Julius Verne Die Kinder des Kapitän Grant Reise um die Erde Dritter Band Erstes Capitel. Der Macquarie. Wenn die Aufsucher des Kapitän Grant jemals Veranlassung hatten, an seinem Wiederauffinden zu verzweifeln, war es dann nicht gerade jetzt der Fall, wo ihnen plötzlich Alles fehlte? Von welchem Punkte der Erde aus sollte man eine neue Expedition unternehmen? Auf welche Weise neue Länder durchforschen? Der Duncan war nicht mehr vorhanden und selbst eine unmittelbare Rückkehr in die Heimat unmöglich. So war also das Unternehmen der edlen Schotten fehlgeschlagen. Ein Mißerfolg! Trauriges Wort, das in einer thatkräftigen Seele kein Echo findet; und doch mußte Glenarvan, unter den Schlägen des Geschickes, seine Ohnmacht, dieses aufopferungsvolle Werk fortzusetzen, eingestehen. Mary Grant hatte unter diesen Verhältnissen die Seelenstärke, den Namen ihres Vaters gar nicht mehr auszusprechen. Sie unterdrückte ihre eigene Angst, indem sie an die unglückliche umgekommene Schiffsbesatzung dachte. Die Tochter trat vor der, Freundin in den Hintergrund, und jetzt war sie es, welche Lady Glenarvan tröstete, von der sie sonst so viel Tröstung empfangen hatte. Sie sprach zuerst von der Rückkehr nach Schottland. John Mangles zollte ihr alle Bewunderung, sie so muthig und so resignirt zu sehen. Ein letztes Wort wollte er zu Gunsten des Kapitän Grant sprechen, Mary aber verhinderte es durch einen Blick und sagte später zu ihm: »Nein, Herr John, denken wir an Die, welche sich für uns aufgeopfert haben. Lord Glenarvan muß nach Europa zurückkehren. – Sie haben Recht, Miß Mary, er muß, erwiderte John Mangles. Auch müssen die englischen Behörden von dem Schicksale des Duncan unterrichtet werden. Aber geben Sie nicht alle Hoffnung auf. Die von uns begonnenen Nachforschungen werde ich, anstatt sie aufzugeben, vielmehr allein wieder aufnehmen! Ich werde den Kapitän Grant wiederfinden oder bei dem Versuche untergehen!« Es war eine ernste Verpflichtung, welche John Mangles auf sich nahm. Mary ging darauf ein, und hielt dem jungen Kapitän die Hand hin, wie um den Vertrag zu vollziehen. Seitens John Mangles' bedeutete er eine Aufopferung Zeit seines Lebens, seitens Mary's eine unwandelbare Dankbarkeit. Noch an diesem Tage wurde die Abreise endgiltig beschlossen. Man wollte ohne Säumen Melbourne zu erreichen suchen. Am anderen Tage erkundigte sich John Mangles nach den in der Abfahrt begriffenen Schiffen, wobei er auf eine häufige Verbindung zwischen Eden und der Hauptstadt von Victoria hoffte. Seine Erwartung wurde getäuscht. Schiffe waren nur wenige da. Drei bis vier Fahrzeuge, welche in der Twofold-Bai ankerten, bildeten die ganze Handelsflotte des Platzes, von denen aber keines nach Melbourne, Sidney oder Point-de-Galle bestimmt war. Nur in diesen drei Häfen Australiens aber konnte Glenarvan Schiffe finden, die in Ladung nach England wären. Die Peninsular Oriental steam navigation Company unterhält nämlich einen regelmäßigen Packetbootdienst zwischen diesen Plätzen und der Metropole Großbritanniens. Was war nun zu thun? Ein Schiff abwarten? Das hätte leicht sehr lange dauern können, denn die Twofold-Bai ist wenig besucht. Es gehen auf hoher See wohl viele Fahrzeuge an ihr vorüber, landen aber nicht daselbst. Glenarvan entschied sich nach manchen Ueberlegungen und Besprechungen dafür, auf den Wegen längs der Küste nach Sidney zu gehen, als Paganel noch einen Vorschlag machte, dessen sich Niemand versehen hätte. Der Geograph hatte der Bai von Twofold auch selbst einen Besuch abgestattet. Er wußte, daß eine Gelegenheit nach Melbourne oder Sidney fehlte. Von den drei Fahrzeugen auf der Rhede aber machte sich das eine nach Auckland, der Hauptstadt von Ika-na-Maoui, jener nördlich gelegenen Insel Neu-Seelands, segelfertig. Darauf hin schlug Paganel vor, das betreffende Schiff zu benutzen und nach Auckland zu gehen, von wo aus es leicht sein würde, mit einem Schiffe der Peninsular-Company nach Europa zurückzukehren. Dieser Vorschlag wurde in ernstliche Erwägung gezogen. Paganel verirrte sich jetzt nicht in jene Reihe von Unterstützungsgründen, mit denen er sonst so verschwenderisch war. Er beschränkte sich auf die Angabe der Thatsache unter der Hinzufügung, daß die Ueberfahrt nicht länger als fünf bis sechs Tage dauern könne. Die Entfernung von Australien bis Neu-Seeland beträgt in der That nur tausend (englische) Meilen. In Folge eines sonderbaren Zusammentreffens lag Auckland genau in der Linie des siebenunddreißigsten Breitengrades, dem die Forscher von der Küste Araukaniens an hartnäckig folgten. Sicher hätte der Geograph, ohne darum der Parteilichkeit geziehen zu werden, das als ein seinem Vorschlage günstiges Argument benutzen können. Wirklich war es ja eine ganz natürliche Gelegenheit, die steile, klippenreiche Küste Neu-Seelands zu besuchen. Paganel wollte aber daraus keinen Vortheil ziehen. Nach zweifachem Mißgeschick mochte er eine dritte Auslegung des Documentes ohne Zweifel nicht wagen. Was hätte er demselben auch noch entnehmen sollen? In jenem war zweifellos ausgesprochen, daß dem Kapitän Grant ein »Continent« und nicht eine Insel als Zuflucht gedient habe. Neu-Seeland war aber eben nur eine Insel. Das erschien entscheidend. Doch, wie dem auch sei, ob aus diesem oder irgend einem andern Grunde, Paganel flocht seinem Vorschlage keinen Gedanken an eine neue Durchforschung Neu-Seelands ein. Er betonte nur, daß zwischen diesem Platze und Großbritannien regelmäßige Verbindungen beständen, deren sie sich bequem bedienen könnten. John Mangles unterstützte Paganel's Vorschlag. Er empfahl seine Annahme deshalb, weil man die sehr zweifelhafte Ankunft eines Schiffes in der Twofold-Bai nicht abwarten könne. Vor allem Weiteren hielt er es aber für angezeigt, das von dem Geographen bezeichnete Schiff zu besuchen. Glenarvan, der Major, Paganel, Robert und er selbst nahmen also ein Boot, und schon nach wenigen Ruderschlägen waren sie an dem Schiffe, welches zwei Kabellängen vom Quai ankerte. Es war das eine Brigg von zweihundertfünfzig Tonnen, welche der Macquarie hieß. Sie besorgte die Küstenfahrt zwischen verschiedenen Häfen Australiens und Neu-Seelands. Der Kapitän, oder vielmehr der »Master« empfing seine Besucher ziemlich grob. Es war leicht einzusehen, daß man es mit einem Menschen ohne Erziehung zu thun hatte, dessen Manieren sich nicht wesentlich von denen der fünf an Bord befindlichen Matrosen unterschieden. Ein rohes und geröthetes Gesicht, dicke Hände, eine eingedrückte Nase, ein gebrochenes Auge, von der Pfeife beschmutzte Lippen und ein brutales Aussehen machten aus Will Halley eine widerliche Persönlichkeit. Doch, man hatte keine Wahl, und für eine Ueberfahrt von fünf bis sechs Tagen brauchte man ihn nicht so genau anzusehen. »Was wollen Sie, Sie da? fragte Will Halley die Unbekannten, welche sein Verdeck betraten. – Der Kapitän? entgegnete John Mangles. – Bin ich, sagte Halley. Was weiter? – Der Macquarie ladet nach Auckland? – Ja. Was weiter? – Was führt er? – Alles, was käuflich und verkäuflich ist. Was weiter? – Wann segelt er ab? – Morgen mit der Ebbe zu Mittag. Was weiter? – Nähme er auch Passagiere auf? – Das kommt auf die Passagiere an und ob sie sich mit der Schiffskost begnügen. – Sie würden sich selbst verpflegen. – Was weiter? – Nun, was weiter? – Ja, wieviel sind es? – Neun, darunter zwei Damen. – Ich habe keine Cabinen. – Sie würden sich mit der hinteren Koje begnügen, wenn ihnen diese zur Benutzung überlassen würde. – Was weiter? – Nun, gehen Sie darauf ein? fragte John Mangles, den die Manieren des Kapitäns ganz und gar nicht in Verlegenheit brachten. – Werde sehen!« erwiderte der Patron des Macquarie. Will Halley ging ein- oder zweimal auf und ab, wobei das Verdeck von seinen schweren, eisenbeschlagenen Stiefeln erdröhnte, dann kam er kurz auf John Mangles zu. »Was zahlt man? – Was verlangt man? entgegnete John. – Fünfzig Pfund.« Glenarvan machte ein Zeichen der Zustimmung. »Gut! Fünfzig Pfund, antwortete John Mangles. – Aber nur für Ueberfahrt, ohne Alles. – Ohne Alles. – Eigene Beköstigung. – Eigene. – Einverstanden. Was weiter? sagte Will, der die Hand ausstreckte. – Nun? – Das Aufgeld? – Hier ist die Hälfte des Fahrgeldes, fünfundzwanzig Pfund, sagte John Mangles, und zählte dem Master diese Summe hin, der sie, ohne sich zu bedanken, einstrich. – Morgen an Bord, sagte er nur. Vormittags. Ob man da ist oder nicht, ich segle ab. – Man wird da sein.« Glenarvan, der Major, Robert, Paganel und John Mangles verließen hierauf das Schiff, ohne daß Will Halley seinen Südwester Eine Art Hut von Wachstuch. , der die rothe Perrücke bedeckte, auch nur mit einem Finger berührte. »Welcher Tölpel! sagte John. – Ei nun, mir paßt er, antwortete Paganel. Das ist ein richtiger Seewolf. – Ein wahrer Bär! versetzte der Major. – Und ich meine, fügte John Mangles hinzu, daß dieser Bär seiner Zeit auch mit Menschenfleisch gehandelt hat. – Mag sein! antwortete Glenarvan, wenn er jetzt nur den Macquarie commandirt und der Macquarie nach Neu-Seeland geht. Von der Twofold-Bai bis Auckland werden wir ihn nicht viel sehen, nach Auckland gar nicht mehr.« Mit Vergnügen hörten Lady Glenarvan und Mary Grant, daß die Abreise für den anderen Tag bestimmt sei. Glenarvan machte sie darauf aufmerksam, daß der Macquarie dem Duncan rücksichtlich des Comforts nicht gleich komme. Nach so vielen Prüfungen waren das aber keine Frauen, sich eine solche Kleinigkeit verdrießen zu lassen. Mr. Olbinett wurde bedeutet, für Proviant zu sorgen. Der arme Mann hatte seit dem Verluste des Duncan oft die unglückliche Mistreß Olbinett beweint, die an Bord geblieben und folglich mit der gesammten Besatzung ein Opfer der Grausamkeit der Sträflinge geworden war. Indeß erfüllte er seine Obliegenheiten als Stewart mit gewohntem Eifer, und die »eigene Beköstigung« bestand in ausgewählten Speisen, welche auf der Brigg niemals Sitte waren. In wenigen Stunden hatte er sich versorgt. Indessen escomptirte der Major bei einem Banquier die Wechsel, welche Glenarvan auf die Union-Bank in Melbourne besaß. Er wollte weder von Gold, noch von Waffen und Munition entblößt sein. Er erneuerte daher auch sein Arsenal. Paganel verschaffte sich eine ausgezeichnete, von Johnston in Edinburgh herausgegebene Karte Neu-Seelands. Mit Mulrady ging es nun ganz gut. Kaum erinnerte er sich der Wunde, welche sein Leben in Gefahr gebracht hatte. Einige Stunden auf dem Meere sollten seine Heilung vollenden. Er hoffte darauf, sich durch die frischen Winde des pacifischen Oceans wieder herzustellen. Wilson wurde beauftragt, an Bord des Macquarie die Wohnräume für die Passagiere herzurichten. Unter seinen Bürsten und Besen änderte sich das Aussehen der Koje vollkommen. Will Halley zuckte die Achseln, ließ aber den Matrosen gewähren. Um Glenarvan und seine männlichen und weiblichen Begleiter machte er sich keine Sorgen. Er kannte kaum ihre Namen und beunruhigte sich deshalb nicht im Mindesten. Dieser Zuwachs zu seiner Ladung galt ihm fünfzig Pfund, das war Alles, und er schlug ihn geringer an, als die zweihundert Tonnen gegerbte Häute, welche seinen Kielraum füllten. Erst die Häute, dann die Menschen. Es war eben ein Geschäftsmann. Seine Eigenschaften als Seemann betreffend, wurde er für einen guten Practicus in diesen, durch Korallenriffe sehr gefährlichen Meeren gehalten. In den letzten Stunden dieses Tages wollte Glenarvan noch nach dem durch den siebenunddreißigsten Breitengrad berührten Punkt der Küste zurückkehren. Zwei Gründe trieben ihn dahin. Einmal wünschte er die angenommene Stelle des Schiffbruches noch einmal zu besuchen. Ayrton war ohne Zweifel Quartiermeister auf der Britannia gewesen, und die Britannia konnte wirklich in dieser Gegend der australischen Küste verloren gegangen sein, hier an der östlichen, statt an der westlichen Küste. Man durfte demnach einen solchen Punkt, den man doch nie wiedersehen würde, nicht so leicht verlassen. Dann aber war, wenn nicht die Britannia, so doch der Duncan hier in die Hände der Sträflinge gefallen. Vielleicht hatte es einen Kampf gegeben? Warum sollte man am Ufer nicht die Spuren desselben und eines verzweifelten Widerstandes auffinden? Wenn die Besatzung in den Wellen umgekommen war, hätten die Wellen nicht einen Leichnam an die Küste spülen können? Glenarvan unternahm, von seinem treuen John begleitet, diese Recognoscirung. Der Besitzer des Hotel Victoria stellte ihnen zwei Pferde zur Verfügung, und so nahmen sie den Weg nach Norden, welcher um die Twofold-Bai herumführt, wieder auf. Es war eine traurige Nachsuchung. Glenarvan und der Kapitän ritten stumm dahin, und verstanden sich doch. Dieselben Gedanken und, als sie wegritten, dieselben Beängstigungen quälten sie. Sie blickten nach den vom Meere ausgehöhlten Felsen; sie brauchten sich gar nicht zu fragen und nicht zu antworten. Bei John's Eifer und Intelligenz kann man sich versichert halten, daß jeder Punkt des Ufers mit peinlicher Sorgfalt untersucht, und auch die kleinste Bucht genau durchforscht wurde, ebenso wie die geneigte Küste und die Dünen von Sand, wo die Wogen des Stillen Oceans eine Seetrift angetrieben haben könnten. Doch kein Anzeichen fand sich, welches weitere Nachforschungen in dieser Gegend am Meere hätte wünschenswerth erscheinen lassen. Selbst die Spur des Schiffbruches verlor sich damit. Auch nichts auf den Duncan Bezügliches fand sich vor. Der ganze Küstenstrich war öde. Da entdeckte John Mangles am Rande des Ufers offenbare Zeichen eines Lagers, und unter isolirten Myalls die Reste eines Feuers aus jüngster Zeit. War hier in den letzten Tagen ein nomadisirender Stamm Eingeborener vorbei gekommen? Nein, denn ein Wahrzeichen fiel Glenarvan in's Auge und belehrte ihn unzweifelhaft, daß es Sträflinge gewesen waren, welche diese Gegend der Küste besucht hatten. Dieses Zeichen bestand in einem grau und gelben, abgenutzten und geflickten Matrosenkittel, einem elenden Lumpen, der am Fuße eines Baumes zurückgelassen war. Er trug noch die Matrikelnummer eines Sträflings aus Perth. Der Galeerensklave war nicht mehr da, aber seine schmutzige Hinterlassenschaft zeugte für ihn. Nachdem sie irgend welchen Auswürfling bekleidet, verfaulte diese Verbrecher-Livrée nun hier am einsamen Ufer. »Du siehst, John, sagte Glenarvan, daß die Deportirten bis hierher gekommen sind! Und unsere armen Kameraden vom Duncan? ... – Ja wohl! erwiderte John mit dumpfer Stimme, gewiß sind sie nicht ausgeschifft worden, sondern umgekommen ... Die Elenden! rief Glenarvan; wenn sie je in meine Hände fallen, so werde ich meine Besatzung rächen! ...« Der Schmerz hatte Glenarvan's Züge hart gemacht. Einige Minuten lang schaute der Lord hinaus auf die unendlichen Wogen, um mit dem letzten Blicke vielleicht ein Schiff in der endlosen Weite zu haschen. Dann senkten sich seine Augen, er kam zu sich selbst zurück, und ohne ein Wort zu sprechen oder eine Bewegung zu machen, ritt er im Galop auf dem Wege nach Eden zurück. Es war noch eine einzige Förmlichkeit zu erfüllen, die Benachrichtigung der zuständigen Behörden über das Vorgefallene. Denselben Abend wurde das noch mit Thomas Banks abgemacht. Dieser Beamte konnte, als er das Protokoll darüber aufnahm, seine Befriedigung nur mühsam verheimlichen. Er war von der Abfahrt Ben Joyce's und seiner Bande einfach entzückt. Die ganze Stadt theilte diese Befriedigung. Die Sträflinge hatten Australien zwar mit Hilfe eines neuen Verbrechens verlassen, indeß, sie hatten es doch verlassen. Diese wichtige Neuigkeit wurde den Behörden von Sidney und Melbourne augenblicklich telegraphirt. Nach Beendigung seiner Erklärungen kam Glenarvan nach dem Hotel Victoria zurück. Traurig verbrachten die Reisenden diesen letzten Abend. Ihre Gedanken schweiften durch dieses an Unfällen so reiche Land. Sie erinnerten sich der so wohlbegründeten Hoffnungen, die sie am Cap Bernouilli hatten, und die nun an der Twofold-Bai so jämmerlich zu Schanden geworden waren! Paganel war von einer wirklich fieberhaften Aufregung erfaßt. John Mangles, der ihn seit jenem Ereigniß am Snowyflusse immer beobachtete, fühlte es heraus, daß der Geograph einmal sprechen wollte und einmal wieder nicht. Manchmal hatte er auch schon Fragen an ihn gerichtet, die Jener unbeantwortet ließ. Diesen Abend aber geleitete John ihn nach seinem Zimmer und fragte ihn, warum er so nervös sei. »Mein Freund John, erwiderte Paganel ausweichend, ich bin jetzt nicht nervöser als gewöhnlich. – Herr Paganel, fuhr John fort, Sie haben ein Geheimniß, das Sie drückt. – Nun, was wollen Sie? fuhr der Geograph auf, das ist auch stärker als ich. – Was ist stärker als Sie? – Meine Freude auf der einen, meine Verzweiflung auf der anderen Seite. – Sie sind erfreut und verzweifelt zugleich? – Ja, erfreut und verzweifelt, Neu-Seeland zu besuchen. – Hätten Sie dafür einen Grund? fragte lebhaft John Mangles. Haben Sie etwa die verlorene Fährte wiedergefunden? – Nein, Freund John. Man kehrt aus Neu-Seeland nicht wieder zurück ! Indeß..., nun, Sie kennen ja die menschliche Natur! Es genügt, daß man athme, um zu hoffen! Und mein Wahlspruch «Spiro, spero» ist so viel werth, als alle Wahlsprüche der Welt!« Zweites Capitel. Die Vergangenheit des Landes, nach dem die Reise geht. Die Passagiere wurden am nächsten Tage, dem 27. Januar, in der engen Hinterkoje der Brigg untergebracht. Will Halley hatte den Damen seine Cabine nicht angeboten, was deshalb wenig zu bedauern war, weil die Höhle sich ganz des Bären würdig erwies. Um halb ein Uhr Mittags ging man mit der Ebbe unter Segel. Der Anker stieg lothrecht auf und wurde nur mit Mühe an Bord gebracht. Von Südwest wehte eine mäßige Brise. Nach und nach wurden die Segel entfaltet; die fünf Leute an Bord arbeiteten nur langsam. Wilson wollte der Mannschaft helfen, aber Halley bat ihn, sich ruhig zu verhalten und sich nicht um Etwas zu kümmern, was ihm Nichts angehe. Er war gewöhnt, allein fertig zu werden und weder Rath noch Hilfe zu beanspruchen. John Mangles mußte über Ungeschicktheiten bei gewissen Manoeuvres manchmal heimlich lachen, aber auch er nahm sich jene Worte an, und behielt sich nur vor, dann thatsächlich, wenn auch ohne Berechtigung zu interveniren, wenn die Ungeschicktheit der Besatzung die Sicherheit des Schiffes gefährden sollte. Doch wurden mit der Zeit und den Armen der fünf Matrosen, welche die Flüche des Masters anfeuerten, die Segel beigesetzt. Der Macquarie stach in's hohe Meer mit den vollen unteren Segeln und Backbordhalsen. Später wurden noch die Reff- und Focksegel gehißt. Aber trotz dieses Aufwandes von Leinwand kam die Brigg nur langsam vorwärts. Durch ihre am Vordertheil zu bauchige und an den Seitenwänden zu sehr erweiterte Form, so wie durch die Schwere des Hintertheiles wurde sie zum schlechten Segler, zum wahren Typus eines »Holzschuhes«. Doch, man mußte sich damit begnügen. Zum Glücke mußte die Rhede von Auckland, so schlecht auch der Macquarie segelte, in fünf, höchstens sechs Tagen erreicht sein. Um sieben Uhr Abends verschwanden die Küsten Australiens und das Leuchtfeuer von Eden dem Blicke. Bei dem ziemlich unruhigen Meere arbeitete das Schiff stark und fiel schwerfällig in die Höhlungen der Wellen. Die Reisenden bekamen heftige Stöße, welche den Aufenthalt in der Koje sehr peinlich machten. Auf dem Verdecke konnten sie aber wegen strömenden Regens nicht bleiben. Sie sahen sich demnach zu strenger Einschließung verurtheilt. Jeder überließ sich nun seinen eigenen Gedanken und sprach wenig. Höchstens wechselten Lady Helena und Mary Grant einige Worte. Lord Glenarvan hielt nicht Stand. Er ging ab und zu, während der Major unbeweglich verharrte. John Mangles ging mit Robert von Zeit zu Zeit nach dem Verdecke hinauf, um das Meer zu beobachten. Paganel endlich murmelte in seiner Ecke unbestimmte und unzusammenhängende Worte. Wovon träumte der würdige Geograph? Von Neu-Seeland, an welches jetzt das Schicksal ihn verschlug. Er vergegenwärtigte sich dessen ganze Geschichte, und die Vergangenheit dieses unheilvollen Landes trat ihm vor die Augen. Gab es denn aber in dieser Geschichte eine Thatsache, ein Ereigniß, das die Entdecker dieser Inseln jemals berechtigt hätte, sie für einen Continent anzusehen? Konnte ein Geograph oder Seemann der neueren Zeit ihnen diesen Namen beilegen? Man erkennt, daß Paganel immer noch auf das Document zurückkam, es war ihm das zur fixen Idee geworden. Nach Patagonien und Australien heftete sich seine Einbildung, die durch ein Wort gereizt wurde, an Neu-Seeland. Aber ein Punkt, ein einziger, hielt ihn auf diesem Wege auf. » Contin ... contin ..., wiederholte er immer, bedeutet doch trotz alledem »Continent»!« Er verfolgte im Gedächtniß die Seefahrer, welche diese beiden Inseln in den australischen Meeren erforschten. Am 13. December 1642 landete der Holländer Tasman, nachdem er Vandiemensland entdeckt hatte, an den noch unbekannten Küsten Neu-Seelands. Einige Tage segelte er längs der Küste hin und am 17. fuhren seine Schiffe in eine große Bai ein. welche das Ende einer schmalen, zwischen zwei Inseln verlaufenden Durchfahrt bildete. Die nördliche Insel war Ika-na-Maoui, neuseeländische Worte, welche »der Fisch des Mauwi« bedeuten. Die südliche war »Tawai-Pouna-Mou«, d. h. »der Wallfisch, welcher Nephriten hervorbringt«. Später hat man erkannt, daß der ursprüngliche Name für ganz Neu-Seeland Teika-Maoui ist. Tawai-Pouna-Mou bezeichnet nur eine Oertlichkeit der centralen Insel. Abel Tasman sandte seine Boote an's Land, und diese kamen in Begleitung zweier Piroguen voll lärmender Eingeborener zurück. Diese Wilden waren von mittler Größe, brauner und gelber Haut mit vorstehenden Knochen, hatten eine rauhe Stimme und schwarzes Haar, das auf dem Kopfe nach japanesischer Art gebunden und von einer großen weißen Feder überragt war. Dieses erste Zusammentreffen von Europäern und Eingeborenen schien dauernde freundschaftliche Beziehungen zu versprechen. Am folgenden Tage aber, gerade als eines von Tasman's Booten einen dem Lande näher liegenden Ankerplatz aufsuchen wollte, wurde es durch sieben Piroguen, die mit einer großen Menge Eingeborener bemannt waren, ungestüm angegriffen. Das Canot schlug um und schöpfte Wasser. Der Quartiermeister, der es befehligte, wurde zuerst von einem grobspitzigen Spieße am Halse getroffen. Er fiel in's Meer. Vier von seinen sechs Begleitern wurden getödtet. Die beiden Uebrigen und der Quartiermeister, welche nach den Schiffen zu schwammen, konnten aufgefischt und gerettet werden. Nach diesem traurigen Vorkommnisse ließ Tasman Segel beisetzen und beschränkte seine Wiedervergeltung darauf, daß er Jenen einige Flintenkugeln entgegen jagen ließ, die sie übrigens voraussichtlich nicht erreichten. Er verließ die Bai, der darnach der Name der »Massacre-Bai« verblieben ist, segelte an der Küste nach Norden hinauf und ankerte am 5. Januar nahe der nördlichen Spitze. An diesem Punkte verhinderte ihn nicht nur die heftige Brandung, sondern auch das feindselige Benehmen der Eingeborenen, Wasser einzunehmen, und er verließ definitiv dieses Land, dem er den Namen »Staten-Land«, zu Ehren der General-Staaten beilegte. Wirklich vermeinte der holländische Seefahrer, daß jene an die gleichnamigen Inseln grenzten, die im Osten von Feuerland, an der Südspitze Amerikas entdeckt worden waren. Er glaubte, den »großen südlichen Continent« gefunden zu haben. »Aber, sagte sich Paganel, was ein Seefahrer des siebenzehnten Jahrhunderts einen «Continent« nennen konnte, das kann ein solcher des neunzehnten Jahrhunderts nicht ebenso nennen. Ein solcher Irrthum ist nicht anzunehmen! Nein, hierin liegt noch Etwas, was mir bis jetzt entgeht!« Ueber ein Jahrhundert lang wurde Tasman's Entdeckung vergessen, und Neu-Seeland schien für Niemand mehr vorhanden zu sein, als es ein französischer Seefahrer, Surville, unter'm 35° 37' zu Gesicht bekam. Ueber die Ureinwohner hatte er sich nicht gerade zu beklagen, die Winde waren aber sehr heftig und es entwickelte sich ein Sturm, während dessen die Schaluppe, welche die Kranken trug, an das Ufer der Bai du Réfuge geworfen wurde. Dort nahm ein Häuptling, namens NaguïNoui, die Franzosen ganz gut auf und verpflegte sie in seiner eigenen Hütte. Alles ging ganz gut, bis ein Boot Surville's gestohlen wurde. Vergebens forderte es Surville zurück und glaubte für diesen Diebstahl ein Dorf, welches er völlig niederbrannte, bestrafen zu müssen. Eine schreckliche und ungerechte Rache, die den blutigen Repressalien, deren Schauplatz Neu-Seeland noch werden sollte, nicht unähnlich war. Am 6. October 1769 erschien der berühmte Cook an diesen Küsten. Mit seinem Schiffe »The Endeavour« ankerte er in der Bai von Taoué-Roa, und suchte sich die Bewohner durch gute Behandlung zu verbinden. Um diese Leute aber gut zu behandeln, mußte man damit beginnen, sie zu erlangen. Cook zögerte nicht, zwei bis drei gefangen nehmen zu lassen und ihnen seine Wohlthaten aufzunöthigen. Diese wurden dann, mit Geschenken und Liebenswürdigkeiten überhäuft, sofort an's Land zurückgesendet. Bald kamen, verlockt durch ihre Berichte, mehrere Eingeborene freiwillig an Bord und machten Tauschgeschäfte mit den Europäern. Einige Tage später wandte sich Cook nach der Hawkes-Bai, einer mächtigen Ausbuchtung an der Ostküste der nördlichen Insel. Dort traf er auf kriegerische, lärmende und herausfordernde Eingeborene. Ihre Demonstrationen gingen so weit, daß es nothwendig wurde, sie durch einen Kartätschenschuß zurück zu weisen. Am 20. October ankerte der Endeavour in der Toku-Malou-Vai, an der eine friedfertige Bevölkerung von zweihundert Seelen lebte. Die Schiffsbotaniker machten lohnende Ausflüge in das Land, und die Eingeborenen brachten sie in ihren eigenen Piroguen an das Ufer. Cook besuchte zwei durch Pallisaden, Brustwehren und doppelte Gräben vertheidigte Dörfer, welche tiefere Kenntnisse im Lagerbau erkennen ließen. Das bedeutendste dieser Forts lag auf einem Felsen, der bei der Hochfluth eine vollständige Insel wurde. Ja noch mehr als eine Insel, denn nicht nur umspülten es die Wogen, sondern sie brausten auch durch ein natürliches, sechzig Fuß hohes Joch, auf welchem dieser unbesteigliche »Pah« lag. Am 31. März gab Cook, nachdem er in fünf Monaten eine reiche Ernte an merkwürdigen Gegenständen, einheimischen Pflanzen und ethnographischen und ethnologischen Documenten gehalten hatte, der Straße, welche die beiden Inseln trennt, seinen Namen und verließ Neu-Seeland. Er sollte auf seinen späteren Reisen wieder dahin zurückkommen. Wirklich erschien der große Seeheld im Jahre 1773 wieder in der Hawkes-Bai, und war Zeuge wahrhaft cannibalischer Auftritte. Der Vorwurf, sie hervorgerufen zu haben, traf aber seine Leute. Officiere, welche am Lande die verstümmelten Gliedmaßen eines jungen Wilden gefunden hatten, brachten diese mit an Bord, »ließen sie kochen« und boten sie dann den Eingeborenen an, welche sich gierig darauf stürzten. Ach, welche traurige Phantasie, sich auf diese Weise zu Köchen einer Menschenfressermahlzeit herabzuwürdigen! Auch auf seiner dritten Reise besuchte Cook diese Länder, welche er besonders liebte und deren hydrographische Aufnahme er zu vollenden trachtete. Zum letzten Male verließ er sie am 25. Februar 1777. Im Jahre 1791 verweilte Vancouver zwanzig Tage in der Sombre-Vai, ohne irgend welchen Vortheil für die Naturwissenschaften oder die Geographie. D'Entrecasteaux nahm im Jahre 1793 fünfundzwanzig Meilen der Küste im Norden von Ika-na-Maoui auf. Die Kauffahrerkapitäne Hausen und Dalrympe, und später Baden, Richardson und Moody machten dort kurzen Halt, und der Doctor Savage sammelte während eines Aufenthaltes von fünf Wochen interessante Beiträge zu den Sitten der Neu-Seeländer. In demselben Jahre, nämlich 1895, schiffte sich der Neffe des Häuptlings Rangui-Hou, der intelligente Doua-Tara, auf der in der Bai der Inseln ankernden und vom Kapitän Baden befehligten Argo mit ein. Vielleicht liefern die Abenteuer Doua-Tara's noch einem Maori-Homer den Stoff zu einem Heldengedicht. Sie waren reich an Unglück, Ungerechtigkeiten und schlechter Behandlung; Treulosigkeit, Beschlagnahme seines Eigenthums, Schläge und Wunden erntete der arme Wilde für seine guten Dienste. Welche Gedanken mußte er sich von Leuten machen, die sich civilisirt nannten. Man brachte ihn nach London, und machte ihn zum Matrosen letzter Classe, zum Sündenbocke der Mannschaften. Ohne den Reverend Marsden wäre er fast um's Leben gekommen. Dieser Missionär interessirte sich für den jungen Wilden, an dem er eine sichere Urtheilskraft, einen guten Charakter und ausgezeichnete Eigenschaften der Sanftmuth, Dankbarkeit und Leutseligkeit erkannte. Marsden ließ seinem Günstling einige Säcke Korn und landwirthschaftliche Instrumente für seine Heimat zukommen. Dieser kleine Vorrath ward ihm gestohlen. Unglück und Leiden verfolgten den armen Doua-Tara bis i814, wo man ihn endlich wieder in dem Lande seiner Vorfahren antrifft. Er wollte nun die Früchte so vieler Schicksalsschläge pflücken, als ihn in seinem achtundzwanzigsten Lebensjahre der Tod ereilte, gerade als er sich anschickte, dieses blutdürstige Neu-Seeland zu regeneriren. Gewiß wurde die Civilisation durch diesen unersetzlichen Verlust um viele Jahre verzögert. Nichts ersetzt ja einen intelligenten und guten Mann, der in seinem Herzen die Liebe zum Guten mit der zu seinem Vaterlande verbindet. Bis zum Jahre 1816 wurde Neu-Seeland vernachlässigt. Zu dieser Zeit bereisten Thompson, 1817 Lidiard Nicholas, 1819 Marsden verschiedene Theile beider Inseln, und 1820 hielt sich Richard Cruise, Kapitän im vierundachtzigsten Infanterie-Regiment, sechs Monate hier auf, was für die Kenntniß von den Sitten der Eingeborenen von großem Vortheil war. Im Jahre 1824 verblieb Duperrey, der Commandant der Coquille, vierzehn Tage in der Bai der Inseln, und konnte die Eingeborenen nur loben. Nach ihm mußte sich im Jahre 1827 der Wallfahrer Mercury gegen Beraubung und Mord vertheidigen; in demselben Jahre aber wurde der Kapitän Dillon bei zweimaligem Aufenthalte sehr gastlich aufgenommen. Im März 1827 konnte der berühmte Dumont d'Urville mehrere Nächte ungestraft und ohne Waffen unter den Eingeborenen zubringen, Geschenke und Gesänge wechseln, in den Hütten schlafen und ohne gestört zu werden, seine interessanten Aufnahme-Arbeiten verfolgen, die dem Depot der Marine so schöne Karten geliefert haben. Dagegen hatte die von John James befehligte englische Brigg Hawes, welche die Bai der Inseln berührt und sich dann nach dem Ostcap gewendet hatte, von Seiten eines perfiden Häuptlings, namens Enararo, viel zu leiden. Mehrere von der Besatzung starben eines schrecklichen Todes. Nach diesen sich widersprechenden Erfahrungen, diesem Wechsel von Milde und Barbarei, ist man zu dem Schlusse genöthigt, daß die Grausamkeiten der Neu-Seeländer oft nur Repressalien waren. Gute oder schlechte Behandlung hingen von guten oder schlechten Kapitänen ab. Gewiß sind einzelne ungerechtfertigte Angriffe seitens der Eingeborenen vorgekommen, aber meist waren es nur von den Europäern provocirte Acte der Rache, und zum Unglück fiel die Züchtigung auf Die zurück, welche sie nicht verdient hatten. Nach d'Urville wurde die Ethnographie Neu-Seelands durch einen kühnen Forscher vervollständigt, der als Nomade, als wissenschaftlicher Zigeuner, zwanzigmal die ganze Erde bereiste, durch den Engländer Earle. Er besuchte die unbekannten Gegenden beider Inseln, ohne sich persönlich über die Eingeborenen zu beklagen zu haben, doch war er oft Zeuge der Menschenfresserei. Die Neu-Seeländer verzehrten sich gegenseitig mit einer widerlichen Wollust. Das beobachtete auch der Kapitän Laplace im Jahre 1831 wieder, als er die Bai der Inseln besuchte. Schon waren die Kämpfe furchtbarer geworden, denn die Wilden handhabten die Feuerwaffen mit bemerkenswerther Sicherheit. Die früher blühenden und bevölkerten Landstriche von Ika-na-Maoui waren zu Einöden geworden. Ganze Völkerschaften waren verschwunden wie Schafheerden, nämlich gebraten und aufgegessen worden. Die Missionäre haben vergeblich gegen diesen instinctiven Blutdurst angekämpft. Seit 1808 hat die Church Missionary Society ihre gewandtesten Agenten – denn das ist der für sie passende Name – nach den Hauptstationen der nördlichen Insel entsendet; die Barbarei der Neu-Seeländer zwang sie aber, die Missionen wieder aufzuheben. Allein im Jahre 1814 schifften sich Marsden, der Beschützer Doua-Tara's, Hall und King in der Bai der Inseln aus, und kauften den Häuptlingen für den Preis von zwölf eisernen Aexten ein Stück Land von zweihundert Ackern ab, welches der Sitz der anglikanischen Gesellschaft wurde. Der Anfang war schwer, indeß respectirten die Eingeborenen das Leben der Missionäre. Sie nahmen ihre Pflege und ihre Lehren an. Einige menschenscheue Eingeborene wurden sanfter. Das Gefühl der Dankbarkeit erwachte in ihren entmenschten Herzen. Im Jahre 1824 kam es sogar vor, daß die Neu-Seeländer ihre »Ariki's«, d. h. die Geistlichen, gegen rohe Matrosen, welche sie belästigten und ihnen mit übler Behandlung drohten, vertheidigten. Mit der Zeit blühten indessen die Missionen empor, trotz der Anwesenheit aus Port Jackson entsprungener Sträflinge, welche die eingeborene Bevölkerung demoralisirten. Im Jahre 1831 berichtet das »Journal des Missions évangéliques« von zwei umfangreichen Niederlassungen, die eine in Kidi-Kidi, an den Ufern des Canals, der in der Bai der Inseln in's Meer ausläuft; die andere in Paï-Hia, an den Ufern des Flusses Kawa-Kawa. Die zum Christenthume bekehrten Eingeborenen hatten unter Leitung der Ariki's Straßen hergestellt, Wege durch die ungeheuren Wälder gebrochen und Brücken über die Bergströme geschlagen. Jeder Priester zog, wenn die Reise an ihm war, aus, den entlegeneren Stämmen die civilisirende Religion zu predigen, errichtete Capellen von Binsen oder Baumrinde, Schulen für die jungen Eingeborenen, und von dem Dache dieser bescheidenen Bauwerke flatterte die Fahne der Mission, die das christliche Kreuz und die Worte: »Rongo-Pai« (so heißt in neuseeländischer Sprache das Evangelium) trug. Unglücklicher Weise erstreckt sich der Einfluß der Missionäre nicht über ihre Etablissements hinaus. Die ganze umherziehende Bevölkerung entgeht ihrer Einwirkung. Der Cannibalismus ist nur bei den Christen unterdrückt, und noch jetzt dürfte man die Neubekehrten wohl keiner allzu harten Prüfung unterwerfen. Der Instinct des Blutes lebt noch in ihnen. Im Uebrigen ist der Kriegszustand in jenen wilden Gegenden geradezu chronisch. Die Seeländer sind keine verthierten Australier, die vor der europäischen Einwanderung zurückweichen; sie widerstehen, vertheidigen sich, hassen ihre Bedränger, und eben jetzt treibt sie ein unbesiegbarer Haß gegen die englischen Emigranten in den Kampf. Die Zukunft dieser großen Insel steht auf einem Würfelfall. Entweder erwartet sie eine unmittelbare Civilisirung, oder, je nach der Entscheidung der Waffen, eine tiefe Barbarei für lange Jahrhunderte. So hatte Paganel mit vor Ungeduld brennendem Gehirn die Geschichte Neu-Seelands seinem Geiste wieder aufgefrischt. Nichts darin gestattete aber, dieses aus zwei Inseln bestehende Land als einen Continent zu betrachten, und wenn einige Worte des Documentes auch seine Einbildung erweckt hatten, so hielten ihn die beiden Silben »contin« doch bei jeder neuen Erklärung auf dem eingeschlagenen Wege zurück. Drittes Capitel. Die Metzeleien in Neu-Seeland. Am 31. Januar, also vier Tage nach seiner Abfahrt, hatte der Macquarie noch nicht zwei Drittheile des so schmalen Meerestheiles zwischen Australien und Neu-Seeland zurückgelegt. Will Halley bekümmerte sich sehr wenig um die Manoeuvres seines Schiffes; er ließ Alles seinen Gang gehen. Nur selten ließ er sich sehen, worüber sich zu beklagen Niemandem einfiel. Selbst wenn er die ganze Zeit in seiner Cabine zugebracht hätte, so wäre darüber Nichts zu sagen gewesen, wenn der rohe Master sich nicht tagtäglich in Gin oder Brandy halb berauscht hätte. So ahmten ihm aber auch seine Matrosen gern nach, und niemals segelte wohl ein Fahrzeug mehr der Gnade Gottes überlassen, als der Macquarie aus der Twofold-Bai. Die unverzeihliche Sorglosigkeit bedingte eine unausgesetzte Überwachung seitens John Mangles'. Mulrady und Wilson drehten mehr als einmal den Helmstock des Steuerruders, wenn eine falsche Stellung desselben die Brigg auf die Seite legen wollte. Oft kam Will Halley dazu und tractirte die beiden Seeleute mit einem Schwall von Flüchen. Diese wünschten nur, Jenen schnüren und für die Zeit der Ueberfahrt am Tau in den Schiffsraum hinablassen zu können. John Mangles hielt sie aber zurück und dämpfte nicht ohne Mühe ihre gerechte Entrüstung. Immerhin machte ihn diese Lage des Schiffes befangen; um jedoch Glenarvan nicht zu beunruhigen, äußerte er sich darüber nur gegen den Major und Paganel. Mac Nabbs gab ihm, nur mit anderen Worten, denselben Rath, wie Mulrady und Wilson. »Wenn Ihnen diese Maßregel nützlich erscheint, John, sagte Mac Nabbs, so dürfen Sie nicht zögern, das Commando, oder wenn Sie lieber wollen, die Leitung des Schiffes zu übernehmen. Dieser Trunkenbold wird, wenn wir in Auckland ausgeschifft sind, wieder Herr an seinem Bord, und mag dann kentern, wenn es ihm Spaß macht. – Ich würde es ohne Zweifel thun, Herr Mac Nabbs, entgegnete John, wenn es unbedingt nöthig wäre. So lange wir jedoch auf offener See sind, wird etwas Wachsamkeit hinreichen; meine Matrosen und ich, wir verlassen das Verdeck nicht. Ich gestehe aber, daß ich, wenn wir uns der Küste nähern und dieser Will Halley nicht wieder zur Vernunft gekommen wäre, in große Verlegenheit kommen könnte. – Könnten Sie da nicht den Curs bestimmen? fragte Paganel. – Das dürfte schwierig sein, erwiderte John. Können Sie glauben, daß sich nicht einmal eine Seekarte an Bord befindet? – Wirklich nicht? – Wirklich nicht. Der Macquarie besorgt nur die Küstenfahrt zwischen Eden und Ausland, und Will Halley ist auf diesem Meere so zu Hause, daß er keinerlei Aufnahme vornimmt. – Er bildet sich ohne Zweifel ein, daß sein Fahrzeug den Weg schon kennt und ihn allein findet. – O, o, fiel John Mangles ein, ich glaube nicht an Schiffe, die einen Weg allein finden, und wenn Will Halley beim Landen angetrunken sein sollte, dürfte er uns in die größte Verlegenheit setzen. – Nun, geben wir uns der Hoffnung hin, meinte Paganel, daß er in der Nähe des Landes wieder vernünftig sein wird. – Also würden Sie, fragte Mac Nabbs, gegebenen Falles nicht im Stande sein, den Macquarie nach Auckland zu führen? – Ohne eine Karte von der Küste ist das unmöglich. Die steilen Ufer derselben sind ungemein gefährlich. Sie bildet, wie bei Norwegen, eine Reihe kleiner, unregelmäßiger und wunderlicher Fjorde. Riffe sind da sehr zahlreich, und es gehört eine große Uebung dazu, sie zu vermeiden. Jedes Schiff, und wäre es noch so solid gebaut, wäre verloren, wenn sein Kiel gegen diese nur von wenigen Fuß Wasser bedeckten Felsen stieße. – Und der Besatzung bliebe in einem solchen Falle kein anderer Ausweg als der, sich nach der Küste zu retten? – Gewiß, Herr Mac Nabbs, wenn es das Wetter zuläßt. – Eine schreckliche, verzweifelte Lage! antwortete Paganel, denn sie sind nicht gastfreundlich, die Küsten Neu-Seelands, und die Gefahren diesseit und jenseit des Ufers gleich groß. – Sie sprechen von den Maoris, Herr Paganel, fragte John Mangles. – Ja, mein Freund. Ihr Ruf geht durch den ganzen Stillen Ocean. Sie sind keine furchtsamen und verthierten Australier, sondern bilden eine intelligente, blutdürstige Race, sind nach Menschenfleisch lüsterne Cannibalen, Menschenfresser, von denen kein Erbarmen zu erwarten ist. – Wenn der Kapitän Grant also, sagte der Major, an den Küsten Neu-Seelands gescheitert ist, so würden Sie nicht rathen, nach ihm zu forschen? – An den Küsten, ja, erwiderte der Geograph, denn vielleicht waren Spuren von der Britannia zu finden; aber im Innern, nein, das wäre unnütz. Jeder Europäer, der sich in diese verderblichen Gegenden wagt, fällt den Maoris in die Hände; und jeder Gefangene derselben ist verloren. Ich habe meine Freunde beredet, die Pampas zu durchziehen und Australien zu durchreisen, aber niemals möchte ich sie verleiten, die Fußpfade Neu-Seelands zu verfolgen. Möge uns die Hand des Himmels führen und Gott geben, daß wir nie in die Gewalt jener wilden Eingeborenen gerathen!« Paganel's Befürchtungen waren nur allzu gerechtfertigt. Neu-Seeland hat einen schrecklichen Ruf, und neben jedes Ereigniß, das seine Entdeckung bezeichnet, kann man auch eine blutige Illustration setzen. Lang ist die Liste jener Opfer, die im Märtyrerbuche der Seefahrer eingetragen sind. Abel Tasman, der von seinen fünf Matrosen ermordet und verzehrt wurde, eröffnet diese blutigen Annalen des Cannibalismus. Nach ihm verfiel Kapitän Tukney und seine ganze Besatzung demselben Schicksale. An der Ostseite der Meerenge von Foveaux fanden fünf Fischer von Sidney-Cave gleichermaßen den Tod unter dem Zahne der Eingeborenen. Ferner sind noch zu erwähnen vier Mann von der Goëlette Brothers, die im Molineux-Hafen getödtet wurden, mehrere Soldaten des Generals Gates und drei Deserteure von der Mathilda, um zu dem so schmerzlich berühmten Namen des Kapitän Marion du Frêne zu kommen. Am 11. Mai 1772, also nach der ersten Reise Cook's, ankerte der französische Kapitän Marion mit seinem Schiffe, dem Mascarin, und dem vom Kapitän Crozet befehligten Castries in der Bai der Inseln. Die heuchlerischen Neu-Seeländer bereiteten den neuen Ankömmlingen einen ausgezeichneten Empfang. Sie zeigten sich sogar furchtsam, und es bedurfte mancher Geschenke, Liebesdienste, eines täglichen Umganges und längeren Austausches von Freundlichkeiten, um sie an Bord einheimischer zu machen. Ihr Häuptling, der intelligente Takouri, gehörte, wenn man Dumont d'Urville vertrauen darf, dem Stamme der Wangaroas an, und war ein Verwandter eines von Surville, zwei Jahre vor der Ankunft des Kapitän Marion, verrätherischer Weise entführten Eingeborenen. In einem Lande, wo die Ehre von jedem Maori für erlittenen Schimpf eine blutige Genugthuung verlangt, konnte Takouri die seinem Stamme angethane Beleidigung nicht vergessen. Geduldig erwartete er die Ankunft eines europäischen Schiffes, überlegte seine Rache und führte sie mit wilder Kaltblütigkeit durch. Nachdem er zuerst bei dem Anblick der Franzosen Furcht geheuchelt hatte, unterließ Takouri Nichts, sie in trügerische Sicherheit einzuschläfern. Seine Kameraden und er verbrachten oft die Nacht an Bord der Schiffe. Sie brachten ausgewählte Fische, ihre Frauen und Töchter begleiteten sie. Bald lernten sie die Namen der Officiere kennen und luden sie ein, ihre Dörfer zu besuchen. Marion und Crozet durchstreiften so, von diesem Entgegenkommen verführt, die ganze von viertausend Bewohnern bevölkerte Küste. Ohne Waffen liefen die Eingeborenen ihnen entgegen und suchten ihnen das vollständigste Zutrauen einzuflößen. Da Kapitän Marion sich in der Bai der Inseln aufhielt, hatte er die Absicht, die Bemastung des Castries, welche durch die letzten Stürme sehr beschädigt war, auszuwechseln. Er untersuchte demnach das Innere des Landes und fand am 23. Mai, zwei Stunden vom Ufer, einen prächtigen Cedernwald, der in Schußweite von einer eine Stunde von den Fahrzeugen entfernten Bai lag. Dort machte man eine Anlage, wo zwei Dritttheile der Mannschaften, mit Aexten und anderen Werkzeugen versehen, daran gingen, die Bäume zu fällen und Wege zur Bai hin herzustellen. Ferner wurden noch zwei andere Stellen ausgewählt, die eine auf der kleinen Insel Motou-Aro in der Mitte des Hafens, wohin die Kranken der Expedition übergeführt wurden, ebenso wie die Schmiede und Böttcher; die andere auf dem festen Lande, an der Küste des Meeres und anderthalb Stunden von den Schiffen entfernt; die Letztere stand mit der Lagerstätte der Zimmerleute in Verbindung. Auf allen diesen Punkten waren die kräftigen und zuvorkommenden Wilden bei der Hand, den Seeleuten bei ihren verschiedenen Arbeiten zu helfen. Bis dahin hatte der Kapitän Marion indeß gewisse von der Klugheit gebotene Maßnahmen nicht unterlassen. Die Wilden kamen zwar stets unbewaffnet an Bord, aber die Schaluppen gingen nur wohlbewaffnet an's Land. Marion aber und die vertrauensseligsten seiner Officiere wurden durch das Benehmen der Eingeborenen verblendet, und der Befehlshaber ordnete die Entwaffnung der Boote an. Kapitän Crozet suchte zwar Marion stets zu überreden, diese Ordre zurückzunehmen, aber er setzte es nicht durch. Darauf hin verdoppelten sich die Aufmerksamkeiten und die Ergebenheit der Neu-Seeländer. Ihre Häuptlinge lebten mit den Officieren auf vertrautestem Fuße. Manchmal brachte Takouri seinen Sohn mit an Bord und ließ ihn in den Cabinen schlafen. Am 8. Juni wurde Marion, bei einem feierlichen Besuche auf dem Lande, zum »obersten Häuptling« des ganzen Landes ernannt und sein Haar als Ehrenbezeichnung mit vier weißen Federn geschmückt. So verflossen dreiunddreißig Tage seit Ankunft der Schiffe in der Bai der Inseln. Die Arbeiten für die Bemastung gingen vorwärts. Die Wasserbehälter füllten sich von einem Wasserplatze auf Motou-Aro. Kapitän Crozet leitete persönlich die Arbeit der Zimmerleute, und die gute Hoffnung, das Unternehmen zum besten Ende zu führen, schien mehr als je begründet. Am 12. Juni trennte sich das Boot des Commandanten wegen einer nahe dem Dorfe Takouri's beabsichtigten Fischerpartie von den anderen. Marion schiffte sich mit Baudricourt und Lehoux, zwei jungen Officieren, ferner mit einem Volontär, dem Rüstmeister und zwölf Matrosen darauf ein. Takouri begleitete sie nebst fünf anderen Häuptlingen. Nichts ließ die schreckliche Katastrophe ahnen, welche sechzehn von jenen siebenzehn Europäern betreffen sollte. Das Canot stieß ab, lief gegen das Land und kam den Schiffen bald außer Sicht. Abends kam Kapitän Marion nicht zurück, um an Bord zu schlafen, doch beunruhigte sein Ausbleiben Niemand. Man nahm an, daß er den Zimmerplatz besucht und dort übernachtet haben werde. Am anderen Morgen um fünf Uhr fuhr die Schaluppe des Castries wie gewöhnlich nach der Insel Motou-Aro, um Wasser zu holen, und kam ohne jeden Unfall zurück. Um neun Uhr bemerkte der wachthabende Matrose des Mascarin einen Menschen, der ganz erschöpft auf die Schiffe zuschwamm. Ein ihm zu Hilfe gesendetes Boot brachte denselben an Bord. Es war Turner, einer der Bootsleute des Kapitän Marion. In der Seite hatte er eine von zwei Lanzenwürfen herrührende Wunde und kehrte allein zurück von siebenzehn Mann, die tags vorher das Schiff verlassen hatten. Man fragte ihn aus, und bald waren alle Einzelheiten dieses fürchterlichen Dramas bekannt. Um sieben Uhr morgens war das Boot des unglücklichen Marion bei dem Dorfe an's Land gegangen. Fröhlich kamen die Wilden den Besuchern entgegen und trugen die Officiere und die Matrosen, die sich bei der Ausschiffung nicht durchnässen wollten, auf ihren Schultern. Dann trennten die Franzosen sich Einer von dem Anderen. Sofort stürzten sich die Wilden, die mit Lanzen, Keulen und Beilsteinen bewaffnet waren, Zehn gegen Einen, auf dieselben und ermordeten sie. Der Matrose Turner vermochte, trotzdem er von zwei Lanzenwürfen verwundet war, seinen Feinden zu entfliehen und sich zunächst im Gestrüpp zu verstecken, um dort Zeuge der entsetzlichsten Scheußlichkeiten zu sein. Die Wilden rissen den Todten die Kleider herunter, öffneten ihnen den Leib, hackten sie in Stücke ... In diesem Augenblicke stürzte sich Turner unbemerkt in's Meer und wurde, dem Tode nahe, von dem Boote des Mascarin aufgenommen. Dieses Ereigniß bestürzte die beiderseitigen Schiffsmannschaften auf's Höchste. Ein Schrei nach Rache erscholl. Bevor man aber die Todten rächen konnte, mußte man die Lebenden retten. Drei Abtheilungen waren am Lande, und Tausende vom Blut erhitzter Wilder, Cannibalen, welche Appetit bekommen hatten, umringten diese. In Abwesenheit des Kapitän Crozet, der die Nacht auf dem Zimmerplatze zugebracht hatte, ordnete Duclesmer, der erste Schiffsofficier, die dringendsten Maßregeln an. Die Schaluppe des Mascarin wurde mit einem Officier und einer Abtheilung Soldaten abgesendet. Dieser Officier sollte vor Allem den Zimmerleuten zu Hilfe eilen. Er fuhr ab, längs der Küste hin, sah das auf den Strand getriebene Boot des Kapitän Marion und schiffte sich aus. Kapitän Crozet, der, wie erwähnt, nicht an Bord gewesen war, wußte noch nichts von der Blutthat, als er gegen zwei Uhr Nachmittags das Detachement anrücken sah. Er witterte Unheil, ging ihm entgegen und hörte das Vorgefallene. Er verbot es, seinen Leuten hier davon Mittheilung zu machen, um diese nicht entarten zu lassen. Die Wilden hatten, zu einzelnen Trupps vereinigt, alle Höhen besetzt. Kapitän Crozet ließ die nöthigsten Werkzeuge mitnehmen, die anderen vergraben, zündete die Schuppen an und begab sich mit ungefähr sechzig Mann auf den Rückzug. Die Eingeborenen folgten ihm unter dem Rufe: »Takouri mate Marion!