Anton Wildgans Kain Ein mythisches Gedicht   Gesammelte Werke. Vierter Band Bürgerliche und biblische Dramen: Dies irae / Kain / Moses-Fragment 1930   Copyright 1920 by L. Staackmann, Leipzig   Gestalten Adam Eva Kain Abel   Erste Szene »Und Gott wendete sich Abel und seinem Opfer zu; es kam ein Feuer vom Himmel herab und fraß es auf. Auf Kain aber und seine Gabe sah er nicht hin, denn es waren gar dürre Früchte, die er opferte. Da entbrannte in Kain der Neid auf seinen Bruder ob dieses Vorzuges, und er spähte nach einem Anlasse, daß er Abel umbrächte.«   »Und es geschah, als die beiden im Felde waren, da sprachen sie miteinander: Wir wollen die Welt unter uns teilen. Es nahm der eine für sich den Acker, der andere nahm, was sich darauf bewegte; aber sie rechteten miteinander, und da erhob sich Kain wider seinen Bruder Abel. Doch Abel war stärker denn Kain und er zwang den Kain unter sich.«   Seichter Felskessel auf der Höhe eines Bergrückens in früher Sonne. Zwischen Trümmern und Platten Urgesteins: Mattengras, Beerensträucher und buntblühende Kräuter. Links bis zur Hälfte des Hintergrundes, über den zackigen Rand der Einsenkung hinaus, der Blick in den Himmel, in dessen Stahlblau sich grell durchleuchtete Wolken gebirghaft ballen und türmen. Rechts wächst aus jenseitiger Tiefe ein gewaltiger Fels empor und fällt, nicht allzu steil, nach vorn eher ab. Inmitten seines Hanges entspringt eine Quelle, rieselt über das Gestein herab und vereinigt sich im Vordergrunde mit einem Bergbach, der von rechts zwischen Steinblöcken hervorkommt und linkshin unter die Erde verschwindet. Am Zusammenfluß beider Wässer ein kleines Dickicht von niederem Gebüsch und Krüppelhölzern. Davor, nach obenhin gedeckt, kauert Kain . Abels Stimme fernher von jenseits des Felsens Kain! – Bruder Kain! – Kain! – Kain! Kain Verstumm, gehaßte Stimme! Kain ist taub! Lock deine Lämmer so, eh du sie stichst! Kain ist der Widder, der dich niederrennt, Versuchst du ihn mit schnödem Schmeichellaut. Abels Stimme näher Kain! – Bruder Kain! Kain Den schlanken Opferrauch zu Lüften auf, Indes der meine sich zu Boden wand, Ohnmächtiges, mißhandeltes Gewürm – Die freche Säule, die vergelt' ich dir! Abels Stimme wieder entfernter Kain! – Haioh, Kain! Kain Ist milde Flucht, Geerntetes im Schweiß, Nicht Gabe, köstlich und geweiht genug, Daß sie verschmähen darf der Wolkige? Muß Blut verströmen aus Lebendigem, Wehrlos Gemartertem? So ströme Blut! Abels Stimme wieder näher Kain! – Bruder Kain! – Kain! – Kain! Kain Schon wieder: Kain, Kain! Grell wie Vogelschrei, Der früh am Morgen jäh aus Träumen schreckt Und auch – erlöst. Nachtträume sind nicht gut. Tät' ich nur halb, was manch Gesicht mir ganz Zu tun befahl, nicht schielte über mich Hinweg die Gunst nach einem anderen! Dies Angebind der Mutter ist allein Dem Kain verhängt, dem hellen Abel nicht! Dem träumt nur, wenn ihm träumt, vom Schaum der Milch Und Bart aus Milch, weil andrer ihm nicht sproßt! So zahm ist dieser Lämmertöter, immer nur Auf Zahmeres blutbedacht, der Mutige! Ich aber will – Abels Stimme noch näher Kain! – Haioh, Kain! – Kain! – Kain! Kain himmelauf Ich will dir Löwen schlachten, Reißendes, Du finstrer Gott, der selber wie ein Leu Durch meine Nächte keucht! Blutopferbringen Ist Männertat, nicht grausam Knabenspiel! Dann aber du, wenn's dann dir nicht gefällt Und trittst mir wieder meine Flammen aus, Den Steinbau reiß' ich nieder meines Herds, Und mit den Trümmern ich bewaffne mich Und suche dich, du unsichtbarer Feind! Wirft sich mit dem Antlitz auf die Erde und verharrt so reglos, aber mächtig atmend. Abel erscheint auf der Höhe des Felsens, wendet sich und blickt zuerst nach allen Richtungen, dann hält er die Hände an den Mund und ruft herab Kain! – Haioh, Kain! Da sich nichts regt, stößt er einen Steinblock mit dem Fuße den Hang herab Da, kollre hin und stör ihn aus dem Bau, So er sich hier verschläft wo im Geklüft, Der immer mißgesinnte Ackerknecht. Trollte sich fort, als es am Prasseln war! Litt wohl die Lockung Opferduftes nicht Und lief nach Haus und brät sich eins am Spieß! – Lacht hell vor sich hin, kommt langsam den Hang herunter, bleibt oberhalb der Quelle stehn Was ist dies für ein Ort? Hier war ich nie, Und doch so nah den Weiden! – Daß sich mir Hieher noch nie ein Tier verlief! – Wie's duftet! Kräuter genug und Beeren, schwarz und blau! Da, eine Quelle! – Glitzernd rieselt sie. Du kleines Leben, bist du wohl auch frisch? Kniet nieder, beugt sich über das Gewässer und läßt die Hand hineinhängen, zieht sie rasch wieder zurück Haioh, und ob! Das brennt beinah wie Eis! – An jedem Finger jetzt ein heller Tropfen, Und grün, gelb, rot darin die ganze Sonne! Hahaha, aufgewacht, säumiger Hirt! Ein andermal bei dir, Gewässerchen, Im Frühtagschauder dieses fremden Orts, Lieg' ich, und bunte Echslein tummeln sich Auf meinen Knieen. Erhebt sich Jetzt ruf' ich noch ein allerletztes Mal, Dann seh' ich wieder meinen Herden nach. Kain! – Bruder Kain! – Haioh! Kain der Abel längst gewahrt und beobachtet hat, auf allen Vieren, von seinem Versteck aus Da bin ich! Abel hellauflachend, mit ein paar Sprüngen bei ihm Wo?! – Beim Gott, da hockt der Bär! Brummt, fletscht Gebiß. Hör, Kain, verschling mich nicht! Der Abel bin ich nur. Kain Was sonst? Abel Was sonst?! Felsauf, felsab dir nach, zu künden dir, Was heut sich schon begab: ein Wunder, Kain! O, gnädig war der Gott! Kain Wie immer dir! Abel Erst fing die Glut nicht, weil vom Opferblut Die Reiser feucht, die fromm getrockneten! Da sprang ein Wind auf, unvermerkt woher, Schnob in die Brunst, daß sie zusammenschlug, Ergreifend das Geweihte ungestüm! Und als es lohte, wie er kam, verging Der Wind. Und da, gleich einer Palme Schaft Aus Blattgewirr, rot wehendem, der Flammen, Stieg auf der Rauch, steil, schlank und ungerührt – Ein Wunder war's! – zog hoch, flog höher noch, Kreisende Geier scheuchend fernehin, Entspannte sich zum Schattenwipfel breit, Und dann, gelöst in heller Wölkchen Flaum, Vom Hauche obersten Bereichs entführt, Verduftete der Goldgewordene Ins Blau! – Ein Wunder, Kain! O, sahst du es! Kain Kain ist nicht blind und sah's! Abel Und lief davon!? Kain Ging meines Wegs! – Was kümmern Wunder mich? In meinem Pflügertag geschehn sie nicht. Abel Ich, säh' ich wo ein Wunder, fragte nicht, In wessen Tag. Genug, daß sich's begibt! Kain Die Welt als Gaukelspiel für einen Wicht! – Doch ich muß eins ans andre setzen, Plag' An Plag', Wind hörig, Knecht von Naß und Frost. Und wenn mir je geschah, was Wunder schien, War's wider mich! Abel Warum ist dies? Kain Warum?! Mein Schopf, weil er nicht falb, erbost den Gott! Mein Schlangenblick, mein Hengstgebrüll, mein Gang, Der mehr ein Bullenschritt als eines Pfaus! Weiß ich, was ihm genehm und mir verhaßt? Denn sonst tu' ich nicht minder, was sich schickt, Gehorch', wo's not, und stehe bündig Red'! Und wenn ich opfre, nehm' ich vom Ertrag Gehäuft die Tracht genau wie andre auch, Und schlag' den Funken aus dem Stein, genau Wie sie und fang' ihn mit dem Zunder auf. Und in die Scheite halte ich den Span Just so wie andre, und es züngelt auch Und frißt sich durch bis an die Weihefrucht Und will sich recken: Flamme, Rauch hochauf! Doch da fährt eine Pranke unsichtbar Aus stillster Luft und reißt die Schwaden mir In fahle Fetzen und zur Erde hin! – So sind die Zeichen, die an mir geschehn! Ich habe auch geopfert heut am Tag! Abel zu ihm hin Mein Bruder! Kain wild Höhnst du mich?! Abel Klang es wie Hohn? Kain Mitleid des Weichlings für die Kraft ein Kraut, Das giftig schmeckt! Der Starke speit es aus! Abel auffahrend Nicht weichlicher treff' ich den Herdenfeind Als Kain das Reh, das ihm die Saat zertritt! Kain immer haßvoller Aus sichrer Ferne mit dem Schleuderstein! Kain aber, Aug' in Aug', fällt Bär und Leu! Abel Und Abel zwingt den Stier, den rasenden, Der wie Gewitter aus der Hürde bricht! Kain Man bindet ihm, dieweil er träg und zahm, Die Augen zu, so kommt ihm Rasen nicht! Abel bedrohlich Was willst du, Kain, von mir? Kain in gewaltiger Gier Geteilt muß sein! Abel Es ist geteilt! Kain Doch ungleich! Abel Allerdings! Kains alles Land, bebaut wo Frucht gedeiht! Kain Bebaut von Kain und Frucht von seinem Schweiß! Abel Des Kain der Wald, leckeren Wildbrets voll! Kain Wild lecker auch für Abel, Wald voll Kampf! Abel Abels die steile Halde, kräuterarm, Der Schaf' und Ziegen karge Futtertrift! Kain Und was sich drauf bewegt! Abel So ungleich ist Geteilt! Kain So laß uns besser teilen! Abel Wie?! Dies kommt nicht uns zu, ist nur Vaters Recht! Kain Wo nicht der Mutter gar! Die Erde ist Kein Bissen Aas, um den sich Raben balgen, Indes die Alte ihrem Nestling hilft, Daß