Emil Zola Rom – Band II VII. Am nächsten Tage, als Pierre nach einem langen Spaziergang sich wieder vor dem Vatikan befand, wohin ihn eine Art Behexung immer wieder zurückführte, begegnete er abermals Monsignore Nani. Es war Mittwoch Abend und der Assessor beim S. Offizio hatte eben seine wöchentliche Audienz beim Papste gehabt, dem er über die am Morgen stattgefundene Sitzung der heiligen Kongregation Bericht erstattete. »Welch glücklicher Zufall, mein lieber Sohn! Eben dachte ich an Sie. Möchten Sie nicht Seine Heiligkeit in der Öffentlichkeit sehen, ehe Sie ihn in der Privataudienz sehen?« Er sagte das mit seiner vornehmen, gefällig lächelnden Miene, aus der man kaum die leichte Ironie des überlegenen Mannes herausfühlte, der alles wußte, alles vermochte, alles vorbereitete. »Gewiß, Monsignore,« antwortete Pierre. Er war über das plötzliche Anerbieten etwas erstaunt. »Jede Zerstreuung ist willkommen, wenn man die Zeit mit Warten verliert.« »Nein, nein, Sie verlieren Ihre Zeit nicht,« entgegnete der Prälat lebhaft, »Sie sehen sich um, Sie denken nach, Sie belehren sich. Nun, ohne Zweifel wissen Sie, daß der große, internationale Pilgerzug des Peterspfennigs Freitag in Rom ankommt und Samstag von Seiner Heiligkeit empfangen werden wird. Am nächsten Tage, Sonntag, findet eine weitere Zeremonie statt. Seine Heiligkeit wird in der Basilika die Messe lesen. Nun, ich habe noch einige Karten übrig. Hier sind ein paar sehr gute Plätze für beide Tage.« Er zog eine elegante, mit einem goldenen Namenszug geschmückte Brieftasche aus der Tasche und nahm zwei Karten, eine grüne und eine rosa, daraus hervor, die er dem jungen Priester reichte. »Ach, wenn Sie wüßten, wie man sich um sie streitet! Erinnern Sie sich an die beiden Französinnen, die den heiligen Vater für ihr Leben gern sehen wollten? Ich mochte nicht gar zu sehr drängen, um ihnen eine Audienz zu verschaffen; sie mußten sich ebenfalls mit den Karten begnügen, die ich ihnen gab. Ja, der heilige Vater ist etwas erschöpft. Ich war eben bei ihm, er sieht gelb und fieberhaft aus. Aber er ist so mutig, in ihm lebt nur die Seele.« Er lächelte wieder mit kaum merklichem Spott. »Ja, er ist ein großes Beispiel für die Ungeduldigen, mein lieber Sohn. Ich habe erfahren, daß der treffliche Monsignore Gamba del Zoppo nichts für Sie zu thun vermochte. Sie müssen sich deswegen nicht übermäßig kränken. Gestatten Sie mir, zu wiederholen, daß dieses lange Warten sicherlich eine Gnade der Vorsehung ist. Sie können sich belehren; Sie werden gezwungen, Dinge zu verstehen, die ihr französischen Priester leider nicht fühlt, wenn ihr nach Rom kommt ... Vielleicht werden Ihnen dadurch auch Irrtümer erspart. Also beruhigen Sie sich; sagen Sie sich, daß alle Ereignisse in der Hand Gottes liegen und zu der von seiner höchsten Weisheit festgesetzten Stunde eintreten werden.« Er hielt ihm seine hübsche, geschmeidige und volle Hand hin. Es war eine weiche Frauenhand, aber ihr Druck besaß die Kraft eines eisernen Schraubstockes. Dann stieg er in den Wagen, der ihn erwartete. Nun handelte der Brief, den Pierre vom Vicomte Philibert de la Choue erhalten hatte, gerade von dem großen, internationalen Pilgerzug des Peterspfennigs. Es war ein langer Aufschrei der Erbitterung und Verzweiflung, denn der Vicomte schrieb vom Bette aus, an das ihn ein furchtbarer Gichtanfall annagelte, und konnte nicht mitkommen. Was jedoch seinem Schmerze die Krone aufsetzte, war, daß der Präsident des Komites, der natürlich das Amt hatte, den Pilgerzug dem Papste vorzustellen, gerade der Baron von Fouras war, einer seiner erbittertsten Gegner von der alten, konservativ-katholischen Partei. Er zweifelte keinen Augenblick, daß der Baron die einzige Gelegenheit benützen werde, um den Papst zu seiner Theorie von den freien Korporationen zu bekehren, während er, de la Choue, das Heil des Katholizismus und der Welt nur in den geschlossenen, obligatorischen Korporationen sah. Er flehte daher Pierre auch an, sich bei den günstig gesinnten Kardinälen zu verwenden, es trotz allem durchzusetzen, daß der heilige Vater ihn empfange, und Rom nicht zu verlassen, ohne ihm die höchste Approbation mitzubringen, die allein den Sieg entscheiden könne. Außerdem enthielt der Brief interessante Einzelheiten über den Pilgerzug selbst. Er bestand aus dreitausend Pilgern aus allen möglichen Ländern, aus Frankreich, Belgien, Spanien, Oesterreich, sogar Deutschland, und wurde von Bischöfen und Oberen der Kongregationen in kleinen Gruppen zugeführt. Frankreich war am meisten vertreten, mit beinahe zweitausend Pilgern. Ein internationales Komite hatte in Paris gearbeitet, um alles zu organisiren; es war eine heikle Arbeit, denn es war ein freiwilliges Gemisch von Mitgliedern der Aristokratie, Verbindungen bürgerlicher Damen, Arbeitervereinen, und alle Klassen, Lebensalter und Geschlechter vermengten und verbrüderten sich im selben Glauben. Der Vicomte fügte hinzu, daß der Pilgerzug, der dem Papste Millionen bringe, das Datum seiner Ankunft eigens so gewählt habe, um als eine Verwahrung des gesamten Katholizismus gegen die Feste des zwanzigsten September zu erscheinen, mit denen der Quirinal eben den glorreichen Jahrestag der Erhebung Roms zur Hauptstadt feierte. Pierre glaubte, daß es Zeit sei, wenn er um elf Uhr käme, da die Feierlichkeit auf zwölf angesetzt war. Sie sollte in der Sala dei Beatificazione stattfinden, einem großen, schönen Saal, der sich über dem Portikus von St. Peter befindet und seit 1890 in eine Kapelle verwandelt ist. Eines der Fenster geht auf die mittlere Loggia hinaus, von wo einst der neugewählte Papst das Volk, Rom und die Welt segnete. Zwei andere Säle, die Sala regia und die Sala ducale gehen diesem Saale voran. Als nun Pierre sich auf den Platz in der Sala dei Beatificazione selbst begeben wollte, wozu ihn seine grüne Karte berechtigte, da waren bereits alle drei Säle derart von einer dichtgedrängten Menge gefüllt, daß er sich nur mit der größten Mühe einen Weg bahnte. Bereits seit einer Stunde erstickte man in dieser Weise, und das Fieber, die Aufregung der hier eingeschlossenen drei- bis viertausend Menschen wuchs immer mehr. Endlich konnte er bis zur Thüre des dritten Saales gelangen, aber hier entsank ihm der Mut beim Anblick der außerordentlichen Menge von Köpfen, und er versuchte nicht einmal mehr, weiter zu gehen. Die Sala dei Beatificazione, die er mit einem Blicke umfaßte, indem er sich auf die Fußspitzen stellte, war sehr reich ausgestattet, vergoldet und gemalt und besaß eine hohe, regelmäßige Decke. Gegenüber dem Eingange, auf dem gewöhnlichen Platze des Altars, war auf einer niedrigen Estrade der päpstliche Thron, ein großer, roter Sammetsessel, aufgestellt, dessen goldene Rücken- und Armlehnen hell glänzten; dahinter fielen die ebenfalls aus rotem Sammet bestehenden Behänge des Baldachins gleich großen, ausgebreiteten purpurnen Flügeln hernieder. Was ihn jedoch besonders interessirte, was ihn packte, das war diese Menge – diese Menge voll zügelloser Leidenschaft, wie er ihresgleichen noch nie gesehen. Er hörte die lauten Schläge ihrer Herzen; ihre Augen täuschten die fieberhafte Erwartung hinweg, indem sie den leeren Thron betrachteten und anbeteten. Ach, dieser Thron! Er blendete sie, er verwirrte die frommen Seelen bis zur Ohnmacht, gleichwie die goldene Monstranz, auf der Gott in Person geruhen würde, Platz zu nehmen. Man sah da Arbeiter im Sonntagsstaat mit hellen Kinderblicken und verzückten, derben Gesichtern, Bürgerdamen in der vorgeschriebenen, schwarzen Toilette, ganz blaß vor einer Art von heiligem Schreck und übermäßigem Verlangen, Herren im Frack und weißer Krawatte, strahlend, gehoben von der Ueberzeugung, daß sie die Kirche und die Völker retteten. Besonders eine Gruppe der letzteren, ein ganzes Bündel schwarzer Fräcke, machte sich vor dem Throne bemerkbar; das waren die Mitglieder des internationalen Komites, an deren Spitze der Baron von Fouras triumphirte. Er war ein etwa fünfzigjähriger, sehr großer, sehr dicker, hochblonder Mann; in beständiger Bewegung ging er hin und her, gab Befehle wie ein General am Morgen einer entscheidenden Schlacht. Da und dort leuchtete inmitten der grauen und neutralen Masse der Gewänder der violette Seidentalar eines Bischofs auf, da jeder Hirt bei seiner Herde hatte bleiben wollen. Die bärtigen oder glatt rasirten Köpfe der Ordensgeistlichen, der Oberen in braunen, schwarzen und weißen Gewändern ragten hoch über alle anderen Köpfe empor. Rechts und links flatterten die Fahnen, die Verbindungen und Kongregationen dem Papste zum Geschenk darbrachten; und die hohle See ging immer hoher, das Brausen des Meeres schwoll immer mehr an; die schwitzenden Gesichter, die brennenden Augen, die verschmachtenden Münder hauchten eine so ungeduldige Liebe aus, ein so schwerer Geruch stieg von diesem zusammengedrängten Menschenvolk auf, daß die Luft dadurch gleichsam verdickt und verdunkelt ward. Aber plötzlich bemerkte Pierre neben dem Thron den Monsignore Nani, der, nachdem er ihn aus der Ferne erkannt hatte, ihm Zeichen machte, näher zu kommen; da er mit einer bescheidenen Geberde ausdrückte, daß er lieber bleiben wolle, wo er sei, beharrte der Prälat auf seinem Willen und schickte einen Saalwärter zu ihm mit dem Befehl, ihm Platz zu machen. »Warum begeben Sie sich denn nicht auf Ihren Platz?« fragte er, als der Saalwärter Pierre zu ihm hingeführt hatte. »Ihre Karte gibt Ihnen ein Recht, hier zur Linken des Thrones zu stehen.« »Meiner Treu, ich hätte so viele Leute stören müssen, daß ich keine Lust dazu hatte,« antwortete der Priester. »Außerdem ist das zu viel Ehre für mich.« »Nein, nein, ich habe Ihnen diesen Platz gegeben, damit Sie ihn einnehmen. Ich wünsche, daß Sie in der ersten Reihe stehen, um alles gut zu sehen und nichts von der Zeremonie zu verlieren.« Pierre konnte nicht anders, als ihm danken. Er sah nun, daß mehrere Kardinäle und sehr viele zur päpstlichen Hausgenossenschaft gehörige Prälaten ebenfalls zu beiden Seiten des Thrones stehend warteten. Vergeblich suchte er den Kardinal Boccanera; er erschien in St. Peter oder im Vatikan nur an den Tagen, wo sein Dienst ihn dazu verpflichtete. Aber er erkannte den großen, starken Kardinal Sanguinetti, der sehr laut, mit hochgerötetem Gesicht mit dem Baron von Fouras sprach. Einen Augenblick trat Monsignore Nani wieder zu ihm, um ihm mit seiner gefälligen Miene zwei andere Eminenzen, zwei wichtige und mächtige, hohe Persönlichkeiten, zu zeigen: den Kardinalvikar, einen dicken, kurz gewachsenen Mann, mit fieberhaftem, von Ehrgeiz verzehrtem Gesicht, und den robusten, knochigen, gleichsam wie mit einer Hacke zugehauenen Kardinalsekretär. Dieser besaß den romantischen Typus eines sizilianischen Banditen, der sich für die diskrete und lächelnde, kirchliche Diplomatie entschieden hat. Wenige Schritte weiter, ganz abseits, stand der Großpoenitentiarius, schweigsam, mit einer leidenden Miene, mit einem grauen und mageren Asketengesicht. Es hatte zwölf geschlagen. Plötzlich entstand eine falsche Freude, eine Bewegung, die wie eine tiefe Woge aus den zwei anderen Sälen hervordrang. Aber es waren nur die Thürhüter, die die Menge zurückdrängten, um für den Papst einen Durchgang frei zu machen. Da mit einemmale ertönten aus dem ersten Saale Zurufe, die wuchsen und näher kamen. Diesmal war es wirklich der Zug. Zuerst kam eine Abteilung der Schweizer Wache, von einem Sergeanten geführt – dann die Sesselträger in Rot – hierauf die Hofprälaten, darunter die vier bestallten Geheimkämmerer. Zuletzt schritt zwischen zwei Reihen Nobelgardisten in halber Gala ganz allein der heilige Vater, schwach lächelnd, rechts und links den Segen spendend. Mit ihm zugleich war der aus den Nebensälen aufsteigende Lärm in die Sala dei Beatificazione gedrungen; die Leidenschaft der Liebe schwoll zum Wahnsinn an, und unter der zarten, segnenden weißen Hand waren alle diese verstörten Geschöpfe auf beide Kniee niedergesunken. Auf dem Boden war nichts mehr zu sehen als zerschmettertes, wie durch das Erscheinen Gottes vernichtetes, frommes Menschenvolk. Hingerissen, war Pierre zugleich mit den anderen erbebt und auf die Kniee gefallen. Ach, diese Allmacht, diese unwiderstehliche Ansteckungskraft des Glaubens, des furchtbaren Odems von Jenseits, die sich in einer Dekoration und einem Pomp von majestätischer Grüße verzehnfachten! Dann, als sich Leo XIII., von den Kardinälen und seinem Hofe umgeben, auf den Thron gesetzt hatte, entstand tiefe Stille; und von nun an entwickelte sich die Zeremonie dem Brauch und Ritus gemäß. Zuerst sprach knieend ein Bischof, um die Huldigung der Getreuen der gesamten Christenheit Seiner Heiligkeit zu Füßen zu legen. Ihm folgte der Präsident des Komites, der Baron von Fouras; er verlas stehend eine lange Rede, in der er den Pilgerzug vorstellte, dessen Absichten erklärte und ihm den ganzen Ernst einer zugleich politischen und religiösen Demonstration verlieh. Dieser dicke Mann hatte eine dünne, schneidende Stimme, die wie ein Nagelbohrer knirschte; er sprach von dem Schmerze der katholischen Welt über die Beraubung des Heiligen Stuhles, unter der dieser seit einem Vierteljahrhundert litt, von dem Willen aller hier durch Pilger vertretenen Völker, das höchste und verehrte Haupt der Kirche zu trösten, indem sie ihm den Pfennig der Reichen und Armen, das Scherflein der Geringsten übersandten, damit das Papsttum stolz und unabhängig sein und seine Gegner verachten könne. Er sprach auch von Frankreich, beklagte seine Irrtümer, weissagte seine Rückkehr zu den gesunden Ueberlieferungen und gab stolz zu verstehen, daß es das reichste, das freigebigste Land war, von wo aus Gold und Geschenke in einem ununterbrochenen Strom nach Rom flossen. Endlich erhob sich Leo XIII. und antwortete dem Bischof und dem Baron. Seine Stimme war stark, sehr näselnd und überraschte, da sie aus einem so dünnen Körper kam. In wenigen Sätzen drückte er seine Dankbarkeit aus und sagte, wie sehr sein Herz durch diese Ergebenheit der Nationen gegen das Papsttum gerührt sei. Mochten die Zeiten auch schlecht sein – der endliche Sieg konnte nicht mehr lange ausbleiben. Sichtliche Zeichen verkündeten, daß die Völker zum Glauben zurückkehren, daß die Missethaten bald unter der allgemeinen Herrschaft Christi aufhören würden. Was Frankreich betraf – war es nicht die älteste Tochter der Kirche, hatte es dem Heiligen Stuhle nicht allzu viele Beweise von Liebe gegeben, als daß dieser je aufhören könne, es zu lieben? Dann erhob er die Arme und erteilte allen anwesenden Pilgern, den von ihnen vertretenen Gesellschaften und Werken, ihren Familien und Freunden, Frankreich und allen katholischen Nationen seinen apostolischen Segen zum Dank für die kostbare Hilfe, die sie ihm überbrachten. Wahrend er sich dann niederließ, brach ein rauschender, frenetischer Beifall los, der zehn Minuten lang dauerte, vermischt mit Vivatrufen, mit unartikulirten Schreien – ein Sturm entfesselter Leidenschaft, der den Saal erzittern ließ. Und während diese wütende Anbetung tobte, betrachtete Pierre Leo XIII., der wieder unbeweglich auf dem Throne saß. Angethan mit der päpstlichen Mütze und der roten, hermelinbesetzten Pelerine, in der langen weißen Sutane besaß er die hieratische Steifheit des Götzenbildes, das von zweimalhundertundfünfzig Millionen Christen verehrt wird. Auf dem purpurnen Hintergrund der Vorhänge des Baldachins, zwischen dieser flügelartigen Raffung der Draperien, wo etwas wie eine Glut der Verklärung brannte, nahm er eine wirkliche Majestät an. Das war nicht mehr der schwache Greis mit den ruckweisen Schrittchen und dem gebrechlichen Halse wie ein armer, kranker Vogel. Die affenartige Häßlichkeit des Gesichtes, die zu starke Nase, der zu weit geschlitzte Mund, die verschobenen und ausgetrockneten Züge verschwanden. In diesem wächsernen Gesichte war nichts zu unterscheiden als zwei wunderbare, schwarze und tiefe Augen voll ewiger Jugend, voll außerordentlichem Geist und Scharfsinn. Ein unwillkürliches Recken der ganzen Gestalt, das Bewußtsein, daß er die Ewigkeit repräsentire, ein königlicher Adel, der ihn umgab, riefen den Eindruck hervor, daß er nichts mehr sei, als ein Hauch, eine reine Seele in einem Körper aus Elfenbein, einem Körper so durchsichtig, daß man bereits die Seele zu sehen glaubte, wie sie sich von den Fesseln des Irdischen befreite. Nun fühlte Pierre, was ein solcher Mann, der Pontifex, der König über zweimalhundertundfünfzig Millionen gehorsamer Unterthanen, für diese frommen und leidenden Geschöpfe sein mußte, die aus so weiter Ferne kamen, um ihn anzubeten: der Glanz der Mächte, die er verkörperte, schmetterte sie zu seinen Füßen nieder. Hinter ihm, in dem Purpur der Vorhänge, that sich plötzlich das Jenseits auf, die Unendlichkeit des Idealen und der blendenden Verklärung! In einem einzigen Wesen, dem Auserkorenen, dem Einzigen, dem Uebermenschlichen verkörperten sich so viele Jahrhunderte der Geschichte seit dem Apostel Petrus, so viel Kraft, Genie, so viele Kämpfe und Siege! Und dann, welch Wunder, welch unaufhörlich erneutes Wunder: der Himmel ließ sich herbei in diesen menschlichen Körper hinabzusteigen, Gott wohnt in diesem Diener, den er sich aus der ungeheuren Menge der anderen Lebenden auserwählt und geheiligt hat, indem er ihm alle Macht und alles Wissen gab! Welch heilige Verwirrung! Welch Schrecken! Welch rasende Zärtlichkeit! Gott ist in einem Menschen, Gott schaut unablässig aus seinen Augen, spricht aus seiner Stimme, strömt aus jeder seiner segnenden Geberden aus! Wer stellt sich diese ungeheure, unumschränkte Macht eines unfehlbaren Monarchen vor – die vollständige Gewalt in dieser Welt und das Heil in der andern, ein sichtbarer Gott! Und wie begreiflich war es, daß die vom Glaubensbedürfnis verzehrten Seelen ihm zuflogen, daß diese Seelen in ihm ganz aufgingen, die endlich die so lange gesuchte Gewißheit fanden, den Trost, sich Gott selbst hinzugeben und in ihm zu verschwinden! Aber die Zeremonie näherte sich ihrem Ende. Der Baron von Fouras stellte dem heiligen Vater die Komitemitglieder, sowie einige andere bedeutende Teilnehmer des Pilgerzuges vor. Sie zogen langsam vorüber, bogen zitternd das Knie, küßten gierig den Pantoffel und den Ring. Dann wurden die Fahnen dargebracht, und Pierre krampfte sich das Herz zusammen, als er in der schönsten und reichsten eine Fahne von Lourdes erkannte. Ohne Zweifel wurde sie von den Vätern der Unbefleckten Empfängnis geschenkt. Auf der weißen, goldgestickten Seide war auf einer Seite die Jungfrau von Lourdes gemalt, während sich auf der andern das Porträt Leo XIII. befand. Er sah, wie der Papst seinem Bilde zulächelte, und kränkte sich sehr darüber, als bräche nun sein ganzer Traum von einem verständigen, evangelischen und von allem niederen Aberglauben befreiten Papste zusammen. In diesem Augenblick begegnete er abermals dem Blicke Monsignore Nanis, der ihn seit dem Beginn der Feier nicht aus den Augen ließ und seine geringsten Mienen mit der Neugierde eines Mannes studirte, der im Begriffe ist, ein Experiment zu machen. Der Prälat trat näher und sagte: »Die Fahne ist herrlich! Und wie mag sich Seine Heiligkeit freuen, daß er so schön gemalt und in Gesellschaft dieser hübschen heiligen Jungfrau ist.« Da der junge Priester erblaßte und nicht antwortete, fügte er mit einer Miene echt italienischer, frommer Freude hinzu: »Wir Römer lieben Lourdes sehr. Diese Geschichte von der Bernadette ist so entzückend!« Was nun geschah, war so außerordentlich, daß Pierre lange Zeit davon ganz verstört war. Er hatte in Lourdes unvergeßliche Schauspiele von Götzenanbetung, Scenen voll naiven Glaubens, voll verzweifelter, religiöser Leidenschaft gesehen, die ihn noch heute unruhig und schmerzlich erbeben ließen. Aber die Menge, die sich in die Grotte stürzte, die Kranken, die in Liebesraserei vor der Statue der Jungfrau verschieden, das ganze durch das Kontagium des Wunders wahnwitzig gewordene Volt – nichts, nichts ähnelte dem Wahnsinn, der die Pilger erfaßte und zu den Füßen des Papstes hinriß. Bischöfe, Ordensobere, Delegirte aller Gattungen traten vor, um an den Stufen des Thrones die Opfergaben der gesamten katholischen Welt, die die ganze Welt umfassende Sammlung des Peterspfennigs niederzulegen, Es war die freiwillige Steuer eines Volkes an seinen Herrscher. Silber, Gold, Banknoten in Würfen, in Geldbeuteln, in Brieftaschen. Dann kamen Damen, die auf die Kniee fielen, um selbstgestickte, seidene oder sammetne Geldbeutel darzubringen. Andere wieder hatten auf den Brieftaschen den Namenszug Leos XIII. in Diamanten anbringen lassen. Und einen Augenblick nahm die Exaltation derart zu, daß die Frauen sich gänzlich plünderten, ihre Börsen hinwarfen, bis auf die letzten Heller, die sie bei sich hatten. Eine sehr schöne, tiefbrünette, schlanke und große Frau riß die Uhr aus dem Halskragen ihres Kleides hervor, zog die Ringe ab und warf alles auf den Teppich der Estrade. Alle hätten sich das Fleisch abreißen mögen, um ihr vor Liebe brennendes Herz herauszureißen, um es ebenfalls hinzuwerfen, um sich selbst ganz und gar hinzuwerfen. Es war ein Regen von Geschenken, es war ein völliges hingeben, der Ausbruch der Leidenschaft, die sich zu Gunsten des verehrten Gegenstandes beraubt und ihr Glück darin sieht, nichts zu besitzen, was nicht ihm gehört. Das alles spielte sich inmitten eines wachsenden Lärmes ab, inmitten von erneuten Vivatrufen, von überlautem Huldigungsgeschrei, während ein immer heftigeres Gedränge entstand, da alle, Männer wie Frauen, dem unwiderstehlichem Bedürfnisse erlagen, den Götzen zu küssen. Ein Zeichen ward gegeben. Leo XIII. stieg eilig vom Thron und nahm seinen Platz im Zuge wieder ein, um in seine Gemächer zurückzukehren. Die Schweizer Wache hielt die Menge energisch zurück und bemühte sich, in den drei Sälen den Durchgang frei zu halten. Als aber die Menge sah, daß Seine Heiligkeit sich entfernte, wuchs das Murren der Verzweiflung, als schlösse sich der Himmel plötzlich vor denen, die ihm noch nicht hatten nahen können. Welch schreckliche Enttäuschung: Gott war sichtbar gewesen, und man verlor ihn, ehe man durch seine bloße Berührung das ewige Heil erwerben konnte! Das Gedränge war so schrecklich, daß die außerordentlichste Verwirrung herrschte und die Schweizer Wache hinwegfegte. Man sah Frauen, die dem Papste nachstürzten, auf allen vieren auf den marmornen Fliesen krochen, um dort seine Spuren zu küssen, um den Staub seiner Schritte zu trinken. Die große, brünette Dame, die am Rande der Estrade niedergefallen war, sank in Ohnmacht, indem sie einen lauten Schrei ausstieß; zwei Herren vom Komite hielten sie, damit sie sich in dem Nervenanfalle, in dem sie sich wand, nicht verletze. Eine andere Dame, eine dicke Blondine, klammerte sich an eine der vergoldeten Armlehnen des Thrones, auf der der dürftige, gebrechliche Ellenbogen des Greises geruht hatte, und verzehrte sie mit rasenden Küssen. Andere bemerkten das, machten sie ihr strittig, bemächtigten sich der beiden Armlehnen, des Sammets und preßten den Mund auf das Holz, auf den Stoff, während ihr Körper von lautem Schluchzen geschüttelt ward. Man mußte Gewalt anwenden, um sie davon loszureißen. Als es zu Ende war, erwachte Pierre wie aus einem drückenden Traum; es schauerte ihn, seine Vernunft empörte sich. Und da begegnete er wieder dem Blicke Monsignore Nanis, der nicht von ihm wich. »Eine herrliche Zeremonie, nicht wahr?« sagte der Prälat. »Das tröstet für viele Missethaten.« »Ja, gewiß, aber welche Abgötterei,« murmelte der Priester. Er konnte sich nicht beherrschen. Monsignore Nani lächelte bloß, ohne das Wort aufzugreifen, als hätte er es nicht gehört. In diesem Augenblicke traten die beiden französischen Damen, denen er Karten gegeben hatte, heran, um ihm zu danken. Pierre erkannte in ihnen zu seiner Ueberraschung die beiden Besucherinnen aus den Katakomben, Mutter und Tochter, die beide so schön, so heiter und so gesund waren. Uebrigens hatten diese Damen sich nur für das Schauspiel begeistert. Sie seien, erklärten sie, sehr froh, das gesehen zu haben; es sei ganz erstaunlich und stünde einzig in der Welt da. Plötzlich, während die Menge sich langsam verzog, fühlte Pierre, daß jemand ihn an der Schulter berühre, und erblickte Narcisse Hubert. Auch dieser war sehr begeistert. »Mein lieber Abbé, ich habe Ihnen Zeichen gemacht, aber Sie sahen mich nicht. Nicht wahr, diese brünette Frau war wunderbar, wie sie steif, mit kreuzweise ausgebreiteten Armen hinfiel! Ein Meisterwerk der Primitiven! Ein Cimabue, ein Giotto, ein Fra Angelico! Und die anderen, die die Armlehnen des Thrones mit Küssen verschlangen – was für eine Gruppe von Anmut, Schönheit und Liebe ... Ich fehle nie bei diesen Zeremonien. Es gibt immer ganze Seelengemälde und -schauspiele zu sehen.« Die ungeheure Flut der Pilger floß langsam, noch von dem Schauer des brennenden Fiebers geschüttelt, die Treppe hinab. Pierre, gefolgt von Monsignore Nani und Narcisse, die mit einander zu sprechen begonnen hatten, dachte nach, während der Aufruhr der Gedanken in seinem Gehirn tobte. Gewiß, es war etwas Großes und Schönes um diesen Papst, der sich in seinem Vatikan eingemauert hatte, der in der Anbetung und der heiligen Ehrfurcht der Menschen immer höher stieg, je mehr er ein reiner Geist, eine rein moralische, von aller weltlichen Sorge befreite Macht ward. Es lag darin etwas Vergeistigtes, ein Aufschwung ins Ideale, die ihn tief bewegten; denn sein Traum von einem verjüngten Christentum beruhte ja auf dieser geläuterten, rein geistigen Macht des höchsten Hauptes. Er hatte eben festgestellt, was dieser Papst des Jenseits dadurch an Majestät und Macht gewann – dieser Papst, zu dessen Füßen die Frauen ohnmächtig wurden, weil sie hinter ihm Gott sahen. Aber in derselben Minute fühlte er, wie sich mit einemmale die Geldfrage erhob und seine Freude verdarb. Wenn auch das notgedrungene Aufgeben der weltlichen Macht den Papst größer gemacht hatte, indem es ihn von den Schwierigkeiten eines unablässig bedrohten, kleinen Königs befreite, so blieb doch das Bedürfnis nach Geld noch wie ein Bleigewicht an seinen Füßen hängen und fesselte ihn an die Erde. Da er die Subvention des italienischen Königreiches nicht annehmen konnte, hätte die wirklich rührende Idee des Peterspfennigs den Heiligen Stuhl vor jeder materiellen Sorge retten müssen: unter der Bedingung freilich, daß dieser Peterspfennig in Wirklichkeit der Heller des Katholiken, das Scherflein jedes Gläubigen sei, das von dem täglichen Brote abgespart, direkt nach Rom geschickt wird, direkt aus der geringen gehenden Hand in die erhabene empfangende Hand gelangt. Abgesehen davon, müßte eine solche freiwillig von der Herde an den Hirten entrichtete Steuer für den Unterhalt der Kirche genügen, wenn jeder der zweimalhundertundfünfzig Millionen Christen bloß seinen Heller wöchentlich gäbe. Derart würde der Papst allen, jedem einzelnen seiner Kinder und daher niemand verpflichtet sein. Ein Pfennig ist so wenig und so bequem, so rührend! Leider ging die Sache ganz anders zu. Der größte Teil der Katholiken gab gar nichts; reiche Leute schickten große Summen aus politischer Leidenschaft, und vor allem wurden die Opfergaben in den Händen der Bischöfe und gewisser Kongregationen zentralisirt, so daß diese Bischöfe, diese mächtigen Kongregationen als die wirklichen Geber erschienen und daher offen die Wohlthäter des Papsttums, die unentbehrlichen Kassen wurde«, aus denen es sein Leben schöpfte. Die Armen und Einfältigen, deren Scherflein den Opferstock füllten, wurden gleichsam beiseite gedrückt; der Papst hing von den Vermittlern, von hohen weltlichen oder geistlichen Herren ab und war daher gezwungen, sie mit Rücksicht zu behandeln, ihre Vorstellungen anzuhören, manchmal sogar ihren Leidenschaften zu gehorchen, wenn er die Gaben nicht versiegen sehen wollte. Trotzdem er also von dem toten Gewicht der weltlichen Macht befreit war, war er doch nicht frei; er war von seinem Klerus abhängig und mußte allzu viele Interessen und Begierden in Anschlag bringen, als daß er der stolze, lautere, rein geistige Herr hatte sein können, der Herr, der im Stande gewesen wäre, die Welt zu retten. Und Pierre erinnerte sich an die Grotte von Lourdes in den Gärten, an die Fahne von Lourdes, die er eben gesehen hatte; er wußte auch, daß die heiligen Vater von Lourdes jedes Jahr den Betrag von zweimalhunderttausend Franken von den Einnahmen ihrer Jungfrau abzogen, um sie dem heiligen Vater zum Geschenke zu schicken. Lag darin nicht der Hauptgrund ihrer Allmacht? Er erbebte und war sich plötzlich bewußt, daß er trotz seiner Anwesenheit in Rom, trotz der Stütze des Kardinals Bergerot geschlagen, daß sein Buch verdammt werden würde. Zuletzt, als er hinter dem Gedränge der Pilger auf den Platz vor St. Peter trat, hörte er, wie Narcisse fragte: »Also glauben Sie wirklich, daß die Geschenke heute diesen Betrag überschritten haben?« »O, ich bin ganz überzeugt. Es sind mehr als drei Millionen,« antwortete Monsignore Nani. Alle drei blieben einen Augenblick unter der rechten Kolonnade stehen und betrachteten den ungeheuren, sonnebeschienenen Platz, wo sich die dreitausend Pilger wie kleine, schwarze Flecken ausbreiteten. Die aufgeregte Menge sah wie ein in Revolution befindlicher Ameisenhaufen aus. Drei Millionen! Diese Zahl klang Pierre in den Ohren. Er hob den Kopf und sah die von der Sonne ganz vergoldeten, in das unendliche Himmelsblau ragenden Fassaden des Vatikans auf der andern Seite des Platzes an, als wolle er durch die Mauern hindurch Leo XIII. folgen, wie er durch die Galerien und durch die Säle in sein Gemach zurückkehrte, dessen Fenster er da oben erblickte. Im Geiste sah er, wie er sich mit den drei Millionen belud, sie mit sich trug, mit den gebrechlichen Armen an die Brust drückte: Alles, das Gold, das Silber, die Banknoten, bis zu den Juwelen, die die Frauen hingeworfen hatten. Und auf einmal sprach er unbewußt ganz laut. »Was wird er denn mit diesen vielen Millionen machen? Wohin geht er damit?« Narcisse und sogar Monsignore Nani vermochten ihre Belustigung über diese derart zum Ausdruck kommende Neugierde nicht zu unterdrücken. Doch nur der junge Mann antwortete: »Seine Heiligkeit nimmt sie in sein Zimmer mit oder läßt sie wenigstens vor sich her tragen. Sahen Sie denn nicht, wie zwei Personen aus dem Gefolge alles aufhoben, alle Taschen und Hände voll hatten? Und jetzt hat sich Seine Heiligkeit ganz allein eingeschlossen; er hat das Gefolge verabschiedet und sorgfältig die Riegel an den Thüren vorgeschoben. Wenn Sie ihn nun hinter diesen Mauern erblicken konnten, so würden Sie sehen, wie er seinen Schatz mit glücklicher Sorgfalt zählt und wieder zählt, die Goldrollen in Ordnung bringt, die Banknoten in kleinen gleichen Päckchen in Couverts steckt und zuletzt alles in geheimen Fächern, die nur ihm allein bekannt sind, ordnet und verschwinden laßt.« Während Narcisse sprach, hatte Pierre abermals die Augen zu den Fenstern des Papstes aufgeschlagen, als verfolge er die Scene. Der junge Mann setzte seine Erklärungen fort; er sagte, daß im Zimmer, an der rechten Wand, sich ein gewisses Möbelstück befinde, wo das Gold aufbewahrt werde. Manche erzählten auch von den tiefen Schubladen eines Schreibtisches, andere behaupteten wieder, daß das Geld im Hintergrunde des sehr geräumigen Alkovens in großen, mit Vorhängeschlössern versehenen Koffern ruhe. Links von dem zu den Archiven führenden Korridor befand sich wohl ein großes Zimmer, wo sich der Generalkassier aufhielt, und wo sich ein monumentaler Geldschrank mit drei Abteilungen befand. Das war jedoch das Geld vom Erbgut Petri, von den administrativen Einnahmen aus Rom; das Geld vom Peterspfennig, von den gesamten Spenden der Christenheit hingegen ruhte in den Händen Leos XIII. Er allein kannte genau ihren Betrag; er allein lebte mit diesen Millionen, über die er als unumschränkter Herr verfügte, ohne jemand Rechenschaft abzulegen. Er verließ daher auch nicht sein Zimmer, wenn die Dienerschaft aufräumte. Nur widerstrebend willigte er ein, auf der Schwelle des Nebenzimmers stehen zu bleiben, um den Staub zu vermeiden. Wenn er für einige Stunden fortging, in die Garten hinab steigen mußte, so verschloß er die Thüren doppelt und nahm die Schlüssel mit sich, die er niemals jemand anvertraute. Narcisse hielt inne und wandte sich zu Monsignore Nani. »Nicht wahr, Monsignore, das sind Thatsachen, die ganz Rom kennt?« Der Prälat schüttelte den Kopf, ohne Zustimmung oder Mißbilligung auszusprechen. Er hatte wieder begonnen, das Gesicht Pierres zu beobachten, um die Wirkung dieser Geschichten darauf zu lesen. »Gewiß, gewiß, man erzählt sich so vieles! ... Ich weiß es nicht, aber da Sie es wissen, Herr Habert ...« »O,« fuhr dieser fort, »ich beschuldige Seine Heiligkeit nicht, so schmutzig geizig zu sein, wie das Gerücht behauptet. Es zirkuliren Märchen von goldgefüllten Koffern, vor denen er ganze Stunden zubringen soll, um die Hände hineinzutauchen – von Schätzen, die in Winkeln aufgehäuft sind, damit er sich das Vergnügen machen kann, sie unablässig zu zählen. Aber man kann doch zugestehen, daß der heilige Vater trotz allem das Geld an und für sich ein wenig liebt, daß es ihm, wenn er allein ist, Vergnügen macht, es zu berühren und zu ordnen. Das ist bei einem Greise, der keine andere Zerstreuung hat, eine wohl entschuldbare Manie. Ich beeile mich, hinzuzufügen, daß er das Geld noch viel mehr wegen der ihm innewohnenden sozialen Kraft liebt, wegen der entscheidenden Stütze, die es dem Papsttum von morgen leihen muß, wenn es siegen will.« Da erhob sich vor Pierre die hohe Gestalt dieses vorsichtigen und weisen Papstes, der sich der modernen Bedürfnisse bewußt, der geneigt war, die Kräfte des Jahrhunderts zu benützen, um es zu erobern, der Geschäfte machte, ja sogar durch einen Bankerott beinahe den von Pius IX. hinterlassenen Schatz verloren hatte, und nun die Bresche ausbessern, den Schatz wieder herstellen wollte, um ihn fest und vergrößert seinem Nachfolger zu hinterlassen. Ja, er war sparsam, aber nur für die Bedürfnisse der Kirche, die, wie er fühlte, ungeheuer waren, mit jedem Tage größer wurden und für sie eine Lebensfrage bedeuteten, wenn sie den Atheismus auf dem Felde der Schule, der Institutionen und Verbindungen aller Art bekämpfen wollte. Ohne Geld war sie nichts mehr als eine Vasallin, abhängig von der Gnade der bürgerlichen Mächte, des Königreichs Italien und der anderen katholischen Nationen. Daher kam es, daß er trotz seiner Wohlthätigkeit, trotzdem er nützliche Werke, die dem Glauben zum Triumphe verhelfen, freigebig unterstützte, zwecklosen Ausgaben verächtlich aus dem Wege ging und sowohl gegen sich selbst wie gegen andere eine hochmütige Härte an den Tag legte. Persönlich war er bedürfnislos. Gleich in der ersten Zeit seines Pontifikats hatte er sein kleines Privatvermögen gänzlich von dem reichen Vermögen des Heiligen Stuhles geschieden und weigerte sich, dem letzteren irgend etwas zu entnehmen, um den Seinigen zu helfen. Noch nie ist ein Papst so wenig unter dem Nepotismus gestanden; seine drei Neffen und seine beiden Nichten sind arm und befinden sich in großer Geldverlegenheit. Er hörte weder auf Klatsch noch auf Klagen oder Beschuldigungen, blieb unzugänglich und fest und verteidigte die Millionen des Papsttums rauh gegen die vielen gierigen Gelüste, gegen seine Umgebung und gegen seine Familie. Er setzte seinen Stolz darein, dem künftigen Papst die unbesiegbare Waffe, das Leben spendende Geld, zu hinterlassen. »Aber worin bestehen eigentlich die Einnahmen und worin die Ausgaben des Heiligen Stuhles?« fragte Pierre. Monsignore Nani beeilte sich, seine liebenswürdige, ausweichende Geberde zu wiederholen. »O, in diesen Dingen bin ich von einer Unwissenheit ... Wenden Sie sich an Herrn Hubert, er ist ja so gut unterrichtet.« »Mein Gott,« meinte dieser, »ich weiß, was alle Welt in den Botschaften weiß, was einer dem andern sagt. Bezüglich der Einnahmen muß man nun Unterschiede machen. Zuerst war der Schatz da, den Pius IX. hinterlassen hatte, etwa zwanzig, auf verschiedene Weise untergebrachte Millionen, die beiläufig eine Rente von einer Million eintragen. Aber, wie ich Ihnen bereits sagte, ist ein Unglück dazugekommen; man behauptet, daß es jetzt beinahe wieder gut gemacht worden ist. Dann, außer den festen Einkünften des angelegten Kapitals, kommen noch ein paar hunderttausend Franken hinzu, die in guten wie in schlechten Jahren die Kanzleirechte aller Arten, die Adelstitel und die tausend kleinen Steuern, die man den Kongregationen zahlt, liefern. Da jedoch das Ausgabenbudget sieben Millionen übersteigt, so begreifen Sie wohl, daß man jedes Jahr sechs schaffen mußte; ganz entschieden lieferte sie der Peterspfennig – vielleicht nicht alle, wohl aber drei oder vier, mit denen man spekulirte, um sie zu verdoppeln und auszukommen. Es würde zu lang dauern, Ihnen diese Geschichte der Spekulationen des Heiligen Stuhles seit etwa fünfzehn Jahren zu erzählen. Anfangs gab es ungeheure Gewinnste, dann kam die Katastrophe, die beinahe alles mitgerissen hätte, und zuletzt die Beharrlichkeit in den Geschäften, die die Löcher nach und nach verstopfte. Wenn Sie neugierig sind, sie kennen zu lernen, so werde ich sie Ihnen eines Tages erzählen.« Pierre hörte mit großem Interesse zu. »Sechs Millionen,« rief er, »oder auch vier! Was bringt also der Peterspfennig ein?« »Ich sagte Ihnen doch schon, das hat nie jemand genau erfahren. Einst veröffentlichten die katholischen Zeitungen die Listen und Ziffern der Opfergaben; man konnte dadurch zu einer gewissen Abschätzung gelangen. Aber zweifellos hat man dies nicht für gut befunden, denn nun erscheint kein Dokument darüber, und es ist radikal unmöglich geworden, sich auch nur eine Idee über das, was der Papst erhält, zu bilden. Ich wiederhole Ihnen, er allein kennt den Totalbetrag; er allein bewahrt das Geld und verfügt als unumschränkter Herr darüber. Man kann annehmen, daß die Spenden in guten Jahren vier bis fünf Millionen getragen haben. Frankreich lieferte früher die Hälfte dieser Summe; aber jetzt schickt es sicherlich weniger. Amerika gibt gleichfalls sehr viel. Dann kommen Belgien und Oesterreich, England und Deutschland. Was Spanien und Italien betrifft ... Ach, Italien!« Er lächelte, indem er Monsignore Nani anblickte. Dieser wiegte fromm den Kopf mit der Miene eines Mannes, der hocherfreut ist, seltsame Dinge zu erfahren, von denen er niemals auch nur eine Ahnung hatte. »Weiter, weiter, mein lieber Sohn.« »Ach, Italien zeichnet sich gar nicht aus. Wenn der Papst nur von den Geschenken der italienischen Katholiken leben müßte, würde im Vatikan bald Hungersnot herrschen. Man kann sogar sagen, daß der römische Adel, weit davon entfernt, ihm zu Hilfe zu kommen, ihm sehr viel gekostet hat; denn eine Hauptursache seiner Verluste bestand darin, daß er den spekulirenden Fürsten Geld lieh. In Wirklichkeit sind es nur Frankreich und England, von wo reiche Private und Grandseigneurs dem Papste, dem Gefangenen, dem Märtyrer, königliche Gaben senden. Man führt einen englischen Herzog an, der jedes Jahr infolge eines Gelübdes eine beträchtliche Opfergabe brachte, um vom Himmel die Heilung eines unglücklichen, blöde gewordenen Sohnes zu erlangen. Ich rede gar nicht von der außerordentlichen Ernte des Priester- und Bischofsjubiläums, von den vierzig Millionen, die damals zu den Füßen des Papstes niederströmten.« »Und die Ausgaben?« fragte Pierre. »Ich habe es Ihnen doch schon gesagt, sie belaufen sich auf beiläufig sieben Millionen. Zwei Millionen kann man für die Gnadengehälter rechnen, die ehemaligen Dienern der päpstlichen Regierung, die sich weigerten, Italien zu dienen, gezahlt werden; es muß jedoch hinzugefügt werden, daß dieser Betrag jedes Jahr infolge natürlicher Verminderung abnimmt ... Dann wollen wir im großen und ganzen eine Million für die italienischen Diözesen rechnen, eine Million für das Sekretariat und die Nuntiaturen, eine Million für den Vatikan. Unter diesem letzten Posten verstehe ich die Ausgaben für den päpstlichen Hof, für die militärische Wache, die Museen, die Instandhaltung des Palastes und der Basilika. Wir halten bei fünf Millionen, nicht wahr? Rechnen Sie die zwei anderen für die Subventionen der Propaganda und vor allem der Schulen, die Leo XIII. mit seinem hohen praktischen Verständnis stets sehr freigebig unterstützt; denn er wird von dem richtigen Gedanken geleitet, daß der Kampf, der Triumph der Religion bei den Kindern ist, die die Männer von morgen sein und ihre Mutter, die Kirche, verteidigen werden, wenn man es versieht, ihnen Grauen vor den abscheulichen Lehren des Jahrhunderts einzuflößen.« Ein Schweigen entstand. Die drei Männer blieben unter der majestätischen Kolonnade stehen, wo sie langsam auf und ab wandelten. Nach und nach hatte sich die wimmelnde Menge von dem Platze verzogen, und auf dem brennend heißen, einsamen, gleichmäßigen Pflaster war nichts mehr zu sehen als der Obelisk und die zwei Springbrunnen, während sich auf dem Sims des gegenüberliegenden Portikus im hellen Sonnenlicht die Statuen in einer edlen, unbeweglichen Ruhe hinzogen. Und einen Augenblick glaubte Pierre, der die Augen noch immer auf die Fenster des Papstes gerichtet hielt, ihn abermals inmitten des rieselnden Goldes zu sehen, von dem man ihm erzählte – glaubte er zu sehen, wie sich sein ganzer, weißer, reiner Körper, sein ganzer, dürftiger, durchsichtiger Wachsleib in diesen Millionen badete, die er versteckte, die er zählte, die er nur zum Ruhme Gottes ausgab. »Er hat also keine Sorgen,« murmelte er, »er ist nicht in Verlegenheit?« »In Verlegenheit, in Verlegenheit!« rief Monsignore Nani. Das Wort brachte ihn derart außer sich, daß er aus seiner diplomatischen Verschwiegenheit heraustrat. »Mein lieber Sohn, jeden Monat, wenn der Schatzmeister, Kardinal Mocenni, zu Seiner Heiligkeit kommt, gibt er ihm die Summe, die er fordert; und er wird sie ihm geben, wenn sie noch so hoch ist. Gewiß war er so weise, große Ersparnisse zu machen, der Schatz von St. Peter ist größer denn je. In Verlegenheit, in Verlegenheit! Herr Jesus! Wissen Sie denn nicht, daß, wenn der Papst, falls unglückliche Umstände eintreten, morgen einen direkten Ruf an die Liebe aller seiner Kinder, der Katholiken der gesamten Welt ergehen läßt, daß dann eine Milliarde zu seinen Füßen niederfallen würde, gerade so wie dieses Geld, wie diese Juwelen, die vorhin auf die Stufen seines Thrones niederregneten?« Plötzlich wurde er wieder ruhig und lächelte abermals auf seine hübsche Weise. »So habe ich wenigstens manchmal sagen hören; denn ich selbst weiß nichts, gar nichts. Es ist ein Glück, daß Herr Habert gerade hier ist, um Sie aufzuklären. Ach, Herr Habert, Herr Habert! Und ich war immer der Meinung, daß Sie ganz und gar in der Kunst aufgehen und von den niedrigen, irdischen Interessen himmelweit entfernt sind! Wirklich, Sie verstehen sich auf diese Dinge wie ein Bankier und ein Notar. Nichts ist Ihnen unbekannt, gar nichts. Es ist wirklich wunderbar.« Narcisse mußte die feine Ironie herausfühlen; denn in der That steckte in ihm hinter dem erkünstelten Florentiner, hinter dem engelhaften Jüngling mit dem langen, gelockten Haar und den malvenfarbigen Augen, die sich vor Botticelli umflorten, ein praktischer, in Geschäften sehr erfahrener Junge, der sein Vermögen bewunderungswürdig verwaltete und sogar ein wenig geizig war. Er begnügte sich, mit matter Miene halb die Lider zu schließen. »Ach,« murmelte er, »dies alles sind nur Träumereien; meine Seele ist anderswo.« »Nun, ich bin nur glücklich, daß Sie einem so schönen Schauspiele beiwohnen konnten,« fuhr Monsignore Nani fort, indem er sich zu Pierre wandte. »Noch ein Paar solche Gelegenheiten, und Sie werden alles selbst gesehen und verstanden haben, was sicherlich mehr wert ist als alle Erklärungen der Welt. Versäumen Sie also nur nicht morgen die große Zeremonie in St. Peter. Es wird prächtig sein, und ich bin überzeugt, Ihnen Stoff zu ausgezeichneten Betrachtungen zu geben. Doch nun muß ich Sie verlassen; ich bin entzückt von der guten Stimmung, in der ich Sie sehe.« Seine forschenden Augen schienen mit einem letzten Blick freudig die Erschöpfung und Unsicherheit festzustellen, die sich auf dem erblaßten Gesichte Pierres malte. Als er fort war, als auch Narcisse mit einem leichten Händedruck sich verabschiedet hatte und der junge Priester nun allein war, fühlte er eine dumpfe, zornige Empfindung des Protestes in sich aufsteigen. Die gute Stimmung, in der er sich befand! Was für eine gute Stimmung? Hoffte dieser Nani, ihn müde zu machen, ihn zur Verzweiflung zu treiben, indem er ihn immer wieder an Hindernisse stoßen ließ, um ihn dann ganz leicht zu besiegen? Zum zweitenmale hatte er das plötzliche, flüchtige Gefühl, daß rings um ihn heimlich Anstrengungen gemacht würden, um ihn zu umzingeln und zu zerbrechen. Aufflutender Stolz ließ ihn geringschätzig darauf herabsehen; er glaubte fest an seine Widerstandskraft. Abermals schwor er sich, nie nachzugeben, sein Buch nie zurückzuziehen, was immer auch geschehen mochte. Wenn man bei einem Entschluß verharrt, ist man unbezwinglich. Was liegt an den Entmutigungen und Bitterkeiten! Aber ehe er den Platz überschritt, hob er noch einmal den Blick zu den Fenstern des Vatikans auf, und alles faßte sich ihm zusammen: es blieb nichts übrig als dieses Geld, dessen schweres, notwendiges Gewicht die letzte Fessel war, die den heutigentags von den niedrigen Sorgen der weltlichen Herrschaft befreiten Papst noch an die Erde fesselte – dieses Geld, das ihn verpflichtete, das vor allem durch die Art, in der es gegeben ward, etwas Schlechtes geworden war. Dann wurde er trotzdem wieder froh gestimmt, indem er bedachte, daß, wenn darin einzig und allein eine Begriffsfrage lag, sein Traum von einem rein geistigen Papst, der das Gesetz der Liebe, das geistige Haupt der Welt sei, nicht ernstlich gefährdet werde. In der glücklichen Erregung über das außerordentliche Schauspiel, das er gesehen hatte, wollte er nichts mehr als hoffen: ja, dieser schwächliche Greis strahlte wie das Symbol der menschlichen Befreiung; die Mengen gehorchten ihm und beteten ihn an, und einzig in seiner Hand lag die moralische Allmacht, endlich Liebe und Frieden auf Erden regieren zu lassen. Glücklicherweise besaß Pierre für die Zeremonie am nächsten Tage eine rosa Karte, die ihm einen Platz auf einer reservirten Tribüne sicherte; denn das Gedränge vor den Thoren der Basilika war von sechs Uhr morgens ab entsetzlich. Man hatte die Vorsicht gehabt, das Gitter bereits zu dieser Stunde zu öffnen, obwohl die Messe, die der Papst in eigener Person lesen sollte, erst auf zehn Uhr angesetzt war Die Zahl der dreitausend Gläubigen, aus denen der internationale Pilgerzug des Peterspfennigs bestand, wurde von allen zurzeit in Italien weilenden Touristen verzehnfacht, da sie alle nach Rom geeilt waren, um eine jener großen, nun so seltenen päpstlichen Feierlichkeiten zu sehen. Dazu kam noch Rom selbst, die Gläubigen, die Anhänger, die der Heilige Stuhl dort, wie in den anderen großen Städten des Königreiches besaß, und die sich alle beeilten, zu demonstriren, sobald sich nur eine Gelegenheit dazu bot. Nach der Anzahl der ausgegebenen Karten machte man sich auf einen Zufluß von vierzigtausend Zuschauern gefaßt. Als nun Pierre um neun Uhr über den Platz schritt, um sich von der Via S. Marta zur Porta Canonica zu begeben, wo die rosa Karten abgenommen wurden, da sah er noch unter dem Portikus der Fassaden den endlosen Schweif, der sich sehr langsam vorwärts bewegte. Herren im schwarzen Frack, Mitglieder eines katholischen Klubs, liefen in der Sonne hin und her, um mit Hilfe einer Abteilung päpstlicher Gendarmen die Ordnung aufrecht zu erhalten. Mehrmals entstand in der Menge heftiger Streit, und inmitten unfreiwilligen Gedränges wurden sogar Fauststöße gewechselt. Es herrschte eine erstickende Hitze; zwei Frauen wurden halb zerquetscht vom Platze getragen. Beim Eintritt in die Basilika wurde Pierre unangenehm überrascht. Das ungeheure Schiff war ganz bekleidet. Ueberzüge aus altem, rotem Damast mit goldenen Tressen umhüllten die fünfundzwanzig Meter hohen Säulen und Pilaster, und auch die Verlängerung der Seitenschiffe war mit demselben Stoff verhüllt. Das Verstecken dieses prunkhaften Marmors, dieser ganzen, blendenden Ausschmückung unter dieser alten, verblichenen Seide bewies wirklich einen seltsamen Geschmack und machte den Eindruck eines erkünstelten und armseligen Putzes. Aber er erstaunte noch mehr, als er bemerkte, daß auch die Bronzestatue des St. Petrus gleich einem lebenden Papst mit prächtigen päpstlichen Gewändern bekleidet war, und daß auf dem metallenen Kopf eine Tiara saß. Er hätte nie gedacht, daß man Statuen ankleiden könne, um sie zu ehren oder um den Augen eine Weide zu bieten; das Ergebnis kam ihm auch traurig vor. Der heilige Vater sollte die Messe am päpstlichen Altar der Konfession, am Hochaltar unter dem Dome lesen. Am Eingang des linken Querschiffes stand auf einer Estrade der Thron, auf dem er dann Platz nehmen sollte. Zu beiden Seiten des Mittelschiffes hatte man Tribünen für die Sänger der Sixtinischen Kapelle, das diplomatische Corps, die Malteserritter, den römischen Adel und die Eingeladenen aller Arten errichtet. In der Mitte vor dem Altar befanden sich nur drei Reihen rotbelegter Bänke; die erste war für die Kardinäle, die beiden anderen waren für die Bischöfe und die Prälatenschaft des päpstlichen Hofes bestimmt. Alle übrigen Zuschauer mußten stehen bleiben. Ach, dieses ungeheure Monstrekonzertpublikum, diese dreißig-, diese vierzigtausend Gläubigen aus aller Herren Länder, die sich, brennend vor Neugierde, Leidenschaft und Glauben, hin und her bewegten, stießen, reckten, um inmitten des lauten Gebrauses der menschlichen Flut besser zu sehen! Alles ging mit Gott vertraulich und heiter um, als hätte man sich in irgend einem Theater befunden, wo es erlaubt ist, laut zu sprechen und sich an dem Schauspiel frommen Pompes zu erlustigen. Pierre wurde davon anfangs betroffen, denn er kannte nur das ruhige und schweigsame Niederknieen im Hintergrunde düsterer Kathedralen, er war nicht an diese Religion des Lichtes gewöhnt, deren Glanz eine Zeremonie in ein Fest verwandelte. Auf der Tribüne, wo sich sein Platz befand, war er von Herren im Frack und Damen in schwarzer Toilette umgeben, die wie in der Oper Gucker in der Hand hielten. Es waren sehr viele fremde Damen anwesend, Deutsche, Engländerinnen, besonders entzückende Amerikanerinnen, anmutig wie unbesonnene, geschwätzige Vögel. Zu seiner Linken, auf der Tribüne des römischen Adels, erkannte er Benedetta und ihre Tante, Donna Serafina; dort hoben sich die großen Spitzenschleier scharf von der vorgeschriebenen Einfachheit der Tracht ab und wetteiferten mit einander um den Preis der Eleganz und Kostbarkeit. Rechts von ihm lag die Tribüne der Malteserritter, wo sich der Großmeister des Ordens in einer Gruppe von Kommandeuren befand; ihm gegenüber auf der andern Seite des Schiffes dagegen, auf der Tribüne der Diplomaten, bemerkte er die Botschafter aller katholischen Nationen in großer Gala, funkelnd vor Goldstickereien. Aber er kehrte immer wieder zu der Menge, zu der großen, unbestimmten, wogenden Menge zurück, in der sich die dreitausend Pilger unter den Tausenden anderer Gläubigen gleichsam verloren hatten. Trotzdem war die Basilika, die mit Leichtigkeit achtzigtausend Menschen fassen konnte, nur zur Hälfte von dieser Menge gefüllt; er sah, daß sie frei längs der Seitenschiffe sich bewegte und sich zwischen den Säulen staute, von wo das Schauspiel am leichtesten zu verfolgen war. Man sah Leute, die Geberden machten, und aus dem fortwährenden, dröhnenden Gemurmel der Gespräche erhoben sich einzelne Rufe. Durch die hohen Fenster fielen breite Sonnenstrahlen, färbten die roten Damastbehänge blutigrot und beleuchteten die stürmisch bewegten, vor Ungeduld fiebernden Gesichtet wie mit dem Widerschein eines Brandes. Die Kerzen, die siebenundachtzig Lampen der Konfession nahmen sich in dieser Helligkeit wie blasse Nachtlämpchen aus. Es war nichts mehr als der weltliche Staat des kaiserlichen Gottes der römischen Pracht. Plötzlich entstand ein falscher Freudenlärm. Ein Geschrei erhob sich und lief in der Menge von einem zum andern: »Eccolo! Eccolo! Da ist er! Da ist er!« Nun entstand ein Gedränge; Gegenströmungen Wirbelten die menschliche Flut auf; alles streckte den Hals vor, reckte sich und stürzte wie rasend vorwärts, um Seine Heiligkeit und den Zug zu sehen. Aber es war nur erst eine Abteilung Nobelgardisten, die sich rechts und links vom Altar aufstellten. Man bewunderte sie jedoch und begleitete sie auf dem Wege mit einem schmeichelhaften Gemurmel, das ihrer schönen Haltung, ihrer übertriebenen militärischen Unbeweglichkeit und Steifheit galt. Eine Amerikanerin erklärte, sie seien herrliche Männer. Eine Römerin teilte einer Freundin, einer Engländerin, Näheres über dieses Elitecorps mit. Sie sagte, daß sich einst die jungen Leute der Aristokratie eine Ehre daraus gemacht hätten, ihm anzugehören, weil es sie freute, die reichen Uniformen vor den Damen zu tummeln; jetzt werde die Anwerbung jedoch so schwer, daß man sich mit schönen Jünglingen von zweifelhaftem und zu Grunde gerichtetem Adel begnügen müsse, die über den kärglichen Sold, der ihnen das Leben ermögliche, froh wären. Noch eine volle Viertelstunde dauerten diese Privatgespräche und erfüllten die hohen Schiffe mit ihrem lauten Lärm. Man glaubte sich unter einem ungeduldigen Publikum zu befinden, das sich in Erwartung des Schauspiels damit zerstreute, die Leute zu betrachten und sich ihre Geschichte zu erzählen. Endlich erschien der Zug. Das war die große, erwartete Merkwürdigkeit, der Pomp, dessen Vorüberziehen sehnlichst gewünscht wurde, um ihm zuzujubeln. Und als er erschien, brach wie in einem Theater beim Auftreten eines beliebten Schauspielers in der großen Rolle, die alle Herzen aufrührt, ein wütender Beifall los, der in die Höhe stieg und sich unter dem Gewölbe fortwälzte. Uebrigens hatte man auch ganz wie im Theater dieses Erscheinen klug geregelt, damit es inmitten der prächtigen Umgebung seine ganze Wirkung thue. Der Zug hatte sich in der Coulisse, in der Capella della Pieta, gebildet, der ersten Kapelle beim Eingang rechts; um sich dorthin zu begeben, hatte der heilige Vater, der durch die Capella del Sagramento von seinen nahe gelegenen Gemächern kam, sich verstecken, hinter den Behängen des Schiffes durchgehen müssen, die derart als Hintergrundvorhang benützt wurden. Dort erwarteten ihn die Kardinäle, die Erzbischöfe, die Bischöfe, der ganze päpstliche Hof, schon der Hierarchie gemäß in Klassen und Gruppen geordnet und bereit, sich in Bewegung zu setzen. Und nun trat der Zug, gleichsam auf das Zeichen eines Balletmeisters, durch das große Schiff ein und durchzog es triumphirend von einem Ende zum andern, von der Mittelthür bis zum Altar der Konfession – zwischen einer doppelten Hecke von Gläubigen, die beim Anblick einer solchen Pracht immer lauter Beifall klatschen, je höher der Wahnwitz ihrer Begeisterung stieg. Es war der Festzug wie von altersher: Kreuz und Schwert, die Schweizer Wache in großer Uniform, die Lakaien in der scharlachnen Zimarra, die Ehrenkämmerer in der Tracht Henri II., die Domherren im Spitzenchorhemde, die Oberen der religiösen Gemeinden, die apostolischen Protonotare, die Erzbischöfe und Bischöfe, der ganze päpstliche Hof in violetter Seide, die Kardinäle im Purpur und der Cappa magna, in breiten Zwischenräumen, feierlich, immer zu zweien einherschreitend. Dann kamen, um Seine Heiligkeit geschart, die Offiziere des militärischen Hofstaates, die Prälaten des geheimen Antichambres, Monsignore der Haushofmeister, Monsignore der Kammerherr, alle hohen Würdenträger des Vatikans und der am Throne assistirende römische Fürst, der traditionelle und symbolische Verteidiger der Kirche. Auf dem Tragsessel, den die Flabelli mit ihren hohen Federfächern beschützten, und der von Trägern in roten, seidengestickten Mänteln getragen wurde, saß Seine Heiligkeit, bekleidet mit den heiligen Gewändern, die er in der Capella del Sagramento angelegt hatte, dem Achseltuch, dem Chorhemd, der Stola, dem weißen Meßgewande und der weißen, reich mit Gold geschmückten Mitra, zwei aus Frankreich stammenden Geschenken von außerordentlicher Pracht. Und bei seinem Nahen erhoben sich alle Hände und klatschten noch lauter, während die Wogen der hellen Sonne zu den Fenstern hineinfielen. Pierre empfing nun einen neuen Eindruck von Leo XIII. Das war nicht mehr der vertrauliche, müde, neugierige Greis, der am Arme eines geschwätzigen Prälaten in dem schönsten Garten der Welt spazieren ging. Es war auch nicht der heilige Vater in der roten Pelerine und der päpstlichen Mütze, der väterlich einen Pilgerzug empfing, der ihm ein Vermögen brachte. Es war der Pontifex, der allmächtige Meister, der Gott, den die Christenheit verehrte. Wie in einem Juwelenschrein saß er da. Sein dünner, wächserner Körper in dem weißen, vor Goldstickereien schweren Gewande schien ganz steif geworden zu sein und bewahrte eine hieratische, stolze Unbeweglichkeit, wie ein Götzenbild, das seit Jahrhunderten von dem Rauche der Opfer ausgetrocknet, gebräunt worden ist. Nur die Augen lebten inmitten der toten Starrheit des Gesichtes – Augen, wie ein Paar schwarzer, funkelnder Diamanten, die in die Ferne, weg von der Erde, in die Unendlichkeit starrten. Er hatte keinen Blick für die Menge und senkte die Augen weder nach rechts noch nach links; er war im Himmel und wußte nicht, was zu seinen Füßen vorging. Und dieses Götzenbild, das trotz des Leuchtens der Augen, wie einbalsamirt, taub und blind aussah, das da inmitten durch diese rasende Menge getragen ward, die es weder zu hören, noch zu sehen schien, nahm eine furchtbare Majestät, eine beunruhigende Größe, die ganze Starre des Dogmas, die ganze Unbeweglichkeit der Ueberlieferung an. Man hatte es mit allen seinen Binden ausgegraben, und nur diese allein hielten es aufrecht. Trotzdem glaubte Pierre zu bemerken, daß der Papst leidend, ermüdet sei; ohne Zweifel war es jener Fieberanfall, von dem Monsignore Nani ihm tags zuvor erzählt hatte, als er den Mut, die große Seele dieses vierundachtzigjährigen Greises verherrlichte, den nur der Wille zum Leben in der Hoheit seiner Mission weiter leben ließ. Die Zeremonie begann. Nachdem Seine Heiligkeit am Altar der Konfession von dem Tragsessel herabgestiegen war, zelebrirte er langsam, unter Assistenz von vier Prälaten und des Propräfekten der Zeremonien eine stille Messe. Beim Händewaschen gossen Monsignore der Haushofmeister und Monsignore der Kammerherr, begleitet von zwei Kardinälen, das Wasser über die erhabenen Hände des Amtirenden; kurz vor der Aufhebung traten alle Prälaten des päpstlichen Hofes, brennende Kerzen in den Händen haltend, herzu, um rings um den Altar niederzuknieen. Es war ein feierlicher Augenblick. Als während der Aushebung die silbernen Zinken den berühmten Engelschor bliesen, bei dem jedesmal Frauen in Ohnmacht fallen, erbebten die versammelten vierzigtausend Gläubigen und fühlten den furchtbaren, köstlichen Hauch des Unsichtbaren über sich streifen. Fast gleich darauf ertönte vom Dom, von der oberen Galerie, wo sich hundertundzwanzig Choristen verborgen hielten, ein ätherischer Gesang; und alles ward von Verwunderung, von Verzückung ergriffen, als ob die Engel selbst auf den Ruf der Zinken geantwortet hätten. Die Stimmen senkten sich herab und flogen leicht, wie himmlische Harfentöne unter dem Gewölbe hin; dann verhauchten sie in einem süßen Accord und stiegen mit einem leisen, verhallenden Flügelrauschen wieder zum Himmel empor. Nach der Messe stimmte Seine Heiligkeit, noch immer auf dem Altar stehend, selbst das Tedeum an, das die Sänger der Sixtinischen Kapelle und der Chor wiederholten, indem sie abwechselnd einen Vers sangen. Dann aber fiel die ganze Versammlung ein; vierzigtausend Stimmen erhoben sich, und der Friedens- und Ruhmesgesang verbreitete sich in dem ungeheuren Schiff mit einer unvergleichlichen Klangfülle. Nun war das Schauspiel wirklich außerordentlich prächtig: dieser, von dem blumengeschmückten, prächtigen, vergoldeten Baldachin Berninis überragte Altar, umgeben von dem päpstlichen Hofe, zwischen dem die brennenden Kerzen wie Sterne flimmerten; in der Mitte dieser Papst, in seinem goldenen Meßgewande wie eine Sonne strahlend; vor den Bänken Kardinäle im Purpur, Erzbischöfe und Bischöfe in violetter Seide; die Tribünen, wo die Galakostüme, die Verbrämungen des diplomatischen Corps, die Uniformen der fremden Offiziere funkelten; diese von überall, aus den fernsten Tiefen der Basilika zufließende Menge, dieses Meer von Köpfen. Und auch die maßlosen Dimensionen der Basilika waren es, die packten – diese Seitenschiffe, in denen sich eine ganze Pfarrgemeinde stauen konnte, diese Querschiffe, die so groß wie die Kirchen einer volkreichen Stadt waren, dieser Tempel, den Tausende und Tausende von Gläubigen kaum füllten. Selbst der Gesang dieses Volkes wurde gewaltig und stieg wie ein riesiger Sturmwind zu den Marmorgräbern, zu den übermenschlichen Statuen, zu den gigantischen Säulen, zu dem ungeheuren steinernen Himmel des Gewölbes, zu dem Firmament der Kuppel empor, wo sich in dem Goldglanz der Mosaiken die Unendlichkeit aufthat. Nach dem Tedeum, während Leo XIII. die Tiara an Stelle der Mitra aufsetzte, das Meßgewand gegen den päpstlichen Chormantel vertauschte und seinen Thron auf der am Eingang des rechten Querschiffes befindlichen Estrade bestieg, entstand ein langandauernder Lärm. Von diesem Throne aus beherrschte er die ganze Versammlung. Und was für ein Schauer, gleichsam wie von einem Hauch des Unsichtbaren überlief sie, als er sich nach den Gebeten des Rituals erhob! Unter der dreifachen symbolischen Krone, in dem goldumsäumten Mantel schien er größer geworden zu sein. Inmitten einer plötzlichen, tiefen Stille, die nur von dem Klopfen der Herzen gestört wurde, erhob er den Arm mit einer sehr edlen Geberde und erteilte langsam, mit lauter und fester Stimme den päpstlichen Segen. Es schien die Stimme Gottes selbst zu sein, so überraschend klang sie von diesen wächsernen Lippen, aus diesem blutlosen und leblosen Körper. Die Wirkung war niederschmetternd; als der Zug sich von neuem bildete, um denselben Weg zurückzugehen, den er gekommen, brach der Beifall von neuem los. Die Raserei der Begeisterung hatte einen derartigen Paroxismus erreicht, daß das Händeklatschen nicht mehr genügte, sondern Zurufe, Schreie sich darein mischten, die sich nach und nach der ganzen Menge mitteilten. Das ging anfangs von einer stürmischen Gruppe neben der Statue des heiligen Petrus aus: » Evviva il papa re! Evviva il papa re! Hoch der Papst-König! Hoch der Papst-König!« Dann lief es längs des ganzen Zuges wie die Flamme einer Feuersbrunst hin, entzündete nach und nach alle Herzen und ertonte zuletzt aus Tausenden von Mündern wie eine donnernde Verwahrung gegen den Raub der Kirchenstaaten. Der ganze Glaube, die ganze Liebe der Gläubigen wurde durch das königliche Schauspiel einer so schönen Zeremonie überreizt und kehrte zu dem Traum, zu dem leidenschaftlichen Wunsche nach einem Papst zurück, der König und Pontifex, Herr der Körper wäre, wie er Herr der Seelen war, der unumschränkte Beherrscher der Erde, Darin lag die einzige Wahrheit, das einzige Glück, das einzige Heil. Alles sollte ihm gegeben werden, die Menschheit und die Welt! » Evviva il papa re! Evviva il papa re! Hoch der Papst-König! Hoch der Papst-König!