Lope de Vega Die Liebesheuchler Lustspiel in drei Akten Personen Octavia   Pleberio   Clarinda, seine Nichte   Felisardo Damacio Liseo Baramo junge Edelleute Rosileo Alceo Musikanten Don Lorenzo, Hauptmann Mendoza, Diener des Felisardo   Tristan, Diener des Don Lorenzo   Evandro, Diener Clarindas   Beatriz, Zofe Octavias   Ein Notar   Ein Gerichtsdiener   Ein Gerichtsschreiber   Der Schauplatz ist in Madrid Erster Akt Straße. Rechts das Haus der Octavia, links das der Clarinda, beide mit Balkonen Erster Auftritt (Nacht) Felisardo (kommt, mit Degen und kleinem Schild) Mendoza (folgt ihm) Mendoza Ein züchtig Weib! Felisardo Ein Musterbild! Das muß man von Octavia sagen. Mendoza Wollt Ihr kein Panzerhemde tragen? Felisardo Nein, mir genügen Schwert und Schild. Mendoza Doch immerhin, es schadet nie, Sich eine starke Wehr zu schaffen. Felisardo Vermögen etwa mehr die Waffen, Als Mut vermag auch ohne sie? Klopf an ihr Haus dort; schlag vier Bretter Der Tür entzwei mit deinem Huf. Mendoza Bin ich ein Maultier? Felisardo Oder ruf Mit ohrbetäubendem Geschmetter. Mendoza Ist es nicht besser, hier zu lauern, Bis jener Mann herunterkommt? Ich möchte wissen, was es frommt, Erschüttert man durch Lärm die Mauern. Und woraus schließt Ihr, daß man nicht Gewillt ist, Euch hineinzulassen? Felisardo Mögst du mit Dingen dich befassen, Die du verstehst. Mendoza Euch ins Gesicht Sag' ich: Es ist ein falsches Trachten, Forscht Liebe solchem Skrupel nach. Felisardo Warum, da doch erlittne Schmach Die Liebe wandelt in Verachten? Mendoza Ein Liebender behauptet immer, Daß Eifersucht die Liebe kühlt; Doch sengt, je mehr ihn die durchwühlt, Die Liebesglut ihn desto schlimmer. Herr, wartet ab, bis der da drinnen Von selber aus dem Haus wird gehn; Dann können wir noch immer sehn, Was am gescheitsten wir beginnen. Felisardo Die Frauen gleichen sich aufs Haar. Wenn's nicht gelingt, sie zu erwischen, Dann leugnen sie mit gleisnerischen Beteuerungen. Und nun gar Octavia! Mendoza             Geht's ihr leicht vonstatten? Felisardo Die bringt den Schlausten zu dem Wahn, Daß der belauschte Herr Galan Nichts war als des Belauschers Schatten. Ich wette drum, falls nicht verwogen Mein Grimm ihr Spinngeweb zerstört, Daß morgen früh sie mir beschwört, Die Augen hätten mich betrogen. Mendoza So wollt Ihr, daß der Herzmagnet Sich als ein lockres Weib entlarve, Was bei dem heutigen Bedarfe Der Fraun sich fast von selbst versteht? Felisardo Du wagst es, Dummkopf, der du bist, So von Octavia mir zu sprechen? Mendoza Weil ich vier Bretter soll zerbrechen Mit meinem Huf. Entweder ist Sie locker oder ist es nicht. Ist sie's, dann hab' ich recht gesprochen, Und ist sie's nicht, wozu dann Pochen Und Schwert und Zorn und Strafgericht? Felisardo Schon fühl' ich etwas mehr Geduld. Zum Warten werd' ich mich bequemen. Ich will Octavia nicht vergrämen; Bin ich doch in Octavias Schuld. Mendoza Und auf wie lang? Wollt zum Exempel Ihr immerfort jahrein, jahraus Blind wartend stehn vor ihrem Haus Wie Simson einst in seinem Tempel? Nun, meinethalb; ich bin für Milde Grundsätzlich mehr als für Krakeel. Felisardo Horch! Öffnet man? Mendoza             Ja, meiner Seel'! Zwei Helme seh' ich dort, zwei Schilde, Zwei Schuppenpanzer und – o Graun! – Zwei Kriegspistolen und zwei Lanzen. Felisardo Ich seh' zwei Degen nur im ganzen, Dahinter zwei verhüllte Fraun. (»Sie treten zurück) Zweiter Auftritt Vorige. Damacio, Liseo (kommen aus dem Hause rechts) Damacio Mit viel Verstand ist sie begabt. Liseo Und ihre Anmut weckt Entzücken. Felisardo (zu Mendoza) Hierher, und decke mir den Rücken. Mendoza Sagt mir, was Ihr im Sinne habt. Denn falls wir beide fechten sollen, Leg' ich auf Vorbereitung Wert. Felisardo So zieh dein Schwert. Mendoza             Ich zog mein Schwert. (Für sich) Doch möcht' ich lieber noch mich trollen. Damacio Treibt fleißig mit der Zofe Scherz; Denn hat erst einer die am Schnürchen, So kann er durch dies Hintertürchen Einschleichen in Octavias Herz. Liseo Hübsch ist das Zöfchen ohnehin Und gar nicht dumm; kurz, eine Perle. Felisardo Wovon denn reden die zwei Kerle? Mendoza Von ihr und ihrer Dienerin. Damacio Gefällig ist Octavias Wesen. Liseo Kein Wunder, daß sie Euch gefällt. Felisardo (zu Mendoza) Octavia hat mich stets geprellt; Doch dieser Schimpf ist auserlesen! Damacio Es ist schon spät; gehn wir nach Haus. Liseo Zwei Männer stehn im Hintergrunde. Damacio Es schwärmen ja zu dieser Stunde Die Liebenden in Scharen aus. Liseo Fragt, ob sie uns vorüberlassen. Damacio Das ist nicht üblich in Madrid. Liseo Die Mode geht geschwinden Schritt, Und Eifersücht'ge gibt's in Massen, 's ist besser, Fühler auszustrecken. Damacio 's ist besser, glatt vorbeizugehn. Felisardo (zu Mendoza) Jetzt red' ich. Mendoza             Laßt es, Herr, geschehn, Daß sie sich drücken. Felisardo (hervortretend)             Ihr Herrn Gecken, Was sucht ihr da? Was treibt, was schaut, Was wollt ihr? Einen Streich vollführen? Was habt ihr hier herumzuspüren? Juckt euch nach Händeln, gar die Haut? Das Haus, das ihr verließt soeben, Hat einen Herrn, und der bin ich. Damacio Dann ist dem Hause sicherlich Ein Herr von edlem Stand gegeben. Seid Ihr der Gatte? Felisardo             Einerlei. Damacio Wer seid Ihr? Felisardo             Daß ich dies Euch sage. Beliebt mir nicht. Damacio Und ich ertrage Nicht solche läst'ge Schwätzerei. (Sie werden handgemein) Heran, Liseo! Felisardo             Stoß um Stoß; Ihr trefft auf eine gute Klinge. Damacio Ja; doch der Vorteil ist geringe Und nur das Mißvergnügen groß. (Sie gehen fechtend ab) Dritter Auftritt Octavia, Beatriz (kommen aus dem Hause rechts) Beatriz Hört, welch ein Kampflärm! Octavia             Meinetwegen. Ich bin nicht schreckhaft von Natur; Eins jener Zauberfeste nur, Bei dem zum Tanze gehn die Degen. Liebhaber gibt's in unsern Tagen, Die machen mit den Freunden aus, Zum Schein sich vor der Liebsten Haus Mit möglichst viel Geräusch zu schlagen. Die meisten Männer nämlich wähnen, Wir könnten nicht mehr widerstehn, Sobald wir sie sich raufen sehn. Beatriz Ach Himmel, nah sind mir die Tränen, Und von dem Scheitel bis zur Zeh Bin ich so weiß wie Alabaster. Octavia Das Raufen halt' ich für ein Laster, Das mir zuwider ist von je. Die Weiber möge Gott verdammen, Die kirre macht solch ein Achill. Beatriz Ja, eine, die solch einen will, Muß wahrlich aus der Hölle stammen. Alltäglich ins Gefängnis laufen, Weil er dort brummt, ihm trotz Verbot Einschmuggeln karges Mittagbrot, Für ihn das letzte Hemd verkaufen, Mit jedermann, der rechtsgelehrt, Sich über seinen Fall besprechen, Den Schreiber insgeheim bestechen, Damit er ihn für krank erklärt, Sich brüsten unter seinesgleichen, Man habe durch Verschlagenheit Ihn aus dem Kerkerloch befreit, Und als der Lohn für all die Zeichen Von Lieb' und Treu' und all die Qual Bleibt seine abgehaune Nase; Denn von dem schändlichen Gerase Ist dies das Ende jedesmal. Octavia Ja, Beatriz, ein Mannsbild sei, Damit man rühmlich von ihm spreche, Feigherzig weder bis zur Schwäche Noch tapfer bis zur Barbarei. Ein Edelmann von echtem Wert, Geschickt in jedem Stich und Hiebe, Dem seiner Ehre nur zuliebe Der Degen aus der Scheide fährt Und der, sobald er ihn gezogen, Viel tut und wenig davon spricht Ein Weib, so scheint mir, braucht sich nicht Zu schämen, wenn sie dem gewogen. Beatriz Solch einen liebt man allerwegen; Doch mehr noch find' ich den galant Und liebenswürdig, dessen Hand Die Börse zieht und nicht den Degen. Denn welche Kühnheit, welcher Adel, Welch Heldentum, welch feiner Schliff Nebst aller Gaben Inbegriff Zeigt einen Mann so frei von Tadel, Als wenn er aus dem Beutel nimmt Von Gulden eine runde Summe? Octavia Bejahen müssen das auch Stumme, Ist doch kein Zweifel, daß es stimmt. Selbst in den Augen Alexanders, Der auch im Lieben groß war, galt Freigebigkeit mehr als Gewalt, Und Fraun besiegt man schwerlich anders. Vierter Auftritt Vorige. Felisardo, Mendoza (kommen mit nackten Degen zurück) Beatriz Wer kommt hier mit so lauten Schritten? Felisardo Ich bin es. Octavia             Felisardo, du? Beatriz Mendoza, du? Mendoza             Noch immerzu. Octavia Ach, Liebster, hast du dich gestritten? Felisardo Ha, treffen endlich wir zusammen? Octavia O Gott, man sieht's, der Kampf war wild. Schlimm zugerichtet ist der Schild, Bedeckt mit Beulen und mit Schrammen. (Zu Beatriz) Bring Licht. Die Degen einzustecken Wird ihnen sonst nicht möglich sein. Beatriz (hat aus dem Hausflur ein Licht geholt) Sie stecken sie ja noch nicht ein! Mendoza (leise zu Felisardo) Die beiden sind halbtot vor Schrecken. Octavia Steckt in die Scheiden eure Klingen, Denn sonst erkälten sie sich leicht. Felisardo Du bist erschrocken, bist erbleicht, Als du mich sahst ins Aug' dir springen. Octavia Was ließ dich außer dir geraten? Hol, Beatriz, ihm Aquavit! Mendoza Bring auch ein bißchen Rebhuhn mit Und ein paar Stückchen kalten Braten. Beatriz Ja, gerne, du geliebter Fresser. Octavia Sag, Teurer, doch, was dich bedrückt. Weh, Felisardo ward verrückt, Rast, wütet, schlägt sich bis aufs Messer! Soll ich dich nicht mehr lieben dürfen? Felisardo Gib dir zu heucheln keine Müh'. Mendoza Hast du vielleicht auch etwas Brüh'? Beatriz Zu welchem Zweck? Mendoza             Um sie zu schlürfen. Felisardo Genug, Octavia, dein Versuch, Dich hinter täuschendem Geschwätze Zu bergen und in deine Netze Mich zu verwickeln, mir zum Fluch. Genug, Octavia, die Verhöhnung, Mit der du meiner Ehre lachst Und über mich dich lustig machst Zu deines Gaukelspieles Krönung. Genug, Octavia, daß dein Schauern Der Schild erweckt und nicht die Brust, Der leicht geschah dasselbe just, Was dir bei diesem weckt Bedauern. Genug, Octavia, daß bei Licht Einstecken du mich heißt den Degen, Den ich im Dunkeln deinetwegen Herauszog, auf den Kampf erpicht. Genug, Octavia, daß bei Nacht Zwei Männer deinem Haus entschleichen Und du mir Aquavit läßt reichen, Nachdem du Gift mir beigebracht. Genug, Octavia, kurz und gut, Da du mich deutlich läßt bemerken, Daß du nicht züchtig bist in Werken, Wenngleich dein Wort so züchtig tut. Was taten die zwei Männer hier, Die mit mehr Stichen ich durchdrungen, Als du mich mit Beleidigungen? Gesteh, was wollten sie bei dir? Weshalb sind sie des Nachts gekommen? Octavia Spricht man mit der gemeinsten Frau In einem Ton, so grob und rauh, Wie der, den eben ich vernommen? Genug, du Tor, wenn ich gestatte Mit lammsgeduldigem Gemüt, Daß deine Rede Kränkung sprüht, Obwohl du weder bist mein Gatte Noch ich in deiner Vormundschaft. Genug, daß ich dich ließ gewähren, Mich seit drei Jahren zu verehren, Weil mir zur Härte fehlt die Kraft. Und ich, so schüchtern von Betragen, Erscheine dir so wenig keusch, Daß du mit donnerndem Geräusch Dich unterstehst, mich anzuklagen! Ich dachte, daß mit kühnem Schwunge Dein Arm ein Unrecht abgewehrt; Doch schärfer als dein nacktes Schwert Erweist sich deine nackte Zunge. Damit du deines Wahnes Quell Erkennst, so höre: Jene beiden, Die du in Stücke willst zerschneiden, Sind Schneidermeister und Gesell. Ich wünschte mir ein neues Kleid; Du, der davon nichts wollte wissen, Hast es zersäbelt und zerrissen, Bevor's zum Anziehn war bereit. Vermutlich hast sogar die Schere Dem Nebenbuhler du stibitzt, Weil du so große Löcher schnittst In die Gewandung meiner Ehre Und mir womöglich noch die Naht Des Unterrockes willst zerspalten, Da du mich kannst für fähig halten Zum niederträchtigsten Verrat. Drei Jahre ward ich treu befunden, Ließ keinen ich an mich heran, Und du – du wähnst, es könn' ein Mann Mich überwinden in zwei Stunden? Um einzusehn, daß jener Dritte Ein Schneider war und kein Galan, Nimm diesen Zettel, Grobian, Worin ich um das Kleid dich bitte. (Sie wirft ihm ein Papier hin) Mich aber siehst du niemals wieder. (Sie tut, als ob sie gehe) Felisardo Geliebte, hör mich an! Octavia             Was noch? Felisardo Geh nicht, verweile, hör mich doch! Octavia Mir fuhr der Schimpf in alle Glieder. Felisardo Bei Gott, um schadlos dich zu halten Für das dir zugefügte Leid, Mach' ich dir zum Geschenk dies Kleid. (Er hebt den Zettel auf) Octavia (zurückkehrend) Oh, dieser Mann kann mit mir schalten, Wie's ihm beliebt, und was auch immer Er fordert, weigern kann ich's nicht. Mendoza (für sich) Ja, weil das Kleidchen sie besticht. Ein ganz verteufelt Frauenzimmer! Felisardo Du spendest mir zweitausend Leben. Besäß' ich Herzen, gleich an Zahl, Wie gern würd' ich sie allzumal In diese schlimmen Hände geben. Das Kleid bring' ich dir morgen mit; Denn unverzüglich soll's der Schneider Zuschneiden, dem ich fälschlich leider Zuschrieb, daß er die Cour dir schnitt. Magst du die Eifersucht vergessen, Der es entsprang; denn Frauengunst Im höchsten Maß wird ja der Kunst, Das Maß zu nehmen, zugemessen. Deshalb verzeih mir die Verkennung; Wenn ich dir deine Ruhe nahm, So büß' ich es durch meine Scham. Octavia Schwer fällt mir, Liebster, unsre Trennung. Komm morgen; du wirst gut empfangen. Felisardo Mendoza trägt das Kleid ins Haus. Mendoza (zu Beatriz) Und du, was bittest du dir aus? Beatriz Bescheidener ist mein Verlangen. Bring mir ein Paar gestrickte Strümpfe, Strumpfbänder auch dazu. Mendoza             Noch mehr? Beatriz Nun, auch ein Häubchen bring mir her. Mendoza Ich liefr' es pünktlich ab, du Nymphe. Octavia Auf Wiedersehn! (Sie geht mit Beatriz ins Haus) Fünfter Auftritt Felisardo. Mendoza Mendoza             Dem Streit entquoll Ein Kleid. Was steht Ihr so beklommen? Felisardo O wär' ich niemals hergekommen, Hätt' nie besänftigt ihren Groll! Mendoza Wieso? Felisardo             Bin ich doch ohne Geld. Aus Reue nahm ich zwar den Zettel; Jedoch womit ich diesen Bettel Bezahle, sei dahingestellt. Mendoza Ja, Herr, was hilft es besten Falles, Wenn sie dann trägt ein kostbar Kleid, Ihr aber ausgezogen seid? Felisardo Bei der bin ich gefaßt auf alles. Gibt's denn ein zweites Weib im Lande, So launenhaft, so wahrheitsscheu, So grausam, störrisch, ungetreu Und so gerieben an Verstande? Mendoza Weswegen liebt Ihr sie? Felisardo             Wer weiß? Mich reizt an ihr das Rätselvolle. Mendoza Spielt Ihr des Schuldenmachers Rolle, Ist Eure Liebe wahrlich heiß. Felisardo (entfaltet das Papier) Ob ich hineinschaun soll? Die Liste Scheint ziemlich lang. Mendoza             Ein halbes Buch. Felisardo (lesend) »Zuvörderst sechzehn Ellen Tuch ...« Mendoza Soll heißen, eine ganze Kiste. Felisardo »… von Atlas und von Farbe blau.« Mendoza Das wird sie sicher trefflich kleiden; Daran könnt Ihr das Auge weiden, Als ob es in den Himmel schau'. Felisardo »Ingleichen hundert Ellen Spitzen; Doch müssen sie aus Mailand sein.« Mendoza Das Wetter schlage doch hinein Mit siebenhundert Ellen Blitzen. Denn ist nicht solche Spitzengier Zu spitzig selbst für einen Reichen? Felisardo »Ingleichen ...« Mendoza             Wie? Noch mehr »ingleichen«? Die Liebe wird zum Schreiber hier. Felisardo Nein, dies »ingleichen« nimmt kein End'. Mir schwindelt förmlich vor dem Reste; Bei Licht betrachtet, ist's das beste, Ich mache gleich mein Testament. »Ingleichen, falls nicht solche Spitzen Vorrätig sind, dann zum Besatz …« Mendoza Was denkt sich dieser süße Schatz? Besatz, da wir doch nichts besitzen! Felisardo »Zweihundert Ellen feiner Borte.« Mendoza Heiliger Gott, was die nur glaubt! An Bord noch lieber ausgeraubt Von Mauren allerärgster Sorte. Noch mehr? Felisardo             Der Hauptpunkt. »Zum Verzieren Fünfhundert Ellen Stickerei.