er nur ja das feistre Stück erhascht! Ich hab' es satt! Nur einer sei der Herr! Der andre diene! Abel Wem? Kain Dem Stärkeren! Abel Und der ist? Kain Kain! Abel Wer weiß? Kain So ringen wir! Abel lachend Wie junge Bären!? Kain trunken Just wie sie! Ein Spiel, Ein Spiel nur! Tut nicht weh! Abel immer belustigter Hab' keine Angst! Kain Doch wer den andern zwingt mit einem Griff, Daß dem der Atem stockt –! Abel Was dann? Kain Was dann?! Nicht losgelassen! Finger eingekrallt In Untiers heiße Gurgel! Blaurot speit Der Rachen Zunge aus, von Lefzen Gischt! Und Brust an Brust hinstürzt, rollt sich, verreckt –! Wer so den andern –! Fort, fort, fort, Gesichte! Der Affe meiner Träume bin ich nicht! – Mit einem Bärenhengst bestand ich dies! Er schlägt, wie um Gesichten zu wehren, die Hände vors Antlitz und wirft sich zur Erde nieder. Abel nach einiger Stille Und so mit mir zu tun, gelüstet's dich? Kain fast bittend Die Herden gib mir! Und ich lasse dich! Abel erschüttert Ist's dunkel nicht genug an Adams Herd? Muß Kain noch wider Abel, Abel wider Kain In Haß aufstehn? – Sinnt Eva Tag und Nacht Nicht dunkler Schuld nach, die nur messen kann, Wer ihr verfiel? – Hast du sie nie gehört Im Schlaf aufschrein? – Und jener stöhnend wälzt Den schweren Leib und spricht mit sich von Fluch Und Zornesengeln, flammenschwertbewehrt! Und Klage wider Klage hebet an, So jammervoll, als weinten Menschen nicht, Als redete aus Steinen Qual zu Qual! – So gönn mir doch mein bißchen Hirtenlust! Und freu dich selber deiner Ackermüh', Die dir die Lider zeitig sinken macht, Daß du nicht hörst, was jenen nachts geschieht! Kain aufgebäumt Auch mir geschieht so! Abel Kain! Kain Auch ich verflucht! Was tat ich dir, Gott Unhold, daß du mir Ins Antlitz speist?! Ich flieh', wohin dein Haß Nicht reicht! Wer sagt, daß dies Geklüft Die Menschenerde ist? Stürzt, Berge, ein Und öffnet Täler, neuen Weidegrund! Denn Kain, der Hirte, kommt im Donner des Gebrülls, mit tausend Hufen! Und wer sich Dawiderstellt, den stampfen wir zu Brei! Ist aufgesprungen, will bergan, stößt auf Abel Weg da, du Knabe! Abel bleibt festgewurzelt, ruft hell und hart Nein! Kain fällt ihn an In Fluches Namen, den Ich trag', ohnwissend welcher Schuld, aufs Knie! Abel sich geschmeidig windend und lachend Du kitzelst mich! Kain keuchend Bist du ein Bärenhengst, Dem man die Kehle sperren muß, auf daß Du fallest?! Abel Kains Gurgelgriff abfangend und ihn an der Kehle packend Oder du! Kain Wie wird mir im Gesicht! Taumelt und stürzt nieder. Abel hellauflachend, hart Da liegt der Bär! Bin ich der Herr nun?! Sind Die Herden mein?! Mit ein paar Sätzen auf dem Felsen, jauchzend Hahoiah! Haiah! Kain! Kain wieder zu sich gekommen, auffahrend, sich aufraffend, wieder sinkend Was war das?! – Lachen?! – Auf! – Noch immer Wachs in den Knieen?! Dunst vor Augen?! – Auf! Hat aus der Rückenlage den Oberkörper gehoben und auf die Ellenbogen gestützt So muß es sein, wenn alles dunkelt: Nacht! – Du Fuß, ich heiß' dich aufstehn! Bist du taub? Wer lehrt dich Aufruhr wider deinen Herrn!? Auf, sag' ich, auf! Bin ich nicht mehr der Kain?! Reißt sich gewaltig empor und kniet, auf die Hände gestützt Jetzt Rieseln – Wärme durch die Adern – Tag! Ich lebe! Breitet die Arme unsicher aus und starrt mit leeren Augen ins Licht. Dann jäh bewußt Wo – wo ist – der Hund?! Daß ich Ihn würge, werfe! – Steine, Steine, Steine! Tappt mit irren Händen nach Steinen um sich Nicht Löwen schlacht' ich mehr! Nicht dir mehr, Gott! Blutopfer, Menschenopfer mir! Hat einen gewaltigen Stein ergriffen, mit dem er vor sich hin auf die Erde schlägt Schlag tot! Wirft sich wie über einen Erschlagenen vornüber und verharrt so. Von fernher, immer mehr verhallend, Abels jauchzende Rufe. Ende der ersten Szene. Zweite Szene »Und Eva ward verwirrt von der Schlange Reden und sie aß von dem Baume und gab auch ihrem Manne davon zu essen, und er aß. Da wurden ihre Augen aufgetan, und sie erkannten, daß sie nackend waren, und bedeckten sich mit Feigenblättern.«   »Zur Stunde, da Eva vom Baume des Wissens aß, wurde das Gute mit dem Bösen durcheinandergemischt; aus dem Funken des Guten entstand Abel, Kain aber kam von dem Bösen.«   »Ähnlich sprach auch Kain vor dem Herrn: Wohl habe ich meinen Bruder erschlagen, aber du warst es, der den bösen Trieb in mir erschaffen hat.«   Der mächtige Felsbogen des Höhlenausgangs. Durch ihn der Blick in den weiten spätdämmerigen Abendhimmel, in dem ein großer blaßroter Mond aufsteigt. Der Boden ist unregelmäßig gegliedertes Felsgestein, im Vordergrunde eine schmale Szene bildend, die jenseits in die Tiefe abfällt. Nur an einer Stelle, ungefähr in der Mitte, verbindet eine natürliche Brücke die Vorderszene mit einem Felsblock, der diese um einiges überhöht. Im Vordergrund links auf einer Steinerhebung, mit ihr wie verwachsen, sitzt starr, regungslos: Eva. Nach einiger Stille erscheint auf dem Felsblock und kommt über die Brücke, gewaltiges Gerät geschultert, Adam. Er stellt das Werkzeug zu anderem rechts in den Schatten des Felsbogens, trocknet die Stirne und hebt zu sprechen an. Adam An heißem Tag gewaltig Werk getan. Wildem Gewässer neuen Lauf gefurcht, Daß es nun schäumt, wo's ihm der Mensch befiehlt. Die Wiesen bald beströmen wird es uns Und nah die Herden tränken im Geheg. Am Ende schafft der Mensch durch seine Kraft Den Garten neu, den ihm der Gott verbot. Eva Kaum neu die Lust, des Gartens sich zu freun. Adam Oft ehedem, wenn schweres Tun geglückt, Gelingens Überschwang rief hell zu Bergen auf, Und selbst der Stein erwiderte den Ruf! Dies braucht der Mensch. – Wo bleibt mein Abel heut? Die Hürden waren leer noch, da ich kam. Der Knabe macht so manches Dunkel licht, Und durch die Stille klingt er, eine Quelle. Selbst Kain in dieser Stummheit wär' ein Laut. Eva Für Kain braucht's einer Falle wie für Wolf Und Fuchs! So heimlich-scheu seit Tagen schon Schleicht er zu seiner Lagerstatt des Nachts, Und morgens, eh wir andern wach, davon. Adam Sohn, den die Schlange riet, hat Schlangenart. Eva Doch weiß ich wen, der eben diesen Sohn, Entwunden kaum den Wehen meines Leibs, Mit beiden Händen hochhielt wider Gott Und rief: Mich Adam schufest du aus Lehm! Doch diesen da aus meinem Fleisch und Blut Mit Eva, meinem Weib, erweckte ich! Den Menschen ich, der Mensch! Und schwach ist dein Gesetz an ihm, den ich gewann, dem Kain! Adam nach einer Stille schwer Stark ist's und – dunkel! Muß geduldet sein. Sie erstarren beide zu steinernem Schweigen. – Von untenher nahend, anschwellend und ineinandertönend, viele metallische Klänge. Eva sich erhebend, ungewiß Was klingt da Niegehörtes? Fürcht' ich, freu' Ich mich? – Sind's Engel?! Adam der sich erhoben und tiefwärts späht Nichts gewahr' ich! Eva zwischen Bangen und Entzücken Jetzt steigt's Die Hänge immer höher, unsichtbar! Nicht feindlich ist der Laut! Adam Doch ungewiß In unerhörter Fremdheit! Beil zur Hand! Er nimmt ein Beil von rechts auf und steht bereit. Eva Schatten in Schatten, wogt es dunkel her! Adam Geheg knarrt auf! – Die Herden! Eva erlöst, fast jubelnd Abel! Adam das Beil von sich werfend Abel! Eva So Liebliches ist immer Abels Werk! Adam Da kommt er hergesprungen! Abel von unten Hoiahoh! Erscheint auf dem Felsblock und stürmt über die Brücke auf die Szene Ich hab's! Ich hab's! Hört ihr es klingen?! Horcht! Lauscht in die Tiefe hinunter Eva Du Kind, wozu denn dieses wieder hast Du ausgedacht? Abel in Entzücken abwesend Wie's ineinanderfließt Und schwillt und sich verliert: Helles in Tief, Lautes in Zartestes! Wie Tropfenfall! Als kläng' nur eins, und sind doch viele, viele! Adam mit großer Milde Der Knabe Abel wird nicht müd – des Spiels! Abel in aller Versunkenheit eifrig O, Vater, nicht nur Spiel ist dieser Wohllaut! Nie wieder mehr verläuft sich mir ein Tier, Und schweift es dennoch ab, so find' ich's leicht, Eh's in den Abgrund stürzt, das Zitternde! Ist's denn ein Fehler, wenn, was nützt, auch schön? Adam Schon besser weiß ich's jetzt und – lobe dich! Abel wieder versunken Verklungen ist's. – Jetzt haben sie sich hingelegt und schlafen schon. Doch morgen weckt mich wohl ihr erstes Regen auf, Und mit den Mündern, die ich ihnen schuf, Rufen die Tiere mich zur Hirtenpflicht. Eva Und wie du's fandst, verraten willst du's nicht? Abel Erwacht hell lachend und wirft sich zu Evas Füßen auf die Erde Wie ich es fand? O Mutter, leicht und schwer! Der Einfall plötzlich, aber lang die Müh, Ein Fieber Tag und Nacht, bis es gelang! – Den erzenen Gefäßen lauscht' ich's ab, Die du als Kind mir oft zum Spielen gabst! Sie klangen, wenn ich sie mit Hartem stieß! Dies merkt' ich bald und füllte Steine drein, Sie schüttelnd hin und her! Gedenkst