« Ach, dieser Ruf, dieser Kriegsruf, um dessentwillen so viele Fehler begangen wurden und so viel Blut geflossen ist, dieser Schrei der Hingebung und Verblendung, dessen Verwirklichung die Zeiten des Leidens zurückgeführt hätte! Er empörte Pierre und bewog ihn, rasch die Tribüne zu verlassen, auf der er sich befand, als wolle er der Ansteckung der Abgötterei entschlüpfen. Während der Zug noch immer vorbeizog, versuchte er einen Augenblick in dem Gedränge, in dem fortdauernden, betäubenden Lärm der Menge durch das linke Seitenschiff hinauszugehen; da er aber die Hoffnung aufgab, auf diese Weise auf die Straße zu gelangen, und das wilde Gedränge am Ausgang vermeiden wollte, kam er auf den Gedanken, eine Seitenthür zu benutzen, und flüchtete sich in die Vorhalle, von wo eine Treppe auf den Dom hinaufführt. Bei dieser Thür stand ein Sakristan, von dem Schauspiel ganz verwirrt und entzückt; er sah ihn einen Augenblick an und schwankte, ob er ihn aufhalten sollte, aber der Anblick der Sutane und wohl noch mehr die tiefe Erregung, in der er sich befand, machten ihn duldsam. Mit einer Geberde ließ er Pierre vorüber; dieser betrat sofort die Treppe und stieg sehr rasch hinan, um zu fliehen, um immer höher und höher, in Ruhe und Frieden zu gelangen. Und plötzlich ward es ganz stille; die Mauern erstickten den Ruf, und nur sein Beben schien in ihnen zurückzubleiben. Die Treppe war bequem und hell, mit breiten, gepflasterten Stufen, die in eine Art von Turm ausliefen. Als er auf den Dächern der Schiffe anlangte, war er froh, wieder in die helle Sonne, in die reine, frische Luft zurückzukehren, die dort wie auf einem freien Felde wehte. Erstaunt überflogen seine Blicke diese ungeheure Entfaltung von Blei, Zink und Stein; es war eine ganze lustige Stadt, die hier unter dem blauen Himmel ein eigenes Leben führte. Er sah Dome, Glockentürme, Terrassen, sogar Häuser und Gärten – die mit Blumen geschmückten Häuser einiger Arbeiter, die wegen der fortwährenden Ausbesserungsarbeiten dauernd auf der Basilika wohnen. Eine ganze, kleine Bevölkerung lebt, arbeitet, liebt, ißt und schläft hier. Er näherte sich der Brustwehr, da er die kolossalen Statuen des Heilands und der Apostel, von denen die Fassade über dem St. Petersplatz überragt wird, in der Nähe betrachten wollte; die sechs Meter hohen Riesen müssen fortwährend ausgebessert werden, und die von der starken Luft halb zerfressenen Arme, Beine und Kopfe halten nur noch mit Hilfe von Zement, Stangen und Klammern zusammen. Während er sich nun hinabbeugte, um über den roten Dächerhaufen des Vatikans einen Blick zu werfen, schien es ihm, daß der Schrei, vor dem er floh, von dem Platze zu ihm hinaufbringe. Eilig stieg er in dem Pfeiler, der auf die Kuppel führte, weiter. Zwischen den beiden Wänden der doppelten Kuppel, der inneren und der äußeren, stieg erst eine Treppe empor; dann kamen enge, schräge Korridore, Rampen, die nur von einigen Stufen durchquert wurden. Einmal stieß er neugierig eine Thüre auf und kehrte so in die Basilika zurück; er befand sich nun mehr als sechzig Meter vom Boden entfernt auf einer engen Galerie, die rings um den Dom lief, gerade unter dem Fries, wo in sieben Fuß hohen Buchstaben die Inschrift stand: tu es Petrus et super hanc petram . Und als er den Ellenbogen aufstützte, um in das furchtbare Loch unter sich, mit den tiefen Ausblicken auf die Querschiffe und Schiffe, hinabzuschauen, schlug ihm der Ruf, der wahnwitzige Ruf der da unten wimmelnden, ungeheuren Menge heftig ins Gesicht. Weiter oben öffnete er abermals eine Thür und befand sich auf einer zweiten Galerie, diesmal über den Fenstern, am Anfang der schimmernden Mosaiken; von dort aus erschien ihm die Menge kleiner, entlegener, wie verloren in dem schwindelnden Abgrund, auf dessen Grunde die riesigen Statuen, der Altar der Konfession, der prächtige Baldachin Berninis nur noch wie Spielzeug aussahen. Trotzdem erhob sich der Ruf, dieser Kriegs- und Vergötterungsruf von neuem und peitschte ihn wie ein rauher Orkan, dessen Gewalt im Laufe noch wächst. Er mußte noch höher, immer höher steigen, bis auf die geradewegs in den Himmel ragende äußere Galerie der Laterne, um ihn nicht mehr zu hören. Welch köstliche Erleichterung bereitete ihm anfangs dieses Baden in Luft und Sonne, dieses Baden im Unendlichen! Ueber ihm war nichts mehr als die vergoldete Bronzekugel, in die, wie pomphafte Inschriften in den Korridoren bestätigten, Kaiser und Könige gestiegen find – die hohle Kugel, wo die Stimme wie Donner widerhallt, wo jedes Geräusch des Raumes widerklingt. Er trat aus dem Chor heraus und erblickte zuerst die päpstlichen Gärten, deren Baumgruppen ihm aus dieser Höhe wie am Boden sich hinziehende Büsche erschienen; er gedachte seines kürzlichen Spazierganges, des riesigen Rasenparterres, das einem verblichenen Smyrnateppiche glich, des großen, tiefgrünen und wie eine schlummernde Pfütze undurchsichtigen Gehölzes, des traulicheren, sorgfältig gehaltenen Obst- und Weingartens. Die Springbrunnen, der Turm der Sternwarte, das Kasino, wo der Papst die heißen Sommertage verbrachte, bildeten inmitten dieser unregelmäßigen Gründe nur noch kleine, weiße Flecke. Alles war von der schrecklichen Mauer Leo IV. umschlossen, die noch immer wie eine alte Festung aussah. Dann ging er eine enge Galerie entlang rings um die Laterne und sah plötzlich Rom vor sich, das mit einemmale seine ganze, ungeheure Grüße vor ihm entrollte: im Westen das ferne Meer, im Osten und Süden die ununterbrochenen Ketten der Gebirge, gleich einer einförmigen, grünen Wüste, den ganzen Horizont beherrschend, die römische Campngna, und zu seinen Füßen die Stadt, die ewige Stadt. Da lag Rom unmittelbar unter dem Blick, deutlich wie ein geographischer Reliefplan. Eine solche Vergangenheit, eine solche Geschichte, so viel Größe – und dieses durch die Entfernung so verkleinerte Rom, diese liliputanischen, hübschen Spielzeughäuser, kaum ein Schimmelfleck auf der riesigen Erde! Was ihn jedoch besonders lebhaft anzog, war, daß er mit einem Blick die Einteilung der Stadt begriff: da unten auf dem Kapitol, auf dem Forum, auf dem Palatin die antike Stadt; die päpstliche Stadt in diesem Borgo, das sein Blick beherrschte, im St. Peter und Vatikan, die auf die moderne Stadt schauten; der italienische Quirinal über der mittelalterlichen Stadt im Hintergrunde des rechten Winkels, den der Tiber, der hier seine gelben, schweren Wasser dahinwälzte, bildete. Insbesondere eines fiel ihm auf, nämlich der kreidige Gürtel, den die neuen Viertel um den mittleren Kern des alten, rötlichen, von der Sonne verbrannten Viertels bildeten; das war das echte Sinnbild der versuchten Verjüngung – in dem alten Herzen gehen die Ausbesserungen so langsam vor sich, während die äußeren Glieder sich wie durch ein Wunder wieder erneuten. Aber in der heißen Mittagssonne erschien Pierre Rom nicht so hell und rein, wie am Morgen seiner Ankunft, in der lieblichen Milde des ausgehenden Gestirns. Das war nicht mehr das lächelnde, verschwiegene, von einem goldenen Nebel halb verhüllte und gleichsam wie in einem Kindheitstraum aufgeschwungene Rom. Jetzt, in dieser grellen Helle besaß es eine unbewegliche Härte, eine Totenstille. Der Hintergrund war gleichsam von einer allzu starten Flamme verzehrt, von einem leuchtenden Staub überflutet, in dem er unterging. Die gesamte Stadt hob sich in großen Massen von Licht und Schatten mit plötzlichen Unterbrechungen scharf von dieser entfärbten Ferne ab. Man hätte sie für einen sehr alten, verlassenen Steinbruch halten können, auf den die Sonne senkrecht herabschien, und wo nur da und dort eine Bauminsel einen dunkelgrünen Fleck bildete. Von der antiken Stadt sah er den rötlichen Turm des Kapitols, die schwarzen Treppen des Palatins, die Ruinen des Palastes des Septimius Severus, welche gebleichten Knochen, dem Gerippe eines von der Flut hierher getragenen fossilen Ungeheuers glichen. Gegenüber thronte die moderne Stadt mit den lang, hingestreckten, neu hergestellten Gebäuden des Quirinals, deren frischer, grellgelber Anstrich wunderlich zwischen den kräftigen Wipfeln des Gartens hindurch leuchtete; jenseits, auf den Höhen des Viminals, rechts und links lagen die gipsweißen neuen Viertel, eine Kreidestadt, die von den tausend kleinen Tintenstrichen der Fenster durchquert wurde. Dann lagen da und dort der Pincio, wie eine stehende Pfütze, die Villa Medici mit ihrem doppelten Campanile, die rostfarbene Engelsburg, der gleich einer Kerze brennende Glockenturm von S. Maria Maggiore, die drei unter den Baumzweigen schlummernden Kirchen des Aventin, der Palast Farnese mit seinen von den Sommersonnen verbrannten, altgoldenen Dächern, die Dome des Il Gesu, von S. Andrea della Valle, von S. Giovanni de Fiorentini und dann alle die anderen Dome – alle weißglühend, wie geschmolzen in dem feurigen Ofen des Himmels. Und da fühlte Pierre, wie sich abermals sein Herz beim Anblick dieses heftigen, harten Roms zusammenkrampfte, das so wenig dem Rom seines Traumes, dem Rom der Verjüngung und Hoffnung glich, das er am ersten Morgen zu finden meinte. Es verschwand jetzt, um der hartnäckigen, bis zum Tode unveränderlichen Stadt des Stolzes und der Herrschsucht Platz zu machen. Mit einemmale begriff Pierre alles. Wie ein Lichtstrahl traf es ihn da oben, wo er sich ganz allein in dem freien, unbegrenzten Raum befand. Kam das von der Zeremonie, der er eben beigewohnt hatte, von dem fanatischen Ruf der Sklaverei, der noch in seinen Ohren brauste? War es nicht eher der Anblick dieser Stadt, die da zu seinen Füßen lag, wie eine einbalsamirte Königin, die aus dem Staub ihres Grabes hervor noch immer regiert? Er hätte es nicht zu sagen vermocht; zweifellos wirkten beide Ursachen auf ihn. Aber er sah vollständig klar; er fühlte, daß der Katholizismus ohne die weltliche Herrschaft nicht bestehen könne, daß er an dem Tage, da er nicht mehr Herr auf dieser Erde sein würde, völlig verschwinden müsse. Der Atavismus war vor allem daran schuld, die Kraft der Geschichte, die lange Reihenfolge der Erben der Cäsaren, der Päpste, der Pontifexe, in deren Adern noch immer das Blut des Augustus floß und die Herrschaft der Welt forderte. Wenn sie auch im Vatikan wohnten, so kamen sie doch aus den Kaiserhäusern auf dem Palatin, aus dem Paläste des Septimius Severus, und ihre Politik hatte während so vieler Jahrhunderte nie einen andern Traum verfolgt, als den von der römischen Herrschaft, von den besiegten, Rom unterworfenen und gehorchenden Völkern. Ohne dieses Weltreich, ohne den vollständigen Besitz der Körper und der Seelen verlor der Katholizismus seine Daseinsberechtigung; denn die Kirche kann die Existenz eines Kaiser- oder Königreiches nur politisch anerkennen. Der Kaiser oder der König sind nur einfache, einstweilige Abgesandte, die die Völker verwalten sollen, bis sie sie ihr zurückgeben. Alle Nationen, die Menschheit mit der gesamten Erde gehören der Kirche, die sie von Gott erhalten hat. Wenn sie auch heute nicht in ihrem wirklichen Besitz ist, so gibt sie der Gewalt nach, muß sie die vollzogenen Thatsachen hinnehmen; aber sie thut es unter dem förmlichen Vorbehalt, daß es eine strafbare Aneignung ist, daß man ihr ihr Gut ungerecht vorenthält; sie thut es in Erwartung der Verwirklichung der Verheißungen Christi, der ihr am bestimmten Tage die Erde und die Menschen, die Allmacht für ewig wieder geben wird. Das ist die wahre Zukunftsstadt, das katholische, zum zweitenmale herrschende Rom. Rom gehört zum Traum, Rom ist auch die Ewigkeit geweissagt worden, und der Boden Roms selbst war es, der dem Katholizismus den unauslöschlichen Durst nach unumschränkter Macht eingeflößt hat. Das Schicksal des Papsttums war daher mit dem Roms derart verknüpft, daß ein Papst außerhalb Roms kein katholischer Papst mehr sein würde. Und mit einemmale fühlte Pierre, während er an dem dünnen, eisernen Geländer lehnte und erschreckt von so hoch oben in den Abgrund hinabschaute, wo die düstere, harte Stadt sich vollends unter der brennenden Sonne zerstreute, wie der tiefe Schauer der Wesen und der Dinge durch seine Knochen rieselte. Eines stand nun ganz fest. Wenn Plus IX., wenn Leo XIII. beschlossen hatten, sich im Vatikan einzukerkern, so geschah dies nur, weil die Notwendigkeit sie an Rom fesselte. Es steht einem Papste nicht frei, es zu verlassen und anderswo das Haupt der Kirche zu sein. Ebenso würde ein Papst, wie groß auch sein Verständnis für die moderne Welt sein mochte, nicht das Recht haben, auf die weltliche Macht zu verzichten. Es ist eine unveräußerliche Erbschaft, deren Verteidigung ihm obliegt; außerdem ist es eine Lebensfrage, über die es keine Erörterung gibt. Daher hat Leo XIII. auch den Titel eines Herrn des weltlichen Gebietes der Kirche beibehalten, um so mehr, da er als Kardinal gleichwie alle anderen Mitglieder des heiligen Kollegiums bei der Wahl in seinem Eide geschworen hatte, diese Herrschaft unversehrt zu erhalten. Mochte Italien noch ein Jahrhundert lang die Stadt Rom behalten; ein Jahrhundert lang wird ein Papst auf den andern folgen und nicht aufhören, stürmisch Verwahrung zu erheben und sein Recht zurückzufordern. Selbst wenn eines Tages wahrend dieser Periode ein Einverständnis dazwischen kommen sollte, würde es sich sicherlich auf die Ueberlassung eines Stückes Landes gründen. Hieß es nicht zur Zeit, da Gerüchte von einer Versöhnung im Schwange waren, daß der regierende Papst wenigstens den Besitz der Leostadt mit der Neutralitätserklärung einer bis zum Meere gehenden Straße als förmliche Bedingung aufgestellt hatte? Gar nichts ist nicht genug; man kann nicht von Nichts ausgehen, um zuletzt alles zu haben. Aber die Leostadt, dieser schmale Winkel ist schon ein Stückchen königlicher Erde; man braucht dann nur das übrige wieder erobern – Rom, dann Italien, hierauf die benachbarten Nationen, zuletzt die Welt. Die Kirche ist noch nie verzweifelt, selbst nicht in den Tagen, da sie geschlagen, geplündert, im Sterben zu liegen schien. Nie wird sie abdanken; nie wird sie auf die Verheißungen Christi verzichten; denn sie glaubt an ihre unbegrenzte Zukunft, sie gibt sich für unzerstörbar und ewig aus. Man gebe ihr nur einen Kiesel, auf dem sie ihr Haupt ausruhen kann – und sie hofft schon, bald das Feld zurückzuerhalten, auf dem sich dieser Kiesel befindet, das Reich, in dem sich dieses Feld befindet. Wenn ein Papst die Wiedererlangung der Erbschaft nicht durchsetzen kann, so wird ein anderer Papst, so werden zehn, zwanzig andere Päpste sich damit beschäftigen. Jahrhunderte zählen nichts mehr. Dieser Gedanke war es, der einen vierundachtzigjährigen Greis bewog, gewaltige Arbeiten zu unternehmen, für die mehrere Menschenleben erforderlich waren; er hatte die Gewißheit, daß Nachfolger kommen, und daß die Arbeiten trotz allem fortgesetzt und beendet werden würden. Und Pierre kam sich angesichts dieser alten, auf ihrem Purpur beharrenden Stadt des Ruhmes und der Herrschaft mit seinem Traum von einem rein geistigen Papst albern vor. Er schien ihm so übel angebracht, daß er eine Art beschämter Verzweiflung darüber empfand. Ein römischer Prälat konnte für den neuen evangelischen Papst, der ein rein geistiger, nur über die Seelen herrschender Papst sein würde, gewiß kein Verständnis haben. Das Grauen, der sozusagen körperliche Widerwille davor, ward ihm plötzlich bei der Erinnerung an diesen im Ritus, in Stolz und Autorität erstarrten päpstlichen Hof klar. Ach, wie erstaunt und verächtlich mußten sie auf diese seltsame Vorstellung des Nordens herabsehen – auf die Vorstellung von einem Papst ohne Länder und Unterthanen, ohne militärischen Hofstaat und königliche Ehren, einem reinen Geist, einer rein moralischen Autorität, eingeschlossen im Hintergrunde des Tempels, die Welt nur durch segnende Geberden, durch Güte und Liebe regierend! Nein, für diesen lateinischen Klerus, für diese Priester des Lichtes und der Pracht war das nur ein altfränkisches, von Nebeln umhülltes Phantasiegebilde. Gewiß, sie waren fromm, sogar abergläubisch, aber sie ließen Gott wohlbehütet im Tabernakel, um in seinem Namen, im möglichsten Interesse des Himmels zu regieren; daher wendeten sie alle möglichen Listen an, lebten inmitten des Kampfes der menschlichen Gelüste von Vergleichen, und gingen mit leisen Diplomatenschritten dem irdischen, endgiltigen Siege Christi zu, der eines Tages in der Person des Papstes über den Völkern thronen sollte. Was für eine Verblüffung mußte das für einen französischen Prälaten, für einen Monsignore Bergerot, diesen heiligen Bischof der Entsagung und Nächstenliebe, sein, wenn er in diesen Vatikan geriet! Wie schwer mußte es ihm anfangs sein, zu verstehen, sich einzurichten – wie schmerzlich dann die Unmöglichkeit, sich mit diesen Vaterlandslosen, diesen Internationalen zu verständigen, die stets über die Karte beider Welten gebeugt, stets in Berechnungen vertieft waren, die ihnen das Reich sichern sollten! Dazu waren Tage und Wochen notwendig, mußte man in Rom selbst leben; erst nach einem vollen Monat war ihm plötzlich ein Licht aufgegangen – erst durch die heftige Erschütterung, die der königliche Pomp in St. Peter in ihm bewirkt hatte, erst angesichts der antiken Stadt, die da in der Sonne ihren schweren Schlaf schlummerte, ihren Ewigkeitstraum träumte. Aber sein Blick fiel auf den Platz da unten vor der Basilika, und er bemerkte die Menschenflut, die vierzigtausend Gläubigen, die sich wie das schwarze Gewimmel einbrechender Insekten auf das weiße Pflaster ergossen. Es schien ihm, daß sich von neuem der Ruf erhob: »Evviva il papa re! Evviva il papa re! Hoch der Papst-König! Hoch der Papst-König!« Eben vorhin, während er die endlosen Treppen hinanstieg, war es ihm gewesen, als erzittere der Steinkoloß durch den unter seinem Gewölbe erschallenden, rasenden Schrei; und jetzt, wo er fast bis in die Wolken gestiegen war, meinte er, ihn auch da oben im freien Räume wiederzufinden. War das fortdauernde Beben des Kolosses unter ihm nicht ein letztes Treiben des Saftes in seinen alten Mauern, eine Erneuerung des katholischen Blutes, das ihn einst so maßlos zum Könige aller Tempel geschaffen, und das nun heute, in der Stunde, da der Tod für seine allzu großen und einsamen Schiffe kam, ihm einen mächtigen Odem des Lebens einzuhauchen suchte? Die Menge ergoß sich noch immer aus den Thoren und erfüllte den Platz; eine furchtbare Traurigkeit preßte ihm das Herz zusammen, denn dieser Ruf hatte seine letzte Hoffnung hinweggefegt. Noch tags zuvor, nach dem Empfange des Pilgerzuges in der Sala dei Beatificazione hatte er sich einer Täuschung hingeben können, indem er die Notwendigkeit des Geldes, die den Papst an die Erde nagelte, vergaß, um nichts zu sehen als diesen schwächlichen, gleich dem Symbol der moralischen Macht strahlenden Greis. Aber jetzt war es aus mit seinem Glauben an diesen von allen irdischen Gütern befreiten Hirten des Evangeliums, der nur König des himmlischen Reiches wäre. Nicht bloß das Geld des Peterpfennigs legte Leo XIII. eine harte Sklaverei auf; nein, er war auch außerdem der Gefangene der Ueberlieferung, der ewige König von Rom, der an diesen Boden gefesselt war, der die Stadt weder verlassen noch auf die weltliche Macht verzichten konnte. Und das Ende davon war der Tod an Ort und Stelle; der Dom von St. Peter würde ebenso zusammenbrechen, wie der Tempel des Jupiter Capitolinus zusammengebrochen war; auf den Ruinen des Katholizismus würde das Gras wachsen, während das Schisma anderswo aufleuchtete, ein neuer Glaube für die neuen Völker. Diese großartige und tragische Vision stieg vor ihm auf; er sah seinen Traum zerstört; er fühlte, wie sein Buch von dem Schrei mitgerissen wurde, der sich immer mehr und mehr ausbreitete, als wollte er in alle vier Winkel der katholischen Welt fliegen: » Evviva il papa re! Evviva il papa re! Hoch der Papst-König! Hoch der Papst-König!« Und er glaubte bereits zu fühlen, wie der Riese aus Marmor und Gold in dem Wanken der alten, verfaulten Gesellschaft unter ihm schwankte. Endlich stieg Pierre wieder hinab. Noch eine Gemütsbewegung stand ihm bevor, da er auf den Dächern der Schiffe, auf dieser sonnenbeschienenen Fläche, die so groß ist, daß man eine Stadt darauf unterbringen kann, Monsignore Nani begegnete. Der Prälat begleitete die beiden französischen Damen, Mutter und Tochter, die sehr glücklich und angeregt aussahen; zweifellos hatte er sich liebenswürdig erboten, mit ihnen auf den Dom zu steigen. Kaum erkannte er jedoch den jungen Priester, so hielt er ihn an. »Nun, mein lieber Sohn, sind Sie zufrieden? Hat es großen Einfluß auf Sie gemacht, hat es Sie erbaut?« Mit seinen forschenden Augen spähte er ihm bis in die Seele und stellte fest, wie es mit ihm stand. Dann begann er befriedigt leise zu lachen. »Ja, ja, ich sehe. Nun, Sie sind doch ein vernünftiger Mensch. Ich fange an zu glauben, daß Ihre unglückselige Geschichte hier ein sehr gutes Ende nehmen wird.« VIII. Pierre hatte die Gewohnheit angenommen, vormittags, wenn er nicht ausging, stundenlang in dem engen, verlassenen Garten des Palazzo Boccanero zu verweilen. Einst endete dieser Garten in einer Art Loggia mit einem Portikus, von wo eine doppelte Treppe zum Tiber hinabführte. Heute befand sich dort ein köstlicher, einsamer Winkel, durchduftet von den reifen Früchten hundertjähriger Orangenbäume, deren symmetrische Reihen die ursprüngliche, nun unter Unkraut verschwundene Zeichnung der Alleen noch andeutete. Hier fand er auch den Duft der Tobira, der üppigen Tobira wieder, die in dem alten, von Erdschutt ausgefüllten Mittelbecken aufgeschossen war. An diesem leuchtenden Oktobermorgen voll lieblichen und durchdringenden Reizes konnte man sich hier dem Genuß unendlicher Lebensfreude hingeben. Aber der Priester brachte seine nordischen Träumereien mit, den Kummer über das Leiden, seine fortwährend von mitleidiger Bruderliebe gequälte Seele, die ihm die Liebkosung des hellen Sonnenlichtes in dieser wollüstigen Luft noch süßer erscheinen ließ. Er ließ sich neben der rechten Mauer auf dem Bruchstück einer umgestürzten Säule unter einem ungeheuren Lorbeerbaum nieder, der einen tiefdunklen Schatten voll balsamischer Frische verbreitete. Neben ihm in dem antiken, grün überzogenen Sarkophage ließ der dünne Wasserstrahl, der aus der an die Mauer gekitteten tragischen Maske floß, fortwährend seine kristallhelle Musik ertönen. Er las hier seine Zeitungen, seine Briefe, besonders die zahlreichen Briefe des guten Abbé Rose, die ihn über sein Werk, über die Unglücklichen in dem düstern, bereits von Nebeln umhüllten und vom Kot überfluteten Paris auf dem Laufenden erhielten. Ach, wie seltsam klang die Kunde von diesem Elend des kalten Landes, von dem Elend der Mütter und der Kleinen, die bald in den schlecht schließenden Dachstuben vor Kälte beben, von den Männern, die die großen Fröste zur Arbeitseinstellung zwingen würden, von diesem ganzen Todeskampf unter dem Schnee der armen Welt in dieser warmen, von einem Fruchtgeschmack durchdufteten Luft, in diesem Lande des blauen Himmels und der glücklichen Trägheit, wo es sich sogar im Winter an einer windgeschützten Stelle so gut im Freien auf dem warmen Pflaster schlafen ließ! Eines Morgens sah Pierre Benedetta auf dem als Bank dienenden Säulenfragment sitzen. Sie stieß einen leichten Schrei der Ueberraschung aus und war einen Augenblick befangen, denn sie hielt gerade das Buch des Priesters, »Das neue Rom«, in der Hand. Sie hatte es bereits einmal gelesen, ohne es zu verstehen. Dann aber hielt sie ihn zurück, bestand darauf, daß er neben ihr Platz nehme, und gestand ihm mit ihrer schonen Freimütigkeit, ihrer ruhigen, vernünftigen Miene, daß sie in den Garten gegangen sei, um allein zu sein und sich wie eine unwissende Schülerin fleißig mit ihrem Buche zu beschäftigen. Sie plauderten freundschaftlich; es war für Pierre eine herrliche Stunde. Wenn sie es auch vermied, von sich selbst zu sprechen, so fühlte er doch, daß nur ihr Kummer sie ihm näher brachte; es war, als hätte das Leiden ihr Herz erweitert, so daß sie sich nun mit allen beschäftigte, die in dieser Welt litten. In ihrem Patrizierstolz, der die Hierarchie für ein göttliches Gesetz hielt, hatte sie nie an diese Dinge gedacht. Die Glücklichen waren oben, die Unglücklichen unten, ohne daß eine Aenderung möglich war. Und welch ein Erstaunen hatte sie bei gewissen Stellen seines Buches empfunden, welch einen Schmerz bereitete ihr sein Inhalt! Wie, man soll sich für das gemeine Volk interessiren, man soll glauben, daß es dieselbe Seele, dieselben Leiden besitzt, man soll an seinem Glück arbeiten wie an dem eines Bruders? Trotzdem zwang sie sich dazu, freilich ohne besondern Erfolg; heimlich verzehrte sie die Angst, ob sie nicht eine Sünde begehe, denn das beste ist, nichts an der von Gott eingesetzten, von der Kirche geheiligten sozialen Ordnung zu ändern. Gewiß, sie war wohlthätig, gab die gewohnten, kleinen Almosen, aber sie gab nicht ihr Herz; der Altruismus, die wirkliche Teilnahme mangelten ihr gänzlich. Sie war in dem Atavismus einer verschieden gearteten Rasse geboren und aufgewachsen, die auch oben im Himmel ihren Thron über der Plebs der Auserkorenen besitzt. Noch manchmal kamen sie so des Morgens im Schatten des Lorbeerbaumes neben dem singenden Springbrunnen zusammen; und Pierre, der keine Beschäftigung hatte und Ueberdruß empfand, auf eine Losung zu warten, die sich von Stunde zu Stunde zu verzögern schien, bemühte sich leidenschaftlich, dieses so schöne, in ihrer jungen Liebe strahlende Weib mit seiner befreienden Bruderliebe zu beseelen. Besonders ein Gedanke entstammte ihn fortwährend – der Gedanke, daß er Italien selbst seine Predigten halte, der in ihrer Unwissenheit noch schlummernden Königin der Schönheit, die ihre einstige Größe wieder finden würde, sobald sie mit erweiterter Seele, voll Mitleid für die Dinge und Wesen zum Verständnis der neuen Zeit erwachte. Er las ihr die Briefe des guten Abbé Rose vor und ließ sie das furchtbare Schluchzen hören, das aus den großen Städten aufsteigt. Warum sollte sie, da sie doch so tief zärtliche Augen besaß, da das Glück des Liebens und Geliebtwerdens von ihrem ganzen Wesen ausströmte – warum sollte sie nicht gleich ihm anerkennen, daß das Gesetz der Liebe das einzige Heil der leidenden, durch den Haß in Todesgefahr geratenen Menschheit ist? Sie anerkannte es, sie wollte ihm das Vergnügen machen, an die Demokratie, an die brüderliche Umgestaltung der Gesellschaft zu glauben – aber nur bei anderen Völkern, nicht in Rom. Unwillkürlich mußte sie leise auflachen, sobald er eine Vision heraufbeschwor, wie das, was von Trastevere übrig war, mit dem, was von den alten Fürstenpalästen übrig geblieben, brüderlich mit einander leben würde. Nein, nein, das hatte schon zu lange gedauert; an diesen Dingen durfte man nichts ändern. Mit einem Wort, die Schülerin machte gar keine Fortschritte. In Wirklichkeit berührte sie nur die in diesem Priester so tief brennende Liebesleidenschaft, die er keusch von der Kreatur abgewendet hatte, um sie auf die gesamte Schöpfung zu übertragen. Während dieser wenigen sonnigen Oktobermorgen knüpfte sich zwischen ihnen ein köstliches, anmutiges Band; in der großen Liebe, von der beide verzehrt wurden, liebten sie sich mit wirklicher, mit tiefer und reiner Liebe. Eines Tages begann Benedetta, den Ellenbogen auf den Sarkophag gestützt, von Dario zu sprechen, den sie bisher zu erwähnen vermieden hatte. Ach, der Arme, wie bescheiden und reuig benahm er sich nach seinem brutalen Wahnsinnsanfalle! Anfangs war er, um seine Beschämung zu verbergen, auf drei Tage nach Neapel gegangen. Es hieß, daß die Tonietta, das liebenswürdige Mädchen mit den weißen Rosensträußen, die sich toll in ihn verliebt hatte, ihm dorthin nachgeeilt wäre. Seit seiner Rückkehr in den Palast vermied er es, mit seiner Base allein zu sein, und traf nur an den Montagabenden mit ihr zusammen. Dann sah er sie mit unterwürfiger Miene an, und seine Augen flehten um Vergebung. »Gestern bin ich ihm auf der Treppe begegnet,« fuhr sie fort. »Ich habe ihm die Hand gegeben, und da hat er begriffen, daß ich nicht mehr böse bin. Er war sehr glücklich darüber ... Was wollen Sie, Herr Abbé? Man kann nicht lange streng sein. Und außerdem habe ich Angst, ob ihm durch diese Frau nichts Böses geschieht, wenn er, um sich zu betäuben, allzu lustig lebt. Er muß wissen, daß ich ihn immer liebe, daß ich ihn immer erwarte ... O, er gehört mir, mir allein! Er würde sofort auf ewig hier in meinen Armen sein, wenn ich nur ein Wort sprechen dürfte. Aber unsere Angelegenheit steht so schlecht, so schlecht!« Sie schwieg; zwei große Thränen waren ihr in die Augen gestiegen. Der Prozeß behufs Annullirung der Ehe schien in der That stille zu stehen, da täglich neue Hindernisse aller Arten entstanden. Pierre wurde durch diese Thränen, die bei ihr so selten waren, sehr gerührt. Manchmal gestand sie selbst mit ihrem ruhigen Lächeln, daß sie nicht zu weinen verstehe. Aber ihr Herz wurde weich; einen Augenblick lehnte sie sich wie vernichtet an den bemoosten, vom Wasser halb zerfressenen Sarkophag, während der klare Wasserstrahl mit perlenden Flötentönen aus dem offenen Munde der tragischen Maske niederrieselte. Aber vor dem Priester stieg plötzlich der Gedanke an den Tod auf, als er sie, die Junge, Schönheitstrahlende, am Rande dieses marmornen Sarkophages zusammensinken sah, auf dem die in einem rasenden Bacchanal über Frauen stürzenden Faune die Allmacht der Liebe verkündeten, deren Symbol die Alten zum Beweise der Ewigkeit des Lebens gern auf Gräber meißelten. Ein leichter, heißer Windhauch strich durch die sonnige, einsame Fülle des Gartens und brachte den durchdringenden Duft der Orangen und der Tobira mit sich. »Wenn man liebt, ist man stark,« murmelte er. »Ja, Sie haben ganz recht,« fuhr sie, bereits wieder lächelnd, fort. »Ich bin wirklich kindisch ... Aber daran sind Sie, ist Ihr Buch schuld. Ich verstehe es nur, wenn ich leide ... Aber trotzdem mache ich Fortschritte, nicht wahr? Nun gut, so mögen denn, da Sie es wollen, alle Armen meine Bruder sein und alle Frauen, die Schmerzen leiden wie ich, meine Schwestern.« Gewöhnlich verließ Benedetta zuerst den Garten, um in ihr Gemach zurückzukehren; Pierre blieb allein zurück und vergaß manchmal unter dem Lorbeerbaum in dem leichten, weiblichen Duft, den Benedetta zurückgelassen hatte, ganz der Zeit, Er träumte wirr von süßen und traurigen Dingen. Wie hart war das Leben der armen Wesen, die der ewige Durst nach dein Glück verzehrte! Rings um ihn war die Stille noch größer geworden; der große, alte Palast samt dem grasbewachsenen und von dem toten Portikus umgebenen Hof, wo die Marmorfunde, der armlose Apollo und der abgebrochene Rumpf einer Venus verwitterten, schlief seinen schweren Ruinenschlaf. Die Grabesstille wurde von nichts gestört, als nur von Zeit zu Zeit durch das plötzliche Dröhnen einer Prälatenkarosse, die dem Kardinal einen Besuch brachte; sie fuhr schulternd unter das Thor und wendete unter lautem Rädergerassel in dem einsamen Hofe. An einem Montag Abend befanden sich im Salon der Donna Serafina gegen viertel elf nur noch die jungen Leute. Monsignore Nani war nur erschienen, um wieder zu verschwinden; der Kardinal Sarno hatte sich eben entfernt. Neben dem Kamin auf ihrem gewöhnlichen Platze saß Donna Serafina selbst; sie hielt sich wie abseits, und ihre Augen starrten auf den leeren Platz des Advokaten Morano, der beharrlich fern blieb. Vor dem Kanapee, auf dem Benedetta und Celia saßen, standen plaudernd und lachend Dario, der Abbé Pierre und Narcisse Hubert. Der letztere unterhielt sich seit einigen Minuten damit, den jungen Fürsten zu necken; er behauptete, ihn in Gesellschaft eines sehr schönen Mädchens getroffen zu haben. »Aber, mein Lieber, verteidigen Sie sich doch nicht, sie ist wirklich herrlich ... Sie ging neben Ihnen, und ihr bogt in ein einsames Gäßchen ein, in den Borgo Angelico, glaube ich. Aus Diskretion bin ich euch nicht weiter nachgegangen.« Dario lächelte unbefangen, wie ein glücklicher Mensch, der seinem leidenschaftlichen Kultus der Schönheit nicht entsagen kann. »Gewiß, gewiß, ich leugne es ja nicht, ich war es ... Nur ist die Sache anders, als wie Sie denken ...« Er wendete sich zu Benedetta, die ebenfalls ohne einen Schatten eifersüchtiger Unruhe lachte. Sie schien im Gegenteil über die Augenweide entzückt zu sein, die sich ihm einen Augenblick geboten hatte. »Du weißt, es handelt sich um jenes arme Mädchen, das ich vor etwa sechs Wochen, in Thränen schwimmend, getroffen habe ... Ja, es ist jene Perlenarbeiterin, die wegen der Arbeitseinstellung so schluchzte und dann, als ich ihr einen Franken geben wollte, mit ganz hochrotem Gesichte vor mir herlief, um mich zu ihren Eltern zu führen ... Du erinnerst Dich doch, die Pierina!« »Gewiß, die Pierina.« »Stellt euch nun vor, ich habe sie seither vier- oder fünfmal auf der Straße getroffen. Und es ist wahr, sie ist so außerordentlich schön, daß ich stehen bleibe und mit ihr spreche ... Neulich habe ich sie so bis zu einem Fabrikanten begleitet; aber sie hat wieder keine Arbeit gefunden und fing darum abermals zu weinen an. Meiner Treu, da habe ich sie geküßt, um sie ein wenig zu trösten ... Ach, sie war starr und – glücklich, so glücklich!« Alle lachten jetzt über die Geschichte. Aber Celia war die erste, die wieder ruhig ward. »Dario,« sagte sie mit sehr ernster Stimme, »Sie wissen, sie liebt Sie. Man darf nicht so schlecht sein.« Dario war zweifellos ihrer Meinung, denn er sah abermals Benedetta an und schüttelte heiter den Kopf, als wolle er sagen, daß er nicht liebe, wenn er auch geliebt werde. Ein Perlenarbeiterin, ein Kind aus dem Volke! Nein, nein! Sie konnte eine Venus sein, aber als Geliebte war sie nicht denkbar. Er unterhielt sich selbst sehr über das romantische Abenteuer, über das Narcisse ein Sonett machte: »Die schöne Perlenarbeiterin verliebt sich zum Sterben in den wunderschönen, jungen Fürsten, der vorübergeht und ihr, von ihrem Unglück gerührt, einen Thaler reicht; die schöne Perlenarbeiterin, tief ins Herz getroffen, weil er ebenso mildthätig wie schön ist, träumt fortan nur von ihm, folgt ihm überall hin, und ein Flammenband fesselt sie an seine Schritte; und die schöne Perlenarbeiterin, die den Thaler zurückgewiesen hat, fordert zuletzt mit ihren unterwürfigen, zärtlichen Augen als Almosen das Herz des jungen Fürsten, das er ihr eines Abends auch gnädig schenkt.« Benedetta fand an diesem Spiel großes Gefallen. Aber Celia, die mit ihrem engelhaften Gesicht wie ein kleines Mädchen aussah, das noch von nichts hätte wissen dürfen, blieb sehr ernst. »Dario, Dario, sie liebt Sie,« wiederholte sie traurig. »Sie dürfen sie nicht kränken.« Nun ward auch die Contessina von Mitleid bewegt. »Und die armen Leute sind ohnehin nicht glücklich.« »O, es ist ein unglaubliches Elend,« rief der Fürst. »Als sie mich damals da hinunter auf die Prati del Castello führte, benahm es mir ordentlich den Atem. Es ist grauenhaft, unglaublich grauenhaft.« »Aber ich erinnere mich, wir hatten ja den Plan, diese Unglücklichen zu besuchen,« fuhr Benedetta fort. »Es ist sehr schlecht von uns, daß wir so lange damit gezögert haben ... Nicht wahr, Herr Abbé Froment, es wäre Ihnen für Ihre Studien sehr erwünscht gewesen, uns dorthin zu begleiten und so die arme römische Bevölkerung aus der Nähe zu sehen?« Sie hob die Augen zu Pierre empor. Dieser hatte seit einer Weile geschwiegen. Es rührte ihn sehr, daß ihr dieser barmherzige Gedanke wieder in den Sinn kam, denn er merkte an dem leichten Beben ihrer Stimme, daß sie sich damit als gelehrige Schülerin zeigen wollte, die in der Liebe zu den Armen und Unglücklichen Fortschritte machte. Außerdem hatte ihn die Leidenschaft für sein Apostelamt sofort wieder ergriffen. »O, ich werde Rom nicht eher verlassen, als bis ich das leidende, arbeitslose und brotlose Volk hier gesehen habe,« sagte er. »Darin liegt die Krankheit aller Nationen, und das Heil kann nur aus der Heilung des Elends kommen. Wenn die Wurzeln des Baumes nicht essen, so stirbt der Baum.« »Nun gut, da wollen wir die Sache sofort festsetzen,« fuhr Benedetta fort. »Sie kommen mit uns nach den Prati del Castello ... Dario wird uns hinführen.« Dieser hatte dem Priester mit verblüffter Miene zugehört, ohne das Gleichnis vom Baume und seinen Wurzeln völlig zu verstehen. »Nein, nein, Cousine,« rief er jetzt ganz bestürzt, »führe den Herrn Abbé dort spazieren, wenn es Dich unterhält. Ich war schon einmal dort und gehe nicht wieder hin. Auf mein Wort, ich mußte mich, als ich zurückkam, beinahe ins Bett legen; Kopf und Magen drehten sich mir um ... Nein, es ist zu traurig, ein solcher Greuel ist ganz unglaublich.« In diesem Augenblick ertönte eine unzufriedene Stimme aus dem Winkel neben dem Kamin. Donna Serafina brach ihr langes Stillschweigen. »Dario hat recht. Schicke ihnen ein Almosen, meine Liebe, ich werde gerne dazu beitragen ... Es gibt viel sehenswertere Orte, wo Du den Herrn Abbé hinführen kannst ... Du wirst ihm wirklich ein schönes Andenken an unsere Stadt mitgeben.« Aus ihrer schlechten Laune klang nur der römische Stolz heraus. Wozu seine Wunden den Fremden zeigen, die vielleicht nur eine feindselige Neugierde hierher führte? Rom mußte immer schön sein und durfte nur in dem Pomp seines Ruhmes gezeigt werden. Aber Narcisse hatte sich Pierres bemächtigt. »Ja, mein Lieber, das ist wahr, ich vergaß ganz, Ihnen diesen Spaziergang zu empfehlen ... Sie müssen unbedingt die neuen Viertel sehen, die auf den Prati del Castello gebaut wurden. Sie sind typisch für alle anderen, und ich stehe gut dafür, daß es keine verlorene Zeit für Sie sein wird, denn nichts in der Welt könnte Ihnen einen bessern Aufschluß über das heutige Rom geben. Es sieht dort außerordentlich aus, ganz außerordentlich.« Dann wandte er sich zu Benedetta. »Ist es also abgemacht, wollen Sie morgen vormittag hin? ... Der Abbé und ich werden Sie dort erwarten, denn ich will ihm vorher alles erklären, damit er es richtig begreift ... Also zehn Uhr, ist es Ihnen recht?« Ehe die Contessina antwortete, wandte sie sich zu ihrer Tante und machte ihr ehrerbietige Vorstellungen. »Aber, Tante, der Herr Abbé muß ja genug Bettler in unseren Straßen getroffen haben. Er kann alles sehen. Uebrigens wird er, nach seinem Buche zu schließen, in Rom nicht mehr sehen, als er bereits in Paris gesehen hat. Ueberall, wie es darin irgendwo heißt, ist der Hunger derselbe.« Dann griff sie Dario sanft, mit sehr vernünftiger Miene an. »Mein Dario, Du weißt, daß Du mir ein großes Vergnügen machen würdest, indem Du mich dahin führtest. Ohne Dich würden wir gar zu auffällig hineinschneien. Wir werden hinausfahren und dort mit den Herren zusammentreffen. Es wird eine sehr hübsche Spazierfahrt sein ... Wir sind ja schon so lange nicht mit einander ausgefahren!« Gewiß, das war es, was sie so entzückte: sie hatte nun einen Vorwand, um mit ihm beisammen zu sein, um sich gänzlich mit ihm zu versöhnen. Er fühlte das und konnte sich diesem Wunsche nicht entziehen. »Ach, Cousine,« sagte er, indem er einen scherzhaften Ton erkünstelte, »Du wirst schuld sein, wenn ich dann die ganze übrige Woche Alpdrücken habe. Ein solcher Ausflug kann einem eine Woche lang die Freude am Leben verleiden.« Er schauderte im voraus aus Widerwillen. Die anderen begannen wieder zu lachen, und trotz der stummen Mißbilligung Donna Serafinas wurde die Zusammenkunft endgiltig für den nächsten Tag um zehn Uhr bestimmt. Celia bedauerte beim Weggehen lebhaft, nicht mithalten zu können; aber diese weiße, geschlossene Lilienknospe interessirte sich nur für die Pierina. »Sieh Dir diese Schönheit gut an, Liebste,« flüsterte sie der Freundin im Vorzimmer ins Ohr. »Du mußt mir sagen, ob sie so schon ist, gar so schon, viel schöner als alle anderen.« Als Pierre um nächsten Morgen mit Narcisse um neun Uhr auf den Prati del Castello zusammentraf, bemerkte er zu seinem Erstaunen, daß dieser wieder in seine schmachtende Kunstschwärmerei zurückgefallen war. Anfangs war gar keine Rede mehr von den neuen Vierteln oder von der schrecklichen finanziellen Katastrophe, die sie hervorgerufen haben. Der junge Mann erzählte, daß er mit der Sonne aufgestanden sei, um eine Stunde vor der heiligen Therese Berninis zuzubringen. Wenn er sie acht Tage lang nicht gesehen hatte, so thue ihm das Herz weh, behauptete er; er leide wie beim Entbehren einer teuren Geliebten. Er habe auch eigene Stunden, in denen er sie verschieden liebe – von wegen der Beleuchtung: am Morgen, in dem Lichte der Dämmerung, die sie ganz weiß umkleide, liebe er sie mit dem ganzen mystischen Feuer seiner Seele; am Nachmittag, wenn die schrägen Strahlen der untergehenden Sonne auf sie fielen, deren Flammen sie zu durchleuchten schienen, liebe er sie mit der brennenden Leidenschaft des Märtyrers. »Ach, lieber Freund,« sagte er mit seiner müden Miene, während seine Augen ganz die Farbe der Malve annahmen, »ach, lieber Freund, Sie können sich nicht vorstellen, was für ein erregendes, köstliches Erwachen das heute morgen war ... Eine unwissende, reine Jungfrau öffnet schmachtend die Augen, noch ohnmächtig, zerbrochen vor Wollust, da Jesus sie besessen ... Ach, sterben könnte man dabei!« Nach ein paar Schritten beruhigte er sich und fuhr in dem bestimmten Ton eines praktischen, lebenserfahrenen Mannes fort: »Hören Sie, wir werden jetzt ganz sachte nach den Prati del Castello gehen, deren Gebäude Sie da unten, gegenüber, bemerken. Während des Gehens werde ich Ihnen erzählen, was ich weiß. O, es ist eine ganz außerordentliche Geschichte, einer jener Wahnsinnsanfälle der Spekulation, die schön sind wie das ungeheuerliche, schöne Werk irgend eines verrückten Genies ... Ich habe es von meinen Verwandten gehört, die hier gespielt haben und meiner Treu beträchtliche Summen gewannen.« Nun erzählte er Pierre die seltsame Geschichte mit der Klarheit und Genauigkeit eines Finanzmannes, indem er die technischen Ausdrücke mit vollkommener Sicherheit anwendete. Nach der Eroberung Roms, als ganz Italien vor Begeisterung verrückt wurde, weil es nun endlich die so lange ersehnte Hauptstadt, die antike, glorreiche, die ewige Stadt, der das Reich der Welt verheißen war, besaß, da fand ein ganz gerechtfertigter Ausbruch der Freude und der Hoffnung statt. Das junge, erst seit gestern geborene Volk wollte nun seine Macht beweisen. Man mußte von Rom Besitz ergreifen, es zu einer modernen, eines großen Königreichs würdigen Hauptstadt machen; vor allem mußte man es gesund machen, von dem Schmutze reinigen, der es entehrte. Man kann sich nicht mehr vorstellen, in welchem Schmutz die Stadt der Päpste, la Roma sporca , schwamm, um die es den Künstlern so leid thut: es gab nicht einmal Abtritte, die öffentliche Straße diente allen Bedürfnissen, die erhabenen Ruinen waren in Düngerhaufen verwandelt, die Umgebung der alten Fürstenpalaste von Ausscheidungen besudelt. Kurz, überall stieg eine Schichte von Abfall, Trümmern, von verwesenden Stoffen auf, die die Straßen in vergiftete Gossen verwandelte, von denen fortwährend Epidemien ausgingen. Die Notwendigkeit großer, städtischer Arbeiten drängte sich gebieterisch auf. Diese Maßregeln bedeuteten thatsächlich Rettung, Verjüngung, ein gesichertes und erweitertes Leben. Ebenso gerechtfertigt war der Gedanke, neue Häuser für die neuen Bewohner zu bauen, die von allen Seiten zustießen mußten. Die Bevölkerung der Stadt nahm blitzähnlich zu Hunderttausenden von Seelen zu. Rom würde sich sicherlich verdoppeln, verdreifachen, verfünffachen, die lebendige Kraft der Provinzen an sich ziehen und der Mittelpunkt des nationalen Lebens werden. Von nun an trat auch der Stolz hinzu; man mußte der gefallenen Regierung des Vatikans zeigen, wessen Italien fähig war, in welchem Glanz das neue Rom, das dritte Rom, strahlen würde, das die beiden anderen, das kaiserliche und das päpstliche, durch die Pracht seiner Straßen und die überströmende Flut seiner Einwohner übertreffen mußte. Trotzdem blieb wahrend der ersten Jahre die Baubewegung in den Grenzen der Vorsicht; man war klug genug, um nur den Bedürfnissen gemäß zu bauen. Mit einem Satze hatte sich die Bevölkerung verdoppelt, war sie von zweimalhunderttausend aus viermalhunderttausend Einwohner gestiegen; den größten Teil lieferte dazu die kleine Welt der Angestellten, der Beamten, die mit der Verwaltungsbehörde kamen, die ganze lärmende Menge, die vom Staate lebt oder zu leben hofft, ganz abgesehen von den Müßiggängern, von den Genüßlingen, die ein Hof stets nach sich zieht. Das war die erste Ursache des Rausches; niemand zweifelte daran, daß dieses Aufsteigen sich fortsetzen, ja sogar beschleunigen werde. Von nun an genügte die Stadt von gestern nicht mehr; man mußte ohne Zögern den Bedürfnissen von morgen Rechnung tragen, indem man Rom über Rom hinaus, auf alle die verlassenen, antiken Vorstädte ausbreitete. Man sprach auch von dem Paris des zweiten Kaiserreiches, das sich so vergrößert, in eine Stadt des Lichtes und der Gesundheit verwandelt hatte. Aber an den Ufern des Tiber gab es leider von der ersten Stunde an weder einen allgemeinen Plan noch einen klar sehenden Mann, der die Lage beherrscht und sich auf mächtige Finanzgesellschaften gestützt hätte. Was nun der Hochmut, der Ehrgeiz, das Rom der Cäsaren und der Päpste an Glanz zu übertreffen, die Absicht, aus der ewigen, prädestinirten Stadt den Mittelpunkt und die Königin der Welt zu machen, begonnen hatten, das beendete die Spekulation. Es war einer jener außerordentlichen Agiostürme, die, ohne daß etwas sie verkündet oder aufhalten kann, entstehen, wüten und alles zerstören und mitreißen. Jählings erhob sich das Gerücht, daß Grundstücke, die fünf Franken per Meter gekostet hatten, zu hundert Franken verkauft würden; da brach das Fieber los, das Fieber eines ganzen, von der Spielwut erhitzten Volkes. Ein Schwärm von Spekulanten aus Oberitalien hatte sich auf Rom, die edelste und leichteste Beute, gestürzt. Für diese armen, ausgehungerten Gebirgsbewohner begann in diesem wollüstigen Süden, wo das Leben so süß ist, die Hetzjagd der Begierden, so daß die verderblichen Wonnen des Klimas die moralische Zersetzung beschleunigten. Außerdem brauchte man sich anfangs wirklich nur zu bücken; das Geld war anfangs zwischen den Trümmern der ersten, niedergerissenen Viertel scheffelweise vom Boden aufzuheben, Findige Leute, die die Linien der neuen Straße witterten, hatten sich in den Besitz der von der Zwangsenteignung bedrohten Grundstücke gesetzt und verzehnfachten ihr Vermögen in weniger als zwei Jahren. Nun verbreitete sich die Ansteckung und vergiftete nach und nach die ganze Stadt; die Bewohner wurden nun ebenfalls mitgerissen, alle Klassen vom Wahnsinn erfaßt – die Fürsten, die Bürger, die kleinen Hauseigentümer bis zu den Krämern, Bäckern, Spezereiwarenhändlern und Schuhmachern. So erzählte man später von einem einfachen Bäcker, der mit fünfundvierzig Millionen Bankerott gemacht habe. Es war nichts mehr als ein verzweifeltes, furchtbares, fieberhaftes Spiel, das an die Stelle des kleinen, geregelten, päpstlichen Lotto getreten war – ein Spiel mit Millionen, bei dem Grundstücke und Bauten bloß Vorwände für Börsenunternehmungen wurden. Der alte, atavistische Hochmut, der Rom in die Hauptstadt der Welt verwandeln wollte, erhitzte sich durch dieses heiße Spekulationsfieber bis zum Wahnsinn; es wurde gekauft, gebaut, um wieder zu verkaufen, ohne Maß, ohne Aushalten, so wie Aktien aufgeworfen werden, so lange die Pressen nur drucken wollten. Gewiß, noch nie hatte eine in der Entwicklung begriffene Stadt ein solches Schauspiel geboten. Wenn man sich heute bemüht, es zu begreifen, so wird man verwirrt. Die Bevölkerungsziffer hatte fünfmalhunderttausend überschritten und schien dabei stehen bleiben zu wollen. Das hinderte jedoch nicht, daß die neuen Viertel immer dichter aus dem Boden schossen. Für welches künftige Volk wurde mit dieser Art Wut gebaut? Welche Sinnesverwirrung bewog die Leute, die Bewohner nicht erst abzuwarten, sondern derart Tausende von Wohnungen für Familien vorzubereiten, die vielleicht morgen kommen würden? Die einzige Entschuldigung dafür war, daß es bereits im voraus als eine unumstößliche Wahrheit aufgestellt worden war, daß das dritte Rom, die triumphirende Hauptstadt Italiens, nicht weniger als eine Million Seelen haben könne. Sie waren noch nicht gekommen, aber kommen würden sie sicherlich: daran durfte kein Patriot zweifeln, ohne ein Verbrechen am Vaterlande zu begehen. So wurde unaufhaltsam für die fünfmalhunderttausend unterwegs befindlichen Bürger gebaut und gebaut. Man kümmerte sich nicht einmal mehr um den Tag ihrer Ankunft; es genügte, daß man auf sie rechnete. In Rom hatten sich auch Gesellschaften zur Errichtung breiter Straßen durch die niedergerissenen, ungesunden, alten Viertel gebildet, und diese verkauften oder vermieteten ihre Grundstücke, aus welchen sie großen Nutzen schlugen. Aber je mehr der Wahnsinn wuchs, desto mehr Gesellschaften entstanden, um den Gewinnhunger zu befriedigen; sie verfolgten den Zweck, auch außerhalb Roms neue Viertel zu errichten – immer wieder neue Viertel, wahre kleine Städte, deren niemand bedurfte. Vor der Porta S. Giovanni, vor der Porta S. Lorenzo wuchsen die Vorstädte wie durch ein Wunder in die Höhe. Auf den ungeheuren Gründen der Villa Ludovisi, von Porta Salaria bis zur Porta Pia, bis S. Agnese entstand der Entwurf einer Stadt, und auf den Prati del Castello wollte man mit einemmale eine ganze Stadt samt Kirche, Schule und Markt aus dem Boden erstehen lassen. Es handelte sich aber nicht um kleine Arbeiterhäuser, um bescheidene Wohnungen für das geringe Volk und für Beamte, sondern um gewaltige Bauten, um wahre Paläste zu drei und vier Stockwerken mit gleichförmigen, übermäßig großen Fassaden, die aus diesem neuen, überspannten Viertel babylonische Stadtteile machten, wie sie nur Hauptstädte mit einem regen Industrieleben gleich Paris oder London bevölkern können. Das sind die ungeheuerlichen Erzeugnisse des Hochmuts und des Spieles. Und was für eine bittere, historische Lehre ist es, da Rom, nun zu Grunde gerichtet, außerdem von diesem häßlichen Gürtel aus großen, kreidigen, leeren und meist unvollendeten Gerippen entehrt wird, deren Trümmer bereits die grasbewachsenen Straßen bedecken! Der unselige Zusammenbruch, das Unglück war furchtbar. Narcisse setzte dessen Gründe aus einander und erläuterte die einzelnen Phasen so deutlich, daß Pierre alles begriff. Selbstverständlich waren zahlreiche Finanzgesellschaften aus dem Düngerboden der Spekulation aufgeschossen: die Immobiliere, die Societa d'Ediliza e Construzione, die Fondaria, die Tiberiana, die Esquilino. Fast alle ließen bauen und errichteten ungeheure Häuser, ganze Straßen zum Verkauf; aber sie spielten auch mit Baugründen und überließen sie mit großem Nutzen den kleinen Spekulanten, die in der von dem wachsenden Agiofieber begründeten, fortwährenden künstlichen Hausse von allen Seiten erstanden und ebenfalls von ungeheuren Gewinnsten träumten. Das schlimmste dabei war, daß diese kleinen Bürger, diese unerfahrenen und kapitalslosen Krämer so bethört wurden, daß sie ebenfalls bauen wollten; sie borgten bei den Banken und wendeten sich an die Gesellschaften, die ihnen die Grundstücke verkauft hatten, um von ihnen das zur Vollendung der Bauten notwendige Geld zu erlangen. Zumeist waren die Gesellschaften, um nicht alles zu verlieren, eines Tages gezwungen, die Grundstücke und selbst die unvollendeten Bauten zurückzunehmen; das führte eine ungeheure Verstopfung herbei, an der sie zu Grunde gehen mußten. Wenn die Million Einwohner gekommen wäre, um die Wohnungen zu beziehen, die man ihnen in einem so wunderlichen Hoffnungstraum vorbereitete, so wären die Gewinnste unberechenbar gewesen; Rom hätte sich in zehn Jahren bereichert und würde eine der blühendsten Hauptstädte der Welt geworden sein. Aber diese Einwohner wollten absolut nicht kommen; man konnte nichts vermieten, die Wohnungen blieben leer stehen. Da brach nun die Krise mit einer Heftigkeit ohnegleichen wie ein Donnerschlag herein. Aus zwei Gründen: erstens waren die von den Gesellschaften gebauten Häuser viel zu große Stücke, ein viel zu schwieriger Ankauf, vor dem der größte Teil der mittleren Rentner, die ihr Geld in Grundbesitz anlegen wollten, zurückschreckte. Der Atavismus hatte sein Werk gethan; die Bauherren hatten im Größenwahn eine Reihenfolge prächtiger Paläste gebaut, die dazu bestimmt waren, die der anderen Zeitalter zu erdrücken, aber düster und verlassen als die unerhörtesten Zeugen des ohnmächtigen Hochmuts stehen blieben. Es waren also keine Privatkapitalien zu finden, die an Stelle der Gesellschaften zu treten wagten oder zu treten vermochten. Außerdem sind anderswo, in Paris, in Berlin, die neuen Viertel, die Verschönerungen mit nationalem Kapital, mit erspartem Gelde geschaffen worden. In Rom hingegen wurde alles auf Kredit, mit Dreimonatswechseln und vor allem mit fremdem Gelde gebaut. Man schätzt die derart verschlungene, ungeheure Summe auf beiläufig eine Milliarde. Davon waren vier Fünftel französisches Geld. Es war einfach ein Geschäft von Bankier zu Bankier: die französischen Bankiers liehen den italienischen zu dreieinhalb oder vier Prozent, und diese liehen wieder den Spekulanten, den römischen Bauherren, zu sechs, sieben und sogar acht Prozent. Man kann sich daher die Katastrophe vorstellen, als Frankreich, nachdem es das Bündnis Italiens mit Deutschland erfuhr, seine achthundert Millionen in weniger als zwei Jahren zurückzog. Ein ungeheurer Rückfluß entstand, der die italienischen Banken leerte; die Grundgesellschaften, sowie alle jene, die in Gründen und Bauten spekulirten, waren nun ebenfalls gezwungen, zu tilgen und mußten sich an die Emissionsgesellschaften wenden, die Papier ausgeben konnten. Gleichzeitig schüchterten sie den Staat ein; sie drohten die Arbeit einzustellen und vierzigtausend feiernde Arbeiter aus das Pflaster Roms zu werfen, wenn der Staat nicht die Emissionsgesellschaften zwinge, ihnen die fünf bis sechs Millionen zu leihen, deren sie bedurften. Das that der Staat zuletzt, da ihn der Gedanke eines allgemeinen Bankerotts erschreckte. Natürlich konnten die fünf oder sechs Millionen zur Verfallszeit nicht eingelöst werden, da Häuser weder zu verkaufen noch zu vermieten waren; so begann nun der Zusammenbruch, nahm blitzschnell zu, und Schutt fiel auf Schutt: die kleinen Spekulanten fielen auf die Bauherren, diese auf die Terraingesellschaften, diese wieder auf die Emissionsgesellschaften, und diese zuletzt auf den öffentlichen Kredit, womit sie die Nation zu Grunde richteten. So kam es, daß eine einfache städtische Baukrise eine furchtbare finanzielle Katastrophe, eine nationale Gefahr ward. Eine ganze Milliarde war unnützerweise verschlungen; Rom war häßlich geworden und trug nun die Last der schmählichen, jungen Ruinen, der gähnenden, leeren Wohnungen für die erträumten fünf- oder sechsmalhunderttausend Einwohner, auf die man noch immer wartete. Uebrigens war in dem wehenden Sturmwind des Ruhms der Staat selbst vom Größenwahn erfaßt worden. Es handelte sich darum, in einem Gusse ein triumphirendes Italien zu schaffen, das in fünfundzwanzig Jahren jene Einheit und Größe erarbeiten sollte, zu deren gediegenem Schaffen andere Nationen Jahrhunderte gebraucht haben. Es entstand daher eine fieberhafte Thätigkeit, und verschwenderische Ausgaben für Kanäle, Häfen, Straßen, Eisenbahnen, übermäßig große, öffentliche Arbeiten in allen Städten wurden gemacht. Man schuf, man bildete die große Nation, ohne zu rechnen. Seit dem Bündnis mit Deutschland verschlang das Kriegs- und Marinebudget unnützerweise Millionen. Den fortwährend wachsenden Bedürfnissen wurde jedoch nur mittelst Emissionen Rechnung getragen; von Jahr zu Jahr wurden Anleihen gemacht. In Rom allein kostete der Bau des Kriegsministeriums zehn Millionen, der des Finanzministeriums fünfzehn Millionen. Hundert Millionen wurden für die nicht vollendeten Quais ausgegeben, und mehr als zweihundertundfünfzig Millionen wurden in die Befestigungsarbeiten rings um die Stadt gesteckt. Es war eben immer und immer wieder das Aufflammen des verhängnisvollen Hochmutes, der Saft des Bodens, der sich nur in allzu großen Plänen entfalten kann, jener Vorsatz, die Welt zu blenden und sie zu erobern, der entsteht, wie nur der Fuß das Kapitol betritt – selbst den aufgehäuften Staub all der Menschenmacht, die dort nach einander zusammengebrochen ist. »Ja, mein lieber Freund,« fuhr Narcisse fort, »wenn ich mich in die Geschichten einlassen würde, die im Umlauf sind, die man sich ins Ohr flüstert, wenn ich Ihnen gewisse Thatsachen anführen wollte, so würden Sie über den Grad von Wahnwitz, bis zu dem sich diese im Grunde so vernünftige, so lässige und egoistische Stadt durch das schreckliche Fieber der Spielleidenschaft versteigen konnte, verblüfft, entsetzt sein. Nicht nur die kleinen Leute, die Unwissenden und Dummen haben sich zu Grunde gerichtet, sondern auch die großen Familien, fast der ganze römische Adel hat dabei seine uralten Vermögen, das Geld, die Paläste und die Galerien von Meisterwerken, die er der Freigebigkeit der Päpste verdankte, verloren. Diese gewaltigen Reichtümer, zu deren Anhäufung in den Händen einiger Weniger Jahrhunderte von Nepotismus notwendig waren, sind in kaum zehn Jahren wie Wachs an dem gleichmachenden Feuer des Agios zerschmolzen.« Dann vergaß er ganz, daß er zu einem Priester rede, und erzählte eine dieser zweideutigen Geschichten. »Sehen Sie 'mal unsern Freund Dario, den Fürsten Boccanera, an. Er ist der letzte des Namens und muß von den Brosamen seines Oheims, des Kardinals, leben, der doch auch nicht mehr als sein Gehalt hat. Nun, er würde sicherlich in seiner Karosse einherrollen, wenn sich die seltsame Geschichte mit der Villa Montefiori nicht begeben hätte ... Man muß es Ihnen gewiß schon erzählt haben: die großen Gründe dieser Villa wurden einer Finanzgesellschaft für zehn Millionen abgetreten; dann wurde der Fürst Onofrio, der Vater Darios, vom Spekulationsbedürfnis gepackt, kaufte seine eigenen Gründe sehr teuer zurück, spielte und ließ bauen; zuletzt riß die Katastrophe außer diesen Millionen noch alles mit, was er sonst besaß, die ganzen Trümmer des einst so gewaltigen Vermögens der Boccanera ... Aber zweifellos wird man Ihnen nicht gesagt haben, was für geheime Gründe dabei mitwirkten, was für eine Rolle der Graf Prada – ja wohl, der separirte Gemahl der entzückenden Contessina, welche wir jetzt erwarten – dabei gespielt hat. Er war der Geliebte der Fürstin Boccanera, der schönen Flavia Montefiori, die dem Fürsten die Villa zugebracht hatte. O, es war ein herrliches Geschöpf, bedeutend jünger als ihr Gatte. Man behauptet nun, daß Prada den Gatten durch die Frau in der Hand hielt, so daß diese sich des Abends verweigerte, wenn der alte Fürst zögerte, ob er eine Unterschrift geben, ob er sich in ein Geschäft einlassen sollte, dessen Gefährlichkeit er im voraus witterte. Prada hat dabei Millionen gewonnen, die er jetzt in einer sehr vernünftigen Art und Weise verzehrt. Was die schöne, nun reif gewordene Flavia anbetrifft, so wissen Sie, daß sie, nachdem sie ein kleines Vermögen aus dem Sturz gerettet hatte, herzhaft auf den Titel einer Fürstin Boccanera verzichtete, um sich einen schönen Mann, einen zweiten Gatten, zu kaufen. Diesmal ist er bedeutend jünger als sie; sie hat einen Marquis Montefiori aus ihm gemacht, der sie in Freuden und üppiger Schönheit erhält, trotzdem sie die Fünfzig hinter sich hat ... Bei der ganzen Sache gab es kein anderes Opfer als unseren guten Freund Dario; er ist vollständig zu Grunde gerichtet und dabei entschlossen, seine Base zu heiraten, die nicht viel reicher ist als er. Freilich will sie ihn durchaus haben, und er ist nicht im stande, sie nicht ebenso zu lieben, wie sie ihn liebt. Sonst würde er bereits irgend eine Amerikanerin, eine Millionenerbin, geheiratet haben, wie so viele andere Fürsten es thaten; aber es ist auch möglich, daß der Kardinal und Donna Serafina sich dem widersetzten, denn diese beiden sind auch Helden in ihrer Art, stolze, störrische Römer, die ihr Blut von jeder fremden Mischung rein erhalten wollen ... Nun, hoffen wir, daß der gute Dario und diese reizende Benedetta mit einander glücklich werden.« Er hielt inne, aber nach ein paar schweigend zurückgelegten Schritten fuhr er leise fort: »Ich habe einen Verwandten, der bei der Geschichte mit der Villa Montefiori beinahe drei Millionen gewonnen hat. Ach, wie leid ist es mir, daß ich erst nach dieser Heroenzeit des Agios hierher kam! Wie unterhaltend muß das gewesen sein! Und was für Züge konnte ein kaltblütiger Spieler ausführen!« Plötzlich aber erblickte er, als er den Kopf hob, vor sich das neue Viertel der Prati del Castello; seine Züge veränderten sich; er wurde wieder die Künstlerseele, die über die modernen Greuel, mit denen man das päpstliche Rom besudelt hat, empört ist. Die Farbe seiner Augen wurde blässer, sein Mund drückte die bittere Geringschätzung des in seiner Leidenschaft für verschwundene Jahrhunderte verwundeten Träumers aus. »Sehen Sie nur, sehen Sie nur! O, Stadt des Augustus, Stadt Leo X., Stadt der ewigen Macht und der ewigen Schönheit!« In der That wurde Pierre selbst gepackt. An dieser Stelle zogen sich einst längs des Tiber bis zu den Abhängen des Monte Mario die ebenen, nur von einigen Pappeln unterbrochenen Wiesen der Engelsburg hin. Die breiten Grasplätze, die dem Borgo und dem fernen Dom von St. Peter einen grünen Vordergrund schufen, wurden von den Künstlern sehr geliebt. Jetzt aber erhob sich inmitten dieser aufgewühlten, weißlichen Ebene eine ganze Stadt, eine Stadt mit schwerfälligen, gewaltigen Häusern, mit großen, regelmäßigen Steinwürfeln, mit breiten, rechtwinkelig durchschnittenen Straßen – ein ungeheures Damenbrett mit symmetrischen Feldern. Von einem Ende zum andern zeigten sich dieselben Fassaden; man hätte das Ganze für eine Reihe von Klostern, Kasernen und Hospitälern halten können, deren übereinstimmende Linien sich endlos fortsetzten. Aber das Erstaunen, der befremdliche, peinliche Eindruck, den dieser Anblick beim Beschauer hervorrief, rührte hauptsächlich von der anfangs unerklärlichen Katastrophe her, die diese ganze Stadt mitten im Bau erstarrt hatte. Es war, als hätte ein böser Zauberer an einem verfluchten Morgen seinen Stab erhoben, durch den mit einemmale die Arbeiten stille standen, die lärmenden Zimmerplätze sich geleert hatten und die Bauten genau in dem Zustande, in dem sie sich in dieser Minute befanden, in düsterer Verlassenheit liegen geblieben waren. Alle auf einander folgenden Bauzustände waren vertreten – von den Erdarbeiten, den für die Grundmauern gegrabenen tiefen Löchern, die nun klafften und von Unkraut überwuchert waren, bis zu den völlig fertig gestellten und bewohnten Häusern. Es gab da Häuser, deren Mauern sich kaum über den Boden erhoben; andere waren bis zum zweiten oder dritten Stockwerke gediehen, aber in ihre eisernen Deckenbalken, in ihre offenen Fenster schaute der Himmel; andere wieder, die, vollständig fertig gestellt, bereits eingedacht waren, standen wie Gerippe da, die allen Winden ausgesetzt sind, und ähnelten leeren Käfigen. Dann gab es ganz fertige Häuser; aber man hatte nicht die Zeit gehabt, ihre Außenmauern anzustreichen. Bei anderen fehlte gänzlich das Holzwerk, sowohl bei Thüren wie bei Fenstern; wieder andere besaßen wohl Thüren und Schalterläden, aber sie waren gleich Sargdeckeln vernagelt, und in den toten Zimmern war keine Menschenseele zu sehen; wieder andere waren bewohnt, zumeist nur teilweise, nur wenige vollständig. Alle lebten von einer ganz unerwarteten Bevölkerung. Die schreckliche Traurigkeit dieses Anblickes ließ sich nicht schildern: es war eine Dornröschenstadt, die ein tödlicher Schlaf heimgesucht, ehe sie noch gelebt hatte, die nun in Erwartung eines Erwachens, das nie kommen zu wollen schien, in der heißen Sonne zu Grunde ging. Pierre ging hinter seinem Gefährten her durch die breiten, einsamen Straßen, in denen die Unbewegliche und die Stille eines Kirchhofes herrschte. Kein Wagen, kein Fußgänger kam vorüber. Einzelne Straßen hatten nicht einmal ein Trottoir, und das Unkraut überwucherte den noch nicht gepflasterten Fahrweg wie ein Feld, das zum Naturzustand zurückkehrte; trotzdem waren provisorische Gashähne, einfache, an Stangen befestigte Bleiröhren schon seit Jahren vorhanden. Die Hausbesitzer auf beiden Seiten hatten die Fensteröffnungen der Erdgeschosse und Stockwerke mit Hilfe von dicken Planken hermetisch geschlossen, um nicht die Thür- und Fenstersteuer zahlen zu müssen. Andere, kaum begonnene Häuser waren aus Furcht, daß die Keller der Zufluchtsort aller Banditen des Landes werden konnten, mit Pfählen verrammelt. Aber das Traurigste von allem waren die jungen Ruinen, diese hohen, prächtigen, unvollendeten, nicht einmal verputzten Gebäude, die ihr Steinriesenleben noch nicht begonnen hatten und nun bereits von allen Seiten zerfielen; man hatte sie mit allerlei künstlichen Gerüsten stützen müssen, damit sie nicht auf dem Boden in Staub zerfielen. Das Herz that einem weh, wie in einer Stadt, aus der die Einwohner von einer Seuche hinweggerafft wurden; es war, als hätte hier die Pest, ein Krieg, ein Bombardement gehaust, deren Spuren diese klaffenden Gerippe noch zu bewahren schienen. Aber man wurde noch schwermütiger und von einer unendlichen menschlichen Verzweiflung ergriffen, wenn man bedachte, daß das nicht der Tod, sondern eine Fehlgeburt war, daß die Zerstörung ihr Werk thun würde, ehe die geträumten, vergeblich erwarteten Bewohner diesen tot geborenen Häusern Leben einflößen würden. Dazu kam noch eine furchtbare Ironie: an jeder Ecke befanden sich prächtige Marmortafeln mit den Namen der Straßen – berühmte, der Geschichte entliehene Namen, die der Gracchen, der Scipios, des Plinius, Pompejus, Julius Cäsars, die wie ein Hohn, wie ein Schlag, den die Vergangenheit der modernen Ohnmacht ins Gesicht gab, auf diesen unvollendeten, zusammenbrechenden Mauern leuchteten. Wiederum fiel Pierre die Wahrheit auf, daß jeder, der Rom besitzt, von dem Marmorwahnsinn, von dem eitlen Bedürfnis verzehrt wird, zu bauen und den künftigen Völkern sein Ruhmesdenkmal zu hinterlassen. Nach den Cäsaren, die ihre Paläste auf dem Palatin anhäuften, nach den Päpsten, die das mittelalterliche Rom wieder aufbauten und ihr Wappen darauf drückten, kommt nun die italienische Regierung, und auch sie kann nicht die Herrin der Stadt werden, ohne sofort den Wunsch zu empfinden, sie glänzender und ungeheurer denn je wieder herzustellen. Der Boden selbst suggerirte diesen Gedanken; es war das Blut des Augustus, das den zuletzt Gekommenen von neuem in den Kopf stieg und ihnen den wahnsinnigen Wunsch einflößte, aus dem dritten Rom die neue Königin der Erde zu machen. Daher stammen die Riesenpläne, die cyklopischen Quais, die einfachen Ministerien, die mit dem Kolosseum wetteifern; aus diesem Grunde sind die neuen Viertel mit den Riesenhäusern rings um die alte Stadt gleich ebenso vielen kleinen Städten in die Höhe geschossen. Pierre erinnerte sich an den kreidigen, die rötlichen, alten Dächer umgebenden Gürtel, den er vom Dome von St. Peter aus gesehen und der ihm aus der Ferne wie ein verlassener Steinbruch erschienen war; denn nicht nur auf den Prati del Castello, auch an der Porta S. Giovanni, an der Porta S. Lorenzo, bei der Villa Ludovisi, auf den Höhen des Viminal und des Esquilin stürzten bereits unvollendete und leere Viertel in dem Unkraut der verlassenen Straßen zusammen. Nach zweitausend Jahren wunderbarer Fruchtbarkeit schien nun der Boden endlich erschöpft zu sein, schien der Stein der Monumente nicht mehr sprossen zu wollen. Gleich wie in sehr alten Obstgärten neu gepflanzte Pflaumen- und Kirschbäume verkümmern und absterben, so fanden zweifellos auch die neuen Mauern keine Lebensnahrung mehr in dem von dem hundertjährigen Wachstum einer so großen Zahl von Tempeln, Zirkussen, Triumphbogen, Basiliken und Kirchen verarmten römischen Staude. Und die modernen Häuser, die man hier abermals wuchern lassen wollte, die unnützen, allzu großen, vom ererbten Ehrgeiz ganz geschwollenen Häuser hatten nicht zur Reife gelangen können; du halben, von gähnenden Fenstern durchlöcherten Fassaden, die nicht Kraft genug besessen hatten, bis zum Dache aufzusteigen, blieben unfruchtbar stehen wie trockenes Gestrüpp auf einem Acker, der zu viel getragen hat. Das schrecklich Traurige dieses Anblicks lag hauptsächlich darin, daß eine so schöpferische, vergangene Größe in einem solchen Eingeständnis gegenwärtiger Ohnmacht gipfelte, daß Rom, das einst die Welt mit seinen unzerstörbaren Monumenten bedeckt hatte, nun nichts mehr als Ruinen erzeugte. »Man wird sie wohl noch einmal fertig stellen!