Kurt Tucholsky Fünf kleine Prosastücke Das Lottchen Lottchens Ankunft Der Liebhaber: »Guten Tag, Lottchen – na, wie ist es denn –?« Das Lottchen (hintereinanderweg): – »Guntach! Halt mal, warte mal ... ich muß hier erst ... wartest du schon lange? Wie? Was? Wie? Mach mir mal die Tür auf, wartest du schon lange? Wieso hast du dies Hötel genommen, wie? Na, wie gefällt dir mein Auto, Lottchen II? Ja, da staunste, was? Beinah ganz abgestottert. Wartest du schon lange? Der soll man hier meinen Koffer ... nein! Den nicht! Den! Sie! Wo gehn Sie denn damit – ach so ... Nein, doch nicht! Die Düse ist hier in den Regenerator gerutscht, die ist da reinge... das verstehst du nicht, na, Gott behüte vor einem Mann, der nichts von Autos versteht! Daddy, geh mal weg, ich dreh bloß mal die Felge über die Nabe – Vorsicht doch! Vorsicht doch! Da hab ich doch mein Obst im Grammophon ... ja da, natürlich im Hutkarton, wo sonst? Nicht in der Schachtel – da sind die Akten für Arturs Geschäft, ich denke an meinen Mann, das tust du nicht! Sach mal dem Mann, er soll mal dies hier nehm und da hintragen – Gott, ist das ein Ochse! ... Wart mal, ich muß erst die Handbremse in die Kiste für die Zündung tun, da gehört sie hin. Das verstehst du eben nicht! Na, Daddy, das kannst du dir ja nicht denken – wieso hast du dies Hötel genommen, wie? Wartest du schon lange? Daddy, das kannst du dir nicht denken, also, wie ich bei Wittenberge rechts in die Kurve gehe, da ist sone Kurve, da kommt von links, hastdunichtgesehn, ein Amerikaner angetobt, ich aber nichts wie den Volang rumgerissen, verstehste, Lottchen ist doch helle, und links, ja also links – wieso hast du aber wirklich ... Daddy, jetzt sage mal auf Lottchen, wieso hast du dies Hötel genomm'? Ja, also links war eine Schafherde, paß doch mal auf, und Lottchen rin in die Schafherde. Der Hammel, der Hirt, nein, der nicht ... aber vier wirkliche Hammel und dreiundachtzig Schafe hab ich ... wieso bezahlt? Er mir vielleicht ...! Der Mann kann sich ... wo ist denn hier der Fahrstuhl? Ich hab auf der Bürgermeisterei gesacht, na, du kennst doch Lottchen! Lottchen hat gleich dem Gendarmen schöne Augen gemacht, verstehste, und da hat der Schafhirt noch einen mächtigen Anschnauzer bekommen, wegen seinen Hammeln, weil die frei rumgelaufen sind, und Lottchen durfte weiterfahren! Finnste das? Wo ist denn hier der Fahrstuhl? Was? Der funktioniert nicht? Daddy! Ich muß ja noch mal raus! Na, warte doch mal! Na, was denkst du dir denn? Ja, meinste, das Auto kann hier auf der Straße stehenbleiben? Nee, mein Lieber – Sie! Sie! Ham Sie denn hier keine Garage in der Hötelhalle ... ich meine ... na, 'n schönes Hötel – laß mich doch –, ich sage immer: Hötel, das ist feiner ... na, ich versteh das ja nicht ... also, Daddy – wo ist denn Ihre Garage? Was? Wie? Wie? Seh ich gar nicht ein – das hab ich gern: soziales Herz bei Lottchens Auto! Tragen Sie mal das Auto hier rüber, ich meine, und hier haben Sie ... laß mich doch mal – ich geb ihm gar kein Geld, ich geb ihm bloß meinen kleinen Koffer, den kann er auf die andere Schulter nehmen – natürlich bezahlst du das! Na, ich vielleicht? Na, Daddy, hast du gedacht, ich wer das Auto mit aufs Zimmer nehmen? Na, nimm mirs nicht übel ...! Sie –! Jetzt is er weg. Na, also komm rein. Nu steh hier nicht auf der Straße rum. Na, Lottchen hat ja unterwegs eine pikfeine Eroberung gemacht! Einen Argentinier, schlank, elegant, mit so schwarzen Augen, hat mir gleich seine Adresse gegeben, na, ich bin ja meinem Daddy treu – Daddy, die Garage kost nicht teuer, vier Mark den Tag, wie? Ist dir das zuviel? Der Fahrstuhl funktioniert nicht ... Daddy, finnste das, daß der Fahrstuhl nicht funktioniert? Ist denn kein andrer Fahrstuhl – dazu komm ich extra aus Interlaken, um hier in Bremen die Treppen raufzu... Also, Daddy, das ist Quatsch, entweder ich reise als Dame, oder ich reise nicht als Dame, aber als Dame und dann nicht als Dame –? Ja, und der Argentinier, wie der nu gesehen hat, daß ich immer rein in die Hammelherde, da hat er ... Daddy, wieso hast du denn dies Zimmer genommen und nicht zwei mit einem Bad in der Mitte, was? Legen Sie dahin! Daddy, bestell mal Kaffee für Lottchen, Lottchen hat so nen Durst – na, fahre du mal in einer Tour von Berlin bis Bremen, wo ist denn meine Seife? Hast du Kaffee bestellt? Hast du denn Lottchen auch noch lieb? Gib mir mal n Küßchen – aber n schönen dicken Bauch hast du dir in Belgien angefressen, kann man wohl sagen – hm ... wo bleibt denn der mit dem Kaffee? Klingel mal! Der Direktor soll kommen, ich will mich beschweren! Daddy –! Jetzt hab ich vergessen, den Motor abzustellen! Frag mal, ob sie nicht n Chauffeur haben, der Motor muß sofort abgestellt werden, der läuft sonst die ganze Nacht, und mir hat der Mann gesagt, wenn nicht mehr genug Benzin im Öltank ist, dann – ach, hätt ich doch das Auto mit aufs Zimmer, nein, wär ich doch bei dem Auto geblieben! Daddy, wie lange hast du denn nu Zeit? Daddy, was sagst du denn nun, daß Lottchen wieder bei dir ist! Sag mal was! Du sagst ja gar nichts ... « Der Liebhaber (ersterbend): »Seid einig – einig – einig –!« (Er sinkt hintenüber.) Lottchen wird saniert »Also sind das jetzt alle Schulden, die du hast?« »Das sind alle.« »Lottchen, daß du mir aber nicht hinterher mit neuen kommst – du weißt: Im vorigen Jahr, in Lugano, habe ich auch alles bezahlt, und wie ich fertig war ...« »Daddy, ich schwöre dir – diesmal habe ich wirklich alles gebeichtet! Meine Kassen sind überhaupt tadellos in Ordnung – also wirklich!« »Gut. Also gib noch mal die Aufstellung her; ich will das mit deinen Kassenbüchern vergleichen ... allmächtiger Gott, das sind deine Kassenbücher?« »Na, was denn?« »Diese traurigen Fetzen?« »Selber trauriger Fetzen! Geh mal weg! Gib mal her – bring mir das nicht durcheinander – ich hab mir das so schön geordnet ...! Soll ich vielleicht doppelte Buchführung machen mit Hauptbuch in Kaliko und so nem Quatsch ... gib mal her!« »Was ist denn das?« »Das ist der Zettel von den Schulden, aber die hier gelten nicht, die sind schon bezahlt, nein, die sind noch nicht bezahlt, aber die haben Zeit. Die können warten! Kätchen kann warten.« »Hat dir dein Freund Käte wieder Geld gegeben? Ich habe dir doch gesagt, du sollst die Frau nicht anpumpen. Ihr Mann ist Arzt und verdient ... ja, ich weiß schon. Aber ich will das nicht. Wieviel?« »Vierzig Mark.« »Da steht doch aber fünfundsechzig Mark?« »Ja ... das heißt ... das sind noch fünfundzwanzig Mark, die habe ich ... die hat sie mir ...« »Also fünfundsechzig. Und was ist das? Hundertundzehn Mark?« »Das ist für die Kinder. Schuhe und Strümpfe.« »Also, weiß Gott: es sind ja nicht meine Kinder. Hundertundzehn. Teure Kinder hast du. Fünfundsechzig und hundertundzehn ... so geht das überhaupt nicht. Gib mal her – jetzt werde ich mal eine neue Aufstellung machen! Also: Kätchen ..... 65 Kinder ..... 110 Hankemann ..... 92 Ja, die hast du gebeichtet – ich weiß schon. Louis Brest ... ach so, die Bank, wieviel? Zweihundertundneun Mark? Sage mal, Lottchen, dir piekt es wohl?