du noch, Wie oft du mir dies laute Spielzeug nahmst Und ich, doch nur bei rechtem Lärm vergnügt, Erbärmlich schrie?! – Des nun entsann ich mich, Weiß nicht, durch welche Gunst, und fertigte Solcher Gefäße viele, klein und kleinst! Jetzt noch ein Hartes, Schwingendes darein Befestiget, und sich, es klang, es klang! Wenn auch nicht gleich so klargestimmt! Das gab Viel Arbeit, brauchte arg Geduld! Doch, Mutter, dann, als es allmählich ward: Erst eines, hell und rein, ein andres dann Als Antwort auf das erste, und dann viele, Gesammelt tönend wie in einem Laut, Wie Wind und Wipfelsang, wie viele Quellen, Und wie, ach Mutter, wie – wie nichts vorher – Eva zu ihm geneigt, streichelt ihn Dir glüht die Wange ja. Abel Ja, Mutter, heiß! Eva Willst du nicht trinken, essen? Abel O, ich aß Den ganzen Tag: Beeren und wilde Früchte! Und manches pralle Euter trank ich leer. Adam Er nimmt wohl das Gekling mit in den Traum! Abel O, gäb' es dieses! Doch mir träumt ja nicht Bei Nacht! Da schlaf ich fest und find' mich kaum Am Morgen! Eva Köstlich-kindliches Geschenk! Abel Und wäre anders doch noch köstlicher! – Des Abends Abschiednehmen fällt oft schwer, So sehr ist Tag und Welt in Lust verstrickt. – Wenn ich vor Morgen aus dem Schattental Die Herden treib' auf frühbeglänzte Höhn, Schwirrt schon von Wonnelockgeruf der Wald. Und dann, auf lichter Blöße, surrt und summt Es durchs Geduft süß-tragenden Gesträuchs, Taumelt auf bunten Flügeln, Blüten gleich, Befiederten! Jagt, hascht sich in der Luft Und hält einander fest! Fliegend zu Fliegend, Kriechend zu Kriechendem gesellet sich! Da werf' ich mich ins Gras, die Augen zu, Hauch über mir, in Halmen knisternder, Ästegerausch wie Muschelsang im Ohr! Da ist's, als würden Stimmen wach um mich Und redeten zu mir, was dunkel bleibt, Und Hände, Mutter, Hände langten sanft Aus heißer Erde, zögen mich an sie, Und Wechselschauer, innig strömende, Durchkreisen mich und sie mit einem Blut! Eva in sich Wie kenn' ich dich, verführerische Not, Zu drängen sich und so gedrängt zu sein! Abel Da spring' ich auf, halb froh und halb in Angst, Und späh' um mich und horche atembang, Ob nicht wer in der Näh', der weder du noch ich, Noch Kain, noch Vater – irgendein Geschöpf, Ein anderes, am ähnlichsten vielleicht – Noch dir! Doch nicht so, wie du jetzt bist, dir! Nein, wie du warst, da ich noch Kind! Warst du Nicht früher anders, Mutter? Größer, wie? Eva Das schien dir nur, weil selbst du damals klein. Abel Doch heller von Gesicht warst du gewiß! Eva Wohl, Schweiß und Sonne geben Dunkelheit. Abel Auch deine Augen waren anders! Wie Der blaue Abglanz auf den Wässerlein, Die nach dem Regen zwischen Gräsern stehn! Eva Kann sein. Abel Denn, Mutter, so – wer andrer, wenn Nicht du? – erschienst du unlängst mir! O, nicht im Traum, nein, leibhaft und am Tag! Hoch im Geklüft, wohin der Hirt nur irrt, Der suchende. Urplötzlich wuchst du auf. Denn du, du warst's und – konntest es nicht sein! Aus Rispenwogen wie aus grüner Flut Leuchtend erhoben, du! Nicht du, ein Licht! Umwallt von etwas, das wie Ähren war, Gefieder und Gewand. Gold, lauter Gold, Bis zu den Knien! Blumen hielten's auf, Daß es nicht ganz hinabsank bis zum Fuß! Aufrauschte Wind und, eine Wolke, schwoll Es an, flog auf, gab Arm und Schultern frei! Noch deckte es die Brust! Nun hob auch da Gewalt es, wehende! Du warst's und warst es nicht! Und weiß wie Birkenbast – o weißer noch! – Den Blick gestirnwärts, Lippen wie von Durst Leicht lechzend, daß in ihrem Purpurgrund Die Zähne glitzerten, die Arme wie Zum Flug entspannt – so stand es vor mir da! Eva beklommen Und du? Abel Aufspringen wollte ich und konnt' Es nicht! Verstrickt in Schlinggewächs und Wurzeln Schienen mir Arm und Bein! Dumpf Lastendes Über der Brust beklomm den Atem mir. Von innen aber Weh und Süßigkeit Spannte die Haut mir prall, als müßt' es mich Zersprengen! Und ich schrie! Schrie wie der Hirsch Des Nachts. O, das befreite! Aber kaum Befreit, war wieder Kehle voll von Schrei. Und wie die Erde, derer ich ein Stück Gebreitet lag, die Säfte aufwärtstreibt In Kraut und Halme, also quoll auch ich: Aus Augen Tränen, Schweiß, erlösenden, Aus jedem Härchen meiner Haut! Und quoll – Bis es sich legte wie nach Sturm und ich, Der Glieder Bann gelockert fühlend, mich Emporriß aus Betäubung. Und das Bild, Das du schienst und nicht du, war fort, zu Nichts! Adam Aus Erdenfrühe eigener Versuchung Verhängnisvoller Tag droht wieder her. Eva Noch immer nicht des Zornes Durst gestillt?! Muß sich in reinem Blut die Not erneuen? Abel Seither, wenn ich den Tieren zuseh', wie sie Einander jagen, locken, bis das Männliche, Verstellter Weigrung müde, all Erwehren In jähem Ansturm überrennt, ist mir Der Sinn nicht leicht mehr, und es dauert mich Der Mensch, der so allein mit seiner Lust. – Vater und Mutter, sagt, wie werden – Menschen? Eva verhüllt das Antlitz Adam Frag nicht! Kain ist schon geraume Zeit vorher auf dem Felsblock erschienen und hat zusammengekauert das Gespräch belauscht. Gegen den Himmel, der jetzt gesättigt vom Lichte des Mondes ist, erscheint er wie ein drohender Schatten. Nun reckt er sich auf. Kain Gut fragt der Knabe! Adam rasch nach ihm gewendet, zornig Das ist Kain! Kain grimmig auflachend Wer sonst?! Ich bleib' dabei; gut ist die Frage! Viel Zu denken gibt sie! Adam Denke, wer da will! Kain Und wer da muß! Nie trieb ich Übermaß In diesem Unfug, doch seit Tagen dreien Jückt's mich zu denken! Und sieh da, die Kraft, Die sonst in Schweiß verdunstete, stieg mir Zu Kopf und tut verwegne Arbeit. Vom Warum und Wie handgreiflichen Verlaufs Klimmt sie hinauf, wo hinter Wolkenweben Die große Spinne sitzt und Fliegen fängt, Die Menschen heißen, grimmen Zeitvertreibs! Adam Welch eine Lästersprache wider Gott?! Kain Dieselbe, scheint mir, die er selbst verlieh! Da alles doch von ihm, wenn auch nicht gleich Verteilt! Vielmehr nach Laune eines Affen, Der diesem grinst, jenem die Brauen runzelt, Dem Früchte zuwirft, den mit Dreck beschmeißt, Und wie dich's trifft, darnach bist du gesegnet, Oder verflucht! Adam Was weiß von Fluch der Kain! Kain Nichts! Doch von Kain zu wissen scheint der Fluch! Adam Die Natter biß ihn! Darum Gift im Blut Und Zunge irr! Kain Ob es die Natter war, Mir nicht bewußt! Doch ähnliches Geschmeiß War wohl dabei, als mich der Gott – wozu?! – Erschuf! Sonst nicht wie Räudiges verhaßt! Eva Geheimnis, furchtbares, reckt sich ans Licht! Adam Der Sonne Stich, gezielt auf bloß Genick, Peitscht solches Fieber auf nach schwülem Tag! Kain Wohl auch der Mond bei Nacht! Sonst kreischten nicht Schlafende auf: die Schlange, Schlange, hilf! Adam Giftblähung maßloß überfreßnen Tiers! Kain aufbrüllend Wohl eines Tiers! Lasttieres, dem das Joch Verdammten Daseins das Genick zermalmt! Wohl eines Tiers, zum Keuchen, Schleppen gut Und gut für Worte, die wie Geißeln sind! Ich aber frag': warum?! Und hau' mit dieser Faust Verbißne Kiefer tückischer Rätsel auf! Im weiten Umkreis atmenden Bereichs Paart Gleiches sich mit Gleichem, Zahm mit Zahm, Reißend mit Reißendem! Gesetz, das sanft Die Blutigsten zu ihren Jungen macht! Wie heißt der Unsinn, Ekel ohne Maß, Der mich wie Auswurf aus dem Rachen spie, Daß ich der Kain ward, dieses Tier, der Kain?! – Wirft sich rechts vorne zur Erde und verharrt so. Dann richtet er sich allmählich wieder halb auf. Mit verstörtem Antlitz und wunder Stimme Nichts! – Nichts? Kein Laut? Nicht Antwort? Schrie ich Denn nicht, ich Tier, ich wundes Tier? – Ist taub, Zu wem der Kain spricht? Oder fehlt dem Kain Ein Sinn, der hört? – Da kauern sie gekrümmt, Aus Stein Gesichter, der sich nur belebt, Wenn Abel redet! – Abel! – Abel, mein Bruder, sprich du zu mir ein Wort! – Dir sind Sie freundlich, haben manches dir vertraut, Geflüstertes. – Sprich du! Abel beklommen. Ich weiß nicht, was Dir sagen. Kain Niemand weiß dies! – Bist du mir, Noch gram, mein Bruder, wegen jenes – Spiels? Abel Ich nicht. Kain lauernd Meinst du: der Kain dem Abel? Abel Wenn es Ein Spiel war, wüßt' ich nicht, warum. Kain immer tückischer verhalten Dies Wenn gefällt mir nicht, mein Bruder; denn Es war ein Spiel! – grimmig gesenkt Sonst läg' ich wohl nicht da und du nicht dort, Wenn du auch recht behend, fast schon ein Mann! Da Abel leicht aufgelacht, einen Augenblick auffahrend, aber gleich zu gespielter Heiterkeit wieder bezwungen Und kam von ungefähr mir nicht ein Stein Zwischen die Beine, daß ich stolperte Und lachen mußte, bis die Sinne schwanden – Du lachtest wohl nicht mehr. So aber sag' ich: Es war ein Spiel nur und – vergessen sei's! Abel treuherzig Es war vergessen, eh es Kain vergaß. Kain kurz auflachend Du machst mich sehr vergnügt, mein Bruder. Fürwahr, ich