Voltaire Erzählungen 1924 Insel-Verlag zu Leipzig Übertragen von Ernst Hardt     Inhalt: Vorwort des Übersetzers Der Schwarze und der Weiße Hans und Klaas Die Prinzessin von Babylon Die beiden Getrösteten Candid oder der Optimismus Geschichte der Reisen Scarmentados Zadig oder das Geschick Mikromegas Der Harmlose     Vorwort des Übersetzers: Wenige Jahre vor dem Ausgange des siebzehnten Jahrhunderts, in welchem die ursprünglichsten Anlagen des französischen Volkes in sechs oder sieben großen Persönlichkeiten und in einem das gesamte innere und äußere Leben gewaltig beherrschenden Stil ihren vollkommensten Ausdruck erreichten, wurde Voltaire geboren. Er starb vierundachtzig Jahre alt, kurz vor dem Reifen der lichten Saat, die mit den vollsten Händen gerade er fast ein Jahrhundert lang über Europa ausgestreut hatte, kurz vor dem Ausbruch der großen Revolution, deren guter Gott er gewesen ist, und in der jenes so stolz und eng gebändigte Leben seine Formen zerstörte und sich in Bahnen ergoß, die wir heute noch nicht zu Ende geschritten sind. Der große, der vielgeliebte und der sechzehnte Ludwig sind alle drei seine Könige gewesen. Die vollständigen Ausgaben seiner Werke umfassen neunzig dicke Bände, welche in ihrer Gesamtheit etwas wie die Geschichte des menschlichen Geistes während eines Jahrhunderts darstellen, denn es war keine Regung, die ihn nicht zum Mitschwingen gebracht hätte, jede Kunst, jede Wissenschaft, jede Politik seiner Zeit trägt an irgendeiner Stelle seinen Namen. Die Zahl seiner hinterlassenen Briefe beträgt zehntausend. Sie sind gerichtet an Engländer, Spanier, Italiener, Schweizer, Deutsche, Russen, an Könige, Kaiserinnen, Minister, Marschälle, Fürsten, Staatsräte, Dichter, Mathematiker, Diplomaten, Kaufleute, Protestanten, katholische Priester, Kardinäle, große Damen, Schauspielerinnen, an den Papst. Man darf sagen, daß sich die geistige Welt Europas einmal um ihn wie um ihre Achse gedreht hat. Sucht man den Menschen, der hinter dieser gigantischen Breite an geistiger Lebensbeherrschung steht, so findet man einen Charakter, der fast ebenso vielkantig geschliffen ist. Maßlose Eigenliebe und Eitelkeit neben der selbstlosesten Liebe zu Freunden, selbst zu solchen, die ihn ausnützten und verrieten, alle häßlichen Eigenschaften des reich und adlig gewordenen Emporkömmlings, harter Geiz neben höchster Freigebigkeit, herrischer Stolz neben niedrigster Schmeichelei, tiefe feige Verlogenheit neben dem Mut, die gefährlichsten Wahrheiten am lautesten auszusprechen, rachsüchtig, nachsichtig, empfindlich, reizbar, gallig, boshaft, lärmsüchtig, kabalenschmiedend, schamlos, zart, hassend, schützend und schirmend, großmütig und selbstsüchtig, und dieses alles durcheinander wirbelnd und kochend in einer Lebendigkeit, die kaum je ihresgleichen gehabt hat auf der Welt. Aus der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts, aus Voltaires Mittagshöhe also, gibt es ein französisches Urteil über ihn, das mit dem verhaltenen Zittern jugendlicher Verehrung in der Stimme schlicht, ruhig und klar Voltaires Geltung für die damalige Welt festzulegen sucht. Der sterbende Vauvenargues veröffentlichte 1746 dieses Stück in seinen Betrachtungen und Maximen, ohne Voltaires Namen darin zu nennen. Es lautet: »Für mich nimmt es dem berühmten Racine, dem weisesten und formvollendetsten aller Dichter, nichts, daß er nicht allzuviel Dinge behandelt (die er alle veredelt hätte), sondern sich darin beschieden hat, in einer einzigen Gattung die Fülle und Erhabenheit seines Geistes zu zeigen. Ich fühle mich aber dennoch gezwungen, einen kühnen und fruchtbaren, hohen, durchdringenden, leichten und unermüdlichen Schaffensgeist zu verehren, der ebenso geistvoll und liebenswürdig in den unterhaltenden Schriften wie groß und pathetisch in den anderen ist, der eine weite Phantasie besitzt, welche im Fluge die gesamte Ordnung der menschlichen Dinge umspannt und durchdrungen hat, und dem weder die abstrakten Wissenschaften, noch die Künste, noch die Politik, noch die Sitten der Völker, noch ihre Anschauungen, ihre Geschichte und selbst ihre Sprache haben entgehen können; vom Verlassen des Kindesalters an berühmt durch die Größe und die Kraft seiner gedankenreichen Poesie und bald danach durch die Reize und die ursprüngliche und kluge Eigenart seiner Prosa, hat dieser erlauchte Philosoph und Dichter alles, was am Menschenwesen Größe hat, glanzvoll in seinen Schriften verstreut; er hat die Leidenschaften mit lichten und feurigen Zügen gemalt und hat das Theater mit neuen Reizen beschenkt; dank der außerordentlichen Vielseitigkeit seines Geistes verstand er es, die Eigenart der guten Werke jedes Volkes nachzuahmen und deren Geist zu erfassen, aber nichts ahmte er nach, ohne es nicht auch zu veredeln; bedeutend sogar in den Fehlern, die man in seinen Schriften zu finden meint, hat er, trotz ihrer Mängel und trotz der Bemühungen der Kritik ohne Unterlaß seine Freunde und seine Feinde durch seine arbeitsvollen Nächte in Atem gehalten und von seiner Jugend auf den Ruhm unseres Schrifttums – dessen Grenzen er alle erweitert hat – bis zu allen fremden Nationen getragen.« Vauvenargues, Betrachtungen und Maximen, übersetzt von Ernst Hardt, verlegt bei Eugen Diederichs, Jena. Sechzig Jahre später umriß Goethe in den Anmerkungen zu Diderots Zwiegespräch »Rameaus Neffe« die Bedeutung Voltaires mit den folgenden Worten: »Wenn Familien sich lange erhalten, so kann man bemerken, daß die Natur endlich ein Individuum hervorbringt, das die Eigenschaften seiner sämtlichen Ahnherren in sich begreift, und alle bisher vereinzelten und angedeuteten Anlagen vereinigt und vollkommen ausspricht. Ebenso geht es mit Nationen, deren sämtliche Verdienste sich wohl einmal, wenn es glückt, in einem Individuum aussprechen. So entstand in Ludwig dem Vierzehnten ein französischer König im höchsten Sinne, und ebenso in Voltairen der höchste unter den Franzosen denkbare, der Nation gemäßeste Schriftsteller.« Er fügt eine Aufreihung der Eigenschaften hinzu, die »man von einem geistvollen Manne fordere«, es sind sechsundvierzig, und urteilt, man könne Voltaire von allen diesen Eigenschaften und Geistesäußerungen vielleicht nur zwei streitig machen: die Tiefe in der Anlage und die Vollendung in der Ausführung. Die vierundvierzig ihm zuzubilligenden Eigenschaften aber lauten: »Genie, Anschauung, Erhabenheit, Naturell, Talent, Verdienst, Adel, Geist, schöner Geist, guter Geist, Gefühl, Sensibilität, Geschmack, guter Geschmack, Verstand, Richtigkeit, Schickliches, Ton, guter Ton, Hofton, Mannigfaltigkeit, Fülle, Reichtum, Fruchtbarkeit, Wärme, Magie, Anmut, Grazie, Gefälligkeit, Leichtigkeit, Lebhaftigkeit, Feinheit, Brillantes, Saillantes, Petillantes, Pikantes, Delikates, Ingenioses, Stil, Versifikation, Harmonie, Reinheit, Korrektion, Eleganz.« Überdenkt man all diese Fülle und Breite an Geistigem und Menschlichem, an Kraft und Macht, welche auf den vorangegangenen Seiten aus Worten bricht, die nicht das Wesen eines einzelnen Menschen, sondern eines ganzen Geschlechtes zu kennzeichnen scheinen, vergegenwärtigt man sich, daß Voltaire ein halbes Jahrhundert lang der am meisten bewunderte und am meisten verehrte, der gehaßteste und der berühmteste Mann in Europa gewesen ist, so muß es wundernehmen, daß sein Werk und Wirken im geistigen Hausrate eines Gebildeten unserer Tage zu einem bloßen Ruhm, einem bloßen Begriff herabsinken konnte. Sieht man jedoch näher zu, so ist dieses Verblassen erklärlich, ja, natürlich. Zunächst und im Großen übersehen bestand sein Wesen aus einem breiten Nebeneinander geistiger Kräfte, die für sich waren, das heißt die nicht rückwärts zusammenliefen in einer ethischen Einheit. Er hat mit Schrot in die Ewigkeit geschossen, der Knall ist verhallt, und die einzelnen Körner haben sich verloren, weil die bindende Macht hinter ihnen fehlte. In die Ewigkeit hinaus trägt nur die zusammengedrängte Kraftfülle eines sittlichen schaffenden Willens, mag er gut, mag er böse sein. Voltaire war wie ein Teppich, reich und dünn. Hält man den Blick auf den zwei dichteren Verschlingungen der Ranken dieses Teppichs fest, so werden die Ursachen des Verblassens noch offensichtlicher: Dem Philosophen Voltaire fehlte zum Philosophen im großen Sinne das wesentliche Organ: das metaphysische. Da sein Wesen unendlich viel Oberfläche mit geringer Tiefe verband, vermochte er zwar wie im Fluge eine ungeheure Breite der Welt in sich aufzunehmen, aber niemals hat eines ihrer übersinnlichen Probleme für seine bedrängenden Wurzeln die notwendige Bodentiefe in ihm gefunden. Dieser Mangel war seine zeitliche Stärke. Sein Haß auf jede Religion, seine Todfeindschaft wider jede Kirche ließ ihn alles Mittelalter gründlicher überwinden, als es sonst bisher in irgendeinem Kopfe geschehen war. Hierin lag seine persönliche, seine echte Größe. Er wurde der erste wahrhaft freie Geist Europas. Aber seine Philosophie oder besser seine geistigen Leidenschaften: Vernunft, Toleranz, sittliche Freiheit, Denkfreiheit, Gerechtigkeit, lauter zu seiner Zeit ungeheuere ketzerische Forderungen, die er mit tausendsträhnigen Geißeln des Spottes und der Belehrung am unerbittlichsten in die Menschen peitschte, hat die Revolution ins reale Leben umgesetzt, sie sind zum mindesten in der Theorie einigermaßen Besitztümer geworden, was liegt noch an den Ruten! Seine »Aufklärung« kreist heute in unserem Blute, sie war, zumal in seinen lebendigsten, das ist in den letzten zwanzig Jahren seines Lebens, geniales, praktisches Tagewerk – und Tagewerk wird vergessen. Der Dichter Voltaire war ein Irrtum seiner Zeit, der Epigone einer Vollendung, die keine Entwicklung mehr zuließ. Er hat dies empfunden und über die Schranken seiner Kultur hinaus gesucht, aber die freie, ursprüngliche Genialität und wilde menschliche Tiefe der englischen Bühne, der Koloß Shakespeare, dessen Bedeutung Voltaire im Gegensatz zu den meisten seiner Landsleute bis auf einen gewissen geringen Grad zu erkennen vermochte, verschob ihm nur jene äußersten, strengen und engen, aber edlen Grenzen der dramatischen Anschauung, in die er hineingeboren war, ohne daß ihm seine Rasse eine wirkliche Befreiung und seine nur in einem sehr großen Verstande wurzelnde dichterische Begabung eine gültige, schöpferische Überwindung der klassischen Gesetze vergönnt hätte. Einst an die Seite der antiken Dichter gestellt, vermag heute selbst in Frankreich niemand der pathetischen Blutlosigkeit seiner siebenundzwanzig Tragödien, der Langweiligkeit seiner Henriade und der platten Unanständigkeit seiner Pucelle irgend Geschmack und künstlerischen Genuß abzugewinnen. Es bleibt der Schriftsteller Voltaire, ein großer Schriftsteller, den jener Rückschlag des Urteils zu Unrecht mit dem Dichter aus dem modernen literarischen Bewußtsein verdrängt hat. Die vorliegende Ausgabe und Übersetzung will den Versuch wagen, das zusammenzustellen und aufs neue in Umlauf zu bringen, was an menschlichem und künstlerischem Reiz auch heute noch wertvoll und gültig erscheint. Sie bringt zunächst eine Auswahl der »romans«, der Erzählungen Voltaires. Diese Form, der »roman philosophique«, ist zuerst von Montesquieu in seinen »Persischen Briefen« gefunden und dann allgemein von den Schriftstellern der Zeit je nach ihrer Eigenart gepflegt worden. Bei allen verbirgt sich die persönliche philosophische These unter einer phantastischen Einkleidung und satirischen Sittenschilderung. Das Morgenland, die Türkei, Persien, Indien, China müssen die Kulissen für die fabelhaften Begebenheiten leihen. Voltaires Erzählergenie hat in dieser Tendenz kleine Meisterwerke geschaffen. Nirgends sonst in seinen Schriften finden seine eigentümlichsten Gaben: sein leuchtender Witz, seine heitere Überlegenheit, sein Mutwillen, sein Ernst und jene Art der Bosheit, um deretwillen man einen Menschen lieben kann, einen so berückend anmutigen und in der Form meisterlichen Ausdruck. Alles, was genialer Spott an befreiender geistiger Lustigkeit besitzen kann, liegt wie ein erfrischender Morgentau auf dieser schlichten kühlen biegsamen Sprache, welche noch heute in Frankreich den guten Federn und Zungen befiehlt. Zu den neun Erzählungen, welche dieser Band enthält, bedarf es für uns keinerlei Umwege. Seit Jahren sind unter uns voltairische Kräfte wirksam, deren ethischer und künstlerischer Wert in Deutschland den Sinn geweckt haben für den mörderischen Witz, für den bösen Spott als Wehr und Waffe. Sie tun viel für uns, was Voltaire für seine Zeit getan hat, nur die Form und das Angriffsobjekt haben sich etwas verschoben. Es hat all der Grobfingerigkeit schlechter Leser und schlechter Übersetzer bedurft, um so außerordentliche Dinge wie den Candid, den Zadig, den Harmlosen in die Bibliotheken zu verbannen. Und wenn David Friedrich Strauß in seinen Vorträgen über Voltaire sagt, es sei Voltaire einmal gelungen, Menschen mit gemütlicher Anteilnahme so darzustellen, daß ihr Schicksal dem Leser ernstlich zu Herzen gehe, und dafür den Schluß des Harmlosen anführt, die spöttischsten Seiten, die wohl je auf der Welt geschrieben wurden, wenn man sieht, daß französische Kritiker zur Zeit Voltaires den Zadig, das Hohe Lied des Hohns auf die Vorsehung, für eine Verteidigungsschrift eben dieser Vorsehung haben nehmen können, so möchte man fast wähnen, es sei unserer Zeit vorbehalten geblieben, die letzten und feinsten Verästelungen voltairischer Witzigkeit zu begreifen und zu genießen.   Der nachfolgende Versuch, das Leben und die Entwickelung Voltaires auf wenigen Seiten kurz zu umreißen, möchte den Leser so nah an ihn heranführen, wie Zweck, Raum und Gelegenheit dies gestatten.   Im Jahre 1694 wurde dem Notar und späteren Sporteleinzieher an der Pariser Rechnungskammer Arouet ein Sohn geboren, der in der Taufe den Namen Franz Maria erhielt. Ein Kunde und Freund des Vaters, der bekannte Abbé von Chateauneuf, war sein Pate. Im siebenten Jahre verlor das Kind die Mutter, drei Jahre darauf überantwortete der Vater auf Anregung und Fürsprache des hohen Gönners den frühreifen Knaben dem Jesuitenkollegium »Ludwig der Große«, wo der Notarssohn zusammen mit Kindern aus den ersten Adelsfamilien Frankreichs erzogen wurde. In den Jesuitenschulen stand damals literarische Bildung, gründliche aber kluge Beschäftigung mit den antiken Autoren und den klassischen Dichtern der großen heimischen Zeit an der Spitze des Lehrplanes, ja, das Versemachen und Theaterspielen wurde recht eigentlich geübt, und so erhielt denn der überwache Hang des Knaben zu Dichtkunst und Bühne Nahrung und dauernden Antrieb und entwickelte sich gar bald zu einer ausgesprochenen Begabung. Eines Tages wurde ihm von dem Vorsteher der Anstalt die Anfertigung einer poetischen Bittschrift für einen bedürftigen Invaliden übertragen, welche des Bittstellers und des Verfassers Glück machte. Bei Hofe und in der Stadt sprach man zum ersten Male von dem jungen Jesuitenzögling, der sich da so glücklich auszudrücken und so artige Verse zu feilen wußte, und die intellektuell reinlichste und am leidenschaftlichsten vernünftige Frau Frankreichs wünschte den kindlichen Dichter kennen zu lernen. Der lustige Abbé, ein genauer Freund der Ninon, vermittelte die Bekanntschaft, und die kluge Greisin war so entzückt von dem klugen Knaben, daß sie ihn mit »2000 Franken zur Anschaffung von Büchern« in ihr Testament setzte. Wer der Meinung zuneigt, daß nicht die Ereignisse den Menschen, sondern der Mensch die Ereignisse macht, der wird diese Belobung des bittstellenden Jesuitenzöglings Arouet durch Ninon von Lenclos für einen äußerst wertvollen Umstand halten. Voltaire selber ist sich der Bedeutung dieser Segnung durch die schönen erfahrenen Hände Ninons stets dankbar bewußt gewesen, ja, die hohe Wahrscheinlichkeit, daß der ganze Vorgang auf einer glücklichen Erfindung Voltaires beruht (denn zur Zeit der Abfassung jener Bittverse lag Ninon bereits seit etlichen Jahren unter der Erde), erhöht und vertieft nur seine Bedeutsamkeit. Mit sechzehn Jahren verließ Franz Maria Arouet die Jesuitenschule, und hinter seinen mannigfachen geistigen Gaben brannte unbändig und hitzig wie ein Fieber die Sucht emporzukommen, seinen hochgeborenen Schulkameraden gleich zu werden an Ansehen, Reichtum und Luxus. Er traute es sich zu, dieses Ziel mit der Feder zu erreichen, sein Vater jedoch hielt die juristische Laufbahn für sicherer und zwang ihn zum Eintritt in die Pariser Rechtsschule (1710). Der Pate verstand sich besser auf Talent und Welt. Er nahm den jungen Mann zum Großprior von Vendome in die berühmte Tempelgesellschaft mit, wo Prinzen, Herzöge und Priester freien, ja, frechsten Geistes mit allen Waffen des Witzes und des Tuns sich wider den dumpfen Druck sittlicher und religiöser Heuchelei auflehnten, mit dem die letzten Regierungsjahre Ludwigs XIV. auf Frankreich lasteten. In dieser Atmosphäre entfaltete sich in den nächsten Jahren die Eigenart des jungen Mannes wie eine tropische Pflanze, die in ihren Mutterboden gelangt. Sein geschliffener Witz, sein beißender kluger Spott und seine skrupellose Bosheit, ursprüngliche Anlagen, die bisher mannigfach die Koppel hatten dulden müssen, durften nun unter dem Beifall und der Bewunderung einer erlesenen Gesellschaft ihr geistiges und menschliches Wild sich erspähen. Sein seelischer Hang zur Ehrfurchtslosigkeit als Prinzip aller Welt und Überwelt gegenüber machte ihn in dieser Runde zum unübertroffenen Meister. Man braucht nur einen Augenblick lang an die unsäglichen Schicksalsunbilden zu denken, wider die ein großer Zeitgenosse Voltaires, Rousseau, in diesen Entwicklungsjahren zu ringen hatte, um zu begreifen, in wie hohem Maße alle äußeren Umstände wetteiferten, um hier die Entfaltung und Gestaltung eines jungen Geistes zu begünstigen. Was jedoch beider Charakterbildung anbelangt, so ist diese Lebensspanne für den einen wie für den anderen gleich verhängnisvoll gewesen. Voltaires Charakter verdarb in dem Kampfe, die Kluft zu überbrücken, mit der ihn Adel und Reichtum von seinen Freunden und ihrer Welt schied, in die er durch einen unbezähmbaren Hang zum Wohlleben unablässig hinübergedrängt wurde. Während die Erniedrigung in dem schweren Temperamente Rousseaus jenen gespreizten und stets bereiten Gesinnungsdünkel aufschwellen ließ, in dem er seine fast lebenslängliche äußere Abhängigkeit vor sich selber verhüllte, wuchsen in Voltaire die natürlichen Keime der Eitelkeit und Bosheit ins Maßlose als die Waffen, kraft derer er verwand und sich rächte. Die ersten zwei Drittel seines Lebens, die Zeit also, in der er mit allen Mitteln seiner reichen schmiegsamen Natur daran arbeitet, emporzukommen, sind angefüllt von lauter ethisch minderwertigen Handlungen, und erst als er am Ziele angekommen, als er in Ferney ein unabhängiger König geworden ist, werden die liebenswürdigen guten edlen Seiten seines Wesens wirksam. Der erste vielversprechende Anlauf, den der junge Arouet nach dem Verlassen der Jesuitenschule genommen, wurde jäh durch väterliche Besorgnis unterbrochen. Der Notar wünschte den Rechtsstudenten, der nichts Rechtes studierte, aus der in mehr als einer Beziehung gefährlichen Nähe der adligen Freidenker und Lüstlinge zu entfernen. Wiederum war es der Pate, der die Wege wies. Er verschaffte dem jungen Arouet eine Pagenstelle bei dem Marquis von Chateauneuf, seinem Bruder, der als Gesandter nach dem Haag ging. Hier verliebte sich der Page ungestüm und so ernsthaft, wie dieses nur irgend in seinem Charakter liegen konnte, in eine junge Emigrantin. Die Mutter legte sich dazwischen, und Arouet wurde übel belobt nach Paris zurückgeschickt. Des Vaters Unmut kannte nun keine Grenzen mehr, er drohte mit äußersten Maßregeln. Franz Maria unterwarf sich für diesmal und trat in die Kanzlei eines Prokurators ein. Sein altes Leben wurde dadurch jedoch nur wenig geändert, nach wie vor segelte er im alten Fahrwasser, tafelte mit Prinzen und Herzögen, schmeichelte und spottete und ließ seiner bösen Zunge die herrlichste Freiheit. Inzwischen war auch Ludwig XIV. gestorben, und die Regentschaft Philipps von Orleans schien jeglicher Beschränkung im Sittlichen wie im Geistigen leidenschaftlich abhold. Dennoch verrechnete sich der junge Spötter: zwei ihm zugeschriebene satirische Stücke trugen ihm zunächst eine fast einjährige Verweisung aus Paris ein. Er verbrachte sie vergnüglich auf dem Schlosse des Herzogs von Sully und beschäftigte sich hier ernstlicher mit den Plänen zu dreien seiner Hauptwerke: der Henriade, dem Zeitalter Ludwigs XIV. und seiner ersten Tragödie, dem Ödipus. Seine lebenslänglich beibehaltene Taktik, gefährliche Schriften abzuleugnen, trat jetzt zum ersten Male in einer Epistel an den Regenten in Wirksamkeit und trug ihm denn auch eine beträchtliche Abkürzung seiner Verbannung ein. Um weniges später erwachte er jedoch eines Morgens in der Bastille – um elf Monate dort zu bleiben. Dieses Mal war die gereimte Bosheit wirklich nicht von ihm gewesen. Die neue Muße kam seinen Arbeiten zugute. Die Henriade wurde fortgesetzt und der Ödipus vollendet. Bald nach seiner Haftentlassung gelang es ihm nach jahrelangen Bemühungen, die Aufführung des Stückes am »Französischen Theater« durchzusetzen. Sie fand am 18. November 1718 statt und machte den vierundzwanzigjährigen Dichter berühmt. Mit den nicht unbeträchtlichen Einnahmen und dem Geschenk des Regenten fing er nun mit einem wahren Spekulantengenie an, den Grundstock zu dem größten Vermögen zu legen, das wohl jemals ein Schriftsteller aus eigenen Kräften besessen hat. Auch hielt er jetzt den Zeitpunkt für gekommen, seinen bürgerlichen Namen mit einem adligen zu vertauschen. Eine Weile lang nannte er sich noch Arouet von Voltaire, dann aber ließ er das angeborene Arouet für immer fallen. Der Name Voltaire ist aus einer damals üblichen Buchstabenversetzung der Worte: Arouet l(e) j(eune) entstanden. Die nächsten acht Jahre sind ein wirrer Strudel: kurze, lustig verlebte Verbannungen, viele Liebschaften, zwei ausgezischte Tragödien, der Tod des Vaters, der Tod des Regenten, die Thronbesteigung Ludwigs XV. Voltaires freundliche Verbindung mit den Maitressen des jungen Königs, eine Politik, die er sein Leben lang aufs eifrigste gepflegt hat, seine wachsende Hofgunst, der Ruhm der Henriade, die er wie ein fahrender Sänger von Schloß zu Schloß trug, treiben den Dichter innerlich und äußerlich gar mannigfach umher, ohne daß in diesem oberflächlichen Wirrwarr gesellschaftlicher Erfolge und Widrigkeiten eine feste Bahn und menschliche Reife sich zu zeigen begönne. Da trat im Jahre 1726 das Ereignis ein, ohne dessen Folgen Voltaire nicht Voltaire geworden wäre. In der adligen Umgebung Voltaires befand sich natürlich manch ein Edelmann, der dem boshaften, bald kriechenden, bald anmaßenden und geistig so unendlich überlegenen Emporkömmling nicht sonderlich gut gesinnt war, ja, dieses Übelwollen mußte sich in Köpfen, die Voltaire nicht hätten die Schuhriemen lösen dürfen, zu aufrichtigem Haß steigern. In solcher mißlichen Lage befand sich der Feldmarschall Chevalier de Rohan Chabot. An zwei aufeinanderfolgenden Dezemberabenden fragte er Voltaire im Schauspiel, wie er denn nun eigentlich heiße, ob Herr Arouet oder Herr Voltaire, und da am zweiten Abend Voltaires Geliebte, die Schauspielerin Lecouvreur, dabei war, wurde die geistvolle Frage dieses Mal nicht ausweichend, sondern so gewandt und schroff beantwortet, daß der Chevalier seinen Stock erhob, Voltaire an seinen Degen faßte, und Fräulein Lecouvreur wohl oder übel in Ohnmacht fallen mußte, um dem Auftritt ein Ende zu machen. Einige Tage darauf wurde Voltaire vor der Haustür des Herzogs von Sully, von dessen Tafel er eigens heruntergerufen worden war, von zwei in einem Wagen sitzenden Männern bei den Kleidern ergriffen, an den Kutschenschlag gezerrt und dort mit einem Hagel von Stockschlägen überschüttet. Der Feldmarschall Chevalier von Rohan Chabot leitete gleichzeitig vom Fenster eines zweiten Wagens aus die Arbeit und war gütig genug, anzuordnen, man solle den Kopf nicht treffen. Der Geprügelte vermochte weder von seinem Freunde, dem gewissermaßen mitbeleidigten Herzoge von Sully, noch von sonst einem seiner adligen Gönner irgend Beistand wider die mächtige Familie der Rohans zu erlangen, ja, nicht wenige fanden die Prügel nicht gar so übel an den Mann gelangt. Voltaires Lage war mißlich, doch er fand einen Ausweg. Er nahm Fechtstunden, zog mit Raufbolden in den Schenken umher und schlug drei Monate lang einen solchen Duellärm, daß die Familie der Rohans besorgt wurde und am 17. April seine Verhaftung erlangte. In der Bastille machte er dann selber den Vorschlag, man möchte ihn nach England verbannen. Anfang Mai wurde er nach Calais geleitet und zu Schiffe gebracht. Von England aus ließ er dann durch einen Freund in Paris verbreiten, er sei im geheimen sofort wieder nach Frankreich zurückgekehrt, habe aber vergeblich versucht, seines Gegners habhaft zu werden. – Mit diesem tragikomischen Vorfall endet die Jugend Voltaires. Der folgende fast dreijährige Aufenthalt in England ist der wichtigste Faktor in Voltaires Entwicklung gewesen, er ist ohne ihn ebensowenig als Voltaire zu denken, wie etwa Goethe ohne Italien als Goethe. Sein bewegliches, sprunghaftes romanisches Temperament lernte hier germanische Tiefe und Gründlichkeit kennen, und er begriff bald, daß er die zahlreichen Waffen seines Geistes gar wohl im Kampfe für andere Dinge verwenden konnte, als er bisher getan. Die Wissenschaften, um die er sich vordem kaum gekümmert, traten hier zum ersten Male in seinen Gesichtskreis, und er bemächtigte sich ihrer als der natürlichen Grundlagen seines Weltgefühls. Er entdeckte Newton für sich und blieb für sein ganzes Leben sein treuer Verfechter. Bacon, Collins, Shaftesbury und vor allem Locke ließen ihn erkennen, daß Philosophieren etwas anderes sei als geistreiches Wegelagern, er fing an, systematisch zu betrachten und sich eine Weltanschauung zu bilden, in der zur Lehre erhoben ward, was bis dahin unbekümmertes Triebleben gewesen war. Die Berührung mit den Streitigkeiten und dem Fanatismus der englischen Protestanten ließ seine Kritik, die bisher der katholischen Kirche gegolten hatte, zum Hasse wider jede Kirchlichkeit ausreifen, und die englische Verfassung und Denkfreiheit machten ihm die erbärmlichen heimischen Zustände bis in den Grund fühlbar. Als er im Jahre 1729 nach Frankreich zurückkehren durfte, waren alle Keime der Reife in ihm und alle jene Kräfte in eine neue Bahn gelenkt, die im lichtesten und reinsten Sinne die eine große Umwälzung herbeiführen helfen sollten, durch die sich die neue Zeit vom Mittelalter scheidet. Für das wild gewordene Tier in der Revolution ist niemand weniger verantwortlich als Voltaire, wohl aber darf man alles Lichte und Geistig-Große darin mit seinem Namen verbinden. Von den Arbeiten, die Voltaire aus England mitbrachte, erging es zunächst am glücklichsten der Zaïre, die im Jahre 1732 aufgeführt wurde, ihm seinen zweiten und letzten großen Erfolg auf der Bühne bescherte und ihn zum berühmtesten Dramatiker der Zeit machte. Sein erstes vollendetes Geschichtswerk, seine Geschichte Karls XII., zu der ihn die mündlichen Berichte eines Genossen des Schwedenkönigs angeregt hatten, mußte wie einst die Henriade heimlich gedruckt und eingeschmuggelt werden. Seine »Philosophischen Briefe« oder, wie er selber sie nannte, seine »philosophischen, politischen, kritischen, poetischen, ketzerischen und teuflischen Briefe«, eine Zusammenfassung der englischen Eindrücke, das heißt seinen ersten großen und kühnen Angriff auf die heimische Willkürherrschaft und die Jesuitenkirche, hatte er bereits in englischer Sprache erscheinen lassen. 1734 drangen einzelne französische Exemplare nach Paris und trugen ihm eine neue Verbannung ein. Voltaire begab sich für kurze Zeit nach Lothringen und ließ sich dann für die nächsten zehn Jahre in Cirey an der Grenze der Champagne bei seiner Freundin, der Marquise von Châtelet, nieder. Voltaire fand in dieser Frau, die es zum Troste für eine unglückliche Ehe schon mit vielen Liebhabern versucht hatte, eine geistig hochstehende Genossin, die ihm auf eine schöne Weise das einzige tiefere Glück gebracht hat, das seinem Leben und seinem Charakter vorbehalten war. Die bis zum Tode der Frau von Châtelet andauernde Verbindung schuf ihm die Häuslichkeit, die er brauchte: einen Schwarm von Gästen, rauschende, festliche Tage und Muße zur Arbeit, zu einer Arbeit, die mehr und mehr ins Riesenhafte wuchs. Unterdessen versäumte er jedoch keineswegs, seine Beziehungen zu Paris und zum Hofe, das heißt zu den Maitressen des Königs, zu pflegen, und als 1745 eine alte Freundin von ihm, die Frau von Pompadour, der königlichen Gunst zunächst stand, erreichte er es, zur Hochzeit des Kronprinzen mit der Abfassung eines Singspieles beauftragt zu werden. Nach fast zehnjähriger Abwesenheit tauchte er jetzt wieder in Paris auf, und jenes Possenspiel verschaffte ihm, was keines seiner ernsten Werke vermocht hatte: die höchste Gunst des Monarchen. Er wurde zum Historiographen von Frankreich und unter Verleihung eines Adelspatentes zum königlichen Kammerjunker ernannt. Ungefähr um dieselbe Zeit erlangte er auch, allerdings durch die vielleicht unwürdigste Handlung seines Lebens (er schrieb eine Lobhudelei auf die Jesuiten), den langersehnten Sitz in der Akademie: mit dem Vermögen, das ihm sein Börsengenie inzwischen eingebracht, sah er sich also endlich am Ziel fast aller seiner Wünsche. Seine Zunge sorgte dafür, daß die Herrlichkeit nicht lange dauerte. Er überwarf sich bald mit Frau von Pompadour, verließ den Hof, ging zur Herzogin du Maine, nach Sceaux, nach Anet, nach Cirey und nach Luneville zum Exkönige von Polen, Stanislaus. Hier verlor er 1749 Frau von Châtelet, kurz nachdem sie einem Kinde das Leben gegeben, das dieses Gut weder dem Marquis von Châtelet noch Herrn von Voltaire zu danken hatte. Der Tod der Freundin machte Voltaire aber dennoch innerlich und äußerlich aufs neue heimatlos, und so folgte er denn nach kurzem Verweilen in Paris, wo nach dem Ausbruche des großen Philosophenkampfes seines Bleibens nicht sein konnte, endlich den Lockrufen Friedrichs II. und ging nach Preußen. Die Freundschaft Voltaires mit Friedrich dem Großen und sein Aufenthalt in Potsdam sind bei uns so oft dargestellt, daß alle Einzelheiten hier übergangen werden können. Hervorzuheben ist nur, wie bei den deutschen Darstellungen der Beziehungen und des Bruches meist vergessen wird, daß auch dem seltsam großen, wundervollen Manne, der damals bei uns auf dem Throne saß, »die kleinen Treulosigkeiten und Schelmenstücke gar wenig kosteten«. Es war nicht nur Friedrich der Große, der sich über Voltaire zu beklagen hatte. Für Voltaire bedeutete der endliche Bruch einen der herbesten Schläge, die letzte bittere, aber heilsame Erfahrung, die ihn endlich dazu trieb, sich ganz auf sich selbst zu stellen und der nur von sich abhängige Fürst zu werden, der er in Ferney dann geworden ist. Diese seine endliche Unabhängigkeit und Gleichstellung erlaubte ihm auch, die Freundschaft mit Friedrich dem Großen aufs neue zu knüpfen. Beide wußten zu wohl, ein wie köstlicher Teil ihres Lebens darinnen beschlossen lag, als daß sie ihr anders hätten ein Ende setzen können, denn durch den Tod. Voltaire ist von keinem Zeitgenossen und keinem Nachfahren geistig leidenschaftlicher bewundert und menschlich herzlicher geliebt worden als von Friedrich dem Großen, wenn anders es Liebe ist, über alle sittliche Wertschätzung hinaus ohne den anderen nicht denken und leben zu können. Nachdem Voltaire in Frankfurt endlich den ungeschickten Händen der preußischen Schergen entronnen war, begab er sich nach Elsaß-Lothringen. Frankreich, Paris, Preußen waren ihm verschlossen, er wußte wirklich nicht, wohin er sein Haupt legen sollte. Nach langem Herumirren kam er in die Schweiz und hoffte in diesem freien Lande endlich Ruhe, Sicherheit und Freiheit zu finden. Er kaufte sich ein Haus in der Umgebung von Genf, die »Delices«, und ein zweites in Monrion bei Lausanne, denn: »Die Philosophen müssen sich zwei oder drei unterirdische Verstecke vor den Hunden halten, die hinter ihnen her sind« (1755). Auch des dritten Versteckes bedurfte er gar bald. Die Pucelle, welche Frau von Châtelet mit so mancher anderen gefährlichen Schrift jahrelang weise unter Schloß und Riegel gehalten hatte, wurde plötzlich allerorten gedruckt, und die gestrengen Genfer Herren, die fast stets nur die fremden Verbrecher in ihren Landen in Ruhe gelassen haben, erhoben sich wider Voltaire. Er erwarb nun in Frankreich dicht an der Grenze die beiden Güter Tourney und Ferney und konnte bald feststellen, daß er mit Hilfe dieser drei Schlupfwinkel nun wirklich vor allen Verhaftsbefehlen in Sicherheit war. Mit der Lebendigkeit, der Frische und der Arbeitskraft eines Jünglings trat der greise Philosoph von Ferney seine geistige Herrschaft an. Das letzte große Werk Voltaires, das Zeitalter Ludwigs des Vierzehnten, nach seiner novellistischen Geschichte des schwedischen Karl die erste in einer wahrhaft modernen, auch heute noch gültigen Methode unternommene Geschichtsschreibung, war nach zwanzigjähriger Arbeit in Potsdam vollendet und veröffentlicht worden, von nun an fand sein Geist die ihm eigentümlichste Form der Äußerung: die kurze zugespitzte Schrift, das Flugblatt. Zuweilen entlädt sich der Irrtum der Jugend noch in einer schlechten, bestenfalls in sechs Tagen geschriebenen Tragödie, doch solche Ewigkeit kann das Temperament des Greises nicht mehr ertragen, der Pfeile müssen sich hundert schnitzen lassen in der Stunde. So geht denn ein Hagel von fliegenden Blättern unter tausend erborgten Verfassernamen erbarmungslos über die Welt nieder, die fernsten Länder, ja, die Gräber müssen sich öffnen, um Voltaire die Persönlichkeiten zu liefern, unter deren Flagge er seine Geschosse hinaussendet. Und die Angriffe kennen keinen Umweg, keine Zurückhaltung mehr. Sein Religionshaß hatte sich bis dahin in einer Feindschaft wider Kirche und Priester geäußert, jetzt nagen die Zähne seines mörderischen Spottes an der Religion selber: er fängt an, in seiner Art Bibelkritik zu üben und offen auszusprechen, daß alle Religionen der Schurkerei eines einzelnen und der Dummheit aller übrigen Menschen ihren Ursprung zu danken hätten. Und Voltaires Religionshaß war nicht eine kühle geistige Erkenntnis, nein, er war aus den Instinkten seiner Natur geboren und daher leidenschaftlich und warmblütig. Seine lüstige Wesensveranlagung, welcher Leben wie ein von der Natur verbrieftes Recht auf Genuß erschien, empfand in dem mehr oder weniger asketischen Charakter aller Religionen ein wider den lebendigen Leib und Geist geübtes Verbrechen, das die Menschheit um ihr köstlichstes Teil zu bringen trachtet. Dem geistigen Äquivalent dieser Instinkte, die in Frankreich schon seit Jahrhunderten wider das Christentum wirksam waren, haben die Franzosen ihre religiöse Freiheit zu danken. Auch die verehrungswürdige Trennung von Kirche und Staat im heutigen Frankreich ist nur die Erfüllung einer der Satzungen des voltairischen Testamentes. Doch sein philosophischer Journalismus strebte nach einer weit unmittelbareren Wirksamkeit. Sobald in irgend einem Winkel seines Vaterlandes oder der Welt eine Tat der Intoleranz, des geistigen Zwanges, der Ungerechtigkeit geschah, erhob er seine Stimme, und es währte nicht lange, bis seine Macht über die öffentliche Meinung praktisch in das Leben des Staates einzugreifen begann. In Toulouse war ein Kalvinist namens Calas als Mörder seines Sohnes, der sich erhängt hatte, gerädert worden, weil die katholischen Richter ohne jeden Beweis annahmen, er habe seinen Sohn lieber von seiner eigenen kalvinistischen Hand sterben, als von fremden katholischen Händen bekehrt sehen wollen. Voltaire nahm die übrigen Mitglieder der unglücklichen Familie bei sich auf, erzwang in dreijährigem Kampfe die Durchsicht des Urteils, und die Unschuld des Calas wurde von den Gerichten ausgesprochen. Kaum ist dies geschehen, so errettet er einen zweiten Kalvinisten namens Sirven vom Tode, der gleichfalls unter der Anklage stand, seine schwachsinnige Tochter, die Selbstmord begangen, umgebracht zu haben. 1776 wird der Chevalier de la Barre in Arras gerädert, weil er gottlose Lieder gesungen und das Kreuz geschändet haben sollte. Voltaire nahm einen der mitschuldigen Kameraden de la Barres, den jungen d'Etallonde, bei sich auf, empfahl ihn in den Dienst des Königs von Preußen und arbeitete an der Aufhebung der über ihn verhängten Verfolgung. Und so geht es weiter bis zu seinem Tode. Diese wahrhaft praktische, von solchen Erfolgen begleitete Philosophie fing allmählich an, Voltaires Bild in den Augen der eben herangewachsenen Generation völlig umzugestalten. Der große Zyniker, der sich mit einigen siebenzig Jahren krank stellte, den Priester holen ließ, mit verdrehten Augen und ersterbender Stimme wimmernd um die letzte Ölung bat, sie empfing, und dann aus dem Bett sprang, seinen zitternden Sekretär hinter dem Vorhang hervorzog und ihn vor Lachen fast vergehend fragte, ob er seine Rolle nicht trefflich gespielt habe, dieser so furchtbar ernste Spötter wurde allmählich zum milden, weisen, gütigen Patriarchen, den man wie einen guten alten Papst um seinen Segen bat. Leider sorgte dieser Patriarch selber dafür, daß sein Bild in der Nachwelt auf die entgegengesetzte Weise verzerrt fortleben sollte. Wie es bei seinem Charakter natürlich war, hatten persönliche, literarische und nichtliterarische Streitigkeiten sein ganzes Leben begleitet, jetzt in dieser seltsamen Lebendigkeit des Alters nahmen sie mehr und mehr einen völlig unerträglichen, würdelosen Charakter an. Man darf sagen, daß nie so schändliche Pamphlete geschrieben worden sind, wie Voltaire sie in diesen beiden letzten Dezennien seines Lebens wider seine Feinde geschleudert hat. Und diese Verunglimpfungen besorgte er wie ein unumgängliches Geschäft, oder vielmehr wie eine Erholung, eine diabolische Erheiterung, die seiner Gesundheit von Zeit zu Zeit zuträglich war. Aber das Bild eines verächtlichen, geifernden Bösewichtes, das er dadurch fast unauslöschlich in das Gedächtnis der Menschen geschrieben hat, ist ebenso falsch wie das des Patriarchen, dessen knochige Fechterhände man zum Segnen auf die Häupter seiner Kinder zwang, beides sind nur zwei burleske Nebenfiguren des großen Theaters, das er war. Vielleicht wird man den Gutsherrn noch dazu stellen wollen. Königlicher Kammerjunker, Herr von Ferney, Graf von Tourney, es waren der Titel noch nicht genug, er wünschte auch noch den eines Gestütsdirektors des Landes zu führen, und als dieses nicht zu erreichen war, gab er sich mit der Ernennung zum weltlichen Pater des Kapuzinerordens zufrieden. Als solcher hat er in der von ihm erbauten Kirche, welche die Inschrift trägt: Deo erexit Voltaire, eines Sonntags gepredigt!! Allerdings wider den Diebstahl. Seine Lebensführung in Ferney war völlig fürstlich – und die Fürsten und Könige, zu denen er nun nicht mehr ging, kamen zu ihm. Er gab glänzende Feste, und was in Cirey, in Potsdam, was überall geschehen war, wo er sein Haus und Heim aufschlug, es wurde ununterbrochen Theater gespielt; nach dem Berichte der Frau von Grafigny hatte man einst in Cirey dreiunddreißig Akte in vierundzwanzig Stunden geprobt und gespielt. Doch der Hauptstrom seines Lebens mündete breiter und schöner, es ist etwas Faustisches daran, etwas vom Schlusse des Candid. Er nutzte seinen außerordentlichen Reichtum und seinen europäischen Einfluß unermüdlich zur Hebung des Wohlstandes in den ihm gehörigen Bezirken, legte Tuch- und Uhrenfabriken an und streckte den Unternehmungslustigen Geld vor. Das Dorf Ferney zählte 50 Seelen, als er das Gut erwarb, und 1200 bei seinem Tode. Er hat Glück und Gedeihen um sich verbreitet, so sehr es nur in seinen Kräften stand. Vielleicht erfaßt man für die Dauer eines Blitzes die letzte menschliche Einheit seines Wesens, wenn man sich vergegenwärtigt, daß er auch alles sehr Gute in seinem Leben stets nur wie einen spöttischen Witz getan hat. 1760 erfuhr er, daß irgendwo in der Welt eine sechzehnjährige Enkelin des großen Corneille lebte; er nahm sie in sein Haus, ließ sie erziehen, verheiratete sie und schenkte ihr eine große Mitgift, obwohl sich inzwischen zu seinem größten Ergötzen herausgestellt, daß sie nicht eine Enkelin des großen, – sondern nur die Enkelin von Thomas Corneille war. Dann meldete sich in recht bedürftigem Zustande der echte Enkel, und Voltaire nahm auch ihn zu sich. Man muß die Briefe lesen, in denen er über diese häuslichen Ereignisse berichtet, und man wird etwas von dem geistigen Entzücken nachempfinden, das alle Menschen in seiner Nähe ergriff. Mit dem Tode Ludwigs XV. war für Voltaire das Verbot erloschen, Paris zu betreten. Nach langem Schwanken und ungestümem Zureden seiner Nichte, der schrecklichen Madame Denis, die seit dem Tode der Frau von Châtelet das Haus für ihn hielt, entschloß er sich endlich am 10. Februar 1778 hinzugehen. Drei Monate lang berauschte er sich in vollen Zügen an seinem Ruhme, dann versagte sein Körper. Er hatte in der ganzen Zeit daran zu denken vergessen, daß er ein vierundachtzigjähriger Greis war, und starb in der Nacht vom 30. zum 31. Mai, nachdem er die Priester zur Tür hinausgewiesen. Hier liegt – wenn man euch glauben wollte, Ihr frommen Herrn – der längst hier liegen sollte. Der liebe Gott verzeih aus Gnade Ihm seine Henriade Und seine Trauerspiele Und seiner Verschen viele: Denn was er sonst ans Licht gebracht, Das hat er ziemlich gut gemacht. Diese hellsichtige Grabschrift auf Voltaire fand sich im Nachlasse des Mannes, der ihm von allen Deutschen in den edlen Tendenzen seines Geistes am verwandtesten gewesen ist, im Nachlasse Lessings. Ernst Hardt.   Die nicht in Klammern gefaßten Fußnoten sind Anmerkungen, die Voltaire seinem Text selber gegeben hat. Der Schwarze und der Weiße 1764   Jedermann in der Provinz Kandahar kennt die Geschichte des jungen Rustan: er war der einzige Sohn eines Mirza des Landes, was so viel sagen will wie Marquis bei uns oder Baron unter den Deutschen. Der Mirza, sein Vater, besaß ein anständiges Vermögen. Man gedachte den jungen Rustan mit einer Fräulein oder Mirzaïn seines Standes zu verheiraten: beide Familien wünschten es leidenschaftlich, er sollte der Trost seiner Eltern werden, seine Frau glücklich machen und es selber mit ihr sein. Zum Unglück hatte er jedoch die Prinzessin von Kaschmir auf dem Jahrmarkt zu Kabul gesehen, als welcher der bedeutendste Jahrmarkt von der Welt und unvergleichlich besuchter als der zu Bassora und Astrachan ist. Der alte Fürst von Kaschmir aber war aus folgendem Grunde mit seiner Tochter auf den Jahrmarkt gekommen: Er hatte die beiden seltensten Stücke seines Schatzes verloren: das eine war ein daumengroßer Diamant, in den das Bildnis seiner Tochter vermöge einer Kunst eingegraben war, welche die Indier damals besaßen, die seitdem aber verloren gegangen ist; das andere war ein Wurfspeer, der von selbst dorthin flog, wohin man ihn haben wollte, was unter uns keine gar so außerordentliche Sache ist, in Kaschmir war sie es jedoch. Ein Fakir seiner Hoheit hatte diese beiden Schätze entwendet und sie der Prinzessin geschenkt. »Hüte diese beiden Stücke aufs sorglichste«, sprach er zu ihr, »dein Schicksal hängt davon ab.« Darauf ging er fort, und man sah ihn niemals wieder. Der Herzog von Kaschmir beschloß in seiner Verzweiflung, auf dem Jahrmarkte zu Kabul nachzuforschen, ob denn unter all den Kaufleuten, die aus allen vier Enden der Welt dort zusammenkommen, nicht einer sei, der seinen Diamanten und seinen Speer hatte. Seine Tochter nahm er stets auf allen seinen Reisen mit sich. Sie trug ihren Diamanten wohl verwahrt in ihrem Gürtel, was aber den Wurfspieß anging, der sich nicht so gut verbergen ließ, so hatte sie ihn sorgsamlichst zu Kaschmir in ihrem großen chinesischen Koffer verschlossen. Sie und Rustan erblickten sich in Kabul und verliebten sich ineinander mit all der Treuherzigkeit ihrer Jahre und der ganzen zärtlichen Leidenschaft ihres Landes. Die Prinzessin gab ihm als Pfand ihrer Liebe ihren Diamanten, und Rustan versprach ihr bei seiner Abreise, sie in Kaschmir heimlich zu besuchen. Der junge Mirza hatte zwei Günstlinge, welche ihm als Sekretäre, Stallmeister, Haushofmeister und Kammerdiener dienten. Der eine hieß Topas; er war schön, wohlgewachsen, weiß wie eine Tscherkessin, sanft und diensteifrig wie ein Armenier und weise wie ein Parse. Der andere nannte sich Eben; er war ein ausnehmend hübscher Neger und beflissener und geschickter als Topas: nichts galt ihm für schwierig. Diesen beiden teilte er seinen Reiseplan mit: Topas suchte ihn davon abzubringen mit dem behutsamen Eifer eines Dieners, der nicht mißfallen will: er hielt ihm alles vor, was er aufs Spiel setzen würde. Wie durfte er zwei Familien in Verzweiflung stürzen, wie seinen Eltern ein Messer ins Herz stoßen?! Er brachte Rustan zum Wanken, aber Eben bestärkte ihn wieder und behob alle seine Bedenken. Es gebrach dem jungen Manne an Geld für eine so lange Reise: der weise Topas hätte ihm keines verschafft, aber Eben sorgte dafür. Er entwendete seinem Herrn geschickt den Diamanten, ließ einen völlig gleichen falschen anfertigen, legte ihn an die Stelle des echten und verpfändete diesen an einen Armenier für einige Tausend Rupien. Als der Baron diese Rupien erst in der Tasche hatte, war auch schon alles zur Abreise bereit. Man belud einen Elefanten mit dem Gepäck und stieg zu Pferd. Topas sprach zu seinem Herren: »Ich habe mir herausgenommen, Euch Vorstellungen über Euer Unternehmen zu machen, nach dieser Warnung ziemt es sich nun jedoch zu gehorchen: ich bin ganz Euer, ich liebe Euch und will Euch bis ans Ende der Welt folgen, laßt uns unterwegs aber wenigstens das Orakel befragen, das um zwei persische Meilen von hier entfernt ist.« Rustan willigte ein. Das Orakel sprach: »Wenn du gen Osten reisest, wirst du nach Westen kommen.« Rustan begriff nichts von diesem Spruch. Topas blieb dabei, er enthalte nichts Gutes, der stets willfährige Eben jedoch redete seinem Herren ein, er sei ausnehmend günstig. Es gab noch ein anderes Orakel in Kabul, und sie begaben sich auch dorthin. Dieses Kabuler Orakel antwortete mit diesen Worten: »Wenn du besitzest, wirst du nicht besitzen, bist du Sieger, so siegest du dennoch nicht, und bist du Rustan, so wirst du es nicht bleiben.« Dieser Orakelspruch erschien noch unverständlicher als der vorige. »Hütet Euch«, sagte Topas. »Fürchtet nichts«, rief Eben, und dieser Minister bekam, wie man leicht glauben wird, von seinem Herrn, dessen Leidenschaften und Hoffnungen er anstachelte, stets recht. Nachdem sie Kabul verlassen hatten, kamen sie durch einen großen Wald, setzten sich zum Essen auf das Moos nieder und ließen die Pferde grasen. Als sie sich nun gerade anschickten, den Elefanten abzuladen, der das Mittagsmahl und das Tischzeug trug, ward man plötzlich gewahr, daß Topas und Eben sich nicht mehr bei der kleinen Karawane befanden. Man rief sie, der Wald hallte von den Namen Eben und Topas wider, die Diener suchten allenthalben nach ihnen und erfüllten den Wald mit ihrem Geschrei – und jedesmal kehrten sie zurück, ohne etwas gesehen zu haben und ohne daß ihnen geantwortet worden wäre. »Wir haben nichts anderes gefunden«, sprachen sie zu Rustan, »als einen Geier, der mit einem Adler kämpfte und ihm alle seine Federn ausriß.« Die Beschreibung dieses Kampfes reizte Rustans Neugier, und er begab sich zu Fuß an den Ort: weder Geier noch Adler waren zu sehen, aber er gewahrte, wie sein noch mit allem Gepäck über und über beladener Elefant von einem mächtigen Nashorn angefallen wurde. Das eine Tier stieß mit seinem Horn, das andere schlug mit seinem Rüssel. Beim Anblick Rustans ließ das Nashorn seine Beute fahren, man brachte den Elefanten zurück, aber die Pferde waren nicht mehr zu finden. »Gar seltsame Dinge geschehen in den Wäldern, wenn man reist«, rief Rustan. Die Diener waren bestürzt und der Herr verzweifelt darüber, zu gleicher Zeit seine Pferde, seinen lieben Neger und den weisen Topas verloren zu haben, für den er stets Freundschaft empfunden hatte, wenn er auch niemals einer Meinung mit ihm gewesen war. Die Hoffnung, bald zu Füßen der schönen Prinzessin von Kaschmir zu sein, tröstete ihn jedoch, und von ungefähr begegnete er einem großen gestreiften Esel, dem ein stämmiger Bauernlümmel, der schrecklich anzusehen war, hundert Stockschläge verabfolgte. Nichts ist so schön, so selten und im Gang so leicht wie die Esel dieser Gattung. Dieser hier beantwortete die verstärkten Schläge des Unholdes mit einem Gewieher, das eine Eiche hätte entwurzeln können. Der junge Mirza nahm, wie billig, für den Esel Partei, welcher ein gar liebliches Geschöpf war. Der Bauernlümmel lief davon und rief noch dem Esel zu: »Das sollst du mir büßen!« Der Esel dankte dem Befreier in seiner Sprache, drängte sich an ihn, ließ sich liebkosen und liebkoste wieder. Nachdem Rustan sein Mahl verzehrt hatte, saß er auf und schlug mit seiner Dienerschaft, die ihm teils zu Fuß, teils auf dem Elefanten folgte, den Weg nach Kaschmir ein. Kaum saß er jedoch auf seinem Esel, so wandte sich das Tier, anstatt dem Wege nach Kaschmir zu folgen, gen Kabul. Sein Herr mochte lenken so viel er nur wollte, die Zügel zerren, anziehen, freilassen, mit den Schenkeln drücken, Sporen setzen und von links und rechts peitschen, unentwegt lief das störrichte Tier auf Kabul zu. Rustan geriet in Schweiß, mühte sich ab, verzweifelte ... als er einem Kamelhändler begegnete, der ihn also ansprach: »Herr, du hast da einen recht boshaften Esel, der dich dorthin bringt, wohin du gar nicht willst; wenn du ihn mir überlassen wolltest, würde ich dir vier meiner Kamele zur Auswahl geben.« Rustan dankte der Vorsehung, ihm einen so guten Handel zugeschanzt zu haben. »Wie unrecht hatte nicht Topas,« rief er, »als er mir sagte, meine Reise würde einen unglücklichen Verlauf nehmen«, und damit stieg er auf das schönste Kamel, die drei anderen hielten sich hinterdrein, und so erreichte er seine Karawane wieder und sah sich nun auf dem Wege seines Glücks. Kaum war er jedoch vier persische Meilen voran gekommen, so wurde er von einem tiefen breiten und reißenden Strome angehalten, der gischtumspülte Felsblöcke dahinrollte. Die beiden Ufer waren grausige Abstürze, die das Auge schwindeln und den Mut gefrieren ließen. Kein Mittel hinüber zu gelangen, keines nach rechts oder links auszubiegen. »Ich fange zu fürchten an,« sagte Rustan, »Topas möchte recht gehabt haben, meine Reise zu tadeln, und ich großes Unrecht, sie zu unternehmen: wenn er hier wäre, könnte er mir wenigstens irgend einen guten Rat geben; hätte ich noch Eben, würde er mich trösten und Auswege finden, aber alles hat mich im Stiche gelassen.« Seine Verlegenheit wurde durch die Bestürzung seiner Truppe noch vergrößert. Die Nacht war schwarz, und man verbrachte sie unter lautem Wehklagen. Schließlich schläferten Ermüdung und Niedergeschlagenheit den verliebten Reisenden ein. Mit Tagesanbruch wachte er auf und sah eine schöne Marmorbrücke über den Strom geschlagen, von einem Ufer zum anderen. Ausrufe, Schreie der Freude und Verwunderung erschollen! War es möglich? War es ein Traum? Welches Wunder! Welches Entzücken! Sollen wir hinüber zu schreiten wagen? Die ganze Truppe kniete nieder, erhob sich, ging zur Brücke, küßte den Boden, blickte zum Himmel empor, streckte die Arme aus, setzte zitternd die Füße auf, lief hin und her, war außer sich, und Rustan sagte: »Für dies Mal ist der Himmel mir günstig; Topas wußte nicht, was er sagte, die Orakel sprachen zu meinen Gunsten: Eben hatte recht! Warum ist er nur nicht hier?« Kaum befand sich die Truppe jenseits des Stromes, so stürzte die Brücke auch schon mit furchtbarem Getöse in die Fluten hinab. »Um so besser, um so besser,« schrie Rustan, »Gott sei gelobt, der Himmel sei gesegnet! Er will nicht, daß ich zurückkehre in mein Land, wo ich doch nur ein einfacher Edelmann gewesen wäre. Er will, ich soll die heiraten, die ich liebe: und dann werde ich Fürst von Kaschmir sein! Auf diese Weise werde ich dadurch, daß ich meine Geliebte besitze, meine kleine Grafschaft in Kandahar nicht besitzen, ich werde Rustan sein, und es doch nicht sein, da ich ja dann ein großer Fürst bin: so läßt sich ein guter Teil des Orakels zu meinen Gunsten auslegen, und ebenso wird es mit dem Rest ergehen, ach, ich bin überglücklich! Warum ist nur Eben nicht bei mir; ich vermisse ihn tausendmal mehr als Topas.« Er zog noch ein paar persische Meilen in der allergrößten Fröhlichkeit weiter, gegen das Ende des Tages aber versperrte ein Berggürtel, der steiler war als ein Festungswall und höher als der Turm zu Babel gewesen, wäre er je vollendet worden, auf allen Seiten der furchtgeschüttelten Karawane den Weg. Alle schrien: »Gott will, daß wir hier umkommen; er hat die Brücke nur zertrümmert, um uns alle Hoffnung auf Rückkehr zu benehmen, und das Gebirge hat er nur errichtet, um uns jede Möglichkeit des Weiterschreitens zu rauben! Oh Rustan, oh unglückseliger Baron, wir werden Kaschmir niemals erblicken und niemals wieder den Boden von Kandahar betreten.« Der brennendste Schmerz, die überwältigendste Niedergeschlagenheit folgten in Rustans Seele auf die maßlose Freude, die er empfunden, und auf die Hoffnungen, an denen er sich berauscht hatte: nun war er weit davon entfernt, die Prophezeiungen zu seinem Vorteile zu deuten. »Oh Himmel, oh du väterlicher Gott, warum mußte ich meinen Freund Topas verlieren!« Während er unter tiefen Seufzern und inmitten seines verzweifelten Gefolges Tränen vergießend diese Worte aussprach, öffnete sich urplötzlich der Schoß der Berge vor ihm, ein langer überwölbter, von hunderttausend Fackeln erhellter Gang dehnte sich vor den geblendeten Augen, und Rustan schrie auf, und seine Leute brachen in die Kniee und fielen vor Erstaunen auf den Rücken und schrien Wunder über Wunder und riefen: »Rustan ist ein Liebling Wischnus, ist Brahmas Geliebter, er wird der Herr der Welt werden!« Rustan glaubte es. Er war außer sich und hoch über sich selbst erhoben. »Ach Eben, mein geliebter Eben, wo bist du? Warum bist du nicht Zeuge all dieser Wunder! Wie habe ich dich nur verloren? Schöne Prinzessin von Kaschmir, wann werde ich Eure Lieblichkeit wiedererblicken?« Er zog mit seinen Dienern, seinem Elefanten und seinen Kamelen in das Berggewölbe hinein, und auf der anderen Seite kam er in eine blumenübersäte, von Bächen gerahmte Wiese, und am Ende der Wiese liefen bis ins Unabsehbare hinein von Bäumen eingefaßte Wege, und am Ende dieser Wege war ein Fluß, an dessen Ufern tausend Landhäuser mit herrlichen Gärten lagen. Überall hörte Rustan singen und spielen, überall sah er Reigen und Tänze. Er beeilte sich, über eine der Brücken des Flusses zu gelangen, und den ersten Menschen, dem er begegnete, fragte er, welch schönes Land dies sei? Und der, den er angesprochen, antwortete ihm: »Ihr seid im Lande Kaschmir! Ihr sehet die Bewohner in Freuden und Lustbarkeiten, denn wir feiern die Hochzeit unserer schönen Prinzessin, die sich mit dem Fürsten Barbabu vermählt, dem ihr Vater sie zugesprochen hat. Möge Gott ihrer Glückseligkeit Dauer gewähren!« Bei diesen Worten sank Rustan in Ohnmacht. Der kaschmirische Edelmann glaubte, er sei von Krämpfen befallen, und ließ ihn in sein Haus tragen, wo er lange bewußtlos blieb. Man sandte nach den beiden geschicktesten Ärzten des Landes, sie befühlten den Puls des Kranken, der, sobald er nur wieder ein wenig zum Bewußtsein gekommen war, Seufzer ausstieß, die Augen rollte und von Zeit zu Zeit ausrief: »Topas, Topas, wie recht hattest du nicht!« Einer der beiden Ärzte sagte zu dem kaschmirischen Edelmanne: »Ich erkenne an seinem Tonfall, daß er ein junger Mann aus Kandahar ist, dem die Luft unseres Landes nicht bekommt, man muß ihn wieder in seine Heimat schaffen; an seinen Augen sehe ich ferner, daß er toll geworden ist, vertrauet ihn mir an, ich will ihn in seine Heimat bringen und gesund machen.« Der andere Arzt versicherte, er sei nur aus Gram krank, man müsse ihn auf die Hochzeit der Prinzessin führen und tanzen lassen. Während sie untereinander berieten, kam der Kranke zur Besinnung, die beiden Arzte wurden verabschiedet und Rustan blieb mit seinem Wirte allein. »Edler Herr,« sprach er zu ihm, »ich bitte Euch um Verzeihung, daß ich vor Euch in Ohnmacht gefallen bin. Ich weiß wohl, daß sich dieses nicht schickt. Ich bitte Euch inständigst, meinen Elefanten zum Dank für die Freundlichkeiten annehmen zu wollen, die Ihr mir erwiesen habt.« Darauf erzählte er ihm all seine Abenteuer, hütete sich aber wohl, ihm den Zweck seiner Reise zu nennen. »Im Namen Wischnus und Brahmas,« sprach er endlich, »sagt mir, wer dieser glückliche Barbabu ist, der die Prinzessin von Kaschmir heiratet, sagt mir, weshalb ihr Vater ihn sich zum Eidam erwählt und weshalb die Prinzessin ihn als Gatten angenommen hat?« »Edler Herr,« erwiderte ihm der Edle aus Kaschmir, »die Prinzessin hat Barbabu keineswegs angenommen, im Gegenteil, während das ganze Land voller Freude ihre Heirat feiert, schwimmt sie in Tränen. Sie sitzt im Turm ihres Schlosses eingesperrt und will keine der Lustbarkeiten sehen, die man für sie veranstaltet.« Als Rustan diese Worte vernahm, fühlte er sich wie neugeboren, und der Schmelz seiner Farben, die vor seinem Schmerze dahingewelkt waren, flog wieder über sein Angesicht. »Sagt mir, ich bitte Euch,« fuhr er fort, »weshalb der Fürst von Kaschmir darauf besteht, seine Tochter einem Barbabu zu geben, den sie nicht will?« »Dies verhält sich so,« erwiderte der aus Kaschmir: »ist Euch bekannt, daß unser erlauchter Fürst einen großen Diamanten und einen Wurfspeer verloren hat, an denen sein Herz über die Maßen hing?« »Ja,« sagte Rustan, »ich weiß es wohl.« »So vernehmet dann also,« sagte sein Wirt, »daß unser Fürst aus Verzweiflung darüber, von diesen beiden Schätzen nichts gehört zu haben, obgleich er nach ihnen lange durch die ganze Welt hat suchen lassen, demjenigen seine Tochter versprach, der ihm den einen oder den anderen wiederbringen würde. Nun ist ein Edelmann namens Barbabu gekommen und hat den Diamanten gebracht – und morgen heiratet er die Prinzessin.« Rustan erbleichte, stammelte ein paar höfliche Worte, verabschiedete sich von seinem Wirt und eilte auf seinem Dromedar in die Hauptstadt, wo die Feierlichkeit vor sich gehen sollte. Er gelangte vor das Schloß des Fürsten, gab vor, ihm wichtige Dinge mitzuteilen zu haben, und bat um eine Audienz. Man erwiderte, der Fürst sei mit Vorbereitungen für die Hochzeit beschäftigt. »Gerade wegen dieser Hochzeit will ich ihn ja sprechen!« Er drängte so sehr, daß er vorgelassen ward. »Mein Fürst,« sprach er, »Gott möge all Eure Tage mit Ruhm und Herrlichkeit krönen! Euer Schwiegersohn ist ein Spitzbube.« »Ein Spitzbube! Was untersteht Ihr Euch! Darf man so zu einem Herzog von Kaschmir über den Eidam sprechen, den er sich erwählt hat?« »Ja, ein Spitzbube,« wiederholte Rustan, »und um es Eurer Hoheit zu beweisen: hier bringe ich Euch Euren Diamanten.« Über die Maßen verwundert, verglich der Herzog die beiden Diamanten, und da er sich nicht allzugut darauf verstand, vermochte er nicht zu entscheiden, welches der echte sei. »Da sind nun zwei Diamanten,« rief er, »und ich habe nur eine Tochter! In welch seltsame Verlegenheit bin ich geraten!« Er ließ Barbabu kommen und fragte ihn, ob er ihn hintergangen habe? Barbabu schwur, er habe seinen Diamanten von einem Armenier gekauft: Rustan sagte nicht, von wem er den seinen hatte, aber er schlug einen Ausweg des Endes vor: es möge seiner Hoheit gefallen, ihn auf der Stelle mit seinem Nebenbuhler kämpfen zu lassen. »Es ist nicht genug, daß Euer Eidam nur einen Diamanten bringt,« sagte er, »er muß auch Beweise seiner Tapferkeit ablegen: und sollte es Euch nicht belieben, daß der, so den anderen tötet, die Hand der Prinzessin erhält?« »Ausgezeichnet,« erwiderte der Fürst, »das wird ein ausnehmend schönes Schauspiel für den Hof abgeben: kämpfet nur ja recht schnell miteinander, der Sieger soll, wie es Brauch ist in Kaschmir, die Waffen des Besiegten zu eigen haben und meine Tochter heiraten.« Die beiden Bewerber stiegen sogleich in den Hof hinab. Auf der Treppe saß eine Taube und ein Rabe. Der Rabe schrie: »Kämpfet, kämpfet miteinander«, die Taube: »Kämpfet nicht.« Der Fürst mußte hierüber lachen, die beiden Nebenbuhler jedoch beachteten es kaum: sie begannen den Kampf, und alle Höflinge bildeten einen Kreis rings um sie. Die Prinzessin, die sich noch immer in ihrem Turme verborgen hielt, hatte dem Schauspiel nicht beiwohnen wollen; sie war weit davon entfernt zu ahnen, daß ihr Geliebter in Kaschmir sei, und vor Barbabu empfand sie einen solchen Abscheu, daß sie nichts sehen wollte. Der Kampf nahm den besten Verlauf von der Welt. Barbabu wurde stracks getötet, und das Volk war entzückt darüber, weil er häßlich, Rustan hingegen sehr hübsch war: fast immer ist es dies, was über die öffentliche Gunst entscheidet. Der Sieger bekleidete sich mit dem Kettenhemd, der Schärpe und dem Helm des Besiegten und zog unter dem Klang der Fanfaren, geleitet von dem gesamten Hofstaat, vor die Fenster seiner Geliebten. Das Volk schrie: »Schönste Prinzessin, kommt und seht Euren schönen Gemahl, der seinen garstigen Nebenbuhler getötet hat«, und ihre Frauen wiederholten diese Worte. Die Prinzessin steckte zum Unglück den Kopf aus dem Fenster, und da sie die Rüstung eines Mannes sah, den sie verabscheute, lief sie von Verzweiflung gepackt an ihren chinesischen Koffer und schleuderte den unheilvollen Wurfspeer, der ihren geliebten Rustan an der Blöße zwischen Harnisch und Helm durchbohrte. Er stieß einen lauten Schrei aus, und in diesem Schrei glaubte die Prinzessin die Stimme ihres unglücklichen Geliebten wiederzuerkennen. Sie eilte mit fliegenden Haaren, den Tod in Herz und Antlitz, hinab. Rustan war schon über und über blutend in die Arme ihres Vaters gesunken. Sie erblickt ihn! Oh welche Sekunde, welcher Anblick, welches Wiedererkennen, unaussprechlich in seiner Qual, in seiner Zärtlichkeit, in seinem Entsetzen. Sie wirft sich über ihn und umschlingt ihn mit ihren Armen: »Du empfängst«, sprach sie zu ihm, »die ersten und die letzten Küsse von deiner Geliebten und Mörderin.« Sie zieht den Spieß aus der Wunde, stößt ihn in ihr Herz und stirbt auf dem angebeteten Geliebten. Der bestürzte entsetzte Vater war nahe daran, gleich ihr zu sterben, und versuchte vergebens sie ins Leben zurückzurufen. Sie war nicht mehr. Er verfluchte den unheilvollen Speer, zerbrach ihn in Stücke und warf seine beiden verhängnisvollen Diamanten weit von sich fort, und während man anstatt der Hochzeit das Begräbnis seiner Tochter vorbereitete, ließ er den blutüberströmten Rustan, in dem noch ein letzter Hauch von Leben war, in sein Schloß tragen. Man legte ihn auf ein Bett nieder, und das erste, was er zu beiden Seiten dieses Totenbettes erblickte, waren Topas und Eben. Seine Überraschung gab ihm ein wenig Kraft wieder: »Ah, ihr Grausamen,« rief er, »warum hattet ihr mich verlassen! Wäret ihr dem unglücklichen Rustan zur Seite gewesen, würde die Prinzessin vielleicht noch leben.« »Ich habe Euch nicht für einen einzigen Augenblick verlassen«, sagte Topas. »Ich war Euch stets zur Seite«, rief Eben. »Oh, was sagt ihr,« antwortete Rustan mit ersterbender Stimme, »warum beleidigt ihr mich in meiner letzten Stunde.« »Ihr dürft mir Glauben schenken«, sagte Topas. »Ihr wißt, daß ich diese unheilvolle Reise niemals gebilligt habe, weil ich ihre schrecklichen Folgen voraussah. Ich bin der Adler gewesen, der gegen den Geier kämpfte und von ihm entfedert wurde; ich war der Elefant, der mit dem Gepäck davon lief, um Euch zur Rückkehr in Euer Vaterland zu zwingen; ich war der gestreifte Esel, der Euch wider Euren Willen stets zu Eurem Vater zurücktragen wollte, ich war es, der Eure Pferde zerstreute, ich war's, der den Strom erschuf, um Euch am Weiterreisen zu hindern, ich habe die Berge errichtet, die Euch den so verhängnisvollen Weg versperren sollten; ich war der Arzt, der Euch die heimatliche Luft verordnete, ich war die Taube, die Euch vom Kampfe abriet!« »Und ich,« sagte Eben, »ich war der Geier, der den Adler entfederte, und das Nashorn, das dem Elefanten hundert Hörnerstöße versetzte, und der Unhold, der den gestreiften Esel prügelte, und der Kaufmann, der Euch die Kamele gab, um Euch Eurem Untergange zuzutreiben! Ich habe die Brücke gebaut, die Ihr überschrittet, ich grub die Bergschlucht, die Ihr durchquertet, ich bin der Arzt, der Euch zum Weiterreisen ermutigt, und der Rabe, der Euch zum Kampfe angefeuert hat.« »Ach, gedenke doch der Orakelsprüche,« sagte Topas: »Wenn du gen Osten wanderst, wirst du im Westen sein.« »Ja,« sagte Eben, »man begräbt hier die Toten, das Antlitz nach Westen gerichtet: das Orakel war klar, warum hast du es nicht verstanden? Du hast besessen und besaßest doch nicht, denn du hattest zwar den Diamanten, aber er war falsch, du wußtest es nur nicht, du bist Sieger – und stirbst, du bist Rustan und hörst auf, es zu sein, denn du hast deine Tage vollendet.« Während er dieses sprach, entwuchsen dem Leibe des Topas vier weiße Flügel, und vier schwarze sproßten aus Ebens Leib. »Was sehe ich«, rief Rustan. Topas und Eben aber antworteten zu gleicher Zeit: »Du siehst deine beiden Genien!« »Ach, meine Herren,« sprach der unglückliche Rustan zu ihnen, »worauf lasset ihr euch ein! Und warum denn zwei Genien für einen armseligen Menschen?« »So will's das Gesetz,« sagte Topas, »jeder Mensch hat seine zwei Genien zu haben, Plato hat es zuerst ausgesprochen und andere haben es später wiederholt. Du siehst, daß nichts wahrer sein kann: ich, der ich zu dir spreche, ich bin dein guter Genius, meine Aufgabe war es, über dir zu wachen bis zum letzten Augenblick deines Lebens – ich habe sie treulich erfüllt meine Aufgabe.« »Aber,« sagte der Sterbende, »wenn es dein Amt gewesen, mir zu dienen, so bin ich also von höherer Art als du, und wie kannst du da zu sagen wagen, du seiest mein guter Genius, da du mich in allem hast getäuscht werden lassen, was ich unternahm, und mich nun elendiglich sterben lassest, mich und meine Geliebte!« »Ach, es war dein Schicksal«, sagte Topas. »Wenn das Schicksal das ist, was alles vollbringt,« sagte der Sterbende, »was nützet dann noch ein Genius? Und du Eben, du mit deinen vier schwarzen Flügeln, du bist augenscheinlich mein böser Genius?« »Du sagst es«, antwortete Eben. »Aber warst du denn auch der böse Genius meiner Prinzessin?« »Nein, sie hatte den ihren, ich habe ihm nach besten Kräften beigestanden!« »Oh, verfluchter Eben, wenn du so böse bist, so entstammst du also nicht demselben Schöpfer, wie Topas, so seid ihr beiden also von zwei verschiedenen Mächten geschaffen worden, von denen die eine ihrem Wesen nach gut, die andere aber schlecht ist?« »Das ist keine notwendige Folgerung,« erwiderte Eben, »immerhin aber eine große Bedenklichkeit.« »Es ist nicht möglich,« rief der Dahinscheidende, »daß ein gütiges Wesen einen so unheilbringenden Genius erschaffen hätte.« »Möglich oder nicht,« erwiderte Eben, »die Sache verhält sich, wie ich dir sage.« »Ach, mein armer Freund,« rief Topas, »siehst du denn nicht, daß jener Hallunke dort noch jetzt die Bosheit besitzet, dich zum Streiten zu bringen, um dein Blut zu erhitzen und die Stunde deines Hinganges zu beschleunigen?« »Geh, ich bin kaum zufriedener mit dir als mit ihm,« versetzte der traurige Rustan; »er gesteht wenigstens ein, daß er mir hat Böses zufügen wollen, aber auch du, der du doch vorgabst, mich zu schirmen, auch du bist mir zu nichts nütze gewesen.« »Das tut mir herzlich leid«, sprach der gute Genius. »Mir auch,« sagte der Sterbende, »in all dem ist jedoch etwas, das ich nicht begreife.« »Ich auch nicht«, sagte der arme gute Genius. »In wenigen Augenblicken werde ich darüber belehrt werden«, sagte Rustan. »Das wollen wir noch erst sehen«, erwiderte Topas. Und damit verschwand alles. Rustan fand sich in seinem Vaterhause, das er nicht verlassen, und in seinem Bette wieder, in dem er eine Stunde lang geschlafen hatte. In Schweiß gebadet und völlig verwirrt, fuhr er jach auf und rief und schrie und klingelte in fliegender Hast. Gähnend eilte sein Kammerdiener Topas herbei, die Nachtmütze auf dem Kopf. »Bin ich tot, bin ich lebendig?« rief Rustan, »wird auch die schöne Prinzessin von Kaschmir mit heiler Haut davonkommen?« ... »Träumt mein gnädigster Herr?« fragte Topas kühl. »Ah,« schrie Rustan, »was ist denn aus dem Unhold Eben mit seinen vier schwarzen Flügeln geworden? Er ist schuld, daß ich eines so grausamen Todes sterben muß!« – »Gnädiger Herr, Eben schnarcht gemächlich über uns, befehlt Ihr, daß er herabgerufen werde?« »Der Bösewicht! Seit vollen sechs Monaten verfolgt er mich! Wer anderes denn er hat mich auf den verdammten Jahrmarkt zu Kabul gebracht! Nur er hat mir den Diamanten entwendet, den mir die Prinzessin geschenkt hatte; er allein hat meine Reise verursacht und den Tod meiner Prinzessin, und den Speerwurf, an dem ich nun sterbe in der Blüte meiner Jahre.« »Kommet zu Euch,« sagte Topas, »niemals seid Ihr in Kabul gewesen, eine Prinzessin von Kaschmir gibt es nicht, denn ihr Vater hat einzig und allein zwei Knaben gehabt, die augenblicklich die Schule besuchen, und auch einen Diamanten habt Ihr nie besessen; die Prinzessin kann nicht gestorben sein, da sie niemals geboren wurde, und Euch selber geht es wunderbar gut.« »Wie! Du hättest mich in dem Bette des Fürsten von Kaschmir nicht auf den Tod vorbereitet? Hast du mir nicht gestanden, du seiest, um mich vor all meinem Unglück zu bewahren, Adler, Elefant, gestreifter Esel, Arzt und Taube gewesen?« »Ihr habt das alles nur geträumt, mein gnädigster Herr, unsere Gedanken hängen im Schlafe nicht mehr von uns ab als im Wachen. Gott hat es gefallen, Euch diese Gedankenreihe durch den Kopf gehen zu lassen, wahrscheinlich um Euch eine Lehre zu geben, die Ihr nützen sollet.« »Du machst dich lustig über mich,« erwiderte Rustan, »wie lange habe ich denn geschlafen?« »Kaum eine Stunde, gnädigster Herr.« »Wohlan, du verdammter Klugschwätzer, wie kann es sein, daß ich im Verlauf einer Stunde vor sechs Monaten in Kabul gewesen, von dort zurückgekehrt, nach Kaschmir gereist und dorten mitsamt der Prinzessin und Barbabu gestorben bin?« »Gnädiger Herr, nichts ist einfacher. Ihr hättet in weit kürzerer Zeit eine wirkliche Reise um die Welt machen und noch viel mehr Abenteuer erleben können. Könnt Ihr denn in einer Stunde nicht ein Kompendium der Geschichte der Perser von Zoroaster lesen? Und dennoch umfaßt dieses Kompendium achthunderttausend Jahre. Alle diese Ereignisse ziehen innerhalb einer Stunde nacheinander an Euren Augen vorüber, also müsset Ihr mir zugeben, daß es Brahma ebenso leicht sein würde, sie in die Spanne einer Stunde zusammenzuballen, wie über einen Zeitraum von achthunderttausend Jahren zu verstreuen, das ist genau dasselbe. Stellt Euch vor, die Zeit drehe sich auf einem Rade, dessen Durchmesser unendlich sei; unter diesem ungeheuren Rade befände sich eine unzählige Menge ineinandergeschachtelter Räder, das mittelste sei unwahrnehmbar klein und mache eine unendliche Zahl von Umdrehungen genau in derselben Zeit, in der das große Rad nur eine einzige zurücklegt. Es ist klar, daß alle Ereignisse, vom Anbeginn der Welt bis zu ihrem Ende, nacheinander in weit weniger Zeit als dem hunderttausendsten Teil einer Sekunde vor sich gehen könnten, ja, man könnte sogar sagen, es geschehe dem so.« »Ich verstehe von alledem nichts«, sagte Rustan. »Wenn's Euch beliebt,« erwiderte Topas, »so besitze ich einen Papagei, der es Euch gar leicht verständlich machen könnte: er ist einige Zeit vor der Sintflut geboren und mit in der Arche gewesen; er hat viel gesehen. Dennoch ist er erst ein und ein halbes Jahr alt: er wird Euch seine überaus interessante Geschichte gern erzählen.« »Holet mir schnell Euren Papagei,« sagte Rustan, »er soll mir die Zeit vertreiben, bis ich wieder einschlafen kann.« »Er ist bei meiner Schwester, der Nonne,« erwiderte Topas; »ich will ihn holen, Ihr werdet zufrieden sein mit ihm, sein Gedächtnis ist treu, er erzählt schlicht, ohne jede Sucht, stets geistreich zu sein, und ohne alle Redensarten.« »Um so besser,« sagte Rustan, »so liebe ich Geschichten.« Man brachte ihm den Papagei und der Vogel hub folgendermaßen zu sprechen an:   NB. Fräulein Katharina Vadi hat die Geschichte des Papageis niemals in der Mappe ihres verstorbenen Vetters, des Verfassers dieser Geschichte, auffinden können. In Anbetracht der Zeit, in der dieser Papagei gelebt hat, ist das wirklich schade. Hans und Klaas 1764   Mehrere glaubwürdige Personen haben Hans und Klaas in Issoire, einer wegen ihres Kollegiums und ihrer Kochkessel auf dem ganzen Erdenrunde berühmten Stadt der Auvergne, zusammen in der Schule gesehen. Hans war der Sohn eines sehr geschätzten Maultierhändlers, Klaas verdankte sein Leben einem wackeren Ackersmann aus der Umgegend, welcher das Land mit vier Maultieren bebaute und sich jedesmal nach dem Bezahlen der Bürgersteuer, der Beisteuer, der Zehr- und Salzsteuer (einen Pfennig aufs Pfund) und der Kopf- und Bodenertragssteuer am Schluß des Jahres nicht gar übermäßig reich sah. Für Auvergnaten waren Hans und Klaas recht hübsch: sie liebten einander sehr und hatten zusammen kleine Vertraulichkeiten und Gemeinsamkeiten, an die man stets mit Freuden zurückdenkt, wenn man einander später wiederbegegnet in der Welt. Die Zeit ihrer Studien näherte sich gerade ihrem Ende, als ein Schneider dem Hans einen Anzug aus dreifarbigem Samt mit einer äußerst geschmackvollen Lyonäser Weste überbrachte; das Ganze begleitete ein Brief an Herren von der Hänserich. Klaas bewunderte den Anzug und ward keineswegs eifersüchtig, Hans jedoch nahm einen überlegenen Ausdruck an, was Klaas betrübte. Von diesem Augenblicke an lernte Hans nichts mehr, besah sich im Spiegel und verachtete alle Welt. Einige Zeit darauf kam ein Kammerdiener mit der Post und brachte einen zweiten Brief an den Herren Marquis von der Hänserich; er enthielt ein Geheiß seines Herren Vaters, des Inhaltes, sein Herr Sohn möge nach Paris kommen. Hans bestieg die Kutsche und reichte Klaas mit einem recht fürnehmen Beschützerlächeln lässig die Hand. Klaas empfand seine Nichtigkeit und weinte. Hans reiste im vollen Gepränge seines Ruhmes ab. Die Leser, welche gern unterrichtet sein wollen, sollen erfahren, daß Herr Hans der Vater ziemlich schnell ein ungeheures Vermögen in Geschäften erworben hatte. Ihr fragt, auf welche Weise man denn solche großen Vermögen erwerbe? Man muß Glück haben. Herr Hans war wohlgewachsen, seine Frau ebenfalls, und sie war auch noch recht jugendfrisch. Sie waren wegen eines Prozesses, der sie zugrunde richtete, nach Paris gefahren, und da brachte sie das Schicksal, das die Menschen nach seiner Willkür erhebt und hinabstößt, mit der Frau eines Militärkrankenhausunternehmers zusammen, eines außergewöhnlich begabten Mannes, der sich rühmen konnte, innerhalb eines Jahres mehr Soldaten getötet zu haben, als eine Kanone in zehn Jahren umbringt. Hans gefiel der Gattin, Hansens Frau dem Gatten, und gar bald war Hans an dem Unternehmen beteiligt. Aber er ließ sich auch noch auf andere Geschäfte ein. Sobald man erst einmal in den Strom des Wassers gelangt ist, braucht man sich nur noch treiben zu lassen; mühelos macht man ein unermeßliches Vermögen. Die armen Lumpe, die einen vom Ufer aus mit vollen Segeln dahinschaukeln sehn, reißen verwunderte Augen auf; sie begreifen nicht, wie's einem hat gelingen können, beneiden uns aufs Geratewohl und verfassen Schmähschriften gegen uns, welche man aber nicht liest. Dies widerfuhr denn auch Hans dem Vater, der gar bald Herr von der Hänserich wurde, und, nachdem er im Lauf eines halben Jahres ein Marquisat gekauft, den Herren Marquis, seinen Sohn, aus der Schule nahm, um ihn in Paris in die vornehme Welt zu bringen. Der stets zärtliche Klaas schrieb einen Brief voller Artigkeiten an seinen alten Kameraden, und zwar: um ihn zu beglückwünschen . Der kleine Marquis antwortete nicht, und Klaas ward darüber krank vor Gram. Vater und Mutter nahmen für den jungen Marquis zunächst einen Hofmeister an: dieser Hofmeister, ein gar feiner Mann, der nichts wußte, konnte seinen Zögling auch nichts lehren. Der gnädige Herr wünschten, sein Sohn solle Latein lernen, die gnädige Frau jedoch wünschten es nicht. Sie erwählten einen Schriftsteller zum Schiedsrichter, der damals durch gefällige Arbeiten gerade berühmt war: er wurde zum Essen geladen. Der Herr des Hauses begann das Gespräch mit den Worten: »Da Sie Latein können, mein Herr, und ein Hofmann sind..« »Ich, Latein, Herr? Ich weiß kein Wort Latein,« unterbrach ihn der Schöngeist, »und fahre gut dabei, denn es ist klar, daß man seine eigene Sprache viel besser spricht, wenn man seinen Fleiß nicht zwischen ihr und fremden Sprachen teilt: sehen Sie einmal all unsere Damen an, aller Geist ist angenehmer als der der Männer, und ihre Briefe sind mit hundertmal mehr Anmut geschrieben; diese Überlegenheit über uns verdanken sie nur dem einen Umstände, daß sie kein Latein wissen.« »Siehst du, hatte ich nicht recht«, rief die Gattin. »Ich will, daß mein Sohn ein geistvoller Mann werde und in der Welt vorwärts komme; wüßte er Latein, so würde er, wie du nun wohl einsiehst, verloren sein: spielt man denn etwa, wenn's beliebt, Schauspiele oder Opern auf lateinisch, verteidigt man sich vor Gericht in einem Prozesse auf lateinisch, liebt man gar auf lateinisch?« Von diesen Vernunftsgründen geblendet, sah der Gatte sein Unrecht ein, und so wurde denn beschlossen, der junge Marquis solle seine Zeit nicht damit verlieren, Cicero, Horaz und Virgil kennen zu lernen. Was sollte er aber lernen, denn irgend etwas mußte er doch schließlich wissen: könnte man ihn nicht ein wenig in Geographie unterrichten lassen? »Wozu ihm das wohl nützlich sein sollte!« erwiderte der Hofmeister. »Wenn der Herr Marquis einst auf seine Güter reisen wird, werden dann die Postkutscher die Wege etwa nicht wissen? Gewißlich werden sie ihn nicht in die Irre fahren! Zum Reisen braucht man keinen Quadranten, und von Paris nach der Auvergne gelangt man gar bequem, ohne daß man zu wissen nötig hätte, unter welcher Breite man sich befindet.« »Sie haben recht,« erwiderte der Vater, »aber ich habe von einer schönen Wissenschaft sprechen hören, welche man, glaube ich, Astronomie nennt.« »Es ist ein Jammer!« entgegnete der Hofmeister. »Richtet man denn in dieser Welt sein Leben nach den Gestirnen, und täte es not, daß der Herr Marquis sich mit der Berechnung einer Finsternis zu Tode quälte, da er sie ja doch genau im Kalender angegeben findet, im Kalender, der ihn außerdem noch die beweglichen Feste, das jeweilige Alter des Mondes und das Alter sämtlicher Prinzessinnen Europas lehrt?« Die gnädige Frau war völlig der Meinung des Hofmeisters, der kleine Marquis wußte sich vor Freuden kaum zu lassen, und der Vater blieb unentschlossen. »Was soll meinem Sohne dann aber gelehrt werden?« rief er. »Liebenswürdig zu sein,« antwortete der Freund, den man nun um Rat fragte; »besitzt er erst die Mittel, zu gefallen, so kann er alles, und diese Kunst wird er bei seiner Frau Mutter erlernen, ohne daß es weder ihr noch ihm die geringste Mühe kosten soll.« Auf diese Rede hin umarmte die gnädige Frau den artigen Nichtswisser und sagte zu ihm: »Man sieht es wohl, mein Herr, Sie sind der gelehrteste Mann von der Welt, mein Sohn wird Ihnen seine ganze Bildung zu verdanken haben: dennoch meine ich, es würde nicht schlecht sein, wenn er etwas Geschichte wüßte.« »Ach, gnädige Frau, wozu sollte ihm das wohl frommen,« erwiderte jener, »angenehm und nützlich ist gewißlich nur die Geschichte des Tages, alle alte Geschichte ist, wie einer unserer Schöngeister Fontenelle gesagt hat, nur ein vorsätzlich geglaubtes Märchen und die moderne ein Chaos, das man nicht zu entwirren vermag: was verfängt es Ihrem Herren Sohn, daß Karl der Große die zwölf Pairs von Frankreich eingesetzt und sein Nachfolger gestottert hat?« »Wohl gesprochen,« rief der Hofmeister aus, »man erstickt den Verstand der Kinder unter einem Haufen unnützer Kenntnisse, aber die meiner Meinung nach abgeschmackteste aller Wissenschaften, welche zugleich auch jegliche Art geistiger Kraft am ehesten erstickt, ist die Geometrie. Diese lächerliche Wissenschaft hat Flächen, Linien und Punkte zum Gegenstande, welche es in der Natur nicht gibt: man läßt im Geiste hunderttausend krumme Linien zwischen einem Kreise und einer ihn berührenden geraden Linie durchlaufen, obgleich man in der Wirklichkeit nicht einen Strohhalm hindurchschieben könnte. Die Geometrie ist wahrhaftig nur ein schlechter Scherz.« Der gnädige Herr und die gnädige Frau verstanden nicht allzugut, was der Hofmeister sagen wollte, aber sie waren völlig seiner Meinung. »Ein Standesherr wie der Herr Marquis«, fuhr er fort, »soll sich das Hirn in dergleichen eitlen Studien nicht dörren; wenn er eines Tages zur Aufnahme des Planes seiner Güter eines gewiegten Geometers bedarf, so kann er sie für Geld ausmessen lassen, und sollte er das Alter seines in die frühesten Zeiten hinaufreichenden Adels erforschen wollen, so wird er nach einem Benediktiner schicken. Ebenso steht es mit allen Künsten. Ein junger, glücklich veranlagt zur Welt gekommener Standesherr ist weder Maler noch Musiker noch Baumeister noch Bildhauer, aber er bewirkt die Blüte aller dieser Künste, indem er sie durch seine Prachtliebe ermutigt. Zweifelsohne ist es mehr wert, sie zu beschützen, denn sie auszuüben; es genügt, wenn der Herr Marquis Geschmack besitzen, den Künstlern liegt es ob, für ihn zu arbeiten, und hierin hat man vollkommen recht mit dem Worte: Standespersonen (ich meine solche, die sehr reich sind) wüßten alles, ohne etwas gelernt zu haben, weil sie in der Tat mit der Zeit über alle Dinge zu urteilen wissen, die sie bestellen und bezahlen!« Der liebenswürdige Nichtswisser ergriff darauf das Wort und sagte: »Sie haben sehr fein bemerkt, gnädige Frau, daß das große Ziel des Menschen darin besteht, in der Gesellschaft Geltung zu erlangen: aufrichtig, erringt man diesen Erfolg jemals durch die Wissenschaften? Hat man es sich in guten Kreisen jemals beifallen lassen, von Geometrie zu sprechen? Fragt man einen Weltmann jemals, welcher Stern heute zusammen mit der Sonne aufginge? Erkundigt man sich bei der Abendtafel, ob Chlodwig der Merowinger den Rhein überschritt?« »Nein, gewißlich nicht,« rief die Marquise von der Hänserich, welche durch ihre Reize bisweilen mit der vornehmen Welt in Berührung gebracht worden war, »mein Herr Sohn soll seinen Geist nicht in dem Studium all dieses Plunders ersticken. Was soll man ihn schließlich dann aber lehren, denn es ist jedenfalls gut, wenn ein junger Standesherr bei Gelegenheit, wie mein Herr Gemahl sich ausdrückt, zu glänzen vermag. Ich entsinne mich, von einem Abbé sagen gehört zu haben, die angenehmste aller Wissenschaften sei etwas, dessen Namen ich vergessen habe, es fing aber mit einem H an.« – »Mit einem H, gnädige Frau? Sollte das nicht die Heortologie gewesen sein?« »Nein, von der Wissenschaft hat er mir nicht gesprochen, sie fing, sage ich Ihnen, mit einem H an und hörte mit einem ik auf.« »Oh, ich hab's, gnädige Frau, es war die Heraldik, das ist in der Tat eine sehr tiefe Wissenschaft; seit man jedoch die Gewohnheit verloren hat, sein Wappen auf die Türen seiner Karosse malen zu lassen, ist sie nicht mehr Mode; in einem wohlgeordneten Staatswesen war sie einst das nützlichste Ding von der Welt, heute würde dies Studium übrigens auch endlos sein, denn in unseren Tagen gibt es kaum noch einen Barbier, der nicht sein Wappen hätte – und Sie wissen: alles, was gemein wird, ist wenig geschätzt!« Schließlich, nachdem die starken und die schwachen Seiten sämtlicher Wissenschaften untersucht worden waren, wurde beschlossen, der Herr Marquis solle tanzen lernen. Die alles wirkende Natur hatte ihm eine Gabe verliehen, die sich bald mit wunderbarem Erfolge entfaltete: die Gabe, gar artig Gassenhauer zu singen. Der Reiz der Jugend, der sich bei ihm mit dieser hervorragenden Begabung paarte, ließ ihn als einen jungen Mann erscheinen, der zu den allergrößten Hoffnungen berechtigte. Er ward von den Frauen geliebt, und da es in seinem Kopf über und über von Liedern schwirrte, machte er für seine Geliebten selber welche. Aus dem einen Singspiel stahl er »Bacchus und Amor«, aus einem anderen »Tag und Nacht«, aus einem dritten »Freuden und Leiden«; da seine Verse jedoch immer ein paar Füße mehr oder weniger hatten, als richtig war, ließ er sie für zwanzig Franken das Lied verbessern – und so wurde er denn bei der literarischen Jahresernte auf eine Stufe mit einem La Fare, Chaulieu, Hamilton, Sarrasin und Voiture gestellt. Die Frau Marquise wähnte nun die Mutter eines schönen Geistes zu sein, und so lud sie die Pariser Schöngeister zu Tisch. Der Kopf des jungen Mannes war gar bald verdreht; er erwarb die Kunst zu sprechen, ohne selber ein Wort davon zu verstehen, und vervollkommnete sich in der Gewohnheit, ein rechter Taugenichts zu sein. Als sein Vater diese Beredsamkeit an ihm gewahr wurde, bedauerte er heftig, ihn nicht Latein lernen gelassen zu haben, denn dann hätte er ihm ein hohes Amt in der Jurisprudenz kaufen können. Die Mutter, welche edlere Empfindungen hegte, nahm es auf sich, ihrem Sohne ein Regiment zu verschaffen – und in der Zwischenzeit lag er der Liebe ob. Die Liebe ist bisweilen teurer als ein Regiment, und so gab er viel aus, während seine Eltern ihren Beutel noch weit mehr erschöpften, um die großen Herren zu spielen. Eine junge altadlige Witwe, ihre Nachbarin, die nur ein mittelmäßiges Vermögen besaß, wollte sich entschließen, die großen Reichtümer des Herrn und der Frau von der Hänserich dadurch in Sicherheit zu bringen, daß sie sie sich aneignete und den jungen Marquis heiratete: sie zog ihn in ihr Haus, ließ sich anbeten, gab ihm zu verstehen, daß er ihr nicht gleichgültig sei, lenkte ihn behutsam, bezauberte ihn und unterjochte ihn mühelos: bald fütterte sie ihn mit Lob, bald mit guten Ratschlägen, und ward die beste Freundin des Vaters und der Mutter. Eine alte Nachbarin schlug die Heirat vor, und die Eltern, geblendet von dem Glanz einer solchen Verbindung, schlugen mit Freuden ein: sie gaben ihrer nächsten Freundin ihren einzigen Sohn. Der junge Marquis sollte also eine Frau heiraten, die er anbetete und von der er geliebt wurde; die Freunde des Hauses beglückwünschten ihn, man ging daran, den Ehevertrag aufzusetzen, und arbeitete unterdessen an den Hochzeitskleidern und dem Hochzeitscarmen. Als er nun eines schönen Morgens zu den Füßen der reizenden Gattin lag, welche Liebe, Achtung und Freundschaft ihm geben sollten, und beide in zärtlichem und angeregtem Geplauder die Erstlingsblüten ihres Glückes genossen und sich auf die Führung eines gar wonnevollen Lebens vorbereiteten, eilte ganz bestürzt ein Kammerdiener der Frau Mutter herbei: »Ich bringe recht nette Neuigkeiten,« rief er, »Gerichtsdiener räumen das Haus des gnädigen Herrn und der gnädigen Frau aus, alles ist von Gläubigern beschlagnahmt, man spricht sogar von Verhaftung, ich selber will eine beschleunigte Klage einreichen, um zu meinem Lohne zu kommen.« »Wir wollen doch einmal nachsehen,« sagte der junge Marquis, »was denn da los ist, was denn das eigentlich zu bedeuten hat.« »Ja,« sagte die Witwe, »bestrafen Sie diese Schurken. Eilen Sie!« Er läuft hin und gelangt ins Haus ... sein Vater war schon verhaftet, alle Bedienten waren nach allen Richtungen auseinandergelaufen und hatten fortgeschleppt, was ihnen nur irgend möglich gewesen war. Seine Mutter war allein, ohne Beistand, ohne Trost, und schwamm in Tränen: ihr war nichts geblieben als die Erinnerung an ihr Glück, ihre Schönheit, ihre Sünden und an all ihre tolle Verschwendung. Nachdem der Sohn eine geraume Weile mit der Mutter geweint hatte, sagte er schließlich zu ihr: »Wir wollen nicht verzweifeln, jene junge Witwe liebt mich über alles, und sie ist noch großmütiger denn reich, ich bürge für sie; ich will zu ihr eilen und sie herbringen.« Er kehrte also zu seiner Geliebten zurück – und findet sie in traulichem Beisammensein mit einem jungen, recht liebenswürdigen Offizier. »Wie? Sie sind es, Herr von der Hänserich? Was wollen Sie hier? Läßt man denn derart seine Mutter im Stich? Gehen Sie zu der armen Frau und sagen Sie ihr, ich wolle ihr noch immer wohl: ich brauche gerade eine Kammerfrau und würde ihr den Vorzug geben.« »Mein Bürschlein,« sprach der Offizier zu ihm, »du scheinst leidlich gewachsen zu sein, wenn du in meine Kompagnie treten willst, will ich dir einen guten Posten zuschanzen.« Der Marquis begab sich völlig betäubt mit einem Herzen voller Schmerz und Zorn zu seinem ehemaligen Hofmeister, schüttete sein Leid vor ihm aus und ging ihn um Rat an. Er schlug ihm vor, gleich ihm Kindererzieher zu werden! »Ach, ich weiß ja nichts, Sie haben mich ja nichts gelehrt, Sie sind die erste Ursache meines Unglücks!« und während er zu ihm sprach, schluchzte er. »Schreiben Sie Romane,« riet ihm ein Schöngeist, der gerade da war, »in Paris ist das eine vorzügliche Hilfsquelle.« Verzweifelter denn jemals lief der junge Mann zu dem Beichtvater seiner Mutter, einem sehr angesehenen Theatiner, der nur Frauen aus der allervornehmsten Gesellschaft beriet. Sobald er ihn erblickte, eilte er auf ihn zu: »Aber, mein Gott, Herr Marquis, wo ist Ihr Wagen? Wie geht es der verehrten Frau Marquise, Ihrer Mutter?« Der arme Unglücksvogel berichtete ihm von dem Unstern seiner Familie, und in dem Maße, in dem er sich näher ausließ, nahm der Theatiner eine ernstere, gleichgültigere, überlegnere Mine an: »Mein Sohn, dahin hat Gott euch gewollt, Reichtümer verderben nur das Herz! So hat Gott also Ihrer Mutter wirklich die Gnade angetan, sie zur Bettlerin zu machen?« »Ja, Hochwürden!« »Um so besser, sie darf ihres Heiles sicher sein –« »Mein Vater aber! Gäbe es inzwischen kein Mittel in dieser Welt, Hilfe für ihn zu erringen?« – »Mit Gott, mein Sohn, eine Dame vom Hofe erwartet mich.« Dem Marquis vergingen beinahe die Sinne. Von seinen Freunden wurde er ungefähr ebenso behandelt, und so lernte er in einem halben Tage die Welt besser kennen, als in der ganzen übrigen Zeit seines Lebens. Als er so völlig verzweifelt und niedergeschmettert dastand, sah er eine altmodische Halbkutsche, eine Art gedeckten Henkerkarrens mit Ledervorhängen, herankommen; dahinter fuhren vier ungeheure vollbeladene Bretterkarren; in der Halbkutsche saß ein junger bäurisch gekleideter Mann, er hatte ein rundes frisches, Gutmütigkeit und Fröhlichkeit atmendes Gesicht; seine kleine braune, im großen und ganzen recht angenehme Frau wurde neben ihm gerüttelt. Das Gefährt fuhr nicht so schnell wie der Wagen eines Stutzers: der Reisende fand also vollauf Zeit den regungslosen schmerzversunkenen Marquis zu betrachten. »He! Mein Gott,« rief er, »ich glaube, dort ist Hans.« Bei dem Klang dieses Namens hob der Marquis die Augen, und der Wagen hielt an: »Er ist's, Hans ist es selber!« Der kleine strotzende Mann tat nur einen Sprung und hing am Halse seines alten Kameraden. Hans erkannte Klaas, und Scham und Tränen bedeckten sein Gesicht. »Du hast mich verlassen,« sagte Klaas, »aber du magst ein so vornehmer Herr sein, wie du nur willst: ich werde dich immer lieb behalten.« Hans erzählte ihm verwirrt und gerührt und schluchzend einen Teil seiner Geschichte. »Komm mit und erzähle mir das übrige in dem Gasthof, in dem wir ausspannen, umarme meine kleine Frau und iß mit uns zu Mittag«, sagte Klaas. Sie gingen alle drei zu Fuß vor dem Lastkarren her. »Was hat denn dieser ganze Troß zu bedeuten? Gehört er dir?« »Ja, alles gehört mir und meiner Frau! Wir kommen vom Lande herein. Ich stehe an der Spitze einer guten Fabrik für Kupfer und verzinntes Eisen und habe die Tochter eines reichen Kaufmannes geheiratet, der mit Gerätschaften für Erwachsene und Kinder handelt; wir arbeiten viel, Gottes Segen ruht auf uns, unsere Verhältnisse haben sich nicht geändert, wir sind glücklich, und wir werden unserem Freunde Hans beistehen! Sei kein Marquis mehr, alle Größe dieser Welt wiegt einen guten Freund nicht auf. Du wirst mit mir aufs Land zurückkehren, ich will dich das Handwerk lehren, es ist nicht allzu schwer, du wirst mein Teilhaber, und dann wollen wir fröhlich auf dem Fleckchen Erde leben, auf dem wir geboren sind.« Der bestürzte Hans schwankte zwischen Schmerz und Freude, Zärtlichkeit und Scham, ganz leise sagte er sich: Alle meine vornehmen Freunde haben mich verlassen, Klaas, den ich verachtete, Klaas allein kommt mir zu Hilfe. Welche Lehre! Klaasens Seelengüte brachte in Hansens Herz den guten Wesenskern, den die Welt noch nicht erstickt hatte, zum Keimen: er empfand, daß er seinen Vater und seine Mutter nicht im Stich lassen dürfe. »Für deine Mutter werden wir sorgen,« sagte Klaas, »und was den eingesperrten Biedermann, dein Väterchen, anbetrifft, so kenne ich mich in derlei Sachen ein wenig aus: wenn seine Gläubiger erst einsehen, daß er nichts mehr hat, werden sie sich mit wenigem zufrieden geben.