« Mendoza Ersticken möge sie dabei. Laßt uns nicht weiter Zeit verlieren. Felisardo Fehlt noch das Futter. Mendoza             Ich erschrecke! Fehlt's nicht auch uns? Dies Futter schmeckt Nach Leim, und mit dem Schneider steckt Das Weibsbild unter einer Decke. Felisardo Gleichviel, es bleibt von diesem Kelche Kein Tropfen mir erspart. Ich muß Herbei mich lassen zum Entschluß, Zwei Kleider einzukaufen. Mendoza             Welche? Felisardo Erstlich das Atlaskleid. Aus List Gedenk' ich ihr jedoch zu sagen, Mir würd' ein glattes mehr behagen Als ein verziertes. Mendoza             Welches ist Das zweite denn? Felisardo             Mein Totenkleid. Mendoza Die Weiber sind ein bös Kapitel. Felisardo Wenn ich nur wüßte, welches Mittel Von dieser Liebe mich befreit. (Beide ab) Zwischenvorhang. Dann dieselbe Dekoration bei hellem Tag Sechster Auftritt Don Lorenzo, Tristan (kommen, beide in Soldatentracht) Tristan Ward alles richtig abgekartet? Don Lorenzo Ja, nach dem Brief, den ich ihr schrieb, Eh mich die Sehnsucht heimwärts trieb, Ist sicher, daß man uns erwartet. Heischt ihre Treu' nicht Anerkennung? Tristan Da regt sich was im Hause schon. Don Lorenzo Es ist der Liebe schönster Lohn Ein Wiedersehn nach langer Trennung. Denn vom geliebten Gegenstand Entfernt zu sein, vermehrt das Feuer, Und Ruhm bestandner Abenteuer Wird vor der Heimkehr Glück zu Tand. Hat der Entfernte seinem Harm Tagein, tagaus Geduld gepredigt, Wie köstlich wird er dann entschädigt In der Geliebten weichem Arm. Tristan Ich, wenn ich liebte, wäre kaum Für diese Schule des Entbehrens; Denn für das Glück des Wiederkehrens Hat jeder neue Morgen Raum. Ein aufgeschobener Genuß, Das heißt sich mühsam überwinden; Und in der Trennung Lust zu finden, Ist wie wer nüchtern fasten muß. Don Lorenzo Schweig! Wer, zum besten Schmaus geladen,- Mag essen, wenn ihm Hunger fehlt? Wer trinken, wenn nicht Durst ihn quält? Wer, wenn es ihm nicht heiß ist, baden? Wer sich erwärmen ohne Frost? Und ist die Liebe für den Fernen, Der so sich hat gedulden lernen, Nicht Heizung, Bad, Getränk und Kost? Tristan Ihr sprecht, als ob die Holde, Hehre, Der schon seit so geraumer Zeit Ihr Euer Männerherz geweiht, Ein uneinnehmbar Bollwerk wäre. Sagt, muß man nicht ins Auge fassen Den Fall, daß am beglückten Tag Man sie nicht wiederfinden mag, Wie man sie hat zurückgelassen? Don Lorenzo Gibt's Weiber, die so leicht sich wandeln, Daß niemand ihnen trauen darf, Ist das noch lang kein Grund, so scharf Die edlen Frauen zu behandeln. Ein Weib, das eines andern wegen Den fernen Liebsten hintergeht, Glaub, guter Tristan, die versteht Das grad so gut, wenn er zugegen. Tristan Ach, Herr, wievielen weißen Lämmern, Bringt die Gelegenheit Gefahr, Die sündlos stets gelebt, sogar In ihres Traumes halbem Dämmern. Der Gegenwärtige hat recht, Weil der Entfernte nicht als Wache Eintreten kann für seine Sache, Und darum geht es diesem schlecht. Entfernung ist wie tiefer Schlaf, Und Schläfer prellt man allzu gerne; Plagt den Galan drum in der Ferne Nicht Eifersucht, ist er ein Schaf. Don Lorenzo Tristan, fast werd' ich von der Schwermut In deinen Worten angesteckt; In alles, was mir Hoffnung weckt Und Frohsinn, träufelst du mir Wermut. Ich war entfernt und kehre wieder; Stör mir die Wonne nicht, die heut Im tiefsten Herzen mich erfreut. Ich schließe meine Augenlider Mit Absicht zu, weil ich durchaus Nach einer Wartezeit von Jahren Nicht will Enttäuschungen erfahren. Tristan Ganz wie der König Menelaus. Don Lorenzo Den Schädel werd' ich dir zertrümmern, Verdammter, abgeschmackter Wicht! Tristan Ich tat nur meine Dienerpflicht; Was brauch' ich sonst mich drum zu kümmern? Don Lorenzo Hab' ich gefragt nach deiner Meinung? Tristan Nein. Don Lorenzo             Dann behalte sie bei dir; Denn dieses Weib ist heilig mir Gleich einer göttlichen Erscheinung. Vertrau' ich fest auf ihre Treue, So tu das auch, mit mir vereint; Argwohn, dem Gutes böse scheint, Verwehrt, daß man sich dran erfreue. Vor wem ein Bach vorüberrinnt, Ist der kein törichter Geselle, Wenn er zurückgeht bis zur Quelle, Bevor zu schöpfen er beginnt? Siebenter Auftritt Vorige. Clarinda (kommt aus dem Hause links) Clarinda Lorenzo, sei willkommen! Don Lorenzo             Glaub, Um diesen Willkomm zu erbitten, Bin ich bei Tag und Nacht geritten Und, wie du siehst, noch voll von Staub. Clarinda Ist das nicht Tristan? Tristan             Fleisch und Bein Von ihm. Clarinda             Auch dich muß ich umarmen. Tristan Ihr dürft es, weil ich aus Erbarmen Mit Euch ihm half, Euch treu zu sein. Clarinda Wer zweifelt, da mehr als ein Jahr Dein Herr in fernen Landen weilte Und dort von Sieg zu Siegen eilte, Daß er mir gründlich untreu war? Tristan Nein, Herrin, hätt' ich was gesehn Von anderweitem Feuerfangen, Wär' ich ihm aus dem Dienst gegangen. Don Lorenzo Jetzt aber, Tristan, magst du gehn, Nicht aus dem Dienst, doch aus dem Wege. Clarinda, wie? Kaum bin ich hier, So zweifelst du bereits an mir, Der ich an dir nicht Zweifel hege? Die Treue hab' ich dir bewahrt. Neapel freilich ist ein Garten, Worin auf einen Spanier warten Gelegenheiten aller Art. Indessen keine war imstand, Sich deiner Schönheit zu vergleichen Und sich in diese Brust zu schleichen, Die fest blieb wie ein Diamant. Nichts andrem galt mein Willensdrang, Als durch Erfüllung meiner Pflichten Des Feldherrn Blick auf mich zu richten, Auf daß ich mit erhöhtem Rang Nach Spanien könne wiederkehren. Clarinda Was bist du so geworden? Sprich. Don Lorenzo Zum Hauptmann stempelte man mich, Die erste Staffel höchster Ehren. Clarinda Und, Tristan, ward auch dir ein Amt? Tristan Potz Wetter, habt Ihr je vernommen, Daß einen Titel hat bekommen, Wer aus dem großen Haufen stammt? Stets ließ ich meinen Herrn voran, Sobald wir uns dem Feinde nahten, Und allen Ruhm der Heldentaten Schöpft immer ab der Vordermann. Clarinda Kurzum, du bliebst in deinem Stand Als Diener? Tristan             Herrin, selbstverständlich. Bin ich als solcher nicht schon kenntlich An dem bescheidenen Gewand? Sind Stiefel, Kragen, Federhut Und Degen nicht genug zerschlissen? Don Lorenzo Was ich erlebte, sollst du wissen, Wenn ich ein wenig ausgeruht. Es wäre zwar nicht zu verachten Ein kleines Mahl noch vor der Rast. Clarinda Ich ließe für solch teuren Gast Am liebsten einen Phönix schlachten. Doch guter Wille macht nicht satt; Ich will dir drum, damit nichts fehle Auf deiner Tafel, meine Seele Vorsetzen an des Phönix Statt. Don Lorenzo Vor allem, Liebste, werd' ich ja Mit Augen deine Schönheit speisen; Dir selbst – ich kann es dir beweisen – Gebührt als Kost Ambrosia, Denn wenn die Heiden feierlich Die Sterblichen zu Göttern machten Und sich auch Liebe göttlich dachten, Bist du des Amor zweites Ich. Clarinda Fürwahr, du bist ein echter Ritter. Don Lorenzo Im Äußern oder auch im Kern? Clarinda In allem. Don Lorenzo             Doch nun möcht' ich gern Zu Tisch gehn. Tristan             Scheint auch mir nicht bitter. (Sie gehen ins Haus links) Achter Auftritt Damacio, Liseo (kommen) Liseo Damacio, wo hinaus? Ich flehe, Bevor ich weiter mit Euch gehe, Sagt mir, wohin Ihr heut mich führt Und ob man nicht hier in der Nähe Ein neues Wespennest berührt. Auf meiner ganzen Lebensbahn Bleibt jenes Weib mir unvergeßlich Fühlt meinetwegen Euch als Hahn In ihrem Korb und lebt im Wahn, Sie lieb' Euch einfach unermeßlich. Ich will, falls nochmals Ihr mich bringt Zu einer ähnlichen Sirene, Bewaffnet gehn bis an die Zähne, Weil keineswegs ich unbedingt Nach Rolands Heldentod mich sehne, Die beiden haben grad genug Uns mitgespielt mit Degenstößen, Um Witzigung mir einzuflößen. Damacio Der eine von den beiden schlug Sich gut; der andre gab sich Blößen. Liseo Der mich so hart bedrängte, war Der Zofe Liebster offenbar. Ich brauchte nur von ihr zu sprechen, Da wollt' er schon den Hals mir brechen. Doch ich entsag' ihr ganz und gar: Vor solchen Weibern spür' ich Grauen; Es gibt noch andre, Gott sei Dank. Damacio Liseo, kommen andre Frauen Octavia gleich? Wer kann sie schauen Und würde nicht vor Liebe krank? Muß nicht ihr Lächeln den begnaden, Der es erblickt? Liseo             Jedoch bewahrt Ihn dieses Lächeln nicht vor Schaden. Sind doch die Frauen solcher Art Wie Spiegel in dem Krämerladen, Die alle, die vorüberlaufen, Festhalten auf den ersten Blick Und so sie nötigen, zu kaufen; Dann aber dreht man mit Geschick Dem armen Käufer einen Strick. Ich kenne Frauen, die zumal Zehn Männern ihre Gunst bezeigen, Doch keinem sich in Liebe neigen, Teils weil ihr Herz besteht aus Stahl, Teils weil es schillert wie Opal. Das ist, weiß Gott, kein flaches Meer; In Tiefen kann es uns begraben, Und, guter Freund Damacio, wer Den Sieg erringen will bei der, Muß stets die Hand am Beutel haben. Wie gut, daß Ihr noch nichts ihr schenktet, Auch nicht das Kleid, um das sie bat, Da doch, als aus dem Haus Ihr schwenktet, Der erste beste, den Ihr saht, Ihr Freund war. Damacio             Wirklich, Kamerad, Es reut mich, daß ich ihr gehuldigt; Blind war ich, da sie mich gekirrt. Liseo Wenn Eure Blindheit sehend wird, Ist sie dadurch bereits entschuldigt; Kein Mensch, der nicht zuweilen irrt. Ihr habt sie tüchtig überschätzt, Die falsche, launenhafte Hexe, Und weil Ihr Euch darob entsetzt, Sollt Ihr zur Schadloshaltung jetzt Zwei Engel sehn. Damacio             Zwei? Liseo             Mehr noch, sechse. Damacio Ein ganzes Himmelreich im kleinen. Liseo Ein Weib sollt Ihr erblicken heut, Für die nicht andre Sonnen scheinen Am Himmel außer jener einen, Die Licht ihr und Erwärmung beut. Und diese Sonne seht in mir: Zum höchsten Glück bin ich erhoben, So daß ich neidische Begier Erwecke bei der Sonne droben. Damacio Und die fünf andern? Liseo             Dienen ihr. Nun gebt nur acht; ich werde rufen. Euch winkt ein herzlicher Empfang. Damacio Ich habe schon im Ohr den Klang, Als ob von dieses Thrones Stufen Ertöne himmlischer Gesang, Und mit Octavia bin ich fertig. Liseo (ruft vor dem Hause, links) He! Holla! Damacio             Niemand sagt: Herein! Liseo Sie ist sehr scheu. Damacio             Nicht gegenwärtig Ist sie vielleicht. Liseo             Wo soll sie sein? Damacio In ihrem Amt als Engelein Gibt einer Seele sie jetzt eben Wohl das Geleit zum ew'gen Leben. Liseo Sie lebt sehr häuslich, geht nicht aus. Heda! Neunter Auftritt Vorige. Tristan (erscheint, Suppe essend, mit vorgebundener Serviette auf dem Balkon links) Tristan             Wer stört uns hier beim Schmaus? Almosen werden nicht gegeben. (Ab) Liseo Was heißt denn das? Damacio             Kein Harfenton. Wenn Ihr Euch in dem Haus nicht irrtet, So sitzt vor Eures Engels Thron Heut eine männliche Person, Die man sehr engelhaft bewirtet. Liseo (ruft) He! Tristan (erscheint wieder)             Freund, ich rat' Euch, zu verschwinden. (Ab) Damacio Saht Ihr ihn diesmal nicht genau, So nenn' ich Euch nun einen Blinden. Die scheue, tugendsame Frau Scheint nicht allein sich zu befinden. Liseo Recht niedlich! (Er versucht die Haustür zu öffnen) Damacio             Könnt Ihr nicht hinein? Liseo Aufmachen! Tristan (erscheint abermals)             Packe dich, du Schwein! Damacio (zu Tristan) Freund, wie man sich dies Wort auch deute, Für einen Engel ist's nicht fein. Tristan Ja, richtig, ihr seid Edelleute; Ich seh's erst jetzt an eurem Staat. Liseo Dient Ihr der Dame? Tristan             Welcher Dame? Liseo Clarinda. Tristan             Herr, ich bin Soldat, Fähnrich des Hauptmanns, dessen Name Lorenzo de Guzman, und grad Weilt er bei ihr zum Mittagessen. Damacio (zu Liseo) Hört Ihr? Liseo             Unglaublich! (Zu Tristan) Ihr indessen, Wie heißt Ihr? Tristan             Tristan. (Ab) Damacio             Er macht kehrt, Der Engel mit dem Flammenschwert. Habt Ihr, was Ihr gesagt, vergessen? »Ich will, falls nochmals Ihr mich bringt Zu einer ähnlichen Sirene, Bewaffnet gehn bis an die Zähne, Weil keineswegs ich unbedingt Nach Rolands Heldentod mich sehne. Doch heut sollt Ihr ein Weib erblicken, Dem gar nichts ist am Zeug zu flicken Und dem ich Sonne bin und Herr.« Jawohl, ein Engel zum Bestricken, Jedoch der Engel Luzifer. Liseo Der Witz, den Ihr entfaltet, ätzt Und sticht gleich einem Dorngewächse. Damacio »Ihr habt sie tüchtig überschätzt, Die falsche, launenhafte Hexe; Wohl Euch, daß Ihr Euch drob entsetzt.« War schon der Fähnrich so verwegen, Der Hauptmann ist's gewiß noch mehr. Liseo Ich fühle meinen Zorn sich regen! Damacio Gehn wir und kommen wieder her, Wenn dieser Tristan nicht zugegen. Liseo Was, wiederkommen? Unverzeihlich! Die Tür zerschmettr' ich! Öffnet mir! Zehnter Auftritt Vorige. Don Lorenzo, Tristan (kommen aus dem Hause links) Don Lorenzo Es ist schon offen. Wünschtet Ihr Zu diesem Hause Zutritt? Liseo             Freilich! Don Lorenzo Nun denn, das ist kein Gasthof hier. Vermutlich seid Ihr falsch berichtet. Ich wohne da. Liseo             Doch immerhin Wohnt auch Fräulein Clarinda drin. Don Lorenzo Ist sie Euch irgendwie verpflichtet? Liseo Und wenn ich ihr verpflichtet bin Für unbezahlbar teure Spenden? Don Lorenzo Ich zahle sie sofort Euch bar. Liseo Nicht kaufen könnt Ihr sie, noch pfänden. Don Lorenzo Nach vollem Werte, bis aufs Haar. Liseo Allein aus ihren schönen Händen Kann die Bezahlung ich empfangen Für ein ihr anvertrautes Herz. Don Lorenzo Da seid Ihr gänzlich fehlgegangen. Um solche Zahlung zu erlangen, Versucht Ihr's besser anderwärts. Liseo Ich will sie sprechen … Don Lorenzo             Geht beiseite! Liseo Hier und vor Euch, auf diesem Fleck. Don Lorenzo Herr, Ihr seid unwahrscheinlich keck. Damacio (leise zu Liseo) Übung bekommen wir im Streite; Das ist seit gestern schon der zweite. Don Lorenzo Hinweg mit euch, ihr Satansbrut! Liseo Wir bleiben euch zum Trotz, ihr Bande! (Sie fechten) Elfter Auftritt Vorige. Felisardo, Mendoza Don Lorenzo Halunken, gnad euch Gott! Felisardo             Mein Blut, Mendoza, kommt sofort in Glut, Wenn einen Mann von edlem Stande Ich kämpfen seh'. Ich spring' ihm bei; Denn er ist sicherlich im Rechte. Damacio Gezücht! So viele gegen zwei! (Er und Liseo entweichen) Zwölfter Auftritt Don Lorenzo. Tristan. Felisardo. Mendoza Felisardo Sie fliehn. Don Lorenzo             Herr, laßt mich im Gefechte! Wie gut auch Euer Wille sei, Vor ungestilltem Grimm erstick' ich, Kann ich nicht schleunigst einen Mord Begehn an jenem Schwätzer dort. Felisardo Wie? Don Lorenzo! Don Lorenzo             Was erblick' ich? Freund Felisardo! Felisardo             Ihr am Ort? Don Lorenzo Ja, heimgekehrt ins Vaterland. Felisardo Steckt ein; seid an mein Herz geschlossen Wie freut's mich, daß ich hier Euch fand, Solch alten, wackeren Genossen! Tristan (zu Mendoza) Wir zwei sind uns doch auch bekannt. Mendoza Der kleine Tristan! Tristan             Ja, leibhaftig. Mendoza Der Krieg, so scheint es, ist gesund; Du wardst inzwischen fett und saftig. Tristan Und du, Mendoza, kugelrund. Mendoza Ich wucherte mit meinem Pfund. Felisardo Sagt, wie's Euch in Italien ging, Lorenzo. Don Lorenzo             Von des Schicksals Wogen Ward ich hinauf, hinab gezogen, Obwohl der Feldherr an mir hing Und ich viel Gunst von ihm empfing. Felisardo Ihr müßt mir noch erzählen. Don Lorenzo             Gerne. Felisardo Jedoch wie kam's, daß jener Zwist Vorhin hier ausgebrochen ist? Don Lorenzo Das kommt davon, wenn aus der Ferne Man heimkehrt nach geraumer Frist. Als ich nach dieser langen Pause Heut eine Dame wiedersah, Hat plötzlich das Gesindel da Zutritt begehrt zu ihrem Hause. Felisardo Noch schlimmer ist, was mir geschah. Don Lorenzo Was denn? Felisardo             In Fesseln mich geschlagen Hat eine Frau, von Aussehn Mai, Jedoch Dezember von Betragen. Don Lorenzo Da können wir gemeinsam klagen. Felisardo Seht sie nur selbst; sie kommt vorbei. Dreizehnter Auftritt Vorige. Octavia, Beatriz (sind verschleiert aus dem Hause rechts gekommen) Don Lorenzo Ist's die? Wohin wohl mag sie gehn? Felisardo Sie geht nach einem Kleide sehn, Das ihr geschenkt ward von mir Toren. Don Lorenzo Welch edler Wuchs! Felisardo             Ich bin verloren! Don Lorenzo Die Torheit kann ich gut verstehn. Felisardo Ich möchte nur geschwind ein Wort Ihr sagen; wartet. Don Lorenzo             Nach Befehle. Felisardo (geht zu ihr) Octavia, jenen Ritter dort, Den ich zu meinen Freunden zähle, Traf ich hier an. Lang war er fort, Kam heut erst aus dem Feld nach Haus Geh, du mein Herzblatt, unterdessen Zum Schneider allgemach voraus Und such nach eigenem Ermessen Die rechten Farben dir dort aus. Ich folge nach, sobald