lieb' dich mehr von Tag zu Tag, Seit ich dich stark und nun auch klug erfand. – So kann ich heut befriedet schlafengehn, Doch nicht da drinnen im Gewölb am Herd, Wo's wimmert, stöhnt und wirr aus Träumen schreit! Im Walde lieber rüst' ich mir ein Bett. Dort heult zwar auch und läßt sich keine Rast Gekreuch der Nacht. Doch hat dies keinen Sinn, Der mich beträfe. Nur, für alle Fälle, Ein Beil tut not an solcher Lagerstatt. Ich kam bloß, eins zu holen. Er geht nach rechts und holt aus dem Schatten des Felsens ein Beil hervor. Er prüft es, indem er es in der Hand wiegt und einen Hieb führt. Dies da scheint Mir scharf genug, ein Hirn zu spalten. Welch Ein Schädel es auch berge. Gutes Beil! Er wendet sich zum Gehen. Bevor er die Felsbrücke betritt, kehrt er sich gegen Abel, sieht ihn lang an und spricht mit furchtbarer Freundlichkeit Schliefst du noch niemals eine Nacht im Wald, Mein Bruder Abel? Abel Auf freiem Hange bei den Herden oft, Im Wald noch nie. Kain So komm, ich lehre dich Im Walde schlafen, süß und tief. Willst du's Versuchen, Bruder? Nie mehr andern Orts Gemahnt dich Schlummerlust. Abel mit einem Blick auf Eva Gern käme ich. Kain Kämst gern und traust dich nicht?! Ist Abel denn Ein Kind, das erst die Mutter fragen muß: Darf ich? Der Abel, der den Kain gestürzt! Wenn solcher Sturz auch – doch vergessen ist's Mehr Mut bewiese eine Nacht im Wald! Abel trotzig Was Kain, wagt Abel auch. Kain Dies zeigte sich Wohl erst am Ort. Abel Wie das!? Kain Geraune weckt Jedweder Tritt dort. Schatten lockern sich Von dunkleren und kreischen auf, daß Frost Dir aus der Haut bricht, Kinn erschlafft. Und immer ist's unfaßbar! Abel immer erhitzter Was? Kain Jetzt rührt Es dich im Nacken an, jetzt im Gesicht! Abel Lebendiges? Kain Nun glimmen Lichter auf: Ein Augenpaar! Dort flirren andere! Da pfaucht's, dort raschelt's, schlägt an deinen Fuß, Verwirrt, umwindet dich! Abel Gewürme?! Kain Auch! Und plötzlich heißer Anhauch dicht vor dir! Anprall an deine Brust! Im Rücken Zerren! Du strauchelst, fällst, erhebst dich, schlägst um dich, Als müßtest du die Nacht in Stücke hauen, Und haust ins Leere! Fort ist's, und Gelächter, Fernhin verknatternd, spottet deiner Angst! – Was ist der Kampf mit Bestien am Tag? Was selbst die plötzliche Begegnung mit Dem Leuen in gedranger Kluft beim Mond? Im Walde nur die Nacht peitscht Sinne auf Und prüft den Mann, der dort sich schlafen legt! Hast du noch Lust, so komm! Abel Ich komm'! Eva die sich während Kains Erzählung zu ganzer Höhe erhoben, schreit auf Geh nicht! Kain wild, voll Haß Warum?! Ist nicht der Kain bei ihm und schützt Das Schoßkind?! Eva Fort, Versucher, fort! Du wahrlich Sohn der Schlange! Kain wild auflachend Bin ich es, So weiß mein Otternblick zu bannen auch, Und ganz von selbst läuft mir der Knabe zu! Ein andermal, mein Bruder! – Gute Nacht! Er läuft hohnlachend ab. Abel steht verwirrt Eva ihn mächtig an sich ziehend, in jäher Angst und Inbrunst Abel, mein Wohllaut! Kind der Sehnsucht du Nach Sonnen, die verloren – Menschensohn! Abel ungewiß, wie aus einem Traum heraus Mutter–? Adam verbirgt sein Antlitz in ahnungsvollem Grauen.   Ende der zweiten Szene Dritte Szene »Da erwiderte Abel und sprach: Wahrlich, es gibt ein Gericht, es gibt einen Richter, es gibt jenseits dieser eine andere Welt.«   »Alsdann sprach Kain zu Abel: Du sprichst, es gibt noch eine andere Welt, wohlan, wir wollen alles untereinander teilen; ich für mein Teil nehme das Diesseits und du für dein Teil bekommst das Jenseits. So entspann sich aus der Mitte dieser Worte eine Fehde und es erhub sich Kain und tötete seinen Bruder Abel.«   »Denn er (Thubal-Kain) war es, der das Werk Kains fortsetzte, und alles Tun Kains führte zum Sterben.« Schauplatz der ersten Szene. Heller Mittag. Wo sich das rieselnde Wasser der Quelle mit dem Bach vereinigt, liegt Kain , auf die Ellenbogen gestützt, und starrt in das Fließen unbewegt. Das Beil neben ihm auf einem Stein. Kain He, Schuppiges! Nicht gar so frech geschnellt, Als wär' der Kain nicht da! Kains Blick ist längst In dich gebohrt, und das heißt: Tod! – Wo immer mir Lebendiges begegnet, Steht es erstarrt, die Kniee weichen ihm, Flucht ist vergessen, und es tritt die Nacht Von innen ihm ins Auge ahnungsvoll. – An Elch und Eber, Bären, Ur und Leu Hat meine Axt geprüft, was Leben ist, Und fand ein schwächlich Ding, das rasch ersäuft In einer Pfütze Bluts! – Wie, wenn mich Gier Anwandelte, es auch an dir zu proben, Fisch?! Aus Wollust bloß des Würgens! Und wie Mist Schmiss' ich dich fort, hätt' ich dein Blut geleckt Und wieder ausgespien! – Hab' ich dich?! Hält einen Fisch in der Faust Wie's schlüpft, sich windet, zappelt, jappt und schnappt! Bleckst du die Zähne?! Beißt du?! Pack' ich dich Beim Schwanz und klopf' den Stein mit deinem Kopf! Tut's mit einem leichten Hieb Noch immer atmet's, zuckt's und klammert sich An dieses Krötendasein an! – Glotzaug, Wie blöd und rund! Zu stumpf sogar, um Angst Zu spiegeln. – Werf' ich dich zurück, so weißt Du nicht einmal, wes Faust dich schon gepackt! Und töt' ich dich, so warst du eben Fisch, Wohlfeil Geschöpf, von ungezählten eins, Einander gleich wie Körner schlechten Sands! – Doch jener, der sich Mensch nennt, einer ist's! Zwar ähnlich andern Menschen, aber doch Eins, das nur einmal da ist wie der Gott, Der einzig ihm, so heißt's, den Tod verhängt! – In dies Gesetz, wenn's eines ist, bricht Kain, Der Werwolf, ein und reißt's in Fetzen! Gott zum Hohn! Schleudert den Fisch ins Wasser zurück. Leb, Fisch! Mich lüstet's nicht nach deinem Aasgestank: Erhabenere Fäulnis wittre ich! Nicht zahllos wimmelndes Geschmeiß, den Menschen Sterben zu lehren, bin ich da, der Kain! Geläute einzelner Herdenglocken jenseits des Felsens, immer näher. Abel erscheint oben, blickt einige Augenblicke in den Hintergrund, läßt sich dann nieder und liegt, die Arme unter dem Nacken verschränkt, in den Himmel schauend. Hochferne Raubvogelschrei. Kain Da ist er! Gut hab' ich seine Fährte abgepaßt! Das Beil versteck' ich, eh ich ihn mir lock'. Verbirgt das Bell im Gebüsch hinter sich, späht zusammengekauert. Abel hebt an zu singen Unter den Wolken wiegt ihn der dunkle Flügel. Licht der Sonne trägt er auf seinem Rücken. Aber der Hunger zieht ihn zur Erde nieder, Den hohen Geier! Dem Maulwurf stellet er nach, der Maus und dem Wiesel. Jungbrut der Raben zittert vor ihm im Neste. Selbst die Fische im Wasser fürchten Den spitzen Schnabel! Kain tief Schön ist Gesang. Die Welt wird ärmer sein, Wenn kein Gesang mehr ist. Abel mit erhobener Stimme Aber die Lämmer hütet der wachsame Hirte, Richtet die Schleuder, wenn sie sich ängstlich drängen. Aber die Menschen hütet, der auch die Geister werdet Über den Sternen! Kain Der auch die Geister weidet über den Sternen – Ob er auch ihn behütet? Mich dauert fast der Knabe. – Hahoia, Abel! Abel Hoiah! Abel hier! Was will der Kain? Kain Noch einmal dieses Lied! Abel Welch Lied? Kain Das eben du gesungen! Es Gefiel dem Kain! Abel zart lachend Wüßt' ich's nur noch! Kain Wie nicht? Abel Das kam nur so. Kain Und sängest du ein andermal, Käm' anders Wort und Weise? Abel Immer anders! Vorbeigetragen wie auf Baches Wellen, Entfallne Blüten eines fremden Strauchs – Und ehe du sie festhältst, längst vorüber. Kain Und rufst du es? Abel Nur ungerufen kommt's! Dann übermächtig: Bilderwogendrang Und viele Stimmen! Bis die eine sich Aus ihnen sammelt und die Kehle füllt, Die sich verströmt in Wohllaut und Bedeuten. Kain Seltsam! Mich dünkt: ein Lied zu finden, müßt' Man lange sinnen erst, und fand' man's dann, Es sich beschwerlich merken, eh man's sang'; Und hüb' man an, so war' es längst vergessen. Abel harmlos erheitert Zuviel der Mühe wär' dies um Gesang! Kain Recht hat dein Lachen, Bruder! Unsinn war's. Dein Spott bringt wieder Kain dem Kain zurück, Der nur ein stumpfer Knecht und viel zu plump Zu Worten und Gesang. Dem Abel freilich Naht es wie Blüten eines fremden Strauchs, Wie Bilder, Stimmen, Wohllaut, was weiß ich! Das rührt vom vielen Liegen auf dem Rücken Und müßigen Geträum ins leere Blau! – Ich helf ihm bald, daß er für immer liegt Und in den Himmel starrt mit Augen, die Sich nicht mehr schließen! Ob er dann Wohl auch noch singt? – Abel! Abel Was gibt's? Kain immer ohne Abel anzusehn Steig doch Herab und sieh, wie Kain gelernt vom Brauch Der Hirten! Lang schon lieg' ich hier und zähl' Die Morgenwölkchen, doch der Ort hat Schauder, Als heulten Eulen durch den grellen Glast. So komm und scheuche mir das Nachtgeschmeiß! Abel hell auflachend Den Kain schreckt tags, was ihn des Nachts vergnügt! Kain Hab' nicht recht ausgeschlafen. Allzufrüh Trieb es mich auf zu einer Tat, die eilt. So eil auch