Johann Karl Wezel Herrmann und Ulrike Ein komischer Roman in vier Bänden.     Erster Band.   Vorrede. Der Roman ist eine Dichtungsart, die am meisten verachtet und am meisten gelesen wird, die viele Kenntnisse, lange Arbeit und angestrengte Uebersicht eines weitläuftigen Ganzen erfodert, und doch selbst von vielen Kunstverwandten sich als die Beschäftigung eines Menschen verschreyen lassen muß, der nichts besseres hervorbringen kan. Ein Theil dieser unbilligen Schätzung entstund aus dem Vorurtheile, daß Werke, wovon die Griechen und Römer keine Muster, und worüber Aristoteles keine Regeln gegeben hat, unmöglich unter die edleren Gattungen der Dichtkunst gehören könnten: zum Theil wurde sie auch durch die häufigen Misgeburten veranlaßt, die in dieser Gattung erschienen und lange den Ton darinne angaben; denn freylich, eine Menge zusammengestoppelter übertriebner Situationen zusammenzureihen; gezwungene unnatürliche Charaktere ohne Sitten, Leben und Menschheit zusammenzustellen, und sich plagen, hauen, II erwürgen und niedermetzeln zu lassen; oder einen Helden, der kaum ein Mensch ist, durch die ganze Welt herumzujagen und ihn Türken und Heiden in die Hände zu spielen, daß sie ihm als Sklaven das Leben sauer machen; ein verliebtes Mädchen durch mancherley Qualen hindurchzuschleppen; Meerwunder von Tugend und schöne moralische Ungeheuer zu schaffen: ein solches Chaos von verschlungenen, gehäuften, unwahrscheinlichen Begebenheiten, Charaktere, die nirgends als in Romanen existirten und existiren konten, solche Massen ohne Plan, poetische Haltung und Wahrscheinlichkeit zu erfinden, bedurfte es keines Dichtergenies und keiner dichterischen Kunst. Der Verfasser gegenwärtigen Werkes war beständig der Meinung, daß man diese Dichtungsart dadurch aus der Verachtung und zur Vollkommenheit bringen könne, wenn man sie auf der einen Seite der Biographie und auf der andern dem Lustspiele näherte: so würde die wahre bürgerliche Epopee entstehen, was eigentlich der Roman seyn soll. Das bisher sogenannte Heldengedicht und der Roman unterscheiden sich bloß durch den Ton der Sprache, der Charaktere und Situationen: alles ist in jenem poetisch , alles muß in diesem menschlich , alles dort zum Ideale hinaufgeschraubt, alles hier in III der Stimmung des wirklichen Lebens sein. Die Regeln, die man für jenes gegeben hat, paßten auch auf diesen, wenn sie nur nicht blos willkührliche Dinge beträfen: aber die wirklichen Regeln, die sich auf die Natur, das Wesen und den Endzweck einer poetischen Erzählung gründen, sind beiden gemein: was man bisher zu Regeln des epischen Gedichts machte, gieng blos die Form und Manier an, und waren alle blos von der Homerischen abgezogen. Die bürgerliche Epopee nimmt durchaus in ihrem erzählenden Theile die Mine der Geschichte an, beginnt in dem bescheidenen Tone des Geschichtschreibers, ohne pomphafte Ankündigung, und erhebt und senkt sich mit ihren Gegenständen: das Wunderbare, welches sie gebraucht, besteht einzig in der sonderbaren Zusammenkettung der Gegebenheiten, der Bewegungsgründe und Handlungen. In dem gewöhnlichen Menschenleben, aus welchem sie ihre Materialien nimmt, nennen wir eine Reihe von Gegebenheiten wunderbar, die nicht täglich vorkömmt: die einzelnen Begebenheiten können und müssen häufig geschehen – denn sonst wären sie nicht wahrscheinlich – aber nicht ihre Verknüpfung und Wirkung zu Einem Zwecke. So verhält es sich auch mit dem Wunderbaren der Handlungen: wir schreiben es ihnen alsdann zu, wenn sie entweder aus IV einer ungewöhnlichen Combination von Bewegungsgründen und Leidenschaften entstehen, oder in dem Grade der Thätigkeit, womit sie gethan werden, zu einer ungewöhnlichen Höhe steigen. Je höher der Dichter dieses Wunderbare treibt, je mehr verliert er an der Wahrscheinlichkeit bey denjenigen Lesern, die das nur wahrscheinlich finden, was in dem Kreise ihrer Erfahrung am häufigsten geschehen ist: aber dies ist eine falsche Beurtheilung der poetischen Wahrscheinlichkeit, die allein in der Hinlänglichkeit der Ursachen zu den Wirkungen besteht. Der Dichter schildert das Ungewöhnliche , es liege nun in dem Grade der Anspannung bey Leidenschaften und Handlungen, oder in der Verknüpfung der Gegebenheiten und ihrer Richtung zu Einem Zwecke; und dies Ungewöhnliche wird poetisch wahrscheinlich , wenn die Leidenschaften durch hinlänglich starke Ursachen zu einem solchen Grade angespannt werden, wenn die vorhergehende Gegebenheit hinlänglich stark ist, die folgende hervorzubringen, oder die Summe aller hinlänglich stark ist, den Zweck zu bewirken, auf welchen sie gerichtet sind. Dies ist der einzige feine Punkt, der das Wunderbare und Abentheuerliche scheidet. Der Verfasser kan unmöglich in einer Vorrede die Ideen alle entwickeln, die ihn bey der Entwerfung V seines Plans leiteten, und wie er seine beiden vorhin angegebnen Absichten zu erreichen suchte: er muß es auf das Urtheil der Kunsterfahrnen ankommen lassen, ob sie in seinem Werke Spuren antreffen, daß er mit Wahl und Absicht verfuhr. Er wählte eine Handlung, die den größten Theil von dem Leben seiner beiden Helden einnahm, um sich die Rechte eines Biographen zu erwerben: aber er wählte unter den Gegebenheiten und Handlungen, die diesen größten Theil des Lebens ausmachten, nur solche, die auf seine Haupthandlung Beziehung oder Einfluß hatten, um ein poetisches Ganze zu machen. Jedes poetische Ganze hat zween Theile – die Anspinnung, Verwickelung und Entwickelung der Fabel: die Exposition und stufenweise Entwickelung des Hauptcharakters oder der Hauptcharaktere. Auf diese beiden Punkte muß der Blick des Dichters bey der Anordnung beständig gerichtet seyn, um zu beurtheilen, welche Charaktere er nur als Nebenfiguren behandeln, wie er sie stellen und handeln lassen soll, daß sie auf die Hauptpersonen ein vortheilhaftes Licht werfen, ihre Charaktere durch Kontrast oder blos graduale Verschiedenheit heben und anschaulich machen; um zu beurtheilen, wie er die Scenen stellen soll, daß die vorhergehenden die folgenden mittelbar oder unmittelbar vorbereiten, und alle auf VI den Hauptzweck losarbeiten; welche er gleichsam nur im Schatten lassen, nur flüchtig und kurz übergehen, und welche er in das größte Licht setzen und völlig ausmalen soll; wie er sie so ordnen soll, daß jede mit der nächsten mehr oder weniger kontrastirt, und wie er dieses Mehr oder Weniger so einrichten soll, daß es Einförmigkeit und gezwungene Symmetrie verhindert. Um sich diese und so viele andre Pflichten zu erleichtern, vereinigte der Verfasser alle Mittel, die dem Dichter verstattet sind – Erzählung und Dialog, worunter man auch den Brief rechnen muß, der eigentlich ein Dialog zwischen Abwesenden ist. Ob er ein jedes am rechten Orte, dem poetischen Effekte gemäß, gebraucht und den eigentlichen Dialog und die Erzählung gehörig in einander verflößt hat, kan nur der Leser beurtheilen, der hierinne kompetenter Richter ist. Wer ihm Fehler anzeigt und sich so dabey benimmt, daß er mit Nachdenken gelesen und mit Einsicht geurtheilt zu haben scheint, wird ihn durch eine solche mit Gründen unterstüzte Anzeige so sehr verbinden, als durch den uneingeschränktesten Beyfall: wer aus geheimer Abneigung gegen den Verf. oder aus Tadelsucht auf sein Buch schlechtweg schmäht und das Geradeste am schiefsten findet, wird erlangen, was er verdient – Verachtung. VII Viele Leser erlassen dem Romanenschreiber gern alle mögliche poetische Vollkommenheiten, wenn er sie nur durch eine Menge seltsamer Begebenheiten unterhält, worunter eine mit der andern an Abentheuerlichkeit streitet, und die Personen recht winseln, brav küssen und oft sterben läßt: solche Leser werden bey dem Verf. ihre Rechnung nicht sehr finden; denn er geht mit den Küssen außerordentlich knickerig um, und steigt nie zu einer großen Quantität, um ihren Werth und Effekt nicht abzunutzen. Keine von seinen Personen wird bis zum Wahnsinne melancholisch, keine ist so sanft und schmelzend, als wenn sie nur ein Fluidum von Thränen wäre. Ueberhaupt hat der Verf. die Ketzerey, daß er den raschen, von Sanftheit temperirten Ton in der Menschheit liebt und die butterweichen Seelen, die fast gar keine Konsistenz haben, schlechterdings entweder belachen oder verachten muß: auch glaubt er daher, daß es für die Stimmung unsers Geistes zuträglicher wäre, wenn wir mit unsern Romanen wieder in den Geschmack der Zeiten zurückgiengen, wo der Liebhaber aus Liebe thätig wurde und nicht blos aus Liebe litt , wo die Liebe die Triebfeder zum Handeln, zu Beweisung großer Tugenden wurde, Geist und Nerven anspannte , aber nicht erschlafte. VIII Andre Leser verlangen blos Muster der Tugend, oder wie sie es nennen, die Menschheit auf der schönen Seite zu sehen: der Verf. hat allen Respekt für die Tugend und möchte sie, um sich in diesem Respekte zu erhalten, nicht gern zur alltäglichen Sache machen: er findet, daß diese kostbare Pflanze in unserer Welt nur dünne gesäet ist, und will sich also nicht so sehr an dem Schöpfer versündigen und seine Welt schöner machen, als er es für gut befand. Endlich suchen einige in einem Romane und auf dem Theater die nämliche Erbauung, die ihnen eine Predigt giebt, und wollen gern, wenn sie das Buch zumachen, das moralische Thema samt seinen partibus wissen, das der Herr Autor abgehandelt hat. Für diese hat der Verfasser der gegenwärtigen Geschichte am meisten gesorgt; denn aus jeder Zeile können sie sich eine Moral ziehen, wenn es ihnen beliebt. Wzl.     Erster Band. Erster Theil. Erstes Kapitel. Im Jahre nach Erschaffung der Welt, als die Damen kurze Absätze und niedrige Topés, die Herren große Hüte und kleine Haarbeutel, und Niemand leicht Gold auf dem Kleide trug, der nicht wenigstens Silber genug in der Tasche hatte, um es bezahlen zu können, wurde auf dem Schlosse des Grafen von Ohlau ein Knabe erzogen, der bey dem Publikum des dazu gehörigen Städtchens nicht weniger Aufmerksamkeit erregte und in den langen Winterabenden nicht weniger Stoff zur Unterhaltung gab, als Alexander, ehe er auf Abentheuer wider die Perser ausgieng. Graf und Gräfin, deren Liebling er einige Zeit war, nennten ihn Henri , seine Eltern Heinrich, und das ganze Städtchen den kleinen Herrmann , nach dem Geschlechtsnamen seines vorgeblichen Vaters – 4 seines vorgeblichen, sage ich; denn so sehr die körperliche Aehnlichkeit mit ihm es wahrscheinlich machte, daß er sein wahres ächtes Produkt seyn möchte, und so wenig auch der erfahrenste Physiognomist auf den Einfall gekommen wäre, eine andere wirkende Ursache zu vermuthen, so hatte doch Jedermann die Unverschämtheit, troz jenes wichtigen Grundes, ihn seinem Vater völlig abzuläugnen, und zwar aus der sonderbaren Ursache – weil der Sohn ein feiner, witziger, lebhafter Knabe wäre und gerade so viel Verstand, als sein Vater Tummheit, besäße. Freilich war wohl diese Ursache etwas unzureichend, einem armen Sterblichen seine ehrliche Geburt abzusprechen: auch gab der alte Herrmann nichts weniger zu als daß er tumm sey, und bewies sehr häufig durch die That, daß er sich hierinne nicht irrte: gleichwohl hätten sich die Leute eher bereden lassen, nicht mehr an den Kobold zu glauben, als den jungen Herrmann für den rechtmäßigen Sohn des alten Herrmanns zu erkennen. Indessen, so genau alles, Alt und Jung, in dieser Behauptung 5 übereinstimmte, so verschieden wurden die Meinungen, wenn es darauf ankam, die Entstehung des Knabens zu erklären; und wenn man alles, was darüber gedacht und gesagt worden ist, sorgfältig aufbewahrt hätte, so würde eine solche Samlung ungleich mehr Drucker und Setzer ernähren, als alle Träumereyen der Philosophen. Einige, die des Sonntags zweymal in die Kirche giengen und darum billiger dachten als andre, die wöchentlich nur Eine Predigt hörten, nahmen doch seinem Vater nicht die ganze Ehre des Antheils an der Erzeugung seines Sohns, sondern gestunden mit einem weisen Achselzucken, daß ihm vielleicht die eine Hälfte angehören könnte: allein es wird vermuthlich weltkundig seyn, daß ein gelehrter Akademist die Unmöglichkeit einer solchen Entstehung sonnenklar dargethan hat, und die Anhänger jener Meinung werden mir daher vergeben, daß ich diesem Manne, der den Homer, Virgil und die sämtlichen Erzväter des alten Testaments auf seine Seite zu bringen weis, eher Glauben beymesse, als ihnen – 6 Leuten, die nie ein griechisches Wort gesehn haben. Der Herr Major im lezten Kriege mag ihn wohl zurückgelassen haben, sagten andere Leute, die sich etwas besser auf Wahrscheinlichkeit und Unwahrscheinlichkeit verstunden. Er ist ein Sohn von dem Herrn Grafen, zischelte sich Jedermann ins Ohr, der auf die Gunst neidisch war, die die Herrmannische Familie von dem Grafen genoß; und dieses war das ganze Städtchen. – Tausend ähnliche besser und schlechter gegründete Vermuthungen erzählte man sich als Wahrheiten, vertraute man sich mit geheimnißreicher Miene. Wenn in den kühlen Abendstunden des Sommers zwo Nachbarinnen vor der Thür beysammensaßen, wenn sich zwo Freundinnen am Brunnen trafen, bey dem Spinnrocken oder der Kaffeetasse plauderten, war zuverlässig der kleine Herrmann ihr Gespräch. Wer aber unter allen am sichersten der Wahrheit zu viel weder zur Rechten noch zur Linken gehen wollte, der versicherte schlechtweg – der kleine Herrmann ist ein Hurkind. 7 Natürlicher Weise muß mir unendlich viel daran liegen, daß diese Meinung nicht unter meinen Lesern Glauben gewinnt, da der Kunstgriff, den Helden seiner Geschichte aus einer Galanterie entstehen zu lassen, seit des alten Homers Zeiten schon so abgenuzt ist, daß sich ein honneter Dichter schämen muß, etwas mit Hurkindern zu thun zu haben. Es ist eine auf Urkunden gegründete Wahrheit, daß der alte Herrmann den Dienstag nach Misericordias unter priesterlicher Einsegnung das Recht empfieng, einen Sohn zu zeugen, und daß seine innig geliebteste Frau Ehegattin ihn den vierten Advent des nämlichen Jahres gegen Sonnenuntergang mit einem wohlgestalten Knäblein erfreute, welches zugestoßner Schwachheit halber in derselben Nacht die Nothtaufe empfieng; und dieses war der Herrmann, dessen Geschichte ich erzähle. Wer nach einem so einleuchtenden Beweise noch eine Minute zweifelt, muß entweder mich oder meinen Herrmann hassen. 8   Zweites Kapitel. An einem sehr heißen Sommertage, gerade als die Sonne in den Krebs treten wollte, gieng der Graf Ohlau , seine Gemahlin am Arme und in Begleitung seiner sämtlichen Domestiken, überaus prächtig in der neuangelegten Lindenallee spatzieren, welches er jeden Sonntag bey heiterm Wetter zu thun pflegte. Das ganze Städtchen, das seine Liebe zur Pracht kannte, paradirte alsdann auf beiden Seiten der Allee in den auserlesensten Feierkleidern: Männer und Weiber, Kinder und Eltern machten eine Gasse auf beiden Seiten und sahen mit gaffender Bewunderung das starre goldreiche Kleid ihres hochgebornen Herrn Grafen nebst einem langen Zuge von reicher Liverey durch die doppelte Reihe gravitätisch dahinwandern. Nero konnte nicht grausamer zürnen, wenn er auf dem Theater sang und diesen oder jenen Bekannten unter den Zuschauern vermißte, als der Graf Ohlau , wenn bey diesem sonntägigen 9 feierlichen Spatziergange Jemand von den Einwohnern des Städtchens fehlte: ob er gleich einen solchen Verächter seiner Hoheit nicht, wie jener Heide, köpfen ließ, so war doch allemal in so einem Uebertretungsfalle auf einen heftigen Groll und bey der nächsten Gelegenheit auf eine empfindliche Rache zu rechnen. Obgleich zuweilen die Sonne so brennende Strahlen auf die Versammlung warf, daß die kahlen Köpfe der Alten, wie Ziegelsteine, glühten, daß die weißgepuderten Parucken der Rathsherrn von der geschmolzenen Pomade mohrenschwarz, und die schönen schneeweißen Mädchengesichter rothbraun und mit Sommersproßen und Blattern von der Hitze gezeichnet wurden, so wagte es doch Niemand, so lange sich der Graf in der Allee aufhielt, den Schatten zu suchen: man schwizte, ächzte und ward gelassen zum Märtirer des herrlichen Kleides, das der Graf zu begaffen gab. Er selbst machte sich mit der nämlichen Standhaftigkeit zum Opfer seines Stolzes, und seine Gemahlin – mehr aus Gefälligkeit gegen ihn als aus eigner Neigung – 10 steckte sich jedesmal in einen großen Fischbeinrock und ein schweres reiches Kleid, um die Herrlichkeit seines Spatziergangs vermehren zu helfen. Die Last dieser Feierlichkeit war noch keinen Tag so drückend gewesen, daß der Graf sie nicht hätte ertragen können: doch izt am gemeldeten Sonntage schoß die Sonne bey ihrem Eintritte in den Krebs so empfindliche Strahlen, die wie Pfeile verwundeten. Die Augen der Zuschauer waren matt und blickten mit schwacher Bewunderung auf das apfelgrüne Kleid, in dessen Stickerey die Silberflittern, wie ein gestirnter Himmel, glänzten, und die Folie mit allen Farben des Regenbogens spielte: Jedermann lechzte und dachte, empfand und sagte nichts als – »das ist heiß!« Der Graf wedelte sich unaufhörlich mit dem musselinen Schnupftuche das Gesicht, blies um sich und seufzte einmal über das andre seiner Gemahlin zu – »das ist heiß!« Die Frau Gräfin gieng geduldig an seiner Seite unter dem rothtaffetnen Sonnenschirme, mit glühendem aufgelaufenen 11 Gesichte und klopfendem Busen, wo große Schweißtropfen, wie die Perlen eines starken Morgenthaues, standen, zerrannen und in kleinen Bächen hinabliefen, athmete tief und keuchte nach ihrem Gemahle hin – »das ist heiß!« Laufer, Heiducken, Jäger und Lackeyen, so stolz sie sonst in ihren Galakleidern daherschritten, schlichen mit gesenkten Häuptern, muthlos und schmachtend hinter drein und brummten einander, ein Jeder mit seinem Lieblingsfluche, zu – »das ist heiß!« Es war nichts anders übrig als der Sonne nachzugeben und dem Schatten zuzueilen. Gerade mußte sich es treffen, daß unter der schattichten Linde, wo der Graf mit seinem Gefolge Schutz suchte, der kleine Herrmann mit einigen seiner Kameraden sein gewöhnliches Spiel spielte: er war König, theilte Befehle aus, die die übrigen vollziehen mußten, und saß eben damals mit völliger Majestät und Würde auf der Bank unter der Linde, um einem Paar Abgesandten Audienz zu geben. So bald sich der Graf dem Baume näherte, liefen die 12 erschrocknen Abgesandten davon, nur der kleine König blieb, in die Hoheit seiner Rolle vertieft, mit gravitätischem Ernste sitzen. Die Mutter, die in der Ferne gegenüber stand, biß sich vor Aerger über die Unhöflichkeit ihres Sohnes in die Lippen, und der Vater hub schon mit Zähneknirschen und einem unwilligen – »du sollst es kriegen« – sein Rohr drohend in die Höhe. Die Gräfin lächelte über die Unerschrockenheit, mit welcher sie der Knabe erwartete, und sagte freundlich zu ihm: Rücke zu, mein Kleiner! – Nein, das kann ich nicht! antwortete der Knabe. Ich muß in der Mitte sitzen; denn ich bin König, und Sie sind nur Graf. – Man lachte und gab, aus Ehrerbietung gegen seine königliche Würde, seinem Verlangen nach. Ohne langes Besinnen fuhr er in seiner Rolle fort und gab mit der nämlichen Dreistigkeit, womit er seine Gespielen beherrscht hatte, auch dem Grafen Befehle, und weil dieser nicht für nöthig erachtete, sie zu vollstrecken, so versicherte ihn der kleine Monarch, daß er sich einen bessern Unterthan in ihm versprochen hätte, und drohte ihm 13 für seinen Ungehorsam die fürchterlichsten Strafen an. Die Gräfin, die sehr bald merkte, daß alle diese Ideen, ob es gleich nur Kinderspiel war, dem Stolze ihres Gemahls widrig wurden, suchte den Knaben auf etwas anders zu lenken und bat ihn, seine Majestät einmal bey Seite zu setzen und ihr ein Paar Blumen zu pflücken. Pfeilschnell sprang er von der Bank hinweg, sezte sich ins Graf, pflückte Blumen und band mit dem sorgfältigsten Fleiße ein sehr zierliches Buket, das er der Gräfin mit dem verliebten Anstande eines Schäfers und einem Handkusse überreichte, nebst der galanten Versicherung, daß er sie sehr lieb habe. – Mein Sohn, sagte die Gräfin darauf, du wirst einmal ein großer Mann oder ein großer Narr werden. – Ach, erwiederte der Knabe mit kindischer Naifetät, mit dem großen Narren hats keine Noth: das will ich wohl bald werden, wenn ich nur erst ein großer Mann bin. – Gräfin. Hast du denn Lust ein großer Mann zu werden? 14 Der Kleine. Ja, das werd' ich, und weiter nichts! Gräfin. Auch ein großer Narr? Der Kleine. Nein, das ist meine Sache nicht. – Das ist einer, sezte er hinzu und wies mit dem Finger auf den Grafen. Steifigkeit und Gezwungenheit müssen auf jede richtig gestimmte Seele einen unmittlbaren widrigen Eindruck machen; sonst hätte unmöglich diesem kleinen Schwätzer ein so kindischer Sarkasmus, so voll der bittersten Wahrheit, entwischen können. Der Graf fühlte ihn mit Widerwillen, und es that ihm sehr wehe, daß er nicht zürnen konnte, weil ihn ein Kind gesagt hatte: seine Gemahlin, die seinen Stolz und seine ceremoniöse Eitelkeit innerlich sehr misbilligte und sich nur nicht offenherzig gegen ihn herauszulassen getraute, freute sich im Herzen über den Vorwitz des Bubens und ermahnte ihn zur Behutsamkeit und zum Respekte in seinen Ausdrücken, vielleicht gar in der boshaften Absicht, seine Unverschämtheit noch mehr zu reizen. 15 Was hast du denn an mir auszusetzen? fragte der Graf mit hastigem Tone, um seine Empfindlichkeit zu verstecken. Der Kleine. Sehr viel! – Warum ziehen sie sich denn so warm an? izt in der Hitze? – Sehn Sie! das ist gescheidt angezogen! (wobey er seine kleine rothstreifigte Leinwandjacke aus einander zog und von der Luft durchwehen ließ.) Die Gräfin verbarg eine boshafte Freude hinter dem Fächer und machte ihm den Einwurf, daß sich eine solche Kleidung nicht für den Grafen schicke. Der Kleine. Warum denn nicht? Wenn sie sich für mich schickt! Die Gräfin. Und du bist doch ein König! Der Kleine. O sie sind eine scharmante Frau: ich habe Sie wahrhaftig recht lieb, das können Sie glauben. Wenn ich groß bin, will ich Sie heirathen. Die Gräfin. Du mich? – Ich habe ja schon einen Mann. Der Kleine. Ja – (wobey er den Grafen 16 mit schiefem verächtlichen Blicke vom Kopf bis zu den Füßen übersah) – den hätt' ich nicht genommen. Die Gräfin. Warum denn nicht? Der Kleine. Weil er so viel Silber auf dem Rocke hat. Die Gräfin. Du wirst also vermuthlich kein Silber tragen, wenn wir einander heirathen? Der Kleine. Also wollen Sie mich? – Geben Sie mir Ihre Hand darauf! Die Gräfin. Hier ist sie. – Warum bist du denn aber dem Silber so gram? Der Kleine. Weil es zu gepuzt aussieht. Die Gräfin. Ich merke also wohl, du bist kein Liebhaber vom Gepuzten. Der Kleine. Garnicht! Wenn ich auch einmal ein großer Mann bin, geh ich doch nicht anders wie itzo. Die Gräfin. Was für ein großer Mann denkst du denn zu werden? Der Kleine. Das weis ich selber noch nicht recht. Sonst wollt' ich immer ein König 17 werden: aber das gefällt mir nicht mehr. Ich will lieber zur See gehen und Länder entdecken. Die Gräfin. Da wirst du mich bald zur Wittwe machen. Der Kleine. Ja, wenn ich Sie heirathe! – (Vor Freuden that er zwey große Sprünge bey diesen Worten.) – Da bleib' ich lieber zu Hause bey Ihnen und werde recht gelehrt – recht erstaunend gelehrt! Hernach müssen die Leute aus der ganzen Welt zu mir kommen und mich sehen wollen: die Königin aus Saba muß zu mir kommen: da lös' ich ihr Räthsel auf. Die Gräfin. Die gute Frau ist schon lange todt. Der Kleine. Es wird doch wohl eine Andre wieder da seyn. Die bringt mir dann große Geschenke – Gold, Silber, Weihrauch – Die Gräfin. Du bist ja kein Liebhaber von Gold und Silber. Der Kleine. Ach, ich behalte nichts davon: ich schenke alles wieder weg, alles. Die Gräfin. Das ist edelmüthig. – Ich dächte, so ein munterer Bursch, wie du, gienge lieber in den Krieg. Der Kleine. Nein, das ist gar nicht meine Sache. Die Gräfin. Warum nicht? Der Kleine. Das Pulver macht schmuzige Hände: die Soldaten sehen mir alle zu wild aus; und im Kriege wird man ja todt geschossen! Die Gräfin. Du mußt die Andern todt schiessen, damit sie dich nicht todt schießen können. Der Kleine. Ich sollte Jemanden todt schießen? – Das könnt' ich nicht. Das thät mir so weh als wenn meine Mutter eine Henne abschlachtet. – Ich kann gar kein Blut sehn – (sezte er mit leisem Tone und halbem Schauer hinzu) Die Gräfin. Bist du so mitleidig? Ach, seufzte der Knabe, und Thränen standen ihm in den dunkelblauen Augen, ich kann gar nicht sterben sehn! Auch keinen Menschen, dem etwas weh thut! Der lahme Görge hier in der Stadt – wenn ich den mit seiner Stelze 19 kommen sehe – ach, da geh' ich allemal in eine andere Gasse, daß ich nicht vor ihm vorbey muß. – Dort kömmt die Kutsche! unterbrach der Graf freudig ihr Gespräch, der unterdessen voller Ungeduld, wie auf Feuer, dagesessen, und nach der lange verschobnen Ankunft des blauen Staatswagens geseufzt hatte. Bey seinem Vergnügen an der Pracht spielten Kutschen und Pferde keine geringe Rolle: er verschrieb sich alle mögliche Risse von Staatskarossen und den sämtlichen übrigen Arten von Wagen, und Niemand durfte ihm leicht ein merkwürdiges Fuhrwerk oder Pferdegeschirr nennen, ohne daß er nicht den Auftrag bekam, eine Zeichnung davon zu schaffen. Keine Schmeicheleyen und kein Geld wurden dabey gespart, den Zeichner und Kommissionar zur Beschleunigung seines Wunsches aufzumuntern: empfahl sich einer unter den erhaltnen Rissen durch unwiderstehliche Schönheiten, so wurde er ausgeführt, und jedesmal, wenn so ein neues Werk vollendet und zum erstenmale gebraucht wurde, 20 empfieng das ganze Schloß einen Schmaus, wie andere Leute zu geben pflegen, wenn sie ein Haus gebaut haben. Schade war es nur, daß die herrlichen Gebäude allemal aus einem doppelten Grunde unbrauchbar und meistens auch ziemlich abgeschmackt waren: seine Leidenschaft für die Pracht zog Schönheit und Geschmack so wenig zu Rathe, daß jedes Fleckchen von der Decke bis zur Radeschiene, von dem äußersten Ende der Deichsel bis zu der äußersten Spitze des lezten Eisens hinter dem Kasten, mit Gold beklebt werden mußte, wofern es andre Ursachen nur im mindsten zuließen: auf der andern Seite wollte sein Geiz – wovon ihm eine starke Dosis zu Theil geworden war – jenen prächtigen Kunstwerken die Dauerhaftigkeit einer ägyptischen Pyramide geben und rieth ihm, sie so massiv, so plump bauen zu lassen, daß selten eine Kutsche nach geendigter Schöpfung mit weniger als acht Pferden von der Stelle gebracht werden konnte. Dieselben Ursachen machten auch seine Pferdegeschirre zu wahren Meisterstücken des schlechten Geschmacks: sie waren alle so 21 schwer, daß unter der kostbaren Last die armen Rosse ihres Lebens nicht froh wurden und meistens zwey Tage eine Entkräftung fühlten, wenn sie einmal eine Stunde lang in ihrem ganzen Schmucke an so einem vergoldeten Hause gezogen hatten. Bey einer solchen Bewandniß ist es kein Wunder, daß der Herr Graf während der vorhergehenden Unterredung seiner Gemahlin mit dem kleinen Herrmann so lange auf den blauen Wagen warten mußte, ob er gleich beinahe schon angespannt war, als der Spatziergang eröfnet wurde: das ungeheure Gebäude konnte bey der gewaltigen Hitze nicht anders als in dem Tempo eines gemeinen Mistwagens fortbewegt werden, und noch blieben die niedergeschlagnen Pferde alle sechs Schritte einmal stehen, um auszuschnauben. Endlich langte die blaue fensterreiche Karosse bey der Linde an: sechs Perlfarben zogen sie unter einem blausamtnen, mit goldnen Tressen und unzählbaren Schnallen gezierten Geschirre: sie hiengen traurig den schöngeflochtnen, mit goldnen Rosen geschmückten Hals, und fühlten 22 ihr glänzendes Elend so stark, daß sie nicht einmal die funkelnde Quaste auf dem Kopfe schüttelten. Graf und Gräfin stiegen hinein, und ohne daß man es gewahr wurde, wie ein Wind, wischte der kleine Herrmann hinter ihnen drein – pump! saß er da, dem hochgebornen Paare gegenüber. Der Graf erschreckte ihn zwar durch die auffahrende Frage – »was willst du hier?« – allein der Knabe antwortete ihm unerschüttert: »Ich will einmal sehn, wie sichs in so einem Wagen fährt.« Unterwegs machte er sehr oft die Anmerkung, daß diese Art zu fahren für ihn erstaunend langweilig wäre, bezeugte auch zuweilen ein großes Verlangen, aus dem Kasten herauszugehn, und da ihn die Gräfin zur Ruhe vermahnte, versicherte er, daß er nur aus Liebe zu ihr sich so lange darinne zurückhalten ließe. Allmählich begann der zweite Akt des Spatziergangs. Wenn der Graf sich bey dieser Sonntagskomödie mit der ganzen Commun seiner Residenz einige Zeit von der Sonne hatte sengen und brennen lassen, erschien gewöhnlich, wie itzo, eine 23 von seinen schwerfälligen Staatskutschen, worinne er mit der Langsamkeit einer Leichenbegleitung durch die Alleen eines Lustwäldchens fuhr: die ganze Stadt folgte ihm alsdann zu Fuß auf beiden Seiten und hinten nach, und jeder Knabe hatte die Erlaubniß, ein Band, ein Schnupftuch oder jede andre Sache, die weich genug war, um keine Beulen zu machen, wenn sie einen Kopf traf, in den Wagen zu werfen. Nach geendigter Spatzierfahrt sammelte der Kammerdiener alle hineingeworfne Lappen in einen Korb, trat mit ihm mitten auf den Schloßhof, die Stadtjugend stellte sich in einem Zirkel um ihn, und sobald der Graf das Fenster öfnete, fieng er an, ein Band, ein Tuch nach dem andern in die Höhe zu halten und nach dem Eigenthümer desselben zu fragen: wer sich dazu bekannte und sein Recht aus gültigen Gründen beweisen konnte, erhielt bey der Rückgabe etwas Geld: waren die Ansprüche so verwickelt und zweifelhaft, daß sich der Kammerdiener ohne Verletzung seines Richtergewissens nicht zu entscheiden getraute, so mußte der Zweykampf 24 den Ausschlag thun: die Kompetenten traten in die Mitte des Kreises, rangen mit einander, und wer den andern zuerst niederwarf, besaß das Band und den damit verbundnen Preis ungestört bis in alle Ewigkeit, wenn es auch gleich dem Ueberwundnen gehörte. Während der Austheilung wurde ein Faß voll Bier in Bereitschaft gesezt, auf einen kleinen Wagen geladen; und hatte jedes Band seinen Besitzer gefunden, so spannte sich ein Trupp Knaben daran und zog ihn, Musik voraus, in den herrschaftlichen Garten, wo in einem alten Pavillon die Mädchen warteten, um mit ihnen gemeinschaftlich den Abend unter Tänzen und Liedern hinzubringen. Sehr oft sah der Graf mit seiner Gemahlin ihren jugendlichen Ergötzlichkeiten zu, wenigstens waren doch auf allen Fall die Eltern zugegen, um Unordnungen vorzubeugen und durch ihre Gegenwart Reizungen zu unterdrücken, welche der Tanz leicht erweckt. Der kleine Herrmann, der aus Liebe zur Gräfin die ganze Fahrt hindurch bis zur Ankunft auf dem Schlosse in der Kutsche ruhig 25 ausgehalten hatte, bat sich die Erlaubniß aus, bey der darauf folgenden Preisaustheilung die Stelle des Kammerdieners zu vertreten: und auf Zureden seiner Gönnerin bewilligte ihm der Graf seine Bitte. Er sammelte die zahlreichen Bänder und Tücher aus dem Wagen mit eilfertiger Geschäftigkeit zusammen und trat mit dem völligen feyerlichen Anstande eines Richters, unter der Begleitung des Kammerdieners, der Korb und Geld neben ihm her trug, in den Kreis seiner erstaunten Kameraden. Sie murmelten zwar einander einige kleine Hönereyen zu, daß ihres Gleichen über sie erkennen sollte: allein Graf und Gräfin öfneten das Fenster, und man schwieg. Der neue Richter schwenkte ein Band in die Luft, fragte, wem es gehörte, gab es dem ersten, der mit einem deutlichen Mir antwortete, aber kein Geld, verfuhr mit den übrigen eben so, und Niemand bekam Geld. Der Kammerdiener, dieser neuen Praxis ungewohnt, wollte ihm ins Amt greifen; die ganze versammelte Jugend wurde schwürig und wollte die alte Prozeßordnung hergestellt wissen: doch 26 die Gräfin rief – »laßt ihn nur machen!« – und man mußte sich beruhigen. Als der Korb ausgeleert war, befahl er einem Jeden nach der Reihe, seine eingelösten Bänder zu zählen, und wer die meisten hatte, bekam das wenigste Geld: ein einziger Knabe, der nur eins in den Wagen geworfen und auch nur eins zurückgefodert hatte, erhielt den höchsten Preis – gerade so viel, als alle übrige zusammen. Natürlich mußten die Andern über ihre getäuschte Unverschämtheit unwillig werden, und weil kein Mittel zu einer größern Rache vorhanden war, schimpfte, schmähte, verspottete man die neue Weisheit des Richters: der Kammerdiener, dem es auch nicht anstund, daß der Knabe klüger seyn wollte, als er alter Mann, suchte ihn anzuhetzen und in einen Streit zu verwickeln, wo er nothwendig den Kürzern ziehen würde. Leid' es nicht! zischelte er ihm leise zu: allein er bekam nichts als die stolze Antwort – »Das schadet mir nichts, ich bleibe dennoch, wer ich bin« – und so wanderte unser kleine Herrmann, voll edlen Bewußtseins, nach dem Zimmer des Grafen. 27 Der Empfang von Seiten der Gräfin war ungemein lebhaft und freundlich, und selbst ihr Gemahl fühlte in dem Verfahren des Knaben bey der Preisaustheilung so etwas, das mehr als einen gemeinen Geist voraussezte. Sie lobten ihn beide, beschenkten ihn, und der Graf gab sich selbst die gnädige Mühe, ihn mit hoher Hand in seinen Staatszimmern herumzuführen; denn nach seinen Begriffen war es die größte Gnadenbezeugung, wenn er Jemandem Gelegenheit gab, ihn in seiner Pracht zu bewundern. – Wie gefällt dir das alles? fragte der Graf. – »Ganz wohl, erwiederte der Knabe; nur das viele Gold kann ich nicht leiden.« – Was möchtest du nun am liebsten unter allen diesen Sachen haben? fieng die Gräfin an. – »Nichts als das!« antwortete der Kleine und wies auf ein Porträt der Gräfin. Die Vorstellung – »ich gefalle« – verbreitet über weibliche Nerven jederzeit so eine eigne lebhafte Behaglichkeit, daß ihr ein Frauenzimmer auch bey einem sechsjährigen Knaben nicht widerstehen kann: die Gräfin gieng, ohne 28 ein Wort zu sagen, in ihr Zimmer und kam mit einem Miniaturgemählde zurück, das sie ihrem Lieblinge – denn das war er nun völlig – zum Geschenk überreichte. – Wenn dir, sagte sie, die Frau auf dem großen Gemählde hier so wohlgefällt, so will ich dir ihr Porträt im Kleinen geben: behalt es zu meinem Andenken! – Der Knabe that einen freudigen Sprung, seine ganze Miene wurde Vergnügen, er küßte das Bild etlichemal und bat um ein Band: die Gräfin vertröstete ihn bis zur Zurückkunft in ihr Zimmer: hurtig machte sich der galante Bube sein Knieband los, zog es durch das Oehr des Porträts und hieng es um den Hals. – »Mein Orden ist tausendmal schöner als Ihrer,« sprach er zum Grafen und drückte sich das Bild so fest an die Brust, daß die Gräfin sich nicht enthalten konnte, ihm für diese unschuldige Schmeicheley einen derben Kuß auf die runden rothen Backen zu drücken. Man öfnete die beiden Flügel der Thür: der Graf erblickte die Spieltische in völliger Bereitschaft: – »zum Spiel!« rief er und bot seiner 29 Gemahlin die Hand, die sie ungern annahm, weil sie sich von ihrem kleinen Liebhaber trennen sollte. Zugleich gab er einem Laufer Befehl, den Knaben zu seinen Eltern zurückzubringen: das war ein Donnerschlag für den armen Verliebten. Er schluchzte, gieng niedergeschlagen und langsam zur Gräfin, faßte ihre Hand, küßte sie und brach in lautes Weinen aus: die Dame ward durch die kindische Betrübniß so gerührt, daß ihr eine Thräne über die Wange herabrollte: mit hastiger Bewegung riß sie den weinenden Knaben zurück, gab ihm zween recht feurige Küsse, reichte mit einem Seufzer dem versilberten strotzenden Herrn Gemahle die Hand und gieng an den Spieltisch. Die Mutter erwartete ihn an der Thür, als er mit dem Laufer angewandert kam, und empfieng ihn mit lautem Jubel über das Glück und die Gnade, die ihm heute wiederfahren wäre, und belud seinen Ueberbringer mit so vielen unterthänigsten und allerunterthänigsten Danksagungen dafür, daß sie einen Maulesel nicht schwerer hätte bepacken können. Desto 30 mehr war der Vater wider sie und seinen Leibeserben aufgebracht: er hielt es schlechterdings für eine Beschimpfung seiner Familie, daß sein Sohn sich zu dem Grafen drängte, und wollte ihn kraft der väterlichen Gewalt, zu seinem Besten, mit einer nachdrücklichen Züchtigung bestrafen, wenn nicht die Mutter noch zu rechter Zeit hinzugesprungen wäre und den armen Jungen unter dem ausgeholten Ruthenhiebe weggerissen hätte. – »Mag er mich schlagen! sagte der kleine Heinrich; hab ich doch mein liebes Bild« – und dabey küßte er das Porträt der Gräfin. Dies war, beyläufig gesagt, der Zeitpunkt, wo das Stadtpublikum an der ehelichen rechtmäßigen Zeugung des Knaben zu zweifeln anfieng.   Drittes Kapitel. Die Gräfin, die – wie man bereits gemerkt haben wird – mehr eitel, als stolz, war, fand in der kindischen Liebe des kleinen Herrmanns so viel schmeichelndes, daß sie nach aufgehobner Tafel, als sie ihr Gemahl auf ihr Zimmer gebracht hatte, das Gespräch sogleich auf ihn lenkte. Sie bestand darauf, daß man einem so viel versprechenden Subjekte eine beßre Erziehung verschaffen müßte, als er bey seinen Eltern haben könnte, und that deswegen den Vorschlag, ihn auf das Schloß zu nehmen und den Unterricht und die Aufsicht des Lehrers mitgenießen zu lassen, den man ohnehin für die kleine Ulrike – eine arme Schwestertochter des Grafen – bezahlte. Ihr Gemahl machte zwar Einwendungen, und darunter eine, die weiser war als alle, die er gewöhnlich zu machen pflegte: er besorgte nämlich, daß man den Knaben durch eine vornehme, seinem Stand und Vermögen nicht angemeßne Erziehung nur 32 unglücklich machen werde. Wir geben ihm, sagte er, eine Menge Bedürfnisse, die er in seiner Eltern Hause nie würde kennen lernen; wir fachen seinen Ehrgeiz nur noch mehr an, da er schon für sich stark genug ist; durch den beständigen Umgang mit dem andern Geschlechte wird seine natürliche Empfindlichkeit erhöht, er wird weichlich, wollüstig und vielleicht gar ein Geck. Haben Sie nicht seinen übermäßigen Stolz bemerkt? – Wenn man sieht, daß er Ihr Liebling ist, wird ihm Jedermann schmeicheln, um Ihnen zu schmeicheln, und in zwey Jahren ist er sonach der verdorbenste, aufgeblasenste und unerträglichste Bursch, der Niemanden in der Welt achtet, als sich selbst. Ihre Güte ist auf alle Fälle zuversichtlich sein Unglück. – Es geht schlechterdings nicht, sezte er mit seinem gewöhnlichen peremtorischen Tone hinzu. Der Graf machte sehr oft dergleichen gute oder schlechtere philosophische Anmerkungen und Einwendungen bey jeder Gelegenheit, aber niemals im eigentlichen Ernste, um zu widerlegen oder die vorgeschlagne Sache zu hindern, 33 sondern blos aus Räsonnirsucht, um seinen vorgeblichen Verstand zu zeigen: räumte man ihm daher seine Einwürfe als unüberwindlich ein, so war nichts leichter, als ihn unmittelbar durch diese stillschweigende Anerkennung seiner Ueberlegenheit zu der nämlichen Sache zu bereden, die er bestritten hatte. Seine Gemahlin kannte alle feste und schwache Plätze seines Charakters so genau, daß sie eine Karte davon hätte zeichnen können, und gestand ihm deswegen in dem vorhabenden Falle mit betrübter Verlegenheit zu, daß es freilich unmöglich sey, so starke und vernünftige Gegengründe zu entkräften. – Man muß also darauf denken, sezte sie hinzu, wie man den Burschen auf eine weniger gefährliche Art unterstüzt. Aber, fiel ihr der Graf ins Wort, man kann es ja versuchen: merkt man, daß er durch seinen Aufenthalt bey uns verschlimmert wird, so schickt man ihn wieder zu seinen Eltern. Aber freilich, liebe Gemahlin, Sie sind schwach: wenn Sie einmal etwas lieben, dann fällt es Ihnen schwer, sich davon zu trennen: Ihre Liebe wird gleich zu heftig. 34 Freilich wohl, gnädiger Herr! antwortete die Gräfin seufzend und zupfte mit einiger Verlegenheit an ihrem Kleide. Ich erkenne wohl, wie sehr Sie Recht haben, daß meine Liebe die Leute meistens verdirbt: ich fühle meine Schwäche in diesem Punkte. – Wir wollen den Burschen lassen, wo er ist. Aber, nahm der Graf mit einer kleinen Hastigkeit das Wort, warum wollen Sie es denn nicht versuchen, wenn sie Ihr Vergnügen dabey finden? – Wollen Sie zuweilen eine kleine freundschaftliche Warnung von mir annehmen, im Falle daß Sie zu weit gehen – Die Gräfin. O mit Freuden, gnädiger Herr. Sie wissen, wie willig ich mich von Ihnen leiten lasse, wie gern ich Ihre Vernunftgründe zugebe, daß ich leicht von etwas abstehe, wenn Sie es misbilligen – Der Graf. Ja, ich kenne Ihre Güte – Die Gräfin. Nennen Sie das nicht Güte, gnädiger Herr! Pflicht, Schuldigkeit ist es. Ich schätze mich glücklich genug, daß ich fähig bin, die Richtigkeit und Billigkeit Ihrer 35 Einwendungen und Befehle einzusehen: auf keinen andern Verstand, als auf diesen, mache ich Anspruch. Der Graf. War denn Ihre Absicht, daß der Knabe bey uns auf dem Schlosse wohnen sollte? Die Gräfin. Meine Absicht war es allerdings; denn eine doppelte, so ganz entgegengesezte Erziehung – Der Graf. Würde ihn nur verderben! Was er in den Paar Stunden, die er sich bey uns aufhielt, Gutes lernte, würde er den übrigen Theil des Tages bey seinen Eltern wieder vergessen; die Fehler, die er bey uns ablegte, würde er dort wieder annehmen. Sein Vater ist ohnehin etwas ungeschliffen. Das thäte gar nicht gut: wenn er einmal besser erzogen werden soll, so muß er von der Lebensart seiner Eltern gar nichts mehr zu sehen bekommen. Zudem wäre mirs auch unangenehm, ihn unter uns zu leiden, wenn er hernach wieder mit seines Gleichen, mit gemeinen Jungen auf der Gasse spielen und herumlaufen dürfte. 36 Die Gräfin. Ihre Bedenklichkeiten sind völlig gegründet: es läßt sich nicht das mindeste dawider einwenden. – Ich will mir die Grille wieder vergehen lassen: der Junge mag bleiben, wo er ist. – Aber wozu denn? rief der Graf mit ereiferter Güte. Ich will dem Haushofmeister befehlen, daß er – Die Gräfin. Ich bitte Sie, gnädiger Herr! Verursachen Sie sich meinethalben nicht die Beschwerlichkeit, einen Jungen um sich zu sehn, der Ihnen freilich anfangs nicht mit der gehörigen Ehrerbietung begegnen wird – Der Graf. Das besorge ich eben. Er hat noch keine Manieren, ist auch wohl zuweilen ungezogen: aber ich denke, er soll sich durch unsern Umgang bald bilden. Die Gräfin. Das hoff' ich! – Mir sollte die Sorge für seine Erziehung ein süßes Geschäfte seyn. – Nach einer kleinen tiefsinnigen Pause sezte sie traurig und mit nassen Augen hinzu: Da mir das Glück keine eignen Kinder zu erziehen giebt, 37 muß ich die mütterlichen Vergnügen an fremden genießen. Aber, warf ihr der Graf ein, Sie werden sich zu sehr an den Knaben fesseln, sich zu sehr mit ihm abgeben und dadurch eine unendliche Last auf sich laden. Die Gräfin. Meine Last dabey wäre sehr gering: allein für Sie, gnädiger Herr, könnte sie größer seyn, als ich wünschte. – Es mag unterbleiben. Der Graf. Nein doch! Sie sollen sich schlechterdings meinetwegen kein Vergnügen versagen. Die Gräfin. Und ich will schlechterdings kein Vergnügen genießen, das Ihnen nur Eine misvergnügte Minute machen könnte. Wollte ich doch, daß ich nicht so unbescheiden gewesen wäre, Ihnen von meinem unüberlegten Einfalle etwas zu sagen! Der Graf. Ihr Einfall muß befriedigt werden: ich geb' es nicht anders zu. Die Gräfin. Gnädiger Herr, ich müßte mir selbst Vorwürfe machen, wenn ich 38 aus Unbesonnenheit Ihre Güte so mißbrauchte – Der Graf. Ich will nun, ich will. Nunmehr war er auf den Punkt gebracht, wohin er sollte: er sagte die lezten Worte mit so einem auffahrenden positiven Tone, daß nur noch Eine Gegenvorstellung nöthig war, um ihn zornig zu machen. War er einmal unvermerkt dahin geleitet, daß er die Sache selbst verlangen und befehlen mußte, die er anfangs bestritt und im Grunde sehr ungern sah, so hatte die Gräfin zu viel Feinheit, um seinen Stolz bis auf das äusserste zu treiben und einen wirklichen Zorn abzuwarten, sondern sie ergab sich nunmehr mit anscheinendem Widerwillen. – Ich unterwerfe mich Ihrem Befehle, sprach sie mit einer tiefen Verbeugung und küßte ihm ehrerbietig die Hand: Sie können meiner Dankbarkeit gewiß seyn, und eben so sehr meiner Folgsamkeit, so bald Ihnen Ihre Güte nur die mindste Beschwerlichkeit – Denken Sie nicht mehr daran! unterbrach sie ihr Gemahl. Ihr Vergnügen und das meinige können nie ohne einander seyn. – 39 Er sagte gleich darauf mit der verbindlichsten Freundlichkeit gute Nacht und trieb die Verbindlichkeit so weit, daß er unmittelbar nach seiner Ankunft in seinem Zimmer bey dem Ausziehen dem Kammerdiener Befehl gab, noch denselben Abend zu dem Einnehmer Herrmann zu gehen und ihm zu melden, daß er sich morgen früh um sieben Uhr vor des Grafen Zimmer einfinden solle. Die ganze Herrmannische Familie lag schon in tiefem Schlummer: der Hausvater schnarchte bereits so lieblich und mit so mannichfaltigen Veränderungen alle Oktaven durch, daß die arme Ehegattin an seiner Seite nicht fünf Minuten zusammenhängenden vernünftigen Schlummer zuwege bringen konnte. Eben war es ihr geglückt, alle Hindernisse zu überwältigen und in einen sanften erquickenden Schlaf dahinzusinken, als der Kammerdiener des Grafen an der Thür rasselte, und da er diese verschlossen fand, an die niedrigen Fensterladen so emphatisch mit geballten Fäusten anpochte, daß die beiden Eheleute vor Schrecken im Bette weit 40 in die Höhe prellten. Halb aus Scham, halb aus Furchtsamkeit wollte die erwachte Frau das Fenster nicht öfnen, sondern stieß den wieder eingeschlafnen Gemahl so heftig in die Ribben, knipp ihn in die Wangen und paukte ihm endlich so derb auf der Brust herum, daß sich der arme Mann mit einem erstickenden Husten aufrichtete und ein schlaftrunknes »Was giebts?« herauszukrächzen anfieng, als der ungeduldige Kammerdiener mit verdoppelter Stärke an den Laden donnerte. Urplözlich raffte sich der Mann in der Betäubung auf, rennte an das Fenster, riß den Laden auf, faßte den Abgesandten des Grafen bey dem Kopfe und schüttelte ihn mit so lebhaftem Grimme, daß er vor Schmerz laut zu heulen anfieng. – Ich bins ja, rief er einmal über das andre und nennte seinen Namen. – So? sind Sies? rief Herrmann voller Erstaunen. Hier haben Sie Ihre Haare wieder. – Er hatte dem armen kahlköpfichten Alten in der Hitze der vermeinten Beleidigung fast das ganze kleine Tupé ausgerissen, und lieferte es ihm, wie ers zwischen den Fingern hielt, 41 unbeschädigt wieder aus. Natürlich konnte eine so gewaltthätige Scene nicht ohne Wortzank ablaufen: beide stritten und schimpften, bis sich die Frau vom Hause einfand, ihren Mann vom Fenster wegzog und sich höflich bey dem Kammerdiener nach seinem Verlangen erkundigte: er richtete seine Bothschaft aus und gieng mit einer angenehmen Ruh, sein ausgerauftes Tupé in der Hand, nach dem Schlosse zurück. Unbekümmert, ob dieses hohe Verlangen des Grafen nach der Gegenwart des alten Herrmanns Gnade oder Ungnade für ihn bedeuten möchte, legte er sich wieder ins Bette und brummte nicht wenig, daß man ihn um einer solchen Kleinigkeit willen in dem Schlafe störte. Seine Ehefrau hingegen, die den Werth der Bothschaft besser fühlte, warf sogleich ihren kattunen ziegelfarbnen Nachtmantel um sich, zündete Licht an und war schon von so großen Gedanken schwanger, daß ihr beide Backen vor Erwartung glühten. Sie wollte ihre Muthmaßungen ihrem Manne mittheilen, aber da war keine Antwort! Als eine sorgsame Hausfrau, holte sie das 42 feinste Hemde ihres Mannes herbey, nähte daran zwey starre ungeheure Manschetten, wo auf einem musselinen Grunde große Tulpen und Rosen in einem Relief von dickem Zwirne prangten. Oft ruhte die Nadel, und oft rückte in vielen Minuten die Arbeit nicht um Einen Stich weiter; denn die geschäftige Einbildungskraft unterhielt die gute Frau mit einer solchen Menge Aussichten, Gnadenbezeugungen und Lobsprüchen über das Verhalten ihres Sohns – der nach ihrer Meinung den verlangten Besuch veranlaßt haben mußte – mit so herrlichen Scenen künftiger Größe und künftigen Wohlseyns, daß sie sogar in der Selbstvergessenheit zweimal die Arbeit unter den Tisch fallen ließ; und der Nachtwächter meldete eben grunzend unter ihrem Fenster, daß es zwölfe geschlagen habe, als sie den lezten Knoten machte. Darauf ergriff sie das beste Kleid in ihres Mannes Garderobe, jagte den Staub mit lauten Stockschlägen heraus und bürstete so lange, bis sich kein Fäserchen mehr darauf blicken ließ. Die lezte und beschwerlichste Arbeit war noch übrig: die Stuzperücke mußte beinahe ganz 43 umgeschaffen werden: Hofnung und Freude gaben ihren Händen ungewöhnliche Geschicklichkeit, sie schlugen meisterhafte Locken: alle gelangen auf den ersten Wurf, als wenn sie ein schöpferisches Dichterfeuer belebte, und nunmehr wurde, in Ermangelung des Puders, durch ein Sieb auf die schöne Frisur in so reichlichem Ueberflusse Mehl gestreut, daß der stattliche Stuz in der schlecht erleuchteten Stube wie ein Morgenstern glänzte. Wirklich fieng auch schon die Morgendämrung an, als sie mit Wohlgefallen den lezten Blick auf ihre Arbeit warf und zum Bette zurückkehrte. Die Ruhe war unmöglich: ihre Gedanken ließen sie nicht einschlafen: kaum krähte der Hahn zum zweitenmale, als sie wieder aufsprang, um den übrigen Staat für ihren Mann in Bereitschaft zu setzen. Sie weckte ihn, und machte indessen Anstalt zum Kaffe. Herr Herrmann dehnte sich dreimal mit einem lauten Stöhnen und stund auf, achtete weder des schöngepuderten Stutzes, noch der blumenreichen Manschetten, noch des übrigen 44 wohlgesäuberten Putzes, ob er gleich ausgebreitet vor seinen Augen dalag, sondern zog seine gewöhnliche Alltagskleidung an, einen grautuchnen Ueberrock und graue wollne Strümpfe, kämmte sein Haar in Eine große Rolle, wie es ihm von sich selbst zu fallen beliebte, und pfiff dabey ein sehr erbauliches – »Wach auf mein Herz und singe.