Emile Zola Seine Exzellenz Eugène Rougon Die Rougon-Macquart. Band VI   Die Geschichte einer Familie unter dem Zweiten Kaiserreich   1923 Benjamin Harz Verlag Berlin Wien Ungekürzte Übersetzung von Armin Schwarz Satz und Druck von Otto Regel, G.m.b.H., Leipzig Erstes Kapitel Der Präsident stand noch an seinem Platze inmitten der leichten Bewegung, die sein Eintritt in der Versammlung hervorgerufen hatte. Dann setzte er sich und sagte halblaut in nachlässigem Tone: »Die Sitzung ist eröffnet.« Und er ordnete die Gesetzentwürfe, die vor ihm auf dem Schreibpulte niedergelegt waren. Zu seiner Linken las ein kurzsichtiger Sekretär mit der Nase auf dem Papier das Protokoll der letzten Sitzung mit einem raschen Gemurmel, das kein Abgeordneter anhörte. In dem Lärm des weiten Saales drang seine Stimme nur an die Ohren des Hausbeamten, die sehr würdig und gemessen angesichts der nachlässigen Haltung der Kammermitglieder dastanden. Es waren nicht hundert Abgeordnete anwesend. Die einen lehnten sich halb auf den roten Samtbänken zurück mit traumhaften Blicken und wollten schon einnicken. Andere beugten sich über den Rand ihres Pultes, als ob diese langweilige Zwangsarbeit einer öffentlichen Sitzung sie niederdrücke und trommelten mit den Fingerspitzen auf dem Pulte. Durch das Glasdach, das einen grauen Halbmond am Himmel ausschnitt, fiel das Licht des regnerischen Mainachmittags senkrecht herein und beleuchtete die strenge Pracht des Saales gleichmäßig. Das Licht flutete an den staffelweise aufgestellten Sitzbänken in einem langen, rötlichen Streifen hin; sein gedämpfter Glanz brach sich hier und da rosig an den Eckverzierungen der leeren Bänke, während die nackten Standbilder und Skulpturen hinter dem Präsidenten ganze Felder weißen Lichtes festhielten. Ein Abgeordneter von der dritten Bank rechts war in dem engen Durchgang stehengeblieben. Er strich seinen rauhen, schon ins Graue spielenden Bart und schien in tiefes Sinnen versunken. Als ein Hausbeamter heraufkam, hielt er ihn an und richtete halblaut eine Frage an ihn. »Nein, Herr Kahn,« versetzte jener, »der Herr Präsident des Staatsrates ist noch nicht da.« Herr Kahn setzte sich. Dann wandte er sich plötzlich an seinen Nachbar zur Linken und fragte: »Sagen Sie, Béjuin, haben Sie heute früh schon Rougon gesehen?« Herr Béjuin, ein mageres, schwarzes Männchen, dem man es ansah, daß er nicht viel Worte zu machen pflegte, hob den Kopf mit unruhigem Blick; seine Gedanken waren offenbar anderswo. Er hatte die Klappe seines Pultes herausgezogen und war mit Briefschreiben beschäftigt. Das blaue Papier hatte am Kopfe eine kaufmännische Inschrift: Béjuin \& Co., Kristallwarenfabrik zu Saint Florent. »Rougon?« wiederholte er. »Nein, den habe ich nicht gesehen. Ich habe keine Zeit gehabt, im Staatsrate vorzusprechen.« Darauf fuhr er mit ernster Miene in seiner Arbeit fort. Er sah in einem Hefte nach und schrieb seinen zweiten Brief unter dem Gesumme des Sekretärs, der endlich seine Vorlesung beendigte. Herr Kahn legte sich mit gekreuzten Armen zurück. Der Ausdruck seines scharfgeschnittenen Gesichtes, dessen starke, wohlgebildete Nase jüdische Herkunft verriet, blieb übelgelaunt. Er betrachtete die Goldrosetten der Saaldecke, das Geriesel eines Regenschauers, der sich eben auf die Scheiben des Daches entlud; dann schien er ganz in die Untersuchung der mannigfaltigen Verzierungen an der großen Wand versunken, die er vor sich hatte. In den beiden Ecken wurden seine Blicke vorübergehend durch die mit grünem Samt bekleideten Felder gefesselt, die mit vergoldeten Abzeichen und Einfassungen bedeckt waren. Dann maß er die Säulenpaare, zwischen denen die Standbilder der Freiheit und der öffentlichen Ordnung ihr Marmorantlitz mit den ausdruckslosen Augäpfeln zeigten, und endlich versenkte er sich in den Anblick des grünseidenen Vorhangs, der die Freske bedeckte, auf der Ludwig Philipp, den Eid auf die Verfassung leistend, dargestellt ist. Inzwischen hatte sich der Sekretär gesetzt. Der Lärm im Saale dauerte fort, während der Präsident gemächlich in seinen Papieren blätterte. Er legte die Hand gewohnheitsgemäß an den Schwengel der Glocke, deren helles Läuten niemandem im Gespräche störte. Inmitten des Lärmes blieb er einen Augenblick wartend stehen. »Meine Herren,« begann er darauf, »ich habe einen Brief erhalten ...« Er hielt inne, klingelte aufs neue, wartete wieder, mit seinem ernsten und gelangweilten Antlitz das monumentale Pult überragend, das unter ihm seine roten, weißumrahmten Marmorfelder den Blicken darbot. Sein zugeknöpfter Überrock hob sich scharf von der erhabenen Arbeit hinter dem Pulte ab und zog einen schwarzen Streifen durch die weißen Gewänder der Statuen des Ackerbaues und des Gewerbes mit ihren antiken Gesichtern. »Meine Herren,« wiederholte er, nachdem ein wenig Ruhe eingetreten war, »ich habe einen Brief von Herrn von Lamberthon erhalten, worin er sich entschuldigt, der heutigen Sitzung nicht beiwohnen zu können.« Auf der sechsten Bank gegenüber dem Präsidentensitze wurde ein leises Lachen vernehmbar. Es ging von einem sehr jungen Abgeordneten aus, der höchstens achtundzwanzig Jahre alt, blond und von sehr einnehmendem Äußern, mit seinen weißen Händen seinen Heiterkeitsausbruch nicht zurückhalten konnte, der so silbern hervorperlte, als komme er aus dem Munde einer hübschen Frau. Einer seiner Nachbarn, ein ungeheuer dicker Herr, rückte drei Sitze näher und flüsterte ihm ins Ohr: »Hat Lamberthon wirklich seine Frau gefunden? Erzählen Sie doch, La Rouquette!« Der Präsident hatte eine Handvoll Papiere ergriffen und sprach mit eintöniger Stimme; Bruchstücke seiner Rede drangen bis in den Hintergrund des Saales: »Es liegen einige Urlaubsgesuche vor: Herr Blachet, Herr Buquin-Lecomte, Herr de la Villardière...« Während die Kammer diese Gesuche bewilligte, hatte sich inzwischen Herr Kahn ohne Zweifel am Anblick der grünen Seide, die das aufrührerische Bild Ludwig Philipps bedeckte, sattgesehen, denn er hatte sich halb umgedreht, um die Tribünen zu betrachten. Über dem Unterbau von gelbem Marmor, der mit Lack geädert war, zog eine einzige Reihe von Tribünen von einer Säule zur andern ihre Brüstungen von amarantfarbenem Samt; oberhalb vermochte ein Vorhang von gepreßtem Leder nicht die Lücke zu verbergen, welche die Beseitigung der zweiten Galerie gelassen hatte, die vor dem zweiten Kaiserreiche den Berichterstattern und Zuhörern eingeräumt gewesen war. Zwischen den starken, gelblichen Säulen, die ihre etwas schwerfällige Pracht um den Halbkreis her entfalteten, waren die engen, dunklen und fast leeren Logen eingeklemmt. Nur drei oder vier lichtgekleidete Frauengestalten belebten sie einigermaßen. »Siehe da! Oberst Jobelin ist gekommen!« murmelte Herr Kahn. Er lächelte dem Obersten zu, der ihn bemerkt hatte. Oberst Jobelin trug den dunkelblauen Überrock, den er als Ziviluniform gewählt hatte, seit er in den Ruhestand getreten war, und saß ganz allein in der Quästorenloge mit seiner Offiziersrosette, die so groß war, daß sie der Knoten eines Halstuches schien. Weiter links, in einem Winkel der Staatsratsloge, blieben die Augen des Herrn Kahn an einem jungen Paare haften, das zärtlich aneinandergeschmiegt beisammensaß. Der junge Mann beugte sich jeden Augenblick zum Nacken seiner Gefährtin, um ihr etwas zuzuflüstern; sie lächelte dann hold, ohne die Blicke von dem Standbilde der öffentlichen Ordnung wegzuwenden. »Hören Sie, Béjuin!« murmelte der Abgeordnete und stieß seinen Nachbar ans Knie. Herr Béjuin, der eben beim fünften Briefe war, hob betroffen den Kopf. »Sehen Sie nicht dort oben den kleinen d'Escorailles und die hübsche Frau Bouchard? Ich wette, daß er sie in die Hüften kneift. Sie macht so schmachtende Augen ... Alle Freunde Rougons haben sich also hier ein Stelldichein gegeben. In der Zuhörertribüne ist auch Frau Correur und das Ehepaar Charbonnel anwesend.« Anhaltendes Läuten erscholl. Ein Hausbeamter rief mit wohlklingender Baßstimme: »Ruhe, meine Herren!« Man horchte, und der Präsident sprach folgende Worte, von denen nicht eines verlorenging: »Herr Kahn bittet um die Ermächtigung, die Rede drucken zu lassen, die er bei der Verhandlung des die Erhebung einer Gemeindesteuer nach den in Paris verkehrenden Wagen und Pferden beantragenden Gesetzentwurfes gehalten hat.« Ein Gemurmel lief durch die Bänke, und die Gespräche wurden wiederaufgenommen. Herr La Rouquette hatte sich neben Herrn Kahn niedergelassen. »Sie bemühen sich also um die Bevölkerung?« fragte er scherzend, und ohne die Antwort abzuwarten, fügte er hinzu: »Haben Sie Rougon nicht gesehen? Nichts erfahren? ... Alle Welt spricht von der Geschichte, doch scheint noch nichts gewiß zu sein.« Er wandte sich um und blickte auf die Uhr. »Schon zwanzig Minuten über zehn! Ich würde mich drücken, wenn dieser verteufelte Bericht nicht zur Verlesung käme! Ist er wirklich für heute anberaumt?« Herr Kahn versetzte: »Es ist uns allen angezeigt worden, und ich habe nicht gehört, daß die Sache widerrufen wäre, Sie werden also gut tun, zu bleiben; die vierhunderttausend Franken für die Taufe werden sogleich bewilligt.« »Gewiß!« erwiderte Herr La Rouquette. »Der alte General Legrain, der jetzt an beiden Beinen lahm ist, hat sich hertragen lassen und befindet sich im Konferenzsaal, um die Abstimmung zu erwarten. Der Kaiser hat allen Grund, auf die Ergebenheit des ganzen gesetzgebenden Körpers zu rechnen. Keine unserer Stimmen darf ihm bei dieser feierlichen Gelegenheit fehlen.« Der junge Abgeordnete hatte sich sehr angestrengt, um sich das ernste Aussehen eines Politikers zu geben. Sein puppenmäßiges, mit einigen blonden Härchen geziertes Gesicht stemmte sich leicht auf den Kragen, und er neigte den Kopf, wie um einen Augenblick den Eindruck seiner beiden letzten rednerischen Wendungen zu genießen. Dann aber brach er plötzlich in ein Gelächter aus und sagte: »Mein Gott, was für drollige Köpfe diese Charbonnels haben!« Darauf belustigte er sich mit Herr Kahn auf Kosten der Charbonnels. Die Frau hatte einen auffallend gelben Schal, der Mann trug einen jener Überröcke aus der Provinz, die mit der Axt zugehauen scheinen, und beide, groß, dick und geduckt, stützten fast das Kinn auf den Samt der Brüstung, um der Verhandlung besser folgen zu können, von der ihre Glotzaugen nichts zu verstehen schienen. »Wenn Rougon gestürzt wird, gebe ich keine zwei Sous für den Prozeß der Charbonnels ... Ganz wie mit Frau Correur ...« murmelte Herr La Rouquette. Dann neigte er sich zum Ohr des Herrn Kahn und fuhr fort: »Überhaupt, Sie kennen Rougon, sagen Sie mir also, was ist an dieser Frau Correur! Sie hat einen Gasthof gehalten? Früher hat Rougon bei ihr gewohnt; man sagt sogar, daß sie ihm Geld geliehen hat ... Was treibt sie gegenwärtig« Herr Kahn war sehr ernst geworden; er strich sich langsam den Bart und versetzte kurz: »Frau Correur ist eine durchaus achtenswerte Frau.« Dieses Wort machte der Neugier des Herrn La Rouquette ein jähes Ende. Er kniff mit der Miene eines Schülers, der einen Verweis erhalten hat, die Lippen zusammen, und beide betrachteten einen Augenblick schweigend Frau Correur, die nahe bei den Charbonnels saß. Sie trug ein sehr helles, malvenfarbenes Seidenkleid mit vielen Spitzen und reichem Schmuck, ihr Gesicht war zu rosig, ihre Stirn von kleinen blonden Löckchen bedeckt; sie zeigte ihren fetten Hals, der trotz ihrer achtundvierzig Jahre noch sehr schön war. Plötzlich hörte man im Hintergrunde des Saales eine Tür gehen und ein Rauschen von Kleidern, das die Aufmerksamkeit aller erregte. Ein Mädchen von bewundernswürdiger Schönheit, sehr auffallend in ihrem wassergrünen, schlecht gearbeiteten Seidenkleide, war in Begleitung einer älteren, schwarzgekleideten Dame in die Diplomatenloge eingetreten. »Siehe da! Die schöne Clorinde!« murmelte Herr La Rouquette und erhob sich, um aufs Geratewohl zu grüßen. Herr Kahn hatte sich gleichfalls erhoben, beugte sich zu Herrn Béjuin nieder, der eben seine Briefe in die Umschläge steckte und flüsterte ihm zu: »Hören Sie, Béjuin, Gräfin Balbi und Tochter sind da. Ich will sie fragen, ob sie nicht Rougon gesehen haben.« Der Präsident hatte auf seinem Sitze eine neue Handvoll Papiere ergriffen und warf beim Lesen einen Blick auf die schöne Clorinde Balbi, deren Eintritt im Saale ein Flüstern erregt hatte. Indem er weiter Blatt um Blatt einem Sekretär reichte, sagte er wie in einem endlosen Satze, ohne Punkte und andere Zeichen: »Hier ein Gesetzentwurf, betreffend die Weitererhebung einer Zuschlagsteuer bei der städtischen Maut zu Lille ... Gesetzentwurf, betreffend die Vereinigung der Gemeinden Doulevant-le-Petit und Ville-en-Blaisais (Haute-Marne) ...« Als Herr Kahn zurückkehrte, sah er untröstlich aus. »Es ist gewiß, niemand hat ihn gesehen, sagte er zu Béjuin und La Rouquette, die er am Ende des Halbkreises traf. Man hat mir versichert, daß der Kaiser ihn gestern abend hat zu sich berufen lassen, aber ich weiß nichts vom Ergebnisse dieser Unterredung ... Nichts ist so ärgerlich, als nicht zu wissen, woran man sich zu halten hat.« Während er sich abwandte, flüsterte Herr La Rouquette Herrn Béjuin ins Ohr: »Der arme Kahn hat eine Heidenangst, daß Rougon sich mit den Tuilerien überwirft. Er hätte dann bei seiner Eisenbahn das Nachsehen!« Herr Béjuin, der wenig sprach, sagte mit Nachdruck: »Wenn Rougon den Staatsrat verläßt, würde es ein Verlust für jedermann sein.« Darauf winkte er einem Hausbeamten und bat ihn, die eben geschriebenen Briefe in den Postkasten zu stecken. Die drei Abgeordneten blieben am Fuße des Präsidentenpultes zur Linken stehen und unterhielten sich vorsichtig über die Ungnade, die Rougon drohte. Es war eine verwickelte Geschichte. Ein entfernter Verwandter der Kaiserin, ein Herr Rodriguez, forderte von der französischen Regierung den Betrag von zwei Millionen Franken zurück, weil ihm 1808, während des spanischen Krieges, ein mit Kaffee und Zucker beladenes Schiff im Meerbusen der Gascogne von einer Fregatte, der »Vigilante« gekapert und nach Brest geschleppt worden war. Auf Grund des Tatbestandes, den die Untersuchungskommission erhoben hatte, erklärte der Verwaltungsbeamte die Prise für rechtmäßig, ohne das Prisengericht darüber zu befragen. Indessen hatte sich Herr Rodriguez schleunigst an den Staatsrat gewandt, und nach seinem Tode hatte sein Sohn vergeblich unter allen Regierungen die Aufnahme der Sache verlangt, bis endlich ein Wort seiner Urgroßnichte, die inzwischen allmächtig geworden war, bewirkte, daß der Prozeß zur Verhandlung kam. Über ihren Köpfen vernahmen die drei Abgeordneten die eintönige Stimme des Präsidenten, der fortfuhr: »Gesetzentwurf, betreffend die Ermächtigung des Departement Calvadors zu einer Anleihe von 30 000 Franken ... Gesetzentwurf, betreffend die Ermächtigung der Stadt Amiens zu einer Anleihe von 200 000 Franken für die Anlage neuer Spazierwege ... Gesetzentwurf, betreffend die Ermächtigung des Departement Côtes-du-Nord zu einer Anleihe von 345 000 Franken, womit die Fehlbeträge der letzten fünf Jahre gedeckt werden sollen...« »Wirklich,« sagte Herr Kahn noch leiser, »hat der bewußte Rodriguez einen sehr scharfsinnigen Einfall gehabt. Er besaß in Gemeinschaft mit einem New-Yorker Schwiegersohne Zwillingsschiffe, die nach Belieben unter amerikanischer oder spanischer Flagge segelten, je nachdem diese der jene Flagge Gefahr brachte... Rougon hat mir versichert, daß das Schiff in aller Form gekapert war und daß daher nicht der geringste Grund sei, die Verwahrungen des Herrn zu beachten.« »Um so weniger, als das Verfahren unanfechtbar ist«, fügte Herr Béjuin hinzu. »Der Verwaltungsbeamte in Brest war nach dem Hafenrechte völlig befugt, die Prise für rechtmäßig zu erklären, ohne das Prisengericht zu befragen.« Herr La Rouquette lehnte sich gegen den Marmor des Präsidentensitzes, erhob die Nase, um die Aufmerksamkeit der schönen Clorinde auf sich zu lenken, und fragte nach kurzem Schweigen naiv: »Aber warum will Rougon nicht zugeben, daß man dem Rodriguez die zwei Millionen gibt? Sein Schaden ist es doch nicht!« »Das ist eine Gewissensfrage!« versetzte Herr Kahn ernst. Herr La Rouquette blickte seine Genossen nacheinander an; da er aber ihre feierliche Miene sah, lächelte er nicht einmal. »Dann,« fuhr Herr Kahn fort, wie um auf stillschweigend gestellte Fragen zu antworten, »dann ist Rougon unzufrieden, seit Marsy Minister des Innern ist. Die beiden haben einander nie ausstehen können... Rougon hat mir gesagt, daß er sich ohne seine Anhänglichkeit an den Kaiser, dem er schon so viele Dienste geleistet, längst vom öffentlichen Leben zurückgezogen hätte... Kurz: er befindet sich nicht mehr wohl in den Tuilerien, er fühlt die Notwendigkeit, eine neue Haut anzuziehen.« »Er handelt als ehrlicher Mann!« wiederholte Herr Bejuin. »Ja,« sagte Herr La Rouquette mit schlauem Gesicht, »wenn er sich zurückziehen will, ist die Gelegenheit günstig... Immerhin werden seine Freunde untröstlich sein. Sehen Sie den Oberst da oben mit dem unruhigen Gesichte; er rechnete so sicher darauf, sich am i5. August das rote Band der Ehrenlegion umlegen zu können! ... Und die hübsche Frau Bouchard, die geschworen hat, der würdige Herr Bouchard werde vor Ablauf eines halben Jahres an der Spitze einer Abteilung im Ministerium des Innern stehen! Der kleine d'Escorailles, Rougons Liebling, werde Herrn Bouchard zum Namenstage seiner Frau die Ernennung auf den Teller legen... He, wo sind sie denn, der kleine d'Escorailles und die hübsche Frau Bouchard?« Die Herren suchten das Paar und entdeckten es endlich im Hintergründe der Tribüne, auf deren vorderster Bank sie zu Anfang gesessen hatten. Sie hatten sich da in den Schatten zurückgezogen hinter einen alten Kahlkopf und saßen beide sehr still und sehr rot da. In diesem Augenblicke beendete der Präsident seine Vorlesung. Er warf die letzten Worte mit etwas gesenkter Stimme hin, die sich in dem ungeheuerlichen Satze verwickelte: »Gesetzentwurf, betreffend die Ermächtigung zur Erhöhung des Zinsfußes nach einer Anleihe, die durch Gesetz vom 9. Juni i853 bewilligt ist, und eine außerordentliche Steuer für das Departement La Manche.« Eben trat ein Abgeordneter ein. Herr Kahn lief ihm entgegen, geleitete ihn herzu und sagte: »Hier Herr von Combelot... Wird uns Nachrichten geben können.« Herr von Combelot, ein Kammerherr, den das Departement Landes auf ausgesprochenen Wunsch des Kaisers zum Abgeordneten gewählt hatte, verbeugte sich mit verschwiegener Miene und wartete, bis man ihn fragen werde. Er war ein hochgewachsener schöner Mann mit sehr weißer Haut und tintenschwarzem Bart, was ihm bei den Frauen zu großen Erfolgen verhalf. »Nun?« fragte Herr Kahn. »Was sagt man bei Hofe? Was hat der Kaiser beschlossen?« »Mein Gott!« gab Herr von Combelot etwas schnarrend zur Antwort, »man redet vieles... Der Kaiser hegt die wärmste Freundschaft für den Herrn Staatsratspräsidenten. Die Unterredung ist gewiß in sehr freundschaftlicher Stimmung verlaufen. Ja, sehr freundschaftlich.« Nachdem er dieses Wort stark betont, hielt er inne, um sich zu vergewissern, ob er nicht zuviel gesagt habe. »Also ist das Entlassungsgesuch zurückgezogen?« fragte Herr Kahn mit blitzenden Augen. »Das habe ich nicht behauptet«, erwiderte der Kammerherr sehr unruhig. »Ich weiß nichts. Sie begreifen, daß meine Lage eine ganz eigenartige ist...« Er vollendete den Satz nicht, sondern begnügte sich zu lächeln und eilte auf seinen Platz. Herr Kahn zuckte die Achseln und wandte sich an Herrn La Rouquette: »Aber eben fällt mir ein, Sie müssen unterrichtet sein! Hat Ihnen denn Ihre Schwester, Frau von Lorentz, nichts erzählt?« »Oh, meine Schwester ist noch verschwiegener als Herr von Combelot!« entgegnete der junge Abgeordnete lachend. »Seit sie Palastdame ist, trägt sie den Ernst eines Ministers zur Schau... Aber gestern versicherte sie mir, das Entlassungsgesuch sei angenommen... Übrigens kam dabei eine hübsche Geschichte vor. Wie es scheint, hat man eine Frau geschickt, um Rougon zum Nachgeben zu bewegen. Wissen Sie, was dieser Rougon getan hat? Er hat sie vor die Tür gesetzt, obgleich sie entzückend schön ist.« »Rougon ist keusch«, erklärte Herr Béjuin feierlich. Herr La Rouquette brach in ein tolles Gelächter aus. Er widersprach; er könne Tatsachen anführen, wenn er wolle. »Zum Beispiel Frau Correur...« flüsterte er. »Niemals!« sagte Herr Kahn. »Sie kennen diese Geschichte nicht.« »Gut, dann also die schöne Clorinde!« »Gehen Sie doch! Rougon ist zu klug, um sich mit diesem Teufelsweibe zu vergessen.« Damit rückten die Herren einander noch näher und versenkten sich in eine gewagte Unterhaltung, voll der derbsten Worte. Sie erzählten Geschichten über diese beiden Italienerinnen, Mutter und Tochter, halb Abenteurerinnen und halb vornehme Frauen, denen man überall im Menschengewühl begegnete: bei den Ministern, in den Logen der kleinen Theater, in den Seebädern und in fragwürdigen Gasthöfen. Die Mutter, versichert man, sei einem königlichen Bett entsprossen; die Tochter, deren Unkenntnis der französischen Sitten sie zu einem originellen und sehr schlecht erzogenen »Teufelsmädel« machte, ritt bei den Rennen Pferde zuschanden, zeigte bei Regenwetter ihre schmutzigen Strümpfe und schiefgetretenen Schuhe auf der Straße und suchte einen Mann mit dem gewagtesten Lächeln einer reifen Frau. Herr La Rouquette erzählte, daß sie auf einem Balle beim Ritter Rusconi, dem italienischen Gesandten, als jagende Diana erschienen sei, dermaßen nackt, daß Herr de Nougarède, ein alter Senator und Feinschmecker, andern Tags beinahe um sie angehalten habe. Bei dieser Geschichte blickten die drei Abgeordneten auf die schöne Clorinde, die dem Verbot zum Trotz die Kammermitglieder eines nach dem andern durch ein umfangreiches Doppelglas musterte. »Nein, nein!« wiederholte Herr Kahn, »Rougon würde nie ein solcher Narr sein! Er läßt sie als sehr klug gelten, er nennt sie scherzweise »Fräulein Macchiavelli«. Er findet sie spaßig, das ist alles.« »Einerlei«, schloß Herr Béjuin. »Rougon tut unrecht, nicht zu heiraten... Das macht erst einen Mann gesetzt.« Darauf einigten sich alle drei über die Frau, die für Rougon passen werde: eine Frau in einem gewissen Alter, wenigstens fünfunddreißig Jahre, reich, und die ihr Haus auf sehr anständigem Fuße zu führen wisse. Inzwischen erhob sich ein großer Lärm. Sie hatten sich in ihre schlüpfrigen Geschichtchen so vertieft, daß sie nichts mehr von dem bemerkten, was um sie her vorging. Von fern vernahm man aus den Gängen die Stimmen der Hausbeamten, die riefen: »Zur Sitzung, meine Herren, zur Sitzung!« Die Abgeordneten strömten von allen Seiten durch die weitgeöffneten, goldbesternten Türen von Mahagoni herein. Der Saal, der bis dahin zur Hälfte leer war, füllte sich allmählich. Die kleinen Gruppen, die sich mit gelangweiltem Ausdruck über die Bänke hinweg unterhielten, die Schläfer, die ihr Gähnen unterdrückten, verschwanden in der steigenden Flut unter den zahlreich ausgetauschten Händedrücken. Indem die Abgeordneten sich rechts und links niederließen, lächelten sie einander freundlich zu; sie hatten alle einen gewissen gleichmäßigen Zug: das Bewußtsein der Pflicht, die sie hier erfüllen wollten. Ein dicker Herr auf der letzten Bank links, der gar zu fest eingeschlummert war, wurde von seinem Nachbar aufgerüttelt, nachdem dieser ihm einige Worte ins Ohr geflüstert, rieb er sich eilig die Augen und nahm eine würdevolle Haltung an. Die Sitzung, die sich bisher durch sehr langweilige Angelegenheiten hingeschleppt hatte, verhieß jetzt sehr interessant zu werden. Von der Menge fortgerissen, waren Herr Kahn und seine beiden Gefährten zu ihren Sitzen, gelangt, ohne recht zu wissen wie, und setzten hier ihre Unterhaltung fort, mühsam ihr Lachen unterdrückend. Herr La Rouquette gab eine neue Geschichte von der schönen Clorinde zum besten. Sie hatte eines Tages den erstaunlichen Einfall, ihr Zimmer mit schwarzem Tuch ausschlagen zu lassen, auf dem silberne Tränen verstreut waren, und empfing hier ihre Gäste, im Bett liegend, unter schwarzen Decken, die nur ihre Nasenspitze sehen ließen. Herr Kahn setzte sich; dann besann er sich plötzlich seiner Sache. »Dieser La Rouquette ist ein Narr mit seinen Klatschereien! Er ist schuld, daß ich jetzt die Gelegenheit versäumte, Rougon zu sprechen! – Sie hätten mich wohl daran erinnern können, Béjuin!« wandte er sich mit wütender Miene an seinen Nachbar. Rougon, der eben mit den üblichen Förmlichkeiten eingeführt worden, saß schon zwischen zwei Staatsräten auf der Bank der Regierungsvertreter, einer Art ungeheuren Kasten von Mahagoni, der unterhalb des Präsidentensitzes angebracht war gerade an der Stelle der abgeschafften Tribüne. Seine breiten Schultern sprengten fast die grüne Uniform, die am Kragen und an den Ärmeln mit Goldstickerei überladen war. Sein Gesicht war dem Saale zugekehrt, das dichte, schon ergrauende Haar umwogte die viereckige Stirn, seine Augen verschwanden unter den immer halb gesenkten schweren Lidern; seine vollen Lippen, die länglichen Backen, in die seine sechsundvierzig Jahre noch keine Runzel gezogen, waren abstoßend gewöhnlich, doch zuweilen von der Schönheit der Kraft verklärt. Er saß ruhig da, zurückgelehnt und das Kinn auf den Kragen gestützt, ohne anscheinend jemanden zu gewahren, und mit gleichgültiger, etwas matter Miene. »Er sieht aus wie immer«, murmelte Herr Béjuin. Die Abgeordneten beugten sich vor, um zu sehen, was für ein Gesicht er mache, und leise Bemerkungen gingen von Mund zu Mund. Besonders auf den Tribünen machte Rougons Ankunft lebhaften Eindruck. Die Charbonnels, um zu zeigen, daß sie da seien, streckten ihre entzückten Gesichter so weit vor, daß sie Gefahr liefen hinabzufallen. Frau Correur bekam einen leichten Hustenanfall, zog ihr Taschentuch und schüttelte es, unter dem Verwände, es an ihre Lippen zu führen. Oberst Jobelin hatte sich straff aufgerichtet, und die hübsche Frau Bouchard, die eilends auf die vorderste Bank zurückgekehrt war, atmete erregt, indem sie den Knoten ihres Hutbandes in Ordnung brachte, während Herr d'Escorailles stumm und sehr verstimmt hinter ihr stand. Die schöne Clorinde tat sich gar keinen Zwang an. Als sie sah, daß Rougon die Blicke nicht erhob, stieß sie leicht, aber sehr vernehmlich, mit ihrem Feldstecher an den Marmor der Säule, an der sie lehnte; und da er sie noch immer nicht ansah, bemerkte sie zu ihrer Mutter mit so heller Stimme, daß der ganze Saal es hörte: »Er schmollt, der dicke Duckmäuser!« Einige Abgeordnete wandten sich lächelnd um, und Rougon entschloß sich, ihr einen Blick zu schenken. Während er ihr unmerklich zunickte, klatschte sie triumphierend in die Hände und lehnte sich lachend und laut mit ihrer Mutter plaudernd zurück, ohne sich im mindesten um alle die Leute da unten zu kümmern, die sie ansahen. Ehe Rougon die Wimpern wieder senkte, hatte er langsam die Tribünen gemustert, und sein Blick hatte sogleich Frau Bouchard, den Obersten Jobelin, Frau Correur und die Charbonnels getroffen; aber der Ausdruck seines Gesichtes blieb nichtssagend. Er stützte das Kinn wieder auf den Kragen, schloß die Augen halb und unterdrückte ein leichtes Gähnen. »Ich werde doch ein Wort mit ihm reden!« hauchte Herr Kahn Herrn Béjuin ins Ohr. Aber gerade wie er sich erhob, gab der Präsident, der sich eben vergewissert hatte, daß alle Abgeordneten an ihren Plätzen saßen, ein lautes Glockenzeichen, und sofort trat tiefe Stille ein. In der ersten Reihe stand ein Herr vor der gelben Marmorbank mit einem großen Blatt Papier in der Hand, das er beim Sprechen sehr aufmerksam betrachtete. »Ich habe die Ehre«, begann er mit singender Stimme, »einen Bericht über den Gesetzentwurf vorzulegen, der dem Staatsministerium auf Rechnung des Staatshaushaltes für 1856 einen Kredit von 400 000 Franken eröffnet, um die Kosten der Feierlichkeiten bei der Taufe des kaiserlichen Prinzen zu bestreiten. Als er sich langsam zum Gehen anschickte, um den Bericht auf dem Tische des Hauses niederzulegen, riefen alle Abgeordneten einstimmig: »Lesen, lesen!« Der Berichterstatter wartete, bis der Präsident seine Zustimmung gegeben, und begann dann mit bewegter Stimme: »Meine Herren, der uns vorgelegte Gesetzentwurf ist einer von jenen, für welche die gewöhnliche Form der Abstimmung zu langsam erscheint, insofern sie die Begeisterung der gesetzgebenden Körperschaft hemmt.« »Sehr gut!« warfen verschiedene Mitglieder ein. »In den bescheidensten Hütten«, fuhr der Berichterstatter fort, jedem Worte eine besondere Betonung gebend, »ist die Geburt eines Sohnes, eines Erben, mit all den Gedanken der Überlieferung, die sich daran knüpfen, eine Quelle so süßer Freude, daß die Prüfungen der Vergangenheit schwinden und nur die Hoffnung über der Wiege des Neugeborenen schwebt. Aber was soll man von diesem häuslichen Feste sagen, wenn es zugleich von einem ganzen Volke gefeiert wird und ein europäisches Ereignis ist?« Das Entzücken erreichte den höchsten Grad. Dieses Stück Beredsamkeit überwältigte die Kammer. Rougon, der zu schlafen schien, sah vor sich auf den Stufensitzen nichts als freudestrahlende Gesichter. Einige Abgeordnete lauschten so aufmerksam, daß sie die Hand ans Ohr legten, um nicht ein Wort dieser rednerischen Leistung zu verlieren. Der Berichterstatter fuhr nach kurzem Schweigen mit erhobener Stimme fort: »Hier, meine Herren, ist es in der Tat die große französische Familie, die alle ihre Angehörigen einlädt, ihrer Freude Ausdruck zu geben; und welcher Pracht bedürfte es nicht, wenn die Größe ihrer berechtigten Hoffnungen eine entsprechende Äußerung finden soll!« Neue Pause. »Sehr gut! sehr gut!« riefen dieselben Stimmen wie vorhin. »Schön gesagt!« bemerkte Herr Kahn. »Nicht wahr, Béjuin?« Dieser wiegte den Kopf, die Augen auf den Kronleuchter gerichtet, der von dem Glasdache vor dem Präsidentensitze herabhing. Er war ganz in den Genuß versunken. Auf den Tribünen verlor die schöne Clorinde mit dem Glase vor den Augen keinen Zug vom Mienenspiele des Berichterstatters; den Charbonnels waren die Augen feucht geworden; Frau Correur nahm die aufmerksame Haltung einer Frau an, die da weiß, was sich schickt, während der Oberst Beifall nickte und die hübsche Frau Bouchard sich auf die Knie des Herrn d'Escorailles lehnte. Inzwischen horchten der Präsident, die Sekretäre und selbst die Hausbeamten feierlich, unbeweglich. »Die Wiege des kaiserlichen Prinzen«, nahm der Berichterstatter wieder das Wort, »ist von jetzt an die Bürgschaft unserer Zukunft, denn indem sie das Bestehen der Dynastie sichert, die wir alle mit Freuden begrüßt haben, sichert sie das Gedeihen des Landes, seinen Frieden und damit den des übrigen Europa.« Einige: Still! mußten die Begeisterung dämpfen, die sich bei diesem rührenden Bilde der Wiege Luft machen wollte. »Zu einer andern Zeit schien ein Sproß dieses edlen Blutes ebenfalls zu großen Schicksalen bestimmt, aber die Verhältnisse unserer Tage gleichen, den damaligen nicht. Der Friede ist das Ergebnis der weisen und weitblickenden Regierung, deren Früchte wir jetzt genießen, gleichwie das Genie des Krieges jenes Heldengedicht schrieb, welches das erste Kaiserreich ausmacht. Bei seiner Geburt durch den Geschützdonner begrüßt, der vom Norden bis zum Süden die Erfolge unserer Waffen verkündete, hat der König von Rom nicht einmal das Glück gehabt, seinem Vaterlande zu dienen; so wollte es damals die Vorsehung.« »Was redet er da? er verwickelt sich!« murmelte der Zweifler La Rouquette. Wie ungeschickt diese ganze Stelle! Er verdirbt seine ganze Rede!« In der Tat wurden die Abgeordneten unruhig. Wozu diese geschichtliche Erinnerung, die ihren Eifer lähmte? Einige schneuzten sich. Doch der Berichterstatter, der die Kühle bemerkte, die seine letzten Worte hervorgerufen hatten, lächelte nur. Mit erhöhter Stimme, die Worte gegeneinander abwägend, seines Erfolges sicher, führte er die Gegenüberstellung weiter aus: »Aber an einem jener feierlichen Tage zur Welt gekommen, wo die Geburt eines einzelnen als das Heil aller gelten muß, scheint das Kind von Frankreich heute uns wie den kommenden Geschlechtern das Recht zu sichern, am väterlichen Herde zu leben und zu sterben.« Das war eine köstliche Wendung. Alle Abgeordneten begriffen, und ein Murmeln des Beifalls ging durch den Saal. Die Zusicherung eines ewigen Friedens war in der Tat verlockend. Die Herren nahmen alle beruhigt ihre entzückte Haltung von Staatsmännern wieder ein, die sich einen literarischen Genuß gönnen. Sie. hatten ja die Muße dazu: Europa gehörte ihrem Meister. »Der Kaiser, zum Schiedsrichter Europas erhoben,« fuhr der Berichterstatter mit neuem Schwunge fort, »war im Begriffe, jenen großmütigen Frieden zu unterzeichnen, der, die schöpferischen Kräfte der Länder vereinigend, ein Bündnis der Völker ebensowohl wie der Fürsten ist, als es Gott gefiel, seinem Glück zugleich mit seinem Ruhme die Krone aufzusetzen. Darf man nicht mit Recht annehmen, daß er fürder zahlreiche Jahre der Wohlfahrt voraussieht, wenn er die Wiege betrachtet, in der, jetzt noch so klein, der Erbe seiner großen Politik ruht?« Auch dieses Bild war sehr hübsch. Ohne Zweifel durfte man diesen Glauben hegen; einige Abgeordnete bestätigten es durch leichtes Nicken. Aber der Bericht wurde etwas lang; viele Kammermitglieder wurden wieder ernst, mehrere blinzelten sogar nach den Tribünen hin wie verständige Leute, die es langweilig fanden, ihre Politik so im Schlafrock zu zeigen. Andere vergaßen sich soweit, mit trübem Gesichte an ihre Angelegenheiten zu denken und von neuem mit den Fingern auf ihrem Pulte zu trommeln, während sie in ihrem Gedächtnisse ältere Sitzungen und ältere Ergebenheitskundgebungen heraufbeschworen, die einer in der Wiege liegenden Macht dargebracht wurden. Herr La Rouquette drehte sich häufig um, nach der Uhr zu sehen; als der Zeiger dreiviertel auf drei zeigte, nahm sein Gesicht einen ganz verzweifelten Ausdruck an: er versäumte ein Stelldichein. Herr Kahn und Herr Béjuin dagegen saßen regungslos nebeneinander mit gekreuzten Armen und blinzelnd; ihre Augen schweiften von den grünen Samtfeldern zu dem Marmor-Fries, von dem sich der schwarze Überrock des Präsidenten abhob. Auf der Diplomatentribüne betrachtete die schöne Clorinde wieder durch ihr Glas eingehend Rougon, der auf seiner Bank die prächtige Haltung eines schlummernden Stieres bewahrte. Der Berichterstatter beeilte sich jedoch keineswegs, sondern las für sich weiter mit einer abgemessenen und zufriedenen Bewegung der Schultern: »Fassen wir denn ganzes und volles Vertrauen, und möge die gesetzgebende Körperschaft bei dieser großen und feierlichen Gelegenheit sich erinnern, daß sie gleichen Ursprunges ist wie der Kaiser, was ihr fast noch ein verwandtschaftliches Anrecht mehr gibt als den übrigen Körperschaften des Staates, die Freuden des Herrschers zu teilen.« Gleich ihm aus dem freien Volkswillen hervorgegangen, wird also die gesetzgebende Versammlung jetzt zur Stimme des Volkes selbst, um dem erlauchten Kinde die Huldigung unveränderlicher Verehrung, unerschütterlicher Ergebenheit und jener grenzenlosen Liebe darzubringen, die aus dem politischen Glauben eine Religion macht, deren Pflichten man segnet.« Davon Huldigung, Glauben und Pflichten die Rede war, mußte der Bericht bald zu Ende gehen. Die Charbonnels wagten es, sich leise ihre Meinung mitzuteilen, während Frau Gorreur in ihrem Taschentuche einen leichten Husten; zu ersticken suchte. Frau Bouchard begab sich vorsichtig in den Hintergrund der Staatsratstribüne zu Herrn Jules d'Escorailles zurück. In der Tat änderte der Berichterstatter plötzlich den Ton, indem er vom feierlichen zum vertraulichen überging, und sagte schnell: »Wir beantragen, meine Herren, daß Sie den Gesetzentwurf ohne weiteres so annehmen, wie er vom Staatsrate vorgelegt ist.« Damit setzte er sich unter großem Lärm. »Sehr gut! sehr gut!« rief der ganze Saal unter lebhaftem Beifall. Herr de Combelot, dessen lächelnde Aufmerksamkeit keine Minute nachgelassen hatte, rief sogar: Es lebe der' Kaiser! Doch verhallte seine Stimme in dem allgemeinen Aufruhr. Man brachte fast dem Obersten Jobelin eine Ovation dar, der allein an der Brüstung der Tribüne stand und sich soweit vergaß, der Vorschrift zuwider mit. den dürren Händen Beifall zu klatschen. Das ganze Entzücken, welches die einleitenden Worte hervorgerufen hatten, tauchte wieder auf und äußerte sich in einem Überschwang von Glückwünschen. Der Zwang hörte auf. Von einer Bank zur andern tauschte man Liebenswürdigkeiten aus, während ein Strom von Freunden sich auf den Berichterstatter stürzte, um ihm kräftig beide Hände zu schütteln. Endlich gewann in dem Lärm ein Wort die Oberhand: »Die Beratung! Die Beratung!« Der Präsident, der noch an seinem Tische stand, schien nur auf diesen Ruf gewartet zu haben. Er klingelte, und inmitten der sofort eingetretenen Stille sagte er: »Meine Herren, zahlreiche Mitglieder verlangen, daß man sogleich zur Beratung schreite!« »Ja, ja!« bestätigte die ganze Kammer mit einem einzigen Rufe. Aber es gab keine Beratung, es wurde nur abgestimmt. Die beiden Artikel des Gesetzentwurfes, über die man das Haus befragte, wurden durch Aufstehen von den Sitzen angenommen. Kaum hatte der Präsident den, einen Artikel verlesen, so erhoben sich mit einem lebhaften Geräusch der Füße sämtliche Abgeordneten von oben bis unten, wie von Begeisterung emporgeschnellt. Dann trugen die Hausbeamten die Urnen umher und sammelten die Stimmzettel in den Zinkbehältern. Der Kredit von 400 000 Franken war einhellig mit 239 Stimmen genehmigt. »Flott gearbeitet«, bemerkte Herr Béjuin und begann, zu lachen in dem Glauben, ein geistreiches Wort gesagt zu haben. »Es ist drei Uhr, ich drücke mich«, murmelte Herr La Rouquette, an Herrn Kahn vorbeigehend. Der Saal leerte sich. Die Abgeordneten näherten, sich sachte den Türen und schienen in der Wand zu verschwinden; auf der Tagesordnung standen jetzt Gesetze von bloß örtlichem Interesse. Bald saßen nur noch die da, die gerade draußen nichts vorhatten. Sie setzten ihren Schlaf fort oder nahmen ihre Plauderei dort wieder auf, wo sie sie abgebrochen hatten, und so ging die Sitzung unter stiller Teilnahmslosigkeit zu Ende, wie sie begonnen hatte. Selbst das Stimmengewirr verstummte allmählich, als ob die Kammer in einem verschwiegenen, Winkel von Paris vollständig eingeschlafen sei. »Versuchen Sie doch, Béjuin,« bat Herr Kahn, »Delestang beim Hinausgehen zum Sprechen zu bringen. Er ist mit Rougon gekommen und muß etwas wissen.« »Sie haben recht, es ist Delestang«, murmelte Herr Béjuin, den Staatsrat ins Auge fassend, der zur Linken Rougons saß. »Ich kann sie in diesen verdammten Uniformen niemals unterscheiden.« »Ich gehe nicht fort, ich will unsern großen Mann fassen«, bemerkte Herr Kahn. »Wir müssen Gewißheit haben.« Der Präsident brachte eine endlose Reihe von Gesetzentwürfen zur Abstimmung; diese geschah durch Erheben von den Sitzen. Die Abgeordneten erhoben und setzten sich wieder wie Maschinen, ohne ihr Geplauder, ja selbst ohne ihren Schlaf zu unterbrechen. Die Langweile nahm derartig überhand, daß auch die wenigen Neugierigen bald die Tribünen verließen. Nur Rougons Freunde blieben in der Hoffnung, er werde noch das Wort ergreifen. Plötzlich erhob sich ein Abgeordneter, nach seinem regelrecht geschnittenen Backenbart zu urteilen, ein Advokat aus der Provinz. Dieses Ereignis brachte die Abstimmungsmaschine zum Stillstande, und alles blickte lebhaft überrascht auf den Mann. »Meine Herren,« begann der Abgeordnete, »ich bitte um die Erlaubnis, die Gründe auseinanderzusetzen, die mich zu meinem großen Bedauern bestimmt haben, der von der Mehrheit des Ausschusses vertretenen Ansicht mich nicht anzuschließen.« Die Stimme klang so spitz und possierlich, daß die schöne Clorinde einen Lachanfall in ihren Händen erstickte. Unten im Saale jedoch wuchs das Erstaunen. Was sollte das? Warum redete er? Auf Fragen erfuhr man endlich, daß der Präsident soeben einen Gesetzentwurf vorgenommen hatte, der das Departement der Ostpyrenäen zu einer Anleihe von 250 000 Franken ermächtigte, um in Perpignan einen Justizpalast zu bauen. Der Redner, ein Generalrat des Departements, sprach dagegen. Das erschien interessant, man horchte daher. Der Abgeordnete mit dem sorgfältig geschnittenen Backenbart ging mit außerordentlicher Vorsicht zu Werke. Er hatte Wendungen voller Vorbehalte, während deren er vor allen erdenklichen Behörden, den Hut zog. Aber die Lasten des Departements seien drückend, und er stellte die finanzielle Lage, der Ostpyrenäen in erschöpfender Weise dar. Ferner erschien ihm die Notwendigkeit eines neuen Gerichtsgebäudes noch keineswegs erwiesen. So redete er fast eine Viertelstunde und war sehr erregt, als er sich wieder setzte. Rougon, der die Augenlider gehoben hatte, senkte sie langsam wieder. Darauf kam der Berichterstatter ans Wort, ein kleiner, sehr lebhafter Alter. Er sprach mit klarer Stimme und wie ein Mann, der sich auf diesem Gebiete heimisch wußte. Zuerst hatte er ein Wort der Höflichkeit für seinen geehrten Kollegen, mit dem nicht übereinzustimmen er gleichfalls bedauerte. Nur sei das Departement durchaus nicht so übermäßig belastet, wie man glauben machen wolle; er führte ganz andere Zahlen an und bot gleichfalls ein vollständiges Bild der finanziellen, Lage des Departements. Übrigens könne die Notwendigkeit eines neuen Gebäudes nicht geleugnet werden, wofür er Gründe anführte. Das alte Gebäude liege in einem so belebten Viertel, daß der Straßenlärm die Richter hindere, die Anwälte zu verstehen. Außerdem sei es zu klein; wenn die Zeugen bei Schwurgerichtsprozessen zahlreich seien, müßten sie auf dem Treppenflur stehen, wodurch sie allerlei Anfechtungen ausgesetzt seien. Zum Schluß brachte er als unwiderleglichen Beweis die Tatsache vor, daß der Siegelbewahrer selbst die Einreichung des Gesetzentwurfes veranlaßt habe. Rougon saß regungslos, die Hände im Schoß, den Kopf gegen die Banklehne von Mahagoniholz gelehnt. Seit Beginn der Verhandlung über diesen Gegenstand war seine Haltung noch schwerfälliger geworden. Als der erste Redner sich zu einer Entgegnung anschickte, erhob er aber seinen mächtigen Körper, ohne jedoch ganz aufzustehen, und sagte nur diese Worte: »Der Herr Berichterstatter hat vergessen hinzuzufügen, daß die Minister des Innern und der Finanzen den Gesetzentwurf gebilligt haben.« Er ließ sich wieder in die Haltung des schlummernden Stieres zurücksinken; unter den, Abgeordneten war eine leichte Erregung bemerklich geworden. Der Redner setzte sich mit leichter Verbeugung, und das Gesetz wurde angenommen. Die wenigen Mitglieder des Hauses, die der Verhandlung neugierig folgten, nahmen wieder eine gleichgültige Miene an. Rougon hatte, gesprochen. Oberst Jobelin blinzelte von seiner Tribüne den Charbonnels zu, und Frau Correur machte sich zum Gehen bereit, wie man das Theater vor dem Fallen des Vorhangs verläßt, nachdem der Held sein letztes Wort gesprochen hat. Herr d'Escorailles und Frau Bouchard waren schon gegangen. Clorinde, an die Samtbrüstung gelehnt und den Saal mit ihrer herrlichen Gestalt überragend, wickelte sich langsam in einen Spitzenschal und ließ ihren Blick durch den Halbkreis schweifen. Der Regen schlug nicht mehr auf das Glasdach, aber der Himmel war noch dunkel bewölkt. In der trüben Beleuchtung erschien das Mahagoniholz der Pulte schwarz, ein dunkler Schatten breitete sich die Stufensitze entlang aus, so daß nur die Glatzen der Abgeordneten weiß hervorschimmerten und von dem Marmor der Präsidententribüne, unterhalb der bildlichen Gestalten hoben sich der Präsident, die Sekretäre und die in Reih und Glied aufgestellten Hausbeamten wie chinesische Schattenbilder ab. Mit dem plötzlich sinkenden Tageslichte lag auch die Sitzung in den letzten Zügen. »Gerechter Gott! man erstickt ja da drinnen«, sagte Clorinde, ihre Mutter aus der Tribüne hinausdrängend, und erschreckte die auf dem Flur eingeschlafenen Hausbeamten durch die Art, wie sie. den Schal um ihre Lenden geschlungen hatte. Unten im Flur trafen die Damen mit Oberst Jobelin und Frau Correur zusammen. »Wir warten auf ihn,« sagte der Oberst, »vielleicht kommt er hier heraus... Jedenfalls habe ich Kahn und Béjuin einen Wink gegeben, daß sie mir mitteilen, was sie in Erfahrung gebracht haben.« Frau Correur trat zu der Gräfin Balbi und sagte in untröstlichem Tone, ohne sich näher zu erklären: »Ach, es wäre ein großes Unglück!« Der Oberst hob die Augen gen Himmel und bemerkte nach einer Weile: »Männer wie Rougon sind dem Lande unentbehrlich. Der Kaiser würde einen Fehler begehen.« Wieder trat Schweigen ein. Clorinde wollte den Kopf zur Tür des Vorsaales hineinstecken, aber ein Hausbeamter schloß sie ihr vor der Nase zu. Sie kehrte also zu ihrer Mutter zurück, die mit ihrem schwarzen Schleier schweigend dastand, und murmelte: »Das Warten ist gräßlich!« Soldaten kamen, und der Oberst meldete, daß die Sitzung geschlossen sei. Wirklich erschienen die Charbonnels oben auf der Treppe und stiegen vorsichtig, eins nachdem andern, sich an das Geländer haltend, hinab. Als Herr Charbonnel den Obersten erblickte, rief er ihm zu: »Er hat nicht viel gesprochen, aber er hat ihnen schön den Mund gestopft!« »Er hatte heute keine Gelegenheit,« sagte der Oberst dem andern ins Ohr; »sonst sollten sie ihn hören! Er muß. erst warm werden!« Inzwischen hatten die Soldaten von dem Sitzungssaale bis zur Galerie der Präsidentschaft eine doppelte Kette gebildet. Unter Trommelwirbel erschien der Zug. Voran zwei Hausbeamte, schwarz gekleidet, den Klapphut unter dem Arm, die Kette um den Hals, den Degen mit Stahlknauf an der Seite. Dann der Präsident, von zwei Offizieren geleitet, die Sekretäre und der Generalsekretär des Präsidiums. Als der Präsident an der schönen Clorinde vorbeikam, lächelte er ihr trotz des feierlichen Aufzuges weltmännisch zu, und Herr Kahn, der eben eilig herankam, sagte: »Ah, da sind Sie!« Obgleich der Vorsaal damals dem Publikum unzugänglich war, ließ er doch alle hinein und führte sie in die Nische einer der hohen Fenster, die auf den Garten gehen. Er schien wütend und sagte: »Ich habe ihn wieder verfehlt! Er hat sich durch die Burgunder Straße davongeschlichen, während ich ihn im Saale des Generals Foy erwartete. Tut nichts, wir werden. doch Nachrichten bekommen. Ich habe Béjuin dem Delestang auf den Hals geschickt.« Man wartete wieder gute zehn Minuten. Die Abgeordneten traten mit gleichgültigen Gesichtern zwischen den grünen Vorhängen hervor, welche die Türen verhüllten. Einige blieben stehen und zündeten sich Zigarren an; andere plauderten und lachten in kleinen Gruppen, Händedrücke tauschend. Frau Courreur hatte sich inzwischen zu der Laokoongruppe begeben und betrachtete sie; die Charbonnels reckten sich den Hals aus, um eine Möwe zu betrachten, welche die spießbürgerliche Einbildungskraft des Malers auf den Rand einer Freske gesetzt hatte, als sei sie vom Gemälde dahin geflogen; und die schöne Clorinde stand vor der großen Minerva aus Bronze, die Arme und die Brust der Riesengöttin aufmerksam in Augenschein nehmend. In der Fensternische sprachen Oberst Jobelin und Herr Kahn eifrig leise miteinander. »Ah, da ist Béjuin«, rief letzterer. Alle näherten sich mit gespanntem Gesichtsausdruck Herrn Béjuin, der tief atmete, und fragten: »Nun, was gibt's?« »Nun, die Entlassung ist angenommen, Rougon tritt zurück.« Das wirkte wie ein Keulenschlag. Eine bedrückende Stille trat ein. Da erblickte Clorinde, die nervös an, ihrem Schal knüpfte, um ihre zitternden Finger zu beschäftigen, die hübsche Frau Bouchard, die im Hintergrunde des Gartens langsam am Arme des Herrn d'Escorailles dahinschritt, den Kopf leicht an seine Schulter gelehnt. Sie waren von den übrigen durch eine geöffnete Seitentür herabgestiegen und führten ihre Zärtlichkeit unter dem sprießenden Grün dieser ernstem Nachdenken geweihten Baumgänge spazieren. Clorinde winkte sie heran. »Der große Mann zieht sich zurück«, sagte sie zu der lächelnden jungen Frau. Frau Bouchard ließ plötzlich den Arm ihres Ritters los. Sie sah ganz bleich und betroffen aus, während Herr Kahn inmitten der bestürzten Gruppe der Freunde Rougons verzweifelt die Arme zum Himmel streckte, ohne ein Wort zu finden. Zweites Kapitel Am Morgen war im »Moniteur« die Entlassung Rougons veröffentlicht, der sich »aus Gesundheitsrücksichten« zurückzog. Er war nach dem Frühstück in den Staatsrat gekommen, um bis zum Abend seinem Nachfolger den Platz zu räumen. In dem großen mit Rot und Gold verzierten Präsidentenzimmer saß er vor dem riesigen Palisanderschreibtisch, leerte die Schubläden, ordnete die Papiere und band sie mit roten Fäden in Päckchen. Dann klingelte er. Ein Türsteher trat herein, ein stattlicher Mann, der ehemals in. der Kavallerie gedient hatte. »Bringen Sie mir eine brennende Kerze«, bat Rougon. Der Mann stellte einen der kleinen Leuchter vom Kamin auf den Tisch; als er sich zum Gehen wandte, rief Rougon ihn zurück: »Merle! Lassen Sie niemanden herein! Niemanden, hören Sie?« »Gewiß, Herr Präsident!« versetzte jener und schloß die Tür geräuschlos hinter sich. Rougon wandte sich lächelnd zu Delestang, der am andern Ende des Zimmers vor einem Aktenkasten stand und die Kartons aufmerksam durchsuchte. »Der wackere Merle hat heute den »Moniteur« noch nicht gelesen!« murmelte er. Delestang nickte, ohne eine Antwort zu finden. Er hatte einen prächtigen Kopf, sehr kahl, aber eine jener vorzeitigen Glatzen, welche den Frauen gefallen. Sein nackter Schädel, der seine Stirn über die Maßen vergrößerte, gab ihm das Aussehen eines Mannes von großer Klugheit. Sein rosiges, etwas viereckiges und völlig bartloses Antlitz erinnerte an die regelmäßigen und nachdenklichen Gesichter, die Maler von Einbildungskraft den großen Staatsmännern zu leihen pflegen. »Merle ist Ihnen sehr ergeben«, sagte er endlich. Damit versenkte er den Kopf wieder in den Kasten, den er eben durchsuchte. Rougon knitterte eine Handvoll Papiere zusammen, entzündete sie an der Kerze und warf sie in eine große Bronzeschale, die auf dem Pulte stand. Er sah zu, wie sie völlig ausbrannten und sagte: »Delestang, die unteren Kartons lassen Sie liegen! Es sind Akten darin, in denen nur ich mich zurechtfinde.« Darauf setzten beide ihre Arbeit schweigend eine gute Viertelstunde hindurch fort. Das Wetter war schön, die Sonne schien hell durch die drei großen Fenster herein, die auf das Flußufer gingen. Eines stand halb offen und ließ den frischen Luftzug von der Seine hereinstreichen, der zuweilen die seidenen Fransen der Vorhänge hob. Zerknüllte Papiere, die auf dem Teppich lagen, rollten leise knisternd weiter. »Sehen Sie das hier!« sagte Delestang, Rougon einen Brief reichend, den er eben gefunden. Rougon las ihn und verbrannte ihn ruhig an der Kerze. Es war ein heikler Brief. Sie plauderten in abgerissenen Sätzen, unterbrachen sich jeden Augenblick und versenkten die Nase wieder in die Papierberge. Rougon dankte Delestang dafür, daß er gekommen, um ihm zu helfen. Dieser »gute Freund« war der einzige, mit dem er ruhig die schmutzige Wäsche seiner fünfjährigen Präsidentschaft waschen konnte. Er hatte ihn in der gesetzgebenden Versammlung kennengelernt, wo beide auf derselben Bank nebeneinandergesessen. Dort hatte er eine aufrichtige Neigung zu diesem schönen Manne gefaßt, den er hinreißend dumm, hohl und aufgeblasen fand. Er pflegte im Tone der Überzeugung zu sagen: »Dieser verteufelte Delestang wird es weit bringen!« Er beförderte ihn, erwarb sich seine Dankbarkeit und gebrauchte ihn wie einen Kasten, worin er alles verschloß, was er nicht bei sich behalten konnte. »Man ist doch dumm, so viele Papiere aufzubewahren!« murmelte Rougon, eine neue übervolle Schublade öffnend. »Hier ein Brief von einer Frau!« bemerkte Delestang augenzwinkernd. Rougon lachte so herzlich, daß seine ganze breite Brust erzitterte. Er nahm den Brief kopfschüttelnd; als er die ersten Zeilen durchflogen hatte, rief er: »Der kleine d'Escorailles hat es hier vergessen. Hübsche Waschzettel! Man kommt weit mit drei Zeilen von Frauenhand!« Während er den Brief verbrannte, fügte er hinzu: »Hüten Sie sich vor den Weibern, Delestang, verstehen Sie?« Delestang ließ den Kopf hängen. Er war immer in eine fragwürdige Liebschaft verwickelt. Im Jahre 1851 hatte er sogar seine Zukunft als Politiker auf das Spiel gesetzt, indem er die Frau eines sozialistischen Abgeordneten liebte und öfter dem Manne zu Gefallen mit den Gegnern der Regierung gestimmt hatte. Der zweite Dezember traf ihn wie ein wahrer Keulenschlag. Er schloß sich zwei Tage lang ein, verloren, vernichtet in dem Gedanken, man werde jeden Augenblick kommen und ihn verhaften. Rougon hatte ihn aus der Patsche ziehen müssen, indem er ihn bestimmte, bei den Wahlen nicht aufzutreten, und ihn in das Elysee brachte, wo er für ihn eine Staatsratsstelle erangelte. Delestang, der Sohn eines Weinhändlers aus Berry, ehemaliger Advokat, der bei Saint-Menehould eine Musterwirtschaft besaß, hatte mehrere Millionen und bewohnte in der Kolosseumstraße ein sehr vornehmes Haus. »Ja, hüten Sie sich vor den Weibern!« wiederholte Rougon und hielt bei jedem Worte inne, um in die Aktenbündel zu blicken. »Wenn die Weiber Ihnen nicht eine Krone auf das Haupt setzen, legen sie Ihnen einen Strick um den Hals ... In unseren Jahren muß man sein Herz so gut wie seinen Magen hüten.« In diesem Augenblick entstand ein großer Lärm im Vorzimmer; man hörte Merles Stimme, der den Eintritt verweigerte. Vergeblich; ein kleiner Mann drängte sich herein mit den Worten: »Zum Teufel, ich muß meinem lieben Freunde guten Tag sagen!« »Siehe da! Du Poizat!« rief Rougon, ohne sich zu erheben. Als Merle anfing, sich eifrig zu entschuldigen, hieß er ihn, die Tür schließen. Dann sagte er ruhig: »Ich glaubte Sie in Bressuire... Man läßt also seine Unterpräfektur im Stich wie eine alte Liebschaft, wie?« Du Poizat, schmächtig, mit unansehnlichem Gesicht und sehr weißen, schlecht stehenden Zähnen, zuckte leicht die Achseln und erwiderte: »Ich bin erst seit heute früh in Geschäften hier und wollte Ihnen erst am Abend in der Marbeufstraße guten Tag sagen. Ich hätte mich zu Tische eingeladen... Aber nachdem ich den Moniteur gelesen. Er zog einen Stuhl vor den Tisch und pflanzte sich gerade vor Rougon hin. »Was geht denn vor? Ich komme vom Lande, von Deux-Sèvres, hatte wohl geahnt, daß etwas sich vorbereite, war aber weit entfernt zu vermuten... Warum haben Sie mir nicht geschrieben?« Rougon zuckte die Achseln. Offenbar hatte Du Poizat draußen erfahren, daß er in Ungnade gefallen, und war gekommen, um. zu sehen, ob es kein Mittel gebe, etwas aus dem Schiffbruch zu retten. Er durchschaute ihn bis ins Mark, indem er sagte: »Ich würde Ihnen heute abend geschrieben haben ... Reichen Sie Ihre Entlassung ein, mein Lieber!« »Das eben wollte ich wissen; ich werde es tun«, versetzte Du Poizat einfach. Damit erhob er sich pfeifend. Indem er mit kleinen Schritten auf und ab trippelte, gewahrte er Delestang, der inmitten eines Haufens Kartons auf dem Teppich kniete. Er ging leise zu ihm und reichte ihm die Hand. Dann zog er eine Zigarre hervor und zündete sie an der Kerze an. »Man darf doch rauchen; hier wird ja gepackt«, sagte er und ließ sich wieder in den Sessel nieder. »Ein ergötzliches Ding, das Ausziehen!« Rougon hatte sich in ein Bündel Papiere versenkt, die er sehr aufmerksam las. Er sichtete sie sorgfältig, verbrannte die einen und behielt die anderen. Du Poizat beobachtete ihn, den Kopf zurückgelehnt und zuweilen leichte Rauchringel aus den Mundwinkeln ausstoßend. Sie hatten sich einige Monate vor der Februarrevolution kennengelernt, als sie beide bei Frau Courreur im Hotel Kibitz, Kibitzstraße, wohnten. Du Poizat hauste dort als engerer Landsmann, denn er war wie Frau Correur in Coulonges, einem Städtchen des Bezirks Niort, geboren. Sein Vater war Gerichtsvollzieher und hatte ihn die Rechte studieren lassen, wozu er ihm in Paris monatlich hundert Franken aussetzte, obgleich er hübsche Summen erwuchert hatte. Das Vermögen des Biedermannes blieb so unerklärlich, daß man ihm sogar nachsagte, er habe in einem alten Schrein, den er gepfändet hatte, einen Schatz gefunden. Seit Anfang der bonapartistischen Propaganda benutzte Rougon diesen schmächtigen Gesellen, der wütend und mit beunruhigendem Lächeln seine hundert Franken monatlich verzehrte; er hatte mit ihm in den heikelsten Angelegenheiten unter einer Decke gespielt. Als später Rougon in die gesetzgebende Versammlung eintreten wollte, war es Du Poizat, der seine Wahl mit schweren Kämpfen zu Deux-Sèvres durchsetzte. Nach dem Staatsstreiche erwirkte Rougon ihm dafür die Ernennung zum Unterpräfekten in Bressuire. Der junge Mann, kaum dreißig Jahre alt, hatte in seiner Heimat triumphieren wollen wenige Meilen von seinem Vater, dessen Geiz ihn quälte, seit er die Schule verlassen. »Und wie geht es dem Vater Du Poizat?« fragte Rougon ohne aufzublicken. »Nur zu gut«, versetzte der Sohn verdrossen. »Er hat seine letzte Haushälterin fortgejagt, weil sie drei Pfund Brot aß. Jetzt hat er hinter seiner Türe zwei geladene Gewehre, und wenn ich ihn besuchen will, muß ich mit ihm über die Hofmauer hinweg verhandeln.« Während er sprach, hatte sich Du Poizat vorgebeugt und wühlte mit den Fingern in der Bronzeschale zwischen den halbverbrannten Papierfetzen. Rougon bemerkte es und erhob lebhaft den Kopf. Er hatte immer eine geheime Angst vor seinem alten Genossen gehabt, dessen weiße, unregelmäßige Zähne an die eines jungen Wolfes erinnerten. Solange sie zusammen arbeiteten, war sein Hauptaugenmerk darauf gerichtet, jenem nicht das geringste in Händen zu lassen, was ihn selbst bloßstellen könne. Als er bemerkte, daß jener die unverbrannt gebliebenen Worte zu lesen versuchte, warf er eine neue Handvoll brennender Briefe in die Schale. Du Poizat begriff vollkommen, aber er lächelte nur und scherzte: »Das ist das große Aufräumen!« Eine Papierschere ergreifend, benutzte er sie wie eine kleine Zange. Er zündete die erlöschenden Briefe an der Kerze von neuem an, ließ zu stark zusammengedrückte Papierballen in freier Luft verbrennen und schüttelte die lodernden Trümmer wie den flammenden Rum einer Punschbowle. In der Schale jagten Funken umher, während ein bläulicher Rauch aufstieg und langsam dem offenen Fenster zuwallte. Die Kerze flackerte ein wenig, dann brannte sie wieder mit gerader, sehr hoher Flamme. »Ihre Kerze brennt wie ein Totenlicht«, fuhr Du Poizat scherzend fort. »Was für ein Begräbnis, mein armer Freund! Wie viele Tote hat man in die Asche zu betten!« Rougon wollte antworten, als sich im Vorzimmer neuer Lärm erhob. Merle verwehrte wieder den Eintritt; als der Wortwechsel lauter wurde, bat Rougon: »Delestang, haben Sie doch die Güte nachzusehen, was da vorgeht! Wenn ich mich zeige, wird man auf uns Sturm laufen.« Delestang schritt vorsichtig durch die Tür, die er hinter sich schloß. Aber fast augenblicklich sah er wieder herein und meldete: »Kahn ist da!« »Lassen Sie ihn herein«, sagte Rougon. »Aber nur ihn, hören Sie?« Dann rief er Merle, um ihm seinen Auf trag zu wiederholen. »Ich bitte um Verzeihung, lieber Freund«, wandte er sich an Kahn, als Merle gegangen war. »Aber ich bin so beschäftigt... Bitte, setzen Sie sich neben Herrn Du Poizat und rühren Sie sich nicht, sonst muß ich Sie beide hinauswerfen!« Der Abgeordnete schien über diesen wenig höflichen Empfang nicht im mindesten betroffen; er war an Rougons Eigenheiten gewöhnt. Er nahm also einen Sessel, setzte sich neben Du Poizat, der sich die zweite Zigarre anzündete. Nachdem er einigemal Atem geholt, bemerkte er: »Es wird schon warm ... Ich komme aus der Marbeufstraße; ich glaubte, Sie noch zu Hause zu treffen.« Rougon antwortete nicht, sondern knüllte schweigend die Papiere zusammen und warf sie in einen Korb, den er dicht zu sich herangezogen hatte. »Ich habe mit Ihnen zu reden«, fuhr Herr Kahn fort. »Reden Sie, reden Sie!« versetzte Rougon. »Ich höre.« Aber der Abgeordnete schien erst jetzt die Unordnung zu bemerken, die im Zimmer herrschte, und fragte mit gutgespielter Überraschung: »Was haben Sie denn vor? Wollen Sie ein anderes Zimmer beziehen?« Die Stimme klang so aufrichtig, daß Delestang sich die Mühe gab, Herrn Kahn den Moniteur vor die Augen zu halten. »Mein Gott!« rief Kahn, nachdem er einen Blick darauf geworfen, ich glaubte die Sache seit gestern abend geregelt! Das ist ja ein wahrer Donnerschlag... Mein lieber Freund ...« Er war aufgestanden und reichte Rougon die Hände. Dieser blickte ihn schweigend an, in seinem groben Gesichte zogen sich zwei tiefe, spöttische Falten von den Mundwinkeln herab. Da er sah, daß Du Poizat ein gleichgültiges Gesicht aufsteckte, tauchte in ihm der Verdacht auf, die beiden hätten sich schon am Morgen getroffen, um so mehr, als Herr Kahn versäumt hatte, beim Anblick des Unterpräfekten seine Überraschung zu zeigen. Der eine mußte in den Staatsrat gekommen sein, während der andere in die Marbeufstraße lief. Auf diese Art mußten sie ihn sicher treffen. Doch sagte er nur ruhig: »Also Sie haben mir etwas mitzuteilen?« »Reden wir nicht davon, lieber Freund!« rief der Abgeordnete. »Sie haben genug Sorgen. Ich werde Sie an einem solchen Tage doch gewiß nicht mit meinen Angelegenheiten belästigen!« »Bitte, tun Sie sich keinen Zwang an, reden Sie immerhin!« »Nun denn, wegen meiner Angelegenheit, Sie wissen, dieser verdammten Konzession... Gut, daß Du Poizat da ist, er kann uns sichere Auskunft geben.« Darauf begann er ausführlich über den Stand seiner Angelegenheit zu berichten. Es handelte sich um eine Bahn von Niort nach Angers, deren Bau er seit drei Jahren betrieb. Die Wahrheit war, daß sie Bressuire berühren sollte, wodurch der Wert der Hochöfen, die er dort besaß, sich verzehnfachen mußte; bis dahin hatte sich das Unternehmen wegen der beschwerlichen Frachten nur mühsam aufrechterhalten können. Ferner hoffte er bei der Begebung der Aktien auf einen ergiebigen Fischzug im Trüben. Herr Kahn entfaltete demnach eine erstaunliche Tätigkeit, um die Genehmigung zum Bau zu erhalten; durch Rougon nachdrücklich unterstützt, war er nahe daran, sie zu bekommen, da bot Herr de Marsy, Minister des Innern, ärgerlich, daß er nicht bei dem glänzenden Geschäfte, das er witterte, beteiligt war, und um obendrein Rougon zu ärgern, seinen ganzen Einfluß auf, diese Genehmigung zu hintertreiben. Er hatte sogar mit der Kühnheit, die ihn so gefürchtet machte, die Genehmigung durch den Minister der öffentlichen Arbeiten dem Direktor der Westbahngesellschaft antragen lassen, und verbreitete das Gerücht, daß diese Gesellschaft allein eine Flügelbahn bauen könne, deren Arbeiten zuverlässige Bürgschaften forderten. Herr Kahn lief Gefahr, zugrunde gerichtet zu werden. Rougons Sturz vollendete seinen Ruin. »Gestern habe ich erfahren,« sagte er, »daß ein Ingenieur der Gesellschaft beauftragt ist, eine neue Linie zu entwerfen. Haben Sie von der Sache gehört, Du Poizat?« »Gewiß!« versetzte der Unterpräfekt. »Die betreffenden Arbeiten sind schon in Angriff genommen. Man will den Bogen vermeiden, den Sie machen, um Bressuire zu berühren. Die Linie soll schnurgerade über Parthenay und Thouars gehen.« Der Abgeordnete sah entmutigt aus und brummte: »Das ist der reine Hohn! Was würde es ihnen schaden, wenn die Bahn an meinem Werke vorbeigeht? Aber ich werde es nicht dulden, ich werde eine Denkschrift gegen ihren Plan verfassen... Ich gehe mit Ihnen nach Bressuire zurück.« »Darauf warten Sie lieber nicht!« riet ihm Du Poizat lächelnd. »Ich werde wahrscheinlich mein Entlassungsgesuch einreichen.« Herr Kahn sank in seinen Sessel, als habe er den letzten Schlag erhalten. Den Bart mit beiden Händen zausend, sah er Rougon flehend an. Dieser hatte seine Mappen liegen lassen und hörte mit den Ellbogen auf dem Schreibtisch zu. Endlich sagte er mit rauher Stimme: »Ihr wollt einen Rat, nicht wahr? Nun denn, stellt euch tot, liebe Freunde, sucht die Sachen in ihrem jetzigen Stande zu erhalten und wartet, bis wir wieder die Herren sind... Du Poizat wird seine Entlassung nehmen, sonst wird man sie ihm geben, ehe vierzehn Tage vergehen. Sie, Kahn, schreiben dem Kaiser und suchen durch alle Mittel die Erteilung der Bauerlaubnis an die Westbahngesellschaft zu verhindern; Sie werden sie jetzt gewiß nicht erhalten, aber solange sie kein anderer hat, kann sie Ihnen später zufallen.« Als die beiden nickten, fuhr er noch offenherziger fort: »Mehr kann ich augenblicklich nicht für euch tun. Ich liege am Boden, laßt mir Zeit, mich zu erheben... Sehe ich traurig aus? Durchaus nicht. Also tut mir den Gefallen und macht nicht ein Gesicht, als ob ihr meinem Sarge folgtet... Ich für mein Teil bin sehr froh, in das Privatleben zurückzukehren. Endlich kann ich mich erholen!« Er atmete tief auf und wiegte mit gekreuzten Armen seine mächtige Gestalt hin und her. Herr Kahn sprach nicht mehr von seiner Angelegenheit, sondern nahm die sorglose Miene Du Poizats an, um eine vollkommene Seelenruhe zu zeigen. Delestang hatte einen neuen Aktenschrank in Angriff genommen und machte dabei nicht mehr Geräusch, als einige Mäuse, die zwischen den Papierbündeln ihr Spiel treiben. Die Sonne, die auf dem roten Teppich langsam vorrückte, warf auf den Schreibtisch einen Streif gelben Lichtes, in dem die Kerze noch immer trübe brannte. Inzwischen hatte sich ein vertrauliches Gespräch entsponnen. Rougon band wieder Pakete zusammen und versicherte, die Politik passe nicht für ihn. Er lächelte dabei gutmütig, während seine Lider wie müde den Glanz seiner Augen verdeckten. Er hätte gern weite Ländereien, um sie nach seiner Weise zu bebauen, mit Viehherden, Pferden, Rindern, Schafen und Hunden, deren unumschränkter Herr er sei. Er erzählte, daß es früher in Plassans, als er noch ein unbedeutender Advokat war, sein Hauptvergnügen gewesen, in der Bluse hinauszuziehen und in den Schluchten des Seillegebirges Adler zu jagen. Er nannte sich einen Bauer, sein Großvater habe noch Spaten und Spitzhacke gehandhabt. Dann tat er, als sei er der großen Welt überdrüssig. Die Macht langweile ihn; er wolle den Sommer auf dem Lande verleben. Niemals habe er sich leichter gefühlt als diesen Morgen; und er reckte sich gewaltig auf, als habe er eine Last abgeworfen. »Was hatten Sie hier als Präsident? Achtzigtausend Franken?« fragte Herr Kahn; als jener nickte, fuhr er fort: »Und jetzt bleiben Ihnen nur die dreißigtausend Franken als Senator?« Was fragte Rougon danach? Er könne von einer Kleinigkeit leben, er habe kein Laster; das war keine Lüge. Er war weder Spieler, noch Schürzenjäger, noch Schlemmer. Er schwärmte dafür, sein eigener Herr zu sein, weiter nichts. Und er kam darauf zurück, ein Gut zu pachten, wo alles Vieh ihm gehorchen müsse. Es war sein höchstes Ziel, eine Peitsche zu schwingen und zu gebieten; überlegen, klüger und stärker zu sein. Allmählich wurde er lebhafter, sprach von den Tieren, als seien sie Menschen, die Menge verlange die Rute, die Hirten trieben ihre Herden nur mit Steinwürfen vorwärts. Er schien ein anderer zu werden; seine dicken Lippen schwollen förmlich von Verachtung an, sein ganzes Gesicht strotzte von Kraft. In der Faust schwang er ein Aktenbündel, als wolle er es den beiden an den Kopf werfen, so daß sie etwas beunruhigt dieser Erregung gegenüberstanden. »Der Kaiser hat sehr unklug gehandelt«, murmelte Du Poizat. Plötzlich beruhigte sich Rougon. Sein Gesicht wurde wieder grau, sein Körper sank in die schlaffe Haltung eines Fettwanstes zurück. Er begann den Kaiser mit Lobsprüchen zu überhäufen: er habe einen überlegenen Scharfsinn, eine unglaubliche Gedankentiefe. Du Poizat und Herr Kahn wechselten einen Blick. Aber Rougon überbot sich in Beteuerungen seiner Ergebenheit; er sei stets stolz darauf gewesen, nur ein Werkzeug in den Händen Napoleons III. zu sein. Er erschöpfte endlich die Geduld Du Poizats, der ein Mann von großer Lebhaftigkeit und Empfindlichkeit war, und es entspann sich ein Wortstreit. Du Poizat redete in herben Ausdrücken von allem, was er und Rougon von 1848–1851 für das Kaisertum getan hatten, als sie bei Frau Melanie Correur Hungerpfoten sogen. Er erzählte von den schrecklichen Tagen besonders während des ersten Jahres, wo sie durch den Pariser Schmutz stampfen mußten, um Anhänger zu werben. Später hätten sie ihre Haut zwanzigmal zu Markte getragen. Hatte sich nicht Rougon am Morgen des zweiten Dezember an der Spitze eines Linienregiments des Palais Bourbon bemächtigt? War das nicht ein Spiel um Kopf und Kragen? Heute opfert man ihn höfischen Ränken. Aber Rougon widersprach; er sei nicht geopfert, er ziehe sich aus persönlichen Gründen zurück. Als dann Du Poizat sich dazu fortreißen ließ, die Leute in den Tuilerien als »Schweine« zu bezeichnen, hieß er ihn schweigen, schlug dabei mit der Faust auf den Schreibtisch, daß es krachte und sagte nur: »Das alles sind Dummheiten!« »Sie gehen etwas zu weit!« murmelte Herr Kahn. Delestang hatte sich sehr bleich erhoben, öffnete ganz leise die Tür und spähte hinaus, ob niemand horchte. Aber er sah im Vorzimmer nur die hohe Gestalt Merles, der sehr verschwiegen den Rücken wandte. Rougons Worte hatten Du Poizat erröten lassen; er schwieg und kaute verdrießlich an seiner Zigarre. Rougon fuhr nach einer Weile fort: »Ohne Zweifel befindet sich der Kaiser in schlechter Umgebung. Ich habe mir erlaubt, ihm das zu sagen, und er lächelte. Er hat selbst darüber zu scherzen geruht, indem er äußerte, meine Umgebung sei nicht besser als die seine.« Du Poizat und Herr Kahn lachten gezwungen; sie fanden das Wort sehr hübsch. »Aber ich wiederhole,« fuhr Rougon mit eigentümlichem Ausdruck fort, »ich ziehe mich ganz freiwillig zurück. Wenn man Sie, meine Freunde, fragt, so versichern Sie, daß ich noch gestern abend mein Entlassungsgesuch hätte zurücknehmen können... Weisen Sie auch das Geklatsch wegen dieser Geschichte mit dem Rodriguez zurück, aus der man einen ganzen Roman gesponnen zu haben scheint. Ich bin hierüber anderer Meinung gewesen als die Mehrheit des Staatsrates, und es haben allerdings Reibungen stattgefunden, die meinen Rücktritt beschleunigt haben. Aber ich habe dazu ernstere Gründe, die aus früherer Zeit stammen. Ich war seit langer Zeit entschlossen, die hohe Stellung zu verlassen, auf die das Wohlwollen des Kaisers mich gestellt hat.« Er sprach alles mit einer Bewegung der rechten Hand, wie er sie bei seinen Kammerreden sehr häufig gebrauchte. Diese Mitteilungen waren sichtlich für die Öffentlichkeit bestimmt. Herr Kahn und Du Poizat, die ihren Rougon kannten, suchten durch geschickte Fragen hinter die Wahrheit zu kommen. Der große Mann, wie sie ihn unter sich nannten, mußte ein hohes Spiel spielen. Sie lenkten deshalb das Gespräch auf die Politik im allgemeinen. Rougon witzelte über die parlamentarische Regierung, die er den »Misthaufen der Mittelmäßigkeiten« nannte. Die Kammer erfreute sich nach seiner Ansicht einer widersinnigen Freiheit. Man spreche dort viel zu viel. Frankreich müsse durch eine gut gebaute Maschine regiert werden, der Kaiser oben als Triebkraft, die Körperschaften und die Beamten unten als Räderwerk. Und während er so sein System in übertriebener Weise darstellte, lachte er über die Dummköpfe, die eine starke Regierung verlangen, daß ihm der Bauch wackelte. »Aber«, fiel Herr Kahn ein, »der Kaiser oben und alle anderen unten, das ist nur für den Kaiser angenehm!« »Wenn man sich langweilt, geht man,« versetzte Rougon ruhig und fügte dann lächelnd hinzu: »Man wartet bis es einem wieder Vergnügen macht und kehrt dann zurück!« Es folgte ein längeres Schweigen. Herr Kahn strich sich befriedigt den Bart; er wußte, was er wissen wollte. Er hatte tags zuvor in der Kammer das Richtige getroffen, als er vermutete, daß Rougon, als er seinen Einfluß in den Tuilerien abnehmen sah, ging, ehe er gegangen wurde, und sich anschicke, die Haut zu wechseln. Die Geschichte des Rodriguez bot ihm eine herrliche Gelegenheit, sich als ehrlichen Mann aufzuspielen. »Und was sagen die Leute?« fragte Rougon, um das Schweigen zu brechen. »Was mich betrifft,« versetzte Du Poizat, »so bin ich eben erst hier angekommen. Indessen habe ich in einem Kaffeehause einen mit einem Orden geschmückten Herrn Ihren Rücktritt lebhaft billigen hören.« Herr Kahn seinerseits erklärte: »Béjuin war gestern sehr betrübt; er liebt Sie sehr. Er ist etwas beschränkt, aber sehr verläßlich. Selbst der kleine La Rouquette schien mir sehr anständig; er äußerte sich höchst günstig über Sie.« So redete man weiter über diesen und jenen. Rougon fragte ohne die geringste Befangenheit, ließ sich von dem Abgeordneten genau Bericht erstatten und erfuhr von ihm haarklein, welche Haltung die Kammer ihm gegenüber beobachtete. Du Poizat, der schwer darunter litt, daß er gar keine Neuigkeit auszukramen hatte, unterbrach den Sprecher mit den Worten: »Heute nachmittag streife ich in der Stadt umher, um Ihnen morgen früh eine Menge Nachrichten mitzuteilen.« »Beiläufig,« rief Herr Kahn lachend, »ich habe vergessen, Ihnen von Combelot zu erzählen! ... In meinem Leben habe ich keinen so arg verlegenen Menschen gesehen.« Er verstummte; Rougon hatte ihn augenzwinkernd auf Delestang aufmerksam gemacht, der, auf einem Stuhle stehend und ihnen den Rücken zuwendend, die im oberen Teile eines Schrankes angehäuften Zeitungen abräumte. Herr von Combelot hatte eine Schwester Delestangs geheiratet, und dieser empfand seit Rougons Entlassung seine Verwandtschaft mit einem Kammerherrn unangenehm. Er wollte den Schwerenöter spielen und wandte sich lächelnd mit der Frage um: »Warum fahren Sie nicht fort? ... Combelot ist ein Narr. Heraus ist's!« Diese gemütliche Hinrichtung eines Schwagers erheiterte die Herren ungemein. Delestang gewahrte seinen Erfolg und ging so weit, sich über den Bart Combelots lustig zu machen, über diesen herrlichen schwarzen Bart, der in der Frauenwelt so berühmt war. Dann warf er ein Paket Zeitungen auf den Teppich und sagte, unvermittelt ernst werdend: »Was die einen betrübt, erfreut die anderen.« Diese Wahrheit brachte die Unterhaltung wieder auf Herrn de Marsy. Rougon, über eine Mappe gebeugt und jede Tasche eingehend musternd, ließ es ruhig geschehen, daß seine Freunde sich das Herz erleichterten. Sie sprachen über Marsy mit der Heftigkeit von Politikern, die sich auf einen Gegner stürzen. Es regnete Schimpfworte, abscheuliche Anklagen, Wahrheiten, die zu Lügen aufgebauscht wurden. Du Poizat, der Marsy vor dem Kaiserreich gekannt hatte, versicherte, daß er sich damals von seiner Geliebten habe aushalten lassen, einer Baronin, deren Diamanten er im Verlaufe eines Vierteljahres verzehrt habe. Herr Kahn behauptete, in Paris gebe es nicht eine faule Sache, in der Herr de Marsy nicht seine Hand im Spiele habe. Sich gegenseitig erhitzend, tischten sie immer stärkere Dinge auf: Bei einem Bergwerksunternehmen habe Marsy ein Trinkgeld von fünfzehnhunderttausend Franken eingesackt; im letzten Monat habe er der kleinen Florence von der Komischen Oper ein Haus geschenkt, eine Kleinigkeit von sechsmalhunderttausend Franken, seinen Anteil am Schacher mit den Aktien der marokkanischen Bahn; vor kaum acht Tagen endlich hatte das Unternehmen der ägyptischen Kanäle, durch seine Helfershelfer eingeführt, mit einem ungeheuren Krach geendet, da die Aktionäre erfahren hatten, daß in den zwei Jahren, während deren sie beständig ihre Beiträge zahlten, nicht ein Spatenstich geschehen war. Endlich griffen sie den Mann selbst an, bemüht, das hochtrabende Wesen eines vornehmen Abenteurers, das er an den Tag legte, zu verkleinern; von alten Krankheiten sprechend, welche ihm später einen üblen Streich spielen würden; sie hatten sogar an seiner Gemäldesammlung vieles auszusetzen. »Er ist ein Räuber in der Haut eines Hanswurst«, sagte Du Poizat endlich. Rougon hob langsam den Kopf, sah die beiden mit seinen großen Augen an und sagte: »Was nützt euch all das Gerede? Marsy besorgt seine Geschäfte, wie ihr die eurigen besorgen wollt... Wir verstehen einander nicht. Wenn ich ihm selbst eines Tages die Rippen zerbrechen könnte, würde ich es sehr gerne tun. Aber trotz allem, was ihr da erzählt, ist Marsy ein feiner Kopf. Wenn er einmal Appetit nach euch bekäme, er würde euch beide mit Haut und Haar verschlingen. Das sage ich euch!« Er erhob sich, des Sitzens müde, reckte sich und fügte laut gähnend hinzu: »Um so mehr, liebe Freunde, als ich mich ihm jetzt nicht mehr in den Weg stellen könnte.« »Wenn Sie nur wollten,« murmelte Du Poizat mit geschmeidigem Lächeln, »könnten Sie Marsy in eine schöne Patsche bringen. Sie haben hier Papiere, die er sehr teuer bezahlen würde... Sehen Sie, da unten die Akten Lardenois', worin er eine so sonderbare Rolle spielt. Ich erkenne da einen höchst merkwürdigen Brief von ihm, den ich selbst Ihnen seinerzeit überbracht habe.« Rougon hatte eben die Papiere, mit denen er nach und nach den Korb gefüllt hatte, in den Kamin geworfen. Die Bronzeschale hatte nicht ausgereicht. »Man schlägt einen Gegner tot, aber man kratzt ihn nicht. Alle Welt hat solche dumme Briefe, die bei anderen herumliegen«, versetzte er mit verächtlichem Achselzucken. Damit nahm er den Brief, zündete ihn an der Kerze an und setzte damit den Haufen Papier in Brand, den er in den Kamin geworfen hatte. Er hockte einen Augenblick schwerfällig da und überwachte die brennenden Blätter, die bis auf den Teppich rollten. Manche dicken Verwaltungsakten verkohlten und drehten sich zusammen wie Bleiplatten, zierliche Karten und Wische, mit plumpen Schriftzügen bedeckt, brannten mit kleinen blauen Flammen, während inmitten des Scheiterhaufens unter dem Funkenregen einzelne angebrannte Bruchstücke leserlich blieben. In diesem Augenblicke tat sich die Tür weit auf, und eine lachende Stimme sagte: »Schon gut, ich werde Sie entschuldigen, Merle... Ich bin hier zu Hause. Wenn Sie mich hier nicht hätten eintreten lassen, würde ich ganz gewiß durch den Sitzungssaal gegangen sein.« Es war Herr d'Escorailles, den Rougon vor einem halben Jahre zum Beisitzer im Staatsrate hatte ernennen lassen. Er führte die hübsche Frau Bouchard am Arm, die in einem lichten Frühlingskleide frisch und blühend aussah. »So muß es kommen! Nun auch noch Weiber!« brummte Rougon. Er verließ den Kamin nicht gleich, sondern blieb auf der Erde hocken mit der Feuerschaufel in der Hand, womit er die Flammen dämpfte aus Furcht, es könne ein Brand entstehen. Er erhob den dicken Kopf mit unzufriedenem Ausdruck, aber Herr d'Escorailles ließ sich nicht aus der Fassung bringen. Er wie die junge Frau hatten schon auf der Schwelle zu lachen aufgehört und eine dem Ernste der Gelegenheit angemessene Miene angenommen. »Lieber Meister,« sagte er, »ich bringe Ihnen eine Ihrer Freundinnen, die darauf besteht, Ihnen ihr Bedauern auszudrücken... Wir haben heute früh den Moniteur gelesen...« »Sie haben den Moniteur gelesen?« murrte Rougon, der sich endlich entschloß aufzustehen. Dabei gewahrte er jemanden, den er noch nicht gesehen hatte, und brummte augenzwinkernd: »Ah! Herr Bouchard!« Es war wirklich der Herr Gemahl, der eben hinter den Röcken seiner Frau schweigend und würdevoll eintrat. Herr Bouchard war sechzig Jahre alt, sein Kopf ganz weiß, sein Auge glanzlos, das Gesicht gleichsam abgenutzt im fünfundzwanzigjährigen Verwaltungsdienste. Er ergriff, ohne ein Wort zu sprechen, mit teilnahmsvollem Ausdruck Rougons Hand und schüttelte sie dreimal kräftig von oben nach unten. »Gut,« sagte Rougon, »es ist sehr liebenswürdig, daß Sie alle mich besuchen – nur stören Sie mich teufelsmäßig... Bitte, setzen Sie sich dorthin... Du Poizat, geben Sie Frau Bouchard Ihren Sessel!« Er wandte sich um: – und sah sich dem Oberst Jobelin gegenüber. »Auch Sie, Oberst!« rief er. Die Tür war offen geblieben; Merle hatte sich dem Eintritte des Obersten nicht widersetzen können, da dieser den Bouchards auf dem Fuße folgte. Er führte seinen Sohn herbei, einen langen fünfzehnjährigen Schlingel, damals Schüler der dritten Klasse am Gymnasium Ludwigs des Großen. »Ich wollte Ihnen August zuführen«, sagte er. »Nur im Unglück bewähren sich die wahren Freunde. August, gib die Hand!« Aber Rougon stürzte nach dem Vorzimmer und rief: »Merle, schließen Sie doch die Tür! Woran denken Sie denn? Ganz Paris kommt noch!« Jener versetzte ruhig: »Weil man Sie gesehen hat, Herr Präsident!« Er mußte zur Seite treten, um den Charbonnels Platz zu machen. Sie kamen nebeneinander, doch nicht Arm in Arm, pustend, niedergeschlagen, bestürzt. Sie sagten wie aus einem Munde: »Wir haben eben den Moniteur gelesen... Ach, welch schreckliche Neuigkeit! Wie trostlos wird Ihre arme Mutter sein! Und in welche traurige Lage versetzt es uns!« Offenherziger als die anderen, begannen sie sofort ihre kleinen Angelegenheiten auszukramen. Rougon hieß sie jedoch schweigen, schob einen unter dem Türschlosse verborgenen Riegel vor und brummte, jetzt könne man die Tür einschlagen. Da er sah, daß keiner seiner Freunde das Feld räumen wollte, ergab er sich darein und suchte seine Arbeit inmitten der neun, die das Zimmer anfüllten, zu vollenden. Das Aufräumen der Papiere hatte schließlich das Unterste zu oberst gekehrt. Auf dem Teppich lag ein Haufen Mappen, so groß, daß der Oberst und Herr Bouchard, die zu einem Fenster flüchten wollten, sehr vorsichtig auftreten mußten, um keine wichtige Urkunde zu beschädigen. Alle Stühle waren mit zusammengeschnürten Paketen beladen; Frau Bouchard hatte den einzig freigebliebenen Sessel bekommen und hörte lächelnd die Artigkeit der Herren Du Poizat und Kahn an, während Herr d'Escorailles in Ermangelung einer Fußbank ihr eine mit Briefen vollgestopfte dicke blaue Tasche unter die Füße schob. Die Schubladen des Schreibtisches, in einer Ecke umgestürzt, gestatteten den Charbonnels, sich einen Augenblick auszuruhen, während Jung-August, entzückt, in einen Umzug hineingeraten zu sein, hinter dem Haufen von Mappen verschwand, in dessen Mitte Herr Delestang sich verschanzt hatte. Letzterer erregte dichten Staub, indem er die Zeitungen von den oberen Fächern herunterwarf. Frau Bouchard hustete leicht, und Rougon, die Mappen leerend, die er sich selbst vorbehalten hatte, sagte ihr: »Sie tun unrecht, in diesem Schmutze zu bleiben.« Aber die junge Frau, noch ganz rot vom Husten, versicherte, sie befinde sich sehr gut, ihr Hut könne den Staub vertragen. Und die Gesellschaft erschöpfte sich in Äußerungen der Teilnahme. Der Kaiser mußte sich in der Tat gar nicht um das Wohl und Wehe des Landes kümmern, da er sich mit Leuten umgebe, die seines Vertrauens so unwürdig seien. Frankreich habe einen schweren Verlust erlitten. Übrigens sei es immer so: gegen eine hervorragende Begabung pflegen sich alle Mittelmäßigkeiten zu verbinden. »Die Regierungen sind undankbar«, erklärte Herr Kahn. »Um so schlimmer für sie!« bemerkte der Oberst. »Sie schlagen sich selbst, indem sie ihre Diener treffen wollen.« Aber Herr Kahn wollte das letzte Wort haben. Er wandte sich an Rougon: »Wenn ein Mann wie Sie fällt, ist das ein Unglück für das Land.« Die Gesellschaft bestätigte: »Gewiß, gewiß, ein Unglück für das Land.« Das Übertriebene dieser Lobsprüche ließ Rougon den Kopf erheben. Seine grauen Wangen bekamen einige Farbe, sein ganzes Gesicht lächelte vergnüglich. Er kokettierte mit seiner Kraft wie ein Weib mit seiner Schönheit und nahm gern die wohlgezielten Schmeicheleien auf; war er doch stark genug, um auch durch die schwersten Ladungen nicht niedergeschmettert zu werden. Inzwischen wurde offenbar, daß seine Freunde einander im Wege standen: sie beobachteten sich gegenseitig, suchten einander zu verdrängen, hüteten sich aber, laut zu sprechen. Gerade jetzt, wo der große Mann darniederzuliegen schien, war die Zeit günstig, von ihm ein Versprechen zu erpressen. Der Oberst faßte zuerst einen Entschluß. Er führte Rougon, der mit einer Mappe unter dem Arm ihm gefügig folgte, in eine Fensternische. »Haben Sie an mich gedacht?« fragte er ganz leise mit liebenswürdigem Lächeln. »Versteht sich. Ihre Ernennung zum Kommandeur ist mir noch vor vier Tagen versprochen worden. Nur kann ich, wie Sie sich selbst sagen müssen, jetzt durchaus nichts mit Bestimmtheit zusagen... Ich muß Ihnen gestehen, ich fürchte, daß meine Freunde die Ungnade, in die ich gefallen bin, werden mitbüßen müssen.« Die Lippen des Obersten zitterten vor Erregung. Er stammelte, man müsse kämpfen, er selbst werde kämpfen. Endlich wandte er sich hastig um und rief: »August!« Der Junge lag auf allen vieren unter dem Schreibtische, damit beschäftigt, die Titel der Aktenhefte zu lesen, was ihm gestattete, funkelnde Blicke auf die niedlichen Stiefelchen der Frau Bouchard zu werfen. Jetzt kam er eilig herbei, und der Oberst fuhr halblaut fort: »Da sehen Sie den Sausewind. Sie wissen, eines Tages werde ich ihn irgendwo unterbringen müssen. Dabei zähle ich auf Sie. Ich schwanke noch zwischen der richterlichen Laufbahn und der Verwaltung... Gib die Patsche, August, daß dein guter Freund sich deiner erinnere!« Inzwischen hatte Frau Bouchard, die bisher vor Ungeduld an ihrem Handschuh genagt hatte, sich erhoben, nach dem Fenster links begeben und Herrn d'Escorailles gewinkt, ihr zu folgen. Ihr Gatte befand sich schon dort, mit aufgestützten Ellbogen die Aussicht genießend. Gegenüber standen die mächtigen Kastanien der Tuilerien mit ihrem im warmen Sonnenlichte zitternden Laube; die Seine, hier in ihrem Abschnitt von der Königsbrücke bis zur Eintrachtsbrücke sichtbar, wälzte ihre blauen, glitzernden Wogen dahin. Plötzlich wandte sich Frau Bouchard um und rief: »O, Herr Rougon, sehen Sie doch nur!« Da er sich beeilte, den Obersten stehenzulassen, um dem Rufe zu folgen, zog sich Du Poizat, welcher der jungen Frau gefolgt war, bescheiden zu Herrn Kahn an das Mittelfenster zurück. »Sehen Sie das Ziegelschiff? Beinahe wäre es eben gekentert«, fuhr die junge Frau lebhaft fort. Rougon blieb höflicherweise stehen, bis Herr d'Escorailles auf einen neuen Blick der jungen Frau ihm sagte: »Herr Bouchard will sich zur Ruhe setzen. Wir haben ihn hergeführt, daß Sie ihn zur Vernunft bringen.« Herr Bouchard erklärte darauf, die Ungerechtigkeiten der Menschen empörten ihn: »Ja, Herr Rougon, ich habe als Expeditionsbeamter im Ministerium des Innern begonnen und habe es bis zum Bureauvorsteher gebracht, ohne fremder Gunst oder eigenen Ränken irgend etwas zu verdanken... Seit dem Jahre 1847 bin ich Bureauvorsteher. Fünfmal ist der Platz des Abteilungsvorstandes schon frei gewesen, viermal unter der Republik, einmal unter dem Kaiserreich, ohne daß der Minister an mich und meine berechtigten Ansprüche gedacht hätte! ... Jetzt sind Sie auch nicht mehr da, um das mir gegebene Versprechen zu erfüllen; da ziehe ich mich lieber zurück.« Rougon mußte ihn beruhigen. Die Stelle sei noch keinem andern verliehen; sollte sie ihm noch einmal entgehen, so sei es nur eine verlorene Gelegenheit, die sicher wiederkehren werde. Dann ergriff er Frau Bouchards Hände und sagte ihr väterliche Artigkeiten. Ihres Gatten Haus war das erste gewesen, das ihn nach seiner Ankunft in Paris aufgenommen hatte. Dort hatte er den Obersten, einen Vetter des Hausherrn, getroffen. Als dann Herr Bouchard im Alter von vierundfünfzig Jahren seinen Vater beerbte und das Verlangen hatte, zu heiraten, war Rougon Trauzeuge der Frau Bouchard, geb. Adele Desvignes, eines sehr wohlerzogenen Mädchens aus einer ehrbaren Familie in Rambouillet. Der Bureauvorsteher hatte ein Mädchen aus der Provinz gewünscht, weil er auf Ehrbarkeit hielt. Adele, blond, zierlich, liebenswürdig, mit der etwas einfältigen Kindlichkeit ihrer blauen Augen, war in ihrer vierjährigen Ehe schon beim dritten Liebhaber angelangt. »Seien Sie unbesorgt!« sagte Rougon und drückte ihre Hände; »Sie wissen wohl, daß man alles tut, was Sie wollen. Jules wird Ihnen dieser Tage sagen, woran wir sind.« Darauf nahm er Herrn d'Escorailles beiseite, um ihm mitzuteilen, daß er am Morgen an dessen Vater geschrieben, um ihn zu beruhigen. Der junge Mann werde sicher seine Stelle behalten. Die d'Escorailles waren eines der ältesten Geschlechter von Plassans und erfreuten sich dort allgemeiner Verehrung. Daher setzte Rougon, der einst in schiefen Schuhen vor dem Hause des alten Marquis, Jules' Vater, sich herumgetrieben, seinen Stolz darein, den jungen Mann als seinen Schützling zu betrachten. Die Familie hegte noch immer eine inbrünstige Verehrung für Heinrich V., doch hinderte sie den Sohn nicht, sich dem Kaiserreich anzuschließen. Das gehörte mit zu den bösen Zeitläuften. Herr Kahn und Du Poizat schwatzten am Mittelfenster, das sie geöffnet hatten, um mehr für sich zu sein, und sahen dabei zu den im Sonnenstaube bläulich glänzenden Dächern der Tuilerien hinüber. Sie suchten sich gegenseitig durch abgebrochene Worte auszuforschen; Rougon sei zu empfindlich. Er habe diese Geschichte mit Rodriguez, die so leicht zu ordnen war, nicht gar so krumm nehmen sollen. Dann brummte Herr Kahn, die Augen ins Blaue gerichtet, als wenn er mit sich selbst spreche: »Man weiß, daß man fällt; man weiß aber niemals, ob man sich wieder erheben wird.« Du Poizat schien es nicht gehört zu haben. Erst nach längerer Zeit sagte er: »Er ist ein tüchtiger Kerl!« Darauf wandte sich der Abgeordnete hastig zu ihm und sagte sehr rasch: »Unter uns: ich fürchte für ihn. Er spielt mit dem Feuer... Wir sind gewiß seine Freunde und denken nicht daran, ihn zu verlassen. Ich will nur feststellen, daß er bei alledem an uns durchaus nicht gedacht hat... So hatte ich jetzt die wichtigsten Interessen in Händen, und er durchkreuzt sie mir durch seinen tollen Streich. Nicht wahr, er kann es mir nicht verübeln, wenn ich jetzt an einer andern Türe anklopfe? Denn schließlich habe nicht ich allein den Schaden, sondern auch die Bevölkerung.« »Man muß an einer andern Tür anklopfen«, bestätigte Du Poizat lächelnd. Doch der andere rief in einem plötzlichen Wutanfall aus: »Ist das möglich! Dieser Teufelskerl verfeindet einen mit aller Welt! Hält man es mit ihm, ist man gezeichnet, als habe man ein Aushängeschild auf dem Rücken.« Allmählich beruhigte er sich, seufzte und blickte nach dem Triumphbogen hinüber, dessen graue Steinmasse aus dem Grün der Elyseischen Felder auftauchte. Dann fuhr er leise fort: »Was wollen Sie? Ich bin treu wie ein Hund.« Im nächsten Augenblicke stand der Oberst hinter ihnen und sagte mit seiner Soldatenstimme: »Die Treue ist der Weg der Ehre!« Die beiden machten ihm Platz, und er fuhr fort: »Rougon wird heute unser Schuldner; er gehört sich selbst nicht mehr.« Das war das Wort, das allen auf der Zunge gelegen. Nein, Rougon gehörte sich selbst nicht mehr. Und man mußte es ihm rundheraus sagen, damit er seine Pflichten erkenne. Alle drei besprachen sich heimlich weiter und teilten sich Hoffnungen mit. Von Zeit zu Zeit wandten sie sich um und warfen einen spähenden Blick durch das weite Gemach, um zu sehen, ob nicht ein Freund den großen Mann zu lange in Beschlag halte. Dieser raffte inzwischen die Aktenbündel zusammen, wobei er mit Frau Bouchard weiter schwatzte. Die Charbonnels begannen inzwischen zu streiten in ihrem Winkel, wo sie bis dahin schweigend und verlegen gesessen hatten. Zweimal hatten sie versucht, sich Rougons zu bemächtigen, der sich von dem Obersten und der jungen Frau hatte entführen lassen. Herr Charbonnel drängte endlich seine Frau auf ihn zu, und diese stammelte: »Heute morgen haben wir einen Brief von Ihrer Mutter erhalten...« Er ließ sie jedoch nicht aussprechen, sondern führte beide in die Fensternische rechts und ließ seine Akten noch einmal ohne allzu große Ungeduld im Stiche. »Wir haben einen Brief von Ihrer Mutter erhalten«, wiederholte die Frau und zog das Schreiben hervor, um es zu lesen. Er aber nahm es ihr aus der Hand und überflog es mit einem Blicke. Die Charbonnels, ehemalige Ölhändler in Plassans, waren Schützlinge der Frau Felicité, wie Rougons Mutter dort hieß. Sie hatte sie ihm aus Anlaß eines Gesuches empfohlen, das sie an den Staatsrat gerichtet hatten. Einer ihrer Vettern, ein Herr Chevassu zu Faverolles, dem Hauptorte eines benachbarten Departements, hatte bei seinem Tode den Schwestern von der heiligen Familie eine halbe Million hinterlassen. Die Charbonnels, die nach dem Ableben eines Bruders des Verstorbenen plötzlich wider Erwarten Anrechte auf die Erbschaft bekommen hatten, schrien über Erbschleicherei; da der Orden vom Staatsrate die Ermächtigung erbeten hatte, das Vermächtnis anzunehmen, eilten sie nach Paris und ließen sich im Hotel du Périgord, Jakobstraße, nieder, um ihre Angelegenheit in der Nähe verfolgen zu können. Die Sache zog sich aber schon ein halbes Jahr lang hin. »Wir sind sehr betrübt!« seufzte Frau Charbonnel, während Rougon den Brief las. »Ich wollte von diesem Streite nichts wissen, aber mein Mann sagte immer, mit Ihrer Unterstützung sei das Geld so gut wie gewonnen, und Sie brauchten nur ein Wort zu sagen, um uns die halbe Million in die Tasche zu stecken... Nicht wahr, Charbonnel?« Der vormalige Ölhändler nickte verzweiflungsvoll. »Das war ein schönes Stück Geld«, fuhr die Frau fort, »und lohnte der Mühe, darum sein ruhiges Leben ein wenig zu stören. Und wie ist unser Leben gestört! Wissen Sie, Herr Rougon, daß gestern die Wirtschafterin unseres Hotels sich geweigert hat, unsere schmutzige Tischwäsche zu wechseln! Mir muß solches widerfahren, mir, die ich in Plassans fünf Schränke voll Leinenzeug habe!« Sie fuhr fort, sich bitter über Paris zu beklagen, das sie verabscheute. Sie waren für acht Tage nach Paris gekommen; dann verfloß Woche um Woche in der Hoffnung, sie würden endlich abreisen können, und sie hatten sich nichts nachschicken lassen. Jetzt, da noch kein Ende abzusehen war, hockten sie in ihrem Zimmer, aßen, was die Wirtschafterin ihnen zu bieten für gut hielt, ohne Wäsche, fast ohne Kleider. Sie hatten nicht einmal eine Bürste, und Frau Charbonnel mußte sich bei ihrer Toilette eines zerbrochenen Kammes bedienen. Zuweilen setzten sie sich auf ihren kleinen Koffer und weinten vor Müdigkeit und Wut. »In dem Gasthofe verkehren so zweifelhafte Leute!« brummte Herr Charbonnel mit verschämten Augen. »Neben uns wohnt ein junger Mann. Wir hören da Dinge...« Rougon faltete den Brief zusammen und sagte: »Meine Mutter gibt Ihnen den vorzüglichen Rat, zu warten. Auch ich kann Ihnen nur zureden, sich in Geduld zu fassen... Ihre Sache scheint mir gut; aber jetzt bin ich abgetreten und kann daher nichts mehr versprechen.« »Wir reisen morgen heim!« rief Frau Charbonnel in einem Anfall von Verzweiflung. Sogleich aber wurde sie kreideweiß, so daß ihr Gatte sie stützte. Einen Augenblick sahen sie einander stumm an mit zitternden Lippen und drohten in Tränen auszubrechen. Sie waren betäubt, als ob plötzlich die halbe Million vor ihnen in Rauch aufgegangen sei. Rougon fuhr freundlich fort: »Sie haben einen gefährlichen Gegner. Rochart, der Bischof von Faverolles, ist selbst gekommen, um 'die Ansprüche der Ordensschwestern zu unterstützen. Ohne seine Dazwischenkunft hätten Sie längst gewonnen. Die Geistlichkeit ist heutzutage leider sehr mächtig... Aber ich habe Freunde hinter mir; ich hoffe, ich kann etwas tun, ohne selbst hervorzutreten. Sie haben so lange gewartet, und wenn Sie morgen abreisen...« »Wir bleiben, wir bleiben!« stammelte Frau Charbonnel eifrig. »Ach, Herr Rougon, diese Erbschaft kommt uns teuer zu stehen!« Rougon wandte sich lebhaft zu seinen Papieren. Er warf einen Blick durch das Zimmer und freute sich, daß er niemanden mehr sah, der ihn in eine Fensternische hätte ziehen können; die ganze Bande war gesättigt. In einigen Minuten kam er mit seiner Arbeit tüchtig vorwärts. Er hatte eine ihm eigene, fast rohe Munterkeit, womit er der Leute spottete und sich für die Langeweile rächte, die man ihm verursachte. Eine Viertelstunde lang war er schrecklich für seine Freunde, deren Geschichten er so gefällig' angehört hatte. Er zeigte sich selbst gegen die hübsche Frau Bouchard so hart, daß ihr die Tränen in die Augen traten, ohne daß sie dabei aufgehört hatte zu lächeln. Die Freunde, die an seine Keulenschläge gewöhnt waren, lachten darüber; denn niemals stand es besser um ihre Angelegenheiten, als wenn Rougon sie in solcher Weise mißhandelte. Da klopfte es bescheiden an der Tür. Er aber rief Delestang, der öffnen wollte, zu: »Nein, nein, lassen Sie! Will man sich über mich lustig machen? Mein Kopf ist schon ganz wirr!« Da an der Türe heftiger gerüttelt wurde, brummte er zwischen den Zähnen: »Wenn ich bliebe, wie würde ich diesen Merle an die Luft setzen!« Es klopfte nicht mehr. Aber plötzlich öffnete sich in der Ecke eine kleine Tür, und man erblickte einen ungeheuren Rock von blauer Seide, der sich rücklings hereinschob. Und dieser sehr helle, mit Bandschleifen geschmückte Rock blieb da einen Augenblick zur Hälfte innerhalb des Zimmers, ohne daß man sonst noch etwas sah; nur eine dünne Frauenstimme hörte man von draußen her lebhaft sprechen. »Herr Rougon!« rief die Frau, endlich ihr Gesicht zeigend. Es war Frau Correur, die einen Hut trug, der mit einem Rosenbündel besetzt war. Rougon, der mit geballten Fäusten näher gekommen war, zog die Schultern ein und schüttelte ihr die Hand, indem er einen krummen Buckel machte. »Ich habe Merle gefragt, wie er sich hier befinde?« sagte Frau Correur, den langen Burschen, der lächelnd vor ihr stand, mit einem zärtlichen Blicke betrachtend. »Herr Rougon, sind Sie mit ihm zufrieden?« »Gewiß, das bin ich«, bestätigte Rougon liebenswürdig. Merle lächelte nach wie vor, wobei seine Augen auf dem feisten Nacken der Frau Correur ruhten. Sie räusperte sich und ordnete ihr Haar an den Schläfen, worauf sie fortfuhr: »Ganz recht, mein Junge! Wenn ich jemanden unterbringe, dann wünsche ich, daß jeder zufrieden ist... Und wenn Sie einen guten Rat nötig haben, besuchen Sie mich; Sie wissen ja, früh zwischen acht und neun Uhr. Bleiben Sie verständig!« Dann trat sie in das Zimmer und sagte zu Rougon: »Es geht nichts über gediente Soldaten!« Sie ließ ihn nicht mehr los, sondern führte ihn, durch das ganze Zimmer trippelnd, bis zum Fenster in der andern Ecke und zankte ihn aus, weil er nicht geöffnet hatte. Wenn Merle sie nicht durch die kleine Türe eingelassen hätte, wäre sie draußen geblieben? Sie mußte ihn doch, bei Gott, sehen; wie konnte er gehen ohne ihr zu sagen wie es um ihre Bittschriften stehe? Sie zog ein kleines, sehr fein in rosa Leinwand gebundenes Heft aus der Tasche und fuhr fort: »Ich habe den Moniteur erst nach dem Frühstück gelesen und sofort einen Wagen genommen. Wie steht es mit der Hauptmannswitwe Frau Leturc, die einen Tabaksverschleiß haben möchte? Ich habe ihr für die nächste Woche Bescheid versprochen. Und das Fräulein Hermine Billeroy? Sie wissen wohl, eine ehemalige Schülerin von St. Denis, die ihr Verführer, ein Offizier, heiraten will, wenn ein Menschenfreund die erforderliche Mitgift hergibt? Wir haben an die Kaiserin gedacht. Und alle die Frauen: Chardon, Testaniere, Zalaguier, die seit Monaten warten!« Rougon antwortete ihr ruhig, erklärte die Verzögerungen und vertiefte sich in die kleinsten Einzelheiten. Zum Schlüsse gab er jedoch Frau Correur zu verstehen, daß sie künftig weit weniger auf ihn rechnen dürfe. Dies machte sie trostlos. Sie war so glücklich, Dienste erweisen zu können! Was sollte sie nun mit all diesen Frauen anfangen? Dann kam sie auf ihre eigenen Angelegenheiten zu sprechen, die Rougon sehr genau kannte. Sie wiederholte, daß sie eine Martineau sei, eine Martineau aus Coulonges, einer guten Familie, der Vendee entstammend, in welcher man sieben Notare zählen konnte. Das Amt kam vom Vater auf den Sohn. Über ihren Namen Correur aber erklärte sie sich niemals deutlich. Vierundzwanzig Jahre alt war sie nach einem ganzen Sommer von Stelldichein, die sie einem Fleischergehilfen unter einem Wagenschuppen gegeben, mit dem Liebsten durchgebrannt. Ihr Vater hatte ein halbes Jahr unter diesem Skandal gelitten, von dem die ganze Gegend noch immer sprach. Seitdem lebte sie in Paris und war für die Ihrigen tot. Zehnmal hatte sie ihrem Bruder geschrieben, der jetzt das Notariat bekleidete, ohne von ihm eine Antwort zu erhalten; und sie legte dieses Schweigen ihrer Schwägerin zur Last, »ein Pfaffenfrüchtchen, das diesen Narren Martineau an der Nase herumführe«, wie sie sagte. Einer ihrer Lieblingsträume war, wieder heimzukehren wie Du Poizat, um sich als gemachte und geachtete Frau zu zeigen. »Vor acht Tagen habe ich nochmals geschrieben,« murmelte sie; »ich wette, sie wirft meine Briefe ins Feuer! ... Wenn Martineau stürbe, müßte sie mir doch Tür und Tor öffnen. Sie haben kein Kind, und ich würde dort wichtige Angelegenheiten zu ordnen haben... Martineau ist fünfzehn Jahre älter als ich und leidet obendrein an der Gicht, wie ich erfahren habe.« Dann fuhr sie in plötzlich verändertem Tone fort: »Wir wollen uns darüber nicht länger den Kopf zerbrechen. Wir haben jetzt für Sie zu arbeiten, nicht wahr, Eugène? Und wir werden arbeiten, sollen Sie sehen. Sie müssen alles sein, damit wir etwas werden... Sie entsinnen sich, im Jahre einundfünfzig?« Rougon lächelte, und wie sie ihm mütterlich die Hand drückte, flüsterte er ihr ins Ohr: »Wenn Sie Gilquin sehen, sagen Sie ihm doch, er möge vernünftig sein. Als er neulich auf die Polizei gebracht wurde, ließ er es sich einfallen, meinen Namen zu nennen, damit ich ihn freimache.