« Takouri hat Marion getödtet. Sie hofften die Matrosen zu erschrecken, wenn sie ihnen den Tod ihres Führers kund machten. Diese wollten sich in der Wuth auf jene Bösewichte stürzen, so daß sie Kapitän Crozet kaum zurückhalten konnte. Zwei Stunden wurden zurückgelegt. Das Detachement erreichte das Ufer und schiffte sich mit den Leuten von der zweiten Abtheilung in den Schaluppen ein. Während dieser ganzen Zeit rührte sich wohl ein Tausend Eingeborener, die sich zur Erde gesetzt hatten, nicht von der Stelle. Sobald aber die Schaluppen in See stachen, begannen die Steine zu fliegen. Sofort schossen vier Matrosen, die gute Schützen waren, nach einander alle Häuptlinge nieder, zur größten Bestürzung der Eingeborenen, welche die Wirkung der Feuerwaffen noch nicht kannten. Kapitän Crozet ging nach dem Mascarin und sandte sogleich die Schaluppe nach der Insel Motou-Aro. Eine Abtheilung Soldaten richtete sich auf der Insel ein, um die Nacht dort zuzubringen, und die Kranken wurden wieder an Bord geschafft. Andern Tags kam eine zweite Abtheilung, um den Posten zu verstärken. Es galt, die Insel von Wilden, welche sie unsicher machten, zu säubern und die Füllung der Wasserbehälter zu vollenden. Auf Motou-Aro war ein Dorf mit dreihundert Einwohnern. Die Franzosen griffen es an. Sechs Häuptlinge wurden getödtet, der Nest der Eingeborenen mit dem Bajonnette niedergemacht und das Dorf verbrannt. Indessen konnte der Castries nicht ohne Bemastung in's Meer gehen, und da Crozet auf die Bäume aus dem Cedernwalde verzichten mußte, begnügte er sich mit zusammengesetzten Masten. Die Wassereinnahme wurde indessen fortgesetzt. Ein Monat verstrich. Die Einwohner machten mehrere erfolglose Versuche, die Insel Motou-Aro wieder zu gewinnen. Wenn ihre Piroguen in die Schußweite der Schiffe kamen, trieb man sie mit Kanonen wieder davon. Endlich waren die Arbeiten beendet. Es handelte sich nun darum, zu wissen, ob nicht eines der sechzehn Opfer dem Blutbade entronnen wäre, und die Uebrigen zu rächen. Die Schaluppe begab sich mit einer starken Abtheilung Officiere und Soldaten nach dem Dorfe Takouri's. Bei ihrer Annäherung entfloh der verrätherische, feige Häuptling, der den Mantel des Kapitän Marion auf den Schultern trug. Die Hütten seines Dorfes wurden sorgfältig durchsucht. In seiner eigenen fand man einen Menschenschädel, der erst kürzlich gekocht worden war und der noch den Eindruck der Zähne des Kannibalen zeigte. Ein menschlicher Schenkel war von einem hölzernen Stocke durchbohrt. Ein Hemd mit blutigem Halse wurde als das von Marion wiedererkannt; ferner fanden sich die Kleider und Pistolen des Zungen Baudricourt, die Waffen und die zerrissenen Kuppelriemen aus dem Boote; weiterhin in einem andern Dorfe gereinigte und gekochte menschliche Eingeweide. Diese unwiderleglichen Proben des Blutbades und der Anthropophagie wurden gesammelt und die menschlichen Ueberreste feierlich bestattet. Dann wurden die Dörfer Takouri's und Piki-Ove's, seines Mitschuldigen, den Flammen überliefert. Am 14. Juli 1772 verließen beide Schiffe diese unheilvolle Gegend. Das war die Katastrophe, deren Erinnerung im Geiste jedes Reisenden lebendig sein sollte, wenn er den Fuß auf die Ufer Neu-Seelandes setzt. Der ist ein unkluger Kapitän, welcher sich derlei Erfahrungen nicht zu Nutze macht. Die Neu-Seeländer bleiben immer perfid und immer Anthropophagen. Cook erkannte das bei seiner zweiten Reise, im Jahre 1773, sehr wohl. Die Schaluppe eines seiner Schiffe, der Aventure, commandirt vom Kapitän Furneaux, hatte sich am 17. December an's Land begeben, um wilde Kräuter zu sammeln, kam aber nicht zurück. Ein Midshipman und neun Mann waren darauf gewesen. Kapitän Furneaux sandte beunruhigt Lieutenant Burney, um sie aufzusuchen. Burney gelangte nach dem Landungsplatze und fand dort, wie er sagt, »das Bild eines Blutbades und einer Barbarei, von dem man nicht ohne Entsetzen sprechen kann. Köpfe, Eingeweide, Lungen mehrerer unserer Leute lagen da auf dem Sande umher, und nahe dabei verzehrten mehrere Hunde noch andere derartige Ueberbleibsel«. Zum Schluß dieser blutigen Liste sei noch das Schiff Brothers erwähnt, das im Jahre 1815 von den Neu-Seeländern angegriffen wurde, und die ganze im Jahre 1820 ermordete Mannschaft des Boyd, Kapitän Thompson. Endlich beraubte (am 1. März 1829 in Balkitaa) der Häuptling Enarao die englische Brigg Hawes von Sidney. Seine Cannibalenbande ermordete mehrere Matrosen, ließ die Leichen kochen und verzehrte sie. So war dieses Neu-Seeland, nach welchem der Macquarie steuerte, und das mit einer verdummten Mannschaft und unter der Leitung eines Trunkenboldes. Viertes Capitel. Die Klippen. Diese schwierige Ueberfahrt verlängerte sich jedoch. Am 2. Februar, sechs Tage nach seiner Abfahrt, hatte der Macquarie noch immer nicht das Gestade von Auckland in Sicht. Der Wind war zwar gut und blies beständig aus Süd-West, aber die Strömungen waren ihm hinderlich und die Brigg kam deshalb nur langsam vorwärts. Das unruhig und stürmisch wogende Meer überfluthete sein Verdeck, sein ganzer Bau krachte und kaum erhob es sich aus der Tiefe der Sturzwellen. Das eingezogene Takelwerk ließ den Masten freies Spiel, so daß sie bei jeder schwankenden Bewegung erschüttert wurden. Glücklicherweise setzte Will Halley, saumselig wie er war, nicht alle Segel bei, denn das ganze Mastwerk wäre unvermeidlich zertrümmert worden. John Mangles hoffte wohl, daß dieses elende Fahrzeug, wenn auch einem Wrack ähnlich, doch den Hafen ohne jeden weiteren Unfall erreichen werde, indeß es schmerzte ihn, seine Gefährten an Bord dieser Brigg so schlecht untergebracht zu sehen. Weder Lady Helena noch Mary Grant beklagten sich, obwohl ein beständiger Regen sie nöthigte, in dem Zwischendeck zu bleiben. Dort waren ihnen besonders der Mangel an Luft und die Stöße des Schiffes lästig. Und deshalb kamen sie oft auf das Deck, kühn der Ungunst des Wetters trotzend, bis unerträgliche Windstöße sie zwangen, wieder hinabzusteigen. Dann zogen sie sich in den engen Raum zurück, der viel mehr geeignet war, Waaren zu beherbergen, als Passagiere, und besonders weibliche. Ihre Freunde suchten sie wohl zu zerstreuen. Paganel gab sich Mühe, die Zeit mit seinen Geschichten zu vertreiben, aber es wollte ihm nur wenig glücken. Die auf dieser Rückfahrt ohnedies erschütterten Gemüther waren vollständig entmuthigt. So sehr früher seine geographischen Beschreibungen der Pampas oder Australiens interessirten, so gleichgiltig und kühl ließen jetzt seine Bemerkungen und Gedanken über Neu-Seeland. Uebrigens fühlte man nach diesem neuen Lande traurigen Angedenkens keinen besonderen Zug; ohne Ueberzeugung, nicht freiwillig, fügte man sich dem Drang der Verhängnisse. Von allen Passagieren des Macquarie war Lord Glenarvan am meisten zu beklagen. Man sah ihn selten in dem Zwischendecke; er konnte sich nicht lange ruhig verhalten. Seine nervöse, überreizte Natur konnte sich nicht an eine Einkerkerung zwischen vier engen Wänden gewöhnen. Am Tage, ja selbst in der Nacht, blieb er auf dem Verdeck, unbekümmert um den strömenden Regen und die Sturzwellen, bald mit den Ellenbogen an die Schutzwehr gelehnt, bald mit einer fieberhaften Heftigkeit auf- und abschreitend. Seine Augen schweiften unaufhörlich über den weiten Raum hinaus, den er während der nur kurzen, ruhigen Augenblicke mit seinem Fernrohr unablässig überblickte. Er schien diese stummen Fluthen zu befragen, und hätte den Nebel, welcher den Horizont verschleierte, die sich thürmenden Wolkenschichten gern mit einem Ruck zerrissen. Er konnte nicht die Hoffnung aufgeben, und in seinen Gesichtszügen lag der Ausdruck eines herben Schmerzes. Es war ein energischer Mann, bis jetzt glücklich und vielvermögend, den auf einmal Kraft und Glück verließen. John Mangles verließ ihn nicht, sondern ertrug an seiner Seite alles Ungemach des stürmischen Wetters. An diesem Tage erforschte Glenarvan überall, wo eine Oeffnung im Nebel sich zeigte, den Horizont mit ganz besonderer Ausdauer und Hartnäckigkeit. John näherte sich ihm mit der Frage: »Suchen Ew. Herrlichkeit das Land?« Glenarvan machte mit dem Haupte ein verneinendes Zeichen. – »Und doch, fuhr der junge Kapitän fort, »müssen Sie Sehnsucht danach haben, diese Brigg zu verlassen. Seit sechsunddreißig Stunden schon sollten wir die Feuer von Auckland in Sicht haben.« Glenarvan antwortete nicht. Noch immer blickte er hin, und eine Minute lang blieb sein Fernrohr unverwandt am Horizont nach der Windseite des Schiffes zu haften. »Nicht dort ist das Land, sagte John Mangles. Möchte Ew. Herrlichkeit vielmehr nach dem Steuerbord hin auslugen.« – Warum, John? antwortete Glenarvan. Ich suche nicht das Land! – Was denn, Mylord? – Meine Yacht! meinen Duncan, erwiderte zornig Glenarvan. Dort muß er sein, in jener Gegend, dort muß er das Meer durchsuchen, dort das traurige Handwerk des Piraten treiben. Ja, dort ist er, sage ich Dir, John, dort auf jener Schiffsroute zwischen Australien und Neu-Seeland. Und ich habe eine Ahnung, daß wir ihm begegnen werden! – Gott bewahre uns vor solcher Begegnung, Mylord! – Warum John? – Ew. Herrlichkeit vergessen unsere Lage! Was sollten wir auf dieser Brigg anfangen, wenn der Duncan auf sie Jagd machte. Wir könnten nicht einmal fliehen. – Fliehen, John? – Ja, Mylord! Wir würden es vergeblich versuchen. Wir würden seine Beute werden, würden der Gnade dieser Elenden überliefert sein, und Ben Joyce hat bewiesen, daß er vor einem Verbrechen nicht zurückschreckt. Unser Leben ist um einen billigen Preis zu haben, wir könnten uns eben nur bis zum Tode vertheidigen. Und was dann? Denken Sie, Mylord, an Lady Glenarvan, denken Sie an Mary Grant. – Arme Frauen! murmelte Glenarvan. John, mein Herz ist gebrochen, und zuweilen fühle ich, wie die Verzweiflung es erfaßt. Es scheint mir dann, daß neue Katastrophen uns erwarten, daß der Himmel sich gegen uns erklärt hat. – Ich habe Furcht! – Sie, Mylord? – Nicht für mich, John, sondern für Diejenigen, welche ich liebe, für Die, welche auch Du liebst! – Beruhigen Sie sich, Mylord, antwortete der junge Kapitän. Wir haben nichts zu fürchten, der Macquarie läuft schlecht, aber er läuft. Will Halley ist ein roher Mensch, aber ich bin da, und wenn die Nähe des Landes mir gefährlich erscheint, werde ich das Schiff auf die hohe See hinauslenken. Von dieser Seite also droht uns wenig oder gar keine Gefahr. Aber Gott mag uns davor bewahren, Bord an Bord mit dem Duncan zu liegen, und wenn Ew. Herrlichkeit ihn aufzufinden bemüht ist, so mag es nur geschehen, um ihn zu vermeiden, ihn zu fliehen.« John Mangles hatte Recht. Das Zusammentreffen mit dem Duncan wäre für den Macquarie verhängnißvoll gewesen; und besonders in diesem abgelegenen, öden Wasser, das die Piraten ohne jede Gefahr durchsuchen konnten. An jenem Tage jedoch erschien die Yacht nicht, und so nahte die sechste Nacht seit der Abfahrt aus der Twofold-Bai heran, ohne daß die Furcht John Mangles' sich bestätigt hätte. Und doch sollte diese Nacht furchtbar werden. Plötzlich fast trat die Dunkelheit um sieben Uhr Abends ein, der Himmel sah drohend aus. Der Instinct des Seemannes, der doch die Oberhand über die thierische Stumpfheit des Trunkenen gewann, wurde bei Will Halley wach. Er verließ seine Cabine, rieb sich die Augen, und schüttelte seinen großen, rothen Kopf. Dann that er einen mächtigen Athemzug, um Luft einzuschlürfen, wie ein Anderer etwa ein großes Glas Wasser hinunterstürzt, um sich zu erfrischen, und prüfte das Mastwerk. Der Wind wurde frischer, sprang in einer Viertel-Wendung nach Westen um und blieb nun voll nach der seeländischen Küste hin. Will Halley rief seine Leute unter lauten Flüchen, ließ Topp- und Bramsegel einziehen und das Takelwerk für die Nacht ordnen. John Mangles billigte es, ohne ein Wort zu sagen. Er hatte darauf verzichtet, sich mit dem großsprecherischen Seemann in ein Gespräch einzulassen. Aber weder Glenarvan noch er verließen das Deck. Zwei Stunden später trat eine starke Brise ein. Will Halley ließ das Marssegel einreffen. Das Manoeuvre wäre für fünf Männer schwer gewesen, wenn der Macquarie nicht eine doppelte Segelstange nach amerikanischem System gehabt hätte. In der That genügte es, die obere Raae einzuziehen, um das Marssegel fast ganz zu reffen. Zwei Stunden verflossen. Das Meer stieg. Der Macquarie fühlte in seinem Unterbau Stöße, welche glauben ließen, daß sein Kiel über Felsen schleifte. Das war zwar nicht der Fall, aber dieser massige Rumpf hob sich nur schwer mit der Welle, und die rückschlagenden Wogen spülten beträchtliche Wassermassen hinein. Das Boot, welches in den Tauen am Backbord hing, verschwand in einer mächtigen Woge. John Mangles ließ sich nicht beunruhigen. Jedes andere Schiff würde diese übrigens wenig gefährlichen Sturzwellen leicht überwältigt haben. Aber mit diesem schweren Fahrzeuge mußte man fürchten, geradezu umzuschlagen, denn das Verdeck wurde bei jeder kommenden Welle überfluthet, und diese ab- und zuströmende Wassermenge konnte, da sie durch Abzugsrinnen nicht schnell genug Abfluß fand, das Schiff in die Tiefe versenken. Es wäre klug gewesen, um diesem Unfall vorzubeugen, das Schanzwerk mit Beilhieben zu zertrümmern, und so das Abfließen des Wassers zu erleichtern. Aber Will Halley weigerte sich, diese Vorsichtsmaßregel zu ergreifen. Es drohte dem Macquarie überdies eine größere Gefahr, und ohne Zweifel war keine Zeit mehr, sie zu verhindern. Gegen halb zwölf Uhr vernahmen John Mangles und Wilson, welche Wache hielten, plötzlich ein ungewöhnliches Geräusch. Ihr seemännischer Instinct erwachte. John erfaßte die Hand des Matrosen. »Die Brandung! rief er ihm zu. – Ja, erwiderte Wilson. Die Wellen brechen sich am Ufer. – Auf zwei Kabellängen höchstens? – Höchstens. Das Land ist da!« John beugte sich über die Verschanzung, betrachtete die düsteren Wogen und rief: »Das Senkblei! Wilson! Das Senkblei!« Der Kapitän, der sich am Bugspriet befand, schien seine Lage gar nicht zu ahnen. Wilson erfaßte die Leine des Bleies und schwang sich schnell in die Rüsten des Fockmastes. Von da warf er das Loth aus, die Leine lief durch seine Finger. Bei dem neunten Knoten stand das Blei still. »Drei Lachter! rief Wilson. – Kapitän, schrie John, indem er zu Will Halley lief, wir sind auf den Klippen.« Sah er nun Halley die Schultern zucken oder nicht, genug er stürzte nach dem Steuerruder und drückte den Helmstock nieder, während Wilson das Blei los ließ, um die Brassen des großen Marssegels aufzuziehen und so das Schiff vor den Wind zu drehen. Der Matrose, welcher steuerte, wurde gewaltig zurückgestoßen, ohne sich diesen plötzlichen Angriff erklären zu können. »Vor den Wind! Vieren, Vieren!« rief der junge Kapitän, während er sich anstrengte, das Schiff von den Riffen loszumachen. Während einer halben Minute verlängerte sich die Windvierung des Steuerbords, und trotz der Dunkelheit der Nacht bemerkte John eine tosende Wogenlinie, welche, zwei Lachter vom Schiffe entfernt, sich in weißem Streife dahinzog. In diesem Augenblicke wurde Will Halley die ganze drohende Gefahr klar, er verlor den Kopf. Seine unzusammenhängenden Worte, seine sich widersprechenden Befehle zeugten überdies, daß das kalte Blut diesem stupiden Trunkenbold fehlte. Er war erstaunt über die Nähe des Landes, welches nun auf einmal nur acht Meilen unter dem Winde entfernt war, während er es in einer Entfernung von dreißig bis vierzig vermuthete. Die Strömungen hatten diesen erbärmlichen Menschen, der eben nur Routinier war, ganz aus seiner gewöhnlichen Bahn herausgerissen und unversehens erfaßt. Indeß das schnelle Manoeuvre John Mangles' hatte soeben den Macquarie von den Klippen entfernt. Aber John kannte gleichwohl seine Position nicht, vielleicht war er in einen förmlichen Riffgürtel hineingedrängt. Der Wind blies voll aus Westen, und bei jeder schwankenden Bewegung konnte man aufrennen. Und in der That, das Getöse der Brandung verdoppelte sich vom Steuerbord aus nach der Spitze zu. Man mußte noch mehr vor den Wind drehen. John ließ die Raaen nach und braßte möglichst scharf. Die Klippen mehrten sich unter dem Vordersteven der Brigg, und es wurde nöthig, noch mehr vor den Wind zu wenden, um die offene See zu gewinnen. Würde dieses Manoeuvre mit einem Schiff von so schlechtem Gleichgewicht, unter einer theilweise zerrissenen Takelage auch glücken? Das war ungewiß, doch man mußte es versuchen. »Den Helmstock herunter, ganz!« schrie John Mangles Wilson zu. Der Macquarie begann sich der neuen Klippenreihe zu nähern. Und bald schäumte das Meer auf, so oft sich seine Wogen an den Felsen brachen. Das war ein unbeschreiblicher Augenblick der Angst. Der Schaum ließ die Wellen leuchtend erscheinen. Man hätte sagen können, daß ein phosphorescirendes Phänomen sie plötzlich erleuchtete. Das Meer grollte und tobte, als ob es die Stimme jener alten Klippen besäße, welche durch die heidnische Mythologie als lebende Wesen dargestellt sind. Wilson und Mulrady, gebeugt unter dem Rade des Steuerruders, drückten mit dem ganzen Gewicht ihres Körpers darauf. Der Helmstock schleifte dahin. Plötzlich, ein dröhnender Stoß – der Macquarie saß auf einem Felsen fest. Die Spließgangen des Bugspriets brachen und machten so die Haltbarkeit des Fockmastes zweifelhaft. Konnte man die Vierung ohne weiteren Schaden vollenden? Nein, denn eine kurze Windstille trat plötzlich ein, das Schiff folgte dem Winde. Seine Bewegung hörte auf einmal auf, eine mächtige Woge erfaßte es von unten, trug es vorwärts auf die Riffe und dort warf sie es von sich ab mit einer furchtbaren Gewalt. Der Fockmast mit seinem Takelwerk brach herunter. Die Brigg stieß zweimal mit ihrem Kiele auf und blieb dann unbeweglich und auf der Steuerbordseite um dreißig Grade geneigt, festsitzen. Die Fenster der Treppenkappe waren in Scherben zertrümmert. Die Passagiere stürzten auf Deck, aber die Wellen fegten gleichsam das Verdeck von einem Ende zum anderen, und deshalb konnten sie sich dort ohne Gefahr nicht aufhalten. John Mangles, welcher wußte, daß das Schiff vollständig im Sande festsaß, bat sie in ihre Koje zurückzukehren. »Die Wahrheit, John? fragte kalt Glenarvan. – Die Wahrheit, Mylord, antwortete John Mangles, ist, daß wir nicht sinken werden. Ob wir zertrümmert werden, das ist freilich eine andere Frage, aber wir haben Zeit, Rath zu schaffen. – Es ist Mitternacht? – Ja, Mylord, man muß eben warten, bis es Tag wird. – Kann man das Boot nicht in See lassen? – Bei dieser hohlen See und in dieser Finsterniß ist es unmöglich. Und überdies, an welcher Stelle sollten wir anlegen? – Nun gut, John, bleiben wir hier bis zum Tagesanbruch.« Doch Will Halley lief wie ein Narr umher auf dem Decke seines Schiffes. Seine Matrosen, welche von ihrem starren Schrecken sich wieder erholt hatten, schlugen einem Faß Branntwein den Boden aus und begannen zu trinken. John sah voraus, daß ihre Trunkenheit bald schreckliche Scenen herbeiführen würde. Man konnte nicht auf den Kapitän rechnen, um sie im Zaume zu halten. Dieser Elende raufte sich die Haare aus und rang die Hände. Er dachte nur an seine Ladung, welche nicht versichert war. »Ich bin ruinirt, verloren!« schrie er laut, während er von einer Seite des Schiffes nach der anderen lief. John Mangles beruhigte sich keineswegs. Er ließ seine Gefährten sich bewaffnen und bereit halten, die Matrosen, welche von dem Branntwein schon voll waren, und deshalb schreckliche Lästerungen ausstießen, energisch zurückzuweisen. »Den Ersten dieser Elenden, welcher sich der Koje naht, sagte ruhig der Major, tödte ich wie einen Hund.« Die Matrosen sahen ohne Zweifel, daß die Passagiere entschlossen waren, sich Achtung zu verschaffen, denn nach einigen Versuchen, sie zu plündern, verschwanden sie. John Mangles beschäftigte sich nicht weiter mit diesen Trunkenbolden, sondern erwartete ruhig den Tag. Das Schiff lag vollständig unbeweglich. Das Meer beruhigte sich ein wenig, der Wind ließ nach, das wrackartige Schiff konnte also während einiger Stunden noch Widerstand leisten. Bei Tagesanbruch sollte John die Küste untersuchen. Wenn sie eine zugängliche Landungsstelle bot, sollte die Jolle, jetzt nur noch das einzige Boot an Bord, zum Transport der Passagiere und Mannschaft dienen. Man berechnete, daß man wenigstens drei Fahrten machen müsse, denn es war darin nur für vier Personen Platz. Das große Boot war ja durch eine Sturzwelle bereits weggeschwemmt worden. Während John Mangles die Gefahr der ganzen Situation reiflich erwog, hörte er, gestützt auf die Treppenkappe, das Brausen der Brandung. Er suchte mit seinen Blicken die tiefe Finsterniß zu durchdringen, und fragte sich, in welcher Entfernung sich wohl dieses so ersehnte und doch gefürchtete Land befinden möchte. Die Klippen erstrecken sich oft einige Meilen von der Küste in's Meer hinaus. Würde das zerbrechliche kleine Boot im Stande sein, eine längere Hin- und Rückfahrt auszuhalten? Während John so überlegte, und den nächtlichen Himmel um Rath anflehte, ruhten die Passagiere, seinen Worten vertrauend, in ihren Hängematten. Die Unbeweglichkeit der Brigg sicherte ihnen einige Stunden Ruhe. Glenarvan, John und ihre Kameraden stärkten sich, als sie das Schreien und Lärmen der trunkenen Mannschaft nicht mehr hörten, durch einen kurzen Schlaf, so daß um ein Uhr ein tiefes Schweigen an Bord des Schiffes herrschte, das in seinem sandigen Bette gleichsam selbst schlummerte. Gegen vier Uhr begann es im Osten zu dämmern, die Wolken färbten sich leicht in dem blassen Lichte der Morgenröthe. John stieg wiederum auf das Verdeck. Der Horizont war durch einen Nebelschleier verdeckt. Unbestimmte Contouren schwankten hin und her in den Morgendünsten, doch in einer ziemlichen Höhe. Das Meer ging nicht mehr so hohl, die Wogen der hohen See verloren sich mitten in unbeweglichen dicken Wolken. John wartete. Das Licht nahm allmälig zu, der Horizont färbte sich leicht mit röthlichem Scheine. Der Nebelschleier zog langsam hin über das weite Panorama im Hintergrunde. Schwarze Klippen ragten mit ihren Spitzen über die Oberfläche des Meeres hervor. In ihrer Nähe zeichnete sich als Schaumstreifen eine Linie ab, ein einzelner Punkt leuchtete hell hervor, wie ein Leuchtthurm auf einer Bergspitze, auf welche die ersten Strahlen der emporsteigenden Sonne fallen. Dort war das Land, wenigstens neun Meilen entfernt. »Land!« rief John Mangles. Seine Gefährten, geweckt durch seine Stimme, stürzten eilig auf das Deck und betrachteten schweigend die Küste, welche sich dunkel am Horizont abzeichnete. Gastlich oder verhängnißvoll, sie sollte ihnen ein Zufluchtsort sein. »Wo ist Will Halley? fragte Glenarvan. – Ich weiß es nicht, Mylord, antwortete John Mangles. – Und seine Matrosen? – Verschwunden wie er. – Wie er ohne Zweifel voll und trunken, fügte Mac Nabbs hinzu. – Man gehe sie suchen, sagte Glenarvan, man kann sie auf diesem Schiffe nicht zurücklassen.« Mulrady und Wilson stiegen in die Kajüte des Vorderdecks hinab und kamen zwei Minuten später wieder. Sie war leer. Darauf durchsuchten sie das Zwischendeck und endlich das ganze Schiff bis auf den Kiel hinab. Aber sie fanden weder Will Halley, noch seine Matrosen. »Wie! Niemand? rief Glenarvan. – Sind sie in's Meer gefallen? fragte Paganel. – Alles ist möglich«, antwortete John Mangles, sehr besorgt über dieses Verschwinden. Sie wandten sich nach dem Hintertheil. »Zum Boot!« rief er aus. Wilson und Mulrady folgten ihm, um die Jolle in See zu bringen. Sie war verschwunden. Fünftes Capitel. Die improvisirten Matrosen. Will Halley und seine Mannschaft waren ohne Zweifel, die Nacht und den Schlummer der Passagiere benutzend, auf dem einzigen Boote der Brigg entflohen. Dieser Kapitän, dessen Pflicht es war, der Letzte an Bord zu sein, hatte das Schiff zuerst verlassen. »Die Schurken sind fort, sagte John Mangles. Nun, desto besser, Mylord. Sie ersparen uns nur unangenehme Auftritte! – Ich denke ebenso, antwortete Glenarvan; außerdem haben wir immer noch einen Kapitän an Bord, Dich, John, und wenn auch nicht geschickte, so doch muthige Matrosen, Deine Gefährten. Befiehl, wir sind bereit, Dir zu gehorchen.« Der Major, Paganel, Robert, Wilson, Mulrady sogar Olbinett, stimmten den Worten Glenarvan's bei, und sich auf dem Verdeck aufstellend, waren sie der Befehle John Mangles' gewärtig. »Was ist zu thun?« fragte Glenarvan. Der junge Kapitän schaute auf's Meer und auf das unvollständige Mastwerk der Brigg und sagte nach einigen Augenblicken des Nachdenkens: »Wir können uns nur auf zweierlei Art aus dieser Lage ziehen, Mylord; entweder das Fahrzeug wieder flott machen und in See stechen, oder auf einem leicht zu bauenden Floß das Land erreichen. – Wenn das Fahrzeug wieder flott gemacht werden kann, erwiderte Glenarvan, ist es das Beste, was wir thun können, nicht wahr? – Ja, Ew. Herrlichkeit, denn was sollte am Lande ohne Transportmittel aus uns werden? – Vermeiden wir die Küste, sagte Paganel. Neu-Seeland muß man mißtrauen. – Um so mehr, als wir sehr abgefallen sind. Durch Halley's Nachlässigkeit sind wir nach Süden verschlagen worden, das ist klar. Zu Mittag werde ich unsere Lage aufnehmen, und wenn wir uns, wie ich vermuthe, unterhalb Auckland befinden, will ich versuchen, mit dem Macquarie die Küste entlang wieder hinaufzufahren. – Aber die Schäden an der Brigg? fragte Lady Glenarvan. – Ich halte sie nicht für so schlimm, Madame, antwortete John Mangles. Ich werde vorn einen Nothmast aufrichten, um den Fockmast zu ersetzen, und wir werden, wenn auch langsam, doch dahin segeln, wohin wir wollen. Wenn der Rumpf der Brigg unglücklicherweise ein Leck bekommen haben sollte, das nicht zu verstopfen wäre, so müßten wir uns darein ergeben, die Küste zu erreichen, und den Weg nach Auckland zu Lande wieder aufzunehmen. – Lassen Sie uns also den Zustand des Schiffes untersuchen, sagte der Major. Das ist vor Allem das Wichtigste.« Glenarvan, John und Mulrady öffneten die große Luke und stiegen in den untersten Schiffsraum hinab. Ungefähr zweihundert Fässer mit gegerbten Häuten waren dort sehr schlecht eingestaut. Man konnte sie ohne große Mühe fortrücken, indem man sie vermittelst einer Zugwinde, die am großen Stag angebracht war, senkrecht von der Luke emporwand. Zugleich ließ John einen Theil dieses Ballastes in's Meer werfen, um das Schiff zu entlasten. Nach dreistündiger schwerer Arbeit konnte man den Boden der Brigg untersuchen. An Backbord hatten sich zwei Fugen in den Schiffsplanken bis zur Höhe des Bargholzes geöffnet. Da nun der Macquarie sich nach dem Steuerbord neigte, so stand seine linke Seite hervor, und die geborstenen Stellen befanden sich in freier Luft, demnach konnte das Wasser nicht eindringen. Außerdem beeilte sich Wilson, die Fugen mit Werg zu verstopfen und eine Kupferplatte sorgfältig darüber zu nageln. Beim Sondiren fand man nicht zwei Fuß Wasser im Schiffsraume. Die Pumpen konnten dies Wasser leicht ausschöpfen und das Schiff erleichtern. Nachdem die Untersuchung beendet, erkannte John, daß der Rumpf beim Stranden nicht gelitten habe. Wahrscheinlich würde ein Theil des losen Kieles im Sande festsitzen bleiben, doch war dieser zu entbehren. Nachdem Wilson das Innere des Fahrzeuges nachgesehen, tauchte er unter, um seine Lage über dem Meeresgrunde zu bestimmen. Der Macquarie, dessen Vordertheil nach Nord-Nord-West stand, war auf die schlammige Sandbank einer schroff hervorspringenden Küste gestoßen. Das untere Ende seines Vordersteven und ungefähr zwei Drittel seines Kieles befanden sich tief eingezwängt. Der andere Theil bis zum Hintersteven schwankte über dem Wasser, das eine Höhe von fünf Brassen erreichte. Das Steuerruder saß also nicht fest und verrichtete seine Dienste. John hielt es sogar für unnöthig, es zu unterstützen. Dies war von wirklichem Vortheil, denn man war im Stande, sich desselben bei erster Gelegenheit zu bedienen ... Die Ebbe und Fluth ist im Stillen Ocean nicht sehr bedeutend. Indessen rechnete John Mangles auf das Eintreten der Fluth, um den Macquarie wieder flott zu machen. Die Brigg war ungefähr eine Stunde vor der Fluth aufgestoßen, und von dem Augenblicke an, in dem die Ebbe eintrat, hatte sie sich mehr und mehr nach dem Steuerbord geneigt. Um sechs Uhr Morgens, bei niedrigem Wasser, erreichte ihre Senkung den höchsten Grad und es schien unnütz, das Schiff vermittelst Krücken zu stützen. Man konnte also die Raaen und Flaggenstangen, welche John zu einem Nothmast am Vordertheil bestimmt hatte, an Bord behalten. Es blieb nur noch übrig, die Vorbereitungen zum Flottmachen des Macquarie zu treffen. Dies war eine lange und mühsame Arbeit, und augenscheinlich unmöglich, um zwölf ein Viertel Uhr für die Fluth bereit zu sein. Man würde nur sehen können, wie sich die theilweis entlastete Brigg unter dem Einfluß der Wellen bewegte, und bei eintretender Ebbe konnte man dann die letzten Vorbereitungen zu Ende bringen. »An's Werk!« commandirte John Mangles. Seine neu geschaffenen Matrosen waren seiner Befehle gewärtig. John ließ zuerst die an den Tauen gebliebenen Segel einziehen. Der Major, Robert und Paganel stiegen, von Wilson angeführt, in den großen Mastkorb. Das vom Winde geschwellte große Marssegel hätte das Losmachen des Schiffes gehindert, deshalb mußte man es, so gut es anging, einreffen. Nach harter und so ungeübten Händen schwerer Anstrengung, hatte man das große Bramsegel übergeholt. Der junge Robert, gelenk wie eine Katze und kühn wie ein Schiffsjunge, hatte während dieser schwierigen Arbeit die größten Dienste geleistet. Es handelte sich nun darum, einen oder zwei Anker am Hintertheil des Schiffes, in der Richtung des Kieles in's Wasser zu senken. Diese Anker mußten die Zugkraft zum Anholen des Macquarie auf hohe See ausüben. Dies Verfahren bietet keine Schwierigkeit dar, wenn man über ein Boot verfügen kann, dann wirft man einen Anker an einem im Voraus bestimmten Punkt aus. Hier jedoch, wo das Boot fehlte, mußte man sich zu helfen suchen. Glenarvan war des Meeres hinreichend kundig, um die Nothwendigkeit dieser Vorbereitungen einzusehen. Man mußte einen Anker senken, um das zur Ebbezeit gestrandete Schiff wieder frei zu wachen. »Was sollen wir aber ohne Boot thun?« fragte er John. – Wir werden die Trümmer des Fockmastes und leere Tonnen dazu nehmen,antwortete der junge Kapitän. Die Arbeit wird schwer, doch nicht unmöglich sein, denn die Anker des Macquarie sind nicht groß. Wenn sie nach dem Hinablassen nicht wieder losgehen, habe ich gute Hoffnung. – Gut, verlieren wir also keine Zeit, John.« Jedermann, Matrosen und Passagiere, wurden auf Deck gerufen und jeder Einzelne nahm an der Arbeit Theil. Man zerhackte die Reste des Takelwerkes, die den Fockmast noch hielten. Der untere Theil des Mastes war beim Fallen dicht am Stiel abgebrochen, so daß man den Mastkorb leicht abnehmen konnte. John Mangles bestimmte diesen glatten Theil zu einem Flosse. Er befestigte ihn auf leeren Tonnen und richtete denselben zum Tragen der Anker vor. Ein Ruder wurde angebracht, um den Apparat zu regieren. Außerdem mußte die Ebbe ihn genau vom Hintertheil der Brigg abstoßen, und wenn dann die Anker niedergelassen sein würden, mußte es leicht sein, sich vermittelst des am Schiff entlang gezogenen Kabeltaues wieder an Bord heranzuholen. Diese Arbeit war zur Hälfte beendet, als sich die Sonne dem Mittage näherte. John Mangles ließ Glenarvan die angefangenen Vorrichtungen fortsetzen und beschäftigte sich damit, ihre Lage aufzunehmen. Diese Bestimmung war sehr wichtig. Glücklicherweise hatte John in dem Zimmer Will Halley's, mit einem Tagebuch vom Observatorium zu Greenwich einen sehr schmutzigen Sextanten gefunden, der jedoch genügend war, seinem Zwecke zu dienen. Er reinigte ihn und brachte ihn auf's Verdeck. Durch eine Reihe beweglicher Spiegel führt dies Instrument die Sonne in dem Augenblicke, wo es Mittag ist, also wenn das Tagesgestirn den höchsten Punkt seines Laufes erreicht hat, an den Horizont zurück. Man begreift daher, daß, um zu operiren, man mit der Lunette des Sextanten einen wirklichen Horizont visiren muß, den, welchen der mit dem Wasser sich verschmelzende Himmel bildet. Nun erstreckte sich gerade das Land in einem weiten Vorgebirge nach Norden zu, und sich so zwischen den Observator und den Horizont stellend, machte es die Observation unmöglich. In dem Falle, daß der Horizont fehlt, ersetzt man ihn durch einen künstlichen. Dies ist in der Regel eine flache, mit Merkur (Quecksilber) gefüllte Schüssel, über welcher man operirt. Der Merkur bietet also von selbst einen vollkommen horizontalen Spiegel dar. John hatte kein Quecksilber an Bord, doch überwand er diese Schwierigkeit, indem er sich einer Kufe flüssigen Theeres bediente, dessen Oberfläche hinreichend das Bild der Sonne wiederspiegelte. Er kannte glücklicherweise schon seinen Längengrad, da er an der Westküste Neu-Seelands war, denn ohne Chronometer hatte er ihn nicht berechnen können. Es fehlte ihm nur der Breitegrad, und er ging daran, ihn zu messen. Er nahm also vermittelst des Sextanten die Meridianhöhe der Sonne über dem Horizont auf. Diese war 68° 30'. Die Entfernung der Sonne vom Zenith betrug also 21° 30', weil diese beiden Zahlen addirt 90° ergeben. Nun war dem Tagebuch zufolge an diesem Tage, dem 3. Februar, die Abnahme der Sonne 16° 30', und die Zenithaldistanz von 21° 30' hinzufügend, bekam man die Breite von 38°. Die Lage des Macquarie war also in 171° 13' der Länge, und 38° der Breite, abgerechnet einige unbedeutende, durch die Unvollkommenheit der Instrumente hervorgebrachte Irrthümer, denen man Rechnung tragen mußte. Indem John Mangles die von Paganel in Eden gekaufte Karte von Johnston zu Rathe zog, sah er, daß sie an der Oeffnung der Bai von Aotea gestrandet waren, oberhalb der Spitze von Cahua, an den Ufern der Provinz Auckland. Die Stadt Auckland lag auf der siebenunddreißigsten Parallele, und der Macquarie war einen Grad südlicher zurückgeworfen worden. Man mußte also einen Grad wieder hinauffahren, um die Hauptstadt Neu-Seelands zu erreichen. »Also höchstens eine Fahrt von fünfundzwanzig Meilen, sagte Glenarvan, das ist Nichts. – Was zur See nichts ist, wird lang und mühsam zu Lande sein, antwortete Paganel. – Wir werden, versetzte John Mangles, auch alles Menschenmögliche thun, um den Macquarie wieder flott zu machen.« Nachdem der Punkt festgestellt, wurden die Arbeiten wieder aufgenommen. Um zwölf ein halb Uhr war die See hoch, doch konnte John keinen Nutzen davon ziehen, da seine Anker noch nicht ausgeworfen waren. Aber er beobachtete nichts desto weniger den Macquarie mit einer gewissen Angst. Würde er unter der Einwirkung der Wellen wieder flott werden? Diese Frage mußte sich in fünf Minuten entscheiden. Man wartete. Ein Krachen erfolgte, welches, wenn auch nicht durch das Heben, so wenigstens durch das Erzittern des Schiffkieles hervorgebracht war. John faßte neue Hoffnungen für die nächste Fluthzeit; im Ganzen rührte sich die Brigg nicht. Man setzte die Arbeiten fort, und um zwei Uhr war das Floß fertig. Der auszuwerfende Anker wurde eingeschifft, und John und Wilson begleiteten ihn, nachdem sie am Hintertheil des Schiffes ein Kabeltau aufgewunden hatten. Die Ebbe ließ sie abstoßen, und sie warfen in einer halben Kabellänge Entfernung zehn Brassen tief einen Anker. Dieser hielt fest, und das Floß kehrte an Bord zurück. Nun blieb noch der große Krahnbalkenanker übrig. Man ließ ihn nicht ohne Schwierigkeiten hinab. Das Floß begann die Operation auf's Neue, und bald wurde dieser zweite Anker hinter dem ersten fünfzehn Brassen tief geworfen. Darauf holten sich John und Wilson durch das Kabeltau wieder an Bord heran. Das große und das kleine Kabeltau wurden aufgewunden, und man wartete auf die volle See, die um ein Uhr Morgens eintreten mußte. Es war jetzt sechs Uhr Abends. John Mangles beglückwünschte seine Matrosen, und gab Paganel zu verstehen, daß mit Hilfe guten Willens und Muthes er eines Tages Hochbootsmann werden könne. Inzwischen war Olbinett, nachdem er bei den verschiedenen Manoeuvres geholfen hatte, in die Küche zurückgekehrt. Er hatte eine stärkende Mahlzeit zubereitet, die sehr gelegen kam. Ein tüchtiger Appetit reizte die Mannschaft, der völlig befriedigt wurde, und Jedermann fühlte sich neuen Anstrengungen gewachsen. Nach beendeter Mahlzeit traf John Mangles die letzten Vorkehrungen, um den Erfolg des Unternehmens zu sichern. Beim Flottmachen eines Schiffes darf Nichts vernachlässigt werden. Oft schlägt das Vorhaben fehl, in Ermangelung einiger Linien beim Lichten, und der festgefahrene Kiel verläßt das Sandbett nicht. Um die Brigg zu erleichtern, hatte John Mangles einen großen Theil der Waaren in's Meer werfen lassen; aber der Rest der Ballen, die schweren Flaggenstöcke, die Noth-Raaen, einige Tonnen Eisenbarren, welche den Ballast ausmachten, wurden in's Hintertheil gebracht, um mit ihrer Last das Losmachen des Vordersteven zu erleichtern. Wilson und Mulrady rollten außerdem noch eine Anzahl Fässer dorthin, welche sie mit Wasser füllten, um den Schnabel des Schiffes in die Höhe zu bringen. Mitternacht schlug, als die letzten Arbeiten beendet waren. Die Mannschaft war völlig erschöpft, ein bedauernswerther Umstand in dem Augenblick, wo man Aller Kräfte zum Aufhissen bedurfte, und dies veranlaßte John Mangles, einen neuen Entschluß zu fassen. In diesem Moment legte sich die Brise; kaum, daß der Wind die Oberfläche des Wassers leicht kräuselte. John, welcher den nördlichen und östlichen Horizont beobachtete, bemerkte, daß der Wind von Südwesten nach Nordwesten umschlug. Ein Seemann konnte sich über die Lage und die Farbe der Wolkenschichten nicht täuschen, und Wilson und Mulrady theilten die Meinung ihres Kapitäns. John theilte Glenarvan seine Bemerkungen mit und schlug ihm vor, das Flottmachen des Schiffes auf den morgenden Tag zu verschieben. »Meine Gründe hierfür, sagte er, sind folgende: Erstens, sind wir sehr ermüdet und wir bedürfen aller unserer Kräfte, um das Schiff frei zu machen. Ferner, wie sollen wir, wenn wir wirklich wieder flott geworden, das Fahrzeug bei tiefster Dunkelheit mitten durch diese gefährlichen Brandungen führen? Es ist besser bei Tageslicht zu operiren, und außerdem treibt mich ein anderer Grund zum Warten. Der Wind verspricht uns zu Hilfe zu kommen, und ich gedenke dies zu benutzen. Ich will, daß er den alten Rumpf von hinten treibt, während die See ihn in die Höhe hebt. Wenn ich mich nicht täusche, wird morgen die Brise aus Nordwesten wehen; wir werden die Segel des großen Vordermastes aufziehen und diese dazu beitragen, das Schiff wieder zu heben.« Diese Gründe waren entscheidend. Glenarvan und Paganel, die Ungeduldigsten an Bord, ergaben sich darein, und die Operation wurde auf den nächsten Tag verschoben. Die Nacht verging ruhig. Eine Wache war eingerichtet, um vor allen Dingen über die Verankerung zu wachen. Als der Tag erschien, hatten sich die Voraussagungen John Mangles' bewahrheitet. Es wehte eine Brise von Nord-Nord-West, die stärker zu werden versprach. Dies war eine sehr vorteilhafte Hilfe, und die Mannschaft machte sich bereit, sie in Anspruch zu nehmen. Robert, Wilson, Mulrady auf dem großen Vordermast; der Major, Glenarvan, Paganel auf dem Verdeck, schickten sich an, die Segel im richtigen Moment zu entfalten. Die Raa des großen Marssegels wurde ganz aufgehißt, das große Segel und das große Marssegel blieben auf ihren Tauen. Es war neun Uhr Morgens. Noch mußten vier Stunden bis zur vollen See vergehen, und diese wurden nicht verloren. John wandte sie an, um seinen Nothmast auf dem Vordertheil der Brigg aufzurichten, der den Fockmast ersetzen sollte. Er konnte sich also aus diesem gefährlichen Strich entfernen, sobald das Schiff flott war. Die Arbeiter machten neue Anstrengungen und vor Mittag noch war die Fockraa an Stelle des Mastes festgemacht. Lady Helena und Mary Grant machten sich sehr nützlich, indem sie ein Nothsegel an der Raa der kleinen Bramstenge befestigten. Es war ihnen eine Freude, sich zum allgemeinen Wohle zu betheiligen. Nachdem die Takelage fertig, konnte der Macquarie, wenn er auch in Hinsicht auf Eleganz zu wünschen übrig ließ, doch wenigstens segeln, unter der Bedingung, daß er sich nicht zu weit von der Küste entfernte. Indessen stieg die Fluth. Die Oberfläche der See hob sich in kleinen, hohl gehenden Wellen. Die Spitzen der Klippen verschwanden nach und nach wie Seethiere, die in ihr flüssiges Element zurückkehren. Die Stunde des großen Unternehmens nahte heran. Eine fieberhafte Ungeduld erregte die Gemüther auf's Höchste. Niemand sprach, Alle schauten auf John und erwarteten seinen Befehl. Der Kapitän, auf dem Bargholze des Hintercastells liegend, beobachtete das Steigen der Fluth, und warf einen unruhigen Blick auf das Kabel, das fest und sicher angezogen war. Um ein Uhr erreichte die See ihren höchsten Punkt. Sie war am Stillstand angelangt, das heißt, an dem kurzen Augenblicke, wo sie nicht mehr steigt und noch nicht fällt. Man mußte, ohne zu zögern, an's Werk gehen. Das große Segel und das große Marssegel wurden losgelassen und legten sich, vom Winde gepreßt, an die Masten an. »An die Winde!« rief John. Dies war eine, wie die Feuerspritzen mit Hebelarmen versehene Zugwinde. Glenarvan, Mulrady, Robert auf der einen, Paganel, der Major, Olbinett auf der andern Seite, drückten auf die Arme, welche dem Apparat die Bewegung mittheilten. Zu gleicher Zeit vereinigten John und Wilson ihre Kräfte mit denen ihrer Gefährten, indem sie Stangen zum Umlegen einsetzten. »Nur zu! Nur zu! Alle zugleich!« rief der junge Kapitän. Das große und kleine Kabeltau zogen unter dem mächtigen Druck der Winde an. Die Anker hielten fest und schleppten nicht. Es mußte schnell gelingen, denn die hohe See dauert nur einige Minuten und der Wasserstand mußte bald fallen. Man verdoppelte die Anstrengungen; der Wind wehte heftig und legte die beiden Segel an den Mast. Ein Zittern machte sich im Rumpf fühlbar, die Brigg schien nahe daran, sich zu heben. Vielleicht genügte ein Arm mehr, um sie der Sandbank zu entreißen. »Helena! Mary!« rief Glenarvan. Die beiden jungen Frauen liefen herbei, um ihre Kräfte mit denen ihrer Gefährten zu vereinen. Ein letztes Getöse in der Spille ließ sich vernehmen; das war aber auch Alles; die Brigg rührte sich nicht. Das Werk war verfehlt, denn schon trat die Ebbe ein und es war augenscheinlich, daß selbst mit Hilfe des Windes und des Meeres diese erschöpfte Mannschaft ihr Schiff nicht würde flott machen können.   Sechstes Capitel. Die Theorie des Cannibalismus. Der erste Rettungsversuch John Mangles' war mißglückt. Man mußte, ohne zu zögern, einen zweiten versuchen. Es war klar, daß man den Macquarie nicht wieder heben konnte, und eben so klar, daß man den einzigen übrig gebliebenen Weg einschlagen mußte, das heißt, das Fahrzeug verlassen. An Bord eine ungewisse Hilfe erwarten, wäre unklug und thöricht gewesen. Vor der unwahrscheinlichen Ankunft eines Schiffes auf dem Schauplatz des Strandens würde der Macquarie in Stücken zerfallen sein! Der erste Sturm oder nur eine etwas durch die Seewinde hoch getriebene See mußte ihn auf den Sand werfen, zerschmettern und zerstückeln. Vor dieser unvermeidlichen Zerstörung wollte John das Land erreichen. Er schlug also vor, ein Floß zu bauen, oder in der Seemannssprache ein »ras« , das dauerhaft genug wäre, um die Passagiere und eine hinreichende Quantität Lebensmittel an die Seeländische Küste zu tragen. Es galt kein Hin- und Herreden, sondern rasch zu handeln. Die Arbeit wurde begonnen und war schon weit vorgeschritten, als die Nacht sie unterbrach. Gegen acht Uhr Abends, nach dem Nachtessen, während Lady Helena und Mary Grant auf ihrem Lager ausruhten, unterhielten sich Paganel und seine Freunde über ernste Fragen, wobei sie auf dem Verdeck des Schiffes auf- und abgingen. Robert hatte sie nicht verlassen wollen. Der brave Junge hörte aufmerksam zu, bereit, jeden Dienst zu leisten, oder sich irgend einem gefahrvollen Unternehmen hinzugeben. Paganel hatte John Mangles gefragt, ob das Floß nicht die Küste entlang bis Auckland fahren könne, anstatt die Passagiere an's Land zu setzen. John erwiderte, daß diese Fahrt mit einem so mangelhaften Fahrzeuge unmöglich sei. »Und was wir auf einem Floß nicht wagen dürfen, hätten wir es mit einem Boot von der Brigg thun können? – Im Nothfall, ja, antwortete John Mangles, aber unter der Bedingung, bei Tage zu fahren und des Nachts vor Anker zu gehen. – Also diese Elenden, die uns verlassen haben ... – O, diese, versetzte John Mangles, waren betrunken, und bei der tiefen Finsterniß fürchte ich sehr, daß sie diese feige Flucht mit ihrem Leben bezahlt haben. – Desto schlimmer für sie, erwiderte Paganel, und desto schlimmer auch für uns, denn dies Boot würde uns sehr nützlich gewesen sein. – Was wollen Sie, Paganel? sagte Glenarvan. Das Floß wird uns an's Land bringen. – Das ist gerade das, was ich gern vermieden hätte, entgegnete der Geograph. – Was, eine Reise von höchstens zwanzig Meilen, nach dem, was wir in den Pampas und durch Australien geleistet? Kann dies an Anstrengung gewöhnte Männer erschrecken? – Meine Freunde, antwortete Paganel, ich setze weder den Muth noch die Tapferkeit unserer Gefährten in Zweifel. Zwanzig Meilen! Das ist Nichts in jedem anderen Lande, als Neu-Seeland. Sie werden mich nicht im Verdacht der Kleinmüthigkeit haben. Ich habe Sie zuerst durch Amerika, durch Australien geführt. Aber hier, ich wiederhole es, ist alles Andere besser, als sich in dies unsichere Land zu wagen. – Alles Andere ist besser, als auf einem gestrandeten Schiffe sicher umzukommen, antwortete John Mangles. – Was haben wir denn so sehr von Neu-Seeland zu befürchten? fragte Glenarvan. – Die Wilden, versetzte Paganel. – Die Wilden! wiederholte Glenarvan. Kann man sie nicht vermeiden, wenn man die Küste entlang geht? Uebrigens kann der Angriff einiger Elenden zehn wohlbewaffnete und zur Vertheidigung bereite Europäer nicht ängstigen. – Es handelt sich hier nicht um Elende, erwiderte Paganel kopfschüttelnd. Die Neu-Seeländer bilden furchtbare Stämme, welche gegen die englische Herrschaft kämpfen und sich gegen die Eindringlinge wehren, welche sie oft besiegen, welche sie stets verzehren! – Cannibalen! rief Robert aus, Cannibalen!