« »Wieso? Das ist ein altes Debetkonto, das habe ich ... Das verstehst du nicht – Herrgott, hör doch mal zu! Ich habe mir aus meiner Kleiderkasse im Mai, nein, im vorigen Oktober, fünfundvierzig Mark geborgt, bitte, ich geb sie mir zurück, ich kenn mich doch, mir kann man borgen; und die habe ich in die Kinderkasse getan, und weil in der Reisekasse noch neunundachtzig Mark wegen der Gasrechnung gefehlt haben, da habe ich eben die Miete vom nächsten Vierteljahr genommen – und auf diese Weise habe ich auf der Bank ein Debetkonto! Das ist doch lohrisch!« »Ja, das ist sehr logisch. Aber davon hast du nichts gesagt. Ich will dich ja gern sanieren, das tue ich ja alle Jahre, dieses Großreinemachen – zweihundertundneun Mark Debet ... sage mal, Lottchen, wer glaubst du eigentlich, wer ich bin?« »Du bist ein alter Gnietschfritze! Hab dich doch nicht so wegen der zweihundert Mark! Überhaupt sind die nicht eilig! Die haben Zeit!« »Und kosten Zinsen! Also weiter: Louis Brest ..... 209 »Was ist das?« »Das ist das, wo ich dir neulich gesagt habe!« »Davon hast du nichts gesagt!« »Davon habe ich nichts gesagt? Das ist ja großartig! Ich habe nur nicht vierundfünfzig gesagt, damit du nicht so nen Schreck kriegst ... ich habe nur einen Teil zugegeben.« »Wieviel?« »Drei Mark fünfzig. Das hat man davon, wenn man Rücksicht nimmt! Die gehören überhaupt in die Wirtschaftskasse. Die Schulden, das sind gar nicht meine Schulden ... das schuldet die Wirtschaftskasse!« »Wem?« »Der Kleiderkasse. Nu weiter!« »Also wovon ich alles bezahlen soll ... ich weiß es nicht. Ich weiß es wirklich nicht. Werßhofen ..... 54 Postscheck ..... 28 – was heißt Postscheck achtundzwanzig ...?« »Gib mal her. Ich weiß nicht ... Ach so! Das habe ich an Papa mit Postscheck zahlen wollen.« »Hast dus denn gezahlt?« »Nein. Papa war damals grade auf Reisen.« »Wo ist das Geld?« »Wo ist das Geld! Wo ist das Geld! Komische Fragen stellst du! Das Geld ist natürlich weg!« »Wo ist es, will ich wissen!« »Mein Gott, ich hab es an Neschke geschickt, wegen der Schuld.« »Wegen welcher Schuld?« »Na, ich ... also ich schulde ihm noch achtundvierzig Mark, vom vorigen Jahr! Herrgott, ich kann nicht immer mit demselben Hut rumlaufen, man kommt sich ja schon rein dämlich vor! Alle Frauen haben einen neuen Hut, bloß ich nicht! Mach nicht son Gesicht – Neschke kann warten; den brauchst du nicht bezahlen!« »Zu bezahlen!« »Verbesser einen doch nicht immer! Das ist ja schlimmer wie ein Lehrer!« »Als.« »Wie?« »Als. Schlimmer als ein Lehrer. Nach dem Komparativ ...« »Ist hier Grammatik, oder machen wir hier Kasse? Also weiter. Neschke wartet – er ist darin viel kulanter wie die Münchner.« »Welche Münchner?« »Ach ... ich habe da auf der Reise ... Daddy, du brauchst nicht gleich zu schreien, zu nach brauchen, ich war doch auf der Durchreise in München, und da habe ich so ein entzückendes Automäntelchen gesehn ...« »Mäntelchen ist schon faul. Wieviel?« »........« »Also wieviel?« »Hundertundzwanzig. Aber ich trage es noch drei Jahre!« »Diese Frau ist der Deckel zu meiner Urne. Ich vermag es fürder nicht. Fürder ist ein seltenes Wort, aber du bist auch selten. Sind das nun alle Schulden?« »Das sind alle. Dann bloß noch die Apotheke und fünfzig Mark beim Doktor. Aber der kann wirklich warten. Du brauchst ihn nicht zu bezahlen! Ich will es nicht! Ich will es wirklich nicht! Den bezahl ich allein! Er kann warten! Wirklich!« »O Popoi. Nein, das ist nicht unanständig; das ist Griechisch. Nun schreib mir das alles auf, und ich werde es in meine Brieftasche legen und es mir beschlafen. Großer Gott, du siehst es. Blick herunter! Schreib es so, daß man lesen kann! So, danke. Ich geh jetzt mal runter, Zigaretten kaufen – gib her! Lottchen, du bist eine teure Dame. Aber nun ist auch wirklich alles aufgeschrieben? Ja? Das ist alles? Das ist nun wirklich alles?« »Das ist alles. Heiliges Ehrenwort. Das ist wirklich alles. Ich bin gar keine teure Dame – ich bin viel zu billig. Bei meinen Qualitäten! Auf Wiedersehn!« »Auf Wiedersehn!« (Das Lottchen): »Jetzt hab ich richtig vergessen, ihm die zweiundzwanzig Mark Bridgegeld anzusagen! Allmächtiger Braten! Ach was ... ich buch sie in die Sportkasse –!« Lottchen beichtet 1 Geliebten »Es ist ein fremder Hauch auf mir? Was soll das heißen – es ist ein fremder Hauch auf mir? Auf mir ist kein fremder Hauch. Gib mal n Kuß auf Lottchen. In den ganzen vier Wochen, wo du in der Schweiz gewesen bist, hat mir keiner einen Kuß gegeben. Hier war nichts. Nein – hier war wirklich nichts! Was hast du gleich gemerkt? Du hast gar nichts gleich gemerkt ... ach, Daddy! Ich bin dir so treu wie du mir. Nein, das heißt ... also, ich bin dir wirklich treu! Du verliebst dich ja schon in jeden Refrain, wenn ein Frauenname drin vorkommt ... ich bin dir treu – Gott sei Dank! Hier war nichts. ... Nur ein paarmal im Theater. Nein, billige Plätze – na, das eine Mal in der Loge ... Woher weißt du denn das? Was? Wie? Wer hat dir das erzählt? Na ja, das waren Plätze ... durch Beziehungen ... Natürlich war ich da mit einem Mann. Na, soll ich vielleicht mit einer Krankenschwester ins Theater ... lieber Daddy, das war ganz harmlos, vollkommen harmlos, mach doch hier nicht in Kamorra oder Mafia oder was sie da in Korsika machen. In Sizilien – meinetwegen, in Sizilien! Jedenfalls war das harmlos. Was haben sie dir denn erzählt? Was? Hier war nichts. Das war ... das ist ... du kennst den Mann nicht. Na, das werd ich doch nicht machen – wenn ich schon mit einem andern Mann ins Theater gehe, dann geh ich doch nicht mit einem Mann, den du kennst. Bitte: ich hab dich noch nie kompromittiert. Männer sind doch so dußlig, die nehmen einem das übel, wenn man schon was macht, daß es dann ein Berufskollege ist. Und wenn es kein Berufskollege ist, dann heißt es gleich: Fräulein Julie! Man hats wirklich nicht leicht! Also du kennst den Mann nicht! Du kennst ihn nicht. Ja – er kennt dich. Na, sei doch froh, daß dich so viele Leute kennen – biste doch berühmt. Das war jedenfalls ganz harmlos. Total. Nachher waren wir noch essen. Aber sonst war nichts. Nichts. Nichts war. Der Mann ... der Mann ist eben – ich hab ihn auch im Auto mitgenommen, weil er so nett neben einem im Auto sitzt, eine glänzende Begleitdogge – so, hat das die Reventlow auch gesagt? Na, ich nenne das auch so. Aber nur als Begleitdogge. Der Mann sah glänzend aus. Doch, das ist wahr. Einen wunderbaren Mund, so einen harten Mund – gib mal n Kuß auf Lottchen, er war dumm. Es war nichts. Direkt dumm war er eigentlich nicht. Das ist ja ... ich habe mich gar nicht in ihn verliebt; du weißt ganz genau, daß ich mich bloß verliebe, wenn du dabei bist – damit du auch eine Freude hast! Ein netter Mann ... aber ich will ja die Kerls gar nicht mehr. Ich nicht. Ich will das überhaupt alles nicht mehr. Daddy, so nett hat er ja gar nicht ausgesehn. Außerdem küßte er gut. Na so – es war jedenfalls weiter nichts. Sag mal, was glaubst du eigentlich von mir? Glaubst du vielleicht von mir, was ich von dir