« Klaas brachte es fertig, den Vater aus dem Schuldturm zu befreien. Hans kehrte mit seinen Eltern, die ihren ehemaligen Beruf wieder aufnahmen, in seine Heimat zurück, heiratete eine Schwester Klaasens, die ihn sehr glücklich machte, da sie die gleiche Gemütsart wie ihr Bruder besaß, und Hans der Vater und die Hänsin, die Mutter, und Hänschen der Sohn erkannten, daß das Glück nicht in der Eitelkeit läge. Die Prinzessin von Babylon 1768   Der alte Belus, König von Babylon, hielt sich für den bedeutendsten Mann der Welt, denn alle seine Höflinge sagten und seine Geschichtschreiber bewiesen es ihm. Was diese seine Lächerlichkeit immerhin entschuldigen konnte, war der Umstand, daß seine Vorgänger in der Tat dreißigtausend Jahre vor ihm Babylon erbaut hatten, und er es verschönerte. Es ist bekannt, daß sein Palast und sein Park sich einige persische Meilen vor Babylon zwischen dem Euphrat und dem Tigris ausdehnten, welche beiden Flüsse diese verzauberten Ufer bespülten. Sein mächtiges, dreitausend Schritte langes Haus ragte bis in die Wolken hinauf. Das flache Dach war von einem fünfzig Fuß hohen Marmorgeländer umgeben und trug die Riesenbildsäulen aller Könige und aller großen Männer des Reiches. Das Dach selber, welches aus zwei mit dicken Bleiplatten belegten Backsteinschichten bestand, war zwölf Fuß hoch mit Erde bedeckt, und in diese Erde hatte man Oliven-, Orangen-, Zitronen-, Palmen-, Gewürz-, Kokosnuß- und Zimtwälder gepflanzt, welche keinen Sonnenstrahl auf die schattigen Wege herabfallen ließen. Die durch Pumpen in hundert hohlen Säulen emporgehobenen Wasser des Euphrat füllten in diesen Gärten mächtige Marmorbecken und bildeten dann, durch andere Kanäle wieder herabfallend, unten im Park sechstausend Fuß lange Wasserfälle und hunderttausend Springbrunnen, deren Höhe sich kaum wahrnehmen ließ; darauf flössen sie zurück in den Euphrat, dem sie entstiegen waren. Die Gärten der Semiramis, welche um einige Jahrhunderte später Asien in Erstaunen versetzten, waren nur eine schwächliche Nachahmung dieser alten Wunder, denn zu Zeiten der Semiramis begann ein großer allgemeiner Niedergang sowohl unter den Männern wie unter den Weibern. Was in Babylon jedoch am wunderbarsten war, was alles übrige in Schatten stellte, das war die einzige, Formosante geheißene Tochter des Königs. Nach ihren Bildnissen und Statuen hat im Verlauf der Jahrhunderte Praxiteles seine Aphrodite und jenes andere Standbild gemeißelt, welches man die Venus mit den schönen Hinterbacken nannte. Oh Himmel, welch ein Unterschied aber zwischen dem Urbild und seinen Nachbildungen! So war Belus auf seine Tochter denn auch stolzer als auf sein Königreich. Sie zählte achtzehn Jahre, und ein Gatte tat ihr not, der ihrer würdig war. Wo aber ihn finden? Ein altes Orakel hatte bestimmt, Formosante dürfe nur demjenigen angehören, der Nimrods Bogen zu spannen vermöchte. Nimrod, der gewaltige Jäger vor dem Herrn, hatte einen sieben babylonische Fuß hohen Bogen aus einem Ebenholze hinterlassen, das härter war als das Eisen aus dem Berge Kaukasus, welches in den Schmieden von Derbent verarbeitet wird, und kein Sterblicher seit Nimrod hatte diesen wunderbaren Bogen zu spannen vermocht. Ferner war noch gesagt worden, daß der Arm, so diesen Bogen gespannt, auch den furchtbarsten und gefährlichsten Löwen töten sollte, der je im Zirkus von Babylon losgelassen. Das war noch nicht alles: der Bogenspanner und Löwentöter sollte auch alle seine Nebenbuhler zu Boden ringen, vor allem aber mußte er viel Verstand haben, der Herrlichste von allen Menschen und der Tugendhafteste sein, und das seltenste Ding besitzen, das es auf der ganzen Erde gab. Es traten drei Könige auf, welche um Formosanten zu streiten wagten: der Pharao Ägyptens, der Schah von Indien und der große Khan der Skythen. Belus bestimmte den Tag des Kampfes und als Ort die weite, von den vereinigten Wassern des Euphrat und Tigris begrenzte Ecke am äußersten Ende seines Parkes. Rings um den Kampfplatz errichtete man ein marmornes Amphitheater, das fünfhunderttausend Zuschauer fassen konnte. Dem Amphitheater gegenüber war der Thron des Königs, der, vom gesamten Hofe geleitet, mit Formosanten erscheinen wollte, und zur Rechten und Linken zwischen diesem Thron und dem Amphitheater waren noch andere Throne und Sitze für die drei Könige und alle anderen Herrscher aufgestellt, welche etwa Lust verspüren sollten, dieser erhabenen Zeremonie beizuwohnen. Als Erster kam der König von Ägypten auf dem Stier Apis an und hielt in der Hand das Sistrum der Isis. Zweitausend Priester, deren Linnengewänder weißer waren denn Schnee, zweitausend Eunuchen, zweitausend Magier und zweitausend Krieger folgten ihm. Bald darauf erschien der König der Indier in einem von zwölf Elefanten gezogenen Wagen. Sein Gefolge war noch zahlreicher und glänzender als das des Pharaos von Ägypten. Der König der Skythen kam als Letzter. Er hatte nur auserwählte, mit Bogen und Pfeilen bewaffnete Krieger um sich. Sein Reittier war ein prachtvoller Tiger, den er selber gezähmt, und der ebenso groß war, wie die schönsten persischen Pferde. Der majestätisch prangende Leib dieses Monarchen stellte die seiner Nebenbuhler in Schatten: seine nackten, so nervigen wie weißen Arme schienen den Bogen Nimrods schon zu spannen. Die drei Fürsten küßten zunächst vor Belus und Formosante den Boden. Der König von Ägypten brachte der Prinzessin die beiden schönsten Krokodile des Niles, zwei Flußpferde, zwei Zebras, zwei ägyptische Ratten und zwei Mumien mit den Büchern des großen Hermes dar, welche er für die größte Seltenheit hielt, die es auf der Erde gab. Der König Indiens machte ihr hundert Elefanten zum Geschenk, von denen ein jeder einen Turm aus vergoldetem Holze trug, und zu ihren Füßen legte er den von Xaca's eigener Hand geschriebenen Veda nieder. Der König der Skythen, der weder lesen noch schreiben konnte, schenkte hundert mit Schabracken und schwarzen Fuchsfellen bedeckte Schlachtrosse. Die Prinzessin senkte vor ihren Werbern die Augen und verneigte sich mit einer ebenso bescheidenen wie edlen Anmut. Belus ließ die Monarchen auf die für sie errichteten Throne führen. »Warum habe ich nicht drei Töchter,« sprach er zu ihnen, »dann würde ich heute sechs Menschen glücklich machen können.« Darauf ließ er losen, wer sich zuerst an Nimrods Bogen versuchen sollte. Man warf die Namen der drei Bewerber in einen goldenen Helm. Der des Königs von Ägypten sprang zuerst heraus, dann der des indischen Königs. Der König der Skythen maß den Bogen und seine Mitbewerber – und bedauerte nicht, der Dritte zu sein. Während man die glänzenden Proben vorbereitete, reichten zwanzigtausend Edelknaben und zwanzigtausend junge Mädchen zwischen den Sitzreihen den Zuschauern in höchster Ordnung Erfrischungen: jedermann war der Meinung, die Götter hätten die Könige nur eingesetzt, um alle Tage Feste zu geben, vorausgesetzt, daß sie abwechslungsreich seien, ferner, daß das Leben zu kurz sei, um auf andere Weise verbracht zu werden, daß die Prozesse und Kabalen, der Krieg und das Gezänk der Priester, welche alle das menschliche Leben aufzehren, törichte und schreckliche Dinge seien, daß der Mensch nur zur Freude geboren sei, daß er das Vergnügen nicht leidenschaftlich und dauernd lieben würde, wenn er dafür nicht geschaffen wäre, daß das Wesen der menschlichen Natur darin bestände, zu genießen, und daß alles übrige Narrheit sei. Diese fürtreffliche Moral ist immer nur durch die Tatsachen Lügen gestraft worden. Als die Proben, die über Formosantens Geschick entscheiden sollten, gerade ihren Anfang zu nehmen bereit waren, zeigte sich plötzlich ein junger, auf einem Einhorn reitender Unbekannter, von einem ebenso berittenen Diener begleitet, an der Schranke, und auf seiner Faust trug er einen großen Vogel. Die Wachen waren erstaunt, eine Gestalt, die den Eindruck einer Gottheit machte, in diesem Aufzuge zu sehen. Wie man später gesagt hat, trug sie das Antlitz des Adonis auf dem Leibe des Herkules. Mit Anmut gepaarte Majestät und die schwarzen Augenbrauen und langen blonden Haare, eine in Babylon unbekannte Verbindung von Schönheiten, versetzte die Versammlung in Entzücken; das ganze Amphitheater erhob sich, um den Fremden besser sehen zu können, alle Frauen des Hofes hefteten ihre erstaunten Blicke auf ihn, und selbst Formosante, die sonst stets die Augen senkte, erhob jetzt ihre Lider und errötete. Die drei Könige erbleichten: denn alle Zuschauer, die Formosanten mit dem Unbekannten verglichen, brachen in den Ruf aus: »Auf der ganzen Welt ist nur dieser junge Mann ebenso schön wie die Prinzessin.« Die verwunderten Palastdiener fragten ihn, ob er ein König sei. Der Fremde erwiderte, er sei dieser Ehre nicht teilhaftig, dagegen von sehr weit hergekommen aus Neugier, ob es wohl Könige geben möchte, die Formosantens würdig seien. Man führte ihn in die erste Reihe des Amphitheaters, ihn, seinen Diener, seine beiden Einhorne und seinen Vogel; er verneigte sich tief vor Belus, seiner Tochter, den drei Königen und der ganzen Versammlung, und dann nahm er errötend Platz; seine beiden Einhorne lagerten sich zu seinen Füßen, sein Vogel setzte sich ihm auf die Schulter, und sein Diener, der einen kleinen Sack trug, ließ sich an seiner Seite nieder. Die Proben begannen. Man nahm den Bogen Nimrods aus seiner Goldschachtel. Der Oberhofzeremonienmeister, dem fünfzig Edelknaben folgten und zwanzig Bläser voranschritten, reichte ihn dem Könige von Ägypten, der ihn durch seine Priester segnen ließ, und nachdem er ihn auch noch auf das Haupt des Ochsen Apis gelegt hatte, zweifelte er nicht mehr daran, diesen ersten Sieg davonzutragen. Hurtig begab er sich in die Mitte der Arena, machte zunächst einen Versuch, spannte dann alle seine Kräfte an und drehte und wand sich derart, daß das Theater in Lachen ausbrach und sogar Formosante lächeln mußte. Sein Oberpriester näherte sich ihm nun: »Eure Majestät mögen«, so sprach er zu ihm, »auf diese eitle Ehre, welche nur Muskeln und Sehnen erfordert, verzichten, in allem übrigen werdet Ihr triumphieren: Ihr werdet den Löwen besiegen, da Euch das Schwert des Osiris zu eigen ist, außerdem soll die Prinzessin von Babylon demjenigen Fürsten angehören, der am meisten Verstand hat, und Ihr habt Rätsel enträtselt; sie soll sich dem Tugendhaftesten vermählen, und der seid wiederum Ihr, denn Ägyptens Priester haben Euch auferzogen; der Großmütigste soll sie erringen: Ihr habt die beiden schönsten Krokodile und die beiden schönsten Ratten verschenkt, die das Delta besaß. Ihr besitzet den Stier Apis und die Bücher des großen Hermes, die beiden seltensten Dinge von der Welt, niemand kann Euch Formosanten streitig machen.« »Du hast recht«, sprach da der König von Ägypten, und setzte sich wieder auf seinen Thron. Man legte den Bogen nun in die Hände des Königs von Indien: er trug für vierzehn Tage Blasen davon und tröstete sich mit der Vermutung, der König der Skythen werde nicht glücklicher sein denn er. Der Skythe versuchte sich nun seinerseits an dem Bogen: er verband Gewandtheit mit Kraft, der Bogen schien in seinen Händen etwas Geschmeidigkeit anzunehmen, er krümmte ihn ein wenig, niemals jedoch hätte er ihn wirklich zu spannen vermocht. Das Amphitheater, das für diesen Fürsten um seines angenehmen Äußeren willen günstig gestimmt war, seufzte über seinen geringen Erfolg und fürchtete, die Prinzessin möchte niemals verheiratet werden. Da schwang sich der junge Unbekannte in die Arena hinab und sprach den König der Skythen folgendermaßen an: »Euere Majestät dürfen über das halbe Gelingen nicht verwundert sein, diese Ebenholzbogen werden in meiner Heimat verfertigt, man braucht ihnen nur eine bestimmte Wendung zu geben. Euer Verdienst, ihn ein wenig gekrümmt zu haben, wiegt weit schwerer als das meine, wenn ich ihn nun wirklich spanne.« Zugleich ergriff er einen Pfeil, setzte ihn auf die Sehne, spannte den Bogen Nimrods und sandte den Pfeil weit über die Schranken hinaus. Eine Million Hände klatschten diesem Wunder Beifall, Babylon hallte von freudigen Rufen wider, und alle Frauen sprachen: »Welches Glück, daß ein so schöner Knabe zugleich so stark ist.« Darauf zog der Fremde aus seiner Tasche ein Elfenbeinplättchen hervor, schrieb auf dieses Plättchen mit einer goldenen Nadel, befestigte das Täfelchen darauf an dem Bogen und überreichte das Ganze der Prinzessin mit einer solchen Anmut, daß alle Beiwohnenden außer sich vor Entzücken waren; dann setzte er sich bescheidentlich wieder auf seinen Platz zwischen seinen Vogel und seinen Diener. Ganz Babylon war über die Maßen verwundert, die drei Könige waren bestürzt und der Unbekannte schien von alledem nichts zu bemerken. Am erstauntesten jedoch war Formosante, als sie auf dem am Bogen befestigten Elfenbeintäfelchen in schönstem Chaldäisch das folgende Verslein las: Dem Krieg gehöret der Bogen des Nimrod. Der Liebe Bogen dem Glück sich gesellt: Ihr tragt ihn! Durch Euch ward der siegende Gott Zum jubelnden Herren der Welt! Drei mächtige Fürsten, drei Werber heut Kühn Euch zu gefallen streben: Ich weiß nicht, wen Euer Herze freit, Doch das All wird vor Eifersucht beben. Dieses kleine Madrigal mißfiel der Prinzessin keineswegs. Es wurde von einigen Herren des alten Hofes beurteilt, und diese meinten, ehemals, in der guten alten Zeit nämlich, würde man Belus mit der Sonne verglichen haben, Formosanten mit dem Monde, ihren Hals mit einem Turm und ihren Busen mit einem Scheffel Weizen; sie sagten ferner, der Fremde habe keine Phantasie und irre von den Regeln der echten Poesie ab; alle Damen jedoch fanden die Verse sehr artig; sie wunderten sich, daß ein Mann, der einen Bogen so gut zu spannen vermochte, auch so viel Geist besaß. Die Ehrendame der Prinzessin sagte zu ihr: »Oh Gnädigste, wie viele völlig nutzlose Gaben! Wozu können diesem jungen Manne sein Verstand und der Bogen des Belus wohl dienlich sein?« »Um Bewunderung zu erregen«, erwiderte Formosante. »Ah,« zischte die Ehrendame zwischen den Zähnen, »noch ein Madrigal, und er möchte gar geliebt werden!« Unterdessen hatte Belus seine Magier befragt und verkündete nun, daß er, obgleich keiner der drei Könige den Bogen des Nimrod zu spannen vermocht, darum seine Tochter doch nicht weniger verheiraten müsse, und so solle sie dem angehören, dem es gelingen würde, den großen Löwen niederzukämpfen, den man eigens hierzu in seinem Zwinger herangefüttert habe. Der König von Ägypten, der in der ganzen Weisheit seines Landes auferzogen worden war, fand es äußerst lächerlich, einen König Tieren auszusetzen, um ihn zu verheiraten: er gestand, der Besitz Formosantens habe zwar einen großen Wert, hob aber hervor, daß er die schöne Babylonierin eben doch niemals würde heiraten können, falls ihn der Löwe zerrisse. Der König von Indien hegte die gleichen Gefühle wie der Ägypter. Alle beide einigten sich dahin, daß der König von Babylon sich über sie lustig mache, daß man Heere herbeirufen müsse, um ihn zu bestrafen, daß sie genug Untertanen besäßen, die sich äußerst geehrt fühlen würden, im Dienste ihrer Gebieter zu sterben, ohne daß dies ein Haar von ihren geheiligten Häuptern kosten sollte, und daß sie den König von Babylon gar leicht entthronen und dann um die schöne Formosante losen könnten. Nachdem diese Meinungsübereinstimmung erzielt war, sandte jeder der beiden Könige den ausdrücklichen Befehl in sein Land, es solle zur Entführung Formosantens ein Heer von dreihunderttausend Mann zusammengebracht werden. Der König der Skythen stieg unterdessen allein in die Arena hinab, den krummen Türkensäbel in der Hand: er war in Formosantens Reize nicht töricht verliebt, der Ruhm war bisher seine einzige Leidenschaft gewesen, sie hatte ihn auch nach Babylon geführt. Wenn die Könige von Indien und Ägypten nun auch klug genug waren, sich mit Löwen nicht einzulassen, so wollte er zeigen, daß er seinerseits doch eben tapfer genug sei, diesen Kampf nicht zu scheuen und die Ehre der Kronen wieder reinzuwaschen. Sein seltener Mut ließ nicht einmal zu, daß er den Beistand seines Tigers begehrte: leicht bewaffnet und mit einem goldverzierten, von drei schneeweißen Roßschweifen beschatteten Stahlhelm bedeckt, drang er ganz allein vor. Man ließ den ungeheuersten Löwen gegen ihn los, der jemals in den Bergen des Antilibanon geboren worden war; seine furchtbaren Tatzen sahen so aus, als könnten sie die drei Könige auf einmal zerreißen, sein mächtiger Rachen, als könne er sie alle verschlingen, und von seinem grausigen Gebrüll gar hallte das ganze Amphitheater wider. Die beiden stolzen Kämpen stürzten sich wie zwei Sturmwinde aufeinander, der kühne Skythe stieß sein Schwert in das Maul des Löwen, aber die Spitze traf auf einen der breiten unzerbrechlichen Zähne, zersprang in Splitter, und das Ungeheuer der Wälder schlug schon voller Wut über die Wunde seine blutenden Krallen in die Flanken des Monarchen. Gerührt von der Gefahr, in der sich ein so tapferer Fürst befand, fuhr der junge Unbekannte schneller als ein Blitz in die Arena hinab und trennte den Kopf des Löwen mit derselben Geschicklichkeit ab, mit der man später in unseren Ringelrennen junge gewandte Ritter Mohrenköpfe oder Ringe hat treffen sehen. Darauf zog er ein Kästchen hervor und überreichte es dem skythischen Könige mit folgenden Worten: »Euere Majestät finden in diesem Schächtelchen echten Eschenwurz, der in meiner Heimat wächst. Eure ruhmreichen Wunden werden davon augenblicks geheilt werden. Einzig der Zufall hat Euch den Sieg über den Löwen geraubt. Eure Tapferkeit ist darum nicht weniger bewunderungswürdig.« Der skythische König, der für Dankbarbeit empfänglicher war als für Eifersucht, dankte seinem Befreier, und nachdem er ihn aufs zärtlichste umarmt hatte, begab er sich in seine Behausung, um den Eschenwurz auf seine Wunden zu legen. Der Unbekannte übergab den Kopf des Löwen seinem Diener, und nachdem dieser ihn an dem großen Brunnen, der sich unterhalb des Amphitheaters befand, gewaschen und alles Blut hatte ablaufen lassen, zog er ein Eisen aus seinem Beutel, riß die vierzig Zähne des Löwen aus und steckte an ihre Stelle vierzig gleich große Diamanten. Sein Herr setzte sich mit seiner gewöhnlichen Bescheidenheit auf seinen Platz zurück. Dann gab er den Löwenkopf seinem Vogel: »Schöner Vogel,« sprach er, »lege diese schwache Huldigung zu Formosantens Füßen nieder.« Der Vogel flog auf, in der einen seiner Krallen die furchtbare Trophäe haltend. Er überbrachte sie der Prinzessin, indem er ehrerbietigst den Hals neigte und sich vor ihr tief zu Boden streckte. Die vierzig Strahlensteine blendeten aller Augen: ihre Herrlichkeit war in dem prachtliebenden Babylon noch unbekannt, noch galten Smaragd, Topas, Saphir und Pyrop für den kostbarsten Schmuck. Belus und der ganze Hof wurden von Bewunderung erfaßt, und der Vogel, der dieses Geschenk darbrachte, überraschte sie noch mehr. Sein Rumpf glich dem eines Adlers, aber seine Augen waren so sanft und zärtlich, wie die des Adlers stolz und drohend sind. Sein Schnabel war rosenfarben und schien etwas von dem schönen Munde Formosantens an sich zu haben; sein Hals schillerte in allen Farben des Regenbogens, heller jedoch und glänzender, und in tausend Tönungen glitzerte Gold in seinem Federkleide. Seine Füße zeigten eine Mischung aus Silber und Purpur, und der Schweif jener schönen Vögel, die man seither vor den Wagen der Juno spannte, stand hinter dem seinen an Schönheit zurück. Die Aufmerksamkeit und Neugier und das Erstaunen und Außersichsein des ganzen Hofes teilte sich zwischen den vierzig Diamanten und dem Vogel. Er hatte sich auf das Geländer zwischen Belus und seiner Tochter Formosante niedergelassen: sie streichelte, liebkoste und küßte ihn, er schien ihre Freundlichkeit halb mit Freuden und halb mit Ehrfurcht zu empfangen, und als die Prinzessin ihn küßte, küßte er sie wieder und sah sie mit gerührten Augen an. Er bekam kleine Kuchen von ihr und Pistazien, die er mit seiner silbernen und gepurpurten Klaue ergriff und mit unaussprechlicher Anmut an seinen Schnabel führte. Belus, der die Diamanten aufmerksam betrachtet hatte, schätzte, daß eine ganze seiner Provinzen ein so kostbares Geschenk kaum zu vergelten vermöchte. Er befahl, man solle für den Unbekannten noch prächtigere Gaben vorbereiten, als für die drei Monarchen bestimmt waren: »Dieser junge Mann«, sagte er, »ist zweifellos der Sohn des Königs von China oder jenes Weltteiles, den man Europa nennt und von dem ich sprechen gehört habe, oder von Afrika, das dem ägyptischen Reiche benachbart sein soll.« Auf der Stelle entsandte er seinen Oberstallmeister, um den Unbekannten begrüßen und fragen zu lassen, ob er der Beherrscher eines dieser Reiche sei, und warum er, da er ja doch so erstaunliche Schätze besäße, nur mit einem Diener und einem kleinen Mantelsack erschienen wäre. Während der Oberstallmeister gegen das Amphitheater zuschritt, um sich seines Auftrages zu entledigen, kam noch ein zweiter Diener auf einem Einhorn an: er wandte sich an den jungen Mann und sprach die Worte: »Ormar, Euer Vater, geht seiner letzten Stunde entgegen, ich bin gekommen, es Euch zu melden.« Der Unbekannte erhob die Augen gen Himmel, vergoß Tränen, und sprach nur dies eine Wort: »Laßt uns aufbrechen.« Nachdem der Oberstallmeister dem Besieger des Löwen, dem Spender der vierzig Diamanten, dem Gebieter des schönen Vogels, Belus' artige Worte ausgerichtet hatte, fragte er den Diener, aus welchem Reiche der Vater dieses jungen Helden stamme. Der Diener antwortete: »Sein Vater ist ein alter Schäfer und allgemein beliebt im ganzen Kanton.« Während dieser kurzen Unterredung hatte der Unbekannte bereits sein Einhorn bestiegen, er sprach zu dem Oberstallmeister: »Erlauchter Herr, wollet mich Belus und seiner Tochter zu Füßen legen; ich wage sie um äußerste Sorgfalt für den Vogel zu bitten, den ich ihr lasse: er ist einzig wie sie.« Kaum hatte er diese Worte zu Ende gesprochen, so zuckte er auch schon wie ein Blitz dahin, die beiden Bedienten hielten sich hinterdrein, und man verlor sie aus den Augen. Formosante konnte einen lauten Schrei nicht unterdrücken. Der Vogel, der sich zum Amphitheater wandte, wo sein Herr gesessen, schien sehr betrübt darüber, daß er ihn nun nicht mehr sah, dann blickte er die Prinzessin starr an, rieb sanft mit seinem Schnabel ihre schöne Hand und schien sich so ihrem Dienste zu weihen. Belus war erstaunter denn je in seinem Leben, als er vernahm, dieser außerordentliche junge Mann sei der Sohn eines Hirten, er konnte es nicht glauben und ließ ihm nachjagen, aber bald schon meldete man ihm, die Einhorne, auf denen die drei Männer dahinritten, könnten nicht eingeholt werden, da sie bei dem Galopp, den sie hielten, wohl hundert Meilen am Tag zurücklegen mußten.   Alle Welt sprach über das seltsame Abenteuer hin und her und erschöpfte sich in leeren Vermutungen: wie vermöchte der Sohn eines Hirten vierzig große Diamanten zu verschenken? Warum ritt er auf einem Einhorne? Man konnte es nicht fassen, Formosante aber streichelte, tief in Träume versunken, unaufhörlich ihren Vogel. Die Prinzessin Aldea, ein Geschwisterkindeskind, die wohlgewachsen und fast ebenso schön wie Formosante war, sprach zu ihr: »Base, ich weiß nicht, ob dieser junge Halbgott der Sohn eines Schäfers ist, aber es dünkt mich, er habe alle vor Eure Heirat gesetzten Bedingungen erfüllt: er hat den Bogen Nimrods gespannt und den Löwen besiegt, er besitzt viel Verstand, denn er hat für Euch ein recht artiges Gedicht aus dem Stegreif gemacht, und in Ansehung der vierzig riesengroßen Diamanten, die er Euch geschenkt hat, müsset Ihr zugeben, daß er der großmütigste von allen Menschen ist: in seinem Vogel besaß er die größte Seltenheit, die es auf der Erde gibt, und seine Tugend hat nicht ihresgleichen, da er bei der Nachricht von der Krankheit seines Vaters ohne Besinnen aufbrach, obgleich er hätte an Eurer Seite bleiben können. Das Orakel ist in allen Punkten erfüllt, ausgenommen dem einen, welcher fordert, er solle seine Nebenbuhler zu Boden werfen, aber er hat mehr getan, er hat dem einzigen Mitbewerber, den er fürchten konnte, das Leben gerettet, und im Fall eines Kampfes mit den beiden anderen, glaube ich, kann es Euch nicht zweifelhaft sein, daß er gar leicht obsiegen würde.« »Alles, was Ihr da sagt, ist wohl wahr,« erwiderte Formosante, »aber könnte es möglich sein, daß der größte und vielleicht auch der liebenswürdigste von allen Männern der Sohn eines Schäfers ist?« Nun mischte sich die Ehrendame ins Gespräch und sagte, daß das Wort Schäfer sehr oft auf Könige angewandt würde, man nenne sie so, weil sie ihre Herde gar kurz zu scheren liebten. Zweifelsohne handele es sich um einen schlechten Scherz des Dieners; der junge Held sei wahrscheinlich nur so dürftig geleitet erschienen, um darzutun, wie sehr sein bloßer Wert das Gepränge der Könige übertreffe, und um Formosanten nur sich allein verdanken zu müssen. Die Prinzessin gab statt aller Antwort ihrem Vogel nur tausend zärtliche Küsse. Unterdessen bereitete man ein großes Gastmahl für die drei Könige und für die Fürsten vor, die zum Feste erschienen waren. Die Tochter und die Nichte des Königs sollten dabei die Aufwartung machen. In die Häuser der Könige trug man Geschenke, die der Pracht Babylons würdig waren. Und während Belus das Auftragen der Speisen erwartete, versammelte er seine Ratgeber in Sachen der Heirat der schönen Formosante um sich und sprach als ein großer Politiker folgendermaßen zu ihnen: »Ich bin alt, ich weiß nicht mehr, was ich tun, noch wem ich meine Tochter geben soll. Der, welcher sie verdiente, ist nur ein niederer Schäfer, der König von Indien und der von Ägypten sind Feiglinge, der König der Skythen würde mir allenfalls recht sein, aber er hat keine einzige der geforderten Bedingungen erfüllt. Ich will das Orakel noch einmal befragen, inzwischen beratet euch untereinander, und dann wollen wir nach dem Spruch des Orakels einen Entschluß fassen, denn ein König darf sich immer nur von dem unmittelbaren Befehl der unsterblichen Götter leiten lassen.« Darauf ging er in seine Kapelle, und das Orakel antwortete ihm seiner Gewohnheit gemäß mit wenig Worten: »Deine Tochter wird erst verheiratet werden, nachdem sie die Welt durchstreift hat.« Belus kehrte in den Rat zurück und überbrachte diese Antwort. Alle Minister hatten eine tiefe Ehrfurcht vor Orakelsprüchen, alle stimmten dahin überein, oder taten doch wenigstens so, daß sie die Grundlage der Religion seien, daß die Vernunft vor ihnen zu schweigen habe, daß einzig dank ihrer die Könige über die Völker und die Magier über die Könige herrschten, und daß es ohne die Orakel weder Tugend noch Ruhe auf Erden geben könne. Kurz, nachdem sie die tiefste Verehrung für sie an den Tag gelegt hatten, kamen fast alle zu dem Schluß, daß der vorliegende Orakelspruch schamlos sei, daß man ihm nicht gehorchen dürfe, daß nichts für ein Mädchen und gar für die Tochter des großen Königs von Babylon unzüchtiger sein könnte, als davonzugehen, ohne zu wissen wohin, daß dies gerade das beste Mittel sei, nicht geheiratet zu werden oder eine schmähliche und lächerliche Winkelehe zu schließen, mit einem Wort, daß es dem Orakel an gesundem Verstand gebräche. Der jüngste der Minister, Onatas mit Namen, welcher klüger war als jene, sagte, das Orakel meine zweifellos eine fromme Pilgerfahrt, und stellte sich als Führer der Prinzessin zur Verfügung. Der ganze Rat bekannte sich schließlich zu seiner Meinung, aber ein jeder wollte als Stallmeister dienen. Der König entschied, die Prinzessin solle auf dem Wege nach Arabien dreihundert persische Meilen weit in einen Tempel reisen, dessen Heiliger im Rufe stand, den Mädchen glückliche Ehen zu verschaffen; begleiten sollte sie der Älteste des Rates. Nach dieser Entscheidung begab man sich zu Tisch.   Zwischen zwei Wasserfällen erhob sich inmitten der Gärten ein länglich gerundeter Pavillon von dreihundert Schritten Durchmesser, dessen azurblaue mit Goldsternen besäte Wölbung alle Gestirne mit den Planeten darstellte, einen jeden an seinem wirklichen Platz, und die Wölbung wurde gleich dem Himmel durch Maschinen gedreht, welche ebenso unsichtbar waren, wie die, welche die himmlischen Bewegungen treiben. Hunderttausend in Gläser aus Bergkristall eingeschlossene Fackeln erhellten das Äußere und Innere des Speisesaales; eine abgestufte Anrichte trug zwanzigtausend goldene Schüsseln oder Teller, und der Anrichte gegenüber waren andere Stufen mit Musikanten besetzt; zwei weitere Amphitheater waren, das eine mit Früchten aller Jahreszeiten und das andere mit Kristallkrügen beladen, in denen alle Weine der Erde funkelten. Die Geladenen nahmen an einer Tafel Platz, die durch Blumen und Fruchtranken aus kostbaren Steinen in gleiche Felder geteilt war. Die schöne Formosante saß zwischen dem König von Indien und dem Ägyptens, die schöne Aldea neben dem Könige der Skythen. Es waren einige dreißig Fürsten anwesend, und ein jeder von ihnen saß an der Seite einer der schönsten Damen des Palastes. Der König von Babylon saß in der Mitte, seiner Tochter gegenüber, und schien zu schwanken zwischen dem Kummer, sie nicht haben verheiraten zu können, und der Freude, sie noch zu behalten. Formosante bat ihn um Erlaubnis, ihren Vogel neben sich auf den Tisch setzen zu dürfen, und der König billigte es gern. Die Tafelmusik ließ jedem Fürsten völlige Freiheit, seine Nachbarin zu unterhalten. Das Gastmahl war so angenehm wie prächtig. Man hatte vor Formosanten ein Ragout aufgetragen, das ihr Vater besonders liebte, sie gab daher den Befehl, es seiner Majestät zu bringen, und sogleich ergriff der Vogel mit wunderbarer Geschicklichkeit die Schüssel und reichte sie dem Könige dar. Noch niemals hatte wohl an einer Abendtafel größeres Erstaunen geherrscht. Belus liebkoste den Vogel ebenso sehr wie seine Tochter es zu tun pflegte. Der Vogel flog darauf an ihre Seite zurück, und im Fluge entfaltete er einen so schönen Schweif, seine gespreizten Flügel zeigten so viele glänzende Farben, und von dem Golde seines Gefieders ging ein so blendendes Strahlen aus, daß aller Augen nur auf ihn blickten; die Spielleute hielten in ihrer Musik inne und wurden unbeweglich, niemand aß, niemand sprach mehr, und nur ein Murmeln der Bewunderung war vernehmlich. Die Prinzessin von Babylon küßte ihn während des ganzen Mahles, ohne auch nur daran zu denken, daß es Könige auf der Welt gäbe. Die von Indien und Ägypten fühlten ihren Groll und Verdruß sich verdoppeln, und jeder von ihnen schwur sich zu, den Marsch seiner dreimalhunderttausend Mann zu beschleunigen, um sich in Bälde zu rächen. Was den König der Skythen anging, so war er damit beschäftigt, die schöne Aldea zu unterhalten. Sein stolzes Herz, das die Unliebenswürdigkeit Formosantens ohne jeden Ärger verachtete, empfand gegen sie mehr Gleichgültigkeit als Zorn. »Sie ist schön,« sagte er, »ich gestehe es gern, aber sie scheint mir eine jener Frauen zu sein, die nur mit ihrer Schönheit beschäftigt sind und wähnen, das Menschengeschlecht müsse ihnen sehr verbunden sein, wenn sie sich öffentlich zu zeigen geruhen: in meinem Lande betet man jedoch keine Götzen an. Mir wäre eine häßliche aber gefällige und aufmerksame Meerkatze lieber, als diese schöne Bildsäule. Sie, Gnädigste, besitzen ebensoviel Reiz wie Formosante und lassen sich doch wenigstens herab, mit uns Fremden zu sprechen. Ich gestehe Ihnen mit dem Freimut eines Skythen, daß ich Ihnen vor Ihrer Base den Vorzug gebe.« Dennoch täuschte er sich über Formosantens Charakter, sie war nicht so hoffärtig, wie sie erschien. Seine artigen Worte wurden jedoch von der Prinzessin Aldea sehr freundlich aufgenommen, ihre Unterhaltung ward schließlich immer verfänglicher, sie fühlten sich höchst befriedigt und waren schon lange vor dem Verlassen der Tafel ein jeder des anderen sicher. Nach dem Mahle lustwandelte man in den Gartenanlagen. Der König der Skythen und Aldea verfehlten nicht, eine einsame Laube aufzusuchen. Aldea, welche die Offenheit selber war, sprach folgendermaßen zu dem Fürsten: »Ich hasse meine Base keineswegs, obgleich sie schöner ist als ich und auf Babylons Thron kommen wird. Die Ehre, Euch zu gefallen, ersetzt mir meine mangelnden Reize; ich ziehe das Skythenland mit Euch der Krone von Babylon ohne Euch vor, aber diese Krone steht mir rechtmäßig zu, wenn es anders Recht auf der Welt gibt, denn ich stamme von einem älteren Zweige Nimrods ab, Formosante nur von einem jüngeren. Ihr Großvater entthronte den meinen und tötete ihn.« »So also steht's um die Kraft des Blutes im Hause Babylon!« sagte der Skythe; »wie hieß Euer Großvater?« »Er hieß Aldeus, und mein Vater trug denselben Namen, er wurde mit meiner Mutter in einen Winkel des Reiches verbannt; da Belus mich jedoch nicht fürchtete, ließ er mich nach ihrem Tode mit seiner Tochter erziehen, allein mir ist niemals zu heiraten bestimmt.« »Ich will Euren Vater und Euren Großvater und Euch rächen,« sagte der König der Skythen, »und daß Ihr geheiratet werden sollt, dafür bürge ich Euch. Ich werde Euch übermorgen in aller Frühe entführen, denn morgen muß ich noch mit dem Könige von Babylon zu Mittag speisen; Eure Rechte aber werde ich später mit einem Heere von dreimalhunderttausend Mann geltend zu machen wissen.« »Das ist mir schon recht«, sagte die schöne Aldea, und nachdem sie sich ihr Wort gegeben, trennten sie sich von einander. Schon lange hatte sich die unvergleichliche Formosante schlafen gelegt. Neben ihr Bett hatte sie einen kleinen Orangenbaum in einem silbernen Topf zu stellen befohlen, um ihren Vogel darauf ruhen zu lassen. Ihre Bettvorhänge waren geschlossen, aber sie verspürte keine Lust zu schlafen, ihr Herz und ihre Phantasie waren allzu wach. Vor ihren Augen schwebte der reizende Unbekannte, sie sah ihn mit dem Bogen Nimrods einen Pfeil abschießen und betrachtete ihn, wie er dem Löwen das Haupt abhieb. Sie sagte das Madrigal leise vor sich hin, und zu guter Letzt sahen ihre Augen ihn auf einem Einhorne reitend aus der Menge entweichen. Da brach sie in Seufzer aus und rief mit Tränen in der Stimme: »Ich werde ihn also niemals wiedersehen, niemals wird er zurückkehren!« »Oh, er kehrt zurück, gnädige Frau«, antwortete ihr der Vogel von seinem Orangenzweige herab. »Könnte man Sie denn je erblickt haben, ohne Sie wiedersehen zu müssen?« »Oh Himmel, oh ewige Mächte, mein Vogel spricht reines Chaldäisch!« Mit diesen Worten riß sie ihren Vorhang auseinander, streckte ihm die Arme entgegen und kniete in ihrem Bett nieder. »Bist du ein Gott, der auf die Erde herabgestiegen, bist du der große Oromazes, der sich unter diesem schönen Gefieder verbirgt? Wenn du ein Gott bist, gib mir den schönen jungen Mann wieder.« »Ich bin nur ein geflügeltes Tier,« erwiderte der Vogel. »Ich ward aber in jener Zeit geboren, da noch alle Tiere sprechen konnten, und Vögel, Schlangen, Eselinnen, Pferde und Greifen sich vertraulich mit den Menschen unterredeten. Vor aller Welt habe ich nicht sprechen wollen aus Furcht, Eure Ehrendamen möchten mich für eine Hexe halten, nur Euch will ich mich entdecken.« Bestürzt, verwirrt, trunken von so vielen Wundern und von dem Drange, hundert Fragen auf einmal zu tun, beengt, fragte Formosante ihn zunächst, wie alt er sei. »Siebenundzwanzigtausendneunhundert Jahre und sechs Monate, gnädige Fürstin. Ich entstamme dem Alter der kleinen Himmelsumdrehung, welche Eure Magier die Feststellung der Tag- und Nachtgleichen nennen, und welche sich ungefähr in achtundzwanzigtausend von Euren Jahren vollzieht. Es gibt noch unendlich viel längere Umdrehungen, und wir haben auch Wesen, welche viel älter sind als ich. Es sind zweiundzwanzigtausend Jahre her, als ich auf einer meiner Reisen chaldäisch erlernte, und ich habe mir stets ein großes Gefallen an der chaldäischen Sprache bewahrt. Meine Brüder, die anderen Vögel aber, haben unter Euren Himmeln auf das Sprechen verzichtet.« »Und warum das, mein göttlicher Vogel?« »Ach, weil die Menschen zu guter Letzt die Gewohnheit annahmen, uns aufzuessen, anstatt sich mit uns zu unterhalten und zu unterrichten. Hätten diese Barbaren nicht überzeugt sein müssen, daß wir, die wir im Besitze derselben Organe, derselben Empfindungen, derselben Bedürfnisse und derselben Wünsche wie sie, auch jenes gleich ihnen besäßen, was man eine Seele nennt, daß wir ihre Brüder seien, und daß man nur die Bösen braten und essen dürfe? In solchem Maße sind wir Euch verbrüdert, daß das große Wesen, das ewige schöpferische Wesen uns beim Abschluß seines Paktes mit den Menschen ausdrücklich in den Vertrag aufgenommen hat: es verbot Euch, Euch mit unserem Blute zu nähren, und uns, das Eure zu trinken.« Siehe Kapitel IX der Genesis und Kapitel III, Vers 18 und 19 im Prediger Salomonis. »Die Fabeln Eures alten Lokman, welche in so viele Sprachen übersetzt worden sind, werden ein ewig bestehendes Zeugnis von dem glücklichen Umgange sein, den ihr einstmals mit uns gepflogen habt: sie beginnen sämtlich mit den folgenden Worten: »Zu der Zeit, da die Tiere noch sprachen.« Allerdings gibt es unter Euch viele Frauen, welche noch immer zu ihren Hunden sprechen, diese jedoch haben niemals zu antworten beschlossen, seit man sie mit Peitschenhieben gezwungen hat, auf die Jagd zu gehen und mitschuldig an dem Morde unserer alten, gemeinsamen Freunde, der Hirsche, der Damhirsche, der Hasen und der Rebhühner zu werden. Ihr besitzt noch alte Gedichte, in denen die Pferde sprechen, und Eure Kutscher richten noch tagtäglich das Wort an sie, aber es geschieht in so niedrigen Ausdrücken und mit so viel Roheit, daß die Pferde, die Euch einst so herzlich liebten, Euch nun verabscheuen. Das Land, welches Euer geliebter Unbekannter, der vollkommenste aller Menschen, bewohnt, ist das einzige geblieben, in dem Euer Geschlecht das unsere noch zu lieben und mit ihm zu sprechen versteht. Es ist das einzige Land auf der ganzen Erde, in dem die Menschen gerecht sind.« »Und wo liegt dieses Vaterland meines teuren Unbekannten? Wie lautet der Name meines Helden? Und wie heißt sein Reich? Denn ich werde ebensowenig glauben, daß er ein Schäfer ist, wie ich glaube, daß du eine Fledermaus bist.« »Sein Vaterland, gnädige Frau, ist das Land der Gangariden, eines tugendhaften und unbesieglichen Volkes, welches das östliche Ufer des Ganges bewohnt. Der Name meines Freundes ist Amasan. Er ist kein König, und ich weiß auch nicht, ob er sich so weit erniedrigen würde, einer sein zu wollen, dazu liebt er seine Mitbürger allzusehr. Er ist gleich ihnen ein Schäfer. Verfallet aber nicht darauf, Euch einzubilden, daß diese Schäfer den Euren gleichen, welche, von zerrissenen Lumpen kaum bedeckt, Schafe hüten, die unendlich besser gekleidet sind als sie, und unter der Last der Armut stöhnen und die Hälfte des kümmerlichen Lohns, den sie von ihren Herren empfangen, einem Halsabschneider abgeben müssen. Die gangaridischen Schäfer sind alle Gleichgeborene und Herren unzähliger Herden, die ihre ewig blühenden Weiden bedecken. Man tötet sie niemals, es ist ein Verbrechen gegen den Ganges Seinesgleichen zu töten und zu essen: ihre Wolle, welche feiner und glänzender als die schönste Seide ist, bildet den beträchtlichsten Handelsgegenstand des Morgenlandes. Daneben bringt der Boden der Gangariden alles hervor, was den Sinnen des Menschen schmeicheln kann: jene großen Diamanten, die Euch zu schenken Amasan die Ehre hatte, entstammen einem Bergwerk, das ihm gehört. Das Einhorn, das Ihr ihn besteigen saht, ist das übliche Reittier der Gangariden. Es ist das schönste und stolzeste, furchtbarste und sanfteste Tier, welches die Erde ziert. Hundert Gangariden und hundert Einhorne würden genügen, unzählige Heere zu zerstreuen. Vor ungefähr zwei Jahrhunderten war ein König von Indien toll genug, dieses Volk besiegen zu wollen: er erschien an der Spitze von zehntausend Elefanten und einer Million Krieger. Die Einhorne durchbohrten die Elefanten, wie ich auf Eurer Tafel Lerchen auf goldenen Spießen aufgereiht gesehen habe. Die Krieger fielen unter den Schwertern der Gangariden, wie Maishalme von den Händen morgenländischer Völker abgemäht werden. Man machte den König mit mehr denn hunderttausend Mann zum Gefangenen, badete ihn in den heilkräftigen Wassern des Ganges und zwang ihn zu der landesüblichen Lebensweise, die darin besteht, sich nur von Pflanzen zu nähren, als welche die Natur zur Erhaltung alles dessen, was atmet, hervorgebracht hat. Die mit Fleisch und starken Getränken geheizten Menschen haben alle ein scharfes, brennendes Blut, welches sie auf hundert verschiedene Weisen toll macht. Ihr vornehmster Wahnsinn ist die Sucht, das Blut ihrer Brüder zu vergießen und fruchtbare Gelände zu verwüsten, um über Totenäcker zu herrschen. Man brauchte sechs ganze Monate, um den indischen König von seiner Krankheit zu heilen. Als die Ärzte endlich fanden, daß sein Puls ruhiger ging und sein Geist gesetzter geworden war, bescheinigten sie es ihm vor dem Rate der Gangariden, und nachdem dieser Rat die Einhorne um ihre Meinung befragt, schickte er den König von Indien, seinen dummen Hofstaat und seine törichten Krieger aufs menschlichste in ihre Heimat zurück. Diese Lehre brachte sie zur Vernunft, und von der Zeit an achteten die Indier die Gangariden wie unter Euch die Unwissenden, die etwas lernen wollen, die chaldäischen Philosophen achten, denen sie doch niemals zu gleichen vermöchten.« »Sag mal, mein guter Vogel,« rief nun die Prinzessin, »gibt es bei den Gangariden auch eine Religion?« »Und ob es eine gibt, Fürstin! Im Vollmond versammeln wir uns, um Gott zu danken. Aus Furcht vor gegenseitiger Ablenkung halten sich die Männer dabei in einem großen Zedernholztempel, die Weiber in einem anderen. Alle Vögel sitzen in einem Gehölz, alle Vierfüßler lagern auf einem schönen Rasenplatz, und dann danken wir Gott für alle Güter, die er uns beschert hat. Wir haben vor allem ein paar Papageien, die ganz wunderbar predigen. So ist das Vaterland meines lieben Amasan beschaffen, und dort wohne auch ich. Ich empfinde ebensoviel Freundschaft zu ihm, als er Liebe in Euch erregt hat. Wenn Ihr auf mich hören wolltet, so würden wir zusammen aufbrechen, und Ihr würdet ihm seinen Besuch erwidern.« »Wahrhaftig, mein Vogel, du läßt dich da auf ein hübsches Handwerk ein«, erwiderte lächelnd die Prinzessin, welche vor Lust brannte, die Reise zu unternehmen, und es doch nicht zu gestehen wagte. »Ich diene meinem Freunde,« antwortete der Vogel, »und nach dem Glücke euch zu lieben, gibt es nur noch ein höheres, das Glück, eurer Liebe zu dienen.« Formosante wußte nicht mehr, wo sie sich befand, sie wähnte sich weit über die Erde emporgehoben! Alles, was sie an diesem Tage gesehen, alles, was sie noch sah, was sie hörte und vor allem, was sie in ihrem Herzen empfand, warf sie in einen Wonnentaumel, welcher jenen gar weit überstieg, den heute die glücklichen Mohammedaner durchleben, wenn sie sich von allen irdischen Banden befreit in den Armen ihrer Houris im neunten Himmel erblicken, umwogt und durchdrungen von himmlischer Verklärung und Glückseligkeit.   Sie verbrachte die ganze Nacht damit, von Amasan zu sprechen. Sie nannte ihn nur noch ihren Schäfer. Aus dieser Zeit stammt es, daß bei einigen Völkern die Worte Schäfer und Geliebter stets für einander gebraucht werden können. Bald fragte sie den Vogel, ob Amasan schon eine Andere geliebt hätte. Er antwortete: »Nein«, und sie wußte sich im Freudenüberschwange kaum zu fassen. Bald wieder wollte sie wissen, womit er sein Leben verbringe, und sie vernahm überwältigt, daß er es nütze, Gutes zu tun, die Künste zu pflegen, die Geheimnisse der Natur zu ergründen, und sein eigenes Wesen zu vervollkommnen. Dann wieder wollte sie wissen, ob die Seele ihres Vogels von derselben Natur sei, wie die ihres Geliebten, und weshalb er nahezu achtundzwanzigtausend Jahre gelebt habe, während ihr Geliebter doch nur achtzehn oder neunzehn Jahre alt sei. Sie stellte hundert ähnliche Fragen, auf die der Vogel mit einer Zurückhaltung antwortete, die ihre Wißbegier nur noch mehr anstachelte. Endlich schloß der Schlaf Formosantens Augen und überließ sie dem süßen Wahn von Träumen, welche die Götter schicken, – Träume, welche bisweilen sogar die Wirklichkeit übertreffen und die die ganze Philosophie der Chaldäer kaum zu erklären vermöchte. Erst spät erwachte Formosante. In ihrem Gemache herrschte noch graue Dämmerung, als der König, ihr Vater, es betrat. Der Vogel empfing seine Majestät mit ehrfurchtsvoller Höflichkeit, schritt rückwärts vor ihm her, schlug mit den Flügeln, reckte den Hals und flog dann wieder auf seinen Orangenbaum zurück. Der König setzte sich auf das Bett seiner Tochter, welche von ihren Träumen noch lieblicher geworden war. Sein großer Bart näherte sich ihrem schönen Antlitz, und nachdem er ihr zwei Küsse gegeben, sprach er folgendermaßen zu ihr: »Meine geliebte Tochter, du hast gestern wider meine Hoffnung keinen Gatten finden können, dennoch mußt du einen bekommen, das Heil meines Reiches fordert es. Ich habe das Orakel, welches, wie du wohl weißt, niemals lügt und alle meine Schritte lenkt, befragt, und es hat mir befohlen, dich durch die Welt streifen zu lassen, du mußt dich also auf die Reise begeben.« »Oh, zu den Gangariden natürlich!« rief die Prinzessin, aber während sie diese, ihr wider Willen entschlüpfenden Worte aussprach, fühlte sie bereits, daß sie eine Dummheit begangen. Der König, der keine Ahnung von Geographie hatte, fragte sie, was sie mit den Gangariden meine, und so konnte sie leicht eine Ausrede finden. Der König verkündete ihr nun, sie müsse eine Pilgerfahrt antreten; ihr Gefolge habe er bereits bestimmt: den Ältesten des Staatsrates, den Groß-Almosenpfleger, eine Ehrendame, einen Arzt, einen Apotheker und ihren Vogel und sonst noch alle erforderliche und schickliche Dienerschaft. Formosante, die den Palast des Königs, ihres Vaters, noch niemals verlassen, und bis zu dem Tage der drei Könige und Amasans ein sehr schales, von den Gesetzen des Prunkes und befohlenen Vergnügungen beherrschtes Leben geführt hatte, war von dem Gedanken an eine Pilgerfahrt über die Maßen entzückt. »Wer weiß,« flüsterte es ganz leise in ihrem Herzen, »ob die Götter meinem teuren Gangariden nicht den Wunsch eingeben möchten, nach derselben Kapelle zu wallfahrten, und ob mir nicht das Glück zuteil werden wird, dort den Pilger wiederzusehen.« Sie dankte ihrem Vater aufs zärtlichste und sagte ihm, sie habe stets eine heimliche Verehrung gerade für den Heiligen empfunden, zu dem man sie entsende. Belus gab seinen Gästen ein vortreffliches Gastmahl, an dem nur Männer teilnehmen durften. Es waren lauter gar schlecht zusammenpassende Leute: Könige, Fürsten, Minister, Priester, welche alle aufeinander eifersüchtig waren, alle ihre Worte vorsichtig abwogen und sich sämtlich durch ihre Nachbaren und durch sich selber beengt fühlten. Obgleich gar viel getrunken ward, herrschte doch eine trübe Stimmung bei dem Mahle. Die beiden Prinzessinnen blieben in ihren Gemächern, eine jede mit ihrer Abreise beschäftigt. Sie speisten allein an der kleinen Familientafel. Darauf lustwandelte Formosante mit ihrem Vogel durch die Gärten, und um sie zu ergötzen, flog dieser von Baum zu Baum und breitete seinen prächtigen Schweif und sein göttliches Gefieder. Der König von Ägypten, welcher vom Weine heiß, um nicht zu sagen trunken geworden war, verlangte von einem seiner Edelknaben einen Bogen und einen Pfeil. Dieser Fürst war in Wirklichkeit der ungeschickteste Schütze seines Königreichs: schoß er nach der Scheibe, so war die Stelle, an der man sich in der größten Sicherheit befand, gerade der Fleck, auf den er zielte. Der schöne Vogel jedoch, der ebenso schnell flog wie der Pfeil, geriet von selbst in die Schußbahn und fiel über und über blutend in die Arme Formosantens hinab. Der Ägypter brach in ein dummes Lachen aus und zog sich in seine Behausung zurück. Die Prinzessin zerriß den Himmel mit ihrem Schreien, zerschmolz in Tränen und zerfleischte sich Wangen und Brust. Der sterbende Vogel sprach ganz leise zu ihr: »Versäume nicht, mich zu verbrennen und meine Asche in das glückliche Land Arabien ostwärts in die alte Stadt Aden oder Eden zu bringen und sie dort auf einem kleinen Scheiterhaufen aus Gewürznelken und Zimt in die Sonne zu breiten.« Nachdem er diese Worte gesprochen, verschied er. Formosante blieb lange ohnmächtig und erblickte das Licht des Tages nur wieder, um in Schluchzen auszubrechen. Ihr Vater teilte ihren Schmerz, stieß gegen den König von Ägypten Verwünschungen aus, zweifelte nicht, daß dieses Ereignis eine unheilvolle Zukunft anzeige, und befragte schleunigst sein Hausorakel. Das Orakel antwortete: »Alles miteinander, lebendiger Tot, Untreue und Beständigkeit, Verlust und Gewinn, Drangsal und Glück.« Weder er noch sein Rat vermochten diesen Spruch zu verstehen, aber schließlich empfand er immerhin die Genugtuung, seiner Glaubenspflicht genügt zu haben. Während er das Orakel befragte, ließ seine ganz in Tränen aufgelöste Tochter dem Vogel die Totenehren erweisen, die er selber angeordnet hatte. Sie war entschlossen ihn selbst auf Gefahr ihres Lebens nach Arabien zu bringen. Er wurde zusammen mit dem Orangenbäumchen, auf dem er gesessen, in unverbrennbarem Linnen verbrannt, und eigenhändig sammelte sie seine Asche in eine kleine Goldvase, die über und über mit Karfunkelsteinen und mit den Diamanten besetzt war, die man aus der Schnauze des Löwen genommen hatte. Warum konnte sie nicht, anstatt diese traurigen Pflichten zu erfüllen, den abscheulichen König von Ägypten lebendig verbrennen? hierin gipfelten alle ihre Wünsche, sie ließ in ihrem Zorn seine beiden Krokodile, seine beiden Flußpferde, seine beiden Zebras und seine beiden Ratten töten und die beiden Mumien in den Euphrat werfen, und wäre der Stier Apis in ihrer Gewalt gewesen, so würde sie nicht anders mit ihm verfahren sein. Durch diesen Schimpf zum Äußersten gebracht, brach der König von Ägypten sofort auf, um den Marsch seiner Dreimalhundertausend zu beschleunigen. Als der König von Indien seinen Verbündeten abziehen sah, machte auch er sich am selben Tage in der festen Absicht auf den Weg, seine dreimalhunderttausend Indier mit dem ägyptischen Heere zu vereinigen. Der König von Skythien machte sich in selbiger Nacht mit der Prinzessin Aldea aus dem Staube und war fest entschlossen, an der Spitze von dreimalhunderttausend Skythen für sie zu kämpfen und ihr die Erbschaft Babylons wieder zu erringen, die ihr ja auch zustand, da sie dem älteren Zweige der Herrscherfamilie entstammte. Die schöne Formosante ihrerseits brach um drei Uhr des Morgens mit ihrer Pilgerkarawane in dem festen Glauben auf, sie könne nach Arabien ziehen, um den letzten Willen ihres Vogels zu erfüllen, und die Gerechtigkeit der unsterblichen Götter würde ihr ihren geliebten Amasan wiedergeben, denn sie vermochte ohne ihn nicht mehr zu leben. So fand denn der König von Babylon bei seinem Erwachen niemand mehr vor. »Wie doch die großen Festtage zu Ende gehen,« sagte er, »und welch erstaunliche Leere bleibt nicht in der Seele zurück, wenn der Lärm verklungen.« Als er jedoch erfuhr, daß man die Prinzessin Aldea entführt habe, ward er von einem wahrhaft königlichen Zorne erfaßt. Er gab Befehl, alle seine Minister zu wecken und sich im Rat zu versammeln. Ihrer Ankunft harrend verfehlte er nicht, sein Orakel zu befragen. Aber er konnte ihm niemals etwas anderes abringen als diese seither auf dem ganzen Erdenballe so berühmt gewordenen Worte: »Wenn man die Mädchen nicht verheiratet, verheiraten sie sich selber.« Auch wurde auf der Stelle Befehl gegeben, mit dreimalhunderttausend Mann gegen den König der Skythen aufzubrechen. So war denn der schrecklichste Krieg auf allen Seiten entflammt, und hervorgerufen worden war er durch die Belustigungen des schönsten Festes, das man jemals auf Erden gegeben hatte. Asien sollte von vier Heeren verwüstet werden, von denen ein jedes dreimalhunderttausend Krieger stark war. Man wird wohl einsehen, daß der Trojanische Krieg, der die Welt einige Jahrhunderte später in Staunen versetzte, im Vergleich nur ein Kinderspiel war. Man darf aber auch nicht außer acht lassen, daß es sich im Streite der Trojaner nur um ein altes, ziemlich leichtfertiges Weib handelte, das sich zweimal hatte entführen lassen, während hier zwei Mädchen und ein Vogel in Frage kamen. Der König von Ägypten erwartete sein Heer auf der großen prächtigen Straße, welche damals gradwegs von Babylon nach Kaschmir führte. Der König der Skythen eilte mit Aldea den schönen Weg dahin, welcher nach dem Berge Immaus führte. Alle diese Wege sind später durch die Schuld schlechter Verwaltungen verschwunden. Der König von Ägypten hatte sich nach Osten gewandt und rückte auf das kleine mittelländische Meer vor, welches die unwissenden Hebräer seitdem das Große Meer getauft haben. Was die schöne Formosante anbetrifft, so hatte sie den mit hohen, ewig Schatten und Früchte spendenden Palmen bepflanzten Weg nach Bassora eingeschlagen. Der Tempel, zu dem sie wallfahrtete, lag in Bassora selbst. Der Heilige, dem dieser Tempel geweiht war, war jenem anderen, den man später in Lampsakus anbetete, einigermaßen wesensverwandt: er verschaffte den Mädchen nicht nur Ehemänner, sondern vertrat auch des öfteren selber Gattenstelle. Er war der gefeiertste Heilige in ganz Indien. Formosante war an dem Heiligen von Bassora nichts gelegen, sie rief nur ihren geliebten gangaridischen Schäfer an, ihren schönen Amasan. Sie hoffte sich in Bassora einschiffen und in das glückliche Land Arabien fahren zu können, um das zu vollführen, was ihr der tote Vogel befohlen hatte. Kaum hatte sie jedoch beim dritten Sonnenuntergange die Herberge betreten, in der ihre Vorläufer alles für sie hergerichtet, so vernahm sie auch schon, daß der König von Ägypten ebenfalls angekommen sei. Durch seine Spione von dem Weg der Prinzessin in Kenntnis gesetzt, hatte er auf der Stelle seinen Marsch geändert; angelangt, ließ er nun vor alle Türen Wachen stellen, begab sich in das Gemach der schönen Formosante hinauf und sprach: »Mein Fräulein, gerade Euch suchte ich! Als ich in Babylon war, habt Ihr mir gar geringe Beachtung geschenkt, es ist eine gerechte Sache, Hochmut und Launenhaftigkeit zu bestrafen. Ihr werdet freundlichst die Güte haben, heute abend mit mir zu Nacht zu speisen, danach soll kein anderes Bette für Euch gerichtet sein denn das meine, und darinnen werde ich so mit Euch verfahren, daß der Morgen einen Zufriedenen findet.« Formosante sah wohl ein, daß sie nicht der Stärkere sei, und wußte, daß Klugheit heische, sich stets nach seiner Decke zu strecken; sie beschloß daher, sich von dem Könige von Ägypten durch eine unschuldige List zu befreien. Sie blickte ihn mit geneigtem und ein wenig gewendetem Kopf in einer Weise an, die man einige Jahrhunderte später äugeln genannt hat, und sprach folgendermaßen zu ihm, mit einer Bescheidenheit, einer Anmut, Sanftheit, Verwirrung und einer Unzahl von Reizen, welche den verständigsten Mann toll und den hellsichtigsten blind gemacht hätten. »Gern gestehe ich Euch, werter Herr, daß ich vor Euch stets die Augen senkte, als Ihr dem Könige, meinem Vater, die Ehre antatet, ihn zu besuchen: Ich fürchtete mein Herz und meine allzukindliche Einfalt, ich zitterte davor, mein Vater und Eure Mitbewerber könnten der Vorliebe gewahr werden, die ich für Euch empfand und die Ihr auch wohl verdienet. Nun aber kann ich mich meinen Gefühlen hingeben. Ich schwöre bei dem Stiere Apis, dem Wesen, das ich nach Euch am meisten auf der Welt verehre, daß Eure Vorschläge mich entzückt haben. Schon beim Könige, meinem Vater, habe ich mit Euch zu Abend gespeist, ich werde es hier nun noch einmal tun, ohne daß er an unserem Mahle teilnimmt. Nur einzig darum bitte ich Euch, daß Euer Groß-Almosenpfleger mit uns trinken möchte, denn in Babylon hat er mich ein gar guter Trinkgesell dünken wollen. Ich habe einen vortrefflichen Schiraswein und will Euch beiden davon zu trinken geben. Was Euren zweiten Vorschlag angeht, so ist er sehr verlockend, einem wohlerzogenen Mädchen geziemt es jedoch nicht, davon zu sprechen. Laßt es Euch genügen, zu wissen, daß ich Euch für den größten aller Könige und für den liebenswürdigsten aller Männer halte.« Diese Rede verdrehte dem König von Ägypten den Kopf. Gern willigte er, daß der Almosenpfleger der dritte sei. »Um noch eine Gnade habe ich Euch zu bitten,« sagte die Prinzessin: »wollet erlauben, daß mein Apotheker zu mir kommt. Mädchen haben stets gewisse kleine Unpäßlichkeiten, welche eine bestimmte Pflege erfordern: Schwindel, Herzklopfen, Bauchgrimmen und Beklemmungen, die man unter gewissen Umständen einer bestimmten Behandlung unterziehen muß, mit einem Worte, ich brauche meinen Apotheker dringend und hoffe bestimmt, daß Ihr mir diesen geringfügigen Liebesbeweis nicht versagen werdet.« »Mein Fräulein,« antwortete ihr der König von Ägypten, »obgleich ein Apotheker Absichten verfolgt, welche den meinen genau entgegengesetzt sind, obgleich das Ziel seiner Kunst dem Ziele der meinigen entgegensteht, so besitze ich doch zu viel Lebensart, um Euch eine so gerechte Bitte abzuschlagen; ich werde ihm befehlen, sich zu Euch zu begeben, während wir des Abendessens harren. Ich begreife auch, daß Ihr von der Reise ein wenig ermüdet sein und Verlangen nach einer Kammerfrau tragen müßt. Ihr mögt die, welche Euch am liebsten ist, zu Euch kommen lassen, inzwischen harre ich Eurer Befehle und Eurer Erholung.« Dann zog er sich zurück, und der Apotheker und die Kammerfrau, Irla mit Namen, erschienen. Die Prinzessin hatte unbegrenztes Vertrauen zu ihr. Sie befahl ihr, sechs Flaschen Schiraswein zum Abendessen bringen zu lassen und allen Wachen, welche ihre Begleiter gefangen hielten, vom gleichen Weine zu trinken zu geben. Darauf befahl sie dem Apotheker, in alle Flaschen ein bestimmtes Kraut zu tun, welches jedermann in einen vierundzwanzigstündigen Schlaf versenkte und mit dem er stets versehen war. Ihr ward pünktlichster Gehorsam. Nach Verlauf einer halben Stunde kam der König mit dem Groß-Almosenpfleger zurück, und das Mahl verlief in aller Fröhlichkeit. Der König und der Priester leerten die sechs Flaschen und gestanden, daß es in Ägypten einen so guten Wein nicht gäbe. Die Kammerfrau trug Sorge, auch die Bedienten, welche aufgetragen hatten, davon trinken zu lassen. Was aber die Prinzessin anging, so hütete sie sich wohl, von dem Weine zu kosten, vorschützend, ihr Arzt habe ihr dies anbefohlen. Und so schlief denn bald alles. Der Almosenpfleger des Königs von Ägypten hatte den schönsten Bart, den ein Mann seines Schlages nur haben konnte. Formosante schnitt ihn ihm geschickt ab, dann ließ sie ihn auf ein schmales Band heften und band ihn um ihr Kinn, sie hüllte sich auch in das Gewand des Priesters und in alle Anzeichen seiner Würde und kleidete ihre Kammerfrau als Sakristan der Göttin Isis. Nachdem sie noch ihre Urne an sich genommen, verließ sie endlich die Herberge mitten durch die Schildwachen hindurch, die gleich ihren Herren schliefen. Das Kammerfräulein hatte die Umsicht besessen, an der Tür zwei Pferde bereithalten zu lassen. Die Prinzessin konnte keinen der Offiziere ihres Gefolges mit sich nehmen, sie wären von der Hauptwache angehalten worden. Formosante und Irla durchschritten die Reihen der Soldaten, welche die Prinzessin für den Oberpriester hielten und sie ihren hochwürdigsten Vater in Gott nannten und um seinen Segen baten. Die beiden Flüchtlinge gelangten, noch ehe der König erwacht war, in vierundzwanzig Stunden nach Bassora, und taten dort ihre Verkleidung, welche hätte Verdacht erregen können, von sich ab. Sie mieteten schnellstens ein Schiff, das sie durch die Enge von Ormus in das glückliche Land Arabien an das schöne Ufer von Eden brachte. Es war dasselbe Eden, dessen Gärten solchen Ruhm erlangten, daß man seither den Aufenthalt der Gerechten dorthin verlegt hat. Sie wurden das Vorbild der elysäischen Gefilde, der Gärten der Hesperiden und der Gärten auf den Kanarischen Inseln, denn unter diesen heißen Himmelsstrichen können sich die Menschen keine größere Glückseligkeit vorstellen als Schatten und Wassergeplätscher. Ewig mit dem höchsten Wesen im Himmel zu leben oder im Garten, im Paradiese, zu lustwandeln, bedeutete ein und dasselbe für jene Menschen, welche stets sprachen, ohne einander zu verstehen, und noch keine klaren Begriffe und Ausdrücke haben konnten. Sobald sich die Prinzessin in diesem Lande sah, war es ihre erste Sorge, dem Vogel die Totenehren zu erweisen, die er von ihr erheischt hatte: ihre schönen Hände errichteten also einen kleinen Scheiterhaufen aus Gewürznelken und Zimt. Aber wie groß war ihre Überraschung, als sie nach dem Verstreuen der Asche des Vogels auf diesen Scheiterhaufen ihn sich von selbst entflammen sah. Bald war alles verzehrt und an Stelle der Asche lag ein großes Ei, aus dem sie ihren Vogel herrlicher emporsteigen sah, als er jemals gewesen. Dieses war der schönste Augenblick, den die Prinzessin jemals erlebt hatte, und nur einen gab es, der ihr noch lieber sein konnte, sie ersehnte ihn, aber sie wagte ihn nicht zu erhoffen. »Ich sehe nun wohl,« sprach sie zu dem Vogel, »daß Sie der Phönix sind, von dem man mir so viel erzählt hat, fast sterbe ich vor Erstaunen und Freude. Ich glaubte nicht an die Auferstehung, aber mein Glück hat mich von ihr überzeugt.« »Die Auferstehung, meine Gnädigste,« antwortete der Phönix, »ist ja die einfachste Sache von der Welt, denn es ist nicht erstaunlicher zweimal als einmal geboren zu werden. In dieser Welt ist alles Auferstehung: die Raupen erstehen als Schmetterlinge wieder, ein Kern, den man in die Erde legt, als Baum, alle in die Erde verscharrten Tiere erstehen als Kräuter und Pflanzen wieder und nähren andere Tiere, von deren Körperlichkeit sie gar bald einen Teil bilden, alle kleinsten Teilchen, aus denen die Leiber bestehen, werden in verschiedene Wesen umgewandelt. Ich allerdings bin das einzige Wesen, dem der große Oromazes die Gnade hat widerfahren lassen, in seiner eigenen Wesenheit auferstehen zu können.« Formosante, welche seit dem Tage, da sie Amasan und den Phönix zum ersten Male erblickt, all ihre Zeit mit Erstaunen verbracht hatte, sprach nun zu ihm: »Ich nehme wahr, daß das große Wesen aus Ihrer Asche wohl einen Phönix zu gestalten vermocht hat, der Ihnen ungefähr ähnlich sieht, daß Sie jedoch genau dasselbe Wesen sein und dieselbe Seele haben sollten, das verstehe ich nicht völlig. Was war denn aus Ihrer Seele geworden, während ich Sie nach Ihrem Tode in meiner Tasche mit mir herumtrug?« »Aber mein Gott, gnädige Frau, warum sollte es denn dem großen Oromazes nicht ebenso leicht sein, sein Wirken auf einen kleinen Funken meines Ichs fortdauern zu lassen, wie dieses Wirken überhaupt zu beginnen? Einst hatte er mir Empfindung, Gedächtnis und Denkkraft beschert, und er beschert sie mir noch; ob er nun diese Gunst an ein Fünkchen elementaren, in mir verborgenen Feuers oder an das Gefüge meiner Organe geknüpft hatte, das macht doch im Grunde nichts aus: die Phönixe und Menschen werden immerdar nicht wissen, wie die Sache eigentlich vor sich geht, die größte Gnade jedoch, die mir das höchste Wesen zu teil werden lassen konnte, besteht darin, mich wiedergeboren zu haben für Euch! Oh, weshalb darf ich die achtundzwanzigtausend Jahre, die ich bis zu meiner nächsten Auferstehung noch zu leben habe, nicht zwischen Euch und meinem teuren Amasan verbringen.« »Mein Phönix,« erwiderte die Prinzessin, »denke daran, daß die ersten Worte, die du zu mir in Babylon sprachest und die ich niemals vergessen werde, mir mit der Hoffnung schmeichelten, ich würde den geliebten Schäfer, den ich vergöttere, wiedersehen: Wir müssen unter allen Umständen zusammen zu den Gangariden wandern, damit ich ihn nach Babylon mit mir zurücknehmen kann.« »Das ist auch meine Absicht,« sagte der Phönix, »aber wir dürfen keinen Augenblick verlieren, es gilt, Amasan auf dem kürzesten Wege zu erreichen, das heißt durch die Lüfte. In dem glücklichen Lande Arabien leben zwei Greife, meine vertrautesten Freunde, deren Wohnstätte nur um einhundertundfünfzig Meilen von hier entfernt ist, ich will ihnen durch die Taubenpost schreiben, sie werden noch vor Nacht eintreffen, inzwischen haben wir vollauf Zeit, für Euch ein kleines, bequemes Ruhebett mit Schubladen arbeiten zu lassen, in die man Euren Mundvorrat hineinlegen kann. Ihr werdet es in diesem Gefährt mit Eurem Fräulein sehr bequem haben. Die beiden Greifen sind die kräftigsten ihrer Gattung, jeder von ihnen wird eine der Lehnen des Sofas mit seinen Krallen ergreifen, aber wie gesagt, jeder Augenblick ist kostbar.« Auf der Stelle begab er sich mit Formosanten zu einem ihm bekannten Tapezier, um das Sofa zu bestellen; in vier Stunden war es fertig. Man legte in die Schubladen kleine Königskuchen und weit bessere Brezeln, als es in Babylon gab, Zitronat, Ananasfrüchte, Kokosnüsse, Pistazien und einen Wein aus Eden, welcher um so viel besser war als der Schiraswein, wie dieser besser denn ein Grünberger ist. Das Ruhebett war so leicht, wie bequem und fest. Die beiden Greife langten zur bestimmten Stunde in Eden an. Formosante und Irla setzten sich auf das Gefährt, und die beiden Greife hoben es wie eine Feder in die Luft. Der Phönix flog bald hinter her, bald setzte er sich auf die Rückenlehne. Die beiden Greife segelten mit der Schnelligkeit eines Pfeils, der die Luft durchfährt, auf den Ganges zu, nur nachts rastete man einige Augenblicke, um zu essen und um die Fuhrleute ein paar Schlucke trinken zu lassen. Endlich langte man bei den Gangariden an. Das Herz der Prinzessin klopfte vor Hoffnung, Liebe und Freude. Der Phönix ließ den Wagen vor Amasans Hause halten und bat, ihn sprechen zu dürfen; er war jedoch vor drei Stunden fortgegangen, ohne daß man wußte, wohin. Es gibt selbst in der Sprache der Gangariden keine Worte, welche die Verzweiflung auszudrücken vermöchten, von der Formosante befallen wurde. »Oh,« rief der Phönix, »das hatte ich befürchtet, die drei Stunden, die Ihr auf dem Wege nach Bassora in dem Wirtshause mit dem vermaledeiten Könige von Ägypten verbracht habt, haben Euch vielleicht auf immer das Glück Eures Lebens geraubt. Ich fürchte beinahe, wir möchten Amasan unwiederbringlich verloren haben.« Darauf fragte er die Diener, ob man nicht wenigstens seine Frau Mutter begrüßen dürfe. Sie erwiderten: Ihr Gatte sei am Abend vorher gestorben, sie empfange niemanden. Der Phönix, welcher im Hause einiges Ansehen genoß, unterließ es trotzdem nicht, die Prinzessin von Babylon in einen Saal zu führen, dessen Wände mit Orangenholz und Elfenbeinplatten getäfelt waren. Die Unterhirten und Unterhirtinnen, die in lange weiße Gewänder mit regenbogenfarbenen Gürteln gekleidet waren, reichten ihnen in hundert Körben aus schlichtem Porzellan hundert köstliche Gerichte, unter denen sich auch nicht ein einziger verkappter Kadaver befand: Reis, Sago, Gries, Nudeln, Makkaroni, Eierkuchen, Milcheier, Sahnenkäse, Zuckergebäck allerart, Gemüse und Früchte von einem Geschmack und einem Duft, von denen man sich unter anderen Himmelsstrichen keine Vorstellung machen kann, und eine Unzahl von Getränken, welche weit lieblicher waren als die besten Weine. Während die Prinzessin auf einem Rosenbett gelagert aß, fächelten sie vier glücklicherweise stumme Pfauen oder Pfauinnen oder Pane mit ihren glänzenden Flügeln. Zweihundert Vögel, hundert Schäfer und hundert Schäferinnen veranstalteten ein zweistimmiges Konzert vor ihr. Die Nachtigallen, Finken, Grasmücken und Stieglitze sangen mit den Hirtinnen zusammen den Diskant, die Hirten den Alt und den Baß, und in allem herrschte die schönste und schlichteste Natur. Die Prinzessin gestand, wenn es in Babylon auch mehr Pracht gäbe, so wäre die Natur bei den Gangariden doch tausendmal lieblicher. Während man dann aber vor ihr jene tröstende und wohlig schmeichelnde Musik aufführte, vergoß sie Tränen. Sie sagte zu ihrer Gefährtin, der jungen Irla: »Diese Hirten und Hirtinnen, diese Nachtigallen und Stieglitze können einander lieben, soviel sie nur wollen. Mir aber ist der gangaridische Held, das würdige Ziel meiner sehr zärtlichen und ungeduldigen Wünsche geraubt.« Während sie dergestalt ihren Imbiß zu sich nahm, und bewunderte und weinte, sprach der Phönix zu der Mutter Amasans folgendermaßen: »Gnädige Frau, Ihr könnt nicht umhin, die Prinzessin von Babylon zu empfangen, denn Ihr wißt ...«. »Ich weiß alles, sogar ihr Abenteuer in dem Wirtshause auf dem Wege nach Bassora. Eine Amsel hat mir heute morgen alles haarklein erzählt, und diese grausame Amsel ist auch schuld daran, daß mein Sohn aus Verzweiflung toll geworden ist und sein väterliches Haus verlassen hat.« »Wißt Ihr denn aber nicht,« fuhr der Phönix fort, »daß die Prinzessin meine Wiedergeburt bewirkt hat?« »Nein, mein liebes Kind, ich erfuhr durch die Amsel, daß Ihr tot seiet, und war untröstlich darüber: dieser Verlust, der Tod meines Gatten und die plötzliche Abreise meines Sohnes hatten mich so betrübt, daß ich meine Tür für jedermann verbot; da mir jedoch die Prinzessin von Babylon die Ehre erweist, mich zu besuchen, lasset sie unverzüglich eintreten, ich habe ihr Dinge von äußerster Wichtigkeit mitzuteilen und will, daß Ihr dabei seid.« Sie begab sich noch vor dem Eintritt der Prinzessin in ein anderes Gemach. Ihr Gang war nicht mehr leicht, denn sie war doch immerhin eine Dame im Alter von dreihundert Jahren, aber ihr waren noch einige schöne Züge geblieben, und man sah gar wohl, daß sie so um das zweihundertunddreißigste bis zweihundertundvierzigste Jahr herum entzückend gewesen sein mußte. Sie empfing Formosanten mit ehrfurchtgebietender Vornehmheit, in die sich Teilnahme und Schmerz mischten und die auf die Prinzessin einen lebhaften Eindruck machte. Formosante äußerte ihr gegenüber zunächst Beileidsbezeugungen über den Tod ihres Gatten. »Ach,« sagte die Witwe, »sein Hingang hat mehr für Euch zu bedeuten, als Ihr ahnt.« »Oh, er trifft mich im Innersten,« sagte Formosante, »er war der Vater meines ...« Bei diesen Worten fing sie zu weinen an. »Nur um seinetwillen bin ich hergekommen, und zwar unter gar großen Fährnissen, um seinetwillen habe ich meinen Vater und den glanzvollsten Hof des Erdenrunds verlassen. Unterwegs bin ich von einem Könige von Ägypten, den ich verabscheue, aufgehalten worden. Nachdem ich jedoch diesem Entführer entkommen, habe ich die Lüfte durchquert, um den zu sehen, den ich liebe. Ich lange an und er flieht vor mir.« Tränen und Seufzer verhinderten sie, weiter zu sprechen. Die Mutter erwiderte ihr darauf: »Gnädige Fürstin, als der König von Ägypten Euch zu entführen trachtete, als Ihr mit ihm auf dem Wege von Bassora in einer Herberge zu Abend speistet, als Eure schönen Hände ihm Schiraswein einschenkten, könnt Ihr Euch da nicht erinnern, eine Amsel gesehen zu haben, die in dem Zimmer umherflog?« »Ja, allerdings, Ihr ruft sie mir ins Gedächtnis zurück. Ich hatte nicht acht auf sie gegeben, aber nun, wo ich meine Gedanken sammle, erinnere ich mich sehr wohl, daß die Amsel in dem Augenblick, da der König von Ägypten aufstand, um mir einen Kuß zu geben, mit einem lauten Schrei aus dem Fenster flog und nicht wieder kam.« »Oh, gnädige Frau,« fuhr die Mutter Amasans fort, »gerade das ist die Ursache alles Unglücks: mein Sohn hatte diese Amsel ausgeschickt, um sich über den Stand Eurer Gesundheit und über alles zu erkundigen, was in Babylon vorging. Er gedachte gar bald dorthin zurückzukehren, um sich Euch zu Füßen zu werfen und Euch sein Leben zu weihen: Ihr wißt nicht, mit welchem Überschwange er Euch liebt. Alle Gangariden sind verliebt und treu, mein Sohn aber ist der leidenschaftlichste und beständigste von allen. Die Amsel fand Euch in einer Schenke, Ihr speistet höchst vergnügt mit dem Könige von Ägypten und einem garstigen Priester. Sie sah Euch jenem Monarchen, der den Phönix getötet hatte und wider den mein Sohn einen unbesieglichen Abscheu hegt, einen zärtlichen Kuß geben. Bei diesem Anblick überkam die Amsel gerechtfertigte Empörung und sie flog davon, Eure verhängnisvollen Liebeleien verfluchend. Heute ist sie zurückgekommen. Sie hat alles erzählt, du grundgütiger Himmel, in welchem Augenblick aber! In dem Augenblicke nämlich, in dem mein Sohn zusammen mit mir den Tod seines Vaters und den Tod des Phönix beweinte, in der Stunde, da er erfuhr, daß er als ein Geschwisterkindeskind Euer Vetter ...« »Oh Himmel, gnädige Frau, mein Vetter, ist es möglich, durch welche abenteuerlichen Ereignisse, wie, auf welchem Wege sollte mir ein derartiges Glück beschert sein? Und zugleich sollte ich so unglücklich sein, ihn gekränkt zu haben?« »Mein Sohn ist Euer Vetter, wie ich es Euch sage«, erwiderte die Mutter. »Ich will es Euch bald beweisen, aber indem Ihr zu meiner Verwandten werdet, raubt Ihr mir meinen Sohn, er wird den Schmerz, den ihm Euer dem Könige von Ägypten gegebene Kuß zugefügt hat, nicht überleben können.« »Oh meine Tante,« schrie die schöne Formosante, »ich schwöre es bei Ihnen und bei dem mächtigen Oromazes, daß dieser unglückselige Kuß kein schuldiger Kuß, sondern im Gegenteil der stärkste Liebesbeweis war, den ich Eurem Sohn hätte geben können. Um seinetwillen ward ich meinem Vater ungehorsam, um seinetwillen wanderte ich vom Euphrat bis zum Ganges; da ich nun unterwegs aber in die Hände des unwürdigen Pharaos von Ägypten geriet, vermochte ich mich vor ihm nur zu retten, indem ich ihn täuschte. Die Asche und die Seele des Phönix, welche sich damals noch in meiner Tasche befanden, rufe ich zu Zeugen an, sie werden mir Gerechtigkeit widerfahren lassen. Wie aber kann Euer am Ganges geborener Sohn mein Vetter sein, da ja doch meine Familie seit soviel Jahrhunderten an den Ufern des Euphrat herrscht?« »Ihr wißt,« antwortete ihr die ehrwürdige Gangaridin, »daß Euer Großonkel Aldeus König von Babylon war und vom Vater des Belus entthront wurde?« »Ja, gnädige Frau.« »Ihr wißt ferner, daß sein Sohn Aldeus in seiner Ehe die Prinzessin Aldea bekam, welche an Eurem Hofe auferzogen worden ist. Dieser Prinz flüchtete sich, als er von Eurem Vater verfolgt wurde, unter einem anderen Namen in unsere glückliche Gegend und heiratete mich. Ich empfing von ihm den jungen Prinzen Aldeus-Amasan, den schönsten, stärksten, tapfersten, tugendhaftesten und heute geschlagensten von allen Sterblichen: Auf den Ruf Eurer Schönheit zog er zu den Babylonischen Festen, seit jenem Tage vergötterte er Euch, und nun werde ich meinen geliebten Sohn vielleicht niemals wiedererblicken.« Darauf ließ sie vor der Prinzessin alle Beglaubigungsurkunden des Hauses der Aldeer ausbreiten, aber Formosante ließ sich kaum herbei, sie anzusehen. »Oh, gnädige Frau,« rief sie, »untersucht man das, was man wünscht, mein Herz glaubt Euch völlig, wo aber ist Aldeus-Amasan, wo ist mein Verwandter, mein Geliebter, mein König, wo ist mein Leben? Wohin hat er sich gewandt? ich will nach ihm suchen auf allen Gestirnen, die der Ewige geformt hat und deren höchste Zierde er stets sein wird. Ich will auf dem Stern Kanopus, auf Schakath und auf dem Aldebaran suchen, um ihn von meiner Unschuld und meiner Liebe zu überzeugen.« Der Phönix rechtfertigte die Prinzessin wegen des ihr von der Amsel zur Last gelegten Verbrechens, dem König von Ägypten einen Kuß gegeben zu haben. Es kam jedoch vor allem darauf an, Amasan von seinem Wahne zu erlösen und zurückzubringen. Er schickte Vögel auf allen Wegen aus und ließ Einhorne nach allen Richtungen dahinjagen, und endlich berichtete man ihm, Amasan habe den Weg nach China eingeschlagen. »Wohlan,« rief die Prinzessin, »laßt uns nach China aufbrechen, die Reise ist nicht lang, spätestens in vierzehn Tagen hoffe ich, Euch Euren Sohn zurückzubringen.« Wie viele Tränen der Zärtlichkeit vergossen nicht bei diesen Worten die gangaridische Mutter und die Prinzessin von Babylon! Welch ein Umschlingen, welch ein Herzensüberschwang! Der Phönix ließ auf der Stelle einen mit sechs Einhörnen bespannten Wagen vorfahren. Die Mutter stellte zweihundert Ritter zur Verfügung und schenkte der Prinzessin, ihrer Nichte, einige tausend der schönsten Diamanten des Landes. Der Phönix ließ aus Kummer über das Böse, welches die Unverschwiegenheit der Amsel verursacht hatte, allen Amseln befehlen, das Land zu räumen. Dies ist der Grund, warum sich seither an den Ufern des Ganges keine Amsel mehr aufhält.   In weniger denn acht Tagen brachten die Einhorne Formosanten, Irla und den Phönix nach Kambalu, der Hauptstadt von China. Sie war größer als Babylon und ihre Pracht von völlig anderer Art. Die neuen Dinge und Sitten würden Formosanten ergötzt haben, hätte sie mit etwas anderem beschäftigt sein können, als mit Amasan. Sobald der Kaiser erfahren hatte, daß sich die Prinzessin von Babylon vor einem Tore der Stadt befände, schickte er ihr viertausend Mandarine in Feiergewändern entgegen. Alle neigten sich vor ihr zu Boden, und ein jeder reichte ihr eine in goldenen Lettern auf ein purpurrotes Seidenblatt geschriebene Begrüßung. Formosante sagte ihnen, wenn sie viertausend Zungen hätte, würde sie nicht verfehlen, einem jeden Mandarin zu antworten, da sie jedoch nur eine besäße, bäte sie sie, es freundlich aufzunehmen, wenn sie sich ihrer bediene, um ihnen allen auf einmal und im allgemeinen zu danken. Sie geleiteten sie ehrfurchtsvoll vor den Kaiser. Der Kaiser war der gerechteste, liebenswürdigste und weiseste Herrscher der Erde. Als Erster hatte er einen kleinen Acker mit seinen kaiserlichen Händen bestellt, um die Landwirtschaft bei seinem Volke in Ansehen zu bringen, als Erster stiftete er einen Tugendpreis, und im Vergleich mit dem seinen waren in allen anderen Ländern die Gesetze im Bestrafen der Verbrechen schmachvoll begrenzt. Eben hatte der Kaiser eine Schar Bonzen aus seinem Staate verjagt, welche in der unvernünftigen Hoffnung, ganz China zwingen zu können, so zu denken wie sie, aus dem fernsten Westen gekommen waren, und unter dem Vorwande, Wahrheiten zu verkünden, bereits Ehren und Reichtümer erworben hatten. Als er sie verjagte, hatte er zu ihnen genau die folgenden Worte gesprochen, welche in den Reichsakten gebucht sind: »Ihr könntet hier ebenso leicht Unheil stiften, wie ihr woanders getan: Ihr seid hergekommen, um dem tugendhaftesten Volke der Erde Lehren der Unduldsamkeit zu predigen. Ich heiße euch gehen, um niemals gezwungen zu sein, euch zu bestrafen. Ihr werdet höflich bis an die Grenzen geleitet werden, und man soll euch alles geben, was ihr braucht, um bis an die Tore der Halbinsel, der ihr entstammt, gelangen zu können. Ziehet in Frieden, wenn anders es euch überhaupt gegeben ist, in Frieden zu leben, und kehret niemals zurück.« Die Prinzessin von Babylon vernahm dieses Urteil und die Rede mit Freuden. Sie durfte nun sicher sein, am Hofe gut aufgenommen zu werden, da sie ja doch weit davon entfernt war, unduldsamen Ansichten zu huldigen. Während der Kaiser von China mit ihr allein tafelte, war er freundlich genug, den Zwang aller beengenden Hofbräuche zu verbannen: sie zeigte ihm den Phönix, den der Kaiser herzlich liebkoste und der sich auf die Lehne seines Sessels niederließ. Gegen das Ende des Mahles vertraute ihm Formosante unbefangen den Zweck ihrer Reise an und bat ihn, in Kambalu nach dem schönen Amasan suchen zu lassen, dessen Geschichte sie ihm erzählte, ohne ihm etwas von der unheilvollen Leidenschaft zu verbergen, mit der ihr Herz für den jungen Helden entflammt war. »Wem sagt Ihr das,« rief der Kaiser von China, »der liebenswürdige Amasan hat mir die Freude gemacht, meinen Hof zu besuchen, und hat mich entzückt: er ist allerdings tief bekümmert, aber das hat den Zauber seines Wesens nur verstärkt. Kein einziger meiner Günstlinge hat mehr Verstand wie er, kein gelehrter Mandarin umfassendere Kenntnisse, kein soldatischer ein kriegerischeres und heldenhafteres Aussehen, und seine übergroße Jugend verleiht allen diesen seinen Gaben noch einen neuen Wert. Wenn ich unglücklich genug und von Tien und Schanti so ganz verlassen wäre, um ein Eroberer werden zu wollen, so würde ich Amasan bitten, sich an die Spitze meiner Heere zu stellen, und ich könnte dann sicher sein, über den ganzen Erdball zu triumphieren. Es ist wirklich schade, daß sein Kummer ihm bisweilen den Sinn verwirrt.« »Oh Herr,« rief Formosante flammenden Auges und schmerzvoll beklommenen und vorwurfsvollen Tones, »warum habt Ihr mich nicht mit ihm zusammen speisen lassen? Ihr tötet mich, laßt ihn augenblicklich herbitten.« »Er ist heute morgen abgereist, gnädige Fürstin, und hat nicht gesagt, in welches Land er seine Schritte lenken würde.« Formosante wandte sich zu dem Phönix: »Wohlan, Phönix,« sprach sie, »hast du jemals ein unglücklicheres Mädchen gesehen als mich? Wie aber,« fuhr sie fort, »wie und warum, Herr, hat er einen Hof so kurz entschlossen verlassen können, der so gar gesittet ist? Mich dünkt, man müsse sein ganzes Leben hier zu verbringen wünschen?« »Ich will Euch sagen, was vorgefallen ist, gnädige Frau. Eine der liebenswürdigsten Prinzessinnen von Geblüt hat sich leidenschaftlich in ihn verliebt und ihn zu einem Stelldichein in ihrem Hause auf heute mittag entboten, daher ist er bei Tagesanbruch abgereist und hat das folgende Brieflein zurückgelassen, das meiner Verwandten gar bittere Tränen gekostet hat: »Schöne Prinzessin chinesischen Geblüts, Ihr verdienet ein Herz, das niemals für eine andere denn für Euch geschlagen hat, ich aber habe den unsterblichen Göttern gelobt, ewig nur Formosanten, die Prinzessin von Babylon, zu lieben und ihr zu lehren, wie man seine Wünsche auf Reisen zu bezähmen vermag, denn sie hat das Unglück gehabt, einem unwürdigen Könige von Ägypten zu erliegen. Ich bin der unglückseligste von allen Menschen. Ich habe meinen Vater und den Phönix und die Hoffnung verloren, von Formosanten geliebt zu werden. Ich habe meine bekümmerte Mutter und mein Vaterland verlassen, da ich keinen Augenblick lang an dem Orte zu leben vermochte, an dem ich erfuhr, daß Formosante einen anderen liebe als mich. Ich habe geschworen über die Erde zu irren und treu zu sein. Wollte ich meinen Schwur brechen, so würdet Ihr mich verachten und die Götter würden mich bestrafen: Nehmt einen Liebhaber, gnädige Frau, und seid ihm ebenso treu wie ich treu bin.« »Oh, laßt mir diesen erstaunlichen Brief,« rief die schöne Formosante, »er soll mein Trost sein. Ich bin glücklich mitten in meinem Mißgeschick. Amasan liebt mich, um meinetwillen verzichtet er auf den Besitz chinesischer Prinzessinnen; auf der ganzen Welt gibt es nur ihn, der einen solchen Sieg zu erringen vermöchte. Er stellt ein großes Beispiel vor mir auf, aber der Phönix weiß, daß es dessen nicht bedurfte. Es ist recht grausam, um des unschuldigsten und nur aus reiner Treue gegebenen Kusses willen seines Geliebten beraubt zu werden, wohin aber hat er sich gewandt, welchen Weg hat er eingeschlagen, geruhet es mir zu sagen, und ich breche auf.« Der Kaiser von China erwiderte, nach den Meldungen, die man ihm gemacht, glaube er, ihr Geliebter habe einen Weg eingeschlagen, der nach Skythien führt. Sogleich wurden die Einhorne angespannt, und nach den zärtlichsten und artigsten Worten nahm die Prinzessin mit dem Phönix, ihrer Kammerfrau Irla und ihrem ganzen Gefolge von dem Kaiser Abschied. Sobald sie in Skythien angelangt war, erkannte sie mehr denn jemals, wie verschieden die Menschen und Staaten voneinander sind und stets sein werden, bis zu der Zeit, da nach tausend Jahrhunderten voller Schatten ein erleuchteteres Volk seinen Nachbarn das Licht mitteilen wird, und sich in barbarischen Himmelsstrichen heldenhafte Seelen finden werden, welche die Kraft und Ausdauer besitzen, Tiere in Menschen zu verwandeln. In Skythien gab es keine Städte und infolgedessen keine Künste, man erblickte nur endlose Prärien und ganze Völkerschaften unter Zelten und Wagen: dieser Anblick erweckte Schrecken und Angst. Formosante fragte, auf welcher Karre oder unter welchem Zelte der König wohne; man erwiderte ihr: er sei vor acht Tagen an der Spitze von dreimalhunderttausend Reitern zum Kriege gegen den König von Babylon aufgebrochen, dessen Nichte, die schöne Prinzessin Aldea, er entführt habe. »Er hat meine Base entführt,« rief Formosante, »auf dieses neue Abenteuer war ich wahrlich nicht gefaßt! Wie, meine Base, die nur allzu glücklich war, in meinem Gefolge sein zu dürfen, ist Königin geworden, und ich bin noch nicht einmal verheiratet!« Unverzüglich ließ sie sich in die Gezelte der Königin führen. Ihr unverhofftes Zusammentreffen in diesen fernen Gegenden und die seltsamen Dinge, die sie sich gegenseitig mitzuteilen hatten, verliehen ihrer Zusammenkunft einen Reiz, der sie vergessen ließ, daß sie sich, niemals geliebt hatten. Bewegt wurden sie einander ansichtig, Rührung trat an die Stelle wahrer Zärtlichkeit, weinend fielen sie sich in die Arme, ja, da ihr Zusammentreffen nicht in einem Palaste stattfand, herrschte sogar Offenheit und Herzlichkeit zwischen ihnen. Aldea erkannte den Phönix und die Vertraute Irla; sie schenkte ihrer Base Zobelpelze und diese ihr Diamanten, man sprach von dem Kriege, den die beiden Könige gegeneinander führten, man beklagte das Geschick der Menschen, welche durch den launischen Einfall ihrer Beherrscher gezwungen werden, sich um eines Zwistes willen zu erwürgen, den zwei gesittete Leute in einer Stunde schlichten könnten. Vor allem aber unterhielt man sich über den schönen Fremden und Löwentöter, den Spender der größten Diamanten der Welt, den Versemacher und Besitzer des Phönix, der nun auf den Bericht einer Amsel zu dem unglückseligsten Menschen geworden war: »Er ist mein lieber Bruder,« sagte Aldea, »und mein Geliebter,« schrie Formosante, »Ihr habt ihn gewiß gesehen, vielleicht ist er sogar noch hier, denn er weiß, Base, daß er Euer Bruder ist, Euch würde er nicht so schnell verlassen haben, wie den Kaiser von China.« »Ob ich ihn gesehen habe,« rief Aldea, »große Götter, vier ganze Tage hat er mit mir verbracht. Oh Base, wie bejammernswert ist nicht mein Bruder, eine falsche Nachricht hat ihn völlig toll gemacht, er irrt durch die Welt, ohne zu wissen, wohin! Stellt Euch vor, daß er die Tollheit so weit getrieben hat, die Gunst der schönsten Skythin des ganzen Skythenlandes zurückzuweisen. Gestern ist er aufgebrochen, nachdem er ihr einen Brief geschrieben, der sie in Verzweiflung gestürzt hat. Seinen Worten zufolge hat er sich zu den Kimmeriern begeben.« »Gelobt sei Gott,« rief Formosante, »noch eine Weigerung mir zuliebe! Mein Glück übersteigt meine Hoffnungen, wie mein Unglück all meine Befürchtungen überboten hat. Laßt mir den entzückenden Brief bringen, damit ich, die Hände angefüllt mit seinen Opfern, aufbreche und ihm folge. Lebet wohl Base, Amasan ist bei den Kimmeriern, ich fliege hin.« Aldea fand die Prinzessin, ihre Base, noch toller wie ihren Bruder Amasan; da sie jedoch selber die Feuer dieser Krankheit durchgemacht, da sie die Pracht und die Wonnen Babylons um den König der Skythen verlassen hatte, und da sich die Frauen stets für alle Narrheiten einnehmen lassen, deren Ursache Liebe ist, so rührte sie Formosantens Geschick aufrichtig, sie wünschte ihr eine glückliche Reise und versprach ihr, ihrer Leidenschaft zu dienen, falls sie jemals das Glück haben sollte, ihren Bruder wiederzusehen.   Die Prinzessin von Babylon und der Phönix langten gar bald im Reiche der Kimmerier an, welches wohl weniger bevölkert, dafür aber doppelt so groß wie China ist, einstmals Skythien glich, seit einiger Zeit aber ebenso blühend geworden war, wie die Reiche, die sich rühmten, Lehrer der anderen Staaten zu sein. Nach einigen Marschtagen gelangte man in eine große Stadt, welche die regierende Kaiserin Katharina II. verschönern ließ. Sie selber war jedoch nicht da, sie reiste damals von den Grenzen Europas nach denen Asiens, um ihre Staaten mit eigenen Augen kennen zu lernen, sich eine Meinung über die Mißstände zu bilden, Abhilfe zu schaffen, das Gedeihen zu fördern und um Licht und Wissen zu verbreiten. Einer der ersten Beamten der Hauptstadt beeilte sich auf die Nachricht von der Ankunft der Babylonierin und des Phönix der Prinzessin seine Huldigung darzubringen und sie im Namen des Landes zu begrüßen, da er sicher war, seine Herrin, die höflichste und herrlichste aller Königinnen, möchte es ihm Dank wissen, eine so große Dame mit eben der gleichen Artigkeit empfangen zu haben, die sie selber angeordnet haben würde. Man beherbergte Formosanten im Schloß, aus dem eine lästige Menge Volkes verjagt wurde, und gab ihr herrlich ersonnene Feste. Der kimmerische Edelmann, der ein großer Naturwissenschaftler war, unterhielt sich gar viel mit dem Phönix in den Stunden, in denen die Prinzessin allein in ihren Gemächern weilte. Der Phönix gestand ihm, er habe früher schon einmal das Land der Kimmerier bereist, erkenne es aber nicht wieder. »Wie konnte nur ein so durchgreifender Wandel in so kurzer Zeit Platz greifen,« sagte er, »es sind noch nicht dreihundert Jahre her, da sah ich hier die wilde Natur in ihrer ganzen Schrecklichkeit, heute finde ich Kunst, Glanz, Ruhm und Gesittung.« »Ein einziger Mann Peter I. hat das große Werk begonnen,« erwiderte der Kimmerier, »und eine Frau hat es beendet, ein Weib ist eine bessere Gesetzgeberin geworden, als die Isis der Ägypter und die Ceres der Griechen. Die meisten aller Gesetzgeber haben einen engen und herrschsüchtigen Geist, der ihre Absichten auf das Land beschränkt, das sie beherrschen. Jeder hält sein Volk für das einzige oder meint, es müsse wenigstens ein Feind der ganzen übrigen Erde sein; alle ihre Einrichtungen haben sie deshalb stets nur für das eine Volk getroffen, für es allein Bräuche eingeführt und eine Religion begründet. Auf diese Weise sind die durch ein paar Steinhaufen so berühmt gewordenen Ägypter durch ihren barbarischen Aberglauben vertiert und entehrt worden, andere Völker haben keinen Verkehr mit ihnen, und nur mit Ausnahme des Hofes, der sich bisweilen über die gemeinen Vorurteile erhebt, gibt es nicht einen Ägypter, der würde von einem Teller essen wollen, welcher einem Fremden bereits einmal gedient. Ihre Priester sind grausam und unsinnig, besser wäre es schon, kein Gesetz zu haben und nur auf die Natur zu hören, welche in unsere Herzen das Gefühl für Recht und Unrecht gegraben hat, als die menschliche Gesellschaft so ungeselligen Gesetzen zu unterwerfen. Unsere Kaiserin hat völlig entgegengesetzte Absichten, sie betrachtet es als eine Pflicht ihres unermeßlichen Staates, allen Völkern Rechnung zu tragen, welche unter seinen verschiedenen Meridianen wohnen. Das erste ihrer Gesetze ist ein Gebot der Duldsamkeit gegenüber allen Religionen und des Mitgefühls mit allen Irrtümern gewesen. Ihr gewaltiger Geist hat erkannt, daß unter den verschiedensten Bekenntnissen die Moral doch überall die gleiche ist, aus diesem Grundsatze hat sie ihr Volk mit allen Völkern der Erde verknüpft, und die Kimmerier haben gelernt den Skandinavier und den Chinesen als ihren Bruder zu betrachten, sie hat mehr getan, sie hat den Willen gehabt, diese wundervolle Duldsamkeit, das vornehmste Band der Menschen, möchte auch bei ihren Nachbarn Eingang finden, und so hat sie denn den Titel ›Mutter des Landes‹ wohl verdient, und wenn sie fortfährt, wird sie einst Wohltäterin des menschlichen Geschlechtes heißen. Vor ihr entsandten unglücklicherweise mächtige Menschen Scharen von Mördern, um unbekannte Völkerschaften zu überfallen und mit ihrem Blute das Erbe ihrer Väter zu tränken. Man nannte diese Mörder Helden und ihre Räubereien gar großen Ruhm. Unsere Herrscherin kennt einen anderen, sie hat Heere entsendet, um Frieden zu stiften, um die Menschen zu hindern, sich gegenseitig Abbruch zu tun, und um sie zu zwingen, einander zu ertragen; ihre Fahnen sind stets die der öffentlichen Eintracht gewesen.« Der Phönix war entzückt über alles, was der Edelmann ihm erzählte, und sagte: »Mein Herr, ich bin siebenundzwanzigtausendneunhundert Jahre und sieben Monate auf der Welt und habe nichts dem Vergleichbares gesehen, was Ihr mich da hören lasset.« Dann fragte er ihn nach seinem Freunde Amasan. Der Kimmerier erzählte ihm dasselbe, was man der Prinzessin bei den Chinesen und bei den Skythen berichtet hatte: Amasan flüchtete von allen Höfen, die er besuchte, sobald ihm eine Dame ein Stelldichein gab, in welchem er zu unterliegen fürchtete. Der Phönix berichtete Formosanten sofort von diesem neuen Beweis der Treue, den Amasan für sie abgelegt ... einer um so erstaunlicheren Treue, als er ja nicht ahnen konnte, daß sie jemals zur Kenntnis seiner Prinzessin gelangen würde. Er war nach Skandinavien abgereist. In diesen Gegenden traten neue Zustände vor seine Augen, Königtum und Freiheit bestanden hier nebeneinander, und zwar in einem Einklange, der in anderen Staaten unmöglich erschien. Ein Ackerbauer hatte an der Gesetzgebung den gleichen Anteil wie die Großen des Reiches, und ein junger Fürst berechtigte zu der großen Hoffnung, des Herrschens über ein freies Volk würdig zu sein. Noch etwas Seltsameres sah er: der einzige König der ganzen Erde, der durch einen besonderen Vertrag mit seinem Volke rechtmäßiger Alleinherrscher war, war zugleich der jüngste und gerechteste aller Könige. Bei den Sarmaten fand Amasan einen Philosophen Stanislaus Poniatowski auf dem Throne; man konnte ihn den König der Gesetzlosigkeit nennen, denn er war der höchste von hunderttausend Königen, von denen jeder einzelne die Beschlüsse aller anderen zunichte machen konnte: Das Zusammenhalten aller unaufhörlich widereinander streitenden Winde kostete Äolus nicht mehr Mühe, als dieser Herrscher in der Aussöhnung der Geister fand. Er glich einem vom ewigen Sturme umtosten Steuermanne, und dennoch zerbarst das Schiff nicht, denn der Fürst war ein vortrefflicher Lotse. Während Amasan diese von seinem Vaterlande so verschiedenen Länder durchquerte, wies er standhaft alle sich ihm bietende Frauengunst zurück, denn stets blieb er verzweifelt über den Kuß, den Formosante dem Könige von Ägypten gegeben hatte, und stets fest in seinem unbegreiflichen Entschlusse, Formosanten das Beispiel einziger und unerschütterlicher Treue zu geben. Die Prinzessin von Babylon folgte mit dem Phönix überallhin seiner Spur und verfehlte ihn immer nur um ein oder zwei Tage, ohne daß der eine von ihnen müde geworden wäre, dahinzustürmen, und ohne daß der andere ihn auch nur einen Augenblick lang unverfolgt gelassen hätte. Auf diese Weise durchquerten sie ganz Germanien und bewunderten die Fortschritte, welche Vernunft und Philosophie im Norden gemacht. Alle Fürsten waren hier unterrichtet und beschützten alle die Denkfreiheit. Ihre Erziehung war nicht Menschen anvertraut worden, denen daran liegen mußte, sie zu betrügen, oder die selber Betrogene gewesen wären. Man hatte sie in der Kenntnis der allgemeinen Moral und in der Verachtung jeglichen Aberglaubens erzogen. Man hatte aus allen diesen Staaten einen unsinnigen Brauch verbannt, welcher mehrere südliche Länder entnervte und entvölkerte, jene Sitte nämlich, in große Kerker eine unendliche Zahl von Menschen beiderlei Geschlechts ewig voneinander getrennt lebendig einzugraben und sie schwören zu lassen, niemals Umgang miteinander zu pflegen: Dieses Übermaß von Zucht, welches jahrhundertelang in Ansehen gestanden, hat die Erde ebensosehr verwüstet, wie die grausamsten Kriege. Die Fürsten des Nordens hatten endlich begriffen, daß man bei dem Wunsche Gestüte zu besitzen, eben die stärksten Hengste nicht von den Stuten trennen dürfe. Sie hatten auch noch andere nicht weniger seltsame und verderbliche Irrtümer zerstört. Kurz, die Menschen hatten in diesen großen Ländern den Mut, vernünftig zu sein, während man woanders sie noch immer nur beherrschen zu können wähnte, solange sie Dummköpfe seien.   