« rief Pierre. Narcisse sah ihn erstaunt an. »Für wen denn?« Ja, das war das Schreckliche. Ach, diese fünf- oder sechsmalhunderttausend Einwohner, von deren Kommen man geträumt hatte, die man noch immer erwartete, wo waren sie jetzt? Auf welchen nahen, flachen Landstrichen, in welchen entlegenen Städten lebten sie? Wenn in den ersten Tagen nach der Eroberung nur große patriotische Begeisterung auf eine solche Bevölkerung hoffen konnte, so gehörte heutigentags eine seltsame Verblendung dazu, um überhaupt noch an ihr Kommen zu glauben. Das Experiment schien gemacht zu sein, Rom stand stille, es lagen gar keine Ursachen vor, welche die Einwohnerzahl hätten verdoppeln können: weder in den Vergnügungen, die es bot, noch in den Gewinnsten eines Handels oder einer Industrie, die es nicht besaß, noch in einem regen sozialen und geistigen Leben, dessen es nicht mehr fähig zu sein schien. Auf jeden Fall würden dazu lange Jahre unerläßlich sein. Wie also sollte man die fertigen, leeren Häuser bevölkern, die nur noch auf die Inwohner warteten? Für wen sollten die im Skelettzustande gebliebenen Häuser, die im Sonnenbrände und im Regen zerfielen, beendet werden? Würden sie also, teils fleischlos und allen Winden ausgesetzt, teils verschlossen, stumm wie Gräber, bis in unabsehbare Zeit in ihrer kläglichen, nutzlosen und verlassenen Häßlichkeit stehen bleiben? Welch schreckliches Zeugnis legten sie unter dem herrlichen Himmel ab! Die neuen Herren von Rom hatten es schlecht angefangen; aber wenn sie jetzt wußten, wie sie es hätten machen sollen, würden sie es je wagen, das Gethane zu zerstören? Da die Milliarde, die hier hineingesteckt wurde, endgiltig verpfuscht und verloren zu sein schien, begann man einen Nero von unumschränkter und maßloser Energie herbeizuwünschen, der Fackel und Haue ergreifen und im Namen der rächenden Vernunft und Schönheit alles verbrennen, alles Weisen würde. »O,« fuhr Narcisse fort, »da sind die Contessina und der Fürst.« Benedetta hatte den Wagen an einer Kreuzung der einsamen Straßen halten lassen; und nun schritt sie am Arme Darios durch diese breiten, stillen, unkrautbewachsenen Gassen, die für Liebende wie geschaffen sind. Beide waren über den Spaziergang entzückt und dachten nicht mehr an all das Traurige, um derentwillen sie kamen. »O, was für ein schönes Wetter!« sagte sie heiter, als sie mit den zwei Freunden zusammentraf. »Sehen Sie nur die schöne Sonne! ... Und es thut einem so wohl, ein bißchen zu Fuß zu gehen wie auf dem Lande!« Dario war der erste, der aufhörte, sich an dem blauen Himmel, an der Freude, seine Base am Arme zu führen, zu ergötzen. »Meine Liebe, da Du aus dieser Laune beharrst die uns sicherlich den schönen Tag verderben wird, müssen wir nun diese Leute aufsuchen ... Aber erst muß ich mich zurechtfinden. Ihr wißt, ich kenne mich in Gegenden, in die ich nicht gerne gehe, nicht gut aus ... Und dann ist dieses Viertel mit diesen toten Straßen, diesen toten Häusern zu albern; man sieht nicht eine Figur, an die man sich erinnert, nicht einen Laden, der einen wieder auf den richtigen Weg führt... Aber ich glaube, daß es hier ist. Geht mir nur nach, wir werden es ja wohl sehen.« Und die vier Spaziergänger wendeten sich dem mittleren, auf den Tiber hinausgehenden Teile des Viertels zu. Hier hatte sich bereits eine Bevölkerung zu bilden begonnen. Die Besitzer einiger fertigen Häuser schlugen daraus Nutzen, so viel sie konnten, vermieteten die Wohnungen zu sehr niedrigem Preise und erzürnten sich nicht, wenn die Miete auf sich warten ließ. Daher hatten sich bedürftige Beamte und sonstige arme Familien hier niedergelassen, die langsam, aber doch immer etwas bezahlten. Das Schlimmste jedoch war, daß infolge der Niederreißung des ehemaligen Ghettos und infolge der Durchbrüche, mit denen man in Trastevere Luft geschafft hatte, wahre Horden von brotlosen, heimatlosen, beinahe unbekleideten Menschen über die unvollendeten Häuser hergefallen und mit ihrem Leid und ihrem Ungeziefer in sie eingedrungen waren. Aber man hatte die Augen schließen und diese gewaltsame Besitzergreifung dulden müssen, wenn man nicht dieses ganze entsetzliche Elend auf offener Straße zur Schau stehen lassen wollte. Diesen schrecklichen Gästen also waren die großen geträumten Paläste, diese gewaltigen, vier- und fünfstöckigen Häuser mit monumentalen, von hohen Statuen geschmückten Bauten anheimgefallen, über deren Fassaden sich von einem Ende zum andern gemeißelte, von Karyatiden getragene Ballone hinzogen. Ueberall fehlte das Holzwerk der Thüren und Fenster; jede dieser unglücklichen Familien hatte ihre Wahl getroffen, bewohnte entweder ein ganzes fürstliches Stockwerk oder zog kleinere Zimmer vor, um sich dort nach Gefallen zusammenzudrängen. Die Fenster wurden manchmal mit Brettern verschlossen, die Thüren mit Hilfe von Lumpen verstopft. Schreckliche Wäschestücke trockneten auf den gemeißelten Balkonen und ließen ihre unreinen Notfahnen von diesen fehlgeborenen, in ihrem Stolze gedemütigten Fassaden flattern. Eine rasche Abnützung, namenlose Besudelungen erniedrigten bereits die schönen, weißen Gebäude und bespritzten sie mit schändlichen Streifen und Flecken; durch die prächtigen Thore, die für eine königliche Ausfahrt von Equipagen geschaffen waren, stoß ein schimpflicher Bach von Abfällen und Tiermist, dessen stehende Pfützen dann auf dem trottoirlosen Fahrweg verfaulten. Dario hatte seine Begleiter bereits zweimal denselben Weg zurückgeführt und verirrte sich immer mehr und mehr. »Ich hätte nach links gehen müssen. Aber woher soll man das wissen? Ist das möglich in einer solchen Umgebung?« Nun krochen ganze Banden lausiger Kinder im Staube umher. Sie waren außerordentlich schmutzig, beinahe nackt; ihr Fleisch war ganz schwarz, ihr Haar struppig wie ein Bündel Roßhaar. Frauen in schmutzigen Röcken und offen stehenden Jacken gingen umher und zeigten Brüste und Hüften, die denen überangestrengter Stuten glichen. Viele sprachen stehend mit kläffender Stimme zu einander; andere saßen, die Hände auf den Knieen, auf alten Stühlen und blieben so stundenlang sitzen, ohne etwas zu thun. Männer sah man nur wenige. Einige lagen abseits in dem rötlichen Grase und schliefen, die Nase in die Erde gedrückt, fest, mitten in der Sonne. Aber insbesondere der Geruch wurde ekelhaft. Es war der Geruch des unreinen Elends; das menschliche Vieh gab sich seinem Schmutze hin und lebte darin. Er wurde noch verstärkt von den Ausdünstungen des kleinen Stegreifmarktes, den sie durchschreiten mußten. Während ein hungriger Trupp Kinder lüstern zuschaute, verkauften die armseligen Händler vom Boden weg verdorbene Früchte, gekochte, saure Gemüse und verschiedene, bereits gestern in geronnenem, ranzigem Fett gebratene Speisen. »Kurz und gut, meine Liebe, ich weiß nicht mehr, wo es war,« rief der Fürst, zu seiner Base gewendet. »Sei vernünftig, wir haben genug gesehen; gehen wir zum Wagen zurück.« Er litt thatsächlich, und wie Benedetta selbst sagte, verstand er nicht zu leiden. Er hielt es für ungeheuerlich, für ein albernes Verbrechen, sich durch einen solchen Spaziergang traurig zu stimmen. Das Leben war dazu da, um es leicht und angenehm unter dem klaren Himmel zu verleben. Man mußte es einzig und allein durch anmutige Schauspiele, durch Gesang und Tanz erheitern. In seiner naiven Selbstsucht hatte er ein wahres Grauen vor der Häßlichkeit, der Armut, dem Leiden, so daß der bloße Anblick davon ihm ein Unbehagen, eine Art körperlicher und moralischer Gliederschwere verursachte. Aber Benedetta, die gleich ihm schauderte, wollte vor Pierre tapfer sein. Sie blickte ihn an, und da sie sah, wie lebhaft gefesselt er war, was für ein leidenschaftliches Mitleid ihn bewegte, ließ sie in ihrer Anstrengung, Teilnahme für die Armen und Unglücklichen zu zeigen, nicht nach. »Nein, nein, mein Dario, wir müssen bleiben ... Die Herren wollen alles sehen, nicht wahr?« »Ja, das jetzige Rom ist hier,« sagte Pierre. »Das hier erzählt einem viel mehr als alle klassischen Spaziergänge in den Ruinen und Monumenten.« »Sie übertreiben, mein Lieber,« erklärte nun Narcisse. »Aber ich gestehe zu, daß es interessant, sehr interessant ist ... Besonders die alten Frauen – ah, die alten Frauen sind außerordentlich ausdrucksvoll!« In diesem Augenblicke bemerkte Benedetta vor sich ein wunderbar schönes, junges Mädchen und konnte einen Aufschrei froher Bewunderung nicht unterdrücken. »O che bellezza!« Auch Dario hatte sie erkannt und rief mit derselben entzückten Miene: »Eh, das ist ja die Pierina ... Sie wird uns führen.« Das Kind ging der Gruppe bereits seit einer Weile nach, ohne daß es sich ihr zu nähern erlaubte. Ihre Augen, die freudig wie die einer liebenden Sklavin strahlten, hatten sich feurig auf den Fürsten gerichtet; dann betrachtete sie rasch die Contessina, aber ohne Zorn, mit einer Art zärtlicher Unterwürfigkeit, einer Art ergebener Zufriedenheit, daß auch sie sehr schön sei. Sie war wirklich ganz so, wie der Fürst sie geschildert hatte: groß, stark, mit einem Göttinnenhals, eine echte Antike, eine zwanzigjährige Juno mit einem etwas starken Kinn, Mund und Nase von vollkommener Regelmäßigkeit, großen Kuhaugen und einem leuchtenden, wie von der Sonne vergoldeten Gesicht unter einer Krone schwerer, schwarzer Haare. »Willst Du uns also führen?« fragte Benedetta vertraulich und lächelnd. Der Gedanke, daß es solche Geschöpfe geben könne, hatte sie bereits über die Häßlichkeit der Umgebung getröstet. »O ja, Signora, sofort!« Und sie lief vor ihnen her. Sie trug große Schuhe an den Füßen und ein altes braunes Wollkleid, das sie wohl kürzlich gewaschen und gestopft haben mußte. Man merkte ihr eine gewisse kokette Sorgfalt, ein Reinlichkeitsbedürfnis an, das die anderen nicht besaßen; es wäre denn, daß das einfach die Wirkung ihrer großen Schönheit war, die aus ihren armseligen Kleidern strahlte und eine Göttin aus ihr machte. »Che bellezza! Che bellezza!« wiederholte die Contessina unermüdlich, indem sie ihr folgte. »Mein Dario, der Anblick dieses Mädchens ist ein Fest.« »Ich wußte, daß sie Dir gefallen würde,« antwortete er einfach. Sein Fund schmeichelte ihm, und er sprach nicht mehr vom Fortgehen, da er endlich seine Augen auf etwas Angenehmem ausruhen lassen konnte. Hinter ihnen ging der ebenfalls verwunderte Pierre, dem Narcisse, dessen Geschmack für das Seltene und Gekünstelte war, seine Einwände mitteilte. »Gewiß, gewiß, sie ist schön ... Aber, mein Lieber, eigentlich gibt es nichts Plumperes, Seelenloseres als diesen römischen Typus ... Hinter ihrer Haut ist nichts als Blut, nichts Himmlisches, nichts vom Jenseits.« Aber Pierina stand nun still und zeigte mit einer Geberde ihre Mutter, die vor dem hohen Thor eines unvollendeten Palastes auf einer halb zerbrochenen Kiste saß. Auch sie mußte sehr schön gewesen sein, aber nun mit vierzig Jahren war sie bereits zu Grunde gerichtet; die Augen waren durch das Elend erloschen, der Mund mit den schwarzen Zähnen war entstellt, das Gesicht von tiefen, schlaffen Runzeln durchfurcht, der Hals ungeheuer breit und herabhängend. Dabei war sie furchtbar schmutzig; ihre ungekämmten, ergrauenden Haare flatterten in wirren Strähnen herum; ihr Rock und ihre Jacke waren besudelt, zerrissen und ließen den Schmutz der Glieder sehen. Mit beiden Händen hielt sie einen schlafenden Säugling, ihren Jüngstgeborenen, auf den Knieen. Sie sah ihn wie zerschmettert und mutlos an, mit der Miene eines in sein Schicksal ergebenen Lasttieres – eine Mutter, die Kinder geboren und genährt hat, ohne zu wissen warum. »Ah, schön, schön!« sagte sie, indem sie den Kopf hob. »Das ist ja der Herr, der mir einen Thaler gab, weil er Dich traf, wie Du gerade weintest. Jetzt kommt er nun mit seinen Freunden zu uns. Schön, schön, es gibt also doch gute Herzen.« Sie erzählte ihnen nun ihre Geschichte; aber sie that es schlaff, bemühte sich nicht einmal, sie mitleidig zu stimmen. Sie hieß Giacinta und hatte einen Maurer, Tomaso Gozzo, geheiratet, von dem sie sieben Kinder hatte. Pierina, dann Tito, einen achtzehnjährigen Jungen, und dann noch vier Mädchen, immer zwei Jahre aus einander, und zuletzt dieses, das sie auf den Knieen hielt, wieder einen Knaben. Sie hatten sehr lange in einer und derselben Wohnung in Trastevere, in einem alten Hause gewohnt, das eben niedergerissen worden war. Aber es schien, daß man zur selben Zeit auch ihre Existenz niedergerissen hatte, denn seitdem sie sich hierher auf die Prati del Castello zurückgezogen hatten, traf sie ein Unglück nach dem andern: zuerst die schreckliche Baukrise, derentwegen Tomaso und sein Sohn Tito feiern mußten, und nun die Schließung der Wachsperlenfabrik, wo Pierina bis zwanzig Centesimi verdiente, gerade genug, um nicht Hungers zu sterben. Jetzt arbeitete niemand mehr; die ganze Familie lebte vom Zufall. »Vielleicht wollen die Herrschaften hinaufgehen? Oben treffen Sie Tomaso mit seinem Bruder Ambrogio, den wir zu uns genommen haben; sie werden besser mit Ihnen sprechen können und Ihnen alles erzählen, was zu erzählen ist ... Was soll man machen? Tomaso ruht sich aus; er macht es wie der Tito: er schläft, da er nichts Besseres zu thun hat.« Sie deutete mit der Hand auf einen großen Jungen, der im trockenen Gras ausgestreckt lag. Er besaß eine starke Nase und einen harten Mund, aber die wunderbaren Augen Pierinas. Die fremden Leute schienen ihn zu beunruhigen, er hob bloß den Kopf. Als er bemerkte, mit welchen entzückten Blicken seine Schwester den Fürsten betrachtete, furchte eine zornige Falte seine Stirn. Er ließ den Kopf wieder zurücksinken, schloß aber die Lider nicht, sondern sah lauernd hinüber. »Pierina, führe also die Herrschaften hinauf, da sie es sich ansehen wollen.« Einige andere Frauen, deren nackte Füße in niedergetretenen Schlappschuhen steckten, schlurften näher heran; Banden von Kindern, von halb bekleideten kleinen Mädchen wimmelten umher, unter denen sich zweifellos die vier Giacintas befanden. Alle waren sich mit ihren schwarzen Haaren unter dem zerzausten Schopf so ähnlich, daß nur die Mütter sie erkennen konnten; es war gleichsam ein Ueberhandnehmen, ein Lagern des Elends mitten in der Sonne, inmitten dieser majestätischen Unglücksstraße, die von unvollendeten und bereits in Ruinen zerfallenen Palästen begrenzt wurde. »Nein, Du gehst nicht mit hinauf,« sagte Benedetta leise, mit zärtlichem Lächeln zu ihrem Vetter. »Ich will Dich ja nicht umbringen, mein Dario ... Es war liebenswürdig genug von Dir, bis hierher zu kommen; da der Herr Abbé und Herr Hubert mich begleiten, kannst Du mich hier draußen in dieser schönen Sonne erwarten.« Er begann ebenfalls zu lachen und willigte sehr gerne ein; dann zündete er sich eine Cigarrette an und ging, von der milden Luft befriedigt, mit kleinen Schritten auf und ab. Pierina war rasch unter das große Thor getreten. Es besaß ein hohes, mit rosettenartigen Deckenfeldern geschmücktes Gewölbe, aber in der Vorhalle bedeckte ein wahres Mistbett die Marmorfliesen, die man bereits zu legen begonnen hatte. Dann kam die monumentale Steintreppe mit dem durchbrochenen und gemeißelten Geländer; die Stufen waren bereits zerbrochen und mit einer so dicken Schmutzschicht besudelt, daß sie davon ganz schwarz aussahen. Ueberall hatten die Hände fettige Spuren zurückgelassen. Etwas wahrhaft Schimpfliches ging von den Mauern aus, die noch im Rohzustande dastanden und auf die Malereien und Vergoldungen warteten, die sie hätten schmücken sollen. Pierina blieb im ersten Stockwerk aus dem riesigen Treppenabsatz stehen und rief bloß durch die Oeffnung einer großen, gähnenden Thür ohne Thürgestelle oder Thürrahmen: »Vater, eine Dame und zwei Herren wollen Dich sprechen.« Dann wandte sie sich zur Contessina. »Ganz zuletzt, im dritten Saal.« Nun lief sie davon und rannte viel rascher, als sie gekommen war, die Treppe wieder hinab, zu dem Gegenstande ihrer Leidenschaft zurück. Benedetta und ihre Begleiter durchschritten zwei ungeheure Säle; auf dem Boden bildete der Gipsschutt Hügel, die Fenster standen weit offen. Endlich gerieten sie in einen kleineren Saal, in dem sich die ganze Familie Gozzo mit dem Gerümpel, das ihnen als Möbel diente, niedergelassen hatte. Auf der Erde, auf den unbedeckten eisernen Traversen lagen fünf oder sechs schmutzige, vom Schweiß zerfressene Strohsäcke. In der Mitte stand ein langer, noch fester Tisch; auch ein Paar alte, mit Hilfe von Stricken geflickte Strohsessel waren vorhanden. Die größte Arbeit hatte jedoch darin bestanden, daß man zwei von den drei Fenstern mit Brettern verschlossen hatte, wahrend vor dem dritten und der Thür eine alte, durchlöcherte und stockige Matratzenleinwand hing. Tomaso, der Maurer, schien überrascht zu sein; augenscheinlich war er an solche mildthätige Besuche nicht gewöhnt. Er saß vor dem Tisch, hatte beide Ellenbogen auf den Tisch, das Kinn in die Hand gestützt und war im Begriffe, sich auszuruhen, wie seine Frau Giacinta gesagt hatte. Er war ein starker Mann von fünfundvierzig Jahren mit reichem Bart und Haar, einem großen, langen Gesicht und besaß in seinem Elend und seinem Müßiggange die Ruhe eines römischen Senators. Der Anblick der beiden Herren, in denen er sofort Fremde witterte, bewog ihn, sich rasch mit einer mißtrauischen Bewegung zu erheben. Aber sobald er Benedetta erkannte, lächelte er, und als sie, indem sie ihm den Zweck ihres Kommens erklärte, von Dario sprach, der unten geblieben sei, antwortete er: »O, ich weiß, ich weiß, Contessina ... Ja, ich weiß sehr gut, wer Sie sind, denn ich habe zu Lebzeiten meines Vaters einmal im Palazzo Boccanera ein Fenster zugemauert.« Nun ließ er sich gefällig ausfragen. Er antwortete dem überraschten Pierre, daß wohl kein großes Glück herrsche, aber daß es sich wohl leben ließe, wenn man nur zwei Tage in der Woche arbeiten könnte. Man merkte, daß er sich den Bauch eigentlich ganz gern fester zuschnürte, sobald er nur nach seinem Gefallen, ohne Mühe leben konnte. Es war immer wieder die Geschichte von jenem Schlosser, der sich, als ihn ein Reisender rufen ließ, um sich von ihm einen Koffer, dessen Schlüssel verloren gegangen war, öffnen zu lassen, unbedingt in der Siestastunde nicht stören lassen wollte. Da so viele leere Paläste den armen Leuten offen standen, brauchte die Wohnung nicht mehr gezahlt zu werden, und man war so nüchtern und wenig heikel, daß ein paar Centesimi für das Essen genügt haben würden. »O, Herr Abbé, unter dem Papst ging alles viel besser ... Mein Vater, der Maurer wie ich war, hat sein ganzes Leben im Vatikan gearbeitet; und ich selbst, noch heute, wenn ich ein paar Tage Arbeit haben will, finde sie immer nur dort ... Sehen Sie, wir sind durch diese zehn Jahre, wo es so viel Arbeit gab, daß man nicht von der Leiter herabkam und verdiente, was man wollte, verwohnt worden. Natürlich konnte man besser essen, sich besser kleiden und brauchte sich kein Vergnügen zu versagen; da werden einem die Entbehrungen heute noch schwerer. Aber unter dem Papst, Herr Abbé – ja, wenn Sie damals zu uns gekommen wären! Keine Steuern, alles umsonst, man brauchte wirklich nur zu leben.« In diesem Augenblicke erhob sich von einem der Strohsäcke im Schatten der vernagelten Fenster ein Murren. »Das ist mein Bruder Ambrogio,« fuhr der Maurer mit seiner gelassenen, friedlichen Miene fort. »Er ist nicht meiner Meinung ... Er hat es Anno 49, wie er vierzehn Jahre alt war, mit den Republikanern gehalten ... Aber das thut nichts, wir haben ihn zu uns genommen, als wir erfuhren, daß er vor Hunger und Krankheit in einem Keller umkäme.« Die Besucher überlief nun ein Schauer des Mitleids. Ambrogio war fünfzehn Jahre älter als sein Bruder und mit kaum sechzig Jahren nur noch eine Ruine; das Fieber verzehrte ihn, und die Beine waren so abgemagert, daß er die Tage auf seinem Strohsack verbrachte, ohne je auszugehen. Er war kleiner, magerer und unruhiger als sein Bruder; einst war er Schreiner gewesen. Aber trotz seines körperlichen Verfalles hatte er noch einen ungewöhnlichen Kopf, das edle und tragische Gesicht eines Apostels und Märtyrers, umrahmt von weißem, gesträubtem Bart und Haar. »Der Papst, der Papst,« murrte er, »ich habe nie Böses über den Papst gesprochen, aber er ist doch schuld daran, wenn die Tyrannei noch immer fortdauert. Er allein hätte uns Anno 49 die Republik geben können, und dann stände es mit uns nicht so, wie es mit uns steht.« Er hatte Mazzini gekannt und bewahrte noch immer dessen unbestimmten Traum von einem republikanischen Papst, der endlich Freiheit und Brüderlichkeit auf Erden herrschen lassen würde. Aber später verwirrte seine Leidenschaft für Garibaldi diesen Begriff; er hielt fortan das Papsttum für unwürdig und unfähig, an der menschlichen Befreiung zu arbeiten. So kannte er sich nicht recht aus und schwankte Zwischen dem Trugbilde seiner Jugend und seiner harten Lebenserfahrung. Uebrigens hatte er stets nur unter dem Druck heftiger Erregung gehandelt und blieb bei den schönen Worten, bei ausgedehnten und unbestimmten Wünschen. »Bruder Ambrogio,« fuhr Tomaso ruhig fort, »der Papst ist der Papst, und wer klug ist, hält es mit ihm, denn er wird immer der Papst sein, das heißt der Stärkste. Wenn morgen die Abstimmung käme, würde ich für ihn stimmen.« Der alte Arbeiter beeilte sich nicht mit der Antwort. Die ganze bedächtige Vorsicht seiner Rasse hatte ihn ruhiger gemacht. »Ich, Bruder Tomaso, würde dagegen stimmen, immer dagegen ... Und Du weißt gut, daß wir die Majorität haben würden. Mit dem Papst-König ist es aus. Der Borgo selbst würde sich dagegen empören ... Aber damit will ich nicht sagen, daß man sich mit ihm nicht einigen soll, damit die Religion von aller Welt respektirt wird.« Pierre hörte ihm mit lebhaftem Interesse zu; zuletzt wagte er, ihm eine Frage zu stellen. »Und gibt es in Rom unter dem Volke viele Sozialisten?« Diesmal ließ die Antwort noch länger aus sich warten. »Sozialisten, Herr Abbé? Gewiß, ein paar, aber viel weniger als in anderen Städten ... Das sind Neuheiten, bei denen die Ungeduldigen mithalten, ohne daß sie vielleicht besonders viel davon verstehen ... Wir Alten, wir waren für die Freiheit, aber wir sind nicht für Brennen und Morden.« Er fürchtete wohl, in Gegenwart der Damen und der Herren zu viel zu sagen, und begann zu stöhnen, indem er sich auf seinem Strohsack ausstreckte. Mittlerweile nahm die von dem Geruch etwas belästigte Contessina Abschied, nachdem sie dem Priester zugeflüstert hatte, daß es besser sei, ihr Almosen der Frau unten zu geben. Tomaso hatte bereits seinen Platz am Tisch wieder eingenommen und stützte das Kinn mit den Händen; dabei grüßte er seine Gäste, ohne sich aber durch ihr Weggehen mehr als durch ihr Kommen aufregen zu lassen. »Auf Wiedersehen! Es hat mich sehr gefreut, Ihnen dienen zu können.« Aber auf der Schwelle brach Narcisses Begeisterung los. Er drehte sich um, um den Kopf des alten Ambrogio noch einmal zu bewundern. »Mein lieber Abbé, sehen Sie nur, was für ein Meisterwerk! Das ist herrlich, das ist schön! Viel weniger banal als das Gesicht des Mädchens! ... Hier bin ich doch gewiß, daß kein geschlechtlicher Fallstrick mich in eine unsaubere Versuchung führt. Ich gerate nicht wegen niedriger Ursachen in Bewegung ... Und dann, was für eine Unendlichkeit liegt in diesen Runzeln, was für ein Geheimnis in der Tiefe dieser verblichenen Augen, in diesem gesträubten Bart und Haar! So denkt man sich einen Propheten, einen Gottvater!« Unten saß Giacinta noch immer mit ihrem Säugling auf den Knieen auf der halb eingebrochenen Kiste. Ein paar Schritte von ihr entfernt stand Pierina vor Dario und sah mit entzückter Miene zu, wie er seine Cigarrette fertig rauchte, während Tito, wie ein sich sonnendes Tier ins Gras gedrückt, noch immer keinen Blick von ihnen ließ. »Ach, Signora!« fuhr die Mutter mit ihrer ergebenen, klagenden Stimme fort; »Sie haben es jetzt gesehen; es ist kaum bewohnbar. Das einzige Gute dabei ist, daß man wirklich Platz genug hat. Andererseits herrscht ein Zug, daß man sich abends und morgens den Tod holen kann. Außerdem ängstige ich mich um die Kinder, wegen der Löcher.« Sie erzählte die Geschichte von einer Frau, die eines Abends, als sie aus den Treppenabsatz hinauszutreten glaubte, sich geirrt und ein Fenster für eine Thür gehalten hatte; sie stürzte auf die Straße hinab und war sofort tot. Auch ein kleines Mädchen hatte sich beide Arme gebrochen, indem es von einer geländerlosen Treppe hinabstürzte. Außerdem hätte man da drin sterben können, ohne daß jemand davon erfuhr, ohne daß es jemand einfiel, einen aufzulesen. Erst tags zuvor hatte man im Hintergrunde eines entlegenen Zimmers die Leiche eines alten Mannes gefunden, den der Hunger bereits vor etwa einer Woche erdrosselt haben mußte; er wäre sicherlich dort liegen geblieben, wenn der verpestete Geruch den Nachbarn nicht seine Anwesenheit verraten hätte. »Und wenn man wenigstens nur zu essen hätte,« fuhr Giacinta fort, »aber wenn man nicht ißt und daher nähren muß, so hat man keine Milch. Der Kleine da saugt mir das Blut aus! Er wird böse, will was bekommen, und ich – ich fange an zu weinen, denn es ist nicht meine Schuld, wenn er nichts kriegt.« Wirklich stiegen ihr Thränen in die verblichenen Augen. Plötzlich aber wurde sie zornig, als sie bemerkte, daß Tito sich noch immer wie ein Tier in der Sonne auf dem Grase wälzte; sie hielt dies für unhöflich gegen diese seinen Leute, die ihr sicherlich ein Geldgeschenk hinterlassen würden. »He, Tito, Nichtsthuer, kannst Du nicht aufstehen, wenn man zu Dir auf Besuch kommt?« Er stellte sich anfangs taub, aber zuletzt erhob er sich, doch mit sehr übellauniger Miene; Pierre interessirte er, und er bemühte sich, ihn zum Reden zu bringen, sowie er oben den Vater und Oheim ausgefragt. Er vermochte nur kurze, mißtrauische und ärgerliche Antworten aus ihm herauszuziehen. Da es keine Arbeit gab, bliebe einem nichts übrig als schlafen. Die Dinge würden sich nicht ändern, auch wenn man sich nicht aufregte. Das Beste war also zu leben, so gut es ginge, ohne sich das Leben noch mehr zu verderben. Sozialisten? Ja, vielleicht gäbe es welche, aber er kannte keine. Aus seiner schlaffen, gleichgiltigen Haltung ging deutlich hervor, daß, wenn auch der Vater für den Papst und der Oheim für die Republik war, er, der Sohn, entschieden für nichts wäre. Pierre erkannte darin das Ende eines Volkes, besser gesagt, das Schlummern eines Volkes, in dem eine Demokratie noch nicht erwacht ist. Als jedoch der Priester wissen wollte, wie alt er sei, in welche Schule er gegangen, in welchem Viertel er geboren sei, unterbrach ihn Tito plötzlich kurz, indem er, mit dem Finger in der Luft auf seine Brust deutend, mit ernster Stimme sagte: »Io son Romano di Roma!« In der That, war das nicht die Antwort auf alles? »Ich bin ein Römer aus Rom.« Pierre lächelte traurig und schwieg. Noch nie hatte er den Hochmut der Rasse, das uralte, so schwer auf den Schultern lastende Erbteil des Ruhmes besser empfunden. In diesem degenerirten Knaben, der kaum lesen und schreiben konnte, lebte die unumschränkte Eitelkeit der Cäsaren wieder auf. Dieser Hungerleider kannte seine Stadt, hatte instinktmäßig die schönsten Seiten ihrer Geschichte hersagen können. Die Namen der großen Kaiser und der großen Päpste waren ihm vertraut. Wozu also arbeiten, nachdem man die Herren der Erde gewesen war? Warum sollte man in der schönsten Stadt, unter dem schönsten Himmel nicht in Vornehmheit und Trägheit leben? »Io son Romano di Roma!« Benedetta hatte der Mutter ihre Gabe in die Hand gedrückt, und Pierre wie Narcisse, die sich ihrem guten Werke anschließen wollten, thaten dasselbe. Da auf einmal hatte Dario, der gleichfalls dem Beispiel seiner Base gefolgt war, einen hübschen Einfall. Er wollte Pierina, der er kein Geld anzubieten wagte, nicht vergessen, legte die Finger leicht auf seine Lippen und sagte mit leisem Lächeln: »Für die Schönheit!« Und dieser durch die Luft geschickte Kuß, dieses etwas spöttische Lachen, dieser vertrauliche Fürst, der wie in einer Liebesgeschichte aus der alten Zeit die stumme Anbetung der schönen Perlenarbeiterin erweckte, war wirklich etwas Reizendes und Hübsches. Pierina wurde vor Freude ganz rot; sie verlor den Kopf, stürzte sich auf die Hand Darios und preßte in einer unüberlegten Bewegung, in die sich ebenso viel Dankbarkeit als verliebte Zärtlichkeit mischte, ihre heißen Lippen darauf. Aber die Augen Titos flammten vor Zorn auf; er packte seine Schwester roh beim Rock und stieß sie dumpf murrend mit der Faust beiseite. »Hör Du, Du weißt, ich bringe Dich um und ihn auch!« Es war hohe Zeit zu gehen, denn andere Frauen, die Geld witterten, traten herzu, streckten die Hände aus und schoben heulende Kinder vorwärts. Eine heftige Erregung hatte das elende Viertel mit den großen, verlassenen Bauten ergriffen, ein Notschrei stieg aus den toten Straßen mit den klangvollen Marmortafeln auf. Was thun? Allen konnte man doch nicht geben. Es blieb nichts übrig als die Flucht, während das Herz bei diesem Schluß der ohnmächtigen Nächstenliebe vor Trauer überfloß. Als Benedetta und Dario zu ihrem Wagen zurückgekehrt waren, stiegen sie eilig ein und schmiegten sich, froh, diesem Alpdrücken entkommen zu sein, an einander. Dennoch war Benedetta glücklich, daß sie sich vor Pierre tapfer gezeigt hatte, und drückte ihm wie eine gerührte Schülerin die Hand, als Narcisse erklärte, daß er den Priester zurückbehalten wolle, um ihn zum Frühstück in das kleine Restaurant am Petersplatz zu führen, von wo man eine so interessante Aussicht aus den Vatikan hatte. »Trinkt Gonzano Weißwein,« rief ihnen Dario nach, der wieder sehr munter geworden war. »Es gibt nichts Besseres, um sich die finsteren Gedanken zu vertreiben.« Aber Pierre wollte noch weitere Einzelheiten hören; er war unersättlich. Unterwegs fragte er Narcisse über das römische Volk, sein Leben, seine Gewohnheiten, seine Sitten aus. Der Unterricht war fast gleich Null. Keinerlei Industrie, keinerlei Außenhandel. Die Männer übten die wenigen gangbaren Handwerke aus, der ganze Verbrauch beschränkte sich auf den Platz. Unter den Frauen gab es Perlenarbeiterinnen, Stickerinnen, und religiöse Artikel, Medaillen, Rosenkränze, wie die Erzeugung lokaler Schmucksachen hatten jederzeit eine gewisse Anzahl von Arbeitern beschäftigt. Sowie aber die Frau heiratete und Mutter dieser wie durch ein Wunder aufwachsenden Kinderschwärme wurde, arbeitete sie nicht mehr. Mit einem Worte, die Bevölkerung lebte dahin, arbeitete gerade genug, um essen zu können, begnügte sich mit Gemüsen, Nudeln, geringem Hammelfleisch – ohne Empörung, ohne Ehrgeiz für die Zukunft, einzig und allein der Sorge um dieses unsichere Leben, von der Hand in den Mund lebend. Die beiden einzigen Laster waren das Spiel und der weiße und rote Wein der römischen Schlösser; es war ein Wein, der zu Streit und Totschlag trieb, der am Abende von Festtagen beim Verlassen der Schenken die Straßen mit röchelnden, von Messerstichen durchbohrten Männern bedeckte. Die Mädchen waren selten liederlich; solche, die sich vor der Heirat hingaben, waren zu zählen. Das kam daher, weil die Familie sehr einig, vollständig der unumschränkten Autorität des Vaters unterworfen war. Die Brüder selbst wachten über die Ehre der Schwestern, so wie jener Tito so hart, mit wilder Sorgfalt die Pierina behütete; das geschah nicht aus irgend welcher geheimen Eifersucht, sondern um des guten Rufes, um der Familienehre willen. Und dabei herrschte keine wirkliche Religiosität, sondern eine höchst kindische Götzendienerei; alle Herzen flogen der Madonna und den Heiligen zu: sie allein existirten, sie allein flehte man an, mit Außerachtlassung Gottes, an den zu denken niemand einfiel. Daraus erklärte sich leicht das Stillestehen des gemeinen römischen Volkes. Jahrhunderte ermutigter Faulheit, geschmeichelter Eitelkeit, eines weichlichen Lebens lagen hinter ihm. Wenn diese Römer keine Maurer, Schreiner oder Bäcker gewesen waren, so waren sie Bediente; sie dienten den Priestern und standen mehr oder minder unmittelbar im Solde des Papsttums. Daher schieden sie sich in zwei Parteien: in die ehemaligen Carbonari, die späteren Mazzinianer und Garibaldianer, welche freilich am zahlreichsten und die Blüte von Trastevere waren, und in die Schützlinge des Vatikans, in alle, die mehr oder minder von der Kirche lebten und das Verschwinden des Papst-Königs bedauerten. Aber auf der einen wie auf der andern Seite blieb es immer bei Ansichten, von denen man sprach, ohne daß je der Gedanke entstand, eine Anstrengung zu machen, sich einer Gefahr auszusetzen. Es hätte einer jähen Leidenschaft bedurft, die die feste Vernunft der Rasse hinwegfegen und sie in einen kurzen Wahnsinnstaumel versetzt haben würde. Wozu auch? Das Elend dauerte schon so viele Jahrhunderte, der Himmel war so blau, die Siesta in den heißen Stunden mehr wert als alles. Nur eines schien erworben worden zu sein: der Patriotismus. Die Mehrheit war entschieden für die Hauptstadt Rom, für diesen wieder erworbenen Ruhm, so daß in der Leostadt beinahe ein Aufruhr entstanden wäre, als sich das Gerücht von einer Einigung zwischen Italien und dem Papst verbreitete, deren Grundlage die Wiederherstellung der weltlichen Herrschaft des letzteren über diese Stadt sei. Wenn das Elend dennoch größer geworden zu sein schien und der römische Arbeiter sich noch mehr beklagte, so lag dies darin, weil er bei den ungeheuren Arbeiten, die fünfzehn Jahre lang in seiner Stadt ausgeführt wurden, wirklich nichts gewonnen hatte. Vorerst hatten mehr als vierzigtausend Arbeiter Rom überschwemmt; sie kamen zumeist aus dem Norden, arbeiteten für niedrigen Lohn und waren mutiger und widerstandsfähiger. Zweitens hatte er, selbst wenn er seinen Anteil an der Arbeit erhalten, besser gelebt, ohne Ersparnisse zu machen. Als daher die Krise losbrach und die vierzigtausend Arbeiter in die Provinzen zurückgeschickt werden mußten, stand er so wie früher da – in einer toten Stadt, wo alle Werkstätten feierten und lange Zeit keine Hoffnung auf Arbeit war. So fiel er denn wieder in seine alte Lässigkeit zurück; im Grunde war er es ganz zufrieden, daß er nicht mehr von allzu viel Arbeit geplagt wurde, und hauste von neuem, so gut es ging, mit seiner alten Liebe, dem Elend, beisammen – ohne einen Groschen, aber als großer Herr. Pierre fiel jedoch vor allem der verschiedenartige Charakter des Pariser und des römischen Elends auf. Gewiß, der Mangel war hier noch vollständiger, die Nahrung noch unreinlicher, der Schmutz noch widerwärtiger. Warum also besaßen diese furchtbar armen Leute mehr Ungezwungenheit und wirkliche Heiterkeit? Wenn er an den Winter in Paris dachte, an die elenden Kämmerchen, die er so oft besucht hatte, wo es zum Dach hineinschneite, wo ganze brotlose Familien vor Frost klapperten, da wurde sein Herz von einem rasenden Mitleid ergriffen, wie er es auf den Prati del Castello lange nicht so lebhaft empfunden hatte. Nun endlich begriff er: das Elend in Rom war kein frierendes Elend. Ach ja, ein fortwährender Sonnenschein, ein gütiger Himmel, der aus Mitleid mit den Unglücklichen fortwährend blau blieb, war ein gar süßer und ewiger Trost! Was lag an dem Schrecken der Wohnung, wenn man im Freien schlafen und sich von dem lauen Winde streicheln lassen konnte! Was lag sogar am Hunger, wenn die Familie auf sonnigen Straßen, im trockenen Grase auf das Glück des Zufalls warten konnte! Das Klima machte nüchtern; es gab keinen Nebel, dem man mit Alkohol oder schwarzem Fleisch entgegentreten mußte. Das göttliche Nichtsthun ergötzte sich an den goldigen Abenden; die Armut wurde in dieser köstlichen Luft, wo das bloße Glück des Lebens der Kreatur zu genügen schien, ein freier Genuß. In Neapel, erzählte Narcisse, in den engen, ekelhaften, mit trocknenden Wäschestücken beflaggten Straßen am Hafen und in S. Lucia verstrich das Leben des Volkes im Freien. Frauen und Kinder, die nicht unten aus der Straße waren, lebten auf den leichten Holzbalkonen, die sich unter allen Fenstern hinzogen. Dort wurde genäht, gesungen, dort wusch man sich. Aber hauptsächlich die Straße war das gemeinsame Wohnzimmer; hier zogen sich die Männer die Hose vollends an; hier lausten halbnackte Frauen ihre Kinder und kämmten sich selber, und hier war für dieses verhungerte Volk immer der Tisch gedeckt. Auf kleinen Tischen, auf Wagen fand unaufhörlich ein Markt von sehr billigen Eßwaren statt. Da gab es überreife Granaten und Melonen, gekochte Nudeln, gekochte Gemüse, gebackene Fische, Muscheln, alles fix und fertig, beständig bereit, so daß man im Freien essen konnte, ohne daß je in der Küche ein Feuer angezündet werden mußte. Und was für eine wimmelnde Menge! Die Mütter fuchtelten unaufhörlich mit den Armen umher, die Väter saßen in einer Reihe längs des Trottoirs, die Kinder galoppirten endlos hin und her – alles inmitten eines rasenden Getöses, inmitten von Geschrei, Gesang, Musik, der seltsamsten Unbekümmertheit! Rauhe Stimmen lachten laut auf, braune, unschöne Gesichter besaßen bewunderungswürdige Augen, die unter dem zerzausten, tintenschwarzen Haar in Daseinsfreude stammten. Ach, armes, heiteres, kindisches, unwissendes Volk, dessen einziger Wunsch sich auf die paar Centesimi beschränkte, die notwendig sind, um auf diesem fortwährenden Markt den Hunger zu stillen! Gewiß, noch nie ist sich eine Demokratie ihrer selbst weniger bewußt gewesen. Da es hieß, daß es ihnen um die einstige Monarchie leid that, unter der ihre Rechte auf dieses Leben sorgloser Armut gesicherter erschienen waren, mußte man sich fragen, ob es notwendig sei, sich ihretwegen zu erregen, ihnen wider ihren Willen mehr Wissen und Bewußtsein, mehr Wohlsein und Würde zu erobern. Dennoch stieg beim Anblicke dieses vom Rausch und der Bethörung der Sonne hervorgerufenen Frohsinns der Hungerleider im Herzen Pierres eine unendliche Traurigkeit auf. Ja, der schöne Himmel war es, der die lange Kindheit dieses Volkes bewirkte; er war die Erklärung dafür, warum diese Demokratie nicht rascher erwachte. Gewiß, die Armen von Rom und Neapel litten an allem Mangel, aber in ihrem Herzen blieb nicht der Groll der schrecklichen Wintertage zurück, der finstere Groll, daß sie vor Kälte zittern mußten, während die Reichen sich an großen Feuern wärmten; sie kannten nicht die wütenden Träumereien in den schneegepeitschten, elenden Hütten vor der dünnen, dem Erlöschen nahen Kerze – sie kannten nicht das dann aufstammende Bedürfnis, Gerechtigkeit zu schaffen, nicht die Pflicht der Empörung, um Frau und Kinder vor der Schwindsucht zu retten, um auch ihnen ein warmes, menschenwürdiges Nest zu schaffen. Ach ja, das frierende Elend ist das Uebermaß der sozialen Ungerechtigkeit, die schrecklichste Schule, in der der Arme sein Leben kennen lernt, sich darüber empört und schwört, ihm ein Ende zu machen, selbst wenn die alte Welt darüber zusammenbrechen müßte! In dieser Milde des Himmels fand Pierre auch eine Erklärung für den heiligen Franziskus, diesen göttlichen Bettler aus Liebe, der auf den Wegen umherzog und den köstlichen Zauber der Armut feierte. Er war zweifellos ein unbewußter Revolutionär und legte durch diese Rückkehr zur Liebe der Armen, zur Einfachheit der Urkirche auf seine Weise Verwahrung gegen den überströmenden Luxus des römischen Hofes ein. Aber niemals hätte ein solches Erwachen der Unschuld und Nüchternheit in einer nordischen, von den Dezemberfrösten erstarrten Gegend stattfinden können. Dazu bedurfte es des Zaubers der Natur, der Mäßigkeit eines von der Sonne genährten Volkes, dazu mußte der Bettlerstand immer mit warmen Straßen gesegnet sein. Nur auf diese Weise hat er zum vollständigen Vergessen seiner selbst gelangen können. Und da drängte sich eine zuerst verwirrende Frage auf: wie hat ein heiliger Franziskus, eine Seele, die alle Kreaturen, die Tiere, die Dinge mit so brennender Bruderliebe umgab, einst auf dieser Erde entstehen können, die heutigen Tags so wenig barmherzig, so hart gegen die Armen ist, die ihr gemeines Volk verachtet und nicht einmal ihrem Papste Gaben spendet? Hatte also der uralte Hochmut die Herzen vertrocknet? Oder führte die Erfahrung sehr alter Völker zuletzt zum Egoismus? Denn die Seele Italiens schien in seinem dogmatischen und pomphaften Katholizismus eingeschlafen zu sein, während die Rückkehr zum evangelischen Ideal, die Liebe zu den Armen und Leidenden heutzutage auf den traurigen Ebenen des Nordens, unter den der Sonne beraubten Völkern erwachte. Alles das wirkte zusammen; und das war insbesondere der Grund, warum der heilige Franziskus, nachdem er so fröhlich seine Dame, die Armut, erkoren hatte, sie nun mit nackten Füßen und nur halb bekleidet durch den herrlichen Frühling, durch Bevölkerungen führen konnte, in denen damals ein feuriges Mitleids- und Liebesbedürfnis brannte. Während des Sprechens waren Pierre und Narcisse auf dem Platz vor St. Peter angelangt. Sie ließen sich vor der Thüre des Restaurants, in dem sie bereits einmal gefrühstückt hatten, an einem der kleinen, mit Tischtüchern von zweifelhafter Weiße belegten Tische nieder, die dort längs des Pflasters standen. Aber die Aussicht war wirklich herrlich: gegenüber lag die Basilika, rechts über der majestätischen Entwicklung der Kolonnaden der Vatikan. Pierre hob sofort die Augen und begann abermals den Vatikan zu betrachten, der ihn fortwährend verfolgte. Insbesondere beobachtete er das zweite Stockwerk mit den stets geschlossenen Fenstern, wo der Papst wohnte, wo nie etwas Lebendes zum Vorschein kam. Dann, als der Kellner die Hors d'oeuvres, Finocchi und Anschoven, auftrug, stieß der Priester einen leichten Schrei aus, um die Aufmerksamkeit Narcisse Haberts auf sich zu ziehen. »Ach, sehen Sie doch, lieber Freund ... dort an jenem Fenster, von dem man mir gesagt hat, daß es das des heiligen Vaters ist ... sehen Sie nicht eine weiße, unbewegliche Gestalt dort stehen?« Der junge Mann begann zu lachen. »Das muß der heilige Vater in eigener Person sein. Sie wünschen so sehr, ihn zu sehen, daß Ihr Wunsch ihn herausbeschwört.« »Ich versichere Sie,« wiederholte Pierre, »dort hinter den Scheiben steht eine ganz weiße Gestalt, die uns ansieht.« Narcisse, der sehr hungrig war, aß, indem er fortfuhr zu scherzen. Plötzlich aber sagte er: »Nun, mein Lieber, da der Papst uns ansieht, ist es ganz an der Zeit, sich wieder mit ihm zu beschäftigen ... Ich habe Ihnen versprochen, Ihnen zu erzählen, wieso er die Millionen vom Erbgut Petri in jener schrecklichen Finanzkrise verloren hat. Sie sahen eben ihre Ruinen, und ein Besuch in dem neuen Viertel auf den Prati del Castello wäre ohne diese Geschichte als Abschluß nicht vollständig.« Er begann zu erzählen, ohne sich einen Bissen entgehen zu lassen. Nach dem Tode Pius' IX. überschritt das Erbgut Petri zwanzig Millionen. Kardinal Antonelli, der spekulirte und im allgemeinen gute Geschäfte machte, hatte dieses Geld lange Zeit teils bei Rothschild, teils in den Händen verschiedener Nuntien liegen lassen, die somit den Auftrag hatten, es im Auslande zu fruktifiziren. Aber nach dem Tode des Kardinals Antonelli verlangte Kardinal Simeoni, der an seine Stelle trat, das Geld von den Nuntien zurück, um es in Rom anzulegen. Zu jener Zeit, gleich nach seiner Thronbesteigung, berief Leo XIII. eine Kommission von Kardinälen zur Verwaltung des Erbgutes. Monsignore Folchi wurde zum Sekretär ernannt. Dieser Prälat, der während zwölf Jahren eine bedeutende Rolle spielte, war der Sohn eines Beamten der Dateria, Päpstliche Kanzlei. der bei seinem Tode eine durch geschickte Unternehmungen erworbene Million hinterließ. Monsignore Folchi schlug in dieser Geschäftstüchtigkeit seinem Vater nach und erwies sich als ein Finanzmann ersten Ranges, so daß ihm die Kommission nach und nach alle Gewalt übertrug, ihn vollständig nach seinem eigenen Ermessen schalten ließ und sich damit begnügte, die von ihm in jeder Sitzung vorgelegten Berichte zu billigen. Das Erbgut trug nicht mehr als eine Million jährlich, und da das Ausgabenbudget sich auf sieben Millionen belief, mußten die sechs anderen irgendwo gefunden werden. Der Papst gab also Monsignore Folchi jährlich drei Millionen aus dem Peterspfennig, und der Prälat bewirkte während der zwölf Jahre seiner Verwaltung das Wunder, sie durch seine klugen Spekulationen und Anlagen zu verdoppeln. Man konnte daher dem Budget Rechnung tragen, ohne das Erbgut anzugreifen. So erzielte er in der ersten Zeit beträchtliche Gewinnste durch das Spiel in römischen Gründen. Er nahm Aktien von allen neuen Unternehmungen, spielte in Mühlen, Omnibussen, Wasserleitungen, abgesehen von der im Einverständnisse mit einer katholischen Bank, der Banca di Romano, gefühlten Agiotage. Der Papst war über diese Geschicklichkeit erstaunt. Bisher hatte er ebenfalls durch Vermittlung eines Vertrauensmannes, Namens Sterbini, spekulirt; nun entließ er ihn und beauftragte Monsignore Folchi, sein Geld arbeiten zu lassen, da er das des heiligen Stuhles so gewaltig arbeiten ließ. Dies war die Zeit, wo der Prälat in der größten Gunst stand, der Gipfel seiner Allmacht. Dann begannen die bösen Tage; der Boden krachte bereits, und wie mit Donnerschlägen brach alles zusammen. Unglücklicherweise bestand eine der Unternehmungen Leos XIII. darin, daß er den von der Spielwut gepackten, in Grund- und Baugeschäften verwickelten römischen Fürsten, denen es nun an Geld mangelte, große Summen borgte. Diese gaben ihm zur Bürgschaft Aktien, so daß der Papst, als der Zusammenbruch kam, nichts als Fetzen Papier in Händen hatte. Andererseits gab es noch eine sehr häßliche Geschichte: man hatte den Versuch gemacht, in Paris ein Bankhaus zu gründen, um Obligationen, die in Italien nicht anzubringen waren, in der frommen, aristokratischen Kundschaft Frankreichs abzustoßen; um sie zu ködern, sagte man; daß der Papst dabei sei, und das Schlimmste war in der That, daß er bei diesem Geschäft drei Millionen verlor. Kurz, die Lage wurde um so kritischer, als er zuletzt nach und nach die ihm zur Verfügung stehenden Millionen in die schreckliche Agiopartie gesteckt hatte, die in Rom unter den Fenstern seines Vatikans gespielt wurde. Sicherlich hatten ihn die großen Gewinnste verlockt, vielleicht aber auch die Hoffnung, daß er diese ihm durch Gewalt entrissene Stadt durch Geld zurückerobern könne. Die Verantwortlichkeit lag auf ihm allein, denn Monsignore Folchi wagte ein wichtiges Geschäft niemals, ohne ihn zu Rate zu ziehen. So war er durch seine Gewinngier, durch den sittlich höher stehenden Wunsch, der Kirche die moderne Allmacht des Großkapitals zu verleihen, der wirkliche Urheber des Unglücks. Aber so wie es einmal geht, wurde der Prälat das einzige Opfer. Er befaß ein gebieterisches und wenig umgängliches Wesen; die Kardinäle in der Kommission liebten ihn nicht, fanden die Sitzungen vollkommen überflüssig, da er als unumschränkter Herr handelte und man sich nur versammelte, um das, was er von seinen Unternehmungen bekannt zu geben geruhte, zu billigen. Als die Katastrophe losbrach, wurde eine Verschwörung angezettelt; die Kardinäle erschreckten den Papst durch die bösen Gerüchte, die im Umlaufe waren, und zwangen dann Monsignore Folchi, der Kommission Rechnung zu legen. Es stand sehr schlimm; ungeheure Verluste ließen sich nicht mehr vermeiden. So fiel er denn in Ungnade und hat seither Leo XIII. vergeblich um eine Audienz angefleht; dieser hat sich stets hart geweigert, ihn zu empfangen, als wolle er ihn für ihren gemeinsamen Fehler, für diese Gewinnsucht strafen, die beide verblendet hatte. Aber Monsignore Folchi hat sich nie beklagt, ist sehr fromm, sehr unterwürfig, beugt sich und bewahrt seine Geheimnisse. Niemand vermochte genau die Zahl der Millionen anzugeben, die das Patrimonium Petri in dieser Verwirrung des in ein Spielhaus verwandelten Rom gelassen hat; wenn die einen nur zehn Millionen zugestehen, so gehen andere bis zu dreißig. Man darf annehmen, daß der Verlust etwa fünfzehn Millionen betrug. Nach den Koteletten mit Tomaten trug der Kellner ein Backhuhn auf. »o, ich sagte es Ihnen ja bereits,« schloß Narcisse, »das Loch ist mit den beträchtlichen Summen verstopft worden, die der Peterspfennig abwirft, deren Höhe nur der Papst kennt und deren Verwendung er allein regelt ... Uebrigens ist er nicht geheilt; ich weiß aus guter Quelle, daß er noch immer spielt, wenn auch mit größerer Vorsicht. Auch heute ist sein Vertrauensmann ein Prälat, Monsignore Marzolini, glaube ich, der seine Geldgeschäfte besorgt ... Aber er hat ja ganz recht, mein Lieber! Teufel, man muß mit seiner Zeit gehen.« Pierre hörte mit wachsender Ueberraschung zu, in die sich eine Art Schreck und Traurigkeit mischte. Das alles war ja ganz natürlich, sogar gerechtfertigt, aber in seinem Traum von einem Seelenhirten, der hoch oben, fern und frei von aller weltlichen Sorge thronte, hätte er nie geglaubt, daß so etwas existieren könne. Wie, der Papst, der geistige Vater der Armen und Leidenden, hatte mit Gründen, mit Börsenpapieren spekulirt! Der Nachfolger des Apostels, der Pontifex Christi, des Jesu des Evangeliums, des göttlichen Freundes der Armen hatte gespielt, hatte Kapitalien bei jüdischen Bankiers angelegt, hatte gewuchert, so viel Interessen als möglich aus seinem Gelde geschlagen! Und dann, welch schmerzlicher Gegensatz: da oben in den Zimmern des Vatikans, in der Tiefe irgend eines verschwiegenen Möbelstückes so viele Millionen – so viele Millionen, die fruchtbringend arbeiteten, ohne Unterlaß angelegt und herausgenommen wurden, damit sie mehr trugen, die gleich goldenen Eiern mit der leidenschaftlichen Zärtlichkeit eines Geizhalses ausgebrütet wurden! Und ganz in der Nähe, da unten, diese abscheulichen, unvollendeten Bauten des neuen Viertels, so viel Elend, so viele arme Leute, die in ihrem Schmutze Hungers starben – Mütter, die keine Milch für ihren Säugling hatten, Männer, die die Arbeitseinstellung zum Nichtsthun zwang, Greise, die sich wie Lasttiere abquälten, die man niederschlägt, wenn sie zu nichts mehr gut sind! O, Gott der Barmherzigkeit, Gott der Liebe, war das möglich? Gewiß hatte die Kirche materielle Bedürfnisse; sie konnte nicht ohne Geld leben, und es war ein weiser und hochpolitischer Gedanke, ihr einen Schatz zu gewinnen, damit sie ihre Gegner siegreich bekämpfen könne. Aber wie verletzend, wie beschmutzend war das! Sie stieg von ihrer göttlichen Königswürde herab, um nichts zu sein als eine Partei, eine ungeheure, internationale Vereinigung, die nur zu dem Zwecke geschaffen wurde, zu erobern und die Welt zu besitzen! Und die seltsame Geschichte versetzte Pierre in noch größeres Erstaunen. Wer hat je ein unerwarteteres und packenderes Drama erdacht? Dieser Papst, der sich fest in seinem Hause einschloß, das wohl ein Gefängnis war – aber ein Gefängnis, dessen hundert Fenster auf die Unendlichkeit, auf Rom, die Campagna, die fernen Hügel hinausgingen; dieser Papst, der von seinem Fenster aus zu jeder Stunde des Tages und der Nacht, zu jeder Jahreszeit seine Stadt mit dem Blick umfaßte, sie unaufhörlich zu seinen Füßen liegen sah – seine Stadt, die man ihm gestohlen hatte, deren Wiedergabe er mit einem ununterbrochenen Klagerufe forderte; dieser Papst, der so von Tag zu Tag, von allem Anfang an zugesehen hatte, was für Veränderungen seine Stadt erlitt, wie die alten Viertel niedergerissen, die Gründe verkauft wurden, wie die neuen Bauten sich nach und nach von allen Seiten erhoben und zuletzt einen weißen Gürtel um die alten roten Dächer bildeten; dieser Papst, der angesichts dieses täglichen Beispiels, dieser Bauwut, welche er vom Aufstehen bis zum Niederlegen verfolgen konnte, zuletzt von der gleich einem Rausch aus der ganzen Stadt aufsteigenden Spielwut ergriffen wurde; dieser Papst, der aus der Tiefe seines stoisch geschlossenen Zimmers selbst mit den Verschönerungen seiner alten Stadt zu spielen begann, der sich an der Geschäftsbewegung bereichern wollte, die die italienische, von ihm als Räuber behandelte Regierung veranlaßte, und der zuletzt plötzlich in einer gewaltigen Katastrophe, die er wohl hätte herbeiwünschen sollen, aber nicht vorausgesehen hatte, Millionen verlor! Nein, noch niemals war ein entthronter König einer seltsameren Eingebung erlegen, noch nie hatte sich ein entthronter König in einem tragischeren Wagnis bloßgestellt, das ihn wie eine Strafe traf! Und das war kein König, sondern das war der Abgesandte Gottes, es war in den Augen der vergötternden Christenheit Gott selbst! Der Nachtisch, aus einem Ziegenkäse und Früchten bestehend, wurde aufgetragen, und Narcisse ward gerade mit einer Traube fertig, als er plötzlich aufblickte und rief: »Sie haben ganz recht, mein Lieber; jetzt sehe ich auch diesen weißen Schatten da oben hinter den Fenstern im Zimmer des heiligen Vaters.« Pierres Augen wichen nicht von diesem Fenster. »Ja, ja, er war kurze Zeit verschwunden,« sagte er langsam, »aber er erschien wieder und steht noch immer da, weiß und unbeweglich.« »Mein Gott, was soll er denn sonst thun?« fuhr der junge Mann mit einer schmachtenden Miene fort; man wußte nicht, ob er spottete oder nicht. »Er ist eben wie alle Welt und schaut zum Fenster hinaus, wenn er sich ein bißchen zerstreuen will. Um so mehr, als es wirklich ein sehenswerter Anblick ist, dessen man nie überdrüssig wird.« Eben diese Thatsache war es, die sich Pierres immer mehr und mehr bemächtigte und ihn in eine zunehmende Erregung versetzte. Da man stets von einem fest verschlossenen Vatikan sprach, hatte er sich einen düsteren, von hohen Mauern umschlossenen Palast vorgestellt; niemand hatte ihm gesagt, niemand schien zu wissen, daß dieser Palast Rom beherrschte, und daß der Papst von seinem Fenster aus die Welt sah. Die Unermeßlichkeit dieser Aussicht kannte Pierre wohl, denn er hatte sie vom Gipfel des Janiculus, dann von den Loggien Raffaels und vom Dome der Basilika gesehen. Was nun Leo XIII., während er weiß und unbeweglich hinter den Scheiben stand, in dieser Minute betrachtete, das sah Pierre zu gleicher Zeit mit ihm. Leo XIII. sah im Mittelpunkte der ungeheuren, von dem Sabiner- und Albanergebirge begrenzten Wüste der Campagna die sieben berühmten Hügel: den Janiculus, der von den Bäumen der Villa Pamfili gekrönt wird; den Aventin, von dem nichts mehr übrig geblieben ist als drei vom Grün halb versteckte Kirchen; den noch vereinsamteren, von den reifen Orangen der Villa Mattei durchdufteten Coelius; den Palatin, den eine dünne, gleichsam auf dem Grabe der Cäsaren gesproßte Reihe von Cypressen begrenzte; den Esquilin, auf dem sich der dünne Glockenturm von S. Maria Maggiore erhob; den Viminal, der mit seinen wirren, kreidigen neuen Bauten einem aufgerissenen Steinbruch glich; das Kapital, das von dem viereckigen Kampanile des Senatorenpalastes kaum gekennzeichnet ward; den Quirinal, auf dem sich der Palast des Königs blendend gelb zwischen den dunklen Schatten der Gärten hinzog. Er sah außer S. Maria Maggiore alle Basiliken: S. Giovanni in Laterano, die Wiege des Papsttums, S. Paolo fuori le mura, S. Croce in Gerusallemme, S. Agnese – die Dome des II Gesu, von S. Andrea della valle, von S. Carlo, von S. Giovanni di Fiorentini und alle die vierhundert Kirchen von Rom, die die Stadt in ein mit Kreuzen bepflanztes heiliges Feld verwandeln. Er sah die berühmten Monumente, diese Zeugen der Hoffart aller Jahrhunderte: die Engelsburg, dieses in eine päpstliche Festung verwandelte Kaisergrab; dort drüben die Weiße Linie der anderen Gräber der Via Appia; dann die zerstreuten Ruinen der Thermen des Caracalla, des Hauses des Septimius Severus, der Säulen, der Portiken, der Triumphbogen; dann die Paläste und Villen der prunkliebenden Kardinäle aus der Zeit der Renaissance, den Palazzo Farnese, den Palazzo Borghese, die Villa Medici und alle, alle anderen – ein Gewimmel von Dächern und Fassaden. Vor allem sah er aber links, knapp unter seinem Fenster das abscheuliche, unvollendete Viertel auf den Prati del Castello. Wenn er am Nachmittag sich in seinen Gärten erging, die wie die Plattform einer Citadelle von der Mauer Leo IV. eingeschanzt waren, hatte er die furchtbare Aussicht auf das Thal, das man in der fieberhaften Zeit der Bauwut in den Fuß des Monte Mario gegraben hat, um dort Ziegeleien zu errichten. Die grünen Abhänge sind aufgerissen, und gelbliche Gräben laufen nach allen Seiten. Aber die nun geschlossenen Fabriken sind mit ihren hohen, toten Schornsteinen, aus denen der Rauch nicht mehr aufsteigt, nur noch klägliche Ruinen. Zu keiner Tagesstunde konnte er sich seinem Fenster nähern, ohne diese verlassenen Bauten, für die so viele Ziegelwerke gearbeitet hatten, vor Augen zu haben; diese Bauten waren gestorben, ehe sie gelebt hatten, und zu dieser Stunde war nichts mehr dort als das wimmelnde Elend von Rom, das hier wie der Kadaver alter Gesellschaften verfaulte. Vor allem aber bildete Pierre sich ein, daß der weiße Schatten dort oben, Leo XIII., zuletzt die ganze übrige Stadt vergaß, um seinen träumenden Blick auf den Palatin zu richten. Er ist nun entkrönt, und nur seine schwarzen Cypressen ragen in den blauen Himmel. Zweifellos baute er in Gedanken die Paläste der Cäsaren wieder auf, und vor seinem Blick erhoben sich hohe, ganz rote, mit dem Purpur bekleidete Schatten, seine Ahnen, die Kaiser und Pontifexe. Sie allein konnten ihm sagen, wie man als unumschränkter Herr der Welt über alle Völker herrscht. Dann schweiften seine Blicke hinüber zum Quirinal und vertieften sich stundenlang in den Anblick des gegenüberliegenden Königtums. Welch seltsames Zusammentreffen, daß diese beiden Paläste, der Quirinal und der Vatikan, sich anschauen, daß sie neben einander über das Rom des Mittelalters und der Renaissance emporragen, dessen von der brennenden Sonne verbrannte und vergoldete Dächer sich am Ufer des Tibers zusammendrängen und verschmelzen! Mit einem einfachen Opernglas können Papst und König, wenn sie sich ans Fenster stellen, einander sehr deutlich sehen. Sie sind nichts als unbedeutende, im grenzenlosen Raum verlorene Punkte; und welcher Abgrund liegt zwischen ihnen, wie viele Jahrhunderte der Geschichte, wie viele Generationen, die gekämpft und gelitten haben, welch tote Grüße und welch Samen für die geheimnisvolle Zukunft! Sie sehen sich und führen mit einander noch immer den ewigen Kampf um das Volk, das vor ihren Augen auf- und abflutet. Wem wird die unumschränkte Macht zufallen, dem Pontifex, dem Seelenhirten, oder dem Monarchen, dem Herrn der Körper? Pierre fragte sich, welchen Betrachtungen, welchen Träumereien Leo XIII. sich wohl hinter diesen Scheiben hingeben mochte, hinter denen er seine weiße, geisterhafte Gestalt noch immer zu sehen meinte. Sicherlich mußte er sich über die gewaltige Fehlgeburt der italienischen Regierung freuen, wenn er das neue Rom, die alten, verwüsteten Viertel, die von einem Unglückswinde gepeitschten neuen Viertel vor sich liegen sah. Man hatte ihm seine Stadt gestohlen, man hatte ihm sozusagen zeigen wollen, wie man eine große Hauptstadt schafft – und das Ende war diese Katastrophe mit den vielen häßlichen und unnützen Bauten. Man wußte nicht einmal, wie man sie fertig stellen sollte. Die schrecklichen Verlegenheiten, in die die usurpatorische Regierung geraten war, die politische und finanzielle Krise, die wachsende Nationalkrankheit, in die diese Regierung eines Tages zu stürzen drohte, mußte ihn entzücken. Und doch, schlug nicht auch in seiner Brust das Herz eines Patrioten, war nicht auch er ein liebender Sohn dieses Italien, dessen Genius und uralter Ehrgeiz in seinen Adern kreiste? Nein, nein, gegen Italien wollte er nichts unternehmen; im Gegenteil, er wollte alles thun, damit es wieder der Herr der Erde werde! Sicherlich stieg inmitten seiner freudigen Hoffnung ein schmerzliches Gefühl in ihm auf, wenn er sah, wie es zu Grunde gerichtet, vom Bankerott bedroht war, wie es dieses zerrüttete, unvollendete Rom gleich einem Bekenntnis seiner Ohnmacht zeigte. Aber wenn auch die Dynastie Savoyen eines Tages weggefegt werden mußte – war er nicht da, um sie zu ersetzen, um endlich wieder in den Besitz seiner Stadt zu treten, die seit fünfzehn Jahren eine Beute der Niederreißer und Maurer war, die er seit fünfzehn Jahren nur noch von seinem Fenster aus geschaut hatte? Dann wurde er wieder der Herr, herrschte über die Welt, thronte in der prädestinirten Stadt, der die Propheten die Ewigkeit und die Weltherrschaft zugesichert hatten. Der Horizont erweiterte sich, und Pierre fragte sich, was Leo XIII. wohl jenseits von Rom, jenseits der römischen Campagna, jenseits des Sabiner- und Albanergebirges, in der gesamten Christenheit sähe. Seit achtzehn Jahren hatte er sich in seinem Vatikan eingeschlossen, schaute er die Welt nur durch das Fenster seines Zimmers. Was sah er von da oben, was für Wahrheiten und Gewißheiten drangen aus unseren modernen Gesellschaften zu ihm herauf? Manchmal mußten doch von den Höhen des Viminal, wo der Bahnhof sich befindet, die langen Pfiffe der Lokomotive bis zu ihm tönen: das war unsere wissenschaftliche Zivilisation, die Annäherung der Völker, die freie, der Zukunft zuschreitende Menschheit. Träumte er selbst von Freiheit, wenn er den Blick nach rechts wandte und dort drüben, jenseits der Gräber m der Via Appia das Meer ahnte? Hatte er je den Wunsch empfunden, fortzugehen, Rom und seine Ueberlieferungen zu verlassen, um anderswo das Papsttum der neuen Demokratie zu gründen? Es hieß, daß er ein so klarer, so durchdringender Geist sei; dann hätte er ja verstehen, dann hätte er zittern müssen, wenn aus gewissen kampflustigen Ländern ein fernes Geräusch zu ihm herüberdrang – zum Beispiel aus Amerika, wo revolutionäre Bischöfe im Begriffe waren, das Volk zu erobern? Arbeiteten sie für ihn oder für sich selbst? Stand nicht eines Tages ein Bruch zu befürchten, wenn er ihnen nicht folgen konnte, wenn er, auf allen Seiten vom Dogma und der Ueberlieferung gefesselt, störrisch in seinem Vatikan blieb? Und von fernher wehte ein drohender, das Schisma verkündender Wind, strich ihm über das Gesicht und erfüllte sein Herz mit wachsender Angst. Wohl aus diesem Grunde war er der Versöhnungsdiplomat geworden; er wollte in seiner Hand alle zerstreuten Kräfte der Kirche vereinigen, drückte über die Kühnheiten gewisser Bischöfe die Augen zu, soweit die Duldsamkeit es erlaubte, und bemühte sich selbst, das Volk zu erobern, indem er sich an seine Seite gegen die gefallenen Monarchen stellte. Aber würde er je noch weiter gehen? Würde er nicht einsehen, daß er hinter der Bronzethür, im Vatikan, in der strengen, katholischen Formel eingemauert war, an die Jahrhunderte ihn ketteten? Er mußte dabei beharren; es wäre ihm einfach nicht möglich, sich auf seine wirkliche Allmacht, auf diese rein geistige Macht, diese moralische Autorität des Jenseits zu beschränken, die die Menschheit zu seinen Füßen niederwarf, die bewirkte, daß die Pilgerzüge auf die Kniee sanken und Frauen in Ohnmacht fielen. Rom aufgeben, auf die weltliche Herrschaft verzichten, hieß den Mittelpunkt der katholischen Welt verrücken. Dann wäre er nicht mehr er, das Haupt des Katholizismus, sondern ein anderer, das Haupt von etwas anderem. Was für unruhige Gedanken mußten an diesem Fenster durch seinen Geist ziehen, wenn der Abendwind manchmal das unklare Bild jenes andern, die Furcht vor der neuen, noch wirren Religion mit sich brachte, die sich in dem dumpfen Stampfen der vorwärts marschirenden Nationen vorbereitete. Und dieses Stampfen drang von allen Punkten des Horizontes zugleich an sein Ohr. Aber in diesem Augenblicke fühlte Pierre, daß der weiße, unbewegliche Schatten hinter den geschlossenen Scheiben vom Stolz, von der fortwährenden Siegesgewißheit aufrecht gehalten wurde. Wenn Menschenhand nicht genügte, würde ein Wunder dazu kommen. Er war fest überzeugt, daß Rom ihm wieder gehören würde; und wenn nicht ihm, seinem Nachfolger. Hatte die Kirche in ihrer unbezwingbaren Lebenskraft nicht die Ewigkeit vor sich? Und übrigens, warum nicht ihm? Vermag Gott nicht das Unmögliche? Wenn Gott wollte, würde seine Stadt ihm schon morgen durch irgend eine plötzliche Wendung der Geschichte wiedergegeben werden – allen menschlichen Einwendungen, aller scheinbaren Logik der Thatsachen zum Trotz. Ach, wie würde er die verlorene Tochter bewillkommnen, deren zweideutige Abenteuer seine thränenfeuchten Vateraugen unablässig verfolgt hatten! Wie rasch würde er die Uebertretungen vergessen, denen er achtzehn Jahre lang zu jeder Stunde und zu jeder Jahreszeit beigewohnt hatte! Vielleicht träumte er auch davon, was er mit den neuen Vierteln machen würde, mit denen man sie besudelt hatte: sollte man sie niederreißen oder als einen Beweis des Wahnwitzes der Usurpatoren stehen lassen? Sie würde wieder die erhabene, tote Stadt werden, die alle eitlen Sorgen um Reinlichkeit und materielles Behagen mißachtete und wie eine reine Seele in dem überlieferten Ruhme der vergangenen Jahrhunderte über der Welt strahlte. Und sein Traum spann sich weiter; er stellte sich vor, wie alles, zweifellos schon von morgen ab, sich gestalten würde. Alles war besser als das Haus Savoyen, selbst eine Republik. Warum nicht eine föderative Republik, die Italien nach der alten, nun abgesetzten politischen Einteilung zerstückeln, Rom ihm zurückgeben und ihn zum natürlichen Beschützer des derart wieder hergestellten Staates wählen würde? Dann flogen seine Blicke über Rom, über Italien hinaus; sein Traum erweiterte sich immer mehr und mehr, umschloß das republikanische Frankreich, Spanien, das es wieder werden konnte, sogar Oesterreich, das eines Tages gewonnen werden würde – alle katholischen Nationen, die dann die vereinigten Staaten von Europa werden und unter dem hohen Vorsitze des Pontifex Maximus friedlich und brüderlich mit einander leben würden. Und dann der höchste Triumph, wenn zuletzt alle anderen Kirchen verschwänden, alle andersgläubigen Völker zu ihm wie zu dem einzigen Hirten kämen, wenn Jesus in seiner Person über die universale Demokratie herrschte. Pierre wurde plötzlich in diesem Traum, den er Leo XIII. zuschrieb, unterbrochen. »O, mein Lieber,« sagte Narcisse, »betrachten Sie doch nur den Ton der Statuen dort auf der Kolonnade.