glaube? Du – das verbitt ich mir! Ich bin treu. Daddy, der Mann ... das war doch nur so eine Art Laune. Na ja, erst läßt du einen hier allein, und dann schreibst du nicht richtig, und telephoniert hast du auch bloß einmal – und wenn eine Frau allein ist, dann ist sie viel alleiner als ihr Männer. Ich brauche gewiß keinen Mann ... ich nicht. Den hab ich auch nicht gebraucht; das soll er sich bloß nicht einbilden! Ich dachte nur: I, dachte ich – wie ich ihn gesehn habe ... Ich habe schon das erstemal gewußt, wie ich ihn gesehn habe – aber es war ja nichts. Nach dem Theater. Dann noch zwei Wochen lang. Nein. Ja. Nur Rosen und zweimal Konfekt und den kleinen Löwen aus Speckstein. Nein. Ich ihm meinen Hausschlüssel? Bist wohl ...! Ich hab ihm meinen Hausschlüssel doch nicht gegeben! Ich werde doch einem fremden Mann meinen Hausschlüssel nicht geben ...! Da bring ich ihn lieber runter. Daddy, ich habe ja für den Mann gar nichts empfunden – und er für mich auch nicht –, das weißt du doch. Weil er eben solch einen harten Mund hatte – und ganz schmale Lippen. Weil er früher Seemann war. Was? Auf dem Wannsee? Der Mann ist zur See gefahren ... auf einem riesigen Schiff, ich habe den Namen vergessen, und er kann alle Kommandos, und er hat einen harten Mund. Ganz schmale Lippen. Mensch, der erzählt ja nicht. Küßt aber gut. Daddy, wenn ich mich nicht so runter gefühlt hätte, dann wäre das auch gar nicht passiert ... Es ist ja auch eigentlich nichts passiert – das zählt doch nicht. Was? In der Stadt. Nein, nicht bei ihm; wir haben zusammen in der Stadt gegessen. Er hat bezahlt – na, hast du das gesehn! Soll ich vielleicht meine Bekanntschaften finanzieren ... na, das ist doch ...! Es war überhaupt nichts. Tätowiert! Der Mann ist doch nicht tätowiert! Der Mann hat eine ganz reine Haut, er hat ... Keine Details? Keine Details! Entweder soll ich erzählen, oder ich soll nicht erzählen. Von mir wirst du über den Mann kein Wort hören. Daddy, hör doch – wenn er nicht Seemannsmaat gewesen wäre oder wie das heißt ... Und ich wer dir überhaupt was sagen: Erstens war überhaupt nichts, und zweitens kennst du den Mann nicht, und drittens weil er Seemann war, und ich hab ihm gar nichts geschenkt, und überhaupt, wie Paul Graetz immer sagt: Kaum hat man mal, dann ist man gleich – Daddy! Daddy! Laß mal ... was ist das hier? Was? Wie? Was ist das für ein Bild? Was ist das für eine Person? Wie? Was? Wo hast du die kennengelernt? Wie? In Luzern? Was? Hast du mit der Frau Ausflüge gemacht? In der Schweiz machen sie immer Ausflüge. Erzähl mir doch nichts ... Was? Da war nichts? Das ist ganz was andres. Na ja, mir gefällt schon manchmal ein Mann. Aber ihr –? Ihr werft euch eben weg!« Es reut das Lottchen »Gar nichts. Ich habe gar nichts. Ich? Nichts. Nein ... Frag nicht so dumm – man kann ja auch mal nicht guter Laune sein, kann man doch, wie? Ich habe gar nichts. Nichts. Ach, laß mich. Na, ich denke eben nach. Meinst du, bloß ihr Männer denkt nach? Ich denke nach. Nein, kein Geld – meine Rechnungen sind alle bezahlt. Alle! Ich habe keinen Pfennig Schulden. Was? Keinen Pfennig. Bloß die Apotheke und das Aquarium, das ich mir neulich gekauft habe, und die Schneiderin und bei Kätchen. Sonst nichts. Na ja, und die fünfzig Mark bei Vopelius. Nein, wegen dem Geld ist es auch nicht. Wegen des Geldes! Was du bloß immer mit der Grammatik hast – die Hauptsache ist doch, daß ich Geld habe. Ich habe aber keins. Ach, der Kerl, der ... Na, nichts. Na, dieser Kerl. Der Seemann, von dem ich dir neulich erzählt habe. Er war doch ein bißchen tätowiert wie ein Seemann und sah aus wie ein holsteinischer Bauernjunge. Nein, ich war nie in Holstein – ich denk mir das so. Was mit dem ist? Ach, laß mich. Natürlich, doch, ja! Seemann ist er. Nein, er war nicht mehr hier. Ich dachte immer, er würde mal kommen. Wieso? Wieso! Weil er mich angepumpt hat! Wieso ist das die Höhe? Das ist gar keine Höhe! Ich pump dich doch auch manchmal an. Aber ich sag wenigstens nicht, daß ichs dir wiedergebe! Nein, nicht viel. Ist ja egal. Ach ... ich weine gar nicht. Viel nicht. Einmal fünfzig Mark und einmal achtundsechzig. Na und –? Na und? Ich hab doch gedacht, er wär zwei Jahre auf See gefahren. Das hat er mir erzählt. Bitte, meine Freunde lügen nicht ... wenn die was erzählen, dann ist es wahr, meistens ist es sogar wahr. Die lügen eben nicht alle wie du neulich mit Micky. Hast du die Person wiedergesehn? Er war gar nicht auf See. Auf dem Land natürlich. Ach, laß mich. Na, er hat eben gesessen. Anderthalb Jahre. Ich weiß nicht warum. Wo? Das ist doch egal. In Plötzensee. Ich weiß nicht, weswegen – laß mich in Ruhe. Es hat mir einer erzählt. Da war ein Mann, der holt sich hier immer alte Kindersachen ab, die geb ich ihm, und er hat für einen Freund gebeten, den haben sie grade entlassen, und da sind wir ins Gespräch gekommen, und da hat er auf einmal den Namen von dem gesagt, von dem Seemann. Und da ist es rausgekommen. Die kannten sich alle zusammen. Anderthalb Jahre. Mir hat er gesagt, er war in Bali. Und dabei war er in Plötzensee. Ich weiß nicht, warum – laß mich in Frieden! Darauf kommt es auch gar nicht an! Mein Geld ...? Ich war gleich auf der Kriminalpolizei. Du, da war aber so ein netter Mann, der mich da empfangen hat, den habe ich gefragt. Ich habs ihm alles erzählt. Sah sehr gut aus, der Mann – ein Kriminalrat oder so. Wie ich rausgehn will, sagt er zu mir: Frau Laßmann, sagt er, Sie haben zu schöne Augen! Das Weiße da drin: ganz blau! Hat er gesagt! Und dann war ich noch mal da, und da hat er mir Gedichte vorgelesen, der Mann macht nämlich Gedichte. Na, meinste, du machst bloß alleine Gedichte? Sollen sie sich vielleicht vorne reimen – natürlich haben sie sich hinten gereimt! Sehr schöne Gedichte. Und er hat gesagt: Das ist ja glatter Betrug! Glatter Betrug ist das! Vorspiegelung falscher Tatsachen, sagt er. Und er wird dahinterhaken. Und dann hat er mir noch ein Gedicht vorgelesen. Ob ich so zu meinem Geld komme? Daddy, ich werd dir mal was sagen: Mein Geld will ich gar nicht wiederhaben! Der Kerl ist bei mir gestrichen. Ich, mit einem Seemann? Nie wieder. Ist das eigentlich ein höherer Beamter, ein Kriminalrat? Und hier ist noch eine Rechnung, die kannst du auch bezahlen. Warum sagst du ahoi? Und ich werde dir mal sagen, woher das alles kommt: Ich habe viel zuwenig Geld, und viel zuviel Herz. Und bei dir ist es eben umgekehrt. Ahoi –!