« Die Frau brachte den Kaffe, und der Aerger erstickte den guten Morgen, den sie schon halb ausgesprochen hatte, als sie ihren Mann in seiner schlechten Alltagsmontur erblickte: sie ward bleich, zitterte, sezte den Kaffe auf den Tisch, stemmte die Arme in die Seiten, wollte sehr pathetisch in Verwundrung und Vorwürfe ausbrechen und – verstummte: der Aerger schnürte ihr die Kehle zu. Sie gieng hinaus in die Küche und weinte bitterlich. Indessen schenkte sich ihr Ehegatte ein und pfiff dabey sein Morgenlied so munter und so durchdringend hell, wie ein Gimpel, schlurfte einen Schluck aus der Tasse und pfiff weiter, suchte seine Tabakspfeife, fand sie nicht, fluchte ein Paar Donnerwetter und pfiff weiter. Wie unsinnig lief er mit 45 abwechselndem Fluchen und Pfeifen in der Stube herum, störte alles um, wo eine Tabakspfeife versteckt seyn konnte, stieß an den Perückenstock, daß der schöne Stuz über das saubre braune Kleid herunterstürzte und auf seinem ganzen Wege, wie ein ausgeschütteter Mehlsack, eine dicke Wolke von sich blies: eine Flasche mit einem Reste vom gestrigen Abendtrunke rollte nach langem Taumeln über den Tisch hin und ließ eine große See von Bier zurück, ehe sie auf den Fußboden herabsprang und in kleine Scherben zerbrach. Das Geräusch der zerbrechenden Flasche rief die erschrockne Ehefrau in die Stube: sie trat betrübt, mit rothen aufgelaufnen Augen herein, als eben ihr wütender Gemahl das trefliche Hemde zusammengedrückt in der Faust hielt, und ohne sich zu bedenken, in die Biersee gerade hineinwarf. – »Ach!« rief die Frau an der Thür aus, und ein Strom von Thränen brach ihr aus den Augen. Ohne ihren schmerzhaften Seufzer wahrgenommen zu haben, drehte sich der Mann und lief hastig auf sie zu. 46 – Nillchen, Nillchen! schrie er, wo ist meine Pfeife? Die Frau konnte ihm mit nichts antworten als mit Thränen und einem doppelten – Ach! Nillchen, was ist dir denn? fragte er und suchte in dem Tischkasten. – Was ist dir denn? Die Frau. Ach! du wirst mich noch vor der Zeit ins Grab bringen. Der Mann. Schaff mir nur erst meine Pfeife! – Ich dich ins Grab? – Warum denn, Nillchen? Die Frau. Du fragst noch? – Sieh nur, was du gemacht hast! dann brauchst du gewiß nicht mehr zu fragen. Der Mann. Was hab' ich denn gemacht, Nillchen? – Ja, etwas umgeworfen! die Flasche zerbrochen! Warum thust du alle die Sachen nicht an ihren rechten Ort? Die Frau. So? – Erst sitz' ich die ganze Nacht auf und breche mir den Schlaf ab; und hernach bin ich gar noch Schuld daran, wenn du, wie ein Heide, alles zerschlägst und verdirbst? 47 Der Mann. Du hast nicht geschlafen? – Warum denn, Nillchen? Die Frau. Warum denn als deinetwegen? – Hab' ich denn nicht gesessen und genäht, daß mir das Blut aus den Nägeln hätte springen mögen? – Da liegts, das schöne Hemde! fuhr sie nach einer Pause schluchzend fort und wischte sich mit der Schürze die Augen. – Da liegts! ich kanns vor Jammer gar nicht ansehn. Der Mann. Ja – und mein schönes braunes Kleid – ach Zeter! wer hat denn das so entsetzlich zugerichtet? das sieht ja aus als wenns im Mehlkasten gesteckt hätte. Kehr' es doch, Nillchen! Die Frau. Daß ich eine Närrin wäre! Wer den Unflath gemacht hat, salva venia , der mag ihn wieder wegkehren. Der Mann. Wer hats denn gethan? – Doch wohl der Junge? Die Brut hat niemals die Gedanken beysammen. Die Frau. Ja, der Junge! der gute Junge hat die Gedanken besser beysammen als der Vater. 48 Der Mann. Wär ichs gewesen? Die Frau. Wer denn sonst? – Ich habe an der Perücke gekämmt, daß mir der Arm noch wehe thut: wer siehts ihr nun an? – Ich möchte dir sie gleich ins Gesicht werfen. Der Mann. Spaße nicht, Nillchen! Die Frau. Ja, ich und der Spaß, wir kämen wohl zusammen! – Was willst du denn nun machen, du alter Schmaucher? Du wirst doch nicht in der häßlichen Kutte zum Grafen gehn wollen? Was würde denn der Herr sprechen? Der Mann. Mag er sprechen, was er will! Wenn ich ihm so nicht gut genug bin, so mag er mich lassen, wo ich bin: ich verlange ja nicht nach ihm. Die Frau. Schäme dich, Adam! so eine hohe Gnade! Der Mann. Ich mag keine von ihm. Ich habe so lange ohne sie gelebt – Die Frau. Adam, sey doch nicht so grießgramicht! Sey ja hübsch freundlich gegen den Herrn Grafen! bücke dich fein tief und antworte nicht immer so kurz weg, wie du zu thun 49 pflegst! Daß du ja nicht so schlecht hin »Ihr Diener« zum Herrn Grafen sprichst: er nimmts sehr übel, wenn man nicht unterthäniger Diener sagt. Der Mann. Nillchen, ich will sagen, wie mirs gefällt. Ich thue dem Grafen meine Arbeit redlich, und er giebt mir dafür mein Brod: außerdem bin ich weder sein unterthäniger noch sein gehorsamer Diener; aber sein Diener bin ich – denn er bezahlt mich dafür – nicht ein Haar breit mehr noch weniger! Die Frau. Es ist aber doch einmal Mode – Der Mann. Ach was Mode! die Mode gehört für die Narren: genug ich gebe mich für nichts schlechteres aus, als ich bin. – Mache mir den Kopf nicht warm, Nillchen! ich bin so heute nicht aufgeräumt, daß ich meine Pfeife nicht habe. Die Frau. Du hast ja izt keine Zeit zum Rauchen. Wenn du nun mit dem Tabaksgeruche zum Grafen kämst – Der Mann. Mag er sich die Nase zuhalten, wenn ihm mein Geruch nicht ansteht! Ich 50 verlange nicht von ihm, daß er sich nach mir richten soll: aber ich werde mich auch nicht nach ihm richten. Das wär der erste, ders so weit bey mir brächte. Die Frau. Zieh dich nur allgemach an – Der Mann. Anziehn? Wozu denn? – Nicht eine Faser! Wenn ich mir in dem Rocke nicht zu schlecht bin, so werd' ichs dem Grafen wohl auch nicht seyn. Die Frau. Du alter Adam! man hat doch nichts als Schande von dir. Der Mann. Nillchen, Nillchen! nicht zu viel geschwazt! – Ist es denn nicht wahr, schluchzte die Frau mit halb weinendem Tone. Ich werde gewiß noch vor Aerger über dich sterben. Der Mann. Sey kein Narr, Nillchen! Die Frau. Wenn ich nur schon todt wäre! – (Dabey brach sie in völliges Weinen aus.) – Ich muß mich ja in die Seele schämen, wenn die Frau Gräfin meinen Mann so einhergehen sieht, wie einen schmuzigen Budel – Der Mann. Nillchen, es klopft Jemand. – 51 Nillchen öfnete die Thür, und es trat ein abermaliger Bote vom Herrn Grafen herein, der ihn mit Ungeduld erwartete. Er nahm Hut und Stock und gieng, ohne ein Wort zu sagen, fort, ob ihm gleich seine Frau mit Thränen um den Hals fiel und ihn um Gottes willen bat, sie und die ganze Familie nicht durch seine schlechte Kleidung zu entehren. Thränend gieng sie an das Fenster, sah durch die Scheibe dem Starrkopfe nach und bedachte nunmehr erst, daß sie ihm nicht hätte widersprechen sollen, um ihn dazu zu bewegen, was sie wünschte. Nicht weniger war sie nunmehr wegen seiner Aufführung bey dem Grafen besorgt. Der Graf bat ihn mit ungewöhnlicher Herablassung, daß er ihm und seiner Gemahlin die Erziehung seines Sohns überlassen möchte, und stellte ihm, statt der Bewegungsgründe, die große Liebe und Gnade der Gräfin für den Knaben und die wichtigen Vortheile vor, die diesem in Ansehung seines künftigen Glücks daraus zuwachsen würden: er suchte seinen Eigennuz und Ehrgeiz in das Spiel zu ziehen und 52 führte ihm zu Gemüthe, daß er ohne die mindsten Unkosten auf diese Weise einen Sohn erhalten werde, der alle Stadtkinder an Bildung, Wissenschaft und guten Manieren übertreffe. Der alte Herrmann stand unbeweglich da, beide Hände über einander auf den Knopf seines knotichten Stocks gelegt, die eine hinterste Spitze seines großen Hutes zwischen den zwey Vorderfingern der linken Hand. – Nein, sagte er endlich trocken, als ihn der Graf fragte, was er zu thun gesonnen wäre – Nein, daraus wird nichts. Wer den Jungen gemacht hat, wird ihn auch erziehen. Mein Sohn soll kein Schmarotzer bey Grafen und Edelleuten werden. Wenn er so viel lernt, wie ich, daß er sich sein Brod nothdürftig verdienen kann, da hat er genug: nach den übrigen Fratzen soll er mir nicht eine Hand aufheben. – »Aber ihn an seinem Glücke, an seiner Bildung zu hindern, ist doch sehr unvorsichtig« – wandte ihm der Graf ein. Bildung hin, Bildung her! fiel ihm Herrmann mit auffahrendem Tone ins Wort. Mit 53 dem Kopfe an die Wand wollt' ich ihn rennen, daß er krepirte, wenn so ein Scheiskerl aus ihm würde, so ein gepuzter grinzender Tellerlecker, der um die Vornehmen herumkriecht und ihnen den Dreck von den Händen küßt. – Pfui! daß dich der Henker holte! Der Graf. Es ist ja doch besser, daß er nicht so roh bleibt wie sein Vater. – Herrmann. Roh! das bin ich, das will ich seyn, und wer mich nicht so leiden kann, der mag mich lassen, wo ich bin. Ich habe in meinem Leben keinem vornehmen Narren aufgewartet. Ich habe das meinige auf Schulen und Universitäten gethan, und weit mehr als mancher, der mit sechs Pferden fährt und Wunder denkt, was er für ein großer Götze ist. Weil ich nicht um Sterne und Ordensbänder herumspringen und vornehmen Speichel lecken wollte, wurd' ich freilich nur Einnehmer in einer hochgräflichen Herrschaft: aber ich mache mir einen Quark aus allen den Titeln und den großen Aufschneidereyen. Ich will Vornehmen ehrlich und redlich arbeiten, und sie sollen mich dafür bezahlen; und dann hundert Schritte vom Leibe! So denk' ich, und so soll mein Junge auch denken. Der Graf. Es ist Schade um das Kind, daß es so einen ungeschliffenen Vater hat. Herrmann. Seht mir doch! Sie denken wohl gar, daß Sie dem König Salomo aus dem Steiße gefallen sind. Weil ich nicht immer an Ihrem Rockzipfel kaue, wie die andern dummen Jungen, die, wie angepuzte Strohwische, da in Ihrem Vorzimmer herumstehen; weil ich nicht immer bey jedem Worte die Nase zwischen den Beinen stecken habe und mir nicht alle acht Tage mit Reverenzen ein Paar Mastrichter Sohlen entzweyscharre; weil ich nicht immer schmunzle, mich krümme und winde, wie ein Ohrwurm, nicht immer Zeitungen zutrage, nicht immer – mit Respekt zu sagen – jeden Quark lobe und bewundere, der Ihnen aus dem Maule fällt, als wenns die goldnen Sprüche des Pythagoras wären: deswegen bin ich ungeschliffen! Deswegen nehmen Sie auch solche Schafköpfe in ihre Dienste und machen sie zu 55 Ihren Lieblingen, damit sie Ihnen beständig den Kopf grauen, weil sie selber keinen haben. Wenns etwas zu schmeicheln, zu verläumden, zu höhnen oder zu schmarotzen giebt – ah! da sind sie die ersten: aber wenn einmal Holland in Noth ist, da stehn die Schurken alle da und blöcken die Zungen, wie die Löwen um Salomons Thron. Ich bin ein ehrlicher Mann, und weiter will ich nichts seyn. – Der Graf, der sich durch diese derbe Lektion mehr getroffen fühlte als er wünschte, und doch über einen Mann nicht zürnen konnte, der ihm wegen seiner Dienste unentbehrlich war; auch sich einmal in den Besitz des Rechts gesezt hatte, schlechterdings ohne alle Sitten zu seyn – der Graf, sage ich, spatzierte während jener Rede auf und nieder und räusperte sich unaufhörlich, weil ihm zu viel daran lag, zum Hauptzwecke mit ihm zu kommen. Er antwortete deswegen kein Wort auf alle seine Vorwürfe, unterdrückte seinen Unwillen mit meisterhafter Selbstverläugnung, und kam, als die Beredsamkeit seines Moralisten noch einige Zeit in 56 jenem Tone fortgelaufen war, auf die Hauptsache zurück, warum er ihn hatte rufen lassen. Er bat ihn izt, daß er seinem Sohne nur wenigstens auf einige Wochen den Aufenthalt auf dem Schlosse verstatten sollte, und zwar blos aus Gefälligkeit gegen die Gräfin. Mit meinem Wissen nicht eine Minute! unterbrach ihn der Einnehmer. Es geschieht nicht, damit ist das Lied am Ende. Ich schämte mich, wenn ich Lust hätte, Kinder zu erziehen, und mir nicht selber eins schaffen könnte. Machen Sies wie ich! so brauchen Sie keins zu borgen. Wenn Sie sonst nichts wollen, so geh' ich. Das kann Er! sagte der Graf mit empfindlichem Tone; und Herrmann hatte die Thür schon in der Hand, ehe er es herausgesagt hatte. Warum es sich der Graf so sehr angelegen seyn ließ, den störrischen Mann zu einer Sache zu bewegen, die er im Herzen als eine große Gnade betrachtete, und Andere auch dafür angenommen hätten? – Dazu trieb ihn keine Ursache als die Politesse, seine oberste Gesezgeberin. Aus Menschenliebe hatte er noch in seinem Leben 57 sehr wenig Gutes gethan, aber aus Politesse ungemein viel: jene konnte man ihm ungestraft absprechen, allein wenn er in Ansehung dieser sich nur der mindesten Unterlassungssünde bewußt war, so quälte ihn ein solcher Gedanke so stark und verursachte ihm eine so unruhige Aengstlichkeit, als Mord und Todtschlag einem aufgewachten Gewissen. Selbst aus Liebe zu seiner Gemahlin, die er doch zu gewissen Zeiten recht herzlich zu lieben glaubte, bewegte er nicht Eine Hand; und wenn es zuweilen schien, als ob er die Erfüllung eines ihrer Wünsche mit so lebhaftem Eifer betriebe, um ihr eine Gefälligkeit zu erzeigen, so lag die Schuld fürwahr nicht an ihm, sondern an dem falschen Urtheile der Leute, die bey ihm die nämlichen Bewegungsgründe vermutheten, nach welchen sie vielleicht handelten: nein! sich , sich wollte er eine Gefälligkeit erzeigen: sich wollte er das süße Bewußtseyn verschaffen, daß er abermals einen rühmlichen Beweis seiner Galanterie und Politesse abgelegt habe. Jede solche Handlung war ihm gerade so lieb, als dem Helden ein 58 erfochtener Lorbeer. Deswegen gieng er izt nach dem Abtritte des alten Herrmanns so unmuthig und trostlos im Zimmer herum, als ein Mensch, der in einer verdrießlichen Stellung weder ein noch aus weis; denn er hatte sich vorgenommen, der Gräfin mit dem kleinen Heinrich zu ihrem Geburtstage ein Geschenk zu machen, und der verzweifelte Geburtstag war schon übermorgen. Welch eine Noth! 59   Viertes Kapitel. Die Frau Herrmann konnte vor brennender Ungeduld die Rückkunft ihres Mannes nicht in der Stube abwarten: kein Tropfen Kaffe schmeckte ihr: sie mußte sich schlechterdings in die Thür stellen, wo sie noch mit glühenden Backen stand, als ihr Mann um die Ecke der nächsten Gasse herum kam. Gern wäre sie ihm entgegengegangen, wenn ihr nur der leidige Wohlstand nicht verboten hätte, sich im Neglische über die Thürschwelle zu wagen. – Warum geht er nur so langsam? – Ach! da führt der böse Feind gar einen Mann her, mit dem er spricht! – Die arme Frau möchte vergehen über dem ewigen Geschwätze: der Hals wird ihr ganz trocken, sie schmachtet vor Erwartung, sie kann auf keiner Stelle bleiben, thut bald einen Schritt vorwärts, bald einen rückwärts – Izt nehmen sie Abschied; izt kömmt er. – »Was wollte der Graf?« schwebt ihr schon auf der Zunge, sie steht unbeweglich da und strebt ihm mit Kopf 60 und Brust entgegen – »Was woll« . . . ist schon ausgesprochen – O so muß doch der leibhafte Teufel mit im Spiele seyn: nicht zwey Schritte ist er von der Thür, da ruft ihn der Herr Nachbar ans Fenster: man möchte unsinnig werden: vor heute Abend erfährt die arme Frau gewiß nichts. – Die Thränen stehen ihr schon in den Augen vor Aerger, und dreymal knirscht sie unwillig mit den Zähnen – aber nein! sie hatten einander nur ein Paar Worte zu sagen, und der Mann kömmt mächtig dahergeschritten. »Was wollte der Herr Graf?« rief ihm die Frau mit freudigem Tone entgegen, indem sie auf die unterste steinerne Stufe vor der Thür herabstieg. – Der Mann gieng in das Haus und antwortete nichts. – »Adam, was wollte der Herr Graf?« wiederholte sie mit etwas stärkerer Stimme, als sie hinter ihm drein in den Hof gieng. Der Mann. Was wollte er?– Nicht viel Gescheidtes! was solche Leute immer wollen! Die Frau. Nun? so erzähle mir doch, 61 Adamchen! – Dachte er nicht an unsern Heinrich? Der Mann. Mehr als zu viel! – Das ist heiß! – (und so jagte er mit seinem Stocke ein Paar Hühner von einer alten Schnizbank und nahm ihren Platz ein.) Was sagte er denn von unserm Heinrich? sezte die Frau das Gespräch fort, indem sie sich mit halbem Leibe auf des Manns linke Schulter legte. Der Mann. Kannst du dir einbilden, Nillchen? Er will unsern Jungen zu sich auf das Schloß haben und einen Narren aus ihm machen. Ach! – that die Frau einen lauten Schrey vor Freude. Der Mann. Aber ich hab' es ihm rund abgeschlagen. Die Frau. Abgeschlagen! – (Dies sprach sie mit der leisen erlöschenden Stimme eines Kranken, der eben abscheiden will: in den Augen zogen sich schon eine Menge wehmüthige Feuchtigkeiten zusammen.) 62 Der Mann. Mein Junge soll nicht so ein Taugenichts, so ein Tagedieb werden, wie die Schlaraffengesichter, die da beständig hinter dem Grafen drein ziehen. Die Frau. So eine hohe Gnade! und abgeschlagen! – Du bist ein recht ungeschlifner Mann – (wobey er einen wegstoßenden Schlag von ihrer Hand bekam.) Der Mann. Der Graf mag seine Gnade für sich behalten; ich brauche sie nicht. Nicht den Hut nehme ich dafür ab. – Wo willst du hin, Nillchen? Die Frau. Zur Frau Gräfin, um ihr zu sagen, daß mein Mann den Verstand verloren hat. – Nillchen! bleib hier! antwortete er ganz gelassen und zog sie bey dem Rocke von hinten auf die Bank zurück.– Wenn du einen Schritt thust, Nillchen, fuhr er mit gesezgebendem Tone fort, um den Jungen bey der Gräfin anzuschmarotzen, so schließ ich ihn oben in den großen Kleiderschrank, daß ihn der Teufel nicht herauskriegen soll, so lange ich nicht will; und müßt' er gleich darinne verschmachten. 63 Die Frau. Das kannst du: ich geh doch. Ich will deine Grobheit nicht auch auf mich kommen lassen. – Nillchen, sagte der Mann mit dem nämlichen kalten Blute und zog sie auf die nämliche Art bey dem Rocke zurück – da! halte meinen Stock! ich komme gleich wieder. – Sie sezte sich; er gieng und kam nach einigen Minuten zurück. – Nun kannst du zur Gräfin gehn, sprach er trocken, nahm ihr seinen Stock ab und sezte sich. Die gute Frau vermuthete wohl hinter dieser plözlichen Sinnesänderung einen bösen Streich und gieng also mehr aus Neubegierde, um zu sehen, ob er wirklich die Tollheit begangen habe, den kleinen Heinrich einzuschließen. Sie rief an dem Kleiderschranke und in allen Winkeln: nirgends war ein Heinrich, der ihr antwortete. Ihre Empfindlichkeit wurde durch dieses hämische Verfahren noch mehr gereizt – denn sie glaubte wirklich, ihr Mann habe ihn irgendwo versteckt – und wollte ihren Willen deswegen schlechterdings durchsetzen: hastig warf 64 sie einen Theil ihres Neglisches von sich und wollte sich anputzen, um zur Gräfin zu gehn. Sie eilte zur Kommode – sie war verschlossen: Zum Schranke – er war verschlossen. Nun merkte sie wohl die Bosheit: ihr Mann hatte ihr vorhin, als er sie verließ, alle Kleider eingeschlossen und die Schlüssel zu sich gesteckt. Sie wußte nicht, ob sie zu ihm zurückgehn oder bleiben sollte: endlich entschloß sie sich kurz, legte ihr Neglische wieder an und wanderte in den Hof zurück, fest entschlossen, Aerger und Verlegenheit zu verbergen. Warum gehst du denn nicht? fragte der Herr Ehegatte, tückisch nach ihr hinschielend. »Ich will warten bis Nachmittag,« erwiederte sie mit persistirendem Tone und ließ sich neben ihm nieder. Er saß da, beide Hände vor sich auf den Stock gestemmt, das Kinn auf die Hände gestüzt, den Blick vor sich hin nach dem Hause gerichtet: der linke Schoos des Ueberrocks hieng nach der Länge über die Bank hinten herunter. Hurtig wischte die Dame mit der rechten Hand leise in seine Tasche, holte einen 65 Schlüssel heraus und – husch! damit in die andre Hand unter den Mantel! Die Rechte that noch ein paar solche heimliche Gänge, bis alle nöthige Schlüssel durch diesen Hokus Pokus sich unter ihrem Mantel befanden: alsdann that sie einen verstellten Seufzer, wandte mit angenommener Niedergeschlagenheit eine ökonomische Angelegenheit vor und gieng, innerlich triumphirend, langsam ins Haus. Desto schneller flog sie die Treppe hinauf und zum Kleiderschranke. Keine Schleife wurde aufgeknüpft, alles heruntergerissen, mit freudiger Uebereilung das schönste Galakleid herausgeholt, die schönste Haube aufgesezt, und in einer halben Viertelstunde wallte schon ihr Busen vor Entzücken unter dem flornen Halstuche, und ihr Herz klopfte vor Freude über ihre gelungene List und vor Triumph, ihren Mann zu übertrotzen, so hoch, daß die seidne Kontusche knisterte. Nicht zufrieden gesiegt zu haben, wollte sie ihren Gegner auch kränken: noch Einen selbstgefälligen Blick in den Spiegel! – und dann nahm sie alle eroberte 66 Schlüssel zu sich und rauschte glühend und sich räuspernd die Treppe hinunter in den Hof. Da stund sie vor dem Manne, der staunend die Augen weit aufriß und hastig mit der Hand in die Tasche fuhr: er wurde bald inne, wie man ihn überlistet hatte, aber er ließ sich nichts merken. Ich will zur Frau Gräfin gehn, sprach sie mit spöttischer Gleichgültigkeit, machte eine tiefe Verbeugung und sagte – »Leb wohl.« Nillchen,– rief der überwundene Ehegatte mit der äußersten Kälte, ob ihm gleich der innerliche Groll beide Backen mit einer merklichen Röthe färbte, – warte noch ein wenig! Ich habe mich anders besonnen. – Nillchen hielt diesen vorgegebenen Vergleich für eine neue List, wodurch er sich für ihre Taschenspielerey desto empfindlicher rächen wollte: sie wartete nicht. So warte doch! rief er abermals, gieng ihr nach und erwischte sie in der Hofthüre bey dem kannefaßnen Rocke. – Warte doch! Ich habe mirs überlegt: ich will meinen Jungen aufs Schloß geben. 67 Sie sah ihn mistrauisch an und wußte nicht, ob sie seiner trocknen ernsten Miene glauben sollte. – Nun gut! sagte sie endlich, so will ich zur Gräfin gehen und ihr deinen Entschluß melden. Der Mann. Ja, das sollst du! – Aber sage mir nur erst, welche Bündel Stroh soll denn der Pfarrknecht kriegen? – Er möchte indessen kommen. Die Frau. Daß du ihm ja nicht die guten giebst! Der Mann. Zeige mir sie doch, ehe du gehst, damit du nicht hernach wieder sprichst, ich gebe alles weg, wenn ich die unrechten – »Komm! ich will sie dir zeigen,« unterbrach sie ihn und tanzte, wie ein triumphirendes Mädchen nach der ersten Eroberung, über den Hof nach der Scheune hin. Der Mann schlenterte langsam hinter drein. Das Thor wurde geöfnet: sie trat mit vorsichtigem Schritte, um die weißen seidnen Schuhe nicht zu verletzen, unter die Strohbündel und erhub den rechten Zeigefinger, dem Manne 68 deutlich und augenscheinlich zu demonstriren, was er thun sollte. Mitten in ihrer Demonstration hörte sie das Thor hinter sich knarren, sie sah sich um, und entdeckte – daß sie eingeschlossen war. »Adam, Adam! wo bist du?« rief sie mit innerlicher Aengstlichkeit; umsonst: Adam legte eben das große Schloß vor das Scheunthor, schnappte es zu, sagte nicht eine Silbe und gieng langsam in das Haus. Nun merkte die arme eingesperrte Frau wohl, durch welche betrügerische Verstellung sie hintergangen war, daß sie in diesem dunkeln Gefängnisse aushalten mußte, so lang es ihrem Mann beliebte, daß sie nicht zur Frau Gräfin gehn konnte, daß ihres Mannes Trotz die Oberhand behielt – »Ach!« rief sie bey diesem lezten entsezlichen Gedanken aus, riß das weiße Schnupftuch mit theatralischem Anstande aus der Tasche, bedeckte ihr bethräntes Gesicht und sank auf ein Bündel Stroh hin – ob in Ohnmacht? – das weis ich wahrhaftig nicht: aber ich zweifle; denn es war ja Niemand in der Scheune, der es gesehn hätte. 69 Voller Schadenfreude nahm indessen der Mann den geraden Weg nach Heinrichs Schlafkammer, fand ihn nicht, stuzte, gieng weiter: er durchwanderte das Haus von dem obersten Bodenwinkel bis zum untersten Keller, suchte, rief – vergebens: er gieng vor die Thür, in den Hof – nirgends eine menschliche Kreatur, die Heinrich heißen wollte! – Hui! dachte er, daß mir die Frau den Streich gespielt und den Jungen auf das Schloß voran geschickt hat! Warte, Nille! wir wollen dich schon kriegen! – Die Vermnthung, so falsch sie auch war, wiegelte seine ganze Galle auf: seine eheliche Autorität war durch die kränkendste Hinterlist beleidigt, und er sann auf eine exemplarische Strafe für eine so unerhörte Empörung gegen seine gesezgebende Macht. Die Ehe dieser beiden Leutchen hatte überhaupt einen ganz originalen Ton: ohne sich jemals förmlich zu zanken, lagen sie in beständigem Kriege wider einander: nimmermehr ließ eins das andre zur ofnen Schlacht, nicht einmal zum Scharmützel kommen, sondern 70 jeder Theil suchte den andern beständig durch heimtückische Ueberfälle, Streifereyen und listige Kniffe zu necken, und mitten unter solchen Plagereyen liebten sie sich so feurig, als nur jemals ein Paar, das der Trauring verknüpft hat. Sobald es bey ihm ausgemacht war, daß er, trotz der Einsperrung seiner Frau, der überwundne Theil sey, so machte er, weil sich allmählich die kleinstädtische Zeit des Mittagsessens näherte, in eigner Person Anstalt dazu. Seine Kochkunst war äußerst gering, und wenn sie auch einen weitern Umfang gehabt hätte, wollte er doch vorsezlich nichts hervorbringen als eine Wassersuppe. Um sich aber nicht zugleich selbst zu strafen, stillte er erst seinen Appetit mit einigen soliden Stücken geräucherten Fleisches, und als die kalte Küche verzehrt war, richtete er seine magere ungesalzene Wassersuppe an, deckte den Tisch, sezte sein einziges Gericht in die Mitte und rings herum eine große Menge leere Schüsseln. Darauf gieng er zur Scheune, öfnete sie und lud seine Gefangne zur Mittagsmahlzeit ein. 71 Ich mag nicht essen, sagte sie etwas schnippisch, kehrte ihm den Rücken und gieng an das andre Ende der Scheune. Der Mann. Nillchen, du wirst dich doch nicht zu Tode hungern wollen! Komm! Die Frau Gräfin hat die hohe Gnade gehabt, uns ein ganzes Gastmahl zu schicken – vor großer Freude, daß unser Heinrich bey ihr ist. Sie hatte sogar die allerhöchste Gnade und ließ uns versichern, daß wir alle Tage ein paar Schüsseln aus ihrer Küche könnten holen lassen: aber das sieht mir so almosenmäßig aus: ich hab' es ausgeschlagen. »Ausgeschlagen!« rief die leichtgläubige Ehefrau. »Ja, wenn du deiner Frau eine Mühe ersparen kannst, so thust du's gewiß nicht.« Der Mann. Wenn ichs angenommen hätte, alsdann, denkst du, brauchtest du nicht mehr zu kochen? – Nillchen, eben deswegen hab' ichs ausgeschlagen, damit du das Kochen nicht verlernst; blos um deines Bestens willen! – Die Frau Gräfin ließ besonders sehr viele gnädige Komplimente an dich machen. 72 Die Frau. Es ist doch eine recht liebreiche Dame – (wobey ein tiefer Knix in das Bündel Stroh hinein gemacht wurde, worauf sie stand.) Der Mann. Das ist sie! Der Laufer fragte sehr nach dir, Nillchen: ob er vielleicht gar Präsente für dich mitbrachte? Es kam mir so vor – Die Frau. Und da fragte der alte Adam auch nicht weiter? Der Mann. Was sollt' ich fragen? – Ich sagte ihm, meine Frau wäre im Gefängnisse, nach Tische käme sie los, alsdann könnte er sie sprechen. Die Frau. Und das sagtest du ihm? – Wahrhaftig, es wäre kein Wunder, wenn man sich zu Tode bey dir ärgerte. Mir solche Schande zu machen! Der Mann. Was ist denn das nun für Schande mehr? – Wenn ein Beutelschneider auf dem Diebstahl ertappt wird, so steckt man ihn ein: wenn dirs keine Schande gewesen ist, meine Tasche zu bestehlen, so kann dichs auch nicht beschimpfen, daß man dich in Arrest 73 gebracht hat. – Aber komm! ehe das Essen kalt wird! es sind sehr fette Speisen dabey. Die Arrestantin folgte ihm halb mit Betrübniß, daß ihre Einsperrung durch ihren eignen Mann bekannt gemacht war, halb mit freudigem Verlangen nach dem versprochenen herrlichen Gastgebote und den noch herrlichern Geschenken, die nach Tische sich wieder einfinden sollten. Sie trat in die Stube: wie versteinert stand sie da, als sie ihre Leichtgläubigkeit abermals auf das schändlichste betrogen fand, biß sich in die Lippen und vermochte vor Scham kein Auge aufzuheben. In der Bestürzung ließ sie sich vom Manne an den Tisch führen und auf einen Stuhl setzen: welch neue Bosheit! Der Heimtückische hatte die Wassersuppe so reichlich mit Zwiebeln – einem für sie unleidlichen Gewächse – angefüllt, daß ihr der entgegenkommende Geruch den Athem versezte. Was war zu thun? – Essen konnte sie weder vor Aerger, der in ihr bis zu den Lippen heraufschwoll, noch wegen der widrigen Zubereitung des Gerichts. Adam hingegen, so übel 74 es ihm selbst schmeckte, aß ihr zum Trotze mit einer Begierde, als wenn es der köstlichste Leckerbissen wäre. »Sage mir einmal!« fieng er nach einem langen Stillschweigen an, »wenn hast du denn Heinrichen auf das Schloß geschickt?« Die Frau krazte mit den Fingern auf dem Tischtuche, senkte den thränenvollen Blick unbeweglich auf den Teller, schluchzte und schwieg. »Nillchen, sey kein Trotzkopf!« fuhr er nach einer kleinen Pause fort. »Sage mirs aufrichtig, wenn hast du den Jungen zur Gräfin geschickt?« Die Frau. Ich hab' ihn nicht geschickt. Der Mann. Wo ist er?– Verschweig mir es nicht, wenn du ihn versteckt hast! er ist weg. Wenn er mit deinem Wissen und durch deinen Vorschub, blos um mir zu trotzen, aus dem Hause gekommen ist, so soll – ich will nicht schwören – aber der Teufel soll mich holen, wenn ich Zeitlebens wieder in Einem Bette mit dir schlafe. Bey so vielem Ernste war ein zeitiger Rückzug das klügste: sie fühlte ihre schlimme 75 Lage und die Nothwendigkeit, ihm durch Nachgeben auszuweichen, so lebhaft, daß sie ihm sogleich ins Wort fiel und mit einem theuren Eide versicherte, sie wisse nichts von dem Knaben. Der Mann. So komm, wir wollen ihn suchen! Die Auffoderung geschah freilich zum Theil aus heimtückischer Absicht, weil er nicht glaubte, daß sie ihr Gewissen bey ihrem Schwur rein und unbefleckt erhalten habe: er wollte ihr die Kränkung anthun, sie an einem Tage, wo sich keine Seele im ganzen Städtchen puzte, in ihrem Galakleide durch alle Gassen, und bey der großen Sonnenhitze durch Staub, über Stock und Stein zu führen. Sie wollte zwar zur Umkleidung Anstalt machen, allein er faßte mit Einem Griffe so plötzlich Hut, Stock und ihren Arm, daß keine Zeit zur Einrede übrig blieb: der Marsch gieng fort. Mit der Neubegierde der kleinen Städte, wo die Leute hinter den niedrigen Fenstern, wie die Diebe hinter dem Busche, auf die Vorübergehenden lauren, waren gleich alle Häuser die 76 ganze Gasse durch mit Menschenköpfen besezt, an welchen sich die Nasen rümpften, oder die Lippen spöttisch grinzten, oder die Augen sich weit aufsperrten, als unser edles Paar vorbeyspatzierte. Etwas komisch war der Anblick, an dem Arme eines so unsauber gekleideten Gesellen die Dame in dem auserlesensten Schmucke dahinwandeln zu sehn: doch das war noch lange nicht der unangenehmste Akt des Possenspiels. Ungegessen, ohne Schuz und Schirm wider die Sonne, in dem durchhitzten Sande, auf ofnem Felde, bey der brennendsten Mittagsgluth, unter beständiger Aengstlichkeit, daß vielleicht dem Anzuge ein Unglück wiederfahre, mit ziemlich starken Schritten dahinzutraben, das war allerdings eine ausgesuchte Strafe, und man mußte mehr als grausam seyn, um einen weiblichen Eigensinn so bestrafen zu können. Der Spatziergang wurde zwey Stunden lang fortgesezt: das arme Weib schmachtete, der Schweis rann in starken Strömen herab und tigerte die apfelgrüne Kontusche mit Flecken: aber Trotz und Verzweiflung gaben ihr Muth: sie spannte alle 77 Kräfte an, um ihren Schmerz nicht merken zu lassen oder um Vermindrung ihrer Qual zu bitten. Endlich, da fast alle Nerven ihrer Standhaftigkeit erschlaften, nöthigte sie ihr strenger Gesezgeber in einem kleinen Tannenwäldchen auszuruhen. Traurig saß sie da und scheuerte mit dem Schnupftuche an den unauslöschbaren Flecken ihrer Kleidung, und brach in bittres Weinen aus, als sie alle Wahrscheinlichkeit den gänzlichen Untergang der geliebten Kontusche erwarten hieß. »Weiter! wir müssen aufbrechen!« rief der grausame Mann und hub sich von der Erde auf. »Ich kann nicht mehr,« rief die Frau mit schwacher Stimme – »mir schwindelt.« – »Fort! fort!« erschallte abermals und zwar etwas gebietrischer, wobey er ihr zugleich die Hand reichte und sie aufhob. War es Verstellung oder wirkliche Kraftlosigkeit? – genug sie sank wieder zurück und würde sich den Kopf an einem Stamme zerschmettert haben, wenn er sie nicht beyzeiten aufgefangen hätte. Der Mann. Wir müssen aufs Schloß: izt 78 wird die Gräfin abgespeist haben. Willst du deine Präsente nicht holen? Die Frau. Bringe mich doch lieber gleich um, du Barbar! Da! schlag mich vor den Kopf, oder hänge mich hier an einen Baum! Weiter willst du doch nichts als daß ich wegkommen soll, damit du wieder eine Andre zu Tode plagen kannst, du Weiberhenker! Der Mann. Laß gut seyn, Nillchen! Laß gut seyn! – Marsch! Die Frau. Nicht eher sollst du mich von der Stelle bringen, als wenn du mich in Stücken zerreißest. Der Mann. Ach warum nicht gar? Da werd' ich mir wohl so viele Wege machen und dich stückweise wegtragen. Lieber transportire ich dich auf einmal im Ganzen. Wie ein Bliz hatte er sie auf seine Schultern geladen, und so sehr sie mit Händen und Füßen kämpfte, so packte er sie doch so fest, daß sie sich nicht loszureißen vermochte; und nun fortan! wie ein Römer mit einer geraubten Sabinerin auf dem Rücken, eilte er über das Feld 79 hin, nach dem Städtchen zu! Jedermann blieb vor Verwundrung stehen, jedermann ließ Sichel und Sense ruhen, alle Weiber und Mädchen, so weit das blache Feld reichte, lehnten sich auf die Harken und gaften mit ofnem Munde dem sonderbaren Schauspiele nach. In der Länge ward ihm doch ihre Last zu schwer: er sezte sie also keuchend unter einem Weidenbaum ab und gebot, den übrigen Weg zu Fusse zu machen. Ergrimmt, daß sie seinen Steifsinn durch keins von ihren herzangreifenden Mitteln mürbe machen konnte, wollte sie ihn auf das äußerste treiben und beschloß bey sich, schlechterdings nicht von der Stelle zu gehen. Nach einer dreyfachen Ermunterung zum Aufbruche fragte er sie: willst du nicht mit, Nillchen? – Hierauf bekam er nichts als ein trotziges, flüchtig hingeworfnes Nein. – »So bleib hier! Ich will dir einen Wagen schicken,« sprach er und verließ sie. Hier saß nun die arme Betrübte unter einer großen Weide mitten auf einem ungeheuren Felde wenigstens eine gute Stunde von der Stadt, 80 und wußte nicht, ob sie gehn oder bleiben, sein Versprechen in Ansehung des Wagens für Spott oder Ernst annehmen sollte. Ihm nachzulaufen? – welche Erniedrigung für ihren ohnehin schon tief verwundeten Stolz! welcher Triumph für die Schadenfreude ihres Mannes! Dazubleiben und den Wagen zu erwarten? – wie mißlich und zugleich wie gefährlich! Wenn er sie nun bis in die späte Nacht warten ließe? – denn einer solchen Tiranney wäre er fähig – Wenn sie nun nach langem Warten mit Spott und Schande für ihre abermalige Leichtgläubigkeit zurückkehren müßte? Ihre Verlegenheit und ihr Kummer stieg wirklich so hoch, daß sie mit heißen Zähren den Kopf in die Hände legte und im völligen Ernste den Himmel um ein schleuniges Ende anflehte: sehr leid that es ihr, daß nicht gerade ein Gewitter über dem Horizonte stand, um sich einen hülfreichen Donnerschlag ausbitten zu können. Weder ihr körperlicher Zustand, noch ihre weite Entfernung von dem Städtchen war so höchsttraurig: aber ihr überwältigter Trotz, ihre 81 überlistete Feinheit, die kalte Grausamkeit ihres Mannes, die tückische Schadenfreude, womit er sie so vielfältig hintergieng, die Unmöglichkeit, ihm an irgend einer schwachen Seite beyzukommen – das, das waren die Stacheln, die ihr Innerstes, wie der Geyer Tityus Leber, zerfleischten. Ein tüchtiger brausender Zank ist das beste Heilungsmittel wider zurückgehaltnen Aerger: die Natur fieng allmählich an, in ihr zu diesem Zwecke zu wirken. Da sie wohl merkte, daß mit dem Tode nichts anzufangen war, sezte sich ihr Blut nach und nach in schnellere Bewegung: sie ließ ihren Lebensgeistern den straffgezognen Zügel schießen, und in weniger denn drey Minuten war die kleinste Nerve zu Streit und Hader gewafnet. Sie machte sich sogleich auf, um ihrem Manne nachzusetzen und ihren ganzen Grimm ins Gesicht zu schwatzen. Unterwegs bereitete sie sich zu diesem feyerlichen Actus vor und hatte schon den ganzen Dialog im Kopfe, als sie von hinten durch die Gartenthüre ins Haus gieng. Aber wie an ihn zu kommen? – Eine Gelegenheit mußte sie doch haben, die den Zank auf 82 eine natürliche Art einleitete: zudem sollte er, nach ihrem Wunsche, den Angriff thun, damit sie durch die Selbstvertheidigung zu ihrer beschloßnen Rache berechtigt wäre. Sie wußte für ihren Plan keinen schicklichern Ausweg, als daß sie im Hause herum aus einer Stube, einer Kammer in die andre wanderte und jede Thür mit einer Heftigkeit hinter sich zuschlug, daß sich alle Fenster unaufhörlich in einem erdbebenmäßigen Zittern befanden. Daß nur der alte Fuchs ihre Absicht nicht gemerkt hätte! Anfangs hielt er das Bombardement ruhig aus und schrieb ungestört an seiner Rechnung fort: da es ihm in der Länge zu lästig wurde, gieng er hinter ihr drein, und sobald sie aus einer Kammer oder Stube heraus war, schloß er die Thür ab und steckte den Schlüssel ein, ohne nur einen Laut zu sagen. In kurzem war sie so sehr aus allem Vortheile herausgetrieben, daß ihr nichts als die Küchenthür übrig blieb, und da sich diese wegen eines Gebrechens am Schlosse nicht verschließen ließ, hub er sie aus: das nämliche that er mit der Stubenthür und gieng zu seiner Schreiberey zurück. 83 Dergleichen Bösewicht! nach so unendlichen Plagereyen der armen Frau nicht einmal die Freude zu gönnen, daß sie sich zanken kann! – Dieser neue Streich erhöhte den vorigen Groll: sie wollte mit aller Gewalt durchbrechen, und stellte sich zu dem Ende an die hinterste Hausthür mit dem wohlgemeinten Vorsatze, sie unaufhörlich auf- und zuzuschlagen: allein bey dem ersten Oefnen lehrte sie der Zufall ein andres Mittel, das ihren Zweck mit millionenmal sicherem Erfolge beförderte. Die Thürangel war bey der großen Hitze ganz trocken von Oele und so durstig geworden, daß sie bey jeder Umdrehung in einem hellen schneidenden Tone schrie: unter allen Unannehmlichkeiten, die sterbliche Ohren martern können, war dieses für ihren Mann die angreifendste, das wußte sie: was sie that, kann man nunmehr leicht rathen: das war so ein durchdringendes, Mark und Nerven zerreißendes Quieken in Einer Leyer fort, als wenn sich alle Thüren im Hause verschworen hätten, den Mann musikalisch zu Tode zu martern. In der ersten Ueberraschung schwoll sein Zorn wohl 84 ein wenig auf, allein sogleich faßte er sich wieder, holte einen Strick aus der Kammer, und da sie ihn mit diesem Instrumente kommen sah und vermuthete, daß vielleicht gar ihr Rücken damit gemeint sey, verließ sie bestürzt ihren Posten und flüchtete in die Küche. Ohne etwas mehr im Sinne gehabt zu haben, band er die Hofthür, die auch kein zuverlässiges Schloß hatte, so fest an einen inwendigen Haken, daß mehr als Weiberstärke dazu gehörte, sie wieder musikalich zu machen. Ohne ein Wort zu sagen, gieng er zurück an seine Arbeit. Die Frau wollte in Verzweiflung gerathen, daß ihr alle Anschläge mislungen. Indessen daß sie auf neue Ränke sann, kam der Laufer des Grafen, überbrachte einen gnädigen Gruß von seinem Herrn und drey Bouteillen Wein, mit der Bitte, sie morgen an dem Geburtstage der Gräfin auf ihre Gesundheit auszuleeren. Ich mag keinen Wein vom Grafen, sagte Herrmann trotzig und schrieb, ohne aufzublicken, brummend fort. – Was für Wein ist es denn? 85 fragte er in der nämlichen Positur nach einer kleinen Pause. »Ungarwein,« antwortete der Laufer. Herrmann stund von seinem Stuhle langsam auf, stekte die Feder hinter das rechte Ohr, zog den Kork von der Flasche, sezte an und that einen herzhaften Schluck. – Er ist gut, sprach er, indem er sie wieder auf den Tisch stellte; ich will ihn behalten. Zugleich, fuhr der Laufer fort, soll ich Ihnen auch die Nachricht von Ihrem Heinrich bringen – Herrmann. Ist der verfluchte Junge auf dem Schlosse? Der Laufer. Ja, schon seit heute früh um sechs Uhr. Er ist heimlich aus dem Bette fortgeschlichen und war schon lange da, ehe Sie zum Grafen kamen: aber er bat inständig, daß wir ihn vor Ihnen verstecken sollten. So ist er in unsrer Stube geblieben, bis es der Graf erfuhr und ihn zu sich aufs Zimmer kommen ließ. Er hat ihn dem Kammerdiener übergeben, bey dem er wohnen und schlafen soll. Man 86 konnt' ihn gar nicht bereden, wieder wegzugehen, und er läßt Ihnen sagen, daß Sie sich weiter nicht um ihn bekümmern sollten, er wäre versorgt. Herrmann. Darum braucht er nicht zu bitten, daß ich mich nicht weiter um ihn bekümmern soll. – Nicht einen Fuß darf er mir wieder über die Schwelle setzen, der Tagedieb! – Er that zu gleicher Zeit einen zweiten Schluck aus der Flasche, die er beständig während des Sprechens in der Hand behielt. – »Der Wein ist recht gut,« sagte er freundlich, als er absezte. Der Laufer. Morgen werd' ich Ihnen mehr bringen, wenn der Herr Graf weis, daß er Ihnen so gut schmeckt. Herrmann hatte während dieses Versprechens den dritten Schluck gethan und antwortete mit beinahe stammelnder Zunge: Es soll mir lieb seyn. »Sagen Sie nur dem Grafen,« sezte er hinzu, als der Laufer Abschied nahm, »er möchte meinen Heinrich bey sich behalten, so lang er wollte – 87 er darf sich gar nicht fürchten, daß ich mich deswegen wieder mit ihm zanken werde – ich hab' ihm auch heute früh nichts übel genommen, das kann er versichert seyn – nur soll er mir nicht so einen Tagedieb aus ihm machen, wie es die Laffen alle um ihn herum sind! Oder ich schmeiße den Jungen mit dem Kopfe an den ersten Stein, wo ich ihn finde.« Während dieser halbtrunknen Rede hatte er den Laufer an die Hausthür begleitet und nahm izt Abschied mit einem Händedrucke und dem nochmaligen Auftrage, daß er den Grafen ja versichern sollte, er habe ihm heute früh gar nichts übel genommen; er wüßte wohl, daß es des Grafen Art einmal sey, etwas frey zu reden. – Eine solche Verwechslung der Personen begegnete ihm gewöhnlich auch bey dem kleinsten Rausche: immer glaubte er alsdann, daß die Leute ihm die Grobheiten gesagt hätten, wodurch sie von ihm kurz vorher waren beleidigt worden: wiederfuhr es ihm – welches auch nicht selten geschah – daß er in der Trunkenheit Jemanden recht derb ausschalt, so begieng 88 er, wenn er wieder nüchtern war, die nämliche Verwechslung und versicherte ihn herzlich, daß er ihm alles vergeben habe. Beständig schien er sich der beleidigte Theil, und nur seine Frau machte hierinne eine Ausnahme. Ueberhaupt hatte er das Unglück, daß er bey aller Stärke und Klugheit, womit er ihrem Eigensinn und Trotze widerstand, gemeiniglich sein gewonnenes Spiel selbst wieder verdarb. Auch ohne Trunk wurde er immer zunehmend schwach, je mehr sich die Sonne nach Westen neigte: wie ein Fieber, überfiel ihn gegen Abend ein so heftiger Paroxysmus von Liebe und Zärtlichkeit, daß er ängstlich um seine Frau herumgieng und auf alle ersinnliche Weise sie wieder auszusöhnen suchte und oft wegen des Widerstandes, den er ihr den Tag über mit der überlegtesten Klugheit gethan hatte, demüthig und reuig um Vergebung bat. Führte ihm nun vollends das Schicksal ein begeisterndes Getränk in den Weg, so war es ganz um seine Standhaftigkeit geschehen: sein schwachnervichter Kopf war auf den ersten Schluck eingenommen, und er wurde 89 bis zum Gecken in sein Nillchen verliebt. Gegen jeden Andern beobachtete er in einem solchen Zustande die Regel genau, daß er sich mit ihm zankte, wenn er den Tag über sein Freund gewesen war, und sich mit ihm versöhnte, wenn er sich mit ihm gezankt hatte. Deswegen wartete auch seine Frau bey mittelmäßigen Bedrückungen gelassen den Abend ab oder sezte ihm des Nachmittags ein Glas Brantewein in den Weg; denn zu keiner andern Zeit nahm er einen Tropfen starken Getränkes zu sich. Bey der Ankunft des Laufers mit dem Weine freute sie sich von dem Wirbel bis zur Fußzehe herzinniglich auf die demüthigende Rache, die sie auf seine eigne Veranlassung an ihm zu nehmen gedachte. Er gieng nach dem Abschiede des Laufers wieder zu seiner Flasche zurück, doch ohne zu trinken: die vorigen drey Schlucke wirkten schon hinlänglich: er stund vor dem Tische, die linke Hand auf die offne Bouteille gelegt. »Nillchen,« redte er vor sich hin, »so hab' ich dir ja, hol mich der Teufel! Unrecht gethan! – Du armes Nillchen! habe dir deine 90 Kontusche verdorben! – habe dich eingesperrt!« Er lief die Stube auf und nieder und rang die Hände. – »Was mach' ich nur?« klagte er mit wehmüthigem Tone. »Was nur? daß sie sich nicht zu Tode grämt? – Ich habe das Herzblättchen so lieb, und martre sie so! Ich möchte mir gleich die Kehle abschneiden.« Er blieb mitten in der Stube stehen, erblickte sich im Spiegel – »O du alter gottloser Adam!« rief er und spie auf sein Bild im Spiegel. »Was du einmal gemacht hast! – hast deine Frau einmal geplagt! Ich möchte dich gleich zu Tode prügeln;« – (und dabey gab er seinen eignen Backen eine reiche Ladung kräftiger lautschallender Ohrfeigen.) – »Da! du abscheulicher Höllenbrand!« sagte er sich im Spiegel dazu. »Du eingefleischter Teufel! Wirst die arme Frau wohl noch unter die Erde bringen, du Katzenkopf! – Ich kann dich nicht mehr ansehn; pfui!« Mit dem größten Unwillen kehrte er sich von dem Bilde hinweg und wurde bey der 91 Wendung das Gesicht seiner gemißhandelten Ehegattin gewahr, die hinter einem Fenster, das neben dem Ofen aus der Küche in die Stube gieng, seine Reue mit kitzelnder Freude belauschte. – »Nillchen, liebes Engelskind!« rief er und lief mit ausgebreiteten Armen nach ihr hin, daß er wider die Wand taumelte. – »Komm! köpfe, hänge, rädre, erschieße mich! Ich bins werth. Ich bin ein rechter Teufelsbraten. Hab' ich dich einmal gemartert? – Ach! es thut mir so leid! es frißt mirs Herz ab. – Sieh nur! wie ich dich wieder lieb habe! recht lieb, du scharmantes Cyperkätzchen!« Diese Liebkosungen, die beständig mit den kläglichsten Ausdrücken der Reue abwechselten, wurden von einer höchstkomischen Bewegung begleitet: so oft er ihr seine Liebe betheuerte, hub er das rechte Bein in die Höhe, um durch das Fenster zu ihr hinauszusteigen, ob es gleich gute zwey Ellen von dem Fußboden und so enge war, daß kaum eine große Katze durchkriechen konnte. Die Frau antwortete lange nicht: endlich 92 sprach sie verdrießlich: – Es liegt mir nichts an der Liebe eines solchen Weiberteufels: erst reißest du deiner armen Frau den Kopf ab, hernach willst du ihn wieder aufsetzen. Der Mann. Will ihn nicht wieder abreissen! – Du sollst mich an den Spieß stecken und braten, wie eine Schöpskeule, wenn ich dir ihn wieder abreiße. – Habe dir Unrecht gethan; vergieb mirs, mein Augäpfelchen! – Nach langem Kapituliren ließ sich endlich die siegende Ehefrau bewegen und kam zu ihm in die Stube: sie mußte sich in den Lehnstuhl setzen, er warf sich zu ihren Füssen und bat sie in den reuvollsten Ausdrücken, bald mit weinerlichem, bald mit wütendem Tone, unter heftigen Schmähungen gegen sich selbst um Verzeihung und foderte zum Zeichen der Versöhnung die Erlaubniß, in ihrem Schooße zu schlafen. Um ihn zu besänftigen, mußte sie ihm seine Bitte zugestehn: er warf sich also aus der knienden Positur herum in eine sitzende Lage, legte den Kopf in ihren Schoos, und in einer halben 93 Minute schnarchte er schon, wie der überwältigte Simson in Delila's Schooße. Die Frau, um sich für ihr erlittnes Kreuz zu entschädigen, langte nach einer von den nahe stehenden Weinflaschen, ersezte den Abgang ihrer Kräfte durch einige starke Züge so reichlich, daß sehr bald die ganze Stube vor ihrem Blicke schwamm, und sich ihre Augenlieder gleichfalls zu einem herzstärkenden kummerstillenden Schlafe zusammenschlossen. 