Amasan gelangte zu den Batavern: Sein Herz empfand in all diesem Kummer eine süße Befriedigung, dort einem schwachen Abbilde des glücklichen Gangaridenlandes zu begegnen: Freiheit, Gleichheit, Sauberkeit, Überfluß und Duldsamkeit herrschten. Die Damen des Landes aber waren so kalt, daß keine einzige ihm ein derartiges Entgegenkommen bewies, wie es überall woanders geschehen. So blieb ihm die Mühe des Widerstandes erspart, hätte er aber seinerseits Angriffe auf diese Damen machen wollen, so würde er sie alle eine nach der anderen besiegt haben, ohne von einer einzigen geliebt zu werden, aber nichts lag ihm ferner, als der Gedanke, Eroberungen zu machen. Bei diesem langweiligen Volke hätte Formosante ihn beinahe eingeholt, nur um einen Augenblick kam sie zu spät. Amasan hatte bei den Batavern mit solcher Beredsamkeit von einer gewissen, Albion genannten Insel sprechen hören, daß er beschloß, sich mit seinen Einhornen auf ein Schiff zu begeben, und dieses trug ihn bei günstigem östlichen Winde in vier Stunden an das Ufer jenes Landes, welches berühmter ist als Tyrus und die Insel Atlantis. Die schöne Formosante, die ihm an das Ufer der Donau, der Weichsel, der Elbe und der Weser gefolgt war, gelangte nun schließlich auch an die Mündung des Rheines, welcher damals seine schnellen Wasser in das Germanische Meer ergoß. Sie erfuhr, daß ihr teurer Geliebter nach der Küste Albions abgesegelt sei, sie glaubte sein Schiff noch zu erblicken und stieß Freudenschreie aus, über die alle batavischen Damen verwundert waren, da sie sich nicht vorzustellen vermochten, wie ein junger Mann so gar große Freude erregen könnte; was jedoch den Phönix anbetraf, so machten sie kein großes Aufheben um ihn, weil sie meinten, seine Federn ließen sich wahrscheinlich nicht so gut verkaufen wie die der Enten und Gänse ihrer Teiche. Die Prinzessin von Babylon mietete oder befrachtete zwei Schiffe, um sich mit ihrem ganzen Geleit auf die glückselige Insel bringen zu lassen, welche das Ziel aller ihrer Wünsche, die Seele ihres Lebens, den Gott ihres Herzens beherbergen sollte. Ein verhängnisvoller Westwind erhob sich in demselben Augenblick, da der getreue und unglückliche Amasan den Fuß auf den Boden Albions setzte. Die Schiffe der Prinzessin von Babylon konnten nicht auslaufen. Formosantens Herz krampfte sich zusammen, bitterer Schmerz, tiefe Schwermut befielen sie. Um das Umschlagen des Windes abzuwarten, legte sie sich in ihrer Qual zu Bett, aber er wehte acht ganze Tage lang mit verzweifelter Gewalt. In diesem acht Tage währenden Jahrhundert ließ sich die Prinzessin von Irla Romane vorlesen. Nicht etwa, daß die Bataver welche zu schreiben verstanden hätten, da sie jedoch die Krämer der ganzen Erde waren, verhandelten sie auch den Geist der anderen Völker ebenso wie ihre Waren. Die Prinzessin ließ bei Markus Michel Rey alle Erzählungen einkaufen, die bei den Aussoniern und den Welschen geschrieben worden und deren Verschleiß bei diesen Völkern weisheitsvoll verboten war, um die Bataver zu bereichern. Sie hoffte in diesen Geschichten auf Erlebnisse zu stoßen, die den ihren ähnelten und ihren Schmerz zu lindern vermochten. Irla las, der Phönix sagte seine Meinung und die Prinzessin fand nichts in der »Emporgekommenen Bäuerin«, nichts in dem »Sofa«, noch in den »Vier Fakr-ed-din«, was die geringste Beziehung zu ihren Abenteuern gehabt hätte, und alle Augenblicke unterbrach sie die Vorlesung, um zu fragen, von welcher Seite der Wind wehe. Unterdessen befand sich Amasan bereits in seiner mit sechs Einhornen bespannten Karosse auf dem Wege nach der Hauptstadt Albions und träumte von seiner Prinzessin: dabei ward er eines in einen Graben geworfenen Wagens ansichtig. Die Bedienten hatten sich entfernt, um Hilfe herbeizurufen, der Herr des Wagens jedoch saß ruhig auf seinem Sitz, zeigte nicht die geringste Ungeduld und ergötzte sich mit Rauchen, denn man rauchte damals. Er hieß Mylord What-then, was in der Sprache, in die ich diese Denkwürdigkeiten übersetze, ungefähr soviel bedeutet, wie Mylord Was-tut's. Amasan eilte hinzu, um ihm behilflich zu sein. Ganz allein packte er den Wagen und richtete ihn auf, denn so sehr überragte seine Kraft die Kraft aller Menschen. Mylord Was-tut's beschied sich damit zu bemerken: »Welch ein starker Mensch!« Die inzwischen aus der Nachbarschaft herbeigeeilten Bauernlümmel gerieten in Wut darüber, daß man sie unnütz gerufen hatte, und hielten sich dafür an den Fremden. Sie bedrohten ihn, nannten ihn »fremder Hund« und wollten ihn schlagen. Amasan ergriff ihrer zwei mit jeder Hand und schleuderte sie zwanzig Schritte weit fort, die anderen respektierten ihn nun, grüßten ihn und baten um ein Trinkgeld. Er gab ihnen mehr, als sie je zusammen auf einem Haufen gesehen. Mylord Was-tut's sagte nun zu ihm: »Ich schätze Sie, speisen Sie mit mir in meinem Landhause zu Mittag, es ist nur um drei Meilen von hier entfernt.« Darauf bestieg er den Wagen Amasans, weil der seine von dem Sturze in Unordnung geraten war. Nach einer Viertelstunde tiefen Schweigens sah er Amasan einen Augenblick lang an und sagte zu ihm: »How dye do«, buchstäblich übersetzt heißt dieses: Wie tuen Sie tun, dem Sinne nach jedoch: Wie geht es Ihnen, was in keiner Sprache etwas zu besagen hat; dann fügte er hinzu: »Sie haben da sechs hübsche Einhorne« und rauchte weiter. Der Reisende erwiderte, diese Einhorne ständen ihm zur Verfügung, er käme mit ihnen aus dem Lande der Gangariden, und dann nahm er Gelegenheit, ihm von der Prinzessin von Babylon und von dem verhängnisvollen Kusse zu sprechen, den sie dem Könige von Ägypten gegeben hatte, worauf der andere nichts antwortete, da es ihm völlig gleichgültig war, ob es einen König von Ägypten und eine Prinzessin von Babylon auf der Welt gab. Eine weitere Viertelstunde verging ohne ein Wort, worauf er seinen Gefährten noch einmal fragte, wie er tuen täte, und ob man im Lande der Gangariden gutes Rostbeef äße. Der Reisende erwiderte mit der ihm eigenen Höflichkeit, man pflege an den Ufern des Ganges seine Brüder nicht zu verspeisen und setzte ihm das System auseinander, welches um viele Jahrhunderte später auch dem Pythagoras, dem Porphyrius und dem Jamblikus eigen war, worüber Mylord einschlief und erst wieder erwachte, als man vor seinem Hause angelangt war. Er hatte eine junge, sehr hübsche Frau, der die Natur eine so lebhafte und empfindsame Seele gegeben, wie die ihres Gatten gleichmütig war. An jenem Tage waren mehrere albionesische Edelleute zur Mittagsmahlzeit eingetroffen und unter ihnen gab es alle nur möglichen Charaktere, denn da dieses Land fast nur von Fremden beherrscht worden war, hatten die mit jenen Fürsten zusammen herübergekommenen Familien alle verschiedene Sitten mit sich gebracht. Es befanden sich in der Gesellschaft äußerst liebenswürdige Menschen, andere zeigten einen überragenden Verstand, wieder andere eine tiefe Wissenschaft. Der Hausherrin eignete nichts von jener unnatürlichen linkischen Art, jener Steifheit und falschen Scham, welche man damals den Frauen Albions vorwarf. Sie verbarg keineswegs unter einer hoffärtigen Haltung und einem erkünstelten Schweigen die Unfruchtbarkeit ihrer Gedanken und die Verlegenheit, nichts zu sagen zu haben. Keine Frau konnte anziehender sein als sie. Sie empfing Amasan mit der ihr eigenen Liebenswürdigkeit und Anmut. Die ungewöhnliche Schönheit des jungen Fremden und der schnelle Vergleich, den sie zwischen ihm und ihrem Gatten anstellte, beeindruckten sie sichtlich. Man trug auf. Sie ließ Amasan an ihrer Seite Platz nehmen, und da sie von ihm gehört, daß die Gangariden nichts zu sich nähmen, was von den Göttern die himmlische Gift des Lebens erhalten hatte, gab sie ihm alle möglichen Puddings zu essen. Seine Schönheit, seine Stärke, die Sitten der Gangariden, der Fortschritt der Künste, die Religion und die Regierung bildeten die Gegenstände einer so angenehmen wie belehrenden Unterhaltung während des Mahles, welches bis in die Nacht hinein dauerte und bei dem Mylord Was-tut's viel trank und kein Wort sprach. Während Mylady nach dem Essen den Tee einschenkte und die Augen des jungen Mannes verschlang, unterhielt er sich mit einem Mitgliede des Parlamentes, denn wie jeder weiß, gab es damals ein Parlament, welches Witten-agemot hieß, was so viel bedeutet, wie: Der Verein der Gescheiten. Amasan erkundigte sich über die Verfassung, die Sitten, die Gesetze, die Heeresstärke, die Bräuche und die Künste, welche dieses Land so gar schätzenswert machten, und der Herr antwortete ihm folgendermaßen: »Wir sind lange nackt einhergegangen, obgleich das Klima nicht sehr warm ist, und lange sind wir von Menschen, welche aus dem alten, von den Wassern des Tiber bespülten Lande Saturns kamen, wie Sklaven behandelt worden, aber wir haben uns selber viel mehr Böses zugefügt, als wir von unseren ersten Besiegern erlitten. Einer unserer Könige hat die Niedrigkeit so weit getrieben, sich für den Untertan eines Priesters zu erklären, welcher ebenfalls an den Ufern des Tiber wohnte und den man den Alten von den sieben Bergen nannte, so ist es denn auch lange das Schicksal dieser sieben Berge gewesen, über einen großen Teil Europas zu herrschen, welches damals von Tölpeln bewohnt wurde. Nach dieser Zeit der Erniedrigung sind Jahrhunderte der Wildheit gekommen. Unser Land, das stürmischer ist als die Meere, die es umgürten, ist von unserer Zwietracht aufgewühlt und in Blut getränkt worden, mehrere gekrönte Häupter sind durch Todesstrafe umgekommen, mehr als hundert Prinzen königlichen Geblüts haben ihre Tage auf dem Schafott beschlossen. Dem Henker käme es zu, die Geschichte unseres Volkes zu schreiben, da er es war, der stets alle großen Ereignisse darin geendigt hat. Es ist noch nicht lange her, daß einige Leute, die einen schwarzen Mantel Die Puritaner und andere, die ein weißes Hemd über ihren Jacken trugen, und die von tollen Hunden gebissen worden waren, um den Graus vollzumachen das ganze Volk mit ihrer Tollwut ansteckten. Alle Bürger wurden entweder Mörder oder Ermordete, Henker oder Hingerichtete, Verheerer oder Sklaven, und das im Namen des Himmels und auf der Suche nach dem Herrn und Heiland. Wer möchte wohl glauben, daß aus diesem schauerlichen Abgrund, diesem Chaos aus Streit, Wildheit, Unwissenheit und Fanatismus endlich die vollkommenste Regierung emporgestiegen ist, die es vielleicht heute auf der Welt gibt. Ein reicher geehrter König, allmächtig um das Gute, ohnmächtig um Böses zu tun, steht an der Spitze eines freien, kriegerischen, handeltreibenden und erleuchteten Volkes. Die Großen des Landes einerseits und die Vertreter der Städte andrerseits teilen mit dem Herrscher die gesetzgebende Kraft. Wie ein seltsames Verhängnis mutet es an, daß stets Unordnung, Bürgerkrieg, Anarchie und Armut im Lande geherrscht haben, wenn die Könige die unumschränkte Macht inne hatten, und Ruhe, Reichtum und allgemeine Wohlfahrt, wenn die Könige anerkannten, daß sie nicht unumschränkt seien: alles ward zerrüttet, wenn man über unverständliche Dinge stritt, und alles ging seinen rechten Gang, solange man sie hintenan setzte. Unsere siegreichen Flotten tragen unseren Namen über alle Meere, und die Gesetze schützen unseren Besitz, kein Richter kann sie willkürlich auslegen, kein Haftbefehl wird ohne Begründung erlassen: wir würden die Richter, welche wagen wollten, einen Bürger ohne Veröffentlichung der ihn anklagenden Zeugnisse und der Gesetze, die ihn verdammen, in den Tod zu schicken, wie Mörder bestrafen. Es gibt bei uns stets zwei Parteien, welche sich mit der Feder und mit allerlei Kabalen bekämpfen, sobald es sich jedoch darum handelt, die Waffen zur Verteidigung des Vaterlandes und der Freiheit zu ergreifen, verbünden sie sich eng. Diese beiden Parteien überwachen einander und verhindern sich gegenseitig, den heiligen Schatz der Gesetze zu vergewaltigen, sie hassen sich, aber sie lieben den Staat, sie sind zwei eifersüchtige Liebhaber, die mit ganzem Herzen ein und derselben Geliebten dienen. Dieselbe geistige Grundlage, welche uns die Rechte der menschlichen Natur hat erkennen und schützen lassen, ließ uns auch die Wissenschaften bis auf die höchste Stufe emportragen, die sie unter Menschen erreichen können. Eure Ägypter, welche für so gar große Mechaniker gelten, Eure Indier, die man für große Philosophen hält, Eure Babylonier, die sich brüsten, vierhundertunddreißigtausend Jahre lang die Gestirne beobachtet zu haben, und die Griechen, die so viele Redensarten und so wenig Gründliches geschrieben haben, wissen völlig nichts im Vergleich mit unseren kleinsten Schulkindern, welche die Entdeckungen unserer größten Meister studieren. Wir haben der Natur in dem Zeiträume von hundert Jahren mehr Geheimnisse entrissen, als das menschliche Geschlecht in dem ganzen Kettenzug der Jahrhunderte entdeckt hatte. Dies ist der wahre Stand der Dinge bei uns. Ich habe Ihnen weder das Gute noch das Schlechte, weder unsere Gebrechen noch unseren Ruhm verborgen, und ich habe in nichts übertrieben.« Amasan fühlte sich auf diese Rede hin von dem Wunsche durchdrungen, sich in jenen erhabenen Wissenschaften, von denen man ihm gesprochen, zu unterrichten, und hätte seine Leidenschaft für die Prinzessin von Babylon, seine kindliche Ehrfurcht vor seiner Mutter, die er verlassen, und die Liebe zu seinem Vaterlande in seinem zerrissenen Herzen nicht allzu laut gesprochen, so würde er sein Leben auf der Insel Albion haben verbringen wollen, aber der unglückselige Kuß, den seine Prinzessin dem Könige von Ägypten gegeben, ließ ihm nicht genug geistige Freiheit, um die hohen Wissenschaften zu studieren. »Da ich mir das Gesetz auferlegt habe, durch die Welt zu irren und mir selber zu entfliehen, wäre ich wohl begierig, ich gestehe es, jenes alte Land des Saturn, jenes Volk am Tiber und den sieben Bergen, dem Sie einstmals unterworfen waren, kennen zu lernen. Es muß sicherlich das erste Volk der Erde sein.« »Wenn Sie Musik und Malereien lieben, rate ich Ihnen diese Reise an,« erwiderte der Albionier, »wir selber tragen unsere Langeweile gar oft zu den sieben Bergen; Sie werden aber beim Anblick der Nachkommen unserer Eroberer äußerst erstaunt sein!« Das Gespräch währte lange, und obgleich das Gehirn des schönen Amasan ein wenig angegriffen war, sprach er doch so gefällig, seine Stimme war so wohltönend, seine Haltung so edel und anziehend, daß die Herrin des Hauses nicht umhin konnte, sich noch mit ihm allein zu unterhalten. Während sie mit ihm sprach, drückte sie ihm zärtlich die Hand und blickte ihn mit feuchtfunkelnden Augen an, mit Augen, welche heißes Verlangen in alle Spannkräfte des Lebens hineintrugen. Sie drängte ihn zum Abendessen und auch über Nacht zu bleiben, und jedes Wort, jede Bewegung, jeder Blick entflammten ihre Leidenschaft. Sobald sich alle zurückgezogen hatten, schrieb sie ihm ein kurzes Briefchen in der festen Überzeugung, er würde ihr, während Mylord Was-tut's in seinem Bette schlief, in dem ihren gar gerne den Hof machen kommen. Und wiederum besaß Amasan den Mut zu widerstehen: ja, ein Gran Tollheit vermag oft die wunderbarsten Wirkungen in einer starken und im Tiefsten verwundeten Seele hervorzubringen. Seinem Brauche gemäß sandte Amasan der Dame eine ehrfurchtsvolle Erwiderung, in der er ihr die Heiligkeit seines Schwures und die strenge Pflicht vorstellte, der Prinzessin die Bezähmung ihrer Leidenschaften zu lehren; dann ließ er seine Einhorne anspannen und reiste, die ganze Gesellschaft in höchster Bewunderung, die Dame des Hauses in höchster Verzweiflung zurücklassend, wieder ins Bataverland zurück. Im Übermaß ihres Schmerzes ließ die Dame den Brief Amasans herumliegen. Mylord Was tut's las ihn am nächsten Morgen: »Was für schale Albernheiten«, sprach er achselzuckend und begab sich mit einigen Trunkenbolden auf die Fuchsjagd. Amasan schaukelte bereits auf dem Meere, ausgerüstet mit einer Landkarte, die ihm der gelehrte Albionier, mit dem er sich beim Lord Was-tut's unterhalten hatte, zum Geschenk gemacht. Erstaunt sah er einen großen Teil der Erde auf einem kleinen Blatt Papier vor sich liegen. Seine Augen und seine Phantasie verirrten sich auf dieser kleinen Fläche, er sah den Rhein, die Donau und die Tiroler Alpen, welche damals noch mit anderen Namen bezeichnet wurden, und alle Länder, die er durchqueren mußte, um in die Stadt der sieben Berge zu gelangen. Vor allem aber blieben seine Augen auf dem Lande der Gangariden haften, auf Babylon, wo er seine geliebte Prinzessin zuerst gesehen, und auf der unheilvollen Gegend von Bassora, wo sie dem Könige von Ägypten einen Kuß gegeben. Er seufzte und vergoß Tränen, sah aber ein, daß der Albionier, der ihm die Welt in verkleinertem Maßstabe zum Geschenk gemacht, keineswegs unrecht gehabt hatte mit der Behauptung, man sei an den Ufern der Themse tausendmal unterrichteter als an den Ufern des Nils, des Euphrats und des Ganges. Während er ins Bataverland zurückkehrte, flog Formosante mit ihren beiden mit vollen Segeln dahinschießenden Schiffen gen Albion. Die Fahrzeuge Amasans und Formosantens kreuzten sich, ja, berührten sich fast: die beiden Liebenden waren einander nahe und konnten es doch nicht ahnen. Oh, wenn sie es gewußt hätten! aber das gebieterische Schicksal erlaubte es nicht.   Sobald Amasan den ebenen, schlammigen Boden Bataviens betreten hatte, brach er wie ein Blitz nach der Stadt mit den sieben Bergen auf. Er mußte den westlichen Teil Germaniens durchqueren: alle vier Meilen stieß er auf einen Fürsten, eine Fürstin, Hoffräuleins und Bettler. Er war verwundert über das liebreizende Entgegenkommen, das diese Ehrendamen und -Fräuleins ihm allenthalben mit germanischer Treuherzigkeit zu erkennen gaben, doch stets antwortete er darauf mit einer bescheidenen Weigerung. Nachdem er die Alpen überschritten, segelte er auf das dalmatinische Meer hinaus und berührte eine Stadt, die in keinem Stücke dem glich, was er bisher gesehen: das Meer bildete die Straßen, und die Häuser waren ins Wasser gebaut, die wenigen öffentlichen Plätze, welche die Stadt schmückten, waren mit Männern und Weibern bedeckt, die ein doppeltes Gesicht hatten, nämlich das, so ihnen die Natur gegeben, und ein Antlitz aus schlecht bemalter Pappe, welches darüber hing, so daß das ganze Volk aus Gespenstern zu bestehen schien. Die Fremden, die in diese Gegend kamen, kauften sich als erstes solch ein Gesicht, wie man sich wo anders mit Mützen oder mit Schuhen versieht. Amasan verschmähte diese unnatürliche Mode und zeigte sich so, wie er war. In der Stadt gab es zwölftausend in das große Buch der Republik eingetragene Mädchen, Mädchen, die dem Staate gar großen Nutzen brachten und mit dem angenehmsten und vorteilhaftesten Handel betraut waren, der jemals ein Volk bereichert hat. Die gewöhnlichen Kaufleute schickten mit großen Unkosten und Gefahren Stoffe in den Orient, diese schönen Händlerinnen dagegen unterhielten ohne jede Gefahr einen sich stets erneuernden Verschleiß ihrer Reize. Sie nahten sich alle dem schönen Amasan und boten sich ihm zur Wahl an, er jedoch rief den Namen der unvergleichlichen Prinzessin von Babylon aus, floh und schwur bei den unsterblichen Göttern, daß sie schöner sei als die zwölftausend venezianischen Mädchen zusammen: »Du erhabene kleine Metze,« rief er in seinem Überschwange aus, »ich will dich lehren, treu zu sein!« Die gelben Wogen des Tiber, verpestete Sümpfe, vereinzelte hagere, abgezehrte Bewohner, welche mit alten durchlöcherten Mänteln bedeckt waren, durch die man ihre dürre gebeizte Haut schimmern sah, tauchten endlich vor ihm auf und verrieten ihm, daß er vor den Toren der sieben Hügel-Stadt angelangt sei, jener Stadt der Helden und Gesetzgeber, welche einen großen Teil der Erdkugel überwunden und zu gesitteten Ländern gemacht hatten. Er hatte gewähnt, er würde am Triumphbogen fünfhundert von Helden befehligte Bataillone und im Senat eine Versammlung von Halbgöttern finden, welche der Erde Gesetze gaben. Statt der Heere fand er nur ungefähr dreißig Lumpe, welche aus Furcht vor der Sonne mit Schirmen auf Wache zogen. Nachdem er bis zum Tempel vorgeschritten war, der ihm sehr schön, aber doch nicht so schön wie der zu Babylon dünkte, hörte er zu seinem Erstaunen eine Musik darin, welche von Männern mit Weiberstimmen ausgeführt wurde. »Welch ein ergötzliches Land, dies alte Land des Saturn«, rief er. »Ich habe eine Stadt gesehen, in der niemand sein eigenes Gesicht hatte, und nun finde ich gar eine, in der die Männer nicht einmal ihren Bart und ihre Stimme haben.« Man sagte ihm, die Sänger seien gar keine Männer mehr; man habe sie ihrer Männlichkeit beraubt, damit ihre Lob- und Preisgesänge auf eine Unzahl höchst verdienstvoller Männer lieblicher klängen. Amasan begriff nichts von diesen Reden. Die Herren baten ihn, seinerseits zu singen. Er sang ein gangaridisches Lied mit der ihm eigenen Anmut: seine Stimme war ein ungewöhnlich schöner hoher Tenor. »Oh, Signor,« riefen jene nun, »welch schönen Sopran würden Sie nicht haben, wenn ...« »Wenn? was wollen Sie damit sagen? ...« »Oh, Signor! ...« »Nun?« »Wenn ... wenn Sie keinen Bart hätten!« Und nun setzten sie ihm höchst vergnüglich und ihrer Gewohnheit gemäß unter den ergötzlichsten Gebärden auseinander, worum es sich handelte. Amasan war über die Maßen bestürzt. »Ich bin viel gereist,« versetze er, »aber von einem derartig unsinnigen Einfall hatte ich noch niemals etwas gehört.« Nachdem man gar hübsch gesungen, begab sich der Alte der sieben Berge mit großem Geleit an die Tür des Tempels; mit erhobenem Daumen und zwei gespreizten und zwei geschlossenen Fingern vierteilte er die Luft und sagte dazu in einer Sprache, die man nicht mehr sprach, die folgenden Worte: Der Stadt und der Welt. Urbi et orbi. Der Gangaride vermochte nicht zu begreifen, wie zwei Finger so weit reichen sollten. Bald darauf sah er den Hof des Herrn der Welt an sich vorbeischreiten. Er bestand aus würdevollen Herren, die einen in roten, die anderen in veilchenfarbenen Gewändern; fast alle blickten den schönen Amasan mit plötzlich sanft werdenden Augen an, sie nickten ihm zu und sagten zueinander: San Martino, che bel' ragazzo! San Pancratio, che bel' fanciullo! Die Führer, denen es oblag, Fremden die Sehenswürdigkeiten zu zeigen, beeilten sich, ihn vor alte Gemäuer zu geleiten, unter denen nicht einmal ein Maultiertreiber würde die Nacht haben verbringen wollen, die aber einstmals die würdigen Denkmale der Größe eines königlichen Volkes gewesen waren. Er sah auch Gemälde, die zweihundert Jahre zählten, und Bildsäulen von mehr als zwanzig Jahrhunderten, welche ihm Meisterwerke zu sein dünkten. »Verfertigt Ihr noch derartige Werke?« »Nein, Euer Exzellenz,« erwiderte ihm einer der Führer, »wir verachten aber die ganze übrige Erde, weil wir solche Seltsamkeiten bewahren. Wir sind gewissermaßen Trödler, die ihren Ruhm durch die alten Kleider erringen, die in unsern Speichern lagern.« Amasan wollte den Palast des Fürsten sehen, man führte ihn hin. Er sah dort veilchenfarben gekleidete Männer, welche das Geld aus den Staatseinkünften zählten, soviel von Ländereien, die an der Donau lagen, soviel von solchen an der Loire oder am Guadalquivir oder an der Weichsel. »Ah,« sagte Amasan, nachdem er seine Landkarte befragt, »Euer Herr hat also wie die alten Helden der sieben Berge Besitzungen in ganz Europa?« »Nach göttlichem Recht gehört ihm die ganze Erde,« erwiderte ihm ein Veilchenfarbener, »es hat sogar eine Zeit gegeben, in der seine Vorfahren fast ein alle Länder umfassendes Reich besaßen, ihre Nachfolger haben heute jedoch die Güte, sich mit etwas Geld zu begnügen, das ihnen die Könige, ihre Untertanen, in Gestalt eines Tributs auszahlen lassen.« »Euer Herr ist also wirklich der König der Könige und lautet so sein Titel?« fragte Amasan. »Nein, Euer Exzellenz, sein Titel lautet: Diener der Diener; ursprünglich war er ein Fischer und Türhüter, und deshalb besteht das Wappen seiner Würde aus Schlüsseln und Netzen, er erteilt jedoch allen Königen Befehle; es ist noch nicht lange her, da hat er an einen König des Keltenlandes hundertundeinen Befehl gelangen lassen – und der König gehorchte.« »So entsandte Euer Fischer also fünf oder sechshunderttausend Mann,« fragte Amasan, »um diesen seinen hundertundeinen Befehlen Gehör zu verschaffen?« »Keineswegs, Euer Exzellenz, unser heiliger Herr ist nicht reich genug, auch nur hunderttausend Soldaten zu besolden. Er hat aber vier bis fünfhunderttausend göttliche Propheten in alle anderen Länder verteilt ... Diese Propheten, Eingeborene aller Länder, leben wie billig auf Kosten der Völker; sie verkünden von Seiten des Himmels, daß mein Herr mit seinen Schlüsseln alle Schlösser zu schließen und zu öffnen vermag und vor allem die der Geldschränke: ein normannischer Priester, welcher an der Seite des Königs, von dem ich eben sprach, das Amt eines Vertrauten seiner Gedanken bekleidete, überzeugte ihn, daß er unweigerlich den hundertundeinen Gedanken meines Herrn zu gehorchen habe, denn Euer Exzellenz müßten wissen, daß eines der Vorrechte des Alten der sieben Berge darin besteht, stets recht zu haben, mag er nun zu sprechen oder zu schreiben geruhen.« »Meiner Treu,« sagte Amasan, »welch seltsamer Mann, es würde mir Spaß machen, mit ihm zu Mittag zu speisen.« »Und wenn Euer Exzellenz ein König wären, so könntet Ihr dennoch nicht mit ihm zusammen an einer Tafel sitzen, alles was er für Euch zu tun vermöchte, wäre für Euch an seiner Seite auf einem Tische auftragen zu lassen, der kleiner und niedriger als der seine ist. Wenn Ihr jedoch der Ehre teilhaftig werden wollt, mit ihm zu sprechen, so will ich ihn vermittelst der buona mancia, welche Ihr mir zu geben die Güte haben werdet, bitten, Euch zu empfangen.« »Herzlich gern«, versetzte der Gangaride. Der Veilchenfarbene verneigte sich: »Morgen werde ich Euch einführen,« sagte er, »Ihr habt dreimal das Knie zu beugen und die Füße des Alten von den sieben Bergen zu küssen.« Bei diesen Worten brach Amasan in ein so krampfhaftes Gelächter aus, daß er beinahe daran erstickt wäre; sich die Seiten haltend, ging er fort und lachte auf dem ganzen Wege, bis er in seiner Herberge angelangt war, und auch dort lachte er noch lange. Während seiner Mittagsmahlzeit erschienen zwanzig bartlose Männer und zwanzig Geigenspieler und gaben ein Konzert vor ihm. Den Rest des Tages über wurde er von den vornehmsten Männern der Stadt gefeiert: sie machten ihm Vorschläge, die noch weit seltsamer waren, als jener, dem Alten der sieben Hügel die Füße zu küssen. Da Amasan ungemein gesittet war, glaubte er zunächst, jene Herren hielten ihn für eine Dame, und setzte sie mit der umsichtigsten Höflichkeit von ihrer falschen Annahme in Kenntnis, als er sich jedoch von zwei oder drei der entschlossensten Veilchenfarbenen ein wenig allzu ungestüm bedrängt fand, warf er sie aus dem Fenster, ohne dieses gerade für ein großes Formosanten gebrachtes Opfer zu halten. Schnellstens verließ er diese Stadt der Herren der Welt, in der man einem alten Manne auf den Zeh küssen sollte, als habe er die Wange am Fuß – und wo man die jungen Männer gar mit noch weit absonderlicheren Zeremonien zu begrüßen pflegte.   Nachdem Amasan so als ein Vorbild der Standhaftigkeit, der Prinzessin von Babylon stets getreu und stets zornig auf den König von Ägypten, ein Land nach dem anderen durcheilt und alle nur möglichen Arten von Verlockungen zurückgewiesen hatte, gelangte er endlich in die neue Hauptstadt der Gallier. Diese Stadt hatte gleich vielen anderen alle Stufen der Barbarei, der Unwissenheit, der Torheit und des Elends durchlaufen; ihr erster Name war Schmutz und Kot gewesen, darauf hatte sie von dem Isiskult, der bis zu ihr gelangt war, den Namen Isis angenommen. Ihr erster Senat war eine Gesellschaft von Schiffern, und sie selber lange eine Sklavin der Raubhelden von den sieben Hügeln gewesen, und nach einigen Jahrhunderten hatten sich andere heldenhafte Räuber, die von der anderen Seite des Rheins gekommen waren, ihres kleinen Gebietes bemächtigt. Die alles ändernde Zeit hatte aus ihr jedoch endlich eine Stadt gemacht, deren eine Hälfte sehr vornehm und freundlich, die andere dagegen etwas grob und lächerlich war: das war das Wahrzeichen ihrer Bewohner. Innerhalb ihrer Mauern lebten mindestens hunderttausend Menschen, die nichts zu tun hatten, wie zu spielen und sich zu vergnügen. Dieses müßige Völkchen urteilte über die Künste, welche die andere Hälfte hervorbrachte; es wußte nichts von dem, was bei Hofe vor sich ging, obgleich er nur vier kleine Meilen von ihm entfernt war, es hatte den Anschein, als seien es mindestens sechshunderttausend: Gesellige Freuden, Fröhlichkeit und Leichtfertigkeit waren dieser Menschen wichtigstes und einziges Geschäft, man regierte sie wie Kinder, die man mit Spielzeug überschüttet, um sie am Schreien zu verhindern. Sprach man zu ihnen von den Schrecken, welche zwei Jahrhunderte vorher ihr Vaterland verwüstet hatten und von den entsetzlichen Zeiten, in denen die eine Hälfte des Volkes die andere wegen einiger Sophismen niedermetzelte, so erwiderten sie, daß dieses ja wirklich nicht recht gewesen sei, und dann fingen sie wieder an zu lachen und Gassenhauer zu trillern. Je höflicher, gefälliger und liebenswürdiger die Müßigen waren, desto stärker fiel der traurige Gegensatz zwischen ihnen und der Gesellschaft der Arbeitenden auf. Unter diesen Arbeitenden oder unter denen, die es zu sein behaupteten, gab es eine Schar finsterer, halb törichter, halb schurkischer Fanatiker, deren Anblick allein schon die Erde betrübte, und hätten sie es vermocht, so würden sie sie zertrümmert haben, um sich in Ansehen zu setzen, aber das Volk der Müßigen trieb sie singend und tanzend in ihre Höhlen zurück, wie die Vögel die Eulen in ihre Mauerlöcher zurückzukriechen zwingen. Eine kleinere Zahl der Arbeitenden bestand aus Beschützern alter barbarischer Bräuche, gegen welche die entsetzte Natur mit lauter Stimme schrie, aber sie befragten nur ihre von Würmern zerfressenen Bücher, und wenn sie darin auf einen unsinnigen und schrecklichen Brauch stießen, behandelten sie ihn wie ein heiliges Gesetz. Durch diese feige Gewohnheit, nicht den Mut zu eigenen Gedanken zu haben, sondern ihre Vorstellungen aus Überbleibseln der Zeiten zu schöpfen, in denen man überhaupt noch nicht gedacht hatte, entsprang es, daß in der Stadt der Lustbarkeiten noch wilde Sitten herrschten. Aus diesem Grunde bestand auch kein Verhältnis zwischen den Vergehen und den Strafen, zuweilen ließ man einen Unschuldigen tausend Tode erleiden, um ihn zu dem Geständnis eines Verbrechens zu zwingen, das er nicht begangen hatte. Man bestrafte die Unbesonnenheit eines jungen Menschen, wie man auch nicht anders einen Gift- oder Vatermord bestraft haben würde. Die Müßigen brachen darüber in ein großes Geschrei aus, aber schon am nächsten Morgen dachten sie nicht mehr daran und unterhielten sich wieder über neue Moden. Dieses Volk hatte ein ganzes Jahrhundert vorüberziehen sehen, in dem sich die schönen Künste zu einem Grade der Vollendung erhoben, den man nie zu erhoffen gewagt: damals kamen die Fremden wie nach Babylon, um die großen Denkmale der Baukunst, die Wunder der Gärten und die erhabenen Taten der Bildhauerei und Malkunst zu bewundern. Und eine Musik, die in die Seele zog, ohne vorher die Ohren in Erstaunen versetzt zu haben, ward ihr Entzücken. Die wahre Dichtkunst, das heißt die natürliche und harmonische, welche das Herz ebenso wie den Geist anspricht, kannte das Volk eben nur in diesem glücklichen Jahrhundert. Neue Arten der Redekunst entfalteten ihre erhabenen Schönheiten: die Schaubühnen vor allem hallten von Meisterwerken wieder, die kein anderes Volk jemals erreichen wird, und der gute Geschmack verbreitete sich schließlich in solcher Vollkommenheit, daß es selbst unter den Priestern gute Schriftsteller gab. Alle diese Lorbeerbäume, welche mit ihren Wipfeln bis in die Wolken hineingewachsen waren, vertrockneten gar bald in dem erschöpften Boden, nur wenige Zweige blieben am Leben, aber ihr Laub zeigte ein fahles sterbendes Grün. Der Niedergang ward verursacht durch Leichtigkeit im Schaffen, Trägheit im Vollenden, Sattheit am Schönen und durch Lust an Absonderlichkeiten. Eitelkeit schirmte die Künstler, welche die Zeiten der Barbarei zurückbrachten, und eben diese Eitelkeit verfolgte die wahren Talente und zwang sie dazu, ihr Vaterland zu verlassen: die Wespen vertrieben die Bienen. Es gab nun keine wahren Künste mehr und keinen echten Schaffensgeist, das Verdienst bestand darin, über die Verdienste des verflossenen Jahrhunderts hin und her zu streiten. Die Kleckser, so die Wände von Schenken besudelten, kritisierten aufs gelehrteste die Gemälde der großen Maler, und die Papierbesudler entstellten die Werke der großen Schriftsteller: Unwissenheit und schlechter Geschmack hatten andere Sudler in ihrem Dienst, man wiederholte unter verschiedenen Titeln dieselben Dinge in hundert Bänden, alles war Wörterbuch oder Flugschrift. Ein zeitungschreibender Druide veröffentlichte zweimal in der Woche die dunklen Geschichten einiger dem Volke unbekannter Teufelskinder und die Geschichten himmlischer Wunder, welche in irgend welchen jämmerlichen Hundelöchern von kleinen Bettlern oder Bettlerinnen hervorgerufen worden waren. Andere schwarzgekleidete Exdruiden, die vor Hunger und Wut beinahe starben, beklagten sich in hundert Schriften, daß man ihnen nicht mehr erlaube, die Menschen zu betrügen, sondern dieses Recht graugewandeten Böcken überlassen habe. Einige Exdruiden druckten sogar Schmähschriften. Amasan wußte von alledem nichts, und hätte er es auch getan, so würde es ihn dennoch nicht bekümmert haben, da er ja nur die Prinzessin von Babylon und den König von Ägypten und seinen unverletzlichen Schwur im Kopfe hatte, alle Damen zu verschmähen, in welches Land der Kummer seine Schritte auch immer lenken mochte. Die ganze leichtlebige, unwissende Bevölkerung, welche die dem menschlichen Geschlecht natürliche Neugierde stets bis ins Übermaß steigerte, drängte sich lange um seine Einhorne, die gescheiteren Frauen dagegen sprengten die Türen seines Gasthauses, um ihn selber anzuschaun. Er bezeugte seinem Wirte nun zunächst den Wunsch, zu Hofe zu gehen, aber ein paar Müßige der guten Gesellschaft, die zufällig da waren, sagten ihm, die Zeiten hätten sich geändert, es sei nicht mehr Mode, nur noch in der Stadt fände man Vergnügen. Er wurde noch für denselben Abend von einer Dame zum Essen geladen, deren Geist und deren Talente bis weit über die Grenzen ihres Vaterlandes hinaus bekannt geworden und welche auch in einigen Ländern gereist hatte, durch die Amasan gekommen war. Ihm gefiel diese Dame und die Gesellschaft, die er bei ihr versammelt fand, ungemein. Die darin herrschende Freiheit war züchtig, die Lustigkeit ohne Lärm, die Wissenschaft hatte nichts Abstoßendes und der Geist keine rauhe Strenge. Er sah, daß der Begriff »gute Gesellschaft« kein leeres Wort sei, obgleich es gar oft fälschlich angemaßt wird. Am Tage darauf speiste er in einer nicht weniger liebenswürdigen, aber viel sinnenfreudigeren Gesellschaft. Je mehr ihm die Geladenen behagten, desto zufriedener war man auch mit ihm. Er fühlte sein Herz weich werden und sich lösen, wie die Gewürze seines Landes auf gemäßigtem Feuer leicht zerschmelzen und in köstlichen Düften ausströmen. Nach Tisch führte man ihn zu einem entzückenden Schauspiel, welches von den Druiden verdammt war, weil es ihnen die Zuschauer raubte, auf die sie am erpichtesten waren. Das Schauspiel bestand aus einer Zusammenstellung von angenehmen Versen, berauschenden Gesängen, von Tänzen, welche die Regungen der Seele ausdrückten, und von Fernsichten, welche die Augen bezauberten, indem sie sie täuschten. Diese Art Lustbarkeit, welche so gar viele Arten in sich vereinte, trug einen fremden Namen, sie hieß Oper, was ehedem in der Sprache der sieben Hügel Arbeit, Mühe, Beschäftigung, Betriebsamkeit, Unternehmen, Verrichtung, Geschäft bedeutete. Dies Geschäft bezauberte ihn. Ein Mädchen vor allem entzückte ihn durch ihre reizende Stimme und die ihr eigene Anmut. Nach dem Schauspiel wurde ihm dieses Geschäftsmädchen durch seine neuen Freunde vorgestellt, und er machte ihr eine Handvoll Diamanten zum Geschenk. Sie war so erkenntlich dafür, daß sie ihn für den Rest des Tages nicht mehr verlassen wollte. Sie speisten zusammen zu Nacht, und während des Mahles vergaß er seine Mäßigkeit und nach dem Mahle auch seinen Schwur, gegen die Schönheit stets unempfindlich und allen zärtlichen Verlockungen gegenüber stets unerbittlich zu sein. Welch ein Beispiel der menschlichen Schwäche! Da langte die Prinzessin von Babylon mit dem Phönix, ihrer Kammerfrau Irla und ihren auf zweihundert Einhornen reitenden gangaridischen Rittern an. Sie mußte ziemlich lange warten, bis man ihr die Tore öffnete, dann fragte sie sofort, ob der schönste aller Männer, der mutigste, geistvollste und der treueste noch in der Stadt weile. Die Ratsbeamten merkten sofort, daß sie von Amasan sprach. Sie ließ sich vor sein Gasthaus führen und betrat es mit liebepochendem Herzen, ihre ganze Seele war durchdrungen von der unaussprechlichen Freude, endlich ihren Geliebten, das Vorbild aller Standhaftigkeit, wiederzusehen. Durch nichts ließ sie sich verhindern, schnurstracks in sein Zimmer zu treten ... Die Bettvorhänge waren weit auseinandergeschlagen ... sie sah den schönen Amasan in tiefem Schlafe in den Armen einer hübschen Brünette ... und alle beide verrieten ein gar übermächtiges Ruhebedürfnis. Formosante stieß einen lauten Schmerzensschrei aus, der zwar das ganze Haus durchhallte, aber weder ihren Vetter noch das Geschäftsmädchen zu erwecken vermochte, dann brach sie ohnmächtig in Irlas Armen zusammen. Sobald sie wieder zur Besinnung gekommen war, verließ sie schmerz- und zornestrunken das verhängnisvolle Gemach. Irla erkundigte sich, wer denn dies junge Fräulein sei, die gar so süße Stunden mit dem schönen Amasan verbrächte. Man sagte ihr, es sei ein äußerst gefälliges Geschäftsmädchen, das neben all ihren anderen Talenten auch die Gabe des anmutigsten Gesanges besäße. »Oh gerechter Himmel, oh allmächtiger Oromazes,« rief die Prinzessin von Babylon aus, »von wem und um wen bin ich verraten! Der also, der um meinetwillen so viele Prinzessinnen zurückwies, er verläßt mich um eine gallische Bänkelsängerin! Nein, diese Schmach vermag ich nicht zu überleben.« »Gnädige Frau,« sprach Irla zu ihr, »so sind nun einmal alle jungen Männer von einem Ende der Welt bis zum andern, liebten sie auch eine vom Himmel herabgestiegene Schönheit, in gewissen Augenblicken würden sie ihr dennoch um einer Kellnerin willen untreu werden.« »Es ist vorbei,« sagte die Prinzessin, »niemals in meinem Leben will ich ihn wiedersehen. Laßt uns augenblicklich abreisen! Man spanne meine Einhorne an.« Der Phönix beschwor sie, wenigstens zu warten, bis Amasan erwacht sei und er ihn habe sprechen können. »Er verdient es nicht,« sagte die Prinzessin, »Ihr kränkt mich aufs grausamste! Würde er nicht glauben, ich hätte Euch gebeten, ihm Vorwürfe zu machen, und wolle mich gar mit ihm versöhnen? Wenn Ihr mich liebt, fügt nicht noch diesen Schimpf zu dem Schimpf, den er mir angetan!« Der Phönix, der der Tochter des Königs von Babylon schließlich sein Leben verdankte, konnte ihr nicht gut ungehorsam sein, sie reiste also mit ihrem ganzen Geleite ab. »Wohin gehen wir, gnädige Frau?« fragte Irla. »Ich weiß es nicht,« erwiderte die Prinzessin, »wir nehmen den ersten besten Weg, der sich uns bietet; wenn ich Amasan nur für immer entfliehe, bin ichs zufrieden.« Der Phönix, der verständiger war als Formosante, da keine Leidenschaft ihn beherrschte, tröstete sie unterwegs. Er bewies ihr sanft, daß es ein gar traurig Ding sei, sich für die Fehler anderer zu strafen, daß Amasan ihr doch ausreichend ungewöhnliche und zahlreiche Beweise seiner Treue gegeben, daß sie ihm nun auch müsse verzeihen können, sich einen Augenblick lang vergessen zu haben, daß er ein Gerechter sei, dem nur Oromazes seine Gnade versagt, und der künftig deshalb in Liebe und Tugend um so beständiger sein werde, daß der Wunsch, seine Schuld zu sühnen, ihn über sich selbst erheben und sie dadurch um so glücklicher werden würde, und daß mehrere hohe Prinzessinnen vor ihr dergleichen Seitensprünge verziehen hätten und sehr gut dabei gefahren seien. Er führte ihr Beispiele davon an und besaß die Kunst des Erzählens in solchem Maße, daß Formosantens Herz endlich stiller und friedlicher schlug. Sie wünschte, sie wäre nicht so schnell abgereist, und fand, daß ihre Einhorne zu schnell liefen: sie wagte jedoch nicht umzukehren. Zwischen dem Wunsche zu vergeben und der Sucht ihren Zorn zu zeigen, zwischen ihrer Liebe und ihrer Eitelkeit schwankend, ließ sie ihre Einhorne laufen und streifte so, gemäß der Voraussage des Orakels ihres Vaters in der Welt umher. Bei seinem Erwachen erfuhr Amasan die Ankunft und Abreise Formosantens und des Phönix, er erfuhr auch die Verzweiflung und den Grimm der Prinzessin, man sagte ihm, daß sie ihm niemals zu vergeben geschworen habe. »So bleibt mir nichts,« rief er, »als ihr zu folgen und mich zu ihren Füßen zu töten.« Seine Freunde aus der guten Gesellschaft der Müßigen liefen auf das Gerücht des Vorfalles hin zusammen, und alle bedeuteten ihm, daß es unendlich gescheiter sei, bei ihnen zu bleiben, daß nichts dem süßen Leben gleich käme, das sie im Schoße der Künste und einer stillen, zarten Sinnenlust führten, daß Fremde und Könige sogar diese so gar wohltuende und angenehm angewandte Ruhe ihrem Throne und Vaterlande vorgezogen hätten, daß andrerseits sein Wagen zerbrochen sei, ein Sattler an einem neumodischen für ihn erst arbeite, daß der beste Schneider ein Dutzend neumodischer Kleider bereits für ihn zugeschnitten habe und daß die geistvollsten und liebenswürdigsten Damen der Stadt, bei denen man vortrefflich Komödie spielte, eine jede schon einen Tag bestimmt hätten, an dem sie ihm Feste geben wollten. Das Geschäftsmädchen trank währenddessen bei ihrer Toilette eine Tasse Schokolade, lachte, sang und neckte verbuhlt den schönen Amasan, der es nun endlich gewahr ward, daß sie nicht soviel Verstand besaß wie ein Vogel. Da der Charakter dieses großen Prinzen ebensosehr aus Aufrichtigkeit, Herzlichkeit und Freimut, wie aus Größe und Mut bestand, hatte er seinen Freunden von seinem Unglück und von seiner Reise erzählt, sie wußten, daß er als Geschwisterkindeskind ein Vetter der Prinzessin war, und sie waren auch von dem verhängnisvollen dem Könige von Ägypten von ihr gegebenen Kusse unterrichtet. »Man verzeiht sich«, sagten sie, »solche kleinen Seitensprünge unter Verwandten gern, sonst müßte man doch das ganze Leben in ewigem Zwiste verbringen.« Nichts vermochte seinen Entschluß, hinter Formosanten herzusetzen, zu erschüttern; da sein Wagen jedoch nicht reisefertig war, mußte er noch drei Tage unter Vergnügungen und Festen bei den Müßigen verbringen. Endlich nahm er Abschied von ihnen, umarmte sie, machte ihnen die bestgeschliffenen Diamanten seines Landes zum Geschenk und empfahl ihnen stets oberflächlich und leichtlebig zu sein, da sie dadurch ja nur liebenswürdiger und glücklicher würden. »Die Germanen«, sagte er, »sind die Greise Europas, die Völker Albions die reifen Männer, die Bewohner Galliens die Kinder, und gar gut läßt sich's mit ihnen spielen!«   Es ward seinen Führern nicht schwer, der Prinzessin auf ihren Wegen zu folgen, denn man sprach unterwegs von nichts anderem als von ihr und ihrem großen Vogel; alle Einwohner befanden sich noch in Begeisterung und Bewunderung. Die Völker Dalmatiens und der Mark Ankona hatten danach allerdings eine weniger wonnevolle Überraschung erlebt, als sie ein Haus durch die Lüfte fliegen sahen, aber die Ufer der Loire, der Dordonne, der Garonne und der Gironde hallten noch von Beifallsrufen wieder. Als Amasan an den Fuß der Pyrenäen gelangt war, ließen die Beamten und Druiden des Landes wider seinen Willen ihm zu Ehren einen Tamburintanz aufführen, sobald er jedoch die Pyrenäen überschritten hatte, kam ihm keine Freude und keine Fröhlichkeit mehr zu Gesicht. Wenn er hier und da ein Lied hörte, so war es auf einen traurigen Ton gestimmt, die Bewohner schritten ernst mit einer Kette aus kleinen Kügelchen und einem Dolch im Gürtel einher, das ganze in Schwarz gekleidete Volk schien in Trauer zu sein. Wenn die Bedienten Amasans die Vorübergehenden ansprachen, antworteten sie mit Zeichen, wenn man eine Herberge betrat, so teilte der Wirt des Hauses den Leuten in drei Worten mit, er habe nichts da und müsse erst einige Meilen weit schicken, um die notwendigsten Dinge herbeizuschaffen. Wenn man diese Schweigsamen fragte, ob sie die schöne Prinzessin von Babylon vorüberziehen gesehen hätten, so antworteten sie etwas weniger kurz: »Wir haben sie gesehen, aber sie ist nicht so schön, schön ist nur bräunliche Haut, sie hingegen spreizt einen alabasterfarbenen Busen, ein abscheulichstes Ding von der Welt, das man unter unseren Himmelsstrichen kaum kennt.« Amasan drang in die wasserreiche Provinz Bätis vor. Es waren noch nicht ganz zwölftausend Jahre vergangen, seit die Tyrier dieses Land ungefähr um dieselbe Zeit entdeckt hatten, wie die große atlantische Insel, welche einige Jahrhunderte später vom Meere verschlungen wurde. Die Tyrier bebauten Bätis, das von den Eingeborenen des Landes brach liegen gelassen wurde, da diese behaupteten, sie brauchten sich um nichts zu kümmern, es käme vielmehr ihren Nachbarn, den Galliern zu, ihre Äcker zu bestellen. Die Tyrier hatten Palästiner mit sich gebracht, die seit jener Zeit unter allen Himmelsstrichen umherziehen, vorausgesetzt, daß sich dort Geld verdienen läßt. Dadurch, daß diese Palästiner Geld um fünfzig Prozent ausliehen, hatten sie fast alle Reichtümer des Landes an sich gebracht. Dies hatte in den Völkern der Bätis den Glauben erweckt, die Palästiner seien Hexenmeister, und alle, die man wegen Hexerei anklagte, wurden von einer Druidengesellschaft, die man Schnüffler oder Anthropokäer nannte, mitleidlos verbrannt. Diese Priester kleideten sie zunächst in ein Maskengewand, bemächtigten sich ihrer Güter und sagten fromm die eignen Gebete der Palästiner her, während man sie auf niedrigem Feuer por l'amor de Dios briet. Die Prinzessin von Babylon war in der Stadt, die seither Sevilla genannt wird, ans Land gestiegen. Es war ihre Absicht, sich auf dem Bätis einzuschiffen, um über Tyrus nach Babylon zurückzukehren, den König Belus, ihren Vater, wiederzusehen, und falls sie es über sich vermochte, ihren ungetreuen Geliebten zu vergessen oder auch ihn zum Gatten zu fordern. Sie beschied zwei Palästiner zu sich, die alle Geschäfte des Hofes besorgten. Sie sollten ihr drei Schiffe mieten. Der Phönix traf alle notwendigen Anordnungen mit ihnen, und sie kamen nach kurzem Streit auch über den Preis überein. Die Gasthauswirtin war sehr fromm und ihr nicht weniger frommer Gatte war ein Vertrauter, das heißt ein Spion der schnüffelnden Priester und Menschenverbrenner; er verfehlte nicht ihnen mitzuteilen, daß sich in seinem Hause eine Hexe und zwei Palästiner befänden, welche mit dem als großer goldener Vogel verkleideten Teufel einen Pakt abgeschlossen hätten. Da die Schnüffler überdies noch erfuhren, daß die Dame eine Menge wunderbarer Diamanten hatte, hielten sie sie sogleich für eine Hexe. Sie warteten jedoch erst die Nacht ab, um die zweihundert Ritter und Einhorne, welche in großen Ställen schliefen, gefangen zu nehmen, denn die Schnüffler sind Feiglinge. Nachdem sie die Türen fest verrammelt hatten, bemächtigten sie sich Irlas und der Prinzessin, den Phönix konnten sie jedoch nicht fangen, er flog mit schnellen Flügelschlägen davon, denn er wußte wohl, daß er Amasan auf dem Wege von Gallien nach Sevilla antreffen würde. Er traf ihn auf der Grenze von Bätis und verkündete ihm das Mißgeschick der Prinzessin. Amasan war zu sehr erschüttert, zu sehr von Zorneswut erfaßt, als daß er hätte sprechen können, er bewaffnete sich mit einem goldgestreiften Stahlharnisch, einer zwölf Fuß langen Lanze, zwei Wurfspeeren und einem schneidenden Schwerte, Fulminante genannt, welches mit einem einzigen Hieb Bäume, Felsen und Druiden zerspalten konnte, und seinen schönen Kopf bedeckte er mit einem goldenen von Reiher- und Straußenfedern beschatteten Helm. Es waren die alten Waffen Magogs, welche ihm seine Schwester Aldea auf seiner Reise in Skythien zum Geschenk gemacht hatte. Das kleine ihn begleitende Gefolge ritt gleich ihm auf Einhornen. Amasan umarmte seinen geliebten Phönix und sprach nur die folgenden traurigen Worte zu ihm: »Ich bin schuldig. Hätte ich in der Stadt der Müßigen nicht mit einem Geschäftsmädchen geschlafen, befände sich die schöne Prinzessin von Babylon auch nicht in dieser entsetzlichen Lage. Doch auf! den Anthropokäern entgegen!« Bald langte er in Sevilla an; fünfzehnhundert Häscher bewachten die Tore der Schranken, in denen die zweihundert Gangariden mit ihren Einhornen ohne Speise und Trank eingekerkert waren. Schon war alles zu dem Opfer vorbereitet, das man mit der Prinzessin von Babylon, ihrer Kammerfrau Irla und den beiden reichen Palästinern vornehmen wollte. Der Groß-Anthropokäer saß, umgeben von seinen kleinen Anthropokäern, bereits auf seinem geweihten Gerichtssessel, eine Menge von Sevillanern, die alle aufgereihte Kügelchen in ihren Gürteln trugen, falteten wortlos ihre Hände, und die schöne Prinzessin, Irla und die Palästiner wurden mit auf den Rücken gebundenen Händen in Maskengewändern herangeführt. Der Phönix drang durch eine Dachluke in das Gefängnis, dessen Türen die Gangariden bereits einzuschlagen begannen; der unbesiegliche Amasan zerbrach sie von außen. Auf ihren Einhornen reitend, drangen sie alle bewaffnet hervor, Amasan setzte sich an ihre Spitze, es ward ihm nicht schwer, die Häscher, die Vertrauten und die priesterlichen Anthropokäer zu bezwingen, jedes Einhorn spießte Dutzende von ihnen auf einmal auf, die Fulminante Amasans spaltete alle, deren sie habhaft werden konnte, in zwei Stücke, das Volk floh in seinen schwarzen Mänteln und schmutzigen Halskrausen auseinander und behielt dabei por l'amor de Dios seine geweihten Kügelchen in den Händen. Amasan ergriff mit einer Hand den Groß-Schnüffler auf seinem Sessel und warf ihn auf den Scheiterhaufen, der vierzig Schritte weiter bereit stand, und auch alle kleinen Schnüffler schleuderte er einen nach dem anderen hinauf, dann warf er sich Formosanten zu Füßen. »Ah, wie seid Ihr liebenswürdig, wie wollte ich Euch nicht vergöttern, wäret Ihr mir nicht mit einem Geschäftsmädchen untreu gewesen.« Während Amasan seinen Frieden mit der Prinzessin schloß, während die Gangariden auf den Scheiterhaufen die Leiber aller Anthropokäer häuften, und die Flammen bis in die Wolken hinaufschlugen, sah Amasan in der Ferne etwas wie ein Heer auf sich zukommen, ein alter König, die Krone auf dem Haupt, zog auf einem mit acht durch Stricke angeschirrten Maultieren bespannten Wagen heran, hundert andere Wagen kamen hinterher, sie wurden von ernsten, in schwarze Mäntel und Halskrausen gekleideten Männern, die auf ungewöhnlich schönen Pferden ritten, begleitet, und eine Menge Leute folgte mit fettigen Haaren und schweigend zu Fuß. Amasan reihte zunächst seine Gangariden um sich und drang mit eingelegter Lanze vor. Sobald der König ihn jedoch gewahrte, nahm er seine Krone ab, stieg aus dem Wagen, küßte den Steigbügel Amasans und sprach zu ihm: »Du gottgesandter Mann, du bist der Rächer des ganzen Menschengeschlechts, der Befreier meines Vaterlandes, mein Beschützer, die geheiligten Ungeheuer, von denen du die Erde gereinigt hast, waren meine Herren im Namen des Alten der sieben Hügel, ich war gezwungen ihre verbrecherische Macht zu dulden, mein Volk würde mich verlassen haben, hätte ich ihre scheußlichen Gewalttaten auch nur zu mildern versucht, heute nun atme ich wieder, herrsche ich wieder, und dir habe ich das zu danken!« Darauf küßte er Formosanten ehrfurchtsvoll die Hand und bat sie, mit Amasan, Irla und dem Phönix gütigst seinen Maultierwagen besteigen zu wollen. Die beiden Palästiner, welche Hofbankiers waren und vor Entsetzen und Dankbarkeit noch auf dem Boden kauerten, erhoben sich, und die Schar der Einhorne folgte dem König von Bätis in seinen Palast. Da die Würde des Königs eines ernsten Volkes verlangte, daß seine Maultiere im langsamen Schritt gingen, fanden Formosante und Amasan vollauf Zeit, ihm ihre Abenteuer zu erzählen. Er unterhielt sich auch mit dem Phönix, bewunderte ihn und küßte ihn wohl an die hundert Mal. Er begriff, wie unwissend, roh und barbarisch die westlichen Völker waren, welche die Tiere aßen und ihre Sprache nicht mehr verstanden, begriff, daß allein die Gangariden die ursprüngliche Natur und Würde des Menschen bewahrt hatten, vor allem aber gab er zu, daß die größten Barbaren aller Sterblichen jene schnüffelnden Anthropokäer gewesen, von denen Amasan die Welt gereinigt hatte, und er hörte nicht auf, ihn zu segnen und ihm zu danken. Die schöne Formosante fing an, den Vorfall mit dem Geschäftsmädchen zu vergessen, ihre Seele war nur noch von der Tapferkeit des Helden erfüllt, der ihr das Leben gerettet hatte. Nachdem Amasan von der Unschuld des dem Könige von Ägypten gegebenen Kusses und der Wiedergeburt des Phönix unterrichtet war, genoß er eine reine Freude und fühlte sich von der ungestümsten Liebe beseelt. Man speiste im Palast, und zwar ziemlich schlecht, die Köche von Bätis waren die schlechtesten von Europa. Amasan riet, Gallier kommen zu lassen. Während des Mahles spielten die Musikanten des Königs jene berühmten Melodien, die man im Laufe der Jahrhunderte auf den Namen »Folies d'Espagne« getauft hat. Nach aufgehobener Tafel sprach man von Geschäften. Der König fragte den schönen Amasan, die schöne Formosante und den schönen Phönix, was sie mit sich beschlossen hätten. »Was mich angeht,« sagte Amasan, »so will ich nach Babylon zurückkehren, dessen Thronerbe ich bin, und von meinem Onkel Belus meine Base zweiten Grades, die unvergleichliche Formosante, zur Frau verlangen, falls sie nicht lieber mit mir bei den Gangariden leben will.« »Meine Absicht ist zunächst,« sagte die Prinzessin, »mich unter gar keinen Umständen jemals von meinem Vetter zweiten Grades zu trennen, ich glaube aber, er wird um so eher zugeben, daß ich mich zu dem Könige, meinem Vater, begebe, als dieser mir ja nur die Erlaubnis erteilt hatte, eine Pilgerfahrt nach Bassora zu machen, während ich doch durch die Welt gezogen bin.« »Was mich angeht,« sagte der Phönix, »so werde ich den beiden zärtlichen und großmütigen Liebenden überallhin folgen.« »Ihr habt recht,« sagte der König von Bätis, »aber die Rückkehr nach Babylon ist nicht so leicht, wie Ihr denkt: ich erhalte täglich Nachrichten aus jenem Lande durch Schiffe aus Tyrus und durch meine palästinischen Bankhalter, welche mit allen Völkern der Erde in brieflichem Verkehr stehen. In der Gegend des Euphrats und des Niles steht alles in Waffen, der König von Skythien fordert mit der Menge von dreimalhunderttausend samt und sonders berittenen Kriegern das Erbe seiner Frau ein, der König von Ägypten und der König von Indien verheeren ebenfalls die Ufer des Tigris und des Euphrats, jeder an der Spitze von dreimalhunderttausend Mann, um Rache dafür zu nehmen, daß man sich über sie lustig gemacht hat, und während der König von Ägypten nun außer Landes ist, verwüstet sein Feind, der König von Äthiopien, Ägypten mit dreimalhunderttausend Mann, und der König von Babylon hat erst sechsmalhunderttausend Mann aufgebracht, um sich zu verteidigen. Ich gestehe Euch,« fuhr der König fort, »wenn ich von den zahllosen Heeren, die der Osten aus seinem Schoße speit, und von ihrer erstaunlichen Pracht sprechen höre, und sie mit unserer kleinen Schar von zwanzig- bis dreißigtausend Soldaten vergleiche, die zu bekleiden und zu nähren schon so schwer hält, so fühle ich mich versucht zu glauben, der Osten müsse lange vor dem Westen erschaffen worden sein, mir kommt es vor, als seien wir erst vorgestern aus dem Chaos und gestern aus der Barbarei emporgestiegen.« »Gnädiger Herr,« sagte Amasan, »die zuletzt Gekommenen überholen bisweilen jene, die zuerst auf dem Plane erschienen. In meinem Lande glaubt man, des Menschen Ursprung sei Indien, aber ich habe keine Gewißheit darüber.« »Und Ihr,« sprach der König von Bätis zum Phönix, »was denkt Ihr darüber?« »Gnädiger Herr,« erwiderte der Phönix, »ich bin noch allzu jung, um etwas über die alten Zeiten zu wissen, ich habe erst ungefähr siebenundzwanzigtausend Jahre gelebt, mein Vater, der fünfmal ein solches Alter erreicht hatte, sagte mir, er habe von seinem Vater gehört, die Länder des Ostens seien stets bevölkerter und reicher gewesen als die übrigen, er wußte von seinen Vorfahren, daß die Geschlechter aller Tiere an den Ufern des Ganges ihren Ursprung genommen, was mich angeht, so bin ich nicht eitel genug, diese Ansicht zu teilen, ich vermag nicht zu glauben, daß die Füchse Albions, die Murmeltiere der Alpen und die Wölfe Galliens aus meinem Lande stammen sollten, und ebensowenig glaube ich, daß die Kiefern und Eichen Eurer Gegenden von den Palmen und Kokosnußbäumen der Indier herzuleiten sind.« »Woher kommen wir dann aber?« fragte der König. »Ich weiß darüber nichts,« erwiderte der Phönix, »wissen möchte ich nur, wohin die schöne Prinzessin von Babylon und mein geliebter Amasan gehen könnten.« »Ich bezweifele sehr,« erwiderte der König, »er möchte mit seinen zweihundert Einhornen imstande sein, soviele Heere von je dreimalhunderttausend Mann zu durchbrechen.« »Warum nicht?« fragte Amasan. Der König von Bätis empfand die Erhabenheit dieses »Warum nicht«, glaubte jedoch, das Erhabene allein genüge gegen unzählige Heere nicht. »Ich rate Euch,« sagte er, »den König von Äthiopien aufzusuchen; ich stehe durch meine Palästiner mit diesem schwarzen Fürsten in Verbindung und will Euch Briefe an ihn mitgeben. Da er ein Feind des Königs von Ägypten ist, wird er nur allzu glücklich sein, durch ein Bündnis mit Euch stärker zu werden. Ich selber kann Euch mit zweitausend äußerst mäßigen und tapferen Soldaten beistehen, und es wird nur von Euch abhängen, eine gleiche Anzahl unter den Völkerschaften zu werben, welche am Fuße der Pyrenäen wohnen oder vielmehr springen und die man Vaskonier oder Basken nennt. Entsendet einen Eurer Krieger auf einem Einhorne mit einigen Diamanten, und es wird nicht einen Basken geben, der nicht seine Burg, das heißt die Hütte seines Vaters, verließe, um Euch zu dienen; sie sind unermüdlich, mutig und drollig, Ihr werdet mit ihnen zufrieden sein. Während wir ihrer Ankunft harren, wollen wir Euch Feste geben und Schiffe vorbereiten lassen; ich kann mich ja für den Dienst, den Ihr mir erwiesen habt, gar nicht erkenntlich genug bezeigen.« Amasan freute sich seines Glückes, Formosanten wiedergefunden zu haben und friedlich im Gespräch mit ihr alle Reizungen versöhnter Liebe zu genießen, welche nämlich denen der entstehenden fast gleichkommen. Bald zog eine stolze und fröhliche Schar von Basken im Tamburintanze heran, und auch die stolze und ernste Schar der Bewohner von Bätis war bereit. Der alte welke König umarmte zärtlich die beiden Liebenden, er ließ ihre Schiffe mit Waffen, Betten, Schachspielen, schwarzen Gewändern, Halskrausen, Gänsen, Hammeln, Hühnern, Zucker und vielem Knoblauch beladen und wünschte ihnen eine glückliche Überfahrt, beständige Liebe und viele Besiegte. Die Flotte lief das Ufer an, wo, wie man sagt, viele Jahrhunderte später die Phönizierin Dido, eine Schwester Pygmalions, Gemahlin eines Sychäus, nachdem sie die Stadt Tyrus verlassen, die herrliche Stadt Karthago gegründet hatte, indem sie eine Ochsenhaut in Streifen schnitt, dies nach dem Zeugnis der ernsthaftesten Schriftsteller des Altertums, die niemals Märchen berichtet, und nach den Professoren, welche für kleine Knaben schreiben, obgleich es schließlich in Tyrus niemals ein Wesen gegeben hat, daß Pygmalion, Dido oder Sychäus geheißen, als welches alles rein griechische Namen sind, und obgleich es endlich in Tyrus keinen König gab. Das herrliche Karthago war noch kein Seehafen, nur einige Numider lebten dort und trockneten ihre Fische. Man lief Byzacium, die Syrten und die fruchtbaren Ufer an, welche später Kyrene und die große Chersones genannt wurden. Endlich gelangte man vor die Mündung des heiligen Nilflusses. Am Ende dieses fruchtbaren Landstriches nahm der Hafen Kanopus bereits die Schiffe aller handeltreibenden Völker auf, ohne daß man gewußt hätte, ob der Gott Kanopus den Hafen gegründet, ob die Bewohner erst den Gott geschaffen, oder ob der Stern Kanopus der Stadt seinen Namen gegeben, oder die Stadt den ihren dem Stern; alles was man darüber wußte, war, daß die Stadt wie der Stern sehr alt waren, und das ist schließlich alles, was man vom Ursprünge der Dinge überhaupt wissen kann, welchen Wesens sie auch immer sein mögen. Der König von Äthiopien hatte ganz Ägypten verheert und sah nun gerade hier den unbesieglichen Amasan und die anbetungswürdige Formosante ans Land steigen: ihn hielt er für den Gott des Krieges, sie für die Göttin der Schönheit. Amasan überreichte ihm den Empfehlungsbrief des Königs von Spanien. Nach dem unumgänglichen Brauche heroischer Zeiten veranstaltete der König von Äthiopien zunächst wunderbare Feste, dann sprach man davon, die dreimalhunderttausend Mann des Königs von Ägypten, die dreimalhunderttausend Mann des Kaisers von Indien und die dreimalhunderttausend Mann des großen Khans der Skythen zu vernichten, welche alle die unermeßliche hochmütige wollüstige Stadt Babylon belagerten. Die zweitausend Spanier, welche Amasan mit sich gebracht, erklärten, es bedürfe des Königs von Äthiopien nicht, um Babylon beizustehen, es genüge, daß ihnen ihr König befohlen habe, es zu befreien, sie seien zu diesem Unternehmen völlig ausreichend. Die Basken sagten, sie hätten weiß Gott schon genug Kriege geführt, sie würden die Ägypter, die Indier und die Skythen ganz allein besiegen, und wollten mit den Spaniern nur unter der Bedingung zusammenmarschieren, daß diese den Nachtrab bildeten. Die zweihundert Gangariden mußten über die Anmaßung ihrer Verbündeten lachen und hielten aufrecht, daß sie mit hundert Einhornen alle Könige der Welt in die Flucht schlagen würden. Die schöne Formosante beschwichtigte sie durch ihre Klugheit und ihre einnehmenden Reden, und Amasan führte dem schwarzen Fürsten seine Gangariden, seine Einhorne, die Spanier, die Basken und seinen schönen Vogel vor. In kurzer Zeit war alles bereit, über Memphis, Heliopolis, Arsinoe, Petra, Artemisia, Sora und Apamea zu marschieren, um die drei Könige anzugreifen und jenen denkwürdigen Krieg zu beginnen, dem gegenüber alle Kriege, welche die Menschen seither geführt, nur Hahnen- und Wachtelkämpfe gewesen sind. Jedermann weiß, wie sich der König von Äthiopien in die schöne Formosante verliebte, und wie er sie im Bette beschlich, gerade als ein süßer Schlummer ihre langen Wimpern umfangen hielt. Man erinnert sich, daß Amasan beim Anblick dieses Schauspiels Tag und Nacht beieinander schlafen zu sehen glaubte, man weiß auch, daß Amasan vor Entrüstung über diesen Schimpf schnell seine Fulminante zog und den entarteten Kopf des frechen Negers spaltete und alle Äthiopier aus Ägypten verjagte. Sind denn diese Wunder nicht alle in den Geschichtsbüchern Ägyptens erzählt? Der Ruhm hat mit seinen hundert Mündern die Siege verkündet, die Amasan mit seinen Spaniern, seinen Basken und seinen Einhornen über die drei Könige davontrug. Er brachte die schöne Formosante zu ihrem Vater zurück und befreite das ganze Gefolge seiner Geliebten, welches der König von Ägypten in die Sklaverei geführt hatte. Der große Khan der Skythen schwur ihm Vasallentreue, und seine Heirat mit der Prinzessin Aldea wurde bestätigt. Der unbesiegliche, großmütige Amasan wurde als Erbe des Reiches Babylon anerkannt und zog mit seinem Phönix und hundert tributpflichtigen Königen als Triumphator in die Stadt. Das Fest seiner Vermählung übertraf in allen Stücken das Fest, das der König Belus gegeben. Bei Tisch wurde der Ochse Apis gebraten aufgetragen. Der König von Ägypten und der König von Indien waren die Mundschenke der beiden Ehegatten, und ihre Hochzeit wurde von fünfhundert babylonischen Dichtern gefeiert.   Oh, ihr Musen, die man stets zu Beginn seines Werkes anruft, ich flehe erst an seinem Ende zu euch! Umsonst wirft man mir vor, gratias zu sagen, noch ehe ich benedicite gesagt. Musen, ihr werdet darum nicht weniger meine Beschützerinnen sein. Verhindert, daß vermessene Fortsetzer durch ihre Erfindungen die Wahrheiten verderben, die ich in dieser treuen Erzählung den Sterblichen geoffenbart habe. Beim »Candid«, beim »Harmlosen« haben sie es gewagt, und auch bei den keuschen Abenteuern der keuschen Johanna, welche ein Exkapuziner durch Verse, die wahrlich eines Kapuziners würdig waren, in batavischen Nachdrucken entstellt hat. Sie sollen meinem Drucker, der eine zahlreiche Familie und kaum genug Geld hat, um Typen, Papier und Druckerschwärze zu bezahlen, sie sollen ihm dieses Unrecht nicht zufügen. Oh Musen, erleget dem abscheulichen Cogé, Professor der Schwatzhaftigkeit am Kollegium Mazarin, erleget ihm Schweigen auf, ihm, der mit den moralischen Reden Belisars und des Kaisers Justinian nicht zufrieden gewesen ist und niedrige Schmähschriften gegen diese beiden großen Männer verfaßt hat. Stopfet dem Schulmeister Larcher einen Knebel in den Mund, ihm, der ohne ein Wort altbabylonisch zu können und ohne wie ich die Ufer des Euphrat und des Tigris bereist zu haben, die Unverschämtheit besessen hat zu behaupten, die schöne Formosante, die Tochter des größten Königs der Welt, und die Prinzessin Aldea und alle Frauen dieses respektablen Hofes hätten aus religiösen Grundsätzen im großen Tempel zu Babylon mit allen Stallknechten Asiens für Geld geschlafen. Dieser Schulwüstling, euer Feind und der Feind aller Scham, beschuldigt die schönen Ägypterinnen aus Mendes, nur Böcke geliebt zu haben, und plant daher insgeheim im Vertrauen auf dieses Beispiel, eine kleine Reise durch Ägypten zu machen, um endlich Liebesabenteuer zu haben. Da er die heutige Zeit nicht besser kennt, denn die alte, verbreitet er in der Hoffnung sich dadurch bei irgend einer guten Alten einzuschmeicheln, die unvergleichliche Ninon habe im Alter von achtzig Jahren mit dem Abbé Gedoyn, Mitglied der französischen Akademie und der Akademie für alte Geschichte und Sprachen, geschlafen! Er hat niemals von dem Abbé von Châteauneuf sprechen gehört und verwechselt ihn mit dem Abbé Gedoyn, und die Ninon kennt er nicht besser als die Mädchen Babylons. Ihr Musen, Töchter des Himmels, euer Feind Larcher tut Schlimmeres, er ergeht sich in Lobeshymnen auf die Päderastie und wagt zu behaupten, alle Knaben meines Vaterlandes seien dieser Schändlichkeit ergeben. Er glaubt sich selber zu retten, indem er die Zahl der Schuldigen vergrößert. Ihr edlen, ihr keuschen Musen, die ihr sowohl die Schulmeisterei wie die Päderastie verabscheut, schützt mich vor Magister Larcher! Und Ihr, Magister Aliboron, genannt Freron, ehemals sozusagen Jesuit, Ihr, für den der Parnaß bald im Tollhause Bicêtre und bald in einer Winkelschenke liegt, Ihr, dem man für das sittsame Lustspiel »Die Schottin« so gar große Gerechtigkeit in allen Theatern Europens hat widerfahren lassen, Ihr, der würdige Sohn des Pfaffen Desfontaines, der Ihr hervorginget aus seinen Liebeleien mit einem jener schönen Knaben, die wie der Sohn der Venus ein Eisen und eine Binde tragen und sich gleich ihm in die Lüfte schwingen, wenn auch immer nur bis zur Höhe der Schornsteine, mein teurer Aliboron, für den ich stets so große Zärtlichkeit empfunden habe, und der mich zur Zeit jener Schottin einen ganzen Monat lang hat lachen machen, ich empfehle Ihnen meine Prinzessin von Babylon: machen Sie sie recht herunter, damit man sie liest. Und auch Sie will ich hier nicht vergessen, Sie kirchlicher Zeitungsschreiber, erlauchter Redner der Verzückten, Vater der vom Abbé Bécherand und Abraham Chaumeix gegründeten Kirche, verfehlen Sie ja nicht in Ihren so frommen wie beredsamen und klugen Blättern zu behaupten, die Prinzessin von Babylon sei eine Ketzerin, eine Deistin, eine Atheistin. Versuchen Sie vor allem, den Herrn Riballier dahin zu bringen, daß er die Prinzessin von Babylon von der Sorbonne verdammen läßt. Sie werden dadurch nämlich meinem Verleger, dem ich diese kleine Geschichte zu Weihnachten geschenkt habe, eine große Freude bereiten. Die beiden Getrösteten Der große Philosoph Citophilos sagte eines Tages zu einer Frau, die mit gar gutem Grunde trostlos war: »Gnädige Frau, Englands Königin, die Tochter des großen vierten Heinrichs, ist ebenso unglücklich gewesen wie Sie: man verjagte sie aus ihren Reichen, auf dem Meere wäre sie beinahe in einem Sturm umgekommen, und ihren königlichen Gatten hat sie auf dem Schafott sterben sehen.« »Das alles tut mir um ihretwillen leid,« sagte die Dame und machte sich daran, ihr eigenes Mißgeschick zu beweinen. »Aber erinnern Sie sich doch der Maria Stuart,« sagte Citophilos. »Sie liebte aufs züchtigste einen wackeren Musiker, der einen gar schönen Baß hatte. Ihr Gatte tötete ihr den Musiker vor ihren eigenen Augen, und später ließ ihr ihre liebe Freundin und Base, die gute Königin Elisabeth, welche Jungfrau zu sein behauptete, auf einem schwarz ausgeschlagenen Schafott den Hals abschneiden, nachdem sie sie achtzehn Jahre lang gefangen gehalten hatte.« »Wie grausam das war,« antwortete die Dame und sank in ihre Schwermut zurück. »Vielleicht haben Sie auch«, sagte der Tröster, »von der schönen Johanna von Neapel sprechen gehört, welche gefangen gesetzt und erwürgt wurde.« »Ich habe eine dunkle Erinnerung daran,« sagte die Betrübte. »Ich muß Ihnen auch«, fuhr der andere fort, »das seltsame Erlebnis einer Fürstin erzählen, die zu meiner Zeit einmal nach dem Abendessen entthront wurde und dann auf einer öden Insel gestorben ist.« »Ich kenne die ganze Geschichte,« erwiderte die Dame. »Wohlan, so will ich Ihnen denn erzählen, was einer anderen großen Fürstin widerfahren ist, die ich in der Philosophie unterrichtete. Sie hatte einen Liebhaber, wie eben alle großen und schönen Prinzessinnen einen haben: ihr Vater kam in ihr Gemach und überraschte den Liebhaber, dessen Gesicht feurig flammte und dessen Auge funkelte wie ein Karfunkelstein – und auch das Antlitz der Dame war recht belebt. Dem Vater mißfiel nun das Gesicht des jungen Mannes dermaßen, daß er ihm die ungeheuerste Backpfeife verabfolgte, die jemals auf seinem Territorium gegeben worden ist. Der Liebhaber ergriff eine Feuerzange und schlug dem Schwiegervater damit ein Loch in den Kopf, von dem er mit knapper Not genas, die Narbe der Wunde trägt er noch heute. Die bestürzte Geliebte sprang aus dem Fenster und verstauchte sich dabei derart den Fuß, daß sie nun sichtlich hinkt, obwohl sonst ihr Wuchs wunderbar geblieben ist. Der Liebhaber wurde zum Tode verurteilt, weil er einem sehr großen Fürsten ein Loch in den Kopf geschlagen. Sie können sich den Zustand denken, in den die Prinzessin geriet, als man ihren Geliebten zum Henken führte: während sie im Kerker saß, habe ich sie oft und lange gesehen, sie sprach mir niemals von etwas anderem denn von ihrem Unglück.« »Warum wollen Sie also nicht, daß auch ich an das meine denke?« sagte die Dame nun zu ihm. »Weil man«, erwiderte der Philosoph, »daran nicht denken soll, und weil es Ihnen schlecht ansteht, zu verzweifeln, nachdem so viele große Damen derart unglücklich gewesen sind. Denken Sie an Hekuba, denken Sie an Niobe!« »Ach,« sagte die Dame, »wenn ich zu ihrer oder zu der Zeit jener vielen schönen Prinzessinnen gelebt hätte, und Sie würden ihnen zum Tröste von meinem Unglück erzählt haben, glauben Sie, sie hätten auf Sie gehört?« Am nächsten Morgen verlor der Philosoph seinen einzigen Sohn und wäre vor Leid fast darüber gestorben. Die Dame ließ eine Liste aller Könige aufsetzen, welche gleichfalls ihre Kinder verloren hatten, und brachte sie dem Philosophen: er las sie, fand sie sehr genau, weinte aber dennoch darum nicht weniger. Drei Monate später sahen sie sich wieder und waren verwundert, an einander eine gar heitere Stimmung zu gewahren. Sie ließen der ZEIT eine schöne Bildsäule errichten mit der Inschrift: DER EINZIGEN TRÖSTERIN Candid oder der Optimismus 1759     Erstes Kapitel: Wie Candid auf einem schönen Schlosse erzogen und dann von dort verjagt ward. In Westfalen lebte auf dem Schlosse des Barons von Tundertentronck ein Knabe, dem die Natur das sanfteste Gemüt mit auf die Welt gegeben hatte. Sein Gesicht kündete von seiner Seele. Er verband einen recht gesunden Verstand mit großer geistiger Einfalt, und darum, glaube ich, hatte man ihm den Namen Candid gegeben. Die alten Diener des Hauses munkelten, er sei das Kind einer Schwester des Herrn Barons und eines guten braven Edelmannes aus der Nachbarschaft, den dies Fräulein jedoch niemals hatte heiraten wollen, weil er nur einundsiebenzig Ahnen aufzuweisen vermochte und der Rest seines Stammbaumes durch die Ungunst der Zeit verloren gegangen war. Der Herr Baron war einer der mächtigsten Edelleute Westfalens, denn sein Schloß hatte eine Tür und Fenster, ja, der große Saal war sogar mit Tapeten geziert. Aus seinen Hofhunden ließ sich nötigenfalls eine Meute zusammenstellen, seine Stallknechte waren seine Jäger und der Dorfpfarrer sein Großalmosenpfleger. Sie nannten ihn alle Gnädiger Herr und lachten, wenn er Geschichten erzählte. Die Frau Baronin wog ungefähr dreihundert Pfund, erwarb dadurch ein großes Ansehen und stand dem Hause mit einer Würde vor, die sie noch achtunggebietender machte. Ihre Tochter Kunigunde zählte siebzehn Jahre. Sie war rotbäckig, frisch, fett und appetitlich. Der Sohn des Barons schien in allen Stücken seines Vaters würdig zu sein. Der Hofmeister Pangloß war das Orakel des gesamten Hauses, und der kleine Candid lauschte seinem Unterricht mit der ganzen Vertrauensseligkeit seines Alters und seines Gemütes. Pangloß lehrte die Metaphysico-theologico-nigologie. Er bewies aufs bewunderungswürdigste, daß es keine Wirkung ohne Ursache gäbe, und daß in dieser besten aller möglichen Welten das Schloß des gnädigen Herrn Barons das allerschönste Schloß und die gnädige Frau die beste aller möglichen Baroninnen sei. »Es ist erwiesen,« sagte er, »daß die Dinge nicht anders sein können, denn da alles zu einem Zwecke erschaffen worden ist, geschah es notwendigerweise zu einem besten Zwecke. Beachtet wohl, daß die Nasen zum Tragen von Brillen erschaffen wurden, und so haben wir denn auch Brillen! Beine sind offenbar zum Tragen von Stiefeln eingerichtet, und wir haben Stiefel! Die Steine sind so gebildet, daß man sie behauen und Schlösser daraus erbauen kann, und so hat der gnädige Herr denn auch ein sehr schönes Schloß, und zwar muß der größte Baron der Provinz am besten behaust sein! Da die Schweine zum Essen erschaffen wurden, so essen wir eben auch das ganze Jahr über Schwein. Aus allem diesen geht hervor, daß jene, so behauptet haben, alles sei gut, eine Dummheit sagten: sie hätten sagen müssen, alles sei zum besten. Candid lauschte aufmerksam und glaubte unschuldsvoll, denn er fand Fräulein Kunigunde über die Maßen schön, wenn er sich auch niemals die Kühnheit herausnahm, es ihr zu sagen. Er meinte, daß nach dem Glück, als Baron von Tundertentronck geboren zu sein, der zweite Grad der Glückseligkeit darin bestände, Fräulein Kunigunde zu sein, der dritte sie täglich zu sehen und der vierte Meister Pangloß zu hören, als welcher der größte Philosoph der Provinz und folglich der ganzen Erde war. Als nun Kunigunde eines Tages in der Nähe des Schlosses in einem kleinen Gehölz, das man Park benannte, spazieren ging, sah sie durch die Büsche, wie der Doktor Pangloß der Kammerfrau ihrer Mutter, einem kleinen, sehr hübschen und äußerst gelehrigen Blondkopf, Unterricht in der Experimentalphysik erteilte. Da Fräulein Kunigunde eine große natürliche Begabung für die Wissenschaften besaß, beobachtete sie atemlos das oft wiederholte Experiment, dessen Zeuge sie geworden. Sie erkannte klar den zureichenden Beweggrund des Doktors, die Wirkungen und die Ursachen, und ging aufgeregt, nachdenklich und ganz von dem Wunsche erfüllt, gleichfalls gelehrt zu sein, von dannen und meinte, sie ihrerseits könnte recht wohl den zureichenden Beweggrund für den jungen Candid abgeben und er seinerseits wiederum für sie. Auf dem Rückwege zum Schloß begegnete sie Candid und errötete, und Candid errötete ebenfalls. Mit halb erstickter Stimme wünschte sie ihm einen guten Morgen, und Candid sprach zu ihr, ohne zu wissen, was er sagte. Als man am nächsten Tage von Tische aufgestanden war, kamen Kunigunde und Candid von ungefähr hinter einen Wandschirm zu stehen. Kunigunde ließ ihr Taschentuch fallen, und Candid hob es auf; da faßte sie ihn unschuldsvoll bei der Hand, und der junge Mann küßte die Hand des jungen Fräuleins ebenso unschuldsvoll mit einer sehr besonderen Lebhaftigkeit, Empfindung und Anmut. Ihre Lippen fanden sich, ihre Augen sprühten, ihre Kniee zitterten, und ihre Hände verirrten sich. Der Herr Baron von Tundertentronck kam ebenfalls von ungefähr an dem Wandschirme vorbei, und sobald er diese Ursache und Wirkung wahrgenommen, jagte er Candid mit wuchtigen Tritten in den Hintern aus dem Schloß. – Kunigunde fiel in Ohnmacht, und sobald sie wieder zu sich gekommen, wurde sie von der Frau Baronin geohrfeigt, und alles in dem schönsten und angenehmsten aller möglichen Schlösser war bestürzt.   Zweites Kapitel: Was aus Candid unter den Bulgaren wurde. Aus dem irdischen Paradiese verjagt, taumelte Candid lange Zeit dahin, ohne zu wissen, wohin er ging, weinte, hob die Augen zum Himmel empor, wendete sie wieder zurück nach dem schönsten aller Schlösser, worin das schönste aller Freifräuleins lebte, und legte sich endlich ohne Nachtmahl inmitten der Felder zwischen zwei Ackerfurchen zum Schlafen nieder. Der Schnee fiel in großen Flocken. Bis auf die Haut durchnäßt, schleppte sich Candid am nächsten Morgen ohne Geld und halbtot vor Hunger und Müdigkeit nach der nächsten Stadt, welche Waldberghofftrarbkdikdorff hieß. Vor der Tür einer Herberge blieb er traurig stehen. Dort wurden zwei junge Männer seiner gewahr. »Kamerad,« sagte der eine von ihnen zum andern, »dort steht ein junger, wohlgewachsener Mann, der die erforderliche Gestalt hat.« Sie näherten sich Candid und luden ihn aufs höflichste zum Mittagessen ein. »Meine Herren,« sagte Candid mit berückender Bescheidenheit zu ihnen, »Sie erweisen mir eine große Ehre, aber ich habe kein Geld, meine Zeche zu bezahlen.« »Oh, mein Herr,« erwiderte einer der Blauen, »Leute Ihrer Gestalt und Ihres Talentes brauchen niemals etwas zu bezahlen! Messen Sie denn nicht vielleicht fünf Fuß fünf Zoll?« »Ja, meine Herren, das ist mein Wuchs,« erwiderte Candid mit einer Verbeugung. »Oh, so nehmen Sie bitte Platz, mein Herr, wir werden Sie nicht nur frei halten, sondern auch niemals leiden, daß es einem Manne gleich Ihnen an Geld gebricht. Die Menschen sind ja eigens dazu erschaffen, einander beizustehen.« »Recht gesprochen,« erwiderte Candid, »auch Herr Pangloß hat mir dies stets versichert, ich sehe nun wohl, daß alles zum besten eingerichtet ist.« Man bat ihn nun, einige Taler anzunehmen, er nahm sie und wollte einen Wechsel ausstellen, man wies dies jedoch zurück und setzte sich zu Tisch. »Lieben Sie nicht aufs innigste ...?« »Oh ja,« antwortete Candid, »aufs innigste liebe ich Fräulein Kunigunde.« »Nicht doch, Herr,« rief nun einer der beiden, »wir fragen Sie, ob Sie den König der Bulgaren nicht inniglich lieben?« »Keineswegs,« entgegnete Candid, »denn ich habe ihn niemals gesehen.« »Was Sie sagen! Er ist der reizendste aller Könige, wir wollen auf seine Gesundheit trinken!« »Von Herzen gern, meine Herren!« Und ertrank. »Das genügt,« sprach man nun zu ihm, »damit sind Sie der Halt, die Stütze, der Verteidiger, der Held der Bulgaren geworden. Ihr Glück ist gemacht, Ihr Ruhm gesichert.« Mit diesen Worten legten sie ihm Eisen um die Füße und führten ihn auf der Stelle zum Regiment. Dort mußte er rechtsum und linksum machen, den Ladestock handhaben, zielen, schießen, laufen, und zu alledem bekam er noch dreißig Stockschläge. Am nächsten Tage machte er seine Sache schon etwas besser und bekam nur zwanzig Hiebe, am übernächsten gab man ihm nur noch zehn, und darob ward er von seinen Kameraden wie ein Wunder angestaunt. Candid war ganz bestürzt und vermochte noch nicht recht zu erkennen, in welchem Sinne er denn eigentlich ein Held sei. An einem schönen Frühlingstage ließ er es sich beifallen, einen Spaziergang zu machen. Er ging immer gerade vor sich hin in dem festen Glauben, es sei ebensosehr ein Vorrecht der menschlichen wie der Tiergattung, sich seiner Beine zu seinem Vergnügen zu bedienen. Aber er hatte noch nicht zwei Meilen zurückgelegt, da holten ihn auch schon vier andere sechs Fuß lange Helden ein, banden ihn und schleppten ihn in einen Kerker. Hier fragte man ihn auf dem Gerichtswege, ob er lieber von dem ganzen Regiment sechsunddreißigmal ausgepeitscht werden oder auf einmal zwölf Bleikugeln ins Hirn bekommen wolle. Er mochte nun immer hervorheben, daß des Menschen Wille frei sei und er keines von beidem wolle, es half ihm nichts, er mußte eine Wahl treffen, und so entschloß er sich denn kraft der Gottesgabe, die man Freiheit nennt, sechsunddreißigmal Spießruten zu laufen, und zwei dieser Spaziergänge hielt er auch aus. Das Regiment bestand aus zweitausend Mann, das bedeutete viertausend Rutenschläge für ihn, welche ihm vom Nacken bis zum Hintern hinab Muskeln und Nerven bloßlegten. Als man zum dritten Gange schreiten wollte, konnte Candid nicht mehr und bat, man möchte dann doch schon lieber die Güte haben, ihm den Schädel zu zertrümmern. Die Gunst ward ihm gewährt, man verband ihm die Augen und ließ ihn niederknien. In diesem Augenblick kam der König der Bulgaren vorbei und erkundigte sich nach dem Verbrechen des armen Sünders, und da dieser König einen großen durchdringenden Verstand besaß, erkannte er aus allem, was er über Candid hörte, daß er ein junger, in Dingen dieser Welt völlig unwissender Metaphysiker sei, und begnadigte ihn mit einer Milde, die in allen Zeitungen und allen Jahrhunderten gepriesen werden wird. Ein wackerer Wundarzt heilte Candid in drei Wochen durch jene von Dioskorides gelehrten Umschläge. Schon hatte er wieder etwas Haut und konnte gehen, als der König der Bulgaren dem Könige der Avaren eine Schlacht lieferte.   Drittes Kapitel: Wie Candid von den Bulgaren entfloh und was aus ihm ward. Etwas Schöneres, Hurtigeres, Glänzenderes und Wohlgeordneteres als die beiden Heere konnte es gar nicht geben. Die Trompeten, Pfeifen, Hörner, Trommeln und Kanonen bildeten zusammen eine Harmonie, dergleichen es nicht einmal je in der Hölle gegeben. Die Kanonen mähten zuerst auf jeder Seite ungefähr sechstausend Mann nieder, dann nahm das Gewehrfeuer ungefähr neun- bis zehntausend Schurken fort, welche die Oberfläche dieser besten aller Welten verpestet hatten, und das Bajonett ward ebenfalls der zureichende Grund für den Tod einiger tausend Mann. Alles in allem mochte sich das Ganze etwa auf dreißigtausend Seelen belaufen. Candid, der wie ein Philosoph zitterte, versteckte sich während dieser heroischen Schlächterei so gut er konnte. Als dann endlich die beiden Könige ein jeder auf seinem Schlachtfelde ein Tedeum anstimmen ließen, faßte er den Entschluß, wo anders über Ursachen und Wirkungen nachzudenken. Er eilte über große Haufen Toter und Sterbender dahin und erreichte zunächst ein benachbartes Dorf: es lag in Schutt und Asche. Es war ein Avarendorf gewesen, das die Bulgaren nach den Gesetzen des Völkerrechts niedergebrannt hatten. Hier sahen von Schlägen verkrümmte Greise ihre erwürgten Weiber, welche noch ihre Kinder an blutende Brüste preßten, den Geist aufgeben, dort stießen Mädchen mit aufgeschlitzten Leibern ihren letzten Seufzer aus, nachdem sie die natürlichen Bedürfnisse einiger Helden gestillt hatten; andere flehten halbverbrannt, man möge ihnen vollends den Tod geben ... und rings auf der Erde lagen verspritzte Gehirne neben abgeschossenen Armen und Beinen. Candid floh, so schnell er konnte, in ein anderes Dorf; es gehörte den Bulgaren und war von den avarischen Helden auf gleiche Weise zugerichtet worden. Candid eilte, immer über Trümmer oder zuckende Gliedmaßen schreitend, unaufhörlich weiter und gelangte endlich aus dem Gebiet des Kriegstheaters, in seinem Quersack einen geringen Mundvorrat und in seinem Kopf ohne Unterlaß gar viele Gedanken an Fräulein Kunigunde! Als er nach Holland gelangt war, fing sein Mundvorrat an auf die Neige zu gehen; da er jedoch sagen gehört, in diesem Lande sei jedermann reich und christlich gesinnt, zweifelte er nicht daran, daß man ihn hier ebensogut behandeln würde, wie ihm im Schlosse des Herrn Barons geschehen, ehe er daraus wegen der schönen Augen des Fräuleins Kunigunde verjagt worden war. Er ging mehrere würdige Bürger um ein Almosen an, und diese antworteten ihm allesamt, wenn er nicht aufhöre, dies Handwerk zu betreiben, würde man ihn in eine Besserungsanstalt sperren, um ihn leben zu lehren. Er wandte sich nun an einen Mann, der soeben ganz allein eine volle Stunde lang in einer Versammlung über Wohltätigkeit gesprochen hatte. Dieser Redner durchbohrte ihn mit seinen Blicken und fragte ihn: »Was wollen Sie hier, verursacht die gute Sache Ihr Hiersein?« »Es gibt kein Ding ohne Ursache,« erwiderte Candid bescheiden, »alles ist notwendig verknüpft und zum besten gerichtet: ich mußte Fräulein Kunigundens wegen verjagt werden, mußte Spießruten laufen und muß mir nun auch mein Brot erbetteln, bis ich selber welches verdienen kann; alles dies könnte gar nicht anders sein!« »Mein Freund,« sagte der Redner, »glaubst du, daß der Papst der Antichrist ist?« »Ich habe das noch nicht sagen gehört,« antwortete Candid, »aber ob er's nun ist oder ob er's nicht ist, ich habe nichts zu essen!« »Du verdienst auch nichts,« erwiderte der andere, »fort, du Schurke, fort, du Elender, und komme mir niemals wieder in den Weg.« Die Frau des Redners hatte aus dem Fenster gesehen, und als sie nun eines Mannes ansichtig wurde, der bezweifelte, daß der Papst der Antichrist sei, goß sie ihm einen vollen ... auf den Kopf. Oh Himmel, zu welchem Überfließen kann bei einem Weibe der Religionseifer nicht führen! Ein Mann, der nicht getauft worden war, ein braver Wiedertäufer namens Jakob, sah die grausame und schändliche Weise, mit der einer seiner Brüder, ein Wesen auf zwei Füßen ohne Federn, das eine Seele hatte, behandelt wurde. Er nahm ihn mit in sein Haus, reinigte ihn, gab ihm Brot und Bier, machte ihm zwei Gulden zum Geschenk und wollte ihn sogar in seiner Fabrik für persische Stoffe, die in Holland verfertigt wurden, arbeiten lehren. Candid warf sich ihm beinahe zu Füßen und rief: »Meister Pangloß hat wahr gesprochen, als er sagte, daß in dieser Welt alles zum besten eingerichtet sei, denn Ihre außerordentliche Großmut beeindruckt mich unendlich tiefer, als die Härte jenes schwarz bemäntelten Herren und seiner Frau Gemahlin getan.« Am nächsten Morgen begegnete Candid auf einem Spaziergange einem über und über mit Pusteln bedeckten Bettler, dessen Augen erloschen, dessen Nasenspitze zerfressen, dessen Mund gespalten und dessen Zähne schwarz waren. Unaufhörlich von einem heftigen Hustenreiz geplagt, krächzte er mit heiserer Stimme und spie bei jedem neuen Hustenanfall einen neuen Zahn aus.   Viertes Kapitel: Wie Candid seinen alten Philosophielehrer, den Doktor Pangloß, wiederfand, und was daraus entsprang. Candid fühlte sich mehr von Mitleiden denn von Abscheu bewegt und schenkte dem grauenhaften Bettler die beiden Gulden, die er von seinem wackeren Wiedertäufer Jakob bekommen hatte. Das Gespenst sah ihn starr an, vergoß Tränen und sprang ihm an den Hals. Entsetzt wich Candid zurück. »Ach,« sprach nun der eine Elende zu dem andern Elenden, »erkennst du deinen lieben Pangloß nicht wieder?« »Was höre ich, Sie, mein geliebter Meister, Sie in diesem grauenhaften Zustande; welches Unglück ist Ihnen denn zugestoßen, warum sind Sie nicht mehr in dem schönsten aller Schlösser, und was ist aus der Perle der Mädchen, aus dem Meisterwerk der Natur, was ist aus Fräulein Kunigunde geworden?« »Ich bin am Ende,« stöhnte Pangloß. Sofort führte Candid ihn in den Stall des Wiedertäufers und gab ihm ein wenig Brot zu essen, und als er sah, daß sich Pangloß ein wenig erholt hatte, rief er aus: »Nun, und Kunigunde?« »Sie ist tot,« erwiderte der andere. Bei diesen Worten fiel Candid in Ohnmacht. Sein Freund brachte ihn mit etwas schlechtem Essig, der sich zufällig im Stalle fand, wieder zur Besinnung. Candid schlug die Augen auf: »Kunigunde ist tot, oh beste der Welten, wo bist du? An welcher Krankheit ist sie nur gestorben? Geschah's etwa, weil sie hatte mit ansehen müssen, wie ich aus dem schönen Schlosse ihres Herrn Vaters mit wuchtigen Fußtritten vertrieben wurde?« »Nein,« erwiderte Pangloß, »sie ist von bulgarischen Soldaten aufgeschlitzt worden, nachdem man sie so gründlich vergewaltigt hatte, wie dieses nur irgend möglich ist. Dem Herrn Baron, der sie verteidigen wollte, haben sie den Schädel eingeschlagen, die Frau Baronin ist in Stücke zerhackt worden, mein armer Zögling ward genau wie seine Schwester behandelt, und von dem Schlosse selber ist kein Stein mehr auf dem anderen, keine Scheune, keine Hammel, keine Enten und keine Bäume sind übrig geblieben, aber wir sind gut gerächt worden, denn die Avaren haben auf einer benachbarten, einem bulgarischen Edelmanne gehörigen Freiherrschaft ebenso gehaust.« Nach dieser Rede fiel Candid abermals in Ohnmacht. Als er dann jedoch wieder zu sich gekommen und alles gesagt hatte, was er sagen mußte, forschte er nach der Wirkung und der Ursache und nach dem zureichenden Grunde, der Pangloß in einen so jämmerlichen Zustand versetzt. »Ach,« erwiderte dieser, »die Liebe hat's getan, die Liebe, die Trösterin der Menschheit, die Erhalterin des Weltenalls, die Seele aller fühlenden Wesen, die zarte Liebe.« »Oh,« rief Candid, »auch ich habe die Liebe gekannt, diese Beherrscherin der Herzen, diese Seele unserer Seele! Mir hat sie niemals mehr eingetragen als einen Kuß und unzählige Fußtritte in den Hintern. Wie hat nur diese so gar schöne Ursache in Ihnen eine so entsetzliche Wirkung hervorbringen können?« Pangloß antwortete mit den folgenden Worten: »Oh mein teurer Candid, du hast Paquette gekannt, jenes hübsche Kammermädchen unserer erlauchten Baronin? Ich habe in ihren Armen alle Wonnen des Paradieses genossen und die haben die Höllenqualen hervorgebracht, von denen du mich verzehrt siehst: sie war damit angesteckt und ist inzwischen vielleicht daran gestorben. Paquette hatte dieses Geschenk von einem außergewöhnlich gelehrten Franziskaner erhalten, der bis zur Quelle hinaufgestiegen war, denn er seinerseits hatte es von einer alten Gräfin bekommen, die es von einem Rittmeister empfangen, der es einer Marquise verdankte, die es von einem Pagen besaß, dem's ein Jesuit verschafft, welcher es während seiner Novizenschaft in gerader Linie von einem Gefährten des Christoph Columbus bekommen hatte. Was mich angeht, so werde ich es an niemanden weitergeben, denn ich sterbe.« »Oh Pangloß,« rief Candid, »welch ein absonderliches Geschlechtsregister! Sollte es seinen Ursprung nicht im Teufel haben?« »Keineswegs,« erwiderte der große Mann, »das Ganze ist ein in der besten aller Welten völlig unentbehrliches Ding, ein notwendiger Bestandteil, denn hätte Christoph Columbus auf einer Insel Amerikas diese Krankheit nicht bekommen, als welche die Quelle der Fortpflanzung vergiftet, ja zuweilen sogar verstopft und ganz offenbar der Gegenpart des großen Zweckes der Natur ist, so hätten wir weder Schokolade noch Kochenille. Man muß ferner beachten, daß diese Krankheit bis auf den heutigen Tag ebenso wie die Religionsstreitigkeiten eine Besonderheit unseres Erdteiles ist. Die Türken, Inder, Perser, Chinesen, Siamesen und Japaner kennen sie noch nicht, aber es ist ein zureichender Grund dafür vorhanden, daß auch sie ihrerseits sie im Verlauf einiger Jahrhunderte kennen lernen werden. Inzwischen hat sie unter uns gar herrliche Fortschritte gemacht, vor allem in jenen großen, aus ehrenwerten wohlerzogenen Söldnern bestehenden Heeren, die über die Schicksale der Staaten entscheiden. Man darf versichern, daß, wenn dreißigtausend Mann gegen ein gleich großes Heer eine Schlacht liefern, auf jeder Seite ungefähr zwanzigtausend mit dieser Seuche behaftet sind.« »Das ist wunderbar!« rief Candid, »aber Sie müssen kuriert werden.« »Wie sollte das wohl geschehen,« sagte Pangloß, »ich habe keinen gebogenen Heller, mein Freund, und auf der ganzen Breite dieses Erdenrundes kann man weder einen Aderlaß noch ein Klistier bekommen, ohne dafür zu bezahlen oder von jemand anderem dafür bezahlen zu lassen!« Dies letzte Wort brachte Candid zu einem Entschluß; er warf sich seinem barmherzigen Wiedertäufer Jakob zu Füßen und machte ihm eine so rührende Schilderung von dem Zustande seines Freundes, daß der wackere Mann nicht länger zögerte, den Doktor Pangloß aufzunehmen und auf seine Kosten heilen zu lassen. Pangloß verlor in der Kur nur ein Auge und ein Ohr. Er schrieb gut und beherrschte die Arithmetik, der Wiedertäufer Jakob machte ihn also zu seinem Buchhalter, und als er sich nach Verlauf von zwei Monaten gezwungen sah, in Handelsgeschäften nach Lissabon zu reisen, nahm er seine beiden Philosophen mit sich auf sein Schiff. Pangloß setzte ihm auseinander, daß alles so gut sei, wie es gar nicht besser sein könnte. Jakob war nicht seiner Meinung. »Die Menschen«, sagte er, »müssen die ursprüngliche Natur wohl ein wenig verdorben haben, denn sie sind nicht als Wölfe geboren, sondern sind erst zu Wölfen geworden. Gott hat ihnen weder vierundzwanzigkalibrige Kanonen noch Bajonette gegeben, sondern sie haben sich Bajonette und Kanonen erst zu gegenseitiger Vernichtung selber erfunden. Ich könnte auch die Bankerotte und die Gerechtigkeit in Betracht ziehen, als welche sich der Güter der Pleitemacher bemächtigt, um die Gläubiger darum zu betrügen.« »Alles dies ist unerläßlich,« sagte der einäugige Doktor, »privates Unglück bildet das allgemeine Glück, so daß alles um so besser steht, je mehr privates Unglück es gibt.« Während er dergestalt vernünftelte, verdunkelte sich die Luft, die Winde bliesen aus allen vier Ecken der Welt und das Schiff ward angesichts des Hafens von Lissabon von dem schrecklichsten Unwetter überfallen.   