« Frau Correur versprach mit Gilquin zu reden, einem ihrer früheren Mieter aus der Zeit, wo noch Rougon bei ihr wohnte. Er war ein gelegentlich sehr schätzbarer Gesell, aber von einem bedenklich unordentlichen Lebenswandel. »Ich habe unten einen Wagen; ich empfehle mich«, schloß sie lächelnd mit erhobener Stimme schon mitten im Zimmer. Dennoch blieb sie noch einige Minuten, um zu sehen, ob sich die Gesellschaft nicht mit ihr zugleich verabschiede. Um sie dazu zu bewegen, erbot sie sich sogar, jemanden in ihrem Wagen mitzunehmen. Der Oberst nahm auch an, und es wurde ausgemacht, daß August neben dem Kutscher auf dem Bock sitzen solle. Darauf begann allseitiges Händeschütteln. Rougon stand an der weit offenen Tür, und jeder, der sie durchschritt, hatte ihm noch ein letztes Wort des Beileids zu sagen. Herr Kahn, Du Poizat und der Oberst reckten den Hals und flüsterten ihm jeder noch ins Ohr» er möge sie nicht vergessen. Die Charbonnels waren schon auf der obersten Treppenstufe, und Frau Correur schwatzte im Vorzimmer mit Merle, während Frau Bouchard, die ihren Gatten und Herrn d'Escorailles einige Schritte hatte vorausgehen lassen, noch sehr anmutig vor Rougon stand und ihn mit einschmeichelnder Stimme fragte, wann sie ihn in seiner Wohnung unter vier Augen sprechen könne, ganz allein, denn sie sei zu einfältig, wenn noch andere Leute da seien. Als aber der Oberst es hörte, kehrte er sofort um, die anderen folgten, und jener rief: »Wir alle werden Sie besuchen.« »Sie dürfen sich nicht vergraben!« äußerten mehrere. Herr Kahn hieß die anderen schweigen und ließ das große Wort vom Stapel: »Sie gehören nicht sich selbst an, sondern Ihren Freunden und Frankreich.« Endlich gingen sie, und Rougon konnte die Tür wieder schließen, wobei er einen tiefen Seufzer der Erleichterung ausstieß. Da trat Delestang, den er ganz vergessen hatte, hinter dem Haufen Kartons hervor, die er als gewissenhafter Freund geordnet. Er war etwas stolz auf seine Tätigkeit. Er war fleißig, während die anderen schwatzten. So hatte er Grund, sich des lebhaften Dankes zu erfreuen, den der große Mann ihm ausdrückte. Kein anderer als er, sagte Rougon, könne ihm nützlich sein; er habe einen Ordnungssinn und eine Methode zu arbeiten, womit er es weit bringen werde; und Rougon fand noch andere Schmeicheleien, ohne daß man daraus ersah, ob er sich nicht lustig mache. Endlich wandte er sich um, musterte alle Winkel und sagte: »Aber ich glaube, wir sind dank Ihrem Beistande fertig... Ich habe nur noch Merle zu beauftragen, daß er mir diese Pakete heimbesorgt.« Er rief den Türsteher, zeigte ihm seine privaten Papiere, und jener antwortete auf jeden Befehl: »Ja, Herr Präsident.« »Dummkopf!« rief Rougon endlich gereizt, »nennt mich doch nicht mehr Präsident; ich bin es nicht mehr!« Merle verneigte sich, schritt auf die Tür zu und blieb dort zögernd stehen. Dann kam er zurück und sagte: »Unten ist eine Frau zu Pferde, sie möchte den gnädigen Herrn sprechen... Sie sagte, sie werde gern die Treppe heraufreiten, wenn sie breit genug sei... Sie will den gnädigen Herrn nur begrüßen.« Rougon ballte schon die Faust in der Meinung, es sei ein Scherz. Aber Delestang, der an das Fenster gegangen war, kam eilends zurück und flüsterte sehr erregt: »Fräulein Clorinde!« Darauf ließ Rougon ihr sagen, er komme hinunter. Während er und Delestang ihre Hüte nahmen, sah er letzteren mit gerunzelten Brauen argwöhnisch an, verwundert über seine Erregung, und wiederholte: »Mißtrauen Sie den Weibern!« Von der Schwelle aus warf er einen letzten Blick in das Gemach. Durch die drei Fenster, die offen geblieben waren, schien die Sonne hell herein, die geöffneten leeren Kartons, die zerstreuten Schubladen, die zusammengeschnürten und mitten auf dem Teppich aufgehäuften Pakete grell beleuchtend. Von den Papieren, die in den Kamin geworfen worden, war nur noch eine kleine Schaufel schwarzer Asche geblieben. Als er die Tür schloß, erlosch die niedergebrannte Kerze, die auf dem Schreibtisch vergessen war, und der Klang der von der Glut berstenden gläsernen Leuchterdille hallte durch das weite, öde Gemach. Drittes Kapitel. Gegen vier Uhr nachmittags stattete Rougon der Gräfin Balbi zuweilen einen kurzen Besuch ab. Als Nachbar begab er sich zu Fuß dorthin. Die Gräfin bewohnte ein kleines Haus, wenige Schritte von der Marbeufstraße, in der Allee der Elyseischen Felder. Übrigens war sie selten zu Hause; und war es doch der Fall, so lag sie im Bett und ließ sich entschuldigen. Trotzdem widerhallte ihre Treppe stets vom Lärm der Besucher, und die Türen ihrer Zimmer standen nicht still. Ihre Tochter Clorinde empfing ihre Besucher in einer Galerie, einer Art Maleratelier, dessen großscheibige Fenster auf die Allee gingen. Fast ein Vierteljahr lang hatte sich Rougon mit der Rücksichtslosigkeit des keuschen Mannes für das Entgegenkommen dieser beiden Frauen sehr unempfänglich gezeigt. Sie hatten sich ihm auf einem Ball beim Minister des Äußern vorstellen lassen, und er begegnete ihnen überall; beide lächelten ihm in derselben herausfordernden Weise zu, die Mutter immer stumm, die Tochter sehr laut redend und ihm keck in die Augen schauend. Doch er hielt sich tapfer, ging ihnen aus dem Wege, schlug die Augen nieder, um sie nicht zu sehen, und lehnte die ihm zugesandten Einladungen ab. Aber es half ihm nichts; er war gefangen, wurde bis in sein Haus verfolgt, vor dem Clorinde hoch zu Roß sich einfand. So entschloß er sich, Erkundigungen einzuziehen, ehe er es wagte, zu ihnen zu gehen. Beim italienischen Gesandten erfuhr er über sie nur Günstiges: der Graf Balbi hatte wirklich gelebt, die Gräfin stand mit sehr hohen Personen zu Turin in Verbindung, die Tochter endlich war noch im letzten Jahre auf dem Punkte gewesen, einen kleinen deutschen Fürsten zu heiraten. Aber bei der Herzogin Sanquirino, wo er sich später erkundigte, erfuhr er ganz andere Dinge. Clorinde war zwei Jahre nach des Grafen Tode zur Welt gekommen; übrigens waren sehr verwickelte Geschichten über das Eheleben des gräflichen Paares in Umlauf. Beide hätten viele Abenteuer und Ausschweifungen hinter sich, in Frankreich seien sie in aller Form geschieden, in Italien sei es auf Grund eines neuerlichen Übereinkommens zu einer Art wilder Ehe zwischen ihnen gekommen. Ein junger Gesandtschaftsbeamter, der über die Verhältnisse an Viktor Emanuels Hofe sehr gut unterrichtet war, drückte sich noch deutlicher aus: nach ihm verdankte die Gräfin ihren dortigen Einfluß einer Liebschaft mit einer sehr hohen Persönlichkeit, und er ließ durchblicken, daß sie nur infolge eines ungeheuren Skandals, über den er sich nicht näher ausließ, Turin verlassen habe. Rougon, dessen Interesse durch die Ergebnisse dieser Nachforschungen allmählich erweckt worden, ging sogar zur Polizei, wo er jedoch nichts Genaueres erfuhr: nur, daß die beiden auf großem Fuße lebten, ohne daß man über ihr Vermögen etwas Bestimmtes wußte. Sie behaupteten, in Piemont Güter zu besitzen. In Wirklichkeit zeigten sich zuweilen klaffende Lücken in ihrem Reichtum; dann verschwanden sie plötzlich, um bald in neuem Glanze wieder aufzutauchen. Kurz, man wußte nichts Rechtes über sie, oder man zog es vor, nichts zu erfahren. Sie kamen in die beste Gesellschaft, ihr Haus galt als neutrales Gebiet, wo man die Absonderlichkeiten Clorindes als eine Art ausländischer Blume hingehen ließ. Rougon entschloß sich endlich, sie zu besuchen. Als er zum drittenmal dort war, hatte die Neugier des großen Mannes noch bedeutend zugenommen. Sein Sinnenleben war nicht leicht zu erwecken. Was ihn zunächst in Clorindes Wesen anzog, war das geheimnisvolle Dunkel, das ihre Vergangenheit umhüllte, die fixe Idee von einer Zukunft, die er in ihren großen, herrlichen Augen zu lesen glaubte. Man hatte ihm allerdings haarsträubende Geschichtchen erzählt; ihre erste Liebe – ein Kutscher, darauf ein Verhältnis mit einem Bankier, der die falsche Jungferschaft des Fräuleins mit dem Palais, worin sie jetzt wohnten, bezahlt hatte. Aber zuweilen schien sie ihm so kindlich, daß er alles bezweifelte und sich vornahm, sie in die Beichte zu nehmen, um dahinter zu kommen, was an dieser Fremden sei, deren lebendiges Rätsel ihn schließlich so gefesselt hielt wie nur irgendeine schwierige Frage der hohen Politik. Am Tage nachdem Clorinde auf ihrem gemieteten Reitpferde gekommen war, um ihm vor dem Tor des Staatsrats teilnahmsvoll die Hand zu drücken, machte er ihr den Besuch, den sie feierlich verlangt hatte. Sie hatte gesagt, sie werde ihm etwas zeigen, was ihm seine schlechte Laune vertreibe. Er nannte sie lachend »sein Laster« und vergaß sich und seine Sorgen gern bei ihr, unterhalten, gereizt, angeregt, um so mehr, als er in der Erkenntnis ihres Wesens noch nicht weitergekommen war als am ersten Tage. Wenn er um die Ecke seiner Straße bog, warf er einen Blick in die Kolosseumstraße, in die Wohnung Delestangs, den er schon mehrmals dabei überrascht hatte, wie er hinter halbgeöffneten Fensterläden zu Clorindes Fenstern hinüberspähte. Jetzt aber waren die Vorhänge niedergelassen; Delestang mußte nach seiner Musterwirtschaft gereist sein. Die Haustür der Balbi stand immer weit offen. Am Fuße der Treppe begegnete Rougon einer kleinen, schwarzen Frau mit ungeordnetem Haar und in einem gelben Kleide. Sie biß in eine Apfelsine wie in einen Apfel. »Antonie, ist Ihre Herrschaft zu Hause?« fragte er. Sie antwortete nicht, sondern nickte vollen Mundes sehr lebhaft, wobei sie lachte, daß ihr der Saft vom Munde herunterlief. Ihre schwarzen Augen wurden so klein, daß sie auf ihrer braunen Haut zwei Tintenflecke schienen. An die Nachlässigkeit des Dienstes in diesem Hause gewöhnt, stieg Rougon hinauf. Auf der Treppe kam er an einem Flegel von Bedienten vorbei mit einem Räubergesicht und langem, schwarzem Barte, der ihn ruhig ansah, ohne ihm Platz zu machen. Dann sah er sich auf dem Flur des zweiten Stockes allein drei offenen Türen gegenüber. Links lag Clorindes Zimmer, und er war neugierig genug, den Kopf hineinzustecken. Obgleich es vier Uhr geschlagen hatte, war drinnen noch nicht aufgeräumt; vor dem Bette stand eine spanische Wand, welche die herabhängenden Bettdecken zur Hälfte sehen ließ; über die spanische Wand waren die Röcke vom vorigen Tage mit kotigem Saum zum Trocknen hingeworfen. Am Fenster stand das Waschbecken voll Seifenwasser, während die graue Hauskatze auf einem Kleiderhaufen zusammengerollt schlief. Clorinde hielt sich gewöhnlich im zweiten Stock auf in der Galerie, die sie nach und nach zum Atelier, zum Rauchzimmer, zum Wintergarten und zum Sommersalon eingerichtet hatte. Je weiter Rougon hinaufstieg, um so lauter wurden die Stimmen, das helle Gelächter und das Poltern umgestürzter Möbel. Als er vor der Türe stand, erkannte er endlich, daß ein schwindsüchtiges Piano, das eine Singstimme begleitete, den Lärm anführte. Er klopfte zweimal, und da dies unbeachtet blieb, entschloß er sich einzutreten. »Ah bravo, bravo, da ist er!« rief Clorinde, in die Hände klatschend. Er, der sonst nicht leicht aus der Fassung zu bringen war, blieb doch einen Augenblick wie eingeschüchtert stehen. Ritter Rusconi, der italienische Gesandte, ein schöner, brauner Herr, zur rechten Zeit ein ernster Diplomat, hämmerte auf dem alten Klavier herum, um ihm weniger dünne Töne zu entlocken. In der Mitte des Gemaches walzte der Abgeordnete La Rouquette, einen Stuhl im Arme, dessen Lehne er mit verliebter Gebärde an seine Brust drückte, dermaßen toll, daß er den Boden mit umgestürzten Sesseln bedeckt hatte. Und im grellen Lichte des Fensters gegenüber einem jungen Manne, der sie auf weiße Leinwand zeichnete, stand auf einem Tische Clorinde als jagende Diana, die Schenkel nackt, die Arme nackt, den Busen nackt, ganz nackt, mit unbefangenem Gesichtsausdruck. Auf dem Sofa saßen drei Herren, welche dicke Zigarren rauchten und mit untergeschlagenen Beinen sich schweigend verhielten, ohne einen Blick von ihr zu wenden. »Still, rühren Sie sich nicht!« rief Ritter Rusconi, als Clorinde Miene machte, vom Tische zu springen. »Ich werde die Herren miteinander bekannt machen!« In Begleitung Rougons schritt er zunächst auf Herrn La Rouquette zu, der eben erschöpft in einen Sessel gesunken war, und sagte: »Herr La Rouquette, Sie kennen ihn, ein künftiger Minister.« Dann näherte er sich dem Maler und fuhr fort: »Herr Luigi Pozzo, mein Sekretär, Diplomat, Maler, Musiker und Verliebter.« Die drei Herren auf dem Sofa hatte er übersehen. Erst als er sich umwandte, gewahrte er sie, und seinen vertraulichen Ton ändernd, verneigte er sich, indem er mit feierlichem Ausdruck flüsterte: »Herr Brambilla, Herr Staderino, Herr Viscardi, politische Flüchtlinge.« Die drei Venezianer grüßten, ohne ihre Zigarren aus dem Munde zu nehmen. Ritter Rusconi wandte sich wieder zum Klavier, als Clorinde ihm lebhaft vorwarf, er sei ein schlechter Zeremonienmeister. Indem sie ihrerseits auf Rougon wies, sagte sie einfach, mit eigentümlichem, einschmeichelndem Klang und Ausdruck der Stimme: »Herr Eugène Rougon.« Man grüßte sich aufs neue. Rougon, der einen Augenblick befürchtet hatte, sie möge ihn durch einen Scherz bloßstellen, war von dem Takte und der Würde dieses großen, halbnackten Mädchens überrascht. Er setzte sich und fragte gewohnheitsmäßig nach dem Befinden der Gräfin; er tat sogar, als komme er nur um der Mutter willen, was ihm geziemender schien. »Ich würde mich sehr gefreut haben, ihr selbst meine Aufwartung machen zu können«, sagte er, wie er unter solchen Umständen pflegte. »Aber die Mutter ist ja da!« erwiderte Clorinde und wies mit ihrem Bogen von vergoldetem Holze in eine Ecke. Wirklich lag die Gräfin dort hinter den Möbeln in einem großen Lehnstuhl. Allgemeines Erstaunen. Die drei politischen Flüchtlinge schienen von ihrer Anwesenheit ebenfalls nichts gewußt zu haben, denn sie erhoben sich und grüßten sie. Rougon eilte, ihr die Hand zu drücken. Er stand vor ihr, und sie, in ihrem Sessel liegend, antwortete ihm einsilbig mit jenem Lächeln, das sie beibehielt, auch wenn sie litt. Dann versank sie wieder in Schweigen und blickte zerstreut auf die Straße hinaus, auf der ein Wagenstrom vorüberflutete. Da sie sich ohne Zweifel zu diesem Zwecke dorthin gesetzt hatte, verließ Rougon sie wieder. Inzwischen hatte Ritter Rusconi von neuem vor dem Klavier Platz genommen und suchte nach einem Liede, leise klimpernd und italienische Worte dazu summend. Herr La Rouquette fächelte sich mit dem Taschentuche. Clorinde hatte sehr ernst wieder ihre malerische Stellung eingenommen, und Rougon ging, nachdem die Ruhe wiederhergestellt war, langsam auf und ab und musterte das Zimmer. Es war mit einem erstaunlichen Wirrwarr von Sachen angefüllt: ein Sekretär, ein Koffer, mehrere Tische, die in die Mitte gestellt waren, bildeten ein Labyrinth von schmalen Gängen; auf der einen Seite lagen Treibhauspflanzen gegeneinandergelehnt, umgestürzt, mit geknickten, angefressenen Blättern, in den letzten Zügen; gegenüber ein großer Haufen trockener Tonerde, worin man noch die Arme und Beine einer Gestalt erkannte, die Clorinde geformt hatte, als ihr eines Tages einfiel, die Künstlerin zu spielen. Das ganze weite Gemach bot in Wirklichkeit nur einen kleinen freien Raum vor einem der Fenster, wo zwei Sofas und drei Sessel, die nicht zueinander paßten, eine Art Salon bildeten. »Sie können rauchen«, wandte sich Clorinde an Rougon. Er aber dankte, er rauche niemals. Sie rief, ohne sich umzuwenden: »Herr Ritter, drehen Sie mir eine Zigarette!« Während es geschah, trat wieder Stille ein. Rougon, verdrossen wegen der Anwesenheit so vieler Leute, wollte nach seinem Hute greifen. Vorher aber trat er noch auf Clorinde zu und fragte lächelnd, erhobenen Hauptes: »Haben Sie mich nicht gebeten vorzusprechen, um mir etwas zu zeigen?« Sie antwortete nicht sogleich, alle Aufmerksamkeit auf ihre Haltung wendend, so daß er nochmals fragen mußte: »Was wollten Sie mir zeigen?« »Mich selbst«, sagte sie. Sie sagte es majestätisch, ohne ihre Haltung einer Göttin im geringsten zu verändern. Rougon trat sehr ernst einen Schritt zurück und hob langsam den Blick zu ihr empor. Sie war wirklich herrlich anzusehen, mit ihrem reinen Profil, ihrem schlanken Halse, den eine sanft geschwungene Linie mit den Schultern verband. Besonders hatte sie die königliche Schönheit, die eine vollendete Büste verleiht. Ihre runden Arme und Beine glänzten wie Marmor; ihre linke Hüfte, leicht hervortretend, gab ihrer Haltung Schwung, die erhobene Rechte enthüllte von der Achselhöhle bis zur Ferse eine lange, kraftvolle und geschmeidige Linie, an der Taille zurückweichend, am Schenkel anschwellend. Mit der Linken stützte sie sich auf ihren Bogen, mit dem ruhigen Kraftbewußtsein der antiken Jägerin, unbekümmert um ihre Nacktheit, menschliche Liebe verachtend, kalt, erhaben, unsterblich. »Sehr hübsch, vorzüglich!« murmelte Rougon, da er kein anderes Wort fand. In Wirklichkeit fühlte er sich unbehaglich angesichts ihrer statuenhaften Unbeweglichkeit. Sie schien so sieghaft, so sicher ihrer klassischen Schönheit, daß er sie, falls er es gewagt hätte, kritisiert haben würde wie ein Marmorbild, an dem gewisse Üppigkeiten seine spießbürgerlichen Blicke verletzten; er hätte die Taille etwas schlanker, die Hüften weniger breit, die Brust weniger tief sitzend gewünscht. Dann überkam ihn ein sinnliches Gelüste, sie in die Waden zu kneifen, und er mußte beiseite treten, um sich nicht dazu hinreißen zu lassen. »Haben Sie genug gesehen?« fragte sie, noch immer ernst und selbstbewußt. Warten Sie, hier ist etwas Neues!« Und plötzlich war sie nicht mehr Diana. Sie ließ den Bogen sinken und wurde zur Venus. Die Hände am Hinterkopfe gefaltet, den Busen ihm halb zugewandt, die Brüste hebend, lächelte sie mit halbgeöffneten Lippen, wobei ihre Blicke in die Ferne schweiften; das Gesicht war wie von Sonnenglanz übergossen. Sie schien kleiner geworden, ihre Gliedmaßen dicker, ganz von einem Schauer des Verlangens vergoldet, dessen warmen Glanz er über ihre Samthaut gleiten zu sehen glaubte. Sie saß zusammengekauert, bot sich ihm dar, machte sich begehrenswert in der Haltung einer demütigen Geliebten, die in einer einzigen Umarmung sich völlig hinzugeben bereit ist. Die Herren Brambilla, Staderino und Viscardi klatschten gemessen Beifall, ohne ihre finstere Haltung von Verschworenen aufzugeben: »Bravo! Bravo! Bravo!« Herr La Rouquette brach in Begeisterung aus, während der Ritter Rusconi, der herangetreten war, ihr die Zigarette zu bringen, ganz in ihren Anblick versunken dastand, den Kopf leicht wiegend, als ob er zu seiner Bewunderung den Takt schlage. Rougon sagte nichts. Er drückte nur die Hände so fest zusammen, daß die Finger knackten. Ein leichter Schauer rieselte ihm vom Hinterkopf bis zur Sohle herab. Jetzt dachte er nicht mehr ans Fortgehen, sondern ließ sich häuslich nieder. Aber sie hatte sich schon wieder aufgerafft, lachte laut, rauchte und stieß die blauen Wölkchen mit einem kavaliermäßigen Lippenkräuseln aus. Sie erzählte, daß sie für ihr Leben gern Schauspielerin geworden wäre; sie habe alles darstellen können: Zorn, Zärtlichkeit, Schamhaftigkeit, Schrecken. Mit einer Stellung, mit einem Mienenspiel vermöge sie Persönlichkeiten nachzuahmen. Dann fragte sie plötzlich: »Herr Rougon, soll ich Ihnen nachahmen, wie Sie in der Kammer reden?« Sie blies die Backen auf, räusperte sich, pustete und streckte die Fäuste vor mit so drolligen und naturgetreuen Gebärden, daß alle vor Lachen bersten wollten. Rougon lachte, daß ihm die Tränen in die Augen traten; er fand sie anbetungswürdig, sehr geistreich und sehr gefährlich. »Clorinda, Clorinda!« flüsterte Luigi, auf seiner Staffelei trommelnd. Sie war so unruhig, daß er nicht weiterarbeiten konnte. Er hatte den Malstab beiseite gesetzt, um mit dem Ernste eines fleißigen Schülers zarte Farben auf die Leinwand aufzutragen. Während die anderen lachten, blieb er ernst, erhob seine Flammenaugen zu dem Mädchen und schleuderte schreckliche Blicke auf die Männer, mit denen sie scherzte. Sein war der Gedanke, sie als jagende Diana zu malen in dem Kostüm, von dem ganz Paris seit dem letzten Gesandtschaftsballe sprach. Er nannte sich ihren Vetter, weil beide in derselben Straße zu Florenz geboren waren. »Clorinda!« wiederholte er endlich zornig. »Luigi hat recht«, sagte sie. »Sie sind nicht vernünftig, meine Herren. Sie machen einen Lärm!... Fleißig, fleißig sein!« Und sie nahm ihre Stellung als Göttin wieder auf, wurde zu schönem Marmor. Die Herren blieben unbeweglich, wie angenagelt an ihren Plätzen. Nur Herr La Rouquette wagte auf der Lehne seines Stuhles einen leisen Wirbel zu trommeln. Rougon hatte sich umgewandt und sah Clorinde an, nachdenklich, wie in einem Traume befangen, in dem das junge Mädchen über die Maßen emporwuchs. Das Weib war doch ein wunderliches Ding. Niemals hatte er daran gedacht, es zu studieren. Er begann außerordentliche Verwickelungen zu ahnen. Einen Augenblick hatte er ein ganz bestimmtes Empfinden von der Macht dieser nackten Schultern, die imstande sein würden, eine Welt zu erschüttern. Clorinde wuchs vor seinen getrübten Bücken immer mehr an, so daß sie mit ihrem Leibe einer Riesenstatue ihm den Blick auf das Fenster ganz versperrte. Aber er zwinkerte mit den Augen und sah sie viel kleiner als er selbst auf dem Tische wieder. Da lächelte er; er hätte, wenn er es wollte, sie prügeln können wie ein Kind und war jetzt verwundert, daß er sie einen Augenblick habe fürchten können. Inzwischen wurden am andern Ende des Gemaches leise Stimmen vernehmlich. Rougon horchte gewohnheitsmäßig auf, aber er verstand nichts von dem hastigen Geflüster der Italiener. Rusconi, der sich hinter den Möbeln herumgeschlichen, stützte sich mit einer Hand auf die Lehne des Sessels der Gräfin und schien, achtungsvoll über sie gebeugt, ihr irgend etwas eingehend zu berichten. Sie begnügte sich, beistimmend zu nicken; einmal jedoch schüttelte sie nachdrücklich den Kopf, worauf der Ritter sich noch weiter vorbeugte und sie mit seiner singenden, zwitschernden Stimme beruhigte. Endlich fing Rougon, dank seiner Kenntnis des Provenzalischen, einige Worte auf, die ihn nachdenklich machten. »Mama!« rief da Clorinde, »hast du dem Cavaliere die Depesche gezeigt, die gestern angekommen ist?« »Eine Depesche!« wiederholte der Cavaliere laut. Die Gräfin zog aus der Tasche ein Päckchen Briefe hervor, worin sie lange herumsuchte. Endlich reichte sie ihm einen blauen, sehr zerknitterten Zettel hin. Kaum hatte er ihn durchflogen, so rief er erstaunt, zornig, seine Umgebung ganz vergessend, in französischer Sprache: »Wie! Sie wußten das schon gestern? Ich selbst habe es ja erst heute früh erfahren!« Clorinde brach in ein lautes Gelächter aus, was ihn vollends außer sich brachte. »Und die Frau Gräfin läßt sich die Geschichte von mir lang und breit erzählen, als wisse sie kein Sterbenswörtchen davon! Nun, jetzt weiß ich, daß die eigentliche Gesandtschaft hier ist; ich werde künftig täglich kommen, um Ihre Briefe zu lesen.« Die Gräfin suchte noch lächelnd in dem Päckchen und reichte ihm dann ein zweites Blatt zum Lesen. Diesmal schien er sehr befriedigt, und die Unterhaltung begann wieder in gedämpftem Tone. Er hatte sein achtungsvolles Lächeln wiedergefunden und küßte der Gräfin die Hand, als er sie verließ. »So, die ernsten Angelegenheiten sind erledigt!« sagte er und ließ sich wieder vor dem Klaviere nieder. Er hämmerte einen damals gerade sehr beliebten Gassenhauer herunter. Plötzlich sah er nach der Uhr und eilte nach seinem Hute, so daß Clorinde fragte: »Sie wollen fort?« Dann winkte sie ihn heran, lehnte sich auf seine Schulter und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Er schüttelte den Kopf, lachte und flüsterte zurück: »Zu toll, zu toll! Ich werde es berichten.« Er grüßte und ging. Luigi mahnte durch Klopfen Clorinde, ihre Stellung wieder einzunehmen. Der ununterbrochene Wagenzug mußte die Gräfin endlich ermüdet haben, denn sobald sie den Landauer des Gesandten in der Menge der andern Wagen aus den Augen verloren hatte, zog sie eine Klingel, die sich hinter ihr befand. Der lange Bediente mit dem Räubergesicht kam und ließ die Türe offen; die Gräfin stützte sich auf seinen Arm und schritt langsam durch das Zimmer an den Herren vorüber, die sich tief verbeugten. Sie nickte lächelnd und wandte sich von der Schwelle aus an Clorinde mit den Worten: »Ich habe meine Kopfschmerzen und werde mich ein wenig niederlegen.« »Flaminio!« rief die Tochter dem Bedienten nach, »legen Sie ihr einen Wärmstem an die Füße!« Die drei politischen Flüchtlinge setzten sich nicht wieder. Ein Weilchen blieben sie noch in einer Reihe stehen und kauten an ihren Zigarren, die sie dann mit derselben vornehmen und sicheren Bewegung hinter den Tonhaufen warfen. Dann zogen sie vor Clorinde vorbei und hinaus. »Mein Gott!« sagte Herr La Rouquette, der sich eben mit Rougon in ein ernstes Gespräch eingelassen hatte, »ich weiß wohl, daß die Zuckerfrage von großer Bedeutung ist. Es handelt sich um einen wichtigen Zweig der französischen Industrie. Das Unglück ist, daß in der Kammer niemand sich gründlich mit dem Gegenstande beschäftigt zu haben scheint.« Rougon antwortete nur mit einem gelangweilten Kopfschütteln. Der junge Abgeordnete kam ihm noch näher, und sein rundliches Puppengesicht wurde plötzlich ernst. »Ich habe einen Oheim,« erzählte er, »der eine der größten Zuckerfabriken Marseilles besitzt... Ich habe drei Monate bei ihm zugebracht und sehr wertvolle Aufzeichnungen gemacht. Ich habe auch mit den Arbeitern gesprochen, um mich zu unterrichten, kurz, Sie begreifen, ich wollte in der Kammer reden.« Mit großer Wichtigtuerei gab er sich alle Mühe, Rougon über die Sachen zu unterhalten, die nach seiner Ansicht ihn einzig interessieren konnten; und er wünschte dabei nichts mehr, als sich ihm im Lichte eines tüchtigen Politikers zu zeigen. »Sie haben noch nicht geredet?« unterbrach ihn Clorinde, die durch seine Anwesenheit gelangweilt schien. »Nein, ich habe noch nicht gesprochen, ich hielt es für besser zu schweigen«, versetzte er langsam... »Im letzten Augenblicke überkam mich die Besorgnis, meine Ziffern könnten ungenau sein.« Rougon blickte ihn scharf an und fragte: »Wissen Sie, wieviel Stücke Zucker täglich im Englischen Café verbraucht werden?« Herr La Rouquette war einen Augenblick sprachlos und glotzte ihn an. Dann brach er in ein lautes Gelächter aus und rief: »Ach, sehr gut, sehr gut! Ich verstehe, Sie scherzen... Ihre Frage ist die Frage nach dem Zucker; ich aber sprach von der Zuckerfrage. Sehr gut! Erlauben Sie mir, den Witz weiterzuerzählen, ja?« Er hüpfte vor Vergnügen in seinem Sessel, nahm sein rosiges, gemächliches Aussehen wieder an und suchte nach schlüpfrigen Scherzen. Aber Clorinde fragte ihn nach seinen Eroberungen. Sie hatte ihn abends zuvor im Varietétheater mit einer kleinen sehr häßlichen Blonden gesehen, die zerzaust aussah wie ein Pudel. Anfangs leugnete er, dann verteidigte er, verdrossen über ihre unfeine Bemerkung über den »kleinen Pudel«, jene Frau als sehr ehrenwert und sprach von ihrem Haar, ihrem Wuchs, ihrem Bein. Clorinde wurde schrecklich, so daß er endlich ausrief: »Sie erwartet mich, ich gehe hin!« Kaum hatte er die Tür hinter sich geschlossen, als das junge Mädchen in die Hände klatschend ausrief: »Den sind wir los! Glückliche Reise!« Damit sprang sie lebhaft vom Tische, lief auf Rougon zu und reichte ihm beide Hände. Sie war äußerst liebenswürdig zu ihm und schien sehr verdrossen darüber, daß er sie nicht allein getroffen. Wie viele Mühe hatte sie gehabt, sich alle diese Leute vom Halse zu schaffen! Sie hatten wahrhaftig ein sehr dickes Fell! Dieser La Rouquette mit seinem Zucker war so lächerlich! Aber jetzt würde man sie vielleicht nicht mehr stören, und sie könnten gemächlich miteinander plaudern. Sie hatte ihm so viel mitzuteilen! Während sie so schwatzte, geleitete sie ihn zu einem Sofa. Er hatte sich gesetzt, ohne ihre Hände loszulassen, als Luigi wieder klopfte und erzürnt rief: »Clorinda! Clorinda!« »Ach ja, das Bild!« sagte sie lachend. Sie entschlüpfte Rougon und ging zum Maler, an den sie sich mit liebkosender Geschmeidigkeit lehnte. Oh, wie hübsch war es, was er gemalt hatte! Es würde ihm sehr gut gelingen. Aber sie fühlte sich in der Tat ermüdet und bat um eine Viertelstunde Erholung. Inzwischen könne er das Kostüm malen, wozu sie nicht stehen müsse. Luigi schleuderte aus seinen Augen Blitze nach Rougon und fuhr fort, verdrossene Worte vor sich hinzubrummen. Da begann sie, sehr schnell italienisch mit ihm zu sprechen mit gerunzelten Brauen und dennoch lächelnd, worauf er schwieg und mit dünnen Strichen weitermalte. »Ich habe nicht gelogen, mein linkes Bein ist ganz steif«, wandte sie sich an Rougon und setzte sich neben ihn. Sie klopfte auf das linke Bein, um den Blutumlauf zu befördern, wie sie sagte. Durch die Gaze sah man die rosigen Knie; sie hatte vergessen, daß sie nackt war. Sie lehnte sich nachdenklich an ihn und rieb sich an dem groben Zeuge seines Überziehers die zarte Haut der Schulter rot. Doch der Druck eines Knopf es an ihre Brust ließ sie plötzlich erschauern. Sie sah hin, wurde sehr rot und nahm eilends einen schwarzen Spitzenschleier, in den sie sich einhüllte. »Ich friere ein wenig«, sagte sie zu Rougon, indem sie einen Stuhl vor ihn rollte und sich darin niederließ. Sie ließ unter den Spitzen nur noch ihre Handknöchel sehen; den Schleier hatte sie nach Art einer riesigen Krawatte so um den Hals geschlungen, daß sie das Kinn darin vergraben konnte. Von diesem Schwarz, das sie ganz umhüllte, hob sich ihr jetzt wieder blasses und ernstes Gesicht seltsam ab. »Was ist Ihnen widerfahren?« fragte sie. »Erzählen Sie mir alles!« Sie fragte ihn mit einer Art töchterlicher Neugier über seine Entlassung aus. Sie ließ sich die Umstände, die sie als Fremde nicht zu verstehen vorgab, dreimal wiederholen. Sie unterbrach ihn durch italienische Ausrufe, während er in ihren schwarzen Augen deutlich die Bewegung lesen konnte, die sein Bericht in ihr hervorrief. Warum hatte er sich mit dem Kaiser überworfen? Wie hatte er eine so hohe Stellung aufgeben können? Welche Feinde hatte er denn, daß er sich so aus dem Felde schlagen ließ? Wenn er zögerte, wenn sie ihn zu einem Geständnis drängte, das er nicht machen wollte, sah sie ihn mit einer so liebevollen Unschuld an, daß er sich gehen ließ und ihr alles haarklein erzählte. Bald wußte sie ohne Zweifel alles, was sie hatte erfahren wollen, und richtete dann noch einige seltsame Fragen an ihn, die ihn überraschten, weil sie mit der Sache in gar keinem Zusammenhange standen. Endlich schwieg sie und schien mit gefalteten Händen und geschlossenen Augen tief nachzudenken. »Nun?« fragte er lächelnd. »Nichts!« murmelte sie, »es hat mich angegriffen...« Er war gerührt, suchte ihre Hände wieder zu fassen; aber sie verbarg sie unter den Spitzen, und das Schweigen dauerte fort. Nach zwei langen Minuten öffnete sie endlich wieder die Augen und fragte: »Wissen Sie schon, was Sie jetzt anfangen werden?« Er sah sie scharf an, und ein Verdacht keimte in ihm auf. Aber sie sah gerade jetzt, schmachtend in den Sessel hingegossen, als ob der Kummer ihres »guten Freundes« sie ganz gebrochen habe, so entzückend aus, daß er den leichten Schauer, den er im Nacken fühlte, nicht beachtete. Sie sagte ihm viele Schmeicheleien: er werde gewiß nicht lange abseits stehen, sondern eines Tages wieder der Herr werden. Sie war überzeugt, daß er große Pläne hege und auf seinen Stern vertraue; sie las es auf seiner Stirn. Warum mache er sie nicht zu seiner Vertrauten? Sie sei so verschwiegen und werde so glücklich sein, an seiner Zukunft Anteil zu haben! Trunken und bemüht, die kleinen Hände zu erhaschen, die sich immer wieder in den Spitzen verbargen, redete Rougon immer weiter, bis er ihr alles mitgeteilt hatte, was er wußte und was er hoffte. Sie trieb ihn nicht vorwärts weder mit Blicken noch mit Gebärden, sondern ließ seiner Rede freien Lauf aus Furcht, ihn aufzuhalten. Sie zerlegte und prüfte ihn Glied um Glied, untersuchte seinen Schädel, wog seine Schultern, maß seine Brust ab. Das war entschieden ein starker Mann, der sie trotz, ihrer Kraft mit einer Handbewegung auf den Rücken werfen und unbekümmert um alles sie so hoch emportragen könne, als sie nur wolle. »Welch guter Freund!« rief sie plötzlich. »Ich habe nie daran gezweifelt!« Sie hatte sich erhoben, breitete die Arme aus und ließ die Spitzen niedergleiten. Jetzt erschien sie nackter als zuvor, streckte den Busen vor und ließ ihre Schultern gleich einer verliebten Katze mit einer so anmutigen Bewegung aus der Gaze schlüpfen, daß sie aus ihrem Mieder zu springen schien. Es war ein schnell vorübergehender Anblick, gleichsam eine Belohnung und ein Versprechen für Rougon. Waren nicht die Spitzen von selbst hinabgeglitten? Sie nahm sie schon wieder auf und knüpfte sie fester, wobei sie flüsterte: »St! Luigi grollt.« Dabei lief sie zum Maler, beugte sich wieder zu seinem Nacken und redete ihm eifrig zu. Als Rougon ihre warme, belebende Nähe nicht mehr empfand, rieb er sich heftig die Hände, ernüchtert, fast unwillig. Sie hatte eine ganz außerordentliche Reizung an der Oberfläche seiner Haut hervorgerufen, und er schimpfte aus Leibeskräften auf sie. Mit zwanzig Jahren wäre er nicht so albern gewesen wie jetzt. Sie nahm ihn wie ein Kind in die Beichte, während er sich seit acht Wochen bemühte, sie zum Sprechen zu bringen, ohne ihr etwas anderes als ein helles Lachen zu entlocken. Sie hatte ihm nur einen Augenblick ihre Händchen zu entziehen brauchen, und er hatte, um sie wieder zu erlangen, sich soweit vergessen, daß er ihr alles sagte! Nachdem sie ihn erobert, überlegte sie ohne Zweifel, ob es noch die Mühe lohne, ihn zu verführen. Rougon lächelte, wie ein Riese lächeln würde. Er konnte sie zerschmettern, wenn er wollte. Hatte sie ihn nicht herausgefordert? Er kam auf unredliche Gedanken, auf einen Verführungsplan; er wollte ihr Herr sein und sie dann im Stiche lassen. Wahrlich, er konnte vor diesem Mädchen, das ihm so die Schultern zeigte, nicht den Dummkopf spielen. Und doch war er nicht ganz sicher, ob sich die Spitzen nicht von selbst gelöst hätten. »Finden Sie, daß ich graue Augen habe?« fragte Clorinde zurückkehrend. Er erhob sich und sah sie in der Nähe an, was die Ruhe und Klarheit ihrer Augen nicht zu trüben vermochte. Doch als er die Hände vorstreckte, gab sie ihm einen Klaps. Er habe nicht nötig, sie zu berühren. Sie war jetzt sehr kalt. Sie hüllte sich in ihre Spitzen mit einer Schamhaftigkeit, die sich durch das kleinste Loch verletzt fühlte. Er hatte gut scherzen, sticheln, sich stellen, als wolle er Gewalt anwenden; sie hüllte sich immer mehr in die Spitzen ein und stieß leise Rufe aus, wenn er die Spitzen streifte. Auch wollte sie sich nicht mehr setzen und sagte: »Ich möchte lieber ein wenig gehen, das macht mir die Beine wieder gelenkig.« Er folgte ihr also, und sie schritten nebeneinander auf und ab. Er suchte sie jetzt seinerseits in die Beichte zu nehmen, aber gewöhnlich beantwortete sie seine Fragen gar nicht. Ihre Unterhaltung bewegte sich in Sprüngen, dazwischen Ausrufe und Geschichten, die kein Ende nahmen. Als er sie vorsichtig über eine vierzehntägige Reise befragte, die sie im vorigen Monate mit ihrer Mutter unternommen hatte, tischte sie ihm eine endlose Reihe von Reiseerlebnissen auf. Sie war überall gewesen, hatte alles gesehen, England, Spanien, Deutschland. Dann folgte ein Hagel kindischer Bemerkungen über das Essen, die Moden und über das Wetter. Zuweilen begann sie eine Erzählung, worin sie selbst mit bekannten Persönlichkeiten eine Rolle spielte; Rougon spitzte die Ohren in dem Glauben, ihr werde endlich eine vertrauliche Mitteilung entschlüpfen; aber entweder schloß sie die Geschichte mit Kindereien oder gar nicht, indem Clorinde zu etwas anderem überging. So erfuhr er an diesem Tage wieder nichts; sie lachte wie gewöhnlich, um ihr wahres Gesicht zu verbergen, und blieb undurchdringlich inmitten ihres Geschwätzes. Rougon, durch diese verblüffenden Aufklärungen, die einander widerlegten, betäubt, wußte schließlich nicht mehr, ob er ein zwölfjähriges Kind, unschuldig bis zur Dummheit, vor sich habe oder ein sehr schlaues Weib, das die Verstellung bis zur Kindlichkeit treibt. Clorinde unterbrach die Erzählung eines Abenteuers, das ihr in einer kleinen spanischen Stadt zugestoßen war; es handelte sich um die Höflichkeit eines Reisenden, dessen Bett sie hatte annehmen müssen, während er sich mit einem Stuhle begnügte. »Sie sollen nicht in die Tuilerien zurückkehren«, sagte sie dann ohne jeden Übergang. »Man soll dort Bedauern nach Ihnen fühlen.« »Vielen Dank, Fräulein Macchiavell«, versetzte er lachend. Sie lachte noch mehr, gab ihm aber nichtsdestoweniger Ratschläge. Wenn er noch versuchte, sie zum Scherz in den Arm zu kneifen, wurde sie unwillig und rief, man könne keine zwei Minuten ernst miteinander reden. Ach, wenn sie ein Mann wäre! Wie würde sie vorwärts kommen! Die Männer haben alle so wenig Witz! »Bitte, erzählen Sie mir die Geschichte Ihrer Freunde«, nahm sie wieder das Wort und setzte sich auf den Tischrand, während Rougon vor ihr stehen blieb. Luigi, der sie nicht aus den Augen ließ, schloß heftig seinen Malkasten und sagte: »Ich gehe fort.« Aber Clorinde lief auf ihn zu, führte ihn zurück und versicherte, sie werde gleich wieder ihre Stellung einnehmen. Sie schien sich davor zu fürchten, mit Rougon allein zu bleiben. Als Luigi nachgab, suchte sie Zeit zu gewinnen und bat: »Sie werden mir wenigstens erlauben, etwas zu essen! Ich habe einen Hunger... Nur zwei Bissen!« Sie rief zur Tür hinaus: »Antonia! Antonia!« Dann gab sie italienisch einen Befehl. Kaum hatte sie sich wieder am Tischrande niedergelassen, als Antonia eintrat, in jeder Hand ein Butterbrötchen. Sie reichte die Brötchen ihrer Herrin wie auf einer Platte mit dem Lachen eines gekitzelten Tieres, wobei ihr roter Mund in dem schwarzen Gesicht sich spaltete. Darauf ging sie und wischte die Hände am Rocke ab; Clorinde rief sie jedoch zurück und bestellte ein Glas Wasser. »Wollen wir teilen?« fragte sie Rougon. »Die Butter ist sehr gut. Zuweilen streue ich Zucker darauf, aber man muß nicht immer so naschhaft sein.« Das war sie wirklich nicht, denn Rougon hatte sie eines Morgens dabei getroffen, wie sie ein Stück kalten Eierkuchen vom Vorabend zum Frühstück verzehrte. Er hatte sie im Verdachte des Geizes, der bekanntlich ein Laster der Italiener ist. »Drei Minuten, nicht wahr, Luigi?« rief sie, in das erste Brötchen beißend. Dann kehrte sie sich wieder zu Rougon, der noch immer vor ihr stand, und fragte: »Was ist zum Beispiel die Geschichte des Herrn Kahn? Wie ist er Abgeordneter geworden?« Rougon unterzog sich auch diesem neuen Verhör in der Hoffnung, irgendeine vertrauliche Mitteilung von ihr zu erzwingen. Er wußte, daß sie sich sehr neugierig nach dem Leben eines jeden erkundigte, bei allen Mitteilungen die Ohren spitzte, unaufhörlich auf der Lauer lag nach den verwickelten Ränken, die sie umgaben. Die großen Vermögen interessierten sie besonders. »Oh!« antwortete er auf ihre Frage, »Kahn ist der geborene Abgeordnete. Ihm müssen die Zähne auf den Kammerbänken gekommen sein. Unter Ludwig Philipp saß er schon im rechten Zentrum und stützte die verfassungsmäßige Monarchie mit jugendlichem Feuer. Nach 48 ging er mit demselben Feuer zum linken Zentrum über; er hatte ein republikanisches Glaubensbekenntnis in erhabenem Stile geschrieben. Heute ist er zum rechten Zentrum zurückgekehrt und verteidigt leidenschaftlich das Kaisertum. Seiner Herkunft nach ist er der Sohn eines jüdischen Bankiers aus Bordeaux und leitet jetzt die Hochöfen bei Bressuire, beschäftigt sich vorzugsweise mit industriellen und Finanzfragen und lebt ziemlich bescheiden in Erwartung des großen Vermögens, das ihm eines Tages zu erwerben glücken wird. Am letzten Kaisers-Geburtstage ist er zum Offizier der Ehrenlegion ernannt worden.« Rougon saß, in Sinnen verloren, ein Weilchen still, dann fuhr er fort: »Ich denke, ich habe nichts vergessen... Nein, er hat keine Kinder.« »Wie, er ist verheiratet?« rief Clorinde mit einer Stimme, als frage sie jetzt nach Herrn Kahn nicht das geringste mehr. Er sei ein Duckmäuser, niemals habe er seine Frau der Welt gezeigt. Rougon erklärte darauf, daß Frau Kahn in Paris sehr zurückgezogen lebe. Er fuhr dann fort, ohne weitere Fragen abzuwarten: »Wünschen Sie jetzt die Lebensgeschichte des Herrn Béjuin?« »Nein, nein«, erwiderte sie. Er fuhr trotzdem fort: »Béjuin hat die polytechnische Schule besucht und Flugschriften verfaßt, die niemand kennt. Er leitet die Glasfabrik zu Saint-Florent, drei Meilen von Bourges... der Präfekt des Departements Cher hat ihn entdeckt...« »Schweigen Sie doch!« rief sie aus. »Ein würdiger Mann, stimmt pünktlich, redet niemals, wartet, daß man an ihn denke und sieht einen immer an, damit man seiner nicht vergesse... Ich habe ihn zum Ritter ernennen lassen.« Sie mußte ihm die Hand auf den Mund legen und rief erzürnt: »Der ist auch verheiratet und gar nicht drollig! ... Ich habe seine Frau bei Ihnen gesehen – ein Klotz! Sie hat mich eingeladen, ihre Glasfabrik bei Bourges zu besuchen.« Dabei steckte sie den letzten Bissen des ersten Brötchens in den Mund und trank dann einen tüchtigen Schluck Wasser. Ihre Beine hingen vom Tische herab; sich ein wenig zurücklehnend, schwenkte sie diese in regelmäßigen Bewegungen hin und her, die Rougon mit den Augen verfolgte. Er sah durch die Gaze, wie die Waden bei jeder Krümmung des Beines anschwollen. »Und Herr Du Poizat?« fragte sie nach einer Weile. »Du Poizat ist Unterpräfekt gewesen«, versetzte er einfach. Sie sah ihn an, erstaunt über diese kurze Geschichte, und bemerkte: »Das weiß ich. Aber was weiter?« »Später wird er Präfekt werden und einen Orden bekommen.« Sie begriff, daß er ihr hierüber nicht mehr verraten wolle. Übrigens hatte sie den Namen Du Poizat ohne besondere Absicht hingeworfen. Nunmehr zählte sie die Herren an den Fingern her und murmelte: »Herr d'Escorailles: nicht ernst zu nehmen, er ist in alle Weiber verliebt; Herr La Rouquette: unnütz, ich kenne ihn zu genau... Herr de Combelot, ebenfalls verheiratet.« Da sie niemanden mehr fand und am Ringfinger innehielt, bemerkte Rougon, sie scharf ansehend: »Sie vergessen Delestang.« »Sie haben recht!« rief sie. »Erzählen Sie mir doch von ihm!« »Er ist ein hübscher Mann«, erwiderte er, ohne die Blicke von ihr zu wenden, »und sehr reich. Ich habe ihm stets; eine glänzende Zukunft vorausgesagt.« In diesem Tone fuhr er fort, seine Lobsprüche übertreibend, die Zahlen verdoppelnd. Die Musterfarm zu La Chamade war ihre zwei Millionen wert. Delestang werde es gewiß bis zum Minister bringen. Sie aber hörte ihm mit geringschätzig gekräuselten Lippen zu und murmelte schließlich: »Er ist sehr dumm!« »Ja freilich!« entgegnete Rougon mit feinem Lächeln- Er schien entzückt von diesem Worte, das sie sich hatte entschlüpfen lassen. Dann sprang sie, wie es ihre Art war, zu etwas anderem über und fragte, ihn nun auch ihrerseits scharf ansehend: »Sie müssen Herrn de Marsy sehr genau kennen?« »Gewiß, wir kennen uns«, antwortete er, ohne zu zucken, wie wenn diese Frage ihn noch mehr ergötze. Aber er wurde gleich wieder ernst, würdig und sehr gerecht, indem er erklärte: »Es ist ein außerordentlich kluger Mann. Ich rechne es mir zur Ehre an, ihn zum Feinde zu haben... Er hat sich in allem versucht. Mit achtundzwanzig Jahren war er Oberst; dann stand er an der Spitze einer großen Fabrik und beschäftigte sich nacheinander mit Landwirtschaft, Finanzen und Handel. Er soll sogar malen und Romane schreiben.« Clorinde vergaß zu essen und blickte träumerisch drein. Dann sagte sie halblaut: »Ich habe ihn neulich eines Abends gesprochen. Er ist ein ausgezeichneter Mann, der Sohn einer Königin.« »Mir«, versetzte Rougon, »macht sein Geist ihn unausstehlich. Ich habe ihn bei einer sehr ernsten Gelegenheit Witze reißen hören und habe einen andern Begriff von männlicher Kraft. Schließlich ist es ihm geglückt, er herrscht heute wie der Kaiser. Alle diese Bastarde haben Glück! ... Sein Vorzug ist nur seine Hand, eine eiserne, kühne, entschlossene, zugleich sehr feine und geschmeidige Hand.« Unwillkürlich hatte das junge Mädchen den Blick auf die groben Fäuste Rougons gesenkt. Er bemerkte es und fuhr lächelnd fort: »Ich habe rechte Tatzen, nicht wahr? Deshalb habe ich mich nie mit Marsy verständigen können. Er säbelt die Leute ritterlich nieder, ohne seine weißen Handschuhe zu beflecken. Ich schlage mit der Faust drein.« Er hatte die Fäuste geballt, dicke, außen behaarte Fäuste, und schwenkte sie, erfreut über ihre Wuchtigkeit. Clorinde ergriff gedankenvoll das zweite Butterbrötchen und biß hinein. Endlich hob sie den Blick zu Rougon empor und fragte: »Nun, und Sie?« »Meine Geschichte wollen Sie auch hören? Nichts ist leichter zu erzählen. Mein Großvater war Gemüsegärtner. Ich trat bis zum achtunddreißigsten Jahre als kleiner Advokat das Pflaster eines Provinzstädtchens. Gestern war ich noch unbekannt. Ich habe nicht, gleich Herrn Kahn, meine Schultern damit abgenützt, alle Regierungen zu stützen. Ich habe nicht wie Béjuin die polytechnische Schule besucht. Ich habe weder den schönen Namen des kleinen d'Escorailles, noch das schöne Gesicht des armen Combelot. Ich habe keine solche einflußreiche Familie wie La Rouquette, der seinen Abgeordnetensitz seiner Schwester, der Witwe des Generals Llorentz, jetzigen Palastdame, verdankt. Ich habe nicht wie Delestang von meinem Vater fünf Millionen geerbt, die im Weinhandel erworben wurden. Ich bin nicht an den Stufen eines Thrones geboren wie der Graf de Marsy und nicht aufgewachsen, an den Röcken einer gelehrten Frau hangend und von Talleyrand geliebkost. Nein, ich bin ein neuer Mann, ich habe nur meine Fäuste...« Er schlug die Fäuste zusammen und lachte laut, um der Sache eine scherzhafte Wendung zu geben. Er hatte sich wieder aufgerichtet und schien Steine zwischen seinen Fingern zu zermalmen. Clorinde bewunderte ihn. Er fuhr fort, wie mit sich selbst redend: »Ich war nichts und werde jetzt sein, was mir beliebt. Ich bin eine Kraft. Und die anderen erregen bei mir nur ein Achselzucken, wenn sie ihre Anhänglichkeit an das Kaisertum beteuern. Lieben sie es etwa? Empfinden sie etwas dafür? Würden sie sich nicht allen Regierungen anbequemen? Ich bin mit dem Kaisertum gewachsen; ich habe es gemacht, und es hat mich gemacht... Nach dem 10. Dezember bin ich zum Ritter, im Januar 52 zum Offizier, am 15. August 54 zum Kommandeur, vor einem Vierteljahr zum Großoffizier der Ehrenlegion ernannt worden. Unter der Präsidentschaft war ich kurze Zeit Minister der öffentlichen Arbeiten; dann hat mich der Kaiser mit einer Sendung nach England betraut; hernach bin ich in den Staatsrat und in den Senat eingetreten.« »Und wo werden Sie morgen eintreten?« fragte Clorinde mit einem Lachen, worunter sie ihre brennende Neugier zu verbergen suchte. Er sah sie an, unterbrach sich plötzlich und sagte: »Sie sind sehr neugierig, Fräulein Macchiavell!« Sie schaukelte ihre Beine noch lebhafter. Als Rougon sie so in Gedanken versunken sah, glaubte er den Augenblick gekommen, sie ins Verhör zu nehmen, und begann: »Die Weiber ...« Aber sie unterbrach ihn und sagte halblaut, den Blick ins Weite gerichtet und wie über ihre Gedanken lächelnd: »Oh, die Weiber, die haben etwas anderes!« Das war ihr einziges Geständnis. Sie verzehrte ihr Brötchen vollends, leerte das Glas Wasser auf einen Zug und schwang sich mit einem Satz, der ihre Gewandtheit als Reiterin bezeugte, auf den Tisch, wo sie stehen blieb. Dann rief sie: »Nun, Luigi!« Der Maler hatte sich, vor Ungeduld an seinem Schnurrbart nagend, erhoben und trippelte um sie und Rougon herum. Dann setzte er sich mit einem Seufzer und nahm die Palette wieder zur Hand. Die drei Minuten Frist, die Clorinde erbeten hatte, waren zu einer Viertelstunde geworden. Inzwischen nahm sie ihre Stellung wieder ein, noch immer in die schwarzen Spitzen gehüllt. Als sie wieder dastand wie zuvor, ließ sie die Hülle mit einer einzigen Bewegung fallen. Sie wurde wieder zum Marmor, der nichts, von Schamhaftigkeit weiß. In den Elyseischen Feldern nahm der Wagenverkehr allmählich ab. Die untergehende Sonne vergoldete den Staub, den die Räder aufwirbelten, daß die Bäume von einer Wolke roten Lichtes umhüllt schienen. Im sinkenden Lichte, das durch die hohen Fenster hereinfiel, erglänzten Clorindes Schultern in goldigem Schimmer. Allmählich ward der Himmel blaß und blässer. »Ist die Heirat des Herrn von Marsy mit dieser walachischen Prinzessin noch immer beschlossene Sache?« fragte sie nach einem Weilchen. »Ich denke ja«, versetzte Rougon. »Sie ist sehr reich, und Marsy leidet stets an Geldmangel. Übrigens soll er in sie rasend verliebt sein.« Das Schweigen wurde nicht mehr unterbrochen. Rougon saß da, sich zu Hause wähnend, und ohne an den Abschied zu denken. Nachdenklich nahm er seine Wanderung wieder auf. Diese Clorinde war wirklich ein sehr verführerisches Mädchen. Er dachte an sie, als wenn er sie schon längst verlassen hätte, und mit gesenkten Blicken vertiefte er sich in unbestimmte, sehr süße Gedanken, deren inneren Kitzel er genoß. Er empfand eine wonnige Mattigkeit in den Gliedern, als ob er eben aus einem warmen Bade steige. Der eigentümliche Duft einer fast gezuckerten Herbheit durchdrang ihn. Gern hätte er sich auf eines der Sofas gelegt und wäre in diesem Dufte eingeschlummert. Plötzlich riß ihn eine Stimme aus seiner Träumerei. Ein hochgewachsener Greis, den er nicht hatte eintreten sehen, küßte die Hände Clorindes, die sich lächelnd zum Rande der Tafel vorbeugte. »Guten Tag, Herzchen«, sagte er. »Wie schön bist du! Du zeigst also alles, was du hast?« Er sagte es mit einem spöttischen Lächeln; während Clorinde verwirrt ihre Spitzenzipfel wieder zusammenraffte, fuhr er lebhaft fort: »Nicht doch, es ist sehr gut so; du kannst alles zeigen! Armes Kind, ich habe ganz andere Dinge gesehen.« Dann wandte er sich an Rougon, den er als »lieben Kollegen« ansprach. Er drückte ihm die Hand und sagte: »Das Mädel hat sich öfter als einmal auf meinen Knien vergessen, als es noch klein war. Und jetzt hat es eine Brust, die einem die Augen aussticht!« Es war ein Herr von Plouguern, jetzt siebzig Jahre alt. Unter Ludwig Philipp von Finistere in die Kammer entsandt, war er einer der legitimistischen Abgeordneten, welche die Pilgerfahrt nach Belgrave-Square unternahmen. Infolge der Brandmarkung, die ihn und seine Genossen seitens der Kammer traf, legte er sein Mandat nieder. Nach den Februartagen zeigte er plötzlich große Vorliebe für die Republik, die er von den Bänken der Konstituante aus lebhaft begrüßte. Nachdem ihm der Kaiser jetzt im Senat eine wohlverdiente Zuflucht gesichert hatte, war er Bonapartist; jedoch als freier Edelmann. Seine große Ergebenheit gestattete sich zuweilen den Hochgenuß, der Regierung ein wenig entgegenzutreten. Die Undankbarkeit ergötzte ihn. Ungläubig wie Thomas, verteidigte er die Religion und die Familie, was er seinem Namen, einem der erlauchtesten der Bretagne, schuldig zu sein glaubte. Hin und wieder fand er das Kaiserreich unsittlich und sagte es laut heraus. Sein Leben war eine Kette von anrüchigen Abenteuern und Ausschweifungen gewesen; in der Kunst, jeden Genuß zu verfeinern, hatte er es außerordentlich weit gebracht. Man erzählte aus seinem Alter Geschichtchen, welche die Jugend in träumerisches Entzücken versetzten. Auf einer Reise in Italien hatte er die Gräfin Balbi kennengelernt und war dreißig Jahre ihr Liebhaber gewesen; nach Jahren der Trennung vereinigten sie sich wieder auf drei Nächte in den Städten, wo sie gerade zusammentrafen. Nach einer Überlieferung war Clorinde seine Tochter, in Wirklichkeit wußte weder er noch die Gräfin etwas Genaues darüber. Jetzt jedoch, da das Mädchen erwachsen, dick und begehrenswert geworden war, behauptete er, ehemals mit ihrer Mutter viel Umgang gehabt zu haben. Er schwelgte mit seinen noch sehr lebhaften Augen in ihrem Anblick und nahm sich als alter Freund bei ihr die größten Vertraulichkeiten heraus. Groß, hager, knochig, hatte er einige Ähnlichkeit mit Voltaire, den er im stillen verehrte. »Pate, du siehst mein Bild nicht an?« rief Clorinde. So nannte sie ihn nämlich aus Freundschaft. Er hatte sich hinter Luigi gestellt und kniff mit Kennermiene die Augen ein, wobei er murmelte: »Köstlich!« Rougon trat herzu, und Clorinde selbst sprang vom Tische herab, um besser zu sehen. Alle drei waren entzückt, denn das Bild war sehr gut getroffen. Der Maler hatte schon die ganze Fläche mit mattem Rosa, Weiß und Gelb bedeckt, und dazwischen heraus lächelte das Gesicht mit seinen geschwellten Lippen, gewölbten Brauen und rosig zarten Wangen wie eine niedliche Puppe. Es war eine Diana, die man sich auf einem Pastillendöschen nicht zierlicher gedacht hätte. »Seht doch, da am Auge die kleine Linse!« sagte Clorinde, bewundernd in die Hände klatschend. »Dieser Luigi vergißt nichts!« Rougon, den Bilder gewöhnlich langweilten, war hingerissen. In diesem Augenblicke ging ihm das Verständnis für die Kunst auf, und er urteilte im Tone festester Überzeugung: »Das ist wundervoll gezeichnet!« »Und die Farbe ist vorzüglich!« fügte Herr von Plouguern hinzu... Diese Schultern sind lebendiges Fleisch... Der Busen sehr angenehm. Besonders die linke Brust ist von rosiger Frische... Und diese Arme! Die Kleine hat erstaunliche Arme! Diese Rundung oberhalb der Pulsader gefällt mir sehr, sie ist vollendet.« Dann wandte er sich zu dem Maler: »Herr Pozzo, zu dieser Leistung wünsche ich Ihnen von Herzen Glück. Ich habe schon ein »badendes Mädchen« von Ihnen gesehen; aber dies Bild wird noch weit besser ... Warum stellen Sie nicht aus? Ich habe einen Diplomaten gekannt, der vorzüglich geigte und dennoch seinen Weg gemacht hat.« Luigi verbeugte sich sehr geschmeichelt. Inzwischen hatte jedoch das Tageslicht stark abgenommen, und da er ein Ohr noch vollenden wollte, bat er Clorinde, ihre Stellung noch zehn Minuten einzunehmen. Herr von Plouguern und Rougon fuhren fort, über Kunst zu plaudern. Letzterer gestand, daß anderweitige Beschäftigungen ihn gehindert hätten, die Entwicklung der Kunst in den letzten Jahren zu verfolgen, aber er äußerte die lebhafteste Bewunderung dafür. Ja, er erklärte, die Farbe lasse ihn ziemlich kühl, eine schöne Zeichnung befriedige ihn vollkommen, eine Zeichnung, die fähig sei, den Geist zu großen Gedanken zu erheben. Herr von Plouguern seinerseits liebte nur die Alten; er hatte alle Museen Europas besucht und begriff nicht, wie man so kühn sein konnte, noch weiterzumalen. Vergangenen Monat jedoch habe er einen kleinen Salon durch einen Künstler ausschmücken lassen, den niemand kannte und der dennoch sehr begabt war. »Er hat mir kleine Liebesgötter gemalt, Blumen und Blätterwerk, ganz vorzüglich! Man möchte wirklich die Blumen pflücken. Dazwischen Insekten, Schmetterlinge, Fliegen, Maikäfer, daß man glaubt, sie leben. Kurz, es ist sehr lustig, und ich für mein Teil liebe die heitere Malerei...« »Die Kunst ist auch nicht da, um uns zu langweilen«, fügte Rougon hinzu. Während sie so nebeneinander auf und ab gingen, trat Herr von Plouguern unversehens auf etwas, das mit dem Geräusch einer Knallerbse platzte, und er rief: »Was ist denn das?« Er hob einen Rosenkranz auf, der von dem Sessel herabgeglitten war, auf den Clorinde sicherlich den Inhalt ihrer Taschen geleert hatte. Eine der Glasperlen neben dem Kreuz war zermalmt; an dem Kreuze selbst, das ganz klein und aus Silber war, hatte sich der eine Arm verbogen und abgeplattet. Der Greis schwenkte es in der Luft und fragte mit spöttischem Lächeln: »Höre, Schätzchen, was lassest du dieses Spielzeug hier herumliegen?« Clorinde aber war purpurrot geworden. Mit geschwellten Lippen und zornfunkelnden Augen bedeckte sie sich hastig die Schultern, sprang vom Tisch herab und stammelte: »Böser, böser Mann! Er hat meinen Rosenkranz zerbrochen!« Damit entriß sie ihn seinen Händen und weinte wie ein Kind. »Na, na«, sagte Herr von Plouguern noch immer lachend. »Seht die kleine Fromme! Neulich hätte sie mir beinahe die Augen ausgekratzt, weil ich in ihrem Schlafzimmer ein Buchsbaumzweiglein bemerkt hatte und sie fragte, was sie mit diesem kleinen Besen ausfege? ... Weine doch nicht, dickes Schaf! Ich habe dem lieben Herrgott nichts gebrochen!« »Doch, doch, Sie haben ihm weh getan!« rief sie. Sie duzte ihn nicht mehr. Mit zitternden Händen entfernte sie die Glassplitter und bemühte sich, immer heftiger schluchzend, das Kreuz wieder herzurichten, wischte es mit den Fingerspitzen ab, als habe sie Bluttropfen darauf gesehen, und murmelte: »Der Papst selbst hat es mir geschenkt, das erstemal, als ich ihn mit Mama besuchte. Er kennt mich sehr genau und nennt mich seinen ›schönen Apostel‹, weil ich ihm eines Tages gesagt habe, ich würde gern für ihn sterben. Der Rosenkranz brachte mir Glück. Jetzt wird er keine Kraft mehr haben; er wird den Teufel anlocken...« »Dann gib ihn mir, Schätzchen«, sagte Herr von Plouguern. »Du wirst dir die Nägel verderben, wenn du es wieder in Ordnung bringen willst... Silber ist hart, mein Schatz!« Er hatte den Rosenkranz wieder an sich genommen und suchte vorsichtig, um ihn nicht zu zerbrechen, den Arm des Kreuzes geradezubiegen. Clorinde weinte nicht mehr, sondern sah ihm sehr aufmerksam zu. Auch Rougon streckte lächelnd den Kopf vor; er war ein beklagenswerter Gottloser und lief schon zweimal Gefahr, wegen übel angebrachter Scherze sich mit Clorinde zu entzweien. »Alle Wetter!« sagte Herr von Plouguern halblaut. »Der liebe Gott ist hart, ich fürchte ihn zu zerbrechen... Du wirst einen andern Herrgott dafür bekommen, Kleine.« Er strengte sich nochmals an – und das Kreuz brach mitten entzwei. »Um so schlimmer! Diesmal ist es weg!« rief er. Rougon brach in ein Gelächter aus. Clorinde aber trat mit ganz schwarzen Augen und verzerrtem Gesicht zurück, sah ihnen starr ins Antlitz und ballte wütend die Fäuste gegen sie, als ob sie die beiden zur Tür hinauswerfen wolle. Dabei schimpfte sie italienisch aus Leibeskräften. »Sie wird uns prügeln, sie wird uns prügeln!« frohlockte Herr von Plouguern; Rougon brummte: »Das sind die Früchte des Aberglaubens!« Da hörte der Greis auf zu scherzen, sein Gesicht wurde plötzlich ernst; und da der große Mann fortfuhr, über den verabscheuenswerten Einfluß der Geistlichkeit, die klägliche Erziehung der katholischen Frauen, über die Erniedrigung des den Priestern ausgelieferten Italiens zu jammern, erklärte er rundheraus: »Die Religion macht die Staaten groß!« »Wenn sie sie nicht zerfrißt wie ein Geschwür«, entgegnete Rougon. »Die Geschichte gibt mir recht. Wenn der Kaiser die Bischöfe nicht in Unterwürfigkeit erhält, hat er sie bald alle auf dem Halse.« Jetzt wurde auch Herr von Plouguern erregt. Er verteidigte Rom, sprach von den Überzeugungen seines ganzen Lebens. Ohne die Religion würden die Menschen wieder zu Tieren herabsinken. Dann verteidigte er die heilige Sache der Familie. Die Zeit sei abscheulich; niemals habe das Laster sich so schamlos breit gemacht, noch niemals habe der Unglaube die Gewissen so verstört. Er schloß: »Reden Sie mir nicht von Ihrem Kaiserreiche! Es ist nichts als ein Bastard der Revolution ... Wir wissen sehr gut, daß Ihr Kaiserreich die Kirche zu demütigen sucht. Aber wir sind noch da, wir lassen uns nicht abschlachten wie Hammel! ... Versuchen Sie nur, Ihre Ansichten im Senat vorzutragen, lieber Herr Rougon!« »Ach was! Antworten Sie ihm doch nicht mehr!« ermahnte ihn Clorinde. »Wenn Sie ihn weiter drängen, wird er schließlich noch Christus anspeien. Er ist ein Verdammter!« Rougon ließ überwältigt das Haupt sinken und schwieg. Das junge Mädchen suchte das vom Kreuze abgebrochene Stück; als sie es gefunden hatte, schlug sie es sorgfältig mit dem Rosenkranze in eine Zeitung, worauf sie beruhigt schien. »Übrigens, mein Schätzchen,« rief Herr von Plouguern lebhaft, »habe ich dir noch nicht gesagt, weshalb ich heraufgekommen bin. Ich habe für heute abend eine Loge im Königspalast und nehme euch mit.« »Der gute Pate!« rief Clorinde, ganz rot vor Freude. »Ich will Mama wecken.« Sie umarmte ihn »für diese Mühe«, wie sie sagte. Dann wandte sie sich lächelnd zu Rougon und sagte, ihm mit einem allerliebsten Mäulchen die Hand reichend: »Sie sind mir doch nicht böse, nicht wahr? Bringen Sie mich mit Ihren heidnischen Reden nicht mehr in Zorn ... Ich bin ganz aus dem Häuschen, wenn man mir die Religion stichelt. Ich könnte meine wertvollsten Freundschaften dadurch aufs Spiel setzen.« Luigi hatte inzwischen eingesehen, daß er an diesem Tage das Ohr nicht mehr werde vollenden können, und stellte demgemäß seine Staffelei in die Ecke. Dann nahm er seinen Hut und tippte das junge Mädchen auf die Schulter zum Zeichen, daß er gehe. Sie begleitete ihn auf den Flur und schloß die Tür hinter sich; aber ihr Abschied war so ungestüm, daß man einen leichten Schrei Clorindes vernahm, der sich in einem erstickten Lachen verlor. Als sie wieder eintrat, sagte sie: »Ich kleide mich um; es wäre denn, daß der Pate mich so ins Theater mitnehmen will.« Dieser Einfall erheiterte sie alle drei gar sehr. Die Dämmerung war hereingebrochen. Als Rougon sich verabschiedete, stieg Clorinde mit ihm die Treppe hinab und ließ Herrn von Plouguern einen Augenblick allein, bis sie ein Kleid übergeworfen habe. Sie ging schweigend und so langsam voran, daß er das Anstreifen ihrer Gazehülle an seinen Knien spürte. Sie trat durch die Kammertür und zwei Schritte in das Gemach: dann wandte sie sich um. Er war ihr gefolgt. Durch die beiden Fenster fiel ein bleiches Licht auf das geöffnete, noch ungeordnete Bett, das vergessene Waschbecken und die noch immer auf dem Kleiderbündel schlafende Katze. »Also Sie sind mir nicht böse?« wiederholte sie mit gedämpfter Stimme und reichte ihm die Hände. Er versicherte, daß es nicht der Fall sei. Er hatte ihre Hände ergriffen und tastete sich an ihren Armen bis oberhalb der Ellbogen hinauf, sehr vorsichtig, damit seine groben Finger die schwarzen Spitzen nicht zerrissen. Sie erhob leicht die Arme, als wollte sie ihm hierbei behilflich sein. Sie standen im Schatten des Wandschirmes, so daß der eine des andern Züge nicht erkennen konnte. Hier empfand er in dieser Kammer, deren eingeschlossene Luft ihm den Atem beengte, jenen Duft einer fast gezuckerten Herbheit wieder, der ihn vorhin schon betäubt hatte. Als seine Hände jedoch über die Ellbogen hinauf gelangt waren und zudringlich wurden, entschlüpfte ihm Clorinde gewandt, und er hörte sie durch die hinter ihnen offen gebliebene Tür hinausrufen: »Antonia, bringen Sie Licht und mein graues Kleid!« Als Rougon sich wieder auf der Straße befand, blieb er einen Augenblick betäubt stehen und atmete die frische Luft ein, die von den Höhen des Triumphbogens herabwehte. Auf der jetzt wagenleeren Allee wurde eine Gasflamme nach der andern angezündet, und ihr Glanz zog sich in einem Streifen lichter Funken durch die Dunkelheit. Es war ihm, als habe er eben einen Aderlaß bekommen, er strich sich mit der Hand über das Gesicht und sagte ganz laut: »Nein, das wäre zu dumm!« Viertes Kapitel. Der Taufzug sollte um fünf Uhr bei dem Uhrenpavillon aufbrechen, durch die große Allee des Tuileriengartens, über den Eintrachtsplatz, die Rivolistraße, den Rathausplatz, die Arcolebrücke, die Arcolestraße und den Pfarrplatz gehen. Von vier Uhr an drängte sich eine ungeheure Menschenmenge um die Arcolebrücke. Dort auf der Lichtung, die der Fluß mitten in der Stadt frei ließ, hatte ein ganzes Volk Raum. Dort erweiterte sich der Gesichtskreis plötzlich; in der Ferne tauchte die Spitze der St.-Ludwig-Insel auf, durchquert vom schwarzen Streif der Ludwig-Philipps-Brücke; links verlor sich der schmale Arm in einem Gewirr von niedrigen Häusern, rechts gab der breite Arm einen weiten Ausblick frei, in dessen bläulichem Dunste man die grünen Bäume des Weinhafens erkannte. Zu beiden Seiten, vom St.-Paul-Ufer bis zum Gerberufer, vom Napoleonufer bis zum Uhrenufer, dehnten sich die breiten Fußwege aus, während der Rathausplatz, gegenüber der Brücke, eine ganze Ebene bildete. Über diese weiten Flächen spannte der Himmel, ein warmer, klarer Junihimmel, seine unendliche Bläue aus. Als es halb fünf Uhr schlug, wimmelte es schon überall von Menschen. Auf den Fußwegen standen endlose Reihen Neugieriger, die sich an die Brustwehren drängten. Ein wogendes Meer von Köpfen erfüllte den Rathausplatz. Gegenüber an den weitgeöffneten schwarzen Fenstern der alten Häuser des Napoleonufers war Kopf an Kopf gedrängt, und selbst in den dunklen Gäßchen, die auf den Fluß auslaufen, der Taubenstraße, der St.-Landry-Straße, der Glatignystraße, nickten Frauenhüte, deren Bänder im Winde flatterten. Die Liebfrauenbrücke wies eine Reihe von Zuschauern auf, welche die Ellbogen auf den Stein stützten wie auf den Samt einer riesigen Tribüne. Nach der andern Seite hin bedeckte sich die Ludwig-Philipps-Brücke allmählich mit einem Gewimmel von schwarzen Punkten, und sogar die Fenster weit unten, die in regelmäßigen Abständen die Vorderwände der gelben und grauen Häuser auf der Inselspitze durchbrachen, erhellten sich hin und wieder durch lichte Gewänder. Auf den Dächern standen zwischen den Schornsteinen Menschen, und noch andere spähten, selbst ungesehen, durch Ferngläser von den Terrassen am Turmufer herab. Die Sonne, deren schräge Strahlen breit herabfluteten, beschien das Wogen dieser Menge; Schirme, wie Spiegel ausgebreitet, schimmerten gleich Gestirnen inmitten des Kunterbunt der Frauenkleider und Männerröcke. Was man aber von allen Seiten sah, von den Ufern, den Brücken, den Fenstern aus, das war ein riesiger grauer Überrock, an die nackte Wand eines sechsstöckigen. Hauses auf der St.-Ludwig-Insel gemalt, dessen linker Ärmel am Ellbogen einwärts gekrümmt war, als ob das Kleidungsstück die Haltung und Anschwellung eines inzwischen verschwundenen Körpers bewahrt habe. Diese ungeheuerliche Reklame gewann im Glanze der Sonne über dem Menschengewimmel eine außerordentliche Bedeutung. Inzwischen hielt ein doppeltes Militärspalier für den Zug die Bahn frei, rechts Nationalgarden, links Linientruppen. Das eine Ende des Spaliers verlor sich in der Arcolestraße, die mit Fahnen geschmückt war, und aus deren Fenstern kostbare Teppiche hingen, welche die schwarzen Häuser entlang leicht im Winde flatterten. Die gesperrte Brücke war der einzige leere Streif, den man sah, während ringsum selbst die entferntesten Winkel vollgestopft waren; so machte sie mit ihrem einzigen leichten, sanft gewölbten Eisenbogen einen seltsamen Eindruck. Aber unmittelbar daneben begann an den Böschungen des Flusses das Gedränge schon wieder; sonntäglich geputzte Bürger hatten dort ihre Schnupftücher ausgebreitet und sich mit ihren Frauen daraufgesetzt; so harrten sie da und ruhten nach einem halben Tag des Müßigganges aus. Jenseits der Brücke ruderte inmitten des breiten, sehr blauen, an der Vereinigung der beiden Arme grünlich schillernden Stromes eine Gesellschaft von Bootfahrern in roten Blusen leicht gegen den Strom, um ihr Fahrzeug auf der Höhe des Früchtehafens zu halten. Am Gèvres-Ufer befand sich eine große Waschanstalt, deren Holzwerk durch das Wasser grün gefärbt war, und aus der man die Wäscherinnen lachen und das Zeug ausklopfen hörte. Diese zusammengedrängten drei- bis viermalhunderttausend Menschen erhoben zuweilen die Köpfe, um nach den Türmen der Liebfrauenkirche zu sehen, deren plumpe Masse über die Häuser des Napoleonufers emporragte; von der sinkenden Sonne vergoldet und sich rostfarben von dem hellen Himmel abhebend, zitterten sie in der Luft, von einem ohrenbetäubenden Lärm widerhallend. Zwei- oder dreimal schon hatte blinder Lärm große Erregung in der Menge hervorgerufen. »Ich versichere Ihnen, daß sie nicht vor halb sechs Uhr vorbeikommen werden«, äußerte ein langer Kerl, der mit den Charbonnels vor einem Kaffeehause am Gèvresufer saß. Es war Gilquin, Theodor Gilquin, der frühere Mieter der Frau Melanie Correur, der schreckliche Freund Rougons. Er trug zur Feier des Tages einen Anzug aus gelbem Zwillich zu neunundzwanzig Franken, zerknittert, befleckt und an den Rändern eingerissen, hellbraune Handschuhe, einen großen Strohhut ohne Band. Wenn Gilquin Handschuhe anzog, war er in Wichs. Nachmittag führte er die Charbonnels umher, deren Bekanntschaft er eines Abends bei Rougons in der Küche gemacht hatte. »Ihr werdet noch alles sehen, Kinder«, wiederholte er und wischte seinen langen Schnurrbart ab, der wie eine Narbe durch sein Säufergesicht ging. »Ihr habt euch mir anvertraut, nicht wahr? Überlaßt es mir also, die Ordnung und den Gang des kleinen Festes zu bestimmen.« Gilquin hatte schon drei Glas Kognak und fünf Schoppen Bier getrunken. Seit zwei endlosen Stunden hatte er die Charbonnels da festgehalten unter dem Vorwande, daß sie die ersten am Platze sein müßten. Das kleine Kaffeehaus sei ihm wohlbekannt, sagte er, auch duze er den Kellner. Die Charbonnels hörten ihm ergebungsvoll zu, überrascht von der unerschöpflichen Mannigfaltigkeit seiner Unterhaltung; Frau Charbonnel hatte nur ein Glas Zuckerwasser genommen, ihr Mann ein Glas Kümmel, wie er es sich zuweilen im kaufmännischen Vereine zu Plassans gönnte. Inzwischen erzählte ihnen Gilquin von der Taufe, als ob er den Vormittag in den Tuilerien zugebracht und dort Erkundigungen eingezogen habe. »Die Kaiserin ist sehr glücklich,« sagte er, »sie hat eine leichte Niederkunft gehabt. Es ist ein Prachtweib! Sie werden gleich sehen, wie stattlich sie aussieht ... Der Kaiser ist vorgestern von Nantes zurückgekehrt, wo er die Überschwemmten besucht hat ... Welches Unglück, diese Überschwemmungen! Frau Charbonnel zog ihren Stuhl zurück. Sie hatte einige Furcht vor der Menge, die in immer dichteren Scharen an ihr vorüberströmte, und murmelte: »Welche Menschenmasse!« »Potztausend!« rief Gilquin, »es sind über dreihunderttausend Fremde in Paris. Seit acht Tagen haben die Vergnügungszüge die ganze Provinz hereingeschleppt ... Sehen Sie, da sind Normannen, da Gascogner und da Franche-Comteser. Ich kenne sie an der Witterung, bin weit genug herumgekommen.« Darauf erzählte er, daß die Gerichte feierten, die Börse geschlossen sei und alle Behörden ihre Beamten beurlaubt hätten. Die ganze Hauptstadt feierte die Taufe mit. Dann führte er Zahlen an, um die Kosten der Feier und der sie begleitenden Festlichkeiten zu berechnen. Der gesetzgebende Körper hatte vierhunderttausend Franken bewilligt, aber das sei ein Bettel. Ein Stallmeister aus den Tuilerien habe ihm am Abend vorher mitgeteilt, der Zug allein werde an zweihunderttausend Franken kosten. Wenn der Kaiser nur eine Million aus der Zivilliste dazuzugeben brauche, könne er sich noch glücklich schätzen. Das Kinderzeug allein koste hunderttausend Franken. »Hunderttausend Franken!« rief Frau Charbonnel fassungslos. »Aber woraus besteht es denn?« Gilquin lachte behaglich. Es gab so teure Spitzen! Er selbst war ehemals in Spitzen gereist. Dann setzte er seine Berechnungen fort: Fünfzigtausend Franken für die Eltern ehelicher Kinder, die am selben Tage wie der Prinz geboren waren, und bei denen das kaiserliche Paar Pate stehen wollte; fünfundachtzigtausend Franken kosteten die Medaillen für die Verfasser der Lobgesänge, die in den Theatern vorgetragen werden sollten. Endlich lieferte er Aufschlüsse über die hundertzwanzigtausend Denkmünzen, die an Zöglinge aller Schulen, an die Unteroffiziere und Soldaten der Pariser Besatzung verteilt werden sollten. Er hatte eine solche Münze bei sich und zeigte sie; sie war von der Größe eines Zehnsousstückes, auf der einen Seite trug sie die Bilder des Kaiserpaares, auf der andern das des Prinzen, mit dem Tauf tage: 14. Juni 1856. »Wollen Sie mir sie überlassen?« fragte Herr Charbonnel. Gilquin willigte ein. Als aber der gute Mann wegen des Preises in Verlegenheit ihm ein Zwanzigsousstück gab, wies er es stolz zurück und erklärte, es könne nur zehn Sous wert sein. Inzwischen betrachtete Frau Charbonnel die Köpfe des Kaiserpaares und wurde weichgestimmt. »Sie sehen sehr gut aus«, sagte sie. »Sie vertragen sich da miteinander wie gute Eheleute ... Sieh doch nur, Charbonnel, man möchte sagen, zwei Köpfe auf einem Kopfkissen, wenn man die Münze von dieser Seite ansieht!« Dann kam Gilquin wieder auf die Kaiserin zu sprechen, deren Barmherzigkeit er pries. Im neunten Monat ihrer Schwangerschaft hatte sie ganze Nachmittage der Schöpfung einer Erziehungsanstalt für arme junge Mädchen oben im Faubourg St.-Antoine gewidmet. Sie hatte eben achtzigtausend Franken ausgeschlagen, die durch Beiträge von je fünf Sous vom Volke als Taufgeschenk aufgebracht worden waren, und hatte bestimmt, daß dafür hundert Waisen im Handwerk ausgebildet werden sollten. Gilquin, schon ziemlich angeheitert, riß die Augen sperrangelweit auf, um geeignete Ausdrücke zu finden für seine Untertanenehrerbietung und zugleich für seine leidenschaftliche Bewunderung, die er als Mann empfand. Er erklärte, gern sein Leben zu den Füßen dieser edlen Frau opfern zu wollen. Aber niemand bezweifelte es. Der Lärm der Menge tönte wie der Widerhall seiner Lobreden hinüber. Und die Glocken der Liebfrauenkirche sandten ihre brausenden Freudenklänge über die Häuser dahin. »Es wäre vielleicht Zeit, unsere Plätze einzunehmen«, bemerkte Herr Charbonnel schüchtern, da ihm das Sitzen langweilig geworden. Seine Frau hatte sich sofort erhoben, wickelte ihren gelben Schal um den Nacken und setzte hinzu: »Ganz gewiß. Wir wollten die ersten sein und lassen alle Welt an uns vorbeilaufen.« Gilquin wurde ärgerlich, fluchte und schlug mit der Faust auf den kleinen Zinktisch. Kannte er etwa sein Paris nicht? Während Frau Charbonnel eingeschüchtert auf ihren Stuhl zurücksank, rief er dem Kellner zu: »Julius, einen Wermutschnaps und Zigarren!« Nachdem er seinen dichten Schnurrbart in das Glas gesteckt hatte, rief er den Mann wütend wieder zurück: »Willst du dich über mich lustig machen? Nimm dieses Gesöff wieder fort und bringe mir die andere Flasche, die vom Freitag... Ich bin in Likören gereist, Alter, und lasse mir nichts vormachen.« Als der Kellner, der Furcht vor ihm zu haben schien, die Flasche gebracht hatte, beruhigte er sich, tippte die Charbonnels freundschaftlich auf die Schulter und nannte sie Papa und Mama. »Wie, Mama, die Füßchen werden uns ungeduldig? Wir werden sie bis Abend noch hinreichend bewegen können... Zum Teufel, dicker Papa, sitzen wir hier nicht sehr mollig? Wir machen es uns bequem, lassen die Leute vorüberziehen ... Ich sage euch, wir haben Zeit. Laßt euch noch etwas kommen!« »Danke, wir haben genug«, erklärte Herr Charbonnel. Gilquin hatte sich eine Zigarre angezündet und schaukelte sich auf seinem Stuhl, die Daumen unter die Weste gesteckt und seine Brust herausstreckend; seine Augen schwammen in Seligkeit. Plötzlich kam ihm ein Gedanke, und er rief: »Wißt ihr was? Morgen früh um sieben Uhr hole ich euch ab, um euch das ganze Fest zu zeigen. Wird das nicht prächtig sein?« Die Charbonnels sahen einander sehr unruhig an. Er aber erklärte weitläufig mit einer wahren Bärenführerstimme die Festordnung. Vormittags Frühstück im Königspalast und Gang durch die Stadt, nachmittags an dem Invalidenplatz militärische Schaustellungen, Kletterbäume, dreihundert kleine Ballons mit Zuckertüten, ein großer Ballon mit einem Regen von Zuckerwerk, abends Essen bei einem ihm bekannten Gastwirte am Billyufer, Feuerwerk, dessen Hauptstück ein Taufbecken darstellen werde, endlich ein Spaziergang durch die festlich erleuchtete Stadt. Und er schwatzte ihnen von dem Feuerkreuze vor, das auf dem Gebäude der Ehrenlegion zu sehen sein sollte, von dem Feenschlosse auf dem Eintrachtsplatze, zu dem neunhundertfünfzigtausend bunte Gläser nötig waren, vom St.-Jakobs-Turme, dessen Bildsäule in der Luft einer brennenden Fackel gleichen sollte. Als das Ehepaar noch immer zögerte, bog er sich zu ihnen vor und fuhr leise fort: »Auf dem Heimwege endlich werden wir eine Milchwirtschaft in der Seinestraße besuchen, wo es eine vorzügliche Käsesuppe gibt.« Diesen Lockungen vermochten die beiden nicht zu widerstehen. Ihre runden Augen drückten zugleich Neugier und kindische Furcht aus; sie fühlten sich ganz in der Gewalt dieses schrecklichen Menschen. Frau Charbonnel murmelte nur: »Ach, dieses Paris, dieses Paris! ... Da wir aber einmal hier sind, müssen wir auch alles mitnehmen. Aber wenn Sie wüßten, Herr Gilquin, wie ruhig wir in Plassans lebten! Ich habe zu Hause Eingemachtes, Eingezuckertes, Kirschen in Branntwein, Pfeffergurken, und alles verdirbt! ... »Hab' keine Bange, Mama!« sagte Gilquin, der schon so weit war, daß er sie duzte. »Du wirst deinen Prozeß gewinnen und mich einladen. Dann werden wir unter dem Eingemachten schon aufräumen!« Er goß sich ein neues Glas Absinth ein, das ihn vollends berauschte. Einen Augenblick sah er das Ehepaar zärtlich an; er sei ein Mensch, der das Herz auf der flachen Hand trage. Plötzlich erhob er sich, schwenkte seine langen Arme und rief: »Heda! Hier!« Er meinte Frau Correur, die in einem Kleid aus taubengrauer Seide vorbeiging. Sie sah sich um und schien sehr verdrießlich, als sie ihn erblickte; dennoch kam sie über die Straße, ihre Hüften mit der Miene einer Fürstin wiegend. Als sie endlich vor dem Tische stand, ließ sie sich lange bitten, ehe sie etwas annahm. »Nur ein Gläschen Johannisbeerschnaps!« bat Gilquin. »Ich weiß, Sie trinken ihn gerne... Erinnern Sie sich, in der Kibitzstraße? Das war doch eine schöne Zeit! Ach, das Vieh von Correur!« Endlich nahm sie Platz, als ein ohrenzerreißender Jubel durch die Menge ging. Die Spaziergänger sausten davon, wie vom Sturme entführt, und trappelten gleich einer freigelassenen Herde. Auch die Charbonnels hatten sich unwillkürlich erhoben und wollten sich anschließen, aber Gilquins schwere Hand bannte sie auf ihrem Sitz fest. Er war puterrot und rief: »Bleibt doch sitzen, Schwerenot! Wartet bis der Befehl kommt... Ihr seht, daß alle diese Narren eine Schraube verloren haben. Es ist erst fünf Uhr, nicht wahr? Also kommt erst der Kardinallegat. Wir machen uns nichts aus dem Kardinallegaten! Ich finde es empörend, daß der Papst nicht selbst gekommen ist. Entweder ist man Pate oder nicht nach meiner Ansicht! Ich schwöre euch, der Knirps wird noch eine halbe Stunde auf sich warten lassen!« Allmählich raubte ihm die Trunkenheit alles Anstandsgefühl. Er hatte seinen Stuhl umgedreht und paffte den Leuten den Rauch ins Gesicht, blinzelte den Frauen zu und sah die Männer herausfordernd an. An der Liebfrauenbrücke stauten sich alle paar Schritte die Wagen, die Pferde bäumten sich, stampften ungeduldig, hohe Beamte und Offiziere in goldgestickten, ordenbesäten Uniformen wurden an den Wagenfenstern sichtbar. »Lauter Trödelkram!« murmelte Gilquin mit dem überlegenen Lächeln eines Mannes, der über dergleichen erhaben ist. Doch plötzlich stieß er, als ein Wagen das Gerberufer heraufkam, mit einem gewaltigen Satze fast den Tisch um und rief: »Da, Rougon!« Aufrechtstehend grüßte er mit der behandschuhten Rechten und schwenkte, aus Furcht, daß dies unbemerkt bleiben könne, seinen Strohhut. Rougon, dessen Senatorentracht viele Augen auf sich zog, lehnte sich rasch in die Wagenecke zurück. Darauf rief ihn Gilquin an, indem er seine halbgeschlossene Faust als Sprachrohr benutzte. Die Volksmenge staute sich und blickte zurück, um zu sehen, auf wen es dieser lange Kerl im gelben Zwillich abgesehen hatte. Endlich konnte der Kutscher vorwärts kommen; und der Wagen rollte weiter der Brücke zu. »So schweigen Sie doch!« sagte Frau Correur leise und ergriff Gilquin am Arme. Er aber wollte sich nicht gleich setzen, sondern reckte sich, um den Wagen mit den Blicken zu verfolgen. Dann brummte er dem Davoneilenden nach: »Der Ausreißer! Weil er jetzt Gold auf dem Rocke hat! Und doch hast du Dicker oft genug Theodors Stiefel entlehnt!« Rings um ihn rissen an den sieben bis acht Tischen des kleinen Kaffeehauses die Spießbürger mit ihren Weibern gewaltig die Augen auf; besonders am benachbarten Tische lauschte ihnen eine ganze Familie, die Eltern und drei Kinder, mit gespannter Aufmerksamkeit. Entzückt, Zuhörer zu haben, blies er sich nur noch mehr auf, ließ seine Blicke über die Gäste schweifen und sagte sehr laut, indem er sich wieder setzte: »Rougon! Den habe ich zu dem gemacht, was er ist!« Frau Correur hatte ihn unterbrechen wollen, aber er nahm sie als Zeugin. Sie wußte das alles sehr genau! Bei ihr im Hause in der Kibitzstraße hatte es sich zugetragen. Sie würde gewiß nicht bestreiten, daß jener zwanzigmal seine Stiefel entlehnt habe, um zu vornehmen Leuten zu gehen und sich in eine Menge Geschäfte zu stecken, von denen niemand etwas verstand. Rougon besaß damals nur ein Paar alte Schlappen, so abgetreten, daß ein Lumpensammler sie nicht genommen habe. Sich mit sieghafter Gebärde zu dem Nachbartische hinüberbeugend, um die Familie mit in die Unterhaltung zu ziehen, rief er: »Wahrhaftig, sie kann es nicht bestreiten. Sie hat für ihn das erste Paar neue Stiefel in Paris bezahlt!« Frau Correur drehte ihren Stuhl herum, um nicht mehr zu Gilquins Gesellschaft gezählt zu werden. Die Charbonnels waren ganz bleich geworden, als sie so über den Mann sprechen hörten, der ihnen fünfhunderttausend Franken in die Tasche stecken sollte. Aber Gilquin war einmal im Zuge und berichtete mit unendlichen Einzelheiten über Rougons Anfänge. Er nannte sich einen Philosophen und lachte jetzt; er zog die Gäste, einen nach dem andern, ins Gespräch, rauchte, spie, trank und erklärte ihnen, daß er an den Undank der Menschen gewöhnt sei; ihm genüge die Selbstachtung. Und er wiederholte, daß er Rougon zu dem gemacht habe, was er jetzt sei. Zu jener Zeit reiste er in Parfümerien, aber das Geschäft ging nicht wegen der Republik. Alle beide verhungerten sie auf einem und demselben Treppenabsatze. Dann war er auf den Einfall gekommen, Rougon zu bewegen, er möge sich von einem Landwirte aus Plassans Olivenöl schicken lassen; und sie waren ausgezogen, der eine hierhin, der andere dorthin, und waren auf dem Pariser Pflaster bis zehn Uhr abends umhergelaufen mit Ölproben in den Taschen. Rougon war hierin nicht stark; dennoch brachte er öfter von hohen Personen, mit denen er verkehrte, hübsche Aufträge heim. Dieser Lump von Rougon! In allen Dingen dümmer als eine Gans und boshaft obendrein! Wie hatte er Theodor später für seine Politik ausgenutzt! Hier redete er etwas leiser und blinzelte verständnisvoll, denn schließlich war auch er bei der Rande gewesen. Er war in den Vorstadtschenken herumgelaufen und hatte geschrien: Hoch die Republik! Wahrhaftig man mußte Republikaner sein, um Leute zu ködern. Das Kaiserreich schuldete ihm eine schöne Belohnung; aber es sagte ihm nicht einmal Dank. Während Rougon und die Seinen sich den Kuchen teilten, stieß man ihn vor die Tür wie einen räudigen Hund. Ihm war es schon recht, er blieb lieber unabhängig. Er bedauerte nur, nicht bis zum Ende mit den Republikanern gegangen zu sein und diese ganze Bande nicht zusammengeschossen zu haben. »Gerade wie der kleine Du Poizat, der mich auch nicht mehr kennen will«, schloß er. »Ein Wicht, dem ich öfter als einmal die Pfeife gestopft habe ... Du Poizat! Unterpräfekt! Ich habe ihn im Hemde mit der großen Amalie gesehen, die ihn mit einem Klaps vor die Tür setzte, wenn er nicht artig war.« Er schwieg, von plötzlicher Rührung übermannt, mit Tränen des Rausches in den Augen. Dann wandte er sich wieder an die Gäste in der Runde: »Ihr habt Rougon gesehen ... Ich bin ebenso groß wie er, von seinem Alter und schmeichle mir einen weniger eselhaften Kopf zu haben als er. Würde ich nicht eine schönere Figur in einem Wagen machen, als dies dicke, am ganzen Leibe von Gold strotzende Schwein?« In diesem Augenblicke erhob sich jedoch vom Rathausplatze her ein solcher Lärm, daß die Gäste nicht daran dachten zu antworten. Die Menge stürzte von neuem vorwärts; man sah nichts als wirbelnde Beine, die Frauen bis zu den Knien aufgeschürzt, um besser laufen zu können, wobei man ihre weißen Strümpfe sah. Als der Lärm näher kam und sich zu einem immer deutlicheren Kreischen entwickelte, rief Gilquin: »Hopp! Das ist der Knirps! ... Bezahlt eiligst, Papa Charbonnel, und folgt mir alle!« Frau Correur hatte einen Zipfel seines gelben Zwillichrockes erfaßt, um ihn nicht zu verlieren. Frau Charbonnel folgte ganz außer Atem; ihr Gatte verlor sich fast im Gewühl. Gilquin hatte sich in das dichteste Gewühl gestürzt und brach sich mit den Ellbogen so rücksichtslos Bahn, daß die dichtesten Reihen ihm Platz machten. An der Brustwehr des Ufers angelangt, brachte er die Seinen dort unter und setzte die Frauen mit einem Schwünge auf die Brüstung, so daß ihre Beine nach dem Flusse zu hinabhingen – unbekümmert um die leisen Schreie, die sie ausstießen. Er und Charbonnel blieben hinter ihnen stehen. »So, meine Kätzchen, ihr sitzet hier im ersten Rang«, sagte er, um sie zu beruhigen. »Habt keine Bange, wir umfassen euch und halten euch fest!« Er schlängelte seine Arme um die stattliche Rundung der Frau Correur, die ihm zulächelte. Man konnte diesem Schwerenöter nicht zürnen. Indessen sah man nichts. Vom Rathausplatze her erbrausten die Hochrufe immer gewaltiger; die Köpfe bewegten sich, darüber wurden Hüte von Händen geschwenkt, die man nicht unterscheiden konnte wie eine ungeheure schwarze Woge, die langsam vorrückte. Dann wurde es in den Häusern am Napoleonufer, dem Platze gegenüber lebendig; an den Fenstern erhoben sich die Leute erregt, reckten die Hälse mit entzückten Gesichtern und ausgebreiteten Armen nach links und wiesen nach der Rivolistraße. Noch drei ewig lange Minuten blieb die Brücke leer. Die Glocken der Liebfrauenkirche läuteten noch stärker, als seien sie von einem neuen Anfall toller Freude ergriffen. Endlich erschienen inmitten der harrenden Menge Trompeter auf der leeren Brücke, und ein unendlicher Seufzer der Erleichterung durchlief die Menge. Hinter der Musikbande kam ein General mit seinem Stabe zu Pferde. Dann einige Schwadronen Karabinier, Dragoner und Garden; endlich begann der Zug der Galawagen, zunächst acht sechsspännige mit den Palastdamen, den Kammerherren, den Beamten des Hofstaates des Kaisers und der Kaiserin, den Ehrendamen der Großherzogin von Baden, welche die Patin vertrat. Gilquin erklärte Frau Correur, ohne sie loszulassen, daß die Patin, die Königin von Schweden, so wenig wie der Pate sich die Mühe genommen habe herzukommen. Die Insassen des siebenten und des achten Wagens nannte er ihr mit einer Vertrautheit, die zeigte, daß er bei Hofe sehr gut Bescheid wissen mußte. Die beiden Damen waren die Prinzessinnen Mathilde und Marie. Die drei Herren waren der König Jérôme, der Prinz Napoleon und der Prinz von Schweden, neben ihnen die Großherzogin von Baden. Der Zug rückte nur langsam vor, begleitet von Stallpagen, Adjutanten und Ehrenrittern, die ihre Pferde am kurzen Zügel hielten, um sie zum Schritt zu zwingen. »Wo ist denn der Kleine?« fragte Frau Charbonnel ungeduldig. »Man hat ihn gewiß nicht unter die Sitzbank gesteckt«, erwiderte Gilquin lachend. »Er wird schon kommen.« Er umschlang Frau Correur noch fester, und sie wehrte es ihm nicht aus Furcht zu fallen, wie sie sagte. Von Bewunderung hingerissen, flüsterte er mit funkelnden Augen: »Es ist wirklich nett! Wie diese Schwerenöter in ihren Samtkästen protzig tun! Und wenn man bedenkt, daß ich bei alledem mitgearbeitet habe!« Er fing wieder an zu prahlen: der Zug, die Menge, alles, was man sehen konnte, gehörte ihm. Aber nach dem kurzen Aufatmen, welches das Erscheinen der ersten Wagen zur Folge hatte, erhob sich ein wahrer Höllenlärm; jetzt tanzten auch am Ufer die Hüte über den nickenden Köpfen; mitten auf der Brücke kamen sechs kaiserliche Vorreiter in grüner Tracht mit runden Kappen, von denen vergoldete Eicheln herabnickten. Dann endlich kam der Wagen der Kaiserin, achtspännig, mit vier kostbaren Laternen an den Ecken, geräumig und fast ganz aus Glas; so glich er einem Kristallschrein mit Goldeinfassung und auf Goldrädern. Drinnen erkannte man deutlich in einer Wolke von weißen Spitzen das rosige Gesichtchen des kaiserlichen Prinzen auf den Knien der Erzieherin der Kinder Frankreichs; neben dieser saß die Amme, eine schöne, starkbrüstige Burgunderin. In einiger Entfernung davon hinter einer Schar von Schirrmeistern zu Fuß und Stallknechten zu Pferde folgte der Wagen des Kaisers, ebenfalls achtspännig und ebenso prächtig, aus dem das Kaiserpaar grüßte. Neben den beiden Wagen schritten Marschälle in reichgestickten Uniformen und schluckten den Staub der Räder, ohne eine Miene zu verziehen. »Wenn jetzt die Brücke einstürzte«, bemerkte lächelnd Gilquin, der eine Vorliebe für gräßliche Vorstellungen hatte. Frau Correur hieß ihn erschrocken schweigen. Er aber beharrte dabei, diesen eisernen Brücken sei nie recht zu trauen. Als die beiden Wagen in der Mitte angelangt waren, behauptete er die Brücke schwanken zu sehen. Was für einen Plumps würde es geben! Papa, Mama und das Kind, sie würden alle einen tüchtigen Schluck nehmen. Die Wagen rollten langsam und geräuschlos vorwärts, die sanftgewölbte Brückenbahn war so dünn, daß die Wagen in der Luft, über der weiten Stromfläche zu hängen schienen; und unten im blauen Wasser spiegelten sie sich wider wie seltsame goldene Fische. Das kaiserliche Paar hatte sich ermüdet in die seidenen Kissen zurückgelehnt, glücklich, eine Weile des Grüßens enthoben zu sein. Auch die Erzieherin »der Kinder Frankreichs« machte sich die Leere der Brücke zunutze und nahm den kleinen Prinzen wieder auf, der von ihrem Schoße herabgeglitten war, während seine Amme, sich über ihn beugend, ihn durch Zulächeln unterhielt. Der ganze Zug war im Sonnenschein gebadet: die Uniformen, Toiletten, Geschirre glänzten, die Wagen schimmerten wie Gestirne und sandten ihren Widerschein auf die schwarzen Häuser am Napoleonufer. In der Ferne bildete oberhalb der Brücke der ungeheure graue Reklameüberrock, auf die sechsstöckige Wand eines Hauses der St.-Ludwig-Insel gemalt und ebenfalls vom Sonnenlichte verklärt, einen Hintergrund für das ganze Bild. Gilquin bemerkte ihn, als er gerade die beiden Wagen überragte und rief: »Seht doch! den Oheim da unten!« Die Menge lachte. Herr Charbonnel, der den Witz nicht verstanden hatte, bat um Aufklärung. Aber man hörte sein eigen Wort nicht mehr; ein betäubendes Lebehoch erscholl, und die dreihunderttausend Menschen, die sich dort zusammendrängten, klatschten in die Hände. Als der kleine Prinz in der Mitte der Brücke angekommen war, hinter ihm seine Eltern, gleichsam in freier Luft, wo nichts den Blick hemmte, bemächtigte sich der Neugierigen eine tiefe Bewegung. Es war einer jener Ausbrüche der Volksbegeisterung, die von einem Ende der Stadt bis zum andern die Köpfe beugen. Die Männer reckten die Hälse, setzten sich ihre verblüfften Kinder in den Nacken; die Frauen weinten und stammelten zärtliche Worte für »den lieben Kleinen«, in rührenden Ausdrücken die Elternfreude des Kaiserpaares teilend. Ein wahres Gewitter von Rufen ging beständig vom. Rathausplatze aus; an den Ufern rechts und links, stromab und stromauf, soweit das Auge reichte, sah man einen Wald von Armen winken und grüßen. Aus den Fenstern, wehten Tücher, die Leiber beugten sich vor, und in den glühenden Gesichtern bildete der weitgeöffnete Mund ein schwarzes Loch. Unten auf der fernen St.-Ludwig-Insel belebten sich die fadendünn scheinenden Fenster von einem Gewimmel heller Punkte, worin man nichts deutlich unterscheiden konnte. Dabei schrie die rotblusige Bootsmannschaft inmitten des Stromes aus vollem Halse, während die Wäscherinnen, den halben Leib aus den Fenstern des Schiffes streckend, mit nackten Armen und nacktem Halse, wie wahnsinnig mit ihren Schlägeln hämmerten, um sich bemerkbar zu machen. »Es ist aus, wir wollen gehen«, sagte Gilquin. Aber die Charbonnels wollten alles sehen. Das Ende des Zuges, Schwadronen der Hundertgarden, Kürassiere und Karabinier, verschwand in der Arcolestraße. Darauf brach ein fürchterlicher Lärm aus; die Ketten der Nationalgarden und der Liniensoldaten wurden an verschiedenen Stellen durchbrochen, Frauen kreischten auf. »Kommt!« wiederholte Gilquin. »Man wird da zu Tode getreten werden.« Nachdem er die Frauen wieder auf das Pflaster gesetzt, führte er sie trotz des Gedränges über den Fahrweg zurück. Frau Correur und die Charbonnels wollten die Brüstung entlang weitergehen, um die Liebfrauenbrücke zu erreichen und zu sehen, was es auf dem Pfarrplatze gebe. Aber er hörte nicht darauf, sondern schleppte sie mit sich fort. Als sie wieder vor dem Kaffeehause waren, stieß er sie vorwärts und setzte sie an dem Tische nieder, den sie eben verlassen hatten. »Ihr seid aber sonderbare Leute!« rief er. »Glaubt ihr, ich habe Lust, mir von diesem Haufen Maulaffen die Füße abtreten zu lassen? ... Wir wollen eins trinken, alle Wetter! Wir sitzen hier wahrhaftig besser als mitten in dem Gedränge. Was? haben wir nicht genug gehabt vom Feste? Das wird ja schließlich albern! ... Was nehmen Sie, Mama?« Die Charbonnels, die er mit beängstigenden Blicken betrachtete, erhoben schüchterne Einwände. Sie hätten gern auch den Auszug aus der Kirche gesehen. Darauf erklärte er ihnen, daß man die Neugierigen sich verlaufen lassen müsse; in einer Viertelstunde werde er sie hinführen, wenn das Gedränge nicht noch zu arg sei. Frau Correur jedoch räumte vorsichtig das Feld, während er bei Julius Zigarren und Bier bestellte. »Ja, ruhen Sie aus, Sie finden mich dort unten«, sagte sie zu den Charbonnels. Damit wandte sie sich der Liebfrauenbrücke zu und ging die Altstadtstraße hinauf. Aber das Gedränge war hier so arg, daß sie eine gute Viertelstunde brauchte, um bis zur Konstantinstraße zu gelangen. Sie mußte durch die Einhornstraße und die Dreientenstraße gehen. Endlich erreichte sie den Pfarrplatz, nachdem sie am Kellerloche eines verdächtigen Hauses ein großes Stück ihres taubengrauen Seidenkleides zurückgelassen hatte. Auf dem mit Sand und Blumen bestreuten Platze waren Maste mit dem kaiserlichen Wappen errichtet, und vor der Kirche verkleidete ein riesiges Portal in Form eines Zeltes mit seinen roten Samtvorhängen und Goldtroddeln die nackte Steinmauer. Dort wurde Frau Correur durch eine Kette von Soldaten aufgehalten, die das Volk zurückdrängte. Inmitten des freigebliebenen weiten Platzes gingen Diener gemächlich die Wagen entlang, die in fünf Reihen standen, während die Kutscher mit den Zügeln in den Händen feierlich auf ihren Sitzen thronten. Indem sie den Hals reckte, um eine Lücke zum Durchdringen zu erspähen, gewahrte sie Du Poizat, der in einer Ecke zwischen den Dienern ruhig seine Zigarre rauchte. Sie winkte ihm mit dem Taschentuche, und als er, aufmerksam geworden, herankam, fragte sie: »Können Sie mich nicht einlassen?« Er redete mit einem Offizier, führte sie vor die Kirche und sagte: »Glauben Sie mir, Sie tun besser hier bei mir zu bleiben. Da drinnen ist es zum Erdrücken voll; ich bin herausgekommen, weil ich fast erstickte... Sehen Sie, da sind auch der Oberst und Herr Bouchard, die es aufgegeben haben, ihre Plätze zu finden.« Die beiden standen wirklich da links nach dem Liebfrauenkloster zu. Herr Bouchard erzählte, daß er seine Frau Herrn d'Escorailles anvertraut habe, der einen ausgezeichneten Sessel für eine Dame hatte. Der Oberst dagegen bedauerte, die Feierlichkeit seinem Sohne August nicht erklären zu können, und bemerkte: »Ich hätte ihm gerne das berühmte Taufbecken gezeigt. Es stammt, wie Sie wissen, vom heiligen Ludwig her und ist in geädertem Kupfer geätzt im schönsten persischen Stile, ein Kleinod aus der Zeit der Kreuzzüge, das bei der Taufe aller unserer Könige gedient hat.« »Haben Sie den Aufzug gesehen?« fragte Herr Bouchard Du Poizat. »Gewiß«, versetzte dieser. »Frau von Llorentz trug das Taufmützchen.« Er mußte das Nähere berichten, da die beiden anderen nichts davon wußten. Er schilderte also den Aufzug der Taufgeräte: das Mützchen, die Kerze, das Salzfaß; die Geräte der beiden Paten: das Becken, die Wasserkanne, das Tuch; alle die Sachen wurden von Palastdamen getragen. Ferner der Mantel des kleinen Prinzen, ein wundervoller Mantel, der auf einem Sessel neben dem Taufsteine lag. »Ist denn da drinnen wirklich kein Plätzchen mehr zu finden?« rief Frau Correur, die beim Anhören dieser Einzelheiten vor Neugier brannte. Darauf zählte man ihr alle die hohen Körperschaften und Behörden, alle die Abordnungen auf, die vorbeigezogen waren; es war endlos: das diplomatische Korps, der Senat, der gesetzgebende Körper, der Staatsrat, der Kassationshof, der Rechnungshof, der kaiserliche Hof, die obersten Handelsgerichte, außerdem die Minister, Präfekten, Bürgermeister und ihr Anhang, die Akademiker, die höheren Offiziere und Beamten bis zu den Abgesandten des jüdischen und des protestantischen Konsistoriums. Es waren noch mehr, immer noch mehr. »Mein Gott, wie schön muß das sein!« seufzte Frau Correur. Du Poizat zuckte die Achseln; er war bei abscheulicher Laune. Die vielen Leute machten ihn »dumm«, und die lange Dauer der Feierlichkeit schien ihn zu erbittern. Würden sie noch nicht bald zu Ende sein? Sie hatten schon gesungen »Komm heil'ger Geist«, sie hatten geräuchert, den Umzug gehalten und sich begrüßt. Das Kind mußte jetzt schon getauft sein. Herr Bouchard und der Oberst betrachteten geduldig die mit Menschen dicht besetzten Fenster des Platzes; dann wandten sie sich um, halb erschrocken durch ein plötzliches Geläute, das die Türme erschütterte, und sie empfanden einen leichten Schauer der Beunruhigung unmittelbar neben dem ungeheuren Bau der Kirche, der sich im Himmel zu verlieren schien. Inzwischen hatte sich August zur Vorhalle geschlichen, und Frau Correur folgte ihm. Als sie aber vor der Haupttür ankam, blieb sie beim Anblick dieser ungewohnten Herrlichkeit wie angewurzelt stehen. Zwischen den beiden breiten Vorhängen hindurch sah sie die riesige Kirche wie ein überirdisches Heiligtum sich wölben. Das zarte Blau der Gewölbe war mit Sternen besät, und die Fenster, die dieses Firmament umgaben, boten den Anblick seltsamer Gestirne, die im Glänze aller Edelsteine loderten. Überall wogte von den hohen Säulen roter Samt in Falten herab, der das wenige Licht aufsog, das in das Schiff eindringen konnte; und diese rote Nacht war nur von einem Flecke aus durch Tausende von Kerzen erhellt, die so dicht beisammen standen, daß sie gleichsam eine einzige Sonne bildeten, die in einem Funkenregen flammte. In der Mitte des Querschiffes stand auf einer Erhöhung der Altar, in einem Meer von Lichte flammend. Rechts und links erhoben sich Throne; und ein breiter Thronhimmel aus Samt, mit Hermelin ausgeschlagen, bildete über dem höchsten Throne einen riesigen Vogel mit schneeigem Leibe und purpurnen Fittichen; dazu die Versammlung, die mit dem Glänze des Goldes und der Edelsteine die ganze Kirche erfüllte. Nächst dem Altar im Hintergrunde die Bischöfe mit Kreuz und Mitra, eine Herrlichkeit, daß man den Himmel offen zu sehen glaubte; rings um den Altar reihten sich Prinzen, Prinzessinnen und hohe Würdenträger in fürstlichem Prunke; dann zu beiden Seiten in den beiden Seiten des Querschiffes, wo Stufen hinaufführten, rechts der diplomatische Körper und der Senat, links der gesetzgebende Körper und der Staatsrat, im übrigen Teile des Schiffes endlich drängten sich die Abordnungen aller Art, und oben am Rande der Tribünen entfalteten die Damen das bunte Farbenspiel ihrer lichten Gewänder. Ein dichter, roter Dunst durchwogte den ganzen Raum. Die Köpfe der im Hintergrunde und zu beiden Seiten auf Stufenbänken sitzenden Festgäste zeigten die rosigen Farben bemalten Porzellans. Atlas, Samt und Seide glänzten in einem düstern Schimmer, als wollten sie Feuer fangen. Ganze Reihen schienen auf einmal aufzulodern. Die weite Kirche glühte in dem Feuerschein eines Hochofens. Da sah Frau Correur, wie in der Mitte des Chors ein Herold vortrat, der dreimal mit weithallender Stimme ausrief: »Es lebe der kaiserliche Prinz! Es lebe der kaiserliche Prinz! Es lebe der kaiserliche Prinz!« In dem Beifallsjubel, von dem die Gewölbe erzitterten, sah Frau Correur am Rande der Erhöhung den Kaiser stehen. Seine Gestalt hob sich schwarz von dem Goldgefunkel der Bischöfe hinter ihm ab; er zeigte dem Volke den kaiserlichen Prinzen, ein Bündel weißer Spitzen, das er in seinen hocherhobenen Händen hielt. Plötzlich jedoch wies ein Schweizer Frau Correur mit einer Gebärde zurück. Sie wich zwei Schritte zur Seite und sah nichts mehr als dicht vor sich den einen Vorhang der Halle. Das Traumgesicht war verschwunden, sie fand sich im vollen Tageslichte und glaubte, noch ganz wirr im Kopfe, ein altes Gemälde gesehen zu haben ähnlich denen des Louvre, vom Alter eingetrocknet, voll Purpur und Gold, das Menschen aus alter Zeit darstellte, wie man solchen jetzt auf den Straßen nicht mehr begegnet. »Bleiben Sie dort nicht stehen!« sagte ihr Du Poizat und zog sie zum Obersten und zu Herrn Bouchard. Die Herren sprachen jetzt von den Überschwemmungen, die in den Tälern der Rhone und Loire schreckliche Verwüstungen angerichtet hatten. Tausende von Familien waren ohne Obdach. Die allerorten eröffneten Sammlungen reichten nicht aus, soviel Not zu lindern. Aber des Kaisers Mut und Freigebigkeit waren bewunderungswürdig; in Lyon hatte er die niedrig gelegenen Stadtteile, die unter Wasser standen, durchwatet; zu Tours war er im Boote drei Stunden in den überschwemmten Straßen umhergefahren. Überall spendete er mit vollen Händen. »Hört!« rief der Oberst dazwischen. In der Kirche brauste die Orgel, und ein mächtiger Gesang strömte durch die weite Öffnung der Vorhalle, deren Vorhänge sich unter diesem gewaltigen Atemzug bewegten. »Das Tedeum!« sagte Herr Bouchard. Du Poizat stieß einen Seufzer der Erleichterung aus. Endlich also waren sie fertig! Aber Herr Bouchard erklärte ihm, die Urkunden seien noch nicht unterzeichnet; dann mußte der Kardinallegat noch den päpstlichen Segen erteilen. Indessen begannen schon einige Leute herauszukommen. Rougon, einer der ersten, hatte am Arme eine magere Frau mit gelbem Gesicht und sehr einfach gekleidet. Ein Herr in der Tracht des Appellationsgerichtspräsidenten begleitete sie. »Wer ist das?