistand, aus amtlichen Quellen allein hätte ich manche Ereignisse nicht verstehen können, und ich bitte auch für die Schilderung der Revolutionsjahre herzlich um solche Mitteilungen. Die Aufgabe wird immer schwieriger, je mehr die Erzählung sich der Gegenwart nähert. Ein Mangel läßt sich bei allem Fleiße nicht ganz beseitigen. Das Leben der breiten Massen des Volks bleibt in einem Zeitalter reflektierter Bildung immer geheimnisvoll, und wieviel der Historiker auch an wirtschaftlichen, politischen, religiösen Erklärungsgründen vorbringen mag, zuletzt kann er doch nur einfach die Tatsache feststellen, daß die Stimmung der Zeit reif wurde für eine Revolution. Die Geschichte dieser acht Jahre wirkt wie ein erschütterndes Trauerspiel. Zuerst hohe Entwürfe, glänzende Hoffnungen, überschwengliche Träume, nachher fast überall ein klägliches Mißlingen, ein unvermeidlicher Zusammenbruch. Den tragischen Ernst, der im Stoffe selber liegt, darf der Darsteller nicht durch vornehmen Gleichmut künstlich zu verwischen suchen. Welchen Mißbrauch treibt man doch heute mit dem Ausspruch: Sine ira et studio – einem Worte, das niemand weniger befolgt hat als sein Urheber. Gerecht soll der Historiker reden, freimütig, unbekümmert um die Empfindlichkeit der Höfe, ungeschreckt durch den heute viel mächtigeren Haß des gebildeten Pöbels. Aber so gewiß der Mensch nur versteht, was er liebt, ebenso gewiß kann nur ein starkes Herz, das die Geschicke des Vaterlandes wie selbsterlebtes Leid und Glück empfindet, der historischen Erzählung die innere Wahrheit geben. In dieser Macht des Gemüts, und nicht allein in der vollendeten Form, liegt die Größe der Geschichtschreiber des Altertums. (Vf.) Die frohen Tage der Erwartung Deutschland um 1840; Friedrich Wilhelm IV. Am 9. Juni 1840 versammelte Fürst Metternich die sämtlichen in Wien anwesenden deutschen Gesandten zu einem Festmahle und gedachte in bewegter Rede jenes schönen Bundes, der nunmehr seit einem Vierteljahrhundert den Deutschen Glück und Frieden sichere. Fürstin Melanie weinte tiefgerührt; denn jeden Augenblick erwartete man aus Berlin die Kunde vom Tode des erkrankten Königs, und was mochte die heraufsteigende neue Zeit bringen? An der Tafel saß auch der Bundespräsidialgesandte Münch-Bellinghausen, der nach seiner Gewohnheit die letzten acht Arbeitsmonate an der Donau zugebracht hatte, um demnächst während der heißen Jahreszeit die Ferien des Bundestags wieder zu unterbrechen. Mancher der Gäste sogar konnte sich der unmutigen Frage nicht enthalten, ob dieser von der Hofburg so geringschätzig behandelte Bund wohl eines Festes wert sei. In der Nation ward der Erinnerungstag des Deutschen Bundes nirgends beachtet, kaum daß da oder dort ein Zeitungsblatt einen der landesüblichen bitteren Scherze über das rote Frankfurter »Inkompetenzgebäude« brachte. Wer sollte auch jubeln über die Saat des Unfriedens, die in diesen fünfundzwanzig Friedensjahren aufgeschossen war 7 Schroffer, unversöhnlicher denn je traten die alten großen Gegensätze unserer Geschichte einander entgegen, während die deutsche Bundesverfassung nur durch die Freundschaft der beiden Großmächte aufrechterhalten werden konnte, und der Gesandte in Wien, Graf Maltzan, zur lebhaften Befriedigung des alten Königs, den Grundgedanken der korrekten preußischen Staatskunst in dem Satze zusammenfaßte: »Nicht unter, aber stets mit Österreich«, hatte derselbe Monarch bereits einen Weg eingeschlagen, welcher unausweichlich zur Trennung von Österreich führen mußte. Das stolze Werk dieser neu aufgenommenen friderizianischen Politik, der Zollverein, stand schon so fest, die Gemeinschaft der Arbeit zwischen den Deutschen außerhalb Österreichs erschien schon so unzerreißbar, daß Michel Chevalier eben jetzt, nach einer Reise durch Deutschland, bewundernd sagte: »In der europäischen Politik weiß ich nichts Merkwürdigeres als die Wiederherstellung der Einheit Deutschlands, welch ein prächtiges Schauspiel, das eines großen Volkes, dessen Trümmer sich nähern, das zur Nationalität, das heißt zum Leben, zurückkehrt!« Der grelle Widerspruch zwischen diesem jungen vollsaftigen wirtschaftlichen Leben und den Formen des starren, jeder Verbesserung spottenden Bundesrechts mußte die öffentliche Meinung verwirren. Die einen träumten noch dahin in dem Stilleben eines gedankenlosen Partikularismus, der durch die großen Verhältnisse des neuen nationalen Marktes schon überwunden war; andere wiederholten noch wie vor zehn Jahren die Schlagworte des radikalen Weltbürgertums; in den besten Klassen des Volkes aber erwachte allmählich ein leidenschaftlicher, reizbarer Nationalstolz. Sie ahnten, daß hier eine ungeheuere Volkskraft durch tausend verfitzte und verschrobene politische Rücksichten künstlich unterbunden war. Verwegene Ansprüche, wie sie vordem nur vereinzelte Schwärmer gewagt hatten, wurden zum Zeitungsgespräche. Man begann zu fragen, warum dieser junge Zollverein nicht, wie einst die Hansa, seine Flagge auf dem Weltmeere entfalte und durch seine Orlogschiffe beschütze, warum er nicht teilnehme an der Eroberung der transatlantischen Welt. Nach allen entfremdeten Tochterlanden unseres Volkes, bis nach Flensburg, bis nach Riga und Reval schweiften die verlangenden Blicke der patriotischen Schriftsteller; und als in diesem wechselreichen Sommer die Rheingrenze von neuem bedroht schien, da erhob sich mit elementarischer Gewalt ein Sturm nationalen Zornes, der deutlich bekundete, daß der Geist der Befreiungskriege nicht erstorben war, daß die Zeiten der Erfüllung unserm ringenden Volke endlich nahten. Mit dem nationalen Stolze wuchsen auch die Freiheitshoffnungen. Nach so vielen Kämpfen und Enttäuschungen begannen sich die Liberalen um diese Zeit das theoretische Ideal des parlamentarischen Staates zu formen, das sie seitdem festhielten, bis mit dem Jahre 1866 der monarchische Staatsgedanke wieder erstarkte. Einer ihrer Führer, der Braunschweiger Karl Steinacker, erklärte jetzt kurzab: »Die Regierung im Repräsentativstaate ist immer die Darstellung der Majorität im Staate«; der besonnene, wohlmeinende Mann ahnte nicht, daß er mit dieser Lehre dem Königtum jede selbständige Macht raubte und nur den Weg ebnete für die republikanischen Ideen, die unter den Flüchtlingen, unter der aufgeregten Jugend gewaltig überhandnahmen. Wie weitab von solchen beständig steigenden doktrinären Ansprüchen des Liberalismus lag die Wirklichkeit der deutschen Zustände: die überaus bescheidene Macht der süddeutschen Landtage und die dreiste Willkür des Welfenkönigs, der ungestraft sein Landesrecht mit Füßen trat. Auch auf dem Gebiete der Theorie erstanden der liberalen Lehre einflußreiche Gegner. Unklare Erinnerungen aus Haller und den Werken der historischen Rechtsschule lieferten dem jungen Fürsten Ludwig zu Solms-Lich den Stoff zu seinem Büchlein »Deutschland und die Repräsentativverfassungen« (1838), einer Schrift, die in der vornehmen Welt, zumal am Berliner Hofe, lebhafte Bewunderung erregte, von dem alten Hans Gagern aber mit dem treffenden Vorwurfe abgefertigt wurde: »Es kommen uns, vorzüglich aus dem Norden, allerlei sophistische mystische Behauptungen zu, die wie die Nebel von den Sonnenstrahlen des natürlichen Verstandes zerstreut werden.« Deutlich war in den verschwommenen Sätzen nur das eine, daß der fürstliche Verfasser die ganze neue Geschichte des deutschen Südens für eine große Verirrung ansah und ihr die preußischen Provinzialstände als lichtes Gegenbild entgegenhielt. Ebenso unfriedlich gestalteten sich die wirtschaftlichen Zustände. Kaum begann unter dem Schutze des Zollvereins die junge Großindustrie aufzublühen, so zeigte sich auch schon die finstere Schattenseite der neuen Verhältnisse; weithin durch die lange Kette der mitteldeutschen Hungergebirge erklang der Jammerruf der Arbeiter; die grimme Not stimmte die Massen empfänglich für kommunistische Träume. Eine schwere soziale Erschütterung schien im Anzuge, und sie drohte um so verheerender zu wirken, da auch das kirchliche Leben tief zerklüftet war. Derweil das römische Priestertum seit dem Kölnischen Bischofsstreite seine Macht täglich wachsen sah und der Glaubensernst der wiedererwachten evangelischen Frömmigkeit sich in fruchtbaren Liebeswerken betätigte, verhöhnten die Kritiker der junghegelschen Schule jede Form des Christentums; der Bodensatz der alten Aufklärung wirbelte wieder empor, weite Kreise der Gebildeten vermochten noch gar nicht zu begreifen, daß es mit der Religion wieder Ernst ward. Als ein Zeichen der Zeit erschien am hundersten Gedenktage der Thronbesteigung die Jubelschrift »Friedrich der Große und seine Widersacher« von dem jungen C. F. Köppen, ein geistreiches Buch, das die erhabene Sittlichkeit des schaffenden und wissenden Heros wider die moralischen Splitterrichter siegreich verteidigte, aber auch die katholischen Wölfe im Schafskleide, die protestantischen Schafe im Wolfskleide, die aus allen Pfützen quakenden glaubensseligen Frösche mit ätzendem Hohne überschüttete. Die reiche Gedankenarbeit dreier Generationen, welche die Herrschaft der Ideen Voltaires in Deutschland gebrochen hatte, schien für diese radikale Jugend gar nicht vorhanden zu sein. Und welche Gegensätze endlich in der Literatur. Neben der strengen Forschung der historischen und der Naturwissenschaft trieb eine freche und flache Tagesschriftstellerei ihr Wesen, durch und durch tendenziös, in Vers und Prosa alle überlieferte Ordnung verspottend, immer nur auf den flüchtigen Erfolg des Augenblicks bedacht. Deutschland war in einem Zustande bedenklicher Gärung, und einer der wenigen Franzosen, welche den Schicksalen des Nachbarlandes mit Verständnis folgten, Saint-René-Taillandier, meinte besorgt: solche Anarchie der Geister erinnere an die Zustande Frankreichs vor der Revolution. Aber in den deutschen wirren offenbarte sich nicht, wie einst in Frankreich, die Fäulnis einer sittlich zersetzten Gesellschaft, sondern der unklare Jünglingsmut eines edlen aufstrebenden Volkes, das seine Kraft zu fühlen begann, wie leicht eine große Idee alle diese hadernden Köpfe unter einen Hut zwingen, alle diese durcheinander flutenden Gedanken, von denen keiner die Nation ganz beherrschte, völlig überschatten konnte, das lehrte jener wunderbare Einmut kriegerischer Begeisterung, der die Deutschen ergriff, als sie ihre Westmark gefährdet sahen, wenn der Nachfolger Friedrich Wilhelms III. durch freien königlichen Entschluß, wie bisher noch alle die großen Wendungen unserer Geschichte sich entschieden hatten, durch eine rechtzeitige weise Gärung seine heimischen Verfassungshändel schlichtete, wenn er also zugleich das Ansehen seiner Krone stärkte und die Kluft überbrückte, welche sein Preußen von den kleinen deutschen Staaten abschied, wenn er das edle Vermächtnis der Befreiungskriege, das erstarkte religiöse Leben treu behütete, ohne die freie Forschung von sich zu stoßen, dann durfte er wagen, die friderizianischen Gedanken in einem großen und freien Sinne wieder aufzunehmen, das Werk des Zollvereins zu vollenden und mit dem Degen in der Hand für den Staat, der das Arbeitsleben der Nation bereits beherrschte, auch die Teilung der deutschen Politik zu fordern. – Zelten hat sich so fühlbar die alte Wahrheit bestätigt, daß Männer den Lauf der Zeiten beherrschen. Friedrich Wilhelm IV. blieb acht Jahre hindurch der Mann des Schicksals für Deutschland; die Kräfte, die er weckte, und weit mehr noch die Gegenkräfte, die er wider sich aufrieb, trieben unser Volk der Revolution entgegen. Aber selten auch ward so anschaulich, daß die Zeit sich ihre Männer bildet. Der rätselhafte Charakter des neuen Königs war selbst nur eine letzte feine Blüte der langen, kaum erst überwundenen Epoche ästhetischer Überschwenglichkeit; erst den tatkräftigeren Söhnen eines andern abgehärteten Geschlechts, das die Greuel der Revolution durch die Gassen hatte rasen sehen, sollte gelingen, was diesen weichen Händen mißraten mußte. Eine so eigenartige Ansicht von der Vollgewalt des Königtums, wie dieser Fürst sie in begeistertem Herzen hegte, hatte mit der »frivolen Selbstvergötterung der Bourbonen, mit der gedankenlosen Ruheseligkeit der Wiener Hofburg gar nichts, mit der pfäffischen Königskunst der Stuarts auch nur wenig gemein; sie konnte, gleich dem künstlerischen Absolutismus König Ludwigs von Bayern, nur auf deutschem Boden erwachsen, nur auf dem Boden jener romantischen Weltanschauung, welche in der schrankenlosen Entfaltung aller Gaben, in der Selbstgewißheit und dem Selbstgenusse des stolzen Ichs ihr Ideal fand. In der gedrückten und beengten Zeit rief jedermann nach Freiheit, niemand lauter als der neue König. Aber vor allen wollte er selber frei sein, um auf den Höhen des Lebens sich auszuleben, die Fülle seiner königlichen Weisheit und Gestaltungskraft zu betätigen. Er glaubte an eine geheimnisvolle Erleuchtung, die den Königen vor allein andern Sterblichen durch Gottes Gnade beschieden sei,– er hegte ein warmes Zutrauen zu den Menschen und meinte die Zeit zu verstehen, weil er allem Schönen und Großen, was sie bot, mit feinsinniger Empfänglichkeit gefolgt war. Darum dachte er kraft seiner königlichen Vollgewalt seinem geliebten Volke mehr wahre Freiheit zu schenken, als jemals eine geschriebene Verfassung gewähren könne. Friedrich Wilhelm hatte das fünfundvierzigste Lebensjahr fast erreicht, und seine gedunsene Gestalt mit den geistreichen, aber schlaffen, bartlosen Gesichtszügen erschien trotz der jugendlich unruhigen Bewegungen schon etwas gealtert, wieviel hatte er auch schon erlebt in diesen langen Jahren des Wartens, welche Huldigungen waren ihm zuteil geworden von jenen fernen Tagen an, da die alte Albertina den dreizehnjährigen Knaben zu ihrem Rektor erwählte, und am letzten Geburtstage seiner Mutter »des Vaterlandes blühende Hoffnung« durch eine Denkmünze geehrt wurde, bis herab zu den späteren Zeiten, da Goethe weissagte, dies große Talent müsse neue Talente wecken, und jedermann die Geisteshoheit des Kronprinzen bewunderte. Seit langem schon führte er den Vorsitz im Staatsrate wie im Ministerium, und glaubte daher, das gesamte Getriebe des Staates zu übersehen. Sein Vater sorgte jedoch mit seinem schlichten Menschenverstande dafür, daß diese einem Thronfolger wenig angemessene glänzende Stellung nicht zu einer Mitregentschaft entartete. Der alte König war in seinem Hause weit mehr der Herr als im Staate; seine Kinder blickten zu ihm alle empor mit jener scheuen Ehrfurcht, welche ernste, wortkarge Väter selbst begabteren Söhnen einzuflößen wissen. Der politische Einfluß des Kronprinzen reichte nicht sehr weit. Einzelnen Personen, zumal rechtgläubigen Geistlichen, konnte er wohl durch seine Fürsprache vorwärts helfen; auch die wenig erheblichen Verhandlungen mit den Provinzialständen blieben fast ausschließlich seiner Leitung überlassen. Aber alle entscheidenden Beschlüsse faßte der alte Herr so ganz nach eigenem Ermessen, daß der Thronfolger seine Ohnmacht bald sehr schmerzlich empfand und einen stillen, beständig wachsenden Groll gegen das alte Regiment faßte. Er haßte nicht nur die bureaukratische Formenstrenge, die er als »Diener-Anmaßung« abzufertigen liebte, ohne ihre großen Vorzüge zu würdigen; er verabscheute noch mehr den ganzen Geist dieser Regierung, der ihm von der Aufklärung des achtzehnten Jahrhunderts nur wenig abzuweichen schien, wenn er als Kronprinz in Charlottenhof dicht unter dem Hügel von Sanssouci weilte, in der rosenumrankten Villa, die ihm der Vater geschenkt und Schinkel mit italienischer Anmut ausgeschmückt hatte, dann verglichen die Gäste zuweilen in erregten Gesprächen Vergangenheit und Zukunft. Das aufstrebende junge Geschlecht meinte der alten Zeit durch den Schwung, die Gläubigkeit, die Gemütstiefe, die Ironie der Romantik weit überlegen zu sein. Friedrich Wilhelms Herzensfreund, Prinz Johann von Sachsen, besang in feierlichen Trochäen die kalte Marmor-Pracht der Königssäle da droben: Ist es nicht, als ob er hier noch tönte, Jenes beißenden Jahrhunderts Witz? – und schilderte dann in hüpfenden Daktylen das Gartenhaus drunten mit seiner jugendlichen Fröhlichkeit: Hier fühlt man schlagen, was ewig dort fehlet, Neben dem Geist ein erwärmendes Herz. Bald nach seiner Thronbesteigung schlug der neue König selbst in dem Schlosse des Großen Friedrich sein Hoflager auf, was keiner seiner beiden Vorgänger gewagt hatte. Die unausbleiblichen erdrückenden Vergleichungen erschreckten ihn nicht, denn er hoffte, daß jetzt zum zweiten Male von diesem »historischen Hügel« herab ein neuer Geist sich über das Land ergießen würde, ein anderer freilich als der friderizianische, der Geist des christlichen Staates. In ernster Arbeit und schweren Seelenkämpfen hatte er die rationalistischen Lehren seiner Jugenderzieher längst überwunden und den Glauben als die höchste Potenz der Vernunft begriffen. Unauslöschlich stand in seinem Herzen der Spruch des heiligen Augustin: Das unwandelbare Licht Gottes war über mir, weil es mir das Dasein gegeben, und ich war unter ihm, weil es mich erschaffen hat. Daraus ergab sich ihm »der unaussprechliche Unterschied des Schöpfers und Geschöpfes, daher auch der Wahnsinn, die Gottheit aus dem eigenen Wesen, als einem Analogon der Gottheit!!! zu konstruieren.« Nichts war ihm darum hassenswürdiger als »die Drachensaat des Hegelschen Pantheismus«; tiefsinniger als Hegel erkannte er, daß jedes Zeitalter nicht bloß als eine Entwicklungsstufe für die Zukunft etwas bedeutet, sondern seinen selbständigen Wert, seine eigene Beziehung zu Gott hat. Die neue Zeit aber, die jetzt heraufgraute, sollte mit der Erbschaft der alten Aufklärung gründlich aufräumen, die Revolution durch die Freiheit, die fleischliche Freiheit durch die christliche, den mechanischen durch den christlichen Staat überwinden. Eine Welt herrlicher Pläne hatte er sich mit künstlerischer Phantasie schon ausgesonnen, und nun, da er der Herr war, drängte ihn sein liebevolles Gemüt, das überall augenblicklich Freude bereiten, überall glückliche Gesichter um sich sehen wollte, sie alle zu verwirklichen. Er dachte die provinzialständische Verfassung durch die Einberufung eines ständisch gegliederten Reichstags zu vollenden, nimmermehr durch eine papierene Konstitution; denn obwohl er allen politischen Theorien seine Verachtung auszusprechen liebte, so war er doch selbst ganz durchdrungen von einer unwandelbaren politischen Doktrin. Jener künstliche Gegensatz des revolutionären Repräsentativsystems und des legitimen Ständewesens, welchen Gentz einst in der Karlsbader Denkschrift vom Jahre 1819 geschildert hatte, erschien ihm als eine unumstößliche Wahrheit; wie die alte Naturrechtslehre an ein abstraktes, über allen positiven Gesetzen erhabenes Vernunftrecht glaubte, so er an ein historisches Recht der Stände, das ohne Zutun der Staatsgewalt entstanden, auch von ihr nur anerkannt, nicht aufgehoben werden könne. Die Wahrheit, daß der rechtsbildende Gemeingeist der modernen Völker sich am stärksten in ihren Staatsgesetzen betätigt, verachtete er als eine Verirrung der hegelianischen Staatsvergötterer; von dieser »Staatsallmacht« sollte seine christliche Monarchie sich allezeit fernhalten. Hallers Staatslehre feierte jetzt, da ihr Urheber schon das siebzigste Jahr überschritten hatte, ihren höchsten Triumph, nur daß diese derbprosaische Machttheorie sich in der Seele Friedrich Wilhelms zu einem reichgeschmückten künstlerischen Bilde ausgestaltete: Die Idee der Staatseinheit galt ihm gar nichts, genug, wenn alle Stände und alle Landschaften seines weiten Reichs sich frei und farbenprächtig in ihrer historischen Eigenart entfalteten, auch die Wenden, auch die Litauer, die Kassuben, die Masuren sich ungestört ihrer volkstümlichen Sprache und Sitte erfreuten. Alle Härten des alten Systems dachte er zu mildern; also Verzeihung für die Demagogen, auch für die Polen, die er als widerrechtlich Unterdrückte bemitleidete; Freiheit für die Presse, und vornehmlich für die Kirche. Den Groll der Katholiken über den Kölnischen Bischofsstreit hoffte er durch hochherzige Zugeständnisse zu versöhnen. Die evangelische Landeskirche aber und die oberstbischöfliche Gewalt des Königtums betrachtete er kaum als zu Recht bestehend: wenn der Protestantismus nur erst alle ungläubigen Elemente ausgestoßen hätte, dann sollten sich die Gemeinden der Gläubigen aus eigener Kraft, ungestört von der Staatsgewalt, ihre Kirche neu erbauen, und also die unsichtbare Kirche sichtbar werden. Auch die knappe Sparsamkeit des alten Regiments betrachtete er längst mit Unwillen: Um eine prächtige, geschmackvolle, des hohenzollernschen Namens würdige Hofhaltung hoffte er alles zu versammeln, was Deutschlands Kunst und Wissenschaft an großen Namen besaß. Schon als Kronprinz hatte er den Ausbau der Marienburg und des Kölner Domes gefördert, zu Castel auf der Felsplatte hoch über der Saar die Gruftkirche seiner lützelburgischen Ahnen, auf Stolzenfels das Rheinschloß der trierischen Kurfürsten stattlich hergestellt, auf Stahleck die Pfalzgrafenburg der Altvordern seiner Gemahlin wieder zugänglich gemacht; jetzt sollten überall die halbzertrümmerten Bauten der deutschen Vorfahren prächtig auferstehen und zugleich den schöpferischen Talenten des jungen Künstlergeschlechts eine Fülle neuer Aufgaben gestellt werden. Jeder frischen Kraft des vaterländischen Lebens wollte der christliche Monarch sorgsam gerecht werden: Dem Handel, dem Gewerbfleiß, dem Verkehre und nicht zuletzt den arbeitenden Massen, deren wachsende Macht er schon als Kronprinz, früher als die meisten Zeitgenossen, scharfsichtig würdigte. Von der überlieferten auswärtigen Politik war er nicht gemeint, sich gänzlich loszusagen; er betrachtete den Bund der Ostmächte als den Schutzwall wider die Revolution, seine alte Verehrung für Metternichs Weisheit hatte sich mit den Jahren nur gesteigert, und gegen den russischen Schwager zeigte er sich schwächer als sein Vorgänger. Der alte Herr hatte »den lieben Niks« wie einen Sohn geliebt, aber ihn in seiner stillen Weise immer in Schranken gehalten. Dem neuen Könige war die Härte des Zaren tief zuwider, und vor Vertrauten äußerte er sich oft sehr bitter über »seine Autokratische Majestät«, doch er empfand vor ihm jene geheime Furcht, welche der überlegene Wille dem überlegenen Geiste aufzwingt. Dabei fühlte er doch sehr lebhaft, daß seine innere Politik weder mit dem gemütlichen Seelenschlafe des alten Österreichs, noch mit der knechtischen Stille des Zarenreichs irgend etwas gemein haben durfte, und ersehnte die Zeit, da England wieder in den alten Vierbund eintreten, Preußen aber, gestärkt durch ein engeres Bündnis der beiden protestantischen Großmächte, etwas freiere Hand in Europa erhalten würde. Diesem stammverwandten Inselvolke widmete er seit einigen Jahren eine feurige, durch Bunsens enthusiastische Briefe beständig geschürte Bewunderung. Mit Freuden nahm er wahr, wie die Anglomanie seit dem Ende der dreißiger Jahre überall in Mitteleuropa, bis nach Ungarn hinein, unter dem Adel überhandnahm, Trachten und Sitten der englischen Sportsmen von der vornehmen Welt eifrig nachgeahmt wurden. Er sah in der britischen Verfassung das Musterbild jener organischen Entwicklung, die er, in andern Formen freilich, für seinen eigenen Staat erhoffte, und teilte die unter dem liberalen Adel wie im Bürgertum weitverbreitete Meinung, daß England unser natürlicher Bundesgenosse sei. Immerhin hatte er schon mehr politische Erfahrung gesammelt als die freiwilligen Staatsmänner des Liberalismus, und erkannte wohl, daß die Verbindungen der Staaten nicht allein durch ihre innere Verwandtschaft bestimmt werden; nur wenn der alte Ostbund unerschütterlich fortbestehe, hielt er das engere Bündnis der zwei protestantischen Mächte für möglich. Noch lebhafter beschäftigte ihn Preußens deutsche Politik. Er rechnete nicht auf ein langes Leben und sagte bald nach seiner Thronbesteigung: Ob diese kurze Regierung ruhmreich werde, das wisse er nicht, aber einen deutschen Charakter solle sie tragen. Da er »die Vorurteile« des friderizianischen Zeitalters verachtete und dem alten Kaiserhause neidlos den Vortritt überließ, so hielt er den Deutschen Bund mitsamt der friedlichen Zweiherrschaft für eine höchst segensreiche Einrichtung, und sein Ehrgeiz ging nur dahin, daß Preußen diese trefflichen Institutionen beleben, dem Bunde die wirksame Leitung des Heerwesens, der Verkehrs-Verhältnisse, der Handelspolitik verschaffen müsse, wie die erweiterte Bundesgewalt sich mit dem Zollvereine vertragen sollte, der doch ohne und gegen den Bund entstanden war – solche Fragen legte er sich kaum vor; denn sein preußisches Staatsgefühl blieb allezeit schwächer als die unbestimmte Begeisterung für Deutschlands Einigkeit, und der Gedanke, im Kampfe mit Österreich die Führung der Nation für Preußen zu fordern, lag gänzlich außerhalb seines Gesichtskreises. Unter allen hohenzollerschen Königen war er der friedfertigste, friedfertiger noch als sein Vater und darum auch der einzige, der nie einen ernsten Krieg geführt hat. Auf eines seiner Museen ließ er den alten Cäsarenspruch setzen: Melius bene imperare quam imperia ampliare – ein Wort, das dem Beherrscher eines Weltreiches wohl anstand, doch wahrlich nicht dem Könige eines jungen, unfertigen Staates mit lächerlichen Grenzen. Er war kein Mann des Degens; nur ungern bestieg der Kurzsichtige ein Roß, und wenngleich er bei den Manövern die Offiziere oft durch seine scharfsinnigen kritischen Bemerkungen überraschte, so fühlten sie doch alle, daß er diese kriegerischen Pflichten nur aus Gewissenhaftigkeit, ohne Freude erfüllte. Sein Herz hing an dem Glücke des Friedens. Alle die friedlichen Segnungen aber, welche sein Volk unter der christlichständischen Monarchie zu erwarten hatte, sollten allein ausgehen von der Weisheit der Krone,– denn wie ein Patriarch des Alten Testaments verstand er seine Würde, recht eigentlich als eine väterliche von Gott selbst zur Erziehung der Völker eingesetzte Gewalt erschien ihm das Königtum. Auf die Person des Monarchen bezog er alles, was im Staate geschah. Der höchste Zweck der freien Presse war ihm »das Aufdecken von Mißbräuchen und Unbilden, von denen ich auf keinem andern Wege unterrichtet werden dürfte«; und wenn er seinen Untertanen zürnte, dann sagte er drohend: »Ungezogene Kinder zur rechten Zeit die Rute fühlen zu lassen, ist schon durch Salomon und Sirach empfohlen.« Wenn sich nur unter allen diesen vielverheißendenPlänen des Thronfolgers ein einziger völlig ausgereifter, staatsmännisch durchdachter Entwurf befunden hätte! Indes jene leidenschaftliche Lust am Erfolge, selbst am verkümmerten Erfolge, welche den Mann der Tat bezeichnet, war ihm völlig fremd. Er liebte an der Fülle seiner Gedanken wie an einem künstlerischen Spiele sich zu werden, und in den langen Jahren des Harrens verlernte er fast zu fragen, wie alle diese Herrlichkeit ins Leben treten solle. Sogar den Plan der Befreiung der evangelischen Kirche, der ihm unter allen das Herz am stärksten bewegte, dachte er nur sieben Jahre lang mit ganzem Ernst zu fördern; zeige sich dann der Widerstand unüberwindlich, so wollte er das Buch zuschlagen. So sprach nicht ein geborener Herrscher, sondern ein phantasiereicher Kopf, der sich den Eindrücken des Lebens mehr hingab, als sie selbst bestimmte, eine weiche Natur, die im Vertrauen auf Gott und die Menschen allezeit hoffte, die Dinge würden nach ihren Wünschen gehen und dann das Mißlingen nicht der eigenen Schwäche, sondern dem unerforschlichen Ratschlüsse der Vorsehung zuschrieb. Auf seinem Schreibtisch in Sanssouci standen nebeneinander die Statuetten der Venus von Melos, des frommen Gellert, des Zaren Nikolaus, beredte Zeugen einer wunderbaren Empfänglichkeit, die in Kunst und Wissenschaft, in Staat und Kirche alles Bedeutende zu verstehen suchte, ohne irgendwo ganz heimisch zu werden. Im Gespräche mit den Helden des deutschen Geistes zeigte er eine so blendende Überlegenheit, daß Leopold Kante staunend sagte: Er ist unser aller Meister. Und doch war er kein Meister, sondern nur der größte aller jener geistreichen Dilettanten, an denen die vielgestaltige moderne Kultur so reich ist. Auf keinem der unzähligen Gebiete des geistigen Lebens, die sein ruheloser Geist zu umfassen strebte, zeigte er sich wahrhaft mächtig, wahrhaft schöpferisch, am wenigsten in seinem politischen Berufe. In späteren Jahren wetterte einmal ein klagender Bauer, der von dem Monarchen an den Staat gewiesen wurde, über diesen »Racker von Staat«, und der König pflegte dies geflügelte Wort halb im Scherz zu wiederholen. In seinem Munde war es leider mehr als ein Scherzwort; die unerbittliche Regelmäßigkeit der Staatsgeschäfte widerte ihn ebenso tief an wie die Härte der politischen Machtkämpfe, obgleich er die Arbeiten seines königlichen Amts mit gewissenhaftem Fleiße, bis in die tiefe Nacht hinein besorgte. Immer atmete er auf, sobald er sich aus dieser Welt der Nüchternheit in sein eigenes reiches Ich zurückziehen konnte, und nie war er glücklicher, als wenn er, berauschend und berauscht, die Flut seiner Gedanken und Gefühle in begeisterter Rede ausströmen ließ. »Es ließ mir keine Ruh', ich mußte reden«, so sagte er dann, durchaus ehrlich, zu seinen Freunden. Nur die ihn nicht kannten, beschuldigten ihn einer schauspielernder Berechnung, welche seinem Charakter fernlag. Sein volles Herz auszuschütten, an der Pracht hoher Bilder, an dem Wohllaut der heißgeliebten, mit Meisterhand gepflegten Muttersprache sich zu erfreuen, war ihm Bedürfnis. Die Wirkung dieser gesprochenen Selbstbekenntnisse stellte er dem barmherzigen Himmel anheim, ganz anders als sein Ahnherr Friedlich, der, auch ein geborener Redner, immer zum Zwecke sprach, jeden Satz auf den Willen der Hörer berechnend, und nie vergaß, daß Königsworte, nur wenn sie Taten sind, in der Nachwelt fortleben. Jenen unbewußten Schauspielerkünsten freilich, welche jedem begabten Redner naheliegen, unterlag er oftmals; wenn er an froher Tafelrunde in allen Augen den Abglanz seiner eigenen siegreichen Persönlichkeit widerstrahlen sah, dann sagte er oft mehr, als in seinem Willen lag. Und seltsam, während sonst Naturen von so vielseitiger Empfänglichkeit sich andern anzuschmiegen pflegen, stand Friedrich Wilhelm ganz auf eigenen Füßen. Hier lag das Rätsel dieses seltsamen Charakters, hier der Grund, warum er selbst von großen Köpfen so oft überschätzt wurde. In sorgloser Heiterkeit, ganz unantunlich, wie die Holländer sagen, schritt er durch das Leben; kraft der Weihe seines königlichen Amtes, kraft seiner persönlichen Begabung glaubte er alle Welt weit zu übersehen, und es gefiel ihm zuweilen, seine Absichten in ein ahnungsvolles Dunkel zu hüllen, durch halbe, unklare Worte die kleinen Sterblichen in Verwirrung zu setzen. Ohne durchgreifende Willenskraft, ohne praktischen Verstand, blieb er doch ein Selbstherrscher im vollen Sinne. Niemand beherrschte ihn; aller Glanz und alle Schmach seiner Regierung fiel auf ihn selbst allein zurück. Auf den Widerspruch seiner Räte ließ er wohl einen Lieblingsplan plötzlich fallen, und dann schien es eine Weile, als ob die Gedanken in diesem unruhigen Kopfe wechselten wie die Bilder im Wandelglase – bis sich endlich mit einem Male zeigte, daß der König an seinem ursprünglichen Plane mit einer seltsamen stillen Zähigkeit festgehalten hatte und, trotz allem was dazwischen lag, zu ihm zurückkehrte. Er gab nichts auf und setzte wenig durch. Neigungen des Gemüts und fertige Doktrinen bestimmten seine Entschlüsse; Gründe der politischen Zweckmäßigkeit konnten dawider nicht aufkommen. Und diese Unabhängigkeit von fremdem Urteile war ein Glück für den Monarchen; denn aller Menschenkenntnis bar zeigte er eine höchst unglückliche Hand in der Wahl seiner Ratgeber, eine wunderliche Neigung, bedeutende Männer an die falsche Stelle zu setzen oder sie durch unmögliche Zumutungen rasch zu vernutzen, so daß, außer den beiden persönlichen Vertrauten, Chile und Stolberg, nur ein einziger seiner Minister, Eichhorn, die acht Jahre bis zur Märzrevolution ganz bei ihm ausgehalten hat. In allem abweichend von der unzugänglichen Schüchternheit des Vaters, liebte er jedermanns Meinung zu befragen; in der Unterhaltung hörte er freimütigen Widerspruch gern, ja, er schien ihn durch kecke Behauptungen fast herauszufordern. Den Freunden beteuerte er seine Zuneigung mit einer Überschwenglichkeit, die ihn oft in den Verdacht der Falschheit brachte, obwohl sie stets der unwillkürliche Ausdruck seiner Stimmung war. Feinsinnig erriet er alle Wünsche seiner Getreuen und erfüllte sie mit königlicher Freigebigkeit, zart und rücksichtsvoll schonte er ihre menschlichen Schwächen. Wenn er gewinnen wollte, dann entfaltete er eine bezaubernde Liebenswürdigkeit und verschmähte selbst die kleinen weiblichen Künste des Schmollens nicht. Gleichwohl fühlte er sich durch seine königliche Würde so hoch erhoben, daß ihm die Personen im Grunde wenig galten. Mit erstaunlicher Kälte konnte er sich von altbewährten Vertrauten trennen, wenn sie ihre abweichende Meinung öffentlich kundgaben und ihm seine Zirkel störten. In jedem erklärten politischen Gegner sah er einen persönlichen Feind, und nach der Weise aller Gemütsmenschen behandelte er dann die entfremdeten Freunde ebenso hart und ungerecht wie vordem zärtlich und liebevoll, obgleich er es oft als seinen heißesten Herzenswunsch aussprach, gegen jedermann