Edgar Wallace Hands up!; Titel des englischen Originals: Hands up! .   Kriminalroman   1 »Also du willst ihn wirklich heiraten, Margaret?« Es lag eine Erregung in der Stimme Rex Leferres, die beinahe seine Schwester erschreckte. Es lenkte sie auf jeden Fall im Augenblick von dem Ärger ab, der langsam in ihr gegen ihren unpünktlichen Bräutigam aufstieg. »Wie kommst du darauf?« fragte sie. »Meinst du vielleicht, daß ich meine Verlobung auflösen soll, weil Luke ein unhöflicher Gastgeber ist und uns schon zehn Minuten warten läßt?« Sie befanden sich in dem Wintergarten des Ritz-Carlton, und glücklicherweise waren die übrigen Gäste mit ihren Cocktails beschäftigt und schienen Lukes schlechte Manieren noch nicht bemerkt zu haben. Margaret stand mit dem jungen Mann, der ihr einziger Verwandter war, abseits, und kein Fremder, der sie gesehen hätte, wäre auf den Gedanken gekommen, daß er Bruder und Schwester vor sich hätte. Rex war ein fahriger, rothaariger, junger Mann mit ausgesprochen schwachem Kinn, der die nervöse Angewohnheit hatte, seine schwarze Krawatte jeden Augenblick in Ordnung zu bringen. Margaret Leferre hatte Haltung und Figur der großen Dame; mit ihrem reinen Teint, den wunderbar gezeichneten Gesichtszügen, ihren klaren, blauen Augen war sie ein Modell kalter Würde. Niemals hatte sie daran gedacht, ihr Haar, der Mode folgend, kurz schneiden zu lassen. In prächtigen Flechten lag es um den Kopf, so daß sie eine Krone von mattem Golde zu tragen schien. »Ich weiß nicht...« Rex knabberte an seinen Nägeln – eine häßliche Angewohnheit, die er nicht ablegen konnte –, »Luke ist sicher ein netter Kerl – manchmal 'n bißchen zugeknöpft –« »Was willst du mit ›zugeknöpft‹ sagen?« fragte sie und sah ihn fest an. »Ja – ich meine – er sitzt ein bißchen sehr auf seinem Gelde. Er gibt mir ja Tips und sonstige gute Ratschläge, aber es ist mir eigentlich nie gelungen, mich zur richtigen Zeit bei irgendeiner Sache beteiligen zu können ... selbstverständlich mein eigener Fehler.« Er suchte ihren Blick zu vermeiden, aber sie war der stärkere Teil. »Hast du Geld geliehen – schon wieder?« fragte sie, und er zuckte unbehaglich mit den Schultern. »I wo – Unsinn! Danty und ich hatten ein Geschäft vor und...« In diesem Augenblick sah sie sich um. Sie hatte das Gefühl, daß der dunkeläugige Danton Morell sie beide beobachtete. Danton war eigentlich ein lieber Mensch, und sie hatte sich daran gewöhnt, ihm zu vertrauen. Er schien ihre Unruhe gefühlt zu haben, denn er löste sich aus einer Gruppe heraus und kam langsam auf sie zu. »Ach, halt doch den Mund, Margaret – erwähne bloß nichts zu Morell über diese Sache – wenn du vielleicht hier Szenen machen willst...« Mit einem Achselzucken drehte er sich um und ließ sie stehen, als Danty zu ihnen trat. Danty, dieser erfahrene Weltmann, lächelte über ihre Befürchtungen. Er war ein stattlicher, amüsanter Junggeselle an der Grenze der Vierzig, dessen Bekanntschaft sie durch ihren Bruder Rex gemacht hatte. »Nein, ich glaube nicht, daß er Geld geborgt hat – Rex ist ein unbedachtsamer junger Mensch, der innerhalb der nächsten zehn Jahre nicht aus seinen Schulden herauskommen wird. Dann wird er sich auch einmal Mühe geben und sicherlich Erfolg haben. Ihr Bräutigam kommt eigentlich ziemlich spät.« Instinktiv fühlte sie, daß er Luke Maddison nicht leiden konnte, hatte es immer gewußt. Luke stammte aus sehr gutem Hause und war verwandt oder stand auf bestem Fuße mit beinahe jeder großen Familie in England. Er hatte nur einmal etwas wegwerfend über Danty gesprochen. »Wo ist denn der hergekommen? Ich habe noch niemals von ihm gehört«, hatte er sie gefragt. Sie hätte ihm erzählen können, daß Danton den größeren Teil seines Lebens in Argentinien verbracht hatte, aber das Wegwerfende in seinem Ton, als er über den Freund ihres Bruders – und ihren eigenen sprach, hatte sie etwas verletzt. Und dann hatte Luke die Sache noch schlimmer gemacht. »Er ist ein merkwürdiger Vogel. Es sollte mich gar nicht überraschen, wenn er zu jenen langfingerigen Burschen gehörte, die der Polizei bekannt sind – man sollte eigentlich Erkundigungen einziehen.« »Warum tust du es denn nicht?« hatte sie eisig erwidert. Dies hatte sich lange vor jenem Tage ereignet, als sie sich endlich entschlossen und einen beglückten Luke Maddison nach Hause geschickt hatte. Während sie auf Dantons Worte lauschte, blickte sie gedankenlos auf den Diamantring an ihrem Finger, das äußere und sichtbare Zeichen ihrer Verlobung. »... Rex ist leichtsinnig und wenig beständig – manchmal kann er nicht schlecht genug über Maddison sprechen, und dann hebt er ihn wieder in den Himmel ... na, da haben wir ja unseren liebenswürdigen Wirt!« Luke Maddison kam mit langen Schritten durch die Halle des Hotels, blieb einen Augenblick stehen, um seinen Mantel und Zylinder abzulegen, die er dem Diener beinahe zuwarf, und machte einen Schritt in der Richtung der Tür. In diesem Augenblick glitt er auf dem Marmorfußboden aus und wäre sicherlich gefallen, wenn nicht eine Hand seinen Arm ergriffen hätte. Der Mann, der ihn hielt, mußte außergewöhnlich kräftig sein, denn im wahren Sinne des Wortes und anscheinend ohne jede Anstrengung hielt er Luke Maddisons Fall auf und stellte ihn auf die Füße. Mit einem halb ärgerlichen Lächeln drehte Luke sich herum und blickte in ein finsteres Gesicht mit scharfen Falten, tiefbraun gefärbt, und in zwei kühle, ausdruckslose Augen. »Danke Ihnen – vielmals!« Der Fremde nickte. »Das hätte ein schlimmer Fall werden können. Ich bin Ihnen außerordentlich verbunden!« »O bitte, gern geschehen«, sagte der Unbekannte. Er war im Abendanzug, tadellos angezogen, und sein gepflegtes Äußere ließ die Sorgfalt eines geschulten Kammerdieners ahnen. Maddison sah in dem Gesicht scharfe Linien, die nicht die Natur hineingezeichnet hatte. Er konnte nicht wissen, daß die beiden Narben, die die rechte Wange des Mannes entstellten, Erinnerungen an ein lebhaftes Zusammentreffen mit dem verstorbenen Lew Selinski in New York waren. Wenn Lew ärgerlich war, pflegte er ein Messer zu gebrauchen. Und er war außerordentlich ärgerlich über diesen elegant gekleideten Mann gewesen, als er die Zeichen auf dem Gesicht seines Feindes zurückließ. »Ich bin froh, daß ich gerade in der Nähe war. Glücklicherweise warte ich immer in der Halle, wenn ich Bekannte eingeladen habe. Guten Abend.« Er drehte sich um, als ob ihm die Aufmerksamkeit, die er selbst erregt hatte, peinlich wäre, und Luke ging voller Entschuldigungen zu seiner eigenen Gesellschaft. Zwei Leben berührten sich in dieser Januarnacht im Ritz-Carlton – berührten sich und liefen wieder auseinander, um später, im Augenblick einer großen Krisis, wieder zusammenzukommen. Schwere Wege waren es: ein bitterer, herzzerreißender Weg für den einen, eine fortwährende Hölle für den weniger begünstigten anderm, der ihn mit dem zynischen Lächeln durchlaufen mußte, mit dem Gunner Haynes jedem Unglück begegnete. Für Luke Maddison war das Leben eine verwirrende Menge von Pfaden, die einander kreuzten, die nebeneinander herliefen. Wenn er in einen Irrtum fiel, so war es der, daß er glaubte, sein eigener Pfad wäre der große, breite Hauptweg, zu dem alle anderen hinliefen, von dem alle anderen abzweigten. Acht Generationen angesehener Finanzleute, alle aus guter Familie, alle aus einer Klasse, die Staatsmänner und Führer hervorbringt, waren verantwortlich für sein Vermögen, waren verantwortlich für sein gutes Äußere. Er war blond, schlank, blauäugig, und es gab Augenblicke, in denen er übermütig wie ein kleiner Junge sein konnte. Er war kein genauer Rechner, gab sein Geld gern und willig aus und war ein Idealist, was in diesem Falle bedeutete, daß er ein Verschwender jenes klingenden Materials war, das die Geschäftsherren der City in Luxus, Behaglichkeit und finanzieller Überlegenheit erhält. Luke hatte eine kleine Veranlagung zum Spieler, denn zeitweise ging er Risikos ein, die seine vorsichtigeren Freunde schaudern ließen. Und doch, mit einer halben Million goldsicherer Papiere im Depot – wie man sagte –, warum soll man da nicht ein Geschäft mit zehn Prozent Gewinn riskieren? Gunner Haynes, dessen starker Arm ihn vor einem gebrochenen Handgelenk oder vor noch Schlimmerem bewahrt hatte, verfügte über keinerlei Mittel, die des Erwähnens wert waren. Sein Hauptguthaben bestand in einem tadellosen Gesellschaftsanzug, in kultivierter Sprache und vorzüglichen Manieren, die seine scharfen, finsteren Gesichtszüge vergessen ließen. Er lebte Gott weiß wo, wurde aber in den besten Hotels gesehen, allerdings nur in denjenigen, in denen er nicht als hervorragender Juwelendieb bekannt war. Man nannte ihn »Gunner«, gunner (gun man) , hier unübersetzbar, bezeichnet den mit Revolver bewaffneten, rücksichtslosen Verbrecher, dessen Kugel nie sein Ziel verfehlt, dem ein Menschenleben nichts gilt. und zwar wegen gewisser Vorfälle in New York. Es war wohl behauptet, aber niemals bewiesen worden, daß er es gewesen wäre, der den berüchtigten Bandenführer Lew Selinski erledigt und seinen Weg durch Lews Bande hindurch zu der Sicherheit erkämpft hätte, die ihm ein kleines Transportboot lieferte. Niemand hatte ihn jemals mit einem Revolver in England gesehen; aber die Detektive, die ihn ein Jahr später nach seiner Rückkehr nach Amerika verhafteten, erwarteten eine lebhafte Schießerei und kamen infolgedessen bewaffnet. Als er vor Gericht stand, kümmerte sich niemand um ihn: weder seine hübsche Frau, noch sein bester Freund Larry Vinman. Larry war eine Kanone der Hochstaplerzunft, jung, von gutem Äußeren und gefälligem Wesen. Vielleicht bestanden sehr gute Gründe, daß Larry nicht wünschte, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, aber es bestand kein Grund, warum Lila nicht hätte schreiben oder irgendetwas für ihn tun können. Sie hatte tausend Pfund in barem Geld, und ein guter Rechtsanwalt wäre leicht zu finden gewesen. Aber als der Gunner nach ihr gesandt hatte, hieß es, sie hätte die Wohnung verlassen. Er sollte sie niemals wiedersehen. Wenige Monate, bevor er aus dem Gefängnis entlassen wurde, hörte er, daß sie in der Krankenabteilung eines Asyls für Obdachlose gestorben wäre. Als er dies vernahm, verzog sich sein Gesicht zu einem grimmigen Lächeln. Er lächelte immer, wenn ihn etwas schmerzte – und jetzt, bei diesem bitteren Lächeln, war sein Herz eine einzige große, zuckende Wunde. Er verließ das Gefängnis und trieb langsam auf eigenartigen Wegen nach England, nach dem Ritz-Carlon-Hotel, wo er Mr. Luke Maddison, der seine Verlobung feierte, treffen sollte. Von Luke wußte er nichts – was ihn aber dorthin gebracht hatte, war der Schmuckkasten einer reichen, amerikanischen Dame, der den ganzen Tag über im Geldschrank des Hotels und von neun Uhr abends bis ein Uhr nachts in ihrem Schlafzimmer zu finden war. Gunner Haynes hatte ein Zimmer in derselben Etage genommen...! »Ich bitte dich wirklich fußfällig um Verzeihung«, sagte Luke, und zwar nicht zum ersten Male im Laufe des Diners. »Mein Wagen fuhr mit einem Taxi zusammen – der andere hatte die Schuld, und natürlich erschien so ein langweiliges Verkehrshindernis und mußte alle Einzelheiten mühevoll in sein kleines Buch eintragen! Daß man Schutzleuten noch keine Stenographie beigebracht hat, ist eigentlich zu bedauern!« »Aber, lieber Luke, das macht doch wirklich nichts.« Margarets Stimme klang ein wenig müde. Nichts schien heute abend richtig gehen zu wollen. Sogar Danton schien verstimmt zu sein und war anders als gewöhnlich. Luke kam spät, sein Eintritt war beinahe ein akrobatischer Akt, den er in den Armen eines fremden Mannes ausführte. Was verstimmte Danty? Sie hatte bemerkt, wie sein Gesicht eine krankhaft grüne Farbe annahm, als Luke hereintrat. Rex war verstimmt, schweigsam und sprach kaum mit Lady Revellson, die ihm zur Linken saß. Und Luke hatte darauf bestanden, an ihrer Seite zu sitzen, trotzdem sie schon die ganze Tafelordnung festgelegt hatte, und der Erfolg war, daß alle bei Tisch am falschen Platze saßen. Wenn der Kerl nicht glücklicherweise dagewesen wäre, hätte ich mir sicherlich irgend etwas gebrochen – ich konnte mich nicht mehr halten ... es hatte etwas geschneit, und ein wenig Schnee muß an meiner Sohle geblieben sein – ich mußte ja die letzten hundert Meter zu Fuß gehen, der Zusammenstoß passierte am Piccadilly-Cirkus ...!« »Wie sah er eigentlich aus?« Dantons Stimme klang etwas heiser und gedrückt. »Wer – der Mann, der mir geholfen hat?« Und als der andere nickte, fuhr Luke fort: »Ein finster aussehender Mensch – zuerst dachte ich, er wäre Deutscher ... zwei Narben liefen über seine rechte Wange hinweg – wissen Sie, wie sie die deutschen Studenten so gern haben. Ich erinnere mich, als ich auf der Universität in Bonn ...!« Danton hörte nicht mehr zu. Zwei Narben auf der rechten Wange! Dann hatte er sich nicht getäuscht. Die einzige Frage war nur, hatte der Gunner ihn wiedererkannt? Sieben Jahre waren vergangen, seit sie sich das letztemal gesehen hatten. Danton war damals noch glattrasiert und viel heller. Millie Haynes pflegte ihn ihren »goldhaarigen Jungen« zu nennen; das war in der Zeit, wo sie noch alles in ihm sah. Er hatte sich einen Schnurrbart wachsen und sich das Haar färben lassen – und stand als Larry Vinman nicht mehr in den polizeilichen Steckbriefen. Er hatte diese durchgreifende Änderung seines Äußeren vorgenommen – lange nachdem er Millie verlassen und sie auf den Weg zum Arbeitshaus und in einen schmählichen Tod getrieben hatte. Die Veränderung war nötig gewesen, weil er einem australischen Farmer einen kleinen Streich gespielt hatte, der diesen um einige achttausend Pfund erleichterte, und weil die Bemühungen der Abteilung für Hochstapler von Scottland Yard anfingen, ihm peinlich zu werden. »Gunner Haynes!« Er atmete ein wenig hastig, und ein kalter Schauder lief seinen Rücken hinunter. Angenommen, Haynes hätte seinen früheren Freund erkannt ... angenommen, er hätte seinen Revolver ergriffen ... angenommen, er wartete noch draußen im Vestibül! Danty fuhr sich über die feuchte Stirn, sah, daß seine Wirtin ihn anblickte, und stand mit einer stummen Bitte um Erlaubnis auf. »Es fällt mir gerade ein, daß ich telephonieren muß... entschuldigen Sie mich, bitte, einen Augenblick ...«, murmelte er, als er hinter ihrem Platz vorbeiging. Er blickte in den Wintergarten. Der Gunner war nicht dort. Er durchschritt den weiten Raum, spähte in das Vestibül – leer. Das Hotel hatte zwei Vorhallen, eine in Haymarket, die andere in Pall Mall. Beide waren durch einen Gang miteinander verbunden, den er eilig durchlief. Als er in das andere Vestibül kam, sah er den Gesuchten und fuhr zurück. Gunner trat gerade in den Aufzug, und sein Rücken war dem Beobachter halb zugedreht. Er war es wirklich ... Es konnte kein Zweifel daran bestehen, Gunner Haynes! Die Tür des Lifts schloß sich, und Danton blickte suchend umher. Er erkannte den gutmütig aussehenden Herrn, der in der Nähe der Drehtür in seinem Sessel saß. »Sie sind doch der Hoteldetektiv?« fragte er. (Als Danty Morell noch der bekannte Larry Vinman war, kannte er die meisten der Hoteldetektive vom Gehen und konnte instinktiv die ihm noch unbekannten herausfinden.) »Ja, Sir – ist irgendetwas nicht in Ordnung?« »Der Herr, der eben in dem Lift nach oben gefahren ist – kennen Sie ihn?« Der Detektiv nannte den Namen – einer der vielen angenommenen, die der Gunner regelmäßig gebrauchte, und das Herz von Mr. Morell schlug leichter. »Was? – das glauben Sie selbst nicht. Also sein Zimmer ist Nummer 986? Wissen Sie, wer es ist? ... Gunner Haynes! – und er ist hinter Juwelen her. Rufen Sie Scotland Yard an. Die werden sofort heraus haben, was mit ihm los ist. Aber ich will nicht, daß mein Name erwähnt wird, verstanden?« Der Detektiv stürzte an das Telephon, und Danty ging vergnügt zu seiner Gesellschaft zurück. Die Geschichte war zu gut, um sie für sich zu behalten. Und noch mehr, er liebte es, wenn er die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer fesseln konnte. Für beinah volle fünf Minuten lauschte die ganze Tafelrunde atemlos seinen Worten. »Er hat ein Zimmer hier im Hotel, Nummer 986. Ich kenne den Kerl ganz gut, ich war seinerzeit ein guter Freund des Staatsanwalts in New York, der mir sein Bild gezeigt hat. Einer der gefährlichsten Verbrecher von New York – äußerst geschickt – ich hoffe, es wird keine Störung im Hotel verursachen – ich erkannte ihn im selben Augenblick, als ich ihn sah, aber ich wollte mich lieber noch einmal überzeugen, um ganz sicher zu gehen.« »Was haben Sie nun gemacht?« Lukes Gesicht war unruhig. Er war leicht zu beeinflussen, und Danty wußte das sehr genau. »Ich habe natürlich den Hoteldetektiv benachrichtigt – als ich ihn verließ, telephonierte er gerade an das Polizeipräsidium.« Luke Maddison atmete tief auf. »Armer Teufel!« sagte er leise. Margaret sah Danty an und schüttelte hilflos den Kopf. »Sie haben Lukes Abend verdorben«, sagte sie, und Luke fuhr bei dem feinen Sarkasmus, der in ihren Worten lag, zusammen. »Aber ganz und gar nicht – nur, willst du mich, bitte, einen Augenblick entschuldigen?« Er war verschwunden, bevor noch das überraschte, junge Mädchen ein Wort hervorbringen konnte. »Das sieht Luke wieder ähnlich – und wie alles so tadellos zusammenkommt, um uns diesen Abend so richtig zu verderben!« »Wo ist er denn hingegangen?« fragte Danty unruhig. Sie zuckte leicht mit den Schultern. »Was tut er in einem solchen Fall? Für ihn gutsagen, ihm Geld geben, daß er frühstücken kann – sicherlich irgendwas entsetzlich Philantropisches unternehmen«, antwortete sie kurz. Luke ging direkt in das zweite Vestibül und stieg in den Aufzug. »Wo ist Nummer 986?« fragte er, als der Lift sich in Bewegung setzte. Der Bediente hielt in der vierten Etage an und wies auf eine Tür. Mit der Hand auf der Türklinke zögerte Luke Maddison, zögerte aber nur einen Augenblick, drückte die Klinke nieder und trat in das Zimmer ein. Der Mann stand am Fenster, den Rücken nach der Tür zugewandt. »Nun, Sir?« Er blickte sich nicht um, und Luke wurde sich klar, daß er mit Hilfe eines Spiegels, der auf einem Seitentisch stand, beobachtet wurde. Luke schloß die Tür hinter sich. »Wenn Sie Gunner Haynes sind, rate ich Ihnen, so schnell wie möglich zu verschwinden«, sagte er mit gedämpfter Stimme. »Sind Sie es nicht, muß ich Sie um Entschuldigung bitten.« Haynes fuhr herum, als er seinen Namen hörte. »Oh ...«, sagte er, und nach einer kurzen Pause: »Ich bin Ihnen außerordentlich dankbar.« »Haben Sie Geld?« Wieder eine kurze Pause. »Ja – ich habe alles, was ich nötig habe. Danke bestens.« Der Gunner lächelte, irgendetwas mußte ihn humoristisch berührt haben. »Noch einmal besten Dank – ich glaube, ich begreife. Ich war nur nicht ganz sicher, ob es Larry war. Hat wohl einen großen Fischzug vor, was?« All dieses war für Maddison völlig unverständlich. Er sah, wie der Gunner seinen Mantel nahm und dann wurde die Tür aufgerissen, und ein großer Mann, gefolgt von zwei anderen, kam heran. Die ganze Autorität des Gesetzes lag in seiner Stimme. »Nun, Gunner!« »Nun, Spatz – Sie haben sich fein gehalten!« Der dicke Mann kicherte. »Nicht wahr?« Seine Hände fuhren schnell über die Hüften seines Gefangenen hinweg. »Schießeisen?« fragte er im freundlichsten Ton. »Nein, Sir.« Der Gunner lächelte immer noch. »Die Legende, daß ich tödliche Waffen bei mir trage, ist wirklich nicht umzubringen. Mein waffenloser Zustand würde mir sicherlich von der Liga für Menschenrechte in Genf Lob und Preis einbringen.« Der Detektiv legte ihm die Handfesseln an und sah dann zwinkernd auf Luke. »Hat der Mann irgend etwas, das Ihnen gehört, Mr. Maddison?« fragte er. Luke war mehr als überrascht, als der Mann ihn mit seinem Namen anredete. »Nein – und eigentlich tut es mir leid.« »Mr. Maddison – den Namen werde ich nicht vergessen«, sagte der Gunner und nickte Luke freundlich zu, als man ihn hinausführte. Diesmal nahm Margaret Leferre seine Entschuldigung nicht an, als er ihr erzählte, wo er gewesen war, und ihr Gesicht wurde schneeweiß – wie Danty Morells. Es dauerte ganze drei Wochen, bevor sich diese kleine Kluft zwischen ihnen geschlossen hatte. 2 In bester Stimmung schlenderte Luke Maddison durch das Schneegestöber, das durch die Straßen Londons fegte. Seine Fehler waren ihm vergeben worden – und es sollte eine stille Hochzeitsfeier sein, zu der nur wenige Gäste eingeladen waren. Vor wenigen Minuten hatte er sich sein Coupé im Zuge reservieren lassen – eine heilige Pflicht, die er keinem Sekretär anvertrauen mochte. Trotz der dicken Schneeflocken, die sein Gesicht trafen, klopfte sein Herz heiter und ungestüm. Das kleine Blumenmädchen hing das Tragband ihres Korbes über die andere Schulter und starrte mißmutig in den weißen Nebel hinein, der sich auf St. James Street hinabsenkte und langsam alles mit seinem Schleier verhüllte. Man konnte nicht mehr von einer Seite der Straße auf die andere blicken. Der Boden war dicht von einer weißen Decke verhüllt. Wenn man die keuchenden Motore nicht gehört hätte, würde man nicht gewußt haben, daß so etwas wie Autobusse vorbeiführen. Schnee bedeckte die Veilchen im Korb des jungen Mädchens, drang durch den dünnen Schal auf ihren Schultern, folgte ihr selbst in den Zufluchtsort, den der Eingang zu einer Bank ihr darbot. Zwei Männer strichen an ihr vorbei und gingen in die Bank hinein. Ganz mechanisch bot sie ihnen ihre Blumen an. Der jüngere der beiden bemerkte sie nicht, der andere, ein Mann in mittleren Jahren mit einem kurzen Schnurrbart, warf ihr einen schnellen, prüfenden Blick zu und blieb stehen. »Nun, Kleine – gute Geschäfte?« Sie antwortete nicht. Er zögerte einen Augenblick, dann öffnete sich die Tür der Bank, und die Stimme des jungen Mannes rief ihn ungeduldig. In diesem Augenblick kam Luke Maddison die Straße herunter. Er hatte keinen Mantel an, und seine Schultern waren schon mit Schnee bedeckt. Im Vorbeigehen sah er das Mädchen, das zitternd in dem Torweg stand, blieb stehen und ging dann zu ihr zurück. »Kleine, Sie sehen aber verfroren aus! Mein Herz ist warm – aber glauben Sie nicht, daß ich Ihnen Liebesanträge machen will! Ich will Blumen haben, und Sie werden ein Geschenk von mir erhalten, und dann werden wir wieder auseinandertreiben, als ob wir uns nie gesehen hätten – geboren und gestorben in diesem einzigen, eisigen Augenblick! Das Beste wäre ein Kranz!« * Er zog eine Banknote hervor und schwenkte sie lachend vor ihren Augen hin und her. Und dann blickte er sie überrascht an. Sie war hübsch, sehr hübsch – und Blumenmädchen, mit Ausnahme auf der Bühne, sind es gewöhnlich nicht. Sie hatte eine zarte Figur und wundervollen Teint. Ihre ärmliche Kleidung, ihre ganze Person, sprachen von Armut und Entbehrung. »Warten Sie, hier ist etwas Besseres.« Er steckte die Banknote in seine Tasche, zog eine andere heraus und schrieb einige Worte auf diese. »Hier ist Name und Adresse meiner Firma. Für den Fall, daß man Ihnen beim Wechseln Schwierigkeiten machen sollte, können Sie die Leute oder die Polizei an mich verweisen.« Sie antwortete nicht, sondern blickte nur von dem Schein in ihren kalten Händen zu dem Geber. Eine Banknote über hundert Pfund! Als sie wieder aufblickte, war er im Nebel verschwunden. Wieder öffnete sich die Tür der Bank, und die beiden Männer kamen heraus. Das junge Mädchen zerknitterte die Banknote in ihrer Hand, bestürzt, beglückt und in gewisser Beziehung enttäuscht. Dann fiel ihr das Gesicht des jungen Mannes auf, totenblaß, sein Atem kam in Stößen. Sie konnte dies bei der Kälte leicht bemerken. »Du lieber Gott ... das war ein entsetzlicher Zufall, Danty – nimm nur mal an, er wäre hineingekommen –« »Halt's Maul, du Narr!« Der ältere der beiden blickte argwöhnisch auf das Blumenmädchen, das eifrig mit ihren Veilchen beschäftigt war. »Aber wenn er nun gekommen wäre... er sagte, er würde abreisen, bevor er seine Abrechnung verlangte.« Er zitterte am ganzen Körper, und wenn das Blumenmädchen ihn beobachtet hätte, müßte sie es bemerkt haben. Dantys dunkle Augen suchten auf der Straße nach einem Taxi, blieben dann einen Augenblick auf der Blumenverkäuferin ruhen. Sie war niedlich, auch wenn ihr Gesicht im Augenblick gänzlich ausdruckslos war. Er nahm an, sie hatte sicher mehr Interesse an ihren armseligen Blumen als an unverständlichen Brocken einer Unterhaltung. »Nun, Rex, sei mal vernünftig. Es liegt wirklich keine Veranlassung zu irgendwelcher Besorgnis vor. Du könntest sehr gut gesagt haben, daß Margaret ...« Seine Stimme sank zu einem unverständlichen Flüstern herab. Das Mädchen hörte verschiedene Male das Wort »Abrechnung«, »Übertragung«, »Konto«, gleichzeitig zweimal den Namen »Margaret« und »Luke«. »... schon in Ordnung bringen, mach dir man keine Sorgen!« Danty klopfte dem anderen beruhigend auf die Schultern, und das junge Mädchen war sich klar, daß sie »Danty« nicht ausstehen konnte. »Da ist ein Taxi!« Der jüngere der beiden winkte und lief auf den Wagen zu. Der andere folgte langsam und ließ beim Vorbeigehen etwas auf ihre Blumen fallen – eine Visitenkarte. »Komm so gegen neun mit heran und trink ein Glas Wein bei mir«, murmelte er. Sie ergriff die Karte vor seinen Augen, las langsam Namen und Adresse – und zerriß sie. Danty war in nicht besonders guter Stimmung, als er seinen Freund einholte. »Mr. Danton Morell, 907 Half Moon Street«, hatte sie gelesen, ein Name, den sie nicht vergessen sollte. Und dann tauchte aus dem Nebel der wirbelnden Flocken eine riesige Figur auf, und sie fühlte instinktiv, daß der Mann, der auf sie zu kam, mit ihr sprechen würde. Warum sie dies wußte, konnte sie nicht sagen – er hätte ja ebensogut in die Bank gehen können. Er war groß und dick. Als er noch nicht neben ihr stand, schien seine Länge gar nicht so außerordentlich zu sein; wenn man seine Länge geschätzt hatte, war die enorme Breite seiner Schultern noch nicht einmal so auffällig. Er war weit über zwei Meter groß, sein breites, rundes Gesicht war dunkel und wenig anziehend, er hatte einen kurzen Stiernacken und eine volle tiefe, ein wenig heisere Stimme. Langsam, beinah wie im Schlaf, ging er durch den Schnee dahin, die Hände auf dem Rücken, seinen steifen Hut auf dem Hinterkopf, die zerkaute, unregelmäßig brennende Zigarre zwischen den Zähnen. Das Blumenmädchen nahm an, daß er schließlich doch in die Bank gehen würde, aber – er pflanzte sich vor ihr auf und blickte auf sie hinab. In den kleinen Schlitzaugen lag keinerlei Ausdruck: seine Aufmerksamkeit konnte ebensogut durch sie selbst in Anspruch genommen sein oder durch den Versuch, sich an irgend etwas zu erinnern. Und dann sagte er heiser: » Sie sind kein Kind der Armen!« Es lag so viel Freundlichkeit, so viel guter Humor in dem Ton dieser Worte, daß sie lachte. »Und auch kein Übeltäter«, sagte sie betont ernsthaft, und sein rundes Gesicht verzog sich zu einem entzückten Lächeln. »Sie sind wirklich die erste Person, die mir jemals die richtige Antwort gegeben hat«, sagte er. »Jetzt will ich Sie noch etwas anderes fragen: Wo in unserer guten Stadt London steht dieser Text in Stein geschrieben?« Beinahe verächtlich erwiderte das junge Mädchen: »Solch eine Frage! Über dem Eingang von Old Bailey – »Beschütze die Kinder der Armen und strafe die Übeltäter.« Er nickte. »Sie haben wenigstens eine Butterdose gewonnen, aber Sie können sich auswählen, was Sie wollen. Um mal auf etwas anderes zu kommen: Wer und was bin ich? Für die richtige Antwort bekommen Sie eine Tüte Kameruner und ein Freibillett für den Zoo.« Sie blickte ihn mit einer gewissen übertriebenen Feierlichkeit an, die ihn entzückte. »Sie sind der Detektiv-Inspektor Horace Bird – und man nennt Sie gewöhnlich ›Spatz‹.« Er beugte sich zu ihr, und sein Gesicht wurde purpurrot vor unterdrücktem Gelächter. »Sie sind einzig! Jetzt lassen Sie mich auch einmal ein bißchen hervorragende Detektivarbeit leisten, genau so wie der allgemein bekannte Mr. wie-heißt-er-doch in der Baker Street. Also: Ihr Name ist Mary Bolford, Sie sind Reporter im Daily Post Herald, und Sie erleben gerade praktisch einen kleinen Artikel, betitelt: ›Ein Tag in dem Leben eines Blumenmädchens.‹ Streiten Sie es nur nicht ab. Ihr Verleger hat mich vor einer Stunde auf Sie aufmerksam gemacht und mich gebeten, Sie im Auge zu behalten. Was sagen Sie zu meiner ausgezeichneten Schlußfolgerung? Kommen Sie mit und trinken Sie eine Tasse Tee mit mir, und ich will Ihnen bei dieser Gelegenheit meine hervorragende Lebensgeschichte mitteilen.« Er schob die Zigarre in den anderen Mundwinkel, nahm ihr den Blumenkorb ab, und Seite an Seite marschierten die beiden durch den Schnee St. James Street hinunter. So unbehaglich sich auch die Fußgänger in diesem Schneegestöber fühlen mochten, ein jeder blieb stehen, um einen Blick auf diesen riesenhaften Mann mit einem Korb Veilchen unter dem Arm zu werfen. »Ich möchte wetten, Sie werden das noch teuer bezahlen müssen«, brummte er. »Naß bis auf – Ich hoffe, Sie tragen wenigstens warmes Unterzeug! Ich möchte eigentlich wissen, warum es unfein ist, von Unterzeug zu reden, und warum kein Mensch etwas gegen den Ausdruck ›Pelzmantel‹ einzuwenden hat. Ach was. Ist auch eines der großen Rätsel. Guten Tag, Tom.« Er hielt einen Mann auf, der mit gebeugtem Haupt gegen den Schneesturm ankämpfte und an ihnen vorbeizuschlüpfen versuchte. »Morgen, Mr. Bird – verdammt kalt, was?« »Man merkt es noch mehr, wenn man vor dem Personaleingang von Hoyce \& Drake wartet, nicht wahr, Tom? Niedliches Mädel, was, Tom? Ich möchte aber wetten, Ihre Frau hat nicht dieselbe Meinung. Tun Sie's lieber nicht, Tom, oder ich komme mal eines Tages zu Ihnen, und das wird Ihnen verd... wenig gefallen! Auf Wiedersehen!« »Sie sind ja fürchterlich!« murmelte sie, als der Mann davoneilte. »Ich muß so sein«, sagte er gleichgültig. »Es ist die einzige Sprache, die diese Art Leute richtig versteht. Was haben Sie eben gesagt – fürchterlich? Das ist ein seines Wort. Bitte, gehen Sie voran, Miß Bolford.« Sie traten in das Restaurant ein, Mary Bolford fühlte die Wärme, roch die frischen Backwaren und seufzte behaglich. »Bestellen Sie, was Sie wollen, bis zum Preise von vierzig Pfennig«, sagte der Spatz. »Ich habe gerade gegessen, und so werden Sie mich entschuldigen, wenn ich beim zehnten Kuchen aufhöre.« Er schien sich um die anderen Gäste in dem langen Teeraum in keiner Weise zu kümmern und doch – »Der Kerl da gegenüber in der Ecke ist Sam Larber, der bekannte Hochstapler. Die Zeiten sind jetzt sehr schlecht, und es gibt wenig Goldfische. Es müßte eigentlich einen Unterstützungsfonds für Hochstapler geben, denn die Sonne muß scheinen, um die Leute Dummheiten machen zu lassen. Das Mädel, das mit ihm zusammensitzt, ist Lisa Keane – weiß Gott, kein Engel der Barmherzigkeit! Sehen Sie den kahlköpfigen jungen Menschen, der sich hinter seiner Zeitung versteckt? Ich habe ihm neun Monate verschafft, weil er Autos geklaut hat – klauen heißt mausen – entschuldigen Sie bitte meine ausländischen Ausdrücke.« »Was halten Sie davon?« Sie strich ein Stückchen knisterndes Papier glatt und legte es vor ihn auf den Marmortisch. »Ich halte überhaupt nichts von Hundert-Pfund-Noten – ich träum' bloß davon«, erwiderte er und fügte ganz unzusammenhängend hinzu: »Jedenfalls, weil er sich verheiraten will. Ich sah, wie er den Schein vor Ihren Augen hin und her schwenkte, und dachte erst, er versuchte einen guten Eindruck bei Ihnen zu machen. Ich war eigentlich etwas enttäuscht, denn Mr. Maddison hat mir niemals den Eindruck eines Schürzenjägers gemacht, und dann wurde mir auf einmal klar, was das Ganze bedeuten sollte.« Wenn sie auch Reporter war, Frau war sie doch geblieben, denn sie fragte neugierig: »Wen heiratet er denn?« »Eine Dame.« »Es war ihr Bruder, der mit einem anderen Herrn am Eingang der Bank sprach. Danty heißt der andere. Was Rex verliert, läuft auf einem kleinen Umweg in Dantys Tasche. Die Buchmacher haben das Leben von Rex versichern lassen – der Gedanke, daß sie mal ihr jährliches Einkommen verlieren könnten, ist ihnen mehr als widerwärtig. Und wenn er sich mal in dem großen Teich der Spekulanten blicken läßt, schärfen alle Haifische ihre Zähne. Sein Geld ist so leicht zu bekommen – oder sagen wir lieber nicht sein, sondern das Geld, was er seinen guten Freunden abpumpen kann? Ist das Klatsch oder Verleumdung?« »Beides – wenn ich es drucken lassen würde«, lächelte sie zurück. Die Kellnerin kam, und sie trank ihren heißen Tee mit großem Behagen, während Mr. Bird ernsthaft seine zahlreichen Keks knabberte. Als der Teller beinahe leer war, erklärte er: »Ich bin ein großer, kräftiger Mann und muß vorsichtig leben. Solche Kuchen wirken ganz eigenartig auf mich. Wenn ich so ein Dutzend intus habe, fühle ich mich fast wie bezecht, und alle meine Sorgen verschwinden. Bei zwanzig fange ich an, verrückt zu werden, und reiße dann das Pflaster auf.« Glücklicherweise hörte er schon bei dem siebenten auf. »Was soll ich denn mit den hundert Pfund hier anfangen?« fragte sie. »Ich habe das Gefühl, daß ich das Geld unter falschen Voraussetzungen erhalten habe.« »Ich habe bei Cecilia \& Co. ein paar sehr schöne Gesellschaftskleider gesehen«, entgegnete er ernsthaft. »Es ist ein großes Modewarenhaus in der Bond Street – und wenn Sie mich fragen, was die Mode mit den Kleidern noch vorhat, dann sage ich: ›Sprechen wir lieber nicht davon!‹ Da war ein Kleid mit Schulterbändern oben, tragen Sie das, und Sie bekommen den ersten Preis beim Kunst- und Wettschwimmen ...« »Wer ist eigentlich Danty?« Sie befand sich in einer neuen Welk, eine Welt, in die sie gerade vor einer Viertelstunde getreten war. »Ich kenne seinen Namen«, fuhr sie schnell fort. »Danton Morell, er gab mir seine Karte.« Mr. Bird nickte. »Selbstverständlich hat er das; er gehört zu dieser Art von Menschenfreunden. ›Komm mal am Abend zu mir, wenn die Dienstboten in das Kino gegangen sind.‹ Danty ist gerissen. Ich bin einer der wenigen, die wissen, wie gerissen er eigentlich ist. Eines schönen Tages werde ich ihm mal meinen Besuch machen und ihm mitteilen, sich ein anderes Jagdgelände zu suchen.« Und dann begann er ihr von allerhand Menschen zu erzählen – von der stets wechselnden Bevölkerung im West End. Von den Männern und Frauen, die kamen und gingen; von dem gütigen alten Herrn, der das ganze Jahr hindurch seine Zimmer im Cecil-Hotel hatte, aber seine Zeit damit verbrachte, zwischen England und New York hin und her zu fahren, um leichtgläubige und vertrauensselige Menschen beim Kartenspiel um ihr Geld zu erleichtern. Er sprach ihr von merkwürdigen Leuten, die keinerlei Beruf hatten, von deren Einkünften nichts bekannt war, und die dennoch ständig in den besten Hotels lebten. Er nannte sie die Einmal-im-Jahr-Leute. »Sie machen bloß einen einzigen Schlag im Jahre, und das genügt ihnen. Sie sind die bestbezahlten Märchenerzähler der ganzen Welt. Kipling und, wie heißt er doch gleich – Shaw? – verdienen nicht die Hälfte von dem, was den Kerls für ihre Geschichten bezahlt wird.« »Ich glaube, Sie machen tagtäglich neue Erfahrungen?« Mr. Bird seufzte. »Ich glaube, daß mir im Laufe der Zeit alles bekannt geworden ist, was man von den krummen Wegen der Hochstaplergesellschaft wissen muß«, antwortete er. Aber hierin irrte er sich. In derselben Nacht rief man ihn nach Nummer 342 in der Brook Street. Mit Hilfe des leichenblassen Mr. Danton Morell brach er die Tür des Schlafzimmers auf und fand dort Rex Leferre – tot – von seiner eigenen Hand getötet. Er lag auf dem Fußboden und der Revolver an seiner Seite. Im gleichen Augenblick hatte Danty die Zettelchen mit den Bleistiftzeilen bemerkt und seine Hand darüber gelegt. Eine Stunde später las Margaret erschüttert die Mitteilung, die der Detektiv nicht gesehen hatte: »Margaret, mein Liebling, ich bin verloren. Monatelang habe ich spekuliert und heute einen verzweifelten Schritt gewagt auf den Rat von Luke Maddison. Er hat mich ruiniert – Geld ist sein Gott. Ich bitte Dich um alles in der Welt, traue ihm nicht. Er hat mich von einer Torheit in die andere getrieben. Gott segne Dich.                                 Rex.« Wieder und wieder las sie diese erschütternden Zeilen. Luke Maddison: der Mann, den sie in einer Woche heiraten würde! 3 Zwei Tage hindurch lebte Margaret Leferre in einer Welt schrecklicher Unwirklichkeit. Merkwürdige Leute suchten sie auf: ein großer starker, dunkelgekleideter Mann, der in schwerfälliger Weise versuchte, einen Klang von merkwürdiger Sympathie in seine geschäftlichen Besprechungen zu bringen, ein Bankdirektor, der wild und unverständlich durcheinander sprach, bis glücklicherweise Danty erschien und ihn verschwinden ließ. Eine einzige Tatsache stand Tag und Nacht in ihrem schmerzenden Gehirn: Rex war tot, hatte sich selbst das Leben genommen, und der Mann, den sie heiraten wollte, der Mann, der halb irre in seiner Angst um sie drei-, viermal am Tage vorsprach und nicht angenommen wurde, dieser Mann hatte den Tod ihres Bruders verursacht. Geld war sein Gott! Es war schwer, sich an diese unerwartete Seite seines Charakters zu gewöhnen, noch schwerer war es, diese gefühllose Brutalität zu verstehen, die eine junge Seele in die ewige Nacht wandern ließ. Die Verlobung zwischen ihnen beiden war auf ganz natürliche Weise entstanden. Beide Familien waren seit Jahrzehnten miteinander bekannt. Sie hatte schon als Kind mit Luke Maddison gespielt. Es war zwischen ihnen kein plötzliches Zusammentreffen, keine Liebe auf den ersten Blick gewesen, und sie erinnerte sich nicht, ihn jemals nicht gern gehabt zu haben, war aber auch nicht imstande, Tag, Monat oder Jahr anzugeben, als Sympathie zur Liebe wurde. Das war das wirkliche Unglück in ihrer Situation. Sie erinnerte sich nun an alles, was Rex von ihm gesagt hatte – er war »zugeknöpft« ... Immer hatte sie gedacht, daß Luke großzügig wäre, von einer Großzügigkeit, die beinah an Dummheit grenzte. Aber hier wurden die nackten Tatsachen vor sie gelegt – Männer kannten ihn besser. Sie biß die Zähne zusammen und zwang sich zu einer Frage an Danty, der ihr in diesen furchtbaren Tagen merkwürdig nähergekommen war. Danty zuckte die Achseln. »Ich befürchte, es ist wirklich so – Maddison denkt zuviel an sein Geld. Ich sah ihn kürzlich, und das einzige, was er von Rex erwähnte, war, daß es ein Glück wäre, Rex sei versichert gewesen.« (Und hiermit sagte er die Wahrheit, denn Luke hatte die Versicherung als einen Schutz für das junge Mädchen erwähnt, das sonst auch noch für die Schulden ihres Bruders hätte einstehen müssen.) »In diesem Punkt ist er wie närrisch. Natürlich wird er Ihnen nicht in diesem Licht erscheinen; das Geld und Sie sind seine beiden Hauptleidenschaften.« Er sah, wie sie zusammenzuckte, und fuhr schnell fort: »Es ist furchtbar, so etwas zu sagen, aber es ist wahr – mit der Ausnahme vielleicht, daß ich im Augenblick nicht so sicher bin, ob Sie nicht jetzt an erster Stelle stehen.« Es war nach dieser kurzen Unterredung, daß der Haß, den sie in sich gegen den Mann wachsen fühlte, dessen Namen sie tragen sollte, bestimmte Formen annahm. Sie konnte nicht wissen, wie sehr dieser beinahe wahnsinnige Haß durch die Intrigen ihres neuen Ratgebers geschürt wurde. Danty war geschickt – teuflisch geschickt. Er dachte schnell, plante schnell und handelte ebenso schnell. Ein Gedanke war ihm in der Nacht von Rex' Tode gekommen. Im ersten Augenblick erschien er ihm allzu phantastisch, und er arbeitete seinen Plan nicht weiter aus, bevor er nicht bei Margaret vorsichtig sondiert hatte. Wenn sie Maddison liebte, wirklich liebte, würde sie seine Handlungen milder beurteilen. Sie würde, wenn auch halb widerwillig, durch das Urteil der Totenschaukommission befriedigt sein und den letzten Brief ihres Bruders in anderem Lichte betrachten. Das würde natürlich die noch halb fertigen Pläne Mr. Morells durchkreuzt haben. Aber er fand Margaret in einer Stimmung, ja sogar in dem Wunsche, das Schlimmste von ihrem Verlobten zu glauben, und so stand sein Plan fest. »Geld ist sein Gott«, das war sein Text. Und er arbeitete diesen Text tagtäglich aus. Bearbeitete dies Thema eifriger, sprach überzeugender, als jemals in den Tagen, wo er von der Leichtgläubigkeit neugefundener Bekannter lebte. Alle seine professionellen Tricks, alle nur möglichen Überredungsmöglichkeiten, die oft wirksamer in indirekter Weise wirken, alle seine suggestiven Kräfte wandte er an. »Jetzt im Augenblick ist er meiner Meinung nach so sehr darauf aus, Sie zu heiraten, daß er jeden Pfennig opfern würde. Ganz ehrlich gesagt, ich glaube, wenn Sie von ihm verlangten, Ihnen sein ganzes Vermögen zu verschreiben – und das könnte ja natürlich in Ihrem Heiratsvertrag geschehen – er würde die Unterschrift ohne jedes Zögern geben. Er würde es natürlich später bereuen, und ich glaube, schon während der Flitterwochen würde er versuchen, diese Überschreibung rückgängig zu machen. Ich habe oft darüber nachgedacht, was diese so überaus großzügigen Liebhaber wohl tun würden, wenn ihre Frauen sich einmal weigerten, ihren Wünschen nachzukommen...« Sie starrte an ihm vorbei durch das Fenster hinaus. Sie war bildschön, nicht von jener etwas herausfordernden Schönheit von Millie Haynes, die im Asyl gestorben war, sondern von einer so feinen, sensitiven Schönheit, daß ihm der Atem stockte. Seine Augen wanderten über sie hinweg. Er kalkulierte mit der Strenge ihres Charakters und mit Luke Maddisons Schwäche, und in Luke lag sicher etwas von einem Schwächling, oder er müßte sich sehr irren – aber Mr. Danton Morell irrte sich selten in seiner Beurteilung eines Mannes. »Es ist fast unmöglich«, sagte sie langsam. »Wenn ich glauben sollte ...« Dantys Pläne standen jetzt unerschütterlich fest. »Sie meinen, daß das Geld Maddisons Gott ist?« Sein Ton klang überrascht. Es kränkte ihn beinah, daß sie nicht dieselbe Meinung über ihren Verlobten hatte wie er selbst. »Du lieber Himmel! Ich könnte Ihnen Dutzende von Beispielen bringen ...«, und er gab sie ihr. Wenn auch nicht ein Dutzend, so doch völlig genügend. Dantys erfinderischer Geist benötigte keinen besonderen Anreiz. »Ich kenne einen Mann in Norfolk – übrigens einer der besten Freunde Maddisons – Maddison hatte einen Haufen Aktien einer Ölgesellschaft, deren Produktion fast auf Null gesunken war. Eines schönen Abends hatte er seinen Bekannten zum Essen eingeladen, und bevor noch die Nacht vorüber war, waren hunderttausend absolut wertlose Aktien in den Besitz des Mannes übergegangen, der ihm vertraute, wie ... nun, wie Sie ihm trauen! Noch ein anderer Fall – und darüber sprach seinerzeit die ganze City – da war ein Mann, der...« Auch diese zweite Lüge lief ihm ebenso glatt von den Lippen wie die erste. Es war alles sehr roh, was er vorbrachte, und hätte bei einem unbefangenen Zuhörer nur auf verächtlichen Unglauben stoßen können. Hätte er eine Woche früher derartiges versucht, wäre er sicher sofort vor die Tür gesetzt worden. Aber Rex lag in der kleinen Kammer der Leichenhalle, und ein Beamter der Kommission sammelte schon zwölf brave Leute zusammen, die ihr Urteil über einen Geisteszustand abgeben sollten, der die Veranlassung war, daß ein Revolver sich entlud und ein Leben abgeschlossen war. Danty sah, wie die roten Lippen sich zusammenpreßten. Er hatte einen Diener, der früher einer seiner Helfershelfer gewesen war. Pi Coles war Falschspieler, bis eine gerechte Vorsehung seinen Händen Rheumatismus schenkte. Er war ein ungewöhnlich kleiner Mann, kahlköpfig, mit einem Gesicht, in das Alter und Schmerzen ihre Zeichen gegraben hatten. Ihm vertraute Danty die meisten seiner Gedanken, ohne jedoch Namen zu erwähnen. Das tat er niemals. »Es ist doch eigentlich komisch, Pi, wie die Dummköpfe auf irgendeine gute Geschichte hineinfallen. Erinnerst du dich noch, wie wir beide auf demselben Korridor im Strangeway-Gefängnis saßen? Kommt mir gar nicht so vor, als ob das acht Jahre zurückläge, und jetzt bin ich hier in der feinsten Gesellschaft und gebe Leuten Ratschläge, die Hunderttausende besitzen – Leute, die mit ganz feinen auf du und du stehen!« »Und du bist immer Kavalier gewesen, Larry – solange ich dich kenne, hast du dich sogar immer fürs Abendessen umgezogen«, sagte Pi schmeichelnd. »Nicht immer ›Larry‹, paß doch auf«, warnte Mr. Morell. Er saß in seinem behaglichen Zimmer und konnte darüber nachdenken, wie gnädig ihm das Schicksal gewesen war. Seine Lage war allerdings nicht ganz einzigartig – war denn nicht einmal ein berüchtigter Hochstapler der geehrte Gast einer fremden, hochstehenden Persönlichkeit gewesen und war nicht derselbe später an verschiedenen europäischen Höfen als der Freund Königlicher Hoheiten empfangen worden? Es war am dritten Tage nach dem Drama. Die zwölf braven Leute, die die Leichenschaukommission bildeten, hatten sich am Nachmittag zusammengefunden. Es war nicht der glücklichste Tag in Dantys Leben. Am Abend vorher hatte er eine Nachricht von Luke Maddison erhalten, und der Ton dieser Mitteilung war eigenartig, beinahe unfreundlich; um was es sich handelte, wußte Danty nur zu gut. Nur hatte er gehofft, daß seine Anwesenheit in der Bank an einem gewissen Nachmittage von dem Kassierer nicht bemerkt worden war. Das Büro Lukes lag in Pall Mall – kaum eine Gegend, die ein Mann, dessen Hauptbeschäftigung in Finanzsachen lag, gewählt haben würde; aber Maddisons Bank war schon seit mehr denn zweihundert Jahren die Besitzerin des Grundstücks, auf dem jetzt das moderne Gebäude stand, und der bescheidene Raum, dessen Fenster auf den Waterloo-Platz blickten, war bereits in den weit zurückliegenden Tagen das Zimmer des Inhabers gewesen. Luke war schon seit acht Uhr, eine Stunde früher als das Personal, in seinem Büro, und hier fand ihn sein Prokurist. Er saß still vor dem Schreibtisch, den Kopf in die Hände gestützt, seine Privatbriefe lagen ungeöffnet vor ihm. Maddison fuhr hoch, als sein Angestellter eintrat. »Hallo!« sagte er halb verlegen. »Was gibt's denn?« Nach der Ansicht Mr. Steeles, dieses erfahrenen Geschäftsmannes, gab es sehr viel. Er legte ein kleines Paket Papiere auf den Tisch und berichtete in kurzen Worten über ihren Inhalt. »Hier sind vier oder fünf Transaktionen, die heute abgeschlossen werden müßten, Mr. Maddison. Ich mache mir eigentlich etwas Sorgen. Die Gulanga-Öl-Abrechnuug muß erledigt werden. Wir haben hierbei einen großen Verlust erlitten.« Luke nickte ungeduldig. »Erledigen Sie das«, sagte er, »ist keine Nachricht da von – von Miß Leferre?« Eine törichte Frage, denn er hatte sein Privattelephon und wußte sehr gut, daß jede Nachricht, die von Margaret kam, sofort zu ihm durchgestellt werden würde. Der Prokurist schüttelte sorgenvoll den Kopf. »Eine sehr peinliche Sache, Sir; ich habe noch nicht mit Ihnen darüber gesprochen, weil ich mir denken kann, wie unangenehm Ihnen das sein muß. Northern \& Southern waren heute morgen schon wieder am Apparat wegen des Schecks – Sie erinnern sich, daß sie gestern schon mal danach gefragt haben?« »Ja, ja.« Lukes gewöhnlich so freundliche Stimme wurde barsch. »Sagen Sie ihnen, die Sache wäre in Ordnung.« »Das habe ich gestern schon getan.« Mr. Steele hätte noch gern länger über diese Angelegenheit gesprochen, trotzdem er wußte, wie unangenehm sie seinem Chef war. Verzweifelt kam Luke auf die Frage der Gulanga-Öl-Konzession zurück, und zum ersten Mal in seinem Leben reizte ihn Mr. Steeles beinahe väterliches Interesse an seinem Geschäft über alle Maßen. »Selbstverständlich, Sir, weiß ich ganz genau, daß Maddisons so gesund sind wie nur irgendeine andere erstklassige Firma, aber die Tatsache läßt sich nicht verleugnen, daß wir innerhalb der letzten sechs Monate außerordentlich schwere Verluste erlitten haben, und ich befürchte, ich muß Sie bitten, Ihre Privatguthaben in Anspruch zu nehmen. Ich persönlich«, fuhr er fort, ohne auf Lukes wachsende Ungeduld zu achten, »war immer der Ansicht, daß wir einen Fehler begingen, als wir uns nicht einem der großen Konzerne anschlossen. In privaten Bankgeschäften spielt das persönliche Vermögen des Inhabers meiner Meinung nach eine zu große Rolle als Sicherheit für –« Glücklicherweise läutete in diesem Augenblick das Telephon. Luke ergriff den Hörer und lauschte stirnrunzelnd. »Ja, lassen Sie ihn hereinkommen.« Und zu Mr. Steele: »Ich habe mit Mr. Morell zu sprechen und möchte nicht gestört werden.« Mr. Steele verzog das Gesicht. Sein ganzes Leben hindurch war er in der Firma Maddison \& Sons gewesen, und er scheute sich nicht, seine Abneigung dem gemeldeten Besucher gegenüber zu verbergen. »Der Mensch hat etwas an sich, Mr. Maddison, was ich nicht ausstehen kann. Hoffentlich werden wir nicht geschäftlich mit ihm zu tun haben?« Luke schüttelte den Kopf und wies auf die Tür. Mr. Danton Morell kam in eine Atmosphäre, die, wie er fühlte – und in derartigen Dingen war er außerordentlich feinfühlig – mit Feindschaft geladen war. Trotzdem war er sein lächelndes Selbst und stellte mit betonter Sorgfalt seinen tadellosen Zylinder vorsichtig auf den Tisch. Luke bemerkte, daß er einen Trauerstor trug, und aus irgendwelchen Gründen schien dies seine gespannten Nerven noch weiter zu reizen. »Nehmen Sie Platz, bitte«, seine Stimme und sein Benehmen waren schroff. »Sie waren ein Freund von Rex?« Danty bejahte kopfnickend. »Ja. Ich hatte sein ganzes Vertrauen«, begann er. »Ich glaube, ich erzählte Ihnen bereits am Tage nach dem unglücklichen –« Luke unterbrach ihn kurz. »Ging das so weit, daß Sie ihn vor drei Tagen nach der Northern \& Southern Bank begleiteten, als er einen Scheck von achtzehntaufendfünfhundert Pfund einkassierte?« Danty blickte ihn mit gut gespieltem Erstaunen an. »Aber natürlich«, sagte er. »Rex hatte große Verluste in der City erlitten, und ich gab ihm den Rat, mit Ihnen zu sprechen. Soweit ich verstanden habe, gaben Sie ihm einen Scheck über diese Summe und –« »Hat er Ihnen das gesagt?« Lukes blaue Augen lagen fest auf dem Gesicht seines Besuchers. »Jawohl. War etwas nicht in Ordnung? Ich habe den Scheck selbst gesehen.« Eine kurze, unbehagliche Pause: »Haben Sie gesehen, wie er unterzeichnete?« fragte Luke. Dantys Blick schwankte nicht. »Ich befürchte, ich verstehe Sie nicht«, sagte er gleichgültig. »Ich sah, wie er seine Unterschrift darunter setzte und –« »Mein Name war gefälscht, ich habe an Rex keinen Scheck über diesen Betrag gegeben. Ich habe Recherchen anstellen lassen und herausgefunden, daß er sich mit einer verkommenen West-Afrika-Goldmine eingelassen hatte, deren Aktien Sie zum größten Teil vor einem Jahr für einen Pfifferling erworben hatten. Er hat dann immer weiter gekauft, und die Aktien fielen ständig. An dem Tage, als er Ihnen achtzehntausendfünfhundert Pfund auszahlte, kam noch eine weitere Forderung für einen bedeutend höheren Betrag.« Danty fühlte sein Herz klopfen, obgleich von seiner inneren Aufregung nichts zu merken war. Der Mann hier wußte ja viel mehr, als er sich jemals hatte träumen lassen. Mr. Morell stand vor einer Krisis in seinen Angelegenheiten, die ihn leicht völlig ruinieren und all seine feinangelegten Pläne zerstören könnte. »Ich begreife nicht ganz, was Sie eigentlich meinen«, sagte er. »Meine Interessen in dieser Gesellschaft sind außerordentlich gering, und ich war entsetzt, als ich hörte, daß Rex mit ihren Aktien spekulierte. Sie haben mein vollstes Einverständnis, alle nur irgendwie gewünschten Recherchen vorzunehmen.« Luke öffnete ein Schubfach seines Schreibtisches und nahm einen Scheck heraus. Von seinem Platze aus sah Danty, daß die Unterschrift eine verhältnismäßig gute Fälschung war. Den gleichen Gedanken hatte er schon gehabt, als Rex ihm seinerzeit den Scheck übergab. Es ist die einfachste Sache der Welt, einen Namen zu fälschen, und soweit er imstande war, dies hier zu beurteilen, war wirklich kein Fehler in Rex Leferres gefährlichem Spiele zu finden. »Es ist Ihnen klar, was mit diesem Scheck nicht in Ordnung ist?« fragte Luke. Der andere schüttelte den Kopf. »Wollen Sie vielleicht behaupten, daß ich wußte, die Unterschrift sei gefälscht?« Bevor Maddison antworten konnte, wurde an die Tür geklopft. »Herein«, sagte er ärgerlich. In der Tür erschien der Prokurist. »Entschuldigen Sie, daß ich Sie störe, Mr. Maddison. Aber Mr. Bird von Scotland Yard ist hier und möchte Sie sprechen.« Trotz seiner Selbstbeherrschung fuhr Danty von seinem Stuhl auf. Der Spatz war der letzte Mann in der Welt, den er an diesem Morgen zu sehen wünschte. 4 Luke sah einen Augenblick nachdenklich vor sich hin. »Warten Sie einen Augenblick, bitte.« Er stand auf und öffnete die Tür, die nach dem Gang führte. »Wegen dieses Schecks möchte ich noch einmal mit Ihnen sprechen, Mr. Morell«, sagte er. »Warum nicht gleich jetzt?« Es war eine Herausforderung, deren Unaufrichtigkeit Luke Maddison deutlich fühlte. »Mr. Bird kommt in einer ganz anderen Angelegenheit zu mir«, sagte er. »Zu gegebener Zeit werden wir beide über dies Thema mit Ihnen verhandeln.