« fragte Frau Correur. Du Poizat nannte ihr die beiden. Herr Beulin d'Orchère hatte Rougon kurz vor dem Staatsstreiche kennengelernt und bezeigte ihm seitdem eine besondere Achtung, ohne deshalb mit ihm in eine dauernde Verbindung zu treten. Fräulein Veronika, seine Schwester, bewohnte mit ihm ein Haus in der Färberstraße, das sie nur verließ, um die stillen Messen in St.-Sulpice zu besuchen. »Hören Sie!« sagte der Oberst leise, »eine solche Frau müßte Rougon haben!« »Gewiß!« stimmte Herr Bouchard bei. »Anständiges Vermögen, gutes Haus, ordentliche und kluge Frau. Er fände nichts Besseres.« Aber Du Poizat bestritt es lebhaft. Das Fräulein war überreif wie eine Mispel, die man auf dem Stroh vergessen hat. Sie war wenigstens sechsunddreißig Jahre alt und sah aus, als sei sie gut vierzig. Ein netter Besenstiel ins Bett! Eine Betschwester mit glattgekämmtem Haar! Ein Kopf, so abgenützt, so schal, als habe er ein halbes Jahr im Weihwasser gelegen! »Sie sind jung!« erklärte Herr Bouchard ernst. »Rougon muß eine Vernunftehe schließen... Ich habe aus Liebe geheiratet, aber das glückt nicht jedem.« »Ach was, ich mache mich über die alte Schachtel lustig!« gestand Du Poizat schließlich. »Beulin d'Orchères Gesicht macht mir bange. Dieser Kerl hat wahre Doggenkiefer... Sehen Sie ihn nur an mit seiner groben Schnauze und seinem Walde von krausen Haaren, worin man noch kein einziges weißes sieht trotz seiner fünfzig Jahre! Weiß man, was er vorhat? Warum fährt er fort, seine Schwester Rougon in die Arme zu treiben, jetzt, wo dieser zu Boden liegt?« Herr Bouchard und der Oberst schwiegen und tauschten einen unruhigen Blick aus. Die »Dogge«, wie der gewesene Unterpräfekt sagte, wollte also Rougon ganz allein verschlingen? Doch Frau Correur sagte langsam: »Es ist sehr gut den Richterstand für sich zu haben.« Inzwischen hatte Rougon Fräulein Veronika bis zu ihrem Wagen gebracht und verabschiedete sich von ihr, als sie im Begriffe war einzusteigen. Gerade in diesem Augenblicke trat die schöne Clorinde aus der Kirche an Delestangs Arme. Sie wurde plötzlich ernst und warf einen Flammenblick auf das lange, gelbe Geschöpf, hinter dem Rougon trotz seiner Senatorentracht diensteifrig die Wagentür schloß. Während der Wagen davonrollte, ging Clorinde stracks auf Rougon zu und ließ, lachend wie ein großes Kind, Delestangs Arm los. Die ganze Gesellschaft folgte ihr, und sie rief ihm vergnügt zu: »Ich habe meine Mutter verloren! Man hat sie mir in dem Gewühl entführt ... Geben Sie mir ein Plätzchen in Ihrem Wagen, ja?« Delestang, der ihr eben vorschlagen wollte, sie heimzufahren, schien sehr verstimmt. Sie trug ein Kleid von orangefarbener Seide, mit so hellen Blumen bestickt, daß die Diener sie anstarrten. Rougon hatte sich verneigt, aber sie mußten fast zehn Minuten auf den Wagen warten, und alle blieben dort stehen, selbst Delestang, dessen Wagen in der vordersten Reihe nur zwei Schritte weit stand. Die Kirche leerte sich langsam. Als Herr Kahn und Herr Béjuin herauskamen, eilten sie herzu und schlossen sich dem Kreise an. Da der große Mann die Händedrücke nur schwach erwiderte und unzufrieden aussah, fragte ihn Herr Kahn beunruhigt: »Fehlt Ihnen etwas?« »Nein, nur alle die Lichter da drinnen haben meine Augen ermüdet«, versetzte er. Nach einer Weile fuhr er halblaut fort: »Es war sehr großartig ... Ich habe niemals eine solche Freude auf dem Antlitz eines Menschen gesehen.« Er sprach vom Kaiser. Er öffnete weit die Arme voll ruhiger Majestät, wie um an die Szene in der Kirche zu erinnern, und sagte nichts mehr. Seine Freunde in der Runde schwiegen ebenfalls. Sie bildeten in einem Winkel des Platzes eine kleine Gruppe für sich. Vor ihnen strömte die Menge immer dichter vorüber: die hohen Richter in Amtstracht, die Offiziere in voller Parade, die Hofwürdenträger in Uniform, eine betreßte, verbrämte, ordengeschmückte Menge, welche die ausgestreuten Blumen zertrat, mitten unter den Rufen der Diener und dem Rollen der abfahrenden Wagen. Der Glanz des Kaiserreiches, das auf seiner Sonnenhöhe stand, wogte im Purpur der sinkenden Sonne, und die Türme der Liebfrauenkirche, rosig und hallend, schienen das künftige Reich des eben unter ihren Gewölben getauften Kindes auf den Gipfel des Friedens und der Größe emporzutragen. Die Unzufriedenen abseits aber fühlten nur eine unendliche Gier bei dem Anblicke des Glanzes der Feierlichkeit, bei dem Glockengeläute, den entfalteten Bannern, der begeisterten Stadt, der offiziellen Welt, die hier Staat machte. Rougon, der zum ersten Male die Kälte seiner Ungnade empfand, sah sehr blaß aus und beneidete – in seine Gedanken versunken – den Kaiser. »Guten Abend, ich gehe, es wird mir zuviel!« sagte Du Poizat, nachdem er den anderen die Hand gereicht. »Was haben Sie denn heute?« fragte ihn der Oberst, »Sie sehen ja so wütend aus!« Der Unterpräfekt erwiderte ruhig, indem er ging: »Warum soll ich vergnügt sein? ... Ich habe heute früh im Moniteur gelesen, daß dieser einfältige Campenon die Präfektur erhalten hat, die man mir versprochen.« Die anderen blickten sich an. Du Poizat hatte recht, sie gehörten nicht zum Feste. Rougon hatte ihnen seit der Geburt des Prinzen einen ganzen Regen von Geschenken für den Tauf tag versprochen: Herr Kahn sollte seine Eisenbahnkonzession haben, der Oberst das Kommandeurkreuz, Frau Correur die fünf oder sechs Tabaksverschleißrechte, die sie wünschte. Jetzt standen sie alle da im Winkel auf einem Haufen mit leeren Händen. Sie warfen so trostlose, vorwurfsvolle Blicke auf Rougon, daß dieser nur ein schreckliches Achselzucken als Erwiderung hatte. Als sein Wagen endlich kam, schob er Clorinde hastig hinein, schloß sich ebenfalls daselbst ein, ohne ein Wort zu sagen, und klappte die Tür heftig zu. »Da ist Marsy in der Vorhalle!« flüsterte Herr Kahn und zog Herrn Béjuin mit sich. »Wie hochnäsig dieser Schuft dreinschaut! ... Wenden Sie sich ab, er würde unsern Gruß doch nicht erwidern.« Delestang hatte sich schnell in seinen Wagen geworfen, um dem Rougons zu folgen. Herr Bouchard wartete noch auf seine Frau; als er endlich die Kirche leer sah, war er sehr überrascht und ging mit dem Obersten, der ebenfalls das Suchen nach August aufgegeben hatte, von dannen. Frau Correur endlich nahm den Arm eines Dragonerleutnants, der zum Teil ihr seine Achselstücke verdankte. Im Wagen redete Clorinde inzwischen entzückt von der Feier, und Rougon hörte ihr zurückgelehnt mit schläfrigem Gesichte zu. Sie hatte das Osterfest zu Rom gesehen; es war nicht großartiger gewesen. Sie erklärte, die Religion sei für sie ein Winkel des Paradieses, wo Gott Vater wie eine Sonne auf dem Throne saß inmitten der Herrlichkeit der Engel, die in jugendlicher Schönheit und in goldenen Gewändern um ihn her aufgestellt sind. Plötzlich fragte sie: »Werden Sie heute abend zu dem Festessen kommen, das die Stadt Ihren Majestäten gibt? Es wird herrlich!« Sie war eingeladen. Sie würde ein rosa Kleid tragen, ganz mit Vergißmeinnicht besät, Herr von Plouguern werde sie hinbegleiten, weil ihre Mutter am Abend ihrer Migräne wegen nicht mehr ausgehen wolle. Dann unterbrach sie sich nochmals ebenso jäh und fragte: »Wer war denn der Richter, mit dem Sie eben gingen?« Rougon hob das Kinn und sagte in einem Atem: »Herr Beulin d'Orchère, fünfzig Jahre alt, aus einem Richtergeschlechte, war Staatsanwaltsstellvertreter zu Montbrison, königlicher Anwalt zu Orleans, Generaladvokat zu Rouen, im Jahre 1852 Mitglied einer gemischten Kommission, kam dann als Appellationsgerichtsrat nach Paris und ist heute Präsident dieses Gerichtes ... Fast hätte ich vergessen, er hat den Erlaß vom 22. Januar 1852 gebilligt, wodurch die Güter des Hauses Orleans mit Beschlag belegt wurden ... Genügt Ihnen das?« Clorinde lachte aus vollem Halse. Er machte sich über sie lustig, weil sie ihre Kenntnisse erweitern wollte; aber es war doch gewiß erlaubt, nach den Leuten zu fragen, denen man begegnen konnte. Aber sie brachte ihn nicht zum Sprechen über Fräulein Beulin d'Orchère, sondern redete wieder vom Festessen im Stadthause; der Festsaal würde mit unerhörter Pracht ausgeschmückt werden, und die Musik würde während der ganzen Dauer des Essens spielen. Frankreich war ein großes Land! Nirgends, weder in England, noch in Deutschland, noch in Spanien, noch in Italien hatte sie berauschendere Bälle, verschwenderischere Prachtgewänder gesehen. Also, sagte sie mit vor Bewunderung glühendem Gesichte, sei ihre Wahl jetzt getroffen, sie wolle Französin sein. »Oh! Soldaten!« rief sie, »sehen Sie doch, Soldaten!« Der Wagen, der durch die Altstadtstraße gefahren war, hielt am Ende der Liebfrauenbrücke, weil ein vorübermarschierendes Regiment ihm den Weg versperrte. Es waren Liniensoldaten, kleine Kerle, die wie Hammel marschierten, durch die Baumreihen etwas in Unordnung gebracht. Sie kamen vom Kettestehen; auf ihren Gesichtern lag die volle Glut der Nachmittagssonne, die Stiefel waren weiß von Staub, das Rückgrat beugte sich unter der Last des Tornisters und des Gewehres. Sie hatten sich unter den Stößen der Menge so gelangweilt, daß sie noch wie betäubt aussahen. »Ich bete das französische Heer an«, sagte Clorinde entzückt und beugte sich vor, um besser zu sehen. Rougon sah, wie aus dem Schlaf erwacht, ebenfalls hin. Das war die Macht des Kaiserreiches, die da im Staube der Straße hinzog. Allmählich staute sich eine große Menge Wagen auf der Brücke, aber die Kutscher warteten achtungsvoll, während prächtig gekleidete Gestalten lächelnd aus den Wagenfenstern blickten und die kleinen Soldaten bedauerten, die durch das lange Stehen ganz abgestumpft waren. Die im Sonnenschein blinkenden Gewehre erhöhten den Festesglanz. »Da kommen die letzten, sehen Sie?« rief Clorinde wieder. »Eine ganze Reihe von Leuten, die noch keinen Bart haben. Wie niedlich sie sind!« In einem Anfall von Zärtlichkeit warf sie den Soldaten mit beiden Händen Kußhändchen zu; doch verbarg sie sich ein wenig, um nicht gesehen zu werden. Es war eine Freude an der bewaffneten Macht, die sie sich gönnte. Rougon lächelte väterlich; es war für ihn ebenfalls die erste Freude des Tages. »Was gibt es?« fragte er, als der Wagen endlich an der Ecke des Ufers einlenken konnte. Eine beträchtliche Menschenmenge hatte sich auf dem Fußwege und der Fahrbahn angesammelt und zwang den Wagen von neuem zu halten. Eine Stimme aus dem Haufen antwortete: »Ein Betrunkener, der die Soldaten beleidigt hat. Die Schutzleute haben ihn gefaßt.« Als die Menschenmauer sich endlich öffnete, sah Rougon Gilquin volltrunken, von zwei Schutzleuten am Kragen gefaßt. Sein gelber Zwillichanzug hing ihm in Fetzen vom Leibe und ließ die bloße Haut sehen. Aber er blieb gemütlich mit seinem aus dem roten Gesichte herabhängenden Schnurrbart. Er duzte die Schutzleute und nannte sie »meine Lämmer!« Dann erklärte er ihnen, daß er den Nachmittag ganz ruhig in einem Kaffeehause nebenan mit sehr reichen Leuten verbracht habe. Man könne sich im Theater des Königspalastes erkundigen, wohin Herr und Frau Charbonnel »das Zuckerwerk der Taufe« zu sehen gegangen waren; sie würden gewiß nicht das Gegenteil sagen. »Laßt mich doch los, Ihr Spaßvögel!« schrie er und reckte sich plötzlich auf. »Da ist das Kaffeehaus. Donnerwetter! kommt mit, wenn ihr mir nicht glaubt! ... Die Soldaten sind schuld, verstanden? Ein Kleiner lachte über mich, und ich habe ihn heimgeschickt, er solle sich schneuzen lassen. Aber das französische Heer beleidigen – niemals! ... Fragt den Kaiser nach Theodor, Ihr werdet sehen, was er sagen wird! ... Ah, verdammt! Ihr wäret mir gerade die Rechten!« Die Menge lachte erheitert. Die beiden Schutzleute ließen jedoch unbeirrt nicht locker und schoben Gilquin der Martinstraße zu, in welcher man weiter hin die rote Laterne einer Polizeiwache erblickte. Rougon hatte sich schnell im Wagen zurückgelehnt, aber Gilquin erblickte ihn doch und erhob den Kopf. In seiner Trunkenheit wurde er schalkhaft und pfiffig. Er sah ihn blinzelnd an und sprach für sich: »Genug, Kinder ... man könnte Lärm schlagen; aber man macht keinen, weil man Würde besitzt ... Na! Was sagt ihr? Ihr würdet die Pfote hübsch von Theodor lassen, wenn er mit Prinzessinnen spazieren fährt wie ein Bürger meiner Bekanntschaft. Man hat ebenso mit der vornehmen Welt gearbeitet und fein gearbeitet, man rühmt sich dessen in aller Bescheidenheit, ohne Tausende und Hunderte zu verlangen. Man kennt seinen eigenen Wert. Das tröstet einen über den kleinlichen Jammer ... Gotts Donner, sind denn Freunde keine Freunde mehr?« ... Er redete jetzt ganz zärtlich, von Rülpsen unterbrochen. Rougon winkte vorsichtig einen Mann heran, der in einten langen Rock geknöpft neben dem Wagen stand, und den er kannte. Leise mit ihm sprechend gab er ihm Gilquins Wohnung an: Virginiestraße 17, bei Grenelle. Der Mann näherte sich den Schutzleuten, als wolle er ihnen helfen, den sich Sträubenden fortzuschaffen. Die Menge war jedoch sehr erstaunt, als sie sah, wie jene sich nach links wandten, Gilquin in einen Mietwagen warfen und den Kutscher das Gerberufer entlangfahren hießen. Gilquin aber schob seinen geschwollenen, zerrauften, dicken Kopf mit einem Grinsen des Triumphes noch einmal aus dem Fenster und brüllte: »Hoch die Republik!« Nachdem der Auflauf zerstreut war, nahmen die Ufer ihre Stille wieder an. Paris saß müde von der Begeisterung bei Tische; die dreihunderttausend Neugierigen, die sich dort zusammengedrängt, hatten die Gasthäuser am Strome und im Tempelviertel gestürmt. Auf den öden Fußwegen schleppten sich nur noch einige kreuzlahme Provinzleute hin, die nicht wußten, wo sie speisen sollten. Am Ufer klopften auf beiden Seiten der Waschanstalt die Wäscherinnen die letzten Wäschestücke mit verdoppelter Emsigkeit. Ein Sonnenstrahl vergoldete noch die Spitzen der jetzt stummen Liebfrauentürme hoch über den Häusern, die alle schon im Schatten lagen. In dem leichten Nebel, der von der Seine aufstieg, unterschied man unten auf der Spitze der St.-Ludwig-Insel, in dem Grau der Hausfronten nichts mehr als den riesigen Überrock, diese ungeheuerliche Reklame, die an einen Nagel des Horizontes die Hülle eines Titanen aufzuhängen schien, dessen Glieder der Blitz verzehrt hat. Fünftes Kapitel. Eines Morgens gegen elf Uhr kam Clorinde zu Rougons Wohnung in die Marbeufstraße. Sie kehrte vom Gehölze zurück; ein Diener hielt vor der Türe ihr Pferd. Sie durchschritt den Garten, wandte sich links und pflanzte sich vor einem großen offenen Fenster des Zimmers auf, in dem der große Mann arbeitete. »Nicht wahr, ich habe Sie überrascht?« sagte sie plötzlich. Rougon erhob lebhaft den Kopf und sah sie lachend, von der warmen Junisonne überströmt, vor sich stehen. Ihre Amazonentracht aus dunkelblauem Tuch, deren lange Schleppe sie über dem linken Arm trug, ließ sie noch größer erscheinen als sonst, ihr Westenleibchen mit kleinen runden Schößen und sehr eng anschließend, schmiegte sich wie eine lebendige Haut um Schultern, Hals und Hüften. Sie trug leinene Stulpen und Kragen, unter diesem eine schmale blaue Krawatte. Auf ihrem Kopfe saß sehr kühn ein Herrenhut, um den ein blauer Schleier von duftiger Gaze flatterte, von den Sonnenstrahlen wie mit einem Goldstaube bestreut. »Wie! Sie sind es!« rief Rougon und eilte herbei. »Aber treten Sie doch ein!« »Nicht doch!« wehrte sie ab, »ich will Sie nicht stören, sondern Ihnen nur ein Wort sagen. Meine Mutter erwartet mich zum Frühstück.« Dies war der dritte Besuch, den sie so Rougon gegen alle Anstandsregeln abstattete. Nur bestand sie darauf, im Garten zu bleiben. Übrigens war sie auch die beiden ersten Male in Amazonentracht gekommen, die ihr die Freiheit eines Junggesellen gab, und deren langer Rock ihr ein ausreichender Schutz schien. »Ich komme als Bettlerin«, fuhr sie fort ... »Wir haben eine Verlosung zum Besten armer Mädchen veranstaltet.« »Gut, so kommen Sie doch herein«, wiederholte er. »Sie können es mir hier besser erklären.« Sie hielt ihre kleine Reitpeitsche mit silbernem Griff noch in der Hand, klopfte ihr Kleid damit und versetzte lachend: »Es ist weiter nichts zu erklären. Nehmen Sie mir nur die Lose ab; ich habe Sie deshalb drei Tage lang gesucht, ohne Ihrer habhaft werden zu können, und morgen ist die Ziehung.« Sie zog ein kleines Taschenbuch hervor und fragte: »Wieviel Lose wünschen Sie?« »Nicht ein einziges; wenn Sie nicht hereinkommen!« rief er und fügte scherzend hinzu: »Seit wann macht man Geschäfte durchs Fenster ab! Ich werde Ihnen doch das Geld nicht hinausreichen wie einer Armen!« »Mir gleichviel, rücken Sie nur heraus!« Aber er gab nicht nach. Sie sah ihn einen Augenblick an und fragte darauf: »Wenn ich hineinkomme, werden Sie zehn Lose nehmen? Das Stück zu zehn Franken.« Sie zögerte noch, warf einen schnellen Blick durch den Garten, sah aber nur einen Gärtner, der in einem Baumgange kniend, ein Korbbeet mit Geranien bepflanzte. Sie lächelte flüchtig und schritt die drei Stufen hinauf, die zur Tür des Arbeitszimmers führten. Rougon trat ihr schon daraus entgegen, reichte ihr die Hand und fragte, nachdem er sie mitten in das Gemach geleitet: »Sie fürchten doch nicht, daß ich Sie fressen würde? Sie wissen wohl, daß ich der unterwürfigste Ihrer Sklaven bin ... Was fürchten Sie also?« Sie klopfte noch immer ihr Kleid leicht mit dem Peitschenstiel und versetzte mit der stolzen Haltung einer Emanzipierten: »Ich fürchte überhaupt nichts.« Nachdem sie die Peitsche auf ein Sofa gelegt, blätterte sie von neuem in ihrem Taschenbüchlein und fragte: »Sie nehmen zehn, nicht wahr?« »Ich würde zwanzig nehmen, wenn Sie es wünschten«, erwiderte er. »Aber setzen Sie sich doch und lassen Sie uns ein wenig plaudern! ... Sie werden doch nicht sogleich wieder flüchten?« »Also, ein Los für die Minute, gelt? ... Wenn ich eine Viertelstunde bliebe, wären es fünfzehn Lose; zwanzig Minuten machten zwanzig, und so weiter bis zum Abend; mir wäre es recht ... Sind Sie einverstanden?« Sie lachten beide über diesen Vertrag. Clorinde ließ sich endlich auf einen Sessel nieder, der in der Nische des offen gebliebenen Fensters stand. Um sie nicht scheu zu machen, trat Rougon an seinen Schreibtisch zurück. So plauderten sie zunächst von dem Hause. Sie blickte aus dem Fenster, erklärte, der Garten sei etwas klein, aber reizend mit dem Rasenplatze in der Mitte und den Baumgruppen umher. Er entwarf ihr den Plan des Gebäudes; unten im Erdgeschoß befanden sich außer seinem Arbeitszimmer ein großer und ein kleiner Salon, sowie ein sehr schöner Speisesaal; im ersten wie im zweiten Stockwerk noch je sieben Zimmer. Alles das war, obgleich verhältnismäßig klein, für ihn doch viel zu geräumig. Als der Kaiser ihm das Haus geschenkt hatte, sollte er eine Witwe heiraten, die Seine Majestät selbst ihm ausgewählt hatte. Aber sie war gestorben, und so würde er Junggeselle bleiben. »Warum?« fragte sie und schaute ihm gerade in die Augen. »Bah!« versetzte er, »ich habe anderes zu tun. In meinem Alter braucht man keine Frau mehr.« Sie aber zuckte die Achseln und sagte einfach: »Verstellen Sie sich doch nicht so!« Sie waren so weit gekommen, sehr freie Gespräche miteinander zu führen. Sie behauptete, er müsse ein sehr heißes Blut haben; er aber verwahrte sich dagegen und erzählte ihr von seiner Jugend, von den Nächten, die er in nackten Kammern verbracht, in die, wie er lachend sagte, nicht einmal die Wäscherinnen eintraten. Darauf fragte sie ihn mit einer Art kindlicher Neugier nach seinen Geliebten; er hatte gewiß einige gehabt, zum Beispiel eine, die ganz Paris kannte, und die sich in der Provinz niedergelassen, nachdem sie von ihm geschieden war, das konnte er nicht leugnen. Er aber erklärte achselzuckend, daß er sich um Unterröcke nicht kümmere. Wenn das Blut ihm zu Kopfe stieg – mein Gott, er war ein Mann wie andere! Er hätte eine Zwischenwand eingedrückt, um in ein Schlafzimmer zu gelangen; er hielt sich nicht bei den Kleinigkeiten an den Türen auf. War es vorüber, so wurde er wieder sehr ruhig. »Nein, keine Frau!« wiederholte er, während seine Augen sich an Clorindes nachlässiger Haltung schon entflammten. »Das beansprucht zuviel Platz!« Das Mädchen, in den Sessel hingegossen, lächelte seltsam. Ihr Gesicht hatte einen schmachtenden Ausdruck, ihr Puls ging schneller, und sie übertrieb ihre italienische singende Sprechweise noch, indem sie entgegnete: »Lassen Sie nur gut sein, mein Lieber, Sie beten uns doch an. Was gilt die Wette, daß Sie in einem Jahre verheiratet sind?« Sie war wirklich verführerisch, wie sie so siegesgewiß dreinschaute. Seit einiger Zeit bot sie sich Rougon ruhig an. Sie gab sich nicht die Mühe, die langsame Verführung, die feinen Schlingen, mit denen sie ihn vom Beginn der Belagerung umgeben hatte, zu verbergen; sie glaubte ihn jetzt hinlänglich erobert, um die Maske abwerfen zu können. Ein wahrer Zweikampf entbrannte zwischen ihnen. Wenn sie die Bedingungen auch noch nicht laut besprachen, drückten ihre Lippen, ihre Augen doch sehr rückhaltlose Geständnisse aus. Sahen sie einander an, konnten sie sich nicht enthalten zu lächeln; und so forderten sie einander heraus. Clorinde machte ihren Preis und ging gerade auf ihr Ziel los mit einer stolzen Kühnheit, immer nur das zu bewilligen, was sie bewilligen wollte. Rougon, trunken, aufgestachelt, setzte alle Bedenken beiseite und träumte davon, dies schöne Mädchen einfach zu seiner Liebsten zu machen und sie dann laufen zu lassen, um ihr so seine Überlegenheit zu beweisen. Beider Hochmut kämpfte noch erbitterter als ihre Sinne. »Bei uns«, fuhr sie mit gedämpfter Stimme fort, »ist die Liebe die Hauptsache. »Zwölfjährige Mädchen haben schon ihren Liebsten... Ich bin ein Junge geworden, weil ich gereist bin. Aber wenn Sie meine Mutter gekannt hätten, als sie noch jung war! Sie ging niemals aus, sie war so schön, daß man von weither kam, sie zu besuchen. Ein Graf ist deshalb ein halbes Jahr lang in Mailand geblieben, ohne auch nur das Ende ihrer Haarflechten zu sehen. Die Italienerinnen sind nicht wie die Französinnen, die schwatzen und umherlaufen; sie bleiben am Halse des Mannes, den sie erwählt haben... Ich aber bin viel gereist, ich weiß nicht, ob ich treu bleiben werde. Dennoch glaube ich, daß ich sehr liehen werde, o ja, sehr! so daß ich daran sterben könnte!« Ihre Lider hatten sich allmählich gesenkt, ihr Gesicht glänzte in einem Ausdrucke wollüstigen Entzückens. Während sie sprach, hatte Rougon mit zitternden Händen seinen Schreibtisch verlassen, wie von einer höheren Macht angezogen. Als er sie jedoch erreicht hatte, öffnete sie die Augen weit, sah ihn groß an und sagte lächelnd, auf die Uhr weisend: »Jetzt sind es zehn Lose!« »Wie, zehn Lose?« stammelte er verwirrt. Als er sich endlich besann, lachte sie, als wolle sie bersten. Sie gefiel sich darin, ihn so von Sinnen zu bringen, und wenn er die Arme öffnen wollte, entschlüpfte sie ihm mit einem Worte; es schien sie sehr zu ergötzen. Rougon sah sie, plötzlich erbleichend, wütend an, was ihre Heiterkeit nur noch erhöhte. »Also, ich muß fort«, sagte sie. »Sie sind nicht artig genug mit den Frauen... Nein, im Ernst, Mama erwartet mich zum Frühstück.« Er aber hatte seine väterliche Miene wieder angenommen. Nur in seinen grauen Augen, unter den schweren Lidern, loderte noch eine Flamme auf, wenn sie den Kopf umwandte, und er umfaßte dann ihre ganze Gestalt mit einem Blick wie ein Mensch, der zum Äußersten getrieben ist und ein Ende machen will. Vorläufig bemerkte er, sie könne ihm recht gut noch fünf Minuten schenken. Die Arbeit, die er vorhatte, war so langweilig: ein Bericht an den Senat über Bittschriften! Er erzählte ihr von der Kaiserin, für die sie eine wahre Verehrung hegte. Sie war seit acht Tagen in Biarritz. Da lehnte sich das Mädchen wieder in den Sessel zurück, und das Schwatzen nahm kein Ende. Sie kannte Biarritz, sie hatte dort einen Sommer verbracht, als der Badeort noch nicht in Mode gekommen war, Sie war verzweifelt, nicht dahin gehen zu können, während der Hof dort weilte. Dann berichtete sie über eine Sitzung der Akademie, wohin Herr von Plouguern sie tags zuvor geführt hatte. Es war ein Schriftsteller neu aufgenommen worden, über den sie unbarmherzig spottete, weil er kahlköpfig war. Sie hatte übrigens ein Grauen vor Büchern. Sobald sie etwas las, mußte sie sich mit Nervenanfällen zu Bett legen; sie verstand überhaupt gar nicht, was sie las. Als Rougon ihr sagte, der tags zuvor aufgenommene Schriftsteller sei ein Feind des Kaisers, und seine Antrittsrede habe von abscheulichen Anspielungen gewimmelt, war sie ganz verblüfft und erklärte: »Er sah aber ganz gutmütig aus!« Da wetterte Rougon auch seinerseits über die Bücher. Besonders entrüstete ihn ein eben erschienener Roman, ein Werk der verderbtesten Einbildungskraft, das sich einen Anschein von Wahrheit gab und den Leser durch die Ausschweifungen einer hysterischen Frau schleifte. Dieses Wort »hysterisch« schien ihm zu gefallen; denn er wiederholte es dreimal. Als aber Clorinde ihn bat, es ihr zu erklären, weigerte er sich, von einer großen Schamhaftigkeit ergriffen. »Man kann alles sagen«, fuhr er fort; »nur gibt es eine gewisse Art, in der man alles sagen kann... So muß man in der Verwaltung oft die peinlichsten Dinge berühren. Ich habe zum Beispiel Berichte über gewisse Frauen gelesen – Sie verstehen mich, wie? – da waren sehr genaue Einzelheiten, in klarem und einfachem Stil angeführt, ohne die Schamhaftigkeit zu verletzen! Dagegen haben die heutigen Romanschriftsteller eine schlüpfrige Ausdrucksweise angenommen, eine Art, die Dinge zu schildern, die sie einem lebendig vor die Augen führt. Das heißen sie Kunst. Es ist Unanständigkeit, weiter nichts.« Er sprach auch noch das Wort »Pornographie« und nannte sogar den Marquis de Sade, ohne ihn übrigens gelesen zu haben. Beständig redend, manövrierte er mit großer Geschicklichkeit, um hinter Clorindens Sessel zu gelangen, ohne daß sie es bemerkte. Sie murmelte, ins Leere blickend: »Was die Romane betrifft, so habe ich nie einen einzigen aufgeschlagen. Zu dumm, alle diese Lügen ... Sie kennen nicht ›Leonora die Zigeunerin‹. Das Buch ist hübsch; ich habe es italienisch gelesen, als ich noch klein war. Es handelt von einem Mädchen, das schließlich einen großen Herrn heiratet. Im Anfang wird sie von Räubern entführt.« Ein leises Knirschen hinter ihr ließ sie jedoch plötzlich den Kopf wenden, als sei sie aus dem Schlafe aufgeschreckt, und sie fragte: »Was machen Sie da?« »Ich lasse den Vorhang nieder«, versetzte er. »Die Sonne muß Sie belästigen.« Wirklich fand sie sich von einem Sonnenstrahle getroffen, dessen tanzende Lichter ihr Kleid mit glänzendem Schimmer vergoldeten, und rief: »Wollen Sie wohl den Vorhang lassen, wo er ist! Ich liebe die Sonne und befinde mich wie im Bade.« Sehr beunruhigt, erhob sie sich halb und blickte hinaus, ob der Gärtner noch da sei. Als sie auf der andern Seite des Korbbeetes den Rücken seines blauen Kittels erblickte, nahm sie beruhigt und lächelnd wieder Platz. Rougon, welcher der Richtung ihres Blickes gefolgt war, zog den Vorhang herab, während sie ihn neckte. Er liebte also den Schatten wie die Eulen. Doch zeigte er sich nicht verdrossen, sondern trat in die Mitte des Zimmers mit den langsamen Bewegungen eines Bären, der einen heimtückischen Streich plant. Als er am andern Ende des Zimmers an einem großen Sofa stand, über dem ein fast lebensgroßes Bild hing, rief er sie heran: »Kommen Sie doch her. Sie haben mein letztes Bild noch nicht gesehen.« Sie streckte sich noch behaglicher im Sessel aus und erwiderte, noch immer lächelnd: »Ich sehe es von hier sehr gut. Übrigens haben Sie es mir schon früher gezeigt.« Er ließ sich nicht entmutigen. Auch am andern Fenster hatte er den Vorhang niedergelassen und erfand noch zwei oder drei Vorwände, sie in diesen verschwiegenen Winkel zu. locken, wo es sehr gemütlich war, wie er sagte. Sie verachtete diese grobe Falle und antwortete nicht einmal, sondern begnügte sich, den Kopf zu schütteln. Als er sah, daß sie ihn durchschaute, pflanzte er sich mit ineinandergelegten Händen wieder gerade vor sie hin, gab die Verstellung auf und forderte sie geradezu heraus. »Eben fällt mir ein, ich wollte Ihnen Monarque, mein neues Pferd, zeigen. Sie wissen, ich habe mein Pferd umgetauscht... Wollen Sie mir Ihre Meinung darüber sagen? Sie sind ja eine Pferdefreundin.« Sie weigerte sich abermals. Er aber drang in sie: der Stall sei nur zwei Schritte entfernt, es werde höchstens fünf Minuten dauern. Als sie bei ihrer Weigerung beharrte, sagte er halblaut mit fast verächtlicher Gebärde: »Ah, Sie haben keinen Mut!« Das wirkte wie ein Peitschenhieb. Sie erhob sich ernst, etwas bleich und sagte einfach: »Kommen Sie zu Monarque!« Sie warf ihre Schleppe wieder über den linken Arm und blickte ihm gerade in die Augen. Ein Weilchen sahen sie sich so scharf an, daß einer in des andern Gedanken las. Es war ein schonungsloser Kampf, der angeboten und angenommen wurde. Sie stieg die Stufen hinab, er folgte, mechanisch seinen Hausrock zuknöpfend. Aber sie hatte in dem Baumgange keine drei Schritte getan, als sie stehenblieb und sagte: »Warten Sie!« Sie eilte zurück, und als sie wiederkam, hielt sie mit den Fingerspitzen ihre Reitpeitsche, die sie hinter einem Kissen des Sofas hatte liegen lassen. Rougon schielte nach der Peitsche, dann hob er langsam die Augen zu Clorinde. Jetzt lächelte sie und schritt von neuem voran. Der Stall befand sich zur Rechten im Hintergrunde des Gartens. Als sie an dem Gärtner vorbeikamen, ordnete dieser seine Werkzeuge; er stand da und war im Begriffe fortzugehen. Rougon zog seine Uhr; es war fünf Minuten nach elf, der Stallknecht mußte jetzt beim Frühstück sein. Barhaupt folgte er im Sonnenbrande Clorinde, die rechts und links in das Gebüsch hieb, ohne ein Wort zu reden, selbst ohne zurückzublicken. Am Stalle ließ sie Rougon die Tür öffnen und trat vor ihm ein. Die Tür, die zu heftig zurückgestoßen worden, fiel mit lautem Geräusche ins Schloß; sie aber lächelte nur mit offener, stolzer und zuversichtlicher Miene. Der Stall war klein, ganz gewöhnlich, mit vier Eichenständen. Obgleich die Fliesen erst am Morgen gescheuert und das Holzwerk, Krippen und Raufen, sehr sauber gehalten waren, stieg dennoch ein durchdringender Geruch auf, und es war warm in dem Räume wie im Badezimmer. Das Licht drang schräg durch zwei runde Luken herein und erhellte nur die Decke, nicht die Winkel am Boden. Clorinde, aus dem hellen Sonnenlichte hereintretend, konnte anfangs nichts unterscheiden, doch wartete sie und öffnete die Türe nicht wieder, um nicht furchtsam zu erscheinen. Nur zwei Stände waren besetzt. Die Pferde schnauften und drehten die Köpfe um. »Dies ist es?« fragte sie, nachdem ihre Augen sich an das Dunkel gewöhnt hatten. »Es sieht sehr gut aus.« Sie klopfte das Tier auf die Kruppe, trat dann in den Stand und streichelte es an den Flanken, ohne die geringste Furcht zu bezeigen. Sie wünsche seinen Kopf zu sehen, sagte sie. Gleich darauf hörte Rougon, wie sie dem Tiere derbe Küsse auf die Nüstern drückte. »Kommen Sie heraus!« bat er eifersüchtig. »Wenn das Pferd sich herumwirft, würde es Sie zerdrücken!« Sie aber lachte nur, küßte das Tier noch stärker und flüsterte ihm allerhand Zärtlichkeiten zu; so daß es, von diesem unerwarteten Regen von Liebkosungen überrascht, stillhielt, während Schauer über sein seidenglänzendes Fell liefen. Endlich kam sie zurück. Sie sagte, sie liebe die Pferde über alles, und diese kennten sie sehr gut, denn sie täten ihr nie etwas zuleide, auch wenn sie sie necke. Sie wisse sie schon zu behandeln, es seien sehr kitzlige Tiere; dieses aber sehe sehr gutmütig aus. Sie hockte hinter ihm nieder,; hob mit beiden Händen einen Fuß auf, um den Beschlag zu untersuchen, und das Pferd ließ es sich ruhig gefallen. Rougon stand da und verschlang sie mit den Blicken, wie sie da am Boden vor ihm hockte. Wenn sie inmitten des großen Haufens ihrer Röcke sich vorbeugte, schwellten ihre Hüften den Stoff. Er sagte nichts mehr, die Kehle war ihm wie zugeschnürt von der Scheu, die gewalttätigen Menschen eigen ist. Schließlich beugte er sich dennoch nieder, und sie fühlte eine Berührung unter den Achseln so leise, daß sie sich in ihrer Untersuchung der Pferdehufe nicht stören ließ. Rougon tastete mit verhaltenem Atem weiter nach vorn; sie aber zitterte nicht, als ob sie es erwartet habe. Sie ließ nur den Huf los und sagte, ohne sich umzuwenden: »Was haben Sie denn? Was fällt Ihnen ein?« Er wollte sie umfassen, sie aber schnippte ihn auf die Finger und fuhr fort: »Bitte, keine Handgreiflichkeiten! Ich bin wie die Pferde kitzlig... Sie sind närrisch!« Sie lachte, als ob sie ihn nicht verstehe. Als sein Atem ihr warm über den Nacken wehte, erhob sie sich mit der mächtigen Schnellkraft einer stählernen Sprungfeder, entwischte ihm und stellte sich den Ständen gegenüber an die Wand. Er folgte ihr mit ausgebreiteten Armen, um von ihr irgend etwas zu erhaschen; sie aber hielt ihre Schleppe mit der Linken wie einen Schild vor, in der erhobenen Rechten die Reitpeitsche. Seine Lippen zitterten, er sprach kein Wort; sie aber plauderte ganz gemütlich weiter. »Sie werden mich nicht berühren«, sagte sie. »Ich habe fechten gelernt, als ich noch jung war. Es tut mir leid, es nicht weiter geübt zu haben. Nehmen Sie Ihre Finger in acht! Habe ich es Ihnen nicht gesagt?« Sie schien zu spielen; sie schlug nicht derb zu, sondern streifte ihm nur die Haut, sooft er seine Hände vorstreckte. Sie war so behende in der Abwehr, daß er nicht einmal ihr Gewand ergreifen konnte. Anfangs hatte er sie an den Schultern fassen wollen; zweimal von der Peitsche berührt, wollte er sie um die Mitte fassen; abermals getroffen, beugte er sich heimtückisch zu ihren Knien hinab, jedoch nicht schnell genug, um einem Regen von leichten Hieben zu entgehen, unter dem er sich wieder aufrichten mußte. Rechts und links hörte man das leichte Klatschen der Hiebe. Rougon, mit Hieben bedeckt, daß ihm die Haut juckte, wich einen Augenblick zurück. Er war jetzt sehr rot, und Schweißtropfen begannen auf seinen Schläfen zu perlen. Der starke Stallgeruch benahm ihm die Sinne, die Dunkelheit und der warme Tierdunst ermutigten ihn, alles zu wagen. Er stürzte sich rücksichtslos wiederholt auf das Mädchen; sie aber tippte mit der Peitsche nicht mehr freundschaftlich, sondern hieb immer derber zu, ohne deshalb im Lachen und Schwatzen innezuhalten. Sie war schön, den Rock zwischen die Beine geklemmt, die Lenden geschmeidig, in dem enganschließenden Mieder, biegsam wie eine schwarzblaue Schlange. Wenn sie den Arm erhob, um zuzuschlagen, hatten die Linien ihrer zurückgebogenen Brust einen ganz besonderen Reiz. »Nun, sind Sie es satt?« fragte sie lachend. »Sie werden zuerst aufhören, mein Lieber!« Aber das waren ihre letzten Worte. Rougon, wie von Sinnen und purpurrot im Gesichte, stürzte sich auf sie, schnaubend wie ein wilder Stier. Sie selbst war glücklich, diesen Mann prügeln zu können, und in ihren Augen flammte ein Schimmer von Grausamkeit auf. Sie verstummte und trat stolz von der Mauer in die Mitte des Stalles. Sich um sich selbst drehend, hielt sie ihn sich mit verdoppelten Schlägen vom Leibe, bald die Beine, bald die Arme, bald den Leib, bald die Schultern treffend, während er wie ein Bär unter der Peitsche seines Bändigers sie umtanzte. Sie schlug von oben herab, wie emporgewachsen, mit stolzer Haltung und bleichen Wangen, um die Lippen ein nervöses Lächeln. Ohne daß sie es bemerkte, drängte er sie nach und nach in den Hintergrund des Stalles gegen eine Tür, die zur Futterkammer führte. Während sie ihre Peitsche verteidigte, deren er sich bemächtigen zu wollen schien, faßte er sie plötzlich, der Hiebe nicht achtend, um die Hüften und warf sie durch die Tür auf das Stroh mit solcher Gewalt, daß er selbst neben sie hinfiel. Sie stieß keinen Schrei aus, sondern gab ihm aus allen Kräften einen Schlag über das Gesicht, von einem Ohre zum andern. »Dirne!« rief er und stieß noch andere gemeine Worte aus, fluchend, hustend, als wolle er ersticken. Sie duzend, warf er ihr vor, sie habe mit aller Welt geschlafen, mit dem Kutscher, dem Bankier, mit Pozzo, und fragte schließlich: »Warum wollen Sie nicht mit mir?« Sie würdigte ihn keiner Antwort. Sie hatte sich aufgerafft und stand unbeweglich mit bleichem Gesicht und der kühlen Ruhe einer Bildsäule. »Warum wollen Sie nicht?« wiederholte er. »Sie haben mich doch Ihre nackten Arme antasten lassen... Sagen Sie nur, warum wollen Sie nicht?« Sie blieb ernst, unempfindlich gegen seine Schmähungen, die Augen ins Weite gerichtet. »Darum«, sagte sie endlich. Nach einer Weile fügte sie, ihn anblickend, hinzu: »Heiraten Sie mich! Nachher alles, was Sie wollen.« Er lachte gezwungen, einfältig und beleidigend zugleich, indem er den Kopf schüttelte. »Dann niemals!« rief sie. »Verstehen Sie? Niemals, niemals!« Ohne ein Wort weiter zu sagen, kehrten sie in den Stall zurück. Die Pferde drehten wieder die Köpfe um und schnauften stärker, beunruhigt durch das Geräusch des Ringens, das sie hinter sich gehört hatten. Die Sonne hatte die beiden Luken erreicht: zwei grelle, gelbe Lichtstreifen fielen in das Dunkel herein, und wo sie das Pflaster trafen, begann es zu rauchen und einen verstärkten Geruch auszuströmen. Clorinde trat mit der ruhigsten Miene von der Welt, die Reitpeitsche unterm Arm, nochmals zu Monarque, küßte ihn zweimal auf die Nüstern und sagte: »Leb wohl, mein Dicker, du bist artig!« Rougon, gebrochen, beschämt, war sehr ruhig. Der letzte Peitschenschlag hatte gleichsam sein Blut beruhigt. Mit noch zitternden Händen ordnete er seine Krawatte von neuem und tastete an seinem Rocke entlang, ob er ordentlich zugeknöpft sei. Dann entfernte er vom Kleide des Mädchens sorgfältig einige Strohhalme, die daran hängen geblieben waren, und in der Angst, mit ihr im Stalle betroffen zu werden, spitzte er die Ohren. Sie ließ ihn um ihr Kleid herumgehen ohne die geringste Furcht, als ob gar nichts Besonderes zwischen ihnen vorgefallen sei. Als sie ihn bat, die Türe zu öffnen, gehorchte er. Darauf gingen sie ganz gemächlich durch den Garten. Rougon, der ein leichtes Brennen auf seiner Wange verspürte, drückte sein Taschentuch darauf. Als Clorinde die Schwelle des Arbeitszimmers betrat, galt ihr erster Blick der Uhr. »Es sind zweiunddreißig Lose!« sagte sie lächelnd. Da er sie überrascht ansah, fuhr sie laut lachend fort: »Entlassen Sie mich schnell, der Zeiger rückt immer weiter vor. Sehen Sie, eben beginnt die dreiunddreißigste Minute ... Hier, ich lege die Lose auf ihren Schreibtisch.« Er gab ihr sofort dreihundertzwanzig Franken. Nur seine Finger zitterten ein wenig, indem er die Goldstücke aufzählte: Das war die Strafe, die er über sich selbst verhängte. Sie trat entzückt über die Art, wie er eine solche Summe hergab, mit einer Gebärde zärtlicher Hingebung vor und bot ihm die Wange zum Kusse. Nachdem er sie väterlich geküßt, ging sie, ihm mit hinreißendem Lächeln zunickend, und sagte: »Vielen Dank im Namen der armen Mädchen! Ich habe nur noch sieben Lose unterzubringen. Der Pate wird sie nehmen.« Als Rougon allein, war, setzte er sich an seinen Schreibtisch, ohne recht zu wissen, was er tat. Er nahm die unterbrochene Arbeit wieder auf, schrieb einige Minuten und las dazwischen aufmerksam die vor ihm zerstreuten Schriftstücke. Dann stand er mit der Feder in der Hand da und blickte nachdenklich durch das offene Fenster in den Garten, ohne jedoch etwas zu sehen. Nur Clorindens schlanke Gestalt trat ihm wieder vor die Augen, wie sie vorhin da gestanden hatte; sie wiegte sich und streckte sich mit der wollüstigen Geschmeidigkeit einer bläulichen Schlange. Sie erhob sich, trat ein und stand mitten im Zimmer auf dem lebendigen Schweife ihrer Schleppe, sich in den Hüften wiegend, während ihre Arme sich langsam bis zu ihm heranringelten. Allmählich füllten ihre Gliedmaßen das ganze Gemach aus, lagen überall herum, auf dem Teppich, den Sesseln, an den Tapeten, stumm, leidenschaftlich. Ein herber Geruch ging von ihr aus. Da warf Rougon heftig die Feder beiseite und verließ zornig den Tisch, die Hände ineinanderschlingend, daß die Finger knackten. Sollte er sich von ihr auch noch in der Arbeit stören lassen? Verlor er den Verstand, daß er am hellen Tag Dinge sah, die nicht vorhanden waren? Er, dessen Kopf so fest gebaut war? Er erinnerte sich aus seiner Jugend, als er noch Student war, eines Weibes, neben dem er ganze Nächte schrieb, ohne auch nur ihren Atem zu hören. Er zog den Vorhang hoch, öffnete auch das zweite Fenster, stieß heftig die Tür am andern Ende des Zimmers auf und ließ frische Luft hindurchstreichen, als ob er zu ersticken fürchte. Mit der unwilligen Handbewegung, womit er eine Stechfliege verscheucht haben würde, suchte er den Duft Clorindens mit dem Taschentuche zu vertreiben. Als er ihn nicht mehr roch, atmete er tief auf und trocknete sich das Gesicht mit dem Taschentuche, um die Hitze loszuwerden, die dieses große Mädchen in ihm erregt hatte. Indessen kam er bei seiner Arbeit nicht vom Flecke und ging langsam im Zimmer auf und ab. Als er sich im Spiegel sah, gewahrte er einen roten Streif auf seiner linken Backe, trat näher und untersuchte ihn genau. Die Peitsche hatte nur eine leichte Hautabschürfung zurückgelassen, die er durch irgendeinen Zufall erklären konnte. Aber wenn auch die Haut nur noch eine dünne rote Linie aufwies, innen fühlte er wieder den Schlag brennen, der ihm das Gesicht zerfetzt hatte. Er eilte in das Ankleidezimmer hinter einen Vorhang und steckte den Kopf in ein Waschbecken; das tat ihm wohl. Er fürchtete, dieser Schlag möge seine Begierde nach Clorinde nur noch steigern. Er scheute sich, an sie zu denken, solange die kleine Verletzung auf der Wange nicht geheilt sei. Die Hitze, die er an dieser Stelle empfand, stieg ihm in die Glieder hinab. »Nein, ich will nicht!« sagte er ganz laut und trat in das. Zimmer zurück. »Es wäre Blödsinn!« Er setzte sich auf das Sofa und ballte die Fäuste. Ein Diener trat ein und erinnerte ihn daran, daß das Frühstück kalt werde; doch er blieb sitzen, um sich von dem Kampfe gegen sein eigen Fleisch zu erholen. Seine harten Züge schwollen vor innerer Erregung an; sein Stiernacken schien bersten zu wollen, seine Muskeln spannten sich, als ob er im Begriffe sei, ohne einen Schrei in seinem Innern ein Ungeheuer zu erwürgen, das ihn verschlingen wolle. Dieser Kampf währte zehn volle Minuten; er erinnerte sich nicht, jemals soviel Kraft verbraucht zu haben. Endlich erhob er sich, blaß und schweißtriefend. Zwei Tage lang ließ er niemanden vor sich. Er hatte sich in eine bedeutende Arbeit versenkt und wachte eine ganze Nacht darüber. Sein Diener traf ihn dreimal, wie er auf das Ruhebett hingestreckt stumpf mit schreckenerregendem Gesichtsausdruck dalag. Am Abende des zweiten Tages kleidete er sich an, um sich zu Delestang zu begeben, der ihn zum Essen geladen hatte. Aber statt nach den Elyseischen Feldern zu gehen, ging er die Straße hinauf und trat in das Haus der Gräfin Balbi. Es war erst sechs Uhr. »Das Fräulein ist nicht zu Hause«, erklärte die kleine Antonia, mit dem Lächeln einer schwarzen Ziege ihn auf der Treppe zurückhaltend. Er sprach lauter, um gehört zu werden, und zögerte umzukehren, als Clorinde oben erschien, sich über das Geländer beugte und rief: »Kommen Sie doch herauf! Ist das Mädchen einfältig! Sie versteht niemals, was man ihr befiehlt.« Im ersten Stock ließ sie ihn in ein kleines Gelaß neben ihrer Kammer eintreten. Es diente ihr als Ankleidezimmer, die Tapeten zeigten ein zartblaues Gezweige; an der Wand stand ein großer Schreibtisch von matt gewordenem Mahagoniholz, davor ein Ledersessel, daneben ein Mappenschrank. Unter einer dicken Staubschicht lagen Papierschnitzel herum, so daß man bei einem schmutzigen Gerichtsvollzieher zu sein glaubte. Während sie aus ihrer Kammer einen zweiten Stuhl holte, rief sie heraus: »Ich habe Sie erwartet.« Nachdem sie den Stuhl gebracht, erklärte sie, sie sei gerade beim Briefschreiben, und wies auf große Bogen gelblichen Papiers, die auf dem Schreibtische lagen und mit einer großen, runden Schrift bedeckt waren. Als Rougon sich setzte, bemerkte sie, daß er im Frack war, und fragte lachend: »Sie kommen, um meine Hand anzuhalten?« »Getroffen!« versetzte er und fuhr lächelnd fort: »Aber nicht für mich, sondern für einen meiner Freunde.« Sie sah ihn an ungewiß, ob er scherze oder nicht. Sie war ungekämmt, schmutzig, in einem roten, schlechtsitzenden Hausrocke, aber trotzdem schön, schön wie ein antiker Marmor im Laden einer Trödlerin. An einem ihrer Finger saugend, der einen Tintenfleck aufwies, starrte sie auf die leichte Narbe, die man noch auf Rougons linker Wange sah. Endlich wiederholte sie zerstreut: »Ich war überzeugt, daß Sie kommen würden. Aber ich habe Sie früher erwartet.« Lauter fuhr sie fort, als erinnere sie sich erst jetzt seiner Worte: »Also, Sie kommen im Namen eines Freundes, ohne Zweifel Ihres liebsten Freundes?« Sie ließ wieder ihr helles Lachen hören. Denn sie war überzeugt, daß Rougon sich selbst meinte. Sie fühlte ein lebhaftes Verlangen, die Narbe mit dem Finger zu berühren, um sich zu überzeugen, daß sie ihn gezeichnet, daß er also von jetzt an ihr gehöre. Aber Rougon ergriff ihre Hände und setzte sie sanft auf den Ledersessel. »Lassen Sie uns miteinander reden, wollen Sie? Wir sind zwei gute Freunde; sind Sie es zufrieden? ... Ich habe seit vorgestern reiflich überlegt, die ganze Zeit an Sie gedacht... Ich stellte mir vor, wir wären Eheleute, seit einem Vierteljahre verheiratet. Wissen Sie, womit ich uns beide beschäftigt sah?« Sie antwortete nicht, schien ein wenig verlegen trotz ihrer sonstigen Keckheit; er aber fuhr fort: »Ich sah uns am Kamin. Sie hatten die Schaufel ergriffen, ich die Feuerzange, und so schlugen wir aufeinander los.« Das schien ihr so drollig, daß sie sich vor Lachen wälzte. Er aber redete weiter: »Nein, lachen Sie nicht, es ist mein voller Ernst. Es hat keinen Zweck, uns zusammenzuschmieden, um uns nachher gegenseitig totzuschlagen. Das aber würde das Ende sein, ich schwöre es Ihnen. Zunächst Streit, dann Scheidung ... Merken Sie es sich wohl: man soll nie zwei Menschen mit starkem Willen zu vereinigen suchen.« »Also?« fragte sie, sehr ernst geworden. »Also, denke ich, wir tun am besten, wenn wir uns die Hand reichen und füreinander nur warme Freundschaft bewahren.« Sie schwieg und senkte ihre großen schwarzen Augen gerade in die seinigen. Eine schreckliche Falte furchte ihre Stirne einer beleidigten Göttin. Ihre Lippen bebten; es war ein stilles, verächtliches Stammeln. »Erlauben Sie?« sagte sie. Damit rückte sie den Sessel wieder vor den Tisch und begann ihre Briefe zu falten. Sie benützte nach Art der Verwaltungsbehörden große graue Briefumschläge, die sie versiegelte. Sie hatte eine Kerze angezündet und blickte in den flammenden Lack. Rougon wartete geduldig, bis sie fertig sei. Endlich fragte sie, ohne von ihrer Beschäftigung aufzublicken: »Deshalb sind Sie gekommen?« Diesmal antwortete er nicht, er wollte ihr Gesicht sehen. Als sie sich endlich entschloß, ihren Sessel wieder herumzuwenden, lächelte er ihr zu und suchte ihren Augen zu begegnen; dann küßte er ihr die Hand, wie um sie zu entwaffnen; sie aber bewahrte ihre hochmütige Kälte. »Ich habe Ihnen mitgeteilt,« sagte er, »daß ich für einen meiner Freunde Ihre Hand erbitte.« Darauf redete er lange auf sie ein. Er liebe sie viel mehr, als sie glaube, er liebe sie besonders wegen ihrer Klugheit und Kraft. Es werde ihm schwer, ihr zu entsagen, aber er opfere seine Leidenschaft ihrer beider Glück. Er wolle sie mit einem reichen Manne verheiratet sehen, den sie nach Belieben werde lenken können; sie werde Herrin sein und ihre Persönlichkeit nicht aufzugeben brauchen. Sei das nicht besser, als wenn sie beide sich gegenseitig lahmlegen wollten? Sie könnten – nein, sie müßten sich diese Wahrheiten ins Gesicht sagen; sie seien die Leute danach. Schließlich nannte er sie sein Kind, seinen lieben Taugenichts, dessen Ränkegeist ihn erfreue; sie in beschränkten Verhältnissen zu sehen, werde ihn wahrhaft betrüben. »Das ist alles?« fragte sie, als er schwieg. Sie hatte ihn mit der gespanntesten Aufmerksamkeit angehört und fuhr jetzt fort, die Augen zu ihm aufschlagend: »Wenn Sie mich verheiraten wollen, um mich zu besitzen, dann haben Sie sich verrechnet... Ich habe gesagt: Niemals! Verlassen Sie sich darauf!« »Welcher Einfall!« rief er leicht errötend. Er hustete, nahm vom Schreibtische ein Papiermesser und prüfte den Griff, damit Clorinde seine Verlegenheit nicht bemerke. Sie jedoch kümmerte sich nicht weiter um ihn, sondern saß in Gedanken versunken da und fragte endlich leise: »Und wen soll ich heiraten?« »Raten Sie!« Sie lächelte still und trommelte achselzuckend mit den Fingern auf dem Schreibtisch, obgleich sie es sehr genau wußte. Endlich sagte sie halblaut: »Er ist so dumm!« Rougon nahm Delestang in Schutz. Er sei ein vorzüglicher Mensch, mit dem sie alles werde machen können, was sie wolle. Er berichtete Näheres über seine Gesundheit, sein Vermögen, seine Gewohnheiten. Übrigens verpflichtete er sich, dem Paare seinen ganzen Einfluß zur Verfügung zu stellen, wenn er je wieder zur Macht gelangen solle. Delestang sei vielleicht kein überlegener Geist, aber er werde jeden Platz ausfüllen, wohin man ihn stelle. »Er entspricht dem Programm, das gebe ich Ihnen zu!« gestand sie mit freimütigem Lächeln. Nach kurzem Schweigen fuhr sie fort: »Mein Gott, ich sage nicht nein; vielleicht haben Sie recht... Herr Delestang mißfällt mir nicht.« Bei diesen letzten Worten sah sie ihn an. Sie glaubte, wiederholt bemerkt zu haben, daß er auf Delestang eifersüchtig war; aber sein Gesicht blieb unbeweglich. Er hatte in der Tat genügend starke Fäuste, um in zwei Tagen seine Begierde zu töten. Im Gegenteil schien er vom Erfolge seines Schrittes entzückt und begann ihr von neuem die Vorteile einer solchen Verbindung auszumalen, als ob er als gegnerischer Advokat ihr ein besonders günstiges Geschäft erläutern wolle. Er hatte ihre Hände ergriffen, tätschelte sie freundschaftlich mit der Miene eines glücklichen Genossen und wiederholte: »Diese Nacht ist es mir erst eingefallen, und ich sagte mir sogleich: Das ist unsere Rettung! ... Ich will nicht, daß Sie unverheiratet bleiben! Sie sind das einzige Weib, das mir eines Mannes wert zu sein scheint. Delestang bringt unsere Sache, in Ordnung. Mit ihm behalten wir freien Spielraum.« Vergnügt schloß er: »Ich denke, Sie werden mich entschädigen, indem Sie mir außerordentliche Dinge zeigen.« »Kennt Herr Delestang Ihre Pläne?« fragte sie. Einen Augenblick war er überrascht, als ob ihr ein Wort entschlüpft sei, das er von ihr nicht erwartet hatte; dann versetzte er ruhig: »Nein, das ist überflüssig. Er wird es später erfahren.« Sie hatte sich wieder an das Siegeln ihrer Briefe gemacht. Wenn sie ein großes Siegel ohne Anfangsbuchstaben auf den Lack gedrückt hatte, drehte sie den Brief herum und: versah ihn langsam und in großen Buchstaben mit der Aufschrift. Es waren größtenteils die Namen sehr bekannter italienischer Staatsmänner. Sie schien seine Neugier zu bemerken, denn sie sagte, indem sie sich erhob und die Briefe zusammenraffte, um sie zur Post zu geben: »Wenn Mama ihre Migräne hat, muß ich schreiben.« Damit ging sie hinaus. Rougon begann in dem Zimmerchen auf und ab zu wandern. An dem Mappenschrank las er wie bei Geschäftsleuten die Aufschriften: Quittungen, zu ordnende Briefe, Akten A. usw. Er lächelte, als er unter den Papierschnitzeln am Boden ein zerrissenes Mieder herumliegen sah. Im Tintenfaß lag ein Stück Seife, am Boden blaue Samtfetzen, Überreste von einer Flickschneiderei, die man fortzufegen vergessen hatte. Da die Türe zum Schlafzimmer halb offen stand, steckte er neugierig den Kopf hinein; aber die Vorhänge waren dicht geschlossen, und es war drinnen so finster, daß nur die dunkle Masse des Bettes zu erkennen war. Eben trat Clorinde wieder ein, und er sagte: »Ich speise heute abend bei unserm Manne. Lassen Sie mir freie Hand?« Sie antwortete nicht gleich. Sie sah finster drein, als habe sie auf der Treppe abermals über die Sache nachgedacht. Er stand schon am Geländer, aber sie führte ihn zurück und schloß die Tür. Ihr Traum sank vor ihr zusammen, eine Hoffnung, in die sie sich so fest eingewiegt hatte, daß sie sie noch vor einer Stunde als Gewißheit ansah. Die ganze Glut einer tödlichen Beleidigung stieg ihr in die Wangen; es schien ihr, als sei sie geohrfeigt worden. »Also es ist ernst?« fragte sie und stellte sich mit dem Rücken gegen das Licht, damit er die Röte ihrer Wangen nicht bemerke. Er brachte seine Gründe zum drittenmal vor; sie aber schwieg. Sie fürchtete beim Sprechen sich von der Wut hinreißen zu lassen, die sie in ihrem Kopfe hämmern fühlte. Sie fürchtete, sich an ihm zu vergreifen. Während sie das Leben, das sie sich schon so schön ausgemalt hatte, in Trümmer sinken sah, verwirrten sich ihre Blicke und Gedanken, sie trat zur Tür ihres Schlafzimmers, im Begriff einzutreten, Rougon hineinzuzerren und ihm zuzurufen: »Da, nimm mich, ich vertraue mich dir an, und nur wenn du es willst, werde ich nachher deine Frau sein!« Rougon, der, noch immer sprach, begriff sie plötzlich und schwieg erbleichend. Sie sahen einander an, und einen Augenblick schwankten sie, am ganzen Leibe zitternd. Er sah wieder das Bett im Schatten seiner Vorhänge. Sie berechnete schon die Folgen ihrer Großmut. Doch ging es bei beiden schnell vorüber, und sie sagte langsam: »Sie wünschen diese Verbindung?« Ohne im geringsten zu zögern, versetzte er nachdrücklich: »Ja.« »Nun gut, handeln Sie danach!« Beide wandten sich mit kleinen Schritten der Tür zu und traten in sehr ruhiger Haltung auf den Flur hinaus. Nur an Rougons Schläfen zeugten einige Schweißtropfen noch von dem Kampfe, den ihm dieser letzte Sieg gekostet. Clorinde richtete sich im Bewußtsein ihrer Kraft auf. Einen Augenblick standen sie einander stumm gegenüber; sie hatten sich nichts mehr zu sagen und konnten sich doch nicht trennen. Als er ihr endlich die Hand reichte und sich abwenden wollte, hielt sie ihn mit kurzem Drucke zurück und sagte: »Sie halten sich für stärker, als ich bin... Sie irren sich... Eines Tages werden Sie es vielleicht bedauern.« Sie drohte ihm nicht mehr. Sie lehnte sich auf das Geländer, um ihn hinabsteigen zu sehen. Als er unten war, blickte er noch einmal hinauf, und sie lächelten einander zu. Sie dachte nicht mehr an eine kindische Rache; sie träumte schon davon, ihn durch einen großartigen Triumph zu vernichten. In das Zimmer zurücktretend, sagte sie unwillkürlich halblaut: »Um so schlimmer! Jeder Weg führt nach Rom!« Noch an diesem Abend begann Rougon Delestangs Herz zu belagern. Er berichtete ihm schmeichelhafte Ausdrücke, die angeblich Fräulein Balbi beim Festessen im Rathause am Tauftage über ihn geäußert hatte. Er wurde nicht müde, den ehemaligen Anwalt von der außerordentlichen Schönheit des Mädchens zu unterhalten. Er, der ihn früher so oft vor den Frauen gewarnt, suchte ihn dieser einen mit gebundenen Händen und Füßen zu überliefern. Bald rühmte er ihre wundervollen Hände, bald redete er mit verlockender Rückhaltlosigkeit von ihrem Wüchse. Delestang, dessen leicht entzündliches Herz schon ohnehin von Clorinde eingenommen war, brannte bald lichterloh. Als Rougon ihm sagte, er selbst habe nie an sie gedacht, gestand er, daß er sie seit einem halben Jahre liebe, jedoch geschwiegen habe, um ihm nicht ins Gehege zu gehen. Nunmehr ging er jeden Abend zu Rougon, um mit ihm von ihr zu plaudern. Es war gleichsam alles gegen ihn verschworen: er konnte niemanden mehr anreden, ohne das Lob seiner Angebeteten zu vernehmen; selbst die Charbonnels hielten ihn eines Morgens mitten auf dem Eintrachtsplatze an und äußerten weitläufig ihre Bewunderung für »das schöne Mädchen, mit dem man ihn überall sehe«. Clorinde ihrerseits hatte ein köstliches Lächeln angenommen. Sie hatte einen neuen Lebensplan entworfen und sich nach wenigen Tagen in ihre neue Rolle gefunden. Sie war klug genug, den ehemaligen Anwalt nicht durch die ritterliche Keckheit verführen zu wollen, die sie eben bei Rougon versucht hatte; Sie verwandelte sich in eine schmachtende, leicht zu verletzende Unschuld, sagte, sie sei so nervös, daß ein zu zärtlicher Händedruck sie krank mache. Als Delestang Rougon berichtete, daß sie bei einem Handkusse ihm ohnmächtig in die Arme gesunken war, erklärte Rougon dies für einen Beweis größter Seelenreinheit. Als die Geschichte ihr zu lange währte, überlieferte sich Clorinde an einem Juliabende mit der plötzlichen Hingebung eines Backfisches. Delestang war von diesem Siege ganz verwirrt? um so mehr, als er sich vorwarf, sich feige eine Ohnmacht des Mädchens zunutze gemacht zu haben; sie hatte wie tot dagelegen und schien sich an nichts zu erinnern. Als er sich zu entschuldigen wagte oder wieder eine Zärtlichkeit versuchte, sah sie ihn so unschuldig an, daß er anfing zu stammeln, von Gewissensbissen und zugleich von Verlangen verzehrt. Nach diesem Abenteuer dachte er ernstlich daran, sie zu heiraten, um die Abscheulichkeit, die er begangen, wiedergutzumachen; auch sah er darin ein Mittel, um das gestohlene Glück von Rechts wegen zu besitzen, dieses Glück einer Minute, das ihn noch in der Erinnerung erglühen machte, und das er anders wiederzufinden verzweifelte. Doch zögerte er noch acht Tage lang und ging erst mit Rougon sich beraten. Als dieser das Vorgefallene erfahren hatte, blieb er einen Augenblick gesenkten Hauptes sitzen, um den Abgrund dieses Frauenherzens in seiner ganzen Schwärze zu ergründen: den langen Widerstand, den sie ihm entgegengesetzt, um dann plötzlich diesem Schafskopf in die Arme zu sinken. Die geheimen Triebfedern dieses Gegensatzes in ihrem Benehmen begriff er nicht. Im Innersten verletzt, fühlte er anfangs das Bedürfnis, mit einer Flut von Beschimpfungen alles herauszusagen. Übrigens leugnete Delestang als galanter Mann auf seine rohen Fragen jede intime Beziehung, und dies genügte, Rougon wieder zu sich zu bringen. Er brachte dann den ehemaligen Anwalt sehr geschickt zu einem Entschluß. Er riet ihm nicht gerade zu dieser Ehe, aber trieb ihn dazu durch Erwägungen, die mit der Sache eigentlich gar nicht in Zusammenhang standen. Die häßlichen Geschichten, die über Fräulein Balbi in Umlauf waren, hätten ihn überrascht; er habe nicht daran geglaubt, selbst Erkundigungen eingezogen und nur Vorteilhaftes erfahren. Übrigens dürfe man nicht über das Weib reden, das man liebe. Das war sein letztes Wort. Als man sechs Wochen später aus der Magdalenenkirche kam, wo die Hochzeit mit außerordentlicher Pracht gefeiert worden, antwortete Rougon einem Abgeordneten, der ihm seine Verwunderung über Delestangs Wahl ausdrückte: »Was wollen Sie? Ich habe es ihm hundertmal gesagt... Er mußte durch eine Frau eingetunkt werden.« Gegen Ausgang des Winters erfuhren Delestang und seine Frau, als sie von ihrer Reise nach Italien zurückkehrten, Rougon stehe im Begriffe, Fräulein Beulin d'Orchère heimzuführen. Als sie ihn besuchten, beglückwünschte ihn Clorinde mit der größten Unbefangenheit. Er erwiderte gutmütig, er tue es nur um seiner Freunde willen. Seit einem Vierteljahre verfolge man ihn beständig mit dem Beweise, daß ein Mann in seiner Stellung verheiratet sein müsse. Er erzählte es lachend und fügte hinzu, daß, wenn er abends seine Freunde empfange, kein weibliches Wesen da sei, den Tee einzuschenken. »Also ist Ihnen dieser Gedanke ganz plötzlich gekommen?« erwiderte Clorinde lächelnd. »Sie hätten zugleich mit uns heiraten müssen, dann wären wir zusammen nach Italien gegangen.« Sie fragte ihn, noch immer scherzend, ob nicht sein Freund Du Poizat diesen guten Einfall gehabt habe. Er verneinte; Du Poizat habe im Gegenteil diese Verbindung aufs entschiedenste bekämpft; der ehemalige Unterpräfekt verabscheue Herrn Beulin d'Orchère. Aber alle anderen, Herr Kahn, Herr Béjuin, Frau Correur, die Charbonnels sogar, seien in den Lobeserhebungen des Fräulein Veronika unerschöpflich gewesen; sie werde nach ihrer Ansicht Tugenden, Gedeihen und unsagbare Reize in sein Haus bringen. Er schloß mit der scherzhaften Wendung: »Kurz und gut, man hat dies Weib eigens für mich gemacht; ich konnte sie nicht ausschlagen.« Dann fügte er bedeutungsvoll hinzu: »Für den Fall, daß wir im Herbste Krieg haben, muß man sich rechtzeitig nach Bundesgenossen umsehen. Clorinde stimmte ihm lebhaft bei und begann ebenfalls ein Loblied auf Fräulein Beulin d'Orchère, die sie doch nur einmal gesehen hatte. Delestang, der sich bis dahin begnügt hatte, mit dem Kopfe zu nicken, ohne seine Frau aus den Augen zu lassen, erging sich jetzt ebenfalls in Lobpreisungen der Ehe. Er wollte eben berichten, wie glücklich er sei, da erhob sie sich und redete von einem andern Besuche, den sie noch abstatten müßten. Als Rougon ihnen das Geleite gab, hielt sie ihn zurück und ließ ihren Mann vorausgehen. Dabei flüsterte sie ihm ins Ohr: »Ich habe es Ihnen wohl gesagt, daß Sie vor Ablauf eines Jahres heiraten würden!« Sechstes Kapitel Der Sommer kam, Rougon lebte in völliger Ruhe. Frau Rougon hatte in einem Vierteljahre dem Hause, in dem früher ein gewisser Abenteurerduft herrschte, ein ernstes, solides Gepräge verliehen. Jetzt sahen die Zimmer etwas kühl, sehr sauber und ehrbar aus; die Möbel waren ordnungsgemäß aufgestellt, die Fenstervorhänge ließen nur einen schmalen Lichtstreifen herein, Teppiche dämpften jedes Geräusch und verliehen den Räumen eine fast klösterliche Stille und Strenge; selbst das Hausgerät schien alt, und man glaubte in eine altererbte, von einem patriarchalischen Duft erfüllte Behausung zu treten. Diese große, häßliche Frau, die beständig alles beaufsichtigte, steigerte noch die Stille durch ihren unhörbaren Gang und führte den Haushalt mit so leichter und doch fester Hand, als sei sie darin während einer zwanzigjährigen Ehe alt geworden. Rougon lächelte, wenn man ihn beglückwünschte. Er blieb steif und fest dabei, daß er auf den Rat und nach der Wahl seiner Freunde geheiratet habe. Er war von seiner Frau entzückt; so lange hatte er sich nach einem gut bürgerlichen Heim gesehnt, das gleichsam einen handgreiflichen Beweis für seine Rechtlichkeit liefern sollte. Dies zog ihn vollends aus seiner zweifelhaften Vergangenheit zu den anständigen Leuten empor. Seine Neigungen schmeckten noch sehr nach der Provinz; ihm schwebten noch immer als Ideal gewisse spießbürgerlich behagliche Salons von Plassans vor Augen, wo die Sessel das ganze Jahr lang mit weißen leinenen Überzügen bedeckt waren. Wenn er Delestang besuchte, wo Clorinde ihrer Verschwendungssucht freien Raum ließ, zuckte er geringschätzig die Achseln. Nichts schien ihm so lächerlich, als das Geld zum Fenster hinauszuwerfen; nicht als ob er geizig gewesen sei, aber er pflegte zu sagen, er kenne Freuden, die allen käuflichen Genüssen vorzuziehen seien. Auch hatte er seiner Frau die Sorge um ihr gemeinsames Vermögen überlassen. Bis dahin hatte er gelebt, ohne zu rechnen; seither verwaltete, sie das Geld mit derselben Sorgfalt und Genauigkeit, die sie in der Führung des Haushaltes bekundete. Während der ersten Monate schloß Rougon sich ein, sammelte sich und bereitete sich auf die Kämpfe vor, von denen er träumte. Er liebte die Macht nur um der Macht willen, ohne eitle Gelüste nach Reichtum und Ehren zu hegen. Von der gröblichsten Unwissenheit, von der erstaunlichsten Mittelmäßigkeit in allem, was keinen Bezug auf die Behandlung der Menschen hatte, wurde er den anderen nur durch seine Herrschsucht überlegen. Hier liebte er, sich stark zu zeigen, hier trieb er mit seiner Klugheit Götzendienst. Über der Menge zu stehen, in der er nichts als Dummköpfe und Lumpen sah, die Welt mit Knütteln vom Fleck zu bringen, das entwickelte in seinem schwerfälligen Leibe eine große Geschicklichkeit, eine außergewöhnliche Tatkraft. Er glaubte nur an sich selbst, hatte Überzeugungen, wo andere Gründe haben, und ordnete alles dem steten Wachstum seiner Person unter. Keinem Laster unterworfen, gab er sich heimlich ausschweifenden Träumen von Allmacht hin. Hatte er von seinem Vater die gedrungene Gestalt, das schwammige Gesicht geerbt, so war ihm von seiner Mutter, der schrecklichen Felicité, die Plassans regierte, ein leidenschaftliches Machtverlangen überkommen, das kleine Mittel und kleine Freuden verachtete; so war er gewiß der größte aller Rougons. Wenn er sich allein fand, unbeschäftigt nach jahrelanger angestrengter Tätigkeit, empfand er anfangs ein köstliches Schlummergefühl. Seit den heißen Tagen von 1851 glaubte er, gar nicht geschlafen zu haben. Er nahm die Ungnade, in die er gefallen war, als einen Abschied hin, auf den er durch lange Dienste ein Anrecht erworben. Er dachte ein halbes Jahr beiseite zu bleiben, einen günstigeren Boden für seine Tätigkeit zu wählen und dann nach Gefallen wieder in den großen Kampf einzutreten. Aber schon nach einigen Wochen war er der Ruhe müde. Nie hatte er ein so klares Bewußtsein seiner Kraft gehabt; jetzt, da er seinen Kopf und seine Glieder nicht gebrauchte, standen sie ihm geradezu im Wege, und er verbrachte die Zeit mit Lustwandeln in seinem Gärtchen, mit dem schrecklichen Gähnen eines Löwen, der im Zwinger seine steifgewordenen Glieder reckt. Dann begann für ihn ein verhaßtes Leben, dessen niederdrückende Langeweile er sorgfältig verbarg; er gab sich gemütlich, erklärte sich völlig zufrieden, aus dem »Quark« heraus zu sein; nur seine schweren Lider hoben sich manchmal, die Ereignisse scharf verfolgend, aber sie sanken sofort wieder über seine flammenden Augen herab, wenn man ihn beobachtete. Was ihn aufrecht erhielt, war gerade die Unbeliebtheit, von der er sich umgeben wußte. Sein Sturz hatte sehr viele mit Freude erfüllt; kein Tag verging, ohne daß irgendein Blatt ihn angriff; ihn sah man als die Verkörperung des Staatsstreiches an, der Ächtungen und all der Gewalttätigkeiten, von denen man in verhüllten Worten redete; ja, man beglückwünschte sogar den Kaiser, daß er sich von einem Diener losgesagt habe, der ihn bloßstellte. In den Tuilerien war der Haß gegen ihn noch größer, Marsy hechelte ihn mit allerlei Witzen durch, die von seinen Zuhörerinnen in Umlauf gesetzt wurden. Der Haß aber gereichte ihm nur zur Befriedigung und bestärkte ihn in seiner Verachtung der menschlichen Herde. Man vergaß ihn nicht, man verabscheute ihn, und das gefiel ihm. Er allein gegen alle, das war ein Gedanke, der ihm schmeichelte; er allein mit einer Peitsche die nach ihm schnappenden Gebisse abwehrend. Er berauschte sich in den Beleidigungen, und in dem Stolze seiner Einsamkeit ward er nur größer. Inzwischen lastete der Müßiggang schrecklich auf seinen Ringkämpfermuskeln. Hätte er es gewagt, er hätte einen Spaten genommen und damit einen Winkel seines Gartens umgegraben. Er unternahm eine große Arbeit: eine vergleichende Darstellung der englischen Verfassung und der kaiserlichen vom Jahre 1852, wobei er auf die Geschichte und die politischen Sitten beider Völker Rücksicht nahm,, um zu beweisen, daß die Freiheit in Frankreich ebenso groß sei wie in England. Als er die Urkunden vollständig beisammen hatte, mußte er sich überwinden, zur Feder zu greifen; gern hätte er die Sache vor der Kammer entwickelt, aber sie ausarbeiten, ein Werk schreiben, dabei Worte wägen, Sätze drechseln, das schien ihm nicht nur sehr schwierig, sondern auch ohne unmittelbaren Nutzen. Der Stil hatte ihn immer in Verlegenheit gebracht, deshalb schätzte er ihn sehr gering. Er kam nicht über die zehnte Seite hinaus; doch ließ er die begonnene Arbeit auf seinem Schreibtische liegen, obgleich er wöchentlich keine zwanzig Zeilen hinzufügte. Sooft man ihn fragte, was er treibe, setzte er seinen Plan weitläufig auseinander und erklärte, das Werk werde sehr umfangreich. Das war die Schutzwand, hinter der er die schreckliche Leere seiner Tage verbarg. Monate verflossen, er lächelte mit heiterer Gutmütigkeit. Keiner der Verzweiflungsanfälle, mit denen er zu kämpfen hatte, wurde in seinem Antlitze sichtbar. Wenn seine Freunde sich ihm gegenüber beklagten, so bewies er, daß seinem Glück nichts fehle. War er nicht völlig befriedigt? Er liebte die Studien, arbeitete nach seinem Belieben – war das nicht der fieberhaften Erregung der öffentlichen Angelegenheiten vorzuziehen? Wenn der Kaiser ihn nicht brauchte, tat er wohl daran, ihn ruhig in seinem Winkel zu lassen; doch redete er auch jetzt vom Kaiser nur in Ausdrücken der tiefsten Ergebenheit. Oft jedoch erklärte er, daß er bereit sei und nur auf einen Wink seines Herrn warte, »die Last der Herrschaft« wieder auf sich zu nehmen. Doch fügte er stets hinzu, er werde durchaus nichts tun, um diesen Wink herbeizuführen. Wirklich schien es seine angelegentlichste Sorge, abseits zu bleiben. In der Stille der ersten Jahre des Kaiserreiches, inmitten dieses seltsamen, aus Furcht und Müdigkeit sich zusammensetzenden Schlummers vernahm er ein dumpfes Brausen, das allmählich anwuchs; seine letzte Hoffnung war eine Katastrophe, die ihn plötzlich nötig machen werde. Er war der Mann der schwierigen Lagen, »der Mann mit den schweren Tatzen«, nach dem Ausdrucke des Herrn de Marsy. Jeden Sonntag und Donnerstag empfing er seine Getreuen bei sich. In dem großen roten Salon schwatzte man bis halb elf, dann setzte er seine Freunde unbarmherzig vor die Tür mit der Begründung, das lange Wachen verwirre das Gehirn. Um zehn Uhr reichte Frau Rougon eigenhändig den Tee herum, wobei sie als gute Hausfrau auf die kleinsten Einzelheiten achtete. Es gab nur zwei Schüsseln mit Backwerk, die niemand anrührte. An dem ersten Donnerstage im Juli nach den allgemeinen Wahlen war die ganze Schar seit acht Uhr im roten Zimmer versammelt. Die Damen Bouchard, Charbonnel und Correur saßen am offenen Fenster und genossen den schwachen Luftzug, der hin und wieder aus dem engen Garten hereindrang. In ihrer Mitte stand Herr d'Escorailles, der seine Erlebnisse in Plassans vortrug, wie er zwölf Stunden in Monaco zugebracht habe unter dem Vorwande, bei einem Freunde zu jagen. Frau Rougon saß ganz in Schwarz hinter einem Vorhang halb verborgen; sie achtete nicht auf das Gespräch und verschwand, sich still erhebend, auf ganze Viertelstunden. Neben den Frauen saß noch Herr Charbonnel am Rande eines Sessels, erstaunt, einen wohlerzogenen jungen Mann solche Abenteuer vortragen zu hören. Im Hintergrunde des Zimmers stand Clorinde und hörte zerstreut zu, wie ihr Gatte und Herr Bejuin sich über die Ernte unterhielten. In rohseidenem Kleide, das reich mit strohfarbenen Bändern besetzt war, klopfte sie mit ihrem Fächer auf den linken Handteller und starrte auf den Lichtkreis der einzigen Lampe, die das Gemach erleuchtete. In ihrem gelben Lichte saßen an einem Spieltische der Oberst und Herr Bouchard beim Piket, während Rougon an einer Ecke des grünen Tisches mit großem Eifer und Ernst unermüdlich Karten legte. Das war an diesen Abenden seine Lieblingsbeschäftigung, womit er seine Gedanken und seine Finger unterhielt. »Wird es gelingen?« fragte Clorinde, indem sie lächelnd herzutrat. »Es gelingt immer!« versetzte er mit größter Seelenruhe. Sie stand ihm gegenüber an der andern Seite des Tisches, während er das Spiel in acht Häufchen zerlegte. Als er alle Karten je zwei und zwei gezogen hatte, bemerkte sie: »Sie haben recht, es gelingt immer ... Woran hatten Sie gedacht?« Er blickte langsam zu ihr auf, wie erstaunt über die Frage und versetzte endlich: »Was für Wetter morgen sein wird.« Damit begann er die Karten wieder auszubreiten. Delestang und Herr Béjuin redeten nicht mehr; man hörte nur das perlende Lachen der hübschen Frau Bouchard. Clorinde trat an das Fenster, blickte in die sinkende Nacht hinaus und fragte, ohne sich umzuwenden: »Weiß man etwas Neues über den armen Herrn Kahn?« »Ich habe einen Brief von ihm bekommen und erwarte ihn heute abend«, erwiderte Rougon. Dies brachte das Gespräch auf Herrn Kahns Unglück. Er hatte in der letzten Sitzungszeit die Unklugheit begangen, einen Gesetzentwurf der Regierung ziemlich scharf zu tadeln; dieser Gesetzentwurf schuf seinen Hochöfen zu Bressuire eine furchtbare Konkurrenz, die sie mit dem Untergange bedrohte. Er glaubte damit die Grenzen der erlaubten Selbstverteidigung nicht überschritten zu haben; als er jedoch nach Deux-Sèvres zurückkehrte, um seine Wiederwahl zu betreiben, erfuhr er aus dem Munde des Präfekten selbst, daß er nicht mehr der Kandidat der Regierung sei; er stehe nicht mehr in Gunst, und der Minister habe deshalb eine ihm ergebene Mittelmäßigkeit, einen Advokaten aus Niort, bestimmt. Das war ein Keulenschlag für den Armen. Rougon berichtete eben das Nähere, als Herr Kahn in Begleitung Du Poizats eintrat. Beide waren mit dem Sieben-Uhr-Zuge gekommen und hatten sich nicht einmal Zeit gegönnt zu essen. »Was sagen Sie?« fragte Herr Kahn mitten im Zimmer, von den andern umdrängt. »Ich bin jetzt ein Aufrührer!« Du Poizat hatte sich in einen Sessel geworfen, er schien übermüdet. Jetzt rief er: »Ein sauberer Wahlfeldzug, ein netter Quark! Das muß alle anständigen Leute abschrecken!« Herr Kahn mußte die Geschichte ausführlich erzählen. Gleich nach seiner Ankunft habe er dort bei seinen besten Freunden eine gewisse Verlegenheit bemerkt. Der Präfekt, Herr de Langlade, sei ein Wüstling, der mit der Frau des neuen Kandidaten, des Advokaten aus Niort, intime Beziehungen unterhalte. Immerhin habe dieser Langlade ihm seine Verabschiedung in sehr liebenswürdiger Weise zur Kenntnis gebracht, nämlich bei einer Zigarre nach einem Frühstück, wozu er ihn auf die Präfektur geladen. Darauf berichtete er dies Gespräch von Anfang bis zu Ende. Das Schlimmste bei der Sache sei, daß seine Wahlaufrufe schon in Druck waren. Anfangs sei er so aufgebracht gewesen, daß er sich trotzdem um die Wahl bewerben wollte. »Hätten Sie uns nicht geschrieben, wir würden es der Regierung eingetränkt haben!« sagte Du Poizat zu Rougon. Dieser zuckte die Achseln und erwiderte nachlässig, seine Karten mischend: »Sie wären durchgefallen und hätten sich für immer unmöglich gemacht. Ein schöner Vorteil!« »Ich weiß nicht, was Sie sich dabei denken!« rief Du Poizat und erhob sich plötzlich mit wütenden Gebärden. »Ich gestehe, daß dieser Marsy mich nachgerade aus dem Häuschen bringt. Er wollte Sie treffen, indem er auf unsern Freund Kahn zielte! ... Haben Sie seine Aufrufe gelesen? Seine Wahlaufrufe sind sauber! Lauter Redensarten! Lächeln Sie also nicht! Wenn Sie an der Spitze des Ministeriums des Innern gewesen wären, hätten Sie die Sache anders durchgeführt!« Als Rougon ihn noch immer lächelnd anblickte, fuhr er mit gesteigerter Heftigkeit fort: »Wir sind da draußen gewesen, wir haben alles mit angesehen ... Ein Unglücksvogel, ein alter Freund von mir, hat es gewagt, als republikanischer Kandidat aufzutreten. Sie können sich nicht vorstellen, wie man mit ihm umgesprungen ist. Der Präfekt, der Bürgermeister, die Polizei, die ganze Bande ist über ihn hergefallen; man hat seine Aufrufe von den Wänden gerissen, seine Rundschreiben in die Gosse geworfen, ja, man hat die paar armen Teufel verhaftet, die sie austrugen; selbst seine Tante, eine würdige Frau, hat ihn gebeten, sie nicht mehr zu besuchen, weil er sie bloßstelle. Und erst die Blätter! Sie haben ihn als Räuber behandelt. Die Weiber bekreuzen sich, wenn er jetzt durch ein Dorf kommt.« Er atmete tief auf, warf sich wieder in den Sessel und fuhr fort: »Tut nichts. Mag Marsy auch in allen Kreisen die Mehrheit haben, Paris hat trotzdem fünf gegnerische Abgeordnete gewählt ... Das ist das Erwachen. Möge der Kaiser die Macht in den Händen dieses Stutzers von einem Minister und seiner Schlafzimmerpräfekten lassen, welche die Männer in die Kammer schicken, um ungestört bei den Frauen schlafen zu können; nach fünf Jahren wird das Kaiserreich dermaßen erschüttert sein, daß es mit dem Einsturz droht ... Ich für mein Teil bin von den Pariser Wahlen entzückt. Ich finde, sie werden uns rächen.« »Und wenn Sie Präfekt gewesen wären?« fragte Rougon ruhig mit so feinem Spotte, daß er kaum die Winkel seiner dicken Lippen kräuselte. Du Poizat wies seine weißen, schiefstehenden Zähne. Seine Fäuste, schwächlich wie die eines kranken Kindes, umklammerten die Sessellehne, als wollten sie sie zerbrechen, und er murmelte: »Wenn ich Präfekt gewesen wäre!« ... Er lehnte sich in den Sessel zurück und schloß: »Das ist doch zu stark! ... Übrigens, ich bin immer Republikaner gewesen.« Die Frauen am Fenster schwiegen und wandten das Gesicht nach dem Innern des Salons, um zu horchen; Herr d'Escorailles fächelte ebenfalls stumm und fächerte die hübsche Frau Bouchard, deren Schläfen die aus dem Garten hereindringende Wärme mit Schweiß bedeckt hatte, und die schmachtend dasaß. Ihr Mann und der Oberst, die eben eine neue Partie begonnen hatten, unterbrachen ihr Spiel zuweilen auf Augenblicke, um über das, was gesprochen ward, durch Nicken ihren Beifall oder ihre Mißbilligung auszudrücken. Ein weiter Ring von Sesseln umgab Rougon: Clorinde saß aufmerksam und regungslos da, das Kinn in die Hand gestützt, Delestang lächelte ihr zu, mit irgendeiner zarten Erinnerung beschäftigt; Herr Béjuin hielt die Hände über den Knien gefaltet und blickte die übrigen nacheinander mit bestürzter Miene an. Der plötzliche Eintritt Du Poizats und Kahns hatte in der Stille des Gemaches einen wahren Sturm erregt, sie schienen in ihren Rockfalten einen Geruch der Opposition mitgebracht zu haben. »Schließlich bin ich Ihrem Rate gemäß doch zurückgetreten«, nahm Herr Kahn wieder das Wort. »Man hatte mir mitgeteilt, daß man mich noch übler behandeln werde als den Republikaner. Mich, der ich dem Kaiserreiche mit solcher Ergebenheit gedient habe! Sie müssen zugeben, daß ein solcher Undank die stärksten Seelen entmutigen kann!« Bitter beklagte er sich über eine Menge Quälereien. Er hatte ein Blatt gründen wollen, um darin seinen Plan einer Eisenbahn von Niort nach Angers zu verfechten; mit der Zeit sollte dieses Blatt eine mächtige finanzielle Waffe in seinen Händen werden; aber man hatte ihm die Erlaubnis verweigert, da Herr de Marsy sich einbildete, Rougon stecke dahinter, und es handle sich um ein Parteiblatt, das 'ihn stürzen sollte. »Donnerwetter!« sagte Du Poizat, »sie haben wahrhaftig Angst, man möge die Wahrheit schreiben! Ah, ich hätte Ihnen niedliche Artikel geliefert! ... Es ist eine Schande mit unserer Presse, die geknebelt und beim ersten Schrei mit dem Erwürgtwerden bedroht ist. Einer meiner Freunde, der einen Roman veröffentlicht, ist ins Ministerium gerufen worden, wo ein Bureauvorsteher ihn gebeten hat, seinem Helden eine andere Weste zu geben, weil die Farbe der bisherigen dem Minister mißfalle. Ich erfinde nichts!« Er führte noch andere Tatsachen an, er sprach von schrecklichen Gerüchten, die im Volke umliefen, vom Selbstmord einer jungen Schauspielerin und eines Verwandten des Kaisers, von dem angeblichen Duell zweier Generäle wegen einer Diebstahlsgeschichte; der eine solle den andern in einem Gange der Tuilerien getötet haben. Wie hätten solche Märchen Glauben finden können, wenn die Presse frei reden könnte! Er zog daraus abermals den Schluß: »Ich bin entschieden Republikaner.« »Sie sind sehr glücklich!« murmelte Herr Kahn. »Ich weiß selbst nicht, was ich bin.« Rougon, über seine Karten gebeugt, hatte ein sehr verwickeltes Spiel begonnen. Es handelte sich darum, nachdem er die Karten dreimal in Haufen von sieben, fünf und drei geteilt und alle Karten gefallen waren, die acht Eichel zusammenzufinden. Er schien dermaßen darin vertieft, daß er nichts hörte, doch zuckten seine Ohren bei gewissen Worten. »Die parlamentarische Regierung bot sichere Bürgschaften«, sagte der Oberst. »Wenn die Prinzen zurückkämen!« Oberst Jobelin war Orleanist, wenn er gerade seine oppositionellen Anwandlungen hatte. Er erzählte gern von dem Kampfe am Musaia-Paß, wo er neben dem Herzog von Aumale focht, der damals als Hauptmann im vierten Linienregiment gedient hatte. Da niemand ihm etwas erwiderte, fuhr er fort: »Man lebte unter Ludwig Philipp sehr glücklich. Glauben Sie nicht, wenn wir ein verantwortliches Ministerium hätten, daß unser Freund vor Ablauf eines halben Jahres an der Spitze des Staates stehen werde? Wir würden bald einen großen Redner mehr zählen.« Da gab Herr Bouchard Zeichen von Ungeduld. Er nannte sich einen Legitimisten, sein Großvater hatte ernst dem Hofe nahegestanden. So kam es in jeder Gesellschaft zwischen ihm und seinem Vetter zu erbitterten politischen Wortgefechten. »Laß gut sein!« sagte er, »Euer Julikönigtum hat immer nur von Aushilfsmittelchen gelebt. Es gibt nur ein Prinzip, das wißt Ihr wohl.« Darauf ereiferten sie sich. Sie machten dem Kaiserreich einfach den Garaus, und jeder setzte die Regierung ein, die ihm gefiel. Hätten die Orleans jemals wegen einer Auszeichnung für einen alten Soldaten geschachert? Hätten die rechtmäßigen Könige je solche Gesetzesverletzungen begangen, wie man sie täglich bei den Behörden sah? Als sie schließlich so weit gekommen waren, daß sie sich gegenseitig Tölpel nannten, rief der Oberst, der wütend seine Karten aufnahm: »Ruhe, verstehen Sie, Bouchard? ... Ich habe die Bella und eine Quart zum Buben.« Delestang, durch den Streit aus seiner Träumerei geweckt, glaubte das Kaiserreich verteidigen zu sollen. Mein Gott! Völlig befriedige es auch ihn nicht; er wünsche eine humanere, mildere Regierung. Dann suchte er seine Bestrebungen darzulegen, eine Art sehr verwickelten Sozialismus, Kampf gegen die Verarmung, Vereinigung aller Arbeiter, etwas wie seine Musterwirtschaft La Chamade im großen. Du Poizat sagte dann gewöhnlich, daß er zuviel Umgang mit dem Vieh gehabt habe. Während ihr Gatte redete, stolz sein Beamtenhaupt wiegend, blickte Clorinde ihn mit leicht verzogenem Munde an. »Ja, ich bin Bonapartist,« sagte er wiederholt, »liberaler Bonapartist, wenn Sie wollen.« »Und Sie, Béjuin?« fragte Herr Kahn plötzlich. »Ich ebenfalls«, antwortete dieser, dem der Mund während seines langen Schweigens zugewachsen schien; »das heißt, es gibt natürlich Schattierungen ... aber schließlich bin ich doch Bonapartist.« Du Poizat lachte bitter und rief: »Ja, freilich!« Als man ihn drängte, sich näher zu erklären, fuhr er unbarmherzig fort: »Ich finde die Herren sehr komisch! Sie hat man nicht fortgeschickt. Delestang ist immer noch im Staatsrate. Béjuin ist eben wiedergewählt.« »Das ist ganz natürlich zugegangen«, unterbrach ihn dieser. »Der Präfekt von Cher ...« »An Ihnen liegt es nicht, Sie klage ich auch nicht an. »Wir wissen, wie es gemacht wird ... Combelot ist auch wiedergewählt, La Bouquette ebenfalls ... Das Kaiserreich ist unübertrefflich!« Herr d'Escorailles, der noch immer die hübsche Frau Bouchard fächelte, wollte Einwendungen erheben. Er verteidigte das Kaiserreich unter einem anderen Gesichtspunkte; er hatte sich ihm angeschlossen, weil er glaubte, daß der Kaiser eine Sendung zu erfüllen habe! Frankreichs Wohl über alles! »Sie haben Ihre Beisitzerstelle behalten, nicht wahr?« nahm Du Poizat mit erhobener Stimme wieder das Wort; Ihre Ansichten sind bekannt ... Zum Teufel, meine Worte scheinen euch alle zu ärgern. Die Sache ist doch sehr einfach... Kahn und ich, wir werden nicht mehr bezahlt, um blind zu sein!« Das nahm man ihnen krumm. Es sei eine abscheuliche Art, die Politik aufzufassen. Handele es sich doch in der Politik noch um andere Dinge als um persönliche Interessen. Selbst der Oberst und Herr Bouchard, obgleich keine Bonapartisten, gestanden zu, daß es solche aus Überzeugung geben könne, und redeten mit verdoppeltem Eifer von ihren Überzeugungen, als habe man sie ihnen entreißen wollen. Delestang fühlte sich sehr verletzt, er wiederholte, daß man ihn nicht recht verstanden habe, er zeigte, in wie wesentlichen Punkten er sich von den blinden Anhängern des Kaiserreiches unterscheide. Das führte ihn zu neuen Erörterungen über die demokratischen Fortschritte, für welche die kaiserliche Regierung ihm empfänglich schien. Die Herren Béjuin und d'Escorailles wollten ebensowenig unbedingte Anhänger des Kaiserreiches sein. Sie stellten eine Menge Unterschiede fest und verschanzten sich hinter ihren eigenen schwer zu bestimmenden Ansichten, so daß nach zehn Minuten die ganze Gesellschaft zur Opposition übergegangen war. Die Stimmen wurden lauter, Einzelgespräche wurden angeknüpft, die Worte: Legitimisten, Orleanisten, Republikaner schwirrten durch die Luft, inmitten zwanzigmal wiederholter Glaubensbekenntnisse. Frau Rougon zeigte sich einen Augenblick mit ängstlicher Miene auf der Schwelle, doch verschwand sie sofort wieder unhörbar. Rougon hatte inzwischen alle Eichelkarten zusammengebracht. Clorinde beugte sich zu ihm und fragte in dem herrschenden Lärm: »Ist es gelungen?« »Versteht sich«, antwortete er mit seinem ruhigen Lächeln. Als habe er erst jetzt das Stimmengewirr vernommen, fuhr er fort, mit der Hand winkend: »Ihr macht aber viel Lärm!« Augenblicklich trat tiefe Stille ein; man glaubte, er wolle reden, und wartete, etwas abgespannt. Er breitete mit einem Wurf dreizehn Karten fächerförmig aus, zählte sie und sagte, das Schweigen brechend: »Drei Damen, bedeutet Streit ... Eine Neuigkeit in der Nacht ... Eine braune Frau, der man nicht trauen darf. Doch Du Poizat unterbrach ihn ungeduldig: »Was ist Ihre Meinung, Rougon?« Der große Mann wandte sich in seinem Sessel um, streckte sich und unterdrückte mit der Hand ein leichtes Gähnen. Dann erhob er das Kinn, als ob ihn der Hals schmerze, und murmelte, die Augen zur Decke emporgerichtet: »Ich halte es mit der herrschenden Macht, wissen Sie wohl. Das bringt man bei der Geburt mit, es ist keine Ansicht, sondern ein Bedürfnis ... Ihr seid närrisch, darüber zu streiten. Wenn in Frankreich fünf Herren in einem Zimmer beisammen sind, so sind fünf Regierungssysteme vertreten. Das hindert aber niemanden, der bestehenden Regierung zu dienen. Ist es etwa nicht so? Man plaudert eben.« Er senkte das Kinn wieder und warf einen langsamen Blick in die Runde. »Marsy hat die Wahlen sehr gut geleitet. Sie tun sehr unrecht, seine Aufrufe zu tadeln. Besonders der letzte war recht scharfsinnig ... Die Presse ist noch zu frei. Wohin würden wir kommen, wenn der erste beste schreiben dürfte, was ihm gut dünkt? Ich hätte übrigens an Marsys Stelle Kahn ebenfalls nicht gestattet, ein Blatt zu gründen. Es ist immer unnütz, seinen Gegnern eine Waffe in die Hand zu geben ... Sehen Sie, die Regierungen, die weichherzig werden, sind verloren. Frankreich erfordert eine eiserne Faust. Wenn man es ein wenig würgt, gehen die Dinge nur um so besser. Delestang wollte widersprechen und begann: »Indessen gibt es doch ein gewisses Maß notwendiger Freiheiten ...« Aber Clorinde hieß ihn schweigen. Sie billigte durchaus Rougons Ansichten und bezeugte es mit einem eifrigen Kopfnicken. Sie beugte sich vor, damit er sie unterwürfig, überzeugt sehe. Deshalb warf er ihr einen Blick zu und rief: »Ah ja, die notwendigen Freiheiten! Ich wußte, daß man mir damit kommen werde! ... Wissen Sie, wenn der Kaiser mich um Rat fragte, ich würde nie eine Freiheit bewilligen!« Da Delestang sich von neuem regte, brachte ihn seine Frau mit einem bösen Runzeln ihrer schönen Augenbrauen wieder zum Schweigen. »Niemals!« wiederholte Rougon entschieden. Er hatte sich erhoben und sah so furchtbar aus, daß niemand ein Wörtchen zu äußern wagte. Gleich darauf aber ließ er sich wie abgespannt in den Sessel zurücksinken und flüsterte: »Seht, da bringt ihr auch mich zum Schreien. Ich bin jetzt ein friedlicher Bürger und habe mit all diesen Geschichten nichts zu tun, was mich sehr freut. Wollte Gott, der Kaiser brauchte mich gar nicht mehr!« In diesem Augenblick öffnete sich die Tür. Er legte den Finger auf den Mund und hauchte: »Pst!« Der Ankömmling war Herr La Rouquette. Rougon hatte ihn im Verdacht, daß seine Schwester, Frau von Llorentz, ihn gesandt habe, um auszukundschaften, was man bei ihm spreche. Herr von Marsy, obgleich seit kaum einem halben Jahre verheiratet, hatte mit dieser Dame sein früheres Liebesverhältnis wieder angeknüpft, das zwei Jahre gedauert hatte. Man sprach also seit dem Eintritte des jungen Abgeordneten nicht mehr über Politik, und der Salon nahm seine vornehme Ruhe wieder an. Rougon selbst holte einen großen Lichtschirm und setzte ihn auf die Lampe, so daß man in dem engen Lichtkreise nichts mehr sah als die dürren Hände des Obersten und des Herrn Bouchard, die abwechselnd die Karten hinwarfen. Am Fenster erzählte Frau Charbonnel leise der Frau Correur von ihren Sorgen, wobei Herr Charbonnel jede Einzelheit mit einem tiefen Seufzer begleitete: sie waren jetzt fast zwei Jahre in Paris, und ihr verdammter Prozeß nahm kein Ende; noch Tags zuvor hatten sie sich entschließen müssen, je sechs neue Hemden zu kaufen, weil die Entscheidung abermals hinausgeschoben worden. Hinter ihnen neben einem Vorhange schien Frau Bouchard, von der Hitze ermattet, eingeschlafen zu sein. Herr d'Escorailles hatte sich wieder zu ihr gesellt; und da niemand sie beobachtete, besaß er die Kühnheit, einen langen Kuß auf ihre halbgeöffneten Lippen zu drücken. Sie öffnete die Augen weit und sah ihn sehr ernst an, ohne sich zu rühren. »Mein Gott, nein!« sagte Herr La Rouquette eben; »ich bin nicht in das Varietétheater gegangen. Ich habe die Generalprobe des Stückes gesehen. Ein rasender Erfolg, eine lustige Musik! Das wird ganz Paris auf die Beine bringen ... Ich habe eine Arbeit vor, die ich beenden muß.« Inzwischen hatte er den Herren die Hand gedrückt und artig Clorindens Handknöchel über dem Handschuh geküßt. Er stand jetzt da, an einen Sessel gelehnt, lächelnd, in tadelloser Haltung. Die Art und Weise, wie er seinen Überrock zugeknöpft hatte, verriet eine gewisse Wichtigtuerei. »Übrigens«, wandte er sich an den Hausherrn, »kann ich Ihnen für Ihr großes Werk eine Quelle nennen, eine sehr interessante Studie über die englische Verfassung; sie ist in einer Wiener Zeitschrift erschienen ... Machen Sie Fortschritte?« »Langsam«, versetzte Rougon. »Ich bin bei einem Kapitel, das mir viel Kopfzerbrechen verursacht.« Gewöhnlich machte es ihm Vergnügen, den jungen Abgeordneten reden zu lassen, denn er erfuhr durch ihn alles, was sich in den Tuilerien zutrug. Überzeugt, daß er diesmal gesandt sei, um seine Ansicht über den Sieg der Regierungskandidaten zu erforschen, wußte er, ohne ein einziges mitteilenswertes Wort fallen zu lassen, ihm eine Menge Neuigkeiten zu entlocken. Zunächst beglückwünschte er ihn zu seiner Wiederwahl und begnügte sich dann seinerseits, die Unterhaltung nur durch Gebärden zu führen. Der andere, entzückt, daß er allein das Wort hatte, redete ununterbrochen weiter. Der Hof schwamm in Wonne, der Kaiser hatte das Ergebnis der Wahlen zu Plombières erfahren und sollte beim Empfang der Nachricht auf einen Stuhl gesunken sein, da in seiner freudigen Aufregung die Beine ihm den Dienst versagten. Indessen mischte sich eine gewisse Unruhe in den Siegesjubel: Paris hatte bei den Wahlen eine schnöde Undankbarkeit gezeigt. »Man wird Paris einen Maulkorb anlegen 1« versetzte Rougon, ein neues Gähnen unterdrückend, als langweile ihn der Wortschwall des Herrn La Rouquette. Es schlug zehn Uhr. Frau Rougon schob einen kleinen Tisch in die Mitte des Zimmers und trug den Tee auf. Um diese Zeit pflegten sich kleine Gruppen in den Ecken zu bilden. Herr Kahn stand mit der Tasse in der Hand vor Delestang, – der nie Tee trank, weil er ihn aufregte – und berichtete neue Einzelheiten über seine Reise in die Vendee; sein Hauptunternehmen, die Konzession zum Bau einer Bahn von Niort nach Angers, stand immer noch auf demselben Fleck; der Lump von Langlade, der Präfekt von Deux-Sèvres, hatte sich erdreistet, diesen seinen Plan als Wahlmanöver zugunsten des neuen Regierungskandidaten zu benutzen. Herr La Rouquette schlüpfte jetzt hinter die Sessel der Damen und flüsterte ihnen Worte ins Ohr, worüber sie lächelten. Hinter einem Walle von Sesseln redete Frau Gorreur lebhaft mit Du Poizat, sie fragte ihn über ihren Bruder Martineau, den Notar von Coulonges, aus, und erfuhr, daß Du Poizat ihn einen Augenblick vor der Kirche habe stehen sehen, kalt und ernst wie immer. Als sie dann ihre beliebten Beschuldigungen wieder vorbrachte, riet er ihr spöttisch, auf keinen Fall dorthin zu kommen, denn Frau Martineau. habe geschworen, sie zur Tür hinauszuwerfen. Frau Correur trank ihren Tee aus, obgleich sie fast erstickte. »Kinder, es ist Zeit, zu Bett zu gehen!« bemerkte Rougon väterlich. Es war zehn Uhr fünfundzwanzig Minuten; er gab also noch fünf Minuten zu. Einige Gäste verabschiedeten sich. Er begleitete Herrn Kahn und Herrn Béjuin, denen Frau Rougon stets Empfehlungen an ihre Frauen auftrug, obgleich sie diese höchstens zweimal jährlich sah. Die Charbonnels, die sich nur schwer zum Gehen entschlossen, drängte er sanft der Türe zu. Als die hübsche Frau Bouchard zwischen den Herren d'Escorailles und La Rouquette hinausging, rief er zum Spieltisch hinüber: »He, Herr Bouchard, Ihre Frau wird Ihnen entführt!« Doch der Bureauvorsteher achtete nicht darauf und kündigte sein Spiel an: »Eine Quint in Eichel, die ist gut ... Drei Könige sind auch gut ...« Da nahm Rougon mit seinen plumpen Händen ihnen ohne weiteres die Karten weg und sagte: »Für heute ist's genug, jetzt geht! Schämt ihr euch nicht, ihr Spielratten! ... Hören Sie, Oberst, seien Sie vernünftig!« So ging es jeden Donnerstag und Sonntag. Er mußte sie mitten im schönsten Spiele unterbrechen, zuweilen sogar die Lampe auslöschen, um sie zum Aufbruch zu bewegen, worauf sie verdrossen und zankend davongingen. Delestang und Clorinde blieben bis zuletzt. Während er allenthalben ihren Fächer suchte, sagte sie leise zu Rougon: »Sie tun unrecht, daß Sie sich nicht einige Bewegung machen. Sie werden krank werden!« Er bewegte die Hand, gleichgültig und in sein Schicksal ergeben. Frau Rougon suchte schon die Tassen und die Teelöffel zusammen. Als die Delestangs ihm die Hand reichten, gähnte er ganz herzhaft, und um nicht den Glauben zu erwecken, als habe die Gesellschaft ihn gelangweilt, bemerkte er höflich: »Heute nacht werde ich aber mal tüchtig schlafen!« So verliefen alle Abendgesellschaften Rougons, bei denen es nach dem Ausdrucke Du Poizats Langeweile regnete. Er fand auch, es rieche dort zu stark nach Frömmigkeit. Clorinde benahm sich wie eine Tochter. Oft kam sie nachmittags allein mit irgendeinem Auftrage zu Rougon. Sie sagte lachend zu Frau Rougon, daß sie ihrem Manne den Hof mache, worauf diese, mit den bleichen Lippen lächelnd, sie stundenlang allein ließ. Sie schwatzten vertraulich miteinander, ohne sich, wie es schien, der Vergangenheit zu erinnern; sie reichten sich freundschaftlich die Hand in demselben Zimmer, wo er ein Jahr früher vor Verlangen nach ihr herumgetrippelt war. An alles nicht mehr denkend, überließen sich beide einer ruhigen Vertraulichkeit. Er strich ihr die ungebärdigen Löckchen an den Schläfen glatt oder half ihr die endlose Schleppe zwischen den Sesseln hindurchwinden. Als sie eines Tages durch den Garten gingen, war sie neugierig, die Stalltüre zu öffnen. Sie trat ein und sah ihn dabei lachend an. Er lächelte ebenfalls und begnügte sich, die Hände in den Taschen, zu brummen: »Ach ja, man ist manchmal recht dumm!« Bei jedem Besuche gab er ihr ausgezeichnete Ratschläge. Er nahm Delestang in Schutz, der im ganzen doch ein guter Ehemann war. Sie versetzte zurückhaltend, daß sie ihn achte, auch gab sie ihm nicht den geringsten Anlaß zur Klage. Aus ihren geringfügigsten Äußerungen sprach große Gleichgültigkeit, fast Verachtung gegen die Männer. Wenn von einer Frau mit unzähligen Liebhabern die Rede war, öffnete sie die Augen weit wie ein Kind und fragte erstaunt: Darin findet sie ein Vergnügen? Sie vergaß ihre Schönheit ganze Wochen hindurch und erinnerte sich ihrer nur, wenn sie ihrer bedurfte, aber dann bediente sie sich ihrer wie einer Waffe. Wenn Rougon mit seltsamer Hartnäckigkeit auf diesen Gegenstand zurückkam und ihr empfahl, Delestang treu zu bleiben, wurde sie schließlich verdrossen und rief: »Lassen Sie mich in Frieden! Ich denke gar nicht an solche Dinge! ... Sie werden am Ende beleidigend!« Eines Tages erwiderte sie ihm eigensinnig: »Wenn es sich ereignete, was ginge es Sie an? Sie hätten doch nichts dabei zu verlieren!« Er errötete und ließ sie einige Zeit mit seinen Vorlesungen über ihre Pflichten, über die Welt und Wohlanständigkeit in Ruhe. Diese beständigen Anwandlungen von Eifersucht waren alles, was von seiner ehemaligen Leidenschaft übrig geblieben war. Er trieb es so weit, daß er sie bei den Leuten, die sie besuchte, überwachen ließ. Hätte er die geringste Verirrung bemerkt, würde er sie wohl dem Gatten angezeigt haben. Wenn er diesen unter vier Augen sprach, mahnte er ihn zur Vorsicht und wies auf die außerordentliche Schönheit seiner Frau hin. Aber Delestang lachte nur mit geckenhafter Zuversichtlichkeit, so daß Rougon an seiner Statt alle Qualen des betrogenen Gatten erduldete. Seine übrigen, sehr praktischen Ratschläge zeigten seine große Freundschaft für Clorinde. Er bewog sie schließlich, ihre Mutter nach Italien heimzusenden. Die Gräfin Balbi, die nunmehr das Haus in den Elyseischen Feldern allein bewohnte, führte darin ein seltsam ungebundenes Leben, von dem man sprach. Er übernahm es, für sie die heikle Angelegenheit eines jährlichen Jahrgeldes zu regeln. Das Haus wurde verkauft, und damit war die Vergangenheit der jungen Frau wie ausgelöscht. Dann bemühte er sich, sie von ihren Absonderlichkeiten abzubringen, stieß dabei aber auf eine absolute Kindlichkeit, auf die Halsstarrigkeit eines beschränkten Frauenkopfes. Clorinde lebte als Frau eines reichen Mannes unglaublich verschwenderisch, dazwischen hatte sie Anfälle von schmutzigem Geiz. Sie hatte ihr kleines Hausmädchen, die schwarze Antonia, beibehalten, die den ganzen Tag Apfelsinen lutschte. Sie beide verunreinigten die Gemächer der Hausfrau, einen großen Teil des geräumigen Hauses in der Kolosseumstraße, ganz schrecklich. Wenn Rougon sie besuchte, fand er schmutzige Teller auf den Sesseln und Gefäße voll Fruchtsaft an den Wänden. Unter den Möbeln ahnte er einen Wust unsauberer Sachen, die bei der Ankündigung seines Besuches dorthin gesteckt wurden. Inmitten ihrer fettfleckigen Tapeten und des fingerdick bestaubten Getäfels hatte sie nach wie vor die unglaublichsten Einfälle. Oft empfing sie ihn halbnackt, in ein Laken gehüllt und so auf ein Sofa hingestreckt, sich über unmögliche Krankheiten beklagend; ein Hund fresse ihr die Füße weg; oder sie habe aus Versehen eine Nadel verschluckt, die ihr zum linken Schenkel wieder herauskommen wolle. Ein andermal schloß sie die Vorhänge um drei Uhr, zündete alle Lichter an und tanzte mit Antonia, wobei sie so ausgelassen lachten, daß sie, wenn er eintrat, ganze fünf Minuten an der Tür lehnen mußte, um Atem zu schöpfen, ehe sie hinausgehen konnte. Eines Tages wollte sie sich nicht sehen lassen, sie hatte die Vorhänge ihres Bettes von oben bis unten zugenäht und schwatzte aus diesem Käfig heraus über eine Stunde so ruhig mit ihm, als ob sie am Kamin einander gegenüber säßen. Ihr schien dergleichen ganz naturgemäß, und wenn er sie deswegen ausschalt, entgegnete sie erstaunt, sie begehe durchaus kein Unrecht. Er hatte gut Anstand predigen, ihr versprechen, sie binnen vier Wochen zur verführerischesten Frau von ganz Paris zu machen: sie wurde unwillig und wiederholte: »Ich bin einmal so und lebe so ... Was geht das andere an?« Zuweilen lächelte sie und flüsterte: »Lassen Sie, man liebt mich doch!