« Er hatte sich eine Tasse Kaffee serviren lassen und rauchte, einzig wieder den Beschäftigungen des spitzfindigen Aesthetikers hingegeben, schmachtend eine Cigarre. »Sie sind rosa, nicht wahr? Und zwar von einem Rosa, das ins Malvenfarbige übergeht, als flösse das blaue Blut der Engel in ihren steinernen Adern ... Lieber Freund, was ihnen dieses überirdische Leben verleiht, das ist die römische Sonne; denn sie leben, ich habe es in gewissen schönen Zwielichtstunden gesehen, wie sie mir zulächelten und die Arme entgegenstreckten ... Ach, Rom, wunderbares, herrliches Rom! Man möchte in größter Not, arm wie Hiob, hier leben, in der beständigen Freude, seinen Zauber einzuatmen!« Diesmal konnte Pierre nicht umhin, sich zu wundern, da er sich seiner nüchternen Stimme, seines so hellen und trockenen Geschäftsgeistes erinnerte. Dann kehrten seine Gedanken wieder zu den Prati del Castello zurück, und eine furchtbare Traurigkeit überflutete sein Herz bei dieser letzten Beschwörung von so viel Elend und so viel Leiden. Er sah abermals den schändlichen Schmutz vor sich, in dem so viele Geschöpfe zu Grunde gingen, diese furchtbare soziale Ungerechtigkeit, die die Mehrzahl zu einem verfluchten, freudlosen, brotlosen Tierleben verdammte. Als dann seine Blicke wieder zu den Fenstern des Vatikans zurückgingen und er zu sehen meinte, wie sich hinter den Scheiben eine weiße Hand erhob, da dachte er an den päpstlichen Segen, den Leo XIII. von dieser Höhe über Rom, über die Campagna und über die Berge hinweg den Gläubigen der gesamten Christenheit erteilte. Aber dieser Segen erschien ihm mit einemmal wie ein Hohn und ohnmächtig, da er so viele Jahrhunderte nicht einen einzigen Schmerz der Menschheit zu unterdrücken vermocht hatte, da es ihm nicht einmal gelungen war, für die Unglücklichen, die da unter dem Fenster sich quälten, ein wenig Gerechtigkeit zu schaffen. IX. Da Benedetta Pierre hatte sagen lassen, daß sie ihn zu sprechen wünsche, ging er an diesem Abend, als es dämmerte, hinab und traf sie in ihrem kleinen Salon in Gesellschaft Celias. Beide plauderten mit einander im Lichte des sich neigenden Tages. »Weißt Du, ich habe eure Pierina gesehen,« rief das junge Mädchen gerade, als er eintrat. »Ja, ja, und obendrein noch mit Dario. Das heißt, sie mußte ihm aufgepaßt haben; er hat sie bemerkt, als sie in einer Allee am Pincio auf ihn wartete, und lächelte ihr zu. Ich begriff es sofort ... O, was ist das für eine Schönheit!« Benedetta lächelte ruhig über diese Begeisterung. Aber eine etwas schmerzliche, traurige Falte legte sich um ihren Mund. Denn wenn sie auch sehr vernünftig war, so litt sie doch zuletzt durch diese Leidenschaft, die, wie sie fühlte, sehr naiv und sehr stark war. Daß Dario sich die Zeit vertrieb, da sie sich ihm verweigerte, da er jung und kein Mönch war, begriff sie. Aber dieses unglückliche Mädchen liebte ihn zu sehr, und sie befürchtete, daß er sich vergessen könne; so große Schönheit entschuldigte alles. Sie verriet auch das Geheimnis ihres Herzens, indem sie dem Gespräche eine andere Wendung gab. »Setzen Sie sich, Herr Abbé ... Sie sehen, wir lästern gerade. Man klagt meinen armen Dario an, daß er alle Schönheiten von Rom ins Unglück stürzt. So erzählt man sich auch, daß man in ihm den Glücklichen sehen muß, der die weißen Rosensträuße schenkt, die Tonietta seit vierzehn Tagen auf dem Corso spazieren führt.« Celia geriet sofort in Eifer. »Aber, meine Liebe, das steht doch ganz fest! Anfangs hat man gezweifelt; man sprach von dem kleinen Pontecorvo und Moretta, dem Lieutenant. Du kannst Dir denken, was da geredet wurde ... Heute weiß alle Welt, daß die Flamme Toniettas Dario in eigener Person ist. Uebrigens hat er sie in ihrer Loge in Costanzi besucht.« Als Pierre sie so reden hörte, erinnerte er sich dieser Tonietta, die der junge Fürst ihm auf dem Pincio als eine der wenigen Halbweltlerinnen gezeigt hatte, mit denen die gute römische Gesellschaft sich beschäftige. Er erinnerte sich auch der galanten Eigenheit, die sie berühmt machte, jener uneigennützigen Laune, die sie manchmal für einen vorübergehenden Geliebten faßte; von diesen nahm sie dann nichts an als jeden Morgen einen Strauß weißer Rosen, so daß, wenn sie dann oft wochenlang hinter einander auf dem Corso mit diesen weißen Rosen erschien, unter den Damen der guten Gesellschaft eine große Aufregung, eine brennende Neugierde auf den Namen des Erwählten und Angebeteten entstand. Seit dem Tode des alten Marquis Manfredi, der ihr seinen kleinen Palast in der Via dei Mille hinterlassen hatte, war die Tonietta wegen ihres tadellosen Wagens und der kostbaren Einfachheit ihrer Kleidung berühmt, die nur von den etwas phantastischen Hüten beeinträchtigt wurde. Es war nun beinahe einen Monat her, daß der reiche Engländer, der sie aushielt, auf Reisen war. »Sie ist sehr nett, sehr nett,« wiederholte Celia überzeugt mit ihrer reinen Madonnenmiene. Sie interessirte sich nur für Liebessachen. »Und hübsch ist sie mit ihren großen, sanften Augen, o, sehr hübsch! Nicht schön wie Pierina, nein, das ist unmöglich; aber hübsch zum Ansehen, eine wahre Augenweide!« Benedetta schien mit einer unwillkürlichen Bewegung Pierina wieder zu entfernen; Tonietta hingegen nahm sie hin, denn sie wußte wohl, daß sie nur eine einfache Zerstreuung, eine momentane Augenweide war, wie ihre Freundin sagte. »Ach,« fuhr sie lächelnd fort, »mein armer Dario richtet sich also mit weißen Rosen zu Grunde! Ich muß ihn damit ein wenig necken ... Wenn unsere Angelegenheiten nicht bald geordnet werden, werden sie mir ihn zuletzt noch stehlen, mir ihn nicht lassen ... Glücklicherweise habe ich die besten Nachrichten. Ja, der Prozeß wird wieder aufgenommen; meine Tante ist eben deswegen ausgegangen.« Als Celia sich erhob, gerade da Viktorine eine Lampe hereinbrachte, wendete sich Benedetta zu Pierre, der ebenfalls aufgestanden war. »Bleiben Sie. Ich habe etwas mit Ihnen zu sprechen.« Aber auch Celia zögerte noch; sie ereiferte sich jetzt für die Scheidung ihrer Freundin, wollte wissen, wie die Sache stand, und ob die Heirat der beiden Liebenden bald stattfinden würde. Zuletzt umarmte sie sie wie toll. »Du hast also jetzt Hoffnung? Du glaubst, daß der heilige Vater Dir die Freiheit wieder geben wird? O, Liebste, wie freue ich mich für Dich! Wie hübsch wird es sein, wenn Du mit Dario beisammen sein wirst... Ich, Liebste, bin ebenfalls sehr zufrieden, denn ich merke sehr wohl, daß mein Vater und meine Mutter meinen Eigensinn satt bekommen. Erst gestern sagte ich zu ihnen – Du weißt, mit meiner ruhigen Miene: ›Ich will Attilio haben und ihr werdet ihn mir geben‹ Da wurde mein Vater schrecklich zornig, überhäufte mich mit Beleidigungen, drohte mir mit der Faust und schrie, daß, wenn er mir auch einen ebenso harten Kopf vererbt habe, wie den seinen, er ihn doch zerbrechen würde. Und mit einemmale wendete er sich wütend zu meiner Mutter, die schweigend und gelangweilt da saß, und sagte: ›Ei, gib ihr also ihren Attilio, damit sie uns in Frieden läßt.‹ O, wie froh bin ich, wie froh bin ich!« Ihr lilienreines Madonnengesicht drückte eine so unschuldige und himmlische Freude aus, daß Pierre und Benedetta lachen mußten. Endlich entfernte sie sich in Begleitung der Kammerfrau, die im ersten Salon auf sie wartete. Als Benedetta mit dem Priester allein war, hieß sie ihn, sich wieder niedersetzen. »Lieber Freund, man hat mich beauftragt, Ihnen einen dringenden Rat zu erteilen ... Wie es scheint, verbreitet sich das Gerücht von Ihrer Anwesenheit in Rom, und bringt man die beunruhigendsten Geschichten über Sie in Umlauf. Ihr Buch soll ein feuriger Aufruf zum Schisma, Sie selbst sollen nichts als ein ehrgeiziger und lärmender Schismatiker sein, der, nachdem sein Werk in Paris veröffentlicht worden, sich beeilt hatte, nach Rom zu kommen, um es durch Entfesselung eines ganzen schrecklichen Skandals zu lanciren ... Wenn Sie noch immer ein Gewicht darauf legen, Seine Heiligkeit zu sehen, um sich zu verteidigen, so gibt man Ihnen den Rat, sich in Vergessenheit zu bringen, zwei bis drei Wochen vollständig zu verschwinden.« Pierre hörte verblüfft zu. Ei, wenn man ihn, wie um seine Geduld zu erschöpfen, so von Schlappe zu Schlappe führte, dann würde man ihn ja zuletzt wirklich wütend machen, dann würde man ihn wirklich auf den Gedanken an das Schisma, an einen richtenden und befreienden Skandal bringen! Er wollte widersprechen, protestiren. Dann aber machte er eine Geberde der Erschöpfung. Wozu denn das in Gegenwart dieser jungen Frau, die doch gewiß aufrichtig und gutgesinnt war? »Wer hat Sie ersucht, mir diesen Rat zu geben?« Sie antwortete nicht, sondern begnügte sich zu lächeln. Ihm ging eine plötzliche Ahnung auf. »Monsignore Nani, nicht wahr?« Nun begann sie, ohne offen darauf antworten zu wollen, gerührt das Lob des Prälaten zu singen. Er willigte jetzt ein, sie in dem endlosem Prozeß behufs Annullirung ihrer Ehe zu leiten und hatte lange mit ihrer Tante, Donna Serafina, darüber beratschlagt; diese hatte sich eben in den Palast des S. Offizio begeben, um ihm über gewisse Schritte, die zuerst eingeleitet worden waren, Bericht zu erstatten. Auch Pater Lorenzo, der Beichtvater von Tante und Nichte, sollte der Unterredung beiwohnen, denn der Gedanke an die Scheidung war im Grunde sein Werk; er hatte die beiden Frauen immer dazu angetrieben, als wollte er den Knoten durchschneiden, den der patriotische Pfarrer Pisoni inmitten so schöner Illusionen geknüpft hatte. Sie wurde immer lebhafter und setzte die Gründe ihrer Hoffnung aus einander. »Monsignore Nani kann alles. Darum bin ich auch so glücklich, weil meine Angelegenheit in seinen Händen ist ... Lieber Freund, seien Sie auch vernünftig; empören Sie sich nicht, ergeben Sie sich. Ich versichere Sie, daß es eines Tages zu Ihrem Guten sein wird.« Pierre hielt den Kopf gesenkt und dachte nach. Rom hatte ihn gefesselt; er konnte dort zu jeder Stunde seine immer noch wachsende Neugier befriedigen, und der Gedanke, noch zwei bis drei Wochen hier zu bleiben, mißfiel ihm nicht. Zweifellos fühlte er, daß alle diese Verzögerungen möglicherweise ein Zerstückeln seiner Willenskraft, eine Aufreibung herbeiführen konnten, aus der er geschwächt, entmutigt, nutzlos hervorgehen würde. Aber was hatte er zu fürchten, da er sich immer wieder schwor, nichts von seinem Buche aufzugeben und den heiligen Vater nur zu sehen, um seinen neuen Glauben noch lauter zu beteuern? Er that nochmals ganz leise dieses Gelübde und dann gab er nach. Als er sich entschuldigte, daß er im Paläste Ungelegenheiten machte, rief Benedetta: »Nein, ich bin entzückt, Sie zu haben! Ich behalte Sie, ich bilde mir ein, daß Ihre Anwesenheit uns allen Glück bringen wird – jetzt, da es sich zu drehen scheint.« Es wurde nun abgemacht, daß er nicht mehr um St. Peter oder den Vatikan streichen würde, wo der fortwährende Anblick seiner Sutane Aufmerksamkeit erregt haben mußte. Da er gewisse Bücher, gewisse Teile der Geschichte in Rom selbst noch einmal durchzulesen wünschte, versprach er sogar, eine Woche lang den Palast fast gar nicht zu verlassen. Dann plauderte er noch eine Weile, glücklich über die große Stille, die im Salon herrschte, seit die Lampe ihn mit ihrem ruhigen Schein erleuchtete. Es hatte eben sechs Uhr geschlagen; auf der Straße herrschte dunkle Nacht. »War Seine Eminenz heute nicht leidend?« fragte er. »Ja wohl,« antwortete die Contessina. »O, nur ein wenig Ermüdung, wir haben uns nicht beunruhigt ... Der Oheim hat mir durch Don Vigilio sagen lassen, daß er sich in seinem Zimmer einschließen und ihn bei sich behalten würde, um ihm Briefe zu diktiren. Sie sehen also, es wird nicht viel sein.« Wieder trat Stille ein; nicht das geringste Geräusch regte sich in der einsamen Straße oder in dem leeren, alten Palaste, der stumm und träumerisch wie ein Grab war. Aber in diesem Augenblick stürmte jemand mit wirbelnden Röcken und vor Schreck aussetzendem Atem in diesen so sanft schlummernden, nun von der Milde eines Hoffnungstraumes erfüllten Salon. Es war Viktorine, die, nachdem sie die Lampe gebracht und sich entfernt hatte, nun atemlos, entsetzt zurückkehrte. »Contessina, Contessina –« Benedetta hatte sich erhoben; sie war plötzlich ganz bleich, ganz kalt geworden, als hätte ein Unglückswind zur Thüre hereingeweht. »Was? Was ... warum läufst Du so, warum zitterst Du so?« »Dario, Herr Dario, unten ... Ich bin hinunter gegangen, um nachzusehen, ob man die Laterne unter dem Thor angezündet hat, weil es oft vergessen wird. Und dort, unter dem Thor, im Dunkeln bin ich gegen Herrn Dario gestoßen. Er liegt am Boden, er hat irgendwo einen Messerstich ...« Die Liebende stieß einen Schrei aus. »Tot!« »Nein, nein, verwundet.« Aber sie hörte nicht zu, sondern fuhr fort, mit immer lauter werdender Stimme zu rufen: »Tot, tot!« »Nein, nein, er hat mit mir gesprochen ... Um Gottes willen schweigen Sie! Er hat mir auch Schweigen geboten, denn er will nicht, daß man davon erfährt; er hieß mich Sie holen, Sie, Sie allein. Aber da der Herr Abbé hier ist, wird er mit uns hinuntergehen und uns helfen. Wir werden ihn brauchen können.« Pierre hörte ebenfalls entsetzt zu. Als sie dann die Lampe nehmen wollte, sah man, daß ihre rechte, zitternde Hand mit Blut besteckt war; zweifellos hatte sie den am Boden liegenden Körper betastet. Dieser Anblick war für Benedetta so schrecklich, daß sie wieder wie toll zu stöhnen begann. »Schweigen Sie doch, so schweigen Sie doch! ... Gehen wir hinunter, ohne Geräusch zu machen. Ich nehme die Lampe, weil wir doch sehen müssen ... Rasch, rasch!« Unten, quer unter dem Thor vor dem Eingang in die Vorhalle, lag Dario auf dem Pflaster, als hatte er, nachdem er in der Straße angefallen worden war, nur noch die Kraft gehabt, einige Schritte zu machen, um hier niederzusinken. Er war eben ohnmächtig geworden und lag mit sehr bleichem Gesicht, zusammengepreßten Lippen und geschlossenen Augen da. Benedetta, die im Uebermaße des Schmerzes die Energie ihrer Rasse wieder fand, klagte und schrie nicht mehr, sondern betrachtete ihn verständnislos mit ihren großen, trockenen, weit geöffneten, wahnsinnigen Augen. Das Schrecklichste dabei war das Blitzähnliche der Katastrophe, das Unvorhergesehene, das Unerklärliche, das Warum und Wieso dieses Mordes inmitten der finstern Stille des einsamen, von dem Dunkel der Nacht erfüllten, alten Palastes. Die Wunde mußte wohl nur sehr wenig bluten, denn nur die Kleider waren blutbefleckt. »Rasch, rasch,« wiederholte Viktorine halblaut, nachdem sie die Lampe gesenkt und mit ihr umhergeleuchtet hatte, um Umschau zu halten. »Der Portier ist nicht da; er steckt immer bei dem Schreiner daneben, um mit der Frau zu lachen; Sie sehen, er hat noch nicht die Laterne angezündet, aber er kann zurückkommen ... Der Herr Abbé und ich werden den Fürsten rasch in sein Zimmer hinauftragen.« Nur diese Frau mit dem schönen Gleichgewicht und der ruhigen Thatkraft behielt jetzt ihren Kopf oben. Die beiden anderen in ihrer Betäubung, die nicht weichen wollte, hörten zu, ohne ein Wort zu finden, und gehorchten ihr wie folgsame Kinder. »Contessina, Sie müssen uns leuchten. Da nehmen Sie die Lampe und senken Sie sie ein bißchen, damit man die Stufen sieht. Sie, Herr Abbé, nehmen die Füße, ich werde ihn unter die Arme fassen. Und haben Sie keine Angst, das arme liebe Herz ist nicht so schwer.« Ach, dieser Aufstieg über die monumentale Treppe mit den niedrigen Stufen, mit den Treppenabsätzen, die so groß waren wie Fechtböden! Der grausame Transport wurde dadurch erleichtert, aber wie düster nahm sich der Zug in dem schwachen, flackernden Licht der Lampe aus, die Benedettas, nur von der Willenskraft steif ausgestreckter Arm hielt! Und kein Geräusch, kein Hauch in dem alten, toten Hause, wo nichts zu hören war als das Abbröckeln der Mauern, die allmähliche Zerstörungsarbeit, die die Decken vollends bersten ließ. Viktorine fuhr fort, im Flüstertone ihre Anweisungen zu geben, während Pierre, aus Furcht, auf dem glänzenden Stein auszugleiten, eine übertriebene Kraftanstrengung entfaltete, die ihn atemlos machte. Große Schatten tanzten toll längs der großen Flächen der kahlen Mauern bis hinauf zu dem hohen, mit Deckenfeldern geschmückten Gewölbe. So endlos erschien das Stockwerk, daß sie Halt machen mußten. Dann wurde der langsame Marsch wieder fortgesetzt. Glücklicherweise befanden sich die aus drei Räumen, einem Zimmer, einem Ankleidekabinet und einem Salon bestehenden Gemächer Darios im ersten Stock neben denen des Kardinals, in dem auf den Tiber hinausgehenden Flügel. Sie brauchten nur, das Geräusch ihrer Schritte dämpfend, durch den Korridor gehen und konnten endlich erleichtert den Verwundeten auf sein Bett niederlegen. Viktorine lachte vor Befriedigung leicht auf. »So, geschehen ... Stellen Sie doch die Lampe weg, Contessina. Da, hierher, auf diesen Tisch ... Ich stehe Ihnen gut dafür, daß niemand uns gehört hat; es ist ein wahres Glück, daß Donna Serafina ausgegangen ist, und daß Seine Eminenz Don Vigilio bei geschlossenen Thüren bei sich hat ... Ich hatte ihm die Schultern mit meinem Rock eingewickelt, es hat also kein Blutstropfen zu Boden fallen können; außerdem werde ich gleich selbst mit dem Schwamm unten mal drüber fahren.« Sie hielt inne, sah Dario an und setzte dann rasch hinzu: »Er atmet ... Gebt also beide auf ihn acht; ich laufe zu dem guten Doktor Giordano, der Sie zur Welt kommen sah, Contessina, und ein vertrauenswürdiger Mann ist.« Als Benedetta und Pierre mit dem ohnmächtigen Verwundeten in diesem halbdunklen Zimmer allein waren, durch das jetzt der ganze auf ihnen lastende, schreckliche Alpdruck zu schauern schien, blieben sie zu beiden Seiten des Bettes stehen, ohne ein Wort zu finden. Sie hatte in dem Bedürfnis, die Spannung ihres Schmerzes zu vermindern und ihm Luft zu machen, die Arme ausgebreitet und rang nun mit einem dumpfen Stöhnen die Hände. Dann beugte sie sich herab und spähte in diesem blassen Gesichte mit den geschlossenen Augen nach Leben. In der That, er atmete, aber sehr langsam, kaum hörbar; dennoch stieg eine schwache Röte in seine Wangen und zuletzt öffnete er die Augen. Sie hatte sofort seine Hand ergriffen und sie gedrückt, als wolle sie die Angst ihres Herzens in diesen Druck legen; und sie war sehr glücklich, als sie fühlte, daß er ihn schwach erwiderte. »Sag, siehst Du mich, hörst Du mich? ... Was ist geschehen? Großer Gott!« Aber er antwortete nicht, sondern schien durch die Anwesenheit Pierres unruhig zu werden. Als er ihn erkannt hatte, schien er sich in sie zu fügen und forschte mit furchtsamen Blicken, ob niemand anderer im Zimmer sei. Zuletzt murmelte er: »Niemand hat gesehen, niemand weiß ...« »Nein, nein, beruhige Dich. Wir haben Dich mit Viktorine herauf getragen, ohne einer menschlichen Seele zu begegnen. Die Tante ist ausgegangen, der Oheim hat sich in sein Zimmer eingeschlossen.« Nun schien er sich erleichtert zu fühlen und lächelte. »Ich will nicht, daß jemand davon erfährt; es ist so dumm!« »Gott, was ist denn geschehen?« fragte sie abermals. »Ach, ich weiß nicht, ich weiß nicht –« Er senkte mit müder Miene die Lider, indem er sich bemühte, der Frage zu entgehen. Dann mußte er wohl begreifen, daß es besser wäre, gleich einen Teil der Wahrheit zu sagen. »Ein Mann – der sich im Zwielicht unter dem dunklen Thor versteckt und wohl auf mich gewartet hatte ... Gewiß, und dann, als ich heimkam, stieß er mir sein Messer da hinein, in die Schulter.« Bebend beugte sie sich noch mehr herab und schaute ihm tief in die Augen, indem sie fragte: »Aber wer war es, wer war dieser Mann?« Als er dann mit immer matterer Stimme stammelte, daß er es nicht wisse, daß der Mann im Dunkel entflohen sei, ohne daß er ihn erkennen konnte, stieß sie einen schrecklichen Schrei aus. »Es ist Prada, es ist Prada! Sag es, ich weiß es ja!« Sie raste. »Ich weiß es, hörst Du! Ich bin nicht sein gewesen, er will nicht, daß wir einander angehören sollen, lieber tötet er Dich an dem Tage, an dem ich mich Dir werde geben dürfen. Ich kenne ihn wohl, nie werde ich glücklich sein ... Es ist Prada, es ist Prada!« Aber eine plötzliche Energie hatte den Verwundeten belebt; er protestirte rechtschaffen. »Nein, nein, es ist nicht Prada, und auch keiner, der für ihn arbeitet ... das schwöre ich Dir. Ich habe den Mann nicht erkannt, aber Prada ist es nicht, nein, nein.« Darios Worte hatten einen solchen Ton der Wahrheit, daß Benedetta davon überzeugt werden mußte. Außerdem wurde sie wieder vom Entsetzen erfaßt, denn sie fühlte, daß die Hand, die sie in der ihren hielt, schlaff, feucht und wieder leblos wurde, als erstarre sie. Erschöpft von der eben gemachten Anstrengung war er abermals in Ohnmacht gefallen; sein Gesicht war wieder ganz weiß, die Augen hatten sich geschlossen. Er schien zu sterben. Entsetzt betastete sie ihn mit den Händen. »Herr Abbé, sehen Sie doch, sehen Sie doch ... Er stirbt ja! Er stirbt ja! Er ist ja schon ganz kalt ... O, großer Gott, er stirbt!« Pierre, den sie mit ihrem Schreien ganz außer sich brachte, bemühte sich, sie zu beruhigen. »Er hat zu viel gesprochen, er hat das Bewußtsein verloren, so wie vorhin ... Ich versichere Sie, ich fühle sein Herz klopfen, da legen Sie Ihre Hand hin ... Um Gottes willen regen Sie sich nicht so auf; der Arzt wird kommen, und alles wird gut werden.« Aber sie hörte ihm nicht zu und er wohnte nun einer seltsamen Scene bei, die ihn mit Erstaunen erfüllte. Plötzlich hatte sie sich über den Körper des angebeteten Mannes geworfen, preßte ihn wie rasend an sich, badete ihn mit ihren Thränen und bedeckte ihn mit Küssen, indem sie flammende Worte stammelte: »Ach, wenn ich Dich verlöre, wenn ich Dich verlöre ... Und ich habe mich Dir nicht gegeben; ich war so dumm, mich Dir zu verweigern, da wir noch das Glück kennen lernen konnten ... Ja, wegen der Madonna, in der Idee, daß die Jungfräulichkeit ihr gefällt und daß man sich dem Gatten rein erhalten muß, wenn man will, daß sie die Ehe segnet! Was hätte es ihr geschadet, wenn wir gleich glücklich geworden wären? Und dann, dann – siehst Du, wenn sie mich betrogen hätte, wenn sie Dich fortnähme, ehe wir einander in den Armen geruht – nun, dann würde ich nur eines bereuen: daß ich nicht mit Dir unselig geworden bin! Ja, ja, lieber die Verdammnis, als einander nicht besessen haben – mit unserem Blut, mit unseren Lippen!« War das die so ruhige, die so vernünftige Frau, die sich geduldete, um ihr Glück besser zu errichten? Pierre, ganz entsetzt, erkannte sie nicht mehr. So oft er sie bisher gesehen hatte, war sie von solcher Zurückhaltung, von einer so natürlichen Schamhaftigkeit gewesen, deren fast kindlicher Zauber ihrer Natur selbst zu entspringen schien. Zweifellos war unter dem Drucke der Gefahr und der Angst das schreckliche Blut der Boccanera, ein ganzer Atavismus von Heftigkeit, Hoffart, wütenden, verzweifelten und entfesselten Begierden in ihr erwacht. Sie wollte ihren Teil am Leben, ihren Teil an der Liebe, und murrte, raste, als ob der Tod, indem er ihr den Geliebten nahm, ihr das eigene Fleisch entreiße. »Ich beschwöre Sie, Madame, beruhigen Sie sich,« wiederholte der Priester. »Er lebt, sein Herz schlägt ... Sie schaden sich entsetzlich.« Aber sie wollte mit ihm sterben. »O, mein Geliebter, wenn Du gehst, nimm mich mit ... Ich werde mich auf Dein Herz legen, ich werde Dich so fest in meine beiden Arme drücken, daß sie in die Deinen hineinwachsen werden, und dann müssen sie uns wohl zusammen begraben ... Ja, ja, wir werden tot und doch vermählt sein. Ich habe Dir versprochen, niemand anzugehören als Dir, ich werde Dein sein trotz allem, in der Erde, wenn es sein muß ... O, mein Geliebter, öffne die Augen, öffne den Mund, küsse mich, wenn Du nicht willst, daß auch ich sterbe, wenn Du tot sein wirst.« Eine ganze Flamme von wilder Leidenschaft, von Feuer und Blut war durch das düstere Zimmer mit den alten, eingeschlafenen Mauern gelodert. Aber die Thränen überwältigten Benedetta; lautes Schluchzen erschöpfte sie und warf sie geblendet, kraftlos am Bettrande nieder. Glücklicherweise erschien der von Viktorine herbeigeschaffte Arzt und machte der schrecklichen Scene ein Ende. Doktor Giordano, der das sechzigste Jahr überschritten hatte, war ein kleiner, weißlockiger, glatt rasirter und frischwangiger Greis, dessen ganze väterliche Figur inmitten seiner kirchlichen Kundschaft das Benehmen eines liebenswürdigen Prälaten angenommen hatte. Er war, wie es hieß, ein trefflicher Mann, behandelte die Armen umsonst und erwies sich vor allem in heiklen Fällen von geistlicher Zurückhaltung und Verschwiegenheit. Seit dreißig Jahren hatten sich alle Boccaneras, die Kinder, die Frauen, bis zu dem ehrwürdigsten Kardinal selbst stets nur in seinen vorsichtigen Händen befunden. Während Viktorine leuchtete, kleidete er, von Pierre unterstützt, sachte den durch den Schmerz aus der Ohnmacht erweckten Dario aus, untersuchte die Wunde und erklärte sie sofort mit seiner lächelnden Miene für gefahrlos. Es würde nichts sein, höchstens drei Wochen im Bett, und Komplikationen stünden nicht zu befürchten. Wie alle römischen Aerzte war er ein Liebhaber der schönen Messerstiche, die er täglich unter seinen zufälligen Kunden aus dem gemeinen Volke zu behandeln hatte; er verweilte daher mit Wohlgefallen bei der Wunde, bewunderte sie als Kenner und fand zweifellos, daß das eine feine Arbeit sei. »Wir nennen das eine Warnung,« sagte er zuletzt halblaut zu dem Fürsten. »Der Mann wollte nicht töten; der Streich wurde von oben nach unten geführt, so daß er im Fleisch vorwärts glitt, ohne den Knochen auch nur zu berühren ... O, er muß geschickt sein; das ist ein sehr hübscher Stoß.« »Ja, ja, er hat mich geschont,« murmelte Dario, »sonst hätte er mich durch und durch gestoßen.« Benedetta hörte nichts davon. Seit der Arzt den Fall für gänzlich gefahrlos erklärt hatte, indem er aus einander setzte, daß die Schwäche und die Ohnmacht nur von der heftigen Nervenerschütterung herrührten, war sie in einem Zustande völliger Erschöpfung auf einen Stuhl gefallen. Es war die Abspannung der Frau nach dem furchtbaren Verzweiflungsanfalle. Stille Thränen begannen langsam aus ihren Augen zu fließen; sie erhob sich und umarmte Dario in einem Erguß leidenschaftlicher, stummer Freude. »Hören Sie, lieber Doktor, es ist ganz unnötig, daß jemand davon erfährt,« fuhr dieser fort. »Diese Geschichte ist so lächerlich ... Wie es scheint, hat niemand etwas gesehen, mit Ausnahme des Herrn Abbé, den ich um Geheimhaltung bitte ... Und nicht wahr, man wird vor allem den Kardinal nicht beunruhigen, nicht einmal die Tante – kurz, keinen der Freunde des Hauses?« Doktor Giordano lächelte ruhig. »Schön, schön, das ist selbstverständlich, quälen Sie sich nicht ... Für alle Welt sind Sie auf der Treppe gefallen und haben sich die Schulter verrenkt ... Aber jetzt, nachdem Sie verbunden sind, trachten Sie zu schlafen und nicht allzu viel Fieber zu bekommen. Ich komme morgen früh wieder.« Nun flossen langsam Tage voll großer Ruhe dahin; für Pierre entwickelte sich ein neues Leben. In den ersten Tagen verließ er nicht einmal den alten, schlummernden Palast; er las, schrieb und hatte keine andere Zerstreuung, als daß er jeden Nachmittag bis zur Dämmerung in dem Zimmer Darios saß, wo er sicher war, auch Benedetta zu treffen. Nach einem achtundvierzigstündigen heftigen Fieber hatte die Heilung ihren gewohnten Gang genommen; alles ging aufs beste, die Geschichte von der verrenkten Schulter wurde von aller Welt geglaubt, so daß der Kardinal es bei der streng sparsamen Donna Serafina durchsetzte, daß eine zweite Laterne auf dem Treppenabsatz angezündet ward, damit sich ein solcher Unfall nicht mehr erneue. In diesem wieder entstandenen einförmigen Frieden gab es nur noch eine letzte Erschütterung, besser gesagt, es drohte eine Aufregung, in die Pierre eines Abends, als er etwas länger bei dem Genesenden verweilte, hineingezogen ward. Benedetta hatte sich auf einige Minuten entfernt; da beugte sich Viktorine, die eine Bouillon heraufgebracht hatte, beim Zurücknehmen der Tasse herab, um ganz leise zu dem Fürsten zu sagen: »Gnädiger Herr, ein junges Mädchen, Sie wissen, die Pierina, kommt alle Tage weinend her, um sich nach Ihnen zu erkundigen ... Ich kann sie nicht fortschicken, sie streicht ums Haus herum; da setze ich Sie lieber davon in Kenntnis.« Pierre hatte wider Willen zugehört, und eine plötzliche Gewißheit stieg in ihm auf; mit einemmale begriff er alles. Dario, der ihn anblickte, sah wohl, was er dachte, und sagte daher, ohne Viktorinen zu antworten: »Ja, Abbé, es war dieses Vieh von Tito ... Ich bitte Sie, ist das nicht dumm?« Aber obwohl er sich verwahrte, nichts gethan zu haben, damit der Bruder ihn warnen brauchte, seiner Schwester nicht nahe zu kommen, so lächelte er doch verlegen und war sehr ärgerlich, sogar ein wenig beschämt über eine solche Geschichte. Er war sichtlich erleichtert, als der Priester ihm versprach, mit dem jungen Mädchen zu sprechen, falls es wieder käme, und ihm zu verstehen zu geben, daß es zu Hause bleiben müsse. »Ein albernes, zu albernes Abenteuer,« wiederholte der Fürst, indem er, wie um sich selbst zu verhöhnen, seinen Zorn übertrieb. »Es ist wirklich wie aus einem andern Jahrhundert.« Er verstummte plötzlich. Benedetta kehrte zurück. Sie setzte sich wieder neben ihrem lieben Patienten nieder, und die süße Krankenwacht in dem alten, schlummernden Zimmer, in dem alten, toten Palast, in dem kein Hauch sich regte, nahm ihren Fortgang. Als Pierre wieder ausging, wagte er sich anfangs, um einen Augenblick Luft zu schöpfen, nur in das Viertel. Diese Via Giulia interessirte ihn; er wußte von ihrer einstigen Pracht zur Zeit Julius' II., der sie gerade legte und mit prächtigen Palästen einzufassen gedachte. Während des Karnevals hatten hier Wettrennen stattgefunden. Sie begannen, ob zu Fuß oder zu Pferd, beim Palast Farnese und reichten bis zum Petersplatz. Er hatte eben auch gelesen, daß der Gesandte des Königs von Frankreich, d'Estrée Marquis de Couré, der den Palazzo Saccheti bewohnte, dort 1630 mit großer Pracht die Geburt des Dauphins feierte; er veranstaltete drei große Rennen von der Sixtusbrücke bis S. Giovanni de Fiorentini, wobei ein außerordentlicher Luxus entfaltet, die Straßen mit Blumen bestreut und alle Fenster mit den kostbarsten Behängen geschmückt wurden. Am zweiten Abende wurde auf dem Tiber ein Feuerwerk abgebrannt, das Argonautenschiff darstellend, das Jason zur Eroberung des goldenen Vlieses führte. Ein andermal lief aus dem farnesischen Springbrunnen, dem Mascherone, Wein. Wie ferne waren diese Zeiten, und wie hatten sie sich verändert! Wie einsam und still zog sich heutigen Tags die Straße in der traurigen Größe ihrer Verlassenheit, breit und gerade, sonnenbeschienen oder tief dunkel mitten durch das verlassene Viertel hin! Von neun Uhr ab strich die helle Sonne durch sie hin und ließ das kleine Pflaster des flachen, trottoirlosen Fahrweges ganz weiß erscheinen, während zu den beiden, abwechselnd von hellem Licht in schwarzen Schatten übergehenden Seiten die alten Paläste, die schweren, alten Häuser, die antiken, mit Schilden und Nägeln bespickten Thüren, die mit ungeheuren Eisenstangen vergitterten Fenster, ganze Stockwerke mit geschlossenen Schalterläden schlummerten. Sie waren gleichsam vernagelt, um das Tageslicht nicht mehr einzulassen. Wenn eine Thür offen stand, so bemerkte man tiefe Wölbungen, feuchte und kalte, mit dunkelgrünen Flecken bedeckte innere Höfe, die gleich wie in Klöstern von Portiken umgeben waren. In den Dependancen, in den niedrigen Gebäuden, die sich zuletzt besonders auf der Seite der zum Tiber hinab gehenden Gäßchen gebildet hatten, waren kleine, stille Industrien entstanden – ein Bäcker, ein Schneider, ein Buchbinder, unbedeutende Kramladen, Obstkeller mit vier Tomaten und vier Salatköpfen auf dem Brette, Weinhandlungen, die Gewächse von Frascati und Genzano aussteckten, wo aber die Trinkenden gestorben zu sein schienen. Gegen die Mitte der Straße zu befand sich das jetzige Gefängnis mit seiner abscheulichen, gelben Mauer; es war nicht dazu angethan, sie zu erheitern. Ein ganzer Schwarm von Telegraphendrähten durchzog diesen langen, grabesähnlichen Korridor mit den seltenen Passanten, wo der Staub der Vergangenheit zerfiel, von einem Ende zum andern – von den Arkaden des farnesischen Palastes bis zu dem fernen Ausblick über den Fluß, über die Bäume des Heiligengeisthospitales. Aber vor allem des Abends, wenn die Nacht hereingebrochen war, wurde Pierre von der Oede, von einer Art heiligen Grauens gepackt, die die Straße dann annahm. Keine Menschenseele, vollständige Vernichtung, kein Licht in den Fenstern, nichts als die doppelte Reihe von Gashähnen, die, weit aus einander stehend, Nachtlichtern glichen, und verriegelte, verrammelte Thüren, aus denen kein Geräusch, kein Hauch hervordrang! Nur da und dort eine erleuchtete Weinhandlung, matte Scheiben, hinter denen in dumpfer Unbeweglichkeit eine Lampe brannte, kein Stimmengeräusch, kein Lachen! Und keine lebendige Seele zu sehen als die zwei Gefängnisschildwachen, die eine vor dem Thor, die andere an der Ecke des rechten Gäßchens, beide steif und starr in der toten Straße stehend! Uebrigens fesselte ihn das ganze Viertel, dieses einstige vornehme Viertel, das, nun in Vergessenheit geraten, von dem modernen Leben so entfernt war und fortan nur noch einen Dumpfgeruch, den faden, heimlichen Kirchengeruch aushauchte. Auf der Seite von S. Giovanni de Fiorentini, an der Stelle, wo der neue Corso Viktor Emanuel alles eingerissen hat, bestand ein heftiger Gegensatz zwischen den hohen fünfstöckigen, gemeißelten, glänzenden, kaum vollendeten Häusern und den geschwärzten, eingesunkenen und armseligen Gebäuden der Nachbargäßchen. Am Abend funkelten elektrische Kugeln in blendender Weiße, gegen die die Gashähne in der Via Giulia nur noch wie rauchende Lämpchen aussehen. Es waren alte, berühmte Straßen: die Via dei Banchi Vecchi, die Via del Pellegrino, die Via di Monserrato, hierauf endlose Querstraßen, die sie durchschnitten, die sie verbanden, die alle dem Tiber zugingen und so eng waren, daß die Wagen schwer durch konnten. Und eine jede hatte ihre Kirche; es war eine Menge fast gleicher, reich geschmückter, reich vergoldeter und gemalter Kirchen, die nur zur Zeit des Gottesdienstes offen und dann voll Sonnenlicht und Weihrauch waren. In der Via Giulia befand sich außer S. Giovanni de Fiorentini, außer S. Biagio della Pagnotta, außer S. Eligio degli Orefici rückwärts hinter dem Palast Farnese die Totenkirche S. Maria delle Morte. in die er gern eintrat, um von dem unbewohnten Rom, von den Büßermönchen zu träumen, die den Dienst in dieser Kirche versahen und deren Aufgabe darin bestand, die ihnen signalisirten verlassenen Leichname in der Campagna zu sammeln. Eines Abends wohnte er dort der Seelenmesse für zwei unbekannte, seit vierzehn Tagen unbegrabene Leichen bei, die man auf einem Felde rechts von der Via Appia entdeckt hatte. Aber der Lieblingsspaziergang Pierres wurde bald der neue Tiberquai vor der andern Fassade des Palazzo Boccanera. Er brauchte nur durch das Vicolo, das enge Gäßchen zu gehen und gelangte an einen einsamen Ort, wo alles ihn mit unendlichen Gedanken erfüllte. Der Quai war nicht vollendet, die Arbeiten schienen sogar vollständig aufgelassen worden zu sein; es war ein ungeheurer, mit Schutt und Bausteinen angefüllter Zimmerplatz, der von halb zerbrochenen Palissaden und Werkzeugschuppen mit zusammenbrechenden Dächern durchschnitten ward. Das Flußbett war unaufhörlich höher geworden, während fortwährende Ausgrabungen den Boden der Stadt zu beiden Seiten gesenkt hatten. Um sie daher vor Ueberschwemmungen zu schützen, hatte man eben das Wasser in diese gigantischen Festungsmauern gesperrt. Man hatte zu diesem Behufe die alten Ufer noch derart erhöhen müssen, daß die Terrasse des kleinen Boccaneraschen Gartens unter dem Schutze ihres Portikus, mit ihrer Doppeltreppe, an der einst die Lustboote verankerten, sich niedriger befand und in Gefahr stand, ganz begraben zu werden und zu verschwinden, sobald die Straßenarbeiten beendigt werden würden. Es war noch nichts nivellirt, die herbeigeführte Erde blieb so liegen, wie die Schubkarren sie abgeladen hatten, und überall war inmitten der verlassenen Materialien nichts zu sehen als Morastlöcher und Abrutschungen. Nur armselige Kinder spielten zwischen diesem Schutt, in dem der Palast versank, arbeitslose Werkleute schliefen träge in der heißen Sonne, und Frauen breiteten ihre ärmliche Wäsche auf den Kieselhaufen aus. Dennoch war es für Pierre ein glückliches Asyl voll sicheren Friedens und unerschöpflicher Träumereien, wenn er hier stundenlang verweilte, um den Fluß und die Quais und die Stadt gegenüber zu beiden Seiten zu betrachten. Von acht Uhr ab vergoldete die Sonne die unermeßliche Lücke mit ihrem gelben Licht. Wenn er hinüber nach links zu schaute, bemerkte er die fernen Dächer von Trastevere, die sich graublau, von Nebel überzogen, von dem glänzenden Himmel abhoben. Gegen rechts zu bildete der Fluß jenseits des runden Chors von S. Giovanni de Fiorentini einen Bogen. Die Pappeln des Heiligengeistspitals zogen über das andere Ufer ihren grünen Vorhang und ließen am Horizont das reine Profil der Engelsburg sehen. Vor allem aber konnte er die Augen nicht von dem gegenüber liegenden Ufer losreißen; denn dort war ein Stück des ganz alten Rom unversehrt geblieben. Von der Sixtusbrücke bis zur Engelsbrücke befand sich auf dem rechten Ufer der Teil der unterbrochenen Quaibauten, dessen Fertigstellung später den Fluß vollends in die schrecklichen, hohen und weißen Festungsmauern einsperren würde. Und wirklich, diese außerordentliche Heraufbeschwörung der alten Zeit, dieses mit einem ganzen Stück der alten Päpstestadt bedeckte Ufer, war etwas Ueberraschendes, Bezauberndes. Auf der Via della Longara mußten die gleichförmigen Fassaden wohl neu angestrichen sein, aber hier blieben die Rückseiten der bis zum Wasser reichenden Häuser so, wie sie waren: rissig, gebräunt, rostbefleckt, gleich antiken Bronzen von der brennenden Sommersonne mit Patina überzogen. Was für ein Haufen, was für eine unglaubliche Menge! Unten dunkle Gewölbe, in die der Fluß eindrang, Pfahlwerk, das die Mauern stützte, Stücke römischer Bauwerke, die senkrecht hinabtauchten; dann steile, aus den Fugen geratene, grün überzogene, aus dem Ufersand aufsteigende Treppen, über einander liegende Terrassen, Stockwerke mit den Reihen der unregelmäßigen, aufs Geratewohl durchgebrochenen kleinen Fenster, Häuser, die sich über anderen Häusern erhoben – und das in einem ausschweifenden, phantastischen Durcheinander von Balkonen, von Holzgalerien, von quer über Hofe geschlagenen Brücken, von Baumgruppen, die aus den Dächern gesproßt zu sein schienen, von hinzugefügten Mansarden, die inmitten der rosa Dachziegel aufgesetzt waren. Eine Traufe gegenüber floß mit lautem Geräusch aus einem abgenutzten und besudelten Steinrachen. Ueberall, wo das Ufer durch das Zurücktreten der Häuser erschien, war es mit einer wilden Vegetation, mit Unkraut, Sträuchern, mit Epheumänteln bedeckt, die in königlichen Falten auf dem Boden schleppten. Das Elend, der Schmerz verschwand unter der Verklärung der Sonne, die alten eingesunkenen, zusammengehäuften Fassaden wurden zu Gold, die in den Fenstern trocknende Wäsche flaggte sie mit dem Purpur der roten Röcke und dem blendenden Schneeweiß des Linnens. Weiter oben dagegen, über dem Viertel, erhob sich in dem Glanze des Gestirns der Janiculus mit dem feinen Profil von S. Onofrio, zwischen Cypressen und Pinien. Pierre lehnte sich oft an die Brüstung der ungeheuren Quaimauer und blieb lange dort stehen, um mit schwellendem Herzen, voll von der Trauer der toten Jahrhunderte, den dahinfließenden Tiber zu betrachten. Nichts hätte die große Müdigkeit dieser alten Gewässer zu schildern vermocht, nichts ihr düsteres, langsames Dahinfließen am Grunde dieses sie einschließenden, babylonischen Grabens, dieser übergroßen, geraden, glatten, kahlen, in ihrer neuen Häßlichkeit noch ganz weißlichen Gefängnismauern. In der Sonne nahm der gelbe Fluß eine Goldfarbe an und schillerte durch den leichten Schauer seiner Strömung in Grün und Blau. Wie aber das Dunkel ihn ergriff, so erschien er undurchsichtig, rotfarben, so alt, so dick, so schwer, daß die gegenüberliegenden Häuser sich nicht einmal mehr in ihm spiegelten. Und was für eine trostlose, was für eine öde Verlassenheit, welcher Strom der Stille und der Einsamkeit! Wenn er auch nach den Winterregen seine drohende Flut noch wütend dahinwälzte, so schlief er doch während der langen Monate, da der Himmel klar war, ein und durchzog Rom klanglos, mit dumpfem Fließen, als wäre er über alles unnütze Geräusch eines Besseren belehrt worden. Man konnte hier den ganzen Tag lang stehen, ohne eine Barke, ein Segel vorüberziehen zu sehen, das ihn belebt hätte. Die wenigen Schiffe, die zwei oder drei kleinen Dampfer, die vom Litorale kamen, die Tartanen, die Wein aus Sizilien brachten, hielten alle am Fuße des Aventins an. Darüber hinaus gab es nichts mehr als Wüste, als totes Gewässer, in das da und dort ein unbeweglicher Fischer seine Angel hinabhängen ließ. Pierre sah ein wenig nach rechts, am Fuße des alten Ufers, nie etwas anderes als eine Art antike, bedeckte Pinasse, eine halb verfaulte Arche Noah; sie war vielleicht ein Bootswaschplatz, aber er bemerkte dort nie eine lebende Seele. Außerdem befand sich auf einer Kotzunge eine gestrandete Schaluppe mit aufgeplatzter Flanke, ein klägliches Symbol, daß alle Schiffahrt hier unmöglich und aufgegeben worden war. Ach, diese Stromrinne, sie war ebenso tot wie die berühmten Ruinen, deren Staub sie seit so vielen Jahrhunderten gebadet hatte! Nun war sie es müde. Und was beschwor sie heraus! Jahrhunderte der Geschichte, so viele Dinge, so viele Menschen, die die gelben Wasser widergespiegelt hatten – deren Ermüdung und Ekel sie angezogen hatten, bis sie in ihrer Sehnsucht nach dem Nichts so schwer, so stumpf, so einsam geworden waren! Hier war es, wo Pierre eines Morgens Pierina erkannte, als sie hinter einer der Holzbaracken stand, die zum Aufbewahren der Werkzeuge gedient hatten. Sie streckte den Hals aus und betrachtete starr, vielleicht schon stundenlang, das an der Ecke des Gäßchens und des Quais liegende Fenster des Zimmers Darios. Zweifellos von dem strengen Empfange Viktorinens erschreckt, war sie nicht wieder im Palaste erschienen, um sich zu erkundigen; aber nachdem sie von irgend einem Bedienten erfahren hatte, wo sich das Fenster befand, kam sie hierher und brachte die Tage hier zu, indem sie unermüdlich auf eine Erscheinung, ein Lebens- und Rettungszeichen wartete. Die bloße Hoffnung darauf ließ ihr Herz klopfen. Der Priester näherte sich ihr; es rührte ihn unendlich, daß sie in ihrer königlichen Schönheit sich so demütig, so zitternd vor Anbetung derart versteckte. Statt sie zu schelten, sie wegzujagen, wie sein Auftrag lautete, sprach er sehr sanft und sehr heiter mit ihr, erwähnte die Ihren, als sei nichts geschehen, und richtete es so ein, daß er den Namen des Fürsten aussprach, um ihr zu verstehen zu geben, daß er noch vor vierzehn Tagen wieder auf den Füßen sein werde. Anfangs war sie zusammengefahren und stand scheu, mißtrauisch, fluchtbereit da. Dann, als sie verstanden hatte, schossen ihr die Thränen in die Augen, und trotzdem lachend, glückselig, warf sie ihm eine Kußhand zu, rief: » Grazie, grazie ! Danke, danke!« und lief davon, was sie laufen konnte. Er sah sie nie wieder. Und an einem Morgen war es auch, als Pierre, da er sich nach S. Brigitta auf der Piazza Farnese begab, um seine Messe zu lesen, zu seiner Ueberraschung Benedetta so frühzeitig aus dieser Kirche herauskommen sah. Sie trug ein ganz kleines Fläschchen Oel in der Hand. Uebrigens war sie gar nicht verlegen, sondern erklärte ihm, daß sie sich alle zwei oder drei Tage von dem Kirchendiener einige Tropfen von dem Oel hole, das die ewige Lampe vor einer antiken, hölzernen Muttergottesstatue speiste, zu der sie unbedingtes Vertrauen hatte. Sie gestand sogar, daß sie nur zu dieser Vertrauen habe; denn sie hätte nie etwas erreicht, wenn sie sich an andere, obwohl sehr berühmte Madonnen aus Marmor und sogar Silber gewendet hätte. In ihrem Herzen brannte daher auch für dieses heilige Bildnis, das ihr nichts verweigerte, eine innige Andacht – in Wirklichkeit ihre ganze Andacht. Sie bestätigte auch sehr einfach, wie etwas Natürliches, außer Frage Stehendes, daß diese wenigen Tropfen Oel, mit denen sie abends und morgens die Wunde Darios einrieb, eine so rasche, ganz und gar wunderbare Heilung bewirkten. Eine so kindische Religiosität bei diesem wunderbaren, klugen, leidenschaftlichen, anmutigen Geschöpf machte Pierre betroffen und verzweifelt; er gestattete sich nicht zu lächeln. Jeden Abend, wenn er von seinen Spaziergängen zurückkehrte und eine Stunde in dem Zimmer des genesenden Dario zubrachte, verlangte Benedetta, daß er zur Zerstreuung des Kranken seinen Tag schildere; und alles, was er erzählte, sein Erstaunen, seine Erregung, manchmal sein Zorn, nahm inmitten der großen, gedämpften Stille des Zimmers einen traurigen Reiz an. Insbesondere aber als er wieder das Viertel zu verlassen wagte, als er sich in die römischen Gärten verliebte, in die er, um vor Begegnungen sicher zu sein, sich begab, sobald die Thore aufgemacht waren, brachte er schwärmerische Gefühle mit – eine wahre, entzückte Leidenschaft für schöne Bäume, für springendes Wasser, für Terrassen, die sich auf einen erhabenen Horizont öffneten. Es waren nicht gerade die größten unter diesen Gärten, die sein Herz am meisten erfüllten. In der Villa Borghese, dem kleinen Boulognerwäldchen Roms, gab es majestätische Holzschläge, königliche Alleen, in denen die Wagen vor der obligaten Spazierfahrt auf dem Corso zu wenden pflegten; aber ihn berührte mehr der abgesonderte Garten vor der Villa – dieser Villa voll blendender Marmorpracht, in der sich heutigen Tags das schönste Museum der Welt befindet. Da war ein einfacher, feiner Rasenteppich, ein sehr großes Mittelbecken, das von der weißen Nacktheit einer Venus beherrscht wird. Da waren Bruchstücke von antiken Vasen, Statuen, Säulen, Sarkophagen, die symmetrisch im Viereck aufgereiht sind, und sonst nichts als dieses einsame, sonnenbeschienene, schwermütige Gras. Auf dem Pincio, den er wieder aufsuchte, verlebte er einen köstlichen Morgen; er begriff den Zauber dieses schmalen Winkels mit seinen seltenen, immer grünen Bäumen, mit seinem bewunderungswürdigen Ausblick, der in der Ferne, in der so zarten, so klaren, mit Sonnenstäubchen durchsetzten Helle ganz Rom und St. Peter zeigte. In der Villa Albani, in der Villa Pamfili fand er die herrlichen Schirmpinien voll riesiger, stolzer Anmut, die mächtigen Wintereichen mit den gewundenen Gliedern und dem fast schwarzen Grün wieder. Besonders in der letzten Villa versenkten die Eichen die Alleen in ein köstliches Halbdunkel; der kleine See mit seinen Trauerweiden und seinen Rohrbüscheln war voll von Träumen, und das tiefer gelegene Blumenparterre entwickelte eine Mosaik von wunderlichem Geschmack, ein verwickeltes Muster von Rosetten und Arabesken, das von den verschiedenartigen Blumen und Blättern gefärbt ward. Was ihm aber in diesem Garten, dem edelsten, größten und bestgepflegten aller dieser Gärten, auffiel, war, daß er, längs einer niedern Mauer schreitend, abermals St. Peter erblickte, und zwar von einer so neuen und unvorhergesehenen Seite, daß sich das symbolische Bild für immer seinem Gedächtnis einprägte. Rom war vollständig verschwunden; zwischen den Abhängen des Monte Mario und eines andern bewaldeten, die Stadt verbergenden Hügels war nichts zu sehen als der gewaltige Dom, dessen Masse auf zerstreuten weißen und roten Blöcken zu ruhen schien. Was er so beherrschte, was er so mit seiner übermäßig großen, von dem hellen Blau des Himmels graublau abstechenden Kuppel erdrückte, das waren die Häuserinseln des Borgos, die zusammengehäuften Gebäude des Vatikans und der Basilika; hinter ihm dagegen, in der Ferne, trat eine bläuliche, sehr zarte Fernsicht in die unbegrenzte Campagna zurück. Aber das Seelische der Dinge fühlte Pierre mehr in den weniger prächtigen Gärten, die eine geschlossenere Anmut besaßen. Ach, die Villa Mattei auf dem Abhange des Coelius mit ihrem terrassenförmigen Garten, mit ihren heimlichen, von Aloen, Lorbeerbäumen und riesigen Spindelbäumen begrenzten Alleen, mit ihrem tonnenförmig geschnittenen Buchs, mit ihren Orangenbäumen, Rosen und Springbrunnen! Er brachte dort herrliche Stunden zu. Einen gleichen zauberischen Eindruck empfing er nur auf dem Aventin, als er die drei Kirchen besuchte, die dort unter dem Grün verschwinden; besonders in S. Sabina, der Wiege der Dominikaner, deren kleiner, von allen Seiten geschlossener Garten, der gar keine Aussicht besitzt, in einem lauen und duftigen Frieden schläft. Er ist mit Orangenbäumen bepflanzt, in deren Mitte der hundertjährige, knotige und ungeheure Orangenbaum des heiligen Dominikus noch mit reifen Orangen beladen war. In der Malteserpriorei daneben that sich hingegen der Garten auf einen ungeheuren Horizont auf und umfaßte, steil über den Tiber hinweg, den Lauf des Flusses, die Fassaden und Dächer, die sich längs der beiden Ufer drängen, bis zu dem fernen Gipfel des Janiculus. Uebrigens gab es in diesen römischen Gärten immer denselben geschnittenen Buchs, denselben Eukalyptus mit dem weißen Stamm und den blassen, gleich Menschenhaaren langen Blättern, dieselben stämmigen, düsteren Wintereichen, riesigen Pinien, schwarzen Cypressen, und zwischen den Rosensträuchen weiße Marmorfiguren, unter den Mänteln des Epheus rauschende Springbrunnen. Eine zartere schmerzliche Freude genoß er erst in der Villa des Papstes Julius, deren im Halbkreis auf den Garten gehender Portikus mit seinen gemalten Zieraten, seinem blumenbedeckten goldenen Gitter, durch das Schwärme lächelnder kleiner Amoretten fliegen, das ganze Leben einer liebenswürdigen und sinnlichen Epoche erzählt. An dem Abende endlich, an dem er aus der Villa Farnesina zurückkehrte, sagte er, daß er die ganze tote Seele des alten Rom mit sich bringe; aber es waren nicht die nach Raffaelschen Kartons ausgeführten Malereien, die ihn berührt hatten, sondern eher der hübsche Saal am Rande des Wassers mit seiner in zart blau, zart lila und zart rosa gehaltenen, nicht genialen, aber so reizenden und echt römischen Ausschmückung – und mehr noch der verlassene Garten, der einst bis zum Tiber hinabreichte, und den der neue Quai jetzt einzwängte. Er war kläglich, öde, verwüstet, höckerig, gleich einem Kirchhof von Unkraut überwuchert, aber dennoch reiften in ihm noch immer die goldenen Früchte der Orangen und Zitronenbäume. Noch einmal erhielt er eine seelische Erschütterung; es war an dem schönen Abend, an dem er die Villa Medici besuchte. Dort befand er sich auf französischer Erde. Und was für ein wunderbarer Garten war das wieder mit seinem Buchs, seinen Pinien, seinen Alleen voll Pracht und Reiz! Welchen Zufluchtsort für antike Träumereien bot dieses uralte und tief dunkle Wintereichengehölz, wo die untergehende Sonne glühende, rotgoldene Lichter in die glänzende Bronze der Blätter warf! Man muß eine endlose Treppe hinansteigen, aber oben vom Belvedere aus übersieht man das gesamte Rom mit einem Blick, als könnte man es, indem man die Arme ausbreitet, ganz umfassen. Vom Speisesaale der Villa, den die Porträts aller Künstler schmücken, die hier nach einander als Pensionäre gewohnt haben, besonders von der Bibliothek, einem großen Saal voll tiefer Ruhe, hat man dieselbe bewundernswerte Aussicht; es ist die größte und sieghafteste Aussicht, voll übermäßigen Ehrgeizes, dessen Unendlichkeit den jungen, hier eingeschlossenen Leuten den Wunsch nach dem Besitz der Welt ins Herz legen mußte. Er, der mit feindseligen Gefühlen gegen die Institution des Prix de Rome, gegen diese überlieferte, gleichförmige, für die Eigenart so gefährliche Erziehung gekommen war, wurde nun einen Augenblick von diesem lauen Frieden, von dieser klaren Einsamkeit des Gartens, von diesem erhabenen Horizont verführt, in dem die Flügel des Genius zu rauschen schienen. Ach, welche Wonne, zwanzig Jahre alt zu sein, drei Jahre in dieser unendlichen Milde, inmitten der schönsten menschlichen Werke zu leben, sich zu sagen, daß man noch zu jung ist, um schon zu schaffen, sich zu sammeln, sich zu suchen und genießen, leiden, lieben zu lernen! Aber dann bedachte er, daß das nicht die Sache der Jugend sei, daß es, um den göttlichen Genuß einer solchen Zurückgezogenheit in der Kunst und unter dem blauen Himmel völlig auszukosten, sicherlich des reifen Alters, bereits gewonnener Siege, der beginnenden Ermüdung nach vollendetem Werke bedurfte. Er sprach mit den Pensionären und bemerkte, daß, wenn auch träumerische und beschauliche junge Seelen sowie die einfache Mittelmäßigkeit sich an dieses in der Kunst der Vergangenheit gebannte Leben bequemten, doch jeder streitbare Künstler, jedes persönliche Temperament hier vor Ungeduld starb und verzehrt von der Sehnsucht, rasch mitten in dem feurigen Ofen des Schaffens und des Kämpfens zu sein, die Augen auf Paris gerichtet hielt. Und alle diese Gärten, von denen Pierre abends mit Entzücken erzählte, erweckten in Benedetta und Dario die Erinnerung an den Garten der Villa Montefiori. Er war jetzt vernichtet, aber einst war er so grün und mit den schönsten Orangenbäumen Roms, einem wahren Walde von hundertjährigen Orangenbäumen bepflanzt gewesen, in dem sie sich lieben gelernt hatten. »Ach, ich erinnere mich,« sagte die Contessina, »zur Blütezeit duftete es so gut, daß man dabei vergehen konnte – so stark, so berauschend, daß ich einmal im Grase liegen blieb und mich nicht erheben konnte ... Erinnerst Du Dich, Dario? Du hast mich in die Arme genommen und trugst mich zum Springbrunnen, wo es sehr schön und sehr frisch war.« Sie saß wie gewöhnlich auf dem Bettrande und hielt die Hand des Genesenden in der ihren. Er begann zu lächeln. »Ja, ja, ich habe Dich auf die Augen geküßt und Du hast sie endlich geöffnet ... Du warst damals viel weniger grausam. Du ließest mich Deine Augen küssen, so viel ich wollte ... Aber wir waren Kinder, und wenn wir nicht Kinder gewesen wären, so wären wir in diesem großen Garten, der so stark duftete, und wo wir so frei hin und her liefen, sogleich Mann und Frau geworden.« Sie nickte zustimmend; sie war überzeugt, daß nur die Madonna sie beschützt hatte. »Das ist wahr, das ist wahr ... Und welches Glück, daß wir einander jetzt gehören können, ohne daß die Engel weinen brauchen.« Das Gespräch kam immer wieder darauf zurück. Der Prozeß behufs Annullirung der Ehe nahm eine immer günstigere Wendung an, und Pierre wohnte jeden Abend ihrem Entzücken bei, hörte sie von nichts anderem reden als von ihrem künftigen Bunde, von ihren Plänen, von den Freuden Verliebter mitten im Paradiese. Donna Serafina, diesmal von einer mächtigen Hand geleitet, mußte wohl die Dinge mit Energie anfassen, denn es verging kein Tag, ohne daß sie irgend eine gute Nachricht heimbrachte. Sie wollte diese Angelegenheit um der Fortsetzung, um der Ehre des Namens willen möglichst rasch beendigen; denn Dario wollte nur seine Base heiraten, und andrerseits würde diese Heirat alles erklären, alles entschuldigen, indem sie einer fortan unerträglichen Lage ein Ende machte. Der abscheuliche Skandal, der schreckliche Klatsch, der die schwarze und weiße Gesellschaft aufregte, brachte sie zuletzt außer sich – um so mehr, als sie für den möglichen Fall eines Konklaves die Notwendigkeit eines Sieges begriff. Sie wollte, daß der Name ihres Bruders dann in reinem, erhabenem Glanze leuchtete. Noch nie hatte dieser geheime Ehrgeiz ihres ganzen Lebens, die Hoffnung, es mit anzusehen, wie ihr Geschlecht der Kirche einen dritten Papst schenkte, sie mit solcher Leidenschaft verzehrt; es war, als hätte sie das Bedürfnis gehabt, sich für ihr kaltes Cölibat zu trösten, seit ihre einzige Freude in dieser Welt, der Advokat Morano, sie in so harter Weise verlassen hatte. Stets in ein dunkles Kleid gehüllt, geschäftig und so schlank, so geschnürt, daß man sie von rückwärts für ein junges Mädchen gehalten hätte, war sie gleichsam das schwarze Gespenst des alten Palastes; Pierre begegnete ihr überall, während sie als sorgsame Hausverwalterin durch den Palast strich und eifersüchtig über den Kardinal wachte. Er grüßte sie schweigend, und jedesmal ward ihm ein bißchen kalt ums Herz, wenn er das ausgetrocknete, von langen Falten durchschnittene Gesicht mit der großen, eigenwilligen Familiennase sah. Aber sie erwiderte seinen Gruß kaum; sie sah noch immer geringschätzig auf diesen kleinen, fremden Priester herab, duldete ihn in ihrer nächsten Umgebung nur Monsignore Nani zu Gefallen, und weil sie außerdem wünschte, dem Vicomte Philiberte de la Choue angenehm zu sein, der so viele schöne Pilgerzüge nach Rom geführt hatte. Nach und nach, als Pierre jeden Abend die ängstliche Freude, die Liebesungeduld Benedettas und Darios sah, ereiferte er sich zuletzt mit ihnen und wünschte eine rasche Lösung herbei. Der Prozeß sollte vor der Konzilskongregation wieder aufgenommen werden, nachdem deren erste Entscheidung zu Gunsten der Scheidung ungiltig geblieben war, da der Verteidiger der Ehe, Monsignore Palma, seinem Rechte gemäß eine Ergänzung der Untersuchung gefordert hatte. Uebrigens wäre diese erste, nur mit einer Stimme Mehrheit erfolgte Entscheidung sicherlich nicht vom heiligen Vater bestätigt worden. Kurz, es handelte sich darum, unter den zehn Kardinälen, aus denen die Kongregation bestand, Stimmen zu sammeln, sie zu überzeugen und die fast vollständige Einmütigkeit zu erzielen; das war eine schwierige Arbeit, denn durch die Verwandtschaft Benedettas, diesen Oheim, den Kardinal, der doch alles erleichtern zu müssen schien, verschlimmerte sich die Lage infolge der verwickelten Ränke des Vatikans, der Nebenbuhlerschaften, die darnach brannten, durch Verewigung des Skandals den möglichen Papst in ihm zu töten. Auf diese Eroberung der Stimmen ging Donna Serafina jeden Nachmittag aus; sie ward von ihrem Beichtvater, dem Pater Lorenzo, geleitet, den sie täglich im Collegium Germanicum aufsuchte, diesem letzten Zufluchtsorte der Jesuiten in Rom, nachdem sie aufgehört haben, die Herren des Il Gesu zu sein. Die Hoffnung auf Erfolg stützte sich vor allem auf dem Umstande, daß Prada, erschöpft und gereizt, förmlich erklärt hatte, nicht mehr zu erscheinen. Er antwortete nicht einmal auf die wiederholten Vorladungen, so abscheulich und lächerlich erschien ihm die Anklage des Unvermögens, seit Lisbeth, seine erklärte Geliebte vor den Augen der ganzen Stadt, von ihm in guter Hoffnung war. Er schwieg also, stellte sich, als sei er nie verheiratet gewesen, obwohl die Wunde seines in Schach gehaltenen Wunsches, seines gedemütigten Mannesstolzes im Grunde immer blutete und unaufhörlich von den fortwährenden Geschichten, den von der schwarzen Gesellschaft aufgebrachten Zweifeln an seiner Vaterschaft frisch geöffnet wurde. Da nun die gegnerische Partei freiwillig abließ und verschwand, ließ sich die wachsende Hoffnung Benedettas und Darios begreifen, wenn Donna Serafina jeden Abend beim Nachhausekommen ihnen verkündete, daß sie wieder einmal die Stimme eines Kardinals gewonnen zu haben glaube. Aber der furchtbarste, der Schrecken aller war Monsignore Palma, der von der Kongregation von Amts wegen bestellte Advokat zur Verteidigung des geheiligten Ehebundes. Er besaß fast unbegrenzte Rechte, konnte abermals Berufung einlegen und auf jeden Fall den Prozeß so lange hinausziehen, wie es ihm gefiel. Bereits sein erstes Plaidoyer, die Antwort auf das Moranos, war schrecklich gewesen. Er bezweifelte den jungfräulichen Zustand, führte in wissenschaftlicher Weise Fälle an, wo erkannte Frauen die von den Hebammen festgestellten äußeren Eigentümlichkeiten boten, forderte außerdem eine eingehende Untersuchung durch zwei beeidete Aerzte und erklärte zuletzt, daß, wenn die erste Bedingung des Aktes Gehorsam der Frau sei, die Gesuchstellerin, selbst wenn sie Jungfrau sei, kein Recht habe, die Annullirung einer Ehe zu fordern, deren Vollziehung einzig und allein ihr wiederholter Widerstand verhindert habe. Es verlautete, daß das neue Plaidoyer, das er vorbereitete, noch unerbittlicher sein würde, derart feststehend wäre seine Ueberzeugung. Das schlimme war, daß angesichts dieser schönen Energie der Wahrheit und Logik selbst die wohlwollenden Kardinäle es nie wagen würden, dem heiligen Vater die Annullirung zu raten. Benedetta wurde daher wieder von Mutlosigkeit erfaßt, als Donna Serafina, von einem Besuche bei Monsignore Nani zurückkehrend, sie ein wenig beruhigte, indem sie ihr erzählte, daß ein gemeinsamer Freund es auf sich genommen habe, mit Monsignore Palma zu sprechen. Aber das würde zweifellos sehr viel kosten. Monsignore Palma, ein in kanonischen Angelegenheiten sehr geriebener Theolog von vollkommener Ehrenhaftigkeit, hatte in seinem Leben einen großen Schmerz gehabt; er verliebte sich in späten Jahren wahnsinnig in eine arme Nichte von wunderbarer Schönheit und mußte sie, um Aergernis zu vermeiden, mit einem Schnapphahn verheiraten, der sie nun arm aß und schlug. Der Schein blieb gewahrt. Gerade jetzt machte der Prälat eine schreckliche Krisis durch; er war es überdrüssig, sich zu entblößen, und besaß nicht mehr das notwendige Geld, um seinen Neffen aus einer bösen Geschichte, einer Betrügerei beim Spiel, zu ziehen. Der glückliche Fund bestand darin, daß man den jungen Mann rettete, indem man für ihn bezahlte und ihm dann eine Stellung verschaffte, ohne von dem Oheim etwas zu verlangen. Dieser erschien eines Abends nach eingebrochener Nacht wie ein Mitschuldiger, um Donna Serafina weinend für ihre Güte zu danken. An diesem Abende war Pierre bei Dario, als Benedetta lachend und vor Freude in die Hände klatschend ins Zimmer trat. »Es ist geschehen, es ist geschehen! Er ging eben von der Tante fort und hat ihr ewige Dankbarkeit geschworen; jetzt muß er liebenswürdig sein.« »Aber hat man ihn auch etwas unterschreiben lassen, hat er sich förmlich verpflichtet?« fragte Dario, der mißtrauischer war. »O nein, was fällt Dir ein! Es war eine so heikle Sache ... Man sagt, daß er ein sehr ehrlicher Mann ist.« Nichtsdestoweniger wurde sie selbst von einer neuen Unruhe gestreift. Wie, wenn Monsignore Palma trotz des großen ihm geleisteten Dienstes unbestechlich bliebe? Dieser Gedanke verfolgte sie fortan. Das Warten fing von neuem an. »Ich habe es Dir noch nicht gesagt,« fuhr sie nach einem Stillschweigen fort. »Ich habe mich zu dem famosen Besuch entschlossen. Ja, heute morgen war ich mit der Tante bei zwei Aerzten.« Sie begann wieder zu lächeln und schien durchaus nicht befangen zu sein. »Nun?« fragte er mit derselben ruhigen Miene. »Ei nun, sie haben wohl gesehen, daß ich nicht log, und da setzten sie jeder eine Art Certifikat in lateinischer Sprache auf – es scheint, daß das unbedingt notwendig ist, damit Monsignore Palma von dem, was er sagt, zurücktreten kann.« Dann wandte sie sich zu Pierre. »Ach, Herr Abbé, dieses Latein ... Ich hätte doch gerne gewußt, was darin stand und dachte an Sie, ob Sie die Gefälligkeit haben würden, es mir zu übersetzen. Aber Tante wollte mir die Stücke nicht lassen; sie ließ sie sofort den Akten beilegen.« Der Priester, in großer Verlegenheit, begnügte sich, mit einer unbestimmten Kopfbewegung zu antworten, denn er wußte, was dies für eine Art von Certifikat war: eine bestimmte, vollständige Beschreibung in genauen Ausdrücken mit allen Einzelheiten des Zustandes, der Farbe und Form. Für die beiden lag darin zweifellos nichts Beschämendes; diese Untersuchung erschien ihnen als etwas ganz Natürliches und sogar Beglückendes, da ja das ganze Glück ihres Lebens davon abhängen sollte. »Nun, hoffen wir, daß Monsignore Palma erkenntlich sein wird,« schloß Benedetta. »Und mittlerweile, mein Dario, werde für den schönen, so ersehnten Tag unseres Glückes rasch gesund.