streng gerecht zu sein. Nicht bloß seine äußere Erscheinung, auch sein edel, aber unglücklich angelegter Geist gemahnte an das Dichterbild des Hamlet, wie reich war er an schönen, hohen Gedanken, und doch so unsicher in seinen Entschlüssen, daß seine Minister beim Schlusse einer Sitzung nie erraten konnten, ob er noch dieselbe Meinung hegen würde wie am Anfang. Seine Frömmigkeit kam aus den Tiefen eines gottbegeisterten Herzens, seine milde Hand schwelgte in den Werken einer jeden Schein verschmähenden christlichen Barmherzigkeit; und dieser Gütige konnte, wenn der Jähzorn ihn übermannte, sich bis zur Grausamkeit verfolgungssüchtig zeigen. Selber sittenstreng urteilte er hart, fast prüde über lockeren Lebenswandel; das schloß nicht aus, daß er an saftigen Eulenspiegeleien und Berliner Straßenwitzen seine Freude fand. Wie groß war sein Wissen und sein Wissensdrang; aber die reinste Blüte aller Bildung, die Einfachheit des Fühlens und Denkens blieb ihm unverständlich und unerreichbar, – überall suchte er das Absonderliche, weitab von der Heerstraße; immer mußte er witzig und geistreich sein, selbst wenn er durch einen paradoxen Einfall den Erfolg eines politischen Geschäfts gefährdete. Die männliche Kraft des Leibes und der Seele, welche allein so viele widersprechende Gaben im Einklang halten konnte, war ihm versagt, und zuweilen ließen sich schon die Spuren einer schlechthin krankhaften Anlage erkennen. Der alte König hatte immer, oft allzu ängstlich, die Gegensätze zu beschwichtigen versucht, immer gehandelt nach dem alten Grundsatze, daß die erste Pflicht jeder Regierung gebietet, bestimmte politische Überlieferungen festzuhalten; zuletzt, in den Tagen seines erstarrenden Alters, war es dahin gekommen, daß Minister Alvensleben beruhigt sagte: Wir kennen die Meinungen des Monarchen ganz genau und können unsere Berichte stets also abfassen, daß wir der Genehmigung sicher sind. Wie anders der neue Herrscher. Er beabsichtigte ebenfalls, die Traditionen seiner alten Monarchie in Ehren zu halten; doch durch seine vielverheißenden Reden, durch die Fülle seiner Pläne, durch sein unstet abspringendes Wesen, durch das beständige Aussprechen persönlicher Gefühle wirkte er überall so aufregend und aufreizend, daß bald ein Sturm der Leidenschaften sein ruhiges Land durchtobte und er selbst dem Schicksal des Zauberlehrlings verfiel. Die Schwäche jeder neuen Regierung, die Unberechenbarkeit aller Verhältnisse, währte unter dem vierten Friedrich Wilhelm nahezu acht Jahre, bis eine furchtbare Niederlage des Königtums die ganze Lage veränderte. Und wenn nur die Zeit und ihr königlicher Erwecker einander irgend verstanden hätten! Er aber hatte sich in einem seltsam verschlungenen Entwicklungsgange so eigentümliche Ideale gebildet, daß er zuweilen in den Worten, niemals in der Sache mit der Durchschnittsmeinung der Zeitgenossen übereinstimmen konnte; er redete eine andere Sprache als sein Volk. Man jauchzte ihm zu, weil er nach dem Wunsche aller Welt dem Zwange, der Stille des alten Systems ein Ende bereitete, und auch durch die Form seiner Reden schien er zu beweisen, daß niemand sich völlig von seiner Zeit lossagen kann? denn ganz wie die Poeten des Jungen Deutschlands, die er so tief verabscheute, liebte er durch das Ungewöhnliche zu blenden und verschmähte, Schlichtes schlicht zu sagen. Doch wenn er von Freiheit sprach, so meinte er sein althistorisches Ständewesen, das nur die Macht des Beamtentums, nimmermehr die monarchische Gewalt beschränken sollte, während seine Zuhörer an das Repräsentativsystem dachten, das man allmählich für die einzige eines gesitteten Volkes würdige Staatsform ansah, wenn er die deutsche Einheit pries, so dachte er an den Deutschen Bund und dessen friedliche Fortbildung, derweil die Gebildeten das ganze Treiben in der Eschenheimer Gasse schon längst als einen gespenstischen Mummenschanz verurteilten. Wenn er von der Selbständigkeit der Kirchen redete, so stimmte ihm jedermann zu, denn wer konnte dem Zauberworte der Freiheit widerstehen? – aber die christliche Gesinnung, die er für die freien Gemeinden der Gläubigen verlangte, war den Wortführern des Zeitgeistes völlig fremd, und alle die edlen Stiftungen seiner großartigen Wohltätigkeit, die von ihren Pfleglingen noch heute dankbar gesegnet werden, galten der Welt für Frömmelei und Muckerei, wenn er der Kunst und Wissenschaft freie Bahn versprach, so dachte er an die alte Naturphilosophie und die romantische Dichtung, geistige Mächte, welche das selbstgefällige neue Geschlecht längst überwunden zu haben glaubte. So ward die erste Zeit seiner Regierung eine lange Kette von Mißverständnissen, und an dieser wechselseitigen Verkennung trug der König ebensoviel Schuld wie die unklar gärende Zeitstimmung, die ihn erst für ihren Helden hielt, um ihn dann mit der ganzen Bitterkeit der Enttäuschung zu bekämpfen. Selbst General Gerlach, der getreue Freund und Diener, sagte zuweilen: »Die Wege des Herrn sind wunderbar«, und der nicht minder ergebene Bunsen schrieb neben die Klage des Königs: »Niemand versteht mich, niemand begreift mich« die verzweifelte Randbemerkung: »Wenn man ihn verstände, wie könnte man ihn begreifen!« Friedrich Wilhelm vermochte nicht, wie sein ebenso phantasiereicher bayrischer Schwager, durch despotische Härte und durchtriebene Schlauheit sich aus selbstverschuldeten Verwicklungen herauszufinden; er rieb sich auf in unfruchtbaren Versuchen, bis die Geschichte über ihn hinwegschritt, weder zum herzhaften Genusse, noch zu herzhafter Tat besaß er die Kraft, und obwohl ihn die angeborene muntere Laune nie ganz verließ, so fühlte er sich doch innerlich unbefriedigt. Er erkannte bald mit Schmerz, daß ihm nichts gelinge, und die aufgeregte Zeit war nicht in der Stimmung, diesem stillen Leiden eines hochbegabten Geistes menschliche Teilnahme zu zollen. Der von dem Berufe der Könige von Gottes Gnaden so überschwenglich hoch dachte, mußte noch erleben, daß sein Regiment den Glauben an das Königtum in einem altmonarchischen Volke tief, zum Glück nicht für immer, erschütterte. Es war, als wollte die Vorsehung diesem überbildeten und den Wert der Bildung maßlos überschätzenden Geschlechte an einem tragischen Beispiele zeigen, wie wenig in den Machtkämpfen des Staatslebens Geist, Wissen, Edelsinn, Herzensgüte vermögen ohne die schlichte Kraft eines männlichen Willens. In dem großen Zusammenhange der deutschen Geschichte erscheint diese tief unglückliche Regierung doch als eine notwendige, heilsame Schickung; denn unter einem stärkeren Könige wäre der unvermeidliche Übergang der stolzen preußischen Monarchie zur konstitutionellen Staatsform schwerlich ohne furchtbare Kämpfe erfolgt. (3–16.) Der Königsberger Huldigungslandtag Am 29. August hielt das Königspaar seinen Einzug in der alten Krönungsstadt. Die Schlächter ritten voran, nach dem Vorrechte, das sie sich, hier, wie in Berlin, vor alters durch rühmliche Kriegstaten erkämpft hatten. Die andern Innungen bildeten Spalier in den reichverzierten, hochgiebligen Gassen, die Schiffe auf dem Pregel prangten im Flaggenschmuck. Der König kam zu Roß neben dem Wagen seiner Gemahlin daher und beantwortete die Anrede des Bürgermeisters mit wohlgewählten herzlichen Worten. Stürmisch, endlos erklangen die Jubelrufe aus den Massen; die Kinder ließen sich nicht halten und drängten sich an den Herrscher heran, der gütig lächelnd die kleinen Krausköpfe streichelte; es schien, als könnte nie mehr ein Mißklang das patriarchalische Verhältnis zwischen Fürst und Volk stören. Die nächsten Tage verbrachte der König bei den Übungen der Truppen, auf Ausflügen in das schöne Samland und bei mannigfachen Festlichkeiten. Mittlerweile versammelten sich am 5. September die preußischen Landstände. Sie waren durch eine Kabinettsorder vom 15. Juli einberufen und beauftragt, vor der Huldigung die beiden Fragen zu beantworten: ob eine Bestätigung ständischer Privilegien zu beantragen und ob eine besondere Vertretung des Herrenstandes bei der Huldigung zu erwählen sei? Die erste dieser Fragen mußte, obwohl sie sich nur an althergebrachte Formeln anschloß, unter den gegenwärtigen Umständen den Eindruck machen, als wollte der König selbst die Stände zu einer Äußerung über die Verfassungsfrage auffordern; Friedrich Wilhelm bemerkte die Gefahr nicht, weil er damals noch beabsichtigte, den Ständen selber die Berufung eines allgemeinen Landtags, nach den Plänen des Vaters, anzukündigen. Inzwischen hatte er seine Absicht geändert, und da er jetzt mit leeren Händen kam, so verschuldete er selbst, was er doch verhindern wollte: daß die Krone von ihrem treuen Volke gedrängt wurde. Schön eröffnete den Landtag als königlicher Kommissar. Er gedachte zunächst des verstorbenen Königs und der jedem ostpreußischen Herzen teueren Reformperiode, welche »den letzten Rest der Sklaverei« vernichtet habe. In seiner klug berechneten Rede, die er überdies noch durch eine Denkschrift näher begründete, legte er sodann den Ständen die Antwort in den Mund, welche sie auf die Fragen des neuen Herrschers zu geben hätten: er riet ihnen, dem Könige, nach ihrem alten Ehrenrechte, das herkömmliche Huldigungsgeschenk von 100 000 Gulden anzubieten, dagegen auf die Vertretung eines besonderen Herrenstandes zu verzichten, auch auf die Bestätigung ihrer alten, aus der trüben Zeit der Klöster und der Zünfte stammenden Privilegien keinen Wert zu legen. Diese Ratschläge des mächtigen Oberpräsidenten eigneten sich die Landstände fast wörtlich an. Da er durch Brünneck, die Brüder Auerswald und andere Getreue die Versammlung vollkommen beherrschte; so läßt sich mit Sicherheit annehmen, daß er auch an allem, was nun folgte, insgeheim teilnahm; den Schein der amtlichen Zurückhaltung wußte er freilich so vorsichtig zu wahren, daß er nachher jede Mitwirkung in Abrede stellen konnte. Der Kaufmann Heinrich aus Königsberg, ein wohlmeinender, gemäßigt liberaler Mann, der nur dies eine Mal eine Rolle in der Geschichte Preußens spielen und nachher bald wieder vergessen werden sollte, beantragte nunmehr, den König um die Erfüllung der alten Verfassungsversprechen zu bitten. Im Sinne dieses Antrags wurde darauf eine ständische Denkschrift ausgearbeitet. Die Feder führte der ritterschaftliche Abgeordnete Alfred von Auerswald, ein Sohn jenes wackeren alten Oberpräsidenten, der einst, noch vor der befreienden Gesetzgebung des Staates, zuerst die Hörigkeit auf seinen Gütern aufgehoben hatte, wie sein Bruder, der jetzt als Oberbürgermeister der Landeshauptstadt ebenfalls dem Landtage angehörte, war Alfred Auerswald vor Jahren auf dem Schloßhofe der alten Königsberger Ordensburg der tägliche Spielgefährte der königlichen Prinzen gewesen und ihnen seitdem in treuer Freundschaft verbunden geblieben. In diesen Brüdern Auerswald, in dem zweiten Landtagsmarschall Saucken-Tarputschen, in Brünneck, Bardeleben und der großen Mehrzahl der andern adeligen Landstände Altpreußens offenbarte sich zur allgemeinen Überraschung eine neue politische Kraft, die man seither ganz übersehen hatte, weil sie sich im Stilleben der Provinziallandtage verlor. Die alten Adelsgeschlechter des Südens hatten bisher in ihrer großen Mehrzahl sich entweder dem neuen politischen Leben der Nation grollend ferngehalten oder sich der ultramontanen Partei angeschlossen, weil sie die Gewalttaten der rheinbündischen Tage nicht verschmerzen konnten; und es war nur menschlich, daß der starke Bürgerstolz der Oberdeutschen adelige und reaktionäre Gesinnung fast für gleichbedeutend hielt, hier aber trat ein patriotischer Adel hervor, fest verwachsen mit seinem Staate, königstreu durch und durch, stolz auf die kriegerischen Erinnerungen der schwarzweißen Fahnen des Deutschen Ordens und des Königreichs Preußen, und dabei altväterisch einfach, unabhängig, freimütig bis zur Schroffheit, bei weitem nicht so radikal wie die Kammerredner des Südens, immerhin sehr empfänglich für die liberalen Ideen des Zeitalters. Wer diesen Männern herzhaft in die Augen sah, der mußte erkennen, daß Preußen an gesunden konservativen Kräften genug besaß, um eine notwendige Reform getrost wagen zu können – wenn nur der König selber voranschritt. In den Verhandlungen des Landtags trat die politische Unreife der Zeit oft genug zutage; Heinrich selbst wußte in seinem Antrage zwischen der Assekurationsakte des Großen Kurfürsten und den neuen königlichen Verheißungen, die doch auf einem ganz andern staatsrechtlichen Boden standen, noch nicht scharf zu unterscheiden. Aber keine einzige unehrerbietige Äußerung wurde laut, alle wetteiferten in Beteuerungen unverbrüchlicher Treue, und mitten unter unklaren, leeren Reden fiel doch schon das entscheidende Wort, worauf alles ankam: der preußische Reichstag werde dem Könige das sicherste und vielleicht einzige Mittel darbieten, die durch Raum, Sprache und Sitte vielfach getrennten Stämme seines Volks zu einen. Nach ernster, gründlicher Beratung genehmigte die Versammlung am 7. September mit 89 gegen 5, durchweg adelige, Stimmen die Denkschrift, welche den König um Aufrechthaltung und Vollendung der von seinem Vater neugegründeten verfassungsmäßigen Vertretung des Landes bat. Der Landtag gab sich der Hoffnung hin, daß Seine Majestät nicht anstehen würde, »das fortdauernde Bestehen der Provinzialstände, und in den wegen des Vaters wandelnd, die verheißene Bildung einer Versammlung von Landesrepräsentanten Ihrem getreuen Volke allergnädigst zuzusichern«. Die Stände sagten nichts, was ihnen nicht zustand, sie gaben nur eine ehrerbietige Antwort auf eine königliche Frage, und wenn eine solche öffentliche Mahnung das Ansehen der Krone allerdings leicht gefährden konnte, so trug die Schuld der König selbst, der nicht verstanden hatte, zur rechten Zeit die rechte Entscheidung zu geben. Durch diesen Beschluß ward das Eis gebrochen, der vor siebzehn Jahren notdürftig beschwichtigte preußische Verfassungskampf von neuem entfesselt. Am Hofe fühlte man dies sogleich. Allgemein war die Entrüstung. Der Prinz von Preußen, der noch ganz in den streng absolutistischen Grundsätzen des Vaters befangen war, richtete, sobald er von dem Vorhaben der Stände erfuhr, noch am 7. September einen scharfen Brief an Schön: »Es ist in meinen Augen die höchste Illoyalität, einem neuen Souverän beim Antritt seiner Regierung Garantien abzufordern; und wenn selbst der selige König 1815 solche in Aussicht stellte, so blieb es seiner Weisheit sowohl als der seiner Nachfolger vorbehalten, die Zeit zu bestimmen, wenn sie in Ausführung kommen sollten. Daß der selige König außerdem seit Einführung der Provinzialstände an jener weiteren Ausdehnung der ständischen Verhältnisse nicht gearbeitet hat, beweist wohl, wie in allem, sein tiefer und richtiger praktischer Blick, der ihn in der Modernität solcher Institutionen ringsum im Auslande nur Nachteil, Unruhe, Unzufriedenheit erblicken ließ... Anklang würde es bei allen finden, die Umsturz des bestehenden wollen, die Selbstsuchtsnährer sind und ihrer Eitelkeit frönen. Bei solchen Menschen populär zu sein, ist nicht meine und nicht der wahren Patrioten Sache.« Schön antwortete beschwichtigend: der Prinz möge der Sache keine Wichtigkeit beilegen, die ständische Denkschrift enthalte nichts Gefährliches, überhaupt könne ein preußischer Landtag nie etwas beschließen, was dem Wohle des Königs zuwider sei. Mittlerweile setzte auch Minister Rochow alle Hebel ein, um den König gegen die Stände einzunehmen. Als Schön am folgenden Tage im Schlosse erschien, fand er den König sehr aufgebracht und schon halb entschlossen, den Landtag schnöde abzufertigen. Auf das Zureden des alten Freundes beruhigte sich Friedrich Wilhelm allmählich und gestand: er wolle ja dasselbe wie die Stände, aber zur rechten Zeit und nach seinem eigenen freien Ermessen; er deutete auch einiges an von dem Plane eines großen Vereinigten Landtags, der ihn im stillen immer beschäftigte. Im Vorzimmer sagte Schön nachher zu Alexander Humboldt – wer will entscheiden, ob aus kluger Berechnung oder in der Freude der ersten Überraschung?: – »Der König ist noch liberaler als ich.« Diese Äußerung wurde natürlich sofort überall verbreitet, und Schön, der in diesen Tagen mannigfache Beweise königlicher Gnade, den Schwarzen-Adler-Orden und den Titel eines Staatsministers empfing, galt bei allen Ostpreußen schon für den unvermeidlichen Nachfolger des Ministers Rochow. Immerhin bewirkte Schöns Vermittlung, daß der Landtagsabschied vom 9. September eine sehr freundliche Form erhielt. Der König sagte darin: sein Vater habe, bewogen durch die in andern Ländern wahrgenommenen Ergebnisse, sein königliches Wort in reifliche Erwägung gezogen und demgemäß beschlossen, »von den herrschenden Begriffen sogenannter allgemeiner Volksvertretungen sich fernhaltend«, sein Wort einzulösen durch die Einführung der provinzial- und kreisständischen Verfassung. »Dieses edle Werk treu zu pflegen und einer immer ersprießlicheren Entwicklung entgegenzuführen«, sei dem neuen Herrscher »eine der wichtigsten und teuersten Pflichten des königlichen Berufes«. Die Bitte des Landtags war also abgeschlagen, der König stellte nicht einmal für die Zukunft irgend etwas Bestimmtes in Aussicht, da es ihm gegen die Ehre ging, sich von vorwitzigen Untertanen treiben zu lassen. Darum fühlte sich auch Zar Nikolaus sichtlich erleichtert; er dankte seinem Schwager, weil die dornige Verfassungsfrage jetzt »ein für allemal« abgetan sei. Die Abweisung erfolgte jedoch in so gnädigem Tone, und Schön wußte seinen Landsleuten von den freisinnigen Absichten des Monarchen so viel Herrliches zu erzählen, daß die Stände in der Tat glaubten, der Landtagsabschied enthalte, weil er doch von der Entwicklung des Bestehenden spreche, mindestens eine halbe Gewährung. Sie begrüßten die Verlesung des Aktenstückes mit freudigen Hochrufen. So ward der Grund gelegt für ein verhängnisvolles wechselseitiges Mißverständnis. Wer hätte auch jetzt, da der Jubel des beginnenden Huldigungsfestes alles übertäubte, noch die Stimmung gefunden zu ruhigem Nachdenken? Ohnehin konnte sich der Landtag keineswegs auf eine feste durchgebildete Volksüberzeugung stützen. Da Parteien noch nicht bestanden, so mochten sich manche der Landstände bei dem Beschlüsse wenig gedacht haben, nur die Führer der Mehrheit waren sich ihres Zweckes bewußt. Aber auch die fünf Stimmen der Minderheit des Landtags besaßen in der Provinz einen starken Anhang. Siebenundzwanzig der zur Huldigung einberufenen adeligen Grundbesitzer traten noch am 8. September, geführt von dem Grafen Dohna-Schlobitten, zusammen, um gegen die Denkschrift des Landtags Verwahrung einzulegen: sie seien, so versicherten sie dem Könige, mit den bestehenden Provinzialständen vollauf zufrieden und wünschten keine Neuerung. Im Volke fragte noch niemand nach diesen politischen Grundsätzen, alles dachte nur an den königlichen Gast und wie man ihn verherrlichen sollte. Am Abend des 9. September gab die Provinz dem Monarchen ein prachtvolles Fest; in lebenden Bildern traten die großen Gestalten der reichen Landesgeschichte auf; Männer aller Stände und aller Richtungen wirkten einträchtig zusammen; der liberale Theolog Cäsar von Lengerke hatte die begleitenden Verse gedichtet, die der junge Jurist Eduard Simson mit klangvoller Stimme vortrug. Am folgenden Tage versammelten sich die Deputierten der Provinzen Preußen und Posen zur Huldigung; mehr denn zwanzigtausend Menschen standen in dem weiten Hofe und an den Fenstern des Schlosses zusammengedrängt, der königliche Thron prangte auf einem Altane, von dem eine mächtige Freitreppe in den Hof hinabführte. Der Kanzler und der Landtagsmarschall des Königreichs Preußen hielten ihre Ansprachen in der herkömmlichen Weise; nur der Posener Landtagsmarschall Graf Poninski versagte sich's nicht, sehr deutlich zu erinnern an »die erhabenen, väterlichen Worte des großen Königs«, der seinen polnischen Untertanen verheißen habe, ihnen Volkstümlichkeit und Sprache zu wahren. Als darauf die Eidesformel verlesen wurde, klang plötzlich durch die feierliche Stille grell und schneidend, wohl zehnmal wiederholt, der Warnungsruf eines wahnsinnigen Weibes: Schwört nicht, schwört nicht! Der unheimliche Eindruck der Störung ward aber sogleich vergessen, als der König vom Throne aufstand und, die Rechte feierlich erhoben, vor allem Volke gelobte, ein gerechter Richter, ein treuer, sorgfältiger, barmherziger Fürst, ein christlicher König zu sein. Dann pries er in hochbegeisterten Worten dies Preußen, seine Wehrhaftigkeit ohnegleichen und die Einheit von Fürst und Volk: »so wolle Gott unser preußisches Vaterland sich selbst, Deutschland und der Welt erhalten! Mannigfach und doch eines. Wie das edle Erz, das aus vielen Metallen zusammengeschmolzen, nur ein einziges edelstes ist, keinem andern Roste unterworfen als dem verschönernden der Jahrhunderte.« Unbeschreiblich war die Wirkung dieses rhetorischen Meisterwerkes, das wie alle Werke geborener Redner den Hörenden noch viel herrlicher erschien als späterhin den Lesenden; fast niemand fragte nüchtern, ob denn alle diese schwungvollen Beteuerungen, alle diese prächtigen Bilder irgendeinen greifbaren politischen Inhalt hätten. Einer der neuen politischen Lyriker, der Student Rudolf Gottschall, sang: Das Volk Steht wie Danae in heißem Wollustsehnen, Glutverlangen, seiner Worte goldnen Regen in dem Schoße zu empfangen! Alles schwamm in Freuden, und noch einige Tage hindurch währte der bacchantische Taumel. (42–47.) Die Kriegsgefahr Die französische Kriegsdrohung 1840 und die nationale Gegenbewegung in Deutschland Wunderbar stark und von nachhaltigem Segen war die Rückwirkung dieser Ereignisse auf das deutsche Volksleben. Die Deutschen hatten von den verwickelten Londoner Unterhandlungen nur wenig erfahren und an die Möglichkeit eines europäischen Krieges kaum gedacht. Es traf sie wie ein Blitz vom hellen Himmel, als plötzlich bei der Einweihung der Julisäule auf dem Bastilleplatze die Marseillaise, diesmal in drohendem Ernst, erklang und alle französischen Blätter den Feldzug an den Rhein forderten. Daß Frankreich wegen einiger syrischen Paschaliks die deutsche Westmark bedrohen wollte, erschien allen als ein Beweis rasenden Übermuts, und sofort antwortete dem gallischen Kriegsgeschrei aus allen Gauen Deutschlands der alte Schlachtruf der Germanen: Her, her! Deutschland war einig in dem Entschlusse, sein altes, so glorreich wiedergewonnenes Erbteil ritterlich zu behaupten. Die welschen Ideale des vergangenen Jahrzehnts schienen wie weggeblasen, die Heldengestalten von Dennewitz und Leipzig traten den Deutschen wieder leuchtend vor die Augen; auch die ästhetische Begeisterung für das schöne Rheinland wirkte mit, die sich während der jüngsten Jahre durch die Bilder der Düsseldorfer und die Lieder der letzten Romantiker in weiten Kreisen verbreitet hatte. In jedem andern Volke hätte sich ein solcher Entschluß von selbst verstanden; den Deutschen aber traute das Ausland nationalen Stolz nicht zu, und ungeheuer war der Eindruck, als hier plötzlich, ganz frei und naturwüchsig, an hundert Stellen zugleich der Volkszorn seine mächtige Stimme erhob. Man fühlte überall: diese Empfindung war tiefer, mächtiger als die Kriegsbegeisterung der Franzosen, die freilich auch aus dem Herzen kam, aber von der Pariser Presse künstlich gefördert und geleitet wurde. Sogar die allezeit streitlustigen Elsasser erschraken; die Straßburger Zeitungen sagten kleinmütig, auf das preußische Rheinland müsse Frankreich wohl für immer verzichten, nur die Pfalz sei noch zu gewinnen. Sofort stand außer Zweifel, daß die Deutschen diesen Krieg, wenn er kam, sogar noch einträchtiger führen würden als den Feldzug von Belle-Alliance; denn gerade in den Landschaften, welche bisher für französische Ideen eine besondere Vorliebe gezeigt hatten, flammte das kriegerische Feuer am hellsten. Wie oft hatten die preußischen Rheinländer beim Schoppen über den Ehrenbreitstein und die andern »Zwing-Uris« ihres Königs gespottet; jetzt fühlten sie alle dankbar, daß sie hinter diesen Bollwerken deutscher Freiheit so wohlgeborgen saßen. Den Süddeutschen aber fiel es schwer aufs herz, wie gröblich ihre Regierungen und Landtage sich durch falsche Sparsamkeit an dem großen Vaterlande versündigt hatten; sie sahen sich wehrlos, und alle wendeten ihre Blicke hilfesuchend auf den neuen König von Preußen. Recht aus dem herzen der verständigen Süddeutschen heraus sagte Nebenius in einer anonymen Flugschrift über »das südwestliche Deutschland und seine Stimmungen«: Unser Süden bedürfe vor allem einer Landwehr nach preußischem Muster, damit er sich endlich aus eigener Kraft zu verteidigen lerne. Auch die bayrische Pfalz, vor acht Jahren noch die Heimstätte des wüsten Radikalismus, hielt sich so musterhaft, daß der Regierungspräsident Fürst Wrede den Pfälzern mit vollem Rechte sagen konnte, ihr Nationalsinn hätte ihn »mit wahrer Bewunderung erfüllt«. Die tollen Reden des Hambacher Festes waren ja doch nur der unbestimmten Sehnsucht nach einem großen Vaterlande entsprungen; seitdem hatte die Langeweile des Bourgeoisregiments die französischen Sympathien sehr abgekühlt, die unwiderstehliche Interessengemeinschaft des Zollvereins das deutsche Nationalgefühl mächtig gefördert; und sobald Not an Mann kam, zeigte sich sogleich, daß der Pfälzer ebensogut ein Deutscher war wie der Märker oder der Pommer. In schönem Einmut hielten alle Stämme zusammen; höchstens im Königreich Sachsen und den andern Kleinstaaten des Ostens, die sich nicht unmittelbar bedroht fühlten, erklang noch zuweilen schüchtern eine Stimme philisterhafter Friedensseligkeit. Und wie das Volk, so seine Fürsten. Von jener rheinbündischen Gesinnung, die noch im Jahre 1815 zu Stuttgart und Karlsruhe so dreist herausgetreten war, fand sich nirgends mehr eine Spur. Der gesamte hohe Adel der Nation scharte sich ehrenhaft um das Banner des Vaterlandes: von dem alten Welfen an, der als grimmiger Reaktionär den Vernichtungskampf wider die Revolution ersehnte, bis hinüber zu dem Teutschesten der Teutschen, König Ludwig von Bayern, der seine Vaterstadt Straßburg noch als die starke Bundesfestung unseres Südens zu begrüßen hoffte. Die französischen Gesandten in Deutschland fühlten sich wie verraten und verkauft, als sie in diesem gutherzigen, gastfreundlichen Volke auf einmal den Haß auflodern sahen. Graf Bresson in Berlin, ein bekannter Heißsporn, gebärdete sich wie ein Unsinniger; er klagte, Frankreich sei erniedrigt, entehrt, von Europa geächtet, und verkroch sich bei dem nächsten Hoffeste, um nur den König nicht sprechen zu müssen, hinter einem Fenstervorhang, wo man ihn ruhig stecken ließ. Der Gesandte in München wollte gar nicht verstehen, was man gegen ihn habe, da doch Frankreich immer das deutsche Gleichgewicht verteidigte; der in Darmstadt bat um Schutz für sein Haus, weil er sich durch den Lärm der Presse persönlich bedroht glaubte. Offenbar kam es den Franzosen ganz unerwartet, daß die Deutschen sich als eine Nation fühlten. Die öffentliche Meinung hielt sich ganz frei von dem fratzenhaften Franzosenhasse der Zeiten der alten Burschenschaft. Man wagte nicht einmal die Wiedereroberung des Elsasses zu fordern, sondern wollte nur tapfer das deutsche Hausrecht wahren. Major Moltke erwies freilich in einem beredten Aufsatze über die westliche Grenzfrage, »daß, wenn Frankreich und Deutschland je miteinander abrechnen, alles Soll auf seiner, alles Haben auf unserer Seite steht«, und sprach die Erwartung aus, in diesem Falle würde Deutschland »das Schwert nicht eher in die Scheide stecken, bis Frankreich seine ganze Schuld an uns bezahlt« hätte. Solche Hoffnungen mochten in der Stille von vielen, zumal von preußischen Offizieren, gehegt werden; in der Presse fanden sie nur sehr selten einen Widerhall. Mitten während des Kriegslärms wurden in Deutschland Sammlungen für die Überschwemmten zu Lyon veranstaltet, und weil die Empfindung der Nation so einfach war, darum fand sie auch ihren natürlichen Ausdruck in den schlichten Worten eines Mannes aus dem Volke. Niklas Becker, ein junger Gerichtsschreiber im preußischen Rheinlande, dichtete in guter Stunde das Lied: Sie sollen ihn nicht haben, den freien deutschen Rhein, Ob sie wie gier'ge Raben sich heiser darnach schrein, So lang er ruhig wallend sein grünes Kleid noch trägt, So lang ein Ruder schallend in seine Wogen schlägt. Als die Kölner im Oktober ihrem neuen Könige huldigten, wurde dies Lied zum ersten Male gesungen, und feurige rheinische Patrioten, die noch halb unbewußt unter dem Einflusse der französischen Verbildung des letzten Jahrzehntes standen, schlugen vor, das Gedicht, als ein Gegenstück der Marseillaise, die Colognaise zu nennen. Gewaltig war die Wirkung. Mehr als zweihundertmal wurde das Rheinlied in Musik gesetzt; und eben wegen dieser überschwenglichen Begeisterung konnte es nicht im Gedächtnis des Volkes dauern, da keine der unzähligen Melodien die andern aus dem Felde zu schlagen vermochte. Ein Heer von Nachahmern stimmte in Beckers Weisen ein, unter ihnen auch ein unbekannter junger Schwabe Schneckenburger. Der dichtete in der Schweiz ein Lied »Die Wacht am Rhein«, das als Dichtung dem Vorbilde weit nachstand. Doch bei einem Volksliede bedeutet die Melodie fast alles, der Text wenig; dank der kräftigen, volkstümlichen Komposition Wilhelms sollte Schneckenburgers Lied nach einem Menschenalter der rauschende Kriegsgesang der deutschen Sieger werden. Damals sprach niemand davon; alles schwärmte für Niklas Becker, dessen poetische Kraft freilich mit diesem einen glücklichen Wurfe erschöpft war. König Friedrich Wilhelm bewies ihm in Wort und Tat seine Anerkennung; Ludwig von Bayern sendete ihm als Pfalzgraf bei Rhein einen Ehrenbecher und schrieb: »Aus diesem vergoldeten, silbernen, von mir angegeben wordenen Pokal trinken Sie oft, das singend: Sie sollen ihn nicht haben!« Von französischer Seite antwortete zuerst Lamartine mit einer »Marseillaise des Friedens«, die in den Träumen allgemeiner Menschenliebe schwelgte: Der Haß und Neid allein besitzt ein Vaterland, Die Bruderliebe kennt es nicht. Mit solcher Gefühlsseligkeit konnte der französische Übermut sich unmöglich zufrieden geben. Erst Alfred de Musset fand das rechte Wort für die nationale Empfindung, als er den Deutschen zurief: Wir hatten ihn schon, euern deutschen Fluß, er fühlte im Nacken des Siegers Fuß – und sie höhnend aufforderte, im freien Rheine ihre Bedientenjacke zu waschen. In ähnlichem Tone pries Victor Hugo den Kyklopen Frankreich und sein eines Auge, Paris; ein anderer Poet sang gar: Nous l'aurons quand nous le voudrons – und mußte sich von den Deutschen an den Fuchs, dem die Trauben zu sauer schienen, erinnern lassen. Mehrere Monate hindurch währte dieser poetische Wettstreit, in dem die Deutschen entschieden die Oberhand behielten; von allen den drohenden und prahlenden Gesängen der Franzosen hielt keiner den Vergleich aus mit dem frischen Rheinweinliede Georg Herweghs: Wo solch ein Feuer noch gedeiht, Wo solch ein Wein noch Flammen speit, Da lassen wir in Ewigkeit Uns nimmermehr vertreiben! Stoßt an, stoßt an: der Rhein, Und wär's nur um den Wein, Der Rhein soll deutsch verbleiben! Die Gesinnung der Nation sprach sich so unwiderstehlich aus, daß selbst Jakob Venedey, der Häuptling der Pariser »Geächteten«, der abgesagte Feind Preußens, nicht umhin konnte, in seinem phrasenreichen Buche »Der Rhein« ehrlich einzugestehen, die Rheinfrage dürfe für deutsche Männer keine Frage sein. Sogar in Österreich regte sich zuweilen das deutsche Blut. Auf den Straßen Wiens wurde das Rheinlied gesungen, und für den »Österreichischen Beobachter«, der vor kurzem noch die höchst gefährliche Idee der deutschen Einheit so ingrimmig verfolgt hatte, schrieb jetzt der junge Liberale Franz Schuselka die »Deutschen Worte eines Österreichers«. Von den Gegnern wagten sich nur einzelne mit der Sprache heraus; so W. Cornelius, der Demagog aus den Hambacher Zeiten, der ließ in einem bissigen Gedichte den Vater Rhein seinen Sängern antworten: »Nennt mich weder deutsch noch frei.