94   Fünftes Kapitel. Die Reue des alten Herrmanns war wirklich Schuldigkeit: er hatte ihr durch seine Vermuthung, daß sie den kleinen Heinrich heimlich ihm zum Trotze fortgeholfen habe, Unrecht gethan; denn der Knabe war des Morgens noch vor sechs Uhr aufgestanden, hatte sich selbst angekleidet, hatte, wie ein wahrer Inamorato, das Bild der Gräfin um den Hals gehangen, sich leise aus dem Hause hinausgeschlichen, und langte, des Laufers Berichte gemäß, mit dem Schlage sechs auf dem Schlosse an. Der Graf trug anfangs Bedenken, ihn ohne Vorwissen der Eltern dazubehalten, allein da der Knabe sich weinend und flehend allen Vorstellungen widersezte, ließ ihn der Graf verbergen und beschloß, seiner Gemahlin den folgenden Tag auf eine eigene Art ein Geschenk mit ihm zu machen. Es war bereits zu ihrem hohen Geburtsfeste ein herrlicher Aufsaz auf die Tafel 95 verfertigt worden, der die Gärten der Alcina vorstellte: aus Bretern, die auf kupfernen Füßen ruhten, prangten Alleen und Hecken von grünem Wachs, Parterre, Boulingrins und breite Gänge zum Lustwandeln aus bunten Zuckerkörnern, klare Seen, Teiche, Bassins von Spiegelglas, Statüen von meißner Porzellän, Nischen, Pavillons, Eremitagen, Monumente, in Wildnissen versteckt – alles, was nur einen französischen Garten verschönern kann, auf das sauberste nach einem ziemlich großen Maasstabe nachgeahmt. In den beiden entferntesten Enden des Gartens hatte der Künstler zwey große Tempel aus Teig, statt des Marmors mit einem nachahmenden weißen Zuckergusse überzogen, auf zwey Bergen symmetrisch aufgebauet. Beide sollten im antiken Geschmack seyn: ein majestätischer Säulengang umgab einen jeden, und durch die gläsernen Wände leuchtete die porzelläne Gottheit hindurch, welcher sie geweihet waren. Ueber den beiden entgegenstehenden Eingängen, zu welchen hohe breite Stufen hinanführten, kündigte eine goldene lateinische Inschrift den Namen der 96 Gottheit an: der eine war der Treue, der andere der Glückseligkeit gewidmet. Die zween Tempel gaben dem Grafen einen Einfall, der vermuthlich der einzige war, so lange die ganze Konditorwelt steht: es sollte mitten in dem Garten auf einem besondern Brete ein großer Tempel eingeschoben werden, der den kleinen Heinrich, als Amor gekleidet, anständiger Weise in sich faßte; und der Graf erfand selbst auf der Stelle die Inschrift Amori dazu. Der Künstler wandte demüthig die Schwierigkeiten ein, stellte den Uebelstand vor, den ein so ungeheures Gebäude unter den andern, nach einem viel kleinern Maasstabe verfertigten Gegenständen hervorbringen müßte, ließ auch mit unter versteckter Weise ein Paar Wörtchen über das Lächerliche und Abentheuerliche der Idee fallen, daß sich der Erfinder derselben entrüstete und mit einem gebietrischen – »ich will«– alle Einwürfe, wie mit einem Donnerkeile, niederschlug. Bald darauf besann er sich aber, daß die Kürze der Zeit den Bau eines so großen Tempels nicht wohl erlauben möchte, und befahl wegen dieser 97 weisen Voraussehung, blos eine große Nische von grünem Lattenwerke auszuführen. Es geschah: man nahm den kleinen Heinrich das Maas zu seiner Hütte, und war schon im Begriffe, Hand an die Arbeit zu legen, als in des Grafens Kopfe eine viel sinnreichere Idee aufstand. In dem Nachdenken über die Verschönerung und den wahrscheinlichen Effekt des großen Tempels gieng er in sein Kabinet, und siehe da! – bey dem ersten Aufschlagen der Augen traf sein Blick auf einen Kupferstich, wo ein verliebter Schäfer den kleinen muthwilligen Amor in einem Vogelbauer seiner Geliebten überreichte. Das Bild war wie für ihn erfunden: die Vorstellung reizte ihn so mächtig, daß er sogleich den Konditor holen ließ, um ihn zu befehlen, daß aus der großen Nische ein großer Vogelbauer werden sollte. Der Künstler war über diesen Antrag noch mehr betreten, und zeigte ihm die Unschicklichkeit, einen ungeheuren Vogelbauer ohne allen Zusammenhang mitten in einen kleinen Garten hinzustellen, und zugleich die Misdeutung, der ein Amor im Käfig, 98 seiner Gemahlin an ihrem Geburtstage geschenkt, unterworfen wäre: allein der Graf entrüstete sich zum zweitenmale und ward höchst ungehalten, daß man beständig der Ausführung seiner Einfälle so viele Schwierigkeiten mache, da sie doch größer und sinnreicher wären, als die elenden Pößchen, die der Konditor auf etliche Breter hingeklebt hätte. Der Zuckerarchitekt wurde empfindlich über diesen verächtlichen Ausdruck, bat sich die Bezahlung für seine Arbeit aus, empfahl dem Herrn Grafen, sich seine Vogelbauer selbst zu bauen, und reiste wieder in die Stadt zurück, woher man ihn verschrieben hatte. Unter seinen Bedienten hatte der Graf einen, Siegfried genannt, der die andern alle an Dummheit und Bosheit übertraf und wegen der erstern bey ihm in vorzüglicher Gunst stand: deswegen trug er auch eine auszeichnende, mit Gold fast bedeckte rothe Liverey nebst einem rothen Federbusch auf dem Huthe, welches einen witzigen Kopf unter seinen neidischen Kameraden auf den Einfall brachte, ihn des Grafen 99 Maulesel zu nennen, und diese Benennung bey dem Publikum des ganzen Städtchen gebräuchlich und beliebt zu machen. Er war der Rathgeber oder vielmehr Beherrscher des Grafen: denn weil er alles ohne das mindste Bedenken billigte und lobte, was seinen Herrn durch den Kopf und über die Zunge fuhr, wenns gleich die größte Abgeschmacktheit war, so besaß er dafür das Recht, mit eben so wenig Bedenken auch die größten Abgeschmacktheiten zu fodern und zu erlangen. Gemeiniglich leuchtete sein Verdienst am hellsten, wenn der Graf eine ähnliche Widerwärtigkeit, wie izt bey den Konditor, erlitten hatte, daß klügre Leute eine von seinen rohen Ideen nicht billigen wollten: sogleich berief er alsdenn seinen Maulesel zu sich, stellte ihm die bestrittene Sache begreiflich vor Augen, und es fehlte ihm niemals, daß sein Rathgeber sie nicht so bewundernswürdig fand, als sie klügern Leuten verwerflich und ungereimt schien: oft war seine Billigung List, meistens aber Mangel an Einsicht. Er hatte sogar jederzeit die Unverschämtheit, sich zur Ausführung zu erbieten, 100 und das besondre Glück, daß ihm der Graf nie Vorwürfe machte, wenn sie ihm auch mislang, obgleich dies in den meisten Fällen geschah. Durch die nämliche Oefnung der Thür, die der beleidigte Konditor machte, um aus dem Zimmer zu gehen, wurde auch der Maulesel hereingerufen: es versteht sich, daß er kaum vom Amor im Vogelbauer etwas gehört hatte, als er schon in lautes Lachen und laute Lobeserhebungen ausbrach. – Ich will das schon besorgen: verlassen Sie sich auf mich! sagte er mit weiser Miene. Der Zuckerbecker versteht das nicht so wie ich: ich weis besser, wie man einen Spaß machen soll. – Morgen soll Ihr Vogelbauer auf dem Tische stehen – verlassen Sie sich auf mich! – Er hielt Wort. Der Tischer mußte von Latten einen runden Käfig zusammennageln, ihn grün anstreichen, und weil das Gebäude zu Ehren eines Geburtstages ausgeführt wurde, gerieth Siegfried auf die glückliche Erfindung, von dem Koche, statt des Knopfs, eine große runde Biscuittorte darauf setzen zu lassen, an 101 welcher rings herum in einem weißen Zuckergrund mit Pistatien, blauen, gelben und rothen Körnern, ein Vivat nebst dem Namen der Gräfin eingelegt war. Um Niemanden einen Augenblick die Mühe des Nachsinnens zu verursachen, was für einen Vogel der Käfig enthielt, ließ der Graf um den obersten Rand desselben, wo das spitzige Dach anfieng, einen zierlich ausgeschnittenen Streifen Postpapier, mit der schwarzen leserlichen Aufschrift L'Amour encagé kleistern. Der Mittag des festlichen Tages erschien. Der kleine Heinrich war bereits im fleischfarbnen Atlas gekleidet, sein lichtbraunes Haar in kurze frey hinwallende Locken geschlagen und mit einer Rose geschmückt, sein Rücken mit einem Paar Flügeln von Gaze und Fischbein geziert, über die Schultern herab hieng ihm an einem blauseidnen Bande ein Köcher von Pappe mit Goldpappier überzogen, statt verwundender Pfeile mit friedlichen Gänsefedern angefüllt; seine Rechte hielt den niefehlenden Bogen, dessen Sehne eine Vorhangsschnur und so schlaff war, 102 als da das gute Kind um Mitternacht in dem schrecklichsten Regenwetter bey den alten Anakreon einkehrte. Venus hätte sich eines solchen Sohns nicht schämen dürfen, so lieblich lächelte sein weißes rundes Gesichtchen mit den runden rothen Backen, und so schalkhaft sah sein geistreiches Auge unter den schwarzen gewölbten Augenbraunen hervor. Dreymal trat der kleine Bube vor den Spiegel und fühlte die Macht seiner Reize so sehr, daß er seinem eignen Bilde einen Kuß zuwarf. Das ganze Städtchen hatte sich itzo schon vor zwey Stunden gesättigt: der Ackerknecht spannte die ausgeruhten Ochsen an den Pflug: die gemolknen Stadtkühe wandelten unter dem Peitschenschalle ihres Monarchen durch das Thor auf die Weide hinaus, und die hochgräfliche Gesellschaft schritt feierlich durch die weiten Flügelthüren zur Tafel. Der kleine Amor hatte sich zwar sehr stark geweigert, in den Käfig zu kriechen, und versichert, daß es wider seine Ehre wäre: der Graf mußte sogar in eigner Person ins Tafelzimmer gehen und seinen Ehrgeiz 103 durch die Vorstellung einschläfern, daß ers aus Liebe zur Gräfin thun solle: ohne Anstand sprang er auf den Stuhl und ließ sich in seine enge Wohnung hineinstecken. Die Gesellschaft war sehr zahlreich und von allen gräflichen und adlichen Sitzen aus der Nachbarschaft zusammen geladen. Erstaunt rissen die Damen sich von den Händen ihrer Führer los, erstaunt ließen die Kawaliere ohne Verbeugung die Hände der Damen fahren, als man beym Eintritte in den Saal den hohen babylonischen Thurm mit dem Knopfe von Kraftmehl mitten auf der Tafel erblickte: nur die Gräfin war mehr verlegen als erstaunt. Sie mußte ein Lachen verbergen, das ihr die Gestalt des Käfigs abnöthigte; sie hielt lange meisterhaft an sich, doch bey Erblickung des Biscuits, der wie ein runder Strohhut auf dem spitzen Dache steckte, überwand das Lächerliche alle ihre Stärke: sie mußte das Schnupftuch herausziehen und sich so lange hinter ihm räuspern, bis ihr Gesicht wieder in ernste Falten gelegt war. Noch einen größern Sturz mußte sie aushalten, 104 als sie den fleischfarbenen Amor darinne sitzen sah: ihre Einbildungskraft mahlte ihr schlechterdings, wegen der vollkommenen Aehnlichkeit des Hauses, einen Liebesgott vor, der gewisse menschliche Bedürfnisse abwartete. Sie nahm Tabak, sie räusperte sich, sie aß Suppe, sie sprach mit ihrem Nachbar: nichts half! immer kam das verzweifelte Bild wieder zurück, immer wollten ihre Lippen lachen. Zum Unglück bemerkte Jedermann ihre Verlegenheit, ob man gleich die wahre Ursache derselben nicht errieth: doch schien der Graf etwas schlimmes zu muthmaßen. Er war ohnehin schon mißmüthig genug, daß man so stumm dasaß und seine Erfindung auch nicht mit einem Bröckchen Beifall beehrte; geschah es weil man mit der Gräfin gleiche Empfindung hatte, oder weil man noch so ganz nichts von dem Sinnreichen darinne begriff, daß man auch nicht aus Schmeicheley zu loben wagte, ohne sich zu verrathen, daß es bloße Schmeicheley sey? – das kann ich nicht entscheiden: so viel bleibt gewiß, daß es bey vielen die 105 lezte Ursache größtentheils wirkte, wenn auch die erste nichts dabey that; und diese Ursache zu entfernen, das heißt, sich nach der Absicht des großen mittlern Korbes zu erkundigen, hielt jedermann nach hergebrachter teutscher Sitte für unanständig. Ein alter Oberster, der sich gänzlich über Zwang und Zurückhaltung hinwegsezte, brach endlich die Bahn: er wäre schon längst so vorlaut gewesen, wenn ihn nicht bisher die Betrachtung des Gartens beschäftigt hätte: doch izt kam die Reihe an Amors Käfig. – »Was ist das für ein Stall hier in der Mitte?« fragte er den sogenannten Maulesel des Grafen, der horchend hinter den Stühlen herumschlich und spionirte, was für Urtheile man über seine Arbeit fällte. – »Das ist kein Stall,« antwortete der empfindliche Erfinder. – »Es steckt ja doch da ein Vieh darinne: was solls denn seyn?« fragte der Oberste weiter – »Lesen sie doch nur!« war die höchsttrotzige Antwort hierauf. Der Oberste folgte seinem Rathe, sezte die Brille auf, las die Inschriften und brachte mit 106 Hülfe der gegenübersitzenden Nachbarin heraus: Vivat Sophia Eleonora l'Amour encagé. – »Hm!« brummte der Oberste, »das sollte ja wohl heißen: Vivat Sophia Eleonora et l'amour encagé ?« »So?« unterbrach ihn die Gräfin lächelnd. »Das hieße ja so viel als ob ich und die Liebe am besten aufgehoben wären, wenn man uns einsperrte.« Er sann nach: – »Der Teufel! ja, das hieß es,« fuhr er heraus. »Haben Sie das gemeint, Herr Graf?« Die Gräfin winkte zwar dem Obersten, ihrem Gemahl, der keinen Spaß verstund, die Frage nicht zu wiederholen: allein der übereilte Mann achtete auf keinen Wink, sondern schrie den ganzen streitigen Punkt mit allen Clauseln über die lange Tafel hinauf: der Graf wurde roth, weil ihm das Gespräch einen Tadel über sein Werk in sich zu schließen schien, und verbarg sein Misfallen damit, daß er sich stellte, als wenn er nichts verstehen könte. Unterdessen wurde die Materie um und neben dem Obersten, unter 107 seinem Vorsitze, noch genauer untersucht. So bald nur Fräulein Hedwig – eine weitläuftige Anverwandtin der Gräfin, die als Wirthschaftsdame bey ihr lebte und zugleich die Stelle einer Guvernante bey der Baronesse Ulrike versah, die Krone aller häßlichen Fräulein – so bald sie, sage ich, heraus hatte, daß ein Amor im Käfig steckte, so konte sie nicht unterlassen, die Gesellschaft mit einem Gerichte von ihrer beliebten Gelehrsamkeit zu bedienen. »Das ist ja,« fieng sie an und reckte den dicken Kopf in die Höhe, »wie dort bey dem Virgilio Marus , wo die jungen Grafen des Aeneas den Amor in einen Topf stecken Der Himmel weis, was für eine Stelle das hochgelehrte Fräulein Hedwig meint. So viel ist mir bekannt, daß sie zuweilen die Verwegenheit hatte, in den lateinischen Text der alten Autoren hineinzusehen, und weil sie nur hin und wieder ein Wort verstand, war ihre Uebersetzungsart ganz drollicht. Comites Aeneae waren ihr die jungen Grafen des Aeneas: wo sie duces erblickte, sezte sie Herzoge hin, und jeden Caesar machte sie zum Kaiser: auf diese Art gelang es ihr, die sämtlichen Stände des heiligen römischen Reiches in den Virgil hineinzubringen. Vielleicht hat sie durch eine ähnliche Auslegungskunst ihren Amor im Topfe herausgekünstelt. Vermuthlich fand sie in einer ältern Ausgabe irgend eines Autors amor in ollam statt illam : denn das begegnete ihr sehr oft, daß sie einem Schriftsteller zuschrieb, was ein anderer tausend Jahre vor oder nach ihm gesagt hatte. .« 108 »Doch nicht in einen Nachttopf?« schrie der unsaubre Herr Oberste. Ob sich gleich Fräulein Hedwig bey seiner unanständigen Frage die Nase zuhielt, und die Mine des Ekels sich in ihrem Gesichte auf das lebhafteste ausdrückte, so erwischte sie doch die günstige Gelegenheit, ihrer Gelehrsamkeit Ehre zu machen, mit großer Herzensfreude. »Ach,« fuhr sie fort, »der arme Bube hat schon viel Herzeleid ausstehen müssen: wie dort bey dem Ambrosius wird er gar mit Stecknadeln gestochen, und im Cicero Marcus binden ihn die Hofdamen der Königin Semiramis mit ihren jartieres « – »Womit?« unterbrach sie der Oberste. Fräulein Hedwig wiederholte es. »Mit den Strumpfbändern also?« rief der Oberste. 109 Fi! antwortete das Fräulein mit Naserümpfen und nahm Tabak. Wer wird denn so etwas über Tafel nennen? Der Oberste. Warum denn nicht? Fräulein Hedwig. Ueber Tafel darf man von nichts reden, was unter der Tafel ist. Der Oberste. Das mag wohl bey Ihren Carus und Narrus und wie die Kerle weiter heissen, Mode gewesen seyn: aber ich wüßte nicht, wer mirs wehren sollte, von Strümpfen und Schuhen – Das Fräulein. Schämen Sie sich doch! Wer wird denn dergleichen Sachen deutsch nennen? Wenn Sie ja davon sprechen müssen, so dürfen Sie ja nur chaussure sagen. Der Oberste. Was ist denn das bessers? – Ob ich, zum Exempel, sage: Votre cû large oder – Indem er die Uebersetzung hinzufügen wollte, zog ein allgemeiner Aufstand an dem andern Ende der Tafel seine Aufmerksamkeit von der vorhabenden Disputation ab. Der kleine Amor hatte in seinen Käfig Langeweile: durch die 110 Ausdünstungen des Essens, die eine Atmosphäre von Wohlgeruch um ihm bildeten, wurde sein Appetit ungemein rege gemacht: – diese beiden Ursachen trieben ihn an, mit seinen kleinen Fingern in die Biscuittorte, die auf dem Dache des Käfigs ruhte, hineinzubohren, und sich ein Stück herauszuzwicken. Der Genuß feuerte die Begierde noch mehr an, und da er ringsrum alles, was er durch die ofnen Zwischenräume der Latten erreichen konnte, heruntergeholt und verzehrt hatte, suchte er durch einen Stoß mit dem Bogen der Torte eine Wendung zu geben, daß sie ihm eine noch unangetastete Seite zukehrte: allein der Stoß gerieth in der Hitze der Leidenschaft zu stark, die Torte stürzte herab, in die Gärten der Alcina hinein, zerschmetterte Bäume, Hecken und Pavillons, taumelte über die Gartenmauer hinaus und fiel mit lautem Geräusche in eine Assiette hinein, daß ein dichter Platzregen von schwarzer Brühe auf die dort sitzenden herabströmte. Alles sprang auf, seine Kleider zu retten, als schon die ganze herumgesprühte Essenz auf ihnen lag: in 111 Einem Tempo wurde eine ganze Reihe Stühle zurückgeworfen: Bediente schrieen, daß man ihre Zehen quetschte: die Kawalliere, denen die emporschnellenden Fischbeinröcke der Damen bey dem Aufspringen Ohrfeigen gaben, stolperten, um ihnen zu entgehen, über die Stühle hinweg: der kleine bucklichte Herr von E** wurde durch den einen Windflügel der Frau Geheimeräthin von S** so gewaltig aus allem Gleichgewichte gebracht, daß er zu Boden stürzte, und weil sich die Dame sogleich auf den zurückgestoßnen Stuhl wieder niedersezte, um sich die entstandnen Flecken abzuwischen, so deckte sie den ganzen kleinen gestürzten E** mit ihrem ungeheuren Fischbeinrocke zu, und in der Hofnung, daß sie bald ihren Sitz verändern möchte, blieb er geduldig liegen. Die gehofte Veränderung erfolgte nicht, und er fieng also an, sich aus seinem Zelte herauszuarbeiten. Der Kammerherr T**, der daneben stund, sah unter der Schleppe der Geheimeräthin zween ihn bekannte Menschenfüße hervorkommen und fragte: E**, wo sind Sie denn? – Hier! seufzte der arme Junker unter 112 dem Fischbeinrocke hervor, spannte seine Schnellkraft an und kroch mit den Bewegungen einer Raupe, auf allen vieren aus der erstickenden Atmosphäre heraus. Noch wußte Niemand, daß der Vogelbauer eine lebendige Kreatur verbarg, sondern man bildete sich ein, daß die Torte durch ihre eigne Schwerkraft den gefährlichen Fall gethan habe: Amor hatte sich, dem gegebnen Befehle gemäß, so still darinne gehalten, daß man ihn für eine Wachspuppe ansah, und seine Bewegungen bey dem Bestehlen der Torte wurden durch das Geräusch des Gesprächs verschlungen. Izt aber ward es ihm unmöglich, länger eine Puppe vorzustellen: der genoßne Biscuit fieng an, heftige Unordnungen in seinem kleinen Körper zu verursachen: die Schmerzen wüteten so heftig, und die Besorgniß vor einer entehrenden Aufführung quälte ihn so sehr, daß sich der arme Bube niedersezte und bitterlich weinte. Es war gerade Ebbe in der Unterhaltung, und alle Ohren wandten sich verwundrungsvoll nach dem Orte hin, woher die Klagetöne kamen: einige suchten 113 unter der Tafel, aber die Gräfin lenkte ihre Augen sogleich auf den Käfig, sah aufmerksamer, als bisher, durch die schmalen Zwischenräume der Latten und wurde mit Erstaunen ihren lieben kleinen Heinrich gewahr. Hurtig gab sie Befehl, ihn herauszulassen: der schöngelockte Liebesgott drückte sein verschämtes Gesicht dicht an die Brust des Bedienten, der ihn herausnahm, und ließ sich voll von innerlichen Martern der gekränkten Ehre zum Zimmer hinaustragen. Knirschend trat er vor der Thüre hin, stampfte und warf, voll Aergers über sich selbst, den Bogen auf den Fußboden und deckte mit den kleinen Händen das glühende Gesicht zu. Man sprach ihm Trost ein; aber sein kindisches Herz fühlte schon zu sehr die Stacheln der Ehre und Schande, um sich durch Worte beruhigen zu lassen. Die Gräfin war für ihn besorgt und zürnte bey sich nicht wenig über den tollen Einfall ihres Gemahls, der nicht weniger bey sich über den unschuldigen Liebesgott ungehalten war, daß er ihm durch sein unzeitiges Weinen den 114 schönen Plan verrückt hatte: denn nach seinem Willen sollte er nach der Tafel mit dem Käfig abgehoben und seiner Gemahlin, wie ein Papagey, zum Geschenk überreicht werden. Beide sprachen seit dieser Begebenheit in den übrigen drey Stunden, die man noch bey Tafel zubrachte, wenig oder gar nichts mehr; und die Gäste aßen, tranken und hatten Langeweile während dieser Zeit auf die gewöhnliche Art.   Sechstes Kapitel. Bewundernswürdig ist der Mann, der zuerst die Kunst erfand, seine Leidenschaften, Empfindungen und Urtheile so tief in den innersten Winkel seiner Seele zurückzudrängen, daß auch nicht eine Linie breit von ihnen durch Miene und Geberden hervorschlüpfte: aber dreimal, wo nicht mehrmal bewundernswürdiger ist der Tausendkünstler, der zuerst seine Gesichtsmuskeln zur Freundlichkeit anspannen und seine Worte zum Lobe stimmen konnte, wo sein Herz zürnte und misbilligte. Wer sollte glauben, daß die Gräfin bey so vielem innerlichen 115 Unwillen, bey so lebhaftem innerlichen Tadel, bey so starker Empfindung des Lächerlichen in dem Amour encagé , doch nach aufgehobner Tafel den Urheber desselben sogleich in ein Fenster ziehen, und ihm mit einer Freude, die fast bis zur Rührung stieg, für sein abentheuerliches Geschenk danken, und die Art, wie er ihr es machte, als schön, neu und interessant lobpreisen würde? – Ja, das that sie wirklich: sie küßte ihrem Gemahle einmal über das andre die Hand und versicherte ihn, daß sie den Knaben weder Tag noch Nacht von sich lassen werde, weil er sie beständig an die Dankbarkeit für ihres Gemahls Gnade erinnere. Jedes unter den Anwesenden, als man von der Sache näher unterrichtet war, hielt es für billig, dem Grafen, der ihnen so viele und schöne Essen vorgesezt hatte, ein Kompliment über seinen Vogelbauer zu machen, daß Michael Angelo durch seinen Bau an der Peterskirche nicht zur Hälfte so viel Lob und Bewundrung eingeärntet hat, als der Graf Ohlau mit seinem hölzernen Käfig. Die Gräfin gieng so weit, daß sie 116 dem Manne, der bey der Erbauung die Aufsicht geführt hatte, verbindlich die Hand drückte, seine Arbeit als ein Meisterstück der Baukunst erhob und ihn für seine Mühwaltung mit zehn Louisdoren beschenkte. Der Graf schwamm in Entzücken: er fühlte sich über sich selbst erhaben, wie ein Künstler, der ein Denkmal seines Talents, dauernder als Erz, unzerstörbar durch Regen, Feuer und Wasserfluthen, vollendet hat. Natürlich mußte dieses Entzücken für den Knaben einnehmen, der es veranlaßte: der Graf befahl sogleich, ihn aufzusuchen und herbeyzubringen, und die Gräfin gieng in eigner Person nach ihm, um ihn wegen des Unfalles bey Tafel zu beruhigen. Ihre Bemühung kam zu spät: die kleine Baronesse Ulrike , die schon einigemal genannt worden ist, war sogleich nach der Mahlzeit mit ihrer gewöhnlichen Uebereilung hinausgerennt, um den Liebesgott zu finden, von dem sie, als er aus dem Käfig herausgenommen wurde, ein hübsches weißes Händchen gesehen hatte, das sie in dem Augenblicke herzlich gern in die ihrige zu legen, zu drücken, zu 117 liebkosen wünschte. Auch bildete sie sich ein, daß zu dem hübschen Händchen ein hübsches Gesichtchen gehören möchte, und eilte deswegen, ihre Neubegierde zu befriedigen, weil sie auch schon in ihrem siebenten Jahre eine große Liebhaberin von hübschen Mannsgesichtern war. Sie fand ihn auf dem nämlichen Platze schlafend, wo er sich im ersten Unwillen über seine beleidigte Ehre hingeworfen hatte. Er lag auf dem Fußboden in einer Ecke des Vorsaales, mit dem Kopfe auf einem hingeworfnen Stuhlküssen ruhend: die kleine runde Wange glühte, wie ein Abendroth, eine von den niedlichen Händchen war unter dem linken Backen verborgen, die andre lag auf dem rechten gekrümmten Knie. Die Baronesse ergriff sie, streichelte und drückte sie mit innigem Wohlgefallen an ihr Gesicht, gab der einladenden Wange einen herzhaften Kuß, kniete, trotz der Konsideration, in welcher sie eingekerkert war, vor ihm nieder und wiederholte, seine Hand in die ihrigen geschlossen, den Kuß so oft und lange, daß sie einige Zeit ganz auf dem Gesichte des Knaben liegen 118 blieb. In dieser Stellung überraschte sie Fräulein Hedwig , ihre seynsollende Guvernante, watschelte, wie eine Gans, die halb fliegt und halb geht, auf sie zu und riß sie mit solchem Ungestüm von dem Liebesgotte hinweg, daß sie zurückstürzte. Die Baronesse, die überhaupt aus einem sehr elastischen Stoffe geschaffen war, rafte sich sogleich auf; und kaum war sie wieder auf den Füssen, als schon die Guvernante in völliger Rüstung dastand, die Hände in die Seiten gestemmt: ihre schielenden Augen leuchteten unbeweglich, wie ein Paar Schneeballen, aus dem kirschbraunen aufgeschwollnen Gesichte hervor, und die breiten aufgeworfnen Lippen zogen sich, wie ein Puderbeutel, auf und zu, indem sie sprach. Fi! schämen Sie sich! fieng sie an. Sich da, wie ein schlechtes Mädchen, auf einen gemeinen Jungen zu legen und ihm ein gage d'amour zu geben! Die Baronesse. Ich hab ihn geküßt – Fräulein Hedwig. O so schämen Sie sich und reden Sie nicht so pöbelhaft! Ein solches gemeines Wort in den Mund zu nehmen! Fi, Baronesse! 119 Die Baronesse. Alle Leute reden ja so. – Küssen! was – Fräulein Hedwig. So hören Sie! Wiederholen Sie doch das garstige Wort nicht noch einmal! Haben Sie denn nicht Acht gegeben, wie ich mich über solche Unanständigkeiten ausdrücke? – Ich habe ihm ein preuve d'affection , ein gage d'amour gegeben: so muß man sprechen, wenn man honnett reden will. Die Lateiner nennen das vinculus amoris . Wenn Sie etwas gelernt hätten, brauchten Sie nicht sich so schlecht auszudrücken, wie ein gemeines Bürgermensch. Ey! sagte die Baronesse mit dem natürlichsten Tone und hüpfte auf Einem Beine dazu; das läuft ja doch immer auf eins hinaus. – Der Junge ist allerliebst: ich hab ihn recht lieb. Fräulein Hedwig. Reden Sie doch nicht so frey! Unser eins sagt von dergleichen Burschen: ich kann ihn wohl leiden. Die Baronesse. Sehn Sie nur, wie er so artig daliegt! wie er die niedlichen Fingerchen auf dem Knie ausgestreckt hat! 120 Fräulein Hedwig. Ulrikchen! Wer wird denn von Knieen sprechen? Die Baronesse. Wie soll ich denn sonst sagen? Fräulein Hedwig. Gar nicht davon sprechen! Man muß nichts an einer Mannsperson nennen, was unter dem Kopfe ist. Die Baronesse. Gefällt er Ihnen nicht? Fräulein Hedwig. Ach, warum nicht gar gefallen? – Er ist mir nicht zuwider. – Er liegt da, wie der junge Prinz Adonis in des Grafen Kabinete. – Die Baronesse hüpfte zu ihm hin und drückte ihm einen flüchtigen Kuß auf den Backen. Lassen Sie das! sag' ich Ihnen, rief Fräulein Hedwig. Sie sind ja so frech, wie dort bey dem Homerus die Gräfin Lais. Die Baronesse hüpfte auf Einem Fuße den Saal hinunter und sang sich eins dazu: indessen stand ihre Guvernante, in stummer Betrachtung verloren, vor dem schlafenden Amor und wurde von einer unwillkührlichen Bewegung so hingerissen, daß sie sich zu ihm hinneigte und ihm ein förmliches gage d'amour gab. War ihr Kuß auch für Schlafende zu herbe, oder 121 drückte sie mit ihrem Rüssel den kleinen Heinrich zu sehr? – genug, er erhub seine Hand und gab ihr eine empfindliche Ohrfeige, welche die Göttin so sehr in den Harnisch jagte, daß sie die verbrecherische Hand ergrif und mit einigen derben Schlägen bestrafte. »Du ungezogner Bube!« sprach sie mit ärgerlichem Tone, und ihre dicke Pfote peitschte darauflos, wie eine Rackete den Federball. Die Baronesse war eben auf dem Rückwege in ihrem Tanze, als die Bestrafung des kleinen Heinrichs vor sich gieng: sogleich flog sie herbey, wie ein Ritter, der seine Geliebte von einem Drachen erlösen will, stieß das Fräulein zornig zurück und versezte ihr in der ersten Ueberraschung des Unwillens einige Hiebe auf den Arm. Ihre Guvernante, die ihre Hände zu allen Arten von Waffen gebrauchte, wozu sie nur die Natur gemacht hat, legte ihre Finger in die Form einer Habichtskralle und grub mit vier Nägeln eine vierfache Wunde in den Arm der Baronesse. In diesem Augenblicke des Scharmützels langte die Gräfin an, um ihren Liebling in das Zimmer 122 zu holen. Der Kleine, als er sie erblickte, sprang sogleich auf und lief ihr entgegen, die Baronesse desgleichen, nur Fräulein Hedwig, die durch den Stoß ihrer Gegnerin in eine sitzende Lage war versezt worden, konnte ihren dicken schwerfälligen Körper nicht von der Erde aufbringen: sie stemmte sich mit der Hand auf den Fußboden, und kaum hatte sie sich einige Zolle erhoben, so plumpte sie wieder mit allgemeinem Krachen in die vorige Lage zurück, daß die Fenster zitterten: die Scham vor der Gräfin machte ihre Bewegungen übereilt, und je mehr sie arbeitete emporzukommen, je erschöpfter und keuchender fiel sie wieder hin, bis endlich ein Bedienter herbeyeilte, um ihr emporzuhelfen: allein bey der Anwendung seiner Kräfte hatte er die Schwere der Maschine, die er aufziehen sollte, nicht genug berechnet: als sie beinahe schon stund, stürzte sie wieder mit einem lauten Schrey und zog ihren Helfer so unwiderstehlich mit sich nieder, daß er die Beine gen Himmel kehrte. Die Erderschütterung, die dieser doppelte Fall erregte, lockte die ganze Lackeyenschaft herbey, und unter allgemeinem Gelächter half man den 123 beiden Unglücklichen endlich wieder auf die Füsse. Gräfin und Baronesse kondolirten dem Fräulein sehr herzlich, allein sie konnte den Triumph der leztern so wenig ertragen, daß sie, ohne ein Wort zu hören, zur Thür hinaus auf ihr Zimmer watschelte. Die Gräfin gieng, die beiden Kinder an der Hand, zur Gesellschaft zurück: versteht sich, daß Jedermann seinen Witz anstrengte, ihr wegen der Gruppe, in welcher sie hereintrat, etwas Schönes zu sagen! Nachdem sie so durch den Witz einer doppelten langen Reihe im eigentlichen Verstande Spitzruthen gegangen war, stellte sie ihrem Gemahle ihre beiden Begleiter zum Handkusse vor. Der Graf wollte anfangen, sich zu freuen, allein man präsentirte die Karten, und ein Jedes gieng an den Ort seiner Bestimmung. Für die Baronesse war dies eine erwünschte Begebenheit. Sie wanderte mit ihrem Amor in ein Nebenzimmer und ließ ihre lustige Laune in vollem Strome über ihn ausbrechen. Unter den mannichfaltigen kindischen Neckereyen, 124 womit sie ihn überhäufte, und die er reichlich erwiederte, zog sie ihn besonders wegen seiner Pfeile auf. – »O du ganz erbärmlicher Amor!« rief sie und schlug die Hände zusammen; »willst die Leute mit Gänsespulen verwunden! Bist du nicht eine kleine Gans?« – »Oh,« antwortete der verspottete Liebesgott und stellte sich mit einer tapfern Miene in Positur, »ich schieße alle Herzen im Leibe entzwey.« »Schieß her!« foderte ihn die Baronesse auf und bot ihre Brust dar. Der drollichte Knabe ergriff einen von seinen gefiederten Pfeilen und warf ihn nach ihrem Herze! das unschädliche Geschoß blieb in der Garnirung ihres Kleides hängen: die Baronesse stellte sich tödtlich verwundet und sank rückwärts auf einen Sofa. »Kann ich nicht treffen?« rief Amor und klatschte triumphirend in die Hände. – O ihr guten Kinder! wüßtet ihr, welche Ungewitter die Liebe von diesem Augenblicke an über euch sammelt – ihr hättet nicht mit ihren Pfeilen gespielt. 125 »Ich will dich wieder lebendig machen,« sprach der siegende Liebesgott, hüpfte zu ihr hin und drückte auf den Mund seiner hingesunknen Psyche einen der lebhaftesten Küsse: mit ihm schlich ein geheimes Feuer in ihre Kinderseele, durch alle Nerven des kleinen Körpers schoß eine zitternde Flamme, ihr Herz schlug schneller, und alle ihre Sinnen schlummerten in ein minutenlanges Gefühl der sanftesten Behaglichkeit dahin. Eben wollte der Dreiste die Lippen zurückziehn, als Fräulein Hedwig ins Zimmer trat. Sie rennte mit schwerfälligem Trabe nach dem Sofa hin, um sich zum zweitenmale unter einem schicklichen Vorwande für die Ohrfeige zu rächen: allein der Knabe war ganz mit Amors Unverschämtheit bewafnet: er trat zurück und drohte ihr, sie gleichfalls mit seinen Pfeilen zu erschießen. Die mürrische Guvernante war zum Spaß nicht aufgelegt und riß die Baronesse hinweg, mit der ernsten Vermahnung, sich nicht mehr mit einem so gemeinen Jungen einzulassen, weil sie sonst eben so verbrennen könte, wie die Königin Dido, da sie sich vom Grafen Aeneas umarmen ließ. Die Vermahnung, so gut gemeint und so nöthig sie seyn konte, war auf einen schlechten Grund gebaut und that daher auch eine schlechte Wirkung: die Baronesse, die noch ganz Natur war, fühlte zwischen der Liebenswürdigkeit eines gemeinen und eines vornehmen Jungen keinen Unterschied, und so bald Fräulein Hedwig nur den Rücken wandte, wischte sie zum Zimmer hinaus, den gemeinen Jungen, der so wohlthuende Küsse gab, aufzusuchen. Die Alte, wenn sie ihre Abwesenheit inne wurde, sezte gleich mit allen Segeln hinter drein: Ulrike floh mit ihrem Liebesgotte aus einem Zimmer ins andre, wie ein Paar Tauben vom Geier verfolgt, und jedesmal retteten sie sich in eins, wo Gesellschaft war, und wo man sie also nicht ausschelten konte: so geschah diese Jagd einigemal während des Spiels. Endlich rückte die Zeit des Balls heran: kaum war er eröfnet, so fand sich die Baronesse mit ihrem Amor auf dem Tanzplatze ein. Ihre Guvernante verwies ihr etlichemal diese unanständige Aufführung: allein 127 ihre Verweise hatten immer etwas so komisches bey sich, daß man sich nie entschließen konnte, sie für Ernst gelten zu lassen. Sie tanzten muthig mit einander fort, bis der Graf auf die Entweihung der Gesellschaft durch die Gegenwart eines so gemeinen Jungens aufmerksam wurde: er untersagte seiner Schwestertochter alles fernere Tanzen mit ihm auf das schärfste, und ließ ihm einen Platz anweisen, wo er zusehen und den er bey Vermeidung der höchsten Ungnade nicht verlassen sollte. Die Baronesse begleitete ihn in sein Exilium und wich ihm nicht von der Seite, so oft man sie auch von ihm hinwegrief und hinwegführte. Plözlich verbreitete sich durch den ganzen Saal das Gerücht, daß ein Gärtnerpursche bey Anzündung der Lampen, womit der mittelste Gang des Gartens erleuchtet werden sollte, von der Leiter gefallen sey und das Bein gebrochen habe. Der Graf kehrte sogleich alle Anstalten vor, daß es nicht zu den Ohren der Gräfin gelangte, die mit ihrer gewöhnlichen Empfindlichkeit über den Gedanken, sie sey die 128 veranlassende Ursache seines Unglücks gewesen, die ganze übrige Zeit des Balles unmuthig und niedergeschlagen geworden wäre. Der Pursche war der Liebling der Baronesse, und kaum wußte sie seinen Unfall – weg war sie! In Einem Zuge die Treppe hinunter, über den Hof, in den Garten hinein, nach der Gärtnerwohnung zu! und diesen ziemlich langen Weg machte sie in dem ärgsten Regen, bey Donner und Blitz, in ihrem festlichsten Staate ohne die mindeste Bedeckung, daß ihr bey dem ersten Schritte in dem durchweichten leimichten Boden des Gartens die seidnen Schuhe stecken blieben: ohne sich dabey aufzuhalten, nahm sie beide in die Hand, und sezte ihre Reise in Strümpfen fort. Als sie bey dem Gärtner ankam, erfuhr sie von seinem kleinen Sohne, daß man den Purschen zu seiner Mutter in das Städtchen gebracht hatte: Jedermann war mit der durchs Donnerwetter verunglückten Illumination beschäftigt, und sie mußte den Knaben durch Geld bewegen, daß er sie mit einer Laterne zu dem Hause brachte, wo der Kranke lag. Sie machte sich in der nämlichen 129 Witterung und mit der nämlichen Bekleidung auf den Weg, erreichte die Wohnung und fand den Chirurgus mit dem Verbinden beschäftigt. Mit der angelegensten Sorgfalt that sie ihn Handreichung dabey, half den Fuß halten, sprach dem Purschen Trost ein, wenn ihn der Schmerz zuweilen übermannte, ermahnte den Wundarzt, leise zu verfahren, und hielt bey ihm aus, bis die ganze Verrichtung vorüber war. Bey dem Abschiede gab sie der Mutter einen Gulden – ihr ganzes gegenwärtiges Vermögen – mit dem Versprechen, die Wohlthat zu vergrößern, so bald es ihre Umstände zulassen würden. Die Alte, die es entbehren konnte, nahm ihr Geschenk mit vielen Komplimenten an, und weil sie der Baronesse zu komplimentenreich dankte, so wischte diese zum Hause hinaus, ehe noch jene ihren Dank geendigt hatte. In dem Schlosse hatte sie Niemand als Fräulein Hedwig vermißt, die deswegen ängstlich alle Zimmer durchlaufen war, ohne zu errathen, wo sie seyn möchte, ob sie gleich eine Entlaufung um irgend eines andern 130 Bewegungsgrundes willen muthmaßte: denn solche Unbesonnenheiten waren ihr gewöhnlich. Sie konnte in keinem Winkel Ruhe finden, und war halb des Todes, als die Baronesse in zerrißner ungepuderter Frisur und schmuzigen Schuhen in der Gesellschaft auftrat. Mit einem freudigen »er ist verbunden« eilte sie zur Gräfin und erzählte ihr den ganzen Verlauf ihrer Expedition. Der Graf erblickte sie kaum, als er zu ihrer Guvernante voller Zorn gieng und ihr ihre Unachtsamkeit mit einem harten Verweise bezahlte, was sie eben so ängstlich befürchtet hatte: mit gleicher Entrüstung scholt er Ulriken über die Unanständigkeit, sich in so unsauberer Kleidung zu präsentiren, weidlich aus. Die Gräfin, welcher die Uebereilung der Baronesse im Herzen gefiel, küßte sie und sagte ihr freundlich: Du bist beständig ein solch gutherziges unbesonnenes Ding gewesen, und wirst es auch wohl bleiben. Geh auf dein Zimmer!   Zweiter Theil. Erstes Kapitel. Die Ursache, warum der Graf die Aufnahme des kleinen Heinrichs auf sein Schloß betrieb, hörte unmittelbar nach der Geburtsfeyer auf: er sollte das Werkzeug seiner Politesse seyn: das Werkzeug hatte seine Dienste gethan und war in seinen Augen nunmehr nichts bessers werth als – es wegzuwerfen. Es war ihm so herzlich zuwider, den gemeinen Jungen zuweilen um und neben sich zu dulden, daß die Gräfin besorgte, er werde ihr einmal eben so despotisch befehlen, ihm ihre Zuneigung zu entziehen, als er vorhin darauf drang, ihrer Liebe für ihn keine Gewalt anzuthun. Der Gehorsam wäre ihr izt in der ersten Hitze ihrer Gunst unendlich schwer gefallen: dafür ließ sie sich wohl nicht bange seyn, daß sie in dem äußersten Falle nicht Mittel genug 134 finden werde, ihren Gemahl unvermerkt dahin zu leiten, daß er ihr wider seinen Willen eine Aufopferung untersagen mußte, die er gern von ihr gefodert hätte: allein sie hielt es doch für klüger, beizeiten vorzubauen, oder vielmehr, sie konnte nicht ertragen, daß Jemand ihren Liebling haßte, weil sie ihn so heftig liebte. Ihr Götze war die Neuheit , wie die Politesse die Abgöttin ihres Gemahls: in den ersten Tagen, der ersten Woche einer neuen Zuneigung wurde ihr ihre Gewogenheit zu einem wirklichen Leiden: mit der Unruhe der höchsten Leidenschaft sorgte sie für den Gegenstand derselben: eine Minute Abwesenheit machte ihr Kummer, und in seiner Gegenwart war sie unaufhörlich mit sich selbst unzufrieden, daß sie keine Sprache noch Handlung wußte, um die ganze Stärke ihrer Liebe auszudrücken und zu beweisen. Heinrich durfte keinen Augenblick von ihrer Seite, mußte sie überall begleiten, sie lehrte ihn in eigner Person französisch lesen, ließ ihn schreiben, sann beständig auf neue Zeitvertreibe für ihn, und betrieb seinen Unterricht und 135 sein Vergnügen mit solchem Eifer, daß sie Tage lang nicht aus dem Zimmer kam. Er saß auf ihrem Schooße, hieng ihr am Halse, sie küßte und liebkoßte ihn, wie den zärtlichsten Liebhaber, und wartete ihm auf, wie ihrem Gebieter: ein Wink von seinen Augen, ein Wörtchen, nur die mindeste Aeußerung eines Wunsches! – und sie flog sogleich ihn zu befriedigen. Er hatte ihr Herz so ganz ausgefüllt, daß außer ihn für sie nichts in der Welt war, das ihr nur eine sekundenlange Aufmerksamkeit wegstehlen konnte: die Baronesse Ulrike, ihr Gemahl – alles war für sie so gut als vernichtet. Je stärker dieser Paroxysmus zunahm – denn weiter war es im Grunde nichts als der Anfall eines leidenschaftlichen Fiebers – je empfindlicher wurde ihr der bemerkte Widerwillen ihres Gemahls gegen ihren Günstling. Um ihn zu heben, fragte sie ihn eines Tages bey Tafel, ob er auf den Sonntag nicht in die Kirche fahren und einen kleinen Türken dabey paradiren lassen wollte, der in seine Dienste zu treten wünschte. Der Graf merkte, wen sie meinte, und 136 sagte Ja. Der Sonntag erschien und Heinrich war auf ihre Unkosten in Atlas als Türke gekleidet. Eine solche Kirchenparade war eins der angenehmsten Opfer, womit der Graf zuweilen seiner übermäßigen Prachtliebe und seinem Stolze schmeichelte. Seine ganze Hofstatt wurde alsdann beritten gemacht: die Jäger seiner ganzen Herrschaft mußten sich in ihrem völligen Ornate Tags vorher einfinden, um den Zug verlängern zu helfen, der von dem Schlosse durch alle Gassen des Städtchens, die für eine Kutsche breit genug waren, bis zur Kirche gieng. Die Hälfte der Jäger zu Pferde mit vor sich gestellten Büchsen eröfnete ihn: an sie schloß sich alles, was nur auf einem Pferde sitzen konnte und eine Bedienung ohne Liverey bey dem Grafen hatte, in dem auserlesensten Schmucke; alle ritten in weißen seidnen Strümpfen und großen breiten Haarbeuteln, weil es der Graf für unanständig hielt, bey einer so feyerlichen Gelegenheit gestiefelt zu erscheinen. Auf diese galante Kawallerie folgte die sämtliche Liverey zu Fuß, mit langen spanischen 137 Schritten, strotzend und starrend in reich verbrämten Galakleidern; alsdann wurde in einem Staatswagen, geräumig wie ein Tanzzimmer, der Graf, in einem zweiten eben so großen die Gräfin, in einem dritten die kleine Baronesse, die in dem großen Gebäude kaum zu finden war, und in einem vierten Fräulein Hedwig wohlgemuth, ein jedes mit Pferden von einer andern Farbe, dahergezogen: den Beschluß machte der Rest der löblichen Jägerschaft. Auf der rechten Seite der Kutsche, die den Grafen trug, gieng zum Unterscheidungszeichen der wohlbeliebte Maulesel des Grafen in seiner scharlachnen goldbeladnen Uniform; und die leere Stelle auf der linken Seite mußte auf Veranstaltung der Gräfin ihr Liebling in seinem atlaßnen Türkenkleide einnehmen. Eine solche Kirchfahrt war für den Grafen das köstlichste Vergnügen der Erde: er fühlte sich so wohl, wenn er sich in dem gläsernen Kasten wiegte, so zufrieden mit sich selbst! – Auch war es der sicherste Weg zu seiner Gunst, wenn man seine abentheuerliche Kirchenparade verherrlichen half; und die 138 Gräfin hatte aus keiner andern Absicht ihren Heinrich zu seinem Kammertürken gemacht. Die Idee nahm ihn so sehr ein, daß er mit beständigem Wohlgefallen aus der Kutsche auf den kleinen Muselmann herabsah: er dünkte sich auf der Leiter der Hoheit um ein paar Sprossen weiter hinaufgerückt. Da seine Gemahlin sonst dergleichen Aufzüge aus dem guten Grunde verhinderte, weil sie ein Muster von Lächerlichkeit darinne fand, so war die Freude izt desto lebhafter, daß sie ihn selbst dazu ermunterte: alles, auch selbst die Knoten seiner Perücke, wallten vor Entzücken an ihm. Dies war der wichtige Augenblick, wo der kleine Heinrich den ersten Schritt zur Gnade des Grafen that, und wo die Vermuthung des Publikums über seine unehliche Geburt zur Gewisheit wurde. Dies konnte um so viel leichter geschehen, da sein Vater erst zwey Jahre in den Diensten des Grafen und in dem Städtchen war, und also seine vorhergehenden Familienumstände an diesem neuen Wohnorte noch in einer kleinen Dunkelheit lagen. 139 Noch den nämlichen Tag empfieng er zur Belohnung der treugeleisteten Begleitung einen besondern Beweis von der Gunst seines Patrons. Wenn das Wetter nicht günstig war, um den prächtigen sontäglichen Spatziergang zu machen, wovon ich schon eine Beschreibung geliefert habe, so wurden die vakanten Stunden mit andern ganz eignen Lustbarkeiten ausgefüllt. In einem solchen Falle befand sich der Graf eben izt: trübe Regenwolken überzogen Nachmittags den Himmel und drohten jeden Augenblick mit Regen: er ließ also alle Stallleute zusammenrufen, sie mußten sich unter seinem Fenster im Zirkel stellen und zu einem Wettkampfe bereit halten. Dieser Wettstreit bestand in nichts geringerm als daß er Aepfel oder Kupferpfennige unter sie auswarf, damit sie sich darum balgten: sobald die ausgeworfne Kleinigkeit in ihren Kreis herabfiel, stunden sie alle aufmerksam da, die Augen auf den Preis geheftet: der Graf blies in ein Pfeifchen, und sogleich stürzte auf dieses Losungszeichen der ganze Haufen über einander her, balgte, raufte, krazte 140 und drückte sich um des Plunders willen, während dessen immer neue Anreizungen zum Streite über sie herabgeworfen wurden. Sollte das Spiel recht anziehend werden, so ließ er die Erde mit Wasser befeuchten, oder stellte es nach einem starken und langen Regen an, wenn der leimichte Boden schlüpfrig und durchweicht war, daß man bey jeder Bewegung ausgleitete und hie und da einer sein Bild in Lebensgröße in das nasse Erdreich eindrückte. Bey dieser hohen Ergözlichkeit hatte der neue Kammertürke die Gnade, das Körbchen zu halten, das die auszuwerfenden Kupferpfennige enthielt. So klein diese Gnadenbezeugung vielen scheinen mag und auch in der That ist, so war sie doch in den stolzen Augen des Grafen von ungemeiner Erheblichkeit: er erzeigte Jemandem alsdann die größte Gnade, wenn er sich einen Dienst von ihm thun ließ: das war sein Grundsatz, und insofern mußte sich der kleine Herrmann viel wissen; denn der Graf brauchte ihn unaufhörlich zu seiner Bedienung, wo er zu brauchen war: und da er ihn nunmehr in dem Lichte als 141 ein ihm unterwürfiges, dienendes Subjekt betrachtete, so hatte er wider seinen Aufenthalt auf dem Schlosse nichts mehr einzuwenden. Aber desto mehr die Gräfin wider die öftern Bedienungen, die er von ihm foderte: es war ihr höchstverdrüßlich, daß er so oft von ihr und ihren Beschäftigungen mit ihm abgezogen wurde; und weil sie ihren Gemahl durch keine Vorstellung darüber beleidigen wollte, so gieng sie so weit, daß sie sich ganze halbe Tage in einem abgelegenen Pavillon im Garten verschloß, ohne daß Jemand wußte, wohin sie war. Plötzlich, wie ein Fieber ausbleibt, stund bey der Gräfin ihre Leidenschaft für den Knaben still: ohne die mindeste Veranlassung, sogar ohne die mindeste Unzufriedenheit mit ihm erlöschte ihre Zuneigung: es wurde ihr lästig, ihn beständig um sich zu haben, beschwerlich, sich mit ihm abzugeben, selbst unangenehm, ihn zu sehen. So schöpfte sie meistentheils im Anfange jeder Leidenschaft das Herz mit so vollen überlaufenden Eimern aus, daß auf einmal eine gänzliche Trockenheit entstand: allmählig begann die 142 ausgetrocknete Quelle wieder zu fließen, und nunmehr ward erstlich eine vernünftige gemäßigte Neigung daraus, die die Zeit weder vermehrte noch verminderte, die nie strömte, sondern nur zuweilen auf kleine Zeiträume anschwoll und dann zu einem stillen ordentlichen Laufe wieder zurückkehrte. Heinrichs Glück war es, daß das erste Aufschwellen ihrer Liebe bey ihm so bald vorbeyschoß: er wäre der verzärteltste, eigenwilligste, unleidlichste Pursche durch sie geworden. – Um sich seiner zu entledigen, übergab sie ihn dem jungen Manne, den der Graf für den Unterricht der Baronesse besoldete. Er hieß Schwinger . 143   Zweites Kapitel. So viel Glück es für den kleinen Herrmann war, in die Hände seines neuen Lehrers zu gerathen, so viel Freude verursachte es diesem, die Laufbahn seiner Unterweisung und seines pädagogischen Ehrgeizes dadurch erweitert zu sehn. Er war einer von den Unglücklichen, denen die Natur viele Kraft, und das Schicksal nichts als unwichtige Gelegenheiten giebt, sie zu äußern: Talente und Ehrbegierde bestimmten ihn, ein Volk zu regieren, und weil sich kein Volk von ihm regieren lassen wollte, so regierte er – Kinder. Um ihn noch mehr zu tücken, nöthigte ihn sein widriges Geschick, den Platz in dem Hause des Grafens anzunehmen und in dem engern Kreise, der dem Unterrichte eines Frauenzimmers meistentheils vorgezeichnet wird, wie ein Vogel in dem Rade, womit er sich einen Fingerhut voll Wasser aufzieht, umzulaufen. Ein Pferd, das gern mit gestrecktem Galop über Felder, Hügel, Thal und Berg in die weite 144 Welt dahinrennen möchte und gezwungen wird, täglich in einen Zirkel von etlichen Ellen im Durchschnitte, sich herumzudrehn und einerley Bewegungen zu wiederholen, kann nicht so bäumen, so brausen, und von dem innerlichen niedergehaltnen Feuer geängstigt werden, als dieser arme Jüngling, zumal da seine Schülerin mehr einen lebhaften als wißbegierigen, mehr einen unternehmenden als fähigen Geist hatte, bey wenig Lust auch nur wenig in ihrer Wissenschaft fortrückte und in nichts merklich zunahm als im Briefschreiben, worinne sie frühzeitig ungewöhnliche Fertigkeit und eine angenehme fließende Sprache erlangte. Er wollte außer sich wirken, pädagogische Lorbern einsammeln und hatte kein Feld, wo er sie pflücken konnte: Muth, Geist und Nerven erschlaften in ihm: er verzehrte sich selbst. Er saß eben, als ihm die Gräfin ihren entsezten Liebling übergeben wollte, voll trüber unruhiger Empfindungen im Garten in der Einsiedeley – einem düstern Tannenwäldchen, dessen schlanke Bäume so dicht an einander standen, 145 daß ihre verschlungnen Wipfel fast nie einen Strahl Tageslicht durchließen. Mitten unter ihnen hatte man auf einem leeren Platze einen künstlichen Berg aufgeworfen und eine Höle hineingewölbt, deren Wände mit Moos überzogen waren und beständige Kühlung gewährten. Nicht weit davon machten zwey Mühlen ein angenehmes Getöse, und wenn man in der Höle saß, erblickte man durch die glatten Stämme der Tannen den blinkenden Wassersturz eines Wehrs, der wie ein ausgespanntes Tuch mit einem holen Brausen herniederschoß. Jedermann im ganzen Hause des Grafen, den geheimer Kummer, Vapeurs, Hypochondrie oder schlechte Verdauung quälte, flüchtete an diesen Schuzort der Melancholie, und Niemand, wenn seine Wunde nicht zu tief in der Seele saß, gieng leicht ungetröstet hinweg: die einförmige Musik des Wassers und die todtstille Finsterniß wiegten sehr bald in einen sanften Schlummer ein, der Herz und Nerven erquickte. Die Gräfin suchte damals diese Zuflucht, um sich vor der Langeweile zu schützen, die 146 gewöhnlich bey ihr und vielleicht bey jedem Menschen den Zustand begleitete, wenn sie eines Vergnügens überdrüßig war und wie auf Stahlfedern, mit einem unbestimmten Verlangen nach Neuheit hin und her schwebte. Sie fand alsdann nirgends Ruhe: alles war ihr zuwider: ängstlich irrte sie aus dem Zimmer in den Garten, und aus dem Garten in das Zimmer, fieng zehn Arbeiten an, beschäftigte sich mit jeder einige Minuten und warf sie weg, fütterte die indianischen Hühner ein paar Augenblicke und warf ihnen ungeduldig das ganze Brod vor die Füße, sah ihre Gemählde, ihre Kupferstiche durch und gähnte, blickte in ein Buch, las zwey Zeilen und legte es gähnend neben sich, holte ein anders und schlief ein. In einem solchen Gemüthszustande kam sie izt in den Garten, ihr bis zur Sättigung geliebter Heinrich, der sie eben in jene unruhige Langeweile versezt hatte, gieng hinter ihr drein, einen Theil von Geßners Schriften unter dem Arme, die sie unter allen deutschen Produkten des Geschmacks allein und gern las. Ihre Füße trugen sie von selbst zu dem 147 Tannenwäldchen und der Einsiedeley, wo sie Schwingern mit einer ähnlichen Krankheit behaftet, antraf. Er war gewohnt neben ihr zu sitzen, wenn ihr Gemahl nicht dabey war, der das Sitzen eines Mannes, den er bezahlte, in seiner Gegenwart als eine unanständige Vertraulichkeit verwarf: er nahm also, ohne ihren Befehl zu erwarten, nach der ersten Begrüßung sogleich wieder Plaz. Sie sind verdrießlich, fieng die Gräfin mit verdrießlichem Tone an. Seyn Sie doch aufgeräumt! Ich weis gar nicht, warum ich nun seit drey Tagen kein einziges fröliches Gesicht auf dem ganzen Schlosse erblicke. Wen ich anrede, der antwortet mir mit dem langweiligsten Ernste, und wenn er ja lacht, so sieht mans doch genau, daß er sich dazu zwingt. Selbst die Bäume im ganzen Garten sehn so unmuthig, so gelbgrün aus, als wenn der ganzen Natur nicht wohl zu Muthe wäre. – Sagen Sie mir nur, ob Ihr Leute alle auf einmal hypochondrisch geworden seyd? Schwinger. Vermuthlich scheinen wir alle 148 darum nicht aufgeräumt, weil es Euer Excellenz nicht sind – Die Gräfin. Ich? nicht aufgeräumt? – Ich dächte, daß ichs wäre. – Wissen Sie kein Mittel wider die Langeweile? Schwinger. Wenn Beschäftigung oder Zerstreuung nicht hilft – Die Gräfin. Wenn Sie sonst keine Arzney wissen, diese kenn' ich. – Thun Sie mir nur den Gefallen und machen Sie nicht ein so langweiliges Gesicht: man wird ja selbst verdrießlich, wenn man sie nur ansieht. Schwinger. Ich beklage unendlich – so will ich mich lieber entfernen – Die Gräfin. Bleiben Sie nur! – Wissen Sie nichts neues? Schwinger. Nichts als das einzige – Die Gräfin. Erzehlen Sie mirs nicht! Es ist doch vermuthlich etwas Langweiliges. – Finden Sie nicht auch, daß die Welt immer alltäglicher wird? Schwinger. Ja, ich fühle sehr oft die Last der Einförmigkeit. 