« Dann hörte man ihn diese zwei Namen murmeln: »Meine Schwester! Madame Helena! – Fürchte Nichts, mein Kind, antwortete ihm Glenarvan, um ihn zu beruhigen. Unser Freund Paganel übertreibt. – Ich übertreibe Nichts, versetzte Paganel. Robert hat gezeigt, daß er ein Mann ist, und ich behandle ihn als Mann, indem ich ihm die Wahrheit nicht verberge. Die Neu-Seeländer sind die grausamsten, um nicht zu sagen die lüsternsten Menschenfresser. Sie verzehren Alles, was ihnen in die Hände fällt. Der Krieg ist für sie nur eine Jagd nach dem saftigen Wildpret, welches Mensch heißt, und man muß zugestehen, daß dies der einzig logische Krieg ist. Die Europäer tödten ihre Feinde und begraben sie. Die Wilden tödten ihre Feinde und verzehren sie, und wie mein Landsmann Toussenel ganz richtig gesagt hat, ist das Uebel, seinen Feind zu braten, wenn er todt ist, nicht so schlimm, als ihn zu tödten, wenn er nicht sterben will. – Paganel, antwortete der Major, hierin liegt Stoff zum Disputiren, aber jetzt ist nicht der Augenblick dazu. Ob es nun logisch sei oder nicht, gegessen zu werden, wir wollen eben nicht verzehrt sein. Wie kommt es, daß das Christenthum diese Gewohnheit des Menschenfressens noch nicht zerstört hat? – Glauben Sie denn, daß alle Neu-Seeländer Christen sind? versetzte Paganel. Nur die geringere Zahl ist es und die Missionäre werden noch häufig genug das Opfer dieser rohen Wilden. Im vergangenen Jahre wurde der Ehrwürdige Walkner mit entsetzlicher Grausamkeit zum Märtyrer gemacht. Die Maoris hingen ihn auf, ihre Frauen rissen ihm die Augen aus, man trank sein Blut und aß sein Gehirn. Und dieser Mord fand im Jahre 1864 in Opotiki, einige Meilen von Auckland, so zu sagen unter den Augen der englischen Behörden statt. Meine Freunde, es bedarf Jahrhunderte, um die Natur einer Menschenrace zu ändern. Was die Maoris waren, werden sie noch lange sein. Ihre ganze Geschichte ist aus Blut gemacht. Wie viel Mannschaften haben sie niedergemetzelt und verzehrt von den Matrosen des Tasman an, bis zu den Schiffsleuten des Hawes! Und es ist nicht allein das weiße Fleisch, welches ihren Appetit reizt. Lange vor Ankunft der Europäer befriedigten die Seeländer ihre Gefräßigkeit durch den Mord. Manche Reisende lebten unter ihnen, welche Cannibalenmahlzeiten beigewohnt haben, bei denen die Theilnehmer von keinem anderen Wunsch beseelt waren, als von einem köstlichen Gericht, wie das Fleisch einer Frau oder eines Kindes, zu essen! – Pah! machte der Major, sind diese Erzählungen nicht meistens der Phantasie der Reisenden entsprungen? Man kommt sehr gern aus gefahrvollen Ländern und dem Magen von Menschenfressern zurück! – Ich trage der Uebertreibung Rechnung, erwiderte Paganel. Aber glaubwürdige Männer, wie die Missionäre Kendall, Mardsen, die Kapitäne Dillon, d'Urville, Laplace und Andere, haben es erzählt, und ich kann und muß ihren Berichten Glauben schenken. Die Seeländer sind von Natur grausam. Beim Tode ihrer Häuptlinge bringen sie Menschenopfer, da sie behaupten, daß durch diese der Zorn der Todten besänftigt werde, der die Ueberlebenden treffen könnte, und zu gleicher Zeit bieten sie ihnen dadurch Diener für das andere Leben an! Da sie aber diese Diener nach dem Tode selbst speisen, nachdem sie dieselben geschlachtet haben, hat man Grund zu glauben, daß mehr noch der Magen als der Aberglaube sie dazu treibt. – Indessen, sagte John Mangles, bilde ich mir ein, daß die Religion bei diesen Cannibalenscenen eine Rolle spielt. Deshalb meine ich, wenn die Religion wechselt, ändern sich auch die Sitten. – Gut, Freund John, antwortete Paganel. Sie berühren da die ernste Frage vom Ursprung der Menschenfresserei. Hat die Religion, hat der Hunger die Menschen dazu getrieben, sich unter einander zu verzehren? Das wäre in diesem Augenblicke ein müßiger Streit, denn die Frage, warum der Cannibalismus existirt, ist noch nicht entschieden; doch daß er da ist, ist eine ernste Thatsache, von der wir nur zu viel Beweise haben.« Paganel sprach die Wahrheit. Das Menschenfressen ist in Neu-Seeland ein chronischer Zustand geworden, ebenso wie auf den Fidji-Inseln oder auf der Landenge von Torres. Augenscheinlich ist der Aberglaube bei diesen scheußlichen Gebräuchen mit im Spiel, aber es giebt Cannibalen, weil es Augenblicke giebt, in denen das Wildpret rar, und der Hunger groß ist. Die Wilden haben angefangen, Menschenfleisch zu essen, um die Forderungen eines selten gestillten Appetites zu befriedigen; darnach haben die Priester diese schauderhaften Sitten geregelt und gebilligt. Die Mahlzeit ist zur Ceremonie geworden, das ist Alles. In den Augen der Maoris ist außerdem nichts natürlicher, als sich unter einander zu verzehren. Die Missionäre haben sie oft über den Cannibalismus befragt, und weshalb sie ihre Brüder verspeisten. Darauf erwiderten die Häuptlinge, daß die Fische die Fische fräßen, wie die Hunde die Menschen und die Menschen die Hunde und wie die Hunde sich untereinander. Sogar ihre Götterlehre berichte davon, daß ein Gott den anderen gefressen habe. Wie könne man bei solchen Vorkommnissen dem Vergnügen, seinesgleichen zu verspeisen, widerstehen? Ferner behaupten die Seeländer, daß, wenn man einen todten Feind verzehrt, man seinen geistigen Theil zerstört. Man erbt so seine Seele, seine Kraft, seinen Muth, die besonders im Gehirn enthalten sind. Auch wird dieser Theil des Individuums bei den Festen als Ehrenschüssel bester Güte betrachtet. Paganel behauptete indeß und nicht ohne Grund, daß die Sinnlichkeit und vor Allem das Bedürfniß die Seeländer zum Menschenfressen reizten, und nicht allein die Wilden Australiens, sondern auch die Wilden Europas. »Ja, fügte er hinzu, der Cannibalismus hat lange bei den Vorfahren der civilisirtesten Völker geherrscht und besonders, halten Sie dies nicht für persönliche Anspielung, bei den Schotten. – Wirklich? sagte Mac Nabbs. – Ja, Major, erwiderte Paganel. Wenn Sie gewisse Seiten im Heiligen Hieronymus über die Atticoli von Schottland nachlesen, werden Sie sehen, was Sie von Ihren Voreltern zu denken haben. Und ohne bis in die vorhistorischen Zeiten zurückzugehen, wurde nicht unter der Regierung Elisabeth's, in der Zeit, in welcher Shakespeare von seinem Shylock träumte, ein schottischer Bandit, Namens Sawny Ban, wegen des Verbrechens des Cannibalismus hingerichtet? Welches Gefühl hatte ihn getrieben, Menschenfleisch zu essen? Die Religion? Nein, der Hunger. – Der Hunger? fragte John Mangles. – Der Hunger, entgegnete Paganel, aber besonders jene Nothwendigkeit für den Fleischfresser. sein Fleisch und Blut durch den in den thierischen Stoffen enthaltenen Stickstoff zu ersetzen. Es ist sehr gut, der Arbeit der Lungen durch Wurzeln und Mehlpflanzen zu Hilfe zu kommen. Wer aber stark und kräftig sein will, muß jene blutbildenden Nahrungsmittel zu sich nehmen, welche die Muskeln ersetzen. So lange die Maoris nicht Mitglieder der Vegetarianischen Gesellschaft sind, werden sie Fleisch verzehren, und zwar Menschenfleisch. – Und warum nicht Thierfleisch? sagte Glenarvan. – Weil sie keine Thiere haben, antwortete Paganel. Dies muß man wissen, nicht um sie zu entschuldigen, sondern um ihre cannibalischen Gewohnheiten zu erklären. Die Vierfüßler, die Vögel selbst, sind in diesem ungastlichen Lande selten. Deshalb haben sich die Maoris von jeher von Menschenfleisch genährt. Es giebt sogar eine bestimmte Jahreszeit dafür, «Menschen zu fressen», wie in civilisirten Gegenden die Jagdzeit. Dann fangen die großen Streifzüge an, das heißt die großen Kriege, und ganze Völkerschaften werden auf der Tafel der Sieger servirt. – Also Ihrer Meinung zu Folge, Paganel, sagte Glenarvan, wird das Menschenfressen erst an dem Tage verschwinden, wo es Schafe, Ochsen und Schweine im Ueberfluß auf den Weiden Neu-Seelands geben wird. – Gewiß, mein lieber Lord, und dann wird es noch mancher Jahre bedürfen, ehe die Maoris sich des Seeländischen Fleisches entwöhnen werden, welches sie jedem anderen vorziehen, denn die Söhne werden lange das lieben, was ihre Väter geliebt haben. Ihrer Ansicht nach hat dies Fleisch den Geschmack des Schweinefleisches, ist aber noch würziger. Was das weiße Fleisch anbetrifft, so finden sie es weniger lecker, weil die Weißen Salz an ihre Speisen thun, was ihnen einen besonderen Saft verleiht, der von den Feinschmeckern wenig geschätzt wird. – Sie sind sehr wählerisch! sagte der Major. Essen sie nun aber das schwarze oder weiße Fleisch gekocht oder roh? – He! was kümmert Sie das, Herr Mac Nabbs? rief Robert aus. – Nun, mein Junge, antwortete der Major ernsthaft, wenn ich jemals unter den Zähnen eines Menschenfressers enden soll, möchte ich lieber gekocht sein! – Weshalb? – Um sicher zu sein, nicht lebendig verzehrt zu werden! – Gut, Major, versetzte Paganel, aber wenn Sie lebendig gekocht würden? – Die Sache ist die, entgegnete der Major, daß ich nicht um eine halbe Krone die Wahl haben möchte. – Wie dem auch sei, Mac Nabbs, wenn es Ihnen angenehm ist, so erfahren Sie, daß die Neu-Seeländer das Fleisch nur gekocht oder geräuchert essen. Es sind in der Kochkunst sehr wohl bewanderte Leute. Mir, für meinen Theil, ist die Idee, gegessen zu werden, besonders unangenehm! Sein Dasein in dem Magen eines Wilden zu beschließen, Pfui! – Aus alledem endlich geht hervor, sagte John Mangles, daß wir nicht in ihre Hände fallen dürfen. Lassen Sie uns hoffen, daß das Christenthum eines Tages diese schrecklichen Sitten abschaffen wird. – Ja, hoffen wir das, erwiderte Paganel; aber glauben Sie mir, ein Wilder, der Menschenfleisch gekostet hat, wird schwer darauf verzichten. Urtheilen Sie nach folgenden zwei Thatsachen: Die erste wird von den Chroniken der Jesuitengesellschaft in Brasilien erzählt. »Ein portugiesischer Missionär traf eines Tages auf eine alte, sehr kranke Brasilianerin. Sie hatte nur noch einige Tage zu leben, und der Jesuit unterwies sie in den Wahrheiten des Christenthums, welche die Sterbende ohne Widerspruch annahm. Dann, nach der Seelenstärkung, dachte er an die leibliche und bot seinem Beichtkinde einige europäische Leckereien an. Ach! erwiderte die Alte, mein Magen kann keine Art Nahrung mehr vertragen. Ich möchte nur noch etwas essen, aber hier kann es mir unglücklicherweise Niemand verschaffen. – Was ist das? fragte der Jesuit. Ah, mein Sohn! das ist die Hand eines kleinen Knaben! Mir scheint, ich würde die kleinen Knochen mit Vergnügen knabbern!« – Ach! das schmeckt also gut? fragte Robert. – Meine zweite Geschichte wird Dir darauf Antwort geben, mein Junge, erwiderte Paganel. »Eines Tages warf ein Missionär einem Cannibalen diese schreckliche und den göttlichen Gesetzen entgegenstehende Sitte des Menschenfressens vor. Und dann muß es schlecht schmecken! fügte er hinzu. – Ach, mein Vater! antwortete der Wilde, indem er einen lüsternen Blick auf den Missionär warf, sagt, Gott verbietet es, aber sagt nicht, daß es schlecht schmeckt! Wenn Ihr nur davon gekostet hättet! ...««   Siebentes Capitel. Die Landung. Die von Paganel angeführten Thatsachen waren unwiderlegbar. Die Grausamkeit der Neu-Seeländer konnte nicht bezweifelt werden. Jedenfalls war die Landung mit Gefahr verknüpft, und doch mußte man ihr trotzen, wäre sie auch noch so groß gewesen. John Mangles fühlte die Notwendigkeit, ohne Verzug ein Schiff zu verlassen, das offenbar dem Untergange nahe war. Von beiden Gefahren war die eine sicher, die andere nur wahrscheinlich, ein Zögern also nicht möglich. Auf den glücklichen Zufall, von einem Schiff aufgenommen zu werden, konnte man vernünftiger Weise nicht rechnen. Der Macquarie befand sich nicht in einer Fahrstraße für Schiffe, welche auf Neu-Seeland zu landen suchen. Sie gehen weiter hinauf nach Auckland, oder hinab nach Neu-Plymouth. Die Strandung war aber genau zwischen diesen beiden Punkten erfolgt, an dem ödesten Theile der Küste von Ika-na-Maoni, welche, weil sie klippenreich und gefährlich ist, nur wenig besucht wird. Die Seeleute vermeiden sie sorgfältig, und wenn sie ja ein Sturm dahin verschlägt, so bieten sie Alles auf, sich schnell von derselben zu entfernen. »Wann wollen wir abfahren? frug Glenarvan. – Morgen früh um zehn Uhr, antwortete John Mangles. Die Fluth wird dann zu steigen beginnen und uns an Land bringen.« Am folgenden Morgen, den 5. Februar, um acht Uhr war der Bau des Flosses vollendet. John hatte alle Sorgfalt darauf verwandt. Man mußte ein solides, lenkbares Fahrzeug haben, das geeignet war, dem Meere während einer neun Meilen weiten Fahrt zu widerstehen. Das Mastwerk allein konnte die zum Bau nöthigen Materialien bieten. Wilson und Mulrady hatten sich an die Arbeit begeben. Die mit dem Hauptmast verbundene Takelage wurde entfernt und unter den Streichen der Axt, die man an seinen Fuß anlegte, brach der Mast über die Schanzkleidung des Steuerbords, welche unter seinem Sturze krachte, herunter. Der Macauarie stand da, so glatt wie ein Ponton. Ebenso wurden die kleinen Masten und Raaen zersägt. Die Hauptstücke des Flosses, welche man durch Sparren vom Fockmaste fest mit einander verband, waren also im Wasser. John trug überdies Sorge, die vorhandenen Zwischenräume mit leeren Fässern auszufüllen, welche wesentlich dazu dienten, das Floß über Wasser zu erhalten. Auf diese solide Grundlage hatte Wilson siebartig durchlöcherte Bretter gelegt. Die Wogen konnten also über das Floß schlagen und sofort abfließen, so daß die Passagiere vor Feuchtigkeit geschützt blieben. Als nun John an diesem Morgen bemerkte, daß der Wind günstig war, ließ er mitten in dem Fahrzeuge die Raae des kleinen Topmastes als Nothmast einsetzen. Sie wurde durch Halteseile gestützt und mit einem Segel versehen. Eine am Hintertheile befestigte starke Ruderstange mit breiter Schaufel diente als Steuer bei einem Winde, welcher dem Floß die genügende Schnelligkeit gab. So konnte es mit seinem soliden Baue auch den Stößen der stärksten Wogen Widerstand leisten. Aber war es möglich, zu steuern und die Küste zu erreichen, wenn der Wind umsprang? Das war die Frage. Um neun Uhr begann die Verladung. Zuerst wurden Lebensmittel in genügender Menge eingeschifft, um bis Auckland damit zu reichen, denn auf die Erzeugnisse dieser unwirthlichen Küste konnte man nicht rechnen. Der Privatvorrath Olbinett's bot etwas conservirtes Fleisch, was noch von den für die Ueberfahrt des Macquarie angekauften Lebensmitteln herrührte. Freilich war es nur wenig. Man war nothwendiger Weise auf die an Bord vorhandenen Schiffszwiebacke geringer Qualität und auf zwei Fässer mit eingesalzenen Fischen angewiesen. Der Steward schämte sich dessen fast. Alle die Vorräthe wurden in luftdichten, wassersicheren Kisten eingeschlossen, dann heruntergelassen und mit starken Tauen an den Fuß des Mastes befestigt. Waffen und Munition brachte man an einem sichern Orte unter. Zum großen Glück waren die Passagiere mit Flinten und Revolvern wohl bewaffnet. Gleichzeitig wurde ein Anker eingeschifft, für den Fall, daß John das Land nicht erreichen könnte und deshalb in der offenen See beilegen mußte. Um zehn Uhr begann die Fluth sich bemerklich zu machen. Eine schwache Brise wehte aus Nord-West und setzte die Oberfläche des Meeres in leichte Bewegung. »Sind wir bereit? fragte John Mangles. – Alles fertig, Kapitän, erwiderte Wilson. – Eingeschifft!« befahl John. Lady Helena und Mary Grant stiegen auf einer starken Strickleiter hinab und ließen sich am Fuße des Mastes auf den Vorrathskisten nieder, in der Nähe ihrer Gefährten. Wilson übernahm das Steuer, John das Segel, und Mulrady kappte das Ankertau, welches das Floß noch an der Seite der Brigg festhielt. Das Segel wurde entfaltet, und das Fahrzeug nahm seinen Lauf nach der Küste zu unter der doppelten Einwirkung der Fluth und des Windes. Die Entfernung von neun Meilen wäre für ein gut bemanntes Boot in drei Stunden zurückzulegen gewesen. Das Floß brauchte natürlich eine längere Zeit. Wenn der Wind aus hielt, konnte man vielleicht das Land mit der steigenden Fluth erreichen. War dies nicht der Fall, so war man der Ebbe überlassen, und es konnte nothwendig werden, die folgende Fluth abzuwarten. Das war von großer Wichtigkeit und beschäftigte John Mangles unaufhörlich. Doch er hoffte, daß es ihm glücken werde. Der Wind wehte frischer; um drei Uhr konnte man das Land erreichen. Der Anfang der Ueberfahrt war glücklich. Allmälig verschwanden die schwarzen Spitzen der Klippen und ebenso der sandige Grund unter dem Steigen der zunehmenden Fluth. Große Aufmerksamkeit und außerordentliche Geschicklichkeit wurden nothwendig, um die unter der Oberfläche des Wassers immer noch versteckten Klippen zu vermeiden, und ein Fahrzeug zu leiten, das dem Steuerruder nur wenig gehorchte und deshalb leicht von seinem Laufe abwich. Um Mittag war man noch fünf Meilen von der Küste entfernt. Ein ziemlich klarer Himmel gestattete die Terrainformation im Ganzen zu unterscheiden. Im Nord-Osten war ein Berg von zweitausendfünfhundert Fuß Höhe sichtbar. Er zeichnete sich am Horizonte in einer eigentümlichen Form ab, deren Spalten den Kopf eines Affen mit gebrochenem Genick darstellten. Es war der Pirongia, der nach der Karte unter dem achtunddreißigsten Parallelkreise lag. Um halb ein Uhr wies Paganel auf das Verschwinden aller Klippen unter der steigenden Fluth hin. »Eine einzige ausgenommen, erklärte Lady Helena. – Welche? Madame, frug Paganel. – Dort, antwortete sie, und wies dabei auf einen schwarzen Punkt hin, der in der Entfernung von einer Meile nach der Küste zu sichtbar war. – In der That, erwiderte Paganel, versuchen wir es, ihn fest im Auge zu behalten, um nicht darauf los zu steuern, denn die Fluth wird ihn in kurzer Zeit bedecken. – Er liegt genau nördlich von dem Berge, sagte John Mangles. Wilson, sei wachsam und halte nach der hohen See zu. – Gewiß, Kapitän«, erwiderte der Matrose, indem er sich mit seinem ganzen Gewicht auf das Steuerruder legte. In der nächsten halben Stunde machte man eine halbe Meile. Aber eigenthümlicher Weise tauchte jene Riffspitze immer mehr aus den Wogen auf. John betrachtete sie aufmerksam und lieh, um schärfer zu sehen, Paganel's Fernrohr. »Das ist gar kein Riff, sagte er, nach einem prüfenden Blick, sondern ein schwimmender Gegenstand, welcher mit den Wogen steigt und fällt. – Sollte es vielleicht ein Stück von der Takellage des Macquarie sein? frug Lady Helena. – Nein, erwiderte Glenarvan, Trümmer davon könnten nicht in so großer Entfernung vom Schiffe treiben. – Achtung! rief John Mangles, ich weiß es nun, es ist das kleine Boot. – Das kleine Boot der Brigg! sagte Glenarvan. – Ja, Mylord. Das ist es, mit dem Kiel nach oben. – Die Unglücklichen! rief Lady Helena, sie sind untergegangen! – Ja, Madame, sagte John Mangles, sie mußten sicherlich untergehen, denn mitten unter diesen Klippen, bei der hohen See und dieser finsteren Nacht, gingen sie dem unvermeidlichen Tode entgegen. – Sei der Himmel ihnen gnädig«, murmelte Mary Grant. Während einiger Augenblicke blieben die Passagiere schweigend. Sie betrachteten dieses gebrechliche Fahrzeug, das sich näherte. Es hatte augenscheinlich etwa vier Meilen vom Lande umgeschlagen, von seiner Bemannung war ohne Zweifel Niemand gerettet. »Aber dieses Boot kann uns nützlich sein, sagte Glenarvan. – In der That, antwortete John Mangles. Halte darauf hin, Wilson.« Die Richtung des Flosses wurde geändert, aber die Brise ließ allmälig nach, und man erreichte das Boot erst zwei Stunden später. Mulrady, der am Vordertheil stand, parirte den Stoß, und die umgeschlagene Jolle legte sich bordseits. »Leer? frug John Mangles. – Ja, Kapitän, erwiderte der Matrose, das Boot ist leer, aber auch seine Wände sind offen. Es kann uns also nichts nützen. – Kann man es denn gar nicht mehr verwenden? frug Mac Nabbs. – Nein, antwortete John Mangles. Es ist ein Wrack, das nur noch zum Verbrennen gut ist. – Das thut mir leid, sagte Paganel, denn dieses Boot hätte uns nach Auckland führen können. – Daran können wir nichts mehr ändern, Herr Paganel, erwiderte John Mangles. Uebrigens bei einem so stürmischen Meer ziehe ich unser Floß diesem gebrechlichen Fahrzeuge immer noch vor. Ein schwacher Stoß hätte genügt, um es zu zertrümmern. Genug, Mylord, wir können damit nichts mehr hier anfangen. – Wie Du willst, John, erklärte Glenarvan. – Vorwärts, Wilson, befahl der junge Kapitän, gerade auf die Küste hin.« Die Fluth mußte etwa noch eine Stunde lang steigen. Man konnte in dieser Zeit eine Entfernung von zwei Meilen zurücklegen. Da aber hörte die Brise plötzlich auf und schien dann vom Lande her sich wieder erheben zu wollen. Das Floß blieb eine Zeit lang unbeweglich, um sich bald darauf unter der Einwirkung der Ebbe nach der hohen See hin zu wenden. John konnte nicht eine Secunde zögern. »Den Anker nieder!« befahl er. Mulrady, der auf die Ausführung dieses Befehles schon wartete, ließ den Anker etwa fünf Faden tief fallen. Das Floß wich ein wenig von dem straff angespannten Taue zurück, und blieb dann in seiner bisherigen Stellung, sein Vordertheil nach dem Ufer hin gerichtet. Das Segel wurde eingezogen und die nöthigen Vorkehrungen für einen längeren Aufenthalt getroffen. In der That, die Fluth konnte vor neun Uhr Abends nicht zurückkehren, und da John Mangles nicht daran dachte, während der Nacht zu fahren, so blieb er bis fünf Uhr Morgens vor Anker liegen. Das Land war nun schon wenigstens auf drei Meilen in Sicht. Die Wogen erhoben sich mit ziemlich starkem Wellenschlage, und es schien, als ob diese ganze Bewegung nach der Küste zu sich fortsetzte. Glenarvan frug, als er erfuhr, daß man die ganze Nacht vor Anker bleiben wolle, warum John diese Strömung nicht benutze, um sich der Küste zu nähern. »Ew. Herrlichkeit, antwortete der junge Kapitän, lassen sich durch eine optische Erscheinung täuschen. Die Strömung ist nur eine scheinbare, eine schaukelnde Bewegung des Wassers, nichts weiter. Werfen Sie ein Stück Holz mitten hinein, und Sie werden sehen, daß es unbeweglich bleibt, so lange sich die Ebbe nicht bemerkbar macht. Wir müssen daher Geduld haben. Und wie steht es mit dem Diner?« fragte John. Olbinett nahm aus einer der Kisten einige Stücke trockenes Fleisch und ein Dutzend Zwiebäcke. Der Steward erröthete darüber, seinem Herrn eine so magere Kost bieten zu müssen. Aber sie wurde mit Behagen angenommen, selbst von den Damen, obwohl diese in Folge der unruhigen Bewegungen des Meeres keineswegs Appetit fühlten. In der That waren auch diese beständigen Erschütterungen des Flosses mehr als ermüdend, da ein kurzer und regelloser Wellenschlag es unaufhörlich hin- und herwarf, so daß es durch scharfe Felszacken kaum mehr zu leiden gehabt hätte. Man mußte zuweilen wirklich glauben, daß es auf solche aufstoße. Das Ankertau war in unaufhörlicher Bewegung, und John ließ jede halbe Stunde einen Faden mehr nach, um es nicht allzu sehr anzuspannen. Ohne diese Vorsicht wäre es unvermeidlich zerrissen, und das Floß wäre dann, sich selbst überlassen, in die hohe See hinaus geschleudert worden. John's Befürchtungen waren daher wohl begründet, denn das Zerreißen des Taues sowohl, als auch der Verlust des Ankers waren verhängnißvoll. Die Nacht nahte. Schon verschwand die Sonne mit blutrother Färbung hinter dem Horizont. Im Westen leuchtete und schimmerte die Wassergrenze wie ein mit Silber durchwirkter Teppich. Dort sah man nur Wasser und Himmel, einen einzigen klar hervortretenden Punkt ausgenommen, das unbewegliche Wrack des Macquarie. Die schnell einbrechende Dunkelheit verzögerte um einige Minuten den Eintritt der Nacht, und bald verschwand die Küste, welche im Westen und Norden den Horizont begrenzte. Welch' schreckliche Lage war das nicht für diese armen Schiffbrüchigen, die auf dem winzigen Floß in düstere Finsterniß eingehüllt waren. Die Einen überließen sich einem angstvollen Schlummer mit seinen wirren Träumen, die Anderen konnten auch diesen nicht einmal finden. Bei Tagesanbruch waren alle durch die Mühen der Nacht fast gebrochen. Mit der steigenden Fluth erhob sich auch der Wind von der See her. Es war sechs Uhr morgens. Die Zeit drängte. John traf Anstalt, den Anker zu lichten und die Fahrt fortzusetzen. Aber seine Widerhaken hatten sich in Folge der beständigen Bewegungen des Taues tief in den Sand hinein gebohrt. Ohne Winde war es unmöglich, ihn herauszubringen. Eine halbe Stunde verrann unter vergeblichen Versuchen. In seiner Ungeduld, abzusegeln, ließ John das Tau kappen und gab den Anker verloren, obwohl er sich damit jede Möglichkeit abschnitt, nöthigenfalls wieder beizulegen, wenn die Fluth nicht genügte, um die Küste zu gewinnen. Aber er wollte nicht länger zögern; ein Beilhieb befreite das Floß, das nun der Brise überlassen war, unter der es mit Hilfe der Strömung zwei Knoten in der Stunde zurücklegte. Das Segel wurde wiederum entfaltet. Man kam langsam dem Lande näher und näher, das im Hintergrunde beleuchtet von der aufgehenden Sonne in schwarzgrauen Massen sich hinzog. Die Riffe wurden geschickt vermieden und endlich ganz überwunden. Und doch schien das Fahrzeug, da die Brise noch immer unbeständig von der hohen See her wehte, sich der Küste nicht so schnell zu nähern, als man es wünschte. Welche Mühe und Anstrengung galt es doch, dieses Neu-Seeland zu erreichen, das eine so gefährliche Gastlichkeit bot. Um neun Uhr war die Küste jedoch höchstens nur noch eine Meile entfernt. Sie starrte von Klippen und Riffen. Man mußte erst eine zugängliche Stelle aufsuchen. Der Wind wurde schwächer und schwächer, und ließ endlich ganz nach. Das schlaffe Segel schlug an den Mast, weshalb John es ganz einziehen ließ. Die Wellen allein trugen das Floß an's Ufer; man mußte ganz auf das Steuerruder verzichten, da gewaltige Massen von Seetang den Lauf hemmten. Um zehn Uhr sah sich John etwa drei Kabellängen vom Ufer entfernt. Aber man hatte keinen Anker auszuwerfen. Sollte er nun wieder bei Eintritt der Ebbe sich zurückwerfen lassen in die offene See? Mit krampfhaft geballter Faust und wildem, unruhigem Blick sah er hin nach der unzugänglichen Küste. Glücklicherweise – ein wirkliches Glück diesmal – erfolgte ein heftiger Stoß. Das Floß stand still, es saß fest im Sande, etwa fünfundzwanzig Faden von der Küste. Glenarvan, Robert, Wilson und Mulrady warfen sich in's Wasser. Das Floß wurde mit Stricken an die nächsten Riffspitzen befestigt. Die Damen, von Arm zu Arm hinüber befördert, betraten das Land, ohne auch nur eine Falte ihrer Kleider benetzt zu haben, und bald darauf hatten Alle sammt Waffen und Lebensmitteln auf dem gefürchteten Ufer von Neu-Seeland festen Fuß gefaßt. Achtes Capitel. Der jetzige Zustand des Landes. Glenarvan wäre gern ohne jeden Zeitverlust an der Küste entlang nach Auckland hinaufgegangen. Aber seit dem Morgen hatte der Himmel sich mit schweren Wolken bedeckt, und gegen elf Uhr ergossen sie Ströme von Regen. Somit war es unmöglich, den Marsch anzutreten; man war vielmehr gezwungen, Schutz zu suchen. Wilson entdeckte gerade zur rechten Zeit eine von dem Meere ausgehöhlte Grotte in den Basaltfelsen des Ufers. Dorthin flüchteten die Reisenden mit Waffen und Vorräthen. Im Inneren fand man eine Menge getrockneten Seetanges, der durch die Wellen früher hineingespült worden war, und nun eine natürliche Lagerstätte bildete; sie wurde freudig begrüßt. Ein Holzhaufen wurde am Eingang der Grotte aufgeschichtet und angezündet; an seinem Feuer trocknete man sich trefflich. John hoffte, daß der Regen, gerade weil er so sündfluthlich war, bald aufhören werde. Das war indeß nicht der Fall. Die Stunden verflossen, ohne eine Aenderung des Wetters zu bringen. Der Wind wurde gegen Mittag frischer und gestaltete sich endlich zu einem vollen Sturme. Diese Ungunst des Wetters hätte auch den geduldigsten Menschen ungeduldig machen müssen. Aber was half es? Ohne Fuhrwerk einem solchen Sturmwind zu trotzen, wäre Thorheit gewesen. Ueberdies genügten wenige Tage, um Auckland zu erreichen, und eine Verzögerung von zwölf Stunden konnte der Expedition keinen Nachtheil bringen, wenn sie nicht von Eingeborenen überrascht wurde. Während dieses gezwungenen Aufenthaltes bezog sich die Unterhaltung besonders auf die Kriegsereignisse, deren Schauplatz Neu-Seeland war. Um jedoch den Ernst der Verhältnisse zu verstehen und zu würdigen, in welche die Schiffbrüchigen des Macquarie mitten hinein geworfen wurden, muß man die Geschichte dieses Kampfes kennen, welcher damals die Insel Ika-na-Maoui mit Blut tränkte. Seit der Ankunft Abel Tasman's in der Meerenge Cook, am 16. December 1642, waren die Neu-Seeländer trotz des Besuches zahlreicher europäischer Schiffe frei und unabhängig auf ihren Inseln geblieben. Keine Macht Europas dachte daran, sich dieses Archipels zu bemächtigen, welcher die Meere des Stillen Oceans beherrscht. Nur die Missionaire, welche auf verschiedenen Punkten sich niedergelassen hatten, brachten in diese neuen Gegenden die Wohlthaten der christlichen Civilisation. Einige unter ihnen, und besonders die englischen, bereiteten die Chefs des Landes darauf vor, sich unter das Joch Englands zu fügen. Durch Vorspiegelungen verlockt, unterzeichneten diese auch wirklich einen Brief an die Königin Victoria, in welchem sie deren Schutz erbaten. Aber die Klügsten von ihnen ahnten die Folgen dieses thörichten Schrittes, und Einer, der auf das Schreiben seine Tättowirung gezeichnet hatte, ließ die prophetischen Worte hören: »Wir haben unser Land verloren; in Zukunft gehört es nicht mehr uns; bald wird der Fremde kommen, um sich desselben zu bemächtigen, und wir werden seine Sklaven sein.« In der That, am 29. Januar 1840, langte die Corvette Herard in der Inselbucht nördlich von Ika-na-Maoui an. Der Kapitän des Schiffes, Hobson, schiffte sich im Dorfe Korrora-Reka aus. Die Bewohner desselben wurden eingeladen, einer General-Versammlung in der protestantischen Kirche beizuwohnen. Kapitän Hobson legte in derselben die Vollmacht vor, mit der die Königin von England ihn bekleidet hatte. Am 5. Januar des folgenden Jahres wurden die mächtigsten seeländischen Chefs zu dem englischen Residenten im Dorfe Paia berufen. Kapitän Hobson suchte ihre Unterwerfung zu erlangen, indem er erklärte, daß die Königin Truppen und Schiffe zu ihrem Schutze gesandt habe, da ihre Rechte verbrieft feien und ihre Freiheit unbeschränkt bleiben solle. Gleichwohl sollten ihre Ländereien der Königin Victoria gehören, der sie dieselben zu verkaufen verpflichtet wären. Die Majorität der Chefs fand den Schutz zu theuer und weigerte sich, ihre Zustimmung zu geben. Aber Versprechungen und Geschenke hatten mehr Einfluß auf diese wilden Naturen, als die hochtrabenden Worte Hobson's. Die Besitzergreifung wurde bestätigt. Was geschah nun seit diesem Jahre 1840 bis zu dem Tage, wo der Duncan den Golf der Clyde verließ? Jacques Paganel war mit den Ereignissen genau vertraut und bereit, sie seinen Gefährten mitzutheilen. »Madame, erwiderte er auf die Fragen der Lady Helena, ich will Ihnen wiederholen, was ich gelegentlich schon bemerkte, nämlich, daß die Neu-Seeländer eine muthige Bevölkerung bilden, welche, nachdem sie einen Augenblick nachgiebig gewesen, nun jeden Fuß breit Landes gegen den Andrang der Engländer vertheidigt. Die Stämme der Maoris sind wie die alten Clans von Schottland organisirt. Es sind ebenso viele große Familien, welche einen Chef anerkennen und außerordentlich bestrebt sind, ihm ergeben zu sein. Die Männer dieser Race sind stolz und tapfer, die Einen groß mit glatten Haaren, ähnlich den Maltesern oder Juden von Bagdad, auch äußerst intelligent, die Anderen kleiner, gedrungener, ähnlich den Mulatten, aber alle stark gebaut, hochmüthig und kriegerisch. Ihr berühmter Chef, namens Hihi, war ein wahrer Vercingetorix. Sie werden also nicht erstaunt sein, wenn der Krieg mit den Engländern auf dem Territorium von Ika-na-Maoui sich endlos hinzieht, denn dort befindet sich der berühmte Tribus der Waikatos, welche William Thompson zur Vertheidigung des Bodens herbeizieht. – Aber sind die Engländer, frug John Mangles, nicht Herren der wichtigsten Punkte von Neu-Seeland? – Ohne Zweifel, mein lieber John, erwiderte Paganel. Nach der Besitzergreifung durch Kapitän Hobson, welcher zum Gouverneur der Insel ernannt worden war, sind von 1840 bis 1862 allmälig neue Kolonien in den vortheilhaftesten Gegenden entstanden. Daher die Einteilung in neun Provinzen, vier im Norden der Insel, nämlich Auckland, Taranaki, Wellington und Hawkes-Bai; fünf im Süden: es sind Nelson, Marlborough, Canterbury, Otago und Southland, mit einer Gesammtbevölkerung von einhundertachtzigtausenddreihundertundsechsundvierzig Einwohnern. Dies war wenigstens am 30. Juni 1864 ihr Stand. Bedeutende Handelsstädte sind dort überall emporgeblüht. Wenn wir nach Auckland kommen werden, werden Sie nicht umhin können, die Lage dieses Korinth des Südens ohne Rückhalt zu bewundern. Es beherrscht seinen Isthmus, der gleichsam eine prächtige Brücke über den Stillen Ocean bildet, und zählt bereits zwölftausend Einwohner. Im Westen New-Plymouth, im Osten Ahuhiri, im Süden Wellington, das sind alles blühende und viel besuchte Städte. Auf der Insel Tawai-Pounamou, würden Sie in Verlegenheit sein, die Wahl zu treffen zwischen Nelson, dem Montpellier der Antipoden, diesem Garten von Neu-Seeland, Picton an der Meerenge von Cook, Christchurch oder Invercargill und Dunedin, alle in dieser reichen Provinz von Otago, wo die Goldsucher der ganzen Welt zusammenströmen. Und bemerken Sie, daß es sich hier nicht um eine Vereinigung einiger Wigwams handelt, oder um einen Zusammenfluß wilder Familien, sondern um wahre Städte mit Häfen, Kathedralen, Banken, Docks, botanischen Gärten, Museum, Acclimatisationsgesellschaften, Zeitungen, Wohlthätigkeitsanstalten, philosophischen Instituten, Freimaurerlogen, Theatern und Palästen – so gut wie in London oder Paris. Und wenn mein Gedächtniß mir treu ist, so werden dort im Jahre 1865, vielleicht eben jetzt, die industriellen Producte des ganzen Erdtheils ausgestellt. – Wie! Ungeachtet des Krieges mit den Eingeborenen? frug Lady Helena. – Die Engländer, Madame, führen Kriege und veranstalten doch zu gleicher Zeit Ausstellungen, erwiderte Paganel. Das stört sie nicht. Ja sie bauen sogar Eisenbahnen unter dem Gewehrfeuer der Neu-Seeländer. In der Provinz Auckland durchschneiden die Bahnen von Druri und Mere-Mere die von den Aufständischen besetzten Hauptpunkte. Ich wollte wetten, daß die Arbeiter von der Locomotive aus schießen. – Aber wie steht es jetzt mit diesem endlosen Kriege? frug John Mangles. – Es sind nun fast sechs Monate, daß wir Europa verlassen haben, erwiderte Paganel, ich kann also nicht wissen, was sich seit unserer Abreise ereignet hat, einige Thatsachen ausgenommen, welche ich in den Journalen von Maryboroug und Seymour während unserer Ueberfahrt nach Australien gelesen habe. In jener Zeit aber war der Kampf auf der Insel Ika-na-Maoui heftig entbrannt. – Und wann hat dieser Kampf begonnen? frug Mary Grant. – Sie wollen sagen «wieder begonnen», meine liebe Miß, erwiderte Paganel, denn die erste Erhebung fand im Jahre 1845 statt. Jetzt datirt er seit Ende 1860. Aber lange vorher bereiteten sich die Maoris darauf vor, das Joch der englischen Herrschaft abzuschütteln. Die nationale Partei der Eingeborenen entfaltete eine lebhafte Thätigkeit, um die Wahl eines Chefs aus dem Stamme der Maoris herbeizuführen. Sie wollte aus dem alten Potatau einen König, und aus seinem Dorfe, das zwischen den Flüssen Waikato und Waipa liegt, die Hauptstadt des neuen Reiches machen. Dieser Potatau war ein mehr anmaßender, als kühner Greis, aber er hatte einen energischen und intelligenten Premierminister, der dem Stamme der Ngatihahuas angehörte, welche den Isthmus von Auckland vor der Occupation durch die Engländer bewohnten. Er hieß William Thompson und wurde die Seele dieses Unabhängigkeitskrieges. Er organisirte die maorischen Truppen sehr geschickt. Unter seinem belebenden Einfluß vereinigte ein Chef der Taranakis zu demselben Zwecke die zerstreuten Stämme; ein anderer Chef des Waikatogebietes formirte die vereinigte Landliga, ein wahres Schutz- und Trutz-Bündniß für das Wohl des Vaterlandes, dazu bestimmt, die Eingeborenen von dem Verkauf ihrer Ländereien an die englische Regierung abzuhalten. Die Verbündeten hielten Gastmähler, wie in den civilisirten Städten, welche das Vorspiel zu einer Revolution gaben. Die britischen Journale begannen die beunruhigenden Symptome zu enthüllen, und die Regierung überwachte sorgsam das Verhalten der «Landliga». Die Wogen des öffentlichen Lebens gingen hoch; die Mine sollte bald springen. Es fehlte allein nur noch der zündende Funke, oder vielmehr die Reibung der beiderseitigen Interessen, um ihn zu erzeugen. – Und diese Reibung erfolgte? ... fragte Glenarvan. – Ja, sie erfolgte im Jahre 1860, erwiderte Paganel, in der Provinz Taranaki, auf der Süd-Westküste von Ika-na-Maoui. Ein Eingeborener besaß sechshundert Acker Land in der Nachbarschaft von New-Plymouth. Er verkaufte sie der englischen Regierung. Aber als die Vermessungsbeamten anlangten, um das verkaufte Terrain aufzunehmen, protestirte der Chef Ringi, und im Monat März errichtete er auf den verkauften Ländereien ein verschanztes Lager. Einige Tage darauf nahm der Oberst Gold dasselbe an der Spitze seiner Truppen, und da war es, wo der zündende Funke des nationalen Krieges hervorsprang. – Sind die Maoris zahlreich? frug John Mangles. – Ihr Stamm ist seit einem Jahrhundert sehr geschwächt worden, erwiderte der Geograph. Im Jahre 1769 schätzte ihn Cook auf viermalhunderttausend Einwohner. Schon 1845 ergab die öffentliche Volkszählung einmalhundertundneuntausend weniger. Die sogenannten civilisirenden Blutgemetzel, die Krankheiten und der Branntwein haben das Volk decimirt; aber auf beiden Inseln sind immer noch neunzigtausend Eingeborener, unter denen sich etwa dreißigtausend Krieger befinden, welche die europäischen Truppen lange Zeit im Schach halten werden. – Und hat die Schilderhebung bis jetzt Erfolg gehabt? frug Lady Helena. – Ja, Madame, die Engländer selbst haben oft den Muth der Neu-Seeländer bewundert. Sie führen einen Guerrillakrieg, und stürzen sich, benachrichtigt durch ihre Späher, auf die kleinen Detachements, wobei sie die Besitzungen der Colonisten plündern. General Caméron war in diesen Kämpfen durchaus nicht um seine Lage zu beneiden. Im Jahre 1863 hielten die Maoris nach einem langen und mörderischen Kriege eine starke Position an dem oberen Lauf des Waikato fest, welche sich an eine Reihe allmälig aufsteigender Hügel anschloß und durch die Vertheidigungslinien gedeckt war. Ihre Priester riefen die ganze maorische Bevölkerung zur Verteidigung des Landes auf und versprachen Vergebung aller Sünden. Dreitausend Mann unter dem Befehl des General Caméron nahmen den Kampf mit ihnen auf und gaben den Maoris seit der barbarischen Ermordung des Kapitän Spreat keinen Pardon mehr. Blutige Gefechte fanden statt, von denen einige zwölf Stunden dauerten, ohne daß die Maoris vor den europäischen Kanonen zurückwichen. Der wilde Stamm der Waikatos unter, dem Oberbefehl William Thompson's bildete den Kern ihrer Armee. Derselbe commandirte zuerst etwa zweitausendfünfhundert Krieger, ihre Zahl stieg indeß bald auf achttausend. Die Unterthanen Shongi's und Heki's, zweier gefährlicher Häuptlinge, kamen ihm zu Hilfe. Selbst die Frauen theilten die Anstrengungen und Mühen dieses heiligen Krieges. Aber das gute Recht führt nicht immer glückliche Waffen. Nach blutigen Kämpfen gelang es dem General Caméron, den Waikato-District zu unterwerfen, der allerdings leer und entvölkert war, denn die Maoris zogen sich daraus eiligst zurück. Es gäbe da bewunderungswürdige Kriegsthaten aufzuzählen. Vierhundert Maoris, eingeschlossen in die Feste von Orakan, wurden von tausend Engländern unter dem Befehle des Brigadegenerals Carey belagert. Obwohl ohne Lebensmittel und ohne Wasser, verweigerten sie es dennoch, sich zu ergeben. Und eines Tages um die Mittagsstunde bahnten sie sich einen blutigen Weg durch das vierzigste Regiment, das sie fast decimirten, und retteten sich in die Moräste. – Aber hat die Unterwerfung des Waikato-Districtes diesen blutigen Krieg beendet? frug John Mangles. – Nein, mein Freund, erwiderte Paganel. Die Engländer entschlossen sich, die Provinz Taranaki anzugreifen und Mateitawa, die Festung William Thompsons, zu belagern. Aber sie werden sich ihrer ohne bedeutende Verluste nicht bemächtigen. Zur Zeit, wo ich Paris verließ, hatte ich erfahren, daß der Gouverneur im Einverständniß mit dem General die Unterwerfung der Stämme von Taranga acceptirt hatte, und ihnen drei Viertel ihrer Ländereien ließ. Man sagte zwar, daß der Haupträdelsführer, William Thompson, sich zu ergeben gedenke; aber die Journale von Australien haben diese Nachricht nicht bestätigt, – im Gegentheil. Es ist also wahrscheinlich, daß in diesem Augenblicke der Widerstand mit neuen Kräften organisirt wird. – Und Ihrer Meinung nach, sprach Glenarvan zu Paganel, wären die Provinzen von Taranaki und Auckland der künftige Kriegsschauplatz. – Ich denke es. – Also dasselbe Gebiet, in welches uns der Schiffbruch des Macquarie verschlagen hat. – Dasselbe. Wir sind einige Meilen oberhalb Kawhia gelandet, wo noch jetzt die Fahne der Maoris wehen muß. – Dann werden wir gut thun, uns nach Norden zu wenden, sagte Glenarvan. – Gewiß, gewiß, erwiderte Paganel. Die Neu-Seeländer sind gegen die Europäer eingenommen, und ganz besonders gegen die Engländer. Wir müssen daher Alles aufbieten, um nicht in ihre Hände zu fallen. – Vielleicht treffen wir unterwegs auf ein Detachement europäischer Truppen, sagte Lady Helena. Das würde ein großes Glück für uns sein. – Vielleicht, Madame, antwortete der Geograph, aber ich erhoffe es nicht. Die isolirten Detachements durchstreifen nicht gern eine Landstrecke, in der hinter jedem Gebüsch ein Eingeborener lauert. Ich rechne also nicht auf eine Escorte der Soldaten vom vierzigsten Regiment. Aber an der Westküste, welcher wir folgen werden, giebt es einige Missionsstationen, die wir auf unserem Marsch nach Auckland als Haltepunkte betrachten können. Ich denke sogar daran, dieselbe Route einzuschlagen, welche Herr von Hochstetter den Waikatofluß entlang gewählt hat. – War das ein Reisender, Herr Paganel? frug Robert Grant. – Ja, mein Sohn, ein Mitglied der wissenschaftlichen Commission, welche an Bord der österreichischen Fregatte «Novara» im Jahre 1858 die Reise um die Welt machte. – Herr Paganel, sagte Robert, dessen Augen bei dem Gedanken an so große Expeditionen aufleuchteten, hat auch Neu-Seeland so berühmte Reisende, wie Australien an Burke und Stuart aufzuweisen? – Einige, mein Kind, wie den Doctor Hooker, Professor Brizard, die Naturforscher Dieffenbach und Julius Haast, doch sind sie, trotzdem einige derselben ihre abenteuerliche Leidenschaft mit dem Leben bezahlten, nicht so berühmt geworden als die Reisenden in Australien und Afrika. – Und Sie kennen ihre Geschichte? fragte der junge Grant. – Das will ich meinen, mein Sohn, und da ich sehe, daß Du brennst, davon eben so viel zu wissen als ich, so werde ich sie Dir erzählen. – Schönen Dank, Herr Paganel, ich höre zu. – Und wir natürlich auch, sagte Lady Helena. Es ist nicht das erste Mal, daß das schlechte Wetter uns geradezu gezwungen hat, uns weiter zu unterrichten. Also sprechen Sie zu Allen, Herr Paganel. – Zu Ihrem Befehl, Madame, erwiderte der Geograph, doch wird mein Bericht nur kurz sein, denn er behandelt nicht jene kühnen Entdecker, welche Mann gegen Mann den australischen Minotaur bekämpften. Neu-Seeland ist ein zu wenig ausgedehntes Land, um sich der Erforschung durch den Menschen lange entziehen zu können. Dazu sind meine Helden auch nicht Entdeckungsreisende im engeren Sinne, sondern einfache Touristen, welche sehr alltäglichen Zufällen zum Opfer fielen. – Und deren Namen? fragte Mary Grant. – Da ist der Geometer Witcombe, und Charlton Howitt, derselbe, welcher bei der bemerkenswerten Expedition, von der ich Ihnen während unseres Aufenthaltes am Wimerra erzählte, die Ueberreste Burkes' auffand. Witcombe und Howitt führten Jeder zwei Expeditionen durch die Insel Tawai-Pounamou an. Beide gingen in den ersten Monaten des Jahres 1863 von Christchurch aus ab, um verschiedene Pässe über die nördlichen Bergketten der Provinz Canterbury aufzufinden. Howitt erreichte jene an der Westgrenze der Provinz und schlug sein Hauptquartier am Brunner-See auf. Witcombe dagegen fand am Rakaia-Thale eine Übergangsstelle, welche bis an die Ostseite des Mount Tyndall führte. Er hatte auch einen Reisegefährten, Jacob Louper, welcher später in der »Littleton-Times« einen Bericht über diese Fahrt und ihr trauriges Ende abstattete. Soweit ich mich erinnere, befanden sich die Reisenden am 22. April 1863 am Fuße eines Gletschers, von dem der Rakaia entspringt. Sie erstiegen seinen Gipfel, um weitere Uebergänge auszuspähen. Den folgenden Tag lagerten Witcombe und Louper, von Ermüdung und Frost erschöpft, auf tiefem Schnee, viertausend Fuß über dem Meere. Sieben volle Tage irrten sie dann in den Bergen und in Thälern, deren senkrechte Wände keinen Ausweg boten, umher, oft ohne Feuer, manchmal ohne Nahrung, denn ihr Zucker war zu Syrup geworden, ihr Schiffszwieback zu feuchtem Teige, ihre Kleidung und Decken trieften von Regen; sie selbst, verzehrt von Insecten, machten bei großen Tagemärschen an drei Meilen, bei kleinen legten sie kaum zweihundert Yards zurück. Am 29. April trafen sie endlich auf eine Maorihütte und in einem Garten auf einige Kartoffeln. Es war das die letzte gemeinschaftliche Mahlzeit der beiden Freunde. An jenem Abend erreichten sie, nahe der Mündung des Taramakau, das Meer. Um nach dem nördlich gelegenen Flusse Grey zu gelangen, mußten sie der Küste rechtshin folgen. Der Taramakau war tief und breit. Louper fand nach stundenlangem Suchen zwei sehr beschädigte kleine Canots, die er nach Kräften ausbesserte und an einander band. Gegen Abend bestiegen sie die beiden Reisenden. Doch kaum in der Hälfte der Strömung angelangt, schöpften jene Wasser. Witcombe sprang heraus und schwamm an das linke Ufer zurück. Jacob Louper, der des Schwimmens unkundig war, klammerte sich an die Boote. Dadurch wurde er, wenn auch auf Umwegen, gerettet. Der Unglückliche wurde gegen die Klippen getrieben; eine Welle begrub ihn unter dem Wasser, die andere hob ihn wieder empor, wobei er noch dazu gegen das Gestein geschleudert wurde. Eine tief dunkle Nacht brach herein; der Regen floß in Strömen. So wurde Louper mit blutigem Leibe mehrere Stunden lang hin und her geworfen. Endlich stieß das Boot gegen das Land, und der schon der Empfindung beraubte Schiffbrüchige wurde auf das Ufer geschleudert. Mit Tagesanbruch schleppte er sich nach einer Quelle und überzeugte sich, daß die Strömung ihn etwa eine Meile von der Stelle, wo er hatte übersetzen wollen, verschlagen hatte. Er erhob sich, folgte der Küste und fand bald den unglücklichen Witcombe, dessen Kopf und Rumpf halb im Schlamme staken. Dieser war todt. Louper höhlte mit den Händen ein Grab im Ufersande aus und beerdigte seinen Gefährten. Zwei Tage nachher wurde er, halb todt vor Hunger, von einigen gastfreundlichen Maoris – denn es giebt auch Solche – aufgenommen, und am 4. Mai erreichte er den Brunner-See und das Lager Charlton Howitt's, der sechs Wochen später, ähnlich wie Witcombe, den Tod finden sollte. – Ja, sagte John Mangles, es scheint, als ob solche Katastrophen unter einander verkettet wären daß ein Schicksalsband Reisende unter einander verbindet, und daß sie Alle untergehen, wenn dieses Band zerreißt. – Sie haben Recht, Freund John, entgegnete Paganel, auch ich habe nicht selten diese Beobachtung gemacht. Nach welchem Gesetze der Solidarität Howitt fast unter denselben Verhältnissen unterging, kann man freilich nicht sagen. Charlton Howitt war von Wyde, dem Chef der Arbeiten des Gouvernements, beauftragt worden, einen für Pferde gangbaren Weg von den Ebenen des Hurunui bis zur Mündung des Taramakau ausfindig zu machen. Von fünf Mann begleitet, reiste er am 1. Januar 1863 ab. Mit einsichtsvollem Eifer unterzog er sich seiner Aufgabe, und so wurde bald ein vierzig Meilen langer Weg bis an eine zunächst unüberschreitbare Stelle am Taramakau hergerichtet. Howitt kehrte nach Christchurch zurück, wünschte aber trotz des herannahenden Winters seine Arbeiten fortzusetzen. Wyde stimmte dem zu. Howitt kehrte behufs der Verproviantirung seines Lagers zurück, in der Absicht, die ungünstige Jahreszeit dort zuzubringen. Um eben diese Zeit nahm er Jakob Louper wieder auf. Am 27. Juni verließ Howitt mit zweien seiner Leute, Robert Little und Henry Mullis, das Lager. Sie wollten über den Brunner-See setzen und wurden seitdem nicht wieder gesehen; nur ihr zerbrechliches, und wenig über das Wasser reichendes Canot fand sich später umgestürzt am Seeufer. Neun Wochen lang suchte man vergeblich; offenbar waren die Unglücklichen, welche nicht schwimmen konnten, im See ertrunken. – Warum könnten sie sich aber nicht heil und gesund bei irgend einem seeländischen Stamme befinden? warf Lady Helena ein. Mindestens darf man an ihrem Tode einigen Zweifel hegen. – O nein, Madame, erwiderte Paganel, denn sie sind im August 1864, also über ein Jahr nach der Katastrophe, auch noch nicht wieder aufgetaucht, und wer ein Jahr lang, ohne zum Vorschein zu kommen, in diesem Neu-Seeland ist, murmelte er heimlich weiter, der ist unwiderruflich verloren!