ich kann. Octavia Das heißt, du willst dich sachte drücken. Felisardo Wann hielt ich dir mein Wort nicht? Wann? Octavia Komm, Beatriz. Felisardo             Mein ganz Entzücken Bist du. Octavia Lüg mich nicht wieder an. (Sie geht mit Beatriz weiter) Beatriz (im Abgehen) Der Fremde, Fräulein, ist gefährlich. Octavia Doch ob auch selber leicht entflammt? Beatriz Ein dutzendmal gewiß alljährlich. Octavia Gleichgültig oder gar beschwerlich Sind mir die Männer insgesamt. Beatriz Ist's denkbar? Ewig unbewegt? Octavia So hat mich die Natur geprägt. Beatriz Habt Eure Schönheit Ihr vergebens? Octavia Es wurde mir zeit meines Lebens Durch keinen ein Gefühl erregt. (Beide ab) Vierzehnter Auftritt Don Lorenzo. Tristan. Felisardo. Mendoza Felisardo Ist sie nicht zauberhaft? Don Lorenzo             Sie gleicht Der Venus. Felisardo Findet Ihr? So streicht Um sie herum, nach Gunst begierig: Sie zu beschenken ist zwar leicht, Doch sie zu lieben äußerst schwierig. Don Lorenzo Wieso? Felisardo             Sie dankt, wenn man sie liebt, Indem sie spricht, schreibt, nimmt. Don Lorenzo             Und gibt? Felisardo Davon hab' ich in den drei Jahren, Seit ich sie liebe, nichts erfahren. Don Lorenzo Drei Jahre! Doch weshalb verschiebt Sie jetzt noch jedes Gnadenzeichen? Felisardo Sie wünscht wohl, daß ich am Altar Ihr als Gemahl die Hand soll reichen. Don Lorenzo Ein sehr gewicht'ger Grund fürwahr. Ließt Ihr sie's hoffen? Felisardo             Ziemlich klar. Don Lorenzo Ei, wenn man von der Heirat spricht Mit einer Frau, dann braucht man nicht Erstaunt zu sein, daß zum Gewähren Sie sich erst will bereit erklären, Nachdem man sie geehelicht. Felisardo Dies Weib ist manches Opfer wert; Es haben wohl in den drei Jahren Dreitausend Männer sie verehrt, Die sämtlich ihre Gimpel waren, Da, wer sie sieht, sie auch begehrt. Nur fragt sich, ob sie jemals einem Von diesen ihre Gunst geweiht; Denn Lieb' und Achtung zeigt sie keinem. Doch seltsam wär's, hätt' all die Zeit Ein Weib wie sie sich so kasteit. Das ist der Argwohn, der unsäglich Mir zusetzt, weil ich ohnehin Nicht weiß, woran ich mit ihr bin, Und weil als Steckenpferd alltäglich Sie unsre Heirat hegt im Sinn. Kein Wunsch von mir, dem sie sich fügt; All meinen Plänen widersteht sie, All meine Absichten verdreht sie, Zermürbt mich, quält mich, lügt und trügt, Und es gibt nichts, was ihr genügt. Sie flieht vor mir, komm' ich ihr nah, Und geh' ich, folgt sie mir in Dichte; Sag' ich ihr »nein«, sagt sie mir »ja«; Ich bin der Schatten ihrem Lichte, Und schwindet sie, werd' ich zunichte. Wein' ich, dann singt sie; sing' ich, weint sie; Will ich etwas von ihr, verneint sie; Vernein' ich, will sie's ihrerseits: Je mehr sie mit mir spielt, erscheint sie Mir so von immer größrem Reiz. Don Lorenzo Ein tolles Weib in jedem Zoll! Felisardo Ach, Freund, ich selber werde toll. Hat doch der Himmel nichts geschaffen, Was gleichermaßen wundervoll Geeignet wäre zum Vergaffen. Sie heuchelt, fällt in Ohnmacht, schreit, Hat Eifersucht, steckt voller Tücken, Geht spionieren hinterm Rücken, Verschmäht, was nah, begehrt, was weit, Und alles ist Verschlagenheit. Don Lorenzo Da muß ich sehr beglückt mich fühlen, Daß nicht mit mir sie so verfährt. Felisardo Lorenzo, glaubt, selbst einen Kühlen Vermag sie gründlich aufzuwühlen, Auch wenn er keine Liebe nährt; Ja, sie verfolgt ihn noch im Traum. Don Lorenzo Ich sehe deutlich ihre Schlingen. Doch was gedenkt Ihr zu vollbringen? So schlaue Weiber lassen kaum Sich auf gewohntem Weg bezwingen. Stets war es meine Meinung nämlich. Den Frauenzimmern schad' es nicht, Beschränkt zu sein und etwas dämlich; Ist eine von Verstande schlicht, Macht sie das Lieben uns bequemlich. Man darf auf ihre Treue baun, Und ihrer angebornen Güte Entkeimen Sanftmut und Vertraun. Felisardo Der Zweifel nagt mir am Gemüte Und läßt mich wie durch Nebel schaun. Drum ist mir ein Gedank' erwacht: Wie war' es, wenn den Hof ihr macht Ein Freund von stattlicher Erscheinung, Der mit mir kommt und geht und sacht Erkundet ihre Herzensmeinung; Der den verliebten Schäfer spielt Und so mich Wahrheit läßt erkennen? Don Lorenzo Wißt Ihr denn einen zu benennen, Der sich für solch ein Amt empfiehlt? Felisardo Um diese Festung zu berennen, Hat Euch der Himmel mir geschickt. Ihr habt nun in mein Herz geblickt Und werdet höchlichst mich verbinden, Wenn mit geheucheltem Empfinden Ihr sie geflissentlich umstrickt. Winkt mir die Hoffnung auch, die Frucht So treuer Huldigung zu brechen, Will, fürchtend ihre Flattersucht, Ich mich an ihrer Ehre rächen; Denn diese Rache nur hat Wucht. Zu lang schon leb' ich so beklommen; Belügt, betört, erobert sie; Sagt, seit Ihr sie hier wahrgenommen, Wärt Ihr vernarrt. Don Lorenzo Doch werd' ich nie, Das schwör' ich, ins Geheg Euch kommen. Felisardo Ich glaub's Euch. Don Lorenzo Geht; bezahlt ihr Kleid; Zu ihr geb' ich Euch das Geleit. Felisardo So kommt. (Beide ab) Fünfzehnter Auftritt Mendoza. Tristan Mendoza             Vernahmst du, was im Schilde Sie führen? Keine Kleinigkeit. Tristan Jawohl, ich bin durchaus im Bilde. Doch, Bruder, schaff mir auf den Platz Nun einen drallen Küchenbesen; Denn dort, wo ich im Feld gewesen, Hatt' ich drei Monat einen Schatz. Mendoza Drei Monat? Tristan             Mangels von Ersatz. Mendoza Du Ärmster! Tristan             Solltest du vermuten, Es wären dort wie hierzuland Die Mägde zahlreich wie die Puten Und atmeten aus ihren Schnuten Duft von Anis und Amarant? Zwar ließ das Weibsvolk mich nicht ruhn Und heizte mir den Höllenofen Vor Eifersucht auf Spaniens Zofen Mit ihren kleinen Klapperschuhn Und ihren Häubchen aus Kattun. Mendoza Gibt's keine Küchenmägde da? Tristan Nur Circen gibt es. Mendoza             Circen? Tristan             Ja. So heißen am Vesuv die Nickel; Die nehmen unsereins am Wickel, Bevor man sich's noch recht versah. Sie stehn mit Satanas im Bunde; Doch spätestens nach einer Stunde Sind sie für immer abgetan. – Auf Wiedersehn, du Vagabunde! Mendoza Auf Wiedersehn, du Liedrian! (Tristan ab) Sechzehnter Auftritt Mendoza. (Dann) Beatriz. Mendoza (allein) Soldatenleben bringt Gewinn! Doch unseres, trotz allen Mätzchen, Ist reizlos bis zum Widersinn. (Er sieht Beatriz kommen) Schau, Beatriz! Beatriz             Was gibt's? Mendoza             Wohin, Mein Beatrizchen, Schätzchen, Kätzchen? Du, weißer als der neue Schnee, Du, prickelnder als Salz und Pfeffer, Du, schlanker als ein junges Reh, Du, leuchtender als eine Fee Und bissiger als zwanzig Kläffer, Gib mir 'nen Kuß. Beatriz             Was fällt dir ein? Mendoza Wenn ich doch schon so lang drauf warte. Beatriz Auf offner Straße? Mendoza             Freilich. Beatriz             Nein. Mendoza Wann soll denn unsre Hochzeit sein? Beatriz Nicht, ehe dieser Durandarte Zuvörderst meine Herrin freit. Mendoza Du marterst mich mit Hindernissen. Beatriz Gibt's irgendeine Neuigkeit? Mendoza Ein groß Geheimnis. Beatriz             Laß mich's wissen, Mendoza Zwar bin ich von dir hingerissen; Doch ein Geheimnis und ein Weib … Gott soll bewahren! Beatriz             Flink, du Schlimmer! Sag's, oder es ist aus auf immer Mit uns! Mendoza             Hör, Beatrizchen; bleib! Beatriz Mir was zuliebe tust du nimmer, Bist nie mir gegenüber ehrlich. Ist dein Gefühl für mich so spärlich, Geh' ich dir nicht mehr auf den Leim. Du hältst vor mir etwas geheim? Und das wär' Lieb' und Treue? Schwerlich! Gehab dich wohl, mein guter Junge. Mendoza Willst du mir schwören, deine Zunge Zu hüten? Beatriz             Nun, damit du nur Beruhigt bist, leg' ich den Schwur Dir ab mit feierlichem Schwunge: Man soll mir keinen Dienst erweisen, Der mir mißfällt; ich soll kein Huhn, Das noch nicht gar ist, je verspeisen; Nie soll ich schlafen gehn in Schuhn Und Kleidern; Brot, so hart wie Eisen, Soll ich nie kaun, Wein, der nicht alt, Nie trinken, soll, wenn mit Gewalt Die Sommersonne brennt, nie schwitzen, Nie frieren, wenn's im Winter kalt; Soll nie ... Mendoza             Was? Beatriz             ... in der Hölle sitzen, Halt' ich, mein Freund, nicht reinen Mund. Mendoza Wohlan, so tu' ich denn dir kund … Beatriz Wird's bald? Mendoza Mein Herr will Rache nehmen An deinem Fräulein. Beatriz             Und der Grund? Mendoza Sein Mißtraun kann er nicht mehr zähmen. Dem Hauptmann trug er auf daher, Daß er in sie verliebt sich stelle, Damit aus diesem Spiel erhelle, Wieviel sie taugt. Beatriz             Leicht könnte der Heimkehren mit gerupfter Pelle. Mendoza Wenn er sich auf die Kunst versteht, Wird sie, so wett' ich, ihm erliegen. Beatriz Von keinem läßt sie sich besiegen; Und wenn er tausend Jahre fleht, Er wird sie doch nicht unterkriegen. Siebzehnter Auftritt Vorige. Octavia, Felisardo. (In einiger Entfernung folgen ihnen) Don Lorenzo, Tristan Felisardo Bist du zufrieden? Octavia             Ja, mein Lieber. Felisardo Auch mit dem Atlas? Octavia             Ungemein. Felisardo Der Hauptmann, wohl vom selben Fieber Erfaßt wie ich, kommt hinterdrein. Gefällt er dir? Octavia             Nach äußrem Schein Ist er recht flott. Felisardo             Und sehr galant. Octavia Wie heißt er? Felisardo             Don Lorenzo. Octavia             Stand Er nicht beim Heer im jüngsten Kriege? Felisardo Und ward zum Hauptmann dort ernannt. Octavia Ist er geadelt? Felisardo             Von der Wiege. Octavia Ruhmvoll? Felisardo             Den höchsten Ruhm erstritt Er sich. Octavia             Und reich? Felisardo             Mehr als ein Inder. Octavia Freigebig auch? Felisardo             Das weiß ich minder. Octavia Und wo geboren? Felisardo             In Madrid. Octavia Von hier? Felisardo             Dein Landsmann. Octavia             Bring ihn mit Zu mir nach Haus. Felisardo             Heut nachmittag? Octavia Geh hin und sag es ihm. Felisardo                         Ich sag' Es ihm. (Er geht zu Don Lorenzo, während Beatriz sich Octavia nähert. Tristan und Mendoza sprechen miteinander im Hintergrund)             Mein Bester … Don Lorenzo             Wird es werden? Felisardo Ich bringe günstigen Ertrag. Don Lorenzo Durch Haltung, Tracht, Gestalt, Gebärden Hab' ich's ihr wohl schon angetan? (Sie sprechen weiter miteinander) Beatriz (zu Octavia) Ich hätt' Euch allerlei Geschichten Von Felisardo zu berichten. Octavia Nun wohl, ich höre zu. Beatriz             Sein Plan Ist, Euch zu fühlen auf den Zahn. Drum soll der Hauptmann sich so stellen, Als hätt' er sich in Euch vergafft, Und soll versuchen, Euch zu fällen, Damit er sich Gewißheit schafft, Ob treu Ihr seid und tugendhaft. Octavia Du scherzest! Beatriz             Nicht doch. Octavia             Das ist echt! Wer sagte dir's? Beatriz             Mendoza. Octavia             Recht! Im Heucheln bin auch ich beschlagen. Beatriz Wie meint Ihr das? Octavia             Oft hört' ich sagen, Es gelt' als Regel beim Gefecht: Die beste Deckung ist der Hieb. Ich will so tun, als hätte wunder Wie sehr ich ebenfalls ihn lieb. Er ist Soldat; wenn man den Plunder Versteht, so flammt er auf wie Zunder. Beatriz Vorzüglich! Octavia             Achtung! Ich beginne. (Sie ruft) He, Felisardo! Felisardo (eilt zu ihr)             Stets bereit. Nun? Octavia             Falls in freundschaftlichem Sinne Du den Herrn Hauptmann eingeweiht In das Geheimnis unsrer Minne, So bring ihn heute mit zu Tisch. Ich will ihm Gastlichkeit erweisen Als deinem Freund. Felisardo (geht zu Don Lorenzo)             Bei ihr zu speisen, Lädt sie Euch ein. Don Lorenzo             Aha, der Fisch Beißt an. Felisardo             Seid recht verführerisch. Octavia (zu Beatriz) Der Wolf hat sich wohl gar gedacht, Zu tun hab' er's mit einem Schafe? Verdient nicht solch ein Pinsel Strafe? Don Lorenzo (zu Felisardo) Paßt auf, sie wird zu Fall gebracht. Octavia (zu Beatriz) Einseifen werd' ich ihn, hab acht, Und ausziehn, daß sich Gott erbarm'. Don Lorenzo (zu Felisardo) Die wird im Handumdrehn bemeistert. Octavia Das Essen, meine Herrn, steht warm – Herr Hauptmann, reicht mir Euren Arm. Don Lorenzo Ich bin beglückt. Octavia             Ich bin begeistert. (Alle ab ins Haus rechts) Zweiter Akt Dieselbe Dekoration Erster Auftritt Clarinda. Don Lorenzo. Tristan Don Lorenzo Erspare dir, dich reinzuwaschen, Clarinda. Dem, der lange Zeit Entfernt war, sagt Wahrscheinlichkeit, Es werd' ihn manches überraschen. Verkauft hast du mich und verraten, Derweil ich in der Fremde war, Und mich beschuldigst du nun gar Verräterischer Missetaten. Der Geck will deine Haustür sprengen, Und du beschworst mir, daß du kaum Der Sonne selber so viel Raum Gegönnt hast, um sich einzudrängen. Zutritt begehrt er, wie gewohnt, Und du erschrickst, weil der Geselle Ins Haus will, wo an meiner Stelle, Solang ich fern war, er gethront. Er hat mir heftig und verwegen Mit seiner Klinge zugesetzt, Bis andere zu guter Letzt Einhalt geboten unsern Degen. Und nun bist du darauf versteift, Mich eifersüchtig anzuschwärzen, Nachdem du mir von Aug' und Herzen Die Schleier hast hinweggestreift! Denn klar erkenn' ich deine Schuld, Und daß du mich mit solchen Tücken Getäuscht hast hinter meinem Rücken, Das geht mir über die Geduld. Erfreu, Clarinda, dich der List, Mit der du mich von dir vertrieben; Kann doch ein Mann ein Weib nicht lieb Wenn sie so unwahrhaftig ist. Laß mich und forsche mir nicht nach; Ich könnte mich sonst nicht entbrechen, In anderm Ton mit dir zu sprechen, Als ich bis heute mit dir sprach. Clarinda Lorenzo, wenn dein schlecht Betragen Du künstlich zu verhüllen denkst, Indem du mich mit Klagen kränkst, Mich, die doch selbst sich muß beklagen, Dann war es höchste Grausamkeit, Wenn Jahr und Tag du stets aufs neue In deinen Briefen mich zur Treue Ermahnt mit eignem Wort und Eid. Du schiedst mit tausend Liebesschwüren, Gelobtest, mich unwandelbar Zu lieben und mich am Altar Nach deiner Rückkehr heimzuführen. Du sprachst, es werde hier verbleiben Dein Herz, auch wenn du abgereist; Du werdest mir, wo du auch seist, Mit jeder Post ausführlich schreiben. Du speistest mich mit einem Strom Von Zärtlichkeit, erst aus Pamplona Und aus Valencia, Barcelona, Dann aus Neapel und aus Rom; Und immerdar, aus Fern' und Nähe, Gabst du den falschen Vorsatz kund, Zu weihen unsern Herzensbund In heiliger und froher Ehe. Du kommst, und gleich im Anbeginne, Als könn' es nicht gar leicht geschehn, Daß mich ein Mann vom bloßen Sehn In einer Kirche liebgewinne, Da doch an keinem andern Ort Ich außerm Haus mich blicken lasse, Raufst du mit ihm dich auf der Gasse Und rennst wie ein Beseßner fort, Läufst in der nämlichen Minute Zum Schneiderladen hin und gibst Der saubren Dame, die du liebst, Dein ganzes Bargeld zum Tribute, Schenkst ihr ein blaues Atlaskleid, Wetteifernd mit des Himmels Bläue, Genau die Farbe jener Treue, Die mir du gleisnerisch geweiht, Kaufst ihr noch Spitzen, Goldbesatz Nebst Borten, Schleifen, Bändern, Tressen, Gehst in ihr Haus zum Abendessen, Verschwendest einen ganzen Schatz. Du schmälst, ich hätte dich betrogen, Weil ich von deinem Trug erfuhr; Ist's doch Fräulein Octavia nur, Die deine Liebe mir entzogen! So kehrst du heim aus fremden Ländern Nach dieser langen Wartefrist, Und wenn du selbst verändert bist, So wird auch hier sich manches ändern. Don Lorenzo Dein Pfeil, er prallt zurück auf dich; Denn sind bei allem, was da weiblich, Veränderungen unausbleiblich, Wie wärst du nicht veränderlich? Mög' neue Liebe dich entflammen, Mögst du durch sie beseligt sein Und tun, als ob nur ich allein Zu tadeln war' und zu verdammen. Von der Verschwendung abzulassen, Hat mich dein Rat mit Recht gelehrt; Die Weiber sind es ja nicht wert, Daß man sie sucht in Gold zu fassen. Clarinda Wie bist du töricht! Don Lorenzo             Ich bin klüger Als ein Gelehrter; denn den Fraun Lernt' ich bis auf den Grund zu schaun. Clarinda So geh, du schändlicher Betrüger. (Ab ins Haus links) Zweiter Auftritt Don Lorenzo. Tristan Tristan Sie weint. Don Lorenzo             Ich hab' es wohl bemerkt. Tristan O Herr, wie könnt Ihr das ertragen? Don Lorenzo Weil der, den Liebe wund geschlagen, Sein blutend Herz durch Rache stärkt. Tristan Entsinnt Ihr Euch, was Ihr gesprochen? »Laß, Tristan, bei der Wiederkunft Mein Herz, unnahbar der Vernunft, In rückhaltloser Freude pochen.