« Heinrich Heine fühlte sich wie betäubt, als der kunstvolle Prachtbau der welschen Phrasen des letzten Jahrzehntes so jählings zusammenbrach und die verhaßten Teutonen sich so ungebärdig wider sein geliebtes Frankreich erhoben; indessen zog er vor, für jetzt noch klüglich zu schweigen. Der fremdbrüderliche Liberalismus der dreißiger Jahre war mit einem Schlage vernichtet. Niemand empfand dies schwerer als Rotteck, den die tragische Gerechtigkeit des Schicksals eben jetzt, im November 1840, inmitten der Lärmrufe der teutonischen Kriegsbegeisterung aus dem Leben abberief. Auf seine Weise hatte der ehrliche Doktrinär sein Vaterland immer geliebt; aber die Möglichkeit eines Krieges gegen das liberale Frankreich war ihm während der letzten Jahre ganz unfaßbar geworden. In der verwandelten Zeit fand er sich nicht mehr zurecht, und noch auf seinem Sterbebette fragte er traurig: in welche Hände wird nun das Vernunftrecht kommen? Er ahnte nicht, daß diese Hände sich niemals finden sollten. Die schöpferische Wissenschaft war über die Träume des Vernunftrechts längst hinweggeschritten, die verständigen Liberalen begannen schon, nach Dahlmanns Vorgang, ihre Ideale den gegebenen Zuständen anzupassen; die jungen Schwarmgeister aber, die noch an das Wahnbild eines unwandelbaren, in den Sternen geschriebenen Rechtes glaubten, gingen weit über Rotteck hinaus, sie hofften auf ein Reich der unbedingten Freiheit und Gleichheit. So starb der Führer des badischen Liberalismus zur rechten Zeit für seinen Ruhm, in einem Augenblicke, da er den Deutschen nichts mehr sein konnte. Zum ersten Male seit unvordenklichen Zeiten war die deutsche Nation mit ihren Fürsten ganz einig, und Metternich, der jetzt im Alter die Dinge bequem zu nehmen liebte, meinte zufrieden, diese nationale Bewegung sei ganz unberührt von den revolutionären Gedanken der Befreiungskriege. Zar Nikolaus dagegen sagte besorgt zu dem preußischen Gesandten, es scheine ratsam, die stürmische nationale Gesinnung der Deutschen zu überwachen, denn sie äußere sich am lautesten in den Kreisen der Männer, welche bisher die Regierungen bekämpft hätten. Der Russe sah schärfer als der Österreicher. Es war in der Tat der Geist von 1813, der aus allen diesen Gedichten, Reden und Zeitungsartikeln sprach; es war der Stolz einer endlich erwachenden starken Nation, der, zum vollen Selbstbewußtsein gereift, der Fremdherrschaft Österreichs ebenso verderblich werden mußte, wie den hohlen Formen der Bundesverfassung. Die Kugel stand auf scharfer Kante; ein leichter Stoß genügte, sie ins Rollen zu bringen. Der Krieg war erklärt, sobald Preußen eine ernste Anfrage wegen der französischen Rüstungen nach Paris ergehen ließ und sie veröffentlichte. Ein König von friderizianischer Kühnheit hätte dieser Versuchung schwerlich widerstanden. Alle die tapferen Männer des preußischen Heeres, welche seit Jahren schon den Dritten Punischen Krieg für unvermeidlich hielten, vereinigten sich in der Meinung, jetzt sei die rechte Zeit zum schlagen. Der Prinz von Preußen lebte und webte in dem Gedanken des rheinischen Feldzugs. In ernster Rede mahnte er die Offiziere der Garde, den vaterländischen Sinn wachzuhalten in dem Heere, »der Schöpfung des seligen Königs«, die sich mehr denn je das Vertrauen des befreundeten Auslands erworben habe. Er schrieb sich das Rheinlied eigenhändig ab, und unter die Schlußworte: Sie sollen ihn nicht haben, den freien deutschen Rhein, Bis – seine Flut begraben des letzten Manns Gebein! setzte er jenen kühnen Federzug, der späterhin aus der Namensunterschrift des Sedansiegers der weiten Welt bekannt werden sollte. Auch Radowitz riet seinem geliebten Könige, sich jetzt durch einen verwegenen Entschluß eine Stellung ohnegleichen zu gewinnen. Die Tage schien für Preußen wunderbar günstig. Thiers hoffte zwar den Krieg in Italien zu beginnen, um dadurch Deutschland neutral zu halten; er war aber ganz außerstande, die gallische Kriegsbegier, sobald sie einmal entfesselt wurde, von ihrem eigentlichen Ziele, dem Rheinlande, abzulenken, und mit vollem Rechte ließ daher die preußische Regierung in Paris erklären, sie müsse jeden Angriff auf Italien als einen Kriegsfall betrachten. Wenn Frankreich also gezwungen wurde, seine Streitkräfte zu teilen, so konnte nach menschlichem Ermessen den preußischen Waffen der Sieg nicht entgehen, trotz der voraussichtlich elenden Beihilfe der kleinen deutschen Bundesgenossen. Aber so wahrscheinlich der kriegerische Erfolg, ebenso gewiß war schließlich die diplomatische, Niederlage; denn auch dieser Krieg hätte, wie der Feldzug von Belle-Alliance, unter dem Neide und der Halbheit aller Koalitionskriege verkümmern müssen; er konnte nach aller Wahrscheinlichkeit nur damit enden, daß Preußen mit ungeheuren Opfern die persönliche Rachsucht des Zaren befriedigt, Englands mediterranische Herrschaft befestigt und für sich selbst nichts davongetragen hätte als einige wertlose Grenzplätze in Elsaß-Lothringen. König Friedrich Wilhelm ließ solche Erwägungen gar nicht an sich herankommen; für ihn hatte der Gedanke eines dritten Pariser Einzugs keinen Reiz. Er wollte den Frieden, nichts als den Frieden. Erst als die französischen Drohungen unsere Westgrenze gefährdeten, rüstete er sich zur Abwehr, und für diesen bescheidenen Zweck der Verteidigung Deutschlands arbeitete die preußische Politik, die sich in den internationalen Londoner Verhandlungen so schwächlich, so widerspruchsvoll gezeigt hatte, mit ehrenwerter Umsicht und Beharrlichkeit. Der König dachte die Gelegenheit zu benutzen und mit dem Bundesheerwesen zugleich die gesamte deutsche Bundespolitik, die seinem Herzen so teuer blieb, neu zu beleben. »Zu Frankfurt«, so gestand er einem Vertrauten, »brau' ich mein eigenstes; zu keiner Gesandtschaft steh' ich in so unmittelbarem Verhältnis als zu dieser.« Er wußte, wie eifrig sein Vater sich während der letzten Jahre bemüht hatte, in Frankfurt durch Radowitz eine Verbesserung der elenden Bundeskriegsverfassung zu bewirken, und wie kläglich alle diese Bemühungen an der Gleichgültigkeit Österreichs gescheitert waren. Gerade in den Tagen des Thronwechsels berichtete Radowitz hoffnungslos über die Haltung der Hofburg: »Bei völliger Kenntnis und Einsicht in die vorhandenen Gebrechen ist dennoch das Interesse an deren Heilung nicht groß genug oder die Berücksichtigung anderweiter Motive zu vorwiegend.« Durch den Zauber seiner Beredsamkeit hoffte der neue König diesen Widerstand zu überwinden; schon auf der Pillnitzer Zusammenkunft sagte er zu Metternich tiefbewegt, fortan müsse eine neue Zeit auch für die Bundespolitik kommen. Der Österreicher wich aber aus und vermied auch fernerhin ängstlich jedes Gespräch über den Deutschen Bund. (84–90.) Enttäuschung und Verwirrung Das Kölner Domfest 1842 Von den kriegerischen Übungen reiste der König alsdann zu dem Feste der zweiten Grundsteinlegung des Kölner Doms. Auch Sulpiz Boisserée wollte an seinem Ehrentage nicht fehlen, und wie erstaunte er, da er nach langjähriger Abwesenheit die Heimat wiedersah; alles war anders geworden unter der preußischen Herrschaft, die wieder aufgeblühten alten Städte und der mächtige Verkehr auf dem befreiten Strome, anders auch die Gesinnung des Volkes. Einst in den Napoleonischen Zeiten hatten die Kölner über ihn die Achseln gezuckt, wenn er ihnen von der Erhaltung ihres ewigen Domes sprach, und es keineswegs befremdlich gefunden, daß der französische Bischof Berdollet die alte gotische Steinmasse ganz abzutragen dachte; jetzt drückten alle dem Herausgeber des Domwerkes freudig die Hand, alle meinten, den unvergleichlichen Bau wiederherzustellen sei eine Ehrenpflicht der Provinz. Und daß es so stand, daß die Rheinländer ihrer eigenen großen Vorzeit wieder liebevoll in die Augen zu sehen wagten, das verdankten sie der Krone Preußen, die dies Land seinem halbwelschen Sonderdasein entrissen und in die Strömung des nationalen Lebens zurückgeleitet hatte. Gedanken, die aus der Literatur verschwinden, klingen in den Sitten der Gesellschaft oft noch lange nach; so waren auch die romantischen Stimmungen, obgleich die Chorführer der Dichtung längst andere Wege gingen, am Rheine noch sehr mächtig. Eben in diesen Jahren sang Karl Simrock unter dem Jubel seiner Landsleute die schalkhafte Warnung vor dem Rhein: An den Rhein, an den Rhein, zieh nicht an den Rhein, Mein Sohn, ich rate dir gut. Da geht dir das Leben zu lieblich ein, Da blüht dir zu freudig der Mut. Niemals früher waren die alten Gemäuer der rheinischen Schlösser so viel besucht und gepriesen worden wie jetzt, da die neuen Dampfboote täglich weinseliges junges Volk, Maler aus Düsseldorf, Studenten aus Bonn, Sänger aus Köln rheinaufwärts führten. Prinz Friedrich von Preußen ließ den Rheinstein, Bethmann-Hollweg die Burg Rheineck wiederaufbauen, Graf Fürstenberg auf dem Apollinarisberge die weithin das Stromtal beherrschende prächtige gotische Kirche errichten; auf den Mahnruf Ferdinand Freiligraths, der in Unkel beim roten Bleichert glückliche Dichtertage verträumte, wurden Sammlungen veranstaltet, um den eingestürzten Fensterbogen der Burg Rolandseck herzustellen; bald nachher entstand auch der Königsstuhl von Rhense aus seinen Trümmern wieder. Aus diesen romantisch-ästhetischen Gefühlen war die Begeisterung für den Kölner Dom ursprünglich hervorgegangen; mit ihnen verbanden sich späterhin der rheinische Provinzialstolz und der katholische Glaubenseifer, die der Bischofsstreit so mächtig erregt hatte, und neuerdings, zumal seit dem Kriegslärm des Jahres 1840, auch das deutsche Nationalgefühl. Als Görres einst im »Rheinischen Merkur« aussprach, dieser unfertige Riesenbau sei ein Vermächtnis, das die großen alten Kaiserzeiten dem wiederbefreiten neuen Deutschland zur Vollendung hinterlassen hätten, da hörten ihn nur wenige. Jetzt sprach jedermann im gleichen Sinne: eben hier auf dem vielumstrittenen linken Ufer wollte man den Welschen zeigen, was Kraft und Einmut der Germanen vermöchten, wie die halbverschollene Kyffhäusersage erst in diesen Jahrzehnten durch Rückerts Gedicht neues Leben gewann, so kamen jetzt altertümlich klingende Domsagen in Umlauf, von denen sich das Mittelalter nichts hatte träumen lassen, allesamt echte Kinder der vaterländischen Sehnsucht des jüngsten Geschlechts: der alte Kran auf dem Stummel des Turmes war »ein riesig Fragezeichen«, ein Symbol der Zerrissenheit des Vaterlandes; erst wenn er dereinst verschwunden war und die beiden Türme vollendet in die Lüfte ragten, dann sollte der Traum der Jahrhunderte, die Einheit Deutschlands, in Erfüllung gehen. Und nun geschah, was einst Schenkendorf geweissagt: Und gefunden ist der Meister Und der alte Bann gelöst, In die Herzen, in die Geister Neue Lust zum Werk geflößt. Der Dombaumeister Zwirner, ein Schlesier aus Schinkels Schule, überreichte dem Könige einen wohldurchdachten fertigen Plan für den Ausbau des gesamten Domes, ein riesiges Unternehmen, das selbst Boisserée früherhin für unmöglich gehalten hatte. Unterdessen traten die Bürger Kölns zusammen, das Werk zu fördern. Anfangs konnten sie sich nicht einigen, weil manche eifrige Katholiken meinten: solange der Stuhl des Oberhirten im hohen Chore leer stehe, dürfe man keine Hand regen. Da trat der junge August Reichensperger ins Mittel, selbst ein strenger Klerikaler, aber zugleich ein guter Preuße und warmer Bewunderer der alten rheinischen Kunst; er mahnte seine Landsleute in einer beredten Flugschrift, alle Späne zu vergessen und den günstigen Augenblick des Thronwechsels zu benutzen. So ward der Widerstand überwunden und der große Dombauverein gegründet, der gleich der St. Peters-Brüderschaft des Mittelalters für den Ausbau des Gotteshauses sammeln und arbeiten sollte. Nichts konnte dem Könige willkommener sein. Seit er einst, von Boisserée geführt, zum ersten Male durch das Steinlaubwerk des Chorumgangs gewandert war, alle diese Jahre hindurch hatte ihn die Hoffnung, den Wiederaufbau der Marienburg noch zu überbieten, in seinen Träumen beschäftigt. Er übernahm sofort das Protektorat des Domvereins und bestimmte 50 000 Taler aus Staatsmitteln jährlich für den Fortbau. Die gleiche Summe etwa dachte man aus freiwilligen Beiträgen zu gewinnen; und da Zwirner die Gesamtkosten auf 5 Millionen anschlug, so hielten selbst hoffnungsvolle Schwärmer für wahrscheinlich, daß erst das zwanzigste Jahrhundert die gänzliche Vollendung erleben könnte. Am 4. September wurde der zweite Grundstein gelegt, fast volle sechshundert Jahre, nachdem einst Erzbischof Konrad von Hochstaden den Bau des hohen Thores begonnen hatte; die zerrissene Kette der Zeiten sollte sich wieder schließen. Der König besuchte zuerst den Gottesdienst in der protestantischen Kirche; denn heute am wenigsten wollte er seinen evangelischen Glauben verbergen, dieser Bau war ihm ein Werk des Brudersinnes aller Bekenntnisse. Darauf fuhr er zum Hochamt in den Dom; und als er dann draußen im Freien, umgeben von der Schar seiner fürstlichen Gäste, von der Klerisei und einem glänzenden Gefolge, von dem Dombauvereine und einer ungeheuren Zuschauermenge, den Hammer erhob, um den Grundstein zu legen, da entlud sich die Begeisterung seiner Künstlerseele wieder in einer prächtigen Rede: »Hier, wo der Grundstein liegt, dort mit jenen Türmen zugleich, sollen sich die schönsten Tore der ganzen Welt erheben. Deutschland baut sie, so mögen sie für Deutschland durch Gottes Gnade Tore einer neuen, großen, guten Zeit werden. Der Geist, der diese Tore baut ... ist der Geist deutscher Einigkeit und Kraft. Ihm mögen die Kölner Dompforten Tore des herrlichsten Triumphes werden! Er baue, er vollende! Und das große Werk verkünde den spätesten Geschlechtern von einem durch die Einigkeit seiner Fürsten und Völker großen, mächtigen, ja den Frieden der Welt unblutig erzwingenden Deutschland! Der Dom von Köln, das bitte ich von Gott, rage über diese Stadt, rage über Deutschland, über Zeiten, reich an Menschenfrieden, reich an Gottesfrieden, bis an das Ende der Tage!« Und mit der Sicherheit des geborenen Redners die Empfindungen seiner rheinischen Hörer richtig herausfühlend, rief er zum Schluß »das tausendjährige Lob der Stadt: Alaf Köln!« Ein unbeschreiblicher Jubel folgte diesen Worten, wie einst der Königsberger Rede; aufs neue erbrauste der Beifallssturm, als nunmehr der alte Kran droben in Bewegung geriet und der erste Baustein auf den Turm emporschwebte. Auch auf dem Festmahle nachher, das siebenhundert Gäste des Königs unter einem großen Zelte vereinigte, herrschte die helle Freude: alte Männer fielen einander weinend in die Arme und priesen sich glücklich, diesen Tag noch zu erleben, Friedrich Wilhelm selbst überschüttete den aus dem Getümmel herangeholten Sulpiz Boisserée mit dankbarer Huld. Am Abend war die Stadt mit ihren malerischen Türmen festlich beleuchtet – ein unvergeßlicher Anblick für die Tausende, die auf reichbeflaggten Dampfern den Rhein auf und nieder fuhren. Unter den namhaften Gästen war wohl nur einer, den die allgemeine Glückseligkeit kalt ließ: Fürst Metternich. Der stand, derweil der König redete, in dessen nächster Nähe und zog einen langen Kamm aus der Tasche, um sich bedächtiglich sein gelichtetes Haar vom Hinterkopfe nach vorn zu strähnen. Nicht ohne Ironie betrachtete er jetzt seinen königlichen Verehrer, der alles in Unruhe bringe und immer sich selber ins Licht zu stellen suche; vor Vertrauten bespöttelte er diese Siege auf Schlachtfeldern, wo kein Blut vergossen würde, und meinte, man wisse nicht, ob der hohe Herr sich selbst oder andere mehr berausche. Leider lag ein Körnlein Wahrheit in diesem boshaften Urteile. Friedrich Wilhelms Reden waren, wie der Bildhauer Rietschel mit kongenialem Verständnis nachfühlte, echte Kunstwerke, nicht gemacht, sondern geworden, unmittelbare Ergießungen seines bewegten Innern und eben darum, wie der Geist des Redners selbst, ohne klaren politischen Inhalt, jeder Deutung und Mißdeutung fähig. Gründlicher als hier in Köln war der königliche Redner noch niemals mißverstanden worden. Der junge Poet Robert Prutz sang ihm zu: Herr, die Geschichte drängt, die Räder rollen, Und wollt' es Gott, Gott selber hielt sie nicht ... So sprich das Wort zum zweiten Dombaufeste, Sprich aus das Wort: Konstitution ! Und wenn auch nur ein kleiner Teil seiner Hörer so bestimmte liberale Wünsche hegen mochte, so glaubten doch alle, daß er mit seinen verheißungsvollen Worten eine ganz neue Ordnung der Dinge ankündigen wolle, eine Zeit der Erfüllung, die dem Freiheits- und Einheitsdrange der Nation endlich gerecht werden müsse. Er aber meinte, das einige, den Frieden unblutig erzwingende Deutschland hätte sich ja schon vor zwei Jahren vor aller Welt bewährt, und dachte weder den Bundestag noch die Souveränität der kleinen Kronen jemals anzutasten. Sobald die Nation den wahren Sinn der königlichen Worte zu erraten begann, mußte der patriotische Hoffnungsrausch der Festtage verfliegen. Aber die Begeisterung für den Dombau hielt an. Rascher als man zu hoffen gewagt, schritt die Arbeit vorwärts. Meister Zwirners Bauhütte wurde eine hohe Schule der bildenden Künste für unsern Westen; Männer wie Statz und F. Schmidt gingen aus ihr hervor, große Talente, die das Werk der Vorfahren »nach Zirkels Kunst und Gerechtigkeit« weiterführten und doch die überlieferten Formen, den Gefühlen des neuen Jahrhunderts gemäß, leise umbildeten; nur in den massenhaften Skulpturwerken des Bildhauers Fuchs verriet sich oft die Flüchtigkeit überhasteten Schaffens. Die reichsten Spenden gab, wie billig, das Rheinland, selbst die Studenten in Bonn hatten einen akademischen Domverein gebildet; aber auch aus Berlin und andern entlegenen Städten kamen reiche Beiträge. Unter den Eifrigsten war König Ludwig von Bayern. Er sprach die Hoffnung aus, daß »seiner Bayern Mitwirkung« nicht fehlen werde, wo es gelte, »teutschem Sinn und teutscher Eintracht ein großartiges Denkmal zu setzen«, und bemühte sich, einen Dombauverein deutscher Fürsten zu bilden. Da dieser Plan an den protestantischen Bedenklichkeiten der Höfe von Stuttgart und Kassel scheiterte, so ging der Wittelsbacher allein vor und stellte der unter seiner Herrschaft wieder aufgeblühten Kunst der Glasmalerei eine würdige Aufgabe; die herrlichen Fenster, die er dem südlichen Seitenschiffe schenkte, konnten den Vergleich mit der glühenden Farbenpracht der Werke des Mittelalters beinahe aushalten. Es war ein schöner Wetteifer; die Mehrheit der Nation ließ sich in ihrer politischen Hochherzigkeit nicht beirren durch die leider sehr naheliegende Frage: ob denn die Priester dieses Domes sich selbst bekennen würden zu dem Geiste christlicher Liebe, der den königlichen Protektor des Baues beseelte? Nur die alten Rationalisten und die jungen Atheisten überschütteten das Unternehmen mit Spott und Hohn. Der halbverschollene greise Bretschneider in Gotha zeterte wider den Kölnischen Pfaffengeist, da ja Görres soeben in einer warmen und ausnahmsweise friedfertigen Schrift seinen alten Weckruf erneuert hatte. David Friedrich Strauß faßte einen grimmigen, geradezu persönlichen Haß wider den Dombau, denn nach seiner Meinung wohnte »der Gott in keinen Tempeln mehr«. Heine aber weissagte mit wiehernder Schadenfreude: Er wird nicht vollendet trotz allem Geschrei Der Raben und der Eulen, Die altertümlich gesinnt so gern In hohen Kirchtürmen weilen. Er weidete sich an dem Gedanken, daß man das Gotteshaus dereinst in einen Pferdestall verwandeln würde. So gänzlich hatte er an der Seine die Fühlung mit seinem verlassenen Volke verloren. Die geborenen Franzosen dachten anders; ihrer viele gestanden mit stillem Neide: Zu einem solchen Werke, dessen das zerrissene Deutschland sich erdreiste, würde romanischer Opfermut schwerlich ausreichen. Noch einige Wochen verweilte der König am Rhein, schwelgend in den historischen und künstlerischen Reizen des Landes. Überall riß er die warmherzigen Massen hin; selbst die gegen alles preußische Wesen noch sehr mißtrauischen Aachener fühlten sich geehrt, als er in gütiger Ansprache ihre Treue lobte. Darauf gab er in Brühl, dem lieblichen Rokokoschlosse der Kölnischen Kurfürsten, seinen hohen Gästen nochmals ein Fest und feierte in seinen Trinksprüchen erst die beiden Helden des Befreiungskrieges, die Könige von Württemberg und Niederland, alsdann, an die alte Waffenbrüderschaft erinnernd, den Erzherzog Johann, dessen Name »uns anwehe wie die Bergluft der Hochalpen«. In Deutschland war der greise Erzherzog so gut wie unbekannt, von den wenig glücklichen Kriegstaten seiner Jugendjahre sprach längst niemand mehr. In der Hofburg dagegen galt er für verdächtig; das alte grundlose Märchen, daß er in den Napoleonischen Tagen sich ein Alpenkönigreich Rhätien hätte schaffen wollen, fand dort noch immer Glauben. Seit Jahren lebte er dem Hofe fern in der Steiermark, ein rüstiger Landwirt und Gemsjäger, mit vielen Gelehrten und Künstlern befreundet, eifrig bemüht um die wissenschaftlichen Sammlungen der steirischen Hauptstadt. Er sah aus wie ein schlichter Bauersmann, und die seinem Hause eigentümliche Kunst der gemütlichen Anbiederung verstand er aus dem Grunde; auch wußte man, daß er sich unter Freunden zuweilen mit dem Unmute des gebildeten Mannes über die Torheiten der k. k. Zensur äußerte. So gelangte er unverdientermaßen in den Ruf eines Oppositionsführers; noch lauter ward seine Freisinnigkeit gepriesen, als er sich in die Tochter eines einfachen Posthalters verliebte und dies wackere Kind heimführte, denn der gefühlvolle Liberalismus jener Tage schwärmte für Mißheiraten ganz so treuherzig wie die Putzmacherinnen und die Ladenmädchen. Auf den Trinkspruch des Königs dankte der Erzherzog tief gerührt und schloß etwa also: »Solange Preußen und Österreich, solange das übrige Deutschland, soweit die deutsche Zunge klingt, einig sind, werden wir unerschütterlich dastehen wie die Felsen unserer Berge.« Wunderbar war die Wirkung dieser unschuldigen Worte; den Zeitgenossen schien es ganz unerhört, daß ein Erzherzog in Gegenwart Metternichs und mit den Worten des verfehmten Arndtschen Vaterlandsliedes die Einigkeit Deutschlands gepriesen hatte. Sofort wurde der alte Herr ein berühmter Mann; die Zeitungen versicherten, er hätte gesagt: kein Österreich, kein Preußen mehr! ein einig Deutschland hoch und hehr, ein einig Deutschland fest wie seine Berge! In Nationen, die einer großen Entscheidung entgegenzittern, walten die Kräfte der Mythenbildung mit rätselhafter Stärke; sie warfen sich jetzt auf den Österreicher und gestalteten ihn zu einem volkstümlichen Helden, ganz wie die Italiener sich bald nachher ein phantastisches Idealbild von dem liberalen Papste Pius IX. aufbauten. Der neckische Humor der Weltgeschichte war damit noch nicht erschöpft; die Zeit sollte kommen, da Erzherzog Johann zur Belohnung für einen Trinkspruch, den er so nicht gehalten, an die Spitze der deutschen Nation berufen wurde. (172 – 177.) Wachstum und Siechtum der Volkswirtschaft Lists nationales System Den dürftigen Erfolg dieser Verhandlungen mit den Welfenhöfen empfand man in Berlin sehr peinlich, denn Preußens Ansehen im Zollvereine war ohnehin schon erschüttert durch einen wirtschaftlichen Parteikampf, der 1841 durch Lists Buch »Das nationale System der politischen Ökonomie« eingeleitet wurde. Die einfache, damals noch viel verkannte Wahrheit, daß die Volkswirtschaftslehre eine historische Erfahrungswissenschaft ist und folglich auch mit den praktischen Erfahrungen der Gegenwart in beständiger Wechselwirkung steht, ließ sich gerade in dem Deutschland dieser Tage mit Händen greifen. In allen andern Wissenschaften hatten wir uns längst unsere eigene Bahn gebrochen; nur die Nationalökonomie verharrte noch in einem seltsamen Anachronismus, sie folgte noch fast blindlings den Lehren des Auslands, weil unser Wohlstand noch so jung, selbst die Einheit des nationalen Marktes noch nicht ganz errungen war, große wirtschaftliche Parteien sich erst zu bilden begannen. Die sensualistische Philosophie der Schotten war in Deutschland nie zu allgemeinem Ansehen gelangt und schon durch Kant wissenschaftlich überwunden. Gleichwohl herrschte in der deutschen Volkswirtschaftslehre noch die Lehre Adam Smiths, die doch mit dem Sensualismus stand und fiel; sie war seitdem durch Ricardo und Say mit einseitiger Härte weitergebildet worden und durch Bastiats lebendige populäre Schriften auch in weitere Kreise eingedrungen. Sie hatte einst, da es galt, die alte feudale Gesellschaftsordnung zu zerstören, als eine zeitgemäße, befreiende Macht gewirkt; jetzt lebte sie auf den deutschen Kathedern nur noch fort als eine gedankenlose Tradition. Ganz nach der unlebendigen Methode des alten Naturrechts, die doch längst kein tüchtiger Jurist mehr gelten ließ, pflegte der Nationalökonom seine Sätze in logischer Folge abzuleiten aus der Abstraktion des billig kaufenden und teuer verkaufenden Einzelmenschen. Aus dem Kampfe der Selbstsucht dieser Einzelwesen, aus dem freien Spiele der sozialen Kräfte sollte dann ganz von selbst die Harmonie aller Interessen, die gerechte und vernünftige Ordnung der Gesellschaft hervorgehen; der tierische Trieb des Eigennutzes vollbrachte mithin das Wunder, die Menschen über den Zustand der Tierheit zu erheben. Feinere Naturen, die das Undeutsche dieser Lehre empfanden, wollten mindestens der weitblickenden Selbstsucht eine solche Wunderkraft zuschreiben, ohne zu bedenken, daß die Selbstsucht nicht weit blicken kann, von ihren Niederungen aus das Ganze des Volkslebens nicht zu übersehen vermag. Die Theorie beruhte auf einem unhistorischen Optimismus, der zwei Großmächte der Weltgeschichte, die Mächte der Dummheit und der Sünde, ganz verkannte und folgerecht zu dem Schlusse gelangen mußte, durch die zunehmende Erkenntnis des eigenen Interesses würde das Verbrechen von selbst aus der Menschheit verschwinden. Wohl lehrten auf den deutschen Universitäten Schmitthenner, Eiselen sowie einige andere wenig hervorragende Anhänger des Schutzzollsystems, und C. H. Rau in Heidelberg, ein besonnener Anhänger der Lehre Smiths, speicherte in seinen gründlichen Lehrbüchern ein reiches statistisches Material auf, um also aus der Fülle der Erfahrung heraus die einzelnen Sätze des Systems zu ergänzen oder einzuschränken. Vorherrschend blieb doch die Meinung, daß die Güterwelt überall und jederzeit unwandelbaren Naturgesetzen unterworfen sei. In dies Traumleben der theoretischen Abstraktion brach nun Lists Buch wie ein Wetterschlag herein. Mit dem ganzen Pathos seiner vaterländischen Leidenschaft bekämpfte er den Individualismus und, was im Grunde dasselbe sagte, das Weltbürgertum der herrschenden Schule. Er zeigte, daß die Volkswirtschaft jeder Nation ein lebendiges Ganzes bildet, alle ihre Glieder aufeinander angewiesen sind und »die Individuen den größten Teil ihrer produktiven Kräfte von der politischen Organisation der Regierung und der Macht der Nation empfangen«. Mit mäßigen historischen Kenntnissen, aber mit einem glücklichen historischen Blicke, der trotzdem meistens das wesentliche herausfand, schilderte er den wirtschaftlichen Entwicklungsgang der großen Nationen, wie sie sich allesamt in harten Machtkämpfen mit dem Wettbewerb anderer Völker behauptet, ihren heimischen Gewerbefleiß durch Zölle und Monopole geschützt hatten. Auf dem Grunde dieser historischen Erfahrungen baute er nun sein eigenes Schutzzollsystem auf, das sich von dem alten Merkantilsystem wesentlich unterschied: er suchte den Reichtum der Völker keineswegs in den edlen Metallen, aber er erkannte die von den Freihändlern abgeleugnete Bedeutung der Handelsbilanz wieder an, da sich an dem Werte und der Art der ein- und ausgeführten Waren allerdings die Höhe der wirtschaftlichen Kultur eines Volkes annähernd abschätzen läßt; er verlangte Schutzzölle als Mittel der Ermunterung und Erziehung, damit neue produktive Kräfte, immerhin gegen die Aufopferung von Tauschwerten, geweckt würden, die Nationen des Festlands sich von dem Drucke der englischen Handelsübermacht befreiten und schließlich dahin gelangten, »nur von denen zu kaufen, die von uns kaufen«. Berauscht von dem Anblick der jugendlich aufstrebenden nordamerikanischen Welt, sah er in dem Wohlstande, zumal im industriellen Vermögen, schlechthin alles und behauptete keck, in gleichem Verhältnis mit dem Reichtum wüchsen überall die Tätigkeit, die Bildung, ja sogar die Sittlichkeit der Nationen. Durch Wohlstand wollte er sein heißgeliebtes Volk zur Freiheit erziehen, ihm die Duckmäuserei, das Philistertum, die Wolkenkuckucksheimer Träume austreiben. »Auf der Ausbildung des deutschen Schutzsystems – das blieb der Grundgedanke – ruht die Unabhängigkeit und Zukunft der deutschen Nationalität.« Diesmal täuschte sich sein Seherblick, der sonst selten irrte: Deutschland sollte ohne hohe Schutzzölle sich sein neues Reich erbauen und erst weit später, als seine politische Macht längst gesichert war, bei gänzlich veränderter Lage des Weltmarkts sich dem Schutzzollsysteme zuwenden. Dennoch war seine Schrift ein Markstein in der Geschichte unserer politischen Bildung. Zum dritten Male regte der kühne Mann, wie einst bei der Begründung der Handelseinheit und des Eisenbahnwesens, durch einen weckenden Ruf sein Volk kräftig auf. Er zuerst in Deutschland erschloß die Nationalökonomie, die man bisher fast wie eine Geheimlehre mathematischer Formeln gescheut hatte, durch lebendige, lichtvolle Darstellung dem Verständnis und der Teilnahme aller Gebildeten; er betrachtete sie, grundsätzlich absehend von allen fertigen Doktrinen, allein von dem Standpunkte historischer Erkenntnis und praktischer Geschäftserfahrung; er erwies mit flammender Beredsamkeit und oft stark übertreibend, daß alle großen volkswirtschaftlichen Fragen nationale Machtfragen sind, ihre Lösung über die Selbstbehauptung der Völker entscheidet. Dies letzte Verdienst war das größte; solche Wahrheiten konnten einem Volke, das gerade im Handel und Wandel seine fremdbrüderliche Schwachheit zeigte, ausländische Waren würdelos bevorzugte, nicht laut, nicht scharf genug gesagt werden. Darum entsetzten sich auch alle Ausländer, die auf Deutschlands Schwäche rechneten, über Lists Werk. Die englische Presse jammerte scheinheilig: wie sei es nur möglich, daß unter den humanen, gebildeten Deutschen eine so barbarische Gesinnung volkstümlicher Ausschließlichkeit auftauche; und selbst Graf Camillo Cavour nannte, da er die Freihandelslehren noch kurzweg als die rette dottrine bewunderte, das Buch des Schwaben eine krankhafte Ausgeburt des überspannten Nationalstolzes. Die Fachwissenschaft wurde von Lists Ideen zunächst nur wenig berührt; ihm selbst lag ja auch nichts ferner als der Ehrgeiz des Gelehrten. Es geschieht aber nicht selten, daß die schöpferische Kraft der Geschichte die notwendigen, der Zeit gemäßen Gedanken gleichzeitig aus ganz verschiedenen Quellen hervorspringen läßt. Unabhängig von List, allein durch wissenschaftliches Nachdenken, hatte sich mittlerweile der junge Hannoveraner Wilhelm Roscher, der bald in Leipzig heimisch wurde, den Plan gebildet für seine reiche Gelehrtentätigkeit. Er wollte der Nationalökonomie das historische Verständnis erwecken, das die Rechtswissenschaft den Werken Savignys, Eichhorns, Niebuhrs verdankte. In einem kleinen Grundriß für Vorlesungen (1843) zeichnete er zuerst die Umrisse seiner historischen Methode; er faßte die Volkswirtschaft als eine Welt des Werdens auf und suchte überall zu zeigen, daß die Theorie nur relative Wahrheiten finden kann, daß dieselben Institutionen, die das jugendliche Volk erheben, dem gereiften zur Fessel werden. Ein Gelehrter von ausgebreitetem Wissen, ebenso bescheiden, gerecht, friedfertig, wie List trotzig, parteiisch, kampflustig war, stimmte Roscher auch in dem Streite des Tages keineswegs mit dem schwäbischen Agitator überein, da er den freihändlerischen Gedanken weit näherstand. Gemeinsam war den beiden nur der historische Sinn und die Erkenntnis der sittlichen Mächte des wirtschaftlichen Lebens. Während Lists Buch einen leidenschaftlichen Parteikampf entzündete, machte Roschers Grundriß langsam, ganz in der Stille seinen Weg; aus den Anregungen, die hier zuerst gegeben wurden, ging nach und nach eine neue, realistisch-historische Auffassung der Volkswirtschaft hervor, und es entstand im Laufe der Jahre eine deutsche nationalökonomische Schule, die fest auf eigenen Füßen stehend sich dem Auslande bald überlegen zeigte. (448-451.) Wandlungen des sozialen Lebens Die Wunden der Kriegsjahre waren endlich ausgeheilt, überall schritt die Industrie jetzt rascher vorwärts als in den letzten zwei Jahrzehnten. Seit dem Erscheinen des neuen Zollgesetzes bis Zum Tode des alten Königs hatte sich in Preußen die Zahl der Grob-, Nagel- und Messerschmiede von 59 000 auf 79 000, die der Webstühle für Baumwoll- und Halbbaumwollwaren von 14 000 auf 49 000 gehoben. Unter der neuen Regierung vermehrten sich binnen neun Jahren die Dampfmaschinen der Berliner Fabriken von 29 mit 392 Pferdekräften auf 193 mit 1265 Pferdekräften, und die Kopfzahl der Berliner Metallarbeiter hob sich in dreizehn Jahren von 3000 auf 4500. Schritt für Schritt suchte der deutsche Gewerbefleiß den weiten Vorsprung des Auslandes einzuholen. Als die Berlin-Anhaltische Eisenbahn gegründet wurde, bestellte sie in England 15 Lokomotiven und nur 6 bei Borsig; der aber tat sein Bestes mitsamt seinen wohlgeschulten Leuten, die sich stolz als eine Aristokratie in der Berliner Arbeiterschaft fühlten, und in dem Jahrzehnt nach 1842 lieferte er der Bahn schon 19 Lokomotiven, England und Belgien zusammen nur noch 16. Zugleich begannen die Deutschen auch für den übrigen Eisenbahnbedarf selbst zu sorgen, seit Caspar Harkort bei Hagen zuerst Eisenbahnwagenräder gefertigt hatte. Allein sehr bald zeigte sich auch die Schattenseite des gewaltigen neuen Verkehrs. Unser Stolz war der starke wehrhafte Bauernstand. Deutschland besaß nach Verhältnis fast dreimal mehr Ackerland und sechsmal weniger unproduktiven Boden als Großbritannien, wo der Adel die Bauern großenteils ausgekauft hatte. Die Bevölkerung war in leidlichem Gleichmaß über Stadt und Land verteilt; darum bewahrte sich das deutsche Leben noch immer einen Zug ursprünglicher Kraft und unschuldiger Frische, dessen die urbane Kultur der südlichen und westlichen Nachbarvölker fast ganz entbehrte. Jetzt aber begann auch in Deutschland, erst langsam, dann unaufhaltsam anschwellend, der Zudrang zu den Städten. In Breslau entstand neben den Bahnhöfen nach kurzer Zeit ein neuer Stadtteil; in Hamburg, in Stettin, in Leipzig, selbst in dem stillen Dresden, wo man der Fremden halber die rauchenden Schlote ungern sah, wuchsen die Fabriken heran. Die Hast, die Genußsucht, die Unzufriedenheit des großstädtischen Lebens verbreiteten