Fünftes Kapitel: Sturm, Schiffbruch, Erdbeben und was dem Doktor Pangloß, Candid und dem Wiedertäufer Jakob begegnete. Die eine Hälfte der geschwächten Reisenden, welche in jenen unbegreiflichen Ängsten, die das Rollen eines Schiffes in die Nerven und in alle wider die Bahn geschüttelten Kräfte des Körpers bringt, beinahe gestorben wäre, brachte nicht einmal die Kraft auf, sich über die Gefahr zu beunruhigen; die andere Hälfte schrie und betete. Die Segel waren zerrissen, die Mäste geknickt und das Schiff geborsten. Wer nur irgend konnte, legte Hand an, keiner jedoch verstand den anderen und niemand befehligte. Der Wiedertäufer leistete einige Hilfe beim Schiffsdienst. Er stand auf dem Oberverdeck. Ein wütender Matrose führte einen heftigen Schlag nach ihm und streckte ihn auf die Planken nieder; von der Wucht des Schlages jedoch bekam er selber einen so heftigen Stoß, daß er mit dem Kopf voran über Bord stürzte, dort aber blieb er an einem Zacken des gebrochenen Mastes hängen. Der gute Jakob eilte ihm zu Hilfe, stützte ihn beim Heraufklettern und beugte sich dabei so weit nach vorn über, daß er vor den Augen des Matrosen ins Meer hinabstürzte, und dieser ließ ihn untergehen, ohne sich auch nur nach ihm umzusehen. Candid eilte hinzu und sah, wie sein Wohltäter noch einmal auftauchte und dann für immer unterging. Er wollte sich ihm nachwerfen, aber der Philosoph Pangloß hinderte ihn daran, indem er ihm bewies, daß die Reede von Lissabon eigens dazu erschaffen worden sei, daß dieser Wiedertäufer dort ertränke. Während er dieses a priori nachwies, barst das Schiff vollends, und alles ging unter mit Ausnahme von Pangloß, Candid und jenem rohen Matrosen, der den tugendhaften Wiedertäufer ertränkt hatte. Glücklich gelangte der Schurke schwimmend ans Ufer, wohin Pangloß und Candid auf einer Planke getrieben wurden. Sobald sie wieder einigermaßen zu sich selber gekommen waren, schlugen sie den Weg nach Lissabon ein. Sie hatten noch etwas Geld, mit dem sie sich vor dem Hungertode zu retten hofften, nachdem sie dem Sturme glücklich entgangen. Kaum aber hatten sie unter Tränen über den Tod ihres Wohltäters den Fuß in die Stadt gesetzt, so fühlten sie, wie die Erde unter ihren Tritten bebte. Kochend und brausend erhob sich das Meer im Hafen und zerschellte die Schiffe, die dort vor Anker lagen. Große Flammen und Aschenwirbel bedeckten die Straßen und öffentlichen Plätze, die Häuser stürzten ein, die Dächer fielen auf die Fundamente und die Fundamente barsten auseinander. Dreißigtausend Einwohner jeglichen Alters und Geschlechts lagen zerschmettert unter den Trümmern. Pfeifend und fluchend rief der Matrose: »Holla, hier gibt's was zu verdienen!« »Welches kann der zureichende Grund für dieses Naturereignis sein?« fragte Pangloß. »Das Ende der Welt ist gekommen!« schrie Candid. Der Matrose lief unverzüglich zwischen den Trümmern umher, durchsuchte die Toten nach Geld, fand welches, nahm es an sich, betrank sich, und nachdem er seinen Wein im Leibe hatte, erkaufte er sich die Gunst des ersten besten Freudenmädchens, dem er auf den Trümmern der Häuser inmitten der Toten und Sterbenden begegnete. Pangloß zupfte ihn dabei am Ärmel. »Mein Freund,« sprach er zu ihm, »Ihr tut nicht gut, Ihr vergeht Euch an der allgemeinen Vernunft und wähltet Eure Stunde schlecht!« »Dreck und Blut, ich bin ein Matrose und in Batavia geboren! Ich bin auf vier Reisen nach Japan viermal unter dem Kreuz durchgefahren, du bist mit deiner allgemeinen Vernunft wahrlich an den Rechten geraten!« Candid war von einigen abstürzenden Steinen verwundet worden und lag unter dem Schutt mitten auf der Straße. »Ach,« rief er Pangloß an, »verschaffe mir ein wenig Wein und O, ich sterbe!« »Diese Erdbeben sind nichts neues,« erwiderte Pangloß, »in Amerika erlitt die Stadt Lima im vorigen Jahre dasselbe. Gleiche Ursachen, gleiche Wirkungen. Wahrscheinlich reicht eine unterirdische Schwefelschicht von Lima bis Lissabon.« »Das ist äußerst wahrscheinlich,« sagte Candid, »aber, um Gott, ein wenig Öl und Wein!« »Wie kannst du sagen: wahrscheinlich,« erwiderte der Philosoph, »ich behaupte, daß die Sache erwiesen ist.« Candid verlor das Bewußtsein, und Pangloß brachte ihm etwas Wasser aus einem nahen Brunnen. Nachdem sie am nächsten Morgen einigen Mundvorrat zwischen den Trümmerhaufen ausfindig gemacht hatten, erfrischten sie ihre Kraft und halfen dann wie alle anderen das Schicksal der Einwohner erleichtern, die dem Tode entgangen waren. Einige Bürger, denen sie beigestanden, gaben ihnen ein so gutes Mittagsessen, wie es eine derartige Unglückszeit zuließ. Das Mahl verlief allerdings traurig, die Geladenen benetzten das Brot mit ihren Tränen, Pangloß aber trocknete sie, indem er versicherte, die Dinge könnten nicht gut anders sein, »denn«, sagte er, »alles dies ist aufs beste eingerichtet, und wenn es in Lissabon einen Vulkan gibt, so konnte er eben nicht wo anders sein, denn es ist unmöglich, daß Dinge nicht dort sind, wo sie eben sind, denn alles ist gut.« Ein kleiner schwarzer der Inquisition nahestehender Mann, der neben ihm saß, nahm nun höflich das Wort und sagte: »Offenbar glaubt der Herr nicht an die Erbsünde, denn wenn alles gut ist, hat es also niemals Sündenfall und Strafe gegeben?« »Ich bitte Eure Vortrefflichkeit bescheidentlichst um Vergebung,« erwiderte noch höflicher Pangloß, »aber der Sündenfall und die Verfluchung des Menschen gehören notwendig zu der besten der möglichen Welten.« »Der Herr glauben also nicht an die Freiheit?« fragte der Freund der Inquisition. »Eure Vortrefflichkeit wird mich entschuldigen,« entgegnete Pangloß, »die Freiheit kann mit der unbedingten Notwendigkeit zusammen bestehen, denn es war notwendig, daß wir frei seien, damit schließlich der bedingte Wille ...« Als Pangloß an diese Stelle seines Satzes gelangt war, machte der Freund der Inquisition seinem Bedienten ein Zeichen mit dem Kopfe, worauf ihm dieser Wein aus Porto oder Oporto einschenkte.   Sechstes Kapitel: Wie man zur Verhinderung der Erdbeben ein schönes Autodafé veranstaltete und wie Candid ausgepeitscht wurde. Nach dem Erdbeben, das im Jahre 1755 Lissabon zerstörte, wurde in der Tat ein Autodafé veranstaltet. Die Weisen von Lissabon wußten nach dem Erdbeben, welches dreiviertel von Lissabon zerstört hatte, kein wirksameres Mittel zur Verhinderung der völligen Zerstörung zu erdenken, als die Veranstaltung eines schönen Autodafé! Die Universität von Coimbra hatte entschieden, daß das Schauspiel einiger feierlich auf langsamem Feuer verbrannter Menschen ein unfehlbares Mittel sei, die Erde am Beben zu verhindern. So hatte man denn einen Biskayer, der überführt worden war, seine Gevatterin geheiratet zu haben, und zwei Portugiesen aufgegriffen, die beim Verzehren eines Huhnes den Speck achtlos fortgeworfen, und nach Tisch fesselte man auch den Doktor Pangloß und seinen Schüler Candid, den einen, weil er gesprochen, den anderen, weil er mit beistimmender Miene zugehört hatte. Alle beide wurden getrennt in zwei außerordentlich kühle Gemächer geführt, in denen man niemals von der Sonne belästigt wird. Acht Tage später wurden beide mit einem Sanbenito bekleidet und ihre Häupter mit Papiermitren geschmückt. Die Mitra und der Sanbenito Candids waren mit umgekehrten Flammen und mit Teufeln ohne Schwanz und Krallen bemalt; die Teufel des Pangloß dagegen hatten Krallen und Schwänze, und die Flammen standen aufrecht. So gekleidet schritten sie in einer Prozession dahin und bekamen eine sehr pathetische Predigt und darauf eine sehr schöne, aber eintönige Musik zu hören. Candid wurde während des Gesanges im Takt mit Ruten gepeitscht. Der Biskayer und die beiden Männer, welche keinen Speck hatten essen wollen, wurden verbrannt, und Pangloß wurde gehängt, obgleich dieses sonst nicht gebräuchlich war. Selbigen Tags bebte die Erde noch einmal unter fürchterlichem Krachen. Entsetzt, bestürzt, verwirrt und über und über blutend und nach Luft ringend sprach Candid zu sich selber: »Wenn dies hier die beste aller möglichen Welten ist, wie muß es dann erst auf den anderen sein! Wenn ich wenigstens nur geprügelt worden wäre, das kannte ich ja schon von den Bulgaren her, aber mußte ich dich, du mein geliebter Pangloß, den größten aller Philosophen, mußte ich dich hängen sehen, ohne zu wissen warum, und mußtest du, mein teurer Wiedertäufer, du bester aller Menschen, im Hafen ersäuft werden, und Sie, oh Fräulein Kunigunde, Sie Perle der Mädchen, mußte man Ihnen den Bauch aufschlitzen?« Ermahnt, gepeitscht, losgesprochen und gesegnet, schleppte er sich mühsam dahin, als ihn ein altes Weib ansprach und ihm zuflüsterte: »Fasse Mut, mein Sohn, und folge mir.«   Siebentes Kapitel: Wie ein altes Weib Candid in seine Obhut nahm und wie er das wiederfand, was er liebte. Candid faßte keineswegs Mut, aber er folgte der Alten in ein altes, halb verfallenes Haus. Sie reichte ihm einen Topf Salbe, auf daß er sich einreibe, gab ihm zu essen und zu trinken und führte ihn dann vor ein schmales, ziemlich sauberes Bett. Neben dem Bett lag ein vollständiger Anzug. »Essen Sie, trinken und schlafen Sie. Unsere liebe Frau von Atocha, der heilige Antonius von Padua und der heilige Jakob von Compostella mögen Sie in ihre Hut nehmen, morgen komme ich wieder.« Noch völlig benommen von allem, was er gesehen und erduldet hatte, vor allem verwundert über die Barmherzigkeit der Alten, wollte Candid ihr die Hand küssen. »Nicht meine Hand sollen Sie küssen,« sagte die Alte, »morgen komme ich wieder. Reiben Sie sich mit Salbe ein, essen Sie und schlafen Sie.« Trotz aller Leiden aß Candid und schlief. Am nächsten Morgen brachte ihm die Alte ein Frühstück, besah seinen Rücken und rieb ihn selber mit einer anderen Salbe ein. Später brachte sie ihm dann das Mittagessen, und gegen Abend kam sie mit einem Nachtmahl wieder. Am nächsten Tage tat sie dasselbe. »Wer seid Ihr?« fragte unaufhörlich Candid, »wer hat all diese Güte in Euch erweckt, wie soll ich es Euch je danken?« Die alte Frau antwortete nichts, und als sie am Abend wiederkam, brachte sie kein Nachtmahl mit. »Kommen Sie mit mir,« sagte sie, »und sprechen Sie kein Wort.« Sie nahm ihn unter den Arm und ging mit ihm ungefähr eine Viertelstunde über Land. Dann gelangten sie vor ein einzelnes, von Gärten und Wassergräben umgebenes Haus. Die Alte klopfte an eine kleine Tür, es ward geöffnet, und sie führte Candid über eine geheime Treppe in ein vergoldetes Gemach, setzte ihn dort auf ein mit Brokat überzogenes Sofa, verschloß die Tür und ging fort. Candid glaubte zu träumen, sein ganzes verflossenes Leben erschien ihm wie ein düsterer Traum, der gegenwärtige Augenblick hingegen wie ein lieblicher. Bald erschien die Alte wieder und unterstützte mühsam ein zitterndes Weib von majestätischem Wuchs, das von Edelsteinen glitzerte und mit einem Schleier bedeckt war. »Heben Sie diesen Schleier auf,« sagte die Alte zu Candid. Der junge Mann trat herzu und zog mit zager Hand den Schleier fort. Welch ein Augenblick, welche Überraschung! Er glaubte Fräulein Kunigunde zu sehen, und er sah sie wirklich, denn sie war es. Seine Kraft versagte, er konnte kein Wort hervorbringen, sondern fiel nur stumm zu ihren Füßen nieder. Kunigunde fiel auf das Sofa. Die Alte besprengte beide mit Weingeist, sie kamen wieder zur Besinnung und sprachen miteinander. Aber es waren zuerst nur gestammelte Worte, sich drängende Fragen und Antworten, Seufzer, Tränen und Ausrufe. Die Alte empfahl ihnen, weniger Lärm zu machen, und ließ sie allein. »Wie, Sie sind es?« rief Candid, »Sie leben? In Portugal finde ich Sie wieder! Man hat Sie also nicht vergewaltigt, Ihnen nicht den Bauch aufgeschlitzt, wie es mir der Philosoph Pangloß versicherte?« »Es geschah dem so,« sagte die schöne Kunigunde, »man braucht jedoch an diesen beiden Vorfällen nicht immer zu sterben.« »Aber sind Ihr Vater und Ihre Mutter getötet worden?« »Nur allzu sehr,« erwiderte weinend Kunigunde. »Und Ihr Bruder?« »Auch er ist ermordet!« »Und warum sind Sie in Portugal, und wie haben Sie erfahren, daß ich hier sei, und welch seltsamer Umstand erlaubte Ihnen, mich in dieses Haus führen zu lassen?« »Ich werde Ihnen das alles sagen,« erwiderte die Dame, »vorher jedoch müssen Sie mir alles erzählen, was Ihnen widerfahren ist seit dem unschuldigen Kusse, den Sie mir gaben, und den Fußtritten, die Sie empfingen.« Mit tiefer Ehrerbietung gehorchte Candid, und obgleich ihm noch völlig beklommen zumute war, obgleich seine Stimme noch schwach klang und zitterte und sein Rückgrat ihn noch ein wenig schmerzte, so erzählte er ihr doch auf die schlichteste Weise alles, was ihm seit dem Augenblick ihrer Trennung begegnet. Kunigunde erhob die Augen zum Himmel und vergoß Tränen über Pangloß' und des Widertäufers Tod, und dann sprach sie folgendermaßen zu Candid, und Candid verlor keines ihrer Worte und verschlang sie mit seinen Augen.   Achtes Kapitel: Die Geschichte Kunigundens. »Ich lag in meinem Bette in tiefem Schlaf, als es dem Himmel gefiel, die Bulgaren in unser schönes Schloß Tundertentronck zu schicken; sie erwürgten meinen Vater und meinen Bruder und hackten meine Mutter in Stücke. Ein großer, sechs Fuß langer Bulgare bemerkte, daß mir bei diesem Anblick die Sinne vergangen waren, und machte sich daran, mir Gewalt anzutun: das brachte mich zu mir. Ich ward meiner Sinne wieder mächtig, biß, kratzte und wollte dem großen Bulgaren die Augen ausreißen, da ich ja nicht wußte, daß das, was mir im Schlosse meines Vaters widerfuhr, etwas völlig Gebräuchliches sei. Der Unhold versetzte mir nun einen Messerstich in die linke Seite, dessen Narbe noch sichtbar ist.« »Ach,« rief der kindliche Candid, »ich hoffe sehr, sie zu sehen.« »Sie werden sie sehen,« erwiderte Kunigunde, »zunächst lassen Sie mich jedoch fortfahren.« »Fahren Sie fort,« rief Candid. Und so nahm sie denn den Faden ihrer Erzählung wieder auf: »Ein bulgarischer Hauptmann trat ein, er sah mich bluten, aber der Soldat ließ sich nicht stören. Der Hauptmann ward über die geringe Achtung, die ihm der Wüstling bezeugte, zornig und tötete ihn auf meinem Leibe, darauf ließ er mich nähen und führte mich als Kriegsgefangene in sein Quartier. Ich wusch die wenige Wäsche, die er besaß, und besorgte seine Küche; er fand mich, wie ich gestehen muß, sehr hübsch, und ich meinerseits will nicht leugnen, daß er schön gewachsen war und eine weiche weiße Haut hatte. Anderseits aber besaß er nicht viel Verstand und gar keinen philosophischen Sinn: man merkte gar wohl, daß er nicht durch den Doktor Pangloß erzogen worden war. Nachdem er im Verlaufe von drei Monaten all sein Geld verloren hatte und meiner überdrüssig geworden war, verkaufte er mich an einen Juden, Don Issakar mit Namen, der in Holland, Portugal und Afrika umherreiste und eine leidenschaftliche Liebe zu Frauen hegte. Dieser Jude faßte eine große Neigung für meine Person, aber es gelang ihm nicht, über sie obzusiegen, ich habe ihm besser widerstanden als dem bulgarischen Soldaten: ein ehrenhaftes Frauenzimmer kann wohl einmal vergewaltigt werden, aber ihre Tugend gewinnt daraus nur erhöhte Kraft. Der Jude brachte mich nun zu meiner Zähmung in dieses Landhaus, in dem wir jetzt sind. Bis dahin hatte ich geglaubt, es gäbe auf der Erde nichts so Schönes wie das Schloß von Tundertentronck, aber ich bin eines besseren belehrt worden. Eines Tages sah mich der Großinquisitor in der Messe; er blickte mich oft an und ließ mir dann sagen, er müsse mich in einer geheimen Angelegenheit sprechen. Ich wurde in seinen Palast geführt und entdeckte ihm meine Geburt. Er stellte mir vor, wie wenig es meinem Range entspräche, einem Israeliten anzugehören. Und dann wurde dem Don Issakar von seiner Seite der Vorschlag gemacht, mich Seiner Hochwürden abzutreten. Don Issakar, welcher Hofbankier und ein sehr einflußreicher Mann ist, wollte davon nichts wissen. Der Inquisitor bedrohte ihn nun mit einem Autodafé. Daraufhin schloß der eingeschüchterte Jude einen Vertrag mit ihm ab, wonach das Haus und ich ihnen beiden gemeinsam gehören sollte: dem Juden standen die Montage, Mittwoche und der Sabbat, dem Inquisitor die übrigen Tage der Woche zu. Seit sechs Monaten besteht nun dieser Vertrag, allerdings nicht ohne Streitigkeiten, denn oft war es unbestimmt, ob die Nacht vom Sonnabend auf den Sonntag unter das mosaische oder das christliche Gesetz fiele. Was mich jedoch angeht, so habe ich bis jetzt allen beiden widerstanden, und gerade aus diesem Grunde bin ich, wie ich glaube, ohne Wanken geliebt worden. Um die Geißel der Erdbeben abzuwenden und Don Issakar einzuschüchtern, gefiel es nun schließlich dem Herrn Inquisitor, ein Autodafé zu feiern. Er erwies mir die Ehre, mich dazu einzuladen. Ich bekam einen vortrefflichen Platz, und zwischen der Messe und der Urteilsvollstreckung wurden den Damen sogar Erfrischungen gereicht. Allerdings erfaßte mich ein Grausen, als ich die beiden Juden und den wackeren Biskayer, der seine Gevatterin geheiratet hatte, brennen sah, wie groß war jedoch meine Überraschung, mein Schrecken und meine Unruhe, als ich in einem Sanbenito und unter einer Mitra eine Gestalt erblickte, die Pangloß ähnelte. Ich rieb mir die Augen, betrachtete ihn aufmerksam, sah ihn gehängt werden und fiel in Ohnmacht. Kaum war ich wieder zur Besinnung gekommen, so sah ich Sie bis auf die Haut entkleidet vor mir, und mein Schrecken, meine Bestürzung, mein Schmerz und meine Verzweiflung erreichten ihren Höhepunkt. Der Wahrheit gemäß will ich Ihnen gestehen, daß Ihre Haut noch weißer und deren Tönung noch vollkommener ist als bei meinem bulgarischen Hauptmann; dieser Anblick verdoppelte alle Gefühle, die mich durchwogten und verzehrten. Ich wollte aufschreien, wollte rufen: »Halt, halt, ihr Barbaren,« aber meine Stimme versagte, und außerdem wäre mein Rufen auch nutzlos gewesen. Als Sie dann tüchtig gegeißelt worden waren, fragte ich mich, wie kann es sein, daß der liebenswürdige Candid und der weise Pangloß sich in Lissabon befinden und zwar der eine, um hundert Geißelhiebe zu bekommen, und der andere, um gehängt zu werden, und beides auf Befehl des Herrn Inquisitors, dessen Geliebte ich bin? Pangloß hatte mich also grausam getäuscht, als er mir versicherte, alles in der Welt sei zum besten bestellt! Aufgeregt, von Sinnen, bald der Raserei nahe und dann wieder fast sterbend vor Schmerz, war mein ganzes Innere erfüllt von der Metzelei meines Vaters, meiner Mutter, meines Bruders, von der Schändlichkeit meines abscheulichen bulgarischen Soldaten, von dem Messerstich, den er mir versetzte, von meiner Dienstbarkeit, meinem Köchinnenhandwerk, meinem bulgarischen Hauptmann, meinem häßlichen Don Issakar, meinem abscheulichen Inquisitor, von dem Henken des Doktor Pangloß und von dem großen eintönigen Miserere, zu dessen Klängen Sie gegeißelt wurden, und vor allem von dem Kusse, den ich Ihnen hinter einem Wandschirm an jenem Tage gegeben, da ich Sie zum letzten Mal sah. Ich pries Gott, daß er Sie mir nach vielen Prüfungen wiedergegeben. Ich gebot meiner Alten, für Sie Sorge zu tragen und Sie, sobald es anginge, hierher zu bringen. Sie hat meinen Auftrag trefflich ausgeführt, ich habe die unaussprechliche Freude genossen, Sie wiederzusehen, Sie zu hören und zu Ihnen zu sprechen. Sie müssen jedoch einen verzehrenden Hunger verspüren, und auch ich habe großen Appetit, lassen Sie uns also mit dem Nachtmahl beginnen.« Damit setzten sie sich alle beide an den Tisch, und nach dem Essen nahmen sie wieder auf dem schönen Sofa Platz, von dem bereits gesprochen worden ist, und dort saßen sie, als Don Issakar, einer der Herren des Hauses, eintrat. Es war nämlich Sabbat, und so wollte er sich seiner Rechte erfreuen und seiner zärtlichen Liebe Ausdruck geben.   Neuntes Kapitel: Was mit Kunigunde, mit Candid, mit dem Großinquisitor und mit einem Juden geschah. Dieser Issakar war der jähzornigste Hebräer, den es seit der babylonischen Gefangenschaft gegeben. »Wie, du galiläische Hündin«, schrie er, »mit dem Herrn Inquisitor ist's noch nicht getan, auch dieser Hallunke dort soll mit mir teilen?« Und während er dieses sprach, zog er einen langen Dolch, den er stets bei sich trug, und da er nicht annahm, daß auch die Gegenpartei Waffen hätte, warf er sich über Candid. Unser wackerer Westfale hatte jedoch zusammen mit dem vollständigen Anzug auch einen schönen Degen von der Alten bekommen, und trotz seines sanften Gemütes zog er ihn nun hervor und streckte mir nichts dir nichts den Israeliten mausetot zu den Füßen der schönen Kunigunde auf die Fliesen nieder. »Heilige Jungfrau,« schrie diese auf, »was soll aus uns werden; ein Mann bei mir getötet! Wenn die Polizei kommt, sind wir verloren.« »Wäre Pangloß nicht gehängt worden,« sagte Candid, »wüßte er in dieser äußersten Not einen guten Rat zu geben, denn er war ein großer Philosoph. Da er uns fehlt, wollen wir die Alte befragen.« Sie war sehr klug und wollte eben ihre Meinung sagen, als sich eine andere kleine Tür öffnete. Es war eine Stunde nach Mitternacht, also Sonntag Anfang, und dieser Tag gehörte dem Herrn Inquisitor. Er trat ein und sah den gegeißelten Candid mit gezogenem Säbel und einen Toten lang auf der Erde, Kunigunde starr vor Schrecken und die Alte Ratschläge erteilend. In diesem Augenblick ging nun in der Seele Candids folgendes vor und führte ihn zu den folgenden Schlüssen: Wenn dieser heilige Mann Hilfe herbeiruft, wird er mich später unweigerlich verbrennen lassen, dasselbe könnte er mit Kunigunde tun; ferner hat er mich unbarmherzig auspeitschen lassen, ist zudem noch mein Nebenbuhler, und ich bin gerade beim Totstechen, es gibt also kein Schwanken. Diese Überlegung ging klar und blitzschnell vor sich, und ohne dem Inquisitor auch nur die Zeit zu gönnen, sich von seinem Erstaunen zu erholen, stieß er ihn durch und durch und legte ihn neben den Juden zu Boden. »Noch einer,« rief Kunigunde, »nun gibt es keine Schonung mehr, wir werden exkommuniziert werden, unsere letzte Stunde hat geschlagen! Wie haben Sie, der Sie von Natur so sanftmutig sind, es nur angestellt, in zwei Minuten einen Juden und einen Kirchenfürsten zu töten?« »Mein schönes Fräulein, wenn man verliebt, eifersüchtig und von der Inquisition ausgepeitscht worden ist, kennt man sich nicht mehr.« Nun ergriff die Alte das Wort und sagte: »Im Stalle stehen drei andalusische Pferde mit Sattel und Zaumzeug, der tapfere Candid möge sie anschirren. Die gnädige Frau haben Golddublonen und Diamanten, wir wollen, obgleich ich mich nur noch auf einer Hinterbacke zu halten vermag, schnellstens aufsitzen und nach Cadix reiten. Es ist das schönste Wetter von der Welt, und eine Reise in der Frische der Nacht ist ein großes Vergnügen.« Auf der Stelle sattelte Candid die drei Pferde, und Kunigunde, die Alte und er legten hintereinander dreißig Meilen zurück. Während sie dahinjagten, betraten die Schergen der heiligen Hermandad das Haus: Hochwürden wurde in einer schönen Kirche beigesetzt und Issakar auf den Schindanger geworfen. Candid, Kunigunde und die Alte befanden sich zu der Zeit bereits in der kleinen Stadt Avacena inmitten der Berge der Sierra Morena und führten in einer Herberge folgendes Gespräch miteinander:   Zehntes Kapitel: In welcher Not Candid, Kunigunde und die Alte nach Cadix gelangten und von ihrer Einschiffung. Wer nur hat meine Dublonen und meine Diamanten stehlen können?« rief Kunigunde unter Tränen, »wovon sollen wir leben, was sollen wir tun, wo Inquisitoren und Juden finden; die mir wieder neue schenken?« »Ach,« sagte die Alte, »leider muß ich einen ehrwürdigen Franziskanermönch im Verdacht haben, der gestern in Badajoz in derselben Herberge schlief. Bei Gott, ich scheue mich davor, ein voreiliges Urteil zu fällen: aber er betrat zweimal unser Zimmer und reiste lange vor uns ab.« »Ach,« sagte Candid, »oft hat mir der gute Pangloß bewiesen, daß die Güter der Erde allen Menschen gemeinsam gehörten und ein jeglicher gleiches Anrecht auf sie hätte. Nach diesen Grundsätzen hätte der Franziskaner uns wenigstens so viel lassen müssen, wie wir zur Fortsetzung unserer Reise benötigen. Sie haben also gar nichts mehr, meine schöne Kunigunde?« »Nicht einen Heller.« »Was tun?« rief Candid. »Lassen Sie uns eines der Pferde verkaufen,« schlug die Alte vor, »ich sitze dann hinter dem gnädigen Fräulein auf, und wenn ich mich auch nur noch mit einer Hinterbacke festzuhalten vermag, so werden wir doch schon nach Cadix gelangen.« Ein Benediktinerprior hielt sich zufällig in derselben Herberge auf und erstand das Pferd für einen billigen Preis. Candid, Kunigunde und die Alte kamen durch Lucena, durch Chillas, durch Lebrixa und langten endlich in Cadix an. Dort rüstete man eine Flotte aus und zog Truppen zusammen, um die ehrwürdigen Jesuitenpatres von Paraguay zur Vernunft zu bringen, welche beschuldigt wurden, eine ihrer Horden in der Nähe der Stadt des heiligen Sakraments gegen die Könige von Spanien und Portugal aufgewiegelt zu haben. Candid, der ja bei den Bulgaren gedient hatte, exerzierte dem General der kleinen Armee auf bulgarische Weise mit so viel Anstand, Schnelligkeit, Gewandtheit, Strammheit und Biegsamkeit vor, daß man ihm den Befehl über eine Kompagnie Fußvolk übertrug. So war er denn nun Hauptmann geworden und ging mit Fräulein Kunigunde, der Alten, zwei Dienern und den beiden andalusischen Pferden, welche dem Herrn Großinquisitor von Portugal gehört hatten, zu Schiff. Während der ganzen Überfahrt sprachen sie viel über die Philosophie des armen Pangloß. »Wir begeben uns jetzt in einen anderen Weltteil,« sagte Candid, »wahrscheinlich wird dort alles gut sein, denn man muß doch gestehen, daß man über so mancherlei, was sich in dem unseren ereignet, sowohl körperlich wie geistig, gar sehr klagen könnte.« »Ich liebe Sie zwar von ganzem Herzen,« sagte Kunigunde, »aber meine Seele ist noch ganz verstört von allem, was ich gesehen und erlebt habe.« »Es wird alles zum besten gehen,« fuhr Candid fort, »das Meer dieser neuen Welt ist schon weit besser als die Meere in unserem alten Europa, es ist ruhiger und die Winde sind beständiger. Gewißlich ist die neue Welt jene beste aller möglichen Welten.« »Wolle es Gott,« rief Kunigunde, »aber ich bin in der meinen so schrecklich unglücklich gewesen, daß sich mein Herz jeder Hoffnung fast verschließt.« »Sie beklagen sich,« sprach nun die Alte zu ihnen, »und Sie haben doch, ach, so gar wenig Übles erlitten im Vergleich mit dem, was ich durchgemacht.« Kunigunde mußte beinahe lachen und fand die gute Frau mit ihrer Behauptung, unglücklicher zu sein als sie selber, sehr ergötzlich. »Ach, meine Gute,« sprach sie zu ihr, »wenn du nicht wenigstens von zwei Bulgaren vergewaltigt worden bist und zwei Messerstiche in den Bauch bekommen hast, und man dir nicht zwei Schlösser zerstört hat, und man nicht zwei Mütter und zwei Väter vor deinen Augen erwürgt und mindestens zwei deiner Liebhaber in einem Autodafé ausgepeitscht hat, so sehe ich nicht, wie du es mir hättest zuvortun können, und dazu kommt noch, daß ich als Freifräulein von zweiundsiebenzig Ahnen geboren und dennoch zum Handwerk einer Köchin gezwungen worden bin.« »Gnädiges Fräulein,« erwiderte die Alte, »von meiner Geburt wissen Sie nichts, und wollte ich Ihnen meinen Hintern zeigen, so würden Sie nicht länger solchermaßen sprechen, sondern Ihr Urteil aufschieben.« Diese Bemerkung erweckte in Kunigundens und Candids Herzen eine unbezähmbare Neugierde, die Alte aber redete folgendermaßen zu ihnen:   Elftes Kapitel: Die Geschichte der Alten. »Ich habe nicht stets gerötete und blutumränderte Augen gehabt, noch berührte meine Nase immer mein Kinn, noch war ich stets eine Dienstmagd. Ich bin die Tochter des Papstes Urban des Zehnten Man beachte den äußersten Zartsinn des Verfassers: bis jetzt hat es noch keinen Papst Urban den Zehnten gegeben. Er scheut sich, einem bekannten Papste einen Bastard zuzuschreiben. Welche Umsicht, welche Feinfühligkeit! (Nachträgliche Fußnote Voltaires.) und der Prinzessin von Palestrina. Bis zu meinem vierzehnten Jahre wurde ich in einem Palast auferzogen, für den alle Schlösser Eurer deutschen Barone nicht einmal einen Stall abgegeben hätten, und ein einziges meiner Kleider kostete mehr als alle Herrlichkeiten Westfalens. Inmitten von Freuden, Ehrerbietungen und Hoffnungen wuchs ich auf und nahm zu an Schönheit, Anmut und Begabung; ich vermochte schon Liebe zu erregen, mein Busen formte sich schon, und welch ein Busen! Weiß, fest und schlank geschwungen wie der Busen der Venus von Medici, und welche Augen, welche Wimpern, welche schwarzen Brauen, und welche Flammen schossen nicht zwischen meinen Lidern hervor und überglänzten das Funkeln der Sterne, wie mir die Dichter bei Hofe versicherten! Die Frauen, die mich an- und auskleideten, gerieten außer sich vor Entzücken, wenn sie mich von hinten und von vorne anschauten, und alle Männer hätten sich an ihre Stelle gewünscht. Ich wurde mit einem regierenden Fürsten von Massacarrara verlobt: welch ein Prinz! Er war ebenso schön wie ich, erfüllt von Sanftmut und Lieblichkeit, glänzend an Geist und glühend vor Liebe. Ich meinerseits liebte ihn, wie man nur das erste Mal lieben kann. Die Hochzeit ward mit unerhörtem Glanz und Prunk vorbereitet, Feste, Ringstechen und komische Opern drängten einander, und ganz Italien machte Sonette auf mich, von denen nicht ein einziges leidlich war. Schon nahte sich der Augenblick meines Glückes, als eine alte Marquise, welche die Geliebte meines Prinzen gewesen war, ihn zu einer Tasse Schokolade einlud. In weniger als zwei Stunden starb er unter entsetzlichen Krämpfen, aber das war nur eine Kleinigkeit. Meine Mutter, die verzweifelt und dennoch weit weniger betrübt war als ich, wollte für einige Zeit dem traurigen Leben am alten Orte entfliehen. Sie besaß ein sehr schönes Landgut bei Gaïtte, und wir brachen auf einer einheimischen Galeere, welche wie der Altar St. Peters in Rom über und über vergoldet war, nach dorthin auf. Ein Korsarenschiff aus Salee fiel über uns her, kaperte uns, und unsere Soldaten verteidigten sich wie Soldaten des Papstes: sie warfen ihre Waffen fort, fielen in die Kniee und baten die Seeräuber um Absolution in articulo mortis. Sofort zog man sie nackt wie Affen aus, ebenso meine Mutter, ebenso unsere Ehrendamen und ebenso auch mich. Es ist etwas Herrliches um die Emsigkeit, mit der diese Herren jedermann auszuziehen verstehen, was mich jedoch noch mehr verwunderte, war der Umstand, daß sie uns allen den Finger in einen Ort steckten, in den wir Frauen uns im allgemeinen nur Spritzröhrchen einführen lassen. Diese Vornahme erschien mir gar absonderlich, so töricht urteilt man eben über alles, solange man noch nicht außer Landes gewesen ist. Denn bald erfuhr ich, dergleichen geschehe, um zu sehen, ob wir dort nicht etwa Diamanten verborgen hätten; das Ganze ist ein seit undenklichen Zeiten bei den gesitteten seefahrenden Völkern üblicher Brauch. Ich habe erfahren, daß sogar die frommen Herren Malteserritter ihn niemals außer acht lassen, wenn sie Türken oder Türkinnen aufbringen, er bildet ein Gesetz des Völkerrechtes, an dem man noch niemals gerührt hat. Ich will Ihnen nicht sagen, wie hart es für eine junge Prinzessin ist, als Sklavin mit ihrer Mutter nach Marokko geführt zu werden. Sie können sich alles, was wir auf dem Seeräuberschiff auszustehen hatten, genugsam vorstellen. Meine Mutter war noch sehr schön und unsere Ehrendamen, ja, unsere einfachen Kammerfrauen besaßen mehr Reize, als sich in ganz Afrika auffinden lassen. Was mich anging, ich war zum Entzücken, ich war die Schönheit und Anmut selber und war noch Jungfrau! Ich blieb es nicht lange; diese Blume, die für den schönen Prinzen von Massacarrara gehegt worden war, wurde mir durch den Korsarenkapitän geraubt. Er war ein scheußlicher Neger, der sich noch einbildete, mir eine große Ehre zu erweisen. Die Frau Prinzessin von Palestrina und ich müssen gewißlich sehr stark gewesen sein, um alledem zu widerstehen, was wir bis zu unserer Ankunft in Marokko zu erdulden hatten! Übergehen wir es, derlei Dinge sind so gewöhnlich, daß es nicht der Mühe verlohnt, über sie zu sprechen. Als wir anlangten, schwamm Marokko in Blut. Von den fünfzig Söhnen des Kaisers Muley-Ismael hatte ein jeder seine Partei, und daraus entsprangen fünfzig Bürgerkriege von Schwarzen gegen Schwarze, von Schwarzen gegen Gelbhäute, von Gelbhäuten gegen Gelbhäute, von Mulatten gegen Mulatten. In der ganzen Ausdehnung des Reichs herrschte nichts wie eine einzige große Metzelei. Kaum waren wir ans Land gestiegen, so zogen auch schon Neger von einer unserem Korsaren feindlichen Partei heran, um ihm seine Beute abzujagen. Nach den Diamanten und dem Golde waren wir das Kostbarste, was er besaß, so ward ich denn Zeuge eines Kampfes, wie man dergleichen in Ihren europäischen Gegenden nie zu sehen bekommt. Das Blut der nordischen Völker ist nicht glühend genug, sie kennen die Wut nach Frauen nicht in dem Maße, wie sie in Afrika gewöhnlich ist. Ihre Europäer scheinen Milch in den Adern zu haben, in denen der Bewohner des Berges Atlas und der umliegenden Länder fließt dagegen Vitriol und Feuer. Man kämpfte um uns mit der Wut von Löwen, von Tigern und von Schlangen, wie sie in dem Lande dort leben. Ein Maure packte meine Mutter, der Leutnant meines Kapitäns hielt sie am linken Arm, maurische Soldaten ergriffen sie bei einem ihrer Beine, einer unserer Seeräuber hielt sie am anderen fest: unsere Mädchen wurden fast alle augenblicklich auf diese Weise von vier Soldaten nach vier Seiten gezogen. Mein Kapitän hatte sich vor mich gestellt, in seiner Faust hielt er einen krummen Türkensäbel und tötete alles, was sich seiner Raserei entgegenzustellen wagte. Schließlich sah ich unsere Italienerinnen und meine Mutter auseinander gerissen, zerhackt und zermalmt werden durch die Ungeheuer, die sich um sie stritten; alle meine gefangenen Gefährten und alle, die sie zu Gefangenen gemacht, Soldaten, Matrosen, Neger, Gelbhäute, Weiße, Mulatten und zuletzt auch mein Kapitän wurden getötet, und ich blieb sterbend auf einem Haufen von Toten liegen. Die gleichen Auftritte ereigneten sich, wie man weiß, bis zu einer Ausdehnung von mehr als dreihundert Meilen, ohne daß jemals die von Mohammed befohlenen täglichen Gebete außer acht gelassen worden wären. Mit großer Mühe gelang es mir, mich aus der Menge so vieler aufgehäufter blutender Leichname zu befreien, und ich schleppte mich unter einen großen Orangenbaum, der am Ufer eines nahen Baches stand, dort brach ich vor Angst, Mattigkeit, Entsetzen, Verzweiflung und Hunger zusammen. Bald darauf fielen meine zermarterten Sinne in einen Schlaf, der eher eine Ohnmacht denn ein Ausruhen war. In einem solchen Zustande von Schwäche und Empfindungslosigkeit zwischen Tod und Leben befand ich mich, als ich mich von etwas gedrückt fühlte, das sich auf meinem Körper hin und her schaukelte; ich öffnete die Augen und sah einen weißen Mann von gutmütigem Äußeren, welcher stöhnte und zwischen den Zähnen murmelte: »O che sciagura d'essere senza cogl ...!«   Zwölftes Kapitel: Fortsetzung des Mißgeschicks der Alten. Erstaunt und entzückt, die Sprache meines Vaterlandes zu vernehmen, und nicht weniger überrascht durch die Worte, welche dieser Mann ausstieß, antwortete ich ihm, daß es noch weit größeres Unglück gäbe als jenes, über das er sich beklagte. Ich erzählte ihm in wenigen Worten all das Grausige, das ich erlitten, und fiel in meinen alten Schwächezustand zurück. Er trug mich in ein benachbartes Haus, legte mich ins Bett, ließ mir zu essen geben, bediente mich, tröstete mich, schmeichelte mir und sagte mir, er habe noch niemals etwas Schöneres als mich gesehen und auch noch niemals das so schmerzlich vermißt, was ihm niemand wiederzugeben vermöchte. »Ich bin in Neapel geboren,« sagte er zu mir, »man kapaunt dort alljährlich zwei- bis dreitausend Kinder: die einen sterben davon, die anderen bekommen eine weit schönere Stimme, als Frauen haben, und wieder andere machen sich auf und beherrschen Staaten. Favinelli, ein italienischer Sänger, 1705 in Neapel geboren, regierte unter Ferdinand VI. über Spanien. Er starb im Jahre 1782. An mir ward jene Operation mit dem außerordentlichsten Erfolge vollzogen, und ich wurde Sänger in der Kapelle der Frau Prinzessin von Palestrina.« »In der Kapelle meiner Mutter!« schrie ich. »Ihrer Mutter?« rief er weinend, »wie, so sind Sie jene junge Prinzessin, die ich bis zu ihrem sechsten Jahre auf den Armen getragen, und die damals schon so schön zu werden versprach, wie Sie es heute sind?« »Ja, ich bin es selber, und meine Mutter liegt vierhundert Schritte von hier in vier Stücke zerrissen unter einem Haufen von Leichen ...« Ich erzählte ihm nun alles, was mir widerfahren, und auch er erzählte mir seine Abenteuer. Er ließ mich wissen, daß er von einer christlichen Macht zu dem Könige von Marokko entsandt worden war, um mit diesem Herrscher einen Vertrag abzuschließen, auf Grund dessen man ihm Pulver, Kanonen und Kriegsschiffe schicken wollte, auf daß er Beistand leiste zur Verdrängung des Handels der anderen Christen. »Mein Auftrag ist ausgeführt,« sagte der ehrenwerte Eunuch, »ich will mich in Ceuta einschiffen, und Sie will ich nach Italien zurückbringen: Ma che sciagura d'essere senza cogl...« Ich dankte ihm mit Tränen der Rührung, aber anstatt mich nach Italien zu bringen, brachte er mich nach Algier und verkaufte mich dort an den Dei dieses Landes. Kaum war ich verkauft, so brach jene wütende Pestseuche in Algier aus, welche ganz Afrika, Asien und Europa durchzogen hat. Sie haben Erdbeben erlebt, haben Sie aber jemals die Pest gehabt, gnädiges Fräulein?« »Niemals,« erwiderte die Baronin. »Hätten Sie sie gehabt,« fuhr die Alte fort, »so würden Sie zugeben, daß sie einem Erdbeben weit überlegen ist; in Afrika ist sie ziemlich üblich, auch ich ward von ihr befallen. Stellen Sie sich die Lage der fünfzehnjährigen Tochter eines Papstes vor, welche innerhalb von drei Monaten Armut und Sklaverei kennen gelernt hatte, fast täglich vergewaltigt worden war, ihre Mutter hatte vierteilen sehen, und Hunger und Kriegsnot erduldet hatte und nun mit Pest behaftet in Algier dahinstarb. Ich starb jedoch nicht, wohl aber mein Eunuch und der Dei und fast der ganze Serail von Algier. Als das erste Wüten dieser furchtbaren Seuche vorüber war, verkaufte man die Sklaven des Dei. Mich erhandelte ein Kaufmann und brachte mich nach Tunis, wo er mich an einen anderen Händler verkaufte, der mich nach Tripolis losschlug; von Tripolis wurde ich dann nach Alexandrien, von Alexandrien nach Smyrna und von Smyrna nach Konstantinopel weiterverkauft. Dort ward ich dann endlich Eigentum eines Janitscharenagas, der bald darauf Befehl erhielt, Asof gegen die heranziehenden Russen zu verteidigen. Der Aga war ein äußerst ritterlicher und verliebter Mann und nahm seinen ganzen Serail mit. Er brachte uns in einer kleinen Festung auf dem mäotischen See unter und ließ uns von zwei schwarzen Eunuchen und zwanzig Soldaten bewachen. Man tötete eine Unmenge von Russen, aber sie vergalten es nicht schlecht. Asof wurde in Blut und Feuer ertränkt und weder das Alter noch das Geschlecht geschont, nur unsere kleine Festung blieb noch unbezwungen, und die Feinde beschlossen, uns auszuhungern. Die zwanzig Soldaten hatten geschworen, sich niemals zu übergeben, die äußerste Hungersnot jedoch, in die sie gedrängt wurden, zwang sie aus Furcht, ihren Schwur zu brechen, dazu, unsere beiden Eunuchen aufzuessen, und nach Verlauf von zwei Tagen beschlossen sie, ein gleiches mit den Frauen zu tun. Wir hatten einen sehr frommen und mitleidigen Iman, welcher nun eine schöne Predigt hielt, mit der er sie überredete, uns nicht völlig zu töten: »Schneidet einer jeden dieser Damen nur eine Hinterbacke ab,« sprach er, »Ihr werdet derweise köstlich schmausen, und sollte die Not es fügen, habt Ihr Tags darauf gerade noch einmal die gleiche Portion, der Himmel wird Euch jedoch Euer barmherziges Verhalten vergelten und Euch retten.« Es eignete ihm eine große Beredsamkeit, und so vermochte er sie zu bestimmen: man nahm jene grausige Operation an uns vor, und der Iman legte uns von dem Balsam auf, mit dem man die frisch verschnittenen Kinder bestreicht ... wir waren alle dem Tode nahe. Kaum hatten die Janitscharen das Gericht, das wir ihnen geliefert, verspeist, so fuhren auch schon die Russen auf flachen Booten heran. Kein einziger Janitschare kam mit dem Leben davon. Unser Zustand ward von den Russen nicht weiter beachtet. Überall jedoch gibt es französische Wundärzte, und einer von ihnen, der ungemein geschickt war, nahm sich unser an. Er heilte uns, und mein Lebtage werde ich es nicht vergessen, daß er mir, sobald meine Wunden gut verheilt waren, zärtliche Anerbietungen machte. Im übrigen riet er uns allen, uns zu trösten, und versicherte, dergleichen sei schon bei vielen Belagerungen vorgekommen, es sei Kriegsrecht. Sobald meine Gefährtinnen wieder gehen konnten, brachte man sie nach Moskau. Ich fiel einem Bojaren zu, der mich zu seiner Gärtnerin machte und mir täglich zwanzig Knutenhiebe verabfolgte; doch als dieser Edelmann zwei Jahre später wegen einer Hofklatscherei mit dreißig anderen Bojaren umgebracht wurde, machte ich mir diesen Vorfall zunutze und entfloh. Ich durchzog ganz Rußland und war lange Kellnerin in Riga, dann in Rostock, Wismar, Leipzig, Kassel, Utrecht, Leyden, im Haag und in Rotterdam. Ich bin in Elend und Schande alt geworden; da ich aber nur einen halben Hinteren hatte und es niemals vergessen konnte, daß ich die Tochter eines Papstes sei, habe ich mich wohl zu hundert Malen töten wollen, stets jedoch liebte ich das Leben noch zu sehr. Diese lächerliche Schwäche ist vielleicht eine unserer unheilvollsten Neigungen, denn kann es etwas Törichteres geben, als unaufhörlich eine Last weiter tragen zu wollen, die man stets zu Boden werfen möchte, als Abscheu zu empfinden vor seinem Wesen und doch an seinem Wesen zu hängen, kurz, die Schlange, die uns verzehrt, zu liebkosen, bis sie uns das Herz aus der Brust gefressen hat? In den Ländern, durch die mich das Schicksal getrieben, und in den Schenken, in denen ich gedient, habe ich eine ungeheure Zahl von Menschen gesehen, denen allen ihr Dasein eine Trübsal und ein Greuel war, aber nur zwölfen bin ich begegnet, die ihrem Elend freiwillig ein Ende setzten: es waren drei Neger, vier Engländer, vier Genfer und ein deutscher Professor namens Robeck. Zuletzt ward ich Dienstmagd bei dem Juden Don Issakar: er gab mich Ihnen, mein schönes Fräulein, zur Seite, und ich habe mich an Ihr Geschick geknüpft, stets habe ich mich mehr mit Ihren Abenteuern befaßt, denn mit den meinen. Ich würde Ihnen sogar niemals von meinem Unglücke gesprochen haben, wenn Sie mich durch Ihre Behauptung nicht etwas verletzt hätten und es außerdem nicht Brauch wäre, sich auf einem Schiff zum Zeitvertreib Geschichten zu erzählen. Kurz und gut, mein Fräulein, ich habe Erfahrung, ich kenne die Welt: Wollen Sie sich ein Vergnügen machen, so bitten Sie einen jeden der Reisenden hier, Ihnen seine Geschichte zu erzählen, und wenn sich nur ein einziger darunter findet, der nicht oft sein Leben verflucht und sich gesagt hat, daß er der unglücklichste aller Menschen sei, so werft mich mit dem Kopf voran ins Meer.«   Dreizehntes Kapitel: Wie Candid gezwungen wurde, sich von der schönen Kunigunde und der Alten zu trennen. Als die schöne Kunigunde die Geschichte der Alten vernommen hatte, beobachtete sie ihr gegenüber fortan alle Rücksichten, die man einer Person ihres Ranges und Verdienstes schuldig war. Sie nahm auch ihren Vorschlag an und forderte alle Reisenden nach einander auf, ihr ihre Erlebnisse zu erzählen. Candid und sie mußten zugeben, daß die Alte recht gehabt. »Wie schade,« sagte Candid, »daß der weise Pangloß wider allen Brauch bei einem Autodafé gehängt worden ist, er würde uns jetzt gar herrliche Sachen über das physische und geistige Leiden sagen, welches Meer und Land bedeckt, ich jedoch würde diesmal genug Kraft in mir fühlen, ihm in aller Ehrerbietung einige Einwendungen zu machen.« Während jeder seine Geschichte erzählte, fuhr das Schiff immer weiter voran, und man landete in Buenos Aires. Kunigunde, der Hauptmann Candid und die Alte begaben sich zu dem Governador Don Fernando d'Ibara y Figueora y Mascarenes y Lampurdos y Susa. Dieser Edelmann besaß den entsprechenden Stolz zu so vielen Namen; er sprach zu allen Leuten mit der hochgeborensten Herablassung, trug die Nase so steil, sprach so unerbittlich streng und laut, nahm einen so überlegenen Ton an und benahm sich so hochfahrend, daß jedermann, der ihn begrüßen mußte, sich auch versucht fühlte, ihn zu prügeln. Die Weiber liebte er rasend, und Kunigunde dünkte ihm die Schönste zu sein, die er jemals gesehen. Das erste, was er tat, war, zu fragen, ob sie die Frau des Hauptmannes sei. Die Art und Weise, in der er diese Frage stellte, beunruhigte Candid. Er wagte jedoch nicht zu sagen, sie sei seine Frau, weil sie es ja in Wirklichkeit nicht war, aber er wagte auch nicht, sie als seine Schwester auszugeben, weil sie das noch weniger war. Und obgleich eine derartige Lüge einstmals bei den Alten durchaus gang und gäbe gewesen wäre und auch uns Heutigen nützlich sein könnte, so war seine Seele doch zu rein, um dergestalt die Wahrheit zu fälschen. »Fräulein Kunigunde«, sagte er, »wird mir die Ehre antun, mich zu heiraten, und wir bitten Euere Exzellenz, unsere Eheschließung huldvollst vornehmen zu wollen.« Don Fernando d'Ibara y Figueora y Mascarenes y Lampurdos y Susa zuckte bitter lächelnd mit seinem Schnurrbart und erteilte dem Hauptmann Candid den Befehl, eine Besichtigung seiner Kompagnie abzuhalten. Candid gehorchte, der Governador blieb bei Fräulein Kunigunde. Er gestand ihr seine Leidenschaft und beteuerte, er wolle sie morgen vor dem heiligen Angesicht der Kirche oder auch anders zu seiner Frau machen, ganz wie es ihren Reizen belieben sollte. Kunigunde bat ihn um eine Viertelstunde Frist, um sich zu bedenken, die Alte zu befragen und dann einen Entschluß zu fassen. Die Alte sprach zu Kunigunde: »Fräulein, Sie haben zweiundsiebenzig Ahnen und nicht einen gebogenen Heller! Es hängt nur von Ihnen ab, die Frau des mächtigsten Herren von Südamerika zu werden, welcher dazu noch einen sehr schönen Schnurrbart hat. Steht es Ihnen denn überhaupt noch an, sich auf unverbrüchliche Treue zu versteifen? Sie sind von den Bulgaren vergewaltigt worden, ein Jude und ein Inquisitor haben Ihre Gunst genossen: das Unglück verleiht Rechte. Ich gestehe offen, wäre ich an Ihrer Stelle, so würde ich mir keine Gewissensbisse daraus machen, den Herrn Governador zu heiraten und den Herrn Hauptmann Candid zu beglücken.« Während die Alte solcherweise mit all der Klugheit sprach, welche Alter und Erfahrung verleihen, sah man ein kleines Schiff in den Hafen einlaufen. Es trug einen Alkalden und viele Schergen ... es war nämlich inzwischen folgendes vorgefallen: Die Alte hatte sehr richtig geraten, daß es ein Franziskaner gewesen, der Kunigunden auf ihrer eiligen Flucht mit Candid in Badajoz ihr Geld und ihren Schmuck gestohlen. Der Mönch hatte einiges von dem Geschmeide an einen Goldschmied verkaufen wollen und dieser hatte es als das Eigentum des Großinquisitors erkannt. Bevor der Franziskaner gehängt wurde, gestand er, den Schmuck gestohlen zu haben, und beschrieb die Personen und den Weg, den sie genommen. Inzwischen war die Flucht Candids und Kunigundens bereits bekannt geworden, man verfolgte sie bis Cadix und entsandte dann, ohne Zeit zu verlieren, ein Schiff zu ihrer Verfolgung, und schon war es im Hafen von Buenos Aires angelangt. Es verbreitete sich das Gerücht von der bevorstehenden Landung eines Alkalden und von der Verfolgung der Mörder Seiner Hochwürden des Herrn Großinquisitors. Die kluge Alte übersah augenblicklich, was nun zu tun sei. »Sie können nicht fliehen,« sprach sie zu Kunigunden, »und außerdem haben Sie auch nichts zu fürchten, da Sie Seine Hochwürden ja nicht getötet haben, und überdies liebt Sie der Governador und wird nie und nimmer leiden, daß man Sie mißhandelt, bleiben Sie also.« Darauf lief sie eiligst zu Candid. »Fliehen Sie,« rief sie ihm zu, »oder Sie sind in einer Stunde ein verbrannter Mann.« Kein Augenblick war zu verlieren, aber wie sich von Kunigunden trennen und wohin sich flüchten?   Vierzehntes Kapitel: Wie Candid und Cacambo von den Jesuiten in Paraguay aufgenommen wurden. Candid hatte aus Cadix einen Diener mit sich gebracht, wie man ihrer an den spanischen Küsten und in den Kolonien gar viele findet. Er war ein Viertelsspanier, der Sohn eines Mestizen aus Tucuman. Nacheinander war er Chorknabe, Sakristan, Matrose, Mönch, Packmeister, Soldat und Lakai gewesen; er hieß Cacambo und liebte seinen Herrn über alles, weil sein Herr ein überaus guter Mensch war. Aufs schnellste sattelte er die beiden andalusischen Pferde. »Auf, Herr,« rief er, »laßt uns dem Rat der Alten folgen, auf! Wir müssen davonjagen, ohne uns umzusehen.« Candid vergoß Tränen. »Oh meine geliebte Kunigunde, muß ich Sie gerade in dem Augenblick verlassen, in dem der Governador unsere Eheschließung vornehmen wollte! Was soll aus Ihnen werden, die Sie von so fern herkamen?« »Aus ihr wird werden,« sagte Cacambo, »was immer ihr beliebt, die Weiber kommen um ihrer selbst willen niemals in Verlegenheit. Gott sorgt schon für sie, auf, auf!« »Wohin willst du mich bringen, wohin sollen wir uns wenden und was tun ohne Kunigunde?« rief Candid. »Beim heiligen Jakob von Compostella,« versetzte Cacambo, »Sie sollten doch gegen die Jesuiten zu Felde ziehen, tun wir es jetzt mit ihnen! Ich kenne die Wege gut genug, um Sie in ihr Gebiet zu führen, sie werden entzückt sein, einen Hauptmann zu haben, der das Exerzieren auf bulgarische Weise versteht, es wird Ihnen wunderbar gut ergehen! Wenn man seine Rechnung nicht in der einen Welt findet, so geschieht's schon in einer anderen, und außerdem ist's ein gewaltiger Spaß, Neues zu sehen und zu vollbringen.« »Du bist also schon in Paraguay gewesen?« fragte Candid. »Bah, natürlich, ja gewiß,« erwiderte Cacambo, »ich war Pedell im Jesuitenkollegium zu Assuncion und weiß im Gebiete der Padres so gut Bescheid wie in den Straßen von Cadix. Es ist etwas Herrliches um ihre Regierung. Ihr Reich mißt schon mehr als dreihundert Meilen im Durchmesser und ist in dreißig Provinzen geteilt. Die Padres haben dort alles und das Volk hat nichts: das Ganze ist eine wahre Meisterschöpfung der Vernunft und der Gerechtigkeit. Für mich gibt es nichts so Göttliches wie diese Padres: hier führen sie gegen den König von Spanien und den König von Portugal Krieg, und in Europa nehmen sie denselben Königen die Beichte ab, hier bringen sie die Spanier um, und in Madrid befördern sie sie in den Himmel, das entzückt mich wahrlich. Nur schnell voran, Sie werden der glücklichste Mensch von der Welt werden. Welche Freude werden die Padres nicht haben, wenn sie erfahren, daß ein Hauptmann zu ihnen kommt, der das bulgarische Exerzieren versteht.« Sobald sie das erste Grenzgatter erreicht hatten, sagte Cacambo dem Vorposten, ein Hauptmann wünsche Seine Hochwürden den Kommandanten zu sprechen. Die Hauptwache ward benachrichtigt und ein paraguayischer Offizier eilte zum Kommandanten, um ihm die Nachricht zu übermitteln. Candid und Cacambo wurden zunächst entwaffnet und ihre beiden andalusischen Pferde mit Beschlag belegt. Darauf wurden die beiden Ankömmlinge zwischen zwei Reihen von Soldaten entlang geführt, am Ende stand der Kommandant, den Dreimaster auf dem Kopf, den Rock aufgeknöpft, den Degen an der Seite und das Sponton in der Hand. Er gab ein Zeichen und sofort umringten achtzig Soldaten die beiden Fremden. Ein Unteroffizier sagte ihnen, sie müßten noch warten, der Kommandant könne sie noch nicht sprechen, da Seine Hochwürden der Pater Provinzial keinem Spanier erlaube, in seiner Abwesenheit den Mund aufzutun und länger als drei Stunden im Lande zu verweilen. »Und wo befindet sich der ehrwürdige Pater Provinzial?« fragte Cacambo. »Er hat eben seine Messe gelesen und nimmt jetzt eine Besichtigung über die Truppen ab, erst in drei Stunden könnt Ihr seine Sporen küssen.« »Aber«, sagte Cacambo, »der Herr Hauptmann hier, der ebenso wie ich fast vor Hunger stirbt, ist kein Spanier, sondern ein Deutscher, könnten wir da nicht frühstücken, während wir Seine Hochwürden erwarten?« Der Unteroffizier machte auf der Stelle dem Kommandanten von dieser Unterredung Mitteilung. »Gott sei gelobt,« rief dieser, »wenn er ein Deutscher ist, darf ich mit ihm sprechen, führet ihn in meine Laube.« Sofort ward nun Candid in ein Laubgezelt geführt, um das ein sehr hübscher Säulengang aus goldenem und grünem Marmor und ein Gitterwerk lief, hinter dem Papageien, Kolibris, Fliegenfänger, Birkhühner und noch andere seltene und seltenste Vögel gefangen saßen. Ein vortreffliches Frühstück wurde auf goldenem Geschirr aufgetragen, und während die Paraguayer draußen auf dem Felde in der Sonnenglut Mais aus Holznäpfen aßen, betrat Seine Hochwürden der Herr Pater Kommandant die Laube. Er war ein ausnehmend schöner junger Mann mit einem vollen, sehr weißen, rotwangigen Gesicht. Seine Brauen waren hochgewölbt, sein Auge lebhaft, seine Ohren rot, seine Lippen blühend und sein Benehmen stolz, aber weder in der Art eines Spaniers noch der eines Jesuiten. Man gab Candid und Cacambo ihre Waffen, die man ihnen abgenommen, und ebenso ihre andalusischen Pferde wieder. Cacambo fütterte sie dicht neben der Laube mit Hafer und ließ sie aus Furcht vor einer Überraschung nicht aus den Augen. Candid küßte zuerst dem Kommandanten den Saum seines Gewandes, und darauf setzten sie sich zu Tisch. »Sie sind also ein Deutscher?« fragte ihn der Jesuit auf Deutsch. »Ja, mein hochwürdiger Pater,« antwortete Candid. Und während sie diese Worte sprachen, blickten sie einander mit äußerster Verwunderung und einer Bewegung an, deren sie kaum Herr zu werden vermochten. »Und aus welcher Gegend Deutschlands sind Sie?« fragte der Jesuit. »Aus der schmutzigen Provinz Westfalen,« erwiderte Candid; »ich bin im Schlosse Tundertentronck geboren.« »Himmel, ist es möglich?« schrie der Kommandant. »Welch ein Wunder!« rief Candid. »Sind Sie es wirklich?« fragte der Kommandant. »Nein, es ist nicht möglich,« rief Candid. Fast fielen sie alle beide auf den Rücken, und dann umarmten sie sich und vergossen Ströme von Tränen. »Wie, Sie sind es wirklich, Hochwürden, Sie, der Bruder der schönen Kunigunde, Sie, der Sie von den Barbaren getötet wurden, Sie, der Sohn des Herrn Barons, Sie stehen als Jesuit von Paraguay vor mir! Wahrlich, man muß zugeben, daß es etwas Seltsames um diese Welt ist. Oh Pangloß, Pangloß, wärest du nicht gehängt worden, wie würdest du dich freuen.« Der Kommandant schickte die Negersklaven und Paraguayer, welche Wein in Becher aus Bergkristall schenkten, hinaus. Tausendmal dankte er Gott und dem heiligen Ignaz und schloß Candid in seine Arme, und ihre Gesichter schwammen in Tränen. »Noch erstaunter und gerührter werden Sie sein,« sprach Candid, »wenn ich Ihnen nun sage, daß Ihre Schwester, die Sie aufgeschlitzt wähnten, in voller Gesundheit blüht und in Ihrer Nachbarschaft weilt.« »Wo?« »Bei dem Governador von Buenos Aires; ich meinerseits kam her, um in den Krieg zu ziehen.« Jedes neue Wort, das in dieser langen Unterredung gesprochen wurde, häufte Wunder auf Wunder. Ihre Herzen kamen auf ihre Zungen, lauschten in ihren Ohren und funkelten in ihren Augen. Da sie Deutsche waren, blieben sie lange bei Tisch, und während sie der Ankunft Seiner Hochwürden des Paters Provinzial harrten, sprach der Kommandant folgendermaßen zu seinem lieben Candid:   Fünfzehntes Kapitel: Wie Candid den Bruder seiner teuren Kunigunde tötete. »Mein ganzes Leben werde ich den Tag nicht vergessen, an dem ich meinen Vater und meine Mutter töten und meiner Schwester Gewalt antun sah. Als die Bulgaren sich wieder verzogen hatten, war meine anbetungswürdige Schwester nirgends aufzufinden. Meinen Vater, meine Mutter, mich, zwei Mägde und zwei kleine erdrosselte Knaben legte man auf einen Karren, um uns zwei Stunden von dem Schlosse meiner Väter entfernt in einer Jesuitenkapelle beizusetzen. Ein Jesuit besprengte uns mit Weihwasser, es war schrecklich salzig. Einige Tropfen davon kamen mir in die Augen, und da sah der Pater, daß meine Lider unmerklich zuckten, er legte mir seine Hand aufs Herz und fühlte, daß es schlug: ich war gerettet, und schon nach Verlauf von drei Wochen merkte man mir nichts mehr an! Sie wissen, mein teurer Candid, daß ich ausnehmend hübsch war, und ich ward noch hübscher, so empfand denn der hochwürdige Pater Crust, der Oberprior, auch die zärtlichste Freundschaft für mich; er gab mir das Novizenkleid, und einige Zeit darauf wurde ich nach Rom gesandt. Der Pater General brauchte einen Nachwuchs junger deutscher Jesuiten. Die gebietenden Herren von Paraguay nehmen spanische Jesuiten so wenig als möglich an, sondern geben den Fremden den Vorzug, weil sie sie besser zu beherrschen glauben. Ich wurde von Seiner Hochwürden dem Pater General für würdig gehalten, diesen Weinberg des Herrn hier zu bestellen: wir reisten also ab, ein Pole, ein Tyroler und ich. Gleich nach meiner Ankunft ward mir die Ehre eines Subdiakonats und einer Leutnantsstelle zuteil, heute bin ich Obrist und Priester. Wir wollen die Truppen des Königs von Spanien schon kräftiglich empfangen, ich bürge Ihnen dafür, daß sie exkommuniziert und geschlagen werden. Die Vorsehung hat Sie zu unserem Beistande hergesandt. Ist es aber auch wirklich wahr, daß sich meine geliebte Schwester in der Nähe bei dem Governador von Buenos Aires aufhält?« Candid schwur, daß es die reine Wahrheit sei, und wieder begannen ihre Tränen zu fließen. Der Baron wurde nicht müde, Candid zu umarmen, und nannte ihn seinen Bruder und seinen Retter. »Ach,« sagte er, »vielleicht, mein lieber Candid, können wir zusammen in die Stadt einziehen und meine Schwester Kunigunde befreien.« »Das ist mein einziger Wunsch,« erwiderte Candid, »denn ich trug mich mit dem Gedanken, sie zu heiraten, und erhoffe es auch heute noch.« »Sie Unverschämter,« erwiderte der Baron, »Sie sollten die Frechheit besitzen wollen, meine Schwester zu heiraten, welche zweiundsiebzig Ahnen hat? Ich finde es überaus dreist von Ihnen, daß Sie mir von einer so anmaßenden Absicht überhaupt zu sprechen wagen.« Starr über eine derartige Äußerung erwiderte Candid: »Hochwürdiger Pater, alle Ahnen von der Welt kommen dabei nicht in Betracht. Ich befreite Ihre Schwester aus den Armen eines Juden und eines Inquisitors, sie ist mir also einigermaßen verpflichtet, und außerdem will sie mich heiraten. Magister Pangloß hat mir stets gesagt, alle Menschen seien gleich, ich werde sie also ohne alle Frage ehelichen.« »Das wollen wir noch erst sehen, du Schurke!« schrie der Jesuitenbaron von Tundertentronck, und zugleich versetzte er Candid einen tüchtigen Hieb mit der flachen Klinge ins Gesicht. Augenblicklich zog nun auch Candid seinen Degen und stieß ihn dem Jesuitenbaron bis ans Heft in den Leib; als er ihn jedoch noch rauchend wieder herauszog, fing er zu weinen an. »Ach mein Gott,« klagte er, »ich habe meinen ehemaligen Herrn, meinen Schwager habe ich getötet. Ich bin der beste Mensch von der Welt und habe schon drei Menschen umgebracht, und darunter gar zwei Priester.« Cacambo hatte am Eingang der Laube Wache gehalten und eilte nun herzu. »Uns bleibt nichts weiter übrig, als unser Leben wenigstens so teuer wie möglich zu verkaufen,« sprach sein Herr zu ihm, »denn zweifellos wird man bald in die Laube kommen; mit den Waffen in der Hand wollen wir sterben.« Cacambo, der schon ganz andere Dinge erlebt hatte, verlor nicht derart den Kopf, er nahm das Jesuitengewand, das der Baron trug, und streifte es Candid über, setzte ihm auch den eckigen Hut des Toten auf und hieß ihn zu Pferd steigen; alles das geschah in einem Augenblick. »Auf, was die Eisen halten, Herr,« rief er, »jedermann wird Sie für einen Jesuiten nehmen, der Befehle zu überbringen hat, wir sind jenseits der Grenze, ehe man uns nachsetzen kann.« Während er diese Worte sprach, jagte er bereits dahin und schrie auf spanisch: »Platz, Platz für den hochwürdigen Pater Obrist.«   Sechzehntes Kapitel: Was den beiden Reisenden mit zwei Mädchen, zwei Affen und mit Wilden begegnete, die Ohrlappen hießen. Candid und sein Diener waren schon längst über die Grenzgatter hinaus, ehe noch jemand im Lager etwas von dem Tode des deutschen Jesuiten erfahren hatte. Der umsichtige Cacambo hatte das Felleisen sorglichst mit Brot, Schokolade, Schinken, Früchten und einigen Maß Wein angefüllt, und sie drangen auf ihren andalusischen Pferden in ein unbekanntes Land vor, in dem sie keinen Weg zu entdecken vermochten. Endlich breitete sich eine schöne, von Bächen durchzogene Wiese vor ihnen aus, und unsere beiden Reisenden ließen ihre Reittiere darauf weiden. Cacambo schlug seinem Herrn einen Imbiß vor und ging ihm mit gutem Beispiele voran. »Wie kannst du erwarten,« sagte Candid, »daß ich Schinken esse, nachdem ich eben den Sohn des Herrn Barons getötet habe und mich dazu verdammt sehe, die schöne Kunigunde niemals in meinem Leben wiederzusehen! Was nützt es mir überhaupt, meine elenden Tage weiter zu fristen, da ich sie ja doch fern von ihr in Reue und Verzweiflung verbringen muß! Und was wird gar das Journal von Trevoux darüber sagen?« Während er alles dieses vorbrachte, haute er jedoch nichtsdestoweniger tüchtig ein. Die Sonne sank, und die beiden Verirrten hörten ein schwaches Geschrei, das von Frauen ausgestoßen zu werden schien. Sie konnten nicht unterscheiden, ob es Schmerzenslaute oder Freudenrufe waren, aber sie sprangen in jener Unruhe und Erregtheit, welche der geringste Laut in einem fremden Lande in uns hervorbringt, auf die Füße und sahen nun, daß jenes Geschrei von zwei völlig nackten Mädchen ausgestoßen wurde, welche leichtfüßig am Rande der Wiese dahinliefen, während zwei Affen sie verfolgten und ihnen in die Hinterbacken bissen. Candid wurde von Mitleid ergriffen. Bei den Bulgaren hatte er schießen gelernt und konnte eine Haselnuß im Busche treffen, ohne die Blätter auch nur zu streifen. Er nahm also seine spanische Doppelflinte, schoß und streckte die beiden Affen nieder. »Gelobt sei Gott, mein lieber Cacambo,« rief er, »ich habe die beiden armen Geschöpfe aus einer gar großen Gefahr errettet, und war's eine Sünde, einen Inquisitor zu töten, so habe ich sie durch die Lebensrettung zweier Mädchen gewißlich wieder gut gemacht. Vielleicht sind es Fräulein von Stande und das Abenteuer bringt uns die größten Vorteile im Land.« Er wollte fortfahren, aber das Wort erstarb ihm im Munde, als er gewahrte, wie die zwei Mädchen die beiden Affen zärtlich umarmten, über ihren toten Leibern in Tränen zerflossen und die Luft mit schmerzlichstem Wehgeschrei erfüllten. »Auf eine derartige Herzensgüte war ich allerdings nicht gefaßt gewesen,« sagte Candid schließlich zu Cacambo. Dieser erwiderte: »Sie haben da etwas Nettes angestellt, gnädiger Herr, Sie haben nämlich diesen beiden Fräuleins ihre Liebhaber getötet.« »Ihre Liebhaber, es ist nicht möglich, du machst dich über mich lustig, Cacambo. Das sollte ich dir glauben!« »Mein lieber Herr,« erwiderte nun Cacambo, »Sie setzt stets alles in Erstaunen, warum finden Sie es denn gar so absonderlich, daß es in einigen Ländern Affen gibt, denen die Gunst der Damen zuteil wird? Sie sind eben Viertelsmenschen, wie ich ein Viertelsspanier bin.« »Ach,« rief Candid, »ich entsinne mich, aus Magister Pangloß' Munde die Behauptung gehört zu haben, einstmals sei ähnliches vorgekommen und die Frucht dieser Paarungen seien Pane, Faune und Satyrn gewesen. Viele bedeutende Persönlichkeiten des Altertums sollen solche Wesen sogar gesehen haben, aber ich habe das stets für Märchen gehalten.« »Nun müssen Sie doch aber wohl oder übel überzeugt sein, daß es eine Wahrheit ist,« sagte Cacambo. »Sie sehen auch, wie Wesen, die keine bestimmte Erziehung genossen, sie sich zunutze machen! Ich fürchte jedoch, diese Damen möchten uns noch eine schlimme Suppe einbrocken.« Diese nur allzu begründeten Befürchtungen veranlaßten Candid, die Wiese zu verlassen und sich im Buschwerk zu verbergen. Dort aß er mit Cacambo zu Nacht, und nachdem alle beide den Inquisitor von Portugal, den Governador von Buenos Aires und den Baron verflucht hatten, schliefen sie auf dem Moose ein. Beim Erwachen vermochten sie kein Glied zu rühren; das kam daher, weil die Ohrlappen, die Bewohner des Landes, an welche die beiden Damen sie verraten, sie während der Nacht mit Baststricken geknebelt hatten; sie sahen sich rings von ungefähr fünfzig völlig nackten, mit Bogen, Keulen und Steinbeilen bewaffneten Ohrlappen umgeben; die einen kochten Wasser in einem großen Kessel, andere spitzten Bratspieße zu und alle schrien: »Er ist ein Jesuit, er ist ein Jesuit, wir sind gerächt und wollen uns den Braten schmecken lassen. Hurra, Jesuitenbraten, Jesuitenbraten!« »Hatte ich es Ihnen nicht gesagt, mein lieber Herr, daß diese beiden Mädchen uns einen üblen Streich spielen würden,« sagte traurig Cacambo. Candid bemerkte den Kochkessel und die Spieße und rief: »Wir sollen offenbar gekocht oder gebraten werden! Oh, was würde Magister Pangloß sagen, wenn er sähe, wie es hier um die unverfälschte Natur steht! Alles ist herrlich auf dieser Welt, meinetwegen, aber dennoch muß ich gestehen, daß es ein gar grausam Ding ist, Fräulein Kunigunde verloren zu haben und von den Ohrlappen an den Bratspieß gesteckt zu werden.« Cacambo verlor niemals den Kopf: »Sie brauchen noch nicht zu verzweifeln,« sagte er zu dem trostlosen Candid, »ich verstehe die Mundart dieser Völkerschaft ein wenig und will zu ihnen reden.« »Verfehle nur ja nicht, ihnen vorzuhalten, wie abscheulich unmenschlich es ist, Menschen zu rösten und wie wenig christlich dazu.« »Meine Herren,« sagte Cacambo, »Sie scheinen sich der Hoffnung hinzugeben, heute noch einen Jesuiten zu verspeisen. Das ist recht getan, man kann in der Tat mit seinen Feinden gar nichts besseres anfangen. Das Naturrecht lehrt uns, unsere Nächsten zu töten, und so hält man es denn auch auf der ganzen Erde. Wenn das Recht, ihn auch zu verspeisen, bei uns jedoch nicht gebräuchlich ist, so kommt es daher, weil wir viele andere Dinge haben, um uns daran gütlich zu tun; Ihnen hingegen stehen die gleichen Hilfsquellen nicht zu Gebote, und sicherlich ist es verständiger, seine Feinde zu verspeisen, als die Früchte seines Sieges den Raben und Krähen preiszugeben. Ihre Freunde jedoch, meine Herren, würden Sie niemals verspeisen wollen, nicht wahr? Sie sind nun des Glaubens, einen Jesuiten an den Bratspieß zu stecken, und dabei ist er Ihr Beschützer! Sie würden in ihm den Feind Ihrer Feinde braten. Was mich angeht, so bin ich in Ihrem Lande geboren; der Herr dort ist mein Gebieter. Weit davon entfernt, ein Jesuit zu sein, hat er sogar einen Jesuiten getötet und trägt dessen Kleider, daher rührt das Mißverständnis. Um die Wahrheit dessen festzustellen, was ich Ihnen sage, brauchen Sie nur seinen Rock zu nehmen und ihn an das erste beste Grenzgatter der Padres zu tragen. Dort erkundigen Sie sich dann bitte, ob mein Herr nicht einen Jesuitenoffizier getötet hat, das nimmt Ihnen ja nur wenig Zeit, und sollten Sie finden, daß ich Sie belogen habe, so können Sie uns noch immer verspeisen, habe ich dagegen die Wahrheit gesagt, so kennen Sie, des bin ich gewiß, die Grundsätze des Völkerrechtes und die Bräuche und Sitten viel zu gut, um uns nicht Gnade widerfahren zu lassen.« Die Ohrlappen fanden diese Rede sehr verständig, sie entsandten darum zwei Häuptlinge, um sich eiligst nach der Wahrheit zu erkundigen, und diese beiden Abgeordneten entledigten sich ihres Auftrages geschickt und klug und kehrten gar bald mit guten Nachrichten zurück. Die Ohrlappen banden ihre beiden Gefangenen los, erwiesen ihnen alle nur erdenklichen Höflichkeiten, boten ihnen ihre Mädchen an, reichten ihnen Erfrischungen, geleiteten sie bis an die Grenzen ihrer Staaten und riefen jubelnd: »Er ist kein Jesuit, er ist kein Jesuit.« Candid konnte gar nicht müde werden, sich über den Grund seiner Befreiung zu verwundern. »Welch ein Volk,« rief er, »welche Menschen, welche Anschauungen! Hätte ich nicht das Glück gehabt, einen tüchtigen Degenstoß quer durch den Leib des Bruders der Fräulein Kunigunde zu führen, so wäre ich erbarmungslos verspeist worden. Aber im Grunde ist die unverfälschte Natur eben dennoch gut, da mir diese Leute ja, anstatt mich aufzuessen, tausend Freundlichkeiten erwiesen haben, sobald sie nur erst erfahren hatten, daß ich kein Jesuit sei.«   Siebzehntes Kapitel: Ankunft Candids und seines Dieners im Lande Eldorado und was sie dort sahen. Als sie an die Grenzen der Ohrlappen gelangt waren, sprach Cacambo zu Candid: »Wie Sie sehen, ist diese Halbkugel um nichts besser als die andere! Das beste ist, wir kehren auf dem kürzesten Wege nach Europa zurück.« »Nach Europa zurückkehren!« rief Candid. »Und wohin, in meine Heimat kann ich nicht gehen, denn dort erwürgen die Bulgaren und die Avaren alles, was ihnen unter die Hände kommt. Gehe ich nach Portugal, werde ich verbrannt! Bleiben wir jedoch hier, so laufen wir allerdings jeden Augenblick Gefahr, an den Bratspieß gesteckt zu werden, aber wie sollte ich mich je entschließen können, den Weltteil zu verlassen, den Fräulein Kunigunde bewohnt?« »Wenden wir uns nach Cayenne,« sagte Candid, »dort werden wir Franzosen finden, denn die trifft man überall, sie könnten uns vielleicht beistehen. Gott wird sich unser erbarmen.« Nach Cayenne zu gelangen, war nicht so leicht; sie wußten wohl ungefähr, nach welcher Himmelsrichtung sie sich wenden mußten, aber allenthalben bildeten Gebirge, Flüsse, Abgründe, Räuber und Wilde die erschrecklichsten Hindernisse. Ihre Pferde verreckten vor Ermüdung, ihr Mundvorrat ging zu Ende, einen ganzen Monat lang nährten sie sich von wilden Früchten, und schließlich gelangten sie an das Ufer eines kleinen, von Kokospalmen eingefaßten Flüßchens. Mit den Früchten dieser Bäume fristeten sie ihr Leben und ihre Hoffnung. Cacambo, der stets ebenso gute Ratschläge gab wie die Alte, sprach zu Candid: »Wir können nicht mehr weiter, wir haben, weiß Gott, genug marschiert, aber ich sehe dort ein leeres Boot am Ufer, wir wollen es mit Kokosnüssen anfüllen, uns selber hineinlegen und uns treiben lassen. Ein Fluß führt stets zu irgend einem bewohnten Ort, und wenn wir dort auch nicht auf etwas Angenehmes stoßen, so doch auf etwas Neues.« »Auf,« sagte Candid, »wir wollen uns der Vorsehung anheimgeben.« Einige Meilen lang trieben sie zwischen bald blühenden, bald dürren, bald flachen und bald steilen Gestaden dahin. Der Fluß ward breiter und breiter und verlor sich endlich unter einer Wölbung aus grausigen, himmelanstarrenden Felsen. Die beiden Reisenden waren kühn genug, sich dem Strome unter dieser Wölbung anzuvertrauen, und der an dieser Stelle eingeengte Fluß trug sie mit einer furchtbaren Schnelligkeit unter schrecklichem Brausen dahin. Nach vierundzwanzig Stunden sahen sie das Tageslicht wieder, aber ihr Boot zerschellte an Klippen. Eine ganze Stunde mußten sie sich von Fels zu Fels schwingen, und schließlich gewahrten sie einen unermeßlich gedehnten Himmelsrand, der von unübersteigbaren Gebirgen gesäumt war. Das Land rings war sowohl zur Freude wie zur Stillung der Lebensnotdurft bebaut, und überall war das Nützliche zugleich auch angenehm. Die Wege waren bedeckt oder vielmehr geschmückt mit herrlich geformten Wagen aus einem glänzenden Stoff, drinnen saßen Männer und Frauen von seltsamer Schönheit, und das Ziehen besorgten große rote Hammel, die an Schnelligkeit die schönsten Pferde von Andalusien, Tetuan und Mequinez übertrafen. »Also dennoch endlich ein Land, das schöner ist als Westfalen,« rief Candid. In der Nähe des ersten Dorfes, das sie antrafen, betrat er mit Cacambo den Boden. Ein paar in völlig; zerfetzten Goldbrokat gekleidete Jungens spielten am Eingang des Fleckens Steinwerfen, und unsere beiden Freunde aus der anderen Welt ergötzten sich an diesem Anblick. Die Steine, mit denen die Jungen spielten, waren ziemlich breit und rund und gelb, rot und grün, und glitzerten gar seltsam. Es kam den Reisenden die Lust an, einige dieser Steine aufzuheben, sie hielten Gold und Smaragd und Rubine in den Händen, deren kleinster am Thron des Mogul ein kostbarster Schmuck gewesen wäre. »Zweifelsohne sind diese Knaben, die hier Steinwerfen spielen, die Söhne des Landeskönigs,« sagte Cacambo. In diesem Augenblick erschien der Dorfschulmeister, um sie in die Schule zu jagen. »Dort kommt der Hofmeister der königlichen Familie,« sagte Candid. Die kleinen Strolche hörten sofort zu spielen auf und ließen ihre Wurfsteine und womit sie sich sonst noch vergnügt hatten, am Boden liegen. Candid hob alles auf und lief dem Hofmeister nach, reichte es ihm ehrerbietig und gab ihm durch Zeichen zu verstehen, daß ihre königlichen Hoheiten ihr Gold und ihre Edelsteine vergessen hätten. Der Dorfschulmeister ließ die Steine lächelnd zu Boden fallen, blickte Candid einen Augenblick lang äußerst überrascht ins Gesicht und setzte dann seinen Weg fort. Die Reisenden verfehlten nicht, das Gold, die Rubine und die Smaragde aufzulesen. »Wo sind wir nur?« rief Candid, »die Kinder der Könige dieses Landes müssen gar gut erzogen werden, da man sie lehrt, Gold und Edelsteine zu verachten.« Cacambo war ebenso verwundert wie Candid. Sie gelangten schließlich vor das letzte Haus des Dorfes. Es war wie ein europäischer Palast erbaut. Vor der Tür und noch mehr im Innern drängte sich eine große Menschenmenge. Man vernahm eine überaus wohltuende Musik, und ein lieblicher Küchengeruch schwängerte die Luft. Cacambo näherte sich der Tür und hörte, daß man peruvianisch sprach, das war seine Muttersprache, denn wie jedermann weiß, war Cacambo in Tucuman geboren, einem Dorfe, in dem man keine andere Sprache kennt. »Treten wir ein,« sagte er zu Candid, »es ist ein Wirtshaus, ich will Ihnen als Dolmetscher dienen.« Sofort luden sie zwei in Goldstoffe gekleidete Kellner und Kellnerinnen, deren Haare mit Bändern umwunden waren, ein, am Gasttische Platz zu nehmen. Man trug vier mit je zwei Papageien garnierte Suppen auf, einen gekochten zweihundert Pfund schweren Geier, zwei gebratene Affen von ausgezeichnetem Geschmack, dreihundert Kolibris und sechshundert Fliegenfänger je auf einer Schüssel, auserlesene Ragouts und köstliche Backwaren und das alles in Schüsseln aus einer Art Bergkristall, und unaufhörlich gössen die Kellner und Kellnerinnen die verschiedensten Zuckerrohrliköre ein. Die Gäste waren fast alle über die Maßen höfliche Kaufleute und Wagenführer, die alle mit behutsamster Zurückhaltung an Cacambo einige Fragen richteten und die seinen auf die zuvorkommendste Weise beantworteten. Nach Beendigung der Mahlzeit glaubten Cacambo sowohl wie Candid ihre Zeche reichlich zu bezahlen, indem sie zwei jener großen Goldstücke, die sie aufgehoben, auf den Gasttisch warfen. Der Wirt und die Wirtin brachen in lautes Gelächter aus und hielten sich lange die Seiten. Endlich faßten sie sich. »Meine Herren,« sprach der Wirt, »wir sehen wohl, daß Sie Fremdlinge sind, und das begegnet uns nicht oft, verzeihen Sie daher, daß wir zu lachen anfingen, als Sie uns als Bezahlung die Kieselsteine unserer Landstraßen anboten! Wahrscheinlich haben Sie noch keine Landesmünze, aber um hier zu essen, bedarf es dessen auch gar nicht, alle zur Bequemlichkeit der Handeltreibenden eingerichteten Gasthäuser werden von der Regierung bezahlt. Sie haben hier nicht allzu gut gespeist, weil Sie sich in einem armen Dorfe befinden, überall sonst jedoch werden Sie geziemend aufgenommen werden.« Cacambo verdolmetschte Candid die Rede des Wirtes, und dieser vernahm sie mit derselben Verwunderung und Verwirrung, mit der sein Freund Cacambo sie ihm vortrug. »Was muß das nur für ein Land sein?« riefen beide, »ein Land, das der ganzen übrigen Welt unbekannt, und dessen Natur so völlig anders geartet ist als jene, die wir kennen. Wahrscheinlich ist es das Land, wo alles zum besten eingerichtet ist, denn eines dieser Art muß notwendig irgendwo sein, und was Meister Pangloß auch darüber sagen mag, ich habe nur allzu oft wahrgenommen, daß es in Westfalen um alles gar herzlich schlecht bestellt ist.«   Achtzehntes Kapitel: Was sie im Lande Eldorado sahen. Cacambo bekannte dem Wirt seine ganze Neugierde. Der Wirt erwiderte: »Ich meinerseits bin äußerst unwissend und befinde mich sehr wohl dabei, aber es lebt hier ein alter Greis, der sich von Hofe zurückgezogen hat. Er ist der gelehrteste Mann des Landes und sehr mitteilsam.« Und sofort führte er Cacambo zu dem Greise. Candid spielte nur noch die zweite Rolle und zog hinter seinem Diener drein. Sie betraten ein sehr schlichtes Haus, denn die Tür war nur aus Silber und die Täfelung nur aus Gold, diese jedoch war mit solchem Geschmacke geschnitzt, daß die reichsten europäischen Täfelungen daneben nicht zu bestehen vermocht hätten. Das Vorzimmer war allerdings nur mit Rubinen und Smaragden ausgelegt, aber die Anordnung der Reihen und Verflechtungen war so trefflich, daß man die ungemeine Einfachheit darüber vergaß. Der Greis empfing die beiden Fremden auf einem mit Kolibrifedern ausgestopften Sofa und ließ ihnen in Diamantgläsern Liköre vorsetzen. Darauf befriedigte er ihre Wißbegier mit den folgenden Ausführungen: »Ich bin einhundertundzweiundsiebenzig Jahre alt und habe von meinem verstorbenen Herrn Vater, dem Stallmeister des Königs, noch von den erstaunlichen Revolutionen in Peru sprechen gehört, deren Augenzeuge er gewesen. Das Reich, in dem wir uns hier befinden, ist das alte Vaterland der Inkas, die es sehr unklugerweise verließen, um sich einen Teil der Welt zu erobern, und die dann schließlich von den Spaniern vernichtet wurden. Die Fürsten ihres Geschlechts, welche in ihren Geburtsländern verblieben, waren weiser; unter Zustimmung ihres ganzen Volkes befahlen sie, daß fortan niemals mehr ein Einwohner unser kleines Königreich verlassen dürfte. Dieses Gebot hat uns unsere Unschuld und unsere Glückseligkeit erhalten. Die Spanier haben eine dunkle Ahnung von unserem Lande gefaßt und es Eldorado genannt, und ein Engländer, Ritter Raleigh mit Namen, hatte sich ihm vor ungefähr hundert Jahren sogar genähert. Da wir jedoch von unzugänglichen Felsen und Abgründen umschlossen sind, sind wir bisher stets von der Raubgier der europäischen Völker verschont geblieben, als welche alle eine unbegreifliche Sucht nach den Steinen und dem Schlamme unseres Bodens haben und uns um dieses Besitzes willen bis auf den letzten Mann töten würden.« Die Unterhaltung dauerte sehr lange, drehte sich um die Verfassung, die Sitten, die Frauen, die öffentlichen Schauspiele und die Künste, und endlich ließ Candid, der stets eine besondere Neigung zur Metaphysik hatte, durch Cacambo fragen, ob es eine Religion im Lande gäbe? Der Greis errötete ein wenig: »Wie denn? Könnten Sie daran zweifeln,« sagte er, »halten Sie uns für undankbar?« Cacambo fragte nun ehrerbietig, welche Religion Eldorado besäße? Wieder errötete der Greis: »Kann es denn überhaupt«, fragte er, »zwei Religionen geben? Wie ich glaube, bekennen wir uns zu der Religion, zu der sich die ganze Welt bekennt, wir verehren Gott vom Morgen bis zum Abend.« »Beten Sie nur einen einzigen Gott an?« fragte Cacambo, der ein steter Dolmetscher der Zweifel Candidens war. »Offenbar gibt es ihrer weder zwei, noch drei, noch vier,« erwiderte der Greis, »ich muß Ihnen gestehen, daß Leute aus Ihrer Welt gar absonderliche Fragen stellen.« Candid konnte es gar nicht müde werden, sich bei diesem gütigen Greise nach allem zu erkundigen, und so wollte er denn auch wissen, wie man in Eldorado zu Gott bete. »Wir bitten nicht,« erwiderte der gute ehrwürdige Weise, »wir haben ihn um nichts zu bitten, er hat uns alles gegeben, dessen wir bedürfen, wir danken ihm nur ohne Unterlaß.« Candid war neugierig genug, Priester sehen zu wollen, und fragte, wo sie sich aufhielten. Der gute Greis lächelte: »Meine Freunde, wir alle sind Priester, der König und alle Familienhäupter singen jeden Morgen Dankeshymnen, und fünf- oder sechstausend Musiker begleiten sie.« »Wie, Sie haben keine Mönche, welche lehren, streiten, herrschen, Kabalen spinnen und die Leute verbrennen lassen, die nicht einer Meinung mit ihnen sind?« »Wir müßten ja toll sein,« erwiderte der Greis, »wir sind alle einer Meinung und verstehen nicht, was Ihr mit Euren Mönchen sagen wollt.« Candid geriet über all diese Mitteilungen außer sich und sprach zu sich selber: das alles ist doch recht verschieden von Westfalen und dem Schlosse des Herrn Barons; hätte unser Freund Pangloß Eldorado gesehen, so würde er nicht mehr behaupten, das Schloß Tundertentronck sei das beste, was es auf Erden gibt! Man muß ohne Frage Reisen machen. Nach dieser langen Unterredung ließ der Greis einen Wagen mit sechs Hammeln bespannen und gab den beiden Reisenden zwölf seiner Diener zur Begleitung mit, um sie nach Hofe zu bringen. »Entschuldigen Sie,« sprach er zu ihnen, »wenn mein Alter mich zum Verzicht auf die Ehre zwingt, Sie zu begleiten. Der König wird Sie so aufnehmen, daß Sie zufrieden sein können, und Sie werden es den Bräuchen des Landes freundlichst nachsehen, wenn Ihnen einige darunter mißfallen sollten.« Candid und Cacambo bestiegen den Wagen, die sechs Hammel flogen dahin, und in weniger als vier Stunden gelangten sie vor den Palast des Königs, der am Ende der Hauptstadt gelegen war. Das Eingangsportal maß zweihundertundzwanzig Fuß in der Höhe und hundert in der Breite, das Material, aus dem es gefertigt, ließ sich nicht bestimmen: welche außerordentliche Kostbarkeit es jedoch vor jenen Kieseln und jenem Sande voraus hatte, die wir Gold und Edelsteine nennen, war ohne weiteres offenbar. Zwanzig schöne Mädchen der Leibgarde empfingen Candid und Cacambo beim Verlassen des Wagens, führten sie in die Bäder und legten ihnen Gewänder an, die aus Kolibridaunen gewirkt waren. Darauf geleiteten sie die hohen Würdenträger und Würdenträgerinnen der Krone durch zwei aus je tausend Musikern bestehende Reihen dem gewöhnlichen Brauche gemäß in das Gemach Seiner Majestät. Als sie sich dem Thronsaal näherten, fragte Cacambo einen der Würdenträger, wie man sich bei der Begrüßung Seiner Majestät zu benehmen habe, ob man sich vor ihm nur ins Knie senke oder platt auf den Bauch lege, ob man die Hände an den Kopf oder auf den Hintern lege, ob man den Staub des Saales auflecke, mit einem Wort, welcher Art der gebräuchliche Gruß sei. »Der Brauch verlangt,« erwiderte der Würdenträger, »daß man den König umarme und ihn auf beide Wangen küsse.« Candid und Cacambo sprangen Seiner Majestät also an den Hals, und Seine Majestät empfing sie mit aller nur erdenklichen Huld und lud sie aufs höflichste zum Abendessen ein. Unterdessen zeigte man ihnen die Stadt, die öffentlichen, bis in die Wolken hinaufragenden Gebäude, die mit tausend Säulen geschmückten Marktplätze und die Springbrunnen mit klarem Wasser, die Springbrunnen mit Rosenwasser und die Springbrunnen mit Zuckerrohrlikören, welche unaufhörlich in großen, mit einer Art Edelsteinen ausgepflasterten Becken sprudelten und einen Duft verbreiteten, der dem von Gewürznelken und Zimt ähnlich war. Candid wünschte den Justizpalast und das Parlamentsgebäude zu sehen, man erwiderte ihm, dergleichen gäbe es nicht, da niemals Prozesse geführt würden. Darauf erkundigte sich Candid, ob es Gefängnisse gäbe, und man verneinte es. Was ihn jedoch noch mehr überraschte und ihm die größte Freude bereitete, war der Palast der Wissenschaften, in welchem er eine zweitausend Schritt lange Galerie sah, die ganz mit mathematischen und physikalischen Instrumenten angefüllt war. Nachdem sie den ganzen Nachmittag über ungefähr den tausendsten Teil der Stadt besichtigt hatten, führte man sie zum Könige zurück. Candid nahm zwischen Seiner Majestät, seinem Diener Cacambo und mehreren Damen Platz. Niemals ist wohl an einer Tafel besser gespeist und niemals dabei mehr Geist gezeigt worden, als Seine Majestät es tat. Cacambo verdolmetschte Candid die witzigen Einfälle des Königs, und sogar in der Übersetzung blieben sie, was sie waren, nämlich witzig. Bei allem, was Candid in Erstaunen versetzte, erstaunte ihn dieser Umstand nicht zum geringsten. Sie verbrachten einen Monat in dem gastfreien Lande. Candid wurde nicht müde, zu Cacambo zu sprechen: »Noch einmal, mein Freund, ja, es ist wahr, das Schloß, in dem ich geboren, darf sich mit dem Lande, in dem wir weilen, nicht vergleichen, aber schließlich ist Fräulein Kunigunde nicht hier, und auch du wirst sicherlich in Europa ein Liebchen zurückgelassen haben. Bleiben wir hier, so sind wir hier eben nur, was die anderen sind, kehren wir dagegen in unsere Welt zurück und nehmen nur zwölf mit den Straßenkieseln Eldorados beladene Hammel mit, so werden wir reicher sein, als alle Könige zusammengenommen, und brauchen dann keinen Inquisitor mehr zu fürchten und könnten auch Fräulein Kunigunde gar leicht zurückgewinnen.« Diese Worte behagten Cacambo. Eine gar so schöne Sache ist's ums Reisen und gar so erfreulich, von den Seinen angestaunt zu werden und sich mit dem zu brüsten, was man auf seinen Reisen gesehen hat, daß die beiden Glücklichen beschlossen, ihrem Glück ein Ende zu setzen und bei Seiner Majestät um ihre Verabschiedung einzukommen. »Sie begehen eine Dummheit,« sprach der König zu ihnen. »Ich weiß wohl, daß mein Land nicht viel zu bedeuten hat, aber wenn es einem irgendwo leidlich geht, so soll man dort bleiben. Ich habe sicherlich kein Recht, Fremdlinge zurückzuhalten, das wäre eine Tyrannei, die weder in unseren Sitten noch in unseren Gesetzen liegt. Alle Menschen sind frei, reisen Sie also, wenn Sie es durchaus wollen, aber der Weg ist einigermaßen schwierig. Den reißenden, unter Felsenwölbungen dahinschießenden Strom, den Sie wie durch ein Wunder hinabgefahren sind, können Sie unmöglich hinauffahren. Die Gebirge, welche allenthalben mein Reich einschließen, sind zehntausend Fuß hoch und steil wie Mauern, ein jedes von ihnen hat eine Breite von mehr als zehn Meilen und der Abstieg verliert sich in bodenlose Schluchten. Da Sie jedoch durchaus reisen wollen, will ich den Maschinenbaumeistern Befehl geben, eine Maschine zu erbauen, die Sie bequem befördern soll. Sind Sie jedoch erst einmal auf die jenseitigen Hänge der Gebirge gelangt, so kann Sie niemand mehr begleiten, denn meine Untertanen haben geschworen, ihre Umfriedigung niemals zu verlassen, und sie sind viel zu verständig, um diesen Schwur zu brechen. Sonst jedoch mögen Sie sich von mir erbitten, wonach Sie nur irgend Verlangen tragen.« »Wir bitten Eure Majestät nur um einige mit Lebensmitteln, Kieseln und mit dem Schlamm des Landes beladene Hammel,« sagte Cacambo. Der König lachte. »Ich begreife nicht,« sagte er, »was Ihr Europäer an unserem gelben Straßenschmutz Gefallen finden könnt, aber schleppen Sie meinethalben soviel davon mit sich, wie Sie wollen, und möge er Ihnen Segen bringen.« Auf der Stelle befahl er dann seinen Baumeistern, eine Maschine zu verfertigen, um die beiden seltsamen Männer aus seinem Reiche hinauszuwinden. Dreitausend tüchtige Meister bauten daran, sie war innerhalb vierzehn Tagen fertig und kostete nicht mehr als zwanzig Millionen Pfund Sterling Landesmünze. Candid und Cacambo wurden auf die Maschine gesetzt und fanden dort bereis zwei große, rote, gesattelte und gezäumte Hammel vor, die ihnen nach dem Überschreiten der Gebirge als Reittiere dienen sollten, ferner zwanzig mit Lebensmitteln beladene Packhammel, dreißig, welche die größten Seltsamkeiten des Landes als Geschenke trugen, und fünfzig waren mit Gold, Edelsteinen und Diamanten beladen. Der König umarmte die beiden Landstreicher aufs herzlichste. Ihre Abreise und die geistvolle Weise, in der sie und ihre Hammel bis zur Höhe der Gebirge emporgewunden wurden, gab ein schönes Schauspiel. Die Physiker verabschiedeten sich von ihnen, nachdem sie sie in Sicherheit gebracht, und Candid kannte nun keinen anderen Wunsch und kein anderes Ziel mehr, als Fräulein Kunigunden seine Hammel vorzuführen. »Wir haben nun genug,« rief er, »um den Governador von Buenos Aires zu bezahlen, wenn für Fräulein Kunigunde denn überhaupt ein Preis angesetzt werden kann. Gehen wir zunächst nach Cayenne und schiffen wir uns dort ein. Später werden wir dann schon sehen, welches Königreich wir uns kaufen können.«   Neunzehntes Kapitel: Was ihnen in Surinam widerfuhr und wie Candid mit Martin bekannt wurde. Der erste Tag verlief für unsere Reisenden überaus angenehm. Das Bewußtsein, im Besitze größerer Schätze zu sein, als Asien, Europa und Afrika zusammen aufzuweisen vermochten, ermutigte sie. Candid ritzte in seinem Freudenüberschwange den Namen Kunigunden in alle Bäume ein. Am zweiten Tage gerieten zwei ihrer Hammel in Sümpfe und versanken darin mitsamt ihren Lasten; einige Tage später verreckten zwei weitere Hammel vor Ermattung, sechs oder sieben gingen dann in einer Wüste vor Hunger ein, wieder einige Tage später stürzten wieder einige andere in einen Abgrund, so daß ihnen schließlich nach hundert Marschtagen nur noch zwei Hammel blieben. Candid sprach zu Cacambo: »Du siehst, mein Freund, wie vergänglich die Reichtümer dieser Welt sind, nur die Tugend und das Glück, Fräulein Kunigunde wiederzusehen, sind beständig.« »Ich gebe es zu,« sagte Cacambo, »schließlich sind uns aber doch noch zwei Hammel mit mehr Schätzen geblieben, als der König von Spanien jemals besitzen wird, und dort ganz hinten in der Ferne sehe ich eben eine Stadt auftauchen, wahrscheinlich ist es das in holländischem Besitz befindliche Surinam. Wir stehen nun am Ende unserer Leiden, und unsere Glückseligkeit beginnt.« Als sie der Stadt nahe gekommen, begegneten sie einem auf dem Boden liegenden Neger, der nur noch die eine Hälfte seiner Bekleidung anhatte, nämlich eine blauleinene Hose, ferner fehlten dem armen Manne das linke Bein und die rechte Hand. »Mein Gott,« rief Candid auf holländisch, »was treibst du denn hier in solch schauerlichem Zustande, mein Freund?« »Ich warte auf meinen Herrn, den Herrn Vanderdendur, den bekannten Kaufherrn,« erwiderte der Neger. »Hat dich gar Herr Vanderdendur so zugerichtet?« fragte Candid. »Ja, Herr,« antwortete der Neger, »das ist so der Brauch. Man gibt uns als ganze Kleidung zweimal jährlich eine Leinwandhose, und wenn wir in den Zuckermühlen arbeiten und das Rad reißt uns einen Finger weg, so schneidet man uns die ganze Hand ab, und wollen wir fliehen, so kommt das Bein heran, ich habe mich in beiden Fällen befunden. Um diesen Preis essen Sie Zucker in Europa! Als mich meine Mutter jedoch für zehn flandrische Taler an der Küste von Guinea verkaufte, sprach sie also zu mir: Mein liebes Kind, segne unsere Fetische und höre niemals auf, sie anzubeten, sie werden dir zu einem glücklichen Leben verhelfen. Dir wird die Ehre zuteil, ein Sklave unserer Herrn, der Weißen, zu sein, und dadurch wirst du das Glück deines Vaters und deiner Mutter. Ach, ich weiß nicht, ob ich ihnen zum Glücke verholfen habe, mir jedenfalls haben sie es nicht getan! Die Hunde, Affen und Papageien sind tausendmal weniger unglücklich als wir. Die holländischen Fetische, die mich bekehrt haben, sagen mir an jedem Sonntage, wir alle, Weiße und Schwarze, seien Adams Kinder. Ich bin kein Genealog; wenn diese Prediger jedoch die Wahrheit reden, so sind wir alle Geschwisterkinder, dann müssen Sie mir aber zugeben, daß man seine Anverwandten gar nicht schrecklicher behandeln kann.« »Oh Pangloß,« rief Candid aus, »solche Greuel hast du nicht geahnt! Es hilft nun nichts mehr, ich muß schließlich doch auf meinen Optimismus verzichten.« »Was ist das: Optimismus?« fragte Cacambo. »Ach,« erwiderte Candid, »es ist die rasende Tollheit, zu behaupten, alles sei zum besten eingerichtet, wenn es einem gerade herzlich schlecht ergeht.« Und er blickte den Neger an und vergoß Tränen, und weinend betrat er Surinam. Zu allererst erkundigten sie sich, ob es im Hafen kein Schiff gäbe, das man nach Buenos Aires schicken könne. Der, an den sie sich gewandt hatten, war nun just ein spanischer Kaufherr, und er erklärte sich bereit, einen ehrlichen Vertrag mit ihnen abzuschließen. Er bestellte sie auf eine bestimmte Stunde in ein Wirtshaus, und Candid und der treue Cacambo begaben sich hin, um ihn dort mit ihren Hammeln zu erwarten. Candid, der das Herz auf den Lippen trug, erzählte dem Spanier von allen seinen Abenteuern und gestand ihm, daß er die Absicht hege, Fräulein Kunigunde zu entführen. »Dann werde ich mich schwer hüten, Sie nach Buenos Aires zu bringen,« sagte der Schiffsherr, »ich würde gehängt werden und Sie dazu, die schöne Kunigunde ist die Lieblingsgeliebte Seiner Gnaden.« Das war ein Donnerschlag für Candid, er weinte lange. Endlich nahm er Cacambo beiseite: »Mein lieber Freund,« sprach er zu ihm, »du mußt nun folgendes tun: jeder von uns trägt für fünf oder sechs Millionen Diamanten in seiner Tasche, und du bist geschickter als ich, geh und hole Fräulein Kunigunde aus Buenos Aires. Macht der Governador Schwierigkeiten, so gib ihm eine Million, und gibt er dann noch nicht nach, so gib ihm zwei. Du hast keinen Inquisitor getötet, dir wird man nicht mißtrauen. Ich will ein anderes Schiff ausrüsten lassen und dich in Venedig erwarten; das ist ein freies Land, wo man nichts zu fürchten hat, weder von den Bulgaren, noch von den Avaren, noch von den Juden, noch von den Inquisitoren.« Cacambo begrüßte diesen weisen Entschluß: zwar war er verzweifelt darüber, sich von seinem guten Herrn, der sein inniger Freund geworden, trennen zu müssen, aber die Freude, ihm nützlich sein zu dürfen, siegte doch über den Schmerz ob, sich von ihm zu scheiden. Tränen vergießend, umarmten sie sich, und Candid legte ihm ans Herz, doch ja nicht die gute Alte zu vergessen. Cacambo reiste noch am selben Tage ab: er war wirklich ein guter Mensch, dieser Cacambo. Candid blieb noch einige Zeit in Surinam und wartete, bis ein anderer Schiffspatron sich bereit fände, ihn und die beiden Hammel, die ihm noch geblieben waren, nach Italien zu bringen. Er nahm Diener an und kaufte alles ein, was ihm für eine so lange Reise notwendig dünkte. Endlich stellte sich ihm der Besitzer eines großen Schiffes, Herr Vanderdendur, vor. »Wieviel verlangen Sie,« fragte er den Mann, »um mich geraden Wegs, mich, meine Leute, mein Gepäck und die beiden Hammel, nach Venedig zu bringen?« Der Schiffsherr forderte zehntausend Piaster, und Candid war einverstanden. »Oh, oh,« sprach der schlaue Vanderdendur zu sich selber, »dieser Fremde gibt so ohne weiteres zehntausend Piaster, er muß also wohl sehr reich sein.« Einen Augenblick darauf kam er dann zurück und erklärte, er könne unter zwanzigtausend nicht abfahren. »Wohlan, Sie sollen sie haben,« sagte Candid. »Potztausend,« sagte sich da der Kaufmann leise, »dieser Mann gibt zwanzigtausend Piaster ebenso leicht hin wie zehn.