« Lottchen besucht einen tragischen Film »Setz dich nicht auf meine Tasche. Laß mich mal dahin. Ist das noch Wochenschau? Was? Wie? Das ist noch Wochenschau, was? Also wie ich dir sage: ich würde die Möbel nicht in Holland kaufen. Du kennst das da nicht so, guck mal! ne Feuerwehr! – Und überhaupt: hier in Berlin hab ich meine Quellen, mein Freund Käte sagt auch ... Wieso? Ich sage: mein Freund Käte – die ist wien Mann. Sag ich dir. Bloß viel netter. Guck mal: noch ne Feuerwehr. Warum sind in den Wochenschaun soviel Feuerwehren? Was? Und was kostet überhaupt son Möbeltransport ... ich hab mich erkundigt, was das macht, wart mal ... ich hab mir das aufgeschrieben. ... So! Jetzt ist mein Notizbuch runtergefallen, heb doch mal auf! Na, laß mich mal ... geh mal weg ... geh doch mal weg! Aua! ... Ich komm ja gar nicht wieder hoch – war hier was inzwischen? Nee – was? Das is ja Zimt, was die da spielen, unter uns gesagt ... ich hab mir das aufgeschrieben: vierzehn Pfennig pro ... jetzt weiß ich nicht mehr, ob es pro Kilo oder pro Zentner war ... aber jedenfalls waren es vierzehn Pfennig. Das ist doch kein Geld, was? Wie? Wenn du so lang wärst, wie du dumm bist, könntst du aus der Dachrinne saufen. Jetzt wirds hell. Nettes Kino, was? Warum haben sie das so blau gestrichen? Du, die Käte hat sich ein himmlisches Schlafzimmer machen lassen, auch so blau – na, n bißchen heller als das da und weißer Schleiflack, wunderbar! Kaufst du mir so was? Nein. Siehst du, solchen Pelz will Lottchen haben, so, wie die da hat – nicht die, du Ochse, die kleine Dicke! Na, sie kann ihn nicht tragen – aber solchen Pelz. Nu wirds dunkel ... kaum, daß man mal was lesen will, wirds dunkel. Daddy, ist das der große Film, von dem sie soviel geschrieben haben? Ja? Is er das? Sei mal ruhig, ich muß mal lesen, wer alles mitspielt. Sei jetzt still, ich muß lesen ... Pudowkin – kennst du Pudowkin? Wahrscheinlich ein Russe – was? Du, bei Lützows haben sie jetzt ein russisches Dienstmädchen, die kann kein Wort Deutsch, nur n bißchen Französisch. Komisch, was? Jetzt gehts los. Das kann ich dir sagen: wenn meine Tante mir noch einmal so einen frechen Brief schreibt ... weißt du, ich gönn ja keinem Menschen was Böses, aber willst du mir vielleicht sagen, wozu so was auf der Welt ... Hübsche Person. Du, der Film kann aber nicht neu sein, son Hut trägt kein Mensch mehr! War auch gar nicht kleidsam – Lottchen hat nie sonen Hut getragen. Daddy, du mußt mir unbedingt noch eine Tasche kaufen; die du mir fürn Abend gekauft hast, ist ja sehr hübsch ... aber nun habe ich für den Tag gar nichts. Nein, die brauche ich fürs Auto. Die blaue? Die ist für den Nachmittag, für den Vormittag fehlt mir eine! Für die Stadt! Das verstehst du nicht. Na, ich wers dir sagen: also ich hab mir heute eine gekauft. Du kaufst mir ja doch keine. Das Geld darfst du mir zurückgeben. Na, laß man. Ich sag immer: Lieber arm und reich, als jung und alt. Was steht da –? AUF MÄNNER, DIE LIEBEN KANN MAN NICHT BAUEN. Sag ich doch immer. Daddy, vorgestern abend war ich mit Spannagel zusammen. Er sah ganz gut aus. Quatsch – mit dem Mann will ich doch gar nichts mehr zu tun haben; du stellst dich auch an – nur, weil ich mit ihm mal verheiratet war –! Er hat übrigens erzählt, er geht nächstens nach China, er will da den Bürgerkrieg studieren. Sehr interessant, ich hab ihm gesagt, er soll man vorsichtig sein; ich finde, wenn einer in den Krieg geht, muß er vorsichtig sein. Du, das ist mein Typ. Sei mal still ... stör einen doch nicht immer, wenn man sich einen Film ansehen will! Du, das ist mein Typ! Sieht beinah aus wie Tilden. Wunderbare Figur, was? Der hat keinen Bauch, wunderbare Figur. Schade, nu is er weg. Daddy, mit dem Reichsentschädigungsamt hab ich mir das also folgendermaßen ausgedacht: Wenn die die achtzehn Prozent für die Kriegsguthaben bewilligen, zuzüglich der Nachtragsrente für Kinder, verstehst du?, und wenn der Anwalt dann noch durchdrückt, daß die zweite Entschädigungsrate von der ersten so abgezogen wird, daß die Umrechnungsquote bei der Reichsanleihe raufgesetzt wird –: dann kann ich den Ring auslösen! Du löst ihn mir ja nicht aus. Sage selbst – löst du ihn aus? Du sollst ihn auch gar nicht auslösen. Ich meine bloß so. Aber du löst ihn nicht aus. Guck mal, wo haben sie das aufgenommen? Wahrscheinlich in Frankreich, was? Der Anwalt hat aber gesagt, er kann nicht garantieren, daß der Prozeß noch dieses Jahr zu Ende ist – ich hab ihm gesagt, Peter ist heute zehn Jahre, bis zu seiner Volljährigkeit wart ich noch, aber dann hat meine Geduld ein ... Du lachst! Ich bin eine alleinstehende Frau und muß mir alles allein machen! Na, alles nicht, Ferkel. Hat Karlchen geschrieben? Nicht? Was? Hat er nicht geschrieben? Ich werde ihm mal schreiben: ob er vielleicht seine Bräute so behandelt, wie du mich behandelst. Karlchen ist eben ein Kavalier. Nein, auch von vorn ... laß mir meinen Karlchen! Jakopp ist aber auch sehr nett – überhaupt, ich will dir mal was sagen ... wenn deine Freunde ... Allmächtiger, was kullert die mit den Augen! Du himmlischer Braten! Warum tut sie denn das? Was? Na, erklär mir das doch mal – wozu gehe ich denn mit einem Mann ins Kino! Sssst! Was die Leute bloß immer reden, wenn sie im Kino sind! Man versteht ja gar nichts ...! Du, warum hat die denn so mit den Augen gekullert, was? Die findest du nett? Na, dein Geschmack .. . Ich frage mich wirklich manchmal, was du eigentlich an mir hast ... Na, ich bin ja dein Irrtum. Das ist mal sicher. Blond bin ich nicht, schöne Beine habe ich auch nicht, sagst du immer – bitte, ich hab sehr gute Beine! So schöne, wie deine Putti noch allemal! Von Dickchen gar nicht zu reden. Und Musch? Hat Musch vielleicht schöne Beine? Spitze Schuhe hat sie; kein Mensch trägt mehr ... Daddy, hast du zu Hause das Licht ausgemacht? Na, denn ist gut. Was steht da? TRETEN SIE ZURÜCK – NUR ÜBER UNSERE DREI LEICHEN GEHT DER WEG! Daddy, dabei fällt mir ein, ich muß mir mal von der Käte das Rezept für die Rohkostsuppe aufschreiben lassen – wir haben sie neulich bei Mühlbergs gegessen, wunderbar, ganz schwer, wie Krebssuppe also, das hat einen ausgesprochnen Krebsgeschmack, ist aber ganz vegetarisch ... Hast du das gesehn? Hast du das gesehn? Wie die das Pferd rumgerissen hat? Doll. Was? Was spielen die da? Krenek? Mag ich gar nicht. Magst du das? Ich war voriges Jahr da mit Hornemann ... du, der Hornemann ist jetzt nach Südamerika gegangen ... Er schreibt, da tragen die Frauen alle wundervolle Waschseide. Daddy, du könntest mir eigentlich mal – nein, kauf mir lieber eine Brücke für die Wohnung, weißt du, so eine echte Perserbrücke. Na, Daddy, du kannst nicht sagen, daß ich dich mit Wünschen belästige. Ich möchte mal sehn, was du andern Frauen schenkst ... Natürlich kriege ich die Wohnung. Das heißt: der Wirt legt noch Berufung ein, weil wir doch Kette tauschen; also Willachs in der Augsburger Straße geben ihre Wohnung gegen einen Abstand an Bernhardt, und Bernhardt tauscht mit Willer, wenn Marie einverstanden ist, heißt das, sie ist aber nicht einverstanden, weil sie sich scheiden lassen will, sie ist jetzt mit Bromberg, sie wird sich aber nicht scheiden lassen, da wäre sie ja schön dumm, und wenn ich nun mit Josenstein über Hippels weg tausche und der Wirt vorher stirbt und wenn Romel seine Wohnung an mich abgibt –: dann kriege ich die Wohnung. Laß man: der liebe Gott wird Lottchen schon nicht verlassen. Ich kenne den Mann. Was? Wie? Es ist komisch: Männer verstehn nie, was man ihnen erklärt – Männer verstehn überhaupt ... Aus. Schon aus? Das war alles? Ja, wahrhaftig: die Leute stehen schon auf. Daddy, jetzt sag mir aber mal eins – das hab ich nicht kapiert: Warum heißt der Film: Die Jungfrau von Orleans –?