«   Neuntes Capitel. Dreißig Meilen nördlich. Am 7. Februar, Morgens um sechs Uhr, gab Glenarvan das Zeichen zur Abreise. Während der Nacht hatte der Regen aufgehört. Das von kleinen graulichen Wolken halbbedeckte Himmelsgewölbe hielt die Sonnenstrahlen drei Meilen über dem Erdboden zurück. Die mäßige Temperatur gestattete es, sich den Beschwerden einer Reise am Tage auszusetzen. Nach der Karte hatte Paganel die Entfernung von Cahua nach Auckland auf achtzig Meilen bestimmt, welche also, bei zehn Meilen täglich, eine Reise von acht Tagen beanspruchte. Anstatt indeß dem buchtenreichen Meeresufer zu folgen, schien es ihm vortheilhafter, den dreißig Meilen entfernten Zusammenfluß des Waikato und des Waipa, nahe dem Dorfe Ngarnavahia, zu erreichen. Dort findet sich die »Overland mail track« , eine für Wagen passirbare Straße, um sie nicht einen Fußpfad zu nennen, welche einen großen Theil der Insel von Napier an der Hawkes-Bai bis nach Auckland durchschneidet. Von dort müßte man leicht nach Drury gelangen, wo man in einem ausgezeichneten, von dem Naturforscher Hochstetter ganz besonders empfohlenen, Hotel ausruhen konnte. Die Reisenden, deren Jeder seinen Bedarf an Lebensmitteln trug, umzogen also die Ufer der Aotea-Bai. Aus Klugheit entfernten sie sich nicht von einander, und aus Instinct überwachten sie mit geladenen Carabinern die welligen Ebenen nach Osten. Paganel fand, mit seiner ausgezeichneten Karte in der Hand, eine wahrhafte Künstlerfreude darin, die Genauigkeit ihrer geringsten Details zu bestätigen. Einen Theil des Tages über durchzog die kleine Gesellschaft Strecken von Sand, der aus den Trümmern zweimaliger Muscheln, weißem Fischbein und aus einer Mengung von Eisenoxyd und Oxydul zusammengesetzt war. Ein dem Erdboden genäherter Magnet bedeckte sich sofort mit prächtigen Krystallen. An dem von der steigenden Fluth bespülten Ufer tummelten sich sorglos verschiedene Meeresbewohner. Die Robben mit ihren runden Köpfen, ihrer breiten, zurücktretenden Stirn und den ausdrucksvollen Augen boten einen friedlichen, fast angenehmen Anblick. So begreift man erst, wie die Fabel, welche diese merkwürdigen Seegeschöpfe in ihrer Art idealisirte, daraus bezaubernde Sirenen machen konnte, obgleich ihre Stimme nur in einem sehr unharmonischen Gurren besteht. Diese an den Küsten Neu-Seelands sehr zahlreich auftretenden Thiere sind sowohl ihres Thranes, als auch ihres Felles wegen der Gegenstand eines sehr lebhaften Handels. Zwischen ihnen machten sich noch drei bis vier See-Elephanten bemerklich, welche bläulich-grau aussahen und eine Länge von fünfundzwanzig bis dreißig Fuß hatten. Diese enormen Amphibien, welche sich träge auf einem dicken Bette riesiger Laminarien streckten, erhoben ihren Rüssel und bewegten grimassenartig die rauhen Borsten ihrer langen und gewundenen Kinnladen, wahre Pfropfenzieher und gedrechselt, wie der Schnurrbart eines Stutzers. Robert vergnügte sich damit, diese interessante Welt zu beobachten, als er plötzlich ganz erstaunt ausrief: »Da! Diese Robben fressen Kieselsteine!« Und wirklich verschlangen mehrere dieser Thiere die Ufersteine mit wahrer Gier. »Wahrhaftig! Die Thatsache steht fest! bestätigte Paganel. Es ist nicht zu leugnen, daß jene Geschöpfe den steinigen Strand abweiden. – Eine sonderbare Nahrung, sagte Robert, und gewiß schwer verdaulich! – Nicht um sich zu nähren, mein Sohn, sondern nur um sich schwerer zu machen, verschlingen diese Amphibien die Steine. Es dient ihnen das als Mittel, ihr specifisches Gewicht zu erhöhen und dadurch leichter tauchen zu können. Kommen sie wieder auf das Land zurück, so geben sie dieselben auch ohne große Umstände wieder von sich. Jene da wirst Du bald in den Wellen verschwinden sehen.« . Bald kroch denn auch etwa ein halbes Dutzend genügend beschwerter Robben schwerfällig nach dem Ufer und tauchte unter das flüssige Element. Glenarvan mochte aber die kostbare Zeit nicht damit verlieren, ihre Rückkehr abzuwarten, um die Wiederentlastung zu beobachten, und so wurde zu Paganel's großem Leidwesen der unterbrochene Marsch wieder ausgenommen. Um zehn Uhr rastete man des Frühstücks wegen an großen Basaltblöcken, welche wie Felsengräber der Celten den Meeresstrand umstanden. Eine Austernbank lieferte eine große Menge dieser Schalthiere. Diese Austern waren klein und nicht besonders schmackhaft. Auf Paganel's Rath aber briet sie Olbinett über glühenden Kohlen, und so zubereitet folgte ein Dutzend dem andern während der ganzen Dauer der Mahlzeit. Dann ging es wieder längs der Ufer der Bai vorwärts. Auf die ausgezackten Felsen des steilen Gestades hatte sich die ganze Sippschaft der Seevögel geflüchtet: Fregatt- und Spottvögel, Seemöven und riesige Albatrosse, welche unbeweglich auf den höchsten Spitzen saßen. Um vier Uhr Nachmittags waren ohne Anstrengung oder Ermüdung zehn Meilen zurückgelegt. Die Damen wollten den Weg bis zum Eintritt der Nacht fortsetzen. Jetzt mußte auch eine andere Richtung eingeschlagen werden; man mußte sich, unter Umgehung einiger Berge, welche im Norden sichtbar wurden, in das Waipa-Thal begeben. Weithin zeigten sich sehr ausgedehnte Prairien, die sich am Horizonte verloren und einen bequemen Weg versprachen. Die Reisenden sahen sich aber, als sie den Rand dieser grünen Flächen erreichten, gewaltig enttäuscht. Die Weideplätze zeigten sich als Gebüschgruppen mit kleinen weißen Blüthen, untermischt mit jenen hohen, unzähligen Farrnkräutern, welche den Boden Neu-Seelands ganz besonders lieben. Mit der Axt mußte der Weg durch diese holzigen Stengel gebrochen werden, was natürlich sehr aufhielt. Um acht Uhr Abends waren indeß die ersten Gipfel der Hakarihoata-Ranges umwandelt und das Lager wurde unverzüglich aufgeschlagen. Nach einer Wanderung von vierzehn Meilen durfte man wohl an die Ruhe denken. In Ermangelung eines Wagens oder Zeltes legte sich Jeder nach Belieben am Fuße prächtiger Norfolktannen zum Schlafen nieder. Decken fehlten nicht und mußten dazu dienen, Betten zu improvisiren. Für die Nacht ergriff Glenarvan die strengsten Vorsichtsmaßregeln. Wohl bewaffnet sollten seine Begleiter und er zu je Zweien bis Tagesanbruch Wache halten. Ein Feuer wurde nicht angezündet. Diese Flammenwände sind gegen reißende Thiere von Nutzen, aber Neu-Seeland hat weder Tiger, Löwen, noch Bären; doch muß man gestehen, daß die Neu-Seeländer selbst diese genügend ersetzen. Ein Feuer hätte also nur dazu gedient, diese zweibeinigen Jaguare herbeizulocken. Kurz, die Nacht verlief ganz gut, bis auf die unangenehmen Stiche einiger Sandflöhe, welche in der Ursprache »Ngamu« heißen, und die Angriffe einer kecken Rattenfamilie, welche die Proviantsäcke mit eifrigen Zähnen benagte. Am anderen Tage, dem 8. Februar, erwachte Paganel weit vertrauensvoller und fast ausgesöhnt mit diesem Lande. Die Maoris, welche er vor Allem scheute, waren weder erschienen, noch hatten jene wilden Cannibalen seine Träume belästigt. Er bezeugte gegen Glenarvan seine volle Befriedigung darüber. »Ich hoffe doch, sagte er, daß diese kleine Promenade ohne Unfall endigen soll. Diesen Abend noch werden wir die Vereinigung des Waipa und Waikato erreicht haben, und über diesen Punkt hinaus ist auf dem Wege nach Auckland ein feindlicher Zusammenstoß mit Eingeborenen kaum zu fürchten. – Wie weit haben wir. fragte Glenarvan, bis zum Zusammenflusse des Waipa und Waikato? – Fünfzehn Meilen, also ungefähr eine Strecke, wie wir sie gestern zurückgelegt haben. – Wir dürften aber sehr aufgehalten werden, wenn diese endlosen Gebüsche die Pfade sperren. – Nein, entgegnete Paganel, wir folgen nun den Ufern des Waipa; dort sind keine Hindernisse weiter, sondern im Gegentheil, ein bequemer Weg. – Nun, wohlauf denn!« rief Glenarvan, der auch die Damen schon zum Aufbruche fertig sah. Noch während der ersten Stunden verzögerten die Gebüsche sehr das Fortkommen. Weder Wagen noch Pferde waren hier zu gebrauchen gewesen. Ihr australisches Gefährt bedauerten die Reisenden also nur wenig. Bis zu dem Tage, da einst Fahrstraßen durch diese Pflanzenwüsten geschnitten sein werden, ist Neu-Seeland nur für einzelne Fußgänger zu bereisen. Die Farrn, die hier in zahllosen Arten vertreten sind, wetteifern mit den Maoris bei der Verteidigung des heimatlichen Bodens. Die kleine Gesellschaft hatte also bei Ueberschreitung der Ebenen, in welche die Hügel des Hakarihoata auslaufen, mit tausenderlei Schwierigkeiten zu kämpfen. Vormittags noch erreichte sie aber die Ufer des Waipa, an denen sie ohne Mühe nordwärts hinaufziehen konnte. Es war ein prächtiges Thal, von kleinen Creeks mit frischem, klaren Wasser durchschnitten, welche munter unter den Sträuchern plätscherten. Nach des Botanikers Hooker Angaben sind auf Neu-Seeland bis jetzt zweitausend Pflanzenspecies beobachtet, von denen fünfhundert ihm eigentümlich sind. Blumen sind dort selten, und es herrscht fast Mangel an einjährigen Gewachsen, gegenüber einem Ueberflusse an Farrnarten, Gräsern und Umbelliferen. Da und dort erheben sich einige Bäume über das düstere Grün der ersteren Pflanzen, »Metrosideros« mit scharlachrothen Blüthen, Norfolktannen, Thujas mit senkrecht bei einander stehenden Aesten, und eine Cypressenart, der »Rimu«, von ebenso traurigem Aeußeren, wie ihre europäischen Verwandten. Alle diese Stämme sind von zahlreichen Farrnarten eingeschlossen. Zwischen den Aesten der hohen Bäume und auf dem Gesträuch sprangen und spielten einige Kakadus umher; der grüne »Kakariki« mit einer rothen Binde unter der Kehle; der mit einer Art schönem schwarzen Backenbart gezierte »Taupo«, und ein Enten-großer Papagei mit rothem Gefieder und glänzender Unterseite der Flügel, den die Naturforscher »Nestor meridionalis« genannt haben. Der Major und Robert konnten, ohne sich von ihren Gefährten zu entfernen, einige Becassinen und Rebhühner schießen, die unter dem Hochwald der Ruhe pflegten. Olbinett rupfte diese, um Zeit zu ersparen, gleich im Gehen. Paganel seinerseits, der minder empfänglich für den Nährwerth des Wildes war, hätte sich gern einiger Neu-Seeland eigenthümlicher Vögel bemächtigt. Die Wißbegier des Naturforschers besiegte in ihm den Appetit des Reisenden. Sein Gedächtniß rief ihm, wenn es nicht trog, die fremdartige Gestalt des »Tui« der Eingeborenen zurück, der auch bald der »Spottvogel«, wegen seines unausgesetzten Lachens, genannt wird, bald auch der »Pfarrherr«, weil er einen weißen Kragen auf seinem schwarzen Gefieder, wie eine Soutane trägt. »Dieser Vogel, sagte Paganel zu dem Major, wird während des Winters so fett, daß er dadurch erkrankt. Er kann dann nicht mehr fliegen und zerhackt die Brust mit seinem Schnabel, um sich von dem Fette zu befreien und zu erleichtern. Erscheint das nicht eigentümlich, Mac Nabbs? – So eigenthümlich, erwiderte der Major, daß ich nicht ein Wort davon glaube.« Zu seinem großen Bedauern konnte sich Paganel keines einzigen Exemplars dieser Vögel bemächtigen, um dem Major die blutigen Stellen ihrer Brust zu zeigen. Aber er war glücklicher mit einem eigentümlichen Thiere, welches, um den Verfolgungen von Menschen, Hunden und Katzen zu entgehen, sich in unbewohnte Gegenden geflüchtet hat, und in kurzer Zeit aus der neu-seeländischen Thierwelt verschwinden wird. Robert, der beständig wie ein Wiesel umhersuchte, entdeckte in einem aus verschlungenen Wurzeln bereiteten Neste ein Paar Hühner ohne Flügel und ohne Schwanz, mit vier Zehen an den Füßen, einem langen Schnepfenschnabel und weißem Gefieder am ganzen Körper. Eigenthümliche Thiere, welche den Uebergang der Eierleger zu den Säugethieren anzudeuten schienen. Es war der seeländische »Kiwi«, der » Apterix australis « der Naturforscher, welcher sich von Larven, Insecten, Würmern und Sämereien gleich gern ernährt. Dieser Vogel bildet eine Specialität des Landes. Nur mit Mühe hat man ihn in die zoologischen Gärten von Europa einführen können. Seine halb angedeuteten Formen, seine komischen Bewegungen, haben stets die Aufmerksamkeit der Reisenden auf sich gezogen und während der großen Entdeckungsreise Dumont d'Urville's war derselbe von der Akademie der Wissenschaften besonders beauftragt, ein Exemplar dieser seltenen Vögel mitzubringen. Aber ungeachtet der Belohnungen, welche den Eingeborenen versprochen wurden, konnte er sich keinen lebenden »Kiwi« verschaffen. Paganel, ganz glücklich über den unerwarteten Fund, band die beiden Hühner zusammen, und nahm sie stolz als Beute in der Absicht mit, dem botanischen Garten in Paris damit ein Geschenk zu machen. »Geschenk von M. Jacques Paganel« – diese verführerische Überschrift las er schon auf dem prächtigsten Käfige des Gartens, der muthige Geograph. Indeß stieg die kleine Gesellschaft mühelos an den Ufern des Waipa hin bergab. Die Gegend war öde, keine Spur von Eingeborenen, kein Pfad, der die Gegenwart eines Menschen in diesen Ebenen verrathen hätte. Der Fluß glitt zwischen hohem Strauchwerk dahin, seine Wellen traten auch hier und dort über die flachen Ufer. – An solchen Stellen konnte man weithin bis zu den kleinen Bergen sehen, die das Thal im Osten abschlossen. Mit ihren eigenthümlichen Formen, ihrem Profil, das tief in täuschenden Nebeln verhüllt war, glichen sie gigantischen Thieren aus der vorsündfluthlichen Zeit. Man hätte sie eine Masse mächtiger Cetaceen nennen können, die ganz plötzlich versteinert waren. Ein vorwiegend vulkanischer Charakter war diesen aufeinander gethürmten Massen eigen. Neu-Seeland ist in der That nichts Anderes, als das frische Werk der unterirdisch schaffenden Natur. Immer mehr und mehr davon taucht aus den Fluthen auf; gewisse Punkte hatten sich seit zwanzig Jahren fast um sechs Lachter erhöht. Das Feuer strömt immer noch durch seine Eingeweide, die es in krampfhafte Zuckungen versetzt, und bricht an vielen Stellen aus Erdspalten und den Kratern der Vulkane hervor. Um vier Uhr Nachmittags hatte man neun Meilen in fröhlicher Stimmung zurückgelegt. Nach der Karte, welche Paganel beständig als Führer diente, sollte sich der Zusammenfluß des Waipa und Waikato in einer Entfernung von etwa fünf Meilen befinden. Dort verlief die Straße nach Auckland, dort sollte während der Nacht Rast gehalten werden. Zwei oder drei Tage waren dann genügend, die fünfzig Meilen bis zur Hauptstadt zurückzulegen, und acht Stunden höchstens, wenn Glenarvan dem Postwagen begegnete, welcher zwei Mal im Monate die Tour Zwischen Auckland und der Hawkes-Bucht macht »Also, sagte Glenarvan, die nächste Nacht werden wir schon noch unter freiem Himmel zubringen müssen. – Ja, erwiderte Paganel, aber ich hoffe, es wird die letzte sein. – Um so besser, denn für Lady Helena und Grant ist das eine harte Prüfung. – O, sie bestehen dieselbe, ohne sich zu beklagen, fügte John Mangles hinzu. Aber, wenn ich mich nicht täusche, Herr Paganel, sprachen Sie von einem Dorfe, das am Zusammenflüsse der beiden Ströme liegen sollte. – Ja, entgegnete der Geograph, hier auf Johnson's Karte ist es angegeben, es heißt Ngarnavahia und liegt etwa zwei Meilen unterhalb jener Stelle. – Nun, könnte man dort nicht die Nacht zubringen? Lady Helena und Miß Grant würden gewiß gern noch zwei Meilen machen, um ein einigermaßen behagliches Hotel zu finden. – Ein Hotel! rief Paganel aus, ein Hotel in einem Maori-Dorfe! Nicht einmal eine Herberge oder Hütte! Dieses ganze Dorf besteht allein aus Zelten der Eingeborenen, und weit entfernt davon, dort ein Asyl zu suchen, glaube ich, daß wir allen Grund haben, es zu vermeiden. – Immer Ihre Besorgnisse, Paganel! sagte Glenarvan. – Mein lieber Lord, den Maoris gegenüber ist Mißtrauen besser am Platze, als Vertrauen. Ich weiß nicht, auf welchem Fuße sie mit den Engländern stehen, ob der Aufstand unterdrückt ist oder nicht, oder ob wir mitten auf den Kriegsschauplatz gerathen. Also, Bescheidenheit bei Seite, Leute wie mir würden ein guter Fang sein, und darum möchte ich die neu-seeländische Gastfreundschaft ohne Noth nicht gern in Anspruch nehmen. Ich halte es für klug, dieses Dorf sorgfältig zu vermeiden, und überhaupt jedes Zusammentreffen mit den Eingeborenen zu fliehen. Sind wir einmal in Drury, so ist unsere Lage wie vordem; dort werden unsere tapferen Damen sich von den Anstrengungen der Reise vollkommen erholen können.« Die Ansicht des Geographen war maßgebend. Lady Helena zog es vor, noch eine Nacht unter freiem Himmel zuzubringen und ihretwegen ihre Gefährten keiner Gefahr auszusetzen. Weder Mary Grant noch sie selbst verlangten Halt zu machen, und so setzte man den Marsch am Ufer fort. Zwei Stunden später begannen von den Bergen her sich die ersten nächtlichen Schatten auszubreiten. Die Sonne hatte vor ihrem Untergange noch eine plötzliche Theilung der Wolken benutzt, um die letzten Strahlen hindurchglänzen zu lassen. Die entfernten Hügel im Osten färbten sich im röthlichen Schimmer des enteilenden Tages, wie ein flüchtiger Scheidegruß an die Reisenden. Glenarvan und die Seinigen beschleunigten ihre Schritte. Sie kannten die Kürze der Abenddämmerung unter diesen niederen Breitengraden, und wußten, wie urplötzlich die Nacht hereinbricht. Es handelte sich darum, die Stelle, wo die beiden Ströme sich vereinigen, vor Einbruch der Finsterniß zu erreichen. Aber ein dichter Nebel zog über die ganze Gegend dahin und machte die genaue Beobachtung der einzuhaltenden Richtung sehr schwierig. Glücklicherweise wurde das Gesicht durch das Gehör ersetzt, denn das erstere war in der Finsterniß werthlos. Bald zeigte ein deutliches, mächtigeres Rauschen der Wellen die Vereinigung beider Ströme in einem Bette an. Um acht Uhr gelangte die kleine Gesellschaft endlich an jene Stelle, wo der Waipa sich in den Waikato ergießt. »Da ist der Waikato, rief Paganel, an dessen rechtem Ufer sich die Straße nach Auckland hinzieht. – Wir werden ihn morgen sehen, erwiderte der Major. Hier wollen wir unser Nachtlager aufschlagen. Es scheint mir, daß jene dunkleren Schattenrisse die einer Baumgruppe sind, welche uns gastlich aufnehmen soll. Nun zum Abendbrod und dann zur Ruhe! – Zum Abendbrod! sagte Paganel, aber nur Bisquit und trockenes Fleisch, ohne ein Feuer anzuzünden! Wir sind ungekannt und ungesehen hierher gekommen, wir wollen versuchen uns ebenso zu entfernen. Glücklicherweise macht uns dieser Nebel unsichtbar.« Die Baumgruppe war erreicht, und ein Jeder ordnete sich den strengen Vorschriften des Geographen unter. Das kalte Nachtmahl wurde schweigend verzehrt, und bald bemächtigte sich ein tiefer Schlaf der Reisenden, welche durch einen Fußmarsch von fünfzehn Meilen stark ermüdet waren. Zehntes Capitel. Der Strom. Bei Anbruch des folgenden Morgens breitete sich ein ziemlich dichter Nebel wie eine schwere Decke über dem Flusse aus. Ein Theil der Dünste, welche die Luft sättigten, hatte sich in Folge der frischen Kühle verdichtet und bedeckte mit einer schweren Wolke die Oberfläche des Wassers. Aber bald durchbrachen die Sonnenstrahlen diese Bläschenmassen, welche unter ihrem Glanze zerstoben. Die Ufer traten aus dem Nebel frei hervor, und der Lauf des Waikato erschien in der ganzen Pracht der Morgenbeleuchtung. Eine spitz zulaufende Landzunge, mit Strauchwerk bedeckt, verlor sich an dem Vereinigungspunkte der beiden Ströme. Die schneller dahinrollenden Fluthen des Waipa drängten die des Waikato eine Viertelmeile zurück, ehe sie sich mit ihnen vermischten, dann aber schmiegte sich der mächtige Strom ruhig den eindämmenden Ufern an und führte den Waikato in friedlichem Laufe der Mündung am Stillen Ocean entgegen. Als die Dünste höher stiegen, zeigte sich ein Boot, das den Waikato stromaufwärts fuhr. Es war ein Canot, etwa siebenzig Fuß lang, fünf breit und drei Fuß tief; sein Vordertheil erhob sich wie das einer venetianischen Gondel. Das Ganze war aus dem Stamme einer Tanne gezimmert. Ein Lager aus trockenem Farrnkraut war in demselben bereitet. Acht Ruderer ließen es über die Wasserfläche dahinschießen, während es im Hintertheil ein Mann mittelst eines beweglichen Steuerruders lenkte. Es war das ein Eingeborener von hohem Wuchs, etwa fünfundvierzig Jahre alt, mit breiter Brust und muskulösen Gliedern. Seine Stirn war gewölbt und schon mit dichten Falten bedeckt; sein wilder Blick, seine düstere Physiognomie ließen ihn als eine furchteinflößende Persönlichkeit erkennen. Ohne Zweifel war es ein Chef der Maoris von hohem Range, denn seine Tättowirung war sein ausgearbeitet, wodurch sein Körper und sein Gesicht ein zebraartig gestecktes Aussehen erhielt. Von den Flügeln seiner Adlernase aufwärts umzogen zwei schwarze, runde Ringe seine gelben Augen und vereinigten sich auf der Stirn, von der aus sie sich in dem üppigen Haarwuchs verloren. Das Kinn und der Mund mit seinen glänzenden Zähnen verschwanden unter regelmäßigen Zeichnungen, deren elegante Schweifungen sich bis auf die breite Brust hinabzogen. Diese Tättowirung, welche die Neu-Seeländer »Moko« nennen, ist eine hohe Auszeichnung, und nur der wird ihrer würdig erachtet, welcher in einigen Kämpfen sich durch besondere Tapferkeit hervorgethan hat. Die Sklaven, d. h. die niedere Volksklasse, können darauf niemals Anspruch machen. Die gefeierten Häuptlinge erkennen sich gegenseitig an der sorgfältigen Ausführung und Art der Zeichnungen, welche auf ihren Körpern oft Thierbilder darstellen. Einzelne unterziehen sich oft fünfmal der sehr schmerzvollen Operation des Moko. Dumont d'Urville hat bemerkenswerthe Einzelheiten über diesen Brauch gegeben und besonders hervorgehoben, daß der Moko jene Wappenschilder verträte, auf welche einzelne Familien in Europa so eitel sind. Der Unterschied besteht nur darin, daß diese dazu oft nur durch das Verdienst eines ihrer Ahnen berechtigt sind, während die Tättowirung bei den Neu-Seeländern immer nur den hohen persönlichen Muth des Trägers erkennen läßt und sich nicht vererbt. Dieselbe hat übrigens bei den Maoris, abgesehen von dieser Parallele, einen unbestreitbaren Nutzen dadurch, daß sie der Haut mehr Widerstandskraft gegen den Wechsel des Wetters verleiht und dieselbe gegen die vielen Mosquitostiche schützt. An der Seite des Mannes, der das Fahrzeug lenkte, lag ein englisches Gewehr und ein » Patou-patou «, eine Art doppelschneidiger Axt. etwa achtzehn Zoll lang und von smaragdener Farbe. In seiner Nähe saßen neun Krieger niedrigeren Ranges, von wildem Aussehen und wohl bewaffnet, deren einige noch an frischen Wunden litten und, in ihren Mantel von Phormium gehüllt, fast unbeweglich waren. Drei große, offenbar gefährliche Hunde hatten sich zu ihren Füßen ausgestreckt. Die acht Ruderer im Vordertheile schienen Sklaven oder Diener der Chefs zu sein; sie arbeiteten aus allen Kräften. In der Mitte des langen Bootes befanden sich zehn europäische Gefangene eng zusammengedrängt, mit gefesselten Füßen, aber freien Händen. Es waren Glenarvan und Lady Helena, Mary Grant, Robert, Paganel, der Major, John Mangles, der Steward und die beiden Matrosen. Sie hatten am Abend vorher, getäuscht durch den dichten Nebel, ihren Lagerplatz ganz in der Nähe einer zahlreichen Schaar Eingeborener gewählt. Mitten in der Nacht wurden sie im Schlafe überrumpelt, zu Gefangenen gemacht und an Bord des Fahrzeugs geschleppt. Man hatte sie bis jetzt nicht mißhandelt, da an eine Vertheidigung von vornherein nicht zu denken gewesen war. Ihre Waffen und Vorräthe befanden sich in den Händen der Wilden, bei dem geringsten Widerstande würden sie durch ihre eigenen Kugeln unfehlbar getödtet worden sein. Aus einigen englischen Worten, deren sich die Eingeborenen bedienten, konnten sie bald entnehmen, daß diese von den englischen Truppen zurückgeworfen und im Kampfe fast decimirt worden waren, weshalb sie den District des oberen Waikato wieder zu gewinnen suchten. Der maorische Häuptling wollte nach einem hartnäckigen Widerstande und nachdem seine besten Krieger von den Soldaten des vierzigsten Regiments niedergemetzelt worden waren, einen neuen Aufruf an die Stämme jenes Districtes erlassen, um durch sie verstärkt, sich mit dem unüberwindlichen William Thompson zu vereinigen, der immer noch gegen die Eroberer kämpfte. Der Name dieses Chefs war » Kai-Koumou «; die Eingeborenen verbanden damit einen verhängnißvollen Sinn, da er in ihrer Sprache einen Menschen bezeichnet, »der die Glieder seiner Feinde verzehrt«. Dieser Mann war in der That auch tapfer und kühn, aber seine Grausamkeit kam seinem Ansehen gleich. Mitleid war von ihm nicht zu erwarten, das wußten die englischen Soldaten wohl. Der Gouverneur hatte deshalb auch einen Preis auf seinen Kopf gesetzt. Lord Glenarvan war von diesem furchtbaren Schicksale in dem Augenblick ereilt worden, wo ihm der so sehr ersehnte Hafen von Auckland nahe war, von dem aus er nach Europa zurückkehren wollte. Der Anblick seines kalten und ruhigen Gesichtes würde gleichwohl seine furchtbaren Qualen nicht haben errathen lassen. Hier in dieser ernsten Lage mußte er sich über das Unglück erhaben zeigen, das fühlte er. Seiner Frau und seinen Gefährten mußte er als Gatte und Chef ein leuchtendes Beispiel sein; und so war er denn auch bereit, als der Erste für das gemeinschaftliche Wohl zu sterben, wenn die Umstände es erfordern sollten. Tief religiös, wollte er an der Gerechtigkeit Gottes nicht verzweifeln, schon in Rücksicht auf den hohen und heiligen Zweck seiner Expedition, auf der er überall von Gefahren umlagert gewesen war. Er bedauerte daher nicht einen Augenblick den edlen Drang, der ihn in diese wilden Gegenden geführt hatte. Seine Gefährten waren seiner würdig; sie theilten seine hohe Denkungsweise; man hätte bei ihrem ruhigen und stolzen Gesichtsausdruck nicht glauben sollen, daß sie einer so verhängnißvollen Katastrophe entgegen gingen. Uebrigens waren Alle nach dem Rathe Glenarvans darin übereingekommen, den Eingeborenen gegenüber den möglichsten Gleichmuth an den Tag zu legen. Das war das einzige Mittel, sich bei diesen wilden Naturen in Achtung zu setzen. Denn gerade diese, und besonders die Maoris, besitzen fast alle ein gewisses Gefühl der Würde, das sie niemals vergessen. Sie achten nur den, der ihnen durch sein kaltes Blut und seinen Muth imponirt. Glenarvan wußte, daß er durch dieses Verhalten seinen Genossen und sich selbst eine üble Behandlung ersparte. Seit dem Aufbruch aus dem Lager hatten die Wilden, schweigsam, wie sie von Natur sind, nur wenige Worte unter einander gewechselt. Aber aus diesen hatte Glenarvan entnommen, daß sie die englische Sprache verstanden. Er entschloß sich daher, den Chef zu fragen, welches Schicksal ihnen vorbehalten sei. Mit fester, furchtloser Stimme wandte er sich an Kai-Koumou : »Wo führst Du uns hin, Häuptling?« Dieser betrachtete ihn kalt, ohne zu antworten. »Was willst Du mit uns beginnen?« fügte Glenarvan hinzu. In den Augen Kai-Koumou's leuchtete ein Blitzstrahl, mit ernstem Tone erwiderte er nun: »Dich auswechseln, wenn die Deinigen es wollen; Dich tödten, wenn sie es verweigern.« Glenarvan frug nicht weiter, die Hoffnung kehrte ja in sein Herz zurück. Ohne Zweifel waren einige Chefs der Maoris in die Hände der Engländer gefallen, und die Eingeborenen wollten sie durch Austausch befreien. Das konnte ihr Heil sein; ihre Lage war wenigstens nicht verzweifelt. Das Boot flog inzwischen schnell stromaufwärts. Paganel, den sein leicht beweglicher Charakter gern aus einem Extrem in das andere fallen ließ, hatte seine volle Hoffnung wieder gewonnen. Er sagte sich, daß die Maoris ihnen die Mühe ersparten, sich selbst zu den englischen Posten zu begeben, was ja ein großer Zeitgewinn war. Mit seinem Schicksal ganz zufrieden, verfolgte er daher auf seiner ihm gebliebenen Karte den Lauf des Waikato quer durch die Ebenen und Thäler der Provinz. Lady Helena und Mary Grant unterdrückten ebenfalls gewaltsam ihre schrecklichen Besorgnisse und unterhielten sich leise mit Glenarvan. Auch der geübteste Physiognomiker würde in ihren Mienen nicht die Angst ihres Herzens erkannt haben. Der Waikato ist der Hauptstrom von Neu-Seeland. Die Maoris sind stolz darauf und eifersüchtig, wie die Deutschen auf den Rhein und die Slaven auf die Donau. Auf seinem zweihundert Meilen langen Laufe bewässert er die schönsten Gegenden der nördlichen Insel von der Provinz Wellington an bis nach Auckland hin. Nach ihm nennen sich alle an seinen Ufern wohnenden Stämme, welche unbezwinglich und unbezwungen sich in Masse gegen die fremden Eindringlinge erhoben haben. Seine Fluthen sind noch von sehr wenigen Reisenden befahren worden; die Canots der Eingeborenen allein durchschneiden sie nach allen Richtungen. Der Eintritt in den oberen Waikato-District scheint den Europäern verschlossen zu sein. Paganel kannte die große Verehrung der Eingeborenen für den Strom, der sich wie eine mächtige Ader durch das ganze Land hinzieht. Er wußte, daß die englischen und deutschen Naturforscher ihn weiter als bis zu seiner Vereinigung mit dem Waipa niemals kennen gelernt hatten. Wie weit würde Kai-Koumou wohl seine Gefangenen zu seinem Vergnügen fortführen? Er hätte es sicher nicht errathen können, wenn nicht das Wort » Taupo «, welches von dem Chef und seinen Kriegern häufig genannt wurde, seine Aufmerksamkeit erregt hätte. Er zog seine Karte zu Rathe und sah, daß ein in den Annalen der Geographie berühmter See diesen Namen hatte, welcher in dem gebirgigsten Theile der Insel ganz im Süden der Provinz Auckland liegt. Aus ihm bricht der Waikato hervor, nachdem er seine ganze Breite durchströmt hat, und setzt dann seinen Lauf ungefähr hundertundzwanzig Meilen weit fort. Um von den Wilden nicht verstanden zu werden, bat Paganel in französischer Sprache John Mangles, die Schnelligkeit des Canots zu schätzen. John war der Ansicht, daß sie etwa drei Meilen in der Stunde betrage. – »Dann, bemerkte der Geograph, wird unsere Reise bis zum See etwa vier Tage dauern, wenn wir während der Nacht Halt machen. – Aber wo mögen die englischen Posten stehen? frug Glenarvan. – Es ist schwer, das auch nur annähernd zu bestimmen, erwiderte Paganel. Der Kriegsschauplatz dehnt sich wohl bis in die Provinz von Taranaki aus, und aller Wahrscheinlichkeit nach sind die größten Truppenmassen in der Nähe des Sees zusammengezogen, dort hinter den Bergen, wo der eigentliche Heerd des Aufstandes sich befindet. – Wollt' es Gott!« sagte Lady Helena. Glenarvan warf einen trüben Blick auf seine junge Frau und auf Mary Grant, welche der Gnade dieser wilden Eingeborenen überlassen waren und ohne jede Aussicht auf menschliche Hilfe in eine unwirthbare Gegend geschleppt wurden. Aber er sah sich von Kai-Koumou beobachtet und drängte, da die Klugheit ihm verbot, ihn seine Gedanken errathen zu lassen, sie in das Herz zurück, während er fortfuhr, die Ufer des Flusses mit vollkommener Gleichgiltigkeit zu betrachten. Das Fahrzeug flog in der Entfernung einer halben Meile oberhalb des Zusammenflusses ohne Aufenthalt an der alten Residenz des Königs Potatau vorüber. Kein anderes Canot durchfurchte die Wellen des Stromes. Einige Hütten, welche in weiten Abständen an den Ufern des Flusses lagen, bezeugten durch ihre Verwüstung die Schrecken eines eben ausgebrochenen Krieges. Die angrenzenden Felder schienen verlassen, die Ufer des Flusses waren verödet. Einige Wasservögel belebten allein diese traurige Gegend. Bald entfloh der » Aapaxunga «, ein Sumpfvogel mit schwarzen Flügeln, weißem Bauche und rothem Schnabel, auf seinen langen Beinen. Bald betrachteten Reiher verschiedener Gattungen, der aschfarbige » Matuku «, eine Art Rohrdrommel mit stumpfsinniger Miene, oder der prächtige » Kotuku « mit weißem Gefieder, gelbem Schnabel und schwarzen Füßen, friedlich das vorübergleitende Boot der Eingeborenen. Wo die abschüssigen Uferränder auf eine gewisse Tiefe des Wassers schließen ließen, belauerte der Martinsvogel, der »Kotaré« der Maoris, die kleinen Flußaale, welche zu Millionen in den seeländischen Flüssen springen und zappeln. Da, wo das Strauchwerk am Ufer dichter war, machten stolze Wiedehopfe und Sultanhühner ihre Morgentoilette in den ersten Strahlen der Sonne. Diese ganze beflügelte Thierwelt erfreute sich der friedlichen Ruhe, welche ihr durch die Abwesenheit der Menschen, die der Krieg verscheucht oder decimirt hatte, gegönnt war. In diesem ersten Theile seines Laufes strömte der Waikato in breitem Bette mitten durch weite Ebenen dahin. Stromaufwärts verengten jedoch allmälig die Hügel und dann die Berge das Thal, das ihn einschloß. Kai-Koumou hielt sich nirgends auf. Er ließ den Gefangenen ihre eigenen Lebensmittel reichen, welche er auf dem Lagerplatze erbeutet hatte. Er selbst, seine Krieger und Sklaven begnügten sich mit der Landeskost, bestehend aus genießbaren Farrnkräutern, der » Pteris esculenta « der Naturforscher, aus gedämpften Wurzeln und »Kapanas«, Erdäpfeln, welche auf beiden Inseln in Menge angebaut werden. Animalische Kost gab es bei ihrem Mahle nicht, das trockene Fleisch der Gefangenen erschien ihnen geschmacklos. Um drei Uhr erhoben sich einzelne Berge auf dem rechten Ufer, die »Pokaroa-Ketten«, welche einem geschleiften Festungswerke glichen. Hier und da waren auf den Bergspitzen ruinenhafte »Pahs« sichtbar, frühere Verschanzungen, welche die Ingenieure der Maoris auf uneinnehmbaren Positionen erbaut hatten. Es waren wahrhafte große Adlernester. Die Sonne verschwand bereits am Horizonte, als das Canot auf eine mit Bimssteinen überschüttete Bank stieß, welche der Waikato bei seinem Austritt aus den vulkanischen Bergen in seinem Laufe mit sich führt. Einzelne Bäume, welche dort standen, schienen geeignet, einen ruhigen Halteplatz zu bieten. Kai-Koumou ließ seine Gefangenen ausschiffen; den Männern wurden die Hände gebunden, die Frauen blieben ganz frei; sie Alle wurden angewiesen, sich mitten auf dem Platze niederzulassen, rings um welchen brennende Kohlenpfannen eine nicht überschreitbare Feuergrenze bildeten. Bevor Kai-Koumou seinen Gefangenen die Absicht, sie auszuwechseln, mitgetheilt hatte, hatten Glenarvan und John Mangles die Mittel, ihre Freiheit wieder zu erlangen, ernstlich erwogen. Eine Flucht erschien von dem Fahrzeug aus unmöglich, auf dem Lande hofften sie dieselbe auf dem ersten Lagerplatze unter dem Schutze der Nacht ausführen zu können. Unter den obwaltenden Verhältnissen erschien es klug, diesen Plan aufzugeben. Die Auswechselung konnte allerdings durch mancherlei Zwischenfälle verzögert oder verhindert werden; gleichwohl that man am besten, auf sie zu rechnen. Was hätten auch zehn Menschen ohne Waffen gegen dreißig wohl bewaffnete Wilde ausrichten können! Glenarvan setzte überdies voraus, daß Kai-Koumou's Stamm irgend einen Häuptling von hohem Verdienst verloren hatte, an dessen Wiederbefreiung ihm sehr viel liegen mochte, und er täuschte sich darin nicht. Am andern Morgen setzte das Fahrzeug mit der früheren Schnelligkeit seinen Lauf stromaufwärts fort. Um zehn Uhr machte es einen kurzen Halt an der Mündung des Pohaiwhenna, einem kleinen Flusse, welcher in langen Windungen aus den aus dem rechten Ufer liegenden Ebenen herkommt. Dort traf ein mit zehn Wilden bemanntes Boot mit dem Kai-Koumou's zusammen. Die Krieger wechselten kaum ihren Gruß, das » Afré maira «, was bedeutet: »Komme hierher in guter Gesundheit«; dann setzten die beiden Canots sogleich ihre Fahrt zusammen fort. Die neuen Ankömmlinge hatten eben erst gegen die englischen Truppen gefochten. Man sah es an ihrer zerrissenen Bekleidung, ihren blutigen Waffen und den Wunden, welche noch unter ihren Lumpen bluteten. Mit der allen Wilden eigenen Gleichgiltigkeit widmeten sie den Europäern keinerlei Aufmerksamkeit. Um die Mittagszeit zeigten sich die Bergspitzen des Maungatotari im fernen Westen. Das Waikatothal wurde immer enger, weshalb der in seinem Laufe gehemmte Fluß pfeilschnell dahinschoß. Die Kraft der Eingeborenen, verdoppelt und durch einen Gesang regulirt, dessen Rhythmus einen gleichmäßigen Ruderschlag herbeiführte, hielt das Fahrzeug über den schäumenden Fluthen. Die gefährlichsten Stromschnellen wurden überwunden, der Waikato setzte wieder langsam seinen Lauf fort. Gegen Abend landete Kai-Koumou am Fuße der Berge, deren erste Ausläufer an dem schmalen Ufer lothrecht herabfielen. Etwa zwanzig Eingeborene schifften sich aus, um Vorbereitungen für die Nacht zu treffen. Die Feuer flammten unter den Bäumen auf. Ein Häuptling, der Kai-Koumou an Rang gleichstand, trat gemessenen Schrittes vor, rieb seine Nase an der Kai-Koumou's und bot ihm zum herzlichen Willkommen das »Mougui«. Die Gefangenen wurden wiederum in der Mitte des Lagers untergebracht und streng bewacht. Am nächsten Morgen wurde die weite Fahrt fortgesetzt. Andere Boote trafen von den kleinen Nebenflüssen ein, so daß nun etwa sechzig Krieger, augenscheinlich die Flüchtlinge des letzten Aufstandes, vereinigt waren. Mehr oder minder durch die englischen Geschosse verwundet, waren sie in die Berge entkommen. Zuweilen erhob sich ein Gesang aus einem der Boote, die in einer Linie nebeneinander hinfuhren. Ein Eingeborener stimmte die Nationalhymne »Pihé« an, welche mit den Worten »Papa, ra ti wati tidi I dounga nei ....« beginnt und der Schlachtengesang der Maoris in ihrem Freiheitskriege ist. Die volle und sonore Stimme des Sängers erweckte das Echo der Berge; nach jedem Verse schlugen die Eingeborenen an ihre Brust, daß es dröhnend wiederhallte, und fielen dabei im Chore ein. Eine eigenthümliche Naturerscheinung machte sich an diesem Tage während der Fahrt bemerkbar. Um vier Uhr flog das Boot, von der sichern Hand des Häuptlings geleitet, ohne jeden Aufenthalt durch ein enges Thal dahin. Zahlreiche heiße Strudel brachen sich wild an kleinen Inseln, welche sie hemmten; und vielfache Gefahren drohten. Wer es da gewagt hätte, den Fuß auf den kochenden Schlamm der Ufer zu setzen, wäre unrettbar verloren gewesen. In der That rollte der Strom zwischen diesen heißen Quellen hin, welche von Zeit zu Zeit von den wißbegierigen Reisenden beobachtet wurden. Die Atmosphäre war mit einem schwefligen, durchdringenden Geruche gesättigt. Die Eingeborenen litten darunter nicht, aber die Gefangenen wurden schwer davon belästigt. So sehr auch der Geruchsinn unter diesen Ausströmungen litt, so ergötzte sich doch das Auge an dem erhebenden Schauspiele. Die Boote gelangten in eine dichte Wolke weißer Dünste, welche aus den Erdspalten und Kratermündungen hervordrangen und die ganze Gegend weithin bedeckten. Während einer zwei Meilen weiten Fahrt bildeten sie über den Canots gleichsam ein festes Gewölbe. Dann verschwand der schweflige Rauch und eine reine Luft erfrischte die schwer athmenden Reisenden. Vor Anbruch des Abends wurden noch zwei Stromschnellen bei dem kräftigen Ruderschlag der Wilden glücklich überwunden, die von Hipapatua und Tamatea. Kai-Koumou legte darauf während der Nacht am Ufer an. Man befand sich etwa hundert Meilen vom Zusammenflusse des Waipa und Waikato. Der Fluß wandte sich zunächst nach Osten; änderte dann aber seinen Lauf nach Süden hin, dem Taupo-See zu, in den er sich ergießt wie ein gewaltiger Wasserstrahl in ein Bassin. Am folgenden Morgen erkannte Jacques Paganel vermittelst seiner Karte auf dem rechten Ufer den Berg Tanbara, welcher dreitausend Fuß hoch ist. Zur Mittagszeit gelangte das kleine Geschwader aus dem Flusse in den Taupo-See; die Eingeborenen begrüßten mit leidenschaftlichen Ausdrücken der Freude einen Fetzen Stoffes, den der Wind auf einer Hütte hin und her bewegte. Es war ihre Nationalfahne. Elftes Capitel. Der Taupo-See. Ein unergründlicher Schlund, fünfundzwanzig Meilen lang und zwanzig breit, hat sich dereinst, lange vor den historischen Zeiten, durch einen Höhleneinsturz mitten unter den Lavamassen der Insel gebildet. Aus dem Schlund ist dann ein See von unergründlicher Tiefe geworden, der zwölfhundertundfünfzig Fuß über dem Meeresspiegel liegt und ringsum von Höhenzügen eingeschlossen wird. Die ganze Gegend gleicht einem riesigen Kessel, der über unterirdischen Feuern hängt. Der Tongariro und Taranaki sind die bedeutendsten unter den Kratern, über welche sich im Munde der Bevölkerung mancherlei Legenden erhalten haben. Paganel kannte wohl einzelne derselben, aber er befand sich nicht in der Stimmung, sie zu erzählen, seine Freunde nicht in der, sie zu hören. Schweigend betrachteten sie das nordöstliche Ufer des Taupo«Sees, wohin das trügerische Verhängniß sie führen sollte. Die durch den Missionär Grace in Pukawa errichtete Missionsstation auf dem östlichen Ufer des Sees existirte nicht mehr. Der Krieg hatte den Diener Gottes von dem Hauptheerde des Aufstandes verscheucht. Die Gefangenen waren allein der Gnade der rachsüchtigen Maoris überlassen, gerade auf dem wildesten Theile der Insel, wo das Christenthum niemals Eingang gefunden hat. Kai-Koumou durchschnitt den Waikato-See, dann eine enge Bucht, welche die Gestalt eines Trichters hatte, und landete, nach Umsegelung eines spitzen Vorgebirges, an dem östlichen Ufer des Sees, am Fuße des Berges Manga, der etwa achtzehnhundert Fuß hoch ist. Dort dehnen sich die Felder aus, auf denen der kostbare Hanf Neu-Seelands, das »Phormium« wächst. Die Eingeborenen nennen ihn »Ha-akeké. Jede Faser dieser nützlichen Pflanze ist zu verwerthen. Ihre Blume liefert einen ausgezeichneten Honig, ihr Stengel giebt eine gummiartige Substanz, welche das Wachs oder Stärkemehl ersetzt; noch werthvoller durch seine verschiedenartige Verwendbarkeit ist das Blatt; frisch wird es als Papier benutzt; getrocknet giebt es einen trefflichen Feuerzunder; aus seinen Fasern werden Seile und Taue gedreht oder Netze gefertigt; auch zu Decken und Mänteln, Matten und Schurzfellen wird es verarbeitet. Als Bekleidung für die angesehensten Maoris wird es roth oder schwarz gefärbt. Dieses kostbare Phormium befindet sich überall auf den beiden Inseln, sowohl an den Ufern des Meeres, als an denen der Flüsse und Seen. Hier bedeckten seine wilden Sträucher weite Ländereien; seine rothbraunen, der Agave ähnlichen Blumen drängten sich überall zwischen den Blättern hervor, welche, trophäenartig zusammengesetzt, wie schneidige Schwerter aussahen. Kleine zierliche Vögel, die Honigsauger, gewöhnt an die Phormiumfelder, flogen in zahlreichen Schaaren über dieselben dahin und genossen den süßen Saft der Blumen. Auf dem See schnatterten Enten mit schwarzem, buntscheckigem Gefieder, welche sich leicht zähmen lassen. In einer Entfernung von einer Viertelmeile wurde auf einem Bergabhange ein »Pah«, eine maorische Verschanzung, in einer uneinnehmbaren Position sichtbar. Dorthin wurden die Gefangenen nach ihrer Ausschiffung durch die Krieger geführt; man hatte ihnen die Fesseln abgenommen. – Der Pfad, welcher nach dem Lager führte, durchschnitt die Phormiumfelder und eine Gruppe prächtiger Bäume, bestehend aus »Kaikateas« mit spitzen Blättern und rothen Beeren, und der Dracaena australis , welche von den Eingeborenen »Ti« genannt wird. Auf langen Windungen des Pfades gelangten Glenarvan, Lady Helena, Mary Grant und ihre Gefährten in das Innere des »Pahs«. Die Festung war durch einen äußeren Palissadengürtel von fünfzehn Fuß Höhe geschützt; eine zweite Linie von Pfählen, ferner eine Einfassung aus Weideenruthen, in der Schießscharten angebracht waren, schlossen die zweite Enceinte, das Plateau des »Pahs«, ein, auf welchem sich maorische Festungswerke und etwa vierzig Hütten in ganz symmetrischer Form erhoben. Bei ihrer Ankunft wurden die Gefangenen von dem Anblick der Köpfe, welche die Spitzen der inneren Palissadenreihe schmückten, überwältigt. Lady Helena und Mary Grant wandten die Augen ab, mehr aus Abscheu, als aus Schrecken. Diese Köpfe rührten von den feindlichen Officieren, welche in den Kämpfen gefallen waren, her, während ihre Körper den Siegern als Nahrung gedient hatten. Der Geograph erkannte die Köpfe als solche an ihren leeren Augenhöhlen. In der That wird das Auge der feindlichen Chefs verschlungen, der Kopf dagegen nach der Landessitte präparirt, indem er des Gehirnes und sonstigen Inhaltes beraubt wird, während man die Nase durch kleine Stäbchen ausdehnt und ihre Nüstern mit Phormium ausstopft. Nachdem noch Mund und Augenlider abgeschnitten sind, wird er in einem Ofen während dreißig Stunden einer Räucherung unterworfen. Darauf erhält er sich außerordentlich lange ohne Runzeln und Falten und bildet eine Siegestrophäe. Oft conserviren die Maoris den Kopf ihrer eigenen Chefs; aber in diesem Falle bleibt das Auge in seiner Höhlung offen. Die Neu-Seeländer zeigen diese Ueberreste mit großem Stolz; sie stellen sie ihren jungen Kriegern zur Bewunderung auf und erweisen ihnen ihre Verehrung durch feierliche Ceremonien. Hier in dem »Pah« des Kai-Koumou schmückten die Köpfe der Feinde allein dieses entsetzliche Museum, und ohne Zweifel vermehrte der Kopf manches Engländers mit leeren Augenhöhlen die Sammlung der maorischen Häuptlinge. Die Hütte Kai-Koumou's erhob sich unter mehreren Andern von unansehnlicherem Bau im Innern des »Pah«, vor einem weiten Terrain, welches die Europäer das Schlachtfeld genannt haben würden. Diese Hütte war aus Pfählen erbaut, die Füllung ihrer Wände bestand aus Baumzweigen, während sie im Inneren mit Decken von Phormium ausgelegt war. Eine einzige Oeffnung gestattete den Eintritt in die Hütte; Klappflügel, gebildet aus einem dicken Fasergewebe, dienten als Thür. Das Dach trat über den Eingang hervor, um Schutz gegen den Regen zu bieten. Einige Figuren an den Dachsparren schmückten die Hütte, und der »Wharepuni« oder die Vorhalle bot der Bewunderung der Besucher mancherlei Schnitzereien. Im Inneren der Hütte erhob sich der Fußboden aus gestampfter Erde etwa einen halben Fuß hoch. Rohrgeflechte und Matratzen aus getrocknetem Seegras mit gewebten Decken belegt dienten als Lagerstätten. In der Mitte bildete ein ausgerundetes Loch den Feuerheerd, darüber ein zweites Loch im Dache den Schornstein. Neben der Hütte erhoben sich Magazine, welche die Vorräthe des Chefs enthielten. In einiger Entfernung sah man Umzäunungen, in denen Schweine und Ziegen, seltene Abkömmlinge dieser durch den Kapitän Cook acclimatisirten nützlichen Thiere, sich tummelten. Hunde, welche einen mageren Bissen suchten, sah man in großer Anzahl umherlaufen. Sie waren als Thiere, deren Fleisch den Maoris täglich zur Nahrung dient, ziemlich schlecht genährt. Glenarvan und seine Genossen hatten dieses Gesammtbild mit einem Blicke umfaßt. Sie erwarteten in der Nähe einer leeren Hütte das Urtheil des Chefs, nicht ohne den Beschimpfungen einer Bande alter Frauen ausgesetzt zu sein. Von diesen Harpyien wurden sie unter Heulen und Toben mit den Fäusten bedroht. Einige englische Worte, welche ihren wulstigen Lippen entschlüpften, ließen deutlich erkennen, daß sie ein sofortiges Todesurtheil erwarteten. Mitten unter diesen Drohungen und Verwünschungen legte Lady Helena eine scheinbare Ruhe an den Tag, welche in ihrem Herzen nicht wohnen konnte. Diese muthige Frau hielt sich durch heroische Anstrengungen aufrecht, um Lord Glenarvan sein kaltes Blut zu erhalten. Die arme Mary Grant war einer Ohnmacht nahe, John Mangles unterstützte sie, bereit, sich tödten zu lassen, wenn es sie zu vertheidigen gälte. Seine Gefährten ertrugen alle diese Angriffe in verschiedener Weise, gleichgiltig wie der Major, oder übermannt von wachsendem Zorn wie Paganel. Glenarvan, welcher Lady Helena von diesen alten Megären befreien wollte, ging gerade auf Kai-Koumou zu, wies auf die ekelhafte Gruppe und sprach: »Verjage sie!