« Er kehrte also noch einmal um und behauptete, unter dreißigtausend Piastern Candid nicht nach Venedig bringen zu können. »So sollen Sie also dreißigtausend bekommen,« erwiderte Candid. »Oh, oh,« zischelte der holländische Kaufmann in sich hinein, »dreißigtausend Piaster sind für den Mann da wie ein Pfifferling. Zweifelsohne tragen die beiden Hammel unermeßliche Schätze. Doch gehen wir vorerst nicht weiter, lassen wir uns zunächst ruhig die dreißigtausend Piaster aushändigen, das übrige wird sich schon finden.« Candid verkaufte zwei kleine Diamanten, deren kleinster mehr wert war als die Summe, die der Schiffspatron verlangt hatte. Er bezahlte ihn im voraus, die beiden Hammel wurden eingeschifft, und Candid fuhr in einem kleinen Boote hinterher, um das Schiff auf der Reede zu erreichen. Der Schiffsherr jedoch benutzte die Zeit, spannte die Segel und stach bei günstigstem Winde in See. Der bestürzte und verblüffte Candid verlor ihn gar bald aus dem Gesicht. »Ach,« rief er, »dieser Streich ist wahrlich der alten Welt würdig.« Schmerzversunken kehrte er ans Ufer zurück, denn er hatte doch immerhin soviel verloren, um zwanzig Könige damit reich zu machen. Schleunigst begab er sich zum holländischen Richter, und da er noch ein wenig erregt war, klopfte er heftig an die Tür, trat ein und legte seine Sache vor und sprach wohl ein wenig lauter, als schicklich war. Der Richter fing damit an, ihn wegen des verursachten Lärms zehntausend Piaster zahlen zu lassen, darauf hörte er ihn geduldig an und versprach ihm, seine Angelegenheit zu prüfen, sobald der Kaufmann zurückgekehrt sein würde, und dann ließ er sich weitere zehntausend Piaster Gerichtskosten aushändigen. Dieses Verfahren brachte Candid vollends zur Verzweiflung; er hatte in Wirklichkeit ja schon tausendmal schmerzlicheres Mißgeschick ertragen, aber die Unverfrorenheit des Richters und des Schiffpatrons, der ihn bestohlen, erregte ihm die Galle und versenkte ihn in düstere Schwermut. Die Bösartigkeit der Menschen schwebte seinem Geist in ihrer ganzen Häßlichkeit vor, und er nährte fortan nur noch trübe Gedanken. Endlich hißte ein französisches Schiff die Wimpel, um nach Bordeaux in See zu stechen, und da Candid keine mit Diamanten beladene Hammel mehr zu verladen hatte, nahm er eine Schiffskajüte zum üblichen Preise und ließ in der Stadt bekannt machen, er würde jedem ehrlichen Manne, der ihn begleiten wolle, freie Reise, freien Unterhalt und dazu noch zweitausend Piaster gewähren, unter der einzigen Bedingung, daß dieser Mann den größten Überdruß an seinem Dasein empfinde und der unglücklichste Mensch des Landes sei. Es meldete sich eine derartige Menge von Bewerbern, daß eine ganze Flotte sie nicht zu fassen vermocht hätte. In der Absicht, unter den berechtigtsten eine engere Wahl zu treffen, schied Candid ungefähr zwanzig aus, die ihm einigermaßen gesellig erschienen, und von denen ein jeder den Vorzug zu verdienen behauptete. Er versammelte sie in einem Wirtshause und ließ ihnen unter der Bedingung, daß jeder den Schwur leiste, getreu seine Lebensgeschichte zu erzählen, ein Nachtmahl mit dem Versprechen auftragen, denjenigen von ihnen auszuwählen, der ihm am bejammernswertesten und über sein Los mit dem meisten Recht verzweifelt zu sein schiene, den anderen verhieß er Geschenke. Die Sitzung dauerte bis vier Uhr morgens. Als Candid alle die Lebensschicksale vernahm, mußte er an das denken, was die Alte ihm auf dem Wege nach Buenos Aires gesagt, und an die Wette, die sie eingegangen, daß sich nämlich niemand auf dem Schiffe befinden würde, dem nicht bereits großes Unglück widerfahren, und auch an Pangloß mußte er bei jedem Unglück denken, das ihm erzählt wurde. »In welche Enge würde Pangloß nicht geraten,« rief er aus, »müßte er hier sein System vertreten! Ach, ich wünschte, er wäre hier! Einzig und allein in Eldorado ist alles zum besten eingerichtet, sonst aber nirgends auf der Welt.« Zuletzt entschied er sich zugunsten eines armen Gelehrten, der schon zehn Jahre lang für die Verleger in Amsterdam gearbeitet hatte. Er meinte nämlich, es könne in der Welt keinen Beruf geben, der größeren Ekel einflößen müsse als dieser. Der Gelehrte, sonst übrigens ein wirklich guter Mensch, war von seiner Frau bestohlen, von seinem Sohn geschlagen und von seiner Tochter, die mit einem Portugiesen durchgegangen, verlassen worden. Einer kleinen Stellung, von der er gelebt, war er soeben verlustig gegangen, und die Priester von Surinam verfolgten ihn, weil sie ihn für einen Socinianer hielten. Es muß zugegeben werden, daß die anderen mindestens ebenso unglücklich waren wie er, aber Candid hoffte, der Gelehrte würde ihn auf der Reise zerstreuen. Alle anderen Bewerber fanden, daß Candid eine große Ungerechtigkeit wider sie begehe, aber er beschwichtigte sie durch ein Geschenk von hundert Piastern für jeden.   Zwanzigstes Kapitel: Was Candid und Martin auf dem Meere begegnete. Der alte Gelehrte, Martin mit Namen, stach also mit Candid nach Bordeaux in See. Beide hatten sie viel gesehen und viel gelitten, und wäre das Schiff auch von Surinam um das Kap der guten Hoffnung nach Japan gesegelt, sie hätten doch genug Stoff gehabt, sich während der ganzen Reise über das geistige und physische Leiden zu unterhalten. Candid hatte indessen vor Martin insofern sehr viel voraus, als er noch immer die Hoffnung auf ein Wiedersehen mit Fräulein Kunigunde nährte, während Martin überhaupt nichts mehr zu hoffen hatte, mehr noch, er besaß Gold und Diamanten, und obgleich er hundert große, rote, mit den größten Schätzen der Erde beladene Hammel eingebüßt, obgleich die Spitzbüberei des holländischen Schiffspatrons noch immer auf seinem Herzen lastete, so neigte er doch, vor allem gegen das Ende der Mahlzeiten, wenn er daran dachte, wie viel noch in seinem Beutel geblieben und wenn er von Kunigunden sprach, zum Systeme des Pangloß. »Aber Sie, Herr Martin,« sagte er zu dem Gelehrten, »wie denken Sie über alles dieses, welche Anschauungen hegen Sie über das physische und geistige Leiden?« »Herr Candid,« erwiderte Martin, »die Priester beschuldigten mich, ein Socinianer zu sein, in Wahrheit aber bin ich ein Manichäer!« »Sie machen sich über mich lustig,« sagte Candid, »es gibt ja keine Manichäer mehr auf der Welt.« »Es gibt mich,« erwiderte Martin, »und wie ich es auch anstelle, ich vermag nicht anders zu denken!« »Sie müssen schon den Teufel im Leibe haben,« sagte Candid. »Er mischt sich so gründlich in die Angelegenheiten dieser Welt,« entgegnete Martin, »daß er ebenso wie überall auch gar gut in meinem Leibe sein könnte. Ich muß Ihnen gestehen, wenn ich einen Blick auf diese Erdkugel oder vielmehr auf dieses Erdkügelchen werfe, so kommt mir der Gedanke, Gott müsse es irgend einem bösartigen Wesen preisgegeben haben: Eldorado nehme ich stets davon aus! Ich habe nicht eine einzige Stadt gesehen, die nicht den Untergang der Nachbarschaft gewünscht, keine Familie, die nicht den Zerfall einer anderen begehrt hätte. Allenthalben verabscheuen die Schwachen die Mächtigen und kriechen vor ihnen, und die Mächtigen behandeln sie wie Herden, deren Wolle und Fleisch man verkauft. Eine Million in Scharen geordnete Mörder durchziehen Europa von einem Ende zum anderen und üben Mord und Räuberei mit Fug und Recht, um ihr Brot zu verdienen, weil es kein ehrlicheres Gewerbe gibt; und in den Städten, die sich des Friedens zu erfreuen scheinen und in denen die Künste blühen, werden die Menschen von mehr Süchten, Sorgen und Drangsalen verzehrt, als eine belagerte Stadt an Heimsuchungen auszustehen hat. Heimliches Ungemach ist noch weit grausamer als offenkundiges Elend, mit einem Wort, ich habe davon soviel gesehen und selber erlitten, daß ich Manichäer geworden bin.« »Überall gibt es auch Gutes,« warf Candid ein. »Mag sein,« entgegnete Martin, »mir jedoch ist es niemals begegnet.« Mitten in dieser Unterhaltung wurde plötzlich Kanonendonner vernehmlich und wuchs von Augenblick zu Augenblick. Jedermann ergriff sein Fernglas, und man wurde zweier Schiffe gewahr, die in einer Entfernung von drei Meilen gegeneinander kämpften; der Wind trieb beide so dicht an das französische Schiff heran, daß den Insassen das Vergnügen zuteil ward, dem Kampfe in größter Behaglichkeit zuzuschauen. Schließlich gab das eine der beiden Schiffe auf das andere eine so wohlgezielte, tief treffende Ladung ab, daß es in den Grund gebohrt wurde. Candid und Martin sahen auf dem Verdeck des sinkenden Schiffs deutlich etwa hundert Menschen, welche die Arme zum Himmel emporhoben und ein fürchterliches Jammergeschrei ausstießen. Einen Augenblick später war alles in der Tiefe verschwunden. »Bravo! Da sehen Sie, wie die Menschen einander behandeln,« rief Martin. »Allerdings,« erwiderte Candid, »etwas Teuflisches liegt schon darin.« Und während er dieses sagte, gewahrte er irgend etwas strahlend Rotes, welches neben seinem Schiffe schwamm: man ließ ein Boot hinab, um zu sehen, was es wohl sei. Es war einer seiner Hammel. Candid empfand über das Wiederfinden dieses einen seiner Hammel größere Freude, als ihn der Verlust der hundert mit großen Diamanten aus Eldorado schwer beladenen geschmerzt hatte. Der französische Kapitän erkannte jetzt, daß der Kapitän des siegenden Schiffes ein Spanier und der des gesunkenen ein holländischer Pirat gewesen, eben jener, der Candid bestohlen hatte. Die ungeheuren Reichtümer, die dieser Schurke an sich gebracht, waren mit ihm auf den Grund des Meeres hinabgesunken, und nur ein Hammel war gerettet. »Wie Sie sehen,« sprach Candid zu Martin, »wird das Verbrechen bisweilen bestraft, diesem Halunken von einem holländischen Schiffskapitän ist das Schicksal geworden, das er verdiente.« »Gewiß,« erwiderte Martin, »aber mußten denn die übrigen Reisenden, die auf seinem Schiffe waren, auch zugrunde gehen? Gott hat diesen Lumpen bestraft , die übrigen hat der Teufel ertränkt !« Unterdessen setzten das französische und das spanische Schiff ihren Weg, und Candid und Martin ihre Gespräche fort. Sie stritten volle vierzehn Tage lang, und am fünfzehnten waren sie so weit wie am ersten, aber sie sprachen doch wenigstens und tauschten Gedanken aus und trösteten sich gegenseitig. Candid liebkoste seinen Hammel. »Da ich dich wiedergefunden habe,« sagte er, »könnte ich gar wohl auch Kunigunden wiederfinden.«   Einundzwanzigstes Kapitel: Candid und Martin nähern sich der französischen Küste und plaudern. Endlich tauchte die Küste Frankreichs auf. »Sind Sie niemals in Frankreich gewesen?« fragte Candid. »Ja,« erwiderte Martin, »ich bin durch mehrere französische Provinzen gekommen: es gibt welche, in denen die Hälfte der Einwohner toll ist, in anderen ist man zu verschlagen, in wieder anderen ist man im allgemeinen sanftmütig und recht dumm, in anderen spielt man den Schöngeist, und insgesamt in allen ist die wichtigste Beschäftigung die Liebe, die zweite die üble Nachrede und die dritte das Reißen von Zoten.« »Sind Sie aber auch in Paris gewesen, Herr Martin?« »Ja, ich habe Paris gesehen; es vereinigt alle jene Gattungen in sich, es ist ein Chaos, ein großes Gewühl, in dem ein jeder dem Vergnügen nachjagt und kein einziger, so hat es mich wenigstens bedünken wollen, es findet. Ich habe mich nur kurze Zeit in Paris aufgehalten. Bei meiner Ankunft wurde mir alles, was ich besaß, von Halunken auf dem Saint-Germain-Markte gestohlen. Mich selber nahm man auch für einen Dieb und sperrte mich acht Tage in ein Gefängnis. Danach wurde ich Korrektor in einer großen Druckerei, um so viel zu verdienen, daß ich zu Fuß nach Holland zurückkehren könnte. Ich lernte das schreibende Pack, das ränkeschmiedende Pack und das fromme Pack kennen. Es sollen übrigens auch äußerst gesittete Leute in der Stadt leben.« »Was mich angeht, so verspüre ich keinerlei Neugier, Frankreich zu sehen«, sagte Candid. »Sie werden leicht begreifen, daß man nach einem einmonatlichen Aufenthalt in Eldorado nichts anderes mehr zu sehen begehrt wie Fräulein Kunigunde. Ich will ihrer in Venedig harren; wir durchqueren Frankreich, um nach Italien zu gehen. Sie werden mich doch begleiten?« »Herzlich gern,« erwiderte Martin, »Venedig soll zwar nur für die venezianischen Nobile gut sein, aber auch die Fremden nimmt man artig auf, wenn sie viel Geld haben. Ich habe keines, Sie dagegen haben welches, und so will ich Ihnen überallhin folgen.« »Da fällt mir bei,« rief Candid, »glauben Sie übrigens, daß die Erde ursprünglich ein Meer gewesen ist, wie in jenem dicken, unserem Schiffskapitän gehörenden Buche versichert wird?« »Ich glaube das ebensowenig, wie all die übrigen Schwärmereien, die man uns seit einiger Zeit auftischt.« »Zu welchem Zwecke ist diese Erde jedoch geschaffen worden?« fragte Candid. »Um uns rasend zu machen«, erwiderte Martin. »Sind Sie nicht höchlichst über die Liebe verwundert,« fuhr Candid fort, »welche jene beiden Mädchen aus dem Lande der Ohrlappen den zwei Affen entgegenbrachten, und deren Geschichte ich Ihnen erzählt habe?« »Keineswegs,« erwiderte Martin, »ich vermag in jener Leidenschaft nichts Absonderliches zu erblicken, ich habe schon so viel Außerordentliches gesehen!« »Glauben Sie,« sprach Candid, »daß die Menschen einander stets niedergemetzelt haben, wie sie es heute tun, und daß sie immer Lügner, Schurken, Verräter, Undankbare, Räuber, Schwächlinge, Diebe, Feiglinge, Neider, Vielfraße, Trunkenbolde, Geizhälse, Streber, Blutsauger, Verleumder, Wüstlinge, Fanatiker, Heuchler und Dummköpfe gewesen sind?« »Glauben Sie,« gab Martin zur Antwort, »daß die Sperber stets die Tauben gefressen haben, wo immer sie ihrer nur habhaft wurden?« »Ohne Zweifel, gewiß«, erwiderte Candid. »Nun,« sagte Martin, »wenn die Sperber stets denselben Charakter gehabt haben, wie sollten die Menschen den ihren dann wohl geändert haben?« »Oh,« entgegnete Candid, »da ist denn doch ein Unterschied, denn der freie Wille ...« Unter solchen Gesprächen langten sie in Bordeaux an.   Zweiundzwanzigstes Kapitel: Was Candid und Martin in Frankreich widerfuhr. Candid blieb nur so lange in Bordeaux, als notwendig war, um ein paar Eldorado-Kiesel zu verkaufen und einen bequemen zweisitzigen Wagen zu besorgen, denn er vermochte ohne den Philosophen Martin nicht mehr zu leben. Aufs tiefste bekümmerte ihn jedoch, daß er sich von seinem Hammel trennen mußte; er überließ ihn der Akademie der Wissenschaften zu Bordeaux, welche die Ergründung, warum die Wolle des Hammels rot sei, als diesjährige Preisaufgabe stellte; der Preis wurde einem nordischen Gelehrten zugesprochen, welcher durch a mehr b weniger c geteilt durch z nachwies, daß der Hammel eben rot sein müsse und an den Pocken sterben würde. Alle Reisenden, mit denen Candid unterwegs in den Gasthäusern zusammentraf, sagten ihm nun: »Wir reisen nach Paris«. Dieses allgemeine Drängen erweckte schließlich den Wunsch in ihm, die Hauptstadt zu besuchen, er kam dadurch ja auch nicht wesentlich von seinem Wege nach Venedig ab. Er erreichte Paris durch die Vorstadt Saint Marceau und glaubte, in dem häßlichsten westfälischen Dorfe zu sein. Kaum war Candid in seinem Gasthause angelangt, so wurde er von einem leichten Unwohlsein befallen, das seinen Grund wohl in den überstandenen Strapazen haben mochte. Da er einen ungeheuren Diamanten am Finger trug, und man ferner unter seinem Gepäck einen erstaunlich schweren eisernen Kasten bemerkt hatte, so tauchten an seinem Bette gar bald zwei Ärzte auf, nach denen er nicht gesandt hatte, ein paar innige Freunde, die nicht mehr von ihm wichen, und zwei Betbrüder, die ihm warme Suppen kochten. Martin sagte: »Ich entsinne mich, auf meiner ersten Reise in Paris ebenfalls krank gewesen zu sein, aber ich war sehr arm, so hatte ich denn auch weder Freunde noch Betbrüder, noch Ärzte – und wurde gesund.« Infolge der vielen Arzneien und Aderlässe wurde Candids Krankheit indessen recht bedenklich. Ein Kaplan aus der Nachbarschaft erschien und bat sänftiglich um einen an den Besitzer auszuzahlenden Wechsel aufs Jenseits. Candid wollte nichts davon wissen, aber die Betbrüder versicherten, es sei eine neue Mode. Candid erwiderte, er sei kein Modemensch. Martin wollte den Kaplan zum Fenster hinauswerfen, der Gottesmann schwur, man würde Candid nicht begraben, Martin seinerseits schwur, er würde den Kaplan unter die Erde bringen, wenn er sie noch länger zu belästigen fortführe. Der Streit wurde hitzig, Martin packte den Kaplan bei den Schultern und schob ihn unsanft zur Tür hinaus, was einen großen Skandal und einen Beleidigungsprozeß im Gefolge hatte. Candid ward gesund, und in der Zeit seiner Genesung hatte er stets die beste Gesellschaft zum Abendessen bei sich. Man spielte hoch, und Candid wunderte sich sehr, daß die Asse nicht ein einziges Mal an ihn kamen, Martin hingegen verwunderte sich dessen nicht. Unter denen, welche ihm gegenüber gewissermaßen die Wirte von Paris spielten, befand sich auch ein kleiner Abbé aus Perigord, einer jener beflissenen, stets flinken, diensteifrigen, unverschämten, schmeichelnden und sich anpassenden Menschen, welche sich den durchreisenden Fremden anhängen, ihnen die Skandalgeschichten der Stadt zutragen und ihnen Vergnügungen um jeden Preis verschaffen. Dieser hier führte Candid und Martin zunächst ins Theater, man gab ein neues Trauerspiel. Candid kam zwischen zwei Schöngeister zu sitzen, was ihn jedoch nicht hinderte, bei allen vollendet gespielten Auftritten zu weinen. Während eines Zwischenaktes wandte sich einer der beiden Krittler zu seiner Seite an ihn und sagte: »Sie tun gar unrecht, zu weinen, diese Schauspielerin ist sehr schlecht, ihr Partner spielt noch schlechter als sie, und das Stück selber ist noch viel schlechter als die beiden Darsteller zusammen. Der Verfasser kann kein Wort Arabisch, und dennoch ist der Schauplatz des Stückes Arabien, und was noch ärger ist, der Mann glaubt nicht an angeborene Vorstellungen: Ich will Ihnen morgen zwanzig Aufsätze gegen ihn bringen.« »Wie viele Theaterstücke haben Sie in Frankreich, Herr?« wandte sich Candid an den Abbé. »Fünf- bis sechstausend«, erwiderte dieser. »Das ist viel,« rief Candid, »und wie viele davon sind gut?« »Fünfzehn bis sechzehn«, antwortete der andere. »Das ist sehr viel«, sagte Martin. Candid äußerte seine große Befriedigung über eine Schauspielerin, welche die Königin Elisabeth in einer ziemlich platten Tragödie darstellte, die bisweilen gespielt wurde. Der Graf von Essex, Trauerspiel von Thomas Corneille. »Diese Schauspielerin gefällt mir sehr,« sagte er zu Martin, »sie hat eine gewisse Ähnlichkeit mit Fräulein Kunigunde, ich würde sie gar gerne kennen lernen.« Der Abbe aus Perigord erbot sich, ihn bei ihr einzuführen. Candid, der ja in Deutschland aufgewachsen war, fragte, wie er sich dabei zu benehmen habe, und wie man in Frankreich die englischen Königinnen behandele? »Mit Unterschied,« sagte der Abbe, »in der Provinz führt man sie ins Wirtshaus, in Paris schätzt man sie, wenn sie schön sind, und wirft sie auf den Schindanger, sobald sie das Zeitliche gesegnet haben.« »Königinnen auf den Schindanger!« rief Candid. »Ja gewiß,« sagte Martin, »der Herr Abbé hat recht, ich war gerade in Paris, als Fräulein Monime, Fräulein le Couvreur. wie man zu sagen pflegt, von diesem Leben in das andere Leben hinüberging, und man versagte ihr, wie diese Menschen es nennen, ein ehrliches Begräbnis, das heißt, die Ehre, mit allen Lumpen desselben Stadtviertels auf demselben scheußlichen Kirchhof zusammen zu verfaulen. Sie ward ganz allein von ihrer Truppe an der Ecke der Burgunder Straße eingescharrt, was eine gar große Pein für sie gewesen sein muß, denn sie dachte sehr edel.« »Ich finde das recht unhöflich«, sagte Candid. »Was wollen Sie,« entgegnete Martin, »die Menschen hier sind so; denken Sie sich die größten, nur irgend möglichen Ungereimtheiten und Widersprüche aus, und Sie werden sie in der Regierung, in den Gerichtshöfen, den Kirchen und in allen Schauspielen dieses absonderlichen Volkes finden.« »Ist es wahr, daß man in Paris immer lacht?« fragte Candid. »Ja,« erwiderte der Abbé, »aber man lacht voller Wut, denn man beklagt sich hier über alles durch ein großes Gelächter, ja, lachend begeht man hier die abscheulichsten Taten.« »Wer war das dicke Schwein,« fragte Candid, »welches das Stück, über das ich so herzlich weinen mußte, und die Schauspielerin, die mir so viel Freude bereitete, so arg heruntermachte?« »Das ist ein leibhaftiges Übel,« antwortete der Abbé, »ein Mann, der sein Brot dadurch verdient, daß er alle Stücke und Bücher herunterreißt. Er haßt jeden, der Erfolg hat, wie die Eunuchen die Genießenden hassen, er gehört zu jenen Literaturschlangen, die von Schlamm und Gift leben, er ist ein Zeilenschinder!« »Was nennen Sie einen Zeilenschinder?« fragte Candid. »So nennt man,« erwiderte der Abbé, »einen Zeitungsschreiber, einen Fréron.« Solcherweise unterhielten sich Candid, Martin und der Abbé aus Perigord auf der Treppe, während die Besucher des Theaters an ihnen vorbeifluteten. »Obgleich ich keinen Augenblick verlieren möchte, um Fräulein Kunigunde wiederzusehen,« sagte Candid, »möchte ich mit Fräulein Clairon doch einmal zu Nacht speisen, denn sie hat einen wunderbaren Eindruck auf mich gemacht.« Der Abbé war nicht der Mann danach, bei Fräulein Clairon Zutritt zu haben, denn sie empfing nur Mitglieder der wirklich guten Gesellschaft. »Für heute abend ist sie bereits versagt,« sagte er daher, »ich werde jedoch die Ehre haben, Sie zu einer adeligen Dame zu geleiten, bei der Sie Paris kennen lernen können, als hätten Sie ein paar Jahre hier gelebt.« Candid, der von Natur neugierig war, ließ sich also zu der Dame bringen, welche in einem entlegenen Teile der Vorstadt Saint Honoré wohnte. Man spielte Pharao bei ihr; zwölf trübselige Gegenspieler hielten jeder ein paar Karten in der Hand, das leicht zu überblickende Verzeichnis ihres Mißgeschicks. Tiefe Stille herrschte, Blässe lag auf den Gesichtern der Gegenspieler, fiebernde Spannung auf dem des Bankhalters. Die Dame des Hauses saß neben diesem unerbittlichen Manne und lauerte mit Luchsaugen auf alle Parolis und alle unerlaubten Doppelkniffe, die jeder Spieler an seinen Karten anzubringen versuchte. Mit strenger, aber stets höflicher Aufmerksamkeit bewirkte sie die Beseitigung solcher eigenmächtigen Kartenkniffe und wurde aus Furcht, ihre Kunden zu verlieren, niemals heftig. Die Dame ließ sich Marquise von Parolignac nennen; ihre fünfzehnjährige Tochter befand sich unter den Gegenspielern und verriet mit einem Augenzwinkern jeden Betrug, mit dem diese armen Leute der Grausamkeit des Schicksals zu begegnen suchten. Als der Abbe von Perigord, Candid und Martin eintraten, erhob sich niemand, und es blickte auch niemand zu ihnen auf oder grüßte sie, alle waren tief in das Spiel versunken. »Die Frau Baronin von Tundertentronck war höflicher«, sagte Candid. Unterdessen flüsterte der Abbe der Marquise etwas ins Ohr, und nun erhob sie sich halb von ihrem Stuhle, grüßte Candid durch ein anmutiges Lächeln und Martin durch ein vornehmes Kopfnicken. Sie ließ Candid einen Stuhl und ein Kartenspiel reichen, und er verlor in zwei Runden fünfzigtausend Franken, wonach man in vergnügtester Stimmung zu Abend aß. Alle Welt war verwundert, daß Candid bei seinem Verlust ganz kalt blieb, und die Diener flüsterten einander in ihrem Dienerkauderwelsch zu: »Er muß irgendein englischer Lord sein.« Das Mahl verlief wie die meisten Gastmähler in Paris. Zuerst herrschte Stille, dann ein solcher Lärm von Worten, daß man nichts verstehen konnte, darauf wurden Witze gemacht, von denen die meisten schal waren, falsche Neuigkeiten aufgetischt, törichte Betrachtungen angestellt, etwas von Politik geschwatzt und vor allem der Nächste durchgehechelt, ja, man sprach sogar von neuen Büchern. »Haben Sie schon den Roman des Herrn Gauchat, des Doktors der Theologie, gesehen?« fragte der Abbé aus Perigord. »Ja,« erwiderte einer der Gäste, »aber ich habe ihn nicht zu Ende zu lesen vermocht. Wir besitzen zwar eine Menge frecher Sudeleien, aber alle zusammen halten der Unverschämtheit Gauchats, des Herrn Doktors der Theologie, nicht die Wage. Ich bin der ungeheuren Menge widerwärtiger Bücher, die uns überschwemmen, so überdrüssig, daß ich mich aufs Pharao verlegt habe.« »Und die vermischten Schriften des Archidiakonus Trublet! Was sagen Sie dazu?« rief der Abbé. »Oh,« sagte Frau von Parolignac, »er ist tödlich langweilig! Mit welchem Eifer tritt er nicht alles breit, was schon jedermann weiß, und wie schwerfällig streitet er über Fragen, die nicht einmal flüchtig erwähnt zu werden verdienen, wie geistlos eignet er sich nicht den Geist anderer an und wie verdirbt er nicht das, was er stiehlt; oh, er ist mir zuwider, aber es soll ihm das letzte Mal gelungen sein, wenn man nur wenige Seiten von dem Archidiakonus gelesen hat, so hat man auch für immer genug.« Bei Tisch saß auch ein Gelehrter von Geschmack, der die Worte der Marquise unterstützte. Dann sprach man von Tragödien, und die Dame des Hauses fragte, warum es Tragödien gäbe, die man bisweilen wohl spiele, die aber niemand zu lesen vermöchte. Der Mann von Geschmack führte recht gut aus, wie ein Stück sehr wohl einige Teilnahme erwecken könne, ohne doch irgend einen Wert zu haben. Mit wenigen Worten bewies er, wie es nicht genug sei, ein oder zwei jener Auftritte herbeizuführen, wie man sie in jedem Roman antreffe und von denen die Zuschauer stets gerührt würden, sondern daß es darauf ankäme, ohne Fratzenhaftigkeit neu, oft erhaben und immer natürlich zu sein, wie man das menschliche Herz kennen und sprechen lassen und selber ein großer Dichter sein müsse, ohne daß jemals eine Gestalt des Stückes selber wie ein Dichter erscheine, und wie man endlich seine Sprache von Grund aus können, sie mit Reinheit und einer ununterbrochenen Harmonie sprechen müsse, ohne daß der Reim dabei jemals den Sinn beeinträchtige. »Jedermann kann, fügte er hinzu, ohne von allen diesen Gesetzen eine Ahnung zu haben, zwei oder drei im Theater beifällig aufgenommene Tragödien schreiben, ohne doch jemals zu den guten Schriftstellern gezählt zu werden. Es gibt sehr wenig gute Tragödien, die einen sind gut geschriebene und gut gereimte Idyllen in Form von Zwiegesprächen, die anderen einschläfernde politische Betrachtungen oder abstoßende Weitschweifigkeiten, wieder andere Träume Besessener in barbarischem Stil, abgerissene Reden, lange Ansprachen an die Götter, weil man zu den Menschen nicht zu sprechen versteht, falsche Grundsätze und aufgeblasene Gemeinplätze.« Candid lauschte diesen Ausführungen mit großer Aufmerksamkeit und bekam eine gewaltige Meinung von dem Redner, und da die Marquise ihn vorsorglich neben sich gesetzt hatte, näherte er sich ihrem Ohr und nahm sich die Freiheit, sie zu fragen, wer denn dieser Mann sei, der da so vortrefflich spräche? »Ein Gelehrter,« erwiderte die Dame, »der keine Karte anrührt und den mir der Abbé bisweilen zum Essen herbringt. Er versteht sich vortrefflich auf Tragödien und Bücher, er hat selber eine ausgepfiffene Tragödie geschrieben und ein Buch, von dem man außerhalb des Ladens seines Verlegers nur ein einziges Exemplar gesehen, dieses hatte er mir geschenkt.« »Welch großer Mann,« sagte Candid, »er ist ein zweiter Pangloß.« Darauf wandte er sich an den Gelehrten und sagte: »Wahrscheinlich, mein Herr, meinen auch Sie, daß in der physischen und der geistigen Welt alles zum besten eingerichtet ist und nichts anders sein könnte?« »Ich, Herr,« erwiderte der Gelehrte, »nein, ich denke durchaus nicht so, im Gegenteil, ich finde, daß bei uns alles verkehrt geht, niemand kennt bei uns weder seinen Rang noch seine Aufgabe, weder was er treibt noch was er treiben sollte, und mit Ausnahme unserer gemeinsamen Mahlzeiten hier, die ja recht fröhlich und einig verlaufen, verbringt man alle übrige Zeit mit nichtsnutzigen Streitigkeiten, Jansenisten wider Molinisten, Parlamentarier wider Kirchenleute, Literaten wider Literaten, Hofschranzen wider Hofschranzen, Geldleute wider das Volk, Frauen wider ihre Gatten, Verwandte wider Verwandte; oh, es ist ein ewiger Krieg.« Candid entgegnete ihm: »Ich habe noch weit Schlimmeres gesehen, aber ein Weiser, der inzwischen übrigens das Unglück gehabt hat, gehängt zu werden, belehrte mich, daß alles dies wunderbar und nicht mehr als nur Schatten auf einem schönen Gemälde sei.« »Ihr Gehängter machte sich über die Welt lustig,« sagte Martin, »diese Schatten sind grauenhafte Flecken.« »Die Flecken machen die Menschen,« erwiderte Candid, »sie können nicht anders.« »Also ist es nicht ihre Schuld«, entgegnete Martin. Die Mehrzahl der Spieler, die sich auf derlei Gespräche nicht verstanden, tranken, Martin stritt mit dem Gelehrten, und Candid erzählte der Dame des Hauses einen Teil seiner Erlebnisse. Nachdem man von Tisch aufgestanden war, führte die Marquise Candid in ihr Wohnzimmer und ließ ihn auf einem Sofa Platz nehmen. »Nun?« sprach sie zu ihm, »Sie lieben Fräulein Kunigunde von Tundertentronck also noch immer grenzenlos?« »Ja, meine Gnädige«, erwiderte Candid. Mit zärtlichem Lächeln sagte nun die Marquise: »Sie antworten mir wie ein junger Mann aus Westfalen, ein Franzose hätte gesagt, ich habe allerdings Fräulein Kunigunde geliebt, bei Ihrem Anblicke jedoch, gnädige Frau, fürchte ich fast, sie nicht mehr zu lieben!« »Ach, meine Gnädige,« sagte Candid, »ich will ganz nach Ihrem Belieben antworten.« »Ihre Leidenschaft für sie,« sagte die Marquise, »fing damit an, daß sie ihr Taschentuch aufhoben, ich will nun, daß Sie mir mein Strumpfband aufheben.« »Von ganzem Herzen,« erwiderte Candid und tat es. »Sie sollen es mir aber auch wieder anlegen,« sagte die Dame. Und Candid legte es ihr wieder an. »Sehen Sie,« sagte nun die Dame, »Sie sind ein Fremder, meine Pariser Liebhaber lasse ich bisweilen vierzehn Tage lang schmachten, Ihnen jedoch ergebe ich mich schon in der ersten Nacht, denn es ziemt sich, einem jungen Manne aus Westfalen gegenüber unser Land würdig zu vertreten.« Und da die Schöne zwei ungeheure Diamanten an den beiden Händen ihres jungen Fremden bemerkt hatte, bewunderte sie sie so treuherzig, daß sie von Candids Fingern an die Finger der Marquise wanderten. Als Candid mit seinem Abbé aus Perigord den Heimweg antrat, empfand er einige Gewissensbisse, Fräulein Kunigunde untreu gewesen zu sein, und der Herr Abbé nahm Anteil an seiner Pein. Von den fünfzigtausend Pfund, die Candid im Spiele verloren, und dem Werte der beiden halb geschenkten und halb abgelockten Brillanten bekam er nur einen recht geringen Teil, und so war es denn seine Absicht, die Vorteile, welche die Bekanntschaft mit Candid ihm bringen konnte, nach besten Kräften zu nützen. Er sprach unaufhörlich über Kunigunde zu ihm, und Candid sagte, er würde die Schöne wegen seiner Untreue gar herzlich um Vergebung bitten, wenn er sie erst in Venedig wiedersähe. Der Abbé aus Perigord verdoppelte seine Liebenswürdigkeit und sein artiges Entgegenkommen und nahm herzlich Anteil an allem, was Candid sagte, tat und tun wollte. »Sie haben also ein Stelldichein in Venedig verabredet?« »Ja, Herr Abbé,« erwiderte Candid, »dort muß ich Fräulein Kunigunde unter allen Umständen erwarten.« Und von der Freude, von seiner Geliebten sprechen zu können, ganz überwältigt, erzählte er seinem Brauche gemäß einen Teil seiner Erlebnisse mit der erlauchten Westfalin. »Fräulein Kunigunde besitzt wohl gar viel natürlichen Witz und schreibt entzückende Briefe?« fragte der Abbé. »Ich habe leider niemals einen von ihr bekommen,« antwortete Candid, »denn da ich ja aus dem Schlosse wegen meiner Liebe zu ihr verjagt worden war, konnte ich ihr nicht schreiben; bald darauf hörte ich, sie sei tot, dann fand ich sie wieder, dann verlor ich sie noch einmal, und nun habe ich auf eine Entfernung von zweitausendfünfhundert Meilen von hier einen Eilboten zu ihr geschickt und warte auf die Antwort, die er mir bringt.« Der Abbé hörte aufmerksam zu und erschien gewissermaßen versonnen. Bald darauf nahm er von den beiden Fremden Abschied, jedoch nicht, ohne sie zärtlich umarmt zu haben. Am nächsten Morgen empfing Candid beim Erwachen einen Brief folgenden Inhalts: »Mein Herr und teurer Geliebter! Seit acht Tagen liege ich hier in der Stadt krank danieder und erfahre eben erst, daß auch Sie sich hier aufhalten. Könnte ich mich rühren, würde ich in Ihre Arme fliegen. Von Ihrem Aufenthalte in Bordeaux hatte ich Kenntnis erhalten, und habe den treuen Cacambo und die Alte dort zurückgelassen, doch sie sollen mir bald folgen. Der Governador von Buenos Aires hat mir alles genommen, aber mir bleibt noch Ihr Herz! Kommen Sie, Ihre Gegenwart wird mir entweder das Leben wiedergeben oder mich vor Freuden töten.« Dieser reizende Brief, dieser unerwartete Brief stürzte Candid in einen unbeschreiblichen Freudentaumel, die Krankheit seiner geliebten Kunigunde jedoch überhäufte ihn mit Schmerzen. Zwischen diesen beiden Empfindungen geteilt, nahm er sein Gold und seine Diamanten an sich und ließ sich mit Martin in den Gasthof führen, in dem Fräulein Kunigunde wohnte. Vor Erregung zitternd, mit klopfendem Herzen und schluchzender Stimme trat er in ihr Zimmer und wollte die Bettvorhänge öffnen und Licht herbeibringen lassen. »Um Gotteswillen,« rief die Dienerin, »Licht tötet sie!« und eiligst schloß sie den Vorhang wieder. »Meine teure Kunigunde,« sagte weinend Candid, »wie geht es Ihnen? Wenn Sie mich auch nicht anschauen dürfen, so sprechen Sie wenigstens zu mir!« »Sie kann nicht sprechen«, sagte die Dienerin. Darauf streckte die Dame eine rundliche Hand aus dem Bett hervor, und Candid benetzte sie lange mit seinen Tränen, dann füllte er sie mit Diamanten an und legte einen Beutel voll Gold auf den Sessel. Mitten in diesen Freudenüberschwängen trat plötzlich ein Polizeibeamter ein, begleitet von dem Herrn Abbé aus Perigord und einigen Häschern. »Sind das die beiden verdächtigen Fremden?« fragte er, und augenblicklich ließ er sie ergreifen und befahl, sie ins Gefängnis zu führen. »In Eldorado werden Reisende nicht derart behandelt«, rief Candid. »Mehr denn je bin ich Manichäer«, sagte Martin. »Wohin wollen Sie uns bringen?« fragte Candid. »In ein Kerkerloch«, erwiderte der Polizeibeamte. Nachdem Martin seine Kaltblütigkeit wiedererlangt hatte, kam er zu dem Schlusse, die Dame, die sich für Kunigunden ausgegeben, müsse eine Spitzbübin und der Abbé aus Perigord ein Spitzbube sein, der sich schnellstens die Einfalt Candids zunutze gemacht, und der Polizeibeamte gar ein dritter Halunke, den man sich wohl leicht würde vom Halse schaffen können. Candid, der, durch Martins Vermutungen aufgeklärt, sich nicht den Weitläufigkeiten einer Gerichtsprozedur aussetzen wollte und außerdem noch immer vor Ungeduld brannte, die echte Kunigunde wiederzusehen, bot dem Polizeibeamten drei kleine Diamanten an, von denen jeder ungefähr einen Wert von dreitausend Pistolen hatte. »Ach, mein Herr,« sprach der Mann mit dem Elfenbeinstock zu ihm, »hätten Sie auch alle nur denkbaren Verbrechen begangen, so würde ich Sie doch für den ehrenwertesten Mann von der Welt halten! Wie, drei Diamanten, jeder im Werte von dreitausend Pistolen! Mein Herr, ich würde mich lieber für Sie töten lassen, als Sie in ein Gefängnis schleppen, aber man nimmt alle Fremden fest! Lassen Sie mich jedoch zusehen: Ich habe in Dieppe in der Normandie einen Bruder, ich will Sie dorthin bringen, und wenn Sie auch ihm einige Diamanten zu geben vermöchten, so würde er für Sie sorgen, wie ich's selber nicht besser tun könnte.« »Und warum nimmt man alle Fremden fest?« fragte Candid. Nun ergriff der Abbé aus Perigord das Wort und sprach: »Weil ein Lump aus dem Lande Atrebatien Artois, Geburtsland Damiens. allerlei Dummheiten mit angehört hat und sich dadurch zum Begehen eines Mordes veranlaßt sah, nicht eines solchen wie der im Monat Mai des Jahres 1610, sondern eines, der dem Dezembermorde des Jahres 1594 1610 wurde Heinrich IV. von Ravaillac ermordet und 1594 erhielt er von Jean Chatel einen Messerstich. und auch denen ähnelt, die in anderen Jahren und in anderen Monaten von anderen Lumpen begangen worden sind, alle ebenfalls, weil sie Dummheiten mit angehört hatten.« Der Polizeibeamte setzte darauf auseinander, worum es sich handele. »Oh, diese Ungeheuer«, rief Candid. »Wie, dergleichen Greuel ereignen sich bei einem Volke, das tanzt und singt? Oh, könnte ich nur schnell aus diesem Lande fliehen, wo Affen Tiger reizen. In meiner Heimat habe ich Bären gesehen, Menschen nur in Eldorado. Im Namen Gottes, Herr Polizist, bringen Sie mich nach Venedig, wo ich auf Fräulein Kunigunde warten muß.« »Ich kann Sie nur bis in die Niedernormandie bringen«, sagte der Barigello, und sogleich ließ er ihm die Fesseln abnehmen, gab vor, sich vergriffen zu haben, schickte seine Leute weg, brachte Candid und Martin nach Dieppe und ließ sie dort in den Händen seines Bruders. Auf der Reede lag ein kleines holländisches Schiff. Der Normanne, der vermittels dreier weiterer Diamanten zum dienstfertigsten aller Menschen geworden war, brachte Candid und seine Leute in einem Boote auf das Schiff hinüber, das nach Portsmouth in See stechen sollte. Dies war zwar nicht der Weg nach Venedig, Candid jedoch wähnte der Hölle entronnen zu sein und vertröstete sich auf die erste Gelegenheit, um wieder den Weg nach Venedig einzuschlagen.   Dreiundzwanzigstes Kapitel: Candid und Martin gelangen an die englische Küste, und was sie dort sahen. »O Pangloß, Pangloß, o Martin, Martin, o meine teure Kunigunde, was ist doch diese Welt!« rief Candid auf dem holländischen Schiff. »Etwas recht Tolles und Abscheuliches«, entgegnete Martin. »Kennen Sie England, ist man dort ebenso toll wie in Frankreich?« »Ja, aber es herrscht eine andere Art Tollheit«, sagte Martin. »Sie wissen, daß diese beiden Völker wegen einiger Schneegipfel in Kanada Krieg miteinander führen und für diesen schönen Krieg mehr ausgeben, als ganz Kanada wert ist? Ob es in dem einen Lande mehr Leute gibt, die an die Kette gelegt werden sollten, als in dem anderen, vermag ich Ihnen nicht genau zu sagen, dazu ist meine Einsicht nicht groß genug, ich weiß nur ganz im allgemeinen, daß die Menschen, denen wir nun bald begegnen werden, recht schwarzgallig sind.« Unter solchen Gesprächen legten sie in Portsmouth an. Eine große Volksmenge bedeckte das Ufer und blickte aufmerksam nach einem großen starken Mann, der mit verbundenen Augen auf dem Verdeck eines der Schiffe der Flotte kniete. Diesem Manne gegenüber waren vier Soldaten aufgestellt, die ihm auf das friedlichste von der Welt ein jeder drei Kugeln in den Schädel schossen, und dann begab sich die ganze Versammlung äußerst befriedigt nach Hause. Admiral Byng, den die englischen Minister opferten, um ihren eigenen Sturz zu verhüten. Voltaire, der Byng nicht kannte, bemühte sich dennoch vergeblich ihn zu retten. »Was hat nur alles das zu bedeuten, und welcher Dämon übt allenthalben seine Macht?« rief Candid. Er erkundigte sich, wer der starke Mann gewesen sei, den man da so feierlich getötet habe. »Es war ein Admiral«, antwortete man ihm. »Und weshalb hat man diesen Admiral getötet?« »Weil er nicht genug Menschen hat umbringen lassen; er lieferte einem französischen Admiral eine Schlacht, und man fand, daß er sich nicht nahe genug an ihn heran begeben habe.« »Aber der französische Admiral war doch von dem englischen Admiral genau ebenso weit entfernt, wie eben dieser englische von dem französischen!« sagte Candid. »Das läßt sich nicht leugnen,« entgegnete man ihm, »allein hierzulande ist es gut, von Zeit zu Zeit einen Admiral zu töten, um den anderen dadurch Mut einzujagen.« Candid war so betroffen und entsetzt über das, was er gehört hatte, daß er das Land nicht einmal betreten wollte, und so ward er denn (selbst auf die Gefahr hin, wie in Surinam bestohlen zu werden) mit dem holländischen Schiffspatron handelseinig, ihn ohne Aufschub nach Venedig zu fahren. In zwei Tagen war das Schiff segelfertig. Man fuhr die französische Küste entlang, kam in Sehweite an Lissabon vorbei, und Candid erbebte; dann fuhr man durch die Meerenge in das Mittelländische Meer ein und landete endlich in Venedig. »Gott sei gelobt,« rief Candid, indem er Martin umarmte, »hier werde ich die schöne Kunigunde wiedersehen. Ich vertraue Cacambo wie mir selber. Alles ist gut, alles geht gut, alles ist aufs denkbar beste bestellt.«   Vierundzwanzigstes Kapitel: Von Paquette und dem Bruder Giroflée. Sobald Candid den Boden Venedigs betreten hatte, ließ er in allen Schenken, in allen Kaffeehäusern und bei allen Freudenmädchen nach Cacambo suchen und fand ihn nicht. Täglich ließ er auf allen neu einlaufenden Schiffen und Barken wieder und wieder Umschau halten: nirgends eine Spur von Cacambo! »Wie,« sprach er zu Martin, »ich habe Zeit gehabt, von Surinam nach Bordeaux, von Bordeaux nach Paris, von Paris nach Dieppe, von Dieppe nach Portsmouth zu gelangen, die portugiesische und spanische Küste entlang zu fahren, das ganze Mittelländische Meer zu durchqueren und einige Monate in Venedig zu verbringen, und die schöne Kunigunde ist noch nicht angekommen! Statt ihrer bin ich nur einer Närrin und einem Abbé aus Perigord begegnet. Zweifellos ist Kunigunde gestorben, und nun bleibt auch mir nichts weiter zu tun übrig! Ach, es wäre besser gewesen, in dem Paradiese Eldorado zu bleiben, als nach diesem verdammten Europa zurückzukehren! Oh, wie recht haben Sie nicht, mein lieber Martin, alles ist nur Wahn und Elend.« Er versank in düstere Schwermut und nahm keinen Anteil an der Oper alla moda, noch an den übrigen. Karnevalsbelustigungen, und keine einzige Dame vermochte, ihn in die kleinste Versuchung zu bringen. Martin sprach zu ihm: »Sie sind wirklich recht einfältig, sich einzubilden, ein Diener, ein Mestize, werde mit fünf oder sechs Millionen in der Tasche ihrer Geliebten bis ans Ende der Welt nachreisen und sie Ihnen nach Venedig bringen; findet er sie, so nimmt er sie für sich selber, und findet er sie nicht, so nimmt er eben eine andere. Ich gebe Ihnen allen Ernstes den Rat, Ihren Diener Cacambo und Ihre Geliebte Kunigunde zu vergessen!« Martin war kein guter Tröster. Candids Schwermut steigerte sich, und Martin hörte nicht auf, ihm zu beweisen, daß es auf der Erde wenig Tugend und wenig Glück gebe, ausgenommen vielleicht in Eldorado, wohin niemand gelangen konnte. Während sie über diesen wichtigen Gegenstand stritten und auf Kunigunde warteten, sah Candid auf dem Markusplatze einen jungen Theatiner mit einem Mädchen am Arme. Der Theatiner erschien frisch, rund und kräftig, seine Augen funkelten, seine Haltung war sicher, sein Gesicht edel und sein Gang stolz. Das Mädchen war ausnehmend hübsch und trillerte; sie blickte ihren Theatiner verliebt an und kniff ihn von Zeit zu Zeit in seine dicken Backen. »Sie müssen wenigstens zugeben,« sagte Candid zu Martin, »daß diese beiden Menschen hier glücklich sind. Bisher habe ich auf der ganzen bewohnten Erde, Eldorado ausgenommen, nur Unglückliche angetroffen, doch was dieses Mädchen hier und diesen Theatiner angeht, so wette ich, daß sie überaus glückliche Geschöpfe sind.« »Ich wette dagegen«, rief Martin. »Wir brauchen sie nur zum Essen einzuladen,« sagte Candid, »und Sie werden sehen, ob ich mich täusche.« Sofort sprach er sie an, verneigte sich schicklich vor ihnen und lud sie ein, in seinem Gasthause mit ihm Makkaroni, lombardische Rebhühner und Störeier zu essen und Montepulciano, Lacrimae Christi und Cypern- und Samoswein zu trinken. Das Fräulein errötete, der Theatiner jedoch nahm die Einladung an und das Mädchen folgte ihm: sie sah Candid mit überraschten und verwirrten, von einigen Tränen verdunkelten Augen an. Kaum waren sie in Candids Zimmer getreten, so sprach sie zu ihm: »Nun? Erkennt denn Herr Candid Paquette nicht wieder?« Candid, der sie bis dahin nicht mit Aufmerksamkeit betrachtet hatte, weil er innerlich immer nur mit Kunigunden beschäftigt war, rief auf diese Worte hin aus: »Ach, mein armes Kind, du bist's, du, die den Doktor Pangloß in den netten Zustand gebracht, in dem ich ihn gesehen?« »Ach ja, Herr, ich bin es,« sagte Paquette; »und ich sehe, daß Sie alles wissen. Ich habe inzwischen auch von dem entsetzlichen Unglück Kenntnis erhalten, das dem ganzen Hause der Frau Baronin und der schönen Kunigunde widerfahren ist, aber ich schwöre es Ihnen, mein Geschick ist kaum weniger traurig gewesen. Als Sie mich zuletzt sahen, war ich noch herzlich unschuldig: mein Beichtvater, ein Franziskaner, hatte gar leichtes Spiel, mich zu verführen. Die Folgen waren schrecklich; kurze Zeit, nachdem der Herr Baron Sie mit wuchtigen Tritten in den Hintern verjagt hatte, wurde auch ich zum Verlassen des Schlosses gezwungen. Hätte ein berühmter Arzt sich meiner nicht mitleidig angenommen, so wäre ich gestorben. Einige Zeitlang war ich – aus Dankbarkeit – die Geliebte dieses Arztes. Seine rasend eifersüchtige Frau schlug mich tagtäglich ohne Erbarmen. Sie war eine Furie, der Arzt der häßlichste Mensch von der Welt und ich das unglücklichste aller Geschöpfe, das unaufhörlich eines Mannes wegen geschlagen wurde, den es nicht liebte. Sie wissen, Herr Candid, wie gefährlich es für ein zänkisches Weib ist, die Gattin eines Arztes zu sein. Der meine, den das Benehmen seiner Frau zum äußersten trieb, verabreichte ihr denn auch eines Tages, um sie von einem leichten Husten zu heilen, eine so wirksame Arznei, daß sie innerhalb zweier Stunden unter schrecklichen Zuckungen verschied. Die Eltern der Frau Doktor strengten wider den Herrn Doktor ein Strafverfahren an; er ergriff die Flucht, und ich wurde ins Gefängnis gesteckt. Aber meine Schuldlosigkeit würde mich nicht gerettet haben, wäre ich nicht einigermaßen hübsch gewesen. Der Richter befreite mich unter der Bedingung, der Nachfolger des Arztes zu werden. Bald jedoch wurde ich durch eine Nebenbuhlerin verdrängt, ohne Entgelt davongejagt und so gezwungen, dieses abscheuliche Gewerbe fortzusetzen, das euch Männern so gar vergnüglich erscheint, für uns jedoch nur ein Abgrund von Elend ist. Ich begab mich zur Ausübung meines Berufes nach Venedig. Oh, Herr Candid, wenn Sie sich nur vorstellen könnten, was es heißen will, mit kaltem Blut einen alten Krämer, einen Advokaten, einen Mönch, einen Gondelführer, einen Abbe liebkosen zu müssen, allen Beschimpfungen, allen Verunglimpfungen ausgesetzt zu sein, oft so arm zu sein, daß man sich einen Rock leihen muß, um hinzugehen und ihn sich von einem widrigen Menschen aufheben zu lassen, von dem einen um das bestohlen zu werden, was man sich eben bei einem anderen verdient, von den Gerichtsbeamten erpreßt zu werden und für die Zukunft nur ein entsetzliches Alter vor sich zu sehen, ein Ende im Spital oder auf dem Mist, könnten Sie sich dieses vorstellen, Herr Candid, Sie würden zugeben, daß ich eines der unglücklichsten Geschöpfe von der Welt bin.« Solcher Weise öffnete Paquette dem guten Candid in seinem Zimmer in Gegenwart Martins ihr Herz, und dieser sagte zu Candid: »Sie sehen, daß ich die eine Hälfte der Wette bereits gewonnen habe.« Bruder Giroflée war im Speisesaal geblieben und hatte in Erwartung des Essens ein Gläschen oder zwei getrunken. »Du sahst aber so fröhlich aus, als ich dich traf, so zufrieden,« sagte Candid zu Paquette, »du liebkostest den Theatiner mit einem so natürlichen Wohlgefallen, wahrlich, du bist mir so glücklich vorgekommen, als du elend zu sein behauptest.« »Oh, Herr Candid, auch das ist eine der grausamen Härten des Handwerks!« erwiderte Paquette. »Gestern bin ich von einem Offizier bestohlen und geschlagen worden, und heute muß ich lustig und guter Dinge sein, um einem Mönch zu gefallen.« Candid hatte genug und gab zu, daß Martin im Recht gewesen; darauf setzte man sich mit Paquette und dem Theatiner zu Tisch. Das Mahl verlief sehr vergnügt und gegen das Ende fing man an, vertrauter miteinander zu werden. »Ehrwürdiger Vater,« sagte Candid zu dem Mönch, »Sie scheinen sich eines Geschickes zu erfreun, um das Sie jedermann beneiden muß: auf Ihrem Antlitz blüht die Blume der Gesundheit, Ihre Miene verrät behagliches Glück, zu Ihrer Lust haben Sie ein sehr hübsches Mädchen bei sich, und mit Ihrem Dasein als Theatiner scheinen Sie äußerst zufrieden zu sein!« »Meiner Treu, Herr,« erwiderte Bruder Giroflée, »ich wünschte, alle Theatiner lägen auf dem Grunde des Meeres! Zu hundert Malen habe ich mich versucht gefühlt, das Kloster in Brand zu stecken, auf und davon zu gehen und Türke zu werden! Im Alter von fünfzehn Jahren zwangen mich meine Eltern in dieses abscheuliche Kleid zu kriechen, um einem verfluchten älteren Bruder, den Gott vernichten möge, mehr Geld zu lassen. Im Kloster hausen Eifersucht, Zwietracht und Wut. Und wenn ich auch ein paar schlechte Predigten gehalten habe, die mir etwas Geld eingebracht, von dem mir der Prior die eine Hälfte stiehlt und dessen andere ich für Mädchen ausgebe, so fühle ich mich doch jedesmal bei der Heimkehr ins Kloster versucht, mir den Kopf an den Wänden meiner Zelle einzurennen, und allen meinen Klosterbrüdern geht es ebenso.« Mit seiner gewöhnlichen Gelassenheit wandte sich Martin nun an Candid und sagte: »Wohlan, habe ich nicht die ganze Wette gewonnen?« Candid gab Paquette zweitausend Piaster und tausend dem Bruder Giroflée. »Ich bürge Ihnen dafür, daß Sie damit nun glücklich sein werden«, sagte er. »Nie und nimmer«, erwiderte Martin. »Sie machen sie durch diese Piaster vielleicht nur noch viel unglücklicher.« »Dem wird sein, wie ihm sein muß,« entgegnete Candid, »eines tröstet mich jedoch, ich sehe, daß man gar oft Leuten wiederbegegnet, von denen man es sich nicht versah, und ebensogut wie ich meinen roten Hammel und Paquette wiedergefunden habe, könnte mir wohl auch mit Kunigunden ein gleiches geschehen.« »Möge sie Sie eines Tages glücklich machen,« erwiderte Martin, »aber ich zweifle stark daran.« »Sie sind recht hart«, rief Candid. »Ja,« sagte Martin, »denn ich habe gelebt.« »Doch schauen Sie diese Bootsleute an,« sagte Candid, »singen sie nicht unaufhörlich?« »Ja, aber sehen Sie sie erst einmal in ihrem Heim mit ihren Weibern und ihrer Kinderbrut!« versetzte Martin. »Der Doge hat seinen Kummer, die Bootsführer haben den ihren. Alles in allem genommen ist allerdings das Los eines Gondelführers dem eines Dogen vorzuziehen, aber ich halte den Unterschied für so gering, daß es sich nicht der Mühe verlohnt, die Frage näher zu untersuchen.« »Man spricht hier viel von einem Senator Pococurante«, sagte Candid; »er wohnt in dem schönen Palast an der Brenta und hat für Fremde stets ein offenes Haus; man behauptet, dieser Mann habe noch niemals Kummer erfahren.« »Eine so seltene Gattung wünschte ich mir wohl zu sehen«, versetzte Martin. Sogleich ließ Candid den Signor Pococurante um die Erlaubnis bitten, ihn am nächsten Tage besuchen zu dürfen.   Fünfundzwanzigstes Kapitel: Besuch bei dem Signor Pococurante, einem venezianischen Edelmanne. Candid und Martin ließen sich in einer Gondel auf der Brenta nach dem Palast des edlen Pococurante fahren. Die Gärten um den Palast waren wohl angelegt und mit schönen Marmorstatuen geschmückt. Der Palast selber zeugte von einer gar herrlichen Baukunst, und der Hausherr, ein außerordentlich begüterter Mann im Alter von sechzig Jahren, empfing die beiden Neugierigen ausgesucht höflich, aber wenig herzlich, was Candid verstimmte und Martin nicht mißfiel. Zunächst schenkten zwei hübsche und artig gekleidete junge Mädchen Schokolade ein, die sie aufs zierlichste zum Schäumen zu bringen wußten. Candid konnte sich nicht entbrechen, sie um ihrer Schönheit, ihrer Anmut und ihrer Geschicklichkeit willen zu loben. »Ja,« erwiderte der Senator Pococurante, »es sind recht gute Geschöpfe, ich lasse sie auch bisweilen in meinem Bett schlafen, denn ich bin der Damen aus der Stadt müde, ihrer und ihrer Gefallsucht, ihrer Eifersüchteleien, ihrer Zänkischkeit, ihrer Launen, ihrer Kleinlichkeit, ihres Hochmutes, ihrer Dummheiten und der Sonette, die man für sie machen oder bestellen muß, aber im Grunde fangen auch diese beiden Mädchen an mich gründlich zu langweilen.« Als Candid nach dem Frühstück in einem langen Gange auf und nieder wandelte, setzte ihn die Schönheit der dort aufgehängten Gemälde in Erstaunen, und er fragte, von welchen Meistern die beiden ersten herrührten. »Von Raffael«, erwiderte der Senator; »ich habe sie vor einigen Jahren aus Eitelkeit ziemlich teuer gekauft; man behauptet, sie gehörten zum Schönsten, was es in Italien gibt, aber mir selber gefallen sie gar nicht, ihre Farbe ist sehr nachgedunkelt und die zu wenig plastisch behandelten Gesichter treten nicht genug hervor. Was gar die Faltengehänge anbetrifft, so haben sie doch wirklich nichts mit dem Niederfallen von Stoffen zu tun, mit einem Wort, mag man darüber sagen, was man will, ich finde in den Gemälden keine wahre Nachbildung der Natur, und ich könnte nur dann ein Gemälde wirklich lieben, wenn ich in ihm die Natur selber zu erblicken wähnte, aber solche Bilder gibt es nicht. Ich besitze ja viel Gemälde, aber ich sehe sie nicht an.« In Erwartung des Mittagsmahles ließ Pococurante ein Konzert geben. Candid fand die Musik herrlich. »Der Lärm kann vielleicht eine halbe Stunde lang ergetzen,« sagte Pococurante, »dauert er aber länger, so ermüdet er jeden, obgleich niemand es einzugestehen wagt. Die Musik von heute besteht nur noch in der Kunst, schwierige Dinge zu vollführen, aber was nur schwierig ist, kann auf die Dauer nicht gefallen.« »Die Oper würde mir vielleicht mehr zusagen, wenn man nicht das Geheimnis entdeckt hätte, daraus ein Ungeheuer zu machen, das mich anwidert. Mag wer will schlechte Tragödien mit Musik ansehen, in denen alle Auftritte nur den Zweck haben, Gelegenheit zu zwei oder drei lächerlichen und nicht hingehörigen Liedern zu geben, welche die Stimme der Sängerin zur Geltung bringen; mag wer will vor Freude außer sich geraten über den Anblick eines Kastraten, der die Rolle des Cäsar oder Cato heruntertrillert und linkisch auf den Brettern hin und her stolziert, ich meinerseits habe an diesen Armseligkeiten, welche heute den Ruhm Italiens ausmachen und den Fürsten so viel Geld kosten, schon lange alles Gefallen verloren.« Candid widersprach zurückhaltend, Martin jedoch war völlig einer Meinung mit dem Senator. Darauf ging man zu Tisch, und nach einem vortrefflichen Mahle begab man sich in die Bücherei. Candid sah einen prachtvoll gebundenen Homer und lobte den Illustrissimus wegen seines guten Geschmackes. »Dieses Buch,« rief er, »war das Entzücken des großen Pangloß, Deutschlands bestem Philosophen.« »Meines ist es nicht,« sagte Pococurante kühl, »ehemals brachte man mir den Glauben bei, das Lesen dieses Buches bereite mir Freude, aber die ununterbrochene Wiederholung ewig ähnlicher Kämpfe, diese Götter, die in einem fort handeln, ohne etwas Entscheidendes zu tun, diese Helena als Veranlassung des Krieges, welche in dem Stück kaum handelnd auftritt, und dies Troja, das belagert und niemals eingenommen wird, alles das verursachte mir die tödlichste Langeweile. Ich habe manchmal Gelehrte gefragt, ob das Buch sie ebenso langweile wie mich, und alle Aufrichtigen haben mir zugegeben, daß das Buch ihnen aus den Händen sänke, aber man müsse es stets in seiner Bücherei haben als ein Denkmal des Altertums, gleich jenen verrosteten Münzen, welche im Handel nicht mehr zulässig sind.« »Eure Exzellenz denkt über Virgil nicht ebenso?« fragte Candid. »Ich gebe zu,« erwiderte Pococurante, »das zweite, vierte und sechste Buch seiner Änëide sind vortrefflich, was jedoch seinen frommen Äneas und den starken Cloanthes und den Freund Achates und den kleinen Ascanius und den blödsinnigen König Latinus und die bürgerliche Amata und die alberne Lavina anbetrifft, so glaube ich, kann es nichts Kälteres und Unangenehmeres geben. Ich ziehe Tasso vor und Ariosts Geschichten, bei denen man im Stehen einschlafen kann.« »Dürfte ich mir die Frage erlauben, Herr,« sagte Candid, »ob Ihnen das Lesen des Horaz nicht großes Vergnügen bereitet?« »Er bringt Maximen,« sagte Pococurante, »die sich ein Weltmann wohl zunutze machen kann, und die sich in ihrer Zusammendrängung in kraftvolle Verse dem Gedächtnisse leichter einprägen, aber seine Reise nach Brundisium kümmert mich ebensowenig, wie seine Beschreibung eines schlechten Mahles und des Hausknechtsgezänkes zwischen irgend einem Rupilius, dessen Worte, wie er sagt, voll Eiter, und einem anderen, dessen Worte voll Essig waren. Nur mit größtem Widerwillen habe ich seine groben Verse gegen die alten Weiber und die Hexen zu lesen vermocht, und ich kann nicht einsehen, welches Verdienst in der Mitteilung an seinen Freund Mäcenas liegen soll, daß er nun, da er von ihm in die Reihe der lyrischen Dichter versetzt, mit seinem erhabenen Scheitel die Sterne berühre. Nur die Dummen bewundern an einem geschätzten Dichter alles, ich jedoch lese ausschließlich für mich und liebe nur, was mir gefällt.« Candid, der dazu erzogen worden war, niemals von sich selbst aus über ein Ding ein Urteil zu fällen, war über alles, was er da vernahm, äußerst verwundert, Martin dagegen fand die Denkweise des Senators sehr vernünftig. »Oh, hier steht ein Cicero!« rief Candid. »Was diesen großen Mann angeht, so denke ich, werden Sie wohl niemals müde werden, ihn zu lesen.« »Ich lese ihn niemals,« entgegnete der Venezianer, »was geht es mich an, ob er Rabirius oder Cluentius verteidigt hat, ich habe selber genug Prozesse zu führen. Mit seinen philosophischen Werken hätte ich mich schon eher befreunden können, seit ich jedoch gesehen, daß er an allem zweifelt, habe ich mir gesagt, daß ich ja dann genau ebensoviel weiß wie er, und keines weiteren Beistandes bedarf, um so unwissend zu bleiben.« »Ah, sieh da,« rief Martin, »achtzig Bände Sammlungen einer Akademie der Wissenschaften, darin könnte schon etwas Gutes stecken.« »Ja, es könnte,« versetzte Pococurante, »wenn ein einziger Verfasser dieses Plunders die Kunst erfunden hätte, meinetwegen auch nur Stecknadeln zu machen, aber in allen diesen vielen Bänden stehen nur eitle Systeme und nicht eine einzige wirklich nützliche Sache.« »Mein Gott, wie viele Theaterstücke sehe ich da,« sagte Candid, »italienische, spanische, französische!« »Ja,« sagte der Senator, »es sind im ganzen dreitausend und doch nicht drei Dutzend gute darunter. Und was diese Sammlungen von Predigten hier anbelangt, welche alle zusammen nicht eine einzige Seite Senecas aufwiegen, und alle diese dicken Bände theologischer Schriften dort, so können Sie sich denken, daß ich sie niemals öffne, ich nicht, und auch sonst niemand!« Martin entdeckte Fächer, die nur englische Bücher enthielten. »Ich glaube,« sagte er, »ein Republikaner muß an den meisten dieser so freisinnig abgefaßten Werke Gefallen finden.« »Ja,« erwiderte Pococurante, »es ist etwas Schönes darum, zu schreiben, was man denkt, es ist ein Vorrecht des Menschen. In unserem ganzen Italien schreibt man nur, was man nicht denkt, die Bewohner des Vaterlandes eines Cäsar und der Antonine wagen ohne Erlaubnis eines Jacobiners keinen einzigen Gedanken zu haben. Die Freiheit, welche die englischen Geister beseelt, würde mir wohl gefallen, wenn Leidenschaft und Parteigeist nicht alles wieder verdürbe, was diese kostbare Freiheit Schätzenswertes an sich hat.« Candid bemerkte einen Milton und fragte, ob der Senator wenigstens diesen Dichter für einen großen Mann gelten lasse? »Wen,« fragte Pococurante, »diesen Barbaren, der zu dem ersten Kapitel der Genesis einen zehn Bände langen Kommentar in harten Versen geschrieben hat? diesen dickfingerigen Nachahmer der Griechen, der die Schöpfung entstellt und, während nach Moses' Darstellung das ewige Wesen die Welt durch das Wort erschafft, den Messias aus einer Schublade des Himmels einen großen Kompaß hervorkramen läßt, um den Grundriß zu seinem Werke zu entwerfen? Wie, ich sollte den schätzen, der Tassos Hölle und Teufel verhunzt hat, und den Luzifer bald in eine Kröte, bald in einen Zwerg verwandelt, ihn hundertmal dieselben Reden herunterleiern und über Theologie streiten läßt, den sollte ich schätzen, der die komische Erfindung der Feuerwaffen des Aristoteles im Ernste nachahmt und die Teufel im Himmel mit Kanonen schießen läßt? Weder mir noch sonst jemandem in Italien haben alle diese trüben Überschwenglichkeiten gefallen können! Die Vermählung der Sünde mit dem Tode, und die Nattern, mit denen die Sünde niederkommt, bringen jeden Menschen mit nur ein wenig zartem Geschmack zum Erbrechen, und seine lange Beschreibung eines Krankenhauses mag für Totengräber gut sein. Dieses dunkle, absonderliche und widerwärtige Gedicht wurde schon bei seinem Erscheinen verachtet, ich behandle es heute nur, wie es in seinem Vaterlande bereits von seinen Zeitgenossen behandelt wurde. Übrigens spreche ich aus, was ich denke, und kümmere mich wenig darum, ob andere ebenso denken wie ich.« Candid war über all diese Ausführungen herzlich betrübt, er verehrte Homer und liebte auch Milton ein wenig. »Ach,« sagte er leise zu Martin, »ich fürchte gar sehr, dieser Mann hegt für unsere deutschen Dichter die unbändigste Verachtung.« »Das wäre doch kein so gar großes Übel!« versetzte Martin. »Oh, welch ein überlegener Mann,« murmelte Candid noch einmal zwischen den Zähnen, »welch ein großer Genius ist nicht dieser Pococurante, nichts vermag ihm zu gefallen!« Nachdem sie auf diese Weise alle seine Bücher durchgegangen waren, stiegen sie in den Garten hinab, und Candid pries alle seine Schönheiten. »Nein, das ist alles schlechtester Geschmack,« erwiderte der Besitzer, »wir kennen hier leider nur törichte Schnörkeleien, morgen jedoch will ich den Garten nach einem edleren Plane umpflanzen lassen.« Als die beiden Neugierigen sich von seiner Exzellenz verabschiedet hatten, sagte Candid zu Martin: »Sie werden zugeben müssen, daß dieser Mann der glücklichste von allen Menschen ist, denn er steht über allem, was er besitzt.« »Sehen Sie denn nicht,« entgegnete Martin, »daß ihn im Gegenteil alles anwidert, was er besitzt? Plato hat es schon vor langer Zeit ausgesprochen, daß nicht diejenigen Mägen für die besten zu achten seien, welche jedwede Speise zurückweisen.« »Aber, bereitet es denn keine Freude,« versetzte Candid, »alles zu kritisieren und überall Mängel zu finden, wo alle anderen Menschen nur Schönheit zu sehen glauben?« »Das würde heißen,« erwiderte Martin, »daß es Freude mache, keine Freude zu haben.« »Nun wohl,« rief Candid, »so werde also nur ich glücklich sein, sobald ich Fräulein Kunigunde wiedergesehen habe.« »Hoffen ist immer wohlgetan«, antwortete Martin. Jedoch die Tage und Wochen verstrichen, und Cacambo kam nicht wieder. Candid war so völlig in seinen Schmerz versunken, daß es ihm nicht einmal auffiel, daß weder Paquette noch der Bruder Giroflée auch nur um sich zu bedanken erschienen waren.   Sechsundzwanzigstes Kapitel: Von einem Abendessen, das Candid und Martin mit sechs Fremden einnahmen, und wer diese waren. Als sich nun Candid eines Abends in Gesellschaft Martins mit Fremden zu Tisch setzen wollte, welche im gleichen Gasthause wohnten, trat ein Mann mit rußgeschwärztem Gesicht von hinten an ihn heran, faßte ihn beim Arm und sagte: »Halten Sie sich bereit, mit uns abzureisen, verfehlen Sie uns ja nicht!« Candid drehte sich um und erblickte Cacambo. Nur der Anblick Kunigundens hätte ihn mehr erstaunen und tiefer erfreuen können. Fast wäre er vor Freude toll geworden; er umarmte seinen geliebten Freund: »Kunigunde ist hier, nicht wahr? Wo ist sie, führe mich zu ihr, auf daß ich mit ihr vor Freuden sterben kann.« »Kunigunde ist keineswegs hier,« erwiderte Cacambo, »sie ist in Konstantinopel.« »Oh Himmel, in Konstantinopel! Aber wäre sie auch in China, ich flöge zu ihr! Auf!« »Wir reisen erst nach dem Essen,« versetzte Cacambo, »mehr kann ich Ihnen nicht sagen, ich bin Sklave, mein Herr erwartet mich, ich muß ihn bei Tisch bedienen, sagen Sie kein Wort, essen Sie und halten Sie sich bereit.« Zwischen Schmerz und Freude geteilt, entzückt seinen treuen Sendling wiedergesehen zu haben, erstaunt ihn als Sklaven wiederzufinden, erfüllt von dem Gedanken, seine Geliebte wiederzusehen, klopfenden Herzens und kreisenden Geistes, so setzte sich Candid mit Martin, den bei allen diesen Abenteuern seine Gelassenheit nicht verließ, und mit sechs Fremden zu Tisch, die nach Venedig gekommen waren, um dort den Karneval zu verbringen. Cacambo, der einem dieser Fremden Wein einschenkte, neigte sich gegen Ende des Mahles an das Ohr seines Herrn und sprach zu ihm: »Sire, Eure Majestät kann abreisen, wann es ihr beliebt, das Schiff ist bereit!« Nach diesen Worten ging er hinaus, die verwunderten Gäste aber sahen sich an, ohne auch nur ein einziges Wort hervorzubringen. Da näherte sich auch schon ein anderer Diener seinem Herrn und sprach: »Sire, der Wagen Eurer Majestät steht in Padua, und die Barke ist bereit.« Der Herr winkte, und der Diener verschwand. Wiederum sahen sich alle Gäste an, und ihr Erstaunen wuchs, denn nun näherte sich ein dritter Diener einem dritten Fremden und sprach zu ihm: »Sire, folgen Sie meinem Rat, Eure Majestät darf nicht länger hier verweilen, ich will alles vorbereiten«, und damit verschwand er. Candid und Martin zweifelten nun nicht mehr, daß es sich um einen Karnevalsscherz handelte. Da sprach ein vierter Diener zu einem vierten Herren: »Eure Majestät kann abreisen, wann es ihr beliebt« und ging gleich den anderen hinaus. Dasselbe sprach der fünfte Diener zu dem fünften Herren: der sechste jedoch sagte zu dem sechsten, welcher neben Candid saß, etwas recht Verschiedenes, nämlich: »Meiner Treu, Sire, man will Eurer Majestät nicht länger borgen und mir auch nicht, wir könnten alle beide in dieser Nacht recht wohl eingelocht werden, ich muß zusehen, wie ich davonkomme. Behüt Euch Gott!« Nachdem alle Diener hinausgegangen waren, saßen die sechs Fremden und Candid und Martin in tiefem Schweigen um den Tisch. Endlich brach es Candid und sagte: »Welch ein absonderlicher Scherz, meine Herren! Warum sind Sie alle Könige? Was mich angeht, so gestehe ich Ihnen gern, daß weder ich noch Martin es sind.« Der Herr Cacambos ergriff nun mit ernster Würde das Wort und sagte auf italienisch: »Ich meinerseits bin durchaus nicht zum Scherzen aufgelegt, sondern heiße Achmed III. und war mehrere Jahre lang Großsultan; ich hatte meinen Bruder entthront, dann entthronte mein Neffe mich, meinen Vezieren wurde der Hals abgeschnitten, und ich selber verbringe den Rest meines Lebens nun im alten Serail. Bisweilen erlaubt mir jedoch mein Neffe, der Großsultan Mahamut, meiner Gesundheit wegen zu reisen, und so bin ich nach Venedig gekommen, um hier den Karneval zu verbringen.« Nach ihm sprach ein junger Mann, der neben Achmed saß und sagte: »Ich heiße Iwan und bin Kaiser aller Reußen gewesen, doch schon in der Wiege ward ich entthront, und mein Vater und meine Mutter eingekerkert. Ich bin im Gefängnis aufgewachsen, aber bisweilen erlaubt man mir, mit meinen Wächtern zu reisen, und da bin ich diesmal nach Venedig gekommen, um hier den Karneval zu verbringen.« Der dritte sagte: »Ich bin Karl Eduard, König von England, mein Vater hatte mir seine Rechte auf das Reich abgetreten, und ich habe um sie gekämpft: achthundert meiner Parteigänger wurde das Herz ausgerissen und ihnen damit um die Ohren geschlagen, ich selber ward ins Gefängnis geworfen. Ich bin auf dem Wege nach Rom, um dem Könige, meinem Vater, der ebenso wie ich und mein Großvater entthront ist, einen Besuch abzustatten. Nach Venedig bin ich gekommen, um hier den Karneval zu verbringen.« Darauf nahm der vierte das Wort und sprach: »Ich bin König der Polacken, August, Kurfürst von Sachsen und König von Polen, verjagt im Jahre 1756. das Kriegsgeschick hat mich meiner Erbstaaten beraubt, meinem Vater widerfuhr dasselbe Mißgeschick, ich beuge mich der Vorsehung, wie der Sultan Achmed, der Kaiser Iwan und der König Karl Eduard, denen Gott ein langes Leben schenken möge. Nach Venedig bin ich gekommen, um hier den Karneval zu verbringen.« »Auch ich bin ein König der Polacken,« Stanislas Leczinski, Schwiegervater Ludwigs XV. sagte der fünfte, »ich habe mein Reich schon zum zweiten Male verloren, die Vorsehung hat mir jedoch einen anderen Staat gegeben, in dem ich mehr Gutes getan, als alle Sarmatenkönige zusammen je an den Ufern der Weichsel zu tun vermochten. Auch ich beuge mich der Vorsehung und bin nach Venedig gekommen, um hier den Karneval zu verbringen.« Nun fehlte nur noch der sechste Monarch: »Meine Herren,« sagte er, »ich bin zwar kein so großer Herr wie Sie, aber schließlich bin ich auch ebensogut König gewesen. Ich heiße Theodor, Gestorben den 2. Dezember 1756. man hatte mich zum König von Corsica erwählt und mich ›Eure Majestät‹ angeredet, gegenwärtig nennt man mich allerdings kaum noch ›Herr‹; ich habe Geld prägen lassen und besitze nicht einen Heller, ich hatte zwei Staatssekretäre, und jetzt habe ich kaum einen Diener, einst saß ich auf einem Thron, danach aber habe ich im Gefängnis zu London lange auf Stroh gelegen und fürchte gar sehr, es möchte mir hier ein Gleiches widerfahren, obgleich ich ebenso wie Eure Majestäten nach Venedig gekommen bin, um hier den Karneval zu verbringen. Voll edlen Mitgefühls hörten die fünf anderen Könige diese Rede an, und ein jeder schenkte dem König Theodor zwanzig Zechinen, auf daß er sich Kleider und Hemden kaufen könne. Candid machte ihm einen Diamanten im Werte von zweitausend Zechinen zum Geschenk. »Wer ist nur dieser einfache Privatmann,« sprachen die fünf Könige, »der hundertmal so viel zu schenken vermag als ein jeder von uns, und es auch tut?« In dem Augenblick, da man sich von Tische erhob, langten im selben Gasthause vier Erlauchte Hoheiten an, die ebenfalls im Kriegsgeschick ihrer Staaten verlustig gegangen waren und nun nach Venedig kamen, um dort die letzten Tage des Karnevals zu verbringen. Candid schenkte diesen neuen Ankömmlingen jedoch keinerlei Beachtung, sein Sinn stand nur noch danach, zu seiner geliebten Kunigunde nach Konstantinopel zu gelangen.   Siebenundzwanzigstes Kapitel: Reise Candids nach Konstantinopel. Der treue Cacambo hatte bei dem türkischen Schiffspatron, der den Sultan Achmed nach Konstantinopel zurückbringen sollte, bereits erreicht, daß er auch Candid und Martin mit an Bord nehmen würde. So begaben sie sich also alle beide hin, nachdem sie sich vor Seiner bejammernswerten Hoheit noch einmal tief zu Boden geneigt hatten. Unterwegs sagte Candid zu Martin: »Da hätten wir denn nun mit sechs entthronten Königen zu Abend gespeist, und unter diesen sechs Königen gab es sogar einen, dem ich ein Almosen schenken konnte. Vielleicht gibt es noch viele andere weit unglücklichere Fürsten! Ich dagegen habe nur hundert Hammel verloren und fliege jetzt in Kunigundens Arme! Mein lieber Martin, noch einmal sage ich es, Pangloß hatte recht: alles ist gut!« »Ich wünsche es Ihnen«, sagte Martin. »Aber ist es nicht doch ein gar unwahrscheinliches Abenteuer, das wir da in Venedig gehabt haben,« rief Candid, »denn wann hätte man je sechs entthronte Könige zusammen in einem Wirtshause zu Nacht essen sehen?« »Das ist doch nicht außerordentlicher,« entgegnete Martin, »als die meisten Dinge, die uns begegnet sind! Daß Könige entthront werden, ist etwas überaus Alltägliches, und gar die Ehre, mit ihnen zusammen gespeist zu haben, ist eine Nichtigkeit, die weiter keinerlei Beachtung von unserer Seite verdient.« Kaum hatte Candid das Schiff betreten, so fiel er auch schon seinem alten Diener, seinem Freunde Cacambo, um den Hals. »Nun,« sprach er zu ihm, »was macht Kunigunde, ist sie noch immer ein Wunder an Schönheit, liebt sie mich noch immer, und wie geht es ihr? Zweifelsohne hast du ihr in Konstantinopel einen Palast gekauft?« »Mein teurer Herr,« erwiderte Cacambo, »Kunigunde wäscht am Ufer der Propontis Geschirr bei einem Fürsten, der allerdings nur sehr wenig Geschirr besitzt. Sie ist Sklavin im Hause eines alten Herrschers namens Ragotzky, dem der Groß-Türke täglich drei Taler auf seinem Ruhesitz auszahlt; weit trauriger jedoch ist es, daß Kunigunde ihre Schönheit eingebüßt hat und entsetzlich häßlich geworden ist.« »Bah, schön oder häßlich,« rief Candid, »ich bin ein Ehrenmann, und es ist meine Pflicht, sie immerdar zu lieben. Wie aber kann sie mit den fünf oder sechs Millionen, die du mit dir genommen, in eine so schmähliche Lage geraten sein?« »Ausgezeichnet!« rief Cacambo, »habe ich zwei Millionen nicht vielleicht dem Señor Don Fernando d'Ibaraa y Figueora, y Mascarenes y Lampurdos y Suza, Governador von Buenos Aires, für die Erlaubnis geben müssen, Fräulein Kunigunde mitzunehmen, und hat uns nicht vielleicht ein Seeräuber den Rest geraubt, und hat uns dieser Seeräuber nicht vielleicht nach dem Kap Matapan, nach Milos, nach Nicari, nach Samos, nach Petra, nach den Dardanellen, nach Marmara und nach Scutari mitgeschleppt? Kunigunde und die Alte dienen bei dem Fürsten, von dem ich Ihnen gesprochen habe, und ich bin Sklave bei dem entthronten Sultan.« »Welch schreckliche, eng verkettete Unglücksfälle!« rief Candid, »aber schließlich habe ich ja noch ein paar Diamanten, es wird mir ein leichtes sein, Kunigunden zu befreien! Schade nur, daß sie so häßlich geworden ist.« Darauf wandte er sich zu Martin. »Wer, glauben Sie, ist wohl am beklagenswertesten von uns, der Kaiser Achmed, der Kaiser Iwan, der König Karl Eduard oder ich?« »Ich weiß es nicht,« erwiderte Martin, »denn dazu müßte ich in ihren Herzen stecken.« »Ach,« rief Candid, »wäre Pangloß hier, so würde er es wissen und es uns sagen.« »Ich weiß nicht, mit welchen Wagen Ihr Pangloß das Unglück der Menschen zu wägen und ihre Leiden zu bestimmen vermöchte! Ich meinerseits jedenfalls mutmaße nur, daß es Millionen Menschen auf Erden gibt, die hundertmal mehr zu beklagen sind, als der König Karl Eduard, der Kaiser Iwan und der Sultan Achmed.« »Das könnte wohl sein«, versetzte Candid. In wenigen Tagen erreichten sie den Kanal des Schwarzen Meeres. Zunächst kaufte nun Candid für einen unmäßig hohen Preis Cacambo zurück, und dann stürzte er sich, ohne Zeit zu verlieren, mit seinen Gefährten in eine Galeere, um am Gestade der Propontis nach Kunigunden zu suchen, wie häßlich sie auch immer geworden sein mochte. Unter den Galeerensklaven befanden sich zwei Sträflinge, die gar schlecht ruderten und denen der Galeerenführer daher von Zeit zu Zeit mit seinem Ochsenziemer über die nackten Schultern hieb. Einer natürlichen Regung folgend, betrachtete Candid sie aufmerksamer als die übrigen Sträflinge und trat mitleidsvoll näher an sie heran. Einige ihrer entstellten Gesichtszüge dünkten ihm eine entfernte Ähnlichkeit mit Pangloß und mit jenem unglücklichen Jesuiten, jenem Baron, dem Bruder Fräulein Kunigundens, zu haben. Dieser Gedanke bewegte und betrübte ihn, und er betrachtete sie noch aufmerksamer. »Wahrhaftig,« sagte er zu Cacambo, »hätte ich Magister Pangloß nicht hängen gesehen, und nicht selber das Unglück gehabt, den Baron zu töten, so würde ich schwören, sie seien dort vor mir auf die Ruderbank geschmiedet.« Bei den Worten Baron und Pangloß stießen die beiden Ruderknechte einen lauten Schrei aus, erstarrten auf ihren Sitzen und ließen ihre Ruder fallen. Der Galeerenführer stürzte sich mit verdoppelten Ochsenziemerhieben über sie. »Haltet ein, haltet ein!« schrie Candid. »Ihr sollt so viel Geld haben, wie Ihr wollt!« »Candid ist's,« rief der eine der Ruderknechte, »es ist Candid«, rief der andere. »Träume ich,« sagte Candid, »wache ich, bin ich hier auf einer Galeere, ist das dort der Herr Baron, den ich getötet, und jenes Magister Pangloß, den ich hängen gesehen habe?« »Wir sind's, wir sind's«, antworteten jene. »Was, das ist der große Philosoph?« fragte Martin. »Wohlan, Herr Galeerenführer, wieviel Lösegeld wollt Ihr für den Herrn von Tundertentronck, einen der ersten Reichsbarone, und den Herrn Pangloß, Deutschlands tiefsten Metaphysiker, haben?« »Christenhund,« erwiderte der Galeerenführer, »da diese beiden christlichen Sklavenhunde Barone und Metaphysiker sind, was in ihrem Vaterlande zweifellos eine hohe Würde ist, so sollst du mir fünfzigtausend Zechinen geben.« »Ihr sollt sie haben, Herr, fahrt mich nur wie ein Blitz nach Konstantinopel, und Ihr sollt auf der Stelle bezahlt werden. Aber nein, nein, bringt mich zuerst zu Fräulein Kunigunde.« Der Galeerenführer hatte auf das erste Angebot Candids hin das Schiff bereits umgelegt und ließ nun schneller rudern, als ein Vogel die Lüfte durchschießt. Candid umarmte wohl an die hundert Male den Baron und Pangloß. »Aber mein teurer Baron, habe ich Sie denn nicht getötet, und Sie, mein lieber Pangloß, wie kann es sein, daß Sie lebendig sind, nachdem Sie doch gehängt wurden, und warum sind Sie alle beide Galeerensträflinge in der Türkei?« »Ist es wirklich wahr, daß meine liebe Schwester hier im Lande weilt?« fragte der Baron. »Ja«, erwiderte Cacambo. »Sehe ich meinen geliebten Candid wirklich vor mir?« fragte Pangloß. Candid stellte ihnen Martin und Cacambo vor; sie umarmten einander und sprachen alle auf einmal. Die Galeere flog unterdessen dahin, ja, sie waren schon im Hafen. Man rief einen Juden herbei, dem Candid einen Diamanten im Werte von hunderttausend Zechinen für fünfzig verkaufte und der bei Abraham schwor, er könne unmöglich mehr geben. Sofort entrichtete Candid das Lösegeld für den Baron und Pangloß; dieser warf sich seinem Befreier zu Füßen und überströmte sie mit seinen Tränen, der andere dankte ihm mit einem Kopfnicken und versprach, ihm das Geld bei der ersten Gelegenheit wiederzugeben. »Ist es denn aber wirklich möglich, daß meine Schwester sich in der Türkei aufhält«, fragte er noch einmal. »Nichts ist möglicher,« erwiderte Cacambo, »denn sie reinigt ja bei einem Fürsten von Siebenbürgen das Tischgeschirr.« Nun ward wiederum nach zwei Juden geschickt. Candid verkaufte aufs neue Diamanten, und dann brachen sie alle in einer Galeere zur Befreiung Kunigundens auf.   Achtundzwanzigstes Kapitel: Was Candid, Kunigunde, Cacambo, Pangloß und Martin widerfährt usw. »Verzeihung noch einmal, mein ehrwürdiger Pater,« sprach Candid zum Baron, »daß ich Ihnen einen so gründlichen Degenstich mitten in den Leib gerannt.« »Sprechen wir nicht mehr davon,« versetzte der Baron, »vielleicht war ich auch ein wenig zu heftig, ich gestehe es. Da Sie jedoch zu wissen wünschen, durch welchen Zufall ich auf die Galeere gekommen bin, so will ich Ihnen erzählen, wie es geschah. Nachdem meine Wunden durch den Bruder Apotheker des Kollegiums geheilt worden, ward ich von einer spanischen Abteilung angegriffen und gefangen genommen. Man warf mich in Buenos Aires ins Gefängnis, und zwar gerade um die Zeit, da meine Schwester abreiste. Ich bat, zum Pater-General zurückkehren zu dürfen, und dort wurde ich zum Almosenpfleger bei dem französischen Gesandten in Konstantinopel ernannt. Kaum acht Tage nach meinem Amtsantritt begegnete ich eines Abends einem jungen, schön gewachsenen Itschoglan; Großherrlicher Page. ; es war sehr heiß, der junge Mann schickte sich an, zu baden, und so benutzte denn auch ich die Gelegenheit, es gleichfalls zu tun. Ich wußte nicht, daß es ein schweres Verbrechen für einen Christen war, nackt mit einem jungen Muselmann zusammen angetroffen zu werden. Ein Kadi ließ mir hundert Stockschläge verabfolgen und verurteilte mich zu den Galeeren; ich glaube nicht, daß jemals eine schrecklichere Ungerechtigkeit begangen worden ist. – Doch ich wünschte wohl zu wissen, warum meine Schwester in der Küche eines zu den Türken geflüchteten siebenbürgischen Fürsten dient?« »Doch Sie, mein teurer Pangloß,« sprach Candid, »wie kommt es, daß ich auch Sie wiedersehe?« »Sie haben mich allerdings hängen sehen, und eigentlich hätte ich ja verbrannt werden sollen; aber Sie entsinnen sich, daß es gerade in Strömen regnete, als man mich braten wollte; der Sturm wütete so stark, daß man daran verzweifelte, jemals ein Feuer entfachen zu können, und so blieb denn nichts anderes übrig, als mich zu hängen. Ein Wundarzt kaufte dann meinen Leichnam, nahm ihn mit sich nach Hause und fing mich dort zu sezieren an. Zunächst machte er mir einen Kreuzschnitt vom Nabel bis zu den Schlüsselbeinen. Man kann nicht gut schlechter gehängt werden, als ich gehängt worden war. Der Vollstrecker der hohen Werke der heiligen Inquisition, ein Subdiakon, verstand sich zwar wunderbar aufs Verbrennen, im Henken hatte er jedoch keinerlei Übung. Der Strick war naß gewesen und die Schlinge daher so schlecht geglitten, daß sie sich verknotete, kurz, ich atmete noch. Bei dem Kreuzschnitt stieß ich nun einen so lauten Schrei aus, daß der Arzt auf den Rücken fiel, und im Wahne, er habe den Teufel seziert, lief er in Todesangst davon und fiel auf seiner Flucht auch noch die Treppe hinunter. Bei dem Lärm eilte seine Frau aus dem Nebenzimmer herbei und sah mich mit meinem Kreuzschnitt lang auf den Tisch hingestreckt: sie ward von noch größerer Angst gepackt als ihr Gatte, lief ebenfalls davon, stolperte über ihn und fiel wie er. Als beide wieder ein wenig zu sich gekommen waren, hörte ich, wie die Frau Doktorin zu dem Herrn Doktor sagte: »Wie konntest du es dir auch einfallen lassen, einen Ketzer zu sezieren, mein Lieber? Weißt du denn nicht, daß diese Leute immer den Teufel im Leibe haben? Schnell will ich einen Priester herbeirufen, damit er ihn austreibt.« Bei diesen Worten erbebte ich; ich nahm alle Kraft zusammen, die mir noch geblieben war, und schrie: »Habt Mitleid mit mir!« – Endlich faßte sich der portugiesische Barbier ein Herz, nähte meine Haut wieder zusammen, und seine Frau pflegte mich sogar. Nach Verlauf von vierzehn Tagen stand ich wieder fest auf meinen Füßen. Der Barbier verschaffte mir eine Stellung als Bedienter bei einem Malteserritter, der nach Venedig reiste; da mein Herr mich jedoch nicht bezahlen konnte, trat ich in den Dienst eines venezianischen Kaufmannes und begleitete ihn nach Konstantinopel. Eines Tages kam mich nun die Laune an, eine Moschee zu betreten. Drinnen fand ich nur einen alten Iman und eine junge, sehr hübsche, andächtige Dame, die ihr Paternoster heruntersagte. Ihr Busen war ganz entblößt, und zwischen ihren beiden Brüsten trug sie einen schönen Strauß aus Tulpen, Rosen, Anemonen, Ranunkeln, Hyazinthen und Aurikeln. Diesen Strauß ließ sie fallen, ich hob ihn auf und steckte ihn mit ehrerbietigem Eifer an seinen Ort zurück. Hierzu brauchte ich jedoch so lange Zeit, daß der Iman sich ärgerte, und da er mich für einen Christen erkannte, rief er um Hilfe. Ich ward zum Kadi geschleppt, bekam hundert Stockhiebe auf die Fußsohlen, wurde zu den Galeeren verurteilt und mit dem Herrn Baron auf derselben Bank festgeschmiedet. Auf der Galeere befanden sich vier junge Leute aus Marseille, fünf neapolitanische Priester und zwei Mönche aus Korfu, und diese sagten uns, dergleichen Dinge kämen alle Tage vor. Der Herr Baron behauptete, ihm sei eine größere Ungerechtigkeit widerfahren als mir, ich dagegen hielt aufrecht, es sei viel eher erlaubt, einen Strauß an den Busen einer Frau zu stecken als völlig nackt mit einem Itschoglan zusammen zu sein. Darüber stritten wir unaufhörlich hin und her und bekamen täglich unzählige Ochsenziemerhiebe, bis die Verkettung der Ereignisse in dieser Welt Sie auf unsere Galeere brachte und Sie uns loskauften.« »Wohlan, mein lieber Pangloß,« sagte nun Candid, »als Sie gehängt, seziert und gepeitscht wurden und auf der Galeere rudern mußten, haben Sie da noch immer gedacht, daß alles auf dieser Welt zum besten eingerichtet sei?« »Ich hege noch immer meine ursprüngliche Ansicht,« erwiderte Pangloß, »denn ich bin doch schließlich eben Philosoph, und es steht mir nicht an, zu widerrufen, zumal Leibniz nicht unrecht haben kann, und es gar nichts Schöneres auf der Welt gibt als die vorherbestimmte Harmonie, den vollen Raum und die dünne Materie.«   Neunundzwanzigstes Kapitel: Wie Candid Kunigunden und die Alte wiederfand. Während Candid, der Baron, Pangloß, Martin und Cacambo ihre Abenteuer erzählten und über die zufälligen oder nicht zufälligen Ereignisse auf diesem Erdenball nachdachten und sich herumstritten über Wirkungen und Ursachen, geistige und physische Übel, Freiheit und Notwendigkeit und über den Trost, den man auf einer türkischen Galeere finden könnte, legten sie dem Hause des Fürsten von Siebenbürgen gegenüber am Ufer der Propontis an. Das erste, was sie erblickten, war Kunigunde und die Alte, welche Mundtücher zum Trocknen auf eine Leine hängten. Der Baron erbleichte bei diesem Anblick. Als aber der zärtliche Liebhaber Candid seine schöne Kunigunde dunkelverbrannt, mit geröteten Augen, dürrem Busen, gerunzelten Wangen und roten, aufgesprungenen Armen wiedersah, wich er vor Entsetzen drei Schritte zurück. Als ein wohlerzogener Mann jedoch schritt er dann sofort wieder auf sie zu. Sie umarmte Candid und ihren Bruder, und auch die Alte bekam Küsse, und Candid kaufte sie alle beide los. In der Nachbarschaft lag ein kleiner Meierhof; die Alte schlug Candid vor, ihn in Erwartung eines besseren Schicksals zunächst für sie alle zu pachten. Kunigunde wußte nicht, daß sie häßlich geworden war, niemand hatte sie davon unterrichtet, und so rief sie denn Candid in so entschiedenem Tone sein Heiratsversprechen ins Gedächtnis zurück, daß der Gute sich nicht zu weigern wagte; er setzte also den Baron davon in Kenntnis, daß er sich mit seiner Schwester zu verehelichen gedenke. »Niemals werde ich eine solche Niedrigkeit von Seiten meiner Schwester und eine solche Unverschämtheit Ihrerseits dulden,« rief der Baron, »diese Schändlichkeit soll man mir niemals vorwerfen können; die Kinder meiner Schwester könnten dann nie in ein deutsches Ordensstift eintreten, nein, meine Schwester wird niemals jemanden anderes denn einen Reichsbaron heiraten.« Kunigunde warf sich ihrem Bruder zu Füßen und benetzte sie mit Tränen, doch er blieb unerschütterlich. »Du Erznarr,« sagte Candid zu ihm, »ich habe dich von den Galeeren befreit, ich habe Lösegeld für dich bezahlt, ich habe für deine Schwester Lösegeld bezahlt, sie wusch hier Geschirr, sie ist häßlich, trotz alledem will ich gutmütig genug sein, sie zu meiner Frau zu machen, und du willst dagegen noch Widerspruch erheben? Wollte ich meinem Ingrimme folgen, so könnte ich dich gleich noch einmal totstechen!« »Du kannst mich noch einmal totstechen,« sagte der Baron, »aber bei meinen Lebzeiten wirst du meine Schwester niemals heiraten.«   Dreißigstes Kapitel: Schluß. Im Grunde seines Herzens verspürte Candid gar keine Lust, Kunigunden zu heiraten, aber die unerhörte Anmaßung des Barons bestimmte ihn, auf der Eheschließung zu bestehen; außerdem drängte Kunigunde ihn auch so lebhaft, daß er nicht gut mehr zurückkonnte. Er fragte also Pangloß, Martin und den treuen Cacambo um Rat. Pangloß setzte eine schöne Denkschrift auf, in der er nachwies, daß der Baron keinerlei Rechte über seine Schwester besäße und sie sich nach allen Reichsgesetzen Candid zur linken Hand antrauen lassen könnte. Martin riet, den Baron ins Meer zu werfen, Cacambo dagegen schlug vor, man solle ihn zunächst dem Galeerenführer wiederbringen und ihn an die Ruderbank schmieden lassen; später könnte er dann mit dem nächsten Schiffe dem Pater-General in Rom wieder zugestellt werden. Diese Meinung wurde beifällig aufgenommen, und auch die Alte billigte sie; nur der Schwester sagte man nichts davon. Mit etwas Geld wurde die Sache zuwege gebracht, und man hatte die Genugtuung, einen Jesuiten zu überlisten und den Hochmut eines deutschen Junkers zu bestrafen. Es wäre ganz natürlich, anzunehmen, Candid würde nach so vielen Mißgeschicken in der Vereinigung mit seiner Geliebten und dem Zusammensein mit dem Philosophen Pangloß, dem Philosophen Martin, dem klugen Cacambo und der Alten, und außerdem im Besitze so vieler Diamanten, die er aus dem Vaterlande der alten Inkas mitgebracht, nun das angenehmste Leben von der Welt führen, aber die Juden betrogen ihn so weidlich, daß ihm bald nichts mehr geblieben war als sein kleiner Meierhof. Seine Frau ward von Tag zu Tag häßlicher und dazu zänkisch und unerträglich, die Alte war gebrechlich und noch üblerer Laune als Kunigunde. Cacambo, der im Garten arbeitete und das Gemüse zum Verkauf nach Konstantinopel trug, war mit Arbeit überbürdet und verfluchte sein Geschick. Pangloß war verzweifelt, nicht an irgendeiner deutschen Universität zu glänzen, und nur Martin faßte sich in seiner festen Überzeugung, daß man überall gleich schlecht aufgehoben sei, in Geduld. Candid, Martin und Pangloß stritten bisweilen über Metaphysik und Moral. Gar oft sah man unter den Fenstern der Meierei Schiffe mit Effendis, Paschas und Kadis vorbeifahren, die nach Lemnos, Mitylene und Erzerum in die Verbannung geschickt wurden. Andere Kadis, Paschas und Effendis fuhren vorbei, um die Stellungen der Verjagten einzunehmen und dann ihrerseits wieder abgesetzt zu werden. Man sah auch sauber verpackte Köpfe, die der hohen Pforte überreicht werden sollten. Solche Schauspiele frischten die Auseinandersetzungen jedesmal auf; stritt man sich jedoch nicht, so war die Langeweile so über die Maßen groß, daß die Alte ihnen eines Tages zu sagen wagte: »Gern wüßte ich, was wohl schlimmer ist, hundertmal von schwarzen Seeräubern vergewaltigt zu werden, eine Hinterbacke einzubüßen, bei den Bulgaren Spießruten zu laufen, bei einem Autodafé ausgepeitscht und gehängt und dann seziert zu werden, auf eine Galeere geschmiedet zu sein, kurz, all das Mißgeschick zu erleiden, das wir alle durchgemacht haben, oder hier zu sitzen und nichts zu tun?« »Das ist eine große Frage«, erwiderte Candid. Dieser Ausspruch gab zu neuen Betrachtungen Anlaß, und vor allem Martin behauptete, der Mensch sei geboren, um in den Krämpfen der Ruhelosigkeit oder in der Betäubung der Langenweile zu leben; Candid gab das nicht zu, stellte jedoch weiter keine feste Behauptung auf; Pangloß seinerseits räumte ein, daß er zwar stets aufs schrecklichste gelitten habe, da er nun aber einmal behauptet, alles sei wunderbar gut, so wolle er stets bei dieser seiner Behauptung bleiben, wenn er auch selber nicht mehr daran glaube. Da ereignete sich etwas, das Martin in seinen schändlichen Grundsätzen noch bestärkte, Candid mehr als je schwankend machte und Pangloß arg in Verlegenheit setzte; eines Tages erschienen nämlich Paquette und der Bruder Giroflée im elendesten Zustande in der Meierei. Sie hatten ihre dreitausend Piaster gar schnell aufgegessen, hatten sich getrennt und wieder versöhnt und wieder entzweit, waren ins Gefängnis geworfen worden und dann daraus entflohen, und schließlich war Bruder Giroflée Türke geworden. Paquette beharrte allerorten bei ihrem alten Gewerbe, verdiente dabei aber nichts mehr. »Ich hatte es nur allzugut vorausgesehen,« sagte Martin zu Candid, »daß Ihre Geschenke gar bald vertan sein und die beiden dadurch nur noch elender geworden sein würden; Sie und Cacambo haben Millionen von Piastern verschlungen und sind dadurch doch nicht glücklicher als Bruder Giroflée und Paquette.« »Oh, oh, Paquette,« rief Pangloß, »hat dich der Himmel wieder zu uns zurückgeführt? Weißt du auch wohl, mein armes Kind, daß du mich meine Nasenspitze, ein Auge und ein Ohr gekostet hast? Und wie siehst du selber nun aus! Weh, was ist diese Welt!« – Dieses neue Abenteuer trieb sie mehr denn je zu philosophieren. In der Nachbarschaft wohnte ein sehr berühmter Derwisch, der für den besten Philosophen der Türkei galt; ihn wollten sie befragen. Pangloß führte das Wort und sprach zu ihm: »Meister, wir nahen uns dir mit der Bitte, du mögest uns sagen, weshalb ein so sonderbares Tier wie der Mensch erschaffen worden ist?« »Was geht das dich an?« fragte ihn der Derwisch, »ist das etwa deine Sache?« »Aber, mein hochwürdiger Vater,« sagte Candid, »es herrscht entsetzlich viel Böses auf Erden.« »Gutes oder Böses, was liegt daran?« erwiderte der Derwisch. »Wenn Seine Hoheit ein Schiff nach Ägypten entsendet, kümmert sie sich dann darum, ob sich die im Schiffe befindlichen Mäuse wohl fühlen oder nicht?« »Was soll man also tun?« fragte Pangloß. »Schweigen sollst du«, versetzte der Derwisch. »Ich hatte gehofft,« erwiderte Pangloß, »mit Euch ein wenig über Ursache und Wirkung, über die beste aller möglichen Welten, über den Ursprung des Bösen, über die Natur der Seele und über die vorherbestimmte Harmonie reden zu können.« Als der Derwisch diese Worte vernahm, warf er ihnen die Tür vor der Nase zu. Während dieses Gespräches hatte sich die Nachricht verbreitet, man habe in Konstantinopel soeben zwei Veziere des Diwans und den Mufti erdrosselt und mehrere ihrer Freunde gepfählt. Einige Stunden lang erregte dieses Ereignis allenthalben das größte Aufsehen, und als Pangloß, Candid und Martin sich nun auf dem Rückwege nach ihrer kleinen Meierei befanden, begegneten sie einem wackeren Greise, der vor seiner Tür unter einer Pomeranzenlaube frische Luft schöpfte. Pangloß, der ebenso redselig wie neugierig war, fragte ihn, wie denn der Mufti, den man soeben erdrosselt, geheißen habe? »Ich weiß es nicht,« erwiderte der gute Alte, »denn ich habe noch niemals den Namen irgend eines Muftis oder Veziers gewußt. Mir ist auch der Vorfall, von dem Ihr redet, völlig unbekannt. Ich vermute jedoch, daß im allgemeinen alle, die sich mit öffentlichen Angelegenheiten befassen, bisweilen elendiglich umkommen, und ich meine auch, daß sie es verdienen, aber ich frage nie nach dem, was in Konstantinopel geschehen ist. Mir genügt es, die Erträgnisse meines Gartens, den ich selber bebaue, dorthin zum Verkauf zu senden.« Nachdem er dies gesprochen, lud er die Fremden in sein Haus. Seine beiden Töchter und seine beiden Söhne boten ihnen verschiedene Sorbetmischungen an, die sie selber zubereitet, und außerdem Kaïmak mit verzuckerter Zedratrinde, Orangen, Zitronen, Limonen, Ananas, Pistazien und Kaffee aus Mokka, der nicht mit dem schlechten Kaffee aus Batavia und den Inseln gemischt war, und hierauf parfümierten die beiden Töchter des wackeren Muselmannes Candid, Pangloß und Martin die Bärte. »Ihr müsset ein gar großes und herrliches Landgut besitzen«, sagte Candid zu dem Türken. »Ich besitze nur zwanzig Morgen,« entgegnete dieser, »und bebaue sie mit meinen Kindern; die Arbeit hält drei große Übel von uns ab: Langeweile, Laster und Not.« Auf dem Heimwege nach seiner Meierei versank Candid in ein tiefes Sinnen über die Worte des Türken, dann sagte er zu Pangloß und Martin: »Mich dünkt, dieser gute Greis hat sich ein Schicksal geschaffen, das dem der sechs Könige, mit denen wir zu Nacht zu speisen die Ehre hatten, weit vorzuziehen ist.