« Aber er hatte die Unvorsichtigkeit begangen, zu früh aufzustehen, und seine Wunde hatte sich wieder geöffnet, so daß er gezwungen war, noch ein paar Tage zu Bette zu bleiben. Und Pierre fuhr fort, jeden Abend zu ihm hinein zu gehen und ihn zu zerstreuen, indem er ihm seine Spaziergänge schilderte. Er war nun kühner geworden, durchstreifte die Viertel von Rom und entdeckte mit Entzücken klassische Merkwürdigkeiten, die in allen Reiseführern verzeichnet stehen. So erzählte er ihnen eines Abends mit einer Art Zärtlichkeit von den bedeutendsten Plätzen der Stadt; er hatte sie anfangs banal gefunden, aber jetzt erschienen sie ihm sehr verschiedenartig, und jeder hätte seine tiefe Eigenart: die Piazza del Popolo, so sonnig, so edel in ihrer monumentalen Regelmäßigkeit – die Piazza di Spagna, der so lebhafte Zusammenkunftsort der Fremden mit ihrer von der Sommersonne vergoldeten, aus hundertzweiunddreißig Stufen bestehenden Doppeltreppe von riesiger Weite und Anmut – die große und immer von wimmelndem Volk erfüllte Piazza Colonna, die durch diese faule und sorglos hoffnungsvolle Menge, welche in Erwartung, daß das Glück ihr vom Himmel herabfallen werde, um die Marc Aurelsäule herumsteht und schlendert, am meisten italienisch aussieht – die lange, regelmäßige Piazza Navona, die vereinsamt ist, seit der Markt nicht mehr darauf stattfindet, und die schwermütige Erinnerung an ihr einstiges, lärmendes Leben bewahrt – die Piazza del Campo di Fiori, die jeden Morgen von dem lärmenden Treiben des Obst- und Gemüsemarktes erfüllt wird, mit einer wahren Pflanzung von großen Schirmen, mit den Haufen von Tomaten, spanischem Pfeffer, Trauben inmitten der kläffenden Flut von Händlerinnen und Hausfrauen. Am meisten überraschte ihn der Kapitolsplatz; er erweckte in ihm die Vorstellung von einem Gipfel, von einem offenen, die Stadt und die Welt beherrschenden Platz; und nun sah er, daß er klein, viereckig, von seinen drei Palästen eingeschlossen war und nur auf einer Seite auf einen kurzen, von Dächern begrenzten Horizont hinaus ging. Niemand geht hier vorüber; der Zugang erfolgt auf einer Aufgangsrampe, an deren Rande einige Palmen stehen, und nur die Fremden machen einen Umweg, um hierher zu fahren. Die Wagen warten und die Touristen machen einen Augenblick Halt, indem sie die Nase zu der in der Mitte stehenden wunderbaren antiken Bronzereiterstatue des Marc Aurel erheben. Gegen vier Uhr, wenn die Sonne den linken Palast vergoldet und die feinen Statuen des Simses sich von dem blauen Himmel abzeichnen, könnte man ihn mit seinen unter dem Portikus sitzenden und strickenden Frauen aus der Nachbarschaft, mit den Banden zerlumpter, wie eine ganze Schule auf einen Spielhof losgelassener Kinder, für einen lauen und stillen kleinen Provinzplatz halten. Und wieder an einem andern Abend gab Pierre Benedetta und Dario seiner Bewunderung Ausdruck für die Springbrunnen von Rom, derjenigen Stadt der Welt, wo das Wasser am reichlichsten und prächtigsten aus Marmor und Bronze rauscht – von der »Barke« auf der Piazza di Spagna, dem Triton auf der Piazza Barbarini, den Schildkröten auf dem schmalen Platze, der nach ihnen seinen Namen führt, bis zu den drei Springbrunnen der Piazza Navona, in deren Mittelpunkt die ungeheure Schöpfung Berninis prangt – und insbesondere bis zu der gewaltigen Fontana de Trevi, die einen so prunkvollen Geschmack ausweist und von dem König Neptun, der zwischen den zwei hohen Gestalten der Gesundheit und Fruchtbarkeit steht, beherrscht wird. An einem andern Abende kam er glückselig nach Hause und erzählte ihnen, daß er sich endlich den seltsamen Eindruck erklärt habe, den die Straßen des alten Rom um das Kapitol herum und längs des Tiber – überall, wo altes Mauerwerk sich an die Flanken der großen fürstlichen Paläste klebte, auf ihn machte; das kam daher, weil sie kein Trottoir besaßen und weil die Fußgeher, ohne sich zu eilen, in der Mitte zwischen den Wagen schritten, ohne daß es ihnen je einfiel, zu beiden Seiten an den Häusern entlang zu gehen. Es waren alte Viertel, wie er sie liebte, endlose, sich windende Straßen, schmale, unregelmäßige Plätze, ungeheure, viereckige Paläste, die in der zusammengedrängten Menge der sie von allen Seiten überflutenden Häuser gleichsam verschwanden. Auch das Viertel am Esquilin war so: überall mit grauem Kies bedeckte Treppen, jede Stufe mit weißem Stein umsäumt, jäh sich windende Abhänge, über einander liegende Terrassen, Seminare und Klöster mit geschlossenen Fenstern gleich toten Häusern, eine große kahle Mauer, über der eine prächtige Palme in das fleckenlose Blau des Himmels ragt. Und wieder an einem andern Abend, nachdem er seinen Spaziergang noch weiter ausgedehnt hatte, bis in die Campagna, längs des Tiber, stromaufwärts von der Ponte Molle, kehrte er begeistert zurück, da er die Offenbarung einer klassischen Kunst gehabt hatte, wie er sie bisher noch nie genossen. Längs der Ufer hatte er lauter Passinis gesehen – der gelbe, langsam dahinfließende Fluß mit den rohrbewachsenen Ufern, niedrige, gezackte Felsenriffe, deren kreidiges Weiß sich von dem rötlichen Hintergrunde der ungeheuren, wellenförmigen, nur von den blauen Hügeln am Horizont begrenzten Ebene abhob, einige karge Bäume, auf der Höhe des Ufers die Ruine eines ins Leere gehenden Portikus und eine Reihe weißlicher Schafe, die zum Trinken herabstiegen, während der Schäfer, mit einer Schulter am Stamme einer Wintereiche lehnend, zusah. Es war eine besondere kühne und rauhe, aus nichts bestehende, bis zur geraden und flachen Linie vereinfachte und von großen Erinnerungen ganz veredelte Schönheit; immer noch marschirten die römischen Legionen über die gepflasterten Straßen quer durch die kahle Campagna, und immer noch war es der lange Schlaf des Mittelalters, dann das Erwachen der antiken Natur im katholischen Glauben, der aus Rom zum zweitenmale den Herrn der Welt gemacht hat. Eines Tages, nachdem Pierre den Campo Verano, den großen römischen Friedhof, besucht hatte, traf er abends am Bette Darios Celia in Gesellschaft von Benedetta. »Wie, Herr Abbé, es macht Ihnen ein Vergnügen, zu den Toten zu gehen?« rief die kleine Prinzessin. »Ach, diese Franzosen, diese Franzosen,« fuhr Dario fort, dem der bloße Gedanke an einen Friedhof wehe that. »Sie verderben sich durch ihre Liebe zu traurigen Schauspielen absichtlich das Leben.« »Aber man entgeht ja nicht der Wirklichkeit des Todes,« sagte Pierre sanft. »Das beste ist es, ihm ins Antlitz zu schauen.« Der Fürst wurde mit einemmale böse. »Wirklichkeit, Wirklichkeit! Wozu denn? Wenn die Wirklichkeit nicht schön ist, sehe ich sie nicht an. Ich bemühe mich, gar nicht an sie zu denken.« Der Priester fuhr nichtsdestoweniger in seiner ruhigen und liebenswürdigen Art fort, zu erklären, was ihn so überrascht hatte: die Sauberkeit des Friedhofes, das festliche Aussehen, das die helle Herbstsonne ihm verlieh, die außerordentliche Marmorpracht, die auf den Gräbern verschwenderisch angebrachten Marmorstatuen, Marmorkapellen, Marmordenkmäler. Sicherlich war das die Wirkung des antiken Atavismus; die prunkvollen Mausoleen aus der Via Appia, ein Pomp, eine maßlose Hoffart noch im Tode sproßten hier wieder auf. Besonders auf der Höhe, wo der römische Adel sein aristokratisches Viertel hatte, befand sich ein Haufe von wahren Tempeln, von gewaltigen Figuren, von aus mehreren Personen bestehenden Gruppen; sie bewiesen manchmal einen beklagenswerten Geschmack, aber Millionen mußten dafür ausgegeben worden sein. Was sich aber zwischen dem Taxus und den Cypressen reizend ausnahm, das war die bewundernswerte Erhaltung, das unversehrte Weiß der Marmorfiguren. Die brennende Sommersonne vergoldete sie, und kein Moosfleck, keine jener vom Regen geschlagenen Narben waren an ihnen zu sehen, die die Statuen nordischer Länder so traurig machen. Benedetta, die sich, von dem Unbehagen Darios angesteckt, schweigend verhielt, unterbrach Pierre zuletzt, indem sie zu Celia sagte: »Die Jagd war also sehr interessant.« In dem Augenblicke, als der Priester ins Zimmer getreten war, sprach die kleine Prinzessin von einer Fuchsjagd, zu der sie ihre Mutter mitgenommen hatte. »O, Liebe, es kann gar nichts Interessanteres geben! ... Die Zusammenkunft war auf Mittag bestimmt, da unten beim Grabe der Cäcilia Metella. Dort war unter einem Zelt das Büffet aufgestellt worden. Und diese Menge Leute – die Fremdenkolonie, die jungen Leute von den Gesandtschaften, Offiziere, von uns anderen natürlich ganz abgesehen; alle Männer im roten Frack und sehr viele Frauen im Reitkleid ... Der Aufbruch war für ein Uhr bestimmt worden, und der Ritt hat mehr als zweieinhalb Stunden gedauert, so daß der Fuchs sich erst sehr, sehr weit fangen ließ. Ich konnte nicht mit, aber ich habe doch außerordentliche Dinge gesehen; eine große Mauer, über die die ganze Jagd setzen mußte, dann Gräben, Hecken, eine tolle Jagd hinter den Hunden her ... Es hat zwei Unfälle gegeben, nichts Bedeutendes; ein Herr hat sich die Hand verstaucht und ein anderer das Bein gebrochen.« Dario hatte mit leidenschaftlicher Aufmerksamkeit zugehört, denn diese Fuchsjagden bildeten das größte Vergnügen der Römer. Welche Freude war die Galoppade durch diese römische, so flache und dennoch mit Hindernissen bestreute Campagna, das Vereiteln der Listen des von den Hunden aufgespürten Fuchses, seine fortwährenden Abschwenkungen, sein zeitweises plötzliches Verschwinden und endlich sein Einfangen, sobald er, von Ermüdung erschöpft, niederfällt. Und es sind Jagden ohne Gewehr, Jagden, bei denen das einzige Vergnügen darin besteht, dem Schweif des Tieres nachzulaufen, ihm zuvorzukommen und es zu besiegen. »Ach, wie dumm ist es, so an dieses Zimmer angenagelt zu sein,« sagte er verzweifelt. »Ich werde zuletzt noch vor Langeweile sterben.« Benedetta begnügte sich, zu lächeln, ohne einen Vorwurf oder Betrübnis über diesen naiven Aufschrei der Selbstsucht zu äußern. Und sie war so glücklich, ihn in diesem Zimmer, wo sie ihn pflegte, ganz für sich zu haben! Aber ihre Liebe, die so jung und gleichzeitig so weise war, enthielt auch eine Spur von Mütterlichkeit; sie begriff vollkommen, daß er sich nicht unterhielt, da er, seiner gewohnten Vergnügungen beraubt, von seinen Freunden getrennt war, denen er aus Furcht, daß die Geschichte von der ausgerenkten Schulter ihnen verdächtig erscheinen könne, aus dem Wege ging. Keine Feste, keine Theaterabende, keine Besuche bei Damen mehr! Insbesondere aber fehlte ihm der Corso; es machte ihn geradezu krank, geradezu verzweifelt, nichts mehr sehen noch erfahren zu können, weil er nicht ganz Rom von vier bis fünf Uhr an sich vorüberziehen sah. Wenn daher ein Vertrauter kam, begannen sofort endlose Fragen: ob man dem begegnet, ob jener andere wieder erschienen sei, wie die Liebschaft eines dritten geendet habe, und ob irgend ein neues Abenteuer die Stadt nicht aufrege – lauter nichtige Geschichten, gewöhnlicher Tagesklatsch, kindische, flüchtige Intriguen, in denen er bisher alle seine Manneskraft ausgegeben hatte. Celia, die ihm gerne unschuldiges Geschwätz zutrug, fuhr nach einer Pause fort, indem sie ihre reinen Augen, ihre grundlosen, rätselhaften Jungfrauenaugen auf ihn richtete: »Wie lange es dauert, bis solch eine Schulter wieder gut wird!« Hatte dieses Kind, dessen einzige Sorge die Liebe war, also erraten? Dario blickte befangen Benedetta an, die mit ruhiger Miene bloß lächelte. Aber die kleine Prinzessin sprang bereits auf einen andern Gegenstand über. »Ach, wissen Sie, Dario, ich sah gestern am Korso eine Dame –« Sie hielt verlegen inne, denn sie war selbst überrascht, daß diese Nachricht ihr entschlüpfte. Dann aber fuhr sie in ihrer Eigenschaft als Jugendfreundin, die in die kleinen Liebesgeheimnisse eingeweiht war, tapfer fort: »Ja, eine hübsche Dame, die Sie gut kennen. Sie trug trotzdem einen Strauß weißer Rosen in der Hand.« Diesmal ließ Benedetta ihrer Heiterkeit freien Lauf, während Dario sie ebenfalls lachend anblickte. Sie hatte ihn in den ersten Tagen damit geneckt, daß eine gewisse Dame sich nicht nach ihm erkundigen lasse. Er war im Grunde über diesen ganz natürlichen Bruch nicht böse, denn das Verhältnis begann lästig zu werden, und wenn auch seine Eitelkeit als hübscher Mann ein wenig verletzt ward, vernahm er mit Befriedigung, daß Tonietta ihn bereits ersetzt hatte. »Ach, die Abwesenden haben immer unrecht.« war alles, was er sagte. »Der Mann, den man liebt, ist nie abwesend,« erklärte Celia mit ihrer ernsten und reinen Miene. Aber Benedetta hatte sich erhoben, um die Kissen hinter dem Rücken des Genesenden wieder hinaufzuziehen. »Laß, laß, mein Dario, all dieses Elend hat ein Ende. Ich werde Dich behalten. Du wirst niemand mehr zu lieben haben als mich.« Er betrachtete sie voll Leidenschaft und küßte sie aufs Haar, denn sie hatte die Wahrheit gesagt, er hatte nie eine andere geliebt als sie; und sie täuschte sich ebensowenig, wenn sie darauf rechnete, ihn immer für sich zu behalten, sobald sie sich ihm einmal gegeben haben würde. Seit sie ihn in diesem Zimmer pflegte, erkannte sie voll Freude das Kind in ihm wieder, so wie sie es einst unter den Orangenbäumen der Villa Montefiori geliebt hatte. Zweifellos infolge der Verschlechterung seiner Rasse bewahrte er eine seltsame Kindlichkeit; es war jene Art Rückkehr zur Kindheit, die man bei sehr alten Völkern bemerkt. Er spielte in seinem Bette mit Bildern und betrachtete stundenlang Photographien, die ihn zum Lachen brachten. Seine Unfähigkeit, zu leiden, war noch gewachsen; er verlangte, daß sie lustig sei und singe, und unterhielt sie durch die Liebenswürdigkeit seiner Selbstsucht, die ihn bewog, mit ihr von einem Leben steter Freuden zu träumen. Ach, wie schön würde das sein, stets mit einander im Sonnenschein zu leben, nichts zu thun und sich um nichts zu sorgen, mochte auch die Welt irgendwo zusammenbrechen, ohne daß man sich die Mühe gab, hin zu gehen, um es sich anzusehen! »Was mich aber freut, ist, daß der Herr Abbé sich zuletzt in Rom verliebt hat,« hob Dario plötzlich an. Pierre, der schweigend zugehört hatte, stimmte gerne zu. »Das ist wahr.« »Wir haben es Ihnen ja gesagt,« ließ sich Benedetta vernehmen. »Um Rom zu verstehen und zu lieben, braucht es Zeit, viel Zeit. Wenn Sie nur vierzehn Tage geblieben wären, würden Sie eine beklagenswerte Meinung von uns mitgenommen haben; jetzt aber, am Ende von zwei langen Monaten, sind wir ganz ruhig; nie mehr werden Sie ohne Zärtlichkeit an uns denken.« Sie war bezaubernd und entzückend, während sie das sagte, und er verbeugte sich abermals. Aber er hatte über das Phänomen bereits nachgedacht und glaubte seine Lösung zu besitzen. Wenn man nach Rom kommt, bringt man ein eigenes Rom mit, ein getrimmtes, von der Einbildungskraft derart veredeltes Rom, daß das wirkliche Rom die schlimmste Enttäuschung bietet. Man muß daher, um der Einbildungskraft Zeit zu geben, abermals zu arbeiten, die Dinge, so wie sie sind, nur noch durch die wunderbare Pracht der Vergangenheit sehen, abwarten, bis die Gewohnheit entsteht, bis die mittelmäßige Wirklichkeit sich mildert. Celia hatte sich erhoben und verabschiedete sich. »Auf Wiedersehen, Liebe. Und die Hochzeit wird bald sein, nicht wahr, Dario? ... Ihr wißt, ich will vor Ende des Monats Braut sein. Ja, ja, ich werde meinen Vater schon zwingen, eine große Soirée zu geben ... Ach, wie schön würde das sein, wenn die beiden Hochzeiten zugleich sein könnten.« Es war zwei Tage später, als Pierre nach einem großen Spaziergang durch Trastevere, dem ein Besuch im Palazzo Farnese gefolgt war, fühlte, wie ihm die schreckliche und schwermütige Wahrheit über Rom aufging. Bereits mehrmals hatte er Trastevere durchwandert, dessen elende Bevölkerung seine betrübte Liebe zu den Armen und Leidenden anzog. Ach, diese Kloake des Elends und der Unwissenheit! Er hatte in Paris abscheuliche Vorstadtwinkel, ganze Häuserreihen des Grauens gesehen, wo die Menschheit haufenweise faulte. Aber nichts reichte annähernd an diese Stockung in der Sorglosigkeit und im Schmutz. An den schönsten Tagen dieses sonnigen Landes ließ ein feuchtes Dunkel die gewundenen, zusammengepreßten, kellerähnlichen Gäßchen erstarren; vor allem aber war der Geruch schrecklich, ein ekelhafter Geruch, der den Vorübergehenden den Hals zusammenschnürte, der von sauren Gemüsen, ranzigem Oel, dem menschlichen Vieh herrührte, das da zwischen seinem Mist eingepfercht war. Da gab es unregelmäßige, alte Gemäuer in dem geliebten Durcheinander romantischer Künstler, mit dunklen, gähnenden Thoren, die unter die Erde versanken, äußere Treppen, die zu den Stockwerken aufstiegen, Holzbalkone, die wie durch ein Wunder im leeren Raume im Gleichgewicht erhalten wurden. Da gab es halb zusammengebrochene Fassaden, die man mit Hilfe von Balken hatte stützen müssen, unsaubere Wohnungen, deren geborstene Fenster den nackten Schmutz sehen ließen, geringe Kramladen und die ganze, im Freien befindliche Küche eines faulen Volkes, das kein Feuer anzündete, die Bratköche mit ihren in stinkendem Oel herumschwimmenden Polentastücken und Fischen, die Händler mit gekochten Gemüsen, die kalt gewordene und klebrige, ungeheure Steckrüben, Bündel Sellerie, Blumenkohl und Spinat ausstellten. Das schlecht geschnittene Fleisch in den Fleischerläden sah schwarz aus; Tierhälse waren mit Blutklümpchen besetzt und sahen wie ausgerissen aus. Die Brote der Bäcker waren wie runde Pflastersteine auf ein Brett aufgehäuft; arme Obstverkäuferinnen stellten vor ihren, mit getrockneten und aufgereihten Tomaten bekränzten Thüren nur spanischen Pfeffer und Pinienäpfel aus. Die einzigen lockenden Buden waren die der Delikatessenhändler mit ihrem Pökelfleisch und ihren Käsen, deren scharfer Geruch den Gestank der Gassen ein wenig milderte. Lotteriestellen, wo die Gewinnnummern angeschlagen waren, wechselten mit Schenken; alle dreißig Schritte kam eine Schenke, auf der mit großen Buchstaben stand, daß hier die erlesenen Weine der römischen Schlösser, Genzano, Marino, Frascati zu haben wären. Und das ganze Viertel wimmelte von einer zerlumpten, von Schmutz schwarzen Bevölkerung, von Banden halbnackter Kinder, die von Ungeziefer verzehrt wurden, von gestikulirenden und schreienden Frauen mit offenen Haaren, in Nachtjacken, in vor Fett steifen Unterröcken, von Greisen, die unter dem Schwarm von Mücken, die sie verzehrten, unbeweglich auf Bänken saßen. Es war ein müßiges und bewegtes Leben inmitten des fortwährenden Kommens und Gehens kleiner Esel, die Karren zogen, von Männern, die Truthähne mittelst Fauststößen trieben, von unruhigen Touristen, über die sich sofort ganze Banden von Bettlern stürzten. Schuhflicker ließen sich ruhig arbeitend auf dem Trottoir nieder; vor der Thür eines kleinen Schneiders hing ein alter, mit Erde gefüllter Eimer, in dem eine Fettpflanze blühte. Und vor allen Fenstern, von allen Ballonen hingen auf Stricken, die von einem Hause zum andern, quer über die Straße, gespannt waren, Wäschestücke, namenlose Lumpen, die gleichsam die symbolischen Fahnen des abscheulichen Elends waren. Pierre fühlte, wie seine brüderliche Seele sich in unendlichem Mitleid auflehnte. Ja, gewiß, man mußte sie niederreißen, diese kranken, verpesteten Viertel, wo das Volk so lange wie in einem vergifteten Kerker gehockt hatte! Ja, er war für die Gesundung, für die Niederreißung, mochte auch das alte Rom zum großen Aergernis der Künstler getötet werden. Trastevere war schon sehr verändert; neue Straßen rissen Luftlöcher hinein, die man mittelst der Haue geschafft hatte und durch die das Sonnenlicht in breiten Streifen eindrang. Was davon übrig blieb, schien inmitten dieser niedergerissenen Häuser, dieser kürzlich entstandenen Löcher, der großen, unbestimmten Flächen, ans denen man noch nicht hatte bauen können, noch schwärzer, noch unsauberer zu sein. Diese in Entwicklung begriffene Stadt interessirte ihn unendlich. Später würde man ohne Zweifel den Wiederaufbau beenden; aber was für eine anziehende Zeit war es, da die alte Stadt in der neuen inmitten so vieler Schwierigkeiten mit dem Tode rang! Man hätte das unsaubere, unter Ausleerungen, Spülwasser und Gemüseabfällen versunkene Rom kennen müssen. Das jüngst geschleifte Ghetto hatte seit Jahrhunderten den Boden mit einer solchen menschlichen Fäulnis getränkt, daß der noch kahle Bauplatz, der voll von Höckern und Morastlöchern war, noch immer einen schändlichen Pestgeruch ausströmte. Man that sehr wohl daran, ihn noch lange so trocknen und sich in der Sonne reinigen zu lassen. In allen diesen Vierteln zu beiden Seiten des Tibers, wo bedeutende städtische Arbeiten unternommen worden waren, trifft man bei jedem Schritt auf ein und dasselbe: man durchschreitet eine enge, stinkende, eisig feuchte Straße zwischen düsteren Häuserreihen mit Dächern, die sich beinahe berühren, und gerät plötzlich in eine Lichtung, die mittelst der Haue in den Wald der alten, aussätzigen Gemäuer geschlagen wurde. Es gibt da Squares, breite Bürgerstege, hohe, weiße, mit Skulpturen bedeckte Gebäude – alles im Rohzustand, unvollendet, mit Schutt angefüllt, mit Pfahlwerk verrammelt. Ueberall sieht man die Spuren geplanter Straßen; es ist ein gewaltiger Zimmerplatz, den die Finanzkrise jetzt zu verewigen droht; die Stadt von morgen ist in ihrem Wachstum aufgehalten und bleibt mit ihren maßlosen, übereilten und nun nicht harmonirenden Anfängen in ihrer Not da stehen. Aber es war nichtsdestoweniger eine gute und gesunde Arbeit, die für die große und moderne Stadt eine unbedingte soziale Notwendigkeit war, wofern man das alte Rom nicht an Ort und Stelle verfaulen lassen wollte, wie eine Merkwürdigkeit aus alter Zeit, ein Museumsstück, das man unter Glas aufbewahrt. An diesem Tage machte Pierre, während er sich von Trastevere nach dem Palazzo Farnese begab, wo er erwartet wurde, einen Umweg. Er ging durch die Via de Pettinari, dann durch die Via de Giubonari, von denen die erstere so düster und zwischen der großen Mauer des Hospitals und den elenden Häusern gegenüber so eingekeilt ist, während die zweite durch die fortwährende Volksflut so belebt und von den Schaufenstern der Juweliere mit den dicken Goldketten, von den Auslagen der Stoffhändler, wo ungeheure blaue, gelbe, grüne, rote Stoffbahnen in glänzenden Tönen herabfluten, so aufgefrischt wird. Das Arbeiterviertel, das er eben durchschritten hatte, dieses Kleinkrämerviertel, das er eben durchschritt, beschwor in seinem Geiste die schrecklichen, elenden Viertel herauf, die er bereits besucht hatte – beschwor die erbarmungswürdige Masse der heruntergekommenen, durch den Ausstand zur Bettelei gezwungenen Arbeiter herauf, die in den prächtigen, verlassenen Gebäuden auf den Prati del Castello kampirten. Ach, das arme, das unglückliche, Kind gebliebene Volk, das von Jahrhunderten der Theokratie in der Unwissenheit, in der Gläubigkeit von Wilden erhalten wurde, das an die Nacht seines Geistes, an die Leiden seines Körpers so gewohnt ist, daß es trotz allem heute dem sozialen Erwachen ferne bleibt und glücklich ist, wenn man es in Frieden seinen Stolz, seine Faulheit, seine Sonne genießen läßt! Es schien in seinem Verfalle blind und taub zu sein; es setzte sein stockendes Leben von einst inmitten der Umwälzungen des neuen Roms fort, ohne etwas anderes als Aerger zu empfinden, weil die alten Viertel, in denen es wohnte, niedergeschlagen, die Gewohnheiten verändert, die Lebensmittel teurer geworden waren. Es war, als ob die Helle, die Reinlichkeit, die Gesundheit ihm lästig fielen, da man sie mit einer großen Arbeits- und Finanzkrise bezahlen mußte. Trotzdem, ob es nun mit Absicht geschehen war oder nicht, wurde Rom im Grunde einzig und allein für das Volk gereinigt und in der Absicht, eine große, moderne Hauptstadt daraus zu machen, neu gebaut; denn am Ende dieser Verwandlungen ist die Demokratie; das Volk wird es sein, das morgen diese Städte erben wird, aus denen man Schmutz und Krankheit verjagt, wo das Gesetz der Arbeit sich zuletzt einrichten und das Elend töten wird. Und darum muß man sich, wenn man die sorgfältig gekehrten, philiströs gehaltenen Ruinen, das Kolosseum verflucht, das von seinem Epheu, seinen Sträuchern, seiner wilden Flora befreit wurde, die die jungen Engländerinnen ins Herbarium legten, wenn man sich über die schrecklichen Festungsmauern ärgert, die den Tiber einkerkern, wenn man die ehemaligen, so romantischen Ufer mit ihrem Grün und ihren alten ins Wasser tauchenden Häusern beweint, doch sagen, daß das Leben aus dem Tode entspringt, und daß das Morgen notgedrungen aus dem Staube der Vergangenheit aufblühen muß. Während Pierre an diese Dinge dachte, war er auf der einsamen, regelmäßigen Piazza Farnese mit ihren geschlossenen Häusern und ihren zwei Springbrunnen angelangt, von denen der eine mitten in der Sonne, inmitten der großen Stille endlos einen Strahl von Perlen herabfallen ließ. Er betrachtete einen Augenblick die monumentale Fassade des schweren, viereckigen Palastes, das hohe Thor, wo die trikolore Fahne flatterte, die dreizehn Fenster der Fassade, den berühmten Fries, der eine so wunderbare Kunst aufweist. Dann trat er ein. Ein Freund von Narcisse Habert, einer der Attachés der Botschaft beim König von Italien, erwartete ihn, da er sich erboten hatte, ihm den ungeheuren Palast, den schönsten Palast von Rom, zu zeigen, den Frankreich gemietet hat, um seinen Botschafter darin unterzubringen. Ach, dieses gewaltige, prunkvolle und traurige Haus mit seinem großen, feuchtdunklen, von einem Portikus umgebenen Hof, seiner Riesentreppe mit den niedrigen Stufen, seinen endlosen Gängen, seinen übergroßen Galerien und Sälen! Es war der majestätische Pomp des Todes; eine eisige Kälte wehte von den Mauern aus und drang den menschlichen Ameisen, die sich unter die Gewölbe wagten, bis in die Knochen. Der Attaché gestand mit diskretem Lächeln, daß die Botschaft sich darin zum Sterben langweilte; im Sommer wurde sie gebraten, im Winter zu Eis erstarrt. Nur der vom Botschafter bewohnte Teil, das erste auf den Tiber gehende Stockwerk, war etwas lebhafter und lustiger. Dort, von der berühmten Galerie der Carracci aus, sieht man den Janiculus, die Corsinigärten, die Aqua Paola über S. Pietro in Montorio. Dann kommt nach einem riesig großen Salon das Arbeitszimmer, in dem ein stiller, von der Sonne belebter Frieden herrscht. Aber der Speisesaal, das Wohnzimmer, die übrigen vom Personal bewohnten Säle versinken wieder in das düstere Dunkel einer Seitenstraße. Alle diese großen, sieben bis acht Meter hohen Räume besitzen bewundernswerte, gemalte oder gemeißelte Decken, kahle Mauern, von denen einige mit Fresken geschmückt sind, verschiedenartige Möbel, prächtige Pfeilertische, gemischt mit allerlei modernem Kram. Der traurige Anblick verwandelt sich aber in einen abscheulichen, sobald man in die Galaräume, in die großen Ehrenzimmer kommt, die die auf den Platz hinaus gehende Fassade einnehmen. Hier ist kein einziges Möbelstück, keine Tapete mehr zu sehen, nichts als Zerrüttung, verlassene, den Spinnen und Ratten ausgelieferte Prachtsäle. Die Botschaft benützt nur einen, in dem sie auf Tischen aus weichem Holz, auf der Erde, in allen Winkeln ihre staubigen Archive unterbringt. Daneben befindet sich der ungeheure, achtzehn Meter hohe, durch zwei Stockwerke gehende Saal, den der Eigentümer, der ehemalige König von Neapel, sich zurückbehalten hat; es ist eine wahre Rumpelkammer, wo Anlagen, unvollendete Statuen und ein sehr schöner Sarkophag unter einem unsagbaren Haufen von Trümmern aller Art herumstehen. Das ist aber nur ein Teil des Palastes; das Erdgeschoß ist vollständig unbewohnt; unsere Ecole de Rom nimmt einen Winkel des zweiten Stockwerkes ein, während unsere Botschaft sich frierend in die bewohnbarste Ecke des ersten Stockwerkes drückt. Sie ist gezwungen, alles übrige stehen zu lassen und die Thüren doppelt zu schließen, um der unnützen Mühe des Auskehrens zu entgehen. Es ist freilich etwas Herrliches, in dem vom Papst Paul III. erbauten und mehr als ein Jahrhundert ohne Unterbrechung von Kardinälen bewohnten Palazzo Farnese zu wohnen; aber welch grausame Unbequemlichkeit, welch furchtbare Schwermut herrscht in dieser ungeheuren Ruine! Drei Viertel der Räume sind tot, nutzlos, unbewohnbar, vom Leben abgeschnitten. Und abends, o abends! Dann werden das Thor, der Hof, die Treppe, die Korridore von dichten Schatten überflutet; die wenigen rauchigen Gashähne kämpfen vergeblich, und um in den warmen, gefälligen Salon des Botschafters zu gelangen, bedarf es einer endlosen Reise durch diese düstere Steinwüste! Pierre verließ den Palast betroffen; in seinem Gehirn brauste es. Und auch alle anderen Paläste, alle großen römischen Paläste, die er während seiner Spaziergänge gesehen hatte, stiegen in seinem Gedächtnis auf; alle waren ihrer Pracht beraubt, der einstige fürstliche Hofstaat war verschwunden, alle waren zu bloßen unbequemen Zinshäusern herabgesunken. Was soll man heute mit diesen Galerien, mit diesen großartigen Sälen anfangen, da kein Vermögen genügt, um darin das prunkvolle Leben zu führen, für das sie erbaut wurden, nicht einmal um die Dienerschaft zu ernähren, die für ihre Erhaltung notwendig ist. Fürsten, die wie der Fürst Aldobrandini mit seiner zahlreichen Nachkommenschaft den Palast allein bewohnten, waren selten. Fast sämtliche vermieteten die alten Behausungen der Ahnen an Gesellschaften, an Private, indem sie sich ein Stockwerk, manchmal sogar nur eine einfache Wohnung in dem geringsten Winkel zurückbehielten. Der Palazzo Chigi war vermietet: das Erdgeschoß an Banken, der erste Stock an den österreichischen Botschafter, während der Fürst und seine Familie sich mit einem Kardinal in das zweite Stockwerk teilten. Der Palazzo Schiarra war vermietet: der erste Stock an den Minister des Auswärtigen, der zweite an einen Senator, während der Fürst und seine Mutter nur das Erdgeschoß bewohnten. Der Palazzo Barberini war vermietet: das Erdgeschoß, der erste und zweite Stock an Familien, während der Fürst im dritten, in den ehemaligen Bedientenzimmern wohnte. Der Palazzo Borghese ist vermietet: das Erdgeschoß an einen Antiquitätenhändler, der erste Stock an eine Freimaurerloge, alle übrigen an Familien, während der Fürst nur die paar Zimmer einer kleinen bürgerlichen Wohnung für sich behalten hat. Der Palazzo Odescalchi ist vermietet, der Palazzo Colonna ist vermietet, der Palazzo Doria ist vermietet, und die Fürsten führen darin nur noch das beschränkte Leben guter Hauseigentümer, indem sie aus ihren Grundstücken den größtmöglichen Nutzen ziehen, um auskommen zu können. Das kam daher, weil ein zerstörender Wind über das römische Patriziat strich; die größten Vermögen waren eben in der Finanzkrise zusammengebrochen, und sehr wenige blieben reich. Und was für ein Reichtum war das! Ein unbeweglicher, toter Reichtum, den weder Handel noch Industrie erneuern konnten. Die zahlreichen Fürsten, die sich in Geschäften versucht hatten, waren zu Grunde gerichtet. Den anderen, die dadurch abgeschreckt und außerdem mit ungeheuren Steuern belastet waren, die ihnen ein Drittel ihrer Einkünfte fortnahmen, blieb fortan nichts übrig, als abwartend zuzusehen, wie ihre letzten stille stehenden Millionen sich an Ort und Stelle erschöpften, durch Teilungen zerstückelt wurden und starben, wie eben das Geld gleich allem anderen stirbt, wenn es nicht mehr in einer lebenden Erde Früchte trägt. Es war nur noch eine Frage der Zeit, denn der endgiltige Ruin war unheilbar, ein unbedingtes, historisches Verhängnis. Diejenigen, die sich in das Vermieten ergaben, kämpften noch um das Leben, trachteten sich der gegenwärtigen Epoche anzubequemen, indem sie sich bemühten, wenigstens die Einsamkeit ihrer allzu großen Paläste zu bevölkern; bei den anderen hingegen, bei den Störrischen und Stolzen, die sich in dem Grabe ihrer Rasse einmauerten, wohnte bereits der Tod. So war es in dem schrecklichen, zu Staub zerfallenden, in Dunkel und Schweigen erstarrten Palazzo Boccanera, wo nichts zu hören war als von Zeit zu Zeit die dumpfe, über das Gras des Hofes rollende, alte Karosse des ausfahrenden oder zurückkehrenden Kardinals. Pierre aber machten besonders diese zwei auf einander folgenden Besuche in Trastevere und im Palazzo Farnese betroffen; der eine erhellte den andern, und beide fühlten zu einem Schlusse, der sich bisher noch nie mit einer so erschreckenden Deutlichkeit in ihm gebildet hatte: es gab noch kein Volk und bald würde es keine Aristokratie mehr geben. Das verfolgte ihn fortan, als sei es das Ende einer Welt. Das Volk, von der Geschichte und dem Klima in einer langen Kindheit erhalten, war, wie er gesehen hatte, so elend, so unwissend und ergeben, daß lange Jahre der Erziehung und des Unterrichts notwendig waren, damit es eine starke, gesunde, thätige, ihrer Rechte wie ihrer Pflichten bewußte Demokratie bilden konnte. Die Aristokratie starb gänzlich im Hintergrunde ihrer zusammenbrechenden Paläste; sie war nur noch eine erschöpfte, entartete Rasse und außerdem mit amerikanischem, österreichischem, polnischem, spanischem Blut so gemischt, daß das reine römische Blut eine seltene Ausnahme bildete – abgesehen davon, daß sie aufgehört hatte, im Kriegsdienste und im Dienste der Kirche zu stehen. Es widerstrebte ihr, dem konstitutionellen Italien zu dienen, und sie ließ das heilige Kollegium im Stiche, wo nur noch die Emporkömmlinge sich mit dem Purpur bekleideten. Und zwischen den Kleinen unten und den Mächtigen oben existirte noch nicht ein fest begründetes, durch einen neuen Saft starkes Bürgertum, das weise und unterrichtet genug gewesen wäre, um der Uebergangserzieher der Nation zu sein. Das Bürgertum bestand noch aus den ehemaligen Bedienten, den ehemaligen Schützlingen der Fürsten, den Pächtern, die ihre Güter pachteten, den Verwaltern, Notaren und Advokaten, die ihr Vermögen verwalteten; es bestand aus den Angestellten, den Beamten jeden Ranges und aller Klassen, den Deputirten, den Senatoren, die die Regierung aus den Provinzen hergeführt hatte; und endlich bestand es aus dem Schwarm gefräßiger Falken, die sich auf Rom herabstürzten, den Pradas, den aus dem ganzen Königreiche zusammengekommenen Raubvögeln, deren Krallen und Schnäbel alles, das Volk wie die Aristokratie verschlangen. Für wen also hatte man gearbeitet? Wem gehörten die Riesenbauten des neuen Rom, die von so maßloser Hoffnung und Hoffart waren, daß man sie nicht beenden konnte? Ueber Rom wehte ein Schreckenshauch; ein Krachen ließ sich hören, das in allen brüderlichen Herzen Unruhe und Thränen erweckte. Ja, das Ende einer Welt drohte: das Volk war noch nicht, die Aristokratie nicht mehr vorhanden, nur ein gefräßiges Bürgertum, das die Beute zwischen den Ruinen suchte. Und was für ein furchtbares Symbol waren diese neuen Paläste, die man nach dem riesigen Vorbilde der einstigen Paläste gebaut hatte! Der wachsende Reichtum, der triumphirende Luxus der neuen Hauptstadt der Welt sollte sich in diesen ungeheuren, prunkvollen, für Hunderttausende von vergeblich erhofften Seelen wuchernden Palästen niederlassen und nun waren sie der klägliche, besudelte und bereits wankende Zufluchtsort des niedrigsten Elends des Volles, aller Bettler und aller Landstreicher geworden! Am Abende dieses Tages ging Pierre, als es schon dunkle Nacht geworden war, auf den Tiberquai vor dem Palazzo Boccanera, um dort eine Stunde zu verbringen. Das war eine Sammlung, eine außerordentliche Einsamkeit, die er sehr liebte, trotzdem Viktorine behauptete, daß die Gegend nicht sicher sei. Und in der That, in so tintenschwarzen Nächten, wie es diese war, hat keine Mördergrube jemals eine tragischere Umgebung gehabt. Keine Menschenseele, kein Vorübergehender zu sehen; rechts, links, gegenüber Stille, Dunkel, Leere. Die Palissaden, die den ungeheuren, verlassenen Zimmerplatz überall einschlossen, versperrten sogar den Hunden den Durchgang. An der Ecke des im Dunkel versunkenen Palastes erhellte ein Gashahn, der seit der Aufschüttung tiefer zu liegen gekommen war, den höckerigen Quai gleich an der Erde mit trübem Licht; die umherliegenden Materialien, die Haufen von Ziegeln und Hausteinen bildeten große, unbestimmte Schatten. Rechts glänzten auf der Ponte S. Giovanni di Fiorentini und in den Fenstern des Heiligengeisthospitals einige Lichter. Links, in dem unbestimmten Hintergrunde des Flußlaufes, versanken und verschwanden die fernen Viertel. Gegenüber lag Trastevere; die Häuser an dem steilen Ufer, wo nur wenige Scheiben durch einen trüben Schein gelb beleuchtet waren, nahmen sich wie blasse, undeutliche Phantome aus. Darüber hinaus hingegen bezeichnete nur ein dunkler Streifen den Janiculus, wo ganz oben die Laternen irgend einer Promenade ein Dreieck von Sternen aufblitzen ließen. Aber besonders der Tiber zog Pierre lebhaft an, denn er war zu dieser nächtlichen Stunde von einer schwarzen Majestät. Er blieb an der Steinbrüstung angelehnt stehen und sah lange Minuten zu, wie er zwischen den neuen Mauern dahinfloß, die des Nachts das schwarze, ungeheuerliche Aussehen eines für einen Riesen erbauten Gefängnisses annahmen. So lange in den Häusern gegenüber Lichter glänzten, konnte er sehen, wie die schweren Wassermassen vorüber zogen und langsam in den Reflexen schillerten, deren Schauer ihnen ein geheimnisvolles Leben verlieh. Er träumte endlos von der ganzen berühmten Vergangenheit dieses Flusses und beschwor oft die Legende herauf, die behauptet, daß fabelhafte Reichtümer im Kote seines Bettes vergraben sind. Bei jedem Einfall der Barbaren und besonders bei der Plünderung Roms sollen die Schätze der Tempel und Paläste hineingeworfen worden sein, um sie den Siegern zu entziehen. Diese Goldbarren, die da unten in dem undurchsichtigen Wasser zitterten – war das nicht der siebenarmige Leuchter, den Titus aus Jerusalem mitgebracht hatte? Und diese weißlichen Formen – waren das nicht Säulen und Statuen? Und dieser tiefe Wasserglanz – war das nicht ein Haufe von kostbaren Bechern, Vasen, von edelsteingeschmückten Kleinodien? Welch ein Traum war dieses verborgene Leben dieser Schätze, die dort viele Jahrhunderte schlafen sollten! Und was für eine Hoffnung auf Bereicherung und Unterstützung eines Volkes waren die wunderbaren Funde, die man im Tiber machen würde, wenn man ihn eines Tages austrocknen und durchstöbern könnte! Vielleicht lag hier das Glück Roms. Aber in dieser tiefdunklen Nacht dachte Pierre, während er am Geländer lehnte, nur an die strenge Wirklichkeit. Er setzte seine Betrachtungen vom Tage fort und gelangte angesichts dieses toten Wassers zu dem Schlusse, daß das große Unglück, an dem das junge Italien litt, darin bestand, daß man Rom zur modernen Hauptstadt gewählt hatte. Diese Wahl war unvermeidlich, da die Stadt Rom die alte Herrin der Welt war, der die Ewigkeit verheißen wurde, ohne die die nationale Einheit stets unmöglich erschienen war. Die Entscheidung war daher schrecklich; denn ohne Rom konnte Italien nicht sein, und mit Rom schien es jetzt schwer eins zu werden. Ach, was für eine unheilvolle Stimme hatte dieser tote Fluß des Nachts! Kein Boot war sichtbar, kein Schauer der Handels- und Industriethätigkeit jener Gewässer, die dem Herzen großer Städte Leben zuführen! Zweifellos hatte man Pläne von Riesenarbeiten entworfen; Rom sollte Seehafen, das Flußbett so tief gegraben werden, daß große Schiffe bis zum Aventin gelangen könnten. Aber das waren nur Chimären. Und die andere Ursache der Agonie, die römische Campagna, die Todeswüste, die der tote Strom durchzog und Rom mit einem unfruchtbaren Gürtel umgab? Man sprach wohl davon, sie zu drainiren, sie zu bepflanzen und stritt vergeblich über die Frage, ob sie unter den Römern fruchtbar gewesen; Rom blieb nichtsdestoweniger inmitten seines riesigen Kirchhofes liegen, wie eine Stadt von einst, die durch diese Steppe für ewig von der modernen Welt getrennt ist. Die geographischen Ursachen, die ihm einst die Herrschaft über die bekannte Welt gaben, existiren heutzutage nicht mehr. Der Mittelpunkt der Zivilisation ist abermals verrückt worden; mächtige Nationen haben sich in das Mittelmeer geteilt. Alles führt nach Mailand, der Stadt des Handels und der Industrie, während Rom fortan nur ein Durchgangsort ist. Auch vermochten die heldenmütigsten Anstrengungen seit fünfundzwanzig Jahren es nicht aus seinem unbesiegbaren Schlafe zu reißen. Die Hauptstadt, die man allzu rasch aus dem Stegreif schaffen wollte, ist in Not stehen geblieben und hat beinahe die Nation zu Grunde gerichtet. Die Neugekommenen, die Regierung, die Kammern, die Beamten schlagen hier nur ein Lager auf und fliehen bei der ersten Hitze, um das tödliche Klima zu vermeiden; das geschieht in einem solchen Maße, daß die Hotels und die Geschäfte geschlossen werden, daß die Straßen und Promenaden sich leeren, da die Stadt kein wirkliches Leben erworben hat und in den Tod zurücksinkt, sobald ihr künstliches Leben sie verläßt. So harrt denn alles in dieser bloßen Zierhauptstadt, wo die Bevölkerung heute weder zu- noch abnimmt, wo es eines neuen Triebes von Geld und Menschen bedürfte, um die ungeheuren, nutzlosen Gebäude der neuen Viertel zu vollenden und zu bevölkern. Und wenn es wahr ist, daß das Morgen stets aus dem Staube der Vergangenheit wieder aufblühen wird, mußte man sich ja zur Hoffnung zwingen. Aber war dieser Boden nicht erschöpft? War der Saft, der gesunde Wesen, starke Nationen schafft, hier nicht auf immer versiegt? Je mehr die Nacht vorrückte, erloschen die Lichter in dem gegenüber liegenden Trastevere. Pierre, von Verzweiflung ergriffen, beugte sich noch lange über die schwarzen Wasser. Die Nacht war grundlos; in der tiefen Finsternis auf dem Janiculus blieb nichts übrig als die drei fernen Gashähne, das Sternendreieck. Kein Widerschein streifte mehr den Tiber mit einem Goldschauer; kein Widerschein ließ mehr die tragische Vision der fabelhaften Reichtümer unter seiner geheimnisvollen Strömung tanzen; es war nun aus mit der Legende, mit dem goldenen, siebenarmigen Leuchter, den goldenen Vasen, den goldenen Kleinodien, mit diesem ganzen Traum von dem alten Schatz, der in die Nacht versunken war wie der alte Ruhm Roms selbst. Kein Lichtschein, kein Geräusch, endloser Schlaf – nichts als das laute, schwere Herabstürzen der Traufe rechts, die nicht sichtbar war! Auch das Wasser war verschwunden; Pierre empfand nur noch sein bleischweres Dahinfließen im Dunkeln, das drückende Alter, die hundertjährige Ermüdung, die ungeheure Traurigkeit dieses uralten und glorreichen Tibers, der sich nach dem Nichts sehnte und fortan nur noch den Tod einer Welt dahin zu wälzen schien. Nur der große, reiche Himmel, der ewige, prunkvolle Himmel entfaltete über dem Schattenfluß, der die Ruinen von mehr als dreitausend Jahren dahinwälzte, das glänzende Leben seiner Millionen Gestirne. Als Pierre, ehe er sich in sein Zimmer hinauf begab, einen Augenblick bei Dario eintrat, fand er dort Viktorinen vor, die im Begriffe war, alles für die Nacht vorzubereiten. »Wie, Herr Abbé, Sie sind schon wieder zu dieser Stunde auf dem Quai spazieren gegangen?« rief sie, als er erzählte, woher er komme. »Sie wollen sich also auch einen schönen Messerstich holen ... Na, mir fiele es nicht ein, in dieser verwünschten Stadt so spät frische Luft zu schöpfen.« Dann wandte sie sich mit der ihr eigenen Vertraulichkeit zu dem Fürsten, der auf einem Fauteuil lag und lächelte. »Wissen Sie, dieses Mädchen, die Pierina, ist nicht mehr wieder gekommen, aber ich habe sie gesehen, wie sie da drüben zwischen den Demolirungen herumstrich.« Dario gebot ihr mit einer Geberde Schweigen. Er wandte sich zu dem Priester. »Und doch haben Sie mit ihr gesprochen! Das wird zuletzt dumm ... Dieses Vieh von Tito wird noch einmal wieder kommen und mir sein Messer in die andere Schulter stoßen!« Er schwieg plötzlich, da er Benedetta vor sich bemerkte; sie war geräuschlos eingetreten, um ihm gute Nacht zu wünschen, und hörte zu. Er ward außerordentlich verlegen, wollte sprechen, erklären, ihr schwören, daß er an diesem Abenteuer gänzlich unschuldig sei, aber sie lächelte und sagte bloß zärtlich: »Mein Dario, ich kenne Deine Geschichte bereits. Du kannst Dir wohl denken, so dumm bin ich nicht, daß ich nicht nachgedacht und begriffen hätte. Wenn ich aufgehört habe, Dich zu fragen, so kam es daher, weil ich alles wußte und Dich trotzdem liebte.« Sie war übrigens sehr glücklich; sie hatte an diesem selben Abend erfahren, daß Monsignore Palma, der Verteidiger der Ehe in ihrem Scheidungsprozeß, sich für den seinem Neffen geleisteten Dienst erkenntlich gezeigt hatte, indem er ein ihr günstiges Plaidoyer einreichte. Wohl hatte sich der Prälat nicht vollständig auf ihre Seite gestellt, da er sich nicht allzu sehr Lügen strafen wollte; aber die Certifikate der beiden Aerzte erlaubten ihm, auf einen sichern jungfräulichen Zustand zu schließen, und er hatte nun, über die Thatsache hinweggleitend, daß die Nichtvollziehung vom Widerstande der Frau herrühre, geschickt die Gründe zusammengestellt, die eine Annullirung notwendig machten. Da jede Hoffnung aus Annäherung vergeblich war, stand es fest, daß die Gatten sich in beständiger Gefahr befanden, in Unenthaltsamkeit zu verfallen. Er machte eine diskrete Anspielung auf den Gatten, wie um zu zeigen, daß dieser bereits der Gefahr erlegen sei; dann feierte er die hohe Moralität der Frau, ihre Frömmigkeit, alle Tugenden, die eine Bürgschaft zu Gunsten ihrer Wahrheitsliebe waren, und überließ, obwohl er sich nicht aussprach, alles der Weisheit der Kongregation. Aber da Monsignore Palma beiläufig die Gründe des Advokaten Morano wiederholte, und da Prada hartnäckig dabei blieb, nicht mehr zu erscheinen, schien es außer Zweifel zu sein, daß die Kongregation mit sehr großer Mehrheit für die Annullirung stimmen würde. Das würde dem heiligen Vater gestatten, mit Wohlwollen vorzugehen. »Ach, mein Dario, jetzt hat unser Kummer ein Ende... Aber wie viel Geld das kostet, wie viel Geld! Tante sagt, daß sie uns kaum das bloße Wasser zum Trinken lassen werden.« Und sie lachte mit der schönen Sorglosigkeit einer leidenschaftlich Verliebten. Das Kostspielige war nicht die Gerichtsbehörde der Kongregation, denn dem Prinzipe nach sprach sie umsonst Recht, aber es mußten unendlich viele kleine Kosten, alle untergeordneten Beamten, dann die ärztlichen Sachverständigen, die Abschriften, Satzschriften und Plaidoyers bezahlt werden. Außerdem, wenn man auch, wohlverstanden, die Stimmen der Kardinale nicht unmittelbar kaufte, so kamen doch gewisse Stimmen auf sehr hohe Summen zu stehen, da man sich der Kreaturen Ihrer Eminenzen versichern und ihre ganze Umgebung in Bewegung setzen mußte – abgesehen davon, daß große Geldgeschenke, falls sie mit Takt gegeben werden, im Vatikan entscheidende Gründe bilden und die ärgsten Schwierigkeiten durchschneiden. Und endlich hatte der Neffe Monsignore Palmas schrecklich viel gekostet. »Aber nicht wahr, mein Dario, da Du jetzt geheilt bist, soll man uns nur rasch heiraten lassen, mehr verlangen wir von ihnen nicht... Wenn sie wollen, gebe ich ihnen noch meine Perlen, das einzige Vermögen, das mir bleiben wird.« Er lachte ebenfalls, denn das Geld hatte in seinem Leben nie etwas gezählt. Er hatte nie so viel davon gehabt, wie er wollte, und hoffte einfach, stets bei seinem Oheim, dem Kardinal, leben zu können, der das junge Paar nicht auf die Straße setzen würde. Bei ihrem Ruin stellten hunderttausend, zweimalhunderttausend Franken nichts für ihn vor; er hatte sagen hören, daß gewisse Scheidungen sogar fünfmalhunderttausend gekostet hatten. Er fand daher keine andere Antwort als einen Scherz. »Gib ihnen auch meinen Ring, gib ihnen alles, meine Liebe. Wir werden in diesem alten Palaste sehr glücklich leben, selbst wenn wir die Möbel daraus verkaufen müßten.« Sie war begeistert, faßte seinen Kopf zwischen ihre beiden Hände und küßte ihn wie rasend, in einer Aufwallung außerordentlicher Leidenschaft, auf die Augen. Dann wendete sie sich plötzlich zu Pierre. »O Verzeihung, Herr Abbé, ich habe einen Auftrag für Sie. Ja, von Monsignore Nani, der uns eben die gute Nachricht gebracht hat; er hat mir aufgetragen, Ihnen zu sagen, daß Sie sich zu sehr zurückhalten, daß Sie für die Verteidigung Ihres Buches wirken müssen.« Der Priester hörte erstaunt zu. »Aber er hat mir ja geraten, zu verschwinden.« »Gewiß ... Aber es scheint, daß jetzt die Zeit gekommen ist, wo Sie die Leute besuchen, Ihre Sache führen, kurz, sich rühren müssen. Und noch etwas; er hat den Namen des Berichterstatters erfahren können, den man mit der Prüfung Ihres Buches beauftragt hat; es ist Monsignore Fornaro, der auf der Piazza Navona wohnt.« Pierre fühlte, wie seine Verblüffung wuchs. Es kam nie vor, daß der Name eines Berichterstatters preisgegeben wurde; er blieb geheim, um die Urteilsfreiheit völlig zu sichern. Sollte also eine neue Phase seines römischen Aufenthalts beginnen? »Es ist gut,« antwortete er einfach. »Ich werde handeln, ich werde alle Welt besuchen.« X. Pierre, der einzig und allein daran dachte, der Sache ein Ende zu machen, wollte bereits am nächsten Tage ans Werk gehen. Aber eine gewisse Unsicherheit hatte ihn ergriffen. Bei wem sollte er zuerst anklopfen, welche Persönlichkeit sollte er zuerst besuchen, wenn er in einer so verwickelten und so eitlen Gesellschaft alle Fehler vermeiden wollte? Da er beim Oeffnen seiner Thür im Korridor zufällig Don Vigilio, den Sekretär des Kardinals, bemerkte, bat er ihn, einen Augenblick zu ihm ins Zimmer zu treten. »Sie sollen mir einen Gefallen erweisen, Herr Abbé. Ich vertraue mich Ihnen an; ich brauche einen Rat.« Er fühlte, daß dieser kleine, magere Mann mit der safrangelben Hautfarbe, der immer vor Fieber zitterte, bei seiner übertriebenen und furchtsamen Verschwiegenheit über alles unterrichtet war, mit allem in Verbindung stand. Er schien ihn bisher beinahe zu fliehen, zweifellos um der Gefahr einer Bloßstellung zu entgehen. Dennoch war er bereits seit einiger Zeit weniger scheu und seine schwarzen Augen stammten auf, wenn er seinem Nachbar begegnete, als hätte ihn die Ungeduld, von der jener verzehrt werden mußte, weil er so lange Zeit zur Unthätigkeit verurteilt war, selbst ergriffen. Er versuchte auch nicht, der Unterredung auszuweichen. »Ich bitte um Entschuldigung, daß ich Sie in eine solche Unordnung eintreten lasse,« fuhr Pierre fort. »Heute früh habe ich wieder Wäsche und Winterkleider aus Paris erhalten. Stellen Sie sich vor, ich bin mit einem kleinen Handkoffer für vierzehn Tage gekommen, und nun bin ich bald drei Monate hier, ohne weiter zu sein als am Morgen meiner Ankunft.« Don Vigilio schüttelte leicht den Kopf. »Ja, ja, ich weiß.« Pierre erklärte ihm nun, daß er sich, nachdem Monsignore Nani ihm durch die Contessina hatte sagen lassen, er möge, um sein Buch zu verteidigen, handeln und alle Welt besuchen, in großer Verlegenheit befinde; denn er wisse nicht, nach welcher Ordnung er seine Besuche regeln solle, um aus ihnen einen Nutzen zu ziehen. Müsse er zum Beispiel vor allem Monsignore Fornaro besuchen, den mit dem Bericht über sein Buch betrauten Prälaten, dessen Namen man ihm mitgeteilt hatte? »Ah!« rief Don Vigilio erbebend, »Monsignore Nani ist also so weit gegangen! Er hat Ihnen den Namen preisgegeben!... Ah, das ist noch mehr, als ich erwartete!« Er vergaß sich und setzte, von Leidenschaft hingerissen, hinzu: »Nein, nein, fangen Sie nicht mit Monsignore Fornaro an. Statten Sie zuerst einen höchst demütigen Besuch beim Präfekten der Indexkongregation, bei Seiner Eminenz dem Kardinal Sangumetti, ab; denn wenn er es eines Tages erfährt, würde er es Ihnen nie verzeihen, daß Sie einem andern Ihre erste Huldigung darbrachten.« Er hielt inne und fügte mit leiser Stimme, von einem leichten Schauer seines Fiebers geschüttelt, hinzu: »Und er würde es erfahren; man erfahrt alles.« Dann ergriff er beide Hände des fremden jungen Priesters, als rege sich eine plötzliche Tapferkeit der Sympathie in ihm: »Mein lieber Herr Froment, ich schwöre Ihnen, daß ich mich sehr glücklich schätzen würde, wenn ich Ihnen etwas nützen könnte, denn Sie sind ein argloses Herz und thun mir zuletzt wirklich leid. Aber Sie dürfen nichts Unmögliches von mir verlangen. Wenn Sie wüßten, wenn ich Ihnen alle Gefahren anvertrauen würde, die uns umgeben! ... Aber so viel glaube ich Ihnen noch heute sagen zu können: rechnen Sie in keiner Weise auf meinen Herrn, Seine Eminenz den Kardinal Boccanera. Er hat Ihr Buch mehrmals in meiner Gegenwart vollständig gemißbilligt. Er aber ist ein Heiliger, ein Ehrenmann, und wenn er Sie auch nicht verteidigt, so wird er Sie doch nicht angreifen, sondern aus Rücksicht auf seine Nichte, die Contessina, die er anbetet und die Sie beschützt, neutral bleiben. Wenn Sie ihn also sehen, verteidigen Sie sich nicht; das würde zu nichts führen und könnte ihn reizen.« Pierre wurde durch diese Mitteilung nicht allzu sehr betrübt, denn er hatte gleich bei seiner ersten Unterredung mit dem Kardinal und in den wenigen Achtungsbesuchen, die er ihm seither abgestattet, begriffen, daß er an ihm stets nur einen Gegner haben würde. »Ich werde ihn also aufsuchen, um ihm für seine Neutralität zu danken,« sagte er. Aber da wurde Don Vigilio wieder von allen seinen Aengsten ergriffen. »Nein, nein, thun Sie das nicht! Er wird vielleicht erraten, daß ich mit Ihnen darüber gesprochen habe, und was für ein Unglück wäre das für mich! Meine Stellung wäre erschüttert. Ich habe nichts gesagt, ich habe gar nichts gesagt! Besuchen Sie zuerst die Kardinäle, alle Kardinäle. Wir wollen annehmen, daß ich sonst nichts gesagt habe! Nicht wahr?« Und er wollte an diesem Tage nicht weiter sprechen. Er verließ erschauernd das Zimmer, indem er den Korridor mit seinen flammenden Augen voll Unruhe nach rechts und links durchspähte. Pierre verließ sofort das Haus, um sich zum Kardinal Sanguinetti zu begeben. Es war zehn Uhr; er hatte also Aussicht, ihn zu treffen. Der Kardinal bewohnte neben der Kirche S. Luigi de Francesi, in einer dunklen und engen Straße, den ersten Stock eines kleinen, bürgerlich eingerichteten Palastes. Das war nicht die Riesenruine von fürstlicher Größe und Schwermut, bei der der Kardinal Boccanera beharrte. Die einstigen, vorschriftsmäßigen Galaräume waren wie der ganze Haushalt eingeschränkt worden. Es gab hier weder einen Thronsaal mehr, noch einen unter einem Baldachin aufgehängten großen roten Kardinalshut, noch einen gegen die Wand gekehrten, das Kommen des Papstes erwartenden Lehnstuhl. Zwei in einander gehende, als Vorzimmer dienende Gemächer, ein Salon, in dem der Kardinal empfing – und alles ohne jeden Luxus, sogar ohne Bequemlichkeit. Die Mahagonimöbel stammten aus der Empirezeit, die Tapeten und Teppiche waren staubig, durch den langen Gebrauch verblichen. Uebrigens mußte der Besucher lange läuten, und als endlich ein Diener die Thür halb öffnete, indem er ohne Uebereilung seine Weste anzog, gab er nur die Antwort, daß Seine Eminenz seit gestern in Frascati sei. Pierre erinnerte sich nun, daß der Kardinal Sanguinetti in der That ein Suburbikarbischof war. Er hatte in Frascati, seinem Bistum, eine Villa, in der er manchmal einige Tage zubrachte, wenn ein Ruhebedürfnis oder eine politische Ursache ihn dazu bewog. »Wird Seine Eminenz bald zurückkommen?« »O, das weiß man nicht. Seine Eminenz ist leidend und hat den Auftrag gegeben, ja niemand hinauszuschicken, der ihn belästigen könne.« Als Pierre sich wieder auf der Straße befand, war er durch diesen ersten Querstrich ganz außer Fassung gebracht. Sollte er sich, da es jetzt so Eile hatte, ohne weiteres Zögern zu Monsignore Fornaro begeben? Die Piazza Navona war dicht daneben. Aber er erinnerte sich, daß Don Vigilio ihm anempfohlen hatte, zuerst die Kardinale zu besuchen; plötzlich hatte er eine Eingebung und beschloß sofort zum Kardinal Sarno zu gehen, dessen Bekanntschaft er an den Montagabenden Donna Serafinas zuletzt gemacht hatte. Trotz seines freiwilligen Zurücktretens hielt ihn alles für eines der mächtigsten und furchtbarsten Mitglieder des heiligen Kollegiums; das hinderte seinen Neffen Narcisse jedoch nicht, zu erklären, daß er keinen Menschen kenne, der für Fragen, die seiner gewöhnlichen Beschäftigung fremd waren, stumpfer sei, als sein Oheim. Wenn er auch nicht in der Indexkongregation saß, so könnte er doch einen guten Rat geben, und vielleicht durch seinen großen Einfluß auf seine Kollegen wirken. Pierre begab sich geradewegs in den Palast der Propaganda, wo er, wie er wußte, den Kardinal treffen mußte. Dieser Palast, dessen schwere Fassade von der Piazza di Spagna aus sichtbar ist, ist ein ungeheures, kahles und plumpes Gebäude, das einen ganzen Winkel zwischen zwei Straßen einnimmt. Pierre, dem sein schlechtes Italienisch schadete, verirrte sich darin, stieg Treppen hinan, die er wieder hinabsteigen mußte und ging durch ein wahres Labyrinth von Treppen, Gängen und Sälen. Endlich war er so glücklich, auf den Sekretär des Kardinals zu stoßen, einen jungen Priester, den er bereits im Palazzo Boccanera gesehen hatte. »Aber gewiß, ich glaube wohl, daß Seine Eminenz Sie empfangen wollen wird. Sie thaten sehr wohl daran, um diese Stunde zu kommen, denn Seine Eminenz ist jeden Vormittag hier. Bitte, mir zu folgen.« Nun kam von neuem eine Reise. Kardinal Sarno, der lange Zeit Sekretär der Propaganda gewesen, führte jetzt in seiner Eigenschaft als Kardinal den Vorsitz bei der Kommission, die den Kultus in den dem Katholizismus neu eroberten europäischen, afrikanischen, amerikanischen und ozeanischen Ländern organisirte. Unter diesem Titel besaß er hier ein Arbeitskabinet, Bureaux, eine ganze Administration, wo er mit der Besessenheit eines Beamten herrschte, der auf seinem Ledersessel alt geworden ist, ohne je aus dem engen Kreise seiner grünen Scharteken herausgetreten zu sein, ohne von der Welt etwas anderes zu kennen als den Anblick der Straße, deren Fußgeher und Wagen vor seinem Fenster vorüberzogen. Am Ende eines dunklen Korridors, der auch am hellen Tage von Gashähnen beleuchtet werden mußte, ließ der Sekretär seinen Gefährten auf einem Bänkchen zurück. Nach Verlauf einer guten Viertelstunde kehrte er mit seiner diensteifrigen und liebenswürdigen Miene zurück. »Seine Eminenz ist beschäftigt – eine Konferenz mit Missionaren, die abreisen sollen. Aber sie wird gleich zu Ende sein; er hat mir aufgetragen, Sie in sein Kabinet zu führen, wo Sie ihn erwarten sollen.« Als Pierre in dem Kabinet allein war, betrachtete er neugierig dessen Einrichtung. Es war ein ziemlich geräumiges Zimmer, ohne jeden Luxus mit einer grünen Papiertapete ausgeschlagen und mit grünen Damastmöbeln mit schwarzem Holzgestell ausgestattet. Die beiden, auf eine schmale Seitengasse gehenden Fenster erhellten die nachgedunkelten Wände und den verblichenen Teppich mit trübem Licht; außer zwei Pfeilertischen befand sich nichts in dem Zimmer, als neben einem Fenster ein Schreibtisch, ein einfacher, schwarzer hölzerner Tisch mit abgenützter Moleskinplatte. Sie war übrigens so belastet, daß sie unter den Akten und Wischen verschwand. Einen Augenblick trat er näher und betrachtete den durch den Gebrauch eingedrückten Lehnstuhl, den ihn beschützenden Wandschirm, das alte, mit Tinte bespritzte Tintenfaß. Dann begann er in der schweren, toten Luft, die ihn bedrückte, in der großen, beunruhigenden Stille, die nur von dem gedämpften Getöse der Straße gestört wurde, ungeduldig zu werden. Als Pierre sich aber entschloß, leise auf und ab zu gehen, stieß er auf eine an der Wand hängende Karte, deren Anblick ihn beschäftigte und derart mit den unermeßlichsten Gedanken erfüllte, daß er alles vergaß. Diese farbige Karte war die der katholischen Welt, die ganze Erde, die aufgerollte Weltkarte, auf der die verschiedenen Farben die Gebiete bezeichneten je nachdem sie dem siegreichen, unbeschränkt herrschenden oder dem noch immer im Kampf mit den Ungläubigen befindlichen Katholizismus gehörten. Die letzteren Länder waren je nach der Organisation in Vikariate oder Präfekturen in Klassen geteilt. War das nicht in bildlicher Darstellung das ganze, uralte Streben des Katholizismus nach der Weltherrschaft, die er seit der ersten Stunde angestrebt, die anzustreben und zu verfolgen er durch alle Zeiten hindurch nie aufgehört hat? Gott hat seiner Kirche die Welt gegeben; aber sie muß davon Besitz ergreifen, da der Irrtum noch immer beharrlich herrscht. Daher rührt der ewige Kampf, daher werden die Völker noch in unseren Tagen den feindlichen Religionen streitig gemacht, wie zur Zeit, da die Apostel Judäa verließen, um das Evangelium zu verbreiten. Während des Mittelalters bestand die große Aufgabe darin, das eroberte Europa zu organisiren; man konnte nicht einmal den Versuch zu einer Versöhnung mit den orientalischen Dissidentenkirchen machen. Dann brach die Reformation los, ein Schisma folgte dem andern – die eine protestantische Hälfte Europas und der ganze orthodoxe Orient mußten wieder erobert werden. Aber mit der Entdeckung der neuen Welt war der kriegerische Eifer wieder erwacht; Rom strebte darnach, diese zweite Hälfte der Erde in seinen Besitz zu bekommen. Missionen wurden geschaffen und gingen aus, Gott diese gestern noch unbekannten Völker zu unterwerfen; denn er hatte sie gleich den anderen Rom geschenkt. So hatte sich die große, gegenwärtige Spaltung der Christenheit von selbst gebildet: auf der einen Seite sind die katholischen Nationen, diejenigen, bei denen der Glaube bloß aufrecht erhalten werden mußte, die unumschränkt von dem im Vatikan untergebrachten Staatssekretariat geleitet werden – aus der andern Seite die schismatischen oder einfach heidnischen Nationen, die zur Wiege zurückgeführt oder bekehrt werden müssen, die die Kongregation der Propaganda zu beherrschen bemüht war. Dann mußte sich auch diese Kongregation behufs Erleichterung der Arbeit in zwei Zweige teilen: in den orientalischen, eigens mit den orientalischen Dissidentensekten betrauten, und in den lateinischen Zweig, dessen Macht sich über alle anderen Missionsländer erstreckt. Es ist ein unermeßliches Gesamtwesen erobernder Organisation, ein ungeheures Netz mit starken, dichten Maschen, das über die Welt geworfen war und keine einzige Seele entschlüpfen lassen durfte. Erst jetzt, vor dieser Karte, erhielt Pierre eine deutliche Vorstellung von dieser seit Jahrhunderten arbeitenden und zum Aufsaugen der Menschheit geschaffenen Maschine. Die Propaganda, von den Päpsten reich ausgestattet und über ein beträchtliches Einkommen verfügend, erschien ihm wie eine abgesonderte Macht, wie ein Papsttum im Papsttum; er begriff nun, warum den Präfekten der Kongregation der Name »roter Papst« gegeben wurde. Ueber welche unbegrenzte Macht verfügte denn nicht der Eroberer und Beherrscher, dessen Hände von einem Ende der Welt bis zum andern reichten? Der Kardinalsekretär besaß Mitteleuropa, einen so kleinen Punkt der Erdkugel; aber besaß er nicht alle übrigen, unendlichen Räume, die fernen, fast noch unbekannten Länder? Die Ziffern besagten es ja: Rom herrschte unbestritten nur über zweihundert Millionen römisch-apostolischer Katholiken, wahrend die Schismatiker, die des Orients und die der Reformation, falls man sie zusammenzählte, bereits diese Zahl überschritten. Und was für ein Sprung, wenn man die Milliarde von Ungläubigen hinzufügte, deren Bekehrung noch ausstand! Diese Ziffern machten ihn plötzlich derart betroffen, daß ein Schauer ihn durchlief. Wie, war es also wahr? Es gab gegen fünf Millionen Juden, gegen zweihundert Millionen Mohammedaner, mehr als siebenhundert Millionen Brahmanen und Buddhisten, abgesehen von den hundert Millionen anderer Heiden aller Religionen, insgesamt eine Milliarde, gegen die die Christen nicht mehr als vierhundert Millionen ausmachten! Und auch diese unter sich gespalten, im fortwährenden Kampf befindlich – eine Hälfte mit Rom, die andere Hälfte gegen Rom! War es möglich, daß Christus in achtzehn Jahrhunderten nicht einmal ein Drittel der Menschheit erobert hatte, und daß Rom, das ewige, das allmächtige Rom nur den sechsten Teil der Völker als unterworfen berechnete? Unter sechs Seelen eine einzige gerettet – welch erschreckendes Verhältnis! Aber die Karte sprach die ungeschliffene Wahrheit: das mit rot bezeichnete Reich Roms war nur ein verlorener Punkt, wenn man es mit dem mit gelb bezeichneten Reiche der anderen Götter, den endlosen Gebieten verglich, die die Propaganda noch zu unterwerfen hatte, Die Frage war nun: wie vieler Jahrhunderte bedurfte es noch, damit die Verheißung Christi erfüllt, die gesamte Erde seinem Gesetz unterworfen, und die religiöse Gesellschaft die bürgerliche wieder erlangen würde, um nur noch einen Glauben und ein Reich zu bilden? Und von welchem Erstaunen wurde man angesichts dieser Frage, angesichts dieser zu beendigenden wunderbaren Aufgabe ergriffen, wenn man an die heitere Ruhe Roms, an seine geduldige Hartnäckigkeit dachte, die nie gezweifelt hat, die heute weniger denn je zweifelt! Es ist mit seinen Bischöfen und mit seinen Missionaren immer an der Arbeit, vermag nicht zu ermüden und schafft in der unbedingten Ueberzeugung, daß nur Rom allein eines Tages der Herr der Welt sein werde, sein Werk ohne Stocken, gleich wie die unendlich kleinen Teilchen die Welt geschaffen haben. Ach, dieses fortwährend auf dem Marsch befindliche Heer! Pierre sah und hörte, wie es in dieser Stunde jenseits der Meere durch alle Kontinente hindurch die politische Eroberung im Namen der Religion vorbereitete und sicherte. Narcisse hatte ihm erzählt, mit welcher Sorgfalt die Botschaften die Thätigkeit der Propaganda in Rom überwachen mußten; denn die Missionen waren oft nationale Werkzeuge von entscheidender Macht. Die kirchliche Herrschaft sicherte die weltliche, die eroberten Seelen gaben die Körper. Es fand daher ein unaufhörlicher Kampf statt, bei dem die Kongregation die Missionare Italiens oder der verbündeten Nationen, deren siegreiche Occupation sie wünschte, begünstigte. Sie war stets auf ihre französische Nebenbuhlerin, die Propagation de la foi eifersüchtig, die ihren Sitz in Lyon hat, ebenso reich, ebenso mächtig wie sie ist und mehr energische und mutige Männer besitzt. Sie begnügte sich nicht damit, ihr einen beträchtlichen Tribut aufzuerlegen, sondern überbot, opferte sie überall, wo sie ihren Sieg fürchtete. Zu wiederholtemnalen wurden französische Missionare, französische Orden verjagt, um italienischen oder deutschen Mönchen Platz zu machen. Diesen geheimen politischen Intriguenherd hinter dem zivilisatorischen Eifer des Glaubens erriet jetzt Pierre in dem düstern, staubigen, nie von der Sonne erheiterten Gemache. Sein früherer Schauer hatte ihn wieder ergriffen, dieser Schauer über Dinge, die man kennt, die einem eines Tages plötzlich ungeheuerlich und erschreckend erscheinen. Mußte dieses in der ganzen Welt organisirte, mit ewigem Starrsinn in der Zeit und im Raum arbeitende Werkzeug der Eroberung und Gewalt nicht die Weisesten verstört, nicht die Tapfersten erbleichen machen? Es begnügte sich nicht damit, die Seelen zu fordern, sondern arbeitete an seiner künftigen Herrschaft über alle Menschen, verfügte über sie, da es sie noch nicht an sich nehmen konnte, und trat sie dem weltlichen Herrn ab, der sie ihm aufbewahren sollte. Welch wunderbarer Traum! Rom wartet in lächelnder Ruhe auf das Jahrhundert, da es die zweihundert Millionen Mohammedaner und die siebenhundert Millionen Brahmanen und Buddhisten in ein einziges Volk aufgesaugt haben, dessen geistlicher und weltlicher König es im Namen des triumphirenden Christus sein wird! Ein Geräusch von Husten bewog Pierre, sich umzudrehen; er fuhr zusammen, als er den Kardinal Sarno erblickte, dessen Eintritt er nicht gehört hatte. Daß er ihn so vor dieser Karte antraf, war ihm, als hätte man ihn bei etwas Bösem, beim Verletzen eines Geheimnisses ertappt. Eine tiefe Röte überzog sein Gesicht. Aber der Kardinal, der ihn mit seinen glanzlosen Augen starr betrachtet hatte, ging an seinen Schreibtisch und ließ sich, ohne ein Wort zu sprechen, auf seinen Lehnstuhl niederfallen. Mit einer Handbewegung hatte er ihn von dem Ringkuß entbunden. »Ich wollte Eurer Eminenz meine Ehrfurcht bezeigen ... Ist Eure Eminenz leidend?