du! Abel hat sich erhoben und beginnt, den Felshang herabzusteigen Gerne. Schon rüst' ich mich. Kain So brüderlich fand ich dich gestern nicht. Das Bett im Wald war des Versuches wert. Abel Man trug's nicht fort, es steht auch heut bereit, Morgen und übermorgen! Kain Wenn es dich Dann nur noch schläfert! – Kommst du bald? Abel eben im Begriff das Gebüsch hinter Kain auseinanderzubiegen und durchzukommen Bin schon Bei dir! Kain in jäher Bestürzung, daß Abel die Axt finden könnte Halt! Nicht durch das Gebüsch! Abel heiter befremdet Warum? Kain Es könnte Schlangen bergen oder sonst Ein Ding, das scharf in Nacktes beißt. Abel Ein wenig Blut, was tut's? Kain Ich seh's nicht gern. Abel lagert sich Kain gegenüber Der grimme Jäger Kain so taubensanft?! Ist Blut nicht schön? Ich weiß nichts Röteres, Und schmeckst du's, ist es süß! Kain Trankst du es schon? Abel In Zügen nicht. Doch hab' ich oft genug Die Lippen mir genetzt mit Opferschweiß, Dem Gotte zuzukosten seinen Trunk. Kain Und schauderte dich's nicht? Abel Nicht mehr als Milch! Kain Der Saft, der eben noch in straffer Brust Ein Herz geregt, nun ausgeronnen, schal – Ihn denk' ich mir nur süß, eh noch verkühlt, Vom heißen Wundrand eilig eingeschlürft. Abel Trank so der Kain? Kain zusammenschreckend Was fragst du? Ob der Kain –? heiser auflachend Bin ich ein Raubtier, das mit Nackensprung Zahmwild befällt und sich daran besäuft?! – Nur wo's mich feindlich angeht, hau' ich zu. Und spritzt es dann in schwarzem Bogen aus, So ist es mir bloß Zeichen, daß ich traf, Nicht Wollust! Eher Gram, daß Wehrens Not, Damit man selber lebe, Töten heischt. Abel Solch zärtliches Bedauern kam mir nie. Kain immer verbissener Wohl wahr, dir nie! Hab's oft bedacht, wenn ich Mit Lamm und Zicklein dich verfahren sah, Grausam und nicht sehr würdig eines Manns. Abel Würdig genug durch Brauch! Kain mit immer wilderer Heiterkeit Ein frommer Brauch, Der selbst besorgt, was man dem Wolf verwehrt! Ein Hirtenbrauch, ein Brauch für sanfte Sänger! Erst zieht man's auf, freut sich, wie es gedeiht, Dann kommt's gesprungen, leckt die Finger, schmiegt Sich an die Knie', und eines Frühtags, wenn Die Hand, die's kost, es fett genug befand, Mit zartem Futter schmeichelnd angelockt, Mit einem Blutblick, der zu lächeln weiß – Mich ekelt solche Schlächterzärtlichkeit! – Sitzt jählings ihm das Messer im Genick! Abel Weil so zwar Tod ihm, doch nicht Leid geschieht. Kain Tod ist wohl Lust!? Mag sein, dem Tötenden Und jenem Gott, dem Töten wohlgefällt! – Genug, schon längst ist ihm erlesner Art Ein Bluttrunk zugedacht, da er mir Frucht Verschmäht! Abel gereizt Nur dürre Frucht verschmäht der Gott Kain erbleichend Wie das, mein Bruder? Abel anzüglich, scharf Gottverhaßt der Geiz, Der statt der Erstlinge des Feldes Abhub Opfert. Kain Ist jemand, der dies wagt? Abel Kann sein! Kain Wer, der nicht müd des Lichts, behauptet dies? Abel hart Einer, der's sah! Kain Der's sah? Losbrechend So will ich dir Die dreisten Augen und das tolle Maul –! Tappt hinter sich ins Gebüsch. Abel aufschnellend He, Kain! Nicht selber allzu dreist und toll! Was tappst du ins Gebüsch?! Was birgst du dort?! Kain die Axt hinter sich haltend In dem Gebüsch? Ich? – Nichts. Abel mit großer, bedeutsamer Ruhe, aber zwingend Gib mir – das Beil. Kain reicht es ihm zögernd, vor gewaltiger Erregung bebend, hin. Abel besieht es lange versunken, dann erschüttert Und damit wollte Kain den Abel –? Kain stürzt zu Abels Füßen, aufheulend Bruder! Abel über ihn hinweg Meint denn der Kain, des Menschen Leben sei, Ein Ding zum Spiel, das ungefähr zerbricht, In anderer Geschöpfe Hand gelegt? Nur der's entbrannte, bläst es aus – wie Licht. Kain aufgewühlt Er! Immer er! Ich sah ihn nie. – Komm doch, Du starker Bauer, der den Pflug versteht! Belehr mich, zeig mir, was der Kain verfehlt! Fang auf ins Hohle deiner Hand den Schweiß Von meinem Nacken, schöpf ihn in dein Maß! Und wenn's nicht überfließt, so schlage mich, Mich trägen Knecht, zerbrich mich stumpfe Schar! Doch wenn dein Eimer voll wird, tausendfach Ist's mehr denn alle Opfer! Oder du Bist nur ein Geier, den nach Fraß verlangt, Ein geiler Schlauch, dem ausrinnt, was er schluckt, Unstillend Durst nach Blut und Blut und Blut! – Abel! Abel fernhin Was willst du? Kain in steigender Raserei des Verstoßenseins Wie sieht er aus, wenn seine Fratze sich In deine Glut wühlt, schnaubend, qualmgeschwärzt? Ist's nicht ein Schakalsschlund, ein Wolfsgebiß, Ein Hakenschnabel, der Gedärm einschlürft Wie Regenwürmer? Nicht ein Affenmaul, Das grinsend Jauche leckt? Wie sieht er aus?! Abel Wen meinst du? Kain Ihn, den Gott! Du sahst ihn doch! Zu Hirten läßt er gnädig sich herab. Abel aufblühend Ich sah ihn nie! So nicht, mit Augen nie! Kain Wie sonst, wenn nicht mit Augen? Welchen Sinn Hast du voraus, zu sehn, was sich nicht zeigt? Mit diesen Fäusten rauf' ich ihn dir aus! Abel himmelan, groß Sehnsucht! Kain in Qual und Haß Mir Sehnsucht Flamme, Brunst, Die Eingeweid zerreißt, Gehirn verbrennt! Aufwirbelnd Rauch, ins Antlitz beißend Nichts! Ich will nicht Sehnsucht! Tret' die Flamme aus! Abel immer entrückter So bist du trüb, mein Bruder! Wuchs dir nie Gefühl, aus seliger Berührung eingeschöpft Mit Erde, wuchs es nie dir flügelgleich An deine Last? Und wähntest nie von Sternen Umwittert deinen Scheitel, während schaudernd An festem Grunde haftete dein Fuß?! Kain Gefühl mir Qual, wühlende Leere Brust, Abgrund, aus dem der rote Brodem schwelt: Gesichte, furchtbar in den Traum der Nacht! Es sind nicht Flügel, Haupt rührt nicht Gestirn, Fuß schwer am Staub, Keuchen die Erde, Schweiß! Abel jenseitig, noch verhaltenen Jubels Urkraft, die stromgleich aller Säfte Lauf Durstig in sich nimmt! Quellen, steigendes, Aus Gras und Kräutern! Wärme aus Gestein, Zärtlich besonntem! Aufdrängt es durch die Sohlen, schießt empor, Durch Fibernzweigespiel zum Wipfel auf! Der rauscht vom Föhnwind herrlichen Geschehns! Und brausend reißt der Augen Flammenpaar Die Welt in sich, die gottgeschaffene! O, Leben! Leben! Endlich kann's nicht sein! Kain erst aufbäumend, dann wie zum Sprunge geduckt, wild Unendlich bis ein End', das Kain dem Gott Aus Fängen reißt und dir verhängt, du Narr! Er rafft das Beil, das Abel fallengelassen, an sich. Abel trunken von Leben und Entzücken Und Purpurflut, Himmel umwallende! Die Sonne, Sonne! Trunkne Wiederkehr Der Dinge zur Gestalt, die Nacht verschlang! Taumeln die Felsen nicht im Tanz des Lichts?! Erwachen, Glut! Ihr singend Blut empor Schleudert die Erde, Stimmentausendfalt, Fittichgehoben, schwerelos, hinauf! Wem gilt der Jubel, Wolken zu gesprüht?! Wem gilt die Antwort, wolkenher gestürzt?! O Gott! O Mensch! O Leben, ewig, ewig! – Mit Sonnenfäden, funkelnden, geseilt An die Gestirne! Durch goldnen Lichtbluts Adernstrang vereint Mit Gottes Sturmlunge, ich, der Mensch! Wo ist die Faust, die Sonnenfäden trennt?! Wo ist die Axt, die Lichtes Strang zerhaut?! Wär' sie, es stürzte Der Himmel auf die Welt, und eine Nacht Begrübe Mensch und Gott! Kain mit Raubtiersprung So sei's! Er haut Abel mit einem einzigen Hiebe nieder. Dieser sinkt lautlos zusammen. – Kain bleibt in der Stellung des Hauenden über ihn gebeugt stehn, dann mit heiser-vertierter Stimme Tot? – Tot. – Tot!! Mächtig gereckt, zum Himmel auf Gott, wo bist du?! Hier steh' ich, Der Kain! In die tiefe antwortlose Stille nahendes Geläute einzelner Herdenglocken, hell und friedlich. Weidende Lämmer grasen von jenseits zur Höhe des Felsens herauf, drängen sich zum Rande des Abhangs, scheinen mit ahnungsvollen Tieraugen auf das Geschehene herabzublicken. Kain schrickt aus seiner nach aufwärts gerichteten Starre zusammen, findet sich allmählich zur Wirklichkeit einer ungeheueren Gier. Dann mit einer weiten, an sich raffenden Gebärde Die Herden! – Mein! Ende der dritten Szene. Vierte Szene »Und der Herr befahl den Engeln, sie sollten den Menschen in das Himmelsgewölbe führen, und er setzte ihn in den Garten Eden, dies war ein herrlicher Lustgarten auf der Spitze der Perle aller Berge, welchen kein Mensch besteigen kann.«   »Und als sie beide im Felde waren, sprach Kain zu seinem Bruder Abel: Es ist kein Gericht, und ist kein Richter, und ist keine andere Welt jenseits dieser; nicht wird dem Gerechten sein Lohn und nicht wird dem Bösen seine Strafe; nicht auf Milde ist die Welt aufgebaut und nicht mit Barmherzigkeit wird sie geleitet.