« »Nach dem Berichte aller Philosophen ist Größe ein gar gefährlich Ding,« versetzte Pangloß, »denn schließlich wurde Eglon, der König der Moabiter, durch Ehut getötet, Absalom wurde an den Haaren aufgehängt und von drei Wurfspeeren durchbohrt, der König Nadab, Jerobeams Sohn, ward von Bansa getötet, der König Ella von Simri, Ahasja von Jehu, Athalja von Jojada und die Könige Joakim, Jojachin und Zedekia gerieten in Sklaverei. Sie wissen, wie Krösus umkam, ferner Astyages, Darius, Dionys von Syrakus, Pyrrhus, Perseus, Hannibal, Jugurtha, Ariovist, Cäsar, Pompejus, Nero, Otho, Vitellius, Domitian, Richard II. von England, Eduard II., Heinrich VI., Richard III., Maria Stuart, Karl I., die drei französischen Heinriche und Kaiser Heinrich IV. Sie wissen ferner ...« »Ich weiß auch,« fiel Candid ihm ins Wort, »daß wir unseren Garten bestellen sollen.« »Sie haben recht,« erwiderte Pangloß, »denn als der Mensch in den Garten Eden gesetzt wurde, geschah es ut operaretur eum, damit er arbeite, was deutlich beweiset, daß der Mensch nicht zur Ruhe geschaffen ist.« »Arbeiten wir, ohne zu grübeln,« sagte Martin, »es ist das einzige Mittel, das Leben erträglich zu machen.« In dieser lobenswerten Absicht vereinigte sich die ganze kleine Gesellschaft, ein jeder begann seine Gaben zu nutzen, und das kleine Gütchen brachte viel ein. Kunigunde war zwar recht häßlich, aber sie wurde eine ausgezeichnete Zuckerbäckerin. Paquette stickte, und die Alte nahm die Wäsche unter ihre Obhut. Selbst der Bruder Giroflée erwies sich als nützlich, er war ein vortrefflicher Tischler und wurde sogar ein braver Mensch, und Pangloß sagte bisweilen zu Candid: »In dieser besten aller möglichen Welten sind alle Ereignisse miteinander verkettet, denn wären Sie nicht wegen ihrer Liebe zu Fräulein Kunigunde mit wuchtigen Fußtritten in den Hintern aus einem schönen Schlosse verjagt worden und nicht in die Hände der Inquisitoren geraten, hätten Sie nicht Amerika zu Fuß durchwandert und dem Baron einen tüchtigen Degenstich versetzt, ja, hätten Sie nicht alle Ihre Hammel aus dem guten Lande Eldorado eingebüßt, so würden Sie hier nicht eingemachte Zedratrinde und Pistazien essen.« »Vollkommen richtig,« erwiderte Candid, »aber wir müssen unseren Garten bestellen.« Geschichte der Reisen Scarmentados von ihm selbst verfaßt 1747   Ich bin im Jahre 1600 in der Stadt Kandia geboren. Mein Vater war daselbst Statthalter, und ich entsinne mich, daß ein mittelmäßiger Dichter namens Iro, der ein gar großer Tölpel war, schlechte Verse zu meinem Lobe machte, in denen er meine Abstammung in gerader Linie von Minos herleitete. Nachdem mein Vater jedoch in Ungnade gefallen war, machte er andere, in denen ich nur noch von Pasiphaë und ihrem Liebhaber abstammte. Er war wirklich ein recht boshafter Mensch, dieser Iro, und der langweiligste Halunke auf der ganzen Insel. Im Alter von fünfzehn Jahren schickte mich mein Vater zum Studium nach Rom. Ich reiste in der Hoffnung hin, dort nun alle Wahrheiten zu lernen, denn bis dahin hatte man mich genau das Gegenteil gelehrt, wie es Brauch ist in dieser Welt hienieden von China bis zu den Alpen. Monsignore Profondo, dem ich anbefohlen, war ein seltsamer Mann und einer der schrecklichsten Gelehrten, die es auf der Welt gab. Er wollte mir die Kategorien des Aristoteles beibringen und war auf dem Punkte, mich in die Kategorie seiner Lustknaben aufzunehmen: ich machte mich jedoch noch mit heiler Haut auf und davon. Ich sah Prozessionen, Teufelsbeschwörungen und allerlei Diebereien mit an. Man behauptete, allerdings sehr fälschlich, Signora Olimpia, ein über die Maßen kluges Frauenzimmer, verkaufe gar vielerlei, was man nicht verkaufen soll. Ich befand mich in einem Alter, in dem mir dieses alles sehr vergnüglich erschien. Eine junge Dame äußerst sanften Gemütes, Signora Fatelo mit Namen, ließ es sich beifallen, sich in mich zu verlieben. Sie war umworben von dem hochwürdigen Pater Poignardini und dem hochwürdigen Pater Aconiti, dem Bruder eines Ordens, den es nicht mehr gibt. Sie versöhnte die beiden, indem sie mir ihre Gunst schenkte, ich aber lief zu gleicher Zeit Gefahr, in den Kirchenbann getan und vergiftet zu werden. Höchst befriedigt über den St. Peters-Bau reiste ich ab. Ich streifte in Frankreich umher: Zurzeit herrschte Ludwig der Gerechte. Das erste, was man mich fragte, war, ob ich zu meinem Frühstück nicht ein Stückchen vom Marschall d'Ancre haben wolle? Das Volk hatte ihn rösten lassen, und er wurde nun zu äußerst billigen Preisen an alle abgegeben, die davon haben wollten. Der französische Staat war unaufhörlich von Bürgerkriegen zerrissen, bisweilen handelte es sich dabei um einen Platz im Staatsrat, bisweilen um zwei Seiten strittiger Glaubenssätze. Seit mehr als sechzig Jahren verwüstete dieses bald verdeckte und bald heftig angefachte Feuer das schöne Land: es gehörte dies zu den Freiheiten der gallikanischen Kirche. »Ach,« rief ich aus, »und dennoch ist dieses Volk von Natur sanft geartet! Wer nur hat es dergestalt seinem ursprünglichen Wesen entfremdet? Es vergnügt sich in mutwilligen Scherzen – und es veranstaltet Bartholomäus-Nächte! Glücklich die Zeit, wann es nur noch scherzen wird!« Ich fuhr nach England hinüber: Dieselben Streitigkeiten entfachten hier eine gleiche Wut! Fromme Katholiken hatten zum Heile der Kirche beschlossen, den König, die königliche Familie und das ganze Parlament mit Pulver in die Luft zu sprengen, und so England von diesen Ketzern zu befreien. Man zeigte mir die Stelle, wo die selige Königin Maria, die Tochter Heinrichs VIII., mehr als fünfhundert ihrer Untertanen hatte verbrennen lassen. Ein irländischer Priester versicherte mir, dies sei eine sehr gute Tat gewesen, erstens weil die Verbrannten Engländer gewesen wären und zweitens, weil sie niemals Weihwasser gebraucht und nicht an das Loch des heiligen Patrick geglaubt hätten. Vor allem bezeigte er sich verwundert darüber, daß die Königin Marie noch nicht heilig gesprochen worden war, er hoffte jedoch, daß es bald geschehen würde, sobald der Neffe Kardinal nur erst ein wenig freie Zeit hätte. Ich ging nach Holland, wo ich unter der dickblütigen Bevölkerung etwas mehr Ruhe anzutreffen hoffte. Als ich im Haag anlangte, schlug man einem verehrungswürdigen Greise gerade den Kopf ab. Es war der kahle Kopf des ersten Ministers Barneveldt, desjenigen Mannes, der sich am meisten um die Republik verdient gemacht hatte. Von Mitleid ergriffen, fragte ich, welches sein Verbrechen gewesen und ob er Hochverrat begangen? »Er hat weit Schlimmeres getan,« antwortete mir ein schwarz bemäntelter Priester, »er gehörte zu den Menschen, welche glauben, man könne das ewige Heil ebenso durch gute Werke, wie durch den Glauben erringen! Ihr müsset zugeben, daß wenn dergleichen Ansichten um sich greifen, die Republik nicht zu bestehen vermag, und daß es strenger Gesetze bedarf, um solche ärgerlichen Greuel zu unterdrücken.« Ein tief denkender Staatsmann des Landes sprach zu mir: »Ach, mein Herr, die gute Zeit wird nicht ewig dauern, nur aus einem Zufall ist das Volk jetzt so glaubenseifrig, sein Grundcharakter neigt viel mehr der abscheulichen Lehre der Duldsamkeit zu, und eines schönen Tages wird sie ganz allgemein herrschen. Ich erbebe bei diesem Gedanken!« Hoffend, daß diese verhängnisvolle Zeit der Milde und Nachsicht in Bälde eintreten möchte, verließ ich meinerseits schleunigst dies Land, in dem die Strenge durch keinerlei Anmut gelindert wurde, und schiffte mich nach Spanien ein. Der Hof befand sich in Sevilla, die Gallionen waren angekommen, und alles rings atmete Überfluß und Freude in der schönsten Zeit des Jahres. Am Ende einer Allee aus Orangen- und Zitronenbäumen gewahrte ich eine Art ungeheuerer Schranke, die von abgestuften, mit kostbaren Stoffen bezogenen Sitzreihen umgeben war. Der König und die Königin, die Infanten und Infantinnen saßen unter einem herrlichen Baldachin. Der erlauchten Familie gegenüber stand ein zweiter, aber höherer Thron. Ich sagte zu einem meiner Reisegefährten: »Falls jener Thron dort drüben nicht für Gott bestimmt ist, weiß ich nicht, wer ihn einnehmen soll.« Diese vorlauten Worte wurden von einem würdigen Spanier gehört und kamen mir gar teuer zu stehen. Und während ich mir noch immer einbildete, wir würden so etwas wie ein Ringstechen oder ein Stiergefecht zu sehen bekommen, erschien der Großinquisitor auf jenem Throne und segnete von dort aus den König und das Volk. Darauf zog paarweise eine unermeßliche Schar von Mönchen vorüber, weiße, schwarze, graue, beschuhte, barfüßige, bärtige, bartlose, und solche mit spitzen Kapuzen und barhäuptige, dann kam der Henker, und dann sah man umgeben von Häschern und Würdenträgern ungefähr vierzig in Säcke gekleidete Menschen, und auf die Säcke waren Teufel und Flammen gemalt. Es waren Juden, die unter gar keinen Umständen Moses hatten abschwören wollen, Christen, die ihre Gevatterinnen geheiratet oder unsere liebe Frau von Atocha nicht angebetet oder ihr flüssiges Geld für die Hieronymiten-Brüder nicht hatten hergeben wollen. Gar frömmiglich sang man nun überaus schöne Gebete, und darauf verbrannte man alle Schuldigen auf niedrigem Feuer, wodurch die ganze königliche Familie äußerst erbaut zu werden schien. Abends, gerade als ich mich zu Bett legen wollte, erschienen zwei Vertraute der Inquisition mit der heiligen Hermandad bei mir. Sie umarmten mich zärtlich und brachten mich, ohne mir auch nur ein einziges Wort zu sagen, in einen äußerst kühlen Kerker, in dem sich nichts wie ein Strohsack und ein schönes Kruzifix befand. Dort verblieb ich sechs Wochen, nach welcher Zeit der hochwürdige Pater Inquisitor mich bitten ließ, ich möchte mich freundlichst zu einer Unterredung bei ihm einfinden. Er schloß mich eine geraume Zeitlang mit völlig väterlicher Zärtlichkeit in seine Arme und sagte mir, wie aufrichtig es ihn betrübt, vernommen zu haben, daß ich so gar schlecht wohne, leider seien jedoch alle Zimmer seines Hauses besetzt, dafür solle ich es ein andermal, so hoffe er, weit bequemer haben. Darauf fragte er mich herzlich, ob ich wisse, weshalb ich dort sei. Ich entgegnete dem hochwürdigen Vater, daß es doch wahrscheinlich um meiner Sünden willen geschähe. »Wohlan, mein liebes Kind, für welche Sünde denn? Fasse Vertrauen zu mir und sage es.« Aber ich mochte nachdenken, so viel ich nur wollte, ich konnte es nicht erraten, da half er mir barmherzig auf die Spur. Endlich fielen mir meine unbesonnenen Worte ein. Ich kam dafür mit einer Geißelung und einer Buße von dreitausend Realen davon. Dann mußte ich dem Großinquisitor meine Aufwartung machen, ich fand einen äußerst höflichen Mann, der mich fragte, wie mir seine kleine festliche Veranstaltung gefallen habe? Ich sagte ihm, sie sei herrlich gewesen, und dann drängte ich meine Reisegefährten dieses Land zu verlassen, so schön es auch immer sein möchte. Sie hatten inzwischen vollauf Zeit gehabt, sich von all den großen Dingen in Kenntnis zu setzen, welche die Spanier für die Religion getan; so hatten sie auch die Denkwürdigkeiten des berühmten Bischofs von Chiapa gelesen, denen zufolge man zehn Millionen Ungläubige in Amerika erwürgt, verbrannt oder ertränkt haben soll, um sie zu bekehren. Meiner Meinung nach hat der Bischof übertrieben, aber selbst, wenn man diese Opfer auf fünf Millionen herabmindert, so ist's doch noch immer etwas Bewunderungswürdiges darum. Meine Reiselust quälte mich unausgesetzt. Ich hatte ehedem die Absicht gehegt, meine Streifereien durch Europa mit der Türkei zu beschließen, und so schlugen wir denn nach dorthin den Weg ein. Ich nahm mir fest vor, meine Ansicht über die Festlichkeiten, die wir etwa sehen sollten, nicht mehr zu äußern. »Die Türken,« sprach ich zu meinen Gefährten, »sind ungetaufte Irrgläubige und werden folglich noch viel grausamer sein als die hochwürdigen Väter der Inquisition; hüllen wir uns also bei diesen Mohammedanern in Schweigen.« Wir gelangten zu ihnen. Aufs seltsamste war ich überrascht, in der Türkei viel mehr christliche Kirchen zu sehen, als es deren in Kandia gab, ja, ich sah sogar ganze Scharen von Mönchen, die man unbehindert zur Jungfrau Maria beten und Mohammed verfluchen ließ, und zwar taten es die einen auf griechisch und die anderen auf lateinisch und wieder andere auf armenisch. »Was für gute Menschen sind doch die Türken«, rief ich aus. Zwischen den griechischen und römischen Christen in Konstantinopel herrschte Todfeindschaft. Wie Hunde, die auf der Straße übereinander herfallen und von ihren Herren mit Stockschlägen auseinandergetrieben werden, so verfolgten sich diese Sklaven der Türken gegenseitig. Der Großvezier beschützte damals gerade die Griechen. Der griechische Patriarch beschuldigte mich, bei dem römischen Patriarchen zu Abend gegessen zu haben, und so wurde ich vor dem ganzen Diwan zu hundert Stockschlägen auf die Fußsohlen verurteilt, von welcher Strafe ich mich mit fünfhundert Zechinen loskaufen durfte. Am Tage darauf wurde der Großvezier erdrosselt, am übernächsten Tage verurteilte mich sein Nachfolger, der die Römlinge schützte und erst einen Monat später erdrosselt wurde, zu derselben Buße, weil ich bei dem griechischen Patriarchen gespeist. So sah ich mich denn in die traurige Notwendigkeit versetzt, weder die griechischen noch die römischen Kirchen zu besuchen. Um mich dafür zu trösten, mietete ich mir eine ungewöhnlich schöne Tscherkessin, die im einsamen Beieinandersein das zärtlichste und in der Moschee das frömmste Frauenzimmer von der Welt war. Mich umarmend rief sie nun eines Nachts im süßen Überschwange ihrer Liebe aus: »Allah, Illah, Allah!« Dies sind die hohen Sakramentsworte der Türken, ich jedoch hielt sie für heilige Worte der Liebe, und so flüsterte denn auch ich gar zärtlich: »Allah, Illah, Allah!« »Oh,« rief sie, »der barmherzige Gott sei gepriesen! Du bist Türke.« Ich erwiderte ihr, daß ich ihn segne, mir die Kraft dazu verliehen zu haben, und schätzte mich über die Maßen glücklich. Morgens erschien der Iman, um mich zu beschneiden, und da ich einige Schwierigkeiten machte, fragte mich der Kadi des Viertels, ob er mich pfählen lassen solle? Mit tausend Zechinen vermochte ich meine Vorhaut und meinen Hintern zu retten, und floh schnellstens nach Persien, fest entschlossen, nie wieder weder eine griechische noch eine lateinische Messe in der Türkei zu hören und vor allem niemals mehr »Allah, Illah, Allah« bei einem Stelldichein zu flüstern. Als ich in Ispahan anlangte, fragte man mich, ob ich für den schwarzen oder für den weißen Hammel sei; ich erwiderte, dieses gelte mir völlig gleich, vorausgesetzt, daß der betreffende Hammel zartes Fleisch habe. Man muß jedoch wissen, daß die beiden Sekten des weißen und des schwarzen Hammels Persien noch heute zerspalten. So glaubte man denn, ich wolle mich über beide Parteien lustig machen, und damit hatte ich mir schon an den Toren der Stadt einen gar gefährlichen Handel auf den Hals geladen. Es kostete mir wiederum eine große Summe Zechinen, die Hammel los zu werden. Ich drang mit einem Dolmetscher bis nach China vor, welches Land, wie er mir versicherte, das einzige war, in dem man frei und fröhlich lebte. Die Tataren hatten sich zu seinen Herren gemacht, nachdem sie alles in Blut und Feuer ertränkt, und mitten unter ihnen gaben die hochwürdigen Jesuitenväter auf der einen und die hochwürdigen Dominikanerväter auf der anderen Seite vor, insgeheim Seelen für Gott zu gewinnen, ohne daß jemand etwas davon merkte. Niemals hat es wohl so eifrige Bekehrer gegeben, denn sie verfolgten einander abwechselnd und schrieben ganze Bände voll schrecklicher Beschuldigungen nach Rom. Um einer jeden Seele willen schalten sie einander gottlos und pflichtvergessen. Vor allem herrschte ein grauenhafter Zwist zwischen ihnen wegen der Art und Weise sich zu verbeugen: die Jesuiten wollten, die Chinesen sollten ihre Väter und Mütter nach chinesischem Brauche grüßen, die Dominikaner dagegen wünschten, es solle nach römischer Weise geschehen. Es widerfuhr mir, von den Jesuiten für einen Dominikaner gehalten zu werden, und man schwärzte mich bei seiner tatarischen Majestät für einen Spion des Papstes an. Der hohe Rat beauftragte einen Obermandarin mit der Sache, und dieser befahl einem Unteroffizier, der vier eingeborene Häscher befehligte, mich gefangen zu nehmen und feierlich zu fesseln. Nach hundertundvierzig Kniebeugungen wurde ich vor seine Majestät gebracht. Sie ließ mich fragen, ob ich ein Spion des Papstes, und ob es ferner wahr sei, daß dieser Fürst in Person heranziehen wolle, um ihn zu entthronen. Ich erwiderte, der Papst sei ein Priester im Alter von siebenzig Jahren, wohne um viertausend Meilen von seiner geheiligten tatarisch-chinesischen Majestät entfernt, besitze ungefähr dreitausend Soldaten, welche mit einem Sonnenschirm auf Wache zögen, und würde niemanden entthronen; seine Majestät könne dieserhalb ruhig schlafen. Dies war das am wenigsten verhängnisvolle Abenteuer meines Lebens: man schickte mich nur nach Macao, von wo ich mich nach Europa einschiffte. An der Küste von Golconda mußte mein Schiff ausgebessert werden; ich nahm die Zeit wahr, um den Hof des großen Aureng-Zeb zu besuchen, von dem man sich gar wunderbare Dinge in der Welt erzählte. Er hielt sich damals in Delhi auf. Mir ward die Freude, ihn von Angesicht zu Angesicht zu schauen am Tage der prunkvollen Feierlichkeit, in welcher er das heilige Geschenk empfängt, so ihm der Sheriff von Mekka sendet: es besteht in dem Besen, mit dem das heilige Haus, die Kaaba, die Beth-Allah, gefegt wird; dieser Besen ist das Symbol, welches allen Unrat der Seele auskehrt. Aureng-Zeb schien seiner nicht zu bedürfen, denn er war der frömmste Mann in ganz Hindustan. Er hatte allerdings einen seiner Brüder erwürgt und seinen Vater vergiftet und unzählige Rajahs und ebensoviele Omrahs zu Tode martern lassen; das hatte jedoch nichts auf sich, man sprach nur von seiner Frömmigkeit und glich ihm einzig die geheiligte Majestät des hochherrlichen Kaisers von Marokko, Muley Ismael, welcher an allen Freitagen nach dem Gebet ein großes Köpfen vornahm. Ich äußerte kein Wort, das Reisen hatte mich gebildet; ich fühlte, daß es mir nicht zustand, zwischen diesen beiden erlauchten Herrschern zu entscheiden. Ein junger Franzose jedoch, mit dem ich zusammen wohnte, ließ es, wie ich gestehen muß, an Respekt vor den Kaisern von Indien und von Marokko fehlen; es fiel ihm nämlich bei, ganz laut zu sagen: es gäbe in Europa sehr fromme Fürsten, welche ihre Staaten trefflich beherrschten und sogar die Kirchen besuchten, ohne deshalb ihre Väter und Brüder zu töten und ihren Untertanen die Köpfe abhauen zu lassen. Unser Dolmetscher übersetzte diese gottlose Rede meines jungen Gefährten ins Hindustanische. Von der Vergangenheit belehrt, ließ ich schleunigst meine Kamele satteln und wir, das heißt der Franzose und ich, reisten sofort ab. Später habe ich erfahren, daß noch in selbiger Nacht die Offiziere des großen Aureng-Zeb in unserem Gasthofe erschienen waren, um uns zu verhaften; sie fanden jedoch nur den Dolmetscher. Er wurde auf dem Marktplatze hingerichtet, und alle Höflinge räumten ohne jede Schmeichelei ein, daß er eines gerechten Todes gestorben sei. Um alle Annehmlichkeiten unseres Erdteils richtig würdigen zu können, mußte ich nur noch Afrika sehen, und so geschah denn auch. Mein Schiff wurde von schwarzen Seeräubern gekapert. Unser Kapitän brach in laute Klagen aus und fragte sie, warum sie dergestalt das Völkerrecht verletzten. Der schwarze Schiffspatron erwiderte ihm: »Ihr habt lange Nasen, die unseren sind platt, eure Haare sind glatt, unsere Wolle dagegen gekräuselt, eure Haut ist aschfarben, die unsere wie Ebenholz: folglich müssen wir auf Grund heiliger Naturgesetze einander ewig feind sein. Ihr kauft uns auf den Märkten an der Küste von Guinea wie Lasttiere, um uns zur Arbeit in weiß Gott welchen ebenso mühseligen wie lächerlichen Verrichtungen zu zwingen; mit Ochsenziemerhieben zwingt Ihr uns, ganze Berge aufzuwühlen, um daraus eine Art gelber Erde zu gewinnen, die an sich zu nichts nütze ist und kaum den Wert einer guten ägyptischen Zwiebel hat; und ebenso zwingen wir Euch, wenn wir Euch treffen und die Stärkeren sind, unsere Felder zu bestellen, oder wir schneiden Euch die Nase und die Ohren ab.« Wider eine derartig weise Rede ließ sich nichts vorbringen. Um meine Ohren und meine Nase zu behalten, bestellte ich also den Acker einer alten Negerin. Nach Verlauf eines Jahres wurde ich zurückgekauft. Ich hatte alles gesehen, was es an Schönem, Gutem und Herrlichem auf der Welt gibt, und beschloß, fortan in meiner Heimat zu bleiben. Ich verheiratete mich, wurde Hahnrei und erkannte, daß dieses der süßeste Zustand des Lebens sei. Zadig oder das Geschick Eine morgenländische Geschichte 1748   Sadis Widmungsbrief an die Sultanin Scheraa. (Voltaires Freundin, die Marquise Emilie du Chatelet.) Am 18. des Monats Schewal im Jahre der Hedschra 837. Freude der Augen, Qual der Herzen, Licht des Geistes, ich kann den Staub Deiner Füße nicht küssen, denn Du gehest kaum; so Du aber gehest, so wandelst Du auf Teppichen von Iran. Ich bringe Dir die Übersetzung eines Buches dar, das ein alter Weiser geschrieben hat. Er war so glücklich, nichts zu tun zu haben, und so ergötzte er sich denn damit, die Geschichte Zadigs zu schreiben, ein Werk, das mehr enthält, als man zunächst glauben möchte. Ich bitte Dich, es zu lesen und ein Urteil darüber zu fällen; denn wenn Du auch noch im Frühling Deines Lebens stehest, wenn auch alle Freuden Dich suchen, und Du schön bist und gar viele Gaben Deine Schönheit zieren, wenn man Dich auch vom Morgen bis zum Abend preiset und lobt, und Du aus allen diesen Gründen um Deinen gesunden Verstand hättest kommen können, so ist dennoch Dein Geist tief und weise, Dein Geschmack zart und fein, und ich habe Dich verständiger reden hören, als die ältesten Derwische mit den längsten Bärten und spitzesten Mützen. Du bist zurückhaltend, aber nicht mißtrauisch, mild, aber nicht schwach, wohltätig, aber mit Unterschied, Du liebst Deine Freunde und machst Dir keine Feinde. Dein Geist borgt seine Reize niemals dem Spotte und der Verleumdung ab. Du sagst weder das Böse, noch tust Du es, so wunderbar leicht es Dir auch gemacht sein möchte. Kurz, Deine Seele hat mich stets so rein dünken wollen wie Deine Schönheit. Du besitzest sogar eine kleine Neigung zur Philosophie, und das hat mich zu dem Glauben gebracht, Du möchtest an dem Werke eines Weisen vielleicht mehr Geschmack finden als andere Sterbliche. Es wurde zunächst auf altchaldäisch geschrieben, was weder Du noch ich verstehen; dann übersetzte man es ins Arabische, um dem berühmten Sultan Ulugh-Bek gefällig zu sein. Es geschah um die Zeit, da die Araber und die Perser anfingen, ihre tausendundein Nächte und ihre tausendundein Tage, und was dergleichen mehr ist, zu schreiben. Ulugh hörte lieber den Zadig, die Sultaninnen dagegen waren ganz in die Tausendundein verliebt. »Wie könnt ihr nur,« sagte der weise Ulugh, »Geschichten den Vorzug geben, in denen keine Vernunft herrscht und die nichts zu bedeuten haben?« »Eben deshalb haben wir sie ja so gern«, erwiderten die Sultaninnen. Ich schmeichle mir, Du wirst ihnen nicht ähnlich, sondern vielmehr ein echter Ulugh sein! Ich hoffe sogar, daß sich die eine oder die andere Minute finden soll, in der mir die Ehre zuteil werden wird, mich vernünftig mit Dir zu unterreden, wenn Du der gewöhnlichen Unterhaltungen überdrüssig bist, welche ja den Tausendundein ziemlich ähnlich klingen, nur daß sie weit weniger ergötzlich sind. Wärest Du Thalestris zu Zeiten Skanders, des Sohnes Philipps, gewesen oder die Königin von Saba zur Zeit Suleimans, so hätten diese Könige sich wohl zu Dir auf den Weg gemacht. Ich bitte die himmlischen Mächte, daß Deine Freude ungetrübt, Deine Schönheit beständig und Dein Glück ohne Ende sein möge. Sadi .   Erstes Kapitel: Der Einäugige. Zur Zeit König Moabdars lebte in Babylon ein junger Mann namens Zadig, dessen schöne, natürliche Anlagen durch seine Erziehung gefestigt und entwickelt worden waren. Obgleich er reich und noch jung war, wußte er doch seine Leidenschaften zu bändigen. Er wollte nichts vorstellen, wollte nicht stets recht haben, und wußte die Schwächen der Menschen zu achten. Es war erstaunlich zu sehen, wie er trotz seines reichen Verstandes die weitschweifenden, unzusammenhängenden Reden, die frechen Verleumdungen, die törichten Urteile, die groben Unflätigkeiten, den ganzen eitlen Wortschwall, den man zu Babylon Unterhaltung nannte, mit seinem Spotte geißelte. Er hatte aus dem ersten Buche Zoroasters gelernt, daß die Eigenliebe ein windgefüllter Schlauch sei, aus dem Stürme hervorbrechen, wenn man auch nur mit einer Nadel hineinsticht. Vor allem brüstete Zadig sich niemals damit, die Weiber zu verachten und zu besitzen. Er war großmütig und scheute sich nicht, auch Undankbare zu verpflichten, nach der großen Vorschrift Zoroasters: »Wenn du issest', so gib auch den Hunden, selbst wenn sie dich beißen.« Er war so weise, als man es zu sein vermag, denn er strebte nach dem Umgange der Weisen. In den Wissenschaften der alten Chaldäer unterrichtet, wußte er von den Naturgesetzen alles, was damals von ihnen bekannt war, und von der Metapyhsik so viel, als man zu allen Zeiten davon gewußt hat, das heißt herzlich wenig. Er war trotz der neuen Philosophie seiner Zeit fest davon überzeugt, daß das Jahr aus dreihundertfünfundsechzig Tagen und sechs Stunden bestehe und die Sonne sich im Mittelpunkte des Weltenraumes befinde, und wenn die Obermagier ihm mit beleidigendem Eigendünkel bedeuteten, daß er verwerfliche Gesinnungen hege, und daß es ein Feind des Staates sein heiße, wenn man glaube, die Sonne drehe sich um sich selbst und das Jahr habe zwölf Monate, so schwieg er ohne Zorn und ohne Überhebung. Da Zadig große Reichtümer und folglich viele Freunde hatte, ferner gesund und wohlgebildet war und einen geraden, ausgeglichenen Verstand und ein edles, offenes Gemüt besaß, so glaubte er, auch glücklich sein zu können. Er stand im Begriff, Semira zur Frau zu nehmen, welche wegen ihrer Schönheit, ihrer Geburt und ihres Reichtumes für das begehrenswerteste Mädchen von Babylon galt. Er fühlte für sie eine innige reine Neigung, und Semira liebte ihn leidenschaftlich. Schon nahte die glückliche Stunde, die sie für immer vereinigen sollte, als sie auf einem gemeinsamen Spaziergange unter den Uferpalmen des Euphrat, nicht weit vor einem Tore Babylons, plötzlich eine Schar mit Bogen und Schwertern bewaffnete Männer auf sich losstürzen sahen. Es waren die Trabanten des jungen Orkan, des Neffen eines Ministers, dem die Hofschranzen seines Onkels in den Kopf gesetzt hatten, ihm sei alles erlaubt. Er besaß weder die Anmut noch eine einzige der Tugenden Zadigs: da er sich jedoch für etwas weit Besseres hielt, konnte er es nicht verwinden, jenen ihm vorgezogen zu sehen. Seine Eifersucht, die einzig seiner Eitelkeit entsprang, erweckte den Wahn in ihm, er sei sterblich in Semira verliebt, und so hatte er denn beschlossen, sie zu entführen. Die Räuber ergriffen sie, und im Taumel ihres Ungestüms verwundeten sie sie und vergossen das Blut eines Wesens, dessen Anblick die Tiger des Berges Immaus gerührt hätte. Sie erfüllte den Himmel mit ihrem Wehgeschrei. »Mein teurer Gatte,« rief sie, »oh, man raubt mich dem Manne, den ich liebe.« Ihre eigene Gefahr galt ihr nichts, sie dachte nur an ihren geliebten Zadig. Dieser verteidigte sie unterdessen mit der ganzen Kraft, welche Tapferkeit und Liebe zu verleihen vermögen. Obgleich er nur zwei Sklaven zum Beistande hatte, schlug er die Räuber dennoch in die Flucht und trug die ohnmächtige und blutende Semira in ihr Haus. Als sie die Augen wieder aufschlug, sah sie ihren Befreier vor sich. »Oh Zadig,« sprach sie, »ich liebte dich als meinen zukünftigen Gatten, nun liebe ich dich als den, dem ich Leben und Ehre verdanke.« Niemals war wohl je ein Herz ergriffener als das Herz der Semira, nie sprach ein reizenderer Mund rührendere Empfindung in jenen feurigen Worten aus, welche das Gefühl für die größte aller Wohltaten verbunden mit dem zärtlichsten und rechtmäßigsten Liebesüberschwange einzugeben vermag. Ihre Verwundung war nur leicht, und sie genas schnell. Zadig hingegen war gefährlicher verwundet worden, ein dicht neben dem Auge eingedrungener Pfeilschuß hatte ihm eine tiefe Wunde gerissen. Semira erflehte von den Göttern nichts als die Genesung ihres Geliebten. Tag und Nacht schwammen ihre Augen in Tränen: sehnsüchtig harrte sie des Augenblicks, da die Blicke Zadigs sich wieder an ihren Blicken weiden möchten. Ein Geschwür, welches das verwundete Auge überzog, ließ das Schlimmste befürchten. Man schickte bis nach Memphis nach dem großen Arzte Hermes, der auch bald mit reichem Gefolge eintraf. Er untersuchte den Kranken und hielt den Verlust des Auges für unabwendbar, ja, er sagte sogar den Tag und die Stunde voraus, in der dieses traurige Ereignis eintreten würde. »Wäre es das rechte Auge gewesen,« sprach er, »so würde ich es geheilt haben, Verwundungen des linken Auges dagegen sind unheilbar.« Unter Klagen über das Schicksal Zadigs bewunderte ganz Babylon die Tiefe der Wissenschaft des Hermes. Zwei Tage später brach das Geschwür von selber auf, und Zadig genas völlig. Hermes verfaßte ein Buch, in dem er nachwies, daß Zadig nicht hätte gesunden dürfen. Zadig las es nicht, sobald er jedoch ausgehen konnte, schickte er sich an, diejenige zu besuchen, welche die Hoffnung seines Lebensglückes bildete und für die allein er Augen haben wollte. Semira weilte seit drei Tagen auf dem Lande. Auf dem Wege dorthin erfuhr er, die Schöne habe sich in der letztvergangenen Nacht, nachdem sie ihre unüberwindliche Abneigung gegen Einäugige laut verkündet, mit Orkan vermählt. Bei dieser Nachricht fiel Zadig bewußtlos zu Boden. Sein Schmerz brachte ihn an den Rand des Grabes. Lange lag er krank darnieder, endlich aber besiegte Vernunft seinen Gram, ja, die Grausamkeit dessen, so ihm widerfahren, trug sogar dazu bei, ihn zu trösten. »Da ein am Hofe erzogenes Mädchen mir einen so grausamen Streich gespielt, will ich mir ein Mädchen aus dem Bürgerstande erwählen.« Seine Wahl fiel auf Asora, das klügste und einer der besten Bürgerfamilien entstammende Mädchen der ganzen Stadt. Er vermählte sich mit ihr und lebte einen Monat lang in allen Wonnen zärtlichster Vereinigung, nur gewahrte er an ihr einigen Leichtsinn und den ausgesprochenen Hang, stets die bestgewachsenen jungen Leute auch für die klügsten und tugendhaftesten zu halten.   Zweites Kapitel: Die Nase. Eines Tages kam Asora zornbebend von einem Spaziergange zurück und wußte sich vor empörten Ausrufen gar nicht zu lassen. »Was hast du, meine liebe Gattin,« fragte Zadig, »was hat dich so aufgebracht?« »Ach,« erwiderte sie, »es würde dir wie mir ergangen sein, hättest du mit ansehen müssen, was ich eben erlebt! Ich wollte die junge Witwe Kosru trösten, die vor drei Tagen ihrem Gatten an dem Bache, der ihre Wiesen begrenzt, ein Grabmal hat setzen lassen. Sie hatte den Göttern in ihrem Schmerze gelobt, so lange an dem Grabmal zu verweilen, als das Wasser des Baches daran vorbeifließe. »Ei,« sprach Zadig, »das ist ja eine vortreffliche Frau, die ihren Gatten aufrichtig geliebt haben muß!« »Oh,« rief Asora, »wüßtest du nur erst, womit sie sich befaßte, als ich zu ihr kam!« »Womit denn, schöne Asora?« »Sie ließ den Bach ableiten!« Und Asora erging sich in so langatmigen Schmähungen, und brach in so heftige Vorwürfe gegen die junge Witwe aus, daß dieser Tugendprunk Zadig nicht recht gefallen wollte. Er hatte einen Freund namens Kador, der zu jenen jungen Männern gehörte, welche in den Augen seiner Frau mehr Rechtschaffenheit und Wert besaßen als alle anderen. Er zog ihn ins Vertrauen und versicherte sich seiner Treue, so gut er konnte, durch ein ansehnliches Geschenk. Als nun Asora einmal zwei Tage bei einer ihrer Freundinnen auf dem Lande verbracht hatte und am dritten nach Hause zurückkehrte, teilten ihr die Diener weinend mit, ihr Gatte sei in der vorhergehenden Nacht plötzlich gestorben; man habe nicht gewagt, ihr diese traurige Nachricht zu überbringen, und Zadig inzwischen am Ende des Gartens im Grabmal seiner Väter beigesetzt. Sie weinte, raufte sich die Haare und schwur, es nicht überleben zu wollen. Am Abend bat Kador um die Erlaubnis, bei ihr vorsprechen zu dürfen, und sie weinten zusammen. Als er am nächsten Tage wiederkam, weinten sie schon weniger und speisten zusammen. Kador vertraute ihr an, sein Freund habe ihm den größten Teil seines Vermögens vermacht, und ließ durchblicken, wie glücklich es ihn machen würde, es mit ihr zu teilen. Die Dame weinte, wurde ein wenig böse und dann wieder mild, das Abendessen dauerte länger, als das Mittagessen gedauert, und sie sprachen mit weit größerem Vertrauen zueinander. Asora sang das Lob des Verstorbenen, gestand aber doch, daß er Fehler gehabt, von denen Kador frei sei. Um die Mitte der Abendmahlzeit klagte Kador plötzlich über heftige Schmerzen in der Milz. Voller Unruhe und Besorgnis ließ die Dame alle Essenzen herbeibringen, mit denen sie sich zu parfümieren pflegte, um auszuproben, ob denn nicht eine darunter gut gegen das Milzstechen sei. Sie bedauerte von Herzen, daß der große Hermes Babylon schon wieder verlassen hatte, und ließ sich sogar herbei, die Seite zu befühlen, in der Kador so arge Schmerzen empfand. »Leidest du an diesem grausamen Übel?« fragte sie voller Mitleid. »Bisweilen bringt es mich an den Rand des Grabes, und es gibt nur ein einziges Mittel, das mir ein wenig Linderung verschaffen kann: man muß mir die Nase eines tags zuvor gestorbenen Menschen auf die Seite legen.« »Welch seltsames Mittel«, sagte Asora. »Nicht seltsamer,« erwiderte Kador, »als die Säckchen des Herrn Arnou gegen den Schlagfluß.« Es gab zu jener Zeit einen Babylonier namens Arnou, der alle Schlagflüsse mit einem um den Hals gehängten Säckchen – in den Zeitungen – verhinderte und heilte. Diese Erkenntnis im Verein mit der ungewöhnlichen Vortrefflichkeit des jungen Mannes brachte die Dame schließlich zu einem Entschluß. »Wird denn,« sprach sie, »wenn man alles wohl erwägt, der Engel Asrael meinem Gatten auf dem Wege aus der Welt von Gestern in die Welt von Morgen den Übergang über die Brücke Schinavar eher weigern, weil seine Nase im zweiten Leben etwas weniger lang ist, als sie im ersten gewesen?« Sie ergriff nun ein Schermesser, schritt zum Grabmal ihres Gatten, netzte es mit ihren Tränen und trat dann dicht herzu, um Zadig, den sie lang ausgestreckt im Grabe liegend fand, die Nase abzuschneiden. Da richtete sich Zadig auf, hielt mit der einen Hand seine Nase fest und wehrte mit der anderen dem Schermesser: »Werteste,« sprach er, »erhebe kein solches Geschrei mehr über die junge Kosru; der Vorsatz, mir die Nase abzuschneiden, wiegt doch die Absicht, einen Bach abzuleiten, immerhin auf.«   Drittes Kapitel: Der Hund und das Pferd. Zadig bekam zu spüren, wie bereits im Buche Zend geschrieben steht, daß der erste Monat der Ehe der Honigmond, der zweite jedoch der Wermutmond sei. Einige Zeit darauf sah er sich gezwungen, Asora zu verstoßen, da das Zusammenleben mit ihr allzu schwer geworden war, und suchte fortan sein Glück im Studium der Natur. Niemand kann glücklicher sein, sprach er, als ein Philosoph, der in dem großen Buche liest, das Gott aufgeschlagen vor uns hingelegt hat. Die Wahrheiten, die er entdeckt, werden sein Besitz, er weitet und erhebt seine Seele, lebt ruhig, hat von den Menschen nichts zu fürchten, und keine zärtliche Gattin eilt herbei, um ihm die Nase abzuschneiden. Von solchen Gedanken ganz erfüllt, zog er sich in ein Landhaus an den Ufern des Euphrat zurück. Hier befaßte er sich nicht damit, zu berechnen, wieviel Unzen Wassers in einer Sekunde unter einem Brückenbogen durchfließen, oder ob im Mausmonat ein Kubikmeter mehr Regen fällt als im Hammelmonat. Er verfiel auch nicht auf den Gedanken, Seide aus Spinnweben und Porzellan aus zerbrochenen Flaschen herstellen zu wollen, wohl aber erforschte er mit Hingebung die Eigentümlichkeiten der Tiere und Pflanzen und erwarb gar bald eine so große Scharfsichtigkeit, daß er hundert Unterschiede dort wahrnahm, wo alle anderen Menschen nur Gleichförmigkeit zu entdecken vermochten. Als er nun eines Tages am Rande eines kleines Gehölzes auf und nieder wandelte, sah er einen Eunuchen und hinter diesem viele Hofbeamte auf sich zueilen. Sie schienen sich alle in großer Unruhe zu befinden und liefen bald hier-, bald dorthin, wie Menschen, die etwas gar Kostbares verloren haben und nun vor Bestürzung nicht wissen, wo sie es suchen sollen. »Junger Mann,« rief ihm der Obereunuch zu, »hast du nicht den Hund der Königin gesehen?« »Es ist eine Hündin und kein Hund«, erwiderte Zadig bescheiden. »Recht, recht!« entgegnete der Obereunuch. »Es ist eine auffallend kleine spanische Wachtelhündin,« fuhr Zadig fort, »sie hat vor kurzem geworfen, hinkt auf dem linken Vorderfuß und hat sehr lange Ohren.« »Du hast sie also gesehen?« fragte der Obereunuch atemlos. »Nein,« antwortete Zadig, »ich habe sie niemals gesehen, ich habe nicht einmal gewußt, daß die Königin eine Hündin besaß.« Durch eine jener gar seltsamen, aber dem Zufalle durchaus eigenen Launen war genau zu der gleichen Zeit das schönste Pferd des königlichen Stalles aus den Händen eines Stallmeisters in die Ebene von Babylon entsprungen. Der Oberstallmeister und alle anderen Stallbeamten liefen nun ebenso ängstlich hinter dem Pferde her, wie der Obereunuch hinter der Hündin hergelaufen war. Der Oberstallmeister rief Zadig an und fragte ihn, ob er das Pferd des Königs nicht gesehen habe? »Es läuft einen vortrefflichen Galopp,« erwiderte Zadig, »ist fünf Fuß lang, hat einen auffallend kleinen Huf, und sein Schweif mißt drei und einen halben Fuß; die Buckel an seinem Gebiß sind aus dreiundzwanzigkarätigem Golde und seine Eisen aus elflötigem Silber.« »In welcher Richtung ist es gelaufen, wo ist es?« fragte der Oberstallmeister. »Ich habe es nicht gesehen,« antwortete Zadig, »und auch noch nie von ihm sprechen gehört.« Der Oberstallmeister und der Obereunuch waren überzeugt, daß Zadig das Pferd des Königs und die Hündin der Königin gestohlen habe; sie ließen ihn vor die Versammlung des großen Desturham bringen und dieser verurteilte ihn zur Knute und zu lebenslänglicher Verbannung nach Sibirien. Kaum war das Urteil gefällt, so fand man Pferd und Hündin wieder; die Richter sahen sich in die schmerzliche Notwendigkeit versetzt, ihr Urteil zu widerrufen. Sie verdammten Zadig jedoch zu einer Buße von vierhundert Unzen Goldes, weil er behauptet, etwas nicht gesehen zu haben, was er doch gesehen haben mußte, und erst nachdem er die Geldstrafe erlegt, wurde ihm erlaubt, vor dem Rate des großen Desturham seine Sache zu führen. Er sprach folgendermaßen: »Sterne der Gerechtigkeit, Abgründe der Weisheit, Spiegel der Wahrheit, die ihr die Schwere des Bleies, die Härte des Eisens, den Glanz des Diamanten und gar große Verwandtschaft mit dem Golde besitzet, da mir verstattet ist, vor dieser erlauchten Versammlung zu sprechen, so schwöre ich bei Oromazes, daß ich weder die hochachtbare Hündin der Königin, noch das geheiligte Roß des Königs der Könige jemals gesehen habe. Hört, was mir geschah: ich lustwandelte in der Nähe jenes kleinen Wäldchens, wo mir dann später der ehrwürdige Eunuch und Seine Herrlichkeit der Herr Oberstallmeister begegneten. Während ich nun so dahinging, gewahrte ich im Sande die Spuren eines kleinen Tieres und konnte leicht erkennen, daß sie von einem kleinen Hunde stammten. An den leichten langgestreckten Furchen, die sich zwischen den Eindrücken der Pfoten auf kleinen Erhöhungen des Sandes zeigten, erkannte ich, daß der Hund eine Hündin gewesen, deren Zitzen herabhingen, die also vor wenigen Tagen Junge geworfen haben mußte. Andere von den erwähnten wesentlich verschiedene Spuren, die von einem Schleifen auf der Oberfläche des Sandes zu beiden Seiten der Vorderpfoten herzurühren schienen, lehrten mich, daß die Hündin sehr lange Ohren gehabt haben mußte, und da ich außerdem noch gewahrte, daß der Sand von einer Pfote stets weniger niedergedrückt worden war, als von den drei anderen, so ward mir klar, daß die Hündin unserer allergnädigsten Königin ein wenig hinkt, falls ich es so zu nennen wagen darf. Was das Pferd des Königs der Könige angeht, so wisset, daß ich beim Beschreiten der Wege jenes Wäldchens die Abdrücke von Pferdehufen sah, welche alle gleich weit voneinander entfernt waren. Ei, sprach ich zu mir selber, dieses Pferd läuft einen gar trefflichen Galopp. Auf einem schmalen, nur sieben Fuß breiten Wege war in einer Entfernung von drei und einem halben Fuß von der Mitte des Weges der Staub von den Bäumen zur Rechten und zur Linken ein wenig fortgewischt. Das Pferd, sprach ich zu mir, muß einen drei und einen halben Fuß langen Schweif gehabt haben, mit dem es nach rechts und nach links wedelnd den Staub von den Bäumen fortgefegt hat. Unter den Bäumen, welche einen Laubgang von fünf Fuß Höhe bildeten, sah ich frisch gefallene Blätter liegen und erkannte daran, daß das Pferd sie abgebrochen hatte, also fünf Fuß hoch gewesen sein mußte. Was sein Gebiß angeht, so muß es aus dreiundzwanzigkarätigem Golde sein, denn es hat sich damit gegen einen Stein gerieben, den ich für einen Prüfstein erkannte und mit dem ich die Probe machte. Aus den Schürfungen endlich, die seine Eisen auf Kieselsteinen anderer Art zurückgelassen, mußte ich schließen, daß sie aus elflötigem Silber geschmiedet waren.« Alle Richter bewunderten die tiefe und feine Unterscheidungsgabe Zadigs; das Gerücht drang sogar bis zum König und der Königin. In den Vorzimmern, den Sälen und den Privatgemächern wurde nur noch von Zadig gesprochen, und obgleich mehrere Magier meinten, man müsse ihn wie einen Hexenmeister verbrennen, befahl der König dennoch, ihm die Buße von vierhundert Unzen Gold, zu der er verurteilt worden war, zurückzuerstatten. Der Kanzleischreiber und die Gerichtsdiener und Anwälte erschienen also bei ihm mit großem Gepränge, um ihm seine vierhundert Unzen wiederzubringen; für die Gerichtskosten behielten sie davon nur dreihundertachtundneunzig, und ihre Leute baten sich ein Trinkgeld aus. Zadig erkannte, wie gefährlich es zuweilen sei, gelehrt zu sein, und nahm sich vor, bei der nächsten Gelegenheit nicht wieder zu sagen, was er gesehen. Diese Gelegenheit fand sich gar bald. Ein Staatsgefangener entsprang und kam unter den Fenstern Zadigs vorbei; man befragte ihn, er aber gab keine Auskunft, und so bewies man ihm denn, daß er gerade aus dem Fenster gesehen hatte. Für dieses Verbrechen wurde er zu fünfhundert Unzen Goldes verurteilt und dankte, wie es in Babylon der Brauch, seinen Richtern noch für ihre Nachsicht. Zu sich selber jedoch sprach er: Großer Gott, wie beklagenswert ist man nicht, geht man in einem Walde spazieren, durch den die Hündin der Königin und das Pferd des Königs gelaufen ist, und wie gefährlich ist's gar, aus dem Fenster zu sehen, und wie schwer, wie schwer, in diesem Leben glücklich zu sein!   Viertes Kapitel: Der Neider. Zadig wollte in der Philosophie und in der Freundschaft Trost für die Leiden finden, die ihm das Schicksal zugefügt. In einer Vorstadt Babylons besaß er ein geschmackvoll eingerichtetes Haus, und dorthin lenkte er nun alle Künste und Freuden, die eines gesitteten Mannes würdig sind. Am Morgen stand seine Bücherei allen Gelehrten offen, des Abends seine Tafel der guten Gesellschaft. Nur allzu bald erfuhr er jedoch, wie gefährlich die Gelehrten sind. Es erhob sich nämlich ein großer Streit unter ihnen über ein Gesetz Zoroasters, welches Greifenfleisch zu essen verbot. »Wie kann man Greifenfleisch verbieten,« riefen die einen, »da es ein solches Tier gar nicht gibt!« »Es muß es geben,« schrien die anderen, »da Zoroaster nicht will, daß es gegessen werde!« Zadig wollte den Streit versöhnlich schlichten und sprach daher zu ihnen: »Wenn es Greifenfleisch gibt, so wollen wir nicht davon essen, und gibt es keines, so können wir es nicht tun; so werden wir also in jedem Falle alle dem Zoroaster gehorsam sein«. Ein Gelehrter, welcher dreizehn Bände über die Eigenschaften der Greifen geschrieben und überdies ein großer Theurg war, hatte nichts Eiligeres zu tun, als Zadig bei einem Erzmagier namens Yebor, Umstellung des Namens Boyer, eines fanatischen Dummkopfes, der als Bischof und später als Minister Voltaire aufs gehässigste verfolgte. dem dümmsten und daher fanatischsten aller Chaldäer, anzuklagen. Dieser Mensch hätte Zadig zum höchsten Ruhme der Sonne pfählen lassen und danach das Brevier Zoroasters nur in um so selbstzufriedenerem Tone hergesagt. Der Freund Kador (ein Freund ist mehr wert als hundert Priester) suchte den alten Yebor auf und sprach zu ihm: »Es lebe die Sonne und die Greifen! Sei ja auf deiner Hut, den Zadig zu strafen, er ist ein Heiliger! Er hält Greifen auf seinem Geflügelhofe und ißt sie nicht. Sein Ankläger dagegen ist ein Ketzer, der zu behaupten wagt, die Kaninchen hätten gespaltene Füße und seien nicht unrein.« »Wohlan,« erwiderte Yebor, indem er seinen Kahlkopf schüttelte, »so muß Zadig eben gepfählt werden, weil er über die Greifen schlecht gedacht, der andere, weil er über die Kaninchen schlecht gesprochen hat!« Es gelang Kador, die Angelegenheit durch ein Hoffräulein beizulegen, dem er ein Kind gemacht, und das einen großen Einfluß im Magierkollegium besaß. Niemand wurde gepfählt, worüber einige Doktoren allerdings murrten und daraus den nahen Untergang Babylons weissagten. »Was ist doch das Glück!« rief Zadig aus, »alles in dieser Welt verfolgt mich, selbst die Geschöpfe, die es gar nicht gibt.« Er verwünschte die Gelehrten und wollte nur noch mit der guten Gesellschaft Umgang pflegen. Er lud die gebildetsten Männer und die liebenswürdigsten Damen Babylons täglich in sein Haus, gab herrliche Gastmähler, denen oft Konzerte vorangingen und die belebt wurden von den reizvollsten Gesprächen, aus denen er die Sucht, geistvoll zu sein, zu bannen vermocht hatte, als welche nämlich ein sicherstes Mittel ist, keinen Geist zu haben und die glänzendste Gesellschaft zu verderben. Weder die Wahl seiner Freunde noch die Wahl der Speisen wurde von Eitelkeit bestimmt, denn in allem zog er das Sein dem Scheine vor und erwarb sich gerade dadurch jene wahre Achtung, nach der er nicht zu streben schien. Seinem Hause gegenüber wohnte Arimases, ein Mann, dessen böse Seele auf seinem groben Gesichte geschrieben stand. Er war gallsüchtig und aufgeblasen und dazu noch ein langweiliger Schöngeist. Da er es nie zu einem Ansehen in der guten Gesellschaft hatte bringen können, rächte er sich an ihr, indem er auf sie schimpfte. Trotz seines großen Reichtums gelang es ihm nur mit großer Mühe, wenigstens ein paar Schmeichler in sein Haus zu ziehen. Das Gerassel der Wagen, welche abends bei Zadig vorfuhren, quälte ihn, und das Lob, das Zadig überall erntete, reizte ihn noch weit mehr. Bisweilen begab er sich zu Zadig hinüber, setzte sich an seine gedeckte Tafel, ohne geladen zu sein, und verdarb dann dort der Gesellschaft jede Freude, wie man von den Harpyien sagte, daß sie alles Fleisch vergifteten, das sie berührten. Als er eines Tages einer Dame ein Fest geben wollte, widerfuhr es ihm, daß sie bei ihm absagte, dafür aber zu Zadig zum Abendessen ging. Als er sich ein andermal mit Zadig im Palaste unterhielt, begegneten sie einem Minister, der Zadig zum Essen lud und Arimases nicht. Gar oft hat der unversöhnlichste Haß keine tiefere Quelle. Dieser Mann, den man in ganz Babylon den Neider nannte, wollte Zadig zugrunde richten, nur weil er allgemein der Glückliche hieß. Die Gelegenheit, Böses zu tun, bietet sich täglich zu hundert Malen, die Gelegenheit, Gutes zu tun, dagegen nur einmal im Jahre, wie Zoroaster sagt. Eines Tages begab sich nun der Neider in Zadigs Haus, als dieser gerade mit zwei Freunden und einer Dame, der er oft Artigkeiten sagte, in seinem Garten auf und nieder wandelte. Das Gespräch drehte sich um einen Krieg, den der König gegen den Fürsten von Hyrkanien, einen seiner Vasallen, soeben glücklich zu Ende geführt. Zadig, der in diesem kurzen Kriege viele Proben seines Mutes abgelegt hatte, pries den König von Herzen, noch mehr aber die Dame. Er ergriff seine Schreibtafel, schrieb aus dem Stegreif vier Verse hinauf und gab sie dann der Schönen zu lesen. Seine Freunde baten ihn, sie auch ihnen mitzuteilen: Bescheidenheit jedoch oder eine kluge Eigenliebe hielten ihn davon ab. Er wußte gar wohl, daß aus dem Stegreif gemachte Verse bestenfalls derjenigen gut erscheinen können, zu deren Ehre sie geschrieben wurden. Er brach daher das Täfelchen, worauf er geschrieben, entzwei und warf die beiden Hälften in ein Rosengebüsch, in dem man vergebens nach ihnen suchte. Dann fing es leicht zu regnen an, und man begab sich ins Haus. Der Neider, der im Garten geblieben, suchte so emsig, daß er schließlich das eine Stück des Täfelchens fand. Es war so gebrochen, daß jede der die Zeilen füllenden Vershälften einen Sinn, ja, sogar einen selbständigen Vers von kürzerem Maße ergab; infolge eines noch seltsameren Zufalles jedoch bargen diese kürzeren Verse einen Sinn, der die schrecklichsten Beleidigungen gegen den König enthielt. Man las: Durch die größten Freveleien Herrscher noch auf seinem Thron, Da wir uns des Friedens freuen, Spricht nur er dem Frieden Hohn. Der Neider fühlte sich zum ersten Male in seinem Leben glücklich; in seine Hände war gegeben, was einen tugendhaften und liebenswürdigen Menschen zugrunde richten konnte. Von grausamer Schadenfreude erfüllt, ließ er diese von Zadigs eigener Hand geschriebenen Schmähworte dem Könige unterbreiten. Zadig, seine beiden Freunde und die Dame wurden ins Gefängnis geworfen und sein Prozeß gar schnell entschieden, ohne daß man ihn auch nur anzuhören geruht hätte. Als er von der Urteilsverkündung zurückkehrte, stellte sich ihm der Neider von ungefähr in den Weg und rief ihm laut zu, seine Verse taugten eben nichts. Zadig hatte niemals seinen Stolz darein gesetzt, ein guter Dichter zu sein, aber er war verzweifelt darüber, als Majestätsverbrecher verurteilt zu werden, und zwei Freunde und eine schöne junge Dame für ein Verbrechen im Gefängnis zu wissen, das er nicht begangen hatte. Man gestattete ihm nicht zu sprechen, da dies ja seine Schreibtafel nur allzulaut tat. So wollte es das Gesetz von Babylon. Man ließ ihn also durch eine dicht gedrängte Menschenmenge zum Tode schreiten und keiner wagte ihn zu beklagen, und alle drängten sich heran, um ihm ins Gesicht zu blicken und zu sehen, ob er mit Anstand zu sterben wissen würde. Nur seine Verwandten waren betrübt, weil sie ihn nicht beerbten: drei Viertel seines Vermögens wurden für den königlichen Schatz und ein Viertel zugunsten des Neiders eingezogen. In der Stunde, da er sich auf den Tod vorbereitete, flog der Papagei des Königs von seinem Balkon herab und ließ sich in Zadigs Garten auf einen Rosenbusch nieder. Unter diesen Rosenbusch hatte der Wind von einem benachbarten Pfirsichbaume einen Pfirsich geweht, und der Pfirsich war auf das Stück einer Schreibtafel gefallen und daran kleben geblieben. Der Vogel hob den Pfirsich und mit ihm das Stückchen Tafel auf und trug so beides auf den Schoß des Herrschers. Der neugierige Fürst las Worte darauf, die gar keinen Sinn ergaben und wie Versenden anmuteten. Er war ein Freund der Dichtkunst, und mit Fürsten, welche Verse lieben, läßt sich immer noch am besten auskommen: das Abenteuer seines Papageis machte ihm allerlei Gedanken. Die Königin, welche sich genau entsann, was auf dem einen Stück von Zadigs Schreibtafel gestanden hatte, ließ es herbei bringen. Man hielt die beiden Stücke aneinander, sie paßten vollkommen zusammen, und nun las man die Verse so, wie Zadig sie gemacht hatte: Durch die größten Freveleien sah ich alle Reiche wanken. Herrscher noch auf seinem Thron zwang unser Fürst so Sturm wie Wogen. Da wir uns des Friedens freuen, hegt nur Amor Kriegsgedanken, Spricht nur er dem Frieden Hohn mit Pfeilen spitz auf goldnem Bogen. Der König befahl, Zadig sogleich herbeizuführen und seine beiden Freunde und die schöne Dame aus dem Kerker zu befreien. Zadig warf sich zu Füßen des Königs und der Königin mit dem Gesicht auf den Boden nieder: er bat sie demütig um Verzeihung, so schlechte Verse gemacht zu haben, und sprach mit so viel Anmut, Witz und Verstand, daß der König und die Königin ihn wiederzusehen wünschten. Er kam und gefiel noch mehr. Man sprach ihm das gesamte Vermögen des Neiders zu, der ihn so fälschlich angeklagt, Zadig jedoch gab es ihm ungeschmälert zurück, wobei den Neider nichts wie die Freude bewegte, sein Hab und Gut zu behalten. Des Königs Schätzung für Zadig wuchs von Tag zu Tag. Er mußte an allen seinen Vergnügungen teilnehmen und ihn in allen seinen Angelegenheiten beraten. Und die Königin betrachtete ihn fortan mit einem Wohlgefallen, welches nicht nur für sie, sondern auch für den König, ihren erlauchten Gatten, für Zadig und für das ganze Reich recht wohl gefährlich werden konnte. – Zadig fing an zu glauben, daß es eben doch nicht allzuschwer sei, glücklich zu sein.   Fünftes Kapitel: Der Großmütige. Die Zeit nahte heran, in der man alle fünf Jahre ein großes Fest feierte. Es war Brauch in Babylon, jedesmal nach dem Verlaufe dieser Zeitspanne den Namen desjenigen Bürgers feierlich zu verkünden, der inzwischen die großmütigste Handlung begangen hatte. Die Großen des Reiches und die Magier waren die Richter. Der mit der Aufsicht über die Stadt betraute Obersatrap hatte Bericht über die schönsten Handlungen zu geben, die sich unter seiner Verwaltung zugetragen; darauf wurde abgestimmt und der König verkündete das Urteil. Von allen Enden der Welt strömte man zu dieser Feier herbei. Der Sieger empfing aus den Händen des Königs einen goldenen mit Edelsteinen verzierten Becher und der König sprach zu ihm die folgenden Worte: »Empfange diesen Preis der Großmut, und möchten die Götter mir viele Untertanen schenken, die dir gleich sind.« Als der denkwürdige Tag herangekommen, erschien der König auf seinem Thron, umgeben von seinen Großen, den Magiern und den Abgesandten aller Völker, die herbeigeströmt waren zu diesen Spielen, in denen der Ruhm nicht durch die Schnellfüßigkeit der Rosse und nicht durch die Kraft des Leibes erlangt wurde, sondern durch die Tugend. Der Obersatrap verkündete mit lauter Stimme die Handlungen, welche geeignet erschienen, ihren Urhebern den unschätzbaren Preis einzutragen. Die Seelengröße, mit welcher Zadig dem Neider sein ganzes Vermögen zurückgegeben, erwähnte er nicht einmal, denn das war noch nicht eine Tat, die nach dem Preise zu streben wagen durfte. Er führte zuerst einen Richter vor, in dessen Kammer durch ein Versehen, für das er noch nicht einmal verantwortlich war, ein Bürger einen beträchtlichen Rechtshandel verloren hatte, und da hatte dieser Richter dem Bürger als Ersatz sein ganzes Vermögen abgetreten. Darauf zeigte er einen jungen Mann, der in ein junges, ihm zur Frau bestimmtes Mädchen leidenschaftlich verliebt gewesen war und sie dennoch einem Freunde, welcher aus Liebe zu ihr dem Tode nahe gekommen, abgetreten und ihr obendrein noch eine reiche Mitgift ausgesetzt hatte. Darauf ließ er einen Soldaten vortreten, der im hyrkanischen Kriege ein noch größeres Beispiel von Großmut abgelegt hatte. Feindliche Soldaten wollten ihm seine Geliebte entreißen, und während er sie verteidigte, rief man ihm zu, daß wenige Schritte davon andere Hyrkanier seine Mutter fortschleppten; er ließ nun seine Geliebte im Stich und eilte zur Befreiung seiner Mutter; als er danach dann wieder zu der zurückkehrte, die er liebte, fand er sie sterbend. Er wollte sich töten, seine Mutter jedoch stellte ihm vor, wie er ihre einzige Stütze sei, und da fand er den Mut, das Leben zu ertragen. Diesem Soldaten neigten sich die Richter zu. Da ergriff der König das Wort und sprach: »Diese und die Handlungen der anderen sind schön, sie verwundern mich jedoch nicht; Zadig dagegen hat gestern etwas getan, was mich in das allerhöchste Erstaunen versetzte. Ich hatte einige Tage vorher meinen Minister und Günstling Koreb in Ungnaden entlassen und beklagte mich heftig über ihn. Alle meine Höflinge versicherten einstimmig, ich dächte noch viel zu milde über ihn, und jeglicher suchte sich in Schmähungen über Koreb hervorzutun. Da fragte ich Zadig, wie er über ihn dächte, und Zadig wagte es, gut von ihm zu sprechen. Ich gestehe, daß ich in unserer Geschichte schon Beispiele dafür gefunden habe, daß einer seinen Irrtum mit seinem Vermögen bezahlt, seine Geliebte abtritt oder seine Mutter dem Gegenstand seiner Liebe vorzieht; daß aber ein Höfling von einem in Ungnade gefallenen Minister, über den sein Fürst aufs heftigste erzürnt war, vorteilhaft gesprochen hätte, das habe ich noch niemals gelesen! Ich schenke einem jeden, deren großmütige Handlungen eben angeführt wurden, zweihundert Goldstücke, den Becher aber gebe ich dem Zadig.« »Herr,« sprach nun dieser, »einzig deiner Majestät gebührt der Becher, denn du allein hast die unerhörteste Handlung getan, da du als König dich nicht wider einen Sklaven erzürntest, der deiner Leidenschaft widersprach.« Man bewunderte Zadig und den König. Der Richter, der sein Vermögen hingegeben, der Liebhaber, der seinem Freunde seine Geliebte angetraut, und der Soldat, dem das Heil seiner Mutter teurer als das seiner Geliebten gewesen war: sie bekamen die Geschenke des Königs und ihre Namen wurden in das Buch der Großmütigen eingetragen; Zadig erhielt den Becher. Der König erwarb sich den Ruf eines guten Fürsten, den er jedoch nicht lange behielt. Der Tag selber ward durch längere Feste gefeiert, als das Gesetz vorschrieb. Noch heute lebt eine Erinnerung an sie in ganz Asien. Zadig sprach: »Endlich bin ich also glücklich.« Doch er täuschte sich.   Sechstes Kapitel: Der Minister. Der König hatte seinen ersten Minister verloren. Seine Wahl zur Besetzung der Stelle fiel auf Zadig. Alle schönen Damen Babylons lobten dies, denn seit der Gründung des Reiches hatte es noch niemals einen so jungen Minister gegeben. Alle Höflinge dagegen waren wütend, der Neider bekam Blutspeien darüber und seine Nase schwoll ihm fürchterlich an. Nachdem Zadig dem König und der Königin gedankt hatte, begab er sich auch zu dem Papagei, um ihm zu danken: »Schöner Vogel,« sprach er, »nur du allein hast mir das Leben gerettet und mich zum ersten Minister gemacht; die Hündin und das Roß Ihrer Majestäten haben mir viel Böses zugefügt, du allein hast mir Gutes getan. Von derlei Dingen hängt also das Geschick der Menschen ab! Aber,« fügte er hinzu, »ein so seltenes Glück wird vielleicht gar bald dahinwelken.« »Ja«, rief der Papagei. Dies Wort erschreckte Zadig; da er jedoch ein guter Naturkenner war und nicht glaubte, daß die Papageien Propheten seien, beruhigte er sich bald wieder und schickte sich an, seines Ministeramtes nach besten Kräften zu walten. Er ließ jedermann die geheiligte Macht der Gesetze fühlen, niemanden hingegen das Gewicht seiner Würde. Niemals beeinflußte er die Abstimmung im Divan, und jeder Vezier durfte eine eigene Meinung haben, ohne ihm zu mißfallen. Wenn er über eine Sache zu richten hatte, so ließ er nicht sich, sondern das Gesetz für den Spruch maßgebend sein, däuchte ihn jedoch das Gesetz allzustreng, so milderte er es; gebrach es aber gar an einem Gesetze, so schuf sein Gerechtigkeitssinn eines, das ebensogut von Zoroaster selber hätte herstammen können. Er war's, von dem die Völker jenen großen Grundsatz lernten, daß man lieber Gefahr laufen solle, einen Schuldigen freizusprechen, als einen Unschuldigen zu verdammen. Er war der Ansicht, die Gesetze seien ebensosehr dazu geschaffen, den Bürgern zu helfen, wie sie zu schrecken. Seine vornehmste Begabung bestand darin, die Wahrheit, welche alle Menschen zu verdunkeln suchen, ans Licht zu bringen. Schon in den ersten Tagen seiner Verwaltung wurde es ihm vergönnt, diese große Gabe zu nützen. Ein angesehener Kaufmann aus Babylon war in Indien gestorben. Er hatte seine beiden Söhne zu gleichen Teilen zu seinen Erben unter der Bedingung eingesetzt, daß sie ihre Schwester ausstatteten, und außerdem hatte er ein Geschenk von dreißigtausend Goldstücken demjenigen seiner Söhne bestimmt, der die größere Liebe zu ihm an den Tag legen würde. Der älteste erbaute ihm ein Grabmal, der zweite vergrößerte durch einen Teil seiner Erbschaft die Mitgift seiner Schwester. Jedermann sagte: »der älteste hat seinen Vater am meisten geliebt, der zweite dagegen liebt mehr seine Schwester: dem ältesten kommen also die dreißigtausend Goldstücke zu.« Zadig beschied alle beide zu sich. Zu dem ältesten sprach er: »Dein Vater ist nicht gestorben, sondern hat seine letzte Krankheit glücklich überstanden und kehrt nach Babylon zurück.« »Gelobt sei Gott,« erwiderte der junge Mann, »aber schade um das Grabmal, das mir gar viel Geld gekostet hat.« Darauf sprach Zadig zu dem jüngeren die gleichen Worte. »Gott sei gepriesen,« rief dieser, »ich will meinem Vater alles wiedergeben, was ich von ihm bekommen habe, ich wünschte nur, er möchte meiner Schwester das lassen, was ich ihr bereits geschenkt.« »Nichts sollst du ihm wiedergeben, und du sollst auch die dreißigtausend Goldstücke bekommen, denn du liebst deinen Vater am meisten.« Ein sehr reiches Mädchen hatte zwei Magiern die Ehe versprochen, und nachdem sie einige Monate lang von beiden unterrichtet worden war, sah sie sich guter Hoffnung. Beide wollten sie heiraten. »Ich will den zum Gatten nehmen,« sagte sie, »der mich von euch beiden fähig gemacht hat, dem Reiche einen Bürger zu schenken.« »Ich habe dieses gute Werk vollbracht«, sagte der eine. »Nein, mir ward diese Gunst zuteil«, rief der andere. »Wohlan,« erwiderte sie, »so will ich denjenigen als meines Kindes Vater anerkennen, der ihm von euch beiden die beste Erziehung angedeihen zu lassen vermöchte.« Sie kam mit einem Knaben nieder, und jeder der beiden Magier wollte ihn nun erziehen. Die Sache wurde vor Zadig gebracht, und er beschied die beiden Magier zu sich. »Worin wirst du deinen Zögling unterweisen?« fragte er den ersten. »Ich werde ihn in den Vorzügen der Redekunst unterrichten,« erwiderte der Doktor, »ihn Dialektik, Astronomie und Dämonomanie lehren, und ihm die Substanz und das Akzidens, das Abstrakte und das Konkrete, die Monaden und die prästabilierte Harmonie erklären.« »Ich,« sprach der zweite, »will ihn brav und wahrer Freundschaft würdig zu machen suchen.« Zadig entschied: »Magst du nun sein Vater sein oder nicht, jedenfalls sollst du seine Mutter heiraten.« Fast täglich liefen bei Hofe Beschwerden über Irax ein, den Itimad-Ulet von Medien. Dieser hohe Herr war im Grunde nicht schlecht, aber durch Eitelkeit und Wollüstigkeit recht verdorben. Nur selten litt er, daß man mit ihm zu sprechen wagte, unter keinen Umständen jedoch, daß man ihm widerspräche. Kein Pfau konnte eitler, kein Täuberich wollüstiger und keine Schildkröte träger sein als er; sein ganzes Sinnen war nur auf falschen Ruhm und falsche Freuden gerichtet. Zadig nahm es auf sich, ihn zu bessern. Er schickte ihm von Seiten des Königs vierundzwanzig Sänger, vierundzwanzig Geiger und einen Musikmeister, einen Haushofmeister, sechs Köche und sechs Kammerherren, die ihn keinen Augenblick allein lassen durften. Ein besonderer Befehl des Königs legte für seinen Hof eine Tagesordnung fest, die aufs genaueste eingehalten werden sollte. Auf Grund dieser Tagesordnung geschah nun folgendermaßen: Sobald der lüstige Irax am ersten Tage erwachte, versammelten sich der Musikmeister, die Sänger und die Geiger um sein Bett und sangen eine Kantate, die zwei Stunden lang dauerte und von drei zu drei Minuten die Wiederkehr des folgenden Schlußreimes brachte: Sein Wert ist wahrlich ungemein! Oh Seelengröße, Anmut, Zier, Wie muß Erlaucht nicht für und für Mit sich zufrieden sein! Nach der Aufführung der Kantate hielt ein Kammerherr eine drei Viertelstunden währende Ansprache an ihn, in der er eigens für alle guten Eigenschaften gepriesen wurde, die ihm fehlten. Sobald die Rede beendigt war, führte man ihn unter dem Klange der Instrumente zu Tisch. Das Mittagsmahl dauerte drei Stunden, und sobald er den Mund zum Sprechen öffnen wollte, sagte der erste Kammerherr: »Wie recht wird er nicht haben!« Und hatte er kaum vier Worte gesprochen, so rief auch schon der zweite: »Er hat recht!« Den beiden anderen Kammerherren lag es ob, über die witzigen Einfälle, die Irax hatte, oder hätte haben sollen, in ein lautes Gelächter auszubrechen. Nach Tisch wurde die Kantate noch einmal gesungen. Der erste Tag erschien ihm köstlich; er glaubte vom König der Könige endlich nach Verdienst geehrt zu werden, der zweite Tag dünkte ihn schon weniger angenehm, der dritte recht unbequem, der vierte schier unerträglich, und der fünfte eine wahre Höllenpein. Schließlich vermochte er den Gesang der Worte: »Wie muß Erlaucht nicht für und für mit sich zufrieden sein« nicht mehr zu ertragen, noch daß man ihm stets sagte, er habe recht, und tagtäglich um die gleiche Stunde eine lange Ansprache an ihn hielt, und so richtete er denn ein inständiges Gesuch nach Hofe, der König möge doch seine Kammerherren, seine Spielleute und seinen Haushofmeister wieder abzuberufen geruhen. Er versprach, fürderhin weniger eitel und viel fleißiger zu sein, ließ sich fortan weniger beweihräuchern, gab seltener Feste und wurde glücklicher, denn, wie Sadder sagt: Ewiges Vergnügen ist kein Vergnügen.   Siebentes Kapitel: Streitigkeiten und Empfänge. Derart offenbarte Zadig täglich seine Verstandesschärfe und seine Seelengüte. Man bewunderte ihn ... und liebte ihn trotzdem. Er galt für den glücklichsten aller Menschen, das ganze Reich war seines Namens voll, alle Weiber äugelten nach ihm, alle Bürger priesen seine Gerechtigkeit, die Gelehrten betrachteten ihn als ihr Orakel, und selbst die Priester rühmten ihm nach, daß er von ihren Dingen sogar mehr verstünde als der Erzmagier Yebor. Jetzt dachte kein Mensch mehr daran, ihm wegen der Greifen den Prozeß zu machen, man glaubte fortan nur noch, was ihm glaublich erschien. Seit fünfzehn Jahrhunderten währte in Babylon ein Streit, der das Reich in zwei schroff gesonderte Hälften teilte. Die einen meinten, man dürfe den Tempel des Mithras niemals anders denn mit dem linken Fuße zuerst betreten; den anderen war dieser Brauch ein Greuel, sie traten stets mit dem rechten Fuß zuerst ein. Ungeduldig harrte man nun auf das hohe Fest des heiligen Feuers, um zu erfahren, welche Sekte Zadig begünstigen würde. Die Augen des Weltalls waren auf seine beiden Füße gerichtet, und die ganze Stadt befand sich in maßloser Aufregung und Spannung. Zadig sprang mit beiden Füßen zugleich in den Tempel hinein und setzte dann in eindrucksvoller Rede auseinander, daß der Gott des Himmels und der Erde, bei dem kein Ansehen der Person gelte, weder das linke Bein höher werte als das rechte noch umgekehrt. Der Neider und seine Frau behaupteten, es hätte in Zadigs Rede an schönen Wendungen gefehlt, er habe die Berge und Hügel nicht genug tanzen lassen. »Er ist trocken und schwunglos«, sagten sie. »Man sieht bei ihm weder das Meer zurückweichen, noch Sterne fallen, noch die Sonne schmelzen wie Wachs, es fehlt ihm durchaus der gute morgenländische Stil.« Zadig war's zufrieden, nur den Stil der Vernunft zu besitzen. Alle Welt stand auf seiner Seite, nicht etwa weil sein Weg der rechte und er selber gar vernünftig und liebenswürdig, sondern weil er erster Vezier war. Ebenso glücklich entschied er den Streit zwischen den weißen und den schwarzen Magiern. Die weißen hielten daran fest, daß es eine Gottlosigkeit sei, im Gebet zu Gott das Antlitz nach Südosten zu kehren; die schwarzen dagegen versicherten, Gott habe einen Abscheu vor den Gebeten aller derer, die sich betend nach Nordwesten wendeten. Zadig befahl, jedermann möge sich kehren und wenden, wohin er wolle. So fand er das Geheimnis, schon in aller Frühe mit allen öffentlichen, staatlichen, privaten und bürgerlichen Angelegenheiten fertig zu werden; den übrigen Teil des Tages verwandte er auf die Verschönerung Babylons: er ließ Trauerspiele aufführen, bei denen man weinte, und Lustspiele, bei denen man lachte, was beides seit langem aus der Mode gekommen war und von ihm wieder eingeführt wurde, weil er Geschmack besaß. Er erhob nicht den Anspruch, mehr von Kunst zu verstehen, als die Künstler selber; er belohnte sie durch Geschenke und Auszeichnungen und war nicht im geheimen eifersüchtig auf ihre Gaben. Des Abends wußte er den König und vor allem die Königin aufs beste zu unterhalten. Der König sagte »der große Minister«, die Königin »der liebenswürdige Minister« und alle beide setzten hinzu, daß es doch sehr schade gewesen sein würde, wenn er gehängt worden wäre. Niemals ist wohl ein Mann in einem Amte gezwungen gewesen, Damen derart viele Privataudienzen zu bewilligen, wie er. Die meisten kamen, um mit ihm über Rechtshändel zu sprechen, die sie gar nicht hatten, in der Hoffnung, es möchte vielleicht ein Liebeshandel daraus entstehen. Die Frau des Neiders erschien als eine der ersten; sie schwur ihm bei Mithras, bei Zend-Avesta und beim heiligen Feuer, daß sie die Handlungsweise ihres Gatten verabscheut hätte; darauf vertraute sie ihm an, ihr Mann sei ein eifersüchtiger roher Patron, und gab ihm zu verstehen, daß die Götter ihn bereits dadurch gestraft hätten, daß sie ihm die glücklichen Wirkungen jenes heiligen Feuers versagten, durch welches der Mensch allein den Unsterblichen ähnlich wird, und zuguterletzt ließ sie ihr Strumpfband fallen. Mit seiner gewohnten Höflichkeit hob es Zadig zwar vom Boden auf, legte es jedoch nicht eigenhändig wieder um das Knie der Dame, und diese kleine Verfehlung, falls es denn wirklich eine war, wurde die Quelle schrecklichsten Unheils. Zadig dachte nicht weiter daran, die Frau des Neiders dafür jedoch um so mehr. Tagtäglich ließen sich andere und wieder andere Damen melden. Die geheimen Annalen Babylons behaupten, er sei einmal gestrauchelt, dabei aber ganz verwundert gewesen, ohne Lust zu genießen und seine Geliebte mit abwesenden Sinnen zu umarmen. Die, welcher er fast ohne es gewahr zu werden Zeichen seiner Gönnerschaft zuteil werden ließ, war eine Kammerfrau der Königin Astarte. Die zärtliche Babylonierin sagte sich zum Troste: er muß wohl schrecklich viele Geschäfte im Kopfe haben, da er sie sogar noch bedenkt, während er der Liebe obliegt. In jenen Augenblicken, in denen viele Menschen völlig stumm sind, und andere nur fromme Worte stammeln, widerfuhr es Zadig, plötzlich zu rufen: »Die Königin.« Die Babylonierin wähnte, ein glücklicher Augenblick habe ihn wieder zu sich selbst gebracht und er nenne sie »meine Königin«. Zadig war jedoch noch nicht Herr seiner Zerstreuung geworden und sprach auch noch den Namen Astarte aus. Die Dame, die unter so glückseligen Umständen alles zu ihrem Vorteil auslegte, bildete sich ein, er habe damit sagen wollen: »Du bist schöner als die Königin Astarte.« Mit gar herrlichen Geschenken verließ sie Zadigs Serail und erzählte ihr Abenteuer sofort ihrer vertrauten Freundin, der Neiderin. Diese fühlte sich durch die erfahrene Zurücksetzung tödlich gekränkt. »Mir,« rief sie, »hat er nicht einmal dieses Strumpfband hier wieder umzulegen geruht, ich mag es nun überhaupt nicht mehr tragen!« »Ei, ei, zeig einmal her,« sprach nun die Glückliche zur Neiderin, »du trägst ja dieselben Strumpfbänder wie die Königin, kaufst du sie denn bei derselben Putzmacherin?« Ob dieser Frage versank die Neiderin in tiefes Nachdenken, erwiderte nichts darauf und begab sich eiligst zu gemeinsamer Beratung zu ihrem Gatten, dem Neider. Inzwischen bemerkte Zadig, daß er stets zerstreut war, wenn er Audienzen erteilte, und wenn er öffentlich Recht sprach. Er wußte nicht, welchem Zustande er dies zuschreiben sollte, das war sein einziger Kummer. Er hatte einen Traum: es war ihm, als läge er auf trocknen Kräutern, unter denen etliche stachelicht waren und ihn belästigten; dann war's ihm aber plötzlich, als ruhe er weich auf einem Bette von Rosen, doch unter den Rosen kroch eine Schlange hervor und stach ihn mit ihrer spitzen giftigen Zunge mitten ins Herz. »Ach,« rief er, »lange war ich auf solche stachelichte Kräuter gelagert, jetzt liege ich auf dem Rosenbette, wer aber wird die Schlange sein?«   Achtes Kapitel: Die Eifersucht. Zadigs Unglück entsprang seinem Glücke selber und vor allem seinem Verdienst. Täglich hatte er lange Unterredungen mit dem König und des Königs erlauchter Gattin Astarte. Der Reiz seines Gesprächs wurde noch verdoppelt durch den Wunsch, zu gefallen, als welcher für den Geist so viel bedeutet, wie Schmuck für Schönheit. Mehr und mehr machte seine Jugend und Anmut auf Astarte einen Eindruck, dessen sie sich zunächst nicht bewußt wurde. Ihre Leidenschaft wuchs im Schoße der Unschuld empor. Ohne Bedenklichkeit und ohne Furcht überließ sich Astarte dem Vergnügen, den Mann zu sehen und zu hören, der ihrem Gatten und dem Staate teuer war. Sie konnte ihn dem Könige gegenüber gar nicht genug rühmen und sprach unaufhörlich zu ihren Frauen über ihn, welche ihre Lobpreisungen noch überboten. So trug alles dazu bei, ihr den Pfeil, den sie noch nicht fühlte, tiefer und tiefer ins Herz zu stoßen. Sie machte Zadig Geschenke, die mehr Zärtlichkeit verrieten, als ihr bewußt war, sie wagte nur als eine Königin zu ihm zu sprechen, die mit seinen Diensten zufrieden war, und dennoch ähnelten ihre Wendungen bisweilen gar sehr den Worten eines fühlenden Weibes. Astarte war weit schöner als jene Semira, welche die Einäugigen haßte, und auch schöner als jenes andere Weib, das ihrem Gatten die Nase hatte abschneiden wollen. Astartens Vertraulichkeit, ihre zärtlichen Worte, über die sie schon zu erröten begann, und ihre Blicke, die sie abzuwenden suchte, und die dennoch an den seinen hängen blieben: alles dieses entfachte in Zadigs Herzen allmählich ein Feuer, das ihn bestürzte. Er kämpfte dagegen und rief die Philosophie zu Hilfe, die ihm noch stets beigestanden hatte, aber er gewann durch sie nur Erkenntnis und gar keine Erleichterung. Pflicht, Erkenntlichkeit und das Bild der geschändeten höchsten Majestät standen ihm wie rächende Gottheiten vor Augen. Er kämpfte, – kämpfte und siegte; aber dieser Sieg, den er in jeglichem Augenblick aufs neue erringen mußte, kostete ihm Seufzer und Tränen. Er wagte nun zur Königin nicht mehr mit jener süßen Ungebundenheit zu sprechen, welche für sie beide so vielen Reiz gehabt; seine Augen bedeckten sich mit einer Wolke, seine Worte klangen gezwungen und abgebrochen, er senkte seine Blicke, und wenn sie wider seinen Willen doch einmal Astarten streiften, so begegneten sie denen der Königin, welche von Tränen feucht waren, von Tränen, unter denen Flammenblitze hervorschossen. Sie schienen einander zu sagen: Wir beten uns an und fürchten dennoch uns zu lieben, beide verzehrt uns eine Glut, die wir verdammen. Jedesmal, wenn Zadig sie verließ, war er verwirrt und bestürzt und fühlte sein Herz von einer Last bedrückt, die er nicht mehr zu tragen vermochte. Im Übermaße seiner Leidenschaft offenbarte er sein Geheimnis endlich seinem Freunde Kador, wie ein Mann, der sein Übel durch einen vom Schmerz endlich hervorgepreßten Schrei und durch den kalten über seine Stirn rinnenden Schweiß verrät, nachdem er allem Drängen seiner Qual lange mutig widerstanden. Kador sprach zu ihm: »Schon seit geraumer Zeit kenne ich die Gefühle, die du vor dir selber hast verbergen wollen: die Leidenschaften haben Merkmale, über die man sich nicht leicht täuschen kann. Meinst du nun, mein lieber Zadig, der König werde ein ihn beleidigendes Gefühl nicht entdecken, da sogar ich seine geheime Sprache zu verstehen vermochte? Der König hat keinen anderen Fehler, wie den einer Eifersucht ohnegleichen. Du vermagst deiner Leidenschaft mit mehr Kraft zu widerstehen, als der Königin zum Kampfe gegen die ihre gegeben ist, denn du bist ein Philosoph, bist Zadig, Astarte aber ist ein Weib! Sie läßt ihre Blicke um so beredter und unvorsichtiger sprechen, als sie sich noch nicht für schuldig hält; in dieser unglücklichen Überzeugtheit ihrer Unschuld vernachlässigt sie die notwendige äußere Haltung. So lange sie sich nichts vorzuwerfen hat, zittere ich für sie! Wäret ihr erst eins miteinander, so vermöchtet ihr wohl aller Augen zu täuschen: eine entstehende, bekämpfte Leidenschaft verrät sich, eine Liebe dagegen, der man Genüge getan, weiß sich zu verbergen.« Zadig erbebte bei diesem Vorschlage, den König, seinen Wohltäter, zu verraten, denn niemals war er treuer gegen seinen Fürsten gesonnen, als jetzt, da er sich vor ihm eines ungewollten Verbrechens schuldig fühlte. Die Königin sprach jedoch den Namen Zadig so oft aus, und während sie es tat, überzog eine so lebhafte Röte ihre Stirn, sie war bald so lebhaft, bald so verwirrt, wenn sie in Gegenwart des Königs zu ihm sprach, und jedesmal, wenn er fortging, bemächtigte sich ihrer eine so tiefe Versonnenheit, daß der König unruhig zu werden begann: er glaubte alles, was er sah, und was er nicht sah, bildete er sich ein. Vor allem fiel ihm auf, daß die Pantoffeln seiner Frau blau waren, blau wie die Pantoffeln Zadigs, und daß die Bänder seiner Frau gelb waren, gelb wie die Mütze Zadigs: welch entsetzliche Verdachtsgründe für einen feinfühligen Fürsten! Und gar bald ward der Verdacht in seinem verbitterten Gemüte zur Gewißheit. Alle Sklaven der Könige und Königinnen sind ebensoviele Spione ihrer Herzen. Nur allzubald hatte man erkannt, daß Astarte zärtlich gestimmt und Moabdar eifersüchtig war. Der Neider beredete die Frau Neiderin, dem Könige ihr Strumpfband zu übersenden, als welches dem der Königin ähnlich und zum größten Unglücke auch blau war. Der Fürst sann nur noch über die Art nach, in der er sich rächen sollte. Eines Nachts beschloß er, die Königin bei Tagesanbruch zu vergiften und Zadig erdrosseln zu lassen. Der Befehl dazu wurde dem Vollstrecker aller seiner Rachetaten, einem unerbittlichen Eunuchen, erteilt. Zufällig befand sich im Gemach des Königs ein kleiner Zwerg, der zwar stumm, aber nicht taub war. Man litt ihn überall wie ein Haustier, das Zeuge selbst der geheimsten Vorgänge sein durfte. Dieser kleine Stumme war der Königin und Zadig von ganzem Herzen ergeben. So entsetzt wie erstaunt lauschte er nun dem über sie verhängten Todesurteil. Was sollte er tun, um diesem grauenhaften Gebot, das schon in wenigen Stunden ausgeführt werden sollte, zuvorzukommen? Er konnte nicht schreiben, hatte jedoch Malunterricht genossen und verstand sich vor allem trefflich auf die Ähnlichkeit. So verbrachte er denn einen Teil der Nacht, um zu skizzieren, was er der Königin sagen wollte: seine Zeichnung stellte in einer Ecke den wutentbrannten König dar, der seinem Eunuchen Befehle erteilt; auf einem Tisch sah man einen blauen Strick, eine Vase, blaue Strumpfbänder und gelbe Schleifen, in der Mitte der Zeichnung hauchte die Königin in den Armen ihrer Frauen ihre Seele aus, und Zadig lag erdrosselt zu ihren Füßen. Am Himmelsrande war ein Sonnenaufgang dargestellt, um anzudeuten, daß die grauenhafte Tat beim ersten Schimmer der Morgenröte ausgeführt werden sollte. Sobald er dieses Werk vollendet, eilte er zu einer der Frauen Astartens, erweckte sie und gab ihr zu verstehen, daß das Gemälde augenblicklich der Königin überbracht werden müsse. Mitten in der Nacht ward dann plötzlich an Zadigs Tür geklopft und ihm, nachdem er erwacht, ein Zettel von der Königin übergeben. Er glaubt zu träumen und erbricht mit zitternder Hand den Brief. Wie groß war nicht sein Erstaunen, und wer möchte die Bestürzung und Verzweiflung beschreiben, die ihn angesichts der folgenden Zeilen niederschmetterten: »Fliehe augenblicklich, oder es kostet Dir das Leben! Fliehe Zadig, ich befehle es Dir im Namen unserer Liebe und meiner gelben Bänder. Ich war nicht schuldig, aber ich fühle, daß ich wie eine Schuldige sterben werde.« Zadig hatte kaum die Kraft zu sprechen. Er gebot Kador herbeizurufen und überreichte ihm wortlos den Brief. Kador zwang ihn zu gehorchen und auf der Stelle auf dem Wege nach Memphis zu entfliehen. »Wenn du dich zur Königin wagst,« sagte er, »beschleunigst du ihren Tod, wendest du dich an den König, so ist's ebenfalls um sie geschehen. Ich bürge dir für ihr Geschick, folge du dem deinen. Ich will das Gerücht aussprengen, du habest dich nach Indien gewandt. Ich folge dir in Bälde und berichte, was inzwischen in Babylon vorgefallen ist.« Auf der Stelle ließ Kador zwei der leichtfüßigsten Dromedare vor eine geheime Tür des Palastes führen und Zadig, den man tragen mußte, weil er dem Verscheiden nahe war, auf das eine hinaufsetzen. Ein einziger Bedienter durfte ihn begleiten, und bald verlor der in Bestürzung und Schmerz versunkene Kador seinen Freund aus dem Gesicht. Als der erlauchte Flüchtling auf den Kamm eines Berges gelangt war, von dem aus man Babylon überblicken konnte, wendete er das Gesicht dem Palaste der Königin zu und fiel in Ohnmacht. Als er wieder zum Bewußtsein kam, geschah's nur, um Tränen zu vergießen und den Tod herbeizuwünschen. Und zuletzt, nachdem er über das beklagenswerte Geschick der liebenswürdigsten aller Frauen und der ersten Königin der Welt nachgesonnen, dachte er auch einen Augenblick lang an sich selber und rief aus: »Was ist das menschliche Leben! Oh Tugend, was nützest du mir? Zwei Frauen haben mich auf das unwürdigste hintergangen, die dritte, die keine Schuld befleckt, und die weit schöner ist als die beiden anderen, diese dritte muß sterben! Alles Gute, so ich getan, hat sich für mich stets in eine Quelle der Verdammnis gewandelt; ich bin auf den Gipfel der Größe nur erhoben worden, um in den schauerlichsten Abgrund des Elends hinabgestoßen zu werden. Wäre ich wie so viele andere schlecht gewesen, so würde ich auch glücklich sein wie sie!« Von solchen düsteren Gedanken niedergedrückt, die Augen verfinstert vom Schleier des Schmerzes, Totenblässe auf dem Antlitz und die Seele tief vergraben in den Abgrund einer schwarzen Verzweiflung, setzte er seinen Weg nach Ägypten fort.   Neuntes Kapitel: Die geprügelte Frau. Zadig richtete seinen Weg nach den Gestirnen: die Stellung des Orion und das hell leuchtende Bild des Sirius leiteten ihn nach dem Hafen von Kanopus. Mit Bewunderung erblickte er die ungeheuren Lichtkugeln, welche unseren Augen nur als ganz kleine schwache Lichter erscheinen, während die Erde, die in der Tat nur ein kaum wahrnehmbarer Punkt ist, unserer Begehrlichkeit gar groß und herrlich dünkt. Er stellte sich die Menschen vor, wie sie in Wirklichkeit sind: als ein kleines Geziefer, das auf einem Kotatome sich gegenseitig verschlingt. Dieses wahre Bild schien all sein Unglück zu vernichten, indem es ihn der Nichtigkeit seines Wesens und Babylons bewußt werden ließ. Seine Seele schwang sich bis in die Unendlichkeit hinauf und betrachtete, gelöst von aller Körperlichkeit, die unverrückbare Ordnung des Weltenalls. Wenn er dann aber, sich selbst wieder zurückgegeben und die Schläge seines Herzens fühlend, Astartens gedachte, die vielleicht für ihn gestorben war, so schwand das All vor seinen Augen, und er erblickte im Weltenraume nichts als eine sterbende Astarte und einen unglücklichen Zadig. Während er sich so einer Ebbe und Flut erhabener Philosophie und niederdrückender Schmerzen überließ, näherte er sich der Grenze Ägyptens, und schon war sein treuer Diener in den ersten Marktflecken vorausgeeilt, um für ihn eine Herberge zu suchen. Zadig wandelte unterdessen zwischen den Gärten einher, die das Dorf einfaßten. Von ungefähr sah er da nicht weit von der Landstraße ein Weib, das tränenüberströmt Himmel und Erde um Hilfe anrief, und einen wütenden Mann, der es verfolgte. Schon hatte jener sie erreicht, und während sie seine Kniee umklammert hielt, überhäufte er sie mit Schlägen und Schmähworten. Aus der zügellosen Wut des Ägypters und dem stets erneuerten Flehen um Vergebung seitens der Dame schloß Zadig, daß ihr Verbrechen Treulosigkeit und des Mannes Wut Eifersucht sei. Als er jedoch die rührende Schönheit der Frau, die der unglücklichen Astarte ein wenig ähnlich sah, näher betrachtet hatte, fühlte er sich von Milde für sie und von Abscheu wider den Ägypter durchdrungen. »Hilf mir,« rief sie schluchzend Zadig an, »entreiße mich dem erbarmungslosesten aller Männer, rette mir das Leben.« Auf diese Rufe hin warf sich Zadig zwischen sie und den Barbaren. Er besaß einige Kenntnis im Ägyptischen und redete ihn in dieser Sprache an: »So du nur die geringste Spur eines menschlichen Gemütes besitzest, beschwöre ich dich, Achtung vor Schönheit und Schwäche zu haben! Wie vermagst du nur ein solches Meisterwerk der Natur, das sich zu deinen Füßen windet und nichts als Tränen zu seinem Schutze hat, wie vermagst du, es so zu schänden?« »Oh, oh,« schrie ihn der Rasende an, »also auch du liebst sie, auch an dir muß ich mich rächen!« Mit diesen Worten ließ er die Haare der Dame, in die er die eine seiner Hände verkrallt hatte, fahren, ergriff eine Lanze und schickte sich an, den Fremden zu durchbohren. Dieser jedoch vermochte, da er seine Kaltblütigkeit nicht verloren, den Stoß eines Rasenden leicht zu vermeiden und packte festen Griffes die Lanze dort, wo ihre eiserne Spitze begann. Beide suchen sie nun die Lanze einander zu entwinden, und sie zerbricht in ihren Händen. Der Ägypter zieht sein Schwert, Zadig ergreift das seine, und so springen sie einander an. Der eine schlägt mit blinder Wut darauf los, der andere fängt geschickt ab, und daneben sitzet die Dame auf dem Rasen, steckt sich ihr Haar auf und sieht ihnen zu. Der Ägypter übertraf seinen Gegner an Stärke, dieser ihn jedoch an Gewandtheit. Zadig focht wie ein Mann, dessen Arm von seinem Kopfe regiert wird, der Ägypter dagegen wie ein Rasender, der alle seine Bewegungen von seiner blinden Wut leiten ließ. Zadig trieb ihn schließlich in die Enge und entwaffnete ihn, und als der Ägypter mit verdoppelter Wut über ihn herstürzen will, fängt er ihn auf, umschließt ihn, wirft ihn zu Boden, setzt ihm das Schwert auf die Brust und verspricht, ihm das Leben zu schenken, wenn er sich ergebe. Besinnungslos vor Wut reißt der Ägypter seinen Dolch heraus und verwundet den Sieger in eben dem Augenblick, da dieser ihm vergeben will. Empört bohrt Zadig ihm nun sein Schwert in die Brust. Der Ägypter stößt einen fürchterlichen Schrei aus und stirbt in Wutkrämpfen. – Zadig näherte sich nun der Dame und sprach demütigen Tones zu ihr: »Er hat mich gezwungen, ihn zu töten: du bist gerächt. Ich habe dich von dem gewalttätigsten Manne befreit, den ich jemals gesehen. Was befiehlst du mir nun des weiteren für dich zu tun, Frau?« »Sterben sollst du! Stirb, du Nichtswürdiger, du hast meinen Geliebten getötet! Oh, könnte ich dir das Herz aus der Brust reißen!« »Ich muß gestehen, meine Verehrte,« antwortete Zadig, »du hattest da einen recht seltsamen Mann zum Liebhaber. Er schlug dich aus Leibeskräften und mir wollte er ans Leben, nur weil ich dir den Beistand lieh, um den du mich anflehtest.« »Oh, schlüge er mich doch noch!« wehklagte die Dame, »ich verdiente es gar wohl, denn ich hatte ihm guten Grund zur Eifersucht gegeben! Oh, wollte der Himmel, er schlüge mich noch, und du lägest an seinem Platze!« Zadig war erstaunter und zorniger, als er je in seinem Leben gewesen, und sagte: »So schön du auch bist, meine Gnädige, so verdientest du doch gar wohl, daß ich dich nun meinerseits prügelte, denn du bist allzu überspannt, aber es verlohnt sich nicht der Mühe.« Und damit stieg er auf sein Kamel und schickte sich an, in den Marktflecken einzureiten. Kaum hatte er jedoch wenige Schritte getan, so zwang ihn der Lärm, den vier aus Babylon heransprengende Eilboten machten, sich umzuwenden. Mit verhängten Zügeln jagten sie herbei, und als einer von ihnen das Weib erblickte, rief er: »Sie ist's, sie gleicht völlig der Beschreibung, die man uns von ihr gemacht hat.« Um den Toten kümmerten sie sich weiter nicht, sondern bemächtigten sich unverzüglich der Dame, die nun nicht aufhörte, Zadig um Hilfe anzurufen. »Stehe mir noch einmal bei, du großmütiger Fremder; vergib mir, daß ich dich gescholten habe, hilf mir, und ich will dein sein bis ans Grab!« Aber Zadig war die Lust vergangen, noch einmal für sie zu kämpfen. »Suche dir jemanden anderes aus,« rief er, »noch einmal bin ich nicht so dumm!« Außerdem war er auch verwundet, sein Blut lief, schleunige Hilfe tat not, und der Anblick der vier Babylonier, die aller Wahrscheinlichkeit nach vom Könige Moabdar entsendet waren, erfüllte ihn mit Besorgnis. Hastig ritt er in das Dorf ein, ohne begreifen zu können, warum wohl jene Eilboten aus Babylon die Ägypterin aufgegriffen haben mochten; noch verwunderter jedoch war er über den Charakter eben dieser Dame selber.   Zehntes Kapitel: Die Sklaverei. Sobald Zadig den ägyptischen Flecken betreten hatte, sah er sich vom Volke umdrängt. »Seht,« schrie ein jeder, »das ist er, der die schöne Missuf entführt und Kletofis ermordet hat.« »Gott möge mich davor bewahren, ihr Herren, jemals eure schöne Missuf zu entführen, sie ist viel zu launenhaft; und was den Kletofis anbetrifft, so habe ich ihn keineswegs ermordet, sondern mich nur gegen ihn verteidigt. Er wollte mich töten, weil ich ihn gar bescheidentlich für die schöne Missuf um Gnade bat; er prügelte sie nämlich aufs unbarmherzigste. Ich bin ein Fremder, der in Ägypten Zuflucht sucht, und es ist wenig wahrscheinlich, daß ich mich in dem Augenblick, da ich euren Schutz erbitten will, durch die Entführung eines Weibes und die Ermordung eines Mannes empfehlen sollte.« Die Ägypter waren damals gerecht und menschlich. Das Volk führte Zadig in das Stadthaus, dort verband man ihm zuerst seine Wunden und verhörte dann ihn und seinen Diener, und zwar jeden einzeln, um die Wahrheit zu ermitteln. Man erkannte nun wohl, daß Zadig kein Mörder sei, aber er hatte das Blut eines Mannes vergossen, und das Gesetz verurteilte ihn zur Sklaverei. Man verhandelte zugunsten des Dorfes seine beiden Kamele, verteilte alles Geld, das er bei sich hatte, an die Einwohner und stellte ihn und seinen Gefährten auf dem Marktplatze zum Verkauf aus. Ein arabischer Kaufmann namens Setock erwarb sie alle beide, den arbeitsgewohnteren Diener mußte er jedoch weit teurer bezahlen als den Herren, denn ein anderer Vergleich ward zwischen ihnen beiden nicht angestellt. So wurde Zadig denn als Sklave ein Untergebener seines Dieners; man fesselte sie zusammen an dieselbe um ihre Füße gelegte Kette, und in diesem Zustande folgten sie dem arabischen Kaufmanne in sein Haus. Unterwegs tröstete Zadig seinen Diener und ermahnte ihn zur Geduld. Seiner Gewohnheit gemäß stellte er jedoch dabei Betrachtungen über das menschliche Leben an. »Ich sehe,« sagte er, »daß mein unglückliches Verhängnis auch dich in Mitleidenschaft zieht! Bisher hat alles eine gar seltsame Wendung für mich genommen, ich ward zu einer Geldbuße verurteilt, weil ich eine Hündin hatte vorbeilaufen sehen, um eines Greifen willen wurde ich fast gepfählt, und in den Tod geschickt, weil ich Verse zum Preise des Königs gemacht; weil die Königin gelbe Bänder trägt, bin ich fast erdrosselt worden, und nun bin ich hier mit dir zusammen Sklave, weil ein roher Mensch seine Geliebte prügelte. Doch komm, laß uns den Mut nicht verlieren, vielleicht wird auch dies einmal vorüber gehen; die arabischen Kaufleute müssen eben Sklaven haben, warum sollte ich es da nicht so gut wie jeder andere sein, da ich ja wie er auch nur ein Mensch bin? Der Kaufmann wird nicht unbarmherzig sein, er muß seine Sklaven ja gut behandeln, wenn sie zu etwas nütze sein sollen.« So sprach er, doch in der Tiefe seines Herzens war er nur mit dem Schicksal der Königin von Babylon beschäftigt. Setock, der Kaufmann, brach zwei Tage danach mit seinen Sklaven und Kamelen nach dem wüsten Arabien auf. Sein Stamm wohnte am Rande der Wüste Horeb. Der Weg war weit und mühselig. Während der Reise gefiel ihm der Diener weit besser als sein ehemaliger Herr, weil er sich besser aufs Beladen der Kamele verstand, und so ward denn auch nur er mit kleinen Auszeichnungen bedacht. Zwei Tagereisen vor Horeb verreckte eines der Kamele, und seine Ladung wurde auf die Rücken der Diener verteilt, auch Zadig bekam seinen Teil. Als nun Setock alle seine Sklaven mit gekrümmten Rücken dahinschreiten sah, mußte er lachen, Zadig aber nahm es sich heraus, ihm den Grund hierfür zu erklären, und lehrte ihn die Gesetze des Gleichgewichtes. Der verwunderte Kaufmann begann ihn nun mit anderen Augen anzusehen. Sobald Zadig gewahrte, daß er seines Herren Neugier erregt, erhöhte er sie noch dadurch, daß er ihm gar viel von den Dingen erzählte, die nicht ohne Zusammenhang mit seinem Handel waren, zum Beispiel das Gewicht der Metalle und Waren bei einem gleichen Umfange, die Eigenschaften verschiedener nützlicher Tiere und die Mittel, auch solche nützlich zu machen, die es von Natur nicht sind, und so fing Setock zu begreifen an, daß Zadig ein Weiser sei. Er gab ihm nun den Vorzug vor seinem Gefährten, den er anfangs so gar hoch geschätzt, behandelte ihn gut und hatte nicht Ursache, es zu bereuen. Bei seinem Stamme angelangt, nahm Setock seine Geschäfte wieder auf, und begann damit, von einem Hebräer fünfhundert Unzen Silber zurückzufordern, die er ihm in Gegenwart zweier Zeugen geliehen hatte. Diese beiden Zeugen waren inzwischen jedoch verstorben, und da der Hebräer nicht sah, wie er nun überführt werden könnte, gedachte er sich das Geld des Kaufmannes anzueignen und dankte Gott dafür, daß er ihm Gelegenheit gegeben, einen Araber zu prellen. Setock teilte Zadig, der mählich sein Ratgeber geworden war, diese Verdrießlichkeit mit. »An welchem Orte,« fragte Zadig, »hast du dem Wortbrecher die fünfhundert Unzen geliehen?« »Auf einem breiten Stein am Fuße des Berges Horeb«, erwiderte der Kaufmann. »Was für eine Art Mensch ist dein Schuldiger?« fragte Zadig. »Ein Spitzbube ist er«, rief Setock. »Dies will ich nicht wissen, sondern ob er lebhaft oder langsam, bedächtig oder unbesonnen?« »Von allen schlechten Zahlern, die ich kenne,« sagte Setock, »ist er der lebhafteste!« »Wohlan,« rief nun Zadig, »so erlaube mir deine Sache vor dem Richter zu führen.« Er lud nun wirklich den Hebräer vor Gericht und wandte sich mit folgenden Worten an den Richter: »Du Kissen auf dem Throne der Gerechtigkeit, ich fordere von diesem hier im Namen meines Herrn fünfhundert Unzen Silber zurück, er aber will sie nicht geben.« »Hast du Zeugen«, fragte der Richter. »Nein, sie sind gestorben, aber ein großer Stein ist noch da, auf dem das Geld ausbezahlt wurde, möge es deiner Erhabenheit gefallen, das Herbeischaffen dieses Steines zu befehlen, denn wie ich hoffe, wird er Zeugnis für uns ablegen. Ich und der Hebräer aber, wir wollen unterdessen hier bleiben und warten, bis der Stein kommt. Ich will ihn auf Kosten Setocks, meines Herrn, herbeischaffen lassen.