« Und wirklich, Delestang vergötterte sie. Sie war seine Geliebte geblieben, hatte aber um so mehr Macht über ihn, je weniger sie seine Frau schien. Bei ihren Launen drückte er die Augen zu, von der schrecklichen Besorgnis erfaßt, sie möge ihn eines Tages sitzen lassen, wie sie gedroht. In seiner Unterwürfigkeit ahnte er vielleicht, daß sie ihm überlegen und wohl imstande sei, aus ihm zu machen, was ihr beliebe. Vor der Welt behandelte er sie als Kind und redete von ihr mit der überlegenen Zärtlichkeit eines ernsten Mannes. Zu Hause aber weinte dieser große schöne Mann mit dem stolzen Kopfe die ganze Nacht, wenn sie ihm ihre Kammer nicht öffnen wollte. Nur die Schlüssel der Zimmer des ersten Stockes behielt er für sich, um den großen Salon vor Fettflecken zu schützen. Rougon setzte bei Clorinde wenigstens das eine durch, daß sie sich kleidete wie alle Welt. Sie war übrigens sehr scharfsinnig, vom Scharfsinne der Narren, die in Gegenwart von Fremden lichte Stunden haben. In manchen Häusern begegnete er ihr, wie sie mit großer Zurückhaltung ihren Mann in den Vordergrund treten ließ und sich durchaus geziemend betrug inmitten der allgemeinen Bewunderung, die ihre große Schönheit erregte. Bei ihr traf er oft Herrn von Plouguern, und sie scherzte unter den Moralpredigten, womit beide sie überschwemmten, wobei der alte Senator ihr vertraulich die Wangen tätschelte; so sehr dies Rougon mißfiel, wagte er doch nicht, sich darüber zu äußern. Kühner war er in betreff Luigi Pozzos, des italienischen Gesandtschaftssekretärs, den er wiederholt zu auffälliger Zeit aus ihrer Wohnung hatte kommen sehen. Als er der jungen Frau zu verstehen gab, wie sehr dies ihrem Rufe schaden könne, schlug sie mit ihrem bezaubernd erstaunten Ausdruck die Augen zu ihm auf, um dann in ein tolles Gelächter auszubrechen. Sie mache sich viel aus der öffentlichen Meinung! In Italien nehmen die Frauen den Besuch der Männer an, die ihnen gefallen, und niemand denke etwas Arges dabei. Übrigens zähle Luigi nicht, er sei ihr Vetter und bringe ihr kleine Mailänder Kuchen aus der Passage Colbert. Doch die Politik blieb Clorindens Hauptsorge. Seit ihrer Verheiratung wandte sie ihren ganzen Scharfsinn auf fragwürdige und verwickelte Geschichten, deren Belang niemand recht erkannte. Sie befriedigte hier ihr Bedürfnis, Ränke zu spinnen, für das sie solange in ihren Verführungskünsten gegenüber den Männern mit einer großen Zukunft Befriedigung gesucht; und sie schien sich so zu größeren Unternehmungen vorbereitet zu haben, indem sie bis zum zweiundzwanzigsten Jahre den Männern nachgestellt hatte. Jetzt unterhielt sie einen sehr lebhaften Briefwechsel mit ihrer Mutter, die sich in Turin niedergelassen hatte. Fast täglich ging sie zur italienischen Gesandtschaft, wo der Ritter Rusconi sie beiseitenahm und leise, hastig mit ihr sprach. Dann unternahm sie unbegreifliche Gänge nach allen Ecken und Enden von Paris, stattete hohen Personen heimliche Besuche ab und hatte in abgelegenen Stadtvierteln Zusammenkünfte. Alle Flüchtlinge aus Venedig, die Brambilla, die Staderino, die Viscardi trafen sie heimlich und steckten ihr beschriebene Zettel zu. Sie hatte eine ungeheure Mappe aus rotem Saffian mit Stahlschloß, eines Ministers würdig, gekauft, worin sie eine Menge Schriftstücke barg. Im Wagen hielt sie die Mappe wie einen Muff auf dem Schoße; wohin sie ging, nahm sie sie unter dem Arme mit; ja schon in den Morgenstunden begegnete man ihr, wie sie die Mappe mit beiden Händen an die Brust drückte, daß ihr die Finger steif wurden. Es dauerte nicht lange, so platzten die Nähte, worauf sie ihr Kleinod mit Gurten zusammenschnallte. Stets mit diesem unförmlichen, von Papierbündeln strotzenden Ledersacke beladen, glich sie trotz ihrer hellen Kleider mit langer Schleppe einem verkommenen Advokaten, der bei allen Friedensgerichten umherläuft, um hundert Sous zu verdienen. Wiederholt hatte Rougon versucht, diesen wichtigen Geschäften Clorindens auf den Grund zu kommen. Als er eines Tages mit der berühmten Mappe allein war, hatte er kein Bedenken getragen, die Briefe hervorzuziehen, deren Zipfel durch die Risse hervor lugten. Aber was er in dieser oder in ähnlicher Weise erfuhr, schien ihm so unzusammenhängend und lückenhaft, daß er über die politischen Bestrebungen der jungen Frau lächelte. Eines Nachmittags erklärte sie ihm in aller Ruhe ihren Riesenplan: sie arbeitete auf ein Bündnis zwischen Frankreich und Italien hin für den Fall eines bevorstehenden Krieges gegen Österreich. Einen Augenblick sehr überrascht, zuckte Rougon schließlich nur die Achseln angesichts der Tollheiten, die sie in ihren Plan mengte. Er sah in ihren Bemühungen lediglich ein Steckenpferd besonderer Art und änderte deshalb seine Ansicht über die Weiber nicht im mindesten. Clorinde fügte sich übrigens willig in die Rolle der Schülerin. Wenn sie ihn besuchte, trat sie sehr demütig, ja unterwürfig auf, fragte ihn und lauschte seinen Worten mit dem Eifer eines lernbegierigen Anfängers. Er vergaß dabei oft ganz, mit wem er redete, erläuterte ihr sein Regierungssystem und erging sich in sehr bestimmten Bekenntnissen. Allmählich wurden diese Unterhaltungen beiden zur Gewohnheit: er nahm sie zur Vertrauten, erleichterte sich von der Last des Schweigens, das er selbst seinen besten Freunden gegenüber beobachtete, und behandelte sie wie eine zuverlässige Schülerin, deren achtungsvolle Bewunderung ihn entzückte. Während der Monate August und September wurden Clorindens Besuche immer häufiger; sie kam jetzt drei-, viermal wöchentlich. Nie hatte sie solche Schülerinzärtlichkeit bezeigt. Sie sagte Rougon allerlei Schmeicheleien, begeisterte sich für seine Begabung und sprach von den großen Taten, die er vollbracht haben würde, wenn er sich nicht zurückgezogen hätte. In einem Augenblick, da er sie zu durchschauen glaubte, fragte er sie einst lachend: »Sie bedürfen meiner also?« »Gewiß!« versetzte sie kühn. Aber sie nahm sofort ihre Miene bewundernder Begeisterung wieder an. Die Politik unterhalte sie besser als ein Roman, sagte sie. Wenn er den Rücken wandte, öffnete sie die Augen weit, und es flammte darin auf wie alter, aber noch immer lebendiger Groll. Oft ließ sie ihre Hände in den seinigen, als ob sie sich noch zu schwach fühle, und mit zitternden Handknöcheln schien sie auf den Augenblick zu warten, wo sie ihm genug von seiner Kraft entlockt haben würde, um ihn zu erwürgen. Was Clorinde besonders beunruhigte, war Rougons wachsende Trägheit. Sie sah, wie er in seiner Langeweile einschlief. Anfangs hatte sie genau unterschieden, was in seiner Haltung Gemachtes war; aber jetzt begann sie bei all ihrem Scharfsinn ihn wirklich für entmutigt zu halten. Seine Bewegungen wurden schwerfällig, seine Stimme matt, und zu Zeiten war er so gleichgültig, so gemütlich, daß die junge Frau sich erschreckt fragte, ob er sich nicht schließlich darein ergeben würde, als abgenützter Staatsmann in den Senat versetzt zu sein. Gegen Ende September schien Rougon sehr nachdenklich zu werden. Endlich gestand er ihr während eines ihrer gewöhnlichen Zwiegespräche, daß er einen großen Plan hege: er langweile sich in Paris und brauche frische Luft. Er sprach in einem Zuge: Er wolle ein neues Leben beginnen, sich freiwillig in den Kreis Landes verbannen, dort mehrere Geviertmeilen Boden unter den Pflug nehmen und auf dem urbar gemachten Boden seine Stadt gründen. Clorinde hörte ihm, ganz bleich geworden, zu und rief: »Aber Ihre Stellung hier, Ihre Hoffnungen!« »Luftschlösser!« murmelte er mit einer Gebärde der Geringschätzung ... »Sie sehen, ich bin entschieden nicht für die Politik geschaffen.« Er kam wieder auf seinen Lieblingsplan zurück, Großgrundbesitzer zu werden, große Herden zu halten und zu beherrschen. Aber einmal in den Landes, wuchs sein Ehrgeiz: er wollte ein neues Land erobern, bevölkern und darin König sein. Dabei führte er unendliche Einzelheiten an; seit vierzehn Tagen las er hierüber Fachwerke, ohne ein Wort davon zu erwähnen. Er trocknete Sümpfe aus, bekämpfte mit mächtigen Maschinen den steinigen Boden, bannte den Flugsand der Dünen durch Fichtenanpflanzungen fest und schenkte so Frankreich einen Landstrich von wunderbarer Fruchtbarkeit. Sein ganzer eingeschläferter Tätigkeitsdrang, die volle Kraft des unbeschäftigten Riesen erwachte angesichts dieses Unternehmens; seine geballten Fäuste schienen die widerspenstigen Kiesel zu zermalmen, seine Arme wandten den Boden mit einem Ruck um, mit einem Fußtritt riß er ein Flußbett auf und trug dann fertige Häuser auf den Schultern herbei, um sie am Ufer niederzusetzen. Nichts leichter als alles das. Dort werde er Arbeit finden, soviel er nur wolle. Der Kaiser war ihm ohne Zweifel noch genügend wohlgeneigt, um ihm die Einrichtung eines Kreises zu überlassen. Plötzlich brach er hoch aufgerichtet mit flammenden Wangen in ein stolzes Lachen aus und rief: »Das ist ein Gedanke! Ich gebe der Stadt meinen Namen und gründe auch für mein Teil ein kleines Reich!« Clorinde hielt dies anfangs für eine Laune, für eine Ausgeburt der Untätigkeit, zu der er verurteilt war. Aber die folgenden Tage sprach er von seinem Plane mit noch größerer Begeisterung. Sooft sie kam, fand sie ihn in Landkarten vergraben, die auf dem Schreibtische, den Stühlen, dem Teppiche ausgebreitet lagen. Eines Nachmittags konnte sie nicht mit ihm sprechen, weil er mit zwei Ingenieuren verhandelte. Da erfaßte sie eine wirkliche Furcht. Wollte er sie sitzen lassen, um in der Wüste seine Stadt zu bauen? Oder war es ein neuer Plan, den er ins Werk setzte? Sie verzichtete vorläufig darauf, die Wahrheit zu ergründen, und hielt es für das Klügste, bei den Freunden Lärm zu schlagen. Groß war die Bestürzung! Du Poizat wurde wütend: seit länger als einem Jahre trat er das Pariser Pflaster; bei seiner letzten Reise in die Vendee hatte sein Vater eine Pistole aus dem Kasten gezogen, als er ihn um zehntausend Franken anging, um ein glänzendes Geschäft damit zu machen. Sollte er jetzt wieder anfangen, Hungerpfoten zu saugen wie im Jahre achtundvierzig. Herr Kahn war ebenfalls aufgebracht: seine Hochöfen in Bressuire konnte er nicht lange mehr halten; er war verloren, wenn er nicht in einem halben Jahre spätestens die Genehmigung zum Bau seiner Bahn erhielt. Die anderen: Herr Bejuin, der Oberst, die Bouchards, die Charbonnels ergingen sich gleicherweise in Wehklagen. So konnte die Geschichte nicht weitergehen. Rougon war wirklich nicht bei Sinnen; man mußte mit ihm sprechen. Darüber vergingen vierzehn Tage. Clorinde, die bei der ganzen Schar in hohem Ansehen stand, hatte entschieden, es sei nicht klug, den großen Mann direkt anzugehen; man wartete also auf eine Gelegenheit. Eines Sonntagabends, Mitte Oktober, als Rougons Freunde vollzählig um ihn versammelt waren, sagte er lächelnd: »Wissen Sie, was ich heute bekommen habe?« Eine rosafarbene Karte zeigend, die er hinter der Uhr hervornahm, fuhr er fort: »Eine Einladung zu Hofe nach Compiegne.« In diesem Augenblick öffnete der Kammerdiener vorsichtig die Tür und meldete, der Mann, den der gnädige Herr erwarte, sei da. Rougon entschuldigte sich und ging hinaus. Clorinde erhob sich lauschend, dann sagte sie nachdrücklich: »Er muß nach Compiegne gehen!« Die Freunde blickten sich vorsichtig um, aber sie waren ganz allein; Frau Rougon hatte das Zimmer schon vorher verlassen. Nunmehr begannen sie sich freier zu äußern, doch schielten sie dabei beständig nach der Tür. Die Frauen bildeten vor dem flackernden Kaminfeuer einen Kreis; Herr Bouchard und der Oberst saßen bei ihrem ewigen Piket; die übrigen Herren hatten ihre Sessel in die entfernteste Ecke gerollt, um unter sich zu sein. Clorinde stand gesenkten Hauptes inmitten des Zimmers, in tiefes Nachdenken versunken. »Er erwartet also jemanden? Wer mag das sein?« fragte Du Poizat. Die anderen zuckten die Achseln, ohne eine Antwort zu geben, und jener fuhr fort: »Vielleicht hängt es auch mit seinem großen dummen Plane zusammen. Ich bin mit meiner Geduld zu Ende. Nächstens, sollt ihr sehen, sage ich ihm alles ins Gesicht, was ich auf dem Herzen habe.« »St!« mahnte Herr Kahn und legte den Finger auf die Lippen. Der vormalige Unterpräfekt hatte beunruhigend laut gesprochen. Alle horchten einen Augenblick, dann fuhr Herr Kahn sehr leise fort: »Er hat sich uns ohne Zweifel verpflichtet.« »Sagen Sie lieber, er hat uns gegenüber eine Schuld übernommen«, bemerkte der Oberste seine Karten legend. »Gewiß, das ist der richtige Ausdruck«, erklärte Herr Bouchard. »Wir haben es ihm am letzten Tage im Staatsrat nicht geschenkt.« Die anderen nickten beistimmend, und alle brachen in Klagen aus. Rougon hatte sie alle zugrunde gerichtet. Herr Bouchard fügte hinzu, ohne seine Anhänglichkeit im Unglück würde er längst Abteilungsvorsteher sein. Wollte man dem Oberst glauben, so hätte der Graf de Marsy ihm das Kommandeurkreuz und eine Stelle für seinen August anbieten lassen, er aber habe aus Freundschaft für Rougon beides ausgeschlagen. Die Eltern des Herrn d'Escorailles seien sehr unzufrieden, daß ihr Sohn noch immer Beisitzer sei, äußerte die niedliche Frau Bouchard, sie hätten seit einem halben Jahre seine Ernennung zum Untersuchungsrichter erwartet. Und selbst die, welche schwiegen: Delestang, Frau Correur, die Charbonnels, kniffen die Lippen zusammen und hoben die Augen gen Himmel mit dem Ausdruck von Märtyrern, denen die Geduld auszugehen droht. »Kurz und gut, wir sind die Geprellten«, nahm Du Poizat wieder das Wort. »Aber er wird nicht abreisen, dafür stehe ich! Hat es einen Sinn, sich in irgendeinem Loche mit Kieseln herumzuschlagen, wenn man in Paris so Wichtiges zu tun hat? ... Soll ich mit ihm sprechen?« Clorinde erwachte aus ihrem Brüten und gebot ihm mit einer Handbewegung Schweigen. Nachdem sie zur Tür hinausgeblickt, um sich zu überzeugen, daß niemand nebenan sei, wiederholte sie: »St! Nicht hier!« Doch fügte sie hinzu, sie sei mit ihrem Gatten ebenfalls nach Compiègne geladen, und ließ ferner die Namen des Herrn von Marsy und der Frau von Llorentz fallen, ohne jedoch Näheres mitzuteilen. Man werde den großen Mann selbst gegen seinen Willen wieder zur Macht drängen, ihn zu dem Zwecke nötigenfalls bloßstellen. Herr Beulin d'Orchère und alle Mitglieder des höheren Richterstandes wirkten im Geheimen für ihn. – Herr La Rouquette fügte hinzu, daß der Kaiser in seiner Rougon feindlich gesinnten Umgebung das tiefste Schweigen bewahre; sobald man ihn in seiner Gegenwart nenne, werde er ernst, sein Blick verschleiere sich, und seine Lippen verschwänden im Schatten des Schnurrbarts. »Es handelt sich nicht um uns«, erklärte Herr Kahn endlich. »Wenn unser Vorhaben gelingt, wird das Land uns Dank schulden.« Darauf erging man sich mit erhobener Stimme in Lobsprüchen auf den Hausherrn. Nebenan waren eben Stimmen vernehmbar geworden, und Du Poizat, von Neugier gepeinigt, stieß die Tür auf, als ob er hinausgehen wolle; dann schloß er sie langsam genug, um den Mann zu erkennen, mit dem Rougon sprach. Es war Gilquin in dickem Überrock, fast sauber, in der Hand ein starkes Rohr mit Kupferknopf. Er sagte eben mit übertriebener Vertraulichkeit, ohne die Stimme zu dämpfen: »Also schicke jetzt nicht zu Grenelle in die Virginiastraße. Ich habe Scherereien gehabt; ich bleibe in Batignolles draußen, in der Passage Guttin ... Jedenfalls kannst du auf mich rechnen. Auf baldiges Wiedersehen!« Damit reichte er Rougon die Hand. Als dieser in den Salon zurückkehrte, entschuldigte er sich und blickte dabei Du Poizat scharf an, worauf er sich mit den Worten an ihn wandte: »Ein braver Kerl, Sie kennen ihn – nicht wahr, Du Poizat? Er wirbt mir Ansiedler für meine neue Welt dahinten in den Landes ... Übrigens nehme ich euch alle mit, also packt nur eure Siebensachen. Kahn wird mein erster Minister, Delestang und seine Frau bekommen die auswärtigen Angelegenheiten, Béjuin die Post. Auch die Damen werde ich nicht vergessen; Frau Bouchard wird den Herrscherstab der Schönheit führen, Frau Charbonnel die Schlüssel der Speicher und Vorratskammern.« Während er so scherzte, fragten sich die Freunde besorgt, ob er sie nicht durch eine Türspalte gehört habe. Als er dem Oberst alle seine Orden anbot, wurde dieser beinahe ärgerlich. Clorinde betrachtete inzwischen die Einladung nach Compiegne, die sie vom Kamin genommen hatte, und fragte nachlässig: »Werden Sie hingehen?« »Ohne Zweifel!« versetzte Rougon erstaunt. »Ich denke, die Gelegenheit zu benutzen, um mir mein Land vom Kaiser geben zu lassen.« Es schlug zehn Uhr, und Frau Rougon erschien mit dem Tee. Siebentes Kapitel Am Abend des Tages, als Clorinde zu Compiègne angekommen war, plauderte sie mit Herrn von Plouguern in einem Fenster der Wandkartengalerie. Man erwartete das kaiserliche Paar, um sich in den Speisesaal zu begeben. Die zweite Folge der für dieses Jahr Eingeladenen befand sich kaum seit drei Stunden im Schlosse, und weil noch nicht alle versammelt waren, beschäftigte sich die junge Frau damit, die Eintretenden mit einem Worte zu beurteilen. Die Damen in ausgeschnittenen Kleidern und Blumen im Haar, steckten schon in der Tür ein holdes Lächeln auf, die Herren bewahrten eine ernste Haltung mit ihren weißen Krawatten, kurzen Beinkleidern und seidenen Strümpfen. »Da ist der Ritter!« flüsterte Clorinde. »Er sieht sehr gut aus... Aber sieh doch, Pate, Herrn Beulin d'Orchère, man sollte meinen, er müsse anfangen zu bellen, und was für Beine, gerechter Gott!« Herr von Plouguern hörte diesen Spöttereien schmunzelnd zu. Der Ritter Rusconi kam und begrüßte Clorinde mit der schmachtenden Artigkeit der schönen Italiener; dann machte er bei den übrigen Frauen die Runde, sich in abgemessenen Verbeugungen wiegend, die einen sehr gefälligen Eindruck machten. Einige Schritte abseits stand Delestang, in die großen Karten des Compiègner Waldes vertieft, welche die Wände der Galerie bedeckten. »In welchem Wagen bist du denn gekommen?« fragte Clorinde. »Ich habe dich auf dem Bahnhofe gesucht, um mit dir zu fahren. Denke dir, ich war in einen Haufen Menschen eingeklemmt. Plötzlich unterbrach sie sich und erstickte zwischen den Fingern einen Lachanfall: »Herr La Rouquette sieht zuckersüß aus.« »Ja, wie ein Frühstück von Pensionärinnen«, bemerkte der Senator boshaft. In diesem Augenblicke wurde an der Tür ein lautes Rauschen von Gewändern vernehmlich. Der Flügel öffnete sich sehr weit, und herein trat eine Frau in einem Kleide, dermaßen mit Schleifen, Blumen und Spitzen überladen, daß sie den Rock mit beiden Händen zusammendrücken mußte, um durchzukommen. Es war Frau von Combelot, Clorindens Schwägerin. Diese warf der Eintretenden einen spöttischen Blick zu und flüsterte: »Sollte man's für möglich halten!« Als Herr von Plouguern sie selbst ansah, die im ganz einfachen Tarlatankleide über einem schlecht zugeschnittenen rosa Untergewande dastand, fuhr sie im Tone vollkommener Gleichgültigkeit fort: »Weißt du, Pate, mich nimmt man schon wie ich bin!« Inzwischen hatte Delestang die Karten verlassen und war seiner Schwester entgegengegangen, um sie seiner Frau zuzuführen. Sie standen miteinander auf gespanntem Fuße und tauschten eine sauer-süße Begrüßung aus. Dann ging Frau von Combelot weiter, eine Atlasschleppe hinter sich herziehend, die einem Blumenbeete glich, so daß alles einige Schritte vor dieser Hochflut von Spitzen beiseite trat. Als Clorinde sich wieder mit Herrn von Plouguern allein sah, scherzte sie über die große Leidenschaft, die ihre Schwägerin für den Kaiser bezeigte. Nachdem der Senator von dem heldenhaften Widerstände des letzteren berichtet hatte, bemerkte sie: »Das ist kein großes Verdienst; sie ist so mager! Ich habe gehört, daß andere sie hübsch finden, ich weiß nicht, weshalb. Sie hat ein völlig nichtssagendes Gesicht.« Bei diesen Worten blickte sie beständig aufmerksam zur Tür und sagte: »Diesmal muß es Herr Rougon sein.« Aber« mit einem Aufblitzen ihrer Augen fuhr sie fort: »Nein, es ist Herr von Marsy.« Der Minister, sehr sorgfältig mit schwarzem Frack und Kniehosen bekleidet, kam lächelnd auf Frau von Combelot zu; während er sie begrüßte, schweiften seine Blicke unstet und verschleiert über die Gäste, als ob er niemanden kenne. Als man; ihn begrüßte, verbeugte er sich sehr verbindlich. Mehrere Herren näherten sich ihm, und bald stand er inmitten eines dichten Ringes. Sein bleiches Gesicht mit den feinen, boshaften Zügen ragte über die Schultern der sich vor ihm Verneigenden hervor. »Übrigens«, wandte sich Clorinde wieder an Herrn von Plouguern, indem sie ihn tiefer in die Nische zog, »habe ich darauf gerechnet, daß du mir Näheres berichten wirst... Was weißt du über die berüchtigten Briefe der Frau von Llorentz?« »Was alle Welt weiß!« versetzte er. Er begann, von den drei Briefen zu erzählen, die Herr von Marsy vor fünf Jahren kurz vor der Hochzeit des Kaisers an Frau von Llorentz gerichtet haben sollte. Sie hatte eben ihren Gatten, einen General spanischer Herkunft, verloren, und befand sich damals in Madrid, um die Hinterlassenschaft zu ordnen. Es war die schöne Zeit der Liebschaft. Der Graf hatte, um sie aufzuheitern, auch seiner Neigung zum Schwänkedichten folgend, ihr äußerst heikle Mitteilungen Über gewisse hohe Personen gemacht, in deren Umgebung er lebte. Man sagte, daß Frau von Llorentz, eine schöne, höchst eifersüchtige Frau, seit jener Zeit diese Briefe verwahre und sie als ein Racheschwert über das Haupt des Herrn von Marsy halte.« »Sie ließ sich von der Notwendigkeit überzeugen, daß er eine walachische Fürstin heirate«, schloß der Senator. »Aber nachdem sie ihm einen Honigmond vergönnt, bedeutete sie ihm, daß er zu ihren Füßen zurückzukehren habe, andernfalls werde sie eines schönen Morgens die drei schrecklichen Briefe auf den Schreibtisch des Kaisers niederlegen; so hat er denn sein Joch wieder aufgenommen... Er überhäuft sie mit Gefälligkeiten, um sie zur Herausgabe dieser verdammten Briefe zu bewegen.« Clorinde lachte sehr; die Geschichte schien ihr überaus drollig, und sie hatte noch viel darüber zu fragen. Wenn der Graf Frau von Llorentz hinterginge, würde sie imstande sein, ihre Drohung auszuführen? Wo verwahrte sie diese drei Briefe? – In ihrem Leibchen, zwischen zwei Atlasbändern, wie sie hatte sagen hören. Aber Herr von Plouguern wußte es auch nicht genau. Er kannte einen jungen Menschen, der, um eine Abschrift davon nehmen zu können, unnützerweise ein halbes Jahr lang den unterwürfigen Sklaven der Frau von Llorentz gespielt hatte. »Zum Teufel!« fuhr er fort, »er läßt dich nicht aus den Augen, Kleine! Wirklich, ich habe es ganz vergessen, du hast ihn erobert! Ist es wahr, daß er bei seiner letzten Abendgesellschaft fast eine Stunde lang mit dir geplaudert hat?« Die junge Frau antwortete nicht; sie schien ihn gar nicht zu hören; sie stand unbeweglich und stolz da unter den zudringlichen Blicken des Herrn von Marsy. Dann hob sie langsam den Kopf und sah ihn an, seinen Gruß erwartend. Er kam heran, verbeugte sich, und sie lächelte ihm sehr huldvoll zu, doch redeten sie kein Wort miteinander. Der Graf kehrte in die Mitte seiner Gruppe zurück, wo La Rouquette sehr laut sprach und ihn jeden Augenblick »Seine Exzellenz« nannte. Allmählich hatte sich die Galerie doch gefüllt. Es waren an hundert Menschen beisammen: hohe Beamte, Generäle, fremde Staatsmänner, fünf Abgeordnete, drei Präfekten, zwei Maler, ein Romanschriftsteller, zwei Akademiker, ungerechnet die Schloßbeamten, Kammerherren, Adjutanten und Stallmeister. Beim Glanze der Kronleuchter erhob sich das leichte Gesumme der Stimmen. Die Vertrauten des Schlosses wandelten mit kurzen Schritten umher, während die zum ersten Male Geladenen stille standen und sich inmitten der Frauen kaum zu rühren wagten. Diese erste Stunde der Verlegenheit, unter großenteils einander unbekannten Menschen, die sich unversehens an der Tür des kaiserlichen Speisesaales zusammenfanden, verlieh den Gesichtern einen Ausdruck verdrießlicher Würde. Hin und wieder trat plötzlich Schweigen ein, und die Köpfe wandten sich mit dem Ausdruck fragender Neugier um. Die Ausstattung des geräumigen Gemaches im Stile des Kaiserreiches, die steifbeinigen Pfeilertischchen, die viereckigen Sessel schienen die Feierlichkeit der Stunde noch zu erhöhen. »Da ist er endlich!« flüsterte Clorinde. Rougon war eben eingetreten und blieb zwei Schritte von der Tür einen Augenblick stehen. Er sah gemütlich aus, wie ein schwerfälliger Spießbürger; sein Gesicht war schläfrig, sein Rücken etwas gekrümmt. Mit einem Blicke gewahrte er den Hauch von Feindseligkeit, der bei seiner Ankunft über gewisse Gruppen hinwehte. Er jedoch schritt unbekümmert vorwärts, rechts und links einige Händedrücke austeilend, bis er Herrn von Marsy gegenüberstand. Sie begrüßten sich und schienen von der Begegnung entzückt. Aug in Auge plauderten sie freundschaftlich als Feinde, die einer des andern Kraft achten. Um sie her war ein freier Raum entstanden. Die Frauen beobachteten ihre geringsten Bewegungen, während die Männer, eine große Zurückhaltung heuchelnd, die Augen abwandten und sich dabei heimlich bedeutungsvolle Blicke zuwarfen. In den Ecken wurde geflüstert. Welche heimliche Absicht mochte der Kaiser haben? Warum brachte er so diese beiden Männer zusammen? Herr La Rouquette, ganz außer Fassung, glaubte ein großes Ereignis zu wittern. Er fragte Herrn von Plouguern, der ihm zum Spaß folgende Antwort gab: »Wer weiß: Rougon wird vielleicht Marsy aus dem Sattel werfen, und man wird gut tun, sich an ihn zu halten ... Wenn nur der Kaiser nichts Schlimmes im Schilde führt! Zuweilen hat er solche Anwandlungen ... Vielleicht hat er sich auch nur das Vergnügen machen wollen, sie zusammen zu sehen in der Hoffnung, daß sie sich drollig gebärden werden. Da verstummte das Flüstern, eine große Bewegung ging durch den Saal. Zwei Palastbeamte gingen von Gruppe zu Gruppe, halblaut einige Worte murmelnd. Die Gäste, plötzlich ernst geworden, wandten sich zur linksseitigen Tür und bildeten ein Spalier, die Herren auf der einen, die Damen auf der andern Seite. Dicht an die Tür trat Herr von Marsy, neben ihn Rougon; dann folgten die übrigen nach Rang und Stand. So wartete man drei Minuten in tiefster Stille. Da öffneten sich beide Türflügel. Der Kaiser im Frack, auf der Brust das rote Band des Großordens, trat zuerst ein, hinter ihm der Kammerherr vom Dienst, Herr von Combelot. Mit einem schwachen Lächeln blieb er vor Marsy und Rougon stehen, drehte langsam seinen langen Schnurrbart, den ganzen Körper wiegend, und flüsterte wie verlegen: »Sagen Sie Frau Rougon, daß die Nachricht von ihrer Krankheit uns mit tiefem Bedauern erfüllt hat ... Wir hätten lebhaft gewünscht, sie mit Ihnen hier zu sehen ... Hoffentlich ist es nicht so schlimm, Erkältungen sind jetzt häufig.« Damit ging er weiter. Nach zwei Schritten reichte er einem General die Hand und fragte ihn nach dem Wohlergehen seines Sohnes, den er »meinen kleinen Freund Gaston« nannte; Gaston stand im Alter des kaiserlichen Prinzen, war aber schon viel kräftiger. Dann ging er vorwärts, vom Spalier mit tiefen Verbeugungen begrüßt. Endlich stellte ganz am Ende der Kette Herr von Combelot einen Akademiker vor, der zum erstenmal bei Hofe war, und der Kaiser sprach vom neuesten Werk des Gelehrten, in dem er einige Seiten mit dem größten Vergnügen gelesen zu haben erklärte. Inzwischen war die Kaiserin in Begleitung der Frau von Llorentz eingetreten. Sie war sehr einfach gekleidet, trug ein blaues Seidenkleid mit einem Überwurf aus weißen Spitzen. Mit kurzen Schritten, lächelnd, anmutig den entblößten Hals neigend, den ein Diamantenherz an einfachem blauen Samtbande zierte, schritt sie die Kette der Frauen ab. Ihre Schritte begleiteten Verbeugungen, Rauschen und Knistern der Kleider, aus denen Moschusduft emporstieg. Frau von Llorentz stellte ihr eine junge Frau vor, die sehr bewegt schien. Frau von Combelot benahm sich mit zärtlicher Vertraulichkeit. Als das Herrscherpaar das Ende der Kette erreicht hatte, kehrte es zurück, diesmal der Kaiser bei den Frauen, die Kaiserin bei den Herren entlang gehend, wobei neue Vorstellungen zu erledigen waren. Noch redete niemand, achtungsvolle Verlegenheit schloß den Gästen den Mund. Dann aber lösten sich die Reihen, halblaute Worte wurden gewechselt, und helles Lachen ertönte, als der Generaladjutant des Schlosses meldete, es sei aufgetragen. »Du bedarfst meiner jetzt nicht mehr?« flüsterte Herr von Plouguern vergnügt Clorinden ins Ohr. Sie lächelte ihm zu. Sie war vor Herrn von Marsy stehen geblieben, um ihn zu zwingen, ihr den Arm zu reichen, was er auch höflicherweise tat. Es entstand eine kleine Verwirrung. Der Kaiser und die Kaiserin schritten voran, dann folgten die, denen die Plätze neben den Majestäten angewiesen waren; es waren diesmal zwei fremde Diplomaten, eine junge Amerikanerin und die Gattin eines Ministers. Dann folgten die anderen Gäste, jeder am Arm der Dame, die er erwählt hatte. Langsam ordnete sich der Zug. Der Eintritt in den Speisesaal gestaltete sich sehr prunkvoll. Fünf Kronleuchter gossen ihre Lichtfluten über die lange Tafel aus, daß das Silber des Tafelaufsatzes blitzte, auf dem Jagdstücke: der Hirsch, die Hunde und das Hallali dargestellt waren. Die flachen Teller am Rande des Tisches bildeten eine Reihe von silbernen Monden, die Seiten der Schüsselwärmer, in denen sich das Kerzenlicht spiegelte, die Gläser, an denen das Licht herniederrieselte, die rosa schimmernden Fruchtkörbe und Blumenschalen verliehen in der Tat der kaiserlichen Tafel einen Glanz, der den ganzen weiten Saal erfüllte. Durch die weitgeöffnete Tür trat der Zug herein, nachdem er den Gardensaal langsam durchschritten hatte. Die Herren neigten sich hernieder, flüsterten ein Wort und richteten sich dann wieder auf, insgeheim von der Eitelkeit gekitzelt, diesem Triumphzuge anzugehören; die Frauen mit nackten, lichtübergossenen Schultern, blickten mit mildem Entzücken drein; ihre über die Teppiche rauschenden Schleppen, welche die Paare voneinander trennten, steigerten mit dem Knistern ihrer kostbaren Stoffe noch den majestätischen Eindruck des Zuges. Es war ein fast zärtliches Herannahen, eine lüsterne Ankunft in einem Räume voll Pracht, Licht und Wärme, gleichsam ein sinnkitzelndes Bad, worin der Moschusduft der Gäste sich mit dem leichten Dunst des Wildbratens und dem scharfen Gerüche der Zitronenscheiben mischte. Als der Zug im Angesichte der prächtigen Tafel die Schwelle überschritt, begrüßte ihn die in einer Nachbargalerie verborgene Militärmusik mit einer Fanfare, ähnlich dem Eröffnungszeichen eines Zauberfestes, so daß die Herren, ein wenig durch ihre kurzen Beinkleider beengt, unwillkürlich lächelnd die Arme ihrer Begleiterinnen drückten. Die Kaiserin wandte sich nach rechts zur Mitte der Tafel, wo sie stehen blieb, während der Kaiser, links hinuntergehend, ihr gegenüber Platz nahm. Nachdem die dazu bezeichneten Personen sich rechts und links von Ihren Majestäten aufgestellt hatten, wandelten die übrigen Paare einen Augenblick um den Tisch, um sich ihre Nachbarschaft nach Gefallen zu wählen. Es waren siebenundachtzig Gedecke, und fast drei Minuten vergingen, bis endlich alle eingetreten waren und ihren Platz gefunden hatten. Der Alabasterglanz der Schultern, die lichten Blumen der Toiletten, die Diamanten in dem hoch aufgekämmten Haar machten im Glanz der Kronleuchter den Eindruck eines hellen Lachens. Endlich nahmen die Diener die Hüte ab, welche die Herren bis dahin in der Hand gehalten hatten, und man setzte sich. Herr von Plouguern hatte sich Rougon angeschlossen. Nach der Suppe stieß er ihn an und fragte: »Haben Sie etwa Clorinde beauftragt, eine Verständigung zwischen Ihnen und Marsy anzubahnen?« Dabei blickte er zu der jungen Frau hinüber, die an der anderen Seite des Tisches neben dem Grafen saß und sehr vertraulich mit ihm plauderte. Rougon begnügte sich, verdrießlich die Achseln zu zucken, und stellte sich, als sehe er nicht hinüber. Aber trotz seiner Bemühungen, gleichgültig zu erscheinen, blickte er immer wieder nach Clorinde hin, beobachtete die geringste Bewegung ihrer Hände, ihrer Lippen, als ob er ihr die Worte vom Munde lesen wolle. Frau von Combelot, die sich so nahe wie möglich zum Kaiser gesetzt hatte, beugte sich zu Rougon hinüber und sagte: »Herr Rougon, erinnern Sie sich noch jenes Unfalles? Sie haben mir damals einen Wagen verschafft. Ein ganzer Saum meines Kleides wurde weggerissen.« Sie suchte, sich damit interessant zu machen, daß eines Tages ihr Wagen vom Landauer eines russischen Fürsten fast mitten durchgefahren wurde. Rougon mußte antworten, und ein Weilchen redete man an der Mitte der Tafel von diesem Gegenstande. Man erwähnte allerlei Unfälle, unter anderen, daß letzte Woche eine Parfümeriehändlerin aus der Panoramapassage vom Pferde gestürzt sei und dabei einen Arm gebrochen habe. Der Kaiserin entfuhr ein Ausruf des Bedauerns, der Kaiser sagte nichts, er hörte nur nachdenklich zu und aß langsam. »Wo ist denn Delestang geblieben?« fragte Rougon seinerseits Herrn von Plouguern. Sie suchten ihn und entdeckten ihn endlich am Ende der Tafel neben Herrn von Combelot, gleich allen seinen Nachbarn aufmerksam sehr freien Spaßen zuhörend, die von dem lauten Gespräch der übrigen gedeckt wurden. Herr La Rouquette hatte die drollige Geschichte einer Wäscherin aus seiner Heimat angefangen, der Ritter Rusconi gab persönliche Bemerkungen über die Pariserinnen zum Besten, einer der beiden Maler tauschte mit dem Romanschriftsteller sehr schonungslose Worte aus über die zu fetten oder zu mageren Arme der Damen, die ihren Spott herausforderten. Rougon aber schleuderte wütende Blicke auf Clorinde, die zu dem Grafen immer liebenswürdiger wurde, und auf ihren Einfaltspinsel von Gatten, der wie blind auf seinem Platze saß und würdevoll zu den etwas starken Dingen lächelte, die er zu hören bekam. »Warum hat er sich nicht zu uns gesetzt?« murrte er. »Nun, ich sehe keinen Grund, ihn zu beklagen«, versetzte Herr von Plouguern. »Man scheint sich an jenem Ende der Tafel gut zu unterhalten.« Dann flüsterte er ihm ins Ohr: »Ich glaube, sie sind im Zuge, Frau von Llorentz zu verlästern. Haben Sie bemerkt, wie tief ihr Kleid ausgeschnitten ist? ... Ich fürchte, der linke Busen schlüpft heraus. Er beugte sich vor, um Frau von Llorentz besser ins Auge zu fassen – sie saß auf derselben Seite der Tafel, etwa fünf Plätze von ihm entfernt –, wurde aber plötzlich ernst. Die Dame, eine etwas starke, hübsche Blonde, hatte in diesem Augenblick ein schreckliches Aussehen; sie war ganz bleich vor Ingrimm, ihre blauen Augen schimmerten schwärzlich und hingen unverwandt an Herrn von Marsy und Clorinde. Er brummte zwischen den Zähnen so leise, daß selbst Rougon es nicht vernahm: »Teufel, das geht schief!« Die Musik spielte beständig in der Ferne, sie schien von der Decke herabzurieseln. Bei gewissen Klängen der Trompeten hoben die Tischgenossen die Köpfe und suchten, sich auf die Melodie zu besinnen, dann hörten sie gar nichts mehr, die weichen Töne der Klarinetten wurden vom Klingen des Silbergeschirrs übertönt, das in ungeheuren Stößen herbeigeschleppt wurde. Die großen Schüsseln klangen zuweilen dazwischen wie Zymbeln. Rings um die Tafel bewegte sich wortlos ein Heer von Bedienten. Die Türsteher in Frack und hellblauen Beinkleidern, mit Degen und Dreispitz; die Diener mit gepudertem Haar in großer grüner Livree, mit Goldtressen besetzt. In genauer Ordnung kamen die Gerichte an und wurden die Weine herumgereicht, die Vorgesetzten und Aufseher, der Tafelmeister, der Verwalter des Silberzeuges überwachten dies verwickelte Geschäft, diese anscheinende Verwirrung, worin jedoch die Rolle des letzten Lakaien von vornherein geregelt war. Das kaiserliche Paar bedienten die Leibkammerdiener Ihrer Majestäten mit gemessener Würde. Als die Braten kamen und die schweren Burgunder Weine eingeschenkt wurden, wuchs der Lärm. Gegenwärtig schwatzte Herr La Rouquette über Küchenfragen und erörterte, ob das am Spieß gebratene Rehbockviertel, das eben aufgetragen wurde, gehörig gar sei. Bis dahin hatte es Crecisuppe, blaugesottenen Lachs, Rindslende mit Schalottenbrühe, gebratene Hähnchen, Rebhuhn mit Kohl und Austerpastetchen gegeben. »Ich wette, daß wir noch Artischocken im Saft und Gurken in Sahne bekommen«, sagte der junge Abgeordnete. »Ich habe Krebse gesehen«, erklärte Delestang höflich. Als aber die Artischocken und die Gurken erschienen, triumphierte Herr La Rouquette und fügte hinzu, er kenne den Geschmack der Kaiserin. Inzwischen blickte der Romanschriftsteller den Maler an, schnalzte leicht mit der Zunge und flüsterte: »Na, mittelmäßige Küche!« Jener verzog das Gesicht und nickte. Nachdem er getrunken, bemerkte er seinerseits: »Die Weine sind vorzüglich!« In diesem Augenblicke lachte die Kaiserin so laut, daß alles schwieg und die Hälse reckte, um zu erfahren, was es gebe. Die Kaiserin sprach mit dem deutschen Gesandten, der zu ihrer Rechten saß, in abgebrochenen Worten, die niemand verstand, und lachte dabei beständig. In dem neugierigen Schweigen hörte man ein einzelnes Horn, von gedämpften Bässen begleitet, eine klangvolle Stelle aus einem rührsamen Liede vortragen. Allmählich nahm der Lärm wieder zu. Stühle wurden herumgerückt, Ellbogen auf die Tischkante gestemmt, und vertrauliche Unterhaltungen entspannen sich in der Freiheit, welche die Tafel des fürstlichen Wirtes gestattete. »Wünschen Sie etwas Gebäck?« fragte Herr von Plouguern. Rougon lehnte kopfschüttelnd ab. Seit einem Weilchen aß er nicht mehr. Das Silbergeschirr war durch Sèvres-Porzellan ersetzt, das zart in Blau und Rosa bemalt war. Der ganze Nachtisch ging an ihm vorüber, ohne daß er etwas mehr als einen Bissen Camembertkäse genossen hätte. Er tat sich keinen Zwang mehr an, faßte Clorinde und Herrn von Marsy scharf ins Auge, ohne Zweifel in der Hoffnung, die junge Frau einschüchtern zu können. Diese aber war so vertraulich mit dem Grafen, daß sie ganz zu vergessen schien, wo sie sich befand, und als ob sie beide in einem traulichen Zimmer allein bei einem gemütlichen Mahle säßen. Ihre große Schönheit wurde durch eine ungewöhnliche Zärtlichkeit verklärt, und sie knabberte an dem Zuckerwerk, das ihr der Graf reichte; sie eroberte ihn mit ihrem beständigen, unverschämt ruhigen Lächeln. Man begann um sie her zu flüstern. Die Unterhaltung drehte sich eben um die Mode. Herr von Plouguern fragte Clorinde aus Bosheit nach der neuesten Hutform. Als sie die Frage überhörte, neigte er sich zu Frau von Llorentz, um ihr dieselbe Frage vorzulegen. Aber er wagte es nicht, so furchtbar sah sie aus, wie sie die Zähne in wütender Eifersucht zusammengepreßt hatte. Clorinde hatte eben Herrn von Marsy ihre linke Hand überlassen unter dem Vorwande, ihm einen Stein zu zeigen, den sie am Finger trug. Er zog den Ring ab und steckte ihn wieder an, es war fast unanständig. Frau von Llorentz, die nervös mit einem Löffel spielte, zerbrach ihr Bordeauxglas, dessen Splitter ein Diener eiligst entfernte. »Sie werden einander noch in die Haare geraten, soviel ist sicher«, flüsterte der Senator Rougon ins Ohr. »Haben Sie die beiden beobachtet? ... Der Teufel soll mich holen, wenn ich Clorindens Spiel verstehe! Was will sie denn eigentlich?« Als er die Augen zu seinem Nachbar erhob, bemerkte er eine überraschende Veränderung in dessen Zügen und fragte: »Was haben Sie? Fehlt Ihnen etwas?« »Nichts,« versetzte Rougon; »es ist mir nur zu warm. Diese Mahlzeiten dauern mir zu lange. Außerdem herrscht hier ein solcher Moschusgeruch! ...« Doch die Tafel ging zu Ende. Nur einzelne Damen kauten, halb in ihre Sessel zurückgelehnt, noch ein Biskuit. Sonst rührte sich niemand. Der Kaiser, bis dahin stumm, sprach jetzt mit erhobener Stimme, und die Gäste an den beiden Enden der Tafel, welche die Anwesenheit Seiner Majestät ganz vergessen zu haben schienen, lauschten mit beifälligen Mienen. Der Herrscher antwortete auf einen Vortrag, den Herr Beulin d'Orchère gegen die Ehescheidung gehalten. Dann unterbrach er sich, warf einen Blick auf den sehr weit entblößten Busen der jungen Amerikanerin zu seiner Linken und schloß mit seiner matten Stimme: »In Amerika habe ich nur häßliche Frauen sich scheiden lassen sehen.« Die Gäste lachten. Das Wort schien so geistreich, daß Herr La Rouquette sich abmühte, einen geheimen Sinn dahinter zu suchen. Die junge Amerikanerin erblickte ohne Zweifel eine Schmeichelei darin, denn sie dankte, verwirrt den Kopf neigend. Da erhob sich das kaiserliche Ehepaar. Lautes Rauschen von Kleidern, ein Trippeln um die Tafel her wurde vernehmlich, während die Türsteher und die Diener, ernst an die Wand gelehnt, allein in diesem Durcheinander von Leuten, die gut gegessen hatten, ihre Haltung bewahrten. Dann ordnete der Zug sich aufs neue. Ihre Majestäten an der Spitze, dahinter paarweise die Gäste, die langen Schleppen getrennt, so schritten sie mit etwas abgespannter Feierlichkeit durch den Gardensaal zurück. Hinter ihnen drein erdröhnten im hellen Glänze der Kronleuchter über dem noch warmen Durcheinander der Tafel die Paukenschläge der Militärmusik, die eben den Schluß einer Quadrille spielte. Der Kaffee wurde in der Wandkartengalerie eingenommen. Ein Schloßpräfekt bot dem Kaiser die Tasse auf purpurner Platte. Mehrere Gäste hatten sich inzwischen schon in das Rauchzimmer begeben. Die Kaiserin saß mit einigen Damen im sogenannten Familiensalon links von der Galerie. Man flüsterte sich ins Ohr, daß sie mit dem sonderbaren Benehmen Clorindens während des Mahles sehr unzufrieden sei. Sie bemühte sich, bei Hofe während des Aufenthaltes in Compiègne eine bürgerliche Wohlanständigkeit einzuführen, eine Vorliebe für unschuldige Spiele und ländliche Vergnügungen. Sie hatte einen persönlichen Haß gegen gewisse Ausschreitungen. Herr von Plouguern hatte Clorinde beiseitegenommen, um ihr den Text zu lesen. Sein eigentlicher Zweck aber war, sie in die Beichte zu nehmen. Sie jedoch stellte sich sehr überrascht. Wie konnte man behaupten, daß sie sich mit dem Grafen Marsy kompromittiert habe? Sie hatten miteinander gescherzt, weiter nichts. »Hier, sieh!« flüsterte der alte Senator. Damit stieß er die halboffene Tür eines Nebenzimmers auf und zeigte ihr Frau von Llorentz, die Herrn von Marsy einen schrecklichen Auftritt machte. Sie hatte die beiden dort eintreten sehen. Die schöne Blonde machte ganz außer sich ihrem Zorne in sehr derben Ausdrücken Luft, setzte alle Rücksicht beiseite und dachte nicht daran, daß ihr Toben einen gräßlichen Skandal herbeiführen könne. Der Graf redete mit etwas bleichem, doch lächelndem Gesicht leise und hastig auf sie ein, um sie zu beruhigen. Schon hatte man den Lärm in der Wandkartengalerie vernommen, und einige Gäste entfernten sich vorsichtig aus der Nähe des Zimmers. »Du willst sie also dahin bringen, daß sie ihre famosen Briefe an die vier Ecken des Schlosses anschlägt?« fragte Herr von Plouguern, der jungen Frau den Arm reichend und sie hinwegführend. »Das wäre sehr ergötzlich!« versetzte sie lachend. Darauf begann er, ihren nackten Arm mit dem Feuer eines jungen Anbeters drückend, ihr wieder Moral zu predigen. Solche Extravaganzen müsse man Frau von Combelot überlassen. Er versicherte, daß Ihre Majestät gegen sie sehr aufgebracht sei. Clorinde, welche die Kaiserin vergötterte, war hierüber sehr erstaunt. Womit hatte sie Mißfallen erregen können? Als sie das Zimmer der Kaiserin erreicht hatten, blieben sie einen Augenblick vor der halboffenen Türe stehen. Ein ganzer Kreis von Damen saß um einen großen Tisch; in der Mitte die Kaiserin, die sich geduldig bemühte, ihnen ein Kinderspiel beizubringen. Einige Herren standen hinter den Sesseln und verfolgten den Unterricht mit großer Aufmerksamkeit. Am Ende der Galerie schalt unterdessen Rougon Delestang aus. Er wagte nicht, dessen Frau zu erwähnen; er zankte, weil jener sich mit einer Wohnung begnügt hatte, die auf den Schloßhof hinaus lag. und wollte ihn dazu zwingen, eine nach dem Park hinaus zu verlangen. Aber da nahte Clorinde am Arme des Herrn von Plouguern und sagte laut, um gehört zu werden: »Laßt mich doch in Ruhe mit eurem Marsy! Ich werde heute abend nicht mehr mit ihm sprechen. Genügt das?« Diese Worte beruhigten alle. Eben trat Herr von Marsy mit sehr vergnügtem Gesicht aus dem kleinen Zimmer, er scherzte einen Augenblick mit dem Ritter Rusconi und begab sich dann in den Salon der Kaiserin, die man samt den anderen Damen bald über eine von ihm erzählte Geschichte herzhaft lachen hörte. Nach zehn Minuten erschien auch Frau von Llorentz; sie sah abgespannt aus, ihre Hände zitterten noch; obgleich sie ihre geringsten Bewegungen von neugierigen Blicken verfolgt sah, blieb sie dennoch tapfer stehen und plauderte mit diesem und jenem. Eine respektvolle Langeweile verursachte vielfaches Gähnen, das hinter den Taschentüchern unterdrückt wurde. Der Abend war der peinliche Teil des Tages. Die Neugeladenen wußten nicht, was sie anfangen sollten, traten an die Fenster und blickten in die Nacht hinaus. Herr Beulin d'Orchère setzte in einer Ecke seinen Vortrag über die Ehescheidung fort. Der Romanschriftsteller, der es »tödlich langweilig« fand, fragte einen Akademiker ganz leise, ob man nicht zu Bett gehen könne. Inzwischen ging der Kaiser von Zeit zu Zeit durch die Galerie schleppfüßig mit einer Zigarette im Munde. »Es war unmöglich, für heute abend irgend etwas zu veranstalten«, erklärte Herr von Cambelot der kleinen Gruppe, die Rougon und seine Freunde bildeten. »Morgen nach der Hetzjagd wird bei Fackelschein das Wild zur Strecke gebracht. Übermorgen werden die Schauspieler des ›Französischen Lustspielhauses‹ die ›Prozeßkrämer‹ aufführen. Man spricht auch von lebenden Bildern und einem Bilderrätsel, die zu Ende der Woche dargestellt werden sollen.« Darauf ging er zu den Einzelheiten über. Seine Frau werde mitwirken, und die Proben sollten demnächst beginnen. Dann erzählte er weitläufig von einem Spaziergang, den der Hof vor zwei Tagen zu dem »drehbaren Stein« unternommen, einem Druidenfelsen, um den her man Ausgrabungen veranstaltete. Die Kaiserin hatte darauf bestanden, in die Höhle hinabzusteigen. »Denken Sie sich,« fuhr der Kammerherr mit bewegter Stimme fort, »die Arbeiter hatten das Glück, vor Ihrer Majestät zwei Schädel bloßzulegen. Niemand hätte es erwartet, und alle waren äußerst befriedigt.« Er strich seinen prächtigen schwarzen Bart, der ihm bei dem schönen Geschlechte zu vielen Erfolgen verhalf; sein hübsches Gesicht hatte einen Zug einfältiger Süßlichkeit, und aus übergroßer Höflichkeit lispelte er beim Sprechen. »Aber«, nahm Clorinde das Wort, »man hat mir versichert, die Schauspieler vom Operettentheater würden uns das neue Stück aufführen ... Die Schauspielerinnen haben wundervolle Toiletten. Und man lacht sich krank dabei, scheint es.« Herr von Combelot murmelte mit zusammengekniffenen Lippen: »Ja, ja, vorübergehend ist davon die Rede gewesen.« »Nun, und? ...« »Man ist davon abgekommen, weil die Kaiserin dergleichen Stücke nicht liebt.« Da wurde eine lebhafte Bewegung im Saale bemerkbar; die Herren waren aus dem Rauchzimmer zurückgekehrt. Der Kaiser wollte seine Partie Scheibespiel beginnen; Frau von Combelot, die sich auf ihre Stärke in diesem Spiele etwas zugute tat, hatte ihn gebeten, eine Scharte auswetzen zu dürfen; sie erinnere sich, im vorigen Jahre von ihm besiegt worden zu sein, und bot sich ihm immer mit so demütiger Zärtlichkeit, mit so bezauberndem Lächeln an, daß Seine Majestät unbehaglich, eingeschüchtert, oft die Augen abwenden mußte. Das Spiel begann unter den Augen einer großen Anzahl von Zuschauern, die im Kreise herumstanden und die Würfe beurteilten. Die junge Frau warf den ersten Stein auf die große, mit grünem Tuche bedeckte Tafel und traf dicht neben das Ziel, das ein weißer Punkt bezeichnete. Der Kaiser aber, noch geschickter, warf ihren Stein beiseite und setzte den seinen an dessen Stelle. Man klatschte leise Beifall. Dennoch gewann Frau von Combelot. »Um was ging das Spiel, Majestät?« fragte sie kühn. Der Kaiser lächelte, ohne zu antworten. Dann wandte er sich um und fragte: »Herr Rougon, wollen Sie mit mir spielen?« Rougon verbeugte sich und nahm die Wurfsteine, wobei er von seiner Ungeschicklichkeit sprach. Unter den Zuschauern hatte sich ein Murmeln erhoben. Wurde Rougon wirklich wieder in Gnaden aufgenommen? Die stumme Feindseligkeit, die ihn seit seiner Ankunft umgab, schmolz dahin, Köpfe reckten sich vor, um seine Würfe beifällig zu verfolgen. Herr La Rouquette führte noch verlegener als vor dem Essen seine Schwester beiseite, um zu erfahren, woran man sich zu halten habe; sie aber konnte ihm offenbar keine befriedigende Auskunft geben, denn er kehrte mit der Miene größter Ungewißheit zurück. »Sehr gut!« murmelte Clorinde bei einem äußerst geschickten Wurfe Rougons. Dabei warf sie den Freunden des großen Mannes, die in ihrer Nähe standen, bedeutungsvolle Blicke zu. Der Augenblick war geeignet, ihn in des Kaisers Gunst zu fördern, und sie führte den Angriff. Einen Augenblick regnete es Lobeserhebungen auf ihn. »Zum Teufel!« entfuhr es Delestang, der unter den befehlenden Augen seiner Frau keinen andern Ausdruck fand. »Und Sie behaupteten, Sie seien ungeschickt!« rief der Ritter Rusconi hingerissen. »Ah, Majestät, spielen Sie nicht um Frankreich mit ihm!« »Aber Herr Rougon würde gewiß auch für Frankreich seinen Mann stellen«, fügte Herr Beulin d'Orchère hinzu, indem er seinem Bulldoggengesicht einen schlauen Ausdruck zu geben suchte. Das war gerade aufs Ziel losgegangen, und der Kaiser geruhte zu lächeln. Er lachte sogar ganz herzhaft, als Rougon von all diesen Lobsprüchen verwirrt, bescheiden erwiderte: »Mein Gott, ich habe als Knabe Knöchel gespielt!« Der ganze Saal brach in Lachen aus, als Seine Majestät das Beispiel dazu gab, und ein Weilchen herrschte ungewöhnliche Heiterkeit. Clorinde hatte mit weiblicher Schlauheit sofort begriffen, daß man mit der Bewunderung Rougons, der im ganzen nur sehr mittelmäßig spielte, vor allem dem Kaiser schmeichelte, der eine unbestreitbare Überlegenheit bewies. Indessen hatte Herr von Plouguern sich noch nicht bequemt, diesen von ihm beneideten Erfolg zu feiern. Sie stieß ihn wie aus Versehen mit dem Ellbogen an; er begriff und begeisterte sich über den nächsten Stein, den sein Kollege warf. Herr La Rouquette ließ sich gar zu dem gewagten Warte hinreißen: »Sehr hübsch! Ein mächtiger Wurf!« Als der Kaiser gewonnen hatte, bat Rougon um die Gelegenheit, seine Niederlage wettmachen zu dürfen. Die Steine glitten von neuem über das grüne Tuch gleich dem Rascheln dürren Laubes, als ein Kinderfräulein im Zimmer der Kaiserin erschien, auf dem Arme den kaiserlichen Prinzen. Das etwa zwanzig Monate alte Kind war sehr einfach in Weiß gekleidet, sein Haar war wirr, seine Augen schlaftrunken. Wenn es so des Abends erwachte, wurde es gewöhnlich der Kaiserin gebracht, die es liebkoste. Es blickte mit dem ernsthaften Ausdruck kleiner Kinder in das glänzende Licht. Ein Greis, hoher Würdenträger, humpelte heran, so schnell es seine gichtbehafteten Beine gestatteten, beugte den greisenhaft zitternden Kopf nieder, ergriff das weiche Kinderhändchen und murmelte mit seiner gebrochenen Stimme: »Kaiserliche Hoheit! ... Kaiserliche Hoheit! ...« Das Kind, durch die Annäherung dieses Pergamentgesichtes erschreckt, warf sich heftig zurück und begann laut zu schreien. Aber der Alte ließ es nicht los, sondern beteuerte seine Ergebenheit, so daß man das weiche Händchen seinen Lippen und seiner Verehrung entziehen mußte. »Tragen Sie das Kind hinaus!« sagte der Kaiser ungeduldig zu dem Fräulein. Die zweite Partie hatte er verloren. Jetzt begann die entscheidende. Rougon, der die Lobsprüche ernst nahm, gab sich alle Mühe, und Clorinde fand, daß er zu gut spiele. Während er seine Steine sammelte, flüsterte sie ihm ins Ohr: »Ich hoffe, Sie werden nicht wieder gewinnen.« Er lächelte. Plötzlich wurde lautes Gebell vernehmlich: Nero, des Kaisers Lieblingshund, war durch eine offene Tür in den Saal gedrungen. Seine Majestät gab Befehl, ihn hinauszuführen, und ein Diener hielt ihn schon am Halsband, als der Alte, der hohe Würdenträger, von neuem hervorstürzte und rief: »Mein schöner Nero, mein schöner Nero! ...« Er kniete fast auf den Teppich, um ihn in seine zitternden Arme zu schließen. Er drückte den Kopf des Hundes an seine Brust, küßte ihn und wiederholte: »Bitte, Majestät, schicken Sie ihn nicht fort! Er ist so schön!« Der Kaiser willigte ein, daß er bleibe, worauf der Alte seine Liebkosungen verdoppelte. Der Hund knurrte nicht einmal, sondern leckte zutraulich die welken Hände, die ihn streichelten. Rougon beging unterdessen Fehler über Fehler. Er warf einen Stein so ungeschickt, daß die tuchüberzogene Bleischeibe in den Busen einer Dame flog, die sie errötend zwischen ihren Spitzen hervorholte. Der Kaiser gewann. Darauf gab man ihm in zartsinniger Weise zu verstehen, daß er einen Sieg errungen habe, auf den er stolz sein könne. Er wurde dadurch fast gerührt und ging mit Rougon plaudernd auf und ab, als ob er sich verpflichtet fühle, ihn zu trösten. Sie begaben sich an das Ende des Saales, um für ein Tänzchen Platz zu machen, das zum Schluß des Abends veranstaltet wurde. Die Kaiserin trat eben aus ihrem Zimmer und bemühte sich mit bezaubernder Anmut, die zunehmende Langeweile zu zerstreuen. Sie hatte vorgeschlagen, ein Spiel zu beginnen, aber es war schon spät, man zog vor zu tanzen. Alle Damen hatten sich im Wandkartensaale versammelt, und man sandte in das Rauchzimmer, um die Herren zu holen, die sich dort versteckt hielten. Als die Paare zur Quadrille antraten, setzte sich Herr von Combelot dienstbereit an das Piano. Es war ein Spielwerk, das durch eine Kurbel in Bewegung gesetzt wurde. Der Kammerherr drehte sie mit dem ernstesten Gesichte von der Welt. »Herr Rougon,« äußerte der Kaiser, »man hat mir von Ihrer Arbeit berichtet, worin Sie die englische Verfassung mit der unsrigen vergleichen wollen ... Ich könnte Ihnen vielleicht weiteren Stoff dazu liefern.« »Majestät sind zu gütig ... Aber ich habe einen andern, großen Plan.« Da Rougon den Kaiser so wohlgeneigt sah, wollte er die Gelegenheit benutzen und setzte sein Vorhaben des weiteren auseinander: ein Gebiet in den Landes, mehrere Geviertmeilen groß, urbar zu machen, eine Stadt zu gründen, kurz, ein neues Land zu erobern. Während er so redete, erhob der Kaiser die trüben Augen, und ein matter Schimmer flammte darin auf. Doch unterbrach er ihn nicht, nickte nur hin und wieder und sagte erst, als jener geendet hatte: »Ohne Zweifel, man könnte es versuchen ...« Dann wandte er sich zu Delestang, der mit seiner Frau und Herrn von Plouguern in der Nähe stand: »Herr Delestang, sagen Sie uns Ihre Meinung! ... Ich habe Ihre Musterwirtschaft zu La Chamade von meinem Besuche her in bester Erinnerung.« Der Gerufene kam, doch mußte der Kreis, der sich um den Kaiser gebildet hatte, in die Nische zurückweichen. Frau von Combelot, die eben halb bewußtlos in Herrn La Rouquettes Armen vorüberwalzte, hatte mit ihrer langen Schleppe die Seidenstrümpfe des Kaisers gestreift, ja fast umwickelt. Herr von Combelot ergötzte sich an seiner Musik, er drehte die Kurbel rascher und wiegte gemessen sein schönes, wohlfrisiertes Haupt; zuweilen warf er einen Blick auf den Kasten, wie überrascht von den feierlichen Tönen, die gewisse Kurbeldrehungen hervorriefen. »Ich habe das Glück gehabt, in diesem Jahre durch eine neue Kreuzung prächtige Kälber zu erzielen«, erklärte Delestang. »Leider wurden die Pferche eben ausgebessert, als Eure Majestät La Chamade besuchten.« Der Kaiser redete langsam, einsilbig über Landwirtschaft, Viehzucht, Mästung. Seit seinem Besuche in La Chamade schätzte er Delestang sehr hoch und lobte ihn besonders deshalb, weil er den Versuch gemacht hatte, seine Leute in eine Art Verband zu bringen mit einem Anteil am Gewinn und einer Altersversorgungskasse. Wenn sie miteinander sprachen, hatten sie viele gemeinsame Gedanken und menschenfreundliche Pläne, worüber sie sich andeutungsweise verständigten. »Hat Herr Rougon Ihnen seinen Plan mitgeteilt?« fragte der Kaiser. »Ein herrlicher Plan!« erwiderte Delestang. »Man könnte Versuche im großen machen ...« Er zeigte sich wahrhaftig begeistert. Die Veredlung der Schweinerassen war eben sein Lieblingsgegenstand. Die schönen Schläge stürben in Frankreich aus. Dann ließ er merken, daß er ein neues Verfahren zur Anlage künstlicher Wiesen studiere, doch bedürfe er dazu sehr ausgedehnter Landstrecken. Falls Rougons Plan gelingen sollte, werde er sich dorthin begeben, um sein Verfahren anzuwenden. Plötzlich hielt er inne: er hatte bemerkt, daß seine Frau ihn starr anblickte. Seitdem er sich für Rougons Plan erklärt hatte, biß sie sich auf die Lippen, ganz bleich vor Wut. »Mein Freund!« flüsterte sie, auf das Piano hinweisend. Herr von Combelot spreizte seine steifen Finger und ballte sie dann sachte wieder zusammen, um sich zu erholen. Er wollte eben mit dem ergebenen Lächeln eines Märtyrers eine Polka beginnen, als Delestang kam und sich erbot, ihn abzulösen. Er nahm es höflich an, als ob er einen Ehrenplatz abtrete. Darauf fing Delestang an, die Polka herabzuleiern. Aber das war etwas ganz anderes; er hatte nicht das gleichmäßige Spiel, die geschmeidige und doch markige Hand des Kammerherrn. Rougon wollte jedoch vom Kaiser ein entscheidendes Wort vernehmen. Dieser, von dem Plane sehr verlockt, fragte ihn nunmehr, ob er dort nicht große Arbeiterstädte errichten wolle; es werde leicht sein, jedem Hausvater ein Stückchen Land, freien Wasserverbrauch und landwirtschaftliche Geräte zu bewilligen. Er versprach, ihm sogar Pläne mitzuteilen, den Grundriß einer dieser Städte, den er selbst entworfen, mit lauter gleichmäßigen Häusern, worin alle Bedürfnisse vorgesehen waren. »Gewiß, ich stimme ganz mit Eurer Majestät überein«, versetzte Rougon, beunruhigt von dem nebelhaften Sozialismus des Herrschers. »Wir könnten ohne Eure Majestät nichts tun ... Es wird zweifellos in einigen Gemeinden das Enteignungsverfahren angewendet, der Grundsatz des Gemeinwohles ausgesprochen, werden müssen. Schließlich werde ich an die Bildung einer Gesellschaft denken müssen ... Ein Wort Eurer Majestät ist erforderlich ...« Des Kaisers Auge umflorte sich. Er nickte und wiederholte dann dumpf, kaum hörbar: »Wir werden sehen ... Wir werden noch davon ...« Damit entfernte er sich schleppenden Ganges, quer durch eine Quadrillefigur schreitend. Rougon machte ein vergnügtes Gesicht, als ob er eines günstigen Bescheides sicher sei. Clorinde strahlte. Allmählich hatte sich unter den ernsteren Herren, die nicht tanzten, die Neuigkeit verbreitet, Rougon werde Paris verlassen und an die Spitze eines großen Unternehmens im Süden treten. Man kam, ihn zu beglückwünschen, und lächelte ihm vom einen Ende des Saales bis zum andern zu. Die frühere Feindseligkeit war verschwunden; wenn er sich selbst verbannte, konnte man ihm schon die Hand drücken, ohne sich in Verruf zu bringen. Viele Gäste fühlten sich augenscheinlich erleichtert; Herr La Rouquette trat sogar aus den Reihen der Tänzer und redete darüber mit dem entzückten Ausdruck eines seiner Sorgen entledigten Menschen mit dem Ritter Rusconi: »Er tut wohl daran; er wird da draußen große Dinge vollbringen; Rougon ist ein Kraftmensch, aber sehen Sie, es fehlt ihm an politischem Takte.« Darauf pries er die Güte des Kaisers, der »Seine alten Diener liebte, wie man. an ehemaligen Geliebten zu hängen pflegt«. Er gebe sich ihnen hin, habe Rückfälle von Zuneigung, selbst nachdem er mit ihnen auf die auffälligste Weise gebrochen. Wenn er Rougon nach Compiegne geladen habe, sei der Grund sicher eine uneingestandene Schwäche seines Herzens. Der junge Abgeordnete führte andere Tatsachen an, die für das gute Herz Seiner Majestät zeugten: er hatte die vierhunderttausend Franken Schulden bezahlt, zu denen eine Tänzerin einen General verleitet hatte; einem seiner alten Mitverschworenen von Straßburg und Boulogne hatte er achthunderttausend Franken zur Hochzeit geschenkt, der Witwe eines höheren Beamten fast eine Million. »Seine Kasse wird geplündert«, schloß er. »Er hat sich nur deshalb zum Kaiser wählen lassen, um seine Freunde zu bereichern ... Ich zucke die Achseln, wenn ich die Republikaner ihm seine Zivilliste vorwerfen höre. Hätte er das Zehnfache, er würde alles verschenken. Das Geld fällt wieder an Frankreich zurück.« Indem beide so halblaut miteinander plauderten, folgten sie dem Kaiser mit den Blicken. Er hatte eben einen Rundgang durch den Saal vollendet und schritt vorsichtig, schweigend und einsam durch die Gruppe der Tänzerinnen, die ihm achtungsvoll Platz machten. Wenn er hinter den nackten Schultern einer sitzenden Dame vorbeiging, reckte er etwas den Hals, kniff die Augenlider zusammen und tauchte den Blick so tief wie möglich in den Busen. »Und dieser Scharfblick!« fügte der Ritter Rusconi noch leiser hinzu. »Ein außerordentlicher Mensch!« Der Kaiser hatte sich ihnen genähert und blieb eine Minute ernst und nachdenklich stehen. Dann schien er auf Clorinde zuschreiten zu wollen, die eben sehr heiter und schön war; da sah sie ihn kühn an und schien ihn zu erschrecken. So ging er weiter, die Linke auf die Hüfte gestützt, mit der andern Hand den gewichsten Schnurrbart drehend. Als er sich Herrn Beulin d'Orthère gegenüber sah, wich er ihm aus, dann kam er von der Seite heran und fragte: »Sie tanzen nicht, Herr Präsident?« Der Richter antwortete, daß er nicht tanzen könne und daher niemals in seinem Leben getanzt habe. Der Kaiser wandte in ermutigendem Tone ein: »Das schadet nichts, man tanzt dennoch.« Das war sein letztes Wort. Langsam erreichte er die Tür und verschwand. »Nicht wahr, ein außerordentlicher Mensch?« wiederholte Herr La Rouquette das Wort des Ritters Rusconi. »Im Auslande beschäftigt man sich sehr viel mit ihm, wie?« Der Ritter antwortete mit diplomatischer Zurückhaltung nur durch ein unbestimmtes Nicken. Doch gestand er, daß die Augen von ganz Europa am Kaiser hingen. Ein Wort aus den Tuilerien erschüttere die benachbarten Throne. »Das ist ein Fürst, der zu schweigen versteht«, schloß er mit einem Lächeln, dessen feiner Spott dem jungen Abgeordneten entging. Beide wandten sich ritterlich wieder zu den Damen und machten ihre Aufforderungen für die folgende Quadrille. Seit einer Viertelstunde drehte ein Adjutant die Kurbel. Delestang und Herr von Combelot eilten hinzu und erboten sich, an seine Stelle zu treten. Aber die Damen riefen: »Herr von Combelot, Herr von Combelot! Er dreht viel besser!« Der Kammerherr dankte mit liebenswürdiger Verbeugung und drehte mit wahrhaft künstlerischer Vollendung weiter, Es war der letzte Tanz. Im Familiensalon war inzwischen der Tee aufgetragen. Nero, der unter einem Sofa hervorkroch, wurde mit Butterbrötchen vollgestopft. Kleine Gruppen bildeten sich und unterhielten sich vertraulich miteinander. Herr von Plouguern hatte sich mit einem belegten Brötchen in die Ecke einer Konsole geflüchtet, aß, schlürfte seinen Tee und erklärte dabei Delestang, mit dem er das belegte Brot teilte, wie er, den man als Legitimisten kannte, dazu gekommen sei, die Einladung nach Compiegne anzunehmen. Mein Gott! Es war sehr einfach! Er glaubte, er dürfe seine Unterstützung nicht länger einer Regierung versagen, die Frankreich vor der Anarchie rette. Dann bemerkte er: »Dies Brötchen ist vorzüglich ... Ich habe heute abend schlecht genug gegessen.« In Compiègne war übrigens sein boshafter Witz immer lebendig. Er äußerte über die meisten der anwesenden Frauen so derbe Worte, daß Delestang darüber errötete. Er schone nur die Kaiserin, eine wahre Heilige, sagte er. Sie zeige sich musterhaft fromm und sei Legitimistin; sie würde gewiß Heinrich V. zurückberufen haben, wenn sie frei über den Thron zu verfügen hätte. Darauf feierte er ein Weilchen die süßen Freuden der Religion. Als er dann wieder eine etwas schlüpfrige Anekdote zum Besten gab, kehrte gerade die Kaiserin in Begleitung der Frau von Llorentz in ihre Gemächer zurück. Auf der Türschwelle verbeugte sie sich tief vor der Versammlung, die den Gruß durch eine stille Verbeugung erwiderte. Die Zimmer leerten sich; man sprach lauter und tauschte Händedrücke aus. Als Delestang seine Frau suchte, um mit ihr hinaufzugehen, fand er sie nirgends. Endlich entdeckte Rougon, der ihm suchen half, sie neben Herrn von Marsy auf einem schmalen Sofa in dem kleinen Zimmer, wo Frau von Llorentz vor dem Grafen nach der Tafel so schrecklich die Eifersüchtige gespielt hatte. Clorinde lachte sehr laut, erhob sich, als sie ihren Mann kommen sah, und sagte, noch immer lachend: »Guten Abend, Herr Graf ... Sie sollen morgen bei der Jagd sehen, ob ich meine Wette halte.« Rougon folgte ihr mit den Blicken, als Delestang sie am Arm hinwegführte. Er hätte sie bis zu ihrer Tür begleiten mögen, um zu fragen, was für eine Wette sie meine; aber er mußte Herrn von Marsy standhalten, der ihn mit verdoppelter Höflichkeit zurückhielt. Als jener sich endlich von ihm verabschiedet, ging er, anstatt sein Bett aufzusuchen, durch eine offene Tür in den Park. Die Oktobernacht war sehr dunkel: kein Stern war zu sehen, kein Lüftchen regte sich; alles war schwarz und tot. In der Ferne lag der schweigende Hochwald wie ein schwarzes Gebirge; kaum konnte er zu seinen Füßen den matten Schimmer der Wege erkennen. Hundert Schritte von der Terrasse blieb er stehen und ließ sich mit dem Hut in der Hand die erquickende Kühle der Nacht über das Gesicht streichen. Das war eine Erfrischung, wie ein Kraftbad. Er blickte träumerisch nach links auf das Gebäude, wo ein Fenster noch hell erleuchtet war, und während die anderen allmählich dunkel wurden, noch immer allein die schläfrige Masse des Schlosses belebte. Der Kaiser wachte, und plötzlich glaubte er seinen Schatten zu sehen, einen ungeheuren Kopf mit den langen Schnurrbartenden; dann huschten zwei andere Schatten vorbei, der eine sehr schlank, der andere dick, so dick, daß er das ganze Fenster ausfüllte. In diesem letzteren erkannte er deutlich den ungeheuren Schattenriß eines Geheimpolizisten, mit dem Seine Majestät sich stundenlang einzuschließen pflegte; und als der schlanke Schatten wieder sichtbar wurde, kam er auf die Vermutung, es könne eine Frau sein. Endlich verschwand alles, das Fenster nahm wieder seinen ruhigen Schimmer an und sandte seinen Flammenblick in die geheimnisvollen Tiefen des Parkes. Vielleicht dachte der Kaiser jetzt an die Urbarmachung des Landes, an die Gründung einer Arbeiterstadt, wo die Ausrottung der Verarmung im großen versucht werden sollte. Er faßte seine Entschlüsse oft in der Nacht, nachts unterzeichnete er Erlasse, verfaßte er Aufrufe, setzte er Minister ab. Allmählich zog ein Lächeln über Rougons Züge; unwillkürlich fiel ihm ein Bild ein: Der Kaiser mit blauer Schürze und auf dem Kopfe eine Polizeimütze aus einem Zeitungsblatt war damit beschäftigt, ein Zimmer zu Trianon mit Tapeten zu drei Franken die Rolle zu bekleben, um dort eine Geliebte unterzubringen; und er stellte ihn sich vor, wie er jetzt in der Einsamkeit seines Zimmers, umgeben vom Schweigen der Nacht, Bilder ausschnitt und sie mit Hilfe eines kleinen Pinsels sehr sauber aufklebte. Rougon erhob den Arm, und es entfuhren ihm die Worte: »Seine Bande hat ihn zu dem gemacht, was er ist!« Dann beeilte er sich, ins Schloß zurückzukehren. Ihn begann zu frieren, besonders an den Füßen, da seine Beinkleider nur bis zum Knie reichten. Am andern Morgen gegen neun Uhr ließ Clorinde durch Antonia, die sie mitgenommen, anfragen, ob sie mit ihrem Gatten bei ihm ihr Frühstück nehmen könne. Er hatte sich eine Tasse Schokolade bestellt und erwartete das Ehepaar. Antonia ging mit der großen silbernen Platte voran, auf der ihnen der Kaffee gebracht worden. »So, das wird gemütlicher, nicht wahr?« sagte Clorinde beim Eintreten. »Sie haben auf dieser Seite die Sonne... Sie wohnen viel besser als wir!« Damit begann sie, die Wohnung zu untersuchen. Sie bestand aus einem Vorzimmer, woran sich rechts ein Gemach für den Diener schloß; rückwärts lag das Schlafzimmer, ein weiter Raum, mit rotgeblümtem Zitz ausgeschlagen, darin ein großes, breites Mahagonibett und ein ungeheurer Kamin, in dem große Klötze flammten. »Potztausend!« rief Rougon, »Sie müssen sich beschweren! Ich hätte niemals ein Zimmer nach dem Hofe hinaus angenommen. Wenn man sich alles gefallen läßt! ... Ich habe es gestern Delestang gesagt.« Die junge Frau brummte achselzuckend: »Er würde nichts dagegen haben, wenn ich in der Scheune untergebracht würde.« Sie bestand darauf, selbst das Ankleidezimmer zu sehen, dessen ganze Einrichtung aus Sèvresporzellan – in Weiß und Gold – bestand. Als sie dann an das Fenster trat, entfuhr ihr ein leichter Ausruf der Überraschung und Bewunderung. Vor ihr breitete meilenweit der Forst sein wogendes Wipfelmeer aus; ungeheure Baumkronen verloren sich in einem langsamen Wiegen und Wallen, und im hellen Sonnenlichte des Oktobermorgens schien das ganze ein Gold- und Purpurmeer, ein betreßter Kaisermantel, der von einem Himmelsrande bis zum andern reichte. »Kommen Sie, wir wollen frühstücken!« sagte Clorinde. Sie räumten einen Tisch ab, auf dem sich ein Schreibzeug und eine Schreibmappe befanden; und es machte ihnen einen besonderen Spaß, sich selbst zu bedienen. Die junge Frau, sehr gut gelaunt, bemerkte wiederholt, daß sie nach einer langen Traumreise im Gasthofe zu erwachen geglaubt habe, dessen Wirt ein Fürst sei. Dies Frühstück aufs Geratewohl, auf silbernen Schüsseln aufgetragen; ergötzte sie wie ein Abenteuer in einem fernen, unbekannten Lande, wie sie sagte. Inzwischen drückte Delestang seine Verwunderung über die Holzmasse aus, die im Kamin loderte, und schloß, nachdenklich in die Glut blickend: »Ich habe mir erzählen lassen, daß tagtäglich im Schlosse für fünfzehnhundert Franken Holz verbrannt wird ... Fünfzehnhundert Franken! Rougon, scheint Ihnen die Ziffer nicht etwas hoch?« Rougon, der seine Schokolade schlürfte, begnügte sich zu nicken. Die Fröhlichkeit Clorindens machte ihn sehr nachdenklich. Sie schien in einem wahren Schönheitsfieber erwacht zu sein; ihre großen Augen sprühten vor Kampflust. »Von welcher Wette haben Sie gestern gesprochen?« fragte er sie plötzlich. Sie lachte, ohne zu antworten; als er in sie drang, erwiderte sie nur: »Sie werden schon sehen!« Allmählich wurde er aufgebracht und grob. Er spielte den Eifersüchtigen, warf anfangs verschleierte Andeutungen, schließlich ganz unverhüllte Anklagen hin: sie habe sich sehr auffällig gemacht, habe ihre Hand länger als zwei Minuten in der des Herrn von Marsy gelassen. Delestang tunkte inzwischen ruhig lange Brotschnitte in seinen Kaffee. »Wenn ich Ihr Gatte wäre!« rief Rougon. Clorinde war hinter Delestang getreten, stützte beide Hände auf seine Schultern und fragte: »Wenn Sie mein Mann wären, was dann?« Damit beugte sie sich zu ihrem Gatten nieder und flüsterte ihm ins Ohr, daß ihr warmer Atem sein Haar kräuselte: »Nicht wahr, mein Freund, er würde ganz artig sein, ebenso artig wie du?« Statt aller Antwort neigte er sich über die Hand, die auf seiner linken Schulter ruhte, und küßte sie. Er warf einen verlegenen Blick auf Rougon und zwinkerte ihm mit den Augen zu, um ihm anzudeuten, daß er vielleicht etwas zu weit gegangen sei. Rougon hätte ihn beinahe einen Schafskopf genannt. Aber Clorinde winkte ihm über dem Kopfe ihres Mannes zu, und er folgte ihr zum Fenster, an das sie den Arm lehnte. Einen Augenblick starrte sie schweigend in die unermeßliche Ferne, dann fragte sie unvermittelt: »Warum wollen Sie Paris verlassen? Haben Sie mich nicht mehr lieb? ... Hören Sie, ich will vernünftig sein, Ihre Ratschläge befolgen, wenn Sie es aufgeben, sich in die abscheuliche Heide zu verbannen.« Er ward sehr ernst, als dieser Handel ihm vorgeschlagen wurde. Er rückte die großen Interessen, die ihn riefen, in den Vordergrund und erklärte, er könne jetzt keinesfalls mehr zurück. Während er redete, bemühte sich Clorinde vergeblich, die Wahrheit in seinem Gesichte zu lesen; er schien fest entschlossen fortzugehen. »Gut, ich sehe, daß Ihnen an mir nichts mehr liegt. Darum benehme ich mich so, wie es mir beliebt... Sie werden schon sehen.« Sie trat vom Fenster ohne Groll zurück; sie lachte sogar. Delestang interessierte sich noch immer für das Feuer und suchte die Zahl der Kamine des Schlosses zu ermitteln. Aber sie unterbrach ihn, denn es war gerade Zeit zum Ankleiden, wenn sie nicht zur Jagd zu spät kommen wollte. Rougon begleitete sie bis auf den Flur, einen mit einem grünen Teppich belegten, klosterähnlichen, breiten Gang. Im Vorübergehen unterhielt sich Clorinde damit, an den Türen die Namen der Gäste zu lesen, die auf kleinen, von dünnen Holzleisten eingerahmten Zetteln geschrieben standen. Schließlich wandte sie sich um, und da ihr schien, daß Rougon mit verlegenem Ausdruck ihr nachblickte, als wolle er sie zurückrufen, blieb sie lächelnd einige Sekunden stehen. Er aber trat in sein Zimmer zurück und schlug die Tür heftig zu. Das Frühstück wurde diesen Morgen früher eingenommen. In der Wandkartengalerie plauderte man viel vom Wetter, das für eine Hetzjagd vorzüglich sei: eine in Goldstaub aufgelöste Sonne, die Luft hell und glänzend, unbewegt wie stehendes Wasser. Die Hofwagen sollten kurz vor Mittag vom Schlosse abfahren; als Ort der Zusammenkunft war der »Königsborn« bestimmt, eine weite Lichtung mitten im Walde. Die kaiserliche Jägerei wartete dort schon seit einer Stunde: die berittenen Jäger waren in roten Beinkleidern, den großen, bordenbesetzten dreieckigen Hut seitwärts gesetzt, die Hundewärter in schwarzen Schuhen mit Silberschnallen, um ungehindert durch das Gebüsch laufen zu können. Um die Meute her waren die Wagen der von den Nachbarschlössern geladenen Gäste in Reih und Glied halbkreisförmig aufgefahren, während im Vordergrunde die Gruppen von Damen und uniformierten Jägern ein Bild aus alter Zeit schienen, eine Jagd unter Ludwig XV., die in der milden Luft wieder zum Leben erwacht war. Das kaiserliche Paar begleitete die Jagd nicht, sondern kehrte sofort nach ihrem Beginn in seinem leichten Wagen zum Schlosse zurück, und viele folgten diesem Beispiele. Rougon hatte anfangs versucht, sich an Clorindens Seite zu halten, aber sie trieb ihren Renner so toll vorwärts, daß er zurückblieb und heimzukehren beschloß, wütend darüber, daß er sie an der Seite des Herrn von Marsy in weiter Ferne in einem Baumgange dahinjagen sah. Gegen halb sechs Uhr wurde Rougon gebeten, in den inneren Gemächern der Kaiserin den Tee zu nehmen. Dies war eine Gunst, die gewöhnlich geistreichen Leuten vorbehalten blieb. Er fand dort schon die Herren Beulin d'Orchère und von Plouguern; letzterer trug in gewählten Ausdrücken einen derben Spaß vor, der sehr belacht wurde. Inzwischen kehrten allmählich die Jäger heim: so Frau von Combelot, die eine übermäßige Ermüdung heuchelte, und als man sie ausfragte, in lauter Jägerausdrücken antwortete: »Das Wild hat sich mehr als vier Stunden lang hetzen lassen. Denken Sie sich, ein Weilchen ist es auf die Ebene ausgebrochen. Es hatte sich etwas erholt. Am roten Sumpfe wurde es endlich erlegt! Ein prächtiges Hallali!« Der Ritter Rusconi berichtete mit unruhiger Miene ein anderes Vorkommnis. »Das Pferd der Frau Delestaeg ist durchgegangen ... Sie ist auf dem Wege nach Pierrefonds hin verschwunden, und man weiß noch nicht, wo sie geblieben ist.« Darauf wurde er mit Fragen bestürmt; die Kaiserin, schien trostlos. Er erzählte, daß Clorinde die ganze Zeit mit wilder Ausdauer der Jagd gefolgt sei und mit ihrer Haltung die schneidigsten Reiter entzückt habe. Plötzlich sei ihr Pferd einen Seitenweg abgebogen ... »Ja,« schaltete Herr La Rouquette ein, der vor Eifer brannte, seine Weisheit auszukramen, »sie hat das arme Tier auch zu rücksichtslos gepeitscht! ...« Herr von Marsy ist hinterdrein gejagt, um ihr beizustehen, aber auch er ist nicht mehr zum Vorschein gekommen.« Frau von Llorentz, die hinter Ihrer Majestät saß, erhob sich. Ihr war, als blicke man sie lächelnd an, und sie wurde ganz bleich. Die Unterhaltung wandte sich darauf den Gefahren der Jagd zu: Einst war der Hirsch in einen Bauernhof geflüchtet und hatte sich so wütend gegen die Hunde gekehrt, daß eine Dame in dem Getümmel das Bein brach. Dann stellte man Vermutungen auf. Wenn Herr von Marsy des durchgegangenen Pferdes Herr geworden war, würden sie gewiß beide abgestiegen sein, um sich einige Minuten zu erholen; Hütten, Schuppen und Häuschen gab es eine Menge im Walde. Es schien Frau von Llorentz, als ob das Lächeln sich verstärkte, während man sich heimlich an ihrer eifersüchtigen Wut weidete. Rougon schwieg und trommelte in fieberhafter Erregung mit den Fingern einen Marsch auf seinen Knien. »Und wenn sie die Nacht draußen zubringen!« brummte Herr von Plouguern zwischen den Zähnen. Die Kaiserin hatte den Auftrag gegeben, daß Clorinde sofort nach ihrer Rückkehr zum Tee geladen werde. Plötzlich hörte man halbunterdrückte Ausrufe. Die junge Frau stand auf der Schwelle, mit geröteten Wangen und sieghaft lächelnd. Sie dankte Ihrer Majestät für ihre bezeugte Teilnahme und fuhr ruhig fort. »Mein Gott, ich bin untröstlich. Es war unrecht, sich um mich zu ängstigen ... Ich hatte mit Herrn von Marsy gewettet, daß ich das gefallene Wild als erste erreichen würde. Ohne dieses verdammte Pferd ...« Und sie schloß vergnügt: »Wir haben nicht verloren, weder ich, noch er.« Aber sie mußte das Abenteuer ausführlicher erzählen, und sie tat es ohne die geringste Befangenheit. Nach zehn Minuten rasenden Galopps war ihr Pferd ermattet, ohne daß sie Schaden genommen hätte. Da sie jedoch vor Erregung ein wenig wankte, habe Herr von Marsy sie für kurze Zeit unter einen Schuppen geführt. »Wir haben es erraten!« rief Herr La Rouquette. »Sie sagen, unter einen Schuppen? Ich hatte gesagt: in einen Pavillon.« »Es muß da sehr unbequem gewesen sein!« bemerkte Herr von Plouguern boshaft. Clorinde entgegnete langsam mit glücklichem Lächeln: »Nein, durchaus nicht. Es lag Stroh darin, und darauf habe ich mich gesetzt ... Es war ein großer Schuppen voller Spinngewebe, die Nacht brach an; es war sehr drollig.« Frau von Llorentz fest anblickend, fuhr sie noch gedehnter fort, was ihren Worten einen besonderen Nachdruck verlieh: »Herr von Marsy ist sehr gut zu mir gewesen.« Seitdem die junge Frau ihren Unfall zu erzählen begonnen, hatte Frau von Llorentz heftig zwei Finger an ihre Lippen gepreßt. Bei den letzten Worten schloß sie die Augen, als sei sie vor Zorn schwindlig geworden. So saß sie eine Minute lang; dann konnte sie sich nicht länger beherrschen und ging hinaus. Herr von Plouguern schlich sehr neugierig hinterdrein. Clorinde, die sie beobachtete, machte unwillkürlich eine siegreiche Gebärde. Herr Beulin d'Orchère brachte die Unterhaltung auf einen Skandalprozeß, womit die öffentliche Meinung sich sehr viel beschäftigte; es handelte sich um eine Scheidungsklage, die auf das Unvermögen des Mannes gegründet war; und er berichtete gewisse Tatsachen in so schicklichen Ausdrücken der Rechtspflege, daß Frau von Combelot, die ihn nicht mehr verstand, um nähere Erklärungen bat. Der Ritter Rusconi erntete lebhaften Beifall, indem er halblaut Volksweisen aus Piemont vortrug, Liebeslieder, die er dann ins Französische übersetzte. Als er gerade mitten in einem solchen war, trat Delestang ein, der seit zwei Stunden den Wald nach seiner Frau durchsucht hatte; man lächelte über sein verstörtes Gesicht. Die Kaiserin schien inzwischen eine lebhafte Zuneigung zu Clorinde gefaßt zu haben, ließ sie an ihrer Seite Platz nehmen und redete mit ihr über Pferde. Pyramos, das Pferd, das die junge Frau auf der Jagd geritten, hatte einen sehr harten Galopp, sie versprach ihr für den andern Tag Cäsar. Rougon war bei Clorindens Ankunft an ein Fenster getreten und tat, als spähe er angelegentlich nach den Lichtern hinüber, die in der Ferne, links im Park, angezündet wurden. So konnte niemand das leichte Beben seiner Gesichtsmuskeln wahrnehmen. Er stand dort lange und starrte in die Nacht hinaus. Endlich wandte er sich, gleichgültig um, als Herr von Plouguern, der eben zurückgekehrt war, auf ihn zutrat und ihm mit einer Stimme, die vor befriedigter Neugier fieberhaft bebte, zuraunte: »Es war schrecklich! ... Haben Sie gesehen, daß ich ihr gefolgt bin? Gerade am Ende des Ganges ist sie Marsy begegnet, und beide traten in ein Zimmer ein. Ich habe gehört, daß er ihr geradeheraus sagte, sie töte ihn ... Sie lief davon wie eine Tolle geradeswegs zum Zimmer des Kaisers. Meiner Treu, ich glaube wahrhaftig, daß sie die berühmten Briefe auf das Schreibpult des Kaisers niedergelegt hat!« Da erschien Frau von Llorentz wieder ganz bleich, das Haar wirr um die Schläfen flatternd und hastig atmend. Mit der verzweifelten Ruhe eines Kranken, der eben eine Operation auf Tod und Leben an sich vorgenommen, nahm sie ihren Platz hinter der Kaiserin wieder ein. »Ganz gewiß, sie hat die Briefe aus der Hand gegeben«, wiederholte Herr von Plouguern und faßte sie scharf ins Auge. Da Rougon ihn nicht zu verstehen schien, beugte er sich hinter Clorinde und erzählte ihr die Geschichte. Sie hörte ihm entzückt mit freudestrahlenden Augen zu. Erst als man die Zimmer der Kaiserin verließ, um zu Tische zu gehen, schien sie Rougon zu bemerken. Sie nahm seinen Arm und sagte, während Delestang hinter ihnen ging: »Sehen Sie? Da haben Sie's! ... Wären Sie heute früh artig gewesen, so wäre ich nicht Gefahr gelaufen, Arme und Beine zu brechen.« Am Abend gab es eine sogenannte kalte Jagd bei Fackelschein. Als die Gäste den Speisesaal verließen, kehrten sie nicht unmittelbar in die Wandkartengalerie zurück, sondern zerstreuten sich in den Sälen der Schloßvorderseite, deren Fenster alle weit geöffnet waren. Der Kaiser trat auf den Hauptbalkon, wo noch etwa zwanzig Personen Platz hatten. Unten hielten zwei Reihen Diener in großer Livree mit gepudertem Haar vom Gitter bis zur Vorhalle einen breiten Gang frei. Jeder hielt eine lange Pike, an deren Ende Werg in weingeistgefüllten Pfannen brannte. Die hohen grünen Flammen züngelten durch die Luft, als ob sie da aufgehängt seien, in der Nacht schimmernd, ohne sie zu erleuchten, so daß sie nichts unterscheiden ließen als die doppelte Reihe Scharlachwesten der Diener, die sie violett färbten. Zu beiden Seiten des Hofes drängte sich eine zahlreiche Menge zusammen, Compiègner Bürger mit ihren Frauen, fahle Gesichter, im Halbdunkel wimmelnd. Zuweilen ließ ein Schlaglicht einen häßlichen Kopf hervortreten, das grünlich-graue Antlitz eines kleinen Rentners. In der Mitte vor der Freitreppe lagen die Überbleibsel des Hirsches, mit seinem Felle bedeckt, auf dem Pflaster; der Kopf war dem Schlosse zugewandt. Gegenüber am Gitter wartete die Meute, von Jägern umgeben. Dort hielten Hundewärter in grünen Röcken und langen, baumwollenen Strümpfen Fackeln, die sie schwenkten. Ein grelles, rötliches Licht, von Rauchwolken unterbrochen, die sich nach der Stadt zuwälzten, beleuchtete die Hunde, die mit offenen Schnauzen, keuchend dort zusammengekoppelt waren. Der Kaiser stand aufrecht; sein starres, undurchdringliches Gesicht trat zuweilen im Scheine der Fackeln hervor. Clorinde hatte seit dem Essen jede seiner Gebärden belauert, jedoch nichts entdecken können als einen Zug verdrießlicher Müdigkeit, die schlechte Laune eines Kranken, der schweigend duldet. Nur einmal glaubte sie zu bemerken, daß er zu Herrn von Marsy hinüberschielte; aber seine Augenlider blieben gesenkt. So lehnte er etwas vorgebeugt an der Brüstung des Balkons, verdrossen seinen Schnurrbart drehend, während hinter ihm die Gäste die Hälse reckten, um besser zu sehen. »Vorwärts, Firmin!« sagte er ungeduldig. Die Jäger bliesen die »Königsfanfare«, die Hunde begannen ihr Geläute und heulten, den Hals vorstreckend und sich auf die Hinterbeine stellend, daß es einen furchtbaren Lärm gab. Sofort zeigte ein Lakai der gierigen Meute den Hirsch, und zugleich senkte Firmin, der Jägermeister, der auf der Freitreppe stand, seine Peitsche. Die Hunde, die nur auf dies Zeichen gewartet hatten, sprangen in drei Sätzen über den Hof, keuchend vor Gier. Als aber Firmin von neuem die Peitsche erhob, legten sie sich dicht vor dem Hirsche auf das Pflaster, in fieberhafter Ungeduld zitternd, die Mäuler weit offen, vom Heulen erschöpft. Sie mußten zurückweichen und ihren Platz am Gitter wieder einnehmen. »Ach, die armen Tiere!« äußerte Frau von Combelot mit dem Ausdrucke schmachtenden Bedauerns. »Famos!« rief Herr La Rouquette. Auch der Ritter Rusconi klatschte Beifall. Einige Damen neigten sich mit vor Erregung zuckenden Mundwinkeln weit vor, von der brennenden Neugier erfüllt, die Hunde bei ihrer Mahlzeit zu sehen. Aber man gab den Tieren nicht sogleich ihre Knochen. Die Sache war sehr aufregend. »Nein, noch nicht!« flüsterten tiefe Stimmen. Inzwischen hatte Firmin zweimal hintereinander seine Peitsche erhoben und gesenkt. Die Meute schäumte, zum äußersten getrieben. Nachdem Firmin die Peitsche zum drittenmal gesenkt hatte, erhob er sie nicht wieder. Der Lakai hatte sich mit dem Felle und dem Kopfe des Hirsches in Sicherheit gebracht. Da stürzten die Hunde vorwärts und wälzten sich über die Reste; ihr wütendes Bellen erstickte in einem dumpfen Knurren, einem krampfhaften Zittern gestillter Gier. Knochen knackten. Auf dem Balkon und an den Fenstern tat sich allgemeine Befriedigung kund; die Damen lächelten grausam und preßten ihre weißen Zähne zusammen; die Männer keuchten erregt mit funkelnden Augen und zerbrachen die aus dem Speisesaale mitgebrachten Zahnstocher. Im Hofe fand gleichsam eine plötzliche Schlußfeier statt: die Jäger bliesen Fanfaren, die Hundewärter schwenkten ihre Fackeln, bengalische Flammen warfen ihr blutiges Rot durch die Nacht und besprühten die sanften Gesichter der Compiègner Bürger mit einem großtropfigen roten Regen. Da wandte der Kaiser sich um. Als er Rougon neben sich sah, schien er aus dem tiefen Sinnen zu erwachen, worin er seit dem Essen versunken war, und begann: »Herr Rougon, ich habe mir Ihren Plan überlegt ... Es stehen ihm Hindernisse entgegen, viele Hindernisse. Er hielt inne, öffnete die Lippen und schloß sie wieder. Beim Fortgehen fügte er hinzu: »Sie müssen in Paris bleiben, Herr Rougon!« Clorinde, die seine Worte vernommen hatte, konnte eine Bewegung des Triumphes nicht unterdrücken. Alle Gesichter waren ernst und besorgt geworden, während Rougon langsam durch die Gruppen zur Landkartengalerie schritt. Unten beendeten die Hunde ihr Mahl. Sie schoben sich wütend einer unter den andern, um in die Mitte des Haufens zu gelangen. Es war eine Fläche von weißen und schwarzen Körpern, die sich mit gefräßigem Knurren durch- und übereinander drängten wie ein lebendiger See. Sie schlangen die Reste immer gieriger hinunter; jeder wollte alles haben. Hin und wieder gerieten zwei aneinander und heulten grimmig auf. Ein starker Bracke, ein prächtiges Tier, das zu weit an den Rand gedrängt worden, wich knurrend aus dem Kreise und stürzte sich dann in weitem Satze mitten in das Gewühl. Er drängte die anderen beiseite und riß sich ein gehöriges Stück aus den Eingeweiden des Hirsches los. Achtes Kapitel Wochen vergingen. Rougon hatte sein müßiges und langweiliges Leben wieder aufgenommen und erwähnte niemals den Befehl des Kaisers, daß er in Paris bleiben solle. Er beklagte nur, daß sein Vorhaben gescheitert sei, daß sich der Urbarmachung der Heide in den Landes angeblich Hindernisse entgegenstellten, und hierüber konnte er stundenlang reden. Welche Hindernisse konnten das sein? Er sah keines. Er ereiferte sich sogar gegen den Kaiser, von dem er keine Erklärung habe erlangen können, wie er klagte. Fürchtete Seine Majestät etwa, das Unternehmen unterstützen zu müssen? Inzwischen besuchte ihn Clorinde immer häufiger. Jeden Nachmittag schien sie von ihm eine Nachricht zu erwarten und sah ihn erstaunt an, wenn er schwieg. Seit ihrem Besuche in Compiègne lebte sie stets in der Erwartung eines plötzlichen Triumphes, sie hatte ein ganzes Drama ersonnen: den jähen Zorn des Kaisers und Marsys aufsehenerregenden Sturz, worauf sofort der große Mann wieder ans Ruder berufen werde. Dieser Weiberplan schien ihr unfehlbar. Ihr Erstaunen war daher grenzenlos, als sie nach Verlauf eines Monats den Grafen noch immer im Ministerium sah, und sie begann den Kaiser zu verachten, der sich nicht zu rächen wußte. Sie an seiner Stelle würde ihrem Grolle schon Luft gemacht haben! Woran dachte er nur in dem ewigen Schweigen, in das er sich hüllte? Doch verzweifelte sie noch nicht. Sie witterte ihren Sieg, einen unvorhergesehenen Glücksfall. Die Stellung des Herrn von Marsy war erschüttert. Rougon umgab sie mit Aufmerksamkeiten wie ein Ehemann, der betrogen zu werden fürchtet. Seit dem befremdenden Anfalle von Eifersucht zu Compiègne überwachte er sie mit einer mehr väterlichen Sorgfalt, tränkte sie mit Moral und wollte sie täglich sehen. Die junge Frau lächelte in der Überzeugung, daß er jetzt nicht mehr daran denke, Paris zu verlassen. Mitte Dezember jedoch nach Wochen schläfriger Ruhe begann er auf sein großes Unternehmen zurückzukommen. Er hatte mit Bankiers gesprochen und dachte daran, auf die Unterstützung des Kaisers zu verzichten. Wieder fand man ihn in Karten, Plänen und Fachwerken vergraben. Gilquin sagte, er habe schon über fünfhundert Arbeiter zusammengetrommelt, die bereit seien, sich da draußen anzusiedeln: es sei die erste Handvoll Menschen eines ganzen Volkes. Da hetzte ihm Clorinde, auf ihren Plan versessen, die ganze Schar der Freunde auf den Hals. Es war eine gewaltige Arbeit; jeder bekam seine besondere Rolle, worüber man sich mit halben Worten in den Ecken von Rougons eigener Wohnung, Sonntags und Donnerstags, verständigte. Man teilte sich in die schwierigeren Aufgaben und stürzte sich täglich in das Gewühl von Paris, fest entschlossen, irgendeinen Menschen von Einfluß zu gewinnen. Nichts wurde gering geschätzt, die unbedeutendsten Erfolge zählten mit. Man benutzte alles, verwertete die geringfügigsten Ereignisse nach Kräften; man verwendete den ganzen Tag vom Gutenmorgen- bis zum Gutenachtgruß. Mit den Freunden verbündeten sich ihre Freunde und weiter die Freunde der letzteren. Ganz Paris wurde auf die Reine gebracht. In den entlegensten Stadtteilen gab es Leute, die nach Rougons Sieg verlangten, ohne selbst zu wissen, warum. Die Schar, zehn bis zwölf Menschen, hielt die ganze Stadt in Händen. »Wir sind die Regierung des morgigen Tages«, bemerkte Du Poizat im Ernst. Er zog Vergleiche zwischen den Freunden und den Leuten, die das Kaiserreich emporgebracht hatten, und schloß: »Ich werde Rougons Marsy sein.« Ein Prätendent sei nur ein Name; eine Regierung einzusetzen, dazu gehöre eine Schar. Zwanzig Kerle mit starkem Appetit seien mehr wert als die festesten Grundsätze, und wenn sie überdies ein Prinzip zum Vorwande hätten, würden sie unbezwinglich. Er lief in der Stadt herum, ging zu den Blättern, wo er Zigarren rauchte und insgeheim gegen Herrn von Marsy wühlte; er wußte stets interessante Geschichten über ihn, klagte ihn der Undankbarkeit und der Selbstsucht an. Nachdem er dann Rougons Namen erwähnt hatte, ließ er halbe Worte fallen und versprach das Blaue vom Himmel; wenn der nur einmal die Hände auf tun könne, werde er die ganze Welt mit einem Regen von Belohnungen, Geschenken und Unterstützungen überschütten. So lieferte er der Presse Nachrichten, Aussprüche und Geschichten, welche die Leser beständig mit der Persönlichkeit des großen Mannes beschäftigten; zwei kleine Blätter berichteten über einen Besuch bei Rougon, andere über sein berühmtes Werk, die Vergleichung der englischen Verfassung mit der vom Jahre 1802. Nach zwei Jahren feindseligen Schweigens wurde ein dumpfes Beifallsgemurmel vernehmbar, das seine wachsende Beliebtheit ankündigte. Du Poizat warf sich dann auf andere Geschäfte, unsagbare Schwindeleien, den Kauf gewisser Stimmen und Helfer, ein leidenschaftliches Börsenspiel auf den mehr oder minder sicheren Eintritt Rougons in das Ministerium. »Laßt uns nur an ihn denken!« wiederholte er oft in seiner freien Redeweise, welche die schüchternen Seelen der Schar verstimmte. »Später wird er an uns denken.« Herr Beulin d'Orchère kämpfte mit schweren Waffen, er rief gegen Herrn von Marsy einen Skandal hervor, den man sich zu unterdrücken beeilte. Geschickter zeigte er sich darin, daß er verbreiten ließ, er könne leicht eines Tages Justizminister werden, falls sein Schwager wieder zur Macht gelange. Dies verschaffte ihm die bereitwilligste Unterstützung seiner Amtsgenossen. Herr Kahn führte ebenfalls eine Truppe zum Sturm: Geldmänner, Abgeordnete und Beamte, deren Reihen sich durch alle Unzufriedenen, die er unterwegs fand, verstärkten, er machte sich einen gelehrigen Schüler aus Herrn Béjuin, er verwandte sogar die Herren von Combelot und La Rouquette, ohne daß diese die geringste Ahnung von den Zielen hatten, die sie verfolgen halfen. Er bearbeitete die Spitzen der Beamtenwelt bis in die Tuilerien und wühlte tagelang hintereinander, damit ein Wort von Mund zu Mund endlich bis zum Kaiser gelange. Mit der größten Leidenschaft aber wirkten die Frauen. Sie legten schreckliche Minen und stifteten die verwickeltesten Abenteuer an, deren Endziel man niemals recht erkennen konnte. Frau Correur nannte die niedliche Frau Bouchard nur noch »mein Kätzchen«, führte sie, wie sie sagte, aufs Land, so daß Herr Bouchard eine Woche lang als Strohwitwer leben mußte. Selbst Herr d'Escorailles war gezwungen, die Abende in den kleinen Theatern zu verbringen. Eines Tages hatte Du Poizat die beiden Frauen in Begleitung ordengeschmückter Herren gesehen, worüber zu reden er sich wohl hütete. Frau Correur hatte jetzt zwei Wohnungen: eine in der Weißen Straße, die andere in der Mazarinstraße; letztere war sehr verführerisch eingerichtet, und Frau Bouchard begab sich nachmittags dorthin, wo sie den Schlüssel beim Pförtner fand. Man erzählte, sie habe an einem regnerischen Morgen, als sie mit aufgeschürzten Röcken die Königsbrücke überschritt, einen hochgestellten Beamten erobert. Auch der Anhang der Freunde begann sich zu regen und machte sich nach Kräften nützlich. Oberst Jobelin begab sich in ein Boulevardcafé, um alte Freunde aufzusuchen, besonders Offiziere, und redete beim Piketspiel ihnen ins Gewissen, und wenn er den Tag über ein halb Dutzend geangelt hatte, versicherte er abends händereibend, »die ganze Armee sei für die gute Sache«. Ähnlich trieb es Herr Bouchard im Ministerium; allmählich hatte er den Beamten, ja selbst den Bureaudienern glühenden Haß gegen Herrn von Marsy eingeflößt, so daß sie alle nach dem goldenen Zeitalter seufzten, von dem er sich mit seinen Vertrauten flüsternd unterhielt. Herr d'Escorailles bearbeitete die reiche Jugend, der er den weiten Gesichtskreis Rougons rühmte, sowie seine Nachsicht gegenüber gewissen Fehlern und seine Liebe zu Kühnheit und Kraft. Sogar die Charbonnels fanden auf den Bänken am Senatspalast, wo sie jeden Nachmittag auf den Ausgang ihres endlosen Prozesses warteten, Gelegenheit, die kleinen Rentner aus dem, Odéonquartier anzuwerben. Clorinde begnügte sich für ihr Teil nicht damit, in der Schar die erste Rolle zu spielen. Sie führte sehr verwickelte Pläne aus, ohne jemandem ein Wort davon zu sagen. Niemals hatte man sie morgens in so unordentlichen Hausröcken ihre aufgeplatzte und geflickte Mappe emsiger durch verdächtige Stadtviertel schleppen sehen wie jetzt. Sie gab ihrem Gatten die seltsamsten Aufträge, die er mit wahrer Lammsgeduld ausführte, ohne etwas davon zu verstehen. Sie schickte Luigi Pozzo mit Briefen fort, sie bat Herrn von Plouguern um seine Begleitung und ließ ihn dann stundenlang irgendwo auf dem Pflaster stehen und warten. Einen Augenblick kam ihr der Gedanke, den Einfluß der italienischen Regierung zu Rougons Gunsten aufzubieten. Im Briefwechsel mit ihrer Mutter, die noch immer in Turin wohnte, entwickelte sie eine fieberhafte Tätigkeit. Sie träumte davon, Europa auf den Kopf zu stellen, und ging ein- bis zweimal täglich zum Ritter Rusconi, um dort die Diplomaten zu treffen. Während dieses in so seltsamer Weise geführten Feldzuges schien sie sich jetzt ihrer Schönheit zu erinnern. An manchen Nachmittagen erschien sie dann im Putz, gekämmt, strahlend. Wenn ihre Freunde, selbst überrascht, ihr sagten, sie sei schön, erwiderte sie mit einer sonderbaren Miene geduldiger Müdigkeit: »Man muß wohl!« Sich selbst bewahrte Clorinde als unwiderstehliches Argument. Sich hinzugeben war für sie ohne alle Bedeutung. Es machte ihr so wenig Vergnügen, daß sie es als ein Geschäft ansah wie die anderen, nur noch etwas langweiliger. Als sie von Compiègne zurückgekehrt war, wollte Du Poizat, der den Hergang des Jagdabenteuers kannte, wissen, in welchen Beziehungen sie seitdem zu Herrn von Marsy stand. Er träumte davon, Rougon dem Grafen zu opfern, wenn Clorinde die allmächtige Geliebte des letzteren, werde. Aber sie war darüber fast zornig geworden, und leugnete die ganze Geschichte hartnäckig. Er hielt sie für so dumm, ihr eine solche Liebschaft zuzutrauen? Und sie gab zu verstehen, daß sie Herrn von Marsy nicht wiedersehen wolle. Früher hätte sie ja daran denken können, ihn zu heiraten. Ein Mann von Geist sorge nach ihrer Meinung niemals ernstlich für das Glück einer Geliebten. Übrigens habe sie einen anderen Plan. »Sehen Sie,« sagte sie zuweilen, »es führen oft mehrere Wege zum Ziel, aber immer nur einer, den man mit Vergnügen einschlägt ... Ich für mein Teil habe vielerlei Ansprüche zu befriedigen.« Sie ließ Rougon nicht aus den Augen, sie wollte ihn groß sehen, als denke sie daran, ihn für ein künftiges Festmahl mit Macht zu mästen. Sie bewahrte ihre Schülerunterwürfigkeit, stellte sich mit schmeichelhafter Demut in seinen Schatten. Er selbst schien von der ganzen Wühlarbeit der Schar nichts zu merken. Ganz in die Karten versenkt, machte er Donnerstags und Sonntags sein Spielchen und schien von dem Geflüster hinter ihm nichts zu hören. Die Freunde redeten von der Sache, gaben sich über seinen Kopf hinweg allerlei Zeichen, verschworen sich an seinem eigenen Herde, als ob er gar nicht da sei, so einfältig schien er; er blieb davon unberührt und all den Dingen, wovon man flüsterte, dermaßen fern, daß man schließlich lauter sprach, um sich über seine Zerstreutheit lustig zu machen. Kam man auf seine Rückkehr zur Herrschaft zu sprechen, so wurde er heftig und versicherte, er werde sich nicht von der Stelle rühren, selbst wenn an der Straßenecke ein Triumphzug ihn erwarte; und in Wirklichkeit spann er sich immer mehr in seine Häuslichkeit ein Und stellte sich, als wisse er nicht das geringste von den Ereignissen draußen. Das Haus in der Marbeufstraße, von dem eine so fieberhafte Propaganda ausstrahlte, war selbst still und schläfrig, und an seiner Schwelle nickten sich die Vertrauten verständnisvoll zu, um den kriegerischen Geruch, den sie in ihren Kleidern mitbrachten, draußen zu lassen. »Geht doch!« rief Du Poizat, »er hält uns alle zum besten. Er hört uns sehr gut. Achtet am Abend nur auf seine Ohren; man sieht ordentlich, wie sie sich spitzen.« Wenn sie sich um halb elf Uhr alle gemeinschaftlich verabschiedeten, war dies gewöhnlich der Gegenstand ihrer Unterhaltung. Es sei nicht möglich, daß der große Mann die Ergebenheit seiner Freunde nicht beachte. »Er spielt den lieben Gott«, fuhr der ehemalige Unterpräfekt fort. »Der verteufelte Rougon lebt wie ein indischer Götze, selbstzufrieden die Hände über dem Bauche faltend und scheinheilig auf die Schar seiner Getreuen herablächelnd, die ihn anbeten und sich dabei den Leib aufschneiden.« Man fand diesen Vergleich sehr treffend. »Ich werde ihn überwachen!« schloß Du Poizat. Doch vergebens studierte man Rougons Gesicht, man fand ihn stets verschlossen, friedlich, fast naiv. Vielleicht war es keine Verstellung. Übrigens war es auch Clorinde lieber, daß er sich in nichts mischte. Sie fürchtete, er möge ihre Pläne durchkreuzen, wenn man ihn eines Tages zwinge, die Augen zu öffnen. Man arbeitete gleichsam gegen seinen Willen an seinem Glücke. Es handelte sich darum, ihn unter allen Umständen vorwärts zu bringen, ihn gewaltsam auf den Gipfel zu setzen. Dann werde man abrechnen. Da die Sache jedoch zu langsam vom Flecke rückte, begann die Schar, endlich ungeduldig zu werden. Die beißenden Bemerkungen Du Poizats brachten sie auf. Man zählte Rougon nicht geradezu alles her, was man für ihn tat, aber man spickte ihn mit Anspielungen und bitteren, zweideutigen Worten. Jetzt kam der Oberst zuweilen mit weißbestäubten Stiefeln in die Gesellschaft, er hatte sich nicht Zeit genommen erst heimzugehen, er hatte sich den ganzen Nachmittag lahm gelaufen, ohne daß man es ihm danken werde. Ein andermal klagte Herr Kahn mit vor Müdigkeit geschwollenen Augen, daß er seit vier Wochen zu lange wach bleiben mußte; er gehe viel in Gesellschaft, nicht etwa zu seinem Vergnügen – Gott bewahre! – sondern um gewisse Leute in gewissen Angelegenheiten zu sprechen. Oder Frau Correur trug rührende Geschichten vor von einer armen jungen Frau, einer sehr ehrenwerten Witwe, der sie Gesellschaft leiste; und sie bedauere, ihr nicht helfen zu können; wenn sie die Regierung sei, werde sie Ungerechtigkeiten schon zu verhindern wissen. Dann erzählten alle Freunde ihr eigenes Elend. Jeder beklagte sich und schilderte, in welcher Lage er sich befinden würde, wenn er sich nicht so dumm gezeigt hätte; ein endloses Jammern, das durch die Blicke, die man Rougon zuwarf, noch nachdrücklicher gemacht wurde. Man spornte ihn bis aufs Blut, man verstieg sich so weit, Herrn von Marsy zu rühmen. Rougon bewahrte demgegenüber lange seine Seelenruhe und schien nichts zu verstehen. Nach einigen Wochen aber überflog bei gewissen Wendungen, die er in seinem Salon vernehmen mußte, ein leichtes Zucken seine Züge. Er wurde nicht heftig, er biß nur die Zähne zusammen, wie wenn er Nadelstiche verspüre. Mit der Zeit wurde er so nervös, daß er die Karten liegen ließ; er hatte kein Glück mehr damit und ging lieber langsam auf und ab, plauderte mit seinen Gästen und ließ sie plötzlich stehen, wenn die versteckten Vorwürfe begannen. Zuweilen überkam ihn eine geheime Wut; er schien gewaltsam die Hände auf dem Rücken ineinanderzulegen, um nicht dem Triebe nachzugeben, die ganze Gesellschaft hinauszuwerfen. »Kinder,« sagte der Oberst eines Abends, »ich komme vierzehn Tage lang nicht wieder ... Man muß es mit dem Schmollen versuchen. Wir wollen sehen, wie er sich allein unterhält.« Rougon hatte schon daran gedacht, seine Tür zu verschließen; aber jetzt, da man ihn verließ, war er sehr verletzt. Der Oberst hielt Wort, andere folgten seinem Beispiele, und so war der Salon fast immer halb leer, fehlten stets fünf, sechs Freunde. Wenn einer von ihnen wiederkam und der große Mann ihn fragte, ob er krank gewesen sei, verneinte er mit überraschtem Ausdruck, ohne sich weiter zu erklären. Eines Donnerstags kam niemand. Rougon verbrachte den Abend allein damit, daß er in dem weiten Gemach mit den Händen auf dem Rücken und gesenkten Hauptes auf und ab ging. Zum erstenmal empfand er, wie stark das Band war, das ihn an seine Freunde fesselte. Er zuckte verächtlich die Achseln, wenn er an die Dummheit der Charbonnels, die neidische Wut Du Poizats und die zweideutige Süßlichkeit der Frau Correur dachte; Aber so gering er diese Vertrauten auch schätzte, dennoch fühlte er das Bedürfnis, sie zu sehen, über sie zu herrschen, das Bedürfnis eines eifersüchtigen Gebieters, der im Geheimen über die geringste Treulosigkeit in Tränen ausbricht. Im Grunde seines Herzens rührte ihn selbst ihre Dummheit, liebte er ihre Laster. Sie schienen ein Teil seines Wesens, oder vielmehr, er fühlte sich langsam aufgesogen, so daß er sich selbst verringert schien, wenn sie ihn mieden. Er schrieb ihnen also endlich, als sie länger fortblieben; ja, er besuchte sie sogar, um sie zu versöhnen, nachdem sie ernstlich geschmollt hatten. Man lebte in dem Hause in der Marbeufstraße beständig auf dem Kriegsfuß unter jenem fieberhaften Abbrechen und Wiederanknüpfen der Beziehungen, wie es bei Eheleuten vorkommt, deren Liebe zu erkalten beginnt. Ende Dezember war eine besonders ernste Verstimmung eingetreten. Eines Abends hatte ohne rechten Grund ein Wort das andere gegeben, und schließlich hatte einer den andern zähnefletschend angefallen. Fast drei Wochen lang sah man sich nicht. Der wahre Grund war der, daß die Schar anfing zu verzweifeln. Die pfiffigsten Bemühungen führten zu keinem greifbaren Erfolge. Die Lage schien sich noch lange nicht ändern zu wollen, und so mußte die Schar dem Traum von einer unvorhergesehenen Katastrophe, die Rougon zum Mann der Notwendigkeit machen könne, entsagen. Sie hatte die Wiedereröffnung des gesetzgebenden Körpers abgewartet; aber die Prüfung der Wahlvollmachten hatte kein anderes Ergebnis gehabt, als daß zwei republikanische Abgeordnete die Eidesleistung verweigerten. Nunmehr glaubte auch Herr Kahn, dieses geschmeidige und tiefblickende Mitglied der Gruppe, nicht mehr daran, daß die allgemeine Politik noch eine ihnen günstige Wendung nehmen werde. Rougon warf sich ganz außer sich mit verdoppeltem Eifer auf seinen Plan der Urbarmachung der Heide, wie um das Zucken seines Gesichtes zu verbergen, das nicht mehr enden wollte. »Ich fühle mich nicht wohl«, sagte er öfter. »Sie sehen, meine Hände zittern ... Mein Arzt hat mir Bewegung verordnet. Ich bin den ganzen Tag im Freien.