« Das Innere der Höhle. Von vorne rechts nach rückwärts links der gewaltige Torbogen des Eingangs, von dessen Schwelle die Felsen herabsinken bis zur Sohle des Gewölbes. Hier steht inmitten, aus Steinen aufgebaut, der mächtige Herd. Jenseits seiner, erhöht, ins Gestein gehauen und mit Fellen überbreitet, das Lager Adams. Links vom Herde, vor ihm und rechts von ihm, ebenfalls fellbedeckt und dem Felsboden abgewonnen, die Lager Evas, Abels und Kains. Es ist Nacht. Der Himmel zunächst eine schwachgegliederte dunkle Wolkenmasse. Im Abglanz der Herdglut ist die Gestalt des schlafenden Adam deutlich sichtbar. Allmählich tritt Mondlicht von obenher in das Gewölk, das nun in phantastischen Gebilden von rechts nach links über den Himmel zieht. Jetzt wird auch Eva auf ihrem Lager klar wahrnehmbar. Die Schlafstätten der Brüder, gleichfalls im weißblauen Lichte, sind leer. Eva unruhig geworden im Schlafe Blau brennt die Welt! – Berge, in Flut gelöst, Strömen! – Gewässer, starr geworden, türmen sich! Eis ist die Welt und treibt und treibt und treibt! Aus welcher Nacht wohin in welche Nacht?! Wird denn nicht Tag?! Wird niemals wieder Tag?! Angstvoll, ein wenig aufgerichtet Es wankt – wankt – wankt! Zerrt mich, hebt, reißt mich fort! Wo klammre ich mich an!? Die Nägel brechen! Aoh, es blutet, schmerzt! – Halt, halt, Eisflut, Blaubrennende! – Erfrieren mag ich nicht! Sinkt frostgeschüttelt zurück. Adam erwacht und aufgestanden, tritt zu Eva und bedeckt sie mit Fellen Eva! Eva im Schlaf Wer ruft? Adam über sie gebeugt Das Antlitz wende du Vom Mond ab. Traumgeängstigt spricht der Mund. Eva Spricht er? – So wend' ich mich. Sie kniet mit geschlossenen Augen auf, um sich anders zu legen, aber mitten in der Bewegung scheint sie sich zu besinnen und tastet an das Kopfende von Abels Lager, das zu ihren Füßen ist. Kein Abel da? Sein Lager leer! – Wo ist mein Abel? Adam der inzwischen Holzscheite in die Herdglut gelegt hat Wohl schon nah. Die Herden hör' ich brüllen heimgekehrt. Eva immer im Schlaf, wieder angstvoll Sie brüllen? – Brüllen sie?! – So ist er nicht Bei ihnen! Adam indem er sich wieder legt Wer denn sonst trieb sie zu Tal? Eva leise, wie ein Kind, ganz entschlafend Der schwarze Hund, der beißt. Drum brüllen sie. Der Himmel ist indessen wieder finster geworden und verharrt so. Die Hölzer auf dem Herde haben Feuer gefangen und lodern nun plötzlich hellauf. Eva im roten Scheine jäh aufgerichtet, erst angstvoll flüsternd, dann voll Entsetzen Rot brennt die Erde! Rot! Glutregen fällt! – War dies der Sinn, daß Eva Mutter ward? Frucht süß, und Frucht der Süße Bitternis! – Bleib heute bei mir, Abel! Blutföhn weht. Die starken Stämme bricht's, die Rohre schrei'n: Gottes Gericht über den Samen Adams! – Adam!! Es schleicht auf Tatzen! Nimm die Axt! Es tropft von Lefzen rot! Blut ist die Spur, So breit wie Menschensohlen! Greif die Axt!! Und schlag es nieder, nieder! Blut um Blut!! Adam aufgestanden, bei ihr Nichts schleicht auf Tatzen. Keiner Axt bedarf's. Wach auf und zittre nicht! Ich bin bei dir. Eva aufgewacht, schlaftrunken Adam? – So ist es gut. – Entsetzlich war's! Voll wilden Jammers O Qualgesichte! Grausame Engel nieverjährten Fluchs, Wann endlich gebt ihr meine Nächte frei?! Sie vergräbt ihr Antlitz weinend in ihr Lager und entschläft. Es ist allmählich wieder ganz mondhell geworden und weiße Wolken jagen über den Himmel. In das Sausen des Windes mischt sich nun deutlich von tief untenher das vielstimmige Gebrüll von Rindern. Adam hat sich von Eva weg erhoben, ist lauschend gestanden und eben im Begriff, dem Höhlenausgang zuzuschreiten, da wird, schwarz gegen den Himmel, im Felsbogen Kain sichtbar. Er hat die Gebärden eines Gehetzten und wirft Steine gegen unsichtbare Verfolger. Seine Stimme gedämpft, heiser, wie aus Fieber. Kain Trolle dich, Pack! Hab das! Und das! Und das! Geziefer, pfauchendes! Die Schlüfte voll Von Augen! Alle Katzen los! Fangarm, Nach mir gereckt! Geschling um Arm und Bein! Die Erde Lehm! Steinschwere an den Sohlen! Weg da! Zurück! – Wohin entrett' ich mich?! Weicht, mit Luftgebilden kämpfend, Schritt für Schritt zurück und gelangt so immer tiefer herab in die Höhle, den Blick auf den Eingang gerichtet, neuen Angriffs gewärtig. Adam der ihn beobachtet hat, gedämpften aber herrischen Anrufs Kain! Kain zusammenschreckend, jäh gewendet Wer ruft!? – Ja so. – Wohl! Ich, der Kain. Adam Was treibst du? Kain Was ich –? Ich treibe nichts! Wenn jemand trieb, Gewiß nicht ich! Beim Gott – beim Kain! – nicht ich. Ein Wolf vielleicht? Nein! Rudel, keuchende! Bündel von Schlangen, zischend! Echsen, zackig Beschwingt, mit Riesenschweifen peitschende, Glut schnaubend und Gestank! Er wirft sich auf sein Lager Doch nun ist's gut. Adam Ist Kain ein Kind geworden? Kain leise aufheulend O, ein Kind, ein Kind! Adam Die Herden brüllen. Kain verwirrt, dienstbeflissen aufspringend Soll ich sie tränken gehn? Adam Tränken des Nachts?! – Sie dürsten nicht vor Tag. Leicht wittern sie Gefahr! Kain Gefahr? Woher? – Raubwild? Das hätt' der Kain erwürgt, der Würger Kain! Adam Ist Abel nicht bei ihnen? Kain zusammenfahrend Abel?! – Oh, Nicht weit! – Wo Quell den Sturz macht, wo Gebüsch Den Fischen schattet, liegt der Knabe – kühl! Läßt sich das Haupt bespülen, redt kein Wort, Wehrt nicht einmal den Raben und den Geiern! So stumm und unwirsch ward er über Nacht. Kain um so heitrer und gesprächiger! Adam Vernunft ist nicht in deiner Worte Schwall! Verschlaf den Unsinn, den die Zunge lallt. Er wendet sich zum Schlafen. Kain wirft sich wieder auf sein Lager Ja, schlafen – schlafen! Fährt empor Hundepfühl, bist du Aus Disteln aufgeschüttet? Brennst du, stichst? Was lockt dort? – Bett, das leersteht, warum nehm' Ich dich nicht in Besitz? – Er, der sich breit Gemacht auf dir, jetzt ist er – schmal geworden. Er kriecht auf allen Vieren auf Abels Lager und kauert dort O, zu der Mutter Füßen liegt sich's gut! Sein Blick wird allmählich gebannt von Evas nackten Füßen Weiß – weiß wie Birkenbast, o, weißer noch! – Schwatzte der Knab' nicht so? – Wie werden Menschen? Ich wüßt' schon, wie sie würden, hätt' der Gott – Welcher?! Wo ist ein Gott noch?! – hätte er Bloß nicht vergessen, wie dem Bock, dem Stier, So auch dem Kain den Schoß zu machen, der Ihm Junge würf'! Kain wollt' nicht faul sein! – Geißlein, Knieeingeklemmt, hält still zwar allerliebst, Doch unfruchtbar dem Kain. – Dies aber schwillt Empfängnis, duftet Brunft! – Du weiße Hindin, Um die die Hirsche kämpfen in der Nacht, Kain lechzt nach deinen – Fersen! Er beugt sich über Evas Füße und küßt sie scheuer Gier. Eva von der Berührung aufgestört, richtet sich im Schlafe auf Im Anfang war die Nacht. Dann kam das Licht. – Licht ist das Kind! Darum sind seine Locken So klar wie Strahlen, goldgesponnen ganz. – Wo ist dein Krauskopf, Heller Menschensohn? Sie tastet nach Abels Kopf und berührt den des Kain Da bist du! Kain unter ihrer streichelnden Berührung stöhnend Gut! Eva jäh innewerdend Nicht Abel?! Kain demütig werbend Nur der Kain. Eva Der Kain? – Ja so, der Kain. – Ich kenn's am Haar. Warum denn liegst du heut an Abels Statt? Kain Von heut an immer ich an Abels Statt! Eva gütig, lächelnd Ich weiß ja doch, daß du dich nur verstellst Und ahmst den Kain nach, wie er bellt und brummt. Doch deiner Lippen Wohllaut, er gebärdet sich Nur schwer so rauh, und sanfter Liebesklang Bricht durch wie Blüten aus dem letzten Schnee. Kain faßt sie an, rauh Genug! Mutter, wach auf! Eva nun wirklich ganz wach Bin wach! – Was gibt's? Kain verwirrt Nichts, nichts! Eva Mir dies zu sagen, weckst du mich!? Kain Mutter! – Vier Tage schweift' ich nun. O, nie Mehr wieder müßig! – Seitdem ich denk', mein Tun Gebückten Rückens, erdewärts der Blick. – Aufschaun gefährlich! Leer ist's oben, leer! Und Tagwerk kaum getan, eh trocken noch Der Schweiß der Stirn, sank Auge schwer! Das soll Nun anders werden! Eva Anders? Will der Kain Nicht Kain mehr sein? Kain Er war so, wie er war, Nicht sehr geliebt! Eva Doch immer gern bedankt. Kain Bedankt wie ein Gerät, das hilft und nützt! Man hackt's zu Brennholz, wenn es ausgedient! Der Kain will endlich mehr sein! Eva Mehr als Kain? Kain Ist man denn eingesperrt in seine Art Gleich einem Raubtier in Verhaugebälk? Und Nackenhub, Stirnstoß und Prankenhieb Sprengt, weitet nicht den Pferch?! Eva Wilde Gewalt nicht! Kain O, nicht Gewalt! Doch Dienens Inbrunst, Wortes Und Blickes Werbung, ungeheueres Verrichten! Ist dies alles nichts?! Eva nicht unberührt Nie hört' Ich so den Kain. Kain O, nur weil niemand je Auf Kain gehört! Doch, Mutter, hör mich jetzt! Soviel der Joche ich bisher gepflügt, soviel Des Wildes ich erlegt, soviel der Stämme Gefällt ich und geschleppt, bis Schulter wund – Mutter, von heut an will ich doppelt pflügen, Erlegen, fällen, schleppen! O, und auch Der andern Arbeit will ich tun! Und will Den Staub euch küssen von den Knieen, wenn ihr Es duldet von dem Kain! Eva Dies dankte dir, Nur wer Vergehens nicht bedarf in