sich weithin in die kleinen Ortschaften und über das flache Land. Und wie gründlich wurden alle Lebensgewohnheiten durch die Massenproduktion der jungen Großindustrie verändert. Viele der gerühmten neuen Erfindungen, zumal in der Textilindustrie, waren ganz unnütz; sie förderten lediglich die Überproduktion, den wilden Kampf der Konkurrenz, den rastlosen Wechsel der Moden. Die derben alten Tuche, die sich der sparsame Bürgersmann nach vier Jahren noch einmal wenden ließ, kamen allmählich ab; die eleganten und wohlfeilen modernen Stoffe aber überdauerten selten einen Sommer. Der Düsseldorfer Maler wußte längst nicht mehr, womit er malte, und wenn er nachher die herrlich leuchtenden Farben seines Fabrikanten unbegreiflich schnell verbleichen oder gar den Firnis abbröckeln sah, dann beneidete er die schlichten alten Meister, die ihre Farben noch selber rieben und sich's darum auch zutrauten, für die Zukunft zu malen. Der Schriftsteller desgleichen konnte sich der angenehmen Erwartung hingeben, daß seine auf dem dünnen, glatten Maschinenpapiere wohlfeil und schnell gedruckten Werke in hundert Jahren buchstäblich unlesbar sein würden. Kurzlebig, vergänglich war alles, was die neue Industrie hervorbrachte, und es konnte nicht ausbleiben, daß diese Flüchtigkeit der wirtschaftlichen Arbeit auf die ganze Weltanschauung des Zeitalters zurückwirkte. Der große Ehrgeiz, der für die Dauer schaffen will, wird immer nur einzelne starke Geister beseelen; doch kaum jemals in der Geschichte ist die Lehre, daß der Mensch am Tage den Tag lebe, mit solcher Selbstgefälligkeit verkündigt worden wie in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts. Die gesamte radikale Literatur der Zeit predigte in mannigfachen Wendungen: mit der schweren alten Wissenschaft sei es vorbei, nur in der leichten Form der Publizistik könne das freie moderne Bewußtsein seinen Ausdruck finden, nur wer den Duft des frisch bedruckten Zeitungspapieres wie Morgenluft einatme, stehe auf der Höhe des Jahrhunderts. Ein neues Geschlecht begann heranzuwachsen, das von Ort zu Ort, von einem Eindruck zum andern hastete, schnell lernend und schneller vergessend, immer genießend, immer erwerbend, ganz in sich selbst und in das Diesseits verliebt, friedlos und freudlos. In Deutschland verrieten zunächst nur einzelne Anzeichen diese beginnende Umwandlung des sozialen Lebens. Die Macht der materiellen Interessen fand noch ein starkes Gegengewicht an dem hohen Idealismus der politischen Einheitskämpfe; und erst weit später, als die nationale Sehnsucht ihr Ziel erreicht hatte, sollte auch über Mitteleuropa ein Zeitalter des vorherrschenden Erwerbes und Genusses hereinbrechen. Sehr schwer litt unter den veränderten Verkehrsverhältnissen das deutsche Haus und seine Hüterin, die Frau. Unsere wechselreiche Geschichte hatte nach dem Dreißigjährigen Kriege und sonst noch mehrmals Zeiten gesehen, da die Frau höher stand als der Mann und das verwilderte Männervolk an der guten Sitte des Hauses wieder gesundete; jetzt kamen Tage, da die Frau sich in der verwandelten Welt schwerer zurecht fand als der Mann und an ihrem natürlichen Berufe irr wurde. Die alte vorsorgliche Wirtschaftsweise, die das ehrenfeste Bürgerhaus für die Winterszeit mit reichen Vorräten auszustatten pflegte, verbot sich jetzt von selbst; die weibliche Handarbeit im Hause verlor Sinn und Wert, seit man Wäsche und Kleider im Laden fertig kaufte. Das patriarchalische Verhältnis zwischen Herrschaft und Gesinde ging zugrunde, der Wandertrieb der Zeit ergriff auch die Dienstboten. Also kam den Frauen ein guter Teil ihrer gewohnten stillen Wirksamkeit abhanden, sie fühlten sich unglücklich in einem halb zwecklosen Leben. Da überdies die Eheschließung in den höheren Ständen durch den sinkenden Geldwert und die verwickelten Erwerbsverhältnisse erschwert wurde, so wuchs die Zahl der unbefriedigten, der kranken und nervösen Frauen beständig an. Ratlos stand die Welt vor einer »Frauenfrage«, welche die einfache Vorzeit nicht gekannt hatte. Frauen drängten sich mit dilettierender Geschäftigkeit in männliche Berufe, und ganz wie einst in den Zeiten der Sittenverderbnis des klassischen Altertums stiegen aus dem Schlamme der Überbildung die Lehren der Weiberemanzipation empor. Unnatürlich früh entstanden, obgleich der allgemeine Wohlstand noch recht bescheiden blieb, schon einzelne riesige Vermögen. Der Reichtum des Hauses Rothschild überbot bei weitem alles, was die römische Kaiserzeit an ungesunden Kapitalanhäufungen gesehen hatte. Es lag im Wesen der neuen Großindustrie, daß sie, um nur zu bestehen, beständig nach Erweiterung trachten mußte. Diesen Wandlungen des sozialen Lebens vermochte der Staat, der ja immer langsamer lebt als die Gesellschaft, längst nicht mehr zu folgen. Von solchen Vermögen, wie sie jetzt über Nacht aufwuchsen, hatten sich Hardenberg und Hoffmann nichts träumen lassen, als sie vor einem Vierteljahrhundert mit hausväterlicher Sorgsamkeit ihrem verarmten Volke die neuen Steuern auferlegten. In dem reichen Köln entrichteten um 1845 nur fünf Firmen die höchste Gewerbesteuer mit 260 Talern, und darunter waren die weltbekannten Bankhäuser Sal. Oppenheim und Schaaffhausen; die größte der beiden Rhein-Dampfschiffsgesellschaften zahlte nur 91 Taler. Nun gar die bescheidenen höchsten Sätze der Klassensteuer erschienen diesen Vermögen gegenüber wie Hohn, und mit gerechtem Groll sah der kleine Mann, wie unbillig der Reichtum bevorzugt wurde. Die neuen Kapitalmächte zeigten gar nichts von jener großartigen, gemeinnützigen, ganze Städte schmückenden und darum versöhnenden Freigebigkeit, welche den reichen Leuten des klassischen Altertums durch die Volkssitte aufgezwungen wurde. Sie benutzten nicht nur rücksichtslos ihre Überlegenheit auf dem Markte, sie begannen auch schon, dem Gesetze trotzend, sich gegen die Arbeitskräfte zu verschwören; es kam an den Tag, daß die Bonn-Kölner und die Leipzig-Dresdner Eisenbahngesellschaften sich zur Aussperrung mißliebiger Arbeiter verabredet hatten. Man bemerkte auch bereits die ersten Anfänge einer internationalen Verbindung zwischen den großen Geldmächten. Im Mittelalter hatten zuweilen deutsche und französische Ritter gemeinsam gegen das Bürgertum gefochten, im sechzehnten Jahrhundert die Religionsparteien aller Länder unbedenklich die Hilfe der fremden Glaubensgenossen angerufen wider die andersgläubigen Landsleute. Es war der Ruhm der neuesten Geschichte, daß die Eigenart des Volkstums sich überall stark und bewußt ausbildete, daß die nationalen Gegensätze allmählich gewichtiger wurden als die Gegensätze der politischen, der ständischen, der kirchlichen Parteiung; die eigentümliche Größe der modernen Kultur lag in der Mannigfaltigkeit ihrer nationalen Gebilde. In dieser gesunden, natürlichen Entwicklung trat nun plötzlich ein unheilvoller Rückschlag ein. Die Börsenmächte aller Kulturländer begannen sich in der Stille über das gemeinsame Geldinteresse zu verständigen, und die neue internationale Partei des Großkapitals fand ihre natürliche Stütze an dem vaterlandslosen Judentum. Einer der Führer der europäischen Judenschaft, der radikale Abgeordnete Cremieux in Paris, verkündete bereits triumphierend, welche Riesenschritte Israel getan habe; und der französische Ultramontane A. Toussenel veröffentlichte schon 1847 sein warnendes Buch Les Juifs rois de l'époque . Die wertlose, an törichten Behauptungen überreiche Schrift zeigte immerhin, daß ihr fanatischer Verfasser ein scharfes Witterungsvermögen besaß. Diesen Kapitalmächten stand die Masse der Arbeiter fast hilflos gegenüber. Wohl erschienen die sozialen Mißstände in der noch unfertigen deutschen Großindustrie bei weitem nicht so entsetzlich wie in Frankreich oder England; der verzweifelte Schlachtruf der französischen Arbeiter: »kämpfend sterben oder arbeitend leben« fand in Deutschland noch keinen Widerhall. Doch über Hungerlöhne, Kinderarbeit, Mißhandlung und Ausbeutung der Leute wurde schon laut geklagt, viele deutsche Fabrikanten hatten schon das schändliche englische Trucksystem, die Ablöhnung der Arbeiter durch Waren eingeführt; und als der wackere Breslauer Wolff (1843) das grauenhafte Elend in den Arbeiterwohnungen der »Kasematten« seiner Vaterstadt schilderte, da erkannte man mit Schrecken, daß auch Deutschland schon Höhlen des Jammers besaß, die sich mit der Pariser Rue de la misère oder dem Impasse des cloaques vergleichen konnten. Den besitzenden Ständen fehlte noch fast jedes Verständnis für die Empfindungen der Masse. Mancher Fabrikant im Erzgebirge erzählte unbefangen, ohne sich etwas Schlimmes dabei zu denken: sein Arbeiterstamm vermehre sich durch Inzucht in den neuerbauten Arbeiterkasernen; dort mochten die Leute nach Belieben in wilder Ehe beisammen leben, die nachsichtigen Behörden kümmerten sich nicht darum, welche Kluft die Höhen und die Tiefen der Gesellschaft trennte, das zeigte sich grell an dem Schicksal der Dorfgeschichten. Die Verfasser dieser so volksfreundlich gemeinten Dichtungen machten allesamt die tragikomische Erfahrung, daß ihre Werke dem niederen Volke ganz unverständlich blieben, weil der kleine Mann nur Schriftdeutsch lesen kann. Not und Trägheit setzten den Erziehungsversuchen der Staatsgewalt einen ungeheueren Widerstand entgegen. Nach so langen Jahren eifriger Arbeit war die preußische Unterrichtsverwaltung doch erst dahin gelangt, daß in Posen 61, in der Rheinprovinz 80 Prozent der schulpflichtigen Kinder die Schule besuchten, nur in der Provinz Sachsen schon 93 Prozent; und gerade die großen Fabrikstädte zeichneten sich durch die Verwahrlosung der Jugend bedenklich aus: in Elberfeld gingen nur 79, in Aachen gar nur 37 Prozent der Kinder zur Schule. Der König betrachtete die Beschützung der kleinen Leute als heilige Christenpflicht; Parteilichkeit für das Großkapital lag seiner politischen Gesinnung fern, wieder und wieder beschäftigte ihn die Frage, ob er nicht in seinem geplanten Vereinigten Landtage den Arbeitern eine besondere ständische Vertretung gewähren solle. Er freute sich herzlich und bewilligte reiche Unterstützungen, als in Berlin nach der Gewerbeausstellung von 1844 ein »Verein für das Wohl der arbeitenden Klassen« zusammentrat, der durch Volkssparkassen, Schulen, gemeinnützige Schriften zu wirken suchte. In vielen großen Städten entstanden dann ähnliche Vereine; Barmherzigkeit gegen die Armen war die Losung, die von dem frommen Hofe ausging. Doch leider fehlte dem Monarchen alle Kenntnis des praktischen Lebens; seine Beamten aber hielten fast allesamt noch das Anwachsen der neuen Großindustrie für einen Kulturfortschritt schlechthin und scheuten sich, die Unternehmer zu belästigen. An eine irgend ernsthafte Beaufsichtigung der Fabriken wagte man noch kaum zu denken. Als die Provinzialstände von Rheinland und Westfalen (1843) ein Gesetz gegen das Drucksystem verlangten, da erwiderte die Krone: im Notfall sei sie dazu bereit; es erschien ihr jedoch »sehr zweifelhaft«, ob der Gesetzgeber hier schützen könne, »ohne durch zu tiefes Eingreifen in die privatrechtlichen Verhältnisse die Existenz der Arbeiter, besonders in Zeiten gedrückten Fabrikbetriebes, zu gefährden«; sie gab sich vielmehr der unschuldigen Hoffnung hin, »das wucherische Benehmen einzelner Fabrikherren würde, gebrandmarkt durch die öffentliche Meinung, endlich ganz aufhören«. Die in England längst gewährte Freiheit der Assoziation war in Deutschland, dank der Ängstlichkeit der Bureaukratie, den Arbeitern überall versagt. Aus aller Welt zusammengeschneit, heimatlos und doch streng an Ort und Zeit gebunden, vereinzelt, ohne jede ständische Ordnung, ohne kameradschaftlichen Gemeinsinn, ohne Freude an dem Erzeugnis ihres Fleißes, das sie nicht, wie jeder schlichte Handwerker, stolz als ihrer Hände Werk betrachten konnten, gedankenlose Sklaven der Maschinen, nur mangelhaft geschützt durch die hier und da neugebildeten Fabrikgerichte, blieben die Arbeiter also ganz in der Hand der mächtigen Unternehmer, die ihnen nur den ausbedungenen Lohn zu zahlen brauchten und auch diesen, auf Grund der willkürlich auferlegten Kontrakte, nur zu oft schmälerten. Dem Gesetze zuwider versuchten die Bedrängten sich zuweilen schon durch Arbeitseinstellungen zu helfen, so die Kattunweber in Berlin, die Eisenbahnarbeiter bei Brandenburg und Vohwinkel. Auch auf dem flachen Lande des Nordostens zeigten sich krankhafte soziale Verhältnisse, seit man die zweischneidige Wirkung der Stein-Hardenbergischen Gesetzgebung zu fühlen begann. Wie zuversichtlich stellte Hardenberg einst an die Spitze seines Verfassungsplanes den Grundsatz: wir haben lauter freie Eigentümer; wie hoffnungsvoll sprach Sack von »dem zweiten und dem dritten Pommern«, das durch die Ansiedlung freier Bauern entstehen sollte. Und doch wie anders war alles gekommen. Der ländliche Mittelstand freilich hatte durch die agrarischen Reformgesetze erheblich gewonnen; die Bauern waren jetzt persönlich frei, der grundherrlichen Abgaben entlastet und, nach Abtretung eines Teiles ihrer Besitzungen, unbeschränkte Eigentümer. Sobald der Preis des Getreides wieder stieg, gelangten ihrer viele zum Wohlstand, zumal die besonders günstig gestellten alten Domänenbauern; manche wurden reicher als die benachbarten Rittergutsbesitzer und begannen gleich diesen, ihren Boden nach den Grundsätzen des neuen rationellen Ackerbaus zu bewirtschaften. Die Besitzer der kleinen, nicht spannfähigen Stellen hingegen sahen sich durch die Deklaration vom 29. Mai 1816 von der Regulierung ausgeschlossen, weil die Krone damals Bedenken trug, die im Kriege so hart mitgenommenen Grundherren durch Entziehung der gewohnten Handdienste ganz zugrunde zu richten. Seit die Landgüter frei veräußert werden durften, fiel aber auch der alte wohltätige Bauernschutz hinweg, und die Gesetzgeber konnten kaum vorhersehen, wie furchtbar die Freiheit des Auskaufens gerade unter den armen Leuten aufräumen sollte. Die Mehrzahl der kleinen Bauernstellen wurde nach und nach eingezogen, und während früherhin die Bauern, Kossäten, Häusler, Einlieger insgesamt dem einen Stande der bäuerlichen Gutsuntertanen angehört hatten, trennte sich jetzt die ländliche Bevölkerung allmählich in zwei Klassen. Tief unter den Bauern stand fortan ein ländliches Proletariat von freien, wirtschaftlich ganz ungesicherten Tagelöhnern. Der halbfreie kleine Gutsuntertan der alten Zeit war zwar an die Scholle gebunden, aber auch berechtigt, diese Scholle zu bebauen; er nahm auch teil an der Gemeindenutzung, und der Gutsherr half ihm zuweilen durch. Die neuen Tagelöhner besaßen an Boden wenig oder nichts. Selbst bei der Gemeinheitsteilung gingen die Armen leer aus, weil ihnen die Auftrift nur kraft alter Gewohnheit, nicht von Rechts wegen zustand, und sie klagten bitterlich: jetzt werden die Bauern zu Edelleuten, wir zu Bettlern. Zudem waltete auch im Landvolke der Drang nach persönlicher Unabhängigkeit, der das ganze Jahrhundert wie eine unwiderstehliche Naturgewalt beherrschte. Die Masse der Häusler und der ganz besitzlosen Einlieger wuchs weit schneller an als die Zahl der neben dem Herrenhofe angesiedelten, oft besser versorgten Gutstagelöhner; man band sich nicht mehr gern für längere Zeit. Inzwischen nahmen die Kartoffelbrennerei und die Runkelrübenwirtschaft überhand, die Schlempe wurde der großen Wirtschaft auf dürrem Sandboden bald unentbehrlich; die Arbeiter hatten in diesen neuen landwirtschaftlichen Industriezweigen oft noch schwerer zu leiden als ihre Genossen in den städtischen Fabriken. In der neuen Gesellschaft fühlten sich die Tagelöhner haltlos, vereinzelt; die patriarchalische Gutsherrschaft bestand nicht mehr, und an den Beratungen der Dorfgemeinde hatten sie keinen Anteil. Das Landvolk besitzt aber ein zähes Gedächtnis. Die längst entschwundenen Zeiten, da jedermann sich im reichen Walde mit Holz laden durfte, blieben noch überall in Deutschland unvergessen, und nirgends wollte der Landmann recht einsehen, daß Waldfrevel wie andere Vergehen bestraft werden sollten. So wußte auch der neue Stand der freien Tagelöhner sehr wohl, daß seine Vorfahren einst ein Stück Land für sich selber bebaut hatten. Er fühlte dunkel, daß er Unrecht erlitten hatte, und allerdings war er das Opfer einer mittlerweile veralteten sozialpolitischen Denkweise; denn niemand kann gänzlich aus seiner Zeit heraus, die segensreichen Reformen Steins und Hardenbergs wurzelten doch in der Weltanschauung des achtzehnten Jahrhunderts, das unter dem Volke immer nur die Mittelklassen verstand und von den arbeitenden Massen wenig wußte. Da auf dem Lande der Grundbesitz eines und alles ist, so war den Wünschen der grollenden Tagelöhner ein bestimmtes Ziel gewiesen, und als die Revolution hereinbrach, klang aus aller Munde wie ein Naturlaut die Forderung: Der König muß uns Land verschreiben. – (506–512.) Die schlesischen Weber Im schlesischen Gebirge wagten die verzweifelten Weber offenen Aufruhr. Die Gewerbefreiheit hatte dies zunftfreie Gewerbe zwar nicht unmittelbar geschädigt, wohl aber mittelbar; denn die Zahl der freien Hausweber war seit den neuen Reformgesetzen stark angewachsen, desgleichen die Zahl der Kaufleute und Fabrikanten, und der scharfe Konkurrenzkampf verführte die Unternehmer zu einer grausamen Hartherzigkeit, die unter einem so gutmütigen Menschenschlage teuflisch schien. Ungeheuer war die Macht der Trägheit in diesem entkräfteten, hoffnungslosen Völkchen; die Weber widersetzten sich oft der Einführung verbesserter Arbeitsmethoden, sie entschlossen sich schwer, zu andern lohnenden Beschäftigungen überzugehen, sie trieben in den Rüben- und Kartoffelfeldern der benachbarten Grundherren unglaubliche Dieberei, und aus ihren überschuldeten Häuschen mochten sie nicht heraus, auch wenn sie anderswo besser und billiger wohnen könnten. Die habgierigen Kaufleute aber wollten ihre Waren lieber zu Spottpreisen von halbverhungerten Hausarbeitern beziehen als aus wohlgeordneten Fabriken. Dem Könige zitterte das Herz, als er bei seinen Besuchen in Erdmannsdorf etwas – leider nur zu wenig – von diesem Elend kennenlernte; er ließ dort und in einigen andern Orten des Gebirges durch die Seehandlung große Spinnereien errichten, bei denen mancher Unglückliche unterkam. In Breslau bildeten die Grafen Dyhrn, York, Zieten und der Dichter Gustav Freytag einen Hilfsverein, der sich bald in zahlreichen Ortsvereinen über die Provinz verzweigte. Das alles vermochte nichts gegen den gräßlichen Jammer. Oberpräsident Merckel aber und seine Regierungsräte wollten das Dasein eines Notstandes gar nicht eingestehen; sie glaubten felsenfest an die Heilkraft der volkswirtschaftlichen Naturgesetze, die durch Angebot und Nachfrage alles Leid von selber aufheben müßten, und witterten sogar in dem Breslauer Hilfsvereine gemeinschädliche Absichten. Ihr Mißtrauen ward erst beschwichtigt, als der Verein vorsorglich militärische Hilfe anrief und den Kommandierenden General, den wackeren Grafen Brandenburg, in seinen Vorstand erwählte. Erstaunlich doch, wie diese alten, in der Schule des allgemeinen Landrechts aufgewachsenen Beamten so ganz vergaßen, daß der friderizianische Staat auf einer monarchischen Organisation der Arbeit beruht hatte und das Landrecht selbst ein Recht auf Arbeit ausdrücklich anerkannte. Im Frühling 1844 hörte man in den großen Weberdörfern des Gebirges überall ein neues Volkslied, das Blutgericht, singen: Ihr Schurken all, ihr Satansbrut, Ihr höllischen Dämone, Ihr freßt den Armen Hab und Gut, Und Fluch wird euch zum Lohne! An einem Junitage wurde das Haus der Firma Zwanziger in Peterswaldau von den Webern zerstört, und noch zwei Tage lang hauste das ergrimmte Volk, alles zertrümmernd, selten raubend, in den Fabriken der Nachbarorte. Und es war wirklich nur die Raserei der Not, was diese Tobenden verblendete; von den Schriften der Kommunisten hatten die Armen, die sich abends ihre kalte Stube mit einem Kienspahn erleuchteten, nie ein Wort gelesen. Zu spät erkannte Merckel, wie gründlich er sich über die Lage getäuscht hatte. Er eilte selbst herbei; Truppen stellten, nicht ohne Blutvergießen, die Ordnung her, 83 Gefangene wurden abgeführt, die Hauptschuldigen zu schweren Strafen verurteilt. Nun sendete die Krone einen Generalbevollmächtigten, Geh. Rat v. Minutoli, zur Untersuchung des Notstandes, ließ durch die Seehandlung neue Spinnereien errichten, die Erwerbslosen bei großen Straßenbauten beschäftigen, daneben auch mannigfache bare Unterstützungen verteilen. Doch die Überlegenheit des englischen Wettbewerbs war nach so vielen Unterlassungssünden nicht mehr zu besiegen, auf die Selbsthilfe der Arbeiter konnte man ebensowenig zählen, wie auf die Einsicht der Unternehmer; die Lage der Weber blieb fast so elend wie zuvor. So war den Angriffen des Radikalismus Tür und Tor geöffnet, und der König befahl strenge Wachsamkeit wider die schlesischen Blätter, »in welchen das Bestreben, die unteren gegen die höheren Stände, die Armen gegen die wohlhabenden, aufzuregen, nicht zu verkennen ist«. In Breslau erschien ein halb kommunistisches Blatt, »Der Volksspiegel«; der anrüchige Literat Pelz verfaßte unter dem Namen Treumund Welp aufregende Schriften, und der Düsseldorfer Maler Karl Hübner aus Ostpreußen ließ in Berlin ein Tendenzgemälde »Die schlesischen Weber« ausstellen, dem nachher ähnliche, grob handgreifliche Bilder von Auspfändungen und Wilddieben folgten. Heine aber benutzte die Gelegenheit, um wieder einmal seinen Groll an dem Monarchen auszulassen, der sich doch während dieser traurigen Wirren weit volksfreundlicher gezeigt hatte als sein Beamtentum. Er sang das Weberlied: Ein Fluch dem König, dem König der Reichen, Den unser Elend nicht konnte erweichen, Der den letzten Groschen von uns erpreßt Und uns wie Hunde erschießen läßt, wir weben, wir weben! Einige Monate nachher, im Frühjahr 1845, wurde im Hirschberger Tale eine Eidgenossenschaft entdeckt, die auf den Umsturz von Staat und Gesellschaft hinarbeitete. An ihrer Spitze stand ein Tischler Wurm zu Warmbrunn. Auch er gehörte keinem der auswärtigen Geheimbünde an; er kannte jedoch ihre Schriften und hatte ganz in ihrem Sinne eine Proklamation entworfen, um die Gebirgsbewohner aufzurufen gegen »die Unterdrücker der arbeitenden Klassen – jene verächtliche Klasse von Menschen, die man den Adel nennt, deren Ursprung in den finstersten Zeiten der Barbarei ist, deren Vorfahren die Rolle der Straßenräuber, der Mordbrenner so schön spielten ... Wenn die Statuen der Könige in Trümmer stürzen, wird Euer Name sich mischen in den Sturm der Elemente und wie Donnergebrüll den letzten Tyrannen erschrecken, in der Mitte seiner gezwungenen Scharwächter, vom Lager, daß er zittere vor der erwachten Menschheit und fliehe wie ein Knabe.« Der König sendete sofort den Geh. Rat Mathis als Kommissar hinüber; in dessen Gefolge befand sich der junge schlaue Referendar Stieber, der hier zum ersten Male seinen polizeilichen Spürsinn bewährte. Im Verdachte der Mitwisserschaft stand außer dem unermüdlichen demagogischen Schulmeister Wander vornehmlich der Fabrikant Schlöffel in Eichberg, ein grimmiger Radikaler, der mit den Schweizer Flüchtlingen viel verkehrte. Der greise Oberpräsident aber wollte dem angesehenen Fabrikanten eine solche Torheit doch nicht zutrauen; er behandelte Schlöffel gütig, hielt ihn nur kurze Zeit in Haft. Deshalb entspann sich zwischen Merckel und Mathis ein heftiger Streit, und der König, der schon über die saumselige Behandlung der Webernöte aufgebracht war, verfügte nunmehr die Entlassung des Oberpräsidenten. Merckel hatte ihn früher gebeten, er möge es ihm selber sagen, wenn er zu seiner physischen oder moralischen Kraft kein Vertrauen mehr hege. Nun mußte der Minister des Innern kurzweg schreiben: dieser Zeitpunkt ist jetzt eingetreten, Se. Majestät sind von der Unzulässigkeit der bisherigen Verwaltung des Oberpräsidiums ganz überzeugt. So trat der Mann zurück, der seit mehr denn einem Menschenalter allen Schlesiern für das natürliche Haupt der Provinz galt und namentlich während seiner zweiten Amtsführung sich das allgemeine Vertrauen erworben hatte. Jetzt feierte man ihn, begreiflich genug, als ein Opfer der Reaktion. In einem gerührten Abschiedsschreiben dankte er für die zahllosen Beweise der Liebe seiner schlesischen »Vaterlandsgenossen «. Der Erfolg der Untersuchung schien ihm recht zu geben. Schlöffel wurde freigesprochen, da sich nichts Sicheres erweisen ließ; nur Wurm mußte, zum Tode verurteilt, ins Zuchthaus gehen. Dann brach über ganz Deutschland eine jener schweren Teuerungszeiten herein, welche in der Geschichte fast regelmäßig den Revolutionen vorangehen. Die Ernte der Jahre 1846 und 1847 mißriet so gänzlich, daß der Zollverein, dessen Getreidehandel sonst immer eine starke Mehrausfuhr aufwies, im ersten Jahre fast 2,9 Millionen, im zweiten 5 Millionen Scheffel Roggen mehr, als die Ausfuhr betrug, einführen mußte. Am durchschnittlichen Ertrage der Roggenernte fehlte in Mitteldeutschland fast ein Viertel. Und was für unnatürliche Zustände in den einzelnen Landesteilen! Die halbverhungerten Ostpreußen mußten, weil sie selber nicht zahlen konnten, den größten Teil ihrer dürftigen Ernte in das Ausland verkaufen. Bei dem allgemeinen Elend zeigte sich der Bundestag wieder ebenso nichtig wie vor dreißig Jahren, und wieder wie damals verbot Österreich bundesfreundlich sofort die Getreideausfuhr nach den deutschen Nachbarländern. Aber auch der Zollverein einigte sich nicht rechtzeitig über gemeinsame Maßregeln; man fühlte nur zu schmerzlich, daß der alte König, Motz und Eichhorn nicht mehr umsichtig den nationalen Handelsbund behüteten. Jeder Bundesstaat handelte auf eigene Faust, am klügsten das Königreich Sachsen, das die Ausfuhrverbote des österreichischen Nachbarn nicht erwiderte, sondern mit mäßigen Getreideeinkäufen und einer sehr milden Beaufsichtigung des Bäckergewerbes leidlich auskam, hier allein blieb die Ruhe ganz ungestört. Fast überall sonst in den größeren Städten, selbst in dem stillen Stettin, mußten Zusammenrottungen der hungernden kleinen Leute mehr oder minder gewaltsam auseinander getrieben werden. Viel zu denken gaben die Unruhen, welche Berlin im April 1847 drei Tage hintereinander heimsuchten. Sie wurden durch die Schlaffheit des greisen Gouverneurs Müffling genährt, dann durch das entschlossene Eingreifen des Generals Prittwitz und seiner Kürassiere gestillt. Es fiel doch auf, wie viele wohlgekleidete Männer sich unter dem hungernden Pöbel umhertrieben; die zahlreichen Verwundeten hielten sich allesamt versteckt, kein einziger meldete sich in den öffentlichen Krankenhäusern. Man konnte sich des Verdachtes kaum erwehren, daß eine verschworene Umsturzpartei die gute Stunde benutzt hatte, um die Widerstandskraft der Staatsgewalt einmal auf die Probe zu stellen. Erschreckt durch diese Unruhen, ließ der König, um den Armen das unentbehrlichste Nahrungsmittel zu erhalten, für einige Zeit die Ausfuhr der Kartoffeln und die Branntweinbrennerei untersagen – ein Verbot, das nichts nützte, sondern, wie Kühne vorhersagte, die allgemeine Besorgnis nur steigerte. Der hessische Minister du Thil ließ in Holland Getreide einkaufen und verschaffte sich dazu Kreditbriefe vom Hause Rothschild. Als aber die Mehrzahl der holländischen Verkäufer vorzog, sich in Mainz bar bezahlen zu lassen, da wollte der menschenfreundliche Rothschild aus der ungewöhnlichen Landesnot auch noch einen ungewöhnlichen Gewinn ziehen und verlangte Entschädigung für die unbenutzten Kreditbriefe – was du Thil als »eine Unverschämtheit« rundweg zurückwies. Also half sich jeder Landesherr; wie er konnte; im Volke blieb viel dumpfer Mißmut zurück. Nur an einer stelle Deutschlands wütete verheerend die Hungersnot: unter den Wasserpolen Oberschlesiens. Diese blutarmen Bergarbeiter hatten drei Jahre nacheinander die Kartoffelernte mißraten sehen, sie hatten »die Bergmannskuh«, die Ziege, längst geschlachtet, sie waren entnervt durch die Branntweinpest. Nun, da sie schon alle Hoffnung fahren ließen, wurde zugleich von Galizien her der Typhus eingeschleppt. Der Schnitter Tod heimste seine furchtbare Ernte ein, die unwissenden ratlosen Menschen verschlossen sich stumm verzweifelnd in ihren Häuschen. Alles war wie gelähmt, kein einziger Pfarrer berichtete dem edlen Fürstbischof Diepenbrock von dem entsetzlichen Jammer. Als endlich doch die Schreckenskunde nach Breslau gelangte, da kam Hilfe, aber sie kam zu spät. Die Barmherzigen Brüder und Schwestern durchzogen die Dörfer, an freiwilligen Beiträgen liefen 360 000 Taler ein, weit mehr, als die Weber des Gebirges erhalten hatten. Doch in den Kreisen Pleß, Rybnik, Ratibor mußten Staat und Gemeinden während der nächsten Jahr 4000 hilflose Waisenkinder versorgen; im Kreise Pleß allein waren im Jahre 1847 über 6800 Menschen gestorben, fast dreimal mehr als sonst in Jahresfrist, und darunter wohl 900 vor Hunger. Die neue Zeit und ihr König Dampf hielten auch in Deutschland ihren Einzug über Leichen, wenn der politische Unmut der Gebildeten und der soziale Groll der Armen sich dereinst zu gemeinsamem Kampfe zusammenfanden, dann war die alte Ordnung der Dinge verloren. – (519–523.) Polen und Schleswig-Holstein Über die polnischen Händel hatte sich Deutschlands öffentliche Meinung noch kein sicheres Urteil gebildet; nationaler Stolz und fremdbrüderlicher Schwachsinn hielten einander noch die Wage. Als aber jetzt auch unsere Nordmark durch die Gewaltstreiche des Auslandes bedroht wurde, da regte sich das jugendliche Selbstgefühl der Nation in schönem Einmut. Im Dezember 1839, kurz vor dem König von Preußen, war der greise Friedrich VI. von Dänemark gestorben, und hier wie dort begann mit dem Thronwechsel eine neue Zeit. Der verstorbene war der erste rein dänisch gesinnte König des Inselreichs gewesen, aber ein ruheseliger Herr, dem die Parteien den Frieden seiner alten Tage nicht gern stören mochten. Unter seinem Nachfolger Christian VIII. brausten die mühsam verhaltenen nationalen Wünsche sofort kräftig auf. Auch König Christian, der Zögling Hoegh-Guldbergs, fühlte sich ganz als Däne, obgleich er den Wert deutscher Bildung wohl zu schätzen wußte. Ein schöner Welt- und Lebemann, Freund des Prunkes, der Tafel, des witzigen Gesprächs, bezauberte er alles durch seine einschmeichelnde Liebenswürdigkeit, wenn ihn nicht einmal das hitzige Blut übermannte. Als langjähriger Präsident der Akademie hatte er sich große Verdienste um die Pflege der Künste erworben, die Naturforscher schätzten seine mineralogischen Schriften über den Vesuv; mit vielen Gelehrten wechselte er Briefe, Freiherr von Rumohr, der Gastronom und Kunstkenner, behagte ihm am besten. Manche Züge dieses beweglichen, vielseitig empfänglichen Geistes erinnerten an Friedrich Wilhelm IV., der ihm auch persönlich teuer und durch den gemeinsamen Freund Rumohr nahe verbunden war. In den ersten Tagen der Hoffnung sagte Humboldt froh, zwei solche Könige seien würdig, sich gegenseitig zu schätzen. Aber an die umfassende Bildung und die Gedankenfülle Friedrich Wilhelms reichte der geistreiche Däne doch nicht heran; Dilettant in allem, besaß er auch die Herzensgüte des Deutschen nicht, und während dieser nur zuweilen durch die phantastische Überschwenglichkeit seiner Reden den Eindruck der Schauspielerei erweckte, suchte König Christian wirklich durch berechnete Bühnenkünste zu blenden und zu berücken. Wenn er alljährlich in rotsamtener Phantasieuniform, bedeckt mit glitzernden Ordenssternen, zur Eröffnung der Sitzungen des obersten Gerichtshofs fuhr, dann erschien er ganz wie ein Theaterkönig. Die wohlfeilsten Effekte verschmähte er nicht: Zu dem Studenten Rudolf Schleiden, der in Nyborg wegen eines harmlosen, unpolitischen Duells auf der Festung saß, trat er plötzlich ins Zimmer, wie der Gott aus der Maschine, um feierlich die Begnadigung zu verkünden. Niemand beherrschte ihn, denn er glaubte etwas von der geheimnisvollen Königskunst, der Kingscraft der Stuarts, zu besitzen, und sah mit stillem Hochmut auf die kleinen Sterblichen hernieder. Der Kabinettssekretär Adler, der ihn von Jugend an auf allen Irrwegen skandinavischer Politik begleitet hatte, blieb sein einziger Vertrauter. Vor kühnem Wagen und raschen Entschlüssen schrak er zurück, aber mit zäher Geduld hielt er seine geheimen Pläne fest, um sie, listig die Schwäche der Menschen benutzend, nach und nach zu verwirklichen. Ihm fehlte die Ehrfurcht vor dem Rechte, der Glaube an die sittlichen Mächte der Geschichte, und darum auch das Verständnis für die nationalen Empfindungen seiner Völker. So war er trotz seiner diplomatischen Verschlagenheit doch kein Staatsmann; er dachte ein anderer Waldemar Attertag zu werden, und sein achtjähriges Regiment bereitete die Kämpfe vor, welche den dänischen Gesamtstaat zerschlagen sollten. Er hatte sich einst durch feines Spiel die norwegische Königskrone für wenige Monate errungen und damals, allerdings nicht ganz freiwillig, die Verfassung unterzeichnet, welche fortan das Ideal aller liberalen Skandinavier blieb. Auch nachher stand er noch lange im Rufe radikaler Gesinnung, weil er auf einer Reise zufällig in die neapolitanische Revolution hineingeraten und dort den Verhandlungen der Carbonari nicht ohne Freude gefolgt war. In reiferen Jahren gelangte er zu einer Weltanschauung, die sich mit den Ideen König Friedlich Wilhelms nahe berührte. Die Hegelsche Philosophie hielt er für gemeingefährlich, obgleich