« Der maorische Häuptling blickte seinen Gefangenen fest an, ohne ihm zu antworten; dann brachte er mit einer Handbewegung die heulende Bande zum Schweigen. Glenarvan verneigte sich, um seinen Dank auszudrücken, und kehrte langsam zu den Seinigen zurück. In diesem Augenblicke waren in dem »Pah« etwa hundert Neu-Seeländer versammelt. Greise, Männer und Jünglinge, von denen die Einen ruhig, aber finster, die Befehle Kai-Koumou's abwarteten, während die Anderen sich den Ausbrüchen eines heftigen Schmerzes überließen; diese beweinten ihre Verwandten oder Freunde, welche in den letzten Kämpfen gefallen waren. Kai-Koumou kam von allen Häuptlingen, welche sich auf den Ruf William Thompson's erhoben hatten, allein nach dem See zurück und brachte seinem Stamme die erste Kunde von der Niederlage der nationalen Erhebung in den Ebenen des unteren Waikato. Von zweihundert Kriegern, welche unter seinen Befehlen zur Vertheidigung des Landes herbeigeeilt waren, kehrten nur fünfzig zurück. Wenn davon auch Einige von den Siegern gefangen worden waren, so war die Zahl der Gefallenen doch eine furchtbare. Das war der Grund der tiefen Verzweiflung, welche die Ankunft Kai-Koumou's unter seinen Stammesgenossen hervorgerufen hatte. Die verhängnißvolle Nachricht, welche man bis dahin gar nicht geahnt hatte, wirkte niederschmetternd wie ein Blitzstrahl. Bei den Wilden spricht sich der moralische Schmerz heftiger in den körperlichen Bewegungen aus. Die Verwandten und Freunde der gefallenen Krieger, besonders deren Frauen, zerrissen sich mit scharfen Muscheln Gesicht und Schultern. Das Blut rieselte aus den Wunden und vermischte sich mit ihren Thränen. Die unglücklichen Neu-Seeländer boten in diesem blutigen und rasenden Zustande ein Bild des Schreckens. Ihre Verzweiflung wurde durch einen anderen Grund, der bei den Eingeborenen sehr in's Gewicht fiel, noch vermehrt. Ihre Verwandten, ihre Freunde, welche sie beweinten, waren nicht nur todt, sondern ihre Gebeine fehlten auch in dem Familiengrabe. Von dem Besitz dieser Ueberreste hängt nach der maorischen Religion das ganze zukünftige Leben ab; nicht das der Verwesung geweihte Fleisch, sondern die Knochen, welche sorgfältig gesammelt, gereinigt, polirt und selbst gefirnißt werden, werden in dem »Oudoupa«, d. h. »Haus des Ruhmes«, niedergelegt. Diese Gräber sind mit hölzernen Statuen geschmückt, welche die Tättowirung des Verstorbenen in vollkommener Genauigkeit wiedergeben. Heute aber blieben die Gräber leer, die religiösen Ceremonien konnten nicht stattfinden, die theuren Gebeine bleichten, so weit sie von den Zähnen der wilden Hunde verschont wurden, auf dem Schlachtfelde. Und bei diesem Gedanken verdoppelten sich die Ausbrüche des Schmerzes. Den Drohungen der Frauen folgten die Flüche der Männer gegen die Europäer. Immer lauter ertönten sie, immer wilder wurden die Geberden. Bald mußten den Worten Acte der thierischen Rohheit folgen. Kai-Koumou fürchtete von den Fanatikern seines Stammes überwältigt zu werden, und ließ darum seine Gefangenen an einen geheiligten Ort führen, der am anderen Ende des »Pahs« auf einem hervortretenden kleinen Bergkegel lag. In der dort erbauten heiligen Hütte, »Waré-Atoua« genannt, lehrten die Priester und die Arikis den Neu-Seeländern einen Gott in drei Personen, Vater, Sohn und Vogel, oder Geist. Die heilige und auserwählte Nahrung, welche Maoui-Nanga-Rangui durch den Mund der Priester ißt, wird in dem weiten, wohlverschlossenen Heiligthume aufbewahrt. Dort ließen sich die Gefangenen, augenblicklich gegen die Wuth der Eingeborenen geschützt, auf Phormiumdecken nieder. Lady Helena, deren Kräfte erschöpft, deren moralische Energie gebrochen war, stürzte in die Arme ihres Gatten. Glenarvan drückte sie an seine Brust und sprach wiederholt: »Muth, meine liebe Helena, der Himmel wird uns nicht verlassen!« Robert glitt, nachdem kaum die Thür geschlossen war, auf Wilson's Schultern; von da gelang es ihm, seinen Kopf durch eine Luke zwischen Dach und Mauer zu stecken, wo Amulette hingen. Mit einem Blicke konnte er die ganze Ausdehnung des »Pahs« bis zur Hütte Kai-Koumou's übersehen. »Sie sind um den Chef versammelt, sagte er mit leiser Stimme ... sie bewegen ihre Arme ... stoßen ein Geheul aus ... Kai-Koumou will sprechen ...« Der Knabe schwieg einige Minuten lang, und fuhr dann fort: »Kai-Koumou spricht ... Die Wilden beruhigen sich ... sie hören ihn an ... . – Augenscheinlich, sagte der Major, hat dieser Chef ein persönliches Interesse, uns zu beschützen. Er will seine Gefangenen gegen Häuptlinge seines Stammes auswechseln! Aber werden seine Krieger damit einverstanden sein? – Ja! ... sie hören auf ihn ... erwiderte Robert ... Sie zerstreuen sich ... Die Einen kehren in ihre Hütten zurück ... die Anderen verlassen den «Pah». – Sprichst Du die Wahrheit? rief der Major. – Ja, Herr Mac Nabbs, antwortete Robert. Kai-Koumou ist allein geblieben mit den Kriegern seines Bootes ... Ah! der Eine von ihnen kommt auf unsere Hütte zu ... – Steig herunter, Robert«, sagte Glenarvan. In diesem Augenblicke erfaßte Lady Helena, welche sich erhoben hatte, den Arm ihres Gatten. »Edward, sprach sie mit fester Stimme, weder Mary Grant noch ich dürfen diesen Abend in die Hände dieser Wilden fallen.« Und dabei überreichte sie Glenarvan einen geladenen Revolver. »Eine Waffe! rief Glenarvan mit strahlenden Blicken aus. – Ja! Die Maoris durchsuchen ihre Gefangenen nicht. Aber diese Waffe ist für uns bestimmt, Edward, nicht für sie! – Glenarvan, rief hastig der Major, verbergen Sie diesen Revolver! Der Augenblick ist noch nicht gekommen ...« Der Revolver verschwand in den Taschen des Lord. Die Decke, welche den Eingang der Hütte schloß, erhob sich ... ein Eingeborener erschien. Er machte den Gefangenen ein Zeichen, ihm zu folgen. Glenarvan und die Seinigen durchschritten dicht zusammengedrängt den »Pah« und standen vor Kai-Koumou still. Um den Häuptling waren die ersten Krieger seines Stammes versammelt. Unter ihnen befand sich der Maori, dessen Boot sich mit dem Kai-Koumou's an der Mündung des Pohainhenna in den Waikato vereinigt hatte. Es war ein Mann von vierzig Jahren, kräftig und von wildem und grausamem Gesichtsausdrucke. Er nannte sich Kara-Tété, das heißt »der Jähzornige« in seeländischer Sprache. Kai-Koumou behandelte ihn mit einer gewissen Achtung, und an der Feinheit seiner Tättowirung erkannte man, daß Kara-Tété einen hohen Rang in seinem Stamme einnahm. Ein scharfblickender Beobachter würde jedoch errathen haben, daß diese beiden Häuptlinge auf einander eifersüchtig waren. Der Major bemerkte, daß der Einfluß Kara-Tété's dem Kai-Koumou unbequem war. Sie standen Beide an der Spitze der mächtigen Stämme im Waikato-Districte und waren mit gleicher Macht ausgerüstet. Auch während dieser Unterhaltung verriethen die Augen Kai-Koumou's, während sein Mund lächelte, eine tiefe Feindschaft. Kai-Koumou richtete an Glenarvan die Frage: »Du bist Engländer? – Ja, erwiderte der Lord ohne Zögern, denn als solcher konnte er viel eher auf eine Auswechselung hoffen. – Und Deine Gefährten? frug Kai-Koumou weiter. – Meine Gefährten sind Engländer, wie ich. Wir sind Reisende, Schiffbrüchige. Aber wir haben an dem Kriege nicht Theil genommen, wenn Du Gewicht darauf legst, das zu wissen. – Darauf kommt es nicht an! erwiderte in brutaler Weise Kara-Tété. Jeder Engländer ist unser Feind. Deine Landsleute haben unsere Insel überfallen, unsere Felder gestohlen! Ja, sie haben sogar unsere Dörfer niedergebrannt! – Sie haben Unrecht daran gethan! erwiderte Glenarvan mit fester Stimme. Ich sage Dir das, weil ich es denke, und nicht, weil ich in Deiner Macht bin. – Höre, sprach Kai-Koumou, der Tohonga, der große Priester Nouï-Atoua's, ist in die Hände Deiner Brüder gefallen. Er ist Gefangener der Pakekas (Europäer). Unser Gott befiehlt uns, sein Leben wieder zu erkaufen. Ich hätte Dir gern das Herz aus dem Leibe gerissen und gewünscht, daß Dein Kopf und die Deiner Gefährten für ewige Zeiten auf die Pfähle dieser Palissaden gesteckt worden wären. Aber Nouï-Atoua hat gesprochen.« Bei diesen Worten zitterte Kai-Koumou, der bis dahin Herr seiner selbst geblieben war, vor Zorn, sein Gesicht drückte eine wilde Erregung aus. Nach einigen Augenblicken fuhr er in kälterem Tone fort: »Glaubst Du, daß die Engländer unseren Tohonga gegen Deine Person auswechseln werden?« Glenarvan zögerte mit der Antwort und beobachtete aufmerksam den maorischen Häuptling. »Ich weiß es nicht, sagte er nach einem Augenblicke des Schweigens. – Sprich, fuhr Kai-Koumou fort. Gilt Dein Leben das unseres Tohonga? – Nein, antwortete Glenarvan. Ich bin weder ein Chef, noch ein Priester unter meinen Landsleuten.« Paganel, ganz erstaunt über diese Antwort, betrachtete Glenarvan mit wahrer Bestürzung. Kai-Koumou schien gleichfalls erstaunt. »Also Du zweifelst daran? frug er. – Ich weiß es nicht, antwortete Glenarvan. – Werden Deine Landsleute Dich nicht gegen unseren Tohonga austauschen? – Mich allein? Nein, erwiderte Glenarvan. Uns Alle vielleicht. – Bei den Maoris, sagte Kai-Koumou, gilt der Grundsatz: Kopf für Kopf. – Biete zuerst diese Frauen als Austausch gegen Deinen Gefangenen«, sagte Glenarvan, indem er auf Lady Helena und Mary Grant hinwies. Lady Helena wollte zu ihrem Gatten hinstürzen. Der Major hielt sie zurück. »Diese beiden Damen, fuhr Glenarvan fort, indem er sich ehrfurchtsvoll gegen Lady Helena und Mary Grant verbeugte, nehmen in ihrem Vaterlande einen hohen Rang ein.« Mit kaltem Blicke maß der Krieger seinen Gefangenen. Ein böses Lächeln spielte um seine Lippen, doch unterdrückte er es sofort und antwortete mit kaum verhaltener Stimme: »Hoffst Du Kai-Koumou durch falsche Worte zu täuschen, verfluchter Europäer? Glaubst Du, daß Kai-Koumou's Augen nicht in den Herzen zu lesen verstehen?« Und auf Lady Helena zeigend, sagte er: »Das ist Deine Frau! – Nein! Die Meinige!« rief Kara-Tété, drängte die Gefangenen zurück, und schon legte sich seine Hand auf Lady Helena's Schultern, die bei dieser Berührung erbleichte. »Edward!« rief die unglückliche bestürzte Frau. Glenarvan erhob, ohne ein Wort zu sagen, den Arm. Ein Schuß krachte. Kara-Tété fiel todt nieder. Bei dem Knalle stürzte ein Schwarm Eingeborener aus den Hütten. Der »Pah« füllte sich augenblicklich. Hundert Arme erhoben sich gegen die Unglücklichen. Glenarvan wurde der Revolver aus der Hand gerissen. Kai-Koumou schleuderte einen wilden Blick auf Glenarvan; dann deckte er mit der einen Hand den Körper des Mörders, und hielt mit der anderen die Menge zurück, welche hervorbrechen wollte. Seine Stimme beherrschte den Tumult. »Tabou! Tabou!« rief er aus. Sofort hielt die Menge vor Glenarvan und seinen Genossen, wie durch übernatürliche Gewalt gefesselt, an. Einige Augenblicke später wurden sie zum Waré-Atoua, der ihnen zum Gefängniß diente, zurückgeführt. Aber Robert Grant und Jacques Paganel waren nicht mehr bei ihnen. Zwölftes Capitel. Das Begräbniß eines Mauri-Häuptlings. Kai-Koumou verband, wie das in Neu-Seeland häufig vorkommt, den Titel eines Ariki mit dem des Stammeshäuptlings. Mit der Priesterwürde bekleidet, stand es bei ihm, Personen oder Sachen durch den abergläubischen Schutz des Tabou zu decken. Der Tabou, welcher allen polynesischen Völkern gemeinschaftlich ist, hat die sofortige Folge, jede Beziehung zu der Person, sowie jeden Gebrauch des Gegenstandes, der damit belegt ist, zu unterbrechen. Nach der Maori-Religion würde Jeder, der seine ruchlose Hand gegen einen durch den Tabou Geschützten erhöbe, von der erzürnten Gottheit mit dem Tode bestraft werden. Sollte diese aber zögern, die ihr angethane Beleidigung zu rächen, so würden die Priester nicht verfehlen, diese Rache zu beschleunigen. Der Tabou wird von dem Häuptling zu politischen Zwecken ausgesprochen; doch veranlassen das auch ganz gewöhnliche Vorkommnisse des Privatlebens. Ein Eingeborener steht z. B. unter demselben während einiger Tage, wenn er sich das Haar schneiden ließ oder eben tättowirt worden war; wenn er eine Pirogue oder ein Haus baut; wenn ihn eine tödtliche Krankheit befällt oder er todt ist. Droht ein unvorhergesehener Verbrauch die Flüsse von Fischen zu entvölkern, oder die jungen Anpflanzungen der süßen Batate Zu vernichten, so werden diese Objecte aus ökonomischen Rücksichten mit einem schützenden Tabou belegt. Will ein Häuptling Uebelwollende von seinem Hause entfernen, sich allein den Vortheil des Handels mit einem fremden Schiffe sichern, oder einen europäischen Waarenhändler, dem er nicht wohl will, in Quarantäne halten, so spricht er sein Tabou aus. Sein Einspruch ähnelt also nach vielen Seiten dem mittelalterlichen »Veto« der Fürsten. Ist ein Gegenstand mit diesem Banne belegt, so darf ihn Niemand ungestraft berühren. Trifft er einen Eingeborenen, so sind diesem gewisse Speisen für eine bestimmte Zeit verboten. Wenn er nun etwa dieser strengen Diät unterliegt und gleichzeitig reich ist, so läßt er sich mit Hilfe seiner Sklaven diejenigen Gerichte, welche er nicht mit den Händen berühren darf, beibringen; ist er dagegen arm, so ist er darauf beschränkt, seine Nahrungsmittel gleich mit dem Munde aufzunehmen, und der Tabou erniedrigt ihn zum Thiere. Alles in Allem leitet und modificirt diese eigenthümliche Sitte auch die geringfügigsten Handlungen des Neu-Seeländers. Sie stellt das unablässige Eingreifen der Gottheit in sein gesellschaftliches Leben dar. Bei ihrer gesetzlichen Kraft kann man sagen, daß das ganze unbestreitbare und unbestrittene Rechtsverfahren bei den Eingeborenen in der häufigen Anwendung dieses Tabou besteht. Auch die in dem Waré-Atoua verwahrten Gefangenen hatte ein ganz willkürlicher Tabou zunächst den Wuthausbrüchen des erregten Stammes entzogen. Einige Eingeborene, die Freunde und Parteigänger Kai-Koumou's hatten auf die Stimme ihres Häuptlings sogleich eingehalten und die Gefangenen beschützt. Trotzdem gab sich Glenarvan keinen Illusionen über das ihm bevorstehende Schicksal hin. Nur sein Tod konnte ja den Mord eines Häuptlings ausgleichen. Der Tod ist aber bei jenen wilden Völkerschaften immer erst das Ende langwieriger Martern. Glenarvan erwartete demnach, für die gerechte Entrüstung, die seine Hand bewaffnet hatte, grausam zu büßen, aber er hoffte, daß der Zorn Kai-Koumou's ihn allein treffen werde. Welche Nacht verbrachte er mit seinen Gefährten! Wer möchte ihre Angst wägen und ihre Leiden messen! Der arme Robert und der gute Paganel blieben verschwunden. Konnte man über ihr Loos in Zweifel sein? Sollten sie nicht die ersten Opfer der Rache der Eingeborenen sein? Es war ja alle Hoffnung geschwunden, selbst aus dem Herzen Mac Nabbs', der doch nicht so leicht verzweifelte. John Mangles glaubte den Verstand zu verlieren, wenn er die düstere Verzweiflung der von ihrem Bruder getrennten Mary Grant sah. Glenarvan bedachte das fürchterliche Verlangen Lady Helena's, welche, um sich der Marter oder der Sklaverei zu entziehen, den Tod von seiner Hand verlangte! Sollte er diesen furchtbaren Muth wirklich haben? »Und Mary, was hatte denn diese verbrochen?« dachte John, dem das Herz fast zersprang. Eine Flucht erschien vollkommen unmöglich. Zehn bis an die Zähne bewaffnete Krieger wachten am Thore des Waré-Atoua. So kam der Morgen des 13. Februar heran. Zwischen den Eingeborenen und den Gefangenen kam es in Folge des über sie verhängten Tabou zu keiner Berührung. Der Raum enthielt etwas an Nahrungsmitteln, welche die Unglücklichen aber kaum anrührten. Ihr Hunger wich vor ihrem Schmerze. Ohne eine Aenderung ihrer Lage, aber auch ohne ihnen eine Hoffnung zu bringen, verging der Tag. Ohne Zweifel würde die Stunde für das Begräbniß des Häuptlings und die ihrer Martern gleichzeitig schlagen. Wenn Glenarvan indeß der Meinung war, daß kein Gedanke an einen Gesinnungswechsel Kai-Koumou's sein könne, so bewahrte der Major in dieser Beziehung doch noch einen Schimmer von Hoffnung. »Wer weiß, sagte er, indem er Glenarvan den Eindruck wieder vergegenwärtigte, den der Tod Kara-Tété's auf den Häuptling zu machen schien, – wer weiß, ob Kai-Koumou Ihnen dafür im Grunde gar nicht etwa verbunden ist?« Trotzdem aber wollte Glenarvan keine Hoffnung schöpfen. Auch der andere Tag verlief, ohne daß zum Martern der Gefangenen Anstalt getroffen worden wäre. Der Grund dafür lag in Folgendem: Die Maoris nehmen an, daß die Seele des Verstorbenen seinen Körper noch drei Tage lang bewohne, und lassen diesen deshalb ebenso lange unbegraben. Dieser Gewohnheit folgen sie mit aller Strenge. Bis zum 15. Februar blieb der »Pah« verlassen. John Mangles stieg dann und wann auf Wilson's Schultern, um den äußeren Verschlag zu überblicken. Kein Eingeborener war sichtbar. Nur die Wachen, die am Thore des Waré-Atoua einander ablösten, waren auf ihrem Posten. Am dritten Tage aber öffneten sich die Hütten. Stumm und ruhig versammelten sich Männer, Frauen und Kinder, zusammen wohl mehrere hundert Maoris in dem »Pah«. Kai-Koumou schritt, umgeben von den Häuptern des Stammes, aus seiner Hütte, und nahm in der Mitte der Umplankung auf einem wenige Fuß hohen Hügel Platz. In einiger Entfernung rückwärts umstanden ihn die Eingeborenen im Halbkreise, wobei die ganze Versammlung in tiefem Schweigen verharrte. Auf ein Zeichen Kai-Koumou's begab sich ein Krieger nach dem Waré-Atoua. »Erinnere Dich meiner Bitte!« sagte Lady Helena zu ihrem Gatten. Glenarvan drückte sein Weib an's Herz. Da näherte sich Mary Grant John Mangles. »Lord und Lady Glenarvan, sagte sie, werden zugeben, daß, wenn eine Frau von der Hand ihres Mannes sterben kann, um einem schmachvollen Leben zu entfliehen, es auch einer Verlobten gestattet ist, zu demselben Zwecke von der Hand des Bräutigams den Tod zu empfangen. In diesem letzten Augenblicke darf ich es ja wohl aussprechen, John, war ich nicht schon lange Ihre Braut im Inneren Ihres Herzens? Kann ich auf Sie zählen, mein theurer John, wie Lady Helena auf Lord Glenarvan? – Mary! rief ganz außer sich der junge Kapitän. O, meine geliebte Mary! ...« Er konnte seine Worte nicht vollenden. Die Matte hob sich, und die Gefangenen wurden vor Kai-Koumou geführt; die beiden Frauen hatten sich in ihr Geschick ergeben; die Männer verbargen, was sie litten, unter einer Ruhe, welche von übermenschlicher Energie zeugte. Sie kamen vor den Neu-Seeländer-Häuptling. Sein Urtheil ließ nicht lange auf sich warten. »Du hast Kara-Tété getödtet? sagte er zu Glenarvan. – Ich tödtete ihn, erwiderte der Lord. – Morgen mit Sonnenaufgang wirst Du sterben. – Ich allein? fragte Glenarvan, dessen Herz stürmisch klopfte. – O, als ob das Leben unseres Tohonga nicht weit kostbarer wäre, als das Eure!« rief Kai-Koumou aus, dessen Augen von wilder Trauer erglänzten. In diesem Augenblicke entstand eine Bewegung unter den Eingeborenen. Schnell warf Glenarvan einen Blick umher. Bald öffnete sich die Menge, und ein schweißgebadeter, erschöpfter Krieger trat hindurch. »Du kommst vom Lager der Pakekas? – Ja, antwortete der Maori. – Hast Du den Gefangenen, unseren Tohonga, gesehen? – Ich sah ihn. – Lebt er? – Er ist todt. Die Engländer erschossen ihn.« Um Glenarvan und seine Begleiter war es geschehen. »Alle, rief Kai-Koumou, Alle sterbt Ihr morgen mit Tagesanbruch!« Eine gleiche Strafe erwartete also alle die Armen. Lady Helena und Mary Grant sandten einen Blick innigsten Dankes zum Himmel. Die Gefangenen wurden nun nicht mehr nach dem Ware-Atoua zurück geführt. Sie mußten an diesem Tage dem Begräbnisse des Häuptlings und den begleitenden blutigen Auftritten beiwohnen. Eine Anzahl Eingeborener geleitete sie bis zum Fuße eines ungeheuren Koudi. Dort blieben Wachen bei ihnen, die sie nicht aus den Augen verloren. Der ganze übrige Maoristamm schien sie über seinem officiellen Schmerze vergessen zu haben. Die vorschriftsmäßigen drei Tage seit Kara-Tété's Tode waren vorüber. Die Seele des Verblichenen mußte also ihre sterbliche Hülle nun verlassen haben. Die Ceremonie begann. Der Körper wurde auf einen kleinen Hügel in der Mitte der Umplankung gebracht. Er war in prächtiger Kleidung und in eine schöne Phormiummatte eingehüllt. Sein mit Federn geschmücktes Haupt trug eine Krone von grünen Blättern. Weder das Gesicht, noch Brust und Arme, welche mit Oel eingerieben waren, zeigten irgend welche Veränderung. Die Angehörigen und Freunde näherten sich dem Fuße des Hügels, und mit einem Schlage, so, als ob ein Capellmeister das Zeichen zu einer Trauermusik gegeben hätte, erfüllte ein Monstre-Concert von Weinen, Seufzen und Schluchzen die Lüfte. In klagendem, schleppendem Rhythmus beweinte man den Entseelten. Die nächsten Angehörigen schlugen den Kopf gegen die Erde. Die weiblichen Verwandten zerrissen sich mit den Nägeln das Gesicht, das mehr von Blut, als von Thränen überströmt war. Die unglücklichen Frauen erfüllten gewissenhaft diese barbarische Pflicht. Doch damit war für die Ruhe der Seele des Verstorbenen noch nicht genug geschehen, deren Zorn den ganzen Stamm unfehlbar getroffen hätte, und da seine Krieger ihn nicht in's Leben zurückzurufen vermochten, so thaten sie doch Alles, um ihn in jener Welt die Freuden des Erdenlebens nicht vermissen zu lassen. Das Weib Kara-Tété's durfte ihn auch im Grabe nicht verlassen. Uebrigens hätte die Unglückliche auch darauf verzichtet, ihn zu überleben. In Uebereinstimmung mit der Pflicht war das die geläufige Sitte, und Beispiele ähnlicher Aufopferung sind in der Geschichte Neu-Seelands nicht selten. Diese Frau trat vor. Sie war noch jung. Die Haare umflatterten unordentlich ihre Schultern. Ihr Schluchzen und Wehgeschrei stieg zum Himmel. Unverständliche Worte, Jammern und abgebrochene Sätze, in denen sie die Tugenden des Todten pries, mischten sich unter ihre Seufzer, und im höchsten Ausbruch des Schmerzes warf sie sich am Fuße der Erhöhung hin und schlug den Boden mit dem Kopfe. Jetzt näherte sich ihr Kai-Koumou. Plötzlich erhob sich das bedauernswerthe Opfer. Doch ein Schlag mit dem »Mere«, einer Art furchtbarer Keule, welche die Hand des Häuptlings schwang, streckte sie nieder. Wie vom Blitz getroffen, brach sie zusammen. Sofort erhob sich ein furchtbares Geheul. Hundert Arme erhoben sich drohend gegen die über das schreckliche Schauspiel bestürzten Gefangenen. Doch Keiner wich von seiner Stelle. Die Leichenfeier war noch nicht zu Ende. Kara-Tété's Weib hatte sich im Tode mit ihrem Gatten vereint. Die beiden Körper lagen ausgestreckt neben einander. Für das ewige Leben aber war dem Verblichenen die Gattin nicht genug. Wer würde bei Nouï-Atoua Beide bedient haben, wenn ihre Sklaven ihnen nicht in die andere Welt nachfolgten? Da wurden sechs Unglückliche vor die Leiche ihres Herrn geschleppt. Es waren die Diener, welche nach unerbittlichem Kriegsrecht in Sklaverei gefallen waren. Zu Lebzeiten des Häuptlings hatten sie die härtesten Entbehrungen zu tragen, erlitten tausendmal die schlechteste Behandlung, wurden kaum ernährt, zu den Arbeiten von Lastthieren verdammt und nun mußten sie, nach dem Glauben der Maoris, auch für ewige Zeit in diesem Dienstverhältnisse bleiben. Die Elenden schienen ergeben in ihr Loos. Sie erschraken nicht über ihr lange vorhergesehenes Opfer. Ihre Hände ohne Fesseln bewiesen, daß sie ohne Widerstand in den Tod gehen würden. Uebrigens war das ein schneller, der ihnen lange Qualen ersparte. Diese behielt man sich für die Urheber des Mordes vor, welche, in zwanzig Schritt Entfernung stehend, die Augen von diesem scheußlichen Schauspiel, dem noch gräßlichere Scenen folgen sollten, abwandten. Sechs Schläge mit dem Mere aus den Händen von sechs kräftigen Kriegern streckten die Opfer inmitten einer Blutlache zu Boden. Hiermit war das Zeichen zu den schrecklichsten Scenen von Cannibalismus gegeben. Der Leichnam von Sklaven ist nicht wie der der Herren durch den Tabou geschützt. Er gehört dem Stamme, eine den Klageleuten hingeworfene Scheidemünze. Sobald also das Opfer gebracht war, fiel die ganze Masse der Eingeborenen, Häuptlinge, Krieger, Greise, Weiber und Kinder, ohne Unterschied des Alters und Geschlechtes, mit thierischer Wuth über die entseelten Reste der Erschlagenen her. Schneller, als die Feder es beschreiben kann, wurden die noch dampfenden Körper zerrissen, getheilt, ausgeweidet, und nicht in Stücken, nein, in einzelne Bissen, zertheilt. Von zweihundert anwesenden Maoris mußte Jeder seinen Theil Menschenfleisch haben. Man stritt, kämpfte und schlug sich um den geringsten Fetzen. Rothe Tropfen bespritzten die scheußlichen Theilnehmer dieser Mahlzeit, und die ganze kämpfende Horde watete in einem Regen von Blut. Es war der Wahnsinn und die Wuth beutegieriger Tiger. Man hätte einen Circus zu sehen geglaubt, in welchem die wilden Thiere ihr Futter vertilgen. Dann wurden zwanzig Feuer an verschiedenen Stellen des Pah entzündet; der Geruch verbrannten Fleisches verbreitete sich in der Luft, und wäre nicht der Höllenlärm dieses Festes und das Geschrei gewesen, welches die vollgestopften Kehlen von sich gaben, so hätten die Gefangenen das Knacken der Knochen ihrer Opfer unter den Zähnen der Cannibalen hören müssen. Glenarvan und seine Genossen suchten die Schauerscene den Augen der beiden Frauen zu entziehen. Sie wußten nun, welche Strafe sie andern Tags erwartete und welch' grausame Qualen ihnen zweifelsohne vor ihrem Tode bevorständen. Alle waren vor Schrecken stumm. Alsbald begannen die Todtentänze. Starke Liqueure, Extracte von » Piper excelsum «, wahrer Pfeffergeist, erhöhten die Trunkenheit der Wilden, an denen nichts Menschliches mehr war. Vielleicht auch würden sie sich, des Tabou des Häuptlings uneingedenk, zuletzt an den Gefangenen, die vor dem Wahnsinn Jener schauderten, vergreifen? Kai-Koumou hatte indeß mitten in dieser allgemeinen Trunkenheit seine Vernunft bewahrt. Eine Stunde gewährte er für diese blutige Orgie, während der sie zunahm, dann nachließ, bis sich der letzte Act der Leichenfeier unter den gewohnten Ceremonien vollzog. Die Leichname Kara-Tété's und seiner Frau wurden aufgenommen und die Gliedmaßen nach neuseeländischer Sitte gebeugt gegen den Rumpf gebunden. Nun galt es nur noch, sie zu beerdigen, was aber nur vorläufig geschah, bis einst die Erde, nachdem das Fleisch verwest ist, nur die Gebeine empfängt. Der Stelle des »Oudoupa«, d. h. des Grabes, war gegen zwei Meilen von der Umzäunung, am Gipfel eines kleinen Berges, Namens Maunganamu, der am rechten Ufer des Sees lag, ausgewählt. Dorthin mußten die Leichen geschafft werden. Zwei sehr einfache Palankine, eigentlich nur als Tragbahren zu bezeichnen, wurden an den Hügel herangebracht und auf denselben die aneinander gebundenen Leichen mehr sitzend als liegend, ganz bekleidet, und in ihrer Stellung durch Lianenbänder gehalten, befestigt. Vier Krieger hoben sie auf, und der ganze Stamm, der seine Todtenlieder wieder anstimmte, folgte ihnen bis zur Grabstätte. Die immer bewachten Gefangenen sahen den Zug die erste Umplankung des Pah verlassen; dann verschollen Gesänge und Ausrufe nach und nach. Ungefähr eine halbe Stunde blieb dieser Leichenconduct in der Tiefe des Thales außer ihrem Gesichtskreise. Dann sahen sie ihn wieder sich die Fußpfade des Berges hinaufschlängeln. Die Entfernung verlieh dieser langen und mehrfach gebogenen Colonne ein phantastisches Aussehen. In der Höhe von achthundert Fuß, d. h. auf dem Gipfel des Maunganamu, hielt der Stamm an der zur Beerdigung Kara-Tété's hergerichteten Stelle. Ein gemeiner Maori hätte als Grab nur ein Loch mit einem Steinhaufen darauf erhalten. Für einen mächtigen und gefürchteten Häuptling aber, der jedenfalls bald unter die Gottheiten versetzt wurde, bereitete der Stamm ein den Heldenthaten Jenes würdiges Grabmal. Das Oudoupa war mit Palissaden umschlossen und Pfähle, die mit ockerrothen Figuren geziert waren, erhoben sich nahe der Grube, in der die beiden Cadaver ruhen sollten. Die Anverwandten hatten auch nicht vergessen, daß der »Waidua«, der Geist der Verstorbenen, sich ebenso von greifbaren Substanzen nährt, wie der Körper in diesem vergänglichen Leben. Deshalb wurden innerhalb jenes Raumes Nahrungsmittel ebenso, wie die Waffen und Kleidungsstücke des Verblichenen niedergelegt. Nichts fehlte an der bequemen Ausstattung des Grabes. Die beiden Gatten wurden darin neben einander niedergesetzt, dann mit Erde und Gräsern bedeckt, und endlich folgte ihnen eine neue Reihe Klagen. Schweigend stieg die Leichenbegleitung den Berg hinab, und von nun an durfte bei Todesstrafe Niemand wagen, den Maunganamu zu besteigen, denn er stand unter dem Tabou, gleich dem Tongariro, wo die Ueberreste eines Häuptlings ruhen, der im Jahre 1846 durch ein Erdbeben in Neu-Seeland umkam. Dreizehntes Capitel. Die letzten Stunden. Als die Sonne jenseit des Taupo-Sees hinter den Gipfeln des Tuhahua und des Puketapu verschwand, wurden die Gefangenen nach ihrer früheren Einschließung zurückgeführt. Sie sollten diese nicht vor der Stunde verlassen, da die Spitzen der Wahiti-Ranges in den ersten Strahlen des jungen Tages erglühten. So blieb ihnen noch eine Nacht, sich auf den Tod vorzubereiten. Trotz des Kummers, ja trotz des Entsetzens, das sie erfaßt hatte, nahmen sie doch gemeinschaftlich ihr Abendessen ein. »Wir werden nie zu viele Kräfte haben, hatte Glenarvan gesagt, um dem Tod in's Angesicht zu schauen. Es gilt jetzt, diesen Barbaren zu zeigen, wie Europäer zu sterben wissen.« Nach Schluß der Mahlzeit sprach Lady Helena mit lauter Stimme einen Abendsegen. Alle nahmen entblößten Hauptes an dem Gebete theil. Wo ist der Mensch, der angesichts des Todes nicht an Gott dächte? Nach Erfüllung jener Herzenspflicht umarmten sich die Gefangenen. Mary Grant und Helena legten sich in einer Ecke der Hütte nieder. Der Schlaf, der alle Qualen heilt, senkte sich bald auf ihre Lider; von der Erschöpfung und langen Schlaflosigkeit überwunden, entschlummerten sie, Eine im Arme der Andern. Dann nahm Glenarvan seine Freunde zur Seite und sprach: »Meine theuren Gefährten, unser Leben und das dieser armen Frauen gehört ja Gott. Ist es des Himmels unerforschlicher Rathschluß, daß wir morgen sterben sollen, nun, so werden wir es als Menschen voller Muth, als Christen thun, und bereit sein, furchtlos vor den höchsten Richter zu treten. Gott, der ja unser Inneres sieht, weiß auch, daß wir ein edles Ziel verfolgten. Wie hart uns sein Beschluß auch treffe, ich murre nicht gegen ihn. Aber der Tod hier ist nicht nur Tod allein, er ist eine Strafe, vielleicht eine Schandthat, und hier, diese beiden Frauen ...« Glenarvan's bis hierher feste Stimme erzitterte. Er schwieg, um seine Erregung zu bemeistern. Nach wenig Augenblicken sagte er zu dem jungen Kapitän: »John, Du hast Mary dasselbe versprochen, wie ich der Lady Helena. Was ist Dein Entschluß? – Ich glaube, erwiderte John Mangles, vor Gott die Pflicht zu haben, dieses Versprechen zu erfüllen. – Gewiß, John, doch wir haben keine Waffen. – Hier ist noch eine, sagte John, der einen Dolch vorwies. Ich habe sie Kara-Tété's Hand entrissen, als er zu Ihren Füßen niedersank. Wohlan, Mylord, wer von uns den Andern überlebt, der wird das Gelübde gegen Lady Helena und Mary Grant erfüllen.« Ein tiefes Schweigen herrschte nach diesen Worten in der Hütte. Endlich unterbrach es der Major mit den Worten: »Jenes äußerste Mittel, meine Freunde, bleibe für die letzten Minuten aufgespart. Ich betheilige mich nicht gern bei Etwas, was nie wieder rückgängig zu machen ist. – Ich sprach hier nicht für uns, sagte Glenarvan, wir werden dem Tode zu trotzen wissen, er sei, welcher er wolle. Ja, wären wir allein, schon zwanzigmal hätte ich wohl angefeuert: Meine Freunde, versuchen wir einen Ausfall, greifen wir jene Elenden an! Aber sie! Sie ... .« John lüftete in diesem Augenblicke die Matte und zählte an fünfundzwanzig Eingeborene, welche das Thor des Waré-Atoua bewachten. Sie hatten ein großes Feuer angezündet, welches die unebene Oberfläche des Pah mit trübem Scheine beleuchtete. Von den Wilden lagen die Einen um die Feuerstelle ausgestreckt, während die Anderen unbeweglich dastanden und mit ihren dunklen Gestalten gegen die helle Flammenwand grell abstachen. Alle aber richteten die Blicke häufig nach der ihrer Wachsamkeit anvertrauten Hütte. Es wird behauptet, daß zwischen einem Kerkermeister, welcher Wache hält, und einem Gefangenen, welcher fliehen will, der Vortheil auf der Seite des Gefangenen sei. Wirklich ist das Interesse des Einen meist stärker, als das des Andern. Dieser kann es vergessen, daß er auf Wache ist, Jener aber nie, daß er bewacht wird. Der Gefangene denkt weit häufiger daran, eine Flucht Zu bewerkstelligen, als der Wächter, sie zu verhindern, was die häufigen und wunderbaren Entweichungen wohl erklärt. In diesem Falle aber bewachte der Haß und die Rache die Gefangenen, und kein indifferenter Schließer. Wenn diese nicht gefesselt worden waren, so kam das daher, daß man es für überflüssig erachten mochte, da fünfundzwanzig Mann den einzigen Ausgang des Waré-Atoua versperrten. Diese Hütte, welche rückwärts an dem Felsen anlag, der die Umzäunung begrenzte, war nur von dem Plateau des Pah aus über eine schmale Landzunge zugänglich. Die beiden anderen Wände standen dicht an senkrechten Felswänden über einem etwa hundert Fuß tiefen Abgrunde. Ein Heruntersteigen war an diesen Stellen unmöglich. Auch auf der Rückseite, welche der ungeheure Felsen bildete, erschien eine Flucht unausführbar. Den einzigen Ausweg bot eben das Thor des Waré-Atoua; die Maoris bewachten aber den schmalen Landrücken wie eine Ausfallsbrücke. Nach mehrfacher Untersuchung der Wände mußte Glenarvan sich gestehen, daß an einen Ausbruch nicht zu denken war. Indessen enteilten die Stunden dieser angstvollen Nacht. Tiefe Dunkelheit lagerte um den Berg. Weder Mond noch Sterne milderten sie. Einige Windstöße rüttelten an den Planken des Pahs, so daß die Pfähle knarrten. Das Wachtfeuer der Eingeborenen flammte lebhafter dabei auf; die Flammen warfen einen kurzen Schein in das Innere des Waré-Atoua und beleuchteten einen Augenblick lang die Gruppe der Gefangenen. Die Armen waren in traurigem Sinnen verloren; das Schweigen des Todes herrschte in der Hütte. Es mochte gegen vier Uhr Morgens sein, als der Major durch ein leises Geräusch aufmerksam wurde, das sich nahe den Pfeilern der Rückwand bemerkbar machte. Da es nicht nachließ, horchte Mac Nabbs gespannter auf. Dann legte er sogar, da jenes immer fortdauerte, das Ohr auf den Boden. Ihm schien es, als grübe Jemand von draußen die Erde auf. Als er sich darüber vergewissert hatte, glitt er zu Glenarvan und John Mangles hin, die er ihren schmerzlichen Träumereien entriß, indem er sie nach dem Hintergrunde der Hütte führte. »Horcht hier!« sagte er mit leiser Stimme und bedeutete sie, zu schweigen. Das Scharren wurde deutlicher, man konnte kleine Steine an einem harten Instrumente knirschen und draußen herabrollen hören. »Das ist irgend ein Thier in seinem Baue«, sagte John Mangles. Glenarvan schlug sich gegen die Stirn. »Wer weiß, sagte er, wenn es nun ein Mensch wäre? ... »Mensch oder Thier, versetzte der Major, ich weiß, was zu thun ist.« Wilson und Olbinett machten sich gleichzeitig mit daran, den Erdboden aufzuwühlen, John mit seinem Dolche, mit spitzen Steinen, ja, mit den bloßen Nägeln, während Mulrady auf dem Fußboden ausgestreckt unter der Matte hin den Trupp Eingeborener im Auge behielt. Die um ihr Feuer bewegungslos daliegenden Wilden hatten keine Ahnung davon, was zwanzig Schritte von ihnen vorging. Die obersten Erdschichten über dem kieseligen Tuffstein bestanden aus lockerem, zerreiblichem Boden, so daß das Loch auch ohne Werkzeuge zusehends wuchs. Bald wurde es klar; daß ein oder mehrere Menschen, welche sich an den Felsenwänden unterhalb der Hütte befinden mußten, deren Wand unterhöhlten. Zu welchem Zwecke geschah das aber? War ihnen die Anwesenheit der Gefangenen bekannt oder war hier irgend ein Zufall im Spiele? Die Gefangenen verdoppelten ihre Anstrengungen. Schon bluteten ihre Finger, – sie gruben weiter. Nach einer halben Stunde war das Loch schon drei Fuß tief. Aus dem schärferen Geräusche konnten sie es abnehmen, daß nur noch eine dünne Erdschicht die Verbindung von innen nach außen unterbrach. Einige Minuten verflossen noch so, als der Major plötzlich seine Hand, die von einem scharfen Instrumente getroffen war, zurückzog. John Mangles streckte seinen Dolch voraus und parirte so die draußen arbeitende Messerklinge, ergriff aber die Hand, welche sie hielt. Das war die einer Frau oder eines Kindes, aber eine Europäerhand! Noch war von keiner Seite ein Wort gefallen. Offenbar lag auf beiden Seiten ein Interesse vor, zu schweigen. »Ist das etwa Robert?« sagte Glenarvan halblaut. Trotzdem hatte ihn Mary Grant, welche von den Belegungen in der Hütte erwacht war, gehört. Leise glitt sie zu Glenarvan hin, ergriff jene ganz mit Erde bedeckte Hand und küßte sie inbrünstig. »Du! Du bist es! sagte das junge Mädchen, die sich nicht täuschen konnte, Du, mein Robert! – Ja, kleine Schwester, antwortete Robert, ich bin da, um Euch Alle zu retten. Aber still! Still! – Du braves Kind! sagte Glenarvan. – Beobachtet nur die Wilden draußen«, mahnte Robert. Mulrady, dessen Aufmerksamkeit die Erscheinung des Knaben etwas abgelenkt hatte, nahm seine Stelle wieder ein. »Es geht Alles gut! sagte er. Nur vier Krieger sind wach, die Anderen schlafen. – Muth also!« rief Wilson. Sofort wurde die Oeffnung erweitert, und Robert flog aus den Armen seiner Schwester in die Lady Helena's. Um seinen Körper war ein langes Phormiumseil geschlungen. »Mein Kind! Mein Kind! lispelte die junge Frau, die Wilden haben Dich also nicht umgebracht? – Nein, Madame, antwortete Robert. Doch weiß ich selbst nicht, wie ich während des Tumultes ihren Augen entschlüpfte. Ich gelangte durch die Umzäunung. Zwei Tage lang blieb ich in Gebüschen versteckt und irrte in der Nacht umher; ich mußte Sie wiedersehen. Während der ganze Stamm den Leichenfeierlichkeiten beiwohnte, gelang es mir, diese Seite der Felswand, an der dieses Gefängniß steht, zu finden und die Möglichkeit, bis hierher vorzudringen, einzusehen. Messer und Seil habe ich aus einer verlassenen Hütte gestohlen. An Gräsern hielt ich mich, Zweige waren meine Stufen. Zufällig entdeckte ich in dem Felsen eine Art Grotte; nur wenige Fuß hatte ich durch weichen Erdboden zu wühlen, nun – und da bin ich!« Stumme Küsse waren die einzige Antwort, welche Robert erhielt. »Nun, schnell auf! sagte er mit entschiedenem Tone. – Ist Paganel unten? fragte Glenarvan. – Herr Paganel? erwiderte der über diese Frage erstaunte Knabe. – Ja; erwartet er uns? – Aber nein, Mylord. Ist denn Herr Paganel nicht hier? – Hier ist er nicht, antwortete Mary Grant. – Wie? Du hast ihn nicht gesehen? fragte Glenarvan. Ihr habt Euch wahrend des Tumultes nicht getroffen? Seid nicht zusammen entflohen? – Nein, Mylord, entgegnete Robert, der von Paganel's Verschwinden ganz niedergeschmettert war. – Vorwärts, mahnte der Major, hier ist keine Minute zu verlieren. Wo Paganel auch sein mag, übler als uns kann es ihm nicht ergehen. Vorwärts.« Wirklich waren die Augenblicke zur Flucht kostbar. Diese selbst war, bis auf die Überschreitung einer zwanzig Fuß tiefen, ganz lothrechten Felsenwand nicht allzu schwierig. Weiter unten dachte sich der Abhang bis an den Fuß des Berges sanfter ab. Von da aus konnten dann die Gefangenen schnell die tieferen Thäler erreichen, während die Maoris. wenn sie ihre Flucht bemerkten, einen großen Umweg machen mußten, da ihnen der ausgehöhlte Gang zwischen dem Waré-Aioua und dem Abhange nicht bekannt war. Der Ausbruch begann, zu dessen Gelingen alle Vorsicht aufgeboten wurde. Einer nach dem Anderen krochen die Gefangenen durch die Oeffnung und befanden sich bald in der erwähnten Grotte. John Mangles entfernte, bevor er die Hütte verließ, erst sorgfältig allen Schutt, schlüpfte dann hindurch und ließ die Decken über die Oeffnung zufallen. Der Gang war also vollkommen verdeckt. Nun galt es, die steile Felswand bis zu der Abdachung hinabzuklettern, was ohne Robert's mitgebrachtes Seil ganz unausführbar gewesen wäre. Man rollte es auf, befestigte es an einem Felsenvorsprung und ließ das andere Ende hinab. John Mangles prüfte, bevor sich ihm Jemand anvertrauen durfte, das Seil erst auf seine Haltbarkeit, die ihm nicht zu bedeutend erschien. Man durfte sich aber nicht unbedacht einem Sturze aussetzen, der hier leicht tödtlich sein konnte. »Dieser Strick trägt nur Zwei auf einmal, sagte er, richten wir uns also darnach. Lord und Lady Glenarvan mögen zuerst hinabgleiten; sind sie auf der Abdachung angelangt, so wird ein dreimaliges Schütteln des Seiles uns das Zeichen sein, nachzufolgen. – Ich will zuerst hinab, versetze Robert. Ich habe da unten eine Art tiefer Höhle bemerkt, wo die zuerst Herunterkommenden sich beim Erwarten der Anderen verbergen können. – Geh, mein Sohn!« sagte Glenarvan und drückte ihm die Hand. Robert verschwand durch die Oeffnung der Grotte. Nur eine Minute später verkündeten drei Erschütterungen des Seiles, daß er glücklich hinabgekommen sei. Sogleich wagten sich Lord und Lady Glenarvan aus der Grotte. Noch war es hier tiefdunkel, doch färbten schon einige grauliche Streifen die Berggipfel im Osten. Die stechende Morgenfrische belebte die junge Frau; sie fühlte sich stärker und begann die gefahrvolle Flucht. Glenarvan voraus, Lady Helena nach ihm, glitten sie an dem Seile hinab. Dann begann Glenarvan, seiner Gattin voraus und sie unterstützend, rückwärts weiter hinab zu steigen. Er haschte nach Grasbüscheln und Buschzweigen, um Stützpunkte für sie zu finden. Erst prüfte er sie und lenkte dann Lady Helena's Fuß dahin. Schreiend flogen einige erwachte Vögel auf, und die Flüchtlinge erzitterten, wenn ein Steinchen den Abhang des Berges hinabrollte. Schon hatten sie die Hälfte Weges zurückgelegt, als sich eine Stimme von der Grotte her vernehmen ließ. »Einhalten!« rief John Mangles leise. Glenarvan, der sich selbst an einen Busch mit der einen Hand, und seine Gattin mit der anderen hielt, stand still und wagte kaum Athem zu holen. Wilson's Aufmerksamkeit hatte vor dem Waré-Atoua ein Geräusch vernommen, was ihn veranlaßte, noch einmal in die Hütte zurückzukehren und die Maoris zu beobachten. Auf ein Zeichen von ihm veranlaßte John Mangles auch Glenarvan, nicht weiter zu gehen. Es hatte sich nämlich ein Krieger, der ein ungewöhnliches Geräusch bemerkt haben mochte, erhoben und dem Waré-Atoua genähert. Zwei Schritte vor der Hütte lauschte er mit vorgeneigtem Kopfe. So stand er eine Minute lang, die eine Stunde zu währen schien, mit gespitztem Ohr und lauerndem Auge. Dann schüttelte er den Kopf, wie Jemand, der sich geirrt hat, ging zu seinen Stammesgenossen zurück, ergriff ein Stück trockenes Holz und warf es in das Feuer, welches davon neu aufflammte. Sein klar beleuchtetes Gesicht ließ keinen Verdacht, den er geschöpft hätte, erkennen, und nachdem er den ersten Tagesschimmer am Horizonte beobachtet hatte, legte er sich neben dem Feuer nieder, um seine erstarrten Glieder zu erwärmen. »Es geht nach Wunsch«, sagte Wilson. John gab Glenarvan ein Zeichen, weiter hinab zu steigen. Glenarvan glitt langsam die Böschung hinab, und bald faßte er mit Lady Helena festen Fuß auf dem Pfade, wo Robert sie erwartete. Das Seil wurde dreimal geschüttelt, und nun folgten Mary Grant, ihr voraus John Mangles auf dem gefährlichen Wege. Glücklich fanden sie die Vorausgegangenen in der von Robert bezeichneten Höhlung. Fünf Minuten später verließen alle dem Waré-Atoua glücklich entronnenen Flüchtlinge ihre vorläufige Zuflucht und schlugen sich, erst den bekannten Seeufern folgend, bald tiefer in die Berge. Sie gingen rasch und suchten vor Allem solche Punkte zu vermeiden, wo sie gesehen werden könnten. Sie sprachen kein Wort und huschten wie Schatten durch die Gesträuche. Wohin gingen sie? – Auf's Geradewohl, aber sie waren doch frei! Gegen fünf Uhr begann der Tag zu dämmern. Bläuliche Streifen wurden zwischen den Wolken sichtbar. Die dunstigen Gipfel entkleideten sich der Morgennebel. Gleich mußte das Gestirn des Tages auftauchen, aber statt damit das Zeichen zu dem Blutgericht zu geben, konnte es nur die Flucht der Verurtheilten verrathen. Es galt also vor diesem verhängnißvollen Augenblicke außer dem Gesichtskreise der Wilden zu sein. Sie kamen leider nicht schnell vorwärts, denn oft waren die Wege unterbrochen. Lady Helena klomm, gehalten, um nicht zu sagen, getragen von Glenarvan's Hand, die Abhänge hinan; Mary Grant stützte sich auf John Mangles' Arm; Robert ging, glücklich, triumphirend, das Herz voller Freude über seinen Erfolg, voraus; die beiden Matrosen schlossen den Zug. Noch eine halbe Stunde, und die Leuchte des Tages mußte auftauchen. Eine halbe Stunde lang marschirten die Flüchtlinge einfach geradeaus. Paganel war nicht da, um sie zu leiten, – Paganel, der Gegenstand ihrer Kümmerniß, dessen Abwesenheit einen dunklen Schatten in ihr Glück warf. Sie hielten sich indeß möglichst östlich und gingen einem prächtigen Morgenrothe entgegen. Bald hatten sie eine Höhe von fünfhundert Fuß über dem Taupo-See erreicht, und die Morgenkälte, welche auf dieser Höhe noch zunahm, machte sich auffallend bemerklich. Unbestimmte Formen von Hügeln und Bergen thürmten sich übereinander auf, doch hatte Glenarvan nur den einen Wunsch, sich darin zu verlieren. Später würde er aus diesem Berglabyrinthe den Ausgang zu finden suchen. Endlich erschien die Sonne und sandte den Flüchtigen ihre ersten Strahlen entgegen. Plötzlich durchdrang ein schreckliches Geschrei die Luft. Es kam von dem Pah her, dessen Lage Glenarvan nicht mehr genau zu bestimmen vermochte. Zudem hinderte auch eine dichte Nebelwolke den Einblick in die tieferen Thäler. Daran konnten aber die Flüchtlinge nicht mehr zweifeln, daß ihre Flucht entdeckt war. Würden sie nun der Verfolgung der Eingeborenen entgehen? Waren sie bemerkt worden? Verriethen sie wohl ihre Spuren? In diesem Augenblicke lüftete sich der Nebel unter ihnen, umhüllte sie vorübergehend als feuchte Wolke, und bald bemerkten sie dreihundert Schritte unter sich die wahnsinnige Masse der Eingeborenen. Sie sahen diese, aber auch sie waren gesehen worden. Erneutes Geheul ertönte mit Bellen untermischt, und nachdem der ganze Stamm vergeblich versucht hatte, den Felsen hinter dem Waré-Atoua zu erklettern, wälzte er sich aus der Umfriedigung heraus und stürmte auf den kürzesten Wegen zur Verfolgung der Flüchtlinge fort, die seiner Rache entflohen. Vierzehntes Capitel. Der Berg unter dem Tabon. Gegen hundert Fuß noch erhob sich der Gipfel des Berges. Den Flüchtigen lag daran, ihn zu erreichen, um sich an der entgegengesetzten Seite den Blicken der Maoris zu entziehen. Sie hofften dann über irgend einen gangbaren Gebirgskamm die benachbarten Höhen zu erreichen, welche ein orographisches Gewirr bildeten, dessen Complicationen der arme Paganel, wenn er bei der Hand gewesen wäre, gewiß aufgelöst hätte. Man stieg also schnellstmöglich aufwärts, getrieben von den Ausrufen, welche sich mehr und mehr näherten. Die wüthende Horde langte jetzt am Fuße des Berges an. »Muth, Muth, Ihr Freunde!« rief Glenarvan, der seine Begleiter auf jede Weise anfeuerte. In weniger als fünf Minuten war der Gipfel erreicht. Dort wandten sie sich um, um ihre Lage zu überblicken und eine Richtung zu wählen, welche von den Maoris wegführte. Von dieser Höhe übersahen sie den Taupo-See, der sich westlich zwischen einem pittoresken Berggürtel ausdehnte. Nördlich waren die Gipfel des Pirongia sichtbar, südlich der flammende Krater des Tongariro. Oestlich aber haftete der Blick an den Gipfeln und Bergkämmen, welche sich an die Wahiti-Ranges anschließen, jene große Kette, deren ununterbrochener Ring die ganze Insel von der Cook-Straße bis zum Ostcap umfaßt. Man mußte also den entgegengesetzten Abhang hinabsteigen und sich in den schmalen, vielleicht ausweglosen Schluchten verlieren. Glenarvan warf einen ängstlichen Blick umher. Da der Nebel nun ganz gewichen war, vermochte er alle Bodensenkungen deutlich zu überblicken, und keine Bewegung der Maoris konnte ihm entgehen. Die Eingeborenen waren nicht fünfhundert Fuß unter ihm, wobei sie das Plateau erreichten, auf welchem sich der Gipfel isolirt erhob. Glenarvan konnte den Aufenthalt um keinen Preis ausdehnen, erschöpft wie Alle waren, mußten sie doch fliehen, um nicht umzingelt zu werden. »Hinunter, hinunter! rief er, bevor der Weg uns abgeschnitten ist!