Mühen. So glücklich ist nur Einer: Abel! Kain auffahrend Ich kann's nicht hören, wie du Abel sprichst! Anders als: Kain! Ich bin der beßre – Knecht! Packt sie an. Eva in jähem Abscheu Der Beßre auch im Wehtun! Gib mich frei! Kain wild Verflucht! Adam aufgewacht, sich aufrichtend Was flucht der Kain? Muß selbst die Nacht Aufschrecken wüster Laut? Kain hingewühlt Ich fluch', fluch' ja nicht mehr! Ich Kain, der viel bezwang, bezwing' auch mich! Nieder die Stirn! Nacken gebeugt! Demut! Demut! Ich will – will neu beginnen, ich! Habe euch oft gekränkt, ja oft! Wenn auch Mit Vorsatz nicht, nur weil ich eben war ! Vorbei! Vergeßt! Vergebt! Dornicht Gestrüpp, Das reißt und sticht, ist Hecke doch, die wehrt! Und schien ich lauernd, unwirsch, abgewandt, War's nur: es lag mir was im Weg! Fort, fort Damit! Es liegt zwar noch, doch stumm, und buhlt Nicht mehr, und manches Dunkel ist gehellt! Es ist der Mensch von heut an ähnlicher Dem Gott! Eva O, Ähnlichkeit verhängnisvoll! Adam Mit diesem Wort begann der Menschen Leid! Kain Begann's damit, so endet's auch damit! Ähnlicher Gott, sag' ich, der Leben schafft Und es in Scherben haut! Er wird's nicht mehr! Nicht mehr allein! Die Tat hab' ich vollbracht! Als erster ich, der Kain, und freue mich! Adam So war sie bös! Freu ihrer dich allein! Kain Allein, immer allein! Ich bin es satt! O ich, ich tat es nicht, um weiter stumm Zu sein! Um weiter Abgrund, eisigen, Zu dulden zwischen Kain und Nicht-Kain! Tat's, Daß wer die Hand mir faßt, nicht seitwärts schielt Nach einer andern minder schwieligen! Ich tat's –! Eva in erstem Ahnen Was tatst du? Kain Was?! Ein Wunder! Einbruch in scheinbar göttlichen Bereich! Eva Mir bangt um Abel! Kain wild lachend Bangt dir?! Nicht die Ursach'! Abel, gefeit vor Tier und Mensch und Gott, Ja selbst vor Kain, was mehr! Geborgen Und eingebracht wie Weizen nach dem Schnitt In seines Hochmuts Reife! Eva Sahst du ihn? Kain Am Bache lagen wir im grünen Gras, So grün es war, es wechselte die Farbe, Und auch den Bach verdroß sein ödes Blau! – Doch dann, als es geschehn, das Ungeheure Und doch Geringe – denn es ist nicht anders, Als wenn man einem Wurm den Garaus macht! – Da, ihn zu fordern, der sich tückisch birgt, Furchtsamer scheint's denn furchtbar – gipfelwärts Zur Stätte, gestern noch verboten, wo Der Gott mit Engeln rastet, klomm der Kain! Adam Weh dir! Kain immer berauschter Wohl mir und euch! Wald wich, Gras schwand! Sturm duckte, was noch wuchs! Nur Kain, Der Mensch, aufrecht empor! Noch flüchtig Wild, Noch Riesenvögelschreie, aufgescheucht! Nun nichts, was lebt, mehr! Wolken schnaubt der Mund! Weiß! Funkelzacken, blank ins Blau gereckt! Mit Donnern sausen Hänge ab in Gischt! Hinauf! Aus Lippen, Ohren, Nüstern Blut! Hinauf! Gestemmt, geklammert, eingekrallt Ins weiße Feuer! Haut von Händen Fetzen! Hinauf! Vergehn in Nacht! Erwachen! Oben! Oben! Adam Und Gott? Kain trunken Kein Gott! Nichts! Nichts! Nur Eis! Eva Mein Traum?! Kain O, nicht mehr Traum, Gesichte, Geister, Engel Mit Flammengeißeln! Alles Ausgeburt Der Menschenangst! Dies Tal nur eine Schrunde, Steinig und dornicht, an dem Leib der Welt! Glückland die Erde, nicht Verdammnisstatt! Und jenseits Eises: Lüfte, hergeweht Ein Odem Duftes! Triften hochherauf Für hundert Herden! Wälder, jagdliche! Getier, sich sonnend, traulich hergewandt! Quellen aus jedem Steine, tränkenreich! Eva mitgerissen Bäume voll Früchten, groß wie Männerfaust?! Kain Größer! Eva Gesträuche Blühens, blätterlos?! Kain Zu tausend! Eva Wasser, gesammelt fließende? Weiß Himmel spiegelnd, farbig Uferland?! Kain Gewaltige und still wie Wolkengang! Eva Geranke, süßer Beeren trächtiges?! Kain Wälder davon, berauschenden Geruchs! Eva aufjubelnd O Eden! Abels Land! Kain jäh in Wildheit umschlagend Was Abels! Land Des Kain! Und eures, wenn ihr wollt! Mit mir! Gürtet die Lenden, brechet Tore auf In eure Finsternis! Gott ist der Mensch!! Adam Die Schlange spricht aus ihm!! Kain Gepriesen, oh, Gepriesen sei die Schlange! Sie spricht wahr! Denn was gewagt ward, ungeheuerlich Dem dumpfen Sinn von gestern, es geschah Durch einen Menschen! O, und doch Ruht Erde fest, Wandel der Sterne flammt Geheime Zeichen fürder ungerührt! Wasser versiegten nicht, kein Himmel barst! Und Wahn, Angst, Fluch und Einer, der zuviel, Mit einem Streich getilgt vom Rumpf der Welt! Und, aus dem Blut beseitigten Gebrests, Die Erde blühend auf, ein licht Gebild, Ein neues Paradies! – Ihr schweigt?! Noch immer nicht genug, was Kain Vollbracht?! Wie diese Erze schmelze ich?! Eva plötzlich voll Grauens, visionär Abel, bleib heute bei mir! Blutföhn weht! Die starken Stämme bricht's! Die Rohre schrein! Abel – Abel! Kain in wilder Wut Was Abel, Abel, Abel!! Ist dieser Name ein Geschöpf, das zäh Sich an die Erde klammert?! Wächst er wie Ein Riese auf, beklemmend allen Raum?! Muß ich auch ihn – ?! Eva schreiend Rot brennt die Erde, rot! Es schleicht auf Tatzen! Träuft von Lefzen rot, Blut ist die Spur, wie Menschensohlen breit! Gottes Gericht über den Samen Adams! Adam Kain! Wo ist dein Bruder Abel?!! Kain Weiß ich es? Bin ich der Hüter meines Bruders? Adam Kain!! Blut Abels schreit zum Himmel wider dich! Kain Nichts hör', nichts weiß ich! Adam Kain! Was tatst du ihm?! Kain aufbrüllend Erschlagen Abel! Eva Wehe! Sinkt in sich zusammen. Adam auf Kain zu Blut um Blut! Kain wirft sich nieder, hält sich dem Streich hin, heult auf Ja!! Töte mich! Ich bettle, knie'! Adam jäh besonnen, reißt ein brennendes Scheit vom Herd und Kain vom Boden auf Auf! Auf! Brände zur Hand! Den Weg vorangeflammt! Kain wiedererwachten Trotzes, ringt sich los, gewinnt den Ausgang; von dort her gellenden Hohnes Find ihn dir selbst! Blut ist die Spur, Wie Menschensohlen breit! Entspringt. Adam will nach, aber die Kniee versagen. Das Scheit entfällt der Hand. Dann wilden Schmerzes himmelauf Du Gott! Warum Nicht mich? Warum den Knaben?! Eva emporgerafft, wankend auf Adam zu Suchen – suchen – suchen! Die beiden Menschen, einander stützend und haltend, gehen hinaus in die Nacht. Ende der vierten Szene Fünfte Szene »Aber Adam und Eva saßen da und weinten und trugen Leid um ihren Sohn und wußten nicht, was sie mit seinem Leichnam tun sollten, denn sie kannten nicht das Begraben der Toten. Da kam ein Rabe geflogen, dem war sein Gefährte gestorben, da grub er in der Erde eine Grube aus, legte den Körper darein und verscharrte ihn vor den Augen Adams und Evas. Da sprach Adam: Wie dieser Rabe hier tat, so will auch ich tun. Und er nahm Abels Leichnam, machte ein Grab in der Erde und begrub seinen Sohn.«   »Es geschah, nachdem Kain seinen Bruder Abel erschlagen hatte, da fingen die Kinder Abels einen Krieg an mit den Kindern Kains, und wurden auf beiden Seiten viele getötet. Aber darnach ward die Hand der Kainskinder stärker; und sie unterjochten die Kinder Abels; sie nahmen viele von ihnen gefangen und nahmen, was nur zu nehmen war an Kriegsbeute, ihr groß und klein Vieh, ihre Esel, ihre Rosse, ihre Maulesel, und erwarben einen Reichtum, doch nicht auf rechtem Wege.« Die Stätte des Brudermords, in der Tiefe verkürzt um den früheren Vordergrund. Zeit vor Morgen, im blassen Firmament nur mehr die großen Sternbilder. Auf einem Steinblock des Kesselrandes, selbst wie ein Felsgebilde gegen den Himmel: Eva, Abels Haupt im Schoß. Rechts vorne, auf ein Werkzeug gestützt: Adam. Eva So bist du wieder eingekehrt, geliebtes Haupt, Zu meinem Schoß, von dem du ausgingst in das Licht. Getilgt die schwarze Spur von Todes rotem Mund, Aus dem zum erstenmal es Mord schrie in die Welt. O, hätten Tränen diese Wunde reingespült, Nicht Baches Wellen, steinentsprüht und kalt wie Stein! Da du nach Wehen, die der unversöhnte Gott Vor deiner Herkunft bang herangefreutes Glück Gesetzt, voll erster Regung mir in Armen lagst – O Lust, in der auch letztes Schmerzgemahnen schwand! – Gleich nach der Milchbrust schriest du, drängtest durstig her, Wie rote Zwillingsbeeren, schmiegend Lippenpaar, Und fandst, wes du begehrtest, eingebornen Triebs. O Rühren kleiner Hände, Mündchens gieriges Gesang, daß es fast wehtat, war es nicht so süß, Beherzten Zug zu fühl'n und wie mein Innerstes, Urmütterlich verbunden, warme Last der Brust In dich verströmte! Noch liegst du da, als schliefst du bloß, und zärtlich wacht Die Mutter deinem stummen Haupt geneigt wie einst, Da aus Vergessens Tiefen sich allmorgendlich Des Knaben Blick aufhob und neu den Tag gelernt. Nun wirst du lange schlafen, nichts mehr lernen, Kind! Und deiner Mutter werden wohl die Augen matt An diesem Bett von Fels, und gibt es noch Erbarmen, So braust ein Eissturm her und starrt die Glieder mir Zu Stein, Feuchte des Lebens dorrt zu Staubgerinn, Und