149 Die Gräfin. Unausstehlich einförmig ist alles. – Es fehlt Ihnen wohl an Zeitvertreiben bey uns? – Trösten Sie sich mit mir! Der Graf macht mir immer so viele Veränderungen, daß ich – A propos! ich will Ihnen einen neuen Zeitvertreib schaffen. Hier den kleinen Heinrich nehmen Sie zu sich, unterrichten und erziehen Sie ihn, so gut sie können: vielleicht läßt sich etwas aus ihm machen. Er soll Ihnen ganz überlassen seyn: die nöthigen Bücher und andere Dinge fodern Sie von mir! Schwinger. Für dieses Geschenk danke ich mit so vieler Freude als wenn – Die Gräfin. Ich bitte Sie, machen Sie mir durch ihre Komplimente keine Langeweile! – ich kann Ihnen vor der Hand keine Vermehrung des Salars versprechen: allein wir werden schon sehn! Schwinger. Ich bin völlig zufrieden, völlig zufrieden, daß ich eine Arbeit bekomme, die mehr Thätigkeit fodert, als meine bisherige: und wenn ich nur den Beifall Ew. Excellenz verdienen könnte – 150 Die Gräfin. Sie werden mich Ihnen verbinden, wenn Sie ein wenig Fleis auf den Purschen wenden. – Sehn Sie, wer kömmt! Schwinger gieng, es zu untersuchen, und berichtete, daß es der Graf sey. – Ach! brach die Gräfin in der ersten Ueberraschung des Verdrusses aus; da wird erst – »die Langeweile angehn« wollte sie sagen; allein sie unterbrach sich und sezte hinzu, als eben der Graf in die Einsiedeley trat: Sie erzeigen mir sehr viel Gnade, daß Sie mir ihre unterhaltende Gesellschaft gönnen, gnädiger Herr. Der Graf machte ein Gegenkompliment, sezte sich und gähnte. Ich habe schreckliche Langeweile auf meinem Zimmer gehabt, fieng er an. Wenn man keinen Gefallen mehr an der Jagd findet, so weis man immer nicht, was man mit der Zeit anfangen soll. Alle Tage Gesellschaft aus der Nachbarschaft zusammen zu bitten, ist sehr beschwerlich. Ich bedaure Sie nur, daß ich nicht genug zu Ihrem Vergnügen beytragen kann – Die Gräfin. Mein größtes Vergnügen ist 151 Ihre Gesellschaft. Ihre Unterhaltung läßt mich nie Langeweile haben. Der Graf versicherte, daß er solche liebreiche Gesinnungen zu verdienen suchen werde, gähnte und schwieg. Beide saßen lange stumm da, wie die leibhaften Bilder des Verdrusses – hin und wieder eine kahle Frage nebst einer eben so kahlen Antwort – dann ein schmeichelhaftes Komplimentchen – hinter jeder Anrede und Antwort ein langes Intervall von Stillschweigen – das war ihr höchstunterhaltendes Gespräch. Nachdem sie sich fast eine halbe Viertelstunde mit einem so mühseligen Dialoge gemartert hatten, so versicherte der Graf, daß er durch seine Gemahlin ganz aufgeheitert worden sey, und sie that ihm aus Erkenntlichkeit die Gegenversicherung mit schläfrigem Tone, daß er ihr eine der schlechtesten Launen durch seine Gegenwart vertrieben habe. Als diese lebhafte Unterhaltung ganz erloschen war, fand sich die Baronesse bey der Einsiedeley ein und stuzte, daß sie zusammenfuhr, da sie beym Eintritte Onkel und Tante mit 152 niedergesenktem Haupte in tiefem Stillschweigen erblickte. – Was willst du? fragte der Graf. – Die Zeit wurde mir auf dem Zimmer zu lang, antwortete sie. Die kleine Heuchlerin! Sie war ausgegangen, den kleinen Herrman aufzusuchen; und die Zeit wurde ihr auf dem Zimmer zu lang, weil er nicht bey ihr war. Immer wird dir die Zeit zu lang, fuhr der Graf fort. Klagen wir doch niemals darüber. Mache es wie wir , so wird dir die Zeit niemals zur Last fallen. Setze dich zu uns! Unterhalte dich! Ein lebhaftes Gespräch, wie das unsrige, läßt gar nicht daran denken, daß es Zeit giebt. Wo ist Hedwig? fragte die Gräfin. – Die Baronesse berichtete, daß sie schon über eine halbe Stunde ausgegangen sey. Die lebhafte Unterhaltung stund abermals still, wie ein ausgetrockneter Bach. Nach einigen Minuten hörte man Fräulein Hedwigs Stimme sich mit vieler Heftigkeit nähern und zugleich ein Geräusch, als wenn ein ganzes Regiment Infanterie hinter ihr drein 153 marschirte. Die Baronesse sah sich darnach um, und brachte die Nachricht zurück, daß Fräulein Hedwig in Begleitung der sämtlichen Domestiken anrücke. Unmittelbar darauf erschien sie in höchsteigner Person: weil sie Niemanden in der Höle vermuthete, stellte sie sich einige Schritte weit von ihr hin, den Rücken nach dem Eingange gekehrt. Die Bedienten traten in einen Halbzirkel und hörten aufmerksam zu. Mit lauter Stimme, den rechten Arm ausgestreckt, die Hand geballt und den Zeigefinger in eine demonstrirende Lage gesezt, hub sie an: »Dort in Norden steht Vrsus magnum , auf deutsch der große Bär genannt« – Schnapp, riß ihr ganzes Auditorium aus, als wenn einem Jeden der große Bär auf den Schultern säße und ihn verschlingen wollte. Ihre Demonstration blieb vor Verwunderung in der Luftröhre stecken, und lange stund sie mit ausgestreckter Hand, wie versteinert, da und sah den flüchtenden Zuhörern nach. Endlich drehte sie sich um, von ihrer Arbeit in der Höle auszuruhen, wurde den Grafen gewahr und begriff nunmehr 154 die plözliche Flucht ihrer Schüler: der Anblick des Grafen, den sie alle wie eine Gottheit fürchteten, hatte sie verscheucht. Sie schämte sich und trat mit einer tiefen Verbeugung in die Höle hinein. Die Gräfin erkundigte sich lächelnd nach ihrer gehabten Verrichtung, und ob sie sich gleich anfangs weigerte, die Wahrheit zu gestehen, so trieb man sie doch durch wiederholte Fragen so in die Enge, daß sie bekannte, sie habe erschreckliche Langeweile auf ihrem Zimmer gehabt und sey deswegen darauf verfallen, die Domestiken auf pathetische Art im Spatzierengehen, wie Aristoteles, die Astronomie zu lehren. Warum geben sie sich mit solchen schlechten Leuten ab? sagte der Graf. Wissen Sie denn keine bessere Gesellschaft? – Setzen Sie sich zu uns! so wird es Ihnen nicht an Zeitvertreibe fehlen. Fräulein Hedwig gehorsamte mit dankbarer Ehrerbietung und schwieg. Niemand sprach ein Wort. – Nach langer allgemeiner Stille erhub sich der Graf. Man redet sich, sagte er, 155 in der Länge müde und trocken: wir wollen zusammen ausfahren. – Die Baronesse übernahm freywillig das Geschäfte, die Kutsche zu bestellen. In der Kutsche war das Gespräch eben so belebt wie in der Einsiedeley und an allen Enden und Orten, wo sich der Graf befand: denn er foderte als ein Zeichen des Respekts, daß man in seiner Gegenwart schwieg, daß man gern in seiner Gesellschaft war und sich nirgends besser vergnügte als bey ihm, wenn man gleich voll Langerweile in Ohnmacht hätte sinken mögen: wirklich bildete er sich auch ein, daß seine Gesellschaft die beste sey, weil er Jedem eine große Gnade zu erzeigen glaubte, dem er sie gönnte. 156   Drittes Kapitel. Unmittelbar nach der Erscheinung des Grafen in der Höle war Schwinger mit seinem neuen Untergebenen davon geeilt, um sich mit ihm über die Verbindung zu freuen, in welche sie treten sollten. Er fand sehr bald in ihm viel Talente, schnelle Begreifungskraft, festes Gedächtniß, Witz und einen hohen Grad von der vorzeitigen Wirksamkeit der Urtheilskraft, die man gewöhnlich Altklugheit bey Kindern nennt. Ueber die Vorfälle und Revolutionen des Hauses, über die Handlungen der Personen, die es ausmachten, über die Art, wie man bey gewissen Gelegenheiten verfahren sollte, entwischten ihm oft so glückliche Bemerkungen und Urtheile, daß sein Lehrer wünschte, sie selbst gesagt zu haben. Gegen den eigentlichen Bücherfleiß hatte er eine große Abneigung. Sachen, die man gewöhnlich nur lernt, um sie zu wissen, nahm sein Kopf, wie eine unverdauliche Speise, gar nicht an: was ihm die Unterredung seines 157 Lehrers darbot, faßte er gierig auf und erlangte durch diesen Weg eine Menge Kenntnisse, die ihn selbst in den Augen der hochgelehrten Fräulein Hedwig zu einem Wunder von Gelehrsamkeit machten. Genau betrachtet, merkte man deutlich, daß sein Kopf nicht gestimmt war, Eine Wissenschaft durchzuwandeln und in ihre kleinsten Steige und Winkelchen zu kriechen, oder jedes Blümchen und Grashälmchen, das Alte und Neuere in ihr gesät, erzeugt, geärntet haben, genau zu kennen; sein Blick gieng beständig ins Weite, war beständig auf ein großes Ganze gerichtet: was er lernte, verwandelte sich unmittelbar, so zu sagen, in seine eignen Gedanken, daß ers nicht gelernt, sondern erfunden zu haben schien, und seine Anwendungen davon bey den gewöhnlichen Vorfällen des Lebens waren oft sehr sinnreich und nicht selten drollicht. Was seinem Lehrer die meiste Besorgniß machte, war der ungeheure Umfang seiner Thätigkeit und Leidenschaft. Dieser junge Mensch, sagte er sich oft, muß dereinst entweder sich selbst, oder Andre aufreiben. Seine große 158 Geschäftigkeit, wenn sie der Zufall unterstüzt, und ihr nicht Unglück, Warnung, Erfahrung und natürliche Rechtschaffenheit beyzeiten die nöthige Richtung und Einschränkung geben, wird alles in ihren Wirbel hinreißen, sein Ehrgeiz alles erringen und sein Stolz alles beherrschen wollen: stößt ihn aber das Schicksal in einen engen Wirkungstrieb hinab, der seine Thätigkeit zusammenpreßt, dann wird er, wie eine zusammengedrückte Blase voll eingeschloßner Luft, zerspringen, sich selbst quälen und auf immer unglücklich seyn. Gleichwohl kann ich nach meiner besten Einsicht nichts für ihn thun, als daß ich seinen Ehrgeiz auf nüzliche, gute und wahrhaftig große Gegenstände leite, sein natürliches Gefühl von Rechtschaffenheit belebe und durch unmerklich eingeflößte Grundsätze stärke; daß ich ihn im strengsten Verstande zum ehrlichen Mann zu machen suche, und dann alle Leidenschaften in ihm aufwecke, damit sein Ehrgeiz durch ihr Gegengewicht gehindert wird, sein Herz ganz an sich zu reißen. Ob aus ihm das Schicksal einen Lasterhaften oder Tugendhaften, einen großen 159 Mann oder stolzen Windbeutel werden lassen will, das steht in seiner Gewalt: ich habe wenigstens verhütet, daß er nie ein Bösewicht oder Schurke seyn wird. Nach diesem Plane predigte er ihm nie die Unterdrückung der Leidenschaften, gebot ihm nicht, sie niemals ausbrechen zu lassen, sondern ließ der Wirksamkeit seiner Natur freyen Lauf, und war blos bedacht, seine Denkungsart durch Beispiele und seltne, gleichsam nur hingeworfne Maximen zu bilden. Mit den großen Männern der Geschichte ward sein Lehrling in kurzem so bekannt, wie mit Vater und Mutter: ihre guten und bösen Handlungen wußte er auswendig: sie begleiteten ihn ins Bette, bey Tische und auf den Spatziergang: sie waren seiner Einbildungskraft allgegenwärtig, wie das Bild einer Geliebten: er unterredete sich in der Einsamkeit mit ihnen, sah sie vor sich hergehn, tadelte und bewunderte sie. Ihre Büsten, in Gyps geformt, waren seine tägliche Gesellschaft: er stellte den Kopf des Cicero auf den Tisch, einen weiten Halbzirkel bärtiger Römer, wenn 160 sie auch hundert Jahr vor ihm gelebt hatten, um ihn herum, und hielt dann hinter ihm eine nervöse durchdringende Rede wider den Katilina, ermahnte die ehrwürdigen Väter der Stadt, das Ungeheuer zu verbannen und beseelte ihren schlaffen Muth mit römischem Feuer. Am öftersten mußte Kato die ausschweifenden Sitten, die Pracht und Verschwendung seiner Mitbürger schelten und sie zur Mäßigkeit, Sparsamkeit und wahren Größe des Herzens ermuntern, wobey er niemals vergaß – so sehr es auch wider die Chronologie war – ihnen sein eignes Beispiel zu Gemüthe zu führen. Wenn in seinem Gypssenate Unterhandlungen über Krieg und Frieden gepflogen wurden, so konnte man allemal sicher seyn, daß es zum Frieden kam: war aber vielleicht einer von den asiatischen Königen, ein Antiochus oder Mithridat, zu übermüthig, so entstand zuweilen in der Rathsversamlung selbst so heftiger Krieg, daß sich die streitenden Gypsköpfe die Nasen an einander entzwey stießen. Wenn eine Scene aus der neuern Geschichte aufgeführt wurde, so 161 brauchte er die nämlichen Schauspieler dazu, und nicht selten traf das Unglück den armen Kato, daß er den Thomas Becket vorstellen mußte. Das härteste Schicksal wiederfuhr jederzeit Leuten, die ihr Wort nicht gehalten, andre betrogen, überlistet, oder niederträchtig gehandelt hatten: sie wurden mit Ruthen gestäupt, und dem Nero grub er einmal die Augen förmlich aus, weil er ihm zu geldsüchtig war. Dergleichen Schauspiele wurden meistentheils in Gesellschaft der kleinen Baronesse aufgeführt, die oft, starr und steif vor Aufmerksamkeit, unter den alten Römern saß und einmal bey einer Leichenrede des Julius Cäsar durch die Beredsamkeit des kleinen Redners bis zu Thränen gerührt war. Zu gleicher Zeit grub sich seine niedliche Figur, die sie bey solchen Gelegenheiten in so mancherley vortheilhaften Stellungen und Wendungen, in so einnehmenden Bewegungen erblickte, immer tiefer in ihr Herz, und man kann behaupten, daß sie von jedem seiner Spiele um einen Grad verliebter hinweggieng. Wenn man noch überdies erwägt, daß seine dabey gehaltnen Reden, 162 entweder durch die Stärke des Tons, womit er sie ans Herz legte, oder auch durch den Ausdruck und die eingestreuten Sentiments, die er aus den Unterredungen seines Lehrers aufgefaßt hatte, jederzeit einen Eindruck auf sie machte, so wars kein Wunder, daß sie schon in ihrem neunten und zehnten Jahre von den großen Eigenschaften und dem Reize eines achtjährigen Redners so gut hingerissen wurde, als ein achtzehnjähriges Mädchen von einem schöntanzenden Jünglinge. Einem schönen Körper in reizender Bewegung widersteht eine weibliche Seele in keinem Alter. Bey ihrem Geliebten hingegen war jede Liebkosung, die er ihr verstohlner Weise gleichsam hinwarf, jede Gefälligkeit, womit er sie überhäufte, mehr kindische Galanterie als Liebe. Es ließ sich zwar mit einer kleinen Aufmerksamkeit wahrnehmen, daß die tägliche Gesellschaft der Baronesse in den Lehrstunden, ihr Umgang bey seinen Spielen, ihre zudringliche Gutherzigkeit bey den kleinsten Gelegenheiten, ihre Lebhaftigkeit und angenehme Bildung auch in seiner 163 kleinen Brust den Keim einer Zuneigung befruchtet hatte, die vielleicht bald Wurzel fassen, Aeste und Zweige treiben würde, nur mit der Axt umgehauen und nie ausgerottet werden könnte: allein es war doch eben so sichtbar, daß er sich ohne große Schmerzen von ihr getrennt und sie vergessen hätte, wenn man ihn damals außer dem Hause des Grafen in eine Laufbahn brachte, die seine Thätigkeit erschöpfte und ihm die Aussicht auf eine Befriedigung seines Ehrgeizes gab. Er durfte nur in eine öffentliche Schulanstalt oder Pension versezt werden, wo Wetteifer seine Kräfte anspannte, wo er Lob und Ehre zu erringen hofte: nicht eine Minute würde er angestanden haben, das Schloß des Grafen mit allen seinen Herrlichkeiten zu verlassen, wenn man ihm seinen neuen Aufenthalt von jener Seite vorgestellt hätte, da hingegen die Baronesse ihm vielleicht nachgelaufen und ohne Einsperrung nicht zurückzuhalten gewesen wäre: Sie gieng wirklich schon einmal mit diesem Plane um, als Fräulein Hedwig der Gräfin den vertrauten Umgang der beiden Kinder 164 verdächtig gemacht und sie beredet hatte, Heinrichen auf eine Schule zu thun. Alles suchte sogleich den Vorsatz der Gräfin rückgängig zu machen: Schwinger stellte ihr die Mangelhaftigkeit und Sittenverderbniß öffentlicher Anstalten vor, und malte ihr ein schreckliches Bild von der dort herrschenden Verführung, daß sie sich der Sünde geschämt hätte, durch ihre Wohlthat zu dem Verderben des Knaben etwas beyzutragen. Der Hofmeister, dem eine solche Trennung das Leben in seiner gegenwärtigen Stelle unleidlich gemacht hätte, trug durch seine einseitigen Vorstellungen den Sieg über Fräulein Hedwig davon; und die Baronesse wußte ihre Guvernante so unvermerkt in ihr Interesse zu ziehen, daß sie gern nicht mit Einem Worte an ihre erregte Besorgniß dachte und sie sogar der Gräfin wieder zu benehmen suchte. Die Sache war – Fräulein Hedwig hatte ihr vierzigiähriges Herz durch den sogenannten Stallmeister des Grafen, einen Menschen ohne Geburt, tödtlich verwunden lassen – so tödtlich, daß Tag und Nacht das kurze untersezte 165 Männchen im grünen Reitkollete und in lichtgelben Beinkleidern auf dem kastanienbraunen Engländer in ihrem Kopfe herumritt. Sie gab ihm sehr oft auf ihrem Zimmer Zusammenkünfte, auch fand sie sich nicht selten bey nächtlicher Weile bey dem kleinen Boulingrin im Garten mit ihm ein. Bey Vermeidung der größten Ungnade durfte sie eine solche Liebe nicht entdecken lassen, da sie eine Anverwandtin des Grafen war: gleichwohl wurde die Entdeckung unvermeidlich, sobald sie die Baronesse wider sich aufbrachte. Sie überlegte sich diesen gefährlichen Umstand beyzeiten und bemühte sich von selbst, die Gräfin wieder auf andre Gesinnungen zu bringen: besonders da sie durch ihre unüberlegte Anzeige auch Herrn Schwinger beleidigt hatte, so fürchtete sie desto mehr, und arbeitete deswegen aus allen Kräften, sich ihn verbindlich zu machen. Noch nicht genug! Diese Wendung nahm die Sache, ohne daß eine von den Parteyen sich gegen die Andre in eine wörtliche Erklärung eingelassen hatte: die Baronesse dachte in aller 166 Unschuld gar nicht weiter daran. An einem Sommerabende geräth Schwinger auf den Einfall, einen Spatziergang nach Tische in den Garten zu thun; und weil er noch einen Brief zuzusiegeln hatte, so gab er Heinrichen, der ungeduldig nach dem Abmarsche verlangte, die Erlaubniß voranzugehn. Er that es: kaum hatte ihn die Baronesse aus dem Fenster gehen sehn – husch! war sie hinter drein. Heinrich gieng, den Kopf voll von römischen Kaisern, die mittelste Allee hinauf: eh er sichs versah, hatte er einen Kniff von hinten zu in den Nacken, und ein freundliches »Guten Abend« benahm ihm sogleich die Furcht, die der Kniff zu erregen anfieng. Kaum waren sie einige Schritte mit einander gegangen, so hörten sie hinter einer Hecke auf der linken Seite den Sand knistern: die Baronesse, der man so vielfältig und ernstlich alle Vertraulichkeit mit ihrem geliebten Heinrich untersagt hatte, besorgte verrathen zu werden, gab ihrem Begleiter noch einen leichtfertigen Kniff und wanderte durch eine Oefnung der Hecke in einen Seitengang. Als sie 167 um die Ecke herumkömmt, steht ihre Guvernante in Lebensgröße da: sie hat, trotz der Ueberraschung, Besonnenheit genug, daß sie die Salope vor das Gesicht nimmt, als wenn sie sich vor der Abendluft verwahren wollte; und nun linksum nach einer andern Seite, als wenn sie Niemanden gesehen hätte. Die Baronesse war für ihr Alter ziemlich groß und hatte nichts als einen gelben Unterrock an: die halbblinde schielende Hedwig sieht in der Dämmrung diesen gelben Jüpon für die lichtgelben Beinkleider ihres Adonis und die schwarze Salope für sein grünes Reitkollet an: um die Illusion zu erleichtern, hatte der schadenfrohe Zufall der Baronesse eingegeben, den Capuchon über den Kopf zu ziehen. Fräulein Hedwig vermuthete anfangs, daß er sie nicht wahrgenommen habe, und schickte ihm deswegen einen scharmanten Adonis nach dem andern nach: da keine Antwort erfolgte, so hielt sie sein Stillschweigen für eine verliebte Neckerey, und um ihrer Seits gleichfalls nichts an dem Spaße fehlen zu lassen, gieng sie den vermeinten gelben 168 Beinkleidern, wie einem hellleuchtenden Sterne, nach. Die Baronesse stand in dem Wahne, daß ihr ihre Guvernante nachsetze, um sie auf der That zu ertappen und dann recht exemplarisch auszuschelten, und verdoppelte deswegen ihren Schritt. Wie das alte Meerkalb hinter drein trabte! und keuchte, halb vor Erschöpfung, halb aus verliebter Inbrunst! Und einmal über das andre röchelte sie: Du schalkhafter Adonis! – Du muthwilliger Narcissus! – Ich will dich wohl haschen, du loser Koridon! – Da hab' ich dich, du dicker Amyntas! – rief sie an dem Gatterthore und griff zu – Pah! da stand sie! erstarrt vor Schrecken, als sie statt der gelbledernen chaussure , wie sie zu sagen pflegte, einen seidnen Unterrock in ihren Händen fühlte, als sie aus ihrer verliebten Täuschung erwachte und vor sich die Baronesse und die Sekunde darauf Herrn Schwinger erblickte, der eben zu dem Gatterthore hereintrat. Das Bewußtseyn ihrer verbotnen Absicht und die Besorgniß, sich verrathen zu haben, raubten ihr so ganz alle Ueberlegung, daß sie nicht einmal eine Lüge 169 fand, ihren Fehlgriff zu bemänteln, sondern die Augen niederschlug und zitternd an allen Gliedern hinweggieng. Die Baronesse begleitete sie. Für Schwingern war der ganze Auftritt ein unauflösliches Räthsel, und die Baronesse machte auch nichts als schwankende Muthmassungen. Die Hauptsache errieth sie: ihre ähnliche Situation in Ansehung des kleinen Heinrichs führte ihr augenblicklich bey den Ausrufungen ihrer Guvernante die Vermuthung herbey, daß sie mit ihr auf Einem Wege gehen müßte. Als sie hinter ihr die Treppe hinaufstieg – keins von beiden sprach Eine Sylbe – fiel ihr ein, daß Fräulein Hedwig sehr oft den Stallmeister des Grafen, wenn er vor ihnen vorbeygegangen war, einen dicken Amyntas genannt hatte: – nun war sie auf der Fährte! Nach ihrer Ankunft in dem Zimmer fieng die Baronesse an, aber ohne boshafte Absicht, ohne spotten zu wollen: – Sie dachten wohl, ich wäre der dicke Stallmeister? – Die Frage versezte sie in Todesschrecken: sie 170 schwieg, die Kniee sanken ihr, sie sezte sich auf den Sofa, die breiten Lippen zitterten, als wenn sie ein Krampf auf und nieder risse. Die Baronesse besah indessen einen Finger ihrer rechten Hand am Lichte und saugte das Blut aus einer Wunde, die ihr unterwegs eine Stecknadel gemacht hatte. – Hab' ich nicht Recht? fragte sie noch einmal, während ihrer Operation. Ach, Ulrikchen! – stöhnte von hinten zu aus der dämmernden Ecke, wo der Sofa stand, eine schwache erlöschende Stimme zu ihr her. Sie drehte sich um, blickte hin, ergriff das Licht und beleuchtete ihre todtblasse, mit der Ohnmacht ringende Guvernante, zog ihr Riechfläschgen aus der Tasche und schwenkte ihr einen großen Strom ins Gesicht, daß das Kinn, wie ein Drachenkopf an einer Dachrinne, triefte: voll Lebhaftigkeit holte sie das Waschbecken, und ehe noch das Fräulein die Hülfe verbitten konnte– pump! lag ihr der ganze Seifenstrom im Gesichte: sie riß ein Bindel Federn aus dem Tintenfasse, zündete sie an und hielt ihr den brennenden Wisch unter die Nase, daß sie vor dem 171 Höllendampfe hätte ersticken mögen. Hustend schlug sie den stinkenden Federbusch von sich weg und versicherte, daß sie nicht ohnmächtig sey. Die Baronesse that alles mit so geschäftiger Liebe, so gutherziger Besorgniß! und stund, nachdem ihre Hülfe verbeten war, mit so unruhigem Erwarten da, in einer Hand das Licht, in der andern die verbrannten Federn, mit starrem Blicke auf Fräulein Hedwigs Gesichte geheftet! Ach, Ulrikchen! sprach das Fräulein mit bebender Stimme: verrathen Sie mich nicht: Ich bitte Sie um Gottes willen, verrathen Sie mich nicht! – Die Baronesse begriff nichts von dem Galimathias. – Warum denn? fragte sie verwundernd. Fräulein Hedwig. Ach, Sie wissen alles: ich bin in Ihrer Gewalt. Die Baronesse. Was soll ich denn wissen? Fräulein Hedwig. Ach, verstellen Sie sich nicht! Sie wissen alles: Sie wissen, daß ich dem Stallmeister zu Gefallen gegangen bin – 172 Die Baronesse. Ich weis nicht ein Wort davon. Fräulein Hedwig. Verstellen Sie sich nur nicht! Sie wissen, daß wir einander lieb haben: – lieber Gott! man ist ja auch von Fleisch und Blut geschaffen wie andre Menschen – wenns denn nun gleich kein Edelmann ist. Aber wenn das der Herr Graf erführe! Ich müßte mit meinem dicken Narcissus den Augenblick aus dem Hause. – Gerechter Gott! über das Unglück! die Ungnade! Ich müßte verhungern und verderben. – Ich will Ihnen herzlich gern in allem zu Gefallen seyn, Ulrikchen: nur verrathen Sie mich nicht! – Die Baronesse versprachs und gab ihr ungefodert ihre Hand drauf. Indessen war sie doch durch die übermäßige Angst der Guvernante wegen einer Sache, die sie nach ihrem Begriffe für eine so unendliche Kleinigkeit hielt, nicht wenig neugierig geworden und erkundigte sich also, was sie mit dem dicken Narcissus hätte machen wollen. 173 Fräulein Hedwig. Sie sind auch zu neugierig: das läßt sich ja so nicht sagen. In Ihrem Alter darf man darnach gar nicht fragen. Die Baronesse. Warum denn nicht? – Ist es denn in meinem Alter etwas böses, Jemanden lieb haben? Fräulein Hedwig. Ja, wenns bey dem Liebhaben bliebe! Aber wir sind böse von Jugend auf. Die Baronesse. Was sollte denn weiter geschehn? – Wenn man nun auch Jemanden, den man lieb hat, in die Backen kneipt, oder in die Waden zwickt, oder kitzelt, oder einen Kuß – ein gage d'Amour , wie Sies nennen – Fräulein Hedwig. Ach, das hat alles nichts zu bedeuten: aber, aber! Der Teufel schleicht umher, wie ein brüllender Löwe. – Wenns nur der Graf nicht erfährt! Die Baronesse. Wenn das alles nichts zu bedeuten hat, warum fahren Sie mich denn immer so an, wenn ich Heinrichen zwicke oder küsse? – Auch sogar die Tante untersagte mirs 174 neulich so scharf; und es hat doch nichts zu bedeuten, wie Sie selbst sagen. Fräulein Hedwig. Ja freilich hat das nichts zu bedeuten: aber liebes Kind! es geht weiter. Die Baronesse. Ich wüßte nicht – es fällt mir gar nicht ein, weiter zu gehen: was sollte man denn sonst thun? Fräulein Hedwig. Das schickt sich noch nicht für sie zu wissen. Die Mannspersonen sind gar zu verführerisch. Wissen Sie nicht, daß sich Iupiter optimus maximum in einen Schwan verwandelt hat – in cygnus mutatus est steht in einem lateinischen Buche – und blos um die arme unschuldige Helena zu verführen, die hernach zwey Knäblein und zwey Mägdlein auf einmal zur Welt gebracht hat. – Ja, sehn Sie, das ist eben der Spektakel! Wenn das nicht wäre! – Versprechen Sie mir ja, daß Sie Niemanden etwas sagen wollen! Wenn Sie auch der Graf oder die Gräfin fragt, thun Sie nur, als wenn Sie gar nichts wüßten! Die Baronesse. Herzlich gern! Aber Sie müssen es auch der Tante nicht wieder sagen, 175 wenn Sie mich einmal mit Heinrichen schäkern sehn, und mich nicht immer von ihm jagen, wenn ich ihn etwa an der Hand führe! Es hat ja nichts zu bedeuten, wie Sie selbst sagen. Wenn Sie mir das versprechen – Fräulein Hedwig. Ich versprech' es Ihnen ja, wenn Sie nur ihr Versprechen halten! Die Baronesse. Und müssen mir auch nicht immer so nachgehn und mir auflauren, ob ich etwa mit ihm allein bin – es hat ja nichts zu bedeuten. Dafür will ich Ihnen auch ein andermal, wenn wir einander, wie heute, antreffen, gleich sagen: ich bin nicht der dicke Amyntas. – Sie können mit ihm machen, was Sie wollen: ich will gar nicht hinsehn. Wollen Sie das? Fräulein Hedwig. Ich will ja: nur verrathen Sie mich nicht! – Nur verrathen Sie mich nicht! war noch ihre lezte Bitte, als sie ins Bette stieg. Als sie ihr Gespräch nunmehr bey ruhigem Blute überdachte, so merkte sie wohl, daß sie eine Narrheit begangen und in der ersten Angst zu übereilt angenommen hatte, die Baronesse wisse um alles: auch fühlte sie ein wenig, daß sie sich zu einer beständigen Verletzung ihrer Guvernantenpflicht anheischig gemacht habe: doch über dergleichen Gewissensvorwürfe wischte sie bald weg und bereitete sich nun zu einer Unterredung mit Schwingern zu, um zu erfahren, ob er auch etwas von ihrer Liebesangelegenheit wisse: denn sie hatte ihn im Verdacht, als ob er wider seine Gewohnheit so spät um ihretwillen in den Garten gegangen sey. Die Baronesse schlief eine gute Stunde weniger als sonst, weil sie verschiedene Spekulationen beschäftigten. – »Wenns bey dem Liebhaben bliebe!« – »Es geht weiter.« – »In ihrem Alter darf man das nicht wissen« – ewig kamen diese und ähnliche Reden ihrer Guvernante in ihr Gedächtniß zurück: sie wollte sich davon losmachen, sie schloß die Augen, um einzuschlafen, sie wandte sich bald rechts, bald links: nichts half! in ihrem Kopfe schwammen immer die nämliche Gedanken herum. Den folgenden ganzen Morgen über lauerte 177 Fräuleln Hedwig am Fenster auf Schwingern , wie ein Kater auf eine Maus: er gieng nicht vorbey. Ihre Unruhe ließ sie nicht länger warten: sie mußte eilen, Gewißheit über ihre Besorgniß zu haben, und im Nothfalle durch eine untergeschobne Lüge der Ausbreitung der Wahrheit zuvorkommen. Sie nahm also einen alten Autor in die Hand und gieng unter dem Vorwande, ihn über den Sinn einer Stelle um Rath zu fragen, zu ihm auf das Zimmer. Ohne lange Umschweife lenkte sie sogleich die Unterredung auf ihr gestriges Zusammentreffen im Garten; und Schwingers Antworten auf ihre Fragen über diesen Punkt, machten es ihr unzweifelhaft, daß er weiter nicht daran gedacht hatte, noch haben würde, wenn sie ihn izt nicht darauf brächte. Schwinger war ein sehr ehrlicher Mann, besonders aller Verstellung unfähig; er gieng seinen Gang in diesem Leben vor sich hin, ohne sich sonderlich um die Handlungen andrer links und rechts neben ihm zu bekümmern, wenn sie nicht auf sein Wohl oder Weh unmittelbar wirkten, oder seine besondre Pflicht ihn nöthigte, Acht auf sie zu haben: weil sie das gewiß wußte, so hielt sie die Mühe, mit welcher er sich an die Umstände jenes Zusammentreffens erinnerte, für aufrichtig. Indessen war es doch einmal so weit gekommen, daß ihm nun der ganze Vorgang wieder einfiel: er besann sich, daß sie die Baronesse bey dem Rocke erwischt und dabey gerufen hatte – »da hab' ich dich, du dicker Amyntas!« und erkundigte sich nunmehr nach der Veranlassung dieses seltsamen Auftritts. Warum ich das that? antwortete sie und freute sich im Herzen, ihre ausgedachte Lüge an den Mann zu bringen. – Das war ein Stratagematum . Sie wissen, daß die Baronesse beständig ihrem Heinrich nachläuft und ihm zuweilen sehr viele marques d'amour giebt. Es ist meine Pflicht, über das Mädchen zu wachen, daß sie mit einem so gemeinen Jungen nicht zu weit geht: man weis ja, wie leicht der Satan durch seine fallacibus Alt und Jung betrügt. – 179 Schwinger. O für den Satan ist mir nicht leid, wenn nur nicht das böse Beispiel – – Fräulein Hedwig. Ja, das weis man wohl, daß die Herren, die in Academiis – sprech' ich nicht so recht? Schwinger. Völlig recht! Fräulein Hedwig. Die in Academiis et Gymnasibus gewesen sind, keinen Teufel glauben: aber der Glaube kömmt ihnen mannichmal in die Hände. Schwinger. Vor dem Teufel ist ihre Baronesse und mein Heinrich sicher: den Schaden, den er ihnen zufügt, nehm ich über mich. Wenn wir sie kein böses Beispiel sehen lassen, noch geben – Fräulein Hedwig. Sie denken doch nicht etwa, daß ich der Baronesse ein böses Beispiel gebe? – Sie könnten mich in einen hübschen Ruf bringen – Schwinger. Nein, das war mein Gedanke gar nicht. In Ihrem Alter, gnädiges Fräulein, ist man darüber hinweg, ein böses Beispiel zu geben. 180 Fräulein Hedwig. Das ist nun eben kein galantes Kompliment. Schwinger. Weder etwas Galantes noch ein Kompliment will ich Ihnen sagen. Ich hoffe aber, Ihnen auch nichts Ungalantes noch Beleidigendes zu sagen, wenn ich Ihnen alle die Geseztheit und Ruhe der Leidenschaften zutraue, die Ihr Alter und Ihre Aufsicht über eine junge Dame erfodert. Fräulein Hedwig. Immer das Alter! Immer das Alter! Mein Alter ist ja noch kein Jahrhundert. Schwinger. Man wäre sehr unglücklich, wenn man so lange Zeit brauchte, um weise zu werden. – Aber wir kommen von Ihrer Erzählung ab. Sie haben also die Baronesse im Verdacht – Fräulein Hedwig. Nicht im Verdacht! ich weiß es gewiß, daß sie den Jungen liebt. Schwinger. Das sollte mir lieb seyn. Fräulein Hedwig. Lieb seyn? – Sie haben wohl nicht ausgeschlafen. Schwinger. Ich spreche mit völligem 181 Bewußtseyn. Ich wollte noch oben drein wünschen, daß auch mein Heinrich sie liebte. Fräulein Hedwig. Bedenken Sie doch, was daraus entstehn könnte! Wenn sie nun in amori weitergiengen! Schwinger. Das müssen wir verhüten. Vor allen Dingen muß man ihnen aus der Liebe kein Verbrechen machen, es ihnen nicht untersagen, Zuneigung zu einander zu fühlen und zu bezeigen. Eine solche Zuneigung ist meistens nichts als ein hoher Grad kindischer Freundschaft: untersagt man ihnen diese, so nöthigt man sie selbst, an der Liebe eine andre Seite aufzusuchen, die die Natur die meisten Kinder nur spät kennen lehrt. Die innere Empfindlichkeit kann man durch kein Verbot unterdrücken: sie verschließt sich, wie ein unterirrdisches Feuer, und steckt entweder die Einbildungskraft oder den Körper in Brand. Vergeben Sie mir, daß ich Ihnen bey der Gelegenheit einen Vorwurf machen muß! Wenn die Baronesse weiter geht – ihren Ausdruck zu gebrauchen – so sind Sie schuld daran. 182 Fräulein Hedwig. Was sagen Sie? – Sie werden doch nicht denken, daß sie mein Beispiel verdirbt? Schwinger. Nein, das nicht, aber Ihr Verbot! Was haben Sie dadurch gewonnen? Daß sie Schlupfwinkel sucht! daß sie eine kindische Neigung, die sie vor Ihnen nicht blicken lassen darf und doch nicht unterdrücken kann, nur dann äußert, wenns am gefährlichsten ist, das heißt, wenn sie beide allein sind! Durch die Zurückhaltung in Ihrer Gegenwart wird sie, wie verschloßne Luft, stärker und ihre Ausbrüche desto gewaltsamer, wenn ihr äußerer Widerstand weggeschaft ist. Hätte man sie nicht gehindert, so wäre sie vielleicht in einem halben Jahre abgenuzt worden, daß ich so sagen mag: sie hätten nie die Heimlichkeit, die Einsamkeit gesucht , und wir hätten sie mit geringer unmerklicher Wachsamkeit dafür bewahren können: doch izt brauchten wir Argus Augen, und noch wärs mißlich. Fräulein Hedwig. Wir müssen uns nur nicht, wie Argus, durch die Flöte des 183 Ambassadeurs Mercurii einschläfern lassen, so wird sichs wohl geben. Schwinger. Nein, es giebt sich nicht so leicht! Man hat sie einmal auf den Weg hingestoßen: fünf Minuten Einsamkeit! – und wer kann diese in einem Hause, wie das unsrige, ganz vermeiden? – ein tête-à-tête von fünf Minuten kann sie auf diesem Wege zu Entdeckungen führen, vor denen ich zittre. Fräulein Hedwig. Sie müssen nur Ihren Heinrich gewöhnen, daß er nicht alle unanständige Sachen so deutlich heraus sagt, wie ich mit der Baronesse thue: aber sie will sich auch nicht daran gewöhnen. Es ist mir recht ärgerlich, wenn sie alles, wie die Grasemägde, deutsch nennt und nicht lieber eine anständige französische oder lateinische Expression gebraucht. Schwinger. Was hülfe denn das? Bleibt der Sinn nicht derselbe? Fräulein Hedwig. Behüte! man muß angenehme Umschreibungen machen und viele Sachen gar nicht nennen. Die Worte führen weiter als man glaubt. Schwinger. Sehr richtig! aber nur dann am weitesten, wenn man die Zahl der unanständigen Dinge und Worte zu sehr vergrößert! Sie meinen doch vermuthlich solche Unanständigkeiten, die wegen ihrer Verbindung mit der körperlichen Liebe Kindern gefährlich werden können? – Eben diese Verbindung muß man verringern: je mehr Sachen, die ihrer Natur nach nur in einer entfernten Beziehung mit ihr stehen, man für unanständig erklärt, je mehr Dinge gewöhnt man sie in einer solchen Beziehung zu denken; und auf das Denken kömmt es an, nicht aufs nennen. Die Delikatesse muß in diesem Punkte in die engsten natürlichsten Schranken zurückgeführt werden. Warum sollte man in Gegenwart eines Knaben einen Busen nicht einen Busen nennen? Fräulein Hedwig. Schämen Sie sich doch! Vor einem Frauenzimmer so etwas zu nennen! Schwinger. So wenig als ein Frauenzimmer sich schämt, einen zu haben! Mein Untergebner muß einen Busen mit eben solcher Gleichgültigkeit nennen, als einen Finger oder ein 185 Gesicht: ich will alles Spiel seiner Einbildungskraft dabey hindern, einen Busen so wenig in Verbindung mit der Liebe setzen als einen Finger. Einen schönen Busen soll er schön finden, wie ein schönes Gesicht, eine schöne Hand: so wenig ich verhüten kann, daß ein schönes Gesicht gewisse Empfindungen bey ihm veranlaßt, so wenig kann ichs auch bey dem Anblicke eines schönen Busens thun: aber das hab' ich doch gewonnen, daß sie ein schöner Busen nicht mehr veranlaßt, als eine schöne Hand. Fräulein Hedwig. Nun weis ich doch, warum er so gern nach den Autels de l'Amour schielt! Schwinger. Das ist einer von Ihren delikaten Ausdrücken, die unendlich mehr Schaden thun als die bestimmteste Benennung. Sie lehren ja durch solche Umschreibungen ihrer Baronesse selbst Beziehungen, die sie so spät als möglich denken sollte. Mein Heinrich schielt nach keinen Altären der Liebe , sondern er sieht mit dem nämlichen Vergnügen einen Busen , womit er ein Gesicht ansieht, das ihm gefällt: an die Liebe denkt er gar nicht dabey: diese hat sich seiner Einbildungskraft noch nicht bemächtigt: er fühlt sie blos, wie sie ihn die Natur fühlen läßt. Fräulein Hedwig. Ja, das Fühlen! das ist eben das schlimme Ding. Schwinger. Lange so schlimm nicht als Sie sich einbilden! Man muß nur ein solches unvermeidliches, und im Grunde auch nicht tadelhaftes Gefühl immer mehr in Freundschaft verwandeln, und ihm beyzeiten zween Hüter entgegenstellen – Scham und Ehre . Fräulein Hedwig. Das thu ich fleißig: ich erinnere die Baronesse daran, daß er nur ein gemeiner Pursche ist. Schwinger. Und geben ihr, um sie vor Fehlern zu bewahren, ein Laster! den unerträglichsten, armseligsten Stolz! – Nein, die Ehre, die ich meinem Untergebnen einpflanzen will, ist ein Grad von Rechtschaffenheit, ein beständiges Bestreben, nichts zu thun, was andern schaden oder misfallen kann – Vergeben Sie, fiel ihm Fräulein Hedwig ins 187 Wort, daß ich Sie unterbreche! Ich bin noch im Neglische, wie Sie sehen: ich muß nunmehr an meine Toilette. – Sie machte eine tiefe Verbeugung und wanderte die Treppe hinunter, voller Freuden, daß sie der Entdeckung ihrer Liebesangelegenheiten auf allen Seiten vorgebaut hatte. Vermuthlich um ihr Gewissen wegen des Versprechens zu beruhigen, das sie gestern Abend in der Uebereilung der Baronesse that, und auf eine andre Art den Folgen vorzubeugen, die aus der angelobten Unachtsamkeit auf die Tändeleyen ihrer Untergebnen entstehen könnten, gieng sie, nachdem sie angezogen war, sogleich zur Gräfin und bat sie noch einmal um ein geschärftes Verbot an die beiden Kinder, mit dem Zusatze, daß sie nicht verrathen werden möchte, weil die Baronesse einen Groll auf sie werfen würde, welcher alle gute Wirkungen Ihrer Erziehung hinderte – und was dergleichen Beschönigungen und Gründe mehr waren! Die Gräfin versprach Verschwiegenheit. Es wurde ihr nunmehr selbst bange, daß ihr 188 Gemahl, wenn er hinter das Verständniß käme, allen seinen Zorn über sie ausschütten und ihr allein die Schuld beymessen würde, da sie die Veranlassung gewesen war, den jungen Herrmann ins Haus zu nehmen. Die Furcht mahlte ihr die Sache viel schrecklicher vor, als sie war, und ließ sie alle mögliche Folgen, die ein Liebesverständniß begleiten können, schon als völlig gewiß besorgen. Alle Vertraulichkeiten und Freiheiten der Liebe, heimliche Flucht, Entehrung der Familie, allgemeine Nachrede, Verachtung bey allen von ihrem Stande – aus diesen und ähnlichen Zügen sezte sich ihre Besorgniß ein fürchterliches Bild zusammen, bey dessen Vorstellung sie erschrak, daß sie zitterte. Eilfertig ließ sie Schwingern zu sich rufen und schärfte ihm neue Wachsamkeit ein: er mochte ihr sagen, so viel er wollte, daß die Liebe bisher noch unschuldig sey und daß man sie zuversichtlich durch ein neues Verbot strafbar machen werde: da half nichts! Die Gräfin gab ihm alles das zu und sagte nichts als daß sie einmal über das andre wiederholte: – 189 »Werde daraus, was auch wolle! wenns nur der Graf nicht erfährt!« – Sie war in zu heftiger Wallung, um sie nicht durch fortgesezten Widerspruch zum Unwillen wider sich zu reizen: Schwinger schwieg also, gelobte verdoppelte Wachsamkeit an und gieng ab. Die Gräfin war wirklich in der äußersten Unruhe. Den Knaben, nach einer zweyjährigen bessern Erziehung den Eltern zurückzugeben, schien ihr schimpflich und unbillig; ihn auf eine Schule zu thun, zu kostbar: und gleichwohl stand der Zorn des Grafen, wie ein Ungeheuer, das ihr mit der Dorngeißel droht, vor den Augen. Sie wußte keinen bessern Ausweg, als daß sie die beiden Verliebten zu sich kommen ließ, und durch Furcht in die nöthigen Schranken zurückscheuchte. Der junge Herrmann mußte zuerst erscheinen: aller vertraulicher Umgang mit der Baronesse wurde ihm schlechterdings untersagt, und in dem Eifer des Verbotes brach ihr Stolz so sehr durch den Schleier der Politesse, daß sie ihm seine niedrige Geburt als eine Ursache vorrückte, warum ihm ein solcher Umgang 190 nicht erlaubt sey: auf den Uebertretungsfall, der schon in einem Berühren der Hände bestehn sollte, sezte sie die Verbannung aus dem Schlosse und Städtchen zur Strafe. Das nämliche Verfahren wurde auch unmittelbar darauf gegen die Baronesse beobachtet und ihr die Zurücksendung zu ihrer Mutter – einer Wittwe, der die Verschwendung ihres Mannes nicht das mindste übrig gelassen hatte, einer Frau ohne Erziehung und voller Strenge – zur Strafe angekündigt. Heinrich , ob er gleich der Gräfin nicht Einen Laut antwortete, kam in Einer Gluth auf das Zimmer seines Lehrers: sein Ehrgeiz war durch den Vorwurf seiner Geburt und das Verbot so beleidigt, daß ihn Schwinger lange Zeit nicht besänftigen konnte. Er wollte mit aller Gewalt von dem Schlosse und aus der Gegend weg: sein Lehrer mochte ihm noch so dringend die Undankbarkeit vorstellen, die er durch einen so ungestümen Abschied aus dem Hause seiner Wohlthäterin begieng – noch so fürchterlich die Gefahren vormahlen, denen ein Pursche 191 von seinem Alter in der weiten Welt ausgesezt sey, wo man Geld haben oder verdienen müßte, um fortzukommen: er blieb unbeweglich in seinem Vorsatze. Schwinger, der ihn, wie seinen Sohn, liebte und seine rasche Gemüthsart kannte, besorgte in der That eine Entlaufung. Er gieng brausend und schnaubend in den Garten: Schwinger in einer kleinen Ferne folgte ihm nach, doch ohne daß er schien, ihn beobachten zu wollen. Er eilte gerade nach der Gartenmauer, erblickte eine Leiter, sezte sie an: Schwinger lauerte verborgen hinter der Hecke. Heinrich sah sich noch einmal um und – husch! war er die Leiter hinauf. Schwinger stürzte sich aus seinem Hinterhalte hervor und ertappte ihn bey dem Rocke, als er eben den Fuß aufhub, um von der Mauer hinabzuspringen: er zog ihn nach sich her und trug ihn in den Armen die Leiter herab. Lieber Sohn, sprach er, als er herunter war und hielt ihn noch immer in den Armen fest – ich bitte dich um Gottes willen, begehe keine Unbesonnenheit! Ich muß dir folgen, wenn du 192 gehst. Ich liebe dich zu sehr, um dich auf immer unglücklich werden zu lassen. Willst du mir zu Liebe nicht Eine kleine Beleidigung ertragen? – Verschmerze sie und mäßige dich! Dabey drückte er ihn so fest an sich, daß der junge Mensch laut schrie. Er ließ ihn los. Heinrich stund vor ihm und sah in den Sand. Mit halber Rührung und halbem Zorne stampfte er auf die Erde und sprach: Ich kann unmöglich bleiben. Schwinger. Wohl! so gehe! – Aber ich schwöre dir, ohne mich sollst du nicht! Ich habe dich so weit gebracht, daß ich mich deiner freuen kann; und nun sollt' ich dich allein, hülflos, halb gebildet in die Welt, in Mangel, Elend, Gefahr und Verführung hineinrennen lassen, ohne dir beyzustehn? – Nein, ich bin dein Begleiter: ich will mit dir betteln, arbeiten, hungern, schmachten und sterben. Aber ehe du deinen Entschluß ausführst, nur Einen Augenblick Ueberlegung! Bedenke, daß du dich und mich, deinen einzigen Freund, der Schande aussetzest, als wären wir wie Schelme 193 durchgegangen, daß du mich, den du so kindlich liebst, ins Unglück mit dir hineinziehst, daß du mich zwingst, meine Liebe gegen dich als eine Thorheit anzusehn, als eine Schwachheit, die mich elend macht! – Kannst du es ertragen, daß dich Jedermann für einen Undankbaren, einen jachzornigen, unbesonnenen Buben, einen entlaufnen, liederlichen Menschen schilt, dessen Namen man mit Verachtung und Abscheu nennt? Kannst du es ertragen, daß du deinen Lehrer auf immer unglücklich machtest, weil er dich zu sehr liebte? – Izt beweise, ob ich Recht hatte, daß ich dich für einen edeldenkenden Jüngling hielt, den Ehre und gutes Herz regieren, oder ob du ein schlechter und niederträchtiger Mensch ohne Ehre und Gewissen bist! – Willst du nun, so gehe! Ich folge dir. – Heinrich faßte seine Hand und sprach mit nassen Augen: Ich bleibe: aber ich kann unmöglich die Gräfin wieder ansehn. Schwinger. Das sollst du nicht, bis daß du wieder gesund bist. Du liegst itzo gefährlich krank am Zorne; und von Kranken kann man 194 nicht verlangen, daß sie billig seyn sollen. Komm. Wir wollen einen Spatziergang zu unserm Freunde, dem Pastor Schweder , thun: Bewegung, Zerstreuung, Gesellschaft wird dich gewiß kuriren. Heinrich. So eine entsezliche Beleidigung! – Wenn ich gleich kein Graf bin, muß ich denn darum ein schlechter Kerl seyn, der mit einer Baronesse nicht einmal umgehen darf? Schwinger. Lieber Sohn, wenn man so tödtlich krank ist wie du, da kann man nicht richtig urtheilen: sobald du wieder völlig gesund bist, dann wollen wir von deiner Beleidigung zusammen sprechen. Izt denke nicht an so eine verdrießliche Sache, damit du desto geschwinder genesen kannst. Mit diesen Worten ergriff er seine Hand und gieng mit ihm, Arm in Arm, zu ihrem Freunde, der auf einem nahgelegnen Dorfe wohnte. Unterwegs beschäftigte er ihn unaufhörlich mit Erzählungen, die er freilich nur mit halber Aufmerksamkeit hörte: gekränkte Ehre und vielleicht, auch ohne sein Bewußtseyn, gekränkte Liebe 195 nagte zu sehr in ihm: und seine innerlichen vielfachen sich kreuzenden Empfindungen und Gedanken nahmen allmählich so eine Wendung, daß er sich vorsezte, die Baronesse, der Gräfin zum Trotze, zu sprechen und zu lieben. Seine bisherige Neigung zu ihr, die gleichsam eingehüllt in einem Winkel seines Herzens gelegen hatte, wagte sich auch in diesem Augenblicke so weit hervor, daß sich seine Gedanken einen grossen Theil des Wegs über mit einer zärtlichen Betrübniß von der Baronesse unterhielten. Er sann auf Mittel, sie öftrer heimlich zu sehn, und es schien ihm zu seinem Vergnügen und seiner Rache so schlechterdings nothwendig, sie öftrer zu sehn, daß er izt schon Unruhe empfand, weil er durch den Spatziergang abgehalten wurde, seinen Troz in der Minute zu befriedigen. Schwinger glaubte ihn durch seine Erzählungen beruhigt zu haben: weit gefehlt! die Aussicht auf seine ausgedachte Rache war es, die ihn vor der Ankunft bey ihrem Freunde schon ganz wieder aufheiterte. Der gute Mann wußte nicht, wie richtig er prophezeiht hatte, daß 196 harter Widerstand aus kindischer Freundschaft wahre Liebe machen werde. Auf die Baronesse, weil sie schon wirkliche Liebe in sich fühlte, und zwar mit Bewußtseyn fühlte, that das Verbot eine andre Wirkung: es machte sie traurig, niedergeschlagen. Sie bekam Kopfweh, daß sie nicht zur Tafel gehen konnte: sie holte sich ein Buch aus der Bibliothek der Gräfin, und der Zufall mußte ihr gerade Geßners Daphnis in die Hände spielen. Sie las die Scenen verliebter Traurigkeit mit einem Interesse durch, das ihr bisher fremd gewesen war. Da ihre Empfindung nicht mehr in Blicke, Küsse und Händedrücke ausbrechen durfte, so trat sie zurück und warf sich auf die Einbildungskraft: jede Nische im Garten war ihr seit diesem Augenblicke eine Jasminlaube, wenn sie auch gleich nur aus grünen Latten bestund, jedes Rosenparterr eine grasreiche Ebne, voll Thymian und Quendel, wo wollichte Schafe herumirrten und junge muthwillige Lämmer hüpften: hinter jeder Hecke lauschte eine Phillis, um den lieblichen Liedern ihres Schäfers 197 zuzuhorchen: auf den Kastanienbäumen und Linden in den Alleen saßen Dryaden, Waldgötter, Amors haufenweise: jeder Sperling und jede Meise, die mit zwitscherndem Geschrey sich um die dunkelrothen Herzkirschen zankten, war eine Nachtigall, die mit melancholischen Accenten um ihren Gatten trauerte. Kein Frosch sprang bey ihrer Annäherung in das Bassin des Springbrunnens, ohne daß er in eine Nymphe umgeschaffen wurde, die schamhaft ihre entblößten Hüften im Wasser verbarg. Der ganze Garten wurde ihr ein Arkadien: in der Einsiedeley des Tannenwäldchens wohnte ihre Mutter, ihr Schäfer auf dem Schneckenberge, der sich jenseits auf der Wiese emporwand, und sie spielte vor sich in Gedanken den ganzen eingebildeten Roman durch. Fräulein Hedwig durfte sie keinen Augenblick verlassen: sie folgte ihr überall nach, und während daß die Guvernante sich in Gedanken von ihrem dicken Amyntas unterhielt und mit den Augen auf seine gelblederne chaussure Jagd machte, ergözte sich die Baronesse mit ihrem fantastischen Schäferspiele. 198 In der Einsiedeley, bildete sie sich ein, wohnte ihre Mutter, eine grausame Frau, die ihr Umgang, Gespräch und Liebe mit ihrem Daphnis untersagte. Phillis – diesen Namen hatte sie sich selbst gegeben – bat sie mit allen Wendungen ihrer kleinen Beredsamkeit, ihr nur einen viertelstündigen Besuch bey Daphnis zu gestatten: die Mutter war unerbittlich. In der Begeisterung dieses Gedankenspiels murmelte sie oft, wenn Fräulein Hedwig neben ihr auf der Bank saß, einige halblaute Worte, es entwischten ihr Seufzer, und Thränen rannen aus ihren Augen: ihre Einbildungskraft riß sie so stark hin, daß sie zuweilen mit lebhafter Bewegung auf ihre Guvernante hinzusprang und ihre Kniee umfassen wollte: plözlich weckte sie ein hastiges »was wollen Sie?