er selbst wenig religiöse Empfindung besaß; unschädlicher schienen ihm die frommen naturphilosophischen Träumereien seines Landsmanns Steffens. Als Erbe der dänischen Alleingewaltsherrscher wünschte er eine freie starke Krone, die durch ständischen Beirat nur wenig, nur soweit es die Stimme der Zeit durchaus verlangte, beschränkt werden durfte; und da die dänischen Provinzialstände den preußischen nachgebildet waren, so entschloß er sich, auch den ständischen Reformplänen seines preußischen Freundes Schritt für Schritt zu folgen. Wie dieser dachte er erst Vereinigte Ausschüsse zu bilden, nachher einen Vereinigten Landtag für die gesamte Monarchie. In einem solchen Reichstage konnte der König teilend herrschen, er konnte die Parteien und die Nationen wider einander ausspielen, den Radikalismus seiner Dänen durch die konservative Gesinnung der Schleswig-Holsteiner, das Deutschtum der Herzogtümer durch das Dänentum der Inseln niederhalten. Alle diese Entwürfe schwebten aber in der Luft, solange der Bestand des Gesamtstaates selber nicht gesichert war; die Sorge um die Thronfolge drängte sich dem Könige gebieterisch auf, seit die Augustenburger ihre Erbansprüche auf Schleswig-Holstein öffentlich angekündigt hatten. Christians einziger Sohn Friedrich blieb kinderlos; auch die zweite Ehe des Kronprinzen mußte, gleich der ersten, nach wenigen Jahren getrennt werden, weil die Gemahlin die Roheit des Gatten nicht zu ertragen vermochte, und er weigerte sich, zum dritten Male eine fürstliche Heirat zu wagen. Außer ihm lebte nur noch ein königlicher Prinz, der bejahrte kinderlose Bruder Christians. Starb Kronprinz Friedrich dereinst, dann erlosch nach menschlichem Ermessen die königliche Linie, und der dänische Gesamtstaat barst auseinander; denn in den Herzogtümern gebührte die Thronfolge nach altem Landesrecht dem Mannesstamme, den Augustenburgern, in Dänemark nach dem Königsgesetze dem Weiberstamme. Wenn der König diese Gefahr von seinem Reiche abwenden wollte, so mußte er die eine der beiden erbberechtigten Linien zu freiwilligem Verzicht bewegen, und nach den Überlieferungen seines Hauses wie nach allen Berechnungen der Staatsklugheit konnte er eine solche Zumutung nur dem Weiberstamme stellen. Im vergangenen Jahrhundert hatte der gesamte Norden, Rußland wie die drei Kronen Skandinaviens, dem Hause Holstein-Oldenburg angehört; jetzt waren Schweden und Norwegen verloren, und es erschien wie ein dynastischer Selbstmord, wenn ein oldenburgischer König auch noch versuchte, ein dem Norden fremdes Fürstengeschlecht auf den dänischen Thron zu erheben. Nächster Erbe aus dem Weiberstamme war – möglicherweise, aber nicht gewiß, da die kognatische Erbfolge immer unsicherer bleibt als die agnatische – des Königs Schwager, der Gemahl der Prinzessin Charlotte, Landgraf Wilhelm, und nach dessen Ableben sein Sohn, Landgraf Friedrich von Hessen, ein eitler, leerer, junger Mensch, der, ernsten Männern und ernsten Gesprächen abhold, seine Zeit in schalen Vergnügungen vergeudete und in Kopenhagen gar nichts galt. Überdies war Landgraf Friedrich auch rechtmäßiger Thronfolger in Hessen-Kassel, und wie konnte ein dänischer König wünschen, die schwierigen Verhältnisse seines Gesamtstaats durch eine Personalunion mit Kurhessen noch mehr zu verwirren? Bei dem sprichwörtlichen Geize des Hauses Brabant schien es keineswegs unmöglich, den Hessen ihre noch nicht unzweifelhaften Erbansprüche mit einem guten Stück Geldes abzukaufen und also alle Länder der dänischen Monarchie unter dem Mannesstamme des Hauses Oldenburg zusammenzuhalten, verschaffte man dem Landgrafen durch die Gnade der deutschen Großmächte gar noch den Titel eines Königs von Hessen, die heiß ersehnte Kattenkrone, dann war nahezu sicher, daß er auf Dänemark verzichtete, während die Augustenburger wieder und wieder erklärt hatten, daß sie ihre Ansprüche auf Schleswig-Holstein niemals aufgeben würden. So einfach lagen die Dinge, wenn der König unbefangen rechnete. Hier aber zeigte sich wieder, wie stark die leitenden Männer und ihre persönlichen Empfindungen in das Schicksal der Völker eingreifen. Christian hegte gegen den Herzog von Augustenburg einen tiefen, menschlich wohl entschuldbaren Haß und liebte ebenso herzlich seine ehrgeizige, ränkesüchtige Schwester, die abgesagte Feindin Schleswig-Holsteins, Landgräfin Charlotte. Ihr zuliebe beschloß er, den Gesamtstaat unter dem Hause Hessen aufrechtzuhalten. Was galt ihm das Recht? Er traute sich's zu, das unmögliche Ziel auf krummen Wegen zu erreichen. Um den hessischen Verwandten einen mächtigen Schutz zu sichern, bewirkte er, daß Landgraf Friedrich eine Tochter des Zaren, Großfürstin Alexandrine, heiratete. Der feine Plan wurde freilich durch das Schicksal vereitelt. Die Großfürstin starb nach kurzer Ehe, gleich nach dem Tode ihres einzigen Kindes, und der Landgraf ließ alsbald die Versteigerung ihres Nachlasses ankündigen; Nikolaus aber konnte den öffentlichen Skandal nur durch geheime Abkaufung verhindern, er vergaß dem Hessen dies Probestück unfürstlichen Geizes niemals und zeigte seitdem nur wenig Teilnahme für die Ansprüche des kinderlosen Schwiegersohnes. In der inneren Politik verfuhr der neue König zunächst sehr behutsam: er wollte es mit keiner Partei ganz verderben und doch immer die Entscheidung in der eigenen Hand behalten. Die Bitten um Preßfreiheit und Erweiterung der ständischen Rechte, die ihm gleich nach der Thronbesteigung aus dem Königreiche wie aus den Herzogtümern zukamen, wies er gnädig zurück. Die alten Privilegien Schleswig-Holsteins wurden jedoch ausdrücklich bestätigt, und zum allgemeinen Erstaunen erhielt sogar der Bruder des Herzogs von Augustenburg, Prinz Friedrich von Noer, den Ehrenposten des Statthalters der Herzogtümer, der gut deutsch gesinnte Graf Joseph Reventlow-Triminil den Vorsitz in der schleswig-holsteinischen Kanzlei. Aber gleichzeitig bewiesen andere, wichtigere Maßregeln, daß Christian seine deutschen Lande Schritt für Schritt danisieren wollte. Die alten Regimenter wurden in Bataillone aufgelöst, die historischen Fahnen mit den herzoglichen Wappen überall durch den Danebrog verdrängt, ein Teil der schleswig-holsteinischen Truppen nach Jütland und den Inseln verlegt. Die Offiziere sollten fortan nicht mehr in ihrem Regimente, sondern in der ganzen Armee aufrücken, und da die Deutschen ohnehin das Kopenhagener Kadettenhaus nur selten besuchen wollten, so bestand binnen kurzem die große Mehrheit des Offizierkorps aus Dänen, wie auch die Marine durchweg dänische Offiziere besaß, statt der dringend erbetenen Landesbank erhielten die Herzogtümer nur eine Filiale der dänischen Reichsbank in Flensburg; mehr wagte man nicht. Zugleich wurde das dänische Reichsbankgeld eingeführt, der König scheute sich jedoch, einen zwingenden Befehl auszusprechen; darum hielten die Schleswig-Holsteiner hartnäckig an ihren lübischen Schillingen fest und sendeten die dänischen Kupfermünzen in solchen Massen nach dem Teutoburger Walde, daß Bandel seinem Hermann einen Arm anschmieden konnte, während Preußen den Eintritt Schleswig-Holsteins in den Zollverein wünschte und deshalb mehrmals vertraulich anfragte, dachte Christian vielmehr die uralte Zollgrenze zwischen Jütland und den Herzogtümern aufzuheben, um also die wirtschaftliche Einheit seines Gesamtstaats zu begründen; doch auch dieser Versuch gelangte nicht über Vorarbeiten hinaus. Ebenso wurde die geplante Errichtung einer gemeinsamen obersten Kirchen- und Schulbehörde bald wieder aufgegeben, weil die Deutschen widerstrebten. Wie wenig kannte der König seine Dänen, wenn er sie durch solches Tasten zu befriedigen wähnte. Gleich der Windsbraut raste die entfesselte nationale Leidenschaft über das Inselreich dahin. Es war, als ob das stolze, von seiner alten Macht schon so tief herabgesunkene kleine Volk den nahen letzten Sturz ahnte und sich mit krampfhafter Anstrengung auf der Höhe zu halten suchte, wunderbar, wie diese im bürgerlichen Leben so achtbare dänische Nation jetzt in ihrem wilden Deutschenhasse alle Scham, allen Anstand verleugnete: Als die Holsten (1840) ihren Volkshelden Gerhard den Großen, ein halb Jahrtausend nach seinem Tode, durch ein Standbild ehren wollten, da trat in Dänemark ein Verein zusammen, der alles Ernstes vorschlug, dem Mörder Gerhards, dem Dänen Niels Ebbesen, in Randers ein Denkmal zu setzen. Die junge Partei der Eiderdänen verbreitete sich bald über das ganze Land. Ein Dänemark von der Eider bis zum Sund, einig in Sprache, Sitte, Recht – so hieß die Losung. An Holstein wollten sich die Eiferer vorerst noch nicht heranwagen, weil sie den Widerspruch des Deutschen Bundes fürchteten; vielleicht daß späterhin auch dies deutsche Land noch in den erstarkten dänischen Einheitsstaat eintreten konnte. Schleswig aber sollte sofort einverleibt, gänzlich danisiert und als »Morgengabe« Gammel Dannemarks dem Bunde der drei Kronen Skandinaviens dargebracht werden. Der alte Gedanke der Kalmarischen Union, der doch immer wieder an dem starken Nationalhasse der drei »Brudervölker«, an der Eifersucht ihrer Hauptstädte gescheitert war, erwachte aufs neue; mancher der jungen Schwärmer dachte insgeheim, das Haus Bernadotte, des volksbeliebten, liberalen Königs Oskar von Schweden, würde die Oberherrschaft in der Skandinavischen Union erlangen. In dem Entschlusse, das Deutschtum Schleswigs auszurotten, die Verbindung der beiden deutschen Herzogtümer zu zerreißen, war die ganze Partei einig; und drohend rief Orla Lehmann: »Wir sind bereit, unser altes Dänemark sowohl gegen das hochverräterische Geschrei der Nordalbingier als gegen die seekranke Eroberungslust aller deutschen Vogelfänger zu verteidigen. Und sollte es nötig sein, so wollen wir mit dem Schwerte den blutigen Beweis auf ihren Rücken schreiben: Dänemark will nicht!« Aus Lehmanns Worten sprach die wilde Wut des Renegaten; er selbst war ein Schleswiger, der Sohn eines angesehenen schleswig-holsteinischen Beamten. Doch um ihn scharte sich bald alles, was Dänemarks Bürgertum an aufstrebenden Talenten besaß: die unruhige Studentenschaft der Hauptstadt, die verschwiegerten und vervetterten Professorenfamilien, die sich auch in ihrem Erwerbe beeinträchtigt sahen, weil die alte Nebenbuhlerin Kiel allein berechtigt war, die jungen Leute für die Ämter Schleswig-Holsteins vorzubilden, dann die Kaufleute und Reeder, denen die Zeitung »Fädrelandet« als beredtes Organ diente, endlich fast alle guten Köpfe aus den Kreisen der jüngeren Beamten und Offiziere. Der gelehrte Philolog Madvig, der Hauptmann Tscherning, die Theologen Clausen und Monrad zeichneten sich durch ihren Fanatismus aus; sie alle sprachen aus tiefer Überzeugung und mit dem frohen Bewußtsein, auf der Höhe der Zeit zu stehen. Wie die Eiderdänen über das historische Recht der deutschen Herzogtümer dreist hinwegstürmten, so verlangten sie auch für ihren dänischen Einheitsstaat eine radikale Neugestaltung. Dieselben demokratischen Kräfte, welche vor hundertundachtzig Jahren durch die Kopenhagener Revolution das Königsgesetz geschaffen, den Adel der Krone unterworfen hatten, trachteten jetzt die Alleingewaltherrschaft des Königsgesetzes durch einen schrankenlosen Parlamentarismus zu verdrängen. Das Vorbild Norwegens und die Schriften der altbefreundeten Franzosen wirkten auf die Ideen dieser jungen skandinavischen Demokratie kräftig ein; mancher hoffte auch wohl im Herzen, einen Teil der Deutschen Schleswig-Holsteins durch den Zauber liberaler Glückseligkeit zu gewinnen. Da der Adelshaß im dänischen Landvolk tief eingewurzelt und der Name des königlichen »Volksfreundes« Christians II. noch unvergessen war, so spendeten auch zahlreiche Bauernversammlungen den Freiheitslehren der radikalen Hauptstadt ihren Beifall. Die ganze Bewegung zeigte von Haus aus das lärmende, rauschende Wesen, das der lebenslustigsten Stadt Nordeuropas zusagte. Zweckessen und Bankette, Versammlungen und Festgelage, Erinnerungsfeiern und Aufzüge drängten sich in rascher Folge; sogar die Totenfeier für Thorwaldsen wurde so ganz im Geiste des streitbaren Dänentums gehalten, daß die Schleswig-Holsteiner sich unmöglich beteiligen konnten. In Scharen zogen die Studenten über den Sund, um sich mit den schwedischen Kommilitonen zu verbrüdern; dann erwiderten die Schweden den Besuch, festlich begrüßt von Orla Lehmanns neuer Skandinavischer Gesellschaft. Auf der großen skandinavischen Naturforscherversammlung feierte der Prinz von Canino, ein Napoleonide, der sich der internationalen Demokratie in die Arme geworfen hatte, die Union der drei Kronen des freien Nordens; und gewaltig brauste der Jubel auf, als einmal König Oskar selbst auf einige Tage herüberkam. Als Orla Lehmann seine öffentliche Tätigkeit begann (1837), da trat ihm der verdiente alte dänische Historiker Baden offen entgegen und mahnte den jungen Mann, er möge sich bei seinem gelehrten Vater unterrichten, um also zu lernen, daß es »eine Sünde« sei, Schleswig von Holstein zu trennen. Solche Stimmen der Gerechtigkeit wagten sich nach wenigen Jahren schon kaum mehr zu äußern. Wohl bestand noch eine konservative Gesamtstaatspartei, welche die Monarchie, gleichviel unter welchem Herrscherhause, ungeschmälert erhalten und die Sonderrechte der Herzogtümer, wenn auch beschränken, so doch nicht zerstören wollte. Zu ihr gehörten fast alle die erfahrenen hohen Beamten, Dänen wie Deutsche; im Volke aber hatte sie keine Wurzeln. Führer ohne Heer, konnten diese Gesamtstaatsmänner sich nur auf den unberechenbaren König stützen, der einmal den Aufwiegler Orla Lehmann vor das sehr mild urteilende oberste Gericht stellen ließ und gleichzeitig andern Wortführern der dänischen Propaganda sein Wohlgefallen aussprach. Das nächste Ziel der Eiderdänen war Nordschleswig. Um in diesem stillen Lande dänische Sprache und Gesittung zu verbreiten, wurden in wenigen Jahren sechs verschiedene Vereine gegründet. Ein redefertiger Bauer, Laurids Skau, leitete die Umtriebe, er reiste rastlos zwischen Flensburg und Kopenhagen hin und her, ward auch von dem Monarchen selbst gnädig empfangen; sieben Kopenhagener Demagogen, die man in Schleswig das Siebengestirn nannte, standen ihm treu zur Seite. Der Erfolg blieb lange aus; die schwerfälligen, gutmütigen Bauern Nordschleswigs hatten ja gar keinen Grund, wider die Deutschen zu klagen, und ihr schwunghafter Viehhandel verband sie mit Hamburg. Nach und nach begann der Same des Unfriedens doch aufzusprießen. In der äußersten Nordostecke Schleswigs, auf der Skamlingsbank, einer schönen Waldhöhe am Kleinen Belt, die von Jütland und den Inseln zu Schiff leicht erreicht werden konnte, pflegte Laurids Skau seine großen Volksfeste abzuhalten; und mancher harmlose Bauersmann fühlte sich bezaubert, wenn dort die dänischen Nationallieder erklangen oder der dreieinige Norden in feurigen Reden verherrlicht oder ein großer dänischer Patriot mit einem silbernen Trinkhorn beschenkt wurde. Die dänische Partei unter dem nordschleswigschen Landvolke vermochte noch wenig, da dort alle Bildung deutsch war, aber sie wuchs langsam an. Unmöglich konnten die Landtage von dieser stürmischen nationalen Bewegung unberührt bleiben; schon bisher hatten sie, da sie aus direkten Wahlen hervorgingen, trotz ihrer beschränkten Befugnisse jeden Volkswunsch treulich ausgesprochen, wenn Preußen selbst, das so viel fester stand, mit seinen Provinziallandtagen kaum noch auskam, wie heillos mußte sich vollends die Tage dieses Mischreichs gestalten, seit seine beiden dänischen Landtage gegen die beiden deutschen ankämpften und der Welt abermals bewiesen, daß in nationalen Streitigkeiten die Völker stets unduldsamer sind als die Kabinette. Die Jüten begannen den Angriff. Als im Schleswiger Landtage (1842) ein dänisch gesinnter Abgeordneter, der schon oft gut Deutsch gesprochen hatte, plötzlich Dänisch zu reden begann und dafür zur Ordnung gerufen wurde, da legte der jütische Landtag zu Viborg eine feierliche Verwahrung ein, die ihm gar nicht zustand. Der Streit währte lange, schließlich befahl der König, daß die schleswigschen Landstände, nur wenn sie des Deutschen nicht mächtig wären, Dänisch reden dürften, aber die Jüten wurden für ihren verfassungswidrigen Übergriff belobt, die Schleswiger wegen ihrer gesetzmäßigen Abwehr scharf getadelt. Nach mehrfachen ähnlichen Häkeleien unterstand sich der Kopenhagener Bürgermeister Allgreen Ussing (Oktober 1844), auf dem seeländischen Landtage in Rotschild zu beantragen: der König möge die erbliche Unzertrennlichkeit des dänischen Staats öffentlich aussprechen und jeden Angriff dawider verbieten. Der Vorschlag wurde mit allen gegen eine Stimme angenommen; auch Minister Øersted, Dänemarks erster Jurist, äußerte sich im wesentlichen zustimmend, obwohl der Antrag offenbar weit über die Befugnis beratender Provinzialstände hinausschritt. Damit kündigten die Dänen dem alten Landesrechte Schleswig-Holsteins offene Fehde an, der Beschluß war um so bedenklicher, da er von einem gemäßigten Gesamtstaatsmanne, nicht von einem eiderdänischen Demokraten ausging. Diese Übergriffe der Nachbarn weckten mit einem Male die schlummernde politische Kraft Schleswig-Holsteins, die selbst durch Lornsens Kühnheit nur leise erregt worden war. Wie ruhig hatte man hier in dem Lande der glücklichen Ehen bisher dahingelebt, jeder zufrieden im eng bezirkten Kreise des Amtes und der Familie, jeder dem andern bekannt, jeder noch im hohen Alter glücklich, wenn man ihm nachsagen konnte, daß er einstmals im Examen »den zweiten Charakter mit rühmlicher Auszeichnung« erlangt hatte. Als aber das »Up ewig ungedeelt« der alten Freiheitsbriefe frech bedroht wurde, da fuhr es wie ein Wetterschlag in diese stille Welt, und Deutschland erfuhr staunend, wieviel starke Leidenschaft, wieviel Stolz und Talent in dem tapferen Grenzvolke lebte. Früherhin hatten die Schleswig-Holsteiner die Erbfolgefrage, die ja noch ganz fernab zu liegen schien, wenig beachtet; selbst Dahlmann und Falck lebten lange des Glaubens, daß Schleswig der Thronfolgeordnung des Königsgesetzes unterliege. Jetzt begann man einzusehen, daß gerade die Verschiedenheit der Thronfolge das rechtliche Mittel darbot, um das Deutschtum vor dänischer Tyrannei zu bewahren. Ganz zur rechten Zeit (1841) gab Georg Beseler das nachgelassene Werk Lornsens über die Unionsverfassung heraus, und mächtig mußte die große Weise des unvergeßlichen Mannes jedes deutsche Herz ergreifen: er verlangte ein selbständiges, nur durch Personalunion mit Dänemark verbundenes Schleswig-Holstein und dann, sobald die königliche Linie ausstürbe, den Eintritt der befreiten Nordmark in den Deutschen Bund. Nachher veröffentlichte der junge Jurist K. Samwer eine gründliche Untersuchung über »das Staatserbfolgerecht der Herzogtümer Schleswig-Holstein«. Seitdem vereinigten sich alle Deutschen in der Meinung, daß allein der Mannesstamm in den unzertrennlichen Herzogtümern erbberechtigt sei. Theodor Olshausen und seine radikalen Freunde hatten lange, ohne viel Anklang zu finden, im Kieler »Korrespondenzblatte« die seltsame, ganz unhistorische Ansicht vertreten, man müsse Schleswig opfern, um Holstein desto fester mit dem liberalen Deutschland zu verbinden; doch sobald die Angriffe der Dänen bedrohlich wurden, gaben diese »Neuholsteiner« ehrenhaft ihre Sondermeinung auf und scharten sich um das Banner des Landesrechts. Das ganze Volk war einig, bis auf einzelne Striche Nordschleswigs; erstaunlich schnell drang die Bewegung bis in die Massen hinab. Schon im Juli 1844, noch bevor Allgreen Ussing auftrat, erklang auf dem schleswigschen Sängerfeste zum ersten Male das Lied von Chemnitz: Schleswig-Holstein meerumschlungen, deutscher Sitte hohe Wacht! Aus den vier Farben Schleswigs und Holsteins wurde, mit Weglassung der gelben, die neue blauweißrote Fahne des einen meerumschlungenen Landes zusammengesetzt – denn drei Farben mußten es sein, ohne eine Trikolore konnte sich diese Zeit einen Freiheitskampf nicht vorstellen – und sie tauchte trotz der Verbote immer wieder auf. Das Land glaubte fest und ehrlich an seine Selbständigkeit und Unzertrennlichkeit, wie an das Thronfolgerecht des Mannesstammes, und in der Tat standen die Erbansprüche der Augustenburger auf so sicherem Rechtsgrunde, als dies irgendmöglich war bei Rechten, die in die verworrene Geschichte entlegener Jahrhunderte zurückreichten; denn die alte Unteilbarkeit der Lande war von der Krone Dänemark unzählige Male feierlich bestätigt, das Königsgesetz dagegen und seine neue Erbfolgeordnung niemals in den Herzogtümern als Gesetz verkündet worden. Ernsthafte Rechtsbedenken ließen sich eigentlich nur wegen der Herrschaft Pinneberg und der Grafschaft Rantzau erheben. Dieser Landstrich Holsteins, die Umgegend Altonas hatte an der verhängnisvollen Herzogswahl des Jahres 1460 nicht mit teilgenommen; er hatte damals als freies Allod einer Seitenlinie der alten schauenburgischen Grafen angehört, war dann, bei deren Aussterben (1640), von der königlichen und der Gottorper Linie gemeinsam angekauft worden, späterhin, nach mannigfachen Schicksalswechseln, ganz unter die Herrschaft der königlichen Linie gekommen und schließlich, 1806, dem Herzogtum Holstein einverleibt worden. Hier hausten noch von alters her der Landdrost von Pinneberg und der Administrator der Grafschaft Rantzau, die reichsten unter dem reichen Beamtentum des Landes, die man neben dem Amtmann von Reinbeck die drei Fürsten Holsteins nannte. Hier bot sich allerdings ein ergiebiges Feld für staatsrechtliche Doktordissertationen, hier ließ sich in gutem Glauben der beliebte Juristenbeweis führen, daß zwei ganz gleiche Dinge doch wieder ganz verschieden sind. Es war aber nur menschlich, daß die Schleswig-Holsteiner sich um den zweifelhaften verfitzten Rechtszustand dieses Ländchens nicht kümmerten. In allem Wesentlichen hatten sie recht. Nur einzelne ihrer Heißsporne schossen über das Ziel hinaus, indem sie gar noch behaupteten, auch in Lauenburg erbe der Mannesstamm. Davon konnte im Ernst nicht die Rede sein, denn Lauenburg war als Entschädigung für Norwegen an Dänemark gekommen und stand mithin unzweifelhaft unter dem Thronfolgerechte der dänischen Krone. Die Lauenburger wußten dies selbst; sie waren in ihrem altständischen Stilleben niemals durch dänische Willkür gestört worden und ließen sich von den deutschen Nachbarn willig der Schwäche zeihen, weil sie sich an einem Kampfe, der ihr Landesrecht nicht berührte, nur wenig beteiligten. Der Zorn der Schleswig-Holsteiner entsprang dem gekränkten Rechtssinne, er ward gestärkt und geadelt durch eine schöne vaterländische Empfindung, durch das stolze Gefühl, daß dies alte Landesrecht zugleich die Sache Deutschlands war. Dynastische Nebengedanken blieben der Volksbewegung fremd. Nichts konnte falscher sein, als die in der Kopenhagener Presse übliche Beschuldigung, das Haus Augustenburg hätte die Unruhen in den Herzogtümern angezettelt. Im Jahre 1786 hatte der jüngere Bernstorff, da die Zukunft des königlichen Hauses gefährdet schien, die Heirat zwischen Herzog Friedrich Christian von Augustenburg, dem Gönner Schillers, und einer Tochter Christians VII. zustande gebracht; der kluge Staatsmann hoffte dadurch die beiden Linien zu vereinigen und also jeden Erbfolgestreit abzuschneiden. Die Besorgnisse, welche man damals hegte, verschwanden wieder, als bald nachher ein Thronfolger, der spätere König Christian VIII., geboren wurde. Doch seitdem galten die Augustenburger am Kopenhagener Hofe als heimliche Prätendenten und hatten unter der Feindseligkeit der Krone viel zu leiden. Sie wachten auch sehr mißtrauisch über ihren Rechten, sie verwahrten sich, als Holstein aus dem Verbande des Heiligen Reichs ausschied – ein Schritt dynastischer Vorsicht, der späterhin über Gebühr gepriesen wurde; sie dachten sogar ernstlich daran, ihre Erbansprüche auf Oldenburg geltend zu machen, als Napoleon das Fürstenhaus dort entthront hatte. Aus jener dänischen Ehe stammten der gegenwärtige Herzog Christian August und sein Bruder Prinz Friedrich von Noer. Söhne einer Dänin, Enkel einer Engländerin hatten sie beide einen Teil ihrer Jugend im Auslande verlebt und sich jene vaterlandslose Gesinnung, welche so viele Mitglieder der großen europäischen Fürstengemeinschaft betört, von Grund aus angeeignet. Deutschland blieb ihnen immer gleichgültig, und den liberalen Zug der Zeit betrachteten sie mit Abscheu. Das Recht ihres Hauses war ihnen eines und alles. Darum blieben sie den dänischen Verwandten stets verdächtig, obgleich Christian VIII. aus aufrichtiger Neigung ihre Schwester geheiratet hatte und die gütige Königin Christine Amalie zwischen den Schwägern immer zu vermitteln suchte. In vertrauten Briefen äußerte sich der Prinz von Noer aufs gröbste über »unser schwägerliches Schöpsgenie und die übrige Bagage, die meinetwegen zur Hölle fahren mag«. Der Herzog besaß eine gute Bildung, und die Gäste, die er auf Gravenstein oder Augustenburg empfing, rühmten die Liebenswürdigkeit seines ehrbaren Hauses; aber hinter gemessenen, weltmännischen Formen verbarg er eine hoffärtige Selbstgerechtigkeit, die in der langjährigen Einsamkeit des Landlebens schließlich so mächtig anschwoll, daß er jede abweichende Meinung kurzweg für »blühenden Unsinn« ansah. Vertrauen und Liebe fand er nirgends, obgleich er im Schleswiger Landtage taktvoll und verständig auftrat. Seine Gutsuntertanen im Sundewitt und auf Alsen haßten den strengen Grundherrn herzlich, sie waren die eifrigsten Dänen in ganz Nordschleswig. An die sittlichen Mächte des Völkerlebens glaubte er nicht fester als sein königlicher Schwager, der Zufall erschien seinem dürren Verstande als die bewegende Macht der Geschichte. Ebenso selbstgefällig dachte der Prinz von Noer; der trug seinen maßlosen Dünkel herausfordernd zur Schau, er ließ an niemand, nicht einmal an seinem Bruder, ein gutes Haar und verletzte jedermann durch sein absprechendes, junkerhaftes Wesen. Noch nach dem Kriege rühmte er sich kurzab, »der einzigste konsequente Mensch in der schleswig-holsteinischen Sache« zu sein. Er prahlte mit seiner kriegerischen Tüchtigkeit und doch fehlte ihm jedes militärische Urteil, auf das preußische Heer sah er aus Himmelshöhen mitleidig hernieder. An unruhigem Ehrgeiz gebrach es ihm nicht. Die Statthalterwürde hatte er seit Jahren für sein Haus erstrebt, – nachher wußte er freilich mit dem mehr glänzenden als einflußreichen Amte wenig anzufangen. Außer einigen persönlichen Freunden besaßen die Augustenburger durchaus keine Partei im Lande. Selbst K. Samwer war, als er seine erste Schrift über die Erbfolgefrage herausgab, dem Herzoge noch ganz unbekannt; er schrieb nach seiner ehrlichen juristischen Überzeugung und trat erst späterhin mit dem Augustenburgischen Hofe in Verkehr. Zwar verfaßte der Herzog selbst seit dem Ende der dreißiger Jahre eine Menge anonymer Schriften und Zeitungsartikel zur Verteidigung seiner Rechte, und noch manche andere Feder stand ihm zu Diensten. Aber diese emsige Schriftstellerei allein konnte nur wenig ausrichten. Auf die Massen der schlichten Bürger und Bauern wirkte der Name Augustenburg damals eher abschreckend als anspornend; sie waren, ohne viel nach den dynastischen Folgen zu fragen, schlechtweg begeistert für das alte deutsche Recht ihres Landes. Soeben erst, im Sommer 1844, hatte König Christian gewohntermaßen das Seebad auf Föhr besucht und unterwegs aus dem herzlichen Empfange, den ihm die Schleswig-Holsteiner überall bereiteten, zur Genüge lernen können, wie wenig dies treue Volk gemeint war, sich von seinem angestammten Herzog leichtfertig loszusagen. Da brachte Allgreen Ussings Antrag alles in Bewegung. Der Itzehoer Landtag war gerade versammelt. Graf Friedrich Reventlow, der Klosterpropst von Preetz, übernahm die Führung, ein hochgebildeter Aristokrat von der guten alten Holstenart, konservativ nach Erziehung und Neigung, aber unbefangen genug, um die Berechtigung des anwachsenden liberalen Bürgertums zu würdigen, eine stattliche Erscheinung, stolz und mild zugleich, ganz und gar ein Mann des Rechts. Auf seinen Vorschlag beschloß der Landtag eine Rechtsverwahrung, welche die drei Hauptsätze des schleswig-holsteinischen Staatsrechts feierlich aussprach: Die Selbständigkeit, die Unteilbarkeit der Herzogtümer und das Erbfolgerecht des Mannesstammes. Entrüstet wiesen die Stände die terroristische Anmaßung des seeländischen Landtags zurück, der selber ganz unbefugt über die Thronfolge der Herzogtümer Beschlüsse faßte, den Deutschen aber verbieten wollte auch nur mitzusprechen; sie erinnerten warnend an Spanien, wo die leichtfertige Änderung der Erbfolgeordnung den Bürgerkrieg hervorgerufen hatte. Da der schleswigsche Landtag nicht versammelt war, so trat die Ritterschaft beider Herzogtümer unter der Führung des Grafen Reventlow-Preetz zusammen und bat den Monarchen in einer würdig gehaltenen Adresse um Wahrung des Landesrechts. Alles vergeblich. Zweimal versuchte der König in diesen Jahren, seinen Schwager zu freiwilliger Entsagung zu bewegen. Der Herzog aber erwiderte, ein Verzicht könne nur der weiblichen Linie zugemutet werden; weiter ging er nicht, denn den Boden des urkundlichen Rechts wollte er nicht verlassen, auch fühlte er wohl, daß er eine Hoffnung auf die Königskrone mindestens nicht offen aussprechen durfte, weil die Dänen ihn allesamt tödlich haßten. Ermutigt durch den Antrag des Rotschilder Landtags, glaubte Christian nunmehr etwas wagen zu können und berief eine Kommission zur Erörterung der schleswig-holsteinischen Erbfolgefrage. Drei Deutsche gehörten ihr an: der hochkonservative Bundesgesandte Pechlin, aus dem Auswärtigen Amte der Minister Graf Heinrich Reventlow-Criminil und sein Rat Dankwart, dazu als vierter der vertraute Kabinettssekretär Adler. Keiner von ihnen war Fachmann im Staatsrechte. Nach langen Beratungen brachten die vier ein »Kommissionsbedenken« zustande, das keinen bündigen Schluß enthielt. Sie meinten zwar, der weiblichen Linie gebühre das Erbfolgerecht in einem Teile der Herzogtümer, widerrieten jedoch eine öffentliche Erklärung, solange nicht mit den Agnaten und den Großmächten verhandelt sei. Der König aber wollte vorwärts, in einer feurigen Rede sprach er dem Staatsrate diese Willensmeinung aus. Am 8. Juli 1846 verkündigte er sodann, um »unklaren und unrichtigen Vorstellungen entgegenzutreten«, durch einen Offenen Brief, daß er auf Grund des Kommissionsbedenkens das Erbrecht seiner königlichen Thronnachfolger in Schleswig aufrechthalten werde; in einzelnen Teilen Holsteins sei dies Erbrecht zweifelhaft, er hoffe jedoch die Hindernisse zu beseitigen und »die vollständige Anerkennung der Integrität des dänischen Gesamtstaates zuwege zu bringen«; im übrigen sollten die Rechte der Herzogtümer unangetastet bleiben. Das Kommissionsbedenken selbst wurde niemals vollständig veröffentlicht, weil es noch unbestimmter lautete als der Offene Brief selbst, was davon bekannt ward, ließ sich leicht widerlegen. Die Kommission berief sich vornehmlich auf die Tatsache, daß die Ritter und Beamten des gottorpischen Anteils von Schleswig, als dieser 1721 mit dem königlichen vereinigt wurde, dem Könige Friedrich IV. geschworen hatten, »ihm und seinen Erbsukzessoren in der Regierung secundum tenorem legis regia treu, hold und gewärtig zu sein«; es lag aber auf der Hand, daß dieser schon nach seinem Wortlaute vieldeutige »gewöhnliche Erbhuldigungseid«, der noch dazu nur einmal im gottorpischen, niemals im königlichen Schleswig geleistet wurde, ohne die Zustimmung der Agnaten und der Landstände an dem Thronfolgerechte des Landes gar nichts hatte ändern können. Der Offene Brief entsprach dem Charakter König Christians. Er war das Werk einer überfeinen Berechnung und eben deshalb eine unkluge Halbheit; er sollte die Schleswig-Holsteiner freundlich zum Vertrauen auf die landesväterlichen Absichten ihres König-Herzogs ermahnen, aber er vergewaltigte das Recht Schleswigs, er drohte, auch das Recht Holsteins zu vergewaltigen und wirkte darum ebenso aufregend wie ein vollendeter Staatsstreich. Bei den Dänen, die den geistreichen Epikureer bisher wenig geliebt hatten, errang sich der König jetzt mit einem Male die allgemeine Volksgunst. Seinen Rotschilder Landständen dankte er für ihre patriotische Gesinnung und fügte nur einen sanften Tadel hinzu, wegen der offenbaren Überschreitung ihrer Befugnisse. Unter den Deutschen dagegen war die Entrüstung allgemein. Der Statthalter Prinz von Noer legte sein Amt nieder, desgleichen der Präsident der Deutschen Kanzlei, Graf Joseph Reventlow, der Gesandte Reventlow-Altenhof und mehrere andere hohe Beamte; auch der Herzog von Glücksburg verzichtete auf seine Offiziersstelle. An die Spitze der Deutschen Kanzlei wurde nunmehr Graf Carl Moltke gestellt, ein gescheiter, strenger Absolutist, der sich grundsätzlich verpflichtet hielt, den Willen des Monarchen auszuführen. Der Statthalterposten blieb unbesetzt, und ganz ohne Einrede schaltete also fortan der neue Präsident der schleswig-holsteinischen Landesregierung von Scheel, ein gemeiner Ehrgeiziger von niederer Abkunft, der sich zu allem hergab und überdies durch seine gallige Unfreundlichkeit die Deutschen abstieß. Den holsteinischen Ständen wurde sofort, noch im Juli, eröffnet, daß der König ihre letzten Beschlüsse mit gerechtem Befremden vernommen habe. Auf den Antrag des Grafen Reventlow-Preetz beschlossen sie sodann eine scharfe Adresse, und als Scheel diese Eingabe