« Er schloß die Tür hinter seinem Besucher, als der Spatz durch einen anderen Eingang sein Büro betrat. Mr. Bird kam schwerfällig hinein, und seine Blicke schweiften schnell durch das ganze Zimmer. Er schien enttäuscht zu sein – als ob er erwartet hätte, jemand zu finden, der nicht anwesend war. »Hatten Sie nicht eben einen Besucher, Mr. Maddison? Ich glaubte doch, jemand hineingehen zu sehen, als ich draußen auf der Straße wartete.« Luke nickte kurz. »Mr. Danton Morell«, antwortete er. »Kennen Sie ihn?« Der Spatz lächelte. »Wie man den Bürgermeister kennt – von weitem. Ich bin ja nur ein ganz einfacher Mensch. Sie werden niemals finden, daß ich mich in die seine Gesellschaft dränge. Ich habe einen Gesellschaftsanzug, seit siebzehn Jahren denselben, und trage ihn zweimal im Jahre: einmal für das Diner der Polizeibeamten und das andere Mal, damit die Motten sich tüchtig erkälten.« »Wissen Sie etwas Genaueres über ihn?« Das breite Lächeln auf Mr. Birds Gesicht wurde noch breiter. »Seinen Namen und Adresse – und das ist das, was jeder Schutzmann von jedem Menschen wissen will ... Peinliche Sache, die Angelegenheit des jungen Leferre. Sie möchten doch nicht in diese verwickelt werden?« Luke blickte ihn überrascht an. »Ich? Was zum Teufel soll ich denn damit zu tun haben?« Mr. Bird hustete. »Das ist nicht so einfach zu sagen«, begann er. »Ich hatte nämlich den Toten und dann auch das Zimmer durchsucht und habe drei Blankoschecks auf die Northern \& Southern Bank gefunden – da haben Sie doch Ihr Privatdepot? – Und dann noch das –« Er zog eine dicke, abgenutzte Brieftasche hervor, legte sie auf den Tisch und begann ihren Inhalt zu durchstöbern. Nach kurzer Zeit fand er, was er suchte – zwei zusammengefaltete Bogen Papier, augenscheinlich aus einem Schulheft herausgerissen. Er legte diese auf den Tisch, und Luke sah eine ganze Reihe von Unterschriften, eine unter der anderen, vor sich ... Luke Maddison ... Luke Maddison... »Es sieht beinahe so aus, als ob Sie in Gedanken Ihren Namen gemalt hätten.« Die klugen Augen des Detektivs lagen fest auf dem jungen Bankier. »Aber trotzdem konnte ich mir eigentlich nicht denken, daß ein Geschäftsmann wie Sie etwas so Törichtes tun könnte. Entschuldigen Sie, bitte, die Bemerkung. Ich bin gestern nachmittag in der Northern \& Southern Bank gewesen, aber dort war man außerordentlich zurückhaltend – zurückhaltend ist ein gutes Wort – und hat mich an Sie verwiesen. Durch einen hinterlistigen und recht verachtungswerten Trick habe ich aber herausgefunden, daß der junge Mr. Leferre kürzlich einen Scheck über achtzehntausend Pfund einkassiert hat.« Luke fiel ihm ins Wort. »Ja, ja – ich hatte ihm einen Scheck über diesen Betrag gegeben.« Der Spatz sah ihn ungläubig an. »Haben Sie wirklich? Würden Sie vielleicht so freundlich sein, mir den Coupon in Ihrem Scheckbuch zu zeigen?« Für einen Moment wußte Luke nicht, was tun. »Wenn irgendein Grund dafür vorliegen sollte«, sagte er kühl, »könnte ich das ja machen, aber ich sehe die Notwendigkeit dazu nicht ein.« Mr. Bird war nicht aus der Fassung gebracht; er legte beide Arme auf den Tisch, und seine Stimme war sehr ernst. »Ich habe kein Recht, Sie zu fragen – und ich bin auch nicht der Mensch, der versuchen würde, einen Mann wie Sie zu bluffen. Ich will mit offenen Karten spielen. Der Scheck ist in Banknoten ausgezahlt worden, und ich will wissen, wohin die Noten gegangen sind. Es gibt in London einen netten Vogel, und den möchte ich gerne fangen. Ich habe einen der hübschesten kleinen Käfige, die jemals gebaut worden sind, für ihn bereit, und solange der noch leer bleibt, ist mein Herz auch leer. Wenn der Scheck eine Fälschung war, würde dies für den Toten ein schlechter Nachruf sein, das verstehe ich sehr gut. Andererseits aber würde es mir dann außerordentlich leicht sein, einen gewissen Mann zu fassen, der – ich will Ihnen die Wahrheit erzählen, Mr. Maddison: ich möchte die Fingerabdrücke dieses Mannes so außerordentlich gern haben, daß ich mich eigentlich wundere, warum ich ihn nicht auf der Straße zu Boden schlage und sie mir so nehme!« Luke blickte vor sich hin; dann sagte er: »Es tut mir leid, aber ich kann Ihnen nicht helfen. Der Scheck war von mir unterzeichnet.« Mr. Bird stand mit einem tiefen Seufzer auf. »Sie haben zuviel Nachsicht mit der Verbrecherklasse, Mr. Maddison. Kein Wunder, daß Gunner Haynes Sie für einen netten Menschen hält – sechs Monate hat er gestern gekriegt. Das ist ein Kerl. Als ich versuchte, etwas von ihm über Ihren Freund herauszubekommen, wollte er nicht einmal zugeben, daß er ihn kannte.« »Morell?« fragte Luke unbedacht, und der Spatz grinste. »Das ist der Name, ja. Was hat es für einen Zweck, wie die Katze um den heißen Brei herumzugehen? Er ist der –« »Ich weiß nichts von Morell«, sagte Luke nachdrücklich. »Er war ein Freund von Rex – von Mr. Leferre, meine ich. Ich möchte lieber nicht über ihn sprechen.« Der Spatz seufzte von neuem, nahm die Papiere zusammen, auf denen der bedauernswerte Rex sich in Unterschriften versucht hatte, und steckte sie in seine Brieftasche. »Niemand ist der Polizei behilflich«, sagte er kläglich. »Alle sind gegen die natürlichen Wächter der Kinder der Armen und der ... ich will machen, daß ich wegkomme.« Er drückte Luke lässig die Hand und ging schwerfällig hinaus. Kaum hatte sich die Tür hinter ihm geschlossen, als das Telephon läutete, und zum ersten Male seit dem fürchterlichen Ereignis hörte Luke die Stimme der Frau, die er liebte. »Willst du morgen zu mir kommen, Luke?« Ihre Stimme war sehr leise. »Sofort, wenn ich darf, Liebling! Kann ich nicht gleich kommen?« Aber ihre müde Stimme verneinte. »Morgen – wenn alles erledigt ist. Luke, sag mal, schuldete Rex dir Geld?« Das Unerwartete dieser Frage brachte Luke aus dem Gleichgewicht, und wenn Luke Maddison erregt war, sprach er unweigerlich zusammenhanglos – er dachte zu schnell, und seine Worte konnten nicht folgen. »Ja – aber es ist nicht der Mühe werk, darüber zu reden ... er war in der Lebensversicherung hoch versichert ... du weißt ja, und ich glaube nicht, daß die Gesellschaft ... eh ... Schwierigkeiten machen wird ...« Er hörte ihr schnelles Atmen und wurde noch aufgeregter. »Ich dachte an dich ... eh ... du brauchst dir über seine Angelegenheiten keine Sorgen zu machen ... in Wirklichkeit schuldet er mir eigentlich gar nichts.« »Willst du also morgen zu mir kommen?« Bevor er antworten konnte, hörte er, wie die Verbindung abgebrochen wurde. 5 »Ich sehe gar keinen Grund, Luke, warum die Hochzeit aufgeschoben werden sollte.« Die für alle Beteiligten so schmerzliche Sitzung der Totenschaukommission lag hinter ihnen. Es war festgestellt worden, daß sich die geschäftlichen Angelegenheiten des jungen Mannes in großer Verwirrung befanden, aber weitere Einzelheiten warm nicht verlangt worden. Margaret Leferre verstand sich selbst nicht mehr; ihre eigene Ruhe überraschte sie. Hatte sie eigentlich den Mann geliebt, der vor ihr stand, von dem sie anscheinend glaubte, daß er der beste Freund ihres Bruders gewesen war? Zuweilen befürchtete sie, daß er in ihren Augen lesen könnte, wie sie ihn verabscheute. Sie war erstaunt, als sie sich selbst mit größter Ruhe und in traurigem, aber freundlichem Tone sagen hörte, daß ihrer Meinung nach kein Grund zum Aufschub der Hochzeit vorläge. »Mein armer Liebling!« Er nahm sie in seine Arme, und sie leistete keinen Widerstand. Sie bot ihm ihre kalten Lippen und haßte sich selbst dafür. Aber der Judaskuß kam von ihm und nicht von ihr, und das war eine kleine Genugtuung für sie. »Es gibt nichts in der Welt, was ich nicht tun könnte, um das Leben für dich ein wenig angenehmer zu machen«, sagte er. »Wenn Geld dir Glück verschaffen könnte, würde ich gern zum Bettler werden.« Sie lächelte schwach. Hier war ein Mann, der seine eigenen Götter verleugnete. Er hatte Rex ruiniert; er hakte ihn immer gehaßt. Halb vergessene Worte kamen ihr ins Gedächtnis, kurze, gereizte Urteile über Rex' Nachlässigkeit in Geldangelegenheiten. Seine Hände lagen auf ihren Schultern, und er blickte sie forschend an. Die Blässe ihres Gesichtes und die schwachen Schatten unter ihren Augen verliehen ihr eine beinahe überirdische Schönheit. »Selbstverständlich habe ich mich sehr gesorgt ... was für ein Narr ich war, dir am Telephon von Versicherungen zu sprechen – das war direkt unpassend – ich wußte im Augenblick wirklich nicht, was ich redete –« »Luke, bist du wirklich sehr reich?« Sie überraschte ihn ständig mit derartigen unvermuteten Fragen. »Reich? Ich glaube, ja. Die Bank hat zwar in der letzten Zeit nicht besonders gute Geschäfte gemacht, aber ich habe ein Privatvermögen von mindestens einer halben Million. Ich dachte, du wüßtest das –« Sie lächelte gezwungen. »Ich habe dich niemals gefragt. Nur habe ich Angst vor der – Armut. Wir sind so unglaublich arm gewesen. Mein Vater hat uns nichts hinterlassen – es muß wunderschön sein, soviel Geld zu haben, reich zu sein – sich niemals über Rechnungen Sorgen zu machen, niemals das Gefühl zu haben, man muß hinaus und seinen Lebensunterhalt verdienen.« Er blickte sie mit ungeheucheltem Erstaunen an. »Aber davon hatte ich ja gar keine Ahnung, Kleine. Das ist ja entsetzlich. Ich dachte, du hättest deine regelmäßigen Zinsen?« Sie schüttelte den Kopf, und diesmal verstellte sie sich nicht. »Wenn dir Geld das Gefühl von Sicherheit verschaffen kann, dann will ich dir geben, was du willst ... Du kannst über jeden Pfennig, den ich besitze, verfügen –« Er sah ihr ungläubiges Lächeln und ärgerte sich über sich selbst, als ob auch er in seinem eigenen großmütigen Anerbieten eine Spur von Unaufrichtigkeit fühlte. »Warum nicht? Tausende von Männern schreiben ihr ganzes Vermögen auf den Namen der Frau. Übrigens eine ganz vernünftige Sache ... das hält den Mann auf dem richtigen Wege ... und macht uns beide auch in geschäftlicher Beziehung zu richtigen Kompagnons. Warte mal.« Er stand schon am Telephon – eifrig und enthusiastisch wie ein Junge, der eine neue und entzückende Idee verfolgt. »Luke ... rufst du deinen Rechtsanwalt an?« Ihr Gewissen sprach, und eine plötzliche Furcht packte sie; zum erstenmal kam ihr das Ungeheuerliche ihres Verrates zum Bewußtsein. »Ja, Hilton – hier ist Luke Maddison ... Sie haben doch den Heiratskontrakt aufgesetzt? – Gut, dann schließen Sie alles ein! Haben Sie die Liste meiner Wertpapiere? – Ja, alle. – Und das Konto in der Bank – jeden Pfennig – meinen Anteil an Maddisons – jawohl, alles mit übertragen – nein – ich bin nicht wähnsinnig!« »Du bist wahnsinnig!« Sie stand jetzt neben ihm, ihr Gesicht leichenblaß. Und ihre Worte kamen zögernd, schwankend: »Du bist wahnsinnig, Luke – ich meinte es doch nicht so ...« Er lächelte und küßte sie zärtlich, aber in seinen Augen lag ein Ausdruck, der sie zurückschrecken ließ – ein gewisser Ausdruck, der ihr die Worte Danton Morells ins Gedächtnis rief: »Im Augenblick sind Sie für ihn das Begehrenswerteste!« Sie stand neben ihm, ihre Hände warm ineinandergekrampft, und ihr Atem ging stoßweise, als sie hörte, wie er den Widerspruch, der von der anderen Seite des Drahtes kam, niederschlug, dann hing er den Hörer an und drehte sich ihr zu. Ein triumphierendes Lächeln lag auf seinem geröteten Gesicht. »Du bist jetzt Maddisons!« sagte er feierlich. »Dir gehört alles, vom Keller bis zum Boden, mein Liebling – und ich bin jetzt, was der alte Bird so hübsch mit dem Namen ›ein Kind der Armen‹ bezeichnet.« Und nicht einmal sie konnte wissen, wie prophetisch er gesprochen hatte. 6 Welchem Ziele trieb Luke Maddison entgegen? In seinen rosigen Träumen sah er nur den glatten, geraden Weg seines Lebens vor sich liegen. Für ihn kamen in angenehmer Regelmäßigkeit Jahre, verbracht im Strudel des Vergnügens, in Ascot, in Deauville, auf dem Lido. Er würde von St. Moritz nach Cannes wandern, von Cannes nach London; er würde so tun, als ob er sich mit seinen Geschäften befaßte, aber die Bank würde unter der Leitung Mr. Steeles weitergehen, ob er da war oder nicht. Er hatte schon vorher die gleichen Wege durchwandert – aber allein. Jetzt sollte seines Herzens sehnlichster Wunsch in Erfüllung gehen. Der Gedanke schien ihm beinahe unfaßbar, daß sie bei ihm sein sollte – alle Zeit, in all den Plätzen, überall. Margaret Leferre war für ihn die Frau aller Frauen, die Erfüllung seiner Träume. Sie war nicht die schwache Frau, die so oft von den Dichtern besungen wurde. Nein, sie war mehr für ihn als nur die Frau. Hier war ein Kamerad, dem er vertrauen konnte. Ihr gegenüber empfand er eine Zärtlichkeit, die durch den Schatten von Kummer und Gram, der auf ihr lag, nur noch verstärkt wurde. Sie war jetzt endlich unter seinem Schutz. Am Morgen der Hochzeit ging er auf die dringende Bitte seines Prokuristen nach dem Büro, wo verschiedene Angelegenheiten von ihm persönlich erledigt werden mußten. Sein Anwalt war schon vorher bei ihm gewesen und hatte noch einmal vergeblich – vergeblich, denn der Kontrakt war schon am vorhergehenden Tage unterzeichnet worden – gegen diesen Heiratsvertrag protestiert. »Luke, ich muß annehmen, daß du der größte Narr bist, den ich jemals in meiner ganzen geschäftlichen Tätigkeit gesehen habe ... ja, ja, ich weiß, daß Margaret das liebste, beste Mädel in der ganzen Welt ist, daß sie das vertrauenswerteste ist. Alle die guten Eigenschaften der Leferre-Familie scheinen sich bei ihr vereinigt zu haben – aber ist es dir denn nicht klar, was für eine unglaubliche Torheit du begangen hast? Angenommen, sie stirbt ohne Testament – ja, ich weiß, es ist eine erschreckende Annahme – aber nimm doch mal an ...« »Ich will nicht so etwas Furchtbares annehmen, Jack!« unterbrach Luke hitzig. Sie waren Freunde von Jugend auf, er und der kluge junge Rechtsanwalt, der Lukes geschäftliche und private Angelegenheiten in Händen hatte. »Ich bin der Meinung, daß die Frau einen Anteil am Vermögen ihres Mannes haben müßte –« »Einen Anteil!« schnarrte Jack Hulbert. »Du verdammter Narr. Sie hat doch alles bekommen!« Und es fehlte nicht viel, daß sie sich beide zum ersten Male ernstlich gezankt hätten. Luke war sehr gereizt, und der Pessimismus seines Mr. Steele trug nicht dazu bei, ihn in bessere Laune zu bringen. »Wir können unsere Verluste tragen, aber das wird Sie eine Masse Geld kosten«, sagte dieser sorgenvoll; »und dann, Mr. Maddison, hoffe ich, daß Sie Spekulationen aus dem Wege gehen. Das ist ganz gut für –« »Ich weiß schon!« Lukes Geduld war beinah erschöpft. »Ich stimme völlig mit Ihnen überein, daß wir nicht spekulieren sollten – um die Wahrheit zu sagen, war ich ganz gegen meinen Willen gezwungen worden, die Aktien zu übernehmen.« Er konnte und wollte nicht zugeben, daß dieser Fehler, den er begangen hatte, direkt durch Rex Leferres Schuld entstanden war. Mr. Steele würde kaum geglaubt haben, daß sein so erfahrener junger Chef sich durch einen jungen Menschen zu Geschäften hätte verleiten lassen, die mit der Bank gar nichts zu tun hatten. Und doch war dies die reine Wahrheit. »Wie hoch belaufen sich unsere Verluste?« fragte Luke. Mr. Steele gab ihm die genaue Zahl an. »Neunundsiebzigtausendsechshundertvierzig Pfund«, sagte er nachdrücklich, aber Luke lächelte. »Zufällig weiß ich, daß ich einen großen Teil mehr wert bin als diese Summe.« Er lachte. »Tatsächlich, Steele, ich bin ja viel reicher, als ich überhaupt angenommen habe.« Er wußte dies ›zufällig‹, weil es nötig gewesen war, für den Vertrag eine genaue Aufstellung seiner sämtlichen Guthaben zu machen. »Es ist gut – lassen Sie einen Scheck ausschreiben, und ich will ihn gleich unterzeichnen.« Mr. Steele ging hinaus, und Luke durchflog die Papiere, die noch unterschrieben werden mußten. Er sollte Margaret um zwei Uhr im Standesamt treffen. Danty war gleichfalls dort – der Gedanke an diesen Mann war ihm unangenehm, aber er hatte nichts dagegen geäußert. Danty hatte es auf eine besondere Weise verstanden, Margarets Vertrauen zu erwerben; vielleicht, so dachte Luke, war es die enge Freundschaft mit Rex, die dies nicht nur ermöglicht, sondern vielleicht sogar unvermeidlich gemacht hatte. Der zweite Zeuge sollte Mr. Steele sein. Er war im Begriff, seinen Prokuristen zu rufen, um ihn noch einmal an diese wichtige Funktion zu erinnern, als dieser schon das Zimmer betrat. »Wollen Sie einen Mann namens Lewing sprechen?« »Lewing? Wer ist das?« Mr. Steeles Gesichtsausdruck sagte ihm deutlich, daß Lewing nichts Besonderes sein konnte. »Ein merkwürdiger Kerl«, sagte Steele. »Ich würde ihn schon weggeschickt haben, wenn er nicht gesagt hätte, er käme von Gunner, der Sie ja zu kennen scheint.« Einen Augenblick war Luke unschlüssig. »Gunner?« Er kannte einen Mann, der bei der Artillerie gestanden hatte... Dann plötzlich erinnerte er sich an Gunner Haynes. Er hatte alles vergessen, was mit dem unglücklichen Hoteldieb zusammenhing, den er zu retten versucht hatte – hatte nicht einmal in der Zeitung gelesen, was mit ihm geschehen war. »Lassen Sie ihn hereinkommen.« Der Mann, der hinter Steele das Zimmer betrat, war lang und mager. Seine tiefliegenden Augen hatten in ihrer Unruhe beinahe etwas Tierisches. Er blickte schnell in dem Zimmer umher, und es schien Luke, als ob er jeden Gegenstand abschätzte – in Hinsicht aus einen eventuellen, nächtlichen Besuch, bei dem er die wertvollsten Gegenstände davontragen könnte. »Morgen, Sir.« Er hielt seinen Kopf gesenkt und blickte unter seinen dichten, struppigen Augenbrauen hervor auf Luke. »Möchte Sie gern privatim sprechen, Sir«, sagte er mit heiserer Stimme. Luke gab dem Prokuristen einen Wink, das Zimmer zu verlassen, dem dieser mit großem Widerstreben folgte. »Wollen Sie nicht Platz nehmen?« Ohne seine Augen von Luke zu lassen, streckte der Besucher seine Hand aus und zog sich einen Stuhl heran. »Nun?« Der Besucher setzte sich. »Der Gunner hat drei Monate gekriegt«, begann er. »Der Spatz hat sich für ihn verwendet, aber der Richter hat ihm doch drei Monate gegeben. Der Gunner hat Einspruch erhoben.« Luke nickte. »Er ist zu drei Monaten Zuchthaus verurteilt worden und hat Revision beantragt. Ich hoffe, er kommt damit durch. Hat er Sie zu mir geschickt?« Lewing nickte langsam. Er erweckte den Anschein eines Mannes, der log und erwartete, daß man ihn durchschaute. »Ja. Ein paar Pfund würden ihm viel Gutes tun. Er braucht nämlich einen Rechtsanwalt. Der Spatz sagt, er würde mit durchkommen – und der Spatz weiß Bescheid.« »Wer ist denn eigentlich der Spatz?« Ein langsames Lächeln verbreitete sich über Mr. Lewings Gesicht. »Er ist 'n Greifer – ein Detektiv. Bird heißt er –« Luke nickte. Er erinnerte sich Mr. Spatz', dessen Tätigkeit sich augenscheinlich nicht nur auf Untersuchungen beschränkte. »Ich habe selbst gesessen – wegen Einbruch«, vertraute ihm Lewing an. »Aber man konnte mir nichts beweisen, und so bin ich wieder losgekommen. Aber ich und der Gunner sind wie Brüder. Er saß in Brixton in der nächsten Zelle und sagte mir, ich sollte mal vorbeikommen und mit Ihnen sprechen – ein paar Pfund würden ihm sehr viel helfen.« Luke war unschlüssig. Seine Bekanntschaft mit dem Mann, der sich selbst Haynes nannte, war recht oberflächlich, aber während der kurzen Unterhaltung im Ritz Carlton war es ihm aufgefallen, daß der »Gunner« die Manieren und ganz sicher die Ausdrucksweise eines gebildeten Mannes hatte. Dieser Mensch hier, dieser verächtliche Dieb, der ihn von der anderen Seite des Tisches aus so hinterlistig betrachtete, gehörte wohl kaum zu der Art Menschen, die von dem Gunner mit Aufträgen betraut werden dürften. Luke faßte in seine Tasche und zog ein paar Pfundnoten heraus. »Ich nehme an, Sie kennen Mr. Bird sehr gut«, fragte er, als er das Geld zählte. Der Mann grinste. »Den Spatz? Und ob! Er spricht immer nur über die Kinder der Armen – aber er ist immer hinter ihnen her! Er behauptet, es gibt eine Masse armer Leute, die nur leiden, weil es Leute gibt wie –« er war im Begriff, »mich« zu sagen, aber verbesserte sich schnell – »weil es Gauner gibt. Das ist Unsinn, wenn man nicht arbeiten kann, muß man doch irgendwas tun: man kann doch nicht verhungern. Das letztemal, als der Spatz anfing, mit mir darüber zu reden, habe ich gesagt: ›Passen Sie mal auf, Mr. Bird, warum sind Sie nicht mal hinter den Kindern der Reichen her und lassen die mal was von ihrem Überfluß an die Kinder der Armen abgeben?‹ Er konnte mir keine Antwort geben. Er war einfach platt. Wenn es sich um Beweisführung handelt, schlage ich alle Leute.« Er schien ziemlich stolz auf diese Fähigkeit zu sein, auch wenn seine Triumphe meistens erlogen waren. »Hier sind zehn Pfund, geben Sie das Ihrem Freunde ... ich kann nicht mehr für ihn tun. Ich würde aber ganz gern wissen, wie es ihm geht; er kann mir hierher schreiben.« Eine schmutzige Hand, wie eine Geierkralle, schoß über den Tisch hinweg und packte das Geld. »Wenn Sie Dicky sehen, sagen Sie nicht, daß ich hier war ... den Spatz meine ich. Manche nennen ihn so und manche wieder anders. Und, Sir, wenn Sie jemals was von unserem Leben sehen wollen, Sie oder andere feine Leute, kommen Sie mal eine Nacht 'runter nach Rotherhithe. Fragen Sie mal nach Harry Sibler – warten Sie, ich muß irgendwo meine Adresse haben.« Er suchte in seiner Westentasche und brachte eine schmutzige Karte hervor. Luke nahm sie und las belustigt: Harry Sibler neben »The Cap and Bells« und darunter war geschrieben: Höchste Preise für Alteisen. Lewing starrte ihn an und zeigte seine Zähne in einem breiten Grinsen. »Altes Eisen!« kicherte er heiser. »Nicht schlecht, was? Wenn Sie wirklich einmal die Kinder der Armen sehen wollen – das ist der Platz, wo Sie hingehen müssen!« Er stand auf und verschwand mit einem Kopfnicken durch die halbgeöffnete Tür. Er verschwand aus seinem Leben, so dachte Luke, aber hierin sollte er sich irren. 7 Der Morgen fand Margaret Leferre ratlos und verzweifelt. Dreimal war sie an das Telephon gegangen, um Luke anzurufen; dreimal hatte sie den Hörer wieder niedergelegt. Und dann kam Mr. Danty Morell. Zuerst wollte sie ihn nicht empfangen. In dem Wirbel ihrer Gedanken ließ sein Erscheinen die grauenhafte Wirklichkeit noch abstoßender erscheinen, eine Wirklichkeit, die sie am liebsten von sich abgewehrt hätte. Der Tag graute, nach einer Nacht voller Träume, entsetzlicher Träume, in denen der tote Rex, Luke und Anwälte sich in wildem Reigen über die Abfassung des Heiratsvertrages stritten. Und aus all diesen Traumgestalten hatte sich eine Tatsache klar hervorgehoben: sie haßte Luke – haßte ihn mit einem Nachdruck, der alle Vernunftsgründe erstickte. Sie versuchte, die Zeit zurückzurufen, in der er alles in der Welt für sie bedeutete, die Zeit, wo ihr Herz bei dem Ton seiner Stimme schneller schlug, die Zeit, wo ein Tag ohne seine Gegenwart ihr dunkel erschienen war. Verzweiflungsvoll kämpfte ihr eigener, schwindender Selbstrespekt, verzweifelt suchte sie die Stunden zurückzurufen, wo er Alles für sie bedeutete. Sie versuchte, Entschuldigungen für ihn zu finden – und der Versuch schürte die Flamme des Hasses noch mehr. Sie begann sich selbst zu hassen – wegen des unerhörten Verrates, den sie vorhatte. Und daß sie mit einem Mann ein Komplott eingegangen war, der noch wenige Monate vorher ihr völlig fremd war, machte die Sachlage nur noch schwieriger für sie. In dieser Stimmung fand Danton Margaret Leferre. Er war in düsterem Schwarz, und selbst in seiner Kopfbedeckung lag mehr eine Anspielung auf eine Trauerfeierlichkeit als auf eine Hochzeit. Ohne irgendwelche Vorrede – sie hatte sich schon so weit mit ihm eingelassen, daß Verstellung unnötig war – begann sie: »Ich kann es nicht durchführen, Danton –« niemals hatte sie sich an das familiäre ›Danty‹ gewöhnen können – »ich habe mich entschlossen, Luke anzurufen und ihm alles zu erzählen. Es ist furchtbar – ich kann es nicht.« Er war viel zu geschickt, um gegen ihren Entschluß anzukämpfen, hatte auch in der elften Stunde etwas Derartiges erwartet. »Um genau zu sein, was ist denn eigentlich furchtbar?« fragte er. »Es gibt verschiedene furchtbare Seiten dieser ganzen Angelegenheit, die mir sehr zu Herzen gehen. Aber... ich kann über diese nicht mit Ihnen sprechen – selbstverständlich, es ist mehr als furchtbar, daß Sie ihn hassen und sich doch selbst zum Opfer bringen müssen. Als Luke mir erzählte, daß er seine Flitterwochen in Paris verbringen wollte ... angenehm war mir der Gedanke wirklich nicht. Warum Sie überhaupt auf eine Hochzeitsreise gehen müssen, ist mir völlig unverständlich. – Erinnern Sie sich an das junge Mädchen, ich glaube eine Miß Fletcher, die ihr Bein brach, als sie in den Wagen stieg ... selbstverständlich ist es abscheulich, derartige Dinge vorzuschlagen, aber – ich kenne einen Doktor, der Ihnen ohne weiteres ein Attest über einen verrenkten Knöchel ausstellen...« Sie schüttelte den Kopf, dachte aber augenscheinlich über diesen Vorschlag nach. Sie mußte den Höhepunkt des Dramas sofort zu erreichen versuchen. Mußte vor der Tür des Standesamts die ganze Wahrheit erzählen – oder die Heirat durfte überhaupt nicht stattfinden. Die Tinte auf dem Heiratskontrakt war noch frisch, und sie mußte ihm erzählen, daß sie vorsätzlich darauf ausgegangen war, ihn zu ruinieren. Sie durfte nicht mehr zaudern. Ein schnelles Ende, solange der Haß noch in ihr loderte, bevor vielleicht eine sentimentale Regung, ein Gefühl von Mitleid in ihr aufkam und sie an einen Mann fesselte, den sie im Innersten verabscheute. Danty sah, wie sie schwankte. Jetzt war der Moment gekommen, ihren Widerwillen gegen Luke zu verstärken. Eine Waffe hatte er in der Hand, und diese hatte er sorgfältig bis zum letzten Augenblick aufbewahrt. »Ich nehme an, Sie wundern sich, warum ich gegen Maddison bin?« sagte er. Es lag kein Grund für diese Frage vor. Er hatte ihr keinen Zweifel gelassen, daß er Luke aus mehr Gründen haßte, als sie sich denken konnte, aber Danton war ein viel zu guter Taktiker, um den Gedanken in ihr aufkommen zu lassen, er betrachtete Luke Maddison als einen Rivalen. Das würde ihn aus der Atmosphäre der uneigennützigen Freundschaft herausgebracht haben, würde jede Handlung, jedes Wort in einem anderen Licht erscheinen lassen. Und doch, mit jedem Tag, der vorüberging, fand er es schwieriger und immer schwieriger, seine Leidenschaft für sie zu verbergen. Sie war so ganz anders als all die Frauen, die er gekannt hatte, so unendlich verschieden von der Art der Millie Haynes ... eine Dame, eine große Dame ... eine Angehörige der Klasse, gegen die er unaufhörlich gekämpft hatte. Er mußte sich im Zaum halten, um nicht aus der Rolle des platonischen Freundes zu fallen. Ein einziger falscher Schachzug, und er war verloren. »Ich hasse ihn, weil ich Rex gern hatte, ihn liebte – und er wird Rex niemals in Ruhe lassen. Der arme Junge ist kaum unter der Erde, und schon erhebt er eine der unglaublichsten Anklagen gegen ihn –« »Was?« fuhr sie hoch. »Fälschung! Sie würden es nicht für möglich halten, aber Luke erzählte mir wenige Tage nach Rex' Tode im Vertrauen, daß der arme Junge einen Scheck über achtzehntausend Pfund gefälscht hätte. Eine törichte Anklage, wie ich ihm auch sagte – denn ich war ja mit Rex zusammen, als Luke Maddison ihm den Scheck aushändigte.« Sie saß bewegungslos, mit zusammengepreßten Lippen, und ihre Augen funkelten empört. »Das hat er gesagt?« Sie sprach so leise, daß man kaum ihre Worte verstehen konnte. »Daß Rex gefälscht hat ... aber so etwas kann er nicht getan haben ... wie gemein!« Morell sah, wie ihre Lippen zuckten, wußte, sein Augenblick war gekommen. Er beugte sich zu ihr und sprach ... sprach ... schnell, nachdrücklich. Er sprach von Dingen, die zu anderer Zeit ihre Empörung entfacht hätten – sie lauschte unbewegt – Wut, Empörung kämpften allein in ihr – aber noch sprach in ihrem Innern eine schwache, protestierende Stimme, sagte ihr, daß sie nicht lauschen dürfte, aber diese Stimme wurde schwächer und schwächer und verlosch. Um zwei Uhr stieg sie vor der Tür des Standesamtes in Marylebone aus dem Wagen, und Luke, der sie in dem Vorraum erwartete, begrüßte die blasseste Braut, die jemals dieses Tor durchschritten hatte. Sie sprach kein Wort, beantwortete nur die Fragen, die an sie gerichtet wurden. Schaudernd fühlte sie den Ehering auf ihren Finger gleiten ... Alles war so schnell vorübergegangen, daß sie kaum glauben konnte, der erste Akt ihrer Rache war vorüber. Man reichte ihr einen Federhalter, ein dicker Zeigefinger wies ihr die Stelle, wo sie ihren Namen hinzusetzen hatte. Lange Zeit hielt sie regungslos den Halter in der Hand, und als sie schließlich schrieb, schwankte er in ihren Fingern, und die gekritzelte Unterschrift starrte ihr fremd und unbekannt entgegen. Und am gleichen Abend noch die Abreise nach Paris... war es Hotel Meurice oder war es das Bristol? Ihre Gedanken konnten sich über diese Einzelheiten nicht klar werden ... was kam auch darauf an, wenn nur ihr Mut sie nicht verließ. Froh war sie, daß die Trauung um zwei Uhr stattgefunden hatte, sie konnte nach Haus zurückfahren – Luke kam zum Diner, und dann würden sie sofort abreisen, um das Nachtboot in Southampton zu erreichen. »Mein Weib! Es ist wundervoll – unfaßbar!« Lukes Stimme zitterte. Sie saßen allein in ihrem hübschen, kleinen Salon, er an ihrer Seite, sein Arm um ihre Schultern gelegt. Sehr still und gerade saß sie, aber er glaubte sie zu verstehen. Luke war außer sich vor freudiger Erregung – wie ein Schuljunge, der ein neues und wundervolles Geschenk erhalten hat. »Hast du übrigens den merkwürdigen Menschen gesehen, der auf dem Bürgersteig stand, als wir herauskamen? Er heißt Lewing – ein Dieb oder irgend so ein Gauner. Ich möchte wissen, ob er auf Taschendiebstahl aus war? Wetten, daß er aus diesem Grunde da war ... hat mich sogar gegrüßt, als ich herauskam ...«, erzählte er belustigt. Sie hörte nicht zu, und als er sie verlassen hatte, konnte sie sich nur an einige Worte erinnern, die er über Rex gesprochen hatte. Wie hatte er nur den armen Jungen erwähnen können! Danty klingelte an, aber sie wollte ihn nicht sehen, nicht sprechen. Sie war jetzt auf sich allein angewiesen, mußte ohne fremde Hilfe durchkommen. Sie erwartete Luke um sieben Uhr. Gegen sechs rief sie ihn an und hatte einen Augenblick panischer Furcht, weil sie glaubte, er hätte schon seine Wohnung verlassen und wäre nicht zu erreichen. Dann hörte sie seine Stimme. »Liebling ... ist es nicht merkwürdig? Ich kann es immer noch nicht glauben – ich komme mir immer noch wie ein vertrockneter, alter Junggeselle vor und ...« »Luke, ich möchte dich um etwas bitten«, endlich fand sie ihre Stimme. »Nein ... nein, bitte, unterbrich mich nicht... es ist so viel, was ich verlange. Ich möchte heute abend nicht abreisen ... nicht morgen oder übermorgen ... ich möchte allein sein. Möchte niemand sehen ... auch dich nicht. Meine Nerven versagen ... Ich befürchte, ich breche zusammen.« Und sie fuhr fort, zusammenhangslos, zögernd, und er lauschte mit einem ständig größer werdenden Gefühl von Besorgnis und Enttäuschung. Und doch dachte er nicht an sich. »Ich bin ein großer Egoist gewesen. Selbstverständlich, mein Liebling ... ich kann alles begreifen.« Die ganze Unterhaltung nahm kaum fünf Minuten in Anspruch; er konnte sich kaum darüber klarwerden, was eigentlich vorgegangen war, wozu er seine Zustimmung gegeben hatte, als er an seinem Schreibtisch saß und mit leeren Augen auf die Telegrammformulare starrte, die so viele geplante, verlockende Abmachungen aufheben sollten. Danty stand an der Barriere des Waterloo-Bahnhofs und sah die Reisenden, die den Dampferzug benutzen wollten, an sich vorbeigehen. Er sah, wie der Zug sich in Bewegung setzte, wie das rote Schlußlicht in der Dunkelheit verschwand, und ging langsam nach Haus. Er summte ein kleines Liedchen vor sich hin. Mr. und Mrs. Luke Maddison waren nicht unter den Reisenden gewesen. 8 Der Direktor und Prokurist von Maddisons Bank gehörte nicht zu den Menschen, die leicht überrascht werden konnten. Er hatte jene fatalistischen Eigenschaften, die man fast bei allen Menschen findet, die mit Finanzgeschäften zu tun haben. Die Schwankungen der Börse, die Bankraten, das Auf und Nieder des Handels ließen ihn – äußerlich wenigstens – unberührt. Einmal war er von einem bewaffneten Räuber angehalten worden und hatte nicht einen Augenblick seine Ruhe verloren. Und doch starrte er mit größter Verwunderung, unfähig zu sprechen, als er Luke Maddison durch das äußere Büro nach seinem Privatzimmer gehen sah. »'s ist schon gut, Steele«, lächelte dieser. »Es ist kein Geist.« Mr. Steele fand endlich seine Sprache wieder und: »Ich dachte ... hm ...« »Sie dachten, ich wäre auf der Hochzeitsreise, aber wie Sie sehen, stimmt das nicht«, sagte Luke, als er dem Prokuristen voran in sein Büro ging. Bei dem Anblick der enormen Gestalt, die in einem der bequemsten Sessel lag, blieb er auf der Türschwelle stehen. »Mr. Bird kam heut morgen, und ich glaubte ... hm... ich dachte, Sie würden nichts dagegen haben, wenn ich mit ihm in Ihrem Zimmer verhandelte.« Luke Maddison schüttelte schon die Hände seines Besuchers. »Dachte ich mir's doch, daß Sie kommen würden«, sagte der Spatz vergnügt. »Ich habe gewußt, daß Sie nicht mit dem Flitterwochenexpreß gefahren sind.« Luke lachte. »Sie waren am Bahnhof, wie ich annehme?« »Ich und ungefähr vierzehn verschiedene Hochstapler«, war die Antwort des Detektivs, »aber nur zwei von ihnen hatten in diesem Dampferzug für uns ein besonderes Interesse. Alle übrigen waren ganz gewöhnliche Gepäckdiebe und die hielten es dann nicht lange auf dem Bahnhof aus. Ich und ›er‹ warteten, bis der Pariser Zug abfuhr.« »Wer war denn ›er‹?« fragte Luke, erhielt aber keine Aufklärung. »Doch nichts Ernsthaftes, Mr. Maddison? Ja, ich weiß natürlich, daß Ihre junge Frau sich nicht besonders gut befindet, hoffentlich ist es nichts Schlimmes?« Es kam ihm noch so fremd vor, daß man von Margaret als »seiner jungen Frau« sprach, und Luke lachte leise und glücklich vor sich hin. »Ich wollte Sie mal wegen eines kleinen Gauners sprechen«, erklärte der Spatz, »falls Sie damit nicht das Vertrauen eines Verbrechers zu täuschen glauben. Ich möchte nämlich gern wissen, was Lewing gestern bei Ihnen wollte?« Luke zögerte; es war ihm unangenehm, etwas zu sagen, das den Mann oder dessen Auftraggeber in Unannehmlichkeiten bringen könnte. »Kam er vielleicht um Geld – für den Gunner?« Mr. Bird beobachtete ihn genau. »Aha, das dachte ich mir. Der Gunner hat Berufung eingelegt, das stimmt, und ich glaube, er wird damit durchkommen. Ich habe die Angelegenheit mit ihm im Hofe des Brixton-Gefängnisses besprochen, und Lewing muß in der Nähe gewesen sein und gehört haben, was ich sagte. Was haben Sie ihm denn gegeben?« So genau wie möglich teilte Luke ihm den Inhalt der Unterhaltung mit Lewing mit. Der Spatz grinste. »Der Gunner würde nicht einmal mit einem Mann wie Lewing sprechen. Haynes gehört zu der, wie die Zeitungsschreiber so schön sagen, Aristokratie der Verbrechergesellschaft. Wenn Sie Antrag stellen wollen, werde ich mir Lewing langen.« Aber Luke wollte nicht damit belästigt werden. »Es ist gut – lassen Sie ihn laufen. Er wird es so weiter treiben, wird den Kindern der Armen das Letzte nehmen, bis er eines Tages fällt, und dann werde ich höchstwahrscheinlich auf ihm drauf liegen.« Diese Phrase erregte Lukes Aufmerksamkeit, und er stellte eine Frage. Der Spatz blies durch seine dicken Lippen. »Menschen wie Sie, Mr. Maddison, können so etwas nicht verstehen. Sehen Sie mal aus dem Fenster« – er wies auf die Straße und Luke blickte hinunter. »Sehen Sie das junge Mädchen – Typistin oder so was Ähnliches. Zwei Pfund die Woche. Sie kommt aus einer Familie von ungefähr sechs Menschen (stimmt das nicht bei der, so sicher bei einer der vielen anderen, die da vorbeilaufen) und wohnt ganz weit draußen in Bermundsey. Ein jeder ist gegen sie! Sie glauben das nicht! – Man versucht, sie zu bestehlen, man liegt immer im Hinterhalt für ein solches Wild wie diese da. An den Haltestellen, in den Autobussen, überall sind die Gauner und versuchen, ihr die Börse mit den wenigen Schillingen zu stehlen. Vielleicht kommt so ein nett aussehender Kerl, ladet sie ein zum Kino – und dann ... an irgendeinem Abend wird sie mit ihm in ein Nachtlokal gehen ... und ... geht unter. Sehen Sie den Mann da, den alten Kerl? Der erhält seine Familie mit beinahe nichts. Zimmermann ... nach seiner Arbeitstasche. Wissen Sie, was ihm eines Tages passieren wird? Man wird ihn an einer stillen Ecke zu Boden schlagen, seine Werkzeuge wegnehmen und die Taschen leeren. Ich könnte Ihnen noch viel davon erzählen. – Darum verdiene ich ja soundso viel pro Woche, weil ich ›die Kinder der Armen‹ schützen muß... soweit ich kann. Begreifen Sie das nun?« »Aber ich dachte, die Gauner sind nur hinter reichen Leuten her?« fragte Luke. Mr. Bird lachte laut heraus. »Hinter den Reichen? Die haben ihr Geld auf der Bank, im Geldschrank. Die haben Dienerschaft und Telephon... und haben das Gesetz auf ihrer Seite, Gesetz und Unterstützung. Ein Gauner würde viel lieber einem armen Teufel das letzte wegnehmen. Der ist ja hilflos, der kann sich nicht wehren, denn auch ... Gerechtigkeit kostet Geld. Ich sage Ihnen, Mr. Maddison, Sie können sich keinen Begriff machen, wie arm die Armen in Wirklichkeit sind, wie sie leben, und noch weniger von den Gaunern, die von den Ärmsten der Armen existieren. Ich könnte Sie in ein Viertel in Süd-London bringen, wo sie in ganzen Herden zusammenleben – all diese kleinen, verkommenen, gemeinen Diebe – genau so, wie man es manchmal in Büchern liest. Leben zusammen in Kellern und alten verlassenen Speichern. Die halten Ihren Kopf in den Schlamm des Flusses, bis Sie tot sind – und wenn das nur wenige Pfund für jeden von ihnen einbringt.« Luke schauderte. »Es erscheint einem fast unmöglich.« Mr. Bird lächelte halb amüsiert, halb traurig. »Ich hoffe, Sie werden niemals kennenlernen, wie möglich, wie sehr möglich das leider ist – also, was soll mit Lewing geschehen?« Luke schüttelte abweisend den Kopf, und der Spatz, der sich mit Mühe aus seinem Sessel emporhißte, grunzte seine Unzufriedenheit über eine solche Milde. »Er gehört zu den Schlechtesten. Einbruch, hat er Ihnen erzählt? Er hat nicht so viel Mut wie ein ... wie ein Regenwurm. Er gehört zu den Flußdieben – später werde ich Ihnen mal mehr davon erzählen.« Während der Unterhaltung war Steele schon zweimal auf der Türschwelle erschienen. Er schien in Unruhe zu sein, blickte bedeutungsvoll zu Bird und gab Luke mit allen Mitteln zu verstehen, daß er ihn möglichst bald zu sprechen wünschte. Der Detektiv hatte kaum das Büro verlassen, als Steele hereinkam. »Der Scheck über neunundsiebzigtausend Pfund, den Sie mir gestern gaben – der Direktor der Bank läßt Ihnen sagen, daß er Sie dringend sprechen müßte. Er wollte mir nicht erzählen, um was es sich handelte, allerdings erst, nachdem ich ihm gesagt hatte, Sie wären noch nicht abgereist.« »Aber das ist doch mein Privatguthaben«, sagte Luke stirnrunzelnd. »Genau dasselbe habe ich ihm auch gesagt, habe ihm auseinandergesetzt, daß Sie diesen Betrag von Ihrem Guthaben auf das Konto der Bank überwiesen hätten, aber er sagt, er müßte Sie sprechen.« Die Bank war nicht weit entfernt, und kaum zehn Minuten später saß Luke im Büro des Direktors. Zuerst nahm er dessen Glückwünsche entgegen und gab dann eine kurze Erklärung für den Aufschub seiner Hochzeitsreise. Margaret befand sich besser – er hatte am frühen Morgen bei ihr angerufen und befriedigende Auskunft erhalten. »Und jetzt wegen des Schecks, Mr. Maddison.« Der Direktor wurde plötzlich kühler Geschäftsmann. »Es ist Ihnen doch klar, daß er nicht ausgezahlt werden kann?« »Was?« Luke blickte ihn ungläubig an, und der Bankier lachte. »Klingt lächerlich, nicht wahr? Ganz besonders für mich, wenn ich mir überlege, daß ich zu dem Haupt von Maddisons Bank spreche. Aber es ist wirklich so. Es ist nur eine Formalität, aber Sie als Bankier sind sich selbstverständlich darüber klar, daß das ganze Bankgeschäft auf Formalitäten –« »Wollen Sie mir nicht, bitte, sagen, was Sie eigentlich meinen?« unterbrach Luke ungeduldig. »Ich habe sechshunderttausend –« »Sie hatten«, lächelte der Direktor, »aber Sie scheinen Vergessen zu haben, Mr. Maddison, daß Sie Ihr ganzes Geld, all Ihre Wertpapiere, mit einem Wort, Ihr ganzes Vermögen Ihrer Frau verschrieben haben!« Und jetzt wurde sich Luke Maddison bewußt, daß er pfenniglos war. Er lächelte erst, und brach dann in ein schallendes Gelächter aus, in das der Bankdirektor mit einstimmte. »Das ist der beste Witz, den ich jemals gehört habe.« Luke trocknete sich die Augen. »Das hatte ich ja ganz vergessen. Werde sofort Mrs. Maddison aufsuchen« – er zog die Worte lang – »und sie ersuchen, mir einen Scheck über diesen Betrag aushändigen zu wollen.« »Aber bald«, riet der Bankier, »Sie wissen, daß ich den Scheck zurücksenden muß, falls ich nicht von Ihrer Frau autorisiert werde, ihn auszuzahlen.« Luke lächelte ein wenig verächtlich, hielt es aber nicht einmal der Mühe für wert, Margaret sofort aufzusuchen. Kurz vor dem Lunch fiel ihm die Angelegenheit ein und er telefonierte. »Ich möchte dich sprechen, mein Liebling.« »Weswegen?« Es wurde ihr schwer, den Verdacht, den sie fühlte, zu verbergen. »Ich möchte deine Unterschrift unter ein kleines Dokument haben«, erwiderte er vergnügt. Das war es also! Danty hatte sie gewarnt. Nur hätte sie niemals gedacht, daß die Bitte, das ihr verschriebene Vermögen wieder herauszugeben, so schnell kommen würde. »Ein Dokument?« »Ich möchte dich bitten, etwas Geld auf mein Konto zu überweisen«, sagte er. »Es ist nur eine reine Formalität – ich habe herausgefunden, daß ich weniger Geld habe, als ich brauche.« Sie dachte rasend schnell. »Gut, komm um drei Uhr zu mir.« Er dachte nicht daran, daß die Bank um halb vier Uhr schloß, und stimmte zu. Schließlich war es ja auch nicht von großer Bedeutung, wenn der Scheck zurückgesandt wurde. Es handelte sich ja nur um einen einfachen Übertrag von seinem persönlichen Guthaben auf die Bank. Er kam – wie üblich – fünf Minuten zu spät und wurde in ihren kleinen Salon geführt. Was ihm zuallererst auffiel, war, daß sie völlig angezogen war. Er hatte sich vorgestellt, daß sie ruhte, ihn vielleicht im bequemen Negligé empfangen würde. Ihr Gesicht war nicht mehr so blaß wie am Tage vorher. Als er auf sie zuging, um sie in seine Arme zu schließen, erlebte er die erste Überraschung. »Küsse mich nicht – bitte!« Es war keine Bitte: es war ein klarer Befehl. »Warum – was gibt's denn, Liebling?« Sie schüttelte ungeduldig den Kopf. »Bitte, sage mir, was du willst.« Der Ton ihrer Stimme berührte ihn fremd. Er war hart, beinahe feindlich. Luke glaubte kaum, seinen Ohren trauen zu können. Stammelnd wie ein Schuljunge erzählte er ihr in zusammenhangslosen Sätzen die Sachlage. Sie lauschte, ohne ihn mit einem Wort zu unterbrechen. »Neunundsiebzigtausend Pfund«, sagte sie. »Ein Zehntel davon würde Rex gerettet haben.« Er konnte sie nur verständnislos anstarren. »Es ist wirklich abstoßend, sehen zu müssen, wie ein Mann das Gold zu seinem Gott erhebt, und zu wissen, Luke, daß er für dieses Gold ohne Zögern ein so junges Leben opfern konnte wie ...« Margarets Stimme klang in seinen Ohren wie dröhnender Glockenschall; und ihr schien es unfaßbar, daß sie es war, die diese Worte sprach. »Und dann den armen toten Jungen der Fälschung beschuldigen – zu einer Niedertracht noch eine größere hinzufügen!« »Ich ... sprichst du von mir?« sagte er kaum hörbar. Sie nickte. »Von dir! Ich wußte, du würdest kommen, um dein Geld zurückzuhaben – das ist der Grund, warum ich nicht mit dir nach Frankreich abreiste. Ich wollte, daß die Entscheidung hier fiel. Hier, wo ich Bekannte, wo ich Freunde habe und mit dir mit gleichen Waffen kämpfen kann.« Eine Pause, und dann: »Luke ... ich gebe dir kein Geld. Du hast es mir gegeben – es ist mein. Nicht einen Pfennig wirst du von mir erhalten ... nicht einen einzigen Pfennig!« Sie wünschte, er würde das Schweigen, das nun folgte, unterbrechen. Sie wünschte, er würde rasen, toben, sie verfluchen, alles das tun, wie sie es sich vorgestellt hatte. Aber er sagte kein Wort. Er blickte sie nicht einmal an, sondern schien das Muster des Teppichs zu studieren, auf dem ihre Füße ruhten. Endlich warf er den Kopf hoch. »Lebewohl«, sagte er und verließ das Zimmer. Sie hörte, wie sich die Tür hinter ihm schloß, und jetzt kam ihr zum Bewußtsein, was sie beinahe wahnsinnig werden ließ: sie liebte ihn! 9 Luke Maddison betrat sein Büro so ruhig, daß Steele, der ihn vorbeigehen sah, nicht im entferntesten ahnen konnte, welch eine Katastrophe das Leben seines jungen Herrn zerstört hatte. Steele blickte auf die Uhr und knurrte zufrieden. Augenscheinlich war die Angelegenheit mit dem Scheck in befriedigender Weise erledigt. Der Apparat auf seinem Tisch läutete, und er nahm den Hörer ab. »Wollen Sie, bitte, zu mir kommen?« Lukes Stimme war fest wie immer und verriet auch nicht durch das geringste Schwanken, was in ihm vorging. Er war selbst über seine eigene, eisige Ruhe überrascht, und es verging geraume Zeit, bis er den Grund für diesen unnatürlichen Gleichmut gefunden hatte: er lebte gänzlich in der Gegenwart, wagte es nicht, zurückzublicken, war gleichgültig dem gegenüber, was ihn am anderen Morgen erwartete. Steele, der ihn schon von klein auf kannte, sah etwas in seinen Gesichtszügen, das er nie zuvor dort gesehen hatte, und war betroffen. »Etwas vorgefallen, Sir?« fragte er besorgt. Luke spitzte die Lippen, als ob er pfeifen wollte. »Ich weiß es nicht ... ich bin mir noch nicht über die ganze Sachlage klargeworden. Nehmen Sie Platz, Steele.« Er spitzte wieder die Lippen, starrte an seinem Prokuristen vorbei und begann dann in gleichmäßigem, ruhigem Ton zu erzählen, was geschehen war. Es war nicht der gegebene Moment, etwas zurückzuhalten, er fühlte auch nicht die Notwendigkeit, Margaret zu decken oder ihre Handlung zu entschuldigen. Er hatte mit reinen, nackten Tatsachen zu tun, und er setzte diese mit einer kaltblütigen Genauigkeit auseinander, als ob es sich um Werte eines Bankprospektes handelte. Steele hörte, war aber unfähig, den Umfang des Unheils sofort zu übersehen. Endlich stöhnte er laut auf, und dies schien einen verborgenen Sinn für Humor in Luke Maddison zu wecken. Er lächelte. »Sie müssen es machen, so gut Sie können, Steele. Ich nehme an, Sie haben Freunde in der City, die Ihnen vielleicht behilflich sein werden. Aber ich habe keine Lust, mich an diese zu wenden, kein Vertrauen – habe zu nichts mehr Vertrauen ... nein, ich bin nicht betäubt, ich bin erledigt. Aber ich jammere nicht um mich selbst, es tut mir nicht leid um mich... ich wünschte, es wäre so ... das würde mich wenigstens etwas in die Wirklichkeit zurückbringen.« »Aber was wollen Sie denn anfangen?« Steele flüsterte beinahe unverständlich. Luke Maddison schüttelte den Kopf. »Das kann ich wirklich nicht sagen. Was tut man eigentlich in einem solchen Fall? Nach Afrika gehen und Löwen schießen! Ist das nicht der gebräuchliche Weg für Leute, deren Herz gebrochen ist? Ich weiß es wirklich nicht.« Steele sah auf seine Uhr und stand auf. »Ich gehe jetzt nach der Bank«, sagte er mit bemerkenswerter Energie. »Ich glaube, wir können unsere Kunstseideaktien als Sicherheit für die neunundsiebzigtausend Pfund hinterlegen.« Luke antwortete nicht. Er hörte, wie Steele in abgehackten Worten seine Anweisung gab – wenn der alte Mann erregt war, sprach er ständig in dieser Weise – dann wurde er sich bewußt, daß Steele gegangen war, und schloß die Tür. Zehn Minuten lang saß er an seinem Tisch, blickte starr vor sich hin und versuchte, sich wieder in sein Leben zurechtzufinden. Schließlich stand er auf, ergriff seinen Hut, zog sich mechanisch die Handschuhe an und verließ das Haus durch den Privateingang. Als er die Tür seiner Wohnung öffnete, hörte er das Telephon läuten und hatte gerade noch Zeit, den Diener aufzuhalten, der an den Apparat gehen wollte. »Lassen Sie es klingeln«, sagte er. Der Apparat befand sich in seinem eigenen, kleinen Arbeitszimmer, das neben dem Schlafzimmer lag. Er nahm den Hörer ab, legte ihn auf den Tisch. Dann schloß er die Tür und begann sich umzuziehen. Er nahm, was ihm unter die Hände kam, und bemerkte erst, als er völlig angekleidet war, daß Rock und Beinkleid nicht zueinander paßten. Er zählte sein Geld und fand etwas mehr als fünfzig Pfund in seinen Taschen. Er dachte nach. War das sein Geld oder gehörte es ihr? Ein lächerliches Rätsel, und doch grübelte er lange Zeit darüber. Aber die Wirklichkeit kam ihm noch immer nicht zum Bewußtsein. Er konnte nur an Margaret als A denken, an sich selbst als B , dann gab es noch ein C , das bedeutete: Geld – gehörte nun zu C zu A oder zu B ? Luke warf die Banknoten auf den Tisch, behielt das Silber und ging in die Vorhalle. Er nahm gerade seinen leichten Überzieher, als der Diener an seiner Seite erschien und die unvermeidliche Frage an ihn richtete. »Nein, nein. Ich esse heute abend außerhalb.« Und dann, mit der Hand auf der Klinke der offenen Tür, fiel ihm etwas ein. »Auf meinem Schreibtisch liegt Geld, nehmen Sie die Hälfte für sich und die Hälfte für die Köchin – von der nächsten Woche ab habe ich Sie beide nicht mehr nötig.« Wie erstarrt blickte der Mann hinter ihm her. Warum und wie er schließlich nach dem Embankment gekommen war, konnte er niemals sagen; es schien ganz selbstverständlich für ihn gewesen zu sein. Er dachte nicht an Selbstmord, hatte nicht die geringste Absicht, auf diesem Wege Vergessenheit zu finden. Langsam ging er an dem Gitter entlang, blieb vor Scotland Yard stehen und betrachtete gleichgültig das große, graue Gebäude. Der dicke Detektiv war doch dort, der Spatz ... der Spatz, der schon manches Unrecht gutgemacht hatte, würde wohl kaum das Problem lösen können, das Luke Maddisons Gehirn quälte. Die Kinder der Armen ... er lächelte bitter. Er gehörte jetzt auch zu den Kindern der Armen, stand jetzt auch unter dem Schutze des dicken Mannes. Beschützt die Kinder der Armen und bestraft die Übeltäter! Wer hatte hier unrecht getan? Margaret? Er versuchte, sie anzuklagen, sie zu hassen ... Er schüttelte den Kopf und ging langsam nach Blackfriars zurück. Gegenüber der Tempelstation blieb er von neuem stehen. Dort lief doch eine schmale Straße nach dem Strand hinauf – war es nicht Norfolk Street? Sein Anwalt wohnte dort. Warum nicht hinaufgehen und ihm erzählen, was vorgefallen war? Das wäre doch das einzig Vernünftige. Aber dann fiel es Luke Maddison ein, daß er ja nicht vernünftig war. Er war das verrückteste Wesen in der verrücktesten aller Welten. Er ging weiter in der Richtung nach Blackfriars und blieb an einer der Haltestellen der Straßenbahn stehen. Eine lange Reihe von Menschen wartete auf die Wagen, die leer ankamen und dann überfüllt das Embankment entlangrollten. Vielleicht Männer mit ihren Frauen, vielleicht junge Leute, auf dem Wege zu einem zärtlichen Stelldichein, vielleicht junge Mädchen, die Vertrauen zu irgendeinem Mann hatten und bereit waren, jedes Opfer für den Mann ihres Herzens zu bringen. Für Luke Maddison erschien jeder Wagen, der davonfuhr, voll von glücklichen Menschen, die ihr schweres Tagewerk hinter sich hatten, Erholung und Vergnügen des Abends vor sich. Alte Leute, junge Männer, junge Mädchen, so nett und sauber in ihrer einfachen Kleidung, Arbeiter mit der Pfeife zwischen den Zähnen, eine Zeitung unter dem Arm, bebrillte Studenten ... wie hypnotisiert starrte er auf die großen erleuchteten Straßenbahnen. Er beobachtete Männer und Frauen, versuchte durch die Glasscheiben hindurch sich ein Bild von ihrem Beruf, ihrem Stand zu machen. Er lehnte mit dem Rücken gegen das Gitter und hatte beide Ellbogen aufgestützt. »Warten Sie auf jemand?« Die Stimme war voller Autorität, klang aber freundlich. Er blickte auf und begegnete dem forschenden Blick eines Schutzmannes. Die Polizei liebt es nicht, Leute am Ufer des Stromes zu sehen, eine Hand auf dem Gitter, der rauschende schwarze Fluß tief unten – vor allen Dingen nicht Leute mit schneeweißem Gesicht und verzerrten Zügen, aus deren Augen Verzweiflung starrt. »N–nein«, stammelte Luke, »ich – ich sehe mir das nur an.« Der Schutzmann betrachtete ihn neugierig, als ob er versuchte, sich an sein Gesicht zu erinnern. »Ich muß Sie schon mal gesehen haben, stimmt's nicht?« »Schon möglich«, erwiderte Luke und drehte sich schroff um. Er lief in der großen Masse, die ihren verschiedenen Heimen zuflutete, über die Blackfriars-Brücke. Es war dunkel und kalt, und er zog den Mantel an, den er bis jetzt über dem Arm getragen hatte. Später erinnerte er sich, in jener Gegend ein kleines Café betreten zu haben, in dem es nach ranzigem Fett roch. Gegen elf Uhr begann es zu regnen, ein feiner, aber durchdringender Regen, der bald seinen leichten Überzieher durchnäßt hatte. Ziellos wanderte er durch die York Road in der Richtung nach Westminster. Vor ihm schlich ein Mann entlang, zusammengesunken, die Hände in den Taschen und den Kragen hochgeschlagen. Luke trug Schuhe mit Gummisohlen und war schon neben dem Manne, bevor sich dieser seiner Gegenwart bewußt war. Er sah, wie der nächtliche Wanderer mit einem unterdrückten Fluch zur Seite sprang, sich nach vorn beugte, als ob er rennen wollte, bis schließlich etwas in Lukes Gesicht und Erscheinung ihn zögern ließ. »Hallo!