« Taub wolltet Ihr ja sein und blind, Und wird nicht jede Lust vergröbert, Wenn nach Enttäuschungen man stöbert, Die noch zum Glück verborgen sind? Nicht gut ist's, Wasser aufzurühren, Wenn draus zu trinken uns gefällt: Clarinda kam als Weib zur Welt, Und jedes Weib läßt sich verführen. Don Lorenzo Tristan, wo wär' ein Mann zu finden, Der weiser ist als Salomo? Tristan Beim Lieben freilich ist es so; Da spielt man allzugern den Blinden. Don Lorenzo Leicht ist's, wenn nicht in unserm Blut Die Feuer der Verliebtheit brennen, An einem Weibe zu erkennen Die Schwachheit und den Wankelmut. Doch die Verliebten könnte man Vergleichen mit den wilden Rappen, Die lediglich mit Augenklappen Verwendbar sind für das Gespann. Selbst wer durch schärfste Brillen späht, Vermag er einem solchen Wesen Untrüglich an der Stirn zu lesen, Ob es ihn liebt, ob hintergeht? Ein Unterschied ist, ob ich sitze Vor einem Spiegel oder Quell; Denn jener zeigt das Bild mir hell, Und dieser zeigt mir nur die Skizze. Das Spiegelglas bleibt unbewegt, Verrät somit uns jede Schwäche; Der Quell verwischt sie, weil die Fläche Des Wassers immerzu sich regt. Tristan Gottlob, daß Ihr so nüchtern sprecht Und in der Weisheit so erheblich Vorangekommen seid. Don Lorenzo Vergeblich. Tristan Liebt Ihr sie trotzdem noch? Don Lorenzo             Erst recht. Tristan Obwohl Ihr seht, wie sie's vergilt Mit purer Falschheit? Don Lorenzo             Ich gestehe, Daß ich nicht glaube, was ich sehe; Im Quell erblick' ich ja das Bild. Kein andres Mittel kann daher Zur Heilung bringen dieses Leiden, Als ihren Anblick zu vermeiden. Tristan Das fällt Euch sicherlich nicht schwer, Weil Euch bereits in neuen Banden Octavia hält. Don Lorenzo             Was hilft das viel, Da diese Liebe nur ein Spiel Und nicht in Wahrheit ist vorhanden? Sagt' ich dir doch, daß Freundespflicht Mich Felisardo ließ geloben, Durch Liebesheucheln zu erproben, Ob ihm sie treu ist oder nicht. Drum laß auch du dir bloß zum Schein Von Beatriz den Sinn verwirren Und hüte dich vor ihr; dein Girren Darf gleichfalls nur erheuchelt sein. Tristan Ich werde tun, was Ihr befehlt, Wenngleich mit großer Überwindung, Da nicht von anderer Empfindung Mein Herz wie Eures ist gestählt. Als gestern abend sie ein Schnitzel Mir auftrug und ich ihre Hand Ergriff, da, weiß es Gott, empfand Ich in der Seele einen Kitzel. Sie zog die Hand zurück, das heißt Sie tat wie jemand, der zum Lachen Den Anreiz fühlt in sich erwachen Und drum sich auf die Lippen beißt. Don Lorenzo Auch bei Octavia selbst gelingt So schneller Sieg mir, daß ich staune. Tristan Es ist ein Weib von guter Laune Und gutem Herzen, unbedingt. Wie gastlich sie die Schüsseln hob Und jedem reichte; wie beflissen Sie stets die besten Leckerbissen Euch zierlich auf den Teller schob! Wie reizend pflegte sie zu nippen Von Eurem Becher und erkor Die gleiche Stelle, wo zuvor Ihr selber hattet Eure Lippen! Gott gebe nur, daß Euer Freund Bei ihr nicht Euren Kuppler machte Und in ein Labyrinth Euch brachte, Das rings ein Stachelwall umzäunt. Don Lorenzo Hab keine Furcht, weil ich ja doch Vor Liebe zu Clarinda sterbe. Tristan Es ist kein Felsgestein so herbe, Daß nicht die Zeit ihm höhlt ein Loch. Don Lorenzo Besuchen wir sie jetzt; ich denke, Das gibt den Rest ihr. Tristan             Soll geschehn, Schon weil, um Beatriz zu sehn, Ich gerne mir den Hals verrenke. (Beide ab ins Haus rechts) Zimmer im Hause der Octavia Dritter Auftritt Octavia. Beatriz. Octavia Auf zu den Waffen! Überfall! Der Feind, er naht sich unsrer Feste. Beatriz Verschanzen wir die Burg aufs beste Und stellen Wachen auf den Wall. Octavia Drum zu den Waffen! Ein Verräter Kommt mit erheucheltem Gefühl, Will mich erhitzen, selber kühl, Und ohne Lieb' um Liebe fleht er. Weil ich jedoch von Eva stamme, So wickle mich in lauter List, Die reich gefüllt mit Vorrat ist, Gleich einem vollgesognen Schwamme. Gib mir den starken Helm der Lüge, Den Federbusch der Schmeichelei, Der Sehnsucht nachgeahmten Schrei, Der Leidenschaft gefälschte Züge. Gib mir der Vorsicht Rückenschild, Gib mir die Schlinge der Erhörung, Den Degen gleißender Betörung, Den Pfeil, der Trug mit Spott vergilt. Beatriz Haha, wie gut kann ich verstehn, Daß dieser aufgeblasne Krieger, Der sich schon fühlt als stolzen Sieger, Wird als Besiegter von Euch gehn. Ein Glück, daß Ihr sein Spiel durchschaut! Octavia Ein Glück, verdoppelt durch die Rache Dafür, daß dieser selbst so Schwache Mir solche Schwäche zugetraut. Kann ich doch überhaupt nicht lieben. Seltsam! Es flattert mein Begehr Von dem zu jenem hin und her, Ist noch bei keinem lang geblieben. Erblick' ich einen Mann, so wandern Mir die Gedanken ohne Ruh' Vom alten weg dem neuen zu; Denn einer gleicht genau dem andern. Ja, Beatriz, gut wird mir schmecken Ein feister Hahn, den du mir brätst; Doch wenn du mir zur Liebe rätst, So wirst du keinen Mann entdecken – Wie eifrig auch du dieses Amt Betreiben magst –, der mir gefiele; Ob Fässer oder Besenstiele, Sie sind doch Männer insgesamt. Und mögen sie den Unterschied In ihrer Liebe laut betonen, Sie gleicht den Geißlerprozessionen, Wo man, was kommt, voraus schon sieht. Beatriz Doch fürcht' ich … Octavia             Was? Beatriz             Als Übermut Und Grausamkeit wird's leicht erscheinen, Wenn solche, die es ehrlich meinen, Ihr kalten Herzens bringt in Glut. Octavia Das ist nicht möglich. Beatriz             Ja, doch. Octavia             Nein; Denn wenn sie die Verliebten spielen, Weiß ich, worauf sie wirklich zielen, Auswendig stets von vornherein. Beatriz Worauf? Octavia             Sie wissen sich am Schluß Durch eine Hintertür zu drücken: Der, weil er in das Feld muß rücken, Der, weil er sich vermählen muß Aus Rücksicht und Familienpflicht; Und dann, wie wenn man die Tapeten Von einer Wand entfernte, treten All unsre Fehler an das Licht. Die Schminken und den Puderstaub Merkt plötzlich dann der vormals Blinde, Sieht jeden Knubben in der Rinde, Den zugedeckt bisher das Laub. Er findet uns voll arger Schwächen, Die sämtlich er erst jetzt gewahrt Und denen seine Wesensart Und sein Empfinden widersprechen. Sind wir ihm selbst nicht mehr geheuer, So läuft auch noch sein Freund herbei Und gießt mit schnöder Klatscherei Und mit Verleumdung Öl ins Feuer: Sie ließ von jenem sich beschenken, Nach diesem hegte sie Begier; Sie trug, als Dingsda sprach mit ihr, Ihn anzuhören kein Bedenken. Drauf sagt der Wicht: »Wie konnte je Mir solch ein Weib zur Liebe taugen? Mir fällt's wie Schuppen von den Augen, So daß ich auf den Grund ihr seh'. 's ist eine Närrin, eine Schlange, Ein Luder, eine dumme Kuh; Gottsträflich setzte sie mir zu Mit schwarzer Kunst und Höllenzwange. Sie goß Gewürz in Feuersglut, Sie murmelte geheime Sprüche Und sott in ihrer Hexenküche Lavendel, Tollkraut, Eisenhut. Gottlob, daß ich hervorgegangen Mit heiler Haut aus ihrem Joch!« Und solche Männer soll man noch Mit aller Freundlichkeit empfangen. Beatriz Doch gibt's auch welche, die verweint Vorm Fenster ihrer Dame trauern Und jeden wie verrückt belauern, Der zu Besuch bei ihr erscheint. Octavia Windbeutel, Zungendrescher, Laffen Und Hampelmänner, sag' ich dir; In dies zweibeinige Getier Soll unsereine sich vergaffen? Das könnte mir wahrhaftig passen! (Es wird an die Tür gepocht) Beatriz Wer klopft? Octavia             Wer sonst als unser Pfau? Herein! Vierter Auftritt Vorige. Don Lorenzo. Tristan Don Lorenzo             Ich suche, schöne Frau, Mein Herz, das ich hier liegenlassen. Ich muß vermuten, daß im Rausch Es mir aus meiner Brust entschwunden? Habt Ihr es aber aufgefunden, Schenkt Eures mir dafür zum Tausch. Ich bin wie ein entseelter Leib, Octavia, der sein ganzes Leben Mit seinem Herzen hingegeben, Und Ihr nur wißt um den Verbleib. Seid nicht verwundert, mich zu schaun; Weil ich nur leb' in Eurer Nähe, Nicht lebe, wenn ich Euch nicht sehe, Dünkt mich die Ferne Todesgraun. Zwar fürcht' ich fast, Ihr seid empört, Wenn man so rückhaltlos Euch huldigt; Ich aber bin dadurch entschuldigt, Daß mir mein Herz nicht mehr gehört. Octavia Lorenzo, wurdet Ihr es inne, Daß Euer Herz bei mir verblieb, Ist mir das Eingeständnis lieb, Weil ich bei diesem Tausch gewinne. Gern geb' ich Euch dafür das meine Mit aller Innigkeit und Treu'; Drum hegt, ich bitt' Euch, keine Scheu, Daß Euer Wunsch zu kühn mir scheine. Denn Euch als meinem Zwingherrn räum' ich Die Herrschaft ein in diesem Haus. Don Lorenzo O Teuerste, was sprecht Ihr aus? Ist's Wahrheit? Wach' ich oder träum' ich? Was war's für eine Wunderblüte, Auf die mein Fuß beim Aufstehn trat? Welch ein Gestirn wies mir den Pfad? Welch eine Venus bot mir Güte? Ist eine Taube mir erschienen Am Eingang? Saß ein Cherub dort? Ich soll hier Herrscher sein hinfort, Ich, der nicht wert ist, Euch zu dienen! Befand' ich noch mich bei dem Heere, Müßt' meine Kompagnie vor mir Zum besten geben ein Turnier Zu Eurem Ruhm und Eurer Ehre. Das dürfte Tag und Nacht nicht enden Mit Schwertgeklirr und Lanzenstoß, Und für die Freudensalven bloß Würd' ich ein Pulverfaß verschwenden. Just wie wenn unsre Heeresmassen Glorreich mit kriegsgeübter Hand Erobert hätten Maurenland, Würd' ich Viktoria blasen lassen. Octavia (leise zu Beatriz) Nun denkt sich dieser Tropf gewiß, Daß ich vor Leidenschaft verblute. Don Lorenzo (leise zu Tristan) Nun glaubt unstreitig diese Pute, Daß ich auf ihren Köder biß. Octavia (leise zu Beatriz) Bei Gott, es soll, damit er's büße, Mehr Geld ihn kosten, als er hat. Don Lorenzo (leise zu Tristan) Sie fällt beim ersten Schuß aufs Blatt Mir wie ein Rebhuhn vor die Füße. Octavia Nehmt Platz, ich bitte. Don Lorenzo Doch auch Ihr Sollt die Bequemlichkeit nicht missen; Setzt, Herrin, Euch auf dieses Kissen. Octavia Ein musterhafter Kavalier! Dies Kissen, laßt es uns doch teilen; Drauf sitzen können wir zu zwein, Falls Ihr recht artig werdet sein. Don Lorenzo Auf jedem Platze mag ich weilen, Gönnt Ihr, mein Lieb, darauf mir Raum; Doch wenn ein Kissen in dem Bette Genügt für zwei zur Lagerstätte, Ein Sofakissen tut es kaum. Ich will mich Euch zu Füßen schmiegen. Octavia Nicht doch, ein zweites hol' ich her. (Sie setzen sich und sprechen leise miteinander) Beatriz (zu Tristan) Sag, ist Mendoza denn nicht mehr Dein Freund? Tristan             Was kann dir daran liegen? Mendoza laß nur aus dem Spiel; Denn Freunde, Beatriz, vertragen Sich gut in allen Lebenslagen, Und sie verzeihn einander viel. Beatriz Du Narr, wie bist du lächerlich. Er wäre nicht gekränkt? Tristan             Bewahre! Und überdies, mein Kind, erfahre: Mein allerbester Freund bin ich. Mir selbst vor allem bin ich treu, Bin meinem Wohl zu dienen willig, Und gilt das nicht für recht und billig, Ist's doch in dieser Welt nicht neu. Genau wie sich mein Herr verhält Zu Felisardo, so verhalte Ich zu Mendoza mich und schalte Drum ebenfalls, wie mir's gefällt. Rechtfertigt mich sein Vorbild nicht? Beatriz Du liebst mich? Tristan             Über alle Maßen. (Für sich) Mit diesem Schaf ist leicht zu spaßen; Doch aufgehn soll ihr bald ein Licht. (Man hört draußen Rufe) Octavia Wer mag da solchen Lärm erregen? Geh, Beatriz, schau nach geschwind! Beatriz Ich eile, Herrin, wie der Wind. Tristan Darf ich nicht mitgehn? Beatriz             Meinetwegen. (Beatriz, Tristan ab) Fünfter Auftritt Octavia. Don Lorenzo Don Lorenzo Droht uns von irgendwo Gefahr? Octavia Nein, keineswegs; laßt Euch nicht stören. Don Lorenzo Warum nicht wollt Ihr mich erhören, Octavia? Spracht vorhin Ihr wahr, Weshalb, Geliebteste, verweigert Ihr dann mir Eure höchste Huld? Weshalb verweist Ihr zur Geduld Die Hoffnung, die Ihr selbst gesteigert? Von Tausenden hätt' ich allein, So sagtet Ihr, Euch überwunden, Und wollt mir's durch kein Ja bekunden, Wo Ja doch kürzer ist als Nein. Die Lieb' ist Übereinstimmung Sowohl des Blutes wie der Sterne, Und haben sich zwei Herzen gerne, Hält sie die beiden ewig jung. Gott Amor, der die Kunst zu lieben Schon vor Jahrtausenden erfand Und mit den Sternen selbst entstand, Ist ja doch gleichfalls jung geblieben. Octavia Wenn Ihr im Namen dieses Alten, Der jung blieb, meine Gunst begehrt, Würd' Amor schlecht von mir geehrt, Wollt' ich sie noch Euch vorenthalten. Darum – der Himmel sei mein Zeuge – Habt Ihr ein tausendfaches Recht, Daß ich dem Wunsch, von dem Ihr sprecht, Mich ohne Widerstreben beuge. Nur weil ich Eurem Liebesjoche Mich nicht zu flink ergeben mag, Drum kommt an einem andern Tag, Sei's morgen oder nächste Woche. Dann werd' ich tun, worauf Ihr drängt, Wie's in den Sternen steht geschrieben; Denn zweifellos war, Euch zu lieben, Schon in der Wiege mir verhängt. Don Lorenzo Ja, in den Sternen läßt sich's lesen Und Euren Augen, weil darin Ihr Abbild strahlt, daß von Beginn Der Welt ich Euer bin gewesen. Die Sprache, die den Sternen fehlt, Sie hat sich, um mir dies zu sagen, Auf Eure Augen übertragen. Octavia So hättet Ihr mich auserwählt Bereits vor Tausenden von Jahren? Woran erkanntet Ihr denn da, Daß ich es bin? Don Lorenzo             Das fragt Ihr? Octavia             Ja. Don Lorenzo Die Augen ließen mich's erfahren. Octavia Doch mein Gedächtnis leugnet's leider: »Octavia,« sagt's mir innerlich, »Der Hauptmann hat erst gestern dich Zum erstenmal gesehn beim Schneider.« Es wäre drum trotz dem Vermerk Der Sterne Schwachheit ohne Frage, Ergäbe schon nach einem Tage Belagrung sich das Festungswerk. Don Lorenzo O Grausamkeit! Fiel Alexandern Der Erdkreis nicht in einem Jahr Anheim? Octavia             Nein; denn so hurtig war Er kaum imstand, ihn zu durchwandern. Erst nach acht Tagen sieht Madrid, Wer von Sevilla aufgebrochen, Und nach Havanna braucht zwölf Wochen Ein Schiff, das aus dem Hafen glitt. Und Alexandern hätt' ein Jahr Genügt, um durch die Welt zu dringen Und so viel Städte zu bezwingen? Das ist ein Schwindel offenbar. Nicht möglich wär's in sieben Jahren. Don Lorenzo Und er, der sprach: »Ich kam, ich sah, Ich siegte«? Octavia             War ein Held, o ja; Denn kühn bestand er viel Gefahren. Doch Ihr, was habt Ihr durchgemacht, Mein süßer Herr, das Ruhm Euch brächte? Wieviele schlummerlose Nächte Habt Ihr aus Liebespein verbracht? Wievielen bittern Frost ertrugt Ihr Vor meiner Haustür? Wieviel Gold Ist Euch für mich davongerollt? Und wieviel Maurenvolk erschlugt Ihr? Gabt Ihr mir Renten und Geschmeide? Beschenktet meine Zofen Ihr? Was für ein Händler brachte mir Für Eure Rechnung Samt und Seide? Ihr müßt es wahrlich selber fühlen, Mein Freund, mein Engel, mein Idol, Daß dies Verhalten allzu wohl Geeignet ist, mich abzukühlen. Sah jemals man solch hitzig Fieber? Bequemt Euch zu gelindrer Art, Und statt daß Ihr mit Eilpost fahrt, Nehmt ein gemietet Maultier lieber. Denn klar und deutlich sollt Ihr wissen, Daß nicht mehr meine Liebe heut Euch andre Gunstbeweise beut, Als den sie schon Euch bot: ein Kissen. Sechster Auftritt Vorige. Beatriz. Tristan Beatriz Es scheint, als hätt' am heut'gen Tage, Der uns für schön und fröhlich galt, Sich gegen uns mit Allgewalt Verschworen jede Not und Plage. Octavia Was gibt's? Beatriz             Ich sag' es Euch ins Ohr. Octavia Sprich laut. Beatriz             Ich kann nicht. Octavia             Also leise. (Beatriz flüstert ihr etwas zu) Don Lorenzo (beiseite) Tristan! Tristan (ebenso)             Herr? Don Lorenzo             Heuchlerischerweise Spielt sie mir die Verliebte vor. Tristan Das könnt Ihr glauben? Don Lorenzo             Gaukelei! Wahrhaftig, diese Teufelshexe Besitzt Geriebenheit für sechse. Tristan So gebt ihr euch nichts nach, ihr zwei. Octavia (laut zu Beatriz) O Jesus, was für Peinigungen! Sag, daß er morgen kommen soll. Don Lorenzo Mein Lieb, wer ist geheimnisvoll In Euren Zauberwald gedrungen? Ist's irgendein verirrter Held? Ein Zwerg aus einem