kurzerhand zurückwies, richteten sie zur Verwahrung des Landesrecht eine Beschwerdeschrift an den Deutschen Bund. Nunmehr wollte ihnen Scheel alle weiteren Vorstellungen verbieten; da erklärten sämtliche Abgeordnete, bis auf sechs, ihren Austritt. Die Einberufung der Stellvertreter fruchtete nichts, der Landtag war tatsächlich aufgelöst. Im Oktober versammelte sich auch der Landtag Schleswigs, und hier scharte sich alles um den Präsidenten Wilhelm Beseler, wie in Itzehoe um Reventlow-Preetz. Wie immer in Zeiten ernster Volksbewegung fanden sich rasch die geborenen Führer. Beseler war Rechtsanwalt, ein stattlicher Mann von starkem Selbstgefühl und würdiger Haltung, zäh und tapfer, in seinen politischen Grundsätzen ebenso gemäßigt wie Reventlow, nur daß er dem bürgerlichen Liberalismus näherstand. Mehr als hundert Adressen aus dem Herzogtum liefen ein. Die meisten wurden persönlich überreicht, fast alle sprachen scharf gegen den Offenen Brief. Die Beratungen verliefen stürmisch, der Koogbesitzer Tiedemann und der Jurist Gülich bekämpften freimütig das ganze System der Regierung. Dann beantragte der Herzog von Augustenburg eine Adresse, welche den König um die Gewährung einer gemeinsamen schleswig-holsteinischen Verfassung bitten sollte. Rechtzeitig überwand er also seinen Widerwillen gegen die liberalen Ideen; denn nach allem, was geschehen, ließ sich die Selbständigkeit der Herzogtümer unter beratenden Provinzialständen nicht mehr aufrechthalten. Der Antrag wurde mit allen gegen zwei Stimmen angenommen. Scheel aber erklärte, vor allen andern Vorschlägen müßten zuerst die königlichen Präpositionen beraten werden; offenbar beabsichtigte er, durch plötzliche Schließung des Landtags den Ständen ihr verfassungsmäßiges Petitionsrecht ganz zu verderben. Da er nicht nachgab, so verließ endlich der Herzog, unter feierlicher Verwahrung, den Saal, und ihm folgte die große Mehrheit der Versammlung. Damit war auch dieser Landtag aufgelöst, die alte Provinzialstände-Verfassung brach von selbst zusammen. Das Land war ohne Vertretung; darum sendete die Ritterschaft, auf Reventlows Betrieb, nochmals eine Rechtsverwahrung an den König. Unterdessen hatte Christian wieder seine gewohnte Sommerreise durch die Herzogtümer unternommen, aber er fand ein verwandeltes Volk. Eisige Kälte überall, zu den Empfängen erschien fast niemand außer den Beamten; als er die Truppen musterte, da sangen die Volksmassen dicht neben ihm: Schleswig-Holstein meerumschlungen! Das wurmte ihn doch. An seinem Geburtstage, am 18. September, erließ er einen zweiten Offenen Brief, der den Deutschen in gemütlich patriarchalischem Tone beteuerte, die Selbständigkeit Holsteins solle nicht im mindesten gefährdet, sondern durch die Unzertrennlichkeit der Monarchie nur gesichert werden. Was konnten diese leeren Worte wirken, da sie doch nichts zurücknahmen? Graf Reventlow-Preetz wurde im Schlosse Plön nicht vorgelassen, als er noch einmal herbeikam, um dem Monarchen die Augen zu öffnen; mit den aufsässigen Landständen Holsteins wollte Christian nichts mehr zu schaffen haben. So hielt denn die Bewegung im Volke an. Schon im Juli beschloß eine große Volksversammlung in Neumünster, auf Antrag des Anwalts Lorentzen: Das Land müsse festhalten an den drei Kernsätzen seines alten Rechts und nötigenfalls sich an Deutschland anschließen. Als Th. Olshausen eine zweite große Volkskundgebung bei Nortorf veranstalten wollte, wurde er gefangen nach Rendsburg abgeführt, die Nortorfer Versammlung ging vor der herannahenden bewaffneten Macht ruhig auseinander; Olshausen aber mußte wieder frei gegeben werden, und die Kieler begrüßten ihn bei der Heimkehr wie einen Triumphator. Der Herzog von Augustenburg hatte unmittelbar vor dem Erscheinen des Offenen Briefs den Kopenhagener Hof besucht, um seine Söhne vorzustellen und dort eine überraschend freundliche Aufnahme gefunden; der gnädige König ernannte sogar die beiden jungen Prinzen zu Oberstleutnants, was die Dänen verstimmte und die deutsche Königin bösen Nachreden aussetzte. In denselben Tagen aber bereitete Christian den Gewaltstreich gegen die Rechte seiner Agnaten heimlich vor. Als der unerwartete Schlag erfolgt war, legte der Herzog alsbald Verwahrung ein und sendete sodann eine Beschwerde an den Bundestag. Alle Prinzen der augustenburgischen und der glücksburgischen Linie schlossen sich ihm an. Nur der junge Prinz Christian von Glücksburg stellte sich auf die Seite des Königs; der hatte vor kurzem eine Tochter der Landgräfin Charlotte geheiratet und baute auf die Zukunft der hessischen Linie. Der Großherzog von Oldenburg behielt sich ebenfalls feierlich seine Erbansprüche vor. Auch die Kieler Universität trat sofort wieder auf den Kampfplatz. Sie besaß zwar in ihrem Lehrkörper noch zwei fanatische Dänen, Flor und Paulsen, während in Kopenhagen längst kein Gelehrter mehr ein Wort zugunsten der Herzogtümer wagte; aber die deutsche Gesinnung überwog durchaus. Dahlmann selbst, der nach seiner gewissenhaften Weise die schwierige Erbfolgefrage lieber noch vertagt und erst genauer geprüft hätte, konnte nun nicht mehr verkennen, daß der Offene Brief mit der Unteilbarkeit der Lande zugleich die gesamte Verfassung bedrohte, und erklärte sich offen für seine Landsleute. In seinem Sinne lehrten jetzt die jungen Historiker Waitz und Droysen; für das deutsche Recht im Norden einzustehen, galt als Ehrenpflicht unter den Kieler Gelehrten. Neun Professoren der Universität, voran der alte Falck, veröffentlichten eine scharfe, in allem Wesentlichen siegreiche Widerlegung des Kommissionsbedenkens, und der König fühlte sich so unsicher, daß er ihnen nur einen sanften Verweis erteilen ließ. Zugleich setzte Samwer wieder seine scharfe Feder ein. Dirckinck-Holmfeld, der Historiograph Wegener und die andern dänischen Publizisten sahen sich bald in die Enge getrieben; sie merkten selbst, wie wenig die Erbhuldigung des Jahres 1721 bedeutete, und suchten andere Ausflüchte. Mit Maulwurfseifer gruben diese Demokraten die unterlassenen Lehensmutungen der Sonderburger Linie aus, ja sie wollten den jungen augustenburgischen Prinzen sogar die Ebenbürtigkeit bestreiten, weil der Herzog und sein Bruder zwei Gräfinnen Danneskiold geehelicht hatten; und doch wußte jedermann, daß die Frage der Mißheirat allein nach den Hausgesetzen und dem Hausbrauche jeder einzelnen Dynastie beurteilt werden darf, und gerade im Hause Holstein-Oldenburg waren Ehen mit Frauen vom niederen Adel von jeher häufig vorgekommen. In Schleswig-Holstein ließ sich niemand durch solche Fechterkünste beirren. Das Land hielt zusammen wie eine große Familie, die ihr Hausrecht wahrt, der gemeinsame Kampf führte alle Stände in ungewohnter Herzlichkeit einander näher; und wenn die deutschen Nachbarn früherhin manchmal gutmütig über den Hahnenschritt der holsteinischen Normalmenschen gespottet hatten, so freuten sich jetzt alle an dem schönen Einmut ihrer Nordmark. Der Offene Brief regte die öffentliche Meinung in ganz Deutschland so mächtig auf, wie vor sechs Jahren das Kriegsgeschrei der Franzosen. Damals aber hatte die Nation einem ebenbürtigen Feinde die stolze Stirn geboten; jetzt fühlte sie sich bitterlich beschämt, da ein winziger Nachbar deutsches Recht mit Füßen trat, ohne nach Deutschland auch nur zu fragen, und Geibel nahm allen das Wort vom Munde, als er sang: Mich will's bedünken fast gleich einem Schwanke, Daß dieses Inselreich, das kleine, schwache, Aufbäumend wie ein zorn'ger Meeresdrache Sich wider uns erhebt zu grimmem Zanke. In einer Masse von Flugschriften und Gedichten, von Versammlungen und Reden entlud sich der Sturm. Die Heidelberger Gelehrten gingen voran, sie sendeten schon im Juli an W. Beseler eine von Gervinus verfaßte Adresse: »Es gibt keine größere politische und nationale Sünde als die Selbstversäumnis.« Da der ernste nationale Machtkampf zunächst in der Gestalt einer staatsrechtlich-historischen Streitfrage erschien, so trat das Professorentum wieder für einige Zeit in den Vordergrund des deutschen Lebens. Hälschner in Bonn und viele andere Historiker und Juristen erörterten den Erbfolgekampf in gelehrten Streitschriften; der Berliner Helwing verteidigte sogar die wohlgemeinte, aber ganz haltlose Behauptung, daß die Erbfolge in den Herzogtümern dem Hause Brandenburg gebühre. Großes Aufsehen erregte General Radowitz durch sein Schriftchen: Wer erbt in Schleswig? Er verfocht ohne jeden Vorbehalt die Rechtsanschauung der Schleswig-Holsteiner, da er durch seine Verwandten, die Reventlows, die transalbingischen Verhältnisse gründlich kennengelernt hatte, und zeigte hier zum ersten Male öffentlich, wieviel bildsamer er war als die andern Vertrauten König Friedrich Wilhelms. Unter allen namhaften deutschen Rechtsgelehrten wagte nur einer den Dänenkönig zu verteidigen: Minister Kamptz, der alte Demagogenverfolger, dessen Name schon abschreckend wirken mußte. Der entfaltete in seinen »Bemerkungen über den Offenen Brief« eine reiche, aber ganz verworrene Gelehrsamkeit; die Schleswig-Holsteiner erklärte er kurzweg für Rebellen, und daß Schleswig die Deutschen gar nichts anging, ergab sich ja schon aus der Bundesakte. Nach diesem Juristenstreit und den alten Pergamenten fragte die Nation wenig, sie kannte die Augustenburger gar nicht. Was die Deutschen entflammte war das nationale Selbstgefühl. Geibel fand wieder das rechte Wort, als er den hohen Sinn des Kampfes dahin zusammenfaßte: Wir wollen keine Dänen sein, Wir wollen Deutsche bleiben. Und dies Gefühl bekundete sich in den leidenschaftlichen Beratungen der kleinen deutschen Landtage so übermächtig, daß selbst die Fürsten sich ihm nicht ganz entziehen konnten; ihr eigenes Heiligtum, das legitime Dynastenrecht wurde ja durch Dänemarks Gewaltstreiche nicht weniger bedroht als die nationale Ehre. Zudem reisten die holsteinischen Prinzen an den Höfen geschäftig umher; auch die Stände der Herzogtümer sendeten Tiedemann und andere Vertrauensmänner zu den kleinen Regierungen, um ihnen das Landesrecht der Nordmark ans Herz zu legen. Besonders freundlich zeigte sich, seltsam genug, der alte Welfe. Der hatte bei den Lüneburger Manövern des zehnten Bundesarmeekorps selbst mit angehört, wie die holsteinischen Soldaten, wenn man sie Dänen nannte, heftig erwiderten: wir sind gute Deutsche; er schätzte den Augustenburger persönlich hoch und wurde durch seinen Berliner Gesandten, den Grafen Platen, dessen Verwandtschaft dem holsteinischen Adel angehörte, in seiner guten Gesinnung bestärkt. Nach alledem schien den Beschwerden beim Bundestage ein günstiger Erfolg sicher zu sein. Ganz anders dachten die großen Mächte. Sie bekannten sich alle zu dem unverbrüchlichen Glaubenssatze, die Integrität der dänischen Monarchie sei notwendig für die Erhaltung des europäischen Gleichgewichts. Unschuldige Leute mochten wohl verwundert fragen: warum denn Europas Gleichgewicht erschüttert werden sollte, wenn der kleine Staat am Sund und Belt von drittehalb auf anderthalb Millionen herabsänke? Wer tiefer blickte, konnte jedoch nicht verkennen, daß die Meinung der großen Höfe ernste Gründe hatte; sie wurzelte nicht bloß in der Ruheseligkeit der Zeit, sondern in der allgemeinen Angst vor Deutschlands Erstarken. Das von Dänemark losgerissene Schleswig-Holstein mußte – niemand bezweifelte es – sich fest an Deutschland anschließen, zu seiner Sicherung preußische Truppen herbeirufen, vielleicht gar der preußischen Flotte, deren erstes Schiff soeben vom Stapel gelaufen war, den schönsten Hafen der Ostsee einräumen. Ein deutscher Kriegshafen in Kiel! – dieser eine Gedanke genügte, um jedes englische Herz zu empören. Aus Haß gegen Deutschland wurden Dänemarks Erbfeinde, die Briten, jetzt freundliche Gönner des Kopenhagener Hofes. Gleich nach dem Erscheinen des Offenen Briefs schrieb die »Times«, damals noch das mächtige Organ der nationalen Meinung: »Die preußischen Staatsmänner können nicht freigesprochen werden von dem Vorwurfe, daß sie mit einer gewissen Bereitwilligkeit eine fieberische, der Ruhe eines Nachbarlandes gefährliche Aufregung lebendig erhalten haben, weil es ihnen einfiel, die deutsche Nation angenehm zu unterhalten ( to amuse ), und weil sie vielleicht deren Aufmerksamkeit von andern, weit mehr praktischen und der Heimat viel näherliegenden Fragen ablenken wollten.« Dann wurde Deutschland gewarnt vor der Ländergier, die schon in der Neuen Welt gefährlich, im Herzen Europas verderblich wirke. Mit solcher Heuchelei wagte ein Volk, das sich Jahr für Jahr neue Kolonien aneignete, die Deutschen zu beschimpfen, weil sie bescheiden das Erbe ihrer Väter behaupten wollten! Die Regierung hielt sich noch zurück: Sie wünschte zunächst nur, daß der dänische Gesamtstaat zusammenbliebe, gleichviel unter welchem Herrscherhause; denn sie betrachtete ihn, wunderlich genug, als ein Bollwerk gegen Rußland! Etwas dreister wagte sich Frankreich, der alte treue Bundesgenosse Dänemarks, hervor. Das Verhältnis zwischen den beiden Höfen war sehr herzlich. Ludwig Philipp sendete einmal den halbverschollenen alten Herzog Decazes, bourbonischen Andenkens, der zugleich dänischer Vasall war, als außerordentlichen Botschafter hinüber; der Dänenkönig fühlte sich sehr geschmeichelt und ernannte Guizot zum ersten bürgerlichen Ritter seines Elefantenordens. Unterdessen reiste der französische Gesandte Baron Billing zwischen Kopenhagen, Paris und London geheimnisvoll hin und her, um die Pläne König Christians zu befördern; er witterte heraus, sein Beobachtungsposten müsse jetzt zu einem Aktionsposten werden, und erhielt von Guizot Befehl, den Bestrebungen Preußens und Rußlands entgegenzuarbeiten, obgleich die beiden Ostseemächte hier am Sunde keineswegs zusammengingen. Alle diese kleinen diplomatischen Zettelungen blieben zunächst ohne Folgen. Der Tuilerienhof betrachtete den dänischen Gesamtstaat als ein europäisches Heiligtum; von näheren Sorgen bedrängt, hatte er sich jedoch eine feste Ansicht über die Erbfolgefrage bisher noch nicht gebildet. Die Westmächte konnten in Schleswig-Holstein für sich selbst nichts verlangen. Der Petersburger Hof dagegen verriet schon deutlich, daß er nicht abgeneigt war, bei einer Teilung der deutschen Herzogtümer herzhaft zuzugreifen. Die russischen Gottorper hatten zwar durch die Verträge von 1767 und 73 auf das längst verlorene Schleswig förmlich verzichtet und ihren Anteil an Holstein ausgetauscht gegen die Grafschaften Delmenhorst und Oldenburg, die nachher der jüngsten gottorpischen Linie überwiesen wurden. Doch wann war jemals ein russischer Vertrag zustande gekommen, der nicht nachher irgendwo einen Haken zeigte? Jener Verzicht war erfolgt zugunsten des damaligen Königs von Dänemark »und seiner Kronerben«. Wer diese Kronerben seien, wurde jetzt streitig. Folglich, so schlossen die Moskowiter mit ihrer eigentümlichen Logik, konnten Rußlands Ansprüche auf den gottorpischen Anteil an Holstein vielleicht wieder aufleben, und zu diesem Anteile gehörte erfreulicherweise auch der Kieler Hafen! Dem preußischen Gesandten sagte Nesselrode mehrmals: Wir glauben, auf Holstein Ansprüche zu haben; ich habe dem Kaiser abgeraten, sie aufzugeben, weil er die Rechte seiner Nachkommen nicht aufopfern darf und sich jedenfalls ein Kompensationsobjekt sichern muß. Noch aufrichtiger redete eine Weisung des russischen Kanzlers an den Geschäftsträger in Kopenhagen. Hier belobte er den Offenen Brief als eine weise Maßregel und billigte durchaus die Rechtsanschauung des Dänenkönigs. Schleswig unterliege, nachdem das Haus Gottorp darauf verzichtet, dem dänischen Thronfolgerechte – so schrieb er zuversichtlich, obgleich die Gottorper ein Recht, das ihnen selber nicht zustand, doch sicherlich auch nicht hatten abtreten können. Über Holstein müsse man allerdings noch verhandeln; indes würde der Zar sich aufrichtig freuen, die Ansprüche des Hauses Gottorp in Einklang zu bringen »mit den Lebensinteressen einer Monarchie, deren Aufrechterhaltung und Unteilbarkeit der König mit einer gerechten Besorgnis betrachtet, welche Se. Kais. Majestät in hohem Grade teilt«. Auf Rußlands Beistand konnte sich Christian mithin verlassen, wenn er nötigenfalls dem Hause Gottorp irgendeine Entschädigung gewährte. Über die Ansprüche der Augustenburger äußerte sich der Zar vorläufig noch nicht abschließend, aber die Haltung der Schleswig-Holsteiner fand er revolutionär. Der Wiener Hofburg kam der transalbingische Streit sehr ungelegen; nach der Eigenart ihres Reiches hatte sie ja selbst nichts mehr zu fürchten als die Macht der nationalen Ideen. Von Deutschtum, Dänentum und andern solchen »Tümern« wollte Metternich gar nichts hören. Er war empört über das Gelichter der deutschen liberalen Partei und ihr Halli-Hallo, er fand die ganze schamlose Agitation künstlich, gemacht, revolutionär und wünschte vornehmlich Bestrafung der frechen Heidelberger Professoren. Aber auch der Krone Dänemark warf er vor, daß sie das liberale Ungeziefer seit Jahren karessiert und jetzt vor der Zeit unreife Pläne verlautbart habe, während man doch sonst die Gäste nicht in die Küche führe, sondern ihnen die Speisen fertig vorsetze, von Berlin her gewarnt, sah er jedoch ein, daß man die ungeheuere Aufregung in Deutschland irgendwie beschwichtigen mußte; und da er, schon wegen der möglichen Verstärkung Preußens, den Zerfall des dänischen Gesamtstaates durchaus verhindern wollte, so gelangte er zu der Ansicht, das beste sei die Aufhebung des Königsgesetzes und die Thronfolge der Augustenburger in allen Kronlanden. Es war sicher der freundlichste Rat, der sich dem Dänenkönige geben ließ, wenn nur die Menschen nicht Menschen wären! Wenn nur nicht der wilde Deutschenhaß der Dänen gerade diesen sichersten Ausweg ganz versperrt hätte! Wunderlich, fast tragikomisch erschien unter solchen Umständen die Haltung des Berliner Hofes. Alle Ausländer trauten ihm einen Ehrgeiz zu, der ihm durch die Geschichte des preußischen Staates geradezu aufgezwungen wurde und gleichwohl dem sanften Gemüte dieses Königs ganz fern lag. Niemals hat Friedrich Wilhelm die Frage erwogen, ob die transalbingischen Händel nicht benutzt werden sollten, um Preußens Machtstellung an der Ostsee zu verstärken; er hielt für unmöglich, daß man ihm so verruchte Pläne auch nur andichten könnte, wie er den leidlichen Ausgang des Kölnischen Bischofsstreites lediglich dem Trotze Droste-Vischerings verdankte, so wurden auch die notwendigen Kämpfe, welche schließlich unsere Nordmark unter die Krone der Hohenzollern bringen sollten, nicht durch preußische Berechnung, sondern einzig und allein durch die Verblendung Christians VIII. und seiner Dänen herbeigeführt. Eine Regierung ohne Stolz und Tatkraft, welche grundsätzlich nie das Schwert ziehen will, kann sich vielleicht, durch die Macht alter Traditionen, noch eine Zeitlang ein tüchtiges Heer bewahren, ihr Auswärtiges Amt aber muß schnell entsittlicht werden. Welch einen jämmerlichen Anblick bot doch das diplomatische Korps des vierten Friedrich Wilhelm neben jenen kühnen, kriegerischen Gesandten, die einst die Befehle des Großen Königs handfest vollstreckt hatten. General Rauch war ein guter Russe, obwohl ihm das preußische Gefühl nicht gänzlich fehlte, Bunsen war ein guter Engländer, Graf Arnim ein guter Österreicher, aber sie alle überbot noch bei weitem Freiherr Schoultz von Ascheraden in Kopenhagen. Einen besseren Patrioten als diesen fremdbrüderlichen preußischen Gesandten hat Gammel Dannemark unter seinen eigenen Landeskindern nie besessen. Schoultz war vor langen Jahren auf dem gleichgültigen Kopenhagener Gesandtschaftsposten versorgt worden, wo alle Höfe ihre diplomatischen Nullen unterzubringen pflegten, und behielt die Stelle leider auch, als sie plötzlich hochwichtig wurde. Er fühlte sich am Sunde ganz heimisch, glaubte den dänischen Ministern, die fast durchweg gebildete, liebenswürdige Männer waren, treulich aufs Wort und berichtete in seinem schauderhaften Französisch, das den König zuweilen zu sarkastischen Randbemerkungen veranlaßte, höchst gewissenhaft, was der Hof während des größten Teiles des Sommers, pendant la pluralit é ds l'été , alles vorzunehmen gedenke. Als die schleswig-holsteinischen Wirren begannen, zeigte er sich sehr ungehalten über die Unbotmäßigkeit der Deutschen; von der unersättlichen Begehrlichkeit, der List, der berechneten Zurückhaltung des augustenburgischen »Prätendenten« sprach er ganz so entrüstet wie seine dänischen Freunde; und wenngleich er zuweilen auch die Gehässigkeit der Dänen bitter beklagte, so hatte er doch von dem Sinne des nationalen Kampfes gar keine Ahnung. Diese lächerlichen Gesandtschaftsberichte konnten das Urteil König Friedrich Wilhelms nicht beirren. Er bedauerte zwar den Haß zwischen Deutschen und Dänen, wie Canitz sagte, als »eine der ärgsten Tollheiten unseres erleuchteten Jahrhunderts«; er wünschte von ganzem Herzen die Fortdauer des dänischen Gesamtstaates und wollte auch seinen königlichen Freund, der ihn soeben, bei einem Besuche in Kopenhagen, mit Zärtlichkeit überschüttet hatte, durchaus nicht kränken. Aber das Recht blieb ihm heilig, schon im Jahre 1845 ließ er sich von den Juristen Eichhorn und Lancizolle ein Gutachten über die Erbfolgefrage erstatten, und obwohl diese Denkschrift sehr unsicher lautete, so überzeugte er sich doch nach und nach selber von dem besseren Rechte der Augustenburger. Wie Metternich hoffte er den Streit durch einen Verzicht der hessischen Linie und durch die Thronfolge der Agnaten im Gesamtstaate friedlich beizulegen: dann konnten die befreundeten Dänen unter augustenburgischen Königen bis an das Ende aller Dinge in Kiel und Altona hausen. Freilich war die Übereinstimmung nicht vollständig, denn der Wiener Hof betrachtete die Integrität Dänemarks als das wesentliche, der Berliner das deutsche Recht der Herzogtümer und der Agnaten. Im Notfalle – das deutete schon jenes Rechtsgutachten an – wollte Preußen selbst ein souveränes Schleswig-Holstein unter deutschem Fürstenhause anerkennen. Die dänischen, nicht die holsteinischen Landstände, so meinte Canitz, haben den Streit angefangen. Die Dänen sind die Revolutionäre und zudem erfüllt von absurdem Hasse gegen Deutschland. Sie mißbrauchen unehrlich den Gedanken der Nationalität, um den politischen Frieden von oben her zu stören, wie die Polen von unten her. Wir wünschen die Integrität der dänischen Monarchie, aber ohne Schädigung deutscher Rechte. Zunächst hatte der Bundestag auf die holsteinischen Beschwerden zu antworten. Metternich behauptete zwar anfangs, diese Sache gehe den Bund gar nichts an, jedoch auf Canitz' lebhaftes Andrängen gab er nach und genehmigte, daß ein Bundesbeschluß die Rechte Deutschlands in milder Form verwahren, aber zugleich dem unleidlichen Halli-Hallo der Liberalen scharf entgegentreten solle. Sein getreuer Münch, der ganz dänisch gesinnt war, mußte also, wie Canitz spottete, »diesmal aus dem magischen Kreise der Inkompetenzerklärungen hinaustreten« und das Geschäft mit einer in Frankfurt ganz unerhörten Eile betreiben. Man konnte nicht anders. Die Landtage, die Presse, zahllose Eingaben aller Art bestürmten den Bundestag. Als »ein ernstes Zeichen der Zeit« erwähnte der preußische Bundesgesandte auch die Zuschrift eines begeisterten Berliner Studenten, der sich späterhin noch einen guten Namen machen sollte. Dieser junge Mann riet dem Bundestage, schleunigst einen Bundeskommissar nach Kopenhagen zu senden und entschuldigte seine Vermessenheit »mit dem Beispiel der Jungfrau von Orleans, die auch nur eine arme Schäferin gewesen sei, aber ihr Vaterland doch gerettet habe«. Freiherr von Pechlin, der dänische Bevollmächtigte, der im Herzensgrunde doch deutsch empfand und dem Offenen Briefe nur sehr ungern zugestimmt hatte, gab die versöhnlichsten Erklärungen: Er beteuerte heilig, seinem Könige sei nie in den Sinn gekommen, die Rechte des Deutschen Bundes zu verletzen; er gestand sogar zu, daß die beiden Herzogtümer alle öffentlichen Rechtsverhältnisse – bis auf die Provinzialstände und wenige andere Institutionen – miteinander gemein hätten. Da nun auch der Offene Brief selbst noch nichts anordnete, sondern nur die persönlichen Ansichten des Königs kundgab, so sprach der Bundestag am 17. September die vertrauensvolle Erwartung aus: Der König würde bei endgültiger Feststellung dieser Verhältnisse die Rechte aller und jeder, insbesondere die Rechte des Bundes, der Agnaten und der holsteinischen Landstände beachten. Zugleich forderte er die Regierungen auf, den leidenschaftlichen Ausbrüchen einer anerkennenswerten patriotischen Gesinnung »gehörige Schranken zu setzen«. Alle stimmten zu, auch Pechlin selber. Nur Kurhessen wollte die Verwarnung der deutschen Patrioten schärfer gefaßt sehen; der Luxemburger endlich behauptete, keine Weisungen zu haben, offenbar weil er fürchtete, bald könnte auch Luxemburg an die Reihe kommen, wie matt und schüchtern der Beschluß auch klang, ganz leer war er nicht. Der Bundestag hatte sich, allen seinen Gewohnheiten entgegen, doch nicht wieder für unzuständig erklärt, er behielt sich doch ausdrücklich seine Rechte vor und erlangte also zum ersten Male einiges Lob bei den gemäßigten Parteien. König Christian merkte auch selbst, daß er mit der Politik des Offenen Briefes nicht mehr weiter kam; er fühlte sich tief unglücklich und konnte seine Stimmung sogar vor Schoultz-Ascheradens blöden Augen nicht ganz verbergen. Gegen den preußischen General Wrangel beklagte er sich bitterlich: wie ihn die Deutschen so ganz verkennen könnten; niemals hätte er daran gedacht, Schleswig-Holstein von Deutschland loszureißen. Im Juni 1847 sendete er einen alten Freund, den Grafen Löwenstern, der seinem Könige diesen letzten Ritterdienst nicht verweigern mochte, nach Berlin, um wegen der Erbfolgefrage Rat einzuholen. Canitz erwiderte: Das einzige Mittel, den Gesamtstaat zu erhalten, sei die Aufhebung des Königsgesetzes und das Königtum der Augustenburger. Das wies der alte Däne weit von sich; am Wiener Hofe aber wurde ihm, offenbar nach Verabredung, gleich nachher dieselbe Antwort erteilt. Nunmehr hoffte König Christian sein Ziel auf einem neuen, noch seltsameren Umwege zu erreichen; er wollte seinem Gesamtstaate – nach dem Vorbilde des preußischen Vereinigten Landtags, dessen Verhandlungen er mit gespannter Aufmerksamkeit verfolgte – einen gemeinsamen Reichstag gewähren. Mit Hilfe der dänisch gesinnten Mehrheit dieses Reichstags dachte er dann späterhin, die Thronfolge der weiblichen Linie im ganzen Reiche durchzusetzen. In was für Künsteleien verlor sich wieder die Überklugheit des Monarchen! Nach allem was geschehen, mußte die Thronfolgefrage jetzt vor der Verfassungsfrage entschieden werden; denn so lange noch nicht feststand, ob der Gesamtstaat selber fortdauern würde, konnten die Schleswig-Holsteiner einer Gesamtstaatsverfassung doch schwerlich zustimmen, wahrend der nächsten Monate ließ der König seinen Verfassungsplan durch Carl Moltke und den unentbehrlichen Adler ausarbeiten. Da starb er plötzlich nach kurzer Krankheit am 20. Januar 1848, wohl der geistreichste aus der langen eintönigen Reihe der oldenburgischen Könige, und doch ein Mann des Unheils, ein Herrscher, der die Macht seines Hauses selbst zerstörte, weil er das Recht seiner Völker mißachtete. Die Todesnachricht erschütterte das Land im Innersten. Die Dänen hofften, die Deutschen fürchteten alles von dem Thronfolger. Nach aller Wahrscheinlichkeit war Friedrich VII. der letzte König seines Stammes; denn er hatte damals schon ein Liebesverhältnis mit der Putzmacherin Rasmussen angeknüpft, und dies gemeine Weib, die natürliche Bundesgenossin der Kopenhagener Demokratie, hielt ihn so fest umstrickt, daß eine dritte fürstliche Heirat fast unmöglich schien. Mit albernem, läppischem Zeitvertreib brachte er seine Tage dahin und fühlte sich wohl in schlechter Gesellschaft, die freilich nicht murren durfte, wenn es ihm plötzlich einfiel, den Fürsten herauszukehren. Roh, ungebildet, grob sinnlich, jähzornig, nicht ohne Verstand und derben Humor, lernte er niemals ernsthaft zu arbeiten. Als eingefleischter Däne haßte er alles Fremde; die ausgelassene Lustigkeit der Matrosen, die in der C4s Halle und in den andern Spelunken an der Kopenhagener Knüppelbrücke ihre Späße trieben, behagte ihm besser als das gemessene Wesen der Schleswig-Holsteiner. Den liberalen Ideen war er nicht feind, obgleich er eigentlich gar keine politischen Grundsätze besaß. Von seinem Vater hatte er nichts geerbt als die Furchtsamkeit und die unkriegerischen bequemen Gewohnheiten. Frisch und männlich erschien der schwerfällige nur, sobald er an Bord eines Schiffes trat; wenn ihn irgend etwas begeistern konnte, so waren es die Erinnerungen an die Seekönige des Nordens, und das alte Volkslied: König Christian stand am hohen Mast! Der alte König hatte noch während seiner letzten Krankheit in einem langen Briefe seine Ratschläge für die neue Regierung niedergelegt. Der Nachfolger zeigte sich zuerst ganz als guter Sohn; er ernannte, nach des Vaters Wunsche, den Grafen Carl Moltke zum Staatsminister und verkündete durch ein Manifest alsbald den Entschluß, die von seinem Vorgänger »beabsichtigte Ordnung der öffentlichen Verhältnisse zu Ende zu bringen«. Die den politischen Verbrechern gewährte Amnestie mußte den Herzogtümern freilich wie Hohn klingen, weil dort keiner der zahlreichen Prozesse zu einer Verurteilung geführt hatte. Aber schon am 28. Januar berief ein königliches Kanzleipatent 52 erfahrene Männer, je 26 aus dem Königreiche und aus Schleswig-Holstein, nach der Hauptstadt, um ihr Gutachten abzugeben über die Gesamtstaatsverfassung des verstorbenen Monarchen, sechzehn davon ernannte der König selbst, die übrigen wurden vom Lande erwählt. Auch die Form war klug berechnet; das Patent sprach immer nur von »Unserem Königreich Dänemark und Unseren Herzogtümern Schleswig und Holstein«, es schien also die staatsrechtliche Verbindung der beiden deutschen Lande stillschweigend anzuerkennen. Der Verfassungsplan schloß sich eng an das Vorbild Preußens an; die Provinziallandtage blieben erhalten, doch über ihnen stand künftighin ein Gesamtstaatsreichstag, der, bald im Königreiche, bald in den Herzogtümern tagend, über gemeinsame Gesetze und neue Steuern frei beschließen sollte. Es war das letzte Meisterstück des listigen alten Königs. Die scheinbare Gleichstellung der beiden ungleichen Hälften des Gesamtstaats sollte den Deutschen schmeicheln; und doch konnte die Krone hoffen, durch ihre sechzehn Vertrauensmänner sowohl die Schleswig-Holsteiner wie die radikalen Eiderdänen niederzuhalten. Hätte König Christian noch gelebt, so war ein Erfolg, freilich nur für den Augenblick, vielleicht denkbar. Doch was ließ sich jetzt erwarten, unter einem Monarchen, dem die Dänen niemals Achtung, die Deutschen niemals Vertrauen schenken konnten? Sowie der alte König die Augen geschlossen hatte, trat die Kopenhagener Demokratie höchst ungebärdig auf. Eine Schrift der Professoren Clausen und Schouw verkündete sofort in ungestümer, drohender Sprache das eiderdänische Programm: Danisierung Schleswigs, Abtrennung Holsteins. Eine Versammlung von Stadtvertretern, die der alte Heißsporn Staatsrat Hvidt berufen hatte, sendete dem neuen Herrscher eine Deputation ins Schloß, um sofortige Änderung der Verfassung zu verlangen. König Friedrich ließ die Abgesandten nicht vor, aber zugleich berief er seinen Freund Bardenfleth, einen fanatischen Dänen, in das Ministerium. Die Eiderdänen witterten Morgenluft; sie verlangten stürmisch, die erfahrenen Männer müßten nach der Kopfzahl erwählt werden, also je fünf Dänen auf drei Deutsche. Die Schleswig-Holsteiner hingegen bemühten sich, bis zum letzten Augenblicke in den Schranken der Mäßigung zu verbleiben, sie wollten die dargebotene Hand des neuen Königherzogs nicht von sich stoßen. Auf einer Zusammenkunft in Kiel, wo sich die Landtagsabgeordneten beider Herzogtümer vollzählig einfanden, sprachen Reventlow und Beseler sehr besonnen; man beschloß (17. Februar), die Wahl der erfahrenen Männer vorzunehmen. Aber jedem der Gewählten wurde anheimgegeben, das deutsche Recht nach Gewissenspflicht zu verwahren. An eine friedliche Verständigung glaubten nur noch wenige; Reventlow und Beseler hatten bereits im letzten Herbst die Möglichkeit eines offenen Kampfes zusammen erwogen. Schon die Einberufung dieser Versammlung selber, die doch nichts anderes war als ein Vereinigter Landtag Schleswig-Holsteins, zeigte deutlich, wie der alte Gesamtstaat aus den Fugen ging. Die Augustenburger begannen alsbald, die Brücken hinter sich abzubrechen. Bei Christians pomphaftem Begräbnis war keiner aus ihrer Linie zugegen; und als ihnen der neue Herrscher, allerdings gegen den Hausbrauch der letzten Jahrzehnte, die Erneuerung ihres Huldigungseides zumutete, da weigerte sich der Herzog sowohl wie der Prinz von Noer. König Friedrich sah in alledem berechnete Auflehnung. So gespannt war die Lage. Jeden Augenblick konnte die nationale Leidenschaft hüben oder drüben losbrechen und das blutige Spiel um Deutschlands Nordmark beginnen. Der König von Preußen bemerkte dies wohl. Er sendete bald nach dem Thronwechsel seinen vertrauten General Gerlach nach Kopenhagen, angeblich um sein Beileid auszusprechen, in Wahrheit, um zu beobachten und nötigenfalls zu raten. Canitz ließ den General durch den gescheiten Legationsrat Grafen Hans v. Bülow über die dänischen Verhältnisse genau unterrichten und erteilte ihm selbst (4. Februar) ausführliche Weisungen, die nur von neuem bewiesen, wie harmlos ehrlich die preußische Regierung verfuhr, aber auch, wie wenig sie den Ernst der Zeit und die Macht der nationalen Gegensätze verstand. Noch immer betrachtete Canitz den Streit zwischen Dänen und Deutschen als bare Torheit; er hielt Dänemark für Deutschlands natürlichen Verbündeten, da seine Flotte ja bei uns keinen Nebenbuhler zu fürchten hätte. Diesen Verbündeten wollte er nicht schwächen; darum verwarf er sowohl die Politik der Eiderdänen, die in blindem Deutschenhaß ihren eigenen Vorteil verkannten, wie den Plan, Schleswig für Deutschland zu erobern, einen Plan, der »aus einer unrichtigen, wenigstens unklaren Auffassung des Begriffes der Nationalität entspringe«. Er wünschte nach wie vor die Integrität der dänischen Monarchie, womöglich unter dem augustenburgischen Herrscherhause. Aber an den althistorischen Rechten der Herzogtümer hielt er fest: »Wir müssen vorangehen, es ist eine von den seltenen Sachen, wo wir auf die Zustimmung der deutschen Bundesregierungen rechnen können.