« 1930 Erotische Filme Die Wand wurde weiß. Ein an vielen Stellen brüchiges, fahriges Silberweiß leuchtete zittrig auf. Es begann. Aber alle lachten. Auch ich lachte. Hatten wir etwas Unerhörtes, Maßloses erhofft, so balgten sich jetzt auf der Leinewand spielend ein Miau-Kätzchen und ein Wauwau-Hundchen. Vielleicht hatte der Exporteur das vorgeklebt, um die Polizei zu täuschen – wer weiß. Der Film lief eintönig klappernd, ohne Musik; das war unheimlich und nicht sehr angenehm. Aber ganz unvermittelt erschien ein Satyr auf der Bildfläche und erschreckte in einem Waldgewässer kreischende und plantschende Mädchen. Nun, ich war enttäuscht, immerhin... Ich war hierhergekommen, um etwas recht Unanständiges zu sehen, ein dicker Freund hatte mich mitgenommen; Gott mochte wissen, woher er es hatte. Sah ich ihn, so senkte sich bewundernder Neid auf mich herab: er hatte die Fähigkeit, auch diese Dinge – neben verschiedenen andern – bis auf den Grund auszukosten. Hoh, aber jetzt gab es: Szene im Harem. Man hatte sich den Schauplatz der Handlung etwa am Schlesischen Tor vorzustellen, denn das Tapetenmuster des ausgeräumten kleinen Zimmers war ganz so, und auch die Gardinen und der Teppich. Fatinga tanzt. Das lasterhafte Mädchen entkleidete sich aus pompöser Wäsche und tanzte; das heißt: die drehte sich bequem um sich selbst, und jeder konnte sie bewundern – und sie tanzte vor ihrem Sultan, der sich faul und lässig in den Schößen der andern Haremsmitglieder lümmelte. Er war ein Genießer. Sie bewedelten ihn mit großen japanischen Papierschirmen, und vorn auf einem Tisch stand ein Weißbierglas. Die Szene fand nicht den Beifall des Auditoriums. Ermunternde Zurufe wurden laut. Man hätte sich den Herrscher wohl etwas agiler gewünscht, aber er blieb ruhig liegen – wozu war er auch Sultan! Und dann kam »Klostergeheimnisse« und »Annas Nebenberuf«, und zwei »perverse Schönheiten« wälzten sich auf einem Läufer herum. Die eine von ihnen war eine gewisse Emmi Raschke, die fortwährend lachte, weil es ihr wohl selbst ein bißchen komisch vorkam. Nun, sie waren alle engagiert, um eiskalt, mit einem Unmaß von Geschäftlichkeit, unter den scheltenden Zurufen des Photographen, Dinge darzustellen, die, wenn man den Beschauern glauben wollte, doch wohl an das Himmlischste grenzten. Sie glaubten alle, daß Emmi Raschke für sie und ganz speziell für sie erschaffen war – vorgebildet allerdings durch eine Reihe von nunmehr vergangenen Handlungen ähnlicher Art. Es war nicht ganz klar, was sie eigentlich von den Frauen wollten, wenn diese mit ihnen geschlafen hatten – sicher war, daß sie allesamt nicht zögerten, sich als die Gnadenspender des weiblichen Geschlechts anzusehen. Es folgten nunmehr zwei längere Stücke, und es war nicht zu sagen, wie lasterhaft sie waren. Eine schwüle Sinnlichkeit wehte von den verdorbenen, also üppigen Gestalten herüber, sie gaben sich den unerhörtesten Genüssen hin – und währenddessen bot eine Kellnerstimme gefällig Bier an. Worauf mit Recht aus dem Dunkel ein tiefer Raucherbaß ertönte: »Ach, wer braucht denn hier jetzt Bier – !« Das wurde lebhaft applaudiert, und von nun an beteiligte sich das Publikum intensiver an den Darbietungen: Rufe, ratende Stimmen, Grunzen, Beifall und anfeuernde Aufschreie wurden laut, einer gab Privatfreuden vergleichend zum besten, viele lärmten und schrien. Oben spielten sie: »Die Frau des Hauptmanns.« Während der würdige Militär seine Gemahlin mit der Leutnantsfrau betrog, nutzte jene – die Gemahlin – die Zeit nicht schlecht aus, denn der Hauptmann hatte einen Burschen. Sie wurden überrascht, und es setzte Ohrfeigen. Mochte man übrigens sagen, was man wollte: ehrlich war der Film. Ein bißchen merkwürdig schien es allerdings im französischen Soldatenleben zuzugehen: es gab da Situationen, die sich so unheimlich rasch abwickelten, daß man nur wünschen konnte, ein Piou-piou zu sein. Immerhin gab es doch einige Augenblicke, in denen sich die Spielenden ihrer Rollen mit hingebendem Eifer annahmen. Und selbst der war gespielt. Im Parkett blieb es gemütlich. Man faßte da die Dinge nicht so gefährlich auf, sah nicht, daß auch Tristan und Isolde hier einen lächerlichen Aspekt darbieten würden und daß Romeo und Julia, von einem andern Stern, objektiv und nüchtern, also unabhängig betrachtet, ein ulkiges und verkrampftes Paar darstellten. Nein, davon war im Parkett keine Rede. Wenn sie nicht Skat spielten, so lag das nur daran, daß es zu dunkel war, und im übrigen herrschte eine recht feiste und massive Freude. Das mußte man selbst sagen: immer diese verlogenen Sachen – hier wußte man doch ... Als es dann aus war – so ein trüber Schluß, wo jeder denkt, daß noch was kommt –, da zeigte sich, daß es mit der Sexualität so eine Sache ist. Die Männer standen herum und genierten sich voreinander, wobei sie den Mangel an Höherem betonten ... und dann schoben wir uns durch schmale Gänge in das benachbarte Lokal, und die Musik spielte laut und grell, und da waren alle so merkwürdig still und erregt. Ich hörte später, der Wirt habe zwanzig Mädchen dort hinbestellt. Ich weiß es nicht, denn ich bin fortgegangen und habe mir so gedacht, wie doch die Worte »Laster« und »Unzucht« hohle Bezeichnungen für Dinge sind, die jeder mit sich selbst abzumachen hat. »Der Lasterpfuhl« – du lieber Gott! Auch dort wird man zu Neujahr Pfannkuchen essen und die Gebräuche halten, wie es der kluge Bürger liebt. Denn das Laster ist kein Gewerbe – und ein Augenzwinkern und ein tiefes Frauenlachen können lasterhafter sein als das ganze Hafenviertel Port Saids. 1913 Enthüllung »Es gibt keinen Mädchenhandel«, sagt Kurt Tucholsky. – Was hat er für ein Interesse, die Mädchenhändler zu schützen? Nationale Zeitungsnotiz Frühmorgens, wenn, mit Verlaub zu sagen, die Hähne krähn, springe ich fröhlich aus dem Bett, reibe mir den Beischlaf aus den Augen, gürte meinen Galanteriedegen, und – hei! – fort geht's, meinem heimlichen Beruf entgegen, von dem niemand, niemand nichts weiß. Rasch den Kuppelpelz umgelegt, und hinein in den Rolls-Royce, jüngere Linie, der schon vor der Tür, abgezahlt bis auf das linke Hinterrad, auf mich wartet. Fahr zu, Johann, und laß die Pferdekräfte traben –! Bei der Pariser Polizei bin ich als Schriftsteller gemeldet. In Wirklichkeit habe ich, allein in Paris, fünf Häuser, mit zweihundertachtundvierzig Insassinnen, zwölf Oberschwestern, einem Generalkuppelwart, und alle sind Tag und Nacht geöffnet. »Glück auf!« begrüßt mich der stattliche Pförtner der Zentrale in der Rue Louletrou. Mit echt kapitalistischem Kopfnicken grüße ich zurück und betrete die samtgeschwollenen Büroräume. »Was Neues?« frage ich kurz. Herr Friedrich, der Direktor der Zuhaltei, legt mir respektvoll in der Unterschriftsmappe die Post vor. Ich durchfliege sie. – »Blondinenbaisse an der Mädchenhändlerbörse in Buenos-Aires« – »... die von Ihnen vorgebrachte Reklamation leider nicht anerkennen können, da der Schade auf dem Transport entstanden ist, wir also keinerlei Haftung ...