« aus ihrem Traume, sie wich beschämt zurück und antwortete leise und voller Verwirrung: Nichts! oder sie beschönigte ihre Selbstvergessenheit mit dem Vorwande, als wenn sie ein Steinchen neben ihr aufheben oder ein Blümchen hätte pflücken wollen. Zuweilen ließ ihre Guvernante sie in der 199 Einsiedeley zurück, mit dem Befehle, ja nicht von der Stelle zu gehen, und streifte indessen den Garten allein durch, um den Stallmeister hinter eine Hecke oder in ein Bosket mit einem krächzenden Husten zu rufen: unterdessen dachte Phillis auf die Flucht. Ihre Mutter war nach ihrer Vorstellung auf das Feld gegangen, um die Ziegen heim zu holen, und sie nüzte diese Abwesenheit, um ihren Daphnis zu sehen. Sie stritt lange mit sich selbst, fürchtete ihren Zorn, wenn sie ihre Zusammenkunft entdeckte, wankte, schaute ängstlich um sich und floh in Einem Rennen nach dem Schneckenberge hin. – Ach! welch ein Schmerz! Daphnis war nicht da! Er hütete noch die Schafe auf dem großen Boulingrin, weit, weit von seiner Wohnung: sie konnte unmöglich seine Rückkunft erwarten, aus Furcht, daß ihre Mutter vor ihr wieder nach Hause kommen möchte. Um indessen ihm ein Zeichen zu hinterlassen, daß sie ihn gesucht hätte, hieng sie an die große Vase auf dem Schneckenberge einen Kranz aus Buchenlaube, aus Gras oder andern grünen Materialien gewunden, eilte 200 nach der Einsiedeley zurück und saß meistentheils, wenn ihre Guvernante von ihrer verliebten Expedition sich wieder einfand, so still und ordentlich da, als wenn sie nicht von der Stelle gekommen wäre. Wenn sie mit ihr durch die Kastanienallee wandelte, sammelte sie Kastanien, warf sie über die niedrigen Gesträuche der spanischen Weiden, in der Absicht, ihren Schäfer zu necken; und wenn ihr Fräulein Hedwig dies, als einen unanständigen Muthwillen, verbot, so kränkte sie sich insgeheim, daß ihr ihre strenge Mutter auch sogar jeden unschuldigen Scherz verwehrte. Auf dem Zimmer hatte sie so gut ihr Arkadien, wie im Garten: im Kabinete wohnte ihr Schäfer, der Sofa war die Wohnung der Mutter, und jedes graue oder weiße Feld in dem parketirten Fußboden eine besondre Trift, wo Daphnis, Alexis, Damon und andre Herren aus der geßnerischen Schäferwelt ihre Heerden weiden ließen Das Schreyen der übelgeschmierten Kabinetthür, wenn sie geöfnet wurde, waren ihr die lieblichen Melodien der Schalmeyen 201 und Pfeifen, die auf den Fluren des Fußbodens wiederhallten; und diese Thür ließ sie eines Nachmittags ihre Schalmeyentöne so oft machen, daß ihre Guvernante Zahnweh bekam und sogleich der Kammerjungfer Befehl ertheilte, die verwünschte Thür mit Baumöle zu salben. Nun war Hain und Flur stumm: die Flöten ertönten nicht mehr über das bunte Parket hin: es war Winter und die Schäfer trieben ihre Schafe nach Hause. Zum Glücke bekam auch der Sofa eine Neigung, musikalisch zu werden; und sogleich kehrte der Sommer zurück. Alle Triften waren wieder voll von wollichten Heerden, die Baronesse sezte sich auf den Sofa und brachte durch öftres Hin- und Herrücken, wie ein lebhafter Orgelspieler, wenn er das Pedal mit Füssen tritt, so vielfache Schalmeyentöne hervor, daß Fräulein Hedwig unsinnig hätte werden mögen. Der Tischer schlug einen Keil in die gewichne Fuge, aus welcher die Musik ertönte; und abermals vertrieb ein rauher Winter Freude und Gesänge von den öden Fluren. 202 Bey so beständiger innerer Beschäftigung verbreitete sich nothwendig über das Gesicht der Baronesse eine Art von Tiefsinn, eine Zurückgezogenheit in sich selbst: ihre Lebhaftigkeit verschwand, sie sprach selten und allemal nur abgebrochen, hörte auf keine Anrede, beantwortete keine Frage, wenn sie nicht etlichemal wiederholt wurde, verstand sie meistentheils falsch, murmelte sehr oft vor sich hin, brach zuweilen in eine Rede aus, die in ihr inneres Gedankengespräch gehörte, und mit der äußern Unterhaltung in keinem Zusammenhange stund: Niemand wußte, was man von ihr denken sollte. Sie war gesund, aß, trank und schlief, wie gewöhnlich: Graf und Gräfin vermutheten eine versteckte Krankheit und ließen den Arzt holen. Sie wurde in ihrer beiderseitigen Gegenwart von dem Aeskulapp des Städtchens verhört, der Puls untersucht: da war keine Krankheit zu finden! auch nicht eine Spur davon! Der Arzt wollte doch nicht umsonst gekommen seyn, und versicherte, daß sie Würmer habe: die ruchlosen Thiere, die ihr allen Muth weggefressen hatten, wurden so 203 heftig mit Purganzen bestürmt, daß sie Gefahr lief, wirklich krank zu werden. Ihre Munterkeit kehrte nicht wieder, und Fräulein Hedwig behauptete endlich, da kein anderer Grund gültig befunden wurde, daß sie stark wachse, welcher Meinung man einmüthig beistimmte, und nach einer so wahrscheinlichen Entdeckung beruhigte man sich, ohne weiter sich zu wundern oder nachzuforschen. Die Gräfin argwohnte zwar anfangs, daß ihr Verbot wegen des Umgangs mit Heinrichen die Veranlassung sey: allein da die Baronesse nicht die mindeste Miene machte, als wenn sie nach ihm verlangte, nicht Eine Gelegenheit suchte, ihn zu sprechen, so gab sie ihre Vermuthung bald wieder auf. Im Grunde war auch wirklich die Betrübniß darüber nur sehr kurz bey Ulriken: der Zufall führte ihr bald ein Rettungsmittel in die Hand: sie sezte ihre Liebe in der Einbildung so glücklich und zufrieden fort, daß sie gar nicht die Schwierigkeit, ihren wahrhaften Geliebten zu sehen, hinwegzuräumen suchte. Wenn sie noch so still und muthlos schien, fühlte sie in 204 sich Freuden, die ihr die Wirklichkeit nie hätte geben können. Heinrich durfte seit jenem Verbote keine Lehrstunden mehr gemeinschaftlich mit ihr haben: Schwinger ließ ihn so wenig von seiner Seite, als Fräulein Hedwig die Baronesse, gieng gar nicht mehr mit ihm in dem Garten, sondern jedesmal auf das Feld spatzieren: kurz, die beiden jungen Verliebten wohnten unter Einem Dache, und waren so gut als durch Meere und Länder getrennt. Dabey gebrauchte Schwinger den Kunstgriff, daß er seinen Zögling doppelt mehr, als vorher beschäftigte, zerstreute, und seine Thätigkeit in ein so unaufhörliches Spiel sezte, daß die Ehrbegierde die Liebe daniederhielt, und auch sehr bald der Vorsaz, die Baronesse der Gräfin zum Troz zu lieben, mit seinem Grolle über die erlittene Beleidigung verschwand, besonders da es in den ersten Tagen darauf ganz unmöglich war, mit ihr Eine Minute allein zu seyn. Jedes von ihnen beiden verfolgte ein Fantom der Einbildung – er die Ehre, die Baronesse ihren Daphnis; und darüber vergaßen sie beide die Wirklichkeit. 205   Viertes Kapitel. Während dieser Zeit hatte ein boshafter Nachbar in einem Zanke dem alten Herrmann den Vorwurf gemacht, daß er ein Hahnrey sey und einen Knaben für den seinigen erkenne, der doch einem viel vornehmern Mann angehöre. Das hieß die empfindlichste Seite seiner Ehre berühren: er brach sogleich den zankenden Ton ab, und fragte den Mann sehr ernsthaft, woher er das wisse. – »Weil ichs weis!« erwiederte der Andre. Warum fütterte und erzög denn der Graf deinen Jungen? – He? umsonst und für nichts thut man so etwas nicht. Frage nur deine Frau! die wirds besser wissen.« – Durch diese und ähnliche Gründe machte er den Alten so argwöhnisch, daß er sich vornahm, Licht in der Sache zu suchen. Die Scene des Zanks war bey dem Gartenzaune, und der Streit, wie leicht zu errathen, durch die Weiber angefangen worden: Herrmann war seinem Nillchen zu Hülfe geeilt, der Nachbar hielt sich für verbunden, 206 der seinigen gleiche Liebe zu beweisen, die Weiber traten ab und zankten eine jede für sich in ihrer eignen Küche, während dessen ihre beiden Klopffechter den Kampf vollends öffentlich ausführten. Weil der Nachbar sich als den Schwächern fühlte, so gerieth er auf die List, durch jenen Argwohn, die feindliche Parthey mit sich selbst zu entzweyn. Sie gelang ihm auch so wohl, daß sein Gegner sogleich von dem Kampfe und Wahlplatze abgieng, um über den erregten Argwohn ein peinliches Verhör mit seinem Nillchen anzustellen. Die Gemahlin wollte ihn nach seiner Rückkehr von dem Schlachtfelde für den geleisteten Beistand und erfochtnen Sieg mit ihrem Beifall krönen und stand deswegen in der Hofthüre bereit zu seinem Empfange: schon brach sie in Lobeserhebungen über seine Heldenthat und in Schmähungen wider die Feinde aus, allein wie sonderbar! – ihr Verfechter gieng mit weggekehrtem Blicke und drohender Miene vor ihr vorbey, ohne die Belohnung seiner Tapferkeit von ihr annehmen zu wollen. Sie gieng – wie 207 allemal bey solchen unvermutheten Erscheinungen – in die Küche, nahm ein Stück Essen auf die Hand und sann, indem sie es verzehrte, bey sich nach, was ihr Mann wohl haben möge. Sie wollte sich eben ein zweites Stück aus dem Schranke holen, weil sie bey dem ersten in ihrer Untersuchung nicht sonderlich weit gekommen war, als ihr der laute Befehl ihres Mannes gebot, vor ihm zu erscheinen. Weil es gegen Abend war, wo ihr Simson allemal seine Stärke verlor, gieng sie unerschrocken in die Stube und freute sich schon im Voraus auf eine neue Demüthigung, die er sich selbst anthun würde. Sobald sie in die Stube getreten war, schloß er hinter ihr zu: in der Mitte stand ein kleiner runder Tisch und auf demselben lag eine Pistole: es waren einander gegenüber zwey Stühle gesezt, und ohne ein Wort zu sagen, klopfte er mit der flachen Hand auf den einen, um sie zum Niedersetzen zu nöthigen. Da sie dergleichen wunderliche Schnurren von ihm gewohnt war, so nahm sie, der Pistole 208 ungeachtet, Platz, gleichfalls ohne zu reden. Er sezte sich ihr gegenüber auf den andern dastehenden Stuhl, ergriff die Pistole, spannte den Hahn und sezte sie vor sich, die Oefnung des Laufes nach ihr gekehrt: aus natürlicher Furcht vor Schießgewehr rückte sie mit ihrem Stuhle seitwärts, um aus dem Schusse zu kommen – er rückte mit der Pistole nach: sie rückte auf den alten Fleck – er folgte ihr mit der Pistole nach: um ganz sicher zu seyn, rückte sie dicht an ihn – er lief mit seinem Stuhle um den Tisch herum, daß sich der Lauf wieder nach ihr hinrichtete, berührte bey dem schnellen Umdrehen den Hahn – pump! gieng die Pistole los. Das arme Nillchen that einen lauten Schrey, glaubte sich getroffen und sank vom Stuhle, voll Verwunderung, daß sie noch lebte: Der Mann besorgte selbst, daß er in der Uebereilung wider seinen Willen etwas tödtliches hineingeladen habe, und fieng vor Angst so gewaltig an zu zittern, daß er kein Glied von der Stelle rühren konnte. Fest überredet, daß sie gestorben sey, blieb die Frau einige Minuten auf der Erde 209 liegen, und mit der nämlichen Ueberredung der Mann zitternd und bebend auf seinem Richterstuhle sitzen. Endlich merkte die Frau wohl, woran sie mit ihrem Leben war, und stund aus tückischem Trotze nicht auf. – »Nillchen!« hub er mit schwacher bänglicher Stimme an, »bist du todt?« – Nillchen antwortete nicht. »Nillchen! bist du todt?« wiederholte er mit weinerlichem Tone. – »So sag mirs doch nur! – Nillchen, antworte doch! bist du todt? mausetodt? – So rede doch!« Der Frau entwischte ein Lachen: er hörte es. Hurtig verwandelte sich seine Angst in nachdenkenden Ernst. – »Kannst du noch lachen?« sprach er vor sich hin, und sezte mit starkem gebietenden Tone hinzu: »Steh auf, Hure!« Schnell sprang die erschoßne Frau in die Höhe und fuhr geifernd auf ihn los: – »Was? wie nennst du mich!« Der Mann. Was du bist! Die Frau. So? seht mir doch! – Wenn du weißt, daß ich keine ehrliche Frau bin, warum hast du mich denn genommen? 210 Der Mann. Weil ich ein Narr war. Die Frau. Das bist du wohl alle Tage. Der Mann. Weib, habe Respekt! oder dich soll – Höre! antworte mir! bist du eine ehrliche Frau? Die Frau. Bist du wohl gescheidt? Der Mann. Weib, antworte ordentlich! oder ich schieße dich übern Haufen. Die Frau. Ich wollte, daß du mich erschossen hättest, damit sie dich itzo hängten. – So ein alter Narr! Pfui! schämst du dich nicht, so eine alberne Frage zu thun? Der Mann. Nicht mehr als du, keine ehrliche Frau zu seyn! Die Frau. Das bin ich! und den will ich sehn, der meiner Ehre zu nahe kommen soll! Der Mann. Daß dus weißt! Ich lasse mich von dir scheiden. Die Frau. Ja, da stehn sie und warten, ob sich Herr Herrmann scheiden lassen will! – Beweise mir doch etwas! beweise mir doch! Der Mann. Hast du den Grafen vor unsrer Heirath gekannt? 211 Die Frau. Ach, wo will er denn da hinaus? – Freilich hab' ich ihn gekannt. Der Mann. Nun ists gewiß: ich lasse mich scheiden. Die Frau. Ach, über den einfältigen Adam! Ich glaube, er denkt gar – laßt uns doch lachen! – Ja, der Herr Graf bekümmerte sich viel um deine Nille: dem liefen wohl Andre nach. Der Mann. Hat er dir nicht das Halsband mit den großen Perlen geschenkt? Die Frau. Das hat er. Der Mann. Wofür? Die Frau. Wofür? – Ach, geh mir doch! wirst wohl da die alte Historie wieder aufwärmen? – Das ist zu Methusalems Zeiten geschehn. Der Mann. Ich scheide mich. – Packe deine Paar Lumpen zusammen! und dann aus dem Hause! Die Frau. Wegen des alten Märchens? – Die Historie war ja hundert Jahre vor unsrer Hochzeit. Was hattest du mir denn damals zu befehlen? 212 Der Mann. Aber ich habe itzo zu befehlen. Wir sind Mann und Frau gewesen. Ohne weiter auf ihre Reden zu achten, wanderte er die Treppe hinauf, packte alle Kleider und Wäsche in die große Lade mit den korintischen Säulen, und brachte über eine Stunde zu, alle ihre Effekten von den seinigen abzusondern und einzupacken. Der Frau ward wirklich nunmehr bange, daß er sie einmal peinigen und zum Gelächter der Stadt machen werde; und was sie fürchtete, geschah. Er schob und schleppte mit eigner Hand die schwere vollgefüllte Lade die Treppe herunter und sezte sie vor die Thüre in den Hof: die übrigen Packete flogen zum Fenster herunter und nahmen ihren Platz auf und neben der Lade, wo sie ihn fanden. Als ihm nichts mehr in die Augen fiel, das der Frau eigenthümlich angehörte, so gieng er zu ihr, band ihr das Halsband mit den großen Perlen, das sie einmal als Jungfer von dem Grafen bekommen hatte, um den Arm und führte sie zur Hofthür hinaus zu ihren Sachen, schloß alle Eingänge am Hause zu und stellte sich mit 213 seinem Pfeifchen ans Stubenfenster, um seine eifersüchtigen Grillen mit dem Tobaksdampfe in die freye Luft hinauszublasen. Die verabschiedete Frau saß also unter freyem Himmel auf ihrer Lade zwischen den übrigen Effekten und hofte ganz sicher, daß bey der eintretenden Dämmerung ihren Mann sein Liebesfieber überfallen und nöthigen werde, sie unter demüthigenden Bedingungen wieder zurückzurufen. – Die Dämmerung kam; es wurde Nacht: Niemand im Hause rührte sich. Nun mußte sie im Ernst darauf denken, ihre Sachen in Sicherheit zu bringen und ein bequemeres Nachtlager zu suchen, als ihr die Lade darbot: dem Manne zum Trotze wollte sie wieder ins Haus. Sie sah sich allenthalben nach einem niedrigen Fenster um, und konnte keins ansichtig werden, das sich besser zu einer Thür gebrauchen ließ, als das Küchenfenster, ob es gleich ziemlich hoch von der Erde war. Sogleich wurden die nöthigen Anstalten zum Einsteigen gemacht, die Lade unter das Fenster gerückt, und nun hinauf! Aber wer sollte das 214 Fenster aufmachen, das sich nur inwendig öfnen ließ? – Man schlägt eine Scheibe ein: sie thats, und nun waren beide Flügel weit offen. Alle Schwierigkeit hatte sie immer noch nicht besiegt: wie sollte sie sich ohne Hülfe so weit hinaufschwingen? – Sie versuchte: es gieng nicht. Sie wanderte den Hof hinab, um sich den Beistand einer Nachbarin zu erbitten, und siehe da! eben kam die Magd vom Felde hinten zum Garten herein: nun hatte sie gewonnen Spiel. Die Allianz wurde gleich zwischen ihnen geschlossen, und man eilte mit großen Schritten, die Eroberung des Küchenfensters fortzusetzen. Die Magd begeisterte das allgemeine Interesse ihres Geschlechts mit Löwenmuth, sie erstieg den Wall, sprang in die Küche hinab, in einem Augenblicke war der innere Riegel der Hofthür weggeschoben, und man zog triumphirend in der eroberten Festung ein. Nacht und Dunkelheit waren geschworne Feinde des alten Herrmanns: sie entwafneten seine Tapferkeit so sehr, daß er fast zum Kinde wurde. Ermüdet von der Hastigkeit, womit er 215 seiner Frauen Habseligkeiten in den Hof schafte, war er bey seinem Pfeifchen am Fenster eingeschlafen: Zähne und Hände ließen den schwarzen beräucherten Stumpf entschlüpfen, daß er in hundert kleinen Stücken auf dem Pflaster herumtanzte. Der Schlummer hielt an, bis zu dem ersten Sturme, den die Frau auf das Küchenfenster wagte: das Geklirre der eingeschlagnen Scheibe erweckte ihn; aber o Himmel! in der ganzen Stube wars finster wie im Grabe. Er tappte nach dem Feuerzeuge, fand es, schlug sich die Knöchel wund, und da sein Zunder brannte, war kein Licht da. Indessen nahm der Lärm der Eroberung zu: nun wars vollends um seine Herzhaftigkeit geschehn. Er konnte keinen Schritt vor die Thür thun, wenn er gleich ein Königreich damit hätte gewinnen sollen. Das Getöse vermehrte sich – denn die Frau schafte mit Hülfe der Magd die Effekten wieder ins Haus – und er fand kein ander Mittel, als die Parthie aller Furchtsamen zu ergreifen – er verschanzte sich: die Thür wurde verriegelt, ein Tisch vorgerückt, und es war fest 216 beschlossen, daß er die Nacht hinter seinen Verschanzungen zubringen wollte. Nillchen kannte seine Furchtsamkeit im Finstern und ließ nichts ermangeln, ihre Rachsucht nach Herzenslust zu sättigen. Die zwei Weibsbilder erregten ein Getöse im Hause, als wenn sieben Legionen Teufel eingekehrt wären: Treppe auf, Treppe nieder! Die Magd, um ihrem Tritte mehr Gewicht zu geben, bewafnete die Füße mit einem Paar Schuhen von Juchten, deren Solen dick wie Breter, und deren Absätze mit Nägeln, wie mit Hufeisen, beschlagen waren: bey jedem ihrer Dragonertritte erbebte das ganze Gebäude, und aus allen vier Winkeln des Hauses hallte das Klappen der Nägel, wenn sie auf den Backsteinen hinlief, in mannichfaltigen Tönen, wie ein übelgestimmtes Glockenspiel, zurück. Die Thüren wurden zugeschlagen, daß sie aus den Angeln sprangen: man bereitete in der Küche ein Banket und verzehrte die triumphalische Mahlzeit mit lautem Lachen und Singen, während dessen der alte Herrmann in der daran stoßenden Stube ausgestreckt auf drey 217 Stühlen lag, vor Hunger und Aerger seufzte, gern seinen Kummer verschlafen wollte und vor dem Getöse, das bis über Mitternacht hinaus dauerte, kein Auge schließen konnte. Einen schimpflichen Frieden durch Nachgeben zu erkaufen, litt seine Ehre nicht, und ihn durch Gewalt zu erzwingen, war er zu furchtsam, weil er, nach der Größe des Lärms zu urtheilen, glaubte, der weibliche Theil des ganzen Städtchens habe sich versammelt, sein beleidigtes Geschlecht an ihm zu rächen; und dann war es einmal sein Grundsaz, in der Dunkelheit nicht zu fechten, weil er gewiß den Kürzern zog, sobald man die Bosheit begieng, das Licht auszulöschen. Sonach ertrug er gelassen alles Ungemach und war froh genug, daß man um ein Uhr ihn auf den harten Stühlen einschlummern ließ, unterdessen daß die feindliche Parthey sich in weiche Federn versteckte. Kaum erschien die gewöhnliche Zeit des Aufstehens, als Nillchen schon wieder im Hause herumtobte, doch mit vermindertem Geräusche: sie nahm mit lautem Geklirre der Tassen und Teller in der Küche Kaffe und Frühstück ein. Der alte Herrmann dehnte sich auf seinem harten Lager, stund, wie an allen Gliedern gerädert, auf und überlegte seinen Operationsplan für den folgenden Tag. – Die erste Hand zum Vergleiche zu bieten, das war, bey so vielem Rechte auf seiner Seite, sehr hart: gleichwohl hatte die Frau die vortheilhaftesten Posten im Hause besezt und ihn so eingeschlossen, daß sie ihn mit leichter Mühe aushungern konnte: da war nichts zu thun, als sie mit List aus ihrer günstigen Stellung zu vertreiben. Er räumte die Festungswerke vor der Stubenthür weg und gieng, ohne sich mit Einem Blicke umzusehn, zum Hause hinaus. Nun hatte er das Feld geräumt. Er blieb den ganzen Tag außen, auch die Nacht: er brachte beides bey einem Bekannten zu, einem Schlosser, von dem er sich ein großes starkes Vorlegeschloß verfertigen ließ. Mit Anbruche des Tages erschien er nebst seinem Freunde, öffnete die Hausthür – er hatte den Schlüssel dazu bey sich – und nun gerades Wegs vor 219 die Schlafkammer der Frau! Der Schlosser schlug mit allem Geräusche seines Handwerks Haspen und Anwurf an die Thür, und beide legten feierlich das große Schloß davor. Darauf begaben sie sich, voll Freude über den ausgeführten Anschlag, in die Nebenstube und übten alle mögliche Repressalien aus. Der Schlosser war ebenfalls einer von den Ehemännern, der mit seiner Gattin in unaufhörlichem Kriege lag, und stritt für sein eignes Interesse, indem er die Rache seines Freundes unterstüzte. Sie fiengen an zu trinken; der Schlosser, dem diese wohlthuende Rache ungemein behagte, nahm einen so lebhaften Antheil an der Ehre seines Freundes, daß er in einer halben Stunde bereits betrunken war: der alte Herrmann konnte, wie gesagt worden ist, vor dem Nachmittage keinen Branntewein zu sich nehmen, und hielt sich für seine Nüchternheit mit einer großen Kanne selbstgemachten Kaffe schadlos; und dann gieng er in eigner Person das Mittagsmahl für sie beide zuzubereiten. Diese Abwesenheit ihres Mannes wollte die 220 eingesperrte Frau nützen: sie redte den trunknen zurückgebliebnen Schlosser durch die Wand an und bestürmte sein verstocktes Herz mit den rührendsten Bitten, sie heimlich herauszulassen. Der Wächter, der in seinem berauschten Kopfe gegenwärtige und vergangne Zeit nicht sonderlich unterschied und sich also beinahe gar nicht besann, wer diese Frau sey und warum man sie hier eingeschlossen habe, staunte nicht wenig, eine Weiberstimme in der Nähe zu hören. Er horchte und erkundigte sich stammelnd, wo sie sich aufhalte: zehnmal sagte sie es ihm, und zehnmal begriff ers nicht: er merkte wohl, daß die Stimme von der Wand her kam, und taumelte deswegen an ihr auf und ab, um das Frauenzimmer zu haschen; und wenn er einmal zugriff und etwas fest hielt, so wars ein Stuhl oder ein Tisch. Der Trunk hatte mancherley verliebte Regungen in ihm aufgeweckt, und er war äußerst erbittert auf das Frauenzimmer, das ewig redte und sich niemals haschen ließ. Sie schmeichelte seiner Begierde mit dem Versprechen, sich sogleich haschen zu lassen, wenn er nur das große 221 Schloß öfnete, das er heute angelegt habe: der verliebte Trunkenbold, nachdem er lange Zeit mit dem Hammer an der Wand herum gehauen hatte, um das Schloß aufzuschlagen, begriff endlich, daß er es vor der Stube an der Nebenthür suchen müßte, und wankte hinaus, zog einen großen Schlüssel aus der Tasche und fluchte und schwor, daß sich das verdammte Schlüsselloch nicht treffen lassen wollte: er stieß und stampfte um sich herum, so sehr ihm die Gefangne leise zu verfahren rieth, und tobte so ungestüm, daß endlich der alte Herrmann durch sein Getöse herbeygezogen wurde. Leicht zu erachten, daß er ihn etwas unsanft zur Ruhe verwies! Er warf ihn zur Stube hinein und zeigte ihm einen Platz, von welchem er bey Lebensstrafe nicht aufstehn sollte; und der folgsame Schlosser legte sich demüthig in den Winkel, wie ein Hund, wenn ihm ein drohendes »Kusch!« zugerufen wird. Bey der Mittagstafel fand der halbnüchterne Schlosser einen neuen Beruf, sich zu betrinken, und Nachmittags, etwas zeitiger als sonst, fühlte der alte Herrmann den nämlichen Trieb. 222 Nun kam der Zeitpunkt, wo die eingesperrte Ehefrau ihre Erlösung bewirken mußte. Er fieng allmälich an, von seinem Nillchen sehr viel zu sprechen und sie wegen ihrer Schönheit und häuslichen Erfahrung zu loben: – »Wenn sie nur eine ehrliche Frau wäre!« sezte er hinzu. – »Kanst du dir vorstellen, Jakob?« fuhr er nach einer Pause fort: »da will sie sich von mir scheiden lassen – das Donnerweib! damit sie so recht nach ihrem Gefallen leben kan – aber ich habe sie eingesperrt – sie darf nicht fort – ich lasse mich doch nicht scheiden – und wenns gleich der Kaiser und der Oberpfarr haben wollte. – Sie soll nicht heraus – bis sie mir verspricht, daß sie sich nicht will scheiden lassen – und wenn sie bis an den jüngsten Tag drinne stecken sollte.« Einen so günstigen Augenblick ließ die Gefangne nicht ungebraucht vorbeygehn: sie versicherte ihn durch die Wand, daß sie sich nicht scheiden lassen wollte, wenn er sie in Freiheit sezte. »Du mußt mir schwören,« rief der Mann. 223 – Sie verstund sich dazu: er sagte ihr einen Schwur vor, der die fürchterlichsten Verwünschungen enthielt: sie sprach ihn nach. »Ja; Nillchen,« fieng er von neuem an, »wenn ich nur wüßte, ob du eine ehrliche Frau bist! – Bist dus nicht, so laß ich mich scheiden. Das muß ich wissen; sonst kömmst du nicht heraus.« – Natürlich daß sie alle Beredsamkeit anwandte, ihn über den streitigen Punkt zu versichern. – »Du mußt mir schwören,« war seine neue Foderung, die sie eben so gern zugestund; mit den vorigen Formalitäten beschwor sie ihm, daß sie nicht nur eine ehrliche Ehefrau sey, sondern es auch in alle Ewigkeit bleiben wolle. Die Kapitulation war gemacht, der Friede geschlossen und die Gefangenschaft aus. Desto stärker fiel sein Zorn nun auf alle, die die Ehre seiner Frau angetastet hatten: sie mußte sich neben ihn setzen, und er konnte beständig noch nicht von der Hauptfrage wegkommen: sie sollte ihm berichten, warum der Nachbar sie einer Untreue beschuldigt habe, und sie gab ihm zur Ursache den Neid an, den die Gnade des Grafen gegen ihren Heinrich bey Jedermann errege. Nun war er auf einen schlimmen Punkt geführt: er brach in Schmähungen wider den Grafen aus, daß er das ehrliche Nillchen durch seine Gnade in einen solchen Ruf bringe, und betheuerte, daß er ihm die ganze Gnade vor die Füsse werfen wolle. – »Mach' ein recht kostbares Abendessen,« schloß er: »daß es fertig ist, wenn ich wiederkomme!« – Nillchen gehorchte dem Befehle. Er folgte ihr nach und gieng halbtaumelnd zum Hause hinaus. Er wollte aufs Schloß; aber in der Berauschung verfehlte er den Weg, wanderte durch drey, vier Gassen, und eh er sichs versah, war er wieder vor seinem Hause. Er fluchte auf den Grafen, daß er sein Schloß so oft verrückte, und wiederholte die Wanderung so oft, daß er in der Abenddämmerung an Ort und Stelle anlangte. Graf und Gräfin waren verreißt, Niemand da, der ihn zurückhielt, und er erreichte also ungehindert Schwingers Zimmer. Schwinger saß im Kabinete und arbeitete 225 an einer Predigt, womit er die christliche Gemeine künftigen Sonntag bewirthen wollte, hatte sich verschlossen und so sehr in Begeisterung verloren, daß er weder hörte noch sah. Fräulein Hedwig, um sich die Abwesenheit der gnädigen Herrschaft zu Nutze zu machen, war ihrem dicken Amyntas nachgegangen und belustigte sich im Garten mit ihm nach Herzenslust: die Baronesse stund, in arkadische Bilder vertieft, am Fenster und weidete sich mit der Einbildung an den Freuden der Liebe, die ihr die Wirklichkeit nicht gewähren durfte. Der alte Herrmann gieng unangemeldet ins Zimmer hinein und fand seinen Sohn am Tische sitzend, von den Weisen der heidnischen Welt umringt: Augen und Gedanken waren ganz in seinem Buche, und er wurde die Anwesenheit seines Vaters nicht eher inne, als bis er ihn bey dem Arme faßte. – Heinrich, sprach er, komm mit mir! – Der Sohn folgte ihm ohne Widerrede. Er führte ihn die Treppe hinunter. Heinrich erkundigte sich zwar sehr oft, wohin er sollte, aber die Antwort blieb außen. – An der 226 Thür entschuldigte er sich, daß er ohne Erlaubniß seines Lehrers nicht weiter gehen dürfe und wollte umkehren: schnell ergriff ihn der Vater in der Mitte des Leibes, lud ihn auf die Schultern und trabte mit ihm fort, wie ein Schwan, der seiner kleinen Nachkommenschaft zum Schiffe dient. Der Sohn war durch die Neuheit des Vorfalls so in Erstaunen gesezt, daß er sich ohne Widerstand forttragen ließ und nur unterwegs zuweilen Miene machte, sich loszureißen, aus Besorgniß, seinem Vater eine zu schwere Last zu seyn: da half nichts! Je mehr er widerstrebte, je fester packte ihn der Herr Papa, je schneller eilte er mit ihm davon. Alle Leute blieben verstummend stehn, und Niemand dachte vor Verwundrung über die Seltsamkeit der Sache daran, ihn aufzuhalten. Die Baronesse erblickte durch das Fenster ihren Heinrich auf dem Rücken eines Fremden, den sie nicht erkennen konnte, und der, wie ein Knabenräuber, mit ihm dahineilte. In Einer übereilten Hastigkeit riß sie die Thür auf, flog die Treppe hinunter, zum Hause hinaus und dem Entführer nach. 227 Der Vater sezte seine Bürde in seinem Hause ab und schloß die Thür zu. – Da! sagte er zu seiner Frau, die erstaunt in der Küchenthür stund, da ist Heinrich! Die Leute sollen uns nicht länger nachreden, daß ihn der Graf füttert, weil er nicht mein Sohn ist. Wenn dir nun noch Jemand Schuld giebt, daß du keine ehrliche Frau bist, Nillchen! Nillchen! so nimm dich in Acht! Ich schlage allen die Köpfe ein, die so sprechen, und dich wider die Wand, wie einen alten Topf. – Dabey faßte er, um seine Drohung sinnlicher zu machen, einen alten dortstehenden berußten Topf und schleuderte ihn mir einer Gewalt an die Küchenmauer, daß die Umstehenden sich vor den herumfliegenden Scherben retten mußten. »Du bleibst nun in alle Ewigkeit bey uns,« fuhr er fort, indem er sich zu seinem Sohne wandte und ihn derb bey dem Ohre zupfte, welches eine von seinen hauptsächlichsten Liebkosungen war: – »Du bleibst bey uns. Du sollst nicht länger schmarotzen: und wenn dich Jemand wieder wegholen will und du gehst mit 228 ihm, so mache dich gefaßt, daß die Stücken von deinem Kopfe so herumfliegen werden, wie die Scherben von dem Topfe.« – Diese Drohung wurde von einem Paar fühlbaren Stößen begleitet, die er dem Sohne mit geballter Faust auf den Wirbel versezte. Indessen hatte sich die arme Baronesse ihre zarten Fingerchen an der Hausthür beinahe wund geklopft, und die Frau war während der Drohung ihres Mannes hinter seinem Rücken weggeschlichen, um aufzumachen. Die Baronesse stürzte sich herein in die Arme der Frau und bat sie ängstlich um Nachricht, wohin Heinrich sey, und wohin er solle. Madam Herrmann führte sie mit ehrerbietigen Verbeugungen an die Küche und zeigte ihr den verlangten Heinrich. – »Da ist er ja!« rief die Baronesse freudig und ergriff seine Hand. –»Aber was soll denn mit ihm werden? wohin soll er denn?« – und mit hundert ähnlichen, übereilten Fragen drang sie auf den Vater los. »Bey mir, bey seinem Vater soll er bleiben!« – war die Antwort, »und nicht länger 229 bey Leuten schmarotzen, denen er nichts angeht! Komm, Heinrich!« – Er wollte ihn wegführen. Die Baronesse stieß mit einem kleinen Unwillen seine Hand zurück. »Laß Er ihn!« sprach sie. Der Alte that einen Schritt rückwärts, stemmte die Hände in die Seite, guckte ihr mit dem schiefsten verächtlichsten Blicke ins Gesicht und hub eine Rede an, die mit Schimpfen begann und mit Schimpfen endigte. Er vertheidigte darinne seine Ansprüche auf seinen Sohn so lebhaft und verwies der Baronesse ihren Eingriff in dieselbe so derb, daß dem guten Kinde die Thränen in die Augen kamen. Nillchen erboßte sich äußerst wider seine Unhöflichkeit: sie hielt ihm den Mund zu und gebot ihm, sich nicht wider die gnädige Herrschaft zu vergehn: der Mann schwazte in halben gebrochnen Tönen durch ihre Finger, stieß das Schuzbret mit einem tüchtigen Schlage von seinen Lippen hinweg und begann desto erbitterter von neuem. Nillchen war zum zerspringen aufgebracht, schritt zum erstenmal während ihrer ganzen Ehe zu wirklichen Thätlichkeiten, warf ihn mit einem 230 holtönenden Puffe in den Rücken zur Küche hinaus und hatte nichts geringeres im Sinne, als ihn unter dieser Musik in die Stube hineinzutreiben. Unglücklicher Weise gab ihm seine größre Stärke das Obergewicht: mit einer schnellen Wendung streckte er seine Gegnerin zu Boden, daß sie ächzte und vor Erbitterung die Lippen zusammenbiß. Während des Handgemenges war die Baronesse so listig und nahm ihren Adonis bey der Hand – husch! waren sie Beide zur Thür hinaus. Der alte Herrmann wurde die Flucht gewahr, ließ den gestreckten Feind liegen, und hurtig hinter drein! Wie dergleichen Zurückholungen nie ohne Gewaltthätigkeiten abgehn, so mangelte es auch hier nicht daran: Heinrich wurde bey dem Kleide zurückgezogen, und die Baronesse, die sich hinter ihm herein drängte, kam auch nicht ohne blaue Flecken davon. Vater und Sohn verschlossen sich in der Stube, und die arme Ulrike sezte sich traurig auf die Treppe und weinte die bittersten Thränen. Die Frau Herrmann war unterdessen wieder auf die Füsse gekommen und tröstete sie mit 231 Verwünschungen gegen ihren Hund von Manne, wie sie ihn zu nennen beliebte. »Ich gehe nicht wieder aufs Schloß,« sprach die Baronesse schluchzend, »wenn ich nicht Heinrichen mit zurückbringe: ich bin ihm so gut, daß ich nicht ohne ihn seyn kann. Sein Vater wird ihn gewiß aus der Stadt thun wollen, vielleicht auf eine Schule – ach! liebe Frau Herrmann, da muß ich sterben!« – Sie weinte von neuem und verbarg ihr Gesicht an dem Schooße ihrer Trösterin, die vor ihr stund. Es wurde ihr vorgeschlagen, sich wieder aufs Schloß bringen zu lassen, und zwar mit der Versichrung, daß Heinrich gewiß längstens des Morgens darauf nachkommen solle. »Nein, antwortete sie mit Entschlossenheit – ich gehe nicht von der Stelle. Sie wollen mich nur gern los seyn, damit ichs nicht sehen soll, wenn er fortgebracht wird. – Thun Sie mirs doch nicht zu Leide! lassen Sie ihn doch bey uns!« – »Er soll ja gewiß wieder zu Ihnen kommen« – rief die Herrmann einmal über das andre. 232 Die Baronesse. Sie hintergehn mich gewiß. Warum wollen Sie mir nun nicht die Freude gönnen, daß ich ihn lieb haben soll? Ich darf ihn ja so nicht sehen und sprechen: wenn ich nur wenigstens weis, daß er in Einem Hause mit mir ist, so bin ich ja zufrieden. Weiter will ich nichts! weiter gar nichts! – Wenn der Vater nur nicht so ungestüm wäre, so wollt' ich ihm um den Hals fallen: aber er stoßt mich von sich. – Ich bin recht unglücklich: – aber daß Sie ja die gnädige Tante oder Fräulein Hedwig nichts davon erfahren lassen! – Heinrich ist der einzige Mensch auf der Welt, dem ich gut bin: und ich möchte nur wissen, was das nun Böses ist, daß man mirs verbietet, und nun will man ihn gar weit, weit von mir wegschicken. Warum soll ich denn einen Menschen nicht lieb haben? Es ist ja besser als wenn ich ihn hasse. Die Herrmann. Ja, allergnädigste Baronesse, Sie können ihm wohl gut seyn: aber die Frau Gräfin und Fräulein Hedwig werden wohl etwas anders meinen. 233 Die Baronesse. Was denn? – Ich habe ihn gern um mich, schäkre gern mit ihm: was ist denn nun so entsezliches dabey? Die Herrmann. Dabey wohl nicht! aber – Die Baronesse. Was denn? – So sagen Sie mirs doch nur! Wenn es etwas Böses ist, so will ich mich dafür hüten. Ich versprech' es Ihnen: ich will mich davor in Acht nehmen wie vor dem Feuer. Die Herrmann. Die Frau Gräfin wird wohl denken, daß mein Sohn nicht vornehm genug zu Ihrem Umgange ist. Die Baronesse. Soll ich denn die Leute deswegen hassen, weil sie nicht vornehm sind? Die Herrmann. Das wohl nicht! aber Sie werden vielleicht zu vertraut – Die Baronesse. Je vertrauter, je besser! das ist mir das Liebste. Wenn man da so reverenzt und knixt und komplimentirt – das ist kein Vergnügen. Wem ich gut bin, der ist mir auch vornehm genug. Die Herrmann. Ich weis freilich auch nicht, warum die Frau Gräfin gar nicht haben will, 234 daß Sie mit meinem Heinrich umgehn sollen: wenn er gleich kein Graf ist, so hat ihn doch seine Mutter auch nicht auf der Gasse geboren; und wer weis, was aus ihm noch werden kann? – Aus gutem Holze läßt sich alles schnitzen. – Also sind Sie ihm gut, allergnädigste Baronesse? Die Baronesse. O ungemein! Ich wollte den ganzen Tag bey ihm seyn – lieber als bey Grafen und Baronen! Wenn ich nur ein gemeines Mädchen werden könnte, daß ich allenthalben herumlaufen und umgehn dürfte, mit wem ich wollte! Unser eins ist recht wie im Gefängniß: ach, liebe Frau Herrmann, mir wird das Leben sauer! Nicht einen Schritt soll ich ohne Erlaubniß thun; und wenn ich einmal lustig werde, so schreit die alte Hedwig gleich auf mich los, daß mirs angst und bange macht. Bald geh ich einwärts, bald halt' ich mich schief, bald red' ich zu viel und bald zu wenig. – »Machen Sie doch ein Kompliment! Reden Sie nicht zu frey! Küssen Sie der Dame die Hand! Sehn Sie den Herrn nicht zu starr an! Sprechen 235 Sie doch nicht immer deutsch!« – So gehts den ganzen Tag: das ist ein ewiges Tadeln; man wird des Lebens recht überdrüßig dabey.– Wenn ich nun vollends bey dem Grafen oder der Gräfin seyn muß, da geht die liebe Noth erst recht an. Da darf ich kein Wort reden, wenn man mich nicht fragt: wie ein Stock muß ich dastehn – »Wie Ihre Gnaden gnädigst befehlen – Ihre Gnaden unterthänigst aufzuwarten – Ich bitte Ihre Gnaden unterthänigst um Vergebung – Wenn Ihre Gnaden die hohe Gnade haben wollen« – Und wenn ich einmal von den tausend Millionen Gnaden, die ich beständig im Munde haben muß, eine vergesse – ach! da ists ein Lärm zum Kopfabhauen! Oder wenn ich zu hurtig spreche, zu langsam oder zu hurtig, zu tief oder zu seicht den Reverenz mache, wenn ich nicht gleich nach einer Sache laufe, so bald sie der Graf nur nennt, da gehts gleich los. – Ja, das Bischen Leben wird einem recht schwer gemacht. Die Herrmann. Dafür genießen Sie auch desto mehr Ehre – 236 Die Baronesse. Ach schade für die Ehre. Wenn man mir nur mein Vergnügen ließe! Da soll ich Stunden lang wie angepflöckt sitzen, und wann ichs nicht thun will, so nennt man mich ungezogen. Sitz' ich nun dort und gebe nicht recht Acht und mache nur Einen Fehler, gleich werd' ich ausgehunzt: seh' ich verdrießlich darüber, so krieg' ich wieder etwas ab, daß ich nicht munter bin: lach' ich ein wenig zu laut, so heißts, ich führe mich unanständig auf: red' ich leise – so rede doch laut, daß mans versteht! – sprech' ich laut – wer wird denn schrein, wie ein gemeines Mensch? – Immer mach' ich Etwas Unrecht: kein einzigesmal kann ichs treffen. Mannichmal wenn mir die Zeit gar zu lang wird, geh' ich aus der Gesellschaft: gleich watschelt die dicke Hedwig hinter mir drein, und schilt mich aus, daß ich keine Lebensart habe: steh' ich etwa in Gedanken und antworte nicht gleich, wenn mich Jemand anredet, so sollten sie nur das Unglück sehn, das ich ausstehen muß, so bald die Gesellschaft fort ist! Wenn sich nicht die Gräfin zuweilen 237 meiner annähme, so wär' ich längst davon gegangen. Ich thu' es auch gewiß noch einmal. Die Herrmann. Sie werden ja so etwas nicht thun! Die Baronesse. Es wäre kein Wunder, wenn man so geplagt wird. So steif und trocken Tag für Tag zuzubringen, und auch nicht einmal Ein Vergnügen haben zu dürfen, das ist keine Kleinigkeit. Ich soll ja mit Niemanden reden, mit Niemanden lachen, weil das alles zu gemeine Leute sind; und daß ich nicht Heinrichen so oft sehen und sprechen darf, wie ich will – ach! das nagt mir am Herze! – Ich kanns Ihnen wohl sagen: er gefällt mir besser als alle die jungen Herren und Kawalliere, die zum Grafen kommen. Machen Sie ja, daß er nicht vom Schlosse weggenommen wird! Die Herrmann. Nein, das laß' ich nicht zu, und wann ich mich mit meinem Manne darüber prügeln müßte. Ich will Sie wieder nach Hause begleiten: morgen wird meinem alten Bäre der Sonnenschuß wohl vergangen seyn. 238 Die Baronesse. Nein, ich gehe nicht, so lange Heinrich hier bleibt. – Sie wollen mich hintergehn: so leichtgläubig bin ich nicht: wenn ich aus Ihrem Hause bin, so schaffen Sie ihn gleich fort, damit ich nicht weis, wohin er gekommen ist. Wenn das geschieht, hernach ist es ganz aus auf der Welt für mich: dann können sie mich begraben, wenn sie wollen. – Alle weitre Vorstellungen fruchteten nichts bey ihr: sie beharrte hartnäckig auf ihrem Entschlusse, nicht wieder aufs Schloß zu gehen, wenn sie Heinrich nicht begleitete, und drohte, die ganze Nacht auf der Treppe sitzen zu bleiben, wofern man ihr nicht willfahrte. Die Herrmann war am Ende ihrer Beredsamkeit, ließ sie sitzen und gieng heimlich fort, Fräulein Hedwig von dem Plane der Baronesse zu benachrichtigen. Die Bothschaft war äußerst willkommen: denn die arme Guvernante war in unbeschreiblicher Angst über die Abwesenheit ihrer Untergebnen. Sie hatte einige Minuten, nachdem die Flucht geschehn war, ihren verliebten 239 Kreuzzug durch den Garten geendigt, und ihr Herz schlug Ellen hoch vor Schrecken, als sie bey ihrer Rückkunft ins Zimmer die Baronesse nirgends fand. Als wenn sie ein Gespenst jagte, lief sie brausend und glühend die Treppe hinauf zu Schwingern und fand auch hie Niemanden: nun war keine Vermuthung gewißer als daß die beiden jungen Leutchen, nach dem löblichen Beispiele der Guvernante, auch ihrer Seits eine Liebesfahrt gethan hatten. Sie rief bald Schwingern, bald Ulriken, bald Heinrichen, und raste, wie unsinnig, in dem Zimmer herum, riß das Fenster auf und rief: alles todt, als wenn die ganze Hofstatt durchgegangen wäre! – »Ach du liebes Väterchen im Himmel droben!« schrie sie trostlos, rang die Hände, und Angstschweiß stund in großen Perlen auf der rothunterlaufnen Stirn. »Du herzeliebes liebes Gottchen! wo sind die gottlosen Kinder hin? Wer weis, was sie izt mit einander anfangen?« – Schwinger wurde durch das Klaggeschrey aus seiner homiletischen Begeisterung erweckt und öfnete das Kabinet. Fräulein Hedwig 240 fiel mit ihrem ganzen plumpen Körper über ihn her. – »Schaffen Sie mir die Baronesse, schrie sie, oder ich kratze Ihnen die Augen aus.« – Schwinger war mit den Gedanken noch bey seiner Predigt, die von der christlichen Sanftmuth handelte, und hub mit kanzelmäßigem Tone an: »Die Sanftmuth ist eine von den Tugenden, die das Herz eines Christen zieren sollen« – Ach mit ihrer verzweifelten Sanftmuth! unterbrach ihn die Guvernante. Er fuhr ungehindert fort: – »Sie muß in seinen Worten und Werken sich äußern« – Fräulein Hedwig. So lassen Sie uns doch suchen, ehe sie der böse Feind in den Klauen hat! »Wen denn?« fragte Schwinger, von seinem Traume erwachend. Fräulein Hedwig. Die Kinder! Sie sind ja fort! Wenn sie nun gar die fallacibus Satanas blendeten – ach, wir müßten beide mit Schimpf und Schande davon laufen! aus dem Hause würden wir gejagt! – Hab' ichs nicht 241 immer prophezeiht? Aber mit den Leuten, die keinen Teufel glauben, ist nichts anzufangen. Hernach – Schwinger. Gedulden Sie sich nur! Es wird vermuthlich nicht so schlimm seyn als Sie denken. – Er ermahnte sie noch weiter zur Geduld, allein die Furcht vor einer Entdeckung der geheimen Ursache, warum sie die Baronesse allein gelassen hatte, machte sie wütend, besonders da Schwinger einigemal sich erkundigte, warum sie ohne die Baronesse spatzieren gegangen sey. – »Sie denken wohl gar, sprach sie erschrocken, daß ich auf bösen Wegen gewesen bin. Dafür bewahre mich mein liebes Väterchen im Himmel!« Beide waren noch mitten in der Ueberlegung, wo sie zuerst die Entflohnen aufsuchen sollten, als Frau Herrmann mit ihrer Bothschaft anlangte und sie aus ihrer Verlegenheit riß: der Hauptknoten war indessen immer noch aufzulösen. Die Herrmann schlug dazu selbst ein Mittel vor: um ihren Mann zu bewegen, daß er Heinrichen 242 wieder zurückgebe, hielt sie nichts für kräftiger, als ihn durch eine Bouteille Wein zu bestechen. Schwinger steckte eine zu sich und wanderte mit der Herrmann ab, und Fräulein Hedwig, um desto sicherer zu seyn, folgte ihnen. Schwinger fieng seine Traktaten mit dem alten Herrmann unter dem Fenster an, wo er sein Pfeifchen schmauchte: er stellte ihm die Ungnade des Grafen und der Gräfin vor, die den Purschen von ihm foderten, erschöpfte alle mögliche andere Bewegungsgründe: der Alte gab einen jeden zu und schlug sie alle damit nieder – »ich mag nicht.« – Endlich wurde das kraftvolle Argument ad stomachum aus der Tasche geholt; auch dies schlug nicht an: doch gab er die Erlaubniß, es in die Stube zu bringen. Als Schwinger ins Haus trat, fand er Fräulein Hedwig in offenem Zanke mit der Baronesse: sie hatte sie schon mit ihren breiten Händen, wie der Geier eine Taube, umklammert, um sie mit Gewalt hinaus zu ziehn: die nervichte Strafpredigt war schon vorausgegangen. Die Baronesse fühlte so viel Unwürdigkeit in 243 dieser Behandlung, daß sie alle Rechte der Selbstvertheidigung gebrauchen zu dürfen glaubte: die Angst, von Heinrichen mit Gewalt getrennt zu werden, und die Ueberredung, daß dies alles abgekartet sey, machte sie doppelt unwillig und doppelt beherzt: sie zog eine lange Nadel aus den Haaren und stach so lange auf die Klauen los, die sie umschlungen hielten, bis sie der Schmerz nöthigte, fahren zu lassen. In diesem Augenblicke wollte Schwinger beide aus einander bringen, als sie sich ohnehin aus dieser Ursache gehn ließen. Aller Widersprüche ungeachtet, nahm er die Baronesse mit sich in die Stube: er wollte seine Vorstellung erneuern, allein die erboßte Hedwig, die auf und nieder rannte und das Blut aus den zerrizten Armen saugte, machte mit ihrem Toben alle seine Worte unverständlich. Dem alten Herrmann war die Gesandschaft durch die vorgezeigte Bouteille Wein interessant geworden; und ärgerlich, daß er nichts verstehen konnte, ergriff er Fräulein Hedwig bey dem Arm und gab ihr mit seiner originalen Unmanierlichkeit die Wahl, hinauszugehn 244 oder zu schweigen. Sie wählte das Letzte, und Schwinger, weil er auf dem angefangnen Wege nicht weiter zu kommen gedachte, schlug einen andern ein: er stellte es dem alten Herrmann frey, seinen Sohn dazubehalten, und bat ihn, wenigstens die Flasche mit ihm auszutrinken, damit er nicht ganz umsonst bey ihm gewesen sey. Ohne Anstand wurde die Bitte bewilligt, die Pfeife niedergelegt, und Nillchen stand mit den Gläsern schon in Bereitschaft, ehe er sie noch foderte. Die Flasche war itzo leer: die Baronesse stand betrübt im Winkel neben dem Großvaterstuhle, wo Fräulein Hedwig in vollem Feuer der Erbitterung saß und sich mit dem weißen Schnupftüchelchen das breite Antlitz fächelte: das gute Kind schielte noch mit ängstlichem Blicke nach ihrem Heinrich, dem sie sich nicht nähern durfte; – denn so oft sie zu ihm hintrat und seine Hand ergrif, fuhr die grimmige Guvernante, wie ein böser Geist, auf sie los und trennete sie von ihm: – ihr gegenüber, wartete Heinrich mit neugierigem Blicke nach dem Tische, 245 wo sein Vater und Schwinger saßen und tranken, voller Ungeduld, was für eine Entscheidung seines Schicksals seinem Vater die Flasche eingeben werde: eben so erwartungsvoll lauerte Nillchen neben ihrem Manne, mit der Brust auf die Lehne eines leer dastehenden Stuhls gelehnt, den Kopf weit herüberhängend, um die Veränderungen, die der Wein allmählich im Gesichte des alten Herrmanns bewirkte, desto schneller wahrzunehmen, und lächelte mit steigender Freude, je günstiger die Aspekten wurden. Der Alte, der sich heute schon den zweiten Rausch trank, wurde gleich bey dem zweiten Glase ungemein geschwätzig, bat seinen Mittrinker jeden Augenblick um Verzeihung wegen Beleidigungen, die er ihm nimmermehr gethan hatte, und war izt am Ende der Flasche so schwachherzig, daß er sein Nillchen zu loben und zu karessiren anfieng. – »Was machst denn du hier, Heinrich?« sprach er stammelnd, indem er seinen Sohn von ohngefähr erblickte. »Hast du mich einmal besuchen wollen?« – Er stand auf, wankte zu ihm und zwickte ihn in die Backen. 246 »Du Schelm, sagte er, besuchest deinen Vater so selten! – Kinderchen! geht nur wieder nach Hause: ich werde schläfrig. Geht, und kommt bald wieder!« – Viktoria! die List war gelungen: der Alte hatte im Rausch seinen vorigen feindseligen Plan vergessen: man bestätigte ihn in der Einbildung, daß die ganze Gesellschaft blos aus eignem Triebe gekommen sey, ihn zu besuchen, und sagte ihm ohne Zögern gute Nacht. Nillchen sprang vor Freuden dreymal in die Höhe und klopfte in die Hände: alle Gesichter heiterten sich auf, jedermann nahm frölichen Abschied, nur Fräulein Hedwig nicht. Bald wäre aber der Auftritt, als er zu Ende eilte, noch weinerlich geworden: der betrunkne Alte bildete sich ein, daß Hedwig seine Frau sey, und übte daher einen Theil seiner gewaltthätigen Karessen an ihr aus: Hedwig, voll keuschen Grimms über seine Frechheiten, stieß ihn zurück: er erzürnte über diesen rebellischen Widerstand und mishandelte sein vermeintes Nillchen auf die grausamste Weise: man mochte ihm einreden, 247 soviel man wollte: er beharrte hartnäckig auf der Meinung, daß Hedwig seine Frau sey, bis endlich sein wahrhaftes Nillchen ihm um den Hals fiel und ihm die Freiheiten anbot, die Hedwigs Sprödigkeit versagt hatte: die übrige Gesellschaft schlich sich fort, und die Liebe schläferte unter ihren Schwingen den trunknen Ehemann ein.   Fünftes Kapitel. Die Begebenheit brachte bey Heinrichen in dem Reiche seiner Neigungen eine mächtige Revolution hervor: die Liebe, welche die Baronesse bey dieser Gelegenheit ihm so thätig bewies und in dem Gespräche mit seiner Mutter auf der Treppe erklärte, – er hatte dieser Unterredung, als er bey seinem Vater in der Stube eingesperrt war, durch das Schlüsselloch zugehorcht – diese so thätig erwiesene, so deutlich erklärte Liebe zündete seine bisherige Zuneigung bis zur Flamme an. Der zwölfjährige Pursche war ihr nicht mehr gut , wie in seinem achten 248 Jahre, als er beschloß, der Gräfin zum Trotze mit ihr umzugehn, und eben so bald seinen Trotz wieder aufgab, weil ihn sein Lehrer durch Beschäftigung und Zerstreuungen davon ablenkte: die Liebe foderte izt den Ehrgeiz, der bisher in seiner Seele den Ton angegeben hatte, wirklich zum Kampfe auf, und er fühlte den ersten starken Streit der Leidenschaften in sich. Vorher waren es nichts als kleine Scharmützel gewesen: zuweilen ein flüchtiger Wunsch, eine kleine Unzufriedenheit mit seinen gewohnten Beschäftigungen, ein Zuck am Herze, ein inneres unbestimmtes Verlangen nach einer Erweiterung seines Wirkungskreises, so ein schwankendes Gefühl als wenn ihm etwas fehlte, auch oft ein wirklicher Schmerz über das Verbot, das seinen Umgang mit der Baronesse hinderte! weiter gieng es nicht; und wenn ihn sein Lehrer wieder in das ordentliche Gleis hineinführte, so lief er darinne mit beruhigtem Herze fort. Izt ward die Sache ernster. Er suchte Gelegenheiten, die Baronesse zu sehn, ihr süße Blicke zuzuwerfen: wenn er an Schwingers 249 Seite vor ihrem Zimmer vorübergieng, stand sie hinter der halbofnen Thür, und hurtig schlüpften ein Paar wechselseitige Blicke durch die schmale Oefnung. Wenn er in den Garten gieng, stand sie am Fenster: unaufhörlich hatte er Ursachen sich umzusehn, und wenn Schwinger nach dem Gegenstande fragte, so fehlte ihm nie einer voller Merkwürdigkeit: während daß jener diese meistens schwer zu findende Merkwürdigkeit daran aufsuchte – husch! flog ein Wink, auch wohl mit unter ein Kuß ins Fenster hinauf und blieb nie unbeantwortet. Dergleichen Spatziergänge in den Garten hatte er izt täglich so viele zu machen, daß Schwinger sich darüber verwunderte und in der Länge verdrießlich wurde, die Treppen so oft mit ihm auf und nieder zu laufen, besonders da er nie weiter als in die ersten Alleen zu bringen war, aus welchen er die Baronesse am Fenster sehen konnte: wenn er durch keinen Vorwand Schwingern bewegen konnte, vorn bey dem Eingange herumzuspatzieren, sondern ihm weiter folgen mußte, so währte es nicht fünf Minuten, und 250 es fand sich ein Kopfweh oder eine andre dringende Ursache ein, warum er ihn bitten mußte, wieder aufs Zimmer zu gehn. – »Der junge Mensch ist wohl krank,« dachte Schwinger bey sich selbst, »daß er so unruhig ist und auf keiner Stelle bleiben kann:« – und in dieser Voraussetzung gehorchte er allen seinen Verlangen, strengte ihn weniger zu Arbeiten an, und wanderte aus gutem Herzen wohl zehnmal in Einem Vormittage auf seine Bitte mit ihm in den Garten und aus dem Garten, daß die Leute im Hause verwundert stehen blieben und fragten: Kommen Sie denn schon wieder? Sie gehn ja izt sehr fleißig spatzieren! – »Ach!