« Eben als die armen Frauen sich aber mit letzter Kraftanstrengung erhoben, blieb Mac Nabbs stehen und sagte: »Es ist unnöthig, Glenarvan. Sehen Sie doch!« Und wirklich sahen sie Alle sich in der Bewegung der Maoris eine unerklärliche Veränderung vollziehen. Die Verfolgung wurde urplötzlich aufgegeben. Die Besteigung des Berges hörte, wie durch gebieterischen Gegenbefehl, auf. Die Eingeborenen zügelten ihren Eifer und stauten sich, wie die Wogen des Meeres vor einem unübersteiglichen Felsen. Alle diese blutdürstigen Wilden, welche jetzt den Fuß des Berges umstanden, heulten, gesticulirten, schwangen Aexte und Flinten, gingen aber keinen Schritt weiter vorwärts. Wüthend bellten ihre Hunde, die aber ebenso wie sie am Boden festgewurzelt schienen. Was ging da vor? Welch' unsichtbare Gewalt hielt die Eingeborenen zurück? Die Flüchtlinge sahen es, ohne es zu verstehen, und fürchteten, der Zauber, der den Stamm Kai-Koumou's fesselte, möge nicht lange vorhalten. Plötzlich stieß John Mangles einen Schrei aus, der seine Gefährten zum Umdrehen veranlasse; er wies mit der Hand nach einer Art kleinem Fort, das den Gipfel krönte. »Das Grab des Häuptlings Kara-Tété! rief Robert. – Sprichst Du die Wahrheit, Robert? fragte Glenarvan. – Ja wohl, Mylord. Gewiß ist es das Grab. Ich kenne es ...« Robert täuschte sich nicht. Noch fünfzig Fuß höher auf der äußersten Spitze des Berges bildeten frische Pfähle eine kleine Umplankung. Auch Glenarvan erkannte jetzt das Grab des Neu-Seeländers. Ihre ziellose Flucht hatte sie auf den Gipfel des Maunganamu geführt. Der Lord erstieg, gefolgt von seinen Begleitern, den letzten Abhang des Gipfels bis zum Fuße des Grabes selbst. Der breite Zugang war nur durch Matten verschlossen. Glenarvan wollte eben das Innere des Oudoupa betreten, als er mit dem Ausrufe: »Ein Wilder!« plötzlich zurückwich. »Ein Wilder in dem Grabe hier? fragte der Major. – Ja, Mac Nabbs. – Thut nichts, wir dringen ein.« Glenarvan, der Major, Robert und John Mangles traten in die Umpfählung. Ein Maori befand sich darin von einem weiten Phormiummantel verhüllt; die Dunkelheit in dem Oudoupa verhinderte es, seine Gesichtszüge zu erkennen. Er schien sehr ruhig und frühstückte völlig sorglos. Glenarvan wollte ihn ansprechen, als der Eingeborene ihm zuvorkam und in freundlichem Tone und fließendem Englisch zu ihm sprach: »Setzen Sie sich doch, lieber Lord, das Frühstück erwartet Sie.« Es war Paganel. Alle stürzten sich bei seiner Stimme in das Oudoupa und fielen dem würdigen Geographen in die langen Arme. Paganel war wiedergefunden! Das allgemeine Wohl verkörperte sich in seiner Person! Man fragte ihn, man wollte wissen, wie und warum er auf den Gipfel des Maunganamu gelangt sei. Doch Glenarvan unterdrückte mit einem Worte diese unzeitige Neugier. »Denkt an die Wilden! sagte er. – Die Wilden! entgegnete achselzuckend Paganel. Das sind Geschöpfe, welche ich souverän verachte. – Aber könnten sie nicht ...? – Sie! Diese Feiglinge! Seht sie nur an!« Alle folgten Paganel, der aus dem Oudoupa schritt. Die Seeländer standen noch an der nämlichen Stelle am Fuße des Bergkegels und stießen ein furchtbares Geschrei aus. »Schreit und heult nur zu! Sprengt Eure Lungen, Ihr albernen Geschöpfe! sagte Paganel. Kommt doch und ersteigt diesen Berg. – Und warum thun sie es nicht? fragte Glenarvan. – Weil jener Häuptling hier beerdigt ist und sein Grab uns schützt, weil der Berg unter dem Tabou steht! – Unter dem Tabou? – Ja, meine Freunde! Eben deshalb habe ich mich auch hierher geflüchtet, wie in eine jener Freistätten des Mittelalters. – Gott ist mit uns!« rief Lady Helena aus und hob die Hände gen Himmel. Wirklich stand der Berg unter dem Tabou, und durch diese Art Heiligsprechung entging er dem Angriffe der abergläubischen Wilden. Hiermit war das Wohl und Wehe der Flüchtlinge zwar noch nicht besiegelt, aber es war doch eine kleine Hilfe, aus der sie Nutzen zu ziehen gedachten. Glenarvan sprach vor unsäglicher Erregung kein Wort, und der Major senkte den Kopf mit höchst zufriedener Miene. »Und nun, meine Freunde, wenn diese Tölpel unsere Geduld auf die Probe zu stellen gedenken, sollen sie sich täuschen. Noch vor Verlauf zweier Tage werden wir vor den Angriffen dieser Schurken sicher sein. – Wir werden fliehen, sagte Glenarvan, aber wie? – Das weiß ich jetzt nicht, erwiderte Paganel; genug, wir fliehen Alle zusammen.« Jetzt wollte Jeder die Abenteuer des Geographen erfahren. Sonderbarer Weise mußte man dem sonst so redseligen Manne die Worte fast abnöthigen, denn nur ausweichend stand er den Fragen seiner Freunde Rede. »Meinen Paganel haben sie mir vertauscht!« dachte Mac Nabbs. Wirklich war die Erscheinung des Gelehrten gar nicht mehr dieselbe. Er wickelte sich sorgsam in seine weite Phormiumhülle und schien neugierige Blicke zu fürchten. Sein verlegenes Benehmen, sobald von ihm die Rede war, entging Keinem, doch Niemand zeigte, daß er es bemerkte. Drehte sich das Gespräch nicht um ihn, so gewann er seine altgewohnte Freundlichkeit wieder. Seine Erlebnisse betreffend, theilte er, als sich Alle um ihn am Fuße des Grabes gesetzt hatten, Folgendes mit: Nach dem Tode Kara-Tété's machte sich Paganel, ebenso wie Robert, das Gewühl der Eingeborenen zu Nutze und entsprang aus dem Pah. Aber minder glücklich, als der junge Grant, lief er spornstreichs in ein Maorilager. Dort befehligte ein hübsch gewachsener Häuptling von intelligentem Aussehen, der offenbar allen Kriegern seines Stammes überlegen war. Derselbe sprach vollkommen englisch, und begrüßte ihn, indem er seine Nasenspitze an der des Geographen rieb. Paganel fragte ihn, ob er sich hier als Gefangener zu betrachten habe, oder nicht. Da er aber bemerkte, daß er auf Schritt und Tritt sehr höflich von dem Häuptling begleitet wurde, wußte er bald, woran er war. Dieser Häuptling, Namens »Hihy«, das heißt »Sonnenstrahl«, war kein böser Mensch. Die Brille und das Fernrohr Paganel's stellten diesen in seinen Augen sehr hoch, und er versicherte sich seiner Person vollständig, nicht nur durch seine Wohlthaten, sondern auch durch gute Phormiumstricke, vorzüglich in der Nacht. Drei ganze Tage dauerte das so fort. Wurde Paganel unterdessen gut oder schlecht behandelt? »Ja und Nein«, sagte er selbst, ohne sich darüber weiter auszulassen. Kurz, er war Gefangener und abgesehen von der angedrohten Todesstrafe, erschien ihm seine Lage beneidenswerter, als die seiner unglücklichen Freunde. Zum Glück gelang es ihm, während einer Nacht seine Bande zu durchnagen und zu entfliehen. Von fern hatte er der Beerdigung des Häuptlings beigewohnt; er wußte, daß diese auf dem Maunganamu stattgefunden, und der Berg dadurch den Schutz des Tabou erlangt hatte. Dorthin strebte er zu entkommen, da er seine noch im Lande zurückgehaltenen Begleiter nicht verlassen wollte. Sein gefährliches Unternehmen gelang. In vergangener Nacht kam er am Grabe Kara-Tété's an, und erwartete, indem er neue Kräfte sammelte, daß der Himmel auch seine Freunde durch irgend welchen Zufall befreien werde. Das war Paganel's Bericht. Ueberging er absichtlich irgend einen Umstand aus der Zeit seines Aufenthaltes bei den Eingeborenen? Mehr als einmal ließ seine Verlegenheit das annehmen. Wie dem auch sei, er erntete einstimmig Glückwünsche, und nach Kenntnißnahme der Vergangenheit wandte man sich wieder der Gegenwart zu. Die Situation blieb immer äußerst bedenklich. Wagten die Eingeborenen auch nicht, den Maunganamu zu besteigen, so rechneten sie auf den Hunger und den Durst, um der Gefangenen wieder habhaft zu werden. Es war das nur eine Frage der Zeit, und Wilde haben lange Geduld. Glenarvan verhehlte sich die Schwierigkeiten der Lage nicht, aber er beschloß, günstige Umstände abzuwarten, oder diese nöthigenfalls herbeizuführen. Zunächst wollte Glenarvan den Maunganamu gründlich kennen lernen, das heißt seine improvisirte Festung, nicht um sie zu vertheidigen, denn eine Belagerung war nicht zu befürchten, sondern um daraus fortzukommen. Der Major, John, Robert, Paganel und er nahmen den Berg genau auf. Sie achteten auf die Richtung der Fußpfade, ihre Ausläufer und Neigungswinkel. Der Kamm, welcher in der Länge einer Meile den Maunganamu mit der Wahitikette verband, flachte sich gegen die Ebene zu ab. Sein enger und launenhaft geformter Grath bot den einzigen für eine Flucht brauchbaren Weg. Konnten die Flüchtlinge diesen unter dem Schutze der Nacht unbemerkt überschreiten, so hatten sie Aussicht, sich in den tiefen Thälern jener Bergkette zu verstecken und so den Maoris zu entgehen. – Dieser Weg bot aber mehr als eine Gefahr. In seinen tieferen Partien lag er noch in Büchsenschußweite. Die Kugeln der Eingeborenen, welche die unteren Ausläufer besetzt hielten, konnten sich dort kreuzen und ein eisernes Netz bilden, welches Niemand ungestraft überschreiten konnte. Als sich Glenarvan und seine Freunde auf diesen gefährlichen Theil des Kammes gewagt hatten, wurden sie mit einem wahren Hagel von Blei begrüßt, der sie indeß nicht erreichte. Einige vom Winde entführte Pfropfen gelangten bis zu ihnen, sie waren aus Druckpapier gemacht, welches Paganel aus reiner Neugier aufhob und leicht entzifferte. »Das ist schön! sagte er. Wißt Ihr, meine Freunde, was die Wilden zum Laden der Gewehre verwenden? – Nein, Paganel, antwortete Glenarvan. – Bibelblätter! Wenn das der Gebrauch ist, den sie von der Heiligen Schrift machen, dann bedaure ich die armen Missionaire um die Mühe, Maori-Bibliotheken zu gründen. – Und welche Bibelstelle haben uns die Eingeborenen zugeschossen? fragte Glenarvan. – Ein Wort des allmächtigen Gottes, sagte John Mangles, der das halb verbrannte Papier nun auch gelesen hatte. Dieses Wort, fügte der junge Kapitän mit altschottischer Glaubensinnigkeit hinzu, ermahnt uns, daß wir auf ihn hoffen sollen. – Lies, John«, sagte Glenarvan. Und John las folgenden, von dem abgebrannten Pulver noch verschonten, Vers: »Psalm 90. – Weil er auf mich gehofft hat, werde ich ihn erretten. – Diese verheißungsvollen Worte, meine Freunde, müssen wir unseren wackeren, lieben Begleiterinnen mitnehmen. Das wird für sie eine Herzstärkung sein.« Glenarvan und seine Genossen stiegen wieder den holprigen Weg hinan, und gingen nach dem Grabe, das näher untersucht werden sollte. Unterwegs erstaunten sie nicht wenig, in kurzen Zwischenräumen ein leises Erzittern des Bodens zu fühlen. Es war das keine eigentliche Bewegung, sondern eine Vibration, wie etwa die eines Kessels beim Ausströmen des Dampfes. Offenbar waren im Inneren des Berges von unterirdischem Feuer erzeugte Dämpfe eingeschlossen. Diese Eigentümlichkeit konnte aber Leute nicht Wunder nehmen, welche an den heißen Quellen des Waikato vorübergekommen waren. Sie wußten, daß diese centralen Gegenden Ika-na-Mouis wesentlich vulkanischer Natur sind. Sie gleichen einem Haarsiebe, welches die Dämpfe aus der Erde in siedenden Quellen und Solfataren (Schwefeldunstquellen) durch seine Maschen treten läßt. Paganel lenkte, obgleich es ihnen nichts Neues war, doch die Aufmerksamkeit seiner Freunde auf die vulkanische Natur des Berges. Der Maunganamu stellt nur einen jener zahlreichen Gipfel dar, welche im Innern der Insel emporstarren und als Vulkane der Zukunft anzusehen sind. Die geringste mechanische Einwirkung konnte in diesen von kieseligem, hellfarbigem Tuff aufgebauten Wänden die Bildung eines Kraters veranlassen. »Wirklich sind wir aber, sagte Paganel, hier nicht mehr in Gefahr, als neben dem Dampfkessel des Duncan. Diese Erdkruste ist schon ein solides Kesselblech. – Zugegeben, meinte der Major, aber der beste Kessel springt einmal, wenn er zu lange Dienst thut. – Mac Nabbs, sagte Paganel, mich gelüstet auch gar nicht, auf dieser Spitze zu bleiben. Zeige mir der Himmel einen Ausweg, und ich mache mich jeden Augenblick davon. – Ei, warum kann uns nur der Maunganamu, fiel John Mangles ein, nicht gleich selbst weiter befördern, da eine so ungeheure mechanische Kraft in ihm aufgespeichert ist. Unter uns schlummert, nutzlos und verloren, wahrscheinlich die Kraft von Millionen Pferden. Mit dem tausendsten Theile derselben trüge uns der Duncan an's Ende der Welt!« Diese Erwähnung des Duncan regte in Glenarvan's Herzen eine Reihe der trübsten Gedanken auf. Denn so verzweifelt seine eigene Lage auch sein mochte, nicht selten vergaß er sie doch, wenn er sich des Schicksals seiner Mannschaft erinnerte. Er dachte noch daran, als er seine unglücklichen Begleiter auf dem Gipfel des Maunganamu wiederfand. Sobald Lady Helena ihn sah, eilte sie ihm entgegen. »Nun, lieber Edward, sagte sie, Ihr habt Euch über unsere Lage unterrichtet. Dürfen wir hoffen oder müssen wir fürchten? – Hoffen, meine liebe Helena, erwiderte Glenarvan. Die Grenze dieses Berges werden die Eingeborenen nie überschreiten und werden wir zunächst Zeit haben, einen Plan zur Flucht zu überlegen. – Uebrigens, Madame, sagte John Mangles, befiehlt uns Gott selbst, die Hoffnung nicht sinken zu lassen.« Er überreichte Lady Helena dabei das Bibelblatt, auf welchem jener Vers stand. Die offene Seele und das für alle Offenbarungen des Himmels empfängliche Herz der jungen Frau und des jungen Mädchens sahen in diesen Worten der Heiligen Schrift die untrügliche Prophezeihung ihrer Rettung. »Und nun zum Oudoupa! rief Paganel. Das ist unsere Festung, unser Schloß, unser Speisesaal, unser Arbeitszimmer. Niemand wird uns belästigen. Die Damen werden mir erlauben, ihnen in dieser reizenden Wohnung die Honneurs zu machen.« Alle folgten dem freundlichen Paganel. Als die Wilden bemerkten, wie die Flüchtlinge auf's Neue die geheiligte Grabstätte entweihten, schrieen und schossen sie im wilden Höllenlärmen durch einander. Glücklicherweise reichten die Kugeln nicht so weit wie das Geschrei, und fielen auf halbem Wege nieder, während jenes im unendlichen Raume verhallte. Lady Helena, Mary Grant und die Herren betraten, mit der Ueberzeugung, daß der Aberglaube der Maoris selbst ihre Wuth überwiege, die Grabstätte. Um das Oudoupa des seeländischen Häuptlings zog sich eine Palisadenwand von roth gestrichenen Pfählen. Symbolische Figuren, eine wahre Tättowirung in Holz, erzählten von dem Adel und den Heldenthaten des Verblichenen. Rosenkränze von Amuletten, Muschelarbeiten und geschnittene Steine zogen sich von einem Pfahle zum andern. Im Innern war der Erdboden mit einem Teppich aus grünem Laubwerk bedeckt und im Mittelpunkte verrieth eine Erhöhung das frische Grab. Da lagen die Waffen des Häuptlings, die geladenen und schußfertigen Gewehre, seine Lanze, seine prächtige Axt aus grünem Nephrit, nebst einem für die Jagden in der Ewigkeit ausreichenden Vorrath an Pulver und Kugeln. »Da ist ja ein ganzes Arsenal, sagte Paganel, das wir besser benutzen werden, als der Todte. Ein hübscher Gedanke, daß diese Wilden ihre Waffen in die andere Welt mitnehmen wollen. – Ei, das ist ja englisches Fabrikat! sagte der Major. – Gewiß, bestätigte Glenarvan, und es ist eine sehr thörichte Sitte, den Wilden Feuerwaffen zum Geschenk zu machen. Sie bedienen sich ihrer dann gegen die Eindringlinge, und das mit Recht. Jedenfalls werden diese Gewehre uns von Nutzen sein. – Noch mehr aber, fügte Paganel hinzu, die für Kara-Tété bestimmten Speisen und Getränke.« Wirklich hatten die Verwandten und Freunde des Todten ihre Sache gut gemacht. An der Verproviantirung konnte man ihre Wertschätzung der Tugenden des Häuptlings abmessen. Nahrungsmittel waren vorhanden, welche für zehn Personen auf vierzehn Tage ausreichten, oder vielmehr für den Todten auf Ewigkeit. Sie bestanden aus eßbaren Farrn, süßen Pataten, dem » Convolvulus batatus « der Eingeborenen, und aus Kartoffeln, welche von Europäern schon seit langer Zeit hierher eingeführt sind. Große Krüge enthielten frisches Wasser, das immer zur seeländischen Mahlzeit gehört, und ein Dutzend zierlich geflochtener Körbe kleine Kuchen aus völlig unbekanntem grünlichen Gummi. Gegen Hunger und Durst waren die Flüchtlinge demnach für einige Tage gesichert und ließen sich auch nicht lange bitten, ihre erste Mahlzeit auf Unkosten des Häuptlings einzunehmen. Glenarvan schaffte die für die ganze Gesellschaft nöthigen Speisen herbei, die er der Obhut Olbinett's übergab. Der Steward, der selbst unter den schwierigsten Verhältnissen an Förmlichkeiten hing, fand die Mahlzeit etwas mager. Auch wußte er die Wurzeln nicht zuzubereiten, wobei ihm ohnedem das Feuer fehlte. Paganel kam ihm mit dem Rathe zu Hilfe, die Farrn und süßen Pataten einfach in den Boden zu graben. Die Temperatur der oberen Erdlagen war nämlich eine sehr hohe, und ein Thermometer würde sicher sechzig bis fünfundsechzig Grad gezeigt haben. Olbinett hätte sich sogar fast selbst ernstlich verbrannt, denn als er ein Loch aushöhlte, um die Wurzeln hineinzulegen, sprang eine Dampfsäule einige Fuß hoch daraus hervor. Erschreckt fiel der Steward rückwärts nieder. »Den Hahn zumachen!« rief der Major, welcher mit den beiden Matrosen hinzusprang und das Loch mit Bimssteinstücken ausfüllte, während Paganel, der die Erscheinung aufmerksam beobachtete, die Worte murmelte: »Sieh da! Ah, schön! – Warum denn nicht? – Sind Sie verwundet, fragte Mac Nabbs Olbinett. – Nein, Herr Mac Nabbs, antwortete der Steward, ich versah mich nur nicht ... – So vieler Wohlthaten des Himmels! fiel Paganel in Entzückung ein. Nach dem Wasser und den Lebensmitteln Kara-Tété's schenkt uns die Erde auch das Feuer! Dieser Berg ist ja ein wahres Paradies! Ich schlage vor, darauf eine Niederlassung zu gründen, ihn urbar zu machen und uns für den Rest unserer Tage hier einzurichten. Dann sind wir die Robinsons des Maunganamu. Ich finde wahrlich Nichts, was uns auf diesem wohlversorgten Gipfel fehlte. – Nichts, wenn er nur haltbar ist, sagte John Mangles. – Nun, er ist nicht von gestern, sagte Paganel. Schon lange widersteht er dem Feuer seines Innern, und wird auch bis zu unserm Abgange aushalten. – Das Frühstück ist aufgetragen«, meldete Olbinett ebenso gravitätisch, als ob er im Schlosse Malcolm seinen Dienst versähe. Sofort begannen die Flüchtlinge, an der Palissade sitzend, eine jener Mahlzeiten, welche ihnen die Vorsehung seit einiger Zeit so pünktlich bei den schwersten Lagen zusandte. Niemand war wählerisch bezüglich der Nahrungsmittel, doch waren die Ansichten über den Wohlgeschmack des eßbaren Farrnkrautes getheilt. Die Einen fanden es von süßem, angenehmem, die Anderen von schleimig-schalem, gerbstoffigem Geschmacke. Die süßen Pataten, welche in dem heißen Erdboden gekocht waren, fand man ausgezeichnet. Der Geograph bemerkte, daß Kara-Tété nicht zu beklagen sei. Sobald der Hunger gestillt war, schlug Glenarvan vor, über einen Plan zur Flucht zu verhandeln. »Jetzt schon! sagte Paganel fast jammernd. Wollen Sie denn diesen köstlichen Ort schon verlassen? – Aber Herr Paganel, bemerkte Lady Helena, zugegeben, daß wir uns hier wie in Capua befinden, so dürfen wir deshalb doch Hannibal nicht nachahmen. – Ich werde mir nie erlauben, Madame, Ihnen zu widersprechen, antwortete Paganel, und da Sie verhandeln wollen, gut, so verhandeln wir. – Zunächst ist meine Meinung, begann Glenarvan, daß wir eine Flucht schon eher versuchen, ehe uns der Hunger dazu zwingt. Kräfte fehlen uns jetzt nicht, und davon müssen wir Nutzen ziehen. Kommende Nacht suchen wir die östlicheren Thäler zu erreichen, indem wir unter dem Schutze der Finsterniß den Kreis der Eingeborenen überschreiten. – Sehr wohl, sagte Paganel, wenn die Maoris uns ziehen lassen. – Und wenn sie es zu hindern suchen? fragte John Mangles. – Dann werden wir die großartigen Hilfsmittel anwenden, erwiderte Paganel. – Sie haben noch großartige Hilfsmittel? forschte der Major. – So viel, daß sie gar nicht alle benutzt werden«, entgegnete Paganel, ohne weitere Erläuterungen zu geben. Es mußte also die Nacht abgewartet werden, um den Versuch zu machen, die Linie der Eingeborenen zu überschreiten. Diese hatten ihren Platz nicht verlassen. Ihre Anzahl schien sogar durch verspätete Nachzügler gewachsen zu sein. Da und dort angezündete Wachtfeuer bildeten einen Flammenring um den Bergkegel. Sobald die benachbarten Thäler in Dunkel gehüllt waren, sah es aus, als ob der Maunganamu aus einem Feuerherde emporstiege, während sein Gipfel in dichter Finsterniß verschwand. Sechshundert Fuß unter diesem hörte man das Hin- und Herlaufen, Geschrei und Murmeln des feindlichen Bivouacs. Um neun Uhr, als es schon dunkle Nacht war, beschlossen Glenarvan und John Mangles auszukundschaften, ob sie ihre Begleiter den gefährlichen Weg hin führen könnten. Zehn Minuten lang stiegen sie geräuschlos nach abwärts bis nach jenem schmalen Kamme, welcher die Linie der Eingeborenen nur fünfzig Fuß über deren Lager durchschnitt. Bis hierher ging Alles gut. Die um ihre Feuer liegenden Maoris schienen die beiden Flüchtlinge nicht zu bemerken, welche nun einige Schritte vorwärts wagten. Plötzlich knatterten aber rechts und links vom Kamme die Gewehrsalven. »Zurück! rief Glenarvan, diese Banditen haben Katzenaugen und Riflebüchsen!« John Mangles und er stiegen sofort den steilen Abhang wieder hinan und gelangten auch glücklich zu den Anderen, welche durch die Flintenschüsse nicht wenig erschreckt worden waren. Glenarvan's Hut hatten zwei Kugeln durchlöchert. Es war demnach unmöglich, sich zwischen den beiden Schützenlinien auf den langen Kamm hinauszuwagen. »Bis morgen! sagte Paganel, und da wir die Wachsamkeit der Eingeborenen nicht täuschen können, so werden Sie mir gestatten, diesen morgen ein Gericht aus meiner Küche vorzusetzen!« Es wurde empfindlich kalt. Glücklicherweise hatte Kara-Tété auch die besten Nachtkleider mit in's Grab bekommen, warme Phormiumdecken, in welche sich Alle ohne Scheu einhüllten, und bald schliefen die durch den Aberglauben der Eingeborenen geschützten Flüchtlinge hinter den Palissaden und auf dem warmen, von unterirdischen Kräften leise erzitternden Erdboden. Fünfzehntes Capitel. Die großen Mittel Paganel's. Am folgenden Morgen, am 17. Februar, erweckte die aufgehende Sonne mit ihren ersten Strahlen die Schläfer des Maunganamu. Schon lange waren die Maoris am Fuße des Bergkegels in lebhafter Bewegung; sie dachten nicht daran, sich von der Beobachtungslinie zu entfernen. Mit wildem Geschrei begrüßten sie die Erscheinung der Europäer, welche aus der von ihnen entweihten Enceinte hervorkamen. Der Tag verlief ohne Störung von Seiten der Wilden. Nach dem Mißerfolg des ersten Fluchtversuches war natürlich Jeder begierig, Paganel's angedeutete Auskunftsmittel zu erfahren. Dieser wollte, den Aberglauben der Eingeborenen benutzend, eine leicht zu bewerkstelligende Eruption von Dämpfen in der Nähe des Oudoupa hervorrufen, um so die Maoris glauben zu machen, daß die Europäer dem Zorne der Gottheit verfallen seien, um sie zur Aufgabe dieser Belagerung zu veranlassen. Um acht Uhr Abends verschwand der Gipfel des Maunganamu in düsterer Finsterniß. Der Himmel bot einen schwarzen Hintergrund für die auflodernden Flammen, welche Paganel eigenhändig nährte. Die Maoris konnten ihre Gefangenen nicht mehr sehen. Der Augenblick zu handeln war gekommen. Man mußte eiligst an das Werk gehen. Glenarvan, Paganel, Mac Nabbs, Robert, der Steward und die beiden Matrosen thaten es gleichzeitig. Zur Oeffnung des künstlichen Kraters wurde ein etwa dreißig Schritte von dem Grabmal Kara-Tété's entfernter Platz gewählt. Es war in der That von hoher Bedeutung, daß dieses Oudoupa durch den Ausbruch verschont blieb, denn mit ihm wäre auch der über den Berg ausgesprochene Tabou aufgehoben gewesen. Dort hatte Paganel einen mächtigen Felsblock bemerkt, um welchen sich die Dämpfe in dichten Massen verbreiteten. Durch ihn wurde eine natürliche, kleine Kratermündung des Kegels verdeckt, durch sein Gewicht allein leistete er dem Ausbruch der unterirdischen Flammen Widerstand. Wenn es gelang, ihn aus seinem Lager zu heben, mußten die Dämpfe und Lavamassen sogleich durch die frei gewordene Oeffnung hervorströmen. Die im Innern des Oudoupa aus dem Erdboden gerissenen Pfähle dienten den Arbeitern als Hebebäume. Unter ihren gemeinschaftlichen Anstrengungen begann das Felsstück zu schwanken. Auf dem Abhange des Berges gruben sie für dasselbe eine Art Rinne, um es in dieser hinabgleiten zu lassen. Je höher es gehoben wurde, desto heftiger wurden die Erschütterungen des Bodens. Ein dumpfes Rollen der Flammen und zischende Töne wie aus einem Hochofen wurden unter der dünnen Erdkruste immer lauter und lauter. Die kühnen Arbeiter, wahre Cyklopen, welche die Feuer der Erde in Bewegung setzten, arbeiteten schweigend fort. Bald merkten sie, daß der Platz durch aufbrechende Erdspalten und Dampfstöße, die glühend heiß waren, gefährlich wurde. Noch eine furchtbare Anstrengung – und der Felsblock rollte den Abhang hinab und verschwand. Sogleich gab die dünne Erdschicht nach. Eine schwarze Feuersäule stieg unter donnerartigem Getöse zum Himmel empor, während Ströme kochenden Wassers mit Lava vermischt sich in das Lager der Eingeborenen und in die tiefer liegenden Thäler ergossen. Der ganze Bergkegel zitterte, man konnte glauben, daß er in einen grundlosen Schlund versinken werde. Glenarvan und seine Gefährten hatten kaum Zeit, vor den gefährlichen Lavamassen zu fliehen; das Oudoupa bot ihnen rechtzeitig eine Zuflucht, nachdem sie bereits von einzelnen Tropfen Wassers, das eine Temperatur von vierundneunzig Grad hatte, erreicht worden waren. Dasselbe verbreitete zuerst einen leichten Bouillongeruch, der sich bald in einen stark schwefelartigen verwandelte. Ganze Feuerströme durchfurchten die Abhänge des Maunganamu. Die nächsten Berge wurden durch die hervorbrechenden Flammen erleuchtet, während die tiefen Thäler in ihrem Widerscheine erglänzten. Alle Wilden hatten sich erhoben, sie heulten vor Schmerz, als die kochenden Lavamassen sie mitten in ihrem Lager überraschten. Diejenigen, welche der glühende Strom nicht erreicht hatte, flohen hinauf auf die nächstgelegenen Hügel. Dort erst wagten sie sich erschrocken umzublicken und diese entsetzliche Naturerscheinung zu betrachten, einen Vulkan, in welchen der Zorn ihres Gottes die Schänder des heiligen Berges hinabstürzte. Zuweilen, wenn der Donner des Kraters schwächer wurde, hörte man sie heulend ihr: Tabou! Tabou! Tabou! ausrufen. Die aufzischenden Dämpfe, glühenden Steine und Lavamassen waren so gewaltig, daß der Maunganamu nicht mehr wie ein kleiner Krater, sondern wie der Hekla in Island erschien. Auf den Bergabhängen sah man Legionen von Ratten ihre unhaltbaren Löcher verlassen und den feurigen Boden fliehen. Während der ganzen Nacht, in der ein heftiger Sturm sich entfesselt hatte, arbeitete der Berg so furchtbar, daß Glenarvan keine Ruhe fand. Versteckt hinter der letzten Pfahlreihe verfolgten die Gefangenen die Fortschritte des Ausbruches. Endlich brach der Morgen an, aber noch immer wollte die Wuth des Vulkans sich nicht besänftigen. Dichte, gelbe Dämpfe vermischten sich mit den Flammen. Die Lavaströme rannen in Schlangenwindungen den Berg hinab. Glenarvan überblickte aus seinem Versteck mit zagendem Herzen jede einzelne Oeffnung der Palissadenreihe, sowie das Lager der Wilden. Die Maoris waren aus dem Bereich des Vulkans entflohen. Einzelne Leichname lagen dort, verkohlt vom Feuer, am Fuße des Kegels. Weiterhin gegen den »Pah« zu hatte die Lava etwa zwanzig Hütten umfaßt, welche noch rauchten. In Gruppen betrachteten die Seeländer den feurigen Gipfel des Maunganamu mit religiösem Schauder. Kai-Koumou kam in die Mitte seiner Krieger, Glenarvan erkannte ihn. Er ging bis an den Fuß des Kegels, wo die Lavamassen sich nicht hinabgestürzt hatten, aber er wagte nicht weiter vorzudringen. Dort streckte er wie ein Geisterbeschwörer die Arme aus und machte einzelne Zeichen, deren Sinn den Gefangenen klar war. So wie es Paganel vorhergesehen hatte, sandte Kai-Koumou nach dem rächenden Berge hin sein kräftigstes »Tabou«. Bald darauf zogen die Eingeborenen auf den gewundenen Pfaden, welche nach dem Pah zu führten, in Reihen ab. »Sie brechen auf, rief Glenarvan. Sie verlassen ihren Posten. Gott sei Dank! Unser Angriffsplan ist gelungen. Meine theure Helena, meine braven Gefährten, nun sind wir todt und begraben. Aber diesen Abend oder in der Nacht werden wir wieder aufleben, unser Grab verlassen und diesen wilden Barbaren entfliehen.« Man kann sich nur schwer die Freude vorstellen, welche in dem Oudoupa herrschte. Die Hoffnung war wieder in alle Herzen eingezogen. Diese muthigen Reisenden vergaßen die Vergangenheit und Zukunft, um nur an die Gegenwart zu denken. Und doch war der Versuch, eine europäische Niederlassung mitten in diesen unbekannten Gegenden zu finden, nicht leicht. Aber da Kai-Koumou verjagt war, hielt man sich für gerettet vor allen Wilden Neu-Seelands. Der Major verbarg seinerseits nicht die tiefe Verachtung, welche ihm diese Maoris einflößten; es fehlte ihm nicht an treffenden Bezeichnungen, und Paganel wetteiferte darin mit ihm. Ein ganzer Tag lag indeß bis zu ihrem vollständigen Abzuge noch vor ihnen, man benützte die Zeit, einen Fluchtplan zu entwerfen. Paganel hatte seine Karte von Neu-Seeland auf das Sorgfältigste aufbewahrt, und konnte auf ihr die sichersten Wege finden. Nach reiflicher Erwägung beschlossen die Flüchtlinge, sich nach Osten, nach der Plenty-Bucht, zu wenden. Man zog zwar durch unbekannte Gegenden, aber wahrscheinlich waren diese verlassen. Die Reisenden, bereits daran gewöhnt, natürliche Schwierigkeiten zu überwinden und physische Hindernisse zu beseitigen, fürchteten allein die Begegnung mit den Maoris. Diese mußte um jeden Preis vermieden und die östliche Küste der Insel erreicht werden, wo die Missionäre einige Stationen gegründet hatten. Die Entfernung zwischen dem Taupo-See und der Plenty-Bucht konnte man auf hundert Meilen schätzen. Das waren zehn Marschtage, wenn man zehn Meilen täglich zurücklegte, was zwar nicht ohne Anstrengungen geschehen konnte; aber Keiner dieser muthigen Gesellschaft zählte seine Schritte. Waren die Missionen einmal erreicht, so konnten die Reisenden sich erholen und eine günstige Gelegenheit abwarten, um Auckland zu erreichen, denn diese Stadt war ihr Hauptziel. Nachdem diese verschiedenen Punkte erörtert waren, fuhr man fort, die Eingeborenen bis zum Abend zu überwachen. Es blieb auch nicht ein Einziger mehr am Fuße des Berges, und als die Dunkelheit über die Thäler des Taupo hereinbrach, zeigte kein Feuer die Gegenwart der Maoris am Fuße des Bergkegels mehr an. Der Weg war frei. Um neun Uhr, als es bereits vollständig Nacht war, gab Glenarvan das Zeichen zum Aufbruch. Seine Gefährten und er, auf Kosten Kara-Tété's bewaffnet und ausgerüstet, begannen nun vorsichtig die Abhänge des Maunganamu hinabzusteigen. John Mangles und Wilson befanden sich an der Spitze, sie suchten Gehör und Gesicht zu verdoppeln. Bei dem geringsten Geräusch machten sie Halt und bemühten sich die Dunkelheit mit ihren Blicken zu durchdringen. Ein Jeder schmiegte sich gleichsam dicht an den Abhang des Berges an, um seine Gestalt möglichst verschwinden zu lassen. Zweihundert Fuß unterhalb des Gipfels erreichte John Mangles und sein Matrose die gefährliche Felsenkante, welche von den Eingeborenen so hartnäckig vertheidigt worden war. Wenn die Maoris unglücklicherweise nur einen scheinbaren Rückzug angetreten hatten, um die Gefangenen listig hervorzulocken, oder wenn sie sich durch die vulkanische Eruption nicht hatten täuschen lassen, so mußte hier ihre Gegenwart entdeckt werden. Glenarvan konnte trotz seines ganzen Vertrauens, trotz der Scherze Paganel's nicht umhin, zu erbeben. Das Heil der Seinigen stand während dieser zehn Minuten, in denen man den Kamm des Berges zu überschreiten hatte, auf dem Spiele. Er hörte das Herz Lady Helena's, die sich krampfhaft an seinen Arm klammerte, pochen. Uebrigens dachte er ebenso wenig wie John an einen Rückzug. Der junge Kapitän kletterte, gefolgt von Allen, unter dem Schutze der finstern Nacht auf die steil ansteigende Kante, indem er anhielt, sobald nur ein Steinchen bis hinab auf das Plateau rollte. Wenn die Wilden noch im Hinterhalte lagen, mußte dieses ungewöhnliche Geräusch auf beiden Seiten einen furchtbaren Kampf veranlassen. Indeß bei der gebückten Haltung und schleichenden Bewegung kamen die Flüchtlinge auf dem Abhange nicht schnell vorwärts. Als John Mangles den niedrigsten Punkt erreicht hatte, trennten ihn kaum fünfundzwanzig Fuß von dem Plateau, auf dem am Abend vorher die Wilden lagerten. Die von da ab schroff aufsteigende Spitze war ganz oben eine Viertelmeile weit mit Buschwerk bedeckt. Dieser untere Theil wurde jedoch ohne Unfall zurückgelegt, die Reifenden stiegen schweigend bergan. Die Baumgruppe war unsichtbar, aber man kannte ihr Vorhandensein, und vorausgesetzt, daß ein Hinterhalt nicht vorbereitet war, hielt Glenarvan den Ort für sicher. Er wußte allerdings, daß er von diesem Augenblick an durch den Tabou nicht mehr geschützt war. Nach der Beschaffenheit des Terrains waren nicht nur die Flintenschüsse der Eingeborenen, sondern auch ein Handgemenge zu fürchten. Während zehn Minuten kam die kleine Gesellschaft durch fast unmerkliche Bewegungen dem obersten Plateau nahe. John bemerkte nicht nur das dunkle Gebüsch, sondern mußte davon höchstens nur noch zweihundert Schritte entfernt sein. Plötzlich hielt er an, ja er wich fast zurück. Er glaubte in dem Schatten ein Geräusch mit seinem Ohr aufgefangen zu haben. Sein Zögern hemmte den Marsch seiner Gefährten. Er blieb unbeweglich – lange genug, um die Nachfolgenden zu beunruhigen. Man wartete. In welcher Angst, wer möchte das ausdrücken! Würde man gezwungen sein, den Rückzug nach dem Gipfel des Maunganamu anzutreten? Als aber John bemerkte, daß das Geräusch sich nicht wiederholte, richtete er seine Schritte gerade auf die Spitze zu. Bald trat das Gebüsch aus dem Schatten hervor. Mit wenigen Schritten war es erreicht, und die Flüchtlinge verkrochen sich unter dem dichten Laubwerk der Bäume.   Sechzehntes Capitel. Zwischen zwei Feuern. Die Nacht begünstigte diese Unternehmung. Sie mußte also benutzt werden, um die verhängnißvolle Gegend des Taupo-Sees zu verlassen. Paganel trat an die Spitze der kleinen Gesellschaft, und der wunderbar scharfe Orientirungssinn des Reisenden bewährte sich von Neuem während dieser schwierigen Wanderung in den Bergen. Er bewegte sich mit einer überraschenden Geschicklichkeit mitten in der Finsterniß vorwärts, indem er bald hier ohne Zögern säst unsichtbare Pfade wählte, bald eine feste Richtung innehielt, von der er sich nicht entfernte. Es ist wahr, seine Tagblindheit Eine Augenstörung, bei welcher der damit Behaftete Abends besser sieht, als am vollen Tage. kam ihm sehr zu statten, und seine Augen, so scharf wie die einer Katze, erlaubten ihm, die geringsten Gegenstände in dieser vollkommenen Dunkelheit zu unterscheiden. Während drei Stunden marschirte man, ohne Halt zu machen, über die weiten Abhänge der östlichen Bergseite. Paganel hielt sich ein wenig nach Süd-Osten, um einen schmalen Durchstich zwischen den Kaimanara- und Wahiti-Ketten zu gewinnen, in dem sich die Straße nach Auckland längs der Hawkes-Bucht hinzieht. War man über diese Mulde hinaus, so konnte man nach seiner Berechnung die Straße ganz verlassen und, geschützt durch die hohen Bergketten, an der Küste hin durch die unbewohnten Gegenden der Provinz ziehen. Um neun Uhr Morgens waren zwölf Meilen in zwölf Stunden Zurückgelegt. Man konnte muthigere Frauen sich gar nicht denken. Uebrigens schien die Gegend geeignet, um ein Lager aufzuschlagen. Die Flüchtlinge hatten den Engpaß erreicht, welcher die beiden Ketten trennt. Die Straße nach dem Oberland, welche nach Süden führte, blieb zur Rechten. Paganel machte mit seiner Karte in der Hand eine halbe Schwenkung nach Nord-Ost, und um zehn Uhr erreichte die kleine Truppe einen schroffen Absatz, der durch einen Bergvorsprung gebildet war. Man holte die Lebensmittel aus den Reisesäcken hervor und erwies ihnen alle Ehre. Mary Grant und der Major, welche bis jetzt dem eßbaren Seetang nicht den geringsten Geschmack hatten abgewinnen können, labten sich heute fast daran. Man ruhte bis um zwei Uhr Nachmittags und setzte dann den Marsch nach Osten fort. Am Abend waren die Reisenden acht Meilen von den Bergen entfernt; sie überließen sich unter freiem Himmel dem Schlafe. Am folgenden Morgen bot der Weg ziemlich ernste Schwierigkeiten. Man mußte durch dieses eigenthümliche Gebiet der vulkanischen Seen voller Krater und Schwefeldunstquellen ziehen, das sich östlich von den Wahiti-Ketten hinzieht. Das Auge fand dabei viel mehr Befriedigung, als die Beine. Jede Viertelmeile gab es Umwege zu machen und allerlei Hindernisse zu beseitigen, was sicher sehr ermüdend war. Aber welch' ein eigenthümliches Schauspiel, welche unendliche Verschiedenheit bot da die Natur in ihren Bildern! Auf diesem weiten Räume von zwanzig Quadratmeilen stellte sich der Ausbruch der unterirdischen Kräfte unter allen Gestalten dar. Salzige Quellen von wunderbarer Durchsichtigkeit des Wassers mit Myriaden von Insecten bevölkert, sprudelten aus Gruppen von einheimischen Theebäumen hervor. Sie verbreiteten einen durchdringenden Geruch, wie von verbranntem Pulver, und lagerten auf dem Boden einen Satz ab, so weiß wie leuchtender Schnee. Ihre Wasserströme waren fast siedend heiß, während aus anderen Quellen ganz in der Nähe eisige Sprudel emporstiegen. Mächtig schoß an ihren Rändern das Farrnkraut empor, und zwar unter der silurischen Vegetation ganz gleichen Verhältnissen. Ueberall sprangen Wasserstrahlen, welche zischende Dämpfe mit sich führten, wie die Fontainen in einem Parke, aus dem Boden, die einen ununterbrochen, die anderen in Zwischenräumen, wie sie eben die Launen Pluto's erzeugten. Weiterhin folgten auf die warmen Quellen und drohenden Kratermündungen die Schwefeldunstquellen. Die ganze Atmosphäre war mit dem beißenden und unangenehmen Gerüche dieses Elementes erfüllt. Man begreift daher, welche Mühen und Qualen die Reisenden auf dieser Wanderung auszustehen hatten. Man konnte dort schwerlich rasten, auch nicht ein einziger Vogel bot sich den Jägern zum Schuß, um Olbinett einen Beitrag zur Küche zu liefern. Sehr häufig mußte man sich mit Farrnwurzeln und süßen Erdäpfeln begnügen, einer mageren Kost, welche die erschöpften Kräfte der Wanderer in keiner Weise stärkte. Ein Jeder eilte deshalb, aus diesem öden, unfruchtbaren Gebiete hinauszukommen. Und doch bedurfte man nicht weniger als vier Tage dazu. Am 23. Februar endlich konnte Glenarvan in einer Entfernung von fünfzig Meilen von dem Maunganamu am Fuße eines ihm dem Namen nach unbekannten Berges rasten. Vor seinen Augen dehnten sich weite mit Buschwerk bewachsene Ebenen aus, und auch die großen Wälder erschienen wieder am Horizonte. Das war ein gutes Zeichen, freilich nur für den Fall, daß die günstige Beschaffenheit dieser Gegenden nicht allzu viele Einwohner herbeigelockt hatte. Bis jetzt hatten die Reisenden auch nicht eine Spur von Eingeborenen angetroffen. An diesem Tage tödteten Mac Nabbs und Robert drei, »Kiwis«, welche ein wahres Festmahl lieferten; sie waren in einigen Minuten vollständig verzehrt. Beim Dessert, das aus süßen Erdäpfeln bestand, machte Paganel einen Vorschlag, welcher freudig aufgenommen wurde. Er schlug vor, den namenlosen Berg »Glenarvan« zu nennen, und bezeichnete ihn so sorgfältig als möglich auf seiner Karte, nebst seiner Höhe von etwa dreitausend Fuß. Der Rest der Wanderung verlief ohne besonders interessante Zwischenfälle. Nur zwei oder drei Thatsachen waren von einiger Bedeutung auf dieser Reise von den Seen bis zu dem Stillen Ocean. Den ganzen Tag über marschirte man durch Wälder und Ebenen. John stellte seine Direction nach der Sonne und den Sternen fest. Obwohl ein gütiger Himmel sie vor Hitze und Regen bewahrte, hielt dennoch die zunehmende Müdigkeit die so hart geprüften Reisenden sehr auf; und doch hatten sie eine so große Sehnsucht nach den Missionsstationen. Immerhin plauderten sie noch mit einander über allgemeinere Gegenstände. Die kleine Gesellschaft zerfiel in Gruppen, welche sich nicht durch eine enge Sympathie, sondern durch die gemeinsamen persönlichen Ideen gebildet hatten. Glenarvan, welcher häufig allein ging, dachte, je mehr er sich der Küste näherte, desto mehr an den Duncan und seine unglückliche Besatzung. Er vergaß die Gefahren, welche ihn noch bis Auckland bedrohten, um an seine ermordeten Matrosen zu denken. Dieses schreckliche Bild verließ ihn nie. Man sprach nicht mehr von Harry Grant. Wozu auch, da man Nichts für ihn thun konnte? Wenn der Name des Kapitäns ja noch erwähnt wurde, so geschah es in den Gesprächen zwischen seiner Tochter und John Mangles. John hatte Mary nie mehr daran erinnert, was das junge Mädchen ihm während der letzten Nacht des Waré-Atoua gesagt hatte. Seine Bescheidenheit wollte an einem Worte nicht festhalten, das in einem Augenblick der höchsten Verzweiflung gesprochen worden war. So oft John noch von Harry Grant sprach, machte er Vorschläge zu weiteren Forschungen. Er bestätigte Mary, daß Lord Glenarvan diese verunglückte Unternehmung wieder aufnehmen werde. Dabei ging er von der Ansicht aus, daß die Richtigkeit des Schriftstückes nicht in Zweifel gezogen werden könnte. Also Harry Grant existirte noch irgendwo, und darum mußte man die ganze Welt durchsuchen, um ihn wiederzufinden. Mary war entzückt von diesen Worten; ihre Gedanken vereinigten sich mit denen John's zu derselben Hoffnung. Oft auch nahm Lady Helena an ihrer Unterhaltung Theil; aber sie gab sich nicht so trügerischen Gedanken hin, und hütete sich besonders, diese jungen Leute in die nackte Wirklichkeit zurückzuführen. Während dieser Zeit jagten Mac Nabbs, Robert, Wilson und Mulrady, ohne sich jedoch allzu weit von der kleinen Truppe zu entfernen, und jeder von ihnen lieferte seinen Beitrag an Wildpret. Paganel, stets stumm und schweigsam in seinen Mantel von Phormium gehüllt, hielt sich fern. Und doch – man mußte es anerkennen – ungeachtet dieses Gesetzes der Natur, welches mitten unter Prüfungen, Gefahren, Anstrengungen und Entbehrungen selbst die besten Charaktere erkältet und verbittert, blieben alle diese Leidensgenossen einig, einander ergeben, bereit, sich für einander tödten zu lassen. Am 25. Februar wurde ihre Marschroute durch einen Strom gesperrt, welcher nach Paganel's Karte der Waikari sein mußte. Man konnte ihn in einer Furth passiren. Während zwei Tagen folgten sich die üppig bewachsenen Ebenen ohne Unterbrechung. Die Hälfte der Entfernung, welche den Taupo-See von der Küste trennt, war ohne Unfall, wenn auch nicht ohne Mühen, zurückgelegt morden. Darauf sah man unermeßliche Wälder, welche an diejenigen Australiens erinnerten; aber hier wurden die Eucalypten durch die Kauris ersetzt. Obwohl ihre Bewunderung in den vier Reisemonaten oft von den seltensten Gegenständen erregt worden war, waren Glenarvan und seine Gefährten doch noch überrascht bei dem Anblick dieser riesigen Fichten, würdigen Rivalen der Cedern des Libanon, und der »Mamouth-Bäume« Californiens. Diese Kauris maßen hundert Fuß bis zu den Aesten und wuchsen in getrennten Gruppen. Der ganze Wald bestand deshalb nicht aus Bäumen, sondern aus zahllosen Baumgruppen, welche ihr grünes Blätterdach an zweihundert Fuß hoch in den Lüften ausbreiteten. Einige dieser Fichten waren noch jung, kaum hundert Jahre alt, und glichen den Rothtannen der europäischen Regionen. Sie trugen eine dunkle Krone und endigten in einer kegelförmigen Spitze. Ihre Ahnen dagegen, alte Bäume von fünf bis sechs Jahrhunderten, bildeten unermeßliche grüne Hallen, welche durch die unzerreißbaren Verschlingungen ihrer Aeste getragen wurden. Diese Patriarchen des seeländischen Waldes hatten einen Umfang bis zu fünfzig Fuß; die Reisenden konnten auch mit ihren verschlungenen Armen den gigantischen Stamm derselben nicht umfassen. Während drei Tagen wanderten sie unter diesen mächtigen Gewölben auf einem thonichten Boden fort, welchen der Fuß der Menschen noch nicht betreten hatte. Man sah es an den weichen Harzmassen, welche vielfach am Fuße der Kauris klebten, und deren Ausfuhr lange, lange Jahre erfordert hätte. Die Jäger fanden in zahlreichen Banden die Kiwis, welche mitten in den von den Eingeborenen besuchten Gegenden so selten sind. In jene unzugänglichen Wälder hatten sich diese seltenen Vögel geflüchtet, um den Verfolgungen der seeländischen Hunde zu entgehen. Sie lieferten für die Mahlzeiten der Reisenden eine reichliche und gesunde Kost. Paganel hatte das Glück, in der Ferne ein Paar riesenhafter Vögel in einem dichten Gestrüpp zu bemerken. Sein Forschungstrieb erwachte. Er rief seine Gefährten, und ungeachtet ihrer Müdigkeit machten sich der Major, Robert und er zur Verfolgung dieser Thiere auf. Man wird die feurige Wißbegierde des Geographen begreifen, denn er hatte diese Vögel als »Moas« erkannt oder zu erkennen geglaubt, welche dem Geschlechte der »Dinormis« angehören und von mehreren Gelehrten unter die verschwundenen Thiergattungen gerechnet werden. Diese Beobachtung der Thiere bestätigte also die Ansicht Herrn von Hochstetter's und anderer Reisenden über die Existenz dieser Riesen-Vögel ohne Flügel in Neu-Seeland. Diese »Moas«, welche Paganel verfolgte, die Zeitgenossen der Megatheren und Pterodactylen, konnten achtzehn Fuß hoch sein. Es war eine Art ungeheuer großer und sehr furchtsamer Strauße, denn sie flohen mit unglaublicher Eile. Leider konnten dieselben durch keine Kugel in ihrem Laufe aufgehalten werden. Nach einigen Minuten verschwanden sie hinter großen Bäumen, und die Jäger hatten Pulver und Mühe umsonst verwandt. An diesem Abend des 1. März verließen Glenarvan und seine Gefährten endlich den unermeßlichen Kauriwald und lagerten am Fuße des Berges Ikirangi, der bis zu seinem Gipfel fünftausendfünfhundert Fuß maß. Man hatte nun mehr als hundert Meilen vom Maunganamu an zurückgelegt, und die Küste war nur noch dreißig Meilen entfernt. John Mangles hatte gehofft, diesen ganzen Marsch in zehn Tagen zu machen, er kannte indeß die Schwierigkeiten nicht, welche diese Gegend bot. In der That hatten die Umwege und Hindernisse der Marschroute, ferner die ungenauen Angaben der Karte sie um ein Fünftel verlängert, und unglücklicherweise waren die Reisenden bei ihrer Ankunft am Berge Ikirangi vollständig erschöpft. Nun bedurfte man noch zwei tüchtige Marschtage, um die Küste zu erreichen; Kraft und Ausdauer, sowie eine ganz besondere Wachsamkeit wurden nothwendig, denn man betrat eine von den Wilden viel besuchte Gegend. Ein Jeder suchte daher seine Müdigkeit zu beherrschen, und am folgenden Morgen brach die kleine Gesellschaft sehr früh auf. Zwischen den Bergen Ikirangi und Hardy, dessen Gipfel eine Höhe von dreitausendsiebenhundert Fuß erreichte, wurde der Weg sehr schwierig. Bei jedem Schritte verwickelten sich Arme und Beine in den Lianen, welche in schlangenartigen Windungen oft den ganzen Körper umstrickten. Während zwei Tagen mußte man beständig das Beil zur Hand haben, um gegen diese hundertköpfige Hydra zu kämpfen. Die Jagd wurde deshalb auch in dieser Gegend unmöglich; die Vorräthe gingen zu Ende, man konnte sie nicht erneuern; das Wasser fehlte, so daß man nicht einmal den qualvollen Durst löschen konnte. So wurden die Leiden Glenarvan's und der Seinigen furchtbar, und zum ersten Male waren sie nahe daran, von ihrer moralischen Energie verlassen zu werden. Endlich gelangten sie, während ihre Körper ohne Leben sich fast nur noch hinschleppten, allein durch den Erhaltungstrieb noch vorwärts gedrängt, an die Küstenspitze Lottie, am Ufer des Stillen Oceans. Hier sahen sie einige verlassene Hütten, Ruinen eines eben erst durch den Krieg verwüsteten Dorfes, verlassene Felder, überall die Spuren der Plünderung und des Brandes. Und hier hatte auch das Verhängniß eine neue und schreckliche Prüfung den unglücklichen Reisenden vorbehalten. Sie setzten ihren Weg längs des Ufers fort, als plötzlich eine Meile von der Küste entfernt eine Abtheilung Wilder sich zeigte, welche ihnen mit geschwungenen Waffen entgegen stürzte. So dicht am Ufer konnte Glenarvan nicht fliehen; dennoch raffte er alle seine Kräfte zusammen, um seine Befehle für den Kampf zu geben, als John Mangles ausrief: »Ein Boot, ein Boot!