« - »... Ihnen meine so gut wie neue, und nur von ersten Kavalieren getragene Cousine anzubieten, die ...« – »... daher bestimmt mit einer Erhöhung des Grundtarifs auf 1,84 Mark rechnen zu können uns in die sicherste Erwartung zu setzen glauben zu müssen. Der Betriebsrat des Hauses ›Chez Neppine‹.« – »Sonst was?« frage ich Herrn Friedrich mit jenem leichten Vibrieren in der Stimme, das andeutet, er zähle zwar zu den höheren Beamten, das ihn aber nicht vergessen macht, daß auch er nur ein Angestellter ist. Hier in diesem mächtigen Zimmer laufen die Fäden der großen Geschäfte zusammen: Umsatz in Nordafrika flau; Transitverkehr mit Australien überwiegend fester; der Konzern internationaler Mädchenhändler beschließt, die Abberufung des Sowjetgesandten aus Paris zu erzwingen, da er sich in unzulässiger Weise gegen unsere Interessen ausgesprochen hat, ein kleiner Krieg zieht leise am Horizont auf, und wir werden gut an ihm verdienen... »Sonst nichts«, sagt Herr Friedrich. Elastischen Schrittes begebe ich mich zur Einkaufsabteilung. Auf dem Korridor steht schon eine Schar Mädchenfänger, zum Ausrücken bereit, an der Tür. Die Mannschaften tragen große Netze, mit denen sie in einsamen Gegenden, in Stadtparks und an leeren Kanalböschungen unschuldige Mädchen einfangen und mir hierherbringen; die Leute vom Salontrupp haben sich kleine schwarze Bärtchen geklebt, die ihnen ein verführerisches Aussehen verleihen: so schleichen sie sich in die feinen Familien ein und flüstern dort mit heißer Stimme den Haustöchtern verlockende Angebote in die Öhrchen; erst gestern war man auf diese Weise einer reichen Bankierstochter habhaft geworden, der wir eine Stellung als Dienstmädchen in Rio de Janeiro angeboten hatten. Ich musterte den Trupp, der militärisch grüßte. »Zweiter Stoßtrupp der Mädchenfänger zum Abmarsch angetreten!« meldete der Führer. Ich winkte ab. Und trat in die Einkaufsabteilung. Meine Augen sahen alles: da standen große Kisten, in denen lagen die chloroformierten Opfer der letzten Streifzüge, etliche hatte man bei der Lektüre des »Zauberbergs« erwischt, und sie waren gar nicht gewahr geworden, daß man sie noch einmal eingeschläfert hatte ... andere waren frisch aus dem Filmatelier oder bei der Konfektion weggefangen worden, und müde hatten sie sich gegen den überflüssigen Umzug gewehrt. In einer Ecke war die Arbitrage-Abteilung, dort wurden die Mädchen ausgetauscht, streng nach ihrem Wert: zwei kleine zu fünfzehn gegen eine große zu dreißig und so fort. Denn hier ist das, mit Verlaub zu sagen, Becken, in dem sich alle Vorräte sammeln: hier werden die Mädchen verteilt und repartiert, von hier gehen die bemusterten Offerten heraus, die Mädchen auf Abzahlung und die gröbern Dessins für das Militär. So passen sich die Kollektionen jedem Land und jedem Kontinent an: die für die Vereinigten Staaten bestimmten Mädchen – Marke »Petting« – sind garantiert sexuell unaufgeklärt und bleiben das auch ihr Leben lang. (Man beachte die Banderole.) Auch wurde hier unser Patentpräparat für einsame Farmer hergestellt: »Das Weib in der Tube.« An der linken Glastür gabs Lärm. »Was ist –?« fragte ich. Der Rayonchef stürzte beflissen vor. »Herr Präsident werden erstaunt sein, zu hören ...«, sagte er, »daß wiederum, trotz aller Absperrungsmaßnahmen, zwei Damen zur freiwilligen Meldung gekommen sind. Sie begehren durchaus Aufnahme!« – »Um wen handelt es sich?« fragte ich. »Es sind vier!« meldete der Aufsichtsbeamte vom Dienst. »Es ist der gesamte Vorstand vom Reichsbund zur raschen Niederkämpfung des außerehelichen Geschlechtsverkehrs!« – »Sagen Sie den Damen«, befahl ich, »daß wir komplett sind!« Ein vierstimmiges Jammergeheul vor der Tür bewies, daß edlere Teile getroffen waren. Brummend rollte mein Wagen mit mir davon. Im »Garten des Paradieses« war gerade großes Reinemachen. Wasser floß von den Wänden, Staubsauger sogen an den Türen, die laut polizeilicher Vorschrift die heißen Schreie der Lust zu ersticken hatten... Die Vertrauensdame, Frau Wedderbein, trat mir entgegen und grüßte mit erfahrener Verbindlichkeit. »Glück auf!« sagte sie. »Glück wieder runter!« sagte ich. Wir begaben uns ins Vorstandszimmer. Alles in Ordnung. Im Inventarbuch fehlte kein Bett und keine Rute; es war, wie der illustrierte Führer durch das »Paradies« zeigte, für jeden Geschmack gesorgt, und auch der kleine Mann konnte hier nach den Mühen des Tages Begierden frönen, auf die er nach harter und ernster Berufsarbeit wohl Anspruch hatte. Sexuelle Traumen; Spiegelzimmer für minderbemittelte Ipsisten sowie Separatabteilungen für Fetische in allen Größen waren da: hier konnten die Leute einen schönen Stiefel lieben; prima Affekttaumel waren schon von acht Mark das Stück zu haben, und auch Fernbehandlung wurde gern übernommen. Wir standen durchaus auf der Höhe. Und während die Frau Vorstand mir eine Seite des Hauptbuches nach der andern aufblätterte und meine Augen mechanisch die Kolumnen musterten: ... dasselbe mit ff. Ödipuskomplex ... 12,65 RM da schweiften, mit Verlaub zu sagen, meine Gedanken zurück in die ferne Vergangenheit, in die Zeiten meines Anfangs. 's ist nun acht Jahre her, daß ich das erste Haus eröffnet habe: eine kleine, kümmerliche Etage am Dönhoffplatz, und neben den stolzen Prachtbauten des Viertels konnte sich mein kleiner Betrieb gar nicht sehen lassen. Vier Damen beschäftigten wir damals – und wenns gar hoch herging, dann half wohl Stiefmütterchen in der Not mit aus, und ich saß an der Kasse und überzählte die Scheine. Und welcher Aufstieg seitdem! Haus reiht sich heute an Haus, Werk an Werk; da rauchen die Schlote, da gellen die Sirenen, da richten sich riesige Schornsteine freudig zum Himmel empor, und durch eine selbstverständlich horizontale Vertrustung ist es mir gelungen, den gesamten Mädchenhandelsmarkt zu kontrollieren. Medaillen prangen auf meinen Briefbogen; ich bin Hoflieferant, wenn auch ein aufrechter Republikaner, allerdings die guten Seiten des alten Regimes schätzend, aber natürlich durchaus verfassungstreu. Ein eignes Ressort ist damit befaßt, genau darauf zu achten, daß die Häuser – je nach der Kundschaft – auch die richtige Fahne heraushängen. Bei uns an der Gösch! Ja, wenn ich so zurückdenke ... Was hat allein die, mit Verlaub zu sagen, Revolution in Deutschland uns für Schwierigkeiten bereitet! Am idealsten ist die Sache in unserm »Anschlußheim« gelöst: das hat eine doppelte Straßenfront, rechts flattert Schwarz-Weiß-Rot, und links weht, im jeweiligen Winde, Schwarz-Rot-Gold. Rechts ist alles volkhaft eingerichtet, wie es der echte deutsche Mann liebt: zierliche Girlanden ziehen sich durch echt deutsche Rheinzimmer, sinnige Plakate schmücken die Wände – »Deutsche, vergewaltigt deutsche Mädchen!