« Durch Unwetter aufgehalten, konnte Gerlach erst am 15. Februar in der dänischen Hauptstadt eintreffen. Unterwegs hatte er Falck, Reventlow sowie andere deutsche Patrioten gesprochen und fühlte sich angenehm überrascht, in diesen Schleswig-Holsteinern, die doch mit allen deutschen »Wühlern« verbündet waren, so konservative Männer kennenzulernen. Diese unschuldigen Gespräche, bei denen er streng die Rolle des vorsichtigen Beobachters einhielt, wurden ihm freilich von den Dänen als verräterische Umtriebe angerechnet. In Kopenhagen bemerkte er sogleich, wie alles aus Rand und Band ging. Er durchschaute die vollendete Nichtigkeit Friedrichs VII. und die Zwietracht seiner Räte, die Schwäche des einzigen deutschgesinnten Ministers Heinrich Reventlow; er begriff, daß die Verfassung unmöglich gelingen konnte, solange die Erbfolgefrage in der Schwebe blieb; er erkannte sogar, daß weder die Dänen noch die Deutschen mehr an die Integrität des alten Gesamtstaats glaubten. Aber wie scharfsinnig er auch im einzelnen urteilte, eine kühne nationale Politik hielt er für eine Träumerei der »Germanomanen«; an die Möglichkeit einer Machterweiterung Preußens dachte er niemals. Sein letzter Rat ging dahin: Preußen sollte sich zunächst mit Rußland und Österreich verständigen, damit nachher die dänische Thronfolge, wie einst die badische, durch eine europäische Entscheidung friedlich geregelt würde. Als Graf Reventlow-Preetz ihn bestimmt fragte: wird der Deutsche Bund uns Holsten schützen, falls Dänemark uns eine Verfassung aufzuzwingen oder Schleswig von uns loszureißen wagt? – da antwortete der General ausweichend, Schleswig gehöre ja nicht zum Bunde, und rechtfertigte sich vor seinem Monarchen also: »Ich glaube nicht, da der Fall mir wenigstens nicht klar ist, durch die Autorität des Abgesandten Ew. Majestät die Opposition der Herzogtümer verstärken zu dürfen.« Wahrlich, Preußen durfte wie der Sohn des Laios sagen: so, gar nichts ahnend kam ich nun, wohin ich kam! Währenddem tobte die gesamte Presse Westeuropas wider la politique envahissante de l'Allemagne ; und über König Friedrich Wilhelm, den man aus seinen Reden doch endlich kennen mußte, urteilte Lamartine: das sei ein fürchterlicher Kraftmensch, »fähig, alles zu verstehen, alles zu versuchen, alles zu wagen!« Der preußische Abgesandte weilte schon seit zwei Wochen am Sunde und dachte noch länger zu bleiben; da kam am 2. März die Nachricht von dem Sturze des Julikönigtums und zwang ihn zu schleuniger Heimkehr. Kaum hatte er die Insel verlassen, so fand die Pariser Revolution in Kopenhagen einen donnernden Widerhall. Eine stürmische Volkserhebung warf die Gesamtstaatspläne über den Haufen, führte die eiderdänische Partei ans Ruder und zwang den König Friedrich zu einer Gewalttat, die seinen stillen Herzensmeinungen wohl entsprechen mochte. Mit einem Federzuge wurde die vierhundertjährige Einheit Schleswig-Holsteins vernichtet. Jetzt blieb keine Wahl mehr. Vor dem ehrlichen Radikalismus des Krieges mußte jede Halbheit verschwinden. Unsere Nordmark stand vor der Frage: dänisch oder deutsch? (564–590.) Der Vereinigte Landtag Charakter des Vereinigten Landtags von 1847. Thronrede Friedrich Wilhelm IV. Als die Mitglieder des Vereinigten Landtags zu Anfang April in Berlin eintrafen, da begann der erste große parlamentarische Kampf der deutschen Geschichte, ein Schauspiel, das alle die Händel der kleinen Landtage ganz in den Schatten stellte, und zum allgemeinen Erstaunen ward offenbar, welche gewaltigen staatsbildenden Kräfte Deutschland in diesem Preußen besaß. Die Männer, die hier von der belgischen und der russischen Grenze, von der Ostsee und den thüringischen Bergen her zusammenkamen, fühlten sich allesamt als Söhne eines Volkes, allein das kleine Häuflein der Polen ausgenommen, und trugen mit Stolz den Namen der Preußen. In der langen wohltätigen Stille der Herrschaft des verstorbenen Königs hatten der alte Stammeshaß und die landschaftlichen Sondererinnerungen viel von ihrer Schärfe verloren – ein Ergebnis, das sich bei freierem öffentlichen Leben schwerlich so bald hätte erreichen lassen; dann waren, unter dem aufregenden Regimente des Nachfolgers, überall im Osten wie im Westen neue politische Ideen erwacht, aus denen leicht große gesamt-preußische Parteien hervorgehen konnten. Gleich bei den ersten Vorbesprechungen ward man inne, daß diese neuen Parteigegensätze zwar trennend, aber noch mehr verbindend wirkten; denn der Riß der Parteiung ging mitten durch alle Provinzen, die Mehrheit der Rheinländer und der Ostpreußen bildeten den Kern der Opposition, gerade die entlegensten Landesteile fanden sich in guter Freundschaft zusammen. Die Provinzen wie die Stände des Vereinigten Landtags besaßen das Recht, die Sonderung in Teile zu verlangen; aber von dieser gefährlichen Befugnis versuchten nur zweimal, ganz zu Anfang der Tagung, einzelne Heißsporne Gebrauch zu machen. Beide Male vergeblich. Der Landtag wollte ein untrennbares Ganzes bleiben; die Naturgewalt der nationalen Einheit, der Ernst des preußischen Staatsgedankens hielt alle Sondergelüste darnieder. Das war es, was Metternich vor allem fürchtete. Er wußte wohl, daß Österreich und Frankreich die geborenen Feinde der deutschen Einheit waren, und warnte Guizot vor den großen Gefahren, welche dieser Landtag den beiden Häfen zu bereiten drohe; er stachelte die partikularistische Angst des Königs von Württemberg gegen das Deutschtum und den »alles oder nichts sagenden Begriff« der Nationalität. Als festes Bollwerk wider das werdende Deutschland dort im Norden empfahl er den Deutschen Bund, die natürliche Stütze des Partikularismus. Zum ersten Male, seit es ein Königreich Preußen gab, traten die Stände als eine selbständige Macht der Krone gegenüber; und wie stark und mannigfaltig erschien das nationale Leben, das hier plötzlich Sprache gewann, wie wenig hatte man draußen im Reich von den großen Verhältnissen des wirklichen deutschen Staates gewußt. »Preußen hat wieder einen Adel« – so sagte eine ehrliche liberale Zeitung ganz verwundert; denn das landläufige Zerrbild vom preußischen Junkertum paßte wahrhaftig nicht auf die tapferen, gebildeten, patriotischen Edelleute, die im vereinigten Landtage, manche als Wortführer des Liberalismus, alle gleich freimütig auftraten; viele von ihnen erklärten sich sogar bereit – freisinniger als der bayrische Adel – auf ihre Patrimonialgerichtsbarkeit zu verzichten. Fast noch mehr überraschte die Deutschen der Kleinstaaten das stolze Selbstgefühl des preußischen Bürgertums, das in der älteren Geschichte der Monarchie fast immer nur eine bescheidene Rolle gespielt hatte, jetzt aber, rasch erstarkt unter dem Schutze des Zollvereins, seine großen wirtschaftlichen Interessen nachdrücklich vertrat. Auch das alte streng protestantische Preußen war nicht mehr, die Parität der Bekenntnisse ward in den Formen überall sorgsam gewahrt, und die aufgeklärten Berliner Katholikenhasser wollten nicht begreifen, warum der Landtag das Fronleichnamsfest als einen Feiertag ehrte. Überhaupt kam ein neuer, freierer, großstädtischer Zug in das Berliner Leben, seit die Fürsten und Grafen des Westens, die schlesischen Granden und der ostpreußische Adel, der bisher immer still daheim geblieben war, alle bei Hofe erschienen und der König auch die Vertreter der Städte und der Landgemeinden zu seinen Festen lud; erst seit diesen Anfängen der parlamentarischen Kämpfe begann Berlin zur wirklichen Hauptstadt zu werden. Und wie reich war dieser erste Landtag an rednerischen Talenten, an mutigen, erfahrenen, ehrenhaften Männern. Metternich selbst war erstaunt über die »parlamentarische Gediegenheit« dieser jungen Versammlung; man wußte im Auslande nicht, daß die meisten der Abgeordneten keine Neulinge waren, sondern schon seit Jahren in der bescheidenen Schule der Provinziallandtage die Kunst der Rede und der parlamentarischen Taktik gelernt hatten und jetzt die Fülle der dort gesammelten Erfahrungen zur gemeinsamen Arbeit herbeitrugen. Noch überwog die schöne Beredsamkeit des Herzens, wie es in einer Zeit der Erwartung nicht anders sein konnte; aber auch die Leidenschaft hielt sich fast immer in den Schranken der guten Sitte, und niemals wieder hat Preußen ein so würdevolles Parlament gesehen. Von dem Monarchen sprachen alle mit tiefer Ehrfurcht, manche mit überschwenglicher Bewunderung, ein Redner der Opposition nannte Friedrich II. den größten König, welcher Preußen vor dem Jahre 1840 beherrscht hätte; bei Hofe galt der Name Friedrich der Große fast für unschicklich, die neue Zeit friedlicher Weisheit sollte ja alle Kriegstaten der heldenhaften Altvordern verdunkeln. Von vornherein zeigten die Männer der Oppositionsparteien das Gefühl entschiedener Überlegenheit; sie trugen in sich das Bewußtsein einer großen Bestimmung, sie hofften, den preußischen Staat durch die Ausbildung der ständischen Institutionen mit dem übrigen Deutschland zu befreunden und ihm also die Führung der Nation zu sichern. In den Sälen des Russischen und des Französischen Hofes, wo die Opposition, noch ganz ohne Fraktionszwang, ihre freien Vorbesprechungen zu halten pflegte, fanden sich auch manche Liberale von auswärts ein: Jacoby aus Königsberg, Graf Reichenbach, H. Simon und Stein aus Schlesien, Biedermann aus Leipzig, Beseler und andere Schleswig-Holsteiner. Sie alle erwarteten von Preußens erstem Reichstage eine Wendung der deutschen Geschicke, auch der junge Julian Schmidt wurde durch die Bewegung dieser Tage von der Literatur zur Politik hinübergeführt. Zu den Sitzungen des Landtags selbst ließ der König keine Hörer zu, aber die Verhandlungen wurden vollständig gedruckt, jetzt endlich mit Nennung der Redner, und obgleich die noch unbeholfenen Stenographen ihren Bericht meistens erst nach acht Tagen fertigstellten, so folgten doch alle Gebildeten dem parlamentarischen Kampfe mit reger Teilnahme. Die »Kölnische Zeitung« ließ sich ihre Berliner Zeitungspakete von Minden an durch eigene Stafetten zusenden, nur um den Rheinländern den Landtagsbericht einen Tag vor den andern Blättern darzubieten. Neben der Zuversicht der Opposition erschien die Haltung der Regierung von Haus aus schwächlich und unsicher; die Minister befolgten getreulich die Befehle ihres königlichen Herrn, obgleich kein einziger unter ihnen mit den wunderlichen Plänen des Monarchen ganz einverstanden war. Und so fühlten sich auch die konservativen Abgeordneten, die im Englischen Hofe zusammenkamen, beim besten Willen, die Krone zu unterstützen, doch völlig ratlos. Wo war ein Ausweg aus diesem durch den Monarchen allein verschuldeten Rechtsgewirre? Der König hatte, den Rat des Grafen Arnim verschmähend, sich nicht auf den unangreifbaren Rechtsboden der Gesetze seines Vaters gestellt, sondern den Ständen einerseits alte Rechte genommen, andererseits neue, größere Rechte geschenkt; er hatte – daran hing alles – die Wiederberufung des Vereinigten Landtags durchaus seinem eigenen Ermessen vorbehalten und also das ganze Verfassungswerk, das doch gerade abgeschlossen werden sollte, noch in der Schwebe gelassen. Und unmöglich konnte der absolute König nach so großen freiwilligen Gewährungen seine neue Gesetzgebung auf den Wunsch der Stände sofort wieder ändern; das Ansehen der Krone und der persönliche Stolz Friedrich Wilhelms hätten unter solcher Nachgiebigkeit zu schwer gelitten. So stand denn dieser durch und durch königstreue, gemäßigte, besonnene Landtag vor einer fast unlösbaren Rechtsfrage. Die Abgeordneten sagten sich: entweder sind wir die von dem alten Könige verheißene Landesrepräsentation, dann müssen wir auch alle ihre Rechte für uns verlangen; oder wir sind ein nach dem Belieben des neuen Herrschers berufener Ständetag, dann dürfen wir die Rechte der Landesrepräsentation nicht ausüben. Kühne Realpolitiker, wie der junge Deichhauptmann Otto von Bismarck, der hier zuerst in das öffentliche Leben eintrat, mochten wohl über solche Skrupel lachen, denn mit voller Sicherheit ließ sich vorhersehen, daß der Vereinigte Landtag zu einer dauernden Institution des Staates werden mußte; für den streng gesetzlichen Sinn der Mehrheit aber waren die Rechtsbedenken fast unüberwindlich. Und leider ward die Haltung der Opposition auch durch eine geheime Unwahrheit verdorben. Die Männer, die sich so streng auf den Rechtsboden beriefen, wollten in Wahrheit weit mehr, als die alten Gesetze verhießen. Sie trugen durchaus kein Bedenken, das neue Steuerbewilligungsrecht, das ihnen der König, den alten Gesetzen zuwider, geschenkt hatte, gleichsam als gute Prise anzunehmen, denn sie hofften insgeheim, den Monarchen Schritt für Schritt auf neue Bahnen zu drängen. Die Mehrzahl der Rheinländer und viele Vertreter der großen Städte des Ostens dachten an eine Verfassung belgischen Stiles, die liberalen Edelleute an eine mächtige ständische Versammlung. Allen diesen Bestrebungen hatte der König durch die willkürlich dilettantische Behandlung der Rechtsfragen selber Tür und Tor geöffnet. Das Wagnis seiner Politik war um so gefährlicher, da hinter den Ständen noch andere Mächte der Bewegung standen, welche weit über die Ziele des Landtags hinaus strebten. Die radikale Partei, deren Macht im Lande sich doch nicht mehr verkennen ließ, fand auf dem Landtage keinen einzigen Wortführer; nur dann und wann verriet sich in einzelnen Äußerungen der bäuerlichen Abgeordneten ein tiefer, verhaltener sozialer Groll; der schlesische Erbschulze Krause meinte einmal, er und seine Standesgenossen hätten dreißig Jahre lang geschlafen, jetzt aber wären sie endlich zum Bewußtsein ihrer Rechte erwacht. Unvertreten war auch, nach dem Wahlgesetze, die breite Masse der städtischen Arbeiter, unvertreten endlich der mächtige Stand der eigentlichen Schriftgelehrten. Wenn die Krone mit einem Landtage, der ausschließlich die seßhaften, vermögenden, konservativen Elemente der Gesellschaft vertrat, sich nicht zu verständigen vermochte, dann war eine friedliche Entwicklung des politischen Lebens kaum noch zu erwarten. – Mit königlichem Pomp, die Reichsinsignien voran, betrat Friedrich Wilhelm am 11. April den prachtvoll wiederhergestellten Weißen Saal des Schlosses, um den Landtag mit feierlicher Ansprache zu eröffnen. Alle königlichen Prinzen scharten sich um ihn; selbst der getreue Gesinnungsgenosse des russischen Schwagers, Prinz Karl, der, grollend über die » chambre monstre «, lang in Italien verweilt hatte, war im letzten Augenblicke auf Befehl des Monarchen noch herbeigeeilt. Zum letzten Male – wie wenig konnte er das ahnen – redete der König hier mit der vollen Freiheit des unbeschränkten Herrschers zu seinem Volke, aus der Tiefe des Herzens heraus, aufrichtig wie kaum je ein gekröntes Haupt gesprochen hat; es war, als wollte er sich selber an dem Schwung und dem Glanze seines reichen und doch so ganz unpolitischen Geistes weiden. Er erklärte, wie es die Kundigen nicht anders erwarten konnten, das Verfassungswerk seines Vaters nunmehr für vollendet und warnte die Stände, dies Werk »nicht gleich durch ungenügsame Neuerungslust in Frage zu stellen«; er legte ihnen, wie einst schon den Vereinigten Ausschüssen, ans Herz, daß sie nicht »Meinungen zu repräsentieren«, sondern nach altem deutschen Brauche ihre eigenen Rechte zu wahren hätten. Er erinnerte sie an die »Erbweisheit ohnegleichen«, welche die englische Verfassung ohne ein Stück Papier geschaffen habe, und obgleich er soeben selbst das beschriebene Blatt des Patents hatte hinausgehen lassen, gab er das feierliche Gelöbnis: »daß es keiner Macht der Erde je gelingen soll, mich zu bewegen, das natürliche, gerade bei uns durch seine innere Wahrheit so mächtig machende Verhältnis zwischen Fürst und Volk in ein konventionelles, konstitutionelles zu wandeln, und daß ich es nie und nimmermehr zugeben werde, daß sich zwischen unseren Herrgott im Himmel und dieses Land ein beschriebenes Blatt gleichsam als eine zweite Vorsehung eindränge, um uns mit seinen Paragraphen zu regieren und durch sie die alte Treue zu ersetzen.« Sichtlich erregt sprach er von den Angriffen der Presse, die doch so tief unter ihm stand: »Von allen Unwürdigkeiten, denen ich und mein Regiment seit sieben Jahren ausgesetzt gewesen, appellier' ich an mein Volk.« Und indem er seine getreuen Stände aufforderte zum gemeinsamen Kampfe gegen die Untreue, die bösen Gelüste der Zeit, legte er das Bekenntnis ab: »Ich und mein Haus, wir wollen dem Herrn dienen. Ja wahrhaftig!« Für die Zukunft erhielten die Stände nur die väterlich mahnende Zusage, daß der König sie zur Bewilligung neuer Steuern und Anleihen wieder berufen werde, und auch sonst noch, »wenn ich es für gut und nützlich halte, und ich werde es gern und öfter tun, wenn dieser Landtag mir den Beweis gibt, daß ich es könne, ohne höhere Regentenpflichten zu verletzen«. Die Thronrede erschreckte und verwirrte die Hörer. Wohl empfand jedermann die Macht einer ungewöhnlichen Persönlichkeit; der politische Inhalt der hochtönenden, vielfach unklaren Sätze lief jedoch darauf hinaus, daß der König seine deutschrechtlichen Stände vor jeder Annäherung an das konstitutionelle Kammerwesen der kleinen Nachbarstaaten streng bewahren und die Ausbildung dieser ganz eigenartigen Institutionen allein seiner eigenen Weisheit und Gnade vorbehalten wollte. Die Liberalen, die in dem Patente nur die Grundlage für weitere Verhandlungen sahen, fühlten sich tief niedergeschlagen. (615 – 620.) Der Niedergang des Deutschen Bundes Bundestag und nationale Bewegung Derweil es also überall gärte, und eigentlich niemand mehr an die Dauer der bestehenden Ordnung glaubte, sank der Bundestag tiefer und tiefer; es schien, als wollte er noch zuletzt beweisen, wie reif er zum Untergange sei. Seit die Kriegsgefahr verschwunden war, zeigten alle Bundesstaaten, mit der einzigen Ausnahme Preußens, wieder die alte frevelhafte Gleichgültigkeit gegen die Wehrbarkeit des Vaterlandes. Die zweite Bundesinspektion im Jahre 1846 bewies nur, daß die erste wenig geholfen hatte; das luxemburgische Kontingent war noch immer »sehr weit davon entfernt, formiert zu sein«. Im übrigen gebar die neue Einrichtung nur neue unwürdige Zänkerei. Jeder Souverän, auch wenn er gar keinen General in seinem Vermögen hatte, verlangte nach dem Hochgenüsse, andere Staaten zu inspizieren; selbst die Senate von Hamburg und Lübeck erklärten nachdrücklich: wir bilden mit Oldenburg eine Brigade und zahlen Zuschuß für den Brigadegeneral, folglich müssen wir »als an der Aktivinspektion beteiligt, sei es auch nur durch ein et cetera , hinter Oldenburg aufgeführt werden«. Aber gegen dies et cetera verwahrte sich Oldenburg mit dem ganzen Stolze des Hauses Gottorp. Auf den Toren und den Geschützen der neuen Bundesfestungen wollte König Friedrich Wilhelm Bundesfahnen und Bundeswappen anbringen lassen, und der Wiener Hof fand begreiflicherweise nichts dawider einzuwenden, wenn das althistorische gelbschwarze Reichsbanner auf den Wällen von Ulm und Rastatt prangte. Ebenso begreiflich, daß König Ludwig von Bayern davon nichts hören wollte. Er schlug die schwarzrotgoldenen Farben der Burschenschaft vor, um also »der revolutionären Partei eine Waffe zu entreißen«; doch wußte er sicherlich im voraus, daß nunmehr gar nichts beschlossen wurde. Etwas günstiger verliefen die Beratungen über das Bundeswappen. Einige der Kleinen wünschten alle Schilder der achtunddreißig Souveräne in einem schönen Kranze zu vereinigen mit der Umschrift: »Eintracht tragt ein«; alsbald erwies sich aber, wie wenig dieser sinnige Wahlspruch zutraf. Die Reihenfolge der Wappenschilder war ja seit langem streitig, und die Einstimmigkeit, die für einen solchen »organischen Beschluß« verlangt wurde, mithin ganz undenkbar. So mußte man denn auf den Doppeladler zurückkommen, der in den Jahrhunderten des Verfalles dem alten Reiche als Wappen gedient hatte. Der bayrische Bundesgesandte Obercamp aber meinte: »Der Adler war nie ein Zeichen deutscher Nationalität, sondern ein dem Heidentum entstammendes Symbol römischer Imperatorenwürde und Weltherrschaft.« Nach langen Verhandlungen gab Bayern endlich nach. Der Adler durfte jedoch weder Krone noch Zepter noch Schwert tragen, das hätte die Souveränität der Bundesstaaten zu schwer beeinträchtigt; und König Friedrich Wilhelm ließ dem Bundestage durch seinen Gesandten sagen: »Auf den Schutzwällen des Bundes würde der entwaffnete Reichsadler den Franzosen zu vieler Kurzweil Veranlassung geben; ich sei wahrhaft glücklich daran, unschuldig zu sein.« Als Preußen sich sodann erbot, die 1450 Mann, welche Waldeck und die beiden Lippe zur Kriegsbesatzung von Luxemburg zu senden hatten, selber zu stellen und dafür die drei Heere in die Festungen Wesel und Minden aufzunehmen, wo sie viel sicherer waren, auch durch ihre Unzucht weniger Schaden anrichten konnten, da erklärten die drei Fürsten übereinstimmend: dieser Vorschlag sei »unangemessen«, denn in Luxemburg ständen ihre Truppen unter einem Bundesgeneral – der freilich auch ein Preuße war – in Wesel und Minden dagegen »zur Disposition eines Nachbarstaats«. Noch tiefer fühlten sich die Kleinen beleidigt, als König Friedrich Wilhelm sich bereit erklärte, die einzige preußische Spielbank, die Aachener, aufzuheben und vom Bundestage für die Zukunft ein Verbot aller öffentlichen Spielbanken verlangte. In allen den Badeorten der Frankfurter Umgegend blühten die Spielhöllen; die vornehmen Gauner Europas gaben sich hier ein Stelldichein, der Pariser Boulevardier rechnete Hombourg und Bade-Bade einfach zu Frankreich, und die östlichen Nachbarn spotteten nicht mit Unrecht, in diesen Spielbädern könne man die vielgerühmte deutsche Sittlichkeit kennenlernen. Das Unwesen wurzelte sehr tief. Die Spielpächter Benazet in Baden und Blanc in Homburg zählten mit Rothschild, Cotta und Taxis zu den mächtigen Kaufhäusern, welche sich in der Eschenheimer Gasse besonderer Gunst erfreuten, sie waren mit Blittersdorff und andern Bundesgenossen nahe befreundet, den kleinen Landesvätern brachten sie erkleckliche Einnahmen, und von den Bewohnern der Badestädte wurden sie als Wohltäter der ganzen Umgegend wie Heilige verehrt. Der Gesandte Graf Dönhoff mußte also bald erfahren, in welches Wespennest er gestochen hatte. Nassau wollte wohl die kleinen Spielhöllen in Schlangenbad und Schwalbach preisgeben, die große in Ems aber sollte fortbestehen, solange die Homburger dauere. Baden und Homburg wiesen das Ansinnen entrüstet zurück; vorher müßten erst alle Lottos und Staatslotterien vom deutschen Boden getilgt werden. Das Ende des mehrjährigen Zankes war, daß eine einzige der größeren deutschen Spielbanken unterging, die Köthener; und sie starb eines natürlichen Todes, da das Land nach dem Erlöschen der Köthener Linie (1847) mit Dessau vereinigt wurde. Also verschwand das historisch merkwürdigste der deutschen Fürstentümer, das in seltener Vollständigkeit sämtliche Reize germanischer Kleinstaaterei entfaltet hatte. Was war hier nicht alles binnen vierzig Jahren geleistet worden: erst der Moniteur de l'Empire Anhaltin-Coethien , dann der große Schmuggelkrieg gegen Preußen, dann die Jesuitenstation mitten im altprotestantischen Lande, dann endlich die Spielbank; mehr konnten die Lobredner deutscher Vielherrschaft unmöglich verlangen. In solcher Nichtigkeit schleppten sich die Frankfurter Dinge dahin. Der Bundestag ist eine Leiche, ein Gaukelspiel, er ist der Indifferenzpunkt der deutschen Politik – so hieß es übereinstimmend in den Berichten der großen wie der kleinen Gesandten. Metternich aber, dem doch dieser Bund ganz unschätzbar sein mußte, fuhr fort, die Versammlung in der Eschenheimer Gasse mit der äußersten Geringschätzung zu behandeln. Dem Grafen Münch rechneten seine Amtsgenossen nach, daß er von den 23 Jahren seiner Präsidentschaft 13 in Wien, nur 10 in Frankfurt verbracht hatte, und für die jüngste Zeit stellte sich die Rechnung sogar noch ungünstiger. Allerorten in Deutschland – so gestanden die Bundesgesandten selber – ward über die Zukunft des Vaterlandes gesprochen, nur nicht in Frankfurt. Ein Rausch der Feste ging durch das deutsche Land, das doch zu jubeln so wenig Ursache hatte. Wie zur selben Zeit die schicksalsverwandten Italiener, so suchten die Deutschen in unzähligen brüderlichen Zusammenkünften ihrer nationalen Einheit froh zu werden. Den Naturforschertagen folgten die Zusammenkünfte der Philologen, der Landwirte, der Anwälte, der Sänger, der Schriftsteller. Überall wurde die neue Trikolore Schleswig-Holsteins mit Frohlocken begrüßt; und auch die vom Bundestage verschmähte schwarzrotgoldene Fahne tauchte trotz der Verbote immer wieder auf, sie galt schon allgemein als das nationale Banner. Von lang nachwirkender Bedeutung waren unter diesen Versammlungen nur die beiden, zuerst durch den Schwaben L. Reyscher angeregten Germanistentage, die in Frankfurt 1846, ein Jahr darauf in Lübeck zusammentraten. Sie wurden als »geistiger Landtag des deutschen Volks« gepriesen, denn hier vereinigte sich die Blüte des Professorentums, das neuerdings durch den welfischen Staatsstreich und den schleswig-holsteinischen Streit wieder ein hohes Ansehen errungen hatte und nunmehr in gründlicher wissenschaftlicher Erörterung die großen politischen Lebensfragen der Nation besprach. Eine andere Bühne stand den Deutschen noch nicht offen, und es war nur der Lauf der Welt, daß die Männer dieses geistigen Landtags nachher in allzu großer Zahl für das wirkliche Parlament gewählt wurden. In Frankfurt ward die schleswig-holsteinische Frage von Dahlmann, Waitz, Droysen so ernst und umsichtig beleuchtet, daß seitdem ein Zweifel an dem guten Rechte unserer Nordmark kaum noch möglich schien. In Lübeck sodann gelangte der alte Streit um die Neugestaltung des Strafverfahrens zu einem vorläufigen theoretischen Abschluß; auch Georg Beseler, der kürzlich in seiner Schrift »Volksrecht und Juristenrecht« die Ruheseligkeit der historischen Schule bekämpft und das altdeutsche Schöffengericht verteidigt hatte, bekehrte sich jetzt zu der sehr bestreitbaren, aber von der Mehrzahl gebilligten Ansicht Dahlmanns: das Schwurgericht sei das gediegenste politische Bildungsmittel für das Volk. So stimmten die Gelehrten mit den volkstümlichen Wünschen überein. Es waren doch glückliche Tage; eine schwärmerische, hoffnungsfrohe Begeisterung verjüngte auch die Alten. Uhland meinte, die alten Kaiser sprängen leibhaftig aus ihren Rahmen heraus, als er im alten Römersaale die vaterländische Beredsamkeit der Tagenden anhörte; und im Lübecker Rathause fiel der greise Jakob Grimm dem Freunde Dahlmann überwältigt in die Arme mit dem Ausruf: er habe nie etwas so sehr geliebt wie sein Vaterland. Nur zu bald sollte die Zeit mit ehernen Sohlen über solche unschuldige Gefühle hinwegschreiten. Die Gelehrten empfanden das selbst; sie verabredeten miteinander ein gemeinsames Werk über die neueste deutsche Geschichte, ein Unternehmen, das bestimmt war, der Nation das Bewußtsein ihrer jüngsten Entwicklung zu erwecken, ihr die Einsicht zu schärfen für kommende Taten. Auch dieser Plan ward nachher durch die Revolution vereitelt; nur einige Bruchstücke, das Leben Steins von Pertz und Wippermanns kurhessische Geschichte, kamen zustande. Solche Versammlungen konnten nur vorbereiten; unmittelbar der Politik des Tages galten aber die vertraulichen Beratungen, welche alle diese Jahre hindurch zwischen den liberalen Abgeordneten Westdeutschlands gehalten wurden. Die Ratlosigkeit und die Zwietracht der Kronen zwangen die Nation, den Anstoß zu einer Bundesreform nur noch von unten her zu erwarten. Im Oktober 1847 versammelten sich zu Heppenheim mehrere der angesehensten Liberalen des Westens: Mathy, Bassermann, Soiron aus Baden, Römer aus Württemberg, Hergenhahn aus Nassau, Heinrich von Gagern aus Hessen, Hansemann und Mevissen aus dem preußischen Rheinlands; auch der alte Itzstein war erschienen, doch merkte er bald, daß seine Stimme unter diesen gemäßigten Liberalen nichts mehr galt. Hier wurde nun der Gedanke des deutschen Parlaments, der jetzt schon überall als Volkswunsch galt, ernstlich erwogen, und sobald man den Dingen nähertrat, drängte sich auch schon gebieterisch die Frage der Zukunft hervor, die Frage: Preußen oder Österreich? Mathy erwies mit seinem überlegenen Verstande: ein Reichstag ohne eine wirkliche Staatsgewalt sei ein Unding, ja, er würde neben dem Bundestage die deutsche Anarchie nur vollenden; der Zollverein hingegen besitze schon eine gemeinsame Verwaltung, eine leidliche Organisation, also müsse den Zollkonferenzen ein Zollparlament beigeordnet werden, das ernsthafte nationale Geschäfte ernsthaft beriete, ohne in leeren Phrasen unterzugehen. Es war ein befreiendes Wort, verfolgte man diesen Weg weiter, so gelangte man unfehlbar zu der Erkenntnis, daß die deutsche Einheit nur unter Preußens Führung und mit Ausschluß Österreichs möglich war. Gagern stimmte dem Badener zu, desgleichen Hansemann, der schon den Rheinischen Provinzialständen und dem vereinigten Landtage die Berufung eines Zollparlaments empfohlen hatte, und man trennte sich in Eintracht. Als die Tagenden heimkehrten, da bemerkten sie freilich bald, daß der nüchterne Gedanke des Zollparlaments den leidenschaftlich erregten, nach einem unbestimmten Glücke verlangenden Gemütern der Patrioten nicht genügte. Das deutsche Parlament blieb das einzige Schlagwort der Einheitspartei, das die Massen begeistern konnte. Darum stellte Bassermann im Karlsruher Landtage seinen Antrag auf Berufung einer gesamtdeutschen Volksvertretung, obgleich der einsichtige Mann wohl wußte, wie wenig dieser nebelhafte Vorschlag den Kern der Sache traf. Schon vorher, im Juli 1847, war ein Unternehmen begonnen worden, das den gemäßigten Liberalen für die nationale Politik die geistige Führung sichern sollte. Der Plan einer großen, für die gesamte Nation bestimmten Zeitung beschäftigte den König von Preußen seit seiner Thronbesteigung und wurde auch jetzt noch durch Professor Lohbauer wieder aufgenommen, dach er konnte unmöglich gelingen; denn wo ließen sich die Publizisten finden, die, wie Friedrich Wilhelm wünschte, zugleich ganz freimütig und ganz im Geiste des Berliner Hofes schrieben? Diesen alten Lieblingsgedanken rissen die badischen Liberalen dem Könige aus den Händen, sie beschlossen auf einer Durlacher Versammlung (1846) die Gründung einer großen »Deutschen Zeitung«. Bassermanns Buchhandlung in Mannheim übernahm den Verlag, Gervinus die Leitung, und seinem unermüdlichen Eifer gelang es bald, nicht nur beträchtliche, nach deutschen Verhältnissen ganz unerhörte Geldzeichnungen zu erlangen, sondern auch fast alle guten Namen des gemäßigten Liberalismus im Süden und Westen für die Mitarbeit anzuwerben. Nur Dahlmann hegte von Haus aus Bedenken; er blieb dabei, »daß auf preußischem Boden erscheinen muß, was in Preußen Wurzeln fassen soll«, während Gervinus in seinem kleinstaatlichen Dünkel glaubte, der Süden solle seinen konstitutionellen Geist von außen her in Preußen einpflanzen und, den Preußen nur die Ausführung überlassend, in der deutschen Politik stets vorangehen. Von den Radikalen schon im voraus als Professorenblatt verhöhnt, brachte die »Deutsche Zeitung« eine überraschende Fülle von ernsten, wohldurchdachten Leitartikeln; selbst ihre Korrespondenzen glichen oft mehr doktrinären Abhandlungen als tatsächlichen Berichten, obgleich die Redaktion klagte: unsere Korrespondenz ist noch nicht überall ganz im Systeme. Von unzähligen Staatsmännern, Abgeordneten, Gelehrten liefen treffliche Beiträge ein. Unter den ersten Mitarbeitern bewährte sich namentlich Mathy als rühriges journalistisches Talent, neben ihm der Heidelberger Historiker Ludwig Häusser, ein junger Elsasser, in dem sich alle schönen Charakterzüge des süddeutschen Volkstums vereinigten: gesunder Menschenverstand, fröhliche Tatkraft, warme Begeisterung und eine selbst die Gegner zuweilen gewinnende Liebenswürdigkeit. Nachher sind noch viele andere tüchtige Publizisten durch die »Deutsche Zeitung« für das journalistische Handwerk erzogen worden: Kruse, Aegidi, Heller, Marggraff. Die »Deutsche Zeitung« wirkte – so erfolgreich, wie späterhin nur noch die »Kreuzzeitung« – für die Durchbildung einer ganz bestimmten Parteigesinnung, aber freilich nur in einem engen Kreise. Fast alle die wackeren Gelehrten, welche nachher im Frankfurter Parlamente den Ausschlag gaben, die Anhänger der konstitutionellen Monarchie und der preußischen Hegemonie, verdankten den Artikeln dieses Blattes einen Teil ihrer politischen Bildung. Allein in die Masse der Lesewelt drang die »Deutsche Zeitung« niemals ein. sie schwebte von vornherein in der Luft, da sie weder einen landschaftlichen Boden unter den Füßen hatte noch die Klasseninteressen eines mächtigen Standes vertrat; der Ton ihrer Aufsätze war gewöhnlichen Lesern zu hoch, und den wirksamen Wucher mit aufregenden Neuigkeiten verschmähte sie stolz. Das schlimmste blieb doch, daß sie in Preußen selbst so wenig Mitarbeiter und Leser fand; sogar der alte Schön schrieb gar nichts, obgleich er seinen gefeierten Namen unter die Ankündigung des Blattes gesetzt hatte. Zu dem Heidelberger leitenden Ausschuß gehörte auch Geh. Rat Fallenstein, ein alter Lützower Jäger, der nach einer entbehrungsreichen Jugend im preußischen Staatsdienste emporgestiegen und kürzlich unmutig ausgeschieden war, weil er sich mit Kühnes diktatorischem Wesen nicht vertragen konnte – einer jener seltenen Männer, welche mehr durch die Macht einer ursprünglichen Persönlichkeit als durch ihre Taten wirken, ein urkräftiger Teutone, fest, freimütig, bedürfnislos wie alle die Recken der Blücherschen Tage. Er blieb seinem Gervinus in treuer Freundschaft zugetan, und doch ward dem tapferen Preußen oft schwül zumute, wenn die »Deutsche Zeitung« das theoretisch geliebte Preußen Tag für Tag praktisch mißhandelte und ihm immer von außen her, meist ohne jede Sachkenntnis, Lehren der Weisheit und Tugend gab. Gervinus selbst entschuldigte sich einmal: unser wärmerer Tadel gegen Preußen ist nur ein Zeichen unserer wärmeren Liebe; aber Liebe zu erweisen verstand der ewig Ungnädige wenig. Auf die Dauer ging es nicht an, also außerhalb Preußens preußische Politik zu predigen, und es war doch nur menschlich, daß König Friedrich Wilhelm, der ohnehin den liberalen Ideen so fern stand, die allezeit tadelnden »Mannheimer und Heppenheimer« als seine geschworenen Feinde betrachtete. Preußen ist ein ganz deutscher Staat geworden – in diesem beständig wiederholten Satze lag das bleibende Verdienst der »Deutschen Zeitung«, jedoch außerhalb der Gelehrtenwelt fand die neue Erkenntnis vorerst nur wenig Anklang. Die Nichtigkeit des Bundestags erschien so hoffnungslos, daß selbst Blittersdorff jetzt auf Reformgedanken geriet. Reiner Partikularist war er ja nie gewesen, er wünschte eine starke Bundespolitik. In seinem ungeduldigen Ehrgeiz unternahm er einmal sogar, mit dem Grafen Dönhoff anzuknüpfen, und gab ihm zu verstehen, bei der vollendeten Gleichgültigkeit Österreichs bleibe nichts mehr übrig als der Anschluß der kleinen Staaten an Preußen. Diese Schwenkung des alten Gegners war doch zu verdächtig; selbst der allezeit arglose König warnte seinen Gesandten: »Das kann eine Falle sein, deren h. v. B. wohl fähig ist.