« »Nein, nein, es ist noch immer dieser verwünschte Schnupfen, der mich nicht verlassen will. Und dann habe ich im Augenblicke so viel zu thun!« Pierre blickte ihn an; in dem fahlen Lichte, das zum Fenster hereinfiel, sah er mit seiner linken, höheren Schulter so siech, so verwachsen ans! In seinem ausgemergelten, erdfahlen Gesicht war nichts Lebendiges mehr, nicht einmal der Blick. Er erinnerte sich an einen seiner Oheime in Paris, der, nachdem er dreißig Jahre in dem Bureau eines Ministeriums zugebracht hatte, diesen toten Blick, diese pergamentartige Haut, diesen müden Stumpfsinn des ganzen Wesens besaß. War es also möglich, daß dieser Mann, dieser kleine, ausgetrocknete, in seiner schwarzen, rotbordirten Sutane schwimmende Greis der Herr der Welt war, und ohne Rom verlassen zu haben, in solchem Maße die Karte der Christenheit in sich besaß, daß der Präfekt der Propaganda nicht die geringste Entscheidung traf, ohne seine Meinung zu hören? »Setzen Sie sich einen Augenblick, Herr Abbé. Sie kommen also zu mir auf Besuch, Sie haben eine Bitte an mich zu stellen.« Und während er sich anschickte, zuzuhören, blätterte er mit seinen mageren Fingern in den vor ihm angehäuften Akten; er warf einen Blick auf jedes Stück, wie ein General, ein Taktiker von tiefer Gelehrsamkeit, dessen Heer sich in der Ferne befindet und das er aus der Tiefe seines Arbeitszimmers zum Siege führt, ohne je eine Minute zu verlieren. Pierre, ein wenig befangen, weil er den selbstsüchtigen Zweck seines Besuches so klar formulirt sah, entschloß sich, der Sache ein rasches Ende zu machen. »In der That, ich erlaube mir, zu Eurer Eminenz zu kommen, um von Eurer Eminenz hohen Weisheit Rat zu erbitten. Eurer Eminenz ist es nicht unbekannt, daß ich in Rom bin, um mein Buch zu verteidigen. Ich würde sehr glücklich sein, wenn Eure Eminenz mich leiten, mir mit Dero Erfahrung beistehen wollten.« Er erzählte mit kurzen Worten, wie die Angelegenheit stand und verteidigte sich. Aber so wie er weiter sprach, sah er, daß der Kardinal das Interesse an der Sache verlor, an etwas anderes dachte und ihn nicht mehr verstand. »Ach ja, Sie haben ein Buch geschrieben – es war einmal abends bei Donna Serafina die Rede davon ... Das ist unrecht, ein Priester soll nichts schreiben. Wozu? ... Und wenn die Indexkongregation es verfolgt, so hat sie gewiß recht. Was kann ich dabei thun? Ich bin kein Mitglied der Kongregation. Ich weiß nichts, gar nichts.« Pierre, über diese Verschlossenheit, diese Gleichgiltigkeit verzweifelt, bemühte sich vergebens, ihn aufzuklären, zu rühren. Er bemerkte, daß dieser Geist, der in dem Gebiete, auf dem er sich seit vierzig Jahren bewegte, so ausgedehnt und scharfsinnig war, sich verstopfte, sobald man ihn aus seiner besonderen Thätigkeit herausführte. Er war weder wißbegierig noch geschmeidig. Aus den Augen des Kardinals schwand vollends jeder Lebensfunke, der Schädel schien sich noch mehr zusammen zu drücken, die ganze Physiognomie nahm ein düster albernes Aussehen an. »Ich weiß nichts, ich vermag nichts,« wiederholte er. »Ich empfehle nie jemand.« Dennoch machte er eine Anstrengung über sich. »Aber Nani steckt ja dahinter. Was rät Ihnen Nani?« »Monsignore Nani war so liebenswürdig, mir den Namen des Berichterstatters, Monsignore Fornaro, zu nennen. Er ließ mir gleichzeitig sagen, daß ich ihn besuchen möge.« Der Kardinal schien überrascht zu sein und gleichsam zu erwachen. In seine Augen kehrte wieder etwas Glanz zurück. »Ah, wirklich, wirklich! ... Nun, wenn Nani das gethan hat, so hat er eben eine Idee ... Besuchen Sie Monsignore Fornaro.« Er hatte sich aus seinem Lehnstuhl erhoben und verabschiedete den Besucher, der sich mit einer tiefen Verbeugung bedanken mußte. Uebrigens setzte sich der Kardinal, ohne ihn bis zur Thür zu geleiten, sofort wieder nieder und in dem toten Gemach war nichts mehr zu hören, als das leichte, trockene Geräusch seiner knochigen, in den Akten blätternden Finger. Pierre folgte gehorsam dem Rate. Er beschloß auf dem Rückweg in die Via Giulia über die Piazza Navona zu gehen. Aber in der Wohnung Monsignore Fornaros sagte ihm ein Diener, daß sein Herr eben ausgegangen sei und daß er, um ihn anzutreffen, frühzeitig, gegen zehn Uhr, vorsprechen müßte. Er konnte also erst am nächsten Vormittag empfangen werden. Vorher hatte er Sorge getragen, Erkundigungen über den Prälaten einzuziehen und wußte nun das Notwendige über ihn: er war in Neapel geboren, hatte seine Studien bei den Barnabitenvätern dieser Stadt begonnen, in Rom, im Seminar fortgesetzt und war endlich lange Zeit Professor an der gregorianischen Universität gewesen. Dermalen war Monsignore Fornaro Rat mehrerer Kongregationen, Kanonikus von S. Maria Maggiore, wurde von dem unmittelbaren Ehrgeiz verzehrt, das Kanonikat von St. Peter zu erlangen und hegte den fernen Traum, eines Tages Sekretär des Konsistoriums zu werden – ein Amt, das zur Kardinalswürde, zum Purpur führte. Ein bedeutender Theologe, setzte er sich nur dem einzigen Vorwurf aus, daß er manchmal der Literatur opfere; er schrieb nämlich für religiöse Revuen Artikel, die er so klug war, nicht zu zeichnen. Er galt auch für sehr weltlich. Sobald Pierre seine Karte abgegeben hatte, wurde er empfangen und vielleicht wäre ihm der Verdacht gekommen, daß er erwartet werde, wenn der ihm zu teil gewordene Empfang nicht die aufrichtigste, mit ein wenig Unruhe gemischte Ueberraschung bewiesen hätte. »Herr Abbé Froment, Herr Abbé Froment,« wiederholte der Prälat, indem er die Karte ansah, die er in der Hand behalten hatte. »Bitte gefälligst einzutreten ... Ich war im Begriffe, alle abweisen zu lassen, denn ich habe eine sehr dringende Arbeit. Aber das thut nichts, nehmen Sie Platz.« Aber Pierre blieb bezaubert, bewundernd vor diesem schönen, großen und starken Manne stehen, der mit seinen fünfundfünfzig Jahren blühte. Rosig, glattrasirt, mit kaum ergrautem Lockenhaar, besaß er eine gefällige Nase, feuchte Lippen, schmeichelnde Augen, alles, was die römische Prälatenschaft an Verführerischem und Schmückendem aufzuweisen vermag. In seiner schwarzen Sutane mit dem lila Kragen sah er selbst sehr sauber, einfach elegant, wirklich prächtig aus, und sein großes, mit einem bei dem römischen Klerus heutzutage sehr seltenen Geschmack eingerichtetes, wohlriechendes Empfangszimmer, das von zwei breiten, auf die Piazza Navona gehenden Fenstern heiter erleuchtet wurde, umgab ihn mit einem Rahmen von guter Laune und wohlwollender Aufnahme. »Setzen Sie sich doch, Herr Abbé Froment, und sagen Sie mir gefälligst, was mir die Ehre Ihres Besuches verschafft.« Er hatte sich mit naiver, rein gefälliger Miene wieder gesetzt und Pierre wurde plötzlich angesichts dieser natürlichen Frage, die er doch voraussehen hätte müssen, sehr befangen. Sollte er geradewegs auf die Sache losgehen, den heiklen Beweggrund seines Besuches eingestehen? Er fühlte, daß das noch der rascheste und würdigste Weg wäre. »Mein Gott, Monsignore, ich weiß, daß das, was mich zu Ihnen führt, nicht üblich ist. Aber man hat mir diesen Schritt angeraten und es schien mir, daß es zwischen ehrlichen Leuten nie von Uebel sein kann, die Wahrheit in gutem Glauben zu suchen.« »Was denn, was denn?« fragte der Prälat mit vollkommen unschuldiger Miene, ohne zu lächeln aufzuhören. »Nun, ganz ehrlich; ich habe erfahren, daß die Indexkongregation Ihnen mein Buch, ›Das neue Rom‹ mit dem Auftrag übergeben hat, es zu prüfen. Ich erlaube mir nun, mich für den Fall vorzustellen daß Sie einige Erklärungen von mir zu verlangen hätten.« Aber Monsignore Fornaro schien nichts mehr hören zu wollen. Er griff mit beiden Händen an seinen Kopf und wich, wenn auch noch immer höflich, zurück. »Nein, nein, erzählen Sie mir das nicht, fahren Sie nicht fort. Sie würden mir einen ungeheuren Verdruß bereiten ... Wenn Sie wollen, nehmen wir an, daß man Sie getäuscht hat, denn man darf nichts wissen, man weiß auch nichts, die anderen ebenso wenig wie ich ... Bitte, reden wir von diesen Dingen nicht mehr.« Glücklicherweise verfiel Pierre, der die entscheidende Wirkung des Namens des Assessors beim S. Offizio bemerkt hatte, auf den Gedanken, zu antworten: »Gewiß, Monsignore, ich habe nicht die Absicht, Ihnen die geringste Verlegenheit Zu bereiten, und ich wiederhole, ich hätte mir nie erlaubt, Sie zu belästigen, wenn Monsignore Nani selbst mir nicht Ihren Namen und Ihre Adresse mitgeteilt hätte.« Auch diesmal trat eine sofortige Wirkung ein; nur ergab sich Monsignore Fornaro mit einer leichten Anmut, die er in alles legte, was er that. Er gab übrigens nicht sofort nach, sondern sehr schalkhaft, in Uebergängen. »Wie, Monsignore Nani ist also der Insdiskrete! Ich werde ihn schelten, ich werde böse werden! ... Und was weiß er denn davon? Er gehört nicht zur Kongregation, er kann irregeführt worden sein ... Sie werden ihm sagen, daß er sich geirrt hat, daß ich mit Ihrer Angelegenheit gar nichts zu schaffen habe; das wird ihn lehren, daß er keine notwendigen, von allen geachtete Geheimnisse zu enthüllen hat.« Dann fügte er liebenswürdig mit seinen bezaubernden Augen, mit seinem blühendem Munde hinzu: »Nun, da Monsignore Nani es wünscht, will ich gerne einen Augenblick mit Ihnen sprechen, mein lieber Herr Froment – unter der Bedingung, daß Sie von mir nichts über meinen Bericht, noch über das erfahren, was in der Kongregation gethan oder gesagt worden sein mag.« Nun lächelte Pierre seinerseits, denn er bewunderte, wie leicht alles ward, sobald die Form gewahrt wurde. Er begann nun abermals seinen Fall zu erklären und schilderte das tiefe Erstaunen, in das ihn der seinem Buche gemachte Prozeß gestürzt hatte, sowie seine Unkenntnis der Beschwerden, die er noch immer suchte, ohne sie finden zu können. »Wirklich, wirklich!« wiederholte der Prälat, über so viel Unschuld erstaunt. »Die Kongregation ist ein Gericht und kann nicht vorgehen, wenn eine Angelegenheit nicht bei ihr anhängig gemacht wird. Ihr Buch wird verfolgt, weil man es ganz einfach angezeigt hat.« »Ja, ich weiß. Angezeigt!« »Aber gewiß, die Klage ist von drei französischen Bischöfen eingebracht worden – Sie werden mir gestatten deren Namen zu verschweigen – und so mußte die Kongregation an die Untersuchung des beanstandeten Werkes gehen.« Pierre sah ihn bestürzt an. Von drei Bischöfen angezeigt! Und warum? Zu welchem Zweck? Dann kam ihm wieder der Gedanke an seinen Beschützer. »Nun, der Kardinal Bergerot hat mir einen Zustimmungsbrief geschrieben, den ich meinem Buche als Vorwort beigegeben habe. War das nicht eine Bürgschaft, die dem französischen Episkopat genügen hätte müssen?« Monsignore Fornaro schüttelte schlau den Kopf, ehe er sich zu einer Antwort entschloß. »Ach ja, gewiß, der Brief Seiner Eminenz, ein sehr schöner Brief. Trotzdem glaube ich, daß es besser gewesen wäre, wenn er den Brief nicht geschrieben hätte – für ihn und besonders für Sie.« Und da der Priester, dessen Ueberraschung zunahm, den Mund aufmachte und ihn zu einer Erklärung drängen wollte, setzte er hinzu: »Nein, nein, ich weiß nichts, ich sage nichts ... Seine Eminenz der Kardinal Bergerot ist ein Heiliger, den alle Welt verehrt, und wenn er sündigen könnte, müßte man sicherlich nur seinem Herzen die Schuld daran beimessen.« Ein Schweigen entstand. Pierre hatte gefühlt, daß sich ein Abgrund öffnete. Er wagte nicht zu beharren und fuhr etwas heftig fort: »Warum denn also mein Buch, warum nicht die Bücher anderer? Ich habe nicht die Absicht, meinerseits den Angeber zu spielen – aber wie viele Bücher kenne ich, über die Rom die Augen zudrückt und die merkwürdig gefährlicher sind, als das meine!« Diesmal schien Monsignore Fornaro sehr glücklich zu sein, sich ganz seiner Ansicht anschließen zu können. »Sie haben recht; wir wissen wohl, daß wir nicht alle schlechten Bücher anklagen können und sind darüber verzweifelt. Man muß an die unberechenbare Menge der Werke denken, die wir zu lesen gezwungen wären. So verdammen wir also die Schlimmsten in Bausch und Bogen.« Er ließ sich in gefällige Erklärungen ein. Im Prinzip dürften die Buchdrucker kein Buch in Druck legen, ohne vorher das Manuskript dem Bischof zur Billigung vorgelegt zu haben. Aber heutzutage, bei der erschreckenden Produktion der Buchdruckerei begreift man, in welche furchtbare Verlegenheit die Bischöfe gerieten, wenn die Buchdrucker sich plötzlich der Regel unterwerfen würden. Man hätte für diese gewaltige Aufgabe weder die Zeit noch das Geld, noch die nötigen Leute. Die Indexkongregation verdammte daher die erschienenen oder zu erscheinenden Bücher gewisser Kategorien im großen und ganzen, ohne sie prüfen zu müssen; erstens alle sittengefährlichen, alle erotischen Bücher, alle Romane; dann die Bibeln in der Vulgärsprache, denn die heiligen Bücher dürfen nicht ohne Unterschied erlaubt werden, endlich die Zauberbücher, die wissenschaftlichen, geschichtlichen oder philosophischen, dem Dogma zuwiderlaufenden Bücher, die Werke von Ketzern oder einfacher Geistlicher, die die Religion erörtern. Es waren das weise, von mehreren Päpsten überkommene Gesetze, deren Auszug dem von der Kongregation veröffentlichten Katalog der verbotenen Bücher als Vorwort diente; ohne sie würde dieser Katalog, um vollständig zu sein, an und für sich eine Bibliothek angefüllt haben. Mit einem Wort, wenn man ihn durchblätterte, so bemerkte man, daß das Interdikt vor allem Werke von Priestern traf; Rom bekümmerte sich angesichts der Schwierigkeit und Ungeheuerlichkeit der Aufgabe nur darum, sorgfältig über die gute Ordnung der Kirche zu wachen. Das war auch der Fall mit Pierre und seinem Buche. »Sie begreifen, daß wir nicht für einen Haufen von ungesunden Büchern Reklame machen werden, indem wir sie mit einer besonderen Verurteilung beehren,« fuhr Monfignore Fornaro fort. »Es gibt ihrer bei allen Völkern Legionen und wir hätten weder Papier noch Tinte genug, um sie anzugreifen. Wir begnügen uns damit, von Zeit zu Zeit eines zu treffen, wenn es mit einem berühmten Namen gezeichnet ist, wenn es zu viel Lärm macht oder beunruhigende Angriffe gegen den Glauben enthält. Das genügt, um die Welt daran zu erinnern, daß wir existiren und uns verteidigen, ohne von unseren Rechten oder von unseren Pflichten das Geringste aufzugeben.« »Aber mein Buch; mein Buch!« rief Pierre. »Was soll diese Verfolgung meines Buches?« »Ich erkläre es Ihnen, insoweit es mir gestattet ist, mein liebet Herr Frommt. Sie sind Priester, Ihr Buch hat Erfolg, Sie haben eine billige Ausgabe veröffentlicht, die sehr gut geht – ich rede gar nicht von seinem bedeutenden literarischen Wert, dem Hauche echter Poesie, der es durchweht und zu dem ich Ihnen mein aufrichtiges Kompliment mache. Wie wollen Sie da, daß wir unter diesen Bedingungen die Augen über ein Werk zudrücken, in dem Sie auf die Vernichtung unserer heiligen Religion und die Zerstörung Roms antragen?« Pierre blieb, vor Erstaunen erstickend, mit offenem Munde sitzen. »Die Zerstörung Roms! Großer Gott, ich will es ja verjüngt, ewig, von neuem als Königin der Welt sehen!« Seine brennende Begeisterung ergriff ihn wieder; er verteidigte sich, gestand von neuem seinen Glauben; der Katholizismus sollte zur Urkirche zurückkehren, aus dem brüderlichen Christentum Jesu ein erneutes Blut schöpfen, der Papst von aller irdischen Hoheit befreit sein, durch Barmherzigkeit und Liebe über die gesamte Menschheit herrschen, die Welt vor der furchtbaren sozialen Krise, die sie bedroht, retten, um sie zum Reich Gottes, zur christlichen Gemeinde aller zu einem einzigen Volk vereinter Völker zu führen. »Kann der heilige Vater mich verleugnen? Sind das nicht seine geheimen Ideen, die man zu erraten beginnt? Mein einziges Unrecht bestünde darin, sie zu früh und zu frei ausgedrückt zu haben. Würde ich nicht, wenn man mir gestattete, ihn zu sprechen, sofort die Einstellung der Verfolgung von ihm erlangen?« Monsignore Fornaro sprach nicht mehr; er begnügte sich damit, den Kopf zu schütteln, ohne sich über das jugendliche Ungestüm des Priesters zu ärgern. Im Gegenteil, er lächelte mit immer größerer Liebenswürdigkeit, gleichsam höchlich belustigt über so viel Unschuld und so viel Schwärmerei. »Vorwärts, vorwärts,« antwortete er endlich lustig. »Ich werde Sie nicht aufhalten. Es ist mir verboten, etwas zu sagen ... Aber die weltliche Herrschaft, die weltliche Herrschaft ...« »Nun, die weltliche Herrschaft?« fragte Pierre. Der Prälat sprach abermals nicht. Er hob sein liebenswürdiges Gesicht himmelaufwärts und bewegte auf hübsche Weise seine weißen Hände. Als er wieder anhob, geschah es nur, um hinzuzusetzen: »Außerdem – Ihre neue Religion – denn das Wort, ›neue Religion, neue Religion‹ kommt darin zweimal vor ... O Gott!« Er regte sich noch mehr auf und geriet derart außer sich, daß Pierre, von Ungeduld ergriffen, ausrief: »Monsignore, ich weiß nicht, wie Ihr Bericht ausfallen wird, aber ich beteure Ihnen, daß ich niemals daran gedacht habe, das Dogma anzugreifen. Und in gutem Glauben – das geht aus meinem ganzen Buche hervor – wollte ich nur ein Werk des Erbarmens und Heils vollbringen. Es ist recht und billig, auch die Absichten in Anschlag zu bringen.« Monsignore Fornaro war wieder sehr ruhig, sehr väterlich geworden. »O, die Absichten, die Absichten – –« Er erhob sich, um den Besucher zu verabschieden. »Mein lieber Herr Froment, seien Sie überzeugt, daß ich mich sehr geehrt fühle, weil Sie sich an mich gewendet haben ... Natürlich kann ich Ihnen nicht sagen, wie mein Bericht ausfallen wird; wir haben bereits zu viel darüber gesprochen; ich hätte mich sogar weigern müssen, Ihre Verteidigung anzuhören. Sie werden mich nichtsdestoweniger bereit finden, Ihnen in allem gefällig zu sein, was nicht meiner Pflicht zuwiderläuft. Aber ich fürchte sehr, daß Ihr Buch verurteilt werden wird.« Und als Pierre abermals in die Höhe fuhr, setzte er hinzu: »Ach ja ... die Thatsachen werden beurteilt, nicht die Absichten. Jedwede Verteidigung ist also nutzlos; das Buch ist da und es ist, wie es eben ist. Sie mögen es erklären, wie Sie wollen, ändern werden Sie es nicht ... Aus diesem Grunde beruft die Kongregation niemals die Angeklagten und nimmt von ihnen nur den einfachen Widerruf an. Das Klügste, was Sie thun könnten, wäre noch, Ihr Buch zurückzuziehen, sich zu unterwerfen. Nein? Sie wollen nicht? Ach, wie jung Sie sind, lieber Freund!« Er lachte noch lauter über die Bewegung voll Empörung, voll unbezähmbaren Stolzes, die seinem jungen Freunde, wie er ihn nannte, entfuhr. Dann sagte er, an der Thüre angelangt, in einer abermaligen mitteilsamen Regung, indem er die Stimme senkte: »Hören Sie, mein Lieber, ich will etwas für Sie thun, ich will Ihnen einen guten Rat geben. Ich bin eigentlich nichts. Ich liefere meinen Bericht ab, er wird gedruckt, gelesen, ohne daß Wert darauf gelegt werden muß. Der Sekretär der Kongregation hingegen, der Pater Dangelis vermag alles, sogar das Unmögliche ... Besuchen Sie ihn also im Dominikanerkloster hinter der Piazza di Spagna ... Erwähnen Sie meiner nicht. Auf Wiedersehen, mein Lieber, auf Wiedersehen!« Betrübt fand sich Pierre auf der Piazza Navona wieder; er wußte nicht mehr, was er glauben und hoffen sollte. Ein feiger Gedanke überkam ihn; wozu sollte er diesen Kampf fortsetzen, bei dem die Gegner unbekannt, ungreifbar blieben? Warum sollte er noch länger steif auf diesem lockenden und trügerischen Rom bestehen? Er würde fliehen, noch heute abend nach Paris zurückkehren, dort verschwinden und die bitteren Enttäuschungen in der Ausübung der demütigsten Nächstenliebe vergessen. Er befand sich in einer jener Stunden der Hilflosigkeit, da die so lange ersehnte Aufgabe plötzlich unmöglich erscheint. Aber inmitten seiner Verwirrung ging er dennoch weiter seinem Ziele zu. Als er auf dem Corso, dann in der Via dei Condotti und zuletzt auf der Piazza di Spagna angelangt war, beschloß er, noch den Pater Dangelis aufzusuchen. Dort befindet sich das Dominikanerkloster, unterhalb von S. Trinità de Monti. Ach, diese Dominikaner! Er hatte nie ohne eine gewisse, mit ein wenig Schreck gemischte Ehrfurcht an sie gedacht. Als was für eine kräftige Stütze des absoluten und theokratischen Gedankens hatten sie sich während Jahrhunderten erwiesen! Ihnen verdankte die Kirche ihre festeste Autorität; sie waren die glorreichen Krieger ihres Sieges. Während der heilige Franziskus Rom die Seelen der Einfältigen eroberte, unterwarf ihm der heilige Dominikus die Seelen der Verständigen und Mächtigen, alle höheren Seelen. Und zwar that er das voll Leidenschaft, mit einem Feuer bewunderungswürdiger Gläubigkeit und Willenskraft, mit allen möglichen Mitteln – durch Predigten, durch Bücher, durch den Druck der Polizei und der Gerichte. Wenn er die Inquisition auch nicht schuf, so machte er sie doch nutzbar; sein sanftes, brüderliches Herz bekämpfte das Schisma mit Blut und Feuer. Er und seine Mönche lebten in Armut, Keuschheit und Gehorsam, den großen Tugenden jener hochfahrenden und ungeregelten Zeiten; er zog durch die Städte, predigte den Gottlosen, strengte sich an, sie zur Kirche zurückzuführen und zeigte sie den geistlichen Gerichten an, wenn sein Wort nicht genügte. Er machte sich auch an die Wissenschaft, wollte sie für sich gewinnen, träumte davon, Gott durch die Waffen der Vernunft und der menschlichen Kenntnisse zu verteidigen, war der Ahne des englischen St. Thomas, der Leuchte des Mittelalters, der alles, die Psychologie, Logik, Politik und Moral in dem Summarium zusammengefaßt hat. So kam es, daß die Dominikaner die Welt erfüllten, indem sie die Lehre Roms auf den berühmten Kanzeln aller Völker verfochten und fast überall mit dem freien Geiste der Universitäten im Kampfe lagen; sie waren wachsame Hüter des Dogmas, unermüdliche Schmiede des Glückes der Päpste, die mächtigsten aller künstlerischen, wissenschaftlichen und literarischen Arbeiter, die das ungeheure Gebäude des Katholizismus, so wie es noch heute besteht, aufgebaut haben. Aber heute fragte sich Pierre, der dieses Gebäude, das man auf festem Grunde für die Ewigkeit gebaut zu haben meinte, zusammenbrechen fühlte, von welchem Nutzen diese Arbeiter aus einer andern Zeit wohl noch sein konnten? Ihre Polizei und ihre Gerichte waren unter dem Fluch gestorben, ihr Wort ward nicht mehr gehört, ihre Bücher wurden nicht mehr gelesen, ihre Rolle als Gelehrte und Zivilisatoren war angesichts der gegenwärtigen Wissenschaft, deren Wahrheiten das Dogma allerseits immer mehr und mehr erschüttern, zu Ende gespielt. Gewiß, sie bilden noch immer einen einflußreichen und gedeihenden Orden, aber wie weit ist die Zeit, da ihr General als Herr des heiligen Palastes in Rom regierte und in ganz Europa Klöster, Schulen, Unterthanen hatte! Von diesem unermeßlich großen Erbteil bleibt ihnen in der römischen Kurie fortan nichts mehr als einige erworbene Stellen, darunter das Amt eines Sekretärs der Indexkongregation, eine ehemalige Dependenz des S. Offizio, wo sie unumschränkt herrschen. Pierre wurde sofort zum Pater Dangelis eingelassen. Der Saal war sehr groß, kahl, weiß und von hellem Sonnenlicht überflutet. Es befand sich nichts darin als ein Tisch und einige Schemel; an der Wand hing ein großes, kupfernes Kruzifix. Neben dem Tisch stand der Pater, ein sehr magerer, in die strenge, weite, schwarz und weiße Tracht gehüllter Mann von beiläufig fünfzig Jahren. Die grauen Augen in seinem langen Asketengesichte mit dem schmalen Munde, der schmalen Nase, dem schmalen, störrischen Kinn besaßen einen lästig starren Ausdruck. Im übrigen benahm er sich sehr bestimmt, sehr einfach, eisig höflich. »Herr Abbé Froment, der Verfasser des ›Neuen Rom‹, nicht wahr?« Und er ließ sich auf einen Schemel nieder, indem er mit der Hand auf einen andern wies. »Wollen Sie mir gefälligst den Zweck Ihres Besuches mitteilen, Herr Abbé.« Pierre mußte nun seine Erklärungen, seine Verteidigung von neuem beginnen und das ward ihm bald um so peinlicher, da er inmitten einer tödlichen Stille, einer tödlichen Kälte sprach. Der Pater rührte sich nicht; er hielt die Hände auf den Knieen verschränkt und die scharfen, durchdringenden Augen auf die des Priesters gerichtet. Endlich, als dieser innehielt, sagte er ohne Hast: »Herr Abbé, ich glaubte, Sie nicht unterbrechen zu dürfen, aber ich hatte all das nicht anzuhören. Der Prozeß gegen Ihr Werk ist eingeleitet und keine Macht der Erde vermöchte seinen Gang aufzuhalten. Ich verstehe daher nicht recht, was Sie von mir zu erwarten scheinen.« »Ich erwarte Güte und Gerechtigkeit,« wagte Pierre mit zitternder Stimme zu antworten. Ein mattes Lächeln voll hochfahrender Demut erschien auf den Lippen des Mönches. »Seien Sie ohne Furcht. Gott hat noch immer geruht, mich in meinem bescheidenen Amte zu erleuchten. Uebrigens habe ich gar keine Gerechtigkeit zu üben; ich bin ein einfacher Beamter, der die Prozesse zu ordnen und zu dokumentiren hat. Nur Ihre Eminenzen, die Mitglieder der Kongregation sind es, die über Ihr Buch ein Urteil sprechen werden... Sie werden es sicherlich mit der Hilfe des heiligen Geistes thun und Sie haben dann nichts zu thun, als sich vor ihrem Urteil zu beugen, sobald es von Seiner Heiligkeit bestätigt wird.« Er brach kurz ab und erhob sich; damit zwang er auch Pierre, sich zu erheben. Es waren also fast dieselben Worte, wie bei Monsignore Fornaro, nur wurden sie hier mit schneidender Bestimmtheit, mit einer Art ruhiger Bravour gesprochen. Ueberall stieß er sich an dieselbe namenlose Kraft, die mächtige, zermalmende Maschine, deren Räder sich unter einander nicht kennen wollen. Ohne Zweifel würde man ihn noch lange Zeit von einem zum andern führen, ohne daß er je das Haupt, den urteilenden und handelnden Willen fände. Und es blieb ihm nichts übrig, als sich zu beugen. Trotzdem kam ihm vor dem Weggehen der Gedanke, noch einmal den Namen des Monsignore Nani auszusprechen, dessen Macht er jetzt kennen zu lernen begann. »Ich bitte um Verzeihung, daß ich unnützerweise gestört habe. Ich bin nur dem wohlwollenden Rate des Monsignore Nani gefolgt, der sich für mich zu interessiren geruht.« Aber die Wirkung war eine unerwartete. Das magere Gesicht Pater Dangelis' wurde abermals von einem Lächeln erhellt; es war ein Verziehen der Lippen, in dem sich die ironischeste Geringschätzung scharf malte. Er war noch bleicher geworden und seine geistvollen Augen flammten. »Ah, Monsignore Nani schickt Sie her ... Ei nun, wenn Sie Protektion nötig zu haben glauben, so ist es unnütz, sich an einen andern als ihn selbst zu wenden. Er ist allmächtig ... Besuchen Sie ihn, besuchen Sie ihn.« Das war die ganze Ermutigung, die Pierre von diesem Besuche heimnahm; er erhielt den Rat, zu dem zurückzukehren, der ihn schickte. Er fühlte, daß er den Boden unter den Füßen verlor und beschloß, in den Palazzo Boccanera zurückzukehren, um nachzudenken und zu verstehen, ehe er weitere Schritte unternahm. Sofort war ihm der Gedanke gekommen, Don Vigilio zu fragen und der Zufall wollte es, daß er den Sekretär noch an diesem Abend, nach dem Abendessen im Korridor traf, in dem Augenblick, als er mit seiner Kerze in der Hand, im Begriffe stand, schlafen zu gehen. »Ich hätte Ihnen so viel zu sagen! Bitte, lieber Herr Abbé, treten Sie doch einen Augenblick bei mir ein.« Der Abbé hieß ihn mit einer Geberde schweigen; dann sagte er mit sehr leiser Stimme: »Haben Sie nicht den Abbé Paparelli im ersten Stock bemerkt? Er ging uns nach.« Pierre begegnete im Hause oft dem Schleppträger, dessen schlaffes Gesicht und tückisch stöbernde Miene, die ihn einer alten Jungfer im schwarzen Rock ähneln ließen, ihm höchlich mißfielen. Aber er ließ sich durch ihn nicht beunruhigen und war über die Frage überrascht. Uebrigens war Don Vigilio, ohne seine Antwort abzuwarten, an das Ende des Korridors zurückgekehrt und horchte lange Zeit. Dann kehrte er leise wie eine Katze zurück, blies sein Licht aus und trat mit einem Satze bei seinem Nachbar ein. »So, da sind wir,« murmelte er, als die Thür sich geschlossen hatte. Aber wenn es Ihnen recht ist, bleiben wir nicht in diesem Salon; gehen wir in Ihr Schlafzimmer. Zwei Wände sind besser als eine.« Endlich, als die Lampe auf den Tisch gestellt worden war und beide im Hintergrunde dieses farblosen Zimmers saßen, dessen flachsgraue Tapete, ungleiche Möbel, kahler Fußboden und kahle Wände die Schwermut alter, verblichener Sachen besaßen, bemerkte Pierre, daß der Abbé die Beute eines noch heftigeren Fieberanfalles als gewöhnlich war. Sein kleiner, magerer Körper zitterte vor Kälte, und die glühenden Augen in seinem armen, gelben, verwüsteten Gesicht hatten noch nie so dunkel gebrannt. »Sind Sie leidend? Ich habe nicht die Absicht, Sie zu ermüden.« »Leidend! Ach ja, mein Leib brennt wie Feuer. Aber im Gegenteil, ich will reden ... Ich kann nicht mehr, ich kann nicht mehr! Früher oder später muß man sich das Herz erleichtern.« Wollte er sich von seiner Krankheit abziehen? Wollte er sein langes Schweigen brechen, um nicht daran den Erstickungstod zu sterben? Er ließ sich sofort die Schritte erzählen, die Pierre in den letzten Tagen unternommen und regte sich noch mehr auf, als er erfuhr, in welcher Art und Weise der Kardinal Sarno, Monsignore Fornaro und Pater Dangelis den Besucher empfangen hatten. »Ja wohl, ja wohl! Mich wundert nichts mehr, aber trotzdem empört es mich Ihretwegen. Ja, es geht mich nichts an und es macht mich krank, denn es erweckt mein ganzes eigenes Elend!... Auf den Kardinal Sarno, der abseits, stets in der Ferne lebt und nie jemand geholfen hat, darf man nicht zählen. Aber dieser Fornaro, dieser Fornaro!« »Er kam mir sehr liebenswürdig, sogar wohlwollend vor und ich glaube wirklich, daß er infolge unserer Unterredung seinen Bericht sehr mildern wird.« »Er! Je zärtlicher er sich gezeigt hat, desto mehr wird er Sie belasten. Er wird Sie aufessen, er wird sich an dieser leichten Beute mästen. Ah, Sie kennen ihn nicht, den Herrlichen! Er liegt unablässig auf der Lauer, um sein Glück aus dem Unglück armer Teufel zu bauen, deren Niederlage, wie er weiß, den Mächtigen angenehm sein muß! Da ist mir der andere, der Pater Dangelis lieber. Er ist ein schrecklicher Mann, aber wenigstens offen und mutig und ein überlegener Geist. Ich füge hinzu, daß dieser Sie wie eine Handvoll Stroh verbrennen würde, wenn er der Herr wäre ... O, wenn ich Ihnen alles sagen könnte, wenn ich Sie mit mir in die furchtbaren Tiefen dieser Welt eintreten ließe, wenn ich Ihnen die ungeheuerlichen, ehrgeizigen Gelüste, die abscheulichen Verwicklungen der Intriguen, die Bestechlichkeit, die Feigheit, die Verrätereien, sogar Verbrechen zeigen würde!« Als Pierre sah, wie er sich durch die Flamme eines so tiefen Grolles derart erhitzte, fiel es ihm ein, jene Auskünfte aus ihm herauszulocken, die er bisher vergeblich gesucht hatte. »Sagen Sie mir wenigstens, wie meine Angelegenheit steht. Als ich Sie gleich nach meiner Ankunft fragte, antworteten Sie mir, daß dem Kardinal noch gar kein Aktenstück zugekommen sei. Aber die Prozeßakten sind zusammengestellt. Sie haben davon Kenntnis, nicht wahr?... Und bei dieser Gelegenheit: Monsignore Fornaro hat von drei französischen Bischöfen gesprochen, die mein Buch angezeigt und dessen Verfolgung gefordert haben sollen. Drei Bischöfe! Ist das möglich?« Don Vigilio zuckte heftig die Achseln. »Ah, Sie sind eine schöne Seele! Mich wundert es, daß es nur drei sind ... Ja, mehrere Akten Ihres Prozesses sind in meinen Händen; übrigens konnte ich mir wohl denken, was das für ein Prozeß sein konnte, Ihr Prozeß. Die drei Bischöfe sind erstens der Bischofs von Tarbes, der offenbar die Rache der Väter von Lourdes ausführt, dann die Bischöfe von Poitiers und Evreux, beide wegen ihrer ultramontanen Intransigenz bekannt, leidenschaftliche Gegner des Kardinals Bergerot. Der letztere ist, wie Sie wissen, im Vatikan, wo seine gallikanischen Ideen, sein sehr liberaler Geist wahre Zornausbrüche erregen, schlecht angeschrieben ... Suchen Sie gar nicht anderwärts; dort steckt das Ganze. Es ist eine Hinrichtung, die die allmächtigen Väter von Lourdes vom heiligen Vater fordern, abgesehen davon, daß man durch Ihr Buch den Kardinal anzugreifen wünscht – dank jenem Zustimmungsbrief, den er Ihnen so unklugerweise geschrieben hat, und den Sie als Vorwort veröffentlichten ... Seit langer Zeit sind die Verdammungen des Index unter Geistlichen oft nichts anderes als im Dunkeln ausgetauschte Keulenhiebe. Die Angeberei herrscht als unumschränkte Gebieterin und dann folgt das Gesetz der Willkür. Ich könnte Ihnen unglaubliche Thatsachen, unschuldige Bücher anführen, die unter hundert anderen gewählt wurden, um einen Gedanken oder einen Menschen zu töten; denn hinter dem Verfasser zielt man fast immer auf einen Höheren und Ferneren. Es ist das ein solches Ränkenest, eine solche Quelle von Mißbrauch, wo der niedrige, persönliche Groll befriedigt wird, daß die Institution des Index zusammenbricht und man sogar hier, in der Umgebung des Papstes, die unbedingte Notwendigkeit fühlt, sie demnächst von neuem zu regeln, wenn man nicht will, daß sie vollständig in Verruf gerät ... Gewiß, ich verstehe es, daß man sich daraus steift, die Weltherrschaft zu bewahren, mit allen Waffen zu regieren. Aber dann müssen es mögliche Waffen sein; dann dürfen sie nicht durch die Unverschämtheit ihrer Ungerechtigkeit empören und durch ihre alte Kinderei nicht ein Lächeln erwecken!« Pierre hörte zu; ein schmerzliches Erstaunen hatte sein Herz ergriffen. Gewiß, seit er in Rom war, seit er sah, wie die Väter der Grotte hier gegrüßt und gefürchtet wurden, wie sie durch die großen Gaben, die sie dem Peterspfennig sandten, die Herren waren, fühlte er, daß sie hinter der Verfolgung standen; er erriet, daß er jene Seite seines Buches bezahlen werde müssen, wo er feststellte, daß in Lourdes ein sündhaftes Verrücken des Schicksals, ein furchtbares, Zweifel an Gott erweckendes Schauspiel, eine fortwährende Aufreizung zum Kampf stattfinde, die in der wirklich christlichen Gesellschaft von morgen verschwinden würde. Es fehlte ihm jetzt sogar nicht mehr das Verständnis für das Aergernis, das seine eingestandene Freude über den Verlust der weltlichen Herrschaft und vor allem jenes unglückliche Wort von der neuen Religion erregt haben mußte, das an und für sich genügte, die Angeber zu bewaffnen. Was ihn aber in Erstaunen und Verzweiflung versetzte, war die unerhörte Kunde, daß der Brief dem Kardinal Bergerot als Verbrechen angerechnet, daß sein Buch denunzirt und verdammt wurde, um den ehrwürdigen Hirten, den man nicht von vorne anzugreifen wagte, von rückwärts zu treffen. Der Gedanke, daß er den heiligen Mann betrübe, daß er für ihn die Ursache einer Niederlage in seiner feurigen Nächstenliebe sei, war ihm sehr schmerzlich. Und wie traurig, im Hintergrunde dieser Streitigkeiten, wo nur die Liebe zum Armen kämpfen dürfte, die häßlichsten Geldfragen, die im wütendsten Egoismus entfesselten Leidenschaften und Begierden zu finden! Dann entstand in Pierre eine Empörung gegen diesen verhaßten, albernen Index. Er verfolgte jetzt seine Wirksamkeit, von der Denunziation bis zum öffentlichen Anschlägen der verdammten Bücher. Den Sekretär der Kongregation hatte er eben gesehen – den Pater Dangelis, in dessen Hände die Denunziation gelangte, der daraufhin mit der Leidenschaft des autoritativen und gelehrten Mönches, erfüllt von dem Traum, die Geister und das Gewissen wie in den heroischen Zeiten der Inquisition zu beherrschen, den Prozeß einleitete und die Akten zusammenstellte. Von den geistlichen Räten hatte er einen besucht, den mit der Berichterstattung über sein Buch betrauten, so ehrgeizigen und so liebenswürdigen Monsignore Fornaro; das war ein spitzfindiger Theolog, der nicht verlegen gewesen wäre, Angriffe gegen den Glauben in einer algebraischen Abhandlung zu finden, wenn es die Sorge um sein Schicksal gefordert hätte. Dann kamen die seltenen Versammlungen der Kardinäle, die von Zeit zu Zeit abstimmten und in der schwermütigen Verzweiflung, nicht alle feindlichen Bücher unterdrücken zu können, eines unterdrückten; und endlich billigte und unterzeichnete der Papst das Dekret, was eine reine Formsache war – waren denn nicht alle Bücher strafbar? Aber welch seltsamer und kläglicher Zwinger der Vergangenheit war dieser gealterte, gebrechliche, kindisch gewordene Index! Man fühlte, welche furchtbare Macht er einst gewesen sein mochte, als die Bücher selten waren und die Kirche Blut- und Feuergerichte besaß, um ihre Urteile auszuführen. Dann hatten sich die Bücher so vervielfältigt und der geschriebene, gedruckte Gedanke war ein so tiefer, so breiter Strom geworden, daß dieser Strom alles überschwemmt, alles mitgerissen hatte. Der entartete, von Ohnmacht befallene Index sah sich jetzt auf die eitle Demonstration beschränkt, die gewaltige moderne Erzeugung in Bausch und Bogen zu verdammen, beschränkte das Feld seiner Thätigkeit immer mehr und hielt sich einzig und allein an die Prüfung der Werke von Geistlichen. Aber auch in dieser Rolle war er verdorben, von den schlimmsten Leidenschaften besteckt, in ein Werkzeug der Ränke, des Hasses, der Rache verwandelt worden. Ach, diese Zerstörung, dieses traurige Bekenntnis gebrechlichen Alters, allgemeiner, wachsender Lähmung inmitten der spöttischen Gleichgiltigkeit der Völker! Der Katholizismus, der einstige glorreiche Vermittler der Zivilisation, war dahin gekommen, die Bücher haufenweise in das Feuer seiner Hülle zu weisen! Und welch ein Haufen war das! Fast die ganze Literatur, Geschichte, Philosophie und Wissenschaft der vergangenen Jahrhunderte und des jetzigen! Gegenwärtig werden wenige Bücher veröffentlicht, die nicht unter den Bannstrahl der Kirche geraten würden. Wenn sie die Augen zu schließen scheint, so geschieht es, um der unmöglichen Aufgabe, alles zu verfolgen und alles zu zerstören, aus dem Wege zu gehen; dennoch beharrt sie dabei, den Schein ihrer höchsten Gewalt über die Geister zu bewahren – wie eine sehr alte, ihrer Staaten entsetzte Königin ohne Richter und Henker, die trotzdem fortfährt, eitle, von einer geringen Minderheit angenommene Urteile zu erlassen. Aber man nehme nur an, daß sie, einen Augenblick Siegerin, durch ein Wunder die Herrin der modernen Welt werden würde; man frage sich, was sie aus dem menschlichen Gedanken machen würde, wenn sie Tribunale zum Verdammen, Gendarmen zum Vollstrecken besäße. Man nehme an, daß die Regeln des Index streng angewendet würden, ein Drucker ohne Zustimmung des Bischofs nichts in Druck bringen könnte, alle Bücher sodann der Kongregation überwiesen würden, die Vergangenheit gereinigt, die Gegenwart geknebelt, der geistigen Schreckensherrschaft unterworfen werden würde. Würde das nicht die Schließung der Bibliotheken, die Einkerkerung der langen Erbschaft des geschriebenen Gedankens, die Verrammlung der Zukunft, das vollständige Stocken jeden Fortschritts und jeder Eroberung bedeuten? Ein furchtbares Beispiel dieses verhängnisvollen Experimentes bietet in unseren Tagen Rom mit seinem erkalteten Boden, seinem erstorbenen, durch Jahrhunderte päpstlicher Herrschaft getöteten Mark, Rom, das so unfruchtbar geworden ist, daß nach fünfundzwanzig Jahren des Erwachens und der Freiheit noch kein einziger Mann, kein einziges Werk darin entstehen konnte. Aber wer würde das erkennen – nicht unter den revolutionären, sondern unter den frommen Geistern von einiger Bildung und einigem Umfang? Alles bricht im Kindischen und Thörichten zusammen. Eine tiefe Stille herrschte und Pierre, den diese Betrachtungen ganz verstörten, machte eine verzweifelte Geberde, als er den stumm vor ihm sitzenden Don Vigilio ansah. Einen Augenblick schwiegen beide in der Unbeweglichkeit des Todes, die aus dem alten, schlummernden Palast aufstieg, inmitten dieses geschlossenen Zimmers, das die Lampe mit ruhigem Licht erhellte. Dann beugte sich Don Vigilio funkelnden Blickes vor und hauchte, von einem leichten Schauer seines Fiebers geschüttelt: »Sie wissen, hinter allem stecken sie, immer nur sie.« Pierre, der ihn nicht verstand, geriet über dieses zerstreute, scheinbar ohne Uebergang ausgesprochene Wort in etwas unruhiges Erstaunen. »Wer sind sie?« »Die Jesuiten!« Der abgemagerte, gelb gewordene kleine Priester hatte in diesen Schrei die angesammelte Wut seiner nun losbrechenden Leidenschaft gelegt. Ah, desto schlimmer, wenn er eine neue Dummheit beging! Das Wort war endlich heraus! Dennoch warf er einen letzten Blick voll rasenden Trotzes rings über die Wände. Dann machte er sich Luft in einem langen Wortschwall, der um so unwiderstehlicher war, als er ihn schon lange in sich zurückgedrängt hatte. »Ach, die Jesuiten, die Jesuiten! ... Sie glauben sie zu kennen und haben nicht einmal eine Ahnung von ihren abscheulichen Thaten oder ihrer unberechenbaren Macht. In allem stecken nur sie, überall sie, immer sie. Sagen Sie sich das, sobald Sie zu verstehen aufhören und verstehen wollen. Wenn Ihnen ein Schmerz, ein Unglück zustoßen wird, wenn Sie leiden, wenn Sie weinen werden, denken Sie sofort: ›Das sind sie, sie stecken dahinter.‹ Ich bin nicht sicher, ob nicht einer unter diesem Bett, in diesem Schrank steckt. Ach, die Jesuiten, die Jesuiten! Sie haben mich, mich verzehrt und verzehren mich noch – sie werden sicherlich nichts von meinem Fleisch oder von meinen Knochen übrig lassen!« Mit seiner abgebrochenen Stimme erzählte er seine Geschichte, seine hoffnungsvolle Jugend. Er war von kleinem Provinzadel, besaß hübsche Renten und einen sehr lebhaften, sehr geschmeidigen, der Zukunft zulächelnden Geist. Heute wäre er sicherlich Prälat und aus dem Wege zu den hohen Aemtern, aber er hatte das alberne Unrecht begangen, schlecht von den Jesuiten zu sprechen und ihnen bei zwei oder drei Gelegenheiten zuwider zu handeln. Von da an hatten sie, wenn man ihm glauben sollte, alles erdenkliche Unglück auf ihn herabregnen lassen: sein Vater und seine Mutter waren gestorben, sein Bankier hatte die Flucht ergriffen, die guten Stellen entschlüpften ihm, sowie er sich anschickte, sie einzunehmen, das ärgste Mißgeschick verfolgte ihn in seinem heiligen Amte, so daß er sich suspendiren lassen mußte. Erst seit dem Tage, da der Kardinal Boccanera, sich seines Unglücks erbarmend, ihn aufgenommen und in seinen persönlichen Dienst genommen halte, genoß er ein wenig Ruhe. »Hier ist meine Zuflucht, mein Asyl. Sie verwünschen Seine Eminenz, der nie mit ihnen gehalten hat, aber sie haben noch nicht gewagt, ihn oder seine Leute anzugreifen. O, ich gebe mich keiner Täuschung hin, sie werden mich doch noch erwischen. Vielleicht werden sie unser heutiges Gespräch erfahren und es mich sehr teuer bezahlen lassen. Denn es ist unrecht von mir, zu sprechen – ich spreche wider meinen Willen. Sie haben mir alles Glück gestohlen, sie haben mir alles mögliche Unglück zugezogen – alles, alles, hören Sie!« Ein wachsendes Unbehagen überkam Pierre. »Ei,« rief er, indem er sich zu einem Scherz zwang, »die Jesuiten haben Ihnen doch nicht das Fieber zugezogen?« »Gewiß thaten sie es!« bestätigte Don Vigilio heftig. »Ich habe es mir am Tiberufer zugezogen, als ich eines Abends dort vor Kummer weinte, weil man mich von der kleinen Kirche, die ich versah weggejagt hatte.« Bisher hatte Pierre an die schreckliche Legende von den Jesuiten nicht geglaubt. Er gehörte einer Generation an, die über Werwölfe lächelte und die spießbürgerliche Furcht vor den berühmten schwarzen Männern, die in den Mauern versteckt waren und die Familien erschreckten, ein wenig albern fand. Für ihn waren das durch politische und religiöse Leidenschaften übertriebene Ammenmärchen. Aus diesem Grunde betrachtete er Don Vigilo bestürzt, denn die Furcht ergriff ihn, ob er es nicht mit einem Irren zu thun habe. Dennoch zog die außerordentliche Geschichte der Jesuiten an ihm vorüber. Wenn der heilige Franz von Assisi und der heilige Dominikus die Seele und der Geist, die Herren und Erzieher des Mittelalters sind, indem der eine den ganzen menschenfreundlichen, feurigen Glauben der Einfältigen ausdrückte und der andere das Dogma verteidigte, die Lehre für die Verständigen und Mächtigen feststellte, so erschien Ignatius von Loyola an der Schwelle der modernen Zeiten, um die düstere, gefährdete Erbschaft zu retten. Er bequemte die Religion den neuen Gesellschaften an, er gab ihr von neuem das Reich der entstehenden Welt. Von da an schien das Experiment gemacht zu sein; Gott sollte in seinem intransigenten Kampf gegen die Sünde besiegt werden; denn es stand fortan fest, daß die ehemalige Absicht, die Natur zu unterdrücken, im Menschen den Menschen mit seinen Gelüsten, seinen Leidenschaften, seinem Herzen und Blut zu töten, nur zu einer verhängnisvollen Niederlage führen konnte. Die Kirche stand im Begriffe, bei dieser Niederlage unterzugehen, und da sind es die Jesuiten, die sie aus dieser Gefahr reißen, die sie dem Erobererleben zurückgaben, indem sie entscheiden, daß sie jetzt der Welt entgegen gehen muß, da die Welt nicht mehr zu ihr gehen zu wollen scheint. Dann liegt alles. Sie erklären, daß es mit dem Himmel Abkommen gibt; sie beugen sich den Sitten, den Vorurteilen, sogar den Lastern; sie lächeln, sind willfährig, in keiner Hinsicht streng, liebenswürdig, diplomatisch, bereit, die ärgsten Greuel zur größten Ehre Gottes zu drehen. Ihr Sammelruf, ihre nachgiebige Moral – die Moral, die man ihnen zum Verbrechen angerechnet hat – ist, daß alle Mittel dem Zweck heilig sind, wenn der Zweck das Interesse Gottes selbst ist, dargestellt durch das der Kirche. Und deshalb – welch furchtbarer Erfolg! Sie vermehren sich, sie bedecken bald die Erde, werden überall die unbestrittenen Herren. Sie hören Königen die Beichte; sie erwerben ungeheure Reichtümer; sie sind eine so siegreiche Einfallsmacht, daß sie in kein Land, mag es noch so klein sein, den Fuß setzen können, ohne es bald ganz mit seinen Seelen, Leibern, seiner Macht und seinem Reichtum, zu besitzen. Vor allem gründen sie Schulen; sie sind unvergleichliche Gehirnkneter, denn sie haben begriffen, daß die Macht immer dem Morgen, den aufwachsenden Geschlechtern gehört, deren Herr man bleiben muß, wenn man ewig herrschen will. Ihre auf der Notwendigkeit eines Vergleiches mit der Sünde gegründete Macht ist derart, daß sie am Tage nach dem Konzil von Trient den Geist des Katholizismus umwandeln, ihn durchdringen und mit sich identifiziren, die unentbehrlichen Krieger des Papsttums sind, das von ihnen und für sie lebt. Seither gehört Rom ihnen – Rom, wo ihr General so lange befohlen hat, von wo so lange Zeit die Losungsworte jener dunklen, genialen Taktik ausgingen. Sie wurde blindlings von ihrem unzählbaren Heer befolgt, dessen geschickte Organisation, dessen sammetweiche, in der Leitung der armen, leidenden Menschheit erfahrene Hand den Erdball mit einem eisernen Netz bedeckt. Aber das Wunder bei all dem ist noch die verblüffende Lebenskraft der unablässig verfolgten, verdammten, vertriebenen und trotzdem aufrecht stehenden Jesuiten. Seit ihre Macht entschieden wird, beginnt ihre Mißliebigkeit und wird nach und nach allgemein. Ein Hohngeschrei von Verwünschungen, abscheuliche Anklagen, schändliche Prozesse erheben sich gegen sie. in denen sie als Verderber und Uebelthäter erscheinen. Pascal weiht sie der öffentlichen Verachtung. Parlamente verdammen ihre Bücher zum Verbrennen, Universitäten verwerfen ihre Moral und ihre Lehre wie Gift. In jedem Reiche erregen sie solche Unruhen, solche Kämpfe, daß die Jesuitenverfolgung sich organisirt und sie bald von überall verjagt werden. Länger als ein Jahrhundert irren sie umher, werden ausgetrieben, wieder zurückberufen, gehen über die Grenze und wieder zurück, verlassen ein Land inmitten von Haßgeschrei und lehren wieder, sobald Beruhigung eingetreten ist. Zuletzt, nachdem ein Papst sie unterdrückt hatte, – das war ihr höchstes Unglück – wurden sie von einem andern wieder eingesetzt und werden seit jener Zeit so ziemlich geduldet; in dem diplomatischen Zurücktreten, dem freiwilligen Dunkel, in dem sie klugerweise leben, triumphiren sie nichtsdestoweniger mit ruhiger, siegesgewisser Miene, wie Krieger, die die Erde für immer erobert haben. Pierre wußte, daß sie heutzutage, wenn man nur nach dem äußeren Schein urteilte, aus dem Besitz von Rom vertrieben waren. Sie verwalteten nicht mehr die Jesuitenkirche, leiteten nicht mehr das Collegium Romanum, wo sie so viele Seelen gemodelt hatten, und haben sich, ohne ein eigenes Heim zu besitzen, auf fremde Gastlichkeit angewiesen, bescheiden in das Collegium Germanicum zurückgezogen, in dem sich eine kleine Kapelle befand. Dort lehrten und hörten sie noch die Beichte, aber ohne Aufsehen, ohne die fromme Pracht des Il Gesu, ohne die blendenden Erfolge des Collegium Romanum. Muß man sonach glauben, daß sie aus höchster Gewandtheit, aus List verschwinden, um die geheimen und allmächtigen Herren, der verborgene, alles leitende Wille zu bleiben? Es hieß wohl, daß die Verkündigung der Unfehlbarkeit des Papstes ihr Werk, die Waffe sei, mit der sie sich selbst bewappneten, während sie sich stellten, als bewappneten sie das Papsttum für die nahen, entscheidenden Ausgaben am Vorabend großer sozialer Umwälzungen, die ihr Genius voraussah. Dann war also jene geheime Oberhoheit, von der Don Vigilio mit geheimnisvollem Erschauern erzählte, jene Beschlagnahme der Regierung der Kirche, jene unbekannte und vollständige Herrschaft im Vatikan vielleicht wahr. Im Geiste Pierres war eine geheime Ideenverbindung entstanden. »Monsignore Nani ist also Jesuit?« fragte er plötzlich. Dieser Name schien Don Vigilio wieder seiner ganzen unruhigen Leidenschaft auszuliefern. Er machte eine zitternde Handbewegung. »Er! O, er ist viel zu schlau, viel zu gewandt, um in den Orden zu treten. Aber er kommt aus jenem Collegium Romanum, wo seine Generation gebildet wurde; er hat den Genius der Jesuiten eingesogen, der so genau zu seinem eigenen paßte. Wenn er auch begriffen hat, wie gefährlich es ist, sich durch eine mißliebige und störende Livree zu kennzeichnen, wenn man frei sein will, so ist er deshalb nicht weniger Jesuit. O, Jesuit bis ins Innerste, bis in die Knochen, bis in die Seele, und zwar aufs vollendetste. Er hat offenbar die Ueberzeugung, daß die Kirche nur siegen kann, wenn sie sich der Leidenschaften der Menschen bedient; dabei liebt er sie aufrichtig, ist im Grunde sehr fromm, ein sehr guter Priester und dient Gott ohne Schwäche für die unumschränkte Macht, die er seinen Dienern gibt. Außerdem ist er bezaubernd, weder einer Roheit noch einer Sünde fähig, wird durch die Reihe der edlen Venetianer, die er hinter sich hat, begünstigt, besitzt durch seine Weltkenntnis, da er in Wien, in Paris, in den Nuntiaturen viel in Gesellschaft verkehrt hat, eine tiefe Einsicht und weiß alles, kennt alles, dank dem heiklen Amte, das er hier seit zehn Jahren als Assessor beim S. Offizio einnimmt ... O, er ist allmächtig! Das ist nicht der verstohlene Jesuit, dessen schwarzer Rock inmitten von Mißtrauen dahingleitet, sondern der Anführer ohne kennzeichnende Uniform, das Haupt, das Gehirn!« Diese Worte machten Pierre nachdenklich, denn es handelte sich nicht mehr um in den Mauern versteckte Männer, um die düsteren Verschwörungen einer romantischen Sekte. Wenn sein Skeptizismus sich auch gegen diese Märchen wehrte, so gab er doch sehr wohl zu, daß eine bequeme, den Bedürfnissen des Kampfes ums Leben entspringende Moral, wie die der Jesuiten, sich der gesamten Kirche eingeimpft hatte und darin vorherrschte. Die Jesuiten selbst konnten verschwinden, ihr Geist würde sie überleben, da er die Waffe zum Kampf, die Hoffnung auf Sieg, die einzige Taktik war, die die Völker wieder unter die Herrschaft Roms bringen konnte. Der Kampf lag in Wirklichkeit in diesem Versuch einer Anbequemung, die sich zwischen der Religion und dem Jahrhundert vollzog. Von nun an begriff er, wie Männer gleich Monsignore Nani eine ungeheure, entscheidende Bedeutung annehmen konnten. »Ach, wenn Sie wüßten, wenn Sie wüßten!« fuhr Don Vigilio fort. »Er ist überall, er hat seine Hand in allem. Sehen Sie, hier, bei den Boccaneras ist gar nichts vorgegangen, bei dem ich ihn nicht dahinter gefunden habe, bei dem er nicht, je nach Bedarf – den er allein kennt – die Fäden verwirrte und entwirrte.« Und in dem unversiegbaren Fieber der Mitteilsamkeit, dessen Krisis ihn verbrannte, erzählte er, wie Monsignore Nani sicher an der Scheidung Benedettas gearbeitet hatte. Die Jesuiten haben, trotz ihres versöhnlichen Geistes, stets eine unversöhnliche Haltung gegen Italien eingenommen, entweder weil sie nicht an der Wiedereroberung Roms verzweifeln, oder weil sie die Stunde abwarten, um mit dem wirklichen Sieger zu verhandeln. So hatte denn Nani, schon lange ein Vertrauter Donna Serafinas, dieser geholfen, ihre Nichte zurück zu nehmen und den Bruch mit Prada zu beschleunigen, sobald Benedetta ihre Mutter verloren hatte. Er war es, der, um den Abbé Pisoni, diesen patriotischen Pfarrer, den Beichtvater des jungen Mädchens, den man beschuldigte, diese Heirat bewirkt zu haben, zu verdrängen, Benedetta antrieb, sich den Beichtvater ihrer Tante zu nehmen. Das war der Jesuitenpater Lorenzo, ein schöner Mann mit klaren und wohlwollenden Augen, dessen Beichtstuhl in der Kapelle des Collegium Germanum belagert war. Es schien festzustehen, daß dieses Manöver die ganze Sache entschieden hatte: was ein Pfarrer für Italien gethan hatte, sollte ein Pater gegen Italien rückgängig machen. Aber warum schien nun Nani, nachdem er derart den Bruch vollzogen, einen Augenblick daran das Interesse zu verlieren, so daß er das Gesuch um Annullirung der Ehe gefährden ließ? Und warum beschäftigte er sich jetzt wieder damit, indem er Monsignore Palma laufen ließ, Donna Serafina ins Feld führte und selbst auf die Kardinäle der Konzilskongregation einen Druck übte? Es gab da dunkle Punkte, wie in allem, womit er sich beschäftigte; denn er war vor allem der Mann weitreichender Kombinationen. Man konnte jedoch annehmen, daß er die Heirat Benedettas und Darios beschleunigen wollte, um den abscheulichen Klatschereien der weißen Gesellschaft ein Ende zu machen; denn sie beschuldigte Vetter und Base, daß sie im Palaste selbst, unter dem nachsichtsvollen Auge ihres Oheims, des Kardinals, nur ein Bett besäßen. Vielleicht war aber auch diese um den Preis des Geldes und durch den Druck offenkundigster Einflüsse erreichte Scheidung ein beabsichtigter, zuerst in die Länge gezogener und jetzt beschleunigter Skandal, um dem Kardinal selbst zu schaden, dessen sich die Jesuiten möglicherweise für einen nahen Zeitumstand entledigen mußten. »Ich neige dieser Annahme sehr zu, um so mehr, als ich heute abend erfahren habe, daß der Papst leidend war,« schloß Don Vigilio. »Bei einem bald vierundachtzigjährigen Greise ist eine plötzliche Katastrophe möglich; der Papst kann keinen Schnupfen mehr haben, ohne daß das ganze heilige Kollegium und die Prälatenschaft in Aufruhr gerät, von dem plötzlichen Kampf der Leidenschaften erregt wird ... Nun haben die Jesuiten die Kandidatur des Kardinals Boccanera stets bekämpft. Sie sollten eigentlich von wegen seines Ranges, seiner Intransigenz bezüglich Italiens für ihn sein, aber der Gedanke, sich einen solchen Herrn zu geben, macht sie unruhig; sie finden, daß er eine unzeitige Rauheit, einen heftigen Glauben, eine Ungeschmeidigkeit besitzt, die heutzutage, in der Zeit der Diplomatie, die die Kirche durchmacht, zu gefährlich wäre ... Es würde mich gar nicht wundern, wenn man versuchen würde, ihn in Mißachtung zu bringen, seine Kandidatur mit Hilfe der verstecktesten und schändlichsten Mittel unmöglich zu machen.« Ein leichter Schauer der Furcht begann Pierre zu ergreifen. Die Ansteckung des Unbekannten, der im Dunkeln angezettelten finsteren Ränke wirkte inmitten der nächtlichen Stille, inmitten dieses Palastes am Tiber, inmitten des von legendenhaften Trauerspielen ganz erfüllten Rom noch stärker. Und plötzlich machte er eine jähe Schwenkung zu sich selbst, zu seinem persönlichen Fall. »Aber ich, was soll ich dabei! Warum scheint sich Monfignore Nani für mich zu interessiren? Wieso ist er in den Prozeß verwickelt, der meinem Buche gemacht wird?« Don Vigilio machte eine weite Geberde. »Ach, das weiß man nie, das weiß man nie genau! – – Was ich bestimmt sagen kann, ist, daß er von der Angelegenheit nichts gewußt hat, als bis sich die Anzeigen der Bischöfe von Tarbes, Poitiers und Evreux bereits in den Händen des Pater Dangelis, des Indexsekretärs, befanden. Desgleichen habe ich erfahren, daß er sich hierauf bemüht hat, den Prozeß aufzuhalten, da er ihn ohne Zweifel für unnütz und undiplomatisch hielt. Aber wenn bei der Kongregation einmal etwas anhängig gemacht ward, ist es beinahe unmöglich, es rückgängig zu machen, umsomehr da er gegen den Pater Dangelis gestoßen sein muß, der als treuer Dominikaner ein leidenschaftlicher Gegner der Jesuiten ist. In jenem Augenblick ließ er die Contessina an Herrn de la Choue schreiben, damit dieser Sie zu Ihrer Verteidigung herbeieilen heiße und damit Sie während Ihres Aufenthaltes die Gastfreundschaft dieses Palastes annehmen sollten.« Diese Enthüllung regte Pierre vollends auf. »Sind Sie dessen sicher?« »O, ganz sicher. Ich hörte ihn an einem Montag von Ihnen reden und sagte Ihnen ja bereits, daß er Sie genau zu kennen scheine, als hätte er sich einer eingehenden Untersuchung hingegeben. Meiner Ansicht nach hatte er Ihr Buch gelesen, und hat es ihn außerordentlich nachdenklich gemacht.« »Sie glauben also, daß er meine Ideen teilt? Daß er aufrichtig ist und sich selbst verteidigt, indem er sich bemüht, mich zu verteidigen?« »O, nein, nein, keineswegs – Ihre Ideen verwünscht er sicherlich, und ebenso Ihr Buch und Sie selbst! Man muß seine Geringschätzung der Schwachen, seinen Haß gegen die Armen, seine Liebe zur Macht, zur Herrschaft kennen, die sich hinter seiner schmeichelnden Liebenswürdigkeit verstecken. Lourdes würde er Ihnen noch überlassen, obwohl darin eine wunderbare Regierungswaffe liegt, aber nie wird er es Ihnen verzeihen, daß Sie auf der Seite der Kleinen dieser Welt sind und sich gegen die weltliche Herrschaft aussprechen. Wenn Sie hören würden, wie er sich mit anmutiger Grausamkeit über Herrn de la Choue lustig macht, den er die elegische Trauerweide des Neukatholizismus nennt.« Pierre griff mit beiden Händen an seine Schläfen und preßte sich verzweifelt den Kopf zusammen. »Warum also, warum? Ich bitte Sie, sagen Sie es mir! Warum ließ er mich herkommen, warum wollte er mich in diesem Hause, zu seiner völligen Verfügung haben? Warum führt er mich seit drei Monaten in Rom spazieren, wozu läßt er mich an Hindernisse stoßen, wozu will er mich ermüden, da es ihm doch so leicht war, mein Buch, wenn es ihn stört, vom Index unterdrücken zu lassen? Freilich hätte ich die Sache nicht so ruhig vorübergehen lassen, denn ich war willens, mich nicht zu unterwerfen, meinen neuen Glauben laut zu bekennen, selbst gegen die Beschlüsse Roms.« Die schwarzen Augen in dem gelben Gesichte Don Vigilios funkelten. »Eh, vielleicht hat er das eben nicht gewollt. Er weiß, daß Sie sehr intelligent und sehr schwärmerisch sind, und ich habe ihn oft sagen hören, daß man gegen Intelligenz und Schwärmerei nicht von vorne aus kämpfen darf.« Aber Pierre hatte sich erhoben und hörte nicht einmal mehr zu; wie von der Verwirrung seiner Gedanken gejagt, schritt er durchs Zimmer. »Hören Sie, ich muß alles wissen und verstehen, wenn ich den Kampf fortsetzen will. Sie werden mir die Gefälligkeit erweisen, mich eingehend über jede der Persönlichkeiten aufzuklären, die mit meinem Prozeß in Verbindung stehen. Jesuiten, überall Jesuiten! Mein Gott, ich sehe es ein, Sie haben vielleicht Recht. Aber Sie müssen mir die Abstufungen schildern. Dieser Fornaro zum Beispiel?« »Monsignore Fornaro? O, er ist alles, was man will. Aber er ist ebenfalls im Collegium Romanum erzogen worden und seien Sie überzeugt, daß er Jesuit ist. Jesuit durch Erziehung, durch seine Stellung, durch seinen Ehrgeiz. Er brennt darnach, Kardinal zu werden, und wenn er eines Tages Kardinal ist, wird er darnach brennen, Papst zu werden. Alle sind sie Kandidaten der Papstwürde, vom Seminar ab.« »Und Kardinal Sanguinetti?« »Jesuit, Jesuit! Verstehen wir uns: er ist es gewesen, dann nicht mehr gewesen und ist es sicherlich von Neuem. Sanguinetti hat mit allen Mächten kokettirt. Lange hat man geglaubt, daß er für die Versöhnung des heiligen Stuhles mit Italien ist; dann hat sich die Lage verschlimmert und er nahm heftig Partei gegen die Usurpatoren. Ebenso hat er sich mehrmals mit Leo XIII. überworfen, dann Frieden mit ihm gemacht und lebt jetzt mit dem Vatikan auf diplomatisch zurückhaltendem Fuß. Mit einem Wort, er kennt nur ein Ziel, die Tiara; aber er zeigt es zu sehr, das nützt einen Kandidaten ab. Im Augenblick scheint sich jedoch der Kampf auf ihn und den Kardinal Boccanera zu beschränken. Aus diesem Grunde hat er sich mit den Jesuiten ausgesöhnt, nützt ihren Haß gegen seinen Nebenbuhler aus und rechnet darauf, daß sie, um diesen zu umgehen, ihn unterstützen werden müssen. Ich zweifle daran, denn ich halte sie für viel zu schlau; sie werden zögern, einen schon so bloßgestellten Kandidaten zu begönnern. Er, der leidenschaftliche, hochmütige Wirrkopf zweifelt nicht, und da er, wie Sie sagen, in Frascati ist, bin ich überzeugt, daß er sich gleich nach der Nachricht von der Erkrankung des Papstes zu einem taktischen Zweck beeilt hat, sich dort einzuschließen.« »Nun, und der Papst selbst, Leo XIII.?« Don Vigilio zögerte ein Weilchen; seine Lider zuckten leicht. »Leo XIII.? Jesuit, Jesuit! O, ich weiß, es heißt, daß er zu den Dominikanern hält, und wenn man will, ist das wahr; er glaubt, von ihrem Geiste beseelt zu sein, hat den heiligen Thomas wieder zu Ehren gebracht, auf seiner Doktrin die ganze geistliche Lehre wieder hergestellt. Aber man kann auch Jesuit sein, ohne es zu wollen, ohne es zu wissen; der jetzige Papst wird das berühmteste Beispiel dafür sein. Studiren Sie doch seine Handlungen, geben Sie sich über seine Politik Rechenschaft: Sie werden darin die Ausströmung, die Thätigkeit der Jesuitenseele selbst sehen. Das kommt daher, weil er unbewußt davon durchtränkt ist, weil alle Einflüsse, die direkt oder indirekt auf ihn wirken, von diesem Herde ausgehen. Warum glauben Sie mir nicht? Ich wiederhole, sie haben alles erobert, alles aufgesogen – Rom gehört ihnen, von dem niedersten Schreiber an bis zu Seiner Heiligkeit selbst!« Er sprach weiter und beantwortete jeden neuen Namen, den Pierre anführte, mit dem störrischen, wahnsinnigen Schrei: »Jesuit, Jesuit!« Es schien, daß man in der Kirche nichts anderes mehr sein könne, daß die Wahrheit dieser Erklärung von einem Klerus dargethan wird, der gezwungen war, sich mit der neuen Welt zu vertragen, wenn er seinen Gott retten wollte. Die Heldenzeit des Katholizismus war beendet; er konnte fortan nur noch durch Schlauheit und List, durch Zugeständnisse und Anbequemung leben. »Und dieser Paparelli – ein Jesuit, ein Jesuit!« fuhr Don Vigilio fort, indem er instinktiv die Stimme senkte. »O, das ist der schreckliche, bescheidene Jesuit, der Jesuit in seiner abscheulichsten Art, als Späher und Verderber! Ich wollte schwören, daß man ihn hergesetzt hat, um Seine Eminenz zu überwachen, und man muß nur sehen, mit welch genialer Fügsamkeit und Hinterlist er seine Aufgabe erfüllt hat: einzig sein Wille herrscht; er öffnet die Thür nur dem, der ihm paßt, benützt seinen Herrn wie sein Eigentum, übt auf jeden seiner Entschlüsse einen Druck aus, kurz, hat ihn durch ein langsames, stündliches Ansichreißen in seinen Besitz bekommen. Ja, dieser einfache, so geringe Abbé, dieser Schleppträger, dessen Amt es ist, wie ein treuer Hund zu den Füßen seines Kardinals zu sitzen, der aber in Wirklichkeit über ihn herrscht und ihn treibt, wohin er will – das ist die Eroberung des Löwen durch das Insekt, das ist das unendlich Kleine, das über das unendlich Große verfügt. – Ach, der Jesuit, der Jesuit! Hüten Sie sich vor ihm, wenn er mit seinem schlaffen, runzligen Frömmlergesicht wie eine alte Frau im schwarzen Rock geräuschlos in seiner ärmlichen Sutane vorübergeht. Sehen Sie nach, ob er nicht hinter den Thüren, in den Schränken, unter den Betten steckt. Ich sage Ihnen, sie werden Sie so auffressen, wie sie mich aufgefressen haben und sie werden Ihnen auch das Fieber, die Pest auf den Hals jagen, wenn Sie sich nicht in acht nehmen!« Pierre blieb plötzlich vor dem Priester stehen. Er verlor den Boden unter den Füßen. Furcht und Zorn ergriffen ihn vollends. Nach all dem mußten diese außerordentlichen Geschichten wahr sein. Warum sollten es sie denn nicht sein? »Aber dann geben Sie mir doch einen Rat!