« zischelte ihnen Schwinger leise zu, »mein armer Heinrich ist krank: er kann an keinem Orte bleiben: seine Unruhe beweist es deutlich: es wird vielleicht eins von den herrschenden Fiebern werden.« Wenn er aufs Zimmer kam, nahm er einen lateinischen Schriftsteller: zwey Zeilen! – und in seinem Kopfe stand die Baronesse: er sah starr und unverwandt auf sein Buch, und durch seinen Kopf liefen Projekte, wie er die Baronesse 251 öftrer sehen könnte. Schwinger sah ihm von der Seite zu, wie er nach seiner Meinung an einer Stelle so lange mit einem Ernste nagte, als wenn er den Kopf sprengen wollte. – »Greise dich nicht zu sehr an!« sagte der gutmüthige Lehrer und nahm ihm das Buch weg. »Komm! wir wollen uns die Zeit vertreiben.« Er holte Kupferstiche oder die Gipsabdrücke der römischen Kaiser; keiner, an welchem Heinrich nicht eine Aehnlichkeit mit der Baronesse Ulrike fand! Augustus hatte ihr Kinn, Nero die Stirn, ein andrer das, ein andrer jenes, und selbst dem alten Nerva fehlte es nicht an Reizen, um ihr völlig ähnlich zu seyn. Er störte in den Kupferstichen: alle niederländische Bauerscenen, die ihn sonst so sehr ergözten, wurden verächtlich zurückgelegt, wenn nicht ein Mädchen darinne schäkerte. – Alexander mit seinen Heldenthaten, alle berühmte große Männer, die er sonst zu Viertelstunden anstaunte, mußten ungesehen vorbeymarschiren. Izt kam ein Urtheil des Paris – ah! hier ist Ulrike, wie sie leibt und lebt! Dreyfach steht sie da! Jede Göttin sieht ihr so gleich, als wenn sie dem Künstler 252 bey jeder gesessen hätte! – Hier wurde Halt gemacht: er sah den Göttinnen ins Gesicht: sie schienen ihn anzulächeln: er winkte ihnen mit den Augen, und es war nichts gewisser als daß sie ihm wieder winkten: er berührte mit schüchternem Finger ihre Wangen, wagte sich an die vollen Brüste, strich die sanften, federweichen Arme, ein süßer Schauer lief über seine Brust hin, und er zog schamhaft den Finger zurück, als wenn er zu viel gewagt hätte. Izt erst wurde er den glücklichen Paris gewahr. »O wer Paris wäre!« dachte er und legte den Kupferstich auf die Seite allein. Er blätterte weiter – da war nichts, gar nichts sehenswürdiges mehr! Weg mit den Kupferstichen! Die Göttinnen wurden auf die Kommode quartiert, um sich an ihrem Anblicke weiden zu können, so oft es ihm beliebte. »Bist du's schon wieder überdrüssig?« – fragte Schwinger und erbot sich, ihm etwas auf dem Klavier vorzuspielen: er schien sich über das Anerbieten zu freuen. Sein Lehrer spielte alle seine vorigen Lieblingsstücke nach der Reihe, die brausenden Allegro's, die 253 majestätischen, pathetischen, großen Arien, die er sonst so aufmerksam bewunderte: nichts reizte ihn: er stand bey den drey Göttinnen, hörte kaum darauf, und bat Schwingern um etwas neues. – »Des Tages Licht hat sich verdunkelt« – fieng dieser zu singen an. Heinrich horchte. »Komm, Doris, komm zu jenen Buchen« – Sein Herz klopfte: die ganze Buchenhecke, von welcher er so oft der Baronesse zuwinkte, stund vor seinem Gesichte »Laß und den stillen Grund besuchen »Wo nichts sich regt als ich und du« – Er schwamm in sanftem, rührendem Vergnügen: er fühlte sich in eine höhere Sphäre versezt, seine ganze Einbildungskraft erweitert. »Und winket dir liebkosend zu« – Nun konnte er sich nicht mehr halten: er wiederholte mit entzückungsvollem Accente den Vers leise, eilte zum Klavier, ließ nicht nach, bis ihm Schwinger die ganze Ode durchgesungen hatte und fand jedes Wort darinne so vortreflich, daß er viele Tage nichts anders hören wollte. Die Baronesse, welche Fräulein Hedwig weder mit Kupferstichen noch Liedern zerstreute, 254 ergriff die einzige für sie übrige Zuflucht – sie las, sah freilich sehr oft ins Buch, indessen daß ihre Einbildungskraft an allen Orten, wo ihr Heinrich ein Zeichen der Liebe zugeworfen, herumschweifte, und ihr künftige angenehme Scenen vormahlte: sie labte sich an diesen Luftbildern so herrlich als Heinrich an seinen drey Göttinnen. Schwingern wurde sein Schüler etwas verdächtig, daß er beständig, auch bey der entferntesten Gelegenheit, Ulriken herbeyzubringen wußte: um dahinter zu kommen, ließ er ihm völlige Freiheit allein zu gehn, wohin er wollte, und beobachtete ihn von fern in einem Winkel oder auf eine andre Art, doch daß er ihn nie zu beobachten schien: er spürte lange Zeit gar nicht einmal Lust an ihm, das Zimmer zu verlassen. Eines Nachmittags, als er ihn so sich selbst überlassen hatte, – welches jedesmal wie von ohngefähr geschah – gieng er die Treppe hinunter in den Garten. Die Baronesse, die seinen Gang genau kannte, hörte ihn kaum kommen, als sie an der Thür war: er wollte nicht blos mit einem zugeworfnen Blicke sich begnügen, sein Herz strebte nach der Thür hin: schon hatte er einen 255 Schritt zu ihr hingewagt – hurtig zog ihm ein Etwas den Fuß zurück; er gieng verschämt, als wenn die ganze Welt den Schritt gesehn und doch nicht merken sollte, daß er um der Baronesse willen geschehn sey, mit niedergeschlagnen Augen dicht an der andern Wand weg, warf keinen verliebten Blick nach ihr, sah sich vor dem Garten nicht nach ihrem Fenster um: nur zween Gänge durch den Garten! – und er wanderte wieder zurück: ein flüchtiges Hinschielen auf dem Rückwege konnte er sich nicht verwehren, aber es war nur wie weggestohlen, und mit desto gesenkterm Kopfe und desto dichter an der Wand gieng er vor ihrem Zimmer vorbey. Unmuthig über die Scham, die ihm seine Absicht vereitelt hatte, eilte er ans Fenster und zürnte auf sich und seine Schüchternheit. Das Verlangen war zu dringend, die Gelegenheit zu günstig: er mußte einen zweiten Versuch wagen. Aller mögliche Muth wurde in der Brust gesammelt, er spornte sich selbst durch Vorwürfe über seine Feigheit an: entschlossen gieng er fort, marschirte ziemlich nahe an der geliebten Thür vorbey – da war keine 256 Baronesse! Wie mit einer Keule vor den Kopf geschlagen, blieb er eine halbe Minute dabey stehen:– »wenn dich nun Jemand sähe!« rief die Scham in ihm; und als wenn zehn Peitschen auf seinen Rücken loshieben, rennte er die Treppe hinunter in Einem Zuge in den Garten: auf dem Rückwege, der unmittelbar darauf erfolgte, schielte er nach dem Fenster – da war keine Baronesse! Traurig langte er von dieser zweiten Reise an, die noch unglücklicher ausgefallen war, als die erste. Er sann und sann, warum die Baronesse nicht erschienen seyn möchte: der arme Verliebte wußte nicht, daß er bey allem geschöpften Muthe auf den Zehen zur obersten Treppe herabgegangen war: seine Venus hatte ihn gar nicht kommen hören. Er fühlte nunmehr, was für ein großer Unterschied es sey, in seinem sechsten Jahre eine Baronesse küssen, und im zwölften, wenn man durch tägliche Erfahrung an den Unterschied des Standes gewöhnt ist, eine Baronesse lieben: dort machte ihm kindische Unbesonnenheit alles leicht, und hier die Ueberlegung alles schwer. Der vertrauliche Umgang mit ihr hatte schon 257 seit vier Jahren aufgehört: er war durch Schwingers Wachtsamkeit, ohne Zwang, sogar ohne daß ers merkte, in Einem Hause von ihr getrennt und gewissermaßen fremd gegen sie geworden: die häufigen Beschäftigungen und Zerstreuungen, in welchen ihn sein Lehrer gleichsam ersäufte, hatten zwar seine erste Zuneigung nicht ausgelöscht, aber doch nicht weiter aufbrennen lassen, da hingegen die Baronesse bey ihrer völligen Muße, bey allem Mangel an für sie anziehenden Zerstreuungen, die ihrige frisch unterhielt, durch Einsamkeit, Lektüre und Nachdenken stärkte, belebte, glühender machte. So sehr Heinrich die Schüchternheit seiner Liebe fühlte, so beschloß er doch eine dritte Reise: izt war nichts gewisser als daß er sich ihr näherte, ihr eine Hand bot, und der Himmel weis was weiter that: es war so ausgemacht, daß er im Heruntergehen stark auftreten und husten wollte, um sie herbeyzulocken: er schritt mit ängstlicher Herzhaftigkeit schon daher – Himmel! da trat Schwinger herein – und er hatte sich so schön zubereitet! 258 »Wo willst du hin?« fragte sein Lehrer. – Diese unvermuthete Frage schlug seine Unerschrockenheit danieder, wie ein Hagelwetter: er erröthete von einem Ohre zum andern, daß er glühte, ward verwirrt, wiederholte die Frage und stammelte, statt der Antwort, ein nichtssagendes – Nirgends. »In den Garten?« fuhr Schwinger fort. »Bist du schon vorhin unten gewesen?« – Die glühenden Wangen wurden wie mit Blut übergossen: er antwortete – Nein. Das war bedenklich: Schwinger hatte ihn belauscht, als er seine zwo verliebten Reisen gethan hatte: er, der für seinen Lehrer sonst nichts Geheimes hatte, läugnet izt eine so gleichgültige Handlung? Die Spatziergänge müssen Bewegungsgründe haben, deren er sich schämt – dachte Schwinger, sezte nicht weiter in ihn und behielt seine Muthmaßungen für sich, um sie durch neue Versuche zu bestätigen oder zu widerlegen.   Dritter Theil. Erstes Kapitel. Schwinger fand durch wiederholte Proben zu seiner großen Unruhe nichts gewisser, als was er vermuthet hatte: die Neigung seines jungen Freundes zur Baronesse war unverkennbar. Den Verliebten konnte die Entfernung, in welcher ihn seine Schüchternheit und so viele Aufpasser hielten, nicht so quälen, als seinen Lehrer jene Gewisheit: er übersah alle die traurigen Folgen für das Schicksal des jungen Menschen und für sein eignes, die eine solche Liebe begleiten müßten, die Vorwürfe, die man ihm deswegen machen würde, besonders da er immer sein Vertheidiger gewesen war und gewissermaßen es über sich genommen hatte, für ihn und seine Neigung zu stehn: er ängstigte sich selbst mit der Besorgniß, daß er vielleicht in der Erziehung einen Fehler begangen, ihn nicht 262 genug bewacht, die falsche Methode in seiner Bildung ergriffen, nicht genug gethan habe, einer gefährlichen Leidenschaft zuvorzukommen. Bald wollte er nunmehr selbst anhalten, seinen Freund aus dem Hause zu entfernen. aber welch ein Schmerz für ihn, wenn er an diese Trennung gedachte! welche neue Unruhe, was aus ihm werden könne! wer sollte ihn unterstützen, mit Rath und Geld auf der Bahn weiter führen, auf welche er ihn geleitet hatte? »Wie unrecht that ich,« sprach er oft zu sich selbst, »daß ich diesen Durst nach Ehre in ihm rege machte! daß ich ihn in eine Laufbahn hinzog, in welcher er sich unmöglich erhalten kann! Sein Elend hab' ich in der besten Absicht bewirkt: er wird nach Ehre, wie nach dem höchsten Gute, aufstreben, und seine Armuth ihn, wie einen Vogel, dem Bley an die Flügel gebunden ist, wieder zurückziehn; und dann wird der Unglückliche sich im Staube wälzen, sich selbst durch Kummer und Aerger zerstören und dem fluchen, der ihn fliegen lehrte, da er nach dem Willen des Schicksals nur kriechen soll. – 263 Meine künftigen Tage, die das Bewußtseyn, einen edlen Menschen gebildet zu haben, erheitern sollte, werden unaufhörlich in Wolken und Stürmen über meinen Scheitel dahergehn. O daß mir mein erstes, mein hofnungvollstes Werk mislang! Was konnt' ich Elender, den das Geschick für die enge, kümmerliche Sphäre bestimmte, wo weder Ansehn noch Belohnung meiner warten, wo ich nicht durch Verdienste glänzen und nur mir selbst gefallen kann – für die enge Sphäre eines an geistlichen, der gern den Dank einer Nation verdienen möchte und alle seine Wirksamkeit auf eine Handvoll einfältiger Bauern einschränken muß – was für Trost konnt' ich in solch einer niederschlagenden Stellung wünschen und suchen, als einen Menschen gebildet zu haben, der verrichtete, was ich nicht verrichten konnte? – Auch dieser Trost ist dahin! Ich soll schlechterdings Kräfte und Willen haben, und nichts mit ihnen nützen. – Geh, Verachteter! predige, taufe, begrabe, gräme dich und – stirb!« »Aber,« tröstete er sich zu einer andern Zeit, 264 »seine Liebe ist noch schüchtern: ich will meinem Plane treu bleiben und diesem Winke nachgehn, seine Ehrbegierde, seine Thätigkeit von neuem, bis zum Zerspringen, anspannen, seine Schüchternheit durch alle Mittel erhöhen, Tag und Nacht über ihn wachen, und wann es zum äußersten kömmt – ihn entfernen. Vielleicht macht mir unterdessen ein lebenssatter Seelsorger in der Herrschaft des Grafen Platz: dann soll er bey mir wohnen, bey mir leben, bis ich ihm zu einem Gewerbe oder einer Kunst verhelfen, oder auf der Bahn der Ehre weiter bringen kann. Aus solchem Thone muß ein edles Gesäß werden, oder es springe!« Dem gefaßten Entschlusse gemäß verdoppelte er täglich die Beschäftigungen seines jungen Freundes, gab sich unendliche Mühe, daß ihn Graf und Gräfin einer höhern Aufmerksamkeit würdigen und durch Beifall aufmuntern sollten: sie thaten es beide und warfen dem Zöglinge, seinem Erzieher zu Gefallen, zuweilen einen Brocken Lob als eine Gnade zu, mehr mit derjenigen nachsichtigen Güte, womit man der Marotte 265 eines Menschen willfahrt, dem man nicht ungeneigt ist, als aus wahrer lebendiger Ueberzeugung. Bey der Gräfin mochte es noch ein Rest von Zuneigung seyn, aber es war gewiß nur ein Rest: denn so lange er ein Knabe war, hielt sie es nicht für unanständig, sich mit ihm abzugeben: allein sein itziges Alter sezte sie gegen ihn in das völlige Verhältniß des ungleichen Standes: sie sprach und handelte gegen ihn, wie eine gnädige Herrschaft, und wenn sie auch mehr Vergnügen in der Herablassung fand, so durfte sie vor dem Grafen nicht zu weit gehn, der so etwas eine Unanständigkeit nannte. Sonach mußte Schwinger das meiste thun: er ließ sich gegen Niemanden von Heinrichs Liebe etwas merken, und Graf und Gräfin waren durch das Alter der Baronesse sicher gemacht, sie zu argwohnen, weil sie ihr nunmehr Verstand genug zutrauten, sich nicht mit ihrer Zuneigung wegzuwerfen. Auch ließ es besonders der Graf nicht an Bemühung fehlen, ihr Stolz und Verachtung gegen alle Personen unter ihrem 266 Stande einzupflanzen und die Vertraulichkeit zu benehmen, mit welcher sie sich gegen solche Leute betrug: seine Lehren fruchteten wenig: je mehr er sie zu Steifheit, zu Ernst und cerimoniöser Gravität zwingen wollte, je mehr wuchs ihr Misfallen daran, das sie freilich wohlbedächtig verbarg. Daher gefiel sie auch fast Niemanden von ihrem Stande: sie spielte wider ihre innern Antriebe eine angenommne Rolle, und es war nicht zu läugnen, daß ihr Betragen, ihre Manieren dadurch etwas ungemein Gezwungnes, Linkisches bekamen: sie war eine Puppe, die im Drathe geht, weil sie nicht natürlich gehn soll. Nicht besser fielen auch ihre Reden in der Gesellschaft aus: bey jedem Einfalle, der in ihr aufstieg, hielt sie sich zurück, aus Furcht zu frey , zu unanständig zu sprechen, und sagte in solchem Zwange meistens etwas Albernes. Man sagte allgemein: es ist ein gutes Mädchen, das Oekonomie lernen und einmal einen Landkavalier heirathen muß: für die Welt wird sie niemals. Die Damen rückten ihr ihren Mangel an Lebhaftigkeit vor, 267 tadelten sie, daß sie zu still sey, riethen ihr, sich ein wenig aufzumuntern, den jungen Herren zu gefallen zu suchen, um durch sie aufgeheitert zu werden, und sie ward durch die öftern Aufforderungen noch gezwungner, noch ängstlicher. Die Herren gaben sich die Ehre, sie lustig machen zu wollen, wie sie es nannten: ihre laue Frölichkeit erwärmte die Baronesse, daß die ihrige in Flammen ausbrach, sie wurde im eigentlichen Verstande lustig, das heißt, sie vergaß sich und fiel in ihre Natur zurück: gleich ergieng durch Fräulein Hedwig ein Befehl an sie, sich nicht zu frey und wider den Wohlstand zu betragen: da stand das arme Geschöpf, und war wieder eine unleidliche stumme Drathpuppe! Desto mehr hielt sie sich auf ihrem Zimmer wieder schadlos, wiewohl auch hier Fräulein Hedwig gleich über Unanständigkeit schrie. Sie wunderte sich äußerst, daß ihr geliebter Heinrich seine Spatziergänge auf einmal so ganz einstellte, und kundschaftete aus, daß er den ganzen Tag mit Schwingern beschäftigt 268 sey: – keine erfreuliche Nachricht für sie. »Nun wird er mich wohl ganz vergessen« – dachte sie, aber sie hatte das nicht zu besorgen. Der gute Pursche war ein Fuhrwerk, an beiden entgegengesezten Enden mit Pferden bespannt: bald zog das vorterste Gespann den Wagen eine kleine Strecke vorwärts, und gleich zog das hinterste an und riß ihn nach sich hin. Die Arbeit war ihm zur Last: wenn ihm Schwinger die goldnen Früchte der Ehre vorhielt, griff er nur mit halber Entschlossenheit darnach, weil ihm die Liebe schönere Lockungen darbot: er hörte, er las, ohne oft etwas zu verstehen: sein Kopf war mit Nymphen, Liebesgöttern, Grazien und allen übrigen schönen Bewohnerinnen der poetischen Liebeswelt angefüllt, die ihm mancherley interessante Scenen zusammen vorspielten: er suchte nur Bücher auf, die ihm dieses Theater mit mehr Schauspielern und mannichfaltigern Auftritten versorgten; und da er die Alten nicht hinreichend dazu fand, wandte er sich zu den Neuern: je üppiger, je wollüstiger ihre Bücher mit der Imagination spielten, je 269 willkommner waren sie ihm. Schwinger konnte ihn von dieser Lektüre nicht abziehn, und wollte sie ihm geradezu nicht verbieten, weil durch das Verbot seine Begierde darnach nur mehr zu entflammen glaubte: er suchte sie ihm also anfangs mit guter Manier aus den Händen zu spielen, packte alle von diesem Schlage, die in seiner Bibliothek waren, heimlich in einen Kasten zusammen, und las sie nie als wenn sein junger Freund schlief. »Aber warum hatte Schwinger, ein so gesezter Mann, ein künftiger Seelenhirte solche schädliche Bücher? warum las er solche verderbliche Schriften? Sauflieder, Hurengesänge, solch Buhlgeschwätze und verliebtes Zeug?« – Kurzsichtiger, der du so fragst! Weil ein solcher Mann ein Bedürfniß fühlte, solche Schriften zu lesen, ist das nicht Antworts genug? – Er las sie und würde sie auch seinem Freunde nicht verschlossen haben, wäre dieser mit ihm in Einem Alter und nicht in so einer kritischen Seelenlage gewesen; und da er ihren Verlust gelassen zu ertragen schien, und 270 in seinen Arbeiten wieder, wie vorher, fortfuhr, so glaubte er ihn völlig genesen. Der leichtgläubige Arzt! denkt, daß der Patient gesund ist, weil er nicht mehr im Bette liegt! Noch mehr wurde er in seinem wohlmeinenden Selbstbetruge durch einen Vorfall bestärkt. Als er einstmals aus dem Kabinette herauskam, fand er Heinrichen vor dem Tische hingestellt, den Kopf auf beide Hände gestüzt, den Blick starr auf eine Büste des Antonins gerichtet, die vor ihm stand. Er redte ihn an und blieb ohne Antwort: er gieng um ihn herum und sah ihm ins Gesicht: große Thränentropfen rollten über die eisstarren Wangen aus den unverwandten Augen. – Was weinst du, fragte ihn Schwinger. Heinrich sprang erschrocken auf. Daß mein Vater kein Kaiser ist – sagte er zornig und stampfte. – »Warum ist dir denn das itzo erst so unangenehm?« – So könnt' ich doch noch etwas Gutes in der Welt ausrichten, war Heinrichs Antwort: aber so bleibe ich zeitlebens ein schlechter Kerl, und – Er verstummte: ein Erröthen und der 271 gesenkte Blick hätten Schwingern leicht belehren können, was er verschwieg. – »Und ich dürft' es ungescheut wagen, die Baronesse zu lieben« dachte er sich so deutlich, als es hier gedruckt steht: aber Schwinger war von dem vermeinten glücklichen Erfolg seiner Kur so sehr bezaubert, daß er die Reticenz nicht einmal wahrnahm. Er sezte die Kur einige Zeit unermüdet fort, um ihn von Grund aus zu heilen: allein nicht lange! hatte sich der junge Mensch durch die gehäuften Beschäftigungen zu stark angegriffen? oder erschöpfte dies Hin und Hertreiben zweier Leidenschaften, worunter die eine seine ältre , und die andere seine liebere Freundin war, seine junge Maschine? – er wurde krank: er verfiel in ein Fieber. Die Baronesse erschrack bis zur Ohnmacht, als sie die erste Nachricht davon bekam: nun war Graf und Gräfin samt Fräulein Hedwig zu schwach, sie zurückzuhalten: daß sie sich verrathen, und daß diese Leute sie treflich dafür ausschelten würden, daran dachte sie gar nicht, sondern hören, die Thür aufreißen, die 272 Treppe hinauf, ins Zimmer hinein und vor sein Bette treten, das war alles eine Handlung, in einem Paar Athemzügen gethan. Die Zusammenkunft war für den Kranken so verwirrend als unvermuthet: er wagte sich kaum zu freuen; er stammelte furchtsam etwas her, wenn sie ihn fragte; er zog schüchtern die Hand zurück, wenn sie nach ihr griff: er war so verlegen, so ängstlich, so überwältigt vom Zwange, daß er aus sich selbst nichts zu machen wußte. Ehe man sichs versahe, siehe! da kam Fräulein Hedwig herangekeucht. »Ulrikchen! Ulrikchen!« schnatterte sie und schlug sich auf den Schoos – »was machen Sie hier? Wenn das der Graf erfährt?« – Die Baronesse. Mag er! Ich bleibe hier, bis Heinrich wieder gesund ist. Hedwig. Sind sie gar toll? – Was das für ein Unglück werden wird, wenn Graf und Gräfin dahinter kommen! Schwinger. Sie sollen es nicht erfahren. Trösten Sie sich! Hedwig. Ja aber – Sie wissen ja wohl! Schwinger. Was soll ich wissen? – Was Sie vermuthen ist bloße Grille, bloße Einbildung. Ich stehe dafür. Lassen Sie die Baronesse immer ihren Besuch verlängern – Die Baronesse. O ich bin nicht zum Besuch da. Ich bediene Heinrichen; daß Sies nur wissen! Schwinger. Auch das! Ich will Ihr Mitbediente seyn. Hedwig. Sie werden ja ihrer Tollheit nicht noch forthelfen? – So etwas gebe ich nicht zu. Kommen Sie, Ulrikchen! den Augenblick fort! – Ihn da gar zu bedienen! Schwinger. Was ist denn böses darinne? – Sie sind ja sonst so gelehrt: kennen Sie denn die Königin in Frankreich nicht, die den Kranken in den Hospitälern aufwartete? – Es ist ein Beweis von der Baronesse gutem Herzen. Hedwig. Ja, und – wenn man nicht wüßte! Schwinger. Sie wissen auch immer, was andere Leute nicht wissen. Ich bleibe beständig hier am Bette sitzen; und wenn die Baronesse 274 ihres Amtes überdrüßig ist, dann bringe ich sie zu Ihnen. Hedwig. Das geht nicht! das geht nicht! Bedenken Sie doch die Unanständigkeit! Der Mensch liegt ja, so lang er ist, im Bette. Schwinger. Diese Freiheit entschuldigt die Krankheit. Hedwig. Ja, liegen mag er: das wird ihm Niemand wehren: aber ihn liegen sehn – schämen Sie sich, Baronesse! Schwinger. Verderben Sie doch dem lieben Kinde die gutherzige Freude nicht durch unzeitige Vorwürfe! Soll sie sich denn eines guten Werks schämen, weil sie es einem jungen Menschen unter ihrem Stande erweist? – Ich möchte daß alle Vornehme ihrem Beispiele folgten und keinen Sterblichen für einen Liebesdienst zu gering achteten. Hedwig. Das ist wohl freilich wahr: wir sind allzumahl Sünder und Adams Nachkommen: mortalis nascimus : aber Sie wissen ja, wie der Graf ist! Schwinger. Wenn er hierinne dem 275 Vorurtheil und nicht der Vernunft folgt, so ist es unsere Pflicht, zu verhüten, daß seine Anverwandtin nicht seine Denkungsart annimmt, da sie keine Anlage dazu hat. Der Graf soll es nicht erfahren, daß die Baronesse dem Triebe ihres menschenfreundlichen Herzens mehr gefolgt ist, als den lieblosen Gesezen ihres Standes. Hedwig. Ich kann es wohl geschehen lassen; aber daß nur nicht die Schuld hernach auf mich kömmt! – So bald es dunkel wird, Marsch ab! Wie können Sie sich nur so etwas einfältiges einkommen lassen? hier bleiben zu wollen, bis der Pursche gesund wird! Sie werden doch nicht gar die Nacht hier bleiben wollen? Schwinger. Die Baronesse ist viel zu verständig, als daß sie so etwas nur wollen könnte. Das war Scherz; wie Sie nun alles gleich im bittersten Ernste nehmen! Hedwig. Ja, der Ernst kömmt mannichmal hinten nach: aber Sie sind ein Ungläubiger, der liebe Gott muß Sie mit der Nase darauf stossen – Nu! so bald es dunkel ist, Marsch ab! 276 Sie gieng. Schwinger ließ sich in ein Gespräch mit der Baronesse ein; aber sie hielt nicht lange darinne aus: alle Augenblicke war sie besorgt, daß der Kranke etwas brauchen möchte, erkundigte sich bey ihm darnach, und war so freudig als über ein Geschenk, wenn er etwas verlangte: machte er in seinem Verlangen eine zu lange Pause, gleich war sie mit dem Wasserglase, mit dem Löffel, oder mit der Arzney da. – »Wollen Sie nicht trinken? Sie durstet gewiß.« – »Izt müssen Sie einnehmen.« – »Das Kopfküssen liegt nicht recht.« – »Sie haben ja den ganzen Nachmittag noch nicht eingenommen.« – »Sie trinken ja gar nicht.« – »Wollen Sie Limonade?« – Bald zupfte sie an der Decke, um ihn recht warm einzuhüllen, bald am Küssen, um es ihm aus dem Gesichte zu ziehen, bald wedelte sie ihm mit dem Schnupftuche Kühlung zu, izt jagte sie eine Fliege vom Bettuche, daß sie ihn nicht künftig stechen sollte, izt wischte sie ihm den Schweis von den kleinen Fingern, um sie unter dem Schnupftuche verstohlen zu drücken: izt summte eine 277 Schmeißfliege am Fenster – sie machte Jagd auf sie und ruhte nicht, bis sie gefangen war: izt schloß der Kranke die Augen – gleich wurde Schwingern gewinkt, daß er schwieg, sie saß wie erstarrt, sie athmete kaum, und wenn ihr ein ganzes Heer Fliegen das Blut aus der Stirne zapften, so hätte sie nicht die Hand nach ihnen bewegt, sie zu vertreiben, und wenn Schwinger nur einen Finger regte, so winkte sie ihm schon unwillig mit den Augen: sobald der Patient die Augen wieder aufschlug, flog ihm auch gleich ein freundlicher, erquickender Blick entgegen. Die Dämmerung kam: sie ließ sich ungern, aber ohne Weigerung von Schwingern zurückführen; und bey dem Abschiede wußte sie es so listig anzufangen, daß ihr Begleiter schlechterdings auf einen Augenblick ins Kabinet gehen mußte: sie bat sich ein Buch von ihm aus, und indem ers holte – hurtig hatte der Kranke einen Kuß weg. Der Kuß steckte seine ganze fieberhafte Imagination in Brand: mit einem wehmüthigen durchdringenden Schauer empfieng er ihn, und so oft sich in der Nacht seine Augen zu einem 278 kurzen Schlummer schlossen, wurde er im Traume von Grazien, Nymphen und den sämtlichen Göttinnen des Olimps, die zu seiner Bekanntschaft gehörten, wiederholt. Liebesgötter trabten auf Zephirn vom Himmel herab: andre tummelten sich auf bäumenden Grashüpfern herum: ein kleiner Verwägner wagte sich auf Alexanders Bucephal, und wurde für seine Kühnheit bestraft; das Roß spottete wiehernd der leichten Bürde, lehnte sich auf und schüttelte den schreyenden Knaben ab: dort lag er wie todt vor Schrecken, verlacht von dem umringenden Haufen seiner muthwilligen Brüder. Ein andermal zogen ihn und Ulricken sechs schneeweiße Rosse an einem römischen Triumphwagen: Graf, Gräfin und die ganze vornehme Welt, die er kannte, begleiteten sie zu Fuß in den festlichsten Kleidern: der Zug gieng nach dem prächtigen Kapitol, das wie ein Tempel auf seinen Kupferstichen, groß und majestätisch vor ihm stand: die Menge jauchzte. Plözlich, als wenn ein Wind sie wegführte, verschwand die zauberische Scene, er lag bis an den Kopf 279 in herkulanischen Schutt vergraben und arbeitete sich mit allen Kräften hervor, daß ihm der Schweis über die Stirne rang: die Baronesse, in weißen strahlenden Atlas gekleidet und mit einer goldnen Glorie umgeben, erschien, reichte ihm die Hand und riß ihn leicht heraus: dankend wollte er sie umarmen, einen Kuß auf die Lippen drücken, und hielt in den zusammengeschloßnen Armen – die dicke schielende Hedwig. Zu einer andern Zeit lag er todt am Rande des Styx: seine Seele irrte ängstlich am Ufer hinab, um über ihn zu setzen, und vermocht es nie: endlich gesellte sich zu ihm eine andre peinlich suchende Seele: es war Ulrike, die ihren Körper verlassen hatte, um ihm nachzueilen, sie flohen mit einander zu ihren Leibern zurück, belebten sie von neuem und starben nie wieder. – So ergözte ihn mit unendlichen Schauspielen seine träumende Fantasie; er schlief jede halbe Stunde zu neuem Entzücken ein, und die Baronesse erwachte jede halbe Stunde, um sich zu beklagen, wie lang die Nacht sey. Nach dem Thee war sie schon wieder vor dem 280 Bette: ihre Guvernante fand in mannichfaltiger Rücksicht ihre Rechnung bey den Abwesenheiten der Baronesse, und sezte sich nicht mehr dawider, vornehmlich da Schwinger darauf bestund, daß man sie in ihrem freundschaftlichen Mitleiden nicht stören solle, und beständig Aufsicht über ihre Besuche zu haben versprach. Auf solche Weise brachte sie alle Zeit, wo nicht Onkel und Tante ihre Gesellschaft foderten, mit der sorgsamen Pflegung ihres Geliebten zu: sie las ihm vor, und jede Stelle, die Zuneigung und Liebe ausdrückte, wurde durch einen nachdrücklichen Ton ausgezeichnet und von einem Blicke auf den Kranken begleitet: auch er gewöhnte sich sehr bald an diese geheime Sprache: er that als ob er gewisse verbindliche Stellen nicht verstanden habe und wiederholte sie unter diesem Vorwande mit der bedeutungsvollsten Pantomime: so spielten sie in ihres Aufsehers Gegenwart den Roman und gaben sich die feurigsten Liebesversichrungen, ohne daß ers wahrnahm. Die Krankheit wuchs in einer Nacht plözlich: als sie am folgenden Morgen heraufkam, lag 281 Heinrich sinnlos, ohne Bewußtseyn und Bewegung da: die verdrehten Augen standen weit offen, und doch erkannten sie Niemanden: die Lippen waren dick und blau, als wenn das Blut in allen Adern von der strengsten Kälte geronnen wäre: jede Muskel lag unbeweglich, abgespannt, und aus jedem seelenlosen Auge starrte der Tod hervor. Minutenlang stand sie vor ihm, wie ein Marmorbild, von Schrecken und Schmerz versteinert. Schwinger wollte sie bereden, daß er schliefe – »Nein,« schrie sie mit holem schauerdem Tone, die Augen unverwandt auf ihn gerichtet, »er ist todt!« – »Er ist todt!« schrie sie noch einmal – und dann in Einem Athemzuge: »Heinrich! Heinrich!« – Nicht Eine Fiber rührte sich an dem Kranken. Sie hob seine Hand auf: schlaff, kraftlos fiel sie wieder auf das Bette. Sie faßte den Kopf, konnte ihn kaum aufbringen: starr, schwer fiel er wieder aufs Kopfküssen. Sie rief dicht in das Ohr: »Heinrich! Heinrich!« – Kein Zuck! Die Thränen standen wie geronnen in ihren 282 Augen, bis zum Ueberlaufen voll, und keine konnte fließen. Ohne ein Wort zu reden, stürzte sie sich zur Thür hinaus, die Treppe hinunter, und wer ihr begegnete, den stieß sie vor sich hin und rief: »den Arzt!« Sie flog in die Küche, in den Stall, brachte alles in Aufruhr, befahl allen den Arzt zu holen: Niemand gieng. Sie zürnte, sie tobte, sie stieß die Leute fort: schwerfällig blieben sie stehn, sahn sie an, und wußten nicht, was sie von ihr denken sollten. – Hie und da kam eine phlegmatische Frage: »Warum denn? Für wen denn?« – oder so etwas. – »Er ist todt!« schluchzte sie mit halbverbißnem Worte. – »Wer denn?« fragte man abermals. – »Heinrich!« rief sie, und hätte die dumpfen trägen Geschöpfe mit den Händen zerfleischen mögen. Sie bekam weiter nichts zur Antwort als ein langgedehntes »So?«, das die ganze Küche in Einem Tutti aussprach. Niemand gieng. Der Zorn kochte, wie ein Strudel, in ihrer Brust: mit glühendem Gesichte verließ sie das unthätige Volk, und in den Hof! – Mit 283 aufgestreiften Armen, im Hemde, ein kurzes schwarzes Pfeifchen zwischen den Zähnen, lehnte der Stallknecht an der Thür und sah in die Sonnenstäubchen. Sie erblickte ihn: in Einem Fluge auf ihn los und ihm um den schmuzigen Hals! – »Ich bitte Euch um Gottes willen, holt den Arzt!« – Der Pursche, durch den andringenden Ton in Bewegung gesezt, rennte mechanisch über den Hof weg: als er an die Thür kam, besann er sich, daß er nicht wußte, wohin er sollte: – »wen soll ich rufen?« fragte er und kam wieder zurück. Indem die Baronesse von neuem entbrennen wollte, stand Schwinger hinter ihr und brachte ihr die Nachricht, daß der Medikus bey dem Grafen gewesen und bereits oben bey dem Kranken sey. Viel Freude für sie! Mit vorstrebender Brust eilte sie so geschwind hinauf, daß ihr Schwinger kaum folgen konnte. Das erste Wort, was durch die aufgerißne Thür flog, war – »lebt er wieder?« – »Ja,« versicherte der Arzt und bewies seine Versichrung aus dem zunehmenden Pulsschlage. Sie wollte den Beweis ganz 284 ungezweifelt haben und fühlte selbst an den Puls, hielt ihn lange Zeit. um sein steigendes Zunehmen zu bemerken, und in dieser Stellung erblickte und fühlte sich der Kranke bey seinem Erwachen aus der Betäubung. Welch ein glückliches Erwachen zu einem Bilde, das seine Nerven in verdoppelte Schwingungen sezte und ins Herz drang, um einen unlöschbaren Eindruck zurückzulassen! – »Izt blickt er mich an!« rief die Baronesse, und die Freude gieng in ihrem Gesichte auf, wie der volle Mond am Ende eines trüben Horizonts, wenn die Wolken vor ihm weichen. Leben und Vergnügen auf beiden Seiten wuchs mit jedem Pulsschlag: sie konnte sich nicht genug über die fühllosen Kreaturen ärgern, die an Heinrichs vermeintem Tode nicht so vielen Antheil genommen hatten als sie: auch der Arzt kam nicht ohne Schmälen weg, daß er so kalt von seiner Besserung sprach und so gleichgültig versicherte, daß er wohl sterben würde, wenn so ein Sturz noch einmal käme. Sie zog ihn am Ermel zurück, als er gehn wollte, und verlangte schlechterdings, daß er diesen zweiten 285 Sturz abwarten möchte: allein er entschuldigte sich sehr höflich und gab zur Ursache an, daß er zu einer Braut müsse, bey der man vorige Nacht auf das Ende gewartet habe. – »Sie wird wohl nicht mehr am Leben seyn,« sezte er frostig hinzu: »aber ich muß mich denn doch erkundigen, ob sie wirklich todt ist.« Die Baronesse stieß ihn von sich und mochte ihn vor Verachtung über seine Kälte nicht ansehn. »Ich hätte,« sagte sie zu Schwingern, als er hinaus war – »ich hätte dem krummnasichten Doktor ein Paar Ohrfeigen geben mögen, so hab' ich mich über ihn geärgert. Sprach er nicht von Heinrichs Tode als ob er gleich wieder einen andern aus seinen Büchsen herausdistilliren könnte, wenn dieser gestorben wäre? Ich bezahlte ihn gewiß nicht, wenn ich der Onkel wäre.« – Noch hatte weder Graf oder Gräfin erfahren, wie thätig sie sich mit der Wartung des kranken Heinrichs beschäftigte: ein einzigesmal verrieth sie sich bey Tafel. Der prophezeihte zweite Sturz hatte sich eingefunden, und ein 286 Bedienter brachte die Nachricht, daß Heinrich eben gestorben sey. Der Gräfin stieg eine Thräne ins Auge, die sie durch ein Umdrehen des Kopfs nach dem Bedienten, der die Nachricht gebracht hatte, vor ihrem Gemahle verbarg, der schon zu berathschlagen anfieng, wie man ihm, ohne seinen Stand zu überschreiten, ein distinguirtes Begräbniß veranstalten solle. Die Baronesse ließ vor Schrecken den Löffel auf den Teller fallen, daß der Milchcreme weit herumsprüzte: sie schob ihren Stuhl mit dem Fuße zurück, blieb verwildert, sinnenlos kurze Zeit in halb fliehender Stellung: plözlich warf sie die Serviette in den Creme hinein und gieng zum Zimmer hinaus, langsam die Treppe hinauf – der Schrecken hatte ihre Kniee gelähmt – und große Tropfen rollten, wie Perlen, über das bleiche stumme Gesicht. Schwingern schauderte vor dem Anblicke, als immer eine Thräne die andre über die eiskalte, starre, steinerne Miene hinjagte. Sie mußte sich setzen, denn ihre Kniee sanken. – »Was haben Sie, liebe Baronesse?« fragte Schwinger. Sie redte nicht, sah immer 287 steif vor sich hin. – »Was fehlt Ihnen?« tönte eine ängstliche, schwachathmichte Frage hinter dem Vorhange des Bettes hervor. Es war Heinrichs Stimme. Die Freude traf sie wie ein elektrischer Schlag: sie fuhr zusammen und stürzte vom Stuhle. Schwinger erhaschte sie zu rechter Zeit noch, Fräulein Hedwig, die man ihr gleich nachgeschickt hatte, kam eben an und trug mit schwerfälligem Galope alle Fläschchen, die sie ansichtig wurde, herbey und hielt sie ihr unter die Nase, sie mochten riechen oder nicht. Endlich kam sie wieder zu sich: sie saß Heinrichs Bette gegenüber, der, um zu sehn, was vorgieng, die Vorhänge ein wenig zurückgeschoben hatte, und bey dem ersten Eröfnen der Augen traf Blick auf Blick. Wie mächtig Gefühl und Imagination durch solche Spiele des Zufalls aufgeregt, und welche bleibende Eindrücke durch sie der Seele eingedrückt werden, wird jedem Leser sein eignes Gedächtniß belehren; und warum sollte ich also mit Worten beschreiben, was ihm seine Erfahrung besser berichten kann? – Nach einigen Verwunderungen, Fragen und 288 Antworten auf allen Seiten entwickelte sichs, daß der Bediente entweder aus boshafter Schadenfreude oder aus der Gewohnheit dieser Leute, Vermuthung als geschehne Gewisheit wieder zu erzählen, gelogen hatte; denn es war ihm nichts weiter von der Kammerjungfer im Vorbeygehn gemeldet worden, als daß Heinrich wieder schlimmer sey und wohl sterben werde: und die ganze Sache war nichts, als eine kurze Betäubung, die schon lange vor jener Todesbothschaft aufgehört hatte. Der Graf war über das Betragen der Baronesse ein wenig stutzig geworden: nicht als ob er Liebe dabey muthmaßte! – davon hatte er gar keinen Begriff – sondern eine zu große Vertraulichkeit zwischen beiden jungen Leuten argwohnte er; und die Idee, daß seine Schwestertochter sich zu einer so ausgezeichneten Betrübniß um den Sohn seines Einnehmers erniedrige, hatte so viel Widriges für ihn, daß er Fräulein Hedwig wegen ihrer schlechten Erziehung tadelte, ihr einen Verweis für ihre eigne Person ertheilte und einen zweiten für die 289 Baronesse in Kommission gab. Die Gräfin mußte auch einen versteckten annehmen, weil sie ihre Thränen nicht genugsam verborgen hatte: um sich nicht in seinen Augen so verächtlich zu machen, als ob sie aus Mitleid um den Sohn seines Einnehmers geweint hätte, wandte sie einen starken Schnupfen vor, der ihr bey jedem Worte das Wasser aus den Augen triebe; und damit ihr Gemahl nicht bey ähnlichen Vorfällen auf die Spur der wahren Ursache gerathen möchte, die ihre geheime Muthmaßung für unleugbar hielt, redte sie ihm mit ihrer gewöhnlichen Kunst alles aus, was er besorgte, und nahm es über sich, die Baronesse über ihr unanständiges Betragen selbst zu bestrafen. Die Bestrafung fiel sehr gelind aus. Die Gräfin besaß von Natur viel Reizbarkeit, allein ihre Empfindung war durch die Erziehung ihrer Eltern und den Stolz ihres Gemahls in beständigem Zwange gehalten worden. Sie hatte sich dadurch eine gewisse künstliche Kälte erworben, dadurch gleichsam eine Eisrinde um ihr Gesicht gezogen, die ihr inneres Gefühl nicht 290 durchschmelzen konnte, wofern es ein Vorfall nicht zu plötzlich in Flammen brachte. Das Bewußtseyn ihres eignen Fehlers – denn dafür mußte sie es nach allen Begriffen erkennen, die ihr die Erziehung davon beygebracht hatte – machte sie gegen die Empfindlichkeit der Baronesse ungemein nachsichtig: der Rest von Güte des Herzens, den ihr Eltern und Gemahl nicht hatten auslöschen können, überredte sie, ihrer jungen Anverwandtin ein Vergnügen nicht ganz zu verwehren, das für sie selbst eine verbotne Frucht war: sie hatte es wohl ehmals aus Furcht vor dem Grafen gethan, allein da sie die Baronesse nunmehr für alt und verständig genug hielt, ihre Würde nicht ganz zu vergessen, so empfahl sie ihr blos Vorsichtigkeit und Zurückhaltung und vor allen Dingen Wachsamkeit über sich selbst, um sich in Gegenwart des Grafen nichts Verdächtiges entschlüpfen zu lassen. Das Verfahren der Gräfin war in Ansehung der Absicht, die sie erreichen wollte, äußerst zu misbilligen: wenn sie eigentliche Liebe bey der Baronesse verhüten wollte, so mußte sie ja durch 291 die stillschweigende Anerkennung, daß man ihr einmal etwas unrechter Weise verboten habe, und durch den Rath, einen vormals unrechter Weise verbotnen und izt erlaubten Umgang unter der Bedingung fortzusetzen, daß sie ihn dem Onkel verheimlichte, nothwendig auf den Weg geführt werden, diese nämliche empfohlne Klugheit auch wider die Tante zu gebrauchen, wenn es diese einmal für heilsam erachtete, das alte Verbot zu erneuern. Außerdem begieng die Gräfin einen ungeheuren Fehlschluß, daß ihr die Aufhebung des Verbots itzo weniger nothwendig schien: doch man hatte einmal falsche Maasregeln genommen, und bey der Erziehung machen die ersten falschen Schritte meistens alle nachfolgenden zu Fehltritten: man verbot, da man erlauben, und erlaubte, da man verbieten sollte. Man glaubt nicht, wie listig die Leidenschaft bey aller Unbesonnenheit ist, die man ihr Schuld giebt: sie kennt ihren Vortheil so gut als ein Finanzpachter; und man darf ihn nur von fern weisen, so macht sie schon Projekte darauf. 292 Auch hatten die Maasregeln der Gräfin wirklich alle Folgen, die man erwarten konnte: die Baronesse gieng ohne Scheu mit Heinrichen nach seiner Genesung um, und weder Fräulein Hedwig noch Schwinger durften etwas dawider einwenden, weil sie die Begünstigung der Gräfin hatte, die allen einzig anbefohl, nichts davon zur Wissenschaft des Grafen gelangen zu lassen. Indem, sagte sie zu sich selbst, wird Ulricke oder der junge Mensch bald aus dem Hause kommen: mein Gemahl wollte sie ja neulich schon in eine Stadt thun, wo ein Hof ist; und so mag sie immerhin sich zuweilen mit einer jugendlichen Schäkerey vergnügen: die feinern Sitten des Hofs und der großen Stadt werden das alles wieder verdrängen: ein Mädchen muß in ihrem Leben einmal rasen: besser also früh, als spät! So hatte der Schuzgott der Liebe alle Hindernisse durch die vermeinte Klugheit derjenigen selbst weggeräumt, die am feindseligsten gegen sie handeln wollten. Die Neigung der beiden jungen Personen wurde täglich durch Gefälligkeiten, Umgang und kleine Vertraulichkeiten 293 genährt und flammte allmählich zur Leidenschaft empor. Wie sollte Heinrich nicht ein junges Frauenzimmer lieben, das sich so lebhaft in seiner Krankheit für ihn interessirte, das täglich durch neue Unbesonnenheiten ihres guten Herzens und ihrer Zärtlichkeit für ihn sich Ungelegenheit und Verdruß zuzog, und nichts achtete, wenn sie ein paar Minuten mit ihm zubringen konnte? Und wie sollte die Baronesse den Eindruck eines jungen Menschen mit so einnehmender Figur und Bildung, von so auszeichnendem Charakter, so vieler Lebhaftigkeit und Unterhaltungsgabe von sich abwehren? – Die Fesseln des Zwangs wurden auf beiden Seiten mehr und mehr abgeworfen, und ihrer Leidenschaft ein anderes Gewand dafür angelegt – die Hülle der Heimlichkeit. 294   Zweites Kapitel. Wenn einmal die Liebe so weit ist, dann sorgt das Schicksal gemeiniglich, daß sie nicht auf der Hälfte des Wegs stehen bleibt: ein Zufall mußte sogar den beiderseitigen Vortheil der jungen Personen mit ins Spiel ziehn, und sie nöthigen, Parthie mit einander gegen die Unterdrückung eines Dritten zu machen – ein neues Band, das Herzen fester zusammenzieht! Der Graf hatte unter seinen vielfältigen Marotten eine von der seltsamsten Art: er wollte seinem Hause gern das Ansehn eines Hofs geben, und empfand daher eine besondre Freude, wenn die Kabalen eines Hofs darinne regierten: Ränke, Unterdrückungen, Uneinigkeiten, Verläumdung, zierten seine kleine Hofstatt, nach seiner Meinung; und er gab sich sogar selbst Mühe das Feuer der Zwietracht wieder aufzuwecken, wenn es ihn zu niedrig brannte. Deswegen führte man auch in seinem ganzen Hause die eigentliche Hofsprache: wenn der Koch das 295 Küchenmensch geprügelt und bey dem Haushofmeister es dahin gebracht hatte, daß er ihr den Abschied gab, so sagte man allgemein, der Koch hat die Küchenmagd gestürzt . Hatte der Kutscher des braunen Zugs es so einzuleiten gewußt, daß er den Grafen bey der sonntäglichen feierlichen Promenade fuhr, da es einige Zeit her sein Kamerad mit dem perlfarbnen gethan hatte, so sagte man: Jakob hat Gürgen untergraben . Wenn der eine Laufer den Grafen nach dem Spatziergange im Garten die Schuhe abbürsten mußte, da es sonst der andre gethan hatte, so berichtete man sich: daß Albert wider Franzen eine Intrigue gemacht habe; und durfte der Stallknecht auf ausdrücklichen Befehl, der meistens nur ein Einfall war, nicht mehr die perlfarbenen Wallachen in die Schwemme reiten, so war, nach der allgemeinen Sage, der Stallknecht in Ungnade gefallen. Zuweilen giengen die Kabalen wirklich ins Große: man plagte und quälte sich so herrlich, als wenns ein Königreich gegolden hätte, und gewöhnlich war doch nichts als die kleine 296 Glückseligkeit, mit einem Befehle mehr vom Herrn Grafen beehrt zu werden, der Preis, um dessenwillen man sich das Leben sauer machte. Vornehmlich war der Liebling des Grafen, sein sogenannter Maulesel, der große Hetzhund seines Herrn, der sich ein ordentliches Studium daraus machte, seine Kameraden in unaufhörlichem Streite zu erhalten. Er hatte es darinne so unglaublich weit gebracht, das ihm seine Absicht nie mislang: er gieng zu dem einen, den er zum Zank ausersehen hatte, und erzählte ihn die aufbringendsten Dinge, die ein Andrer von ihm gesagt haben sollte und nie gesagt hatte, daß er vor Zorn kochte: darauf begab er sich zu dem Andern und vertraute ihm die nämlichen Beleidigungen an, als wenn sie jener von ihm gesagt hätte; und jeder mußte ihm noch oben drein dafür danken, weil er ihm diese erlognen Nachrichten als Heimlichkeiten entdeckte, wobey er inständigst bat, den Ueberbringer derselben ja nicht zu verrathen: wenn sie nun beide vor Grimm brausten und sprudelten, dann giengen nicht drey Minuten vorbey, so legte ers so 297 geschickt an, daß sie an einem dritten Orte einander treffen mußten; und die menschliche Natur wirkte bey beiden sogleich einen so heilsamen erleichternden Zank, daß ihr Zusammenhetzer im Winkel, wo er sie behorchte, sich vor Freuden hätte wälzen mögen. Meistens hatte er auch noch eine andre boshafte Nebenabsicht: nach der Gewohnheit dieser Leute warfen sich die Streitenden jedesmal alle Spitzbübereyen und Schelmenstreiche ins Gesicht, die einer vom andern wußte: sonach erfuhr er auch die skandalose Chronik des ganzen Schlosses, und es kamen durch dieses Mittel zuweilen Gottlosigkeiten an den Tag, die man außerdem nicht anders als mit dem höchsten Grade der Tortur aus ihren Urhebern herausgebracht hätte. Zuweilen, wenn er wußte, daß einer einen Groll auf einen Andern hatte, brachte er diesen unter irgend einem Vorwande in die Nähe bey des Erstern Wohnung, oft stellte er ihn ausdrücklich unter das Fenster, um ihm zu beweisen, wie schlecht jener von ihm spreche: dann gieng er hinein, leitete das Gespräch auf denjenigen, der unter dem Fenster 298 horchte, lobte oder tadelte ihn, und wenn der Mann, der von seinem Feinde nicht behorcht zu werden glaubte, treuherzig genug war, so stimmte er mit lautem Halse in den Tadel ein: dann nahm der Boshafte die Partie des Horchenden und feuerte den Mann in der Stube durch den Widerspruch zu solcher Erbitterung an, daß der Mann unter dem Fenster seinen Zorn nicht länger halten konnte, sondern hereinbrach und auf der Stelle den Beleidiger mit Worten oder Thätlichkeiten angriff. In diesen Kunstgriffen, die Leute ohne ihren Willen zum Sprechen wider einen Dritten zu reizen, wenn und wie oft es ihm beliebte, bestand sein ganzer Verstand: er war unerschöpflich erfindsam darinne und beständig so neu, daß er oft den Klügsten des Nachmittags wieder betrog, wenn er ihn gleich des Vormittags schon einmal betrogen hatte. Jedermann floh ihn deswegen, und jedermann mußte ihn suchen, weil er der einzige Kanal war, bey dem Grafen etwas auszuwirken. Alle solche Lustbarkeiten endigten sich damit, daß sie ganz frisch und warm dem Grafen hinterbracht wurden, 299 der zuweilen so herzlich darüber lachte, daß ihm die Augen übergiengen. Die Folgen solcher Klatschereyen waren aber meistens sehr ernsthaft: einer von den Zankenden, dem der Maulesel übel wollte, wurde seines Dienstes entlassen oder auf einige Zeit aus dem Schlosse gewiesen, oder der Graf kehrte ihm allemal den Rücken, wenn er sich zeigte, oder es widerfuhren ihm andre herzangreifende Kränkungen; und alles geschah in der stolzen Absicht, daß große und öftere Revolutionen im Hause seyn sollten, die ihm die höchste Aehnlichkeit eines Hofs zuwege brächten. Daher war auch das Schloß des Grafen von Ohlau ein wahrer Sammelplaz, ein Raritätenkabinet von Lügen und Klatschereyen: nicht eine Minute lang stunden zween Menschen auf Einem Flecken, so wurde ein Drittes zum Schlachtopfer ihres Gesprächs: eine Grube voll Füchse, Wölfe und Tiger wars, die sich alle angrinzten und zerfleischten; und wenn Falschheit, Feindschaft und Verläumdung nöthige Ingredienzien eines Hofs sind, so war dies Haus der größte in ganz Europa. 