Burgverliese? Ein Wilder oder gar ein Riese? Was hat der Schildknapp Euch bestellt? Octavia Ihr dürft nichts Übles von mir denken. Don Lorenzo Bei Gott, wer steht auf Eurem Flur? Octavia Niemand. Don Lorenzo             Bekennt es ruhig nur; Möcht' ich Euch doch in nichts beschränken. Daß ich zur Lästigkeit kein Recht Besitze, sei hiermit beeidigt. Octavia Nun, bloß damit Ihr nicht beleidigt Und eifersüchtig werdet … Don Lorenzo             Sprecht. Octavia Ein Pappenstiel. Don Lorenzo             Ich dulde Qualen. Was ist es denn in aller Welt? Octavia Ein Leinwandhändler fordert Geld. Don Lorenzo Ich werd' es ihm sofort bezahlen. Gebt, bitt' ich, ohne viel Geschichten Ihm diesen Ring hier. Octavia             Nimmermehr. Lauf, Beatriz, und sag, ich wär' Bereit, es nächstens zu entrichten, Don Lorenzo Nehmt, wiederhol' ich, diesen Ring! Octavia Wenn Ihr's verlangt, muß ich willfahren. Bring, Beatriz, ihn dem Barbaren. Beatriz Das freilich ist ein ander Ding. (Sie nimmt den Ring und geht ab) Octavia Ihr seid ein Ritter ohne Tadel. Großzügigkeit und Edelmut Schätz' ich an Euch, und Euer Blut Bewährt sich als von echtem Adel. Ihr wißt wohl selber: Haus und Herd Ist teuer in Madrid; zuzeiten Kommt jeder in Verlegenheiten … Don Lorenzo Das ist ja nicht der Rede wert. Octavia Zwar Häuser sind mein Eigentum Im allerfeinsten Stadtgebiete; Jedoch man schuldet mir die Miete Seit Monden. Don Lorenzo             Sorgt Euch nicht darum. Beatriz (kehrt zurück) Als ich den Flur in raschem Lauf Erreicht, um jenen Ring zu geben Dem Leinwandhändler, stieg grad eben Der Juwelier zu Euch herauf. Weil er mich sah, könnt' ich nicht hehlen, Daß Ihr zu Hause seid. Octavia             Geh, sag, Er komm' an einem andern Tag. Don Lorenzo Nein, er soll nicht sein Ziel verfehlen. Ich bitt' Euch, gebt ihm diese Kette, Die durch ihr silbernes Geschmeid Aufwiegt, was Ihr ihm schuldig seid. Tristan (für sich) Die zieht ihn völlig aus, ich wette. Octavia Bestürmt mich nicht; ich nehm's nicht an. Don Lorenzo Unweigerlich, Ihr sollt sie nehmen! Octavia Was hilft's? Ich muß mich wohl bequemen. Euch möge widerstehn, wer kann. (Zu Beatriz) Gib's ihm und sag, ich bring' ihm morgen Die hundert Golddukaten auch. (Beatriz geht mit der Kette ab) Tristan (für sich) Hundert Dukaten! Octavia             Zum Gebrauch Sollt Ihr sie lediglich mir borgen. Ihr werdet sie zurückbekommen In aller Kürze. Don Lorenzo             Tristan bringt Sie Euch noch heut. Octavia             Zählt unbedingt Auf meinen Dank. Don Lorenzo             Hast du vernommen, Tristan? Tristan             Ja, Herr, (Für sich) Ich wollt', ich wäre Stocktaub. Don Lorenzo             Dreihundert. Tristan (leise)             Drei? Bedenkt … Don Lorenzo Dreihundert, nicht geliehn, geschenkt. Tristan (für sich) Man schleppe mich auf die Galeere, Bring' ich die Menge Geldes ihr! Siebenter Auftritt Vorige Beatriz (kehrt zurück. Gleich darauf) Felisardo, Mendoza Beatriz Nun kommt auch Felisardo grade. Gleich wird er hier sein. Octavia (leise zu Don Lorenzo)             Oh, wie schade! Felisardo (eintretend) Wie, Don Lorenzo, Ihr seid hier? Da wir einander nirgends trafen, Sucht' ich nach Euch die Kreuz und Quer. Don Lorenzo Um Euch zu suchen, kam ich her In diesen friedsam stillen Hafen, Und auf Euch wartend all die Zeit, Hab' ich, weil Ihr so lang gezaudert, Hier mit der Gnädigen geplaudert. Felisardo Ich höre das nicht ohne Neid. Octavia Er hat mir von Italien spannend Erzählt inzwischen. Felisardo             In der Tat, Er ist ein tapferer Soldat, Auch alle Herzen übermannend. Octavia (zu Don Lorenzo) Fahrt fort, ich bitt' Euch, von der Schlacht Und von dem Schiffbruch. Don Lorenzo             Unsre Flotte Verfolgte sie, weil diese Rotte Sich bis Otranto durchgebracht. Auch lagen die Malteser dort, Von deren Schiffen zwei entkamen. Wir stießen vor in Gottes Namen. Die Wellen schlugen über Bord; Ein Wunder ließ uns hingelangen. Wir enterten, wir kämpften heiß Mit diesem heidnischen Geschmeiß Und nahmen Tausende gefangen. Ich wollt' Euch grade noch berichten Von jener Sklavin – da erschien Hier Felisardo. Mir entziehn Daher das Wort die Ritterpflichten. Denn daß man Liebende nicht stört, Gilt in der ganzen Welt als Regel, Und wer es doch tut, ist ein Flegel, Falls ihm kein Wahn das Hirn betört. Ich aber, folgsam dem Gebot, Halt' es für richtig, zu verschwinden. Octavia Um wann Euch wieder einzufinden? Don Lorenzo Ich denke, nach dem Abendbrot. Felisardo Begehrt Ihr, daß ich mit Euch geh'? Don Lorenzo Ei, glaubt Ihr wohl, ich bin der Dumme? Komm, Tristan. Tristan (im Abgehen)             Eine solche Summe Werft Ihr hinaus? O jemine! Don Lorenzo Was willst du? Tristan             Seid Ihr gänzlich toll? Den Ring, die Kette dranzugeben! Don Lorenzo Schweig still; du wirst gar bald erleben, Was alles dies bezwecken soll. (Beide ab) Achter Auftritt Octavia. Beatriz. Felisardo. Mendoza Felisardo Herzlose Feindin, ich muß staunen, Wie nichts als Grausamkeit und Hohn Du meiner Liebe gibst zum Lohn! Ein Rätsel sind mir deine Launen. Nachdem ich deines Hauses Tor Verlassen kaum vor einer Stunde, Find' ich mit dir in trautem Bunde Schon meinen besten Freund hier vor. Medea, Dalila, Sirene, Verhängnisvolle Gauklerin, Oh, welch ein blöder Narr ich bin, Wenn ich von dir geliebt mich wähne! Wie hurtig doch dein Herz erlag, Sobald Lorenzo dir genaht ist, Der weiter nichts als ein Soldat ist, Nicht lieben, bloß erobern mag! Er, den zum zweitenmal du siehst, Hat schon mehr Gunst von dir erfahren, Als ich in den drei langen Jahren, Seit du mich an der Nase ziehst. Wie nennst du dies? Octavia             Daß meine Huld Für dich noch nicht entzweigesprungen Trotz allen deinen Lästerungen, Zeigt meine rührende Geduld. Wer sonst bracht' ihn mir her als du? Felisardo Ich tat es, weil ich dir vertraute Und fest auf deine Tugend baute. Octavia Sahst du was Arges? Felisardo             Hör mir zu. (Sie flüstern miteinander) Mendoza (zu Beatriz) Herzlose Natter, Rabenaas, Medea, Circe, Bajadere, Hyäne, Basilisk, Megäre, Gemisch von zwanzig Dalilas, Kaum daß ich mich ein Stündchen trolle, Ein Weilchen wende nur den Kopf, Da sitzt an deinem Suppentopf Bei dir schon Tristan in der Wolle! Da soll doch gleich … Beatriz             Mendoza, zähm dich, Sonst muß ich heulen wie ein Hund. Octavia (zu Felisardo) Dies deines Polterns ganzer Grund? Felisardo Was noch? Octavia             Du dreister Dummkopf, schäm dich! Felisardo Die Wahrheit sagen nennst du dreist? Octavia Mir aus den Augen! Felisardo             Nach Belieben, Ich will den Aufbruch nicht verschieben, Da du so schnöd mich abgespeist. Verlassen werd' ich drum die Mauern Madrids beim nächsten Morgenrot. Octavia Das werd' ich bis an meinen Tod, Mein Felisardo tief bedauern Nicht essen werd' ich mehr noch schlafen, Wenn ich von dir verlassen bin. Felisardo Kaltherz'ge, gift'ge Mörderin, Such anderswo dir deine Sklaven. Du weder wirst, noch wird Madrid Mich wiedersehn. Octavia             Nie? Felisardo             Nie! Octavia             Mein Leben, Wohin willst du dich denn begeben? Felisardo Heim kehr' ich nach Valladolid. Octavia Was gibt dir Anlaß, heimzuwandern? Erwartet ein Prozeß dich dort? Wie? Oder willst du von mir fort Aus Unbestand, gleich allen andern? Nur um mich blank zurückzulassen, Kommst du mit Eifersüchtelei Und wähnst, nach einem Schmerzensschrei Würd' ich alsbald mich wieder fassen? Du bist erkannt als leichte Ware; So geh mit Gott. Felisardo             Bleib du zurück Mit deinem neu gefundnen Glück, Mit dem Herrn Hauptmann, Undankbare! (Ab. Mendoza folgt ihm) Neunter Auftritt Octavia. Beatriz Beatriz Wie, Fräulein, soll man das verstehn? Octavia Du hättest wirklich nicht begriffen, Daß alles dies Verstellungskniffen Entsprang? Beatriz             Ihr meint, er wird nicht gehn? Octavia Die Hand will ich ins Feuer legen, Daß nun zu seinem Freund er schleicht, Mich auszulachen. Beatriz             Und nicht weicht? Octavia Er wird sich nicht vom Fleck bewegen. Paß auf, sie kreisen heute nacht Um unsres Hauses Tür so lange, Bis man mit einer Wagenstange Gewaltsam ihnen Beine macht. Doch sag, wo hast du Ring und Kette? Beatriz Hier. Octavia             Die behalt' ich zum Entgelt, Daß man mich so zum Narren hält. Beatriz Recht gute Beute das. Octavia             Und fette. Beatriz Doch wenn es falscher Trödel wäre? Octavia Du jagst mir einen Schrecken ein. Ich diesmal die Geprellte? Nein, Das ginge wider meine Ehre, Und nie verzeihen würd' ich's mir, Wüßt' ich nicht einem Hahn beim Rupfen Die rechten Federn auszuzupfen. Komm, fragen wir den Juwelier. (Beide ab) Straße wie zuvor Zehnter Auftritt Liseo, Damacio, Pleberio (kommen im Gespräch) Liseo Seid überzeugt von meiner lautren Absicht. Pleberio Ich weiß, Ihr seid ein Ehrenmann, und tief Betrübt mich, daß Clarinda, meine Nichte, Das nicht erfüllt, was ihrem sel'gen Vater, Dem edlen, trefflichen, sie schuldig ist. Das Mädchen ist nicht arm. Liseo             Nicht andre Mitgift Wünsch' ich als ihre Schönheit; denn ich liebe Clarinda, und sie lohnte mir's nicht schlecht, Bevor der gottverdammte Hauptmann kam, Der alle meine Hoffnungen zerstörte. Damacio Wie viele Male mußt' ich, Herr Pleberio, Liseos trift'gen Groll beschwichtigen. Denn was er leidet, ist kein Kinderspiel Für einen jungen Mann aus gutem Haus. Ich riet ihm drum, er mög' an Euch sich wenden; Denn gradheraus, Clarinda handelt unrecht. Pleberio Ganz meine Meinung, lieber Herr Damacio; Denn wär's nicht so, weswegen wär' ich dann Gekommen, um ins Mittel mich zu legen? Erwartet mich an dem Lorito-Tor. Bevor ihr noch ein Salve hören könnt, Kehr' ich zurück und meld' Euch ihres Willens Ja oder Nein. Liseo             Der Himmel sei mit Euch. (Liseo und Damacio ab) Elfter Auftritt Pleberio (Gleich darauf) Evandro, Clarinda Pleberio (pocht an die Tür des Hauses links) Heda! Ist niemand drinnen? Clarinda (von innen)             Lauf, Evandro. Mir scheint, es ist mein Oheim. Evandro (aus der Tür schauend)             Ja, wahrhaftig. (Er spricht zurück) 's ist Herr Pleberio, Fräulein. Kommt heraus. (Er und Clarinda treten aus dem Haus) Clarinda Mein Oheim, guten Tag. Pleberio             Wahrhaftig, Kind, Wenn nicht dein Oheim kommt, dich zu besuchen, Vergißt du gänzlich, daß er auf der Welt ist. Noch leb' ich, habe Hände noch und Füße; Der letztern Zahl hat sich sogar vermehrt: Mit diesem Stocke nämlich sind es drei. Clarinda Tu mir die Liebe, setz dich. Willst du was? Ein Gläschen Wein? Vielleicht auch einen Imbiß? Evandro, flink ... Pleberio             Bleib mir damit vom Leib. Mich führt was Wichtigeres her. Clarinda             Was ist's? Pleberio Wir Alten sparen immer gern mit Worten; Denn da vom Leben wenig übrig ist, So lieben wir die zeitverschwendenden Vorreden nicht. Clarinda, dich vermählen Will ich mit einem Manne, den du kennst, Und der, so glaub' ich, dir nicht schlecht gefällt. Was für ein Hauptmann aber kam dazwischen? Ein Don Lorenzo oder Don Scharwenzo? Laß diese Prahler, diese Wichtigmacher! Auch ich war einst Soldat, focht mit den Mauren An manchem Kampftag auf den Alpujarras, Und Don Juan de Austria, Gott hab' Ihn selig, sah mich sechsmal in der Schlacht. Das könnte dir auch von Luis Quijada Bestätigt werden, hätten nicht die Heiden Luis Quijada damals umgebracht. Welch großes Unglück! Clarinda             Oheim, hör nun auf Mit Kriegsgeschichten; kommen wir zur Sache. Pleberio Ich will diesmal dich dem Gemahl vermählen; Es ist Liseo, des Fidelio Sohn: Fidelios, der mein Freund war und ein Prachtmensch. Auch er nahm teil am Kampfe bei Granada, Und eines Nachts – es ist mir noch wie heut. Wie heiß es damals herging – töteten Wir jenen hochberühmten Maurenhäuptling, Mit Namen ... Clarinda             Laß die Schlachten doch beiseit Und sprich von dem, was wichtig ist. (Für sich) Er kommt Mir grade recht; Lorenzo hat es reichlich Verdient, daß ich ihm einen Possen spiele. (Laut) Ist, guter Oheim, dies dein Wunsch und Wille, So hab' ich nichts dagegen einzuwenden. Es gibt nur eine kleine Schwierigkeit Mit diesem Hauptmann, der schon dazumal, Als für des Königs feierlichen Einzug Man Ehrenpforten baute, mich umwarb. Dann ging er mit dem Heere nach Neapel Und schrieb von dort mir tausend Schmeichelein. Doch wenn durch deinen bündigen Beschluß Und deine würdevolle Gegenwart Ihm meine Heirat kund wird, zweifl' ich nicht, Daß er den Platz vor meiner Türe räumt. Verlaß dich nur getrost auf deine Nichte. Pleberio Auf dich verlassen? Ha, bei Gott, noch hab' ich Den Degen, den ich bei Granada trug Und der geschwärzt noch ist vom Pulverdampf. Clarinda Jetzt laß die Waffen endlich ruhn. Pleberio             Die Briefe Mußt du ihm wiedergeben. Clarinda             Diesen Vorsatz Hatt' ich bereits gefaßt. Evandro! Evandro             Fräulein? Clarinda Ein Bündel Briefe liegt auf meinem Schreibtisch; Das bring hierher. Evandro             Sofort. (Ab ins Haus) Clarinda             So schnell wie möglich Soll er sie haben; denn sie könnten sonst Ihm die Gelegenheit zur Rückkehr liefern; Den kleinsten Umstand nützen Männer aus. Evandro (kommt mit einem Briefbündel zurück) Sind's diese? Clarinda             Ja. Trag sie zum Hauptmann hin Und sag ihm, daß ich ehstens mich vermähle Mit einem ehrenwerten Edelmann; Er soll mich drum nicht mehr behelligen. (Evandro ab) Pleberio Wo find' ich ihn? Clarinda             Im Gasthof um die Ecke Wohnt er. Pleberio             Dein guter Engel schirme dich. (Ab) Clarinda (allein) Dies straft ihn! Wenn uns Lieb' entschlafen deucht, Wird sie von Eifersucht emporgescheucht. (Ab ins Haus links) Zwölfter Auftritt Don Lorenzo. Tristan Don Lorenzo In Müßiggang verbring' ich meine Stunden, Wenn's müßig ist, ganz dem Gefühl zu leben, Verlornes Heil für Unheil dranzugehen Und ein Gedicht zu lesen, das erfunden. Abwesenheit schloß meines Herzens Wunden, Und Rückkehr läßt's vor neuer Pein erbeben, Wie des Erschlagnen Blut in wildem Streben Entströmend will des Mörders Nahn bekunden. Enttäuschung blühte mir statt des Genusses; Mein Teil war Eifersucht; mich ließ entlohen Ruchloser Sieg von ein paar schönen Händen. Nun lehrt mich die Erkenntnis des Verdrusses, Daß Flut und Weib gleich tödlich uns bedrohen Und wer ihr Spiel wird, jammervoll muß enden. Tristan Warum hierher kehrt Ihr zurück Mit Euren Seufzern, Euren Klagen, Um wiederum aufs neu zu wagen Das oft bestandne Wagestück? Herr, ist's nicht einfach lächerlich, Noch einmal in das Meer zu springen, Dem nur durch angespanntes Ringen Man schwimmend kurz vorher entwich? Dies Weib, das Euch kein Glück verlieh, Euch niemals wahre Liebe schenkte, Durch ihren Unbestand Euch kränkte, Was kümmert Ihr Euch noch um sie? Solang die süße Täuschung weilt, Mag es verzeihlich sein, zu brennen; Doch Eigensinn muß man es nennen, Wird der Enttäuschte nicht geheilt. Don Lorenzo Weh mir Unseligem! Nur wilder Wird meine Glut von ihrem Eis, Und ihres Wankelmuts Beweis Macht meines Herzens Brand nicht milder. Ich werde nie Clarinda hassen; Nie werd' ich der Octavia hold. Tristan Doch überhäuft Ihr die mit Gold, Von jedem guten Geist verlassen. Ich würd' ihr einen Tritt versetzen. Don Lorenzo Meinst du, daß ich sie nicht durchschau'? Und wär' sie hundertmal so schlau, Sie fängt mich nicht in ihren Netzen. Im Hause war, man soll mich köpfen, Kein Händler und kein Juwelier, Und gab ich Kostbarkeiten ihr, Werd' ich dafür sie doppelt schröpfen. Wenn ich nicht andre Sorgen hätte, Wie wär' ich froh! Dreizehnter Auftritt Vorige. Pleberio. Evandro Evandro             Das ist er. Pleberio             Gut Gewachsen. Evandro Und ein feurig Blut. Don Lorenzo Ach, schönes Lieb! Tristan             Ach, schöne Kette! Pleberio Ich grüß' Euch, Euer Wohlgeboren. Don Lorenzo Ich grüße, Herr, Euch meinerseits. Pleberio Von Ansehn kenn' ich Euch bereits. Don Lorenzo Zu gütig, Herr. Pleberio             Mir kam zu Ohren, Daß Ihr Euch Don Lorenzo nennt. Don Lorenzo Jawohl, der