« rief er. »Ich habe Sie heute abend doch eigens gebeten, bei mir einzutreten, weil ich nicht mehr weiß, was ich thun soll, weil ich das Bedürfnis fühlte, auf den rechten Weg gewiesen zu werden.« Er hielt inne und nahm, wie von seiner überströmenden Leidenschaft getrieben, sein heftiges Auf- und Abgehen wieder auf. »Oder nein, sagen Sie mir nichts. Es ist aus, ich reise lieber ab. Dieser Gedanke ist mir schon früher einmal gekommen, aber in einer Stunde der Feigheit; ich wollte verschwinden, heimkehren, um in meinem Winkel in Frieden zu leben. Jetzt aber, wenn ich gehe, geschieht es als Rächer, als Richter, um von Paris aus in die Welt zu rufen, was ich in Rom gesehen, was man dort aus dem Christentum Jesu gemacht hat – daß der Vatikan in Staub zerfällt, daß ein Leichengeruch von ihm ausgeht, daß es eine alberne Täuschung derjenigen ist, die hoffen, eines Tages eine Erneuung der modernen Seele aus dieser Gruft erstehen zu sehen, wo die Fäulnis der Jahrhunderte schlummert ... O, ich werde nicht nachgeben, ich werde mich nicht unterwerfen, sondern mein Buch durch ein neues verteidigen. Und dieses, dafür stehe ich Ihnen gut, wird in der Welt einigen Lärm machen, denn es wird das Totengeläute einer sterbenden Religion sein, die man eilig begraben muß, wenn man nicht will, daß ihre Ueberreste die Völker vergiften.« Das ging über Don Vigilio's Verständnis. Der italienische Priester mit seinem beschränkten Glauben, seiner unwissenden Angst vor neuen Ideen, erwachte wieder in ihm. Er faltete entsetzt die Hände. »Schweigen Sie, schweigen Sie, das ist ja Gotteslästerung. Und dann können Sie ja gar nicht so fortgehen, ohne noch einmal den Versuch zu machen, Seine Heiligkeit zu sehen. Er allein ist souverän. Ich weiß, daß ich Sie überraschen werde – aber der Pater Dangelis hat Ihnen im Spott noch den einzigen guten Rat gegeben: suchen Sie Monsignore Nani wieder auf, denn er allein wird Ihnen die Thür des Vatikans öffnen.« Pierre fuhr abermals zornig auf. »Wie, ich soll von Monsignore Nani ausgegangen sein, um zu Monsignore Nani zurückzukehren! Was soll dieses Spiel? Kann ich mich darein fügen, ein Federball zu sein, den alle Schlagnetze einander zuwerfen? Man macht sich über mich lustig!« Und Pierre sank erschöpft, außer sich, auf einen Stuhl, der dem Abbé, der sich nicht rührte, gegenüberstand. Don Vigilio sah durch das zu lange Wachen erdfahl aus; seine Hände wurden fortwährend von einem leichten Zittern bewegt. Ein langes Schweigen entstand. Dann meinte Don Vigilio, daß er noch eine Idee habe; er war ein wenig mit dem Beichtvater des Papstes, einem Franziskanerpater von großer Einfachheit bekannt und konnte ihn an diesen empfehlen. Vielleicht könnte ihm dieser Pater trotz seiner Eingezogenheit nützlich sein. Es kostete ja nur einen Versuch. Wieder trat Schweigen ein und Pierre, dessen gedankenleerer Blick auf die Wand gerichtet war, unterschied zuletzt das alte Bild, das ihn am Tage seiner Ankunft so tief gerührt hatte. Nach und nach sah er es in dem blaßen Licht der Lampe deutlicher hervortreten und lebendig werden, wie die leibhaftige Verkörperung seines Falles, seiner unnützen Verzweiflung vor der hart verschlossenen Thür der Wahrheit und Gerechtigkeit. Ach, wie ähnelte ihm diese Verstoßene, diese beharrlich Liebende, deren Gesicht nicht zu sehen war, die, in ihr Haar hineinschluchzend, vor Schmerz auf den Stufen dieses Palastes, vor der erbarmungslos geschlossenen Thür niedergefallen war! In ein einfaches Linnen gehüllt, bebte sie vor Kälte; sie verriet nicht ihr Geheimnis, ihr Unglück oder ihre Schuld, den ungeheuren Schmerz der Verlassenheit. Aber er lieh ihr sein eigenes Antlitz hinter diesen auf ihr Gesicht gepreßten Händen; sie wurde seine Schwester wie alle die armen heimlosen, schutzlosen Geschöpfe, die weinen, weil sie nackt und allein sind, die ihre Fäuste bei dem Bemühen abnützen, den Weg über die böse Schwelle der Menschen zu erzwingen. Er vermochte sie nie anzusehen, ohne sie zu beklagen, und an diesem Abend bewegte es ihn so tief, sie immer als Unbekannte, Namenlose, ohne Antlitz und doch in den furchtbarsten Thränen gebadet, wiederzufinden, daß er plötzlich Don Vigilio fragte: »Wissen Sie, von wem dieses alte Bild ist? Es bewegt mich bis in die Seele, wie ein Meisterwerk.« Der Priester, von dieser unerwarteten, ohne jeden Uebergang erfolgenden Frage überrascht, hob den Kopf, sah hin und wunderte sich noch mehr, als er das geschwärzte, vernachlässigte Bild in seinem ärmlichen Rahmen betrachtet hatte. »Wissen Sie, woher dieses Gemälde stammt? Wie kommt es, daß man es in dieses Zimmer verbannt hat?« »O, es ist nichts!« sagte er mit einer gleichgiltigen Geberde. »Solche alte, wertlose Bilder gibt es hier überall. Dieses hat zweifellos immer hier gehangen. Ich weiß nicht; ich habe es nicht einmal gesehen.« Zuletzt erhob er sich vorsichtig und diese einfache Bewegung verursachte ihm ein solches Schauern, daß er kaum Abschied zu nehmen vermochte. Seine Zähne schlugen vor Fieber auf einander. »Nein, begleiten Sie mich nicht, lassen Sie die Lampe in diesem Zimmer. Und nm zu einem Schluß zu kommen: das Beste wäre es noch, wenn Sie sich Monsignore Nani in die Hände geben würden, denn dieser ist doch wenigstens ein hervorragender Mensch. Ich habe es Ihnen ja gleich bei Ihrer Ankunft gesagt, daß Sie zuletzt, ob Sie nun wollen oder nicht thun werden, was ihm beliebt. Wozu also kämpfen? ... Und kein Wort über unser heutiges Gespräch – es wäre mein Tod!« Er klinkte die Thüren geräuschlos wieder auf, sah mißtrauisch nach rechts und links in das Dunkel des Korridors, dann wagte er sich hinaus und verschwand; er kehrte so leise in sein Zimmer zurück, daß man inmitten des Grabesschlummers des alten Palastes das Huschen seiner Füße nicht einmal hörte. Am nächsten Tage ließ sich Pierre, der vom Kampfbedürfnis wieder ergriffen worden war und alles versuchen wollte, von Don Vigilio an den Beichtvater des Papstes, jenen Franziskanerpater, empfehlen, mit dem der Sekretär ein wenig bekannt war. Aber er traf zufällig auf einen guten Mönch, den peinlich gewissenhaftesten aller Menschen, offenbar hatte man einen sehr bescheidenen und sehr einfachen, gänzlich einflußlosen Mann gewählt, damit er seine allmächtige Stellung beim heiligen Vater nicht mißbrauche. In dem Umstande, daß dieser nur den demütigsten Orden, den Freund der Armen, den heiligen Straßenbettler zum Beichtvater haben wollte, lag auch eine verstellte Demut. Dennoch stand dieser Pater im Rufe eines glaubensstarken Redners; der Papst selbst wohnte, der Regel gemäß von einem Schleier verborgen, seinen Predigten bei, denn, wenn er auch als unfehlbarer Oberpriester sich von keinem Priester belehren lassen durfte, so wurde doch zugestanden, daß er als Mensch trotzdem Nutzen aus guten Worten ziehen könne. Aber abgesehen von dieser natürlichen Beredsamkeit war der gute Pater wirklich ein einfacher Seelenwäscher, ein Beichtvater, der zuhört und absolvirt, ohne sich der Unreinheiten, die er mit den Wassern der Buße fortwäscht, mehr zu erinnern. Als Pierre sah, daß er so wahrhaft arm und nichtig sei, bestand er nicht auf einer Fürsprache, die, wie er fühlte, unnütz gewesen wäre. An diesem Tage verfolgte ihn die Gestalt des naiven Liebhabers der Armut, des entzückenden Franziskus, wie Narcisse Habert ihn nannte, bis zum Abend. Er hatte sich oft über das Erscheinen dieses, Menschen, Tieren und Dingen so holden, von so brennender Liebe zu den Unglücklichen entflammten neuen Jesus in diesem selbstsüchtigen und genußsüchtigen Italien gewundert, wo nur die Freude Über die Schönheit Königin geblieben ist. Zweifellos haben sich die Zeiten geändert. Welcher Liebeskraft hat es in jener Zeit, während der großen Leiden des Mittelalters bedurft, damit ein solcher dem Volksboden entsprossener Tröster der Einfältigen die Hingabe des eigenen Ich an andere, den Verzicht auf Reichtum, das Grauen vor roher Gewalt, die Gleichheit und den Gehorsam zu predigen begann, die den Weltfrieden sichern mußten! Gleich den Aermsten gekleidet, das graue Gewand über den Lenden von einem Strick zusammengefaßt, Sandalen an den nackten Füßen, ohne Geldbeutel noch Stock, wanderte er dahin. Und er wie seine Brüder führten eine stolze, freie Rede, voll erhabener, poetischer Kraft, voll erhabener Kühnheit der Wahrheit. Sie machten sich überall zu Richtern, griffen die Reichen und Mächtigen an und wagten es, die schlechten Priester, die ausschweifenden, Wucher treibenden und meineidigen Bischöfe anzuzeigen. Ein lauter Schrei der Erleichterung empfing sie; das Volk folgte ihnen in Mengen; sie waren die Freunde, die Befreier aller leidenden Geringen. Rom wurde daher auch anfangs durch diese Revolutionäre beunruhigt und die Päpste zögerten zuerst, den Orden zu ermächtigen; als sie endlich nachgaben, geschah es sicherlich in der Idee, diese neue Macht zu ihrem Nutzen, zur Eroberung des untersten Volkes, der ungeheuren, unbestimmten Masse auszunutzen, deren dumpfes Drohen stets durch alle Zeitalter, selbst durch die Epochen größter Willkür grollend tönte. Von da ab besaß das Papsttum an den Söhnen des heiligen Franziskus ein beständig siegreiches Heer, ein wanderndes Heer, das sich überall, ans allen Straßen, in den Dörfern und den Städten verbreitete, bis an den Herd des Arbeiters und Bauers drang und die einfachen Herzen gewann. Wer vermag sich die demokratische Macht eines solchen Ordens vorzustellen, der aus dem Schoße des Volkes selbst hervorgegangen zu sein schien? Daher stammt seine so rasche Wohlfahrt; die Zahl der Brüder vermehrt sich in wenigen Jahren, allerseits werden Klöster gegründet und der Franziskanerorden reißt die Laienbevölkerung derart an sich, daß er sie durchtränkt und aufsaugt. Der Beweis aber, daß darin ein Erzeugnis des Bodens, ein kräftiges Wachstum des plebejischen Stammes lag, war, daß eine ganze nationale Kunst davon entspringen sollte: der Vorläufer der Renaissance und der Malerei, und Dante selbst, die Seele des italienischen Genius. Seit einigen Tagen sah Pierre jetzt diese großen Orden von Einst vor sich und stieß sich au ihnen in dem gegenwärtigen Rom. Die Franziskaner und Dominikaner, diese von gleichem Glauben beseelten Nebenbuhler, die so lange gemeinsam für die Kirche gekämpft halten, standen einander noch immer, anscheinend gedeihend, in ihren großen Klöstern gegenüber. Aber es schien, daß die Franziskaner auf die Dauer durch ihre Demut beiseite gedrängt worden waren. Vielleicht kam das auch daher, weil ihre Rolle als Freunde und Befreier des Volkes aufgehört hat, seit das Volk sich durch seine politischen und sozialen Eroberungen selbst befreite. Ein Kampf bestand sicherlich einzig nur zwischen den Dominikanern und den Jesuiten, den Predigern und den Erziehern, die beide den Anspruch bewahren, die Welt nach dem Bilde ihres Glaubens zu kneten. Man hörte die verschiedenen Einflüsse dumpf grollen; es war ein Krieg zu jeder Stunde, dessen ewiger Einsatz Rom, die höchste Macht im Vatikan war. Den ersteren nützte es jedoch wenig, daß der heilige Thomas für sie kämpfte; sie fühlten, wie ihre alte dogmatische Wissenschaft zusammenbrach, und mußten den letzteren, die mit dem Jahrhundert siegten, täglich etwas Boden mehr abtreten. Dann gab es die Karthäuser in ihrem weißen Tuchgewande, die heiligen und reinen Schweigsamen, die Beschaulichen, die sich aus der Welt in ihre Klöster mit den stillen Zellen retten, die Verzweifelten und Getrösteten, deren Zahl gering sein mag, die aber ewig leben werden, wie der Schmerz und das Bedürfnis nach Einsamkeit. Da waren die Benediktiner, die Kinder des heiligen Benedikt, dessen bewunderungswürdige Regel die Arbeit geheiligt hat; sie sind die leidenschaftlichen literarischen und wissenschaftlichen Arbeiter, die zu ihrer Epoche lange Zeit mächtige Werkzeuge der Zivilisation waren, indem sie durch ihre ungeheuren geschichtlichen und kritischen Arbeiten zur Weltbildung beitrugen. Diese liebte Pierre und bei ihnen hätte er zwei Jahrhunderte früher Zuflucht gesucht; aber trotzdem wunderte er sich, als er sah, daß sie am Aventin ein riesig großes Haus bauten, für das Leo XIII. bereits Millionen hergegeben hat, als ob die Wissenschaft von heute und morgen noch ein Feld gewesen wäre, auf dem sie einten könnten. Wozu? Waren doch die Arbeiter unverändert, sind doch die Dogmen da, um jedwedem den Weg zu versperren, der achtungsvoll vorüber gehen muß, ohne sie vollends niederzureißen. Da war endlich das Gewimmel der geringeren Orden, deren es hunderte gibt: die Karmeliter, die Trappisten, die Minimen, die Barnabiten, die Lazaristen, die Eudisten, die Missionare, die Rekolleten, die Brüder vom Orden der christlichen Lehre, die Bernhardiner, die Augustiner, die Theatiner, die Observanten, die Cölestiner, die Kapuziner – abgesehen von den entsprechenden weiblichen Orden, den Clarissinnen und sonstigen zahllosen Nonnen, so die Schwestern der Heimsuchung und von Golgatha. Jeder Orden hatte sein bescheidenes oder prächtiges Haus; gewisse Viertel Roms bestanden nur aus Klöstern und hinter den stummen Fassaden summte, bewegte sich und intriguirte dieses ganze Volk in dem fortwährenden Kampf der Interessen und Leidenschaften. Die einstige soziale Entwicklung, die sie erzeugt hatte, wirkte seit langer Zeit nicht mehr; trotzdem hingen sie, immer unnützer und schwächer werdend, zu diesem langsamen Todeskampf ausersehen, am Leben – bis zum Tage, da ihnen an der Brust der neuen Gesellschaft auf einmal Luft und Boden fehlen mußte. Aber Pierre stieß bei seinen nun wieder beginnenden Gängen und Laufereien nicht gerade am meisten mit Mönchen zusammen: er hatte es insbesonders mit dem weltlichen Klerus, jenem römischen Klerus zu thun, den er bald kennen lernte. Eine noch kräftige Hierarchie hielt darin die Klassen und Rangordnungen aufrecht. Auf dem Gipfel, ringsum den Papst, herrschte die päpstliche Familie, herrschten die Kardinäle und Prälaten, die sehr stolz, sehr erhaben und bei ihrer scheinbaren Vertraulichkeit von großem Dünkel waren. Unter ihnen bildete der Klerus der Pfarrer gleichsam ein würdiges, vernünftiges und gemäßigtes Bürgertum, in dem nicht einmal die patriotischen Pfarrer selten waren. Die italienische Occupation hatte, indem sie eine ganze Welt von Beamten, Zeugen der Sitten einsetzte, nach einem Vierteljahrhundert das seltsame Ergebnis gehabt, daß sie das häusliche Leben der römischen Priester läuterte; die Frauen spielten darin einst eine so entscheidende Rolle, daß Rom buchstäblich eine Regierung von Dienstmägden war, die als Herrinnen in den Wirtschaften alter Junggesellen thronten. Endlich existirte jene Plebs des Klerus, die Pierre neugierig studirt hatte: ein wahres Gesindel von elenden, schmutzigen, halbnackten, gleich ausgehungerten Tieren auf der Suche nach einer Messe herumstreichenden Priester, die zuletzt in Gesellschaft von Bettlern und Dieben freiwillig in verdächtigen Schenken strandeten. Aber noch mehr interessirte ihn die flutende Menge der aus der ganzen Christenheit herbeigeeilten Priester – die Abenteurer, die Ehrgeizigen, die Gläubigen, die Narren, die Rom anzog, wie eine Lampe des Nachts die Insekten aus dem Dunkel anzieht. Alle Nationalitäten, alle Schicksale, alle Lebensalter waren vertreten; sie galoppirten unter der Peitsche ihrer Gelüste dahin und drängten sich vom Morgen bis zum Abend um den Vatikan, um die Beute anzubeißen, derentwillen sie gekommen waren. Ueberall fand er sie wieder und sagte sich, ein wenig beschämt, daß er einer von ihnen sei, daß er mit seiner Person die unglaubliche Zahl der Sutanen vermehrte, die in den Straßen zu treffen waren. Ach, diese fortwährende Flut und Ebbe von Schwarzröcken, von Kutten aller Farben in diesem Rom! Die Seminare der verschiedenen Nationen mit ihren häufig spazierengehenden Zöglingen hätten genügt, alle Straßen zu beflaggen; die Franzosen gingen ganz in Schwarz, die Südamerikaner in Schwarz mit blauer Schärpe, die Nordamerikaner in Schwarz mit roter Schärpe, die Polen in Schwarz mit grüner Schärpe, die Griechen in Blau, die Deutschen in Rot, die Römer in Lila, und all die anderen in auf hunderterlei Art gestickten und bordirten Sutanen. Außerdem gab es noch die Brüderschaften, die Bußpriester, die Weißen, die Schwarzen, die Blauen, die Grauen mit verschiedenartig grauen, blauen, schwarzen oder weißen Kutten oder Mänteln. So kam es, daß das päpstliche Rom manchmal wieder aufzuerstehen schien; man fühlte, daß es noch lebendig und zäh war, daß es kämpfte, um in dem gegenwärtigen kosmopolitischen Rom, wo die neutralen Farben und der gleichförmige Schnitt des Kleides sich verwischen, nicht zu verschwinden. Aber vergebens lief Pierre von einem Prälaten zum andern, verkehrte er mit Priestern und besuchte er Kirchen – er konnte sich an den Kultus, an diese römische Andacht nicht gewöhnen. Wenn sie ihn nicht verletzte, so setzte sie ihn in Erstaunen. Als er an einem Sonntag, einem regnerischen Morgen, in Santa Maria Maggiore eintrat, glaubte er sich in einen, Wartesaal zu befinden; freilich war er mit seinen Säulen und seiner Decke, die denen eines antiken Tempels glichen, dem prächtigen Baldachin seines päpstlichen Altares, dem blendenden Marmor seiner Konfession und vor allem seiner Borghesischen Kapelle von unerhörter Kostbarkeit, aber dennoch schien Gott nicht darin zu wohnen. Im Mittelschiff befand sich keine Bank, kein Stuhl; es war ein fortwährendes Gehen und Kommen von Gläubigen, die es durchschritten, wie man einen Bahnhof durchschreitet, indem sie mit ihren nassen Schuhen das kostbare Mosaikpflaster befeuchteten; Frauen und Kinder saßen aus Müdigkeit auf den Säulensockeln, so wie man sie in dem Gedränge großer Stationen sieht, wenn sie auf ihren Zug warten. Für diese im Vorübergehen eingetretene, herumtrippelnde, aus niederem Volk bestehende Menge las ein Priester im Hintergrunde einer Seitenkapelle eine stille Messe, und vor dieser Kapelle hatte sich eine schmale, lange Reihe von stehenden Leuten gebildet – eine Theateranstellung, die das Schiff der Quere nach versperrte. Bei der Aufhebung verneigte sich alles mit inbrünstiger Miene, dann zerstreute sich die Ansammlung; die Messe war zu Ende. Ueberall, in S. Paul wie in S. Giovanni de Laterano, in allen alten Basiliken wie in S. Peter selbst, war dieselbe Versammlung zu sehen: die Leute hatten es eilig, ließen sich nicht gerne auf Sitzen nieder und machten Gott, außer bei den großen Galaempfängen, nur kurze, vertrauliche Besuche. Bloß in der Jesuitenkirche geriet er an einem andern Sonntagmorgen in eine große Messe, die ihn an die andächtigen Mengen des Nordens erinnerte: dort sah man Bänke, sitzende Frauen, und eine weltliche Wärme herrschte unter der Ueppigkeit der mit Gold, Skulpturen und Malereien bedeckten Wände, die eine wunderbare, fahle Pracht besitzen, seitdem die Zeit ihren allzu grellen, barocken Stil gemildert hat. Aber wie viel leere Kirchen gab es unter den ältesten und ehrwürdigsten! In S. Clemente, S. Agnese, S. Croce di Gerusalemme sah man während der Stunden des Gottesdienstes nur die paar Nachbarn aus dem Viertel. Vierhundert Kirchenschiffe zu bevölkern war selbst für Rom viel, und so gab es welche, die nur an gewissen, bestimmten festlichen Tagen besucht wurden, während viele ihre Thüren nur einmal jährlich, am Namenstage des Heiligen öffneten. Manchmal lebten sie von dem glücklichen Umstand, daß sie einen Fetisch, einen Götzen besaßen, der den menschlichen Leiden hilfreich war; die Kirche Aracoeli befaß den kleinen, wunderthätigen Jesus, »Il Bambino«, der die kranken Kinder heilte; S. Agostino befaß die »Madonna del Parto«, die Jungfrau, die Schwangere glücklich entband. Andere waren wegen ihres Weihwassers, wegen des Oeles in ihren Lampen, wegen der Macht eines hölzernen Heiligen oder einer marmornen Madonna berühmt. Andere schienen vernachlässigt, den Touristen überlassen, dem kleinen Handel der Kirchendiener ausgeliefert zu sein, Museen zu gleichen, die von toten Göttern bevölkert werden. Wieder andere waren störend, wie die im Pantheon untergebrachte Kirche S. Maria Rotonda; sie ist ein runder, einem Cirkus gleichender Saal, wo die Jungfrau offenbar die Mieterin des Olymp ist, Pierre hatte sich auch für die Kirchen der armen Viertel, für S. Onofrio, S, Cecilia, S. Maria in Trastevere interessirt, ohne in ihnen die erhoffte lebhafte Gläubigkeit, die erhoffte Volksflut zu finden. Eines Nachmittags hörte er in der letzten, vollständig leeren Kirche die Sänger mit lauter Stimme einen klagenden Choral inmitten dieser Einöde singen. Ein andermal, als er in S. Crisogono eintrat, fand er die Kirche, zweifellos für ein am nächsten Tage stattfindendes Fest, ganz bekleidet: die Säulen mit Ueberzügen aus rotem Damast, die Portiken mit abwechselnd gelben und blauen, weißen und roten Behängen und Vorhängen. Er floh vor diesem schrecklichen Schmuck, diesem Jahrmarktsflitter. Ach, wie weit ab war er von den Kathedralen, wo er in seiner Kindheit geglaubt und gebetet hatte! Ueberall fand er dieselbe Kirche, die einstige antike Basilika wieder, die von Bernini oder seinen Schülern dem Geschmack des Rom des vorigen Jahrhunderts angepaßt worden war. In der Kirche S. Luigi de Francesi, die einen bessern, nüchterneleganten Stil besitzt, wurde er nur durch die großen Toten, die Helden und Heiligen bewegt, die in fremder Erde unter den Fliesen schliefen. Da er Gotik suchte, besichtigte er zuletzt S. Maria sopra Minerva; diese Kirche war, wie man ihm sagte, das einzige Muster gotischen Stiles in Rom, Aber diese mit Marmor bedeckten Halbsäulen, diese Spitzbogen, die sich nicht aufzuschwingen wagen und mitten im Bogen ersticken, diese sich windenden, zur schweren Majestät eines Domes verdammten Gewölbe bildeten für ihn eine letzte Enttäuschung Nein, nein! Der Glaube, dessen warme Asche hier noch lag, war nicht mehr derselbe, dessen Glut die gesamte Christenheit aus der Ferne ergriffen und verbrannt hatte. Monsignore Fornaro, mit dem der Zufall ihn gerade beim Verlassen von S. Maria sopra Minerva zusammenführte, stand gegen die Gotik auf, die er die reine Häresie nannte. Die erste christliche Kirche war die aus dem Tempel entstandene Basilika; es war eine Lästerung, wenn man die wirtliche, christliche Kirche in der gotischen Kathedrale erblickte, denn die Gotik war nur der verabscheuungswürdige angelsächsische Geist, der aufrührerische lutheranische Genius. Pierre wollte dem Prälaten mit Leidenschaft entgegnen; aber dann schwieg er, aus Furcht zu viel zu sagen. In der That, war das nicht der entscheidende Beweis dafür, daß der Katholizismus die Frucht des römischen Bodens selbst, das von Christentum umgewandelte Heidentum war? Anderwärts ist dieses Christentum in einem verschiedenen Geiste aufgeschossen, so daß es sich empört und am Tage des Schisma gegen die Mutterstadt gewendet hat. Die Seitenwendung setzte sich fort, indem sie sich immer mehr ausbreitete und in der Evolution der neuen Gesellschaften Prägen sich heutzutage, trotz der verzweifelten Anstrengungen, Einigung zu erzielen, die Unähnlichkeiten immer mehr und mehr aus, so daß das Schisma abermals unvermeidlich und nahe erschien. Er, das einst fromme und empfindsame Kind, bewahrte den Basiliken noch einen andern Groll: es fehlten ihnen die Glocken, die schönen großen Glocken, die den Einfältigen so lieb sind. Glocken brauchen Glockentürme und in Rom gibt es keine Glockentürme – nichts als Dome. Entschieden, Rom war nicht die klingende, glockenläutende Stadt Jesu, aus der das Gebet in tiefen Klangwogen zwischen den wirbelnden Schwärmen der Krähen und Schwalben aufstieg. Trotzdem setzte Pierre, von einer dumpfen Gereiztheit ergriffen, die ihn hartnäckig machte, seine Gänge fort; er fing wieder an. Besuche zu machen und hielt das Wort, das er sich gegeben hatte, trotz aller Wunden jeden einzelnen Kardinal der Indexkongregation aufzusuchen. Nach und nach geriet er auch in die anderen Kongregationen, diese Ministerien der einstigen, päpstlichen Regierung, die heutzutage minder zahlreich sind, aber noch immer ein außerordentliches komplizirtes Räderwerk besitzen; eine jede hat einen Kardinal zum Präfekten, Kardinäle zu Mitgliedern, die Versammlungen abhalten, Ratsprälaten, eine ganze Welt von Beamten. Er mußte mehrmals in die Cancellaria gehen, in der sich die Indexkongregation befindet und verirrte sich in der ungeheuren Menge von Treppen, Gängen und Sälen; gleich beim Portikus des Hofes ergriff ihn der eisige Schauer der alten Mauern und er vermochte es nicht, diesen Palast, das Meisterwerk Bramantes, den reinen Typus der römischen Renaissance, der eine so kahle und kalte Schönheit besaß, zu lieben. Die Kongregation der Propaganda, wo der Kardinal Sarno ihn empfangen hatte, kannte er bereits, und auf seinen Besuchen, auf dieser Jagd nach einflußreichen Beschützern, während er von einem zum andern geschickt wurde, lernte er auch die anderen Kongregationen, die Kongregation der Bischöfe und Ordensgeistlichen, die Riten- und die Konzilskongregation kennen. Er sah sogar flüchtig die Konsistorialkongregation, die Dataria, das heilige Bußgericht. Es war der ungeheure Mechanismus der kirchlichen Verwaltung. Die ganze Welt mußte beherrscht, die Eroberungen mußten erweitert, die Angelegenheiten der eroberten Länder verwaltet, die Glaubens-, Sitten- und Personenfragen beurteilt, Verbrechen untersucht und gestraft, Dispense bewilligt, Gunstbezeigungen verkauft werden. Man kann sich die furchtbare Zahl der Angelegenheiten, die jeden Morgen im Vatikan einlaufen, nicht vorstellen. Es sind die ernstesten, heikelsten, verwickeltsten Fragen, deren Lösung Grund zu zahllosen Nachforschungen und Studien gab. Der große Haufe der aus allen Teilen der Christenheit gekommenen und Rom verstopfenden Besucher, alle diese Briefe, diese Bittschriften, diese Akten, deren Flut sich in allen Bureaux verbreitete und anhäufte, mußten ja Antwort bekommen. Das Wunder war die große, verschwiegene Stille, in der die gewaltige Arbeit gethan wurde; kein Geräusch drang auf die Straße; aus den Tribunalen, den Parlamenten, den Fabriken, wo man heilige und Adlige machte, tönte nicht einmal das leise Zittern der Arbeit, und der Mechanismus war so gut geölt, daß er trotz des Rostes der Jahrhunderte, trotz der tiefen, unheilbaren Abnutzung arbeitete, ohne daß man ihn hinter den Mauern merkte. Lag hierin nicht die ganze Politik der Kirche? Schweigen, so wenig als möglich schreiben, abwarten. Aber wie wunderbar war dieser überlebte und doch noch so mächtige Mechanismus! Und wie war Pierre sich bewußt, daß er inmitten dieser Kongregationen von dem eisernen Netz der unumschränktesten Macht ergriffen wurde, die man je zur Beherrschung der Menschen organisirt hatte! Vergebens stellte er Sprünge, Löcher, ein hohes, den Zerfall ankündigendes Alter fest – er gehörte ihr dennoch, seit er sich in sie gewagt hatte; er wurde gepackt, zerstampft, durch dieses unentwirrbare Netz, dieses endlose Labyrinth von Einflüssen und Ränken gerissen, wo sich Eitelkeit und Bestechlichkeit, Korruption und Ehrgeiz, so viel Elend und so viel Größe regen. Wie fern war er von dem Rom, von dem er geträumt hatte! Und welcher Zorn schüttelte ihn manchmal in seiner Erschöpfung, in seinem Verlangen, sich zu verteidigen! Mit einemmal erklärten sich Dinge, die Pierre nie begriffen hatte. Eines Tages, als er wieder in dem Palast der Propaganda erschien, sprach Kardinal Sarno mit ihm über die Freimaurerei in einem so kalt-wütenden Ton, daß er plötzlich klar sah. Bisher hatte ihm die Freimaurerei ein Lächeln erweckt; er glaubte ebensowenig an sie wie an die Jesuiten, fand die umlaufenden, lächerlichen Geschichten kindisch und verwies die geheimnisvollen, dunklen Männer, deren geheime, unberechenbare Macht die Welt regieren sollte, in die Legende. Vor allem wunderte er sich über den blinden Haß, der gewisse Leute bethörte, sobald das Wort »Freimaurer« über ihre Lippen kam; ein Prälat, und zwar einer der vornehmsten, der verständigsten hatte ihm mit der Miene tiefer Ueberzeugung versichert, daß bei jeder Freimaurerloge der Teufel in eigener, sichtbarer Gestalt wenigstens einmal im Jahre den Vorsitz führe. Da mußte der einfache Menschenverstand irre werden. Er begriff nun die Nebenbuhlerschaft, den wütenden Kampf der römisch-katholischen Kirche gegen die andere Kirche, die Kirche von gegenüber. Vergebens hielt die erstere sich für die Siegerin – sie fühlte trotzdem in der andern eine Mitbewerberin, eine sehr alte Feindin, die sogar älter zu sein behauptete und deren Sieg immer eine Möglichkeit blieb. Der Zusammenstoß rührte hauptsächlich daher, weil beide Sekten dasselbe ehrgeizige Streben nach der Weltherrschaft, dieselbe internationale Organisation, dasselbe Mittel von dem über die Völker geworfenen Netz, Mysterien, Dogmen, Riten besaßen. Gott gegen Gott, Glaube gegen Glaube, Eroberung gegen Eroberung. Daher beengten sie einander, geradeso wie zwei nebenbuhlerische, zu beiden Seiten einer Straße errichtete Häuser und eine mußte zuletzt die andere töten. Aber wenn ihm der Katholizismus auch gebrechlich, von der Zerstörung bedroht erschien, so verhielt er sich ebenso skeptisch gegen die Macht der Freimaurerei. Er hatte Fragen gethan und eine Untersuchung angestellt, um sich von der Wahrheit dieser Macht in der Stadt Rom, wo die beiden höchsten Mächte einander gegenüber standen, wo der Großmeister dem Papste gegenüber thronte, Rechenschaft zu geben. Man hatte ihm wohl erzählt, daß die letzten römischen Fürsten sich genötigt glaubten, Freimaurer zu werden, um sich das Leben nicht gar zu erschweren, ihre Lage zu verschlimmern und die Zukunft ihrer Söhne zu verrammeln. Aber gaben sie nicht einzig und allein der unwiderstehlichen Gewalt der gegenwärtigen sozialen Evolution nach? Würde die Freimaurerei nicht ebenfalls in ihrem eigenen Triumph, dem Triumph der Ideen der Gerechtigkeit, Vernunft und Wahrheit untergehen, den sie so lange inmitten der Finsternis und Gewaltthaten der Geschichte verteidigt hatte? Es ist eine feststehende Thatsache, daß der Sieg einer Idee die sie verbreitende Sekte tötet und den Apparat, mit dem die Sektirer sich umgeben mußten, um die Einbildungskraft gefangen zu nehmen, nutzlos und ein wenig wunderlich macht. Das Carbonaritum hat niemals den Sieg der von ihm geforderten politischen Ideen überlebt, und an dem Tage, an dem die katholische Kirche, nachdem sie ihr zivilisatorisches Werk gethan, zusammenbrechen wird, wird auch die freimaurerische Kirche von gegenüber verschwinden. Ihr Befreiungswerk wird vollbracht sein. Heutzutage wäre die berühmte Allmacht der Logen ein armseliges, ebenfalls von Überlieferungen gehemmtes, von einem lächerlichen Zeremoniell verdorbenes Eroberungswerkzeug, nichts mehr als ein Band gegenseitiger Verständigung und Hilfe, wenn nicht der starke Hauch der Wissenschaft die Völker hinrisse, und bei der Zerstörung der gealterten Religionen mithelfen würde. Pierre, von so vielen Gängen und Laufereien erschöpft, bekam nun, trotzdem er wie der Krieger einer Hoffnung, die an Niederlage nicht glauben will, den hartnäckigen Vorsatz hatte, Rom nicht zu verlassen, ohne gänzlich geschlagen zu sein, wieder Angst. Er hatte alle Kardinäle besucht, deren Einfluß ihm von einigem Nutzen sein konnte. Er hatte den mit der Diözese Rom betrauten Kardinal-Vikar gesehen; das war ein Gelehrter, der mit ihm über Horaz sprach, ein etwas wirrer Politiker, der ihn über Frankreich, über die Republik, das Kriegs- und Marinebudget auszufragen begann, ohne sich im geringsten von der Welt um das angeklagte Buch zu kümmern. Er hatte den Groß-Pönitentiarius besucht, den er bereits im Palazzo Boccanera bemerkt hatte; das war ein magerer Greis mit einem fleischlosen Asketengesicht, aus dem er nichts herauszulocken vermochte, als eine lange, tadelnde Rede und strenge Worte gegen die jungen, vom Jahrhundert verdorbenen Priester, die Verfasser verdammungswürdiger Werke. Zuletzt hatte er im Vatikan den Kardinalsekretär aufgesucht; das war gewissermaßen der Minister des Auswärtigen Seiner Heiligkeit, die große Macht des heiligen Stuhles, von dem man ihn bisher ferngehalten hatte, indem man ihn mit den Folgen eines unglücklich ausfallenden Besuches einschüchterte. Er hatte sich seines späten Kommens wegen entschuldigt und den liebenswürdigsten Menschen von der Welt vorgefunden, der durch ein diplomatisches Wohlwollen seine etwas rauhe Außenseite milderte, ihn niedersetzen ließ, mit interessirter Miene ausfragte, anhörte und sogar tröstete. Als er aber wieder auf dem Petersplatz angelangt war, hatte er wohl begriffen, daß seine Angelegenheit auch nicht mit einem Schritt vorwärts gekommen sei und daß, wenn es ihm eines Tages gelänge, den Zutritt zum Papste zu erzwingen, der Weg nicht durch das Staatssekretariat gehen würde. An diesem Abend kehrte er verstört, überreizt, durch die vielen Besuche bei so vielen Leuten zerbrochen in die Via Giulia zurück und war, weil er das Gefühl hatte, gänzlich von dieser Maschine mit den hundert Rädern ergriffen zu werden, so außer sich, daß er sich mit Entsetzen fragte, was er am nächsten Tage thun würde – denn es blieb ihm nichts übrig als verrückt zu werden. Gerade in diesem Moment begegnete er in einem Korridor Don Vigilio und wollte ihn abermals befragen, einen guten Rat von ihm verlangen. Aber dieser brachte ihn mit einer unruhigen Geberde zum Schweigen, ohne daß er wußte, warum. Er machte wieder seine entsetzten Augen, dann hauchte er ihm ins Ohr: »Waren Sie bei Monsignore Nani? ... Nun, dann gehen Sie zu ihm, gehen Sie zu ihm. Ich wiederhole, es bleibt Ihnen nichts anderes übrig.« Er gab nach. In der That, wozu sollte er sich widersetzen? Abgesehen von der Leidenschaft feuriger Nächstenliebe, die ihn zur Verteidigung seines Buches hierhergeführt hatte, befand er sich doch auch zu Experimentszwecken in Rom. Er mußte bis ans Ende der Versuche gehen. Am nächsten Tage fand er sich allzu zeitlich unter der Kolonnade von S. Peter ein, und mußte dort längere Zeit wartend verweilen. Noch nie hatte er die Ungeheuerlichkeit dieser vier Säulenreihen, dieses Waldes gigantischer Steinstämme, wo übrigens niemand sich ergeht, stärker empfunden. Es ist eine großartige, düstere Wüste. Man fragt sich, wozu ein so majestätischer Portikus gehört? Zweifellos bloß für die Majestät, für den Pomp der Ausschmückung; und darin liegt wieder einmal ganz Rom. Dann ging er durch die Via del S. Offizzio, und gelangte zu dem hinter der Sakristei gelegenen Palazzo del S. Offizzio. Es ist ein einsames Viertel, dessen Stille der Schritt eines Fußgängers, das Rollen eines Wagens nur selten, von Zeit zu Zeit stört. Das einzig Lebendige ist die Sonne, die ihre trägen Strahlen auf das weiß gewordene kleine Pflaster sendet. Man spürt die Nachbarschaft der Basilika, Weihrauchduft, klösterlichen Frieden im Schlummer der Jahrhunderte. In einer Ecke steht der Palast des S. Offizzio. Er ist von drückender und beunruhigender Kahlheit; die eine hohe, gelbe Fassade wird nur von einer einzigen Fensterreihe durchbrochen, während die auf die Seitengasse gehende andere Fassade mit ihrer Reihe von schmäleren Fenstern – Guckfensterchen mit undurchsichtigen Scheiben – noch verdächtiger aussieht. Dieser gewaltige, kotfarbene, gegen Außen fast fensterlose und gleich einem Kerker abgeschlossene und geheimnisvolle Würfel von Mauerwerk schien in dem blendenden Sonnenlicht zu schlafen. Pierre überlief ein Schauder, über den er dann wie über eine Kinderei lächelte. Die heilige, römische Inquisition, die heilige Kongregation des S. Offizzio, wie sie heutzutage genannt wurde, war nicht mehr die, von der die Legende erzählte – die Lieferantin der Scheiterhaufen, das geheime Gericht, gegen das es keine Berufung gab, das das Recht der Todesstrafe über die gesamte Menschheit besaß. Dennoch bewahrte sie noch immer das Geheimnis ihrer Aufgabe, versammelte sich jeden Mittwoch, urteilte und verdammte, ohne daß das geringste, nicht einmal ein Hauch über die Mauern drang. Aber wenn sie auch fortfuhr, das Verbrechen der Häresie zu strafen, wenn sie sich nicht bloß an Werke hielt, sondern auch Menschen strafte, so besaß sie doch keine Waffen mehr – weder Kerker, noch Schwert, noch Feuer; sie war auf das Protestiren beschränkt und konnte nicht einmal den Ihrigen, den Geistlichen, andere als Disziplinarstrafen auferlegen. Als er eingetreten und in den Salon Monsignore Nanis geführt worden war, der als Assessor in diesem Palaste wohnte, empfand Pierre eine frohe Ueberraschung. Das Zimmer war sehr groß, gegen Süden gelegen, von hellem Sonnenlicht überflutet und trotz der steifen Möbel, der düstern Farbe der Tapeten herrschte darin eine köstliche Zartheit. Es war als hätte eine Frau darin gewohnt, die das Wunder vollbrachte, den strengen Dingen ihre Anmut mitzuteilen. Es gab keine Blumen in dem Zimmer und doch roch es gut. Ein Zauber ergriff die Herzen gleich von der Schwelle aus. Monsignore Nani, mit seinem rosigen Gesicht, den blauen, so lebhaften Augen, dem feinen blonden, vom Alter bepuderten Haar, war ihm sofort lächelnd entgegen gegangen und rief, ihm beide Hände entgegenstreckend: »O, mein lieber Sohn, wie liebenswürdig von Ihnen, mich zu besuchen ... Kommen Sie, setzen Sie sich. Plaudern wir wie ein paar Freunde.« Und ohne zu warten fragte er mit dem Ausdruck außerordentlicher Zuneigung: »Wie stehen Sie? Erzählen Sie, sagen Sie mir alles, was Sie gethan haben.« Pierre, trotz der Mitteilungen Don Vigilios von der Teilnahme, die er zu fühlen glaubte, gerührt und gewonnen, beichtete, ohne etwas auszulassen. Er erzählte seine Besuche beim Kardinal Sarno, bei Monsignore Fornaro, beim Pater Dangelis, berichtete, welche Schritte er bei den einflußreichen Kardinälen, bei allen Kardinälen des Index, beim Großpönitentiarius, beim Kardinalvikar, beim Kardinalsekretär unternommen hatte, schilderte seine endlosen Laufereien von Thür zu Thür, durch den ganzen römischen Klerus, durch alle Kongregationen, durch diesen ungeheuren, thätigen und schweigsamen Bienenstock, in dem seine Füße müde, seine Glieder zerbrochen, sein Gehirn stumpf geworden waren. Aber Monsignore Nani, der mit Entzücken zuzuhören schien, wiederholte bei jeder Leidensstation dieses Bittsteller-Golgathas: »Aber das ist ja sehr gut! Das ist ja günstig! O, Ihre Sache macht sich! Wunderbar, wunderbar macht sie sich!« Er frohlockte, ließ aber übrigens seine unanständige Ironie hervorbrechen. Nur sein hübscher, forschender Blick durchspähte den jungen Priester, um zu erfahren, ob er ihn endlich zu dem Punkte des Gehorsams gebracht habe, zu dem er ihn zu bringen wünschte. War er müde genug, enttäuscht genug und über die Wirklichkeit der Dinge genügend aufgeklärt, so daß man ein Ende mit ihm machen konnte? Hatten drei Monate in Rom genügt, um aus dem ein wenig tollen Schwärmer des ersten Tages einen Weisen, zum mindesten einen Resignirten zu machen? »Aber, mein lieber Sohn,« fragte Monsignore Nani plötzlich, »Sie erzählen mir ja gar nichts von Seiner Eminenz, dem Kardinal Sanguinetti.« »Monsignore, das kommt daher, weil Seine Eminenz in Frascati ist. Ich konnte ihn nicht besuchen.« Da erhob der Prälat, als schiebe er mit dem heimlichen Genuß eines künstlerischen Diplomaten die Lösung noch hinaus, seine kleinen, dicken Hände zum Himmel und rief mit der unruhigen Miene eines Mannes, der alles für verloren hält: »O, Sie müssen Seine Eminenz besuchen, Sie müssen Seine Eminenz besuchen! Das ist unbedingt notwendig. Bedenken Sie doch: der Präfekt des Index! Wir können erst nach Ihrem Besuch etwas unternehmen, denn wenn Sie ihn nicht gesehen haben, so haben Sie niemand gesehen. Gehen Sie nach Frascati, mein lieber Sohn, gehen Sie nach Frascati.« Und Pierre konnte nicht anders, als sich beugen. »Ich werde gehen, Monsignore.« XI. Obwohl Pierre wußte, daß er sich nicht vor elf Uhr bei dem Kardinal Sanguinetti vorstellen könne, war er mit einem Frühzug hinausgefahren und stieg schon um neun Uhr auf dem kleinen Bahnhof von Frascati aus. Er war bereits an einem seiner gezwungen müßigen Tage hier gewesen und hatte den klassischen Ausflug nach den römischen Schlössern gemacht, die von Frascati bis Rocca di Papa, und von Rocca di Papa bis zum Monte Cavo reichen. Er war entzückt und versprach sich zwei Stunden eines beruhigenden Spazierganges auf den nächsten Hügeln des Albanergebirges, auf denen Frascati zwischen Rohr, Oliven und Wein liegt. Es beherrscht das ungeheure rote Meer der Campagna wie von der Höhe eines Vorgebirges, bis zu dem fernen Rom, das, gute sechs Meilen entfernt, wie eine Marmorinsel weiß herüberschimmerte. Ach, dieses Frascati auf seinem grünen, runden Hügel, am Fuße der waldigen Höhen des Tuskulum, mit seiner berühmten Terrasse, von der man die schönste Aussicht der Welt hat, seinen alten Patriziervillen mit den stolzen, eleganten Renaissancefassaden, den prächtigen, immergrünen, mit Cypressen, Pinien und Eichen bepflanzten Parks! Das war eine Lieblichkeit, eine Lust, ein Zauber, dessen er nie überdrüssig geworden wäre. Er irrte bereits seit mehr als einer Stunde entzückt durch die von alten, knorrigen Oelbäumen begrenzten Straßen, durch die bedeckten Wege, die die großen Bäume der Nachbargüter beschatteten, durch die duftenden Feldpfade, an deren Ende bei jeder Biegung die Campagna sich ins Unendliche sich entfaltete, als er eine unerwartete Begegnung hatte, die ihn anfangs ärgerte. Er war wieder auf die tiefer gelegenen Baugründe in der Nähe des Bahnhofes herabgestiegen; es waren ehemalige Weingärten, wo sich seit einigen Jahren eine ganze Bewegung neuer Bauten vollzogen hatte. Zu seiner Ueberraschung sah er eine von Rom kommende, sehr korrekte, zweispännige Viktoria neben sich halten und hörte sich beim Namen rufen. »Wie, Herr Abbé Froment, Sie gehen hier spazieren – und so zeitig?« Nun erkannte er den Grafen Prada, der, nachdem er ausgestiegen war, den leeren Wagen weiterfahren ließ, während er an der Seite des jungen Priesters die letzten zwei- oder dreihundert Meter zu Fuß zurücklegte. Nach einem herzlichen Händedruck erklärte er seine Geschmacksrichtung. »Ja, ich benütze selten die Eisenbahn, ich fahre zu Wagen. Das verschafft meinen Pferden etwas Bewegung. Sie wissen, ich habe hier Geschäfte, eine ganze Bautengeschichte, die leider nicht sehr gut geht. Darum muß ich trotz der vorgeschrittenen Jahreszeit noch häufiger herauskommen, als mir lieb ist.« Pierre kannte allerdings diese Geschichte. Die Boccaneras hatten die prächtige Villa verkaufen müssen, die ein Kardinal, ihr Ahnherr, hier nach den Entwürfen des Giacomo della Porte in der zweiten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts erbaut hatte. Es war eine königliche Sommerwohnung, mit wunderbaren schattigen Bäumen, Hagebuchenhainen, Wasserbecken, Kaskaden und insbesondere einer Terrasse, die unter allen anderen des Landes berühmt war. Sie ragte wie ein Vorgebirge über die römische Campagna, deren endlose Fläche von dem Sabinergebirge bis zu dem Sande des Mittelmeeres reicht. Bei der Teilung erhielt Benedetta von ihrer Mutter die großen Weingärten unterhalb von Frascati; sie hatte sie Prada als Mitgift zugebracht, gerade in dem Augenblick, da der Steinwahnsinn von Rom auch über die Provinzen fuhr. Prada war daher auf den Gedanken geraten, hier ein ganzes Viertel von bürgerlichen Villen nach dem Muster derjenigen, die die Bannmeile von Paris verstopfen, zu bauen. Aber nur wenige Käufer hatten sich dargeboten, der finanzielle Krach war hinzugekommen, und so liquidirte er mühsam dieses widrige Unternehmen, nachdem er seine Frau gleich nach ihrer Trennung schadlos gehalten hatte. »Und dann,« fuhr er fort, »mit einem Wagen kommt und geht man, wenn man will, während man ein Sklave der Eisenbahn ist. So habe ich heute vormittag eine Zusammenkunft mit Unternehmern, Sachverständigen, Advokaten und weiß nicht, wie lange sie mich in Anspruch nehmen werden ... Ein wunderbares Land, nicht wahr? Wir in Rom haben Grund, darauf stolz zu sein. Wenn ich auch im Augenblick hier Unannehmlichkeiten habe, so kann ich nicht hierher kommen, ohne daß mein Herz vor Freude klopft.« Was er nicht sagte, war, daß Lisbeth Kauffmann, seine Freundin, wie er sie nannte, den Sommer in einer der neuen Villen zugebracht hatte. Sie hatte hier ihr anmutiges Künstleratelier aufgeschlagen und wurde von der ganzen Fremdenkolonie besucht; diese duldete die Unregelmäßigkeit ihrer Stellung seit dem Tode ihres Gatten, dank ihrer Heiterkeit und ihrer Malerei, die gerade ausreichte, um sie unabhängig zu machen. Man hatte zuletzt sogar ihre Schwangerschaft hingenommen. Sie war vor vierzehn Tagen nach Rom zurückgekehrt, um dort mit einem dicken Jungen niederzukommen, dessen Erscheinen in den weißen und in den schwarzen Salons die leidenschaftlichen Klatschereien über die bevorstehende Scheidung Benedettas und Pradas wieder entzündet hatte. Die Liebe des Letzteren zu Frascati rührte sicherlich von seinen zärtlichen Erinnerungen und der großen, stolzen Freude her, in die ihn diese Geburt eines Sohnes versetzte. Pierre, der bei seinem instinktiven Haß vor geld- und beutegierigen Leuten in Pradas Gegenwart stets eine gewisse Befangenheit, eine Art Unbehagen empfand, wollte trotzdem dessen vollkommene Liebenswürdigkeit beantworten, indem er sich nach seinem Vater, dem alten Orlando, dem Helden der Eroberung, erkundigte. »O, abgesehen von den Beinen, geht es ihm wunderbar! Er wird hundert Jahre alt werden. Der arme Vater! Ich wäre so froh gewesen, wenn ich ihn in diesem Sommer in einem dieser kleinen Häuser hätte unterbringen können! Aber er wollte nicht; er bleibt eigensinnig dabei, Rom nicht zu verlassen; es ist, als fürchte er, daß man es ihm während seiner Abwesenheit wieder wegnehmen könnte.« Er brach in helles Lachen aus. Er allein erheiterte sich mit diesem Scherzen über die heroische, außer Mode gekommene Zeit der Unabhängigkeit. Dann fügte er hinzu: »Er hat erst gestern mit mir über Sie gesprochen, Herr Abbé. Er wundert sich, daß er Sie nicht wieder gesehen hat.« Das kränkte Pierre, denn er hatte begonnen, Orlando mit ehrfurchtsvoller Zärtlichkeit zu lieben. Seit jenem ersten Besuch war er zweimal bei ihm gewesen, und jedesmal hatte sich der Greis geweigert, über Rom zu sprechen, solange sein junger Freund nicht alles gesehen, alles gehört, alles begriffen habe. Später, wenn der eine wie der andere einen Schluß ziehen könnte, wäre es Zeit dafür. »O, bitte,« rief Pierre, »sagen Sie ihm gefälligst, daß ich ihn nicht vergesse und daß, wenn mein Besuch auf sich warten läßt, es nur geschieht, weil ich ihn zufrieden stellen will. Aber ich werde nicht abreisen, ohne ihm zu sagen, wie sehr ich von seiner Aufnahme gerührt wurde.« Beide gingen langsam auf der aufsteigenden Straße weiter; sie zog sich zwischen einigen neuen Villen hin, von denen mehrere noch nicht einmal fertig waren. Als Prada erfuhr, daß der Priester gekommen sei, um sich beim Kardinal Sanguinetti vorzustellen, fing er wieder zu lachen an – sein liebenswürdiges Wolfslachen, das seine weißen Zähne entblößte. »Freilich, er ist hier, seit der Papst leidend ist ... Ah, Sie werden ihn in einem schönen Fieberzustand treffen!« »Warum denn?« »Weil heute vormittag die Nachrichten über die Gesundheit des heiligen Vaters keine guten sind. Als ich Rom verließ, lief das Gerücht um, daß er eine schreckliche Nacht verbracht hätte.« Er blieb bei einer Krümmung der Straße vor einer alten Kapelle, einer kleinen Kirche, stehen, die sich in einsamer, trauriger Anmut am Saume eines Olivengehölzes erhob. Dicht daneben befand sich ein zerfallendes Gemäuer, zweifellos das ehemalige Pfarrhaus. Ein großer, knorriger Priester, mit plumpem, erdfahlem Gesicht trat daraus hervor und schloß, ehe er sich entfernte, fest die Thür, indem er den Schlüssel zweimal umdrehte. »Sehen Sie,« fuhr der Graf spöttisch fort, »da ist einer, dessen Herz ebenso heftig klopfen muß. Er geht sicherlich um Nachrichten zu Ihrem Kardinal.« Pierre hatte den Priester überrascht angeblickt. »Ich kenne ihn,« sagte er. »Es ist sicherlich derselbe, den ich am Tage nach meiner Ankunft beim Kardinal Boccanera gesehen habe. Er brachte ihm einen Korb Feigen, indem er ihn um ein gutes Zeugnis für seinen jungen Bruder bat, den eine Gewaltthat, ich glaube, ein Messerstich, ins Gefängnis gebracht hatte. Der Kardinal schlug ihm übrigens dieses Zeugnis unbedingt ab.« »Zweifeln Sie nicht, er ist es, denn er kam einst oft in die Villa Boccanera, wo sein junger Bruder Gärtner war. Heutzutage ist er der Schützling, die Kreatur des Kardinals Sanguinetti ... Ach, dieser Santobono ist eine seltsame Figur, wie Sie deren wohl nicht in Frankreich haben. Er lebt ganz allein in dieser zusammenbrechenden Wohnung und versieht die uralte Kapelle S. Maria dei Campi, wohin man nicht dreimal im Jahre zur Messe kommt. Ja, es ist eine wahre Sinekure, die ihm bei seinen tausend Franken jährlich gestattet, als philosophischer Bauer zu leben und den ziemlich großen Garten zu pflegen, den Sie da oben, zwischen den hohen Mauern sehen.« In der That zog sich die Einfriedigung über den Abhang hinter dem Pfarrhaus nach allen Seiten sorgsam abgeschlossen hin, wie eine Zufluchtsstätte, in die nicht einmal Blicke dringen durften. Es war nichts davon zu sehen, als über der linken Mauer ein prächtiger Feigenbaum, ein Riesenfeigenbaum, dessen hohes Laub sich schwarz von dem klaren Himmel abhob. Prada ging wieder weiter und fuhr fort, von Santobono zu sprechen, der ihn offenbar interessirte. Er war ein patriotischer Priester, ein Garibaldianer. In Nemi, in diesem noch wild gebliebenen Winkel des Albanergebirges, geboren, gehörte er dem Volke an, befand sich noch nahe der Erde, hatte aber studirt und wußte genug Geschichte, um die vergangene Größe Roms zu kennen und von einer Wiederherstellung des römischen Reiches zu Gunsten des jungen Italien zu träumen. Er hatte sich dem leidenschaftlichen Glauben ergeben, daß nur ein großer Papst diesen Traum verwirklichen könne, indem er sich der Gewalt bemächtigte und dann alle anderen Nationen eroberte. Was war einfacher, da der Papst über Millionen von Katholiken gebot? Gehörte ihm nicht die Hälfte von Europa? Frankreich, Spanien, Oesterreich würden nachgeben, sobald sie sähen, daß er mächtig sei und der Welt diktire. Was Deutschland und England, alle protestantischen Nationen betraf, so würden sie unvermeidlich erobert werden; das Papsttum war ja der einzige Damm, den man dem Irrtum entgegensetzen konnte, und dieser würde eines Tages an ihm zerschellen. Trotzdem hatte er sich politisch für Deutschland erklärt, denn er dachte, daß Frankreich zermalmt werden müsse, um sich in die Arme des heiligen Vaters zu werfen. So stießen sich in diesem zornigen Kopfe, in dem die Gedanken brannten und sich durch die ursprüngliche Rauhheit der Rasse schnell in Gewaltthätigkeit verwandelten, Widersprüche und tolle Phantasien. Er war ein Barbar aus dem Evangelium, ein Freund der Armen und Leidenden, aus der Familie jener exaltirten Sektirer, die großer Tugenden und großer Verbrechen fähig sind. »Ja,« schloß Prada, »er hat sich dem Kardinal Sanguinetti ergeben, weil er in ihm den großen Papst, den Papst von morgen gesehen hat, der aus Rom die einzige Hauptstadt aller Völker machen muß. Auch das geht nicht ohne irgend einen niedrigeren Ehrgeiz ab; vielleicht möchte er zum Beispiel den Titel eines Kanonikus erobern, oder sich bei den kleinen Unannehmlichkeiten des Lebens helfen lassen, wie an dem Tage, als er seinen Bruder aus der Verlegenheit ziehen mußte. Man setzt seine Hoffnung auf einen Kardinal, wie man auf einen Terno in die Lotterie setzt: wenn der Kardinal als Papst hervorgeht, gewinnt man ein Vermögen ... Darum sehen Sie ihn da drüben mit so langen Schritten einhermarschiren: er hat Eile, zu erfahren, ob Leo XIII. sterben und sein Terno mit Sanguinetti in der Tiara herauskommen wird.« »Glauben Sie also, daß der Papst in diesem Maße krank ist?« fragte Pierre, von Interesse und Unruhe ergriffen. Der Graf lächelte und hob beide Arme in die Höhe. »Ah, wer weiß das? Sie sind alle krank, sobald sie ein Interesse daran haben, es zu sein. Aber ich glaube, er ist wirklich unwohl; es soll eine Gedärmstörung sein, und bei seinem Alter kann das geringste Unwohlsein verhängnisvoll werden.« Sie legten ein paar Schritte schweigend zurück; dann stellte der Priester abermals eine Frage. »Dann hätte also der Kardinal Sanguinetti, wenn der heilige Stuhl frei würde, große Aussichten?« »Große Aussichten! Große Aussichten! Das ist wieder eines der Dinge, die niemand weiß. Wahr ist, daß man ihn unter die möglichen Kandidaten einreiht, und wenn der Wunsch, Papst zu werden, genügen würde, so wäre Sanguinetti sicherlich der künftige Papst, denn er setzt eine außerordentliche Leidenschaft, ein ungestümes Verlangen darein. Dieser höchste Ehrgeiz verzehrt ihn bis auf die Knochen. Das ist sogar seine Schwäche; er nützt sich ab und weiß das. Er muß daher für die letzten Tage des Kampfes zu allem entschlossen sein. Seien Sie überzeugt, wenn er sich in diesem kritischen Augenblick hier eingeschlossen hat, so geschah es, um seine Schlacht aus der Ferne besser zu leiten, während er ein höchst wirkungsvolles Verlangen nach Zurückgezogenheit, nach Abgeschiedenheit erkünstelt.« Und er verbreitete sich wohlgefällig über Sanguinetti, dessen Ränkesucht, grimmige Eroberungsgelüste und übermäßige, sogar etwas unruhstiftende Thätigkeit er liebte. Er hatte ihn nach seiner Rückkehr von der Wiener Nuntiatur kennen gelernt. Er war in Geschäften sehr bewandert und damals schon entschlossen, die Hand an die Tiara zu legen. Dieser Ehrgeiz erklärte alles – seine Zerwürfnisse und seine Aussöhnungen mit dem regierenden Papst, seine Zärtlichkeit für Deutschland, der eine plötzliche Schwenkung gegen Frankreich folgte, seine wechselnde Haltung gegen Italien. Zuerst äußerte er den Wunsch nach einer Verständigung, dann zeigte er eine unbedingte Intransigenz; keinerlei Zugeständnisse dürften gemacht werden, so lange Rom nicht geräumt sei. Daran schien er fortan festzuhalten; er stellte sich, als bedaure er die schwankende Regierung Leos XIII., als schenke er seine glühende Bewunderung Pius IX., dem großen, heldischen, widerstandskräftigen Papst, dessen gutes Herz unerschütterliche Festigkeit nicht ausschloß. Das sollte heißen, daß er in der Kirche, für die die gefährliche Willfährigkeit der Politik nicht gehörte, die Gutmütigkeit ohne Schwäche herstellen würde. Dennoch träumte er im Grunde von nichts als von Politik und mußte wohl zu einem ganzen Programm gelangt sein; er hielt es absichtlich dunkel, aber es wurde von seinen Schützlingen, seinen Kreaturen mit verzückt geheimnisvoller Miene verbreitet. Seit einem Unwohlsein des Papstes, das sich bereits vom Frühling herschrieb, lebte er in tödlicher Unruhe; denn das Gerücht lief um, daß die Jesuiten, obwohl der Kardinal Boccanera sie gar nicht liebte, sich darin ergeben würden, ihn zu unterstützen. Zweifellos war der letztere rauh, von übertriebener Frömmigkeit, die in diesem Jahrhundert der Duldung gefährlich war – aber gehörte er nicht zum Patriciat, würde seine Wahl nicht bedeuten, daß das Papsttum nie auf die weltliche Herrschaft verzichtete? Von da an war Boccanera in den Augen Sanguinettis der Gefürchtete geworden; er lebte gar nicht mehr, sah sich schon beraubt und brachte seine Stunden damit zu, Kombinationen zu suchen, um sich dieses allmächtigen Nebenbuhlers zu entledigen. Er sparte nicht mit den abscheulichen Geschichten von seiner Willfährigkeit gegen Benedetta und Dario und hörte nicht auf, ihn als den Antichrist darzustellen, dessen Regierung die Zerstörung des Papsttums vollziehen mußte. Seine letzte Berechnung, um die Stütze der Jesuiten wieder zu erobern, bestand also darin, daß er von seinen Vertrauten verbreiten ließ, er werde nicht allein das Prinzip der weltlichen Herrschaft unversehrt erhalten, sondern er verpflichte sich auch, diese Herrschaft wieder zu erwerben. Er hatte einen Plan, den man sich ins Ohr flüsterte – einen trotz scheinbarer Zugeständnisse zu sicherem Sieg führenden, in seinen Ergebnissen niederschmetternden Plan. Er wollte aufhören, den Katholiken das Abstimmen und Kanditiren zu verbieten, zuerst hundert, dann zweihundert, dann dreihundert Mitglieder in die Kammer entsenden, hierauf die savoyische Monarchie umstoßen und eine Art riesiger Föderation der italienischen Provinzen errichten, deren erhabener und höchster Präsident der wieder in den Besitz Roms getretene heilige Vater sein würde. Als Prada zu Ende war, begann er abermals zu lachen, indem er seine weißen Zähne zeigte, die so wenig dazu beschaffen waren, die Beute loszulassen. »Sie sehen, wir müssen uns wohl verteidigen, denn er gedenkt uns hinauszuwerfen. Glücklicherweise gibt es bei allen solchen Dingen kleine Hindernisse. Aber solche Träume üben nichtsdestoweniger eine ungeheure Wirkung auf gewisse überreizte Gehirne, wie zum Beispiel das des Santobono. Sehen Sie, das ist einer, den Sanguinetti mit einem Worte, wenn er wollte, sehr weit führen könnte ... Ah, er hat gute Beine! Sehen Sie doch da hinauf! Er ist schon bei dem kleinen Palast des Kardinals angelangt, er tritt ein – jene ganz weiße Villa dort mit den gemeißelten Balkonen.« In der That erblickte man den kleinen Palast, eines der ersten Häuser von Frascati; es war ein modernes Gebäude im Renaissancestil, dessen Fenster auf die Unendlichkeit der römischen Campagna hinausgingen. Es war elf Uhr, und da Pierre sich von dem Grafen verabschiedete, um selbst hinaufzugehen und seinen Besuch abzustatten, hielt dieser einen Augenblick seine Hand in der seinen fest. »Wissen Sie, wenn Sie sehr nett wären, so würden Sie mit mir frühstücken ... Wollen Sie? Suchen Sie mich, sobald Sie frei sind, in dem Restaurant, dort, mit der rosa Fassade auf. Ich werde in einer Stunde meine Geschäfte geregelt haben und entzückt sein, wenn ich nicht allein essen muß.« Anfangs weigerte, wehrte sich Pierre, aber er besaß gar keine mögliche Ausrede und mußte sich endlich, wider Willen, von dem wirklichen Zauber Pradas gewonnen, ergeben. Sobald sie sich getrennt hatten, brauchte er nur eine Straße zu durchschreiten, um vor der Thür des Kardinals anzulangen. Der letztere war sehr leicht zugänglich, teils aus natürlichem Mitteilsamkeitsbedürfnis, teils auch aus Berechnung, um den Populären zu spielen. Besonders in Frascati öffnete sich seine Thür weit, sogar vor der einfachsten Sutane. Der junge Priester wurde daher sofort vorgelassen; er war über diesen Empfang ein wenig erstaunt, da er sich der schlechten Laune des Bedienten in Rom entsann, der ihm von der Reise abgeraten, weil Seine Eminenz nicht gern gestört werden wollte, wenn er leidend war. In Wirklichkeit war nicht die Rede von Krankheit, denn alles in dieser behaglichen, von Sonnenlicht überfluteten Villa lächelte und glänzte. Der Wartesalon, in dem man ihn allein gelassen hatte, war mit schrecklichen, roten Sammetmöbeln ausgestattet und besaß weder Luxus noch Bequemlichkeit, aber er wurde von dem schönsten Licht der Welt erhellt und ging auf diese außerordentliche, so kahle, so flache Campagna hinaus, die in der fortwährenden Fata Morgana der Vergangenheit eine traumhafte Schönheit ohne gleichen besaß. Darum stellte er sich auch, während er auf das Vorgelassenwerden wartete, an eines der weit offenen, auf einen Balkon gehenden Fenster und versenkte den Blick in das endlose Meer der Wiesen, bis zu dem in der Ferne weiß schimmernden Rom, das der Dom von S. Peter – ein kleiner, funkelnder Fleck, kaum so groß wie der Nagel des kleinen Fingers – ganz beherrschte. Er war kaum dorthin getreten, als das Geräusch eines Gespräches, dessen einzelne Worte ganz deutlich bis zu ihm drangen, ihn überraschte. Er beugte sich vor und begriff zuletzt, daß es Seine Eminenz selbst sei, der, auf dem Nebenbalkon stehend, mit einem Priester sprach, von dem er nur die Sutane sah. Uebrigens hatte er sofort Santobono erkannt. Seine erste Bewegung war, sich aus Diskretion zurückzuziehen, aber dann hielten ihn die Worte, die er hörte, zurück. »Wir werden es sofort wissen,« sagte die Eminenz mit ihrer dicken Stimme. »Ich habe Eufemio nach Rom geschickt. Ich habe nur zu ihm Vertrauen. Da kommt der Zug, der ihn zurückbringt.« In der That erschien aus der riesigen Ebene ein Zug. Er war noch klein, wie ein Kinderspielzeug. Wohl um auf ihn zu lauern, hatte sich Sanguinetti auf das Balkongeländer gestützt und blieb hier stehen, die Augen auf Rom, in die Ferne gerichtet. Santobono sprach mit Leidenschaft ein paar Worte, die Pierre schlecht hörte; aber gleich darauf fuhr der Kardinal deutlich fort: »Ja, ja, mein Lieber, eine Katastrophe wäre ein großes Unglück. Ach, möge Gott uns Seine Heiligkeit noch lange bewahren!« Er hielt inne, und da er kein Heuchler war, ergänzte er seinen Gedanken. »Wenigstens möge er ihn uns in diesem Augenblick bewahren, denn es ist eine böse Zeit. Ich lebe in der schrecklichsten Angst; die Anhänger des Antichrist haben in der letzten Zeit viel Boden gewonnen.« Santobono entfuhr ein Schrei. »O, Eure Eminenz werden handeln, werden siegen!« »Ich, mein Lieber? Was soll ich denn thun? Ich stehe nur zur Verfügung meiner Freunde, jener, die einzig zum Siege des heiligen Stuhles an mich glauben werden. Diese müssen handeln; ein jeder muß nach Kräften arbeiten, um dem Bösen den Weg zu versperren, damit die Guten Erfolg haben ... Ach, wenn der Antichrist regiert –« Dieses sich wiederholende Wort »Antichrist« beunruhigte Pierre sehr. Mit einemmale erinnerte er sich an das, was der Graf ihm gesagt hatte: der Antichrist – das war der Kardinal Boccanera. »Mein Lieber, bedenken Sie das: der Antichrist im Vatikan! Er wird mit seinem unversöhnlichen Stolz, seinem eisernen Willen, seiner düstern Sucht nach dem Nichts die Zerstörung der Religion vollziehen; denn es ist kein Zweifel mehr möglich – er ist das von den Weissagungen angekündigte Tier des Todes, das in seinem wütenden Lauf zu der Finsternis des Abgrunds alles mit sich selbst zu verschlingen droht. Ich kenne ihn; er träumt nur von Beharren und Zusammenbrechen, er wird die Säulen des Tempels umfassen und sie erschüttern, um sich und den ganzen Katholizismus unter ihnen zu begraben. Kein halbes Jahr wird vergehen, und er wird von Rom verjagt, mit allen Nationen verzankt, von Italien verflucht sein und das irrende Gespenst des letzten Papstes durch die Welt schleppen.« Ein dumpfes Murren, ein erstickter Fluch Santobonos folgte dieser erschreckenden Voraussagung. Aber der Zug war auf dem Bahnhof angelangt, und unter den ersten aussteigenden Reisenden erkannte Pierre einen kleinen Abbé, der so schnell ging, daß ihm die Sutane um die Schenkel flog. Es war der Abbé Eufemio, der Sekretär des Kardinals. Als er diesen auf dem Balkon bemerkt hatte, ließ er alle Rücksicht gegen die Menschen fahren und begann die abschüssige Straße herabzulaufen. »Ah, da ist Eufemio!« rief Seine Eminenz, zitternd vor Angst. »Jetzt werden wir es endlich, endlich erfahren!« Der Sekretär war unter das Thor getreten und mußte so rasch die Treppe hinaufgestiegen sein, daß Pierre ihn fast gleich darauf atemlos durch den Wartesalon, in dem er sich befand, gehen und dann im Arbeitskabinet des Kardinals verschwinden sah. Dieser hatte den Balkon verlassen, um seinem Boten entgegenzugehen, aber er kehrte bald wieder unter Fragen, Ausrufungen dahin zurück. Die schlechten Nachrichten hatten einen wahren Aufruhr in ihm hervorgerufen. »Es ist also wahr? Die Nacht war schlecht? Seine Heiligkeit hat keinen Augenblick lang geschlafen? Kolik, hat man Ihnen erzählt? Aber in seinem Alter kann es ja nichts Schlimmeres geben ... Das kann ihn in zwei Stunden wegraffen ... Und die Aerzte, was sagen die?« Die Antwort drang nicht bis zu Pierre hinüber. Er verstand jedoch, als er den Kardinal fortfahren hörte: »O, die Aerzte, die wissen nie etwas! Uebrigens, wenn sie nicht mehr reden wollen, so heißt das, daß der Tod nicht mehr fern ist ... Gott, welches Unglück, wenn die Katastrophe nicht um einige Tage hinausgeschoben werden kann!« Er schwieg, und Pierre fühlte, wie seine Augen von neuem auf Rom da unten ruhten, wie er mit all seiner ehrgeizigen Angst den Dom von S. Peter, den kleinen, funkelnden Fleck inmitten der ungeheuren roten Ebene betrachtete, der kaum so groß war wie der Nagel des kleinen Fingers. Welche Unruhe, welche Aufregung, wenn der Papst tot wäre! Er hätte nur den Arm ausstrecken mögen, um die ewige Stadt, die heilige Stadt, die am Horizont nicht mehr Platz einnahm als ein von einer Kinderschaufel hingeworfener Haufen Kies, in die hohle Hand nehmen zu können. Er träumte bereits vom Konklave, wenn die Thronhimmel der anderen Kardinäle herabsinken und nur der seine unbeweglich, majestätisch ihn mit dem Purpur krönen würde. »Aber Sie haben recht, mein Lieber,« rief er, zu Santobono gewandt. »Es muß gehandelt werden, es ist für das Heil der Kirche ... Und dann, es ist nicht möglich, daß der Himmel nicht mit uns sein sollte, die einzig und allein seinen Triumph wollen. Wenn es sein muß, wird er im letzten Augenblick den Antichrist niederzuschmettern wissen.« Nun zum erstenmal hörte Pierre deutlich auch Santobono, der mit rauher Stimme, mit einer Art wilder Entschiedenheit sagte: »O, wenn der Himmel zögert, wird man ihm helfen!« Das war alles; er hörte dann nichts mehr als ein wirres Gemurmel. Der Balkon war leer, und Pierre begann wieder in dem sonnigen, von heiterer und köstlicher Ruhe erfüllten Salon zu warten. Plötzlich öffnete sich weit die Thür des Arbeitszimmers, und ein Diener führte ihn hinein. Zu seinem Erstaunen fand er den Kardinal allein, ohne daß er die beiden Priester hatte hinausgehen sehen: sie hatten sich durch eine andere Thür entfernt. In dem hellen, gelblichen Licht stand der Kardinal mit seinem gefärbten Gesicht, der starken Nase, den dicken Lippen und seinem, trotz seiner sechzig Jahre, jugendlich stämmigen und kräftigen Aussehen neben einem Fenster. Auf seinen Lippen schwebte wieder das väterliche Lächeln, mit dem er aus Politik die bescheidensten Leute empfing. Sofort, nachdem Pierre sich verbeugt und den Ring geküßt hatte, wies er ihm einen Stuhl an. »Setzen Sie sich, lieber Sohn, setzen Sie sich ... Sie kommen also wegen der unglückseligen Geschichte mit Ihrem Buche. Ich bin sehr, sehr froh, mit Ihnen darüber reden zu können.