« sagte er heiser. »Dachte schon, Sie wären ein Greifer.« Luke erkannte ihn. »Sie sind doch Lewing?« Der Mann starrte ihm ins Gesicht. »Allmächtiger, ist das nicht Mr.... wie heißen Sie doch gleich? ... ach so, Maddison! Was machen Sie denn hier? Sie hätten zu mir nach Hause kommen sollen. An der Tooley-Street, das hier ist nicht mein Strich.« Unruhig blickte er rechts und links um sich. »Sie dachten, ich wäre ein Detektiv?« Die dünnen Lippen des Mannes zuckten. »Das habe ich gesagt, aber eigentlich dachte ich, Sie wären einer von Connors Bande; die haben mich heute nacht aus Rotherhithe verjagt ... haben gesagt, ich schnüffelte ihnen nach; darum bin ich ja jetzt hier. Connors Leute glauben immer, daß man ihnen nachgeschnüffelt hat, wenn einer von der Bande gefaßt wird.« »Schnüffeln? Sie meinen spionieren?« »Sie der Polizei verraten«, erklärte Mr. Lewing. »Connors Bruder ist letzte Nacht gefaßt worden, und in der Tooley-Street hat man gesagt, daß ich dahinter stecke.« Luke begann allmählich zu begreifen. »Kommen Sie hier lang.« Die klauenähnlichen Hände Lewings packten ihn und zerrten ihn in eine enge, schlecht beleuchtete Straße hinein. »Ich bin heute abend nervös«, sagte er und sprach damit die Wahrheit, denn seine Stimme zitterte heftig. »Sie sind doch ein Kavalier, Mr. Maddison. Sie würden doch einem armen Kerl aus der Klemme helfen. Sie wissen doch, wie Connor ist ... ein Messerstich für 'n Penny ... erledigen nennt er das ... er ist Amerikaner; er ist wenigstens in Sing Song gewesen ... ach nee, Sing Sing! Ist ja egal, 's ist auf jeden Fall 'n Kittchen. Ein paar Pfund würden mir 'raus aus London helfen.« »Ich habe kein Geld bei mir«, antwortete Luke. Er war schon seines Begleiters müde geworden, und nur seine augenblickliche Verfassung war der Grund, daß er sich in diese schmutzige, kleine Straße hatte ziehen lassen. »Kann ich nicht morgen früh in ihr Büro kommen?« Lewings Stimme verriet deutlich seine Angst, und dann, als er sich erinnerte: »Die zehn Pfund habe ich übrigens dem Gunner gegeben und –« »Dem Gunner haben Sie nichts gegeben«, sagte Luke kalt. »Mr. Bird hat mir alles Nötige von Ihnen erzählt.« Ein verlegenes Schweigen. »Auf jeden Fall möchte ich gerne, daß Sie bei mir bleiben, Sir«, begann der Mann von neuem. »Ich habe Sie einen Greifer genannt, und Sie sehen wirklich aus wie einer. Wenn einer von den Connor-Leuten mich zusammen mit einem Greifer steht, werden sie –« Sie waren gerade in eine vielleicht noch engere Straße eingebogen, als Lewing plötzlich stehenblieb. Vier dunkle Schatten, zwei auf dem Bürgersteig, zwei auf dem Damm, standen ihnen gegenüber. Luke betrachtete sie neugierig. Alle hatten sie ihre Mützen tief in die Augen gezogen, jeder Mann hatte beide Hände in den Taschen. »Hör mal, was soll das bedeuten, Joe?« Lewings Stimme klang weinerlich. »Der Herr hier bringt mich nach –« Der Anführer der vier lachte roh. »Du scheinst wahrhaftig einen Greifer nötig zu haben, stimmt's nicht?« sagte er. »Du bist noch nicht mal zufrieden, daß du uns Connors nachschnüffelst, sondern mußt sogar noch Scotland Yard an deinem Arm mit herumschleppen. Das ist für dich, Lewing!« Für Luke hatte es nur den Anschein, als ob der Mann mit diesen Worten ein wenig näher an Lewing herangetreten war. Lewing hustete und fiel schwankend gegen Luke... »Und jetzt den Greifer«, sagte eine schnarrende Stimme. Luke warf sich zurück, aber nicht rechtzeitig genug. Er sah etwas aufblitzen, fühlte etwas, wie ein heißes Eisen seine Brust berühren; dann überkam ihn eine eigenartige Schwäche, er lehnte sich mit dem Rücken an die Mauer und sank langsam in sich zusammen ... Sein letzter bewußter Eindruck war das Geräusch von laufenden Füßen, vier schwarze Schatten tauchten in noch größerer Dunkelheit unter. Er blieb allein zurück, sein Blut verbreitete sich langsam auf dem Bürgersteig, seine leeren Augen starrten auf das flackernde Licht der Straßenlaternen. 10 Am Mittag des nächsten Tages sprach Mr. Danton Morell bei Margaret vor und brachte ihr alle erhaltenen Neuigkeiten – und das waren nicht viele. »Er scheint aus London verschwunden zu sein, aber ich würde mich darüber nicht besonders aufregen.« Margaret Maddison saß mit weißem Gesicht an ihrem Schreibtisch und spielte gedankenlos mit einem Federhalter. Sie hatte nicht mehr schlafen können, seit Lukes Diener gegen Mitternacht angerufen und sie um Auskunft über seinen Herrn gebeten hatte. Am frühen Morgen hatte sie sich gezwungen, in Lukes Büro anzurufen – mit dem einzigen Erfolg, daß sie mit ihren eigenen Besorgnissen nun auch Mr. Steele angesteckt hatte. »Er will Sie selbstverständlich ängstigen«, sagte Danty mit halbem Lächeln. »Das gehört doch zu seinem Plan. Ich möchte behaupten, daß, wenn Sie dem alten Steele sagen, Sie wären bereit, ihm einen Scheck über –« »Ich habe Mr. Steele bereits gesagt, daß ich ihm einen Scheck über jeden nur gewünschten Betrag geben würde«, warf sie ein. Ihre Stimme klang kühl und hart. Danty wurde unruhig. Augenscheinlich war er auf dem falschen Wege, aber es war nicht leicht, jetzt den richtigen zu finden. »Dann haben Sie, wenn ich so sagen darf, außerordentlich töricht gehandelt. Schließlich, Sie kennen ja den Mann. Sie wissen genau, wie Rex über ihn dachte, Sie sind in die ganze Sache mit offenen Augen hineingegangen und –« »Ich weiß.« Sie war ungeduldig. »Ich würde es noch einmal machen, glaube ich – vielleicht in anderer Weise. Ich bin sehr – sehr brutal gewesen.« Sie stand auf und ging langsam nach dem Kamin, nahm eine Zigarette aus der emaillierten Dose auf dem Sims und steckte sie an, um sie sofort wieder ins Feuer zu werfen. »Ich bin in Sorge, Danton«, gab sie zu. »Ich kann nicht richtig hassen. Ich habe nicht einmal mehr die Einbildung, daß ich recht gehandelt habe.« »Steele hat Ihren Scheck natürlich genommen?« Sie schüttelte den Kopf. »Nein, er sagte, es wäre nicht mehr nötig. Luke muß ihm wohl alles erzählt haben. Er sprach sehr scharf mit mir, beinahe grob.« »Werfen Sie ihn hinaus«, entgegnete Danty prompt. »Vergessen Sie doch nicht, daß Sie Besitzerin der Bank –« »Die Bank gehört mir nicht«, unterbrach sie ihn. »Mein Anwalt rief mich heut morgen an und sagte mir, daß man in der Eile vergessen hätte, die Bank mit in den Vertrag einzuschließen – und ich bin froh darüber. Ich werde selbstverständlich an Luke jeden Pfennig zurückgeben, den ich von ihm erhalten habe.« »Sind Sie verrückt!« Er schrie ihr beinahe diese Worte ins Gesicht. Diesen Danton hatte sie noch nicht gesehen und sie starrte ihn in sprachloser Verwunderung an. Im gleichen Augenblick wurde er sich seines Fehlers bewußt. »Seien Sie, bitte, nicht böse«, sagte er beinahe unterwürfig. »Ich denke doch nur an Sie; ich denke daran, wie leicht sein Verschwinden nur ein Trick sein kann, wovon ich übrigens vollständig überzeugt bin. Das sieht Ihnen völlig ähnlich, ihm jetzt das ganze Geld wieder zurückgeben zu wollen. Aber, falls Sie das tun, was dann? Sie sind mit ihm verheiratet, und es ist kaum anzunehmen, daß er Ihnen einen Grund zur Scheidung geben wird. Das einfache Resultat Ihrer Großmut würde nur sein, daß Sie pfenniglos sind und völlig von seiner Gnade und Barmherzigkeit abhängen.« Geraume Zeit saß sie still und blickte in das Feuer. Es war schwierig, zu wissen, woran Margaret dachte: ihr Gesicht war unbewegt, und der Blick in ihren Augen erzählte ihm nichts. »Ich wollte ihn bis ins Innerste treffen, wollte ihn verletzen, und hatte doch dabei so große Angst. Wenn er nur irgendetwas gesagt, wenn er mich verwünscht hätte ... aber kein Wort ... es war furchtbar!« Sie schloß die Augen, als ob sie versuchen wollte, die Erinnerung an Lukes Gesicht zu verjagen. »Er wird heute nacht schon wieder da sein«, sagte Danty ermutigend, »und dann können Sie die ganze Angelegenheit besser allein regeln. Ich fange langsam an, zu bedauern, daß ich Ihnen jemals einen Rat gegeben habe ... und ich habe, bei Gott, nicht an mich gedacht.« »Aber natürlich nicht.« Sie hielt ihm impulsiv ihre Hand hin, und er ergriff sie. Er war wieder Herr der Situation. Aber er war unruhig und bemühte sich auf dem Heimwege vergeblich, irgendeine nur mögliche Erklärung für Lukes Verschwinden zu finden. Er hatte sich ein Bild über Luke Maddisons Charakter gemacht, und seiner Anschauung nach würde der Mann, den er haßte, nur einen von zwei gegebenen Wegen einschlagen: nach der ungeheuren Enttäuschung, die ihm Margaret zugefügt hatte, entweder eine einzig richtige Vernunft beweisen und seine Anwälte konsultieren, oder denselben Weg gehen, den Rex Leferre durchschritten hatte. Ein Zeitungsplakat erregte seine Aufmerksamkeit; er klopfte an die Glasscheibe und ließ das Taxi halten, um eine Zeitung zu kaufen. »Mord im dunkeln London«, lautete die Überschrift des Artikels, und Danty hatte immer an derartigen Vorfällen Interesse. Die Szene der Tragödie war ihm fremd. In den Tagen, als Mr. Danton Morell noch nicht zur oberen Gesellschaft gehörte, hatte sein Arbeitsfeld hauptsächlich in Nord-London gelegen. Borough und Lambeth waren für ihn terra incognita . »In einer Messerstecherei, die, wie man annimmt, durch Streit zwischen Mitgliedern zweier verschiedener Banden entstanden war, wurde ein Mann mit Namen Lewing getötet. Sein Begleiter, dessen Identität die Polizei bis jetzt noch nicht feststellen konnte, hat eine gefährliche Wunde in der Brust davongetragen und liegt in hoffnungslosem Zustand im St.-Thomas-Hospital. Das Überfallkommando ist eifrig damit beschäftigt, Süd-London zu durchsuchen, um die Täter zu finden, von denen man annimmt, daß sie Mitglieder einer gefährlichen Verbrecherbande sind, die hauptsächlich in Borough ihr Unwesen treibt.« Danty ließ die Zeitung fallen. Es handelte sich hier um eines der alltäglichen Verbrechen, die kein Interesse für die besseren Klassen haben, und gerade jetzt stand er ja auf dem Punkte, ein Mitglied dieser zu werden. Man muß erwähnen, daß er keinen festgefügten Plan hatte, welche Rolle er in der jetzigen Situation spielen sollte. Er konnte sicherlich leichter zu Geld kommen, wenn Luke abwesend war und diese törichte Frau Verfügungsrecht über dessen Vermögen hatte, als wenn er dasselbe Ziel unter den kalten blauen Augen Lukes, der ihn haßte, verfolgen müßte. Luke hatte bei ihrer letzten Unterredung, als man über Rex und die Fälschung sprach, deutlich durchblicken lassen, daß er Rex mehr als ein Opfer als den eigentlichen Täter betrachtete. Lukes Verschwinden war für ihn eine fühlbare Erleichterung. Er konnte kaum annehmen, daß sein Verhältnis mit Margaret das gleiche bleiben würde, wenn sie ihren Mann liebte und sich durch ihn beeinflussen ließ. Dankys Plan war, mit allen Mitteln darauf hinzuarbeiten, daß Luke aufhörte, ein Faktor in ihrem Leben zu sein – und dieser Plan war gut. Und etwas kam hinzu – der ständig wachsende Zauber, den Margaret auf ihn ausübte. Niemals sah er sie, ohne daß der Wunsch, für sie etwas anderes zu sein als ein vertrauter Freund, in ihm stärker wurde. Einmal hatte er ihre Hand »zufällig« absichtlich berührt. Sie ließ ihre Hand lange genug neben der seinigen liegen, und er faßte den Mut, einen Schritt weiterzugehen. Aber dann hatte sie ihm keinen Zweifel mehr über ihre Gefühle für ihn gelassen. Margaret hatte eine Aufrichtigkeit, die einen manchmal aus der Fassung bringen konnte. »Hoffentlich fangen Sie nicht an, auf törichte Gedanken zu kommen, Danton, und sich einzubilden, in mich verliebt zu sein«, hatte sie gesagt. Aber das war in den Tagen geschehen, als Rex noch am Leben war und ihr Herz noch schneller schlug, wenn sie Luke Maddisons Schritte hörte. Danty zuckte die Schultern. Frauen sind veränderlich, aber gerade ihre Unbeständigkeit ist einer ihrer größten Reize. Er stieg aus dem Taxi und war im Begriff, den Chauffeur zu bezahlen, als er hinter sich hörte: »Morgen, Mr. Morell.« Danty blickte sich langsam um. Woher war der Spatz so plötzlich aufgetaucht? Er hatte eine äußerst beunruhigende Weise, ganz plötzlich auf der Bildfläche zu erscheinen. In Wirklichkeit hatte Mr. Bird auf dem Bürgersteig gestanden und war nur einen Augenblick lang durch das Taxi verdeckt worden. »Ich möchte eigentlich mal eine kleine Unterhaltung mit Ihnen haben«, strahlte er ihn freudig an. »Haben Sie etwas von Mr. Maddison gesehen?« Danty lag es auf der Zunge, jede Kenntnis von Luke Maddisons Handlungen abzustreiten, aber: »Seit der Trauung nichts mehr«, sagte er. »Vielleicht ist er allein auf die Hochzeitsreise gegangen«, begann der Spatz und lachte über das ganze Gesicht. »Ich kann mich mit diesen neumodischen Gewohnheiten nicht vertraut machen. Ich glaube, Sie sind auch nicht lange auf der Hochzeitsreise gewesen, Mr. Morell?« Seine scharfen, hellen Augen, halb verborgen hinter den Polstern der Augenlider, fixierten Danton Morell unerbittlich. Aber Danty wich nicht aus. »Ich bin niemals verheiratet gewesen«, sagte er. Er hätte sehr leicht die Unterhaltung abbrechen können, indem er den Detektiv stehen ließ und das Haus betrat – es war ein taktischer Fehler, daß er sich in dieses Kreuzverhör hatte hineinziehen lassen. »Das Vergnügen steht Ihnen dann noch bevor«, fuhr der Spatz vergnügt fort. »Ich habe kürzlich mit Gunner Haynes über Sie gesprochen.« Trotz all seiner Selbstbeherrschung fühlte Danton Morell, wie er erblaßte. »Wirklich?« sagte er herausfordernd. »Wer ist denn Gunner Haynes?« »Ein ganz gewöhnlicher Verbrecher«, entgegnete der Spatz melancholisch. »Ich muß mit solchen Menschen zusammenkommen – das ist ja mein Beruf. Aber es gibt eine Menge Dinge, die mir bei dem Gunner gefallen. Zuerst mal habe ich ihn gern, weil er niemals einen Revolver bei sich hat, zweitens bewundere ich sein außerordentliches Gedächtnis! Hat ein Gedächtnis wie ein altes Pferd, der gute Gunner! Er ist so eine Art von Mensch, der sich noch an die Farbe der Socken erinnern kann, die er an dem Tage trug, als der Waffenstillstand unterzeichnet wurde. Es sollte mich gar nicht wundern, wenn er an diesem Tage graue getragen hätte. Was für eine Farbe hatten denn Ihre Socken an diesem Tage, Mr. Morell?« Es lag etwas so Vielsagendes in dieser Frage, daß Dantons Atem stockte. Am Tage des Waffenstillstandes hatte er im Peterhead-Gefängnis gesessen, wo er achtzehn Monate abzumachen hatte. Hatte der Gunner ihn erkannt und ihn verraten? Er wies den Gedanken ebenso schnell von sich, wie er gekommen war. Wenn Gunner Haynes wußte, daß er am Leben war, zu erreichen war, würde er dies niemals einem Polizeibeamten mitgekeilt haben. Ganz sicher hätte er in seiner eigenen Weise mit ihm abgerechnet. »Ich kann Ihnen wirklich nicht sagen, was ich damals für Socken getragen habe«, er zog die Worte lang. »Haben Sie Interessen in Wollwarengeschäften?« Mr. Bird nickte feierlich. »Ganz besonders in grauen Socken«, sagte er; »graue, wollene Socken mit einer kleinen, breiten Pfeilspitze Die breite Pfeilspitze ist das Zeichen, das in den englischen Gefängnissen sämtliche Ausrüstungsgegenstände tragen. am Knöchel.« Er war in ausgezeichneter Laune, und es war schwer, wenn nicht unmöglich, in seinen Worten eine persönliche Anspielung zu finden. Bevor Danton antworten konnte, fuhr er fort: »Ich befürchte, Sie können mir keinerlei Auskunft geben? Ich würde so gern wissen, warum Mr. Maddison gestern seiner Wege gegangen ist und wohin. Ich habe nämlich die Absicht, ihm ein Geburtstagsgeschenk zukommen zu lassen. Wie lange wollen Sie noch in London bleiben, Mr. Morell?« Die Frage folgte ganz unerwartet, und die Augen hinter den schweren Lidern schienen aufzublitzen, als Danty antworte. »Vielleicht noch einen Monat.« »Ich dachte, Sie würden vielleicht schon nächste Woche abreisen.« Mit einem kurzen Kopfnicken wandte er sich ab und ging in seiner schwerfälligen Weise davon. Danty biß sich auf die Lippen und blickte hinter ihm her. Er hatte eine Warnung erhalten. Und es war ihm lieber, diese durch die Polizei zu bekommen als auf eine sicher weniger freundliche Weise von Gunner Haynes. Er dachte immer noch über die Worte des Detektivs nach, als er sich zum Essen umkleidete. Es konnte nicht der Gunner gewesen sein – eine reine Vermutung von Bird, der hoffte, auf diese Weise etwas von ihm zu erfahren. Margaret und er speisten an diesem Abend zusammen; als sie ihn am Nachmittag angerufen hatte, glaubte er, daß sie die Verabredung rückgängig machen wollte, und hatte schon überzeugende Gründe bei der Hand, um sie von einem solchen Entschluß abzubringen. Am Abend war sie viel munterer; ihr Entschluß hatte sich wieder gefestigt. »Sie werden sicher morgen von ihm hören«, sagte Danty lächelnd, als sie ihren Kaffee tranken, »er gehört nicht zu den Menschen, die sich von der City von London, wo das Geld verdient wird, entfernen können!« Sie seufzte. »Ich befürchte, Sie haben recht«, war ihre leise Antwort. Und zu gleicher Zeit standen zwei hervorragende Chirurgen an der Seite eines Bettes im St.-Thomas-Hospital. Einer von ihnen schob sein Stethoskop zusammen und blickte mit bedauernder Miene auf den bewußtlosen Patienten. »Sie haben seinen Namen nicht ausfindig machen können?« Der Polizeibeamte, der an der Seite des Bettes saß, schüttelte den Kopf. »Nein, Sir.« Der Arzt wandte sich seinem Kollegen zu. »Lungenentzündung, ohne jeden Zweifel, Sir John«, sagte er kurz. »Die Lunge ist durchbohrt worden – die Symptome von Lungenentzündung waren ja zu erwarten, denken Sie nicht auch so?« Er winkte einen dritten, den Arzt des Krankenhauses, heran, der sich mit einem anderen Patienten in dem Krankensaal beschäftigte. »Der arme Kerl hier wird wahrscheinlich heute nacht sterben«, sagte er beinahe gleichgültig. »Ich wüßte nicht, was Sie noch weiter für ihn tun könnten, ausgenommen natürlich, es ihm so behaglich wie möglich zu machen. Als Mitglied einer Bande macht er mir eigentlich einen zu guten Eindruck.« Der bewußtlose Mann lächelte und stammelte ein Wort. »Klang beinahe wie ›Margaret‹«, sagte der Arzt interessiert. »Schade, daß Sie nicht wissen, wer er ist, man hätte dann seine Frau benachrichtigen können – jetzt würde wohl kaum noch Zeit dazu sein!« 11 Es war der dreizehnte Tag nach dem Verschwinden Luke Maddisons und ein bedeutungsvoller für seine Frau, da an diesem Tage die langen und qualvollen Stunden voller Zweifel und Ungewißheit, voller Selbstanklagen, die zuweilen zu Haß gegen sich selbst wurden, ein Ende fanden. Zweimal schon war sie nahe daran gewesen, die Polizei zu benachrichtigen, und zweimal hatte Danty sie daran verhindert. Diese Zeit war auch voller Sorgen für Danty gewesen, aber aus einem ganz anderen Grunde. Daß Mr. Steele, der Prokurist der Maddison-Bank, nicht übermäßig besorgt zu sein schien, hatte Margaret zuerst erstaunt, dann aber in gewisser Weise getröstet. Sie vermutete oder war überzeugt, daß Luke ihm ihre Handlungsweise mitgeteilt hatte, denn als sie dem alten Steele den Scheck aushändigen wollte, wies dieser ihn mit großem Nachdruck zurück. Sie wußte ja nicht, daß in den Tagen, bevor sie die Hauptperson in Luke Maddisons Leben wurde, Luke die Angewohnheit hatte, von Zeit zu Zeit zu verschwinden, ohne jemand zu benachrichtigen. Unweigerlich kam dann eine Postkarte von Spanien, auf der er Steele mitteilte, wo er wäre und wann er zurückkommen würde. Dieses Land hatte einen besonderen Reiz für Luke Maddison. Er beherrschte seine Sprache wie ein Eingeborener. Er war einer der wenigen Engländer, die die Feinheiten des Stiergefechtes verstanden und schätzten, und er liebte nichts mehr, als sich in irgendeine kleine Wohnung in Cordoba oder Ronda zurückzuziehen und von dort aus das Land nach allen Richtungen zu durchstreifen. Steele war unruhig – sicherlich – aber er hatte die Hoffnung, daß in dieser großen Krisis seines Lebens Luke Maddison dorthin geflüchtet war, wo er so viele glückliche Tage verbracht hatte. Während dieser ganzen Wartezeit hatte sich Margaret Maddison zu Haus gehalten. Sie erschien nicht mehr in den Restaurants, in denen sie gewöhnlich zu finden war, und ihre wenigen Freunde zweifelten nicht daran, daß sie sich auf der Hochzeitsreise befand. Danty hatte ihr den Rat gegeben, sich im Auto nach einem der entfernten Dörfchen in Cornwall zu begeben und dort zu bleiben, bis der »Skandal«, wie er es nannte, vergessen wäre; aber sie machte sich zu viele Sorgen um Luke, um seinem Rate Folge leisten zu können. An diesem dreizehnten Morgen war ein Telegramm für sie gekommen, und sie hatte gerade Danton Morell telephonisch gebeten, bei ihr vorzusprechen, als der Diener hereinkam und ihr eine Karte überreichte. Margaret las den Namen und runzelte die Stirn. »Miß Mary Bolford?« Wer war denn das? »Sagen Sie, ich wäre nicht zu Haus.« »Das habe ich bereits gesagt, gnädige Frau«, sagte der Diener, »aber sie nahm das ziemlich kühl auf und sagte, sie wüßte, Sie wären zu Haus, und bestand darauf, Sie zu sprechen.« Margaret blickte von neuem auf die Karte. Auf der linken Seite, wo gewöhnlich die Adresse zu stehen pflegt, befanden sich die Worte »Daily Post Herald«. Sie sah die Nutzlosigkeit ein, das Interview vermeiden zu wollen, und hatte – unbekannt mit der Ethik des Journalismus – die Sorge, daß ihre Weigerung, den interessanten Reporter Miß Mary Bolford zu empfangen, vielleicht peinliche Konsequenzen für sie haben könnte. »Ich lasse Miß Bolford bitten«, sagte sie schließlich. Sie erwartete eigentlich eine Art Mannweib zu sehen oder zum mindesten ein weibliches Wesen, dessen intellektuelle Entwicklung auf Kosten ihrer äußeren Erscheinung stattgefunden hatte. Aber nicht im geringsten war sie auf das hübsche, junge Mädchen in elegantem Kostüm vorbereitet, das ohne jedes Anzeichen von Nervosität ihren Salon betrat. »Sind Sie Miß Bolford?« fragte Margaret überrascht. Das junge Mädchen bejahte lächelnd. »Ich bin Reporter: ich nehme an, Mrs. Maddison, Sie haben das schon aus meiner Karte erraten!« Mrs. Maddison! Es war das erstemal, daß man sie mit diesem Namen anredete, und irgendwie schien ihr dies die Tragödie der letzten vergangenen 12 Tage noch näherzubringen. »Ich hatte dem Diener gesagt, daß ich für niemand zu sprechen wäre. Ich fühle mich nicht besonders wohl und bin in der Stadt geblieben –« »Aus dem Grunde möchte ich ja mit Ihnen sprechen – darf ich mich setzen?« Margaret wies auf einen Stuhl, und der junge, weibliche Reporter machte es sich bequem. »Ich begreife völlig, daß Sie uns für entsetzliche Leute halten, wenn wir versuchen, in Ihre Privatangelegenheiten hineinzublicken, aber das ist nun mal unser Beruf«, begann sie mit beinahe beleidigender Offenheit. »Alle Zeitungsleser sind wild auf Romanzen, gleichgültig, ob es sich um traurige oder fröhliche handelt, und wir haben nun erfahren, daß Ihre Flitterwochen unterbrochen wurden und Ihr Gatte nach dem Ausland gegangen ist – hat er das überhaupt getan? – Mr. Steele, der Prokurist der Bank, ließ dies durchblicken, ohne es jedoch zugeben zu wollen.« Für einen Augenblick antwortete Margaret nicht und sagte dann: »Mein Mann ist im Ausland.« »Wissen Sie, wo er ist?« Margaret war auf einen so direkten Angriff nicht vorbereitet und wußte im Augenblick nicht, was antworten. »Ja«, sagte sie zögernd. »Aber ich bezweifle, daß dies irgendwie Interesse für die Öffentlichkeit haben könnte.« Mary Bolford sah Margaret prüfend mit ihren sprechenden, grauen Augen an. »Entschuldigen Sie, bitte, Mrs. Maddison, aber ich glaube, ich kann Ihnen am besten helfen und mir selbst auch, wenn ich Ihnen gegenüber völlig offen bin. Wir haben gehört, daß Sie an Ihrem Hochzeitstage eine Meinungsverschiedenheit mit Ihrem Manne gehabt hätten und daß er –« »Seiner Wege ging?« schlug Margaret kühl vor. »Nein, nicht ganz so. Die Wahrheit ist, ich habe einen guten Freund in Scotland Yard, der heute bei mir war, um mich zu fragen, ob wir von der Zeitung etwas über Mr. Maddisons Aufenthalt wüßten. Und wir wissen natürlich nichts. Mr. Bird war etwas zurückhaltend –« »Wer ist denn Mr. Bird«, fragte Margaret mechanisch. Sie wollte Zeit gewinnen. Schon allein die Erwähnung von Scotland Yard erschreckte sie. Die junge Reporterin erklärte ihr, wer Mr. Bird war, und von neuem dachte Margaret schnell nach. »Gesetzt den Fall, ich gebe zu, daß wir uns gestritten haben? Glauben Sie, daß dies das Publikum interessieren würde?« Zu ihrer eigenen Überraschung fand sie, daß sie ganz zufällig eine Erklärung für das Verschwinden Lukes gefunden hatte, die man ohne weiteres annehmen konnte. »Selbstverständlich nicht! Sie müssen ja denken, daß es eine große Unverfrorenheit von mir ist, überhaupt hierher zu kommen. Es liegt uns ja gar nichts daran, unsere Nase – wenn ich mich so ausdrücken darf – in rein persönliche Angelegenheiten zu stecken. Wenn eine Meinungsverschiedenheit die Erklärung ist, so kann ich nur um Entschuldigung bitten und versuchen, einen möglichst vorteilhaften Abgang zu finden!« Sie stand rasch auf, aber in ihren lachenden, grauen Augen konnte Margaret Sympathie für sich selbst lesen. »Sehen Sie«, fuhr sie fort, »wenn Mr. Maddison an seinem Hochzeitstage abgerufen worden wäre, um eine große finanzielle Operation durchzuführen, oder aus einem anderen Grunde als den – nun, den Sie mir eben angegeben haben, dann würde es eine wirklich interessante Geschichte gewesen sein. Ich bitte nochmals um Entschuldigung, Mrs. Maddison.« Sie streckte impulsiv ihre Hand aus, und Margaret ergriff sie. »Ich bedauere es, für Sie – aber für mich auch«, sagte sie seufzend. Und dann sah Mary Bolford, wie ihre Züge hart wurden. »Ich habe es gestern bedauert – vielleicht heute nicht mehr. Das klingt ziemlich rätselhaft, und ich hoffe, Sie werden nicht versuchen, das zu ergründen.« Sie begleitete das junge Mädchen bis an die Treppe und wartete, bis sie die Haustür hinter ihr ins Schloß fallen hörte. Danty war in der Zwischenzeit gekommen, und sie hatte gehört, wie der Diener ihn in ein kleines Vorzimmer geführt hatte, das neben ihrem Salon lag. Sie öffnete die Tür. »Kommen Sie, bitte, herein«, sagte sie. »Wer war denn das?« fragte Danton Morell etwas unruhig. »Fenning sagte, es wäre ein Reporter. Was wollte er denn?« Margaret lächelte müde. »Sie versuchte, in meiner Trauung etwas Romantisches zu finden«, antwortete sie. »Ich befürchte, sogar sie wird damit kein Glück haben – lesen Sie das bitte.« Sie öffnete ein Schubfach ihres Schreibtisches und nahm einen zusammengefalteten Bogen Papier heraus: ein Telegramm, gerichtet an Margaret Maddison: »Du kannst kaum erwarten, daß ich zu Dir zurückkehre. In einigen Monaten werde ich Dir genügend Material verschaffen, um eine Scheidungsklage gegen mich einzureichen. Ich bin nicht völlig mittellos, daher auch nicht gänzlich ohne angenehme Tröstung.« Es trug die Unterschrift »Luke« und war am gleichen Morgen um acht Uhr dreißig in Paris aufgegeben worden. »Nun weiß ich ja Bescheid«, sagte sie. Ihr Ton war leicht, aber in ihrem Herzen war ein Aufruhr, den sie nicht für möglich gehalten hätte. Tröstung! Und das war Luke Maddison, der Idealist! – ein ganz gewöhnlicher Schürzenjäger, der zu – Tröstungen geflohen war! »Ich wundere mich eigentlich, daß Sie überhaupt Nachricht erhalten haben«, sagte Danton ernst. »Ich hätte gar nicht angenommen, daß er sich die Mühe geben würde, zu telegraphieren.« Sie zuckte die Schultern. »Steele kennt wahrscheinlich seine Adresse und hat ihm telegraphiert, daß die Polizei Recherchen anstellt –« »Die Polizei?« Dantys Stimme war scharf. »Von wem wissen Sie denn, daß die Polizei sich damit befaßt?« Sie wiederholte ihm, was Mary Bolford ihr erzählt hatte, und sah, wie sein Gesicht unruhig wurde. »Der Spatz – das ist der Beiname, den man Bird gegeben hat. Ist er denn hier gewesen?« Sie schüttelte verneinend den Kopf. Er dachte tief nach, seine Haltung war einige Augenblicke gespannt, seine Augen halb geschlossen, und seine Gedanken waren weit weg. »Was werden Sie nun tun?« fragte er sie endlich. »Jetzt? Ich reise am Sonnabend nach Madeira. Die Seereise wird mir sehr gut tun, und es wird mir erspart bleiben, über – über Paris zu reisen.« Ihre Lippen verzogen sich verächtlich. Sie bemerkte, daß er etwas verstört war, und erfuhr auch sofort den Grund. »Ich glaube nicht, daß ich am Sonnabend reisen kann –« begann er hastig, und sie lächelte. »Es liegt doch auch gar keine Notwendigkeit für Sie vor, zu verreisen. Ich fahre allein. Ich möchte über so vieles nachdenken, und eine Insel ist ein wundervoller, der einzig richtige Platz dafür.« Er war enttäuscht, ließ es aber nicht merken. »Wie lange werden Sie fortbleiben?« »Vielleicht einen Monat«, antwortete sie. »Ich habe die Absicht, einen großen Dienst von Ihnen zu erbitten, und zwar, sich meiner Angelegenheiten anzunehmen – wahrscheinlich werde ich Ihnen eine Generalvollmacht geben; sicherlich werden Sie einen besseren Gebrauch davon machen als ich mit Lukes!« Hätte sie ihn angesehen, wäre ihr sicherlich die Erleichterung in seinen Zügen aufgefallen. »Ich werde alles tun, was in meinen Kräften steht«, war Dantys Antwort. Der Rest ihrer Unterhaltung bewegte sich in allgemeinen Bahnen, und kurz darauf verließ er sie. Als er gegangen war, blickte sie in die Morgenzeitung und hatte mehr Interesse für Wetterberichte als für alles andere. Auf einer der Hauptseiten des Post Herald sah sie die Photographie eines hageren, unrasierten Mannes. Die Aufnahme hatte augenscheinlich im Hospital stattgefunden. Seine Augen waren geschlossen, und unterhalb des Kinnes sah man noch einen Teil der Bettdecke. »KENNEN SIE DIESEN MANN?« war die Unterschrift des Bildes. Sie durchflog den dazugehörigen Artikel und fand, daß es sich um einen Mord handelte, der im südlichen London begangen war, daß der Mann auf der Photographie dabei beteiligt gewesen und dem Tode nur wie durch ein Wunder entgangen war. Nicht einmal sein nächster Freund würde Luke Maddison erkannt haben, denn die Aufnahme war erst am elften Tage seines Aufenthaltes im Hospital und noch dazu bei sehr trübem Licht gemacht worden. 12 Mr. Bird besprach in oberflächlicher Weise den Mord in Süd-London, der Scotland Yard verhältnismäßig wenig erregt hatte. »Ich habe die Photo von dem anderen Galgenvogel heute morgen in der Zeitung gesehen«, begann er. »Sieht beinahe aus wie der Star in ›Aus Seenot gerettet‹ – das ist ein ganz hervorragender Film, Sir. Sie müßten sich den mal ansehen. Mir kamen beinahe die Tränen in die Augen, und ich heule wirklich nicht leicht.« Er zog die Augenbrauen zusammen. »Vielleicht hatte der Film auch überhaupt nichts damit zu tun. – Haben Sie den Mörder gefaßt?« Oberinspektor Kelley schüttelte den Kopf. »Nein, und werden ihn wohl auch kaum fassen. Wenn wir Lewing von den Toten erwecken könnten, würde er einen Schwur ablegen, daß er den Mann, der ihn angriff, nicht erkannt hatte. Und mit dem anderen Kerl wird es genau so sein.« Der Spatz spitzte die Lippen. »Ich möchte eigentlich mal nach dem Hospital gehen und mir den Menschen ansehen – wird er sterben?« Kelley machte eine Bewegung mit seinen Händen, die seine völlige Gleichgültigkeit ausdrückte. »Keine Ahnung! Aber ich würde Ihnen nicht raten, in Gennets ›Gebiet‹ einzubrechen – er ist in dem Punkt außerordentlich empfindlich, und der Fall wird von ihm bearbeitet.« Professionelle Etikette hielt daher Mr. Bird von der Unfallstation des St.-Thomas-Hospitals fern. Er fand jedoch eine Abschrift der Aussage, die der sterbende Mann gemacht hatte; sie war kurz und nichtssagend: »Ich weiß nicht, wer Lewing gemordet hat. Ich war mit ihm zusammen, als er angefallen wurde, kannte ihn aber nur oberflächlich. Ich würde keinen der Angreifer wiedererkennen; sie waren mir völlig unbekannt, und ich konnte ihre Gesichtszüge nicht sehen.« Darunter stand in Anführungsstrichen: »Dieser Mann weigert sich, seinen Namen zu nennen.« Der Spatz las diese kurzen Zeilen halb belustigt durch. Er konnte den Inspektor, der diesen Fall behandelte, nicht leiden. »Gennet wird ja noch viel Glück damit haben – ich wünsche ihm alles Gute!« Später, am Nachmittag, hatte er sich mit Miß Mary Bolford zum Tee verabredet. Der Spatz war schon in einem Alter, wo er sich unbesorgt mit dem hübschesten und jüngsten Mädchen treffen konnte, ohne sich anderen Nachreden auszusetzen als denen, die er selbst über sich gebrauchte. »Wir passen wirklich großartig zueinander, Miß Bolford. Haben Sie etwas erreicht?« »Bei Mrs. Maddison?« Mary schüttelte seufzend den Kopf. »Wissen Sie ... ich fühlte mich höchst unbehaglich. Sie haben sich am Hochzeitstage gezankt. Warum – weiß ich selbstverständlich nicht.« »Vielleicht des Bruders wegen«, sagte der Inspektor. »Sie wissen ja, wenn es sich um Angehörige handelt –« »Aber er ist doch tot.« Der Spatz nickte gedankenvoll. Sie saßen in einem der belebtesten Teerestaurants in der Nähe von Charing Croß, und unaufhörlich kamen und gingen Gäste. Mr. Bird hatte einen kleinen Tisch in einer Nische gefunden, von wo aus er den Eingang des Restaurants überblicken konnte. Es lag kein besonderer Grund hierfür vor, denn er erwartete weder Freund noch Feind. Aber er hatte ein tiefes Interesse an seinen Mitmenschen und vor allen Dingen den stillen Wunsch, daß eines Tages ein Mann, den die Polizei aller Welten suchte, vergeblich suchte, in seinem Gesichtskreis auftauchen würde. Er war ein wenig Optimist. »Gezankt, sagen Sie? Das wird hoffentlich eine Warnung für Sie sein, mein liebes Kind. – Heiraten Sie niemals. Erst heute habe ich gesagt –« Sie sah, wie Mund und Augen ihres Begleiters sich vor Erstaunen öffneten. Er starrte nach der Tür. Sie blickte sich um und sah einen Mann das Café betreten, seinen weichen Hut auf dem Hinterkopf, die Hände in den Taschen. Er sah ernst und finster aus, und doch hatte sein Gesicht eine eigenartige Anziehungskraft. »Da hört doch alles auf!« murmelte Mr. Bird. »Wer ist es denn?« flüsterte sie. »Ein dunkler Charakter«, erwiderte der Spatz bedeutungsvoll. »Wollen Sie ihn kennenlernen?« Sie nickte, und im gleichen Augenblick begegneten sich die Augen des Fremden mit denen des Detektivs. Ein halbes Lächeln huschte über sein finsteres Gesicht, er folgte der Einladung von Mr. Birds winkendem Finger und kam langsam auf ihn zu. Als er das junge Mädchen erblickte, nahm er den Hut ab und setzte sich nach einem Augenblick kurzen Zögerns an den Tisch. »Nun, Gunner«, sagte der Spatz mit leichtem Vorwurf. »Freigekommen?« »Selbstverständlich«, lächelte Gunner Haynes und bestellte sich Kaffee. »Eine Bekannte von mir – an der Zeitung«, stellte der Spatz vor. »Da sie selbst ein Mitglied dieser gesetzlosen Klasse ist, kann sie, ohne zu erröten, den hervorragendsten Juwelendieb Englands kennenlernen.« Sie sah in Gunners Augen ein belustigtes Lächeln aufblitzen und lächelte zurück. »Nun wissen Sie ja, wer ich bin«, sagte Haynes ironisch. »Man hat also die Anklage niedergeschlagen?« Und als der Gunner nickte, stieß Mr. Bird einen langen, murrenden Seufzer aus. »Ich habe mein Vertrauen zu der Gerechtigkeit verloren«, sagte er verzweifelt. »Ich weiß ganz genau, warum Sie in dem Hotel waren, wessen glitzernde Steinchen Sie suchten – nein, Gunner, es gibt wirklich keine Gerechtigkeit mehr in der Welt.« Der Gunner rührte in dem Kaffee, den die Kellnerin vor ihn hingestellt hatte, und lachte. Ein sanftes, musikalisches Lachen, das gar nicht zu dem Mann paßte, der da vor ihr saß. »Ihre Sache stand schlecht, Mr. Bird, und Sie werden der erste sein, der mir das zugibt. Ich würde gern mal den Mann wiedersehen, der versucht hat, mich zu – mir zu helfen.« »Sie wollten sagen, ›mich zu warnen‹.« Der Spatz blickte ihn durchdringend an. »Leider können Sie ihn nicht sehen. Er ist nämlich auf der Hochzeitsreise.« »Maddison? – Hieß er nicht so. Ich erinnere mich jetzt an den Namen. Handelt es sich um den Bankier? Sie können mir ruhig antworten, Mr. Bird. Ich will nichts von ihm haben. Er ist in meinem Buch mit einem Stern angemerkt.« »Das wird ihn sicher mal in den Himmel bringen«, spöttelte Bird und wurde dann wieder der kühle Polizeibeamte. »Was führen Sie nun im Schilde, Gunner? Sind Sie jetzt reif für die Besserungsanstalt? Wenn das der Fall ist, können Sie von mir eine Empfehlung für das Heim für ehemalige Gefangene erhalten.« Aber Gunner Haynes hörte gar nicht zu. »Wen hat er geheiratet? – das hübsche, junge Mädchen, das an jenem Abend am oberen Ende der Tafel saß? Bei Gott! Sie war wunderhübsch! Erinnerte mich an –« Er hielt plötzlich inne, und Mary Bolford sah, wie es in seinem Gesicht zuckte. »– an jemand, den ich früher mal kannte. Ich wünsche ihnen alles Glück!« »Dann müssen Sie jedem einzeln Glück wünschen«, sagte Mary Bolford; »an ihrem Hochzeitstage haben sie sich getrennt.« Er blickte schnell zu ihr hinüber. »Was hat sie ihm angetan?« fragte er, und Mary Bolford mußte, wenn auch widerwillig, lachen. »Sie nehmen vieles für sicher an! Der Gedanke, daß er vielleicht der schuldige Teil sein konnte, scheint Ihnen wohl unmöglich?« Er schüttelte den Kopf. »Diese Art Mann kann nichts Schlechtes begehen, das kann ich Ihnen sagen, Miß! Ich kenne die Männer; ich verstehe das Gute in ihnen und das Schlechte. – Mein ganzes Leben lang habe ich von Männern gelebt: meine Kenntnis ihrer Schwächen und ihrer Stärke war mein einziger Trumpf. Frauen verstehe ich nicht. Und auch Sie haben unrecht, Mr. Bird – ich sage Ihnen dies hier offen und ehrlich – ich war nicht hinter den Juwelen von der Frau her, obgleich ich zugeben muß, ich hätte sie gern mal gesehen. Nein, hinter einem Diamantarmband, so groß wie eine Fußschelle! Im Hotel war ein alter Narr, der hatte es für eine Schauspielerin gekauft – sie nannte sich wenigstens Schauspielerin, aber ich habe sie gesehen! – Er muß mindestens hundert Jahre alt gewesen sein – vielleicht sogar hundertzwanzig. Ekelhaft! ... nein, ich habe genügend Geld, um leben zu können.« Er blinzelte dem Spatz zu. »Geld genug, um mir ein Maschinengewehr zu kaufen, damit ich wenigstens meinen Titel mit Recht trage. Wo steckt denn eigentlich Maddison?« Er wandte sich an Mary Bolford. »Fragen Sie mich!« fuhr der Spatz dazwischen, seine kalten Augen in denen des Hochstaplers. »Ich bin hier das zuständige Auskunftsbüro! Wenn Sie Ihre Lebensgeschichte erzählen wollen, wird Miß Bolford, glaube ich, einen ganz interessanten Artikel schreiben können, aber ich habe Sie nicht hierhergerufen, um angenehme Konversation zu machen, verstanden, Gunner!« Haynes glaubte, in den Augen des jungen Mädchens einen feinen Schmerz zu sehen und lachte. »Er hat recht – er hat selbstverständlich recht –« sagte er. »Lassen Sie mich Ihnen einen guten Rat geben, Miß Bolford.« Seine Stimme war eigenartig sanft, und selbst der Spatz blickte ihn erstaunt an. »Befürchten Sie niemals, daß Sie die Gefühle eines Hochstaplers verletzen könnten – das ist nämlich unmöglich. Ein Mann, der nach seiner Verhaftung eine Unterredung von nur zehn Minuten mit der Polizei gehabt hat – wenn sie nicht genau weiß, wo die Beute versteckt ist –, ist von Fachleuten ... beleidigt worden.« Der Spatz nickte ernsthaft. »Bevor Sie beginnen, Sympathie für einen Exsträfling zu empfinden«, fuhr der Gunner fort, »rate ich Ihnen, ausfindig zu machen, warum er gesessen hat – und, was noch viel wichtiger ist, wie oft. Es kommt gar nicht darauf an, welches Verbrechen er begangen hat; ist er zweimal im Gefängnis gewesen, so brauchen Sie keinerlei Mitleid mehr an ihn zu verschwenden ... Ich habe dreimal gesessen.« Seine Augen lächelten, aber die scharfen Falten um seinen Mund hatten sich vertieft. Die ganze Zeit hindurch blickte er das junge Mädchen unverwandt an, trank ihre unberührte, frische Schönheit in sich hinein. Mit einem plötzlichen Ruck drehte er sich um, winkte der Kellnerin und bezahlte. Dann stand er auf und reichte Mr. Bird die Hand. »Bird und ich kämpfen einen gleichen Kampf.« Seine Worte richteten sich wieder an das junge Mädchen. »Nur stehen wir beide auf verschiedenen Seiten. Meine Seite verliert immer, hat aber den meisten Spaß dabei.« Er drehte sich um, ging langsam auf die Tür zu und verschwand. 13 Man hatte Luke Maddison in ein Einzelzimmer gelegt, und eines Morgens las er auf der Fieberkarte über seinem Bett, daß sein Name Smith war. »Wie lange heiße ich schon Smith?« Seine Stimme klang außerordentlich kräftig, wenn man daran dachte, daß er nur wenige Tage vorher kaum imstande war, zu flüstern. Die gutmütige Krankenpflegerin lächelte ermutigend. »Wenn wir den Namen der Leute nicht kennen, nennen wir sie Smith – mit Vorliebe, Bill«, sagte sie. »Aber Sie werden nett und vernünftig sein und uns Ihren richtigen Namen nennen?« Er schüttelte den Kopf. »Nein, ich glaube nicht. Smith ist doch ein sehr schöner Name, der von so viel netten Leuten getragen wird. Wenn mein Name in Wirklichkeit Smith wäre, würde ich vielleicht ein besserer Mensch sein«, fügte er halb spöttisch hinzu. Seit sie ihn in das Einzelzimmer gelegt hatten, war der große, dicke Schutzmann, der so oft in seinen Fieberträumen eine Rolle gespielt hatte, verschwunden. An dem Tage, an dem man glaubte, er würde sterben, war ein Beamter geholt worden, um seine Aussagen aufzunehmen; aber er hatte nichts erzählt, was auch nur den geringsten Wert gehabt hätte. Außerdem hatte er einen der Detektive sagen hören, daß er als Zeuge von gar keiner Bedeutung für die Staatsanwaltschaft wäre. So konnte er sich gönnen, still zu liegen, die Stunden vorbeistreichen zu lassen, zu sehen, wie das blasse Sonnenlicht an der grünen Wand entlangstrich, wie die Nacht kam und dann wieder der Tag. Von seinem Zimmer aus konnte er das entfernte Geräusch der Straßenbahnen hören; lernte ihre Klingelzeichen, ihr Kommen und Gehen unterscheiden. Seine Gedanken beschäftigten sich nur wenige Augenblicke mit Margaret, und mit aller Kraft versuchte er, diese Gedanken zu vertreiben. Einmal hatte er die Absicht, Steele holen zu lassen, aber das Erscheinen des Prokuristen an seinem Bett würde seine Identität verraten haben, und er war doch bemüht, den Namen der Bank um jeden Preis reinzuhalten – oder war es Margarets Name? Wieder und wieder sagte er sich, daß er nicht einen Finger aufheben würde, um Margaret zu retten – aber er wußte, er log. Um Margarets willen war er zufrieden, Bill Smith zu bleiben. Man gab ihm Zeitungen, aber er weigerte sich, sie zu lesen. Es gab noch einen Grund, warum »Bill Smith« ein so angenehmer Ausweg war. Hatte Maddisons Bank wirklich die Zahlungen eingestellt, dann war dies ein weiterer Grund, warum er nie wieder Luke Maddison sein durfte. Er war eigenartig apathisch, es war ihm gleichgültig, was mit der Bank vorgegangen war. Hatte an nichts und niemand Interesse. Es hatte eine Zeit gegeben, wo er glaubte und hoffte, er würde sterben und so die vollständige Vergessenheit finden, nach der sein Herz schrie. Aber sein Herz schmerzte ihn beinah nicht mehr. Bald würde die Zeit kommen, wo er das Hospital verlassen konnte, und dann? Er war gleichgültig, auch der Zukunft gegenüber. Was kam es auch darauf an? Vielleicht würde er Blumen verkaufen wie das hübsche, junge Mädchen, das er eines Nachmittags in St. James Street im Schneetreiben gesehen hatte. Vielleicht könnte er Soldat werden; er war ja noch nicht zu alt. Vielleicht in ferne Gegenden gehen; er lächelte schwach. »Und Löwen schießen?« fragte in seinem Innern eine sarkastische Stimme. Er machte sich keinerlei Gedanken über das, was kommen würde. Es war am sechzehnten oder siebzehnten Tage seines Krankenlagers – er wußte die Zahl selbst nicht einmal genau –, als die Schwester das Zimmer betrat. »Ein Freund von Ihnen möchte Sie sprechen. Er sagt, er kennt Sie.« »Ein Freund?« wiederholte Luke stirnrunzelnd. »Er muß mich sicherlich mit einem anderen verwechseln.« »Nein, er fragte direkt nach Ihnen. Er wollte den Mann sprechen, der bei der Messerstecherei verletzt worden war; ich habe ihm natürlich nicht gesagt, daß Sie Smith heißen, denn das stimmt ja nicht.« »O doch, Schwester, das stimmt schon – ich bin aber neugierig, wer das wohl sein könnte. Lassen Sie ihn, bitte, hereinkommen.« Wer konnte das sein? Im ersten Augenblick – es war ja Wahnwitz – hatte er an Margaret, Margaret um Verzeihung flehend, gedacht. Er würde selbst über diesen törichten Gedanken gelacht haben, wenn Lachen ihm nicht so unsägliche Schmerzen in der Brust bereitete. Er hatte den Mann, der hereinkam, niemals gesehen. Sein schäbiges Äußeres wurde durch einen Kragen von so blendender Weiße hervorgehoben, daß Luke – und nicht mit Unrecht – annahm, man hatte ihn ebenso wie die schreiende Krawatte erst zu diesem Zweck gekauft. Ein Mann mit einem sehr schmalen, scharfgezeichneten Gesicht; seine Augen durchsuchten unter den schweren Augenlidern hervor das ganze Zimmer, bevor er leise an das Bett heranschlich. »Danke bestens, Schwester.« Seine Stimme klang heiser und erinnerte Luke an Lewing. Er fragte sich, ob dieser Mann vielleicht ein Verwandter von jenem wäre. »Ist das Ihr Freund?« fragte die Krankenschwester. »Das ist er, es stimmt schon, Miß«, sagte der Mann kopfnickend. Die Schwester verschwand, und der Besucher beugte sich über Luke. Seine Kleider rochen muffig, als ob sie an einem feuchten Platze aufbewahrt worden wärm. »Joe läßt sagen, daß er dir weiterhelfen will, weil du ihn nicht verpfiffen hast.« »Was habe ich nicht?« fragte Luke. »Verpfiffen. Frag doch nicht so dämlich! Wenn du 'rauskommst, geh mal zu ihm.« Er steckte ein schmutziges Stück Papier unter das Kopfkissen, und Luke erkannte ein ihm gut vertrautes Knistern. »Fünf Pfund für dich. Joe läßt sagen, er wird für dich sorgen.« »Gott segne ihn!« sagte Luke nachdrücklich, »wenn es jemals einen Mann gab, für den gesorgt werden müßte, so bin ich es.« 14 Am Tage seiner Entlassung aus dem Hospital wurde Luke Maddison gefragt, ob er einen Friseur haben wollte. Er fuhr sich über sein stachliges Gesicht, und sein Lächeln war beinahe voller Humor. »Nein, ich finde mich gerade so nett«, sagte er. »Darf ich aber eitel genug sein und um einen Spiegel bitten?« Die Schwester gab ihm einen kleinen Handspiegel, und aus dem klaren Glase blickte ihm ein fremder, ungepflegt aussehender Mann mit langem Haar und Stoppelbart entgegen. Das Gesicht war blaß, die Nase spitz geworden, aber die Augen blickten so klar wie immer. »Großer Gott!« murmelte er und pfiff vor sich hin. »Sie sehen nicht besonders hübsch aus«, sagte die gutmütige Schwester. »Bin ich niemals gewesen«, war Lukes beinahe vergnügte Antwort. Dann kam ihm ein Gedanke, und er runzelte die Stirn. »Kommt dieser verwünschte Schutzmann noch mal zurück?« »Nein«, sagte sie kopfschüttelnd, »er hat eingesehen, daß nichts mit Ihnen anzufangen ist. Das Urteil der Leichenschaukommission ist in der vergangenen Woche gefällt worden. Hatten Sie das nicht in der Zeitung gelesen?« »Ich kann nicht lesen«, war Lukes Antwort. Aber die Schwester lachte nur. Die Leichenschau war also vorüber, und höchstwahrscheinlich hatte sich der Vorsitzende mit seiner Aussage zufrieden gegeben, daß er Lewing zufällig getroffen hatte und bei ihm war, als sie angefallen wurden. Lange Zeit darnach las er einen Zeitungsbericht und fand sich selbst beschrieben als »William Smith ohne festes Domizil«. »Der Mann (so sagte die Zeitung) befindet sich immer noch in einem sehr kritischen Zustand, und der Zeuge (der Arzt des Hospitals) erklärte, daß der Verwundete seiner Meinung nach kaum vor Ablauf eines Monats eine Aussage machen könnte, die den Mord aufklären würde.« Luke verbrachte den Nachmittag in einem Armstuhl am Fenster und blickte auf den Fluß hinaus. Gegenüber lag das Parlamentsgebäude. Es erschien ihm merkwürdig, daß er wenigstens fünfzig der Männer persönlich kannte, deren Anwesenheit in diesem Gebäude durch die Flagge auf dem Glockenturm bekanntgegeben war – fünfzig Männer, von denen ein jeder bereitwilligst über die Westminsterbrücke eilen würde, um ihm zu helfen. Aber er wollte keine Hilfe. Er überdachte seine Lage mit einer solchen Ruhe, als ob es sich um einen anderen Menschen handelte. All das, was bisher Wert in seinem Leben gehabt hatte, war zertrümmert. Er war heimatlos im wahrsten Sinne des Wortes, denn es gab keinen Fleck auf der Erde oder kein Wesen, die für ihn Behaglichkeit und Glück bedeuteten. Er war der Mittelpunkt eines unendlichen Horizonts, in dem kein tröstendes Licht ihm zuwinkte. Die grausame Erfahrung, die er durchgemacht hatte, hatte allen Ehrgeiz in ihm getötet; der Wille zum Leben war geschwunden. Freudig und dankbar würde er gestorben sein. Merkwürdig war es, daß er selten über Lewings Tod oder über den Messerstich nachdachte, der ihn tödlich verletzt in das Operationszimmer des Hospitals gebracht hatte. Er hatte keinen Haß gegen den Mann, der ihn so schwer verletzt hatte, war beinahe belustigt, daß er so völlig unbewußt das Opfer einer Vendetta geworden war, mit der er gar nichts zu tun hatte. Er las noch einmal die Worte auf dem Stück Papier, das der geheimnisvolle Freund ihm gebracht hatte: »Geh nach der Ginnett-Street 339 in Lambeth zu Mrs. Fraser. Sie wird für dich sorgen.« Er kicherte leise vor sich hin. Es gab also wirklich jemand in der Welt, der für ihn sorgen wollte; das kam ihm eigentlich komisch vor. Als er diese kurze Mitteilung zum erstenmal gelesen hatte, hätte er sie beinahe zerrissen und weggeworfen; bis zu seinem letzten Tage im Hospital hatte er nicht die geringste Absicht, die betreffende »Dame« aufzusuchen – erst als er alle möglichen Pläne gemacht und wieder verworfen hatte, dachte er an diese Aufforderung. Nach dem Büro zurückzugehen, war unmöglich, irgendwo auf dem Lande besaß er eine kleine Villa, aber er erinnerte sich undeutlich, daß auch diese Margaret verschrieben worden war. Er könnte England verlassen, natürlich, aber das würde Geld kosten. Die Absicht, irgendeinen der Fäden zu berühren, die ihn in sein altes Leben zurückführen könnten, lag ihm gänzlich fern. Diese Episode seines Lebens war beendet. Es gab noch Abenteuer und andere Interessen in der Welt – wer weiß, ob er diese nicht in dem schäbigen Viertel von Ginnett-Street finden würde? An einem sonnigen Nachmittag verließ er das Hospital und konnte ohne jede Hilfe seines Weges gehen. Er war durch keinerlei Gepäck beschwert. Die täglichen Übungen auf der Terrasse des Hospitals hatten ihm seine Kräfte wieder zurückgegeben ... er konnte allein laufen. Aber er hatte an Gewicht verloren, und seine Kleider schlotterten ihm am Körper. Ginnett Street war nicht ohne Schwierigkeit zu finden, aber schließlich gelangte er doch an sein Ziel: eine schmutzige, enge Straße in Borough. Nummer 339 war ein Gemüseladen an der Ecke einer noch schmaleren Straße, in der sich ein Holzzaun befand, durch den eine schmale Tür zu einem kleinen Hofe an der Rückseite des Hauses führte. Das Geschäft sah nicht besonders einladend aus; verblaßte Plakate an den Fensterscheiben teilten mit, daß man die beste Hauskohle und Feuerholz hier kaufen könnte. Das Innere war eng und schmutzig. Hinter dem Ladentisch ein Regal, in dessen Fächern schwindsüchtige Kartoffeln und einige welke Blumenkohlköpfe lagen. In der einen Ecke des Ladens ein Haufen Kohlen, daneben eine Waage. Die Bewohner der Ginnett-Street kauften augenscheinlich ihre Kohlen pfundweise ein. Er stieß die Tür auf: eine gesprungene Glocke ertönte, und nach einigen Augenblicken tauchte aus dem Hintergrunde eine Frau mit raubvogelähnlichem Gesicht und unordentlichem Haar auf, die ihn mit jener Unfreundlichkeit begrüßte, die das normale Verhalten – er entdeckte dies später – des kleinen Geschäftsmannes in diesem Viertel war. »Nun«, fragte sie schroff. »Ich sollte zu Ihnen kommen und –« begann er, aber sie unterbrach ihn schnell. »Sind Sie der Mann aus dem Hospital? – Smith?« Luke nickte lächelnd. Sie hob einen Teil der Ladentafel auf und ließ ihn durchgehen. »Wollen Sie, bitte, 'reinkommen?« Ihr Ton war respektvoll, beinah unterwürfig. »Ich dachte, Sie kämen erst morgen 'raus.« Sie ging ihm voran in ein kleines, frostiges Wohnzimmer und machte die Tür nach dem Laden sorgfältig hinter ihm zu. »Ich bin froh, daß ich das Zimmer für Sie schon heute in Ordnung gebracht habe«, sagte sie, »darin bin ich groß, bei mir ist alles rechtzeitig fertig. Wollen Sie mit nach oben kommen, Mr. Wie-heißen-Sie-doch-gleich?« Neugierde veranlaßte ihn, ihr zu folgen. Beim ersten Anblick dieses schmutzigen Ladens war er versucht gewesen, seiner Wege zu gehen, um einen anderen Platz zu finden, wo er sein neues Leben beginnen könnte; aber jetzt ging er beinahe vergnügt hinter der Frau her. Eine der größten Schwächen Luke Maddisons war eine unausrottbare Neugier: eine Neugier, die ihn ständig fragen ließ: Was geschieht nun? Man mußte vor nicht zu langer Zeit einen kleinen Anbau an das Haus gemacht haben; der Fußboden war fester, die Türen schienen solider zu sein. Sie öffnete eine und führte ihn in ein Zimmer, dessen Behaglichkeit ihn direkt überraschte. Erwartete er doch, etwas ganz besonders Abstoßendes zu finden. Möglicherweise hätte er in einem solchen Falle das Haus verlassen und wäre seiner Wege gegangen. Aber das Bett war gut, die Laken fleckenlos, die Ausstattung einfach aber bequem, und in dem Kamin brannte ein kleines Feuer. »Um die feuchte Luft zu vertreiben«, erklärte sie beinahe entschuldigend und machte ihm auf diese Weise begreiflich, daß dieser Luxus nur Ausnahme wäre. Auf dem Tisch lagen einige Bogen Briefpapier, daneben Tinte und Federhalter. Sie merkte, daß er sich darüber zu wundern schien, und erklärte: »Ein gewisser Jemand dachte, Sie möchten vielleicht an Ihre Freunde schreiben, vor allen Dingen deswegen, weil Sie ja keinen Brief aus dem Hospital weggeschickt haben.