eingefestiget in soviel Hart und Kalt, Bleibt auch dies arme Herz stehn, das mich sonst zerreißt! Adam ist aus Starrheit erwacht und führt einige Spatenhiebe Eva aus ihrem Schmerz gestört Was tust du, Mann? Adam Ich grabe. Eva Was gräbst du, Mann? Adam Ein Grab. Eva Was ist ein Grab? Adam innehaltend Zwei'n Rabenalten sah ich zu, denen der Geier Ein Junges totgerissen. So, mit Schnäbeln, warfen Sie Erde auf und lasen in die Grube Blutig Zerstreutes, was noch erst – ihr Kind. Eva in jähem Entsetzen Nein – nein! Das darf nicht sein! Adam schicksalhaft Vom Staub der Mensch, zum Staube kehrt er ein! Aus Donnern rief's der Zürnende, der Gott – Wir faßten's nicht, nun lernen wir es fassen. Holt zu neuem Hiebe aus Eva Genug! Mit jedem Schlag triffst du mein Herz! Adam Ist es so heil noch, daß es dies verspürt? Eva Erbarmen, Mann! O, nicht dies Haupt, so schön, Daß es die niedern Wesen locken könnte, An ihm sich aufzubilden zur Gottähnlichkeit – O, nicht dies Angesicht mit Nacht bedeckt! Adam Mehr Nacht als Tod ist auch die Erde nicht! Eva Ich gebe ihn nicht her! Schon jetzt, o Gott, weiß kaum Gehör mehr, wie Sein Mund erklang! Kaum mehr Gefühl, wie's war, Da seine Hand noch lebte warmen Widerdrucks! Nachsinnens alle Kraft Bringt es nicht wieder! O, nicht einmal mir, Die ihn gebar, gestillt, ihn herzte, wusch An jedem Kindertag! Aufschreiend Mann, geh! Du kommst, Ihn mir zu nehmen! Adam unentrinnbar nahend Dir nur? Nicht auch mir? Eva Nur mir! Was wußtest du von ihm! Daß er Dein Knecht beim Vieh, daß er dir half beim Handwerk, Wie oft gescholten und gestraft! Sonst nichts! Als wär' dein Herz wie allzureife Frucht Vor Ewigkeit dir abgefallen, so – Aus dunkeln Wurzeln dunkel aufgereckt, Entfruchtet und entlaubt, ein Wipfel, den Kein Sturm mehr aufrührt – ragst du in die Welt! Er aber war ein junger, Ein Espentrieb, den jeder Gotteshauch Erzittern ließ vor Fülle des Gefühls, Und war's auch nur für träumend Tun um nichts! Wer darf so eilig sagen: dies ist tot!? O, kaum gesagt, und blühend aufgestärkt Erhebt sich der Entstarrte! Wärme wieder quillt Ihm in die Finger, Brust schwillt atemweit, Und Auges Aufschlag, wenn auch leicht verwirrt Von erster Fremdheit, reiht die alten Dinge Zum neuen Bau zusammen dieser Welt! So wende deinen Blick ab, der ihn sucht, Wie man ein Schlachttier aus der Herde liest! Eräug den Unhold so, der ihn erschlug, Und dann erwürg ihn rasch und scharr ihn ein! Doch diesen schon' mir! Nimm ihn mir nicht! Laß Sein Haupt in meinem Schoß, und neu genährt Drängt es aus mir und lächelt wieder: Mutter! Adam unbeugsam Wär' dies nicht eitel, selber wich' ich nicht von ihm. Allein mit diesem ersten Tode tritt der Mensch Hinab in die Bereiche niedrigsten Geschöpfs, Und anders ist sein Teil nicht als des Übrigen. Indes sich hier noch trügerischer Schein erhält, Als wär', was daliegt, Abel – ist er's längst nicht mehr. Eva Was, wenn nicht Abel? Abel immer mir ! Adam Oft sah ich so im Wald ein Tier gestreckt, Und war nur mehr ein Haufen Würmerlust, Und Geier hatten Fleisches Fetzen schon Und Wölfe Knochen sich zum Fraß geholt. So, blieb er hier am Tage, würd' auch er Bald Lockgeruch, und soviel Beile, Speere, Ja Steine nur, gäb's nicht, zu bändigen Lechzenden Andrang eifernden Gezüchts. So laß uns ihn bewahren, Fraß zu sein Für Wolf und Geier. Vor dem Wurme rettet Nicht einmal Gott. Eva O bittres Menschenlos! Adam Hilf, Weib! – Stütz ihm das Haupt, ich hebe ihn. Beugt sich zu Abel hinab, will seinen Rumpf aufheben. Eva aufschreiend Nicht so! Du tust ihm weh! Adam Tat ich dir wirklich weh, mein Kind? Er drückt den Toten an sich, läßt ihn dann behutsam niedergleiten und bleibt über ihn gebeugt. Nun erhebt sich, rasch anwachsend, aus der Tiefe ein Brausen. Hinter dem Felsen geht die Sonne auf. Jetzt erscheint von jenseits in wildem Anlauf Kain auf der Höhe, schwarz gegen den purpurnen Himmel. Er läßt sich auf seine Hände fallen wie ein Bär auf die Vorderpranken und vollführt in dieser Stellung, bald sich aufreckend, bald sich niederkrümmend, urweltlich-wilden Tanz zu eigenem Mißgesang. Kain Die Sonne Blut! Hahoiah, Blut! Der eine war zu viel! Zwei Sohlen breit Erde nahm er weg, Zwei Sohlen breit Erde war zuviel – Jetzt ist die Erde weit! Die Sonne Blut! Hahoiah, Blut! Der andre war zu viel! Lag über der Erde wie die Nacht, Die Nacht war Sünde, Angst und Wahn – Jetzt ist die Erde licht! Die Sonne Blut! Hahoiah, Blut! Die beiden waren zu viel! So schlug der Kain den einen tot, Und Nacht ist tot und Gott ist tot – Jetzt ist die Erde mein! Adam Verstumm, du Tier! Es lebt der Rächergott! Kain Lebt er, hahoiah, so ist der Gott Spott! Lebt er, so lebt wohl der Abel auch, So nistet nicht Made in seinem Bauch! Wo bist du, mein Bruder?! Hahoiah, er schweigt! Steh auf, gib die Hand doch! Die Sonne-Blut steigt! Die Sonne-Blut dampft, stampft, tanzt, Scharlach ihr Huf! Hahoiah, die Sonne, die Kain erschuf! Eva So höhntest du nicht, wäre Eva nicht Weib! Kain Hahoiah, so wild, falbe Männin, gesinnt?! An Sanfteres denke! Dein Schoß will ein Kind! Ein Kind ist erschlagen, aufspritzte sein Mark! Wir wollen es wagen, der Kain ist stark! Ihn juckt es nach Jungen, ihn kitzelt's nach Glut! Hahoiah, die Sonne! Die Sonne Blut! Eva Was tat dir, du Unhold, der Knabe, dies Kind?! Daß du ihn schlachtetest wie ein Vieh! Kain Just wie ein Vieh! Das war's! Zu erfrecht Trug er das Kinn hoch, und Kain hieß der Knecht! Gottähnlichkeit Aas nun, und Gott ist der Kain! Hahoiah, die Sonne Blut! Erde ist mein! Adam Dein wie des Jagdwilds der Pfeil, der's zerfetzt! Dein wie des Hirns der Wahnwitz, der's hetzt! Dein wie der Sohlen Spitzdornengereiß, Dein wie der Stirne der beißende Schweiß! Durst deine Zunge, Gewühl Eingeweid, Lüfte dir Eishieb und Nesselkleid! Gemieden, gescheucht, ohne Herd, ohne Ruh, Ohne freundlichen Anhauch von Menschen sei du! Kain Hahoiah, hahoiah! Das spritzt nur wie Dreck! Hahoiah, Katzenfluch, Läuseschreck! Katz dehnt sich, Laus sehnt sich nach Menschendunst! Kain speit auf Herdbrunst und Menschengunst! Der Kain, der den Tod auf die Erde gebracht, Der Starke, der Gott zur Gebärde gemacht! Er schnaubt, und Wahnnebel erheitern sich, Aufklimmt er, und Klüfte erweitern sich: Die Welt, zu Füßen des Kain hingeruht, Rund, rund, ungeheuer, hinlechzend zur Flut! Zur Flut, die die Erde verschweißt und zerreißt, Den Fischleib ersinnt sich der Kainssöhne Geist! Wie giftige Beulen wächst steinern Getürm, Aufwimmelt aus Fäulen zweibeinig Gewürm! Gezeichnet die Stirnen, wie Affen gekrümmt, Greifkrallen die Finger, zum Raffen bestimmt! Die schmutzigen Augen, begierig gerollt, Und rufen sie Gott an, so lallen sie: Gold! Und Gold ist der Götze, frißt Seelen, säuft Blut – Hahoiah, die Sonne! Die Sonne Blut-Wut! Eva O, Grauen, Grauen! Entgöttert die Welt! Geschlechter wimmeln, Kains Samen geht auf! Aus rasender Paarung Geschöpfe wie Kain! Gierige, keuchende, Immer beschatteten Blicks, Nur was sie greifen, begreifende! Adam Und sie teilen die Erde Und türmen einander Grenzen! Aber die Gier Schlägt herüber, hinüber Flammen! Eva Rot brennt die Welt! Zunder die Habe, Die tückisch erraffte! Wabe an Wabe, Gottlosen Fleißes gefüllt, Schmilzt Wachs hin! Nichts schreckt sie mehr, Einander zu lauern! Und fallen einander an, Bruder an Bruder! Und der Mord entscheidet, Gewalt des Listigen! Kain aufgerichtet, rasenden Tanzes Und ein Wimmern hebt an der Zerstampften! Hoiah, wie klingt es dem Kain! Über die Weiten, die mordrausch-umdampften, Zuckend Gedärm und Gebein! Schreie zu Wolken auf, Flüche verröcheln, Himmel: Taubheit und Hohn! Kotigen Blutbrei an seinen wirbelnden Knöcheln, Tanzt, singt – Sonne-Blut! – der Schlange Sohn: Gewalt! Gewalt! Hahoiah, Gewalt! Des Leuen Trunkenheit, Zornmut des Starken, Erbarmungslos! Gewalt! Gewalt! Winde dich, krümme dich, Ohnmacht, zertretene! Faust, die erschlaffte, Bespeit der Gewaltige! Und auf der Demut Nacken Setzt er die Ferse Unter Weltengelachter! Eva Doch welch ein Licht! Welch Licht urplötzlich – Nur eines Auges Größe, Blau aufleuchtend, Himmel einspiegelnd – Steigt, wächst, steigt!? Reicht schon an Wolken, Ist Äther, ist Sonne! Rühret die Vögel, Rufet den Blumen, Wecket die Namen der Dinge, Löset die Zungen der Menschen, Daß sie klingen Gesänge: Immer, o immer wieder Wird Abel geboren! Kain ungeheuer Und immer wieder Wird Kain Den Abel erschlagen! Eva Dann wehe der Erde! Weh!   Ende.   Die den einzelnen Szenen vorangesetzten Zitate sind dem Werke »Die Sagen der Juden«, gesammelt und bearbeitet von Micha Josef bin Gorion, entnommen. Die Noten zum Liede Abels setzte Rudolf Knarr (Mödling). Die Uraufführung des »Kain« fand am 4. Mai 1922 am Burgtheater zu Wien statt.