300 Das große Schwungrad dieser herrlichen Maschine – den Maulesel meine ich – hatte schon gleich anfangs mit Widerwillen die Aufnahme des jungen Herrmanns auf das Schloß angesehen, und war zum Theil daran schuld, daß er die Gunst des Grafen nur kurze Zeit genoß: da auch die überspannte Liebe der Gräfin bald wieder schlaff wurde, und man den Purschen, abgesondert von der übrigen Hofstatt, zu Schwingern steckte, wo er mit Niemanden als seinen Büchern und der Baronesse Ulrike in Gemeinschaft stand, und nach dem Beispiel seines Lehrers sonst keine Seele im Hause anredte, so entgieng er gewissermaßen der Aufmerksamkeit jenes Boshaften: er war nebst seinem Freunde so gut als todt geachtet, und keiner von beiden werth, daß man wider ihn maschinirte, weil sie zum Zanken nicht taugten. Izt aber besann sich der Mann, daß sein eigner Sohn in dem Alter sey, um eine Kreatur des Grafen zu werden, und sich durch zeitige Uebung zum Nachfolger seines Vaters zu bilden. Er lag also dem Grafen an, oder vielmehr er befahl ihm – 301 denn so klangen alle seine Bitten und hatten auch die nämliche Kraft – seinen Sohn auf dem Schlosse, wie den jungen Herrmann, erziehen zu lassen: der Graf sagte ohne Bedenken Ja, und den Tag darauf erschien der Bube, das ächte Konterfey seines Vaters. Unsern Heinrich wollte er nicht geradezu verdrängen, weil er hofte, daß sein vielversprechender Sohn bald einen glücklichen Zank bewerkstelligen werde, wo jener, als die schwächere Partey, nothwendig den Kürzern ziehen und durch seine Veranstaltung in Ungnaden den Plaz ganz räumen müsse. Schwinger hätte lieber einen leiblichen Sohn des Satans unterrichtet, als diesen Buben. Allein was sollte er thun? Es war Befehl des Grafen, von dem er sein Glück erwartete. Jakob – so hieß er – wurde also der Stubenkamerad und Mitschüler des armen Heinrichs. Schwinger gab seinem bisherigen Zöglinge heilsame Verhaltungsregeln und empfahl ihm vor allen Dingen, Zank zu verhüten, den gefährlichen Nebenbuhler zu meiden, so viel es sich thun 302 ließ und keine von seinen Beleidigungen der Aufmerksamkeit zu würdigen: er selbst beobachtete eine ähnliche Aufführung gegen ihn, ließ ihn bey seinem Unterrichte gegenwärtig seyn, ohne sich um ihn zu bekümmern, ob er etwas lernte oder nicht; er konnte gehn, kommen, Acht haben oder nicht, und wegen seiner Aufführung lobte und tadelte er ihn mit keiner Silbe. Der Bube, der nicht den mindesten Trieb zum Fleiße hatte, war mit dieser verächtlichen Behandlung äußerst zufrieden und brachte die Lehrstunden meistens am Fenster mit dem unterhaltenden Spiele zu, daß er Fliegen fieng, an Stecknadeln spießte, und mit inniger Freude sich zu Tode quälen sah. Deswegen sagte ihm auch einmal Schwinger: du bist zum Scharfrichter geboren – welche Bestimmung er so freudig anerkannte, daß er versicherte, er wolle einem Menschen wohl den Kopf abhauen, wenn er still hielt. Heinrich kehrte ihm vor Abscheu den Rücken zu und verzog sein ganzes Gesicht in die Miene der Empfindlichkeit: es schauerte ihn. 303 Noch giengs auf allen Seiten gut: allein der Junge war von der Natur so zum Hasse ausgezeichnet, daß man ihn unmöglich um sich sehen und blos verachten konnte. Aus seinen lichtgrauen, beinahe grünen Augen lauschte der ausgemachteste Schelm hervor, der niederträchtig seyn mußte, weil er zur Bosheit zu tumm war: alle Muskeln des Gesichts bewegten sich unaufhörlich: bald zog sich der Mund in eine schiefe hönende Lage, bald rümpfte sich die Nase, bald rissen die Augen, wie große unterirrdische Hölen, auf und die Augenbraunen fuhren über die Stirn bis an die Haare hinan, bald blekte er die Zunge, bald fletschte er die Zähne, wie ein grimmiger Tiger – und alles vor sich hin, ohne ein Wort zu sprechen! Zum freyen Blicke in die Augen ließ ers niemals kommen, sondern wandte sogleich die Augen hinweg, wenn sie ein fremdes Auge traf, und wollte er Jemanden anschauen, so geschahs nicht anders als mit einem hämischen Seitenblicke. Nie stand er gerade auf den Fußsolen, sondern Ein Fuß lag gewöhnlich auf der Seite und rieb sich an den Tielen: drey Finger in den eyrunden Mund zu stecken und daran zu kauen, beide Ellbogen auf den Tisch zu stützen und den Affenkopf in die Hände zu legen, sich nur mit einer Seite des Leibes auf den Stuhl zu setzen und mit der Schläfe an der Lehne hin und her zu fahren – diese und ähnliche waren seine Lieblingsstellungen. Der Kontrast, wenn dieser Pavian und Heinrich neben einander stunden, war so auffallend, als zwischen einem Satyr und einem Apoll. Dem jungen Herrmann sprach aus den feurigen dunkelblauen Augen eine Seele voll edler Größe und starken Gefühls: auf den rothen vollen Wangen blühte Heiterkeit und frölicher Muth: der lächelnde kleine Mund kam, auch schweigend, mit Gefälligkeit und Liebe entgegen: die gebogne Nase kündigte Verstand, die hochgewölbte Stirn Tiefsinn und Ernst, und die starken, in erhabne Bogen gekrümmten Augenbraunen Würde an: aus allen Punkten des Gesichts redte Offenheit, daß man beym ersten Anblicke in ein Herz zu schauen glaubte. Jede Bewegung seines wohlgebildeten Leibes wurde von einem Reize, einem 305 bezaubernden Reize begleitet: selbst die stolzeste Dame, wenn sie die Pantomime sah, womit seine Lebhaftigkeit alle Reden beseelte, spitzte den Mund zu einem Kusse, und würde ihn gewiß auf seine Lippen gedrückt haben, wenn sie nicht die Erinnerung an ihren Stand zurückgezogen hätte. Erblickte man neben diesem Marmorbilde des Phidias den thönernen Jakob , von dem elendesten Töpfer geformt – einen dicken kugelrunden Kopf, mit Schweinsaugen, einer ungeheuern Nase, einem großen verzerrten Munde, und hauptsächlich zur Warnung aller Sterblichen mit der hämischsten, tückischsten, gelbsüchtigsten Miene und der niederträchtigsten Dummdreistigkeit so deutlich und leserlich, als ein Dieb vom Scharfrichter, gebrandmahlt: sah man diesen krumbeinichten Pagoden dahinschlentern, und mit den plumpsten Manieren oder leidenschaftlichem Ungestüm die Arme bewegen: dann wünschte man sich das Recht, ein so mislungenes Werk zu zerstören, das eine Welt verunstaltete, die solche Geschöpfe hervorbringt, wie eins neben ihm stund. 306 Die natürliche Antipathie, die zwey so dissonirende Kreaturen von einander wegstoßen muß, verstattete dem jungen Herrmann schlechterdings nicht, der Ermahnung seines Lehrers ganz getreu zu bleiben: doch wäre er vielleicht wieder in das Gleis der stillen Verachtung zu leiten gewesen, hätte sich nicht Eifersucht darein gemischt. Troz aller Merkmale der Verwerflichkeit zog der Graf das Geschöpf Heinrichen weit vor: diesen ließ er niemals zu sich kommen, und jenen sehr oft zu sich rufen: wenn ihm die Baronesse einen Einfall von Heinrichen erzählte, so schwieg er und that, als ob ers nicht hörte, oder sprach gleich etwas anders darein: warf Jakob eine Grobheit oder plumpe Hönerey Jemanden an den Hals, so erschallte ein beyfallvolles Lachen: sehr oft erzählte er sogar Einfälle, die Heinrich gesagt und die Baronesse bey Tafel vorgebracht hatte, als ob sie von dem struppköpfichten Jakob herrührten. – Es ist ein unseliger Trieb in der menschlichen Natur, der die Menschen gegen die Vortreflichkeit empört: lieber räuchern sie einem abgeschmackten, geistlosen, 307 unwürdigen Apis, um einen Apoll zu demüthigen, weil er den Weihrauch verdient . Auszeichnendes Verdienst ist ein Fehdebrief an die Verachtung , den die Natur ihren Günstlingen auf die Brust hieng, der jedesmal richtig beantwortet wird, wo es die Leute nicht der Mühe werth achten zu hassen . Zu diesem Grunde gesellte sich noch ein andrer nicht weniger wichtige: Jakob, weil er keinen Werth in sich selbst fühlte, kannte keinen andern als den Gehorsam eines Hundes, der sich von seinem Herrn zu allem gebrauchen läßt, wenn er ihn nur gut füttert: Heinrich hingegen voll vom Gefühl seiner Kraft, erwies und foderte Achtung, gehorchte aus Erkenntlichkeit, und rang nach keiner Gunst, die er als eine erniedrigende Gnadenbezeugung besitzen sollte: als Belohnung, als Verdienst wollte er sie empfangen. Dieser schmeichelte und ehrte den Grafen, um sich ihm verbindlich zu machen, und der Graf wollte nur aus Schuldigkeit geehrt und geschmeichelt seyn: er foderte Respekt als einen Tribut. Eine solche Foderung erfüllte Jakob ungleich besser: er 308 war sich in seinen eignen Augen nicht viel, und fand es also nicht befremdend, wenn ihn der Graf als gar nichts behandelte. Heinrich sahe vielleicht einen großen Theil hievon ein: allein welche Menschenseele sollte nicht dessen ungeachtet bey einem so offenbaren Unrechte entbrennen und wider den Unwürdigen auflodern, der so ganz ohne Verdienst den Vorzug an sich reißt? – So oft auch Schwinger seine Ermahnungen zur Gelassenheit wiederholte, so konnte er sich doch nicht enthalten, ihn zuweilen mit bittern Spöttereyen und empfindlichen Verächtlichkeiten zu bestrafen: zu seinem Aerger verstand sie der Bube meistentheils nicht, war aber die Dosis so stark, daß er sie nothwendig fühlen mußte, so rächte sich der Beleidigte mit einer Plumpheit, und wenn er im darauf folgenden Wortwechsel nicht weiter konnte, so war seine gewöhnliche Zuflucht, den Streit mit Erdichtungen zum Nachtheile des Gegners dem Grafen zu hinterbringen, der nicht selten Heinrichen einen Verweis darüber geben ließ. Eines Tages gieng es so weit, daß 309 ihn der Graf, als er ihn von ohngefähr auf der Treppe traf, in Gegenwart seines ganzen Gefolgs und des Anklägers derb ausschalt, weil er diesen die Meerkatze des Grafen genannt hatte. Heinrich, über die Vorwürfe und das triumphirende Gelächter seines Gegners aufgebracht, antwortete bitter: »O ich hab' ihm noch zu viel Ehre angethan: ihre Hofsau hätt' ich ihn nennen sollen.« – Der Graf vergaß sich in der Hitze so weit, daß er ihm mit hoher Hand auf der Stelle eine Ohrfeige gab. Wie eingewurzelt stand der Beleidigte da und wußte nicht, ob er dem Grafen nachgehen und sich durch stärkre Empfindlichkeiten rächen, oder dem Buben, der vor Freuden hüpfte, die Kehle zudrücken sollte: izt gieng er, izt stund er, knirschte mit den Zähnen, schlug sich mit der geballten Faust an die Stirn, daß es laut schallte, seufzte, lehnte den Kopf an die Wand und brach vor Schmerz über seine ohnmächtige Wuth in eine Fluth von Thränen aus. Die Baronesse hatte durch eine schmale Eröfnung ihrer Thür den häßlichen Auftritt 310 angesehn: schon war sie auf dem Sprunge, sich zu verrathen und dazwischen zu laufen, als der Graf ausholte, allein zu ihrem Glück blieb sie mit der Falbala am untersten Riegel hängen, und ehe sie sich losriß, war die Ohrfeige schon empfangen und ihr Onkel fortgegangen. Sie that einen lebhaften Ruck, daß ein großer Theil der Garnitur an dem Riegel zurückblieb, und eilte auf Heinrichen zu, wie er mit dem Kopfe an der Wand lehnte. Sie legte beide Hände auf seine Schultern, um ihn abzuziehn, tröstete und bat ihn, sie in ihr Zimmer zu begleiten. – »Ich bin allein,« sezte sie hinzu; »Hedwig ist bey der Gräfin.« – »Lassen Sie mich!« rief er mit schmerzhaftem Tone und gieng die Treppe hinunter – stund – gieng über den Hof – und wieder – gieng in den Garten – ein paar Gänge aufwärts mit untergeschlagnen Händen und gesenktem Haupte, so tief in seinen Schmerz verloren, daß er an Bäume rennte, weder hörte noch empfand. Die Baronesse folgte ihm stillschweigend Schritt vor Schritt sehr nahe auf den Zehen. Er kam an einen 311 Teich: die Baronesse hatte schon die Hand am Rockzipfel, um ihn aufzuhalten, wenn er im Tiefsinne das Wasser nicht gewahr werden sollte: der Fuß war bereits aufgehoben, um ihn in den Teich zu setzen – die Baronesse zog ihn zurück: ohne sich des Zuges bewußt zu seyn, erwachte er, erblickte das Wasser, trat zurück und stund da. Er warf sich in den Sand hin, die Baronesse flüchtete hinter einen nahen Baum. Plözlich sprang er auf mit einer Bewegung als wenn er sich in den Teich stürzen wollte: daß er wirklich die Absicht hatte, ist nicht zu läugnen: aber der Entschluß war nur ein schneller Stoß, eine Verzuckung der Leidenschaft, und er hielt sich schon zurück, als die Baronesse hervorbrach und ihm um den Hals flog. Als wenn er noch immer bereit wäre, seinen Vorsaz auszuführen, packte sie ihn in ihrer Umarmung fest und trieb ihn mit aller Gewalt vom Wasser hinweg. Der Uebergang von Schmerz und Kränkung zur Liebe ist nur ein halber Schritt: die zärtliche Stellung, in welcher er sich mit der Baronesse befand – von ihren Armen fest 312 umschlungen und dicht an ihren klopfenden Busen gedrückt, daß ihr Odem sein Gesicht bethaute – ihr Mitleid, ihre Vorsorge – alles drängte in Einem Tumulte auf seine Empfindung los und spannte ihre Federn so stark an, daß er sein Gesicht an ihren Busen verbarg und heiße Thränen hinströmte: beide zerflossen in einer Innbrunst, die auch Ulrikens Augen trübte. Bey der Baronesse erwachte Besonnenheit und Scham zuerst: sie machte ihre Arme los und schob ihn von der Brust hinweg: der Schwung, den Zorn und Wuth seiner Seele gegeben hatten, machte ihn dreist: er wiederholte eine Umarmung, die seinen Schmerz so merklich in sanfte, erleichternde Empfindungen verwandelte, und zog Ulriken mit sich unter den Baum hin: der Sturz entdeckte ihm ein Knie, das die Natur nur Einmal in solche Form goß, das ihm Neuheit und wallende Imagination in dem Augenblicke mit Reizen belebten, die alle seine Sinne benebelten: er war berauscht, er lechzte vor innerlicher Gluth. Ulrike wand sich zum zweitenmale los: beide sahen ins Gras und schwiegen. 313 »Ach, unmöglich kann ich aus dem Hause gehn,« fieng Heinrich an: »ich muß meinen Schimpf tragen – den entsezlichen Schimpf!« Die Baronesse. Du? aus dem Hause gehn? Heinrich. Ja, ich muß: aber ich kann nicht; und wenn ich alle Tage bis aufs Blut gequält würde, ich kann nicht! – Ulrike, wie mach ichs, daß ich mir nicht gram werde. wenn ich bleibe? Die Baronesse. Rächen mußt du dich an dem Lotterbuben! Räche dich, und dann geh! Geh aus dem Hause und – lieber Heinrich, nimm mich mit dir! Das ganze Schloß ist mir so zuwider, daß ichs nicht gern ansehe. Man wird seines Lebens nicht froh darinn: das ist eine ewige Langeweile, ein ewiger Zwang: das reprimandiren, korrigiren hat gar kein Ende. Ich muß mich bücken und schmiegen und werde verachtet, weil ich aus Gnade im Hause bin: die geringste Kleinigkeit muß ich mir als eine große Gnade anrechnen lassen und – kurz, ich bin des Lebens satt. Nun soll ich auch noch dem Schandbuben, dem Jakob, aufwarten: noch 314 gestern hat mich der Onkel seinetwegen ausgescholten, daß ich – Sie verstummte mit Thränen. Heinrich knirschte. »Ja,« sprach er, »rächen wollen nur uns und gehn! – Aber wohin?« sezte er bedenklich hinzu. Die Baronesse. Wohin uns unsre Füße tragen. Ich kann ja Putz machen, nehen, stricken und tausend andre solche Arbeiten: ich will mich indessen als Kammerjungfer vermiethen: – aber es muß weit, weit seyn, daß Onkel und Tante nichts von mir erfahren – und wenn du einmal einen Dienst bekommst – möchte er auch noch so klein seyn – Ach, lieber Heinrich, wenn du das wolltest! – Sie senkte den Blick und schwieg. Heinrich. Baronesse – Die Baronesse. Nenne mich nicht mehr Baronesse! Ich bin dem Namen feind: er klingt viel zu fremd für uns; und ich wills von nun an nicht mehr seyn. Heinrich. Ulrike, hier ist meine Hand! Ich wandre aus: ich suche einen Dienst, der uns 315 ernähren kann; und dann – Ach, liebe Ulrike, wenn du das wolltest! – Stillschweigend zog sie einen kleinen goldnen Ring bedächtlich vom Finger. – »Hast du keinen Ring?« fragte sie leise. Heinrich. Ja, aber nur einen bleyernen, den mir einmal ein armer Hausirer für ein Almosen geschenkt hat. Die Baronesse. Schadet nichts! Bleyern oder golden! Sie steckte ihm den ihrigen an den Finger. – »Er paßt,« sprach sie freudig, »als wenn er für deinen Finger gemacht wäre. Gieb mir deinen bleyernen dafür!« Heinrich. Noch heute! Die Baronesse. Geh, suche einen Dienst! und dann – Heinrich, du hältst Wort? Heinrich. So gewiß als ich dir diese Hand gebe! Du wirst Kammerjungfer: und dann – Ulrike, wenn gehn wir? Die Baronesse. Bald! denn der Onkel ließ neulich ein Wort fallen, daß er mich nach Dresden zu einer alten Anverwandtin thun wollte; 316 da wird vollends ein hübsches Leben angehn! Ich grämte mich zu Tode – Wir müssen ja eilen! Heinrich. Die Minute geh ich mit dir, daß ich nicht wieder in das schändliche Haus darf. Die Baronesse. Komm! wir wollen sehn, ob die Thür offen ist! – Sie giengen wirklich, um auf der Stelle einen Anschlag auszuführen, dessen nur ein unbesonnenes Mädchen im sechszehnten und ein beleidigter Pursche im funfzehnten Jahre fähig ist: allein zu ihrem Glücke war die Thür verschlossen. Zudem besann sich auch die Baronesse unterwegs, daß sie den bleyernen Ring noch nicht bekommen habe, und drang also in ihren Begleiter zurückzukehren. Auf dem Rückwege vertraute sie ihm eine andre Entdeckung, die nach ihrer Meinung für ihr künftiges Glück sehr heilsam seyn sollte. – »Du weißt vielleicht,« sagte sie, »daß mein Vater sehr viele Schulden hinterlassen hat, und nach seinem Tode haben die Leute, von denen er borgte, alles weggenommen. Nun sah ich ehegestern auf dem Sofa in der Tante 317 Zimmer und stickte an der Weste, die wir dem Onkel machen: er sprach mit der Tante im Nebenzimmer. Ich hörte meinen Namen nennen: gleich warf ich die Arbeit hin und horchte. So wäre doch Ulrike, sprach der Onkel, keine schlechte Partie, wenn wir Friedrichshain – das ist ein Gut von meinem verstorbnen Vater – aus dem Konkurse ziehen könnten: es ist offenbar, daß mans nicht dazu hätte nehmen sollen: aber meiner Schwester Mann war nachlässig, und die Advokaten haben das so in einander verwickelt, daß vielleicht zulezt weder Gläubiger noch Erben etwas bekommen werden: indessen einmal muß doch die Sache ein Ende nehmen, wenns auch noch einige Jahre hin dauerte. Weiter konnt' ich nichts hören: denn sie giengen ins chinesische Zimmer. – Sieh einmal, Heinrich! rief sie außer sich vor Freuden, wie reich wir noch werden können! Wenn ich das izt schon hätte, braucht' ich nicht erst Kammerjungfer zu werden. Ich weis auch gar nicht, was für schändliche Menschen die Advokaten seyn müssen, daß sie die Sachen so verwickeln. Sie können 318 das wohl so mit ansehn: sie haben, was sie lieben – Ach, unterbrach sie sich plözlich, dort kömmt die dicke Hedwig. Ich will zu den Erdbeeren gehn und thun als wenn ich für den Onkel pflückte. Hurtig! geh, daß sie dich nicht sieht.« Ein Händedruck und ein freundlicher Blick war der Abschied. Zween Schritte! dann kam sie wieder zurück. »Heinrich,« zischelte sie, »du wirst doch den bleyernen Ring nicht vergessen?« –Er versicherte sie das Gegentheil, und sie flog zu den Erdbeeren und hatte schon eine ziemliche Menge gepflückt, als Fräulein Hedwig ankam. Die Baronesse freute sich über ihre gelungne List und die Leichtgläubigkeit ihrer Guvernante, die wegen eignen Herzenskummers die Richtigkeit ihres Vorwands weder bezweifelte noch untersuchte. Sie pflückten beide in Gesellschaft. Die Baronesse beklagte sich, daß sie ihren Ring verloren habe. Die Guvernante., die sonst bey solchen Gelegenheiten, wie ein Löwe, aufbrüllete, antwortete nichts als ein gleichgültiges »So?« – Sie suchten unter den Erdbeersträuchen 319 fanden ihn nicht und giengen beide fort, ohne sich weiter darüber zu beunruhigen. Das Projekt der Entfliehung beschäftigte seitdem die Baronesse unaufhörlich. Jeden Morgen legte sie ihr Schlafzeug in ein kleines Packet zusammen und an das unterste Ende des Bettes: ihre diamantnen Ohrgehenge trug sie in der Tasche nebst dem kleinen Geldvorrathe, der sich nie sehr hoch bey ihr belief, weil sie aus Gutherzigkeit Jedem gab, der etwas brauchte. Etwas weniges Wäsche wurde in einem alten Pavillon im Garten hinter aufgeschütteten Ziegelsteinen verborgen, und bey Gelegenheit auch ein Schächtelchen, mit den Instrumenten aller weiblichen Arbeiten angefüllt, welche sie verstund, und wodurch sie ihren Unterhalt zu finden hofte. Ihre Vorsorge gieng so weit, daß sie sogar Seide, Goldfaden und andere Materialien zusammenpakte, und je länger sich die Flucht verschob, je mehr fand sich mitzunehmen, daß sie zulezt einen Maulesel gebraucht hätte, um ihr Gepäcke fortzubringen: überdies mußte sie sehr viele Sachen, wenn nach ihnen gefragt 320 wurde, oft wieder auspacken. Um sich dieser Unbequemlichkeit zu überheben, hielt sie für dienlich, ihre Geräthschaft blos in der pünktlichsten Ordnung zu erhalten, jedem Stücke den bestimmtesten Platz anzuweisen und es nach jedesmaligem Gebrauche pünktlich wieder dahin zu legen, um erforderlichen Falls in einer Viertelstunde sich reisefertig zu machen. Fräulein Hedwig wunderte sich ungemein, woher ihr plözlich diese ungewohnte Ordentlichkeit kam, und die Gräfin meinte, daß sie anfienge, die Kinderschuhe auszutreten. Die nahe Aussicht, nach ihren Begriffen aus einem Kerker erlöst zu werden, gab ihr die freudigste Munterkeit: die Hofnung begeisterte sie so sehr, daß sie auch die langweiligsten Stunden mit Standhaftigkeit ertrug und die lästige Gesellschaft des Grafen ohne den mindsten Verdruß aushielt: so sehr es ihr sonst schwer fiel, das Maas der Anständigkeit zu treffen. das sie nach seinem Verlangen ihren Reden und Handlungen geben sollte, so leicht fiel es ihr izt. Der Graf fand sie ganz umgeändert und versicherte, daß vielleicht doch 321 noch etwas aus ihr werden könnte. Ihre Geschäftigkeit und ihre Freude war ohne Gränzen: sie gieng niemals, sie flog, getragen auf den Schwingen der Hofnung. Nicht weniger Anstalten machte auch Heinrich. Er war sogleich, nach ihrer Trennung durch Hedwigs Dazwischenkunft, ins Haus zurückgegangen und hatte seinen Ring, um keinen Verdacht zu erwecken, an einem Faden um den Hals gehängt; und so trug er ihn beständig unter dem linken Arme auf der bloßen Haut, nicht etwa aus Empfindsamkeit – diesem gekünstelten Hautgout in der Liebe, den er noch nicht kannte! – sondern weil er ihn auf diese Art am sichersten zu verbergen glaubte. Er gieng etlichemal vor dem Zimmer der Baronesse vorbey, um ihr sein bleyernes Gegengeschenk einzuhändigen: sie erschien nicht. Endlich begegneten sie einander: Fräulein Hedwig gieng neben der Baronesse, und also war nicht mehr Zeit als verstohlen zu geben und verstohlen zu nehmen: wie ein Wind war der Ring an ihrem Finger, den er auch nicht eher verließ, als wenn sie vor dem Grafe oder der 322 Gräfin erscheinen mußte, die sie verschiedenemal wegen dieser schlechten Zierde gescholten hatten und ihr drohten, das elende Ding zum Fenster hinauswerfen zu lassen, wenn sie es noch an ihrer Hand blicken ließ. Heinrich pakte nach jener Uebergabe seines Liebespfandes nicht etwa Wäsche oder andere ähnliche Bedürfnisse, sondern einen alten Seneka, einen Antonin und ein paar andre seiner Lieblingsbücher zusammen, sezte Feder, Papier und Dinte in Bereitschaft, und dachte, wie ein wahrer Neuling in der Welt, der voll Berauschung nicht über die augenblickliche Ausführung seines Projekts hinaussieht, mit einem solchen Reisebündel seine Wanderschaft anzutreten. Schwinger bemerkte die Unruhe, die die unaufhörliche Beschäftigung mit einem so wichtigen Anschlage hervorbringen mußte: allein weil er glaubte, daß sie noch von der empfangnen Ohrfeige herrührte, so ermahnte er ihn mit den auserlesensten Sittensprüchen zur Standhaftigkeit und muthigen Ertragung seiner Beleidigung. 323   Drittes Kapitel. Jakobs Vater fand, daß sein Sohn seinem Posten etwas schläfrig vorstund: außer der Ohrfeige hatte er Heinrichen nichts als unbedeutende Verweise zugezogen, und zum ofnen Zanke war es gar noch nicht gekommen. Er selbst war der Maschinationen wider seine Kameraden überdrüßig und verlangte nach einer höhern Sphäre zu seinem Wirkungskreise, und in diese Sphäre gehörten Fräulein Hedwig und Schwinger mit ihren beiderseitigen Untergebenen: er hatte keine geringere Absicht, als das sie alle samt und sonders in voller Ungnade aus dem Hause sollten. Der Bewegungsgrund? – Keinen hatte er, als weil er eine Ehre darein sezte, bey dem Grafen Einfluß zu haben, und weil es ihn mehr schmeichelte, durch seinen Einfluß Andern zu schaden als zu nützen: das Schicksal Aller im Hause sollte auf seinem Willen beruhn, wie das Geschick einer Welt auf Jupiters Winke. Er hatte seinem großen Entwurfe gemäß, seine 324 Aufmerksamkeit zuerst auf Fräulein Hedwig gewendet und ihr Verständniß mit dem dicken Amyntas, dem Stallmeister, glücklich ausspionirt: versteht sich daß es der Graf die Minute darauf erfuhr! Nächstdem hatte er auch eine Vertraulichkeit zwischen der Baronesse und Heinrichen ausgekundschaftet – eigentlich zwar nicht ausgekundschaftet, ob ers gleich bey dem Grafen vorgab, sondern nur erdichtet, und paßte ihnen nunmehr auf, um zum Beweise seiner Erdichtung wahrscheinliche Umstände aufzusammeln. – Um endlich auch den armen Schwinger nicht eine müßige Nebenrolle spielen zu lassen, mußte er sich sogar in die Gräfin verliebt haben und also bey dem Schauspiele die lustige Person seyn: kein Abend gieng vorbey, wo er den Grafen nicht mit komischen Auftritten jener verwegnen Liebe unterhielt, die der Graf für baare Wahrheit annahm und belachte. Jakob wurde auf ausdrückliches Verlangen des Grafen zum Spion bestellt: er schlich den ganzen Tag auf dem Saale vor dem Zimmer der 325 Baronesse, wie ein lichtscheuer Vogel, an den Wänden herum und haschte Fliegen, wenn auch keine da waren, und schielte seitwärts nach allen Vorübergehenden unter den gesträubten Augenwimpern hin. Jedermann scheute ihn, weil er einem Vater gehörte, den Jedermann fürchtete, und man vermuthete gleich, daß er ein Spion sey. Weder die Baronesse, noch Fräulein Hedwig rührten sich einige Tage von der Stelle. Heinrich that zwar oft seinen Spatziergang in den Garten, aber fruchtlos: er durfte nicht einmal nach der geliebten Thüre hinblicken. Die Baronesse wollte den Spion schlechterdings wenigstens auf einige Minuten entfernen, um mit Heinrichen Abrede zur vorgenommenen Rache zu nehmen. Der Junge war äußerst genäschig: sie stahl also ihrer Guvernante, die beständig einen reichen Vorrath an Purganzen und Vomitifen zu eignem Gebrauche hatte, aus der Kommode so viel von beiden, als sie wegnehmen konnte, ohne die Verminderung der Apotheke sehr merklich zu machen. Die Medikamente wurden durch feine Oefnungen in ein Packet gebackne 326 Pflaumen vertheilt, die präparirten Pflaumen in die Tasche gesteckt, und in die Tasche ein grosses Loch geschnitten: sie lief oft über den Saal bald dahin, bald dorthin, und ließ bey jedem Gange eine Straße von verlornen Pflaumen hinter sich, auf welche Jakob, wie eine lauernde Spinne aus ihrem Hinterhalte, hervorschoß und mit der ausgelesenen Beute an die Wand zurückeilte, wo er sie begierig mit Fleisch und Kern verschluckte. Seine Freßbegierde machte die Dosis allmählig so stark, daß er vor den Schmerzen der Wirkung nicht auf seinem Posten bleiben konnte. Er gieng, dem Rufe der Natur zu folgen; und während seiner oft wiederholten Abwesenheit hatte die Baronesse die Dreistigkeit auf die Treppe zu treten und so lange zu husten, bis Heinrich den Ruf verstand und herunterkam. Er mußte sie ins Zimmer begleiten; und nun wurde unter Fräulein Hedwigs Vorsitz ein förmliches Komplot wider den Spion geschmiedet; und die Baronesse schlug dabey, um sich von Zeit zu Zeit Operationsplane unentdeckt mitzutheilen, eine eigene Art von Korrespondenz vor. 327 Es war in dem Hause ein Pfänderspiel Mode, das man die Divination nannte. Eine Person in der Gesellschaft durchstach in einem bedruckten Blatte mit der Stecknadel einzelne Buchstaben, die herausgesucht und zusammengesezt einen Sinn gaben, überreichte das Blatt einer andern, die diesen Sinn heraussuchen mußte. Dieses Spiel brachte sie auf den Einfall, in einem Buche Buchstaben in der Ordnung durchzustechen, daß man sie, wenn das Blatt gegen das Licht gehalten wurde, ohne Beschwerde zu Worten zusammensetzen und lesen konnte. Unter dem Vorwande, als wenn Heinrich ihr und sie Heinrichen Bücher borgte, sollte der Spion selbst ihr Bote seyn und die heimliche Steckenadelschrift überbringen. Fräulein Hedwig sah Heinrichen blos als einen Gehülfen der Rache an, ohne daß sie seine Theilnehmung einer andern Ursache als der Ohrfeige zuschrieb. Nach genommener Verabredung lauerte die Baronesse an der Thür, und bey der ersten Abwesenheit, zu welcher die Pflaumen die Schildwache nöthigten – husch! war Heinrich die Treppe hinauf. 328 Die Korrespondenz nahm ihren Anfang: allein statt sich Entwürfe zur Rache mitzutheilen, ließ mans einige Zeit bey einem verliebten Briefwechsel bewenden. Die beiden Korrespondenten sagten sich in ihrer natürlichen unschuldigen Sprache Zärtlichkeiten, angenehme Erwartungen künftiger Glückseligkeit, leere Tröstungen mit der Flucht – kurz, alles, womit sich ein Paar Verliebte beunruhigen und aufrichten können. Jakob war so gierig nach den Büchern, die man ihm zu überbringen gab, als nach den Pflaumen, und fragte oft bey beiden Theilen an, ob nichts zu bestellen sey: sein Vater hatte ihm ausdrücklichen Befehl dazu gegeben, weil er sich jedesmal vor der Ueberbringung das Buch zur Durchsicht zeigen ließ, und so einmal einen handschriftlichen Beweis seiner Erdichtung darinne zu erwischen hofte, wenns auch nur ein gleichgültiges Zettelchen wäre, das man dem argwöhnisch gemachten Grafen durch eine geschickte Auslegung als sehr strafbar vorstellen könne. Er blätterte und suchte in den Büchern und fand niemals etwas. 329 Die Beschwerden, die Jakob nebenher allen im Schlosse verursachte, wurden immer drückender. Aus unseliger Gefälligkeit gegen ihren Gemahl hatte sich sogar die Gräfin auf die Seite des Buben geschlagen: überhaupt handelten, liebten und haßten diese beiden Leute beständig wider ihre eigne Ueberzeugung: ein jedes quälte sich mit Neigungen und Abneigungen, um dem andern zu gefallen, und die Gräfin wurde an den struppköpfichten Jakob zum wahren Märtyrer der Politesse. Er war ihr bis zum Ekel widrig, wie sein Vater, verhaßt, und doch lobte sie das Ungeheuer in des Grafen Gegenwart, tändelte mit ihm, beschenkte ihn und erwies ihm tausend Gütigkeiten, behandelte ihn sogar als ihren Liebling und sagte dem Vater Schmeicheleyen über die Annehmlichkeiten seines Sohns: sie gieng in dieser traurigen Gefälligkeit bis zur Ungerechtigkeit gegen diejenigen, die dem Jungen misfielen: man kann leicht rathen, wer dies seyn mag. Sie gieng aus wahrer Abneigung gegen Heinrichen, den ihr seine Feinde die Zeit her in so nachtheiligem 330 Lichte vorgestellt hatten und in völligem Ernste damit um, ihn aus dem Hause wegzuschaffen; und nur eine Art von weiblichem Mitleiden zwang sie auf Mittel zu denken, wie sie ihn mit den wenigsten Unkosten zu seinem Fortkommen außer ihrem Hause behülflich seyn könne. Der Graf hatte ihn unmittelbar nach der Ohrfeige fortjagen wollen, wie ers nannte, allein sein Maulesel verbot es ihm: dem Niederträchtigen war es nicht genug, daß er mit einem so kleinen Zorne wegkommen sollte, und verzögerte durch verstellte Vorbitten bey dem Grafen seine Verabschiedung bis zu einem Zeitpunkte, wo sie mit größerm Aufsehn geschehn konnte. An Neckereien ließ es sein Jakob nicht fehlen, diesen Zeitpunkt zu beschleunigen. Die Baronesse hatte einen kleinen Fleck im Garten für ihr Taschengeld mit Begünstigung des Onkels bearbeiten lassen, worinne sie einige ihrer verliebten arkadischen Ideen ausführte. Es war eine Laube darinne, kleine Rasenplätze, die Triften vorstellten, worauf sie ein kleines wollenreiches 331 Schäfchen mit einem rothen Halsbande zuweilen selbst weidete, Kirschbäume mit eingeschnittenen Namen, die Niemand entziffern konnte als sie, Blumenbeete mit Thymian und Lavendel eingefaßt, von welchen sie Kränze band, um ihre Laube damit zu zieren, auch ein Bach, der bey starkem Regenwetter Wasser, und beständig Mücken und Frösche in Menge hatte: sie versicherte in der Folge oft selbst, daß sie in dieser mit Kränzen behangnen Laube, ihr weidendes Schäfchen vor sich, wahre Empfindungen arkadischer Glückseligkeit genossen und in ihrer Einbildung eine Welt um sich geschaffen habe, in welcher sie Zeitlebens träumen möchte. An einem Morgen, als sie dieser fantastischen Glückseligkeit zueilte, fand sie alle ihre Kirschbäume zerschnitten, zerknickt, zum Theil umgerissen, ihre Blumen abgeschnitten, die Einfassungen ausgewurzelt, ihre Laube beschädigt: ihre erträumte Welt war dahin und mit ihr ihre Glückseligkeit: traurig sah sie auf die Ruinen ihres Glücks herab, weinte und beschwerte sich bey dem Onkel. Sie gab es dem 332 heimtückischen Jakob schuld; und da der Pursche sich meisterlich auf das Läugnen verstund, so endigte sich die Klage mit einem doppelten Verweise für die Baronesse, daß sie einen Unschuldigen angeklagt habe, und daß sie in ihrem Alter die Unanständigkeit begehe, über solche Kindereyen zu weinen. Jakob bekam Lust zu ihrem Schäfchen, das sie seitdem mit stiller Wehmuth zuweilen in dem verwüsteten Arkadien geweidet hatte: ohne Anstand mußte es ihm abgetreten werden und der Garten dazu, mit dem Bedeuten, daß sich eine sechzehnjährige Baronesse mit ernsthaftern Vergnügungen, als mit solchen Kinderpossen, die Zeit vertreiben müsse. – »Stricke, sprich, nimm die Karten in die Hand! das ist anständiger für dich« – belehrte sie der Graf. Die Baronesse unterhielt sich aus natürlicher Freude an dem niedrigen Leben mit den geringsten Mädchen, und nicht selten gieng sie, wenn die Hinterthür des Gartens offen war, auf der großen Wiese, in einem Zirkel von Bettelkindern, spatzieren, unter welche sie ihr Taschengeld 333 austheilte: nicht selten gesellte sie sich zu den Mägden und Fröhnern, wenn sie Heu machten, sezte sich unter sie, kaufte ihnen ein Stück ihres groben Vesperbrods ab, und aß mit ihnen, so vergnügt und heiter über ihren dörfischen Scherz als wenn sie dazu geboren wäre. Jakob belauerte sie, zeigte es an, und auch dieses Vergnügen wurde ihr bey der schärfsten Strafe und in den schärfsten Ausdrücken untersagt. Heinrichen konnte er im Grunde weniger anhaben, weil man sich um diesen weniger bekümmerte: er suchte ihn also auf seines Vaters Eingebung mit Schwingern zu entzweyen. Er goß ihm Dinte auf die Bücher oder auf die Wäsche, und betheuerte alsdann mit Schwüren, daß ers Heinrichen habe thun sehen. Er wollte Herr des Zimmers seyn, despotisch befehlen, wo dieses, wo jenes stehn sollte, daß oft selbst der gutmüthige Schwinger die Geduld verlor und seine Hand mit Gewalt zurückhalten mußte. – Heinrich hingegen war aller Zurückhaltung überdrüßig: er widersezte sich ihm izt muthig und that gerade von allem das Gegentheil, was er wollte: die Aussicht auf die nahe Flucht, wozu man nunmehr durch die geheime Korrespondenz den Tag angesezt hatte, gab ihm unüberwindliche Herzhaftigkeit. Vorher aber beschloß er Rache über ihn, die er für sich ohne Zuthun der Baronesse ausführen wollte. Der Junge war so neugierig als genäschig: ein hellfarbiger Lappen, ein funkelnder Stein konnte ihn wer weis wie weit locken. Heinrich hieng also an einem Baum jenseit eines schlammichten, tiefen Grabens etliche bunte flatternde Bänder auf, überbaute einen schmalen Fleck des Grabens mit einigen dünnen Stecken, schüttete Erde darauf und bedeckte sie künstlich mit Laub und Gras, daß man die Falle nicht vermuthete. Jakob wurde durch eine Straße von gestreuten Kirschen, die wie verloren da lagen, zu dem Orte gelockt: kaum erblickte er die wehenden rothen Bänder von weiten als er nach ihnen hineilte: er hofte eine Entdeckung zu machen, die er oder sein Vater zu Jemands Unglücke brauchen könnte, hielt in der Uebereilung Heinrichs gebaute Brücke für festen 335 Boden, galopirte auf sie hin, den Blick stier auf die rothen Bänder gerichtet – pump! brach der betrügerische Steg ein, und Jakob lag bis an die Schultern im Schlamme: die Ufer des Grabens waren tief und für ihn unersteiglich, so sehr er arbeitete herauszukommen: er schrie, doch Niemand hörte ihn. Sein Vater, der Graf und auch endlich die Gräfin waren in der äußersten Verlegenheit, daß der werthe Jakob sich verloren hatte: man suchte ihn mit Laternen und Fackeln, und kam in den abgelegnen Theil des Gartens nicht, wo er im Schlamme seufzte: er mußte die Nacht unmaßgeblich mit dem feuchten Bette vorlieb nehmen. Die Nachsuchung wurde den andern Tag wiederholt: der Gärtnerpursche hörte wohl, als er in die Nachbarschaft des Grabens zufälliger Weise kam, etwas pipen, das einer Menschenstimme ähnlich klang: allein da es sich nicht in artikulirten Tönen näher erklärte, so gieng er seinen Weg und ließ es pipen. Zufälliger Weise kömmt er nach Tische in die Küche, erzählt sein pipendes Abentheuer und ist beinahe der Meinung, daß die kleine Comtesse Frizchen, die vor dreyßig oder mehr Jahren, als der Graben noch Wasser hatte, nach der Sage des Städtchens darinne ertrunken war, dies Klagelied angestimmt habe. Die Vermuthung war nicht übel ausgedacht: denn alle Gärtnerpurschen vor ihm hatten dergleichen Jammertöne von dem ertrunknen Frizchen gehört, und durch ununterbrochene Tradition waren alle Gärtnerpurschen in den Besitz eines unauslöschlichen Rechts gerathen, allein mit Ausschließung aller andern Erdenbewohner das ertrunkne Frizchen jammern zu hören. Der Pursche stand im Kredit eines großen Verstandes und fand bald unter den Domestiken starken Anhang: alle erklärten seine Erklärungsart für die einzige orthodoxe Meinung, nur der Koch, ein Heiducke und ein Jäger, drey rohe Kerle, die weder Himmel noch Hölle glaubten, waren Antifritzianer: der andre Jäger war anfangs ein Zweifler, erklärte sich aber, als Noth an den Mann gieng, für die orthodoxe Partey. Die Fritzianer konnten es nicht ertragen, daß sie ihre Gegner mit ihrem 337 einfältigen Glauben aufzogen und laut belachten: diese beriefen sich alle drey in Einem Tutti auf die Unmöglichkeit der Sache; und jene sezten ihnen entgegen, daß es aber geschehen sey, und geschehne Dinge könne man doch nicht verwerfen. »Es ist nicht geschehen,« sagten die Antifritzianer. »Es ist aber geschehen!« riefen die Fritzianer. »Moritz, hast dus nicht gehört?« – Wo war Moritz? Der kluge Sektenstifter, als er den Streit zu lebhaft werden sah, schlich sich heimlich aus der Küche fort. Da also der Zeuge fehlte, schränkte man sich blos auf eine Disputation über die Möglichkeit der Sache ein. Die Fritzianer bewiesen aus der Geschichte alter Gespensterbegebenheiten die Wirklichkeit eines solchen Vorfalls: die Antifritzianer läugneten Faktum und Schlußfolge, und verlachten alle Gespensterhistorien als alte Weibermährchen. »Ja,« sagte der Tafeldecker, ein heimlicher Antifritzianer, »Moritz kan sich wohl geirrt haben: 338 vielleicht ist es ein ungeschmiertes Schubkarrenrad gewesen« – »Oder eine Eule,« schrie der Jäger, der Antifritzianer. – »Oder eine Maus,« rief der Heiducke – »Oder ein kranker Hammel,« sprach der Koch – »Oder ein Schwein,« unterbrach ihn der Heiducke – »Oder ein Esel,« rief der Jäger – »Oder ein Ochse,« schrie der Koch. »Ihr werdet doch die drey Kerle nicht Recht behalten lassen,« zischelte der andre Heiducke, ein eifriger Fritzianer, einigen von seiner Partey zu: wie ein Lauffeuer verbreitete sich seine Anreizung von einem zum andern, und in wenig Sekunden war der ganze Haufen entschlossen, Recht zu behalten. »Gebt euch nicht mehr mit solchen Halunken ab!« sagte der nämliche Heiducke laut zu seiner Partey, um den eingeschlafnen Streit wieder anzufachen. »Die Kerle glauben nicht, daß eine Sonne am Himmel ist, wenn sie ihnen gleich den Kopf verbrennt.« 339 Ihr habt wohl Ursache zu schimpfen! erwiederte der Jäger von der Gegenpartey, ein feiner Spötter. Ihr Schöpse glaubt jeden Quark frisch weg, wie er auf die Erde fällt. Und ihr lebt, wie die Säue, in den Tag hinein und glaubt gar nichts, riefen die Fritzianer alle. Weil ihr Hornvieh, tumme Esel seyd, rief der Koch pathetisch, deswegen glaubt ihr alles. Ihr seyd ja, straf mich Gott! so ochseneselgänserindviehtumm, wie die Gänse: die nehmen auch alles an, was man ihnen in den Hals stopft. Warte! ich will dich taufen, daß du einmal ein Christe wirst! sagte der Heiducke von der Gegenpartey, ein schlimmer Spötter, und goß ihm ein ganzes Gefäß voll Wasser über den Kopf, das ihm die Küchenmagd, voll Aerger über des Kochs Unglauben, von hintenzu heimlich reichte. Macht die Thür zu! rief der ergrimmte triefende Koch zu seiner Partey, und im Augenblicke schlug sie der antifritzianische Jäger zu. – So wollen wir dann, fuhr der wütende 340 Küchenmonarch fort, die verfluchten Kerle sengen und brennen, bis sie nicht mehr glauben; – und sogleich schleuderte er einen großen Feuerbrand vom Heerde unter die zitternden Fritzianer hin: seine Gesellen folgten dem Beispiele, und alle drey Antifritzianer rückten, flammende Feuerbrände in den Händen, wider die Gegner an. Unter den bedrängten Fritzianern, die zwischen den Feuerbränden und der verschloßnen Thür im eigentlichsten Verstand in ecclesia pressa sich befanden, schlug sich einer die sengenden Funken vom Kleide, ein andrer löschte das rauchende Topé, ein dritter drückte sich den wundgeschundnen Arm, und ein Theil floh hinter den Heerd, um den Antifritzianern in den Rücken zu fallen. Es geschah wirklich. Dem Koche, der à la françoise alle seine Verrichtungen, den Hut auf dem Kopfe, that, fiel plözlich der Filz vom Haupte in seinen Feuerbrand, und er fühlte eine gewaltige Hitze im Nacken: der fritzianische Heiducke, der ihn vorher ersäufen wollte, hatte ihm den zierlichen crapaud , der seine Haare verschloß, in Brand gesteckt. Er mußte hurtig 341 löschen, seine Gesellen eilten ihn zu rächen: unterdessen sprengte die Gegenparthey die Thür auf und entfloh: die übrigen machten sich die Unordnung des brennenden Kochs zu Nutze und entwischten gleichfalls. Als sie sich von ihrer Flucht auf dem Hofe versammelt hatten, faßten sie insgesammt den Entschluß, nunmehr, da sie sich genug um die Wahrheit gezankt hatten, die Wahrheit zu untersuchen . Sie näherten sich in corpore dem Graben, horchten; es jammerte: – »Ich lasse mich fressen, wenn das nicht eine Menschenstimme ist,« schrien sie alle. »Das muß der Koch hören!« – Sogleich wurde eine Gesandschaft an ihn abgeschickt, die ihn nach langen Weigerungen herbeybrachte. Er horchte, stuzte – »Ja, es ist eine Menschenstimme,« sagte er. – »Siehst du, du ungläubiger Höllenbrand,« rief der ganze Haufe auf ihn los, »daß es Comtesse Frizchen ist?« – »Und wenns der leibhafte Teufel wäre,« brach der zornige Koch wütend aus, »so zieh' ich ihn bey den Hörnern heraus;« – und so 342 marschirte er auf den Graben los. Alle hielten ihn zitternd zurück und baten, die Comtesse nicht mehr in ihrer Ruhe zu stören – »Laßt mich!« rief er, wand sich los und zog das große Küchenmesser von der Seite – »laßt mich! oder ich mach Euch alle zu Gespenstern.« – Man fürchtete die Drohung eines so grimmigen Mannes und ließ ihn: er sah in den Graben hinunter – die Klagestimme wurde immer lauter – er sah ein menschliches Gesicht über den Schlamm herausragen – erkannte es: – »Es ist der verfluchte Jakob,« rief er. »Warte, du Schandbube! die Kehle will ich dir abschneiden, daß du uns so zum Narren gehabt hast.« – Er ließ eine Leiter holen, stieg hinunter und zog den versunknen Jakob mit etwas sehr unsanfter Manier aus dem Schlamme heraus. Wie ein schwarzer Geist, mit Schlamme von oben bis unten überzogen, lag er triefend am Rande da, und mußte sich noch oben drein von dem ganzen Haufen ausschelten lassen, daß er so großen Zwiespalt unter ihnen erregt hatte. Der Herr Vater hatte die Gewohnheit, wenn 343 zwey oder drey Personen beysammen stunden, giengen und sprachen, sogleich sich bey ihnen einzufinden, um etwas von ihrem Gespräche aufzuschnappen: kein Wunder also, daß er hinter dem ansehnlichen Truppe des ganzen Hofgesindes, wie ein Wolf hinter der Schaafsheerde, augenblicklich nachfolgte! Der Koch überlieferte ihm seinen Sohn mit dem Küchenwitze, daß er ihm hier einen Schweinsbraten mit Kirschsauce zustellen wolle. Der Vater, zu beschäftigt mit dem Unglücke seines geliebten Erben, verschluckte den satirischen Einfall und wanderte unter Begleitung der sämtlichen Domestiken ins Haus, um ihn säubern zu lassen. Alles lief an die Fenster, als sich der Zug durch die Allee näherte: Heinrich und die Baronesse waren nicht die lezten darunter, und mit der innigsten Herzensfreude sahn sie den pechschwarzen Jakob an der Hand des Vaters traurig daherwandeln, während daß der begleitende Trupp sich mit muthwilligen Liedern über sein Unglück belustigte. Auf dem ganzen Schlosse war dieser Tag ein Freudenfest. 344 Das Schlimmste war nur, daß dies Freudenfest ernsthafte Folgen nach sich zog. Der erboßte Jakob und sein Vater wußten nicht, an wem sie sich für sein Unglück rächen sollten, und hielten sich, um nicht ganz ungerochen zu bleiben, an die Personen, die bey dem Schauspiele nicht geschäftig genug gewesen waren: der Gärtnerpursche erhielt seinen Abschied, daß er dem wimmernden Jakob nicht nachgespürt, sondern sogleich, als er das Klaggeschrey gehört, wieder weggegangen war, ohne ihm herauszuhelfen. Der Koch wurde für den beißenden Küchenwitz, den er sich nach der Errettung des Buben entwischen ließ, insofern suspendirt, daß er vier Wochen nicht mehr die Schokolate des Morgens für den Grafen machen durfte, welches er bisher am besten gekonnt hatte: allein da der Graf sich bey dieser Suspension am schlimmsten befand, weil ihn seine Schokolate niemals schmeckte, so wurde sie wieder aufgehoben und in die Ungnade verwandelt, daß er alle Essen tadelte, wenn sie auch seinem Gaume noch so wohl behagten. 345   Viertes Kapitel. Jakobs Vater arbeitete indessen unermüdet an der Ausführung der Hauptrevolution, die er im Sinne hatte, und bestimmte das arme Fräulein Hedwig zur ersten Unglücklichen, die das Trauerspiel eröfnen sollte. Ihr Verständniß mit dem Stallmeister hatte er längst ausgekundschaftet, das ist bereits gemeldet worden: seit dieser Entdeckung suchte er auf alle Weise an den Liebhaber zu kommen und ihm sein Geheimniß abzulocken: es wollte lange Zeit nicht gehn. Endlich machte er ihn treuherzig. Er besuchte ihn oft auf seiner Stube und bat ihn oft zu sich, und weil der Stallmeister von der Vertraulichkeit und dem freundschaftlichen Umgange mit dem Lieblinge des Grafen nicht nur Ehre, sondern auch Nutzen hofte, so lief er gerade in die Falle hinein, die ihm dieser aufstellte. Bey einem solchen Besuche, wo er mit einem guten Glase Wein aufgeräumt und offenherzig gemacht worden war, brachte der 346 nüchterne Wirth den halbtrunknen Gast auf die Liebe und gab ihm auf den Kopf schuld, daß er bey Fräulein Hedwig in großer Gunst stehe. Der Stallmeister lehnte die Beschuldigung lachend von sich ab. – »Läugnen Sie nur nicht!« rief der Bösewicht: »der Graf weis es lange.« – Der Stallmeister war des Todes vor Schrecken. »Was ists denn nun weiter?« fuhr jener fort. »Fräulein Hedwig hats ihm selber gesagt: sie möchte gern gar mit Ihnen getraut seyn.« – Der Stallmeister saß da, sagte kein Wort, und schwebte mit seinem wirblichten Kopfe zwischen Glauben, Zweifel und Verwundrung umher. »Der Graf wollte gar nicht,« redte Jener weiter: »aber ich hab' ihm zugesezt; und wenn Sie mir ein gutes Wort geben, so bring' ichs dahin, daß Ihnen der Graf seine Einwilligung giebt.« »Gehn Sie! machen Sie das einem Kinde weis!« unterbrach ihn der Stallmeister. »Ich dächte,« erwiederte der Andre, »Sie wüßten, wie viel ich bey dem Grafen ausrichten kann. 347 Nur ein Wort soll mirs kosten: ich hab' ihn so schon auf Ihre Seite gezogen. Setzen Sie eine Supplik auf! bitten Sie den Grafen um seine Einwilligung, und ich will sie ihm übergeben. Es ist ja doch keine Kleinigkeit, ein Fräulein zu heirathen.« – Allmählich gelangs ihm, durch sein Zureden und Versicherungen eines guten Erfolgs dem leichtgläubigen Stallmeister das Vertrauen abzugewinnen: es gieng so weit, daß er seinem Spione den ganzen Liebeshandel beichtete und morgendes Tages eine Supplik aufzusetzen versprach; und er schmeichelte sich darum mit den günstigsten Erwartungen, weil er seit einiger Zeit bey dem Grafen in vorzüglicher Gnade zu seyn glaubte, was ihm der Betrüger, der ihn izt im Netze fieng, überredet hatte. Freudig gieng der Bösewicht, als ihn der Stallmeister verließ, zu Fräulein Hedwig und wünschte ihr geradezu zu ihrer Vermählung Glück. Sie riß die großen Augen ellenweit auf. »Der Graf,« fuhr er fort, »ist nicht ungeneigt dazu: ich hab' ihn darüber gesprochen. Sie wissen, daß ich Ihnen beständig beym Grafen das Wort geredet habe, und es sollte mir eine rechte Freude seyn, wenn ich ihn dahin bringen könnte, daß er in Ihre Heirath willigte.« – Fräulein Hedwig that entsezlich verwundert, läugnete aus allen Kräften und war hundert Meilen weit von einer Sache entfernt, die sie gleich beym ersten Worte errieth. »Läugnen Sie nur nicht!« versezte jener mit dem vertraulichen Tone, womit er Jedermann anzureden pflegte. »Der Herr Stallmeister hat mir die ganze Sache anvertraut; und ich werde mein möglichstes thun, so einen braven Mann, meinen Herzensfreund, glücklich zu machen. Er hat bey dem Grafen angehalten.« – Fräulein Hedwig wollte in Ohnmacht sinken: aber sie besann sich hurtig anders. »Reden Sie nur selber mit dem Grafen; und das heute noch! Stellen Sie ihm nur vor – Zwar das werden Sie besser zu sagen wissen als ich. Gehn Sie lieber itzo zu ihm, damit ich auf den Abend mit ihm die Sache zu Stande bringen kann. Ich habe schon mit dem Grafen 349 überlegt, daß er wohl wird geadelt werden müssen; und wir findens billig, daß man die wenigen Thaler an so einen braven Mann wendet.« – Fräulein Hedwig hüpfte im Herzen vor Entzücken, traute aber noch nicht ganz. Er sezte noch stärker in sie und machte das verliebte Fräulein durch die vielfältigen Versicherungen, was er und der Graf für sie thun wollten, so kirre und seine verdammte Lüge so wahrscheinlich, daß sie ins Garn hineineilte, zwar nichts ausdrücklich bekannte, aber doch mit dem Grafen darüber zu reden versprach. Sie rennte vor Furcht und Hofnung, als er fort war, das Zimmer auf und nieder: izt wollte sie gehn, hatte die Thür schon in der Hand, ließ sie hurtig fahren und gieng zurück: izt war sie schon an der Treppe, bebte und gieng wieder ins Zimmer, izt schöpfte sie Herz, überdachte die Rede, die sie halten wollte, triumphirte über die Schnelligkeit, mit welcher sich ihr Gedanken und Ausdruck darboten, und über die Wirkung, die sie sich davon versprach – »Aber wenn nun der Graf nicht einwilligen wollte!