« »Woher, zum Teufel, weiß er denn das?« fragte er verwundert. Mrs. Fraser lächelte geheimnisvoll. »Er weiß alles«, war ihre Antwort. Augenscheinlich war er eine Person von großer Bedeutung. »Sie wollen doch sicher nichts mehr mit der Bande von Lewing zu tun haben?« sagte sie, und die ganze Zeit hindurch lagen ihre blassen Augen suchend auf seinem Gesicht. »Die Polizei hat die Bande in der letzten Woche zerstreut, und das war gut. Dieser Lewing würde seine eigene Mutter um ihre letzten Ersparnisse betrogen haben!« »Ein ganz gemeiner Kerl also?« »Wenn Sie mit ihm etwas zusammen unternommen hätten, würde er Sie totsicher 'reingelegt haben – besonders, da Sie ja eigentlich ein feiner Herr sind.« »Eines möchte ich erst mal richtigstellen, Mrs. Fraser«, sagte Luke. »Ich bin kein Mitglied von Mr. Lewings oder irgendeiner anderen Bande gewesen und –« »Weiß schon ... Er wußte das auch. Aber Lewing tat sich immer groß mit den Leuten, die ihm unter die Finger kamen, und er hat Wunderdinge von Ihnen erzählt, und wie großartig Sie fahren können. Sie sind Autofahrer?« »Autofahrer? O ja, ich glaube sogar ein ganz guter«, lächelte Luke. »Auch Rennen gewonnen, nicht wahr?« fragte sie in ihrer monotonen Weise. Und es war wirklich der Fall, daß Luke in einem Herrenfahrerrennen in Brookland gewonnen hatte, obgleich er sich keineswegs als Rennfahrer ausgeben konnte. »Das dachte ich mir«, nickte sie. »Renommieren! das hat Lewing den Hals gebrochen...« Luke erinnerte sich an eine Unterhaltung, die er mit dem Toten gehabt hatte. »War er nicht ein Freund von Gunner Haynes?« Als sie diesen Namen hörte, änderte sich der Gesichtsausdruck der Frau in ganz unvermuteter Weise. Sie verzog das Gesicht und blinzelte, als ob sie plötzlich geblendet würde. »Ich weiß nichts, gar nichts von Mr. Haynes«, sagte sie zurückhaltend. »Je weniger man sagt, desto besser. Wir haben niemals Ärger mit Mr. Haynes gehabt und wollen auch keinen haben.« In ihrem Tone lag etwas, das ihm ohne jeden Zweifel mitteilte, daß Furcht die Grundlage ihres Respekts für den Gunner war. Er war »Mr.« Haynes für sie, und sie war außerordentlich besorgt, nichts zu sagen, das man respektlos nennen könnte. Sie machte sich geschäftig daran, ihm eine Tasse Tee zu bereiten, und er setzte sich an den Tisch. Das Briefpapier war eine große Versuchung für ihn; aber an wen hätte er schreiben sollen? An Margaret? – daran dachte er nicht einmal. Wenn eine Maus in einen Bienenkorb eindringt und von den empörten Bewohnern getötet wird, dann finden diese, daß der Eindringling zu schwer ist, um herausgebracht werden zu können. Sie überziehen ihn mit Wachs, und so wird er ein Teil ihres Hauses: ein Klumpen, der einstmals lebte, aber nun keine Bedeutung mehr hat. In gleicher Weise hatte er Margaret einbalsamiert und verdeckt. Sie war für ihn eine Art Hindernis geworden, an dessen Vorhandensein er sich gewöhnen mußte. Aber Steele? Was dachte wohl Steele? Und jetzt kam ihm zum erstenmal ein entsetzlicher Gedanke. Wenn Steele nun annahm, er hätte Selbstmord begangen? Wenn nun alle Zeitungen Artikel brächten über einen »Millionär« – alle Menschen in seiner Lage waren für die Zeitungen nur Millionäre – wenn nun die Flüsse durchsucht würden und eine Beschreibung von ihm veröffentlicht war? Bei dem Gedanken überlief es ihn kalt. Mrs. Fraser brachte ihm ein Tasse Tee, der sich als trinkbar erwies. Er machte eine verzweifelte Anstrengung, um Auskünfte von ihr zu erhalten, die er leichter bekommen haben würde, wenn er die Zeitungen der letzten Woche durchgelesen hätte. Sie hörte geduldig seine Fragen an und schüttelte den Kopf. »Nein, nichts Besonderes. Ein Mord in Finsbury, und dann hat man den Kerl gehenkt, der die alte Frau erschlagen hat.« »Ich glaube mich zu erinnern, wie die Schwestern im Hospital von einem reichen Mann sprachen, der verschwunden war – seine Bank ging pleite oder so was Ähnliches... man sprach auch von Selbstmord ...« Sie verzog die Lippen und sagte kopfschüttelnd: »Davon habe ich nichts gelesen, und das wäre mir sicher aufgefallen, denn meine Mutter hat schon all ihr Geld verloren, als die Webbick-Bank pleite ging ...« Als sie gegangen war, atmete er befreit auf. Möglicherweise hatte Steele der Polizei noch keinerlei Mitteilungen gemacht... Er nahm einen Briefbogen und tauchte den Federhalter in die Tinte. 15 Die letzte Person in der ganzen Welt, die Danton Morell zu sehen wünschte, war Inspektor Bird. Die einzige Entschädigung, die dies zufällige Zusammentreffen im Greenpark für ihn brachte, war die Begleiterin Mr. Birds, ein hübsches, junges Mädchen, dessen frisches Gesicht diesem Kenner weiblicher Schönheiten nicht ganz unbekannt zu sein schien. Danton schlenderte ziellos um den Teich herum, sah den Enten zu, und seine Gedanken waren eifrig mit einem Plan beschäftigt, den er an diesem Morgen gefaßt hatte. Als er sah, daß der Spatz in Begleitung war, hatte er die Hoffnung, der Detektiv würde genügend Taktgefühl besitzen und an ihm vorbeigehen; aber augenscheinlich fehlte Mr. Bird diese Eigenschaft. Er blieb auf dem Wege stehen, eine große, behäbige Gestalt, seine Augen blinzelten und auf seinem Gesicht lag ein Ausdruck von Freude, als ob er einen lang verlorenen Freund wiederfände. »Morgen, Morell – darf ich Sie mit diesem Herrn bekannt machen, Miß Bolford?« Sein Ton war so freundlich, daß Danty einen Augenblick seine Vorsicht vergaß. Er lächelte höflich. »Ich glaube, wir haben uns schon früher gesehen –« begann er. »Und das wird noch öfter der Fall sein«, fuhr der Spatz dazwischen. »Diese junge Dame ist Reporter – sind Sie jemals in Old Bailey gewesen, Miß Bolford?« Sie lachte. »Zweimal, und ich möchte nicht wieder hingehen.« »Sie können auch einmal zu oft dort hingehen«, gab der Spatz zu. »Bei manchen Leuten kann es wirklich einmal zu oft werden, stimmt's nicht, Morell?« Bevor der erboste Mann antworten konnte: »Keine Nachrichten von Mr. Maddison?« »Er ist in Paris«, antwortete Danty kurz. »Dacht ich mir's doch.« Der Spatz nickte. »Als ich Ihren Diener aus dem Dampferzug aussteigen sah, habe ich mir gleich gesagt: Ich möchte wetten, Maddison ist in Paris; ich möchte wetten, er schickt zärtliche Telegramme an seine Frau – die ganze Zeit über, in der Ihr Diener dort ist. Kennen Sie Mr. Steele?« Er hielt seinen Kopf geneigt und sah mit seinen blinzelnden Augen einem Spatz so ähnlich, daß Mary Bolford sich nur mit Mühe das Lachen verbeißen konnte. »Den Prokuristen der Maddison-Bank?« »Ich habe von ihm gehört, habe ihn, glaube ich, auch schon mal getroffen«, sagte der andere kurz. »Netter Mensch, aber furchtbar zugeknöpft«, sagte Bird. »Je mehr man mit ihm spricht, desto weniger sagt er. Er kommt mir so vor wie zehn Austern, die Halleluja singen – es können auch elf sein. Was er über Mr. Maddisons Aufenthalt nicht weiß, sagt er auch nicht.« »Soweit ich weiß«, sagte Danty nachdrücklich, »ist Maddison in Paris und scheint sich sehr gut zu amüsieren.« »Nicht so laut vor dem Kind hier«, murmelte der Spatz und schloß seine Augen angstvoll. »Ich nehme an, das hat er ihr in seinem Telegramm mitgeteilt! Ich möchte zehn Millionen Pfund wetten, daß er keinen Brief geschickt hat.« »Es ist besser, Sie fragen Mrs. Maddison danach«, sagte Danty und wäre weitergegangen, wenn die Hand des Detektivs ihn nicht aufgehalten hätte. »Etwas möchte ich gerne wissen – haben Sie den Gunner gesehen?« Er sah, wie der Mann zusammenfuhr. »Den Gunner?« stotterte Danty. »Meinen Sie Haynes – den Menschen, der neulich unter Anklage stand? Soweit ich weiß, sitzt er im Gefängnis.« »Sie lesen wohl keine Zeitung?« Der Spatz schüttelte bedauernd den Kopf. »Da werden nun in der Fleet-Street jährlich Millionen ausgegeben, Tausende von eifrigen, ehrlichen Reportern arbeiten wie der Teufel, um so viel Gutes und Wahres zusammenzubringen, daß das Lesen wirklich angenehm ist, und Sie lesen keine Zeitung! Die Anklage gegen Gunner wurde niedergeschlagen – er treibt sich jetzt in London herum.« Danty hatte seine Selbstbeherrschung wiedergewonnen, und sein Gesicht glich einer starren Maske. »Ich habe wirklich keinerlei Interesse an solchen Verbrechern«, sagte er. »Davon bin ich fest überzeugt!« sagte Mr. Bird bewundernd. »Ich will Ihnen mal einen Tipp geben, Morell – vermeiden Sie weite, offene Flächen, wo Männer bei Tage Männer sind und manchmal bei Nacht das Leben verlieren können. Ich habe niemals den berühmten Revolver des Gunner gesehen, aber vielleicht weiß er besser, wo er zu finden ist – wenn er ihn nötig hat! Auf Wiedersehen!« Er sah hinter Danton her, der wütend den Weg hinunterschritt, und wandte sich dann mit einem breiten Lächeln an seine Begleiterin. »Der Mann da ist mehr Gauner als ich Detektiv.« »Das ist derselbe Mann, der mich mal eingeladen hat, nach dem Essen in seine Wohnung zu kommen und Wein mit ihm zu trinken«, lächelte Mary. »Selbstverständlich ist er das!« sagte Bird. »Die kleine Episode vor der Bank hatte ich ja ganz vergessen.« Er kratzte sich gedankenvoll das Kinn. »Wer war denn damals bei ihm?« fragte er mit plötzlichem Interesse. »Ein junger Mann, den ich vorher niemals gesehen hatte, aber Sie sagten, er wäre ein Spekulant und Spieler oder so etwas Ähnliches.« Der Spatz pfiff überrascht vor sich hin. »Sie waren zusammen in der Bank«, sagte er leise, »so gegen drei Uhr nachmittags, als ein Scheck über ... neunzehntausend Pfund ausgezahlt wurde! Das ist alles sehr merkwürdig und schleierhaft.« Als sie aber versuchte, ihre eigene Neugierde zu befriedigen und selbst das Rätsel zu lösen, war er ebenso zugeknöpft wie Mr. Steele. Danty ging eilig davon, sein gewöhnlicher Gleichmut war aufs tiefste gestört. Er hatte damit gerechnet, daß der Gunner wenigstens drei Monate Gefängnis bekommen würde. Und innerhalb dreier Monate konnte man viel erledigen. Sein Plan hätte in dieser Zeit ausgearbeitet und ausgeführt werden und er hätte mit genügend Geld, um Jahre hindurch zu leben, verschwinden können, bevor Gunner Haynes imstande war, ihm auf die Spur zu kommen. Als er Pall Mall erreichte, blieb er plötzlich betroffen stehen. Warum hatte ihn der Spatz gewarnt? Nichts hätte ihn mit der Verhaftung des Gunners in Verbindung bringen können, falls nicht – die Polizei ihn verraten hätte! Der Gunner wußte also Bescheid ... merkwürdig wäre es aber doch, daß Haynes in der Zeit, wo er frei herumlief, keinen Versuch gemacht haben sollte, ihn zu sehen. Dieser Gedanke beruhigte Danton Morell etwas, und er machte sich auf den Weg zu Margaret. Sie war ausgegangen, und er mußte in ihrem Salon über eine Stunde warten, bevor sie zurückkehrte. Dies allein war schon ein schlechtes Vorzeichen. Er hakte die Verabredung festgesetzt und nicht im Traum daran gedacht, daß sie diese nicht einhalten würde. Als sie hereinkam, machte er eine kleine Anspielung, fühlte aber sofort, daß er einen Fehler begangen hatte. In diesen Tagen war Margaret niemals auch nur zehn Minuten hintereinander in derselben Stimmung, sie, die einst so leicht zu beeinflussen war, die so schnell bereit war, die furchtbarsten Anklagen gegen den Mann, den sie liebte, zu glauben, die niemals einen Versuch gemacht hatte, unabhängige, persönliche Untersuchungen anzustellen, diese Frau war jetzt außerordentlich schwierig zu überzeugen. Ständig fand er auf seinem Wege neue Hindernisse, neue Einwände; er hatte, wie es schien, jetzt gegen einen ganz anderen Menschen zu kämpfen, dessen Bestehen er nicht einmal vermutet hatte. An diesem Vormittag war sie in einer äußerst zurückhaltenden Stimmung. »Sie haben sich wohl in der Zeit geirrt«, begann er. »Ich sagte doch, ich würde um elf Uhr –« »Ich weiß es, aber ich bin aufgehalten worden.« Er schluckte hart. »Haben Sie Besorgungen gemacht?« Sie schüttelte den Kopf und schien mehr Interesse für das Buch zu haben, das sie durchblätterte, als für Danton und seine Verabredung mit ihr. Er sah, es war ein Kursbuch. »Ich dachte, Sie hätten keine Lust mehr, nach Madeira zu gehen? Wollen Sie doch verreisen?« Sie antwortete nicht sofort. Endlich hatte sie gefunden, was sie suchte, und ihr Finger lief an einer Zahlenreihe entlang. »Ich verreise nicht«, sagte sie schließlich, »aber ich will jemand nach Spanien schicken – Mr. Steele glaubt, daß Luke, falls er ins Ausland gegangen ist, in Ronda sein wird, obgleich er jetzt noch nicht dort sein kann.« Er starrte sie erstaunt an. »Steele? Haben Sie ihn denn gesehen?« »Ja«, sagte sie kurz. »Aber Sie sagten doch, er wäre das letztemal, als Sie mit ihm sprachen, so unhöflich gewesen?« Ein leises Lächeln spielte um ihre feingeschnittenen Lippen. »Er wollte es auch heute sein – aber ich habe mich nicht abschrecken lassen«, sagte sie ruhig. »Aber, meine liebe Margaret, Sie werden doch sicherlich Ihre Würde nicht so weit verlieren und hinter Luke herlaufen? Nach seinem Telegramm und dem zynischen Zugeständnis über seine ... Tröstungen –« »Luke war nicht in Paris«, sagte sie gelassen. »Mr. Steele hat heut morgen eine Mitteilung von ihm erhalten, nach der er die ganze Zeit in London gewesen ist, aber höchstwahrscheinlich bald nach Spanien gehen wird. Er bat Mr. Steele, ihm sein spanisches Scheckbuch nach dem Carlton in Madrid zu schicken. Luke hat ein Konto in der Spanischen National-Bank, an das er sich, wie es scheint, erst jetzt erinnert hat.« Ein langes Schweigen. Danty war zu schlau, um noch einmal das Pariser Telegramm zu erwähnen. »Sie wollen jemand nach Ronda schicken?« Sie nickte. »Aber was kann er denn machen?« »Er kann mir mitteilen, wann Luke dort ankommt – und dann werde ich zu ihm fahren.« Danty blickte sie sprachlos an. »Zu ihm fahren?« wiederholte er schließlich ungläubig. »Wollen Sie damit sagen, daß Sie alles vergessen haben ... Rex ... Rex' letzten Brief?« Sie stand vor ihrem kleinen Schreibtisch und blickte gedankenvoll auf diesen ... Die schlanke, graziöse Figur eines bezaubernden, jungen Mädchens. »Als Rex ...«, sie zögerte, »sich selbst ... erschoß, konnte er nicht bei Sinnen gewesen sein. Er muß etwas mißverstanden haben. Es war ganz unmöglich, daß Luke so gehandelt haben konnte. Tag und Nacht, unaufhörlich, habe ich darüber nachgedacht.« Danty konnte sich allen Verhältnissen anpassen; wenn aber die Verhältnisse durch die Launen einer Frau beeinflußt wurden, ging diese Aufgabe beinahe über seine Kräfte. »Sie glauben also Ihrem Bruder nicht?« Langsam wandten sich ihre Augen ihm zu. »Ich glaube nicht einmal mir selbst«, sagte sie. »Und mir?« forderte er sie heraus. Sie zögerte. »Ich glaube, daß Sie sich sehr eifrig in meinem Interesse bemüht haben«, sagte sie. »Und höchstwahrscheinlich hat meine Denkweise auch Sie beeinflußt – und dann, Rex hatte Sie sehr gern.« Er lächelte bitter. »Und das ist alles?« »Was erwarteten Sie denn?« Ihre Stimme verriet wirkliche Überraschung. Danton Morell fühlte, daß dies nicht der Augenblick war, um sein Glück zu versuchen. Er machte eine kurze, vielsagende Handbewegung und lächelte. »Es tut mir leid – man ist ja auch nur Mensch; hat menschlichen Ehrgeiz, menschliche Gedanken, menschliche Hoffnungen.« Und bevor sie ihn unterbrechen konnte, fuhr er fort: »Ich glaube, ich bin immer gegen Maddison gewesen, habe ihn stets für einen Schwächling gehalten. Und ich habe noch immer die gleiche Meinung. Wenn einer von uns den anderm beeinflußt hat, so bin ich dies sicherlich gewesen.« Instinktiv fühlte er, daß er die richtigen Worte gefunden hatte und zum erstenmal seit langer Zeit mit ihr übereinstimmte. Aber er mußte auch an seine eigenen Geschäfte denken! »Ich habe kürzlich mit Ihnen über die Argentinischen Wasserkraft-Anlagen, die ich gründen will, gesprochen – Sie erinnern sich, ich habe Ihnen die Berichte darüber vorgelegt. Sie sagten, Sie würden ganz gern einige tausend Anteilscheine übernehmen.« »Darüber wollte ich gerade mit Ihnen sprechen –« begann sie, aber er fiel ihr ins Wort. »Heute morgen erhielt ich ein Kabel. Ich hatte versucht, einen der größten Anhänger meines Planes zu veranlassen, zurückzutreten – ich hatte ihm einen großen Anteil an meinem Unternehmen zugesagt – und er ist mir endlich entgegengekommen und hat eingewilligt. Ich kann Ihnen jetzt Aktien im Betrage von ungefähr hunderttausend Pfund abgeben.« »Es tut mir leid« – ihr Ton war so bestimmt, daß es ihn kalt überlief – »aber ich kann nicht einmal eine einzige Aktie übernehmen. Ich habe in die Hände Mr. Steeles und Lukes Anwälten jeden Pfennig, den ich von ihm erhalten habe, zurückgegeben – das ist der Grund, warum ich Mr. Steele aufgesucht habe.« 16 Danty blickte die junge Frau erstaunt und zugleich entsetzt an. Seine Bestürzung erschien beinahe komisch. »Sie haben das ganze Geld zurückgegeben, das Sie von ihm hatten?« stotterte er. Sie nickte. Ihre Augen lagen fest auf seinem Gesicht. »Und warum nicht? Ich habe genug zu leben«, sagte sie. »Mr. Steele, der Vermögensverwalter, hat mir ein genügendes Einkommen ausgesetzt.« Er konnte sie nur sprachlos anstarren. All seine seinen Pläne waren zunichte geworden, waren wie eine Rauchfahne vom Winde verweht. Sie ersparte ihm die Anstrengung zu sprechen, und gab ihm Zeit, sich ein wenig von diesem Schlage zu erholen, denn sie fuhr fort: »Luke ist die ganze Zeit hindurch niemals in Paris gewesen – jemand, der ein besonderes Interesse daran zu haben scheint, muß das Telegramm gesandt haben. Ich habe beinahe das Gefühl, als ob ich ein derartiges Telegramm zu erhalten wünschte, damit ich wenigstens vor mir selbst eine Entschuldigung hätte für die häßliche Art und Weise, mit der ich Luke behandelt habe.« Sie lächelte. »Es würde mir außerordentlich unangenehm sein, wenn ich annehmen müßte, daß die Geldfrage Ihre zukünftigen Pläne ungünstig beeinflussen könnte. Glücklicherweise sind Sie ja ein reicher Mann, Danton.« Danton nickte langsam. Am gleichen Morgen hatte er einen Mahnbrief seiner Bank erhalten. In der Meinung, daß seine finanzielle Lage absolut gesichert wäre, hatte er mehr Geld ausgegeben, als er durfte, hatte große Summen in verschiedenen Spielhöllen verloren und sein Konto stark überzogen. Mit beinahe übermenschlicher Anstrengung fand er sein Gleichgewicht wieder und zwang seine Stimme zu einem ruhigen Ton, als er antwortete: »Ich bin nicht ganz überzeugt, daß Sie sehr klug gehandelt haben. Haben Sie mit Ihren Anwälten gesprochen?« Sie schüttelte den Kopf. »In Gewissensfragen wendet man sich nicht an seine Rechtsanwälte«, antwortete sie ruhig. Es war schwierig genug, auch nur die einfachste Unterhaltung im Gang zu halten. Ihre ganze Haltung ihm gegenüber erschien ihm wie ein hoher Wall, der seinen so leichten, angenehmen Lebensweg versperrte, ein Wall, im Augenblick unübersteigbar. Er mußte Zeit gewinnen; seine angeborene Verschlagenheit sagte ihm, daß noch kein Grund war, alle Hoffnung zu verlieren, solange sie auf seiner Seite war. Er hatte von Hunderttausenden geträumt, war sicher gewesen, Zehntausende zu erhalten, und es war immerhin noch möglich, ein- oder zweitausend Pfund zu erraffen, vielleicht sogar noch mehr, wenn er seine Karten nur richtig ausspielte. »Wann haben Sie die Absicht, nach Ronda abzureisen?« »In ungefähr zwei Tagen«, antwortete sie schnell, und zwar so schnell, daß er fühlte, sie hatte die Zeit auf die Stunde genau ausgerechnet. »Sobald ich sicher weiß, daß Luke in Ronda ist, fahre ich zu ihm.« »Und was wollen Sie ihm eigentlich sagen?« Er konnte sich diese Frage nicht verbeißen, obgleich er im gleichen Augenblick, als er die Worte sprach, wußte, daß er sich eines taktischen Fehlers schuldig gemacht hatte. Er sah sofort ihre Zurückhaltung, und ein kühl erstaunter Blick erschien von neuem in ihren wundervollen Augen. »Das ist eine Angelegenheit, die nur Luke und mich angeht. Ich befürchte, ich habe die Schuld an allem, und ich muß versuchen, dies wiedergutzumachen.« In seiner Enttäuschung beging er einen neuen Fehler. »Aber in Erinnerung an Ihren Bruder Rex müßten Sie doch – ich weiß ja nicht, wie Ihre Gefühle zu Luke sind – aber eine Tatsache läßt sich doch leider nicht ableugnen: Luke könnte das Leben Ihres Bruders gerettet haben! Aber im Gegenteil, als er herausgefunden hatte, Rex war ruiniert, hat er ihn noch weiter in sein Unglück hineingetrieben. Geld ist sein Gott –« »Und doch gab er mir alles«, warf sie ruhig ein; »und als ich ihm Geld verweigerte, ging er seiner Wege ... ohne ein Wort zu sagen. Ist es Ihnen denn nicht klar, daß, wenn Luke sich an seine Anwälte gewendet hätte, wenn die Sache vor Gericht gekommen wäre, wenn er irgend etwas dieser Art unternommen hätte, daß ich ihm dann jeden Pfennig hätte zurückgeben müssen? Nicht, weil er vielleicht rechtliche Ansprüche darauf hatte, sondern weil ich es niemals gewagt hätte, eine solche öffentliche Verhandlung durchzumachen. Er mag kleinlich, er mag unglaublich grausam gewesen sein, aber das gibt mir noch nicht das Recht, Böses mit Bösem zu vergelten. Das sind die Überlegungen, die mich veranlaßt haben, die Verwaltung des ganzen Vermögens Mr. Steele zu übertragen«, die letzten Worte kamen in mehr entgegenkommendem, beinahe freundlichem Tone. »Die unglückselige Angelegenheit mit Rex muß klargestellt werden – das ist häßlich und schmerzhaft, und ich kann auch jetzt noch nicht mit Ruhe daran denken. Luke wird sicher eine Erklärung für sein Verhalten geben können; vielleicht hatte er schwerwiegende Gründe, um meinem Bruder weitere Hilfe zu verweigern. Auf jeden Fall ist es meine Sache und – mein Wunsch, die volle Wahrheit herauszufinden.« Er war leichenblaß vor Wut, die er kaum verbergen konnte. Seine Lippen verzogen sich höhnisch. »Es scheint mir, das einzige Resultat Ihrer Versöhnung – denn dazu wird es meiner Meinung nach kommen – wird sein, daß man mich im Stich läßt, daß ich mit jedem Menschen hier auseinanderkomme. In finanzieller Hinsicht kann das meinen Ruin bedeuten. Luke hat einen außerordentlichen Einfluß in der City, und schon allein eine leise Andeutung, daß ich gegen ihn war, wurde genügen, um mir große Schwierigkeiten zu bereiten.« Zu seiner Überraschung lachte sie. »Danton«, rief sie beinahe fröhlich. »Was denken Sie sich denn von mir! Können Sie denn annehmen, ich würde zugeben, daß ein Freund von Rex zu leiden hat, weil er versuchte, mir zu helfen?« Danton Morell sah sie verblüfft an. Warum war sie so freudig bewegt? Dann fiel es ihm ein: in wenigen Tagen würde sie in Ronda, würde wieder mit ihrem Gatten vereinigt sein. Der Gedanke schmerzte ihn, langsam begann er zu verstehen, welch einen großen Platz diese Frau in seinem Leben eingenommen hatte. Es sah Danton Morell nicht ähnlich, irgendeiner Frau Einfluß auf sich selbst einzuräumen. Aber ganz allmählich, ihm selbst fast unverständlich, war Margaret, die sein Opfer werden sollte, jetzt ein Hauptfaktor in seinem Leben geworden ... es erschien ihm kaum glaublich. Zu gleicher Zeit wurde es ihm zweifellos klar, daß sie ihren Mann liebte! Er war gerade im Begriff, zu antworten, als an die Tür geklopft wurde und das Zimmermädchen hereintrat. »Ein Herr möchte Sie sprechen, gnädige Frau – ein Mr. Haynes.« Hätte Margaret Danton angeblickt, würde sie gesehen haben, wie er erblaßte. »Er sagte, er wäre mit Mr. Maddison bekannt«, fuhr das Mädchen fort, »und es läge ihm außerordentlich viel daran, mit Ihnen zu sprechen.« Danty fuhr sie an: »Sie haben ihm doch nicht erzählt, daß ich hier bin –« er unterbrach sich, als er Margarets erstauntem Blick begegnete. »Kennen Sie ihn?« Er nickte und sah bedeutungsvoll auf die Zofe. »Warten Sie, bitte, einen Augenblick«, sagte Margaret, und als sich die Tür hinter dieser schloß: »Wer ist denn das?« »Ein Mann, den ich nicht zu sehen wünsche, und den Sie nicht sehen dürften. Ein Verbrecher, der Mann, der an jenem Abend in Ritz-Carlton verhaftet worden ist. Wenn ich Ihnen einen Rat geben darf, so empfangen Sie ihn nicht.« Sie zögerte. »Wenn er Luke kennt«, begann sie. »Er kennt ihn nicht – das ist doch nur ein Trick, um an Sie heranzukommen. Höchstwahrscheinlich will er Geld haben, und er ist ein ziemlich gefährlicher Mensch.« »Dann wäre es doch besser, Sie würden dabei sein, wenn ich ihn empfange«, warf Margaret ein und sah an seiner Verwirrung, daß ihm dieser Vorschlag keineswegs angenehm war. »Ich möchte doch lieber mit ihm sprechen. Wollen Sie, bitte, unterdessen in dem kleinen Salon warten?« Margaret, in einer solchen Stimmung, war nicht zu beeinflussen; verdrossen folgte er ihrer Aufforderung und war in dem nebenliegenden Raum, als er den schnellen Tritt des Gunners an der Tür vorbeigehen hörte. Margaret war auf die Art von Mann, der jetzt den Salon betrat, keineswegs vorbereitet. Das tiefgebräunte Gesicht mit seinen scharfen Zügen, eine verfeinerte Kultur, die über dem ganzen Mann lag, hatte sie nicht erwartet. »Sind Sie Mrs. Maddison? ... mein Name ist Haynes – der Polizei bin ich als Gunner Haynes bekannt. Neben anderen Sachen beschäftige ich mich auch mit Juwelendiebstahl«, waren seine Worte. Seine Stimme war ruhig, als ob er sich als Mitglied einer sehr ehrenwerten Kaufmannsgilde vorstellte. »Ich bin einmal mit Ihrem Gatten zusammengetroffen, und er versuchte, mir einen Dienst zu leisten – ich würde gern dasselbe ihm gegenüber tun, Mrs. Maddison.« Sie nickte. »Mr. Danton Morell ist ein Freund Ihres Hauses?« fragte er. »Ja«, antwortete sie kühl. »Warum?« Sie sah, wie es um seine Lippen zuckte. »Ich wollte es gern wissen ... Mrs. Maddison, würden Sie es für eine große Impertinenz meinerseits halten, wenn ich Sie fragen würde, warum Ihr Gatte Sie verlassen hat?« Sie blickte ihn fest an. »Würden Sie es für eine solche halten?« antwortete sie ruhig und sah, wie er leise lächelte. »Es würde noch etwas mehr als impertinent sein. Und doch, Mrs. Maddison, habe ich ein weitgehendes Interesse für die Angelegenheiten Ihres Mannes. Ich habe sicher viele schlechte Eigenschaften, aber Undankbarkeit ist nicht darunter. Ihr Gatte machte sich die Mühe, mich zu warnen, und zwar in einem Augenblick, wo er wußte, die Polizei war auf dem Wege, mich zu verhaften. Wenn es jemals einen aufrechten und anständigen Menschen gegeben hat, so war es Luke Maddison. Ich hätte eine solche Frage nicht an Sie richten und noch weniger eine Antwort darauf erwarten dürfen. Das einzige, was ich brennend gern erfahren möchte, ist: Haben Sie eine Ahnung, wo sich Ihr Mann aufhält?« »Wollen Sie ihn sehen?« sagte sie herausfordernd. Er schüttelte den Kopf. »Nein, aber ich würde gern genau wissen, wo er ist. Ich habe einen ganz besonderen Grund dafür. Ist er in London?« »Im Augenblick ist er in Spanien«, entgegnete sie, »aber ich bin leider nicht in der Lage, Ihnen seine Adresse geben zu können.« »Und Mr. Morell – ist er auch in Spanien? Verzeihen Sie, bitte, Mrs. Maddison, aber wenn ich einen Grund für die erste Frage habe, so bitte ich Sie, mir zu glauben, daß ich einen doppelt wichtigen Grund für die zweite habe. Morell gehört zu jener Art Männer, die keine Dame kennen sollte –« Sie ging an den Tisch und drückte auf einen kleinen Onyx-Klingelknopf. Der Gunner lächelte. »Das bedeutet natürlich, daß Sie mich hinauswerfen, und ich kann Ihnen nicht unrecht geben. Ich befürchte, ich habe dies Interview in jeder Beziehung verfahren, und ich hatte doch die Absicht, so diskret und diplomatisch wie möglich zu sein. Vor allen Dingen wollte ich nur wissen, wo Mr. Maddison ist –« »Und darauf habe ich Ihnen bereits geantwortet«, sagte sie, als die Zofe auf der Türschwelle erschien. »Was nun Danty Morell betrifft –« begann er. Ihre Hand wies auf die Tür. »Ich liebe es nicht, über meine Freunde zu sprechen – nicht einmal mit den eigenartigen Bekannten meines Mannes«, fiel sie ein und hörte ihn noch leise wie über einen guten Witz vor sich hin lachen, als er die Treppe hinabging. Sie wartete, bis sie die Haustür zufallen hörte, und ging dann in den kleinen Salon, den sie leer fand. Von der Zofe erfuhr sie, daß Danty wenige Minuten nach der Ankunft Gunner Haynes fortgegangen wäre. Danty war kein Mann, der sich einem unnötigen Risiko aussetzte. Sie hatte im Westend verschiedene Besorgungen zu erledigen und gab am späten Nachmittag ihrem Chauffeur die Weisung, durch den Park zu fahren. In der Nähe von Marble Arch ließ sie den Wagen halten und stieg aus. Sie wollte einige Augenblicke in der Einsamkeit des Parkes spazierengehen. Hier konnte sie ruhiger und klarer nachdenken. Langsam schlenderte sie den Weg entlang, der neben dem großen Fahrweg herläuft, und sah einen Wagen auf der anderen Seite der Straße heranrollen. Ein elektrisches Coupé mit zwei Insassen: ein blendend schönes Mädchen, hochelegant gekleidet. Neben ihr, das Gesicht halb unter einem breitkrempigen Filzhut verborgen, ein bärtiger Mann von auffallendem Äußeren. Wenige Schritte vor Margaret gingen ein großer, starker Mann und ein hübsches junges Mädchen. Als sie an ihnen vorbeischreiten wollte, hörte sie den Mann sagen: »Sehen Sie sich mal die elegante Dame da an! Das ist Jean Gurlay – eine der vollkommensten Hochstaplerinnen Londons.« Sie erkannte den Spatz und seine Begleiterin und setzte sich auf eine Bank, da sie nicht wünschte, von den beiden gesehen zu werden. Ihre Augen folgten neugierig dem eleganten Wagen. Sie sah, wie er langsam wendete und auf ihrer Seite auf sie zukam, und beobachtete gleichgültig das hübsche Mädchen und den bärtigen Mann, dessen Kopf seiner Begleiterin zugewandt war. Als sie dicht an ihr vorbeifuhren, hörte sie den Mann sagen: »Das ist alles so unklar. Was soll das eigentlich bedeuten?« Im selben Augenblick war sie aufgesprungen – Blaß, an allen Gliedern zitternd. Sie hatte die Stimme des bärtigen Mannes erkannt – es war Luke! 17 Das Leben in Ginnet-Street konnte manchmal ganz amüsant sein, so dachte wenigstens Luke Maddison. Es war der dritte Tag, seitdem er dort wohnte, und sein neues Leben mißfiel ihm nicht allzusehr. Als er sich vom Hospital aus auf den Weg machte, hatte er sich doch viel schwächer gefunden, als er geglaubt hatte. Er war froh über die Ruhe, froh, daß er im Augenblick frei von äußeren Sorgen war, froh, keinem Menschen Rechenschaft über das merkwürdige Leben, in das er geraten war, ablegen zu müssen. Mrs. Fraser störte ihn wenig. Sie brachte ihm eine überraschend interessante Sammlung aller möglichen Bücher, setzte ihm einfache, aber nahrhafte Mahlzeiten vor und hatte ihm nur geraten, lieber nachts auszugehen, falls er das überhaupt wollte. Die aufmerksame Bedienung, die sie ihm zuteil werden ließ, überraschte ihn immer wieder von neuem, obwohl er sich darüber klar war, daß sie nur im Auftrage seines unbekannten Gönners handelte. Ein Teil des Rätsels wurde am dritten Tage gelöst, als sie verschiedenes über Australien, wo er niemals gewesen war, wissen wollte. Er sagte ihr dies, und sie lächelte verschmitzt. »Wenn Lewing nur halb soviel Verstand wie Sie gehabt und seinen Mund gehalten hätte, würde er heute vielleicht noch vergnügt und munter herumlaufen, und niemand wüßte etwas von Ihnen. Aber er war ein unglaublicher Aufschneider, rühmte sich immer damit, was seine Bande gegen die unsere fertig bekommen würde, obgleich er sehr gut gewußt haben muß, daß wir das meiste Geld hatten.« Nach und nach wurde ihm die Sache klar. Lewing hatte sich mit einem Mann gebrüstet, der von Australien herüberkommen sollte, um mit seiner »Bande« zu arbeiten. Luke fand heraus, daß dieser Mann in seinen »Kreisen« dort drüben großes Ansehen genoß, daß er aber nie bestraft worden war. »Als Connor hörte, Sie würden herüberkommen, hat er sofort gesagt: ›Das ist der richtige Mann für uns – den müssen wir haben.‹ Seiner Meinung nach war die Affäre mit der Sidney Bank das geschickteste Ding, das jemals geschoben wurde ...« Luke begann allmählich seine neue Identität herauszufinden und erhielt auch hier und da kleine unfreiwillige Auskünfte, die ihn die Sachlage erkennen ließen. Wenn Lewing auch nicht das Haupt oder der Anführer der Borough-Bande gewesen war, so doch immerhin für diese eine Person von beträchtlicher Wichtigkeit. Er war es, der die Verhandlungen mit dem Australier angeknüpft und ihn augenscheinlich durch Korrespondenz für seine Bande angeworben hatte. Luke erfuhr außerdem, daß die ständige Fehde zwischen den Banden in Süd-London seine eigenen Gründe hatte. Die Borough-Bande bestand in der Hauptsache aus Flußdieben, und verschiedene von ihnen waren durch die Ladungen, die sie beraubt hatten, reiche Leute geworden. »Wir wollen erst mal das eine klarstellen, Mrs. Fraser. Man nimmt an, daß ich ein australischer Verbrecher bin – mit ›man‹ meine ich natürlich Ihre Prinzipale.« »Meine: was?« fragte Mrs. Fraser verständnislos. Luke erklärte. »Nun, sehen Sie, ich bin nicht der Mann, den Sie erwartet haben«, begann er nachdrücklich. »Daß ich gerade in jener Nacht, als Lewing getötet wurde, mit ihm zusammen war, bedeutet gar nichts – es war der reinste Zufall. Ich kann sicherlich ein Auto führen, befürchte aber, daß ich Ihren Freunden, die mit den Gesetzen wohl nicht auf dem besten Fuß leben, kaum von großem Nutzen sein kann.« Bei diesen Worten lächelte sie verständnisvoll. »Was mir bei Ihnen so gut gefällt, Mr. Smith«, sagte sie, »ist, daß Sie so zurückhaltend sein können.« Spät in der Nacht sah er dann den gefürchteten Connor. Als dieser ihm die Hand reichte und ihn begrüßte, schauderte er, denn die gleiche tiefe Stimme hatte er in der Nacht gehört, als Lewing seinen Tod fand. »Für die nächsten zwei oder drei Tage brauche ich Sie noch nicht, Smith«, sagte Connor rauh. »Alles hier in Ordnung mit Ihnen? Gut so!« Sein Ton war befehlend, und bevor Luke erklären konnte, wer er eigentlich war, oder vielmehr, wer er nicht war, war der Mann verschwunden. Ein oder zwei Tage später hatte er eine weitere Überraschung. Er saß lesend an seinem Tisch, als sich die Tür öffnete und ein hübsches, blondes Mädel hereinkam, die ihn mit einer Art von belustigtem Interesse betrachtete. »Connor hat mich zu Ihnen geschickt. Sind Ihre neuen Sachen schon gekommen?« Luke schüttelte den Kopf und sagte lächelnd: »Nein. Werde ich neu ausgestattet?« Sie betrachtete ihn prüfend. »Sie haben einen Friseur außerordentlich nötig, und ich will heute abend noch einen zu Ihnen schicken. Ihr Bart muß gestutzt werden. Wäre es Ihnen unangenehm, morgen mal mit mir eine kleine Spazierfahrt zu machen?« Er lachte. »Ich könnte mir noch viel unangenehmere Dinge denken als das«, sagte er und wunderte sich, wer sie war, oder warum sie eigentlich gekommen war. Sie war gut, aber nicht auffällig gekleidet, um, wie er vermutete, möglichst wenig Aufmerksamkeit zu erregen. »Das ist ein richtiges Loch, in dem Sie hier hausen!« sagte sie und blickte verächtlich auf die Straße hinaus. »Das muß ja entsetzlich für Sie sein. Ich kann nicht begreifen, wie die Leute hier überhaupt existieren können.« Er antwortete nichts. In diesen Tagen war ihm das Leben der »Kinder der Armen« bekannt geworden; in den frühen Morgenstunden hatte er beobachtet, wie sich die Haustüren öffneten, wie die Arbeiter herausströmten; hatte gesehen, wie die abgearbeiteten Frauen zu kämpfen hatten, um für einen halben Schilling den Wert eines ganzen zu erringen. Um halb neun Uhr machten sich die Töchter, nett angezogen, in fleischfarbenen Strümpfen und billig eleganten Mänteln auf den Weg nach der City, um in harter Tagesarbeit das schmale Einkommen der Familie zu erhöhen. Die Kinder der Armen! Die Opfer von tausend Raubvögeln, ständig auf der Lauer! Denn die Armen werden beraubt, wie die Reichen nie beraubt werden. Es gibt ein Dutzend Banden kleiner, verkommener Diebe, die die Taschen der Armen in den Omnibussen leeren, sich, wenn niemand anwesend, in die Häuser schleichen, um einige der armseligen Besitztümer, die nur wenige Pence wert sind, davonzutragen. Eines Nachts hatte er beobachtet, wie drei junge Strolche einen älteren Arbeiter angriffen, ihn zu Boden schlugen und seine Taschen leerten. Man hatte ihm von zungenfertigen Leuten gesprochen, die den Frauen erzählten, sie wären von ihrem Mann geschickt worden, um vergessene Werkzeuge zu holen; und einmal hatte er zu seiner großen Freude einen Motorwagen in die Straße einfahren sehen, dem ein halbes Dutzend Detektive entstiegen, um einen berüchtigten Zuhälter zu verhaften. Die Polizei beschützte die Kinder der Armen ... – soweit sie es vermochte. Er hatte gesehen, wie ein Rohling, der sein Weib halbtot geprügelt hatte, bewußtlos auf dem Bürgersteig lag, nachdem er eine kurze, aber eindringliche Unterhaltung mit dem Gummiknüppel eines Schutzmanns gehabt hatte. Aber in der Regel entwischten diese menschlichen Parasiten, die von den Ärmsten der Armen lebten, ungestört. Das junge Mädchen wandte sich ihm zu. »Wir wollen uns morgen am Guards Memorial im Green Park treffen. Ich werde im Auto kommen und Sie mitnehmen.« Sie betrachtete ihn von oben bis unten, und unverhehlte Bewunderung lag in ihrem Blick. »Sie haben eine nette Stimme«, sagte sie, »und würden überall als Kavalier durchgehen.« Am Abend trafen die Sachen ein; sie paßten ihm wie angegossen, und als schließlich der Friseur seine Arbeit beendigt und Luke sich umgezogen hatte, war er beinahe auch mit dem ungewohnten Vollbart einverstanden. Das Interesse an seinem neuen merkwürdigen Leben machte es ihm verhältnismäßig leicht, zu vergessen. Der Wunsch nach Abenteuern, nach neuen Erlebnissen hatte ihn gepackt. Margaret gehörte einer fernen traumhaften Vergangenheit an. Lebhaft ging er am nächsten Tage dem vereinbarten Platze zu und war erfreut, wie elastisch sein Tritt trotz des langen Krankenlagers war. Kaum hatte er den Platz am Denkmal erreicht, als er sah, wie sich ein Auto näherte, und auf ein Zeichen der Insassin trat er an den Rand des Bürgersteigs, als der Wagen anhielt. Sie war in ausgezeichneter Laune. »Eine feine Idee, sich in einer bestimmten Art Wagen sehen zu lassen«, sagte sie. »Sie begreifen natürlich nicht, was ich meine? Kann ich mir denken!« Sie fuhren in den Hydepark hinein und langsam an der Seite des Fußgängersteiges entlang. Seine Begleiterin war sehr hübsch, obwohl etwas älter, als er anfänglich gedacht hatte, und Luke empfand diese neue Abwechselung nach seiner langen erzwungenen Ruhe angenehm. »Sehen Sie den alten, fetten Menschen da drüben? Das ist der Spatz. Dem müssen Sie im weiten Bogen aus dem Wege gehen.« Als er diesen Namen hörte, fuhr er zusammen. »Sie meinen Bird?« stotterte er und blickte verstohlen in die angegebene Richtung. Er sah Mr. Bird in Gesellschaft eines hübschen jungen Mädchens, aber die Dame, die sich im gleichen Augenblick hinter den beiden auf eine Bank des Parkes setzte, erkannte er nicht. Als der Wagen drehte und auf der anderen Seite der Straße zurückfuhr, sagte sie plötzlich: »Ein anderer Wagen wartet in der Nähe der Kavalleriekaserne aus uns. Hoffentlich können Sie wirklich gut fahren?« »Ein anderer Wagen?« fragte er erstaunt. Sie nickte. »Ich will mal sehen, was Sie können.« »Das ist alles sehr unklar für mich«, antwortete er lachend. Der Wagen wartete auf sie, ein geschlossenes, leichtes Auto. Niemand war dabei, aber ohne Zögern ließ sie ihr Coupé halten, stieg heraus und verabschiedete den Chauffeur. »Hier ist er. Steigen Sie ein.« Luke nahm den Platz hinter dem Steuer ein, drückte auf den Selbststarter, und sie setzte sich schnell an seine Seite. »Crafton Street«, in geschäftsmäßigem Ton. »Halten Sie gegenüber vom Rean-Club.« Er nahm an, sie wollte seine Geschicklichkeit prüfen, denn er hatte drei überfüllte Straßen zu passieren, bevor er den Wagen an dem angegebenen Platze zum Halten brachte. »Jetzt passen Sie auf«, sagte sie hastig mit unterdrückter Stimme. »Ich will meinen Mann aufsuchen.« Sie blickte ihm gerade in die Augen. »Sollte er Krach machen, erwarte ich, daß Sie mir helfen, geht alles gut, dann fahren wir ruhig fort, die Albemare-Street hinunter und über die Vauxhall-Brücke nach Tooting-Common. »Ihren Mann?« stotterte er. Sie warf ihm einen argwöhnischen Blick zu. »Das haben Sie dem Greifer zu sagen, wenn die Sache schief geht.« Sie erklärte ihm nicht, was ein Greifer war, und war verschwunden, bevor er fragen konnte. Er ließ den Motor, wie ihm aufgetragen war, laufen, und es vergingen einige zwanzig Minuten, bis er sie gleichmütig um die Ecke der Bond-Street auf sich zukommen sah. Als sie in den Wagen stieg, kam ein Mann in Hemdsärmeln hastig angelaufen, stürzte auf sie zu und griff sie beim Arm. Sie versuchte sich freizumachen, und bevor Luke sich selbst klar wurde, was er eigentlich tat, hatte er dem Mann einen Faustschlag versetzt, der ihn auf den Bürgersteig warf. »Fort!« zischte sie ihn an, und ganz mechanisch ließ Luke Maddison die Maschine davonschießen. Sie kreuzten die Oxfort-Street, fuhren durch den Park und hatten schon die Vauxhall-Brücke passiert, bevor ihm langsam klar wurde, was eigentlich vorgefallen war. »Warum hat der Kerl Sie angegriffen?« »Mein Mann – ich hatte einen heftigen Streit mit ihm«, antwortete sie ruhig. Und dann mit leiser Stimme: »Ich wußte es, Connor hatte unrecht«, und pfiff leise durch die Zähne. »Wenn ich nicht Grips genug gehabt hätte und auf die Geschichte mit meinem Mann gekommen wäre, würde ich jetzt schon auf dem Wege nach Holloway Holloway: Das Frauengefängnis in London. sein!« Er sah, wie sie verstohlen auf jeden Schutzmann blickte, an dem sie vorbeikamen, und sein Herz klopfte unruhig, als sie endlich nach Tooting-Common kamen, und er auf ihre Anweisung den Wagen anhielt. »Wir wollen hier aussteigen«, sagte sie. »Sie fahren mit dem Autobus zurück, und ich nehme ein Taxi. Wenn Connor heute abend kommt, sagen sie ihm, daß ich es habe.« Sie wandte sich ab, um zu gehen, aber er hielt sie zurück. »Was haben Sie?« fragte er ernst. Und dann bemerkte er das flache Kästchen, das sie unter ihrer Lederjacke trug. »Mein Gott!« fuhr Luke entsetzt auf. »Sie haben das gestohlen!« Ihre Augen blickten ihn belustigt an, als sie nickte. »Aber natürlich, Sie armer Einfaltspinsel!« Sie rief ein vorbeifahrendes Taxi an, und er ließ sie ohne weitere Worte gehen. Wie im Traum sah er hinter dem Wagen her, zu betäubt, um auch nur denken zu können. Niemals konnte er sich an die Fahrt nach Lambeth erinnern. Als er nach Stunden über die Westminster Brücke kam, sah er einen Zeitungsverkäufer mit einem Plakat: »Verwegener Raubanfall im Westend.« Er stand wie versteinert und starrte offenen Mundes das Plakat an, dann suchte er in seiner Tasche und gab mit zitternder Hand dem Zeitungsverkäufer einen Penny... Er wagte es nicht, in die Zeitung zu blicken, bevor er nicht in einer ruhigen Straße war. Verwegener Raubanfall im Westend Ein bärtiger Mann und eine hübsche Frau berauben Taffanny um ein Diamantenhalsband im Werte von zwanzigtausend Pfund. Ein verwegener Raub wurde heute nachmittag in dem Geschäftslokal der bekannten Firma Taffanny in der Bond-Street ausgeführt. Ungefähr gegen 3 Uhr 50 betrat eine gutgekleidete Frau den Laden und wünschte einfache goldene Ringe zu sehen. Während der Verkäufer ihr den Rücken zudrehte, muß sie eine Glasvitrine mit einem Hammer mit Gummikopf zertrümmert haben. Er hatte keinerlei Geräusch gehört, das jedenfalls durch den Straßenlärm erstickt wurde. Als er sich ihr zuwandte, waren nicht nur die Frau, sondern auch ein wertvolles Diamantenhalsband verschwunden. Er eilte hinterher und packte die Frau beim Arm, als sie gerade in ein Auto steigen wollte. Im gleichen Augenblick wurde er durch einen Faustschlag ihres Begleiters zu Boden geworfen, der als ein großer Mann mit hellem gepflegtem Vollbart beschrieben wird, gekleidet in grauen Straßenanzug und ... »Das bin ich!« stöhnte Maddison und wäre beinahe in Ohnmacht gefallen. 18 Luke Maddison saß in seinem kleinen Zimmer in der Ginnet Street, hatte das Haupt in die Hände gestützt, unfähig, einen vernünftigen Gedanken zu fassen. Mrs. Fraser war nicht im Laden, als er nach Hause kam, und schien auch nicht zu wissen, daß er zurück war. Dies war aber nicht der Fall, denn einige Minuten später kam sie herein und brachte ihm eine Tasse Tee. Er hatte die Empfindung, daß sie sehr gut wußte, was am Nachmittag vorgegangen war, obgleich sie erst im Augenblick, als sie das Zimmer verlassen wollte, eine Anspielung auf sein Abenteuer machte. »Connor sagt, die Sache kann nur dann gefährlich werden, wenn einer von der Lewing-Bande uns verpfeift.« »Was ist denn ›verpfeifen‹?« fragte Luke, und sie lächelte freundlich und voller Bewunderung. »Sie sind aber einer! Aber vielleicht hat man in Australien andere Ausdrücke.« Er lehnte sich zurück. »Wissen Sie, was ich annehme, Mrs. Fraser?« begann er ruhig. »Jeder Mensch in dieser Straße, der die Beschreibung liest, wird mich sofort erkennen, wenigstens hundert Leute müssen mich gesehen haben, als ich die Ginnet Straße entlang ging –« Sie schüttelte den Kopf. »Ich kenne jeden Menschen in der Nachbarschaft und weiß, was er macht«, antwortete sie ebenso ruhig. »Der einzige Mensch, der Sie gesehen hat, ist der alte Joe, der Botengänge für mich macht. Connor läßt sagen, Sie sollen ihren Bart abnehmen und einen anderen Anzug anziehen. Wenn Sie sich umgezogen haben, will ich die Sachen, die Sie jetzt anhaben, gleich wegbringen.« »Einen anderen Anzug?« fragte er halb ärgerlich. »Ein neuer blauer hängt im Schrank; er kam heute nachmittag, als Sie weg waren.« Und mit diesen Worten ging sie hinaus. Fast eine Viertelstunde lang saß er, ließ seinen Tee kalt werden. Seine Gedanken waren in Aufruhr ... halb entsetzt, halb belustigt. Er, Luke Maddison, war ein Dieb, tätiges Mitglied einer Bande, die Taffanny beraubt hatte! Er kannte Taffanny sehr gut; hatte er doch Margarets Verlobungsring über denselben Glastisch hinweg gekauft, der erbrochen worden war. Er war hilflos – der Gedanke, zur Polizei zu gehen und seine Verbündeten zu verraten, kam ihm nicht einmal. Es gab nur einen einzigen Ausweg für ihn, und der war, sich bei der ersten passenden Gelegenheit aus dem Staube zu machen. Er hatte an Steele seines Scheckbuches wegen geschrieben, das nach Ronda geschickt werden sollte, und es war ganz einfach, Spanien zu erreichen – War es wirklich so einfach? Es fiel ihm plötzlich ein, daß er keinen Paß hatte. Und es war gänzlich unmöglich, gerade nach Spanien zu kommen – ohne Paß. Nach Spanien, wo jeder Mann, jede Frau, die die Grenze passierten, so genau kontrolliert wurden! Wenn er seinen Diener nicht entlassen hätte, wäre es leicht für ihn, sich in der Nacht in seine Wohnung zu stehlen, eine Handtasche zu packen und mit einem der Züge nach dem Kontinent davonzugehen. Aber wahrscheinlich hatte sein Anwalt den Schlüssel der Wohnung. Ein neuer Gedanke stieg in ihm auf. Hulbert wohnte doch in der St. James Street, er war Junggeselle und sein Freund! Luke gab sich alle Mühe, das Abenteuer des Nachmittags aus seinem Gedächtnis zu streichen. Das war etwas, an das er nicht ohne Schauder denken konnte – aber er pfiff vergnügt vor sich hin, als Mrs. Fraser mit einer blinkenden neuen Schere hereinkam, den grauen Anzug, den er abgelegt hatte, an sich nahm und ihm schließlich ein Paar braungelbe Schuhe von so entsetzlich schreiender Farbe brachte, daß ihm beinahe die Augen übergingen. »Connor läßt sagen, Sie möchten lieber Ihren Schnurrbart behalten.« »Wo ist denn Connor? Ist er hier?« Sie schüttelte den Kopf. »Nein, er hat mich angerufen.« »Ich wußte nicht, daß Sie Telephon haben«, sagte er überrascht. Mrs. Fraser lächelte bedeutungsvoll. »Wir haben eine ganze Masse Sachen hier, von denen die Leute nicht die geringste Ahnung haben«, war ihre Antwort. Etwas später brachte sie ihm Rasierseife, einen funkelnagelneuen Streichriemen und ein Rasiermesser, das eben erst gekauft sein mußte, denn es war noch in Ölpapier verpackt. Trotz des neuen Messers war das Rasieren eine doch sehr peinliche Angelegenheit, aber das Resultat mußte gut sein, denn Mrs. Fraser, die ihm seine einfache Mahlzeit brachte, blickte ihn beifällig und mit Bewunderung an. »Wirklich, ich hätte Sie nicht wiedererkannt, Mr. Smith, und ich möchte wetten, Ihr bester Freund erkennt Sie nicht!« Und davon war Luke völlig überzeugt. Welch eine außerordentliche Veränderung doch ein Schnurrbart im Äußeren eines Mannes hervorrufen kann! Er gab ihm einen gewissen finsteren, unheimlichen Ausdruck – und fasziniert starrte Luke auf sein Bild im Spiegel. Mrs. Fraser schien redseliger zu sein als gewöhnlich, fragte ihn, ob er verheiratet wäre, und erzählte, bevor er noch antworten konnte, daß sie selbst Witwe wäre. »Sozusagen wenigstens«, verbesserte sie sich. »Mein Mann hat vor zwei Jahren lebenslänglich gekriegt.« Sie teilte ihm diesen bedauerlichen Vorfall ganz ruhig mit, und Luke vermutete, daß das Leben nicht zu sanft mit dieser Frau umgesprungen wäre. »Er hat es sich selbst zuzuschreiben«, fuhr sie fort. »Hat einen Blauen angeschossen und beinahe um die Ecke gebracht; natürlich wollte Connor dafür nicht gerade stehen. Connor sagt, daß ein Schießeisen ganz gut für die Anführer ist, aber nicht für die Leute. Fraser war so 'ne Art Mensch – piff, paff ... erledigt! Er hat schon alles mögliche versucht und –« »War er schon vorbestraft?« Sie lachte laut auf. »Aber natürlich. Hat schon zweimal gesessen. Einmal für einen Schwindel oben in Manchester – er und Danty arbeiteten da zusammen –« »Danty?« fuhr er dazwischen. »Wer ist denn das?« »Er arbeitet in der Industrie ... Aktien und so was ... Sie verstehen schon, Dumme finden sich da immer, Sie müssen sicher von ihm gehört haben. Er soll sich ja jetzt geändert haben, aber man kann nie wissen. Er lebt im Westend, kennt alle seinen Leute und hat eine Wohnung in der Jermyn Street. Er und Gunner Haynes haben früher zusammen gearbeitet –« »Gunner Haynes? – Kennen Sie ihn denn?« warf Luke dazwischen. Nach dem Ausdruck ihres Gesichtes und ihrer Stimme nahm er an, daß Haynes in den oberen Kreisen der Unterwelt eine Person von großer Bedeutung sein mußte. »Nein, kennen tue ich ihn nicht, habe bloß von ihm gehört. Aber wie nennt sich denn Danty jetzt eigentlich?« Sie runzelte nachdenkend die Stirn. »Es lag mir auf der Zungenspitze – so 'n feiner Name. Ha, Danton Morell – jetzt hab' ich's! Connor hat erst neulich über ihn gesprochen.« Das Zimmer schien vor Luke Maddisons Augen zu schwanken. Danton Morell – ein Hochstapler, ein ehemaliger Sträfling! Es war unglaublich. Und dann kam plötzlich ein Gedanke, der ihn halb betäubte: Danton Morell war der beste Freund seiner Frau! »Wie sieht er eigentlich aus?« »Danty? Ich habe ihn zwei- oder dreimal gesehen ...« Und sie beschrieb Morell in ihrer Weise, aber so genau, daß kein Zweifel blieb, daß es sich wirklich um denselben Mann handelte! Die Notwendigkeit, sich sobald als möglich aus seiner jetzigen Umgebung zu befreien und wieder Luke Maddison zu werden, wurde immer dringender. Seine unbestimmten Pläne formten sich, nahmen Gestalt an. In dieser Nacht würde er das Haus verlassen, Hulbert, seinen Anwalt, aufsuchen und ihm die volle Wahrheit berichten. Gegen neun Uhr, er war gerade im Begriff, davonzugehen, entstand eine unerwartete Schwierigkeit. Er wollte gerade das Licht ausschalten, als Mrs. Fraser eilig hereinkam und vorsichtig die Tür hinter sich zuzog. Ihr Wesen ließ erkennen; daß sich etwas Ernsthaftes ereignet haben mußte. »Zwei von der Lewing-Bande sind unten«, sagte sie leise. »Ich hatte keine Möglichkeit mehr, Connor anzurufen; der Apparat ist im Wohnzimmer, und sie waren schon drin, bevor ich überhaupt wußte, was los war.« Sie hielt etwas unter ihrer Schürze verborgen, und als sie die Hand hervorzog, sah er einen kleinen Browning. »Stecken Sie das ein«, sagte sie eindringlich. »Man kann nie wissen, was diese Kerls vorhaben.« Mechanisch nahm er ihr die Schußwaffe ab und steckte sie in die Hüftentasche. Das einzige, was er auf jeden Fall zu vermeiden wünschte, war eine Szene mit den Mitgliedern der feindlichen Bande. Es war für ihn beinahe eine Lebensfrage, die Ginnet Street so schnell wie möglich zu verlassen, und wenn der Revolver ihm dabei helfen konnte, um so besser. »Die wollen mit Ihnen sprechen –« begann sie. Und dann tönte eine Stimme vom Fuß der engen Treppe herauf. »Kommen Sie 'runter, Smith!« Drohung lag in dem Ton. Mrs. Fraser riß die Tür auf. »Warten Sie!« Und nach unten: »Was denkt ihr euch denn eigentlich? Ihr seid wohl verrückt geworden?!