« In der That, zwanzig Schritte vom Ufer entfernt war ein Canot, mit sechs Rudern ausgerüstet, auf der Sandbank aufgelaufen. Dasselbe in's Wasser bringen, sich hineinstürzen und dieses gefährliche Ufer fliehen, war das Werk eines Augenblicks. John Mangles, Mac Nabbs, Wilson und Mulrady ergriffen die Ruder, Glenarvan das Steuer; die beiden Frauen, Olbinett und Robert streckten sich zu seinen Füßen hin. Zehn Minuten später war das Canot eine Viertelmeile weit auf hoher See. Das Meer war ruhig, die Flüchtlinge beobachteten ein tiefes Schweigen. John, welcher sich nicht zu weit von der Küste entfernen wollte, befahl, nur an derselben entlang zu fahren, als sein Ruder plötzlich wie gebannt in seiner Hand still stand. Er hatte in diesem Augenblick drei Boote bemerkt, welche von der Lottiespitze in der augenscheinlichen Absicht absegelten, auf ihn Jagd zu machen. »In See! In See! schrie er, lieber in den Fluthen untergehen.« Das Boot, dessen vier Ruderer gewaltige Anstrengungen machten, nahm wiederum seine Richtung nach der hohen See. Während einer halben Stunde konnte es dieselbe festhalten; aber die unglücklichen und erschöpften Ruderer begannen zu ermatten, und die drei anderen Boote kamen ihnen immer näher und näher. In diesem Augenblicke betrug die Entfernung bis zu ihnen kaum noch zwei Meilen. Es war also keine Möglichkeit vorhanden, den Angriff der Wilden zu vermeiden, die, bewaffnet mit ihren langen Gewehren, schon bereit waren, Feuer zu geben. Was sollte Glenarvan nun thun? Aufrecht im Hintertheile des Bootes stehend suchte er am Horizont wohl vergeblich nach Hilfe. Was erwartete er? Hatte er irgend eine Ahnung? Plötzlich blitzten seine Augen auf, seine Hand wies auf einen Punkt auf der weiten Meeresfläche. »Ein Schiff! Meine Freunde, ein Schiff! rief er aus, Muth, Muth!« Kein einziger der vier Ruderer nahm sich die Zeit, sich nach diesem so unerwarteten Schiff umzublicken, denn man durfte nicht einen Ruderschlag verlieren. Paganel allein erhob sich und richtete sein Fernrohr auf den bezeichneten Punkt. »Ja, sagte er, ein Schiff, ein Dampfer! Er kommt mit voller Dampfkraft heran, gerade auf uns zu! Muth, meine Gefährten!« Die Flüchtlinge entfalteten eine neue Energie, und noch eine halbe Stunde lang trieben sie in jener Richtung mit beschleunigten Ruderschlägen das Canot vorwärts. Der Dampfer kam immer näher in Sicht. Man unterschied schon seine beiden kahlen Masten und die mächtigen Dampfsäulen, welche er ausstieß. Glenarvan gab das Steuer an Robert, um das Fernrohr des Geographen zu erfassen und nicht eine Bewegung des Schiffes zu verlieren. Aber was mußten John Mangles und seine Gefährten denken, als sie auf einmal die Züge des Lords sich verfinstern, sein ganzes Gesicht erbleichen, und das Instrument aus seinen Händen fallen sahen! Ein einziges Wort erklärte ihnen diese plötzliche Verzweiflung. »Der Duncan! rief Glenarvan, der Duncan und die Sträflinge! – Der Duncan! schrie John, indem er sein Ruder fahren ließ und aufsprang. – Ja, der Tod von beiden Seiten!« murmelte Glenarvan vernichtet von so furchtbarer Angst. Es war in der That die Yacht, man konnte sich nicht täuschen, die Yacht mit einer Mannschaft, die aus Verbrechern bestand. Der Major konnte einen Fluch nicht zurückhalten, den er gegen den Himmel schleuderte. Das war zu viel! Das Boot war sich einen Augenblick selbst überlassen. Wohin es richten? Wohin fliehen? War es möglich, zwischen den Wilden und den Verbrechern zu wählen? Eine Kugel pfiff aus dem nächsten Canot der Wilden und traf das Ruder Wilson's. Noch einige Ruderschläge trieben das Boot gegen den Duncan. Die Yacht segelte pfeilschnell heran und war nur noch eine halbe Meile entfernt. John Mangles wußte in seiner Verzweiflung nicht mehr, welche Richtung er einschlagen, welche er fliehen sollte. Die beiden armen Frauen knieten nieder und beteten inbrünstig. Die Wilden gaben ganze Salven ab, so daß es Kugeln um das Boot regnete. In diesem Augenblick erfolgte von der Yacht her der Donner eines Kanonenschusses, eine Kugel flog über das Boot der Flüchtlinge hinweg. So sahen sich diese zwischen zwei Feuern und blieben unbeweglich zwischen dem Duncan und den Canots der Wilden. John Mangles erfaßte in wilder Aufregung die Axt. Er wollte ein Leck in das Boot schlagen und es mit seinen unglücklichen Gefährten in den Grund versenken, als ein Schrei Robert's ihn zurückhielt. »Tom Austin! Tom Austin! rief der Knabe. Er ist an Bord! Ich sehe ihn! Er hat uns erkannt, er schwenkt seinen Hut! John ließ die Axt sinken. Eine zweite Kanonenkugel pfiff über sein Haupt und zerschmetterte das nächste der drei Canots, während an Bord des Duncan ein Hurrah erschallte. Die Wilden flohen entsetzt und gewannen die Küste. »Zu Hilfe, zu Hilfe, Tom!« hatte John Mangles mit lauter Stimme gerufen. Und einige Augenblicke später waren die zehn Flüchtlinge, ohne zu wissen wie, alle an Bord des Duncan in Sicherheit. Siebenzehntes Capitel. Wie der Duncan an die Ostküste von Neu-Seeland kam. Wir wollen darauf verzichten, die Gefühle Glenarvan's und seiner Gefährten zu schildern, welche in ihnen die Gesänge des alten Schottland erweckten. In dem Augenblick, wo sie den Fuß auf das Verdeck des Duncan setzten, stimmte die ganze Mannschaft eine vaterländische Hymne an und kräftige Hurrahs begrüßten die Rückkehr des Lords an Bord seines Schiffes. Glenarvan, John Mangles, Robert, der Major selbst, sie Alle weinten und umarmten sich. Es war ein wahrer Freudenrausch. Der Geograph war vollständig außer sich; er tanzte, sprang und zielte mit seinem unzertrennlichen Fernrohre auf die letzten Piroguen, welche nach der Küste zu flohen. Doch beim Anblick Glenarvan's und seiner Gefährten, deren Kleider in Fetzen hingen, deren Züge bleich und hager waren und die Spuren schrecklicher Leiden trugen, unterbrach die Mannschaft ihre Freudenbezeugungen. Das waren Schattengestalten, und nicht jene kühnen und unternehmenden Reisenden, welche drei Monate vorher in der sicheren Hoffnung ausgezogen waren, die Spuren der Schiffbrüchigen zu entdecken. Der Zufall ganz allein führte sie diesem Schiffe zu, welches sie wieder zu sehen nicht mehr erwarteten. Und in welchem traurigen, heruntergekommenen Zustande befanden sie sich! Aber bevor Glenarvan an seine Müdigkeit oder die gebieterische Mahnung des Hungers und Durstes dachte, frug er Tom Austin nach dem Grunde seiner Anwesenheit in diesen Gewässern. Warum befand sich der Duncan auf der Ostküste von Neu-Seeland? Fiel er denn nicht in die Hände Ben Joyce's? Welches gütige Geschick hatte ihn auf die Spur der Flüchtigen gebracht? Das waren alles Fragen, welche gleichzeitig bunt durcheinander an den bestürzten Tom Austin gerichtet wurden. Der alte Seemann wußte nicht, auf wen er hören sollte. Er beschloß daher, nur Lord Glenarvan Rede und Antwort zu stehen. »Aber die Sträflinge? frug Glenarvan, was habt Ihr mit ihnen gemacht? – Die Sträflinge? antwortete Tom Austin in dem Tone eines Menschen, der die Frage nicht begreift. – Ja, die Sträflinge, welche die Yacht angegriffen haben? – Welche Yacht? frug Tom Austin, die Ew. Herrlichkeit? – Nun ja, Tom! Den Duncan meine ich und diesen Ben Joyce, welcher an Bord gekommen war? – Ich kenne diesen Ben Joyce gar nicht, und habe ihn niemals gesehen, erwiderte Austin. – Niemals gesehen? rief Glenarvan erstaunt über die Antworten des alten Seemanns aus. Dann Tom, sagt mir, warum der Duncan in diesem Augenblick auf der Küste von Neu-Seeland kreuzt?« Wenn Glenarvan, Lady Helena, Miß Grant, Paganel, der Major, Robert, John Mangles, Olbinett, Mulrady und Wilson das Erstaunen des alten Seemanns gar nicht begriffen, wie groß war da erst ihre Verwunderung, als Tom mit ruhiger Stimme erwiderte: »Aber der Duncan kreuzt hier auf Ew. Herrlichkeit Befehl. – Auf meinen Befehl? rief Glenarvan. – Ja, Mylord. Ich habe mich lediglich an die Instructionen gehalten, welche in Ihrem Briefe vom 14. Januar stehen. – Meinem Briefe! Meinem Briefe!« rief Glenarvan. In diesem Augenblicke umringten die zehn Reisenden Tom Austin und verschlangen ihn fast mit ihren Blicken. Also der Brief vom Snowy-River aus war dem Duncan zugekommen? »Vor Allem, fuhr Glenarvan fort, verständigen wir uns, denn ich glaube zu träumen. Sie haben einen Brief erhalten, Tom? – Ja, einen Brief, Ew. Herrlichkeit. – In Melbourne? – In Melbourne, in dem Augenblicke, wo ich meine Havarieschäden ausgebessert hatte. – Und dieser Brief? – War nicht von Ihrer Hand, aber von Ihnen unterzeichnet, Mylord. – Das ist richtig. Dieser Brief ist Ihnen durch einen Sträfling Namens Ben Joyce überbracht worden. – Nein, durch einen Matrosen, der Ayrton heißt, und Quartiermeister der Britannia war. – Ja! Ayrton und Ben Joyce ist dieselbe Person. Nun, was stand in diesem Briefe? – Er brachte mir den Befehl, Melbourne ohne Verzug zu verlassen und zu kreuzen auf der östlichen Küste von ... – Von Australien! rief Glenarvan mit einer Heftigkeit, welche den alten Seemann ganz außer Fassung brachte. – Von Australien? wiederholte Tom mit weit geöffneten Augen, nein – nein, von Neu-Seeland! – Von Australien! Tom! Von Australien!« riefen Glenarvan's Gefährten wie aus einem Munde. In diesem Augenblicke ergriff es Austin wie eine Verblendung. Glenarvan sprach zu ihm mit einer solchen Sicherheit, daß er fürchtete, sich beim Lesen des Briefes getäuscht zu haben. Er, der treue und stramme Seemann, er sollte einen ähnlichen Irrthum begangen haben? Er erröthete und wurde verwirrt. »Beruhigen Sie sich, Tom, sagte Lady Helena, die Vorsehung hat es gewollt ... – Nein, nein, Madame, verzeihen Sie mir, wiederholte der alte Tom. Nein! Das ist nicht möglich! Ich habe mich nicht getäuscht! Ayrton hat ebenso wie ich den Brief gelesen, und er, gerade er ist es, welcher im Gegentheil mich verleiten wollte, nach der australischen Küste zu segeln. – Ayrton? rief Glenarvan. – Er selbst! Er behauptete, daß das ein Irrthum sei, daß Sie unser Zusammentreffen in der Twofold-Bai wünschten! – Haben Sie den Brief, Tom? frug der Major, auf's Höchste gespannt! – Ja, Herr Mac Nabbs, erwiderte Austin. Ich will ihn sogleich holen.« Austin eilte nach dem Vorderdeck in seine Cabine. Während seiner Abwesenheit betrachtete man sich eine Minute lang schweigend; nur der Major richtete fest sein Auge auf Paganel und sagte, indem er die Arme kreuzte: »Nun, Paganel, ich muß gestehen, das wäre ein wenig stark. – Wie das?« meinte der Geograph, der mit seinem gebeugten Rücken und der Brille auf der Stirn einem riesigen Fragezeichen glich. Austin kam zurück. Er hielt den Brief in der Hand, welchen Paganel geschrieben und Glenarvan unterzeichnet hatte. »Lesen Ew. Herrlichkeit selbst«, sagte der alte Seemann. Glenarvan nahm den Brief und las: »Befehl an Tom Austin, sofort in See zu gehen und den Duncan durch den siebenunddreißigsten Breitegrad an die östliche Küste von Neu-Seeland zu führen! – Neu-Seeland!« rief Paganel aus, indem er einen förmlichen Satz machte. Und er nahm den Brief aus den Händen Glenarvan's, rieb sich die Augen, setzte die Brille auf seiner Nase zurecht und las selbst. »Neu-Seeland!« sagte er mit einem unbeschreiblichen Tone, während der Brief aus seinen Fingern glitt. In diesem Augenblicke fühlte er, wie eine Hand sich schwer auf seine Schultern legte. Er wandte sich um und sah dem Major noch starr in's Gesicht. »Was weiter, mein braver Paganel, sagte Mac Nabbs mit wichtiger Miene, es ist immer noch ein wahres Glück, daß Sie den Duncan nicht nach Cochinchina geschickt haben!« Dieser Scherz brachte den armen Geographen ganz außer sich. Ein allgemeines, homerisches Gelächter erschallte aus dem Munde der ganzen Mannschaft. Paganel lief wie närrisch umher, nahm seinen Kopf in beide Hände und riß sich fast die Haare aus. Was er that, wußte er nicht mehr; was er thun wollte, noch weniger! Er stieg ganz maschinenmäßig die zur Hauptcajüte führende Treppe hinab, kletterte wieder auf das Verdeck und lief dort ganz geistesabwesend hin und her. Dort verwickelten sich die Füße in eine Rolle Taue, er wankte, seine Hände klammerten sich an ein Seil. Plötzlich erdröhnte ein furchtbarer Donnerschlag. Die Kanone des Norderdecks ging los und übersäete die ruhigen Meereswogen mit einem Kugelregen. Der arme, bedauernswerthe Paganel hatte sich an die Zugleine des noch geladenen Geschützes angeklammert, und durch ihre Anspannung das Los- gehen veranlaßt. Der Geograph wurde auf die Schanztreppe geworfen und verschwand durch die Treppenkappe in den Mannschaftsraum. Auf das durch den Knall bewirkte Erstaunen folgte ein Schrei des Schreckens. Man glaubte, es sei ein Unglück geschehen. Zehn Matrosen stürzten in das Zwischendeck und schafften den halbtodten Paganel herauf. Der Geograph sprach nicht mehr. Man trug diesen langen Körper auf das Verdeck. Die Gefährten des braven Franzosen waren verzweifelt. Der Major, welcher bei solchen besonderen Gelegenheiten immer Arzt war, machte sich daran, die Kleider des unglücklichen Paganel zu entfernen, um seine Wunden zu verbinden; aber kaum hatte er Hand an den Sterbenden gelegt, als dieser sich umwandte, als ob er mit einer elektrischen Batterie in Berührung gekommen sei. »Niemals, niemals! rief er aus, und indem er über seinen mageren Körper die Fetzen seiner Kleidungsstücke zusammenzog, knöpfte er sich mit besonderer Lebhaftigkeit zu. – Aber, Paganel! sagte der Major. – Nein, sage ich Ihnen! – Man muß nachsehen . . . – Sie werden nicht nachsehen! . . . – Sie haben vielleicht Etwas gebrochen . . . fügte Mac Nabbs hinzu. – Ja, erwiderte Paganel, der sich auf seinen langen Beinen mit großer Sicherheit aufrichtete, aber was ich zerbrochen habe, wird der Zimmermann wieder ganz machen! – Was denn? – Die Decke der Mannschaftscabine, welche unter meinem Falle zerbrochen ist.« Bei dieser Erklärung begann das Gelächter von Neuem. Diese Antwort hatte alle Freunde des würdigen Paganel versichert, daß er mit heiler Haut das Abenteuer mit der Kanone des Vorderdecks bestanden hatte. »Auf alle Fälle, dachte der Major, ist das ein eigenthümlich verschämter Geograph!« Aber Paganel hatte, nachdem er sich von dieser ganz unfreiwilligen Bewegung erholt, noch auf eine Frage zu antworten, welche er nicht vermeiden konnte. »Nun, Paganel, sprach Glenarvan zu ihm, antworten Sie freimüthig. Ich erkenne an, daß Ihre Zerstreuung von der Vorsehung herbeigeführt war. Ohne Sie würde der Duncan sicher in die Hände der Sträflinge gefallen sein, ohne Sie wären wir von den Maoris wieder ergriffen worden! Aber sagen Sie mir um Himmels willen gleichwohl, durch welche eigenthümliche Verbindung der Gedanken, durch welche fast übernatürliche Geistesverwirrung Sie dazu gekommen sind, statt Australien Neu-Seeland zu schreiben? – Nun, potz Tausend! rief Paganel aus, weil . . .« Aber in demselben Augenblicke richteten sich seine Blicke auf Robert und Mary Grant, er hielt inne; dann antwortete er: »Was wollen Sie? Mein lieber Glenarvan, ich bin ein Thor, ein Narr, ein ganz unverbesserliches Wesen, und werde in der Haut des berühmtesten Zerstreuten sterben . . . – Falls man Sie nicht einmal hängt, fügte der Major hinzu. – Mich hängen! rief der Geograph mit wüthender Geberde. Ist das eine Anspielung? – Was für eine Anspielung, Paganel?« frug Mac Nabbs mit seiner ruhigen Stimme. Der Zwischenfall hatte keine weiteren Folgen. Das Geheimniß der Anwesenheit des Duncan war aufgeklärt; die so wunderbar geretteten Reisenden dachten nur noch daran, ihre bequemen Cabinen aufzusuchen und zu frühstücken. Während die übrige Gesellschaft sich dorthin begab, hielten Glenarvan und John Mangles Tom Austin zurück. Sie hatten noch einige Fragen an ihn zu stellen. »Jetzt, mein lieber Tom, sagte Glenarvan, antworten Sie mir. Ist Ihnen dieser Befehl, an der Küste von Neu-Seeland zu kreuzen, nicht eigenthümlich erschienen? – Doch, Ew. Herrlichkeit, erwiderte Austin, ich war sehr erstaunt, aber ich bin nicht gewöhnt, mit Befehlen zu rechten, welche ich empfange, und darum gehorchte ich. Konnte ich anders handeln? Wenn der Umstand, daß ich Ihren Befehlen nicht pünktlich nachkam, unglückliche Folgen gehabt hätte, wäre ich nicht schuldig gewesen? Würden Sie, Kapitän, anders gehandelt haben? –- Nein, Tom, erwiderte John Mangles. – Aber was dachten Sie dabei? frug Glenarvan. – Ich dachte, Ew. Herrlichkeit, daß das Interesse Harry Grant's es erfordere, nach Neu-Seeland zu gehen. Ich dachte, daß in Folge neuer Kombinationen ein Schiff Sie dahin bringen sollte, und daß ich Sie auf der Ostküste der Insel zu erwarten habe. Uebrigens hielt ich bei der Abfahrt von Melbourne meine Bestimmung geheim, die Mannschaft erfuhr sie erst in dem Augenblicke, als wir auf hoher See waren, und nachdem die Küste Australiens aus unseren Augen bereits verschwunden war. Da aber trat an Bord ein Ereigniß ein, welches mich fast bestürzte. – Welches, Tom, frug Glenarvan. – Ich will erzählen, erwiderte Tom Austin, daß, als Ayrton am folgenden Morgen die Bestimmung des Duncan erfuhr . . . – Ayrton! rief Glenarvan. Er ist also an Bord? – Ja, Ew. Herrlichkeit. – Das ist Gottes Fügung«, sagte der junge Kapitän. Im Nu, mit blitzähnlicher Geschwindigkeit wurde das Verhalten Ayrton's, sein lange vorbereiteter Verrath, Glenarvan's Verwundung, der Mordanschlag auf Mulrady, die verunglückte Expedition in den Sümpfen am Snowy, die Vergangenheit des Elenden, kurz alles das ihnen klar. Und nun war durch ein ganz eigenthümliches Zusammentreffen von Umständen der Sträfling in ihrer Macht. »Wo ist er? frug lebhaft Glenarvan. – In einer Cabine des Vorderdecks, erwiderte Tom Austin, in strenger Haft. – Warum diese Einkerkerung? – Weil Ayrton in Wuth gerieth, sobald er sah, daß die Yacht Neu-Seeland zusegelte, weil er mich zwingen wollte, die Richtung des Schiffes zu ändern, weil er mir drohte, weil er endlich einen Aufruhr unter der Mannschaft zu erregen suchte. Ich begriff, daß er überaus gefährlich war, und ich darum Vorsichtsmaßregeln gegen ihn ergreifen müßte. – Und seit dieser Zeit? – Seit dieser Zeit ist er in seiner Cabine geblieben, die er nicht verlassen durfte. – Gut, Tom.« In diesem Augenblick wurden Glenarvan und John Mangles in die Cajüte gerufen. Die Erquickung, deren sie so sehr bedürftig waren, war zubereitet. Sie nahmen an der Tafel Platz, ohne ein Wort von Ayrton zu sprechen. Als aber die Mahlzeit beendet war, als die Tischgenossen gesättigt und gestärkt auf dem Verdeck vereinigt waren, machte ihnen Glenarvan die Anwesenheit des Quartiermeisters an Bord bekannt. Gleichzeitig gab er die Absicht kund, ihn vorführen zu lassen. »Kann ich mich von diesem Verhöre fern halten? frug Lady Helena. Ich gestehe Dir, mein lieber Edward, daß der Anblick dieses Unglücklichen mir außerordentlich peinlich sein würde. – Es ist nothwendig, ihn Euch Allen gegenüberzustellen, sagte Lord Glenarvan. Bleibe daher, ich bitte darum. Ben Joyce soll alle seine Opfer vor sich sehen.« Lady Helena fügte sich dieser Bemerkung und nahm mit Mary Grant nahe bei Lord Glenarvan Platz. Rings um diesen stellten sich die übrigen Mitglieder der Gesellschaft auf, die ja alle so hart von dem Verrath des Sträflings betroffen worden waren. Die Mannschaft der Yacht, welche den Ernst dieser Scene noch nicht begriff, bewahrte ein tiefes Schweigen. »Laßt Ayrton kommen!« befahl Glenarvan. Achtzehntes Capitel. Ayrton oder Ben Joyce. Ayrton erschien. Er schritt sicher und fest über das Verdeck und betrat die Treppe zum Oberdeck. Seine Blicke waren düster, seine Lippen zusammengepreßt, seine Fäuste krampfhaft geschlossen. Seine Erscheinung verrieth weder Aufgeblasenheit, noch Demuth. Als er vor Lord Glenarvan stand, kreuzte er ruhig und stumm die Arme und erwartete dessen Fragen. »Nun, Ayrton, sagte Glenarvan, da sind wir nun Beide auf dem Duncan, den Sie den Raubgenossen des Ben Joyce's in die Hände spielen wollten!« Die Lippen des Quartiermeisters zitterten leicht bei diesen Worten. Eine Röthe überflog seine regungslosen Züge, aber es war nicht die des sich regenden Gewissens, sondern nur die Scham über seinen Mißerfolg. Auf derselben Yacht, auf der er den Herrn zu spielen gedachte, war er nun als Gefangener, und in wenigen Augenblicken mußte sein Schicksal sich entscheiden. Indeß gab er keine Antwort. Geduldig wartete Glenarvan, doch Ayrton verharrte in hartnäckigem Schweigen. »Sprechen Sie, Ayrton, fuhr Glenarvan fort, was haben Sie zu sagen?« Ayrton zögerte; tiefer furchte sich seine Stirne, dann sprach er mit ruhiger Stimme: »Ich habe Nichts zu sagen, Mylord. Ich habe die Dummheit begangen, mich fangen zu lassen. Handeln Sie nach Belieben.« Nach dieser Antwort wandte er den Blick nach der Küste, die sich im Westen entfaltete, und beobachtete eine vollkommene Gleichgiltigkeit gegen Alles, was um ihn her vorging. Wer ihn sah, hätte ihn für völlig unbetheiligt an dieser tiefernsten Angelegenheit gehalten. Glenarvan hatte sich aber vorgenommen, die Geduld nicht zu verlieren. Ein mächtiges Interesse fesselte ihn ja, gewisse Details aus dem geheimnißvollen Leben Ayrton's zu erfahren, mindestens in Bezug auf Harry Grant und die Britannia. Er nahm also seine Fragen wieder auf, sprach mit der äußersten Milde, und setzte der heftigen Erregung seines Herzens äußerlich die möglichste Ruhe entgegen. »Ich hoffe, Ayrton, sagte er, daß Sie nicht verweigern werden, auf einige Fragen zu antworten, die ich an Sie richten möchte. Zunächst, habe ich Sie Ayrton oder Ben Joyce zu nennen? Sind Sie der Quartiermeister der Britannia? Ja oder Nein?« Ayrton blieb unbewegt, taub für jede Frage, und fixirte die Küste. »Wollen Sie mir mittheilen, wie Sie die Britannia verließen und weshalb Sie in Australien waren?« Dasselbe Schweigen, dieselbe Bewegungslosigkeit. »Hören Sie mich wohl, Ayrton, fuhr Glenarvan fort, es liegt in Ihrem eigenen Interesse, zu sprechen. Die Offenherzigkeit, Ihre letzte Hilfe, würde zu Ihren Gunsten in Anschlag gebracht werden. Zum letzten Male also, wollen Sie meine Fragen beantworten?« Ayrton wandte den Kopf zu Glenarvan und sah ihm in's Auge. »Mylord, sagte er, ich habe Nichts zu antworten. Es wird Sache der Gerichte und nicht die meine sein, gegen mich Beweise beizubringen. – Was sehr leicht sein wird! bemerkte Glenarvan. – Leicht! Mylord? erwiderte Ayrton mit spöttischem Tone; da gehen Ew. Herrlichkeit zu weit. Ich, ich versichere Ihnen, daß auch der beste Richter von Temple-Bar bezüglich meiner Person in Verlegenheit sein wird. Wer wird sagen, warum ich nach Australien gekommen bin, wenn Kapitän Grant nicht zur Stelle ist? Wer möchte beweisen, daß ich der von der Polizei gesuchte Ben Joyce sei, da diese mich nie in ihren Händen hatte und meine Kameraden in Freiheit sind? Wer vermag, außer Ihnen, zu meinem Nachtheile nicht ein Verbrechen, sondern nur eine strafbare Handlung anzugeben? Wer kann mir beweisen, daß ich mich habe von diesem Schiffe entfernen und es in Verbrecherhände spielen wollen? Niemand, verstehen Sie mich recht, Niemand! Sie haben Verdacht auf mich, gut; aber um einen Menschen zu verurtheilen, bedarf es der Gewißheit, und diese eben fehlt Ihnen. Bis zum Beweise des Gegentheils bin ich Ayrton, Quartiermeister der Britannia.« Ayrton hatte sich beim Sprechen erregt, jetzt versank er wieder in seine frühere Gleichgiltigkeit. Er nahm ohne Zweifel an, daß seine Erklärung jede weitere Fragestellung abschneiden würde, aber Glenarvan nahm von Neuem das Wort und sagte: »Ayrton, ich bin kein mit dem Verfahren gegen Sie beauftragter Richter, das ist meine Sache nicht. Es handelt sich nur darum, unser gegenseitiges Verhältniß zu klären. Ich frage Sie nach Nichts, was Sie compromittiren könnte. Das ist Sache der Justiz. Sie wissen aber, was ich suche, und mit einem Worte, Sie nur können mich auf die verlorene Spur zurückleiten. Wollen Sie also sprechen?« Ayrton senkte den Kopf und schwieg. »Wollen Sie mir sagen, wo der Kapitän Grant sich befindet? fragte Glenarvan. – Nein, Mylord, entgegnete Ayrton. – Wollen Sie mir nur bekannt geben, wo die Britannia zu Grunde gegangen ist? – Nicht minder. – Ayrton, fuhr Glenarvan fast in bittendem Tone fort, wollen Sie, wenn Kapitän Grant's Aufenthalt Ihnen bekannt ist, ihn mindestens seinen armen Kindern mittheilen, welche nur ein Wort aus Ihrem Munde erwarten?« Ayrton zauderte. Sein Gesicht verzog sich; doch murmelte er mit dumpfer Stimme: »Ich kann nicht, Mylord.« Sogleich fuhr er aber, als mache er sich einen schwachen Augenblick zum Vorwurf, heftig fort: »Nein! Ich sage Nichts! Lassen Sie mich hängen, wenn Sie wollen! – Hängen!« rief Glenarvan, den eine Aufwallung von Zorn übermannte. Dann antwortete er aber, sich beherrschend, mit ruhigerer Stimme: »Hier sind weder Richter, noch Henker, Ayrton. Bei der ersten Gelegenheit werden Sie den englischen Behörden ausgeliefert werden. – Eben das verlange ich!« antwortete der Quartiermeister. Darauf kehrte er ruhigen Schrittes in die Cabine, welche ihm als Gefängniß diente, zurück, und zwei Matrosen wurden vor deren Thür aufgestellt, seine geringsten Bewegungen zu überwachen. Entrüstet und verzweifelt zogen sich auch die Zeugen dieser Scene zurück. Was blieb nun Glenarvan, wenn er an Ayrton's Verschlossenheit scheiterte, zu thun übrig? Offenbar galt es nun, die in Eden beschlossene Rückkehr nach Europa anzutreten, und auch auf eine spätere Wiederaufnahme dieses vom Unglück verfolgten Unternehmens zu verzichten. Denn von jetzt ab schienen alle Spuren der Britannia unwiderruflich verwischt; dem Documente konnte keine neue Deutung abgewonnen werden, auch war auf dem siebenunddreißigsten Meridian kein in Frage kommendes Land mehr übrig. Der Duncan hatte nur noch zurückzukehren. Nach Unterredung mit seinen Freunden besprach Glenarvan mit John Mangles eingehender die Rückfahrt. John inspicirte den Schiffsraum; sein Kohlenvorrath reichte für etwa vierzehn Tage. Jedenfalls mußte demnach beim nächsten Aufenthalt Brennmaterial eingenommen werden. John schlug Glenarvan vor, die Bai von Talcahuano anzulaufen, wo der Duncan sich schon vor der Umschiffung des Feuerlandes frisch verproviantirt hatte. Es wäre das die geradeste Linie, und lag auch noch auf dem siebenunddreißigsten Breitegrade. Von dort sollte die Yacht nach Süden, dann um das Cap Horn steuern und über den Atlantischen Ocean nach Schottland zurückkehren. Nach Annahme dieses Planes wurde der Maschinenmeister angewiesen, stärkeren Dampf zu machen. Eine halbe Stunde später wurde das Bugspriet nach Talcahuano, zur Fahrt über ein Meer, welches den Namen des Pacifischen Oceans mit Recht verdient, gerichtet und um sechs Uhr Abends verschwanden die letzten Berge Neu-Seelands in den warmen Dunsten am Horizonte. Hiermit begann also die eigentliche Rückreise. Eine traurige Ueberfahrt war es für unsere kühnen Sucher, welche nach dem Hafen zurückkehrten, ohne Harry Grant mitzuführen! In trauriger Stimmung begab sich auch die Besatzung, die bei der Abfahrt so fröhlich, so vertrauensvoll bezüglich der Erreichung ihres Zieles war, auf die Rückreise nach Europa. Von diesen braven Matrosen war Keiner unbewegt bei dem Gedanken, das Vaterland wiederzusehen, und doch hätten Alle gern noch lange den Gefahren des Meeres getrotzt, um den Kapitän Grant aufzufinden. Dem Hurrahrufen, welches Glenarvan's Beschluß begleitete, folgte denn auch bald die Entmuthigung. Der frühere enge Zusammenhalt zwischen den Passagieren, die Unterhaltungen, welche den Weg so sehr verkürzten, – Alles war zu Ende. Jeder hielt sich gesondert in seiner Cabine zurück, und nur selten erschien Einer oder der Andere auf dem Verdeck des Duncan. Der Mann, bei dem alle Gefühle, die freudigen und die traurigsten, den lebhaftesten Ausdruck fanden, Paganel, der sonst zur Noth eine Hoffnung erfunden hätte, blieb verdrießlich und schweigsam und war kaum sichtbar. Seine natürliche Plauderlust, seine französische Lebhaftigkeit waren der Stummheit und der Ermattung gewichen. Ja, er erschien noch entmuthigter als seine Gefährten. Sprach auch Glenarvan einmal von Wiederaufnahme der Nachforschungen, so schüttelte Paganel den Kopf, wie ein Mann, der nichts mehr hoffte und dessen Ueberzeugung bezüglich des Schicksals der Schiffbrüchigen der Britannia fest stand. Man bemerkte es, daß er sie für unwiderruflich verloren hielt. Dennoch befand sich ein Mann an Bord, der über jene Katastrophe das letzte Wort sprechen konnte, aber doch sein Schweigen fortsetzte, und zwar Ayrton. Es war kein Zweifel, daß dieser Elende, wenn er auch über den jetzigen Aufenthalt des Kapitän Grant Nichts wissen konnte, doch die Oertlichkeit des Schiffbruchs kennen mußte. Ohne Zweifel wäre aber der wiedergefundene Grant ein schwer belastender Zeuge wider ihn gewesen, deshalb schwieg er wohl so hartnäckig. Daher schrieb sich eben auch die heftige Wuth der Matrosen, die ihm gern einen schlechten Streich gespielt hätten. Noch mehrmals wiederholte Glenarvan seine Versuche mit Ayrton. Versprechungen und Drohungen waren vergeblich. Der Starrsinn des Quartiermeisters ging so weit und war so unerklärlich, daß der Major zu der Meinung kam, er wisse gar Nichts, welche übrigens der Geograph theilte, zumal da sie auch seine besonderen Ansichten über Harry Grant nur befestigte. Wenn Ayrton aber Nichts wußte, warum gestand er es nicht ein? Das konnte ihm doch Nichts verschlagen, während sein Schweigen die Schwierigkeit, einen neuen Plan zu entwerfen, nur steigerte. Sollte man daraus, daß man den Quartiermeister in Australien traf, auch auf die Anwesenheit Harry Grant's auf diesem Continente schließen? Um jeden Preis mußte man Ayrton veranlassen, sich darüber zu erklären. Da Lady Helena die Mißerfolge ihres Gatten sah, bat sie ihn um die Erlaubniß, selbst einmal gegen die Verstocktheit des Quartiermeisters anzukämpfen. Wo ein Mann gescheitert war, sollte da nicht der sanfte Einfluß einer Frau obsiegen? Ist es nicht eine alte Fabel, daß der Orkan den Schultern des Reisenden den Mantel nicht entreißen konnte, während es dem ersten warmen Sonnenstrahle gelang? Da Glenarvan die Intelligenz seiner Frau kannte, ließ er ihr volle Freiheit des Handelns. Ayrton wurde also, es war der 5. März, in Lady Glenarvan's Salon geführt. Mary Grant sollte der Zusammenkunft beiwohnen, denn der Einfluß des jungen Mädchens war nicht zu unterschätzen, und Lady Helena wollte Nichts zur Sicherung des Erfolges vernachlässigen. Eine Stunde lang blieben die beiden Frauen mit dem Quartiermeister der Britannia allein, aber ihre Unterhaltung war fruchtlos. Was sie gesprochen, die Argumente, welche sie benutzten, um dem Verbrecher sein Geheimniß abzulocken, alle Einzelheiten des Gespräches blieben unbekannt. Als aber Ayrton sie verließ, schienen sie Nichts ausgerichtet zu haben, denn ihre Züge verriethen die vollkommenste Entmuthigung. Als der Quartiermeister nach seiner Cabine zurückgeführt wurde, überhäuften die Matrosen den Vorübergehenden mit Drohungen. Dieser zuckte nur mit den Schultern, was die Aufregung der Mannschaft nur steigerte, so daß es des Dazwischentretens Glenarvan's und John Mangles' bedurfte, um sie im Zaume zu halten. Lady Helena hielt sich aber noch nicht für überwunden. Sie wollte bis zuletzt gegen diese fühllose Seele kämpfen, und so ging sie am andern Tage selbst nach Ayrton's Cabine, um die Auftritte zu vermeiden, welche sein Erscheinen auf dem Deck hervorrief. Zwei Stunden lang blieb die gute und sanfte Schottin allein, Auge in Auge mit dem Verbrecherhauptmann. Glenarvan lief, eine Beute seiner Erregung, vor der Cabine hin und her, einmal mit dem Entschlusse, jede Aussicht auf Erfolg zu erschöpfen, und dann wieder, seine Gattin dieser peinlichen Unterredung zu entziehen. Als Lady Helena aber diesmal herauskam, verriethen ihre Züge einige Hoffnung. Hatte sie nun das Geheimniß erfahren und in dem Herzen dieses Bösewichtes die letzten Fasern seines Gefühles getroffen? Mac Nabbs, welcher sie zuerst sah, konnte ein sehr natürliches Zeichen des Unglaubens nicht zurückhalten. Bald verbreitete sich unter der Mannschaft das Gerücht, daß der Quartiermeister dem Zureden der Lady Helena nachgegeben habe. Es wirkte wie eine elektrische Erschütterung. Alle Matrosen liefen auf dem Verdecke zusammen, und zwar schneller, als wenn Tom Austin's Pfeife sie zur Arbeit gerufen hätte. Inzwischen war Glenarvan zu seiner Gattin geeilt. »Hat er gesprochen? fragte er. – Nein, erwiderte Lady Helena, aber er gab meinen Bitten so weit nach, daß er Dich zu sprechen wünscht. – O, beste Helena, Du hast gewonnen! – Ich hoffe es, Edward. – Bist Du irgend ein Versprechen eingegangen, das ich zu erfüllen hätte? – Ein einziges, mein Freund, daß Du allen Deinen Einfluß aufwenden werdest, das Loos, welches diesen Unglücklichen erwartet, zu mildern. – Gut, meine Helena. Ayrton mag sofort kommen.« Lady Helena zog sich in ihr Zimmer zurück, und der Quartiermeister wurde nach dem Versammlungsraum geführt, wo ihn Lord Glenarvan erwartete. Neunzehntes Capitel. Ein Vertragsabschluß. Sobald der Quartiermeister sich vor dem Lord befand, zogen seine Wächter sich zurück. »Ihr verlangtet mich zu sprechen, Ayrton? fragte Glenarvan. – Ja, Mylord, entgegnete der Gefangene. – Mich allein? – Ja, doch dünkt mir, es wäre noch besser, wenn Major Mac Nabbs und Herr Paganel mit zugegen wären. – Besser für wen? – Für mich.« Ayrton sprach ganz ruhig. Glenarvan sah ihn fest an; dann ließ er Paganel und Mac Nabbs rufen, welche auch sogleich erschienen. »Nun, wir hören«, sagte Glenarvan, als seine beiden Freunde am Tische Platz genommen hatten. Ayrton sammelte sich einige Augenblicke, und sprach dann: »Mylord, gewöhnlich sind bei dem Abschluß jedes Vertrags oder Vergleichs Zeugen zugegen. Aus diesem Grunde hab' ich der Herren Paganel und Mac Nabbs Anwesenheit gewünscht. Denn es handelt sich, um es gleich herauszusagen, um ein Geschäft, das ich Ihnen vorschlagen möchte.« Glenarvan kannte Ayrton's Art und Weise und zuckte mit keinem Augenlide, obgleich ein Geschäft zwischen diesem Menschen und ihm etwas ganz Fremdartiges war. »Und dieses Geschäft wäre? – Kurz Folgendes, antwortete Ayrton. Sie wünschen von mir Einzelnes zu wissen, was Ihnen nützlich sein könnte. Ich wünsche von Ihnen einige Vortheile zu erlangen, die für mich von hohem Werthe sind. Eine Hand wäscht die andere, Mylord. Ist es Ihnen recht, oder nicht? – Nun, welche Einzelheiten erfahren wir? fragte lebhaft Paganel. – Nein, fiel Glenarvan ein, welche Vortheile verlangt Ihr?« Ayrton zeigte durch eine Bewegung des Kopfes, daß er die Wendung Glenarvan's verstand. »Das sind Folgende, sagte er. Doch vorher, haben Sie noch immer die Absicht, Mylord, mich den englischen Behörden auszuliefern? – Gewiß, Ayrton, das ist nur gerecht. – Das bestreite ich nicht, antwortete ruhig der Quartiermeister. Sie würden also auf keinen Fall zu bestimmen sein, mir die Freiheit wieder zu geben?« Glenarvan zögerte mit seiner Antwort auf diese so schnell an ihn herantretende Frage. Von dem, was er sagte, hing vielleicht das Schicksal Harry Grant's ab. Doch siegte sein Pflichtgefühl für menschliche Gerechtigkeit. »Nein, Ayrton, sprach er, die Freiheit kann ich Euch nicht geben. – Diese verlange ich auch nicht ganz, erwiderte stolz der Quartiermeister. – Nun, und was dann? – Ein Zwischending, Mylord, zwischen der Gewalt, die mir droht, und der Freiheit, die Sie mir nicht schenken können. – Das wäre . . .? – Mich auf einer wüsten Insel des Stillen Oceans nebst den nöthigsten ersten Hilfsmitteln auszusetzen. Da würde ich sehen, wie ich auskäme, und, wenn ich Zeit dazu fände, bereuen!« Glenarvan, der auf eine solche Eröffnung wenig vorbereitet war, sah seine beiden Freunde an, welche schweigend dabei saßen. Nach kurzer Ueberlegung erwiderte er: »Und wenn ich Ihrem Verlangen entspreche, Ayrton, so werden Sie mir Alles mittheilen, was für mich von Interesse ist? – Ja, Mylord, das heißt, was ich von Kapitän Grant und der Britannia weiß. – Die volle Wahrheit? – Die volle. – Aber wer steht mir dafür? – Ah, ich sehe, was Sie beunruhigt, Mylord. Freilich können Sie sich nur an mich halten, an das Wort eines Verbrechers, das ist wohl wahr. Aber was wollen Sie? Die Lage ist nun einmal so. Also annehmen oder lassen. – Ich werde mich auf Alles verlassen, Ayrton, sagte einfach Glenarvan. – Und daran thun Sie recht, Mylord. Wenn ich Sie täuschte, hätten Sie ja immer Mittel, sich zu rächen. – Welche? – Sie heben mich auf der Insel wieder auf, die ich doch nicht werde verlassen können.« Ayrton hatte auf Alles eine Antwort. Er suchte Schwierigkeiten auf und führte gegen sich selbst unwiderlegliche Argumente an. Aus Allem war zu ersehen, daß er sein »Geschäft« in bester Hoffnung auf Gelingen behandelte. Es erschien unmöglich, sich noch mehr bloßzustellen, und doch sollte er Gelegenheit finden, in dieser Uneigennützigkeit noch weiter zu gehen. »Mylord und meine Herren, fügte er hinzu, ich wünsche, daß Sie davon überzeugt sind, daß ich mit offener Karte spiele. Ich suche Sie nicht zu tauschen, und ich will Ihnen einen weiteren Beweis meiner Aufrichtigkeit geben. Ich handle ganz freimüthig. weil ich selbst auf Ihre Loyalität rechne. – Sprechen Sie, Ayrton, sagte Glenarvan. – Mylord, noch habe ich Ihr Wort nicht, daß Sie meinem Vorschlage zustimmen, und doch zögere ich nicht, Ihnen zu gestehen, daß ich nur wenig bezüglich des Kapitän Grant weiß. – Wenig nur! rief Glenarvan. – Ja, Mylord, die Einzelheiten, welche ich Ihnen mitzutheilen in der Lage bin, beziehen sich mehr nur auf mich; sie werden auch nur wenig dazu beitragen, Sie wieder auf die verlorenen Spuren zu bringen.« Auf den Zügen Glenarvan's und des Majors malte sich die Enttäuschung. Sie hatten den Quartiermeister im Besitz eines wichtigen Geheimnisses geglaubt, und jetzt gestand dieser selbst ein, daß seine Angaben ziemlich dürre sein würden. Paganel verharrte ganz unbeweglich. Wie dem auch sei, dieses Geständniß Ayrton's, welcher sich ohne Garantie auslieferte, berührte seine Zuhörer eigenthümlich, vorzüglich als der Quartiermeister schließlich hinzusetzte: »Sie wissen also nun, woran Sie sind, Mylord, und daß das Geschäft für mich vortheilhafter ist, als für Sie. – Thut Nichts, antwortete Glenarvan. Ich nehme Ihren Vorschlag an, Ayrton, Sie haben mein Wort, auf einer der Inseln des Stillen Oceans ausgeschifft zu werden. – Gut, Mylord«, antwortete der Quartiermeister. War dieser sonderbare Mann wohl über diese Entscheidung erfreut? Man hätte daran zweifeln können, denn in seinem Gesichte zuckte kein Muskel. Es schien, als verhandle er für einen Andern, und nicht für sich selbst. »Ich bin bereit, zu antworten, sagte er. – Wir haben keine Fragen zu stellen, entgegnete Glenarvan. Sagen Sie, was Sie wissen, Ayrton, und beginnen Sie damit zu erklären, wer Sie sind. – Meine Herren, erwiderte Ayrton, ich bin wirklich Tom Ayrton, der Quartiermeister der Britannia. Mit Harry Grant's Schiffe verließ ich Glasgow am 12. März 1861. Vierzehn Monate lang haben wir zusammen das Stille Weltmeer befahren und suchten eine geeignete Oertlichkeit auf, um eine schottische Colonie zu gründen. Harry Grant ist ein zu Großem erschaffener Mann, aber oft erhoben sich zwischen uns schwere Zwistigkeiten. Sein Charakter mißfiel mir. Ich ziehe nicht leicht Segel ein; Harry Grant gegenüber ist aber, wenn er seinen Entschluß einmal gefaßt hat, jeder Widerstand unnütz. Gegen sich und Andere ist er ein Mann von Eisen. Trotzdem wagte ich mich zu empören. Ich suchte die Besatzung mit zu verführen und mich des Schiffes zu bemächtigen. Ob ich recht that oder nicht, kommt hier nicht in Frage. Wie dem auch sei, Harry Grant zögerte nicht, mich am 8. April 1862 auf der Westküste Australiens auszusetzen. – Australiens! unterbrach der Major den Bericht, Sie haben die Britannia also vor der Landung am Callao, woher die letzten Nachrichten stammen, verlassen? – Ja, antwortete der Quartiermeister, denn die Britannia ist niemals, so lange ich an Bord war, beim Callao vor Anker gegangen. Und wenn ich Ihnen in der Farm Paddy O'Moore's vom Callao sprach, so hatte ich das erst aus Ihren Erzählungen gehört. – Fahren Sie fort, Ayrton, sagte Glenarvan. – Ich befand mich also verlassen auf einer fast wüsten Insel, aber nur zwanzig Meilen entfernt von den Strafkolonien in Perth, der Hauptstadt des westlichen Australien. Beim Umherstreifen am Ufer traf ich auf eine Bande entsprungener Sträflinge, der ich mich anschloß. Sie werden mir erlassen, Mylord, von meinem Leben während der folgenden zweiundeinhalb Jahre zu berichten. Es genüge Ihnen zu wissen, daß ich unter dem Namen Ben Joyce das Haupt jener Deportirten wurde. Im Monat September 1864 erschien ich auf der irländischen Farm, und wurde daselbst unter meinem wahren Namen Ayrton in Dienst genommen. Dort erwartete ich nur die Gelegenheit, mich eines Schiffes zu bemächtigen. Das war mein letztes Ziel. Zwei Monate später kam der Duncan an. Während Ihrer Anwesenheit auf der Farm haben Sie, Mylord, die ganze Geschichte des Kapitän Grant erzählt. Ich hörte da, was ich noch nicht wußte, wie z. B. die Landung der Britannia am Callao; die letzten Nachrichten über sie vom Juni 1862, d. h. zwei Monate nach meiner Ausschiffung; die Geschichte von dem Documente; den Untergang des Schiffes auf einem Punkte des siebenunddreißigsten Breitengrades und endlich die wichtigen Gründe, welche Sie hatten, Harry Grant quer durch den australischen Continent zu suchen. Mein Entschluß war gefaßt; ich wollte mir den Duncan zueignen, ein herrliches Fahrzeug, das die schnellsten Schiffe der britischen Marine ausstechen mußte. Erst war es aber nöthig, seine Havarien auszubessern. Ich ließ ihn also nach Melbourne abziehen und gab mich Ihnen als Quartiermeister zu erkennen mit dem Angebot, Sie durch Australien nach dem von mir fingirten Schauplatz des Schiffbruches an der Ostküste desselben zu führen. So leitete ich Sie, bald vor, bald hinter meiner Bande her, durch die Provinz Victoria. An der Camdenbrücke begingen meine Leute jenes höchst zwecklose Verbrechen, da doch der Duncan, wenn er nur an jene Küste kam, uns ja nicht entgehen konnte, und mit dieser Yacht wäre ich der Herr des Meeres gewesen. So führte ich Sie, ohne Argwohn Ihrerseits, bis zum Snowyflusse. Durch Gastrolobium vergiftet, fielen nach und nach die Pferde und die Ochsen. Ich fuhr den Wagen in den Sümpfen jener Gegend absichtlich fest. Auf meine Bitten . . . doch das Uebrige wissen Sie, Mylord, und können sicher sein, daß ich ohne Herrn Paganel's Zerstreutheit jetzt auf dem Duncan befehligte. Das ist meine Geschichte, meine Herren, die Sie leider nicht auf Harry Grant's Fährte zu bringen vermag, und Sie sehen, daß Sie bei dem Vergleiche mit mir ein schlechtes Geschäft gemacht haben.« Der Quartiermeister schwieg, kreuzte nach seiner Gewohnheit die Arme und wartete. Auch Glenarvan und seine Freunde beobachteten Stillschweigen. Sie fühlten es heraus, daß dieser sonderbare Verbrecher wohl die volle Wahrheit gesagt habe. An dem Raube des Duncan war er nur durch Umstände, die nicht von ihm abhingen, gehindert worden. Seine Gefährten waren nach der Twofold-Bai gekommen, wie es der von Glenarvan aufgefundene Verbrecherkittel bewies. Dort hatten sie nach den Befehlen ihres Führers auf die Yacht gelauert und endlich, des Wartens müde, wieder ihr Geschäft als Räuber und Brandstifter in den Ländereien von Neu-Süd-Wales ergriffen. Der Major begann zuerst zu fragen, um die die Britannia betreffenden Zeitangaben festzustellen. »Es war also, wandte er sich an den Quartiermeister, am 8. April 1862, als Sie an der Westküste Australiens ausgeschifft wurden? – An eben diesem Tage, antwortete Ayrton. – Und wissen Sie, was Harry Grant damals vorhatte? – Nur unbestimmt. – Sprechen Sie nur, Ayrton, sagte Glenarvan, auch das kleinste Anzeichen könnte uns auf den richtigen Weg führen. – Was ich sagen kann, entgegnete der Quartiermeister, ist etwa Folgendes: Der Kapitän Grant hatte die Absicht, Neu-Seeland zu besuchen. Dieser Theil seines Programms kam während meiner Anwesenheit an Bord nicht zur Ausführung. Dennoch wäre es nicht unmöglich, daß die Britannia, als sie den Callao verließ, jenes Inselreich angelaufen wäre. Das würde auch mit dem Datum des 27. Juni 1862, den das Document angiebt, annähernd übereinstimmen. – Offenbar, sagte Paganel, stimmt das. – Doch deutet, wandte Glenarvan ein, in den Wortresten des Documentes Nichts auf Neu-Seeland. – Darauf weiß ich nicht zu antworten, sagte der Quartiermeister. – Nun gut, Ayrton, schloß Glenarvan, Sie haben Ihr Wort gehalten, ich werde es auch thun. Wir wollen uns überlegen, auf welcher Insel des Pacifischen Oceans Sie ausgesetzt werden sollen. – O, das ist mir ziemlich gleichgiltig, Mylord. – Gehen Sie jetzt nach Ihrer Cabine zurück und erwarten unsere Entscheidung.« Unter der Bewachung zweier Matrosen zog sich der Quartiermeister zurück. »Dieser Bösewicht hätte ein tüchtiger Mann sein können, sagte der Major. – Ja, antwortete Glenarvan, er ist von starker und intelligenter Natur. Warum haben sich seine Fähigkeiten nach der bösen Seite entwickelt? – Aber Harry Grant? – Ich glaube nun wohl, daß er für immer verloren ist. Die armen Kinder, wer wird ihnen sagen können, wo ihr Vater ist? – Ich! rief Paganel. Ja, ich!« Man mußte bemerkt haben, daß der plauderlustige, gewöhnlich so ungeduldige Geograph während Ayrton's Verhör kaum ein Wort gesprochen hatte. Er hörte geschlossenen Mundes zu. Dieses letzte Wort von ihm wog aber viele andere auf und veranlaßte Glenarvan, sogleich aufzuspringen. »Sie? rief er aus, Sie, Paganel, wissen, wo Kapitän Grant ist? – Ja, wenigstens soweit das möglich ist, erwiderte der Geograph. – Und woher wissen Sie es? – Immer aus dem Documente. – Aha! höhnte der Major im ungläubigsten Tone. – Hören Sie erst, Mac Nabbs, sagte Paganel, und zucken Sie die Achseln nachher. Ich habe nicht eher gesprochen, weil es doch Niemand geglaubt hätte, und es zudem nutzlos war. Wenn ich es heute thue, so rührt das daher, weil Ayrton's Bericht meine Ansicht sehr wesentlich unterstützt hat. – Also Neu-Seeland? . . . fragte Glenarvan. – Hören Sie und urtheilen selbst, erwiderte Paganel. Den Irrthum, der uns gerettet hat, beging ich nicht ohne Veranlassung. In dem Augenblicke, da ich den von Glenarvan dictirten Brief schrieb, ging mir das Wort «Zealand» durch den Kopf. Sie erinnern sich, daß wir uns im Wagen befanden. Mac Nabbs hatte Lady Helena eben die Geschichte der Deportirten mitgetheilt; er hatte die Nummer der «Australian and Zealand Gazette» dabei, welche das Unglück an der Camdenbrücke berichtete. Gerade als ich schrieb, lag das Blatt auf dem Boden, aber so gebrochen, daß von seinem Titel nur zwei Sylben sichtbar waren. Diese beiden Sylben waren «aland». Welches Licht ging mir damit auf! Aland war ein Wort des englischen Documentes, ein Wort, welches wir stets als «an's Land» deuteten, und welches doch nur das Ende von «Zealand» war. – Aha! rief Glenarvan. – Ja, fuhr Paganel mit voller Ueberzeugung fort, und auf diese Deutung kam ich nicht eher, weil mir das französische Document, welches vollständiger war, als die übrigen, hauptsächlich als Unterlage diente, in diesem aber gerade dieses wichtige Wort fehlt. – Oho, fiel der Major ein, das ist zu viel Einbildung, Paganel, auch vergessen Sie sehr leicht die früheren Deutungen. – Fragen Sie, Major, ich werde auf Alles antworten. – Nun, sagte Mac Nabbs, was wird aus dem Worte «austra» ? – Es bleibt bei seiner Bedeutung und bezeichnet nur die «östlichen» Gegenden. – Gut. Aber die Sylbe «indi» , welche einmal der Stamm des Wortes «Indianer», das andere Mal der von «Indigènes» (Eingeborene) sein sollte. – Richtig. Zum dritten und letzten Male, antwortete Paganel, ist es der Anfang des Wortes «indigence» (Roth). – Und «contin!» rief Mac Nabbs, bedeutet es noch immer «Continent»? – Nein! Insofern ja Neu-Seeland nur eine Insel ist. – Nun, dann . . .? fragte Glenarvan. – Mein lieber Lord, antwortete Paganel, ich will Ihnen das Document nach meiner dritten Auslegung französisch zusammenstellen, und Sie mögen dann selbst urtheilen. Zuvor erlauben Sie mir aber zwei Bemerkungen: 1) Vergessen Sie die vorhergehenden Auslegungen soviel als möglich, und befreien Sie sich vollkommen von vorgefaßten Meinungen. 