« »Herzlich gern«, erwiderte der Richter und schickte sich an, andere Klagefälle zu erledigen. Am Schlusse der Gerichtssitzung fragte er Zadig: »Nun, ist dein Stein noch nicht angekommen?« Da rief der Hebräer lachend: »Deine Erhabenheit kann hier warten bis morgen, und der Stein wird dennoch nicht gekommen sein, er liegt mehr als sechs Meilen von hier entfernt und fünfzehn Männer vermöchten ihn kaum von der Stelle zu rühren.« »Seht,« rief nun Zadig, »sagte ich nicht, der Stein würde für uns zeugen, denn da dieser Mensch weiß, wo er liegt, gesteht er doch ein, daß auf ihm das Geld ausbezahlt wurde.« Der aus der Fassung gebrachte Hebräer sah sich nun bald gezwungen, alles zu gestehen. Der Richter befahl, er solle ohne Speise und Trank an den Stein gebunden werden, bis er die fünfhundert Unzen wieder gegeben, was auch bald geschah. Der Sklave Zadig und der Stein aber erlangten gar großen Ruf in ganz Arabien.   Elftes Kapitel: Der Scheiterhaufen. Beglückt machte Setock seinen Sklaven zu seinem vertrautesten Freunde; bald konnte er seiner ebensowenig entbehren, wie einst der König von Babylon, und Zadig war von Herzen froh, daß Setock keine Frau hatte. Er entdeckte in seinem Herrn einen auf das Gute gerichteten Charakter, Geradheit und einen gesunden Verstand. Es verdroß ihn zu sehen, daß Setock alten arabischen Brauches gemäß die himmlischen Heerscharen, das heißt die Sonne, den Mond und die Sterne anbetete, und zuweilen wagte er mit größter Zurückhaltung dessen Erwähnung zu tun. Endlich sagte er ihm, jene Gestirne seien Körper wie andere eben auch und verdienten seine Anbetung ebensowenig, wie etwa ein Baum oder ein Felsen. »Aber es sind doch die ewigen Wesen, von denen uns alles Heil kommt,« erwiderte Setock, »sie beleben die Natur, regeln die Jahreszeiten und sind dazu noch so weit von uns entfernt, daß man gar nichts anderes tun kann, als sie verehren.« »Noch viel mehr Gutes tun dir die Wasser des Roten Meeres, welche deine Waren nach Indien tragen. Warum sollten sie nicht auch ebenso alt sein, wie die Gestirne, und wenn du gar das anbetest, was sehr fern von dir ist, so müßtest du ja auch das Land der Gangariden anbeten, das am anderen Ende der Welt liegt!« »Nein,« erwiderte Setock, »wie sollte ich die Sterne nicht anbeten, da sie ja doch so herrlich glänzen!« Als der Abend herabgekommen, zündete nun Zadig in dem Zelte, in dem er mit seinem Herrn zu Nacht speisen sollte, eine Menge Wachsfackeln an, und sobald sein Herr eintrat, warf er sich vor den brennenden Kerzen in die Kniee und sprach: »Ewige strahlende Lichter, bleibt mir immerdar zugetan.« Nachdem er diese Worte gesprochen, setzte er sich ohne Setock anzusehen an den Tisch. »Was treibst du nur?« fragte ihn dieser erstaunt. »Ich mache es wie du,« antwortete Zadig, »ich bete diese Lichter an und vernachlässige darüber ihren Herren und den meinen.« Setock erfaßte den tiefen Sinn des Gleichnisses, und die Weisheit seines Sklaven fand Eingang in seine Seele; fortan verschwendete er seinen Weihrauch nicht mehr für die Geschöpfe, sondern betete das ewige Wesen an, das sie alle geschaffen. Es herrschte damals in Arabien ein abscheulicher, ursprünglich von den Skythen herstammender Brauch, der durch den Einfluß der Brahmanen auch in Indien Wurzel geschlagen hatte und das ganze Morgenland zu ergreifen drohte. Wenn ein verheirateter Mann gestorben war, und seine geliebte Frau Lust verspürte, eine Heilige zu werden, so ließ sie sich öffentlich auf dem Leibe ihres Gatten verbrennen. Dieses gottgeweihte Feuerfest hieß der »Scheiterhaufen der Witwenschaft«, und derjenige Stamm, der die meisten verbrannten Weiber aufzuweisen hatte, genoß das größte Ansehen. Ein Araber von Setocks Stamme war nun gerade gestorben, und seine Witwe, Almona mit Namen, die gar fromm gesinnt war, ließ den Tag und die Stunde verkünden, in der sie sich beim Klange der Trommeln und Drommeten in die Flammen stürzen würde. Zadig stellte Setock vor, wie sehr dieser grausige Brauch dem Heile des Menschengeschlechtes entgegenstehe, da man tagtäglich junge Witwen verbrenne, welche dem Staate noch Kinder schenken oder wenigstens die ihren noch erziehen könnten, und es gelang ihm, ihn zu überzeugen, daß man, wenn möglich, eine so barbarische Sitte abschaffen müsse. Setock wandte jedoch noch einmal ein: »Seit mehr denn tausend Jahren steht den Weibern das Recht zu, sich verbrennen zu lassen! Wer von uns dürfte wagen, einem Gesetze entgegenzutreten, das die Zeit geheiligt hat, ja, was gibt es denn überhaupt Ehrwürdigeres, als einen alten Mißbrauch?« »Die Vernunft ist noch älter,« erwiderte Zadig, »sprich du mit den Häuptlingen der Stämme, ich will indessen zu der jungen Witwe gehn.« Er ließ sich bei ihr melden, und nachdem er sich durch ein Lob ihrer Schönheit bei ihr eingeschmeichelt und ihr versichert hatte, wie schade es sei, soviel Reize den Flammen preiszugeben, pries er sie wegen ihrer Standhaftigkeit und ihres Mutes. »Du hast deinen Gatten wohl über die Maßen geliebt?« fragte er sie. »Ich? Nicht im geringsten,« entgegnete die arabische Dame, »er war ein roher, ein eifersüchtiger, ein völlig unerträglicher Mensch! Darum aber bin ich nicht weniger fest entschlossen, mich auf seinen Scheiterhaufen zu werfen!« »Dann muß es also ein gar wonnevolles Vergnügen sein, lebendig verbrannt zu werden!« sagte Zadig. »Ach,« erwiderte die Dame, »bis hinab in ihre Grundfesten schaudert die Natur davor zurück. Doch da hilft eben nichts! Ich bin fromm, es wäre um meinen Ruf geschehen, und alle Welt würde mich verspotten, wenn ich mich nicht verbrennen wollte!« Nachdem Zadig ihr auf diese Weise das Geständnis entlockt, daß sie sich nur um der anderen willen und aus Eitelkeit verbrennen lassen wolle, sprach er lange auf eine Art und Weise zu ihr, die ihr schon einige Liebe zum Leben wiedergeben mußte, und schließlich erreichte er es sogar, ihr einiges Wohlwollen für den einzuflößen, der da so herzlich zu ihr sprach: »Gesetzt den Fall, die Eitelkeit hielte dich nicht in ihren Krallen, was würdest du dann tun?« fragte er sie zuletzt. »Ach,« sagte die Dame, »ich glaube, ich würde dich bitten, mich zu heiraten.« Zadig war allzusehr von dem Gedanken an Astarte erfüllt, um diese Erklärung nicht zu überhören, aber er begab sich augenblicklich zu den Anführern der Stämme, teilte ihnen mit, was geschehen war, und riet ihnen, ein Gesetz zu schaffen, welches keiner Witwe gestatte, sich zu verbrennen, ehe sie sich nicht vorher eine ganze Stunde lang mit einem jungen Manne unterhalten hätte. Seit dieser Zeit hat sich in Arabien keine einzige junge Dame mehr verbrennen lassen. Zadig allein verdankte man es, einen seit so vielen Jahrhunderten währenden grausamen Brauch in einem Tage abgeschafft zu sehen. Er war also der Wohltäter Arabiens.   Zwölftes Kapitel: Das Nachtmahl. Setock konnte sich von diesem Manne, in dem die Weisheit wohnte, fortan nicht mehr trennen, und so nahm er ihn mit sich auf den großen Jahrmarkt zu Bassora, wo die größten Kaufleute der Erde zusammenzukommen pflegen. Für Zadig war es ein herzlicher Trost, so viele Menschen aus den verschiedensten Gegenden an einem Orte vereint zu sehen. Die ganze Menschheit erschien ihm wie eine große Familie, die sich in Bassora versammelte. Am zweiten Tage traf er bei Tische mit einem Ägypter, einem Inder vom Ganges, einem Bewohner von Kathay, einem Griechen, einem Kelten und verschiedenen anderen Fremden zusammen, die auf ihren häufigen Reisen nach dem arabischen Meerbusen genug Arabisch gelernt hatten, um sich verständlich zu machen. Der Ägypter schien sehr aufgebracht zu sein. »Was für ein abscheuliches Land, dieses Bassora!« rief er. »Auf das beste Unterpfand der Welt weigert man mir hier tausend Unzen Gold.« »Wieso?« fragte Setock, »auf welches Pfand will man dir die Summe nicht geben?« »Auf den Leichnam meiner Tante, welche dazu noch die braveste Frau in ganz Ägypten war«, erwiderte der Ägypter. »Sie begleitete mich stets und ist mir unterwegs gestorben. Ich habe aus ihr die schönste Mumie gemacht, die mir je zu Gesicht gekommen; in meiner Heimat würde man mir auf sie leihen, soviel ich nur haben wollte, und hier will man mir seltsamerweise auf ein so sicheres Unterpfand nicht einmal tausend Unzen Gold geben!« Aufs heftigste erbost, schickte er sich nun an, von einem trefflich gesottenen Huhn zu essen, als der Inder ihn bei der Hand festhielt und schmerzvoll ausrief: »Oh, was willst du tun.« »Dies Huhn essen«, erwiderte der Mann mit der Mumie. »Um des Himmels willen, tu's nicht,« rief der Gangaride, »leicht könnte sein, daß die Seele der Verstorbenen in den Leib dieses Huhnes gefahren war, und du möchtest dich doch sicherlich nicht dem aussetzen, deine Tante zu verspeisen! Gesottene Hühner sind eine offenkundige Verhöhnung der Natur!« »Was scheren mich deine Natur und deine Hühner!« schrie der zornmütige Ägypter, »wir beten einen Ochsen an und essen dennoch Ochsenfleisch!« »Ist's möglich, einen Ochsen betet ihr an?« fragte der Mann vom Ganges. »Und ob es möglich ist!« entgegnete der andere, »seit hundertundfünfunddreißigtausend Jahren halten wir es so, und niemand von uns hat bis jetzt jemals etwas dawider vorzubringen gewußt.« »Hundertundfünfunddreißigtausend Jahre«, wiederholte der Indier. »Geh, diese Rechnung ist ein wenig übertrieben. Indien ist erst seit achtzigtausend Jahren bevölkert und dennoch gilt's für ausgemacht, daß wir eure Vorfahren sind. Brahma hatte uns den Genuß von Ochsenfleisch verboten, längst ehe ihr es euch beifallen ließet, die Ochsen auf die Altäre zu stellen und an den Bratspieß zu stecken.« »Ein gar herrliches Tier, euer Brahma!« rief der Ägypter. »Wie dürft ihr ihn mit Apis vergleichen? Was hat denn euer Brahma überhaupt vollbracht?« Der Brahmine erwiderte: »Er hat die Menschen lesen und schreiben gelehrt, und die ganze Welt verdankt ihm das Schachspiel!« »Du irrst dich,« sagte ein danebensitzender Chaldäer, »dem Fische Oannes haben wir diese Wohltaten zu verdanken, und darum gebührt auch nur ihm unsere Anbetung. Jedermann wird dir sagen, daß er ein göttliches Wesen war, einen goldenen Schwanz und einen schönen Menschenkopf hatte und täglich den Wassern entstieg, um drei Stunden lang auf der Erde zu predigen. Er hatte mehrere Söhne, die, wie ein jeder weiß, sämtlich Könige geworden sind. Ich trage sein Bildnis stets bei mir und verehre es, wie sich's gebührt. Ochsenfleisch darf man essen, soviel man nur will, das Sieden eines Fisches dagegen ist sicherlich über die Maßen gottlos! Übrigens seid ihr alle beide viel zu unedeln und jungen Ursprungs, um mir etwas abstreiten zu können. Das ägyptische Volk zählt erst hundertundfünfunddreißigtausend Jahre, und die Inder erst achtzigtausend, während wir einen viertausend Jahrhunderte alten Kalender besitzen. Glaubt mir, laßt eure Albernheiten fahren, und ich will einem jeden von euch ein schönes Bild des Oannes schenken.« Der Mann aus Kambalu nahm jetzt das Wort und sprach: »Ich habe alle nur erdenkliche Ehrfurcht vor den Ägyptern, den Chaldäern, den Griechen, den Kelten, dem Stier Apis und dem schönen Fisch Oannes, vielleicht mag aber dennoch der Li oder Tian, wie man ihn nun gerade nennen will, die Ochsen und Fische einigermaßen aufwiegen! Von meinem Lande will ich gar nicht erst sprechen, es ist so groß wie Ägypten, Chaldäa und Indien zusammen; auch über unser Alter streite ich nicht, weil es nur gilt, glücklich zu sein und gar wenig darauf ankommt, von wannen man ist; soll aber von Kalendern gesprochen werden, so muß ich denn doch behaupten, daß ganz Asien die unseren angenommen hat, und daß wir deren schon sehr gute besaßen, noch ehe man in Chaldäa die vier Spezies kannte.« »Ihr seit alle miteinander erschrecklich unwissend,« schrie nun der Grieche, »wißt ihr denn nicht, daß der Chaos der Vater aller Dinge ist, und daß Form und Stoff die Welt in den Zustand versetzt haben, in dem sie sich heute befindet?« Dieser Grieche redete gar lange, endlich aber wurde er von dem Kelten unterbrochen, der während des Hin- und Herstreitens tüchtig getrunken hatte, und sich nun für weiser hielt als alle anderen zusammen. Fluchend schwur er, nur Teutath und die Eichenmistel verlohnten der Mühe besprochen zu werden, er seinerseits trüge stets Misteln bei sich in der Tasche, und außerdem seien die Skythen, seine Vorfahren, die einzigen anständigen Menschen gewesen, die jemals auf Erden gelebt. Bisweilen allerdings hätten sie Menschen gefressen, aber das könne nicht hindern, daß man seinem Volke die größte Ehrfurcht schuldig sei, im übrigen würde er dem, der über Teutath Übles äußere, schon Lebensart beibringen. Der Streit wurde jetzt hitzig, und Setock sah schon den Augenblick herankommen, in dem Blut auf den Tisch fließen würde. Zadig, der während des ganzen Streites schweigend zugehört hatte, erhob sich nun und wandte sich zunächst an den Kelten, als an den Wütendsten; er sagte ihm, er habe durchaus recht, und bat ihn um eine Mistel, darauf lobte er den Griechen um seiner Beredsamkeit willen und beschwichtigte so nacheinander alle erregten Gemüter. Zu dem Manne aus Kathay sprach er nur wenig, denn dieser war der verständigste von allen gewesen, und dann wandte er sich an die ganze Gesellschaft: »Meine Freunde,« sagte er, »fast hättet ihr euch um ein Nichts die Köpfe zerschlagen, denn ihr seid alle ein und derselben Meinung.« Gegen diese Worte erhob sich ein allgemeines Geschrei. »Nicht wahr,« sagte er zu dem Kelten, »du betest doch nicht diese Mistel an, sondern den, der die Mistel und die Eiche gemacht hat?« »Gewißlich«, erwiderte der Kelte. »Und du, mein Herr Ägypter, du verehrst augenscheinlich in einem bestimmten Tier den, der euch die Tiere gegeben hat?« »Ja«, sagte der Ägypter. »Der Fisch Oannes muß doch sicherlich vor dem zurücktreten, der das Meer und die Fische erschaffen hat?« »Zugegeben«, sagte der Chaldäer. »Auch der Inder hier und der Mann aus Kathay erkennen gleich euch ein höchstes Urwesen an. Die herrlichen Sachen, die der Grieche vorgebracht hat, habe ich nicht allzu gut verstanden, aber ich bin überzeugt, daß auch er ein höheres Wesen zugibt, dem Form und Stoff untertan sind.« Der Grieche, der allgemein bewundert wurde, erklärte, Zadig habe seine Gedanken richtig erfaßt. »Ihr seid also alle einer Meinung, wiederholte Zadig, und es ist unerfindlich, worüber ihr euch eigentlich zanken solltet!« Da umarmten ihn alle. Nachdem Setock seine Waren teuer verkauft hatte, kehrte er mit seinem Freunde Zadig zu seinem Stamme zurück. Gleich nach seiner Ankunft erfuhr Zadig, daß man ihm in seiner Abwesenheit den Prozeß gemacht, und daß er nun bei lebendigem Leibe auf langsamem Feuer verbrannt werden sollte.   Dreizehntes Kapitel: Das Stelldichein. Während seiner Reise nach Bassora hatten die Priester der Gestirne den Beschluß gefaßt, diese Strafe über ihn zu verhängen. Die Edelsteine und Schmucksachen der jungen Witwen, die sie früher auf den Scheiterhaufen geschickt, waren ihnen stets von Rechts wegen zugefallen; wenn sie Zadig nun verbrennen lassen wollten, so war das wirklich noch eine geringe Strafe für den bösen Streich, den er ihnen gespielt. Sie klagten ihn also an, irrige Anschauungen über die himmlischen Heerscharen zu hegen, brachten Beweise vor und schworen, mit eigenen Ohren die Ansicht von ihm gehört zu haben, daß die Gestirne nicht im Meere untergingen. Bei dieser gräßlichen Lästerung schauderte es den Richtern, fast hätten sie über diese gottlosen Worte ihre Kleider zerrissen, ja, wäre Zadig imstande gewesen, sie ihnen zu ersetzen, so hätten sie es auch sicherlich getan, so aber beschieden sie sich im Übermaße ihres Schmerzes, ihn zur Strafe eines langsamen Feuertodes zu verurteilen. Umsonst bot der verzweifelte Setock all seinen Einfluß auf, um den Freund zu retten: man brachte ihn unsanft zum Schweigen. Die junge Witwe Almona jedoch, welche gar große Lust am Leben gefunden und sich Zadig dafür verpflichtet fühlte, beschloß, ihn vom Scheiterhaufen, dessen Mißbrauch er sie kennen gelehrt hatte, zu erretten. Sie schmiedete eifrig an einem Plane, ohne jemandem etwas davon zu verraten. Schon am folgenden Tage sollte Zadig sterben, so blieb ihr zu seiner Rettung nur die eine Nacht, wobei sie sich als mitleidige und kluge Frau folgendermaßen anließ: Sie besprengte sich mit Wohlgerüchen, erhöhte ihre Schönheit durch den üppigsten und verführerischsten Putz und bat sodann den Oberpriester der Gestirne um geheimes Gehör. Als sie dem verehrungswürdigen Greise gegenüberstand, redete sie ihn folgendermaßen an: »Ältester Sohn des großen Bären, Bruder des Stiers und Vetter des großen Hundes (denn alles dies waren Titel des Oberpriesters), ich nahe mich dir, um dir meine Gewissenszweifel anzuvertrauen. Ich fürchte gar sehr, eine ungeheure Sünde dadurch begangen zu haben, daß ich mich seinerzeit nicht auf dem Scheiterhaufen meines teuren Gatten habe verbrennen lassen! Was hatte ich im Grunde denn auch zu bewahren? Ein vergängliches Fleisch, das nun bereits dahingewelkt ist!« Mit diesen Worten streifte sie lange, seidene Ärmel von ihren Armen zurück, welche wunderbar an Form und von blendender Weiße waren. »Sieh,« rief sie, »um ein wie Geringes ich sündigte!« Der Priester fand auf dem Grunde seines Herzens das Geringe nicht gar so gering, seine Augen verrieten es und auch sein Mund bestätigte es: er schwur, sein Lebtage nicht so schöne Arme gesehen zu haben. »Ach,« klagte die Witwe, »vielleicht ist es um die Arme wirklich ein wenig besser bestellt, als um das übrige, du mußt aber zugeben, daß mein Hals meine sündige Sorgfalt nicht verdiente.« Und mit diesen Worten enthüllte sie den entzückendsten Busen, den die Natur jemals geformt: eine Rosenknospe auf einem Apfel aus Elfenbein würde daneben nur wie Krapp auf Buchsbaumholz erschienen sein und die Weiße gebadeter Lämmer wie bräunliches Gelb. Dieser Busen und ihre großen schwarzen Augen, die schmachtend und süß in zärtlichem Feuer erglänzten, ihre Wangen, die der schönste Purpurschmelz neben dem reinsten Milchweiß belebte, und ihre Nase, die nicht war wie der Turm auf dem Berge Libanon, und ihre Lippen, die wie zwei Korallenreihen die schönsten Perlen des arabischen Meeres umschlossen, alles dieses zusammen vermochte dem Greise den Glauben beizubringen, er zähle nur zwanzig Lenze. Stammelnd wagte er eine zärtliche Erklärung. Als ihn Almona nun dergestalt in Flammen sah, bat sie ihn um Gnade für Zadig. »Ach, meine schöne Dame,« rief er, »wollte ich dir auch deinen Wunsch gewähren, so nützte dir meine Willfährigkeit doch zu nichts, die Begnadigungsschrift müßte noch von drei anderen meiner Amtsbrüder unterzeichnet werden.« »Unterzeichne nur«, bat Almona. »Von Herzen gern,« erwiderte der Priester, »aber nur unter der Bedingung, daß deine Gunst der Preis meiner Nachgiebigkeit sei.« »Du erweisest mir allzuviel Ehre,« sagte Almona. »Laß es dir jedoch immer gefallen, zwischen Sonnenuntergang und dem Erscheinen des strahlenden Sternes Scheat am unteren Himmel in meine Stube zu kommen. Dort wirst du mich auf einem rosenfarbenen Sofa finden und mit deiner ergebenen Dienerin nach bestem Können verfahren.« Die Unterschrift in Händen, ging sie nun fort und ließ den Greis voller Liebessehnsucht und voller Mißtrauen in seine Kräfte zurück. Er verwandte den Rest des Tages darauf, sich zu baden, trank ein Gebräu aus Zeylon-Zimmet und kostbaren Gewürzen aus Tidor und Ternate und harrte mit Ungeduld auf das Erscheinen des Sternes Scheat. Unterdessen begab sich die schöne Almona zu dem zweiten Priester. Er versicherte ihr, Sonne, Mond und alle Sterne am Himmelszelt seien nur Irrlichter im Vergleich mit ihren Reizen. Sie bat ihn um die gleiche Gnade, und um den gleichen Preis ward sie ihr verheißen. Sie willigte darein, und bestellte diesen zweiten Priester beim Aufgange des Sternes Algenib zum Stelldichein. Von ihm begab sie sich zu dem dritten und vierten, nahm von jedem eine Unterschrift mit sich fort und verabredete Stelldicheine von Stern zu Stern. Darauf ließ sie die Richter um einer wichtigen Angelegenheit willen zu sich entbieten. Sie kamen, und sie zeigte ihnen die vier Unterschriften und bekannte, um welchen Preis die Priester Zadigs Begnadigung verkauft hätten. Von diesen erschien jeder zu der verabredeten Stunde und war nicht wenig erstaunt, seine Amtsbrüder, und noch verwunderter, die Richter dort zu finden, vor denen nun ihre Schande geoffenbart wurde. Zadig ward gerettet, und Setock fühlte sich von der klugen Verschlagenheit Almonas so angetan, daß er sie zur Frau nahm.   Vierzehntes Kapitel: Der Tanz. Setock hätte eigentlich in Handelsangelegenheiten nach der Insel Serendib verreisen müssen, aber der erste Monat seiner Ehe, der, wie man weiß, der Honigmond ist, wollte ihm nicht erlauben, seine Frau zu verlassen oder auch nur anzunehmen, daß er dieses jemals hätte übers Herz bringen können. So bat er denn also seinen Freund Zadig, an seiner Statt die Reise zu unternehmen. »Ach,« seufzte Zadig leise, »so soll ich eine noch größere Ferne zwischen mich und die schöne Astarte bringen? Was hilft's, ich muß meinen Wohltätern zu Gefallen sein.« Sprach's, weinte und reiste ab. Er war noch nicht lange auf der Insel Serendib, so erlangte er auch dort den Ruf eines ganz ungewöhnlichen Mannes. Er war Schiedsrichter in allen Streitigkeiten der Kaufleute, ein Freund der Weisen und ein Ratgeber der kleinen Zahl der Menschen, welche auf guten Rat hören wollen. Der König wünschte ihn zu sehen und zu sprechen und erkannte gar bald Zadigs wahren Wert; er gewann großes Zutrauen zu seiner Weisheit und machte ihn zu seinem Freunde. Zadig zitterte vor der Achtung und Freundschaft des Königs, denn noch war sein Gemüt Tag und Nacht durchdrungen von dem Unglück, das ihm die Neigung Moabdars eingetragen. »Ich gefalle dem Könige,« sprach er, »wird mich das nicht verderben?« Trotzdem konnte er sich den Freundlichkeiten Seiner Majestät nicht entziehen. Denn man muß gestehen, daß Nabussan, König von Serendib, Sohn Nussanabs des Sohnes Nabassuns des Sohnes Sanbusnas, einer der besten Fürsten Asiens war, und daß es schwer hielt, mit ihm gesprochen zu haben, ohne ihn zu lieben. Dieser gute Fürst wurde unausgesetzt gepriesen, hintergangen und bestohlen: das Plündern seines Schatzes war eine Art Wettspiel geworden. Der Oberzöllner der Insel Serendib ging beständig mit gutem Beispiel voran, und treulich taten es ihm alle anderen nach. Der König wußte es; schon oftmals hatte er seinen Schatzmeister gewechselt, niemals aber war es ihm gelungen, zugleich auch den eingebürgerten Brauch zu ändern, wonach die Einkünfte des Königs in zwei ungleiche Teile zerfielen, von denen der kleinere in den Säckel Seiner Majestät, der größere jedoch in den Säckel der Verwalter floß. Der König Nabussan vertraute seinen Kummer dem weisen Zadig an. »Du, der du so gar viele schöne Dinge weißt,« sprach er zu ihm, »solltest du nicht auch ein Mittel wissen, mir einen Schatzmeister zu verschaffen, der mich nicht bestiehlt?« »Gewiß,« erwiderte Zadig, »ich weiß ein untrügliches Mittel, dir einen Mann ausfindig zu machen, der keine langen Finger macht.« Entzückt umarmte ihn der König und fragte ihn, wie er das anfangen wolle. »Du brauchst nur,« sprach Zadig, »alle diejenigen, die sich um die Würde eines Schatzmeisters bewerben, tanzen zu lassen, und der, so mit der größten Leichtigkeit tanzen wird, ist unfehlbar der ehrlichste Mann unter ihnen.« »Du hast mich zum besten,« rief der König, »das wäre fürwahr eine gar vergnügliche Art, meine Zöllner zu erproben! Wie, du willst behaupten, daß der, so die besten Luftsprünge machen kann, zugleich auch der rechtschaffenste und gescheiteste Steuerverwalter sei?« »Ich stehe dir nicht dafür, daß er gerade der allergescheiteste ist,« erwiderte Zadig, »wohl aber bürge ich dafür, daß er unzweifelhaft der ehrlichste sein wird.« Zadig sprach mit solchem Selbstvertrauen, daß der König wähnte, er besäße ein übernatürliches Geheimnis zur Ergründung der Zöllner. »Ich liebe das Übernatürliche nicht,« sagte Zadig. »Alle Wunderbücher und Wundermänner haben mir stets mißfallen! Beliebt es jedoch Deiner Majestät, mich die vorgeschlagene Probe anstellen zu lassen, so wirst du dich selber davon überzeugen, daß mein Geheimnis ein einfachstes und leichtestes Ding von der Welt ist.« Nabussan, der König von Serendib, war nun noch weit verwunderter, zu vernehmen, das Mittel sei einfach, als wenn man ihm gesagt hätte, es sei ein großes Wunder. »Wohlan,« sprach er, »tue wie du sagst.« »Ja, laß mich nur gewähren,« antwortete Zadig, »du wirst bei dieser Probe mehr gewinnen, als du denkst.« Und selbigen Tages noch ließ er im Namen des Königs veröffentlichen, daß alle, so sich um das Amt eines Obersteuereinnehmers bei Seiner liebreichen Majestät Nabussan, Sohn Nussanabs, bewürben, sich am ersten Tage des Krokodilmondes in Gewändern aus leichter Seide im Vorzimmer des Königs einzufinden hätten. Vierundsechzig erschienen. In einem Nebensaale hatte man Spielleute versammelt, und alles war zu einem Ball vorbereitet; die Tür zu dem Tanzsaale jedoch war verschlossen, und um hineinzugelangen, mußte man einen ziemlich dunklen Wandelgang durchschreiten. Jeder Bewerber wurde einzeln von einem Türhüter abgeholt und in dem Verbindungsgange einige Minuten lang allein gelassen. Hier hatte der König, den Zadig ins Geheimnis gezogen, alle seine Schätze ausgestellt. Als endlich alle Bewerber in dem Ballsaale versammelt waren, befahl die Majestät, ihnen zum Tanze aufzuspielen. Niemals ist wohl in der Welt schwerfälliger und mit weniger Anmut getanzt worden; alle hielten sie den Kopf gesenkt, die Rücken krumm und die Arme fest an die Seiten gepreßt. »Welche Spitzbuben«, murmelte Zadig leise. Ein einziger nur vermochte erhobenen Kopfes, mit Geschmeidigkeit, sicherem Blick, freien Armen, aufrechtem Leibe und festen Knieen seine Schritte zu bewegen. »Ach, der ehrliche, der brave Mann,« sprach Zadig. Der König umarmte den guten Tänzer und ernannte ihn zum Schatzmeister; alle anderen wurden bestraft und auf die gerechteste Weise von der Welt behandelt, denn jeder von ihnen hatte sich in der Zeit, da man ihn allein in dem Durchgange gelassen, seine Taschen so voll gestopft, daß er kaum zu gehen vermochte. Der König grämte sich um die menschliche Natur, welche unter vierundsechzig Tänzern dreiundsechzig Halunken geschaffen. Der dunkle Wandelgang hieß fortan der »Korridor der Versuchung«. In Persien hätte man diese dreiundsechzig Herren gepfählt, in anderen Ländern sie vor einen außerordentlichen Gerichtshof beschieden, der das Dreifache des Gestohlenen an Gerichtskosten verschlungen und nichts in den Säckel des Königs zurückgebracht hätte, in wieder einem anderen Reiche würden sich die Herren völlig gerechtfertigt und den leichtfertigen Tänzer in Ungnade gestürzt haben. In Serendib dagegen wurden sie nur dazu verurteilt, eine Buße in den Staatsschatz zu zahlen, denn Nabussan war ein äußerst nachsichtiger König. Und er hatte ein dankbares Gemüt! Er schenkte Zadig eine größere Summe Geldes, als sie je ein Schatzmeister seinem königlichen Herrn entwendet hatte. Zadig verwandte sie, um Eilboten nach Babylon zu entsenden, welche Erkundigungen über das Schicksal Astartens einholen sollten. Während er diesen Auftrag erteilte, zitterte seine Stimme, das Blut in seinem Herzen stockte, seine Augen bedeckten sich mit Finsternissen, und seine Seele war nahe daran, ihn auf immer zu verlassen. Der Eilbote brach auf, Zadig sah ihn noch zu Schiffe gehen und begab sich dann zum Könige zurück, doch ohne rings um sich etwas zu hören und zu sehn, und in dem Wahne, er sei allein in seinem Zimmer, sprach er das Wort »Liebe« aus. »Ja, Liebe,« rief der König, »gerade das ist ja die große Frage. Du hast den Gegenstand meiner Qual erraten! Welch ein großer Mann bist du doch! Ich hoffe von dir, daß du mich auch ein Weib wirst kennen lehren, das jegliche Probe besteht, wie du mich einen uneigennützigen Schatzmeister hast finden lassen.« Zadig, der inzwischen wieder zu voller Besinnung gekommen war, verhieß ihm seine Dienste in Liebes- wie in Geldsachen, obgleich hier die Dinge weit schwieriger lägen.   Fünfzehntes Kapitel: Die blauen Augen. »Leib und Herz«, sprach der König zu Zadig ... Bei diesen Worten konnte der Babylonier sich nicht entbrechen, Seiner Majestät ins Wort zu fallen. »Wie sehr weiß ich es dir Dank,« sagte er, »daß du nicht mit den Worten »Geist und Herz« anhubest, denn in den Unterhaltungen zu Babylon hört man nur diese beiden, man bekommt nur Bücher zu Gesicht, die von Herz und Geist handeln, und die doch von Leuten geschrieben sind, die weder das eine noch das andere besitzen. Doch, mit Verlaub, Herr, fahre fort.« Und Nabussan fuhr fort: »Leib und Herz sind bei mir zum Lieben geschaffen. Die erste dieser beiden Mächte hat allen Grund, befriedigt zu sein: ich habe hier hundert Weiber zu meiner Verfügung, und alle sind schön, willfährig, zuvorkommend, ja, sogar wollüstig, oder tun doch wenigstens so, als ob sie es mit mir seien. Mein Herz dagegen ist bei weitem nicht so glücklich; ich habe nur allzuoft verspürt, daß alle Liebkosungen einzig dem Könige von Serendib gelten, und man sich um Nabussan dabei gar wenig schiert. Nicht etwa, daß ich meine Frauen für untreu hielte, aber ich möchte eine Seele finden, die ganz mein ist! Für einen solchen Schatz würde ich gern die hundert Schönheiten hingeben, über deren Reize ich gebiete. Versuche einmal, ob es dir gelingen möchte, unter diesen hundert Sultaninnen eine ausfindig zu machen, deren Liebe ich mich versichert halten könnte.« Zadig antwortete ihm, wie er bereits in betreff der Steuereinnehmer getan: »Laß mich gewähren, Herr; zunächst mußt du mir aber erlauben, frei über alles zu verfügen, was du in dem Korridor der Versuchung ausgestellt hattest. Ich will es gut behüten, du sollst nichts dabei verlieren.« Der König gab ihm unumschränkte Vollmacht. Er suchte nun in Serendib die dreiunddreißig häßlichsten Buckligen zusammen, die er nur irgend auftreiben konnte, dreiunddreißig schöne Edelknaben und dreiunddreißig der beredsamsten und kräftigsten Bonzen. Allen verschaffte er die Freiheit, ungehindert die Kemnaten der Sultaninnen zu betreten. Jeder kleine Bucklige erhielt viertausend Goldstücke zum Verschenken, und schon am ersten Tage waren alle Buckligen beglückt. Die Pagen, die nichts wie sich selber zu verschenken hatten, triumphierten erst nach zwei oder drei Tagen, die Bonzen mußten noch größere Mühe aufwenden, schließlich ergaben sich ihnen aber dennoch dreiunddreißig fromme Seelen. Der König sah durch kleine Guckfenster, die in das Innere sämtlicher Zellen Einblick gewährten, alle diese Proben mit an und war aufs höchste verwundert: von seinen hundert Frauen erlagen neunundneunzig vor seinen Augen. Nur eine einzige blieb übrig, eine junge, völlig unerfahrene, der sich Seine Majestät noch niemals genähert hatte. Man hetzte ein, zwei, drei Bucklige auf sie, die ihr bis zu zwanzigtausend Goldstücke boten; sie blieb unbestechlich und mußte laut über die Buckligen lachen, die durch Geld schöner zu werden wähnten. Darauf sandte man die beiden schönsten Pagen zu ihr, aber sie sagte, sie fände den König noch schöner. Zuletzt versuchte man es mit zwei Bonzen, und zwar mit dem beredsamsten und dann mit dem verwegensten; sie nannte den ersten einen Schwätzer und geruhte den Wert des zweiten nicht einmal zu mutmaßen. »Auf das Herz allein kommt es an,« sagte sie, »ich werde weder dem Golde eines Buckligen, noch dem Liebreiz eines Jünglings, noch den Verführungskünsten eines Bonzen jemals nachgeben: ich werde immerdar einzig Nabussan, den Sohn Nussanabs, lieben und still harren, bis auch er mich zu lieben geruht.« Der König war außer sich vor Freude, Staunen und Zärtlichkeit. Er nahm alles Geld zurück, das den Buckligen zu ihren Siegen verholfen hatte, und schenkte es der schönen Falide, denn so lautete der Name des jungen Frauenzimmers. Er schenkte ihr auch sein Herz, und sie verdiente es gar wohl: nie noch zierte eine Frau eine so strahlende Blüte der Jugend, nie ein so bezaubernder Reiz der Schönheit! Geschichtliche Wahrheit erlaubt nicht zu verschweigen, daß sie sich linkisch verbeugte, aber sie tanzte wie eine Fee, sang wie eine Sirene und sprach, wie die Grazien sprechen: ihre Gaben und Tugenden waren sonder Zahl. Nabussan, der sich endlich geliebt wußte, betete sie an, aber sie hatte blaue Augen, und das ward die Quelle des größten Unheils. Es gab ein altes Gesetz, das dem Könige verbot, eine jener Frauen zu lieben, die später bei den Griechen βοώπδες hießen. Vor mehr denn fünftausend Jahren hatte ein Oberhaupt der Bonzen dieses Gesetz erlassen, und um sich die Geliebte des Königs von Serendib anzueignen, hatte jener Oberbonze das Gesetz über die blauen Augen zu einem grundlegenden Satze der Staatsverfassung erhoben. Alle Stände des Reiches machten nun Nabussan die nachdrücklichsten Vorstellungen. Man scheute sich nicht, öffentlich auszusprechen, die letzte Stunde des Reiches sei gekommen, die Ruchlosigkeit habe ihren Gipfel erreicht, die ganze Natur sei von einem unheilvollen Ereignisse bedroht, kurz, man sagte, Nabussan, der Sohn Nussanabs, liebe zwei große blaue Augen. Die Buckligen, die Steuereinnehmer, die Bonzen und die Braunäugigen erfüllten das Reich mit ihren Klagen. Die wilden Völkerstämme im Norden von Serendib machten sich diese allgemeine Unzufriedenheit zunutze, erhoben sich und brachen in die Staaten des guten Nabussan ein. Er verlangte Kriegsgelder von seinen Untertanen, die Bonzen jedoch, welche die Hälfte der Staatseinkünfte besaßen, begnügten sich damit, die Hände zum Himmel zu erheben, und weigerten sich, sie zum Beistande des Königs in ihre Geldsäckel zu stecken. Sie setzten schöne Gebete in Musik und überließen den Staat den Räuberhänden der Barbaren. »Oh mein geliebter Zadig,« rief schmerzlich Nabussan aus, »wirst du mich auch aus dieser schrecklichen Not erretten?« »Herzlich gern,« erwiderte Zadig, »du sollst von den Bonzen so viel Geld bekommen, wie du nur willst. Gib alle Gebiete preis, auf denen ihre Schlösser liegen, und verteidige nur die deinen.« Nabussan tat, wie ihm Zadig geraten, und die Bonzen warfen sich gar bald dem Könige zu Füßen und flehten ihn um Beistand an. Der König antwortete ihnen mit einer schönen Musik, deren Text aus Bitten an den Himmel zur Erhaltung ihrer Besitzungen bestand. Da rückten die Bonzen endlich mit ihrem Gelde heraus, und der König beendete den Krieg. Auf diese Weise hatte sich Zadig durch seine weisen und glücklichen Ratschläge und durch die wichtigsten Dienste den unversöhnlichsten Haß der mächtigsten Leute im Staate zugezogen. Die Bonzen und die Braunäugigen schworen seinen Untergang, die Steuereinnehmer und Buckligen waren ihm nicht günstiger gesinnt, und so suchte man denn den guten Nabussan argwöhnisch gegen ihn zu machen. Geleistete Dienste bleiben oft im Vorzimmer, der Verdacht jedoch dringt bis ins Kabinett, so lautet ein Spruch Zoroasters; man sorgt alle Tage für neue Beschuldigungen, die erste wird zurückgewiesen werden, die zweite ritzt die Haut, die dritte verwundet und die vierte tötet! Zadig erkannte aus Erfahrung die drohende Gefahr, und da er die Geschäfte seines Freundes Setock glücklich zu Ende geführt und ihm sein Geld hatte zustellen lassen, so war er nur noch darauf bedacht, der Insel so schnell wie möglich den Rücken zu kehren, und faßte den Entschluß, selber Erkundigungen über Astarte einzuziehen; »denn,« sagte er, »bleibe ich in Serendib, so lassen mich die Bonzen pfählen! Wohin soll ich mein Haupt jedoch legen? In Ägypten macht man mich zum Sklaven, in Arabien verbrennt man mich allem Anscheine nach lebendig, und in Babylon erdrosselt man mich. Dennoch muß ich aber erfahren, was aus Astarten geworden ist. Auf also, und zugesehen, was mir mein trauriges Schicksal noch vorbehalten hat.«   Sechzehntes Kapitel: Der Räuber. Als er an die Grenze gelangt war, die das steinige Arabien von Syrien trennt, und an einer stark befestigten Burg vorbeikam, brachen bewaffnete Araber daraus hervor. Er sah sich umringt, und man schrie ihm zu: »Alles, was du besitzest, gehört uns, und du selber gehörst unserem Herrn.« Statt jeder Antwort zog Zadig sein Schwert, und ebenso tat sein Diener, denn auch er war mutig. Sie schlugen die ersten Araber, welche Hand an sie legen wollten, zu Boden, da verdoppelte sich ihre Zahl, aber sie ließen sich nicht schrecken und beschlossen, kämpfend zu sterben. So sah man denn diese beiden Männer sich allein gegen eine ganze Schar verteidigen: ein solcher Kampf konnte nicht lange dauern! Der Schloßherr, Arbogad mit Namen, welcher von einem Fenster des Schlosses aus die Wunder der Tapferkeit, welche Zadig vollführte, mit angesehen hatte, wurde von Achtung für ihn durchdrungen. Eilig kam er hinab, zerstreute mit eigener Hand seine Leute und befreite die beiden Reisenden. »Alles, was mein Gebiet durchzieht, ist mein,« sagte er, »und ebenso, was ich auf fremdem Gebiet erhasche. Du jedoch scheinst mir ein so tapferer Mann zu sein, daß ich dich von diesem allgemeinen Gesetze ausnehmen möchte.« Er ließ ihn in seine Burg treten, gebot seinen Leuten, ihn artig zu behandeln, und als es Abend geworden war, wünschte Arbogad mit Zadig zu speisen. Der Burgherr war einer jener Araber, welche man Räuber nennt; unter einer Fülle scheußlicher Taten beging er jedoch auch hin und wider eine gute Tat; er raubte mit wütender Gier und schenkte andererseits mit vollen Händen; dabei war er unerschrocken im Gefecht, ziemlich sanft im Umgange, bei Tisch ein Schlemmer, und während er schlemmte, lustig und vor allem offenherzig. Zadig gefiel ihm sehr, und ihre immer lebhafter werdende Unterhaltung ließ das Mahl gar lange währen. »Ich rate dir in meine Dienste zu treten,« sagte Arbogad zuletzt, »das ist wirklich das Gescheiteste, was du tun könntest; das Gewerbe ist keineswegs übel und eines Tages könntest du das sein, was ich bin.« »Darf ich dich fragen, wie lange du diesem so gar edlen Berufe obliegst?« »Seit meiner frühesten Jugend«, erwiderte der Burgherr; »ich war der Bediente eines ziemlich gescheiten Arabers, vermochte meine Lage jedoch nicht mehr zu ertragen. Ich war verzweifelt, zu sehen, daß mir das Schicksal von der ganzen Erde, welche doch unterschiedslos allen Menschen gehört, keinen Teil vorbehalten hatte. Ich vertraute meinen Kummer einem alten Araber an, und dieser sprach zu mir: »Verzweifle nicht, mein Sohn: einst beklagte sich ein Sandkorn darüber, nur ein unbekanntes Pünktchen zu sein, nach einigen Jahren jedoch war es zum Diamanten geworden, und heute bildet es die schönste Zier in der Krone des Königs von Indien.« – Diese Rede machte großen Eindruck auf mich; ich war selber jenes Sandkorn, und ich beschloß, zum Diamanten zu werden. Ich begann damit, zwei Pferde zu stehlen, warb mir Genossen, und bald war ich imstande, kleine Karawanen zu berauben. Auf diese Weise gelang es mir, allmählich das Mißverhältnis zu beseitigen, welches anfangs zwischen mir und den Menschen bestanden hatte. Auch ich hatte nun meinen Teil an den Gütern dieser Welt, ja, ich war sogar mit Wucherzins entschädigt. Bald erlangte ich großes Ansehen, und nachdem ich dieses Schloß mit Gewalt an mich gebracht, ward ich ein Raubritter. Der Satrap von Syrien wollte mir den Besitz streitig machen, aber ich war bereits zu reich, um mich noch vor irgend etwas fürchten zu müssen. Ich gab dem Satrapen Geld, erhielt mir dadurch das Schloß und vergrößerte noch mein Gebiet. Er ernannte mich sogar zum Schatzmeister der Abgaben, welche das steinige Arabien dem König der Könige zu zahlen hat. Das Eintreiben dieser Gelder besorge ich schon, das Auszahlen dagegen unterlasse ich füglich. Der große Desthurham von Babylon sandte im Namen des Königs Moabdar einen kleinen Satrapen her, der mich erdrosseln sollte. Mit seiner Vollmacht ausgerüstet, langte dieser Mann hier an, aber ich war bereits von allem unterrichtet; ich ließ in seiner Gegenwart die vier Leute erwürgen, die er mit sich gebracht hatte, um die Schlinge an meinem Halse zuzuziehen, und darauf fragte ich ihn, wieviel ihm die Vollführung seines Auftrages wohl eingetragen haben würde? Er erwiderte mir, seine Belohnung würde sich ungefähr auf dreihundert Goldstücke belaufen haben. Ich bewies ihm darauf deutlich, daß bei mir mehr zu verdienen sei. So trat er denn als Unterräuber in meine Dienste, und heute ist er einer meiner besten Hauptleute und auch einer der reichsten. Wolltest du guten Rat annehmen, würde es auch dir gelingen wie ihm! Niemals war eine so herrliche Zeit zum Rauben, wie gerade jetzt, wo Moabdar tot ist, und in Babylon alles drunter und drüber geht.« »Moabdar ist tot!« rief Zadig. »Und was ist aus der Königin Astarte geworden?« »Das weiß ich nicht,« erwiderte Arbogad, »ich weiß nur, daß Moabdar toll ward und dann umgebracht wurde, und daß Babylon jetzt eine große Mördergrube und das ganze Reich ein Jammertal ist, und daß sich noch herrliche Handstreiche vollführen lassen, wie ich meinerseits deren bereits gar wunderbare vollführt habe.« »Aber die Königin? Sag' mir um Himmels willen, weißt du denn nichts über das Geschick der Königin?« »Man hat mir von einem Fürsten von Hyrkanien erzählt,« erwiderte er, »wahrscheinlich befindet sie sich in seinem Harem, falls sie im Tumulte nicht getötet worden ist; doch ich bin auf Beute erpichter, als auf Neuigkeiten. Übrigens habe auch ich auf meinen Streifzügen mehrere Weiber aufgegriffen, aber ich behalte niemals eine; sind sie schön, so verkaufe ich sie teuer, ohne mich weiter über ihre Herkunft zu vergewissern. Denn man kauft keineswegs den Rang; für eine häßliche Königin würde man vergebens nach einem Käufer suchen. Vielleicht habe ich auch die Königin Astarte verkauft, vielleicht ist sie tot, aber was kümmert mich das, und ich meine, auch du solltest dich nicht mehr darum scheren als ich.« Und während er alles dieses vorbrachte, zechte er so tapfer und brachte bald alle Begriffe dermaßen durcheinander, daß Zadig daraus nichts mehr entnehmen konnte. Betrübt, niedergeschlagen, regungslos saß er da. Arbogad trank weiter, erzählte Geschichten, wiederholte unaufhörlich, daß er der glücklichste aller Menschen sei, und drängte Zadig, ebenso glücklich zu werden wie er. Endlich begab er sich von Weindünsten sanft umfangen zu Bett und versank in ruhigen Schlummer. Zadig verbrachte die Nacht in der gewaltigsten Aufregung. »Wie,« rief er, »der König toll, der König getötet! Ich kann nicht umhin, ihn zu beklagen! Das Reich ist zerrissen, und dieser Räuber ist glücklich! Oh Schicksal, oh Verhängnis; ein Dieb ist glücklich, und das Lieblichste, was die Natur je hervorgebracht, ist vielleicht auf das grausamste umgekommen, oder lebt in einem Zustande, der noch schlimmer ist denn der Tod! Oh Astarte, was ist aus dir geworden?« Sobald der Tag angebrochen, erkundigte er sich bei allen denen, die ihm im Schlosse begegneten, aber jedermann hatte zu tun, und niemand stand ihm Rede. In der Nacht waren neue Raubzüge ausgeführt worden, und man verteilte nun die Beute. Alles, was er in diesem lärmenden Hin und Her erlangen konnte, war die Erlaubnis abzureisen. Er nützte sie unverzüglich, tiefer in qualvolle Betrachtungen versenkt denn jemals. Unruhig und aufgeregt machte er sich auf den Weg, seinen Geist über und über erfüllt von der unglücklichen Astarte, dem Könige von Babylon, seinem treuen Kador, dem glücklichen Räuber Arbogad, jenem launischen Weibe, das auf der Grenze von Ägypten von Babyloniern entführt worden war, kurz von allen Widerwärtigkeiten und Unbilden, die ihm zugestoßen.   Siebzehntes Kapitel: Der Fischer. Sein Schicksal beklagend und sich für den Unglücklichsten der Unglücklichen haltend, erreichte er einige Meilen von der Burg Arbogads entfernt die Gestade eines kleinen Flusses. Am Ufer sah er einen Fischer kauern, dessen schlaffe Hand im Begriffe zu sein schien, das ausgeworfene Netz fahren zu lassen, und dessen Augen trostlos gen Himmel erhoben waren. »Sicherlich bin ich der unglücklichste aller Menschen«, rief der Fischer. »Einst war ich, wie jedermann zugeben mußte, der berühmteste Rahmkäsehändler in ganz Arabien, und nun bin ich zugrunde gerichtet. Ich hatte die hübscheste Frau, die ein Mann nur besitzen kann, und sie hat mich hintergangen. Nichts war mir geblieben als ein elendes Häuschen, und nun ist auch das geplündert und zertrümmert. In eine Hütte geworfen, habe ich nichts denn diese meine Fischnetze, um davon zu leben, und nun fängt sich kein einziger Fisch! Oh du mein Netz, nie wieder will ich dich ins Wasser werfen, doch mit mir selber will ich es jetzo tun.« Mit diesen Worten erhob er sich und beugte sich wie ein Mensch nach vorn, der sich hinabstürzen und seinem Leben ein Ende machen will. »Ei,« sprach Zadig zu sich selber, »es gibt also Menschen, die ebenso unglücklich sind wie ich«, und schnell wie seine Überlegung war auch sein Eifer, dem Fischer das Leben zu retten. Er eilte auf ihn zu, hielt ihn zurück und befragte ihn gerührt und tröstend. Man behauptet, der Mensch sei weniger unglücklich, wenn er es nicht allein ist. Nach Zoroaster geschieht dies jedoch nicht aus Bosheit, sondern von Natur: man fühlt sich zu dem Unglücklichen wie zu seinesgleichen hingezogen. Die Fröhlichkeit eines Glücklichen würde wie eine Beleidigung wirken, zwei Unglückliche dagegen sind wie zwei schwache Bäumchen, die sich aneinander stützen und so dem Sturme besser standhalten können. »Warum unterliegst du deinem Unglücke?« fragte Zadig den Fischer. »Weil mir kein anderer Ausweg bleibt«, erwiderte dieser. »Ich war der angesehenste Mann im Dorfe Derlback bei Babylon und bereitete mit Hilfe meiner Frau die besten Rahmkäschen im Reiche. Die Königin Astarte und der berühmte Minister Zadig liebten sie leidenschaftlich. Ich hatte sechshundert für ihre Häuser geliefert, und als ich mich nun eines Tages nach der Stadt begebe, um mein Geld einzufordern, erfahre ich bei meiner Ankunft in Babylon, daß die Königin und Zadig verschwunden seien. Eiligst laufe ich in das Haus des erlauchten Zadig, den ich niemals gesehen hatte; aber ich fand nur die Häscher des großen Desthurham vor, die sein Haus kraft einer königlichen Vollmacht ordnungsgemäß und von Rechts wegen ausplünderten. Ich flog in die Küche der Königin; einige der Herren Oberspeisemeister sagten mir, sie sei gestorben, andere behaupteten, sie säße im Gefängnisse, und wieder andere versicherten, sie sei geflohen; alle jedoch waren eins darin, daß meine Käse mir niemals bezahlt werden würden. Ich begab mich darauf mit meinem Weibe zu dem erlauchten Orkan, der ebenfalls zu meinen Kunden gehörte, und flehte ihn in unserem Mißgeschick um seinen Schutz an; meiner Frau ließ er ihn angedeihen, mir jedoch verweigerte er ihn. Sie war weißer als die Rahmkäschen, mit denen mein Unglück begann, und der Glanz tyrischen Purpurs mußte erblinden neben dem Schmelz, der ihre Weiße belebte; um dieser Umstände willen behielt Orkan sie bei sich und warf mich aus dem Hause. Ich schrieb an meine liebe Frau einen verzweifelten Brief. Sie sagte zu dem Überbringer: »Ach ja, ja, gewiß, ich weiß von dem Manne, der mir da schreibt, man hat mir von ihm gesprochen. Man behauptet, er mache vortrefflich Rahmkäse; er soll welche herbringen und sie sich bezahlen lassen.« In meinem Unglück wollte ich mich nun an die Gerichte wenden. Ich besaß noch sechs Unzen Gold; zwei davon mußte ich dem Rechtsgelehrten geben, den ich um Rat fragte, zwei dem Anwalt, der meinen Prozeß annahm, und noch einmal zwei dem Schreiber des Oberrichters. Nachdem all dies geschehen, war mein Prozeß noch nicht einmal angefangen, und doch hatte ich schon mehr dafür verausgabt, als meine Frau und meine Käse wert waren. Ich kehrte mit der Absicht in mein Dorf zurück, mein Haus zu verkaufen, um mit dem Erlös meine Frau zu erstreiten. Mein Haus war gut sechzig Unzen Gold wert, aber man sah, daß ich arm und zum Verkauf gezwungen war! So bot mir denn der erste, an den ich mich wandte, dreißig, der zweite zwanzig, der dritte zehn Unzen. Schon war ich in meiner Verblendung drauf und dran, den Handel abzuschließen, als ein Fürst von Hyrkanien auf seinem Wege nach Babylon unterwegs alles verheerte: mein Häuschen wurde zuerst ausgeplündert und dann niedergebrannt. Nachdem ich so mein Geld, meine Frau und mein Haus eingebüßt, zog ich mich in dieses Land hier zurück, wo du mich antriffst. Ich habe durch das Fischereihandwerk meinen Lebensunterhalt zu erwerben versucht, doch die Fische verhöhnen mich gleich den Menschen, ich fange nichts und bin dem Hungertode nahe: ohne dich, du erhabener Tröster, läge ich schon tot auf dem Grunde dieses Stromes.« Der Fischer erzählte alles dies keineswegs hintereinander, denn in jedem Augenblick wurde er von Zadig unterbrochen, der ihn aufgeregt und erschüttert fragte: »So weißt du denn wirklich nichts von dem Schicksal der Königin?« »Nein, erlauchter Herr,« erwiderte der Fischer, »ich weiß nur, daß die Königin und Zadig mir meine Rahmkäse nicht bezahlt haben, daß man mir meine Frau genommen hat und daß ich nun völlig verzweifelt bin.« »Ich möchte glauben,« entgegnete Zadig, »daß dir nicht dein ganzes Geld verloren gehen wird. Ich habe von diesem Zadig sprechen gehört, er ist ein ehrlicher Mann, und wenn er nach Babylon zurückkehrt, was er in der Tat zu tun hofft, so wird er dir mehr zurückgeben, als er dir schuldig ist. Was jedoch deine Frau angeht, die es mit ihrer Ehre nicht ebenso genau zu nehmen scheint, wie er mit seinen Schulden, so rate ich dir, dich nicht weiter um sie zu bemühen. Folge meinem Rat und begib dich nach Babylon; ich werde vor dir dort sein, denn ich bin zu Pferd, du nur zu Fuß; wende dich an den erlauchten Kador, sage ihm, du wärest seinem Freunde begegnet, und warte bei ihm auf mich. Auf, vielleicht bleibst du nicht immer so unglücklich, wie du jetzt bist!« »Oh, mächtiger Oromazes,« fuhr er fort, »der du dich meiner bedienest, um diesen Mann zu trösten, wen wirst du entsenden zu meinem Tröste?« Während er dieses sprach, gab er dem Fischer die Hälfte allen Geldes, das er aus Arabien mit sich gebracht. »Du bist ein rettender Engel«, rief bestürzt und entzückt der Fischer und küßte dem Freunde Kadors die Füße. Unterdessen fragte Zadig ihn immer wieder und wieder nach Neuigkeiten und vergoß bittere Tränen dabei. »Wie, hoher Herr,« rief der Fischer, »solltest auch du unglücklich sein, der du doch Gutes tust?« »Hundertmal unglücklicher als du«, antwortete Zadig. »Wie wäre es möglich,« rief das wackere Fischerlein, daß der, so da gibt, beklagenswerter sein könnte als der, so da empfängt?« »Dein größtes Unglück war der Mangel, ich dagegen bin durch mein Herz unglücklich.« »Sollte auch dir Orkan dein Weib geraubt haben?« fragte der Fischer. Dieses Wort brachte Zadig alle seine Abenteuer wieder ins Gedächtnis, und die lange Kette seines Unglücks, von der Hündin der Königin bis zu seiner Ankunft bei dem Räuber Arbogad, rollte an seinem inneren Auge vorbei. »Ach,« sprach er zu dem Fischer, »Orkan verdiente gar wohl, bestraft zu werden, aber gewöhnlich sind derartige Leute Günstlinge des Schicksals. Wie dem aber auch sein möchte, begib dich zu dem erlauchten Kador und erwarte mich dort.« Darauf trennten sie sich: der Fischer wanderte von Danksagungen an sein Geschick bewegt langsam dahin, Zadig eilte schnellen Schritts und das Herz schwer von bitteren Anklagen wider das seine.   Achtzehntes Kapitel: Der Basilisk. Von ungefähr kam er über eine schöne Wiese und sah dort viele Frauen, welche mit großem Eifer nach etwas suchten. Er nahm es sich heraus, an eine von ihnen heranzutreten und sie zu fragen, ob er vielleicht der Ehre teilhaftig werden dürfte, ihnen beim Suchen zu helfen. »Hüte dich wohl davor,« erwiderte die Syrerin, »was wir suchen, darf nur von Frauenhänden berührt werden.« »Wie seltsam,« sprach Zadig, »dürfte ich wagen, Euch zu bitten, mir zu sagen, welch ein Ding es denn ist, was zu berühren nur den Frauen gestattet ist?« »Ein Basilisk ist es«, sagte sie. »Ein Basilisk! und bitte, meine Gnädige, aus welchem Grunde suchet ihr nach einem Basilisken?« »Wir tun es für unsern Herrn und Gebieter Ogul, dessen Schloß du dort am Rande der Wiese zunächst des Flußufers siehst. Wir sind seine untertänigsten Sklavinnen. Der edle Ogul ist krank, der Arzt hat ihm verordnet, einen in Rosenwasser gekochten Basilisken zu essen, und da so ein Basilisk ein sehr seltenes Tier ist, das sich nur von Frauen fangenläßt, so hat der erlauchte Ogul versprochen, diejenige von uns zu seiner Lieblingsfrau zu erwählen, die ihm einen Basilisken bringt. Laß mich also gefälligst suchen, denn du weißt nun, was es mich kosten würde, wenn eine meiner Genossinnen mir zuvorkäme.« Zadig ließ die Syrerin und ihre Gefährtinnen nach ihrem Basilisken suchen und setzte seinen Weg über die Wiese fort. Als er an das Ufer des kleinen Flusses gelangt war, fand er eine zweite Dame, welche auf dem Rasen lag und nach nichts suchte. Ihre Gestalt schien majestätisch, ihre Antlitz aber war von einem Schleier verhüllt. Sie hatte sich tief über das Wasser gebeugt, und schweres Seufzen kam aus ihrem Munde. In ihrer Hand hielt sie ein kleines Stäbchen, mit dem sie Buchstaben in den feinen Sand zwischen dem Gras und dem Bache schrieb. Zadig war neugierig, zu sehen, was diese Frau wohl schreiben mochte. Er näherte sich ihr leise, sah den Buchstaben Z, dann ein A und wunderte sich; dann schrieb sie ein D, und er erbebte. Niemals ist jemand überraschter gewesen denn er, als er nun noch die beiden letzten Buchstaben seines Namens vor sich im Sande entstehen sah. Eine Weile lang blieb er starr, dann brach er endlich mit zitternder Stimme das Schweigen: »Oh, hochedle Dame, verzeih einem Fremden, einem Unglücklichen, wenn er dich zu fragen wagt, aus welchem verwunderlichen Grunde deine göttliche Hand hier den Namen Zadig in den Sand schrieb?« Sobald die Dame den Klang seiner Stimme und diese Worte vernommen, lüftete sie mit zitternder Hand den Schleier, sah Zadig an, stieß einen Schrei der Überraschung, der Rührung, der Freude aus, und sank übermannt von all den verschiedenen Regungen, welche ihre Seele auf einmal bestürmten, ohnmächtig in seine Arme. Ja, es war Astarte selber, es war die Königin von Babylon, sie, die Zadig zu seinem Verhängnis liebte, sie, um die er so viel geweint, um deren Schicksal er so große Not gelitten. Einen Augenblick lang versagten seine Sinne, doch als seine Blicke in die Augen Astartens fielen, welche sie schmachtend, verwirrt und zärtlich zu ihm aufschlug, da rief er aus: »Oh, ihr ewigen Mächte, die ihr die Geschicke der schwachen Sterblichen lenket, gebt ihr mir Astarten wieder? Und zu welcher Zeit, an welchem Orte und in welchem Zustande muß ich sie finden?« Er warf sich vor Astarte in die Kniee und grub seine Stirn in den Staub zu ihren Füßen. Die Königin von Babylon hob ihn auf und zwang ihn, sich neben sie an das Ufer des Flusses zu setzen. Zu wiederholten Malen trocknete sie ihm die Augen, aus denen die Tränen immer wieder aufs neue hervorquollen, und wohl an die zwanzig Male hub sie zu sprechen an, stets aber erstickte ihre Stimme in Schluchzen. Sie fragte, welcher Zufall sie zusammengeführt, und unterbrach seine Antwort wieder durch andere Fragen; bald fing sie den Bericht von ihrem Unglücke an, bald wollte sie wissen, wie es Zadig ergangen. Als endlich beide den Aufruhr ihrer Seelen ein wenig beschwichtigt hatten, erzählte ihr Zadig in wenigen Worten, welches Abenteuer ihn auf diese Wiese geführt. »Wes aber, oh du unglückliche, erhabene Königin, wes finde ich dich an diesem entlegenen Orte in Sklavengewändern, umgeben von anderen Frauen, welche gleich dir Sklavinnen sind und nach einem Basilisken suchen, um ihn nach Verordnung eines Arztes in Rosenwasser kochen zu lassen?« »Während sie nach ihrem Basilisken suchen,« sagte die schöne Astarte, »will ich dir alles erzählen, was ich gelitten, und was ich nun, da ich dich wiedergesehen, dem Himmel gern verzeihe! Du weißt, daß mein Gatte, der König, es übel aufnahm, daß du der liebenswerteste aller Männer bist; aus diesem Grunde faßte er in einer Nacht den Entschluß, dich erdrosseln und mich vergiften zu lassen. Du weißt auch, wie es der Himmel zuließ, daß mich mein kleiner Stummer von dem Entschluß Seiner erlauchten Majestät in Kenntnis setzte. Sobald der treue Kador dich gezwungen hatte, meinem Gebote zu folgen und zu fliehen, ließ er sich auf das Wagnis ein, durch einen geheimen Zugang um Mitternacht in mein Gemach zu dringen; er entführte mich und brachte mich in den Tempel des großen Oromazes, wo mich sein Bruder, der Magier, in eine Riesenbildsäule sperrte, deren Basis bis in die Fundamente des Tempels hinabreicht und deren Kopf oben an die Kuppelwölbung stößt. Dort weilte ich wie lebendig begraben, wurde aber von dem Magier treulich bedient und entbehrte keines notwendigen Dinges. Unterdessen trat bei Tagesanbruch der Leibapotheker Seiner Majestät mit einem Trank aus Bilsenkraut, Opium, Schierling, schwarzem Nießwurz und Wolfsmilch in mein Gemach, und ein anderer Beamter begab sich mit einer blauseidenen Schnur zu dir. Man fand keinen von uns beiden. Um den König besser zu täuschen, eilte Kador als erster herbei, um uns anzuklagen: er meldete, du habest den Weg nach Indien, ich den Weg nach Memphis eingeschlagen, und dir und mir wurden Trabanten nachgeschickt. Die Eilboten, die mich suchen sollten, kannten mich nicht: fast nur dir allein hatte ich je mein Gesicht gezeigt, und auch dir nur in Gegenwart und auf Befehl meines Gemahls. Jene verfolgten mich also nur auf eine Beschreibung hin, die man ihnen von mir gemacht hatte. Eine Frau von ähnlichem Wuchse wie ich – vielleicht jedoch schöner als ich – kam ihnen auf der Grenze von Ägypten zu Gesicht. Verzweifelt irrte sie umher, und so zweifelten sie keinen Augenblick, daß diese Frau die Königin von Babylon sei, und schleppten sie zu Moabdar. Ihr Mißgriff versetzte den König zunächst in die heftigste Wut; nachdem er die Frau jedoch näher betrachtet hatte, fand er sie sehr schön und tröstete sich. Sie hieß Missuf. Seither hat man mir gesagt, daß dieser Name in der ägyptischen Sprache so viel wie »die schöne Launische« bedeute. Sie war's in der Tat, besaß dabei aber so viel Schlauheit wie Launen. Sie gefiel Moabdar und wußte ihn dermaßen zu betören, daß er sie zu seiner Gemahlin erhob. Aber nun erst enthüllte sich ihr Charakter völlig. Ohne Scheu gab sie sich allen Tollheiten ihres launischen Eigenwillens hin. Den alten gichtkranken Obermagier wollte sie zwingen, vor ihr zu tanzen, und als er sich weigerte, verfolgte sie ihn fortan mit ihrem ganzen Hasse. Ihrem Oberstallmeister befahl sie, ihr eine Fruchttorte zu backen; der Oberstallmeister mochte so viel er nur wollte hervorheben, daß er kein gelernter Zuckerbäcker sei: es half ihm nichts, er mußte die Torte machen, und dann ward er davongejagt, weil sie überbacken war. Nun erhob sie ihren Zwerg zum Oberstallmeister und ernannte einen Pagen zum Kanzler. Auf diese Weise herrschte sie über Babylon. Jedermann trauerte mir nach. Der König, welcher bis zu dem Augenblick, da er mich hatte vergiften und dich hatte erdrosseln lassen wollen, ein trefflicher Mann gewesen war, schien nun alle seine Tugenden in der maßlosen Liebe zu der schönen Launischen ersäuft zu haben. Am Fest des heiligen Feuers kam er in den Tempel. Ich hörte ihn am Fuße der Bildsäule, in der ich eingeschlossen war, die Götter für Missuf anflehen. Da erhob ich meine Stimme und rief: »Die Götter sind taub vor den Bitten eines Königs, der zum Tyrannen geworden ist und eine verständige Frau hat umbringen lassen wollen, um eine überspannte zu heiraten.« Moabdar ward von diesen Worten so erschüttert, daß seine Sinne sich verwirrten. Mein Orakelspruch und die Tyrannei Missufs reichten hin, ihm den Verstand zu rauben: in wenigen Tagen wurde er toll. Sein Wahnwitz, den man für eine vom Himmel gesandte Züchtigung hielt, gab das Zeichen zum Aufstand: man erhob sich und griff zu den Waffen. Babylon, das so lange in weichlicher Muße dahingelebt hatte, ward der Schauplatz eines schrecklichen Bürgerkrieges. Man holte mich aus meiner Bildsäule hervor, stellte mich an die Spitze einer Partei, und Kador eilte nach Memphis, um dich nach Babylon zurückzurufen. Sobald der Fürst von Hyrkanien alle diese traurigen Nachrichten erfuhr, rückte er mit seinem Heere zur Gründung einer dritten Partei in Chaldäa ein und griff den König an, der sich ihm mit seiner überspannten Ägypterin entgegenwarf. Von Schwertstreichen durchbohrt fiel Moabdar, und Missuf geriet in die Hände des Siegers. Mein Unglück wollte, daß ich selber von einem hyrkanischen Trupp aufgegriffen und zu derselben Zeit vor den Fürsten geführt wurde, wie jene Missuf. Es wird dir schmeichelhaft sein zu erfahren, daß der Fürst mich schöner fand als jene Ägypterin, kränken wird es dich aber, daß er meine Aufnahme in seinen Harem verfügte. Recht entschiedenen Tones verkündete er mir, sobald er nur seinen geplanten Kriegszug beendigt hätte, würde er sich meiner erinnern. Stelle dir meine Qual vor! Die Bande, die mich mit Moabdar verknüpft hatten, waren zerrissen, ich hätte nun Zadig angehören können – und fiel dafür in die Ketten dieses Barbaren! Ich antwortete ihm mit dem ganzen Stolze, den mein Rang und meine Gefühle mir eingaben. Ich hatte stets sagen gehört, der Himmel verleihe Leuten meines Standes einen Zug von Größe, der mit einem Wort und einem Blick die Verwegenen zu bändigen vermöchte, welche die Grenzen der geschuldeten tiefen Ehrfurcht zu überschreiten wagten. Ich sprach wie eine Königin, ward aber wie eine Kammerjungfer behandelt; ohne mich auch nur eines Wortes zu würdigen, sagte der Hyrkanier zu seinem schwarzen Eunuchen, ich sei zwar ein wenig naseweis, er fände mich aber hübsch, und so befehle er ihm, mich gut zu hüten und mich auf die Kost seiner Lieblingsweiber zu setzen, damit ich etwas frischer im Gesicht und seiner Gunstbezeugungen würdiger würde für den Tag, da es ihm gefallen möchte, mich damit zu beehren. Ich sagte ihm, daß ich mich umbringen würde; er jedoch erwiderte lachend, es stürbe sich nicht so leicht, er kenne derlei Zierereien schon, und mit diesen Worten verließ er mich wie einer, der einen neuen Papagei in seinen Käfig gesetzt hat. Welche Lage für die erste Königin der Welt und, was mehr sagen will, für ein Herz, das Zadig gehörte!« Bei diesen Worten warf Zadig sich ihr zu Füßen und benetzte sie mit seinen Tränen. Astarte hob ihn zärtlich auf und fuhr folgendermaßen fort: »Ich sah mich also in der Gewalt eines Barbaren und als Nebenbuhlerin einer Närrin, mit der ich sogar das Zimmer teilen mußte. Sie erzählte mir ihr ägyptisches Abenteuer: aus den Zügen, mit denen sie dich schilderte, aus dem Zeitpunkte, aus dem Dromedar, auf dem du rittest, kurz aus allen näheren Umständen schloß ich, daß niemand anderes denn Zadig für sie gekämpft hatte. Ich glaubte sicher sein zu dürfen, daß du dich in Memphis aufhieltest, und faßte den Entschluß, mich ebenfalls dorthin zu begeben. »Schöne Missuf,« sprach ich, »du bist viel unterhaltender und vermagst den Fürsten von Hyrkanien viel besser zu zerstreuen als ich, erleichtere mir die Möglichkeit zur Flucht; du herrschest dann allein, machst mich glücklich und befreist dich zugleich von einer Nebenbuhlerin.« Missuf stand mir hilfreich bei, und so machte ich mich denn mit einer ägyptischen Sklavin heimlich auf den Weg. Schon näherte ich mich Arabien, als ich unversehens einem berüchtigten Räuber namens Arbogad in die Hände fiel; er verkaufte mich an Sklavenhändler, die mich auf dieses Schloß zu dem Ritter Ogul brachten. Er hat mich gekauft, ohne zu wissen, wer ich bin. Er ist ein genußsüchtiger Mensch, dessen Sinn einzig auf Essen und Trinken gerichtet ist, und der wähnt, Gott habe ihn nur zum Tafeln auf die Welt gesetzt. Sein Leibesumfang ist so mächtig, daß er dauernd in der Gefahr des Erstickens schwebt. Sein Arzt, dem er, wenn er gut verdaut, nur wenig zutraut, beherrscht ihn jedoch unumschränkt, sobald er zuviel gegessen hat: diesmal hat er ihm eingeredet, er könne ihn mit einem in Rosenwasser gekochten Basilisken heilen. Der Ritter Ogul hat seine Hand derjenigen seiner Sklavinnen versprochen, die ihm einen Basilisken bringt; du siehst, daß ich sie in ihrem Eifer, diese Ehre zu erjagen, durch kein Mitbewerben behellige, und niemals ist mir weniger darum zu tun gewesen, diesen Basilisken zu finden, als jetzt, da der Himmel mir vergönnt hat, dich wiederzusehen.« Nun sagten sich Astarte und Zadig alles, was die lange zurückgedämmten Empfindungen und ihre Trübsale und ihre Liebe ihren edlen und leidenschaftlichen Herzen eingeben konnten, und die Genien der Liebe trugen ihre Worte hinauf bis in den heiligen Kreis der Venus. Die Frauen kehrten, ohne etwas gefunden zu haben, zu Ogul zurück, und auch Zadig ließ sich bei ihm melden und sprach folgendermaßen zu ihm: »Möge unsterbliche Gesundheit vom Himmel sinken, um alle deine Tage in ihre Hut zu nehmen! Ich bin Arzt, auf das Gerücht deiner Krankheit hin bin ich herbeigeeilt und bringe dir einen in Rosenwasser gekochten Basilisken. Nicht etwa, daß ich den Anspruch erhöbe, von dir geheiratet zu werden: ich fordere von dir nur die Freiheit einer jungen babylonischen Sklavin, die dir seit einigen Tagen gehört, und willige ein, an ihrer Stelle dein Sklave zu werden, falls mir das Glück, den ausgezeichneten Ritter Ogul zu heilen, nicht zuteil werden sollte.« Der Vorschlag wurde angenommen: Astarte brach mit dem Diener Zadigs nach Babylon auf und versprach, augenblicklich einen Eilboten an ihn zu senden, um ihn von allem zu unterrichten, was inzwischen vorgefallen. Ihr Abschied war ebenso herzlich wie es ihr Wiedersehen gewesen; der Augenblick, da man sich wiederfindet, und der Augenblick, da man sich trennt, sind die beiden größten Ereignisse des Lebens, wie es im großen Buche Zend heißt. Zadig liebte die Königin so sehr, wie er es ihr schwur, und die Königin liebte Zadig noch weit mehr, als sie ihm gestand. Darauf sprach Zadig folgendermaßen zu Ogul: »Meinen Basilisken, erlauchter Herr, kannst du nicht essen; seine Kraft vermag nur durch die Pforten deiner Poren in dich einzudringen; ich habe ihn in einen kleinen, straff aufgeblähten und mit einer feinen Haut überspannten Schlauch getan; du mußt nun diesen Schlauch mit deiner ganzen Kraft von dir schleudern, und ich will ihn dir immer wieder zurückwerfen: in wenigen Tagen wirst du bei diesem Verfahren erkennen, was meine Kunst vermag.« Am ersten Tage kam Ogul um seinen Atem und glaubte vor Ermattung zu sterben, am zweiten Tage fühlte er sich schon weniger müde und schlief besser, und am achten Tage hatte er alle Kraft und Gesundheit, alle Leichtigkeit und Fröhlichkeit seiner glänzendsten Jahre wiedererrungen. »Du hast Ball gespielt und bist mäßig gewesen,« sprach Zadig zu ihm, »erfahre nun, daß es in der Natur keinen Basilisken gibt; Mäßigkeit und Leibesübung erhalten jedermann bei Wohlsein, und die Kunst, Unmäßigkeit und Gesundheit vereinigen zu wollen, ist ein ebenso unmögliches Ding wie der Stein der Weisen, die weissagende Astrologie und die Theologie der Magier.« Der Leibarzt Oguls empfand gar wohl, wie gefährlich ein solcher Mann für die Medizin sei, und verband sich mit dem Leibapotheker, um Zadig zur Jagd auf Basilisken in die andere Welt zu befördern. Wie Zadig immer bestraft worden war, sobald er Gutes getan, so drohte ihm jetzt die Gefahr, dafür umgebracht zu werden, daß er einen adeligen Vielfraß geheilt hatte. Man lud ihn zu einem herrlichen Prunkmahle ein: mit dem zweiten Gericht sollte er vergiftet werden, jedoch schon während des ersten langte ein Eilbote der schönen Astarte an, er stand vom Tische auf und reiste ab. »Wenn man von einer schönen Frau geliebt wird, so ist man stets wohlgebettet auf dieser Welt«, sagt der große Zoroaster.   Neunzehntes Kapitel: Die Kämpfe. Die Königin war in Babylon mit jenen Freudenausbrüchen empfangen worden, die man stets für eine schöne Fürstin empfindet, wenn sie unglücklich gewesen ist. Babylon schien jetzt etwas ruhiger zu sein; der Fürst von Hyrkanien war in einem Gefechte getötet worden, und die siegreichen Babylonier erklärten nun, Astarte solle sich demjenigen vermählen, den das Volk zum Herrscher küren würde. Man wollte nicht, daß das höchste Amt der ganzen Erde, das heißt das Amt, Astartens Gatte und König über Babylon zu sein, durch Ränke und Kabalen verteilt würde, sondern man schwur, nur den Tapfersten und Weisesten als König anzuerkennen. Einige Meilen vor der Stadt wurde ein großer, von herrlich geschmückten Amphitheatern eingefaßter Kampfplatz angelegt. Dorthin sollten sich die Bewerber in voller Rüstung begeben, und einem jeden von ihnen wurde hinter den Amphitheatern ein abgesondertes Gemach angewiesen, wo er von niemandem gesehen und erkannt werden konnte. Jeder sollte vier Lanzen brechen und die, denen das Glück zuteil ward, vier Ritter zu besiegen, sollten danach gegeneinander kämpfen, und wer dann als der letzte den Kampfplatz behauptete, sollte als Sieger der Spiele ausgerufen werden. Am vierten Tage darauf hatte er dann in derselben Rüstung noch einmal zu erscheinen und die von den Magiern gegebenen Rätsel zu lösen. Vermochte er dieses nicht, so wurde er auch nicht König, und das Lanzenstechen begann von neuem, bis sich ein Mann gefunden, der aus beiden Kämpfen als Sieger hervorging, denn unter allen Umständen wollte man nur den tapfersten und den weisesten zum Könige! Die Königin sollte während dieser ganzen Zeit sorglich bewacht werden. Man wollte ihr nur erlauben, dicht verschleiert den Kampfspielen beizuwohnen: mit keinem der Bewerber durfte sie jedoch ein Wort wechseln, damit keinerlei Vorlieben und Ungerechtigkeiten sich einmischen möchten. Dies war's, was Astarte ihren Geliebten in der Hoffnung wissen ließ, er werde um ihretwillen mehr Mut und Verstand beweisen, als sonst jemand in der Welt. Er brach auf und bat die Göttin Venus, sie möchte seinen Mut stärken und seinen Geist erleuchten. Am Vorabend des großen Tages erreichte er das Euphratufer und ließ seinen Wahlspruch unter die der übrigen Kämpfer eintragen, verbarg aber, wie das Gesetz es befahl, sein Gesicht und seinen Namen und legte sich in dem Zimmer, das ihm durchs Los bestimmt wurde, zur Ruhe nieder. Sein Freund Kador, der nach Babylon zurückgekehrt war, nachdem er vergeblich in Ägypten nach ihm gesucht hatte, ließ ihm als ein Geschenk der Königin eine vollständige Rüstung in sein Zimmer bringen, außerdem übersandte er ihm ebenfalls von Seiten der Königin ein herrliches persisches Pferd. Zadig erkannte in diesen Geschenken gar leicht Astarte, und sein Mut und seine Liebe gewannen neue Kraft und neue Hoffnung dadurch. Als am nächsten Tage die Königin unter einem mit Edelsteinen reich verzierten Baldachin Platz genommen hatte, und die Amphitheater von allen Damen und Ständen Babylons dicht erfüllt waren, erschienen die Kämpfer in den Schranken. Ein jeder von ihnen legte dem Obermagier seinen Wahlspruch zu Füßen, und dann wurde unter diesen Sprüchen gelost; der Zadigs sprang zuletzt heraus. Die erste Lanze war einem reichen, ungewöhnlich eitlen, feigen, dafür aber um so ungeschickteren und geistlosen Edelmanne namens Itobad zugefallen. Seine Bedienten hatten es ihm in den Kopf gesetzt, nur ein Mann wie er dürfe König werden, und er hatte ihnen geantwortet: »Ja, nur ein Mann wie ich darf herrschen.« So hatte man ihn denn vom Kopf bis zu den Füßen bewaffnet: er trug einen goldenen Harnisch mit grünem Schmelz, einen grünen Federbusch und eine mit grünen Federn gezierte Lanze. Schon an der Art, wie Itobad sein Pferd lenkte, erkannte man, daß er nicht der Mann sei, dem der Himmel das Zepter Babylons vorbehalten hatte. Der erste Reiter, der ihn anrannte, hob ihn aus dem Sattel, und der zweite warf ihn mit in die Luft gekehrten Beinen und gespreizten Armen auf das Hinterteil seines Pferdes. Itobad setzte sich wieder zurecht, aber mit so jämmerlichem Anstande, daß das ganze Amphitheater in lautes Gelächter ausbrach. Ein dritter Ritter verschmähte es sogar, sich gegen ihn seiner Lanze zu bedienen; er ließ ihn einen Fehlstoß auf sich machen, packte ihn dann beim rechten Bein, drehte ihn halb herum und setzte ihn so auf den Sand. Die Stallmeister der Spiele liefen lachend hinzu, hoben ihn wieder in den Sattel und nun faßte ihn der vierte Kämpfer beim linken Bein und warf ihn nach der anderen Seite von seinem Pferd herunter. Unter allgemeinem Hohngeschrei ward er in sein Zimmer geführt, wo er dem Gesetze gemäß die Nacht verbringen mußte, und während er dergestalt elend dahin humpelte, sagte er: »Welch ein Abenteuer für einen Mann wie mich.« Die anderen Ritter taten besser ihre Schuldigkeit: einige besiegten zwei Kämpfer hintereinander, andere brachten es sogar bis zu dreien, jedoch nur der Prinz Otam vermochte vier zu besiegen. Nun endlich kam Zadig an die Reihe; mit allem nur erdenklichen Anstande hob er vier Reiter hintereinander aus dem Sattel: die Entscheidung ruhte also in einem Kampfe zwischen Otam und Zadig. Jener trug eine blaugoldene Rüstung und einen gleichfarbigen Federbusch, Zadigs Waffen waren weiß. Aller Wünsche teilten sich zwischen dem blauen und dem weißen Ritter, die Königin jedoch betete mit klopfendem Herzen allein für die weiße Farbe zum Himmel. Die beiden Kämpfer machten ihre Ausfälle und Wendungen mit solcher Gewandtheit, versetzten einander so gar schöne Lanzenstiche und saßen so fest in ihren Sätteln, daß außer der Königin jedermann wünschte, zwei Könige möchten über Babylon herrschen. Als endlich ihre Rosse müde geworden und ihre Lanzen völlig zersplittert waren, wandte Zadig folgende List an: er fiel dem blauen Prinzen in den Rücken, schwang sich hinter ihn aufs Pferd, packte ihn mitten um den Leib, warf ihn auf den Boden herab, setzte sich an seiner Statt in den Sattel und tummelte nun Otams Roß um den zu Boden gestreckten Gegner. Das ganze Amphitheater schrie: »Sieg dem weißen Ritter!« Wutentbrannt rast Otam auf und zieht sein Schwert, und Zadig springt, den Säbel in der Faust, vom Pferde; so stehen nun beide einander in den Schranken gegenüber und beginnen einen neuen Kampf, in dem Kraft und Gewandtheit abwechselnd siegen. Unter tausend blitzschnellen Hieben stäuben rings die Federn ihrer Helme, die Nieten ihrer Armschienen und die Maschen ihrer Kettenhemden umher, es geht auf Hieb und Stich, zur Rechten und zur Linken, auf Kopf und Brust, sie weichen zurück, springen vor, messen sich, springen sich hart an, packen sich, winden sich wie Schlangen und greifen einander wie Löwen an, und unaufhörlich sprühen feurige Funken unter der Wucht ihrer Hiebe hervor. Endlich reißt Zadig alle seine Besinnung zusammen, bleibt stehen, macht eine Finte, überrennt Otam, bringt ihn zu Falle, entwaffnet ihn, und Otam ruft: »Oh, weißer Ritter, dir gebührt Babylons Thron.« – Die Königin war außer sich vor Freude! Man führte den blauen und den weißen Ritter, wie es im Gehorsam gegen das Gesetz auch mit allen anderen geschehen war, in ihr Zimmer zurück. Sie wurden von Stummen bedient und mit Speisen versorgt. Man kann sich schon denken, ob der kleine Stumme der Königin Zadig bediente oder nicht! Darauf ließ man die Ritter bis zum nächsten Morgen allein schlafen, um welche Zeit der Sieger dem Obermagier seinen Wahlspruch zum Vergleich überbringen und sich zu erkennen geben sollte. Zadig war so ermüdet, daß er trotz seiner Liebe fest schlief. Itobad jedoch, der in dem Zimmer neben ihm lag, schlief nicht. Mitten in der Nacht stand er auf, betrat Zadigs Gemach, nahm seine weiße Rüstung und seinen Wahlspruch an sich und legte seine grüne Rüstung an ihre Stelle. Bei Tagesanbruch begab er sich dann zu dem Obermagier, um zu verkünden, daß »ein Mann wie er« der Sieger gewesen. Man war nicht darauf gefaßt gewesen, aber er wurde nun doch bekannt gegeben, während Zadig noch schlief. Verwundert und verzweifelten Herzens kehrte Astarte nach Babylon zurück. Als Zadig erwachte, war das ganze Amphitheater bereits fast leer. Er suchte nach seinen Waffen, fand nur die grüne Rüstung, und da er sonst nichts bei sich hatte, mußte er sie wohl oder übel anlegen. Erstaunt, empört und wütend zugleich schnallte er sie an und begab sich hinaus. Alle, die noch im Amphitheater und unten im Zirkus waren, empfingen ihn mit Hohngelächter. Man umringte ihn und überhäufte ihn mit Spott und Schmach. Niemals zuvor hatte je ein Mensch so demütigende Kränkungen erduldet. Schließlich riß ihm die Geduld: mit Schwerthieben verscheuchte er den Pöbel, der ihn zu beschimpfen wagte; was er jedoch weiter tun sollte, wußte er nicht. Er konnte die Königin weder sprechen, noch die weiße Rüstung einfordern, die sie ihm geschenkt, denn das würde sie bloßgestellt haben; und so kam es denn, daß er vor Zorn und Unruhe sich nicht zu lassen wußte, während sie sich in ihrem Schloß dem tiefsten Schmerze hingab. Überzeugt, sein Stern habe ihm bestimmt, ewig unglücklich zu sein, wanderte er längs den Ufern des Euphrats dahin und überdachte noch einmal all das Mißgeschick, das ihm seit dem Abenteuer mit jenem Weibe, das die Einäugigen nicht leiden konnte, bis zu dem Verschwinden seiner Rüstung widerfahren. »Das kommt davon,« sprach er, »daß ich zu spät erwacht bin; hätte ich nicht so lange geschlafen, wäre ich jetzt König von Babylon und Astartens Gatte. Wissenschaft, Tugend, Tapferkeit, alles hat stets nur zu meinem Unglück beigetragen«, und schließlich widerfuhr's ihm, wider die Vorsehung zu murren. Er fühlte sich versucht zu glauben, alles werde durch ein grausames Verhängnis gelenkt, welches die Guten unterdrücke und den grünen Rittern zum Glück verhelfe. Es kränkte ihn auch, diese grüne Rüstung tragen zu müssen, die ihm so viel Hohn und Spott eingebracht, und so überließ er sie um ein Geringes einem vorüberziehenden Kaufmanne und erhandelte von ihm einen Rock und eine lange Mütze. In diesem Aufzuge schritt er weiter an den Ufern des Euphrats entlang, das Herz erfüllt von Verzweiflung und geheimen Vorwürfen wider die Vorsehung, die ihn unablässig verfolgte.   Zwanzigstes Kapitel: Der Einsiedler. Unterwegs begegnete er einem Einsiedler, dessen ehrwürdiger weißer Bart bis auf den Gürtel herabreichte. Er hielt ein Buch in der Hand, in dem er aufmerksam las; Zadig blieb stehen und verneigte sich tief vor ihm. Der Einsiedler erwiderte seinen Gruß mit so freundlichem Adel, daß Zadig von dem Verlangen erfaßt wurde, sich mit ihm zu unterhalten, und so fragte er ihn denn, in welchem Buche er läse. »Im Buch des Schicksals,« entgegnete der Einsiedler, »willst auch du ein wenig darin lesen?« Mit diesen Worten legte er das Buch in Zadigs Hände, und obgleich dieser doch so gar viele Sprachen beherrschte, vermochte er nicht einen einzigen Buchstaben in dem Buche zu entziffern; das steigerte noch seine Wißbegier. »Du erscheinst mir recht voller Gram«, sprach nun der gute Vater zu ihm. »Ach, ich habe es wohl Ursache«, erwiderte Zadig. »Wenn du mir erlauben wolltest, dich zu begleiten,« entgegnete der Greis, »könnte ich dir vielleicht nützlich sein. Schon oft ist es mir geglückt, Gefühle des Trostes in den Seelen Unglücklicher zu erwecken.« Zadig empfand Ehrfurcht vor der Miene, dem Barte und dem Buche des Einsiedlers, und in seinen Gesprächen entdeckte er bald eine höhere Einsicht. Der Einsiedler sprach über das Schicksal, die Gerechtigkeit, die Sittlichkeit, das höchste Gut, die menschliche Schwachheit und über die Tugenden und die Laster mit so lebhafter und eindringlicher Beredsamkeit, daß Zadig sich durch einen unwiderstehlichen Zauber zu ihm hingezogen fühlte. Er bat ihn inständigst, ihn nicht zu verlassen, bis sie wieder nach Babylon zurückgekehrt sein würden. »Um diese Gefälligkeit bitte ich dich selber,« sprach der Greis, »schwöre mir bei Oromazes, daß du dich in den nächsten Tagen nicht von mir trennen willst, was auch immer ich tun möchte.« Zadig schwur, und sie brachen zusammen auf. Gegen Abend langten die beiden Wanderer vor einem herrlichen Schlosse an. Der Eremit bat um Gastfreundschaft für sich und den jungen Mann, der ihn begleite. Der Türhüter, den man für einen großen Herrn hätte halten können, ließ sie mit einer Art geringschätziger Güte eintreten. Dann wurden sie einem Oberbedienten zugeführt, der ihnen die prächtigen Gemächer des Herrn zeigte. An der Tafel wies man ihnen die untersten Plätze an, ohne daß der Schloßherr sie nur eines Blickes gewürdigt hätte; sonst aber wurden sie wie alle anderen mit den auserwähltesten Speisen reichlich bedient, und zuletzt reichte man ihnen Waschwasser in einem goldenen mit Smaragden und Rubinen besetzten Becken. Nach der Tafel führte man sie in ein herrliches Schlafgemach. Am nächsten Morgen überreichte ein Diener jedem von ihnen ein Goldstück, und damit wurden sie verabschiedet. »Der Herr des Hauses,« sprach Zadig unterwegs, »scheint mir ein freigebiger, wenn auch etwas hoffärtiger Mann zu sein, in jedem Falle aber weiß er Gastfreundschaft auf gar großmütige Art zu üben.« Während er diese Worte sprach, bemerkte er, daß eine Art Beutel oder Tasche, die der Eremit trug, auffällig gespannt und gebläht war, und als er näher zusah, entdeckte er darin das edelsteinverzierte Goldbecken, das der Einsiedler gestohlen haben mußte. Er wagte zunächst nicht, sich etwas merken zu lassen, fühlte sich aber höchlichst betroffen. Gegen Mittag klopfte der Einsiedler an die Tür eines kleinen Häuschens, in dem ein reicher Geizhals wohnte, und bat um einige Stunden Gastfreundschaft. Ein alter, schlecht gekleideter Diener empfing ihn in barschem Ton und wies ihn dann mit Zadig in einen Stall, wo man ihnen einige faule Oliven, schlechtes Brot und Bier vorsetzte. Der Eremit aß und trank mit ebenso zufriedenem Gesicht wie am Abend vorher; dann wandte er sich an den alten Diener, der sie beide scharf beobachtete, um zu sehen, ob sie auch nichts entwendeten, und sie fortwährend zum Aufbruch drängte, und gab ihm die beiden Goldstücke, die sie morgens bekommen hatten, und dankte ihm für all seine Gefälligkeit. »Ich bitte dich,« setzte er hinzu, »führe mich auch zu deinem Herrn.« Verblüfft gehorchte der Diener. »Hochmögender, freigebiger Herr,« sprach nun der Eremit, »ich kann dir für die edle Art, in der du uns aufgenommen, nur demütigsten Dank abstatten. Wolle indes dennoch dieses goldene Becken als einen schwachen Beweis meiner Erkenntlichkeit annehmen.« Der Geizhals wäre beinahe auf den Rücken gefallen, der Einsiedler ließ ihm jedoch keine Zeit, sich von seinem Erstaunen zu erholen, sondern entfernte sich mit seinem jungen Begleiter aufs schnellste. »Sag' mir, mein Vater,« sprach Zadig, »was hat dies alles, so ich an dir gewahre, zu bedeuten? In nichts scheinst du mir anderen Menschen ähnlich zu sein! Du stiehlst ein goldenes mit Edelsteinen besetztes Becken einem Edelmann, der dich freigebig bewirtete, und schenkst es darauf einem Geizhals, der dich aufs unwürdigste behandelt hat.« »Mein Sohn,« erwiderte der Greis, »jener gastfreie Mann, der die Fremden nur aus Eitelkeit aufnimmt, um seine Reichtümer von ihnen bewundern zu lassen, wird von nun an vorsichtiger werden, der Geizige aber Gastfreundschaft üben lernen! Wundere dich über nichts und folge mir.« Zadig wußte noch nicht, ob er es mit dem tollsten oder dem weisesten aller Menschen zu tun hatte, aber der Einsiedler sprach mit solchem Übergewicht, daß Zadig, der ohnedies durch seinen Eid gebunden war, nicht umhin konnte, bei ihm zu bleiben. Abends gelangten sie vor ein schlicht aber gefällig gebautes Haus, in dem nichts weder auf Verschwendung, noch auf Geiz schließen ließ. Der Hausherr war ein Philosoph, der sich aus der Welt zurückgezogen hatte und nun in Frieden einzig der Weisheit und der Tugend lebte, ohne sich dabei im geringsten zu langweilen. Es hatte ihm behagen wollen, sich diese Zufluchtsstätte zu schaffen, in der er nun die Fremden auf eine schlichte, edle und herzlich bescheidene Weise willkommen hieß. Er ging den beiden Wanderern selber entgegen und führte sie zunächst in ein bequemes Gemach, auf daß sie sich ausruhen möchten. Um einiges später holte er sie wiederum selber von dort ab, um sie zu einem einfachen, aber um so schmackhafteren Mahle zu bitten, während dessen er sich zurückhaltend über die letzten Aufstände in Babylon äußerte. Er schien der Königin aufrichtig ergeben zu sein und gab dem Wunsche Ausdruck, Zadig möchte mit den anderen Bewerbern um die Krone gekämpft haben. »Aber,« fügte er hinzu, »die Menschen verdienen es nicht, einen König wie Zadig zu haben.« Dieser errötete und fühlte seine Schmerzen sich verdoppeln. Man einigte sich im Gespräch darüber, daß sich die Dinge in dieser Welt nicht immer nach dem Gefallen der Weisesten zu ordnen pflegten. Der Einsiedler hielt jedoch stets aufrecht, daß man die Wege der Vorsehung nicht kennte und die Menschen sehr unrecht daran täten, über ein Ganzes zu urteilen, von dem sie doch nur den kleinsten Teil wahrnähmen. Man sprach dann von den Leidenschaften. »Oh, die verderblichen!« rief Zadig. »Sie sind die Winde, die die Segel des Schiffes blähen,« entgegnete der Einsiedler; »sie versenken es wohl zuweilen, aber ohne sie könnte es nicht segeln. Die Galle macht zornig und krank, und doch könnte der Mensch ohne sie nicht leben; alles hienieden ist gefährlich, und alles ist notwendig!« Man sprach von der Lust, und der Einsiedler bewies, daß sie ein Geschenk der Gottheit sei. »Denn,« sprach er, »der Mensch vermag sich weder Empfindungen, noch Begriffe selber zu schaffen; er empfängt alles, Schmerz und Lust stammen wie sein ganzes Wesen wo anders her.« Zadig bewunderte es, wie ein Mann, der doch so gar ungereimte Dinge getan, dennoch so vernünftig zu sprechen vermöchte. Nach einer so lehrreichen wie angenehmen Unterhaltung führte der Wirt endlich seine Gäste wieder in ihr Zimmer und segnete den Himmel dafür, ihm zwei so weise und tugendhafte Menschen ins Haus geführt zu haben. Auf eine völlig ungezwungene und doch so edle Weise, daß sie sich nicht dadurch gekränkt fühlen konnten, bot er ihnen Geld an. Der Einsiedler schlug es aus und sagte, er wolle schon jetzt von ihm Abschied nehmen, da sie noch vor Tagesanbruch nach Babylon aufzubrechen gedächten. Ihr Abschied war herzlich, und vor allem Zadig fühlte sich ganz erfüllt von Achtung und Neigung zu einem so liebenswürdigen Manne. Als er und der Einsiedler nun allein in ihrem Zimmer waren, lobten sie ihren Wirt noch lange. Bei Tagesanbruch weckte der Greis seinen Gefährten: »Wir müssen aufbrechen,« sagte er, »aber während das ganze Haus noch schläft, will ich diesem Manne ein Zeichen meiner Achtung und meiner Zuneigung hinterlassen.« Mit diesen Worten ergriff er eine Fackel und steckte das Haus in Brand. Zadig schrie entsetzt auf und suchte ihn an der Vollführung einer so abscheulichen Tat zu hindern; der Einsiedler jedoch riß ihn mit übernatürlicher Kraft mit sich fort, und schon stand das Haus in lichten Flammen. Als der Einsiedler mit seinem Gefährten eine Strecke weit fortgeeilt war, wandte er sich um und sah es ruhig brennen. »Gott sei gelobt,« sprach er, »bald liegt das Haus unseres lieben Freundes in Schutt und Asche, der glückliche Mann!« Bei diesen Worten fühlte sich Zadig zugleich versucht, laut aufzulachen, den ehrwürdigen Vater zu schmähen, zu prügeln und dann davonzulaufen; er tat jedoch von alledem nichts, sondern folgte ihm, gebannt durch den rätselvollen Hauch, der von dem Einsiedler ausging, wider Willen bis zur letzten Nachtherberge. Sie kehrten diesmal bei einer wohltätigen und tugendhaften Witwe ein, die mit ihrem vierzehnjährigen vielversprechenden Neffen, der ihre einzige Hoffnung war, zusammen lebte. Sie nahm die Fremden so gut auf, wie es nur irgend in ihren Kräften stand, und am nächsten Morgen hieß sie ihren Neffen die beiden Wanderer bis zu einer Brücke geleiten, die seit kurzem geborsten und so zu einem gar gefährlichen Übergange geworden war. Diensteifrig schritt der Knabe vor ihnen her. Als sie mitten auf die Brücke gelangt waren, sprach der Einsiedler zu dem Knaben: »Komm her, mein Kind, ich will nun deiner Tante meine Dankbarkeit beweisen.« Mit diesen Worten packte er ihn bei den Haaren und warf ihn mitten in den Fluß hinab. Der Knabe ging unter, tauchte nach einem Augenblick noch einmal an die Oberfläche und ward dann vom Strome verschlungen. »Oh, du Ungeheuer, du Abscheulicher, du Bösewicht«, schrie Zadig auf. »Du hattest mir mehr Geduld versprochen«, unterbrach ihn der Einsiedler. »So vernimm denn, daß unter den Trümmern jenes Hauses, das die Vorsehung in Brand steckte, sein Besitzer einen unermeßlichen Schatz gefunden, wisse, daß dieser Knabe, den die Vorsehung ersäuft hat, in einem Jahre seine Tante und in zweien dich ermordet haben würde.« »Wer hat dir das gesagt, du Unmensch,« rief Zadig, »und selbst wenn du das Kommen dieser Ereignisse in deinem Schicksalsbuche vorausgelesen hättest, wer erlaubt dir ein Kind zu ersäufen, das dir nichts Böses getan?« Während der Babylonier noch sprach, gewahrte er plötzlich, daß der Greis keinen Bart mehr hatte und sein Antlitz den Schmelz der Jugend annahm; sein Einsiedlergewand war verschwunden, vier schöne Flügel bedeckten einen majestätischen Leib und sandten helle Strahlen rings umher: »Oh, Bote des Himmels, oh, göttlicher Engel,« rief Zadig und warf sich zu Boden nieder, »so stiegest du vom Himmel hernieder, um einem schwachen Sterblichen Unterwerfung unter die ewigen Gesetze zu lehren?« »Die Menschen,« sprach der Engel Jesra, »urteilen über alles und wissen nichts, du jedoch verdientest von ihnen allen am ehesten erleuchtet zu werden.« Zadig bat nun um die Erlaubnis, sprechen zu dürfen: »Ich mißtraue zwar durchaus meiner eigenen Meinung, dürfte ich jedoch die Bitte an dich wagen, mir einen Zweifel zu erhellen? Wäre es nicht vielleicht vernünftiger gewesen, diesen Knaben zu bessern und ihn tugendhaft zu machen, anstatt ihn zu ertränken?« Jesra erwiderte: »Wäre er tugendhaft geworden und am Leben geblieben, so war es ihm bestimmt, zusammen mit der Frau, die er geheiratet, und den Söhnen, die sie ihm geboren, ermordet zu werden.« »Mein Gott,« rief Zadig, »ist es denn durchaus notwendig, daß es Verbrechen und Unglück gibt, und daß das Unglück gerade die Guten heimsucht?« »Die Bösen,« erwiderte Jesra, »sind stets unglücklich: sie dienen zur Prüfung der kleinen Zahl der Gerechten, die auf Erden wandeln. Kein Unglück geschieht, aus dem da nicht auch ein Gutes entspränge!« »Wenn es nun aber,« sprach Zadig, »eben nur Gutes und gar kein Böses gäbe?« »Dann,« entgegnete Jesra, »dann würde diese Erde eben eine andere Erde sein, die Verkettungen der Begebenheiten wären nach anderen Gesetzen geordnet, und diese Ordnung, die einer Vollkommenheit gleichkäme, darf nur an dem ewigen Wohnsitze des höchsten Wesens herrschen, in dessen Nähe das Böse nicht dringen kann. Millionen Welten erschuf dieses Wesen, von denen keine der anderen gleicht, und deren unermeßliche Verschiedenheit eine Eigenschaft seiner unermeßlichen Macht ist. Es gibt weder zwei Blätter auf einem irdischen Baume, noch zwei Weltkugeln in den unendlichen Gefilden des Himmels, welche einander völlig gleich sind, und alles, was du auf diesem kleinen Atom, auf dem du geboren bist, erblickest, mußte nach den unwandelbaren Gesetzen dessen, der da alles umspannt, seinen bestimmten Platz und seine bestimmte Zeit haben. Die Menschen wähnen, jenes Kind, das da soeben gestorben, sei aus Zufall ins Wasser gefallen, und aus einem gleichen Zufalle sei jenes Haus niedergebrannt; aber es gibt keinen Zufall, alles ist entweder Prüfung oder Strafe oder Belohnung oder Vorhersehung. Erinnere dich jenes Fischers, der sich für den unglücklichsten aller Menschen hielt: Oromazes hatte dich dazu ausersehen, sein Geschick zu wenden. Schwacher Sterblicher, höre auf, wider das zu streiten, was dir anzubeten geziemet.« »Aber«, sagte Zadig ... Als er jedoch dieses Wort ausgesprochen, hatte der Engel bereits seinen Flug nach der zehnten Sphäre angetreten. Auf den Knieen liegend, betete Zadig die Vorsehung an und unterwarf sich. »Wandle gen Babylon«, rief ihm der Engel aus den oberen Lüften zu.   Einundzwanzigstes Kapitel: Die Rätsel. Wie ein Mann, neben dem ein Donner niedergeschlagen, so eilte Zadig in seinen Tiefen erschüttert von dannen. Er gelangte an jenem Tage nach Babylon, an welchem die, so in den Schranken gekämpft, bereits in der Vorhalle des Palastes versammelt waren, um die Rätsel zu lösen und auf die Fragen des Obermagiers zu antworten. Alle Ritter waren eingetroffen, nur die grüne Rüstung fehlte. Sobald Zadig sich in der Stadt zeigte, sammelte sich alles Volk rings um ihn, und aller Augen wurden nicht müde, ihn anzuschauen, aller Mund nicht, ihn zu segnen, und aller Herzen nicht, ihm das Reich zu wünschen. Der Neidische sah ihn vorübergehen, erbebte und wandte sich ab, das Volk dagegen trug ihn auf seinen Schultern bis an den Ort der Versammlung. Die Königin, der man seine Ankunft meldete, ward von allen Schauern der Furcht und der Hoffnung ergriffen, und Unruhe verzehrte sie; sie vermochte weder zu begreifen, warum Zadig unbewaffnet war, noch warum Itobad die weiße Rüstung trug. Ein dumpfes Gemurmel erhob sich, als man Zadigs ansichtig wurde; man war überrascht und entzückt, ihn zu sehen; der Zutritt zur Versammlung war jedoch nur den Rittern gestattet, die gekämpft hatten. »Ich habe gekämpft wie die übrigen,« rief er, »aber ein anderer trägt hier meine Rüstung, und ehe mir die Ehre zuteil wird, dies darzutun, bitte ich um die Erlaubnis, mich zur Lösung der Rätsel einstellen zu dürfen.« Man schritt zur Abstimmung, und der Ruf seiner Rechtschaffenheit stand noch so fest in aller Herz geschrieben, daß man sich keinen Augenblick lang besann, ihn zuzulassen. Der Obermagier stellte zuerst die folgende Frage: »Welches von allen Dingen der Welt ist das längste und das kürzeste, das schnellste und das langsamste, das teilbarste und das ausgedehnteste, das vernachlässigste und das ersehnteste, das Ding, ohne welches nichts geschehen kann, und das alles verschlingt, was klein, und alles belebt, was groß ist.« Die Reihe zu sprechen war an Itobad, er sagte: ein Mann wie er verstehe sich nicht auf Rätsel, es genüge ihm vollkommen, mit tüchtigen Lanzenstößen obgesiegt zu haben. Von den anderen meinten die einen, das Lösungswort sei das Glück, andere sagten, die Erde sei's, und wieder andere nannten das Licht. Zadig sprach: »Es ist die Zeit! Nichts ist länger,« setzte er hinzu, »denn sie ist das Maß der Ewigkeit, nichts kürzer, denn sie fehlt uns bei allen unseren Plänen, nichts ist langsamer als sie für den, der wartet, nichts schneller für den, der genießt; im großen dehnt sie sich bis ins Unendliche, und bis ins Unendliche teilt sie sich im kleinen; alle Menschen vernachlässigen sie, und doch beseufzt ein jeglicher ihren Verlust; nichts kann ohne sie geschehen, und alles, was der Nachwelt unwert ist, bringt sie in Vergessenheit: die großen Dinge dagegen macht sie unsterblich.