« Wirklich ging er viel aus. Man begegnete ihm oft, die Hände schlenkernd, den Kopf erhoben, zerstreut blickend, und wenn man ihn anhielt, erzählte er von endlosen Gängen. Als er eines Morgens von einem Spaziergange nach Chaillot heimkehrte, um zu frühstücken, fand er eine Visitenkarte mit vergoldetem Rande, auf welcher der Name Gilquin , in schöner, englischer Schrift zwischen Spuren von Fettfingern und anderem Schmutz prangte. Er klingelte dem Diener und fragte: »Der Überbringer dieser Karte hat nichts gesagt?« Der Diener, der noch nicht lange im Hause war, lächelte. »Es war ein Herr in grünem Überrock. Er war sehr liebenswürdig und hat mir eine Zigarre angeboten ... Er hat nur gesagt, er sei ein Freund des Herrn des Hauses.« Als der Diener das Gemach verließ, fiel ihm noch etwas ein. »Ich glaube, es ist auf der Rückseite etwas geschrieben.« Rougon drehte die Karte um und las die mit Bleistift gekritzelten Worte: »Kann unmöglich warten. Komme Abend wieder. Sehr dringend, komische Geschichte.« Rougon machte eine gleichgültige Gebärde. Nach dem Frühstück fielen ihm jedoch die Worte »sehr dringend, komische Geschichte« wieder ein; sie fingen endlich an, ihn zu beunruhigen. Was mochte Gilquin komisch finden? Seitdem er den einstigen Handlungsreisenden mit dunkeln und verwickelten Angelegenheiten beauftragt hatte, sah er ihn regelmäßig einmal wöchentlich des Abends; niemals war er des Morgens gekommen. Es handelte sich also um etwas Außerordentliches. Als er mit seinen Vermutungen zu Ende war, entschloß er sich, von einer Ungeduld ergriffen, die er selbst lächerlich fand, auszugehen, um womöglich Gilquin noch vor dem Abend zu treffen. »Irgendeine Saufboldgeschichte!« dachte er, indem er die Elyseischen Felder hinabging. »Aber ich bin schließlich beruhigt.« Er ging zu Fuße der Vorschrift seines Arztes gemäß. Es war ein schöner, klarer, sonniger Januartag. Gilquin wohnte nicht mehr in der Passage Guttin zu Batignolles. Auf seiner Karte stand zu lesen: Guirardestraße, Vorstadt St.-Germain. Es kostete Rougon viele Mühe, diese abscheulich schmutzige Straße in der Nähe von St.-Sulpice zu entdecken. Im Hintergrunde eines schwarzen Ganges fand er eine Pförtnerin liegen, die ihm aus dem Bett mit fieberisch zitternder Stimme zurief: »Herr Gilquin? ... Ach, ich weiß nicht. Sehen Sie im vierten Stock nach, die Tür links!« Im vierten Stock war der Name Gilquin an der Tür angeschrieben, mit Arabesken umgeben, die flammende, pfeildurchbohrte Herzen darstellten. Aber er klopfte vergebens; er hörte von drinnen nur das Ticktak einer Kuckucksuhr und das leise Miauen einer Katze. Er hatte im voraus vermutet, daß er einen vergeblichen Weg mache, aber es gewährte ihm dennoch Erleichterung, daß er gekommen war. Er stieg also ruhig wieder hinab und sagte sich, er könne recht gut den Abend erwarten. Draußen verlangsamte er seinen Schritt, ging über den Markt St.-Germain, die Seinestraße entlang, ohne Ziel, schon etwas müde, doch entschlossen, zu Fuß heimzukehren. Als er die Jakobstraße erreichte, dachte er an die Charbonnels. Seit zehn Tagen hatte er sie nicht gesehen, weil sie mit ihm schmollten. Er entschloß sich also, bei ihnen vorzusprechen und ihnen die Hand zur Versöhnung zu bieten. Das Wetter war heute so mild, daß er sich milde gestimmt fühlte. Das Zimmer der Charbonnels im Périgordhotel sah auf den Hof hinaus, einen dunklen Schacht, aus dem ein Geruch von schlecht gespülten Rinnsteinen aufstieg. Es war schwarz, groß, mit verkrüppelten Mahagonimöbeln und verschossenen roten Damastvorhängen ausgestattet. Als Rougon eintrat, war Frau Charbonnel damit beschäftigt, ihre Kleider sorgfältig in einen großen Koffer zu packen, während Herr Charbonnel sich im Schweiße seines Angesichtes mit dem Zuschnüren eines kleineren Koffers abquälte. »Sie wollen abreisen?« fragte er lächelnd. »Gewiß!« versetzte Frau Charbonnel mit einem tiefen Seufzer. Diesmal steht unser Entschluß fest.« Inzwischen bemühten sie sich sehr eifrig um ihn, durch seinen Besuch sehr geschmeichelt. Alle Stühle waren mit Kleidern, Wäschebündeln und bis zum Platzen vollgestopften Körben bedeckt. Er setzte sich also auf den Rand des Bettes und fuhr gutmütig fort: »Lassen Sie doch, ich sitze hier sehr gut ... Bleiben Sie ruhig bei Ihrer Arbeit, ich will nicht stören! ... Sie wollen mit dem Achtuhrzuge fort?« »Ja«, bestätigte Herr Charbonnel. »Wir müssen noch sechs Stunden in diesem Paris bleiben! ... Herr Rougon, wir werden noch lange daran denken!« Er, der sonst so Schweigsame, ereiferte sich schrecklich, ja, er reckte die Faust gegen das Fenster und sagte, man müsse in ein solches Nest kommen, um nachmittags zwei Uhr in seiner Wohnung nicht sehen zu können. Dies trübe Licht des engen Hofschachtes: Das ist Paris. Aber Gott sei Dank, er werde die Sonne wiederfinden in seinem Garten zu Plassans. Dabei sah er sich um, ob er nichts vergessen habe. Am Morgen hatte er einen Fahrplan gekauft und wies auf den Kamin, wo in fettigem Papier ein Huhn lag, das sie unterwegs verzehren wollten. »Meine Liebe,« wiederholte er, »hast du alle Schubladen ausgeleert? ... Ich hatte meine Pantoffel in den Nachttisch gestellt ... Ich glaube, einige Papiere sind hinter die Kommode gefallen ...« Rougon sah vom Bettrande aus gepreßten Herzens den Vorbereitungen der beiden Alten zu, deren Hände beim Packen zitterten. Ihre Erregung empfand er als einen stummen Vorwurf. Er hatte sie in Paris zurückgehalten, und es endete mit einem vollständigen Schiffbruch, einer wahren Flucht. »Sie haben unrecht«, murmelte er. Frau Charbonnel sah ihn bittend an, als wolle sie ihn zum Schweigen bringen, dann sagte sie lebhaft: »Hören Sie, Herr Rougon, versprechen Sie uns nichts! Unser Unglück würde nur von vorn anfangen ... Wenn ich bedenke, daß wir seit dritthalb Jahren hier sind! Dritthalb Jahre in diesem Loche – mein Gott! Mein ganzes Leben lang werde ich die Schmerzen im linken Beine behalten; ich lag nach der Mauerseite, und die Mauer trieft von Wasser. Nein, ich kann Ihnen nicht alles erzählen, es würde zu lange dauern! Wir haben ein Heidengeld verbraucht! Sehen Sie hier, ich habe noch diesen großen Koffer kaufen müssen, um all den Trödel unterzubringen, dessen wir in Paris bedurften, und für den man uns die Augen aus dem Kopfe abgefordert hat, Wäsche, die mir die Wäscherin in Fetzen zurückgab ... Nach Ihren Wäscherinnen werde ich mich nicht zurücksehnen! Sie verbrennen alles mit ihren Säuren!« Damit warf sie einen Ballen Lumpen in den Koffer und schrie: »Nein, nein, wir reisen! Sehen Sie, noch eine Stunde hier würde mich umbringen!« Aber Rougon begann hartnäckig wieder von ihrer Angelegenheit zu reden. Sie hätten also sehr schlechte Nachrichten bekommen? Darauf berichteten sie ihm fast weinend, daß die Erbschaft von dem Vetter Chevassu ihnen endgültig zu entgehen drohe. Der Staatsrat sei im Begriffe, die Schwestern von der heiligen Familie zur Übernahme des Vermächtnisses von fünfhunderttausend Franken zu ermächtigen. Was ihnen schließlich alle Hoffnung genommen habe, sei die Nachricht, daß der Bischof Rochart zum zweiten Male nach Paris gekommen sei, um die Sache zu betreiben. Da stieß Herr Charbonnel in plötzlicher Aufwallung den kleinen Koffer beiseite und wiederholte händeringend mit gebrochener Stimme: »Fünfhunderttausend Franken! Fünfhunderttausend Franken!« Beide waren einer Ohnmacht nahe. Sie setzten sich, er auf den Koffer, sie auf ein Wäschebündel, das mitten in dem Durcheinander lag. In langen, bekümmerten Reden begannen sie sich zu beklagen; wenn der eine schwieg, fing der andere wieder an. Sie erzählten von ihrer Zärtlichkeit für Chevassu. Wie hatten sie ihn geliebt! In Wirklichkeit hatten sie ihn siebzehn Jahre vor der Nachricht von seinem Tode nicht gesehen. In diesem Augenblick jedoch waren sie von ihrer Zärtlichkeit gegen ihn überzeugt, sie glaubten, ihn während seiner Krankheit mit Aufmerksamkeiten aller Art umgeben zu haben. Dann beschuldigten sie die Schwestern von der heiligen Familie schändlicher Umtriebe; sie hätten sich in das Vertrauen ihres Verwandten eingeschlichen, seine Freunde von ihm fern gehalten und einen beständigen Druck auf den geschwächten Willen des Kranken ausgeübt. Die fromme Frau Charbonnel erzählte sogar eine abscheuliche Geschichte, nach der ihr Verwandter vor Furcht gestorben sei, nachdem er seinen letzten Willen unter dem Diktat eines Priesters niedergeschrieben, der ihm am Fußende des Bettes den Teufel gezeigt hatte. Der Bischof von Faverolles, Msgr. Rochart, treibe ein unsauberes Gewerbe, indem er rechtschaffene, in ganz Plassans geachtete Leute, die im Ölhandel eine Kleinigkeit erspart hatten, ihres Eigentums beraube. »Aber vielleicht ist noch nicht alles verloren«, sagte Rougon, als er sie erschöpft sah. Msgr. Rochart ist doch nicht der Herrgott ... Ich habe mich mit Ihnen nicht beschäftigen können. Ich habe soviel zu tun! Lassen Sie mich sehen, wie die Sache steht. Man wird uns nicht fressen.« Die Charbonnels blickten einander mit leichtem Achselzucken an. Der Gatte murmelte: »Es ist nicht der Mühe wert, Herr Rougon.« Als Rougon in sie drang und versicherte, daß er alles aufbieten werde und nicht verstehe, warum sie so abreisen wollten, wiederholte die Frau: »Ganz gewiß, es lohnt nicht die Mühe. Sie würden sich ganz umsonst bemühen ... Wir haben mit unserem Advokaten über Sie gesprochen. Er sagte lachend, Sie vermöchten jetzt gar nichts gegen Monseigneur Rochart.« »Wenn man ohnmächtig ist, was wollen Sie?« bemerkte Herr Charbonnel seinerseits. »Besser nachgeben.« Rougon hatte das Haupt geneigt. Die Worte der alten Leute trafen ihn wie Ohrfeigen. Noch niemals hatte er seine Machtlosigkeit schwerer empfunden. Inzwischen fuhr Frau Charbonnel fort: »Wir kehren nach Plassans zurück, das ist viel vernünftiger ... Wir gehen nicht in Groll auseinander, Herr Rougon. Wenn wir daheim Ihre Mutter, Frau Felicité, sehen, werden wir ihr sagen, daß Sie sich alle mögliche Mühe für uns gegeben haben. Und wenn andere uns fragen – fürchten Sie nichts, wir werden Ihnen niemals schaden. Unmögliches kann man doch von niemandem verlangen. Das fehlte noch! Er stellte sich vor, wie die Charbonnels in der Provinz ankommen. Gleich am ersten Abend schwatzte das ganze Städtchen. Das sei ein Mißerfolg für ihn persönlich, eine Niederlage, von der er sich kaum im Laufe von Jahren erholen werde. »Bleiben Sie!« rief er. »Ich will, daß Sie bleiben! Wir wollen sehen, ob der Bischof Rochart mich auf einen Bissen verschlingt!« Er lachte so beunruhigend, daß die Charbonnels erschraken. Trotzdem sträubten sie sich noch immer. Endlich willigten sie ein, noch einige Zeit in Paris zu bleiben, acht Tage, nicht länger. Der Gatte löste mühsam wieder die Schnüre, womit er den kleinen Koffer zusammengebunden hatte, die Frau zündete, obgleich es kaum drei Uhr war, ein Licht an, um die Wäsche und die Kleider wieder in die Schreine zu legen. Beim Abschiede drückte ihnen Rougon warm die Hand, wobei er seine Versprechungen wiederholte. Zehn Schritte von der Haustür überkam ihn schon die Reue. Warum hatte er diese Charbonnels zurückgehalten, da sie durchaus reisen wollten? War das nicht die beste Art, sie sich vom Halse zu schaffen? Jetzt hatte er sich mehr als je verpflichtet, ihnen zum Siege zu verhelfen. Am ärgerlichsten war er gegen sich selbst, indem er sich vorwarf, er habe den Einflüsterungen der Eitelkeit nachgegeben. Das schien ihm seiner Kraft unwürdig. Indessen, er hatte es versprochen, also mußte er zu helfen suchen. Er ging die Bonapartestraße hinab, am Ufer entlang und über die Brücke der heiligen Väter. Das Wetter war noch milde, auf dem Strome jedoch blies ein heftiger Wind. Mitten auf der Brücke knöpfte er seinen Überrock zu, als er vor sich eine starke Dame, in Pelze gewickelt, gewahrte, die ihm den Weg versperrte. An der Stimme erkannte er Frau Correur. »Sie sind es!« sagte sie mit kläglicher Miene. »Ich muß Ihnen begegnen, um Ihnen guten Tag zu sagen ... Ich wäre eine Woche lang nicht zu Ihnen gekommen. Nein, Sie sind nicht erkenntlich genug.« Sie warf ihm vor, ihr einen schon seit Monaten geäußerten Wunsch noch nicht erfüllt zu haben. Es handelte sich noch immer um das Fräulein Herminie Billecoq, ehemalige Schülerin von St. Denis, die ihr Verführer, ein Offizier, heiraten wolle, wenn ein Menschenfreund die vorschriftsmäßige Mitgift beschaffen werde. Übrigens werde sie von allen übrigen Damen verfolgt: Frau Witwe Leturc erwarte ihren Tabaksladen; die anderen, Frau Chardon, Frau Testanière, Frau Jalaguier, besuchten sie täglich, klagten ihr ihre Not und erinnerten sie an die Versprechungen, die sie ihnen geben zu können geglaubt hatte. »Ich habe auf Sie gerechnet«, sagte sie zum Schluß. »Sie haben mich schön in der Tinte sitzen lassen! ... Wissen Sie, ich gehe jetzt zum Unterrichtsministerium wegen des Stipendiums für den kleinen Jalaguier. Sie haben es mir versprochen. Seufzend fügte sie hinzu: »Wir müssen uns auf die Strümpfe machen, wenn Sie nicht mehr unser aller lieber Herrgott sein wollen.« Rougon, dem der Wind lästig wurde, neigte sich über das Geländer und sah in den Hafen St. Nicolas hinab, der dort ein Handelsviertel für sich bildet. Beständig Frau Correur zuhörend, betrachtete er aufmerksam eine mit Zuckerhüten beladene Pinasse, die eben ihre Ladung löschte, indem der Zucker in einer aus zwei Brettern gebildeten Rinne hinabgelassen wurde. Dreihundert Menschen sahen dieser Arbeit vom Ufer herab zu. »Ich bin nichts, ich vermag nichts«, versetzte er. »Sie tun unrecht, mir zu zürnen.« Sie aber erwiderte stolz: »Lassen Sie nur, ich kenne Sie! Wenn Sie nur wollten, wären Sie alles! Spielen Sie nicht den Heuchler, Eugen!« Er konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. Die Vertraulichkeit der Frau Melanie, wie er sie einst nannte, erweckte in ihm Erinnerungen an das Hotel Kibitz, als er keine Stiefel an den Füßen hatte und auszog, um Frankreich zu erobern. Er vergaß die Vorwürfe, die er sich eben gemacht hatte, als er die Charbonnels verließ. »Also, was haben Sie mir zu erzählen?« sagte er gutmütig ... »Aber bitte, lassen Sie uns nicht hier bleiben, man erfriert hier. Da Sie in die Grenellestraße gehen, begleite, ich Sie bis zum Ufer.« Dann wandte er sich um und ging neben Frau Correur, ohne ihr den Arm zu bieten. Sie fuhr fort, ausführlich ihre Kümmernisse zu berichten: »Die anderen kümmern mich schließlich nicht! Die können warten ... Ich würde Sie nicht quälen, ich würde vergnügt sein wie früher, Sie erinnern sich wohl, wenn ich nicht selbst soviel Verdruß hätte! Was wollen Sie? Man wird am Ende erbittert ... Mein Gott, es handelt sich immer um meinen Bruder. Der arme Martineau! Seine Frau hat ihn völlig zum Narren gemacht. Der reine Strohmann!« Damit vertiefte sie sich in die Einzelheiten eines neuen Aussöhnungsversuches, den sie letzte Woche unternommen hatte. Um die wahre Stimmung ihres Bruders ihr gegenüber kennenzulernen, hatte sie sich entschlossen, eine ihrer Freundinnen, die Herminie Billecoq, deren Verheiratung sie seit zwei Jahren betrieb, nach Coulonges hinauszuschicken. »Ihre Reise hat mir hundertsiebzehn Franken gekostet«, fuhr sie fort. »Und was glauben Sie, wie man sie aufgenommen hat? Frau Martineau hat sich zwischen sie und meinen Bruder gestürzt und wütend geschrien mit schäumendem Munde, wenn ich Straßendirnen schickte, würde sie sie durch die Polizei verhaften lassen ... Meine arme Herminie zitterte noch am ganzen Leibe, als ich sie vom Bahnhof Montparnasse abholte, so daß wir in ein Kaffeehaus gehen mußten, um etwas zu uns zu nehmen.« Sie waren am Ende der Brücke angekommen und erhielten von den Vorübergehenden manchen Rippenstoß. Rougon suchte nach Worten, um sie zu trösten. »Das ist sehr ärgerlich. Aber Ihr Bruder wird sich Ihnen wieder zuwenden, Sie sollen sehen. Die Zeit bringt alles in Ordnung.« Als sie ihn gerade an der Ecke inmitten des Gerassels der umbiegenden Wagen festhielt, kehrte er langsam auf die Brücke zurück. Sie folgte ihm und wiederholte: »Sobald Martineau die Augen geschlossen hat, ist sie imstande, alles zu verbrennen, wenn er ein Testament hinterläßt ... Der arme Mann besteht nur noch aus Haut und Knochen. Herminie fand, daß er sehr schlecht aussah ... Kurz, ich bin sehr beunruhigt.« »Man kann nichts tun, man muß warten«, versetzte Rougon mit unbestimmter Gebärde. Sie hielt ihn von neuem mitten auf der Brücke an und flüsterte ihm zu: »Herminie hat mir etwas sehr Merkwürdiges berichtet. Es scheint, daß Martineau sich jetzt auf die Politik geworfen hat. Er ist Republikaner. Bei den letzten Wahlen hat er die Gegend auf den Kopf gestellt ... Das ist mir nahe gegangen. Man könnte ihn beunruhigen? Wie?« Sie sah ihn scharf an. Seine Augen verfolgten einen vorüberrollenden Landauer, als ob er ihre Blicke meiden wolle; und erst nach einer Weile erwiderte er mit harmloser Miene: »Beruhigen Sie sich. Sie haben Freunde, nicht wahr? Nun denn, zählen Sie auf diese!« »Ich zähle nur auf Sie, Eugène«, sagte sie zärtlich und sehr leise. Das schien ihn zu rühren. Er blickte ihr ins Gesicht und fand ihren fetten Hals, ihr geschminktes Gesicht, dessen Schönheit nicht altern wollte, sehr anziehend. Sie machte seine ganze Jugend aus. »Ja, rechnen Sie auf mich!« wiederholte er, ihr die Hände drückend. »Sie wissen, daß ich für alle Ihre Klagen ein Ohr habe.« Er geleitete sie bis zum Voltaireufer zurück. Als sie ihn verlassen hatte, überschritt er endlich langsam die Brücke und betrachtete nochmals das Abladen des Zuckers im Hafen Saint-Nicolas. Er stützte sich sogar ein Weilchen auf das Geländer. Aber die Zuckerhüte, welche die Rinnen hinabrutschten, das grüne Wasser, dessen Fluten beständig unter den Brückenbogen hinströmte, die Maulaffen umher, die Häuser: alles floß bald ineinander, und er versank in eine unwiderstehliche Träumerei. Die wunderlichsten Vorstellungen gingen durch seinen Kopf: er stieg mit Frau Correur in dunkle Tiefen hinab. Und er bedauerte nichts mehr; sein Traum war, sehr groß, sehr mächtig zu werden, um seine Umgebung über die Grenzen der Natürlichkeit und der Möglichkeit hinaus zu befriedigen. Ein Schauer weckte ihn aus seinem Brüten auf. Er fror. Die Nacht brach an. Der Odem des Stromes warf kleine weiße Wölkchen auf die Ufer. Indem er das Tuilerienufer entlang ging, fühlte er sich sehr müde, so daß ihm der Mut versagte, zu Fuß heimzukehren. Aber es kamen nur besetzte Droschken des Weges, und er verzichtete schon darauf, noch einen Wagen zu finden, als ein Kutscher sein Pferd gerade vor ihm anhielt. Aus dem Wagen streckte sich ein Kopf. Es war Herr Kahn. »Eben wollte ich zu Ihnen«, rief er. »Steigen Sie doch ein! Ich bringe Sie heim, und wir können unterwegs plaudern.« Rougon stieg ein. Kaum saß er, als der ehemalige Abgeordnete in heftige Worte ausbrach, während der Wagen wieder in schläfrigem Trabe vorwärts rasselte. »Ah, lieber Freund, mir ist eben ein Vorschlag gemacht worden... Sie werden es im Leben nicht erraten. Uff, ich ersticke!« Er ließ die Scheibe des einen Fensters nieder und fuhr fort: »Sie erlauben doch?« Rougon schmiegte sich in seine Ecke und blickte durch das Fenster auf die graue Mauer des Tuileriengartens, die langsam vorbeizog. Sehr rot im Gesicht fuhr Herr Kahn mit heftigen Bewegungen fort: »Wie Sie wissen, bin ich Ihrem Rate gefolgt... Seit zwei Jahren führe ich einen hartnäckigen Kampf. Ich war dreimal beim Kaiser; ich bin bei meiner vierten Denkschrift über die Frage angelangt. Habe ich auch bis jetzt die Konzession nicht erhalten, so habe ich doch verhindert, daß Marsy sie der Westbahngesellschaft erteilte... Kurz, ich habe mich bemüht abwarten zu können, bis wir wieder die Macht in Händen haben, wie Sie mir sagten.« Er schwieg einen Augenblick, da der Lärm eines eisenbeladenen Wagens seine Worte übertäubte. Erst als das Gefährt vorüber war, fuhr er fort: »Eben jetzt kam ein mir unbekannter Herr, ein dicker Unternehmer zu mir und stellte mir ganz ruhig im Namen Marsys und des Direktors der Westbahn das Anerbieten, ich solle die Konzession erhalten, wenn ich diesen Herren eine Million in Aktien geben wolle... Was meinen Sie?« »Das ist etwas teuer«, murmelte Rougon lächelnd. Herr Kahn kreuzte die Arme und fuhr achselzuckend fort: »Nein, Sie haben keinen Begriff von der Frechheit dieser Leute. Ich müßte Ihnen meine ganze Unterhaltung mit dem Unternehmer berichten. Marsy verpflichtet sich für die Million, mich zu unterstützen und meine Angelegenheit binnen Monatsfrist zum Abschluß zu bringen. Er fordert einfach seinen Anteil... Als ich vom Kaiser sprach, fing unser Mann zu lachen an. Er sagte mir kurz und bündig, wenn ich den Kaiser für mich hätte, wäre ich geliefert.« Der Wagen hatte eben den Eintrachtsplatz erreicht. Rougon fuhr aus seiner Ecke auf, während das Blut ihm ins Gesicht schoß, und fragte: »Sie haben den Herrn vor die Tür gesetzt?« Der vormalige Abgeordnete sah ihn einen Augenblick starr an, ohne zu antworten. Sein Zorn hatte sich plötzlich gelegt. Er drückte sich in seine Ecke, der Stöße des Wagens nicht achtend, und murmelte: »O nein, man setzt die Leute nicht so ohne weiteres vor die Tür... Ich wünschte übrigens, Ihre Meinung zu erfahren. Ich für mein Teil habe Lust anzunehmen.« »Niemals, Kahn!« schrie Rougon wütend. »Niemals!« Sie stritten über die Sache. Herr Kahn führte Ziffern an: ein Trinkgeld von einer Million war allerdings ungeheuer, aber er wies nach, daß man dieses Loch durch gewisse Geschäfte leicht ausfüllen könne. Rougon hörte nicht darauf und winkte ihm zu schweigen. Er fragte nichts nach Geld, aber er wollte nicht, daß Marsy diese Million einsackte; denn wollte er sie ihm lassen, so würde er damit seine Ohnmacht eingestehen, sich als besiegt erklären, den Einfluß seines Nebenbuhlers außerordentlich hoch anschlagen und um so höher, je weniger er selbst vermochte. »Sie sehen, er beginnt zu unterhandeln«, sagte .er. »Er gibt nach... Warten Sie noch eine Weile. Wir werden die Konzession umsonst bekommen.« In fast drohendem Tone fügte er hinzu: »Wir würden uns entzweien, das sage ich Ihnen im voraus. Ich kann nicht zugeben, daß einer meiner Freunde in dieser Weise geplündert wird.« Beide schwiegen, während der Wagen die Elyseischen Felder hinauffuhr. Die beiden Männer schienen nachdenklich die Bäume zu zählen, an denen sie vorbeifuhren. Erst nach einer Weile begann Herr Kahn leise von neuem: »Hören Sie, ich würde für mich nichts Besseres verlangen, als auf Ihrer Seite zu bleiben; aber Sie müssen doch zugeben, seit bald zwei Jahren...« Er brach ab und schloß: »Es ist schließlich nicht Ihre Schuld. Ihnen sind jetzt die Hände gebunden... Lassen Sie uns die Million daran setzen, glauben Sie mir!« »Niemals!« wiederholte Rougon nachdrücklich. »In vierzehn Tagen werden Sie Ihre Konzession haben, hören Sie?« Der Wagen hielt eben vor dem kleinen Hause in der Marbeufstraße. Sie blieben jedoch noch sitzen und plauderten, als ob sie sich sehr gemächlich daheim befänden. Rougon hatte Herrn Bouchard und Oberst Jobelin zum Essen geladen und wollte auch Herrn Kahn da behalten. Der aber lehnte ab, da er zu seinem größten Bedauern schon versagt sei. Darauf ereiferte sich der große Mann in Sachen der Konzession. Als er endlich ausgestiegen war, schloß er freundschaftlich die Türe und nickte dem ehemaligen Abgeordneten zum Abschied zu. »Auf morgen, Donnerstag, nicht wahr?« rief dieser zurück, als der Wagen sich schon in Bewegung gesetzt hatte. Rougon hatte sich ein leichtes Fieber geholt. Er konnte nicht einmal die Abendblätter lesen. Obgleich es kaum fünf Uhr war, ging er in den Salon, wo er seine Gäste erwartete, und schritt hier auf und ab. Die erste Sonne des Jahres, diese blasse Januarsonne, hatte ihm einen Anfall von Migräne gebracht. Der Nachmittag hatte ihn sehr aufgeregt. Die ganze Gesellschaft war da: die Freunde, welche er duldete, die, welche er fürchtete, und die, welche seinem Herzen wirklich nahe standen. Alle drängten ihn zu einer schleunigen Lösung. Und es mißfiel ihm keineswegs; im Gegenteil, er gab ihrer Ungeduld recht, er fühlte, daß ihr Zorn den seinen erregte. Er hatte die Empfindung, als werde der Raum vor seinen Füßen nach und nach verkürzt, so daß er binnen kurzem einen gewaltigen Sprung werde wagen müssen. Da fiel ihm plötzlich Gilquin ein, den er ganz vergessen hatte. Er klingelte und fragte, ob »der Herr im grünen Überrock« während seiner Abwesenheit wieder gekommen sei. Der Bediente hatte niemanden gesehen. Darauf befahl er, wenn jener kommen sollte, ihn in sein Arbeitszimmer zu führen. »Sie benachrichtigen mich sofort!« schloß er, »selbst wenn wir bei Tische sein sollten.« Seine Neugier war wieder rege geworden, und er holte Gilquins Karte von neuem hervor. Er las mehrere Male: »Es ist dringend, eine komische Geschichte«, ohne etwas Weiteres ergründen zu können. Als Herr Bouchard und der Oberst kamen, schob er die Karte in die Tasche, unwillig gereizt durch diese Worte, die sich wieder seinem Hirn eingeprägt hatten. Das Essen war sehr einfach. Herr Bouchard war seit zwei Tagen Strohwitwer, da seine Frau zu einer kranken Tante hatte reisen müssen, von der sie früher nie gesprochen hatte. Der Oberst, für den der Tisch bei Rougon stets gedeckt war, hatte diesmal seinen August mitgebracht, der gerade Ferien hatte. Frau Rougon überwachte das Mahl schweigend und aufmerksam wie immer. Die Bedienung vollzog sich unter ihren Augen gemessen und genau, ohne daß man einen Teller klirren hörte. Man sprach vom Unterrichte an den Gymnasien. Herr Bouchard führte Verse aus Horaz an nebst den Preisen, die er bei dem allgemeinen Wettkampf im Jahre 1813 errungen hatte. Der Oberst wünschte eine mehr militärische Zucht und erklärte, weshalb August bei der Reifeprüfung im November durchgefallen war: der Junge war so klug, daß er immer über die Fragen der Lehrer hinausgriff, und das verdroß diese Herren. Während sein Vater so seinen Durchfall erklärte, verspeiste August mit dem verhaltenen Lächeln eines befriedigten Hungerleiders eine Hühnerbrust. Beim Nachtisch schien ein Läuten im Flur den Hausherrn, der bis dahin zerstreut gewesen, zu erregen. Er glaubte, es sei Gilquin und faltete schon mechanisch seine Serviette zusammen, dessen Anmeldung erwartend. Aber es war Du Poizat, der als Freund des Hauses am Tische Platz nahm. Er kam oft abends beizeiten sogleich nach seinem Abendbrot, das er in einer kleinen Pension der Faubourg-St.-Honorius-Vorstadt einnahm. »Ich bin wie gerädert!« seufzte er, ohne zu erklären, was für verwickelte Geschäfte er am Nachmittag gehabt. Ich würde zu Bett gehen, wenn mir nicht eingefallen wäre, noch einen Blick in die Blätter zu werfen... Sie liegen in Ihrem Zimmer, Rougon, nicht wahr?« Er blieb jedoch vorläufig noch sitzen, nahm eine Birne und etwas Wein an. Das Gespräch drehte sich um die Teuerung der Lebensmittel: seit zwanzig Jahren hatten sich alle Preise verdoppelt; Herr Bouchard entsann sich aus seiner Jugend, daß das Paar Tauben fünfzehn Sous gekostet hatte. Sobald jedoch der Kaffee und die Liköre aufgetragen waren, entfernte sich Frau Rougon unbemerkt. Die Herren kehrten in den Salon zurück; man war ganz unter sich. Der Oberst und Bouchard rückten selbst den Spieltisch an den Kamin und waren alsbald ganz in ihre Karten und Berechnungen vertieft. August hatte ein illustriertes Blatt vor sich, Du Poizat war verschwunden. »Sehen Sie doch diese Karten!« sagte der Oberst plötzlich. »Ganz außerordentlich! Nicht wahr?« Rougon trat herzu und nickte. Als er an seinen Platz zurückgekehrt war und eben die Scheite im Kamin durchrütteln wollte, kam der Bediente leise heran und flüsterte ihm ins Ohr: »Der Herr von heute früh ist da.« Er fuhr auf. Er hatte die Klingel überhört. In seinem Zimmer fand er Gilquin, ein spanisches Rohr unterm Arme, vor einem schlechten Stiche, »Napoleon auf Sankt-Helena« darstellend, den er blinzelnd mit Kennermiene musterte. Sein langer grüner Überzieher war bis zum Kinn zugeknöpft, sein Seidenhut war fast neu und saß sehr schief auf einem Ohre. »Nun?« fragte Rougon lebhaft. Aber Gilquin hatte es nicht so eilig. Er sagte kopfschüttelnd, noch immer auf das Bild blickend: »Das ist immerhin gut getroffen! ... Er scheint sich da verdammt zu langweilen!« In dem Gemache befand sich nur eine Lampe, die auf einer Ecke des Schreibtisches stand. Bei Rougons Eintritt war ein leises Rascheln von Papier aus einem sehr hochlehnigen Sessel, der vor dem Kamin stand, vernehmlich geworden; dann herrschte eine solche Stille, daß man das Geräusch für das Prasseln eines brennenden Scheites hätte halten können. Gilquin weigerte sich übrigens, Platz zu nehmen. Beide standen nahe der Tür im Halbschatten eines Bücherschreines. »Nun?« wiederholte Rougon und berichtete dann, daß er am Nachmittag in der Guisardestraße gewesen sei, um Gilquin aufzusuchen. Darauf redete sein Gast von der Pförtnerin, einer ausgezeichneten Frau, die in dem feuchten Erdgeschoß an einer Brustkrankheit zugrunde gehe. »Aber welches ist die dringende Angelegenheit?« »Warte nur! Deshalb bin ich ja gekommen. Wir plaudern ein bißchen ... Du bist hinaufgeklettert und hast die Katze gehört? Denke dir, das Tier ist an der Dachrinne zu mir gekommen. In einer Nacht, als ich das Fenster offen gelassen, fand ich sie neben mir liegen. Sie leckte mir den Bart, und das schien mir so drollig, daß ich sie behielt.« Endlich entschloß er sich, zur Sache zu kommen. Aber die Geschichte war sehr lang. Er begann damit, seine Liebe zu einer Plätterin zu erzählen, die er beim Verlassen des »Gemischten Theaters« kennengelernt hatte. Die arme Eulalia hatte ihre Möbel dem Hauswirt lassen müssen, weil ihr Liebhaber sie im Stiche gelassen in einem Augenblick, als sie die Miete für fünf Vierteljahre schuldete. Seit zehn Tagen wohnte sie in einem Gasthause in der Nähe ihrer Plättstube; und bei ihr hatte er die ganze Woche geschlafen im zweiten Stock am Ende eines Ganges in einem Kämmerchen, das auf den Hof hinausging. Rougon hörte ihm ergeben zu. »Vor drei Tagen also«, fuhr Gilquin fort, »brachte ich einen Kuchen und eine Flasche Wein mit ... Wir haben es im Bette verzehrt, verstehst du. Wir sind früh zu Bett gegangen ... Eulalia stand kurz vor Mitternacht auf, um die Krumen vom Bette zu schütteln. Gleich darauf schlief sie wie ein Bär. Ein wahres Murmeltier, dies Frauenzimmer! ... Ich aber schlief nicht. Ich hatte das Licht ausgeblasen und blickte ins Dunkel, als sich im anstoßenden Zimmer ein Wortwechsel erhob. Unsere Kammer steht nämlich mit jener durch eine Tür in Verbindung, die jetzt immer verschlossen ist. Die Stimmen wurden leiser, der Friede schien wieder hergestellt, aber ich vernahm so sonderbare Geräusche, daß ich meiner Treu durch eine Türritze lugte. Nein, du wirst in deinem Leben nicht erraten ...« Er hielt inne und genoß mit weit geöffneten Augen den Eindruck, den er hervorzubringen gedachte. »Nun denn; es waren ihrer zwei, der eine etwa fünfundzwanzig Jahre alt und recht hübsch; der andere mußte über die Fünfzig hinaus sein und war klein, mager, kränklich ... Die Kerle untersuchten Pistolen, Dolche, Säbel, kurz, neue Waffen aller Art, deren Stahl im Lichte blinkte. Sie redeten eine eigene Sprache, die ich anfangs nicht verstand. Aber an gewissen Worten erkannte ich sie bald als italienisch. Du weißt, ich habe Italien in Pasteten bereist. Ich strengte mich also an und verstand, mein Lieber ... Die Herren sind nach Paris gekommen, um den Kaiser aus dem Wege zu räumen. Heraus ist's!« Und die Arme kreuzend, drückte er seinen Stock gegen die Brust, indem er mehreremal wiederholte: »Na, ist das nicht eine drollige Geschichte?« Das also war die Angelegenheit, die Gilquin drollig fand. Rougon zuckte die Achseln; zwanzigmal hatte man ihm Verschwörungen hinterbracht. Aber der ehemalige Handlungsreisende gab genaue Auskunft. »Du hast mir gesagt, ich solle dir das Geschwätz aus dem Viertel melden. Ich möchte dir gern einen Dienst erweisen, ich teile dir alles mit, wie? Du brauchst nicht den Kopf zu schütteln ... Glaubst du, wenn ich zur Polizeibehörde gegangen wäre, daß ich nicht ein hübsches Trinkgeld erschnappt hätte? Indessen, ich will lieber, daß ein Freund seinen Vorteil davon hat. Hörst du, es ist ernst! Geh hin und erzähle die Geschichte dem Kaiser, er wird dich umarmen, wahrhaftig!« Seit drei Tagen überwachte er die netten Herren, wie er sie nannte. Bei Tage kamen noch zwei andere, ein jüngerer und ein älterer, sehr schön, blaß und mit langem, schwarzem Haar, welcher der Führer zu sein schien. Alle diese kamen ganz abgehetzt und redeten kurz, in gedämpften Worten. Am Abend vorher hatte er sie »kleine Maschinen« von Eisen laden sehen, die er für Bomben hielt. Er hatte sich von Eulalia den Schlüssel geben lassen und blieb ohne Schuhe mit gespitzten Ohren im Zimmer. Um neun Uhr abends sorge er dafür, daß Eulalie schnarche, um die Nachbarn zu beruhigen. Nach seiner Ansicht dürfe man Weiber niemals in die Politik mengen. Je länger Gilquin redete, desto ernster wurde Rougon. Er glaubte. Unter der Angetrunkenheit des vormaligen Reisenden und inmitten der sonderbaren Einzelheiten, von denen die Erzählung unterbrochen wurde, fühlte er eine Wahrheit heraus, die sich ihm unwillkürlich aufdrängte. Nunmehr erschien ihm sein gespanntes Harren, die ängstliche Neugier, worin er den Tag verbracht hatte, als ein Vorgefühl. Wieder erbebte er im Innern, wie schon am Morgen; es war die unwillkürliche Erregung des starken Mannes, mit dem das Schicksal ein gewagtes Spiel treibt. »Dummköpfe, welche sicherlich die ganze Polizei auf den Fersen haben!« murmelte er, die äußerste Gleichgültigkeit heuchelnd. Gilquin begnügte sich zu grinsen. Dann brummte er zwischen den Zähnen: »In diesem Falle würde die Polizei gut tun, sich zu beeilen.« Er schwieg noch immer grinsend und gab seinem Hute einen vertraulichen Klaps. Der große Mann begriff, daß jener noch nicht alles gesagt hatte, und sah ihm ins Gesicht. Aber der andere öffnete die Tür und fuhr fort: »Nun, du bist jetzt unterrichtet ... Ich gehe zu Tische, mein Lieber, denn ich habe noch nicht gegessen, wie du mich da siehst. Ich habe meine Leute den ganzen Nachmittag verfolgt ... Und ich habe einen Hunger!« Rougon hielt ihn zurück, bot ihm etwas kalten Braten an und ließ im Speisesaal sogleich ein Gedeck auflegen. Gilquin schien sehr gerührt. Er schloß die Türe wieder und sagte leise, daß der Diener ihn nicht hören sollte: »Du bist ein guter Junge ... Höre zu! Ich will dich nicht belügen. Hättest du mich übel aufgenommen, wäre ich zur Polizei gegangen ... Aber jetzt sollst du alles wissen. Das ist ehrlich, wie? Du wirst dich hoffentlich dieses Dienstes erinnern. Freunde bleiben Freunde, da mag man sagen, was man will.« Dann bog er sich zu ihm und wisperte ihm zu: »Morgen abend soll Badinguet Spottname des Kaisers. (Anm. des Übers.) hinweggefegt werden in dem Augenblick, da er die Oper betritt. Der Wagen, die Adjutanten, die Begleitung – alles wird in die Luft geblasen.« Während Gilquin es sich im Speisesaale bequem machte, blieb Rougon mitten in seinem Zimmer stehen, unbeweglich, mit erdfahlem Gesicht. Er überlegte, er zögerte. Endlich setzte er sich an seinen Schreibtisch und nahm ein Blatt Papier, schob es aber sogleich wieder weg. Einen Augenblick schien er an die Tür eilen zu wollen, wie um einen Befehl zu geben, aber er kehrte langsam um und versank in Gedanken, die tiefe Schatten über sein Gesicht breiteten. In diesem Augenblick wurde der Lehnstuhl vor dem Kamine jäh zurückgestoßen. Du Poizat erhob sich und faltete ruhig eine Zeitung zusammen. »Wie, Sie haben da gesessen?« fuhr Rougon ihn an. »Versteht sich, ich habe die Blätter gelesen«, antwortete der ehemalige Unterpräfekt lächelnd, wobei er seine schiefen Zähne zeigte. »Sie wußten es ja; Sie müssen mich doch gesehen haben, als Sie eintraten.« Diese unverschämte Lüge schnitt jede weitere Erklärung ab. Sie sahen sich einige Sekunden lang schweigend an. Als Rougon in seiner Verlegenheit ihn befragen zu wollen schien und abermals an seinen Schreibtisch trat, gab ihm Du Poizat einen Wink, der offenbar bedeutete: »Warten Sie, es drängt nicht, wir müssen erst sehen.« So kehrten sie denn, ohne ein Wort gewechselt zu haben, in den Salon zurück. Zwischen dem Oberst und Herrn Bouchard war über die Prinzen von Orleans und den Grafen Chambord ein so heftiger Streit ausgebrochen, daß sie die Karten auf den Tisch warfen und schwuren, nie wieder zusammen zu spielen. Sie saßen zu beiden Seiten des Kamins und warfen einander drohende Blicke zu. Als Rougon eintrat, versöhnten sie sich, indem sie ihm überschwengliche Lobsprüche spendeten. »Es macht mir nichts aus, ich sage es in seiner Gegenwart«, fuhr der Oberst fort. »Es gibt jetzt keinen solchen Menschen mehr, wie er ist.« »Wir verlästern Sie«, wandte sich Herr Bouchard schlau lächelnd an ihn. Und die Unterhaltung wurde fortgesetzt: »Ein Scharfsinn sondergleichen!« »Ein Mann der Tat mit dem Blicke des Eroberers.« »Es wäre sehr nötig, daß er sich ein wenig um unsere Angelegenheiten kümmere!« »Ja, der Wirrwarr wäre dann nicht so arg ... Er allein kann das Kaiserreich retten.« Rougon hob seine breiten Schultern und zog aus Bescheidenheit ein unzufriedenes Gesicht. Dieser mit vollen Händen gestreute Weihrauch war ihm sehr angenehm. Niemals fühlte seine Eitelkeit sich so wonnig gekitzelt, als wenn der Oberst und Herr Bouchard sich so ganze Abende lang in Ausdrücken der Bewunderung überboten. Ihre Dummheit machte sich breit, ihre Gesichter nahmen einen komischernsten Ausdruck an; und je abgeschmackter er sie fand, ein desto größeres Vergnügen fand er an ihrer eintönigen Stimme, die ihn beständig fälschlich feierte. In ihrer Abwesenheit spottete er zuweilen darüber; aber es befriedigte nichtsdestoweniger alle seine hochmütigen und herrschsüchtigen Triebe. Es war gleichsam ein Düngerhaufen von Lobsprüchen, groß genug, daß er seinen gewaltigen Leib bequem darin wälzen konnte. »Nein, nein, ich bin ein armer Tropf«, sagte er, das Haupt schüttelnd. »Wenn ich wirklich so stark wäre, wie Sie glauben ...« Er sprach den Satz nicht zu Ende. Er saß am Spieltisch und legte sich mechanisch die Karten, was er nur noch sehr selten tat. Herr Bouchard und der Oberst ließen inzwischen ihren Zungen freien Lauf, sie erklärten ihn für einen großen Redner, groß in der Verwaltung, im Finanzwesen und in der Politik. Du Poizat, der daneben stand, nickte zustimmend. Endlich sagte er, ohne Rougon anzusehen, als ob dieser nicht anwesend wäre: »Mein Gott, ein Ereignis würde genügen ... Der Kaiser will Rougon sehr wohl. Bräche morgen eine Katastrophe herein, würde er die Notwendigkeit eines starken Armes fühlen, so wäre Rougon übermorgen Minister ... Mein Gott, ja!« Der große Mann erhob langsam die Blicke. Er ließ sich in den Sessel zurücksinken, ohne sein Spiel zu beenden; sein Gesicht war wieder grau bewölkt. Aber in seiner Träumerei schienen die unermüdlichen Schmeichelstimmen des Obersten und des Herrn Bouchard ihn zu wiegen, ihn zu irgendeinem Entschlüsse zu treiben, den auszuführen er noch schwankte. Er lächelte schließlich, als August, der eben das liegengelassene Spiel zu Ende geführt hatte, ausrief: »Es ist gelungen, Herr Rougon!« »Natürlich,« sagte Herr Du Poizat, das Lieblingswort des großen Mannes gebrauchend, »es gelingt immer!« In diesem Augenblicke meldete ein Diener Rougon, ein Herr und eine Dame wünschten ihn zu sprechen. Als er die Karte las, stieß er einen leisen Schrei aus und rief: »Wie, sie sind in Paris?« Es war der Marquis d'Escorailles und dessen Gattin; er beeilte sich, sie in seinem Zimmer zu empfangen. Sie entschuldigten sich, daß sie so spät kämen, gaben zu verstehen, daß sie schon zwei Tage in Paris seien, aber die Furcht, ihren Besuch bei einer der Regierung nahestehenden Persönlichkeit mißdeutet zu sehen, habe sie ihr Kommen bis zu dieser ungewohnten Stunde verschieben lassen. Dies Geständnis verletzte Rougon keineswegs. Die Anwesenheit des Marquis und seiner Gemahlin in seinem Hause war für ihn eine unverhoffte Ehre. Hätte der Kaiser in Person an seine Tür geklopft, seine Eitelkeit wäre weniger befriedigt gewesen. In diesen alten Leuten, die als Bittsteller kamen, huldigte ihm ganz Plassans, das aristokratische, kühle, aufgeblasene Plassans, das ihm von Kindesbeinen auf als ein unnahbarer Olymp vor der Seele stand; und er fand so eine Befriedigung seines alten Ehrgeizes, er fühlte sich entschädigt für die Geringschätzung, die er in der Kleinstadt als schlappschuhiger, unbeschäftigter Advokat hatte erdulden müssen. »Wir haben Jules nicht getroffen«, begann die Marquise. »Wir hatten uns im voraus gefreut, ihn zu überraschen ... Er hat nach Orleans reisen müssen in Geschäften, wie es scheint.« Rougon wußte hiervon nichts. Aber er begriff alles, indem er sich erinnerte, daß die Tante, bei der sich Frau Bouchard befand, in Orleans wohnte. Er entschuldigte denn Jules; er erklärte ihnen sogar die wichtige Angelegenheit: es sei eine Arbeit über die Frage des Mißbrauchs der Amtsgewalt, die ihn zu der Reise gezwungen habe. Er stellte ihn als einen begabten jungen Mann hin, der eine schöne Laufbahn erwarten dürfe. »Er muß sich seinen Weg selbst bahnen«, sagte der Marquis, ohne bei dieser Anspielung auf den Ruin des Hauses nachdrücklicher zu verweilen. »Wir haben uns mit schwerem Herzen von ihm getrennt.« Darauf beklagten Vater und Mutter mit einiger Zurückhaltung die Forderungen unserer schrecklichen Zeit, welche die Kinder hinderten, in den Überzeugungen ihrer Eltern heranzuwachsen. Sie hätten seit Karls X. Tode keinen Fuß wieder nach Paris gesetzt. Sie wären gewiß nicht gekommen, wenn es sich nicht um Jules' Zukunft handelte. Seitdem der liebe Sohn ihrem heimlich erteilten Rate gemäß dem Kaiserreiche diente, mußten sie ihn vor der Welt verleugnen, aber im stillen arbeiteten sie beständig an seinem Fortkommen. »Wir spielen mit Ihnen nicht Versteckens, Herr Rougon«, fuhr der Marquis mit liebenswürdiger Vertraulichkeit fort. »Wir haben unser Kind lieb, das ist sehr natürlich ... Sie haben viel getan, und wir danken Ihnen. Aber Sie müssen noch mehr tun. Wir sind Freunde und Landsleute, nicht wahr?« Rougon verbeugte sich tief bewegt. Die demütige Haltung der alten Leute, die er früher Sonntags so majestätisch hatte zur St.-Markuskirche schreiten sehen, ließ seine eigene Person in seinen Augen bedeutend wachsen. Er gab ihnen also ein förmliches Versprechen. Als sie sich nach etwa zwanzig Minuten verabschiedeten, ergriff die Marquise eine seiner Hände, hielt sie einen Augenblick in der ihren und murmelte: »Also, es ist abgemacht, lieber Herr Rougon. Wir sind ausdrücklich deshalb aus Plassans gekommen. Wir wurden ungeduldig bei unserem Alter, was denken Sie! Jetzt werden wir vergnügt heimkehren ... Man sagte uns, Sie könnten gar nichts mehr erreichen.« Rougon lächelte. Er sagte ihnen zum Abschied mit einem Ausdruck der Entschiedenheit, der seinen geheimsten Gedanken zu entsprechen schien: »Der Mensch kann, was er will ... Rechnen Sie auf mich!« Als er jedoch wieder allein war, glitt abermals ein Schatten des Bedauerns über seine Züge. Mitten im Vorzimmer stehen bleibend, gewahrte er einen anständig gekleideten Mann, der achtungsvoll in der Ecke stand und einen kleinen runden Filzhut zwischen den Fingern drehte. »Was wollen Sie?« fragte er heftig. Der sehr große und starke Mensch murmelte, die Augen niederschlagend: »Der gnädige Herr kennt mich nicht mehr?« Als Rougon grob verneinte, fuhr er fort: »Ich bin Merle, der ehemalige Türsteher des gnädigen Herrn im Staatsrat.« Rougon erwiderte milder: »Sehr gut. Sie tragen jetzt einen Vollbart ... Also, was wünschen Sie?« Darauf erklärte sich Merle im höflichsten Tone. Er war am Nachmittag Frau Correur begegnet, und sie hatte ihm geraten, noch am Abend zu Herrn Rougon zu gehen; andernfalls würde er sich niemals erlaubt haben, um diese Zeit zu stören. »Frau Correur ist sehr gut«, wiederholte er mehrmals. Endlich rückte er damit heraus, daß er keine Stellung habe. Wenn er jetzt einen Vollbart trage, so sei der Grund der, daß er seit etwa einem halben Jahre den Staatsrat verlassen habe. Als Rougon ihn nach dem Grunde seiner Entlassung fragte, gestand er nicht, daß er wegen seiner schlechten Aufführung vor die Tür gesetzt worden sei, sondern er sagte, die Lippen zusammenkneifend: »Man wußte, wie sehr ich dem gnädigen Herrn ergeben war. Seit Ihrem Abgange verursachte man mir allerlei Ungelegenheiten, weil ich niemals meine Gefühle habe verbergen können ... Eines Tages hätte ich einem Kameraden, der Unziemliches sagte, beinahe eine Ohrfeige gegeben ... Darauf bin ich entlassen worden.« Rougon sah ihn fest an und fragte: »Also um meinetwillen sitzen Sie jetzt auf dem Pflaster, mein Lieber?« Merle lächelte nur. »Also schulde ich Ihnen eine Stelle? Ich muß Sie irgendwo unterbringen?« Er lächelte wieder und sagte nur: »Gnädiger Herr wären sehr gütig ...« Während des kurzen Schweigens, das folgte, klatschte Rougon nervös mit den Händen. Endlich machte er sich in einem herzhaften Lachen Luft. Er hatte zu viele Schulden, er wollte alles bezahlen und sagte: »Ich werde an Sie denken, Sie sollen Ihre Stelle haben. Sie haben wohlgetan, daß Sie gekommen sind, mein Junge.« Damit entließ er ihn. Jetzt schwankte er nicht länger. Er trat in den Speisesaal, wo Gilquin eben mit einem Topf voll eingemachten Obstes zu Ende war, nachdem er eine Pastetenschnitte, einen Hühnerschenkel und kalte Kartoffeln zu sich genommen. Du Poizat hatte sich zu ihm gesellt und plauderte mit ihm, rittlings auf einem Stuhle sitzend. Sie redeten sehr rückhaltlos von den Frauen und von der Kunst, ihre Liebe zu gewinnen. Gilquin hatte seinen Hut auf dem Kopfe und schaukelte sich, auf seinen Sitz zurückgelehnt, mit einem Zahnstocher zwischen den Lippen, um seine gute Lebensart zu zeigen. »Ich gehe also«, sagte er, sein volles Glas leerend und mit der Zunge schnalzend. »Ich will in der Montmartrestraße nachsehen, was meine Vöglein treiben.« Aber Rougon, der sehr gut gelaunt schien, lachte ihn aus. Glaubte er auch jetzt nach dem Essen noch an seine Verschwörergeschichte? Du Poizat stellte sich ebenfalls ganz ungläubig und verabredete für den folgenden Tag eine Zusammenkunft mit Gilquin, dem er ein Frühstück schulde. Gilquin wiederholte mit dem Stock unterm Arme: »Also Ihr wollt nichts verlauten lassen?« »Ei ja!« versetzte Rougon schließlich. »Aber man wird sich über mich lustig machen, weiter nichts ... Keine Eile. Morgen früh.« Der ehemalige Handlungsreisende hielt schon die Türklinke in der Hand. Noch einmal wandte er sich grinsend um und sagte: »Ihr wißt, meinetwegen mag Badinguet in die Luft fliegen. Es wäre noch drolliger.« »Oh!« entgegnete der fromme Mann mit überzeugter, fast frommer Miene; »der Kaiser fürchtet nichts, selbst wenn die Geschichte wahr wäre. Solche Anschläge sind nie geglückt ... Es gibt eine Vorsehung.« Das war sein letztes Wort. Du Poizat verabschiedete sich mit Gilquin, den er freundschaftlich duzte. Als Rougon eine Stunde später um halb elf Uhr Herrn Bouchard und dem Oberst gute Nacht sagte, reckte er die Arme und sagte gähnend, wie er zuweilen tat: »Ich bin ganz erschöpft. Diese Nacht werde ich mal gut schlafen.« Am folgenden Abend platzten drei Bomben vor der Oper unter dem Wagen des Kaisers. Kopflose Bestürzung bemächtigte sich der Menge, die sich in der Le Peletierstraße drängte. Über fünfzig Personen waren verwundet. Eine Frau in blauseidenem Kleide lag mausetot im Rinnstein. Zwei Soldaten wanden sich im Todeskampfe auf dem Pflaster. Ein Adjutant, am Hinterkopfe verwundet, zeichnete seinen Weg mit einer Blutspur. Im fahlen Gaslichte stieg der Kaiser heil und gesund aus dem zertrümmerten Wagen und grüßte. Nur sein Hut war von einem Bombensplitter durchlöchert. Rougon hatte den ganzen Tag ruhig daheim verbracht. Nur am Morgen war er etwas erregt und bezeigte zweimal Lust, auszugehen. Nachdem er jedoch gefrühstückt hatte, kam Clorinde, und mit ihr verbrachte er den ganzen Nachmittag in seinem Arbeitszimmer. Sie wollte ihn über eine verwickelte Angelegenheit befragen und schien sehr niedergedrückt. Sie komme zu gar nichts, sagte sie. Sehr gerührt von ihrer Traurigkeit, tröstete er sie, zeigte sich sehr zuversichtlich und gab zu verstehen, daß alles sich wenden werde. Die Ergebenheit und die Dienste seiner Freunde seien ihm wohlbekannt; er werde selbst die Geringsten unter ihnen belohnen. Beim Abschiede küßte er sie auf die Stirn. Nach dem Essen fühlte er ein unwiderstehliches Bedürfnis auszugehen. Er schlug den geradesten Weg zu den Ufern ein, die kühle Luft am Strome suchend. Es war ein sehr milder Winterabend, dessen schwer bewölkter Himmel in düsterer Stille auf der Stadt zu lasten schien. In der Ferne erstarb der Lärm der Hauptstraßen. Er ging auf dem öden Fußwege mit gleichmäßigem Schritt immer vor sich hin, wobei er mit seinem Rocke die Steine der Brüstung streifte; die Lichterreihen, die sich im Dunkel der Nacht gleich Sternen in die Unendlichkeit hinzogen und die Grenzzeichen des malten Himmels zu sein schienen, gaben ihm eine ins Endlose erweiterte Vorstellung von diesen Plätzen und Straßen, deren Häuser er nicht mehr sah; je weiter er schritt, desto riesiger schien ihm Paris, desto mehr nach seiner Größe zugeschnitten und Luft genug für seine Brust bietend. Das tiefschwarze Wasser, im Goldglanze lebendiger Schuppen schillernd, hatte den tiefen, sanften Atem eines schlummernden Riesen, der zu seinem ungeheuerlichen Traume die Begleitung gab. Als er gegenüber dem Justizpalast stand, schlug eine Uhr neun. Er erzitterte und wandte sich lauschend um; ihm war, als fühle er die Dächer unter der Wucht eines plötzlichen Schreckens erbeben, als höre er den Knall ferner Explosionen und Schreie des Entsetzens. Ganz Paris schien ihm plötzlich über ein ungeheures Verbrechen außer Fassung geraten. Er erinnerte sich jenes Juninachmittages, des hellen, glänzenden Nachmittages der Taufe, als die Glocken im warmen Sonnenscheine läuteten, die Ufer mit Menschenmassen bedeckt waren, da auf dem Gipfelpunkte die ganze Herrlichkeit des Kaiserreiches stand, unter der er sich einen Augenblick so winzig klein gedünkt hatte, daß er den Kaiser beneidete. Jetzt war die Stunde der Vergeltung gekommen, ein mondloser Himmel, die Stadt schreckensstarr, stumm, die Ufer menschenleer, von einem Schauer überrieselt, der selbst die Gasflammen zittern machte, so daß sie in der Nacht den schielenden Augen eines Meuchelmörders glichen. Er atmete tief, er liebte diese Mördergrube Paris, in deren Entsetzen erregendem Schatten er seine Allmacht wiederfand. Nach zehn Tagen wurde Rougon an Marsys Stelle zum Minister des Innern ernannt, letzterer zum Präsidenten des gesetzgebenden Körpers. Neuntes Kapitel An einem Märzmorgen saß Rougon im Ministerium des Innern vor seinem Schreibpulte, eifrig damit beschäftigt, ein vertrauliches Rundschreiben zu verfassen, das die Präfekten am andern Tage schon in Händen haben sollten. »Jules! Nennen Sie mir doch ein Wort, welches dasselbe besagt wie Autorität«, sagte er. »Diese Sprache ist einfach dumm! ... Ich schreibe in jeder Zeile: Autorität.« »Nun: Macht, Regierung, Reich«, versetzte der junge Mann lächelnd. Herr Jules d'Escorailles, den er zum Sekretär ernannt hatte, las auf einer Ecke des Schreibtisches die eingelaufenen Briefe. Er öffnete die Umschläge sorgfältig mit einem Messer, überflog mit einem Blick den Inhalt und ordnete die Briefe sodann. Vor dem Kamin, in dem ein helles Feuer brannte, saßen der Oberst, Herr Kahn und Herr Béjuin. Alle drei hatten sich sehr behaglich hingestreckt und wärmten ihre Sohlen, ohne ein Wort zu sagen. Sie waren zu Hause. Herr Kahn las eine Zeitung, die beiden anderen lagen träumerisch zurückgelehnt, drehten ihre Daumen und starrten in die Flammen. Rougon erhob sich, goß ein Glas Wasser ein und leerte es auf einen Zug. »Ich weiß nicht, was ich gestern gegessen habe«, murmelte er. »Ich möchte heute die ganze Seine austrinken!« Er setzte sich nicht sogleich wieder, sondern ging in dem Gemache umher, seinen mächtigen Körper dehnend und reckend. Sein schwerer Tritt ließ durch den dicken Teppich den Boden erbeben. Er schob die grünsamtenen Vorhänge beiseite, um mehr Licht zu haben. Dann schritt er durch das weite, mit dem schwarzen, verblaßten Luxus eines möblierten Palastes ausgestattete Gemach, breitete in seiner Mitte die Arme aus, faltete die Hände im Nacken und genoß wie trunken den Duft der Verwaltung, den Duft der befriedigten Macht, den er dort einsog. Wider Willen mußte er lachen; und er lachte ganz allein, daß ihm die Seiten wackelten; es war ein Lachen, das seinen Triumph verkündigte. Als der Oberst und die beiden anderen diesen Heiterkeitsausbruch hörten, wandten sie sich um und nickten ihm schweigend zu. »Es ist gar nicht übel«, sagte er einfach. Als er seinen Platz vor dem ungeheuren Schreibtisch aus Palissanderholz wieder einnahm, trat Merle herein in tadelloser Haltung, in schwarzem Frack und weißer Krawatte. Er hatte in seinem würdevollen Gesichte keine Spur von Bart mehr. »Ich bitte Eure Exzellenz um Verzeihung«, murmelte er, »der Präfekt des Somme-Departements ist da ...« »Er soll zum Teufel gehen, ich arbeite«, rief Rougon schroff. »Es ist unglaublich, ich habe keinen Augenblick für mich!« Merle ließ sich nicht aus der Fassung bringen und fuhr fort: »Der Herr Präfekt versichert, daß Eure Exzellenz ihn erwarten... Auch die Präfekten des Nièvre-, des Cher- und des Jura-Departements sind da.« »Gut, so mögen sie warten; dazu sind sie da«, versetzte Rougon sehr laut. Der Türsteher ging hinaus. Herr d'Escorailles lächelte; auch die drei anderen, die sich wärmten und streckten, waren durch die Antwort des Ministers ergötzt. Dieser fühlte sich durch seinen Erfolg geschmeichelt und fuhr fort: »Es ist wahr, seit vier Wochen stecke ich unter den Präfekten ... Ich habe sie alle kommen lassen. Wirklich eine hübsche Gesellschaft! Einige sind geradezu einfältig. Immerhin gehorchen sie. Aber ich bin es bald satt ... Übrigens arbeite ich eben für sie.« Damit setzte er sich wieder zu seinem Rundschreiben. In der warmen Luft des Gemaches war nichts vernehmbar als das Kritzeln seiner Gänsefeder und das leise Rascheln der Briefe, die Herr d'Escorailles öffnete. Herr Kahn hatte ein anderes Blatt vorgenommen, Herr Béjuin und der Oberst waren in einen Halbschlaf versunken. Frankreich saß angstbebend im Vorzimmer. Indem der Kaiser Rougon zur Macht berief, wollte er durch Strenge abschrecken. Er kannte seine eherne Faust und hatte ihm am Morgen nach dem Attentat im Zorne des Geretteten gesagt: »Keine Nachsicht! Man muß Sie fürchten!« Er hatte ihn mit dem schrecklichen » Gesetze über die öffentliche Sicherheit « ausgerüstet, das die Regierung ermächtigte, jeden wegen eines politischen Vergehens Verurteilten nach Algier zu schicken oder aus dem Reiche zu verbannen. Obgleich bei dem Verbrechen in der Le Peletierstraße keine französische Hand im Spiele gewesen, wurden die Republikaner dennoch gleich dem Wild gehetzt und verbannt; es war ein Ausfegen der zehntausend Verdächtigen, die am 2. Dezember übersehen worden. Man sprach von einer durch die Revolutionäre vorbereiteten Bewegung, man sagte, daß Waffen und Papiere mit Beschlag belegt worden seien. Seit Mitte März waren dreihundertachtzig Verbannte in Toulon eingeschifft worden. Jetzt ging wöchentlich ein Zug ab. Das Land zitterte vor Schrecken, der wie eine Gewitterwolke aus dem grünsamtenen Kabinett aufstieg, wo Rougon allein, die Arme reckend, lachte. Niemals hatte der große Mann eine ähnliche Befriedigung empfunden. Er befand sich wohl, mästete sich einen Schmerbauch an; mit der Macht hatte er auch seine Gesundheit wiedererlangt. Wenn er auftrat, setzte er die Fersen so gewichtig auf seinen Teppich, daß man es in ganz Frankreich hörte. Er wünschte nur, daß er nicht sein leeres Glas niedersetzen, nicht seine Feder hinwerfen, kurz eine Bewegung machen könne, ohne daß das Land den Stoß verspüre. Es war für ihn ein Vergnügen, Schrecken zu verbreiten, den Blitz zu schmieden, inmitten der Wohlfahrt seiner Freunde mit den groben Fäusten des Emporkömmlings ein Volk zu erwürgen. In einem seiner Rundschreiben hieß es: »Die Guten können sich beruhigen, die Bösen allein sollen zittern.« Er spielte die Rolle des Herrgotts, mit eifersüchtiger Hand die einen verdammend, die anderen errettend. Ein grenzenloser Hochmut überkam ihn, die seiner Kraft und seiner Einsicht bezeugte Anbetung wurde zum regelrechten Götzendienste. Er bewirtete sich selbst mit übermenschlichen Genüssen. In dem Gewühl der Männer des zweiten Kaiserreichs trug Rougon schon seit langer Zeit offen herrschsüchtige Gesinnungen zur Schau. Sein Name bedeutete die Unterdrückung bis zum äußersten, die Verweigerung aller Freiheiten, die absolute Regierung. So täuschte sich denn niemand, als er zum Minister ernannt wurde. Seinen Vertrauten machte er jedoch Geständnisse: er habe mehr Bedürfnisse als Überzeugungen, er finde die Macht zu wünschenswert, zu notwendig für seine Herrschgelüste, um sie nicht anzunehmen, unter welchen Bedingungen sie ihm auch geboten werde. Regieren, seinen Fuß auf den Nacken der Menge setzen, darauf sei sein Ehrgeiz vor allem gerichtet; alles andere seien Nebensachen, denen er sich stets fügen werde. Er hatte nur eine Leidenschaft: über den anderen zu stehen. Nur daß gegenwärtig die Umstände, unter denen er wieder zur Herrschaft gelangt war, für ihn die Freude am Erfolge verdoppelten; der Kaiser hatte ihm völlige Freiheit im Handeln gelassen: er sah also seinen alten Wunsch erfüllt, die Menschen mit der Peitsche zu jagen wie eine Herde. Für ihn gab es keine größere Freude, als sich verabscheut zu sehen. Wenn ihm zuweilen jemand das Wort »Tyrann« zurief, lächelte er und sagte die tiefsinnigen Worte: »Wenn ich einmal liberal werde, wird man sagen, ich hätte mich geändert.« Aber Rougons größtes Vergnügen war, vor seinen Freunden zu triumphieren. Er vergaß Frankreich, die Beamten, die er zu seinen Füßen sah, das Heer von Bittstellern, das seine Tür belagerte – um sich beständig von seinen zehn bis fünfzehn Vertrauten bewundern zu lassen. Ihnen war sein Kabinett jederzeit geöffnet; er ließ sie dort auf den Sesseln, ja selbst auf dem Schreibtisch unumschränkt herrschen, er fühlte sich glücklich, beständig einige zwischen seinen Beinen zu spüren wie treue Tiere. Minister war nicht nur er, sondern sie alle, die ihm als Teile seines Ichs galten. Nach dem Siege wurde heimlich weiter gearbeitet, die Bande wurden noch enger geknüpft; er begann ihnen eine eifersüchtige Freundschaft zu erweisen, er setzte seine Stärke darein, nicht allein zu sein, er fühlte, wie seine Brust sich durch ihren Ehrgeiz weitete. Er vergaß sogar, daß er sie früher heimlich verachtet hatte, und kam so weit, sie als sehr klug, mächtig, nach seinem Ebenbilde geschaffen anzusehen. Er wollte besonders, daß man ihn in ihnen achtete, er verteidigte sie so nachdrücklich wie seine zehn Finger. Ihre Beschwerden waren die seinigen. Er bildete sich schließlich ein, ihnen viel zu verdanken, indem er lächelnd ihrer ausdauernden Propaganda gedachte. Selbst bedürfnislos, teilte er seinen Freunden fette Bissen zu und empfand dabei die Freude, um sich her Glanz und Glück zu verbreiten. Inzwischen herrschte im Kabinett noch immer drückendes Schweigen. Herr d'Escorailles prüfte eben die Aufschrift eines neuen Briefes und reichte ihn dann uneröffnet Rougon hin. »Von meinem Vater«, sagte er dabei. Der Marquis dankte dem Minister mit übertriebener Demut, daß er Jules an seine Seite genommen. Rougon las langsam die beiden engbeschriebenen Seiten. Er faltete den Brief zusammen, steckte ihn ein und fragte, ehe er seine Arbeit fortsetzte: »Hat Du Poizat nicht geschrieben?« »Gewiß«, antwortete der Sekretär, einen Brief unter den anderen hervorsuchend. »Er fängt an, in seine Präfektur sich einzuleben. Er sagt, Deux-Sèvres und besonders Niort müssen von einer starken Faust gezügelt werden.« Rougon durchflog den Brief und murmelte dann: »Er erhält die gewünschten Vollmachten ... Antworten Sie ihm nicht, mein Rundschreiben ist für ihn bestimmt.« Er nahm die Feder wieder auf und suchte nach einem passenden Schluß. Du Poizat hatte Präfekt in Niort, seiner Heimat, werden wollen; und der Minister blickte bei jeder wichtigen Entscheidung auf Deux-Sèvres, um Frankreich nach den Ratschlägen und Wünschen seines alten Leidensgenossen zu regieren. Endlich hatte er sein vertrauliches Schreiben an die Präfekten beendigt, als Herr Kahn plötzlich auffuhr: »Das ist doch scheußlich!« Er zeigte auf eine Stelle des Blattes, das er in Händen hielt und fragte Rougon: »Haben Sie dies gelesen? ... An der Spitze steht ein Artikel, der die niedrigsten Leidenschaften aufstachelt. Hören Sie nur: Die strafende Hand muß schuldlos sein; denn wenn die Gerechtigkeit irrt, lösen sich die Bande der Gesellschaft von selbst. – Verstehen Sie? ... Und in den ›Vermischten Nachrichten‹! Da steht die Geschichte einer Gräfin, die der Sohn eines Kornhändlers entführt hat. Solche Geschichten dürfte man nicht durchgehen lassen. Das untergräbt die Achtung des Volkes vor den höheren Klassen.« Herr d'Escorailles fiel ein: »Die Erzählung ist noch gräßlicher. Es ist die Rede von einer wohlerzogenen Frau, die ihren Gatten betrügt. Dabei hat sie nicht einmal Gewissensbisse.« Rougon sah schrecklich aus, als er erwiderte: »Ja, ja, auf diese Nummer bin ich schon aufmerksam gemacht worden. Sie sehen, daß ich die Stellen mit Rotstift bezeichnet habe ... Dazu ist es ein Blatt, das auf unserer Seite steht! Täglich muß ich es Zeile für Zeile entziffern. Selbst der Beste taugt nichts, man muß ihnen allen den Hals abschneiden!« Mit zusammengekniffenen Lippen fuhr er fort: »Ich habe den Direktor des Blattes holen lassen. Ich erwarte ihn.« Der Oberst hatte das Blatt Herrn Kahn aus den Händen genommen. Auch er äußerte seine Entrüstung und gab dann das Blatt Herrn Béjuin, der seinerseits ganz außer sich geriet. Rougon saß, die Ellbogen auf den Schreibtisch gestützt, mit halbgeschlossenen Augenlidern sinnend da. »Da fällt mir ein«, wandte er sich an seinen Sekretär. »Der arme Huguenin ist gestern gestorben. Man muß jemanden für die erledigte Inspektorstelle ernennen.« Als die drei Freunde vor dem Kamin lebhaft die Köpfe wandten, fuhr er fort: »Eine Stelle ohne Bedeutung. Sechstausend Franken Gehalt. Allerdings ist auch nichts zu tun.« Aber er wurde unterbrochen. Die Tür eines benachbarten Zimmers hatte sich geöffnet, und er rief: »Herein, herein, Herr Bouchard! Ich wollte Sie eben holen lassen.« Herr Bouchard, seit einer Woche Abteilungsvorstand, brachte eine Arbeit über die Bürgermeister und Präfekten, die um das Offiziers- oder Ritterkreuz der Ehrenlegion baten. Rougon hatte an die Würdigsten fünfundzwanzig Kreuze zu verleihen. Er nahm die Arbeit, prüfte die Liste der Namen und blätterte in Aktenbündeln. Unterdessen trat Bouchard an den Kamin und begrüßte seine Freunde. Er stellte sich zum Kamin und hob seine Rockschöße auf, um sich zu wärmen. »Ein abscheulicher Regen, was?« murmelte er. »Der Frühling kommt heuer spät.« »Ein Gottsdonnerwetterregen! Ich fühle einen Gichtanfall, ich habe die ganze Nacht im linken Bein Stechen gehabt.« Nach kurzem Schweigen fragte Herr Kahn: »Und Ihre Frau?« »Ich denke, ihr geht es gut«, versetzte Herr Bouchard. »Sie kommt, glaube ich, heute früh.« Neues Schweigen. Rougon blätterte immer fort. Bei einem Namen machte er halt und fragte: »Isidor Gaudibert ... Hat der nicht Verse gemacht?« »Gewiß«, antwortete Herr Bouchard. »Er ist seit 1852 Bürgermeister von Barbeville. Zu jedem freudigen Ereignisse, zur Hochzeit des Kaisers, zur Niederkunft der Kaiserin, zur Taufe des kaiserlichen Prinzen hat er Ihren Majestäten Oden voller Geschmack gesandt.« Der Minister zog den Mund schief. Aber der Oberst versicherte, er habe die Oden gelesen und finde sie geistvoll. Er führte besonders eine an, worin der Kaiser mit einem Feuerwerk verglichen war. Ohne jeden Übergang, zweifellos nur um ihren Gefühlen Ausdruck zu leihen, begannen alle drei Herren den Kaiser aufs Überschwenglichste zu loben. Jetzt hing ihm die ganze Gesellschaft mit wahrer Leidenschaft an. Die beiden Vettern, der Oberst und Herr Bouchard, jetzt versöhnt, warfen sich nicht mehr die Prinzen von Orleans oder den Grafen von Chambord vor, sondern wetteiferten darin, wer den Herrscher besser loben könne. »Nein, der nicht!« rief Rougon plötzlich. »Dieser Jusselin ist eine Kreatur Marsys. Die Freunde meines Vorgängers zu belohnen habe ich nicht nötig.« Und mit einem Federstrich, der das Papier aufriß, strich er den Namen aus. »Also muß man einen anderen für das Offizierskreuz finden«, fuhr er fort. Die Herren rührten sich nicht. Herr d'Escorailles hatte trotz seiner großen Jugend das Ritterkreuz schon vor acht Tagen erhalten; Herr Kahn und Herr Bouchard waren Offiziere der Ehrenlegion, der Oberst endlich war eben erst zum Kommandeur ernannt worden. »Ein Offizierskreuz also«, wiederholte Rougon, weiterblätternd. Plötzlich hielt er inne und fragte lebhaft: »Sind Sie nicht irgendwo Bürgermeister, Herr Béjuin?« Herr Béjuin begnügte sich damit, zweimal das Haupt zu neigen. Statt seiner antwortete Herr Kahn: »Gewiß, er ist Bürgermeister in Saint-Florent, der kleinen Gemeinde, wo sich seine Glasfabrik befindet.« »Das paßt ja ausgezeichnet!« sagte der Minister, entzückt, daß er wieder einen der Seinigen befördern konnte. »Er ist erst Ritter ... Herr Béjuin, Sie bitten nie um etwas. Ich muß immer an Sie denken.« Herr Béjuin dankte lächelnd. Er bat wirklich nie um etwas. Aber er war beständig da, schweigend, bescheiden, auf die Brosamen wartend, und alles auflesend. »Léon Béjuin, nicht wahr? An Stelle von Pierre François Jusselin«, sagte Rougon, indem er den Namen änderte. »Béjuin, Jusselin, das reimt sich!« bemerkte der Oberst. Dieser Spaß schien sehr gelungen, und es wurde viel darüber gelacht. Endlich nahm Herr Bouchard die unterzeichneten Erlasse wieder fort. Rougon hatte sich erhoben, er fühlte Unruhe in den Beinen, sagte er; Regentage regten ihn immer auf. Inzwischen verging die Zeit: aus den Bureaus drang ein Summen herüber, schnelle Schritte durchkreuzten die Nachbarzimmer, Türen wurden geöffnet und geschlossen, während ein durch die Vorhänge gedämpftes Flüstern durch die Räume lief. Es kamen noch mehr Beamte, um Erlasse zur Unterzeichnung vorzulegen. Es war ein beständiges Kommen und Gehen, die Verwaltungsmaschine in vollem Gange mit einer unsagbaren Verschwendung von Papier, das aus einem Bureau in das andere wanderte. Inmitten dieses Treibens hörte man ordentlich das dumpfe, ergebene Schweigen der mehr als zwanzig Personen, die im Vorzimmer unter Merles Augen schlummerten und warteten, bis Seine Exzellenz sich herablassen werde, sie zu empfangen. Rougon entwickelte, von allen diesen Leuten umgeben, eine fieberhafte Tätigkeit, gab in einer Ecke halblaute Befehle, brach dann plötzlich in heftige Worte gegen irgendeinen höheren Beamten aus, verteilte die Arbeit und entschied die Angelegenheiten mit einem Worte, – riesenhaft, unverschämt, Hals und Kopf von Kraft strotzend. Da trat Merle ein mit seiner ruhigen Würde, von der alle barschen Verweise abprallten. »Der Herr Präfekt der Somme«, begann er. »Schon wieder!« unterbrach ihn Rougon wütend. Jener verbeugte sich und wartete, um dann fortzufahren: »Der Herr Präfekt der Somme hat mich gebeten, Eure Exzellenz zu fragen, ob Sie ihn heute vormittag empfangen wollen. Wenn nicht, wolle Eure Exzellenz die Güte haben, ihm eine Stunde für morgen zu bestimmen.« »Ich werde ihn heute empfangen ... Er möge sich ein wenig gedulden, zum Teufel!« Die Tür war offen geblieben, und man sah durch die Öffnung das Vorzimmer, einen weiten Raum, in der Mitte einen langen Tisch und an den Wänden eine Reihe roter Samtsessel. Alle diese Sessel waren besetzt; zwei Damen standen am Tisch. Alle Köpfe wandten sich der Tür zu, die Blicke glitten flehend in das Kabinett des Ministers, alle mit dem Verlangen, einzutreten. Nahe der Tür saß der Präfekt der Somme, ein kleiner, blasser Mann, und redete mit seinen beiden Kollegen vom Jura und Cher. Da er Anstalten machte, sich zu erheben, ohne Zweifel in dem Glauben, daß er endlich vorgelassen werde, fuhr Rougon fort, zu Merle gewendet: »In zehn Minuten, hören Sie? Augenblicklich kann ich niemanden empfangen, durchaus niemanden.« Aber während er noch redete, sah er Herrn Beulin d'Orchère das Vorzimmer durchschreiten. Er eilte ihm entgegen, zog ihn in sein Kabinett und rief: »Bitte, treten Sie doch ein, lieber Freund I Sie sind eben gekommen? Sie haben doch nicht zu warten brauchen? ... Was gibt es Neues?« Damit schloß sich die Türe unter dem bestürzten Schweigen der Insassen des Wartezimmers. Rougon und Herr Beulin d'Orchère redeten in einem Fenster leise miteinander. Letzterer, kürzlich zum ersten Präsidenten des Pariser Gerichtshofes ernannt, hatte den Ehrgeiz, Justizminister zu werden, aber der Kaiser hatte sich auf eine dahingehende Andeutung nicht geäußert. »Gut, gut«, sagte der Minister lauter. »Die Nachricht ist vorzüglich. Ich werde handeln, das verspreche ich Ihnen.« Eben hatte er ihn durch seine Gemächer hinausgeleitet, als Merle erschien und ankündigte: »Herr La Rouquette.« »Nein, nein, ich bin beschäftigt, ich werde noch verrückt!« rief Rougon und hieß den Diener mit einer nachdrücklichen Gebärde die Tür schließen. Herr La Rouquette hatte es sehr gut gehört; nichtsdestoweniger trat er lächelnd ein und fragte, die Hände zum Gruße ausstreckend: »Wie geht es Eurer Exzellenz? Meine Schwester schickt mich. Gestern in den Tuilerien sahen Sie etwas ermüdet aus ... Sie wissen, daß nächsten Montag in den Gemächern der Kaiserin Theater gespielt werden soll. Meine Schwester wirkt auch mit. Combelot hat die Kostüme gezeichnet. Sie kommen doch?« Er blieb eine geschlagene Viertelstunde, Rougon um den Hart gehend, ihn bald »Exzellenz«, bald »lieber Meister« nennend. Er kramte einige Anekdoten über die kleinen Theater aus, empfahl eine Tänzerin und bat um eine Fürsprache bei dem Direktor der Tabakfabriken, um gute Zigarren zu bekommen. Endlich machte er über Herrn von Marsy die schlechtesten Spaße. »Er ist doch ein netter Junge«, erklärte Rougon, nachdem der junge Abgeordnete gegangen war. »Ich will mein Gesicht, in das Waschbecken tauchen; meine Wangen drohen vor Hitze zu platzen.« Er verschwand hinter einer Portiere, und ein lautes Plätschern, Schnaufen und Pusten wurde hörbar. Herr d'Escorailles hatte inzwischen die eingelaufenen Briefe geordnet und holte eine kleine Feile mit Schildpattgriff hervor, um sich damit säuberlich die Nägel zu putzen. Herr Béjuin und der Oberst starrten zur Decke empor, dermaßen in ihre Sessel versenkt, als ob sie sie nie mehr zu verlassen gedächten. Herr Kahn blätterte noch in dem Haufen Zeitungen, der neben ihm auf einem Tische lag. Er wandte sich um, besah die Titel und warf sie beiseite. Dann erhob er sich. »Sie wollen fort?« fragte Rougon, der eben wieder erschien, sich das Gesicht abtrocknend. »Ja,« versetzte Herr Kahn, »ich habe die Blätter gelesen und will gehen.« Aber er hieß ihn warten, nahm ihn beiseite und kündigte ihm an, daß er sich ganz sicher nächste Woche nach Deux-Sèvres begeben werde, um bei der Eröffnung der Arbeiten für die Bahn von Niort nach Angers anwesend zu sein. Er habe mehrere Gründe, dorthin zu reisen. Herr Kahn war entzückt. Anfangs März hatte er endlich die Konzession erhalten. Es handelte sich jetzt nur darum, die Arbeiten in Gang zu bringen, und er fühlte die ganze Bedeutung, welche die Anwesenheit des Ministers dieser Feier, deren Einzelheiten er schon erwägte, verleihen müsse. »Abgemacht also, ich rechne auf Sie beim ersten Spatenstich!« sagte er, sich entfernend. Rougon saß wieder an seinem Schreibtische und las eine Namensliste durch. Im Vorzimmer wuchs die Anzahl der Harrenden. »Ich habe kaum noch eine Viertelstunde Zeit!« murmelte er. »Ich werde so viele empfangen, wie ich eben kann.« Er klingelte und befahl Merle: »Lassen Sie den Herrn Präfekten der Somme eintreten.« Aber er fügte, die Liste durchfliegend, sogleich hinzu: »Warten Sie noch! ... Sind Herr und Frau Charbonnel da? Dann lassen Sie sie kommen!« Man hörte den Diener rufen: »Herr und Frau Charbonnel!« Und die beiden Bürgersleute aus Plassans erschienen, von den erstaunten Blicken der ganzen Versammlung begleitet. Herr Charbonnel trug einen Frack mit viereckigen Schößen und einem Samtkragen, seine Frau ein flohfarbenes Seidenkleid und einen Hut mit gelben Bändern. Zwei Stunden lang hatten sie schon geduldig gewartet. »Sie hätten mir Ihre Karte hereinschicken sollen. Merle kennt Sie.« Ohne ihre mit »Eurer Exzellenz« gespickten Sätze zu Ende zu hören, rief er vergnügt: »Viktoria! Der Staatsrat hat entschieden. Wir haben unsern schrecklichen Bischof besiegt!« Die alte Dame wurde von ihrer Erregung übermannt, so daß sie sich setzen mußte. Ihr Gatte stützte sich auf die Lehne eines Stuhles. »Ich habe diese gute Nachricht schon gestern abend erfahren«, fuhr der Minister fort. »Um sie Ihnen persönlich mitteilen zu können, habe ich Sie hergebeten ... Das ist doch ein fetter Bissen, fünfhunderttausend Franken!« Er scherzte weiter, entzückt von ihrem fassungslosen Aussehen. Frau Charbonnel konnte endlich mit halberstickter, bänglicher Stimme die Frage hervorbringen: »Also es ist bestimmt entschieden? ... Der Prozeß wird nicht wieder anfangen?« »Nein, nein, verlassen Sie sich darauf. Die Erbschaft ist Ihr Eigentum.« Darauf berichtete er Näheres. Der Staatsrat hatte die Schwestern von der heiligen Familie nicht ermächtigt, die Erbschaft anzutreten, weil natürliche Erben vorhanden seien; er hatte das Testament für ungültig erklärt, weil es nicht alle Erfordernisse der Echtheit aufwies. Der Bischof Rochart war wütend. Rougon, der ihn am Abend vorher bei seinem Kollegen, dem Unterrichtsminister, getroffen hatte, lacht« noch jetzt über seine feindseligen Blicke. Sein Sieg über den geistlichen Herrn ergötzte ihn sehr. »Sie sehen, er hat mich nicht verschluckt«, sagte er endlich. »Ich bin ihm zu dick ... Wir sind noch nicht fertig miteinander. Ich habe es ihm an seinen Augen abgelesen. Der Mann wird nichts vergessen. Aber das ist meine Sache.« Die Charbonnels erschöpften sich in Danksagungen und Bücklingen. Sie sagten, sie würden noch am selben Abend abreisen. Sie waren sehr beunruhigt; das Haus ihres Vetters Chevassu zu Faverolles stand unter der Obhut einer alten, frommen Dienerin, die den Schwestern von der heiligen Familie sehr ergeben war; vielleicht werde ihr Haus auf die Nachricht vom Ausgange des Prozesses hin ausgeplündert. Diese Nonnen waren zu allem fähig. »Ja, reisen Sie heute noch ab«, nahm der Minister wieder das Wort. »Sollte etwas schief gehen, schreiben Sie mir.« Als er sie hinausgeleitete, bemerkte er das Erstaunen der übrigen Harrenden; der Präfekt der Somme tauschte mit seinen Kollegen ein Lächeln aus, die beiden Damen am Tische zogen verächtlich die Lippen zusammen. Er sah es und rief mit erhobener Stimme: »Also schreiben Sie mir ja! Sie wissen, wie sehr ich Ihnen ergeben bin. Und wenn Sie nach Plassans kommen, sagen Sie meiner Mutter, daß es mir gut geht!« Er geleitete sie auch noch durch das Vorzimmer, ohne sich ihrer im geringsten zu schämen, dieser ganzen Gesellschaft zum Trotz; sehr stolz darauf, daß er aus einer kleinen Stadt stammte und sie jetzt so hoch stellen konnte, wie es ihm beliebte. Und die Bittsteller wie die Beamten verneigten sich und grüßten das flohfarbene Seidenkleid und die viereckigen Frackschöße der Charbonnels. Als er in sein Kabinett zurückkehrte, hatte der Oberst sich erhoben und sagte: »Auf Wiedersehen heute abend! Es wird hier zu warm.« Darauf neigte er sich zum Minister und flüsterte ihm einige Worte ins Ohr. Es handelte sich um seinen August, den er aus der Schule zu nehmen im Begriffe stand, da er die Hoffnung aufgegeben hatte, daß der Junge jemals die Abgangsprüfung bestehen werde. Rougon hatte versprochen, ihn in sein Ministerium aufzunehmen, obgleich das Reifezeugnis von allen seinen Beamten gefordert wurde. »Ja, ja, bringen Sie ihn nur!« sagte er. »Ich werde mich über die Förmlichkeiten hinwegsetzen. Ich werde ein Auskunftsmittel suchen ... Und er soll sogleich etwas bekommen, weil Sie es wünschen.« Herr Béjuin blieb allein am Ofen. Er rollte seinen Sessel mitten vor, ohne zu beachten, daß das Zimmer sich leerte. Er wartete immer bis zuletzt, nachdem die anderen gegangen waren, und hoffte, es werde ihm irgend etwas Vergessenes angeboten werden. Nunmehr bekam Merle von neuem den Befehl, den Präfekten der Somme hereinzuführen. Anstatt jedoch zur Tür zu gehen, näherte er sich dem Schreibtische und sprach mit liebenswürdigem Lächeln: »Wenn Eure Exzellenz gütigst gestatten wollen, werde ich mich sogleich eines kleinen Auftrages entledigen.« Rougon stemmte beide Ellbogen auf seine Schreibmappe, um zu hören. »Es ist die arme Frau Correur ... Ich bin heute früh bei ihr gewesen. Sie hütet das Bett; sie hat eine Geschwulst an sehr ungelegener Stelle, dicker als die halbe Faust. Es ist nicht gefährlich, doch leidet sie viele Schmerzen, weil sie eine gar so feine Haut hat ...« »Also?« fragte der Minister. »Ich habe selbst der Magd geholfen, sie umzuwenden. Indessen, ich habe meinen Dienst ... Sie ist sehr unruhig und wäre so gern gekommen, um den Bescheid Eurer Exzellenz auf alle ihre Anliegen zu erfahren. Als ich ging, rief sie mich zurück und sagte, ich würde sie sehr verbinden, falls ich ihr heute abend, wenn ich vom Dienst käme, den Bescheid bringen könnte ... Würden Eure Exzellenz so gütig sein ...?« Der Minister wandte sich ruhig um und sagte: »Herr d'Escorailles, geben Sie mir doch den Aktenband da unten aus dem Schranke.« Es war der Band Frau Correurs, eine ungeheure graue Mappe, die von Papieren strotzte. Da waren Briefe, Pläne, Bittschriften in allen Schriftgattungen und Orthographien: Gesuche um Tabaksläden, um Stempelmarkenverschleiße, um Unterstützungen, Pensionen, Gehaltszulagen. Alle diese losen Blätter trugen am Rande eine Empfehlung von Frau Correur: fünf bis sechs Zeilen mit einer kräftigen, fast männlichen Unterschrift. Rougon durchblätterte den Band und betrachtete die kurzen Bemerkungen, die er mit Rotstift an den Rand der Briefe geschrieben hatte. »Die Pension der Frau Jalaguier ist auf achtzehnhundert Franken angesetzt. Frau Leturc hat ihren Tabaksladen ... Die Lieferungen Frau Chardons sind angenommen ... Für Frau Testanière noch nichts ... Ah! sagen Sie ihr auch, daß ich die Angelegenheit des Fräulein Herminie Billecoq erledigt habe. Ich habe von ihr gesprochen; einige Damen werden die Mitgift zusammenschießen, die zu ihrer Heirat mit dem Offizier, der sie verführt hat, nötig ist.« »Ich danke Eurer Exzellenz tausendmal!« erwiderte Merle mit einer Verbeugung. Er ging hinaus, als ein wunderhübscher Blondkopf, mit einem rosa Hute bedeckt, in der Tür erschien. »Darf man eintreten?« flötete sie. Frau Bouchard trat ein, ohne die Antwort abzuwarten. Sie hatte den Türsteher nicht im Vorzimmer gesehen und war deshalb geradeaus gegangen. Rougon, der sie »mein liebes Kind« nannte, hieß sie Platz nehmen, nachdem er ihre niedlichen, fein behandschuhten Finger einen Augenblick zwischen den seinen gehalten hatte. »Kommen Sie in einer ernsten Angelegenheit?« fragte er. »Gewiß, sehr ernst«, versetzte sie lächelnd. Darauf befahl er Merle, niemanden einzulassen. Herr d'Escorailles, der seine Nägel inzwischen in Ordnung gebracht hatte, begrüßte Frau Bouchard. Sie winkte ihm, sich herabzuneigen, und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Er nickte, ergriff seinen Hut und sagte zu Rougon: »Ich gehe zum Frühstück; es liegt nichts Wichtiges vor ... Nur diese Inspektorstelle. Man müßte jemanden ernennen.« Der Minister schüttelte verlegen den Kopf und erwiderte: »Gewiß, jemand muß ernannt werden ... Man hat mir schon eine ganze Schar von Bewerbern vorgeschlagen. Aber es ist mir langweilig, Leute zu ernennen, die ich nicht kenne.« Er blickte um sich, suchte in den Ecken des Zimmers, wie um dort jemanden zu finden. Plötzlich fiel sein Blick auf Herrn Béjuin, der noch schweigend und scheinheilig vor dem Ofen ausgestreckt lag, und er rief: »Herr Béjuin!« Der Träumer öffnete langsam die Augen, ohne sich zu rühren. »Wollen Sie Inspektor werden? Eine Stelle mit sechstausend Franken ohne Arbeit und sehr gut verträglich mit Ihrem Abgeordnetenmandat.« Herr Béjuin wiegte den Kopf. Ja, ja, er nehme an. Als die Sache ins reine gebracht war, blieb er noch zwei Minuten, um zu schnüffeln. Endlich mußte er jedoch einsehen, daß an diesem Morgen nichts mehr für ihn abfallen werde; er ging langsam, die Füße schleppend, hinter Herrn d'Escorailles von dannen. »Endlich sind wir allein ... Was wünschen Sie, liebes Kind?« fragte Rougon die hübsche Frau Bouchard. Er hatte einen Sessel herangerollt und setzte sich vor sie mitten in das Zimmer. Erst da wurde er auf ihre Toilette aufmerksam: ein Kleid von blaßrosa Kaschmir, sehr weich, das sie umhüllte wie ein Pudermantel. Sie war gekleidet, ohne bekleidet zu sein. Auf ihren Armen, auf ihrem Halse war der geschmeidige Stoff wie lebendig, während unten breite Falten ihre runden Beine bezeichneten. Es war eine bewußte Nacktheit, eine wohlberechnete Verführung selbst in der etwas hoch geschnürten Taille, welche die Hüfte hervortreten ließ. Kein Stückchen vom Unterrock war zu sehen, sie schien ohne Leibwäsche, sah jedoch reizend aus. »Nun, was haben Sie?« wiederholte er. Sie antwortete noch nicht, sondern lächelte nur, lehnte sich zurück, mit ihrem gekräuselten Haar unter dem rosa Hute, und zeigte zwischen den geöffneten Lippen den feuchten Glanz ihrer Zähne. Ihre kleine Gestalt hatte eine einschmeichelnde Ungezwungenheit an sich, einen Ausdruck inständiger und unterwürfiger Bitte. »Ich möchte Sie um etwas bitten«, murmelte sie endlich und fügte dann lebhaft hinzu: »Sagen Sie zuerst, daß Sie es mir bewilligen!« Er aber versprach nichts. Er wollte vor allem wissen, um was es sich handelte. Er mißtraute den Frauen. Als sie sich ganz nahe zu ihm neigte, fragte er sie: »Das muß ja eine schlimme Geschichte sein, daß Sie nicht zu reden wagen. Da muß ich Sie wohl in die Beichte nehmen ... Also der Reihe nach. Ist's für Ihren Mann?« Sie schüttelte den Kopf, noch immer lächelnd. »Teufel! ... Also für Herrn d'Escorailles? Sie haben sich da eben heimlich mit ihm verschworen.« Sie verneinte abermals mit einem Mäulchen, das klar besagte, daß sie Herrn d'Escorailles habe den Laufpaß geben müssen. Während Rougon überrascht nachsann, rückte sie ihren Stuhl noch etwas näher heran, so daß sie zwischen seinen Beinen saß. »Hören Sie mich an ... Sie sind mir nicht böse? Sie haben mich ein wenig lieb? ... Es ist wegen eines jungen Mannes. Sie kennen ihn nicht; ich werde ihn sogleich nennen, wenn Sie ihm die Stelle gegeben haben ... Eine unbedeutende Stelle. Sie brauchen nur ein Wort zu sagen, und wir würden Ihnen sehr dankbar sein.« »Vielleicht ein Verwandter von Ihnen?« fragte er wieder. Sie seufzte, sah ihn schmachtend an und ließ ihre Hände sinken, damit er sie ergreife. Dann sagte sie sehr leise: »Nein, ein Freund ... Mein Gott, ich bin sehr unglücklich!« Mit diesem Geständnisse überlieferte sie sich ihm. Es war ein sehr wollüstiger Angriff, mit überlegener Kunst geplant, scharfsinnig berechnet, um ihm die leisesten Bedenken zu benehmen. Einen Augenblick glaubte er sogar, sie habe diese Geschichte nur in einer Vollendung ihrer Verführungskünste erfunden, um sich noch begehrenswerter zu machen in dem Augenblicke, da sie aus den Armen eines anderen kam. »Aber das ist sehr schlimm!« rief er. Sie aber legte mit einer raschen und vertraulichen Bewegung die unbeschuhte Hand auf seinen Mund und lehnte sich dabei ganz an ihn. Ihre Augen schlossen sich, ihr Gesicht nahm einen verzückten Ausdruck an. Ihr Knie hob das weiche Kleid in die Höhe, das sie nicht mehr verhüllte als das feine Gewebe eines langen Nachthemdes. Der straffe Stoff des Leibchens zeigte die Bewegungen ihres Busens. Einige Sekunden hielt er sie wie nackt in den Armen. Dann packte er sie heftig an der Taille und stellte sie erbost und fluchend mitten in das Zimmer: »Donnerwetter, so seien Sie doch vernünftig!« Sie stand mit gesenktem Blick und bleichen Lippen vor ihm. »Ja, es ist sehr schlecht, es ist unwürdig! Herr Bouchard ist ein ausgezeichneter Mann. Er betet Sie an und hegt zu Ihnen blindes Vertrauen ... Nein, ich werde Ihnen gewiß nicht dazu behilflich sein, ihn zu betrügen. Ich weigere mich, hören Sie, ich weigere mich ganz entschieden! Und ich sage Ihnen meine Meinung, ich halte damit nicht hinterm Berge, mein schönes Kind! ... Man kann nachsichtig sein. So zum Beispiel mag es noch hingehen ...« Er hielt inne, er war im Begriffe, sich entschlüpfen zu lassen, daß er ihr Herrn d'Escorailles gestatte. Allmählich beruhigte er sich und gewann seine ganze Würde wieder. Er hieß sie sich setzen, da er sah, daß ein leichtes Zittern sie überfiel; er selbst blieb stehen und las ihr gehörig den Text. Es war eine wohlstilisierte Predigt. Sie verletze alle göttlichen und menschlichen Gesetze, sie wandele an einem Abgrunde, schände den häuslichen Herd, bereite sich selbst ein Alter voller Gewissensbisse vor; und da er auf ihren Lippen ein leises Lächeln zu gewahren glaubte, entwarf er eine Schilderung dieses Alters: die Schönheit verwelke, das Herz bleibe leer für immer, die Stirn erröte unter den weißen Haaren. Dann prüfte er ihren Fehltritt vom Standpunkte der Gesellschaft aus; hier wurde er besonders streng, denn hatte sie auch in seinen Augen die Entschuldigung einer leicht erregbaren Natur für sich, so war doch das schlechte Beispiel, das sie gab, unverzeihlich; das führte ihn darauf, gegen die moderne Sittenlosigkeit, die schamlosen Ausschreitungen der Gegenwart zu donnern. Endlich kam er auf sich selbst zu reden. Er war der Hüter der Gesetze. Er durfte seine Macht nicht dazu mißbrauchen, das Laster zu ermutigen. Eine Regierung ohne Tugend schien ihm ein Unding. Er schloß damit, daß er seine Gegner aufforderte, in seiner Verwaltung ein einziges Beispiel von Vetterngunst nachzuweisen, eine einzige Gunst, die durch Ränke erlangt sei. Die niedliche Frau Bouchard hörte ihn gesenkten Hauptes und zusammengekauert an, wobei man ihren zarten Hals unter dem Nackenschleier ihres rosa Hutes sah. Als er seinem Herzen Luft gemacht hatte, ging sie stumm zur Tür. Aber als sie beim Hinausgehen die Hand auf die Türklinke legte, hob sie den Kopf und murmelte lächelnd: »Er heißt Georg Duchesne: ist erster Beamter in der Abteilung meines Mannes und möchte gern zweiter Vorstand werden ...« »Nein, nein!« schrie Rougon. Sie ging und maß ihn mit dem verächtlichen Blicke der verschmähten Frau. Sie schritt zögernd, zog langsam ihre Schleppe nach, als wolle sie das Bedauern um ihren Besitz zurücklassen. Der Minister kehrte mit müdem Ausdruck in sein Kabinett zurück. Er hatte Merle einen Wink gegeben, und dieser folgte ihm. Die Tür war halb offen geblieben. »Der Herr Direktor der ›Volksstimme‹, den Eure Exzellenz zu sehen wünschte, ist eben gekommen«, meldete der Türsteher halblaut. »Sehr gut!« antwortete Rougon. »Aber ich werde zuerst die Beamten empfangen, die solange schon gewartet haben.« In diesem Augenblick erschien ein Kammerdiener in der Tür, die zu den Privatgemächern führte. Er meldete, das Frühstück sei bereit, und Frau Delestang erwarte Seine Exzellenz im Salon. Der Minister fuhr lebhaft auf und befahl: »Sagen Sie, daß aufgetragen werde! Um so schlimmer! Ich werde nachher empfangen. Ich falle um vor Hunger.« Er drehte sich um und warf einen Blick in das Vorzimmer, das noch immer voll war. Kein Beamter, kein Bittsteller hatte sich vom Flecke gerührt. Die drei Präfekten plauderten in ihrer Ecke, die beiden Damen am Tische stützten sich etwas ermüdet auf ihre Finger; dieselben Köpfe lehnten sich noch an derselben Stelle in die rotsamtenen Sessel. Darauf verließ er sein Kabinett und beauftragte Merle, den Präfekten der Somme und den Direktor des ›Voeu national‹ dazubehalten. Frau Rougon war etwas leidend und deshalb tags zuvor auf einen Monat nach dem Süden gereist; sie hatte in der Gegend von Pau einen Oheim. Delestang befand sich mit einer sehr wichtigen Sendung betreffs einer landwirtschaftlichen Frage betraut, seit sechs Wochen in Italien. Deshalb hatte der Minister Clorinde, die mit ihm länger zu sprechen wünschte, zu einem Junggesellenfrühstück ins Ministerium geladen. Sie wartete geduldig, in einer Abhandlung über Verwaltungsrecht blätternd, die auf einem Tische, lag. »Ihnen muß der Magen auch schon schief hängen«, sagte er vergnüglich. »Ich bin heute vormittag wirklich überschwemmt worden.« Er bot ihr den Arm und führte sie in den Speisesaal, einen gewaltigen Raum, worin die beiden Gedecke auf einem Tischchen am Fenster fast verschwanden. Zwei lange Lakaien warteten auf. Rougon und Clorinde, im Essen und Trinken beide sehr mäßig, aßen schnell einige Radieschen, eine Schnitte kalten Lachs, Koteletten mit Brei und etwas Käse. Den Wein berührten sie nicht. Rougon trank vormittags nur Wasser. Kaum zehn Worte wechselten sie beim Essen. Als die beiden Lakaien abgeräumt und Kaffee nebst Likören gebracht hatten, faltete die junge Frau ein wenig die Brauen; er verstand es und sagte den Dienern: »Es ist gut. Gehen Sie! Ich werde klingeln.« Die Diener gingen. Darauf erhob sie sich und schüttelte von ihrem Rocke die Krümel ab. Sie trug ein schwarzseidenes Kleid, das zu weit, mit Volants besetzt und dermaßen verwickelt war, daß sie darin ganz eingepackt schien und man nicht erkennen konnte, wo sich ihre Hüften und ihr Busen befanden. »Welch eine Halle!« murmelte sie, den Raum durchschreitend. »Ihr Speisesaal ist für Hochzeiten und große Gastmahle eingerichtet!« Zurückkehrend fügte sie hinzu: »Ich möchte eine Zigarette rauchen!« »Teufel!« sagte Rougon, »ich habe keinen Tabak. Ich rauche nie.« Sie aber blinzelte ihm zu und zog aus der Tasche ein Beutelchen aus roter Seide, mit Gold gestickt, nicht größer als eine Börse. Mit ihren zarten Fingerspitzen drehte sie eine Zigarette, und um nicht klingeln zu müssen, jagten sie durch den ganzen Saal nach Zündhölzchen. Endlich fanden sie drei auf der Ecke eines Geschirrständers, und sie nahm sie sorgsam an sich. Dann begann sie, die Zigarette im Munde und behaglich in ihrem Sessel ausgestreckt, den Kaffee in kleinen Zügen hinunterzuschlürfen, wobei sie Rougon lächelnd voll anblickte. »Ich stehe ganz zu Ihren Diensten«, sagte er, gleichfalls lächelnd. »Sie haben zu plaudern, also plaudern wir.« Sie machte eine gleichgültige Gebärde und sagte: »Ja. Ich habe einen Brief von meinem Manne bekommen. Er ist sehr glücklich, dank Ihnen mit dieser Sendung betraut zu sein; nur will er nicht, daß man ihn völlig im Auslande vergesse ... Doch wir werden darüber noch reden. Es hat keine Eile.« Sie begann wieder zu rauchen und ihn mit ihrem erregenden Lächeln anzusehen. Rougon hatte sich allmählich daran gewöhnt, sie so zu sehen, ohne sich die Fragen vorzulegen, die einst seine Neugier so lebhaft gereizt hatten. Sie gehörte jetzt mit zu seinen Gewohnheiten; er nahm sie jetzt als eine bekannte und eingereihte Erscheinung hin, deren Sonderbarkeiten ihn nicht im geringsten mehr überraschten. In Wirklichkeit aber wußte er noch immer nichts Genaues über sie; er kannte sie ebensowenig wie in den ersten Tagen. Sie war vielseitig: kindisch und dabei unergründlich; oft töricht, zuweilen außerordentlich scharfsinnig, sehr liebenswürdig und sehr boshaft. Wenn sie ihn noch manchmal durch eine Gebärde, ein unverstandenes Wort überraschte, hatte er dafür nur das Achselzucken des überlegenen Mannes und sagte sich, alle Weiber seien so. Damit glaubte er eine große Geringschätzung des weiblichen Geschlechtes zu bezeigen; das verschärfte nur Clorindens feines, grausames Lächeln, das nur die Spitzen ihrer Zähne zwischen den roten Lippen zeigte. »Was sehen Sie mich denn so an?« fragte er endlich, durch die großen Augen, die auf ihn gerichtet waren, belästigt. »Mißfällt Ihnen etwas an mir?« Ein verhohlener Gedanke blitzte im Grunde von Clorindens Augen auf, während zwei Falten ihrem Munde einen Ausdruck großer Härte verliehen. Aber sie nahm sofort ihr bezauberndes Lächeln wieder an und flüsterte, den Rauch in kleinen Ringeln fortblasend: »Nicht doch, Sie gefallen mir sehr gut ... Ich dachte an etwas, mein Lieber. Wissen Sie, daß Sie schreckliches Glück gehabt haben?« »Wieso?« »Ganz gewiß ... Sie stehen auf dem Gipfel, den Sie erreichen wollten. Alle Welt hat Sie mitgeschoben, die Ereignisse selbst haben Ihnen geholfen.« Er wollte antworten, da klopfte es an der Tür. Clorinde barg unwillkürlich die Zigarette hinter ihrem Rock. Es war ein Beamter, der Seiner Exzellenz eine sehr dringende Depesche überreichte. Rougon las sie mit verdrießlichem Gesichte und gab dem Beamten an, in welchem Sinne zu antworten sei. Dann schloß er die Tür heftig, setzte sich wieder und sagte: »Ja, ich habe Freunde, die mir sehr ergeben sind. Ich bemühe mich, es ihnen zu vergelten ... Sie haben recht, ich habe selbst den Ereignissen einiges zu danken. Der Mensch vermag oft nichts, wenn die Tatsachen ihm nicht helfen.« Während er dies langsam sagte, blickte er sie unter den schweren Lidern, die seine Augen fast verbargen, scharf an. Warum redete sie von seinem Glück? Was wußte sie von den Ereignissen, die ihn begünstigt hatten? Du Poizat hatte doch nicht geplaudert? Aber als er sie so lächelnd und träumerisch dasitzen sah, ihre Züge wie von einer sinnlichen Erinnerung bewegt, fühlte er, daß etwas anderes sie beschäftigte; sicher wußte sie nichts. Er selbst vergaß es und zog es vor, in seinem Gedächtnisse nicht zu forschen. Es gab in seinem Leben eine Stunde, die schließlich ihm selbst sehr verworren schien. Er glaubte, seine hohe Stellung wirklich den Bemühungen seiner Freunde zu verdanken. »Ich wollte nichts sein, man hat mich wider Willen vorwärts gedrängt«, fuhr er fort. »Schließlich hat sich alles zum Guten gewendet. Wenn ich etwas Gutes zu wirken vermag, werde ich mich befriedigt fühlen.« Er trank seinen Kaffee aus. Clorinde rollte ihre zweite Zigarette. »Entsinnen Sie sich?« flüsterte sie. »Als Sie vor zwei Jahren den Staatsrat verließen, fragte ich Sie nach dem Grunde dieser Unbesonnenheit. Damals spielten Sie den Duckmäuser, jetzt aber können Sie frei heraus reden... Sagen Sie mir offen, haben Sie dabei einen bestimmten Plan gehabt?« »Einen Plan hat man immer«, versetzte er bedeutungsvoll. »Ich fühlte, daß ich wankte, und tat den Sprung lieber selbst.« »Ist Ihr Plan gelungen? Haben die Dinge den Lauf genommen, den Sie vorausgesehen haben?« Er blinzelte mit gemütlicher Schlauheit und versetzte: »Das nicht. Sie wissen wohl, die Dinge gehen niemals so, wie man will. Wenn man nur sein Ziel erreicht!« Er unterbrach sich und bot ihr Likör an: »Curacao oder Chartreuse?« Sie nahm ein Gläschen von dem letzteren. Während er einschenkte, klopfte es wieder. Sie verbarg ihre Zigarette wie vorhin mit einer Gebärde der Ungeduld. Er erhob sich wütend, ohne die Flasche aus der Hand zu lassen. Diesmal war es ein Brief mit großem Siegel. Er durchflog ihn mit einem Blicke, steckte ihn in die Rocktasche und sagte: »Gut. Jetzt aber wünsche ich, nicht mehr gestört zu werden.« Als er ihr gegenüber wieder Platz genommen, netzte sie ihre Lippen in dem Gläschen, Tropfen für Tropfen schlürfend und den Minister von unten her mit funkelnden Augen anschauend. Sie befand sich wieder in einer weichen Stimmung, die ihr Gesicht verklärte. Sie stützte beide Ellbogen auf den Tisch und sagte sehr leise: »Nein, mein Lieber, Sie werden niemals alles wissen, was man für Sie getan hat.« Er rückte ihr näher, stützte sich ebenfalls auf den Tisch und rief lebhaft: »Halt! Das wollten Sie mir erzählen! Jetzt ist keine Geheimniskrämerei mehr am Platze, nicht wahr? ... Sagen Sie mir, was haben Sie getan?« Sie weigerte sich und bewegte lange das Kinn, indem sie fester auf ihre Zigarette biß. »So schrecklich ist es? Fürchten Sie vielleicht, ich würde meine Schuld nicht abtragen können? ... Warten Sie, ich werde mich aufs Raten verlegen ... Sie haben dem Papst geschrieben und mir einen Herrgott in meinen Wassertopf tauchen lassen, ohne daß ich es merkte?« Sie aber wurde über diesen Spaß erzürnt und drohte zu gehen, wenn er so fortfahre. »Lachen Sie nicht über die Religion!« sagte sie. »Das würde Ihnen Unglück bringen.« Dann fuhr sie ruhiger fort, verjagte mit der Hand den Rauch, der Rougon zu belästigen schien, und ihre Stimme nahm einen eigenen Klang an, als sie sagte: »Ich habe viele Menschen aufgesucht und habe Ihnen Freunde geworben.« Sie fühlte ein boshaftes Bedürfnis, ihm alles zu erzählen. Er sollte wissen, in welcher Weise sie bei seinem Glücke mitgeholfen hatte. Dies Geständnis war die erste Befriedigung ihres so lange verhaltenen Grolles. Wäre er in sie gedrungen, hätte sie ihm alles haarklein berichtet. Dieser Rückblick machte sie heiter, ein wenig ausgelassen, und wärmte ihre Haut mit goldigem Schmelz. »Ja, ja,« wiederholte sie, »Leute, die Ihren Plänen sehr feindlich gesinnt waren, habe ich für Sie erobern müssen, mein Lieber.« Rougon wurde sehr bleich. Er hatte begriffen und sagte nur: »Ah!« Er suchte diesen Gegenstand zu vermeiden. Sie aber bohrte ihre großen schwarzen Augen mit unverschämter Ruhe in die seinen und lachte aus vollem Halse. Da gab er nach und bequemte sich zu fragen: »Herrn von Marsy, nicht wahr?« Sie nickte und blies einen Mund voll Rauch über die Schulter. »Den Ritter Rusconi?« Sie bejahte abermals. »Herrn Lebeau, Herrn von Salneuve, Herrn Guyot-Laplanche?« Sie bejahte auch dies. Herrn von Plouguern aber wollte sie nicht zugeben. Den nicht. Und mit triumphierender Miene trank sie ihr Gläschen langsam vollends aus. Rougon war aufgestanden. Er ging durch den Saal, trat zurückkehrend hinter sie und flüsterte ihr zu: »Warum nicht mit mir?« Sie wandte sich schnell um aus Furcht, er möchte ihr Haar küssen. »Mit Ihnen? Das hätte ja keinen Zweck! Wozu mit Ihnen? ... Es ist eine Dummheit, was Sie da sagen! Vor Ihnen brauche ich Ihre Sache doch nicht zu verfechten.« Als er sie zornbleich ansah, schlug sie ein lautes Gelächter auf. »Ah, die liebe Unschuld! Man darf nicht einmal scherzen, er glaubt alles! ... Halten Sie mich eines solchen Handels wirklich für fähig, mein Lieber? Und noch dazu für Ihre schönen Augen? Übrigens, wenn ich wirklich alle diese Gemeinheiten begangen hätte, würde ich sie Ihnen gewiß nicht an die Nase hängen! ... Nein, Sie sind wirklich drollig!« Rougon verlor einen Augenblick die Fassung. Aber der spöttische Ton, womit sie selbst sich Lügen strafte, ließ sie nur noch herausfordernder erscheinen, ihre ganze Gestalt, ihr Lachen, das ihren Busen schüttelte, die Flamme ihrer Augen, alles wiederholte und bestätigte ihre Geständnisse. Er streckte den Arm aus, um sie zu umschlingen, da klopfte es zum drittenmal. »Meinetwegen«, murmelte sie. »Ich behalte diesmal meine Zigarette.« Ein Türsteher trat ganz außer Atem ein und meldete, Seine Exzellenz der Herr Justizminister wünsche Seine Exzellenz zu sprechen, und dabei schielte er zu der rauchenden Dame hinüber. »Sagen Sie, ich sei ausgegangen!« rief Rougon. »Ich bin für niemanden zu sprechen, hören Sie?« Als der Mann rückwärts mit einer Verbeugung hinausgegangen war, wurde Rougon wütend und schlug mit der Faust auf die Möbel. Man lasse ihn nicht mehr atmen; noch abends zuvor sei man bis in sein Ankleidezimmer gedrungen, während er sich rasierte. Clorinde schritt entschlossen der Tür zu und sagte: »Warten Sie, man soll uns nicht mehr stören!« Sie nahm den Schlüssel, steckte ihn ins Schloß und drehte zweimal herum. »So. Nun mögen sie klopfen.« Sie trat an das Fenster und drehte sich die dritte Zigarette. Er glaubte, ihm stehe ein Schäferstündchen bevor, kam heran und flüsterte ihr in den Nacken: »Clorinde!« Sie rührte sich nicht, und er sagte noch leiser: »Clorinde, weshalb willst du nicht?« Das Duzen nahm sie hin. Sie schüttelte den Kopf, aber nur schwach, als ob sie ihn ermutigen, vorwärts treiben wolle. Er wagte es nicht, sie zu berühren, er war mit einem Male furchtsam geworden und bat schön um Erlaubnis wie ein Schuljunge, dem sein erstes Liebesabenteuer alle Kraft lähmt. Endlich küßte er sie derb in den Nacken unter den Haarwurzeln. Da wandte sie sich verachtungsvoll um und rief: »Was, kommen Sie wieder auf solche Streiche, mein Lieber? Ich glaubte, Sie wären darüber hinaus ... Was für eine närrische Rolle spielen Sie! Sie umarmen die Weiber nach anderthalb Jahren Überlegens!« Gesenkten Hauptes fiel er über sie her und ergriff eine ihrer Hände, die er fast wund küßte. Sie sträubte sich nicht, fuhr aber fort ihn zu verspotten, ohne zu zürnen. »Beißen Sie mir nur nicht die Finger ab! Das ist alles, was ich verlange ... Ah, das hätte ich Ihnen nicht zugetraut! Sie waren so vernünftig geworden, als ich Sie in Ihrer Wohnung besuchte! Und jetzt werden Sie wieder toll, weil ich Ihnen Unsauberkeiten erzähle, an die ich, Gott sei Dank, nie gedacht habe! Sie sind mir nett, mein Lieber! ... Ich schmachte nicht so lange. Es ist eine alte Geschichte: Sie haben mich nicht gewollt, jetzt will ich Sie nicht mehr.