« –, und deutscher Wein rollt durch deutsche Kehlen. Links hingegen können sich die Besucher an allen Freuden der Demokratie gütlich tun: kein Zimmer ohne Schaukel und ohne Filzpantoffel. Befriedigt verließ ich den »Garten des Paradieses« und begab mich zum Bijou meiner Betriebe: in den von mir gegründeten Kammerpuff. Mit dem hatte es eine eigene Bewandtnis. Der »Kampu«, wie er in vertrauten Kreisen gern genannt wird, war errichtet worden, um auch den raffiniertesten Ansprüchen einer subtil empfindenden Kundschaft gerecht zu werden. Hier gab es sonderbare und seltsame Einrichtungen – »Jedem das Seine« stand über der dekorativen Haustür –, und da hatten wir als Attraktionen: ein Mitglied vom sozialdemokratischen Parteivorstand, das zugleich Pazifist war, es war äußerst zerbrechlich und wurde nur von weitem gezeigt, was vielen mit Recht genügte; einen deutschen Minister, der Deutsch konnte und es auch schrieb – ja, wir standen sogar im Begriff, uns einen Redakteur anzuschaffen, der bei seinem Verleger etwas durchsetzen konnte, aber bisher hatten wir noch keinen gefunden. In einem engen, vaterländisch ausgeschlagenen Raum konnte ein Richter Recht sprechen, und wo sollte er das auch sonst tun! Wir hatten einen lesbischen Regierungsrat und einen Major, der war Transvestit: er zog sich fortwährend sein Zivil aus und die lakaiserliche Uniform an; wir hatten Tauchermädchen, die stundenlang unter Wasser repunsieren konnten, und wir hatten Elefanten und Schaukelpferde, chinesische Enten und die Dolden edler Lilien. Das kostete nicht billig. »Bei Kisch!« rief ich aus, »so ein Haus macht uns keiner nach!« Nur eins hatten wir nicht: es waren Staatsanwälte zu uns gekommen und wünschten die gleiche Sensation zu haben, die sie bei der Konfiskation unsittlicher Bücher empfänden; aber da hatte sich das ganze Personal einhellig geweigert: solchen Ansprüchen, sagte es, könne es nicht gerecht werden. So ging ich von Zimmer zu Zimmer, umgeben von meinem Stab, den Hausvorständen, dem Betriebsleiter und den Anstaltsgeistlichen: von Moltke, Feldrabbiner; der Kaplan Eusebius Brenda, dessen Amt sich seit Generationen vom Vater auf den Sohn vererbt hatte; sodann der Superintendent D. Dr. Raucheysen, der neidete dem Juden die Schläue und dem Pfaffen die politische Macht und ersetzte, was ihm fehlte, durch rücksichtslose Würde. Das war der seelsorgerische Beistand, und wenn man genauer hinsah, konnte man die drei gar nicht voneinander unterscheiden. Doch nun war es dämmrig geworden, und ich rollte in meinem Wagen mit Rückkupplung davon. Durch dunkle Straßen kamen wir, vorbei an Fabriken, die ihren Menscheninhalt ausspien. Da bewegten sich die lebenden Maschinenarme, stießen, schoben sich im Gedränge um meinen Wagen – ausgemergelte Männer mit müden, stumpfen Gesichtern, Frauen mit schlaffen Brüsten; mir schien, als seien sie mir feindselig gesinnt, besonders die Weiber. Pfiffe ... Und ich begriff gar nicht, wie diese Frauen jemals auf den Gedanken verfallen konnten, ihre schöne Arbeit aufzugeben und Anstellung in unseren Betrieben zu suchen. Hatten diese nicht alles, was ihr Herz begehrte? Eine geachtete, ehrliche Arbeit? Und zehn Stunden dazu? Und einen Wochenlohn von achtzehn Mark fünfzig? Ich hielt erst vor der »Blauen Grotte«, dem größten meiner Häuser, das grade in vollem Betrieb war. Und voyeurte durch die Gucklöcher. Da lagen sie. Da lagen sie und lachten verschmitzt, als hätten sie dem lieben Gott etwas abgeluchst, was ihnen eigentlich nicht zustände – viele hatten ernste und verbissene Gesichter, nie waren sie so außer sich, wie wenn sie in sich gingen. Die Kunden zerflossen irr, alle Temperamente waren vertreten, verliebt war keiner, alle eilig. Keine Geste war mir fremd – ich kannte sie, die Monomanen, die zutiefst im andern nur sich selbst spiegelten: Kasperlefiguren ihres Ich, das im Rhythmus des in sie gelegten Schicksals auf- und abzuckte. Herkömmlich ihre Individualität grade in dieser Stunde, traditionell ihre Besonderheit, in jeder Kabine wähnte sich einer Gott und war Serienartikel, Leben, das nur Wiederholungen kennt, weil in der Wiederholung das Leben ist – kleine mechanische Püppchen, zu meinem Vergnügen an einer Schnur aufgereiht ... Ich auch? Ich auch. Versonnen schritt ich auf die matt erleuchtete Straße, in der schwarz und drohend der Wagen stand. Der Chauffeur schlief. Da traten vier ältere Herren auf mich zu, feierlich, lüpften die Zylinder, und nannten leise, wie fragend, meinen Namen. »Gewiß ...«, sagte ich. Der Längste trat vor. Und sprach: »Wir danken Ihnen im Namen der Sittlichkeitsvereine, daß Sie auf der Welt sind. Denn wären Sie nicht –: was sollten unsere Frauen tun? Wir sind alt, Herr Präsident; wir sind müde, Herr Präsident; wir sind ernste Geschäftsleute: wir wollen abends in Ruhe unsere Zeitung lesen und eine Zigarre rauchen. Durch die blauen Wölkchen der Havanna aber blicken unsre Frauen träumerisch ins Weite, weit fort vom Großreinemachen und der täglichen Wirtschaft; Sumatra erscheint und Celebes, wilde schwarze Männer zerren halbbekleidete weiße Mädchen ins Bordell, spitze Schreie steigen auf, und gepeinigt sinken die armen Opfer der Wollust auf die harte Bettstatt ihrer Schande. Aber da naht der Retter. Die blauen Jungens unsrer edeln Handelsmarine, unter Führung des Grafen Luckner, greifen mit kräftigen Fäusten ein, deutsche Hiebe hageln, der schurkische Mestize sinkt entseelt zu Boden, und stolz weht vom Heck des sittlich gereinigten Mädchens die Flagge Schwarz-Weiß-Rot!« Erschöpft schwieg der Sprecher. Der Nächstlängste fuhr fort: »Und darum danken wir Ihnen! Denn jetzt haben unsre Frauen eine Beschäftigung – und eine, die sie, mit Verlaub zu sagen, befriedigt. Ja, sogar der Völkerbund bekämpft den Mädchenhandel – denn wer wollte die billige Nachtarbeit in den Fabriken tun, wenn Sie uns die Mädchen stehlen? Aber handeln Sie nur so fort – wir sind wie das Militär: ohne einen Feind müßten wir elend verkümmern. Ihr Gewerbe ist abscheulich – doch muß es sein: Sittliche Entrüstung führt unsre reinen Frauen zur selben Entspannung, die Sie mit fluchbeladener Sünde zu erreichen in der beneidenswerten Lage sind! Und nun bitte ich um eine Karte Ihrer Häuser –!« 1927 Ein Glas klingt Zu seinen zahllosen Albernheiten und schlechten Angewohnheiten, die einen so nervös machen können ... schließlich etwas Rücksicht kann ja ein Mann auf seine Frau wohl nehmen, finde ich ... also ich finde das wenigstens ... zu seinen dummen Angewohnheiten gehört die, eine Tischklingel oder ein Glas, das er angestoßen hat, ruhig ausklingen zu lassen! Man legt doch die Hand darauf – Mama hat das auch immer getan. Wenn etwas bei Tisch klingt, dann legt man die Hand darauf, gleich, sofort – und dann ist es still. Er läßt die Gläser ausklingen ... Rasend kann einen das machen! So, wie er morgens immer beim Rasieren so albern mit dem Pinsel klappert, also jeden Morgen, den Gott werden läßt, so stößt er mit seinen ungeschickten, dicken Händen mal an die Klingel, mal an sein Glas; bing, macht das dann, diiiiing – ganz lange. So ein hoher, giftiger Ton, als ob einen was auslacht. »Leg doch die Hand darauf!