bin ich. Pleberio             Auch erfahr' ich, Daß Ihr ein Hauptmann seid. Don Lorenzo             Das war ich. Pleberio Und aus Italien kommt. Don Lorenzo             Ihr kennt Mich durch und durch. Erst ein paar Tage Bin ich zurück. Pleberio             Mein graues Haar Belehrt Euch, daß ich wenig zwar, Doch dies mit vollem Nachdruck sage. Don Lorenzo Das glaub' ich gern. Pleberio             Mir wird erzählt, Daß Euer Blick auf meine Nichte Clarinda sich verlangend richte. Don Lorenzo Damit sie sich mit mir vermählt. Pleberio Das kann nicht sein. Don Lorenzo             Weshalb denn nicht? Pleberio Deshalb, weil sie bereits verlobt ist. Don Lorenzo Mit wem? Pleberio             Mit einem, der erprobt ist Als Edelmann. Don Lorenzo             Und darum bricht Sie nun den Schwur der Treue mir? Pleberio Sie hat den Wunsch mir aufgetragen, Ihr möchtet freundlichst ihr entsagen, Und schickt Euch diese Briefe hier. Evandro, gib; es sind die Euern. Sie predigen Euch Blatt für Blatt, Wie wenig Zweck es für Euch hat, Die Werbung nochmals zu erneuern. Drum bitten ich und sie vereint, Ihr fürderhin nicht mehr im Wege Zu sein. Don Lorenzo             Ihr gebt mir mehr Belege, Als mir zur Einsicht nötig scheint. Pleberio Es sind die Quittungen; sie schließen Die Rechnung ab. Don Lorenzo             Herr, tut ihr kund, Daß ich die ihren bis zur Stund' Behielt, um sie nicht zu verdrießen. Ich gebe sie dem künft'gen Gatten. Pleberio Das ist durchaus in ihrem Sinn. Don Lorenzo Nur wähnt nicht, daß ich willens bin, Dies alles ruhig zu gestatten. Ihr spracht von Eurem grauen Haar; Nur um so größer ist mein Staunen, Daß es Clarindas lockren Launen Vorschub zu leisten willig war. Ihr habt, als käm's nicht in Betracht, Daß lange schon wir zwei uns lieben, Ihr diese Heirat vorgeschrieben Und so zum Kuppler Euch gemacht. Kommt aber mir der Mensch zu Händen, Der mich verdrängt, dann weh ihm, weh! Pleberio Mein Herr, kein Kuppler war ich je, Bin's, nicht und werd's nicht sein, verstanden? Ja, wär' der Stock, den Ihr da seht, Ein Degen, würd' er flugs Euch lehren, Etwas mehr Achtung zu gewähren Dem grauen Haare, das Ihr schmäht. Clarinda ist höchst ehrenwert Und Ihr ein unverschämter Junge. Don Lorenzo Den Alten diente stets die Zunge Als Stellvertretung für das Schwert. Geht! Pleberio             Wohl; doch sollt Ihr spüren, wer Pleberio ist! (Ab. Evandro geht ins Haus links.) Vierzehnter Auftritt Don Lorenzo. Tristan Don Lorenzo             Ach, Tristan! Tristan             Freilich, Nun steht's mit Euch nicht sehr gedeihlich. Don Lorenzo O Schicksal, triffst du mich so schwer? Ob in ihr Haus ich gehen soll? Tristan Denkt Ihr, daß dies Erfolg verspreche? Don Lorenzo Ist's Liebe, Wut, Begierde, Schwäche? Bin ich besessen? Bin ich toll? Ihr Zeugen meines Wahns, ihr Briefe, Auf die mein Hoffen ich gesetzt, Wie? Stürzt als falsche Freunde jetzt Ihr mitleidlos mich in die Tiefe? Schau, Tristan; mag's der Himmel wissen: Hier, zwischen ihnen, auch mein Bild! Ein Plunderkram, der nichts mehr gilt, Nachdem das Band entzweigerissen. Gleichst du mir noch, mein Konterfei? Nicht doch, ich bin von Grund verwandelt: Ein Sterbender, verfolgt, mißhandelt! Mich packt Verzweiflung, Raserei! Hinweg mit dir; laß mich allein. Tristan Ich geh'. (Er tut, als ob er sich entferne) Don Lorenzo             Was? Willst du mich verlassen? Tristan (umkehrend) Ihr seid verrückt. Don Lorenzo             Dies Wort mag passen. Verrückt bin ich vor Herzenspein. Ihr Briefe, ganz und gar durchdrungen Ist jedes Blatt von euch mit Gift; Ein jeder Buchstab dieser Schrift Zerquält mich mit Erinnerungen. Kein Weib ist standhaft. Hinterrücks Mit einem andern sich verloben! Ach, durch mein eifersüchtig Toben Trübt' ich den Himmel meines Glücks. Ich werde den Liseo töten, Sodann mich selber oder sie. – Hilf, Tristan, mir! Tristan             So kommt Ihr nie Mit blauem Aug' aus Euren Nöten. Eßt, schlaft und schlagt's Euch aus dem Sinn. Don Lorenzo Hörst du denn nicht, was ich erleide? Merkst nicht, daß ich vor Qual verscheide? Siehst nicht, daß ich verloren bin? Ich, tapfer einst in jeder Schlacht, Ich, einst mit Lorbeer überschüttet, Bis zur Umnachtung nun zerrüttet! Das hat die Lieb' aus mir gemacht. Tristan Und wenn Octavia heilsam war'? Herr, nehmt Ihr meinen guten Rat an, So wird ... Don Lorenzo             Octavia ist ein Satan! Sprich nie mir von Octavia mehr! Dritter Akt Ländliche Gegend Erster Auftritt (Es kommen) Felisardo, Baramo (und die beiden Musikanten) Rosileo, Alceo Felisardo Laßt uns hier lagern. Alceo             Ja, die Wiese Gönnt uns ein friedliches Asyl, Und von den Pappeln wird es kühl Beschattet, gleich dem Paradiese. Baramo Welch hold Gewässer! Rosileo             Oftmals schon Besungen. Felisardo             Tags belebt von Schwanen Und nachts versilbert von Dianen, Der Liebsten des Endymion. Alceo Wann wird der gute Felisardo Aufhören, ein Poet zu sein? Baramo Ist er es oft? Alceo             Jahraus, jahrein, Und zierlicher als ein Belardo Deckname, mit dem Lope sich selbst zu benennen pflegte. . Felisardo Heißt Amor bei den Philosophen Nicht Vater aller Poesie? Wer hätt' auf seine Dame nie Gedichtet irgendein paar Strophen? Rosileo Die Dichtkunst und die Malerei Will keine Mittelmäßigkeiten. Felisardo Ja, sie sind Schwestern und bereiten Die gleiche Wollust alle zwei; Man soll, wenn sie nicht trefflich sind, Sie weder lesen noch beschauen. Baramo O diese Lüfte, wie gelind! Rosileo Und aus den Quellen dieser Auen Erklingt Musik. Felisardo             Sie ziehn, entspringend Aus Gottes Adern, ihr Geleis Und künden ihres Schöpfers Preis, Ewige Melodien singend. Alceo Laßt unseres Gesanges Töne Wetteifern mit dem Quell und Bach. Baramo Ja, von der Liebe singt uns. Felisardo (für sich)             Ach, Octavia, seelenlose Schöne! Alceo Rosileo (singen zur Laute) Deine Zauberkraft, o Liebe, Gibt uns Leben, gibt uns Tod; Kein Geschöpf auf Erden bliebe Fühllos für dein Machtgebot. Uns zu schonen, uns zu retten, Bitten wir dich auf den Knien; Denn wir sind in deinen Ketten, Ob wir weilen, ob wir fliehn. Zweiter Auftritt Vorige. (Von der anderen Seite kommen) Octavia, Beatriz (beide verschleiert), Damacio Damacio Zeigt, um das Auge mir zu blenden, Mir endlich Euer Angesicht. Octavia Seid Ihr auf Lustbarkeit erpicht, Wollt Euch an jemand anders wenden, Wo solcher Redensarten Zucker Mehr Vorteil Euch verschaffen kann. Rosileo Ei, seht mir diese Dämchen an! Felisardo Und den verliebten armen Schlucker. Sie scheinen spröd. Alceo             Unnütze Leute, Bemüht um Zeitvertreib. Rosileo             Was gilt's? In Wittrung eines Edelwilds Gehn diese Weiber aus nach Beute. Felisardo Sie treffen Anstalt, sich zu setzen. Baramo Ein Vorgang, wie er oft geschieht; Denn Esel ohne Sattel sieht Man überall auf Rasenplätzen. Octavia (leise) Schau, Beatriz, nach jener Seite. Beatriz (ebenso) Was? Octavia             Felisardo sitzt ja dort! Beatriz So ging er also doch nicht fort. Octavia Du siehst, wie recht ich prophezeite, Da nur, um mich herumzukriegen, Er vorgab, daß er von mir weicht. Damacio Was habt Ihr? Eifersucht? Octavia             Vielleicht. Damacio Betrübnis? Octavia             Was kann Euch dran liegen? Damacio Ha, seid Ihr nicht Octavia? Octavia             Schweigt! Nennt meinen Namen nicht. Damacio             Ich nannte Ihn nur, weil ich Euch jetzt erkannte; Seid mir darum nicht abgeneigt Und wollt vergeben, daß nicht mehr Seit jenem Tag ich Euch besuchte, An dem der Lümmel, der verruchte, Mich überfiel mit blanker Wehr. Grundsätzlich wag' ich abends spät, Stünd' auch mein Herz im hellsten Feuer, Zum zweitenmal kein Abenteuer, Wenn vor der Tür ein Riese steht. Octavia Ihr macht durch Eurer Rede Schwung, Damacio, nur die Sache schlimmer; Taugt doch die Feigheit nie und nimmer Zu triftiger Entschuldigung. Damacio Wie? Feigheit wär's, wenn man sich trennt Von einem Hause, dessen Schwelle Bewacht ein wütender Geselle, Der dieses Hauses Herrn sich nennt, Sich rühmt, in Gunst bei Euch zu stehn? Octavia Leis will ich Auskunft Euch erteilen. (Sie fährt flüsternd fort) Alceo Auf dem Parnaß jetzt möcht' ich weilen. Baramo Ich lieber auf den Pyrenän. Alceo In Gottes Namen, wer ist hier, Der eine spannende Geschichte Erzählt? Rosileo             Wer sonst als du? Berichte, Was an Absonderlichem dir Begegnet ist im Maurenland. Baramo Nein, laßt uns was Gescheitres wählen: Ein jeder soll von Gunst erzählen, Die er bei seiner Liebsten fand. Alceo Vorzüglich! Rosileo (zu Baramo)             Topp, du hast das Wort. Baramo Nun gut, auf allgemein Verlangen. Damacio (leise zu Octavia) Laßt uns an seinen Lippen hangen, Und fahrt nachher zu sprechen fort. Baramo Es war einmal, ihr Herrn, entschuldigt, Ein Weibsbild, häßlich, dürr und flach; Glück habe jeder, Ungemach Hingegen, wer der Liebe huldigt. Den Hof ihr macht' ich, in der Meinung, Daß des Gesichtes hübschem Rund Entsprechen werde der Befund Der ganzen übrigen Erscheinung. Bald aber ward ich unzufrieden: Beim ersten traulichen Besuch Fand ich das Muster von dem Tuch Im allerhöchsten Grad verschieden. Sie hatte Beine gleich zwei Rohren, Und ihre Färbung, ungefähr So schwarz wie Kohlen, paßte mehr Für einen fieberkranken Mohren. Dazu die Füßchen der Sirene! Die sahen sich wie Kolben an, Womit man Gips zerstampfen kann, Und brauchten Schuhe, groß wie Kähne. Dabei war sie noch fast ein Kind. Felisardo Was wird sie tun, wenn sie erwachsen? Baramo Doch einer von den jungen Dachsen, Wie heutzutag sie häufig sind, Ist ins Gehege mir gebrochen. Dem überließ ich sie kurzum Und sprach, nicht streiten woll' ich drum Gleichwie ein Hund um einen Knochen. Alceo Mein Fall ist schrecklicher als Eurer. Die meine war ein Fleischkoloß, Ein massiges Rhinozeros, Ein Elefant, ein ungeheurer, Ein flandrisch Faß, und überbot An Umfang Tamerlan den Recken, Versehen mit zwei Sattelsäcken, Zum Platzen voll von Klosterbrot. Sie wirkte, breit und ungeschlacht, Buchstäblich als Gigantenmutter, Mit einer Haut, zum dicken Futter Für Lederkoller wie gemacht. Trotzdem war ich in allen Stücken Ihr hörig, wurde mir's auch hart; Denn schließlich, ist ein Mann vernarrt, Pflegt er zwei Augen zuzudrücken. Ich nahm sie mit mir in mein Haus. Man pocht an meine Tür; im Schrecken Und Wahn, sie müsse sich verstecken Vor Häschern, wälzt sie sich hinaus Und blieb die Nacht in einem Stall, Wo die von Todesangst Erhitzte Bis morgens früh so furchtbar schwitzte, Daß draus entstand ein Flutenschwall. Als ich dann endlich zu ihr drang, Sie zu befrein aus der Beklemmung, Fand ich in dieser Überschwemmung Beinahe meinen Untergang. Rosileo Mit einer sündigen Hetäre Kam einst ich heim in dunkler Nacht; Sie war kein Weib von Rang und Pracht, Glich eher einer alten Mähre. Sie hatte wollne Strümpf und Jacke; Strumpfbänder trug sie aus Stramin, Und ihr geflicktes Hemde schien Genäht aus einem groben Sacke. Ein Wohlgeruch von saurem Wein Entströmte lieblich ihrem Munde; Kein Dunst aus einem offnen Spunde Vermag betäubender zu sein. Erst zierte sie sich kurze Zeit Und sprach: »Ich will nicht mit Euch kommen. Von einem Trugbild eingenommen, Weil man schlecht sieht bei Dunkelheit, Wähnt' ich, mit mir nach Haus zu führen Das herrlichste Geschöpf der Welt; Ich hatte Gold- und Silbergeld In einem Beutelchen mit Schnüren, Dreihundert Gulden oder mehr, Das zog sie mir geschickterweise … Baramo Und nahm sie's? Rosileo             Nahm's und schwebte leise Davon auf Nimmerwiederkehr. Felisardo Geschichten das für Wald und Wiese, Gezeugt von Jugendeselei. Die meine, von Verbrämung frei, Hat weit mehr Vornehmheit als diese Und dient zu besserm Zeitvertreib. Es war einmal von jenen eine, Die heut in Mode sind; ich meine, Gemischt aus Teufel und aus Weib. Anmutig war sie, schön und klug Und von dem Scheitel zu den Zehen Wie ein Gemälde anzusehen, Das reizend ist in jedem Zug, Doch von solch äußerster Vollendung, Wie keines Malers Kunst, wie nur Die große Künstlerin Natur Sie schafft im Rausche der Verschwendung. Beatriz (zu Octavia) Hört Ihr? Octavia             Ich höre jedes Wort. Felisardo Die Nymphe brachte mich von Sinnen; Denn sacht pflegt Liebe zu beginnen Und setzt sich um so heft'ger fort. Sie war wie eine Wetterfahne, In ihren Launen kunterbunt, Wie ein April, der ohne Grund Bald Sonne vorweist, bald Orkane. Zu gleicher Zeit zu lieben pflegte Sie jeden Tag der Männer zehn, Um nachts nicht mehr zu wissen, wen Sie von den zehn im Herzen hegte. Kein Dichter schrieb so vieles nieder Wie sie; nur war's ein hohl Klingling. Nie, wenn ich gestern von ihr ging, Fand ich sie heut als gleiche wieder. Und dennoch muß, all dies beiseit, Ich ihre Sittenstrenge loben Und muß gestehn, sie gab mir Proben Von seltner Tugendhaftigkeit. Sie reichte nämlich in drei Jahren Die Hand kaum mehr als einmal mir; Doch ihre Hand auf dem Papier Bot schriftlich Lügen mir in Scharen. So war sie, daß, wenn ähnlich wären Ihr die gesamten heut'gen Fraun, Es allen Männern würde graun, Sie jemals liebend zu begehren. Verzweifelnd hätt' ich gern erkannt, Ob sie mir Glück bringt, ob Verhängnis, Und auf dem Gipfel der Bedrängnis Ward mir von Gott ein Freund gesandt. Ich bat ihn, daß er sie umringe Mit vorgespielter Liebesqual Und Gaukelkünsten ohne Zahl, Bis er sie regelrecht bezwinge. Auch mög' er als ein glaubhaft Zeichen, Wie grenzenlos er sie verehrt, Geschenke von erlesnem Wert Zu gleichem Zweck ihr überreichen. Und ich, obwohl ich zwar so tat, Als wär' ich rasend eifersüchtig, Ich freue mich im stillen tüchtig, Daß meinen Zweifeln Klarheit naht. Ich hielt's für gut, mich zu gebärden, Als reist' ich ab, doch blieb am Ort, Und ist sie standhaft, dann – mein Wort Darauf – soll meine Frau sie werden. Octavia (leise zu Beatriz) Wohl mir, daß ich dies all vernommen; Zustatten kommt's mir überaus. (Laut) Ich geh', Damacio, jetzt nach Haus. Damacio Ist mir erlaubt, mit Euch zu kommen, Octavia? Octavia             Gebt mir nach Belieben Bis an die Haustür das Geleit, Doch weiter keinen Strohhalm breit. Denn in den Sternen steht geschrieben, Daß ich als Jungfrau sterben soll; Das flüsterten heut im Vertrauen Mir zu die Pappeln dieser Auen Und diese Haine des Apoll. Damacio Gehn wir. (Damacio, Octavia, Beatriz ab) Baramo             Die Dämchen … Felisardo             Sie verschwinden. Rosileo Ihr müßt uns, wenn Ihr Hochzeit macht, Einladen. Felisardo             Gern! Mich treibt's, vor Nacht Besagten Freund noch aufzufinden. Alceo Ich geh' zum Essen. Baramo             Ich zum Spiele. Rosileo Ich geh' zu einem Stelldichein. Felisardo Ich gehe meinen Weg allein, Nachhängend meinem dunklen Ziele. (Alle ab) Straße wie zuvor Dritter Auftritt Clarinda, Evandro (kommen aus dem Hause links) Clarinda So trotzig war er? Evandro             Nicht zu sagen. Er schalt und wetterte so wild, Daß ich mir dacht', er führ' im Schild, Den Herrn Pleberio totzuschlagen. Der würdevolle Ton des Alten Bezwang ihn aber; mattgesetzt Durch den Beweis, blieb er zuletzt Enttäuscht zurück und ungehalten. Pleberio sucht Liseo nun, Damit er ihm sein Glück bekunde. Clarinda Ich liebt' ihn sehr; doch diese Wunde Muß ich versuchen abzutun. Vierter Auftritt Vorige. Don Lorenzo Don Lorenzo Clarinda! Clarinda             Himmel! Du? Don Lorenzo             Ja, ich. Clarinda Du wagst noch, zu mir vorzudringen? Don Lorenzo Die Gründe, die dazu mich zwingen, Sind wichtig. Clarinda             Welche? Don Lorenzo             Hör nur. Clarinda             Sprich. Don Lorenzo Dein alter Oheim meldete, Clarinda, heut mir deinen Auftrag, Und er behandelte dabei Mich minder gut, als mir gebührt. Die Briefe gab er mir und Pfänder, Die frostig du zurückgeschickt, Obwohl sie vormals dich versengten. Nachdem du diesen Dolch ins Herz mir Gestoßen hast, wirst du gewiß Verstehn, daß wie gepeitscht von Furien Ich tobend rannte durch die Stadt. An einer Straßenecke traf Ich den Liseo, sprach ihn an Und wandelte mit ihm gemächlich Bis