« Er selbst hatte sich auf einen Stuhl neben dem auf Rom hinausgehenden Fenster gesetzt, von dem er sich nicht entfernen zu können schien. Während der Priester sich entschuldigte, daß er ihn in seiner Ruhe störe, bemerkte er, daß er ihm gar nicht zuhörte, sondern die Augen von neuem auf da unten, auf die so heiß ersehnte Beute gerichtet hielt. Dennoch bewahrte der Kardinal vollkommen den Schein liebenswürdiger Aufmerksamkeit, und Pierre wunderte sich über die Willenskraft, die dieser Mann haben mußte, um so ruhig, so voll Interesse für die Angelegenheiten anderer zu erscheinen, während ein solcher Sturmwind in ihm brauste. »Eure Eminenz werden also geruhen, mir zu verzeihen ...« »Aber Sie haben sehr wohl daran gethan, zu kommen, da meine schwankende Gesundheit mich hier zurückhält ... Es geht mir übrigens ein wenig besser, und es ist sehr natürlich, daß Sie mir Erklärungen zu geben, Ihr Buch zu verteidigen und mein Urteil zu erleuchten wünschen. Ich wunderte mich sogar, daß ich Sie noch nicht sah, denn ich weiß, daß Ihr Glaube stark ist und daß Sie keine Schritte scheuen, um Ihre Richter zu bekehren ... Reden Sie, lieber Sohn, ich höre Ihnen mit aller Freude zu, die es mir bereiten würde, Sie absolviren zu können.« Pierre ließ sich von diesen wohlwollenden Worten fangen. Eine Hoffnung erwachte wieder in ihm – die, den allmächtigen Indexpräfekten für seine Sache zu gewinnen. Er hielt diesen ehemaligen Nuntius, der zuerst in Brüssel und dann in Wien die Kunst gelernt hatte, Geprellte zufrieden fortzuschicken, indem er ihnen alles versprach, ohne ihnen etwas zu bewilligen, bereits für selten geistvoll, für besonders herzensgut. Darum fand er abermals sein Apostelfeuer wieder, um seine Ideen über das Rom von morgen auseinanderzusetzen – das Rom, von dem er träumte, das von neuem die Herrin der Welt werden würde, wenn es zu dem Christentum Jesu, zu der feurigen Liebe zu den Kleinen und Schwachen zurückkehrte. Sanguinetti lächelte, schüttelte leise den Kopf und stieß entzückte Ausrufe aus. »Sehr gut, sehr gut! Vortrefflich! ... Ah, ich denke wie Sie, lieber Sohn! Mehr läßt sich nicht sagen ... Aber es ist ja augenscheinlich, Sie stimmen darin mit allen guten Geistern überein.« Außerdem, sagte er, rühre ihn die ganze poetische Seite der Sache sehr tief. Zweifellos aus Rivalität liebte er es, gleich Leo XIII. für einen der ausgezeichnetsten Lateiner zu gelten, und hatte Virgil eine besondere, grenzenlose Zärtlichkeit geschworen. »Ich weiß, ich weiß ... o, ich habe die Stelle über den wiederkehrenden Frühling, der die vom Winter erstarrten Armen tröstet, dreimal gelesen! Aber wissen Sie auch, daß Sie voller lateinischen Wendungen sind? Ich habe in Ihrem Buche mehr als fünfzig Ausdrücke notirt, die man in den Eklogen wiederfinden würde. Ihr Buch ist reizend, wirklich reizend!« Da er durchaus nicht dumm war und fühlte, daß in diesem kleinen Priester eine große Intelligenz stecke, so wurde zuletzt sein Interesse wach – nicht für ihn, sondern für den Nutzen, der sich vielleicht aus ihm ziehen ließe. In seinem Ränkefieber beschäftigte er sich fortwährend damit, aus den anderen, den Kreaturen, die Gott ihm zusandte, alles zu ziehen, was sie ihm zubrachten, und was seinem Triumph nützlich sein konnte. Er wandte sich einen Augenblick von Rom ab, schaute seinem Gegenüber ins Gesicht und hörte ihm zu, indem er sich fragte, wozu er ihn wohl entweder sogleich, in der Krise, die er jetzt durchmachte, oder später, wenn er Papst sein würde, verwenden könne? Aber der Priester beging abermals den Fehler, die weltliche Herrschaft der Kirche anzugreifen und das unglückliche Wort von der neuen Religion auszusprechen. Der noch immer lächelnde Kardinal unterbrach ihn mit einer Geberde, ohne etwas von seiner Liebenswürdigkeit zu verlieren, obwohl sein schon längst gefaßter Entschluß fortan befestigt und entschieden war. »Gewiß, lieber Sohn, Sie haben in vielen Punkten recht, und ich bin oft mit Ihnen eins – o, vollkommen! ... Aber sehen Sie, Sie wissen zweifellos wohl nicht, daß ich hier der Beschützer von Lourdes bin. Wie können Sie da, nach jener Stelle über die Grotte, verlangen, daß ich mich für Sie, gegen die Väter ausspreche?« Diese Thatsache, die er allerdings nicht kannte, schlug Pierre zu Boden. Niemand war so vorsichtig gewesen, ihn davon zu unterrichten. In Rom hat jedes katholische Werk der Welt einen vom heiligen Vater bestimmten Kardinal zum Beschützer, der es vertreten und im Notfall verteidigen muß. »Die guten Väter,« fuhr Sanguinetti sanft fort, »Sie haben ihnen großen Schmerz bereitet. Wirklich, unsere Hände sind gebunden, wir können ihren Kummer nicht noch vergrößern ... Wenn Sie wüßten, wie viele Messen sie uns schicken! Ohne sie würde mehr als einer unserer armen Priester, die ich kenne, Hungers sterben.« Es blieb nichts übrig, als sich zu beugen. Pierre stieß abermals an diese Geldfrage, an die Notwendigkeit des heiligen Stuhles, sein Budget in guten oder schlechten Jahren zu sichern. Es war immer wieder die Knechtschaft des Papstes, den der Verlust Roms von den Regierungssorgen befreit hatte, aber die gezwungene Dankbarkeit für erhaltene Almosen dennoch an die Erde nagelte. Die Bedürfnisse waren so groß, daß das Geld regierte, die höchste Macht war, vor der alles am römischen Hofe sich beugte. Sanguinetti erhob sich, um den Besucher zu verabschieden. »Aber, lieber Sohn, verzweifeln Sie nicht,« fuhr er mit Wärme fort. »Ich habe übrigens nur meine Stimme; ich verspreche Ihnen, die ausgezeichnete Erklärung, die Sie mir gegeben haben, in Anschlag zu bringen ... Und wer weiß? Wenn Gott mit Ihnen ist, wird er Sie retten, sogar gegen unsern Willen!« Das war seine gewöhnliche Taktik; er hatte das Prinzip, niemals die Leute bis aufs äußerste zu treiben, indem er sie ohne Hoffnung fortschickte. Wozu diesem da sagen, daß die Verdammung seines Buches geschehene Sache sei und daß es das einzig Kluge wäre, es zu verleugnen? Nur ein Wilder, wie Boccanera, konnte noch mit der Flamme des Zornes in solche Feuerseelen blasen und sie der Rebellion zutreiben. »Hoffen Sie, hoffen Sie!« wiederholte er lächelnd, indem er sich den Anschein gab, eine Menge glücklicher Dinge anzudeuten, die er nicht aussprechen konnte. Pierre, tief gerührt, fühlte sich wie neu geboren. Er vergaß sogar das Gespräch, das er belauscht hatte, den ehrgeizigen Grimm, die dumpfe Wut gegen den gefürchteten Nebenbuhler. Und dann, konnte nicht bei den Mächtigen der Geist die Stelle des Herzens vertreten? Wenn dieser hier eines Tages Papst ward und wenn er verstanden hatte – würde er da nicht der erwartete Papst sein, der die Aufgabe auf sich nahm, die Kirche der Vereinigten Staaten von Europa, die geistige Herrin der Welt neu zu organisiren? Er dankte ihm bewegt, verbeugte sich und ließ ihn vor diesem weitoffenen Fenster, von wo Rom ihm aus der Ferne, in dem Glanz der Herbstsonne kostbar und schimmernd wie ein Kleinod, wie die Tiara aus Gold und Edelsteinen erschien, weiter träumen. Es war beinahe ein Uhr, als Pierre und Graf Prada sich endlich zum Frühstück an einen der kleinen Tische des Restaurants setzen konnten, in dem sie ihre Zusammenkunft verabredet hatten. Der eine wie der andere hatte sich durch seine Geschäfte verspätet. Aber der Graf schien sehr heiter zu sein, da er unangenehme Fragen zu seinem Vorteil geregelt hatte, und der Priester selbst, der wieder von Hoffnung erfüllt war, überließ sich der köstlichen Lebensfreude in der Milde dieses letzten schönen Tages. Das Frühstück inmitten des großen, hellen, in Blau und Rosa gemalten, um diese Jahreszeit völlig einsamen Saales, war daher reizend. Amoretten flogen über die Decke, Landschaften, die aus der Ferne an die römischen Burgen erinnerten, schmückten die Wände. Sie aßen lauter frische Sachen und tranken jenen Wein von Frascati, der einen brennenden Erdgeschmack hat, als ob die einstigen Vulkane dem Boden ein wenig von ihrem Feuer zurückgelassen hätten. Das Gespräch drehte sich lange Zeit um das Albanergebirge, dessen milde Anmut die flache römische Campagna so vorteilhaft und das Auge erfreuend beherrscht. Pierre, der den klassischen Ausflug zu Wagen von Frascati nach Nemi gemacht hatte, stand ganz unter dessen Zauber und sprach noch mit Feuer davon. Da war zuerst der anbetungswürdige, an der Flanke der Hügel auf- und absteigende Weg von Frascati nach Albano; er war mit Rohr, Wein und Oliven bepflanzt, zwischen denen sich fortwährend Ausblicke auf die wogige Unendlichkeit der Campagna eröffneten. Rechts schimmerte weiß das Dorf Rocca di Papa, amphitheatralisch auf einem runden Hügel unter dem von großen, hundertjährigen Bäumen gekrönten Monte Cavo gelegen. Von diesem Punkte der Straße erblickte man, wenn man sich gegen Frascati zurückwendete, hoch oben, am Saum eines Pinienwaldes die fernen Ruinen Tuskulums – große, rötliche, von Jahrhunderten der Sonne verbrannte Ruinen, von denen der grenzenlose Ausblick wunderbar sein mußte. Dann kam man durch Marino, mit der breiten, abschüssigen Straße, der ungeheuren Kirche und dem alten, geschwärzten, halb zerfressenen Palaste der Colonnas. Dann, nach einem Steineichenwald fuhr man längs des Albanosees hin, der ein in der Welt einziges Schauspiel bietet: gegenüber, jenseits des unbeweglichen, einem klaren Spiegel gleichen Gewässers, die Ruinen von Alba Longa; links der Monte Cavo mit Rocca di Papa und Palazzola; rechts Castel Gandolfo, wie von der Höhe eines Felsenufers den See beherrschend. In dem erloschenen Krater, wie am Grunde einer riesigen Schale aus Grün, schlief träg und tot der See; er glich einer Tafel aus geschmolzenem Metall, die die Sonne auf der einen Seite mit Gold oirirtem, während die andere, im Schatten liegende Hälfte, schwarz war. Nun stieg die Straße an, bis zu Castel Gandolfo, das wie ein weißer Vogel auf seinem Felsen zwischen See und Meer hockte und stets, selbst während der brennendsten Stunde des Sommers, von einer Brise erfrischt wurde. Einst war es wegen seiner päpstlichen Villa berühmt, in der Pius IX. gerne lässige Tage verbrachte, wo Leo XIII. jedoch noch nie erschienen ist. Dann stieg die Straße wieder abwärts und die Steineichen fingen wieder an; es waren Steineichen, die wegen ihrer Ungeheuerlichkeit berühmt sind, eine Doppelreihe von Kolossen, von zwei- und dreihundertjährigen Ungeheuern mit gewundenen Gliedern. Endlich gelangte man nach Albano, einer kleinen Stadt, die weniger reinlich und weniger modernisirt ist als Frascati, ein Winkel Erde, der noch ein wenig von dem Duft seiner einstigen Wildheit bewahrt hat. Nun kam noch Arricia, mit dem Palast Chigi, mit wälderbedeckten Hügeln und Brücken, die sich über beschattete Schluchten spannten, dann Genzano, dann Nemi, eines entlegener und wilder als das andere, unter Felsen und Bäumen verloren. Ach, dieses Nemi! Welch unauslöschliche Erinnerung hatte Pierre von ihm bewahrt! Dieses Nemi am Ufer seines Sees, dieses aus der Ferne so köstliche, so bezaubernde Nemi, das alte Legenden und im Grün der geheimnisvollen Wasser entstandene Feenstädte herausbeschwört! Aber wenn man es zuletzt betritt, ist es von abstoßender Unreinlichkeit, bricht überall zusammen und wird noch von dem Orsiniturm beherrscht, wie von dem bösen Geist der alten Zeit, der dort wilde Sitten, heftige Leidenschaften und Messerstiche aufrecht zu erhalten scheint. Auch dieser Santobono war von hier, dessen Bruder getötet hatte, in dem selbst eine mörderische Flamme zu brennen schien. Seine Verbrecheraugen leuchteten wie glühende Kohlen. Und der See – rund wie ein in diesen Krater, in diese Schale hinabgefallener erloschener Mond! Diese Schale sah noch tiefer und schmaler aus wie der Albanersee und war mit Bäumen von erstaunlicher Kraft und Dichtigkeit bedeckt. Pinien, Ulmen und Weiden ziehen sich in einer grünen Flut von einander erdrückenden Zweigen bis zum Ufer hin. Diese schreckliche Fruchtbarkeit entspringt den fortwährenden Wasserdämpfen, die sich hier unter der brennenden Einwirkung der Sonne entwickeln; die Sonnenstrahlen häufen sich in dieser Höhlung, wie in einem Schmelzofenherd an. Es ist eine heiße, schwere Feuchtigkeit; die Alleen der umliegenden Gärten überziehen sich mit grünem Moos und dichte Nebel erfüllen oft des Morgens die ungeheure Schale mit einem weißen Dampf, wie mit einer rauchenden Hexenmilch von böser Zauberkraft. Pierre entsann sich wohl seines Unbehagens angesichts dieses Sees, in dem inmitten der bewunderungswürdigen Umgebung alte Greuelthaten, eine ganze geheimnisvolle Religion mit abscheulichen Gebräuchen zu schlummern schienen. Er hatte ihn bei Abendanbruch, im Schatten seines Wäldergürtels gesehen; er glich einer trüben, schwarz und silbernen Metallplatte von drückender Unbeweglichkeit und dieses klare, aber so tiefe Wasser, dieses einsame Wasser, auf dem kein Boot zu sehen war, dieses tote, erhabene, gruftähnliche Wasser hatte in ihm eine unbeschreibliche Traurigkeit, eine Schwermut zum Sterben zurückgelassen. Es war die Verzweiflung der großen, einsamen Brunst, wenn Erde und Wasser von dem stummen Schmerz der Keime in beunruhigender Fruchtbarkeit schwellen. Ach, diese dunklen, versinkenden Ufer, dieser düstere, schwarze See, der da unten, am Grunde ruhte! Graf Prada begann über diesen Eindruck zu lachen. »Ja, ja, es ist wahr, der Nemisee ist nicht alle Tage fröhlich. Ich habe ihn bei trübem Wetter gesehen; er war bleifarben und die starken Sonnenstrahlen belebten ihn nicht, obwohl sie ihn beleuchteten. Was mich betrifft, so weiß ich, daß ich vor Langeweile zu Grunde ginge, wenn ich gegenüber diesem ganz kahlen Gewässer leben müßte. Aber er hat für sich die Dichter und die romantischen Frauen – solche, die eine große, leidenschaftliche Liebe mit tragischer Lösung anbeten.« Als dann die beiden Tischgenossen sich erhoben hatten, um den Kaffee auf einer Terrasse zu nehmen, wechselte das Gespräch. »Gedenken Sie heute abend den Empfang des Fürsten Buongiovanni zu besuchen?« hob der Graf an. »Es wird für einen Fremden ein interessantes Schauspiel sein und ich rate Ihnen, es nicht zu versäumen.« »Ja, ich habe eine Einladung,« antwortete Pierre. »Ein Freund von mir, Herr Narcisse Habert, ein Attaché unserer Gesandtschaft, hat sie mir verschafft und soll mich übrigens einführen.« In der That, am selben Abend sollte im Palast Buongiovanni auf dem Corso ein Fest, einer jener seltenen Galaempfänge stattfinden, wie sie nur zwei- oder dreimal im Winter gegeben werden. Man erzählte sich, daß dieser an Pracht alles übertreffen würde, denn er fand zu Ehren der Verlobung Celias, der kleinen Prinzessin, statt. Der Fürst hatte plötzlich, nachdem er, wie es hieß, seine Tochter geohrfeigt und sich selbst bei einem schrecklichen Zornanfall ernstlich der Gefahr eines Schlaganfalles ausgesetzt hatte, vor dem ruhigen und sanften Starrsinn des jungen Mädchens nachgegeben. Er willigte in ihre Heirat mit dem Lieutenant Attilio, dem Sohn des Ministers Sacco, und alle römischen Salons, die weiße Gesellschaft sowie die schwarze, waren darüber außer Rand und Band geraten. Graf Prada geriet abermals in Heiterkeit. »Ach, ich versichere Sie, Sie werden ein schönes Schauspiel erleben! Ich bin darüber, meines guten Vetters Attilio wegen, entzückt; denn er ist wirklich ein sehr ehrlicher und reizender Junge. Um nichts in der Welt werde ich den Eintritt meines lieben Oheims Sacco, der endlich das Portefeuille des Ackerbauministers losgehakt hat, in die antiken Salons der Buongiovanni versäumen. Es wird wirklich ein außerordentlicher und prächtiger Anblick sein ... Mein Vater, der alles ernst nimmt, hat mir heute morgen erzählt, daß er deswegen die ganze Nacht kein Auge geschlossen habe.« Er unterbrach sich, fuhr aber sogleich fort: »Hören Sie, es ist schon halb drei; vor fünf Uhr werden Sie keinen Zug mehr bekommen. Wissen Sie, was Sie thun müßten? Mit mir im Wagen nach Rom zurückfahren.« Aber Pierre wehrte ab. »Nein, nein! Tausend Dank, aber ich dinire mit meinem Freunde Narcisse und darf mich nicht verspäten.« »Ei, Sie werden sich nicht verspäten, im Gegenteil! Wir werden um drei abfahren und noch vor fünf in Rom sein ... Es gibt keine köstlichere Spazierfahrt, wenn der Tag sich neigt, und ich verspreche Ihnen einen wunderbaren Sonnenuntergang.« Er war so dringlich, daß der Priester, von so viel Liebenswürdigkeit und guter Laune endgiltig gewonnen, annehmen mußte. Sie verbrachten also eine sehr angenehme Stunde im Gespräch über Rom, Italien und Frankreich. Für einen Augenblick stiegen sie wieder nach Frascati hinauf, wo der Graf noch einmal einen Unternehmer sprechen wollte, und als es drei Uhr schlug, fuhren sie endlich ab, sich neben einander weich auf den Kissen der Viktoria wiegend. Die beiden Pferde gingen in einem leichten Trab. In der That, diese Rückfahrt nach Rom durch die ungeheure kahle Campagna, unter dem weiten, klaren Himmel, an diesem köstlichen Abend, dem schönsten aller Herbsttage, war herrlich. Aber zuerst mußte die Viktoria im scharfen Trab die Abhänge von Frascati fortwährend zwischen Weingärten und Olivenwäldern hinabfahren. Die gepflasterte Straße war wenig belebt: höchstens ein paar Bauern in alten, schwarzen Filzhüten, ein weißes Maultier, ein mit einem Esel bespannter Karren waren zu sehen. Nur des Sonntags belebten sich die Weinhandlungen und kamen die Handwerker, um in den Landhäusern der Umgegend in Muße ihr Ziegenfleisch zu verzehren. An einer Krümmung des Weges kamen sie an einem monumentalen Springbrunnen vorüber. Eine ganze Schafherde zog vorbei und versperrte einen Augenblick die Durchfahrt. Aber im Hintergrunde der biegsamen Wellen der ungeheuren, roten Campagna erschien stets das ferne Rom in den lila Dünsten des Abends und schien nach und nach, je tiefer der Wagen gelangte, zu versinken. Es kam ein Augenblick, da es in gleicher Linie mit dem Horizont nur noch ein dünner grauer Streif war, der von einigen sonnenbeschienenen Fassaden kaum etwas weiß gefleckt wurde. Dann versank es in die Erde; es ertrank unter der Schlagwelle der unendlichen Felder. Die Viktoria rollte auf der Ebene dahin und ließ das Albanergebirge hinter sich, während rechts, links und gegenüber das Meer der Prärien und Stoppeln begann. Da rief der Graf, der sich hinausgebeugt hatte: »Ei, sehen Sie doch, da vor uns, da unten geht unser Mann von heute morgen, Santobono in eigener Person ... Das ist ein Kerl, was? Wie er marschirt! Meinen Pferden wird es schwer, ihn einzuholen.« Pierre beugte sich ebenfalls hinaus. Ja, es war der Pfarrer von S. Maria dei Campi in seiner langen, schwarzen Sutane, groß und knorrig, wie mit der Axt zugehauen. In dem feinen Licht, der hellen, gelblichen Sonne, die ihn überflutete, bildete er einen grellen Tintenfleck und ging mit einem so regelmäßigen, schweren Schritt, daß er dem einherschreitenden Schicksal glich. Am Ende seines rechten Armes hing etwas herab – ein Gegenstand, der sich schlecht unterscheiden ließ. Als der Wagen ihn zuletzt erreicht hatte, gab Prada dem Kutscher den Befehl, langsamer zu fahren, und knüpfte ein Gespräch an. »Guten Tag, Abbé! Wie geht es?« »Sehr gut, Herr Graf! Tausend Dank!« »Und wohin laufen Sie denn so wacker?« »Ich gehe nach Rom, Herr Graf.« »Wie, nach Rom? So spät!« »O, ich werde fast ebenso bald dort sein wie Sie. Der Weg macht mir keine Angst; es ist rasch gewonnenes Geld.« Er versäumte keinen Schritt, wandte kaum den Kopf und verlängerte seine Schritte längs der Räder, so daß Prada, über die Begegnung erfreut, ganz leise zu Pierre sagte: »Warten Sie, er wird uns unterhalten.« Dann setzte er mit lauter Stimme hinzu: »Nun, da Sie nach Rom gehen, Abbé, so steigen Sie doch auf; es ist noch Platz für Sie.« Santobono nahm die Einladung sofort an, ohne sich weiter bitten zu lassen. »Mit Vergnügen, tausend Dank! ... Es ist freilich besser, wenn man die Stiefel nicht abnützt.« Er stieg auf und setzte sich auf den Klappsitz, indem er mit plötzlicher Demut den Platz an der Seite des Grafen abwies, den Pierre ihm höflich überlassen wollte. Die beiden letzteren erkannten endlich in dem Gegenstande, den er trug, einen kleinen Korb, der mit hübsch geordneten und mit Blättern bedeckten Feigen gefüllt war. Die Pferde hatten wieder einen lebhafteren Trab eingeschlagen und der Wagen rollte auf der schönen, flachen Straße dahin. »Sie wollen also nach Rom?« hob der Graf wieder an, um den Pfarrer zum Reden zu bringen. »Ja, ja, ich will Seiner ehrwürdigsten Eminenz, dem Kardinal Boccanera, diese paar Feigen bringen; es sind die letzten dieser Saison, die ich ihm als kleines Geschenk versprochen habe.« Er hatte den Korb auf seine Kniee gestellt und hielt ihn, wie etwas Zerbrechliches und Seltenes, sorgfältig zwischen seinen groben, knorrigen Händen. »Ah, die berühmten Feigen von Ihrem Feigenbaum! Es ist wahr, sie sind lauter Honig ... Aber machen Sie es sich doch bequem; Sie werden sie doch nicht bis Rom auf dem Schoß behalten. Geben Sie die Feigen her, ich werde sie in die Lederdecke stecken.« Er wurde aufgeregt, verteidigte sie und wollte sich unbedingt nicht von ihnen trennen. »Tausend Dank, tausend Dank ... Sie stören mich gar nicht, sie sind hier sehr gut aufgehoben; so bin ich wenigstens sicher, daß ihnen nichts widerfährt.« Diese Leidenschaft Santobonos für die Früchte seines Gartens belustigte Prada sehr und er stieß Pierre mit dem Ellenbogen an. »Und der Kardinal ißt Ihre Feigen gern?« fragte er abermals. »O, Herr Graf, Seine Eminenz geruht, sie zu vergöttern. Früher, wenn Eminenz den Sommer in der Villa zubrachte, wollte er keine von einem andern Baum essen. Sie begreifen also, da ich einmal seinen Geschmack kenne, kommt es mir nicht darauf an, ihm ein Vergnügen zu machen.« Aber er hatte einen so scharfen Blick auf Pierre geworfen, daß der Graf die Notwendigkeit empfand, sie einander vorzustellen. »Der Herr Abbé Froment ist just im Palast Boccanera abgestiegen, wo er seit drei Monaten wohnt.« »Ich weiß, ich weiß,« sagte Santobono ruhig, »Ich habe den Herrn Abbé bei Seiner Eminenz gesehen – an dem Tage, an dem ich ihm schon einmal zuvor Feigen brachte. Nur waren die weniger reif. Diese sind prachtvoll.« Er warf einen wohlgefälligen Blick auf den kleinen Korb und seine ungeheuren, mit fahlen Haaren bedeckten Finger schienen ihn noch fester zu fassen. Ein Schweigen entstand, während zu beiden Seiten die Campagna sich endlos ausbreitete. Die Häuser waren seit langem verschwunden; keine Mauer, kein Baum war zu sehen, nichts als die riesigen, wellenförmigen Erhebungen, deren mageres, flaches Gras der herannahende Winter grün zu färben begann. Ein links zum Vorschein kommender Turm, eine halb zerfallene Ruine, nahm plötzlich eine seltsame Wichtigkeit an; er ragte über der flachen, unbegrenzten Linie des Horizonts gerade in den klaren Himmel. Dann zeigten sich rechts, in einem großen, mit Pfählen verschlossenen Park die fernen Silhouetten von Ochsen und Pferden; andere, noch bespannte Ochsen kehrten unter den Stichen des Treibstachels langsam von der Arbeit zurück; ein Pächter, auf einem kleinen, roten Pferde einhergaloppirend, warf einen letzten Blick auf die Arbeitsfelder. Zeitweise bevölkerte sich die Straße. Ein Biroccino, ein sehr leichter Wagen mit zwei großen Rädern und einem einfachen, über die Achse gelegten Sitz, fuhr wie der Wind vorüber. Von Zeit zu Zeit kreuzte sich die Viktoria mit einem Carrotino, dem niedrigen Karren, in dem der Bauer, von einer Art Zelt in lebhaften Farben geschützt, den Wein, das Gemüse, die Früchte der römischen Burgen nach Rom führte. Aus der Ferne hörte man die dünnen Glöckchen der Pferde, die von selbst den wohlbekannten Weg gingen, während der Bauer gewöhnlich fest schlief. Frauen mit geschürzten Röcken, mit bloßem, schwarzem Haar und scharlachroten Brusttüchern kehrten in Gruppen zu dreien und vieren heim. Dann leerte sich die Straße und unter dem runden, unendlichen Himmel, wo die schräge Sonne da unten am Ende dieses leeren, großartig und traurig einförmigen Meeres unterging, begann mehr und mehr die Wüste, ohne daß sich kilometerlang ein Mensch, ein Tier sehen ließ. »Und der Papst, Abbé?« fragte Prada plötzlich. »Ist er tot?« Santobono erschrak nicht einmal. »Ich hoffe, daß Seine Heiligkeit noch viele Tage zum Siege der Kirche zu leben haben wird,« sagte er einfach. »So haben Sie also heute morgen gute Nachrichten bei Ihrem Bischofe, dem Kardinal Sanguinetti, gehört?« Diesmal konnte der Pfarrer ein leichtes Erzittern nicht unterdrücken. Man hatte ihn also gesehen? In seiner Eile hatte er nicht einmal diese beiden Passanten bemerkt, die hinter ihm auf der Landstraße einher kamen. »O,« antwortete er, sich sofort fassend, »man weiß nie recht, ob die Nachrichten gut oder schlecht sind ... Es scheint, daß Seine Heiligkeit eine ziemlich beschwerliche Nacht verbracht hat, und ich thue Gelübde, damit die nächste Nacht besser sei.« Einen Augenblick schien er sich zu sammeln, dann fügte er hinzu: »Wenn übrigens Gott die Stunde für gekommen hält, Seine Heiligkeit wieder zu sich zu berufen, so wird er seine Herde nicht ohne Hirten lassen; er wird den Papst von morgen schon gewählt und bezeichnet haben.« Diese Antwort steigerte noch die Freude Pradas. »Wirklich, Abbé, Sie sind großartig ... Sie glauben also, daß die Päpste derart durch die Gnade Gottes entstehen? Der Papst von morgen wird oben ernannt, nicht wahr, und wartet einfach? Ich bildete mir ein, daß auch die Menschen sich ein bißchen in die Sache mengen ... Aber vielleicht wissen Sie schon, wer der von der göttlichen Gnade im voraus erwählte Kardinal ist.« Und er setzte seine billigen, ungläubigen Scherze fort, die den Priester übrigens vollständig ruhig ließen. Der letztere lachte zuletzt selbst, als der Graf, auf die alte Leidenschaft anspielend, mit der das spielsüchtige Volk von Rom bei jedem Konklave auf die wahrscheinlichen Erwählten setzte, meinte, daß er da ein Vermögen gewinnen könne, wenn er um das Geheimnis Gottes wisse. Dann sprach man von den drei weißen Sutanen von drei verschiedenen Größen, die stets in Bereitschaft in einem Schrank des Vatikans hingen: würde man diesmal die kleine, die große oder die mittlere zu verwenden haben? Bei der geringsten ernstlichen Krankheit des regierenden Papstes entstand eine außerordentliche Aufregung, ein heftiges Erwachen aller ehrgeizigen Bestrebungen, aller Ränke, derart, daß es nicht bloß in der schwarzen Gesellschaft, sondern in der ganzen Stadt keine andere Neugierde, keine andere Unterhaltung, keine andere Beschäftigung gab, als die Ansprüche der Kardinäle zu besprechen und den vorauszusagen, der siegen würde. »Hören Sie 'mal, da Sie es wissen, müssen Sie es mir unbedingt sagen,« fuhr Prada fort. »Wird es der Kardinal Moretta sein?« Trotz seiner augenscheinlichen Absicht, würdig und unparteiisch wie ein guter, frommer Priester zu bleiben, ereiferte sich Santobono nach und nach und gab seiner inneren Glut nach. Dieses Verhör gab ihm den Rest; er konnte sich nicht mehr halten. »Moretta! So was! Er ist an ganz Europa verkauft!« »Also der Kardinal Bartolini?« »Was Ihnen nicht einfällt! ... Bartolini! Er hat sich ja damit aufgerieben, alles zu wollen und nie etwas zu erlangen!« »Wird es also der Kardinal Dozio sein?« »Dozio, Dozio! Ach, wenn Dozio siegen würde, so müßte man für unsere heilige Kirche verzweifeln, denn es gibt keinen niedrigeren oder böseren Geist als ihn!« Prada hob die Hände, als sei er jetzt mit den ernsthaften Kandidaten zu Ende. Es machte ihm ein boshaftes Vergnügen, den Kardinal Sanguinetti, den sicheren Kandidaten des Pfarrers, nicht zu nennen, um diesen noch mehr zu erbittern. Dann schien er plötzlich das Richtige getroffen zu haben und rief fröhlich: »Ah, jetzt weiß ich's ... ich kenne Ihren Mann: es ist der Kardinal Boccanera!« Santobono ward plötzlich mitten ins Herz, in seinem Groll, in seiner patriotischen Ueberzeugung getroffen. Schon öffnete sich sein schrecklicher Mund und er wollte mit aller Gewalt »nein, nein!« schreien, aber es gelang ihm, diesen Schrei zurückzuhalten; schweigend hielt er auf den Knieen sein Geschenk, den kleinen Korb Feigen, den seine Hände zum Zerbrechen zusammendrückten und die Anstrengung, die er machen mußte, hinterließ ihm ein solches Zittern, daß er warten mußte, ehe er mit beruhigter Stimme antworten konnte: »Seine ehrwürdigste Eminenz, der Kardinal Boccanera, ist ein heiliger Mann, der des Thrones würdig ist; ich würde nur befürchten, daß er in seinem Haß gegen unser neues Italien den Krieg brächte.« Aber Prada wollte die Wunde noch verschlimmern. »Diesen acceptiren Sie also; Sie lieben ihn zu sehr, um sich nicht an seinen Aussichten zu erfreuen. Ich glaube, daß wir diesmal bei der Wahrheit sind, denn alle Welt ist überzeugt, daß das Konklave keinen andern ernennen kann ... Nun, er ist sehr groß; so wird die große, weiße Sutane benützt werden.« »Die große Sutane, die große Sutane,« murrte Santobono dumpf und gleichsam unwillkürlich. »Außer wenn ...« Er vollendete nicht und blieb von neuem Sieger über seine Leidenschaft. Pierre, der schweigend zugehört, wunderte sich, denn er erinnerte sich an das Gespräch, das er bei dem Kardinal belauscht hatte. Offenbar waren die Feigen nur ein Vorwand, um den Eintritt in den Palazzo Boccanera zu erzwingen, wo nur irgend ein Vertrauter, zweifellos der Abbé Paparelli, dem einstigen Kameraden sichere Auskunft zu geben vermochte. Aber welche Herrschaft über sich selbst besaß dieser Exaltirte bei den ungeordnetsten Bewegungen seiner Seele! Die Campagna zu beiden Seiten der Straße fuhr fort, ihre Grasflächen ins Unendliche zu entfalten; Prada, der ernst und nachdenklich geworden, schaute hinaus, ohne etwas zu sehen. Er schloß seine Betrachtungen ganz laut. »Abbé, Sie wissen, was man sagen wird, wenn er diesmal stirbt ... Dieses plötzliche Unwohlsein, diese Koliken, diese verheimlichten Nachrichten ... Die Sache kann recht schlecht ablaufen ... Ja, ja, Gift, wie bei den anderen.« Pierre fuhr betroffen auf. Der Papst vergiftet! »Wie, Gift! Schon wieder!« rief er. Entsetzt betrachtete er die beiden. Gift, wie zu den Zeiten der Borgias, wie in einem romantischen Drama, am Ende unseres neunzehnten Jahrhunderts! Dieses Phantasiegebilde erschien ihm gleichzeitig ungeheuerlich und lächerlich. Santobono, dessen Gesicht unbeweglich, undurchdringlich geworden war, antwortete nicht. Aber Prada schüttelte den Kopf, und das Gespräch spann sich nur noch zwischen ihm und dem jungen Priester ab. »Ei ja, schon wieder das Gift ... In Rom ist die Furcht davor noch immer lebendig und sehr groß. Sowie ein Todesfall unerklärlich erscheint, sowie er zu rasch oder unter verdächtigen Umständen erfolgt, hat alle Welt einmütig denselben ersten Gedanken und ruft ›Gift‹. Bemerken Sie auch, es gibt, wie ich glaube, keine Stadt, wo sich häufiger plötzliche Todesfälle begeben, als in Rom; ich weiß nicht recht, aus welchen Gründen – wegen des Fiebers, sagt man ... Ja, ja, das Gift mit seiner ganzen Legende, das Gift, das wie der Blitz tötet und keine Spur hinterläßt, das berühmte Rezept, das sich von Jahrhundert zu Jahrhundert vererbte – unter den Kaisern und unter den Päpsten, bis in unsere bürgerlich demokratischen Tage.« Dennoch lächelte er zuletzt selbst ein wenig skeptisch über seinen heimlichen, der Rasse und Erziehung entspringenden Schreck. Er führte Thatsachen an. Die römischen Damen entledigten sich ihrer Gatten oder ihrer Liebhaber, indem sie das Gift einer roten Kröte verwendeten. Der praktischere Locustes wandte sich an die Pflanzen und ließ eine Pflanze auskochen, die wohl der Eisenhut sein mußte. Nach den Borgias verkaufte die Toffana in Neapel in kleinen, mit dem Bilde des heiligen Nikolaus von Bari geschmückten Fläschchen ein berühmtes Wasser, dessen Hauptbestandteil zweifellos Arsenik war. Es gab noch außerordentliche Geschichten von Stecknadeln mit plötzlich tötenden Stichen, von einem Becher Wein, der vergiftet ward, indem man darin eine Rose entblätterte, von einer Schnepfe, die mit einem präparirten Messer entzwei geschnitten wurde, und wovon die vergiftete Hälfte einen der beiden Tischgenossen tötete. »Ich selbst hatte in meiner Jugend einen Freund, dessen Braut in der Kirche am Hochzeitstage tot niederfiel, bloß weil sie an einem Blumenstrauß gerochen hatte ... Warum wollen Sie also nicht glauben, daß das berühmte Rezept sich wirklich überliefert hat und einigen Eingeweihten bekannt geblieben ist?« »Weil die Chemie zu viele Fortschritte gemacht hat,« sagte Pierre. »Wenn die Alten an geheimnisvolle Gifte glaubten, so kam das daher, weil ihnen alle Mittel zur Analyse fehlten. Heutzutage würde das Gift der Borgia den Naiven, der sich seiner bedienen wollte, geradewegs vor das Kriminalgericht führen. Das sind Märchen und es hält schwer, daß die guten Leute sie noch im Romanfeuilleton dulden.« »Mir soll es recht sein,« fuhr der Graf mit seinem unbehaglichen Lächeln fort. »Sie haben zweifellos recht ... Aber sagen Sie das doch einmal Ihrem Gastfreund, dem Kardinal Boccanera, der einen alten, zärtlich geliebten Freund, Monsignore Gallo, in seinen Armen gehalten hat, als er im vorigen Sommer binnen zwei Stunden starb.« »Eine Gehirnkongestion reicht für zwei Stunden aus, und eine Pulsadergeschwulst führt den Tod sogar in zwei Minuten herbei.« »Das ist wahr, aber fragen Sie ihn, was er sich bei den langen Schauern, dem bleifarbenen Gesicht, den einfallenden Augen, dieser Schreckensmaske gedacht hat, in der er seinen Freund nicht mehr erkannte. Er ist vollständig davon überzeugt, daß Monsignore Gallo vergiftet ward, weil er sein teuerster Vertrauter, sein Ratgeber war, dem er stets Gehör schenkte, da seine weisen Ratschläge eine Bürgschaft des Sieges waren.« Die Bestürzung Pierres war groß. Er wandte sich direkt an Santobono, dessen aufreizende Unbeweglichkeit ihn vollends beunruhigte. »Das ist albern, das ist schrecklich! Und Sie, Herr Pfarrer, glauben Sie auch an diese schrecklichen Geschichten?« An dem Priester zuckte keine Wimper. Er that seine dicken, gewaltsam zusammengepreßten Lippen nicht auf, und wandte seine dunkel flammenden Augen, die er auf Prada gerichtet hielt, von ihm nicht ab. Dieser fuhr übrigens fort, Beispiele anzuführen. Und Monsignore Nazzarelli, den man in seinem Bette gefunden hatte, zusammengeschrumpft und verkalkt wie eine Kohle? Und Monsignore Brando, den es im St. Peter selbst, während der Vesper betroffen hatte, der in der Sakristei, im Priesterornat gestorben war? »Ach Gott!« seufzte Pierre, »Sie erzählen mir so viel, daß ich zuletzt selber zittere, und in Ihrem schrecklichen Rom nichts mehr als weiche Eier zu essen wagen werde!« Dieser Scherz erheiterte einen Augenblick den Grafen und ihn. Wahrlich, aus ihrem Gespräch entwickelte sich ein schreckliches Rom – die ewige Stadt der Verbrechen, des Dolches und Giftes, wo seit mehr als zweitausend Jahren, seit der ersten errichteten Mauer, die Sucht nach Macht, die wütende Lust nach Genießen und Besitzen die Hände bewaffnet, das Pflaster blutig gefärbt und Opfer in den Tiber oder in die Erde geschleudert hatte. Meuchelmorde und Vergiftungen unter den Kaisern, Vergiftungen und Meuchelmorde unter den Päpsten – dieselbe Greuelflut wälzte die Toten unter der erhabenen Glorie der Sonne über diesen tragischen Boden. »Thut nichts,« fuhr der Graf fort, »wer vorsichtig ist, hat vielleicht nicht unrecht. Es heißt, daß mehr als ein Kardinal bebt und Mißtrauen hegt. Ich weiß von einem, der nichts anderes ißt, als Speisen, die sein Koch einkauft und zubereitet. Was den Papst anbetrifft, wenn er unruhig ist, so ...« Pierre stieß abermals einen Schrei der Betroffenheit aus. »Wie, der Papst selbst? Der Papst fürchtet sich vor Gift!« »Allerdings, mein lieber Abbé, man behauptet es wenigstens. Es gibt sicherlich Tage, an denen er sich in erster Reihe bedroht sieht. Wissen Sie nicht, daß in Rom der alte Glaube herrscht, ein Papst dürfe nicht zu alt werden, und daß man ihm hilft, wenn er darauf besteht, nicht rechtzeitig zu sterben? Sobald ein Papst kindisch, sobald er durch seine Altersschwäche eine Last, sogar eine Gefahr für die Kirche wird, ist sein natürlicher Platz im Himmel. Die Sache wird übrigens mit allem Anstand gemacht; der geringste Schnupfen ist ein dezenter Vorwand, damit er nicht länger auf dem Thron St. Peters säumt.« Bei dieser Gelegenheit fügte er seltsame Einzelheiten hinzu. Ein Prälat, hieß es, der die Befürchtungen Seiner Heiligkeit zerstreuen wollte, hatte ein ganzes System von Vorsichtsmaßregeln ausgedacht, darunter einen kleinen, verschlossenen Wagen für die Vorräte, die für die päpstliche, übrigens sehr frugale, Tafel bestimmt waren. Aber dieser Wagen war beim bloßen Plan geblieben. »Aber eigentlich muß man ja einmal sterben, besonders wenn es für das Wohl der Kirche ist,« schloß er zuletzt lachend. »Nicht wahr, Abbé?« Seit einer Weile hatte Santobono, unbeweglich dasitzend, die Blicke gesenkt, als betrachte er endlos den kleinen Korb Feigen, den er mit so viel Sorgfalt wie ein heiliges Sakrament auf den Knieen hielt. Als er nun in so unmittelbarer und so lebhafter Weise befragt wurde, konnte er es nicht vermeiden, die Augen aufzuschlagen. Aber er trat aus seinem tiefen Schweigen nicht heraus und begnügte sich damit, langsam den Kopf zu neigen. »Nicht wahr, Abbé, Gott allein und nicht das Gift führt den Tod herbei?« wiederholte Prada. »Man erzählt sich, daß das das letzte Wort des armen Monsignore Gallo war, als er in den Armen seines Freundes, des Kardinals Boccanera, verschied.« Santobono neigte abermals wortlos den Kopf und alle drei schwiegen nachdenklich. Der Wagen rollte unablässig durch die kahle Unermeßlichkeit der Campagna; die ganz gerade Straße schien ins Unendliche zu gehen. Je mehr die Sonne am Horizont unterging, desto mehr bezeichnete das Spiel von Licht und Schatten die riesigen Wellen des Bodens, die einander derart in rosigem Grün und lila Grau bis zu den fernen Rändern des Himmels folgten. Längs der Straße, rechts und links standen immer nur große, trockene Disteln und Riesenfenchel mit gelben Dolden. Dann zeigte sich einen Augenblick ein bei der Arbeit verspätetes Ochsenviergespann; es hob sich schwarz von der klaren Luft ab und sah inmitten der düstern Einsamkeit außerordentlich groß aus. Weiterhin bildeten Haufen von Schafen, deren scharfen Schweißgeruch der Wind herübertrug, braune Flecken auf dem wieder grün gewordenen Gras. Manchmal bellte ein Hund. Es war die einzige deutliche Stimme in dem heimlichen Schauer dieser stillen Einöde, wo der erhabene Friede der Toten zu herrschen schien. Aber ein leiser Gesang ertönte: Lerchen flogen empor und eine von ihnen stieg sehr, sehr hoch in den hellgoldenen Himmel auf. Und gegenüber, im Hintergrunde dieses reinen, kristallklaren Himmels wuchs Rom mit seinen Türmen und Domen immer größer empor, wie eine Stadt aus weißem Marmor, die durch ein Wunder zwischen dem Grün eines Zaubergartens ersteht. »Matteo,« rief Prada seinem Kutscher zu, »halte bei der Osteria Romana.« Dann wandte er sich zu seinen Gefährten. »Bitte, mich zu entschuldigen, aber ich will nachsehen, ob es dort keine frische Eier für meinen Vater gibt. Er ißt sie leidenschaftlich gern.« Das Haus erschien und der Wagen hielt. Ganz am Rande der Straße stand eine Art primitives Wirtshaus mit einem hochtönenden und stolzen Namen: Antica Osteria Romana. Es war eine einfache Kärrnerstation, in die sich nur Jäger wagten, um eine Flasche Weißwein zu trinken und dabei einen Eierkuchen und ein Stück Schinken zu essen. Trotzdem drang das kleine Volk von Rom manchmal Sonntags bis hierher, um sich zu erlustigen. Aber unter der Woche, in der ungeheuren, kahlen Campagna, verflossen ganze Tage, ohne daß eine menschliche Seele eintrat. Der Graf sprang bereits leicht vom Wagen herab, indem er sagte: »Es wird bloß eine Minute dauern; ich komme sofort zurück.« Die Osteria bestand nur aus einem langen, niedrigen, einstöckigen Gebäude; der Zugang zu diesem Stockwerk geschah auf einer äußern, aus groben Steinen gebildeten Treppe, die die heiße Sonne verbrannt hatte. Uebrigens war das ganze Gebäude abgenutzt und besaß die Farbe von altem Golde. Im Erdgeschoß befanden sich ein gemeinsamer Saal, eine Remise, ein Stall und Schoppen. Auf der einen Seite, neben einer Gruppe von Schirmpinien – dem einzigen Baume, der auf diesem undankbaren Boden wuchs – befand sich ein Laubengewölbe aus Schilf, unter dem fünf oder sechs hölzerne, mit der Axt zubehauene Tische aufgereiht standen. Dahinter erhob sich, gleichsam als Hintergrund dieses armseligen und düsteren Stück Lebens, das Bruchstück einer alten Wasserleitung, deren gähnende, halb zerfallene Bogen das einzige waren, das die flache Linie des grenzenlosen Horizonts durchschnitt. Aber der Graf kehrte plötzlich zurück. »Hören Sie, Abbé, Sie werden wohl ein Glas Weißwein annehmen, nicht wahr? Ich weiß, Sie sind ein bißchen Winzer und hier gibt es ein Weinchen, das man kennen muß.« Santobono stieg, ohne sich bitten zu lassen, ruhig ebenfalls aus. »O, ich kenne ihn, ich kenne ihn! Es ist ein Marinowein, der in einem noch magereren Boden gebaut wird, als bei uns in Frascati.« Aber da er seinen Korb Feigen noch immer nicht losließ und mittrug, wurde der Graf ungeduldig. »Nun, den haben Sie doch nicht nötig! Lassen Sie ihn doch im Wagen!« Der Pfarrer antwortete nicht, sondern schritt weiter, wahrend Pierre sich ebenfalls zum Aussteigen entschloß; er war neugierig, eine Osteria, eine dieser Volksschenken zu sehen, von denen man ihm erzählt hatte. Prada war hier bekannt; sofort erschien eine alte, große, ausgetrocknete Frau, die trotz ihres armseligen Rockes von königlicher Haltung war. Das letztemal hatte sie zuletzt ein halbes Dutzend frischer Eier gefunden und diesmal wollte sie auch nachsehen, ohne im voraus etwas zu versprechen; denn man wußte es nie, die Hennen legten aufs Geratewohl in alle Ecken. »Gut, gut, sehen Sie nur nach. Man soll uns eine Flasche Weißwein bringen.« Alle drei traten in den gemeinschaftlichen Saal. Es war darin schon ganz Nacht geworden. Obwohl die heiße Jahreszeit vorbei war, hörte man schon von der Schwelle aus das dumpfe Summen der Fliegenschwärme. Ein herber Geruch von saurem Wein und ranzigem Oel preßte die Kehle zusammen. Sobald sich ihre Augen ein wenig an das Dunkel gewöhnt hatten, konnten sie das große, geschwärzte, verpestete und mit Bänken und Tischen aus dickem, kaum gehobeltem Holz, einfach möblirte Zimmer unterscheiden. Es schien leer zu sein, so vollständige Stille herrschte darin; nur die Fliegen flogen herum. Dennoch saßen zwei Männer, zwei Vorübergehende, stumm und unbeweglich vor ihren vollen Gläsern. Auf einem niedrigen Stuhl neben der Thür, in dem bißchen Tageslicht, das durch sie hereinfiel, saß die Haustochter, ein mageres, gelbes Mädchen; sie zitterte vor Fieber und hielt beide Hände zusammengedrückt, müßig zwischen den Knieen. Der Graf, der das Unbehagen Pierres fühlte, schlug vor, den Wein draußen auftragen zu lassen. »Es wird viel angenehmer sein. Es ist ja so milde!« Und das Mädchen mußte, da die Mutter Eier suchte und der Vater in einem nahen Schuppen ein Rad ausbesserte, sich frostzitternd erheben, um die Flasche Wein und drei Gläser zu einem der Tische in dem Laubengewölbe hinauszutragen. Sie steckte die sechs Centesimi für die Flasche ein und kehrte wortlos, mit mürrischer Miene, weil sie eine solche Reise hatte machen müssen, auf ihren Platz zurück. Als alle drei sich am Tische niedergelassen hatten, füllte Prada fröhlich die Gläser, trotz des Flehens Pierres, der wie er sagte, nicht im stande war, Wein während der Mahlzeiten zu trinken. »Pah, pah, Sie werden schon mit uns anstoßen. Nicht wahr, Abbé, das Weinchen ist fein? ... Nun, auf das Wohl des Papstes, da er leidend ist!« Santobono schnalzte, nachdem er sein Glas in einem Zug geleert hatte, mit der Zunge. Er hatte den Korb behutsam, mit väterlicher Sorgfalt neben sich auf den Boden gestellt, nahm nun den Hut ab und atmete tief auf. Der Abend war wirklich köstlich; eine wunderbare Himmelsreinheit, ein ungeheurer, zart goldener Himmel lag über dem endlosen Meer der Campagna, die im Begriffe war, in erhabener Unbeweglichkeit und Ruhe einzuschlummern. Und der leichte Wind, dessen Hauch durch die große Stille strich, hatte einen köstlichen Geruch von Gras und Feldblumen. »Mein Gott, wie angenehm ist es!« murmelte Pierre bezaubert. »Welche Einöde ewiger Ruhe, in der man die übrige Welt vergessen kann!« Aber Prada, der die Flasche geleert hatte, indem er das Glas des Pfarrers von neuem füllte, unterhielt sich, ohne etwas zu sagen, sehr über ein Abenteuer, das anfangs nur er allein bemerkte. Er machte den jungen Priester durch einen Blick aufmerksam und von nun an verfolgten sie beide in fröhlicher Mitschuld die dramatischen Wechselfälle. Ein paar magere Hennen strichen auf der Suche nach Cikaden in dem rötlichen Grase um sie herum. Nun hatte eine dieser Hennen, eine kleine, schwarze, fein glänzende, äußerst unverschämte Henne, den am Boden stehenden Korb Feigen bemerkt und näherte sich ihm keck. Als sie jedoch ganz daneben war, bekam sie Angst und wich zurück. Sie steifte den Hals, drehte den Kopf und ließ ihr rundes Auge funkeln. Zuletzt bekam die Leidenschaft die Oberhand und da eine Feige zwischen ein paar Blättern hervorguckte, näherte sie sich ohne Hast, indem sie die Füße sehr hoch hob; plötzlich versetzte sie der Feige einen tüchtigen Schnabelhieb und durchlöcherte sie, so daß der Saft herausfloß. Prada, glücklich wie ein Kind, konnte jetzt in das Lachen ausbrechen, das er mit großer Mühe unterdrückt hatte. »Achtung, Abbé, hüten Sie Ihre Feigen!« Santobono hatte just sein zweites Glas mit zurückgebogenem Kopf und himmelwärts gerichteten Augen, in frommer Zufriedenheit ausgetrunken. Er fuhr auf, sah hin, begriff sofort, als er die Henne erblickte und nun folgte ein wahrer Zornausbruch. Unter heftigen Geberden stieß er schreckliche Schmähungen aus. Aber die Henne, die in diesem Augenblick nochmals mit dem Schnabel zufuhr, ließ die Feige nicht los, pickte sie auf und trug sie mit flatternden Flügeln so rasch und in so komischer Weise fort, daß Prada und selbst Pierre über die ohnmächtige Wut Santobonos, der sie einen Augenblick mit drohender Faust verfolgte, bis zu Thränen lachten. »Das haben Sie nun davon, daß Sie den Korb nicht im Wagen ließen,« sagte der Graf. »Wenn ich Sie nicht aufmerksam gemacht hätte, so würde die Henne alles aufgefressen haben.« Der Pfarrer setzte, ohne zu antworten, noch immer dumpfe Verwünschungen vor sich hinmurmelnd, den Korb auf den Tisch, hob die Blätter auf und ordnete die Feigen von neuem kunstvoll, um das Loch auszufüllen; dann, als er die Blätter wieder zurecht gelegt und das Unheil gut gemacht hatte, beruhigte er sich. Es war Zeit zum Weiterfahren; die Sonne senkte sich am Horizont, die Nacht war nahe. Der Graf wurde daher ungeduldig. »Nun, wo sind die Eier!« Und da er die Frau nicht zurückkommen sah, machte er sich auf die Suche nach ihr. Er trat in den Stall, blickte dann in die Remise, aber die Frau war nicht zu finden. Nun ging er hinter das Haus, um einen Blick in den Schuppen zu werfen. Aber hier hielt ihn plötzlich etwas Unerwartetes auf. Auf dem Boden lag die kleine, schwarze Henne, leblos, tot. Am Schnabel sah man nur einen dünnen lila Blutstrom, der noch immer floß. Zuerst war er bloß erstaunt. Er bückte sich und berührte sie. Sie war warm, weich und schlaff, wie ein Lappen. Zweifellos ein Schlaganfall. Aber gleich darauf wurde er furchtbar bleich. Die Wahrheit überkam ihn und ließ ihn erstarren. Wie in einem Blitz stieg vor ihm der kranke Leo XIII. auf – dann Santobono, wie er zu dem Kardinal Sanguinetti um Nachrichten eilte, und hierauf nach Rom ging, um dem Kardinal Boccanera den Korb Feigen zum Geschenk zu bringen. Und er erinnerte sich der Gespräche seit Frascati, über den eventuellen Tod des Papstes, die möglichen Kandidaten auf die Tiara, die legendenhaften Giftgeschichten, die die Umgebung des Vatikans noch in Schrecken versetzten; er sah den Pfarrer wieder vor sich, wie er voll väterlicher Sorgfalt sein Körbchen auf den Knieen hielt; er sah die kleine, schwarze Henne wieder vor sich, wie sie in den Korb pickte und mit einer Feige im Schnabel davon lief. Die kleine Henne lag da, tot, vom Blitz getroffen. Seine Ueberzeugung stand sofort unumstößlich fest. Aber er hatte nicht einmal die Zeit, sich zu fragen, was er thun solle, denn eine Stimme hinter ihm rief: »Sieh da, die kleine Henne! Was hat sie denn?« Es war Pierre; er hatte Santobono wieder einsteigen lassen und dann ebenfalls die Runde um das Haus gemacht, um sich die Bruchstücke der halbzerfallenen Wasserleitung unter den Schirmpinien mehr in der Nähe anzusehen. Noch zitternd, als wäre er der Schuldige, antwortete Prada mit einer Lüge; er hatte sie nicht vorher bedacht und gab einer Art Instinkt nach. »Sie ist tot ... Stellen Sie sich vor, es hat hier eine Schlacht gegeben. Gerade als ich kam, hatte sich jene andere Henne – die Sie dort unten sehen – auf diese hier gestürzt, um die Feige zu bekommen, die sie noch immer hielt. Sie schlug ihr mit einem Schnabelhieb den Schädel ein ... Sie sehen, das Blut fließt noch.« Warum sagte er das? Er wunderte sich selbst, während er diese Dinge erfand. Wollte er also Herr der Situation bleiben, niemand ins Vertrauen ziehen, um dann nach seinem Gefallen zu handeln? Was ihn bewegte, war gleichzeitig eine schüchterne Befangenheit vor dem Fremden, eine persönliche Neigung zu Gewaltthätigkeit, die seiner ehrlichen Empörung etwas wie Bewunderung beimischte, und ein heimliches Bedürfnis, die Sache vom Standpunkt seines persönlichen Interesses zu untersuchen, ehe er einen Entschluß faßte. Ein ehrlicher Mann war er; er würde es sicherlich nicht zulassen, daß man Leute vergiftete. Pierre, der gegen Tiere mitleidig war, sah die Henne mit jener leisen Bewegung an, die ihm jede plötzliche Unterdrückung des Lebens verursachte. Er nahm die Geschichte ganz natürlich hin. »Ach, diese Hennen! Sie sind unter sich von einer albernen Wildheit, der die Menschen kaum gleichkommen! Ich hatte bei mir zu Hause einen Hühnerhof und keine von ihnen konnte sich den Fuß verletzen, ohne daß alle anderen, wenn sie Blut fließen sahen, auf sie lospickten und sie bis auf die Knochen auffraßen.« Prada entfernte sich sofort. Just suchte ihn auch die Frau, um ihm vier Eier zu übergeben, die sie mit großer Mühe in den Winkeln des Hauses ausgenommen hatte. Er beeilte sich, sie zu bezahlen, und rief Pierre, der noch zögerte: »Beeilen wir uns, beeilen wir uns! Jetzt werden wir erst bei dunkler Nacht in Rom sein.« Im Wagen trafen sie Santobono, der ruhig wartete. Er hatte seinen Platz auf dem Klappsitz wieder eingenommen, lehnte das Rückgrat fest gegen den Kutschersitz, hatte seine langen Beine unter sich gezogen und hielt auf den Knieen abermals den kleinen, so zierlich geordneten Korb Feigen, den er mit seinen groben, knorrigen Händen beschützte, als sei er etwas Seltenes und Zerbrechliches, dem das geringste Rütteln der Räder hätte schaden können. Seine Sutane bildete einen großen, dunklen Fleck. In seinem derben, erdfarbenen Gesicht – dem Gesichte eines Bauern, der dicht an dem wilden Boden hängen geblieben ist und von den paar Jahren des Theologiestudiums nur wenig geschliffen wurde – schienen einzig die Augen zu leben. Sie leuchteten mit einer dunklen, verzehrenden Flamme der Leidenschaft. Als Prada ihn so entschieden, so ruhig dasitzen sah, überlief ihn ein leiser Schauer. Dann sagte er, sobald die Viktoria wieder über die ganz gerade und endlose Straße rollte: »Nun, Abbé, das war ein Glas Wein, das uns gegen die böse Luft schützen wird. Wenn der Papst es uns nachthun könnte, würde er sicherlich von seinen Koliken genesen.« Aber Santobono gab statt aller Antwort nur ein dumpfes Murren von sich. Er wollte nicht mehr sprechen und schloß sich, wie von der herannahenden, trägen Nacht überkommen, in ein vollständiges Schweigen ein. Prada schwieg ebenfalls, indem er die Augen auf ihn gerichtet hielt und sich fragte, was er thun solle. Die Straße beschrieb eine Wendung, dann rollte der Wagen immer weiter und weiter über eine endlose Chaussee, deren weißes Pflaster sich in einer Linie bis ins Unendliche zu ziehen schien. Diese weiße Straße nahm jetzt eine Art Leuchten an und entrollte ein schneeiges Band, während die ungeheure Campagna zu beiden Seiten nach und nach in einen feinen Schatten versank. In den Höhlungen der riesigen Wellen des Bodens häufte sich die Finsternis an; eine lila Flut schien sich davon auszubreiten, bedeckte überall das niedrige Gras und erweiterte die Ebene ins Unabsehbare, wie ein entfärbtes Meer. Alles verschmolz; es war nichts mehr da als die undeutliche, neutrale Schlagwelle von einem Ende des Horizonts zum andern. Die Wüste hatte sich wieder geleert; der letzte Karren fuhr träge vorüber, das letzte Klingeln heller Glöckchen verhallte in der Ferne, kein Wanderer, kein Tier war mehr zu sehen, Farben und Töne starben, alles Leben versank in Schlaf, in den heitern Frieden des Nichts. Rechts zeigten sich noch immer da und dort Bruchstücke einer Wasserleitung; sie glichen Schwanzstücken von Riesentausendfüßern, die die Sense der Jahrhunderte abgeschnitten hat. Dann kam links abermals ein Turm, dessen hohe, düstere Ruinen den Himmel wie mit einem schwarzen Pfahl versperrten; andere Stücke von Wasserleitungen übersetzten die Straße und kamen auf dieser Seite, indem sie sich von der untergehenden Sonne abhoben, zu ungeheurer Geltung. Ach, diese unvergleichliche Stunde – die Dämmerstunde in der römischen Campagna, wenn alles darin verschwimmt und sich vereinfacht, die Stunde der nackten Unermeßlichkeit, der Unendlichkeit und Einfachheit! Nichts, nichts ist zu sehen als die runde, flache Linie des Horizontes, nichts als der Fleck, den eine vereinzelte aufrechtstehende Ruine bildet, doch dieses Nichts ist von erhabener Majestät und Größe. Aber da unten, links, gegen das Meer zu, ging die Sonne unter. Wie eine glühende, blendend rote Kugel senkte sie sich an dem reinen Himmel. Sie tauchte langsam hinter den Horizont und man sah keine anderen Wolken als Feuerdämpfe, als ob das ferne Meer plötzlich bei der Flamme dieses königlichen Besuches aufgekocht wäre. Gleich darauf, als die Sonne verschwunden war, wurde dieser Winkel des Himmels von einer Blutlache gerötet, während die Campagna grau wurde. Am Ende der entfärbten Ebene war nichts mehr vorhanden als dieser Purpursee, dessen Glut man allmälich hinter dem schwarzen Bogen der Wasserleitung ersterben sah; auf der andern Seite hoben sich die zerstreuten, noch rosa Bogen hell von dem zinnfarbenen Himmel ab. Dann verzogen sich die Feuerdämpfe, und der Westen erlosch vollends in tiefer, wilder Schwermut. An dem beruhigten, nun aschblauen Firmament entzündete sich ein Stern nach dem andern, während die Lichter des noch fernen, gegenüber, gleich mit dem Horizont befindlichen Rom wie Leuchtfeuer funkelten. Und inmitten der nachdenklichen Stille seiner beiden Gefährten, inmitten der unendlichen Trauer des Abends fuhr Prada, selbst von unsagbarer Angst ergriffen, fort, sich zu fragen, was er thun solle. Seine Augen wichen nicht von Santobono; das Gesicht des Pfarrers versank in der Nacht, aber er saß ruhig da und ließ seinen großen Körper vom Wagen schaukeln. Er wiederholte sich, daß er die Leute nicht derart vergiften lassen könne. Die Feigen waren sicherlich für den Kardinal Boccanera bestimmt; und eigentlich lag ihm wenig an einem Kardinal mehr oder weniger an einem möglichen Papst, dessen künftige, historische Wirksamkeit schwer vorauszusehen war. Bei seinen grimmigen Erobererbegriffen, ganz dem Kampf ums Leben hingegeben, hatte er es stets für das Beste gehalten, dem Schicksal seinen Lauf zu lassen; abgesehen davon, sah er nichts Böses darin, wenn ein Priester den andern auffraß: das belustigte seinen Atheismus. Er bedachte auch, daß es gefährlich sein könnte, sich in diese abscheuliche Geschichte, in die niedrigen, verdächtigen und unergründlichen Intriguen der schwarzen Gesellschaft zu mengen. Aber der Kardinal befand sich im Palazzo Boccanera nicht allein: konnten die Feigen nicht an die unrichtige Adresse, an andere Personen gelangen, denen man nicht schaden wollte? Dieser Gedanke an einen empörenden Zufall verfolgte ihn jetzt, und ohne daß er seine Gedanken dabei verweilen lassen wollte, stiegen die Gestalten Benedettas und Darios vor ihm auf; trotz seiner Bemühungen, sie nicht zu sehen, kehrten sie wieder und drängten sich ihm auf. Wie, wenn Benedetta, wenn Dario von diesen Früchten aßen? Den Gedanken an Benedetta schob er sogleich beiseite, denn er wußte, daß sie mit ihrer Tante eigenen Tisch führte, daß zwischen den beiden Küchen nichts Gemeinsames bestand. Aber Dario frühstückte jeden Morgen mit seinem Oheim. Einen Augenblick sah er Dario vor sich, wie er von einem Krampf ergriffen wurde und gleich dem armen Monsignore Gallo, mit grauem Gesicht und eingefallenen Augen, binnen zwei Stunden hingerafft, in die Arme des Kardinals sank. Nein, nein, das war schrecklich! Einen solchen Greuel konnte er nicht zulassen. Sein Entschluß war also gefaßt. Er wollte abwarten, bis die Nacht vollständig hereingebrochen sei, dann ganz einfach den Korb von den Knieen des Pfarrers nehmen und ihn aufs Geratewohl, ohne ein Wort zu sprechen in irgend ein dunkles Loch werfen. Der Pfarrer würde es verstehen. Der andere, der Junge, würde das Abenteuer vielleicht nicht einmal bemerken. Uebrigens lag daran wenig, denn er war fest entschlossen, seine Handlung nicht einmal zu erklären. Er fühlte sich nun ganz beruhigt, als ihm der Gedanke kam, den Korb in dem Augenblick hinauszuwerfen, wo der Wagen, einige Kilometer vor Rom, durch die Porta Furba fahren würde. Im Dunkel dieses Thores würde das sehr gut gehen; man konnte dort nichts sehen. »Wir haben uns verspätet und werden nun nicht vor sechs Uhr in Rom sein,« fuhr er ganz laut fort, indem er sich zu Pierre wendete. »Aber Sie werden noch Zeit haben, sich anzukleiden und Ihren Freund aufzusuchen.« Dann wandte er sich, ohne die Antwort abzuwarten, zu Santobono: »Ihre Feigen werden recht spät kommen.« »O, Seine Eminenz empfängt bis acht Uhr,« sagte der Pfarrer. »Und dann gehören ja die Feigen nicht für heute abend. Abends ißt man keine Feigen. Sie gehören für morgen früh.« Er versank wieder in sein Schweigen und sprach nichts mehr. »Für morgen früh! Ja, ja, gewiß,« wiederholte Prada. »Der Kardinal wird sich damit wirklich regaliren können, wenn niemand ihm dabei hilft.« Nun sagte Pierre unbesonnenerweise etwas, was er wußte. »Er wird sie zweifellos allein essen, denn sein Neffe, Fürst Dario, sollte heute nach Neapel abreisen – eine kleine Erholungsreise nach dem Unfall, der ihn einen vollen Monat ans Bett fesselte.« Er hielt plötzlich inne, denn er bedachte, mit wem er sprach. Aber der Graf hatte seine Verlegenheit bemerkt. »Nun, nun, mein lieber Herr Froment, Sie kränken mich damit durchaus nicht. Das ist ja schon eine sehr alte Geschichte ... Der junge Mann ist also abgereist, sagen Sie?« »Ja, außer wenn er seine Abreise verschoben hätte. Ich erwarte nicht, ihn noch im Palaste anzutreffen.« Einen Augenblick hörte man abermals nichts mehr, als das fortwährende Rollen der Räder. Prada schwieg; er wurde wieder von Unruhe, dem Unbehagen der Unsicherheit ergriffen. In was wollte er sich mengen, da ja Dario nicht in Rom war? Alle diese Betrachtungen ermüdeten ihm den Kopf und zuletzt dachte er ganz laut. »Wenn er abgereist ist, so muß das der Konvenienz halber geschehen sein, um dem Feste bei den Buongiovannis nicht beizuwohnen; denn die Konzilkongregation hat sich heute früh versammelt, um in dem Prozeß, den die Gräfin gegen mich angestrengt hat, das endgiltige Urteil zu sprechen ... Ja, ich werde sogleich wissen, ob die Annullirung unserer Ehe vom heiligen Vater unterzeichnet werden wird.« Seine Stimme war etwas heiser geworden; man fühlte, daß die alte Wunde sich wieder öffnete und blutete – die Wunde, die seinem Mannesstolze von der Frau geschlagen worden, die sein war und sich ihm verwehrt hatte, indem sie sich einem andern aufbewahrte. Es war vergeblich, daß seine Freundin Lisbeth ihm ein Kind geschenkt hatte: die Beschuldigung des Unvermögens, diese Beschimpfung seiner Männlichkeit, erstand ohne Unterlaß und schwellte sein Herz mit blindem Zorn. Ein heftiger, plötzlicher Schauer schüttelte ihn, als sei ihm ein wahrer Eishauch über die Haut gelaufen, und plötzlich fügte er, dem Gespräch eine andere Wendung gebend, hinzu: »Es ist heute abend wirklich nicht warm ... Das ist die böse Stunde in Rom, die Stunde nach Sonnenuntergang, wo man sich sehr leicht ein schönes Fieber holen kann, wenn man sich nicht in acht nimmt ... Da, ziehen Sie die Decke besser über die Beine; wickeln Sie sich sorgfältig ein.« Dann, während sie sich der Porta Furba näherten entstand wieder Schweigen; es war noch schwerer als vorhin und glich dem unbesiegbaren Schlummer, der die von der Nacht verschlungene Campagna einschläferte. Endlich erschien in dem Licht heller Sterne das Thor: es war nichts anderes als ein Bogen der Acqua Felice, unter dem die Straße hindurchging. Dieser Rest der Wasserleitung schien aus der Ferne mit der ungeheuren Masse alter, halbzerfallener Mauern den Durchweg zu versperren. Dann that sich der riesige, ganz von Schatten erfüllte Bogen wie ein gähnendes Thor auf, und der Wagen fuhr in voller Finsternis, unter noch lauterem Rädergerassel hindurch. Als sie auf der andern Seite angelangt waren, hielt Santobono den kleinen Korb Feigen noch immer auf den Knieen, und Prada blickte ihn verstört an; er fragte sich, durch welche plötzliche Lähmung seine beiden Hände verhindert worden seien, den Korb zu ergreifen und ins Dunkel zu werfen. Und doch war er noch wenige Sekunden vor dem Einfahren unter der Wölbung dazu entschlossen gewesen. Er hatte ihn sogar noch einmal angesehen, um die Bewegung, die er zu machen haben würde, genau zu berechnen. Was war also in ihm vorgegangen? Er fühlte, daß er die Beute einer wachsenden Unschlüssigkeit, daß er fortan nicht im stande war, etwas Bestimmtes zu wollen, da er in dem heimlichen Gedanken, vor allem sich selbst vollständig zu befriedigen, das Bedürfnis empfand, zu warten. Warum sollte er sich jetzt, da doch Dario zweifellos fort war und die Feigen sicherlich nicht vor dem nächsten Morgen gegessen werden würden, beeilen? Noch an diesem Abend mußte er erfahren, ob die Konzilkongregation seine Ehe annullirt habe – würde er wissen, bis zu welchem Grade die Gerechtigkeit Gottes käuflich und lügnerisch war. Gewiß, vergiften würde er niemanden lassen, nicht einmal den Kardinal Boccanera, an dessen Existenz ihm doch so wenig lag. Aber war dieser kleine Korb nicht seit der Abfahrt von Frascati das schreitende Schicksal? Erlag er nicht, indem er sich sagte, daß er die Macht besaß, es aufzuhalten oder bis ans Ende seines tödlichen Werkes gehen zu lassen, einem unbeschränkten Machtgenuß? Uebrigens gab er sich dem unklarsten aller Kämpfe hin; er suchte nicht mehr nach Gründen, seine Hände waren so gebunden, daß er nicht anders handeln konnte. Ueberzeugt, daß er vor dem Schlafengehen einen Warnungsbrief in den Briefkasten des Palastes werfen würde, war er dennoch glücklich bei dem Gedanken, daß er es nicht thun würde, wenn er ein Interesse daran hätte, es nicht zu thun. Nun wurde der letzte Teil der Straße inmitten dieser matten Stille, in dem Schauer des Abends zurückgelegt, der die drei Männer erstarrt zu haben schien. Vergeblich kam der Graf, um dem Kampf seiner Betrachtungen zu entgehen, wieder auf den Empfang bei den Buongiovannis zu sprechen, erzählte Einzelheiten, schilderte die Pracht, der man beiwohnen würde – er brachte nur wenige, befangene und zerstreute Worte hervor. Dann bemühte er sich, Pierre zu trösten, ihm die Hoffnung wiederzugeben, indem er von dem liebenswürdigen, so verheißungsvollen Kardinal Sanguinetti sprach; aber obwohl der junge Priester sehr glücklich und in dem Gedanken heimkehrte, daß sein Buch noch nicht verdammt sei und daß er vielleicht, wenn man ihm half, siegen würde, so antwortete er kaum und gab sich ganz seiner Träumerei hin. Santobono sprach nicht, rührte sich nicht; er war gleichsam in der dunklen Nacht verschwunden. Die Lichter Roms hatten sich vervielfältigt; rechts und links erschienen wieder Häuser, anfangs in weiten Zwischenräumen, nach und nach in ununterbrochenen Reihen. Das war die Vorstadt; dann kamen noch Schilffelder, lebendige Zäune, Oelbäume, deren Wipfel die langen Einfassungsmauern überragten, große Portale mit vasengekrönten Pilastern, und endlich kam die Stadt, mit ihren Reihen kleiner, grauer Häuser, ärmlicher Kramladen, elender Schenken, aus denen manchmal Kampfgeschrei und Lärm herausdrang. Prada wollte seine Begleiter unbedingt in der Via Giulia, etwa fünfzig Schritte vor dem Palaste absetzen. »Es genirt mich nicht, ich versichere Sie, in keiner Weise ... Da Sie es so eilig haben, können Sie doch nicht die Strecke zu Fuß gehen!« Die Via Giulia schlief bereits in ihrem hundertjährigen Frieden; sie lag mit der düstern Doppelreihe ihrer Gashähne vollständig einsam, in der Schwermut der Verlassenheit da. Als Santobono ausgestiegen war, wartete er nicht auf Pierre, der übrigens stets durch das kleine, auf das Seitengäßchen gehende Thor ging. »Auf Wiedersehen, Abbé.« »Auf Wiedersehen, Herr Graf. Tausend Dank!« Nun konnten ihm beide mit dem Blicke bis zum Palast Boccanera folgen, dessen altes, monumentales, von schwarzen Schatten erfülltes Thor noch weit offen stand. Einen Augenblick sahen sie seine hohe Gestalt diese Schatten versperren. Dann trat er mit seinem kleinen Korbe ein. Er trug das Schicksal.   Ende des zweiten Bandes.