« Luke hörte eine brummende Stimme und das Zuschlagen der Tür, die unten an der Treppe nach dem Wohnzimmer ging. Dann winkte sie ihm mit dem Kopfe, und er folgte ihr die Treppenstufen hinunter. Zwei Männer waren in dem Zimmer. Einer mit dem Rücken gegen den Kamin, der andere bedeutungsvoll in der Nähe der Tür, die nach dem Laden führte. Beide waren ganz gut angezogen, und er hätte sie für biedere Handwerker gehalten, wenn er ihnen auf der Straße begegnet wäre. Jedenfalls verrieten ihre Gesichtszüge nichts von ihrem eigentlichen »Beruf«. Der eine war lang und ziemlich dick, der andere, der eine Krawatte in den Farben eines Kavallerieregiments trug, von schlanker Figur. Der dicke Mann, der mit dem Rücken nach dem Feuer stand, senkte sein Kinn auf die Brust und blickte Luke unter seinen Augenbrauen hervor an. »Ist das Smith?« fragte er. »Das ist Mr. Smith«, war Mrs. Frasers gereizte Antwort. »Was soll das bedeuten, daß Sie hierher kommen und sagen, Sie wären jemand, der Sie nicht sind?« fragte der kleinere Mann an der Tür mit auffälliger Hast. Sein Begleiter schnitt ihm das Wort ab. »Du bist stille, das Reden werde ich schon besorgen, Curly! – Sie haben doch das Ding gestern gedreht, Smith?« »Ich habe schon manche Dinge gedreht«, war Lukes kühle Antwort. »Sie behaupten, Sie sind ein Mann namens Smith, den unser Chef von Australien 'rüberkommen ließ – nee, ich spreche nicht von Lewing. Lewing war 'ne Null. Sein großes Maul hat ihn ruiniert, und es ist gut, daß er weg ist. Aber Sie sind nicht Smith.« Er wies mit dem Finger auf den Mann an der Tür. »Der da ist Curly Smith.« »Aber sicher!« Der kleine Mann zitterte vor Wut. »Sie haben meinen ... Namen mißbraucht« – er gab dem Namen ein nicht näher zu bezeichnendes Beiwort. Der Mann vor dem Feuer fiel wieder ein. »Es ist eine Dame hier, vergiß das nicht!« sagte er, und zwar so feierlich, daß Luke sich kaum das Lachen verbeißen konnte. »Die Sache ist die«, begann der dicke Mann, dessen Name, wie Luke herausfand, Verdi war, »man hat Sie aufgehoben, als Lewing seinen Teil wegbekommen hatte – und Sie Ihren natürlich auch – und Connor dachte, Sie wären der Mann, den Lewing in den Londondocks treffen sollte. Aber anstatt dahin zu gehen, bekam Lewing es mit der Angst, weil er glaubte, die Connor-Bande wäre hinter ihm her ... er hatte einen verpfiffen. Aber Sie sind nicht Smith, und ich will wetten, daß Sie niemals in Australien gewesen sind.« »Der!« Curly Smith betrachtete ihn verächtlich. »Der Mensch da könnte in Australien überhaupt nicht bestehen!« Er zog eine Zeitung aus seiner Tasche. »Sehen Sie, was Sie angerichtet haben?« zischte er und hielt die Zeitung unter Lukes Nase. Luke Maddison las den Absatz durch, auf den der schmutzige Daumen des Mannes hinwies. »An diesem Raube soll, wie die Polizei annimmt, ein Mann namens Smith beteiligt sein, der vor wenigen Wochen mit dem Orientdampfer Pontiac von Australien hier angekommen ist.« »Sehen Sie nun, was Sie gemacht haben?« wiederholte Smith wütend. »Sie haben die Blauen auf mich aufmerksam gemacht!« Seine Hand wanderte zu seiner Hüftentasche. »Ruhig!« grollte Verdi. »Der Kerl hier hat ein Schießeisen – was denkst du denn, warum die Alte zu ihm 'raufgegangen ist?« Mrs. Fraser fuhr bei dieser Beleidigung hoch. »Alte – ich, du fetter Molch! Wir woll'n mal sehen, was Connor dazu zu sagen hat! In ein paar Minuten ist er hier.« Verdi blickte unruhig nach der Tür. »Bluff! – und auf jeden Fall, Connor kann nichts dagegen haben, wenn wir hierherkommen und ein paar Auskünfte haben wollen. Wir haben doch das Recht dazu.« »Wollen Sie noch was von mir?« sagte Luke und ging auf die Tür zu. Curly Smith stellte sich ihm in den Weg. »Was wir wissen wollen –« begann Verdi. »Ihr werdet alles Nötige gleich wissen«, sagte Luke kurz und ging noch einen Schritt weiter, aber Smith rührte sich nicht. Plötzlich schoß Lukes Hand vor, packte den kleinen Mann und schleuderte ihn quer durch das Zimmer. Es war nicht der Augenblick, um zu verhandeln, instinktiv wußte er, daß er den einzig richtigen Weg einschlug, als er die Tür weit aufstieß. »'raus! Alle beide!« Verdi zuckte die Schultern. »Schon gut, wir wollen keinen Stank.« Er lächelte, als er auf Luke zukam; aber Mrs. Fraser, die an der anderen Seite des Tisches stand, sah den Totschläger in seiner rechten Hand. »Passen Sie auf!« rief sie schrill. Als die Hand sich erhob, traf Lukes Rechte das Kinn seines Gegners, der krachend gegen die Holzwand schlug, die den Laden vom Wohnzimmer trennte. Einen Augenblick war er betäubt, und der genügte, daß Luke ihm den Totschläger entriß und in seine Tasche gleiten ließ. »Und jetzt bist du dran.« Er wandte sich Curly Smith zu, aber der kleine Mann ging stillschweigend an ihm vorbei durch die Tür. Verdi hatte sich inzwischen erhoben und blinzelte, ein wenig schwankend, mit seinen wäßrigen Augen den Mann an, der ihn zu Boden geschlagen hatte.« »Schon gut«, sagte er schließlich und ging schwerfällig seinem Begleiter nach. Luke schloß die Tür hinter ihnen und wandte sich Mrs. Fraser zu, die sehr blaß in einer Ecke stand. »Ich habe noch niemals gehört, daß die Lewing-Bande so etwas riskiert hat«, sagte sie, und ihr Atem kam stoßweise. »Ich würde mich gar nicht wundern, wenn sie uns das Haus über dem Kopf ansteckten.« Und das hatten sie schon einmal vorher gemacht, wie Luke zu seinem Entsetzen erfuhr. Die Erklärung für den neuen Anbau am Hause war gefunden. Nr. 339 in der Ginnet Street war augenscheinlich Connors Hauptquartier. Die Polizei hatte niemals eine Durchsuchung des Hauses vorgenommen – aus dem sehr einfachen Grunde, weil sie genau wußte, daß auch nicht für einen Penny gestohlenes Gut dort zu finden war. Er erfuhr außerdem, die letzten Ereignisse hatten Mrs. Fraser aus ihrem Gleichmut gebracht, daß Lewing mit der Bande wenig zu tun gehabt hatte, obwohl diese seinen Namen trug. Sie hatte zuerst aus einer ganzen Reihe von Taschendieben und kleinen Gaunern bestanden, aus der sich dann im Laufe der Zeit die berüchtigte und gefürchtete Lewing-Bande herausgebildet hatte, deren sehr untergeordnetes Mitglied Lewing selbst gewesen war. »Er war weiter nichts als ein feiger Gelegenheitsdieb und ein Verpfeifer.« (Verpfeifer war, wie Luke schließlich herausfand, ein Denunziant.) »Er hat ja bis wenige Tage vor seinem Tode im Gefängnis gesessen.« Luke nickte. Er erinnerte sich an den Besuch Lewings, der mit Gunner Haynes zusammen im Brixton-Gefängnis gewesen und zu ihm gekommen war, um ihm für den Gunner Geld abzuschwindeln. »Die Sache ist noch nicht zu Ende – die Lewing-Bande hat so was noch nie vorher riskiert«, wiederholte Mrs. Fraser. »Ich muß Connor gleich Bescheid geben – gehen Sie aus?« Ja, Luke ging aus und hatte die Absicht, nie wieder zurückzukehren, aber er hielt es für unangebracht, dies seiner Wirtin auf die Nase zu binden. »Haben Sie denn Geld? – Ach, da fällt mir ein ...« Die Frau suchte in der Ledertasche, die sie unter der Schürze trug, und holte ein kleines Päckchen Banknoten hervor. »Connor hat es geschickt – es sind fünfzig«, sagte sie. »Aber nur akonto! Die Sore von gestern muß in vier Teile geteilt werden, und Sie kriegen Ihren. In solchen Sachen ist Connor sehr anständig. Man könnte ihm direkt eine Million Pfund anvertrauen.« »Ich brauche nichts.« »Stecken Sie es in Ihre Tasche«, befahl sie, und in dem Wunsche, die Unterhaltung nicht unnötig zu verlängern, gehorchte Luke. »Haben Sie Kleingeld?« »Mehr als genug«, sagte er beinahe ungeduldig. »Kleingeld?« bestand sie, und später hatte er Grund genug, ihr hierfür dankbar zu sein. Sie brachte aus ihrer Tasche eine Handvoll Silber- und Kupferstücke hervor und sagte: »Wenn Sie versuchen, hier bei uns Fünf-Pfund-Noten zu wechseln, werden Sie Unannehmlichkeiten bekommen – sind Sie Australier?« »Nein«, sagte Luke. Sie schien durch diese Antwort bestürzt zu sein, aber ihr Gesicht klärte sich auf. »Ich nehme an, Connor wird schon Bescheid wissen.« Augenscheinlich bedeutete das Wort »Connor« mehr als alles andere für sie. Sie ging mit ihm bis an die Ladentür und holte ihm schnell noch seinen Mantel, als sie sah, daß es regnete. »Passen Sie auf die Lewings auf«, warnte sie ihn, »und stecken Sie das Schießeisen in eine Tasche, wo Sie leicht 'ran können.« Sie bemühte sich um ihn wie eine Mutter für ihr Kind und war nicht zufrieden, bevor er nicht den Revolver von seiner Hüftentasche in die Manteltasche gesteckt hatte. Niemand war auf der Straße zu sehen, aber er folgte Mrs. Frasers Rat, machte einen weiten Umweg und war zehn Minuten später auf der Westminster-Brücke. Im Parlament war Sitzung; die große Turmuhr wies auf zwanzig Minuten vor zehn. Zuerst mußte er Hulbert, seinen Freund und Rechtsanwalt, sehen. Es war möglich, daß Jack nicht zu Hause war ... Telefonieren natürlich! Und an der ersten öffentlichen Telephonzelle machte er halt und versuchte sein Glück. Hier war er Mrs. Fraser für das aufgedrungene Kleingeld dankbar. Die Stimme von Mr. Hulberts Diener antwortete ihm: »Ich möchte Mr. Hulbert sprechen.« Zu seinem Schrecken kam die Antwort: »Mr. Hulbert ist nicht in England, Sir. Er ist auf einer Erholungsreise nach Berlin gefahren und wird nicht vor Ende nächster Woche zurück sein. Darf ich um Ihren Namen bitten?« Luke war einen Augenblick sprachlos; als die Frage wiederholt wurde, kam ihm ein Gedanke. »Können Sie mir mitteilen, ob jemand in Mr. Luke Maddisons Wohnung ist – sein Diener vielleicht?« Der Ton der Stimme am anderen Ende des Apparates änderte sich. »Wer sind Sie denn? Warum wollen Sie das wissen?« Luke hängte ohne jedes weitere Wort den Hörer an. Er hätte vielleicht dem Manne mitteilen können, wer er war, aber er war zu vorsichtig, sich dem Diener anzuvertrauen, und es war ganz und garnicht wünschenswert, daß ein anderer als Jack Hulbert über seine Anwesenheit in London informiert war. Ein anderer Gedanke kam ihm. Er rief seine eigene Wohnung an und wartete volle fünf Minuten, bis schließlich der Beamte ihm sagte: »Es tut mir leid, Sir, aber der Teilnehmer antwortet nicht.« Luke machte sich langsam auf den Weg nach Pall Mall und dem Buckingham Palast, ohne sich des strömenden Regens bewußt zu werden. Es blieb ihm nur noch eine Möglichkeit. Oft genug hatte er im Scherz gesagt, wie leicht es doch eigentlich wäre, in seine Wohnung einzubrechen. Ganz kürzlich war auf der Rückseite des Hauses, in dem er wohnte, eine Feuerleiter angebracht worden, und der Zugang zum Hof und dieser war nicht schwer zu erreichen. Von dem kleinen Gäßchen hinter dem Hause war es nicht schwierig, über die Mauer zu steigen ... und er wußte genau, wie sein Fenster von außen geöffnet werden konnte. 19 Margaret Maddison war im Begriff, sich zur Ruhe zu begeben, als an der Haustür geklingelt wurde. Sie öffnete die Tür ihres Zimmers und lauschte: unten in der Halle wurde gesprochen; sie hörte die Stimme ihres Dieners, eine andere, tiefere und schließlich die Worte: »Es ist besser, Sie gehen nach oben und sprechen mit Mrs. Maddison. Ich muß sie sehen ... Scotland Yard.« Sie schickte die Zofe nach unten, um zu erfahren, was vorgefallen war, und wenige Minuten später kam das Mädchen zurück. »Ein Inspektor von Scotland Yard, gnädige Frau, er möchte Sie dringend in einer wichtigen Angelegenheit sprechen.« »Ist es Mr. Bird?« fragte sie bestürzt. Warum sie überhaupt bestürzt war, konnte sie sich in diesem Augenblick selbst nicht erklären. Später wurde sie sich darüber klar, daß es vor allen Dingen der Name »Scotland Yard« war – meistenteils mit unangenehmen Nachrichten verbunden. Und dann auch der Gedanke, daß möglicherweise Luke etwas zugestoßen sein könnte. Es war nicht Bird, sondern ein anderer, der sich als Inspektor Gorton vorstellte. »Ich bedauere, Sie zu einer so späten Stunde stören zu müssen, Mrs. Maddison, aber wir haben soeben eine Mitteilung von Mr. Hulberts Diener erhalten – ich glaube, Mr. Hulbert ist der Anwalt Ihres Mannes?« Sie nickte und atmete tief auf. »Ist etwas vorgefallen – ich meine ... mit Mr. Maddison?« »Nein, Mrs. Maddison, nichts Ernsthaftes – möglicherweise hat es überhaupt nichts zu bedeuten. Aber der Diener von Mr. Hulbert hat uns mitgeteilt, daß heute abend bei ihm angerufen wurde, ob jemand in der Wohnung ihres Mannes wäre. Er erzählte uns außerdem, daß Sie den Schlüssel der Wohnung hätten.« Margaret nickte. Der Schlüssel für die Wohnung war ihr wenige Tage nach Lukes Verschwinden ausgehändigt worden. Sein Diener hatte ihn gebracht, und der Schlüssel lag in diesem Augenblick in einem Fach ihres Schreibtisches. »Soweit ich gehört habe, ist Mr. Maddison im Ausland?« »Ja, er ist in Ronda – in Spanien«, sagte sie hastig. »Wenn Sie wünschen, können Sie den Schlüssel haben.« Inspektor Gorton zögerte. »Es wäre mir eigentlich lieber, wenn Sie uns begleiten könnten, Mrs. Maddison. Ich gebe Ihnen die Zusicherung, daß nicht die geringste Gefahr besteht, aber wir nehmen nicht gern Haussuchungen vor, wenn nicht der Besitzer oder ein Vertreter gegenwärtig sind.« »Was erwarten Sie denn dort zu finden? Selbstverständlich komme ich gleich mit.« »Sie können ja im Wagen sitzen bleiben ... was wir dort zu finden erwarten? Nun, es ist vielleicht möglich, daß der Mann, der angerufen hat, einen Einbruch vorhat – und wir möchten Sie begreiflicherweise keiner Gefahr aussetzen.« Sie ging in ihr Zimmer, kleidete sich eilig an, nahm einen Mantel und ging mit dem Beamten nach dem Wagen, der vor der Tür hielt. Zwei oder drei Mann saßen im Inneren, und Inspektor Gorton bat sie, sich neben den Führer zu setzen. Bald waren sie vor Lukes Haustür angelangt. »Nein, nein, ich gehe mit Ihnen nach oben«, sagte Margaret. »Ich bin selbst nur wenige Male in der Wohnung gewesen, aber vielleicht kann ich Ihnen doch irgendwie behilflich sein.« Es war ein bitteres Gefühl für sie, die bekannte Vorhalle zu betreten, die vertrauten Möbelstücke verstaubt vor sich zu sehen. Alles erinnerte sie an Luke, und ihr Herz schmerzte bei dem Gedanken, daß er vielleicht nie wieder zurückkehren würde. »Es gibt doch eine Feuerleiter hier? Wo ist sie angebracht?« »Bei dem Küchenfenster«, sagte sie. Der Inspektor trug einem seiner Leute auf, die Wohnung zu durchsuchen. Plötzlich blieb er stehen und zog prüfend die Luft ein. »Hier ist eine Zigarre geraucht worden, und das ist noch gar nicht so lange her!« Auch Margaret hatte den schwachen Duft verspürt. In diesem Augenblick kam einer der Beamten aus der Küche gestürzt. »Das Fenster ist aufgebrochen!« Gorton nickte wieder. Er schien das erwartet zu haben. »Wo ist Mr. Maddisons Zimmer?« Sie wies auf die Tür. Der Schlüssel steckte im Schlüsselloch. Der Beamte drückte die Klinke nieder, aber die Tür öffnete sich nicht: sie war von der Innenseite verriegelt. »Komm 'raus, mein Junge!« rief der Inspektor und klopfte scharf gegen die Tür. »Polizei!« Er wandte sich der jungen Frau zu. »Es ist besser, Sie gehen nach unten, Mrs. Maddison – wir müssen die Tür aufbrechen!« Luke Maddison, der lauschend auf der anderen Seite der Tür stand, hörte wie versteinert diese Worte. Seine Frau war hier – der einzige Mensch in der Welt, der ihn nicht sehen durfte! 20 Mit klopfendem Herzen ging Margaret die Treppe hinab und fand vor der Tür ein Taxi, das einer der Beamten für sie herangerufen hatte. »Hat man was gefunden?« fragte er. »Ich glaube, es ist jemand in der Wohnung«, antwortete sie atemlos. »Der Inspektor nimmt es wenigstens an.« »Ich glaube, es ist besser, Sie warten im Wagen«, setzte der Beamte hinzu. »Ich vermute, daß Mr. Gorton Widerstand erwartet.« »Haben Sie öfter derartige Fälle?« »Beinahe täglich«, war die vergnügte Antwort. »Wir gehören zum Überfallkommando.« Augenscheinlich war es eine ganz gewöhnliche Sache für das Überfallkommando, zu Häusern gerufen zu werden, in denen man Einbrecher vermutete. Es erschien mit der Geschwindigkeit der Feuerwehr auf der Bildfläche und stand dieser in Behendigkeit keineswegs nach. Inspektor Gorton wartete, bis Margaret die Wohnung verlassen hatte und klopfte von neuem an die Tür. »Mach auf, mein Junge!« Der Riegel wurde zurückgeschoben, und die Tür öffnete sich. Der Inspektor sah einen Mann mit schmutzigem Gesicht und unordentlicher Kleidung in der Tür stehen und warf sich sofort auf ihn. Für Luke kam dieser Angriff zu unerwartet. Er hatte auf die Möglichkeit gehofft, mit dem Beamten sprechen, vielleicht sogar den Inspektor in sein Vertrauen ziehen zu können. Er versuchte die Hände abzuschütteln und wurde im nächsten Augenblick zu Boden geworfen. Jemand durchsuchte ihn in wissenschaftlicher Weise. »Hat ein Schießeisen«, sagte eine Stimme. Der Revolver wurde Inspektor Gorton ausgehändigt. »Ich kann den Besitz des Revolvers erklären«, rief Luke. »Sicher kannst du das.« Gorton zog das Magazin heraus. »Geladen – das wird dir zehn Jahre einbringen, mein Junge. Durchsucht ihn genau: vielleicht hat er noch einen.« In wenigen Minuten war Luke gründlich durchsucht worden. »Wo hast du das Geld her?« fragte der Inspektor. »Ich habe es bekommen –« begann Luke und wurde durch ein allgemeines Gelächter unterbrochen. »Was ist das?« sagte Gorton und untersuchte ein kleines, blau eingebundenes Buch, das Luke am Morgen, bevor er seinem Abenteuer entgegenging, von Mrs. Fraser erhalten hatte. »Führerschein? Hast du vielleicht zufällig ein Auto in der Bond Street gesteuert?« Luke fühlte sein Herz sinken. Und dann hörte er einen der Detektive ausrufen: »Das ist der Kerl! Heute nachmittag hat er noch einen Vollbart gehabt. Ich habe ihn mit einer Frau durch den Park fahren sehen.« Er flüsterte Gorton etwas zu, und der Inspektor nickte. Die ganze Zeit dachte Luke in rasender Hast nach. Die einfache Aufklärung über sich selbst war nicht mehr möglich; erklärte er, Luke Maddison zu sein, würde er auch erzählen müssen, was er seit seinem Verschwinden getan hatte – diese Möglichkeit kam ihm erschreckend zum Bewußtsein. Und er wußte, unten auf der Straße stand Margaret, die ihn sofort trotz Schnurrbart erkennen würde. Gerade vor ihm lag die Tür, die zu der Vorhalle führte, rechts das kleine Zimmer, das er als Ankleideraum gebrauchte. Sein Fenster lag direkt über dem ersten Absatz der Feuerleiter. Der Gedanke an eine Feuersbrunst hatte Luke schon häufig beschäftigt, und oftmals hatte er sich überlegt, auf welche Weise er am besten aus einem brennenden Hause flüchten könnte. Wenn er doch nur in das Zimmer gelangen ... aber es schien ganz unmöglich. Jemand sprach auf dem Treppenabsatz. Es war der Pförtner, der erfahren wollte, was der Lärm zu bedeuten hatte. Die beiden Detektive, die in der Tür standen, drehten sich einen Augenblick um, und in diesem Augenblick sprang Luke vorwärts. Er war immer ein wenig Athlet gewesen, hatte in seiner Schulzeit zum Auswahl-Team gehört und sehr gut gelernt, einem Gedränge auszuweichen und zu entwischen. Er flog durch die Tür des Ankleidezimmers, warf sie zu und schob im gleichen Augenblick den Riegel vor, als das Gewicht der beiden Männer dagegenprallte. Zur Überlegung, zur Vorsicht war keine Zeit. Er schob das Fenster hoch, war in der nächsten Sekunde über das Fensterbrett hinweg und fiel in die dunkle Tiefe. Er hatte richtig kalkuliert. Die Stahlplattform der Feuerleiter erklang unter dem Aufprall seiner Füße. Mit zitternden Händen schwang er sich die Stufen hinab und war schon über die Mauer hinweg, bevor noch der erste der Verfolger am Kopfe der Feuerleiter erschien. Ein Mann schlenderte durch das Gäßchen und fuhr mit einem Aufschrei herum, als Luke von der Mauer herabsprang. Aber wie der Wind fegte Luke an ihm vorbei. Sein langer Aufenthalt im Hospital hatte ihn etwas geschwächt, aber die Technik des Schnelläufers war ihm geblieben. Als er aus der schmalen Straße heraus kam, sah er ein vorbeifahrendes Taxi und sprang auf das Trittbrett. »Paddington!« rief er und schwang sich geschickt in das Innere. Augenscheinlich hatte der Chauffeur aber einige Zweifel, ob er seinen Weg fortsetzen sollte, denn an der zweiten Querstraße hielt er seinen Wagen an. »Wo sind Sie denn hergekommen?« fragte er. »Ich möchte Sie lieber nicht fahren. Sie sehen aus, als ob Sie vor jemand ausgerissen sind.« »Stimmt«, war Lukes Antwort. Es war keine Zeit, um lange zu verhandeln. Er drückte dem Mann ein Zweischillingstück in die Hand, lief in eine enge Seitenstraße hinein, die gerade vor ihm lag, um die nächste Ecke zurück und erreichte von neuem die Hauptstraße. Hier fand er ein anderes Taxi mit einem Führer, der seine bona nicht bezweifelte. »Scotland Yard!« Er war zu einem plötzlichen Entschluß gekommen. Er würde den Spatz aufsuchen und ihm die Wahrheit erzählen ... in der Hoffnung, daß dieser gerissene Mann ihm durchhelfen würde. Der Wagen hielt am Eingang des Polizeipräsidiums, und Luke betrat die düstere Vorhalle. Ein Schutzmann rief ihn an und fragte nach seinen Wünschen. »Mr. Bird ist vor zwei Stunden weggegangen, Sir. Ich glaube nach außerhalb. Können Sie nicht mit jemand anderem sprechen?« Luke stöhnte innerlich und schüttelte den Kopf. »Nein, danke bestens. Ich glaube nicht, daß ein anderer mir behilflich sein kann.« »Vielleicht Mr. Gorton? Er muß jeden Augenblick zurückkommen«, schlug der Beamte vor, der nicht ahnen konnte, daß gerade Mr. Gorton der Mann war, den Luke am wenigsten zu sehen wünschte. Er verließ das Präsidium durch die Tür, die nach dem Embankment führt, und im gleichen Augenblick kamen Gorton und das Überfallkommando auf der anderen Seite hineingefahren. Er wandte sich nach links und ging der Waterloobrücke zu. An der Untergrundstation von Charing Croß machte er einen zweiten Versuch, mit dem Spatz in Verbindung zu kommen. Es gab immer noch die Möglichkeit, daß der Schutzmann sich getäuscht hatte und daß Bird doch in der Stadt war. Aber im Telephonadreßbuch fand er so viele Birds, daß es ihm unmöglich schien, den richtigen herauszufinden. Schließlich fiel ihm ein, daß einer seiner Anfangsbuchstaben das ganz ungebräuchliche »Z« war (Mr. Birds Vorname war Zacharia). Er las die Namen noch einmal durch, fand eine Nummer und ließ sich verbinden. Zuerst glaubte er Glück zu haben. »Ja, hier ist Mr. Birds Wohnung«, erklang eine Stimme, »aber er ist nicht in der Stadt. Wer ist denn am Apparat?« »Es ist dringend nötig, daß ich Mr. Bird so schnell wie möglich erreiche«, sagte Luke eindringlich. »Können Sie mir nicht sagen, wo ich ihn finden kann?« »Wer ist denn dort?« »Wollen Sie ihm, bitte, mitteilen, daß Mr. Maddison angerufen hat. Ich bin in Scotland Yard gewesen ...« Ein kühler Zug traf seinen Nacken. Die Tür der Telephonzelle hatte sich geöffnet; ein Mann stand in der Nähe, hatte aber scheinbar weder Interesse an ihm selbst, noch an seiner Unterhaltung. Luke schloß die Tür und fand zu seinem Ärger, daß, wer auch immer am Apparat gewesen war, die Verbindung unterbrochen hatte. Der Anfang war auf jeden Fall gemacht. Er fühlte beinahe eine Art Erleichterung, als er wieder das kalte Embankment entlang der Waterloobrücke zuging. Er war kaum zwanzig Meter gegangen, als zwei Männer ihn erreichten und in die Mitte nahmen. »Hallo, Mr. Smith, Connor möchte Sie sprechen.« Er hatte den Mann nie zuvor gesehen. Sein Ton war schroff und befehlend. »Und wer ist Mr. Connor?« fragte Luke kühl. »Ich heiße nicht Smith, mein Name ist Maddison.« »Das ist schon richtig, Sir«, sagte der andere respektvoll. »Aber Mr. Connor möchte Sie gern sprechen.« »Wo ist er denn?« fragte Luke nach kurzer Überlegung. »Auf der Höhe von Savoy Hill und ... da fährt das Überfallkommando!« Ein Auto sauste an ihnen vorbei, und das rote Schlußlicht verschwand in der Ferne. Sie gingen nicht Savoy Hill hinauf, sondern bogen zur Seite ab, am Eingang vom Savoy Hotel vorbei und in eine enge schmale Straße hinein. Dann wandten sie sich wieder nach rechts. »Wo ist denn Connor?« »Werde ich Ihnen gleich erzählen, wenn ich mir meine Zigarette angesteckt habe«, sagte der kleinere der beiden. Er entzündete ein Streichholz, und unwillkürlich richteten sich Lukes Blicke auf dasselbe. Und dann erinnerte er sich an nichts mehr. Er fühlte nicht den Schmerz des Schlages, sondern brach auf dem Bürgersteig zusammen. Der Gummiknüppel war von geschickten Händen geführt worden. Als er wieder zur Besinnung kam, schmerzte ihn sein Kopf zum Zerspringen. Er lag auf dem harten Boden eines ratternden Lastautos... später sah er, daß es ein schwankender Fordwagen war, der den Namen einer angesehenen Firma führte. Die beiden Männer saßen an seiner Seite; einer rauchte, und beide unterhielten sich leise. »... und das hat mir Connor erzählt«, sagte der eine. »Aber Connor befürchtete, daß der hier uns verpfeifen würde.« Luke lag bewegungslos; sein Kopf trug eine Beule, die seiner Meinung nach so groß wie ein Ei sein mußte, aber Blut schien er nicht verloren zu haben. Der Wagen hielt an. Man hörte das Kreischen eines Gitters, und das Auto polterte über unebenen Boden vorwärts; dann hielt es an, und der Motor wurde abgestellt. »Geht's jetzt wieder?« fragte eine Stimme. »Einigermaßen«, war Lukes Antwort. »Dann 'raus hier! Warum haben Sie solche Dummheiten gemacht, Smith?« Eine eigenartige Frage von einem Mann, der ihn nur einige zehn Minuten vorher zu Boden geschlagen hatte. Er stolperte aus dem Wagen heraus, und seine Füße traten auf weichen, feuchten Boden. Er schwankte in der kalten Nachtluft, und einer der Männer nahm seinen Arm und führte ihn in ein kleines Gebäude, das ein Landhäuschen zu sein schien. Zu seiner Rechten sah er den Fluß blitzen. Ein Schlepper fuhr vorbei, der Widerschein des grünen Steuerbordlichtes lag auf dem Wasser, und seine Fahrt war so schnell, daß er annahm, sie müsse stromabwärts führen. Er befand sich also auf der Surreyseite der Themse. Luke konnte nichts weiter unterscheiden als einen hohen Wall und etwas weiter entfernt eine blutrote Reklametafel. Die Tür wurde hinter ihm zugeworfen. Es roch modrig, aber doch schien das Häuschen eine Art Ausstattung zu haben, denn er fühlte unter seinen Füßen einen Teppich. Eine andere Tür öffnete sich, und er wurde hineingeschoben. An einem Tisch saß Connor und mischte ein Spiel Karten. Als Luke eintrat, blickte er auf. »Mußtest du ernste Maßregeln ergreifen?« fragte er scherzend. Der Mann, der Lukes Arm hielt, grinste. »Er wollte ja nicht vernünftig sein!« »Setzen Sie sich.« Connor wies auf ein Roßhaarsofa an der Wand, und Luke war für diese Einladung dankbar. »Sie haben also versucht, uns zu verpfeifen, Smith?« Connors Stimme klang nicht unfreundlich, und er hörte nicht auf, seine Karten zu mischen, während er sprach. »Ich habe Sie für einen Mann gehalten, als Sie in die Wohnung einbrachen – ja, einer meiner Leute hat gesehen, wie Sie eindrangen, und sah auch, wie Sie sich aus dem Staube machten. Aber Sie sind um nichts besser als ein ganz gewöhnlicher, schmieriger Verpfeifer. Nach Scotland Yard gehen und nach dem Spatz fragen, das haben Sie gemacht! Ist der vielleicht ein Freund von Ihnen?« »Ich kenne ihn«, sagte Luke. Mr. Connor nickte freundlich. »Und dann haben Sie versucht, ihn telephonisch zu erreichen – was wollten Sie denn verpfeifen? Sie brauchen mir das nicht zu erzählen, Smith. Ich weiß es. Vom ersten Tage an habe ich Ihnen schon nicht getraut, ich traue überhaupt keinem Australier.« Trotz seines schmerzenden Kopfes mußte Luke lächeln. »Ich glaube auch nicht, daß man großes Vertrauen zu Ihnen hat!« »Nicht viel«, gab Connor zu. Er hob das Kartenspiel ab, mischte noch einmal geschickt – und die ganze Zeit hindurch lagen seine Augen auf Luke. »Sie kennen also den Spatz? Sehr gut. Ich wette, Sie kennen Danty auch.« Luke fuhr zusammen. »Danty Morell?« fragte er. Wie konnte er nur Danty vergessen? Wie konnte er vergessen, daß Danty der Vertraute seiner Frau war – daß sein einziger Wunsch, als er sich aus der finsteren Umgebung, in die er hineingeraten war, befreite, der war, diesen Hochstapler zu entlarven? »Also Danty auch?« Connors Stimme klang beinahe bewundernd. »Und Pi Coles?« Luke nickte. »Ja, Coles – das ist sein Diener.« Connor lächelte über das ganze Gesicht, und die beiden anderen Männer lachten. »Stimmt schon: Pi ist sein Diener. Sie scheinen ja die ganze verwünschte Bande zu kennen! Das lassen Sie sich sagen, Smith: Ein Mann, der Danty und die Lewingbande kennt und dann nach Scotland Yard geht, um seinen Freund Spatz zu besuchen, ist keine wünschenswerte Gesellschaft für uns.« Eine lange Pause, und dann: »Und darum ziehen wir es vor, Sie nicht bei uns zu behalten.« Er sah nachdenklich einen der Männer an. »Wann beginnt die Flut?« »Um vier Uhr.« Connor nickte, und seine dunklen Augen wanderten zu Luke zurück. »Sind Sie ein guter Schwimmer?« »Es geht«, sagte Luke kühl. »Wir wollen ihm heute nacht ein kleines Bad verschaffen«, sagte Connor. »Bring ihn in den ›Kühlraum‹, Harry.« Der Mann, der ihn niedergeschlagen hatte, packte Luke beim Arm und half ihm auf die Füße. Der Schmerz im Kopf hatte etwas nachgelassen, er schwankte nicht mehr und war beinahe wieder im Besitze seiner vollen Kräfte. Aber er hielt es nicht für angebracht, dies merken zu lassen. Augenscheinlich war das Gebäude nicht sehr groß. Es war der Wiegeraum einer Gesellschaft, die früher Besitzerin des Flußgrundstücks gewesen war. Connor hatte diesen und einen kleinen Speicher als ein zweites Hauptquartier für sich in Benutzung genommen. Nach außen hin hatte Connor einen richtigen, allerdings wenig einträglichen Beruf. Er war Baumaterialienhändler, und regelmäßig, aber in ziemlich großen Abständen, legten Frachtkähne an und wurden gelöscht. Er kaufte und verkaufte altes Eisen, Zement, jede Art Material, das einen sofortigen Verdienst bringen konnte. Den Ladeplatz hatte er für ein Trinkgeld gemietet. Wenige Schritte hinter der Tür des Wohnzimmers lag eine andere. Luke fragte sich, ob der kleine Raum, in den man ihn hineinstieß, schon öfter für den gleichen Zweck benutzt worden war. Er hatte keine Fenster, glich aber sonst in überraschender Weise einer Gefängniszelle. Vielleicht hatte man sonst Kohlen dort aufbewahrt, aber jetzt war der Raum völlig kahl. Nicht einmal ein Bett oder ein Stuhl waren darin. Die Wände bestanden aus Ziegeln und waren getüncht. Dann wurde die Tür hinter ihm zugeworfen, ein Riegel vorgeschoben, und er war mit dem wenig angenehmen Bewußtsein allein, daß die Flut gegen 5 Uhr den Höchststand erreichen würde, und daß Mr. Connor in seiner liebenswürdigen Weise ein »Bad« für ihn vorgesehen hatte. 21 Margaret hatte lange zu warten, bis Mr. Gorton herunterkam, und als er endlich erschien, konnte er ihr nur in größter Eile mitteilen, daß man einen Mann in der Wohnung gefunden hätte, der aber entwischt sei. Der Pförtner des Hauses gab ihr dann eingehendere, aber in vielen Dingen nicht ganz genaue Auskünfte. »Ja, Mrs. Maddison, die Polizei hat einen Mann in der Wohnung gefunden ... ich sah ihn gerade noch einen Augenblick, bevor er ausrückte. Ein gut aussehender Mensch, mit Schnurrbart und, wie die Polizei sagt, ein ganz gefährlicher Einbrecher – hatte einen Revolver bei sich. Vielleicht möchten Sie selbst mal nach oben gehen?« Margaret zögerte erst und sagte dann: »Ja, ich möchte es eigentlich«, und der Mann fuhr sie im Fahrstuhl nach oben. Ein Detektiv war als Wache zurückgeblieben und schien sie zu erwarten. »Wünschen Sie, daß ich bleibe, Mrs. Maddison. Inspektor Gorton hat gesagt, er würde gern eine Liste der fehlenden Gegenstände haben und will morgen früh zu Ihnen kommen.« Er führte sie in das Zimmer, wo der »Einbrecher« gewesen war. Schubfächer waren herausgezogen, ein Schreibtisch war aufgebrochen (Luke hatte den Schlüssel verloren), und Papiere bedeckten den Boden. »Mr. Gorton hat keine Idee, wonach der Mann eigentlich gesucht hat«, erzählte ihr der Detektiv. »In einem der Schubfächer lag eine goldene Uhr, aber er hat sie nicht angerührt; wir glauben, er war scharf auf Garderobe.« Er zeigte ihr den großen Handkoffer, der mit Sachen vollgestopft war. Ein Gesellschaftsanzug, ein halbes Dutzend Hemden und Kragen, Taschentücher und ein Pyjama. »Aber er muß sehr viel Zeit mit dem Schreibtisch verloren haben. Mein Kollege erzählte mir, daß er unter dem Hemd ein kleines Buch verborgen hatte; er fühlte es, als der Mann sich losriß und entwischte.« »Ein Buch?« fragte Margaret schnell. »Das ist aber merkwürdig!« Und dann fielen ihre Augen auf einen Briefumschlag, der auf der Erde lag. Sie erkannte ihn sofort. Er trug den offiziellen Stempel des Paßbüros; Luke hatte ihn am Tage vor ihrer Trauung in der Tasche gehabt und ihr in seiner scheuen, halb amüsierten Weise gezeigt, die sie manchmal so gereizt hatte. Es war sein neuer Paß, der etwas voreilig schon das Bild seiner Frau enthielt. Luke hatte das Paßbuch geöffnet, und sie hatte sich ein wenig geärgert, weil er leichtsinnigerweise ihren Namen gefälscht hatte, um ihr das Dokument als Geschenk zum Hochzeitstage überreichen zu können. Sie nahm den Umschlag auf. Er war leer – das war also das Buch, das der Einbrecher gestohlen hatte – und warum? Verschiedene Bogen Papier lagen auf dem Boden, sie nahm einen auf und starrte sprachlos auf die wenigen Worte. Das Datum war mit auf die erste Reihe gekritzelt worden, und diese lautete: »Mein lieber Hulbert! Ich bin in einer außerordentlich schrecklichen –« Lukes Handschrift! Luke war hier gewesen. Sie fand einen zweiten Bogen, gleichfalls an den Anwalt gerichtet, aber die ausgestrichenen Worte waren nicht mehr zu erkennen. Allem Anschein nach hatte er sich in der Absicht, an Hulbert zu schreiben, an den Tisch gesetzt, aber nach einem zweimaligen Versuche sein Vorhaben geändert. Das sah Luke ähnlich: er konnte niemals der Versuchung widerstehen, die ihm ein Bogen Briefpapier darbot. Er mußte dann schreiben, an irgendjemand ... oft hatte er ihr das erzählt. Luke war hier gewesen; Luke war der Einbrecher. Aber warum denn nur? Sie wandte sich dem Detektiv zu und war schon im Begriff, diesem ihre Entdeckung mitzuteilen, als er etwas sagte, was sie veranlaßte zu schweigen. »Er muß ein schwerer Junge sein – einer unserer Leute hat in ihm den Mann erkannt, der heute nachmittag das Auto steuerte, als Taffanny beraubt wurde. Er gab einem der Verkäufer einen Faustschlag unters Kinn –« »Aber das ist unmöglich!« rief sie entrüstet. »Dieser Mann ist –« »Ach, Sie haben die Zeitung gelesen – ein bärtiger Mann, das stimmt schon, aber er hat sich den Bart abnehmen lassen. Johnson – mein Kollege – hat ihn mit einem Mädel im Park spazierenfahren sehen.« Wieder blieben die Worte ungesprochen, die sie auf der Zunge hatte. Sie erinnerte sich an den bärtigen Mann, erinnerte sich, daß in seiner Haltung – sie hatte ihn ja nur von hinten gesehen – etwas ihr Vertrautes gelegen hatte... und er fuhr mit einer berüchtigten Frau spazieren – einer Frau, die der Polizei gut bekannt war. »Sie ist heute nacht gefaßt worden«, fuhr der mitteilsame Detektiv fort, »und Mr. Gorton ist ziemlich sicher, daß sie den anderen verpfeifen wird – ich meine, sie wird erzählen, wer ihr Begleiter war. Nach allem, was man gehört hat, ist er in den letzten ein oder zwei Jahren sehr häufig mit ihr zusammen gesehen worden.« Sie hörte ihn sprachlos an und konnte nur den Kopf in schwachem Protest schütteln. »Es konnte aber nicht derselbe Mann gewesen sein«, brachte sie endlich heraus.« »Kennen Sie ihn denn – ich meine den Menschen, der hier in der Wohnung war?« Der Detektiv blickte sie scharf an. »Nein, nein«, entgegnete sie hastig. »Ich dachte nur... aber das wäre ein so außergewöhnlicher Zufall –« »Ich habe so das Gefühl, als ob Mr. Gorton ihn kennt.« Mit diesen Worten schloß der Detektiv die Tür und ging mit ihr die Treppe hinunter. »Ich hörte, wie er dem Sergeanten erzählte, daß er vielleicht derselbe Mann wäre, der in jener Nacht, als man Lewing tötete, so schwer verletzt ins Hospital gebracht wurde. Wenn das stimmt, kann er erst wenige Tage wieder heraus sein.« Sie bot dem Beamten etwas Geld an, aber mit großer Festigkeit lehnte er es ab und half ihr in den Wagen. Die Summe, die sie zu zahlen hatte, als sie schließlich ihr Haus erreichte, sagte ihr, daß sie über zwei Stunden unterwegs gewesen sein mußte. Ihr Mädchen wartete noch auf sie, und Margaret ließ sich Kaffee bereiten. Dann drehte sie alle Lichter im Wohnzimmer an, öffnete ihren Schreibtisch und nahm ein Paket Briefe heraus, die sie von Luke erhalten hatte. Sie verglich diese mit den beiden heimlich mitgenommenen Bogen. Es war kein Zweifel möglich: Lukes Handschrift. Die Überschrift »Meine liebe« begann überall in der Mitte einer jeden Seite. Es war Luke. Und es war auch Luke, der an diesem Nachmittag mit einer ganz unmöglichen Frauensperson in einem Auto gesehen worden war! Luke, der hilfreiche Hand bei dem Raubüberfall auf Taffanny geleistet hatte! Entsetzt war sie eigentlich nicht; die Entdeckung, die sie gemacht hatte, war so ungeheuerlich, daß ihre Empfindungen sich nicht durch ein so alltägliches Wort beschreiben ließen. Sie betrachtete Luke Maddison, den Bankier, den Einbrecher, den Räuber, den Begleiter von zweifelhaften Damen, mit der Ruhe eines Wissenschaftlers, der ganz zufällig auf eine neue, überaus interessante Entdeckung gestoßen ist. Es war so unbegreiflich, so absurd, daß jedes Zeichen von Ärger oder Demütigung lächerlich sein würde. Man achtet kaum noch auf Anstand und Rücksichtnahme, wenn man die Erde unter sich schwanken fühlt, die Mauern um sich zusammenbrechen sieht. Margaret legte sich zur Ruhe und schlief traumlos bis in den Morgen hinein. Sie saß beim Frühstück, als Inspektor Gorton gemeldet wurde, dessen Bericht über seinen Mißerfolg sie ruhig anhörte. »Der Kerl rannte wie ein Hase, muß ein trainierter Läufer gewesen sein. Ich bin beinahe sicher, daß er derselbe ist, der in einer Messerstecherei in Süd-London schwer verletzt wurde. Lewing ist dabei getötet worden.« »Wer war denn Lewing?« Gorton zuckte seine breiten Schultern. »Nichts Besonderes, obgleich die Bande seinen Namen trug. Ihr eigentlicher Anführer ist ein ›Kavalier‹, ein gewisser Danty Morell – obgleich er sich in letzter Zeit nicht sehr aktiv beteiligt hat ...« Sie hatte klirrend die Tasse niedergesetzt. Er sah, wie blaß sie geworden war. »Danty Morell? Sie meinen doch nicht etwa Mr. Danton Morell, der in der Halfmoon Street wohnt?« Gorton lächelte. »Ich hätte das vielleicht nicht erwähnen sollen, aber ich dachte, Mr. Bird hätte schon davon gesprochen. Sie kennen doch Mr. Bird? ... Ich hoffe aber, daß Sie Mr. Morell nicht kennen!« »Ich kenne ihn sehr gut.« Ihre Stimme war fest, und sie lächelte. »Aber Sie können meiner Diskretion versichert sein, Inspektor; ich komme mir bald selbst wie ein Beamter von Scotland Yard vor.« Sie hielt ihre Hände im Schoß gefaltet, so daß er nicht bemerken konnte, wie heftig sie zitterten. »Vielleicht hat er sich auch geändert«, sagte Gorton mit dem unbehaglichen Gefühle, etwas Unrechtes gesagt zu haben. »Einige von den Menschen bessern sich ja auch manchmal. Ich weiß nur, daß seit langer Zeit nichts gegen ihn vorliegt. Morell ist natürlich nicht sein eigentlicher Name – den habe ich vergessen, aber der Spatz – ich meine Mr. Bird – kennt ihn. Großartiger Kerl, dieser Danty! Er kann reden wie ein Wasserfall! Glänzend ... man sagt, er ist einer der gerissensten Schwindler, die jemals in Europa gearbeitet haben. Vielleicht hat er auch genug Geld gemacht, um sich vom Geschäft zurückziehen zu können.« Danton Morell! Wie hatte sie ihn doch kennengelernt? Sie versuchte, sich den Beginn ihrer Bekanntschaft ins Gedächtnis zurückzurufen. Natürlich, es war ja ihr Bruder – ihr armer Bruder –, der ihr Danton vorgestellt hatte. Rex kannte so viele merkwürdige Leute. Sie vertraute ihm – und hatte auch Danty vertraut. Sie hatte ihm rückhaltslos geglaubt, hatte ihm geglaubt, als er ihr erzählte, Luke hätte ihren Bruder zu Tode gehetzt, hatte ihm geglaubt, als er ihr Rex' letzte jammervolle Mitteilung auf den beiden kleinen Bogen Briefpapier brachte – diese war wenigstens echt. Sie kannte ihres Bruders Handschrift. Sie sah eine neue Welt vor sich, oder sah sie vielleicht von einem neuen Gesichtspunkt aus. Sie fühlte sich jetzt imstande – wie das kam, wußte sie selbst nicht –, sich ganz ruhig mit Problemen zu beschäftigen, die ihr erst gestern noch Entsetzen eingeflößt hatten. Gorton, der in der Nacht wenig Ruhe gefunden hatte, leistete ihrer Einladung, mit ihr zu frühstücken, Folge, obgleich er sich nur auf eine Tasse Kaffee und ein Brötchen beschränkte. »Also nichts fehlte? Der Beamte, den ich als Wache zurückgelassen hatte, erzählte mir, daß Sie dagewesen wären und nachgesehen hätten. Wo ist denn eigentlich Ihr Gatte, Mrs. Maddison?« »In Spanien, glaube ich.« Die Antwort fiel ihr schwer. »In ein oder zwei Tagen werde ich dort mit ihm zusammentreffen.« »Keines der Hochzeitsgeschenke befand sich in der Wohnung?« Sie schüttelte den Kopf und sagte lächelnd: »Wir hatten überhaupt keine Hochzeitsgeschenke.« Er trank seinen Kaffee, legte die Serviette zusammen und stand auf. »Jetzt habe ich etwas sehr Unangenehmes vor mir; ich wünschte, jemand anderes könnte es an meiner Stelle tun«, sagte er. »Sie wollen jemand verhaften?« »Nein, das wäre gar nicht so schlimm. Es macht mir sogar Spaß, diese Kerls hinter Schloß und Riegel zu bringen, und der Tag, an dem ich den unternehmenden Herrn zu fassen bekomme, der in der letzten Nacht der Wohnung Ihres Mannes einen Besuch abgestattet hat, wird einer der glücklichsten sein, den ich seit Jahren gehabt habe! Nein, es handelt sich um etwas Grausiges, das ich Ihnen lieber nicht erzählen möchte.« »Ich glaube nicht, daß ich so leicht zu erschrecken bin.« »Es ist eigentlich nichts Besonderes«, erklärte Gorton. »In der letzten Nacht hatten wir sehr hohe Flut, und die Strompolizei hat den Körper eines Mannes gefunden, der augenscheinlich heute nacht ertrunken ist. Ich muß nach dem Leichenschauhaus fahren und sehen, ob ich ihn vielleicht kenne. Nach der Beschreibung, die man mir geschickt hat, sollte es mich gar nicht wundern, wenn es unser Einbrecher wäre.« Sie hatte gesagt, sie wäre nicht so leicht zu erschrecken. Aber jetzt war sie zu Tode erschrocken, krampfte die Hände zusammen, daß sie schmerzten – und nur der Schmerz verhinderte, daß sie ohnmächtig wurde. 22 Es war merkwürdig, daß Luke Maddison während der wenigen Stunden, die er in seiner kleinen Zelle verbrachte, so gar nicht an die Dinge dachte, die ihm eigentlich am meisten am Herzen liegen mußten. Er sah den Tod vor sich – den Tod in seiner abschreckendsten Form, denn es war unmöglich, Connors Absichten mißzuverstehen – und dennoch beschäftigten sich seine Gedanken mit den trivialsten Kleinigkeiten. Wenn er überhaupt an Margaret dachte, so war es nur, weil er sich über ihre Anwesenheit in seiner Wohnung wunderte. Sie mußte seinen Schlüssel gehabt haben, die Polizei mußte sich an sie gewandt haben – aber warum? Dann fiel ihm ein, daß er mit Hulberts Diener gesprochen hatte. Der Mann hatte sicherlich Verdacht geschöpft und sich mit dem nächsten Polizeirevier in Verbindung gesetzt! Er dachte an seine Fahrt durch London in dem unbequemen, polternden Lastwagen, verbrachte beinahe eine Stunde in dem vergeblichen Bemühen, herauszufinden, wo sich das Häuschen, das ihn gefangenhielt, wohl befinden könnte. Wenn er auf dem Wege nach der City das Embankment entlang fuhr, mußte er häufig genug an diesem Grundstücke, an demselben kleinen Gebäude, vorbeigekommen sein. Zweimal wöchentlich fuhr er in die City, zu Besprechungen der Direktoren, und er liebte das Embankment in den frühen Stunden des Frühlings, wenn die zarten grünen Knospen sich langsam öffneten und das Sonnenlicht bewegliche Schatten der Äste und Zweige auf das Pflaster warf. Man sagt, daß in den letzten Stunden das Leben eines Menschen an ihm vorübergleitet. Auch Luke versuchte, dieser Tradition nachzukommen, gab aber schon nach wenigen Minuten den Versuch gelangweilt auf. Er ging in seiner Zelle umher, betastete die Wände in einer Anwandlung verbissenen Humors... suchte nach den gelockerten Steinen, die unweigerlich in den Gefängnissen der Romanhelden zu finden sind. Nicht, daß er sich selbst als eine Art Heros fühlte. Ganz und gar nicht. Er war ja nur ein ganz gewöhnlicher Einbrecher – mit der Aussicht auf drei Jahre Haft, mit der Gewißheit, aufzuhören, ein unbescholtener Mann zu sein. Er wurde sich darüber klar, daß es nicht allein Rücksicht auf Margaret war, die ihn wünschen ließ, ihren Namen nicht in diese schmutzige Geschichte verwickelt zu sehen ... nein, vor allen Dingen der Wunsch, seine eigene, ungeheuere Torheit zu verheimlichen. Was hatte Connor vor? ... Er war beinahe ungeduldig, die Antwort auf diese Frage zu finden. In der Nähe mußte eine Kirchturmuhr sein; er hörte die viertel, die halben, die ganzen Stunden schlagen, und die letzten Noten der dritten zitterten noch in der Luft, als er hörte, wie ein Schlüssel in das Türschloß gesteckt wurden Die Tür öffnete sich, die beiden Männer, die ihn gefangengenommen, kamen herein und winkten ihm, mitzukommen. Ihr Wesen war freundlich, beinahe zuvorkommend. Er folgte ihnen in das Zimmer, in dem Connor geschlafen zu haben schien. Er saß auf der Kante eines Feldbettes, fuhr sich mit den Händen durch die Haare und gähnte fürchterlich. Auf dem Tische standen vier Tassen dampfenden Kaffees und ein Teller mit belegten Brötchen. »Setzen Sie sich, Smith. Wir müssen mal überlegen, was wir eigentlich mit Ihnen anfangen sollen«, sagte Connor und stand gähnend auf. Er zog sich einen Stuhl an den Tisch und ließ sich auf diesen fallen, griff nach einer Tasse und nahm sich ein Brötchen. »Bedienen Sie sich; da ist Milch und Zucker.« Er schob Luke, der interessiert um sich blickte, eine Tasse zu. Auf einem Stuhl lagen vier große Barren einer weißen, kristallinischen Masse – es war Salz, wie er annahm – und auf dem Fußboden mehrere schwere Ketten. Connor folgte der Richtung seines Blickes. »'n bißchen Salz kaufen?« fragte er gutgelaunt. Die Frage schien den beiden anderen lächerlich vorzukommen, denn sie kicherten. »Ich bin nicht in der Salzbranche«, war Lukes gleichfalls lächelnde Antwort. Er kostete den Kaffee; er war schlecht, aber Luke empfand seine Wärme angenehm. Die Nacht war kühl, und er hatte in seiner Zelle gefroren. »Was werden wir nun mit Ihnen machen, Smith?« Luke nahm einen langen Schluck und lehnte sich lächelnd in seinen Stuhl zurück. »Sie können erst mal eine sehr interessante Geschichte anhören«, begann er, »und dann noch tausend Pfund verdienen.« Er sah den Geist eines schwachen Lächelns auf Connors Gesicht erscheinen. »Schießen Sie los«, sagte dieser. Dann erzählte Luke die ganze Geschichte, ohne jedoch Margarets Namen zu erwähnen. Gab ihnen seinen Namen und Adresse, erzählte ihnen, wie er mit Lewing bekannt geworden war und von dessen kleiner Betrügerei, wie er ihn schließlich in jener fatalen Nacht getroffen hatte – »Aber warum sind Sie denn überhaupt weggelaufen?« war Connors Frage. Das war schwieriger zu erklären, denn Luke war gezwungen, das eigentliche Motiv für sein merkwürdiges Verhalten zu verschweigen. Er konnte und wollte weder von seiner Heirat noch von Margarets Verhalten ihm gegenüber sprechen; und ohne diese Gründe – er fühlte das selbst – klang seine Erzählung unglaubhaft. Trotzdem gab er sich alle Mühe, seine Worte so überzeugend wie möglich zu finden, aber Connor schüttelte den Kopf. »Ich habe genug von Ihnen gehört, Smith – es hat bis jetzt noch keinen... na, sagen wir: Industrieritter – gegeben, der nicht die prachtvollsten Geschichten erzählen konnte. Wenn Sie wirklich ein Musterbeispiel der australischen Sorte sein wollen, wundere ich mich eigentlich, daß Sie nicht verhungern! Trinken Sie Ihren Kaffee! Ich muß erst einen Ausweg finden, um die ganze Sache hier in nicht zu unangenehmer Weise zu erledigen.« Luke trank seinen Kaffee aus und setzte die Tasse nieder. »Und jetzt will ich Ihnen was sagen«, Connors Stimme klang nicht mehr freundlich oder liebenswürdig, »Sie sind bei der Polizei gewesen und haben versucht, uns zu verraten. Und jetzt glauben Sie, sich mit einer so blöden Geschichte aus der Affäre zu ziehen ... Nein, mein Lieber ... Verpfeifer ... Polizei wird Sie schon auffischen...« Luke hörte nur noch einzelne Worte – er war plötzlich so ungeheuer müde geworden. Sein Kopf sank vorwärts auf die Brust, trotz all seiner Mühe war er nicht imstande, die Augen zu öffnen. Es kam ihm nicht einmal zum Bewußtsein, daß er Laudanum getrunken hatte. »Festhalten!« rief Connor, und einer der Leute faßte Luke, der gerade seitwärts zu Boden fallen wollte, und ließ ihn auf den Fußboden gleiten. Connor schob den Tisch zurück und wies mit dem Daumen auf die Salzblöcke. Zwei wurden unter Lukes Füße gelegt, und einer der Männer grub mit einem Messer tiefe Einschnitte in die Blöcke. Connor nahm die schweren Ketten und legte sie sorgfältig um die Salzblöcke und Lukes Füße. Sie verhandelten über ihr grausiges Vorhaben, ohne irgendwelche Erregung zu zeigen. »Paß auf, Harry, daß die Kette nicht über die Beine gleitet. Zieh sie noch etwas fester an ... halt, nicht zu fest, sonst zerbrichst du das Salz.« Endlich waren sie fertig, und Connor richtete sich auf. »Holt mal die alte Planke ... da können wir ihn drauflegen«, befahl er, und der größere der beiden ging zur Tür und öffnete sie. Connor sah ihn zurückfahren. »Wer ist das ?« rief er scharf. Der Mann, der in dem Gang gestanden hatte, betrat gemächlich das Zimmer. Connor erkannte ihn und zeigte die Zähne wie ein bissiger Hund. »Hallo, Gunner! Was, zum Teufel, wollen Sie denn hier?« Gunner Haynes blickte von ihm auf den bewußtlosen Mann auf dem Fußboden. »Sehr geschickt, aber nicht neu«, er zog verächtlich die Worte auseinander. »Ihr werft ihn in den Fluß, das Salz löst sich langsam auf, die Ketten gleiten ab, und die Leichenschaukommission wird sagen: ›Ertrunken ... Unfall.‹ Es ist zu schade.« »Was ist schade?« fragte Connor. »Daß ich gerade jetzt hierherkommen muß«, antwortete Haynes gemütlich. »Wer ist denn das ... Opfer?« »Es gibt überhaupt kein Opfer«, sagte Connor heftig. »Der arme Kerl ist krank, wir wollten ihn gerade ins Hospital schaffen.« Der Gunner nickte beistimmend. »Und ich dachte, ihr wolltet ihn einpökeln.« Er schüttelte den Kopf und wiederholte: »Sehr geschickt, aber gar nicht neu. Keine Merkmale am Körper, nichts zu sehen, daß er nicht ganz zufällig ins Wasser gefallen und ertrunken ist. Es tut mir leid, daß ich euch euer Vergnügen stören muß, aber – den Mann hier müßt ihr laufen lassen.« »Warum?« zischte Connor. »Warum?« sagte Haynes freundlich. »Weil ich dabei bin. Man wird mich nicht als Beihilfe zum Mord fassen. Das liegt außerhalb meines ... Berufes. Nehmt ihm mal den interessanten Apparat ab.« Connor lächelte, und seine Hand senkte sich ganz unauffällig unter die Tischplatte. »Wenn du ein Schießeisen herausbringst«, nicht eine Muskel in Haynes sehnigem Körper bewegte sich, »bekommst du eine Kugel in den Bauch. Es dauert ungefähr fünf Tage, bis du tot bist, und die Schmerzen sollen, wie man mir erzählt, etwas peinlich sein. Ich werde dann meiner Wege gehen, der Polizei erzählen, warum ich dich angeschossen habe, und du kannst sicher sein: Scotland Yard schickt dir keine Blumen!« Einer von Connors Kameraden machte einen Schritt auf ihn zu. »Hören Sie mal zu, Gunner –« begann er überredend. Haynes Faust schoß so blitzschnell vor, daß der Mann den Schlag nicht parieren konnte und krachend zu Boden stürzte. »Beide Hände in Sicht«, sagte der Gunner immer noch regungslos. »Leg sie auf den Tisch, Connor!« Er hatte keine Waffe in der Hand, aber keiner wußte so gut wie der leichenblasse Mann auf der anderen Seite des Tisches, wie schnell, wie tödlich genau der Gunner schießen konnte. »Warum die Umstände«, grollte er. »Der Kerl hier geht Sie doch gar nichts an.« »Losbinden!« lächelte der Gunner. »Wie schon mal gesagt, es tut mir furchtbar leid, daß ich stören muß, aber...« »Was wollten Sie denn überhaupt hier?« war die wütende Frage. Der Gunner blickte nachdenklich nach der Decke. »Das habe ich tatsächlich vergessen! – Wer ist denn der Mann?« »Heißt Smith. Hat versucht, mich zu verpfeifen und hat dann versucht, sich mit einer ganz ausgefallenen Geschichte loszuschwindeln... er wäre Bankier... so eine Frechheit... hieße Luke soundso...« Gunner Haynes beugte sich nieder und blickte in Lukes Gesicht. Er erkannte den Schlafenden auf der Stelle. »Luke soundso?... Wo habt ihr ihn denn aufgegabelt?« Während er sprach, winkte er einem der Männer zu: »Die Ketten ab!« Der Mann blickte ungewiß auf seinen Führer, aber Connor nickte. »Das Malheur mit Ihnen, Gunner, ist, daß Sie sich in anderer Leute Angelegenheiten mischen. Wenn Sie genau wissen wollen, wer und was er ist: er hat heute nachmittag die Sache in der Bond Street gedreht.« Und er lieferte ihm »Smiths« Biographie. Gunner Haynes fühlte, daß er die Wahrheit sprach, begriff vieles nicht, war aber nicht allzusehr überrascht. Er hatte in seinem bewegten und wenig einwandfreien Leben so viel gesehen, so viel gehört, daß ihn nichts mehr überraschen konnte. Es hatte schon öfter Männer gegeben, die ein doppeltes Leben führten, aber diese Art doppeltes Leben gehörte seiner Meinung nach in das Bereich der Romanschriftsteller. Ein Bankier, dessen Privatvergnügen in Einbrüchen und Räubereien bestand ... es schien phantastisch, unglaublich ... aber doch vielleicht möglich. Vielleicht war eine Frau mit im Spiel! Wenn es sich um eine Frau handelt, wird das Unverständlichste oft leicht begreiflich! »Was wollen Sie mit ihm anfangen?