« Also von Preußen abgewiesen, wandte sich Blittersdorff wieder dem geliebten Österreich zu und bestürmte seit dem Herbst 1847 den Grafen Münch mit einer langen Reihe von Denkschriften, die allesamt unfreiwillig und eben deshalb unwiderleglich erwiesen, daß die Hofburg ihre Herrschaft in Deutschland nur noch durch Betrug und Rechtsverdrehung zu erweitern vermochte. Mit dürren Worten gestand Blittersdorff ein, Österreich könne weder »ein nationales Deutschland mit zentraler Aktion« dulden, noch selber in den Zollverein eintreten; folglich, so schloß er, müsse der Wiener Hof, mit gewandter Benutzung des nichtssagenden Art. 64 der Wiener Schlußakte, alle die zwischen den Bundesstaaten abgeschlossenen Sonderverträge über Zoll-, Münz-, Postwesen usw. »unter den Schutz des Bundestags« stellen und dergestalt »die politische Leitung« aller gemeinnützigen deutschen Bestrebungen, insbesondere des Zollvereins selber, in die Hand nehmen, welch ein naives Geständnis! von den Pflichten des deutschen Zollverbandes sollte die Hofburg frei bleiben, aber das Recht der Herrschaft gebührte ihr, damit nur ja niemals »ein nationales Deutschland« entstände! Anschaulicher ließ sich der Löwenvertrag, der zwischen Österreich und Deutschland bestand, nicht schildern. Zum Glück blieb das alles verlorene Arbeit. Zu irgendeinem kräftigen Entschlusse konnten sich weder Metternich selbst noch seine ebenso altersmüden Genossen aufraffen. Als du Thil dem Grafen Münch Bundesreformen oder mindestens strengere Handhabung der bestehenden Bundesgesetze empfahl, da erwidert der Österreicher: »warum soll ich mich, nachdem ich mich so lange abgeplagt habe, zu guter Letzt vollends ganz unpopulär und verschrien machen?« Der Hesse aber dachte ahnungsvoll: Après nous le déluge! Ehrlicher gemeint waren einige Reformvorschläge des Fürsten Karl von Leiningen. Ein Halbbruder der Königin Victoria, hatte er einen Teil seiner Jugend in England verlebt, mannigfache Erfahrungen und Kenntnisse gesammelt und den Segen einer starken nationalen Einheit aus der Nähe kennengelernt; ohnehin betrachtete er, gleich der Mehrzahl der mediatisierten Fürsten, die deutschen Dynastien mit skeptischen Blicken, denn warum sollten die Häuser Lippe oder Reuß unantastbarer sein als Leiningen oder Fürstenberg? Seit er den Vorsitz im bayrischen Reichsrate mit gutem Anstande führte, glaubte er sich auch an die großen Aufgaben der nationalen Politik wagen zu können. Leider fehlten dem warmherzigen Patrioten Ruhe, Stetigkeit, ausdauernder Fleiß; alle seine Arbeiten waren formlos, halb ausgereift, sie verrieten die lässige Hand des vornehmen Dilettanten. In einer schwungvollen Denkschrift mahnte er seine mediatisierten Standesgenossen, auf die verhaßten Abgaben und obrigkeitlichen Rechte, die ihnen noch geblieben, rechtzeitig zu verzichten und sich dafür in den Landtagen eine politische Machtstellung zu sichern. In zwei andern Aufsätzen betrachtete er sodann die deutsche Frage und erklärte sich offen für Preußens Hegemonie; die Hofburg dachte er, soviel sich erraten ließ, mit einer Ehrenstellung abzufinden. Die einst so heiß erstrebte Souveränität der deutschen Dynastien – so führte er aus – sei einerseits durch den Zollverein, andererseits durch die Landstände und das Beamtentum, kurz durch die wachsende Macht des Mittelstandes, schon so gründlich beeinträchtigt, daß sie auch noch stärkere Einschränkungen wohl ertragen könne; darum müßten die Fürsten sich der beiden bewegenden Elemente der Zeit, der Ideen der konstitutionellen Freiheit und der Nationalität bemächtigen, die Nation nach diesen Zielen hinführen, das Übergewicht Preußens zugleich anerkennen und fest begrenzen, »wie aber,« fuhr er nachdenklich fort, »wenn sich Preußen auch in politischer Beziehung an die Spitze der Ideen und Bestrebungen jenes schon so mächtigen Mittelstandes stellt und die Erreichung jenes Zieles, nach dem die deutsche Nation so mühselig strebte, ihr plötzlich als ganz nahe zeigt?« Die eine dieser Denkschriften, die auch am Bundestage und an den kleinen Höfen bald bekannt wurden, sendete der Fürst seinem Schwager, dem Prinzen Albert, und der Prinzgemahl entschloß sich alsbald mit der ganzen Dreistigkeit des künstlichen Engländers, den König Friedrich Wilhelm über deutsche Politik zu unterrichten. Wunderbar doch, in welchen holden Selbsttäuschungen diese glückhaften Coburger dahinlebten! Die lächerliche, nur durch eine heuchlerische Hofetikette notdürftig verdeckte Ohnmacht des englischen Königtums blieb ihnen ganz verborgen, und Herzog Ernst von Coburg meinte alles Ernstes, die Stellung seines Bruders sei »dem Könige von Preußen wohl gewachsen«! Die deutsche Fremdbrüderlichkeit aber ertrug willig eine Anmaßung, welche jedes andere Volk den verlorenen Söhnen des Vaterlandes stolz verbietet, wie unsere Liberalen sich von den Deutsch-Amerikanern dankbar belehren ließen, so fanden es auch unsere Höfe nicht unwürdig, daß dieser Coburger, der seinem Vaterlande gleichmütig den Rücken gewendet hatte, immer noch in deutschen Dingen mitreden wollte. Was würde Königin Victoria gesagt haben, wenn König Friedrich Wilhelm ihr im Tone des Lehrers Anweisungen für die innere Politik Englands gegeben hätte? – diese einfache Frage legten sich die bescheidenen Deutschen noch nicht vor. Prinz Albert stand der partikularistischen Dynastengesinnung viel näher als sein deutscher Schwager, und namentlich der Gedanke der preußischen Hegemonie blieb ihm unheimlich. Darum eignete er sich einige gute Gedanken der Leiningenschen Denkschrift an, um ihnen sogleich behutsam die Spitze abzubrechen. Er verlangte, wie sein Schwager, das konstitutionelle Regiment und die deutsche Einheit, aber obgleich er selber zugab, daß Österreich jede Reform grundsätzlich hindere, so forderte er doch, Preußen müsse im Einverständnis mit Österreich vorgehen und den Bundestag dermaßen stärken, daß alle die Zoll- und Post- und Münzvereine in Frankfurt unter dem Schutze des Bundes vereinigt würden, allerdings mit Zuziehung gewählter Abgeordneten und mit voller Öffentlichkeit. Seine Ratschläge stimmten also am letzten Ende mit Blittersdorffs österreichischen Denkschriften überein; nur stellte er, in seltsamem Widerspruche, immer wieder die Bedingung, daß Preußen die Leitung der Frankfurter Reformpolitik allein in seiner Hand behalten müsse, wie aber dies Wunder möglich werden, wie Preußen in Frankfurt jemals eine sichere Mehrheit erlangen sollte? – darauf gab der Prinz keine Antwort. Es war doch eine recht schwache Arbeit, diese im Vetternkreise vielgerühmte Denkschrift von Ardverikie vom 11. Sept. 1847; sie bewies nur von neuem, daß ein vaterlandsloser Mann vaterländische Politik nicht verstehen kann. Mit massiver Offenheit, da er ja hier am heimischen Hofe kein Blatt vor den Mund zu nehmen brauchte, erklärte sich Lord Palmerston wider die Pläne des Prinzgemahls. Er wünschte zwar den Deutschen alles Gute und wiederholte geläufig die zeitgemäßen Redensarten von dem natürlichen Bunde zwischen England und Deutschland. Aber von deutscher Zolleinheit wollte er nichts hören; kein englischer Minister, so sagte er feierlich, könne jemals zugeben, daß Hannover und die Hansestädte dem Zollvereine beiträten, diese westdeutsche Freihandelsküste biete ja den Briten das einzige Mittel, um ihre Fabrikwaren nach Deutschland hinüberzuschmuggeln. Schade nur, daß dies herzinnige englische Geständnis in Deutschland nicht bekannt wurde. Aber auch der getreue Stockmar, der zur Zeit in Coburg weilte, war unzufrieden; sein deutscher Stolz, den er trotz seiner seltsamen internationalen Stellung doch nie verleugnete, lehnte sich wider die Zudringlichkeit des Prinzgemahls auf, und er schrieb freimütig: wer sich so lange dem Vaterlande entfremdet hätte, der verliere das Recht mitzuraten. Dann redete er dem geliebten Zögling, dessen starren Dynastendünkel er wohl kannte, kräftig ins Gewissen: die deutschen Fürstenhäuser bedürften heute vor allem ernster Selbsterkenntnis, denn sie hätten durch Verrat und Ungehorsam das alte Reich zerstört, das Vaterland zerrissen; sie würden von einem großen Teile der Nation als Feinde der deutschen Einheit gehaßt, sie müßten endlich einsehen, daß die antidynastische Gesinnung sich in immer weiteren Kreisen verbreite. Goldene Worte. Doch der Prinz ließ sich nicht beirren; er sendete seine und seines Schwagers Denkschriften durch Bunsens Vermittlung dem Berliner Hofe. Da ergab sich denn alsbald, daß der allein rettende Ruf: los von Österreich, daß die Rückkehr zur friderizianischen Politik von niemand tiefer verabscheut wurde als von König Friedrich Wilhelm selbst. Durch Leiningens Vorschläge wurde er, wie er an Bunsen schrieb, »fast empört. Der Schwager will Österreich aus dem Bunde sachte entfernen, einen Bund im Bunde gegen den Bund (also Treubruch!), und dieser Wirtschaft soll ich quasi gezwungen werden, mich anzunehmen und den Wünschen dieser Esel von Liberalen vorauseilend, das Banner des Fortschrittes erheben«. Dies blieb seine heilige Überzeugung, und sie sollte für den Verlauf der deutschen Revolution verhängnisvoll werden. Durchaus nur als der zweite, als kaiserlicher Feldhauptmann und Erzkämmerer wollte er in dem kaiserlosen Deutschen Bunde auftreten; was der Große König einst darüber hinaus geplant hatte, war dem Nachkommen eitel Verrat; »ich will Österreich den Steigbügel halten«, sagte er oft. Besser gefielen dem Könige die friedfertigen und unbestimmten Gedanken des Prinzgemahls, obgleich er eine scharfe Bemerkung über das Sitzen am Tische fern von Deutschland nicht unterdrücken konnte. Nur gegen zwei Vorschläge verwahrte er sich ernstlich. Auch er wollte die deutsche Freiheit, doch nimmermehr im Sinne der Liberalen. »Eine einzige wunderbare Kunst versteht der vulgäre Liberalismus à la Hansemann und Konsorten, die nämlich, ein Volk dumm und böse zu machen. Darin hat er, wie überhaupt in so vielem, von den Jesuiten gelernt und übertrifft sie bei weitem. Der Liberalismus, der namentlich jetzt Deutschland verstänkert, ist eine Gattungsreligion, eine Durchgangsreligion, die sich auf das Christentum aufsetzt, wie man einst Ludwig XVI. die Galeerensklavenmütze aufsetzte, um seine Salbung zu verwischen; und sie ist ein Aberglaube verächtlichster Art, da sie eine Volkswillensanbetung als ihr Wesen predigt, ein Götzendienst hundertmal ärger als der des Baal und der Astarte, denn bei der Verehrung dieser war das Volk doch durch falsche Wunder und Gaukeleien verführt. Der Volksanbetung aber widersagt brüllend die Geschichte der Menschheit seit sechstausend Jahren!!!« Zum zweiten erklärte der König für unmöglich, daß Deutschlands Fürsten und Fürstchen jemals etwas von ihren Souveränitätsrechten aufgeben könnten: »Das tun nun einmal die Herren nicht. Für den Bund sollten sie es allerdings, für Preußen sollen sie es so wenig und noch weniger als für Österreich.« Er glaubte also, seine Bundesreformpläne, die doch allesamt eine starke Beschränkung der Territorialgewalten voraussetzten, würden sich ganz von selbst verwirklichen durch die freie Übereinstimmung aller achtunddreißig Souveräne. In gleichem Sinne antwortete Canitz. Er spottete über »den Aufsatz, welcher als das beste Mittel zur Kräftigung des Deutschen Bundes die Amputation seines mächtigsten Gliedes anrät; diese Kur würde, wie manche allopathische Mixtur, viel schlimmer sein als das zu heilende Übel«. Dann gab er dem Vermittler Bunsen den deutlichen Wink: »daß unter allen jetzt lebenden Regenten keiner weniger fremder Ideenlieferanten bedarf als der König unser allergnädigster Herr«. Die Berechtigung der durch den Vereinigten Landtag so mächtig angeregten Ideen der Nationalität und der ständischen Verfassung stellte er nicht in Abrede; doch leider seien sie durch Deutschlands innere Feinde zu einem Losungsworte der Umwälzung geworden; darum hoffe sein König, »daß die deutschen Fürsten im festen Zusammenhalten und Anschließen an die mächtige Stütze des Bundes keine Gefahr, sondern vielmehr die Gewähr für ihre eigenen Rechte erkennen mögen«. So unsicher stand der preußische Hof der anschwellenden nationalen Bewegung gegenüber: voll guten Willens freilich, aber ohne Verständnis für die Macht der liberalen Ideen und – was in der Politik aller Schande Anfang ist – ohne hohen Ehrgeiz. Mit der freien Zustimmung Österreichs und aller Souveräne hoffte der König, »die teure Institution des Deutschen Bundes, die letzte Stütze der Zukunft« – wie sein Radowitz sich ausdrückte – zur Erfüllung »ihrer welthistorischen Aufgabe« in den Stand zu setzen. Unablässig brütete er über diesen Entwürfen; es lag aber in der Natur der Dinge, daß sie noch viel langsamer reiften als seine ständischen Pläne. Seit langem schon verhandelte Canitz mit Metternich über die Bundespolitik, bald brieflich, bald mündlich durch den Baron v. Werner, den die k. k. Staatskanzlei jetzt »wie das liebe Brot brauchte. Er gehört«, so schrieb sein greiser Gönner, »zu den Treuen, aber zugleich zu den Intellektuellen. Er versteht mich und wird Sie also auch verstehen, und heute kommt es wohl mehr als nie auf Verständigung unter denen an, welche noch Kopf und Arme haben und nicht zu den Azephalen und den Paralytikern gehören«. In Wahrheit war Werner nur ein brauchbarer Bureaukrat des gewöhnlichen Schlages, ohne Ideen, ohne Tatkraft, und selbst ein größerer Mann konnte die breite Kluft, welche die beiden Staaten trennte, nicht mehr überbrücken. Noch immer geängstigt durch die Leipziger Unruhen, verlangte Metternich scharfe Maßregeln gegen die neuen Sekten. Canitz aber berief sich standhaft auf die bewährten Traditionen seiner Monarchie: »Die Glaubensfreiheit, wie sie in Preußen besteht, ist ein Produkt unserer Geschichte, in der die sechsundvierzigjährige Negierung Friedrichs II. ausradiert werden müßte, wenn wir ihren Begriff so interpretieren wollten, wie Kaiser Joseph II. ihn, von seinem Standpunkt aus mit vollem Rechte, feststellte.« Ebensowenig konnte man sich über die Presse einigen. Der Österreicher forderte, um das tief erkrankte Deutschland zu heilen, unnachsichtliche Durchführung des Karlsbader Preßgesetzes, das sich doch so unwirksam gezeigt hatte. Der Preuße erwiderte, indem er auf Metternichs »Lieblingsgleichnis« ironisch einging: »Der Kranke wird nicht dadurch gesund, daß er an die Vorschriften erinnert wird, deren Befolgung ihn vor dem Fieber, das ihn schüttelt, hätte bewahren können.« Canitz verlangte jetzt Preßfreiheit mit einem strengen Repressivsystem, denn durch die kläglichen Erfahrungen des neuen Oberzensurgerichts hatten der König und Savigny endlich gelernt, daß man mit der Zensur nicht mehr auskam. Auf das heftigste widersprach Metternich: In England und Frankreich kenne ich keinen Staatsmann, der die Preßfreiheit nicht für ein Übel hält, »da sie ihrer Natur gemäß nur deren Lizenz zu sein vermag. Alle Maßregeln, welche dem Juste Milieu zwischen dem Leben und dem Tode, welche also dem Siechtum angehören, bieten keinen Stoff zu Normalgesetzen«. Sein preußischer Freund aber antwortete: Unser Vorschlag ist ein Juste Milieu zwischen Leben und Tod nur in demselben Sinne, »wie es das menschliche Leben in dieser gebrechlichen Welt überhaupt ist. Es wäre ein allzu strenges Urteil über unser Vaterland, wenn man behaupten wollte, in Deutschland könne die Gewalt der Presse nur verderblich wirken, wenn eine strenge ängstliche Zensur sie nicht lähmte«. Der greise, in seinen Gedanken jetzt ganz fest eingerostete Staatskanzler konnte den Widerspruch der Preußen gar nicht begreifen. Nach erneutem Schriftenwechsel sendete er im Frühjahr 1847 seinen Hofrat Werner nach Berlin, um mit den bewährten Künsten österreichischer Anbiederung die preußischen Bundesreformpläne und zugleich den Krakauer Streit zu beseitigen. Aber noch während Werner am preußischen Hofe verweilte, ließ Canitz durch ein Rundschreiben vom 4. April 1847 allen deutschen Regierungen den längst vorbereiteten Entwurf für ein Bundespreßgesetz zugehen. Da er die bundesgesetzliche Zensur in Preußen schlechterdings nicht mehr aufrechthalten wollte und doch einsah, daß Österreich, Hannover, Kurhessen sich zu einer solchen Reform nie freiwillig entschließen würden, so lautete der § 1 seines Entwurfs ganz bescheiden: »Jedem deutschen Bundesstaate wird freigestellt, die Zensur aufzuheben und Preßfreiheit einzuführen.« Dann wurden die »Garantien« aufgezählt, welche die zur Preßfreiheit entschlossenen Staaten ihren Bundesgenossen zu geben hätten: ein strenges Konzessionswesen für Buchdrucker und Zeitungsherausgeber, harte Strafen für Preßvergehen, endlich noch ein rechtsgelehrtes Bundessyndikat, das nach freiem Ermessen gemeingefährliche Schriften für ganz Deutschland verbieten sollte. Wie ängstlich auch diese Beschränkungen erscheinen mochten, die Aufhebung der Zensur war doch, wenn sie gelang, eine entscheidende Tat; denn daß die übrigen Staaten, außer Österreich, dem guten Beispiel Preußens bald folgen mußten, lag auf der Hand. Am Bundestage zeigten sich Sachsen, Baden, Weimar, selbst das konservative Darmstadt günstig gestimmt. Mit besonderem Eifer ging Württemberg auf die preußischen Vorschläge ein. König Wilhelm hatte sich, wie er dem Grafen Dönhoff gestand, durch die leidenschaftlichen Klagen seines Landtags von der Unmöglichkeit der Zensur endlich überzeugen lassen; als erfahrener Soldat räumte er den verlorenen Posten und nahm das zornige Niemals!, das er vor kurzem erst der Preßfreiheit entgegengeschleudert hatte, entschlossen zurück. Er forderte nunmehr Aufhebung der Zensur und Einführung des Repressivsystems in ganz Deutschland. Aber wieder scheiterte alles an dem bösen Willen der Hofburg. Seltsam, wie die Gedanken in dem Kopfe des alternden Staatskanzlers sich mehr und mehr verwirrten. Metternich pflegte gerade in diesen Tagen, da ihn die italienischen Unruhen lebhaft beschäftigten und die Franzosen sein Kaiserreich als eine italienische Macht bezeichneten, nachdrücklich und nicht ohne Gereiztheit zu versichern: »Österreich ist ein Reich, das unter seiner Herrschaft Völker von verschiedener Nationalität umfaßt, aber als Reich hat es nur eine Nationalität. Österreich ist deutsch,« so sagte er zum Grafen Arnim, »deutsch durch die Geschichte, durch den Kern seiner Provinzen, durch seine Zivilisation.« Gleichwohl wähnte er, diese deutsche Macht erfülle ihre Pflichten gegen Deutschland am sichersten durch vollkommene Untätigkeit. Sein getreuer Münch schob die Verhandlung über den preußischen Antrag von Monat zu Monat hinaus, und als sie im September endlich doch stattfand, da beantragte er, wie üblich, die Einholung von Instruktionen. Darüber mußten wieder viele Monate vergehen, und die vereinzelten Abstimmungen, welche nach und nach einliefen, bewiesen genugsam, daß man sich nicht einigen konnte. Bayern erklärte (Januar 1848), ein Bundesgesetz scheine überflüssig, für Bayerns Presse genüge die freie bayrische Verfassung vollkommen. Also ward auch dies vaterländische Unternehmen in den großen Schiffbruch des Bundes hineingerissen. Nicht minder vergeblich arbeiteten Württemberg und Preußen selbander für eine andere nötige Verbesserung. König Wilhelm hatte während der Teuerung des letzten Winters erfahren, wie beklommen sich die stolze Hofburg vor der Öffentlichkeit fühlte. Damals war dem nach Württemberg bestimmten österreichischen Getreide der Ausgang auf der Donau plötzlich gesperrt, aber nach langem Streite augenblicklich freigegeben worden, sobald Württemberg drohte, den Hergang zu veröffentlichen. Auf Grund dieser Erfahrung entschloß sich der kluge Schwabenkönig, in Frankfurt (26. März 1847) die Veröffentlichung der wichtigsten Bundesprotokolle zu beantragen, wieder suchte Münch die Beratung hinzuhalten; Dönhoff aber erstattete im September einen Ausschußbericht, der noch über Württembergs bescheidenen Antrag hinausging. Der Preuße erwähnte, daß selbst der Regensburger Reichstag seine Sitzungsberichte stets herausgegeben hatte, und verlangte kurzweg Rückkehr zu der alten Ordnung, wie sie vor dem Jahre 1824 bestanden: also die Öffentlichkeit als Regel, mit Vorbehalt einzelner Ausnahmen. Der gesamte Ausschuß stimmte ihm zu – so mächtig drang der Luftzug der öffentlichen Meinung schon in den Bundestag ein. Nur Österreich widersprach. Münch gehörte dem Ausschuß selber an, hatte aber keiner einzigen Sitzung beigewohnt. Jetzt erklärte er im Namen seines Hofes: die Geheimhaltung sei entschieden vorzuziehen, allerhöchstens könne man zugeben, daß die Protokolle nach sorgfältiger Auswahl am Ende jeder Sitzungsperiode veröffentlicht würden, aber nicht in den Zeitungen, sondern in einer besonderen Sammlung. Nun wurde wieder die Einholung von Instruktionen beschlossen, und der Antrag blieb liegen – bis zum Zusammenbruch. Die Könige von Preußen und Württemberg aber erfuhren handgreiflich den Unsegen des Bundesgeheimnisses; über alle ihre ehrlichen Reformbestrebungen verlauteten in der Nation nur unbestimmte Gerüchte. Auch außerhalb des Bundestages bemühte sich der Berliner Hof um gesamtdeutsche Reformen. Auf seinen Betrieb versammelte sich zu Dresden im Spätjahr 1847 eine deutsche Postkonferenz, die aber wenig zustande brachte, weil die partikularistische Eifersucht sich noch nicht überzeugen ließ. Man blieb im wesentlichen bei den Sonderpostverträgen, welche zu Anfang der vierziger Jahre zwischen Preußen, Bayern, Sachsen, Baden, Taxis abgeschlossen waren. Ungleich günstiger verlief die zur nämlichen Zeit, ebenfalls auf Preußens Aufforderung, berufene Wechselrechtskonferenz. Der Gedanke war schon vor einem Jahrzehnt von Württemberg auf den Zollkonferenzen angeregt, damals aber noch als unmöglich abgewiesen worden. Jetzt konnte man die Bedürfnisse des so mächtig angewachsenen Handelsverkehrs doch nicht mehr ableugnen, und da diese Rechtseinheit das Heiligtum der Souveränität durchaus nicht antastete, so wagte die preußische Regierung, nicht bloß die Zollverbündeten, sondern alle Bundesstaaten zu den Verhandlungen einzuladen. Zum Versammlungsort konnte nur Leipzig gewählt werden; denn hier in dem großen Meßplatze ließen sich die Mißstände der bestehenden Rechtszersplitterung an der Quelle kennenlernen; hier war auch neuerdings durch Einert, Treitschke und andere tüchtige Juristen eine neue Wechselrechtslehre ausgebildet worden, die sich vom römischen Rechte lossagte und den Anforderungen des modernen Handels gerecht zu werden suchte. Ein preußischer Entwurf, bei dem Savigny selbst mitgewirkt hatte, wurde den Beratungen zugrunde gelegt. Geh. Rat Bischoff, ein Harzer, der den alten Juristenruhm der Heimatlands Eicke von Repgows wieder einmal bewährte, verteidigte den Entwurf mit siegreichem Scharfsinn und gewandter Liebenswürdigkeit; auch der sächsische Bevollmächtigte, der geistreiche alte Präsident Einert half treulich mit, obgleich die Konferenz sich die Grundgedanken seiner Theorie nicht aneignen wollte. Schon am 9. Dezember, nach einer Beratung von fünfzig Tagen, wurde die Deutsche Wechselordnung vollendet, ein Werk aus einem Gusse, wie es unter parlamentarischer Mitwirkung sicherlich nie gelungen wäre, ein Gesetz, das kurz und scharf, so wie es einst Savigny in seiner Jugendschrift verlangte, nur die leitenden Rechtsgrundsätze aufstellte, ohne sich in weitläuftige Kasuistik zu verlieren. Es war ein juristisches Meisterwerk; wohl nur eine seiner Vorschriften, die ganz unbeschränkte allgemeine Wechselfähigkeit, ließ sich ernstlich anfechten. Eine boshafte Tücke des Schicksals fügte aber, daß dies einzige gute gesamtdeutsche Gesetz, das unter der Herrschaft des Bundestags je zustande kam, nicht durch ihn verkündet wurde. Die Unruhen der nächsten Monate verhinderten den Abschluß, und erst im Herbst 1848 wurde die Wechselordnung durch die neuen Reichsgewalten bekanntgemacht, so daß sie den Uneingeweihten als ein Geschenk der Revolution erscheinen mußte. Der Bundestag hatte wieder seinen Lohn dahin. Das alles war in Friedrich Wilhelms Augen, nur Vorarbeit für den umfassenden Bundesreformplan, den er zu Ende November 1847 durch General Radowitz dem Wiener Hofe überreichen ließ. Radowitz blieb in diesen deutschen Geschäften sein nächster Ratgeber, da die Minister ihre nüchternen Geschäftsbedenken, einige auch ihre Furcht nicht überwinden konnten, General Gerlach aber alle »Germanomanie« bekämpfte. In einer großen Denkschrift vom 20. November stellte Radowitz die Gedanken seines königlichen Herrn zusammen. Sie verurteilte in scharfen Worten das bisherige Bundessystem. Da hieß es rundweg: »Auf die Frage: was hat der Bund seit den zweiunddreißig Jahren seines Bestehens, während einer beispiellosen Friedens getan für Deutschlands Kräftigung und Förderung? – ist keine Antwort möglich. Die gewaltigste Kraft der Gegenwart, die Nationalität ist die gefährlichste Waffe in den Händen der Feinde der öffentlichen Ordnung geworden.« Darum verlangte Preußen Kräftigung der Bundesgewalt nach drei Seiten hin. Zum ersten Sicherung der Wehrhaftigkeit des Bundes durch Inspektionen, gemeinsame Übungen, Vereinbarung über die Reglements, das Kaliber usw. – aber ohne Umsturz der bestehenden Heeresverfassung. Zum zweiten gesicherten Rechtsschutz, also ein Bundesgericht für staatsrechtliche Streitigkeiten, Einheit des Strafrechts, des Handelsrechts, des Heimatrechts mit voller Freizügigkeit. Zum dritten Förderung der materiellen Interessen durch Einheit der Münzen und Maße, durch eine Post- und Eisenbahnordnung, durch Bundeskonsulate, endlich durch »Ausdehnung des Zollvereins auf den Bund«. Hochsinnig, gedankenreich, formvollendet wie alles, was aus Radowitzs Feder floß, litt die Denkschrift doch an der traumhaften Unklarheit, welche die ganze Nation, mit sehr vereinzelten Ausnahmen, noch befangen hielt? sie lief doch hinaus auf die unmögliche Hoffnung, daß ein Bund von souveränen Staaten, zu denen drei undeutsche Mächte gehörten, die Macht einer nationalen Staatsgewalt ausüben sollte. Und konnte der König, der bisher der Hofburg jede Einmischung in seine Zollpolitik standhaft verweigert hatte, jetzt im Ernst beabsichtigen, das größte Werk seines Vaters zu zerstören und den Zollverein, wie Metternich längst wünschte, dem Bundestage unterzuordnen? Und dies in einem Augenblicke, da die Hofburg sich soeben anschickte, die alten Zollschranken zwischen Ungarn und den deutsch-böhmischen Kronländern aufzuheben und mithin unzweideutig bekundete, daß Österreich selbst dem Zollvereine nicht beitreten wollte? Friedrich Wilhelm ahnte auch dunkel, in welche Widersprüche er sich verwickelte. Darum ließ er in der Radowitzschen Denkschrift aussprechen, daß er zunächst eine Verständigung mit dem Wiener Hofe versuchen, und wenn sie gelänge, die genauere Verabredung über die geplanten Reformen entweder einem Fürstenkongresse oder dem Bundestage unter Österreichs Führung überlassen wollte. Käme er in Wien nicht zum Ziele, dann dachte er sich, schweren Herzens freilich, allein an den Bundestag zu wenden. Mißlänge auch dieser Versuch, dann sollte Preußen »den Geist der Nation« anrufen, die öffentliche Meinung über seine nationalen Pläne aufklären und mit den gleichgesinnten Bundesstaaten gemeinnützige Sonderverträge nach dem Vorbilde des Zollvereins abschließen, Verträge, welche späterhin dem gesamten Vaterlande zugute kommen müßten. Also schien der König endlich zu begreifen, daß die Erfüllung der nationalen Einheitswünsche jetzt die erste Pflicht konservativer Politik war; er schien sich den kühnen Gedanken zu nähern, welche zur selben Zeit Mathy in Heppenheim aussprach. Aber es schien auch nur so. Friedrich Wilhelm wußte nichts, er wollte nichts wissen von der radikalen Schärfe der großen Gegensätze deutscher Politik, er wollte in tiefem Frieden, ohne mit Österreich zu brechen, sein Ziel erreichen; er ahnte nicht, daß der Zollverein dem partikularistischen Grundgedanken der Bundesakte ebenso vollständig widersprach wie einst der Schmalkaldener Bund dem Wesen des Heiligen Römischen Reichs, und die Hofburg folglich ein System preußisch-deutscher Sonderverträge unmöglich gelassen hinnehmen konnte. Die Schlacht von Pharsalus, die einst König Friedrich den Deutschen geweissagt hatte, mußte geschlagen werden, und niemand glaubte an diese Notwendigkeit weniger als Friedrichs Erbe. Mit solchen Aufträgen ging Radowitz nach Wien, wo man ihn mit der gewohnten nichtssagenden Höflichkeit aufnahm. Kaum begonnen, wurden die Verhandlungen schon abgebrochen, da die italienischen Unruhen die Hofburg in Verlegenheit brachten. Als abgesagter Feind der friderizianischen Politik verabscheute Friedrich Wilhelm den »heidnischen« Grundsatz des Großen Königs, daß man die Bedrängnis des Gegners zum entscheidenden Schlage benutzen müsse; auch hielt er das Haus Österreich nicht für einen Gegner, sondern für einen treuen, nur leider etwas schwerfälligen Freund. Metternichs peinliche Lage zu mißbrauchen, schien ihm unchristlich. Außerdem hatte er Radowitz beauftragt, sich mit dem Staatskanzler über die gemeinsame Bekämpfung des schweizerischen Radikalismus zu verständigen; und diesen unseligen Interventionsgedanken hielten beide Mächte für so wichtig, daß die deutsche Politik dahinter zurückstehen mußte. Um die Schweizer Frage zuerst ins reine zu bringen, mußte der General im Dezember nach Berlin heimkehren und nachher noch nach Paris reisen. So ging für die deutsche Bundesreform wieder eine unschätzbare Zeit verloren. Erst im Februar 1848 nahm der König seine Bundespläne wieder auf. Am 1. März erhielt Radowitz die Weisung, nochmals nach Wien zu gehen und dort die sofortige Einberufung eines deutschen Fürstenkongresses zu beantragen, der über die Bundesreform sowie über die Kriegsgefahr des Augenblicks beraten sollte. Da inzwischen die Nachrichten von der Pariser Revolution eingetroffen waren, so genehmigte Metternich am 10. März den preußischen Vorschlag. Aber schon nach wenigen Tagen stürzte das alte System in Wien wie in Berlin zusammen. Die letzte Möglichkeit einer friedlichen Bundesreform war versäumt, und da die Welt von den tiefgeheimen Verhandlungen dieses Winters kein Wort erfahren hatte, so erschien der längst geplante Fürstenkongreß wieder nur wie ein abgedrungenes Zugeständnis an die Revolution, wie einst der dritte Friedrich Wilhelm durch alle die löblichen Pläne seiner ersten Regierungsjahre den Tag von Jena nicht hatte abwenden können, so mußte auch sein Sohn erfahren, daß Vorsätze und Entwürfe in dem harten Handwerk der Politik gar nichts bedeuten. Belastet mit einem nur halbverdienten schlimmen Rufe trat der König in die Zeit des Aufruhrs ein. – (684–701.)