an des Manzanares Ufer, Dort, wo sich jenseits von der Brücke Ein altes Schloß im Wasser spiegelt. Wir wurden handgemein, und er Bezeigte fechtend so viel Mut, So viel Geschicklichkeit und Tatkraft, Daß ich dafür ihn loben muß. Doch da den kürzern pflegt zu ziehen, Wer selber sich im Unrecht weiß, Streckt' ich ihn bei dem letzten Gang Zu Boden mit zwei Todeswunden, Und als ich schon das grüne Gras Von seinem Blute rot gefärbt sah, Sprang ich heran und prüft', ob Leben Noch in ihm sei, damit geziemend Man sorge für sein Seelenheil. Doch durch des Himmels Fügung hauchte Dein Liebster seine sünd'ge Seele In seines Feindes Armen aus. Ich eilte nach der Stadt zurück, Um schleunigst mich zur Flucht zu rüsten; Da fiel mir ein, man werde dich Festnehmen und beschuldigen, Und so, damit man dich nicht einsperrt Im Kerker, bis man untersucht hat, Ob du dran teil hast oder nicht, Und du nicht Schimpf und Strafe leidest, Erschein' ich hier und frage bebend, Ob, da du keinen Bräutigam Mehr hast, du mit mir kommen magst. Ich will dich nach Italien führen, Und mittlerweile bietet dir Mein Gasthaus Schutz und Sicherheit. Antworte hurtig und bedenk: Die Flucht hat Engelsfittiche; Des Bleibens Füße sind von Blei. Clarinda Weh mir! Was hast du da getan! Don Lorenzo Durft' ich die Wahrheit dir verschweigen? Clarinda Der Zweifel, ob dein Herz mein eigen, Der Eifersucht verbohrter Wahn, Die Furcht vor deinem Unbestand Hat dieses Kreuz heraufbeschworen; Doch geht mir alles auch verloren, Ich reich' als Gattin dir die Hand Und folge lebend oder tot, Wohin dich deine Sterne treiben. Don Lorenzo Evandro soll im Hause bleiben, Um, wenn mir die Verhaftung droht, Sogleich Bericht mir zu erstatten. Fürcht' ich doch sehr, mein Zufluchtsort Ist dem Gericht bekannt. Nun fort! Clarinda Ich folge dir als meinem Gatten. (Beide ab) Evandro (allein) Ein großer Schmerz! Ein harter Kummer! Liseo, wackrer, treuer Mann, Der, eh sein Leben recht begann, Schon eingehn muß zum ew'gen Schlummer! Um ihres Hauptmanns Eifersucht Zu schüren, drum hat unbesonnen Mein Fräulein ihren Ohm umsponnen Mit Trug; das ist der Liebe Frucht. Wer sagt mir, wie der Wirrwarr endet? Und was beginn' ich meinerseits? Man kommt! Das sind wohl gar bereits Die Häscher, die man ausgesendet, Die schuldlos Schuldige zu fangen. Gott helf' mir! Täuscht mich mein Gesicht? Ist das der Umgebrachte nicht? Fünfter Auftritt Evandro (Es kommen) Pleberio, Liseo (und ein) Notar Liseo Ging's gut? Pleberio             Vortrefflich ist's gegangen. Liseo Und er? Was sprach er? Pleberio             Überlegt, Ihr, der Clarinda liebt mit Sehnen, Wie mein Bericht gewirkt auf jenen, Der gleichfalls Liebe für sie hegt. Liseo Er drohte wohl, mich umzubringen? Pleberio Ja; doch deswegen seid nicht bang; Spürt zum Erstechen er den Drang, Ersticht er mich vor allen Dingen. Ich zitterte vor Wut und Grimm Auf diesen windigen Soldaten; Bloß weil ich, von Vernunft beraten, Die Folgen hielt für allzu schlimm, Hab' ich ihn nicht entzweigespalten. Denn Zorn, der lodernd aufbegehrt, Macht einen Stock zu einem Schwert, Zum tapfren Jüngling einen Alten. Liseo Ein Mann wie Ihr – das glaub' ich gern. Pleberio Ich war Soldat, erschlug viel Heiden. Liseo Nun zum Geschäfte von uns beiden. Es liegt mir, Herr Pleberio, fern, Auf Mitgift viel Gewicht zu legen. Kommt nicht auf diesen Punkt zurück; Denn meine Zukunft soll auf Glück Beruhn und auf des Höchsten Segen. Bloß weil Ihr's wünscht, soll der Vertrag In Eurem Sinn gefertigt werden, Obwohl für mich kein Gut auf Erden Clarindas Wert erreichen mag. Pleberio (zum Notar) Ihr seid, Herr Placido, vertraut Mit diesem Fall. Notar             Ja, mir ist alles Bekannt bezüglich dieses Falles. Ich sehe nur noch nicht die Braut. Laßt sie erscheinen zur Gewährung Des Jaworts. Pleberio             Das wird gleich geschehn; Was wir vereinbart, soll sie sehn Und es besiegeln durch Erklärung. Evandro! Evandro             Herr? Pleberio             Ruf meine Nichte. Hält Scham und Scheu sie fern, so sag, Notwendig sei's, daß im Vertrag Sie sich durch Unterschrift verpflichte. Evandro Sie kann nicht kommen, Herr. Pleberio             Sie kann nicht? Wenn ich es will? Vernehm' ich recht? Liseo Ehrt sie den Bräutigam so schlecht, Ihr Narr zu sein, bin ich der Mann nicht, Pleberio Sag, um ihr Jawort zu verbuchen, Erwarte sie der Herr Notar. Evandro Wollt Ihr sie sehn, dann, Herr, fürwahr, Müßt Ihr woanders nach ihr suchen. Pleberio Ist sie denn nicht zu Hause? Evandro             Nein. Liseo Mich überrieseln Hitz' und Kälte. Evandro Der Hauptmann Don Lorenzo stellte Vorhin sich unversehns hier ein, Bleich wie der Tod, verstört, beklommen, Mit mantelfreiem rechten Arm, Gleich einem Menschen, der brühwarm Beträchtlicher Gefahr entkommen, Die Augen sonderbar gerötet. Liseo Es ahnt mir schrecklicher Verdruß. Evandro Er sprach, er habe nah dem Fluß Liseo, seinen Feind, getötet. Liseo Mich?! Evandro             Mit ihm bat er sie zu fliehn; Denn Torheit wär' es, zu verharren, Bis kläglich auf dem Sünderkarren Sie müss' in das Gefängnis ziehn. Und weil Clarinda diesen Mord Nicht hielt für eine leere Flause, Begab sie sich von ihrem Hause Mit ihm als ihrem Gatten fort. Liseo Verruchter Schurkenstreich! Pleberio             Erstochen Hat er wohl Euren Freund, im Wahn, Ihr wärt es … Liseo             Heil'ger Cyprian, Da habt die Wahrheit Ihr gesprochen! Zu zweit hat er uns hier erblickt. Damacio kam ihm in die Quere, Und sich zum Schaden, mir zur Ehre Ward in den Handel er verstrickt Und ist nun ohne Zweifel tot. Pleberio Entsetzlich! Weh mir armem Greise! Wird allzu jung ein Mädchen Waise, Dann taugt sie nichts. Evandro             Groß ist die Not. Ihr Herren, folgt ihr auf dem Fuße; Sonst schleppt man sie vor das Gericht. Liseo Solch Unglück sah die Welt noch nicht Wie meines. Evandro             Jetzt habt Ihr nicht Muße, Euch auf das Jammern zu verlegen. Eilt, ihr als Schützer beizustehn. Pleberio Liseo, kommt sie suchen gehn, Nicht Euret-, sondern meinetwegen. Liseo Auch meinethalb. Ich muß mich schämen, Daß ich bereits zu wissen tat, Ich sei verlobt. Pleberio             O Schandsoldat! Liseo Ach, konntest du dich nicht bezähmen, Damacio? Pleberio (zu Evandro)             Kennst du nicht sein Haus? Evandro Ja. Liseo             Schnell dorthin uns zu begeben Tut not. Pleberio             Ein Fünkchen Lieb' – und Leben Und Ehre bricht in Flammen aus. (Alle ab) Sechster Auftritt (Von der anderen Seite kommen) Don Lorenzo, Felisardo, Tristan, Mendoza (Während des Auftrittes wird es Nacht) Don Lorenzo Clarinda hab' im Gasthaus ich geborgen. Felisardo Beneidenswerter! Don Lorenzo             Macht' ich es nicht gut? Felisardo Nach Finsternissen winkt Euch hell der Morgen; Doch ich bin ohne Hoffnung, ohne Mut. Der beste Freund kennt nur die eignen Sorgen, Lorenzo. Don Lorenzo             War ich nicht auf meiner Hut, So wär' sie jetzt vermählt. Erforscht nun weise, Ob sich Octavia grämt um Eure Reise. Denn mich liebt sie wohl kaum, wenngleich verschlagen Sie sich so stellt. Felisardo             Indessen, wenn sie meint, Ich sei verreist, wie darf ich dann es wagen, Hier sie zu sehn? Don Lorenzo             Nichts, was mir leichter scheint: Pocht ruhig bei ihr an, um ihr zu sagen, Ihr hättet, weil uns Freundschaft eng vereint, Schon im Begriff, die Reise anzutreten, Um die bewußte Kette mich gebeten, Die jüngst ich mir von Euch entliehen hätte, Um ihr in Eurem Namen sie zu leihn; Weil Ihr sie braucht, kämt Ihr zu dieser Stätte Nochmals zurück. Felisardo             Könnt' ich mir das verzeihn? Geizt ein galanter Mann mit einer Kette? Don Lorenzo Bei einer Frau, die lebt von Gaukelein, Darf man getrost sich allerlei gestatten; Drum fällt auf Euch durch dieses Tun kein Schatten. Sie weigert sich, damit herauszurücken. Ihr scheltet sie deshalb. Ich, hier versteckt, Erschein', um sie zu rächen. Streit. Wir zücken Das Schwert. Ihr tut, als wärt Ihr hingestreckt. Mendoza, Tristan tragen auf dem Rücken Wehklagend Euch davon. Ob sie's erschreckt, Ob nicht, es wird mir jedenfalls gelingen, Sie kühnlich in mein Gasthaus hinzubringen. Dort wird sich Euch ihr Innerstes erschließen; Dort wird sich zeigen, ob die Teufelin Um Euch imstand ist, Tränen zu vergießen, Das beste Zeugnis für getreuen Sinn. Wird echter Schmerz aus echter Liebe sprießen, Dann führt beseligt zum Altar sie hin; Doch wird ihr Herz als falsch sich offenbaren, Kehrt Eures von ihr ab und laßt sie fahren. Felisardo Es lebt kein andrer Sterblicher hienieden, Der solch verschmitzten Plan zustande bringt; Auch der Octavia selbst, bei der im Schmieden Von Trug und List Ihr in die Schule gingt, War ein so schlauer Einfall nie beschieden. Fast scheint es, daß Ihr einen Teil empfingt Von ihrem Ich; ausschließlich wer tiefinnen In ihrer Seele wohnt, kann dies ersinnen. Ihr blicktet ihr bis in das Eingeweide; Ihr sprecht aus ihrem trügerischen Mund, Fühlt ihr Gefühl, das schwankt auf Messers Schneide, Gebt wie gespiegelt all ihr Wesen kund. Durchtriebene Korsaren seid ihr beide; Doch bohrt ihr sie, so hoff ich, in den Grund. Um endlich dieses Zaubers Bann zu brechen, Will ich nach Eurem Vorschlag mit ihr sprechen. Zu lang schon gleich' ich einem Augenkranken, Dem trotz den Mitteln, die er angewandt, Nie von dem stumpfen Blick die Schleier sanken. Wer Liebe heilen will, schürt nur den Brand. Don Lorenzo Wird nicht Octavia händeringend wanken An Eures Grabes schauerlichem Rand, So hofft nichts mehr. Felisardo (zu den Dienern)             Ihr da, habt ihr vernommen? Wißt ihr, was ihr zu schaffen habt? Tristan             Vollkommen. Mendoza Fortschleppen sollen, Herr, wir Eure Leiche. Felisardo Ich nahe dir voll Angst, verwunschnes Tor; Denn deine Schwelle scheint zu rufen: Weiche! Pflanzt sich der Spuk des Tartarus davor? Bewacht ein grimmer Drache deine Reiche? Umspinnen Feen dich mit Nebelflor? Wohnt nicht hier nur ein Weib? Und doch – ich zaudre, Weil ich vor meinem eignen Fühlen schaudre. (Er pocht an die Tür des Hauses rechts) He! Octavia (drinnen)             Beatriz, hörst du das Pochen? Beatriz (ebenso) Ich sehe nach. Nur daß am End' Nicht gar das Rebhuhn uns verbrennt. Felisardo Rebhühner scheint man da zu kochen! Vermutlich, daß vor lauter Härmen, Weil der Gebieter abgereist, Man schlemmerhaft zu Abend speist. Beatriz (erscheint auf dem Balkon rechts) Wer wagt es, hier so laut zu lärmen? Felisardo Ich. Öffne! Beatriz             Euren Namen, bitte. Felisardo Ich bin's. Beatriz             Herr Felisardo? Felisardo             Ja. Beatriz Gleich meld' ich, daß Ihr wieder da. Felisardo Beflügle, Beatriz, die Schritte. (Beatriz ab) Ach, Don Lorenzo! Don Lorenzo             Was noch weiter? Felisardo Wie denkt Ihr über diesen Schmaus? Don Lorenzo Je nun … Felisardo             Gepraßt wird hier im Haus. Sie trägt den Trennungsschmerz recht heiter. Don Lorenzo Ei, Freund, es will mir fraglich scheinen, Ob sie beim Rebhuhn Euch vergißt; Falls nämlich sie's mit Zwiebeln ißt, So tut sie das nur, um zu weinen. Felisardo Verdammt sei, wer von Wahn benommen Um nichts all sein Gefühl verpufft! Don Lorenzo Ich rieche bis hierher den Duft. Ihr müßt sie rufen. Felisardo             Was kann's frommen? Don Lorenzo Daß Euch sie teilen läßt ihr Mahl, Wonach sie Euch den Mund gewässert. Felisardo Seid Ihr der Meinung, Ihr verbessert Durch dies Gewitzel meine Qual? Da kommt sie. Geht beiseit. Siebenter Auftritt Vorige. Octavia (Zuletzt) Beatriz Octavia (erscheint auf dem Balkon rechts, spricht nach innen)             Ich lache. Hier wäre Felisardo? Nein, Das wird vielleicht ein Bote sein. Felisardo Ha, wie vergnügt sie ist! Don Lorenzo             Aus Rache. Felisardo Ich bin's, Octavia. Gib mir Raum. Octavia Was? Raum? Felisardo             Ich muß dich etwas fragen, Octavia Wer? Felisardo             Ich. Octavia             Das könnte jeder sagen, Don Lorenzo Sie scherzt. Felisardo (ebenso)             Die Wut bezähm' ich kaum. Octavia So spät lass' ich dich nimmerdar Ins Haus herein. Felisardo             Aus welchem Grunde? Kam ich ins Haus zu spätrer Stunde Nicht oft? Octavia             Als es das deine war. Doch das ist nun vorbei; deswegen Leb wohl und geh, Geliebter mein. Ich bin mit Beatriz allein Und möchte jetzt mich schlafen legen. Felisardo Hast ja noch nicht gespeist bis jetzt! Octavia Was mag dich aufgehalten haben? Warf dich ein Fuhrwerk in den Graben? Hat dich ein Maultier abgesetzt? Vergaßest du was in Madrid? Bot man dir einen hohen Posten? Erschreckten dich die Steuerkosten Beim Zollamt von Valladolid? Zwang dich die Sehnsucht, umzuwenden Zu einem heißgeliebten Weib? Felisardo Mich mahnte keine zum Verbleib; Denn keine hält mein Herz in Händen. Kein Maultier brachte mich zum Sturz, Ich blieb mit keiner Kutsche stecken, Kein Zollamt setzte mich in Schrecken, Kein Zufall kam dazwischen, kurz, Ich wankt' und wich nicht aus Madrid. Octavia So hemmte dich geheimer Kummer? Felisardo Nicht doch, vorzüglich ist mein Schlummer Und musterhaft mein Appetit. Vernimm, daß ich um eine Kette Den Hauptmann Don Lorenzo bat, Die jüngst ich ihm als Kamerad Geborgt. Er sagte mir, er hätte Die bloß ihm anvertraute Gabe In meinem Namen dir geliehn, Weil es unzweifelhaft ihm schien, Daß ich wohl nichts dagegen habe. Doch gilt mir auch in allen Dingen Als Richtschnur meine Ritterpflicht, Soll dennoch mein Besitz ihm nicht Zu meinem Schaden Vorteil bringen. Drum gib mir diese Kette wieder; Das ist's, weshalb ich hier noch blieb. Denn weder komm' ich dir zulieb, Noch beugt dein Flattersinn mich nieder. Wenn du den Eintritt mir verwehrst, So wirf sie mir herab von oben; Die Reise hab' ich drum verschoben: Das will erledigt sein zuerst. Octavia Du gibst mir mit verbrauchter List Zwar zu verstehn, daß du voll Kühle Zurückgekehrt; ich aber fühle, Wie toll verliebt in mich du bist. So sehr du's leugnest, klar ist mir, Daß Amor dem vernarrten Toren Viel ungestümer gab die Sporen Als dieser seinem Satteltier. Hältst du, mein Freund, mich für so dumm, Daß ich den Vorwand nicht erspähe? Du kehrtest wegen meiner Nähe, Nicht deiner Kette wegen um. Jetzt leg dich schlafen; ja, geh fort. Ich will sie dir nicht wiedergeben, Und kannst du fern von mir nicht leben, So bleib in Zukunft hübsch am Ort. Wenn dein Verschulden abzuwälzen Dein Wunsch ist, schick mir ein Geschenk, Das mich versöhnt, und sei gedenk, Daß nicht mein Schnee so bald wird schmelzen. Vielleicht in sechs bis sieben Tagen Lass' ich sodann dich wieder ein, Mit der Erlaubnis, deine Pein Von A bis Z mir vorzutragen. – Du schweigst? Felisardo             Die Zunge steht mir still, Grausame Feindin; sie verdorrte, Weil sie nicht finden kann die Worte Für das, was ich dir sagen will. Du Wesen, das aus einem Steine Der Himmel formte, starr und kalt, Damit in eines Weibs Gestalt Ein fühllos Ungetüm erscheine; Du Quelle für mein Mißgeschick, Du Tigrin, stets bereit zum Sprunge, Du Basilisk, der durch die Zunge Zu töten weiß statt durch den Blick; Du Schlange, reich an Redekunst, Die sticht, wenn man ihr Wohltat spendet, Du Schönheit, ohne Nutz verschwendet, Weil keinem je geneigt zur Gunst; Entmenschte Gauklerin, gewandt Im Ködern und im Fallenstellen, Die spielt mit Herzen wie mit Bällen, Beständig nur im Unbestand; Scheinheilige Betrügerin, Nachtgeist, von Irrlichtglanz beschienen, Der falsche Freundschaft in den Mienen Und echte Feindschaft hegt im Sinn! Was ist an mir, das noch dich kümmert, Nachdem du Seele, Herz und Brust Mit schändlicher Zerstörungslust Gleich einem Troja mir zertrümmert? Warum verhöhnst du meine Not, Die du gehäuft zu solcher Bürde, Daß nur noch meines Namens Würde Zurück mich hält von raschem Tod? Doch dir zum Trotz will ich ins Haus! Ich schlage diese Tür in Stücke; Baut Liebe nicht zu dir die Brücke, Höhlt Ingrimm einen Weg sich aus. Paß auf, dir wird der Hohn verleidet; Ich töte dich! Octavia             Bist du verrückt? Die Tür durch deine Hand zerstückt? He, Beatriz! Beatriz (von innen)             Ich bin entkleidet. Octavia Zu Hilfe, Beatriz! Don Lorenzo (scheinbar hinzukommend)             Wer tobt So dreist? Was ist des Wütrichs Name, Der vor dem Haus der edlen Dame Als frecher Lümmel sich erprobt? Felisardo Wer ist's, der diese Frage stellt? Don Lorenzo Ein Mann. Felisardo             Er trete mir entgegen, Damit von diesem blanken Degen Er Antwort augenblicks erhält. Don Lorenzo Drauflos! (Scheingefecht) Felisardo             Weh mir! Ich bin erledigt. (Er fällt zu Boden) Tristan (mit Mendoza dazwischenkommend) Halt! Don Lorenzo             Wer da? Tristan             Tristan. Mendoza             Herr, wir zwei. Don Lorenzo Mendoza, du? Tristan             Wir stehn Euch bei. Ihr seid, so hoff ich, nicht beschädigt. Don Lorenzo Ich nicht; doch der da hat genug. Mendoza Schlugt Ihr ihn tot? Don Lorenzo             Soviel ich sehe. Octavia Wer ist denn das? Ach, weh mir, wehe! Don Lorenzo Ich bin's, der einen Strolch erschlug. Octavia Hauptmann Lorenzo? Don Lorenzo             Zu Befehle. Octavia Was tatet Ihr in Eurem Wahn! Don Lorenzo Ich hab' es Eurethalb getan. Mendoza Soeben ist ihm seine Seele Mit einem letzten Hauch entronnen. Octavia Entsetzen! Jammer! Den Ihr traft, Ist Felisardo! Don Lorenzo             Nein, so straft Mich Gott nicht! Was hab' ich begonnen? Mendoza, bring mich um! Ich habe Dir deinen Herrn geraubt. Mendoza             O Leid! Es ist mein Herr, in Wirklichkeit. Tristan Der arme Mensch! Noch fast ein Knabe, Mußt' er dahin! Octavia             Zu welchem Zweck, Lorenzo, nahmt Ihr mir das Leben? Don Lorenzo Sinnlose Wut ließ mich erbeben, Als ich so lärmend ihn, so keck Die Tür zerbrechend angetroffen; Denn wer es war, konnt' ich nicht schaun. Octavia Ach, ich Unsel'ge! Nacht und Graun Mein Los! Was hab' ich noch zu hoffen? Erkünstelte Verstellung, fahre Dahin! Fahr hin, du Gaukelspiel! Mein Hort, mein Heil, mein Liebster fiel Dem Tod anheim im Lenz der Jahre. Er starb, der eine, der für mich Geboren ward zu Lust und Wonne. Erblindet, Augen! Denn die Sonne, Die Licht euch spendete, verblich. Du falscher, eiteler Soldat, Dem ich Verliebtheit wies zum Scheine, Wenngleich ich wußte, daß die deine Nichts war als Fallstrick und Verrat – Ja, durch Mendoza eingeweiht, Hab' ich dir etwas vorgedichtet, Nur auf das eine Ziel gerichtet, Daß mich mein wahrer Liebster freit. Ich hatt' ihn nur noch hingezogen, Um ihn zu prüfen recht genau, Wohl wissend, wie so manche Frau Schon von den Männern ward betrogen. Nun starb er, der das Glück mir bot! Ach, weil du von mir gingst, mein Ritter, Will ich dir, über dieses Gitter Mich stürzend, folgen in den Tod. Beatriz (ist hinter ihr auf dem Balkon erschienen, hält sie fest) Fräulein, um alles in der Welt, Was tut Ihr? Don Lorenzo (leise zu Felisardo)             Toter, he, wie geht es? Wie fühlt Ihr Euch? Felisardo (leise)             Vortrefflich steht es. Die liebt mich; nun ist's festgestellt. Don Lorenzo Ins Herz ward sie getroffen. Felisardo             Halt! Seid still; sie könnte sonst Euch hören. Octavia Was kommst du, meinen Tod zu stören, Den ich erlitt schon tausendfalt? – Gott gebe, mörderischer Bube, Daß eine Kugel dich errafft, Wo nicht, daß dich ein Lanzenschaft Jählings befördert in die Grube. Aus keinem Feldzug, keiner Schlacht Sollst du mit heiler Haut entrinnen. Felisardo (leise) Der Schmerz um mich bringt sie von Sinnen. Vernahmt Ihr, was sie sprach? Don Lorenzo             Habt acht! Octavia Ach, daß ich seiner Liebe nicht Vertraun geschenkt, war ein Verbrechen! Felisardo (leise zu Don Lorenzo) Was meint Ihr? Soll ich mit ihr sprechen? Don Lorenzo (leise) Unmöglich, daß ein Toter spricht. Beatriz Fräulein, habt Mut. Ich möchte wetten, Daß er nicht ganz den Tod erlitt. Don Lorenzo (laut) Ich nehm' ihn in mein Gasthaus mit, Um ihn womöglich noch zu retten. Aufbieten werd' ich, was ich kann. Octavia Ich komme mit zu seiner Pflege. Don Lorenzo So steigt herab; auf gleichem Wege, Octavia, gehn wir beide dann. (Octavia und Beatrix verlassen den Balkon) Ihr Diener, nehmt behutsam ihn Und tragt ihn bis in meine Straße. Mendoza (leise) Octavia läßt, von diesem Spaße Getäuscht, sich an der Nase ziehn. (Laut jammernd) Mein ärmster Herr! Don Lorenzo             Dem wilden Grame Leg Zügel an. Sonst bringt dein Harm Die ganze Stadt uns in Alarm. (Mendoza und Tristan tragen Felisardo fort) Octavia (mit Beatriz aus dem Haus tretend) Nichts, Beatriz, von Rücksichtnahme! Nicht Ehre kenn' ich mehr und Scheu, Noch frag' ich mehr nach äußerm Scheine; Die Liebe treibt mich! Don Lorenzo             Und die seine Bleibt Euch bis in den Tod getreu. Er lebt! Octavia             Ist's wahr? Don Lorenzo             Und sprach. Octavia             Er sprach? Don Lorenzo Er hauchte, ward's ihm auch beschwerlich: »Octavia.« Octavia             Ist er sehr gefährlich Verwundet? Don Lorenzo             Folgen wir ihm nach. Octavia Ich will ihn sehn, will dem Verderben Beherzt entreißen seinen Raub. O Felisardo, Teurer, glaub: Stirbst du, so werd' ich mit dir sterben. (Alle ab) Achter Auftritt Damacio (kommt von der anderen Seite) Damacio (allein) Ach, Liebe, hochgerühmt von allen Zungen, Kannst du bei schlechtem Lohn dich glücklich wähnen? Zählt nicht in seinem Himmel Gott die Tränen, Die dir verstockter Undank abgerungen? Fluch der Octavia; mit Erniedrigungen Vergilt sie schnöde mir mein zärtlich Sehnen, Das nicht dem Winde Flügel mußt' entlehnen, Als ich zu ihrem Lichte mich geschwungen. Ich irr' umher mit ungewissen Schritten, Geführt allein vom schmachtenden Bemühen, Durch das ich nichts als Ungemach erlitten. Maßlose Liebe läßt in Flammen sprühen Mein Herz, und wird es schonungslos zerschnitten Von ihrem Frost, so mehrt sich nur sein Glühen. Neunter Auftritt Damacio. (Es kommen) Pleberio, Liseo, ein Gerichtsdiener, ein Gerichtsschreiber Gerichtsdiener Ich lasse niemand ohne Namensausweis Vorbei. Pleberio             Habt Mitleid, Herr, mit meiner Ehre Und dieses jungen Mannes Schmerz. Liseo             Noch ist es Zu spät nicht, um den Leichnam aufzusuchen. Gerichtsdiener Damacio, wenn mir recht ist, war sein Name? Liseo Ja, Herr, Damacio hieß mein armer Freund. Gerichtsdiener Wo fand der Zweikampf statt? Liseo             Unfern der Brücke Des Manzanares stießen sie zusammen. Gerichtsdiener Noch eh die Sonne morgen früh den Schnee Des hohen Guadarrama wiedersieht, Werd' ich den Leichnam aufgefunden haben. Schreiber Dort ist ein Mensch. Liseo             Er will entfliehn. Gerichtsdiener             Im Namen Des Königs, halt! Wer seid Ihr? Damacio             Schreit nicht so. Gerichtsdiener (zum Schreiber) Beleuchtet sein Gesicht mit der Laterne. Damacio Was fuchtelt Ihr mit diesem Ding herum Vor meiner Nase? Kennt Ihr nicht die Vorschrift, Daß man Personen meines Rangs und Standes Mit Ehrerbietung zu behandeln hat? Liseo Jesus! Das ist Damacio. Pleberio             Heil'ger Gott! Damacio! Liseo             Schaudervoll! Sein Geist geht um. Pleberio, fort mit uns! Damacio             Weshalb ergreift ihr Die Flucht vor mir! Gerichtsdiener             Schuld ist sein schlimmes Ende, Daß er als Schatten ruhlos wandeln muß. Hilf Himmel, welch gespenstisches Gesicht! Schreiber Ich sah noch nie so fürchterliche Augen. (Er und der Gerichtsdiener laufen fort) Damacio Ihr Herrn, was ist euch? Bleibt! Pleberio             Er heißt uns bleiben. Damacio Ich bin Damacio, Gott sei Dank lebendig, Nicht weniger von Fleisch und Blut als ihr. Man hat euch offenbar was weisgemacht. Pleberio Liseo, bei der größeren Erfahrung, Die meiner Jahre Zahl mir gibt, vermut' ich, Daß man uns einen Possen spielte. Liseo             Wie? Pleberio Damacio sieht gesünder aus als gestern. Liseo Wahrhaftig! Kommt heran. Pleberio             Ich komm' heran. Damacio, seid Ihr's oder nicht? Damacio             Ich bin's. Pleberio Beschwört Ihr, daß Ihr lebt? Damacio             Faßt mich doch an. Nur braucht Ihr nicht mir ins Gesicht zu fahren. Ich lebe; hoffentlich genügt Euch das. Pleberio Er lebt, Liseo! Ruft mir jene Leute! Liseo Was rufen? Spornstreichs rennen sie straßab Und ließen ihre Mäntel gar im Stich. Damacio Da jetzt ihr beide kommt vom Hochzeitsfest, So habt ihr wohl im Übermaß getafelt Und etwas allzu tief ins Glas geschaut. Liseo Das ist es nicht. Damacio             Was dann? Liseo             Mein Mißgeschick. Das Großmaul Don Lorenzo kam heut abend, Als der Notar grad im Begriffe stand, In aller Form den Ehvertrag zu regeln; Er log Clarinda vor, er hab' am Fluß In einem Zweikampf mir den Tod gegeben, Und räuberisch nahm er sie mit sich fort. Doch weil ich unversehrt war, glaubten wir, Daß Ihr das Opfer wärt, und forschten nach. Zehn Zeugen fanden wir, die Euch und ihn Gesehen haben wollen im Gefecht. Damacio Ja, so begibt sich's manchmal in der Welt. Auf Ehr', ich sah den Don Lorenzo nicht, Und andre Worte hab' ich nie mit ihm Getauscht als jüngst in Eurer Gegenwart. Pleberio Ihr machtet uns zu schaffen, weiß es Gott. In Todesängsten hab' ich mehr als tausend Ave Marias Eurethalb gebetet, Und noch ein Trost bei diesem schmerzlichen Verlust ist, daß Ihr lebt. Damacio             Dies ist für mich Noch tröstlicher. Liseo             Sagt, ob Ihr das Quartier Des saubren Hauptmanns kennt. Damacio             Wie meine Tasche. Liseo Betreten wir's mit der Gerichtsbarkeit; Denn zweifellos hält er sie dort versteckt. Damacio So kommt. Pleberio             Clarinda, deinen alten Oheim Hast du gehörig auf den Trab gebracht. Damacio Was kann denn sie dafür, wenn er sie täuschte? Liseo Wie aber, wenn er sie bereits verführt hat? Damacio Kein Zweifel, daß er's tat. Liseo             Wozu dann aber Gehn wir noch hin? Damacio             Um Sicherheit zu haben. Liseo Dann wird man übermorgen mich begraben. (Alle ab) Zimmer in einem Gasthaus Zehnter Auftritt (Es kommen) Octavia, Beatriz, Don Lorenzo, Tristan, Clarinda Octavia Wie? Was? Er ist nicht hier? Don Lorenzo             Bekunde Dem Fräulein, Tristan, wie das kam. Tristan Als ich ihn auf die Schulter nahm, Ihn herzutragen, ging die Runde Mit viel Laternen grad vorbei. Um nicht die Freiheit einzubüßen, Fragt' ich ihn, ob auf seinen Füßen Er sich zu halten fähig sei, Und lud ihn ab; an eine Wand Sich lehnend, könnt' er nicht mehr weiter. Octavia Lebt er? Tristan             Ich weiß nicht. Mein Begleiter Mendoza rannte kurzerhand Zum Kloster San Felipe hin, Um einen Beichtiger zu holen. Octavia Ach, daß nun abermals auf Kohlen Zu stehen ich verurteilt bin! Ihm fern sein, wenn er stirbt! Don Lorenzo             Hört auf Mit Weinen und mit Händeringen; Denn unabänderlichen Dingen, Octavia, läßt man ihren Lauf. Ich, der ich erst vor wenig Tagen Bewundernd Euch entgegentrat, Beklage tief die blinde Tat. Octavia Ihr habt mein Alles mir erschlagen. Clarinda Sagt' ich Euch nicht, daß er desgleichen Auch den Liseo mir erstach? Octavia Doch Euer Gram steht meinem nach, Kann ihn bei weitem nicht erreichen. Ahnt Ihr denn bloß, was mir geschah Durch Felisardos frühes Ende? Clarinda Doch wenn man ihn am Leben fände? Octavia Am Leben Felisardo? Clarinda             Ja. Octavia Ihr bietet mir, mein Weh zu mindern, Umsonst, Clarinda, Tröstung dar; Weil seine Wunde tödlich war, Ist auch die meine nicht zu lindern. O Hauptmann, der du zweien Bräuten Die Gatten stahlst zu gleicher Zeit, Damit sich dir Gelegenheit Ergibt, zwei Witwen zu erbeuten, Ach, daß ich Liebe dir geheuchelt, Der Liebe mir nur vorgespielt, Statt daß ich den am Herzen hielt, Den ich geliebt und du gemeuchelt! Und hat Clarinda dir im Herzen, Als du mich täuschtest, schon gewohnt, Weswegen hast du sie belohnt Mit so verräterischen Scherzen? Don Lorenzo Weil Felisardo mich beschwor, Den zur Verzweiflung du getrieben Durch Kälte, dich zum Schein zu lieben, Octavia, spielt' ich dies dir vor. Du deinerseits, um mich zu trügen, Hast dich in mich verliebt gestellt; So haben uns wir zwei geprellt Durch gegenseitiges Belügen. Daß es am Ende so gekommen, Die Schuld ist dein; drum halte stand. Denn wenn dir ein Geliebter schwand, So wurde mir ein Freund genommen. Octavia Standhalten? In mein Grab mich legen! Ich ohne Felisardo? Nein, Mir selber will ich Mördrin sein. Gib mir den unheilvollen Degen; Durchbohren soll auch mir sein Erz Die Brust! Don Lorenzo             Ich eil', ihn abzuschnallen. Elfter Auftritt Vorige. Felisardo. Mendoza Felisardo Die ausgestreckte Hand laß fallen, Du falsches, du getreues Herz. Notwendig war's, daß ich so hart, So schwer dich auf die Probe stellte, Da Liebe du gelohnt mit Kälte, Bis dir mein Tod verkündet ward. Man muß ein abgeschiedner Geist Erst sein, damit man deine Treue Erkenn' und sich des Lobes freue, Das dem Gestorbnen du verleihst. Octavia Du lebst? Felisardo             Merkst du mir das nicht an? Octavia Du hast mich also hintergangen! Don Lorenzo Octavia, klüger als die Schlangen Und schlauer als der schlauste Mann, In diesem Fall, gesteht es frei, Habt Ihr den kürzeren gezogen. Felisardo Jawohl, Octavia, dich betrogen Hat nur die eigne Gaukelei. Doch als Besiegte darfst du feiern Den schönsten Sieg. Mendoza             Du liebe Zeit! Es naht sich die Gerichtsbarkeit Mit den zwei abgeblitzten Freiern. Octavia Das hat uns grade noch gefehlt! Was tun wir? Don Lorenzo             Zeigen wir Behagen. Octavia Was aber sagen wir? Don Lorenzo             Wir sagen … Octavia Nun, was? Don Lorenzo             Wir wären schon vermählt. Tristan Und Beatriz? Wer ist der Richter, Ob sie Mendoza nimmt, ob mich? Don Lorenzo Balgt euch um sie mit Hieb und Stich. Zwölfter Auftritt Vorige. Gerichtsdiener, Pleberio, Damacio, Liseo (und) Volk Gerichtsdiener Beisammen hockt hier das Gelichter. Damacio Habt Ihr die Tür besetzt? Gerichtsdiener             Versteht sich. Sechs Mann stellt' ich davor. Liseo             Ihr schaut Den Hauptmann dort und meine Braut. Pleberio (zu Don Lorenzo) Ihr wagtet … Don Lorenzo             Man bemüht zu spät sich. Wir beide sind ein Ehepaar. Liseo So wird mir Lieb' und Treu' bescheinigt! Felisardo Und mit Octavia ward vereinigt Ich ebenfalls vor dem Altar. Liseo Was tatst, Clarinda, du mir an! Clarinda O Gott! Liseo! Soll man's glauben? Liseo Ist's wahr? Du ließest dich mir rauben Von einem hergelaufnen Mann? Clarinda Du bist nicht tot? Liseo             Mich zu gefährden Braucht's mehr, als was der Mensch erlog. Don Lorenzo Was ich mir aus den Fingern sog, Das kann auch jetzt noch Wahrheit werden. Liseo Nur zu! (Beide ziehen) Gerichtsdiener             Ihr Herrn, steckt ein die Degen. Habt Achtung vor der Polizei. Damacio Wem soll dies Maß von Büberei Nicht ungeheuren Zorn erregen? Bestrafen muß man solchen Frevel. Pleberio Was hilft's, Damacio? Dieser Trug Bestraft mich selber hart genug. Damacio Und mich nicht minder, Pech und Schwefel! Ich liebt' Octavia. Felisardo             Seid Ihr der, Den ich an ihrer Tür getroffen, So wißt, sie stand Euch niemals offen Zu einem traulichen Verkehr, Und konnt' ich Euch von dort verjagen, Verjag' ich Euch von hier gewiß. Damacio Versucht es! Gerichtsdiener             Gebt kein Ärgernis; Die Polizei müßt's untersagen. Pleberio Wir tun am besten, uns zu fügen In das, was unabänderlich. Liseo Das tu', wer will; jedoch nicht ich. Clarinda Liseo, laßt Euch dran genügen. Ihr seid ein Edelmann und könnt, Was Gott zusammenfügt, nicht scheiden. Octavia Genau so steht es mit uns beiden, Damacio; doch wenn Ihr uns gönnt, Was uns beglückt, so seid ihr zwei Zur Doppelhochzeit eingeladen. Pleberio Den Sündern sei von mir in Gnaden Verziehn. Gerichtsdiener Auch von der Polizei. Tristan Will sich nur Beatriz nicht kümmern Um eines Ehegatten Wahl? Beatriz Mendoza wähl' ich. Tristan             Was empfahl Dir ihn? Beatriz             Ich halt' ihn für den Dümmern. Octavia (zu Don Lorenzo) Ihr, der den Mut an mir gekühlt, Mögt meinethalb Euch dran erheitern: Zwar kann, wer Liebe heuchelt, scheitern, Doch nimmerdar, wer Liebe fühlt.