« fragte Connor, als Haynes sich bückte und scheinbar ohne jede Anstrengung den bewußtlosen Mann aufhob und auf den Stuhl setzte. Der Gunner antwortete nicht, fragte aber seinerseits: »Habt ihr Sohre im Haus?« Auf dem unbeweglichen Gesicht Connors erschien ein Zeichen von Unruhe. »Sohre? – Nein, wieso denn? ... Ich habe mit solchen Dingen nichts zu schaffen.« »Keine gefälschten Noten ...?« »Was meinen Sie eigentlich?« Ein Lächeln zuckte über das finstere Gesicht des Gunners. »Du hast gefragt, warum ich hierher gekommen bin ... die Polizei macht hier eine Razzia. Ich habe es selbst erst vor einer Stunde erfahren und dachte, ich würde mal herkommen und euch Bescheid sagen. Warum ich das gemacht habe ...? Das liegt nun mal in meiner Natur – armen Gaunern helfen.« Er sah, wie die drei Männer einander ansahen und die Unruhe in Connors Gesicht. »Wir haben heut ein Paket von Paris bekommen«, sagte er hastig. »Hol es mal her, Harry.« Er sah auf Lukes zusammengesunkene Gestalt. »Mit dem da machen Sie einen großen Fehler. Sie lassen ihn zur Polizei laufen, und da wird er ein Geschrei erheben, daß wir alle taub werden.« Statt jeder Antwort hob der Gunner den Bewußtlosen hoch und zerrte ihn mit sich, durch die Tür, den schmalen Gang in den unordentlichen Hof. Er war im Begriff, ihn in Connors Lastwagen zu heben, als er ein leises Geräusch hörte. Das Geräusch, das ein Mann verursacht, der über einen Holzzaun klettert ... Er ließ Luke auf den Boden gleiten und lehnte ihn mit dem Rücken gegen die Hauswand. Dann schlich er sich geräuschlos nach dem Eingang zum Hofe. – Gegen den helleren Himmel hoben sich die Umrisse, Köpfe und Schultern, zweier Männer ab. Das genügte ihm. So leise, wie er gekommen war, eilte er zu Luke zurück, nahm ihn in seine Arme und ging vorsichtig den Abhang zum Wasser hinunter. Dort mußte ein Boot liegen, und jetzt sah er es auch in der Strömung hin und her schwanken. Sein ursprünglicher Plan war gewesen, Luke im Hause und dann durch die Polizei finden zu lassen, aber das war unmöglich geworden. Der Mann hatte ihm Gutes erwiesen, er durfte ihn nicht der Entdeckung, der Schande aussetzen. Wenn Connor die Wahrheit gesprochen hatte, so wurde Maddison in seiner Eigenschaft als Einbrecher von der Polizei mit demselben Eifer gesucht wie Connor selbst. Er zog das Boot mit dem Fuße an die zerfallene Landungsstelle heran und ließ Luke hineingleiten. Als er selbst in das Boot stieg, hörte er Stimmengeräusch im Hof und sah elektrische Taschenlampen aufblitzen. Hastig warf er die Leine ab, zog unter Luke ein Ruder hervor und paddelte nach der Mitte des Stromes zu. – Wo war die Strompolizei? Jetzt sah er das Motorboot heranschießen und konnte sich gerade noch zwischen zwei Frachtkähnen verbergen, als es in einem Halbkreis herumschwang und dem Ufer zusteuerte. »Ein bißchen zu spät«, brummte der Gunner vor sich hin. Entdeckung hatte er nun nicht mehr zu fürchten, falls er nicht einer anderen Patrouille begegnen würde. Das andere Ruder fand sich auch, Luke wurde zwischen den Ruderbänken verstaut, und mit kräftigen Schlägen trieb er sein Fahrzeug stromabwärts. Im Osten graute es schon, in einer Stunde würde es hell sein. Der Gunner kannte in der Nähe von Rotherhithe einen Landungsplatz, wo er mit der beginnenden Ebbe sicher zu landen hoffte. Seine Hoffnung sollte ihn täuschen, denn noch vor der London Brücke wurde es ihm klar, daß er sein Ziel nicht mehr bei Dunkelheit erreichen könnte. Er faßte einen schnellen Entschluß, beugte sich über den Rand des Bootes, füllte seine Mütze mit Wasser und spritzte dies dem Schlafenden ins Gesicht. Luke schauderte und wandte sich stöhnend ab, als der Gunner den Versuch noch einmal wiederholte. »Mein Kopf ...« klang es schwach vom Boden herauf. »Still!« flüsterte Haynes. »Ich bringe Sie nach der Treppe der London Brücke.« Keine Antwort, und der Gunner stieß mit dem Fuß seine stöhnende »Fracht« an. »Haben Sie verstanden?« »Ja, was ist denn eigentlich passiert?« Sein Begleiter antwortete nicht, sondern legte sich in die Ruder, und wenige Minuten später hörte Luke, wie die Bootswand gegen die Steinmauer streifte. »Können Sie aufstehen?« Gunners Hand packte Luke am Arm und half ihm in eine sitzende Stellung. Mit dem Bootshaken zog er das kleine Fahrzeug an die Stufen der Kaitreppe heran, aber es dauerte volle fünf Minuten, bevor Luke imstande war, ihm zu folgen. Die Knie knickten unter ihm zusammen, und ohne die tatkräftige Hilfe seines Kameraden wäre er niemals an Land gekommen. »Setzen Sie sich auf die Stufen und ruhen Sie aus«, befahl der Gauner, und dann: »Versuchen Sie aufzustehen!« Lange Zeit saß Luke, den Kopf in die Hände gestützt, bis ihn schließlich die Stimme Haynes' auffahren ließ. »Nach meinem Geschmack laufen viel zuviel Menschen über die Brücke«, sagte er. »Es ist besser, wir versuchen wegzukommen, bevor es ganz hell ist.« Er half dem noch halb Bewußtlosen auf die Füße und die Treppe hinauf. Die Leute, die über die Brücke hasteten, beachteten kaum die beiden Menschen, die von dem Flußbett heraufgestiegen kamen, und Gunner führte Luke in der Richtung nach der Tooley Street. Dann rief er ein vorbeifahrendes Taxi an, schob Luke hinein und sagte zu dem Führer: »Mein Freund hat ein bißchen schwer geladen. Fahren Sie nach der Lennox Street in Clerkenwell.« Ein großer Häuserblock in der Lennox Street, wo der Gunner schon seit Jahren sein Hauptquartier in einer kleinen Wohnung – wenn man überhaupt von Wohnung sprechen kann – im Erdgeschoß hatte. Er kam sehr selten hierher, und die Polizei hatte keine Ahnung, wer der Inhaber der Wohnung war. Es war in Wirklichkeit sein pied-à-terre , sein Zufluchtsort im Falle der dringendsten Not. Vor zwei Nächten hatte er dort geschlafen, und die Aufwartefrau, die die Wohnung sauber hielt, hatte das Bett gemacht. Er legte Luke Maddison darauf. »Die müssen Ihnen eine ziemlich starke Dose gegeben haben«, sagte er. »Ich werde Ihnen Kaffee machen.« »Kaffee ... brrrr«, schauderte Luke. »Ach so, man hat Ihnen das Zeug im Kaffee beigebracht. Das ist jedenfalls der Grund, daß Sie noch nicht tot sind.« Bevor er das Gas ansteckte, ließ er die Jalousien herab und ging dann in die kleine Küche. Er bereitete den Kaffee, wie ein Mann es tut, der jahrelang auf dem Kontinent für sich selbst zu sorgen hatte, der heute in München war und wenige Tage später vielleicht in Biarritz: Das Getränk war vorzüglich. Als er in das Zimmer zurückkam, saß Luke in sich zusammengesunken auf dem Bettrand. »Ein paar Aspirintabletten sollten Sie wieder in Ordnung bringen«, sagte Haynes und machte sich auf die Suche nach ihnen. Luke schluckte sie hinunter und wurde sich jetzt erst bewußt, wer sein Wohltäter eigentlich war. »Sind Sie nicht Gunner Haynes?« »So heiße ich«, war Haynes lächelnde Antwort. »Wo ist Connor?« Wieder das unergründliche Lächeln. »Im Gefängnis, wie ich hoffe. – Nun, Mr. Maddison, fühlen Sie sich wohl genug, daß wir sprechen können?« Luke blickte schnell auf. »Sie kennen mich?« Der Mann nickte. »Im Augenblick, wo ich Sie sah, habe ich Sie wiedererkannt. Eines muß ich aber vor allen Dingen wissen – ist es wahr, was Connor mir erzählt hat? ... Sind Sie bei dem Einbruch in Taffannys Geschäft dabei gewesen?« »Ich habe das Auto gesteuert. Ich hatte nicht die geringste Idee, was man von mir wollte, oder um was es sich eigentlich handelte, bis – bis es zu spät war.« »Sie waren also der bärtige Mann?« sagte der Gunner nachdenklich. »Das ist ja mehr als überraschend. Ich verlange keine Erklärung von Ihnen, aber ...« »Ich werde Ihnen alles erklären, sobald mein verwünschter Kopf etwas besser ist«, stöhnte Luke. Es war schon zwei Uhr nachmittags, als Luke aus seinem unruhigen Schlafe erwachte. Sein Kopf war immer noch etwas benommen, im Munde hatte er einen Geschmack, bitter wie Galle, aber eine kalte Waschung in der Küche brachte ihn allmählich in seinen normalen Zustand. Bei einer Tasse Tee und einer Zigarette erzählte er seine Geschichte vom Anfang bis zum Ende, ohne diesmal etwas zu verbergen. Der Gunner hörte schweigend, ohne jede Unterbrechung, zu, bis er seine Erzählung beendet hatte. »Und das haben Sie auch Connor erzählt?« »Ja. Nur habe ich nichts von meiner Frau und auch nichts von dem – Gelde erwähnt. Warum fragen Sie?« »Ich weiß es selbst nicht recht. Connor ist ein gemeiner Kerl. Die einzige Hoffnung für Sie ist, daß er Knast kriegt – mit diesem wenig schönen Worte meine ich, daß er ins Gefängnis wandert. Wenn er bei der Razzia gut davongekommen ist, wenn die Polizei nichts Belastendes gefunden hat, und ich Narr habe ihn ja zeitig genug gewarnt – wissen Sie, Mr. Maddison, Connor gehört zu der Art Menschen, die die unglaublichsten Geschichten nachprüfen, wenn sie hoffen, daß vielleicht Geld dabei zu holen ist. Und das kann Ihnen bei Ihrem Wiederauftauchen noch große Schwierigkeiten bereiten.« Er zündete sich eine neue Zigarette an und starrte an seinem Gast vorbei ins Leere. »Warum hat Ihre Frau Sie so gehaßt? – Sie haben das soviel als möglich bemänteln wollen.« Luke sah nachdenklich vor sich hin. »Das ist doch, glaube ich, nicht so schwer zu verstehen«, sagte er endlich. »Sie nahm an, ich wäre für den Tod ihres Bruders verantwortlich. Er hat sich erschossen.« »Ja, aber warum konnte sie denn das annehmen?« fragte der Gunner von neuem. »Zugegeben: Danty Morell kann einen außerordentlich glaubwürdigen Eindruck machen, aber schließlich wäre doch in diesem Fall sein Wort allein nicht genügend.« Er dachte einen Augenblick nach und fragte dann schnell: »Hat der junge Mann, als er sich erschoß, eine Mitteilung hinterlassen?« »Davon ist mir nichts bekannt«, antwortete Luke kopfschüttelnd, »auch bei der Sitzung der Totenschaukommission ist nichts davon erwähnt worden.« »Wer hat den Toten gefunden?« Luke überlegte. »Morell kam in seine Wohnung und fand ihn tot auf dem Boden.« »Dachte ich mir's doch«, warf der Gunner ein. »Und gleich darauf änderte sich Mrs. Maddisons Verhalten Ihnen gegenüber. Da waren Sie natürlich noch nicht verheiratet, ist es nicht so? – Gut ... das bedeutet also, daß Danty der jungen Dame irgendein Beweisstück vorlegte, das schwerwiegend genug war, um sie zu diesem – hm – Vorgehen gegen Sie zu veranlassen –« »Ich mache ihr keine Vorwürfe«, warf Luke ein. Er sah das belustigte Aufblitzen in den Augen seines Gegenüber. »Aber Sie?« »Nicht im eigentlichen Sinne des Wortes. Ich habe es schon lange aufgegeben, Menschen Vorwürfe zu machen. Es kommt nichts, gar nichts dabei heraus.« Bedächtig strich Haynes die Asche seiner Zigarette an der Untertasse ab. »Sie können nicht so plötzlich wieder auf der Bildfläche erscheinen, können nicht einmal nach Ronda fahren – das ist alles nicht mehr so einfach. Sie sind mit zwei ganz gefährlichen Verbrechern in Berührung gekommen – mit Connor und Morell.« Er stand auf und ging nachdenklich, mit gerunzelten Brauen und halbgeschlossenen Augen, in dem kleinen Zimmer auf und ab. »Connor macht mir die meiste Sorge. Kommt er vor Gericht und wird verurteilt, dann ist alles in Ordnung. Bis er wieder herauskommt, haben Sie hier alles eingerenkt und können seine Drohungen verlachen. Geht er aber frei aus, wird er Ihnen auf Schritt und Tritt, wenn Sie erst wieder von Ronda zurück sind, nachspüren. Haben Sie Ihren Paß?« Er sah, wie Luke unter das Hemd griff und sah die Bestürzung auf seinem Gesicht. »Ich muß ihn verloren haben.« Gunner Haynes schnalzte ungeduldig mit der Zunge. »Wenn Sie ihn in Keels Ladeplatz verloren haben, liegen Sie im Essen«, waren seine wenig eleganten aber deutlichen Worte. »Da bleibt nur eins übrig. Wir müssen versuchen, den Paß wiederzubekommen. Und noch etwas anderes: Ich möchte den Brief sehen, den der junge Mensch kurz vor seinem Tode geschrieben hat.« »Ich glaube nicht, daß er geschrieben hat«, sagte Luke zweifelnd. »Und wenn wirklich, so ist der Brief sicher vernichtet worden.« Zehn Minuten später hatte der Gunner das Haus verlassen. Zuerst ging er nach dem Polizeibüro in der Nähe von Keels Ladeplatz. Er kannte den diensttuenden Inspektor gut; zwischen ihnen bestand jene eigenartige Kameradschaft, die der »Laie«, der ehrsame Bürger, so schwer verstehen kann – das gute Einvernehmen zwischen dem Verbrecher und seinem grimmigsten Feinde. Der Gunner traf den Inspektor, der gerade das Büro verließ. »Ich habe gehört, Sie haben Arbeit mit Keels Ladeplatz gehabt?« begann er. Der Inspektor blickte ihn lächelnd an. »Gerücht, Benachrichtigung oder direkte Beobachtung, alter Freund?« »Verstehe kein Wort«, antwortete der Gunner unschuldsvoll. »Connor hat mir erzählt, Sie wären noch wenige Minute vor uns in seinem Grundstück gewesen, und wenn irgendeiner Sohre hätte, dann wären Sie es. Er sagte, Sie hätten ein Paket bei sich gehabt und wären dann, als er von dem Geschäft nichts wissen wollte, mit dem Boot weggefahren.« Nun ist es aber eine wenn auch bedauernswerte Tatsache, daß auch die Polizei nicht ständig die reine Wahrheit spricht. Sie hat ständig mit Lügnern und gerissenen Hochstaplern zu tun, vielleicht ist das eine kleine Entschuldigung! Aber der Gunner hatte Vertrauen zu dem Mann, mit dem er sprach. »Ich war auf der Werft, das stimmt schon. Um die Wahrheit zu sagen: ich kam aus einem ganz anderen Grunde zu ihm – Sie wissen ja, daß Fälschungen außerhalb meiner Tätigkeit liegen. Ich hörte, wie die Razzia begann und machte mich auf dem Boot davon. Ich nehme an, Sie haben Connor nicht festgehalten?« »Nein«, antwortete der Beamte. »Wir konnten nichts Belastendes gegen ihn finden. Er und seine Freunde scheinen aber jetzt einen ausgedehnten Handel in Salz zu betreiben. Wissen Sie etwas darüber?« »Und wenn ich's wüßte, würde ich nichts davon erzählen«, antwortete der Gunner kühl. »Sie haben also Connor nicht festgenommen! Jammerschade!« Der Detektiv blickte nach rechts und links und sagte dann mit gedämpfter Stimme: »Wenn Ihnen ganz besonders viel daran liegt, daß er mal eine Zeitlang ... ruhig sitzt, könnten Sie mir ja sagen ...« Aber der Gunner schüttelte den Kopf. »Sie möchten gern so einen kleinen Fingerzeig haben? – Tut mir leid. Die Sorte Auskunftsbüro bin ich nicht! – Ist Connor noch auf der Werft?« Und als der Inspektor nickte: »Ich werde ihn mal besuchen. Wir haben uns übrigens nicht gesehen, Pullman.« Als er nach dem Ladeplatz kam, fand er Connor in gehobener Stimmung vor. Wenn dieser überhaupt enttäuscht war, Haynes zu sehen, so ließ er es wenigstens nicht merken. »Sie schulden mir vier Pfund«, begann er. »Soviel habe ich für das Boot bezahlt, das Sie mir geklaut haben. Hoffentlich bleiben Sie nicht lange hier? ... Ich erwarte nämlich Besuch ... eine Dame!« »Welche deiner vielen Freundinnen hat denn diesen hochtrabenden Titel?« war Haynes' beleidigende Frage. »Niemand, den Sie kennen«, sagte Connor nachlässig. »Eine Dame, eine Mrs. Maddison – hat kürzlich ihren Mann verloren.« 23 Gunner Haynes blickte ihn eigenartig an. »Du erwartest Mrs. Maddison? Wer ist denn das?« Connor nahm eine halbgerauchte Zigarre vom Aschenbecher, brannte sie an und sagte: »Eine gute Bekannte von mir! – Was haben Sie denn mit Ihrem Freunde gemacht?« »Wer ist Mrs. Maddison?« Connor versuchte unbefangen zu erscheinen. Diesen scharfen Ton hatte er schon öfter gehört und war nicht zu entzückt darüber. »Sie ist die Frau eines meiner Freunde«, sagte er endlich. »Setz dich hin, und dann wollen wir mal miteinander reden.« Widerwillig gehorchte Connor, zog einen Stuhl heran und ließ sich zögernd nieder. Während er dies tat, ging Gunner Haynes nach der Tür, verschloß sie, zog den Schlüssel ab und steckte ihn in die Tasche. »Jetzt wollen wir mal miteinander sprechen«, wiederholte er und nahm dem Bandenführer gegenüber Platz. »Hören Sie mal, Gunner, ich möchte durchaus keine Unannehmlichkeiten mit Ihnen haben«, begann Connor nervös. »Wenn irgendwas zu machen ist, sollen Sie Ihren Teil abbekommen. Ich habe keine Ahnung, ob Maddison die Wahrheit gesagt oder nicht. Verhält sich aber wirklich die Geschichte so, wie er erzählt hat, dann ist da noch viel Geld zu holen. Natürlich habe ich zuerst kein Wort von dem geglaubt, was er uns vorgejammert hat; aber als Sie mit ihm weggegangen waren, erzählte mir Bill – einer meiner Leute – daß er etwas über Maddisons Heirat in der Zeitung gelesen hätte. Ich schwatzte dann ein bißchen mit einem der Blauen, die ihre Nase in meine Angelegenheiten stecken wollten, und erfuhr, daß derselbe Mann, der am Nachmittag das Auto gefahren hatte, in der Nacht in Maddisons Wohnung eingebrochen war. Das stimmte mit dem überein, was mir Maddison erzählt hatte, und mit dem, was ich sonst noch wußte, 's ist nicht das erstemal, daß ein reicher Kerl den Gauner spielt, aber ich habe noch niemals das Glück gehabt, so einen unter die Finger zu bekommen. Der Mann wird 'ne kleine Goldmine für mich werden.« »Bist du denn sicher, daß er es gewesen ist?« fragte Haynes. Sein Gegenüber ließ sich durch die ruhige Frage täuschen und fuhr mit größerem Vertrauen fort: »Ganz sicher! Ich habe einen meiner Leute, einen ganz gerissenen Kerl, nach Maddisons Büro geschickt, sollte mit seinem Prokuristen sprechen – Steele heißt er wohl. Na, und im Büro hängt ein Porträt von Maddison, das hat er gesehen, konnte auch die Firma des Photographen lesen. Er – hin zu dem Photographen und wollte einen Abzug von dem Bilde kaufen. Den konnte er nicht bekommen, aber man hat ihm erzählt, daß das Bild in einer Zeitung, auch den Namen bekam er heraus, veröffentlicht worden war. Und hier ist die betreffende Nummer!« Connor zog die Schublade auf, nahm eine Zeitung heraus und gab sie Gunner Haynes. »Das ist er, wie er leibt und lebt«, sagte Connor schmunzelnd. »Ich würde ihn sofort erkennen, mit oder ohne Schnurrbart. Maddison verschwand am Tage nach seiner Heirat, 'ne Frau steckt da mit zwischen –« »Hast du aber einen schlauen Kopf«, unterbrach ihn der Gunner mit spöttischer Bewunderung, und Connor brummte ihn wütend an. Jede derartige Anspielung machte ihn wild. Seine Hauptschwäche war, daß er sich für den schlauesten und geriebensten Menschen hielt. »Lassen Sie meinen Kopf aus dem Spiel! Die Hauptsache ist: Hier ist das Bild, und das ist unser Mann. Ich hätte ihn mir heute kaufen können, und er weiß das ganz genau. Wenn ich zehn Minuten mit ihm sprechen könnte, würde er schon Vernunft annehmen. Aber ich kann ja nicht gleich an ihn heran, und da dachte ich, es wäre eine feine Sache, seiner Frau einen Brief zu schreiben. Sie hat ja auch ein bißchen Geld –« »Was für eine Art Brief war denn das?« unterbrach der Gunner. Der Mann zögerte. »Billy schreibt viel besser als ich... ich habe erst neulich in der Zeitung gelesen, daß die meisten geschickten Menschen sehr schlecht schreiben und –« »Die Ungeschickten auch!« fiel der Gunner ein. Der Mann suchte in der Schublade und brachte zwei oder drei Bogen Schreibpapier hervor, die mit Bleistift bekritzelt waren. »Ich habe es aufgesetzt, und dann hat Billy es abgeschrieben«, fuhr Connor fort. »Da Sie mitmachen, ist es besser, Sie sehen, was wir geschrieben haben.« Er reichte die Bogen mit einer Hand über den Tisch; die andere hielt er im Schubfach, was Haynes wohl bemerkte. Er nahm die Bogen, und plötzlich lag vor ihm auf dem Tisch ein Revolver, dessen Mündung auf Connor gerichtet war. »Die Hand aus der Schublade! Wenn hier ein Mord begangen werden soll, so ziehe ich es vor, diese Arbeit zu übernehmen.« Connors Hand lag mit überraschender Geschwindigkeit auf der Tischplatte. »Das habe ich nicht von Ihnen erwartet, Gunner – ich glaube, Sie würden nicht mal Ihrem besten Freunde trauen.« »Und du bist nicht mal das!« Mit einiger Schwierigkeit konnte er die folgenden Worte entziffern: »Geehrte Frau Maddison, ich möchte Ihnen Nachricht von Ihrem Mann geben. Ich befürchte, er ist in ernste Schwierigkeiten gekommen, aber ich kann ihm heraushelfen. Er ist in schlechte Gesellschaft gekommen, aber ohne eigenes Verschulden –« Der Gunner las den letzten Satz laut und blickte fragend auf Connor. »Sicherheitshalber«, erklärte dieser. »Es soll doch so aussehen, als ob ich versuchen wollte, ihm zu helfen.« »Schlau!« murmelte der Gunner und las weiter. »Es wird sehr ernst, wenn die Polizei erst weiß, was ich über den Einbruch bei Taffanny weiß, aber ich glaube, ich kann ihm schon heraushelfen. Das wird etwas kosten, aber ich bin sicher, Sie werden das Geld gern bezahlen.« Haynes lächelte spöttisch, als er zu dieser Zeile kam. »Zeigen Sie diesen Brief nicht der Polizei, sondern bringen Sie ihn mit. Wenn Sie zur Polizei gehen, wird Ihr Mann schwere Unannehmlichkeiten haben. Kommen Sie zu mir, wenn es dunkel ist ...« Hier folgten genaue Angaben, wie der Ladeplatz zu erreichen war. »Das also war der Brief?« Der Gunner warf die Bogen auf den Tisch. »Ich dachte, du wärest Spezialist, Connor! Ich hatte nicht gewußt, daß du auch in Erpressung machst.« »Das ist keine Erpressung«, rief Connor empört. »Das ist doch nur Entschädigung für weggeworfenes Geld. Und dann hat er noch behauptet, er wäre Australier, hieße Smith –« »Stimmt alles nicht. Weil er in Lewings Gesellschaft war – du weißt doch, in der Nacht, wo Lewing erstochen wurde – hast du dir eingebildet, er müßte Smith sein«, sagte Haynes ruhig, zog eine Zigarre aus der Tasche, biß die Spitze ab und zündete sie an. »Wenn sich aber Mrs. Maddison nun doch an die Polizei wendet – das wird dir zehn Jahre einbringen, alter Freund.« Connor lächelte unsicher. »Kaum anzunehmen –« begann er, als an die Tür geklopft wurde. »Mach auf!« sagte der Gunner und warf ihm den Schlüssel zu. Connor öffnete die Tür und sah einen seiner Leute vor sich stehen. »Der Spatz kommt ... mit 'ner Dame«, flüsterte der Mann ihm aufgeregt zu. Haynes sah, wie Connors Gesicht grau wurde. »Haben Sie gehört?« fragte Connor heiser. »Der Spatz ... sie hat ihn mitgebracht.« Er ergriff die Bogen, die auf dem Tisch lagen, und warf sie ins Feuer. In demselben Augenblick hörten sie die schweren Tritte Inspektor Birds auf dem Gange. Ein wohlwollendes Lächeln lag auf seinem Gesicht, als er, gefolgt von einem hübschen jungen Mädchen, das Haynes schon einmal gesehen hatte, in das Zimmer trat. »Was, der Gunner! Das ist aber ein unerwartetes Vergnügen!« rief der Spatz. »Noch achtunddreißig wie Sie, und wir haben die richtige Ali-Baba-Höhle.« Haynes bemerkte, daß das junge Mädchen ihn wiedererkannt hatte. Er war aufgesprungen und begrüßte sie mit einem freundlichen, leichten Kopfnicken. »Wie geht es Ihnen, Miß Bolford?« begann er, und der feinhörige Connor hörte, was der Gunner ihn auch hören lassen wollte. Haynes wünschte auf keinen Fall, daß der Erpresser sich verriet und eingestand, er erwartete Mrs. Maddison. Als er den Ausdruck von Erstaunen, dann aber von Erleichterung in Connors Gesicht sah, wußte er, der Mann hatte ihn verstanden. »Ich wußte nicht, daß Sie zu dieser Bande gehörten«, begann der Spatz, »'n alter Freund von Ihnen, Miß Bolford.« Sein dicker Zeigefinger richtete sich auf Connor. »Das ist Connor, den müssen Sie kennenlernen ... und diese Dame hier«, er wandte sich jetzt an den Gauner, »ist Reporter und möchte alle schlechten und beinah schlechten Leute von London kennenlernen. Gestern haben Sie hier eine kleine Razzia gehabt, stimmt's nicht?« »Das versuchen sie immer bei mir«, grinste Connor, »und niemals finden sie was, Mr. Bird.« Birds Augen wanderten von dem einen zum anderen. »Wie lange hausen denn Krähe und Falke schon in demselben Nest? Das kann ich nicht verstehen«, fragte er. »Sie kommen langsam herunter, Gunner. Was machen Sie denn hier?« »Mal was anderes!« antwortete der Gunner kühl. »Von Zeit zu Zeit liebe ich es zu sehen, wie es in der Unterwelt eigentlich zugeht.« Das Gesicht des Detektivs war ein einziges, breites Lächeln. »Haben Sie das gehört?« rief er bewundernd. »Das ist die richtige, korrekte ... hm ... Konversation. So einen wie den gibt's nicht wieder.« Dies war für Haynes die günstige Gelegenheit. Er wußte, der Spatz würde sich noch eine Zeitlang mit dem würdigen Werftbesitzer unterhalten. Langsam setzte er den Hut auf und ging nach der Tür. Und dann sah er Connors Augen boshaft aufflackern. »Auf Wiedersehen, Gunner!« rief dieser laut. »Und wenn Sie einen Rat von mir annehmen wollen, dann hören Sie endlich einmal auf, ein Schießeisen mit sich herumzuschleppen; Ihnen nutzt es nichts und wird Ihnen bloß ein paar Jahre verschaffen, wenn Sie mal gefaßt werden.« »Was ... ein Revolver!« Der Spatz fuhr herum. »Dumme Sache, Gunner. Haben Sie einen Waffenschein?« »Ich habe keinen Waffenschein«, antwortete Haynes lächelnd, »und Sie können mich durchsuchen; Sie haben kein Recht dazu, aber ich habe nichts dagegen.« Er spreizte die Arme, und Mr. Birds Hände strichen an seinem Körper entlang. Miß Bolford beobachtete atemlos dies gefährliche Spiel. »Nichts zu finden«, sagte der Spatz endlich, und zu Connor: »Was soll das heißen?« »Was das heißen soll?« Der Gunner stand jetzt an der Tür. »Unser Freund da wollte durchaus ein kleines Geschäft in Feuerwaffen machen, aber ich war nicht dafür zu haben. Der einzige Revolver, den Sie höchstwahrscheinlich heute zu sehen bekommen können, liegt in dem Schubfach.« Der Detektiv zog das Fach auf, wo der Mann gesessen hatte, und Mary Bolford sah, wie sein Gesicht plötzlich blaß wurde. In der hinteren Ecke des Faches lag ein silberbeschlagener Revolver. »Das können Sie wohl allein erledigen«, sagte der Gunner ruhig und schlenderte zur Tür hinaus. Bevor er aber die kleine Zauntür öffnete, die nach der Straße führte, nahm er seinen Hut so langsam ab, wie er ihn aufgesetzt hatte, holte den Browning hervor und steckte ihn in die Tasche. 24 Margaret Maddison hatte zwei qualvolle Stunden verbracht, als ein schäbiger Bote den Brief brachte, der ihr mitteilte, daß Luke am Leben war. Am Fuße des Briefes stand in Connors eigener Handschrift: »Kommen Sie gegen acht Uhr.« Diesen Nachsatz hatte er aber dem Gunner nicht mitgeteilt. Der Brief bestätigte alle ihre Befürchtungen. Geraume Zeit saß sie vor ihrem Schreibtisch, versuchte sich auszudenken, was Luke zugestoßen sein könnte. Luke befand sich in einer schwierigen, sehr schwierigen Lage! Von dieser Tatsache ausgehend, begannen ihre Überlegungen. Sie machte ihm keine Vorwürfe über die unglaubliche Tollheit, die ihn in diese Lage gebracht hatte – sie haßte sich, daß sie ihn in der größten Krisis seines Lebens verlassen, ihn zu noch größeren Tollheiten getrieben hatte. Der Diener betrat das Zimmer und sprach zu ihr, aber sie war so vertieft, daß sie nichts hörte, bis er noch einmal begann: »Mr. Morell?« Sie fuhr auf und sah sich der Wirklichkeit wieder gegenüber. Danty war in den letzten Tagen nicht dagewesen, und ihr erster Impuls war, ihn nicht zu empfangen, dann aber kam ihr ein Gedanke, und sie nickte: »Ich lasse bitten.« Danty kam herein, elegant wie immer, ein höfliches Lächeln auf seinem Gesicht, das nichts von der inneren Unruhe verriet. »Nachrichten von Luke?« war seine erste Frage. »Ich war gerade auf dem Wege nach der City und dachte, ich würde schnell mal zu Ihnen mit herankommen.« Sie betrachtete ihn neugierig. Danton, der Freund, und Danton, der Bandenführer , waren nicht zu unterscheiden. Es kam ihr plötzlich zum Bewußtsein, daß ihr Vertrauen zu diesem Mann schon erschüttert war, bevor noch Mr. Gorton ihr die Wahrheit über diesen Abenteurer erzählt hatte. Die vollendete Doppelzüngigkeit Danty Morells wurde ihr deutlich – sie bewunderte sie beinahe – aber in ihrem Schreibtisch lag doch ihres Bruders letzte Mitteilung! Die war doch auf jeden Fall echt. Danty war es natürlich gewesen, der veranlaßt hatte, daß ihr aus Paris das Telegramm mit Lukes Unterschrift zuging. Und doch verspürte sie keinen Ärger, keine Empörung – Danton war für sie eine Tatsache, nichts weiter als eine schmutzige, häßliche Tatsache, mit der man sich abfinden mußte. »Ich habe von einem Bekannten gehört, daß letzte Nacht in Lukes Wohnung eingebrochen wurde. Ist etwas gestohlen worden?« »Nichts von Wichtigkeit.« Er sah, wie sie hastig einen Brief zusammenfaltete und in die Handtasche steckte, die auf dem Tische lag. Was mochte diese Mitteilung enthalten, die ihre Wangen gerötet hatte? »Ich nehme an, Luke amüsiert sich nach allen Regeln der Kunst. Haben Sie wieder Nachricht von ihm erhalten?« »Nein, nichts«, antwortete sie kopfschüttelnd und dann etwas befangen: »Haben Sie den merkwürdigen Fall in der heutigen Zeitung gelesen?« Er war der Meinung, sie wollte das Thema wechseln – in ein wenig ungeschickter Weise –, aber den eigentlichen Grund ihrer Frage vermutete er nicht. »Es gibt hundert verschiedene Fälle in der Zeitung. Welchen meinen Sie denn?« »Von dem Mann, der ein doppeltes Leben führte: am Tage ein angesehener Kaufmann, in der Nacht – gefährlicher Einbrecher.« Danty lächelte. Er war mit der Verbrecherwelt zu sehr vertraut, um noch irgendwelche Illusionen über ihren »romantischen« Charakter zu haben. »Das ist so ein Unsinn, den man gewöhnlich in Romanen vorgesetzt bekommt«, begann er, »aber ich habe solche Fälle selbst kennengelernt ... davon gelesen, meine ich«, verbesserte er sich hastig. »In Liverpool gab es einen Mann, der Sonntags in der Kirche predigte und an den Wochentagen eine gutgehende Fälscherwerkstatt leitete. Ein anderer war der Direktor einer großen Schuhfabrik in Midland und gleichzeitig einer der geschicktesten Juwelendiebe, der jemals der Polizei unter die Finger gekommen ist.« Sie blickte anscheinend wenig interessiert zum Fenster hinaus. »Warum tun die Leute das eigentlich?« »Ich weiß nicht.« Danty zuckte mit den Schultern. »Vielleicht Lust nach Abenteuern... es gibt so wenig Neues auf der Welt! – Ich wollte gern mal mit Ihnen über meine südamerikanische Gesellschaft sprechen, Margaret. Ich bin da in ziemliche Schwierigkeiten gekommen. Um das Geschäft abzuschließen, brauche ich siebzigtausend Pfund, um ganz genau zu sein: sechsundsiebzigtausend. Neunundsechzigtausend Pfund habe ich schon. Wenn Luke hier wäre, würde er mir sicher vorstrecken, was ich noch brauche. Er konnte mich zwar nicht besonders leiden, aber – er war ein guter Geschäftsmann.« Diese kaltblütige Forderung ließ Margaret unberührt; sie konnte weder lachen, noch sich über diese empören. Einen Augenblick hatte sie den Gedanken, ihm das Gewünschte zu geben. Vielleicht könnte er ihr als Verbündeter von Nutzen sein, wenn all das, was Gorton erzählt hatte, wirklich der Wahrheit entsprach. Aber die Gefahr, einen so gewissenlosen Menschen zu ihrem Vertrauten zu machen, war zu groß. Danty war ein Schmarotzer, ein Erpresser. Er würde die Mitteilungen rücksichtslos zu seinem eigensten Vorteil ausbeuten. Nur zwei Wege standen ihr offen: Die Hilfe der Gesellschaft zu suchen, deren sehr zweifelhaftes Mitglied Luke geworden war, oder sich an die Polizei zu wenden. Aber die Polizei nahm keine persönlichen Rücksichten, konnte keine nehmen, und würde mit dem gleichen Eifer versuchen, Luke ins Gefängnis zu bringen, wie die anderen Galgenvögel, seine jetzigen Verbündeten. »Ich befürchte, das ist unmöglich, Danton«, sagte sie ruhig. »Warum sprechen Sie nicht mit Mr. Steele? Er ist doch auch Geschäftsmann!« »Steele!« erwiderte Morell achselzuckend. »Ein Angestellter ... ein Mann ohne jede Initiative! Ein Wort von Ihnen würde genügen ...« »Das kann ich nicht machen.« Ein kurzes Schweigen. Dann sprach Danton Morell von unbedeutenden Alltäglichkeiten und verabschiedete sich bald. Er glaubte, als er die Treppe hinabging, sicher sein zu können, daß sie ihm wenigstens nicht als Gegner gegenüberstand. Er befand sich wirklich auf dem Wege nach der City. Dort hatte er ein kleines Büro, in dem er seine Untergebenen empfing. Seit Lewings Tode hatte die Bande, die seinen Namen trug, sich sehr ruhig gehalten. Zu dieser gehörten viele, Alte und Junge, die vom Fluß und den Frachtkähnen lebten. Obgleich Danty niemals an ihren »Operationen« teilnahm, hatte er ihre »Arbeit« organisiert und in ein System gebracht. Sein Anteil war nur klein, denn die Hehler zahlten schlechte Preise. Die »Arbeit« war gefährlich und schwierig, und es vergingen manchmal Wochen, bevor die Bande einen guten Schlag machte. Seidenballen, Teekisten, Säcke mit Rohgummi – nichts war der Diebesbande zu gering. Aber es war so ungeheuer schwierig, das gestohlene Gut wieder abzusetzen, und Dantys Anteil genügte kaum, um seine Wohnungsmiete zu bezahlen. An diesem Morgen hatte er die Aufforderung erhalten, sich persönlich und energischer bei der allgemeinen Arbeit zu beteiligen, hatte dies aber rundweg abgeschlagen. »Das liegt mir nicht. Ich bin nicht Connor. Denkt ihr etwa, daß ich zu euch nach Bermundsey kommen und dort wohnen soll?« Das tätige Haupt der Bande, ein untersetzter Mann, der nur Dick und sonst nichts weiter zu heißen schien, gab sich damit nicht ohne weiteres zufrieden. »Die Jungen sagen, Connors Bande macht 'ne Masse Geld, und das könnten sie doch auch machen. Auch wenn du nicht in Bermundsey wohnst, könntest du doch ab und zu mal hinkommen und mithelfen.« »Ich helfe ja schon, wo ich nur kann«, war Dantons ungeduldige Antwort. »Was hat es für einen Zweck, Connors Bande mit unserer zu vergleichen? Connor arbeitet nur an Land, und das ist ganz was anderes. Wenn ich euch nicht manchmal geraten hätte, würden die meisten schon im Kittchen sitzen. Wer hat zugeredet, daß wir ein elektrisches Motorboot kaufen? – Ich! Wer hat euch die Ladelisten und Lieferzeiten verschafft? – Ich! Euer Geschäft geht nicht besonders gut – zugegeben – aber ihr seid ja gar nicht imstande, was anderes zu machen! Glaubst du vielleicht, Connor würde auch nur einen von euch in seine Bande aufnehmen?« »Wir könnten doch mal dasselbe wie Connor machen – das Geschäft ist nicht schlecht«, beharrte der Mann eigensinnig. »Lewing war für uns von größerem Nutzen als du.« Danty war nicht leicht einzuschüchtern. Er zeigte seine Zähne in einem grimmigen Lächeln. »Und Lewing ist tot! Weißt du auch, warum? – Nicht, weil er verpfiffen hat, nein, weil er auf Connors Gebiet gejagt hat!« Der Mann ging unzufrieden seiner Wege, Danty steckte die Handvoll Noten, die Dick ihm als seinen Anteil gebracht hatte, ein und ging zum Lunch nach einem der vornehmen City-Klubs. Jeder Mensch hat einen besonderen Fehler – und Danty war Spieler, leidenschaftlicher Spieler. Er liebte die Gegend in der Umgebung der Börse; er konnte Stunden und Stunden dort verbringen, Fallen und Steigen der Preise verfolgen; er spekulierte in jeder Art Aktien und sah die beträchtlichen Summen, die ihm seine Schwindeleien einbrachten, wie Schnee vor der Sonne dahinschmelzen. Rex war seinerzeit ein sehr nützlicher Kamerad für ihn gewesen – hatte ihm Geld verschafft, wenn er nichts hatte. Hatte auch anderen Zwecken gedient: mit richtigem, gutem Gelde die Aktien bezahlt, die keiner kaufen wollte, die Schwindelanteilscheine übernommen, die Danty nicht loswerden konnte. Die Zeit war jetzt gekommen, wo Danty Morell eine neue Geldquelle finden oder für immer aus den Kreisen, die ihn so vertrauensvoll aufgenommen hatten, verschwinden mußte. Connor rühmte sich, einer der geschicktesten Industrieritter in England zu sein, und war doch unerfahrener als ein kleines Kind in jenem Platze, der schon der Ruin so vieler Menschen gewesen war – in der Londoner Börse. Er hielt sich lange genug in der City auf, um eine Menge peinlicher Neuigkeiten zu erfahren. Aktien, von denen er eine große Anzahl in Besitz hatte, fielen ständig. Er traf seinen Makler, einen kühlen Geschäftsmann, der ihm einen Kontoauszug vorlegte, dessen Ziffern Morell schaudern ließen. Danty kam halb verzweifelt in seine Wohnung und traf dort den Boten eines Rechtsanwaltes, der ihm eine Klage seines Schneiders über einhundertvierzig Pfund zustellte – schon die zehnte innerhalb des letzten Monats. Pi Coles, sein »Diener«, nahm ihm Hut und Mantel ab. »Glück gehabt?« fragte der kleine Mann vertraulich. »Nichts, Pi«, antwortete Danty gezwungen lächelnd. »Aber auf Regen folgt Sonnenschein.« Er ahnte nicht, daß in diesem Fall sein Rivale Connor den Sonnenschein bringen würde, aber auch Connor war sich nicht bewußt, daß er bestimmt sein sollte, dem Anführer der feindlichen Bande zu helfen. 25 Gunner Haynes und sein Gast besprachen die Situation von allen Gesichtspunkten aus. Luke verspürte immer noch die Wirkung des Betäubungsmittels: sein Kopf schmerzte bei dem leichtesten Geräusch, und im Laufe des Tages hatte er schon ungeheure Quantitäten Tee zu sich genommen. »So liegt nun die Sache«, sagte Haynes. »Connor weiß, wer Sie sind. Ich kann Ihnen natürlich keinen Vorwurf machen, daß Sie ihm alles erzählt haben, obgleich Sie eigentlich nicht erwarten konnten, von Connor für einen reichen Mann gehalten zu werden.« »Nicht so besonders reich«, lächelte Luke. »Wie Sie sagen, haben Sie meiner Frau ein Telegramm gesandt?« Der Gunner nickte. »Ich habe in Connors Namen telegraphiert und die Verabredung aufgeschoben. Meiner Meinung nach konnte diese erst auf heute abend gelegt sein, denn Connor würde sicher nicht riskieren, daß man Mrs. Maddison in sein Haus kommen sähe. Kommt sie nicht, dann wird Connor selbstverständlich morgen zu ihr gehen; aber in der Zwischenzeit kann sich noch viel ereignen ...« »Wenn ich nun zu Bird gehen würde ...?« »Ich habe keine besondere Vorliebe für die Polizei«, sagte der Gunner kopfschüttelnd, »wenn ich auch vor dem Spatz großen Respekt habe. Aber das kann ich Ihnen sagen: Wenn Sie auch der Herzog von Dingsda wären, wegen des Einbruchs bei Taffanny würden Sie unbedingt eingesteckt werden. Daß Sie dem Verkäufer einen unters Kinn gaben, das war ja der große Fehler, das hat Sie zum Helfershelfer dabei gemacht. Wären Sie aus dem Auto gestiegen, hätten Sie die Dame verhaften lassen und dann Ihre eigene Lage erklärt – – – nichts wäre darauf gekommen. Vielleicht ein oder zwei Sensationsartikel in den Zeitungen. Aber das haben Sie eben nicht gemacht. Ihr Name wäre aber auf jeden Fall in die Zeitungen gekommen – und der Ihrer Frau. Und das scheinen Sie ja mit allen Kräften vermeiden zu wollen. Nein, nein. Ich muß versuchen, einen anderen Weg zu finden, der Sie wieder in Ihre Kreise zurückbringt.« Seine Lippen verzogen sich bei den letzten Worten, die ihn zu erheitern schienen. »Wenn aber Connor morgen mit meiner Frau spricht, was dann?« Der Gunner dachte über diese Frage eine Zeitlang nach. »Er darf sie nicht zu sehen bekommen. Ich glaube, das kann man wohl fertigbekommen. Zu schade, daß der Spatz gestern so hereinplatzen mußte – dann hätte ich gar keine Schwierigkeiten mehr. Aber auch so glaube ich, daß wir uns ganz gut aus der Affäre ziehen werden.« Er kniete vor Lukes Bett nieder, griff darunter und zog eine kleine Reiseschreibmaschine hervor. Er stellte sie auf den Tisch, suchte ein paar Bogen Papier und begann eifrig zu schreiben ... * Connor wanderte unruhig in seinem Zimmer auf und ab, sah von Zeit zu Zeit nach der Uhr und eilte eilig nach der Tür, als er klopfen hörte. Ein kleiner Junge mit einem Brief. Connor ergriff ihn hastig, warf dem Jungen die Tür vor der Nase zu und ging in sein Zimmer zurück. Der Brief war mit der Maschine geschrieben und begann ohne weitere Vorrede: »Es tut mir leid, aber ich kann nicht zu Ihnen kommen. Die Gegend ist so armselig, daß ich befürchten muß, meine Gegenwart dort würde der Polizei verdächtig erscheinen. Können Sie mich heut abend zehn Uhr am Teich im Park treffen? Um diese Zeit kommt selten jemand dorthin. Sie müssen mir aber beweisen können, daß der Mann, von dem Sie sprechen, wirklich mein Gatte ist.« Der Brief trug keine Unterschrift, hatte aber ein Postskriptum: »Hoffentlich haben Sie nicht zu einem Mann mit Noamen Haynes über die Angelegenheit gesprochen. Er war heut bei mir, ich habe ihn aber nicht empfangen.« Connor lächelte. Der Gunner arbeitete zweifellos schnell. 26 Margaret war beim Ankleiden, als das kurze Telegramm eintraf: »Kann heute abend nicht kommen. Dieselbe Zeit morgen. Connor.« In gewisser Beziehung war sie erleichtert, obgleich sie froh gewesen wäre, wenn dieser Zustand der Ungewißheit, in dem sie lebte, aufgehört hätte. Sie glaubte, richtig zu handeln, wenn sie Geld mitnähme, und hatte darum tausend Pfund von der Bank abgehoben. Doch nach nochmaliger Überlegung ließ sie die Summe zu Haus. Wenn es sich um Erpressung handelte, konnten diese Menschen ein paar Stunden warten. Sie kannte die Gegend nicht, aber sie vermutete, daß es besser wäre, wenn eine unbeschützte Frau dort keine große Geldsumme bei sich hätte. Als sie das Geld fortlegte, fiel ihr Blick auf einen Briefumschlag, der ihr einen Stich ins Herz gab. Er enthielt die letzte Botschaft des armen Rex. Verschiedentlich war sie nahe daran gewesen, diesen Umschlag ins Feuer zu werfen, aber irgend etwas hielt sie davon zurück. Es gab eine Zeit, wo sie den Anreiz zum Haß, den dieser traurige Zettel enthielt, nötig hatte. Aber diese Zeit war vorüber. Die Hand des armen Jungen lag immer noch schwer auf ihr. Er hatte Lukes Leben verdorben und konnte sie noch ins Unglück stürzen. Jetzt mußte sie noch einmal vierundzwanzig Stunden warten, ehe sich ihre Zweifel lösten. Sie hörte die Haustürklingel. Gleich darauf wurde an die Tür geklopft, und ihr Diener kam herein. »Es ist ein Mann da, der Sie zu sprechen wünscht, gnädige Frau, ich glaube, er ist schon einmal hier gewesen – ein Mr. Haynes.« Zuerst wußte sie nicht, wer das war, aber plötzlich erinnerte sie sich seines früheren Besuches. Das war wenigstens ein Mensch, der Luke freundlich gesinnt war. »Führen sie ihn herauf, bitte«, sagte sie. Jetzt fiel ihr die Unterredung ein, die sie früher mit ihm gehabt hakte. Er hatte ihr gesagt, daß Danty Morell ein Mensch sei, mit dem eine anständige Frau nichts zu tun haben dürfte, und sie hatte nach ihrem Diener geklingelt und ihn hinausgewiesen. Aber er war mit Luke bekannt und hatte von einigen Diensten gesprochen, die dieser ihm erwiesen hätte. In ihm würde sie einen Verbündeten haben. Haynes war auf einen solchen freundlichen Empfang nicht vorbereitet. So kam er etwas in Verlegenheit. Er war gekommen, um sich Nachricht zu verschaffen, nicht, um welche zu bringen. Er durfte auf keinen Fall verraten, daß er mit Luke in Verbindung stand. »Es tut mir sehr leid, daß ich so unhöflich zu Ihnen war, als Sie mich damals besuchten, Mr. Haynes«, sagte sie, während sie sich hinter ihren kleinen Schreibtisch setzte und ihn einlud, Platz zu nehmen. »Sie verletzten mich eines –« sie zögerte, »eines Freundes wegen, der jedoch nicht mehr so ganz mein Freund ist, wie erst.« Sie lächelte. Der Gunner nickte. »Das ist die beste Nachricht, die ich seit langem gehabt habe«, sagte er. »Ich war etwas unverschämt; ich erinnere mich, daß ich Sie fragte, warum Ihr Gatte Sie verlassen hätte. Ich wundere mich, daß Sie nicht nach der Polizei schickten.« Sie lachte. »Wissen Sie, wo mein Mann jetzt ist?« fragte sie, und als er den Kopf schüttelte, fühlte sie ihre Hoffnung schwinden. Sie hatte das Gefühl gehabt, daß dieser Mann mit seinem Wohltäter zusammengetroffen sei. »Ich kann Ihnen sagen, wo Mr. Morell jetzt ist«, sagte er mit einem Zwinkern der Augen, »aber das wird Ihnen nicht viel helfen. Ich bin hergekommen, um meine Unverschämtheit zu wiederholen, Mrs. Maddison. Ich habe die leise Hoffnung, daß ich Ihnen helfen kann und auch ihrem Gatten, der in Spanien ist, wie ich Grund zu glauben habe.« Er sagte dies mit voller Absicht, während seine Augen die ihrigen nicht verließen. »Aber – – –« begann sie. »Ich glaube, er ist in Spanien. Wenn man in Spanien ist, kann man nicht in London sein, nicht wahr? Und wenn er ein großer Herr in Spanien ist, weite Ausflüge durch das Land unternimmt, kann er nicht bei Taffanny einbrechen oder mit Connor zusammen sein.« »So wissen Sie es?« unterbrach sie ihn hastig. »Ich wollte diesen Mann heute abend sehen, aber er schickte mir ein Telegramm – –« »Das Telegramm kam von mir«, sagte Gunner Haynes kühl. »Ihre Verabredung mit ihm ist ein für allemal aufgehoben.« »Woher wußten Sie das?« fragte sie. Gunner lächelte geheimnisvoll. »Ich habe eine Menge Quellen, die ich nicht verrate«, sagte er. »Was ich mit Ihnen ausmachen will ... Ihr Gatte ist in Spanien! Sie haben Briefe von ihm erhalten, die Sie leider vernichtet haben.« Jetzt verstand sie. Kam er von Luke? Es gab keine andere Erklärung für seine Worte, und sie fragte nicht weiter. »Ich bin seit Jahren nicht in Ronda gewesen«, sagte der Gunner ruhig. »Und wenn ich dort gewesen wäre und Ihren Gatten getroffen hätte, könnte er doch nicht wissen, daß ich Sie mal besuchen würde. Jetzt, Mrs. Maddison, will ich jene unverschämte Frage noch einmal wiederholen: Warum hat Ihr Gatte Sie verlassen? – Nein, nein, das meine ich nicht! Ich weiß, warum er Sie verließ. Aber warum ließen Sie ihn im Stich? Das weiß ich nicht, und ich will wetten, Ihr Gatte auch nicht. Nur Sie wissen es – und Danty!« Sie schwieg; aber sie begriff in diesem Augenblick, warum sie Rex' letzte Nachricht nicht zerstört hatte. Sie hatte sie aufbewahrt, um sie Luke eines Tages zu zeigen und die Erklärung von ihm zu fordern, nach der sie damals hätte fragen sollen. Es war ihre Rechtfertigung – die einzige für ihr Verhalten. »Das ist eine sonderbare Frage von einem Fremden, Mr. Haynes, und ich weiß nicht, ob ich Ihnen antworten soll oder nicht.« Sie stand eine Weile in Gedanken verloren, dann drehte sie sich plötzlich um und ging aus dem Zimmer. Haynes nahm seinen Hut vom Boden auf und erhob sich in der Meinung, daß die Unterredung beendet sei. Aber nach wenigen Minuten kam sie mit einem Briefumschlag in der Hand wieder in das Zinnner. »Ich will Ihnen etwas sagen, was außer mir und Mr. Morell niemand weiß«, sagte sie. »Als mein Bruder sich erschossen hatte, fand man diese Zettel in seinem Zimmer.« Sie nahm zwei Zettel aus dem Umschlage und gab sie ihm. Gunner Haynes las: »Margaret, mein Liebling, ich bin verloren. Monatelang habe ich spekuliert und heute einen verzweifelten Schritt gewagt auf den Rat von Luke Maddison. Er hat mich ruiniert – Geld ist sein Gott. Ich bitte Dich um alles in der Welt, trau ihm nicht. Er hat mich von einer Torheit in die andere getrieben. Gott segne Dich.                    Rex.« »Ist das die Handschrift Ihres Bruders?« Sie nickte. »Könnten Sie es beschwören?« »Ja, ich bin sicher, daß es die seine ist. Ich habe Hunderte solcher mit Bleistift geschriebener Zettel von ihm bekommen, und ich kann mich unmöglich irren.« »Wer fand den Zettel?« »Mr. Morell fand ihn in Rex' Zimmer. Der arme Rex hatte einen Diener, einen durchaus vertrauenswürdigen Menschen, der sah die Zettel, ehe Mr. Morell sie in seine Tasche steckte – –« »Er hat ihn natürlich nicht gelesen?« mutmaßte der Gunner. »Der Diener, meine ich?« »Ich glaube nicht. Er sah den Zettel, und Mr. Morell nahm ihn schnell an sich.« Der Gunner besaß ein bewundernswertes Gedächtnis. Von diesem Augenblick an hätte er den Brief Wort für Wort wiederholen können, er brauchte keine Abschrift, und gab ihn der jungen Frau zurück. »Natürlich glaubten Sie, Ihr Gatte wäre für den Tod Ihres Bruders verantwortlich, und das war der Grund, warum Sie so handelten.« »Hat er Ihnen das gesagt?« fragte sie hastig. Gunner sagte weder nein noch ja. Er blickte stirnrunzelnd auf den Teppich, die Hände in den Hosentaschen, seine Unterlippe vorgeschoben. »Sonderbarer Kerl, dieser Danty«, sagte er nach einer Weile, und sie merkte, daß er mehr zu sich als zu ihr sprach. »Er war immer ein Kleinigkeitskrämer. Etwas von einem Geizhals steckt in ihm, obgleich er niemals Geld festhalten konnte und das auch niemals lernen wird. Gauner sterben alle arm.« »Werden Sie auch – –« begann sie, hielt aber verlegen inne. Sie sah ein seines Lächeln über sein Gesicht huschen. »Sie waren im Begriffe, mich zu fragen, werden Sie ...?« »Nein, Mrs. Maddison, ich werde nicht arm sterben, oder ich müßte verrückt werden. Ich brauche nicht mehr zu arbeiten. Meine Ansichten haben sich geändert. Damit will ich nicht sagen, daß ich auf zu schlechten Wegen gewandert bin. Vor fünf Jahren verkaufte mir ein Kumpan einen ganzen Stoß Anteile an einem Kupferbergwerk. Es hatte den Anschein, als wenn sie nicht mehr wert wären als das Papier, auf dem sie gedruckt waren, aber glücklicherweise warf ich sie nicht ins Feuer. Es wurde Kupfer gefunden, während ich in Untersuchungshaft war, und ich habe sie mit großem Gewinn verkauft. Ich werde nur noch ein Verbrechen verüben.« Sie war im Begriff, darüber zu lächeln, aber sie sah etwas in seinen Augen, das das Lächeln auf ihren Lippen erstarren ließ. »Danty Morell muß bestraft werden – – sobald ich Beweise habe«, sagte er langsam. Er zog seine Uhr aus der Tasche. »Ich habe eine wichtige Verabredung, Mrs. Maddison. Erlauben Sie, daß ich gehe. Verlangen Sie nicht, daß ich Ihrem Gatten Nachricht gebe, denn ich weiß nicht, wo er ist. Und wenn ich es wüßte, würde ich es Ihnen nicht sagen.« »Ist er gesund?« fragte sie ängstlich. »Ganz gesund«, antwortete er. Er machte keine Anstalten zu gehen, sondern blieb stehen und spielte mit seiner Uhrkette. Plötzlich sagte er: »Er wird Geld brauchen, aber das klingt von mir ... na, Sie verstehen ja. Wenn es not tut, kann er von mir soviel Geld haben, wie er braucht, doch finde ich es besser, wenn Sie es geben würden, schon um mir Ihr Vertrauen zu beweisen.« Er kicherte. »Das erinnert mächtig an Danty! Wenn Sie irgendeinen Zweifel haben, Mrs. Maddison, dann geben Sie mir nichts. Ich brauche zweihundert Pfund, aber dreihundert wären noch besser.« Sie verließ das Zimmer und kam mit einem Päckchen Geldscheinen wieder. »Vierhundert werden noch besser sein«, sagte sie, und er steckte das Geld in die Tasche, ohne zu zählen. »Scheint ein leichtes Spiel zu sein. Schade, daß ich nicht früher damit anfing«, sagte er. »Danty, das ist ein Kerl! Es gibt keinen besseren Lügner in der Welt als er!« Er streckte seine Hand aus, und sie schüttelte sie. »Ich werde Sie wiedersehen, Mrs. Maddison; eines Tages vielleicht, wenn Sie nach Ronda reisen, werden Sie mir erlauben, denselben Zug zu benutzen, damit Sie nicht einem richtigen Hochstapler in die Hände fallen!« 27 Mr. Connor traf zur verabredeten Stunde ein, lohnte sein Taxi kurz vor der Brücke in der Nähe des Teiches ab und schlenderte dem Wasser zu. Es drohte zu regnen und ein kalter Wind wehte – es war kein Abend, der romantische Paare hierhin gelockt hätte. Aber Mr. Connor war nicht romantisch veranlagt, im Gegenteil sehr realistisch. Er konnte Margaret Maddisons Widerstreben, nach seiner Werft zu kommen, vollständig verstehen und seine eigene Dummheit nicht begreifen, ihr diesen Vorschlag gemacht zu haben. Sie wäre nur in Begleitung der Polizei gekommen, wie der Gunner gemeint hatte, wenn dies überhaupt ihre Absicht gewesen wäre. Er fand einen Klappstuhl, schlug ihn auf und setzte sich. Hier war die Aussicht auf ein gutes Einkommen. Er hätte sogar den Gunner dafür segnen mögen, daß er sich in seine Angelegenheiten gemischt hatte ... gerade in dem kritischsten Augenblick für Luke Maddison. Er blickte nach links und rechts. Niemand war zu sehen. Die Polizei, das wußte er, machte nur selten auf diesem Wege die Runde. Neben ihn, war ein Rasenstreifen, der durch ein niedriges Gitter vom Fußwege getrennt war. Er war in Betrachtung all der Aussichten versunken, die ihm seine Entdeckung gebracht hatte, als sich plötzlich eine Hand schwer auf seine Schulter legte und etwas Kaltes seinen Nacken berührte. »Kein Wort, oder ich schieße«, sagte eine dumpfe Stimme hinter ihm. »Nicht umsehen, mein Junge!« »Was soll das heißen?« knurrte Connor, der – man mußte ihm gerecht werden – weniger Angst als Ärger empfand. » Hands up! Wollen mal sehen, wen ich da habe«, sagte der Fremde befehlend. »Dreh dich jetzt um!« Connor gehorchte. Seine Augen hatten sich an die Dunkelheit gewöhnt und er hätte seinen Angreifer erkennen können, wäre das Gesicht unbedeckt gewesen; aber wo das Gesicht sein sollte, war ein schwarzer Fleck. »Überfall durch einen maskierten Straßenräuber!« murmelte der andere, während seine freie Hand Connors Taschen befühlte. »Sie brauchten Ihr Gesicht nicht zu verdecken, Gunner«, knurrte Connor. »Ich würde Sie überall erkennen.« Der andere sagte nichts; seine Hand fuhr in die innere Tasche von Connors Rock und zog etwas daraus hervor. Connor griff nach seinem Handgelenk, aber der Lauf des Revolvers traf ihn so unsanft unters Kinn, daß seine Zähne zusammenschlugen. »Sie kommen wegen des Passes, nicht wahr? Ich war ein Dummkopf, auf Ihren Brief 'reinzufallen. Aber es macht keinen Unterschied, Gunner, Sie können der Frau, die Sie herschickt, sagen – –« »Du schwatzt zuviel«, sagte der Maskierte. Er steckte seine Hand in Connors Seitentasche, zog eine Pistole hervor und warf sie in das dunkle Wasser. Connor hörte das Aufspritzen des Wassers, als sie hineinfiel. »Wahrscheinlich spart dir das zehn Jahre«, sagte der Angreifer freundlich. »Was ich gerne tue, ist: anderen Zuchthausstrafe ersparen!