« »Hören Sie mich an! Alles, was Sie wünschen!« flüsterte er. »Ich will alles tun, alles bewilligen.« Sie aber weigerte sich noch immer und strafte ihn jetzt in seinen sinnlichen Begierden dafür, daß er sie einst ausgeschlagen hatte. Es war ihre erste Rache. Sie hatte ihn allmächtig sehen wollen, um ihn dann abzuweisen und so sein männliches Kraftbewußtsein zu beschämen. »Niemals, niemals!« sagte sie immer wieder. »Haben Sie es ganz vergessen? Niemals!« Da warf sich Rougon ihr schmählich zu Füßen. Er umarmte ihr Kleid, er küßte ihre Knie durch die Seide. Das war nicht der weiche Stoff, den Frau Bouchard trug, sondern ein Paket ärgerlich dicken Stoffes, dessen Geruch ihn dennoch berauscht«. Sie überließ ihm achselzuckend ihre Röcke. Aber er wurde kühner, ließ die Hände tiefer gleiten und suchte ihre Füße unter dem Saume. »Nehmen Sie sich in acht!« sagte sie ruhig. Und als er trotzdem seine Hände unter ihr Kleid steckte, setzte sie ihm die brennende Zigarette auf die Stirn. Er sprang aufschreiend empor und wollte sich von neuem auf sie stürzen. Sie aber trat schnell beiseite und ergriff, sich nahe beim Kamin an die Wand lehnend, einen Glockenzug. »Ich klingle und sage, daß Sie mich eingeschlossen haben!« rief sie. Er machte kehrt und drückte die Fäuste an die Schläfen, am ganzen Leibe zitternd. Einige Sekunden blieb er so unbeweglich stehen und fürchtete, sein Kopf könne bersten. Er reckte sich in die Höhe, wie um sich mit einem Schlage zu beruhigen; ihm brausten die Ohren, rote Flammen zuckten vor seinen Augen und drohten ihn zu blenden. »Ich bin ein Vieh«, murmelte er. »Das ist blöd'.« Clorinde lachte mit Siegermiene und predigte ihm Moral. Er tue sehr unrecht, die Frauen zu verachten, er werde noch zu der Einsicht kommen, daß es sehr kluge Frauen gebe. Dann fand sie ihren gewöhnlichen, gutmütigen Ton wieder. »Wir grollen einander darum nicht, wie? ... Sehen Sie, das dürfen Sie nie von mir verlangen. Ich will nicht, ich mag nicht.« Rougon ging beschämt auf und ab. Sie ließ den Glockenzug fahren, setzte sich wieder an den Tisch und machte sich ein Glas Zuckerwasser zurecht. »Ich habe gestern einen Brief von meinem Manne bekommen«, fuhr sie ruhig fort. »Ich hatte heute früh so viel zu tun, daß ich vielleicht nicht zum Frühstück gekommen wäre, wenn ich ihn Ihnen nicht hätte zeigen wollen. Da haben Sie ihn ... Er erinnert Sie an Ihre Versprechungen.« Er nahm den Brief, las ihn im Gehen und warf ihn dann mit gelangweiltem Ausdruck vor sie auf den Tisch hin. »Nun?« fragte sie. Er antwortete nicht sogleich. Er beugte sich hinten über und gähnte leicht. »Er ist dumm!« sagte er endlich. Sie war sehr verletzt. Seit einiger Zeit duldete sie nicht mehr, daß man die Fähigkeiten ihres Gatten bezweifle. Sie senkte einen Augenblick den Kopf und hielt ihre vor Empörung zitternden Hände gewaltsam still. Nach und nach befreite sie sich von der Unterwürfigkeit der Schülerin und schien Rougon genug von seiner Kraft entlehnt zu haben und sich ihm als furchtbare Gegnerin entgegenzustellen. »Wenn wir diesen Brief zeigten, wäre es um ihn geschehen«, sagte der Minister, um sich für den Widerstand der Frau am Gatten zu rächen. »Der gute Mann ist nicht leicht unterzubringen!« »Sie übertreiben, mein Lieber!« nahm sie nach einer Weile das Wort. »Früher schwuren Sie darauf, daß er die schönste Zukunft vor sich habe. Er besitzt sehr ernste und sehr zuverlässige Vorzüge. Sie wissen: es sind nicht immer die wirklich gescheiten Männer, die am weitesten kommen.« Rougon zuckte nur die Achseln und setzte seinen Spaziergang fort. »Es liegt in Ihrem Interesse, daß er in das Ministerium eintritt. Sie hätten dort einen Freund mehr. Wenn der Minister für Handel und Ackerbau sich wirklich aus Gesundheitsrücksichten zurückzieht, wie man sagt, ist die beste Gelegenheit zur Hand. Mein Mann ist auf diesem. Gebiete ein Sachverständiger, und seine Sendung nach Italien empfiehlt ihn der Wahl der Kaisers ... Sie wissen, der Kaiser hält Stücke auf ihn, sie verstehen einander gut; sie haben gleiche Ansichten ... Ein Wort von Ihnen würde die Angelegenheit erledigen.« Er ging noch einige Male auf und ab, ohne zu antworten. Dann trat er vor sie hin und sagte: »Nun gut, ich will es tun ... Es gibt noch Dümmere. Aber ich tue es nur um Ihretwillen. Ich will Sie entwaffnen, denn Sie müssen gar schlimm sein. Nicht wahr, Sie sind sehr rachsüchtig?« Er scherzte. Sie lachte ebenfalls und wiederholte: »O ja, sehr rachsüchtig. Ich vergesse nichts.« Als sie ihn verließ, hielt er sie an der Tür noch einen Augenblick fest. Zweimal drückten sie einander kräftig die Hände, ohne ein Wort dabei zu sagen. Sobald Rougon allein war, kehrte er in sein Kabinett zurück. Das weite Gemach war leer. Er setzte sich an den Schreibtisch, stützte die Arme auf die Schreibmappe und schnaufte, daß es in der Stille doppelt laut klang. Die Augen fielen ihm zu, und für etwa zehn Minuten versank er in einen träumerischen Halbschlummer. Dann aber fuhr er auf, reckte die Arme und klingelte. Merle trat ein. »Der Herr Präfekt der Somme wartet noch immer, nicht wahr? Lassen Sie ihn eintreten!« Der Präfekt der Somme kam blaß und lächelnd und richtete seine kleine Gestalt stramm auf. Er verbeugte sich tadellos vor dem Minister. Rougon, noch etwas schlaftrunken, wartete und lud ihn zum Sitzen ein. »Herr Präfekt, ich habe Sie herberufen, um Ihnen gewisse Anweisungen mündlich zu geben ... Sie wissen, daß die revolutionäre Partei wieder das Haupt erhebt. Wir sind haarbreit an einer furchtbaren Katastrophe vorbeigekommen. Das Land will endlich beruhigt sein und sich unter dem kraftvollen Schutze der Regierung wissen. Seine Majestät der Kaiser ist seinerseits entschlossen, Exempel festzusetzen; denn bisher hat man seine Güte gröblichst mißbraucht. Er sprach langsam, in seinen Sessel zurückgelehnt und mit einem schweren Siegel mit Achatgriff spielend. Der Präfekt bestätigte jeden Satz mit lebhaftem Kopfnicken. »Ihr Departement«, fuhr der Minister fort, »ist eines der schlimmsten. Die republikanische Seuche ...« »Ich tue alles, was in meinen Kräften steht«, wollte der Präfekt sagen. »Lassen Sie mich ausreden ... Darum müssen wir dort mit Nachdruck auftreten. Um mich hierüber mit Ihnen zu verständigen, habe ich Sie zu sprechen gewünscht. Wir haben uns hier mit einer Arbeit beschäftigt und eine Liste aufgestellt ...« Er suchte zwischen seinen Papieren, ergriff einen Band und blätterte darin. »Man hat die nötig erscheinende Anzahl von Verhaftungen auf ganz Frankreich verteilen müssen. Die auf jedes Departement entfallende Zahl entspricht dem Eindrucke, der hervorgebracht werden soll ... Verstehen Sie unsere Absichten recht. Also im Departement Haute-Marne, wo es nur eine verschwindende Minderheit von Republikanern gibt, genügen drei Verhaftungen. Das Departement Meuse hingegen erfordert deren fünfzehn. Was Ihr Departement betrifft, die Somme, nicht wahr? Sagen wir, die Somme ...« Er blätterte weiter und blinzelte dabei. Endlich erhob er den Kopf und sah dem Beamten ins Gesicht. »Herr Präfekt, Sie haben zwölf Verhaftungen vorzunehmen.« Das blasse Männchen verbeugte sich, und wiederholte: »Zwölf Verhaftungen. Ich habe Eure Exzellenz vollkommen verstanden.« Aber er war verlegen und konnte eine leichte Unruhe nicht verbergen. Als der Minister sich nach einigen Minuten weiterer Unterhaltung erhob, um ihn zu verabschieden, entschloß er sich zu fragen: »Könnten Eure Exzellenz mir die Persönlichkeiten bezeichnen?« »Oh, verhaften Sie, wen Sie wollen! ... Um solche Kleinigkeiten kann ich mich nicht bekümmern. Woher soll ich die Zeit nehmen? Reisen Sie noch heute abend ab und beginnen Sie morgen mit den Verhaftungen ... Ich rate Ihnen, hoch zu greifen. Sie haben da genug Advokaten, Kaufleute und Apotheker, die sich mit Politik beschäftigen. Stecken Sie mir diese ganze Gesellschaft ein. Das macht mehr Eindruck.« Der Präfekt fuhr sich mit besorgter Gebärde über die Stirn, in seinem Gedächtnisse suchend, um Advokaten, Kaufleute, Apotheker zu finden. Er nickte immer wieder beistimmend. Aber Rougon war ohne Zweifel mit seiner schwankenden Haltung unzufrieden. »Ich darf Ihnen nicht verhehlen,« fuhr er fort, »daß Seine Majestät jetzt mit dem Verwaltungspersonal sehr unzufrieden ist. Es könnte bald ein starker Präfektenschub stattfinden. Wir brauchen in der gegenwärtigen bedenklichen Lage unbedingt zuverlässige Leute.« Das wirkte wie ein Peitschenhieb. »Exzellenz können auf mich rechnen!« rief der Präfekt. »Ich habe meine Leute schon gefunden: ein Apotheker zu Péronne, ein Zeughändler und ein Papierfabrikant zu Doullens; was die Advokaten betrifft, die fehlen nicht, das ist die reine Pest ... Oh, ich versichere Eurer Exzellenz, ich werde das Dutzend schon finden! ... Ich bin ein alter Diener des Kaiserreiches!« Er redete noch davon, daß das Land gerettet werden müsse, und ging mit einer sehr tiefen Verbeugung. Der Minister wiegte seinen mächtigen Körper und schaute nachdenklich hinter ihm drein; er traute den kleinen Leuten nicht. Ohne sich zu setzen, strich er die Somme mit Rotstift aus der Liste, wie es schon mit mehr als zwei Dritteln der Departements geschehen war. Im Kabinett herrschte noch das dumpfe Schweigen der grünen, bestaubten Vorhänge und der Fettgeruch, mit dem Rougons Wohlbeleibtheit es zu erfüllen schien. Als er Merle wieder klingelte und dabei das ganze Vorzimmer voll Menschen sah, fuhr er auf. Er glaubte sogar die beiden Damen am Tische wieder zu erkennen. »Ich habe Ihnen aufgetragen, die ganze Gesellschaft zu verabschieden!« rief er. »Ich gehe, ich kann nicht mehr empfangen.« »Der Herr Direktor der ›Volksstimme‹ ist da«, murmelte Merle. Rougon hatte ihn vergessen. Er ballte die Fäuste hinter dem Rücken und befahl, ihn einzulassen. Es war ein wohlgenährter Mann von etwa vierzig Jahren, sehr sorgfältig gekleidet. »Ah, da sind Sie ja, mein Herr!« fuhr ihn der Minister an. »Die Dinge können so unmöglich weiter gehen. Das sage ich Ihnen!« Auf und ab gehend, überhäufte er die Presse mit Schmähworten. Sie verbreite Verwirrung und Sittenlosigkeit, sie treibe zu allen Ausschreitungen an. Ihm seien die Straßenräuber noch lieber als die Journalisten; ein Dolchstoß sei zu heilen, aber die Federstiche seien vergiftet, und er fand andere, noch schlimmere Vergleiche. Nach und nach fing er an sich selbst anzufeuern, seine Stimme schwoll zum Donner an. Der Direktor ließ mit unterwürfigem und bestürztem Gesicht das Gewitter über sich ergehen und fragte endlich: »Wenn Exzellenz mir gütigst erklären wollten, ich verstehe nicht recht, warum ...« »Was, warum!« schrie Rougon aufgebracht. Er stürzte auf den Schreibtisch zu, breitete das Blatt darauf aus und zeigte ihm die vom Rotstift ganz durchsetzten Spalten. »Keine zehn Zeilen sind einwandfrei! In Ihrem Leitartikel scheinen Sie die Unfehlbarkeit der Regierung in Sachen der Unterdrückung zu bezweifeln. In diesem Abschnitte auf der zweiten Seite scheinen Sie auf mich anzuspielen, indem Sie von Emporkömmlingen reden, die der Erfolg unverschämt macht. In den Vermischten Nachrichten bringen Sie schmutzige Geschichten, alberne Ausfälle gegen die höheren Klassen.« Der erschrockene Direktor legte die Hände zusammen und versuchte eine Einrede. »Ich schwöre Eurer Exzellenz ... Ich bin außer mir, daß Exzellenz einen Augenblick glauben konnten ... Ich, der ich für Exzellenz eine so glühende Bewunderung hege. Aber Rougon hörte nicht auf ihn. »Und was das Schlimmste ist, mein Herr, jedermann kennt die Bande, die Sie an die Regierung knüpfen. Wie können die anderen Blätter uns achten, wenn die von uns bezahlten es nicht tun? Seit heute früh haben alle meine Freunde mich auf diese Abscheulichkeiten aufmerksam gemacht.« Darauf begann der Direktor mit Rougon um die Wette zu schreien. Diese Stellen seien ihm nicht vor die Augen gekommen. Aber er werde alle seine Redakteure vor die Tür setzen. Wenn Exzellenz es wünsche, werde er jeden Morgen einen Abzug der Nummer einreichen. Rougon lehnte es beruhigt ab, dazu habe er keine Zeit. Er drängte ihn zur Tür, als ihm noch etwas einfiel. »Noch eins. Ihre Erzählung ist gemein. Diese wohlerzogene Frau, die ihren Mann betrügt, ist ein verabscheuungswürdiger Vorwurf gegen die gute Erziehung. Man darf nicht sagen, daß eine anständige Frau einen Fehltritt begehen kann.« »Die Geschichte gefällt sehr!« murmelte der Direktor, von neuem besorgt. »Ich habe sie gelesen und sehr interessant gefunden!« »So, Sie haben Sie gelesen! Hat diese Unglückliche denn schließlich wenigstens Gewissensbisse?« Der Direktor rieb sich verwirrt die Stirn und suchte sich zu besinnen. »Gewissensbisse? Nein, ich glaube nicht.« Rougon hatte die Tür geöffnet und schrie, als er sie hinter ihm schloß: »Sie muß durchaus Gewissensbisse haben. Verlangen Sie vom Verfasser, daß er ihr Gewissensbisse beilege!« Zehntes Kapitel Rougon hatte an Du Poizat und Herrn Kahn geschrieben, daß man ihm die Unbequemlichkeiten eines festlichen Empfanges an den Toren von Niort ersparen möge. Er kam Samstag abend gegen sieben Uhr an und begab sich geradeswegs zur Präfektur in der Absicht, bis zum folgenden Mittag auszuruhen, denn er war sehr müde. Nach dem Essen kamen jedoch einige Gäste. Die Nachricht von der Ankunft des Ministers mußte schon die Stadt durcheilt haben. Die Tür eines dem Speisesaale benachbarten Salons wurde geöffnet, und eine Art Empfang begann. Rougon stand am Fenster, mußte sein Gähnen unterdrücken und die Begrüßungen freundlich beantworten. Ein Abgeordneter des Bezirkes, der Advokat, der die Regierungskandidatur des Herrn Kahn geerbt hatte, erschien zuerst. Er war ganz außer sich, in Überzieher und hellen Beinkleidern, und entschuldigte sich damit, daß er eben zu Fuß von einem seiner Güter komme; trotzdem habe er Seine Exzellenz sofort begrüßen wollen. Dann kam ein kleiner dicker Mensch, in einen zu engen Frack eingeschnürt, in weißen Handschuhen und mit förmlicher, niedergeschlagener Miene, der erste Gehilfe des Bürgermeisters. Er war soeben von seiner Magd in Kenntnis gesetzt worden und wiederholte immerfort, der Herr Bürgermeister werde untröstlich sein, er habe Seine Exzellenz erst für den folgenden Tag erwartet und befinde sich auf seinem zehn Kilometer entfernten Gute. Nach ihm kamen noch sechs Herren: große Füße, dicke Hände, hohe, massive Gestalten; der Präfekt stellte sie als ausgezeichnete Mitglieder der statistischen Gesellschaft vor. Der Gymnasialdirektor endlich brachte seine Frau mit, eine reizende, achtundzwanzigjährige Blonde aus Paris, deren Toiletten Niort in Aufruhr brachten. Sie beklagte sich vor Rougon bitter über die Provinz. Inzwischen wurde Herr Kahn, der mit dem Minister und dem Präfekten gespeist hatte, über die Feierlichkeit ausgefragt. Man werde sich eine Meile weit vor die Stadt begeben, nach »den Mühlen«, wie die Gegend hieß, an den Eingang eines Tunnels der Bahn von Niort nach Angers, und Seine Exzellenz der Minister des Innern werde selbst die erste Mine entzünden. Das schien rührend. Rougon spielte den Gutmütigen. Er wolle nur das so mühsame Unternehmen eines alten Freundes ehren. Übrigens betrachte er sich als einen Pflegesohn des Kreises Deux-Sèvres, weil dieser ihn einst in die gesetzgebende Versammlung geschickt habe. Der wirkliche Zweck dieser ihm von Du Poizat lebhaft angeratenen Reise war jedoch der, ihn seinen alten Wählern in seiner ganzen Macht zu zeigen, um seine Kandidatur vollends zu sichern, falls er wieder einmal in den gesetzgebenden Körper eintreten wollte. Durch die Fenster des Salons sah man die Stadt schwarz und schlafend daliegen. Niemand kam mehr; man hatte des Ministers Ankunft zu spät erfahren. Das war ein Triumph für die Eifrigen, die sich dort befanden. Sie dachten nicht daran zu gehen, sie blähten sich auf in der Freude, die ersten zu sein, die Se. Exzellenz in kleiner Gesellschaft den Ihren nennen durften. Der Bürgermeistergehilfe sagte zum soundso vielten Male mit klagender Stimme, aus der man seinen geheimen Jubel heraushörte: »Mein Gott, wie wird es dem Herrn Bürgermeister leid tun! ... Und dem Herrn Präsidenten! Und dem Herrn Staatsanwalt und all den anderen Herren!« Gegen neun Uhr konnte man glauben, daß sich die ganze Stadt im Vorzimmer befinde, so mächtig war das Geräusch von Tritten. Darauf meldete ein Diener, der Herr Polizeizentralkommissar wünsche Seiner Exzellenz seine Aufwartung zu machen. Und herein trat Gilquin, prächtig herausstaffiert, in Frack, strohgelben Handschuhen und Ziegenlederstiefeln. Du Poizat hatte ihn in seinem Kreise untergebracht. Gilquin benahm sich sehr anständig; er hatte nur ein etwas gewagtes Wiegen der Schultern beibehalten, sowie die Angewohnheit, sich nicht von seinem Hute zu trennen, er stützte ihn gewöhnlich leicht umgekehrt auf seine Hüfte, in der studierten Haltung, wie er es auf einem Modekupfer gesehen. Er verneigte sich vor Rougon und murmelte mit übertriebener Demut: »Ich empfehle mich der freundlichen Erinnerung Eurer Exzellenz, die ich öfter in Paris zu sehen die Ehre hatte.« Rougon lächelte, und sie plauderten einen Augenblick. Dann begab sich Gilquin in den Speisesaal, wo der Tee gereicht wurde. Er fand dort Herrn Kahn damit beschäftigt, die Liste der für morgen Eingeladenen nochmals durchzusehen. Im Salon redete man unterdessen von der Größe der Regierung; Du Poizat stand neben Rougon und pries das Kaiserreich, und beide tauschten Schmeicheleien darüber aus, als hätten sie sich seiner als eines eigenen Werkes vor den Maulaffen feilhaltenden Bewohnern von Niort zu rühmen. »Sind das Prachtkerle!« brummte Gilquin, durch die große offene Tür diese Szene betrachtend. Indem er beständig Rum in seinen Tee goß, stieß er Herrn Kahn an den Ellbogen. Dabei lachte er behaglich über den mageren und eifrigen Du Poizat, den er mit seinen schiefen weißen Zähnen und seinem Gesichte, das dem eines Kindes im Fieber glich und im Triumphe leuchtete, »sehr gelungen« fand. »Sie haben ihn nicht im Kreise ankommen sehen!« fuhr er leise fort. »Ich war bei ihm. Er stampfte beim Gehen fest auf und schaute wütend drein. Er muß die Leute hier gehörig im Magen haben. Seit er Präfekt ist, macht er sich ein Vergnügen daraus, sich für seine Kindheit zu rächen. Die Spießbürger, die ihn einst als armen Schlucker gekannt haben, wagen es nicht mehr zu lächeln, wenn er vorbeigeht – dafür stehe ich Ihnen. Er ist ein vollwichtiger Präfekt, einer, der ganz bei der Sache ist. Er hat nicht die geringste Ähnlichkeit mit diesem Langlade, den wir ersetzt haben, einem Schürzenjäger, blond wie ein Mädchen... Wir haben Photographien von sehr dekolletierten Damen selbst in den Aktenbündeln gefunden.« Gilquin schwieg einen Augenblick. Er glaubte zu bemerken, daß die Frau des Gymnasialdirektors in der Ecke ihn nicht aus den Augen lasse. Um seine Gestalt möglichst vorteilhaft zu zeigen, bog er sich nieder und flüsterte Herrn Kahn zu: »Haben Sie von der Begegnung Du Poizats mit seinem Vater gehört? Sie wissen, der Alte ist ein ehemaliger Gerichtsvollzieher, hat sich reich gewuchert und lebt jetzt wie ein Wolf in einem alten, halb eingefallenen Hause mit geladenen Schußwaffen im Flur ... Du Poizat, dem er zwanzigmal den Galgen prophezeit hat, träumte schon lange davon, seinem Väter zu imponieren. Das war der Hauptgrund, weshalb er hier Präfekt werden wollte... Eines Morgens also wirft sich mein Du Poizat in Gala und klopft beim Alten an unter dem Vorwande, er sei auf einer Inspektionsreise. Eine gute Viertelstunde wird hin und her parlamentiert und endlich geöffnet. Ein blasser Alter starrt mit verblüfftem Gesichte auf die goldgestickte Uniform. Wissen Sie, was er sagte, als er erfuhr, sein Sohn sei Präfekt? ›He, Leopold, schicke nicht mehr wegen der Steuern!‹ Im übrigen weder Erregung noch Überraschung. Du Poizat kehrte heim mit eingekniffenen Lippen, das Gesicht so weiß wie sein Hemd. Dieser Gleichmut seines Vaters brachte ihn auf. Das war einer, bei dem er nicht aufkam.« Herr Kahn nickte leicht. Er hatte die Liste der Einladungen wieder eingesteckt und trank nun ebenfalls eine Tasse Tee, wobei er immer in den Salon hinüberblickte. »Rougon schläft im Stehen«, bemerkte er. »Diese Dummköpfe sollten ihn schlafen gehen lassen. Er muß morgen bei Kräften sein.« »Ich sehe ihn zum erstenmal wieder«, äußerte Gilquin. »Er ist dick geworden.« Dann wiederholte er leise: »Sehr pfiffig diese Kerle! Sie müssen bei dem Hauptstreiche einen kapitalen Kniff angewendet haben. Ich hatte ihnen die Nachricht gebracht. Am andern Tage – bums! ging es dennoch los. Rougon behauptet, er sei zur Polizei gegangen, wo niemand ihm habe Glauben schenken wollen. Na, das ist schließlich seine Sache, darüber brauchte man nicht zu reden ... Dieses Vieh von Du Poizat hatte mir ein famoses Frühstück in einem Boulevardcafé bezahlt. Oh, war das ein Tag! Den Abend haben wir im Theater zubringen müssen; ich entsinne mich an nichts mehr, ich habe zwei Tage danach geschlafen.« Herr Kahn fand Gilquins vertrauliche Mitteilungen offenbar beunruhigend und verließ den Speisesaal. Gilquin, allein zurückgeblieben, war jetzt überzeugt, daß die Frau des Gymnasialdirektors ihn entschieden ins Auge gefaßt habe. Er kehrte in den Salon zurück, machte sich um sie zu schaffen und brachte ihr schließlich Tee, Gebäck und Brötchen. Er sah gar nicht übel aus, wie ein Mensch von guter Gesellschaft, aber schlechter Erziehung, was die schöne Blonde allmählich zu erweichen schien. Der Abgeordnete erörterte inzwischen die Notwendigkeit einer neuen Kirche in Niort, der Bürgermeistergehilfe bat um eine Brücke, der Direktor um Erweiterung des Gymnasialgebäudes, während die sechs Mitglieder der statistischen Gesellschaft nur zustimmend nickten. »Wir werden morgen sehen, meine Herren«, versetzte Rougon mit halbgeschlossenen Augen. »Ich bin gekommen, um Ihre Wünsche kennenzulernen und Ihnen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.« Um zehn Uhr kam ein Diener und flüsterte dem Präfekten ein Wort zu. Als dieser es dem Minister zugeraunt hatte, eilte letzterer in ein Nebenzimmer und fand hier Frau Correur. Sie hatte ein großes und hageres Mädchen bei sich, dessen unschönes Gesicht ganz mit Sommersprossen bedeckt war. »Wie, Sie sind in Niort?« rief Rougon. »Erst seit heute nachmittag«, erwiderte Frau Correur. »Wir sind da gegenüber abgestiegen, im Hotel ›Stadt Paris‹ am Präfekturplatz.« Darauf berichtete sie, daß sie von Coulonges komme, wo sie zwei Tage zugebracht habe. Dann stellte sie das große Mädchen vor: »Fräulein Herminie Billecoq, die so freundlich war, mich zu begleiten.« Herminie Billecoq verbeugte sich förmlich, und Frau Correur fuhr fort: »Ich habe Ihnen von dieser Reise nichts gesagt, weil Sie vielleicht mit mir unzufrieden gewesen wären, aber das Verlangen, meinen Bruder zu sehen, hat mich überwältigt. ... Als ich von Ihrer Reise nach Niort erfuhr, bin ich hergeeilt. Wir haben Sie mit Späherblicken verfolgt und in die Präfektur eintreten sehen; doch hielten wir es für besser, uns erst spät vorzustellen. Die kleinen Städte sind solche Klatschnester.« Rougon nickte zustimmend. Die feiste Frau Correur, rosig geschminkt und gelb gekleidet, schien ihm in der Provinz tatsächlich kompromittierend. »Haben Sie Ihren Bruder gesehen?« fragte er. »Ja, ja«, knirschte sie mit zusammengepreßten Zähnen. »Frau Martineau hat nicht gewagt, mich vor die Tür zu setzen, aber sie hat hinter mir mit Zucker ausgeräuchert... Der arme Bruder! Ich wußte, daß er krank sei, aber es gab mir wirklich einen Stich ins Herz, ihn so abgefallen zu sehen. Er hat mir versprochen, mich nicht zu enterben; das sei gegen seine Grundsätze. Das Testament ist geschrieben, das Vermögen wird zwischen mir und Frau Martineau geteilt... Nicht wahr. Herminie?« »Das Vermögen wird geteilt«, bestätigte die Angeredete. »Er hat es gesagt, als Sie eintraten, und er hat es wiederholt, als er Ihnen die Tür wies. Gewiß, ich habe es gehört!« Inzwischen verabschiedete Rougon die beiden Frauen mit den Worten: »Gut, es freut mich sehr! Sie sind jetzt ruhiger. Mein Gott, Familienzwistigkeiten werden schließlich immer beigelegt. Guten Abend also. Ich lege mich schlafen.« Aber Frau Correur hielt ihn zurück. Sie hatte ihr Taschentuch gezogen und drückte es in einem Verzweiflungsanfall vor die Augen. »Der arme Martineau!... Er war so gut, er hat mir so leicht verziehen!... Wenn Sie wüßten, mein Freund. Seinetwegen bin ich gekommen, um Sie für ihn anzuflehen...« Tränen erstickten ihre Stimme. Sie schluchzte laut auf. Rougon, der nicht begriff, was es bedeuten sollte, blickte erstaunt auf die beiden. Fräulein Herminie Billecoq weinte gleichfalls, aber leiser; sie war sehr zartfühlend, sie litt an der ansteckenden Rührseligkeit. Sie sprach zuerst und stammelte: »Herr Martineau hat sich politisch kompromittiert.« Da fand auch Frau Correur wieder Worte und ließ ihrem Redestrom freien Lauf. »Sie werden sich entsinnen, daß ich Ihnen gegenüber eines Tages Bedenken geäußert habe. Ich hatte ein Vorgefühl... Martineau ging unter die Republikaner. Bei den letzten Wahlen hat er sich dazu hinreißen lassen, nach Kräften für den Kandidaten der Opposition zu wirken. Ich kannte die Einzelheiten, will Sie aber damit verschonen. Kurz, es konnte kein gutes Ende nehmen. Sobald ich zu Goulonges im ›Goldenen Löwen‹ abgestiegen war, begann ich zu fragen und erfuhr alles. Martineau hat alle möglichen Dummheiten begangen. Es würde niemanden im Lande wundernehmen, wenn er verhaftet würde. Man erwartet von Tag zu Tag, daß die Gendarmen ihn fortschleppen... Denken Sie sich, was für ein Unglück das für mich wäre! Deshalb habe ich an Sie gedacht, mein Freund...« Wieder erstickte ihre Stimme in Schluchzen. Rougon suchte sie zu beruhigen. Er wolle mit Du Poizat reden und die Verfolgung aufhalten, falls sie schon begonnen hätte. Er ließ sich selbst das Wort entschlüpfen: »Ich bin der Herr, schlafen Sie ruhig!« Frau Correur nickte und wickelte mit trockenen Augen ihr Taschentuch zusammen. Dann fügte sie noch leise hinzu: »Nein, nein, Sie haben keine Ahnung: Es ist schlimmer, als Sie sich vorstellen können... Er geleitet seine Frau zur Messe und bleibt selbst an der Tür, weil er keinen Fuß in die Kirche setzen will. Das ist ein Ärgernis Sonntag für Sonntag. Er besucht oft einen alten Advokaten, der sich dorthin zurückgezogen hat, einen Achtundvierziger, mit dem man ihn stundenlang schreckliche Dinge reden hört. Oft hat man nächtlicherweile verdächtige Gestalten in seinen Garten schlüpfen sehen, ohne Zweifel, um irgendein Losungswort zu holen.« Bei jedem Satze zuckte Rougon die Achseln; aber Fräulein Billecoq fügte erregt hinzu, wie entrüstet über solche Duldsamkeit: »Und die rot gesiegelten Briefe, die er aus allen Weltgegenden bekommt, wie uns der Briefträger gesagt hat. Er wollte nicht mit der Sprache heraus, er war ganz bleich. Wir haben ihm zwanzig Sous geben müssen ... Und seine letzte Reise vor vier Wochen. Er ist acht Tage fort gewesen, und noch heute weiß niemand in der Gegend wohin. Die Wirtin vom ›Goldenen Löwen‹ hat uns versichert, er habe nicht einmal einen Koffer mitgenommen.« »Herminie, ich bitte Sie!« sagte Frau Gorreur beunruhigt. »Martineau sitzt tief genug drin. Es ist nicht unsere Sache, seine Lage noch zu verschlimmern.« Rougon hörte jetzt zu und ließ seine Blicke von der einen zur andern schweifen. Er war sehr ernst geworden und murmelte: »Wenn er sich so kompromittiert hat! ...« Er glaubte, in den trüben Augen der Frau Correur eine Flamme aufleuchten zu sehen, und fuhr fort: »Ich werde mein Möglichstes tun, aber ich kann nichts versprechen.« »Ach, er ist verloren, er ist verloren!« rief Frau Correur. »Ich fühle es ... Wir wollen nichts sagen. Wenn wir Ihnen alles sagten ...« Sie hielt inne und kaute an ihrem Taschentuch. »Zwanzig Jahre lang habe ich ihn nicht gesehen! Und ich muß ihn wiederfinden, um ihn vielleicht nie wiederzusehen! ... Er war so gut, so gut!« Herminie zuckte leicht die Achseln und winkte Rougon zu, er möge der Verzweiflung einer Schwester vergeben, aber der alte Notar sei der schlechteste aller Halunken. »Ich an Ihrer Stelle würde alles berichten«, sagte sie. »Es ist besser.« Da schien sich Frau Correur zu einer großen Tat aufzuraffen: »Sie erinnern sich, daß überall das Tedeum gesungen wurde, als der Kaiser vor der Oper so wunderbar gerettet worden ... Als man es in Coulonges sang, fragte ein Nachbar Martineau, ob er nicht zur Kirche gehen wolle, und dieser Unglückliche antwortete: ›Wozu in die Kirche? Ich frage den Teufel nach dem Kaiser!‹« »Ich frage den Teufel nach dem Kaiser!« wiederholte Fräulein Herminie Billecoq fassungslos. »Begreifen Sie jetzt meine Besorgnis?« führ Frau Correur fort. »Ich sage Ihnen, seine Verhaftung würde niemanden in der Gegend überraschen.« Bei diesen Worten sah Rougon ihr fest in die Augen. Er antwortete nicht gleich. Er schien zum letztenmal dieses dicke, schwammige Gesicht zu befragen, dessen matte Augen unter den dünnen, blonden Brauen hervorzwinkerten. Einen Augenblick ruhte sein Auge auf dem fetten, weißen Halse. Dann streckte er die Arme aus und rief: »Ich vermag nichts, glauben Sie mir. Ich bin nicht der Herr.« Dann führte er Gründe an. Er mache sich ein Gewissen daraus, sich in solche Sachen zu mischen. Wenn die Gerechtigkeit sich zum Einschreiten veranlaßt sehe, müsse man ihr freien Lauf lassen. Hätte er Frau Correur doch lieber nicht gekannt! Seine Freundschaft zu ihr könne ihm die Hände binden, aber er habe geschworen, gewisse Dienste selbst seinen Freunden zu verweigern. Er werde Erkundigungen einziehen. Schließlich begann er, sie zu trösten, als ob ihr Bruder schon nach einer Verbannungskolonie unterwegs sei. Sie senkte den Kopf und schluchzte leise, wobei jedesmal der ungeheure blonde Haarwulst auf ihrem Kopfe ins Wanken geriet. Endlich beruhigte sie sich. Als sie sich verabschiedete, schob sie Herminie vor sich hin und sagte: »Fräulein Herminie Billecoq ... Ich glaube, ich habe sie Ihnen schon vorgestellt. Entschuldigen Sie, ich habe einen so wirren Schädel! ... Es ist das Fräulein, das auszustatten uns gelungen ist. Der Offizier, ihr Verführer, hat sie noch nicht heimführen können, weil die Förmlichkeiten kein Ende nehmen ... Danken Sie Seiner Exzellenz, liebes Kind!« Das Mädchen dankte errötend mit dem Gesichte einer Unschuld, die ein unziemliches Wort vernommen hat. Frau Correur ließ sie vorangehen, dann drückte sie Rougon sehr warm die Hand und flüsterte ihm zu: »Ich rechne auf Sie, Eugène.« Als der Minister in den Salon zurückkehrte, fand er ihn leer. Es war Du Poizat gelungen, den Abgeordneten, den ersten Adjunkten und die sechs Mitglieder der statistischen Gesellschaft zu verabschieden. Selbst Herr Kahn war gegangen, nachdem er die Zusammenkunft auf zehn Uhr am nächsten Vormittag festgesetzt hatte. Im Speisesaale waren nur noch die Frau des Direktors und Gilquin, die Backwerk knabberten und dabei von Paris plauderten. Gilquin warf zärtliche Blicke, sprach von den Rennen, vom Gemäldesalon, von einer Erstaufführung im Französischen Lustspielhause mit der Sicherheit eines Mannes, der in allen Gesellschaftskreisen zu Hause ist. Inzwischen berichtete der Direktor dem Präfekten leise über einen Lehrer der Quarta, der in republikanischem Geruche stand. Es war elf Uhr. Man erhob sich, um Seiner Exzellenz gute Nacht zu wünschen, und Gilquin zog sich mit dem Direktor und dessen Frau zurück, indem er ihr den Arm bot, aber Rougon winkte ihn zu sich. »Herr Zentralkommissar, ich bitte um ein Wort.« Als sie allein waren, redete er zugleich ihn und den Präfekten an: »Was für eine Geschichte ist das mit dem Martineau? ... Ist der Mann wirklich sehr verdächtig?« Gilquin lächelte, und Du Poizat berichtete Näheres: »Mein Gott, an den denke ich nicht. Man hat ihn angezeigt. Ich habe Briefe erhalten ... Freilich beschäftigt er sich mit Politik. Aber wir haben im Kreise schon vier Verhaftungen vorgenommen. Ich möchte, um die vorgeschriebene Zahl von fünf voll zu machen, lieber einen Lehrer der Quarta einstecken, der seinen Schülern revolutionäre Bücher vorliest.« »Ich habe sehr belastende Tatsachen in Erfahrung gebracht«, sagte Rougon streng. »Die Tränen seiner Schwester können diesen Martineau nicht retten, wenn er wirklich so gefährlich ist. Es handelt sich um die öffentliche Wohlfahrt.« Er wandte sich an Gilquin und fragte: »Was gedenken Sie zu tun?« »Ich werde morgen zur Verhaftung schreiten«, erwiderte dieser. »Ich kenne die ganze Geschichte. Ich habe Frau Correur in der ›Stadt Paris‹ gesehen, wo ich gewöhnlich esse.« Du Poizat wandte nichts dagegen ein. Er zog ein kleines Taschenbuch, strich darin einen Namen aus und schrieb einen andern dafür hin, indem er dem Polizeikommissar zugleich empfahl, den Lehrer der Quarta auf jeden Fall zu überwachen. Rougon begleitete Gilquin bis zur Tür und sagte noch: »Dieser Martineau ist etwas leidend. Gehen Sie persönlich nach Goulonges und handeln Sie so schonend wie möglich.« Aber Gilquin richtete sich mit verletzter Miene auf. Er setzte alle Achtung vor der Exzellenz beiseite, duzte sie sogar und rief: »Hältst du mich denn für einen gemeinen Spion? Laß dir von Du Poizat die Geschichte von dem Apotheker erzählen, den ich vorgestern im Bette verhaftet habe. Bei ihm lag die Frau eines Gerichtsvollziehers. Niemand hat etwas erfahren ... Ich handle stets als Mann von Welt.« Rougon lag neun Stunden in tiefem Schlafe. Als er gegen halb neun Uhr erwachte, ließ er Du Poizat rufen, der mit sehr vergnügter Miene kam, die Zigarre im Munde. Sie plauderten und scherzten wie einst, als sie noch bei Frau Gorreur wohnten und sich morgens durch Klapse auf die nackten Schenkel zu wecken pflegten. Beim Waschen fragte der Minister den Präfekten mancherlei über das Land, die Beamten, die Bedürfnisse der einen und die Ansprüche der anderen. Er wollte für jeden ein freundliches Wort finden. »Keine Furcht, ich werde Ihnen schon vorsagen!« versicherte Du Poizat lachend. Darauf unterrichtete er ihn kurz über Persönlichkeiten, mit denen er in Berührung kommen werde. Rougon ließ ihn zuweilen eine Sache wiederholen, um sie seinem Gedächtnisse besser einzuprägen. Um zehn Uhr kam Herr Kahn. Sie frühstückten zu Dreien und setzten dabei die letzten Einzelheiten der Feierlichkeit fest. Der Präfekt hatte eine Rede zu halten, Herr Kahn ebenfalls. Rougon würde zuletzt reden. Aber es würde besser sein, noch eine vierte Rede folgen zu lassen. Einen Augenblick dachte man an den Bürgermeister, doch Du Poizat fand ihn zu dumm und empfahl den staatlichen Bauingenieur, der natürlich dazu berufen war, dessen kritischen Blick jedoch Herr Kahn fürchtete. Als sie sich endlich erhoben, nahm er den Minister beiseite, um ihm die Punkte anzudeuten, die er in seiner Rede betont sehen möchte. Um halb elf Uhr wollte man sich in der Präfektur versammeln. Der Bürgermeister und sein erster Beamter fanden sich zugleich ein, ersterer stotterte und war trostlos, daß er sich am Abend zuvor nicht in Niort befunden habe, während letzterer sich bei Seiner Exzellenz höflichst erkundigte, ob sie eine gute Nacht gehabt und sich erholt habe. Darauf erschienen der Gerichtspräsident, der Staatsanwalt und seine beiden Beamten, der Leiter des Staatsbauamtes, denen der Obersteuereinnehmer, der Direktor der direkten Steuern und der Vorstand des Grundbuchamtes folgten, mehrere der Herren mit ihren Damen. Die Frau des Gymnasialdirektors, die niedliche Blonde, brachte in ihrer himmelblauen, sehr pikanten Toilette eine große Bewegung hervor; sie bat Seine Exzellenz, ihren Gatten zu entschuldigen, der sich abends zuvor bei der Heimkehr einen Gichtanfall zugezogen habe und deshalb nicht kommen könne. Inzwischen fanden sich die übrigen ein: der Oberst des achtundsiebzigsten Linienregiments, das in Niort lag, der Präsident des Handelsgerichtes, die beiden Friedensrichter der Stadt, der Forstinspektor mit seinen drei Töchtern, Gemeinderäte, Abgeordnete der Handels- und Gewerbekammer, der statistischen Gesellschaft und des Schiedsrichteramtes. Der Empfang fand im großen Saale der Präfektur statt. Du Poizat besorgte die Vorstellungen, und der Minister begrüßte mit höflicher Verbeugung jedermann als alten Bekannten. Er war über alle erstaunlich gut unterrichtet. Er sprach mit dem kaiserlichen Staatsanwalt in Ausdrücken der wärmsten Anerkennung über eine jüngst von ihm gehaltene Anklagerede in einer Ehebruchssache; er erkundigte sich beim Steuerdirektor mit bewegter Stimme nach dessen Frau, die seit zwei Monaten das Bett hüten mußte; er hielt den Oberst der Achtundsiebziger einen Augenblick fest, um ihm zu zeigen, daß ihm die erfolgreichen Studien seines Sohnes zu Saint-Cyr keineswegs unbekannt seien; er redete über Fußbekleidung mit einem Gemeinderat, der große Schuhwerkstätten besaß, und begann mit dem Grundbuchführer, einem leidenschaftlichen Archäologen, eine Unterhaltung über den in der letzten Woche aufgefundenen Druidenstein. Blieb er einmal stecken, dann kam Du Poizat ihm mit einem geschickt eingeworfenen Worte zu Hilfe. Übrigens bewahrte er eine vorzügliche Haltung. Als der Präsident des Handelsgerichtes mit einer Verbeugung eintrat, rief er ihm leutselig entgegen: »Sie kommen allein, Herr Präsident? Ich hoffe aber, Sie werden heute abend zum Festessen Ihre Frau Gemahlin mitbringen ...« Als er die verblüfften Gesichter um sich her sah, hielt er inne. Du Poizat stieß ihn leicht an. Da erinnerte er sich, daß der Präsident des Handelsgerichtes infolge gewisser Vorfälle von seiner Frau getrennt lebe. Er hatte sich geirrt, er hatte mit dem Präsidenten des Zivilgerichtes zu reden geglaubt. Das aber brachte ihn nicht im mindesten aus der Fassung. Noch immer lächelnd, ohne sein Versehen zu beachten, fuhr er mit schlauer Miene fort: »Ich habe eine gute Nachricht für Sie, mein Herr. Ich weiß, daß mein Kollege, der Justizminister, Sie zu einer Auszeichnung vorgeschlagen hat ... Es ist eine Indiskretion von mir, hüten Sie also das Geheimnis.« Der Präsident des Handelsgerichtes wurde sehr rot. Er erstickte fast vor Freude. Man umdrängte und beglückwünschte ihn, während Rougon dieses Kreuz, das er mit so vieler Geistesgegenwart verliehen, seinem Gedächtnisse einprägte, damit er nicht vergesse, seinen Kollegen daran zu erinnern. Er zeichnete den betrogenen Ehemann aus. Du Poizat konnte ein Lächeln der Bewunderung nicht unterdrücken. Inzwischen hatten sich etwa fünfzig Personen in dem großen Saale versammelt. Man wartete noch immer, schweigend und verlegen. »Es wird Zeit, wir können aufbrechen«, murmelte der Minister. Aber der Präfekt flüsterte ihm zu, der Abgeordnete, der vormalige Gegner des Herrn Kahn, sei noch nicht zur Stelle. Endlich kam auch er, in Schweiß gebadet; seine Uhr mußte stehengeblieben sein, er konnte es gar nicht begreifen. Dann begann er, um alle über seinen Besuch vom Abend zuvor in Kenntnis zu setzen: »Wie ich gestern Eurer Exzellenz gesagt habe ...« Damit trat er zu Rougon und teilte ihm mit, daß er am nächsten Morgen nach Paris zurückkehren werde. Die Osterferien seien schon am Dienstag abgelaufen, die Session sei wieder eröffnet, er habe jedoch geglaubt, noch einige Tage in Niort bleiben zu sollen, um Seine Exzellenz im Namen des Kreises zu begrüßen.« Alle Geladenen waren inzwischen in den Hof der Präfektur hinabgestiegen, wo etwa zehn Wagen zu beiden Seiten der Freitreppe; sie erwarteten. Der Minister bestieg mit dem Abgeordneten, dem Präfekten und dem Bürgermeister eine Kalesche, die den Zug eröffnete. Die übrigen folgten möglichst genau nach der Rangordnung in zwei andern Kaleschen, drei Landauern und zwei Jagdwagen zu sechs und acht Plätzen. In der Präfekturstraße ordnete sich der Zug und fuhr dann in kurzem Trabe ab. Die Bänder der Damen flatterten, während ihre Röcke über den Schlag hinausquollen. Die schwarzen Hüte der Herren glänzten in der Sonne. Man mußte eine ganze Strecke durch die Stadt fahren. In den engen Straßen wurden die Wagen auf den spitzen Pflastersteinen so derb geschüttelt, daß sie unter dem lauten Getöse ihrer Eisenbeschläge dahinrollten. Aus allen Fenstern, aus allen Türen grüßten die Bewohner von Niort stumm und suchten Seine Exzellenz, sehr erstaunt, den Minister im bürgerlichen Überrock neben der goldgestickten Uniform des Präfekten zu sehen. Nachdem man die Stadt verlassen, rollten die Wagen auf einem breiten, mit prächtigen Bäumen bepflanzten Wege dahin. Das Wetter war sehr mild, ein schöner Apriltag und blauer, sonnenheller Himmel. Die Straße, gerade und glatt, lief zwischen Gärten hin, in denen Flieder und Aprikosen blühten. Darauf dehnte sich weit das offene Feld aus, nur hier und da von einer Baumgruppe unterbrochen. In den Wagen wurde geplaudert. »Das ist eine Spinnerei, nicht wahr?« sagte Rougon, nachdem der Präfekt ihm etwas zugeflüstert hatte. Darauf wandte er sich zum Bürgermeister und zeigte auf das rote Ziegelgebäude am Rande des Wassers: »Das ist Ihre Spinnerei, wenn ich nicht irre. Man hat mir von Ihrem neuen System, Wolle zu kämmen, berichtet. Ich werde trachten, einen Augenblick für alle diese Wunder zu erübrigen.« Dann erkundigte er sich nach der Triebkraft des Flusses. Nach seiner Ansicht boten durch Wasser getriebene Motoren unter günstigen Verhältnissen riesige Vorteile. Dabei setzte er den Bürgermeister durch seine technischen Kenntnisse in Erstaunen. Die übrigen Wagen folgten in ungleichen Zwischenräumen. Bei dem eintönigen Trabe der Pferde wurden Gespräche geführt, die vor Zahlen starrten. Da erscholl ein perlendes Lachen, wonach sich alle Köpfe umwandten; es war die Frau des Gymnasialdirektors, deren Schirm auf einen Kieselhaufen gefallen war. »Sie haben hier ein Gut«, wandte sich Rougon zu dem Abgeordneten. »An diesem Abhang, wenn ich nicht irre ... Prächtige Wiesen! Ich weiß übrigens, daß Sie sich mit Viehzucht beschäftigen, und daß Ihre Kühe auf der letzten landwirtschaftlichen Ausstellung preisgekrönt wurden.« Darauf redeten sie über Vieh. Die Wiesen glänzten in der Sonne wie grüner Samt, reich gestickt mit Blumen in allen Farben. Hohe Pappelreihen gestatteten Ausblicke in die Ferne, auf wunderhübsche Landschaftsbilder. Eine alte Frau, die einen Esel trieb, mußte das Tier am Rande des Weges anhalten, bis der Zug vorüber war. Der Esel, erschrocken über die Menge Wagen, deren lackierte Wände in der Sonne schimmerten, fing an zu schreien. Indessen bewahrten sowohl die geputzten Damen wie die behandschuhten Herren ihren Ernst. Zur Linken ging es eine kleine Erhöhung hinauf, dann wieder hinab. Man war am Ziele. Es war eine Senkung, eine Art Sackgasse, von drei Abhängen eingeschlossen, die den Weg versperrten. Von der Umgebung sah man, wenn man emporblickte, hier nur die Trümmer zweier Mühlen, die sich scharf gegen den Himmel abhoben. Da unten war inmitten eines viereckigen Grasplatzes ein Zelt aus grauer Leinwand mit breitem, rotem Rande errichtet und an den vier Ecken mit Fahnen geschmückt. Etwa tausend Neugierige waren zu Fuß gekommen und standen, Bürger, Damen und Bauern, zur Rechten im Schatten des einen Hügels. Vor dem Zelte stand eine Abteilung des achtundsiebzigsten Linienregimentes unter den Waffen, gegenüber die Feuerwehr von Niort, deren gute Haltung sehr auffiel, während am Rande des Grasplatzes eine Arbeiterschar in neuen Blusen wartete, an ihrer Spitze die in ihre Überröcke gehüllten Ingenieure. Sobald die Wagen sichtbar wurden, begann die philharmonische Gesellschaft, ein Verein von. Liebhabermusikanten, die Ouvertüre zur »Weißen Dame«. »Seine Exzellenz lebe hoch!« riefen einige Stimmen, die jedoch durch die Instrumente übertönt wurden. Rougon stieg aus. Er erhob die Blicke und sah sich in dem Loche um, auf dessen Grunde er stand, ärgerlich über die Beengtheit des Horizonts, die ihm die Feierlichkeit zu beeinträchtigen schien. Einen Augenblick blieb er im Grase stehen und erwartete ein Wort des Willkommens. Du Poizat hatte die Präfektur sofort nach dem Frühstück verlassen und vorsichtshalber die Sprengmine untersucht, an die Seine Exzellenz Feuer legen sollte. Er führte den Minister zum Zelte; die Gäste folgten, anfangs in einiger Unordnung. Rougon bat um nähere Auskunft. »Also in diesem Einschnitte wird der Tunnel münden?« »Allerdings«, versetzte Herr Kahn. »Das erste Sprengloch ist in den rötlichen Felsen gebohrt, da, wo Eure Exzellenz die Fahne sehen.« An dem Hügel im Hintergründe, den die Hacke schon angegriffen hatte, war der nackte Felsen sichtbar. Entwurzelte Büsche hingen zwischen den fortgeräumten Erdmassen. Der Boden des Einschnittes war mit Zweigen bedeckt. Herr Kahn wies auf eine doppelte Reihe Pfähle, welche die Bahnlinie bezeichneten und mit ihren, mit weißen Papierschnitzeln umwickelten Spitzen die Pfade, das Gras und Gebüsch durchschnitten. Es war ein friedlicher Erdenwinkel, der ausgeweidet werden sollte. Inzwischen hatten die Behörden sich unter dem Zelte aufgestellt. Die Neugierigen beugten sich vor, um zwischen den Leinwandstreifen hindurchzugehen. Die philharmonische Gesellschaft beendete eben die Ouvertüre der »Weißen Dame«. »Herr Minister,« durchbrach da plötzlich eine schrille Stimme das Schweigen, »es gereicht mir zu großer Ehre, als erster Eurer Exzellenz dafür zu danken, daß Sie die Güte hatten, die Einladung anzunehmen, die wir uns erlaubt haben, Ihnen zu übersenden. Der Kreis Deux-Sèvres wird in Ewigkeit nicht vergessen ...« Es war Du Poizat, der das Wort ergriffen hatte. Er stand drei Schritte weit vor Rougon, und bei gewissen wohl abgemessenen Redensarten neigten sie die Köpfe leicht zueinander. Er redete so eine Viertelstunde, erinnerte den Minister daran, wie glänzend er den Kreis in der gesetzgebenden Versammlung vertreten habe; die Stadt Niort habe seinen Namen als den ihres Wohltäters in ihre Jahrbücher eingetragen und brenne vor Verlangen nach einer Gelegenheit, ihm ihre Dankbarkeit zu erweisen. Du Poizat hatte die politische und praktische Seite der Begrüßung übernommen. Zuweilen entführte der Wind seine Stimme, und dann sah man nur seine Gebärden, eine regelmäßige Bewegung seines rechten Armes, und die tausend Neugierigen auf dem Abhange betrachteten die Stickerei seines Ärmels, deren Gold in einem Sonnenstrahle aufblitzte. Dann trat Herr Kahn in die Mitte des Zeltes. Er sprach sehr laut, manche Worte bellte er förmlich heraus. Wenn er am Ende eines Satzes selbstgefällig inne hielt, sandte das Echo aus dem Hintergrunde des Tales seine letzten Worte stets zurück. Er berichtete über seine langjährigen Bemühungen, seine Studien und die Schritte, die er vier Jahre lang habe unternehmen müssen, um der Gegend die Wohltat einer neuen Eisenbahn zu verschaffen. Jetzt werde Segen und Gedeihen in den Kreis einkehren, die Felder würden befruchtet werden, die Fabriken würden ihre Erzeugnisse verdoppeln, der Handel werde selbst in den entlegensten Dörfern einen neuen Aufschwung nehmen – kurz, nach seinen Worten schien es, daß Deux-Sèvres unter seinen Zauberhänden ein Schlaraffenland werde voller Milchbäche und Zauberhaine, wo gut gedeckte Tafeln die Vorübergehenden zum Mahle einluden. Dann nahm er plötzlich die Miene übertriebener Bescheidenheit an. Er verdiene nicht den geringsten Dank, habe nie ein so großartiges Unternehmen ins Werk setzen können ohne seinen hohen Gönner, auf den er so stolz sei. Er wandte sich an Rougon und nannte ihn »den erleuchteten Minister, den Beschützer aller edlen und nützlichen Gedanken«. Zum Schlusse pries er die finanziellen Vorteile des Unternehmens. An der Börse reiße man sich um die Aktien. Glücklich der Rentner, der sein Geld in einer Unternehmung habe anlegen können, der Seine Exzellenz der Minister des Innern seinen Namen zu leihen sich herabließ. »Sehr gut, sehr gut!« murmelten einige Gäste. Der Bürgermeister und mehrere Beamte drückten Herrn Kahn die Hand, der sehr ergriffen schien. Draußen wurde Beifall gerufen. Die philharmonische Gesellschaft glaubte eine lustige Tanzweise anstimmen zu sollen, aber der erste Adjunkt schickte eiligst einen Feuerwehrmann, der die Musik schweigen hieß. Unter dem Zelte zögerte inzwischen der Chef des Bauamtes, der Aufforderung zum Reden nachzukommen, weil er sich nicht vorbereitet habe. Auf das Drängen des Präfekten hin entschied er sich jedoch. Herr Kahn flüsterte letzterem sehr beunruhigt zu: »Sie tun unrecht. Er ist schlimm wie die Pest.« Der Chef des Bauamtes war ein langer, magerer Mann, der sehr zum Spott neigte. Er redete langsam und zog bei jeder beißenden Wendung den Mundwinkel schief. Er begann damit Herrn Kahn mit Lobsprüchen zu überhäufen. Darauf kamen boshafte Bemerkungen. Er beurteilte kurz das Projekt der Bahn mit der Geringschätzung, die die Staatsingenieure den Zivilingenieuren gegenüber gewöhnlich hegen. Er erinnerte an den Gegenentwurf der Westbahn-Gesellschaft, wonach die Bahn über Thouars gehen sollte, und hob, ohne sich anscheinend darüber lustig zu machen, den Bogen hervor, den die Linie des Herrn Kahn machte, um die Hochöfen von Bressuire zu erreichen. Alles sagte er ohne irgendwelche Grobheit, mit liebenswürdigen Wendungen untermischt, aber voller Nadelstiche, die nur die Eingeweihten fühlten. Am Schlusse war er noch grausamer. Er schien zu bedauern, daß »der erlauchte Minister« sich bei einem Geschäfte kompromittieren werde, dessen finanzielle Seite alle Sachverständigen beunruhige. Ungeheure Summen würden erforderlich sein; die größte Ehrlichkeit, die größte Selbstlosigkeit würden nötig sein. Mit schiefem Munde schloß er: »Diese Besorgnisse sind grundlos, wir sind völlig beruhigt, da wir an der Spitze des Unternehmens einen Mann sehen, dessen günstige Vermögensverhältnisse und erprobte kaufmännische Redlichkeit im Kreise wohlbekannt sind.« Ein Beifallsgemurmel wurde laut. Nur einige Leute sahen Herrn Kahn an, der sich mit bleichen Lippen zu lächeln bemühte. Rougon hatte mit halbgeschlossenen Augen zugehört, als wenn ihn das grelle Licht blende. Als er sie wieder öffnete, waren seine hellen Augen schwarz geworden. Er hatte anfangs nur sehr wenig sprechen wollen; jetzt aber hatte er einen der Seinigen zu verteidigen. Er trat bis an den Rand des Zeltes vor, und hier begann er mit einer Handbewegung, die in ihrer weit ausholenden Größe sich an das ganze lauschende Frankreich zu wenden schien, folgendermaßen: »Meine Herren, erlauben Sie mir, im Geiste diese Hügel überschreitend, das ganze Reich mit einem Blicke zu überschauen und so die Feierlichkeit, die uns hier vereinigt, zu erhöhen, um dabei die gewerbliche und Handelstätigkeit überhaupt zu feiern. In dem Augenblicke, da ich rede, gräbt man vom Norden bis zum Süden Kanäle, baut man Eisenbahnen, durchsticht man Berge, errichtet man Brücken ...« Tiefes Schweigen herrschte ringsum. Zwischen den einzelnen Sätzen hörte man nur das Rauschen der Blätter und von fern das Brausen einer Schleuse. Die Feuerwehr, die trotz der Hitze an guter Haltung mit den Soldaten wetteiferte, schielte hinüber, um den Minister reden zu sehen, ohne den Hals zu wenden. Auf dem Abhänge hatten sich die Zuschauer gemächlich niedergelassen, die Damen hockten auf ihren ausgebreiteten Taschentüchern; zwei Herren, welche die Sonne erreichte, öffneten die Schirme ihrer Frauen. Allmählich erhob Rougon die Stimme. Er schien sich in diesem Loche beengt zu fühlen, als ob das Tal für seine Gebärden nicht weit genug sei. Mit den heftig fuchtelnden Händen schien er den Horizont erweitern zu wollen. Zweimal suchte er Raum, aber er begegnete oben am Himmelsrande nur den Mühlen, deren ausgeweidete Gerippe in der Sonnenglut knackten. Der Redner hatte das Thema des Herrn Kahn wieder aufgenommen, behandelte es jedoch von einem weiteren Gesichtspunkte aus. Nicht nur für den Kreis Deux-Sèvres breche eine Zeit wunderbaren Gedeihens an, sondern für ganz Frankreich dank der Zweigbahn von Niort nach Angers. Zehn Minuten verweilte er dabei, die zahllosen Wohltaten aufzuzählen, die sich über die Bevölkerung ergießen würden. Er trieb die Sache so weit, von der Hand Gottes zu reden. Dann antwortete er dem Chef des Bauamtes; er erörterte seine Rede nicht, spielte nicht einmal darauf an, sondern sagte einfach das Gegenteil von dem, was jener behauptet hatte. Er betonte die Hingabe des Herrn Kahn, stellte ihn als bescheiden, selbstlos, erhaben hin. Die finanzielle Seite des Unternehmens verursachte ihm keine Sorge. Mit einem Lächeln, einer schnellen Handbewegung häufte er Goldberge auf. Da wurde er von Bravorufen unterbrochen. »Meine Herren, noch ein letztes Wort«, sagte er, nachdem er sich die Lippen abgetrocknet. Das letzte Wort dauerte eine Viertelstunde. Er ließ sich dazu hinreißen weiterzugehen, als er gewollt. Ja, als er in seiner Rede bei der Größe des Reiches angekommen war und des Kaisers tiefe Einsicht feierte, ließ er merken, daß Seine Majestät die Zweigbahn Niort-Angers in besonderer Weise begünstige. Das Unternehmen wurde zu einer Staatsangelegenheit. Drei Beifallssalven ertönten. Eine Rabenschar, die in beträchtlicher Höhe unter dem klaren Himmel dahinflog, brach erschrocken in langanhaltendes Krächzen aus. Nach dem letzten Worte der Rede hatte die philharmonische Gesellschaft auf ein Zeichen vom Zelte her wieder zu spielen begonnen, während die Damen ihre Röcke zusammenrafften und sich schnell erhoben, um von dem Schauspiele nichts zu verlieren. Inzwischen drängten sich die Gäste mit entzücktem Lächeln um Rougon. Der Bürgermeister, der Staatsanwalt, der Oberst der Achtundsiebziger nickten, als der Abgeordnete sich halblaut in Ausdrücken der Bewunderung erging, aber doch so, daß der Minister ihn hören konnte. Die höchste Begeisterung jedoch zeigte der Chef des Bauamtes; er bekundete eine außerordentliche Dienstbeflissenheit mit verzogenem Munde, gleichsam niedergeschmettert durch die herrlichen Worte des großen Mannes. »Wenn Eure Exzellenz mir jetzt folgen wollen«, sagte Herr Kahn, dessen dickes Gesicht vor Freude schwitzte. Man kam zu Ende. Seine Exzellenz schickte sich an, die erste Mine auffliegen zu lassen. Die Arbeiterschar in neuen Blusen hatte Befehl erhalten und ging dem Minister und Herrn Kahn voran in den Einschnitt hinein, wo sie sich in zwei Reihen aufstellten. Ein Werkführer hielt eine brennende Zündschnur, die er Rougon überreichte. Die im Zelte zurückgebliebenen Vertreter der Behörden reckten die Hälse. Die Zuschauer standen in angstvoller Erwartung. Die philharmonische Gesellschaft spielte noch immer. »Wird es großen Lärm machen?« fragte die Frau des Gymnasialdirektors einen der beiden Staatsanwaltsbeamten mit unruhigem Lächeln. »Je nach der Art des Gesteines«, beeilte sich der Präsident des Handelsgerichtes zu erwidern, worauf er sich in mineralogische Erläuterungen einließ. »Ich werde mir die Ohren verstopfen«, murmelte die älteste Tochter des Forstrates. Rougon kam sich mit der brennenden Zündschnur in der Hand inmitten all dieser Menschen lächerlich vor. Oben auf dem Rande der Hügel knackten die Mühlengerippe lauter als je. Er legte eilends Feuer an die Lunte, deren Ende ihm der Werkführer zwischen zwei Steinen wies. Gleich darauf ließ ein Arbeiter einen langen Trompetenstoß ertönen, und die Arbeiterschar trat zurück. Herr Kahn hatte Seine Exzellenz schleunigst unter das Zelt zurückgeführt, wobei er eine besorgte Unruhe an den Tag legte. »Nun, geht es noch nicht los?« stammelte der Vorstand des Grundbuchamtes, der vor Angst mit den Augen zwinkerte und sich am liebsten die Ohren zugehalten hätte wie die Damen. Der Schuß krachte erst nach zwei Minuten. Man hatte vorsichtigerweise eine sehr lange Lunte gelegt. Die Spannung der Zuschauer steigerte sich allmählich zur Angst; alle hefteten die Augen auf den roten Felsen und bildeten sich ein, ihn schwanken zu sehen; nervöse Leute sagten, es zucke ihnen durch die Brust. Endlich gab es einen dumpfen Krach, der Fels spaltete sich, und Bruchstücke wie zwei Fäuste groß, wurden in dem Rauch emporgeschleudert. Darauf ging alle Welt heim, und hundertmal vernahm man die Frage: »Riechen Sie das Pulver?« Am Abend gab der Präfekt ein Festmahl, an dem die Behörden teilnahmen. Für den folgenden Ball hatte er fünfhundert Einladungen verschickt. Der Ball war glänzend. Der große Saal war mit Grün geschmückt, und in den Ecken waren noch vier kleine Kronleuchter angebracht, deren Kerzen im Verein mit denen des großen Leuchters sehr helles Licht spendeten. Niort konnte sich eines solchen Glanzes nicht erinnern. Die Strahlen, die durch die sechs Fenster fielen, erleuchteten den ganzen Präfekturplatz, auf dem sich über zweitausend Neugierige drängten, die Augen aufwärts gerichtet, um die Tänze zu sehen. Selbst die Musik hörte man draußen so deutlich, daß die Gassenjungen auf der Straße Galopp tanzten. Seit neun Uhr fächelten sich die Damen, Erfrischungen wurden herumgereicht, und Quadrillen folgten den Polkas und Walzern. An der Tür empfing Du Poizat sehr feierlich die Spätkommenden mit einem Lächeln. »Exzellenz tanzen nicht?« fragte kühn die Frau des Gymnasialdirektors, die eben in einem mit Goldsternen besäten Tarlatankleide eintrat. Rougon entschuldigte sich lächelnd. Er stand an einem Fenster inmitten einer Gruppe. Während er sich mit seiner Umgebung über eine Revision des Katasters unterhielt, blickte er häufig hinaus. Auf der andern Seite des Platzes hatte er eben in dem Scheine der Kerzen in einem Fenster des Gasthauses »Zur Stadt Paris« Frau Correur und Fräulein Herminie Billecoq bemerkt. Sie lagen dort aufgestützt wie auf eine Logenbrüstung mit glänzenden Gesichtern und nackten Hälsen, von Zeit zu Zeit, wenn es in dem Tanzsaale hoch herging, nach Herzenslust kichernd. Inzwischen hatte die Direktorsgattin ihren Rundgang durch den Saal vollendet, zerstreut, unempfänglich für die Bewunderung, die der Umfang ihres langen Rockes unter den ganz jungen Leuten erregte. Sie suchte jemanden mit schmachtenden Blicken, wobei sie jedoch immer lächelte. »Der Herr Polizeikommissar ist nicht gekommen?« fragte sie endlich Du Poizat, der sich nach der Gesundheit ihres Gatten erkundigte. Ich habe ihm einen Walzer versprochen.« »Er müßte hier sein«, versetzte der Präfekt; »auch ich bin überrascht, ihn nicht zu sehen ... Er hat heute einen Auftrag auszuführen gehabt, doch hat er versprochen, um sechs Uhr zurück zu sein.« Um Mittag nach dem Frühstück hatte Gilquin zu Pferde Niort verlassen, um den Notar Martineau zu verhaften. Coulonges war fünf Meilen entfernt. Er hoffte, in zwei Stunden dort zu sein und gegen vier Uhr spätestens heimkehren zu können, um das Festmahl nicht zu versäumen, zu dem er geladen war. Also beeilte er den Schritt seines Rosses nicht sehr, wiegte sich im Sattel und nahm sich vor, abends gegenüber dieser blonden Frau, die er nur etwas mager fand, sehr unternehmend zu sein. Gilquin hatte dicke Weiber gern. In Coulonges stieg er im »Goldenen Löwen« ab, wo ein Korporal und zwei Gendarmen ihn erwarten sollten. Auf diese Art würde niemand seine Ankunft bemerken; er würde einen Wagen nehmen und den Notar »einpacken«, ohne daß eine Nachbarin den Kopf aus dem Fenster stecken würde. Aber die Gendarmen waren nicht zur Stelle. Gilquin wartete bis fünf Uhr, fluchte, trank Grog und sah alle Viertelstunden nach der Uhr. Unmöglich konnte er noch zum Festmahl nach Niort gelangen. Er ließ satteln, als endlich der Korporal mit seinen Leuten erschien. Es hatte ein Mißverständnis stattgefunden. »Gut, gut, entschuldigen Sie sich nicht, dazu haben wir keine Zeit!« schrie der Polizeikommissar wütend. »Es ist schon ein Viertel auf sechs! ... Wir wollen unsern Mann einstecken, und zwar sofort! In zehn Minuten müssen wir unterwegs sein!« Gewöhnlich war Gilquin ein guter Kerl. Er rühmte sich in seinen amtlichen Beziehungen stets der vollendetsten Höflichkeit. Er hatte heute sogar einen verwickelten Plan ersonnen, um dem Bruder der Frau Correur allzu heftige Erregungen zu ersparen: so wollte er allein eintreten, während die Gendarmen mit dem Wagen an der Gartentür, die auf einen Feldweg mündete, warten sollten. Aber die drei Stunden Wartezeit im »Goldenen Löwen« hatten ihn so aufgebracht, daß er alle diese schönen Vorsichtsmaßregeln vergaß. Er fuhr durch die Stadt und klingelte heftig an der Haustür des Notars. Einen Gendarm ließ er hier zurück, den andern schickte er hinten herum, die Gartenmauern zu überwachen. Er selbst trat mit dem Korporal ein, während ein Dutzend Neugieriger erschrocken von weitem zusah. Beim Anblick der Uniformen verschwand die Magd, die geöffnet hatte, von einem kindischen Schrecken ergriffen, indem sie aus Leibeskräften schrie: »Madame! Madame! Madame!« Eine kleine dicke Frau stieg mit sehr ruhigem Gesicht die Treppe herab. »Sie sind wohl Frau Martineau?« fragte Gilquin rasch. »Mein Gott, liebe Frau, ich habe einen traurigen Auftrag auszuführen ... Ich muß Ihren Gatten verhaften.« Sie faltete ihre kurzen Hände zusammen, während ihre Lippen sich entfärbten. Aber sie stieß keinen Schrei aus. Sie blieb auf der untersten Stufe stehen und versperrte den Weg zur Treppe mit ihren Röcken. Sie wollte den Verhaftsbefehl sehen, verlangte Erklärungen und zog die Sache in die Länge. »Passen Sie auf! Er wird uns entwischen!« flüsterte der Korporal dem Kommissar ins Ohr. Sie mußte es gehört haben, denn sie sah sie ruhig an und sagte: »Bitte, kommen Sie!« Sie ging voran und führte sie in ein Zimmer, in dessen Mitte Herr Martineau im Schlafrock stand. Das Schreien der Magd hatte ihn bewogen, den Lehnstuhl zu verlassen, worin er seine Tage zu verbringen pflegte. Er war sehr groß, die Hände wie tot, das Gesicht wachsbleich; nur seine schwarzen, milden und doch energischen Augen zeigten noch Leben. Frau Martineau wies schweigend auf ihn hin. »Lieber Gott, ich habe einen traurigen Auftrag zu erfüllen, mein Herr ...« Als er geendet hatte, nickte der Notar nur schweigend. Ein leichter Schauer ließ den Schlafrock über seinen mageren Gliedern erzittern. Dann sagte er sehr höflich: »Es ist gut, meine Herren, ich folge Ihnen.« Darauf begann er die Sachen zu ordnen, die in dem Zimmer umherlagen, legte einen Pack Bücher beiseite und ließ sich von seiner Frau ein reines Hemd geben. Der Schauer schüttelte ihn wieder und stärker. Als seine Frau ihn wanken sah, folgte sie ihm wie einem Kinde mit ausgebreiteten Armen, um ihn aufzufangen. »Schnell, schnell, mein Herr«, drängte Gilquin. Der Notar ging noch zweimal durch das Gemach; dann streckte er plötzlich die Hände in die Luft und sank starr, zusammengekrampft in einen Sessel, von einem Schlaganfalle getroffen. Seiner Frau liefen die hellen Tränen die Wangen herab, aber sie schwieg. Gilquin hatte seine Uhr gezogen und schrie: »Gottes Donner!« Es war halb sechs. Jetzt mußte er darauf verzichten, am Festmahl in der Präfektur teilnehmen zu können. Ehe dieser Mensch in einen Wagen geschafft wurde, mußte mindestens noch eine Viertelstunde vergehen. Er suchte sich damit zu trösten, daß er schwur, sich den Ball nicht entgehen zu lassen; eben fiel ihm ein, daß er von der Frau des Direktors sich den ersten Walzer ausgebeten hatte. »Schwindel!« flüsterte ihm der Korporal zu. »Soll ich den Mann auf die Beine bringen?« Ohne die Antwort abzuwarten, trat er vor und ermahnte den Notar, nichts vorzutäuschen. Der aber lag mit geschlossenen Augen und schmalen Lippen starr wie eine Leiche da. Mit der Zeit verlor der Korporal die Geduld, begann zu schimpfen und packte schließlich mit derbem Griffe den Kragen des Schlafrockes. Da aber stieß ihn die bis dahin so ruhige Frau heftig zurück, trat vor ihren Mann hin und ballte als entschlossene und gottesfürchtige Frau ihre Fäuste. »Reiner Schwindel, sage ich Ihnen!« wiederholte der Korporal. Gilquin zuckte die Achseln. Er war entschlossen, den Notar tot oder lebendig hinwegzuführen. »Lassen Sie einen der Leute den Wagen aus dem ›Goldenen Löwen‹ holen. Ich habe den Wirt schon verständigt.« Als der Korporal gegangen war, trat Gilquin an das Fenster nd schaute gemächlich in den Garten hinunter, dessen Aprikosenbäume in voller Blüte standen. Er war ganz in Gedanken versunken, als er sich an der Schulter berührt fühlte. Frau Martineau stand vor ihm und fragte ihn mit getrockneten Wangen und wieder fest gewordener Stimme: »Dieser Wagen ist für Sie, nicht wahr? Sie können meinen Mann in diesem Zustande doch nicht nach Niort schleppen?« »Mein Gott, liebe Frau,« sagte er zum drittenmal, »mein Auftrag ist sehr peinlich ...« »Aber das wäre ja ein Verbrechen! Sie töten ihn! Das hat Ihnen doch niemand aufgetragen!« »Ich habe den Befehl«, versetzte er rauher, um die Bitten, die er voraussah, abzuschneiden. Sie sah furchtbar aus. Ein Anfall rasenden Zornes überflog ihr feistes Gesicht, während ihre Blicke das Zimmer durchflogen, wie um ein Rettungsmittel für den äußersten Fall zu finden. Aber sie zwang sich gewaltsam zur Ruhe und nahm die Haltung einer willensstarken Frau an, die nicht auf ihre Tränen rechnet. »Gott wird Sie strafen, mein Herr!« sagte sie einfach, nachdem sie ihn eine Weile lang nicht aus den Augen gelassen hatte. Darauf wandte sie sich um, ohne zu schluchzen, ohne weiter zu bitten, und kauerte neben dem Sessel nieder, in dem ihr Mann mit dem Tode rang. Gilquin lächelte. Da kam der Korporal, der selbst zum »Goldenen Löwen« gegangen war, mit der Meldung zurück, der Wirt behaupte, nicht den kleinsten Wagen zur Verfügung zu haben. Das Gerücht von der Verhaftung des Notars, der in der Gegend sehr beliebt war, mußte sich verbreitet haben. Offenbar verbarg der Wirt seinen Wagen; zwei Stunden vorher hatte er sich verpflichtet, dem Kommissar eine alte Kutsche zu stellen, die er gewöhnlich Reisenden zu Ausflügen in die Umgebung vermietete. »Durchsucht den Gasthof!« schrie Gilquin wütend über dies neue Hindernis, »durchsucht alle Häuser des Ortes! Will man sich schließlich über uns lustig machen? Ich werde erwartet und habe keine Zeit zu verlieren! Ich gebe Ihnen eine Viertelstunde Zeit, verstehen Sie?« Der Korporal ging mit seinen Leuten, die er in verschiedenen Richtungen auf die Suche schickte. Dreiviertel Stunden verstrichen, dann eine ganze, endlich fünfviertel Stunden. Nach anderthalb Stunden erschien ein Gendarm mit langem Gesicht: alle Nachforschungen waren erfolglos geblieben. Gilquin wanderte in fieberhafter Aufregung von der Tür zum Fenster und sah die Nacht hereinbrechen. Gewiß würde der Ball ohne ihn eröffnet werden, die hübsche Frau würde ihn für unhöflich halten; das würde ihn lächerlich machen und seine Verführungskünste lahm legen. Sooft er an dem Notar vorüberging, glaubte er, vor Zorn zu ersticken; niemals hatte ihm ein Übeltäter soviel Umstände gemacht. Der Notar blieb regungslos liegen und wurde immer kälter und blässer. Es war sieben Uhr vorbei, als der Korporal mit strahlendem Gesichte zurückkam. Endlich hatte er die alte Kutsche des Gastwirtes in einem Schuppen eine Viertelstunde vor der Stadt verborgen, entdeckt. Sie war bespannt, und das Schnauben des Pferdes hatte ihn auf die Spur gebracht. Jetzt aber, wo der Wagen da war, mußte Herr Martineau angekleidet werden, und das dauerte sehr lange. Seine Frau legte ihm zunächst mit würdevoller Gemessenheit weiße Strümpfe und ein frisches Hemd an, dann einen schwarzen Anzug: Beinkleider, Weste und Rock. Von den Gendarmen ließ sie sich nicht im geringsten helfen. Der Notar lag in ihren Armen, ohne Widerstand zu leisten. Man hatte eine Lampe angezündet. Gilquin klopfte vor Ungeduld in die Hände, während der Korporal unbeweglich dastand und sein Hut einen mächtigen Schatten an die Decke warf. »Fertig?« fragte Gilquin wiederholt. Frau Martineau kramte seit fünf Minuten in einem Schranke herum. Sie zog ein Paar schwarzer Handschuhe daraus hervor und steckte sie in die Tasche ihres Mannes. »Ich hoffe, mein Herr,« fragte sie, »Sie werden mich im Wagen sitzen lassen? Ich will meinen Mann begleiten.« »Das ist unmöglich!« versetzte er barsch. Sie schwieg und drang nicht weiter in ihn. »Aber Sie werden mir doch wenigstens erlauben, ihm zu folgen?« fragte sie dann. »Die Straße ist frei!« sagte er. »Aber Sie werden keinen Wagen finden, weil es hier weit und breit keinen gibt.« Sie zuckte nur leicht die Achseln und ging hinaus, einen Befehl zu erteilen. Nach zehn Minuten hielt ein Wagen vor der Tür, hinter der Kutsche. Jetzt mußte man Herrn Martineau hinunterschaffen. Die beiden Gendarmen trugen ihn, seine Frau hielt ihm den Kopf. Sobald der Sterbende die geringste Klage ausstieß, befahl sie den beiden Männern stillzustehen, was sie trotz der schrecklichen Blicke des Kommissars auch taten. So gab es auf jeder Treppenstufe einen Halt. Der Notar schien ein Toter, den man hinaustrug, gekleidet, wie sich's geziemte. Er mußte besinnungslos in den Wagen gelegt werden. »Halb neun Uhr!« rief Gilquin und warf einen letzten Blick auf die Uhr. »Verfluchter Dienst! Ich werde überhaupt nicht mehr rechtzeitig nach Hause kommen!« Das war schon so. Er mußte sehr froh sein, wenn er um die Mitte des Balles anlangte. Er schwang sich fluchend in den Sattel und hieß den Kutscher scharf zufahren. An der Spitze die Kutsche, zu jeder Seite ein Gendarm, einige Schritte dahinter der Kommissar und der Korporal, endlich der Wagen mit Frau Martineau. Die Nacht war sehr kühl. Auf der grauen, endlosen Straße eilte der Zug durch die schlummernde Landschaft dahin; nichts war vernehmbar als das dumpfe Rollen der Räder und der gleichmäßige Galopp der Pferde. Auf dem ganzen Wege wurde kein Wort gesprochen. Gilquin legte sich die Anrede an seine Tänzerin zurecht; Frau Martineau erhob sich zuweilen in ihrem Wagen, sie glaubte, ein Röcheln vernommen zu haben; aber sie konnte vor sich kaum die Kutsche erkennen, die schwarz und schweigend dahinrollte. Um halb elf Uhr erreichte man Niort. Der Kommissar ließ an den Wällen entlang fahren, um die Stadt zu umgehen. Am Gefängnisse mußte geläutet werden. Als der Pförtner den Häftling so weiß und starr sah, ging er den Direktor wecken. Dieser kam, etwas leidend, bald in Pantoffeln heraus. Aber er wurde zornig und weigerte sich entschieden, einen Menschen in diesem Zustande aufzunehmen. Hielt man etwa das Gefängnis für ein Krankenhaus? »Er ist einmal hier, was sollen wir denn mit ihm anfangen?« fragte Gilquin außer sich über diesen letzten Zwischenfall. »Was Sie wollen, Herr Kommissar,« versetzte der Direktor, »aber ich wiederhole, hierher kommt er nicht. Eine solche Verantwortung nehme ich nie auf mich.« Frau Martineau hatte die Gelegenheit benutzt, zu ihrem Manne in den Wagen zu steigen. Sie schlug vor, ihn in einen Gasthof zu bringen. »Ja, in den Gasthof, zum Teufel, wohin Sie wollen«, schrie Gilquin. »Ich hab' es schließlich satt. Fort mit ihm!« Dennoch trieb er den Diensteifer so weit, daß er den Notar bis zur »Stadt Paris« begleitete, wo Frau Martineau absteigen wollte. Der Präfekturplatz begann sich zu leeren, nur Straßenbuben sprangen noch auf dem Bürgersteige herum, während die Bürger mit ihren Frauen sich langsam in den dunklen Straßen verloren, um schlafen zu gehen. Aber die sechs Fenster des großen Saales erleuchteten den Platz noch immer taghell, die Musik klang im Schweigen der Nacht noch lauter, die Damen, deren nackte Schultern man an den Lücken der Vorhänge vorbeigleiten sah, wiegten ihren nach Pariser Mode geordneten Kopfputz. Während der Notar in ein Zimmer des ersten Stockes geschafft wurde, bemerkte Gilquin Frau Gorreur und Fräulein Herminie Billecoq, die ihr Fenster noch nicht verlassen hatten. Sie lehnten noch immer da, von dem Dunste des Festes wie berauscht. Frau Correur mußte jedoch ihren Bruder erkannt haben, denn sie neigte sich so weit vor, daß sie Gefahr lief herauszufallen. Auf einen hastigen Wink von ihr stieg er hinauf. Etwas später, gegen Mitternacht, erreichte der Ball in der Präfektur seinen Höhepunkt. Die Türen des Speisesaales waren geöffnet und daselbst ein kalter Imbiß aufgetragen. Die Damen, sehr rot, fächelten sich, lachten und aßen stehend. Andere tanzten weiter, um keine Quadrille zu verlieren, und begnügten sich mit einem Glase Fruchtsaft, das ihnen die Herren brachten. Ein leuchtender Staub schwebte, in der Luft, gleichsam von den Haaren, den Röcken und den goldberingten Armen auffliegend, die durch die Luft sausten. Es war zuviel Gold, zuviel Musik und zuviel Hitze da. Rougon, der drinnen erstickte, eilte auf einen leisen Wink Du Poizats hinaus. Neben dem großen Saale, in dem Zimmer, wo er sie schon am Abend zuvor gesehen hatte, erwarteten ihn Frau Correur und Fräulein Herminie Billecoq, beide laut schluchzend. »Mein armer Bruder, mein armer Martineau!« stammelte erstere, ihre Tränen im Taschentuche verbergend. »Ach! ich fühlte es wohl, Sie konnten ihn nicht retten ... Mein Gott, warum haben Sie ihn nicht gerettet?« Er wollte antworten, sie ließ ihm jedoch nicht Zeit dazu. »Er ist heute verhaftet worden. Eben habe ich ihn gesehen ... Mein Gott, mein Gott!« »Trösten Sie sich«, sagte er endlich. »Man wird sich für seine Sache interessieren. Ich hoffe zuversichtlich, daß er freigelassen wird.« Frau Correur hörte auf, sich die Augen zu trocknen. Sie sah ihn an und rief mit ihrer natürlichen Stimme: »Er ist ja tot.« Und sogleich fuhr sie in weinerlichem Tone fort, das Gesicht in ihr Schnupftuch vergrabend: »Mein Gott, mein Gott! armer Martineau!« Tot! Rougon fühlte einen leichten Schauder über seine Haut rieseln. Er fand kein Wort. Zum erstenmal sah er vor sich einen Abgrund, einen düsteren Abgrund, in den er langsam hinabgestoßen wurde. Dieser Mensch war also jetzt tot. Das hatte er nicht gewollt. Die Dinge hatten eine Wendung genommen, an die er nicht gedacht hatte. »Leider ja! Der arme liebe Mann ist tot«, berichtete Fräulein Herminie Billecoq mit tiefen Seufzern. »Wie es scheint, hat man sich geweigert, ihn im Gefängnisse aufzunehmen. Als wir ihn in einem so traurigen Zustande ankommen sahen, ist Frau Correur hinuntergelaufen und hat sich den Eintritt erzwungen, indem sie rief, sie sei seine Schwester. Eine Schwester hat immer das Recht, den letzten Atemzug ihres Bruders zu hören, nicht wahr? Das habe ich auch der nichtsnutzigen Frau Martineau gesagt, die gar davon redete, uns fortjagen zu lassen. Sie hat uns schon einen Platz vor dem Bette freigeben müssen! ... Oh, mein Gott! es ging sehr schnell zu Ende. Er hat nicht länger geröchelt als eine Stunde. Er lag auf dem Bette, ganz in Schwarz gekleidet; man hätte ihn für einen Notar halten mögen, der zu einer Hochzeit geht. Er ist erloschen wie eine Kerze, nur ein wenig hat er das Gesicht verzerrt. Es hat ihm nicht viel Schmerz verursachen können.« »Und diese Frau Martineau hat schließlich noch Streit mit mir angefangen!« berichtete Frau Correur ihrerseits. »Ich weiß nicht mehr, was sie faselte; sie sprach von der Erbschaft und klagte mich an, meinem Bruder den Rest gegeben zu haben. Ich habe ihr geantwortet: ›Ich, liebe Frau, hätte ihn niemals fortführen lassen; eher hätten mich die Gendarmen zerhackt!‹ Und sie hätten mich zerhackt, wie ich Ihnen sage... Nicht wahr, Herminie?« »Ja, ja«, bestätigte das Mädchen. »Schließlich, was wollen Sie, meine Tränen werden ihn nicht erwecken, aber man weint, um sich zu erleichtern ... Mein armer Martineau!« Rougon war sehr unzufrieden. Er zog die Hände zurück, deren Frau Correur sich bemächtigt hatte, und fand noch immer keine Erwiderung, angewidert durch die Umstände, welche diesen Todesfall begleitet hatten, und die ihm abscheulich erschienen. »Sehen Sie!« rief Herminie, an das Fenster tretend, »man sieht die Kammer von hier aus, da gegenüber in der hellen Beleuchtung, das dritte Fenster links im ersten Stock ... Hinter den Vorhängen brennt ein Licht.« Dann verabschiedete er sie, während Frau Correur sich entschuldigte, ihn ihren Freund nannte und ihre erste Regung rechtfertigte, der sie nachgegeben, als sie ihm die Trauernachricht brachte. »Das ist eine sehr ärgerliche Geschichte!« raunte er Du Poizat zu, als er, noch ganz bleich im Gesicht, in den Saal zurückkehrte. »Dieser Esel von Gilquin ist daran schuld!« antwortete der Präfekt achselzuckend. Der Ball hatte seinen vollen Glanz erreicht. Im Speisesaale, dessen eine Ecke man durch die große Türe gewahrte, stopfte der erste Staatsanwaltsbeamte die drei Töchter des Forstrates mit Leckerbissen voll; der Oberst der Achtundsiebziger trank Punsch und lauschte dabei den Bosheiten des Chefs des Bauamtes, der Mandeltörtchen knusperte. Herr Kahn wiederholte an der Türe dem Gerichtspräsidenten sehr laut seine Rede vom Nachmittage über die Vorteile der neuen Eisenbahn, umgeben von einem dichtgedrängten Kreise ernster Männer: dem Steuerdirektor, den beiden Friedensrichtern, den Vertretern der Handelskammer und der statistischen Gesellschaft, die Maulaffen feilhielten. Im großen Saale wiegte ein von den Bläsern hell hervorgeschmetterter Walzer unter den fünf Kronleuchtern die Paare, darunter den Sohn des Steuereinnehmers und die Schwester des Bürgermeisters, einen der Staatsanwaltsbeamten mit einem Fräulein in Blau, den andern mit einem Fräulein in Rosa. Aber besonders ein Paar erregte ein Murmeln der Bewunderung: der Polizeikommissar und die Frau des Gymnasialdirektors, die sich eng umschlungen langsam im Tanze drehten; er hatte sich schleunigst in Wichs geworfen: schwarzen Frack, Lackstiefel und weiße Handschuhe; und die hübsche Blonde hatte ihm seine Verspätung verziehen und hing trunken an seinem Halse, die Augen in Zärtlichkeit schwimmend. Gilquin schwang die Hüften, seinen Oberkörper zurückwerfend, wie er als Haupttänzer der öffentlichen Bälle zu tun pflegte, eine verteufelte Würze, deren Geschmack die Zuschauer entzückte. Rougon, den das Paar beinahe umgeworfen hätte, mußte sich rasch an die Wand drücken, um die beiden in einem Wirbel goldgestirnter Tarlatane vorübersausen zu lassen. Elftes Kapitel Rougon hatte endlich erreicht, daß Delestang Ackerbau- und Handelsminister wurde. Eines Morgens in den ersten Tagen des Mai begab er sich in die Kolosseumstraße, um seinen neuen Kollegen abzuholen. Beide mußten zum Ministerrate nach Saint-Cloud, wo der Hof vor kurzem Aufenthalt genommen hatte. »Wie, Sie wollen uns begleiten?« fragte er überrascht, als er Clorinde gewahrte, die eben in den Landauer stieg, der vor der Freitreppe hielt. »Gewiß, ich gehe auch zum Ministerrate«, versetzte sie lachend. Dann fuhr sie in ernstem Tone fort, nachdem sie die Volants ihres langen, hellkirschfarbenen Seidenkleides zwischen den Sitzpolstern untergebracht hatte: »Ich bin zur Kaiserin geladen. Ich bin Schatzmeisterin eines Wohltätigkeitswerkes für die jungen Arbeiterinnen, wofür sie sich interessiert.« Die beiden Herren stiegen gleichfalls ein. Delestang setzte sich neben seine Frau und hielt auf den Knien eine gemsfarbene Saffianmappe; Rougon, der die Hände frei hatte, saß gegenüber Clorinde. Es war fast halb zehn Uhr, und die Sitzung war für zehn Uhr angesagt. Der Kutscher erhielt die Weisung, scharf zuzufahren; um den kürzesten Weg zu nehmen, fuhr er durch die Marbeufstraße in das Chaillotviertel, das die Zerstörungshacke zu durchbrechen begann. Man kam durch leere Straßen, von Gärten und Bretterbuden begrenzt, auf abschüssigen Zickzackwegen über enge, mit dünnen Bäumen bepflanzte Plätze, die recht provinzmäßig aussahen; kurz: es war der vernachlässigte Winkel einer Großstadt, der sich auf einem Abhange in der Morgensonne wärmte mit seinen regellos ausgestreuten Villen und Schuppen ringsumher. »Ist das hier häßlich!« sagte Clorinde, in den Wagen zurückgelehnt. Sie hatte sich halb zu ihrem Gatten gewandt und betrachtete ihn einen Augenblick nachdenklich; dann begann sie gleichsam wider Willen zu lächeln. Delestang saß in tadelloser Haltung, weder zu weit vorwärts noch zu weit rückwärts gebeugt, den Überzieher zugeknöpft, würdevoll da. Sein schönes, nachdenkliches Gesicht, seine vorzeitige Glatze, die seine Stirn höher erscheinen ließ, zogen die Blicke der Vorübergehenden auf ihn. Die junge Frau bemerkte, daß niemand auf Rougon achtete, der mit seinem plumpen Gesicht zu schlafen schien. Dann zupfte sie mütterlich die linke Stulpe ihres Gatten hervor, die sich unter den Ärmel geschoben hatte. »Was haben Sie denn diese Nacht getan?« fragte sie den großen Mann, als sie sah, daß er häufig die Hand vor den Mund hielt, um sein Gähnen zu unterdrücken. »Ich habe lange wach bleiben müssen, um zu arbeiten; ich bin ganz hin«, murmelte er. »Eine Menge dummer Geschichten!« Wieder schwiegen die drei. Jetzt betrachtete sie Rougon. Dieser überließ sich dem leichten Schaukeln des Wagens; sein Überrock wurde durch seine breiten Schultern ganz aus der Form gebracht; sein schlecht gebürsteter Hut zeigte noch alte Regenspuren. Sie erinnerte sich, im letzten Monat ein Pferd bei einem Händler gekauft zu haben, der ihm glich. Sie lächelte wieder, aber etwas verächtlich. »Nun?« fragte er verdrossen, in dieser Weise gemustert zu werden. »Ich sehe Sie an!« versetzte sie. »Ist das etwa nicht erlaubt? ... Fürchten Sie gefressen zu werden?« Sie sagte diese Worte in herausforderndem Tone und zeigte dabei ihre weißen Zähne. Er aber scherzte: »Das ginge nicht, ich bin zu dick.« »Oh, wenn man sehr hungrig wäre!« sagte sie ernst, nachdem sie ihren Appetit geprüft zu haben schien. Der Landauer fuhr endlich durch das Tor der Stummen. Es war eine plötzliche Erweiterung des Gesichtskreises, als sie aus den engen Gassen in das zarte Grün des Gehölzes tauchten! Der Morgen war prächtig, er übergoß die Rasenflächen weithin mit einem sanften Glanze und das junge Grün der Bäume mit einem lauen Hauche. Sie ließen den Damhirschpark zur Rechten und schlugen den Weg nach Saint-Gloud ein. Hier rollte der Wagen auf dem sandigen Wege so glatt und eben dahin wie ein Schlitten über den Schnee. »Nicht wahr, dies Pflaster ist angenehm?« führ Clorinde fort und streckte sich behaglich. »Hier kann man aufatmen, kann man plaudern ... Haben Sie Nachrichten von unserem Freunde Du Poizat?« »Ja«, versetzte Rougon. »Es geht ihm gut.« »Ist er immer noch zufrieden mit seinem Kreise?« Er machte eine unbestimmte Bewegung, um sich der Antwort zu entschlagen. Die junge Frau mußte wissen, daß der Präfekt von Deux-Sèvres ihm durch die Härte seiner Verwaltung Verdruß zu bereiten begann. Sie fragte nicht weiter, redete von Herrn Kahn und Frau Correur, indem sie ihn mit einer gewissen boshaften Neugier nach Einzelheiten über seine Reise nach Niort befragte. Dann rief sie plötzlich: »Übrigens! Gestern bin ich dem Oberst Jobelin und seinem Vetter, Herrn Bouchard begegnet. Wir haben von Ihnen gesprochen ... Ja, wir haben von Ihnen gesprochen.« Er zuckte die Achseln, ohne ein Wort zu erwidern. Dann rief sie ihm die Vergangenheit zurück. »Sie erinnern sich unserer hübschen kleinen Abendgesellschaften in der Marbeufstraße. Jetzt sind Sie zuviel beschäftigt, niemand kann Ihnen nahe kommen. Ihre Freunde beklagen sich darüber und behaupten, daß Sie sie vergäßen ... Sie sehen, ich bin kühn genug, alles zu sagen. Sie gelten als treuloser Freund, mein Lieber!« Während der Wagen eben jetzt zwischen den beiden Seen hindurchfuhr, kam ihm eine Kutsche entgegen, die nach Paris zurückkehrte. Man sah ein rohes Gesicht sich darin zurückwerfen, ohne Zweifel um einen Gruß zu vermeiden. »Aber das ist ja Ihr Schwager!« rief Clorinde. »Ja, er ist leidend«, erwiderte Rougon lächelnd. »Sein Arzt hat ihm Morgenfahrten verordnet.« Plötzlich wurde er mitteilsam und fuhr fort, während der Wagen auf der sanft gekrümmten Straße unter den alten Bäumen dahinrollte: »Was wollen Sie! ich kann ihnen doch nicht das Blaue vom Himmel schenken! ... So hat dieser Beulin d'Orchères sich darauf versessen, Justizminister zu werden. Ich habe das Unmögliche versucht, beim Kaiser angeklopft, ohne jedoch etwas zu erreichen. Der Kaiser fürchtet sich vor ihm, glaube ich. Das ist doch nicht meine Schuld? ... Beulin d'Orchère ist erster Präsident. Das könnte ihm doch bis auf weiteres genügen, zum Teufel! Er vermeidet es, mich zu grüßen! Er ist ein Narr.« Jetzt saß Clorinde mit niedergeschlagenen Augen mäuschenstill da; ihre Finger spielten mit den Troddeln ihres Sonnenschirmes. Sie ließ ihn reden, ohne ein einziges seiner Worte zu verlieren. »Die anderen sind kein Haarbreit vernünftiger. Wenn der Oberst und Bouchard sich beklagen, tun sie sehr unrecht, denn ich habe schon zuviel für sie getan ... Ich setze mich für alle meine Freunde ein. Es sitzt ihrer ein Dutzend auf meinen Schultern – eine schöne Last! Solange sie mir nicht die Haut vom Leibe gezogen haben, sind sie nicht zufrieden.« Nach einer Weile fuhr er mit gutmütigem Lachen fort: »Wenn sie ihnen durchaus nötig ist, würde ich ihnen auch meine Haut geben ... Wenn man die Hände einmal geöffnet hat, kann man sie nicht mehr schließen. Trotz allem Bösen, das meine Freunde über mich reden, verbringe ich meine Tage damit, für sie eine Menge Gunstbezeigungen zu erbitten.« Er berührte ihr Knie und zwang sie so, ihn anzublicken. Dann fügte er hinzu: »Was ist's mit Ihnen? Ich rede heute mit dem Kaiser – haben Sie nichts zu erbitten?« »Nein, danke«, erwiderte sie trocken. Sie wurde unwillig, daß er sich immer anbot, sie klagte ihn an, daß er ihnen die wenigen Dienste vorhalte, die er ihr und ihrem Manne habe erweisen können. Sie würden ihm gewiß nicht mehr lästig fallen. Sie schloß: »Jetzt führe ich meine Geschäfte selbst. Ich bin doch wohl schon mündig!« Inzwischen hatten sie das Gehölz verlassen und durchfuhren Boulogne, umgeben von dem Lärm eines Zuges schwerer Lastwagen, der die große Straße hinunterrasselte. Bis dahin hatte Delestang schweigend dagesessen, die Hände auf der Mappe gefaltet, wie in tiefe Gedanken versunken. Jetzt neigte er sich zu Rougon und rief ihm durch den Lärm zu: »Glauben Sie, daß Seine Majestät uns zum Frühstück dabehalten wird?« Rougon zuckte die Achseln und sagte dann: »Wenn die Sitzung lange dauert, wird im Schlosse gefrühstückt.« Delestang lehnte sich in seine Ecke zurück und schien wieder in die tiefste Träumerei versunken. Aber er neigte sich nochmals vor und fragte: »Ist heute viel zu erledigen?« »Ja, vielleicht«, versetzte Rougon. »Genau weiß man es nie vorher. Ich glaube, mehrere unserer Kollegen haben über gewisse Arbeiten Bericht zu erstatten ... Ich werde jedenfalls die Angelegenheit mit dem Buche zur Sprache bringen, wegen dessen ich mich mit dem Kolportagekomitee überworfen habe.« »Welches Buch?« fragte Clorinde lebhaft. »Eine Eselei, eines jener Bücher, die für die Bauern hergestellt werden. Es heißt: ›Die Vorlese-Abende des braven Jakob‹ und enthält alles mögliche: Sozialismus, Zauberei, Landwirtschaft, selbst einen Aufsatz, der die Vorteile der Vergesellschaftung rühmt ... Kurz, ein gefährlicher Schmöker!« Die junge Frau, deren Neugier noch nicht befriedigt schien, wandte sich um, als ob sie ihren Gatten fragen wolle, und dieser erklärte: »Sie sind zu streng, Rougon. Ich habe das Buch gelesen und nützliche Dinge darin gefunden; der Abschnitt über die Gesellschaften ist gut geschrieben ... Ich würde überrascht sein, wenn der Kaiser die darin ausgesprochenen Gedanken verurteilen sollte.« Rougon war im Begriffe, sich zu ereifern. Er breitete die Arme aus, wie um zu protestieren; aber er schwieg, als habe er sich plötzlich eines andern besonnen, und blickte ruhig rechts und links auf die Landschaft hinaus. Der Landauer befand sich eben auf der Brücke von Saint-Cloud; unten breitete der Strom seinen blauen, sonnenvergoldeten Teppich aus, während die Baumreihen an den Ufern kräftige Schatten auf das Wasser warfen. Der unermeßliche Himmel war stromauf und stromab von einer frühlingsklaren Weiße und wies kaum einen leichten, blauen Schimmer auf. Als der Wagen im Schloßhofe hielt, stieg Rougon zuerst aus und bot Clorinde die Hand. Sie aber nahm die Stütze nicht an, sondern sprang leichtfüßig auf die Erde. Als er mit ausgestrecktem Arme stehenblieb, schlug sie ihn leicht mit dem Sonnenschirme auf die Finger und flüsterte: »Ich sagte Ihnen schon, daß ich mündig bin!« Sie schien nicht die geringste Hochachtung vor den Händen des Meisters mehr zu haben, die sie früher als unterwürfige Schülerin lange in den ihren zu halten pflegte, um ihnen etwas von ihrer Kraft zu entwenden. Jetzt glaubte sie offenbar diese Fäuste hinreichend geschwächt zu haben; statt als liebenswürdige Schülerin zu schmeicheln, spielte sie, ihrerseits zur Macht gelangt, die Herrin! Als Delestang ausgestiegen war, ließ sie Rougon vorangehen, um ihrem Gatten zuzuflüstern: »Du wirst ihn hoffentlich nicht hindern, über seinen Biedermann Jakob zu schwatzen. Du hast da eine gute Gelegenheit, einmal anderer Meinung zu sein als er.« Bevor sie ihn im Vorsaale verließ, warf sie ihm einen letzten Blick zu, nestelte an einem nicht ganz festsitzenden Knopfe seines Überrockes, und während ein Diener sie bei der Kaiserin meldete, sah sie mit einem Lächeln, wie die beiden Minister verschwanden. Der Ministerrat wurde in einem Salon neben dem Arbeitszimmer des Kaisers abgehalten. Inmitten des Salons stand ein großer, mit einer Decke belegter Tisch, ringsumher ein Dutzend Sessel. Die Fenster, hoch und hell, gingen auf die Schloßterrasse. Als Rougon und Delestang eintraten, waren alle ihre Kollegen mit Ausnahme des Ministers der öffentlichen Arbeiten und des Marine- und Kolonialministers, die zur Zeit beurlaubt waren, schon versammelt. Der Kaiser war noch nicht erschienen. Die Herren plauderten fast zehn Minuten lang, am Fenster oder am Tische stehend. Zwei von ihnen machten sehr griesgrämige Gesichter, sie waren einander so verfeindet, daß sie nie ein Wort wechselten; die übrigen dagegen machten es sich mit liebenswürdiger Miene bequem in Erwartung der wichtigen Verhandlungen. Paris beschäftigte sich damals eben mit einer Gesandtschaft, die aus dem äußersten Osten gekommen war mit fremdartigen Trachten und seltsamen Begrüßungsformen. Der Minister des Äußeren erzählte von einem Besuche, den er tags zuvor beim Führer dieser Gesandtschaft gemacht; obwohl er seine ernste Haltung bewahrte, klang doch ein leiser Spott aus seinen Worten heraus. Dann wandte sich die Unterhaltung frivoleren Dingen zu: der Staatsminister berichtete über den Gesundheitszustand einer Tänzerin von der Oper, die sich fast ein Bein gebrochen hatte. Aber selbst hier, wo sie sich gehen ließen, standen diese Herren gleichsam beständig auf der Wacht, suchten nach gewissen Wendungen, fingen halbe Worte auf, belauerten einander lächelnd und wurden plötzlich ernst, sobald sie sich überwacht fühlten. »Es ist also eine einfache Verstauchung?« fragte Delestang, der sich sehr für Tänzerinnen interessierte. »Ja, eine Verstauchung«, wiederholte der Staatsminister. »Die Arme wird deshalb vierzehn Tage lang das Zimmer hüten müssen ... Sie schämt sich sehr, gefallen zu sein.« Auf ein leichtes Geräusch wandten sich die Köpfe um. Alle verneigten sich; der Kaiser war eingetreten. Er stützte sich einen Augenblick auf die Lehne seines Sessels und fragte mit seiner matten, schleppenden Stimme: »Geht es ihr besser?« »Viel besser, Majestät«, antwortete der Minister, sich von neuem verneigend. »Ich habe heute früh Nachricht über sie bekommen.« Auf eine Handbewegung des Kaisers nahmen die Minister ihre Plätze am Tische ein. Es waren ihrer neun; einige breiteten Papiere vor sich aus, andere lehnten sich zurück und betrachteten ihre Nägel. Alle schwiegen. Der Kaiser schien leidend; er drehte langsam seine Schnurrbartspitzen zwischen den Fingern, sein Gesicht sah matt und bleich aus. Da niemand sprach, schien er sich endlich zu besinnen und nahm das Wort: »Meine Herren, die Sitzung des gesetzgebenden Körpers wird demnächst geschlossen ...« Zunächst wurde über das Budget gesprochen, das die Kammer in fünf Tagen angenommen hatte. Zum ersten Male fühlte sie sich zur Kritik aufgelegt. So wünschte der Berichterstatter, daß die Staatsschuldentilgung ihren regelmäßigen Fortgang nehme, daß die Regierung sich mit den ihr bewilligten Krediten begnüge und nicht beständig mit Nachforderungen komme. Anderseits hatten sich einige Abgeordnete darüber beklagt, daß der Staatsrat ihren Bemerkungen so wenig Gewicht beilege, als sie gewisse Ausgaben verringert zu sehen wünschten; einer hatte gar für den gesetzgebenden Körper das Recht beansprucht, das Budget selbst zu entwerfen. »Nach meiner Ansicht ist es nicht angebracht, diese Ansprüche zu beachten«, sagte der Finanzminister schließlich. »Die Regierung befleißigt sich der größten Sparsamkeit, so daß die Budgetkommission viel Mühe gehabt hat, erbärmliche zwei Millionen auszuspüren, die sie streichen konnte. Doch halte ich es für klug, drei Nachforderungen, die jetzt geprüft werden, noch zu verschieben. Ein Ausgleichen innerhalb dar verschiedenen Fonds wird uns vorläufig die nötigen Mittel verschaffen, und später wird die Lage endgültig geregelt.« Der Kaiser nickte zustimmend. Er schien gar nicht zuzuhören, sondern schaute mit stieren Augen wie geblendet in das helle Licht, das durch das Mittelfenster ihm gegenüber hereinfiel. Die übrigen Minister stimmten nach dem Beispiele des Kaisers ebenfalls zu, ohne jedoch zu reden. Ein Weilchen hörte man nur ein leises Rascheln; der Justizminister blätterte in einem Hefte von nur wenigen Seiten, das vor ihm auf dem Tische lag. Er warf seinen Kollegen einen fragenden Blick zu und begann: »Majestät, ich habe hier den Entwurf einer Denkschrift über die Gründung eines neuen Adels ... Es sind nur einfache Notizen, aber ich hielt es für gut, ehe wir weitergingen, sie hier vorzulesen, um die Sache allseitig zu beleuchten.« »Gewiß, lesen Sie, Herr Justizminister«, unterbrach ihn der Kaiser. »Sie haben recht.« Dabei wandte er sich halb herum, um den Minister, während dieser las, beobachten zu können. Er wurde erregt, ein gelbliches Feuer brannte in seinen grauen Augen. Die Frage betreffs des neuen Adels beschäftigte damals den Hof sehr. Die Regierung hatte damit begonnen, daß sie dem gesetzgebenden Körper einen Gesetzentwurf vorlegte, der jeden mit Geld- und Gefängnisstrafen belegte, der sich widerrechtlich irgendeinen Adelstitel beilegte. Es handelte sich darum, die alten Titel anzuerkennen und so die Schöpfung neuer vorzubereiten. Dieser Gesetzentwurf hatte in der Kammer einen leidenschaftlichen Redekampf hervorgerufen; Abgeordnete, die dem Kaiserreich sehr ergeben waren, hatten gerufen, in einem demokratischen Staate könne es keinen Adel geben, und bei der Abstimmung waren dreiundzwanzig Stimmen dagegen. Der Kaiser jedoch hielt an diesem Lieblingsplane fest, und er selbst hatte dem Justizminister einen umfassenden Entwurf angegeben. Die Denkschrift begann mit einer geschichtlichen Einleitung. Darauf wurde das künftige System weitläufig auseinandergesetzt: die Titel sollten nach gewissen Amtsstufen eingeteilt werden, damit der neue Adel allen Bürgern zugänglich sei; eine demokratische Einrichtung, die den Justizminister sehr zu begeistern schien. Endlich kam der Entwurf des Dekretes. Artikel 2 las er mit erhobener und verlangsamter Stimme vor: »Der Grafentitel wird nach fünfjährigem Dienste oder nach der Ernennung zum Großkreuz der Ehrenlegion den Folgenden verliehen: Unseren Ministern und den Mitgliedern unseres geheimen Rates, den Kardinälen und den Marschällen, den Admirälen und den Senatoren, unseren Gesandten und den Divisionsgenerälen, die selbständige Kommandos geführt haben.« Er hielt inne und warf dem Kaiser einen fragenden Blick zu, ob er niemanden vergessen habe. Seine Majestät besann sich, den Kopf etwas auf die rechte Schulter gesenkt. Schließlich murmelte er: »Ich glaube, die Präsidenten des gesetzgebenden Körpers und des Staatsrates müssen mit einbezogen werden.« Der Justizminister nickte lebhaft und fügte auf dem Rande seines Entwurfes eiligst eine Bemerkung hinzu. Als er eben fortfahren wollte, machte ihn der Minister des öffentlichen Unterrichtes auf noch eine Lücke aufmerksam. Er begann: »Die Erzbischöfe ...« »Verzeihen Sie,« erwiderte der vortragende Minister trocken, »die Erzbischöfe sollen nur Barone werden. Lassen Sie mich das Dekret zu Ende lesen.« Er fand sich nicht in seinen Blättern zurecht und suchte lange nach einem Blatte, das sich unter die übrigen verirrt hatte. Rougon saß aufrecht, den Hals zwischen seinen plumpen Bauernschultern vergraben, kaum merklich lächelnd, als er sich zur Seite wandte, sah er seinen Nachbar, den Staatsminister, den letzten Sproß einer alten normannischen Familie, ebenfalls verächtlich die Lippen kräuseln. Beide nickten sich leicht zu. Der Emporkömmling und der Edelmann hatten sich verstanden. »Ah hier!« fuhr endlich der Sprecher fort: »Artikel drei. Der Baronstitel wird verliehen: erstens den Abgeordneten, die dreimal die Ehre gehabt haben, von ihren Mitbürgern in den gesetzgebenden Körper gewählt zu werden; zweitens den Staatsräten, nachdem sie acht Jahre im Dienst gewesen sind; drittens dem ersten Präsidenten und dem Generalanwalte am Kassationshofe, dem ersten Präsidenten und dem Generalanwalte am Rechnungshofe, den Divisionsgenerälen und Vizeadmiralen, den Erzbischöfen und den bevollmächtigten Ministern, nach fünfjährigem Dienste oder nachdem sie den Grad eines Kommandeurs der Ehrenlegion erlangt haben. So ging es weiter. Die ersten Präsidenten und die Oberstaatsanwälte der kaiserlichen Gerichtshöfe, die Brigadegeneräle und die Konteradmirale, die Bischöfe, selbst die Bürgermeister der Hauptorte mit Präfekturen erster Klasse sollten Barone werden; nur verlangte man von ihnen zehn Dienstjahre. »Jeder wird also Baron«, sagte Rougon halblaut. Seine Kollegen, die ihn als einen schlecht erzogenen Menschen anzusehen gewohnt waren, machten ernste Gesichter, um ihm anzudeuten, daß sie diesen Scherz sehr übel angebracht fänden. Der Kaiser schien es nicht gehört zu haben. Als der Vortrag jedoch beendet war, fragte er: »Was halten Sie von dem Entwurf, meine Herren?« Sie zögerten zu antworten und warteten auf eine direktere Frage. »Herr Rougon,« fuhr Seine Majestät fort, »was denken Sie von dem Entwürfe?« »Mein Gott, Majestät,« versetzte der Minister des Innern mit seinem ruhigen Lächeln, »ich halte nicht sehr viel davon. Er birgt die schlimmste Gefahr, nämlich die der Lächerlichkeit. Ja, ich fürchte, daß alle diese Barone nur Stoff zum Lachen bieten werden ... Ich sage nichts über die ernsten Gründe, das Bewußtsein der Gleichheit, das heute herrscht, die Eitelkeit, die ein solches System zu einem krankhaften Grade entwickeln würde ... Hier aber fiel ihm der Justizminister sehr erbittert und verletzt ins Wort, um sich gegen einen Angriff auf seine Person zu verteidigen. Er nannte sich selbst Bürger und Sohn eines Bürgers, unfähig, die Grundsätze der Gleichheit, welche die moderne Gesellschaft beherrschten, anzugreifen. Der neue Adel sollte demokratisch sein, und dieses Wort »demokratischer Adel« drückte seine Ansicht augenscheinlich so gut aus, daß er es öfter wiederholte. Rougon antwortete ihm immer lächelnd, ohne sich zu erhitzen. Der Justizminister, ein kleiner, dürrer, schwärzlicher Mann, wurde schließlich beleidigend. Der Kaiser schien von dem Streite nichts zu hören; er blickte wieder, leicht die Schultern wiegend, in das helle Licht, das durch das Fenster ihm gegenüber hereinströmte. Als schließlich die Stimmen lauter wurden, als seine Würde duldete, murmelte er: »Meine Herren, meine Herren!« ... Nach kurzem Schweigen fuhr er fort: »Herr Rougon hat vielleicht recht ... Die Frage ist noch nicht spruchreif. Sie muß noch auf anderen Grundlagen studiert werden. Wir wollen später sehen.« Darauf kamen einige kleinere Sachen zur Verhandlung. Besonders wurde über einen Aufsatz des »Jahrhundert« gesprochen, der großes Ärgernis am Hofe verursacht hatte. Es verging keine Woche, ohne daß der Kaiser von seiner Umgebung gebeten wurde, dieses Blatt, das einzige republikanische, das noch bestand, zu unterdrücken. Aber Seine Majestät war persönlich der Presse sehr freundlich gesinnt; der Kaiser ergötzte sich oft damit, in der Verborgenheit seines Kabinetts seine Regierung in langen Aufsätzen gegen die Angriffe zu verteidigen. Sein uneingestandener Traum war, ein Blatt für sich zu haben, wo er Manifeste veröffentlichen und Angriffe führen könne. Doch beschloß Seine Majestät, daß dem Blatte diesmal eine Verwarnung zugehen solle. Ihre Exzellenzen glaubten die Sitzung geschlossen. Das sah man an der Art, wie die Herren auf dem Rande ihrer Sessel saßen. Der Kriegsminister, ein General mit sehr gelangweiltem Gesicht, der während der ganzen Sitzung kein Wort gesprochen, zog schon seine Handschuhe aus der Tasche, als Rougon sich schwer auf den Tisch lehnte: »Majestät,« sagte er, »ich möchte hier einen Streit zur Sprache bringen, der zwischen der Kolportagekommission und mir ausgebrochen ist in bezug auf ein Werk, das der Zensur vorgelegt ist.« Seine Amtsgenossen lehnten sich wieder in ihre Sessel zurück. Der Kaiser wandte sich mit leichtem Nicken halb um zum Zeichen, daß er fortfahren möge. Darauf begann Rougon eine ausführliche Einleitung. Er lächelte nicht mehr, sah nicht mehr gutmütig aus. An den Tischrand gelehnt, mit dem rechten Arme regelmäßig die Decke fegend, erzählte er, er habe bei einer der letzten Sitzungen der Kommission selbst den Vorsitz führen wollen, um ihre Mitglieder zu größerer Tätigkeit anzueifern. »Ich habe ihnen die Ansichten der Regierung über die Verbesserungen, die in ihrem wichtigen Dienste durchzuführen seien, auseinandergesetzt ... Der Hausierbuchhandel wird eine sehr gefährliche Waffe, wenn er in den Händen der Revolutionäre die Erörterungen und die Gehässigkeiten wieder belebt. Die Kommission hat also die Pflicht, alle Werke zurückzuweisen, die Leidenschaften nähren und aufreizen, die nicht mehr in unsere Zeit gehören. Sie wird dagegen Bücher annehmen, deren gute Richtung ihr geeignet scheint, den Glauben an Gott, die Liebe zum Vaterlande und die Dankbarkeit gegen den Herrscher zu fördern. Die Minister, die sehr verdrießlich aussahen, glaubten doch diese letzten Worte beifällig begrüßen zu sollen. »Die Zahl der schlechten Bücher wächst von Tag zu Tag«, fuhr er fort. »Es ist eine Sündflut, gegen die das Land nicht nachdrücklich genug geschützt werden kann. Von zwölf Büchern, die gedruckt werden, sind elf und ein halbes wert, ins Feuer geworfen zu werden. Das ist die Durchschnittssumme ... Niemals haben verbrecherische Gedanken, Umsturzpläne, gesellschaftsfeindliche Ungeheuerlichkeiten so viele Lobredner gefunden ... Ich muß manchmal gewisse Bücher lesen. Ich versichere ...