« 350 fuhr ihr durch den Kopf: sie zitterte vor Entsetzen über die Vermuthung. Die Lebhaftigkeit ihrer Wünsche richtete sie bald wieder auf; sie sah sich schon am Altare, schon in den Armen ihres dicken Amyntas, schon – wie ein Zephyr flog sie mit ihren bleyernen Füßen die Treppe hinunter, die andere hinauf, den Korridor durch, – da stand sie im Vorzimmer des Grafen! Es wollte ihr das Herz abdrücken: kaum konnte sie dem Bedienten, der die Aufwartung hatte, stammelnd sagen – »melde er mich!« – und kaum war er hinein, so wollte sie ihn schon wieder zurückziehn. – Gütige Götter! er kömmt heraus, macht den Thürflügel weit auf, der Graf steht wartend da, sie muß hinein. Kein Dieb, der zum erstenmal stahl und zum erstenmale ertappt wurde, kann mit solcher Angst im Verhör auftreten, als die arme Hedwig vor dem Grafen. Sie stotterte, fieng ihre Rede zehnmal an und blieb zehnmal stecken, und hatte schon fünf bis sechs völlige Minuten gesprochen, ohne daß der Graf wußte, was sie wollte, ob 351 er sie gleich oft genug darum befragte. Endlich brach ihre Beredsamkeit durch: sie bat deutlich und vernehmlich um die gnädigste Erlaubniß, einen ihrer größten Wünsche zu vollziehn und sich mit dem Stallmeister zu vermählen. – In dem Gesicht des Grafen stieg ein sehr ungnädiges Donnerwetter auf und zog sich von der äussersten Nasenspitze bis zu der nördlichen Breite der Stirn hinan, daß zulezt diese ganze Halbkugel seines Kopfs Eine große Gewitterwolke war. Läugnen konnte sie nicht: denn sie hatte sich zu bestimmt ausgedrückt; und – eherne Federn und steinerne Griffel vermögen nicht die Wuth zu beschreiben, mit welcher das Gewitter losbrach: das war ein Orkan, wie ihn noch kein Seefahrer ausgestanden hat! und Fräulein Hedwig kroch, wie ein Vögelein in einen holen Baum vor dem losstürzenden Schlossenwetter flieht, ängstlich rückwärts nach der Thür und schlich mit gebeugter Seele zu ihrem Zimmer zurück, nahm niederschlagend Pulver, Rhabarber, Senesblätter und Gott weis was mehr, konnte nicht essen, nicht trinken, nicht schlafen: sie dachte vor Kummer gar nicht daran, daß sie betrogen war. Sogleich nach ihrem Abtritte mußte der Betrüger, dem sie ihr Unglück zu danken hatte, zum Grafen kommen: er wollte sich zu Tode lachen, als ihm der Graf das Vorgefallne erzählte. – »Nun denken Sie einmal!« sezte der Gewissenlose hinzu: »der Stallmeister hat mich schon lange geplagt, ich soll eine Supplik von ihm übergeben, worinne er um das nämliche anhalten will. Wer weis, was vorgefallen ist? Der Umgang ist schon alt: aber ich hab' Ihnen nur nicht das Herze damit schwer machen wollen.« Der Graf knirschte vor Wuth und wollte beide gleich aus dem Schlosse jagen lassen: allein er durfte nicht; denn sein Maulesel sagte ihm, er sollte das nicht thun. – »Ich will mir morgen die Supplik geben lassen, sprach er; und dann wollen wir mit einander überlegen, was zu thun ist.« – Der Graf, dem alles sklavisch gehorchen mußte, gehorchte dem befehlenden Rathe dieses Mannes, wie ein Schulknabe. – Indessen wurde 353 die Gräfin durch ihn von der nahen Verunehrung ihres Hauses unterrichtet: sie ließ die Deliquentin rufen, und bekam die Entschuldigung zur Antwort, daß ihr nicht wohl sey. Den Morgen darauf ließ man die Entschuldigung nicht mehr gelten: sie mußte sich schlechterdings stellen: die Gräfin ließ sie, ihrer Sanftmuth ungeachtet, hart an, und befahl ihr vorläufig, ihr Packet zusammen zu machen. Sie fiel auf die Knie: die Gräfin verwies ihr diese Erniedrigung und eben so sehr ihre Unbesonnenheit, daß sie sich mit einer so seltsamen Bitte an ihren Gemahl gewendet hatte. Sie wollte die Betrügerey erzählen, die sie dazu verleitete, aber ihr Schluchzen machte jedes Wort der Erzählung unverständlich. Ungetröstet und ungerechtfertigt mußte sie hinweggehn. Der Stallmeister, der nichts hievon erfahren konnte, saß die ganze Nacht durch und buchstabirte mit schwerer Mühe eine Supplik zusammen, und brachte sie mit dem frühsten Morgen seinem vermeinten guten Freunde und Beschützer, 354 der sie augenblicklich zum Grafen trug. Der betrogne Mann wartete voller Ungeduld im Vorzimmer, und bekam endlich zur Antwort, daß er gegen Abend die Willensmeinung seines Herrn erfahren solle. Seinem Glücke so nahe, bildete er sich ein, daß es ihm wohl erlaubt sey, die hochwohlgeborne Braut auf ihrem Zimmer bey Tageslichte zu besuchen: er eilte auf den Fittigen der Liebe zu ihr, eine fröliche Bothschaft zu hinterbringen, die sie nach seiner Meinung aus seinem Munde zuerst erfuhr, und – Götter! wie stuzte der Mann, als er seine breitschulterichte Chloe – wie er sie sonst nennen mußte, – in Thränen zerfließend, bleich, und voller Betrübniß erblickte. – »Gehn Sie!« rief sie ihm entgegen, »Sie sind die Ursache meines Unglücks: ich möchte, daß ich mich niemals vom bösen Feinde hätte verführen lassen, Sie zu lieben. O Tartarus! schlinge mich in deinen flammenden Wanst hinab! Zum Henker! Fräulein Hedwig! woher haben sie einen Unsinn, der unsrer Zeiten würdig wäre? « – Mit dieser pathetischen Ausrufung gieng sie ins 355 Kabinet und schloß hinter sich zu. Der erstaunte Liebhaber sah sich im Zimmer um, klatschte mit dem spanischen Rohre dreymal an die gewichsten Stiefeln und gieng seinen Weg. Unmittelbar nach aufgehobner Tafel wurde Fräulein Hedwig angedeutet, daß man im Städtchen eine Wohnung ausgemacht habe, wo sie künftig residiren und wohin sie sich nebst ihren sämmtlichen Effekten in der Dunkelheit des Abends begeben solle: um ihr Exilium nicht ganz trostlos zu lassen, versprach ihr der Graf eine jährliche kleine Pension, doch mit dem Vorbehalt, daß sie nie seinen ungnädigen Augen mit ihrem Antlitze in den Weg kommen sollte. Durch den nämlichen Boten erhielt auch der Stallmeister seinen Abschied nebst dem Befehle, sich nie wieder in den Gränzen der gräflichen Herrschaft sehen zu lassen, wenn er nicht mit kräftigen Prügeln bewirthet seyn wollte. Niemand wußte, was einen so schnellen Sturm bewirkt hatte: der Stallmeister selbst wußte nicht, was und wie ihm geschah: er suchte seinen Beschützer, um nach der Beschaffenheit der Sache zu 356 fragen: daß sich der heimtückische Bösewicht nur mit Einem Auge hätte blicken lassen! Er wollte sein geliebtes Fräulein sprechen, um ihr den gestrigen Groll zu benehmen; er durfte nicht: ohne Abschied und ohne sein Verbrechen gewiß zu erfahren, mußte er in einer Stunde das Schloß, und denselben Abend noch die Stadt räumen. Die Baronesse hatte nie sonderliche Ursache gehabt, ihre Guvernante zu lieben: doch izt, da es zum äußersten kam, bat sie bey dem Grafen und der Gräfin für sie; aber sie bestürmte Felsenherzen: es blieb bey der gegebnen gnädigen Verordnung, und Fräulein Hedwig gieng des Abends zwischen neun und zehn Uhr, ohne vor Scham von Jemanden Abschied nehmen zu können, noch jemandem, der ihr begegnete, ansehen zu können, aus dem schönen Schlosse, schloß sich in ihr kleines angewiesenes Stübchen und kam in einem ganzen Monat nicht öffentlich zum Vorschein, und verfluchte den bösen Feind, der sie zu der Sünde verleitet hatte, einen Menschen unter ihrem Stande zu lieben, samt seinem 357 bösen Werkzeuge, den dicken Stallmeister mit der funkelnden gelbledernen chaussure . Der Maulesel triumphirte über den abermaligen Lorber, den ihm seine boshafte List über ein Paar Menschen erworben hatte, über den abermaligen Beweis seiner Macht über den Grafen, und dachte auf nichts geringers als das Haus in kurzem ganz rein von allen Personen zu machen, die ihm nicht ganz anstunden oder nicht zu seiner Fahne schwören wollten: der Graf selbst war bey allem Zorne und Unwillen, im Grunde über diese hofmäßige Revolution sehr erfreut, und die Gräfin wartete eine günstige Gelegenheit ab, das Schiksal der armen Hedwig zu mildern. 358   Fünftes Kapitel. So sehr die Baronesse über diese plözliche Trennung bewegt war, so merkte sie doch bald den Vortheil, den sie ihr verschafte: sie war nunmehr ohne Aufsicht und konnte ihren Heinrich sprechen, wenn es ihr beliebte. Schwinger hatte zu dem vorzüglichen Verstande seines Freundes ein zu unumschränktes Vertrauen und ließ ihm izt wirklich mehr Freiheit, als er sollte. In der ersten Berathschlagung, die sie in diesem Interregnum auf der Baronesse Zimmer hielten, rieth Heinrich aus allen Kräften die Beschleunigung der Flucht: er drang so lebhaft darauf, daß sie bald beide einig waren, Tag, Stunde und andre Umstände festsezten und vorher noch eine Rache an ihrem gemeinschaftlichen Feinde beschlossen. Jakob besuchte vermöge seiner Genäschigkeit sehr fleißig einen Baum voll großer lockender spanischer Kirschen, die man für die Ehre, von dem Grafen gegessen zu werden, aufhob. 359 Jedermann floh die Gegend dieses Baums, wie einen den Göttern geheiligten Ort, um nicht den Verdacht eines vorgehabten Diebstahls wider sich zu erregen: nur Jakob wagte es, einen solchen Raub oft zu begehn, und nahm seine Maasregeln so gut, daß er nie ertappt wurde. Heinrich, der es wußte, rieth dem Gärtner etliche Schlingen dabey zu legen: anfangs wollte er aus Furcht vor dem Vater nicht daran, doch endlich ließ er sich bereden. Bey dem nächsten Diebstahle, der allemal in der Dämmerung geschah, fand sich der Dieb plözlich gefesselt; Furcht und Mangel an Kräften hinderten ihn, sich von den unschädlichen Stricken loszumachen: Zudem war die Falle sehr künstlich und mit einem Gewichte versehn, das den Knoten fest zuzog. Der Gärtner lauerte hinter einer Hecke und eilte sogleich, es anzuzeigen: allein statt der Belohnung erhielt er einen Verweis und zur Bestrafung sollte er einen Monat lang nicht die Gnade haben, den Grafen Sonntags früh ein Bucket zu überreichen. Der Dieb kam los und wurde derb von seinem Vater ausgescholten, 360 daß er sich hatte ertappen lassen; und weil dem Gärtner in dem ersten Unwillen über seine mislungenen Maasregeln ein Wörtchen entwischte, daß Heinrich sein Rathgeber dabey gewesen sey und Jakob dem Rathgeber Vorhaltung darüber that, auch ein paar Drohungen mit Rache hinzusezte, so war dies ein neuer Sporn, die Flucht um keine Stunde weiter hinauszuschieben. Heinrich gieng seit dieser zweiten Festsetzung eines so nahen Termins beständig ängstlich um Schwingern herum: wenn er ihn anblickte, senkte er die Augen oder kehrte sich weg, um Thränen zu verbergen: jede Gypsbüste schien einen wehmüthigen Blick auf ihn zu werfen, jedes sonst geliebte Buch erinnerte ihn an eine schmerzliche Trennung. Seine Unruhe trieb ihn von einem Orte des Zimmers zum andern: nirgends fand er länger als eine Minute Rast. Wohl zehnmal gieng er des Vormittags an den Ort, der zur nachmittägigen Zusammenkunft bestimmt war, besah ihn starr von allen Seiten: es war ihm, als wenn ein Zentnergewicht auf 361 die beklemmte Brust fiel, er seufzte, zitterte, weinte und gieng. Keinen Bissen konnte er des Mittags mit dem Munde berühren, ohne daß der Gedanke in ihm aufstand – »der lezte, den du hier genießest!« – Izt fühlte er zum erstenmale, welch' eine schwere Kunst es ist, leben zu wissen, und durch wie viele Schmerzen man diese Weisheit erkaufen muß. Je näher die Stunde rückte, je beklemmter wurde seine Brust: Thränen waren izt nicht mehr in seiner Gewalt, sie rannen, wie Bäche, herunter, daß es Schwinger bemerkte, und eine Menge Muthmaßungen machte, ohne die Wahrheit zu treffen. Die Baronesse war ungleich besser daran: wen sie liebte, folgte ihr, und die sie verließ, liebte sie nicht. Voller Munterkeit, Freude und muthiger Hofnung sprang sie nach der Rückkunft von Tafel im Zimmer herum, warf sich in ein Neglische und sezte ihr Reisebündel in Bereitschaft; was sie zuweilen beunruhigte, war Furcht vor der Entdeckung. Nur die Trennung von den Oertern, wo sie ihre fantastischen 362 Arkadienfreuden genossen hatte, erfüllten sie mit vorübergehender Wehmuth; und sonst wünschte, hofte, begehrte sie nichts, als daß die Stunde schlagen mögte, wo sie einander im Garten treffen wollten. Wie Geschöpfe, die von der ganzen weiten Welt nichts als die Spanne kennen, wo sie spatzieren gegangen und gefahren sind, hatten sie ihren Plan angelegt: unbekümmert, wer sie speisen und beherbergen werde, wenn ihr kleiner Geldvorrath aufgezehrt ist, wollten sie ihn ausführen. Sie glaubten, daß man auf unserm Planeten nur wollen dürfe, um zu finden . Graf und Gräfin fuhren Nachmittags spatzieren: die Baronesse entschuldigte sich mit Kopfschmerzen und blieb zu Hause. Diese daher entstandne Leerheit des Schlosses wollte sie nicht ungenüzt lassen – denn ein Theil der Domestiken begleitete die gnädige Herrschaft, und der Andre war seinem eignen Vergnügen nachgegangen – sie sagte ihrem Zimmer ein stilles Lebewohl und wanderte in den Garten hinunter, lange vorher, ehe die anberaumte Stunde schlug, holte ihr 363 Paketchen Wäsche aus dem alten Pavillon herbey und legte es in das Kabinet, das zur Zusammenkunft bestimmt war. Darauf that sie einen Spatziergang auf die Wiese hinter dem Garten, wo man Grummet machte. Sie ließ sich mit einer von den Mägden in ein Gespräch ein, wie sie schon sonst zu thun pflegte, wenn sie keine Aufsicht daran hinderte: sie lobte den Stand und die Beschäftigung des Mädchens und wünschte darinne geboren zu seyn: das Mädchen bat sie, sich nicht so zu versündigen, und versicherte, daß sie lieber eine Baronesse, als eine Dienstmagd, seyn möchte. »Komm! wir wollen tauschen!« sagte die Baronesse lebhaft. »Gieb mir deine Kleider, ich will dein Leben auf ein Paar Stunden versuchen.« – Das Mädchen weigerte sich lange: endlich ließ sie sich zu der Maskerade bereden und wischte mit ihr seitwärts in ein Birkenbüschchen, wo sie ihre Kleider wechselten. Das Mädchen sprang vor Freuden in die Höhe, als ihr die weiße Kontusche und Rock auf dem Leibe hieng und der Sommerhut auf ihren zerstörten 364 bäurisch geflochtnen Haaren schwebte: wirklich nahm sich auch der schneeweiße Anzug zu den verbrannten Armen, bloßen Füßen und Mulattengesichte ungemein drollicht aus: sie spatzierte auf und ab und schwenkte den weißen Rock, wie einen Uhrperpendikel: nichts bedauerte sie mehr, als daß der benachbarte Wassergraben zu schmutzig und das Stückchen Spiegelglas nicht bey der Hand war, wobey sie gewöhnlich ihre bäurischen Reize ordnete. Die Baronesse nahm sich in ihrem neuen Anzuge nicht weniger gut aus: das Mädchen hatte ihr mit Ehren nichts als einen streifichten kurzen Rock abgeben können, weil sie außer einem schwarzen Mieder, dessen sie nicht begehrte, nichts auf dem Leibe hatte. Das Mädchen mußte ihr die schöne Frisur zerstören, die sie herzlich gern auf ihren Kopf ganz unversehrt hinübergetragen hätte, und ihre Haare auf dem Wirbel in ein bäurisches Nest winden. Da das Abtragen des vornehmen Gebäudes, das mit Haarnadeln, wie mit großen Balken, durchzogen war, sehr viel Zeit erforderte, so wurde die Bäuerin bey ihrer Arbeit vermißt: der 365 Vogt störte in den Büschen herum, um zu entdecken, ob sie sich vielleicht schlafen gelegt habe, und die beiden Damen hielten für rathsam, tiefer in den Busch hineinzurücken. Die Umschaffung der Frisur nahm so viele Zeit hinweg, daß auf der Wiese Feierabend gemacht wurde und die Stunde der Zusammenkunft heranrückte. Die Arbeiter giengen unter dem Kommando des Vogts nach Hause, und die beiden Verkleideten durch den Busch auf einer andern Seite nach dem Garten hin. Anfangs war die Maskerade bey der Baronesse nur ein unüberlegter Einfall gewesen, um sich zu belustigen: doch izt wollte sie Partie davon ziehen. So sehr ihre Begleiterin ihre Bauerkleider wieder foderte, um nicht durch zu langes Außenbleiben sich noch schwerere Strafen zuzuziehn, als ohnehin ihrer wartete, so bestund doch die Baronesse darauf, daß sie ihr den bäurischen Anzug gegen ihr Neglische überlassen, zu ihrer Mutter, die auf dem nächsten Dorfe wohnte, gehn und sie dort erwarten sollte. Das Mädchen wußte sich aus dem Vorschlage nichts zu machen, glaubte zwar aus 366 angewöhntem Gehorsam, daß sie einer Baronesse aufs Wort folgen müsse, sah aber doch auch einige unangenehme Scenen von Seiten derjenigen voraus, die diesen Gehorsam misbilligen könnten. Da nichts half, überwand sie die Baronesse durch eine Lüge. »Närrin!« sprach sie: »ich will meinem Onkel eine heimliche Freude machen. Morgen ist sein Namenstag: ich will mich bey deiner Mutter als eine Bäuerin anziehn: gegen Mittag wird die Tante mit ihm ins Dorf kommen, und ich werde ihm einen Blumenstrauß überreichen. Er wird mich vermuthlich nicht kennen: da wollen wir rechte Freude haben. Die Tante hat mirs selbst befohlen: und ich wollte dirs anfangs nicht sagen, aus Furcht, du möchtest plaudern.« – Nun war das Mädchen auf allen Seiten sicher gestellt, hüpfte und freute sich über den Spaß und glaubte, daß Gehorsam gegen den Vogt dem Gehorsam gegen die Gräfin und Baronesse nachstehen müsse: sie schlich durch Büsche und Sträucher, um nicht gesehn zu werden, in dem weißen Neglische zu ihrer Mutter und 367 verkündigte ihr mit lauten Freuden den hohen Besuch, der sie heute noch beehren würde. Die gute Mutter hatte so wenig Romane gelesen als ihre Tochter, und argwohnte also nichts schlimmes. Kaum war die überredete Dirne fort, so begab sich die Baronesse ins Kabinet, um Heinrichen zu erwarten. Der arme Pursche hatte endlich nach manchem Kampfe mit sich selbst, nach langem Hin- und Herwanken, seinem Herze einen Stoß gegeben und sich auf den Weg gemacht: allein da es ihm nicht möglich war, Schwingern zu entfernen, so ließ er sein Reisebündel im Stiche. Sein Freund las in einem Buche, den Rücken nach der Thür gekehrt: gern wäre er ihm um den Hals geflogen, aber er mußte sich mit einem stillen Abschiede begnügen: er warf ihm einen Kuß stillschweigend zu und gieng mit bethränten Augen die Treppe hinunter. Schwinger las mit voller Aufmerksamkeit und wurde sein Weggehen nicht einmal gewahr. Die erste Empfindung bey seinem Eintritte ins Kabinet war Erschrecken, weil er Jemanden 368 anders zu finden glaubte als er wollte: aber die Stimme der Baronesse benahm ihm bald seine Besorgniß. Sie war voller Freude, so entzückt als wenn der Streich schon gelungen wäre, und tadelte ihn wegen der Aengstlichkeit, womit er einen schlimmen Ausgang befürchtete, wegen der Traurigkeit, in welche ihn die Trennung von Schwingern versezte. Auch der Gedanke, wie nachtheilig eine heimliche Flucht seiner Ehre seyn könne, fuhr ihm oft, wie ein Schwert, durchs Herz: tiefsinnig, von innern Kämpfen herumgetrieben, stund er da, und Ulrike konnte ihn mit allem Zureden, aller ihrer Freudigkeit nicht ermuntern: er wollte sich selbst in einen freudigen Taumel versenken, aber es gieng nicht: in seinem Kopfe standen alle seine Nachbarn und Bekannten in großen Haufen beysammen, redten von seiner Flucht und scholten ihn einen Entläufer. Was weder Wille noch eine Leidenschaft sonst vermag, kann bekanntermaßen die Liebe. Sie mußten in dem Kabinete bis zur völligen Dunkelheit eingesperrt bleiben: was war in diesem 369 Zeitraum natürlicher, als daß man sich mit einigen Scenen künftiger Glückseligkeit unterhielt? Die Baronesse verfertigte schon ein ganzes vollständiges Gemählde davon und begeisterte Heinrichs Einbildungskraft so stark, daß er auch das Gemählde durch manchen reizenden Zug verschönerte. Eben so natürlich kamen sie allmälich auf Scenen vergangner Glückseligkeit, und ehe man sichs versah, waren Heinrichs Gedanken bey dem schönen marmornen Knie der Baronesse, das ihm Amor einst unter der Linde, als sie den ersten Vorsaz zur Flucht faßten, bey einem Falle zeigte: seine Fantasie mahlte es vollends aus, schöner und herrlicher, wenigstens reizender, als Correggio und van der Werft eins geschaffen haben: seine Begierden wurden durch das Bild befeuert und rissen die Hand hastig zu einer Verwegenheit hin – schnell zog sie die Scham zurück, und aus der Verwegenheit wurde eine zärtliche Umarmung. Das Bild wich nicht von der Stelle aus seinem Kopfe: er schalt sich selbst wegen seiner Schüchternheit: die Begierde brach zum zweitenmale durch: die Hand 370 rüstete sich zu einer zweiten Verwegenheit; und die Scham lenkte sie mitten auf ihrem Wege zu der Hand der Baronesse: aus der Verwegenheit wurde ein feuriger Händedruck. Wie ein durchbrechender Strom, sprengte plözlich sein Blut alle Ventile durch: alle Nerven bebten von ungewohnten Schwingungen: die Begierde siegte zum drittenmale: er warf sich ungestüm an ihre Seite und – küßte sie. Die Baronesse stritt mit den nämlichen Empfindungen: der süße Schauer, der sie durchlief, als er unter der Linde mit dem Gesichte auf ihrem Busen ruhte, kehrte bey jeder leisen Berührung zurück: sie wünschte ihn wiederholt zu fühlen, und doch ließ sie die Schamhaftigkeit nichts thun als bey jeder Annäherung schüchtern den Busen an ihn drücken: einmal wagte sie ihm mit einer Umarmung zuvorzukommen, und eine glühende Röthe deckte ihr Gesicht, als sie geschehn war. Die kindische Dreistigkeit war dahin. Die Kleidung der Baronesse war ungemein geschickt, Begierden zu entflammen, und wenn sie einmal brannten, nicht leicht erlöschen zu 371 lassen. Ihr Busen war mehr als halb offen: das Halstuch war nur leicht darüber gelegt und durch kleine Bewegungen merklich verschoben: der kurze bäurische Rock deckte kaum einen handbreiten Raum unter den Knieen: die Arme waren bloß und leuchteten in der Dämmerung des Kabinets mit verdoppelt blendender Weiße, wie Schnee in der Nacht. Dunkelheit und Stille, die beiden Vertrauten der Einbildungskraft, erhöhte bey beiden Verliebten Reizbarkeit und Reiz: der Baronesse deuchte Heinrich ein Genius, ein Apoll, seine feurigen Augen glänzten ihr, wie ein Paar Sterne, und sein Gesicht, wie ein beseelter Marmor: seine niedlichen Hände schienen ihr wohlgebildeter, ihr Druck sanfter und seine Stimme lieblicher: es war für sie der leibhafte Amor. Als wenn unsichtbare Mächte sie zu einander hinrissen, strebte, kämpfte, arbeitete ein Jedes, dem geheimen Zuge zu widerstehn und zu folgen: jedes Abendlüftchen, das durch die alten zerbrochnen Fensterscheiben hereinschlich, schien ihnen mit der Stimme eines Liebesgottes 372 zuzuflistern – »seyd kühn und unverschämt!« – und mit jedem Herzschlage ertönte in ihnen ein strenger Befehl – »wagt nichts!« – Aber der Rath der Liebe überstimmte jeden Gedanken: sie schlang in Einem Augenblicke beider Arme um beider Schultern, warf Heinrichs Gesicht auf den klopfenden Busen, in welchen er einst den Schmerz seiner gekränkten Ehre weinte, führte seine verwegne linke zu dem Saume des Rockes und – plözlich öfnete sich die Thür, die beiden Verliebten erwachten durch das Geräusch aus der Trunkenheit, und vor ihren Augen stand – der Graf, Jakob und sein Vater. Ihr gemeinschaftlicher Feind war Heinrichen nachgeschlichen, als er zur Zusammenkunft gieng, hatte, so bald sie beide im Kabinete waren, die Thür außen leise verriegelt, seinem Vater die Einsperrung angezeigt, der nicht zauderte, die empfangne Nachricht dem Grafen mitzutheilen; und der Graf mußte, weil ers verlangte, sich von ihm und dem Angeber an den Ort führen lassen: sie besezten die Thür, und Jakob und 373 sein Vater waren sogar mit langen Kutscherpeitschen bewafnet. Der Graf konnte vor Zorn nicht schelten, sondern brauste und schnaubte blos den Befehl heraus, sie zu fangen und ins Haus zu führen. Jakob rückte vorwitzig an, glaubte die Peitsche nicht vergebens führen zu müssen und holte mit der süßesten Schadenfreude der Rachsucht einen Streich aus, der Heinrichs Kopf treffen sollte: doch sein Gegner war schnell, faßte die lange Peitsche, die in dem engen Raume schlecht regiert werden konnte, mit der Hand auf, als sie eben auf ihn herabfallen wollte, bemächtigte sich ihrer und stieß den entwafneten Feind, der nunmehr einen Angriff mit der Faust wagte, zurück, daß er seinem hereintretenden Vater in die Arme stürzte und die ganze Armee um ein paar Schritte rücklings in die Flucht trieb. Jakobs Vater ergrimmte, fuhr mit blinder Wuth auf den Feind los: allein das sogenannte Kabinet, wo die Belagerung geschah, war vor alten Zeiten ein Schießhaus gewesen und hatte folglich in dem Geschmacke dieser alten Zeiten sehr niedrige 374 Thüren: der erboste Maulesel verlor in der Hitze das Augenmaaß und rennte mit der ganzen Stärke des Angriffs seinen Kopf wider den obersten Querbalken der Thüröfnung, daß er vor Schmerz ächzte: er fuhr zurück, ließ die Peitsche sinken, lehnte sich an die Wand und hielt mit beiden Händen seinen sinnlosen Kopf, den er für zerbrochen achtete. Um die Wunden seines Vaters zu rächen, rafte sich der Sohn auf und griff so schnell zu, daß er mit einer Hand Heinrichen an der Brust fest hielt und mit der andern nach der Kehle griff – ob er sie ihm zudrücken, oder was er sonst thun wollte, weis der Himmel. Die Baronesse sah ihren Heinrich kaum in so großer Gefahr, als sie den Feind bey den Beinen faßte und sie ihm so hastig wegrückte, daß er seinen Schwerpunkt verlor und rückwärts auf die Backsteine daniederschlug: alle vier Winkel des Kabinets warfen, wie sein Hirnschädel den Fußboden traf, den leeren Schall einer hölzernen Büchse zurück: zwar wollte er im Hinstürzen auch den Feind mit sich herabziehn und er hatte ihn bereits zum Sinken gebracht, allein die Baronesse 375 stach mit einer Stecknadel, wie mit einem Speere, so heldenmäßig auf die umklammernden Hände, daß sie blutend ihre Beute fahren ließen. Izt lag ein Feind wimmernd auf der Erde, der andre trug ächzend den geschmetterten Kopf in den Händen: der Graf allein war noch frisch und gesund, aber zu steif, um ohne Beistand die Belagerung mit Nachdruck fortzusetzen: die Belagerten nahmen des Vortheils wahr und drangen Hand in Hand zur Thür heraus. Der Graf hielt es für eine Flucht und warf ihnen in der lezten Verzweiflung des Zorns mit ohnmächtiger Gravität sein Rohr nach: das lichtbraune Rohr, für zwanzig Dukaten in Holland gekauft, stolperte, wie ein Pfeil, von einer schlaffen Sehne abgeschossen, zwey Schritte von dem Wurfe auf das Steinpflaster hin, und die porzelläne Sirene, mit zwey vollwichtigen Carldoren auf der Stelle bezahlt, brach den Hals, ihr schöngekrümmter Schwanz prellte in zehn Stücken empor, und der weitbauchichte Leib riß sich von dem vierfarbichten goldnen Ringe los, daß die Eingeweide von Werg aus dem gespaltnen Bauche 376 hervorquollen. Der Graf hörte den tönenden Fall der geliebten Sirene und beklagte ihn mit einem lautschallenden – Ach! Doch izt war es nicht Zeit zu Klageliedern: kaum war das Ach über die Lippen, so sezte er schon den Fliehenden in einem halben Galope mit krummen Knien und ausgespreiteten Beinen nach, erwischte die Baronesse bey dem streifichten groben Rocke und bildete sich ein, sie von einer schändlichen Entfliehung auf immer zurückgeholt zu haben, ob sie gleich schon völlig still stunden und nichts weniger als fliehen wollten – die Heldentat hatte ihm so viel Anstrengung gekostet, daß er dreimal keuchte, ehe er seine Truppen zum Beistande rief. »Wir werden uns beide nicht weigern zu gehn, wohin wir sollen,« fieng Heinrich an, »wenn nur diese beiden Spitzbuben uns nicht berühren dürfen; kömmt uns einer zu nahe, so muß er sterben oder ich.« Diese sechzehnjährige Tapferkeit begeisterte die Baronesse doppelt. »So muß er sterben oder wir!« wiederholte sie mit der Heldenstimme einer Amazonin. Jakob 377 und sein Vater hatten genug mit ihren Köpfen zu thun, um sich der Drohung zu widersetzen: sie lasen auf Befehl des Grafen das beschundne Rohr und die Trümmern des Knopfs auf, und die beiden feindlichen Heere langten also mit zwey Verwundeten und einer todten Sirene im Schlosse an. Die Baronesse wurde von ihm selbst in ihr Zimmer gesperrt und ein Heiducke zur Wache davor gestellt, Heinrich auf der Stelle dem andern Heiducken übergeben, um ihm vor dem Zimmer der Baronesse dreißig lautschallende Stockschläge zu ertheilen und nach richtigem Empfange aus Schloß und Herrschaft auf ewig nebst aller seiner männlichen und weiblichen Nachkommenschaft bis ins dritte und vierte Glied zu verweisen. Der Heiducke fand seine Ehre durch den Auftrag beleidigt und schlug ihn muthig aus, aus der Ursache, weil er kein Henkersknecht oder Büttel seyn wolle. Während daß der Graf so sein Richteramt pflegte und keinen Exekutor seiner Sentenz finden konnte – denn alle Bedienten liefen davon, um nicht dazu aufgerufen zu werden – 378 kam Schwinger herbey: er hatte Heinrichen, weil er ihn zu lange vermißte, aufsuchen wollen. Der Graf stürmte ihm mit Verweisen seiner schlechten Aufsicht entgegen und muthete ihm die Ausübung seines Urtheils zu: der gute Mann entschuldigte sich, that Vorstellungen wider die Strenge desselben und bat um Untersuchung, wie sehr der junge Mensch strafbar sey: der aufgebrachte Graf war gegen alle Vorstellungen taub. Er schickte den triumphirenden Jakob, der vor Verlangen brannte, die Exekution selbst zu vollstrecken, wenn nicht der Graf zu viel Mistrauen gegen die Stärke seiner Arme gehabt hätte, noch einmal aus, herbeyzurufen, wen er nur fände: aber er kam mit der Nachricht zurück, daß Niemand zu finden sey: aus Liebe für Heinrichen und aus Groll gegen seine Widersacher hielt sich Jedermann versteckt und lief willig Gefahr, sich einen derben ungnädigen Verweis zuzuziehn. Heinrich sah das ganze Vorspiel zu seiner Züchtigung unerschrocken an; und die eingesperrte Baronesse hätte vor Ungeduld und Besorgniß die Thür mit den Zähnen durchnagen mögen. 379 Da also von allen Seiten Unmöglichkeit war, das gesprochne Urtheil zu vollstrecken, so ließ mans bey der Verweisung bewenden. – Schaffen Sie den Schurken den Augenblick aus dem Schlosse! sagte der Graf zu Schwingern; morgen in aller Frühe soll er die Stadt meiden, und sich nimmermehr wieder in meinen Landen betreten lassen. – In meiner Herrschaft , wollte der Herr Graf sagen, allein es entwischte ihm zuweilen der Ausdruck eines Suveräns. Der »Schurke« fuhr durch Heinrichs ganze Seele mit einer verwundenden Schärfe: er rüstete sich schon zu einer Antwort, doch Schwinger riß ihn mit sich hinweg, um ihn zu seinen Eltern zu führen. Die Baronesse lief, wie unsinnig in dem verschloßnen Zimmer herum, als sie hörte, daß er fortgieng, riß das Fenster auf, ihm nachzusehn, der Himmel weis, ob nicht auch, ihm nachzuspringen – foderte mit zornigem Ungestüm von den apfelgrünen Wänden des Zimmers ihren Heinrich zurück; denn sonst konnte sie Niemand hören. Der Graf erhub sich von seinem Richterplatze 380 gerades Wegs zur Gräfin: die gute Dame saß am ofnen Fenster und stund auf, als er zu ihr hereintrat, weil sie glaubte, daß es der Bediente sey, der ihr die Abendmahlzeit ankündige. Wie erschrack sie, als ihr die Stimme ihres Gemahls entgegenbrauste: – »Da haben sie die Frucht Ihrer Liebe, Ihrer übel angewandten Gnade! An Ihnen sollt' ich meinen Zorn zuerst auslassen: Sie sind die einzige Ursache unsers Unglücks.« Die Gräfin erschrak, weil sie nichts von dem Vorfalle wußte, faßte sich gleich wieder und küßte seine Hand. – »Mildern Sie meine Strafe, gnädiger Herr!« sprach sie mit bittendem Tone. »Ich weis zwar nicht, wodurch ich Ihre Ungnade verdient habe« – »Wodurch?« unterbrach sie der Graf hastig. – »Daß Sie wider meinen Willen einen Jungen aufs Schloß nahmen, der unser Haus entehrt hat! Daß Sie bey jeder Gelegenheit seine Beschützerin wurden, wenn ich darauf drang, ihn fortzujagen!« Die Gräfin. Ich hätte freilich voraussehen 381 können, daß es üble Folgen haben müßte, wenn ich etwas uebte und vertheidigte, das Ihnen misfällt. Aber sie verzeihen ja meiner Schwäche täglich – Der Graf. Und Sie sollten einmal aufhören, Verzeihung nöthig zu haben! Die Gräfin. Freilich könnt' ich durch Ihre Lehren und Ermahnungen weise geworden seyn: allein ich bin einmal so unglücklich, daß ich Ihre Gnade nicht verdienen soll. Der Graf. Und doch wärs Ihnen so leicht! Wenn sie nur hörten! nur folgten: und zwar zu rechter Zeit! Die Gräfin. O ich elende Frau! Ich weine manche Thräne über meinen Ungehorsam. Der Graf. Aber ich will in Zukunft alle Achtung gegen Sie vergessen: ich will meinen Willen durchsetzen, wenns Ihnen auch noch so wehe thut. Die Gräfin. Ich bitte Sie darum, gnädiger Herr. Beugen Sie das verzärtelte Kind mit Strenge! Ihre Nachsicht verdirbt mich. Behandeln Sie mich als eine Blödsinnige, die sich 382 nicht selbst regieren kann, sondern regiert werden muß. Lassen Sie mich nie einen Willen haben! Der Graf. Das soll geschehn! Ich will mich zwingen, grausam gegen Sie zu seyn. Wenn Sie nur erkennen wollten, wie viel Güte eine solche Grausamkeit ist! Die Gräfin. Mit Freuden, gnädiger Herr! Ich werde meine angelegenste Bemühung darauf machen, dies einsehen zu lernen. – Darf ich indessen auch izt eine Verzeihung hoffen, die Sie mir so oft haben angedeihen lassen? Haben Sie Mitleid mit meiner Reue, gnädiger Herr! – Der Graf reichte ihr stolz die Hand zum Kusse dar und sezte mit halb entwafnetem Zorne hinzu: »Wenn sie nur durch Ihre Reue das Uebel ungeschehen machen könnten!« Die Gräfin. Für das Geschehne kann ich freilich nicht: aber für die Zukunft! Ich will Heinrichen in dieser Minute selbst ankündigen, daß er noch heute zu seinen Eltern zurückkehren soll. – 383 Der Graf hielt sie zurück. – »Das ist längst geschehen,« sagte er. »Er ist fort: aber das Unglück, das er gestiftet hat, bleibt zurück.« Die Gräfin stuzte: es that ihr leid, daß man Heinrichen, wie sie besorgen mußte, vielleicht zu hart verabschiedet hatte, um so viel mehr da sie sich blos darum selbst zu seiner Verabschiedung erbot, um sie nicht zu empfindlich zu machen: demungeachtet verbarg sie ihren Misfallen und dankte dem Grafen sehr freudig, daß er ihr ein unangenehmes Geschäfte erspart habe. »Warum unangenehm?« fuhr der Graf auf. »Können Sie dem Buben noch immer Ihre Gnade nicht entziehn? Er ist sie nicht werth, sag' ich Ihnen.« Die Gräfin. Er kann die meinige nicht einen Augenblick länger behalten, da er die Ihrige nicht hat. Ich hasse ihn. Der Graf. So werden Sie ihn verfluchen, wenn sie das Bubenstück wissen – Die Gräfin. Verschonen Sie mich damit, gnädiger Herr! Es schmerzt mich ohnehin 384 genug, daß ich meine Gewogenheit so lange an einen Unwürdigen verschwendet habe. »Sie müssen es wissen,« fiel der Graf ein, und erzählte ihr die gemachte Entdeckung nach der Länge, und begieng dabey den gewöhnlichen Kunstgriff oder Fehler – was es unter diesen beiden bey ihm war, will ich nicht bestimmen – daß er die gemuthmaßten Bewegungsgründe der entdeckten Zusammenkunft für ertappte Wahrheit ausgab: er wußte gewiß, daß sie hatten entfliehen wollen, ob ers gleich im Grunde nur als eine Möglichkeit vermuthen konnte: er wußte gewiß, was im Kabinet zwischen den beiden Verliebten vorgegangen war, und fürchtete Folgen! schreckliche Folgen für die Ehre seines Hauses! Die Gräfin fürchtete sie aus Gefälligkeit mit ihm, wiewohl sie im Herzen ganz das Gegentheil glaubte: sie opferte dieser traurigen Gefälligkeit die arme Baronesse auf, und dachte ihren Gemahl am sichersten wieder auszusöhnen, wenn sie nichts zu ihrer Vertheidigung oder Entschuldigung sagte, sondern sich ohne Verhör und Untersuchung – wie der 385 Graf zu verfahren pflegte – zu ihrer Strafe mit ihm vereinigte. Die erste Strafe, die der Stolz dem Grafen eingab, war die Verbannung aus seiner Gegenwart und von seinem Schlosse – in seinen Augen das empfindlichste, was Jemanden begegnen konnte! Ulrike sollte in diesem Leben sein gnädiges Angesicht nicht wieder schauen: aber wohin mit ihr? – Wäre es ihm nachgegangen, so hätte sie zu ihrer Mutter wandern müssen: doch die Gräfin, die aus Liebe zur Baronesse dies nicht wünschte, stellte ihm vor, daß es für die Baronesse eine unendlich größre Bestrafung seyn müßte, wenn man sie an einen ganz fremden Ort thäte und sie also noch weiter aus der Gegenwart des Grafen verbannte. Die Vorstellung schmeichelte ihn, und man beschloß, sie entweder zu einer alten Anverwandtin nach Berlin oder zu einer andern nach Dresden zu schicken und Pension für sie zu bezahlen – »um doch die gute Erziehung, die ihr der Graf Ohlau bisher gegeben und deren sie sich so wenig würdig gemacht habe, einigermaßen 386 fortsetzen zu lassen« – gab die Gräfin zur Ursache an. Auch das schmeichelte ihn, und also wurde auch das bewilligt: es sollte an die beiden alten Damen geschrieben werden, und welche sie für die geringste Pension zu sich nehmen wollte, die sollte die Ehre haben, dies Meisterstück seiner Erziehung vollends auszubilden. Die Baronesse mußte einige Tage Arrest auf ihrem Zimmer halten, wurde von der Gräfin heimlich über ihre Zusammenkunft verhört, und in Ansehung ihrer Liebe unschuldig befunden, das heißt, sie war bey aller Unschuld schlau genug, die Zusammenkunft für eine Wirkung des Zufalls und die Umtauschung der Kleider mit der Magd für einen Spaß auszugeben, wodurch sie Heinrichen hätte in Verlegenheit setzen wollen. Die Noth machte sie so erfindrisch, daß sie ihrer Lüge den völligen Anstrich von Wahrheit gab. Die Gräfin hielt es für ausgemacht, daß ihr Gemahl seinen Argwohn einmal übertrieben und Dinge gesehn habe, die er nur muthmaßte, und war beinahe willens, ihn durch ein Paar Schmeicheleyen zur Wiederrufung seines 387 strengen Edikts zu bewegen: doch da ihr der Aufenthalt in einer großen Stadt vortheilhaft für die Baronesse schien, so schmeichelte sie ihm nicht und ließ ihn aus Ungnade eine Wohlthat erzeigen. 388   Sechstes Kapitel. Wie der Graf seinen Argwohn übertrieb, so übertrieb Schwinger die Gutmüthigkeit: er muthmaßte nicht einmal etwas Strafbares in der entdeckten Zusammenkunft, und in der festen Ueberredung, daß seinem Freunde Unrecht geschehe, tröstete er ihn unterwegs und ermahnte ihn zur gelaßnen Ertragung eines Unglücks, das ihm Jakobs Bosheit und seine eignen Verdienste vermuthlich zugezogen hätten. – »Durch Standhaftigkeit allein kannst du deine schadenfrohen Feinde demüthigen: laß dir nicht Eine Klage über dein Schicksal entwischen! Leide und freue dich ihnen zum Trotze über deine Leiden! Ein Kopf und so viele Thätigkeit, wie du besitzest, überwinden Feinde und Schicksal« – so sagte der gute Mann und gieng mit ihm zu seines Vaters Hause hinein. Er vermuthete von Seiten der Eltern einige sehr betrübte Auftritte, wenn er ihnen Heinrichs Verweisung ankündigen würde, und 389 machte sich deshalb auf eine Trostpredigt gefaßt: wie erstaunte er, daß er mitten in seinen Tröstungen verstummte, als sich das Gesicht des alten Herrmanns immer mehr aufheiterte, je mehr er von dem gesprochnen Urtheil über seinen Sohn erfuhr. Er ließ vor Freude Schwingern nicht ausreden, sondern fiel seinem Sohn um den Hals und rief in unaufhörlichem Vergnügen: – So ist mirs recht! so ist mirs gelegen! Nun kann etwas aus dir werden, Junge! Ich hab' es dem Grafen mit dem Teufel Dank gewußt, daß er dich zu einem Stockfische machen wollte, wie er samt allen den Schlaraffengesichtern ist, die ihm den ganzen Tag die Pfoten küssen und den Rockzipfel lecken. Nun kann etwas aus dir werden. Fort mit dir, in die weite Welt! Wer da nicht klug wird, ist eine Gans von Hause aus: so ist dein Vater zum gescheiden Kerle geworden.« – Schwingern drückte er so dankbar die Hand, als wenn er die glücklichste Bothschaft überbracht hätte, ließ ihm nicht Ruhe, bis er sich 390 niedersezte und eine Pfeife mit ihm zu rauchen versprach. Nillchen, rief er, Nillchen! Nillchen antwortete nicht. Fama, die in solchen kleinen Städten nur in die Posaune zu hauchen braucht, um etwas, das in den verborgensten Kammern eines Hauses vorgefallen ist, zu Jedermanns Wissenschaft zu bringen, hatte das Urtheil des Grafen, so warm als es aus seinem Munde hervordrang, in jedes paar Ohren, das nicht taub war, von einem Ende des Städtchens bis zum andern ausgerufen, und das arme Nillchen, dem dieser Ruf auch in die Ohren geschallt hatte, sank in einem der Ohnmacht ähnlichen Schrecken dahin, als sie in der Küche – ihrem gewöhnlichen Zufluchtsorte bey bedrängten Umständen – Schwingers Bothschaft hörte. Kein schrecklicher Unglück konnte ihr in der Welt begegnen als eine solche Beschimpfung, und ihre Augen strömten, wie aufgezogene Schleußen, von ihrem weiblichen Thräuenvorrathe große Bäche dahin. Nillchen! Nillchen! rief der Mann noch einmal voller Ungeduld, lief in die Küche und zog 391 sie bey dem Arme in die Stube. Schwinger, als er ihre Betrübniß wahrnahm, sezte sich in Positur, seine Trostpredigt bey ihr anzubringen: allein der Mann hieß ihn schweigen. »Was da?« sprach er. »Was trösten, betrüben und Possen! – Nillchen, ich habe heute große Freude an meinem Sohne erlebt: ich will mir mit dem Herrn da eine Güte dafür thun. Hier hast du einen ganzen Gulden: – geh zum Apotheker und laß dir von seinem besten Weine und von seinem besten Knaster so viel geben, als er dir dafür geben kann: und zwey Pfeifen, solang wie ich! Der Tag ist so gut wie dein Geburtstag, Heinrich. – Und Nillchen! fuhr er fort, als er sie schluchzen hörte – wenn du noch einmal so ein Gesichte machst und so grunzest und nicht gleich freundlich aussiehst, wie ein Maykäzchen, mit dem Ohrzipfel nagle ich dich hier an den Tisch an. Geh, und komme gleich wieder!« – Schwinger wollte die Gasterey höflich verbitten: allein Herrmann versicherte ihm daß er ihn einmal mitten in einer Predigt öffentlich in 392 der Kirche einen Schurken nennen wollte, wenn er sein Traktament nicht annähme: und er mußte sich darein fügen. Wein, Tabak und Pfeifen langten an, und das Gastgebot wurde eröfnet. Nillchen sezte sich in den Winkel, um ungestört ihrem Kummer nachzuhängen: ihr Mann foderte sie zum Trinken auf, sie schlug es seufzend aus. – »Nillchen!« fuhr er auf, »dich soll der Teufel holen, wenn du nicht in der Minute lustig wirst: dem Grafen zum Trotze solls heute hoch bey uns zugehn. Herr Schwinger! Sie klimpern ja auf dem Klavier: spielen Sie auf! Nillchen soll mit nur tanzen.« Schwinger wurde mit Gewalt zum Klavier geführt und ihm befohlen, einen lustigen, extra lustigen Tanz zu spielen. Nillchen wollte entwischen: allein er faßte sie bey dem Arme, daß sie vor Schmerz schrie, und schleppte sie, die lange Pfeife im Munde, tanzend die Stube auf und nieder. Sie wollte nicht trinken, und er flöste ihr das Glas ein: der goldne Trank that seine Wirkung: sie fühlte ihr Herz um ein Glas 393 Wein leichter und gieng diesem Tröstungsmittel, nachdem sie es einmal gekostet hatte, so lange nach, bis ihr der Kopf so schwer wurde, als ihr vorher das Herz gewesen war. Der alte Herrmann hatte die ausgeleerte Flasche durch eine andre ersezt, und die ganze Gesellschaft war aufgeräumt, wie an einem Hochzeittage. Schwinger wartete die Lustbarkeit nicht bis zum höchsten Grade des Vergnügens ab, sondern stahl sich hinweg, um einen Versuch zu machen, ob sich nicht bey der Gräfin für Heinrichen ein Reisegeld oder vielleicht gar eine kleine Pension auswirken ließ, wenigstens so lange, bis er sein Unterkommen gefunden hätte. Auch war er in seinem Gesuche glücklich: er paßte gerade die Zeit ab, als die Gräfin von Tafel in ihr Zimmer gieng, stellte sich ihr in den Weg und bat nur um einige Minuten Audienz. Die Gräfin, die bey dieser Unterredung eine Fürbitte für den exilirten Heinrich vermuthete, und besorgte, daß auch Andre sie vermuthen möchten, sah sich auf allen Seiten um, ob nicht etwa eine Kreatur von dem Maulesel 394 in der Nähe sey, und da sich kein solches gefährliches Thier blicken ließ, erlaubte sie ihm – aber noch immer nur verstohlner Weise – sie in ihr Zimmer zu begleiten. Das Gespräch eröfnete sich zwar auch mit einigen, doch sehr gemäßigten Vorwürfen über Schwingers schlechte Aufsicht, doch gestund sie ihm selbst zu, daß ihr Gemahl sich in seinem Argwohne übereilt, oder vielmehr von Heinrichs Feinden habe zur Uebereilung verführen lassen. Der nämliche Mund, der dem Verwiesnen vorher in des Grafen Gegenwart alles Verdienst abgesprochen und zum unwürdigen Buben erniedrigte, stimmte izt mit Schwingern in sein Lob ein: sie bedauerte ihn, hofte, daß die Entfernung von seinen Feinden zu seinem Glücke gereichen werde, und als Schwinger auf den eigentlichen Punkt kam und sie um eine Beysteuer für ihn bat, so wurde sie durch seine Vorstellungen und seine Freundschaft für den jungen Menschen so gerührt, daß sie lebhaft wünschte , etwas zu seinem Fortkommen beytragen zu können. Schwinger fachte die glimmende Empfindlichkeit vollends an, dankte 395 in seines Freundes Namen für ihre bisherigen Wohlthaten mit vieler Beredsamkeit, und sezte hinzu, daß er ihm ein kleines Monatgeld aus seinem eignen Beutel bestimmt habe. Nun fieng sie Feuer: sie hielt es für entehrend , daß der Informator eine Wohlthätigkeit fortsetzen sollte, die sie angefangen hatte. – »Sie sollen ihm nichts geben,« sagte sie: »ich verbiete es Ihnen. Er soll das Monatsgeld von mir empfangen: hab' ich so weit für ihn gesorgt, will ichs auch weiter thun. Aber es bleibt unter uns beiden: wenn ein Wort davon zu meines Gemahls Ohren kömmt, so hört die Wohlthat auf.« – Sie gab ihm darauf vier Louisdor Reisegeld für Heinrichen und die Versicherung ihrer Gnade, wenn sie der junge Mensch durch seine Aufführung verdienen werde: Schwinger bat um einen Tag Urlaub, um seinen Freund zu begleiten, erhielt ihn, doch unter der Bedingung, Niemanden es merken zu lassen, schafte, sobald alle Anhänger der Gegenparthey zu Bette waren, Heinrichs Sachen zu seinen Eltern, brachte 396 die Nacht bey ihm zu, um ihn in aller Frühe in seiner Verweisung bis zum lezten Dorfe der Herrschaft zu begleiten. Bey Heinrichen wurden durch diese Güte alle Schmerzen der Trennung von neuem aufgewiegelt: so sehr ihn auch sein Vater durch Beispiel und Ermahnungen zur Lustigkeit ermunterte, so blieb er doch sprachlos, niedergeschlagen, und oft, wenn ers am wenigsten vermuthete, überwältigte ihn die Betrübniß bis zu Thränen. Schwinger that ihm den Vorschlag, sich nach Dresden zu wenden, weil er ihm an zwey dortige Freunde, beide Advokaten, Empfehlungsbriefe mitgeben könne, die ihm vor der Hand, bis sich etwas beßres fände, den Plaz eines Schreibers verschaffen sollten: Heinrich, der einmal von der Baronesse gehört hatte, daß man sie nach Dresden thun wolle, ergriff den Vorschlag mit solcher Hastigkeit, daß Schwinger darüber stuzte. Der Vater war durch den Wein in die einwilligende Laune versezt worden, die Mutter konnte vor Traurigkeit weder billigen noch verwerfen. Sie saß im Winkel, den Kopf niederhängend, und benezte die netteltuchne Schürze mit ihren Zähren: der Alte saß am Tische, nickte und schnarchte: Schwinger schrieb die Briefe, und Heinrich, der sich nicht entschliessen konnte, sich niederzulegen, saß tiefsinnig in einer andern Ecke: seine Einbildungskraft schweifte durch die Gefilde seines künftigen Glücks oder Unglücks, und wurde nicht selten durch Intermezzos von Schluchzen und Weinen unterbrochen. Schwinger, als er mit seiner Arbeit fertig war, konnte auch zu keinem Schlafe gelangen und vermehrte die stumme, betrübte und nur Sylbenweise sprechende Gruppe durch eine neue stumme Person. Um die Abschiedsscene weniger angreifend zu machen, wollte er die Mutter entfernen und dann heimlich mit ihm fortwischen: aber es war unmöglich. Als man sich zum Abmarsche in Bereitschaft sezte, fiel der alte Herrmann dem Sohne um den Hals. »Junge!« sagte er, »mach' es, wie dein Vater! Lebe in den Tag hinein und lerne nichts mehr als du brauchst, um zu leben! Lerne eine Profession, ein 398 Handwerk, eine Kunst, alles, was du willst, und was du umsonst lernen kannst! Nur laß dir nicht den Satan durch den Kopf fahren, daß du ein Gelehrter oder ein großes vornehmes Thier werden willst! Oder ich erkenne dich nicht für meinen Sohn. Ich bin aus meines Vaters Hause mit acht Groschen gegangen und fortgekommen: ich gebe dir sechszehn; und du bist nicht werth, daß dich die Sonne bescheint, wenn du über Noth klagst. Nimm dich vor vornehmen Leuten und Dummköpfen in Acht: geh ihnen aus dem Wege, wie dein Vater! Nun packe dich und leb wohl!« Die Mutter konnte den Abschied nicht aushalten und wollte sich in die Küche begeben: doch ihr Mann zog sie zurück. »Nillchen,« rief er mit drohendem Finger, »wenn du nicht gleich lachst, so prügle ich dich, wie eine Korngarbe. Lache! sag' ich dir.« – Sie wurde erbittert, riß sich los und wanderte in die Küche, dem Sammelplatze ihrer Thränen. Unterwegs stellte ihm Schwinger das Reisegeld der Gräfin zu, doch ohne etwas von dem 399 versprochnen Monatsgelde zu entdecken: auf dem Dorfe, wo sie scheiden wollten, erkundigte er sich nach der Post, bezahlte einen Platz für ihn und wies ihm eine Stube an, wo er ein Paar Tage warten sollte, bis sie abgehen würde. Nachmittags schlich er sich davon: den Schmerz des Abschiedes traute er sich nicht auszuhalten. Auf dem Rückwege faßte er den Entschluß, Heinrichen, sobald er eine Pfarrstelle haben würde, zu sich zu nehmen; und mit diesem Vorsatze gieng er ins Schloß, wie ein Wittwer ins Trauerhaus, zurück. Schwinger hatte bey Heinrichen eine Betrübniß bemerkt, die er anfangs auf Niemanden als auf sich selbst zog: noch bey dem Abschiede trug er ein außerordentliches Verlangen wenigstens auf ein Paar Minuten, wieder ins Schloß zurückkehren zu dürfen: er wünschte das mit so vieler Sehnsucht und so zitternder Aengstlichkeit, daß Schwinger selbst nunmehr Argwohn schöpfte: doch da seine wiederholten Fragen nichts bestimmtes aus ihm herauszubringen vermochten, so maß ers derjenigen Liebe bey, die ein Ort für 400 sich in uns erweckt, an welchem man sich die ersten sechszehn Jahre seines Lebens wohl befunden hat. Du guter Schwinger! Dem Orte gehörte nicht der zwanzigste Theil des Schmerzes: Ulrike und die verhinderte Flucht mit ihr war der ganze verborgne Kummer. Indessen gab der Verwiesene den Plan noch nicht auf: mit der schmeichelnden Aussicht, daß sie nach Dresden zu einer alten Anverwandtin kommen, daß er dort zu einem Glücke gelangen und es mit ihr theilen werde – mit tausend solchen Hofnungen, denen nur ein sechszehnzähriger, der Welt unkundiger Mensch einen hohen Grad von Wahrscheinlichkeit geben kann, stieg er auf die Post; der Postknecht schwang die Peitsche, und die Reise gieng fort.     Ende des ersten Bands