« Er faßte in die Hosentasche seines Opfers und zog eine Handvoll Banknoten hervor. »Mehr Reichtum, als der größte Geizhals sich träumen läßt«, sagte er, während er das Geld in seiner eigenen Tasche unterbrachte. »Gespart zum Ankauf eines Wagens oder so was Ähnliches?« »Sie werden noch von mir hören«, drohte Connor. »Bilden Sie sich nicht ein, daß ich mir das gefallen lasse!« Er hörte ein leises Lachen, aber es klang so wenig heiter, daß er schauderte. »Was hält mich ab, ein Ende mit dir zu machen? Nichts!« sagte der Mann mit der Maske. »Ich rate dir, Connor, zu deinem eigenen Besten: Kein Geschrei wegen dieser kleinen Angelegenheit!« »Maddison steckt dahinter – aber ich werde ihn mir langen!« stieß Connor zwischen den Zähnen hervor. »Ich mache keinen Spaß...« »Du schwatzt zuviel«, sagte der andere wieder, packte sein Opfer an den Schultern und schwenkte ihn so schnell herum, daß Connor taumelte. Und ehe er sein Gleichgewicht wiedergewonnen hatte, gab ihm der Fremde einen so heftigen Stoß, daß er ins Wasser stürzte. Als sich Connor herausgearbeitet hatte, war der Mann verschwunden. Die Nacht war nicht geeignet, in nassen Kleidern herumzulaufen, aber sie waren beinahe wieder trocken, als Connor einen neuen Plan gefunden hatte. Er wußte jetzt genau, warum ihn der Gunner an jenem Tage aufgesucht hatte – er war wegen des Passes gekommen, aber das Dazwischenkommen von Inspektor Bird mit der jungen Dame hatte es ihm unmöglich gemacht, das Dokument zu erlangen. Connor hatte eine Menge Pläne, aber er verwarf sie alle. Dann erinnerte er sich des einzigsten Menschen, der ihm Hilfe leisten könnte. Daß er das Oberhaupt einer Rivalenbande war, kam in diesem Falle nicht in Betracht. Kaum hatte er diesen Gedanken gefaßt, so rief er Danty Morells Wohnung an. Der war einer der gerissensten Menschen, viel schlauer als er selbst – ein Mann, der mit den verwöhntesten Lebemännern in Verbindung stand und von dem man sagte, er hätte Geld genug, um sich zur Ruhe setzen zu können, obgleich er angeblich immer noch der Führer der Bande war. Danty lag im Bett, als der Anruf kam. Er verwünschte alle Fernsprecher und ging mit bloßen Füßen an den Apparat. Er war mit Connor nicht genug bekannt, um dessen Stimme zu erkennen, aber dieser verlor keine Zeit und sagte ihm, wer er sei. »Was ist los?« fragte Danty mißtrauisch. Er wußte, es bestand Feindschaft zwischen den beiden Banden, aber er selbst hatte es immer verstanden, weder seine eigenen Leute zu ärgern, noch die feindliche Bande unnötig zu reizen. »Es ist eine große Sache und viel Geld zu machen. Können wir uns sofort sprechen?« fragte Connor. Danty überlegte eine volle Minute. »Gut, kommen Sie her«, sagte er schließlich. Er war nicht besonders über die Zusammenkunft begeistert, da er bemerkt hatte, daß sein Haus von Zeit zu Zeit unter Beobachtung stand. Er weckte Pi Coles und erzählte ihm, wer kommen würde. Der dicke, kleine Mann schüttelte den Kopf. »Connor ist ein gerissener Hund. An deiner Stelle würde ich ihm aus dem Wege gehen.« Von Zeit zu Zeit hatte es hitzigen Krieg zwischen den beiden Banden gegeben, aber Danty hielt sich von ihren Unternehmungen so fern, daß er einen unparteiischen Standpunkt einnehmen konnte. Er ließ sich nie südlich des Flusses sehen, ehe nicht die Fehden beendet waren, und es war eine stillschweigende Übereinkunft zwischen den beiden Banden, ihn ungeschoren zu lassen. Danty hatte davon geträumt, alle seine alten Beziehungen abzuschütteln und zu vergessen, daß er jemals Flußräuberei getrieben und daraus eine kleine, aber beständige Einnahme gehabt hatte. Als Connor kam, war er angekleidet. Pi, sein Diener, der eine Viertelstunde lang zum Fenster hinausgesehen hatte, berichtete, daß der Mann die Half Moon Street entlang kam. »Er ist allein«, sagte er, und Danty fühlte seine Unruhe schwinden. Connor war in liebenswürdiger Stimmung – was aber nichts bedeutete. Liebenswürdigkeit gehörte zu seinem »Geschäft«. »Eigentlich unverschämt, Sie aufzusuchen, Mr. Morell«, sagte er, »aber es ist etwas vorgefallen, und ich hoffe, Sie werden mir helfen. Wenn ich sage ›mir helfen‹,« fügte er bedachtsam hinzu, »meine ich, daß Sie auch sich helfen. Meine Leute und Ihre stehen nicht immer auf gutem Fuße, aber ich denke, das wird nichts ausmachen.« Danty bedeutete ihm mit der größten Höflichkeit, daß er über dem Widerstreit der Parteien stände. Er schob ihm selbst eine Kiste mit Zigarren hin, und Connor zündete sich behutsam und gedankenvoll eine an. »Ich weiß zufällig eine Menge von Ihnen, Morell – es ist bekannt, daß Sie der geriebenste Bursche in London sind. Sie kennen doch Mr. Maddison – er erwähnte Ihren Namen.« Danty machte große Augen. »Maddison?« sagte er langsam. »Woher kennen Sie ihn denn?« Connor grinste. »Ich will Ihnen nichts vorlügen. Bis gestern kannte ich ihn nicht.« Dann fragte er ganz unvermittelt: »Wieviel Geld hat er?« Bei dieser Frage stutzte Morell. »Bin ich denn ein Auskunftsagent?« fragte er spöttisch. »Er ist reich, mehr kann ich Ihnen nicht sagen, und das wissen Sie jedenfalls selbst.« Er hätte noch hinzufügen können, daß Lukes Reichtum für ihn augenblicklich eine Quelle großen Ärgers war. Er war neugierig, warum sich der Bandenchef für Luke interessierte und wie er mit ihm zusammengekommen war, doch Connor zeigte vorläufig keine Lust, ihn aufzuklären. »Die Sache ist die, Morell: wenn der Mann reich ist und wir ordentlich was aus ihm herausziehen können, sind Sie bereit, halbpart zu machen?« Danty antwortete nicht. Er hatte durchaus nicht die Absicht, sich diesem Manne anzuvertrauen, der vielleicht wirklich freundschaftlich gesinnt war, der aber auch möglicherweise eine Falle für ihn bereit hielt. »Gut, ich werde es Ihnen sagen«, sagte Connor, »weil Sie nun einmal mit darin stecken, ob Sie wollen oder nicht. Wenn Sie mitmachen, gibt es nur einen Weg: Wir teilen!« »Vielleicht sind Sie so gut und erklären sich deutlicher?« sagte Morell. Der andere nickte. »Das gehört sich«, sagte er. »Erinnern Sie sich, daß Lewing getötet und ein anderer schwer verletzt wurde?« »Ich erinnere mich«, antwortete Morell. »Wissen Sie, daß vor zwei Tagen Taffanny beraubt wurde und ein bärtiger Mann mit einem Haufen Brillanten davonkam?« Danty nickte wieder. »Wissen Sie, daß das derselbe Mann ist – der Kerl, der im Krankenhause lag, und der, der den Wagen fuhr? Und wissen Sie, daß es Mr. Luke Maddison war?« Danty starrte ihn mit offenem Munde an. »Unsinn!« sagte er höhnisch. »Maddison ist in Spanien.« Der andere lachte. »In Spanien soll er sein? Ich will Ihnen sagen, wo er ist. Er hat sich bei Gunner Haynes versteckt. Und noch mehr – seine Frau weiß, daß die Polizei hinter ihm her ist.« Luke Maddison ein Dieb! Von der Polizei gesucht? Der Gedanke war so phantastisch, daß Danty ihn nicht zu fassen vermochte. Doch Connor fing an zu erzählen. Er gab keine Auskunft über die Umstände, unter denen Luke seine Persönlichkeit offenbart hatte; aber als Danty von dem vermeintlichen Betrug des Verbündeten Connors hörte, konnte er sich leicht alles zusammenreimen. »Wir wollten mit ihm abrechnen, da kam Gunner Haynes dazwischen und brachte ihn fort. Natürlich glaubte ich die Geschichte nicht, bis einer meiner Leute einen Paß fand.« »Sie schrieben an Mrs. Maddison?« Connor nickte. »Wir bekamen eine gefälschte Antwort – ich könnte mich ohrfeigen, daß ich den Schwindel nicht durchschaut habe. Dann fing mich der Gunner im Park ab und nahm mir den Paß weg.« Danty überlegte schnell. Er wußte, daß diese Geschichte auf Wahrheit beruhte, daß Luke auf irgendwelche merkwürdige Weise in einen Diebesbandenkrieg verwickelt war und sich jetzt vor der Polizei verbergen mußte. Den Grund, warum der Paß so nötig für ihn war, konnte er sich denken – ihn zu bekommen, war der Zweck seines Einbruchs in seine eigene Wohnung gewesen. Mit dem Paß in der Hand wäre es ein leichtes für ihn, nach dem Kontinent zu gehen, und mit seinem Verschwinden aus London schwand auch die Hoffnung, ihn mit dem Taffanny-Einbruch in Verbindung zu bringen. Und Margaret kannte – wenn auch nicht alles – so doch den wesentlichsten Teil von Connors Geschichte. Denken und Handeln war bei Danty eins. Er ging in den Korridor ans Telephon und rief Margaret an. Sie war gewiß schon im Bett, aber er würde darauf bestehen, sie zu sprechen. Zu seiner Überraschung war sie selbst am Apparat. »Sind Sie es, Margaret?« »Wer ist dort?« fragte sie schnell. »Danton«, sagte er. »Hören Sie; etwas sehr Wichtiges – ist heute abend ein Mann namens Haynes bei Ihnen gewesen?« Sie zögerte, ehe sie antwortete. »Ja«, sagte sie schließlich, »aber ich glaube nicht, daß irgend –« »Hören Sie zu, bitte«, bat er. »Haben Sie ihm Geld gegeben? Das ist sehr wichtig.« Wieder zögerte sie. »Antwort, bitte!« wiederholte er. »Ja«, sagte sie. »Ich gab ihm etwas Geld – nicht für ihn selbst – –« Es kam ihr zu spät zum Bewußtsein, daß sie einen Fehler gemacht hatte. »Für jemand anders?« fragte Danty eifrig. Er wartete, aber er hörte, daß sie den Hörer an den Apparat hing. Er ging schleunigst zu Connor zurück. »Er hat den Paß, und er hat Geld bekommen; das will sagen, daß er morgen früh mit dem ersten Zuge nach dem Kontinent abfahren wird. Sie müssen einige von Ihren Leuten morgen früh am Bahnhof haben, damit sie die Schranken bewachen und Maddison zurückschrecken, wenn er versucht, England zu verlassen.« Er rief nach Pi Coles. »Bring mir meine Schuhe«, sagte er; und als der Mann wieder aus dem Zimmer war: »Ich gehe zu Mrs. Maddison, um die erste Rate unserer Pension zu holen. Wieviel dachten Sie, daß Sie von ihr bekommen hätten, wenn sie auf Ihre Werft gekommen wäre?« »Ich rechnete auf tausend«, sagte Connor, und Danty lachte in sich hinein. »Wenn dieser Spaß nicht hunderttausend wert ist, dann überhaupt nichts!« sagte er. 28 Margaret ahnte, daß Danton nach dem Telephongespräch selbst kommen würde, und war nicht überrascht, als sie klingeln hörte. Sie ging auf den Treppenabsatz und rief dem Diener, der nach der Tür eilte, zu: »Wenn es Mr. Danton Morell ist, führen Sie ihn, bitte, herauf.« Das erste, was ihr an Danty auffiel, war eine gewisse Unordentlichkeit in seinem Äußeren, die sie sonst nie an ihm bemerkt hatte. Gewöhnlich war er ein peinlich sorgfältiger Mann; jedes Haar lag glatt auf seinem Kopfe; seine Anzüge waren stets fleckenlos. Aber jetzt war sein Haar nicht gebürstet, Rock und Beinkleid waren verschieden, alles erweckte den Eindruck, als ob er sich in großer Eile angezogen hätte. Sie fühlte die Feindseligkeit und die veränderte Haltung ihr gegenüber im Augenblick seines Eintretens. »Margaret, es tut mir leid, daß ich eine unangenehme Pflicht erfüllen muß«, sagte er hastig. »Es betrifft Ihren Gatten; er muß wahnsinnig geworden sein und scheint sich recht in die Patsche gebracht zu haben. Was auf der Welt hat ihn dazu veranlaßt?« »Wozu?« fragte sie harmlos. Er lächelte. »Es hat keinen Zweck, mir vorzumachen, Sie wüßten es nicht, meine Liebe. Luke hat sich mit einer Gaunerbande eingelassen. Ich weiß nicht, was ihn dazu bewog oder wer das Weib ist, die dazwischen steckt.« Er fügte das mit aller Absicht hinzu und war enttäuscht, als sie lächelte. »Sie denken immer an Frauen, Danton. Vielleicht war es dieselbe Dame, die Sie in Paris entdeckten? Entsinnen Sie sich, Ihr Diener telegraphierte mir doch darüber!« »Ich schwöre Ihnen ...« begann er, aber sie wehrte ab. »Es lohnt nicht, darüber zu streiten. Was wollen Sie jetzt noch?« Danton zuckte mit den Schultern. »Gut, da ist ein Mann namens Connor, der sehr beleidigt zu sein scheint, daß Sie heute abend die Verabredung, die Sie mit ihm hatten, nicht eingehalten haben. Er sagt, Sie hätten ihm tausend Pfund versprochen –« »Ich habe nichts versprochen, und es würde mir nicht im Traume einfallen, ihm tausend Pfund zu geben«, sagte Margaret und fügte zu: »Auch Ihnen nicht.« Sie sah, wie er zusammenzuckte. Bis dahin hatte sie nicht gewußt, welche große Rolle das Geld in Danton Morells Leben spielte. »Es hat keinen Sinn, sich aufzuregen«, sagte er. »Es würde Ihnen und Luke nur schaden, wenn Sie sich mit Connor verfeinden. Er ist einer der mächtigsten Bandenführer in London, und unglücklicherweise weiß er, daß Luke der Mann war, der neulich den Diebstahl bei Taffanny ausführte. Was wollen Sie nun machen?« »Ich weiß es noch nicht«, sagte sie. »Connor braucht Geld – einige tausend Pfund. Es liegt mir natürlich daran, Ihnen die Schande zu ersparen, und da der Mann zu mir kam, mich um Rat fragte, hielt ich es für das beste, als Vermittler hierherzukommen. Sie haben dem Unrechten Geld gegeben, Margaret. Haynes kann Ihnen nicht helfen – übrigens glauben Sie doch nicht etwa, daß Luke das Geld bekommt, das Sie ihm für ihn mitgegeben haben?« Als sie nicht antwortete, fuhr er fort: »Ich habe gar nichts damit zu tun, und wenn es Ihnen Spaß macht, sich mit Connor zu verfeinden, so ist das ganz und gar Ihre Sache. Aber – –« Sie unterbrach ihn. »Bilden Sie sich ein, ich würde mir zweitausend Pfund von Ihrem Freunde erpressen lassen?« »Er ist nicht mein Freund«, beteuerte Danty, »und von Erpressung kann überhaupt keine Rede sein. Wie es scheint, hat sich Luke das Geld von Connor geborgt.« Sie lachte leise und sah ihn belustigt an. »Wie wenig überzeugend Sie sein können, Mr. Morell! Schön, ich sage Ihnen hiermit, daß ich weder Ihnen noch Mr. Connor auch nur einen Schilling geben werde. Wir können uns alle unnützen Auseinandersetzungen darüber ersparen.« »Den Rat gab wohl Haynes, nicht zu zahlen, he?« Sie schüttelte den Kopf. »Nein«, sagte sie ruhig, »Inspektor Bird. Nachdem Sie telephoniert hatten, sprach ich mit ihm und stellte ihm einen angenommenen Fall vor – er wird herkommen.« Im selben Augenblick klingelte es scharf an der Haustür. »Ich glaube, das ist er«, sagte sie und empfand es wie eine Genugtuung, daß Danton Morell auffallend erblaßte. »Sie werden ihm doch nichts sagen?« fragte er unruhig. »Ich meine, daß ich das Geld verlangt habe – wegen Connor? Es wird alles 'rauskommen – Sie werden sehen – über Luke, meine ich. Sein Name wird als Genosse von Mördern und als Juwelendieb in ganz London breitgetreten werden.« Er sprudelte eine Menge Unzusammenhängendes hervor, während sie schon das Zimmer verließ, um den Spatz zu begrüßen. In den ersten Tagesstunden war Mr. Bird immer in der fröhlichsten Laune. Er war in Scotland Yard gewesen, als Margaret ihn anrief, und war keineswegs überrascht, als er beim Eintreten in das Wohnzimmer Danton Morell verwirrt und schuldbewußt vor dem kleinen Feuer stehen sah, das im Kamin brannte. »Schön, schön, es ereignen sich immer noch Wunder. Ich war seit Jahren nicht in einer Gesellschaft! Daß ich Sie hier treffe, Danty!« Er kicherte. Seine Augen beobachteten Margaret. »Wenn Sie glauben, ich werde Sie tadeln, daß Sie mit schlechter Gesellschaft verkehren, so irren Sie sich, Mrs. Maddison. Ich weiß, Sie sind eine der ersten Damen der Gesellschaft und tun natürlich viel Gutes in Verbrecherkreisen. Was gibt's, Danty? – – – Haben Sie Ihren Onkel verloren und möchten nun Fahrgeld haben, um aus London fortzukommen? – Was würden Sie tun, wenn jemand Geld von Ihnen verlangt, damit er den Mund hält? – Danty würde so etwas Niedriges gewiß nicht tun, nicht wahr, Danty? Er hat nie etwas verbrochen, außer ... jetzt ist er gebessert. Das Stehlen hat er aufgegeben und ist zur Fondsbörse übergegangen.« »Ich bin nicht an der Fondsbörse«, ließ sich Danty zu einer Antwort reizen. »Ich dachte, Sie wären heute eingetreten«, sagte der Spatz freundlich. »Ich sah Fahnen in der City. Vielleicht hat auch der König von Belutschistan das Bürgerrecht erworben!« Er blickte Margaret fragend an und las die Antwort in ihren Augen. »Gut, Danty, wir wollen Sie nicht länger aufhalten. Mrs. Maddison und ich haben einige Gedanken über Erpressung auszutauschen. Wie geht es Connor?« »Ich habe Connor seit Monaten nicht gesehen«, sagte Danton heiser. Der Geheimpolizist rieb sich sein dickes Kinn. »Das ist komisch. Ich glaubte, er hätte Sie heute nacht in Ihrem Hause aufgesucht und wartet dort noch aus Ihr Zurückkommen. Werde alt, vermute ich – man bekommt solche Sinnestäuschungen in meinem Alter –, ich bilde mir oft ein, Gauner zu sehen, wenn es nur Börsenmakler sind, oder nicht einmal das.« Mit sehr unangenehmen Gefühlen stieg Danty Morell die Treppe hinunter, mehr geängstigt als verärgert. Es war keine Droschke in Sicht, aber einige Häuser entfernt hielt nahe am Fußsteig ein Wagen, der verdächtige Ähnlichkeit mit einem Polizeiauto hatte. Er eilte daran vorbei und war froh, als er um die Ecke biegen und aus dem blendenden Licht der Wagenlampen herauskommen konnte. Connor saß mit Pi Coles beim Kartenspiel, als er nach Haus kam. »Nun, hatten Sie Glück?« Für Dantys Geschmack war dieser Mensch zu zuversichtlich; ihm wäre ein zweifelnder und hoffnungsloser Ton in seiner Frage lieber gewesen. »Ich habe kein Geld bekommen, wenn Sie das meinen. Der Spatz war dort.« Connor fuhr hoch, seine zusammengekniffenen Augen hefteten sich aus seinen Verbündeten. »Das klingt mir wie eine verdammte Lüge«, sagte er, aber Danty fühlte sich nicht beleidigt. »Er war noch nicht da, als ich hinkam, aber ich hatte kaum angefangen zu reden, da erschien er. Sie hatte nach ihm geschickt.« Jetzt war Connor überzeugt. Seine Lippen spitzten sich, als wenn er eine unhörbare Melodie pfiffe. »Wurde mein Name dabei genannt?« fragte er nach einigem Überlegen. »Ja, der Spatz nannte ihn. Er sagte, er wüßte, daß Sie in meiner Wohnung wären und auf mich warteten.« Connor legte sich nachdenklich und stirnrunzelnd im Stuhl zurück. »Ich glaube, das ist auch Schwindel«, sagte er mehr zu sich selbst. »Vielleicht? – er geht mir seit einer Woche nach – nicht er selbst, aber einer von seinen Bluthunden. Hat sie geschwatzt?« Danty antwortete erst, als er seinen Rock aufgehängt hakte. »Das tat sie nicht und wird es auch nicht tun. Ich kenne sie! Sie hat einen Vogel und bildet sich ein, sie hätte ihren Mann schlecht behandelt, und sie wird ihn zu retten versuchen, ohne die Polizei in Anspruch zu nehmen.« Connor nahm eine Zigarre aus der Tasche, biß die Spitze ab und zündete sie an. Er paffte bedächtig und starrte auf die Decke; nach einer Weile sagte er: »Da mache ich nicht mit. Ich will nichts mit einer Frau zu tun haben, die so schlau ist, die Polizei zu rufen. Manchen Sie's nur weiter, Danty, und geben Sie mir meinen Anteil. Fünfundzwanzig Prozent ist ganz schön, damit bin ich zufrieden!« Danty starrte ihn an. »Ich mache die Arbeit, und Sie wollen den Nutzen davon haben, he? Meinen Sie es so? Wann haben wir denn diese Gesellschaft gegründet?« Connor hatte ein breites Lächeln. »Ich habe das Geschäft eingeleitet; das ist meine Antwort! Ich kann mich nicht hineinmischen, weil mein Name jetzt bekannt ist und der Spatz dazwischen steckt. Sie verstehen mit diesen Leuten umzugehen und Sie sind gerieben genug, um sich nicht in Gefahr zu bringen.« Er erhob sich, nahm Rock und Hut und wandte sich zur Tür. Auf der Schwelle blieb er stehen und blickte den anderen an. »Fünfundzwanzig Prozent«, sagte er. »So und nicht anders, oder ich werde unangenehm!« Danty folgte ihm auf den Vorplatz. »Wo wohnt der Gunner?« Connor schüttelte den Kopf. »Ich werde es auskundschaften und Ihnen morgen früh Bescheid geben«, sagte er. »Er hat irgendwo eine versteckte Höhle.« Danty ging zurück und schloß die Tür. Gewöhnlich besprach er seine Angelegenheiten nicht mit Pi Coles, aber der kleine Mann war schlau und verständnisvoll. Er hatte alles mögliche betrieben, vom Diebstahl bis zum schweren Verbrechen, und hatte eine überraschend gute Bildung. Er war einer von den seltenen Leuten, die ihren häufigen Aufenthalt im Gefängnis zum Lesen und Studieren ausgenutzt hatten; denn obgleich er den gewöhnlichsten Dialekt sprach und sein Englisch ganz minderwertig war, konnte er fließend Französisch und Spanisch – seine Kenntnisse waren vorteilhaft für ihn gewesen, als er ein Jahr in einem französischen Gefängnisse abzusitzen hatte. Zum ersten Male ließ Danty ihn in seine Karten blicken. Vorher war er nie mitteilsam über Luke Maddison und dessen Frau gewesen, aber jetzt ging er aus sich heraus. Pi Coles hörte aufmerksam zu, und als Danton Gunner Haynes erwähnte, schüttelte er den Kopf. »Ich würde ihm aus dem Wege gehen, wenn ich du wäre«, sagte er. »Hast du ganz vergessen, was damals geschehen ist?« Er nickte bedeutungsvoll. Danton hatte nichts vergessen, aber er bildete sich ein, die Verbrechernatur genau zu kennen. Solche Männer wie Gunner Haynes verzeihen, selbst wenn man ihnen ihre Frauen stiehlt. Haynes mit seiner philosophischen Anschauung trug ihm diesen kleinen Zwischenfall wahrscheinlich nicht nach. Außerdem, das Mädchen war tot und konnte die Geschichte nicht verraten, die des Gunners Rache heraufbeschworen hätte. Wußte er denn gar nichts von ihm – etwas, wodurch er ihn in seine Gewalt bringen könnte, irgendein altes Verbrechen, an dem sie beide beteiligt waren? Danty war ein Kleinigkeitskrämer; er sammelte viel unnützes Zeug. In seinem Schlafzimmer befand sich ein Sicherheitsschrank, in dem er seine kostbarsten Andenken aufbewahrte. Briefe, mit Schuhbändern zusammengebunden; alte Zeitungsausschnitte, die sich auf seine Heldentaten bezogen; und in einer Schreibmappe ein kleiner Papierzettel mit einer kritzligen Handschrift, den er besser vernichtet hätte, als er in seine Hände kam. Doch er verbrannte nicht gern etwas, sonst wären jene tollen Briefe längst Asche, jene Briefe von dem Mädchen, dessen Herz er gebrochen hatte. Er fand gewisse Andenken, Briefe von dem Gunner aus den Tagen, als sie Genossen waren, aber nichts, was ihn belastet hätte, nichts, was er jetzt gebrauchen könnte. Er schlug den Schrank zu und verschloß ihn. Dann ging er zu Pi zurück, der indessen einen nagelneuen Gedanken ausgebrütet hatte. »Du kannst den Gunner aus dem Spiele lassen«, sagte er. »Angenommen, Maddison steckt bei Haynes, was hindert dich denn, an Maddison heranzukommen – über Haynes hinweg? Und was kann dir seine Frau noch nutzen? Du brauchst Maddison nur mit einem Scheckbuche nach dem Kontinent zu befördern, dann bist du für dein ganzes Leben versorgt.« Danty hörte stirnrunzelnd zu. Diese Möglichkeit war ihm nicht eingefallen. Er legte sich gegen drei Uhr morgens zu Bett, aber erst gegen sieben schlief er ein. Als er am Mittag aufwachte, hatte Connor durch einen Boten einen Brief geschickt. Nach Connors Gewohnheit stand keine Adresse darauf. Danty riß den Umschlag auf und nahm einen Zettel heraus, der aus einem billigen Notizbuchs stammte, und las: »L. M. wohnt bei G. H. 974 Pennybody Gebäude, Clerkenwell.« 29 Margaret erwachte an diesem Morgen mit einem festen Entschluß. In ihrer Unterhaltung mit dem Detektiv war sie schlecht davongekommen. Er war ein zu schlauer Mensch, zu erfahren in den Schlichen und Ausflüchten der Verbrecherwelt, um sich von ihr täuschen zu lassen. In diesem Fall, der sie so sehr nahe berührte, enthüllte er mit beunruhigender Klarheit die Gestalt und die Taten Lukes. Er sagte es nicht; er brachte den vermißten Bankier nicht einmal mit dem Taffanny-Diebstahl in Verbindung. Alles, was er zu wissen durchblicken ließ, war, daß Luke Maddison Torheiten begangen, daß jemand dies herausbekommen hakte und nun Erpressungen an seiner Frau versuchte; aber zu fragen, worin diese Torheiten bestanden, schien er für taktlos zu halten. Als sich Margaret in die Enge getrieben und die Dinge, die sie verheimlichen wollte, ans Licht gezogen sah, war sie aus reiner Verzweiflung gezwungen, von einer Frau in Verbindung mit Luke zu sprechen, obgleich sie sich selbst deswegen verachtete. Sie sprach leichthin von einer früheren Liebschaft, aber da sie nicht zu lügen verstand, überzeugte sie nicht. Daß sie nicht die Wahrheit sagte, ersparte ihr in der Tat weiteres Ausgefragtwerden. Der Spatz kam zu einer falschen Schlußfolgerung. »Ich kann Ihnen nur eines sagen, Mrs. Maddison; was auch geschehen mag, geben Sie kein Geld heraus. Wenn Danty oder Connor oder sonst jemand etwas von Ihnen erpressen will, brauchen Sie mich nur anzurufen; ich werde dem ein Ende machen.« Er ging mit der bestimmten Überzeugung, daß sie seinem Rate folgen würde. An diesem Abend mußte sie sich zwingen, zu Bett zu gehen und zu schlafen. Sie hatte einen schweren Tag vor sich und keinen festen Plan gefaßt. Der Gunner hatte ihr nichts gesagt, nur daß er mit Luke in Verbindung stand. Hatte er ihr gesagt, daß er ihn aus England herauszubringen versuchte? Wenn das vielleicht auch nicht seine Worte waren, so hatte sie ihn doch so verstanden. Luke würde nach Ronda gehen, wohin sein Scheckbuch geschickt worden war. Sie müßte ihm folgen, ihn womöglich begleiten. Sie ging am frühen Morgen zur Bank, um Steele zu sprechen und fand ihn in rosiger Stimmung. Zwei oder drei Unternehmungen, an denen die Bank beteiligt war, hatten glänzende Erfolge. »Die eine Sache hakte ich schon unter Verlustkonto gebucht, und sie scheint jetzt achtzehntausend im Jahr einzubringen«, er jubelte fast. »Ich möchte, daß Sie Mr. Maddison das mitteilen, er wird entzückt sein. Ich hätte es ihm nach Spanien gedrahtet, aber ich weiß seine Adresse nicht.« Dann kam es ihm zum Bewußtsein, daß ihr Erscheinen zu so früher Stunde etwas ungewöhnlich war. »Wünschen Sie etwas, Mrs. Maddison?« »Ich möchte das Privatkonto meines Mannes sehen. Sie hatten es auf die Bank übertragen.« Er führte sie in sein Privatzimmer und holte ihr das Bankbuch. Sie fuhr mit ihrem Finger die Reihen entlang. Die letzte Auszahlung war wenige Tage vor seiner Hochzeit erfolgt. »Seitdem«, sagte Steele, »ist kein Scheck gekommen. Ich hatte einige erwartet. Mr. Maddison ist manchmal ziemlich verschwenderisch, und ich bin erstaunt, daß er noch keinen Scheck ausgestellt hat; er hak ja sein spanisches Konto, aber ich denke, das wird er auch erhöhen wollen.« »Darum bin ich zu Ihnen gekommen, Mr. Steele«, sagte sie. »Ich muß Sie ersuchen, keinen Scheck meines Mannes, der über mehr als tausend Pfund lautet, auszuzahlen.« Steele starrte sie über seine Brillengläser an. Das war der Entschluß, den sie in der Nacht gefaßt hatte. Sie hatte jede Möglichkeit Schritt für Schritt überlegt und die Wahrscheinlichkeit vorausgesehen, daß die Erpresser ihre Aufmerksamkeit von ihr auf Luke richten würden. Jetzt war Luke in Sicherheit, unter dem Schutze des Gunners; doch könnte nicht etwas geschehen, das ihn von diesem wachsamen, vorsichtigen Manne trennte? Ohne sich den Grund erklären zu können, vertraute sie dem Gunner unbedingt und war überzeugt, daß er Luke kein Leid antun würde, wie auch sein Ruf immer sein mochte. »Das ist eine ganz merkwürdige Forderung, Mrs. Maddison«, sagte Steele in Verlegenheit. »Es ist leicht möglich, daß Mr. Maddison einen großen Kauf abschließen möchte – als er das letztemal in Spanien war, kaufte er einige Besitzungen in Sevilla, die im ersten Jahre einen Vorteil von fünfzig Prozent brachten.« Sie nickte. »Ich weiß es, aber dennoch stelle ich die Forderung – in seinem Namen.« »Gut, Mrs. Maddison.« Steele kritzelte ein paar Worte auf einen Zettel und steckte ihn an das Hauptbuch, das er hereingebracht hatte. »Ich weiß nicht, was Sie vorhaben, aber ich hatte verstanden, daß Sie das ganze Vermögen wieder in die Hände Mr. Maddisons gelegt ...« »Darum handelt es sich nicht«, erklärte sie hastig. »Es ist aber leicht möglich, daß ...« Doch jetzt kam sie in Verlegenheit; sie konnte keine Erklärung geben, die ein kluger Mann gelten lassen würde, oder sie müßte die ganze Geschichte offenbaren. Ihr Wagen parkte auf dem Waterloo Place, und sie wartete, bis ihn der Bote heranholte. Als sie den Kopf wandte, sah sie einen Mann an der Ecke stehen, der in seiner Haltung etwas ihr Bekanntes hatte. Er stand noch da, als der Wagen kam. Beim Vorüberfahren sah sie sein Gesicht und klopfte an das Fenster. Auch er sah sie – und diesmal verlor Gunner Haynes seine Kaltblütigkeit. Man sah ihm die Bestürzung an, als der Wagen mit einem Ruck anhielt, und sie ihm zuwinkte. Widerstrebend kam er zu ihr heran. »Wollen Sie, bitte, mitfahren!« sagte sie etwas beklommen. »Ich möchte ein paar Fragen an Sie richten.« Er zögerte. »Es ist für Sie nicht gut, Mrs. Maddison, mit mir gesehen zu werden.« »Steigen Sie ein«, sagte sie befehlend, und er gehorchte wortlos und setzte sich neben sie. Durch das Sprachrohr gab sie dem Wagenführer einen Befehl. Dann sagte sie: »Ich muß meinen Mann sehen!« Der Gunner schüttelte den Kopf. »Ich kann mir nicht denken, daß es von Nutzen für Sie wäre. Es haben ihn schon zu viele Leute gesehen.« »Wie meinen Sie das?« fragte sie und sah einen harten Ausdruck in Haynes' Gesicht erscheinen« »Ich wollte ihn heute mit dem Frühzuge fortbringen. Da waren zwei von Connors Leuten auf dem Bahnhof. Ich weiß nicht wie, aber sie hatten ein paar Geheimpolizisten überredet, die Schranken zu bewachen, und so wagte ich es nicht. Ich versuchte es um elf noch einmal, aber ich hatte auch nicht mehr Glück. Natürlich vermutete Connor, als ich den Paß holte, was ich vorhatte.« »Als Sie den Paß holten?« fragte sie erstaunt. »Wann war denn das?« Gunner vermied, auf diese Frage zu antworten. »Ihr Mann fällt mir allmählich auf die Nerven und hindert mich bei meinen ungesetzlichen Gelegenheitsarbeiten.« Bei diesen Worten kam ein schwaches Lächeln in seine Augen. »Warteten Sie an der Bank auf mich?« Er lächelte wieder. »Ich wußte wirklich nicht, Mrs. Maddison, daß Sie dort waren, und ich wußte auch nicht, daß ich in der Nähe der Bank war. Die Wahrheit ist –« seine Verlegenheit wurde noch größer – »daß eine junge Dame in diese Gegend kommt, mit der ich manchmal Tee trinken gehe. Ich glaube, sie interessiert sich für mich in meiner Eigenschaft als Verbrecher und als Quelle für schriftstellerischen Stoff.« Er zog eine Grimasse und lachte dabei. »Aber ich bin sehr dankbar für die Gelegenheit, mit einem anständigen Mädchen zusammen sein zu können. Sie schreibt für Zeitungen und ist in Westend tätig.« Margaret lachte leise. Es war das erstemal seit langer Zeit, daß sie wieder lachte. »Armer Mr. Haynes, es tut mir leid, daß ich Sie um dies Vergnügen gebracht habe.« Er schüttelte den Kopf. »Nein, sie konnte nicht mehr kommen, es war zu spät. Und natürlich kann es immer möglich sein, daß der dicke Spatz bei ihr ist.« »Sie sprechen von Mr. Bird, und der Name des Mädchens ist Bolford.« Er stutzte. »Wußten Sie das?« stammelte er. »Ach natürlich, sie war ja bei Ihnen. Sie hat es mir erzählt. Nein, Mrs. Maddison, es ist nichts Romantisches daran, nur – verständnisvolle Freundschaft. Ich bin für kleine Gaben sehr dankbar.« »Sind Sie verheiratet?« fragte sie. »Ich war es«, sagte er so kurz, so daß sie nicht weiter zu fragen wagte. »Kann ich meinen Mann sehen? Ich müßte ihn doch sprechen, meinen Sie nicht auch?« Er sah sie eigenartig an. »Haben Sie nicht an die Möglichkeit gedacht, daß er Sie vielleicht nicht sehen will?« fragte er derb und sah, wie das Blut in ihre Wangen stieg. »Ich – ich habe mich mit Absicht gegen diese Möglichkeit blind gestellt«, sagte sie. »Aber er ist in Schwierigkeiten, und der Platz einer Frau sollte an der Seite ihres Mannes sein?« spottete er, und in dieser Minute haßte sie ihn. Doch sie überwand ihren Ärger. »Ja, wir wollen so sagen. Es klingt sehr abgedroschen, aber die meisten abgedroschenen Dinge sind wahr.« Gunner schwieg eine ganze Weile, dann seufzte er. »Ich habe das Gefühl, daß alles verkehrt ist, was ich tue, und daß ich zulassen sollte, daß Sie ihm helfen. Aber, Mrs. Maddison, es wird große Schwierigkeiten machen, Ihren Gatten aus England herauszubekommen. Sie sind im Begriff, ›Flugzeug‹ zu sagen – Ich sehe es Ihren Augen an – aber ich möchte wetten, daß Connor auch in Croyden seine Leute hat. Das einzigste wäre, ihn im Auto in ein Seebad zu schmuggeln, eine Jacht zu mieten und ihn von dort über den Kanal zu bringen. Es wird nicht leicht sein, besonders, da er nicht erpicht darauf ist, sich von Ihnen helfen zu lassen.« Sie sann darüber nach, während der Wagen langsam durch den Park fuhr. »Ich will die Gefahr einer Abweisung auf mich nehmen«, sagte sie, »wenn Sie die Gefahr, ihn zu beleidigen, auf sich nehmen. Wollen Sie mir helfen, ihn zu sehen?« Haynes nickte. »Ja, Mrs. Maddison, aber Sie dürfen nicht in diesem eleganten Wagen in meine Gegend kommen. Wir wollen halten und ein Taxi nehmen.« So wurde es gemacht. »Das einzigste, was mich beunruhigt, ist«, sagte er, während sie Piccadilly entlang fuhren, »ob Connor die Spur nach meinem Hause gefunden hat.« »Sie fürchten, daß man Ihnen dahin folgt? Wußten die nicht, wo Sie wohnen?« »Sie kennen viele Adressen von mir«, erklärte der Gunner verdrießlich, »aber diese nicht, wenigstens nicht bis heute morgen.« Sie lohnten den Wagen zweihundert Meter vor dem Hause ab, in dem Haynes seine Wohnung hatte. Glücklicherweise waren wenig Leute auf der Straße, und sicher niemand, den das Erscheinen einer gutgekleideten Dame interessiert hätte. Sie mußten durch einen kleinen Torweg gehen, um den asphaltierten Hof des großen Gebäudes zu erreichen. Margaret bemerkte, daß der Gunner voller Unruhe zurückschallte. »Man hat richtig meine Spur entdeckt?« sagte er mürrisch. »Haben Sie das Auto draußen auf der Straße bemerkt? Der Mann am Steuer war einer von Connors Freunden. Sie werden ihn jetzt nicht mehr sehen – er ist fort. Connor benutzt eine Menge Motorwagen.« Als er die paar Stufen zum Treppenabsatz hinaufstieg, an dem seine Wohnung lag, kam eine schlampige Frau aus der gegenüberliegenden Tür. »Es war doch richtig, daß Ihr Schrank abgeholt wurde, Mr. ... wie heißen Sie doch gleich?« sagte sie. Gunner drehte sich um. »Mein Schrank abgeholt? Was meinen Sie?« »Die Leute aus der Möbelhandlung kamen ungefähr vor einer Stunde – zwei Burschen in grünen Schürzen. Sie hatten den Schlüssel, darum dachte ich, es wäre in Ordnung.« Gunner stellte keine weitere Frage. Er öffnete die Tür und lief in den Gang. Die Tür von Lukes Zimmer stand offen. Er sah die Unordnung und die blutbefleckten Tücher, und als er sich umwandte, blickte er in Margaret Maddisons weißes Gesicht. »Ich bedauere, Ihr Gatte ist nicht da«, sagte er in so natürlichem Ton, daß sie sich täuschen ließ. Er schloß die Tür hinter sich und führte sie in das kleine Wohnzimmer. »Er wird erst spät zurückkommen; es hat keinen Zweck hierzubleiben.« »Woher wissen Sie das?« fragte sie. »Warum waren Sie so erschrocken, als Ihnen gesagt wurde, daß der Schrank abgeholt sei?« »Ein alter Schrank, den ich verkauft habe«, sagte der Gunner. »Warum soll man altes Zeug aufbewahren, das keinen Nutzen mehr für uns hat?« Er plauderte munter mit ihr, ehe er sie fortbrachte und sie in einer anderen Droschke nach Hause fahren ließ. Sie ahnte nicht, daß er wußte, in dem Schranke war Luke Maddisons Körper. Ob er tot oder lebend war, das mußte er erst ausfindig machen. Nachdem Gunner Haynes die junge Frau verlassen hatte, ging er in sein Zimmer zurück, rollte den Teppich zusammen, nahm ein Dielenbrett hoch und langte einen Kasten hervor, der zwei kleine Brownings enthielt. Einen davon steckte er in eine besonders gearbeitete Tasche im Innern seines Rockes; der andere kam in einen kleinen Halfter, den er an seinem Gürtel festschnallte. »Ich denke, diese Nacht wird es Arbeit geben«, sagte Gunner Haynes laut vor sich hin. 30 Luke Maddison hatte nur eine sehr verwirrte Erinnerung an das, was nach seinem unvorsichtigen öffnen der Tür geschehen war. Er hatte lesend im Zimmer gesessen, als er klopfen hörte, und nichts Verdächtiges in dem Erscheinen zweier Männer in grünen Schürzen und Hemdsärmeln gesehen. »Ist das Mr. Haynes Wohnung?« fragte der eine. »Wir wollen den Schrank abholen.« »Sie sollten lieber wiederkommen, wenn Mr. Haynes da ist«, sagte Luke. Er dachte natürlich, der Gunner hätte Anweisung gegeben, das Möbelstück fortzuschaffen. »Wenn wir den Schrank nicht mitnehmen können, so möchten wir ihn wenigstens messen«, sagte der Mann, der ein Notizbuch in der Hand hatte. Luke Maddison zögerte. Er wußte nichts von Schränken und überhaupt nichts von den häuslichen Angelegenheiten in der Wohnung. Aber es war ja harmlos, diesem Wunsche nachzugeben. Er drehte sich einen Augenblick um, und auf das, was dann geschehen war, konnte er sich nicht mehr besinnen. Seine erste bewußte Empfindung war, daß man ihm unsanft sein Gesicht mit einem kalken nassen Schwamm wusch. Ein scharfer Geruch von Teer lag in der Luft, und das Zimmer, in dem er saß, schien in Bewegung zu sein. Er dachte zuerst, es wäre einer seiner vielen Träume, aber als seine Augen in dem Räume umherwanderten und er die festgezimmerten Wände, die niedrige Decke und den schwarzen, mit Teer gestrichenen Fußboden sah, wußte er, daß er nicht träumte. »Bin ich auf einem Schiffe?« fragte er heiser und hörte lachen. Er erkannte in dem Mann, der den Schwamm in der Hand hatte, denselben Künstler, der ihm schon einmal zur Besinnungslosigkeit verholfen hatte. »Waren Sie es – – – in der grünen Schürze? Ich habe Sie nicht erkannt.« »Das war ich nicht«, sagte der Mann, der chronisch heiser zu sein schien. »Bei mir fließt kein Blut! Trinken Sie das.« Luke trank den schwachen, mit Wasser vermischten Branntwein, der ihm angeboten wurde, aber er hätte reines Wasser vorgezogen. »Sie sind eine rechte Plage für uns, ja, das sind Sie«, sagte der Mann, indem er den Schwamm in einen Napf warf und seine Hände an einem schmierigen Tuche abtrocknete. »Jetzt hören Sie auf meinen Rat und verhalten Sie sich ruhig. Hier ist ein Bett für Sie, und hinten im Heck finden Sie einen Eimer mit Wasser. Es wird Ihnen niemand was tun, wenn Sie keine Dummheiten machen.« »Bin ich auf einem Schiffe?« fragte Luke noch einmal. »Flußschiff«, war die Antwort. »Sie brauchen nichts zu fürchten. Der Gunner sucht schon nach Ihnen, aber er wird Sie nicht finden.« Er wandte sich zu seinem schweigsamen Gefährten, und jetzt erst bemerkte Luke, daß noch ein Mann in der Kabine war, wenn dieser schmutzige Ort mit solchem Namen gewürdigt werden konnte. »Wir hätten ihn nicht aufs Bett legen sollen. Das hat uns verraten, Harry«, sagte er. »Es war mein Fehler, aber wir mußten ihn doch irgendwohin legen. Sie sind stärker, als ich dachte, Maddison.« Luke kicherte. »Ich erinnere mich nicht, daß ich gekämpft habe. Habe ich mich gewehrt?« »Gewehrt!« sagte der andere. »Ich sollte meinen! Als wir Sie im Schlafzimmer hatten, fingen Sie erst richtig an. Erinnern Sie sich nicht?« Luke konnte sich auf nichts besinnen. »Der Kapitän kommt in einer Minute an Bord – wir sind in der Nähe der Werft verankert. Wenn Sie ein verständiger Mann sind, Mr. Maddison, werden Sie tun, was er sagt. Es wird kein schlechtes Geschäft sein, nun wir wissen, wer Sie sind.« Er blickte Luke neugierig an. »Ein Kamerad von Lewing, nicht wahr? Ist doch merkwürdig, sich mit den Leuten einzulassen! Ich wundere mich, daß sich ein Mann wie Sie mit solchen Sachen befaßt!« Luke antwortete nicht. Die beiden Männer gingen bald darauf an Deck. Sie ließen ihm die blakende Lampe, die einen aussichtslosen Kampf mit der Dunkelheit führte. Eine kurze Stiege führte zu einer schweren Tür, die aber geschlossen war. An Heck des Schiffes befand sich eine Art Waschraum, doch gab es keine Luke, durch die er das Tageslicht sehen konnte, und eine Ventilationsanlage war auch nicht vorhanden. Die Luft, die eindrang, kam durch drei runde Löcher, die in die Tür geschnitten waren, und er hatte den Verdacht, daß sie mit Segeltuch verdeckt waren, da er kein Licht sehen konnte. Alles Wertvolle war ihm abgenommen worden. Seine Kleider waren mit Blut beschmutzt, seinen durchweichten Kragen sah er in einer Ecke der Kabine liegen und sein Kopf schmerzte unaufhörlich. Trotzdem meldete sich der Hunger. Nach kurzer Zeit wurde die Tür aufgestoßen, und auf der obersten Stufe der Stiege erschienen die Beine eines Mannes. Jetzt entdeckte er, warum er kein Licht gesehen hatte: die Treppe wurde durch ein kleines Deckhaus abgeschlossen, das er flüchtig sehen konnte, als der Ankömmling herunterstieg. Es war Connor, der ihn mit der Miene eines Freundes begrüßte, der schlecht behandelt worden war. »Sie haben uns eine Menge Mühe gemacht, Mr. Maddison«, sagte er, unbewußt dieselben Worte wie sein Leutnant gebrauchend, »und wenn mir jemand Mühe macht, muß er dafür blechen. Ich bin gekommen, um einen kleinen Schwatz mit Ihnen zu machen. Sie wollen fort, nach dem Kontinent, nicht wahr?« Luke antwortete nicht. »Seien Sie nicht eigensinnig«, bat Connor mit freundlichem Grinsen. »Ich will versuchen, Ihnen zu helfen. Ich bringe Sie in einem Schiff unter – der Kapitän ist mein Freund und nimmt Sie morgen früh nach Rotterdam mit.« Er zog ein Buch aus seiner Tasche, das Luke sofort erkannte. »Hier ist Ihr Paß. Meine Jungens fanden ihn, als sie in Gunners Wohnung herumwirtschafteten. Sie kriegen ihn von mir, Mr. Maddison, ich bin der beste Freund, den Sie je hatten.« Luke zog eine Grimasse. »Ich verstehe, das ist die Mühe, für die ich blechen soll. Nicht wahr.« »Das ist wie ein verständiger Mann gesprochen«, sagte Connor. »Ja, es wird Sie etwas kosten, aber Sie können es ja.« Ans seiner inneren Tasche holte er einen langen Umschlag hervor, dem er drei unausgefüllte Schecks entnahm. »Ich will, daß Sie die selbst ausfüllen: einen auf zwei-, einen auf drei- und einen auf fünftausend. Es sieht besser aus und macht 'n guten Eindruck, wenn die Schecks in Ihrer Handschrift sind.« »Kann ich sie sehen?« Der Mann reichte ihm die Schecks, und Luke kicherte wieder. »Sie armer Verschwörer!« sagte Luke spöttisch. »Ich hab' nicht mehr als hundert Pfund auf diesem Konto oder auf irgendeinem anderen.« Connors Brauen zogen sich zusammen. »Wollen Sie mir was vormachen?« fragte er. »Ich sage die Wahrheit«, antwortete Luke, »aber ich kann begreifen, daß Ihnen das sonderbar vorkommt und wie eine Lüge klingt. Das ist mein Privatkonto. Ehe ich fortging, ließ ich das meiste von dem Gelde auf meine Bank überweisen.« »Aber Sie haben doch immer mit der Nord-Süd-Bank in Verbindung gestanden!« Connor war sichtlich durch diese Eröffnung verdutzt, kein Wunder, denn er hatte einen ganzen Nachmittag damit verbracht, um die richtigen Scheine ausfindig zu machen. Es existiert ein flotter Handel mit Blankoschecks in London, man muß nur die richtigen Quellen wissen. Es hatte ihm Zeit gekostet, Lukes Bank ausfindig zu machen, und noch mehr Zeit, die nötigen Formulare zu finden. Seine Enttäuschung war begreiflich. »Ich habe jedenfalls kein Geld«, sagte Luke. »Ihre Mühe war also vergeblich.« »Doch, Sie haben welches«, unterbrach ihn Connor. »Nachdem Sie fort waren, ließ Ihre Frau ihr ganzes Geld auf Sie zurückschreiben.« Das war neu für Luke, aber der Mann sägte das sicher nicht aufs Geratewohl. »Wer hat Ihnen das gesagt?« »Ein Freund von Ihnen«, sagte der andere kühl. »Danton Morell?« Connor nickte. »Jedenfalls würde es nicht auf dieses Konto zurückgegangen sein«, sagte Luke nach einiger Überlegung. »Es würde in meiner eigenen Bank sein.« Connor hatte genug Menschenkenntnis um zu wissen, daß sein Gefangener die Wahrheit sprach. »Aber Sie werden doch die Schecks unterzeichnen, wenn ich die richtigen bekomme, nicht wahr, Mr. Maddison?« Luke schüttelte den Kopf. »Ich will Ihnen nicht drohen. Ich will das in anständiger Weise machen«, sagte Connor eindringlich. »Ich habe jemand, der Ihnen aus England heraushilft. Der Gunner kann es nicht. Sie sind ein reicher Mann, und ein paar Hundert mehr oder weniger macht Ihnen nichts aus. Wenn Sie mir vertrauen, werde ich Sie fortbringen, und ich will nie wieder, auch nur um einen Pfennig, zu Ihnen kommen. Sie wissen, ich kann nichts von Ihnen herausholen, wenn Sie einmal aus England heraus sind, darum verlange ich jetzt einen Haufen Geld. Sie sind ein Geschäftsmann, Mr. Maddison, und Sie sind klug genug zu wissen, daß ich mir selber die Gurgel durchschneiden würde, wenn ich später eine kleine Erpressung bei Ihnen versuchen wollte. Ich habe vorn eine Kabine für Sie, und Sie sollen mir Ihr Wort geben, daß Sie keinen Fluchtversuch machen, aber warum sollten Sie das, da ja doch die Polizei nach Ihnen sucht. Gefällt Ihnen der Handel?« »Sie werden keine Bohne von mir bekommen«, sagte Luke abweisend. Connor sah ihn lange und gedankenvoll an. »Gut«, sagte er, »Sie können hierbleiben und hungern, bis Sie Ihren Sinn geändert haben.« Einen Augenblick war Luke in Versuchung, sich auf ihn zu stürzen, während er die Stufen hinaufstieg. Ein Stoß würde ihn herunterholen; aber Luke war noch sehr schwach. Er saß ruhig, bis die Tür zugemacht war. An Deck war es dunkel, aber nicht zu dunkel für Mr. Connor, als er in das kleine Ruderboot stieg, das an der Seite des Schiffes lag. Er fuhr nicht nach seiner Werft, sondern mit wenigen Ruderschlägen nach der anderen Seite des Flusses. Von dort ging er in die City, nahm ein Taxi und ließ sich nach der Half Moon Street fahren. Danky war gerade im Begriff auszugehen und Mr. Danton Morell hakte schlechte Laune. »Was dachten Sie sich, als Sie mir die Adresse schickten?« sagte er. »Ich ging heute nachmittag hin und rannte beinahe mit Gunner Haynes zusammen.« »Zum Teufel, was wollten Sie denn da?« fragte Connor. »Maddison sehen. Ich hätte ihn überreden können, abzureisen. Maddison ist nicht dort. Eine Frau im Hause sagte mir, der Gunner hätte seine Wohnung abgeschlossen und wäre fortgegangen. Wo ist Maddison?« Connor zündete sich eine Zigarre an, ehe er antwortete. »Ich habe ihn! – Ich glaube, ich war mit einem Viertel beteiligt, nicht wahr, Danty?, aber jetzt sind es drei Viertel, und da bin ich noch nobel. Sie hatten die Gelegenheit und haben Sie versäumt. Was ist er wert?« Danty unterdrückte den aufsteigenden Ärger, den der Ton des Mannes in ihm hervorrief. Es war nicht klug, mit Connor in Streit zu geraten, und die Frage der Teilung konnte bis zu einem geeigneteren Augenblick warten. »Eine halbe Million, sollte ich meinen. Wo ist er?« Connor ignorierte die Frage. »Eine halbe Million, he? Würde er für hunderttausend gut sein?« Der andere überlegte einen Augenblick. »Ja – hunderttausend sicherlich, wenn er sie bekommen kann.« »Er sagt, er hätte keine Bohne.« »Er hat Geld«, fuhr Danty auf. »Es ist alles in seiner eigenen Bank.« Connor sann eine ganze Weile über diese Worte nach. »Da brauchen wir also zehn Scheine. Können Sie die verschaffen?« Danty zog seine Stirn in Falken. »Wozu brauchen Sie Schecks?« Connor schloß müde die Augen. »Sie sind so lange aus dem Geschäft heraus, daß Sie beinah alles vergessen haben«, sagte er beleidigend. »Ich brauche Schecks, damit er sie unterzeichnet, das ist alles. Können Sie welche kriegen?« Danky überlegte einen Augenblick. »Ich habe ein Scheckbuch von der Bank«, sagte er. »Ich hatte ein kleines Konto dort, aber die haben wenig Wert, da sie mich leicht verraten können. Aber ich kann andere bekommen.« Er ging ans Telephon und rief Margarets Nummer an. Der Diener sagte ihm, sie wäre ausgegangen; das war gerade, was er brauchte. »Wann wird sie zurück sein? Hier Mr. Morell.« Er war auf die Antwort gefaßt, daß Mrs. Maddison überhaupt nicht mehr für ihn zu sprechen wäre. »Erst nach dem Lunch, Sir.« Danty hing den Hörer an. »Warten Sie hier«, sagte er. »Ich denke, ich weiß, wo ich alle Scheine bekommen kann, die Sie brauchen.« Er kannte Margaret und ihre häuslichen Gewohnheiten ziemlich gut – er war vertrauter mit ihr gewesen als irgendein anderer Mann. Der Diener war erstaunt, ihn zu sehen, aber er führte ihn ohne zu zögern hinauf in den Salon. »Ich sagte es wohl nicht deutlich, daß die gnädige Frau erst ungefähr in einer Stunde zurück sein kann.« Danty lächelte. »Sie werden sehen, daß sie schon früher zurückkommt«, sagte er lächelnd. »Jedenfalls will ich sie erwarten.« Die Tür hatte sich kaum hinter dem Diener geschlossen, als er auch schon an Margarets Schreibtisch war. Dieser war unverschlossen, und er wußte, daß sie stets zwei Scheckbücher in einem der seitlichen Schubfächer hatte. Er fand sie da, wie er erwartet hatte: eins halb leer, das andere noch ungebraucht. Aus dem letzteren riß er ungefähr ein Dutzend der Hinteren Scheine heraus, steckte sie in die Tasche und schloß das Fach. Dann klingelte er. »Ich werde doch nicht warten, lieber in einer Stunde wiederkommen. Es ist nicht so eilig, und mir fällt eben ein, daß ich noch einen Besuch zu machen habe.« Innerhalb einer halben Stunde war er wieder bei Connor und legte die Schecks vor ihn hin; Mr. Connor stellte keine Frage, es war auch nicht nötig. »Sie lassen sie jetzt von ihm unterzeichnen. Soll ich mitkommen?« Connor grinste. »Das ist kein kluger Einfall«, sagte er. »Sie können sich leicht in die Nesseln setzen, Danty.« Er konnte sich dem Schiffe nicht bei Tageslicht nähern, da er wußte, daß er von der Polizei beobachtet wurde. Sobald es dunkel war, glitt er den Strom hinunter und kletterte auf das Schiff. Er brachte einen Korb voller Eßwaren mit und eine Thermosflasche mit heißem Tee. Das Licht war herabgebrannt, und Luke lag im Halbschlaf auf dem Bett, das für ihn zurechtgemacht war. Durch das Eindringen der kalten, frischen Luft wurde er wach. Connor knipste eine elektrische Lampe an, die er mitgebracht hatte. »Hier ist was zu essen«, sagte er. »Es tut mir leid, daß ich Sie solange warten lassen mußte, aber hoffentlich sind Sie nun klüger geworden. Und da sind die Scheine. Ich möchte, daß Sie die selbst ausfüllen.« Luke langte nach den Eßwaren und aß heißhungrig. Er war so hungrig, daß seine Lebensgeister ganz herabgesunken waren. Wahrscheinlich belebte ihn der heiße Tee mehr als das Essen, und er fühlte sich fast völlig wohl, als er die letzten Krumen von seinen Knien wischte. »Was haben Sie da für Scheine?« fragte er. »Ach, Schecks! Sie wollen, daß ich die ausfülle und unterzeichne – auf eine fabelhafte Summe? Sie können ja eine Million setzen, wenn Sie wollen, aber ich kann Ihnen versichern, daß sie nicht ausgezahlt wird. Ich sagte Ihnen doch schon, daß mein ganzes Geld auf den Namen meiner Frau eingetragen ist.« »In dem Falle wollen wir uns einen Spaß machen«, sagte Connor, ohne seinen Gefangenen aus den Augen zu lassen. »Sie stellen diese Schecks jeden auf zehntausend aus und datieren sie immer eine Woche nacheinander. Wenn Sie länger als zehn Wochen hierbleiben wollen, können Sie sie einen Monat nacheinander datieren, oder wenn Ihnen daran liegt, in wenigen Tagen fortzukommen, können Sie einen Scheck auf hunderttausend Pfund ausstellen, und gleichzeitig an Ihren Bankdirektor schreiben, daß er das Ding auszahlen soll.« Luke lachte, ehe er ausgesprochen hatte. »Ich hab' viel Sinn für Humor«, sagte er, »aber es kommt mir für einen Bankier nicht witzig vor, Schecks auf Verlustkonto auszustellen.« Connor zog einen Stuhl heran und setzte sich. »Lassen Sie uns die Sache in Ordnung bringen«, sagte er. »Sie kennen mich, und Sie wissen, wer ich bin; ich kann zehn Jahre aufgebrummt bekommen, vielleicht noch mehr. Ich würde mich lieber aufhängen, als mein Leben in Broadmoor verbringen, doch ich nehme die Gefahr auf mich, Mr. Maddison. Ich werde Sie quälen und um die Ecke bringen, wenn Sie nicht tun, was ich sage. Sie sind ein verständiger Mensch, und ich überlasse es Ihnen. Ich kann Sie nicht ohne das Geld fortlassen.« Er zog seinen Stuhl näher heran. »Ich hab' mich viele Jahre aus diesem Flusse abgemüht, und was glauben Sie, was ich davon habe? Die Pacht einer alten Werft, die keinen Schilling wert ist; ein paar Tausend auf kleinen Banken und die Gewißheit, daß früher oder später eine meiner Ratten mich verpfeifen wird. Jetzt hab' ich eine Gelegenheit, einen Haufen Geld zu bekommen – Sie haben die Gelegenheit, sich davonzumachen. Ich will einen Bericht über die Tatsachen der Taffanny-Sache aufsetzen und unterschreiben – ist das ein Vorschlag?« Es war kein Zeitpunkt, heldenmütig zu sein. Luke wußte das ganz genau. Er zweifelte nicht, daß schließlich Connor sein Wort halten würde, und das wäre das Ende. Es war nicht der Augenblick, dem Schicksal mit den Fingern ins Gesicht zu schnippen. Connor behandelte die Angelegenheit ganz geschäftsmäßig, und es blieb ihm nichts übrig, als sich zu fügen. Wenn er einen Scheck ausstellte, zweifelte er nicht, daß dieser honoriert werden würde. Sicherlich würden aber auch Nachforschungen angestellt werden, und wahrscheinlich würde man auf seine Spur kommen. »Ich halte es für töricht, zu versuchen, einen Scheck über zehntausend einzukassieren«, sagte er. »Die Summe ist so hoch, daß, selbst wenn ich das Geld hätte, Steele Verdacht schöpfen würde. Ich schlage einen Vergleich vor: Ich will Ihnen einen Scheck über fünftausend Pfund geben. Wenn der bezahlt wird, sehr wahrscheinlich aber nicht, haben Sie Glück, und Sie täten besser, sich aus dem Staube zu machen, ehe Nachfragen kommen. Sicherlich wird kein Bankdirektor, der seine Sinne beisammen hat, hunderttausend Pfund auszahlen, ohne sich mit dem Manne in Verbindung zu setzen, der die Schecks ausgestellt hat.« Er sah, wie Connor lächelte. »So lass' ich mir's gefallen«, sagte der Mann. »Das ist gescheit. Wo vermutet man Sie – in Spanien, nicht wahr?« Luke runzelte die Stirn. »Ich denke ja, warum?