« Der Unterrichtsminister erkühnte sich ihn zu unterbrechen und begann: »Die Romane ...« »Romane lese ich niemals«, erklärte Rougon trocken. Jener erhob mit einer Gebärde schamhafter Abwehr die Augen gen Himmel, als wolle er sich durch einen Schwur gegen den skandalösen Verdacht verwahren, je Romane zu lesen. Er erklärte sich dahin: »Ich wollte nur sagen: Die Romane besonders sind ein wahres Gift, das der ungesunden Neugier der Menge vorgesetzt wird.« »Gewiß«, nahm der Minister des Innern wieder das Wort. »Aber es gibt noch andere, ebenso gefährliche Werke, worin die Schriftsteller sich bemühen, dem Begriffsvermögen der Bauern und Arbeiter einen mundgerechten Brei von Sozialwissenschaften, und Volkswirtschaft vorzusetzen, dessen augenfälligste Wirkung die ist, schwache Köpfe zu verwirren ... Eben, ist ein Buch dieser Art ›Die Vorleseabende des wackeren Jakob‹ zur Prüfung vorgelegt worden. Es handelt von einem Sergeanten, der in sein Dorf zurückgekehrt, jeden Sonntag mit dem Schulmeister vor etwa zwanzig Arbeitern Zwiegespräche führt. Jedes Gespräch behandelt einen besonderen Gegenstand: neue Methoden für den Ackerbau, Arbeiterverbände, die bedeutende Rolle des Werterzeugers in der Gesellschaft. Ich habe das Buch gelesen, nachdem ein Beamter mich darauf aufmerksam gemacht hat; und ich habe es um so bedenklicher gefunden, als es verderbliche Lehren im Tone der Bewunderung für die Einrichtungen des Kaiserreiches vorträgt. Man darf sich darüber keiner Täuschung hingeben, es ist das Werk eines Demagogen. Ich war daher sehr überrascht, es von mehreren Mitgliedern der Kommission loben zu hören. Ich habe gewisse Stellen mit ihnen besprochen, ohne sie dem Anscheine nach zu überzeugen. Sie haben mich versichert, der Verfasser habe Seiner Majestät sogar ein Huldigungsexemplar überreicht ... Demnach, Majestät, glaubte ich, bevor ich den geringsten Druck ausübte, Ihre und des Ministerrates Meinung einholen zu solle«.« Er blickte den Kaiser fest an, dessen unstet schweifende Augen schließlich auf einem Papiermesser haften blieben, das vor ihm lag. Er ergriff es, drehte es zwischen den Fingern und flüsterte: »Ja, ja, die Vorleseabende des wackeren Jakob ...« Er hielt inne und schielte rechts und links die Tafel hinunter. »Haben Sie vielleicht das Buch gelesen, meine Herren«? Ich möchte gern wissen ...« Er verschluckte den Schluß das Satzes wie gewöhnlich. Die Minister warfen einander: verstohlene Blicke zu; jeder rechnete darauf, sein Nachbar werde eine eigene Ansicht haben. Das Schweigen wurde nachgerade peinlich; offenbar hatte keiner auch nur eine Ahnung von dem Buche. Endlich machte der Kriegsminister im Namen aller seiner Genossen eine Gebärde des Nichtwissens. Der Kaiser drehte seinen Schnurrbart, er hatte offenbar keine Eile und fragte weiter: »Und Sie, Herr Delestang?« Delestang rückte auf seinem Sitze hin und her, wie wenn er in seinem Innern einen schweren Kampf kämpfe. Diese direkte Frage brachte ihn zum Entschluß. Bevor er jedoch antwortete, warf er unwillkürlich einen Blick auf Rougon. »Ich habe das Buch in Händen gehabt, Majestät.« Er hielt inne, da er die großen grauen Augen Rougons auf sich geheftet sah. Angesichts der augenscheinlichen Befriedigung des Kaisers fuhr er jedoch fort, wenngleich seine Lippen zitterten: »Ich bedaure, nicht derselben Ansicht zu sein wie mein Freund und Kollege, der Herr Minister des Innern ... Gewiß, das Buch könnte einige Beschränkungen enthalten und außerdem die vorsichtige Bedächtigkeit betonen, ohne die kein wahrhaft ersprießlicher Fortschritt möglich ist. Aber deshalb scheinen mir die Vorleseabende des wackeren Jakob nicht minder ein Werk, das in bester Absicht geschrieben ist. Die Wünsche, die darin für die Zukunft ausgedrückt sind, treten nicht im geringsten den bestehenden Einrichtungen zu nahe. Sie sind im Gegenteil ihre mit Recht erwarteten Früchte.« Er hielt inne. So sehr er sich auch bemühte, sein Gesicht dem Kaiser zuzuwenden, sah er dennoch auf der andern Seite des Tisches die ungeheure Masse Rougons, der mit aufgestützten Armen und mit vor Überraschung bleichem Gesichte dasaß. Für gewöhnlich war Delestang stets der Ansicht des großen Mannes; deshalb hoffte dieser den aufrührerischen Schüler durch ein Wort zum Gehorsam zurückzuführen und rief, indem er die Hände ineinanderschlang und knacken ließ: »Man müßte ein Beispiel vorbringen. Leider habe ich das Buch nicht bei mir ... Doch entsinne ich mich eines Kapitels. Der brave Jakob redet von zwei Bettlern, die im Dorfe von Tür zu Tür gehen, und erklärt auf eine Frage des Schulmeisters den Bauern, ein Mittel angeben zu können, daß sie nie einen Armen unter sich haben sollen. Dann folgt ein verwickeltes System, zur Beseitigung der Massenarmut, vollständig kommunistische Lehren ... Der Herr Minister des Ackerbaues und des Handels kann dies Kapitel nicht im Ernste billigen.« Delestang, plötzlich kühn geworden, wagte es, Rougon gerade ins Gesicht zu sehen. »Vollständig kommunistische Lehren?« wiederholte er, »Sie gehen etwas weit! Ich habe darin nur eine scharfsinnige Auseinandersetzung der Grundsätze der Assoziation gesehen.« Dabei blätterte er in seiner Mappe und erklärte endlich: »Ich habe das Buch gerade bei mir.« Dann begann er das fragliche Kapitel mit sanfter, gleichmäßiger Stimme vorzulesen. Bei gewissen Stellen nahm sein schöner, staatsmännischer Kopf den Ausdruck ungewöhnlichen Ernstes an. Der Kaiser hörte mit gespannter Aufmerksamkeit zu. Ihn schienen besonders die rührenden Stellen zu erfreuen, wo der Verfasser seine Bauern im Tone kindlicher Einfalt reden ließ. Die Exzellenzen waren vollends ganz entzückt. Was für eine wundervolle Geschichte! Rougon, im Stich gelassen von Delestang, den er nur deshalb hatte zum Minister ernennen lassen, um an ihm inmitten der dumpfen Feindseligkeit der anderen eine Stütze zu haben! Seine Kollegen waren mit seinen beständigen Übergriffen, seiner Herrschsucht sehr unzufrieden; er behandelte sie als bloße Beamte, während er der geheime Ratgeber und die rechte Hand Seiner Majestät sein wollte. Er würde sich also vollständig vereinsamt finden! Diesen Delestang mußte man freundlich aufnehmen. »Es finden sich vielleicht ein oder zwei Worte«, murmelte der Kaiser, nachdem Delestang geschlossen. »Aber im ganzen genommen sehe ich nichts ... Nicht wahr, meine Herren?« »Das Buch ist durchaus harmlos«, versicherten die Minister. Rougon antwortete nicht. Er schien die Schultern zu beugen. Dann wandte er sich wieder gegen Delestang allein. Einige Minuten lang kämpften sie in kurzen Sätzen miteinander. Der schöne Mann wurde kriegerisch, beißend. Da erhob sich Rougon allmählich. Zum erstenmal fühlte er seine Macht unter den Füßen wanken. Ohne weiteres wandte er sich an den Kaiser, hoch aufgerichtet, mit heftigen Gebärden. »Majestät, es ist ja keine große Sache; das Buch wird gestattet, da Eure Majestät in Ihrer Weisheit glauben, daß es nicht gefährlich ist. Aber ich muß Ihnen erklären, Majestät, es wäre eine der größten Gefahren, Frankreich auch nur die Hälfte der Freiheiten zu geben, die dieser brave Jakob verlangt ... Sie haben mich unter schrecklichen Umständen zur Regierung berufen. Sie haben mir gesagt, ich solle nicht durch unzeitige Mäßigung die Zitternden zu beruhigen suchen. Ich habe mich Ihrem Wunsche gemäß gefürchtet gemacht. Ich glaube, mich bis ins kleinste nach Ihren Weisungen gerichtet und Ihnen die Dienste erwiesen zu haben, die Sie von mir erwarteten. Wenn jemand mich allzu großer Strenge anklagte, wenn man mir vorwürfe, die mir von Eurer Majestät verliehene Macht zu mißbrauchen, so käme solcher Tadel gewiß von einem Gegner Ihrer Politik ... Glauben Sie mir, die Gesellschaft ist noch immer ebenso tief erregt, es ist mir leider in den wenigen Wochen noch nicht gelungen, sie von allen den Übeln zu heilen, die an ihrem Marke zehren. Die Leidenschaften des Umsturzes grollen immer noch im Grunde der Demagogie. Ich will diese Wunde nicht bloßlegen, ihre Schrecken nicht übertreiben. Aber ich muß an ihr Vorhandensein erinnern, um Eurer Majestät angesichts Ihrer großherzigen Aufwallungen zur Vorsicht zu mahnen. Man konnte einen Augenblick hoffen, daß die Energie des Herrschers und der feierlich kundgegebene Wille des Landes die abscheulichen Zeiten der allgemeinen Entartung für immer in das Nichts zurückgeworfen hätten. Die Ereignisse haben gezeigt, in welch schmerzlichem. Irrtume man sich befand. Ich bitte Eure Majestät im Namen des Volkes, ziehen Sie Ihre mächtige Hand nicht zurück. Die Gefahr liegt nicht in den zu weit gehenden Vollmachten der Regierung, sondern in dem Mangel an Unterdrückungsgesetzen. Wenn Sie Ihre Hand zurückzögen, würden Sie alsbald die Hefe der Bevölkerung aufwallen und Sie mit revolutionären Anforderungen bestürmen sehen, und selbst Ihre energischsten Diener würden Sie bald nicht mehr zu verteidigen imstande sein ... Ich erlaube mir, hierauf nachdrücklich hinzuweisen, denn die folgenden Katastrophen würden entsetzlich sein. Unbeschränkte Freiheit ist in einem Lande nicht möglich, wo eine Partei hartnäckig die Hauptgrundlagen der Regierung verkennt. Es wird noch lange Jahre dauern, bis die unbeschränkte Gewalt sich allen fühlbar macht, die Erinnerung an die früheren Kämpfe austilgt und so unanfechtbar wird, daß sie sich in Frage stellen lassen darf. Außerhalb des in seiner ganzen Strenge angewandten Autoritätsprinzipes gibt es für Frankreich kein Heil. Der Tag, an dem Eure Majestät glauben, dem Volke die harmloseste Freiheit zugestehen zu sollen, wird Sie für die ganze Zukunft binden. Eine Freiheit ist nichts ohne eine andere Freiheit, dann kommt eine dritte Freiheit und fegt alles fort, die staatlichen Einrichtungen und die Herrscherfamilien. Das ist die unversöhnliche Maschine, das mitleidlose Räderwerk, das die Fingerspitze ergreift, die Hand, den Arm verschlingt und endlich den ganzen Körper zermalmt. Da ich mir erlaube, hierüber frei herauszureden, füge ich noch hinzu: der Parlamentarismus hat eine Monarchie getötet, man darf ihm nicht noch ein Kaiserreich zum Opfer hinwerfen. Der gesetzgebende Körper spielt schon wieder eine viel zu geräuschvolle Rolle. Man lasse ihm künftig durchaus keinen Einfluß auf die leitende Politik des Herrschers; das würde die Quelle der lärmendsten und beklagenswertesten Erörterungen sein. Die letzten allgemeinen Wahlen haben wieder einmal die ewige Dankbarkeit des Landes bewiesen; nichtsdestoweniger hat es fünf Kandidaturen gegeben, deren skandalöser Erfolg zur Warnung dienen sollte. Heute ist die große Frage die: die Bildung einer Oppositionsminderheit zu verhindern, und besonders, falls sie sich dennoch bildet, ihr nicht Waffen in die Hand zu geben, womit sie die Regierung noch unverschämter bekämpfen könne. Ein Parlament, das schweigt, ist ein Parlament, das arbeitet ... Was die Presse betrifft, Majestät, so verwandelt sie die Freiheit in Zügellosigkeit. Seit meinem Eintritte in das Ministerium habe ich aufmerksam die Berichte gelesen; und empfinde jeden Morgen Ekel darüber. Die Presse ist das Sammelbecken aller ekelerregenden Gärungsstoffe. Sie hegt die Revolutionen, sie bleibt der stets brennende Herd, an dem sich die Feuersbrünste entzünden. Sie wird erst dann Nutzen stiften, wenn man sie gebändigt hat und ihre Kraft als ein Hilfsmittel der Regierung verwenden kann ... Ich rede nicht von den anderen Freiheiten, der Vereinsfreiheit, der Versammlungsfreiheit, der Freiheit, alles zu tun. Man erbittet sie achtungsvoll in den ›Vorleseabenden des wackeren Jakob‹; später wird man sie fordern. Das sind meine Besorgnisse. Glauben mir Eure Majestät, Frankreich muß noch lange die Wucht eines eisernen Armes auf seinem Nacken fühlen ...« Er wiederholte sich, er verteidigte seine Macht mit wachsender Erregung. Fast eine Stunde lang fuhr er so fort im Schutze des Autoritätsgrundsatzes, sich damit deckend, sich darin einhüllend wie ein Mann, der sich die ganze Widerstandsfähigkeit seiner Rüstung zunutze macht. Trotz seiner anscheinenden Leidenschaftlichkeit bewahrte er doch Kaltblütigkeit genug, seine Kollegen zu beobachten, um auf ihren Gesichtern den Eindruck seiner Worte zu verfolgen. Sie saßen bleich, regungslos da. Plötzlich schwieg er: Ein ziemlich langes Schweigen folgte. Der Kaiser hatte sein Spiel mit dem Papiermesser wieder aufgenommen. »Der Herr Minister des Innern sieht die Lage Frankreichs in zu düsterem Lichte«, sagte endlich der Staatsminister. »Nichts bedroht nach meiner Ansicht unsere staatlichen Einrichtungen. Die Ordnung ist vollkommen. Wir können uns auf die hohe Weisheit Seiner Majestät verlassen. Es würde selbst Mangel an Vertrauen in sie bezeugen, wollte man Befürchtungen äußern.« »Ganz gewiß, ganz gewiß!« murmelten mehrere Stimmen. »Ich möchte hinzufügen,« sagte seinerseits der Minister des Auswärtigen, »daß Frankreich in Europa niemals mehr geachtet war als jetzt. Überall im Auslande huldigt man der festen und würdigen Politik Seiner Majestät. Nach der Ansicht der Staatskanzleien ist unser Vaterland für immer in einen Zeitraum des Friedens und der Größe eingetreten.« Keiner der Herren dachte übrigens daran, das von Rougon verteidigte politische Programm anzugreifen. Die Blicke wandten sich Delestang zu. Dieser begriff, was man von ihm erwartete. Er fand zwei bis drei Phrasen und verglich das Reich mit einem Gebäude. »Gewiß, der Autoritätsgrundsatz darf nicht erschüttert werden, aber man darf den öffentlichen Freiheiten auch nicht Tür und Tor verschließen ... Das Reich ist wie ein Asyl, ein weites und prächtiges Haus, dessen unzerstörbare Grundlagen Seine Majestät mit eigener Hand niedergelegt hat. Heute arbeitet sie noch daran, die Mauern aufzuführen. Aber es wird ein Tag kommen, wo die Arbeit vollendet ist, wo der Baumeister an die Krönung des Gebäudes denken muß, und dann ...« »Niemals!« rief Rougon heftig. »Alles würde zusammenbrechen!« Der Kaiser streckte die Hand aus, um dem Wortstreite, ein Ende zu machen. Er lächelte, als sei er aus einem Traume erwacht. »Gut, gut«, sagte er. »Wir sind von den laufenden Geschäften abgekommen ... Wir wollen sehen.« Und indem er sich erhob, sagte er: »Meine Herren, es ist spät geworden. Sie werden im Schlosse frühstücken.« Die Sitzung war beendet. Die Minister schoben ihre Sessel zurück, standen auf und verbeugten sich vor dem Kaiser, der sich mit kleinen Schritten zurückzog. Aber Seine Majestät wandte sich noch einmal um und murmelte: »Herr Rougon, auf ein Wort, bitte.« Während der Herrscher Rougon in eine Fensternische zog, drängten sich Ihre Exzellenzen in der entgegengesetzten Ecke um Delestang. Sie beglückwünschten ihn verstohlen, augenzwinkernd, mit verständnisvollem Lächeln, einem dumpfen Murmeln beifälligen Lobes. Der Staatsminister, ein scharfsinniger und erfahrener Mann, zeigte sich besonders eifrig; er vertrat den Grundsatz, daß die Freundschaft der Dummen Glück bringt. Delestang verneigte sich bei jedem Komplimente bescheiden und gemessen. »Nein, kommen Sie lieber mit!« sagte der Kaiser zu Rougon. Er entschloß sich dazu, ihn in sein Arbeitszimmer zu führen, ein ziemlich enges Gemach, wo Zeitschriften und Bücher auf allen Möbeln umherlagen. Dort zündete er sich eine Zigarette an, zeigte Rougon das verkleinerte Modell eines neuen Geschützes, das ein Offizier erfunden hatte; es sah aus wie ein Kinderspielzeug. Er nahm einen sehr wohlwollenden Ton an und schien dem Minister beweisen zu wollen, daß er ihm seine ganze Gunst bewahrt habe. Rougon witterte indessen eine Erklärung. Er wollte zuerst sprechen. »Ich weiß, wie heftig ich vor Eurer Majestät angegriffen werde«, sagte er. Der Kaiser lächelte, ohne zu antworten. Der Hof hatte in der Tat einen neuen Sturmlauf gegen ihn unternommen. Man klagte ihn jetzt an, er mißbrauche seine Gewalt und kompromittiere das Kaiserreich durch seine Schroffheit. Die unglaublichsten Geschichten wurden ihm zur Last gelegt, die Gänge des Schlosses widerhallten von Anekdoten und Klagen, deren Echo jeden Morgen in das Gemach des Kaisers drang. »Setzen Sie sich, Herr Rougon, setzen Sie sich!« sagte er endlich gütig. Dann setzte er sich selbst und fuhr fort: »Man betäubt mir die Ohren mit einer Menge Geschichten. Ich möchte mit Ihnen darüber reden ... Was ist es mit diesem Notar, der infolge seiner Verhaftung in Niort gestorben ist? Ein Herr Martineau, wenn ich nicht irre?« Rougon gab ruhig nähere Auskunft. Dieser Martineau war ein sehr verdächtiger Mensch, ein Republikaner, dessen Einfluß im Kreise zu einer großen Gefahr werden konnte. Er war verhaftet worden und hernach gestorben. »Ja, eben daß er tot ist, das ist das Ärgerliche«, nahm der Herrscher wieder das Wort. »Die gegnerischen Blätter haben sich des Falles bemächtigt, sie berichten darüber in einer geheimnisvollen Art mit Lücken, die das Schlimmste ahnen lassen und den beklagenswertesten Eindruck machen ... Ich bin über das alles sehr bekümmert, Herr Rougon.« Er schwieg einige Sekunden, die Zigarette an die Lippen geklebt, dann fuhr er fort: »Sie sind kürzlich in Deux-Sèvres gewesen, Sie haben dort einer Feierlichkeit beigewohnt ... Sind Sie, der finanziellen Sicherheit des Herrn Kahn gewiß?« »Oh, unbedingt gewiß!« rief Rougon. Darauf begann er wieder Erklärungen zu geben. Herr Kahn stütze sich auf eine sehr reiche englische Gesellschaft, die Aktien der Bahn Niort-Angers würden an der Börse mit Aufgeld gehandelt, es sei das beste Geschäft, das sich denken lasse. Der Kaiser schien ungläubig. »Man hat vor mir Befürchtungen ausgedrückt«, murmelte er. »Sie begreifen, welches Unglück es wäre, wenn Ihr Name in einen Krach verwickelt würde ... Indessen, da Sie mich des Gegenteiles versichern ...« Er brach diesen zweiten Gegenstand ab und ging zum dritten über. »Mit dem Präfekten von Deux-Sèvres ist man sehr unzufrieden«, sagt man mir. »Er soll da draußen alles auf den Kopf gestellt haben. Er soll außerdem der Sohn eines alten Gerichtsvollziehers sein, über dessen seltsame Gewohnheiten der Kreis sich unterhält ... Herr Du Poizat ist Ihr Freund, wenn ich nicht irre?« »Ein guter Freund von mir, Majestät.« Der Kaiser erhob sich, Rougon gleichfalls. Jener ging ans Fenster und kehrte dann zurück, dünne Rauchwölkchen ausstoßend. »Sie haben viele Freunde, Herr Rougon«, sagte er darauf bedeutungsvoll. »Ja, Majestät, viele!« antwortete der Minister geradeheraus. Bis dahin hatte der Kaiser offenbar den Schloßklatsch wiedergegeben, die Anklagen, die seine Umgebung gegen Rougon erhoben hatte. Aber er mußte noch andere Geschichten kennen, Tatsachen, von denen der Hof nichts wußte, die seine Privatagenten ihm berichtet hatten, und die ihn viel mehr interessierten; das Spionieren, die ganze unterirdische Arbeit der Polizei ging ihm über alles. Einen Augenblick sah er Rougon mit nichtssagendem Lächeln an; dann fuhr er vertraulich fort, im Tone eines Menschen, den etwas erheitert. »Oh, ich habe mehr erfahren, als ich wünschte ... Warten Sie, hier ist noch eine kleine Tatsache. Sie haben in Ihren Bureaus einen jungen Mann auf genommen, Sohn eines Obersten, obgleich, er das Reifezeugnis nicht aufweisen konnte. Das ist unerheblich, ich weiß es. Aber wenn Sie wüßten, welchen Staub diese Dinge aufwirbeln! ... Die ganze Welt wird mit diesen Dummheiten in Aufregung gehalten. Es ist eine sehr schlechte Politik.« Rougon antwortete nicht. Seine Majestät hatte noch nicht ausgeredet. Er öffnete die Lippen, suchte nach einem Ausdrucke; aber was er zu sagen hatte, schien ihn zu genieren, denn er zögerte noch eine Weile, bis er endlich stammelte: »Ich werde mit Ihnen nicht über diesen Türsteher reden, einen Ihrer Schützlinge, namens Merle, nicht wahr? Er betrinkt sich, ist unverschämt, das Publikum und die Beamten beklagen sich darüber ... Alles das ist sehr ärgerlich, sehr ärgerlich.« Dann schloß er mit plötzlich erhobener Stimme: »Sie haben zu viele Freunde, Herr Rougon. Alle diese Leute schaden Ihnen. Man würde Ihnen einen Dienst erweisen, wenn man sie Ihnen vom Halse schaffte ... Räumen Sie mir die Absetzung des Herrn Du Poizat ein und versprechen Sie mir, die anderen laufen zu lassen.« Rougon war unbewegt geblieben. Er verneigte sich und sagte mit nachdrücklicher Betonung: »Majestät, ich erbitte im Gegenteil das Offiziersband der Ehrenlegion für den Präfekten von Deux-Sèvres ... Ich habe noch einige ähnliche Bitten.« Er zog ein Notizbuch aus der Tasche und fuhr fort: »Herr Béjuin bittet, Eure Majestät wolle geruhen, bei Ihrem Besuche in Bourges seine Glasfabrik in Saint-Florent zu besichtigen ... Der Oberst Jobelin wünscht eine Stellung im kaiserlichen Schlosse... Der Türsteher Merle erinnert daran, daß er die Militärmedaille erhalten hat und bittet um einen Tabakladen für eine seiner Schwestern ...« »Das ist alles?« fragte der Kaiser, wieder lächelnd. »Sie sind ein heroischer Gönner. Ihre Freunde müssen Sie vergöttern.« »Nein, Majestät, sie vergöttern mich nicht, aber sie stützen mich«, erwiderte Rougon mit seiner rauhen Freimütigkeit. Dies Wort schien den Kaiser sehr zu überraschen. Rougon hatte eben das ganze Geheimnis seiner Treue ausgesprochen: sobald er seinen Kredit einschlafen lasse, sei es um seinen Kredit geschehen, und trotz des Skandales, trotz der Unzufriedenheit und Verräterei seiner Freunde habe er nur sie, er besitze keine andere Stütze und sei verdammt, sie bei guter Laune zu erhalten, wenn er selbst bleiben wolle, was er sei. Je mehr er für seine Freunde erhalte, je ungeheurer und unverdienter diese Gunstbezeugungen erschienen, desto stärker sei er. Er fügte achtungsvoll, mit fühlbarer Absichtlichkeit, hinzu: »Ich wünsche von ganzem Herzen, daß Eure Majestät um der Größe Ihres Reiches willen die treuen Diener, die Ihnen bei der Wiedererrichtung des Kaiserreiches geholfen haben, noch lange um sich bewahren mögen!« Der Kaiser lächelte nicht mehr. Er ging einige Schritte nachdenklich und mit verschleierten Augen; er schien blaß, wie von einem Schauer überrieselt. Seiner grübelnden Natur drängten sich die Vorahnungen mit besonderer Deutlichkeil auf. Er brach die Unterhaltung ab, um sie nicht zu Ende führen zu müssen, und verschob die Erfüllung seines Willens auf später. Dann zeigte er sich wieder sehr freundlich. Ja, als er auf die Erörterung zurückkam, die im Ministerrate stattgehabt hatte, schien er Rougon jetzt, wo er freier reden konnte, recht zu geben. Das Land war entschieden noch nicht reif für die Freiheit. Noch lange Zeit mußte eine energische Hand ohne eine Anwandlung von Schwäche die Dinge im rechten Geleise erhalten. Zum Schlüsse wiederholte er dem Minister die Versicherung seines vollen Vertrauen », er ließ ihm völlige Freiheit im Handeln und bestätigte alle seine früheren Weisungen. Indessen glaubte Rougon sich noch besser sichern zu müssen und sagte: »Majestät, ich möchte nicht von einer übelwollenden Äußerung abhängig sein; ich bedarf der Stetigkeit, um die schwere Aufgabe zu vollenden, für die ich heute verantwortlich bin.« »Herr Rougon,« erwiderte der Kaiser, »gehen Sie ohne Furcht vorwärts, ich bin mit Ihnen.« Damit brach er die Unterhaltung ab und schritt auf die Tür zu, der Minister folgte. Beide gingen hinaus und durch mehrere Zimmer, um in den Speisesaal zu gelangen. Aber in dem Augenblicke, als sie eintreten wollten, wandte der Herrscher sich um und zog Rougon in die Ecke einer Galerie, wo er sagte: »Sie billigen also das vom Herrn Justizminister vorgeschlagene System für den neuen Adel nicht? Ich möchte Sie gern diesem Plane geneigt sehen. Überlegen Sie sich die Sache also.« Ohne die Antwort abzuwarten, fügte er mit seiner ruhigen Hartnäckigkeit hinzu: »Doch hat es keine Eile; ich kann warten. Wenn nötig, zehn Jähre.« Nach dem Frühstücke, das kaum eine halbe Stunde dauerte, begaben sich die Minister in einen kleinen anstoßenden Salon, wo der Kaffee gereicht wurde. Sie unterhielten sich dort stehend noch ein Weilchen mit dem Kaiser, der sich in ihrer Mitte befand. Clorinde, von der Kaiserin ebenfalls zurückgehalten, kam ihren Mann abholen, mit der unternehmenden Haltung einer Frau, die in die Kreise der Politiker geraten ist. Sie reichte mehreren der Herren die Hand. Alle umdrängten sie, die Unterhaltung nahm eine andere Richtung. Aber Seine Majestät zeigte sich gegenüber der jungen Frau so galant, drängte sich mit langem Halse und schielendem Blicke bald so dicht an sie, daß Ihre Exzellenzen es angezeigter fanden, sich allmählich zurückzuziehen. Ihrer vier, dann noch drei andere traten durch eine Fenstertüre auf die Terrasse des Schlosses hinaus. Nur ihrer zwei blieben im Salon, um den Schein zu retten. Der Staatsminister hatte mit einem verbindlichen und leutseligen Ausdrucke in seinem hochmütigen Edelmannsgesichte Delestang mit sich genommen und zeigte ihm von der Terrasse das ferne Paris. Rougon stand in der Sonne, ebenfalls ganz in den Anblick der Großstadt vertieft, die den ganzen Horizont abschloß gleich einem bläulichen Gewölk über dem endlosen grünen Felde des Boulogner Gehölzes. Clorinde strahlte diesen Morgen von Schönheit. Geschmacklos gekleidet wie immer, ihr hellkirschfarbenes Kleid hinter sich herschleifend, schien sie sich ihre Gewänder in aller Hast unter dem Drange eines brennenden Verlangens umgehängt zu haben. Sie lachte und bewegte lebhaft die Arme. Ihr ganzer Leib bot sich dar. Auf einem Balle beim Marineminister, wo sie als Herzdame erschienen war, Diamantherzen am Halse, an den Handgelenken und an den Knien, hatte sie den Kaiser erobert, und seit jenem Abend schien sie seine Freundin zu sein, die nur scherzte, wenn Seine Majestät sie schön zu finden geruhte. »Sehen Sie, Herr Delestang,« sagte der Staatsminister draußen zu seinem Kollegen, »da unten links die Kuppel des Pantheons schimmert in einem außerordentlich zarten Blau.« Während der Gatte seine Bewunderung aussprach, suchte der Minister neugierige Blicke durch die offen gebliebene Fenstertüre in den kleinen Salon zu werfen. Der Kaiser redete, vornübergeneigt, der jungen Frau gerade ins Gesicht; sie bog sich nach rückwärts, wie um ihm zu entgehen, immerfort hell lachend. Man sah nur das verschwimmende Profil Seiner Majestät, ein gespitztes Ohr, eine, große, rote Nase, einen dicken, unter dem dichten Schnurrbart fast verborgenen Mund; die zurücktretende Backenfläche und der kaum sichtbare Augenwinkel verrieten eine glühende Begehrlichkeit, das sinnliche Gelüst des Mannes, den der Duft eines Weibes berauscht. Clorinde, berückend verführerisch, weigerte sich mit einem unmerklichen Wiegen des Hauptes, während ihr Atem bei jedem Lachen die so berechnet entzündete Begier noch mehr anfachte. Als Ihre Exzellenzen in den Salon zurückkehrten, sagte die junge Frau, sich erhebend, ohne daß man wußte, worauf sie antwortete: »Oh, Majestät, verlassen Sie sich nicht darauf, ich bin störrisch wie ein Maultier!« Trotz seines Zwistes kehrte Rougon mit Delestang und Clorinde nach Paris zurück. Letztere schien ihren Frieden mit ihm machen zu wollen. Die nervöse Unruhe, die sie unangenehme Gegenstände der Unterhaltung suchen ließ, war von ihr gewichen; sie blickte ihn zuweilen sogar mit einer Art lächelnden Mitleides an. Als der Landauer in dem sonnengebadeten Gehölze am See sanft dahinrollte, streckte sie sich aus und flüsterte mit einem Seufzer des Entzückens: »Oh, der schöne Tag! Wie schön ist es heute!« Nachdem sie einen Augenblick träumerisch dagesessen, fragte sie ihren Gatten: »Ist deine Schwester, Frau Combelot, noch immer in den Kaiser verliebt?« »Henriette ist toll!« versetzte er achselzuckend. Rougon teilte näheres mit und sagte: »Ja, ja, noch immer. Sie soll sich eines Abends Seiner Majestät zu Füßen geworfen haben ... Er hat sie aufgehoben und ihr geraten, noch zu warten ...« »Ja wahrhaftig, sie kann warten!« rief Clorinde vergnügt. »Andere kommen vor ihr an die Reihe.« Zwölftes Kapitel Clorinde stand damals auf dem Gipfel ihrer Sonderlichkeiten und ihrer Macht. Sie blieb das exzentrische Mädchen, das Paris auf einem Mietgaule durchritt, um einen Mann zu suchen; aber das Mädchen war eine Frau geworden mit stärkerer Brust und festen Hüften, die bedächtig die seltsamsten Taten vollbrachte, nachdem sie ihren lange gehegten Traum erfüllt sah und eine Macht geworden war. Ihre endlosen Reisen nach den entlegensten Stadtvierteln, ihre Briefe, womit sie Frankreich und Italien überschwemmte, ihre beständige Berührung mit politischen Persönlichkeiten, in deren vertraute Kreise sie sich einzuschmeicheln wußte, diese ganze regel- und ziellose, lückenhafte Tätigkeit hatte ihr schließlich einen wirklichen, unbestreitbaren Einfluß verschafft. Sie brachte noch immer Ungeheuerlichkeiten, tolle Pläne und ausschweifende Hoffnungen vor, wenn sie ernst redete; sie führte noch immer ihre riesige, aufgeplatzte und mit Bindfaden wieder zusammengeheftete Mappe spazieren, sie trug sie wie ein Wickelkind in den Armen in einer so überzeugten Art, daß die Vorübergehenden lächelten, wenn sie sie in langen, schmutzigen Röcken so dahineilen sahen. Dennoch fragte man sie um Rat, fürchtete sie sogar. Niemand hätte genau sagen können, woher sie ihre Macht nahm, sie hatte entlegene, vielfache, unsichtbare Quellen, denen nachzuspüren sehr schwierig war. Man wußte höchstens Bruchstücke einer Geschichte, Anekdoten, die man sich ins Ohr flüsterte. Das Gesamtbild dieser sonderbaren Erscheinung war nicht zu fassen: verworrene Einbildungskraft, gesunder Menschenverstand, dem man das Ohr lieh, und ein prächtiger Körper, worauf vielleicht das ganze Geheimnis ihrer Herrschaft beruhte. Übrigens kam auf die unsichtbaren Triebfedern ihres Erfolges nicht viel an. Es genügte, daß sie herrschte, wenngleich als phantastische Herrscherin. Man neigte sich vor ihr. Die junge Frau hatte um diese Zeit ihren selbsterrichteten Thron bestiegen. Sie vereinigte in ihrem Ankleidezimmer, wo schlecht getrocknete Waschbecken umherstanden, die ganze Politik der europäischen Höfe. Früher als die Gesandtschaften erhielt sie, ohne daß man ahnte auf welchem Wege, Nachrichten, ausführliche Berichte, worin sich die leisesten Pulsschläge des Lebens der Regierungen mitgeteilt fanden. Auch hatte sie einen Hof: Bankiers, Diplomaten und Vertraute, die kamen, um sie auszuholen. Die Bankiers huldigten ihr ganz besonders. Sie hatte einen von ihnen auf einmal hundert Millionen gewinnen lassen durch die bloße vertrauliche Mitteilung von einem bevorstehenden Ministerwechsel in einem Nachbarstaate. Sie verachtete diese Geschäfte der gemeinen Politik, sie teilte alles, was sie wußte, mit: den Klatsch der Diplomatie, den internationalen Tratsch der Großstädte, nur weil es ihr Vergnügen machte, zu sprechen und zu zeigen, daß sie zugleich Turin, Wien, Madrid, London, selbst Berlin und St. Petersburg überwachte. Dann war sie unerschöpflich, in Nachrichten über die Gesundheit der Könige, ihre Liebschaften, ihre Gewohnheiten, über die politischen Persönlichkeiten jedes Landes, über die Skandalchronik des kleinsten deutschen Herzogtums. Sie beurteilte die Staatsmänner mit einer Redensart, sprang unvermittelt vom Norden nach dem Süden, wühlte die Königreiche nachlässig mit den Fingernägeln auf, lebte da wie zu Hause, als ob die weite Erde mit ihren Städten und Bewohnern nur eine Spielzeugschachtel sei, deren Inhalt sie nach Belieben ordne. Wenn sie, vom Schwatzen erschöpft, schwieg, schnellte sie den Daumen gegen den Mittelfinger, daß es knackte, eine bei ihr beliebte Bewegung, die so viel heißen sollte als: alles das ist nicht das Schnappen eines Fingers wert. Für den Augenblick lag ihr unter ihren zahllosen Beschäftigungen besonders eine Sache von größter Wichtigkeit am Herzen, worüber sie Stillschweigen beobachtete, ohne sich jedoch das Vergnügen gewisser Anspielungen versagen zu könnten. Sie wollte Venedig. Wenn sie von dem großen italienischen Minister sprach, nannte sie ihn vertraulich nur »Cavour«. Sie setzte hinzu: »Cavour wollte es nicht, aber ich wollte es, und er hat es eingesehen.« Sie schloß sich morgens und abends mit dem Ritter Rusconi in der Botschaft ein. Übrigens nahm »die Geschichte« jetzt einen guten Fortgang. Mit unstörbarer Seelenruhe, ihre schmale Götterstirne zurücklehnend und in einer Art Hellseherei redend, ließ sie unzusammenhängende Worte, Bruchstücke von Geständnissen fallen: eine geheime Zusammenkunft des Kaisers mit einem fremden Staatsmanne, den Entwurf eines Bundesvertrages, von dem noch einige Artikel ins reine zu bringen seien, Krieg im nächsten Frühjahre. An anderen Tagen war sie wütend, gab den Stühlen in ihrem Zimmer Fußtritte und stieß die Waschbecken um, daß sie schier zerbrachen; sie hatte den Zorn einer Königin, die, von einfältigen Ministern verraten, ihr Reich immer tiefer sinken sieht. An solchen Tagen streckte sie in tragischer Haltung ihren nackten wundervollen Arm nach Südosten, nach Italien aus und wiederholte: »Ah, wenn ich dort wäre, sollten sie gewiß nicht solche Dummheiten machen!« Die Sorgen der hohen Politik hielten Clorinde nicht ab, auch allerlei andere Geschäfte zu treiben, in denen sie sich schließlich selbst zu verlieren schien. Man fand sie oft auf ihrem Bette sitzend, ihre riesige Mappe mitten auf der Decke ausgeleert und die Arme bis zu den Ellbogen in einem Papierhaufen vergraben, verwirrt, vor Wut weinend; sie fand sich in diesem Wust von losen Blättern nicht mehr zurecht, oder auch sie suchte irgendein verlegtes Aktenbündel, das sie endlich hinter einem Schranke, unter ihren alten Stiefeln oder ihrer schmutzigen Wäsche fand. Wenn sie ausging, um eine Angelegenheit zu erledigen, leitete sie unterwegs zwei bis drei andere ein. Ihre Maßnahmen verwirrten sich, sie lebte in beständiger Erregung und gab sich einem Wirbelsturme von Gedanken und Tatsachen hin unter sich unbekannten Tiefen und verwickelten, unergründlichen Ränken. Hatte sie den ganzen Tag lang Paris durchlaufen und kehrte sie abends, vom Treppensteigen wie zerschlagen, heim, mit den unerklärlichen Gerüchen der verschiedenen Orte, die sie betreten hatte, in den Falten ihrer Röcke, so hätte niemand die Hälfte der Geschäfte zu ahnen gewagt, die sie nach allen Teilen der Stadt führten; wenn man sie fragte, lachte sie und entsann sich nicht immer jedes einzelnen. Um diese Zeit hatte sie den erstaunlichen Einfall, sich in einem Separatzimmer eines der großen Boulevardrestaurants niederzulassen. Ihr Haus, sagte sie, sei zu entlegen von allem, sie wolle ein Absteigequartier inmitten der Stadt haben, und richtete dort ihr Geschäftszimmer ein. Acht Wochen lang empfing sie dort, von den Kellnern bedient, welche die höchsten Persönlichkeiten: Beamte, Gesandte, Minister einführten. Sie ließ sie ganz gemächlich auf dem von den letzten Gästen des Karnevals eingedrückten Diwan Platz nehmen und blieb selbst vor dem Tische, der stets mit dem Tischtuch bedeckt, mit Brotkrumen und Papieren überhäuft war. Sie saß da wie ein General. Als sie eines Tages von einem Unwohlsein befallen wurde, war sie ganz ruhig zu den Dachzimmern hinaufgestiegen und hatte sich in der Kammer des Haushofmeisters, der sie bediente, zu Bett gelegt. Es war ein großer brauner Bursche, von dem sie sich umarmen ließ. Erst gegen Mitternacht hatte sie eingewilligt heimzukehren. Delestang war trotz alledem glücklich; er schien die Launen seiner Frau zu übersehen. Sie hielt ihn jetzt völlig in der Hand und gebrauchte ihn nach ihrer Weise, ohne daß er sich nur erlaubt hätte zu murren. Sein Wesen machte ihn zu dieser Knechtschaft geeignet. Er befand sich bei dieser Preisgabe seines eigenen Willens zu wohl, als daß er sich je dagegen aufgelehnt hätte. Im vertrauten Verkehre war er es, der morgens, wenn sie ihn bei sich geduldet hatte, ihr beim Aufstehen allerlei kleine Dienste erwies, überall unter den Möbeln die verlorenen und nicht zueinander passenden Schuhe zusammensuchte und den ganzen Wäscheschrank durchwühlte, bis er ein Hemd ohne Löcher fand. Es genügte ihm, vor der Welt die Haltung des überlegenen und lächelnden Mannes zu wahren. Man achtete ihn fast, mit so heiterer Miene und so liebevollem Wohlwollen sprach er von seiner Frau. Clorinde, zur allmächtigen Herrscherin geworden, hatte den Einfall, ihre Mutter aus Turin zurückkehren zu lassen; sie wünschte, daß die Gräfin Balbi in Zukunft die Hälfte jedes Jahres bei ihr verbringe. Es war ein plötzlicher Ausbruch kindlicher Zärtlichkeit. Sie stellte ein ganzes Stockwerk auf den Kopf, um die alte Frau ihren eigenen Zimmern so nahe wie möglich unterzubringen. Sie ließ sogar eine Verbindungstür zwischen ihrem Ankleidezimmer und der Schlafkammer ihrer Mutter herstellen. Besonders in Rougons Gegenwart gab sie ihrer Zärtlichkeit in italienisch übertriebenen Schmeichelworten Ausdruck. Wie konnte sie sich nur darein finden, so lange von der Gräfin getrennt zu leben, sie, die ihre Mutter vor ihrer Heirat nie auch nur eine Stunde lang verlassen hatte? Sie klagte sich der Hartherzigkeit an. Aber es war nicht ihre Schuld, sie hatte sich Ratschlägen, vermeintlichen Notwendigkeiten gefügt, deren Sinn sie noch jetzt nicht begriff. Rougon kam angesichts dieser Laune nicht aus der Fassung. Er schulmeisterte sie nicht mehr, bemühte sich nicht mehr, eine der vornehmsten Frauen von Paris aus ihr zu machen. Früher hatte sie die Leere seiner Tage ausfüllen können, als das Fieber seiner Untätigkeit ihm das Blut entzündete und in seinen Gliedern eines müßigen Kämpfers Begierden erweckte. Jetzt, da er mitten im Kampfe stand, dachte er nicht sonderlich an solche Dinge; seine geringe Sinnlichkeit war durch seine täglichen vierzehn Arbeitsstunden aufgezehrt. Er behandelte sie auch ferner freundlich mit einem Zuge jener Verachtung, die er den Frauen gewöhnlich bezeigte. Doch hingen seine Augen von Zeit zu Zeit an ihr, während die alte, noch immer nicht erloschene Leidenschaft in ihnen aufloderte. Sie blieb sein Laster, das einzige Stück sündigen Fleisches, das seine Ruhe störte. Seit Rougon im Ministerium wohnte, wo seine Freunde ihn nicht mehr im vertrauten Kreise treffen zu können klagten, war Clorinde darauf versessen, sie bei sich zu empfangen. Allmählich wurde es ihnen zur Gewohnheit. Um deutlicher hervorzuheben, daß ihre Abende die Rougons ersetzen sollten, wählte sie dafür ebenfalls Sonntag und Donnerstag. Nur daß man bei ihr bis ein Uhr beisammenblieb. Sie empfing in ihrem Zimmer, da Delestang noch immer aus Furcht vor Fettflecken die Schlüssel zum großen Salon verwahrte. Da das Zimmer sehr klein war, ließ sie ihr Schlaf- und ihr Ankleidezimmer offen, so daß sich die ganze Gesellschaft oft hier inmitten der herumliegenden Lappen und Kleider zusammendrängte. Am Donnerstage und Sonntage war Clorindens größte Sorge, früh genug heimzukehren, um hastig zu essen und dann ihre Gäste zu empfangen. Trotz der Anstrengungen ihres Gedächtnisses vergaß sie ihre Gäste zweimal so vollständig, daß sie wie aus den Wolken gefallen war, als sie, nach Mitternacht heimkehrend, so viele Menschen an ihrem Bette fand. Eines Donnerstags gegen Ende Mai kam sie ausnahmsweise schon gegen fünf Uhr heim; sie war zu Fuß ausgegangen und hatte vom Eintrachtsplatze her einen Platzregen über sich ergehen lassen, ohne einer Droschke die dreißig Sous für die Heimfahrt zu gönnen. Pudelnaß trat sie gleich in ihr Ankleidezimmer, wo ihre Kammerfrau Antonia, den Mund mit Konfekt beschmiert, sie entkleidete, über ihre Gewänder lachend, von denen es wie aus der Dachtraufe auf den Fußboden herabtroff. »Es ist ein Herr da«, sagte endlich Antonia, indem sie sich niederbeugte, um ihrer Herrin die Schuhe auszuziehen. »Er wartet schon eine Stunde.« Clorinde fragte, wie er aussehe. Die Kammerfrau, schlecht gekämmt und in fettigem Kleide, blieb am Boden hocken und zeigte ihre weißen Zähne in dem braunen Gesicht. Der Herr sei stark, blaß und von strengem Aussehen. »Ah ja! Herr von Reuthlinger, der Bankier!« rief die junge Frau. »Es ist wahr, er sollte um vier Uhr kommen. Er soll warten ... Machen Sie mir ein Bad zurecht!« Und sie streckte sich gemächlich in der Badewanne aus, die hinter einem Vorhang im Hintergrunde des Gemaches stand. Dort las sie die während ihrer Abwesenheit eingelaufenen Briefe. Nach einer guten halben Stunde erschien Antonia wieder und murmelte: »Der Herr hat Sie heimkehren sehen. Er möchte Sie gerne sprechen.« »Richtig, der Baron! Ich habe ihn ganz vergessen«, sagte Clorinde, sich mitten in der Wanne erhebend. »Kleiden Sie mich an!« Sie hatte aber an diesem Abende unerhörte Toilettelaunen. Während sie sich sonst vernachlässigte, hatte sie zuweilen Anfälle von Vergötterung ihres Körpers. Dann erfand sie die ausgesuchtesten Putzmittel; nackt vor ihrem Spiegel stehend, ließ sie sich die Glieder mit Salben, Balsam, duftenden Ölen reiben, die nur sie kannte, und die, wie sie sagte, ihr ein befreundeter Diplomat in Konstantinopel beim Salbenhändler des Harems gekauft habe. Während Antonia sie einrieb, nahm sie die Haltung einer Statue an. Das sollte ihr eine weiße, glatte und gleich dem Marmor unzerstörbare Haut geben; besonders ein gewisses Öl, von dem sie selbst die Tropfen auf einen Lappen Flanell abzählte, hätte die wunderbare Eigenschaft, sofort die geringsten Runzeln zu beseitigen. Dann untersuchte sie ihre Hände und Füße auf das genaueste. Sie hätte sich einen ganzen Tag so anbeten können. Nach dreiviertel Stunden jedoch, als Antonia ihr ein Hemd und einen Rock angelegt hatte, erinnerte sie sich plötzlich und rief: »Und der Baron! ... Ah, um so schlimmer, lassen Sie ihn eintreten! Er weiß recht gut, wie eine Frau beschaffen ist.« Herr von Reuthlinger wartete seit mehr als zwei Stunden, geduldig im Zimmer sitzend, die Hände über den Knien gefaltet. Blaß, kühl, sittenstreng, wartete der Bankier, der eines der größten Vermögen Europas sein nannte, in dieser Weise wöchentlich zwei-, dreimal im Vorzimmer Clorindens. Er lud sie selbst zu sich in seine keusche und frostig-strenge Wohnung, wo die Ausgelassenheit der jungen Frau die Diener bestürzt machte. »Guten Tag, Herr Baron!« rief sie. »Ich lasse mich eben kämmen, schauen Sie nicht her!« Sie blieb halb nackt sitzen, das Hemd war ihr von den Schultern geglitten. Die blassen Lippen des Barons verzogen sich zu einem nachsichtigen Lächeln, und er trat mit kalten und klaren Augen neben sie, um sie mit ausgesuchter Höflichkeit zu begrüßen. »Sie kommen wegen Ihrer Nachrichten? Ich habe gerade etwas erfahren.« Sie erhob sich und schickte Antonia hinaus, die ihr den Kamm im Haare stecken ließ. Sie mußte auch so noch fürchten belauscht zu werden, denn sie erhob sich, legte eine Hand auf seine Schulter und flüsterte ihm ins Ohr. Des Bankiers Augen ruhten, indem er ihr lauschte, auf ihrem Busen, der sich ihm entgegenstreckte, aber er sah ihn gewiß gar nicht; er nickte nur lebhaft. »So!« schloß sie laut. »Jetzt können Sie gehen.« Er ergriff wieder ihren Arm und zog sie an sich, um noch gewisse Erläuterungen zu erbitten. Er hätte nicht ungezwungener mit einem seiner Angestellten verfahren können. Als er ging, lud er sie für den folgenden Tag zum Essen ein; seine Frau langweile sich, weil sie so selten komme. Sie begleitete ihn bis zur Tür. Dann aber kreuzte sie die Arme über der Brust und rief, ganz rot: »Ach, nicht übel, wie ich da mit Ihnen laufe!« Dann trieb sie Antonia zur Eile an. Dieses Frauenzimmer wurde niemals fertig! Sie ließ ihr kaum Zeit, ihr das Haar zu machen, indem sie sagte, sie liebe die Trödelei bei ihrer Toilette nicht. Trotz der Jahreszeit wollte sie ein langes, schwarzes Samtkleid anziehen, eine Art weiter Bluse, die eine rote Seidenschnur um die Taille zusammenhalten sollte. Schon zweimal war ihr gemeldet worden, das Essen sei angerichtet. Als sie jedoch ihr Zimmer durchschritt, fand sie darin drei Herren, deren Anwesenheit an diesem Orte niemand ahnte. Es waren die drei politischen Flüchtlinge, die Herren Brambilla, Staderino und Viscardi. Sie schien keineswegs überrascht, ihnen da zu begegnen und fragte: »Warten Sie schon lange?« »Ja, ja«, erwiderten sie, langsam den Kopf wiegend. Sie waren noch vor dem Bankier gekommen. Und sie hatten nicht das geringste Geräusch verursacht, da politisches Unglück sie schweigsam und bedächtig gemacht hatte. So kauten sie, auf demselben Sofa in gleicher Stellung nebeneinander sitzend, an ihren dicken, erloschenen Zigarren. Jetzt hatten sie sich erhoben und umgaben Clorinde. Es entwickelte sich eine leise und rasch geführte, in kurzen Worten sich bewegende Unterhaltung in italienischer Sprache. Sie schien ihnen Anweisungen zu geben. Einer trug in Geheimschrift Bemerkungen in ein Heft ein, während die beiden anderen, offenbar sehr erregt durch das, was sie gehört hatten, die behandschuhten Finger an den Mund preßten, um das Schreien zu unterdrücken. Dann gingen sie alle drei hintereinander hinaus; ihre Gesichter waren undurchdringlich. An diesem Donnerstagabend sollte zwischen mehreren Ministern eine Konferenz in einer wichtigen Angelegenheit stattfinden; es hatte sich in einer Lebensfrage ein Streit erhoben. Als Delestang nach Tische ausging, versprach er Clorinde, Rougon mitzubringen. Sie zog ein schiefes Gesicht, als wolle sie ihm zeigen, daß ihr nichts daran liege, ihn zu sehen. Sie hatten sich noch nicht entzweit, aber sie nahm ihm gegenüber ein immer kühleres Benehmen an. Gegen neun Uhr kamen Herr Kahn und Herr Béjuin als die ersten, gleich darauf Frau Gorreur. Sie fanden Clorinde in ihrem Zimmer, behaglich auf einem Ruhebett ausgestreckt. Sie klagte über eines jener unbekannten und seltsamen Übel, die sie von Zeit zu Zeit heimsuchten; diesmal mußte sie beim Trinken eine Fliege verschluckt haben, sie fühlte sie in ihrem Magen herumfliegen. In ihre große, schwarze Samtbluse gehüllt, den Oberkörper durch drei Kissen gestützt, war sie von einer königlichen Schönheit; mit dem blassen Gesichte und den nackten Armen schien sie eine jener Statuen, die träumend an Denkmälern liegen. Zu ihren Füßen griff Luigi Pozzo sanft in die Saiten einer Gitarre; er hatte die Malerei mit der Musik vertauscht. »Bitte, setzen Sie sich 1« flüsterte sie. »Sie werden mich entschuldigen. Ich habe ein Tier im Magen, das, ich weiß nicht wie, hineingekommen ist ...« Pozzo fuhr fort seine Gitarre zu zupfen, wozu er mit verzücktem Gesicht wie traumverloren sehr leise sang. Frau Correur rollte einen Sessel neben die junge Frau, Herr Kahn und Herr Béjuin fanden endlich leere Stühle. Das war nicht leicht, denn die fünf bis sechs Sitze des Zimmers verschwanden ganz unter Kleiderhaufen. Als nach fünf Minuten der Oberst und sein August kamen, mußten sie stehen. »Kleiner,« sagte Clorinde zu August, den sie trotz seiner siebzehn Jahre noch immer duzte, »geh doch und hole zwei Stühle aus dem Ankleidezimmer. Es waren Rohrstühle, von denen der Firnis ganz abgesprungen war, weil beständig feuchte Wäsche auf ihnen umherlag. Eine einzige Lampe, von einer rosa Papierspitze bedeckt, erleuchtete das Zimmer, eine zweite stand auf dem Toilettentische und eine dritte im Nebenraum, durch dessen große Tür man in dämmerige Tiefen sah, wie in Zimmer, worin nur Nachtlampen brennen. Das Schlafzimmer selbst, dessen einst malvenfarbene Tapete zu einem schmutzigen Grau geworden war, schien mit einem verhaltenen Dunste gefüllt, man konnte abgerissene Sesselecken, Staubschichten auf den Möbeln und einen großen Tintenfleck mitten auf dem Teppich nur undeutlich unterscheiden – ein Tintenfaß mußte dort hingefallen sein, dessen Inhalt das Getäfel schwarz bespritzt hatte; im Hintergrunde waren die Vorhänge des Bettes zugezogen, zweifellos um die Unordnung der Decken nicht sehen zu lassen. In diesem Schatten erhob sich ein scharfer Geruch, als ob alle Fläschchen des Ankleidezimmers offen geblieben seien. Clorinde bestand hartnäckig darauf, daß selbst in der warmen Jahreszeit nie ein Fenster geöffnet werde. »Das riecht hier aber gut bei Ihnen«, bemerkte Frau Correur, um ihr ein Kompliment zu machen. »Das kommt von mir, ich rieche gut«, versetzte die junge Frau kindlich. Damit erzählte sie von den Essenzen, die sie vom Parfümlieferanten der Sultanin selbst bekomme. Sie hielt Frau Correur einen ihrer nackten Arme unter die Nase. Ihre schwarze Samtbluse hatte sich etwas verschoben, ihre Füße, die in roten Pantöffelchen staken, wurden sichtbar. Pozzo, berauscht, fast ohnmächtig durch die starken Düfte, die von ihr ausströmten, bearbeitete sein Instrument mit leichten Daumengriffen. Nach einigen Minuten jedoch wandte sich das Gespräch auf Rougon, wie es jeden Donnerstag und jeden Sonntag geschah. Die Gesellschaft vereinigte sich nur, um diesen ewigen Gegenstand zu erschöpfen; es war ein dumpfer und wachsender Groll, ein Bedürfnis, sich durch endlose Klagen zu erleichtern. Clorinde gab sich nicht einmal die Mühe, sie aufzustacheln, sie brachten stets neue Beschwerden mit, unzufrieden, eifersüchtig, erbittert über alles, was Rougon für sie getan hatte, von einem heftigen Fieber der Undankbarkeit geschüttelt. »Haben Sie den Dicken heute gesehen?« fragte der Oberst. Jetzt war Rougon nicht mehr »der große Mann«. »Nein«, erwiderte Clorinde. »Vielleicht sehen wir ihn heute abend; mein Mann ist darauf versessen, ihn mir zu bringen.« »Ich bin heute nachmittag in einem Kaffeehause gewesen, wo sehr scharf über ihn geurteilt wurde«, nahm der Oberst wieder das Wort. »Man versicherte, daß er wanke und sich kaum noch acht Wochen werde halten können.« Herr Kahn bemerkte mit geringschätziger Gebärde: »Ich gebe ihm keine drei Wochen mehr ... Sehen Sie, Rougon ist nicht zum Regieren geschaffen, er liebt die Macht zu sehr, er berauscht sich daran, und dann haut er kreuz und quer, regiert mit Stockschlägen, mit einer empörenden Roheit ... Seit fünf Monaten hat er Ungeheuerlichkeiten vollbracht ...« »Ja, ja,« unterbrach ihn der Oberst, »alle Arten von Gesetzesüberschreitungen, Ungerechtigkeiten, Widersinnigkeiten ... Er treibt einen wahren Mißbrauch ...« Frau Correur drehte, ohne zu reden, die Finger in der Luft herum, um anzudeuten, es sei mit ihm nicht ganz richtig. »Ganz recht«, nahm Herr Kahn, der diese Gebärde bemerkt hatte, wieder das Wort. »Sein Kopf steht nicht mehr ganz gerade, wie?« Da man ihn ansah, glaubte auch Herr Béjuin etwas sagen zu müssen, er murmelte also: »Rougon ist nicht klug, durchaus nicht klug.« Clorinde betrachtete, den Kopf auf ihre Kissen gelagert, den Lichtkreis, den die Lampe an die Decke warf, und ließ sie schwatzen. Als sie schwiegen, sagte sie ihrerseits, um sie vorwärts zu treiben: »Ohne Zweifel hat er Mißbrauch getrieben; aber er behauptet, alles, was man ihm vorwirft, nur in der Absicht getan zu haben, sich seine Freunde zu verbinden ... Ich sprach erst neulich mit ihm darüber. Die Dienste, die er Ihnen erwiesen hat ...« »Uns! Uns?« riefen alle vier zugleich wütend. Sie redeten durcheinander, sie wollten auf der Stelle protestieren. Aber Herr Kahn schrie am lautesten: »Die Dienste, die er mir erwiesen hat – dieser Hohn! ... Ich habe zwei Jahre auf meine Konzession warten müssen, und das hat mich ruiniert! Es war ein glänzendes Geschäft, ist aber sehr faul geworden ... Wenn er mich so sehr liebt, weshalb kommt er mir jetzt nicht zu Hilfe? Ich habe ihn gebeten, beim Kaiser ein Gesetz zu erwirken, das die Verschmelzung meiner Gesellschaft mit der der Westbahn anordnet; er hat mir geantwortet, ich müsse warten ... Rougons Dienste, ah! die möchte ich sehen! Er hat nie etwas getan und kann nichts mehr tun!« »Und ich, und ich,« fuhr der Oberst fort, Frau Correur das Wort abschneidend, »glauben Sie, daß ich ihm etwas verdanke? Er wird doch nicht von dem Kommandeurkreuz reden wollen, auf das ich fünf Jahre warten mußte ... Er hat August allerdings in seine Bureaus aufgenommen, aber das tut mir jetzt nicht wenig leid. Hätte ich August zur Industrie gehen lassen, bekäme er jetzt schon doppelt so viel. Dies Vieh von Rougon hat mir gestern erklärt, August vor anderthalb Jahren nicht befördern zu können. Wenn er so seinen Kredit für seine Freunde zugrunde richtet!« Endlich gelangte Frau Correur dazu, sich zu erleichtern. Sie neigte sich zu Clorinde und begann: »Sagen Sie, Madame, mich kann er doch nicht genannt haben? Niemals habe ich etwas von ihm erhalten. Seine Wohltaten soll ich erst noch kennenlernen. Er kann nicht soviel sagen, und wenn ich sprechen wollte ... Ich habe ihn für mehrere meiner Freundinnen um verschiedenes gebeten, das leugne ich nicht; ich bin gern gefällig. Eine Bemerkung habe ich dabei gemacht: alles, was er bewilligt, läuft übel ab, seine Gunst scheint den Leuten Unglück zu bringen. So diese arme Herminie Billecoq, eine ehemalige Schülerin von St. Denis, die ein Offizier verführt hat, und für die er eine Aussteuer beschafft hat. Heute früh kommt sie zu mir gelaufen und erzählt mir das Unglück: sie wird sich nicht verheiraten, der Offizier ist durchgebrannt, nachdem er die Mitgift verjuxt hat ... Verstehen Sie? Immer für andere, nie für mich. Ich habe mich in letzter Zeit entschlossen, als ich von Coulonges mit meiner Erbschaft zurückgekehrt bin, ihm die Machenschaften der Frau Martineau zu erzählen. Ich wollte bei der Teilung das Haus, worin ich geboren bin, und dieses Weib hat es für sich behalten ... Wissen Sie, was seine einzige Antwort war? Er hat mir dreimal wiederholt, er wolle sich mit dieser häßlichen Geschichte nicht mehr befassen.« Inzwischen regte sich Herr Béjuin ebenfalls. Er stotterte. »Mir ist es ebenso gegangen ... Ich habe ihn nie um etwas gebeten, niemals! Alles, was er hat tun können, ist gegen meinen Willen geschehen, ohne daß ich etwas davon wußte. Er benutzt unser Schweigen dazu, uns an sich zu reißen; ja, das ist der richtige Ausdruck: an sich zu reißen.« Seine Stimme erstickte in einem Gemurmel. Alle vier fuhren fort zu nicken. Dann erhob Herr Kahn wieder feierlich seine Stimme: »Die Wahrheit ist die: Rougon ist ein Undankbarer. Sie erinnern sich der Zeit, als wir alle in Paris uns müde rannten, um ihn zum Minister zu erheben. Wir waren seiner Sache so ergeben, daß wir darüber Speise und Trank vergaßen. In jener Zeit hat er eine Schuld auf sich genommen, die er sein ganzes Leben lang nicht abtragen kann. Donnerwetter! Heute fällt ihm die Dankbarkeit schwer, und er läßt uns laufen. So mußte es kommen!« »Ja, ja, er schuldet uns alles!« riefen die anderen. »Er dankt es uns schön!« Dann erdrückten sie ihn mit der Aufzählung ihrer Wohltaten; und sobald einer von ihnen schwieg, berichtete ein anderer eine noch gewichtigere Tat. Plötzlich jedoch vermißte der Oberst seinen Sohn, der nicht mehr im Zimmer war. In diesem Augenblick drang ein seltsames Geräusch aus dem Ankleidezimmer, eine Art sanftes, fortwährendes Plätschern. Der Oberst eilte hin, um nachzusehen, und fand August sehr eifrig bei der Badewanne beschäftigt, die Antonia auszuleeren vergessen hatte. Zitronenscheiben, die Clorinde für ihre Nägel gebraucht hatte, schwammen darin umher. August tauchte seine Finger hinein und beroch sie mit der Lüsternheit eines Schülers. »Der Kleine ist unausstehlich!« sagte Clorinde halblaut. »Er schnüffelt überall umher.« »Mein Gott!« fuhr Frau Correur sanft fort, die nur auf das Hinausgehen des Obersten gewartet zu haben schien, »was Rougon vor allem fehlt, ist der Takt ... So – unter uns gesagt, solange der gute Oberst nicht da ist – hat Rougon sehr unrecht getan, diesen jungen Menschen in das Ministerium aufzunehmen und sich dabei über die Vorschriften hinwegzusetzen. Man erweist seinen Freunden keine Dienste dieser Art; man verscherzt sich dadurch alle Achtung.« Aber Clorinde unterbrach sie leise: »Meine Liebe, sehen Sie doch nach, was sie da machen!« Herr Kahn lächelte. Als Frau Correur gegangen war, flüsterte er seinerseits: »Sie ist reizend! ... Der Oberst ist von Rougon wahrhaft überschüttet worden. Aber sie hat sich auch nicht zu beklagen. Rougon hat sich um ihretwillen in dieser ärgerlichen Geschichte mit dem Martineau stark kompromittiert. Er hat dabei sehr wenig Anstand gezeigt. Man begeht keinen Mord, um einer alten Bekanntschaft einen Dienst zu erweisen, nicht wahr?« Er hatte sich erhoben, und trippelte hin und her. Dann ging er in das Vorzimmer; um seine Zigarrentasche aus dem Überrocke zu holen. Der Oberst und Frau Correur kehrten zurück, und ersterer sagte: »Seht doch, Kahn hat sich davongemacht!« Und ohne Übergang rief er: »Wir hier können Rougon braun und blau schlagen. Nur Kahn, finde ich, sollte sich davon fernhalten. Ich mag herzlose Leute nicht leiden ... Ich wollte nicht davon reden. Aber in dem Café, wo ich heute nachmittag gewesen bin, sagte man es geradeheraus, Rougon werde stürzen, weil er seinen Namen zu dieser großartigen Spitzbüberei mit der Bahn von Niort nach Angers hergegeben hat. Man hat eine feine Nase in dieser Beziehung! Dieser dicke Schafskopf, der Sprengschüsse abfeuert und meilenlange Reden hält, worin er sich sogar erlaubt, den Kaiser einzubeziehen! ... Sehen Sie, liebe Freunde! Kahn hat uns da schön hineingeritten! Wie, Béjuin, sind Sie auch dieser Ansicht?« Herr Béjuin nickte lebhaft. Er hatte schon seine ganze Zustimmung für Frau Correur und Herrn Kahn ausgegeben. Clorinde, den Kopf noch immer zurückgelehnt, unterhielt sich damit, in die Troddel ihres Gürtels zu beißen, die sie auf ihrem Gesichte herumtanzen ließ, wie um sich zu kitzeln, und öffnete ihre Augen weit, die schweigend ins Blaue hineinlachten. »St!« hauchte sie. Herr Kahn trat eben wieder ein, die Spitze einer Zigarre mit den Zähnen abbeißend. Er zündete sie an, was im Zimmer der jungen Frau erlaubt war, blies drei oder vier dicke Rauchwolken von sich und fuhr dann in der Unterhaltung fort: »Kurz, wenn Rougon behauptet, seine Stellung erschüttert zu haben, um uns gefällig zu sein, so finde ich im Gegenteil, daß wir durch seine Gönnerschaft schrecklich bloßgestellt sind. Er hat eine rohe Art, jemanden zu befördern, daß man sich dabei die Nase an der Wand zerstößt ... Übrigens hat er es mit seinen Faustschlägen richtig dahin gebracht, wieder auf der Erde zu liegen. Ich danke dafür, ihm nochmals auf die Beine zu helfen! Wenn jemand seinen Einfluß nicht zu wahren weiß, hat er eben keine klaren Begriffe. Er kompromittiert uns, hören Sie, er kompromittiert uns! ... Ich habe wirklich nur zu schwere Verantwortlichkeiten auf mich genommen, ich gebe ihn auf.« Er zögerte jedoch, seine Stimme wurde unsicher, während der Oberst und Frau Correur die Köpfe zusammensteckten, offenbar um nicht in die Lage zu kommen, sich ebenso unzweideutig auszusprechen. Schließlich war Rougon doch immer noch Minister; wenn man ihn verließ, mußte man eine andere allmächtige Stütze haben. »Es gibt keine als den Dicken«, bemerkte Clorinde nachlässig. Sie blickten sie an in der Erwartung einer förmlichen Zusage. Aber sie bewegte nur die Hand, als wolle sie um etwas Geduld bitten. Diese stillschweigende Verheißung eines neuen Einflusses, dessen Segnungen über sie niedergehen würden, war bei Lichte besehen der Hauptgrund ihrer Anhänglichkeit an die Donnerstage und Sonntage der jungen Frau. Sie witterten in diesem mit starken Gerüchen erfüllten Schlafzimmer einen nahen Triumph. Im Glauben, Rougon mit der Erfüllung ihrer ersten Wünsche abgenützt zu haben, erwarteten sie das Auftauchen einer jungen Macht, die auch ihre neuen, außerordentlich erweiterten und vermehrten Wünsche erfüllen werde. Inzwischen hatte sich Clorinde von ihren Kissen erhoben. Auf die Lehne des Sessels gestützt, beugte sie sich plötzlich zu Pozzo hin und hauchte ihm laut lachend, als ob sie vor Freuden toll geworden wäre, etwas ins Ohr. Solche kindische Freudenausbrüche hatte sie, wenn sie sehr zufrieden war. Pozzo, dessen Hand auf der Gitarre eingeschlafen zu sein schien, warf den Kopf zurück, zeigte die Zähne eines schönen Italieners und schüttelte sich leicht, wie von ihrem schmeichlerischen Hauche gekitzelt, während die junge Frau noch lauter lachte, ihm noch stärker in den Nacken blies, damit er um Gnade bitten solle. Nachdem sie ihn in italienischer Sprache ausgezankt hatte, wandte sie sich an Frau Correur: »Er muß singen, nicht wahr? ... Wenn er singt, höre ich auf zu blasen und lasse ihn in Ruhe. Er hat ein sehr hübsches Lied gedichtet. Darauf baten alle um das Lied. Pozzo begann wieder auf seiner Gitarre zu klimpern, dann sang er, die Augen auf Clorinde gerichtet. Es war ein leidenschaftliches Flüstern, von leichten Griffen begleitet; die zitternd hingehauchten italienischen Worte verstand man nicht; beim letzten Verse, der ohne Zweifel eine Liebesklage enthielt, behielt Pozzo, dessen Stimme einen wehmütigen Klang angenommen hatte, mit einem Ausdrucke entzückter Verzweiflung den Mund offen. Als er geendet hatte, klatschte man lebhaft Beifall. Warum wollte er diese reizenden Sachen nicht veröffentlichen? Seine Stellung als Diplomat sei kein Hindernis. »Ich habe einen Hauptmann gekannt, von dem eine komische Oper aufgeführt wurde. Man hat ihn deshalb im Regiment nicht weniger gerne gesehen.« »Ja, aber in der Diplomatie! ...« murmelte Frau Correur, den Kopf wiegend. »Mein Gott, nein, ich glaube, Sie irren sich«, erklärte Herr Kahn. »Die Diplomaten sind Menschen wie andere. Mehrere treiben schöne Künste.« Clorinde hatte Pozzo mit dem Fuße leicht in die Seite gestoßen und ihm zugleich halblaut einen Befehl erteilt. Er erhob sich, warf die Gitarre auf einen Haufen Kleider und ging hinaus. Als er nach fünf Minuten wiederkam, folgte ihm Antonia mit einem Tragbrett, worauf sich Gläser und eine Karaffe befanden; er selbst trug die Zuckerschale, die auf dem Brette nicht mehr Platz gefunden hatte. Niemals trank man bei der jungen Frau etwas anderes als Zuckerwasser; und die Vertrauten des Hauses wußten, daß sie es gern sah, wenn man nur Wasser trank. »Nun, was gibt es?« fragte sie und wandte sich dem Ankleidezimmer zu, wo eine Tür kreischte. Darauf rief sie, sich besinnend: »Ach, es ist Mama! Sie war schon zu Bett gegangen.« In der Tat war es die Gräfin Balbi, in ein schwarzes wollenes Hauskleid gehüllt; über den Kopf hatte sie einen Streifen Spitzen gebunden, dessen Enden in ihren Nacken hinabflatterten. Flaminio, der große, langbärtige Diener mit dem Räubergesicht, stützte sie von hinten, ja er trug sie fast in seinen Armen. Sie schien nicht gealtert zu sein, ihr weißes Gesicht bewahrte noch immer das beständige Lächeln der ehemaligen Schönheitskönigin. »Warte Mama!« fuhr Clorinde fort. »Ich überlasse dir meinen Diwan; ich will mich auf das Bett legen. Ich fühle mich nicht wohl, ich habe ein Tier im Leibe. Eben fängt es wieder an, mich zu beißen.« Es gab ein großes Durcheinander. Pozzo und Frau Correur geleiteten die junge Frau zu ihrem Bette, aber die Decken mußten erst abgeklopft und die Kissen erst aufgeschüttelt werden. Inzwischen legte sich die Gräfin Balbi auf den Diwan. Hinter ihr blieb Flaminio stehen, schwarz, stumm, die Anwesenden mit schrecklichen Blicken musternd. »Es ist Ihnen doch gleich, ob ich mich hinlege, nicht wahr?« fragte die junge Frau. »Ich befinde mich im Liegen viel besser ... Ich schicke Sie wenigstens nicht fort, Sie müssen bleiben.« Sie hatte sich ausgestreckt, den Ellbogen in ein Kissen versenkt, so daß ihre schwarze Bluse ein Teich von Tinte auf den weißen Kissen zu sein schien. Übrigens dachte niemand daran zu gehen. Frau Correur schwatzte mit Pozzo halblaut über die Vollendung der Formen Clorindens, die sie beide eben gestützt hatten. Herr Kahn, Herr Béjuin und der Oberst begrüßten die Gräfin. Sie verneigte sich lächelnd. Dann sagte sie von Zeit zu Zeit mit sehr sanfter Stimme, ohne sich umzublicken: »Flaminio!« Der lange Lakai verstand sie sogleich, rückte ein Kissen zurecht, brachte ein Tischchen, zog ein Riechfläschchen aus der Tasche, alles mit der wilden Miene eines Räubers im Frack. In diesem Augenblicke richtete August einen Schaden an. Er war in den drei Zimmern umhergestreift und hatte alle umherliegenden Weiberröcke untersucht. Als er sich darauf zu langweilen begann, kam er auf den Einfall, die Gläser Schluck um Schluck zu leeren. Clorinde überwachte ihn seit einer Weile und sah, wie die Zuckerschale sich leerte. Da zerbrach er das Glas, worin er den Löffel zu heftig aufgestoßen hatte. »Das ist der Zucker! Er tut zuviel hinein!« rief sie. »Dummkopf!« sagte der Oberst, »kannst du nicht ruhig ein Glas Wasser trinken? ... Morgens und abends ein großes Glas; es gibt nichts Besseres; das schützt vor allen Krankheiten.« Zum Glück trat eben Herr Bouchard ein. Er kam etwas spät, nach zehn Uhr, weil er außer dem Hause hatte essen müssen. Er schien überrascht, seine Frau nicht da zu finden. »Herr d'Escorailles wollte sie herbringen, und ich habe versprochen, sie im Vorbeigehen abzuholen.« Nach Verlauf einer halben Stunde traf in der Tat Frau Bouchard ein, begleitet von Herrn d'Escorailles und von Herrn La Rouquette. Nach einjährigem Zerwürfnis hatte der junge Marquis sich mit der schönen Blonden wieder ausgesöhnt; ihr Verhältnis wurde jetzt zur Gewohnheit; dann erwärmten sie sich wieder für acht Tage und konnten sich es nicht versagen, sich hinter den Türen zu kneifen und zu küssen, wenn sie einander begegneten. Es kam von selbst, ganz natürlich mit neuen, sehr lebhaften Aufwallungen ihrer Begierden. Im offenen Wagen zu dem Ehepaare Delestang kommend, hatten sie Herrn La Rouquette getroffen. Alle drei hatten sich lachend unter gewagten Scherzen nach dem Gehölz begeben; Herr d'Escorailles glaubte sogar einen Augenblick, der Hand des Abgeordneten hinter dem Rücken der jungen Frau zu begegnen. Als sie eintraten, brachten sie einen Hauch der Heiterkeit mit, die Frische der dunklen Alleen des Gehölzes, das Geheimnisvolle des regungslosen Laubwerkes, wo ihr schäkerndes Gelächter sich verlor. »Ja, wir kommen vom Teiche«, sagte Herr La Rouquette. »Man hat mich verführt, bei meinem Worte! Ich war im Begriffe, ruhig heimzukehren, um zu arbeiten.« Er ward plötzlich wieder ernst. In der letzten Sitzung hatte er eine Rede über die Schuldentilgung gehalten, nachdem er diese Frage einen Monat hindurch studiert hatte; seither nahm er die würdige Haltung eines verheirateten Mannes an, als habe er sein Junggesellenleben auf der Tribüne begraben. Kahn führte ihn in den Hintergrund des Zimmers und flüsterte: »Sie stehen ja mit Marsy auf gutem Fuße ...« Ihre Stimmen erloschen; sie sprachen ganz leise. Indessen hatte die schöne Frau Bouchard, nachdem sie die Gräfin Balbi gegrüßt, vor dem Bette Platz genommen, wobei sie die Hand Clorindens in der ihrigen behielt und mit ihrer Schmeichelstimme die junge Frau sehr bemitleidete. Herr Bouchard, der in würdiger und vornehmer Haltung dastand, rief plötzlich inmitten der im Flüstertone geführten Unterhaltungen: »Ich habe Ihnen noch nicht erzählt! ... Der Dicke ist ein netter Herr! ...« Ehe er sich erklärte, sprach er in herbem Tone von Rougon wie die anderen. Man könne nichts mehr von ihm verlangen; er sei nicht einmal mehr höflich; er aber – Bouchard – halte viel auf Höflichkeit. Als man ihn fragte, was Rougon getan habe, antwortete er schließlich: »Ich kann kein Unrecht leiden ... Es handelt sich um einen Beamten meiner Abteilung, namens George Duchesne; Sie kennen ihn ja, Sie haben ihn bei mir gesehen. Es ist ein sehr verdienstvoller Junge; er ist in unserem Hause wie unser eigenes Kind. Meine Frau liebt ihn sehr, weil er aus ihrer Gegend ist ... Neulich hatten wir eine kleine Verschwörung angezettelt, um Duchesne zum Vorstandsstellvertreter ernennen zu lassen. Der Gedanke war von mir, aber du stimmtest derselben zu, nicht wahr?« Frau Bouchard beugte sich mit verlegener Miene noch mehr zu Clorinden nieder, um den Blicken des Herrn d'Escorailles zu entgehen, die sie auf sich ruhen fühlte. »Nun gut,« fuhr der Abteilungsvorstand fort, »Sie können sich nicht denken, wie der Dicke meine Bitte aufgenommen hat? ... Er betrachtete mich einen Augenblick still mit jener verletzenden Miene, die Sie an ihm kennen. Schließlich hat er mir die Ernennung rundweg abgeschlagen. Als ich auf die Sache zurückkam, sagte er mit einem Lächeln: ›Herr Bouchard, beharren Sie nicht bei dieser Sache; Sie betrüben mich; ich habe ernste Gründe ...‹ Mehr war aus ihm nicht herauszubringen. Er sah wohl, daß ich wütend war, denn er bat mich, ihn dem Wohlwollen meiner Frau zu empfehlen: Nicht wahr, Adele?« Frau Bouchard hatte gerade an diesem Abend mit Herrn d'Escorailles eine sehr lebhafte Auseinandersetzung wegen des George Duchesne gehabt. Sie glaubte in mürrischem Tone sagen zu sollen: »Mein Gott, Herr Duchesne muß warten ... Er ist nicht so interessant!« Doch der Gatte blieb hartnäckig bei der Sache. »Nein, nein, er hat verdient, Vorstandsstellvertreter zu werden, und er wird es, selbst wenn ich meinen Namen verlieren müßte ... Ich fordere Gerechtigkeit!« Man mußte ihn beruhigen. Clorinde war zerstreut und trachtete, die Unterredung der Herren Kahn und La Rouquette zu belauschen, die sich an das Fußende ihres Bettes geflüchtet hatten. Der erstere erläuterte in verhüllten Worten seine Lage. Sein großes Unternehmen, die Bahn von Niort nach Angers, war stark verfahren. Die Aktien waren, noch bevor ein Spatenstich geschehen, auf der Börse mit einem Aufgeld von achtzig Franken gehandelt worden. Hinter seiner famosen englischen Gesellschaft versteckt, hatte Herr Kahn sich den schamlosesten Spekulationen überlassen. Heute drohte der Bankerott, wenn nicht eine mächtige Hand ihn vor dem Untergang rettete. »Vormals«, murmelte er, »hatte Marsy mir angeboten, das Geschäft an die Westbahn-Gesellschaft zu verkaufen. Ich bin heute bereit, die Unterhandlungen wieder aufzunehmen. Es würde genügen, ein Gesetz zu erlangen ...« Clorinde gab ihnen verstohlen einen Wink. Sie beugten sich über das Bett und plauderten lange mit ihr. Marsy hege keinen Groll, versicherte sie; sie werde mit ihm sprechen. Sie werde ihm die Million anbieten, die er im verflossenen Jahre für die Unterstützung des Konzessionsgesuches verlangt hatte. In seiner Stellung als Präsident des gesetzgebenden Körpers werde es ihm ein Leichtes sein, das notwendige Gesetz zu erwirken. »Es gibt nur einen Marsy, wenn man in solchen Geschäften ans Ziel gelangen will«, sagte sie lächelnd. »Wenn man sich ohne ihn in ein Unternehmen dieser Art einläßt, ist man alsbald genötigt, sich an ihn zu wenden, damit er die Bruchstücke zusammenflicke.« Alle Anwesenden sprachen jetzt zugleich und sehr laut. Frau Bouchard erklärte der Frau Correur ihren letzten Wunsch: sie wolle in Coulonges, im Familienhause sterben. Sie ward ganz weich, als sie von dem Orte sprach, wo ihre Wiege gestanden; sie werde Frau Martineau zu zwingen wissen, ihr dieses von den Erinnerungen ihrer Kindheit erfüllte Haus zurückzugeben. Die Gäste kamen, wie von einem Verhängnis getrieben, immer wieder auf Rougon zu sprechen. Herr d'Escorailles erzählte von dem Zorne seiner Eltern, die ihm geschrieben hätten, er solle zum Staatsrat zurückkehren und mit dem Minister brechen, als sie von den Mißbräuchen des letzteren gehört hatten. Der Oberst erzählte, wie der Dicke sich absolut geweigert habe, für ihn vom Kaiser eine Stelle in den kaiserlichen Schlössern zu erbitten. Herr Béjuin jammerte, weil der Kaiser nicht gekommen sei, die Glasfabrik in Saint-Florent zu besuchen, als er jüngst seine Reise nach Bourges machte, trotzdem sich Rougon in aller Form verpflichtet habe, diese Gunst zu erlangen. Inmitten dieser Sturzflut von zürnenden Reden saß die Gräfin Balbi auf ihrem Diwan lächelnd da, betrachtete ihre noch immer feisten Hände und rief von Zeit zu Zeit mit leiser Stimme: »Flaminio!« Der lange Teufelskerl von einem Bedienten hatte eine kleine Schildpattdose voll Krauseminzpastillen aus der Tasche gezogen. Die Gräfin knusperte sie mit der Miene einer alten, naschhaften Katze. Erst gegen Mitternacht kam Delestang heim. Als man ihn den Türvorhang des Zimmers emporheben sah, trat tiefe Stille ein, und alle Hälse wurden länger. Doch der Türvorhang fiel wieder herab; niemand folgte ihm. Nach einem abermaligen Stillschweigen von einigen Sekunden wurden dann allerlei Rufe laut. »Sie sind allein?« »Sie haben ihn nicht mitgebracht?« »Haben Sie den Dicken unterwegs verloren?« Man atmete ordentlich auf. Delestang erklärte, Rougon sei sehr müde gewesen und habe ihn an der Ecke der Marbeufstraße verlassen. »Er hat recht getan«, sagte Clorinde und streckte sich vollends auf dem Bette aus. Er ist so wenig unterhaltend.« Das war das Zeichen zu einer neuen Flut von Klagen und Beschuldigungen. Delestang widersprach, ließ wiederholt ein »Erlauben Sie! Erlauben Sie!« vernehmen. Er spielte gewöhnlich den Verteidiger Rougons. Als man ihn reden ließ, sagte er in gemessenem Tone: »Sicherlich hätte er einigen seiner Freunde gegenüber besser handeln können. Dies hindert aber nicht, daß er ein sehr kluger Mann ist ... Was mich betrifft, so werde ich ihm ewig dankbar sein ...« »Wofür?« rief Herr Kahn wütend. »Für alles, was er getan hat.« Man fiel ihm heftig ins Wort. Rougon habe nie etwas für ihn getan. Wie komme er zu der Behauptung, daß Rougon etwas getan habe? »Sie sind erstaunlich«, sagte der Oberst. »Man treibt die Bescheidenheit nicht so weit. Mein lieber Freund, Sie hatten niemanden nötig; Sie sind durch Ihre eigene Kraft vorwärtsgekommen.« Damit feierte man die Verdienste Delestangs. Seine Musterfarm la Chamade war eine außerordentliche Schöpfung, die schon längst seine Vorzüge als eines guten Administrators und eines wahrhaft begabten Staatsmannes bekundete. Er habe einen Scharfblick, einen klaren Verstand, eine energische und doch ruhige Hand. Habe ihn übrigens der Kaiser nicht vom ersten Tage an ausgezeichnet? Er stimme fast in allen Stücken mit Seiner Majestät überein. »Lassen Sie gut sein,« erklärte schließlich Herr Kahn, »Sie halten Rougon. Wären Sie nicht sein Freund, würden Sie ihn nicht im Ministerium unterstützen, wäre er binnen zwei Wochen gestürzt.« Delestang protestierte noch immer. Er sei allerdings nicht der erstbeste, aber man müsse jedermanns Vorzügen Gerechtigkeit widerfahren lassen. So habe Rougon diesen Abend in der Beratung über eine sehr verwickelte und sehr wichtige Frage, die bei dem Justizminister gehalten wurde, einen sehr scharfsinnigen Ausweg gefunden. »Die Pfiffigkeit des geriebenen Advokaten«, murmelte Herr La Rouquette mit verächtlicher Miene. Clorinde hatte den Mund noch nicht geöffnet. Die Blicke wandten sich ihr zu, als forderten sie das Wort, das alle erwarteten. Sie wälzte sanft den Kopf auf dem Polster, wie um sich den Nacken zu kratzen. Endlich sagte sie, von ihrem Gatten sprechend, doch ohne ihn zu nennen: »Ja, zanken Sie ihn nur aus ... Man muß ihn geradezu prügeln, um ihn eines Tages auf den ihm gebührenden Platz zu stellen.« »Die Stellung eines Ministers für Ackerbau und Handel ist eine Stellung zweiten Ranges«, sagte Herr Kahn, um die Dinge zu brüskieren. Das hieß: den Finger an die Wunde legen. Clorinde litt sehr darunter, ihren Gatten in einem »kleinen Ministerium« eingepfercht zu sehen. Sie setzte sich plötzlich auf und ließ das von allen erwartete Wort vernehmen: »Er bekommt das Ministerium des Innern, sobald wir wollen!« Delestang wollte sprechen. Doch alle waren herbeigeeilt und umgaben ihn mit geräuschvoller Zustimmung. Da schien er sich besiegt zu erklären. Allmählich färbten sich seine Wangen; die Wonne verklärte sein prächtiges Gesicht. Frau Correur und Frau Bouchard, die halblaut redeten, fanden ihn schön; besonders die zweite mit ihrem verderbten Geschmack der Frauen für kahlköpfige Männer, betrachtete entzückt seinen nackten Schädel. Herr Kahn, der Oberst und die anderen suchten in Blicken, Gebärden und rasch hingeworfenen Worten auszudrücken, wie hoch sie seine Fähigkeiten anschlugen. Sie machten sich ganz klein vor dem Dümmsten in der Schar; sie bewunderten sich selbst in ihm. Dieser Gebieter werde wenigstens gelehrig sein und sie nicht kompromittieren. Sie konnten ihn ungestraft zu ihrem Gotte machen, ohne seine Blitze zu fürchten. »Sie ermüden ihn«, bemerkte die schöne Frau Bouchard in zärtlichem Tone. Man ermüdete ihn! Alle wurden von Mitleid ergriffen. In der Tat war er ein wenig bleich, und seine Augen schlossen sich. Bedenken Sie, wenn man seit fünf Uhr morgens arbeitet. Nichts ermüdet uns so sehr, als die geistige Anstrengung. Man drang mit zarter Sorgfalt in ihn, er solle zur Ruhe gehen. Er fügte sich und zog sich zurück, nachdem er einen Kuß auf die Stirne seiner Frau gedrückt hatte. »Flaminio!« murmelte die Gräfin Balbi. Auch sie wünschte schlafen zu gehen. Sie durchschritt das Zimmer am Arme des Dieners und winkte jedem der Gäste mit der Hand einen Gruß zu. Im Ankleidezimmer hörte man Flaminio fluchen, weil die Lampe erloschen war. Es war ein Uhr. Die Gäste schickten sich an, nach Hause zu gehen. Aber Clorinde versicherte, daß sie keinen Schlaf verspüre und daß man bleiben könne. Doch wollte sich niemand mehr setzen. Die Lampe des Schlafzimmers war ebenfalls erloschen, und ein starker Ölgeruch verbreitete sich in dem Räume. Nur mit vieler Mühe fanden die Gäste ihre kleinen Habseligkeiten, einen Fächer, den Stock des Obersten, den Hut der Frau Bouchard. Clorinde lag ruhig auf ihrem Bette ausgestreckt und hinderte Frau Correur, der Zofe Antonia zu läuten, die gewöhnlich um elf Uhr zu Bett ging. Endlich brach man auf, als der Oberst bemerkte, daß er seinen Sohn August vergesse. Der junge Mann schlief auf dem Kanapee des Damenzimmers; er hatte ein Kleid zusammengerollt und als Polster unter seinen Kopf geschoben. Man zankte ihn aus, weil er die Lampe nicht rechtzeitig aufgeschraubt habe. Im Dunkel der Treppe, wo das abgeschraubte Gaslicht dämmerte, hörte man Frau Bouchard einen leisen Schrei ausstoßen. Sie habe sich den Fuß verstaucht, sagte sie. Während die Gäste, an das Geländer sich stützend, vorsichtig hinabgingen, hörte man lautes Gelächter aus dem Zimmer Clorindens, wo Pozzo sich verspätet hatte. Ohne Zweifel blies sie ihm in den Hals. Die Donnerstag- und Sonntagabende glichen einander; In der Außenwelt sagte man, Frau Delestang habe einen politischen Salon. Es gehe da sehr liberal her; man schlage die Willkürherrschaft Rougons in Stücke. Die ganze Gesellschaft hegte den Traum von einer menschenfreundlichen Regierung, die allmählich und bis ins Unendliche den Kreis der öffentlichen Freiheiten erweitern werde. In seinen Mußestunden entwarf der Oberst Statuten für Arbeitergenossenschaften. Herr Béjuin sprach davon, rings um seine Glasfabrik zu Saint-Florent eine Stadt zu gründen. Herr Kahn unterhielt Delestang stundenlang über die demokratische Rolle der Bonaparte in der modernen Gesellschaft. Bei jedem neuen Akte Rougons gab es entrüsteten Widerspruch und patriotische Besorgnis, Frankreich in den Händen eines solchen Menschen verderben zu sehen. Eines Tages behauptete Delestang, der Kaiser sei der einzige Republikaner seiner Zeit. Die Gesellschaft benahm sich allmählich wie eine religiöse Sekte, die das allgemeine Heil bringt. Sie verschwor sich jetzt ganz offen, den »Dicken« zum Wohle des Landes zu stürzen. Indes beeilte sich Clorinde nicht. Man fand sie auf allen Kanapees ihrer Wohnung ausgestreckt, zerstreut, die Augen in die Höhe gerichtet, die Ecken der Zimmerdecke studierend. Wenn die anderen rings um sie her schrien und ungeduldig stampften, blieb ihr Antlitz ruhig, und ein leises Blinzeln ihrer Augenlider mahnte die Gäste zu größerer Vorsicht. Sie ging jetzt weniger aus; um sich die Zeit zu vertreiben, machte sie sich den Spaß, sich und ihre Kammerfrau in Männerkleider zu stecken. Sie ward von einer plötzlichen Zärtlichkeit für ihren Gatten ergriffen, küßte ihn vor aller Welt, sprach im Hätscheltone mit ihm, zeigte sich sehr besorgt um seine Gesundheit, die nichts zu wünschen übrig ließ. Vielleicht wollte sie in dieser Weise die absolute Herrschaft, die fortwährende Überwachung verbergen, die sie über ihn ausübte. Sie leitete ihn selbst in seinen geringsten Handlungen, gab ihm jeden Morgen eine Lektion wie einem Schüler, dem man mißtraut. Delestang erwies sich übrigens durchaus gehorsam. Er grüßte, lächelte, erzürnte sich, redete schwarz oder weiß je nach der Schnur, die sie angezogen hatte. Sobald er nicht mehr aufgezogen war, legte er selbst sich wieder in ihre Hände, damit sie ihn zurüste. So behielt er seine Überlegenheit. Clorinde wartete. Herr Beulin-d'Orchère, der es vermied, des Abends zu kommen, besuchte sie oft während des Tages. Er beklagte sich bitter über seinen Schwager und beschuldigte ihn, an dem Glücke einer Menge Fremder zu arbeiten; es geschehe immer so, man kümmere sich nicht um die Anverwandten. Rougon allein konnte den Kaiser davon abhalten, ihn zum Justizminister zu ernennen, aus Furcht, mit ihm den Einfluß im Kabinett teilen zu müssen. Die junge Frau stachelte seinen Groll noch an. Dann sprach sie in halben Worten von dem bevorstehenden Triumphe ihres Gatten, eröffnete ihm die unbestimmte Hoffnung, in die neue Minister auf Stellung miteinbezogen zu werden. Im Grunde bediente sie sich aber seiner nur, um zu erfahren, was bei Rougon vorgehe. Mit der Bosheit des Weibes hätte sie gewünscht, daß er in seiner Ehe unglücklich sei, und sie trieb den Richter an, seine Schwester für seine Klagen zu gewinnen. Er mußte sicherlich den Versuch gemacht haben, ganz laut eine Heirat zu bedauern, die ihm keinerlei Nutzen brachte; allein angesichts der Ruhe der Frau Rougon kam er damit nicht weit. Sein Schwager – sagte er – Bei seit einiger Zeit sehr nervös. Er gab zu verstehen, daß er ihn reif für den Sturz halte. Dabei faßte er die junge Frau fest ins Auge; er erzählte ihr charakteristische Tatsachen mit der Miene eines Plauderers, der ohne Übelwollen den Tratsch der Leute weitererzählt. Warum handelte sie nicht, wenn sie die Herrin war? Doch sie streckte sich nur noch behaglicher aus, nahm die Miene einer Person an, die das Regenwetter zwingt, zwischen ihren vier Pfählen zu bleiben und des ersten Sonnenstrahles zu harren. Inzwischen wuchs in den Tuilerien die Macht Clorindens. Man sprach im Flüstertone von der lebhaften Laune Seiner Majestät für sie. Auf den Hofbällen, bei den öffentlichen Empfängen, überall wo der Kaiser ihr begegnete, umschlich er sie mit seinem schleppenden Gang, schaute ihr in den backen, sprach ganz vertraulich zu ihr mit einem schwachen Lächeln. Und man erzählte, sie habe ihm noch nichts bewilligt, nicht einmal die Spitze ihrer Finger. Sie spiele ihre ehemalige Rolle eines heiratslustigen Mädchens, sei sehr frei und sehr herausfordernd, sage alles und zeige alles und sei dabei unablässig auf ihrer Hut, entschlüpfe just in dem gewünschten Augenblick. Sie scheine die Leidenschaft des Herrschers reifen zu lassen, auf eine Gelegenheit zu warten, die Stunde vorzubereiten, da er ihr nichts mehr werde verweigern können, um so den Triumph eines seit langer Zeit entworfenen Planes zu sichern. Um jene Zeit zeigte sie sich plötzlich sehr zärtlich gegen Herrn von Plouguern. Es bestand seit Monaten ein Zerwürfnis zwischen ihnen. Der Senator, der sehr häufig zu Besuch gekommen war und fast jeden Morgen erschien, wenn sie das Bett verließ, hatte sich eines schönen Tages gekränkt gefühlt, weil er vor der Türe warten mußte, während sie ihre Toilette machte. Von einer Anwandlung von Scham ergriffen, errötete sie und erklärte, sie wolle nicht mehr von den grauen Augen des Greises, in denen gelbe Flammen sich entzündeten, geneckt und belästigt sein. Allein er wehrte sich und wollte nicht mit aller Welt zugleich erscheinen in den Stunden, wo ihr Zimmer von Besuchern gefüllt war. War er nicht ihr Vater? Hatte er sie nicht, als sie noch klein war, auf seinen Knien geschaukelt? Er erzählte lachend, wie er ihr oft genug die Röcke aufgehoben, um sie zu züchtigen. Sie brach schließlich mit ihm, als er eines Tages trotz des Geschreies und der Faustschläge Antonias eintrat, während sie sich im Bade befand. Wenn Herr Kahn oder der Oberst Jobelin sie nach Neuigkeiten von Herrn von Plouguern fragte, antwortete sie mit gespitzten Lippen: »Er verjüngt sich, er ist kaum zwanzig Jahre alt ... Ich sehe ihn nicht mehr.« Dann sah man plötzlich nur Herrn von Plouguern bei ihr. Zu jeder Stunde war er da, in allen Ecken des Toilettekabinetts, in den intimsten Winkeln ihres Schlafzimmers. Er wußte, wo sie ihre Leibwäsche verwahrte, reichte ihr ein Hemd oder ein Paar Strümpfe; man hatte ihn sogar dabei betroffen, wie er ihr das Mieder zuschnürte. Clorinde bekundete die herrischen Neigungen einer jung verheirateten Frau. »Pate, hole mir die Nagelfeile aus dem Schubfache ... Pate, reiche mir den Schwamm ...« Das Wort Pate klang wie eine Liebkosung. Er sprach jetzt häufig von dem Grafen Balbi und gab genaue Einzelheiten über Clorindens Geburt an. Er log, wenn er behauptete, die Mutter der jungen Frau im dritten Monat ihrer Schwangerschaft gekannt zu haben. Und wenn die Gräfin mit ihrem ewigen Lächeln in dem verwitterten Antlitz bei dem Morgenempfang Clorindens in dem Zimmer anwesend war, sandte er der alten Dame verständnisvolle Blicke zu, lenkte mit einem Augenblinzeln ihre Aufmerksamkeit auf eine nackte Schulter, auf ein halb enthülltes Knie. »Gelt, Lenora, Ihr ganzes Ebenbild!« murmelte er. Die Tochter erinnerte ihn an die Mutter. Sein knochiges Antlitz flammte. Er streckte die dürren Hände aus, faßte Clorinde, drückte sich an sie, um ihr irgendeine schmutzige Geschichte zu erzählen. Das machte ihm Vergnügen. Er war Voltairianer, leugnete alles, bekämpfte die letzten Bedenken der jungen Frau, indem er mit einem Kichern, das wie das Kreischen eines schlecht geölten Brunnenschwengels klang, ihr sagte: »Närrchen, das ist ja erlaubt! ... Sobald es Vergnügen macht, ist es erlaubt.« Man wußte nie, wie weit die Dinge zwischen ihnen gediehen. Clorinde bedurfte damals des Herrn von Plouguern; sie hatte in dem geplanten Drama ihm eine Rolle zugedacht. So geschah es bei ihr zuweilen, daß sie Freundschaften erkaufte, deren sie sich nachher nicht bediente, wenn sie ihren Plan änderte. Es war in ihren Augen gleichsam ein Händedruck, den sie leichthin und ohne Nutzen jemandem gegeben. Sie besaß jene kühne Geringschätzung ihrer eigenen Gunstbezeugungen, die in ihr die gewöhnliche Rechtschaffenheit verdrängte und sie ihren Stolz in andere Dinge setzen ließ. Indes zog sich ihr Harren in die Länge. Sie sprach in verhüllten Worten mit Herrn von Plouguern von einem unbestimmten, nebelhaften Ereignisse, das nicht kommen wolle. Der Senator schien Berechnungen anzustellen und machte dabei die gedankenvolle Miene eines Schachspielers. Dann schüttelte er den Kopf; sicherlich hatte er nichts gefunden. Sie selbst erklärte, wenn Rougon zu Besuch kam, was sehr selten geschah, daß sie müde sei und drei Monate in Italien zubringen wolle. Dann schloß sie halb die Augen und beobachtete ihn so mit spitzigen, leuchtenden Blicken. Ein Lächeln ausgesuchter Grausamkeit kräuselte ihre Lippen. Sie hätte schon jetzt den Versuch machen können, ihn mit ihren schmalen Fingern zu erdrosseln; allein sie wollte ihn gründlich abmurksen, und es war für sie ein Genuß, ihre Fingernägel geduldig wachsen zu sehen. Rougon, der stets sehr beschäftigt war, reichte ihr zerstreut die Hand zum Gruße, ohne das nervöse Fieber ihrer Haut zu merken. Er glaubte, sie sei jetzt vernünftiger geworden; und beglückwünschte sie zu ihrem Gehorsam gegen ihren Gatten. »So wollte ich Sie sehen«, sagte er. »Sie handeln ganz recht, die Frauen sollen ruhig zu Hause bleiben.« Und wenn er fort war, rief sie mit einem schrillen Lachen: »Mein Gott, wie dumm ist er! ... Und da findet er noch, daß die Frauen dumm seien!« Endlich trat an einem Sonntag abends gegen zehn Uhr, als die ganze Gesellschaft in dem Zimmer Clorindens versammelt war, Herr von Plouguern mit triumphierender Miene ein. »Nun,« fragte er, anscheinend in großer Entrüstung, »kennen Sie den neuesten Streich Rougons? Jetzt ist das Maß aber voll.« Man umdrängte ihn. Niemand wußte etwas. »Es ist abscheulich!« rief er und streckte die Arme in die Luft. »Man begreift nicht, wie ein Minister so tief sinken kann ...« Er erzählte die Geschichte in einem Zuge. Als die Charbonnels in Faverolles eintrafen, um daselbst von der Hinterlassenschaft ihres Vetters Chevassu Besitz zu ergreifen, erhoben sie ein großes Geschrei wegen des angeblichen Verschwindens einer bedeutenden Menge Silberzeuges. Sie beschuldigten die Magd, die mit der Bewachung des Hauses betraut gewesen, eine sehr fromme Person. Bei der Nachricht von der Entscheidung des Staatsrates mußte diese Unglückliche im Einverständnisse mit den Schwestern von der heiligen Familie alle Wertsachen, die leicht zu verbergen waren, nach dem Kloster geschafft haben. Drei Tage später sprachen sie nicht mehr von der Magd und behaupteten, die Nonnen selbst hätten ihr Haus geplündert. Es rief in der Stadt ein ungeheures Ärgernis hervor. Allein der Polizeikommissar weigerte sich, das Kloster zu durchsuchen, als auf einen einfachen Brief der Charbonnels hin Rougon dem Präfekten telegraphierte, er solle sofort die nötigen Weisungen zur Durchführung einer Haussuchung bei den frommen Schwestern erteilen. »Jawohl, eine Haussuchung; so stand es buchstäblich in der Depesche«, schloß Herr von Plouguern. »Ein Kommissar und zwei Gendarmen kehrten im Kloster alles von unterst zu oberst, und das währte fünf Stunden. Die Gendarmen bestanden darauf, alles zu durchwühlen ... Denken Sie sich, daß sie sogar in die Strohsäcke der Nonnen ihre Nasen steckten.« »In die Strohsäcke der Nonnen! Das ist unwürdig!« rief Frau Bouchard entrüstet. »Man muß aller Religion bar sein, um solches zu tun«, erklärte der Oberst. »Was wollen Sie? Rougon hat nie gebetet!« seufzte Frau Gorreur. »Oft genug habe ich den vergeblichen Versuch gemacht, ihn mit Gott zu versöhnen.« Herr Bouchard und Herr Bejuin schüttelten mit verzweifelter Miene den Kopf, als hätten sie von einer sozialen Katastrophe vernommen, die sie an der menschlichen Vernunft verzweifeln ließ. Herr Kahn fragte, wobei er heftig seinen Backenbart strich: »Natürlich hat man bei den Nonnen nichts gefunden?« »Gar nichts«, erwiderte Herr von Plouguern. Dann fügte er raschen Tones hinzu: »Eine silberne Schüssel, glaube ich, zwei Becher, ein Gestell für Essig und Öl, kurz: lauter Kleinigkeiten, die der ehrwürdige Verblichene, ein Greis von großer Frömmigkeit, den Schwestern zum Geschenk gemacht hat, um sie für die große Sorgfalt zu belohnen, mit der sie ihn während seiner langen Krankheit gepflegt hatten.« »Ja, ja, offenbar«, murmelten die anderen. Der Senator verweilte nicht länger bei dieser Sache. Sehr langsamen Tones und jeden Satz mit einem leisen Ineinanderschlagen der Hände begleitend, fuhr er fort: »Die Bedeutung der Handlungsweise liegt anderswo. Es handelt sich um die Achtung, die man einem Kloster schuldet, einem jener heiligen Orte, wo alle Tugenden Zuflucht gesucht haben, die aus unserer gottlosen Gesellschaft verbannt sind. Wie will man verlangen, daß die Massen religiös seien, wenn solche Angriffe auf die Religion von so hoher Stelle ausgehen? Rougon hat eine Heiligtumsschändung begangen, die er zu verantworten hat ... Die gute Gesellschaft in Faverolles ist denn auch außer sich. Monseigneur Rochart, der ausgezeichnete Prälat, der den frommen Schwestern immer eine ganz besondere Zuneigung bekundet hat, ist auch sogleich nach Paris abgereist, um Gerechtigkeit zu fordern. Anderseits war man heute im Senat sehr erregt; auf die wenigen Angaben hin, die ich zu machen in der Lage war, wollte man die Angelegenheit zur Sprache bringen. Die Kaiserin selbst endlich ...« Alle reckten die Hälse. »Jawohl, die Kaiserin hat diesen beklagenswerten Vorfall von Frau von Llorentz erfahren, die ihn von unserem Freunde La Rouquette weiß, dem ich ihn erzählt habe. Ihre Majestät hat ausgerufen: ›Herr Rougon ist nicht mehr würdig, im Namen Frankreichs zu sprechen!‹« »Sehr gut«, sagten alle. An jenem Donnerstag war dies bis ein Uhr nach Mitternacht der einzige Gegenstand der Unterhaltung. Clorinde hatte nicht den Mund geöffnet. Bei den ersten Worten des Herrn von Plouguern hatte sie sich ein wenig bleich und mit gespitzten Lippen auf ihrem Diwan zurückgelegt. Dann bekreuzte sie sich dreimal hastig, ohne daß man es sah, gleichsam um dem Himmel für eine längst erbetene Gnade zu danken. Während der Erzählung von der Haussuchung im Kloster fuchtelte sie mit dar Wut einer Eifernden mit den Händen. Allmählich war sie sehr rot geworden. In die Luft starrend, versank sie in ernstes Brüten. Während die anderen weiter über den Gegenstand sprachen, näherte sich Herr von Plouguern der jungen Frau, schob eine Hand an den Saum ihres Leibchens, um vertraulich ihren Busen zu kneifen. Mit einem spöttischen Kichern in dem freien Tone eines großen Herrn, der alles gesehen und alles erfahren, flüsterte er Clorinden ins Ohr: »Er hat an den lieben Herrgott zu rühren gewagt, er ist geliefert.« Dreizehntes Kapitel Rougon hörte acht Tage hindurch ein immer wachsendes Geschrei rings um sich her. Man würde ihm alles verziehen haben: seine Mißbräuche mit der Gewalt, den Heißhunger seiner Freunde, das Erwürgen des Landes; aber daß er die Gendarmen aussandte, damit sie selbst die Bettstätten der Nonnen durchsuchen: das war ein so ungeheuerliches Verbrechen, daß die Damen am Hofe einen Schauer heuchelten, wenn er vorüberkam. Der Bischof Rochart machte in allen Kreisen einen ungeheuren Lärm; man erzählte, er sei bis zur Kaiserin gegangen. Der Skandal schien übrigens durch eine Handvoll geschickter Leute genährt zu werden; es liefen Losungsworte um; dieselben Gerüchte erhoben sich auf allen Seiten gleichzeitig in seltener Übereinstimmung. Inmitten der wütenden Angriffe blieb Rougon anfangs ruhig und heiter. Er zuckte seine mächtigen Schultern und nannte das ganze Vorkommnis »eine Dummheit«. Ja, er scherzte sogar. Auf einer Abendunterhaltung bei dem Justizminister ließ er das Wort fallen: »Ich habe nicht einmal erzählt, daß in einem der Strohsäcke ein Pfaffe gefunden wurde.« Die Bemerkung wurde weiter erzählt, die Entrüstung über diese Gottlosigkeit erreichte den Gipfelpunkt und es folgte ein neuer Wutausbruch. Da geriet auch er allmählich in Zorn; die Geschichte wurde ärgerlich. Die Nonnen waren Diebinnen, da man silberne Schüsseln und Becher bei ihnen gefunden hatte. Er machte Miene, die Angelegenheit weiter zu verfolgen, er setzte sich noch mehr dafür ein und sprach davon, den ganzen Klerus von Faverolles vor die Gerichte zu stellen. Eines Morgens ließen zu früher Stunde die Charbonnels sich bei ihm melden. Er war sehr erstaunt; er wußte nicht, daß sie in Paris seien. Als er sie erblickte, rief er ihnen zu, daß die Dinge sehr gut stünden. Er habe erst am Tage vorher dem Präfekten Weisungen zugesandt, daß er das Gericht auffordere, sich der Angelegenheit anzunehmen. Doch Herr Charbonnel schien bestürzt; und Frau Charbonnel ihrerseits rief aus: »Nein, nein, das wollen wir nicht ... Sie sind zu weit gegangen, Herr Rougon. Sie haben uns schlecht verstanden.« Beide ergingen sich in Lobeserhebungen über die Schwestern von der heiligen Familie. Es seien sehr fromme Frauen; sie – die Charbonnels – hätten vielleicht einen Augenblick Klage gegen sie führen können; aber niemals seien sie so tief gesunken, die Nonnen solch schmählicher Handlungen zu zeihen. Übrigens habe ganz Favorelles ihnen die Augen geöffnet, so sehr achte dort die ganze Gesellschaft die frommen Schwestern. »Sie würden uns das größte Unrecht zufügen, Herr Rougon,« schloß Frau Charbonnel, »wenn Sie fortfahren, die Religion zu verfolgen. Wir sind gekommen, Sie zu bitten, sich ruhig zu verhalten ... Die Leute in Faverolles können doch nicht wissen ... Sie glaubten, daß wir Sie drängen und würden schließlich mit Steinen nach uns geworfen haben ... Wir haben dem Kloster ein schönes Geschenk gemacht, ein Kruzifix von Elfenbein, das am Fußende des Bettes unseres armen Vetters gehangen hat.« »Kurz, Sie sind gewarnt«, sagte Herr Charbonnel. »Die Sache geht jetzt Sie allein an; wir haben nichts mehr damit zu tun.« Rougon ließ sie reden. Sie schienen sehr verdrossen über ihn und schrien ihn schließlich an. Er fühlte, wie ihm die Kälte im Nacken aufstieg. Er betrachtete sie, von einer plötzlichen Mattigkeit ergriffen, als sei ihm abermals etwas von seiner Kraft genommen worden. Er stritt übrigens nicht und versprach ihnen, nicht mehr zu handeln. In der Tat ließ er die Angelegenheit fallen. Seit einiger Zeit lastete übrigens noch ein anderer Skandal auf ihm, ein Skandal, mit dem sein Name mittelbar in Verbindung stand. Ein schreckliches Drama hatte sich in Goulonges ereignet. Du Poizat, der in seinem Eigensinn seinem Vater auf den Rücken steigen wollte, wie Gilquin sich ausdrückte, war eines Morgens wieder erschienen, um an der Türe des Geizigen zu pochen. Fünf Minuten später hörten die Nachbarn Gewehrschüsse und ein furchtbares Geschrei in dem Hause. Als man eindrang, fand man den Greis mit gespaltetem Schädel am Fuße der Treppe ausgestreckt; im Flur lagen zwei abgeschossene Flinten. Du Poizat erzählte schreckensbleich, daß sein Vater, als er ihn auf die Treppe zukommen sah, wie toll zu schreien angefangen habe: ›Diebe! Diebe‹ und zwei Schüsse aus unmittelbarer Nähe gegen ihn abgefeuert habe. Er zeigte sogar, daß sein Hut von einer Kugel durchlöchert sei. Dann – so erzählte er weiter – sei sein Vater rücklings hingefallen und habe sich an der Kante der untersten Treppenstufe den Schädel gespaltet. Dieser tragische Tod, dieses geheimnisvolle Drama, das sich ohne Zeugen abgespielt, rief im ganzen Kreise die peinlichsten Gerüchte hervor. Die Ärzte stellten wohl einen Schlagfluß fest. Die Feinde des Präfekten behaupteten aber nichtsdestoweniger, daß dieser den Alten gestoßen haben müsse. Die Zahl seiner Feinde nahm immer zu dank der schroffen Verwaltung, durch die er ganz Niort unter einer Schreckensherrschaft niederhielt. Bleich und aufrecht, in stummem Zorne die Zähne zusammenpressend und die mageren Kinderfäuste ballend, ließ Du Poizat diesen Sturm über sich ergehen; mit einem einzigen Blick seiner grauen Augen brachte er das Geschwätz der vor ihren Türen stehenden Leute zum Verstummen, wenn er vorüberkam. Aber es widerfuhr ihm noch ein anderes Unglück; er mußte Gilquin kassieren, der in einer häßlichen Militärbefreiungsgeschichte kompromittiert war. Für hundert Franken hatte Gilquin sich verpflichtet, Bauernsöhne vom Militärdienst zu befreien. Alles, was man tun konnte, war, daß man ihn vor dem Zuchtpolizeigericht rettete und ihn verleugnete. Bisher hatte Du Poizat sich auf Rougon gestützt, dessen Verantwortlichkeit er mit jeder neuen Katastrophe immer mehr belastete. Er mußte die nahe Ungnade des Ministers wittern, denn er kam nach Paris, ohne Rougon davon zu verständigen; auch er selbst fühlte sich in seiner Stellung sehr erschüttert, fühlte die Macht, die er untergraben hatte, wanken und spähte schon nach einem mächtigen Arm, an den er sich klammern könne. Er dachte daran, eine andere Präfektur zu verlangen, um der sicheren Entlassung zu entgehen. Nach dem Tode seines Vaters und den Gaunerstreichen des Gilquin war Niort für ihn unhaltbar geworden. »Ich bin gestern Herrn Du Poizat im Stadtviertel St.-Honorius, zwei Schritte von hier, begegnet«, sagte eines Tages Clorinde boshaft dem Minister. »Sie sind nicht mehr gut zusammen? Er schien mir sehr aufgebracht gegen Sie.