2) Einzelne Stellen mögen Ihnen «gezwungen» erscheinen, und es ist möglich, daß ich sie falsch übersetze; aber sie sind nur unwichtig, wie das Wort «agonie» , welches mich quält und das ich doch nicht anders erklären kann. Uebrigens dient mir das französische Document als Unterlage, welches von einem Engländer geschrieben ist, dem die Feinheiten der Sprache nicht so geläufig sein konnten. Dieses vorausgeschickt beginne ich.« Paganel las mit besonderer Betonung der betreffenden Sylben folgende Sätze, welche wir hier in deutscher Sprache wiedergeben: »Am 7. Juni 1862 scheiterte der Dreimaster Britannia aus Glasgow nach langem Kämpfen in den östlichen Meeren an der Küste von Neu-Seeland – englisch Zealand. – Zwei Matrosen und der Kapitän Grant vermochten sie zu erreichen. Sie haben , fortwährend eine Beute der grausamen Noth, dieses Document ausgeworfen unter ...° Länge und 37° 11' Grad Breite. Kommt ihnen zu Hilfe, sonst sind sie verloren.« Paganel schwieg. Seine Deutung war annehmbar. Da sie aber ebenso wahrscheinlich war, als die vorigen, konnte sie auch ebenso falsch sein. Glenarvan und der Major besprachen sie also nicht weiter. Da sich aber weder an der Küste von Patagonien, noch an der von Australien, da wo sie der siebenunddreißigste Breitengrad durchschnitt, Spuren von der Britannia gefunden hatten, so bot Neu-Seeland offenbar Aussichten auf Erfolg. Diese Bemerkung Paganel's machte seine Freunde aufmerksam. »Nun aber, Paganel, sagte Glenarvan, warum haben Sie diese Auslegung des Documentes gegen zwei Monate geheim gehalten? – Weil ich in Ihnen keine leeren Hoffnungen erwecken mochte. Uebrigens gingen wir ja nach Auckland, also genau nach dem bezeichneten Punkte der Breite. – Als wir aber gezwungen waren, von dieser Linie abzuweichen, warum gingen Sie dann nicht mit der Sprache heraus? – Weil diese Deutung, und wenn sie noch so richtig wäre, zur Rettung des Kapitäns doch nichts beitragen konnte. – Und warum das? – Weil anzunehmen ist, daß Kapitän Grant, wenn er bei Neu-Seeland scheiterte und nach zwei Jahren noch nicht wieder auftauchte, dem Schiffbruche oder den Neu-Seeländern zum Opfer gefallen ist. – Also ist Ihre Meinung ...? fragte Glenarvan. – Daß man wohl einzelne Spuren von dem Schiffbruche auffinden könne, aber daß die Schiffbrüchigen der Britannia selbst unwiderruflich verloren sind. – Schweigen wir für jetzt, meine Freunde, und lassen Sie mich den geeigneten Augenblick wählen, um den Kindern des Kapitän Grant diese Trauerkunde mitzutheilen.« Zwanzigstes Capitel. Ein Schrei in der Nacht. Die Mannschaft ward bald inne, daß die Aussagen Ayrton's den Schleier über Kapitän Grant's Aufenthalt auch noch nicht gelüftet hatten. An Bord verbreitete sich eine tiefe Entmuthigung, denn auf den Quartiermeister hatte man noch seine Hoffnung gesetzt, und dieser wußte selbst Nichts, was den Duncan hätte auf die Fährte der Britannia bringen können. Die Richtung der Yacht wurde also einfach beibehalten. Es galt nun blos noch, die Insel auszuwählen, auf welcher Ayrton ausgesetzt werden sollte. Paganel und John Mangles zogen die Seekarten zu Rathe. Genau auf dem siebenunddreißigsten Breitengrade befand sich noch ein isolirtes, unter dem Namen Maria-Theresia-Insel bekanntes Eiland, ein im Stillen Ocean verlorener Felsen, der dreitausendfünfhundert Meilen von der amerikanischen Küste und fünfzehnhundert von Neu-Seeland entfernt war. Das nächste nördlich gelegene Land bildet den unter französischem Protektorate stehenden Pomotu-Archipel. Südlich trifft man von dort bis zu dem ewigen Eise des Südpolarmeeres Nichts an. Kein Fahrzeug näherte sich diesem verlassenen Stückchen Erde. Kein Echo der bewohnten Erde drang bis hierher. Nur die Sturmvögel ruhten dort auf ihren weiten Zügen aus, und viele Karten verzeichneten diese von den Wogen des Pacifischen Oceans gepeitschten Felsmassen gar nicht einmal. Konnte man irgendwo von einem vereinsamten Punkte sprechen, so war es auf dieser außerhalb der Straßen des Menschenverkehrs hingeworfenen Insel. Man theilte Ayrton deren Lage mit. Dieser ging darauf ein, dort fern von Seinesgleichen zu wohnen, und so steuerte die Yacht denn auf Maria-Theresia zu. Eine durch die Axe des Duncan gelegte gerade Linie hätte jetzt die Insel und die Bai Talcahuano getroffen. Zwei Tage später, Nachmittags um zwei Uhr, meldete der Ausluger ein Land am Horizonte. Das war Maria-Theresia, welches niedrig, langgestreckt, kaum über die Wellen aufragend, fast einem riesigen Wallfische gleich erschien. Dreißig Meilen trennten das Land noch von der Yacht, deren Vordersteven die Fluthen mit der Schnelligkeit von sechzehn Knoten die Stunde durchschnitt. Nach und nach zeichnete sich das Profil des Eilandes deutlicher am Horizonte ab. Die im Westen versinkende Sonne erleuchtete deutlich seinen sonderbaren Umriß. Da und dort stiegen einzelne niedrige Gipfel auf, die von den Strahlen der Himmelskönigin vergoldet wurden. Um fünf Uhr glaubte John Mangles, einen leichten aufsteigenden Rauch zu erkennen. »Ist dort ein Vulkan? fragte er Paganel, der das neue Land durch sein Fernrohr beobachtete. – Ich weiß darüber Nichts, erwiderte der Geograph. Maria-Theresia ist sehr wenig bekannt. Doch wäre es nicht zu verwundern, wenn der Ursprung der Insel von einer unterseeischen Bodenerhebung herrührte, diese also vulkanischer Natur wäre. – Wenn sie aber eine solche Erhebung erzeugte, bemerkte Glenarvan, ist dann nicht zu befürchten, daß sie durch eine Senkung wieder verschwindet? – Das ist doch unwahrscheinlich, antwortete Paganel. Kenntniß ihrer Existenz hat man schon seit mehreren Jahrhunderten, was doch eine gewisse Garantie bietet. Als die Insel Julia aus dem Mittelmeere auftauchte, blieb sie nicht lange über der Oberfläche, sondern verschwand schon wenige Monate nachher wieder unter den Wassern. – Nun gut, sagte Glenarvan. Wird es wohl möglich sein, John, dieselbe vor Einbruch der Nacht anzulaufen? – Nein, Ew. Herrlichkeit. Ich darf den Duncan im Dämmerungsdunkel an einer mir unbekannten Küste keiner Gefahr aussetzen. Ich werde mit schwacher Spannung nahe der Küste laufen, und morgen mit Tagesanbruch senden wir ein Boot an's Land.« Um acht Uhr Abends erschien Maria-Theresia, trotz der geringen Entfernung von fünf Meilen, nur wie ein langer, kaum sichtbarer Schatten. Noch immer näherte sich ihr der Duncan. Um neun Uhr leuchtete ein gut sichtbarer Schein in der Dunkelheit auf. Er war unbeweglich und anhaltend. »Da ist die Bestätigung eines Vulkans, sagte Paganel nach aufmerksamer Beobachtung. – In dieser kurzen Entfernung, warf Glenarvan ein, müßten wir indeß das Getöse hören, welches jede Eruption begleitet, und doch trägt der Ostwind nicht das geringste Geräusch an unser Ohr. – Wirklich, meinte Paganel, dieser Vulkan leuchtet nur, aber spricht nicht. Man möchte fast sagen, daß er Unterbrechungen zeigt, wie ein Leuchtthurm mit Blickfeuer. – Sie haben Recht, antwortete John Mangles, und doch sind wir wohl nicht seiner beleuchteten Seite gegenüber. Ah, rief er da plötzlich, ein zweites Feuer! Diesmal an der Küste! Sehen Sie dort, es bewegt sich, es wechselt den Ort.« John täuschte sich nicht. Ein neues Feuer wurde sichtbar, das bald zu verlöschen, bald aufzuleuchten schien. »Die Insel ist demnach bewohnt? sagte Glenarvan. – Unzweifelhaft von Wilden, antwortete Paganel. – Dann können wir den Quartiermeister aber dort nicht aussetzen. – Nein, bemerkte der Major, das wäre selbst für Wilde ein zu schlechtes Geschenk. – So suchen wir eine andere unbewohnte Insel auf, sagte Glenarvan, welche dem Zartgefühl unseres Mac Nabbs allseitig entspricht. Ich habe Ayrton die Erhaltung des Lebens zugesagt und will mein Versprechen halten. – Auf jeden Fall rathe ich zur Vorsicht, fügte Paganel hinzu. Die Seeländer haben die nichtswürdige Gewohnheit, die Schiffe durch bewegliche Feuer zu täuschen, wie vordem die Bewohner von Cornwallis, und die Eingeborenen auf Maria-Theresia könnten dieses Manoeuvre kennen. – Geh' ein Viertel unter den Wind, rief John Mangles dem Steuermann zu. Morgen mit Sonnenaufgang wissen wir, woran wir sind.« Um elf Uhr zogen sich die Passagiere und der Kapitän des Duncan in ihre Cabinen zurück. Am Vordertheil des Decks ging die Schiffswache auf und ab, am Hintertheil war der Mann am Steuer noch allein an seinem Posten. Da betraten Mary Grant und Robert noch einmal das Oberdeck. Die beiden Kinder des Kapitäns blickten, aus den Oberbalken gelehnt, traurig über das phosphorescirende und in der Fahrtspur des Duncan aufleuchtende Meer. Mary überdachte Robert's Zukunft, wie dieser die seiner Schwester. Beide dachten an ihren Vater. War er überhaupt noch am Leben, dieser angebetete Vater? Mußte man ihn verloren geben? Doch nein, was wäre ihr Leben ohne ihn? Was sollte aus ihnen werden? Was wäre ohne Lord Glenarvan und Lady Helena schon aus ihnen geworden? Der durch das Unglück gereifte Knabe errieth die Gedanken seiner Schwester. Er nahm Mary's Hand. »Mary, sagte er, man darf niemals verzweifeln. Erinnere Dich der Lehre unseres Vaters: ›Der Muth wiegt hienieden Alles auf!‹ Also laß auch uns diesen Muth bewahren, der ihn über Alles obsiegen ließ. Bis jetzt, mein Schwesterchen, hast Du für mich gearbeitet; nun wird die Reihe an mir sein. – Du guter Robert! erwiderte das junge Mädchen. – Eins muß ich Dir nun mittheilen, fuhr Robert fort. Du wirst doch nicht darüber böse werden? – Warum sollte ich das, mein Junge? – Und wirst mich gewähren lassen? – Was in aller Welt hast Du? fragte beunruhigt das junge Mädchen. – Meine liebe Schwester! Ich will Seemann werden ... – Und mich verlassen! rief Mary, und faßte ihres Bruders Hände fester. – Ja, Schwester! Ich will Seemann sein, wie mein Vater, Seemann, wie Kapitän John! Mary, meine liebste Mary, Kapitän John hat noch nicht alle Hoffnung verloren. Du hast, wie ich, Vertrauen zu seiner Ergebenheit. Er wird aus mir, das hat er versprochen, einen tüchtigen, einen großen Seemann machen, und bis dahin suche ich mit ihm zusammen unseren Vater. Sprich, daß Du es willst, Schwester. Was unser Vater für uns gethan hätte, das ist auch unsere, mindestens meine Pflicht, für ihn Zu thun. Mein Leben hat damit einen Zweck, dem es völlig gewidmet ist, zu suchen, den zu suchen, der Keinen von uns jemals verlassen hätte! Liebe Mary, wie war er so gut, unser armer Vater! – Und so edel, so wohlwollend! setzte Mary dazu. Weißt Du, Robert, daß er schon ein Glanzstern unseres Vaterlandes war und daß er jetzt zu seinen großen Männern gezählt würde, wenn ihn das Schicksal nicht auf bestem Wege ereilte! – Ob ich das weiß!« sagte Robert. Mary Grant preßte den Bruder an's Herz. Der Knabe fühlte, daß Thränen auf seine Stirn tropften. »Mary! Mary! rief er, o, sie haben gut reden und gut schweigen, unsere Freunde; ich hoffe noch und werde immer hoffen. Ein Mann wie mein Vater geht vor Erreichung seines Zieles nicht zu Grunde!« Mary Grant konnte nicht antworten. Ihre Seufzer erstickten die Stimme. Tausend Gefühle durchwogten ihre Seele bei dem Gedanken, daß neue Versuche, Harry Grant aufzufinden, unternommen werden sollten, und daß des jungen Kapitäns Ergebenheit wirklich ohne Grenzen sei. »Herr John hofft also noch? fragte sie. – Ja, antwortete Robert. Er ist ein Bruder, der uns nie verlassen wird. Ich werde Seemann werden, nicht wahr, Schwester, Seemann, um mit ihm meinen Vater aufzusuchen. Du willst es gewiß? – Ach, ob ich es will! antwortete Mary. Aber uns trennen! setzte sie heimlicher hinzu. – Du wirst nicht allein sein, Mary; das weiß ich. Mein Freund John hat es mir gesagt. Madame Helena wird nicht zugeben, daß Du sie verläßt. Du bist ein Weib; Du kannst, Du mußt Wohlthaten annehmen. Sie abzuschlagen wäre undankbar. Ein Mann aber, der Vater hat es mir hundertmal gesagt, ein Mann muß seines Glückes Schmied sein! – Was wird aber ans unserem an Erinnerungen so reichen Hause in Dundee? – Das erhalten wir uns, Schwesterchen. Alles das ist durch unseren Freund John und auch durch Lord Glenarvan wohl vorgesehen. Dieser wird Dich wie eine Tochter auf seinem Schlosse behalten. Der Lord hat es meinem Freunde John und dieser es wieder mir mitgetheilt. Dort wirst Du ganz zu Hause sein, wirst von unserem Vater sprechen können, und die Zeit erwarten, bis wir ihn eines Tages zurückbringen. O, das wird ein herrlicher Tag sein! rief Robert, dessen Antlitz von Enthusiasmus strahlte. – Mein Bruder! Mein Kind! antwortete Mary, wie glücklich wäre unser Vater, könnte er Dich hören. Wie gleichst Du ihm, Robert, diesem herzlich geliebten Vater. Wenn Du groß bist, wirst Du ganz sein Ebenbild sein! – Gott hört Deine Worte, Mary, sagte Robert, der vor frommem kindlichen Stolze erröthete. – Doch wie sollen wir das Lord und Lady Glenarvan je vergelten? nahm Mary wieder das Wort. – O, das ist nicht zu schwer! rief Robert in leichter Jugendhoffnung. Man liebt sie, verehrt sie, sagt es ihnen, umarmt sie, und geht, wenn es sein muß, für sie in den Tod. – Lebe lieber für sie! rief das junge Mädchen, das die Stirn des Bruders mit Küssen bedeckte, – das wird ihnen noch lieber sein, und mir auch.« Die Kinder des Kapitäns versanken in unbestimmte Träumereien und schauten schweigend in die unergründliche Finsterniß der Nacht hinaus. In Gedanken aber plauderten sie, fragten sich und gaben Antwort. Das ruhige Meer bewegte sich in langen Wellen, und leuchtend wirbelte das Kielwasser hinter der Schraube. Da trat ein sonderbares und scheinbar übernatürliches Ereigniß ein. Bruder und Schwester hatten, wie durch magnetische Einwirkung auf Beider Seele, ganz gleichzeitig ein und dieselbe Sinnestäuschung. Aus der Mitte dieser abwechselnd dunkeln und leuchtenden Wellen glaubten Robert und Mary eine Stimme in ihr Ohr schallen zu hören, deren tiefer und klagender Ton alle Fasern ihres Herzens erzittern machte. »Zu Hilfe! Hierher! rief diese Stimme. – Mary, rief Robert, hast Du es gehört? Du mußt es gehört haben.« Sie streckten sich über den Oberbalken hinweg und forschten Beide übergeneigt in dem Dunkel der Nacht. Doch Nichts sahen sie, als den Schatten, der sich endlos vor ihnen ausdehnte. »Robert, sagte Mary, welche völlig erbleicht war, ich glaubte ... ja, ich glaubte ebenso, wie Du ... Doch, wir fiebern Beide, Robert!« Da hörten sie einen erneuten Zuruf, bei dem ihre Illusion eine derartige war, daß sie wie aus einem Munde: »Mein Vater! Mein Vater!« ausriefen. Das war für Mary Grant zu viel. Von ihrer Erregung übermannt, sank sie ohnmächtig in Robert's Arme. »Zu Hilfe! schrie Robert. Meine Schwester! Mein Vater! Zu Hilfe!« Der Mann vom Steuer lief herbei, das junge Mädchen aufzuheben. Die wachthabenden Matrosen sprangen hinzu, und dann John Mangles, Lady Helena und Glenarvan, welche schnell wieder aufgestanden waren. »Meine Schwester stirbt und mein Vater ist dort!« rief Robert und zeigte auf das Wasser hinaus. Niemand verstand seine Worte. »Ja wohl, wiederholte er, dort ist mein Vater; ich habe seine Stimme gehört und Mary auch.« Eben kam auch Mary Grant wieder zu sich und rief verwirrt, fast irrsinnig, aus: »Mein Vater! Dort ist mein Vater!« Das unglückliche junge Mädchen erhob sich, beugte sich über den Oberbalken und wollte sich in's Meer stürzen. »Mylord! Madame Helena! wiederholte sie händeringend, ich sage Ihnen, daß mein Vater dort ist. Ich versichere Ihnen, daß ich seine Stimme aus den Wellen herausgehört habe, wie eine Klage, wie ein letztes Lebewohl!« Auf's Neue verfiel das arme Kind in Zuckungen und Krämpfe. Man mußte sie in ihre Cabine zurückbringen, und Lady Helena folgte, um ihr ihre Pflege angedeihen zu lassen, während Robert immer wiederholte: »Mein Vater! Mein Vater ist dort! Ich weiß es sicher, Mylord!« Die Zeugen dieses schmerzlichen Auftrittes begannen einzusehen, daß die beiden Kinder des Kapitäns von einer Hallucination betroffen gewesen waren. Aber wie sollte man ihre so furchtbar erregte Einbildung wieder beruhigen? Glenarvan versuchte es. Er ergriff Robert's Hand und sagte: »Du hast Deines Vaters Stimme gehört, liebes Kind? – Ja, Mylord, dort mitten im Wasser. Er rief: «Zu Hilfe! Hierher!» – Und Du hast diese Stimme auch wieder erkannt? – Ich habe seine Stimme erkannt; ja, Mylord, ich schwöre es Ihnen! Meine Schwester hat sie gehört; sie erkannte sie auch! Können Sie glauben, daß wir uns Beide geirrt hätten? Mylord! Eilen wir meinem Vater zu Hilfe! Ein Boot! Ein Boot!« Glenarvan sah wohl ein, daß er das arme Kind nicht entnüchtern könne. Trotzdem machte er einen letzten Versuch und rief den Mann vom Steuer heran. »Hawkins, fragte er ihn, Sie waren am Steuerrade, als Miß Mary von dem sonderbaren Zufall betroffen wurde? – Ja, Ew. Herrlichkeit, antwortete Hawkins. – Und Sie haben Nichts gesehen oder gehört? – Nichts! – Da hörst Du es, Robert. – Wenn es Hawkins' Vater gewesen wäre, antwortete der Knabe mit unbezwungener Zuversicht, so würde Hawkins nicht behaupten, daß er Nichts gehört habe. Es war doch mein Vater, Mylord! Mein Vater! Mein Vater ...!« Robert's Stimme erstickte das Schluchzen. Jetzt verlor auch er, bleich und verstummend, das Bewußtsein. Glenarvan ließ Robert zu Bett bringen, wo das erregte Kind in eine tiefe Betäubung verfiel. »Arme Waisen! sagte John Mangles. Gott prüft sie recht hart! – Ja, erwiderte Glenarvan, das Uebermaß des Schmerzes hat bei Beiden zugleich die nämliche Sinnestäuschung erregt. – Bei Beiden! murmelte da Paganel. Das ist sonderbar. Die strenge Wissenschaft würde das bezweifeln.« Dann neigte er sich nach dem Meere hinaus und horchte gespannt, nachdem er Allen bedeutet hatte, zu schweigen. Rings war tiefe Stille. Paganel rief mit starker Stimme; Nichts antwortete ihm. »Sonderbar bleibt es! wiederholte der Geograph, als er wieder nach seiner Cabine ging. Die innigste Uebereinstimmung der Gedanken und des Schmerzes genügt noch nicht, diese Erscheinung zu erklären.« Am anderen Tage, den 8. März, fünf Uhr Früh, waren die Passagiere, Mary und Robert, die nicht zurückzuhalten waren, unter ihnen, schon mit der Morgenröthe auf dem Verdeck versammelt. Jeder wollte das Tags vorher kaum sichtbare Land näher in's Auge fassen. Hastig überliefen die Fernrohre die hervorragendsten Punkte der Insel. In einer Meile Entfernung fuhr die Yacht neben ihren Ufern hin. Das Auge vermochte die geringsten Einzelheiten zu unterscheiden. Plötzlich stieß Robert einen Schrei aus. Der Knabe behauptete, zwei Menschen zu sehen, welche Zeichen gebend auf und ab liefen, während ein Dritter eine Flagge schwenkte. »Die Flagge Altenglands! rief John Mangles, der auch sein Glas ergriffen hatte. – Wahrhaftig! sagte Paganel, sich zu Robert wendend. – Mylord, sagte dieser vor Aufregung zitternd, wenn Sie nicht wollen, daß ich nach der Insel schwimme, so lassen Sie ein Boot in's Meer hinab. Ach, Mylord, ich bitte Sie auf den Knieen, der Erste sein zu dürfen, der seinen Fuß an's Land setzt!« An Bord sprach Keiner ein Wort. Wie? Auf dieser vom siebenunddreißigsten Meridian durchschnittenen Insel waren drei Menschen, Schiffbrüchige und Engländer! Jeder kam auf das Ereigniß von letzter Nacht zurück und dachte an die von Robert und Mary gehörte Stimme! ... Vielleicht hatten die jungen Leute sich doch nur in einer Richtung getauscht: eine Stimme hatten sie vielleicht vernommen, aber konnte das die Stimme ihres Vaters sein? Nein, ach, tausendmal nein! Und Jeder, der an die grausame Enttäuschung, die ihrer harrte, dachte, zitterte davor, daß diese Nachricht wohl über ihre Kräfte gehen werde. Aber wie sollte man sie zurückhalten? Lord Glenarvan fühlte nicht den Muth dazu. »Zum Boote!« befahl er. Binnen einer Minute war das Boot niedergelassen. Die beiden Kinder des Kapitäns, Glenarvan, John Mangles und Paganel drängten sich hinein und schnell stieß es unter dem Ruderschlage sechs kräftiger Matrosen ab. Zehn Klafter vom Ufer entrang sich Mary ein herzzerreißender Schrei. »Mein Vater!« An der Küste stand ein Mann zwischen zwei anderen. Seine große und kräftige Gestalt, seine sanften und doch kühnen Züge zeigten die deutliche Mischung von denen Mary's und Robert's Grant. Das war der Mann, den seine Kinder so oft beklagt hatten. Ihr Herz hatte sich nicht getäuscht. Das war ihr Vater, das war der Kapitän Grant! Der Kapitän vernahm Mary's Aufschrei, breitete noch die Arme aus und sank, wie vom Blitze getroffen, in dem Ufersande nieder. Einundzwanzigstes Capitel. Die Insel Tabor. Vor Freude stirbt man nicht, auch der Vater und seine Kinder kamen, noch bevor man auf der Yacht anlangte, wieder zu sich. Aber wie läßt sich diese Scene mit Worten schildern? Allen auf dem Schiffe preßte es Thränen in die Augen, als sie diese drei Wesen in langer, stummer Umarmung sahen. Als Harry Grant das Deck betrat, sank er in die Kniee. Der fromme Schottländer wollte, als er dasselbe, für ihn den Boden des Vaterlandes, berührte, zunächst dem Höchsten für seine Errettung danken. Dann wandte er sich an Lady Helena, Lord Glenarvan und deren Begleiter, um auch ihnen mit vor Erregung zitternder Stimme seinen Dank darzubringen. Seine Kinder hatten ihm während der kurzen Ueberfahrt von der Insel bis zur Yacht die Geschichte des Duncan mit wenigen Worten mitgetheilt. Welche unendliche Verpflichtung schuldete er dieser edelmüthigen Dame und ihren Begleitern! Hatten nicht Alle, von Lord Glenarvan bis zu dem letzten Matrosen, für ihn gekämpft und gelitten? Harry Grant gab den Gefühlen, die sein Herz überfüllten, einen so einfach rührenden und edlen Ausdruck, sein männliches Antlitz flammte in so reiner und warmer Erregung auf, daß sich die ganze Schiffsgesellschaft vollkommen, ja noch über die erlittene Unbill hinaus, belohnt fühlte. Sogar der sonst unerregbare Major hatte die Augen feucht von Thränen, welche er nicht zu unterdrücken vermochte. Der brave Paganel weinte wie ein Kind, das seine Thränen noch nicht zu verheimlichen sucht. Harry Grant konnte sich an seiner Tochter nicht satt sehen. Er fand sie schön, reizend! Er fügte es ihr immer und immer wieder und rief Lady Helena als Zeugin auf, um sicher zu sein, daß ihn seine Vaterliebe nicht verblende. Dann wandte er sich zu seinem Sohne: »O, wie er gewachsen, wie er ein Mann geworden ist!« rief er ganz entzückt. Und so, als hätten sie sich in der zweijährigen Abwesenheit in seinem Herzen aufgehäuft, verschwendete er tausend Küsse an diese geliebten Wesen. Nach und nach stellte ihm Robert alle seine Freunde vor, und that das geschickt in immer wechselnder Art und Weise, obwohl er von Jedem fast dasselbe zu sagen hatte, nämlich, daß in dm Augen der beiden Waisen Jeder in seiner Art vollkommen erschien. Als die Reihe der Vorstellung an John Mangles kam, erröthete dieser, wie ein junges Mädchen, und vermochte Mary's Vater nur mit zitternder Stimme zu antworten. Lady Helena berichtete dann näher über die zurückgelegte Reise und machte Kapitän Grant auf seinen Sohn und seine Tochter völlig stolz. Harry Grant vernahm die Thaten des jungen Helden, und wie dieser Knabe schon einen Theil der väterlichen Schuld an Lord Glenarvan wett gemacht habe. Dann sprach John Mangles seinerseits in solchen Ausdrücken von Mary, daß Harry Grant, der durch einige Worte Helena's schon von der Sachlage unterrichtet war, das Händchen seiner Tochter in die tapfere Hand des jungen Kapitäns legte. Dann, zu Lord und Lady Glenarvan gewendet, sagte er: »Mylord, und Sie, Madame, segnen wir unsere Kinder!« Als nun Alles zum hundertsten und tausendsten Male durchsprochen war, unterrichtete Glenarvan Harry Grant bezüglich Ayrton's. Grant bestätigte die Angaben seines Quartiermeisters betreffs dessen Ausschiffung an der australischen Küste. »Es ist ein intelligenter und kühner Mensch, sagte er, den unselige Leidenschaften zum Bösen verführt haben. Möchten Ueberlegung und Reue ihn doch besseren Gefühlen wieder zuführen.« Bevor Ayrton aber auf die Insel Tabor versetzt wurde, wollte Harry Graut die neuen Freunde auch auf seinem Felsenlande empfangen. Er lud sie demnach ein, sein hölzernes Häuschen zu besuchen, und sich an dem Tische des oceanischen Robinson niederzulassen. Mit Freuden gingen Glenarvan und seine Gäste darauf ein. Robert und Mary Grant brannten vor Verlangen, die einsamen Orte zu sehen, an denen ihr Vater so manche Thräne vergossen hatte. Es wurde also ein Boot ausgerüstet, und der Kapitän nebst seinen zwei Kindern, Lord und Lady Glenarvan, der Major, John Mangles und Paganel landeten bald an der Insel. Einige Stunden waren hinreichend, Harry Grant's Herrschaft zu durchwandern. Diese bestand in der That nur aus dem Gipfel eines unterseeischen Berges, einer Fläche mit vielen Basaltfelsen und vulkanischen Trümmern. In der Vorzeit war dieser Berg nach und nach durch unterirdische Feuer aus der Tiefe des Pacifischen Oceans emporgeschoben worden. Seit Jahrhunderten aber war der Vulkan schon zum friedlichen Berge geworden, und sein ausgefüllter Krater zur Insel. Dann mag die Humusbildung begonnen haben. Das Pflanzenreich eroberte sich den jungen Boden; etliche vorüberfahrende Wallfischjäger setzten einige Hausthiere, wie Schweine und Ziegen, an das Land. Jene vermehrten sich in wildem Zustande, und so war denn die Natur in allen ihren drei Reichen auf dieser Insel mitten im Stillen Oceane vertreten. Als die Schiffbrüchigen von der Britannia dort eine Zuflucht gefunden hatten, griff die Hand des Menschen ordnend in das Schaffen der Natur ein. In zweiundeinhalb Jahren hatte Harry Grant mit seinen beiden Matrosen die Insel umgewandelt. Mehrere sorgfältig bearbeitete Landstrecken brachten z. B. vorzügliches Gemüse hervor. Die Besucher gelangten zu dem von grünen Gummibäumen beschatteten Hause; vor seinen Fenstern dehnte sich das herrliche Meer, das im Sonnenschein glitzerte, aus. Harry Grant ließ seinen Tisch unter dem Baumschatten aufstellen, und Alle nahmen daran Platz. Eine Zickelkeule, ein Nardoubrod, einige Schlucke Milch, zwei bis drei wilde Wegwartwurzeln und klares, erfrischendes Wasser bildeten die Bestandtheile dieser einfachen und der Schäfer Arkadiens würdigen Mahlzeit. Paganel war ganz entzückt. Seine alten Robinson-Ideen stiegen ihm zu Kopfe. »Der Ayrton, dieser Schurke, wird gar nicht zu beklagen sein, rief er voller Enthusiasmus. Dieses Inselchen ist ja ein reines Paradies. – Ja wohl, antwortete Harry Grant, das Paradies für drei hilflose Schiffbrüchige, denen der Himmel dort eine Zuflucht gewährte. Ich für meinen Theil bedaure aber, daß Maria-Theresia nicht eine große und fruchtbare Insel ist und statt eines ordentlichen Hafens nur eine dem Wellenschlage des offenen Meeres ausgesetzte Bucht besitzt. – Und warum das, Kapitän? fragte Glenarvan. – Weil ich sonst hier die schottische Colonie begründet hätte, welche ich meinem Vaterlande im Stillen Oceane bescheeren möchte. – Ah, Kapitän Grant, sagte Glenarvan, Sie haben also den Gedanken, der Sie in der Heimat so allbekannt und beliebt machte, noch immer nicht aufgegeben? – Nein, Mylord, und Gott hat mich durch Ihre Hand sicher nur gerettet, um jenen noch auszuführen. Unsere armen Brüder im alten Caledonien und Alle, welche leiden, müssen eine Zuflucht aus dem Elend auf einem neuen Stück Erde finden! Unser theures Vaterland muß in diesen Meeren eine Colonie haben, die nur ihm angehört, und wo es wenigstens einen Theil der Unabhängigkeit und des Glückes genießt, das ihm in Europa fehlt. – O, das ist schön gesprochen, Kapitän Grant, fiel Lady Helena ein. Es ist ein edles und eines großen Herzens würdiges Vorhaben! Doch diese kleine Insel ... – Nein, Madame, diese ist nur ein Felsen, der wohl im Stande ist, einige wenige Ansiedler zu ernähren. Wir bedürfen dagegen eines ausgedehnten Landes, das die jungfräulichen Schätze des Bodens noch bewahrt. – Nun wohl, Kapitän, rief Glenarvan, die Zukunft ist unser, und jenes neue Land suchen wir zusammen.« Die Hände Harry Grant's und Glenarvan's fanden sich gegenseitig, wie um dieses Versprechen zu bekräftigen. Jedermann lag nun daran, noch auf dieser Insel, in diesem niederen Hause die Geschichte der Schiffbrüchigen von der Britannia während ihrer zweijährigen Verlassenheit zu hören. Harry Grant kam den Wünschen seiner neuen Freunde ungesäumt nach. »Meine Geschichte, begann er, ist die aller auf einsame Eilande verschlagenen Robinsons, welche, da sie nur auf Gott und sich selbst angewiesen sind, sich den Fortbestand ihres Lebens erkämpfen müssen. »In der Nacht vom 26. zum 27. Juni 1862 war es, als die schon sechs volle Tage vom Sturme gepackte Britannia an den Felsen von Maria-Theresia zerschellte. Das Meer war furchtbar wild; eine Rettung unmöglich, und meine ganze Mannschaft fand den Tod. Nur meine zwei Matrosen, Bob Learce, Joe Bell und ich, wir konnten die Küste nach vielen fruchtlosen Versuchen erreichen. »Das Land, welches uns aufnahm, war nur eine wüste Insel von fünf Meilen Länge und zwei Meilen Breite, mit einigen dreißig Bäumen im Innern, etwas Wiese und einer Süßwasserquelle, welche zum Glück nie versiegte. Ich verzweifelte, allein mit meinen beiden Matrosen, auch in diesem Winkel der Erde niemals. Ich setzte mein Vertrauen auf Gott und war bereit, mannhaft zu kämpfen. Bob und Joe, meine braven Unglücksgefährten, ja, meine Freunde nenne ich sie, unterstützten mich dabei nach Kräften. »Wir fingen, wie unser Vorbild, der nur erdachte Robinson Daniel de Foë's, damit an, Trümmer vom Schiffe, Werkzeuge, etwas Pulver, Waffen und einen Sack Getreide einzuheimsen. Die ersten Tage hatten ihre Noth, doch bald lieferten uns Jagd und Fischfang hinreichende Nahrung, denn wilde Ziegen gab es genug auf der Insel, und das Ufer wimmelte von Fischen. Nach und nach gewann unser Leben eine feste Form. »Durch meine geretteten Instrumente war mir die Lage der Insel genau bekannt. Wir ersahen, daß wir uns ganz außerhalb der gewöhnlichen Schiffscourse befanden und nur durch einen glücklichen Zufall erlöst werden könnten. Immer mit den Gedanken bei denen, die ich über Alles liebte und doch kaum wiederzusehen hoffen durfte, unterwarf ich mich muthig dieser Prüfung und schloß den Namen meiner Kinder in mein tägliches Gebet ein. »Indessen arbeiteten wir unverdrossen. Bald waren einige Acker Land mit den Sämereien von der Britannia her bestellt. Erdäpfel, Wegwart und Sauerampfer bildeten unsere tägliche Nahrung; späterhin auch andere Gemüse. Wir fingen uns einige Ziegen ein, welche bald zahm wurden, und hatten nun Milch und Butter. Der Nardou, welcher in ausgetrockneten Creeks wuchs, lieferte uns eine Art recht nahrhaften Brodes, und bezüglich der nöthigsten Leibesbedürfnisse hatten wir bald alle Sorgen hinter uns. »Aus den Ueberresten der Britannia hatten wir dieses Bretterhaus gezimmert, das, mit sorgfältig getheerter Segelleinwand überdeckt, während der Regenzeit einen vollkommen ausreichenden Schutz gewährte. Dort wurde mancher Plan, auch manches Traumbild, besprochen, von denen der beste nun in Erfüllung gegangen ist. »Zuerst hatte ich nämlich die Idee, aus den Planken der Britannia ein Boot zimmern zu lassen und mit diesem mich auf's Meer zu wagen. Aber fünfzehnhundert Meilen trennten uns vom nächsten Lande, dem Pomotu-Archipel, und kein Boot hätte eine so lange Seereise ausgehalten. Ich gab also diesen, Ausweg auf und vertraute allein der Hilfe des Höchsten. »Ach, meine armen Kinder! Wie unzählige Male haben wir hier vom Gipfel eines Uferfelsens aus auf Schiffe gelauert! Zwei- oder dreimal wurde ein Segel weit am Horizonte bemerkt, aber nur, um es sofort wieder verschwinden zu sehen. Zwei und ein halb Jahr schwanden so dahin. Wir hofften kaum mehr, aber wir verzweifelten auch nicht. »Gestern endlich bemerkte ich vom höchsten Punkte der Insel aus einen leichten Rauch im Westen. Er nahm zu. Bald zeigte sich ein Fahrzeug meinen Blicken. Es schien sich uns zu nähern. Aber wenn es nun doch dem Eilande auswich, das ihm ja keinen Landungsplatz bot! »O, welche Stunden der Angst und wie hämmerte das Herz in meiner Brust! Meine Gefährten zündeten auf einer Bergspitze ein Feuer an. Die Nacht kam, aber von der Yacht lehrte uns kein Zeichen, daß wir bemerkt worden seien. Jetzt war die Rettung uns so nahe! Sollte sie uns etwa noch nicht werden? »Ich zögerte nicht mehr. Es wurde schon dunkler. Das Schiff konnte während der Nacht an der Insel vorbei sein. Ich sprang in's Meer und schwamm in der Richtung auf jenes zu. Die Hoffnung verdreifachte meine Kräfte, ich theilte die Wellen mit übermenschlicher Kraft. Bis auf dreißig Klafter war ich der Yacht nahe, da legte sie sich vor den Wind! »Nun stieß ich jene verzweifelten Schreie aus, welche meine Kinder allein gehört haben, und die also keine Täuschung waren. »Erschöpft erreichte ich das Ufer wieder, von Aufregung und Anstrengung niedergeschlagen, wo meine Matrosen mich halbtodt aufnahmen. O, es war eine schreckliche Nacht, jene letzte auf dieser Insel, und wir glaubten uns schon für immer verlassen, als ich bei Tagesanbruch die Jacht wieder bemerkte, welche unter schwachem Dampfe an den Ufern kreuzte. Da wurde Euer Boot in's Meer gelassen ... wir waren gerettet, und, o Uebermaß der himmlischen Güte, meine Kinder, meine geliebten Kinder selbst waren da, die mich in ihre Arme schlössen!« Unter Mary's und Robert's Küssen und Umarmungen schloß Harry Grant seinen Bericht. Er hörte bei dieser Gelegenheit, daß er seine Rettung dem nahezu zur Hieroglyphe gewordenen Documente danke, das er acht Tage nach dem Schiffbruche einer Flasche und in dieser den Launen der Wellen anvertraut hatte. Was dachte aber Paganel bei obigem Berichte des Kapitäns Grant? Tausendmal ließ sich der gelehrte Geograph die Worte des Documentes durch den Kopf gehen. Er ließ seine drei Auslegungen, welche nun doch alle falsch waren, geistig die Revue passiren. Wie konnte nur auf die Insel Maria-Theresia in den vom Meere wiedergegebenen Papieren hingedeutet sein? Paganel blieb unklar und sagte, Kapitän Grant's Hand fassend: »Kapitän, würden Sie mir nun wohl den Inhalt Ihres unentzifferbaren Documentes mittheilen?« Dieser Wunsch des Geographen rief die allgemeinste Neugier wach, denn die Lösung des Räthsels, der man seit neun Monaten nachsann, sollte gegeben werden. »Zunächst, Kapitän, fragte Paganel weiter, entsinnen Sie sich noch genau der Worte Ihres Documentes? – Vollkommen, erwiderte Dieser, denn es verging kein Tag, an welchem ich mich nicht dieser Worte erinnerte, an denen noch unsere einzige Hoffnung hing. – Und wie heißen sie, Kapitän? fragte Glenarvan; sprechen Sie, denn unsere Eigenliebe wird davon lebhaft berührt. – Ich bin gern dazu bereit, antwortete Harry Grant, aber es ist Ihnen bekannt, daß ich zur Vermehrung unserer Aussichten auf Rettung in die Flasche drei in verschiedenen Sprachen abgefaßte Documente geschlossen habe. Welches wünschen Sie zu kennen? – Sind sie denn nicht gleichlautend, rief Paganel aus. – Gewiß, bis auf ein einziges Wort. – Nun wohl, so theilen Sie uns das französische Schriftstück mit, sagte Glenarvan, es ist vom Wasser am meisten verschont geblieben und hat uns vorzüglich als Unterlage gedient. – Mylord, es lautet Wort für Wort: »Am 27. Juni 1862 scheiterte der Dreimaster Britannia von Glasgow, in der südlichen Hemisphäre, fünfzehnhundert Meilen von der Küste Patagoniens. An's Land geworfen, retteten, sich zwei Matrosen und Kapitän Grant an die Insel Tabor ...« – Was?! rief Paganel. »Sie haben, fortwährend eine Beute der grausamen Noth, dieses Document unter 153° der Länge und 37° 11' der Breite ausgeworfen. Kommt ihnen zu Hilfe, sonst sind sie verloren.« Bei Erwähnung des Namens Tabor hatte Paganel sich bestürzt erhoben und rief dann: »Aber Insel Tabor! Das ist doch die Insel Maria-Theresia? – Ohne Zweifel, Herr Paganel, erwiderte Harry Grant, Maria-Theresia heißt sie auf den deutschen und englischen Karten, aber Tabor auf den französischen!« In diesem Augenblick fiel eine Hand wuchtig auf Paganel's Schulter, der dabei fast zusammenbrach. Der Schlag rührte von dem Major her, der jetzt zum ersten Mal aus der Rolle seiner gewohnten Convenienz fiel. »Geograph!« sagte Dieser im Tone der höchsten Verwunderung. Aber Paganel hatte die Hand des Majors kaum gefühlt. Was bedeutete diese gegen den geographischen Faustschlag, der ihn getroffen hatte! Er hatte sich zwar, wie er Kapitän Grant mittheilte, der Wahrheit immer mehr und mehr genähert und das Document fast vollständig entziffert. Nach und nach waren die Namen Patagonien, Australien, Neu-Seeland ihm mit unbestreitbarer Gewißheit vor Augen getreten. Contin... war zuerst Continent, dann aber nach und nach zur richtigen Bedeutung von continuelle (fortwährend ...), Indi... war nach und nach mit Indiens (Indianer), indigènes (Eingeborene) und endlich mit indigence (Entbehrung), in seinem richtigen Sinne, übersetzt worden. Nur die abgerissenen Sylben abor ... hatten den Scharfsinn des Geographen getäuscht. Paganel nahm sie hartnäckig für den Stamm des Zeitworts aborder (anlanden), während sie einem Eigennamen angehörten, der speciell französischen Bezeichnung der Insel Tabor, der Insel, welche den Schiffbrüchigen der Britannia zur Zuflucht diente! Es war ein schwer zu vermeidender Irrthum gewesen, da die Schiffskarten des Duncan der Insel den Namen Maria-Theresia beilegten. – Aber das thut Nichts, rief Paganel, sich die Haare raufend, ich durfte diese doppelte Benennung nie vergessen! Das bleibt ein unverzeihlicher Fehler, ein des Secretärs der Geographischen Gesellschaft unwürdiger Irrthum! – Aber, Herr Paganel, mahnte Lady Helena, mäßigen Sie Ihren Schmerz. – Nein, Madame, nein! Ich bin doch nur – ein Esel! – Und nicht einmal ein gelehrter!« antwortete der Major, als wenn er trösten wollte. Die Mahlzeit war beendet. Harry Grant ordnete Alles in seinem Hause. Er nahm Nichts mit; der Schurke sollte die Schätze des Ehrenmannes erben. Man kehrte an Bord zurück. Glenarvan wollte noch denselben Tag abfahren, und gab Befehl zur Aussetzung des Quartiermeisters. Ayrton wurde auf das Oberdeck geführt und sah sich Harry Grant gegenüber. »Ich bin es, Ayrton, sagte Grant. – Ja, Sie sind es, Kapitän, antwortete Ayrton ohne jedes Zeichen von Verwunderung. Es freut mich, Sie so gesund wiederzusehen. – Es scheint, Ayrton, daß ich einen Fehler begangen hatte, Euch auf ein bewohntes Land auszusetzen. – Es scheint so, Kapitän. – Ihr werdet auf diesem Eiland nun an meine Stelle treten, gebe der Himmel, daß Ihr bereuen lernt. – Amen!« setzte Ayrton mit ruhiger Stimme hinzu. Dann wandte sich Glenarvan an den Quartiermeister und sagte: »Sie verharren bei dem Beschlusse, zurückgelassen zu werden, Ayrton? – Ja, Mylord. – Und die Insel Tabor ist Ihnen recht? – Vollkommen. – Nun, so vernehmen Sie meine letzten Worte, Ayrton. Hier werden Sie von jedem Lande entfernt und außer aller Verbindung mit Menschen sein. Wunder ereignen sich nur selten, und wenn der Duncan abgesegelt ist, werden Sie diese Insel nicht mehr verlassen können. Sie werden allein sein, nur unter den Augen Gottes, der auch in den Falten der Herzen liest, aber Sie werden nicht verloren oder Ihr Aufenthalt unbekannt sein, wie es mit Kapitän Grant der Fall war. So unwerth Sie des Andenkens der Menschen sein mögen, so werden doch Einige sich Ihrer erinnern. Ayrton, ich weiß, wo Sie sind, wo Sie aufzufinden sind – ich werde das nie vergessen. – Gott erhalte Ew. Herrlichkeit!« antwortete einfach Ayrton. Das waren die letzten zwischen Glenarvan und dem Quartiermeister gewechselten Worte. Das Boot lag bereit. Ayrton stieg hinab. John Mangles hatte vorher einige Kisten mit conservirten Nahrungsmitteln, Kleidungsstücke, Werkzeuge, Waffen und einen Vorrath an Pulver und Blei nach der Insel schaffen lassen. Der Quartiermeister konnte sich also durch Arbeit wieder zum Menschen machen; Nichts fehlte ihm; nicht einmal Bücher, und unter diesen war die Bibel, welche dem Herzen jedes Engländers so theuer ist. Die Stunde der Trennung hatte geschlagen. Mannschaften und Passagiere befanden sich auf dem Verdeck. Mancher hatte doch ein peinliches Gefühl im Herzen, und Lady Helena, sowie Mary Grant, konnten ihre Bewegung nicht unterdrücken. »Es muß also sein? fragte die junge Frau ihren Gatten, der Unselige muß zurückgelassen werden? – Es muß sein, Helena, antwortete Lord Glenarvan, das ist die versöhnende Buße!« In diesem Augenblicke stieß das von John Mangles befehligte Canot ab. Ayrton stand, immer unbeweglich, darin aufrecht, lüftete seinen Hut und grüßte mit Würde. Glenarvan entblößte das Haupt, mit ihm die ganze Mannschaft, wie man es angesichts eines Menschen thut, welcher zum Tode geht, und bei tiefer Stille schoß das Boot dahin. Als es an's Land stieß, sprang Ayrton auf den Sand, und jenes kehrte an Bord zurück. Es war nun um vier Uhr Nachmittags, und vom Oberdeck aus konnten die Passagiere den Quartiermeister mit gekreuzten Armen, unbeweglich gleich einer Statue, stehen sehen, wie er nach dem Schiffe schaute. »Wir segeln ab, Mylord? fragte John Mangles. – Ja, John, antwortete schnell Glenarvan, der aufgeregter war, als er scheinen wollte. – Dampf geben!« rief John dem Maschinenmeister zu. Prasselnd pfiff der Dampf wieder in die Rohre, die Schraube wühlte die Wellen auf, und um acht Uhr verschwanden die letzten Gipfel der Insel Tabor in der Dunkelheit der Nacht. Zweiundzwanzigstes Capitel. Paganel's letzte Zerstreutheit. Elf Tage nach der Abfahrt von der Insel, am 18. März, kam dem Duncan die Küste Amerikas in Sicht, und am folgenden Tage ankerte er in der Bai von Talcahuano. Nach fünf Monaten gelangte er damit an diese Stelle zurück, während welcher er unter strenger Einhaltung des siebenunddreißigsten Breitengrades eine Reise um die Erde vollendet hatte. Die Theilnehmer dieser merkwürdigen Expedition, welche in den Annalen des Traveller-Club nicht ihres Gleichen fand, hatten Chile, die Pampas, die Argentinische Republik, den Atlantischen Ocean, die Insel Tristan d'Acunha, das Indische Meer, die Insel Amsterdam, Australien, Neu-Seeland, die Insel Tabor und den Stillen Ocean durchzogen. Ihre Mühen waren nicht vergeblich gewesen, sie brachten die Schiffbrüchigen von der Britannia in ihr Vaterland zurück. Kein Einziger dieser wackeren Schotten, welche auf den Ruf ihres Lords mit ausgezogen waren, fehlte beim Appell. – Alle kehrten sie nach dem alten Schottland heim, und erinnerte dieser Zug an die »Schlacht ohne Thränen« aus der alten Geschichte. Nachdem der Duncan sich wieder frisch verproviantirt hatte, dampfte er längs der Küsten Patagoniens hinab, um das Cap Horn herum und quer durch den Atlantischen Ocean. Die Reise verlief ganz ohne Unfall, die Jacht barg eine Ladung von Glück. An Bord gab es kein Geheimniß mehr, nicht einmal die Gefühle John Mangles' für Mary Grant. Und dennoch – Eines. Ein dunkler Punkt ließ Mac Nabbs nicht zur Ruhe kommen. Warum hielt sich Paganel immer bis oben zugeknöpft und mit einem Shawl umhüllt, der bis an die Ohren reichte? Der Major brannte darauf, den Grund dieser sonderbaren Manie zu erfahren. Aber leider war Paganel trotz aller Fragen, Anspielungen und Verdächtigungen seitens Mac Nabbs' nicht zum Aufknöpfen zu bringen, nicht einmal, als der Duncan die Linie passirte und auf dem Deck eine Hitze von fünfzig Graden lagerte. »Er ist so zerstreut, daß er in St. Petersburg zu sein glaubt«, sagte der Major, als er den Geographen in einen weiten Reiseüberzieher eingehüllt sah, als ob das Quecksilber im Thermometer zu Eis würde. Am 9. Mai endlich, dreiundfünfzig Tage nach der Abfahrt von Talcahuano, sah Glenarvan die Leuchtfeuer des Cap Clear aufblitzen. Die Yacht lief in den St. Georges-Canal ein, durchschnitt da« Irische Meer, und am 10. Mai erreichte sie den Golf von Clyde. Um elf Uhr ankerte sie vor Dumbarton. Um zwei Uhr Nachmittags zogen die Passagiere, unter dem Hurrah der Hochländer, in Malcolm-Castle ein. Das wäre also gesagt, daß Harry Grant und seine beiden Gefährten gerettet wurden; daß John Mangles Mary Grant in der alten Kathedrale St. Mungo ehelichen sollte, wo der Rev. Paxton, der neun Monate vorher für die Rettung des Vaters gebetet hatte, die Ehe zwischen dessen Tochter und seinem Retter einsegnete. Es ist auch schon mitgetheilt, daß Robert Seemann werden sollte, wie sein Vater und John Mangles, und daß er vereint mit ihnen, unter der hohen Protection Lord Glenarvan's, das große Ziel seines Vaters mit erreichen helfen wollte. Ist aber auch schon gesagt, daß Paganel einst nicht unbeweibt sterben sollte? Nach seinen Heldenthaten konnte der gelehrte Geograph sich dem Berühmtwerden nicht entziehen. Seine Zerstreutheiten machten in der ganzen schottischen Gesellschaft Aufsehen. Man riß sich um ihn, und kaum konnte er den Ehrenbezeigungen Genüge leisten, welche man ihm darbrachte. Da begab es sich, daß eine liebenswürdige Dreißigerin, niemand Geringeres, als eine Cousine des Major Mac Nabbs, welche selbst etwas excentrisch, aber gut und reizend war, von den Eigenheiten des Geographen eingenommen, diesem ihre Hand antrug. Es war auch eine Million darin; doch das berührte man nicht. Paganel war weit entfernt, für die Zärtlichkeit Miß Arabella's gefühllos zu sein; doch sprach er sich nicht frei aus. Da legte sich der Major zwischen diesen beiden Herzen, die für einander geschaffen schienen, in's Mittel. »Gefällt Ihnen denn Miß Arabella nicht? fragte er unablässig Paganel. – O, Major, sie ist reizend! rief Paganel, viel zu reizend, und ich muß Ihnen gestehen, daß sie mir, wenn sie das weniger wäre, vielleicht noch mehr gefiele. – Ich wünschte ihr einen Fehler. – Darüber seien Sie ruhig, sie hat mehr als einen. Auch das vollkommenste Weib hat immer ein Bündelchen. Also, Paganel, – abgemacht? – Ich wage es nicht. – Aber, edler Freund, was zaudern Sie? – Ich bin der Miß Arabella nicht würdig!« erwiderte unabänderlich der Geograph. Darüber ging er nicht hinaus. Endlich, als er wieder einmal von dem unverbesserlichen Major in's Gebet genommen worden war, gestand er ihm unter dem Siegel der Verschwiegenheit Etwas, das sein Signalement sehr bequem machen mußte, wenn er jemals mit der Polizei zu thun bekam. »Bah! sagte der Major darauf. – Es ist, wie ich Ihnen sage, wiederholte Paganel. – Und, was thut das? werther Freund? – Sie glaubten ... – Im Gegentheil, nun sind Sie erst recht etwas Apartes, was zu Ihren persönlichen Verdiensten noch hinzutritt. Das macht aus Ihnen den von Miß Arabella geträumten Mann ohne Gleichen!« Der Major, der einen unabänderlichen Ernst bewahrte, versetzte Paganel in die peinlichste Unruhe. Zwischen Mac Nabbs und Miß Arabella fand eine kurze Unterredung statt. Vierzehn Tage später wurde in der Capelle von Malcolm-Castle mit großem Pompe eine Hochzeit gefeiert. Paganel strahlte, war aber hermetisch zugeknöpft; Arabella war eine glänzende Erscheinung. Das Geheimniß des Geographen würde immer vergraben geblieben sein, hätte der Major nicht mit Glenarvan davon gesprochen, der es Lady Helena nicht vorenthielt, welche es Mistreß Mangles mittheilte – kurz, es kam auch Mistreß Olbinett zu Ohren und damit an den Tag. Jacques Paganel war während seiner dreitägigen Gefangenschaft bei den Maoris – tättowirt worden, aber tättowirt vom Kopf bis zu den Füßen, und trug auf der Brust das heraldische Bild eines Kiwi mit ausgebreiteten Flügeln, der nach seinem Herzen hackte. Das war das einzige Abenteuer von Paganel's großer Reise, über das er sich niemals zufrieden gab und das er Neu-Seeland nie verzieh; das war es auch, was ihn trotz wiederholter Gesuche und trotz seines eigenen Bedauerns abhielt, nach Frankreich zurückzukehren. Er fürchtete in seiner Person die ganze Geographische Gesellschaft dem Spotte der Carricaturenzeichner und der kleinen Witzblätter auszusetzen, wenn er als frisch tättowirter Secretär wiederkehrte. Die Rückkehr des Kapitäns nach Schottland wurde als Ereigniß begrüßt, und Harry Grant der populärste Mann des alten Caledoniens. Sein Sohn Robert bildete sich zum Seemann aus, wie er, wie der Kapitän John, und unter den Auspicien des Lord Glenarvan hat er das Project wieder aufgenommen, im Stillen Weltmeere eine Schotten-Colonie zu gründen. Ende