« »Wir wollen die fünftausend abheben und dann zusammen nach Spanien gehen – ich will Sie heute nacht noch 'rausschaffen.« Der Plan schien Luke nicht ausführbar, aber er sagte nichts. Er schrieb und unterzeichnete den Scheck und überreichte ihn dem anderen. »Und nun«, sagte Luke, »möchte ich ein bißchen frische Luft haben. Hier erstickt man.« Connor zögerte. »Kommen Sie an Deck. Aber wenn Sie Dummheiten machen, werde ich etwas tun, was mir und Ihnen leid tun sollte.« Wenige Sekunden später saß Luke auf Deck und sog die kühle, süße Luft ein. Er konnte das Licht eines Leuchtturms sehen, das von der anderen Seite des Flusses kam. Gegenüber war eine Reihe von Lichtern auf dem Themse-Kai. Ein munterer kleiner Schleppdampfer bewegte sich langsam stromaufwärts gegen die Flut; er hörte das Zischen und Brausen eines Zuges, der über eine der Brücken fuhr. Die Lichter von Westend färbten die tiefhängenden Wolken in trübes Orangerot. Die Flut wechselte gerade. Er hörte das Anschlagen des Wassers gegen das flache Boot. Einige Minuten lang saß er in Schweigen versunken. Dann stand er auf und streckte seine verkrampften Glieder. »Wenn ich verspräche, das Schiff nicht zu verlassen und mich ruhig zu halten, würden Sie die Tür offen lassen, Mr. Connor?« Connor antwortete mit einem Lachen. »Dummheit! Solche Versprechen haben für mich keinen Sinn.« »Ich bin froh«, sagte Luke. »Wenn Sie mein Versprechen angenommen hätten, hätte das recht hinderlich für mich sein können.« Als er das sagte, schoß seine Hand vor, und Connor flog auf den Boden. Ehe er sich aufraffen konnte, hatte Luke den Rand der Barke erreicht, sprang, ohne zurückzublicken, in das Wasser und schwamm nach der Mitte des Stromes. Er hörte nichts außer dem Geräusch laufender Füße an Bord des Schiffes und dann eine Stimme, die eilige Befehle gab. Connor mußte ein Ruderboot an der Leine haben. Die steigende Flut hatte ihn schon weit von der Barke fortgetragen, und nichts war in seiner Nähe als eine Reihe Kähne, die in der Mitte des Stromes verankert waren. Dahin zu streben, hieße sich der Entdeckung auszusetzen. So schwamm er nach dem Ufer zurück. Jetzt sah er um den Bug der Barke einen Schatten herumkommen. Connor verfolgte ihn in einem Motorboote. Es lief so schnell, daß es nichts anderes sein konnte. Nur ein Ausweg blieb ihm übrig. Er holte tief Atem und tauchte, indem er kräftig gegen die Flut schwamm. Er schien eine Ewigkeit unter Wasser zu sein; seine Lungen und sein Kopf platzten beinahe, als er wieder an die Oberfläche kam – genau unter dem Heck des Motorbootes kam er hoch, so dicht, daß der wirbelnde kleine Propeller beinahe sein Haar berührte. Keiner der beiden Männer in dem Boot hatte ihn bemerkt. Er konnte gerade die Schattenrisse ihrer Köpfe sehen, wie sie sich über den Rand bogen – und schnell tauchte er wieder unter. Er fühlte seine Kräfte schwinden: eine derartige Anstrengung konnte er nicht lange aushalten. Er mußte wieder an die Oberfläche kommen und war froh, als er nichts mehr von dem Boote bemerkte. Während er Wasser trat, sah er es auf die Schiffe in der Mitte des Stromes zulaufen. Jetzt war er zwanzig Meter von einem Frachtkahn entfernt, der an einem Kai verankert war. Tüchtig ausstreichend, erreichte er die Ankerkette und schöpfte tief Atem. Er war zu schwach, um hinaufzuklettern. Das einzige, was er tun konnte, war, seine Reise um das Boot herum nach dem Ufer fortzusetzen. Mit unendlicher Mühe gelang es ihm endlich. Er mußte aber bis zu den Knien durch dicken Schlamm waten, ehe er an die Front eines Lagerhauses kam. Von hier konnte er nicht entwischen. Als er über seine Schulter blickte, sah er das Boot zurückkommen. Irgend jemand leuchtete mit einer elektrischen Laterne über das Wasser, und weitere Flucht schien unmöglich. In diesem Augenblick rief ihn eine heisere Stimme vom Bord des Schiffes an: »Hand her!« Er hielt seine Hand in die Höhe, und sie wurde gefaßt. »Aufpassen! Am Pfahl festhalten!« flüsterte die Stimme ermutigend, und indem er aufwärts griff, fand Luke Halt. Mit übermenschlicher Anstrengung und der Hilfe seines unbekannten Freundes zog er sich auf den kleinen Kai, der an dem Lagerschuppen entlang lief und kaum breit genug war, daß zwei Menschen nebeneinander darauf entlang gehen konnten. »Man hat Sie nicht gesehen?« flüsterte der andere, und ehe Luke antworten konnte: »Laufen Sie links 'nun, hinter mir her – da ist ein Wachmann! Jetzt schläft er – aber machen Sie keinen Lärm!« Luke Maddison suchte sich seinen Weg vorsichtig über einen Hof, in dem Pflastersteine und Granitplatten herumlagen. Er sah einen langen Schuppen, aus dem die Deichseln von Möbelwagen hervorragten. In der Nähe waren Pferde, denn er hörte Wiehern aus einem Stalle. Leise folgte er dem Unbekannten an einer kleinen Hütte vorbei, in der der Nachtwächter schlief. Nach einer Weile kamen sie an ein schweres, schwarzes Tor; die kleine Durchgangstür war nicht geschlossen. Durch diese schlüpften sie, und Lukes Helfer schloß sie hinter sich. »Ich sah, wie sie nach Ihnen suchten, und dachte, sie wären hinter Connors Leuten her.« Er fluchte in gemeinster Weise. »Die Blauen auf dem Flusse sind schlimmer als die auf dem Lande.« Beim Licht einer Straßenlampe nahm Luke seinen Gefährten in Augenschein: ein Mann mit scharfem, hohlwangigen Gesicht, etwa dreißig Jahre alt, mit einer jüdischen Nase und lauernden Augen, die nie still standen. »Sie sind naß, kommen Sie mit in Connors Hof: er kann Ihnen andere Kleider geben.« »Nein, danke«, sagte Luke hastig. »Ich will nichts mit Connor zu tun haben.« »Sie wollen nichts mit Connor zu tun haben, he? Schön, das ist klug. Haben Sie Geld?« Luke griff in seine Tasche. »Nein«, sagte er. Der Mann stieß ein mißbilligendes Grunzen aus. »Ich dachte, ich würde wenigstens ein Pfund dabei machen. Wo wohnen Sie?« »Zum Teufel, ich weiß nicht mal, wo ich wohne«, sagte Luke ärgerlich und hörte das dünne, pfeifende Lachen seines Begleiters. »Sie sind ein – Feiner; ich dachte es mir gleich, als ich Sie sprechen hörte. Schon mal 'nen Geldschrank geknackt? Da in dem Lagerhause ist einer, sonst nichts. Man sagt, da wäre was zu holen. Der einzigste Weg 'reinzukommen, ist durch den Hof. Ich wette, im Schrank ist genug für uns beide. Haben Sie je einen geknackt?« »Nie«, sagte Luke. »Das ist eins von den wenigen Dingen, die ich nicht gemacht habe.« »Warum waren die Blauen hinter Ihnen her?« Der Mann war der Meinung, Luke wäre der Flußpolizei entwischt, und er ließ ihn dabei. »Ja – es ist ein hartes Leben«, sagte der andere heiser. Sie kamen jetzt in belebtere Gegend, und der kleine Mann, dessen Namen Curly war, blieb stehen. »So können Sie nicht durch die Straßen laufen. Sie würden sofort erwischt. Kommen Sie lieber mit mir nach Hause. Aber ich kann Sie nicht bei mir behalten.« Er führte Luke durch verschiedene Nebenstraßen in die ärmlichste Gasse, die er je gesehen hatte. Obgleich es spät abends war, spielten Kinder vor den Häusern und kreischten, Frauen schwatzten vor den Türen. Keiner beachtete Luke oder seinen Begleiter. Bald kamen sie durch eine Tür, die Curly aufschloß, in einen übelriechenden Durchgang und auf eine teppichlose Treppe. »Gehen Sie da rein und ziehen Sie Ihre nassen Sachen ans.« Curly öffnete eine Tür, strich ein Zündholz an und steckte eine Kerze an. Die Fenster waren mit Stücken von alten Pferdedecken verhängt, und die Ausstattung des Zimmers bestand aus einem gräßlich aussehenden Bett und einem Stuhl. Curly sagte, er müßte mit dem Hauswirt sprechen. Er blieb eine Weile fort. Als er zurückkam, hatte Luke seinen Abscheu gegen das schmutzige Bettzeug überwunden und war, nachdem er seine Kleider ausgezogen und sich an dem einzigen, schmierigen Handtuch, so gut er konnte, abgetrocknet hatte, in das Bett gekrochen. Curly warf ein Paar Hosen und ein altes Hemd, das den Vorteil hatte, sauber zu sein, auf einen Stuhl. »Das ist alles, was ich für Sie bekommen konnte«, sagte er und nahm Lukes durchweichten Anzug, den er mit Zufriedenheit betrachtete. Auch die Stiefel wurden begutachtet. »Seidenes Hemd, he? Ich wußte 's ja, Sie sind ein Feiner. Ich will es Ihnen trocknen lassen.« Er verschwand und kam nicht wieder. Zehn Minuten später war Luke trotz der unappetitlichen Umgebung fest eingeschlafen. Als er aufwachte, schien die Sonne durch die Löcher der Decken. Er stand auf und zog sich Hemd und Hosen an. Unten war Lärm; das Heulen eines Kindes, die schreiende Stimme einer Frau und dann die tiefere eines schimpfenden Mannes. Er öffnete die Tür, ging auf den Vorplatz und rief hinunter. Sofort erschien der Mann mit der tiefen Stimme. »Was gibt's?« »Sind meine Kleider getrocknet?« fragte Luke höflich. »Was für Kleider?« Der Mann schien interessiert zu sein und kam schwerfällig die Treppe herauf, ein großes, unrasiertes Scheusal mit gedunsenem Gesicht. »Haben Sie Curly Ihre Kleider gegeben?« Er gab seiner Hand einen lauten Kuß. »Dann sagen Sie ihnen lebe wohl, alter Junge!« Luke starrte ihn an. »Meinen Sie, daß er damit durchgegangen ist?« Das schien seine feste Überzeugung zu sein. Er keilte seinem Gaste noch mit, daß dieser ihm für das Übernachten zwei Schilling schulde. »Und dann meine Hosen und mein Hemd?« sagte er. »Was kriege ich dafür?« Es dauerte lange, bis er einwilligte, ihm noch eine alte Jacke und ein Paar alter Schuhe zu borgen, die noch dazu viel zu eng waren. Er würde, wie er sagte, von Curly noch etwas herausbekommen, woraus Luke schließen konnte, daß er an dem Gewinn aus den gestohlenen Sachen beteiligt war. Zu seinen anderen Wohltaten fügte er noch eine Tasse Tee und eine große Scheibe Brot mit Margarine hinzu, und dann wurde der Bankier auf die Straße verwiesen. Starker Regen fiel. Als er Lambeth Bridge erreichte, war er durch und durch naß. Er ging in den Park, fand einen Stuhl und zog ihn unter den Schutz eines großen, überhängenden Baumes. Lange saß er da und war dann zu einem Entschlüsse gelangt. Schande und Gefängnis schienen weniger unangenehme Aussichten zu sein als Kälte und Hunger. Er entschloß sich, nach der Bank zu gehen. Er wußte nicht, wie spät es war und fragte einen Vorübergehenden, ohne jedoch einer Antwort gewürdigt zu werden. Er fragte einen anderen Mann, der ihm mürrisch sagte, daß es beinahe zwölf wäre. Um diese Zeit würde er Steele im Büro finden, und Steele bedeutete Trost und Nahrung und anständige Kleidung. Als er aus dem Parktor herauskam, faßte ihn jemand am Arm und drehte ihn herum. Er blickte in das unsympathische Gesicht eines Mannes, der offenbar Geheimpolizist war. »Gebettelt, he? Ich sah Sie jene beiden Herren ansprechen.« »Ich habe gefragt, wie spät es ist«, sagte Luke. »Jawohl!« sagte der Detektiv mit zusammengekniffenen Lippen. »Kommen Sie ein bißchen mit.« Zehn Minuten später schloß sich eine Tür hinter Luke Maddison, und er befand sich in der sauberen, aber nicht gerade behaglichen Zelle eines Polizeireviers. Mit diesem Pech hatte er Glück, denn Connor war seiner Spur gefolgt, in der Hoffnung, daß Luke vielleicht in einen Teil des Parkes kommen würde, wo Überredung – friedlich oder in anderer Weise – versucht werden könnte. 31 Kein Mensch liebte es weniger, seine Zeit und Kraft zu vergeuden, als Gunner Haynes. Er war überzeugt, daß Connor den Bankier in die Hände bekommen hatte, aber er irrte sich, als er Danty Morell mit der Entführung in Verbindung brachte. Er wollte Connor aufsuchen, aber er erfuhr, daß er die Stadt verlassen hätte. Er versuchte nicht, eine Unterredung mit Danty Morell herbeizuführen, ging aber nach der Half Moon Street und beobachtete das Haus, bis er zuerst Danty und dann Pi Coles herauskommen sah. An Dantys Wohnung zu gelangen, war sehr einfach – eine Schlüsselform, ein Abdruck und eine Stunde in Green Park mit dem Feilen des weichen Metalls verbracht verschafften ihm den Eintritt. Der Gedanke, daß Danty zurückkommen könnte, störte ihn nicht. Sein Haß gegen Morell war in gewissem Sinne unlogisch. Sie waren doch einstmals Freunde gewesen, hatten zusammen gearbeitet, und dann hatte er ihn aus den Augen verloren, die Genossenschaft hatte sich aufgelöst. Gunner Haynes hatte seine leichtfertige, kleine Frau geliebt, und als sie verschwand und nichts weiter als die Erinnerung blieb, war ein bedeutendes Stück seines Lebens verloren. Er mochte Danty in Verdacht haben, die Ursache seines Unglücks zu sein, aber er hatte keinen Beweis. Danty hatte gesagt, daß die junge Frau verschwunden wäre, und daß er ebensowenig wie ihr Mann wüßte, wohin. Dennoch verstärkte sich der Verdacht in Gunner Haynes beinahe zur Gewißheit. Er war jedoch ein zu gerecht denkender Mann; solange der Beweis fehlte, würde Danty nichts geschehen. Er unterzog die beiden Zimmer einer schnellen, aber genauen Untersuchung. Es gab Briefe durchzusehen, Taschenbücher zu untersuchen, Schubfächer zu öffnen und zu durchstöbern, aber nirgends fand er den geringsten Aufschluß über den Ort, wo Luke Madison gefangen saß. Er fand dm Zettel, auf den Connor die Adresse Lukes gekritzelt hatte, aber sonst nichts. Es blieb nur noch der Geldschrank, der nur ein einfacher Stahlschrank mit Sicherheitsschloß war – von der Art, wie sie in so vielen Geschäften zu finden ist. Diesen aufzumachen, war das Werk von fünf Minuten. Er enthielt vier Fächer, und jedes war gefüllt mit Briefen, Rechnungen und all den Andenken, die Danty gesammelt hatte und die unordentlich durcheinander lagen. Im dritten Fach fand er einen Kasten, dessen Schloß er erbrach. Papiere, Briefe, ganze Bündel Briefe, die mit Schuhbändern, mit Bindfaden zusammengebunden waren – romantisch war Danty nicht. Das erste Bündel interessierte ihn nicht, aber sein Gesicht wurde fahl, als er eine bekannte Handschrift in dem zweiten sah. Er trug den Kasten ins Speisezimmer, setzte sich an den Tisch und las drei von den Briefen, überflog die anderen, und dann band er sie langsam und behutsam wieder zusammen und legte sie in den Kasten zurück. Während er das tat, fiel sein Blick auf einen Zettel, der dieselbe Form und Größe hatte wie Rex Leferres letzte Botschaft. Er nahm ihn auf ... Ja, es war die gleiche Handschrift! Doch die Worte waren unverständlich, sie lauteten: »Danty Morell Der Mann ist ein ganz gemeiner Schwindler Ich bin vor ihm gewarnt worden von« Wie war doch der Wortlaut auf den beiden kleinen Streifen Papier, die ihm Margaret gezeigt hatte? Sein ausgezeichnetes Gedächtnis ließ ihn nicht im Stich: »Margaret, mein Liebling, ich bin verloren. Monatelang habe ich spekuliert und heute einen verzweifelten Schritt gewagt auf den Rat von« und das andere Blatt: »Luke Maddison. Er hat mich ruiniert – Geld ist sein Gott Ich bitte Dich um alles in der Welt, trau ihm nicht. Er hat mich von einer Torheit in die andere getrieben. Gott segne Dich.                            Rex.« Und blitzschnell wurde ihm alles klar. Danty hatte sofort gesehen, daß der erste und dritte der kleinen Zettelchen eine vollkommene Botschaft ergaben, die Luke Maddison für immer bei Margaret unmöglich machen würde; den zweiten hatte er in seine Tasche gesteckt. Man sah, daß er zusammengeknüllt worden war. Las man die drei Zettel des kleinen Notizblocks, die die letzten Worte des bedauernswerten jungen Mannes trugen, in der richtigen Reihenfolge, so hatte man die furchtbare Anklage gegen Dankon Morell: »Margaret, mein Liebling, ich bin verloren. Monatelang habe ich spekuliert und heute einen verzweifelten Schritt gewagt auf den Rat von Danty Morell Der Mann ist ein ganz gemeiner Schwindler Ich bin vor ihm gewarnt worden von Luke Maddison. Er hat mich ruiniert – Geld ist sein Gott. Ich bitte Dich um alles in der Welt traue ihm nicht. Er hat mich von einer Torheit in die andere getrieben. Gott segne Dich. Rex.« Es dauerte eine geraume Zeit, bis der sonst so kaltblütige Mann seine Ruhe wiederfand. Sein Kopf war vom Lesen der Briefe wie benommen; Haß und Abscheu hatten ihn fast sinnlos gemacht. Mechanisch steckte er den bedeutungsvollen Zettel in sein Taschenbuch. Die Briefe seiner Frau mußten verbrannt werden. Er öffnete den Kasten noch einmal, nahm sie heraus und warf sie in das Kaminfeuer. Sah die Flammen aufflackern, sah die Briefe langsam zu Asche werden. Dann stellte er den Kasten in den Schrank zurück und verschloß diesen. Für den Augenblick waren Luke Maddison und dessen Sicherheit für ihn nebensächliche Dinge. Danty war die Hauptsache! Die Qual und der jämmerliche Hilferuf in jenen Briefen! Gunner Haynes erblickte sein Gesicht im Spiegel über dem Kamin und war entsetzt. Er war plötzlich alt geworden. Danty kam nicht – er war froh darüber. Er schaltete das Licht aus, schloß die Tür hinter sich und ging hinunter. Als er gerade die Straße überschritten hatte, fuhr ein Wagen vor dem Hause vor, und ein Mann stieg heraus. Es war Danty. Gunner beobachtete ihn, machte aber keine Anstalten, ihn aufzuhalten. Das würde später kommen – die große Abrechnung. Wie ein Träumender schlenderte er die Straße entlang und hörte zweimal seinen Namen, ehe er sich umdrehte und in Mary Bolfords hübsches Gesicht blickte. »Ich wußte erst nicht genau, ob Sie es wären, und dann dachte ich, Sie heckten vielleicht neue ruchlose Pläne aus ... aber das ist hoch nicht so?« Der Gunner atmete tief auf. »Um die Wahrheit zu sagen, Miß Bolford, das habe ich wirklich getan«, sagte er höflich. »Leider hatte ich in der vergangenen Woche nicht das Glück, Sie treffen zu können.« Sie schüttelte den Kopf. »Ich war sehr beschäftigt, ich habe eine Anstellung bei einer australischen Zeitung angenommen und verlasse London in der nächsten Woche.« Ihr Ton war munter, aber er konnte einen Klang in ihrer Stimme entdecken, der für ihn schmeichelhaft war. »So?! Na, ich habe Ihnen Stoff genug zum Schreiben gegeben, denke ich.« Sie seufzte. »Ja ...« Und nach einer kleinen Pause: »Ich werde Sie sehr vermissen. Ich glaube, wenn ich das Mr. Bird erzählte, würde er sich ärgern.« »Wütend!« sagte Gunner mit einem leisen Lächeln, das den schmerzlichen Ausdruck, den sie in seinen Augen bemerkt hatte, verwischte. »Sie werden wohl nie nach Australien kommen? – Ich gehe auf sieben Jahre hin.« »Mit welchem Schiffe reisen Sie?« fragte er, und als sie ihm geantwortet hatte: »Es gibt noch ein anderes, ungefähr eine Woche später. Fahren Sie von London ab?« Sie nickte. »Ich sollte erst in Neapel an Bord gehen – wir legen da an; aber ich habe die Seereise nötig. Ich hab's ein bißchen mit der Lunge zu tun, nicht schlimm. Darum habe ich die Arbeit in Australien angenommen.« Sie tranken zusammen Kaffee, und in diesen flüchtigen Minuten dachte er weder an Luke Maddison noch an Danty oder an die Briefe, die zu Asche geworden waren. Als sie sich gegen elf Uhr trennen wollten, sagte er: »Wenn ich meine Angelegenheiten hier erledigen kann, könnte ich Ihr Schiff in Neapel erreichen.« O Sie sah ihn sehr ernst an. »Meinen Sie das wirklich?« sagte sie. »Und ist Australien der Platz für Ihre nächste – – –« Sie suchte nach einem Wort, aber er kam ihr zuvor. »Ich bin im Begriff, eines der seltensten Wunder zu werden: Ein gebesserter – Gauner!« Sie schwieg. »Könnte Ihnen jemand dabei helfen?« fragte sie, und Haynes nickte. Er sprach nicht aus, was in seinen und ihren Gedanken war, aber sie verstand. Dann schenkte er ihr zum ersten Male sein Vertrauen, und sie lauschte mit großen Augen und voller Staunen auf die wahre Geschichte von Luke Maddison. »Ich habe den ganzen Tag nach ihm gesucht und habe nicht den kleinsten Anhaltspunkt gefunden.« »Er ist doch nicht tot?« Haynes schüttelte den Kopf. »Das ist unwahrscheinlich«, sagte er. »Das Schlimme ist, daß die Polizei nicht benachrichtigt werden darf – ich denke, die Presse lieber auch nicht«, er lächelte, »aber die Dinge liegen jetzt anders, nicht wahr?« »Haben Sie den Zettel, den Sie in Morells Wohnung gefunden haben?« (Er hatte bei seiner Erzählung nichts ausgelassen.) Er reichte ihn ihr über den Tisch. Sie las und nickte. »Was stand auf dem anderen?« Er wiederholte die ganze Botschaft fast Wort für Wort. »Ich habe Rex gesehen – ich weiß tatsächlich eine ganze Menge von ihm«, sagte sie. »Mr. Bird vertraute mir und erzählte mir von dem Betrug. Ich hätte ihm auch vieles mitteilen können, denn ich stand am Eingang der Bank, gerade an dem Tage, als der gefälschte Scheck bezahlt wurde. An dem Tage gab mir Mr. Maddison hundert Pfund – ich habe sie noch.« Sie sprachen noch vom Spatz, als sie das Restaurant verließen, und an der Ecke der Bury Street trafen sie ihn selbst. Er blickte mißbilligend auf Gunner Haynes und mit finsteren Augen auf das Mädchen. »Eine neue Verbrechergeschichte? Was treiben Sie, Gunner? Sind Sie Zeuge vor einer auserlesenen Kommission?« fragte er höhnisch. Gunner Haynes kicherte. Kürzlich hatte sich ein Polizeiskandal ereignet; jemand war eingesteckt worden, der nichts verbrochen hatte; die unvermeidliche Kritik der Zeitungen über das Verhalten der Polizei war die Folge gewesen. »Wir sind heutzutage gezwungen, so vorsichtig vorzugehen, daß ich selbst nicht mal einen Mann, der seiner Frau die Gurgel durchschneidet, verhaften würde, ohne Untersuchung anzustellen«, sagte der Spatz. »Ich will Ihnen erzählen, wie schlimm das geworden ist. Gerade hat man einen Landstreicher aus einer Polizeistation herausgelassen, der wegen Bettelns verhaftet wurde; es war aber nur ein Zeuge da – ein Polizist! Darum ließen sie ihn laufen. Wenn wir dahin kommen, daß wir auf die Gefühle eines Landstreichers Rücksicht nehmen müssen, dann kann man ebensogut Scotland Yard in ein Heim für verlaufene Hunde umwandeln. Ich nehme den Landstreicher als Beispiel, weil ich gerade auf das Revier kam, als man ihn 'rausgesetzt hatte. Ich glaube, in ganz London geht's so zu. Sie gehen nach Australien, hörte ich, Miß Bolford?« Seine scharfen Augen durchforschten das Gesicht des Gunners. »Sie doch nicht auch, Gunner? Sie werden die Plauderstündchen am Teetisch vermissen, nicht wahr?« Mary Bolford wurde rot. Sie hatte sich nicht träumen lassen, daß jene unregelmäßigen und harmlosen Zusammenkünfte mit Gunner Haynes von dem dicken Mann bemerkt worden waren. »Sie beide müssen gewarnt werden«, sagte der Spatz gelassen, »und ich warne Sie! Es gab noch nie einen Gauner, der jemals etwas anderes sein konnte als ein Gauner. Es war noch niemals ein Mädchen, das einen Mann heiratete, um ihn zu bessern, das nicht schließlich mit einem besseren davonging.« »Sie sind heute abend prophetischer Laune, Mr. Bird«, sagte der Gunner kühl. »Sagen Sie uns doch, wer wird das Derby gewinnen?« Der Spatz brummte und ging mit kurzem Nicken davon. Haynes und das junge Mädchen gingen Piccadilly entlang, bis in die Nähe des Zirkus, und hier trennten sie sich. Während sie noch zögerten, ihre Hand in der seinen, sagte er: »Sie haben heute abend einem Manne das Leben gerettet, Mary«, und klugerweise fragte sie ihn nichts weiter. 32 Margaret liebte, und diese Erkenntnis hatte sich ihr so plötzlich aufgedrängt, daß sie sich wie betäubt fühlte. Wie vollständig hatten sich ihre Gefühle dem Mann gegenüber geändert, mit dem sie als Kind gespielt hatte, den sie als junges Mädchen gern sah, dem sie schließlich in einer Art stiller Neigung zugetan war. Der Aufruhr der Gefühle, den der Tod ihres Bruders in ihr entfachte, hatte alles getötet, alles hinweggefegt und nur bitteren Haß zurückgelassen. Und jetzt liebte Margaret – liebte zum erstenmal in ihrem Leben – nicht mit den unklaren Gefühlen des jungen Mädchens, nein, mit der Erkenntnis der Frau, mit dem vollen Bewußtsein ihrer Rechte, ihrer Pflichten. Sie konnte es sich nicht erlauben, ihre Zeit mit Reue über die unverständlichen Torheiten und bösen Irrungen der Vergangenheit zu verbringen. Ihre Tage waren ausgefüllt mit Plänen, immer neuen Plänen, wie sie ihrem Mann aus dem Sumpf heraushelfen konnte, in dem er verzweifelt kämpfte. Kein Lebenszeichen von Gunner Haynes. Bis zwei Uhr morgens hatte sie in ihrem Schlafzimmer gesessen und vergeblich auf das Läuten des Telephons gewartet, das ihr Nachrichten bringen sollte. Auch am nächsten Tage nichts! Als Danty bei ihr vorsprach, war sie ausgegangen. Sie brauchte ihr Scheckbuch nicht, und der Diebstahl der Scheine blieb unentdeckt. Der nächste Morgen brachte ihr den Spatz – er kam in amtlicher Eigenschaft. »Haben Sie Anweisung gegeben, daß kein Scheck von Ihrem Mann, der über mehr als tausend Pfund lautet, ausgezahlt wird?« Sie nickte. »Ein junger Mensch hat heute morgen einen über zweitausend Pfund vorgelegt. Dummerweise hat Mr. Steele unterlassen, mich sofort zu benachrichtigen, und als ich endlich ankam, war der Vogel schon davongeflogen.« »War es denn Lukes Handschrift?« fragte sie eifrig. »Wo ist er denn?« Der Spatz konnte ihr keine Auskunft geben. »Ich denke, er ist im Ausland? – Ist es eigentlich eine Gewohnheit Ihres Mannes, andere Leute nach der Bank zu schicken und Geld für sich einkassieren zu lassen? – Kommt mir etwas sonderbar vor!« »Das Geld ist doch nicht ausgezahlt worden?« »Nein – Steele sagte, wenn es eintausend Pfund gewesen wären, hätte er gezahlt.« Sie verhielt sich mit Absicht ausweichend, rief aber, als der Detektiv gegangen war, Steele an. Er hatte wenig hinzuzufügen. »Der Mann, der den Scheck brachte, machte einen ganz anständigen Eindruck.« »Aber haben Sie ihn denn nicht gefragt, von wem er den Scheck erhalten hätte? Aber, Mr. Steele, Sie haben ihn doch nicht so ohne weiteres gehen lassen?« »Warum denn nicht? – Nach dem, was Sie mir gesagt hatten, nahm ich an, Sie erwarteten, Ihr Mann würde verschiedene Schecks einsenden.« Margaret hatte bisher nicht gewußt, wie begriffsstutzig dieser alte Mann manchmal sein konnte. Als das Gespräch beendet war, setzte sie sich hin, um in Ruhe nachzudenken. Luke war in seine Wohnung eingedrungen, um sich Paß und Kleider zu holen. Der Paß war jetzt in Gunners Besitz; sie mußte zunächst dafür sorgen, daß er einen Anzug fand, falls er unerwartet kommen sollte. Sie fuhr nach seiner Wohnung, traf eine sorgfältige Auswahl und packte die nötigen Toilettengegenstände zusammen, vergaß nicht einmal Rasierzeug und ließ alles in ihren Wagen bringen. Es war das erstemal, daß sie eine solche frauliche Pflicht erfüllte, und diese Arbeit erweckte ein Gefühl der Zusammengehörigkeit mit Luke in ihr, das sie bisher nicht kennengelernt hatte, das ihr aber auch die ständige Sorge und Angst um das Geschick ihres Mannes schärfer und schmerzhafter zum Bewußtsein brachte. Wenn sie wüßte, wo Gunner Haynes zu erreichen wäre, würde sie ihn aufsuchen, würde sogar Danty Morell willkommen heißen. Sein Besuch fiel ihr ein, als sie sich an ihren Schreibtisch setzte, um Schecks für den Haushalt auszuschreiben. Versehentlich nahm sie das unrichtige Scheckbuch heraus und bemerkte sofort, daß einige Blätter fehlten. Sie ließ sich mit der Bank verbinden und erfuhr, daß der vorgelegte Scheck einer von diesen war. Danton Morell war also auch dabei beteiligt! Ihr erster Gedanke war, nach Inspektor Bird zu schicken. Aber die Polizei durfte um keinen Preis hinzugezogen werden. Sie suchte die Nummer Dantons im Telephonbuche, doch als sie schon im Begriff war, bei ihm anzuklingeln, entschloß sie sich plötzlich, ihn selbst aufzusuchen. Sie wartete nicht auf ihren Wagen, sondern ließ ein Taxi holen, gab ihrem Diener gewisse, sehr bestimmte Anweisungen und fuhr nach der Half Moon Street. Pi Coles, der ihr die Tür öffnete, starrte diese unerwartete Erscheinung voller Verwunderung an. »Kommen Sie herein, Miß«, sagte er verlegen, »der Herr ist drinnen.« Danton hörte ihre Stimme und kam ihr auf dem Vorplatz entgegen. »Das ist ein unerwartetes Vergnügen, Margaret«, sagte er. »Ist etwas vorgefallen?« Sie antwortete erst, als sie im Zimmer war. »Bevor ich Ihnen sage, warum ich komme«, begann sie, »halte ich es für angebracht, Ihnen mitzuteilen, daß mein Diener, falls ich nicht in drei Viertelstunden zurück sein sollte, Mr. Bild anrufen und ihm mitteilen wird, wohin ich gegangen bin.« Er runzelte die Stirn. »Was soll das heißen?« fragte er rauh. »Das ist ein sonderbares Benehmen – warum, zum Teufel, sollten Sie nicht in drei Viertelstunden zurück sein?« »Wo sind die übrigen Schecks, die Sie aus meinem Scheckbuche gestohlen haben, als Sie gestern bei mir waren?« fragte sie. Sie sah, wie sein Gesicht rot wurde. »Ich weiß nicht, was Sie meinen«, sagte er laut. »Ich soll Schecks gestohlen haben? Was für Unsinn reden Sie da?« »Sie kamen in mein Haus, und Sie waren lange genug in meinem Wohnzimmer, um zehn Schecks zu entwenden. Einer davon ist heute in der Bank vorgelegt worden, auf Lukes Namen ausgestellt und von ihm unterzeichnet. Nach meiner Anordnung wurde er nicht ausbezahlt.« Aus seinem Gesicht wich die Farbe. »Nicht ausbezahlt ...« stammelte er, und seine Bestürzung verriet seine Mitschuld. »Die Schecks haben weniger Interesse für mich als mein Mann«, sagte sie ruhig. »Wo ist er?« Er bemühte sich vergeblich, seine Selbstbeherrschung zurückzugewinnen und zwang sich zu einem Lächeln. »Wirklich, meine liebe Margaret ...« begann er. »Sie werden mich mit Mrs. Maddison anreden, wenn Sie mir etwas zu sagen haben«, sagte sie. »Ich wünsche, daß Sie die Schecks zurückgeben, und ich will auch, daß Sie mir genau sagen, wo Luke ist.« »Soviel ich weiß, ist er bei einem entlassenen Sträfling namens Haynes«, antwortete er grob, und zu seinem Erstaunen nickte sie. »Ich glaubte das auch und ging hin, um mit ihm zu sprechen – aber er war fort. Mr. Haynes schien darüber überrascht zu sein, und jetzt weiß ich, daß Luke nicht freiwillig fortging. Dann dachte ich noch, er wäre seiner Wege gegangen, um von Mr. Haynes loszukommen. Aber der Scheck sagt viel. Wo ist Luke?« Er schüttelte den Kopf. »Ich weiß es nicht.« »Dann werde ich das tun, was ich gern vermieden hätte«, sagte sie. »Ich gehe zur Polizei und werde Sie anklagen, die Blankoschecks gestohlen zu haben, und es dann Mr. Bird überlassen, ob er Sie mit Lukes Verschwinden in Zusammenhang bringen will oder nicht.« Sie wendete sich zur Tür, aber er erfaßte ihren Arm. »Um Gottes willen, Margaret, bedenken Sie, was Sie tun!« Sie sah, er war in Unruhe; seine Stimme zitterte vor Angst und Schreck. »Ich schwöre Ihnen, ich weiß nicht, wo Luke ist. Er war auf einem Flußschiffe, wo Connor ihn festhielt. Der Hund hat mir nicht gesagt, daß Maddison einen Scheck unterzeichnet hat, nur daß er in den Fluß sprang und entkommen oder ertrunken ist. Das ist die Wahrheit. Ich wußte nichts davon, bis Connor ihn gefunden hatte. Ich schwöre Ihnen, das ist die reine Wahrheit!« »Wo ist Connor?« fragte sie. »Ich weiß es nicht. Er war heute morgen hier und erzählte mir, daß es Luke gelungen war, auszureißen. Ich glaubte ihm nicht, wahrscheinlich hat er mich angelogen. Das ist alles, was ich weiß.« Danty sah, sie war unentschlossen, und er suchte sie von ihrer Absicht abzubringen. Er zweifelte nicht, daß sie schließlich tun würde, was sie ihm angedroht hatte. Sie wußte nicht, was sie tun sollte. »Können Sie Haynes aufsuchen?« »Haynes aufsuchen?« schrie er fast. »Bilden Sie sich vielleicht ein, daß ich mit dem Kerl zusammenkommen möchte! Er ist ein gefährlicher Mensch, Margaret – –« »Mrs. Maddison«, sagte sie kalt. »Er ist gefährlich – Sie sollten nichts mit ihm zu tun haben.« Er versuchte nicht mehr, den Diebstahl der Schecks zu leugnen. »Sie wissen also nicht, wo Mr. Maddison ist?« »Nein, Mrs. Maddison –« er hatte ihre Zurechtweisung beherzigt – »ich habe keine Ahnung, Connor hat die ganze Nacht nach ihm gesucht.« Als sie nach Hause kam, fand sie den Spatz vor der Tür auf sie warten. Sie wunderte sich über die große Handtasche, sagte aber kein Wort, auch nicht, als er in dem kleinen Arbeitszimmer den Inhalt der Tasche auf den Tisch legte. Sie erkannte die zerdrückten Sachen nicht. »Diese Kleider wurden im Besitz eines Flußdiebes gefunden, der sie heut morgen verkaufen wollte«, erklärte der Spatz. »Der Mann wußte nicht, daß der Name Ihres Gatten in die innere Tasche eingenäht war.« »Der Name meines Mannes?« wiederholte sie atemlos und erblaßte. »Wo hat er die Sachen her?« »Das möchte ich auch gern wissen. Er hat uns erzählt, daß er gestern abend einen Mann, völlig durchnäßt, am Rande des Flusses auflas und ihn mit zu sich nach Haus nahm. Wir haben seitdem festgestellt, daß es sich trotz der in manchen Einzelheiten übereinstimmenden Beschreibung nicht um Mr. Maddison handeln kann, der ja doch, wie ich annehme, im Ausland ist.« Klang nicht seine Stimme etwas sarkastisch? Sie glaubte, einen Unterton von Ironie mitschwingen zu hören ... und antwortete klugerweise nicht. »Der Mann sagte, die Kleider wären ihm geschenkt worden, aber das ist natürlich die übliche, abgedroschene Geschichte. Ich glaube, der Anzug ist gestohlen worden, während der Besitzer im Bett lag. Können Sie vielleicht eine Aufklärung darüber geben?« Sie schüttelte den Kopf. Es war ein erbärmliches Geständnis, aber sie wußte, sie war nicht einmal imstande, einen alten Anzug ihres Mannes wiederzuerkennen. Es handelte sich um den Anzug, den er angezogen hatte, als er in seine Wohnung eingebrochen war. »Kennen Sie ihn nicht wieder?« Sie schüttelte hilflos den Kopf. »Es kann auch nicht ein alter Anzug gewesen sein, den, Ihr Mann vielleicht weggegeben hat, denn das Lieferdatum stand unter Mr. Maddisons Namen. Der Anzug war kaum einen Monat alt.« Er sah sie scharf an. »Die Angelegenheit mit Ihrem Mann erscheint mir in vielen Dingen rätselhaft, und ich glaube, Mrs. Maddison, Sie sind in irgendwelche Schwierigkeiten geraten. Ich würde Ihnen gern helfen, wenn ich nur könnte.« Sie wollte etwas sagen, aber er kam ihr zuvor. »Erzählen Sie mir nichts, bevor Sie nicht gehört haben, was ich weiß. Vier, fünf verschiedene, ganz interessante Einzelheiten –« und er zählte sie an seinen Fingern ab – »Ich weiß, daß Ihr Mann am Tage nach der Trauung verschwand. Ich weiß, daß in seiner Wohnung eingebrochen wurde. Ich weiß, daß man in dem Einbrecher denselben Mann wiedererkannte, der am Nachmittag bei der Taffanny-Sache mitgeholfen hatte. Ich weiß, daß aus seiner Wohnung neben anderen Dingen sein Paß gestohlen wurde. Ich hatte später mit seinem Diener gesprochen, der mir erzählte, daß sich in einer Schublade des Schreibtisches ein Paß befunden hätte. Sollte es nun eine Möglichkeit geben – wissen Sie, das ist eine der phantastischen Theorien, mit denen die Schriftsteller mächtig viel Geld verdienen –, sollte es nun eine Möglichkeit geben, sagte ich mir, daß dieser Mann vielleicht Mr. Maddison ist, dann sind die einzigen Menschen, die ihm helfen können–wir von der Polizei. Ich kenne ihn gut genug, um zu wissen, daß er nicht der Mann ist, Taffanny zu berauben. Sollte es sich vielleicht um eine Art von ... hm ... Doppelgänger handeln, können wir Ihnen, glauben Sie mir das, Mrs. Maddison, mehr als nützlich sein.« Sie schwieg. Mit bedauerndem Kopfschütteln verabschiedete sich der Detektiv; den Anzug nahm er wieder mit und – eine Überzeugung, die nicht mehr zu erschüttern war. Ein merkwürdiger Zufall, daß er die zerdrückten Sachen in das Haus brachte, wo im Schlafzimmer ein sorgfältig gepackter Koffer stand, der für Luke einen anderen Anzug enthielt. Sie überlegte unruhig, wo sie den Koffer möglichst leicht erreichbar und unauffällig unterbringen konnte, und entschied sich schließlich, ihn in der Handgepäckabgabe eines Bahnhofes abzugeben. Sobald man Lukes Aufenthalt entdeckt hätte, konnte man ihm den Schein zukommen lassen; sie wartete aber bis zum Einbruch der Dunkelheit, um ihren Plan zur Ausführung zu bringen. Der Abend sah auch Danton Morell in großen Sorgen. Am Nachmittag, kurz nachdem ihn Margaret Maddison verlassen hatte, machte er eine Entdeckung, die ihn vor Angst fast von Sinnen brachte. Seine Macht über Margaret hatte er verloren; sie konnte jeden Augenblick zur Polizei gehen, und gerade jetzt war er ängstlich bemüht, seine Bekanntschaft mit Scotland Yard nicht zu erneuern. Es stand sehr schlecht mit ihm; er schuldete eine große Summe, die er am nächsten Tage in der City bezahlen mußte. Seine Lage war jetzt, wo auch noch die Möglichkeit hinzukam, mit der Polizei in Konflikt zu kommen, äußerst gefährlich. Danton Morell war in vieler Hinsicht ein vorsichtiger Mann. So verschwenderisch er auch war, hatte er sich doch eine bedeutende Summe beiseite gelegt, die er trotz aller Versuchung nie angerührt hatte. Dies Geld, das in zwei, drei Banken unter falschem Namen in Depot gegeben war, hatte er am Morgen abgehoben. Er hatte nichts weiter zu tun, als seinen sorgfältig ausgearbeiteten Fluchtplan zur Ausführung zu bringen. In der Nähe Londons lag ein kleiner Flugplatz, auf dem dann und wann Schauflüge stattfanden, und Danty hatte in weiser Voraussicht die Gesellschaft finanziert, der die Flugzeuge gehörten. Er rief dort an und ließ sich eine Maschine reservieren, einen großen mehrsitzigen Eindecker, den die Gesellschaft kürzlich erworben hatte. Er gab die notwendigen Anweisungen für Tanken und sorgfältiges Überholen der Maschine. Sein erstes Ziel sollte die Schweiz sein. Danty hatte nicht die geringste Absicht, einen Begleiter mitzunehmen, aber es sollte sich herausstellen, daß er nicht der einzige angstgepeitschte Mann an jenem Tage in London war. Danty suchte in aller Eile die Papiere heraus, deren Zurücklassen böse Folgen für ihn haben könnte, und richtete seine Aufmerksamkeit in erster Linie auf die Kassette, die den gefährlichsten Teil seiner Korrespondenz enthielt. Das Schloß war aufgebrochen! Entsetzt riß er den Deckel auf, schüttelte den Inhalt auf den Tisch ... Das Paket Briefe, das er wahnsinnig genug gewesen war aufzubewahren, war verschwunden! Und der kleine Zettel mit Rex' Worten gleichfalls. Seine Hände zitterten derartig, daß er kaum die Papiere halten konnte, die er durchflog. Unnötig, sich den Kopf zu zerbrechen, wer wohl der Täter gewesen war, wer die Kassette aufgebrochen hatte! Der Gunner war in der Nachbarschaft gesehen worden. Pi Coles hakte es ihm erzählt. Der Gunner war es, der seine Wohnung durchsucht, der die Papiere entwendet hatte. Danty Morell sah den Tod mit grinsendem Gesicht vor seinen Augen, war wie gelähmt, unfähig, einen Gedanken zu fassen. Als an die Wohnungstür geklopft wurde, sprang er von seinem Stuhl auf, die zitternde Ruine eines Mannes, und wagte nicht zu öffnen. Es klopfte von neuem, und er zwang sich zur Ruhe, ging zur Tür und fragte, wer da wäre. Als er Connors Stimme erkannte, hätte er vor Freude aufschreien können. »Was ist los mit Ihnen?« fragte Connor, als sie im Zimmer waren. »Ich habe einen verdammt unangenehmen Schreck gehabt und fühle mich nicht besonders wohl. Wissen Sie, daß man hinter den Blankoscheinen her ist?« Auch Conny sah nicht übermäßig glücklich aus. »Weiß schon. Ein Scheck, den ich nach der Bank geschickt habe, ist nicht ausbezahlt worden, und jetzt ist fast ganz Scotland Yard auf der Suche nach dem Boten. Sie wissen nämlich, wer es gewesen ist, und das ist das Schlimmste dabei. Sie sind da auch mit drin, Danty!« »Wir beide, glaube ich«, knurrte der andere. »Ich mach' mich dünn heute abend!« »Sie haben doch keine Möglichkeit, aus London 'rauszukommen.« Connor lachte roh. »Wie wollen Sie's denn machen?« Es lag Danty auf der Zunge, ihm etwas vorzuschwindeln, aber gerade jetzt hakte er Connors Hilfe nötig. Connor scheute nicht davor zurück, in dringenden Fällen einen Revolver zu gebrauchen und – haßte Gunner Haynes. »Mit Flugzeug von Elford«, sagte er. »Wir müssen uns beim Gunner bedanken. Er hat uns verpfiffen.« »Er hat ja niemals was anderes gemacht«, sagte Connor, ohne sich weiter zu ereifern. »Wohin geht's denn?« »Schweiz«, war Dantys kurze Antwort. »Paßt mir sehr gut!« Connor blickte aus die Papiere, die auf dem Tisch lagen. »Großes Reinemachen, was?« fragte er bedeutungsvoll. »Wieviel Geld haben Sie?« Danty log. Wenn es sich um Geld handelte, brachte er es nicht fertig, die Wahrheit zu sagen. Die Besprechung war von kurzer Dauer. Sie kamen überein, sich sofort auf den Weg nach dem Flugplatz zu machen und dort die letzten Vorbereitungen für ihre Reise zu treffen. Die Fahrt durch die Vorstädte Londons wurde schweigend zurückgelegt. Von Zeit zu Zeit hob Danty die Gardine an dem kleinen Fenster in der Rückwand des gemieteten Autos und spähte auf die dunkle Straße hinaus. »Was haben Sie denn?« knurrte Connor. »Ein Wagen, ein Zweisitzer, ist hinter uns!« »Ja, und?« fragte der andere ironisch. »Wollen Sie die Straße für sich allein haben?« Als Danty einige Minuten später wieder hinausblickte, war der Wagen verschwunden. Die Vorbereitungen für den nächtlichen Flug hatten nicht so schnell gemacht werden können. Man hatte sich erst jetzt mit dem Piloten, der auf Urlaub in Midland war, in Verbindung setzen können. »Es ist gut, daß wir selbst hierhergekommen sind, sonst hätte die Sache vielleicht nicht geklappt«, sagte Connor, als sie zurückfuhren. »Wann, sagten Sie, wollen Sie wieder hier sein?« »Gegen Mitternacht.« »Wonach gucken Sie denn?« fragte Connor einige Minuten später. »Wieder der kleine Wagen?« Er schob seinen Begleiter beiseite und sah selbst hinaus. »Ein Lastkraftwagen ... hat der vielleicht was mit uns zu tun?« Danty schwieg. Niemand konnte sich die Angst vorstellen, die ihn gepackt hielt. Hinter ihm schritt der grausige Schatten der Vergeltung, und in jedem Augenblick erwartete er, Gunner Haynes' Raubvogelgesicht in der Dunkelheit auftauchen zu sehen. Er kehrte nicht mehr in seine Wohnung zurück. Ein telephonischer Anruf brachte Pi Coles mit einem Mantel und warmem Schal – das war sein einziges Gepäck – in den Park. Er lohnte ihn freigebig ab. Nichts war mehr zu tun, als die letzten Stunden zu verbringen, bevor er England für immer verließ. Er rief noch einmal den Flugplatz an. Befriedigt hörte er, daß der Pilot eingetroffen sei. Gern hätte er den Stark einige Stunden früher festgesetzt, aber einmal mußte er sein Wort halten. Er wußte, Connor war ein gefährlicher Mann, und es war nicht im geringsten sein Wunsch, statt eines Feindes zwei hinter sich zu wissen. Mehrere Male, als er durch die weniger belebten Straßen Pimlicos schlenderte, hatte er das Gefühl, als ob man ihm folgte; als er sich aber einmal in verzweifeltem Bravado umdrehte und einen Mann zur Rede stellte, der hinter ihm ging, handelte es sich nur um einen harmlosen Passanten, der versuchte, eine Hausnummer zu finden. Er hatte noch etwas zu tun – Rache zu nehmen! In einer Teestube schrieb er ein Telegramm, erreichte auf einem weiten Umwege die Hauptpost und gab es auf. Die Adresse lautete: Inspektor Bird. Scotland Yard, und der Inhalt war: »Der Mann, der am Taffanny-Einbruch beteiligt war, ist Luke Maddison. Er versucht, heute nacht aus London zu entkommen. Seine Frau und Gunner Haynes sind über sein Doppelleben informiert.« Und er unterschrieb mit seinem vollen Namen. Er wußte, das Telegramm würde trotz der späten Stunde ausgetragen werden. Jetzt machte er sich auf den Weg, um seinen Kumpan zu treffen, und fühlte sich zufriedener, als er es den ganzen Tag über gewesen war. 33 Es war beinah elf Uhr, als Margarets Wagen vorfuhr und Lukes Koffer hineingestellt wurde. Ihre Absicht war, nach dem entfernteren Ende der Villiers Street zu fahren und ihren Chauffeur mit dem Koffer nach der Gepäckaufbewahrungsstelle zu schicken. Im Strand hatte der Wagen Mühe, sich seinen Weg durch den lebhaften Verkehr – die Theater waren gerade zu Ende – zu bahnen und bog in die steile Straße hinein, die nach dem Embankment hinunterführt, als Margaret das Zeichen zum Halten gab. Es regnete stark, nur wenige Fußgänger waren zu sehen, und diese beeilten sich, den Schutz der Untergrundstation zu erreichen. Sie versuchte die Tür zu offnen, um dem Chauffeur das Herausnehmen des Koffers zu erleichtern, als aus der Dunkelheit eine schäbige Gestalt auftauchte. Der Mann schien ihre Absicht erraten zu haben, denn er öffnete die Tür, bevor der Chauffeur von seinem Sitze steigen konnte. »Danke bestens«, sagte Margaret und gab ihm das Geldstück, das sie schon für Ausgabe des Koffers bereit in der Hand hielt, und schaltete das Licht ein. Nur einen Augenblick blickte sie in das unrasierte Gesicht, auf das verkommene Äußere des Mannes. »Luke!« stammelte sie kaum hörbar. Er starrte sie an. Sprachlos vor Erstaunen, keiner Bewegung fähig. »Luke!« sagte sie wieder. Dann schreckte er zurück, aber ihre Hand schoß vorwärts, packte ihn am Rock. »Steig ein, um's Himmels willen!« stieß sie atemlos heraus und zog ihn hinein. In diesem Augenblick erschien der Chauffeur an der Wagentür. »Fahren Sie weiter. Der Herr ist – ein Bekannter von mir.« Sie hoffte inständig, daß ihr Diener die Vogelscheuche an ihrer Seite nicht genau sehen könnte. »Wohin, gnädige Frau?« »Nach – nach Haus!« Als der Chauffeur seinen Sitz wieder eingenommen hatte, erschien eine dritte Person aus der Bildfläche. Ein Mann kam in größter Eile die Straße hinuntergelaufen, griff nach der Türklinke und sprang auf das Trittbrett des fahrenden Wagens. Erst dachte sie, es wäre ein Schutzmann, dann aber erkannte sie im Schein einer Straßenlaterne das dunkle Gesicht Gunner Haynes'. »Machen Sie kein Aufsehen«, sagte er, als er sich in das Innere schwang und die Tür hinter sich schloß. »Ich bin schon von Haymarket hinter Ihnen her. Wer ist denn das?« Er beugte sich vor, und sie hörte ihn leise durch die Zähne pfeifen. »Ist das Mr. Maddison?« »Ja, ich bin es.« Luke sprach zum ersten Male. Seine Stimme klang erbarmenswert schwach. Am frühen Nachmittag war er aus dem Polizeirevier entlassen worden, seit dem Morgen hatte er nichts gegessen. Er machte keinen Versuch, ihnen seinen Zustand zu erklären, war so müde, so zerschlagen, daß ihm alles gleichgültig war. Die behaglichen, gepolsterten Sitze, das sanfte Wiegen des Autos ... er schlief schon halb, bevor noch der Wagen das Embankment erreicht hatte. »Schon gut. Wecken Sie ihn nicht auf«, sagte Gunner Haynes leise. »Er war heute morgen verhaftet worden; ich hab' das erst vor ein paar Stunden herausbekommen; einer meiner ... Freunde hat's mir erzählt. Dann haben sie ihn wieder freigelassen. Aber jetzt ist die ganze Polizei auf der Suche nach ihm. Jemand hat dem Spatz ein Telegramm geschickt – ich glaube unser Freund Danty. Wo wollen Sie ihn jetzt hinbringen?« »Nach Haus!« sagte sie einfach. Sie legte eine Decke um die zusammengesunkene Figur in der Ecke. »Da wird schon ein Schutzmann vor der Tür warten. Nein, wir bringen ihn nach Elford. – Was ist denn das?« Er stieß mit dem Fuß gegen den Koffer. Sie erzählte, was sie beabsichtigt hatte, und hörte ihn kichern. »Sie müssen wirklich Gedankenleserin sein. Das ist gerade das, was er braucht. Heute nacht nicht mehr, aber morgen früh. Wir fahren jetzt nach Elford. Kennen Sie den Flugplatz da? Wir fahren vielleicht dreiviertel Stunden, und wenn wir Glück haben, fassen wir eine der größten Ratten, die jemals aus dem Themseschlamm gekrochen sind.« Sie beugte sich aus dem Fenster und gab dem Chauffeur die nötigen Anweisungen. »Könnten wir denn nicht direkt nach Dover fahren und an Bord eines Kanalbootes gehen?« Der Gunner schüttelte den Kopf. »Ausgeschlossen. Der Spatz ist ein netter Kerl, aber er würde, wenn's nötig ist, seine eigene Mutter verhaften. Und wenn, wie ich annehme, unser Mr. Morell, oder wie er sich jetzt gerade nennt, ihn verpfiffen – ich meine, wenn er die Geschichte von Taffanny erzählt hat, dann ist jeder Zug, jedes Boot bewacht. Und übrigens fährt vor morgen früh kein Boot ab. Es gibt nur noch eine Möglichkeit: Mr. Maddison muß in Spanien auftauchen, wo er ja auch sein soll, wie behauptet wird. Ich glaube, das werden wir fertig bekommen, falls nicht Mr. Danty Morell uns zuvorkommt.« Er beugte sich wieder vor. »Was haben Sie denn an – einen Pelzmantel? Das ist gut. Den können Sie Ihrem Mann borgen. Es wird ziemlich verrückt aussehen, aber das macht nichts. In der Dunkelheit sieht man ihn ja kaum.« »Was haben Sie vor?« fragte sie. »Ich will einen Nachtflug machen, und er kommt mit«, war seine Antwort. »Was Sie tun müssen, Mrs. Maddison, ist sehr einfach. Sie fahren nach London zurück. Sie müssen ein bißchen lügen – hoffentlich wird Ihnen das nicht zu schwer – und morgen reisen Sie nach Spanien ab. Wenn ich ihn nicht dorthin bringen kann – habe ich ihn erst mal in Frankreich –, dann bin ich ein Dummkopf.« Ein kurzes Schweigen, und dann sagte sie: »Ich weiß noch etwas Besseres. Ich gehe mit ihm!« Zu ihrer Überraschung widersetzte sich der Gunner diesem Vorschlage nicht. »Vielleicht das Richtigste!« war alles, was er sagte. Endlich erreichten sie eine dunkle, holprige Straße, und Haynes ließ den Wagen halten. »Fahren Sie den Wagen unter die Bäume«, er wies in die Dunkelheit, »und schalten Sie alle Lampen aus.« Sie stiegen aus, der Wagen wurde mit Mühe an der Seite des Weges verborgen und der Motor abgestellt. »Wir haben Glück«, sagte er zu der jungen Frau. »Danty ist ein vorsichtiger Mann, ich konnte darauf wetten; aber wir sind doch noch vor ihm hier. Da hinten kommt er.« In der Richtung von London erschienen Lichter. Ein Motorwagen hielt einige hundert Meter von ihrem Standplatz entfernt an und drehte dann um. »Sie gehen das letzte Ende lieber zu Fuß«, murmelte der Gunner in grimmiger Zufriedenheit. »Warten Sie hier.« Er ging bis zu dem Eingang des kleinen Aerodroms und zog etwas aus der Tasche. Lange hatte er nicht zu warten: Danty und Connor kamen auf ihn zu. »Sind Sie es, Higgins?« rief Danty. »Ist der Pilot da –« »Sind alle da, mich eingeschlossen!« sagte der Gunner. »Mach keine Dummheiten, Connor! Du bist fein in der Schußlinie, mein Liebling, und ich habe einen Schalldämpfer an meinem Schießeisen. ›Puff!‹, das ist alles, was du hörst, und das kannst du dann deinen guten Freunden in der Hölle erzählen.« Danty sagte kein Wort. Haynes konnte beinahe seine Zähne vor Angst klappern hören. »Na und?« fragte Connor. »Und? ... Ein kleiner Spaziergang zurück nach der nächsten Ortschaft, falls ihr nicht intelligent genug gewesen seid, euren Wagen warten zu lassen. Wenn ihr klug seid, beeilt ihr euch – aber ich fürchte, ihr habt kein Glück mehr«, er sah das Schlußlicht des Autos hinter einer Krümmung des Weges verschwinden. »Die Polizei bewacht den Flugplatz hier, und ihr habt vielleicht noch eine ganz kleine Chance, davonzukommen.« »Sie sind wirklich ein lieber Kerl! Und wie nett Sie uns helfen wollen!« spottete Connor. »Sie müssen uns wirklich für verdammt dämlich halten.« »Schwatzt nicht, lauft lieber ... aber schnell! Ich bin heut abend nicht in bester Laune. Leider habe ich versprochen, euch nicht umzubringen, aber es gehört nicht viel dazu, daß ich meine Meinung doch noch ändere.« »Ist schon gut, Gunner. Wir gehen.« Danty hatte seine Stimme wiedergefunden, aber sie verriet die Angst in seinem Innern. »Kommen Sie, Connor. Der Gunner wird uns schon nicht –« »Ich habe die Briefe gefunden, Danty«, sagte Haynes leise. »Du weißt doch, daß der Tod an deiner Seite steht? Ist dir das klar?« Danty antwortete nichts, sondern packte den Arm seines Begleiters und zerrte ihn den Weg zurück. Nach ungefähr hundert Metern blieb Connor stehen: »Wenn du denkst, daß ich mir das von dem Kerl bieten –« »Laufen, aber schnell!« erklang eine Stimme hinter ihnen, und sie gehorchten. Als er sich überzeugt hatte, daß sie sich wirklich auf den Weg gemacht hatten, eilte der Gunner nach dem Wagen zurück. Luke war wach; sie sprachen leise miteinander, er und seine junge Frau. Haynes hielt es für rücksichtsvoll, sie allein zu lassen und machte sich auf die Suche nach dem Flugzeugführer. Die Maschine war startbereit. Zwei müde Mechaniker hatten gerade ihre Arbeit beendet, und der Flugzeugführer stand ungeduldig daneben. Gunner Haynes gab ihm seine Instruktionen, und da er seine Worte mit überzeugenden Argumenten begleitete, fand er einen willigen Zuhörer, der die knisternden Scheine schmunzelnd in der Tasche verschwinden ließ. »Ich kann drei oder mehr Personen mitnehmen. Macht gar keine Schwierigkeiten. Ich habe den Nachtflug schon Hunderte von Malen gemacht.« Befriedigt ging der Gunner nach dem Wagen zurück, wo er sich entschließen mußte, eine sehr vertraute Unterhaltung der beiden zu stören. »Ich habe ein Stückchen Papier für Sie, Mrs. Maddison. Lesen Sie es, wenn es hell genug ist. Es betrifft den Tod Ihres Bruders – es tut mir leid, wenn ich alte Wunden aufreißen muß, aber ich meine; Sie müssen erfahren, daß der Mann, der ihn ins Verderben stürzte – Danton Morell war und –« »Ich vermutete es«, sagte sie leise. Es fiel immer noch ein seiner Regen, und die Wolken hingen tief, aber keiner der drei Passagiere empfand die leiseste Besorgnis, als der große Eindecker unter dem Gebrüll der Motoren durch die schweren Wolken strich, höher, immer höher, bis sie mit dem Mond in einem klaren Himmel über dem weißen Wolkenmeere schwammen. * Kaum eine Woche später speisten drei Menschen im Café Ritz in Madrid. Es war das Abschiedsessen für Gunner Haynes, der nach Neapel fuhr, um den Postdampfer nach Australien zu erreichen. »Ich werde mich nicht eher richtig behaglich fühlen«, sagte er, »als bis ich im Barcelona-Expreß sitze. Ich habe schon manches erlebt, aber es ist das erstemal, daß ich als Dritter eine Hochzeitsreise mitmachen mußte.« * Ende