« sage ich. – »Du bist so nervös heute«, sagt er. Dann lege ich die Hand aufs Glas. Nervös ... Ja, ich bin nervös. Doktor Plaschek sagts auch. Er weiß, warum. Ich weiß auch, warum. Seit heute mittag weiß ich es, ganz genau. Da hat er wieder an das Glas gestoßen, und das Glas hat angefangen zu singen, und ich habe ihn bloß angesehn, ich habe ihn bloß angesehn ... Er merkt ja nichts. Und da habe ich das Glas nicht zum Schweigen gebracht; ich habe es ausklingen lassen ... ich glaube: das ist in dieser Ehe der erste Ton gewesen, der wirklich ausgeklungen hat. Und das Glas hat ganz lange gesungen, ganz, ganz lange: erst böse, und dann voll und laut, und dann mittellaut, und dann sanft und leise, leise und immer leiser ... Und da habe ich es plötzlich gewußt. Manchmal hat man doch so blitzschnell irgendwelche Erkenntnisse, da weiß man denn alles, wie es so ist. Das Glas hat vielleicht eine halbe oder eine dreiviertel Minute geklungen und gesungen, und in dieser kleinen Spanne Zeit habe ich es gewußt. Man denkt so schnell. Geklappt hat das ja von Anfang an nicht. Gott, warum hat man geheiratet – das geht heute manchmal so ... ich weiß es nicht. Ich war nicht einmal enttäuscht; ich war gar nichts. Es war etwa ungefähr so, wie wenn einer in einen See springt und hat schon den Rückenschauer wegen des kalten Wassers, und dann ist es ganz lau. Ein dummes Gefühl. Und das ist von Jahr zu Jahr schlimmer geworden; das mit dem Kind hat nichts geholfen, gar nichts. Das ist mein Kind, aber was das mit ihm zu tun hat ... Und manchmal denke ich, also Gott verzeih mir die Sünde: das ist ein fremder Mensch, ein neuer Mensch – so wie das Kind bin ich doch gar nicht, er ist auch nicht so –, das ist ein fremder, fremder, kleiner Mensch. Mit dem Mann ist kein Auskommen. Nein, wir zanken uns gar nicht, nie hat es ein böses Wort gegeben, nicht einmal das. Keine Höhen und keine Tiefen: Tiefebene. Die Norddeutsche Tiefebene ... das haben wir in der Schule gelernt ... Wenn man einen einzigen Mann kennt, sagt Helen immer, dann kennt man überhaupt keinen. Kann sein. Aber daneben einen andern ... ich mag das nicht. Na ja, Feigheit, meinetwegen; aber ich mag das nicht. Immer noch singt das Glas. Mein Mann singt nicht. Er ist in der tiefsten Seele unmusikalisch. Er ist mir doch nun so nahe – und ist so weit weg, so weit weg ... Wenn er zärtlich ist, das kommt alle halbe Jahre einmal vor, dann ist es bestimmt an der falschen Stelle. Und wenn ich meine Katzenstunde habe, wo ich gern schnurren möchte, dann ist er nicht da, oder wenn er da ist, dann spricht er über sein Geschäft, oder er klapst mir auf den Rücken, eine schreckliche Angewohnheit ... er versteht nicht, daß ich bloß schnurren will und daß mir nur jemand über das Fellchen streichen soll. Er weiß das nicht. Wen er wohl früher als Freundin gehabt hat? Und jetzt klingt das Glas ganz leise. Und da hab ich gewußt: ich bin wohl auch ein bißchen schuld an der Sache. Also nicht viel – aber ein kleines bißchen. Es ist ja wahr, daß ich schon als Mädel meine Rosinen im Kopf hatte, wie Mama das nannte. Zum Theater habe ich gehen wollen ... Herrgott, ich habe wirken wollen, auf Männer und auf Frauen und auf Menschen überhaupt ... Und weil es mit einem Beruf nicht gegangen ist, da habe ich gedacht: mit der Kunst. Und das war dann nichts! Papa hat es nicht erlaubt. Jetzt spukt das in mir herum ... und ich bin ein bißchen sauer geworden, in all der Zeit, und es ist so schön, einen Mann zu haben, dem man die ganze Schuld geben kann. Und ich habe ihn gar nicht zu mir gezogen ... da hat er denn seelisches Fett angesetzt, und es ist immer schlimmer geworden, und ich war gradezu froh, wenn er was falsch gemacht hat. Ich habe darauf gewartet, daß er mit dem Rasierzeug klappert, damit ich wieder einen Anlaß habe, ihn zu hassen und unglücklich zu sein. Und das hat er wohl gemerkt. Und so ist das jetzt. Diing - ganz leise singt das Glas. Wir sind schuld. Wir sind beide schuld. Soll ich noch mal von vorn anfangen? Kann ich noch mal von vorn anfangen? Scheidung? Auseinandergehen? Ein neuer Mann? Jetzt noch einen Beruf? Das Glas hat ausgeklungen, und ich werde wohl meinen Weg zu Ende gehn. Einen schweren Weg. Tausend und aber tausend Frauen gehen ihn, jeden Tag, und der leise Ton ihres unhörbaren Unglücks und ihres stummen Schmerzes dringt an mein Ohr - wenn ein Glas klingt. 1930 Der Andere Für wen bin ich eigentlich unglücklich? Für wen verpasse ich alle Gelegenheiten, alle großen Lose, alle günstigen Zuganschlüsse? Wenn es eine Wahrscheinlichkeitsrechnung gibt, dann muß doch auch eine andre Seite dasein; ich werfe die schwarzen Scheiben, gut, aber einer muß doch dann auch die weißen werfen ... »Unter 2786 Würfen sind nur 2 ...« Ich bin unter den 2784 – die helfe ich auffüllen, Komparse fremden Glücks, Hintergrund glatter Aktschlüsse des andern. Muß der ein Glück haben –! Wir sind, denke ich, miteinander verbunden wie die Figuren an den alten Wetterhäuschen: wir stehn auf einem drehbaren Brettchen, und wenn ich ins Haus zurücktrete, tritt er hinaus ... Immer ist er draußen, das Luder. In den letzten Jahren, zum Beispiel, wohnt er stets auf der Sonnenseite, hat von morgens elf Uhr bis abends sechs Uhr Sonne in seinem Arbeitszimmer; er arbeitet in der äußersten Stille, manchmal macht er Krach, läßt das Grammophon laufen, liest sich laut etwas von Edschmid vor, spült sich dann den Mund aus ... nur um etwas Leben in die Bude zu bringen. Wenn er einen Untergrundbahnhof betritt, zischt, kaum hat man sein Billett geknipst, der Zug herein, den er benötigt – keine Sekunde wartet er. Die Damen fliegen ihm zu, und, worum ich ihn besonders beneide, sie fliegen auch wieder davon; wenn er sich Geld wünscht, bekommt er es nicht in drei Monaten, wo es ihm nichts mehr nützt, sondern er hat es dann, wenn er es braucht; seine Verleger tun etwas für seine Bücher – daß dem Kerl nicht ganz unheimlich wird! So viel Glück hat er in den letzten Jahren. Ich bin es, der es ihm gibt. Er hat es nur durch mich. Damit die göttliche Wahrscheinlichkeitsrechnung aufgehe, verpasse ich die Züge, die er erwischt; horche ich den Lärm auf, um den er herumwohnt; gewähren sich mir plappernde und bunte Frauen und versagen sich zur Unzeit – wie kann man so undelikat sein, dergleichen aufzuschreiben; für mich geht alles schief, damit es ihm gerade gehe. Bedankt er sich –? Weiß er überhaupt etwas von meiner Existenz? von meiner unendlichen Arbeit, mit der ich ihm das Unglück abnehme und mir aufbuckle? Ahnt er denn, daß ich ihm Hilfsstellung leiste, daß ich die punktierte Linie bin, mit der man in der Quarta geometrische Sätze bewies, nachher wurde sie wieder wegradiert, und siegreich stand der Pythagoras da? Weiß er das? Er geht herum, dieser Großprotz, und sagt: »Mein Instinkt, müssen Sie wissen ...« Du Affe. Du Prahlhans. Du Luftballon des Glücks. Ich trage dich, ich stütze dich, ich ermögliche dich – ohne mich wärst du nicht da, ohne mich wärst du eine Null, ein Krümel, hör doch! Meine Stimme dringt aus einem tiefen Brunnenschacht; tief unten, wo der vom Fremdenführer geworfene angezündete Fidibus verlöscht, hocke ich, rufe dumpf herauf, aber der Hall dringt zu keinem Glücklichen. 1927