« Rougon vermied es, ihr zu antworten. Allmählich und nachdem er ihm verschiedene Gunstbezeigungen hatte verweigern müssen, entstand eine große Kälte zwischen ihnen; sie beschränkten sich jetzt auf den bloßen öffentlichen Verkehr. Übrigens hatte eine allgemeine Fahnenflucht stattgefunden, selbst Frau Gorreur verließ ihn. An manchen Abenden hatte er wieder jenen Eindruck der Verlassenheit, unter dem er schon ehemals in der Marbeufstraße gelitten hatte, als die Freunde an ihm zu zweifeln begannen. Nach seinen stark beschäftigten Tagen inmitten der Menge, die seinen Salon belagerte, fand er sich abends allein, verloren, bekümmert. Ihm fehlten seine Vertrauten. Er fühlte ein brennendes Bedürfnis nach der unablässigen Bewunderung des Obersten und des Herrn Bouchard, nach dem heißen, aufregungsvollen Leben, mit dem sein kleiner Hof ihn umgab; ja, er sehnte sich sogar nach dem Stillschweigen des Herrn Béjuin. Da machte er wieder einmal den Versuch, seine Leute zurückzuführen; er ward liebenswürdig, schrieb Briefe, machte Besuche. Allein die Bande waren gelöst; es wollte ihm nicht mehr gelingen, sie alle um sich zu sehen; wenn er auf einer Seite Frieden machte, brach auf der andern Seite ein Zwist aus, und er blieb dennoch vereinsamt, sah immer weniger Freunde um sich. Endlich blieben alle weg. Es war der Todeskampf seiner Macht. Er, der Starke und Kluge war durch die lange Arbeit ihres gemeinsamen Glückes an diese Tröpfe gebunden; jeder nahm auf seinem Rückzuge ein Stück von ihm mit sich. In dieser Verringerung seiner Bedeutung wurden seine Kräfte gleichsam unnütz; seine groben Fäuste hieben ins Leere. An dem Tage, da sein Schatten in der Sonne allein war, da er sich nicht mehr mit den Mißbräuchen seines Kredites mästen konnte, schien es ihm, als sei sein Platz auf Erden kleiner geworden; und er träumte von einer neuen Menschwerdung, von einer Wiedererstehung als Donnergott, ohne Freunde zu seinen Füßen, durch den bloßen Klang seiner Stimme Gesetze diktierend. Indessen hielt sich Rougon noch nicht für ernstlich erschüttert. Er mißachtete die Bisse, die ihn kaum an den Fersen trafen. Er war entschlossen, mächtig, verhaßt und einsam zu regieren. Überdies setzte er seine ganze Kraft auf den Kaiser. Seine Leichtgläubigkeit wurde seine einzige Schwäche. Jedesmal, wenn er Seine Majestät sah, fand er den Herrscher wohlwollend, sehr gütig, mit einem unbestimmten, undurchdringlichen Lächeln. Der Kaiser erneuerte ihm die Versicherungen seines Vertrauens und wiederholte ihm die oft erteilten Weisungen. Das genügte ihm. Der Herrscher konnte nicht daran denken, ihn zu opfern. Diese Sicherheit bestimmte ihn, einen großen Zug zu wagen. Um seine Feinde zum Schweigen zu bringen und seine Macht fest zu begründen, kam er auf den Gedanken, in sehr würdigen Ausdrücken um seine Entlassung zu bitten. Er sprach von den gegen ihn verbreiteten Anklagen, fügte hinzu, daß er nur den Wünschen des Kaisers gehorcht habe und die Notwendigkeit einer Gutheißung von höchster Stelle empfinde, ehe er sein Werk im Interesse der öffentlichen Wohlfahrt fortsetze. Er gab sich überdies als Mann der starken Faust, der unbarmherzigen Vergeltung. Der Hof war in Fontainebleau. Das Entlassungsgesuch war abgesandt, und Rougon wartete mit der Kaltblütigkeit eines sieggewohnten Ringkämpfers. Der Schwamm sollte über die letzten Skandale, über das Drama von Coulonges, die Haussuchung bei den Nonnen von der heiligen Familie hinwegfahren. Fiel er hingegen, dann wollte er von seiner ganzen Höhe als gewaltiger Mann fallen. An dem Tage, an dem das Schicksal des Ministers sich entscheiden sollte, fand in der Orangerie der Tuilerien ein Wohltätigkeitsbazar zum Besten einer unter dem Schutze der Kaiserin stehenden Wiegenanstalt statt. Alle vertrauten Gäste des Palastes, die ganze hohe amtliche Welt sollte daselbst bestimmt erscheinen, um ihre Huldigung darzubringen. Rougon beschloß, daselbst sein ruhiges Antlitz zu zeigen. Kühn wollte er den Leuten ins Gesicht sehen, die ihn mit schiefen Blicken bespähen würden; mit seiner ruhigen Verachtung wollte er durch das Geflüster der Menge schreiten. Gegen drei Uhr, ehe er aufbrach, gab er dem Vorstand des Personals einen letzten Auftrag, als ein Diener ihm meldete, daß ein Herr und eine Dame da seien, die sehr darauf drängten, ihn in seiner privaten Wohnung zu sprechen. Die Karte trug die Namen des Marquis und der Marquise d'Escorailles. Die beiden Alten, die der Diener, durch ihre fast ärmliche Kleidung getäuscht, im Speisesaale gelassen hatte, erhoben sich förmlich. Rougon beeilte sich, sie in den Salon zu führen, gerührt von ihrem Erscheinen und zugleich von einer gewissen Unruhe erfüllt. Er äußerte sich sehr erstaunt über ihre plötzliche Reise nach Paris; er suchte sich sehr liebenswürdig zu zeigen; allein die Alten blieben steif, würdevoll, ernst. »Mein Herr,« begann endlich der Marquis, »Sie werden uns den Schritt verzeihen, zu dem wir uns genötigt sehen. Es handelt sich um unsern Sohn Julius. Wir wünschen, daß er den Verwaltungsdienst verlasse; wir bitten Sie, ihn nicht länger an Ihrer Seite zu behalten.« Als der Minister sie höchst überrascht anblickte, fuhr er fort: Die jungen Leute sind leichtfertig. Wir haben Julius zweimal geschrieben und ihn unter Anführung unserer Gründe gebeten, daß er sich zurückziehe. Als er noch immer nicht gehorchen wollte, haben wir uns entschlossen zu kommen. Seit dreißig Jahren, mein Herr, machen wir jetzt zum zweiten Male die Reise nach Paris.« Da widersprach er ihnen. Julius habe die schönste Zukunft vor sich, und sie würden seine Laufbahn zerstören. Während er sprach, machte die Marquise Zeichen der Ungeduld. Jetzt erklärte sie sich ihrerseits lebhafter. »Mein Gott, Herr Rougon, es ist nicht unsere Sache, ein Urteil über Sie zu fällen. Aber es gibt in unserer Familie, gewisse Überlieferungen ... Bei einer abscheulichen Verfolgung gegen die Kirche darf Julius nicht mittun. In Plassans ist man jetzt schon erstaunt. Wir würden uns mit dem ganzen Adel der Gegend verfeinden.« Er hatte begriffen und wollte seinerseits reden; doch mit einer gebieterischen Bewegung hieß sie ihn schweigen. »Lassen Sie mich vollenden ... Unser Sohn hat sich gegen unsern Willen der gegenwärtigen Regierung angeschlossen. Sie wissen, wie groß unser Schmerz war, als wir ihn im Dienste einer unrechtmäßigen Herrschaft sehen mußten. Ich allein habe seinen Vater gehindert, ihn zu verfluchen. Seit jener Zeit ist unser Haus in Trauer, und wenn wir Freunde empfangen, wird der Name unseres Sohnes niemals ausgesprochen. Wir hatten geschworen, uns nicht mehr um ihn zu kümmern; allein es gibt gewisse Grenzen; es wird unerträglich, daß ein d'Escorailles sich unter die Feinde unserer heiligen Religion mengt ... Sie verstehen mich wohl, mein Herr?« Rougon verneigte sich. Es fiel ihm nicht ein, die frommen Lügen der alten Dame zu belächeln. Er fand den Marquis und die Marquise so, wie er sie ehemals gekannt hatte zur Zeit, als er auf dem Pflaster von Plassans darbte: hochmütig, stolz, unverschämt. Hätten andere so mit ihm geredet, er würde sie gewiß zur Türe hinausgeworfen haben. Aber er war verlegen, gekränkt, gedemütigt. Seine in Armut verflossene Jugend sah er wieder auftauchen; er glaubte einen Augenblick, noch seine schlechten, schief getretenen Stiefel von ehemals an den Füßen zu haben. Er versprach, Julius zu einer Entscheidung zu bringen. Dann begnügte er sich hinzuzufügen, indem er auf die erwartete Antwort des Kaisers anspielte: »Übrigens, Madame, wird Ihnen Ihr Sohn vielleicht schon heute abend wiedergegeben sein.« Als er wieder allein war, fühlte sich Rougon von Furcht ergriffen. Diese Alten hatten seine Ruhe erschüttert. Er zögerte jetzt, bei dem Wohltätigkeitsbazar zu erscheinen, wo alle Augen seine Verlegenheit ihm von der Stirne ablesen würden. Aber er schämte sich dieser kindischen Furcht. Er brach auf, schritt durch sein Kabinett und fragte Merle, ob nichts für ihn gekommen sei. »Nein, Exzellenz«, antwortete in gewichtigem Tone der Türsteher, der seit dem Morgen auf etwas zu lauern schien. Die Orangerie in den Tuilerien, wo der Wohltätigkeitsbazar stattfinden sollte, war für diese Gelegenheit sehr prächtig geschmückt worden. Eine Tapete von rotem Samt mit Goldfransen verhüllte die Mauern, verwandelte die weite, kahle Galerie in einen hohen Prunksaal. An einem Ende war ein riesiger Vorhang – gleichfalls von rotem Samt – angebracht, der die Galerie quer durchzog und so einen Teil des Raumes zu einem Zimmer absonderte. Dieser Vorhang, von Spangen mit riesigen Goldtroddeln festgehalten, war weit geöffnet und gestattete so den Verkehr zwischen dem großen Saale, wo die Verkaufsstände aneinandergereiht waren, mit dem kleineren Räume, wo ein Büfett aufgeschlagen war. Der Fußboden war mit feinem Sande bestreut. In jedem Winkel standen grüne Pflanzen in großen Majolikakübeln. In der Mitte des Vierecks, das die Verkaufsstände bildeten, stand ein Rundpuff, einer niedrigen Sitzbank von rotem Samt mit stark gebogener Rückenlehne gleichend; aus der Mitte des Puffs stieg ein riesiger Strahl von Blumen auf, ein Rund von Stengeln, unter denen Rosen, Nelken, Eisenkraut gleich einem Regen leuchtender Tropfen niederfielen. Vor den weit offenen Glastüren standen auf der nach dem Flusse gelegenen Terrasse Türsteher in schwarzem Frack und prüften mit raschem Blick die Eintrittskarten der ankommenden Gäste. Die Leiterinnen rechneten vor vier Uhr nicht auf viele Gäste. Im großen Saale hinter ihren Verkaufspulten stehend, harrten sie der Käufer. Auf den langen, mit rotem Tuche bedeckten Tischen lagen die Waren ausgebreitet; es waren mehrere Pulte mit Pariser und chinesischen Artikeln da, zwei Läden mit Kinderspielzeug, ein Blumenstand mit Rosen, endlich unter einem Zelte ein Glücksrad ganz wie auf den Jahrmärkten. Die Verkäuferinnen in dekolletierten Konzerttoiletten benahmen sich anmutsvoll wie richtige Geschäftsdamen, lächelten nach Art einer Modistin, die einen alten Hut loswerden will, mit einem einschmeichelnden Tonfall der Stimme, schwatzten, priesen ihre Artikel an, ohne etwas davon zu verstehen. Bei diesem Spiel von Ladenmamsellen wurden sie allmählich kühner, gekitzelt von den die ihren streifenden Händen der erstbesten Käufer. Eine Prinzessin hielt einen Spielzeugladen; gegenüber verkaufte eine Marquise Geldtäschchen zu neunundzwanzig Sous, die sie nicht unter zwanzig Franken abgab; sie waren Nebenbuhlerinnen, setzten ihre Schönheit für die größere Einnahme ein, suchten die Kunden zu ködern, riefen die Männer herbei, forderten unverschämte Preise; nachdem sie wütend gefeilscht hatten wie betrügerische Metzgerinnen, gaben sie ein Stück ihrer selbst obendrein, ihre Fingerspitzen, den Anblick ihres weit offenen Leibchens, um die großen Käufe zu entscheiden. Die Wohltätigkeit war der Vorwand. Allmählich füllte sich der Saal. Einzelne Herren blieben ruhig stehen, prüften die Waren, als ob diese mit zur Schaustellung gehörten. Vor gewissen Verkaufspulten drängten sich sehr elegante junge Leute, trieben ihre Spaße, gingen bis zu sehr gewagten Anspielungen auf ihre Einkäufe; während die Damen in ihrer unerschöpflichen Liebenswürdigkeit von dem einen zum andern gingen und überall mit derselben Miene des Entzückens den Inhalt ihres Ladens anboten. Vier Stunden hindurch sich in dieser Menge zu drängen, galt für einen Genuß. Ein Geräusch wie auf einer öffentlichen Versteigerung erhob sich, unterbrochen von einem hellen Gelächter inmitten des dumpfen Getrippels der Beine auf dem Sande. Die roten Vorhänge verschlangen das grelle Licht der hohen Fenster und brachten so eine rote, schwebende Helle hervor, die einen rosigen Schein über die nackten Busen breitete. Sechs andere Damen, eine Baronin, zwei Bankierstöchter, drei Frauen von hohen Beamten wandelten mit leichten Körbchen, die an ihrem Halse hingen, zwischen den Verkaufspulten umher und eilten jedem Neuankommenden entgegen, Zigarren und Feuer zum Kaufe anbietend. Frau von Combelot hatte besonders vielen Erfolg. Sie war Blumenverkäuferin und saß sehr hoch in dem mit Rosen gefüllten Stande, einem geschnitzten und vergoldeten Häuschen, das einem großen Vogelbauer glich. Ganz in Rosa gekleidet, in ein Rosa, das dem ihrer Haut glich und über dem Ausschnitt des Leibchens eine Fortsetzung ihrer Blöße zu sein schien, bloß zwischen den beiden Brüsten das sämtlichen Verkäuferinnen gemeinsame Veilchensträußchen tragend, war sie auf den Einfall gekommen, ihre Sträußchen vor dem Publikum selbst zu binden wie eine wirkliche Blumenhändlerin: eine Rose, eine Knospe, drei Blätter, die sie zwischen ihren Fingern zusammenrollte, das Ende des Bindfadens zwischen den Zähnen haltend. Sie verkaufte die Sträußchen zu den Preisen von einem Louis bis zu zehn Louis, je nach dem Gesichte der Herren. Man riß sich um ihre Sträußchen; sie konnte die Bestellungen nicht befriedigen; in ihrer großen Geschäftigkeit stach sie sich zuweilen in die Finger, die sie dann lebhaft zum Munde führte, um das Blut auszusaugen. In dem Zelte gegenüber hielt Frau Bouchard das Glücksrad. Sie trug eine köstliche blaue Toilette von bäuerlichem Schnitt, die Taille hoch, das Leibchen in Fichuform, fast eine Verkleidung, in der sie einer Lebkuchenverkäuferin ähnlich sah. Dazu affektierte sie ein reizendes Stammeln, eine unschuldige Miene, die überaus eigenartig war. Die Gewinste am Glücksrade waren in Klassen eingeteilt; es waren abscheuliche Bibelots im Werte von fünf bis zehn Sous, Sachen aus Saffian, Glas, Porzellan. Die Feder knirschte über die Messingfäden hin; die Drehscheibe entführte die Gewinste mit einem unaufhörlichen Geräusche zerbrochenen Geschirres. Wenn es an Spielern fehlte, sagte Frau Bouchard mit der sanften Stimme einer Unschuld, die eben erst aus ihrem Dorfe angelangt ist: »Zwanzig Sous ein Zug, meine Herren! ... Versuchen Sie Ihr Glück! ...« Im Büfettraum, dessen Fußboden ebenfalls mit Sand bestreut und dessen Winkel mit grünen Pflanzen geschmückt waren, hatte man runde Tischchen und Sessel von gebogenem Holze aufgestellt. Um die Sache pikanter zu machen, hatte man ein regelrechtes Kaffeehaus nachgeahmt. Im Hintergrund war ein riesiger Schanktisch aufgestellt; daselbst fächelten sich drei Damen in Erwartung der Herren, die sich da eine Erfrischung holen würden. Vor ihnen standen Likörflaschen, Teller mit Kuchen und Brötchen, Bonbons, Zigarren und Zigaretten. Alles glich dem fragwürdigen Markte eines öffentlichen Balles. Die Dame in der Mitte, eine brünette Gräfin mit lebhaften Manieren, erhob sich von Zeit zu Zeit, neigte sich vor, um ein Gläschen einzuschänken; sie kannte sich nicht mehr aus in dem Wirrsal von Flaschen und manövrierte mit ihren nackten Armen in einer Weise, daß sie Gefahr lief, alles zu zerbrechen. Im Büfettraum herrschte Clorinde. Sie bediente das Publikum an den Tischen. Es war Juno als Schankmädchen. Sie trug ein Kleid von gelbem Samt mit quergelegten Streifen von schwarzem Samt geputzt; es war von einer außerordentlichen, blendenden Wirkung; ein Stern, dessen Schleppe dem Schweif eines Kometen glich. Sehr tief ausgeschnitten, die Büste frei, so bewegte sie sich in königlicher Schönheit zwischen den Sesseln und reichte mit der Ruhe einer Göttin die Getränke auf Platten von Chinasilber herum. Sie streifte mit ihren nackten Armen die Schultern der Herren, neigte sich mit ihrem offenen Leibchen herab, um die Bestellungen entgegenzunehmen und antwortete allen, lächelnd, wohlgelaunt, ohne sich zu beeilen. Wenn die Erfrischungen verzehrt waren, empfing sie in ihrer schönen Hand die Bezahlung in Silber- und Kupfermünzen, die sie mit einer gewohnheitsmäßigen Bewegung in eine Gürteltasche warf. Herr Kahn und Herr Béjuin hatten soeben Platz genommen. Der erstere machte sich den Spaß, auf den Tisch zu klopfen und zu rufen: »Madame, zwei Bock!« Sie kam herzu, brachte die zwei Bock und blieb stehen, um einen Augenblick auszuruhen, weil eben wenig Gäste da waren. Zerstreut trocknete sie mit ihrem Spitzentaschentuche ihre Finger vom Biere. Herr Kahn bemerkte die außerordentliche Helle ihrer Augen, das Siegesstrahlen, das ihr Antlitz verklärte. Er betrachtete sie mit lebhaft zwinkernden Augen und fragte: »Wann sind Sie aus Fontainebleau zurückgekehrt?« »Heute morgen«, erwiderte sie. »Haben Sie den Kaiser gesehen? Was gibt es Neues?« Sie schaute ihn lächelnd an und spitzte die Lippen in einer Weise, aus der er nicht klug werden konnte. Da bemerkte er ein Juwel, das er früher nie bei ihr gesehen hatte. An dem entblößten Halse, auf den entblößten Schultern trug sie ein wirkliches Hundehalsband von schwarzem Samt, mit Schnalle, Ring und Schelle, einer Schelle von Gold, in der eine feine Perle klimperte. Auf dem Halsbande waren in Diamantschrift zwei Namen, in seltsam gewundenen und verschlungenen Buchstaben zu lesen. Von dem Ringe fiel eine dicke Goldkette herab, die zwischen ihren Brüsten baumelte und deren Ende an einer Goldplatte befestigt war, die sie am rechten Arme trug und auf der die Worte zu lesen waren: »Ich gehöre meinem Herrn.« »Ist das ein Geschenk?« flüsterte Herr Kahn und zeigte auf das Juwel. Sie nickte bejahend, die Lippen noch immer zu einem feinen und sinnlichen Mäulchen gespitzt. Sie selbst habe diese Leibeigenschaft gewünscht, sagte sie. Sie trug dieselbe mit einer ruhigen Schamlosigkeit zur Schau, die sie über die Alltagssünden erhob; sie dünkte sich geehrt durch die Wahl des Herrschers und war beneidet von allen. Als sie sich mit diesem Halsbande zeigte, auf dem durchdringende Augen einen hohen Namen mit dem ihrigen verschlungen zu lesen vorgaben, begriffen alle Frauen, tauschten Blicke aus, als wollten sie sagen: »Das ist eine vollzogene Tatsache!« Seit einem Monat plauderte die vornehme Welt von diesem Abenteuer und erwartete die Entwicklung. Es war in der Tat so gekommen; sie selbst rief es aus, sie selbst trug es auf der Schulter geschrieben. Wenn man einer Geschichte Glauben schenken durfte, die von Ohr zu Ohr ging, so war ihr erstes Bett mit fünfzehn Jahren das Strohlager eines Kutschers in einem Stalle. Später habe sie andere Lager bestiegen, immer höher, die Lager von Bankiers, Beamten, Ministern, bei jeder ihrer Nächte im Glücke steigend. Dann von Schlafzimmer zu Schlafzimmer, von Stockwerk zu Stockwerk gelangend, hatte sie, um einen letzten Willen, einen letzten Stolz zu befriedigen, ihr schönes, kühles Haupt auf ein kaiserliches Pfühl gelegt. »Madame, ein Glas Bock, wenn ich bitten darf«, bat ein dicker, dekorierter Herr, ein General, der sie lächelnd betrachtete. Als sie den Bock gebracht hatte, riefen sie zwei Abgeordnete. »Zwei Gläser Chartreuse, wenn's beliebt!« Es kamen viele Leute, die Bestellungen kreuzten sich; man verlangte Grogs, Kümmel, Limonade, Kuchen, Zigarren. Die Männer sahen sie an, flüsterten miteinander, erheitert durch die umlaufende spaßige Geschichte. Wenn diese Kellnerin, die am Morgen desselben Tages aus den Armen eines Kaisers hervorgegangen, mit ausgestreckter Hand ihr Geld in Empfang nahm, schienen sie zu schnuppern, an ihrem Körper eine Spur dieser Fürstenliebe zu suchen. Ohne die geringste Verlegenheit wandte sie langsam den Kopf, um ihr Hundehalsband zu zeigen, dessen dicke Goldkette ein leises Gerassel verursachte. Es mußte eine besondere Würze darin liegen, die Dienerin aller zu sein, wenn man eine Nacht Königin gewesen, zum Spaße zwischen den mit Zitronenscheiben und Kuchenresten bedeckten Tischen eines Kaffeehauses herumzutrippeln mit statuenhaft schönen Füßen, die ein erhabener Schnurrbart mit leidenschaftlichen Küssen berührt hat. »Das ist sehr ergötzlich«, sagte sie und stellte sich wieder vor Herrn Kahn hin. »Meiner Treu, sie halten mich für eine Dirne. Ich glaube gar, einer hat mich in den Arm gekniffen. Aber ich sagte nichts. Wozu auch? Es geschieht doch für die Armen.« Herr Kahn bat sie mit einem Augenblinzeln, sich herniederzuneigen und fragte sehr leise: »Was ist's mit Rougon?« »Still! Sie werden es sogleich erfahren«, erwiderte sie., ebenfalls die Stimme dämpfend. »Ich habe ihm in meinem Namen eine Einladungskarte gesendet. Ich erwarte ihn.« Als Herr Kahn den Kopf schüttelte, fügte sie lebhaft hinzu: »Ja, ja, ich kenne ihn ... Übrigens weiß er nichts.« Herr Kahn und Herr Béjuin spähten jetzt nach der Ankunft Rougons. Durch die breite Öffnung der Türvorhänge konnten sie den ganzen Saal übersehen. Von Minute zu Minute wuchs die Menge daselbst. Auf dem Rundpuff saßen Herren zurückgelehnt mit gekreuzten Armen und schlossen die Augen, als ob sie schlummerten, während ein unaufhörliches Gehen und Kommen von Besuchern sie umkreiste. Die Hitze stieg außerordentlich. Der Lärm wuchs in dem roten Dunste, der über den schwarzen Hüten schwebte. Von Zeit zu Zeit wurde inmitten des dumpfen Gemurmels das Kreischen des Glücksrades vernehmbar. Jetzt kam Frau Correur an und machte mit langsamen Schritten die Runde um die Verkaufsstände. Sie war sehr dick, in ein seidenes Kleid mit weißen und malvenfarbenen Streifen gekleidet, unter der das Fett ihrer Schultern und ihrer Arme rötlich schimmernde Wülste bildete. Mit vorsichtiger Miene und bedächtigen Blicken wandelte sie einher wie eine Kunde, die einen vorteilhaften Kauf zu machen sucht. Sie pflegte zu sagen, daß man auf diesen Wohltätigkeitsbazaren vortreffliche Gelegenheitskäufe machen könne; die armen Leiterinnen verstünden ja nichts und wüßten nicht immer den Wert ihrer Waren. Sie kaufte übrigens niemals von Verkäuferinnen ihrer Bekanntschaft, weil diese ihre Bekannten nur »einsalzten«. Als sie die Runde durch den Saal gemacht hatte, wobei sie die Waren hin und her wandte, besah, beroch, wieder hinlegte, kehrte sie zu einem Verkaufsstande zurück, wo Lederwaren ausgelegt waren. Hier verbrachte sie gute zehn Minuten damit, mit verlegener Miene die ausgelegten Waren zu mustern. Endlich ergriff sie mit nachlässiger Gebärde eine Brieftasche von russischem Leder, auf die sie seit einer Viertelstunde die Augen geworfen hatte. »Was ist der Preis?« fragte sie. Die Verkäuferin, eine große, blonde junge Frau, die eben mit zwei Herren plauderte, wandte kaum den Kopf und sagte: »Fünfzehn Franken.« Die Brieftasche war mindestens zwanzig Franken wert. Die Damen, die untereinander darin wetteiferten, den Männern ungeheuerliche Summen abzunehmen, verkauften in einer Art freimaurerischer Kameradschaft den Frauen zum Eigenkostenpreise. Doch Frau Correur legte das Portefeuille mit erschreckter Miene auf das Pult hin und murmelte: »Das ist zu teuer ... Ich will jemandem ein Geschenk machen und möchte zehn Franken daran wenden, nicht mehr ... Haben Sie nichts Hübsches für zehn Franken?« Sie durchstöberte von neuem die Auslage. Nichts gefiel ihr. Mein Gott, wenn die Brieftasche nicht so teuer wäre! Sie ergriff sie von neuem, steckte ihre Nase in die Taschen. Die Verkäuferin verlor die Geduld und ließ sie ihr für vierzehn, dann für zwölf Franken. Nein, nein, auch das sei noch zu teuer, sagte Frau Correur. Sie erhielt sie endlich nach langem, hartnäckigem Feilschen für elf Franken. Die große junge Frau sagte: »Ich verkaufe lieber an Herren ... Alle Frauen feilschen... Wenn die Herren nicht wären! ... Frau Correur entfernte sich mit ihrem Kaufe und hatte die Freude, in einem Abteil der Brieftasche einen Zettel zu finden, der den Preis mit fünfundzwanzig Franken festsetzte. Sie ging noch eine Weile herum, dann ließ sie sich hinter dem Glücksrade an der Seite der Frau Bouchard nieder. Sie nannte sie »meine Liebste« und legte ihr zwei Löckchen auf der Stirne zurecht, die sich verschoben hatten. »Schau, der Oberst ist auch da«, sagte Herr Kahn, der noch immer im Büfett an einem Tische saß und die Türen im Auge behielt. Der Oberst kam, weil er nicht anders konnte. Er hoffte mit einem Louis loszukommen, und dabei blutete ihm schon das Herz. Schon bei der Türe umzingelten und bestürmten ihn mehrere Damen, indem sie wiederholt riefen: »Mein Herr, kaufen Sie mir eine Zigarre ab! ... Mein Herr, kaufen Sie mir eine Schachtel Zündhölzchen ab! ...« Er lächelte und entledigte sich ihrer in höflicher Weise. Dann orientierte er sich, und weil er seine Schuld so rasch wie möglich abtragen wollte, blieb er vor einem Verkaufsstande stehen, den eine bei Hofe sehr wohlgelittene Dame hielt, und fragte nach dem Preis einer Schachtel sehr mittelmäßiger Zigarren. »Fünfundsiebzig Franken!« lautete die Antwort. Er vermochte eine Gebärde des Schreckens nicht zu unterdrücken, warf die Schachtel hin und drückte sich, während die Dame ganz rot und beleidigt den Kopf abwandte, als habe er sich gegen ihre Person unschicklich betragen. Um allen unangenehmen Bemerkungen zu entgehen, näherte er sich dem Stande, wo Frau von Combelot noch immer ihre kleinen Sträußchen wand. Diese Sträußchen konnten doch nicht teuer sein, dachte er. In seiner Vorsicht wollte er kein Sträußchen, weil er vermutete, daß die Verkäuferin ihre Arbeit hoch anschlagen werde. Er wählte unter den Rosen eine kaum erschlossene kleine Knospe und fragte galant, sein Brieftäschchen ziehend: »Was kostet die Blume, Madame?« »Hundert Franken, mein Herr«, erwiderte die Dame, die sein Tun von der Seite beobachtet hatte. Er stammelte etwas, seine Hände zitterten. Aber jetzt konnte er nicht mehr zurück. Es waren Leute da, und man beobachtete ihn. Er zahlte und flüchtete in den Büfettraum. Er setzte sich an den Tisch des Herrn Kahn und brummte: »Das ist ja ein Hinterhalt!« »Haben Sie nicht Rougon im Saale gesehen?« fragte Herr Kahn. Der Oberst antwortete nicht. Er warf aus der Ferne wütende Blicke auf die Verkäuferinnen. Als er Herrn d'Escorailles und Herrn La Rouquette vor einem Verkaufsstande in sehr heiterer Stimmung sah, murmelte er zwischen den Zähnen: »Mein Gott, die jungen Leute unterhalten sich ... Die bringen ihr Geld immer herein.« Herr d'Escorailles und Herr La Rouquette unterhielten sich in der Tat sehr gut. Die Damen rissen sich um sie. Seit ihrem Eintritt streckten sich alle Arme nach ihnen aus; rechts und links wurden ihre Namen gerufen. »Herr d'Escorailles! vergessen Sie nicht, was Sie mir versprochen haben. Herr La Rouquette, Sie werden mir ein Pferdchen abkaufen. Nicht? Dann eine Puppe. Ja, eine Puppe müssen Sie haben!« Sie reichten einander den Arm, um sich zu schützen, wie sie lachend sagten. Strahlend, entzückt schritten sie weiter unter dem Ansturm all dieser Frauenröcke, in der lauen Liebkosung dieser schönen Stimmen. Von Zeit zu Zeit verschwanden sie zwischen den entblößten Brüsten, gegen die sie sich mit halblauten Schreckensrufen zu verteidigen schienen. Vor jedem Verkaufsstande ließen sie eine solche liebenswürdige Vergewaltigung über sich ergehen. Dann spielten sie die Geizigen, heuchelten einen komisch wirkenden Schrecken. Eine Puppe im Werte von einem Sou für einen Louis zu verkaufen! ... Das ging über ihre Mittel. Drei Bleistifte für zwei Louis! Das hieß: ihnen das Brot vom Munde nehmen. Die Damen ließen ein girrendes Lachen vernehmen, das dem Gesang einer Flöte glich. Sie wurden noch gieriger, gleichsam berauscht durch diesen Goldregen, erhöhten die Preise um das Drei- und Vierfache, von einer wahren Leidenschaft des Stehlens fortgerissen. Sie ließen die Herren von Hand zu Hand wandern, zwinkerten dabei mit den Augen. Man hörte einzelne Damen flüstern: »Diese will ich fassen ... Sie werden sehen, man kann diese Herren salzen ...« Die beiden hörten diese Reden und antworteten darauf mit scherzhaften Grüßen. Hinter ihrem Rücken triumphierten die Damen und prahlten mit ihren Erfolgen. Die Pfiffigste, die am meisten Beneidete, war ein Fräulein von achtzehn Jahren, die eine Stange Siegelwachs für drei Louis verkauft hatte. Als aber am Ende des Saales eine Dame dem Herrn d'Escorailles eine Dose Seife in die Tasche stecken wollte, rief dieser aus: »Ich habe keinen Sou mehr. Soll ich Ihnen etwa Wechsel unterschreiben?« Er schüttelte sein Geldtäschchen, das sie durchsuchte. Dann betrachtete sie den jungen Mann; sie war auf dem Punkte, seine goldene Uhr zu verlangen. Das war ein Spaß. Herr d'Escorailles nahm auf solche Wohltätigkeitsmärkte immer ein leeres Geldtäschchen mit. »Ich habe genug«, sagte er und zog Herrn La Rouquette mit sich. »Ich schließe meine Taschen ... Wir müssen trachten, uns zu erholen.« Als sie bei dem Glücksrade vorbeikamen, rief Frau Bouchard ihnen zu: »Zwanzig Sous ein Zug, meine Herren!« Sie traten näher und taten, als hätten sie nicht gehört. »Was kostet ein Zug, Madame?« »Zwanzig Sous, meine Herren.« Sie lachten wieder. Frau Bouchard aber in ihrer blauen Toilette blieb ruhig, sah erstaunt auf die beiden Herren, als habe sie diese nicht erkannt. Da entwickelte sich eine furchtbare Spielpartie. Eine Viertelstunde hindurch kreischte unaufhörlich das Glücksrad. Sie spielten abwechselnd. Herr d'Escorailles gewann zwei Dutzend Eierbecher, drei kleine Spiegel, sieben Statuetten von gebrannter Erde, fünf Zigarettentäschchen; Herr La Rouquette eine Visitenkartenschale von Porzellan auf Füßen von vergoldetem Zink, Trinkgläser, einen Leuchter, eine Dose mit einem Spiegel. Frau Bouchard spitzte schließlich die Lippen und rief: »Nein, nein, Sie haben zu viel Glück! Ich spiele nicht mehr ... Da tragen Sie Ihre Sachen weg!« Sie hatte die Gewinste auf einem Tische nebenan in zwei Haufen zusammengestellt. Herr La Rouquette schien betroffen. Er bat sie, seine Gewinste gegen das Veilchenbukett umzutauschen, das sie in den Haaren trug. Allein sie weigerte sich. »Nein, Sie haben das gewonnen, nehmen Sie es mit.« »Madame hat recht«, sagte Herr d'Escorailles ernst. »Man schmollt nicht mit dem Glücke. Ich will des Teufels sein, wenn ich einen einzigen Eierbecher da lasse. Ich bin geizig geworden.« Er breitete sein Taschentuch aus und machte fein säuberlich ein Paket. Das gab einen neuen Heiterkeitsausbruch. Die Verlegenheit des Herrn La Rouquette war ebenfalls sehr ergötzlich. Frau Correur, die, im Hintergrunde des Standes sitzend, bisher die lächelnde Würde einer mütterlichen Beschützerin bewahrt hatte, streckte jetzt ihr breites, rotes Gesicht hervor. Sie sei bereit, einen Tausch einzugehen, erklärte sie. »Nein, ich will nichts«, beeilte sich der junge Abgeordnete zu sagen. »Nehmen Sie alles, ich schenke Ihnen alles.« Doch sie gingen nicht fort, sondern blieben noch eine Weile. Mit halblauter Stimme sagten sie der Frau Bouchard Schmeicheleien von zweifelhaftem Geschmack. Wenn man sie ansehe, drehe sich einem der Kopf rascher als das Glücksrad. Was gewinne man bei ihrem hübschen Spiel? Es sei nicht so schön wie das »Täubchen fliegt-Spiel«. Und sie wollten ihr allerlei Dinge im »Täubchen fliegt-Spiel« zeigen. Madame Bouchard senkte die Augenwimpern und kicherte wie ein junges Mädchen. Sie wiegte die Hüften wie eine Bäuerin, mit der feine Herren ihren Ulk treiben; während Frau Correur von ihr entzückt war und mit Kennermiene ein um das andere Mal ausrief: »Wie hübsch sie ist! Wie lieb sie ist!« Doch Frau Bouchard schlug Herrn d'Escorailles auf die Hände, weil er das Glücksrad untersuchen wollte, indem er vorgab, daß sie betrüge. Wollen die Herren endlich Ruhe geben! Als sie endlich gegangen waren, begann sie wieder mit ihrer einladenden Stimme: »Zwanzig Sous ein Zug, meine Herren!« Herr Kahn, der bisher gestanden hatte, um über die Köpfe hinwegsehen zu können, setzte sich jetzt hastig und flüsterte: »Rougon ist da! ... Wir wollen tun, als wüßten wir nichts; wie?« Rougon durchschritt langsam den Saal. Er blieb bei dem Glücksrade der Frau Bouchard stehen und wagte einen Einsatz; dann kaufte er bei Frau von Combelot eine Rose, die er mit drei Louis bezahlte. Nachdem er in solcher Weise sein Opfer dargebracht hatte, machte er Miene, sich sogleich wieder zu entfernen. Er schob die Menge zur Seite und lenkte seine Schritte zu einer Tür. Doch als er einen Blick in den Büfettsaal geworfen, wandte er sich plötzlich nach dieser Seite mit erhobenem Haupte, ruhig und stolz. Herr d'Escorailles und Herr La Rouquette hatten sich zu Herrn Kahn, Herrn Béjuin, und dem Obersten gesetzt; auch Herr Bouchard war hinzugekommen. Alle diese Herren fuhren zusammen, als der Minister vorbeikam; so groß und stark erschien er ihnen mit seinen derben Gliedern. Er hatte sie von oben herab in vertraulicher Weise gegrüßt und setzte sich an einen benachbarten Tisch. Sein breites Gesicht beugte sich nicht, sondern wandte sich langsam rechts und links, wie um alle diese Blicke, die er auf sich gerichtet fühlte, ohne einen Schatten zu ertragen. Clorinde hatte sich genähert, mit königlicher Würde ihre schwere gelbe Robe nach sich ziehend. Mit einer beabsichtigten Gewöhnlichkeit, in die ein Zug von Spott sich mengte, fragte sie: »Was soll man Ihnen bringen?« »Ach so!« sagte er heiter ... »Ich trinke niemals ... Was haben Sie denn?« Da zählte sie ihm rasch alle Liköre auf: Fine Champagne, Rum, Curaçao, Kirschgeist, Chartreuse, Anis, Vespetro, Kümmel. »Nein, nein; geben Sie mir ein Glas Zuckerwasser.« Sie begab sich zum Schanktisch und brachte das Glas Zuckerwasser immer in ihrer göttlichen Majestät. Sie blieb vor Rougon stehen und sah ihm zu, wie er seinen Zucker im Wasser sich lösen ließ. Er lächelte noch immer und sagte die erstbesten gleichgültigen Redensarten. »Sie befinden sich wohl? Seit einem Jahrhundert habe ich Sie nicht gesehen.« »Ich war in Fontainebleau«, erwiderte sie einfach. Er erhob die Augen und heftete einen tiefen, prüfenden Blick auf sie. Doch dann fragte sie ihn. »Sind Sie zufrieden? Geht alles nach Wunsch?« »Ja, vollkommen«, erwiderte er. »Dann um so besser!« Sie bewegte sich um ihn mit der Aufmerksamkeit eines Kaffeehauskellners. Sie beobachtete ihn mit ihren boshaft funkelnden Augen und schien jeden Augenblick auf dem Sprunge, ihren Sieg zu verraten. Endlich entschloß sie sich, ihn zu verlassen, als sie sich auf die Fußspitzen stellte, um in den großen Saal zu schauen. Dann berührte sie ihn an der Schulter und sagte mit leuchtendem Antlitz: »Ich glaube, man sucht Sie.« In der Tat kam Merle respektvoll zwischen den Tischen und Sesseln des Büfetts heran. Er verbeugte sich dreimal nacheinander und bat Seine Exzellenz, ihn zu entschuldigen. Man habe gleich nach dem Fortgang Seiner Exzellenz den seit dem Morgen erwarteten Brief gebracht. Weil er, Merle, keinen Befehl erhalten habe, glaubte er ... »Es ist gut, geben Sie her«, unterbrach ihn Rougon. Der Türsteher übergab ihm einen Brief in großem Umschlag und ging dann in den Saal, um den Markt zu besichtigen. Rougon hatte auf den ersten Blick die Schrift erkannt; es war ein eigenhändiger Brief des Kaisers, die Antwort auf sein Entlassungsgesuch. Kalter Schweiß trat ihm auf die Schläfen, aber er erbleichte nicht. Er schob ruhig den Brief in die innere Tasche seines Rockes, immerfort den Blicken der am Nachbartische sitzenden Herren Trotz bietend, zu denen Clorinde sich begeben hatte, um ihnen einige Worte zu sagen. Die ganze Gesellschaft spähte jetzt nach ihm, verlor keine einzige seiner Bewegungen, von einem Fieber der Neugier ergriffen. Die junge Frau war wieder zu ihm getreten. Rougon trank endlich die Hälfte seines Zuckerwassers und suchte nach einer Schmeichelei. »Sie sind heute sehr schön. Wenn die Königinnen Mägde würden ...« Sie unterbrach sein Kompliment und sagte mit der ihr eigentümlichen Kühnheit: »Wollen Sie den empfangenen Brief nicht lesen?« Er tat, als habe er vergessen, und als erinnere er sich erst jetzt wieder. »Ach ja, diesen Brief! ... Ich will ihn lesen, wenn es Ihnen Vergnügen macht.« Mit Hilfe eines Taschenmessers schnitt er sorgfältig den Umschlag auf. Mit einem Blick hatte er die wenigen Zeilen überflogen. Der Kaiser nahm seine Entlassung an. Eine Minute behielt er das Papier vor seinem Antlitz, wie um es noch einmal zu lesen. Er fürchtete, seine Miene nicht beherrschen zu können. Eine furchtbare Empörung erhob sich in seinem Innern, eine Auflehnung seiner ganzen Kraft, die sich den Sturz nicht gefallen lassen wollte, schüttelte ihn wütend bis an die Knochen. Er mußte sein ganzes Wesen zügeln, um nicht aufzuschreien und mit seinen Faustschlägen den Tisch zu zertrümmern. Den Blick noch immer auf den Brief geheftet, sah er den Kaiser wieder, wie er ihn in Saint-Cloud gesehen, mit seiner sanften Rede, seinem beharrlichen Lächeln, ihn seines Vertrauens versichernd und ihm seine Weisungen erneuernd. Welch eine lange gehegte Absicht der Ungnade mußte hinter seinem undurchdringlichen Antlitze gereift sein, daß er ihn so plötzlich in einer Nacht fallen ließ, nachdem er ihn zwanzigmal an der Macht zurückgehalten! Es gelang Rougon endlich, mit einer äußersten Anstrengung sich zu meistern. Er erhob sein Antlitz, in welchem kein Zug sich regte; mit einer gleichgültigen Bewegung steckte er den Brief wieder in die Tasche. Doch Clorinde hatte ihre beiden Hände auf den Tisch gestützt. In einer nachlässigen Bewegung neigte sie sich zu ihm und flüsterte, wobei ihre Mundwinkel zitterten: »Ich wußte es. Ich war noch heute morgen dort ... Mein armer Freund!« Sie beklagte ihn in einem so grausam-spöttischen Tone, daß er von neuem seine Augen in die ihrigen versenkte. Sie verstellte sich übrigens nicht mehr. Sie hatte jetzt die seit Monaten ersehnte Freude und genoß langsam Satz um Satz die Wollust, sich ihm als unerbittliche und gerächte Feindin zu zeigen. »Ich habe Sie nicht verteidigen, können«, fuhr sie fort. »Es ist Ihnen gewiß unbekannt ...« Sie vollendete den Satz nicht. Dann fragte sie mit spöttischer Miene: »Raten Sie, wer an, Ihrer Statt Minister des Innern wird?« Er machte eine Bewegung, als wolle er sagen, es sei ihm gleichgültig. Sie ermüdete ihn mit ihrem beharrlichen Blick und sagte schließlich: »Mein Mann!« Rougon, dem die Kehle ausgetrocknet war, trank noch einen Schluck Zuckerwasser. Alles hatte sie in dieses eine Wort gelegt: ihren Groll darüber, ehemals von ihm mißachtet worden zu sein; ihre so scharfsinnig vorbereitete Rache, ihre Freude, als Weib einen wegen seiner außerordentlichen Klugheit berühmten Mann geschlagen zu haben. Sie gönnte sich jetzt das Vergnügen, ihn zu martern, ihren Sieg zu mißbrauchen; sie legte den Finger an die wundesten Punkte. Du lieber Gott! ihr Gatte sei nicht gerade ein überlegen gescheiter Mann; sie gebe es zu, sie scherze sogar darüber. Sie wollte damit sagen, daß der Erstbeste genügt hätte, daß sie den Türsteher Merle zum Minister gemacht hätte, wenn es ihr so beliebt hätte. Ja, der Türsteher Merle, irgendein tölpelhafter Unbekannter, kurz, wer immer sei ein würdiger Nachfolger Rougons gewesen. Dies bewies die Allmacht des Weibes. Dann überließ sie sich vollständig dem Zuge ihres Herzens und gab sich als Beschützerin, als Ratgeberin. »Sehen Sie, mein Lieber, ich sagte es Ihnen oft: Sie haben unrecht, die Frauen zu mißachten. Nein, die Frauen sind nicht so dumm, wie Sie glauben. Es brachte mich immer in Zorn, wenn ich hören mußte, wie Sie uns als Närrinnen, als lästige Möbel, als Fesseln, was weiß ich, als was noch behandelten ... Sehen Sie meinen Mann! War ich ihm eine Fessel? Ich wollte Ihnen das zeigen. An dem Tage, als wir über diesen Gegenstand sprachen, – Sie erinnern sich wohl – verhieß ich mir diesen Genuß. Sie haben gesehen, nicht wahr? Nun denn, keinen Groll! Sie sind ein kluger Mann, mein Lieber; aber merken Sie sich eines: eine Frau wird Sie immer herumkriegen, wenn sie sich die Mühe nimmt.« Rougon war ein wenig bleich geworden und lächelte. »Ja, Sie haben vielleicht recht«, sagte er langsam, sich dieser ganzen Geschichte erinnernd. »Ich hatte bloß meinen Verstand. Sie aber hatten ...« »Ich hatte etwas anderes, gewiß!« vollendete sie mit einer Keckheit, die bis zur Größe hinanstieg, so sehr setzte sie sich über alle Schicklichkeit hinweg. Er hatte kein Wort der Klage. Sie hatte ihm von seiner Macht genommen, um ihn zu besiegen; sie wandte heute die Lehren gegen ihn, die sie einst in den angenehmen Nachmittagsstunden, die sie in der Marbeufstraße zugebracht, von ihm aufgenommen hatte. Es war Undank, es war Verrat, dessen Bitterkeit er als erfahrener Mann ohne Murren hinunterschluckte. Bei dieser Lösung der Dinge beschäftigte ihn die einzige Sorge zu wissen, ob er sie endlich ganz kenne. Er erinnerte sich, wie er ehemals sich so ganz vergebens angestrengt hatte, das geheime Räderwerk dieser regellosen und doch so herrlichen Maschine zu erforschen. Die Dummheit der Männer sei entschieden sehr groß, gestand er sich. Zweimal hatte sich Clorinde entfernt, um andere Gäste zu bedienen. Nachdem sie ihr Rachegelüst gesättigt hatte, nahm sie ihren stolzen Gang zwischen den Tischen wieder auf und schien sich nicht weiter um ihn zu kümmern. Er folgte ihr mit den Augen und sah, wie sie sich einem Herrn mit riesigem Barte näherte, einem Fremden, dessen Freigebigkeit damals ganz Paris in Aufruhr brachte. Der Fremde leerte eben ein Glas Malaga. »Es kostet, Madame?« fragte er sich erhebend. »Fünf Franken, mein Herr. Jede Erfrischung kostet fünf Franken.« Er zahlte. Dann fragte er in demselben Tone und mit seinem fremdartigen Akzent: »Und ein Kuß?« »Hunderttausend Franken«, erwiderte sie, ohne zu zögern. Er setzte sich wieder, schrieb einige Worte auf ein Blatt Papier, das er einem Büchlein entnommen hatte. Dann drückte er einen vollen Kuß auf Clorindens Wange, bezahlte dafür und ging gleichgültig davon. Alle Welt lächelte; man fand die Szene sehr hübsch. »Man muß nur den Preis zu fordern wissen«, sagte Clorinde, als sie zu Rougon zurückkehrte. Er sah in diesen Worten eine neue Anspielung. Ihm hatte sie ein »Niemals!« zugerufen. Dieser keusche Mann, der den Keulenschlag seiner Ungnade ertragen hatte, ohne zu zucken, litt furchtbar durch den Anblick des Halsbandes, das sie so schamlos trug. Sie neigte sich noch mehr herab, forderte ihn heraus, bewegte ihren Hals vor ihm. Die feine Perle klimperte in der goldenen Schelle; die Kette hing herab, gleichsam noch warm von der Hand des Gebieters; die Diamanten funkelten auf dem Samt, wo er leicht das allen bekannte Geheimnis lesen konnte. Niemals hatte er in einem solchen Grade diese uneingestandene Eifersucht gefühlt, diesen brennenden Schmerz hoffärtigen Neides, den er zuweilen angesichts des allmächtigen Kaisers empfunden. Er würde Clorinde lieber in den Armen jenes Kutschers gesehen haben, von dem die Leute sich im Flüstertone erzählten. Es reizte seine ehemaligen Begierden, sie außer seinem Bereiche zu wissen, ganz hoch, die Sklavin eines Mannes, der mit einem Worte alle Häupter beugte. Ohne Zweifel erriet die junge Frau seine Qual. Sie fügte eine Grausamkeit hinzu, zeigte ihm mit einem Augenblinzeln, Frau von Combelot, die in ihrem Blumenstand Rosen verkaufte, und flüsterte mit ihrem boshaften Lachen: »Die arme Frau von Combelot! Sie wartet noch immer!« Rougon trank sein Glas Zuckerwasser aus. Er glaubte zu ersticken. Sein Brieftäschchen ziehend fragte er: »Ich zahle?« »Fünf Franken.« Als sie das Geldstück in ihre Gürteltasche geworfen hatte, streckte sie ihm von neuem die Hand hin und sagte in scherzhaftem Tone: »Für die Kellnerin geben Sie nichts?« Er suchte in seiner Börse und fand zwei Sous, die er ihr in die Hand legte. Das war die einzige Rache, die er in seiner Roheit eines Emporkömmlings zu ersinnen wußte. Sie errötete trotz ihrer großen Dreistigkeit; aber sie fand sogleich ihren Götterstolz wieder. Sie entfernte sich grüßend mit den Worten: »Danke, Exzellenz.« Rougon, wagte nicht, sich sogleich zu erheben. Seine Beine waren schwach, er fürchtete zu wanken und wollte doch gehen, wie er gekommen war: stark und ruhig. Er fürchtete besonders, an seinen ehemaligen Freunden vorüberzugehen, die mit vorgestreckten Hälsen, gespitzten Ohren und gierigen Augen die Szene in allen ihren Einzelheiten verfolgt hatten. Er blickte noch einige Minuten mit erheuchelter Gleichgültigkeit umher. Inzwischen dachte er nach. Abermals war ein Akt seines politischen Lebens zu Ende. Er fiel, unterwühlt, verschlungen von seinen eigenen Freunden. Seine starken Schultern krachten unter den Verantwortlichkeiten, Dummheiten und Abscheulichkeiten, die er auf seine Rechnung genommen in der Prahlerei eines Starken, in dem Bedürfnis, ein gefürchtetes und großmütiges Oberhaupt zu sein. Seine Stiermuskeln machten seinen Sturz nur geräuschvoller, den Zusammenbruch seines Anhanges umfassender. Die Bedingungen der Macht, die Notwendigkeit, hinter sich Befriedigung heischende Begierden zu haben, sich durch den Mißbrauch des eigenen Kredites zu erhalten: sie hatten in verhängnisvoller Weise seinen Sturz zu einer Frage der Zeit gemacht. Er erinnerte sich jetzt der langsamen Wühlarbeit seiner Freunde, ihrer scharfen Zähne, die jeden Tag etwas von seiner Macht wegfraßen. Sie umgaben ihn, kletterten bis zu seinen Knien, dann bis zu seiner Brust und dann bis zu seinem Halse, um ihn schließlich zu erwürgen; sie hatten ihm alles genommen: seine Füße, um emporzusteigen, seine Hände, um zu stehlen, seine Kinnladen, um zu beißen und zu verschlingen; sie hausten in seinen Gliedern, zogen aus ihnen ihre Freude und ihre Gesundheit, vergönnten sich Schmausereien, ohne an den kommenden Tag zu denken. Heute endlich, nachdem sie ihn ausgeleert hatten und das Gerüste krachen hörten, nahmen sie Reißaus gleich den Ratten, denen ihr Instinkt den nahen Einsturz der Häuser ankündigt, deren Mauern sie unterwühlt haben. Die ganze Gesellschaft strahlte und blühte und war im Begriff, sich einen neuen Fettwanst anzumästen. Herr Kahn hatte seine von Niort nach Angers führende Eisenbahn an den Grafen von Marsy verkauft. Der Oberst sollte nächste Woche eine Stelle in den kaiserlichen Palästen bekommen. Herr Bouchard hatte die förmliche Zusage, daß sein Schützling, der interessante Georges Duchesne, bei Eintritt des Herrn Delestang ins Ministerium des Innern zweiter Abteilungsvorstand werde. Frau Correur erfreute sich einer schweren Krankheit der Frau Martineau, glaubte schon, ihr Haus in Coulonges zu bewohnen, ihre Renten als ehrsame Bürgerin zu verzehren, eine Wohltäterin der Gegend zu sein. Herr Béjuin war sicher, im Herbste den Besuch des Kaisers in seiner Glasfabrik zu erhalten. Herr d'Escorailles endlich, dem seine Eltern tüchtig den Text gelesen hatten, warf sich Clorinden zu Füßen und erhielt die Stelle eines Unterpräfekten dank der bloßen Bewunderung, mit der er ihr zusah, wie sie Likör einschenkte. Und angesichts der so reichlich gefütterten Gesellschaft fand sich Rougon kleiner denn je, hatte er das Gefühl, daß jene jetzt riesengroß seien, ihn mit ihrem Gewichte erdrückten; und er wagte es nicht, seinen Sessel zu verlassen, aus Furcht, sie lächeln zu sehen, wenn er strauchele. Doch allmählich faßte er sich, sammelte seine Gedanken und erhob sich. Er schob das Tischchen zurück, um sich zu entfernen, als Delestang am Arme des Grafen von Marsy eintrat. In betreff des letzteren erzählte man sich eine sehr seltsame Geschichte. Wenn man gewissen Gerüchten Glauben schenken durfte, war er verflossene Woche im Schlosse von Fontainebleau mit Clorinde zusammengetroffen, bloß um die Begegnungen der jungen Frau mit Seiner Majestät zu erleichtern. Er hatte den Auftrag, die Kaiserin zu amüsieren. Dies schien übrigens pikant, nicht mehr; es war einer jener Dienste, die Männer unter sich einander stets erweisen. Allein Rougon ahnte dahinter eine Rache des Grafen, der sich zu seinem Sturze mit Clorinde verbündete und so gegen seinen Nachfolger im Ministerium dieselben Waffen anwandte, die dieser auch benützt hatte, um ihn einige Monate früher in Compiègne zu stürzen. Er tat es in geistvoller Weise mit einem Zug eleganter Unflätigkeit. Seit seiner Rückkehr von Fontainebleau wich Herr von Marsy nicht mehr von der Seite Delestangs. Herr Kahn, Herr Béjuin, der Oberst, die ganze Gesellschaft warf sich dem neuen Minister in die Arme. Die Ernennung sollte erst am folgenden Tage im »Moniteur« erscheinen gleichzeitig mit der Entlassung Rougons; aber die Ernennungsurkunde war schon unterschrieben, man konnte sich dem Triumphe hingeben. Sie schüttelten ihm kräftig die Hände, es gab ein Kichern und ein Flüstern, einen Begeisterungssturm, den die Blicke des ganzen Saales kaum zurückhalten konnten. Es war eine langsame Besitzergreifung der Vertrauten, welche die Füße und die Hände küssen, ehe sie sich des ganzen Leibes bemächtigen. Schon gehörte er ihnen; der eine hielt ihn am rechten Arme, der andere am linken Arme; ein dritter hatte einen Knopf seines Rockes erfaßt, während ein vierter hinter seinem Rücken sich auf die Fußspitzen stellte und ihm leise in den Nacken redete. Er richtete mit herablassender Würde sein schönes Haupt in die Höhe; es war ein würdevolles, vornehmes, geistloses Gesicht, das Gesicht eines reisenden Herrschers, dem die Damen der Unterpräfektur Blumensträuße darreichen, wie man sie auf den amtlichen Abbildungen sieht. Der Gruppe gegenüber stand Rougon sehr bleich, grausam leidend durch diese Verherrlichung der Mittelmäßigkeit. Doch konnte er ein Lächeln nicht zurückhalten, denn er erinnerte sich. »Ich habe immer prophezeit, Delestang werde es weit bringen«, sagte er mit spöttischer Miene zum Grafen von Marsy, der sich mit vorgestreckter Hand ihm näherte. Der Graf antwortete ihm damit, daß er in liebenswürdigem Spott das Gesicht verzog. Seitdem er – nach den Clorinden erwiesenen Diensten – mit Delestang Freundschaft geschlossen, schien er sich sehr gut zu amüsieren. Er hielt einen Augenblick Rougon fest und zeigte sich von einer köstlichen Höflichkeit. Immerfort im Kampfe miteinander, Widersacher vermöge ihrer Temperamente, begrüßten sich diese zwei starken Männer jedesmal bei dem Ausgange eines Duells als Gegner von gleicher Geschicklichkeit und verhießen sich immer wieder Vergeltung. Rougon hatte Marsy verletzt, dafür verletzte Marsy jetzt Rougon; dies mußte so fortgehen, bis einer von beiden am Boden liegen bleibt. Vielleicht wünschten sie im Grunde einander gar nicht den Tod; es ergötzte sie der Kampf, ihre Nebenbuhlerschaft füllte ihr Leben aus. Überdies hatten sie gleichsam das Gefühl, als seien sie die beiden Gegengewichte, die für das Gleichgewicht im Kaiserreiche notwendig sind: die behaarte Faust, die zu Boden schlägt, und die fein behandschuhte Hand, die erdrosselt. Inzwischen war Delestang die Beute einer grausamen Verwirrung. Er hatte Rougon bemerkt und wußte nicht, ob er ihm entgegengehen und die Hand reichen solle. Er warf einen verlegenen Blick auf Clorinde, die sich unbekümmert um alles andere ganz ihrem Dienste zu widmen schien und Brötchen und Kuchen nach allen Ecken und Enden des Büfettraumes trug. Auf einen Blick der jungen Frau glaubte er zu begreifen; er näherte sich endlich, ein wenig verwirrt und sich entschuldigend. »Sie zürnen mir wohl nicht, mein Freund ... Ich habe abgelehnt, aber man nötigte mich. Es gibt Notwendigkeiten, nicht wahr?« Rougon unterbrach ihn; der Kaiser habe in seiner Weisheit gehandelt, das Land werde sich in ausgezeichneten Händen befinden. Da wurde Delestang mutiger. »Ich habe Sie verteidigt; wir alle haben Sie verteidigt. Aber, unter uns gesagt, Sie waren etwas zu weit gegangen. Man trägt Ihnen besonders nach, was Sie für die Charbonnels getan haben, diese Geschichte mit den armen Nonnen ...« Herr von Marsy unterdrückte ein Lächeln. Rougon antwortete mit seiner Gemütlichkeit aus den frohen Tagen: »Ach ja, die Haussuchung bei den Nonnen! ... Mein Gott, unter allen Dummheiten, die ich für meine Freunde begangen habe, ist dies vielleicht die einzige vernünftige und gerechte Sache während der fünf Monate meiner Macht.« Er schickte sich an fortzugehen, als er Du Poizat eintreten sah, der sich sofort Delestangs bemächtigte. Der Präfekt tat, als bemerke er ihn nicht. Seit drei Tagen hielt er sich in Paris verborgen und wartete. Er schien eine Versetzung nach einer anderen Präfektur erlangt zu haben, denn er verlor sich in Danksagungen mit seinem Wolfslächeln, das die schlecht sitzenden, weißen Zähne zeigte. Als der neue Minister sich umwandte, lief ihm der Türsteher Merle, von Frau Correur geschoben, fast in die Arme. Der Türsteher schlug die Augen nieder wie ein großes, schüchternes Mädchen, während Frau Correur ihn warm empfahl. »Man liebt ihn im Ministerium nicht,« murmelte sie, »weil sein Stillschweigen eine beständige Verwahrung gegen die Mißbräuche war. Er hat unter Herrn Rougon drollige Dinge gesehen!« »Ja, ja, sehr drollige Dinge!« bestätigte Merle. »Ich kann darüber viel erzählen ... Man wird Herrn Rougon nicht bedauern. Ich werde doch nicht dafür bezahlt, ihn zu lieben; ich bin seinetwegen schier an die Luft gesetzt worden.« Im großen Saale, den Rougon durchschritt, waren alle Verkaufsstände leer. Der Kaiserin zuliebe, die das Wohltätigkeitswerk unter ihren Schutz genommen, hatten die Käufer den Markt geplündert. Die Verkäuferinnen waren entzückt und sprachen davon, am Abend mit einem neuen Warenvorrat den Markt wieder zu eröffnen. Sie zählten ihr Geld auf den Tischen. Man hörte unter siegreichem Gelächter Ziffern rufen; die eine hatte dreitausend Franken zusammengebracht, die andere viertausendfünfhundert, eine dritte siebentausend, eine vierte gar zehntausend. Die letztere strahlte. Sie war eine Frau mit zehntausend Franken!« Inzwischen war Frau von Combelot in Verzweiflung. Sie hatte ihre letzte Rose an den Mann gebracht, und die Käufer belagerten noch immer ihren Stand. Sie kam herab, um Frau Bouchard zu fragen, ob sie nichts zu verkaufen habe, gleichviel was. Allein auch das Glücksrad war leer; eine Dame trug eben den letzten Gewinst fort: ein kleines Waschbecken für eine Puppe. Sie suchten indes eifrig und fanden schließlich am Boden ein Paket Zahnstocher. Frau von Combelot nahm es mit einem Siegesgeschrei an sich. Frau Bouchard folgte ihr. Beide stiegen zum Stande hinan. »Meine Herren!« rief erstere in kühner Stellung, mit einer Kreisbewegung ihrer nackten Arme die Männer um sich versammelnd. Hier ist alles, was uns übrig geblieben ist: ein Paket Zahnstocher. Fünfundzwanzig Zahnstocher ... Ich werde sie versteigern.« Die Herren drängten sich lachend heran und erhoben ihre beschuhten Hände. Der Einfall der Frau von Combelot hatte einen wahnsinnigen Erfolg. »Ein Zahnstocher!« rief sie. »Ausrufungspreis fünf Franken!« »Zehn Franken!« sagte eine Stimme. »Zwölf Franken!« »Fünfzehn Franken!« Doch als Herr d'Escorailles mit einem Sprunge fünfundzwanzig Franken bot, beeilte sich Frau Bouchard mit ihrer Flötenstimme zu sagen: »Zugeschlagen mit fünfundzwanzig Franken!« Die anderen Zahnstocher gingen noch höher. Herr La Rouquette bezahlte den seinigen mit dreiundvierzig Franken; der Ritter Rusconi, der eben ankam, ging bis zu zweiundsiebzig Franken; der letzte, ein sehr dünner Zahnstocher, den Frau von Combelot als gespalten ankündigte, weil sie das Publikum nicht täuschen wolle, wie sie sagte, wurde für hundertsiebzehn Franken einem alten Herrn zugeschlagen, der sehr belustigt war von der Munterkeit der jungen Frau, deren Leibchen bei jeder heftigen Bewegung der Versteigerung sich halb öffnete. »Er ist gespalten, meine Herren, aber doch noch zu gebrauchen ... Wir sagen hundertacht! ... hundertzehn! ... hundertelf! ... hundertzwölf! ... hundertdreizehn! ... hundertvierzehn! ... Gibt niemand mehr?... Hundertsiebzehn! ... Niemand mehr? Zugeschlagen mit hundertsiebzehn.« Von diesen Ziffern verfolgt, verließ Rougon den Saal. Auf der nach dem Fluß gehenden Terrasse verlangsamte er seine Schritte. Am Horizonte stieg ein Gewitter herauf. Die Seine wälzte schwer ihre öligen, schmutziggrünen Fluten zwischen den fahlen Uferdämmen dahin, auf denen dichte Staubwolken aufstiegen. Im Garten schüttelte ein sengender Windhauch die Bäume, deren Zweige schlaff, tot, ohne eine Regung der Blätter herniederhingen. Rougon ging zu den großen Kastanienbäumen hinab; dort herrschte fast völliges Dunkel, eine warme Feuchtigkeit troff hernieder wie von einem Kellergewölbe. Er betrat die große Allee, als er die Charbonnels behaglich auf einer Bank sitzen sah; sie waren herrlich herausgeputzt, völlig umgewandelt; der Gatte in hellem Beinkleid und knapp sitzendem Leibrocke; die Frau mit einem lilafarbenen Seidenkleide, einem leichten Mäntelchen und einem mit roten Blumen geschmückten Hute. Neben ihnen saß rittlings auf einem Ende der Bank ein, zerlumptes Wesen ohne Leibwäsche, mit einem alten, jämmerlichen Jagdrocke bekleidet, das sehr lebhaft gestikulierte und näher zu rücken suchte. Es war Gilquin, der sich mit heftigen Faustschlägen die Mütze auf dem Kopfe zurechtrückte. »Ein Haufen Lumpe!« schrie er. »Theodor hat niemals jemanden auch nur um einen Sou schädigen wollen. Sie haben eine Militärbequartierungsgeschichte erfunden, um mich zu kompromittieren. Da habe ich sie sitzen lassen, Sie begreifen. Sie mögen zum Donner Gottes gehen! nicht? Sie fürchten mich. Sie kennen meine politischen Ansichten. Ich habe niemals zu Badinguets Anhang gehört ...« Er neigte sich zu ihnen und fügte leise hinzu, wobei er zärtlich die Augen rollte: »Ich bedaure nur eine Person ... Eine reizende Frau, eine Dame der besten Gesellschaft. Ja, ja, es war ein sehr angenehmes Verhältnis ... Sie war blond; sie hat mir von ihren Haaren gegeben.« Dann hub er wieder mit dröhnender Stimme an ganz nahe bei Frau Charbonnel und schlug sie auf den Bauch: »Mutter, wann wollen Sie mich nach Plassans mitnehmen, wie Sie versprachen, um Konserven zu essen, Äpfel und Kirschen? Sie haben jetzt Moos, wie?« Doch den Charbonnels schien die Vertraulichkeit Gilquins sehr lästig zu sein. Die Frau erwiderte unwillig, ihr Kleid an sich ziehend: »Wir bleiben einige Zeit in Paris ... Wir wollen jedes Jahr sechs Monate hier zubringen.« »Ach Paris!« sagte der Gatte im Tone tiefer Bewunderung; es geht nichts über Paris!« Da der Wind heftiger zu blasen begann und einige Kindsfrauen mit ihren Kleinen durch den Garten liefen, sagte er zu seiner Frau: »Meine Liebe, wir werden gut tun heimzukehren, wenn wir nicht naß werden wollen. Glücklicherweise wohnen wir nicht weit von hier.« Sie waren im Hotel »Königlicher Palast« in der Rivolistraße abgestiegen. Giiquin sah ihnen nach, wie sie sich entfernten, und brummte achselzuckend: »Auch falsche Freunde! Lauter falsche Freunde!« ... Plötzlich bemerkte er Rougon. Er erwartete ihn, sich auf den Beinen wiegend und seine Mütze zurechtrückend. »Ich habe dich noch nicht besucht«, sagte er. »Aber du trägst es mir nicht nach, wie? Dieser Mantel träger Du Poizat muß dir schöne Berichte über mich gesandt haben. Lauter Lügen, mein Lieber! Ich werde es dir beweisen, sobald du willst ... Kurz: ich grolle dir nicht. Zum Beweise dessen gebe ich dir meine Adresse: Brunnenstraße 25 im Vororte La Chapelle, fünf Minuten vor der Stadt. Wenn du meiner wieder bedarfst, brauchst du mir nur einen Wink zukommen zu lassen.« Schleppenden Schrittes ging er von dannen. Einen Augenblick schien er sich orientieren zu wollen. Dann schwang er drohend die Faust gegen die Tuilerien, die bleigrau unter dem schwarzen Himmel am Ende der Allee lagen, und schrie: »Hoch die Republik!« Rougon verließ den Garten und ging die Elyseefelder hinan. Er war von dem Verlangen ergriffen, augenblicklich sein kleines Haus in der Marbeufstraße wiederzusehen. Schon am folgenden Tage gedachte er aus dem Ministerium auszuziehen, um künftig wieder da zu leben. Er empfand eine Ermüdung des Kopfes, eine tiefe Ruhe, hinter der ein dumpfer Schmerz sich barg. Er dachte an unbestimmte große Dinge, die er eines Tages vollbringen werde, um seine Stärke zu beweisen. Von Zeit zu Zeit hob er den Kopf und blickte zum Himmel empor. Das Gewitter wollte noch immer nicht losbrechen. Rote Wolken schlössen den Gesichtskreis ab. In der menschenleeren Allee der Elyseefelder grollte der Donner wie das Getöse einer im Galopp dahinjagenden Artillerie; die Wipfel der Bäume erzitterten dabei. Die ersten Regentropfen fielen, als er an der Ecke der Marbeufstraße einbog. Vor dem Tor des Hauses hielt ein Wagen. Rougon fand da seine Frau, welche die Zimmer besichtigte, die Fenster abmaß, einem Tapezierer Weisungen erteilte. Er war sehr überrascht. Sie erklärte ihm, daß sie soeben ihren Bruder, Herrn Beulin d'Orchère, gesprochen habe; von dem Sturze Rougons unterrichtet, sei der Richter gekommen, um seine Schwester zu kränken, ihr seine bevorstehende Ernennung zum Justizminister anzukündigen; kurz, er versuchte, Unfrieden zwischen dem Ehepaare zu stiften. Frau Rougon hatte sich begnügt, anspannen zu lassen, um ihre Übersiedelung vorzubereiten. Sie bewahrte das graue, stille Antlitz einer Frommgläubigen, die unwandelbare Ruhe einer guten Hausfrau. Mit leisen Schritten ging sie durch die Zimmer, ergriff wieder Besitz von diesem Hause, das sie mild und still gestaltet hatte wie ein Kloster. Ihre einzige Sorge war, als treue Hüterin das Vermögen zu verwalten, das ihrer Sorge anvertraut war. Rougon war gerührt beim Anblick dieser dürren Gestalt mit ihrem ängstlichen Ordnungssinn. Inzwischen war das Gewitter mit unerhörter Heftigkeit losgebrochen. Der Donner grollte, das Wasser floß in Strömen. Rougon mußte fast drei Viertelstunden warten. Er wollte sich zu Fuße entfernen. Die Elyseefelder waren in ein Meer von gelbem, flüssigem Brei verwandelt; vom Triumphbogen bis zum Eintrachtsplatze schien das Bett eines plötzlich geleerten Stromes sich hinzudehnen. Die Allee war noch immer verödet; da und dort wagte sich ein Fußgänger durch die Straße, die Spitze der Pflastersteine suchend; und von den Bäumen, die in der stillen, frischen Luft dastanden, tropfte reichlich das Wasser hernieder. Das Gewitter hatte am Himmel einen ungeheuren Streif zerrissener, roter Wolken zurückgelassen; es war ein schmutziges, tiefhängendes Gewölk, durch das ein Rest von trübem Tageslicht herniederfiel, ein Zwielicht, wie es in einem Hohlwege herrscht. Rougon vertiefte sich wieder in seinen verschwommenen Zukunftstraum. Zuweilen verirrte sich ein Regentropfen auf seine Hände. Er fühlte jetzt noch mehr jene gewisse Gebrochenheit seines ganzen Wesens, als sei er auf irgendein Hindernis gestoßen, das ihm den Weg versperre. Plötzlich vernahm er hinter sich ein lautes Getrappel, einen herannahenden, gleichmäßigen Galopp, der den Fußboden erzittern machte. Er wandte sich um. Ein Zug näherte sich auf der zu einem Brei aufgelösten Straße im trübseligen Lichte des kupferroten Himmels; ein aus dem Gehölze zurückkehrender Zug, der mit dem Glänze seiner Uniformen die in Regen getauchten Tiefen der Elyseefelder durchstreifte. Voran und hintennach galoppierten Dragonerabteilungen. In der Mitte rollte ein geschlossener Landauer, von vier Pferden gezogen, während zu beiden Seiten des Wagens zwei Stallmeister in großer, goldgestickter Uniform gleichgültig den von den Rädern auf sie gespritzten Schmutz hinnahmen, der sie in einer dicken Lage von den Stulpenstiefeln bis zu ihrem Klapphute bedeckte. In dem Dunkel des geschlossenen Wagens tauchte ein Kind auf, der kaiserliche Prinz, der die zehn Finger seiner Händchen und sein rosiges Naschen an die Scheiben des Wagenfensters pressend hinaussah. »Schau, diese Kröte!« sagte lächelnd ein Wegarbeiter, der einen Karren vor sich hinschob. Rougon war nachdenklich stehen geblieben und folgte mit den Blicken dem Zuge, der sich rasch durch die aufspritzenden Pfützen entfernte, die mit ihrem Schmutze selbst die tiefer hängenden Blätter der Bäume beschmutzten. Vierzehntes Kapitel Drei Jahre später fand an einem Märztage im gesetzgebenden Körper eine sehr stürmische Sitzung statt. Man erörterte daselbst zum ersten Male die Adresse. Am Büfett saßen Herr La Rouquette und Herr von Lamberthon, ein alter Abgeordneter, der Gatte einer reizenden Frau, einander gegenüber und tranken ruhig Grog. »Wollen wir nicht in den Saal zurückkehren?« fragte Herr von Lamberthon, die Ohren spitzend. »Ich glaube, es geht drinnen heiß her.« Man hörte von Zeit zu Zeit ein fernes Getöse, einen Sturm von Stimmen, einem plötzlichen Windstoße gleichend; dann trat wieder tiefe Stille ein. Herr La Rouquette rauchte mit vollkommener Sorglosigkeit weiter und antwortete: »Nein, lassen Sie; ich will meine Zigarre zu Ende rauchen ... Man verständigt uns schon, wenn man unser bedarf.« Sie saßen allein an dem Büfett in einem zierlich eingerichteten kleinen Saale, der einem Café glich und im Hintergrunde des schmalen Gartens lag, der die Ecke des Burgunder Ufers und der gleichnamigen Straße bildet. Zartgrün gestrichen, mit einem Geflechte von Bambus bedeckt, in breiten Bogenfenstern sich auf die Dickichte des Gartens öffnend, glich der Raum einem Treibhause, das anläßlich eines Festes in ein Büfett verwandelt worden, mit seinen Spiegelwänden, seinen Tischen, seinem Pulte von rotem Marmor, seinen mit grünem Rips gepolsterten Sitzbänken. Eines der Bogenfenster war offen und gestattete dem schönen Nachmittagswetter freien Eintritt, einer Frühlingswärme, welche die von der Seine kommende lebhafte Brise erfrischte. »Der italienische Krieg hat seinem Ruhme die Krone aufgesetzt«, sagte Herr La Rouquette, ein unterbrochenes Gespräch fortsetzend. »Indem er heute dem Lande seine Freiheit wiedergibt, zeigt er die Vollkraft seines Genies.« Er sprach vom Kaiser. Seit einer Weile redete er in überschwänglichen Ausdrücken von den Novemberbeschlüssen, von der unmittelbaren Teilnahme der großen Staatskörperschaften an der Politik des Herrschers, von der Ernennung der Minister ohne Portefeuille, die berufen waren, die Regierung in den Kammern zu vertreten. Es war die Rückkehr der verfassungsmäßigen Regierung in allen gesunden und heilsamen Fragen. Eine neue Zeit begann: die liberale Regierung. Von Bewunderung hingerissen, klopfte er die Asche von seiner Zigarre. Herr von Lamberthon schüttelte den Kopf. »Es ist ein wenig zu rasch vorwärtsgegangen«, sagte er leise. »Man hätte noch warten können, es drängte nicht.« »Doch, doch, es mußte etwas geschehen«, sagte der junge Abgeordnete. »Darin liegt eben das Genie.« Er dämpfte die Stimme und erklärte die politische Lage mit tiefen, bedeutungsvollen Blicken. Die Hirtenbriefe der Bischöfe über die Frage der weltlichen Macht des Papstes, die von der Turiner Regierung bedroht wurde, beunruhigten den Kaiser sehr. Anderseits regte sich die Gegnerschaft; das Land war in einer Krise. Es war der Augenblick gekommen, die Parteien zu versöhnen, die schmollenden Politiker an sich zu ziehen, indem man ihnen kluge Zugeständnisse machte. Er fand jetzt das absolute Kaiserreich sehr mangelhaft und gestaltete das liberale Kaiserreich zu einer glänzenden Erscheinung, von der ganz Europa erleuchtet werden sollte. »Gleichviel, er hat zu rasch gehandelt«, wiederholte Herr von Lamberthon, noch immer das Haupt schüttelnd. »Ich höre wohl: das liberale Kaiserreich; aber das ist das Unbekannte, lieber Herr; das Unbekannte, das Unbekannte. Er sagte dieses Wort in drei verschiedenen Tonarten und fuchtelte dabei mit der Hand durch die Luft. Herr La Rouquette fügte nichts hinzu, er trank seinen Grog aus. Die beiden Abgeordneten saßen einen Augenblick da, die Blicke in der Ferne verloren, durch das offene Bogenfenster zum Himmel emporschauend, als suchten sie das Unbekannte jenseits des Ufers, in der Richtung der Tuilerien, wo große Massen grauer Dämpfe schwebten. Hinter ihnen in der Tiefe der Wandelgänge erbrauste von neuem der Sturm der Stimmen mit dem dumpfen Getöse eines herannahenden Gewitters. Herr von Lamberthon wandte den Kopf, von Unruhe ergriffen. Nach einer Weile fragte er: »Wird Rougon antworten?« »Ja, ich glaube«, antwortete Herr La Rouquette mit gespitzten Lippen und verschwiegener Miene. »Rougon war sehr kompromittiert«, brummte der alte Abgeordnete, »und der Kaiser hat eine seltsame Wahl getroffen, indem er ihn zum Minister ohne Portefeuille ernannte und damit betraute, seine neue Politik in der Kammer zu vertreten.« Herr La Rouquette sagte nicht sogleich seine Ansicht. Mit einer langsamen Bewegung der Hand zwirbelte er seinen blonden Schnurrbart. Endlich sagte er: »Der Kaiser kennt Rougon.« Dann rief er mit veränderter Stimme: »Diese Grogs waren nicht sonderlich gut ... Ich habe einen Teufelsdurst; ich möchte ein Glas Sirup trinken.« Er bestellte ein Glas Sirup. Herr von Lamberthon zögerte und entschloß sich endlich zu einem Madeira. Dann sprachen sie von Frau von Lamberthon; der Gatte warf dem jungen Kollegen die Seltenheit seiner Besuche vor. Dieser hatte sich auf dem gepolsterten Sitzbänkchen zurückgelehnt und betrachtete sich von der Seite in einem der Spiegel, ergötzte sich an dem Zartgrün der Wände dieses hellen Raumes, der einer Laube im Stile Pompadour glich, die in einer Lichtung eines fürstlichen Waldes errichtet und für Liebesrendezvous bestimmt war. Jetzt kam ein Saalhüter atemlos herbeigeeilt. »Herr La Rouquette, man verlangt nach Ihnen sofort!« meldete er. Und als der junge Abgeordnete eine verdrießliche Handbewegung machte, neigte er sich zu seinem Ohre und flüsterte ihm zu, er sei von Herrn von Marsy selbst, dem Präsidenten der Kammer, gesandt worden. Dann fügte er laut hinzu: »Kurz: man bedarf jetzt aller; kommen Sie rasch!« Herr von Lamberthon eilte in den Sitzungssaal. Herr La Rouquette schickte sich an, ihm zu folgen, doch besann er sich eines andern. Er kam auf den Einfall, die draußen sich ergehenden Abgeordneten zu sammeln und auf ihre Plätze zu schicken. Vor allem eilte er in den Konferenzsaal; dies war ein schöner Saal mit Oberlicht, wo ein riesiger Kamin von grünem Marmor stand, geschmückt mit zwei nackten, liegenden Frauengestalten von Marmor. Obgleich der Nachmittag warm war, brannten Holzklötze in dem Kamin. An dem großen Tische schlummerten drei Abgeordnete mit offenen Augen, die Wandgemälde und die berühmte Uhr, die nur einmal im Jahre aufgezogen wird, betrachtend; ein vierter wärmte sich vor dem Kamin die Lenden und schien mit gerührten Blicken eine Gipsfigur Heinrichs IV. zu bewundern, die sich von einer Sammlung Fahnen abhob, die man bei Marengo, Austerlitz und Jena erbeutet hatte. Auf den Ruf ihres Kollegen, der einem nach dem anderen zuschrie: »Rasch, rasch in die Sitzung, meine Herren!« – fuhren sie wie aus dem Schlafe auf und verschwanden der Reihe nach. Von seinem Eifer fortgerissen, lief Herr La Rouquette jetzt nach der Bibliothek; doch in einer Regung der Vorsicht machte er kehrt, um einen Blick in den Raum zu werfen, wo die Waschbecken aufgestellt werden. Herr von Combelot stand vor einem großen Waschbecken, in das er seine Hände tauchte, um sie nachher sanft zu reiben, wohlgefällig über ihre Weiße lächelnd. Der Ruf erregte ihn nicht besonders; er kehrte ruhig zu seinem Waschbecken zurück. Dann nahm er sich die Zeit, sich langsam die Hände zu trocknen mit Hilfe eines warmen Handtuches, das er in die mit Messingtüren versehene Wärmeröhre zurücklegte. Dann begab er sich vor einen hohen Spiegel am Ende des Ganges, zog einen kleinen Kamm aus der Tasche und kämmte seinen schönen schwarzen Bart. Die Bibliothek war leer. Die Bücher schlummerten in ihren Eichenschränken; die zwei großen Tische waren leer und dehnten sich unter ihren grünen Decken dahin. An den Lehnen der in genauer Ordnung aufgestellten Armsessel hingen die aufklappbaren Lesepulte, mit grauem Staube bedeckt, hernieder. Inmitten der tiefen Stille, in der Verlassenheit dieser Galerie, die von einem Papiergeruch erfüllt war, sprach Herr La Rouquete ganz laut, indem er die Türe zufallen ließ: »Da ist niemals einer!« Jetzt stürzte er sich in die lange Reihe von Gängen und Sälen. Er ging in den Saal, wo die Schriftstücke verteilt wurden. Der Saal war mit pyrenäischem Marmor ausgelegt und die Schritte hallten da wie unter einem Kirchengewölbe. Ein Türsteher teilte Herrn La Rouquette mit, daß ein ihm befreundeter Abgeordneter, Herr de la Villardière, einem Herrn und einer Dame das Haus zeige. Da setzte er sich in den Kopf, seinen Kollegen zu finden. Er lief in den Saal des Generals Foy, in diese in strengem Stile gehaltene Vorhalle, deren vier Standbilder: Mirabeau, General Foy, Bailly und Casimir Périer, Gegenstand der achtungsvollen Bewunderung aller Provinzbürger sind. Nebenan im Thronsaale entdeckte er endlich Herrn de la Villardière neben einer dicken Dame und einem dicken Herrn, Leuten aus Dijon. Der Herr war daselbst Notar und einer der einflußreichsten Wähler. »Man verlangt nach Ihnen«, sagte Herr La Rouquette. »Rasch auf Ihren Posten!« »Ja, sofort!« entgegnete der Abgeordnete. Aber er konnte nicht loskommen. Unter dem mächtigen Eindruck, den der Prunk des Saales, die Vergoldungen, die Spiegelwände auf ihn übten, hatte der dicke Herr sein Haupt entblößt; und er ließ seinen »lieben Abgeordneten« nicht los, verlangte Aufklärungen über die Gemälde von Delacroix, über die Meere und Flüsse Frankreichs, die hohen, dekorativen Figuren, wie: Mediterraneum Mare, Oceanus, Ligeris, Rhenus, Sequana, Rhodanus, Garumua, Araris. Diese lateinischen Namen verwirrten ihn. »Ligeris ist die Loire«, sagte Herr de la Villardière. Der Notar von Dijon nickte lebhaft; er hatte begriffen. Inzwischen besichtigte seine Frau den Thron, einen über den übrigen wenig erhöhten Lehnsessel, der auf einer breiten Treppenstufe stand und mit einer Hülle bedeckt war. Stumm und andächtig stand die Dame einige Schritte von dem Thronsessel entfernt. Schließlich faßte sie Mut und trat langsam näher; verstohlen lüftete sie einen Zipfel der Hülle und betastete das vergoldete Holz, den roten Samt. Herr La Rouquette durchsuchte jetzt den rechten Flügel des Palastes, die endlosen Gänge, die den Büros und Kommissionen vorbehaltenen Räume. Er kehrte durch den Saal der vier Säulen zurück, wo die jungen Abgeordneten vor den Statuen von Brutus, Solon und Lykurgus träumen, durchschritt den Wartesaal, durcheilte die Rundgalerie, eine Art niedriger Krypta, kahl wie eine Kirche, bei Tage und bei Nacht durch Gas erleuchtet. Außer Atem, die wenigen Abgeordneten, die er auf seiner Treibjagd zusammengelesen, mit sich schleppend, öffnete er breit eine goldgestirnte Tür von Mahagoniholz. Herr von Combelot mit seinen weißen Händen und seinem vornehm gekämmten Barte folgte ihm. Herr de la Villardiere, der sich seiner Besucher entledigt hatte, kam hinter ihnen. Alle stiegen hastig hinan und stürzten in den Sitzungssaal, wo die Abgeordneten in ihren Bänken aufrecht standen und mit ausgestreckten Armen einen Redner bedrohten, der ruhig auf der Tribüne stand, während der ganze Saal brüllte: »Zur Ordnung! Zur Ordnung! Zur Ordnung!« »Zur Ordnung! Zur Ordnung!« schrien Herr La Rouquette und seine Freunde noch lauter als die anderen, obgleich sie nicht wußten, wovon die Rede sei. Der Lärm war furchtbar. Es war ein wütendes Stampfen, das Grollen eines Gewitters, hervorgerufen durch ein heftiges Klappern mit den Schreibpulten. Kreischende, überhelle Stimmen, wie aus Pickelflöten kommend, kreuzten andere, schnarrende, langgedehnte Stimmen, die den begleitenden Akkorden einer Orgel glichen. Zuweilen schien ein Stillstand in dem Gepolter eintreten zu wollen; dann hörte man einzelne Rufe: »Das ist schändlich! Das ist unerträglich!« »Er soll das Wort widerrufen!« »Ja, ja, widerrufen Sie!« Der hartnäckig wiederkehrende Ruf aber, dem das Stampfen mit den Füßen gleichsam ein Gleichmaß verlieh, lautete: »Zur Ordnung! Zur Ordnung!« Der Ruf kam immer wütender, immer schriller aus den trockenen Kehlen hervor. Der Redner auf der Tribüne hatte die Arme gekreuzt und betrachtete ruhig die wütende Kammer, diese bellenden Gesichter und drohend geschwungenen Fäuste. Zweimal hatte er in der Meinung, daß Stille eingetreten sei, den Mund geöffnet, was nur eine Erneuerung des Gewitters, einen wahnsinnigen Wutausbruch herbeigeführt hatte. Der Saal krachte in allen Fugen. Herr von Marsy, der aufrecht vor seinem Präsidentenstuhle stand mit der Hand am Schwengel der Glocke, läutete ununterbrochen; es war wie ein Sturmläuten inmitten eines Orkans. Seine hohe, blasse Gestalt bewahrte vollkommene Kaltblütigkeit. Er hielt einen Augenblick im Läuten inne, zog ruhig seine Manschetten hervor und fuhr dann fort zu läuten. Sein schwaches, spöttisches Lächeln, eine Art Zucken, das ihm eigentümlich war, spitzte die Winkel seiner feinen Lippen. Als die Stimmen sich dämpften, rief er in den Saal hinein: »Meine Herren, erlauben Sie ...« Es trat eine verhältnismäßige Stille ein. »Ich fordere den Redner auf,« sagte der Präsident, »das Wort zu erklären, das er soeben gesprochen.« Der Redner neigte sich vor, stützte sich auf den Rand der Tribüne und wiederholte seinen Satz mit einer eigensinnigen Bewegung des Kinns. »Ich habe gesagt, daß der zweite Dezember ein Verbrechen war ...« Er konnte nicht weitersprechen. Der Sturm brach von neuem los. Ein Abgeordneter mit vom Zorn entflammten Wangen schalt ihn einen Mörder; ein anderer schleuderte ihm eine so schwere, unflätige Beschimpfung zu, daß die Stenographen lächelten und sich hüteten, das Wort niederzuschreiben. Die Ausrufe kreuzten sich, deckten einander. Doch hörte man die dünne Stimme des Herrn La Rouquette heraus, der wiederholt rief: »Er schmäht den Kaiser! Er schmäht Frankreich!« Herr von Marsy machte eine würdevolle Handbewegung. Er setzte sich und sagte: »Ich rufe den Redner zur Ordnung.« Es folgte eine anhaltende Aufregung im Saale. Das war nicht mehr die schläfrige gesetzgebende Versammlung, die fünf Jahre früher einen Kredit von viermalhunderttausend Franken für die Taufe des kaiserlichen Prinzen bewilligt hatte. Auf einer Bank zur Linken beklatschten vier Abgeordnete das Wort, das ihr Kollege von der Tribüne herab gewagt hatte. Sie waren nunmehr ihrer fünf, die das Kaiserreich bekämpften. Sie erschütterten es durch ein fortwährendes Rütteln, verleugneten es, versagten ihm ihre Stimme mit einer Hartnäckigkeit der Verwahrung, deren Wirkung nach und nach das ganze Land empören mußte. Diese Abgeordneten standen aufrecht wie eine verschwindend kleine Gruppe inmitten einer erdrückenden Mehrzahl; mit unerschütterlichem Mute und dem Eifer ihrer Rachegelüste hielten sie den Drohungen, den vorgestreckten Fäusten, dem geräuschvollen Druck der Kammer stand. Der ganze Saal schien verändert, vom Lärm widerhallend, von einem Fieberschauer erfaßt. Am Fuße des Tisches, wo der Präsident und die Schriftführer saßen, hatte man die Rednertribüne wiederaufgestellt. Die Kälte der Marmorwände, die prunkvollen Säulen des Halbkreises erwärmten sich an den glühenden Worten der Redner. Auf den staffelweise aufgestellten Bankreihen längs der rotgepolsterten Sitzbänke schien das Licht, welches durch das Glasdach senkrecht hereinfiel, inmitten der Stürme der großen Sitzungen Brände anzuzünden. Der Tisch des Präsidenten mit seinen streng stilisierten Feldern belebte sich durch die spöttischen und herausfordernden Bemerkungen des Herrn von Marsy, dessen genau geschnittener Leibrock, dessen dünne Taille eines erschöpften Lebemannes durch eine schmale Linie die antiken Figuren des Frieses unterbrachen, der hinter seinem Rücken angebracht war. Nur die bildlichen Gestalten der öffentlichen Ordnung und der Freiheit in ihren Nischen zwischen den Doppelsäulen bewahrten ihre toten Gesichter und ihre hohlen Augen steinerner Gottheiten. Was aber hauptsächlich Leben hierher brachte, war das Publikum, das in größerer Menge erschienene Publikum, das sich ängstlich vorneigte und mit voller Leidenschaft den Erörterungen folgte. Der zweite Stock der Galerie war wiederhergestellt worden. Die Journalisten hatten ihre besondere Tribüne. Ganz oben am Rande des goldüberladenen Karnieses streckten sich Köpfe vor; es war ein Hereinströmen der Menge, das von Zeit zu Zeit die Deputierten unruhig emporblicken ließ, als glaubten sie plötzlich das Getrappel einer aufrührerischen Menge zu hören. Der Redner auf der Tribüne wartete inzwischen noch immer, daß er fortfahren könne. Mit einer Stimme, die von dem fortwährenden Gemurmel übertönt wurde, sagte er: »Meine Herren, ich fasse das Gesagte zusammen ...« Doch er hielt inne, um mit lauterer Stimme, den Lärm beherrschend, auszurufen: »Wenn die Kammer mich nicht anhören will, steige ich unter Widerspruch von der Tribüne.« »Reden Sie! Reden Sie!« schrie man von mehreren Bänken. Eine schwerfällige, rostige Stimme brummte: »Reden Sie nur, man wird Ihnen schon zu antworten wissen.« Plötzlich herrschte Stille im Saale. In den Bankreihen und auf den Galerien streckte man die Hälse vor, um Rougon zu sehen, der diese Worte gesprochen hatte. Er saß in der ersten Bank, die Ellbogen auf die Marmorplatte des Pultes gestützt. Sein breiter Rücken bewahrte eine Unbeweglichkeit, die nur von Zeit zu Zeit durch ein leichtes Wiegen der Schultern unterbrochen wurde. Man sah sein Antlitz nicht, das zwischen seinen breiten Händen verschwand. Er hörte zu. Sein erstes Auftreten wurde mit lebhafter Neugierde erwartet; denn seit seiner Ernennung zum Minister ohne Portefeuille hatte er noch nicht das Wort ergriffen. Ohne Zweifel hatte er das Bewußtsein, daß alle Blicke auf ihn gerichtet seien. Er wandte den Kopf und schaute im Saale umher. Gegenüber auf der Gesandtengalerie saß Clorinde in violettem Kleide, an die Brüstung von rotem Samt gelehnt, und schaute ihn lange mit ihrer ruhigen Kühnheit an. So verharrten sie einige Sekunden, Aug' in Auge ohne ein Lächeln gleichsam fremd zueinander. Dann nahm Rougon seine frühere Stellung wieder ein und hörte zu, das Gesicht in den Händen vergraben. »Meine Herren, ich fasse das Gesagte zusammen«, sprach der Redner. »Die Verfügung vom 24. November gibt dem Lande lediglich scheinbare Freiheiten. Wir sind noch weit entfernt von den neunundachtziger Grundsätzen, die so großartig an der Spitze der kaiserlichen Verfassung stehen. Wenn die Regierung mit den Ausnahmegesetzen ausgerüstet bleibt, wenn sie fortfährt, dem Lande ihre Kandidaten aufzunötigen, wenn sie die Presse nicht von der Zensur befreit, und wenn sie schließlich Frankreich noch immer in ihrer Gewalt behält, werden alle scheinbaren Zugeständnisse, die sie machen mag, lügenhaft sein ...« Der Präsident unterbrach ihn. »Ich kann es nicht gestatten, daß der Redner einen solchen Ausdruck gebrauche.« »Sehr gut! Sehr gut!« rief man rechts. Der Redner wiederholte seinen Satz, indem er seine Ausdrücke milderte. Er bemühte sich jetzt, sehr mäßig zu sein, drechselte schöne runde Sätze, die mit einem ernsten Stimmfall, in einer tadellos reinen Sprache zu Gehör kamen. Allein Herr von Marsy war jetzt hinter ihm her und bekämpfte jeden seiner Ausdrücke. Dann erhob er sich zu sehr hochfliegenden Erwägungen, zu unklaren Redewendungen voll hochtönender Worte, in die er seine Gedanken so geschickt einzuhüllen wußte, daß der Präsident ihn gewähren lassen mußte. Da kam er plötzlich zu seinem Ausgangspunkte zurück. »Ich fasse das Gesagte zusammen. Ich und meine Freunde werden den ersten Absatz der Adresse, mit welcher die Kammer die Thronrede beantworten will, nicht annehmen ...« »Man wird auf Ihre Stimmen verzichten«, rief ein Abgeordneter. Eine geräuschvolle Heiterkeit folgte diesen Worten. »Wir werden den ersten Absatz der Adresse nicht annehmen,« hub der Redner ruhig wieder an, »wenn unser Verbesserungsantrag abgelehnt wird. Wir können uns nicht übertriebenen Danksagungen verschließen, da der Gedanke des Staatsoberhauptes uns sehr rückhältig scheint. Es gibt nur eine Freiheit; man kann sie nicht zerschneiden und in Stücke verteilen wie ein Almosen.« Hier wurden von allen Seiten des Saales Unterbrechungen laut. »Eure Freiheit ist Zügellosigkeit!« »Reden Sie nicht von Almosen! Ihr bettelt um eine ungesunde Volkstümlichkeit!« »Ihr schneidet die Köpfe ab!« »Unser Antrag«, fuhr der Redner fort, als höre er nichts, »fordert die Aufhebung des Gesetzes über die allgemeine Sicherheit, die Freiheit der Presse, die Befreiung der Wahlen von jedem Zwang ...« Man lachte wieder. Ein Abgeordneter hatte – laut genug, um von seinen Nachbarn gehört zu werden – gesagt: »Magst warten, guter Mann! Nichts von allem wirst du bekommen!« Ein anderer hängte jedem Satze, der von der Tribüne fiel, drollige Worte an. Der größte Teil der Abgeordneten aber vergnügte sich damit, die Sätze des Redners mit Schlägen ihrer Papiermesser auf die Pulte zu begleiten; dies brachte eine Art Trommelgerassel hervor, in dem die Stimme des Redners unterging. Dieser kämpfte jedoch bis ans Ende. Er hatte sich aufgerichtet und schrie mit mächtiger Stimme über den Tumult hinweg die letzten Worte: »Ja, wir sind Revolutionäre, wenn Sie darunter Männer des Fortschritts verstehen, welche die Freiheit zu erringen entschlossen sind. Verweigert dem Volke die Freiheit, und das Volk wird sich sie eines Tages holen.« Und inmitten eines von neuem losbrechenden Lärmes stieg er von der Tribüne. Die Abgeordneten lachten nicht mehr wie eine Schar mutwilliger Schüler. Sie hatten sich erhoben, nach links gewendet und brüllten wieder: »Zur Ordnung! Zur Ordnung!« Der Redner hatte sich in seine Bank begeben und stand da, umgeben von seinen Freunden. Es entstand ein Gedränge; die Mehrheit schien auf die fünf Männer stürzen zu wollen, deren bleiche Gesichter sie herausforderten. Herr von Marsy aber war erzürnt und läutete mit hastiger Hand, den Blick nach den Galerien gerichtet, wo die Damen ängstlich zurückwichen. »Meine Herren,« sagte er, »es ist ein Skandal ...« Als Stille eingetreten, sagte er sehr laut, mit seinem schneidenden, befehlenden Tone: »Ich will nicht einen zweiten Ordnungsruf aussprechen. Ich begnüge mich zu erklären, daß es wahrhaft skandalös ist, auf diese Tribüne Drohungen mitzubringen, welche sie entehren.« Eine dreifache Beifallssalve begleitete diese Worte des Präsidenten. Man schrie Bravo, und die Papiermesser arbeiteten gut, diesmal um die Zustimmung zum Ausdruck zu bringen. Der Redner der Linken wollte antworten, doch seine Freunde hinderten ihn daran. Der Tumult legte sich und ging alsbald in dem Geräusche der einzelnen Gespräche unter. »Das Wort erhält Seine Exzellenz Herr Rougon«, sprach Marsy ruhigeren Tones. Ein Erbeben ging durch die Versammlung, ein Seufzer befriedigter Neugierde, die einer andächtigen Stille und Aufmerksamkeit Platz machte. Rougon mit seinen runden Schultern war schwerfällig die Tribüne hinangestiegen. Anfänglich warf er keinen Blick auf den Saal. Er legte ein Bündel Notizen vor sich hin, schob das Glas Zuckerwasser zurück und breitete die Hände aus, wie um von dem engen Kasten Besitz zu ergreifen. Endlich lehnte er sich an die Wand hinter ihm und erhob den Kopf. Er war nicht gealtert. Seine viereckige Stirne, seine große, wohlgeformte Nase, seine langen, faltenlosen Wangen bewahrten eine ruhig angehauchte Blässe, die frische Farbe eines kleinstädtischen Notars. Bloß seine dichtsitzenden, ergrauenden Haare lichteten sich an den Schläfen und ließen seine breiten Ohren frei. Mit halbgeschlossenen Augen blickte er in den Saal und wartete noch immer. Einen Augenblick schien er zu suchen; nachdem er dem aufmerksam vorgeneigten Gesichte Clorindens begegnet war, begann er mit schwerfälliger Stimme: »Auch wir sind Revolutionäre, wenn man darunter Männer des Fortschrittes versteht, die entschlossen sind, dem Lande alle vernünftigen Freiheiten, eine nach der anderen, wiederzugeben ...« »Sehr gut, sehr gut!« »Meine Herren! Welche Regierung hat mehr als das Kaiserreich jemals die liberalen Reformen verwirklicht, deren verlockendes Programm Sie soeben entwerfen hörten? Ich werde die Ausführungen des geehrten Vorredners nicht bekämpfen. Es wird genügen, wenn ich den Beweis führe, daß das Genie und das große Herz des Kaisers den Forderungen der erbittertsten Gegner seiner Herrschaft zuvorgekommen sind. Ja, meine Herren, der Kaiser hat von selbst der Nation jene Macht zurückgegeben, mit der sie ihn an einem Tage der allgemeinen Gefahr bekleidet hat. Ein herrliches Schauspiel, so selten in der Geschichte! Wir begreifen sehr wohl den Ärger gewisser Umsturzmänner. Es bleibt ihnen nichts übrig, als die Absichten, das Maß der wiedergegebenen Freiheit zu bekämpfen ... Sie haben die große Tat vom vierundzwanzigsten November begriffen. Sie wollen in dem ersten Absatz der Adresse dem Kaiser Ihre tiefe Dankbarkeit für seine Großmut und sein Vertrauen zur Weisheit des gesetzgebenden Körpers ausdrücken. Die Annahme des Ihnen unterbreiteten Antrages wäre eine unbegründete Kränkung, eine schlechte Handlung. Gehen Sie mit Ihrem Gewissen zu Rate, meine Herren, und fragen Sie sich, ob Sie frei sind. Die Freiheit ist heute eine vollständige, ganze. Ich bürge dafür ...« Lang anhaltendes Händeklatschen unterbrach den Redner. Er hatte sich langsam dem Rande der Tribüne genähert. Den Körper ein wenig vorgebeugt und den Arm ausgestreckt, erhöhte er jetzt seine Stimme, die mit außerordentlicher Kraft sich vernehmbar machte. Herr von Marsy lag hinter ihm in seinem Sessel und hörte ihm zu mit der Miene eines Dilettanten, der von der vortrefflichen Ausführung einer glänzenden Leistung entzückt ist. Inmitten des Beifallssturmes, der den Saal durchbrauste, sah man einzelne Abgeordnete die Köpfe überrascht zusammenstecken und mit gespitzten Lippen flüstern. Clorinde lehnte in ernster Haltung auf dem roten Samt der Brüstung. Rougon fuhr fort: »Die von uns allen ungeduldig erwartete Stunde hat endlich geschlagen. Es ist nicht mehr gefährlich, aus dem wohlhabenden Frankreich ein freies Frankreich zu machen. Die anarchistischen Leidenschaften sind tot. Die Energie des Herrschers und der feierliche Wille des Landes haben die abscheulichen Zeiten öffentlicher Verderbnis für immer in das Nichts zurückgestoßen. Die Freiheit ist möglich geworden an dem Tage, an dem jene Partei überwunden wurde, die hartnäckig die Grundlagen der Regierung verkannte. Darum glaubte der Kaiser seine mächtige Hand zurückziehen zu sollen; er wies die notwendigen Vorrechte der Macht als eine unnütze Last zurück und hielt seine Macht für unbestritten in dem Maße, daß er die Erörterung darüber zuließ. Er ist nicht vor dem Gedanken zurückgeschreckt, die Zukunft auf das Spiel zu setzen; er wird in seiner Befreiungsaufgabe bis ans Ende gehen; er wird die Freiheiten eine nach der andern wiedergeben an den Zeitpunkten, die seine Weisheit bestimmen wird. Dieses Programm eines unablässigen Fortschrittes ist's, das wir künftig in dieser Versammlung zu verteidigen haben ...« Einer der fünf Abgeordneten der Linken erhob sich entrüstet und sagte: »Sie waren der Minister der Unterdrückung bis aufs äußerste!« Ein anderer fügte leidenschaftlich hinzu: »Die Leute, die Gayenne und Lambessa bevölkerten, haben nicht das Recht, im Namen der Freiheit zu sprechen!« Da entstand ein allgemeines Gemurmel. Viele Abgeordnete begriffen diese Ausrufe nicht und neigten sich zu ihre» Nachbarn um Aufklärung. Herr, von Marsy tat, als habe er nicht gehört und begnügte sich, den Zwischenrufern mit dem Ordnungsrufe zu drohen. »Man hat mir soeben vorgeworfen ...« nahm Rougon wieder auf. Doch von der Rechten erhoben sich Stimmen, die ihn hinderten fortzufahren. »Nein, antworten Sie nicht«, riefen sie. »Diese Schmähungen reichen nicht an Sie hinan!« Er beruhigte die Kammer mit einer Handbewegung; indem er sich mit beiden Händen auf den Rand der Tribüne stützte, wandte er sich mit der Miene eines in die Enge getriebenen Ebers gegen die Linke. »Ich werde nicht antworten«, erklärte er ruhig. Doch das war nur die Einleitung. Obgleich er versprochen hatte, die Ausführungen des Redners von der Linken nicht zu widerlegen, trat er doch in eine genaue Erörterung ein. Er begann mit einer vollständigen Auseinandersetzung mit den Gründen seines Gegners, tat es mit einer Unparteilichkeit, die eine ungeheuere Wirkung machte, gleichsam geringschätzig gegen alle diese Gründe und bereit, sie mit einem Hauche wegzublasen. Dann schien er ganz zu vergessen, sie zu bekämpfen; er antwortete auf keinen dieser Gründe; er warf sich auf den schwächsten unter ihnen mit einer unerhörten Heftigkeit, mit einer Flut von Worten, in denen dieser Grund unterging. Man klatschte Beifall, er triumphierte. Sein großer Körper füllte die Tribüne aus. Seine Schultern folgten in ihrem Wiegen dem Schweben seiner Sätze. Er besaß eine alltägliche, fehlerhafte, von Rechtsfragen starrende Beredsamkeit; er blies die Gemeinplätze auf und ließ sie als Donnerschläge platzen. Er grollte und drohte mit nichtssagenden Worten. Seine einzige rednerische Überlegenheit bestand in seinem Atem, einem unermeßlichen, unermüdlichen Atem, der stundenlang prächtig dahinfloß, unbekümmert darum, was er trug. Nachdem Rougon eine Stunde ohne Unterbrechung gesprochen, trank er einen Schluck Zuckerwasser und holte ein wenig Atem, während er die vor ihm liegenden Notizen ordnete. »Ruhen Sie aus!« sagten mehrere Abgeordnete. Doch er fühlte keine Ermüdung und wollte schließen. »Was verlangt man von Ihnen, meine Herren?« »Hört! hört!« Tiefe Stille trat wieder ein, und alle Gesichter wandten sich in stummer Aufmerksamkeit zu ihm. Bei gewissen Ausbrüchen seiner Stimme ging eine Bewegung durch die Kaminer, als fege ein Wind über die Versammlung hin. »Man verlangt von Ihnen, meine Herren, daß Sie das Gesetz über die allgemeine Sicherheit abschaffen sollen. Ich will nicht an die für immer fluchwürdige Stunde erinnern, da dieses Gesetz eine notwendige Waffe gewesen; es galt das Land zu beruhigen, Frankreich vor einem neuen Zusammenbruch zu retten. Heute steckt die Waffe in der Scheide. Die Regierung, die sich ihrer stets mit der größten Klugheit, ja, mit der größten Mäßigung bedient hat ...« »Das ist wahr!« »... sie wendet sie nur mehr in gewissen Ausnahmsfällen an. Das Gesetz bedroht niemanden mehr, höchstens die Widersacher, die noch die sträfliche Torheit nähren, zu den schlimmsten Tagen unserer Geschichte zurückzukehren. Besuchen Sie unsere Städte, unsere Dörfer. Sie werden überall den Frieden und Wohlstand finden; fragen Sie die Männer der Ordnung: Keiner fühlt auf seinen Schultern die Last jener Ausnahmegesetze, die man uns als ein großes Verbrechen anrechnet. Ich wiederhole es: in den Händen der Regierung schützen sie nach wie vor die Gesellschaft gegen abscheuliche Anschläge, die übrigens künftig unmöglich von Erfolg sein können. Die ehrlichen Leute haben keinen Grund, sich wegen dieser Gesetze Sorgen zu machen. Lassen wir sie ruhen, wo sie sind, bis zu dem Tage, da der Herrscher selbst sie abzuschaffen für gut finden wird ... Was verlangt man weiter von Ihnen, meine Herren? Die Befreiung der Wahlen von jedem Zwang, die Freiheit der Presse, alle erdenklichen Freiheiten. Ach, lassen Sie mich hier verweilen im Anblick all der großen Dinge, die das Kaiserreich bereits vollbracht hat. Rings um mich her, wohin ich auch meine Augen wende, sehe ich die öffentlichen Freiheiten wachsen und herrliche Früchte tragen. Ich bin tief bewegt, Frankreich, das so erniedrigt gewesen, erhebt sich, bietet der Welt das Beispiel eines Volkes, das seine Befreiung durch seine gute Aufführung erringt. Die Tage der Prüfung sind nunmehr vorüber. Es ist keine Rede mehr von einer Diktatur, von einer Willkürherrschaft. Wir alle sind Arbeiter der Freiheit ...« »Bravo! Bravo!« »Man verlangt die Befreiung der Wahlen von jedem Zwange. Ist das allgemeine Stimmrecht, auf der breitesten Grundlage angewendet, nicht die erste Daseinsbedingung des Kaiserreiches? Allerdings empfiehlt die Regierung ihre Kandidaten. Aber unterstützt nicht auch die Revolution die ihrigen mit einer dreisten Kühnheit? Man greift uns an, wir verteidigen uns; nichts ist billiger. Man möchte uns knebeln, uns die Hände binden, uns zu einem Leichnam machen. Das werden wir uns niemals gefallen lassen. Aus Liebe für das Land werden wir immer da sein, um ihm zu raten und. ihm zu sagen, wo seine wahren Interessen liegen. Das Land bleibt übrigens unumschränkter Herr seines Schicksals. Es stimmt ab, und wir beugen uns vor seiner Stimme. Die Mitglieder der Opposition, die dieser Versammlung angehören, wo sie volle Freiheit genießen, sind ein Beweis unserer Ächtung vor den Entscheidungen des allgemeinen Stimmrechts. Wenn das Land mit erdrückenden Mehrheiten das Kaiserreich verlangt, mögen die Revolutionäre sich an das Land halten ... Im Parlamente sind heute alle Hindernisse einer freien Kontrolle beseitigt. Der Herrscher wollte den großen Staatskörperschaften einen mehr unmittelbaren Anteil an seiner Politik einräumen und einen deutlichen Beweis seines Vertrauens geben. Sie können künftig die Handlungen der Regierung erörtern, Verbesserungsanträge stellen, begründete Beschlüsse fassen. Jedes Jahr wird die Adresse gleichsam ein Stelldichein zwischen dem Kaiser und den Vertretern der Nation sein, wo diesen die Möglichkeit geboten ist, alles frank und frei herauszusagen. Aus der öffentlichen Erörterung gehen die starken Staaten hervor. Die Rednertribüne ist wiederhergestellt, diese Tribüne, die durch so viele Redner berühmt geworden, deren Namen die Geschichte verzeichnet hat. Ein Parlament, das frei sprechen kann, ist ein Parlament, das arbeitet. Wollen Sie meinen vollen Gedanken kennenlernen? Ich bin glücklich, hier eine Gruppe von gegnerischen Abgeordneten zu sehen. So wird es doch immer Gegner unter uns geben, die bemüht sind, uns Fehler vorzuhalten, und so unsere Rechtschaffenheit in das volle Licht rücken. Wir fordern für sie die weitestgehende Unverletzlichkeit. Wir fürchten weder die Leidenschaft, noch den Skandal, noch die Mißbräuche des Wortes, so gefährlich sie auch sein mögen ... Was die Presse betrifft, meine Herren, so hat sie sich nie einer vollständigeren Freiheit erfreut, unter keiner Regierung, die entschlossen war, sich selbst zu achten. Alle großen Fragen, alle ernsten Interessen haben ihre Organe. Die Staatsverwaltung bekämpft nur die Verbreitung verderblicher Lehren, die Fortpflanzung des Giftes. Aber, verstehen Sie mich wohl, wir sind voll Achtung vor der rechtschaffenen Presse, welche die laute Stimme der öffentlichen Meinung ist. Sie unterstützt uns in unserer Aufgabe; sie ist das Werkzeug des Jahrhunderts. Wenn die Regierung sie in ihre Hände genommen hat, so geschah es nur, um sie nicht in den Händen ihrer Feinde zu lassen ...« Ein zustimmendes Gelächter wurde hörbar. Rougon näherte sich indes dem Ende seiner Rede. Er packte das Holz der Tribüne mit seinen gekrümmten Fingern. Er beugte seinen Leib vor und fegte mit. seinem rechten Arme durch die Luft. Geräuschvoll wie ein wilder Strom rauschte seine Stimme dahin. Plötzlich schien er inmitten seiner Freiheitsschilderung von einer keuchenden Wut erfaßt zu sein. Seine ausgestreckte Faust, gleich einem Sturmbock vorgeschleudert, schien jemanden in der Luft zu bedrohen. Dieser unsichtbare Widersacher war das rote Gespenst. In einigen dramatischen Phrasen zeigte er das rote Gespenst, wie es sein blutiges Banner schüttelte, die Brandfackel umhertrug, Bäche von Blut hinter sich zurücklassend. Das Sturmläuten der Tage der Empörung klang aus seiner Stimme heraus mit dem Zischen der Kugeln, dem Plündern der Kassen der Bank, dem gestohlenen und aufgeteilten Gelde der Bürger. Die Abgeordneten auf ihren Bänken erbleichten. Dann ward Rougon wieder ruhiger und mit lauten Lobeserhebungen auf den Kaiser, die klangen wie das Schwingen eines Räucherfasses, schloß er seine Rede. »Gott sei Dank, wir stehen unter dem Schutze dieses Fürsten, den die Vorsehung auserkoren hat, um uns zu retten an einem Tage unendlicher Barmherzigkeit. Im Schutze seiner hohen Weisheit dürfen wir uns der Ruhe und Zuversicht hingeben. Er hat uns bei der Hand genommen und führt uns zwischen Klippen hindurch Schritt für Schritt nach dem sicheren Hafen.« Ein Jubel des Beifalls begleitete diese Worte. Die Sitzung wurde auf zehn Minuten unterbrochen. Die Abgeordneten drängten sich dem Minister entgegen, der sich in seine Bank begab, schweißtriefend und heftig atmend. Herr La Rouquette, Herr von Combelot und hundert andere beglückwünschten ihn, streckten den Arm aus, um im Vorübergehen einen Händedruck von ihm zu erlangen. Die Erschütterung im Saale schien fortzudauern. Auf den Galerien wurde lebhaft geredet und gestikuliert. Unter dem sonnenhellen Glasdache zwischen den Vergoldungen und Marmorsäulen, dem ernsten Luxus, der die Mitte hielt zwischen einem Tempel und einem Geschäftszimmer, herrschte ein bewegtes Treiben wie auf einem öffentlichen Platze, ein Gelächter des Zweifels, Ausrufe des Erstaunens und der übertriebenen Bewunderung, das Geschrei einer von der Leidenschaft geschüttelten Menge. Die Blicke des Herrn von Marsy und Clorindens kreuzten sich, und beide nickten mit dem Kopfe; sie gestanden den Triumph des großen Mannes zu. Rougon hatte mit seiner Rede jene wunderbare Laufbahn begonnen, die ihn so hoch führen sollte. Inzwischen hatte ein Abgeordneter die Tribüne bestiegen. Er hatte ein rasiertes, wachsbleiches Antlitz und lange, gelbe Haare, deren dünne Locken auf seine Schultern herniederfielen. Steif, ohne eine Gebärde, mit leiser Stimme las er von großen Blättern Papier das Manuskript einer Rede herunter. Die Saalbeamten riefen laut: »Stille, meine Herren!« Der Redner verlangte Aufklärungen von der Regierung. Er zeigte sich sehr gereizt wegen der zuwartenden Haltung Frankreichs angesichts des von Italien bedrohten heiligen Stuhles. Die weltliche Macht des Papsttums sei die heilige Arche, meinte er, und die Adresse solle den förmlichen Wunsch, ja eine Aufforderung zum vollen Schutze dieser weltlichen Macht enthalten. Die Rede erging sich in historischen Betrachtungen und wies nach, daß das christliche Recht mehrere Jahrhunderte vor den Verträgen vom Jahre 1815 die politische Ordnung in Europa festgestellt habe. Dann kamen Äußerungen einer entsetzten Beredsamkeit; der Redner sprach mit Schrecken davon, daß die alte europäische Gesellschaft inmitten der Zuckungen der Völker sich auflöse. Mitunter hörte man direkte Anspielungen auf den König von Italien, was jedesmal eine lebhafte Bewegung im Saale hervorrief. Rechts saß eine Gruppe von klerikalen Abgeordneten, nahezu hundert Mitglieder, die aufmerksam zuhörten, die mindesten Sätze mit Beifall begleiteten und jedesmal Beifall klatschten, wenn der Redner mit einem leichten Neigen des Kopfes den Papst nannte. Der Abgeordnete auf der Tribüne schloß mit Worten, die mit lauten Bravorufen begleitet wurden. »Es mißfällt mir,« sprach er, »daß Venezia die Herrliche, die Königin der Adria, die Vasallin Turins geworden.« Rougon, dessen Nacken noch in Schweiß gebadet und dessen Stimme noch heiser war, der infolge seiner ersten Rede am ganzen, Körper gebrochen schien, bestand darauf, sogleich zu antworten. Es war ein schöner Anblick. Er machte Staat mit seiner Ermüdung und schleppte sich ordentlich zur Tribüne, wo er mit einigen kaum verständlichen Worten begann. Er beklagte sich mit Bitterkeit, unter den Gegnern der Regierung angesehene Männer zu finden, die bisher den kaiserlichen Einrichtungen so sehr ergeben waren. Es bestehe sicherlich ein Mißverständnis; sie könnten unmöglich die Reihen der Revolutionäre vergrößern, eine Macht erschüttern wollen, die unausgesetzt bemüht sei, den Triumph der Religion zu sichern. Dann wandte er sich an die Klerikalen und sprach zu ihnen mit einer schlauen Unterwürfigkeit wie zu mächtigen Widersachern, den einzigen, vor denen er zittere. Doch allmählich hatte seine Stimme ihren ganzen Schwung wieder erlangt. Er erfüllte den Saal mit seinem Gebrüll und führte, mächtige Faustschläge gegen seine Brust. »Man hat uns der Irreligiosität geziehen. Man hat gelogen! Wir sind das ehrfurchtsvolle Kind der Kirche und sind so glücklich zu glauben ... Ja, meine Herren, der Glaube ist unser Führer und unsere Stütze in dieser zuweilen so schweren Aufgabe der Regierung. Was sollte aus uns werden, wenn wir uns nicht den Händen der Vorsehung anheimgeben? Wir haben den einzigen Ehrgeiz, der demütige Vollstrecker ihrer Absichten, das gefügige Werkzeug des Willens des Herrn zu sein. Das ist's, was uns gestattet, unsere Stimme laut zu erheben und ein wenig Gutes zu tun ... Meine Herren, ich bin glücklich, mit dem ganzen Glaubenseifer meines katholischen Herzens hier mein Knie zu beugen vor dem Papst-Herrscher, vor dem erhabenen Greise, dessen wachsame und ergebene Tochter Frankreich bleiben wird.« Das Beifallsklatschen wartete das Ende dieser Worte nicht ab. Der Triumph wurde zur Verherrlichung. Der Saal schien unter dem Jubel niederbrechen zu wollen. An der Ausgangstür wartete Clorinde auf Rougon. Sie hatten seit drei Jahren kein Wort miteinander gewechselt. Als er erschien, verjüngt, gleichsam erleichtert, nachdem er in einer Stunde sein ganzes politisches Leben verleugnet hatte, und bereit, unter dem Schein des Parlamentarismus seinen wütenden Hunger nach Herrschaft zu befriedigen, folgte sie einer unwiderstehlichen Regung, trat mit ausgestreckten Händen auf ihn zu und sagte mit gerührten und zärtlich-feuchten Blicken: »Sie sind doch ein gewaltiger Mann!«   Ende.