« Einstimmig erkannte die Versammlung, daß Zadig das Rechte getroffen. Darauf wurde gefragt: »Was empfängt man, ohne dafür zu danken, wessen genießt man, ohne zu wissen, wie, was schenkt man anderen, ohne zu wissen, wie es zugeht, und was verliert man, ohne es gewahr zu werden?« Jeder sagte, was ihm einfiel; Zadig allein erriet, daß es das Leben sei, und mit gleicher Leichtigkeit löste er alle übrigen Rätsel. Itobad verfehlte nicht, stets dazwischen zu rufen, das Rätsel sei kinderleicht gewesen, und auch er würde es geraten haben, wenn er sich nur hätte Mühe geben wollen. Darauf stellte man Fragen über die Gerechtigkeit, über das höchste Gut und über die Kunst zu herrschen, und stets wurden Zadigs Antworten für die gediegensten erkannt. »Wie schade,« rief man, »daß ein so kluger Kopf auf einem so schlechten Ritter sitzet.« »Hochmögende Herren,« rief da Zadig, »mir ward die Ehre, auch in den Schranken zu siegen, denn mir gehört die weiße Rüstung. Der hochedle Itobad bemächtigte sich ihrer, während ich schlief; wahrscheinlich glaubte er, sie stünde ihm besser als die grüne. Ich erkläre mich bereit, in diesem meinem schlichten Gewande und nur mein Schwert in der Hand, ihm vor euch gegen seine ganze schöne weiße Rüstung, die er mir entwendet hat, zu beweisen, daß mir die Ehre zuteil ward, den tapferen Otam zu besiegen.« Itobad nahm die Herausforderung mit dem größten Selbstvertrauen an; es erschien ihm nur allzu gewiß, daß er, so behelmt, bepanzert und beschient wie er war, gar leicht mit einem Kämpen in Nachtmütze und Schlafrock fertig werden würde. Zadig zog sein Schwert und grüßte die Königin, die ihn vor Furcht und Freude bebend anblickte. Auch Itobad zog das seine, aber er grüßte niemanden. Wie ein Mensch, der nichts zu fürchten hat, schritt er auf Zadig zu und schickte sich an, ihm den Schädel zu spalten. Zadig jedoch wußte den Hieb derart geschickt abzufangen, daß das Schwert Itobads zersprang, indem er nämlich, wie man es zu nennen pflegt, die Schwertschwäche seines Gegners auf seine Schwertstärke auffallen ließ. Darauf faßte Zadig seinen Gegner um den Leib, warf ihn zu Boden und setzte ihm die Spitze seines Schwertes in die Lücke zwischen Helm und Harnisch. »Laß dich entwaffnen, oder ich töte dich.« Verwundert über all das Mißgeschick, das einem Mann »wie ihm« zustoßen konnte, ließ Itobad Zadig ruhig gewähren. Gelassen nahm dieser ihm seinen prächtigen Helm, seinen herrlichen Panzer, seine schönen Armschienen und die glänzenden Beinkrebse ab, bedeckte seinen eigenen Leib damit, und warf sich dann in voller Rüstung zu Astartens Füßen nieder. Kador war es ein leichtes, zu beweisen, daß die Waffen stets Zadig gehört hatten. Einstimmig wurde er nun als König anerkannt, vor allem aber von Astarte, welcher nach so vielen Schicksalsunbilden endlich die Freude beschieden war, ihren Geliebten in den Augen der ganzen Welt für würdig erkannt zu sehen, fortan ihr Gatte zu sein. Itobad ging nach Hause, um sich dort Durchlaucht nennen zu lassen. Zadig wurde König und ward glücklich. Stets blieb ihm gegenwärtig, was ihm der Engel Jesra gesagt, er gedachte sogar des Sandkornes, das zum Diamanten geworden. Er und die Königin beteten die Vorsehung an. Die schöne launenhafte Missuf ließ Zadig ihrer Wege ziehen, den Räuber Arbogad dagegen beschied er zu sich und gab ihm einen ehrenvollen Posten im Heere mit dem Versprechen, ihn zu den höchsten Würden zu befördern, falls er sich wie ein echter Krieger betrage, und ihn hängen zu lassen, wenn er noch einmal auf sein Räüberhandwerk verfiele. Setock wurde mit seiner schönen Almona aus dem tiefsten Schoße Arabiens herbeigerufen, um an die Spitze des Handels in Babylon zu treten. Kador wurde angestellt und gehegt, wie seine Dienste es verdienten. Er blieb der Freund des Königs, und so wurde Zadig der einzige Herrscher auf Erden, der einen Freund besaß. Auch der kleine Stumme ward nicht vergessen, und dem Fischer schenkte man ein schönes Haus. Orkan wurde verurteilt, ihm eine große Geldsumme auszuzahlen und ihm seine Frau wiederzugeben, aber der Fischer, der inzwischen gescheit geworden war, nahm nur das Geld. Die schöne Semira vermochte sich niemals darüber zu trösten, daß sie einst geglaubt, Zadig habe ein Auge verloren, und Assora weinte bis an ihr Lebensende darüber, daß sie ihm hatte die Nase abschneiden wollen. Er linderte durch Geschenke ihre Schmerzen. Der Neider starb vor Wut und Scham. In Frieden, Ruhm und Überfluß erblühte das Reich, die Erde durchlebte ihr schönstes Zeitalter, sie wurde regiert von Gerechtigkeit und Liebe, und man segnete Zadig dafür, und Zadig segnete den Himmel. Mikromegas Eine philosophische Erzählung. 1752   Erstes Kapitel: Reise eines Insassen der Welt des Sternes Sirius nach dem Planeten Saturn. Auf einem der Planeten, die um den Fixstern namens Sirius kreisen, lebte ein junger Mann von großen geistigen Gaben, den ich während seiner letzten Reise nach unserem kleinen Ameisenhaufen kennen zu lernen die Ehre gehabt habe. Er hieß Mikromegas, ein Name, der allen Großen gar wohl ansteht. Der junge Mann maß acht Meilen in der Länge; unter acht Meilen verstehe ich vierundzwanzigtausend geometrische Schritte, einen jeden zu fünf Fuß. Studenten der Algebra, also dem Publikum stets sehr nützliche Leute, werden auf der Stelle die Feder ergreifen und folgendes ausrechnen: da Herr Mikromegas, der Bewohner des Sirius, vom Scheitel bis zur Sohle vierundzwanzigtausend Schritte, also hundertundzwanzigtausend Fuß maß, und wir Erdenbürger kaum fünf Fuß lang sind, und andererseits unsere Erdkugel einen Umfang von neuntausend Meilen hat, so werden sie herausrechnen, sage ich, daß die Weltkugel, die Herrn Mikromegas hervorgebracht hat, notwendig genau einen einundzwanzig Millionen sechshunderttausendmal größeren Umkreis haben müsse, als unsere kleine Erde, und dies ist auch etwas völlig Einfaches und Gewöhnliches in der Natur. Die Staaten einiger Fürsten Deutschlands und Italiens, welche sich in einer halben Stunde gar leicht umschreiten lassen, sind im Vergleich mit dem türkischen, moskowitischen oder chinesischen Reiche nur ein äußerst schwaches Abbild von der wunderbaren Verschiedenheit, welche die Natur in allen ihren Schöpfungen geoffenbart hat. Da die Gestalt seiner Exzellenz die von mir angegebene Höhe hatte, werden alle unsere Bildhauer und Maler ohne Sträuben zugeben, daß sein Leibesumfang ungefähr fünfzigtausend Fuß messen mußte, was eine sehr hübsche Proportion ergab. Da seine Nase ein Drittel seines schönen Gesichtes und sein schönes Gesicht den siebenten Teil der Länge seines schönen Körpers ausmachte, so muß festgestellt werden, daß die Nase des Sirioten sechstausenddreihundertdreiunddreißig Fuß und noch einen Bruchteil mehr maß, was zu beweisen war. Was seinen Geist anbelangt, so wäre er einer der gebildetsten Menschen gewesen, die bei uns hätten vorkommen können: er wußte gar viele Dinge und hatte einige sogar selber entdeckt. Er zählte kaum zweihundertundfünzig Jahre und studierte, wie es Brauch war, an dem Jesuitenkollegium seines Planeten, als er kraft seines Verstandes mehr als fünfzig Aufgaben des Euklid löste, also achtzehn mehr als Blaise Pascal, welcher, nachdem er zweiunddreißig spielend gelöst, nach dem Bericht seiner Schwester später ein ziemlich mittelmäßiger Geometer und ein sehr schlechter Metaphysiker wurde. Gegen das vierhundertundfünfzigste Jahr, am Ausgang der Kindheit also, sezierte er viele jener kleinen Insekten, welche kaum hundert Fuß im Durchmesser haben und mit gewöhnlichen Mikroskopen nicht sichtbar sind; er schrieb darüber ein sehr gewissenhaftes Buch, das ihm jedoch einige Unannehmlichkeiten eintrug. Der Mufti seiner Heimat, ein äußerst unwissender, unleidlicher Kleinigkeitskrämer, entdeckte in seinem Buche verdächtige, anstößige, vermessene, freigeistige und nach Ketzerei riechende Sätze und verfolgte ihn heftig: es handelte sich um die Feststellung, ob die Grundform der siriotischen Flöhe urverwandt sei mit der Form der Wegschnecken. Mikromegas verteidigte sich mit großem geistigen Geschick und brachte die Weiber auf seine Seite: der Prozeß dauerte zweihundertundzwanzig Jahre. Schließlich ließ der Mufti das Buch von Rechtsgelehrten verdammen, die es nicht gelesen hatten, und den Verfasser traf das Verbot, achthundert Jahre lang nicht bei Hofe zu erscheinen. Diese Verbannung von einem Hofe, dessen Leben und Weben aus Kabalen und Kleinigkeiten bestand, bereitete ihm nur geringen Kummer. Er machte ein lustiges kleines Spottlied auf den Mufti, was dieser sich nicht weiter zu Herzen nahm, und schickte sich an, von Planet zu Planet zu reisen, um, wie man sagt, seine Herzens- und Geistesbildung zu vollenden. Wer nur in der Postkutsche oder der Berline zu reisen gewohnt ist, würde sicherlich vor Erstaunen außer sich geraten über die Beförderungsmittel von dort oben, denn wir auf unserem kleinen Schmutzhäufchen hienieden vermögen nichts zu begreifen, was jenseits unseres Gebrauches liegt. Unser Reisender kannte gar wunderbar alle Gesetze der Schwere und alle anziehenden und abstoßenden Kräfte und wußte sich ihrer so gut zu bedienen, daß er bald mit Hilfe eines Sonnenstrahles, bald unter Benutzung der Fahrgelegenheit eines Kometen mit allen seinen Begleitern von Weltkugel zu Weltkugel fuhr, wie ein Vogel von Ast zu Ast fliegt. In kurzer Zeit durchquerte er die Milchstraße, und ich halte mich für verpflichtet mitzuteilen, daß er zwischen den Sternen, mit denen sie besät ist, niemals jene schönen Himmelsgefilde entdeckte, die der berühmte Vikar Derham Ein englischer Gelehrter, der Verfasser der astronomischen Theologie und einiger anderer Werke, in denen er das Dasein Gottes durch die Naturwunder zu beweisen sucht. mit seinem Fernrohre gesehen zu haben sich rühmt. Nicht etwa, daß ich behauptete, Herr Derham habe schlecht gesehen, da sei Gott vor, aber Mikromegas ist doch eben an Ort und Stelle gewesen und ist ein vortrefflicher Beobachter, ich will jedoch beileibe niemandem widersprechen. Mit wohlberechneter Wendung gelangte Mikromegas auf die Kugel des Saturn. Wie gewohnt er es auch war, neue Dinge zu sehen, so konnte er sich doch beim Anblick der Winzigkeit dieses Himmelskörpers und seiner Bewohner zunächst nicht jenes überlegenen Lächelns erwehren, das bisweilen auch den Weisesten überkommt. Der Saturn ist ja auch kaum neunhundertmal größer als die Erde, und die Saturnbürger sind Zwerge, welche nur ungefähr tausend Klafter messen. Anfangs machte er sich mit seinen Begleitern ein wenig lustig darüber, wie etwa ein italienischer Musiker über Lulli's Musik lachen muß, wenn er nach Frankreich kommt. Da der Siriote jedoch einen vortrefflichen Verstand besaß, begriff er schnell, daß ein denkendes Wesen nicht notwendig lächerlich sein mußte, weil es nur sechstausend Fuß in der Länge maß. Nachdem er anfangs die Saturnier in Erstaunen versetzt, ward er bald vertraut und vertrauter mit ihnen. So knüpfte er denn auch die engste Freundschaft mit dem Sekretär der Akademie des Saturns, einem Manne von großem Verstande, der in Wahrheit allerdings nichts selber erfunden hatte, über die Erfindungen anderer aber trefflich zu berichten wußte und ganz leidliche Verschen und gewaltige Berechnungen machte. Um den Lesern Genüge zu tun, will ich hier ein seltsames Gespräch wiedergeben, das Mikromegas eines Tages mit dem Herrn Sekretär hatte. In dem saturnischen Zwerg wird Herr von Fontenelle, der Sekretär der Pariser Akademie, verspottet.   Zweites Kapitel: Gespräch des Sirioten mit dem Saturnier. Nachdem seine Exzellenz sich zu Boden gelegt, und der Sekretär sich seinem Antlitze genähert hatte, sagte Mikromegas: »Man muß doch zugeben, daß die Natur recht mannigfaltig ist.« »Ja,« antwortete der Saturnier, »die Natur ist wie ein Beet, dessen Blumen ...« »Ach,« unterbrach der andere, »verschonen Sie mich mit Ihrem Beet.« »Sie ist,« nahm der Sekretär seine Rede wieder auf, »wie eine Versammlung von Blonden und Braunen, deren Haartrachten ...« »Was habe ich denn mit Ihren Blonden zu schaffen?« rief der Siriote. »Dann ist sie also wie eine Gemäldegalerie, deren einzelne Werke ...« »Nein, nein doch,« rief der Siriote, »die Natur ist immer nur wie die Natur. Warum Vergleiche für sie suchen?« »Um Ihnen zu gefallen«, antwortete der Sekretär. »Ich will aber durchaus nicht, daß man mir gefalle, sondern vielmehr, daß man mich belehre: beginnen Sie zunächst damit, mir zu sagen, wieviel Sinne die Menschen auf Ihrer Weltkugel haben?« »Wir haben deren zweiundsiebenzig,« erwiderte der Akademiker, »und klagen tagtäglich über diese geringe Zahl. Unsere Phantasie übersteigt unsere Bedürfnisse, wir fühlen uns mit unseren zweiundsiebenzig Sinnen, unserem Ringe und unseren fünf Monden allzu beschränkt, denn trotz all unserer Wißbegier und der ziemlich großen Zahl von Leidenschaften, die in unseren zweiundsiebenzig Sinnen ihren Ursprung haben, bleibt uns doch vollauf Zeit, uns zu langweilen.« »Das glaube ich schon,« erwiderte Mikromegas, »denn wir auf unserer Kugel haben an die hundert Sinne, und dennoch bleibt uns irgend ein unbestimmtes Sehnen, irgend eine unbestimmte Unruhe, die uns unaufhörlich daran gemahnt, wie wenig wir doch eigentlich sind, und daß es noch viel vollkommenere Wesen geben muß. Ich bin ein wenig umhergekommen und habe Sterbliche gesehen, die weit unter uns standen, und solche, die uns gar sehr überlegen waren, aber ich bin nirgendwo solchen begegnet, die nicht mehr Wünsche als wirkliche Bedürfnisse und mehr Bedürfnisse als Befriedigung empfunden hätten. Vielleicht werde ich eines Tages in das Land gelangen, wo es an nichts fehlt, aber bisher hat mir niemand über ein solches Land bestimmte Nachrichten zu geben vermocht.« Der Saturnier und der Siriote ergingen sich nun in allerlei Vermutungen, aber nach vielen sehr geistvollen und verschwommenen Überlegungen mußten sie doch wieder auf die Tatsachen zurückkommen. »Wie lange leben Sie hier?« fragte der Siriote. »Ach, kurz, sehr kurz«, erwiderte der kleine Mann vom Saturn. »Genau wie bei uns,« rief der Siriote, »auch wir beklagen uns stets über die Kürze! Es scheint dies ein allgemeines Naturgesetz zu sein.« »Ach,« sagte der Saturnier, »wir leben nur fünfhundert große Sonnenwenden (nach unserer Weise gezählt, bedeutet das ungefähr fünfzehntausend Jahre). Sie sehen wohl, daß das fast in dem Augenblicke sterben heißt, in dem man geboren wird. Unser Dasein ist ein Punkt, unsere Dauer ein Augenblinken, unsere Weltkugel ein Stäubchen; kaum hat man angefangen, ein wenig zu lernen, so kommt auch schon der Tod, noch ehe man irgendwelche Erfahrung gesammelt hat. Deshalb wage ich meinerseits auch keinen einzigen Vorsatz zu fassen, ich fühle mich wie ein Wassertropfen inmitten eines unermeßlichen Ozeans. Vor allem Ihnen gegenüber schäme ich mich der lächerlichen Gestalt, die ich in dieser Welt herumtrage.« Mikromegas erwiderte ihm: »Wenn Sie kein Philosoph wären, würde ich Sie durch die Mitteilung zu betrüben fürchten, daß unser Leben siebenhundertmal länger währet als das Ihre, aber Sie wissen nur allzu gut, daß wenn man seinen Leib den Elementen zurückgeben und die Natur in einer anderen Gestalt neu beleben muß, was nämlich sterben heißt, daß es beim Eintreten dieses Augenblickes der Umwandlung genau dasselbe ist, ob man eine Ewigkeit oder nur einen Tag lang gelebt hat. Ich bin in Ländern gewesen, wo man tausendmal länger lebte als bei mir zu Hause, und dennoch sah ich, daß man auch dort noch murrte. Allenthalben gibt es jedoch verständige Menschen, die ihr Schicksal auf sich zu nehmen und dem Schöpfer der Natur dafür zu danken wissen: er hat über dieses Weltenall eine Überfülle von Mannigfaltigkeiten mit einer wunderbaren Art von Einheitlichkeit ausgeschüttet. So sind zum Beispiel alle denkenden Wesen verschieden, und dennoch sind sie im Grunde einander alle gleich durch die Gift des Denkens und Wünschens. Allenthalben ist die Materie vorhanden, auf jeder Weltkugel aber hat sie verschiedene Eigenschaften. Wie viele solcher verschiedenen Eigenschaften zählen Sie an Ihrer Materie?« »Wenn Sie,« sagte der Saturnier, »jene Eigenschaften meinen, ohne die wir den Fortbestand unserer Weltkugel, so wie sie ist, für unmöglich halten, so zählen wir deren dreihundert, wie Ausdehnung, Undurchdringlichkeit, Beweglichkeit, Schwere, Teilbarkeit und was dergleichen mehr ist.« »Wahrscheinlich genügt diese kleine Zahl für die Absichten, die der Schöpfer mit Ihrer kleinen Wohnstätte hegte«, erwiderte der Reisende. »Ich bewundere in allem seine Weisheit. Überall sehe ich Verschiedenheit, aber auch Ausgeglichenheit überall. Ihre Weltkugel ist klein, und klein sind auch die Bewohner. Sie haben wenig Empfindungen, Ihre Materie wenig Eigenschaften, alles das ist ein Werk der Vorsehung. Welche Farbe hat Ihre Sonne, wenn man es genau untersucht?« »Sie zeigt eine sehr gelbliche Weisse,« sagte der Saturnier, »und wenn wir einen ihrer Strahlen zerlegen, so finden wir, daß er sieben Farben enthält.« »Unsere Sonne neigt dem Roten zu,« sagte der Siriote, »und wir haben neununddreißig Grundfarben. Nicht eine einzige von allen den Sonnen, denen ich nahe gekommen bin, ist einer anderen ähnlich, wie es bei Ihnen kein Gesicht gibt, das nicht verschieden wäre von allen anderen.« Nach mehreren Fragen dieser Art erkundigte er sich, wieviele artverschiedene Wesenheiten man auf dem Saturn zähle. Er erfuhr, daß man ihrer nur ungefähr dreißig annähme, wie Gott, den Raum, die Materie, die mit Ausdehnung begabten Wesen, welche fühlen und denken, die denkenden Wesen, welche keine Ausdehnung haben, die Wesen, die einander durchdringen, solche, die einander nicht durchdringen usw. Der Siriote, bei dem man dreihundert zählte und der auf seinen Reisen noch dreitausend andere entdeckt hatte, setzte den Philosophen vom Saturn in maßloses Erstaunen. Nachdem sie einander ein wenig von dem mitgeteilt, was sie wußten, und gar viel von dem, was sie nicht wußten, und so einen Sonnenumlauf miteinander verschwatzt hatten, beschlossen sie endlich, eine kleine philosophische Reise zusammen zu unternehmen.   Drittes Reise der beiden Bewohner Kapitel: des Sirius und des Saturn. Unsere beiden Philosophen waren gerade bereit, mit einer recht hübschen Ausrüstung an mathematischen Instrumenten in die Atmosphäre des Saturns hinauszusegeln, als die Geliebte des Saturniers, die Wind davon bekommen hatte, unter Tränen herbeistürzte, um ihrerseits Verwahrung dagegen einzulegen. Sie war ein hübscher kleiner Braunkopf, der nur sechshundertundsechzig Klafter maß, aber durch vielerlei Zierlichkeiten diese Winzigkeit seines Körpers wieder ausglich. »Oh, du Grausamer,« schrie sie, »nachdem ich dir fünfzehnhundert Jahre lang widerstanden, willst du mich jetzt, da ich mich dir endlich hingegeben und kaum hundert Jahre in deinen Armen verbracht habe, nun willst du mich verlassen, um mit einem Riesen aus einer anderen Welt auf Reisen zu gehen? Geh, du bist nur neugierig, wahre Liebe hast du niemals gefühlt; wärest du ein echter Saturnier, würdest du auch treu sein. Wohin willst du, und was willst du? Unsere fünf Monde irren ja weniger herum als du, und unser Ring ist arm an Wechsel neben dir: aber das ist ausgemacht, niemals wieder werde ich jemanden lieben.« Der Philosoph umarmte sie und weinte mit ihr trotz all seiner Philosophie, und nachdem sie dann gründlich in Ohnmacht gefallen war, ging sie davon und tröstete sich mit einem kleinen einheimischen Schulmeister. Unterdessen reisten unsere beiden Wißbegierigen ab. Sie sprangen zuerst auf den Ring, den sie ziemlich flach fanden, wie ein erlauchter Bewohner Huygens. unserer kleinen Weltkugel richtig erraten hat, und von dort aus begaben sie sich von Mond zu Mond. An dem letzten flog ganz dicht ein Komet vorbei und sie sprangen mit ihrem Bedienten und ihren Instrumenten hinauf. Nachdem sie ungefähr hundertundfünfzig Millionen Meilen zurückgelegt hatten, begegneten sie den Trabanten des Jupiter. Sie stiegen auf den Jupiter selbst hinüber und verbrachten dort ein Jahr, in dessen Verlauf sie gar schöne Geheimnisse erfuhren, die gegenwärtig ohne die Herren Inquisitoren unter der Presse sein würden, denn diese fanden einige Behauptungen allzu schroff: ich habe aber das betreffende Manuskript in der Bücherei des hochwürdigen Bischofs von ... gelesen; er ließ mich alle seine Bücher mit der ihm eigenen Bereitwilligkeit und Güte sehen, welche man niemals genug wird preisen können. Wir wollen jedoch zu unseren Reisenden zurückkehren. Nachdem sie den Jupiter verlassen, durchquerten sie einen Raum von ungefähr hundert Millionen Meilen und kamen an dem Planeten Mars vorbei, der, wie man weiß, fünfmal kleiner ist als unsere kleine Kugel. Sie sahen zwei diesem Planeten dienende Monde, die den Blicken unserer Astronomen bisher entgangen sind. Ich weiß wohl, daß der Pater Castel gegen das Vorhandensein dieser beiden Monde sogar recht ergötzlich schreiben wird, aber ich wende mich an die, welche aus Übereinstimmungen Schlüsse zu ziehen gewöhnt sind. Diese wackeren Philosophen werden nämlich wissen, wie schwer es für den von der Sonne so weit entfernten Mars halten würde, dieser beiden Monde zu entbehren. Wie dem nun aber auch sein möchte, unsere beiden Freunde fanden den Mars so klein, daß sie dort keinen Platz zum Niederlegen und Schlafen zu finden fürchteten, und so setzten sie denn ihren Weg wie zwei Reisende fort, die ein schlechtes Dorfwirtshaus verschmähen und bis zur nächsten Stadt weiterwandern wollen. Aber der Siriote und sein Gefährte sollten es gar bald zu bereuen haben. Sie drangen lange vorwärts und fanden nichts. Endlich gewahrten sie ein Lichtchen ... die Erde; das war wahrlich zum Erbarmen für Leute, die vom Jupiter kamen. Aus Furcht jedoch, ein zweites Mal Grund zur Reue zu haben, beschlossen sie an Land zu steigen. Sie begaben sich auf den Schwanz des Kometen, fanden ein Nordlicht eben bereit, vertrauten sich ihm an und landeten auf der Erde am südlichen Ufer der Ostsee, und zwar am fünften Juli eintausendsiebenhundertundsiebenunddreißig neuen Stils.   Viertes Was ihnen auf der Kapitel: Erdkugel begegnete. Nachdem sie sich eine Weile ausgeruht hatten, aßen sie zu ihrem Frühstück zwei Berge, die ihre Bedienten ihnen ziemlich sauber zubereiteten. Darauf wollten sie das kleine Land, auf dem sie sich befanden, näher in Augenschein nehmen. Sie gingen zunächst von Norden nach Süden. Die gewöhnlichen Schritte des Sirioten und seiner Leute waren ungefähr dreißigtausend Fuß lang: der Zwerg vom Saturn lief atemlos hinterher, er mußte aber auch ungefähr zwölf Schritte machen, wenn der andere nur einmal zutrat. Man stelle sich (wenn derartige Vergleiche denn überhaupt erlaubt sind) ein recht kleines Schoßhündchen vor, das hinter einem Hauptmann der Garde des Königs von Preußen herlaufen wollte. Da die beiden Ausländer ziemlich schnell vorwärts kamen, hatten sie die Erdkugel in sechsunddreißig Stunden umschritten. Die Sonne, oder vielmehr die Erde macht diese Reise allerdings innerhalb eines Tages, aber man muß dabei bedenken, daß man weit bequemer geht, wenn man sich um seine eigene Achse dreht, als wenn man auf seinen Füßen marschiert. Sie gelangten also wieder auf den Punkt, von dem sie ausgegangen waren, nachdem sie unterwegs jene für sie kaum wahrnehmbare Pfütze, das Mittelländische Meer genannt, und jenen anderen kleinen Weiher gesehen hatten, der unter dem Namen der Große Ozean den ganzen Maulwurfshaufen umschließt. Beim Durchschreiten war's dem Zwerge niemals höher denn bis zu den Waden gegangen, und der Siriote hatte sich kaum die Fersen naßgemacht. Beim Kommen und Gehen, obenherum und untenherum, hatten sie alles getan, was nur irgend in ihrer Macht stand, um zu erkennen, ob diese Weltkugel bewohnt sei oder nicht. Sie bückten sich, legten sich nieder und tasteten überall umher, aber da weder ihre Augen noch ihre Hände in einem Verhältnis zu den kleinen Wesen standen, die hier einherkrochen, so machten sie nicht die geringste Wahrnehmung, die sie hätte vermuten lassen können, daß wir und unsere Mitbrüder, die anderen Bewohner dieser Erdkugel, der Ehre teilhaftig wären zu leben. Der Zwerg, der bisweilen ein wenig allzu schnell urteilte, entschied zunächst, daß es niemanden auf der Erde gebe, und sein erster Grund dafür war, daß er niemanden gesehen hatte. Mikromegas gab ihm höflich zu verstehen, daß solcherweise urteilen schlecht urteilen sei, »denn,« sagte er, »Sie schauen mit Ihren kleinen Augen gewisse Sterne fünfzigster Größe nicht, welche ich noch ganz deutlich wahrnehme, möchten Sie daraus schließen, daß diese Sterne nicht existieren?« »Aber ich habe ja auch sorgsam umhergetastet!« erwiderte der Zwerg. »Jedoch schlecht gefühlt«, antwortete der andere. »Aber,« rief der Zwerg, »diese Weltkugel ist doch so schlecht gestaltet, alles ist so unregelmäßig und von einer Form, die mich völlig lächerlich deucht, alles erscheint mir hier wie mitten im Chaos: sehen Sie nur diese schmalen Bäche, von denen keiner fadengrade läuft, und diese Teiche, die weder rund, noch viereckig, noch länglichrund, noch irgendwie sonst regelmäßig geformt sind, und all diese kleinen spitzigen Körner, mit denen diese Kugel ausgebuckelt ist und die mir die Füße aufgeschunden haben! (Er wollte von den Gebirgen sprechen.) Beachten Sie auch die Gestalt der ganzen Kugel, wie platt ist sie nicht an den Polen, wie ungeschickt dreht sie sich nicht um die Sonne, nämlich derart, daß die Gegenden um die Pole notwendig unfruchtbar sein müssen! Was mich im Letzten zu der Annahme treibt, es könne hier niemand leben, ist der Eindruck, daß vernünftige Leute nicht würden hierbleiben wollen.« »Gut,« sprach Mikromegas, »vielleicht sind es eben auch keine vernünftigen Leute, die hier wohnen. Jedenfalls hat es den Anschein, als sei dieses alles nicht für nichts und wieder nichts gemacht. Es erscheint Ihnen alles unregelmäßig hier, sagen Sie; ja, auf dem Saturn und dem Jupiter ist eben alles nach der Schnur gezogen! Vielleicht herrscht gerade aus diesem Grunde hier ein gewisser Wirrwarr. Habe ich Ihnen nicht schon gesagt, ich hätte auf meinen Reisen stets Mannigfaltigkeit angetroffen?« Auf alle diese Gründe erwiderte der Saturnier, und ihr Streit würde nie ein Ende genommen haben, hätte Mikromegas glücklicherweise nicht in der Hitze des Wortgefechts die Schnur seiner diamantenen Halskette zerrissen, so daß die Diamanten zu Boden fielen: es waren hübsche, kleine, ziemlich ungleichförmige Steine, von denen die größten vierhundert und die kleinsten fünfzig Pfund wogen. Der Zwerg hob einige auf, und als er sie vor seine Augen brachte, gewahrte er, daß die Diamanten durch die Art ihres Schliffes vortreffliche Vergrößerungsgläser waren. Er nahm also ein kleines Vergrößerungsglas von hundertundsechzig Fuß im Durchmesser und hielt es vor sein Auge; Mikromegas wählte eines von zweitausendfünfhundert Fuß. Sie waren vortrefflich, aber zunächst sah man mit ihrer Hilfe noch nichts, sie mußten erst richtig eingestellt werden. Endlich sah der Bewohner des Saturn etwas kaum Wahrnehmbares, das sich zwischen zwei Wogen in der Ostsee bewegte: es war ein Wal. Er ergriff ihn sehr geschickt mit dem kleinen Finger, legte ihn auf den Nagel seines Daumens und zeigte ihn dem Sirioten, der zum zweiten Male über das Übermaß von Winzigkeit der Bewohner unserer Weltkugel in ein lautes Gelächter ausbrach. Überführt, daß unsere Welt bewohnt sei, verfiel der Saturnier nun sofort darauf, zu wähnen, sie sei es nur von Walfischen, und da er ein großer Denker war, wünschte er festzustellen, woher so ein kleines Stäubchen seine Bewegung nähme, und ob es Vorstellungen, einen Willen und Freiheit dieses Willens besäße. Mikromegas ward dadurch sehr in Verlegenheit gesetzt, er untersuchte das Tier mit äußerster Geduld, und als Ergebnis dieser Untersuchung stellte er auf, es dürfe unmöglich angenommen werden, daß darin eine Seele wohne. Die beiden Reisenden neigten also dem Gedanken zu, daß auf unserem Erdenrund nichts Geistiges vorhanden sei, als sie mit Hilfe der Vergrößerungsgläser etwas entdeckten, das größer als ein Walfisch war und auf der Ostsee schwamm. Man weiß, daß gerade zu genau jener Zeit eine Philosophenschar vom Polarkreise zurückkehrte, wo sie Beobachtungen angestellt hatte, auf die bisher noch niemand verfallen war. Die Zeitungen berichteten, ihr Schiff sei im Bottnischen Meerbusen gescheitert, und sie hätten sich nur mit knapper Mühe retten können, aber man vermag eben in dieser Welt den Ereignissen niemals in die Karten zu sehen. Ich will genau erzählen, wie sich die Sache zutrug, ohne etwas von dem meinigen hinzuzutun, was für einen Geschichtsschreiber keine geringe Anstrengung bedeutet.   Fünftes Kapitel: Erfahrungen und Überlegungen der beiden Reisenden. Mikromegas langte mit der Hand behutsam nach der Stelle, wo der Gegenstand zu sehen war, streckte zwei Finger aus, zog sie aber im Augenblick darauf, aus Furcht fehlzugreifen, wieder zurück, öffnete und schloß sie dann endlich, erfaßte dabei mit großer Geschicklichkeit das Schiff, auf dem sich jene Herren befanden, hütete sich, aus Angst es zu zerquetschen, vor jedem Druck, und legte es wiederum auf seinen Nagel. »Wahrlich, dies Tier ist doch von dem ersten recht verschieden«, rief der Zwerg vom Saturn. Der Siriote legte das vermeintliche Tier in die hohle Hand. Die Reisenden und die Schiffsmannschaft, welche sich von einem Wirbelwinde emporgehoben geglaubt und sich jetzt auf einer Art Felsen wähnten, fingen alle an hin und her zu laufen; die Matrosen nahmen Weintonnen, warfen sie auf Mikromegas Hand und sprangen ihnen nach; die Geometer ergriffen ihre Quadranten, ihre Sektoren und ihre lappländischen Mädchen und kletterten auf die Finger des Sirioten herab. Es waren ihrer so viele, daß er endlich etwas sich regen fühlte, das ihm die Finger kitzelte. Die Gelehrten bohrten einen eisenbeschlagenen Stock einen Fuß tief in seinen Zeigefinger, und an diesem leisen Stechen erkannte er, daß aus dem kleinen Tier etwas auf seine Hand hinaus gekrochen sein mußte, aber mehr konnte er darüber noch nicht mutmaßen. Das Vergrößerungsglas, das einen Walfisch und ein Schiff gerade erkenntlich werden ließ, vermochte nichts über ein so winzig kleines Wesen, wie der Mensch es ist. Ich möchte niemandes Eitelkeit verletzen, bin aber verpflichtet, die Wichtigtuer zu bitten, hier mit mir eine kleine Betrachtung anzustellen: wenn man die Größe des Menschen ungefähr auf fünf Fuß ansetzt, so ist unsere Gestalt auf der Erde nicht größer als auf einer Kugel von zehn Fuß Umfang ein Tier aufragen würde, dessen Höhe ungefähr den sechshunderttausendsten Teil eines Daumens betrüge. Man stelle sich eine Wesenheit vor, welche die Erde in ihrer Hand zu halten vermöchte und Organe im Verhältnis zu den unseren besäße – und es könnte gar gut sein, daß eine große Zahl solcher Wesenheiten existiert – und nun bedenke man bitte, was sie über jene Schlachten denken würden, die uns zwei Dörfer eingebracht, welche dann wieder zurückgegeben werden mußten. Wenn irgendein Hauptmann der großen Grenadiere jemals dieses Werk lesen sollte, so wird er, des bin ich sicher, die Helme seiner Truppen um zwei ganze große Fuß erhöhen lassen, aber, ich sage es ihm im voraus, er mag es anstellen, wie er nur will, er und die Seinen werden doch immerdar unendlich klein bleiben. Welcher wunderbaren Feinfühligkeit bedurfte es also nicht seitens unseres Philosophen vom Sirius, dieser Stäubchen, von denen ich soeben gesprochen, gewahr zu werden. Als Leuwenhoek und Hartsoeker als erste die Samenkörner erblickten, aus denen wir entstehen, oder sie zu erblicken glaubten, machten sie nicht im entferntesten eine so erstaunliche Entdeckung. Welche Freude empfand nicht Mikromegas, als er jene kleinen Körperchen hin und her kribbeln sah, und alle ihre Wendungen und Vornahmen untersuchte und verfolgte! Wie schrie er nicht auf! mit welcher Freude drückte er nicht eines seiner Vergrößerungsgläser in die Hände seines Reisegefährten! »Ich sehe sie,« riefen alle beide zu gleicher Zeit, »oh, sie tragen Lasten, sie bücken sich, sie richten sich auf.« Und während sie dieses sprachen, zitterten ihnen die Hände vor Freude, so neue Dinge zu sehen, und vor Furcht, sie zu verlieren. Der Saturnier, der sich von einem Übermaß des Zweifels zu einem Übermaß der Gläubigkeit hinüberfreute, glaubte wahrzunehmen, daß sie an ihrer Fortpflanzung arbeiteten. »Oh,« rief er, »ich habe die Natur auf frischer Tat ertappt.« Ein von Fontenelle bei einem Bericht über naturwissenschaftliche Beobachtungen glücklich gefundener Ausdruck. Aber er ließ sich durch den Schein täuschen, was nur allzu oft geschieht, mag man sich nun eines Vergrößerungsglases bedienen oder nicht.   Sechstes Kapitel: Was ihnen mit den Menschen begegnete. Mikromegas, ein weit besserer Beobachter als sein Zwerg, erkannte deutlich, daß die Stäubchen miteinander sprachen, und machte seinen Gefährten darauf aufmerksam; doch mißmutig über seinen Irrtum in Sachen des Zeugungsgeschäftes, wollte dieser nicht glauben, daß derartige Tiergattungen einander Gedanken mitteilen könnten. Er sprach ebensoviele Sprachen wie der Siriote, aber er hörte die Stäubchen nicht, und so folgerte er, daß sie nicht sprechen könnten: wie sollten auch andererseits die Sprachorgane dieser kaum wahrnehmbaren Wesen gestaltet sein, und was konnten sie einander zu sagen haben? Um zu sprechen, muß man denken, oder wenigstens beinahe denken; dachten sie aber, so hatten sie auch so etwas wie eine Seele, und so etwas wie eine Seele dieser Tiergattung zuzuschreiben, erschien ihm völlig albern. »Sie haben ja doch aber,« rief der Siriote, »noch eben erst geglaubt, daß sie sich mit der Ausübung der Liebe befaßten, und glauben Sie, man könne der Liebe obliegen, ohne zu denken und Worte auszusprechen oder doch wenigstens sich einander verständlich zu machen? Wollen Sie gar aufstellen, daß es schwieriger sei, einen Vernunftgrund als ein Kind hervorzubringen? Für mich ist das eine wie das andere ein großes Rätsel. »Ich wage nicht mehr, weder etwas zu glauben, noch etwas zu bestreiten,« sagte der Zwerg, »ich habe keine Meinung mehr. Wir wollen zunächst diese Würmer zu untersuchen trachten – und erst nachher darüber streiten.« »Das war wohl gesprochen«, erwiderte Mikromegas. Und allsobald zog er eine Schere hervor, schnitt sich die Nägel, rollte aus dem Schnitzel seines Daumennagels auf der Stelle eine Art großen Sprachrohrs wie einen mächtigen Schalltrichter, und steckte sich die Spitze ins Ohr. Der obere Rand des Trichters umschloß das Schiff und die ganze Besatzung: auch die schwächste Stimme drang in die kreisförmig gelagerten Fasern des Nagels, so daß dank seines Erfindungsgeistes der Philosoph von dort oben deutlich das Summen der Käfer von hier unten vernahm. In wenigen Stunden gelangte er dahin, die einzelnen Worte zu unterscheiden und schließlich Französisch zu verstehen. Der Zwerg brachte es ebenfalls fertig, aber es wurde ihm viel schwerer. Mit jedem Augenblick wuchs das Erstaunen der Reisenden, sie hörten winzig kleine Milben ziemlich vernünftig sprechen: dieses Naturspiel dünkte ihnen unerklärlich. Man wird gerne glauben wollen, daß der Siriote und sein Zwerg vor Ungeduld brannten, mit den Stäubchen ein Gespräch anzuknüpfen, aber der Zwerg besorgte, seine Donnerstimme und gar die des Mikromegas möchte die Milben so völlig betäuben, daß sie nichts zu verstehen vermöchten. Es galt also die Stimmen zu dämpfen; zu diesem Behufe steckten sie sich eine Art kleiner Zahnstocher in den Mund, deren sehr verjüngte Enden dicht neben das Schiff hinunterragten. Der Siriote hielt den Zwerg auf seinen Knien, und das Schiff mit seiner Besatzung auf einem Nagel, er senkte den Kopf und flüsterte. Nach all diesen und noch vielen anderen Vorsichtsmaßregeln begann er endlich folgendermaßen seine Rede: »Unsichtbare Käfer, die im Abgrunde des Unendlich-Kleinen entstehen zu lassen der Hand des Schöpfers gefallen hat, ich danke ihm dafür, daß er mir solche unergründliche Geheimnisse zu offenbaren geruht. Vielleicht würde man an meinem Hofe euch anzuschauen verschmähen, ich aber verachte niemanden und trage euch meinen Schutz an.« Wenn jemals jemand erstaunt gewesen ist, so waren es die Leute, welche diese Worte vernahmen. Sie vermochten nicht zu erraten, woher sie kamen. Der Schiffspfarrer sagte die Teufelbeschwörungsgebete her, die Matrosen fluchten, und die Philosophen schufen schnell ein System, mit welchem sie es aber auch immer versuchten, sie konnten nie und nimmer erkennen, wer zu ihnen sprach. Der Zwerg vom Saturn, der eine etwas leisere Stimme als Mikromegas hatte, setzte ihnen nun in kurzen Worten auseinander, mit welcher Gattung sie es zu tun hätten, berichtete ihnen von der Reise vom Saturn herunter, sagte ihnen, wer Herr Mikromegas sei, und nachdem er sie wegen ihrer Kleinheit bedauert hatte, fragte er sie, ob sie sich stets in diesem elenden, der völligen Nichtsheit so dicht benachbarten Zustande befunden hätten, was sie auf einer Weltkugel trieben, die doch Walfischen zu gehören scheine, ob sie glücklich seien, ob sie sich vermehrten, ob sie eine Seele hätten und noch hundert dergleichen Fragen mehr. Ein Klugschwätzer aus der Philosophenschar, der etwas beherzter als seine Genossen und außerdem ärgerlich war, daß man an seiner Seele zweifelte, beobachtete den Fragesteller durch einen auf einen Quadranten gestellten Diopter, wechselte zweimal den Standort und sprach vom dritten aus folgendermaßen: »Weil Sie tausend Klafter von der Sohle bis zum Scheitel messen, Herr, bilden Sie sich wohl ein, Sie seien ein ...« »Tausend Klafter,« rief der Zwerg, »gerechter Himmel, woher kann er unsere Größe wissen! Tausend Klafter! Er irrt sich um keinen Zoll! Wie, dieses Staubkorn hat mich gemessen, es ist Mathematiker, es kennt meine Größe und ich, der ich es nur durch ein Vergrößerungsglas sehe, ich kenne die seine noch nicht.« »Ja, ich habe Sie gemessen,« sprach der Naturwissenschaftler, »und ich könnte gern auch noch Ihren großen Begleiter messen.« Der Vorschlag wurde angenommen; seine Exzellenz legten sich ihrer Länge nach hin, denn hätte er sich aufrecht hingestellt, so wäre sein Kopf allzu hoch über den Wolken gewesen. Unsere Philosophen steckten ihm einen großen Baum an einen Ort, den der Doktor Swift nennen würde, den ich mich aber aus meiner großen Achtung vor den Damen mit seinem Namen zu bezeichnen wohl hüten werde, und dann schlössen sie mit Hilfe einer Reihe zusammengebundener Dreiecke, daß das, was sie sahen, ein hundertundzwanzigtausend Fuß großer junger Mann sei. Da sprach Mikromegas die folgenden Worte: »Mehr als je sehe ich ein, daß man niemals über ein Ding nach seiner scheinbaren Größe urteilen soll. Oh Gott, der du Wesenheiten, die so verächtlich erscheinen, mit Verstand begabt hast, dir macht das Unendlich-Kleine ebensowenig wie das Unendlich-Große, und wenn's denn möglich ist, daß noch kleinere Wesen leben als diese hier, so könnten sogar sie einen höheren Verstand haben, als jene herrlichen Tiere, die ich im Himmel gesehen habe und deren Fuß allein diese Weltkugel bedecken würde, zu der ich hinuntergestiegen bin.« Einer der Philosophen antwortete ihm, er könne sich mit voller Gewißheit für versichert halten, daß es in der Tat vernunftbegabte Wesen gäbe, die um vieles kleiner seien als der Mensch. Er erzählte ihm nun, nicht alles, was Virgil Märchenhaftes über die Bienen berichtet hat, aber das, was Swammerdam entdeckt und Réaumur zergliedert hat. Und schließlich verkündete er ihm, daß es Tiere gäbe, die für die Bienen das seien, was die Biene für den Menschen ist und was der Siriote selber für jene unendlich großen Tiere sei, von denen er gesprochen, und wiederum diese großen Tiere für andere Wesenheiten, vor denen sie anzuschauen seien wie Staubgekörn. Allmählich wurde die Unterhaltung interessant, und Mikromegas sprach folgendermaßen:   Siebentes Kapitel: Gespräch mit den Menschen. »Oh ihr geistbegabten Atome, in denen seine Geschicklichkeit und seine Macht zu offenbaren dem ewigen Schöpfer hat gefallen wollen, ihr müsset doch gar reiner Freuden auf eurem Erdenballe genießen, denn da ihr nur so wenig Materie besitzet und ganz aus Geist gemacht erscheint, müsset ihr euer Leben damit verbringen, zu lieben und zu denken, denn das ist das wahre Leben des Geistes. Nirgendwo habe ich echte Glückseligkeit angetroffen, aber hienieden muß sie herrschen.« Auf diese Rede hin schüttelten alle Philosophen die Köpfe, und einer von ihnen, der die anderen an Freimütigkeit übertraf, gestand treuherzig, daß wenn man eine kleine Anzahl gar gering angesehener Bewohner ausnähme, so bestände der Rest aus einer Schar von Tollen, Bösen und Unglücklichen. »Wir haben,« sagte er, »mehr Materie, als uns nötig ist, um viel Böses zu tun, wenn anders das Böse von der Materie kommt, und zuviel Geist, wenn es dem Geiste entspringt. Ist Ihnen zum Beispiel wohl bekannt, daß zur Stunde, da ich zu Ihnen spreche, hunderttausend mit Hüten bedeckte Narren unserer Artung hunderttausend andere Tiere, die mit einem Turban bedeckt sind, töten oder von ihnen niedergemetzelt werden, und daß man es fast auf der ganzen Erde seit unvordenklichen Zeiten so gehalten hat?« Es ist der russisch-türkische Krieg von 1737 gemeint. Der Siriote erbebte und fragte, welches der Grund solcher entsetzlichen Kämpfe zwischen so gebrechlichen Tieren sein könne? »Es handelt sich,« erwiderte der Philosoph, »um einige Schmutzhaufen, Die Krim. die so groß wie Ihre Hacken sind! Und nicht etwa, daß ein einziger von diesen Millionen Menschen, die sich gegenseitig würgen, auch nur einen Strohhalm von diesem Erdhaufen forderte, sondern es handelt sich nur darum, festzustellen, ob sie einem gewissen Manne, den man Sultan nennt, oder einem anderen Manne gehören sollen, der, ich weiß nicht warum, Cäsar genannt wird. Weder der eine noch der andere hat jemals das kleine Fleckchen Erde gesehen, um das es sich handelt, noch wird einer von beiden es jemals sehen, und auch fast keines jener Tiere, die sich gegenseitig erwürgen, hat jemals das Tier erblickt, für das sie es tun.« »Oh ihr Elenden,« schrie der Siriote empört auf, »kann man einen solchen Taumel sinnloser Raserei fassen! Es kommt mich wahrlich die Lust an, drei Schritte zu machen und mit drei Fußtritten diesen ganzen Ameisenhaufen lächerlicher Mordgesellen zu zerstampfen.« »Geben Sie sich nicht die Mühe, sie wirken schon selber genug an ihrem Untergang. Vernehmen Sie, daß jedesmal nach Verlauf von zehn Jahren immer nur der hundertste Teil von diesen Elenden übrig bleibt; und hätten sie in dieser Zeit auch niemals das Schwert gezogen, Hunger, Anstrengung oder Unmäßigkeit rafft sie dennoch fast alle dahin. Überdies verdienen nicht sie bestraft zu werden, sondern jene faulenzenden Unholde, die von ihren Stuben aus um die Zeit ihrer Verdauung die Metzelei von einer Million Menschen befehlen und danach Gott dafür feierlich danken lassen.« Der Reisende fühlte sich von Mitleid ergriffen für die kleine menschliche Rasse, in der er so erstaunliche Widersprüche entdeckte. »Da ihr zu der kleinen Zahl der Weisen gehört,« sprach er zu den Herren, »und offenbar niemanden für Geld tötet, so sagt mir bitte, womit ihr euch beschäftigt?« »Wir zergliedern Fliegen,« antwortete der Philosoph, »wir messen Linien, wir stellen Zahlen zusammen, wir sind in zwei oder drei Punkten, die wir begriffen haben, einig miteinander, und streiten uns über zwei- oder dreitausend andere, die wir nicht verstehen.« Sofort ergriff den Sirioten und den Saturnier ein Gelüst, den denkenden Atomen allerlei Fragen zu stellen, um zu erfahren, in welchen Dingen sie denn einig miteinander seien? »Wie groß schätzt ihr die Entfernung vom Hundsstern bis zum großen Sternbild der Zwillinge?« Sie antworteten alle auf einmal: »Zweiunddreißig und einen halben Grad.« »Wie weit rechnet ihr von hier bis zum Mond?« »Rund gerechnet sechzig Erdradiusse.« »Wieviel wiegt eure Luft«, und damit glaubte er sie zu fangen, aber alle antworteten ihm, die Luft wöge ungefähr neunhundertmal weniger als ein gleiches Volumen leichtesten Wassers und neunzehntausendmal weniger als Dukatengold. Der kleine Zwerg vom Saturn war über ihre Antworten so erstaunt, daß er sich versucht fühlte, dieselben Leute, denen er eine Viertelstunde vorher noch den Besitz einer Seele abgesprochen, allesamt für Hexenmeister zu halten. Endlich sprach Mikromegas zu ihnen: »Da ihr so gut über das Bescheid wisset, was um euch ist, wisset ihr wahrscheinlich noch mehr über das, was in euch ist: so saget mir bitte, was eure Seele ist und auf welche Weise ihr eure Gedanken bildet?« Die Philosophen redeten wiederum alle auf einmal, aber sie waren alle verschiedener Meinung. Der älteste unter ihnen zitierte Aristoteles, ein anderer sprach den Namen Descartes aus, wieder ein anderer nannte Malebranche, ein vierter Leibniz, ein fünfter Locke. Ein alter Peripatetiker rief voller Selbstvertrauen ganz laut: »Die Seele ist eine Entelechie und eine Vernünftigkeit, aus der sie Kraft gewinnt, das zu sein, was sie ist, dies stellt Aristoteles ausdrücklich auf, Seite 633 der Ausgabe des Louvre: Έντελέχεια έστίusw. »Ich verstehe nicht allzu gut griechisch«, sagte der Riese. »Ich auch nicht«, sagte die philosophische Milbe. »Warum zitieren Sie dann aber einen gewissen Aristoteles auf griechisch?« fragte der Siriote. »Weil man doch eben,« erwiderte der Gelehrte, »das, was man gar nicht begreift, in der Sprache zitieren muß, die man am wenigsten versteht.« Nun ergriff der Kartesianer das Wort und sagte: »Die Seele ist eine reine Geistigkeit, welche schon im Leibe ihrer Mutter alle metaphysischen Begriffe empfängt und, wenn sie ihn verlassen hat, in die Schule gehen und dort alles von neuem lernen muß, was sie schon so gut wußte und niemals wieder wissen wird.« »Dann verlohnte es sich also nicht,« erwiderte das Achtmeilentier, »daß deine Seele im Bauch deiner Mutter schon so wissend war, wenn du mit dem Bart am Kinn so unwissend sein mußt. Aber was verstehst du unter Geist?« »Was fragen Sie mich da,« rief der Denker, »ich habe keine Ahnung, man sagt jedoch, er sei keine Materie!« »Weißt du dann wenigstens, was Materie ist?« »Gewiß!« erwiderte der Mensch. »Dieser Stein zum Beispiel ist grau, hat die und die Form und seine drei Dimensionen, er besitzt Schwere und ist teilbar!« »Wohlan,« rief der Siriote, »dies Ding da, das dir teilbar, schwer und grau zu sein scheint, willst du mir gefälligst sagen, was es ist? Du siehst nur ein paar Eigenschaften, aber den Urgrund des Dinges, kennst du den?« »Nein,« erwiderte der andere. »Also weißt du auch nicht, was Materie ist!« Darauf richtete Herr Mikromegas das Wort an einen anderen Weisen, den er ebenfalls auf seinem Daumen hielt, und fragte ihn, was denn seine Seele sei und was sie täte. »Nichts,« antwortete der philosophische Jünger des Malebranche, »Gott allein tut alles für mich, ich erblicke alles in ihm, tue alles in ihm, und er bewirkt alles, ohne daß ich daran teil habe.« »Überhaupt nicht da zu sein, käme auf dasselbe heraus«, entgegnete der Weise vom Sirius. »Und du, mein Freund,« wandte er sich an einen Leibnizianer, der ebenfalls da war, »was ist deine Seele?« »Sie ist,« erwiderte der Leibnizianer, »ein Zeiger, der die Stunden weiset, während mein Leib die Glocken spielen läßt, oder, wenn Sie so wollen, läßt auch meine Seele die Glocken spielen, während mein Leib die Stunden anzeigt, oder meine Seele ist der Spiegel des Weltalls und mein Leib der Rahmen des Spiegels, das ist doch völlig klar.« Ein kleiner Anhänger Lockes stand dicht daneben, und als endlich auch an ihn das Wort gerichtet wurde, sagte er: »Ich weiß nicht, auf welche Weise ich denke, aber ich weiß, daß ich niemals anders gedacht habe denn auf Veranlassung meiner Sinne. Daß es unkörperliche, geistige Wesenheiten gibt, daran zweifle ich nicht; daß es Gott aber unmöglich sein sollte, der Materie Geist zu verleihen, das bezweifle ich stark. Ich verehre die ewige Macht, und es steht mir nicht zu, sie zu begrenzen, ich stelle nichts auf, sondern bescheide mich, zu glauben, daß da mehr Dinge möglich sind, als man meinen möchte.« Das Tier vom Sirius lächelte, es fand diesen da nicht zum wenigsten weise, und der Zwerg gar würde ohne den ungeheuren körperlichen Größenunterschied den Locke-Anhänger in seine Arme geschlossen haben. Zum Unglück aber war noch ein anderes kleines Tierchen in viereckiger Mütze da, das allen anderen kleinen philosophischen Tierchen das Wort abschnitt; es sagte, ihm sei das ganze Geheimnis offenbar, denn es stände im Summarium des Thomas von Aquino, und darauf sah er die beiden Himmelsbewohner vom Kopf bis zu den Füßen an und machte ihnen klar, daß sie selber und ihre Monde, ihre Sonnen, ihre Sterne und alles einzig für den Menschen gemacht sei. Auf diese Rede hin warfen sich unsere beiden Reisenden einander in die Arme und erstickten beinahe in jenem nicht zu unterdrückenden Lachen, das nach Homer ein Gut der Götter ist; ihre Schultern und ihre Bäuche schüttelten sich, und in diesen Lachkrämpfen fiel das Schiff vom Nagel des Sirioten in eine Hosentasche des Saturniers hinab. Die beiden gutherzigen Riesen suchten lange danach, endlich fanden sie die Besatzung wieder und stellten sie fein säuberlich auf die Beine. Der Siriote hielt die kleinen Milben wieder in seiner Hand und sprach mit großer Güte zu ihnen, obgleich er auf dem Grunde seines Herzens ein wenig erbost darüber war, daß die unendlich Kleinen einen fast unendlich großen Dünkel besaßen. Er versprach ihnen, ein schönes philosophisches Buch für sie zu schreiben, und zwar eigens für ihren Gebrauch winzig klein. In diesem Buche sollten sie den Endzweck der Dinge angegeben finden. Und er überreichte ihnen vor seiner Abreise in der Tat dieses Buch: es wurde nach Paris in die Akademie der Wissenschaften getragen; als aber der Sekretär es öffnete, fand er nur leere Blätter: »Ah,« rief er, »ich hatte es geahnt!« Der Harmlose Eine wahre, den hinterlassenen Papieren des Pater Quesnel entnommene Geschichte. 1767   Erstes Kapitel: Wie der Prior Unserer lieben Frau vom Berge und sein Fräulein Schwester einem Huronen begegneten. Eines schönen Tages fuhr der fromme Dunstan, Irländer von Geburt und Heiliger von Beruf, von Irland auf einem kleinen Berge ab, welcher nach der französischen Küste hinüberschaukelte, und gelangte auf diesem Gefährt in die Bucht von Saint-Malo. Nachdem er ans Land gestiegen, erteilte er dem Berge seinen Segen; dieser verneigte sich zu wiederholten Malen tief vor ihm und schwamm dann auf demselben Wege, den er gekommen war, nach Irland zurück. Dunstan gründete in der Gegend ein kleines Kloster und gab ihm den Namen: die Abtei vom Berge, welchen es, wie jedermann weiß, noch heute trägt. Am Abend des 15. Juli im Jahre 1689 lustwandelte der Abt von Kerkabon, Prior Unserer lieben Frau vom Berge, mit Fräulein von Kerkabon, seiner Schwester, am Meeresufer, um frische Luft zu schöpfen. Der dem Greisenalter nahe Prior war ein vortrefflicher Geistlicher, der von seinen Nachbarn geliebt wurde, nachdem ihm ehemals so von seinen Nachbarinnen geschehen. Vor allem hatte ihm der Umstand ein großes Ansehen verschafft, daß er der einzige Pfründner des Landes war, den man nicht ins Bett tragen mußte, wenn er mit seinen Amtsbrüdern zusammen zu Nacht gespeist hatte. Er war ein wackerer Theologe, und wenn er es müde geworden, im Heiligen Augustin zu lesen, ergötzte er sich am Rabelais: so sprach denn auch jedermann gut von ihm. Fräulein von Kerkabon, die niemals verheiratet gewesen war, obgleich sie gar große Lust dazu verspürt hatte, besaß noch im Alter von fünfundvierzig Jahren die Frische der Jugend. Sie hatte ein freundliches, weiches Gemüt, liebte das Vergnügen und war fromm. Während der Prior auf das Meer hinausblickte, sagte er zu seiner Schwester: »Ach, hier war's, wo sich unser armer Bruder mit Frau von Kerkabon, seinem Weibe, unserer lieben Schwägerin, im Jahre 1669 auf der Fregatte »Die Schwalbe« einschiffte, um drüben in Kanada Dienste zu tun. Wäre er nicht getötet worden, dürften wir noch hoffen, ihn wiederzusehen.« »Glaubst du,« sagte Fräulein von Kerkabon, »daß unsere Schwägerin wirklich von den Irokesen gefressen worden ist, wie man uns mitgeteilt hat?« »Wäre sie nicht gefressen worden, so würde sie doch sicherlich in die Heimat zurückgekehrt sein. Ich werde sie bis an mein Lebensende beweinen, sie war eine reizende Frau, und unser Bruder war ein so gescheiter Mann, daß er sich gewißlich ein großes Vermögen erworben haben würde.« Während sie nun beide diesen Erinnerungen gar betrüblich nachhingen, sahen sie ein kleines Schiff von der Flut getragen in die Rencer Bucht einlaufen. Es waren Engländer, die allerlei Erzeugnisse ihres Landes verkaufen wollten; sie sprangen ans Land, ohne den Herrn Prior und sein Fräulein Schwester anzublicken, und diese fühlte sich von solch großem Mangel an Höflichkeit ihr gegenüber äußerst verletzt. Nicht ebenso benahm sich ein junger wohlgewachsener Mann, der mit einem Sprunge über die Köpfe seiner Gefährten hinweggesetzt war und nun dem gnädigen Fräulein gegenüberstand: er nickte ihr mit dem Kopfe zu, denn der Brauch, eine Verbeugung zu machen, war ihm nicht geläufig. Sein Antlitz und seine Kleidung zogen die Blicke des Bruders und der Schwester auf sich: er ging barhäuptig, seine Beine waren nackt, seine Füße staken in dünnen Sandalen, sein Haupt schmückten lange geflochtene Haare, ein kurzes Wams schnürte seinen zarten schlanken Rumpf, seine Miene war zugleich kriegerisch und sanft, und in der einen Hand hielt er eine kleine Flasche mit Antillenwasser, in der anderen eine Art Beutel; darinnen befanden sich ein Becher und gar treffliche Schiffszwiebacke. Er sprach völlig verständlich Französisch. Er bot der Fräulein von Kerkabon und ihrem Herrn Bruder von seinem Antillenwasser an, trank einen Schluck mit ihnen und nötigte sie dann noch einmal zum Trinken, und alles das in einer schlichten und so natürlichen Weise, daß Bruder und Schwester sich herzlich angetan fühlten. Sie boten ihm ihre Dienste an und fragten ihn, wer er sei und wohin er ginge? Der junge Mann erwiderte ihnen, er wisse es nicht, er sei nur neugierig, habe die französische Küste einmal sehen wollen, sei deshalb gekommen und würde nun wieder zurückfahren. Da der Herr Prior an seinem Tonfall hörte, daß er kein Engländer sei, nahm er sich die Freiheit, ihn zu fragen, aus welchem Lande er herstamme. »Ich bin Hurone,« erwiderte der junge Mann. Fräulein von Kerkabon, die erstaunt und entzückt zugleich war, einen Huronen zu sehen, der sich so artig gegen sie betragen hatte, lud den jungen Mann zum Abendessen ein; er ließ sich nicht zweimal bitten, und so begaben sich denn alle drei gemeinschaftlich nach dem Kloster Unserer lieben Frau vom Berge. Das kurze runde Fräulein besah ihn aus all ihren kleinen Augen und sagte von Zeit zu Zeit zum Prior: »Dieser große Junge hat eine Lilien- und Rosenhaut, gar zu schön für einen Huronen!« »Du hast recht, meine Schwester«, erwiderte der Prior. Sie stellte Schlag auf Schlag wohl an die hundert Fragen, und der Reisende beantwortete sie stets richtig und gut. Bald verbreitete sich das Gerücht, daß sich ein Hurone im Kloster aufhalte. Die gute Gesellschaft des Kreises beeilte sich, sich dort zum Nachtmahle einzufinden. Der Abt von Saint-Yves erschien mit seiner Fräulein Schwester, einer sehr hübschen und trefflich erzogenen Niederbretonin. Auch der Amtmann und der Steuereinnehmer nahmen mit ihren Frauen an dem Abendessen teil. Man setzte den Fremden zwischen Fräulein von Kerkabon und Fräulein von Saint-Yves. Alle sahen ihn mit Bewunderung an, und alle sprachen zu ihm und fragten ihn zu gleicher Zeit; der Hurone ließ sich dadurch nicht verwirren, er schien den Wahlspruch des Lord Bolingbroke: »Nihil admirari« auch zu dem seinen gemacht zu haben; schließlich jedoch rief er verzweifelt über all den Lärm mit einiger Sanftmut: »Meine Herren, in meiner Heimat spricht stets einer nach dem anderen, wie soll ich es anfangen, Ihnen zu antworten, wenn Sie mich selber daran hindern, Sie zu verstehen?« Die Vernunft vermag die Menschen stets für einige Augenblicke zur Selbstbesinnung zu bringen, und so trat denn auch jetzt ein tiefes Schweigen ein. Der Herr Amtmann, welcher sich stets der Fremden bemächtigte, in welchem Hause er auch immer sein mochte, und außerdem der größte Fragesteller der Provinz war, öffnete jetzt seinen Mund einen halben Fuß weit und sprach: »Wie heißen Sie, mein Herr?« »Man hat mich stets den Harmlosen genannt,« erwiderte der Hurone, »und dieser Name ist mir in England bestätigt worden, weil ich stets gar kindlich heraussage, was ich denke, und immer tue, was ich will.« »Wie haben Sie, mein Herr, als geborener Hurone nach England gelangen können?« »Man hat mich dorthin gebracht, ich bin in einem Kampfe von den Engländern zum Gefangenen gemacht worden, nachdem ich mich wacker verteidigt hatte, und da die Engländer Tapferkeit lieben, weil sie selber tapfer und ebenso höflich sind wie wir, machten sie mir den Vorschlag, mich entweder meinen Eltern wiederzugeben oder mich nach England mitzunehmen; da entschloß ich mich zu dem letzten, weil ich von Natur leidenschaftlich gern fremde Länder sehe.« »Wie, mein Herr,« rief der Amtmann in seinem gewaltigen Ton, »haben Sie dergestalt Vater und Mutter verlassen können?« »Weil ich weder Vater noch Mutter gekannt habe,« erwiderte der Fremde. Die Gesellschaft war gerührt und jedermann wiederholte »Weder Vater noch Mutter!« »Wir wollen ihm beides ersetzen,« sagte die Herrin des Hauses zu ihrem Bruder, dem Prior, »dieser Herr Hurone ist so äußerst interessant!« Der Harmlose dankte ihr mit edler und stolzer Herzlichkeit und gab ihr zu verstehen, daß er keiner Sache bedürftig sei. »Ich bemerke, Herr Harmlos,« sagte der würdige Amtmann, »daß Sie besser Französisch sprechen, als einem Huronen gegeben sein möchte!« »Ein Franzose, den wir in meiner Kindheit im Huronenlande zum Gefangenen gemacht hatten und mit dem mich eine gar herzliche Freundschaft verband, hat mich seine Sprache gelehrt. Ich lerne sehr schnell, was ich lernen will. Bei meiner Ankunft in Plymouth begegnete ich einem Ihrer geflüchteten Franzosen, die Sie, ich weiß nicht warum, Hugenotten nennen; er hat mir zu weiteren Fortschritten in der Kenntnis Ihrer Sprache verholfen, und sobald ich mich nur erst verständlich auszudrücken vermochte, bin ich in Ihr Land hinübergekommen, denn ich liebe die Franzosen von Herzen, sobald sie nicht allzuviele Fragen stellen.« Trotz dieses kleinen Vorbehaltes fragte ihn der Abt von Saint-Yves nun, welche der drei Sprachen ihm am meisten gefalle, Huronisch, Englisch oder Französisch? »Huronisch unstreitig«, antwortete der Harmlose. »Ist es möglich,« rief Fräulein von Kerkabon, »ich hatte stets geglaubt, daß nach dem Niederbretonischen Französisch die schönste von allen Sprachen sei.« Nun galt's den Harmlosen zu fragen, wie Tabak auf huronisch heiße, und er antwortete »taya«, und wie Essen, er antwortete »essenten«. Fräulein von Kerkabon wollte durchaus wissen, wie man die Ausübung der Liebe benenne, er antwortete »trovander« Alle diese Worte sind tatsächlich huronisch. und behauptete nicht völlig unrichtig, daß alle diese Worte die entsprechenden französischen und englischen gar wohl aufwögen. »Trovander« dünkte allen Geladenen sehr hübsch. Der Herr Prior hatte in seiner Bibliothek eine huronische Grammatik, die ihm der ehrwürdige Pater Sagar Theodat, ein berühmter Franziskaner-Missionar, zum Geschenk gemacht, und erhob sich nun für einen Augenblick von Tisch, um sie zu befragen. Ganz außer Atem vor Liebe und Freude kehrte er zurück und erkannte den Harmlosen für einen echten Huronen. Man stritt ein wenig über die Mannigfaltigkeit der Sprachen und kam schließlich dahin überein, daß ohne den Vorfall des Turmbaues zu Babel die ganze Erde Französisch sprechen würde. Der fragsüchtige Amtmann, welcher bis dahin einiges Mißtrauen in die Persönlichkeit des Harmlosen gesetzt hatte, gewann nun die größte Achtung für ihn und befleißigte sich ihm gegenüber in seiner Redeweise weit größerer Höflichkeit als bisher, was der Harmlose nicht beachtete. Fräulein von Saint-Yves war äußerst begierig zu erfahren, auf welche Weise man im Lande der Huronen Liebe bezeige. »Indem man schöne Handlungen begeht, um den Frauenzimmern zu gefallen, die Ihnen ähnlich sind«, erwiderte der Harmlose. Alle Geladenen klatschten staunend Beifall. Fräulein von Saint-Yves errötete und war glücklich. Fräulein von Kerkabon errötete ebenfalls, war aber nicht ebenso zufrieden; sie fühlte sich ein wenig gekränkt, daß die Artigkeit nicht an sie gerichtet gewesen war. Bei ihrer Herzensgüte tat dieses jedoch ihrer Zuneigung zu dem Huronen keinerlei Abbruch; sie fragte ihn mit vieler Freundlichkeit, wieviele Liebchen er im Huronenlande gehabt habe? »Ein einziges nur,« erwiderte der Harmlose, »es war Fräulein Abacaba, eine nahe Freundin meiner lieben Pflegemutter. Schilf ist nicht schlanker, Hermelin nicht weißer, ein Lamm nicht sanfter, ein Adler nicht weniger stolz und die Hirsche nicht leichtfüßiger als Abacaba war. Eines Tages verfolgte sie in unserer Nachbarschaft, ungefähr fünfzig Meilen von unserer Wohnstatt entfernt, einen Hasen, und ein schlecht erzogener Algonkin, der um hundert Meilen weiter entfernt wohnte, nahm ihr ihren Hasen fort. Ich erfuhr es, eilte hinzu, schmetterte den Algonkin mit einem Keulenschlage zu Boden und schleppte ihn mit gebundenen Füßen und Fäusten vor meine Geliebte. Die Eltern Abacabas wollten ihn aufessen, aber ich habe an derlei Schmausereien niemals Geschmack finden können; so gab ich ihm denn seine Freiheit wieder und machte ihn zu meinem Freunde. Abacaba war von meinem Vorgehen so gerührt, daß sie mir vor all ihren Liebhabern den Vorzug gab: wäre sie nicht von einem Bären aufgefressen worden, würde sie mich noch immer lieben; den Bären habe ich bestraft und lange sein Fell getragen, aber das hat mich nicht getröstet.« Bei dieser Erzählung empfand Fräulein von Saint-Yves eine heimliche Freude daran, zu erfahren, daß der Harmlose nur eine Geliebte gehabt hatte und daß Abacaba nun nicht mehr sei; die Ursache ihrer Freudigkeit erriet sie jedoch nicht. Aller Augen waren auf den Harmlosen gerichtet, und man lobte ihn von Herzen, daß er seine Gefährten verhindert hatte, einen Algonkin aufzuessen. Der unerbittliche Amtmann, der seine Fragewut nicht zu unterdrücken vermochte, trieb die Neugierde schließlich so weit, wissen zu wollen, welche Religion der Herr Hurone bekenne, und ob er sich für die anglikanische, die gallikanische oder die hugenottische entschieden habe. »Ich bekenne meine Religion,« entgegnete er, »wie Sie die Ihre.« »Oh,« rief die Kerkabonin, »offenbar haben die unglücklichen Engländer noch nicht einmal daran gedacht, ihn zu taufen!« »Gott, mein Gott,« sagte Fräulein von Saint-Yves, »wie kann es sein, daß die Huronen keine Katholiken sind? Haben die ehrwürdigen Jesuitenväter sie denn nicht alle bekehrt?« Der Harmlose versicherte, daß sich in seiner Heimat niemand bekehren lasse, daß ein echter Hurone noch niemals seine Meinung geändert habe, ja, daß es in seiner Sprache nicht einmal einen Ausdruck für den Begriff der Unbeständigkeit gäbe. Diese letzten Worte gefielen Fräulein von Saint-Yves über die Maßen. »Wir werden ihn taufen, wir werden ihn taufen«, sagte die Kerkabonin zu dem Herrn Prior. »Du, mein lieber Bruder, wirst alle Ehre davon haben, ich aber will unter allen Umständen seine Patin sein. Der Herr Abt von Saint-Yves soll ihn über das Taufbecken halten! Welch glänzende Feier wird das nicht werden, in der ganzen Niederbretagne wird man davon sprechen, und uns wird unendliche Ehre daraus erwachsen!« Die ganze Gesellschaft stimmte der Herrin des Hauses bei, alle Geladenen riefen: »Wir werden ihn taufen.« Der Harmlose erwiderte, daß man in England die Leute nach ihrem eigenen Gefallen leben ließe. Er gab zu erkennen, daß der Vorschlag ihm keineswegs behage, daß das göttliche Gesetz der Huronen zum mindesten ebensogut sei, wie das der Niederbretonen, und schließlich sagte er, er würde schon am nächsten Morgen wieder abreisen. Man trank nun seine Flasche mit Antillenwasser bis auf die Neige aus, und dann ging jedermann zu Bett. Nachdem der Harmlose in sein Zimmer geführt worden war, konnten Fräulein von Kerkabon und ihre Freundin, Fräulein von Saint-Yves, es nicht unterlassen, durch ein recht großes Schlüsselloch zu schauen, um zu sehen, wie ein Hurone schlafe. Sie sahen, daß er die Decke aus dem Bett auf die Diele gebreitet hatte und in der schönsten Stellung von der Welt darauf ruhte.   Zweites Kapitel: Der Hurone, genannt der Harmlose, wird von seinen Verwandten erkannt. Seiner Gewohnheit gemäß erwachte der Harmlose mit der Sonne beim ersten Krähen des Hahns, den man in England und im Lande der Huronen die Trompete des Tages nennt. Der Harmlose war nicht wie die feinen Leute, die auf müßigem Lager dahindämmern, bis die Sonne die Hälfte ihres Weges zurückgelegt hat, und die weder schlafen noch sich erheben können und dergestalt viele kostbare Stunden in einem mittleren Zustande zwischen Leben und Tod verlieren, und sich dann noch beklagen, daß das Leben so kurz sei. Er hatte bereits zwei oder drei Meilen zurückgelegt und schon dreißig Stück Wild mit der Kugel getötet, als er zurückkehrend den Herrn Prior Unserer lieben Frau vom Berge und seine keusche Schwester in Nachtmützen in ihrem Garten lustwandelnd antraf. Er übergab ihnen seine gesamte Jagdbeute, und darauf zog er aus seinem Hemde, eine Art kleinen Talisman, den er stets am Halse trug, und bat sie, ihn als Dank für die freundliche Aufnahme anzunehmen. »Es ist das Kostbarste, was ich besitze«, sprach er; »man hat mir versichert, ich würde stets glücklich sein, solange ich dieses kleine Ding an mir trüge; ich schenke es Ihnen, auf daß Sie stets glücklich sein möchten.« Der Prior und das gnädige Fräulein lächelten gerührt über die Kindlichkeit des Harmlosen: das Geschenk bestand aus zwei kleinen, ziemlich schlecht gemachten Bildnissen, welche von einem sehr fettigen Lederriemchen zusammengehalten wurden. Fräulein von Kerkabon fragte ihn, ob es im Huronenlande Maler gäbe. »Nein,« sagte der Harmlose, »dieses kleine Wunderding stammt von meiner Pflegemutter, ihr Gatte hatte es sich erobert, als er etliche Franzosen aus Kanada, welche mit uns Krieg führten, ausplünderte; das ist alles, was ich darüber erfahren habe.« Der Prior betrachtete die beiden Bildnisse aufmerksam, wechselte die Farbe und rief ergriffen und mit zitternden Händen: »Bei Unserer lieben Frau vom Berge, ich glaube, das ist das Antlitz meines Bruders, des Hauptmannes, und das seines Weibes!« Nachdem das gnädige Fräulein die Bildnisse ebenfalls betrachtet hatte, fällte sie, im Innersten bewegt, ein gleiches Urteil; beide fühlten sich von Verwunderung und einer mit Schmerz gemischten Freude ergriffen, beide überkam Rührung und beide weinten; ihre Herzen klopften, Ausruf über Ausruf drängte sich über ihre Lippen, sie nahmen sich gegenseitig die Bildnisse aus den Händen, jedes von ihnen ergriff sie und gab sie wohl an die zwanzigmal in einer Sekunde wieder zurück; sie verschlangen die Bildnisse und den Huronen mit ihren Augen und fragten ihn nacheinander und dann wieder zugleich, an welchem Orte, zu welcher Zeit und auf welche Weise diese kleinen Bilder in die Hände seiner Pflegemutter gelangt seien. Sie verglichen und berechneten die Zeit seit der Abreise des Hauptmanns und erinnerten sich, Nachricht bekommen zu haben, daß er bis zum Lande der Huronen vorgedrungen sei, seitdem hatten sie dann nie wieder etwas von ihm gehört. Der Harmlose hatte ihnen gesagt, daß er weder Vater noch Mutter gekannt habe. Der Prior, der ein kluger Kopf war, bemerkte, daß der Harmlose einen Anflug von Bart hatte, und wußte sehr wohl, daß dies bei den Huronen nicht vorkommt, er sagte daher: »Sein Kinn ist beflaumt, er ist also der Sohn eines Europäers! Mein Bruder und meine Schwägerin tauchten nach dem Streifzuge gegen die Huronen im Jahre 1669 nicht wieder auf, mein Neffe muß damals noch ein Säugling gewesen sein! Die huronische Pflegemutter hat ihm das Leben gerettet und ihm die Mutter ersetzt.« Nach hundert Fragen und Antworten folgerten der Prior und seine Schwester endlich, daß der Hurone ihr leiblicher Neffe sei. Unter Tränen umarmten sie ihn, und der Harmlose lachte, da er sich nicht vorstellen konnte, daß ein Hurone der Neffe eines niederbretonischen Priors sei. Unterdessen kam die ganze Gesellschaft herunter, und Herr von Saint-Yves, der ein großer Physiognomiker war, verglich die beiden Bildnisse mit dem Gesicht des Harmlosen und wies sehr geschickt nach, daß er die Augen von der Mutter, Stirn und Nase von dem verstorbenen Herrn Hauptmann von Kerkabon und die Backen von beiden habe. Fräulein von Saint-Yves, welche weder den Vater noch die Mutter jemals gesehen, versicherte, daß der Harmlose ihnen völlig ähnlich sei. Darauf bewunderten alle die Vorsehung und die Verkettung der Ereignisse auf dieser Welt. Schließlich war man so durchdrungen, so überzeugt von der Abstammung des Harmlosen, daß er selber dareinwilligte, der Neffe des Herrn Priors zu sein, was er mit den Worten tat, er wolle ihn gerade so gern zum Onkel haben wie irgend sonst jemanden. Man begab sich in die Kirche Unserer lieben Frau vom Berge, um Gott Dank zu sagen, der Hurone ging unterdessen völlig gleichmütig ins Haus, um einen Schluck zu trinken. Die Engländer, die ihn hergebracht hatten und jetzt im Begriff waren, die Segel zu setzen, kamen, um ihm zu melden, daß es Zeit zur Abreise sei. »Oh,« rief er, »offenbar habt ihr hier keine Onkel und keine Tanten gefunden, ich meinerseits bleibe hier! Kehret immer nach Plymouth zurück, ich schenke euch all meine Sachen, denn ich brauche sie nicht mehr, da ich Neffe eines Priors geworden bin.« Die Engländer stachen also in See und schierten sich herzlich wenig darum, ob der Harmlose Verwandte in der Niederbretagne hatte oder nicht. Nachdem der Onkel, die Tante und die Gäste das Tedeum gesungen, nachdem der Amtmann den Harmlosen noch einmal mit Fragen überschüttet und man alles erschöpft hatte, was Erstaunen, Freude und Zärtlichkeit auf die Lippen legen können, beschlossen der Prior vom Berge und der Abt von Saint-Yves, den Harmlosen schnellstens zu taufen. Das war jedoch bei einem großen Huronen von zweiundzwanzig Jahren nicht so leicht wie bei einem Kinde, das man wiedergebärt, ohne daß es etwas davon weiß. Der Harmlose mußte unterrichtet werden, und das erschien schwierig, denn der Abt von Saint-Yves vermutete, ein Mensch, der nicht in Frankreich geboren sei, könne unmöglich einen gesunden Verstand haben. Der Prior wies nun die Gesellschaft darauf hin, daß, wenn der Harmlose, sein Neffe, auch nicht das Glück gehabt habe, in der Niederbretagne geboren zu werden, er darum doch nicht weniger Verstand besäße, dies könne man aus allen seinen Antworten entnehmen, sicherlich habe die Natur ihn sowohl von seiten des Vaters wie von der Mutter Seite außerordentlich begünstigt. Man fragte ihn nun zunächst, ob er jemals irgendein Buch gelesen habe. Er erwiderte, er habe Rabelais in einer englischen Übersetzung gelesen und ein paar Stellen aus dem Shakespeare, die er auswendig wisse; diese Bücher habe er bei dem Kapitän des Schiffes gefunden, mit dem er von Amerika nach Plymouth gekommen sei, und sie hätten ihm sehr gefallen. Der Amtmann verfehlte nicht, ihn über diese Bücher eingehend zu befragen. »Ich gestehe Ihnen,« erwiderte der Harmlose, »daß ich allerlei darin zu erraten glaubte und das übrige nicht verstanden habe.« Der Abt von Saint-Yves bedachte bei diesen Worten, daß er selber ja stets in dieser Weise gelesen habe, und daß die meisten Menschen es kaum anders täten. »Zweifellos haben Sie die Bibel gelesen?« fragte er nun den Huronen. »Keineswegs, Herr Abt, sie befand sich nicht unter den Büchern des Kapitäns, und ich habe auch niemals von ihr sprechen gehört!« »So sind diese ruchlosen Engländer,« rief Fräulein von Kerkabon, »sie machen mehr Aufhebens von einem Stück Shakespeares, von einem Plumpudding und von einer Flasche Rum als vom Pentateuch; so haben sie denn auch keine einzige Seele in Amerika bekehrt, sie sind gewißlich von Gott verflucht, und wir werden ihnen Jamaika und Virginia fortnehmen, noch ehe sie sich's versehen.« Wie dem nun immer sein mochte, jedenfalls ließ man den geschicktesten Schneider von Saint-Malo kommen, um den Harmlosen von Kopf bis zu Fuß einzukleiden. Die Gesellschaft trennte sich: der Amtmann ging woanders seine Fragen stellen, Fräulein von Saint-Yves wandte sich scheidend zu mehreren Malen um, um den Harmlosen anzusehen, und er verneigte sich tiefer vor ihr, als er sonst jemals in seinem Leben vor irgend jemandem getan. Ehe der Amtmann sich verabschiedete, stellte er Fräulein von Saint-Yves einen großen Tölpel von Sohn vor, der gerade die Schule hinter sich hatte, sie sah ihn jedoch kaum an, so sehr war sie mit der Höflichkeit des Huronen beschäftigt.   Drittes Kapitel: Der Hurone, der Harmlose genannt, wird bekehrt. Da der Herr Prior gewahr ward, daß ihn das Alter bereits ein wenig drückte, und Gott ihm zu seinem Troste einen Neffen gesandt, setzte er es sich in den Kopf, er könne ihm seine Pfründe abtreten, wenn es ihm gelänge, ihn zu taufen und zum Eintritt in den Orden zu bewegen. Der Harmlose hatte ein vortreffliches Gedächtnis; die Festigkeit der Organe eines Niederbretonen, gekräftigt durch das kanadische Klima, hatte seinen Kopf so stark gemacht, daß er es kaum fühlte, wenn man heranklopfte, und daß sich nichts darin verwischte, was man einmal hineingeprägt. Er hatte noch niemals etwas vergessen, und seine Aufnahmefähigkeit war um so lebhafter und klarer, als seine Kindheit nicht wie die unsere mit unnützen Dummheiten beladen gewesen war; die Dinge wurden von seinem Gehirn frei von Dunst und Nebel aufgenommen. Schließlich entschloß sich der Prior, ihm das Neue Testament zu lesen zu geben. Der Harmlose verschlang es mit großem Vergnügen, da er jedoch weder wußte, in welcher Zeit noch in welchem Lande sich die Dinge zugetragen, von denen das Buch berichtete, so zweifelte er nicht daran, daß der Schauplatz der Ereignisse die Niederbretagne sei, und schwor, er wolle Kaiphas und Pilatus Nase und Ohren abschneiden, falls er diesen Schurken jemals begegnen sollte. Entzückt über so treffliche Anlagen, machte sein Onkel ihn bald mit den genauen Tatsachen bekannt; er lobte zwar seinen Eifer, sagte ihm aber auch, daß dieser Eifer nutzlos sei, weil alle jene Leute nämlich vor ungefähr sechzehnhundertundneunzig Jahren gestorben seien. Bald wußte der Harmlose das ganze Buch auswendig. Bisweilen stellte er jedoch so schwierige Fragen, daß der Prior sich sehr in der Enge fühlte, gar oft sah er sich gezwungen, den Abt von Saint-Yves zu Rate zu ziehen, und dieser, der schließlich gleichfalls nicht mehr wußte, was er antworten sollte, ließ einen niederbretonischen Jesuiten kommen, auf daß er die Bekehrung des Huronen vollende. Endlich ward die Gnade wirksam. Der Harmlose versprach, Christ zu werden, und wähnte, daß er damit beginnen müsse, sich beschneiden zu lassen. »Denn,« so sagte er sich, »in dem Buche, das man mich hat lesen lassen, sehe ich nicht eine einzige Persönlichkeit, die nicht beschnitten gewesen wäre, es erhellt daraus also deutlich, daß ich meine Vorhaut zum Opfer bringen muß, also: je eher, je besser!« Er zögerte nicht, sondern ließ den Wunddoktor des Dorfes holen und bat ihn, den Schnitt an ihm vorzunehmen, und war überzeugt, Fräulein von Kerkabon und die ganze Gesellschaft unendlich zu erfreuen, wenn die Sache nur erst einmal geschehen sein würde. Der Frater, der diese Operation noch niemals ausgeführt hatte, setzte die Familie in Kenntnis und diese brach in ein lautes Wehgeschrei aus: die gute Kerkabonin fürchtete vor allem, ihr Neffe, der entschlossen und schnell bei der Hand erschien, möchte gar die Operation selber ungeschickt ausführen und daraus dann gewisse traurige Folgen entspringen, als an welchen die Damen aus reiner Seelengüte stets den größten Anteil nehmen. Der Prior klärte die Vorstellungen des Huronen und bewies ihm, daß die Beschneidung nicht mehr Mode, die Taufe weit sanfter und ersprießlicher und das Gesetz der Gnade nicht gleich dem Gesetz der Strenge sei. Der Harmlose, der viel gesunden Verstand und Gradsinn besaß, stritt zunächst, sah dann aber seinen Irrtum ein, was bei Leuten, die streiten, in Europa ziemlich selten ist, und versprach endlich, sich taufen zu lassen, wann immer man wolle. Doch vorher mußte er beichten, und das war das schwierigste. Der Harmlose trug das Buch, das ihm sein Onkel gegeben, stets in seiner Tasche bei sich, und er konnte darin nicht finden, daß auch nur ein einziger Apostel gebeichtet hatte, das machte ihn sehr widerspenstig. Der Prior schloß ihm den Mund, indem er ihm in der Epistel Sankt Jakobs des Jüngeren jene Worte nachwies, welche den Ketzern so viel Mühe bereiten: »Beichtet euch eure Sünden untereinander«. Der Hurone verstummte und beichtete einem Franziskaner, und als er fertig war, zog er den Franziskaner aus dem Beichtstuhl hervor, ergriff ihn mit starker Faust, setzte sich an seinen Platz und zwang ihn vor sich in die Kniee: »Auf, mein Freund,« rief er, »es steht geschrieben: beichtet euch eure Sünden untereinander; ich habe dir meine Sünden erzählt, und nun sollst du von hier nicht früher wegkommen, als bis du mir nicht auch die deinen erzählt hast.« Und während er dieses sagte, stemmte er sein breites Knie gegen die Brust der gegnerischen Partei. Der Franziskaner brach in ein Geheul aus, das in der Kirche widerhallte; man lief auf den Lärm hin zusammen und sah den Konfirmanden, der im Namen Sankt Jakobs des Jüngeren den Mönch mit seinen Fäusten bearbeitete. Die Freude, einen niederbretonischen Huronen und Engländer zu taufen, war so groß, daß man all diese Absonderlichkeiten geduldig hinnahm, außerdem gab es ja sogar viele Theologen, welche meinten, die Beichte sei nicht unbedingt notwendig, da die Taufe ja alles ersetze. Man verabredete einen bestimmten Tag mit dem Bischof von Saint-Malo, der über die Aussicht, einen Huronen zu taufen, wie man sich denken kann, äußerst geschmeichelt in prächtigem Aufzuge, umgeben von seiner Geistlichkeit, zur Stelle kam. Fräulein von Saint-Yves pries Gott, zog ihr schönstes Kleid an und ließ aus Saint-Malo eine Haarkräuslerin kommen, um bei der Feierlichkeit aufs schönste zu glänzen. Der fragesüchtige Amtmann eilte mit der ganzen Gegend herbei, und die Kirche war aufs prächtigste ausgeschmückt, doch als nun der Hurone ergriffen werden sollte, um ans Taufbecken geführt zu werden, war er nirgends zu finden. Der Onkel und die Tante suchten ihn überall, man glaubte, er würde wohl seiner Gewohnheit gemäß auf der Jagd sein, und so durchstreiften denn alle Festteilnehmer die benachbarten Wälder und Dörfer, doch nirgends eine Spur von dem Huronen. Man begann zu fürchten, er möchte nach England zurückgekehrt sein, denn man entsann sich, ihn sagen gehört zu haben, daß er dieses Land gar herzlich liebe. Der Herr Prior und seine Schwester waren schon überzeugt, daß niemand getauft werden würde und zitterten für die Seele ihres Neffen, der Bischof war bestürzt und auf dem Sprunge heimzukehren, der Prior und der Abt von Saint-Yves waren verzweifelt, der Amtmann fragte mit seiner gewöhnlichen Würdigkeit alle Vorübergehenden aus, Fräulein von Kerkabon weinte, Fräulein von Saint-Yves weinte nicht, aber sie stieß tiefe Seufzer aus, die von ihrem Gefallen an den heiligen Sakramenten Zeugnis abzulegen schienen. Die beiden Damen wandelten traurig an den Weiden und Schilfbüschen dahin, welche den kleinen Rencer Bach einfassen, als sie plötzlich in der Mitte des Baches eine hohe, ziemlich weiße Gestalt mit über der Brust gekreuzten Händen erblickten. Sie stießen einen lauten Schrei aus und wandten sich ab; ihre Neugieren überwand jedoch gar bald jede andere Überlegung, sie schlüpften vorsichtig in das Schilf, und als sie völlig sicher waren, nicht bemerkt zu werden, wollten sie sehen, was im Bache vorging.   Viertes Kapitel: Der Harmlose wird getauft. Unterdessen liefen auch der Prior und der Abt herzu und fragten den Harmlosen, was er denn dort treibe? »Ei, bei Gott, ihr Herren, ich warte auf die Taufe; bereits seit einer Stunde stehe ich bis an den Hals im Wasser. Es ist wenig freundlich, mich hier vor Kälte umkommen zu lassen.« »Mein lieber Neffe,« sprach der Prior zärtlich zu ihm, »in der Niederbretagne wird nicht auf diese Weise getauft, ziehe deine Kleider wieder an und komm mit uns.« Als Fräulein von Saint-Yves diese Worte hörte, flüsterte sie ihrer Gefährtin zu: »Oh, mein Fräulein, glauben Sie, daß er nun seine Kleider sofort wieder anziehen wird?« Der Hurone aber entgegnete dem Prior folgendermaßen: »Dieses Mal wird es Ihnen nicht wie neulich gelingen, mir etwas weis zu machen, ich habe seither eifrig studiert und bin völlig gewiß, daß man so und nicht anders getauft wird; auch der Eunuch der Königin Kandace wurde in einem Bache getauft! Ich fordere Sie auf, mir in dem Buche, das Sie mir gegeben haben, nachzuweisen, daß man sich jemals anders dabei angelassen hat! Entweder werde ich überhaupt nicht getauft, oder es geschieht hier im Bache!« Man mochte ihm nun so viel man nur wollte vorhalten, daß sich die Gebräuche geändert hätten, es half nichts, der Harmlose war starrköpfig, denn er war Bretone und Hurone zugleich: stets kam er auf den Eunuchen der Königin Kandace zurück, und obgleich seine Fräulein Tante und Fräulein von Saint-Yves, die ihn durch die Weiden beobachtet hatten, im Recht gewesen wären, ihm vorzurücken, daß es ihm nicht anstünde, sich auf einen derartigen Mann zu berufen, so taten sie dennoch nichts dergleichen, so groß war ihre Zurückhaltung. Schließlich erschien, was viel heißen will, der Bischof selber, um mit ihm zu sprechen, aber auch dabei kam nichts heraus, denn der Hurone stritt auch wider den Bischof: »Weisen Sie mir in dem Buche, das mir mein Onkel gegeben hat, einen einzigen Menschen nach, der nicht in einem Flusse getauft worden ist, und ich will alles tun, was Sie wollen.« Die verzweifelte Tante hatte bemerkt, daß die erste Verbeugung, die ihr Neffe vor Fräulein von Saint-Yves gemacht, zugleich auch die tiefste gewesen war, und zwar tiefer als vor irgend jemandem anderes; selbst den Herrn Bischof hatte er nicht mit dieser herzlichen Verehrung gegrüßt, die er vor jenem schönen Fräulein bekundet. In ihrer großen Bedrängnis entschloß sie sich, diese anzugehen: sie bat sie, ihren Einfluß auf den Huronen geltend zu machen, auf daß er sich in ebenderselben Weise taufen lasse, wie alle anderen Bretonen, denn sie glaubte nicht, ihr Neffe könne jemals ein Christ werden, wenn er darauf bestünde, in fließendem Wasser getauft zu werden. Die heimliche Freude, mit einem so wichtigen Auftrage betraut zu werden, trieb Fräulein von Saint-Yves das Blut in die Wangen; aufs züchtigste näherte sie sich dem Harmlosen, schüttelte ihm auf eine durchaus edle Weise die Hand und sprach: »Würden Sie auch mir nichts zu Gefallen tun wollen?« Und während sie diese Worte sprach, senkte und hob sie ihre Augen mit rührender Anmut. »Oh, mein Fräulein,« rief der Harmlose, »für Sie will ich alles, was Sie wollen, alles, was Sie mir befehlen, gerne tun und leiden, Wassertaufe, Feuertaufe, Bluttaufe, nichts könnte ich Ihnen abschlagen!« Fräulein von Saint-Yves ward der Ruhm, mit zwei Worten zu erreichen, was weder das Drängen des Priors, noch die wiederholten Fragen des Amtmannes, noch sogar die Darlegungen des Herrn Bischofs vermocht hatten: wohl fühlte sie ihren Triumph, aber seine ganze Größe ermaß sie noch nicht! Die Taufe wurde mit aller nur möglichen Schicklichkeit, Pracht und Anmut erteilt und empfangen. Der Onkel und die Tante traten die Ehre, den Harmlosen über die Taufe zu halten, an den Herrn Abt von Saint-Yves und seine Schwester ab. Fräulein von Saint-Yves strahlte vor Freude über ihre Patenschaft: noch wußte sie nicht, welchem Schicksal sie dieser hohe Titel unterwarf, sie hatte diese Ehre angenommen, ohne ihre verhängnisvollen Folgen zu kennen. Da noch niemals eine Feierlichkeit stattgefunden hat, auf die nicht eine große Gasterei gefolgt wäre, setzte man sich auch hier nach Beendigung der Taufe zu Tisch. Die niederbretonischen Witzbolde sagen, man dürfe seinen Wein nicht taufen, der Herr Prior sagte, der Wein erquicke nach Salomon das Herz des Menschen, der Herr Bischof fügte hinzu, der Patriarch Juda hätte sein Eselsfüllen an einen Weinstock binden und seinen Mantel in Traubenblut tauchen müssen, und es sei recht traurig, daß man in der Niederbretagne ein Gleiches nicht tun könne, da Gott ihr die Rebe versagt habe. Jeder suchte einen Scherz über die Taufe des Harmlosen zu machen und der Patin Artigkeiten zu sagen; der stets fragende Amtmann frug den Huronen, ob er seine Gelöbnisse auch halten würde? »Wie sollte ich ihnen wohl untreu werden können,« erwiderte der Hurone, »da ich sie ja in den Händen des Fräuleins von Saint-Yves abgelegt habe.« Der Hurone erhitzte sich und trank gar oft auf die Gesundheit seiner Patin: »Wäre ich von ihrer Hand getauft worden, so hätte mich, dies fühle ich, das kalte Wasser, das man mir in den Nacken goß, verbrannt .« Der Amtmann fand diese Wendung zu poetisch, da er nicht wußte, wie gebräuchlich die Allegorie in Kanada ist, die Patin jedoch war äußerst glücklich über sie. Man hatte dem Täufling den Namen Herkules gegeben, und der Bischof von Saint-Malo fragte fortwährend, wer denn eigentlich dieser Schutzpatron sei, von dem er niemals sprechen gehört hätte. Der Jesuit, der sehr gelehrt war, sagte ihm, Herkules sei ein Heiliger, der zwölf Wunder getan und noch ein dreizehntes, das die übrigen zwölf aufwöge, von dem zu sprechen sich für einen Jesuiten jedoch nicht gezieme: nämlich das Wunder, in einer einzigen Nacht fünfzig Mädchen in Frauen verwandelt zu haben. Ein anwesender Spaßvogel rühmte dieses Wunder mit aller Kraft, alle Damen senkten die Augen und schlossen aus dem Angesicht des Harmlosen, daß er des Heiligen, dessen Namen er trug, wahrhaft würdig sei.   Fünftes Kapitel: Der Harmlose ist verliebt. Es muß gestanden werden, daß Fräulein von Saint-Yves seit dieser Taufe und diesem Festmahl leidenschaftlich wünschte, der Herr Bischof möge sie noch einmal mit Herrn Herkules dem Harmlosen zur Teilnehmerin an einem recht schönen Sakramente machen; da sie jedoch sehr wohlerzogen und sehr sittsam war, wagte sie nicht, sich ihre zärtlichen Empfindungen selber völlig einzugestehen, entschlüpfte ihr jedoch ein Wort, ein Blick, eine Gebärde, ein Gedanke, so hüllte sie alles dieses in den Schleier einer unendlich lieblichen Scham: sie war zärtlich, lebhaft und keusch. Sobald der Herr Bischof abgereist war, trafen sich der Harmlose und Fräulein von Saint-Yves, ohne gewahr zu werden, daß sie einander gesucht hatten, und sie sprachen zueinander, ohne sich vorher überlegt zu haben, was sie sich sagen würden. Der Harmlose versicherte ihr zunächst, daß er sie von ganzem Herzen liebe, und daß die schöne Abacaba, in die er in seiner Heimat so toll verliebt gewesen, ihr auch nicht im entferntesten gleichkäme. Das Fräulein erwiderte ihm in ihrer gewöhnlichen Bescheidenheit, daß er schleunigst mit dem Herrn Prior, seinem Onkel, und mit seiner Fräulein Tante darüber sprechen müsse, und daß sie ihrerseits ihrem Bruder, dem Abt von Saint-Yves, zwei Worte sagen würde, und daß sie einer allgemeinen Einwilligung gewiß sei. Der Harmlose erwiderte ihr, er bedürfe niemandes Einwilligung, ja, es erschiene ihm außerordentlich lächerlich, bei anderen zu fragen, was man tun dürfe; wenn zwei Parteien einig seien, bedürfe es doch keines dritten mehr, um sie zu vereinigen. »Ich befrage niemanden,« rief er, »wenn ich Lust habe, zu frühstücken, zu jagen oder zu schlafen: wohl weiß ich, daß es in der Liebe nicht übel angebracht ist, sich der Einwilligung desjenigen Wesens zu versichern, auf das es uns ankommt; da ich aber weder in meinen Onkel noch in meine Tante verliebt bin, so brauche ich mich in dieser Angelegenheit auch nicht an sie zu wenden, und wenn Sie auf mich hören wollten, würden Sie es mit dem Herrn Abt von Saint-Yves ebenso halten.« Es versteht sich von selbst, daß die schöne Bretonin alle Feinheit ihres Verstandes anwandte, um ihren Huronen auf die Gesetze des Anstandes zu verweisen, sie wurde sogar ein wenig böse... bald jedoch wieder gut, und so kann niemand wissen, welches Ende diese Unterredung schließlich noch genommen haben würde, hätte der Abt beim Sinken des Tages seine Schwester nicht in die Abtei zurückgeführt. Der Harmlose ließ seinen Onkel und seine Tante, die von der Feier und dem langen Mahle ein wenig müde waren, ruhig zu Bett gehen und verbrachte einen Teil der Nacht damit, Verse in huronischer Sprache an seine Angebetete zu machen, denn man muß wissen, daß es kein Land auf Erden gibt, wo die Liebe Schmachtende nicht zu Dichtern macht. Am nächsten Morgen nach dem Frühstück sprach sein Onkel in Gegenwart der Fräulein Kerkabon, welche ganz gerührt war, folgendermaßen zu ihm: »Gelobt sei der Himmel, mein lieber Neffe, daß du die Ehre hast, ein Christ und ein Niederbretone zu sein, aber das genügt noch nicht! Das Alter drückt bereits auf meine Schultern, und mein Bruder hat nur ein kleines Landgütchen hinterlassen, das gar wenig einbringt, aber ich habe eine gute Pfründe, und wenn du, wie ich es hoffe, zum mindesten nur Subdiakon werden wolltest, würde ich dir meine Priorei abtreten, du könntest davon gemächlich leben, nachdem du der Trost meines Alters gewesen wärest.« »Lieber Onkel, möge es Ihnen immer gut gehen und Sie so lange leben, als Sie nur irgend können, aber ich weiß weder, was Subdiakon, noch was abtreten ist, alles soll mir jedoch recht sein, vorausgesetzt, daß ich dann nur Fräulein von Saint-Yves bei mir habe!« »Oh Gott, mein lieber Neffe, was sagst du mir da, liebst du dieses schöne Fräulein gar bis zur Tollheit?« »Ja, lieber Onkel.« »Ach, lieber Neffe, es ist unmöglich, daß du sie jemals heiratest.« »Oh, das ist sehr möglich, lieber Onkel, denn sie hat mir beim Fortgehen nicht nur die Hand zärtlich gedrückt, sondern mir auch versprochen, mich zum Manne zu fordern; gewißlich werde ich sie heiraten!« »Das ist unmöglich, sage ich dir, denn sie ist deine Patin; eine Patin sündigt bereits aufs grausigste, wenn sie ihrem Patenkinde zärtlich die Hand drückt! Es ist nicht erlaubt, seine Patin zu heiraten, die göttlichen und menschlichen Satzungen verbieten es!« »Saperment, Onkel, Sie machen sich über mich lustig! Warum sollte es verboten sein, seine Patin zu heiraten, wenn sie jung und hübsch ist? In dem Buche, das Sie mir gegeben, habe ich durchaus nicht gefunden, daß es übel getan hätte, die Mädchen zu heiraten, welche den Leuten zur Taufe verhalfen! Täglich gewahre ich, daß man hier eine Unzahl von Dingen tut, die in Ihrem Buche nicht stehen, dagegen nichts tut von alledem, was es vorschreibt! Ich gestehe Ihnen, daß mich das verwundert und aufbringt! Wenn man mich unter dem Vorwande meiner Taufe der schönen Saint-Yves berauben will, so sage ich Ihnen, daß ich sie entführen und mich enttaufen lassen werde!« Der Prior war verzweifelt, seine Schwester weinte. »Mein teurer Bruder,« sagte sie, »unser Neffe darf solche Verdammnis nicht auf sich laden, unser heiliger Vater, der Papst, kann ihm Dispens erteilen, und dann könnte er auf christliche Weise mit seiner Liebe glücklich werden!« Der Harmlose umarmte seine Tante. »Wer ist denn der liebe Mann,« rief er, »der mit solcher Güte den Buben und den Mädchen in ihrer Liebe beisteht? Ich will sofort mit ihm sprechen!« Man setzte ihm auseinander, wer der Papst sei, und der Harmlose war nun noch verwunderter als vorher. »Kein Wort von alledem steht in eurem Buch, mein lieber Onkel! Ich bin gereist, ich kenne das Meer, wir befinden uns hier an der Küste des Ozeans, und ich sollte Fräulein von Saint-Yves verlassen, um die Erlaubnis, sie lieben zu dürfen, von einem Manne einzuholen, der vierhundert Meilen von hier entfernt am Mittelmeer lebt und dessen Sprache ich nicht einmal verstehe? Das ist doch alles ungeheuer lächerlich und unverständlich! Ich begebe mich jetzt auf der Stelle zum Herrn Abt von Saint-Yves, der ja nur eine kleine Stunde von hier entfernt wohnt, und ich bürge Ihnen dafür, daß ich meine Geliebte noch laufenden Tages heiraten werde!« Während er noch sprach, trat der Amtmann ein und fragte ihn seiner Sucht gemäß, wohin er ginge. »Mich verheiraten«, entgegnete laufend der Harmlose, und nach Verlauf einer Viertelstunde war er bereits bei seiner lieben und schönen Niederbretonin, welche noch schlief. »Oh, lieber Bruder,« sagte Fräulein von Kerkabon zum Prior, »niemals wird's dir gelingen, aus unserem Neffen einen Subdiakonus zu machen!« Der Amtmann war mit dieser Reise äußerst unzufrieden, denn er hatte sich's in den Kopf gesetzt, sein Sohn solle die Saint-Yves heiraten, dieser Sohn aber war noch dümmer und unerträglicher als sein Vater.   Sechstes Kapitel: Der Harmlose läuft zu seiner Geliebten und wird wütend. Kaum war der Harmlose angelangt und hatte eine alte Magd nach dem Zimmer seiner Geliebten gefragt, so stieß er auch schon mit Gewalt die schlecht verschlossene Tür auf und stürzte auf das Bett zu. Fräulein von Saint-Yves fuhr jach aus dem Schlafe empor und rief: »Wie, Sie sind es? Oh Sie! Bleiben Sie stehen! Was tun Sie?« Er antwortete: »Ich heirate Sie!« und hätte sie sich nicht mit all der Züchtigkeit gewehrt, welche einem Frauenzimmer von guter Erziehung ansteht, so würde er es in der Tat getan haben. Der Harmlose verstand keinen Spaß, er fand all dieses Gehabe unsäglich ungehörig. »So hat sich meine erste Geliebte, Fräulein Abacaba, nicht angestellt! Ihr kennt alle keine Redlichkeit! Sie haben mir die Heirat versprochen und wollen nicht Heirat machen, das heißt doch wahrlich den obersten Gesetzen der Ehre ins Gesicht schlagen! Aber ich will Ihnen lehren, Wort zu halten, ich werde Sie schon auf den Weg der Tugend zurückbringen!« Der Harmlose besaß gar männliche und unerschrockene Tugend und Kraft, wahrhaft würdig seines Schutzpatrons Herkules, dessen Namen man ihm in der Taufe gegeben hatte, und er schickte sich gerade an, beide in ihrer ganzen Wucht spielen zu lassen, als auf die durchdringenden Schreie des Fräuleins, die in weit zurückhaltenderer Weise tugendhaft war, der weise Abt von Saint-Yves mit seiner Haushälterin, einem alten frommen Diener und einem Priester des Kirchspiels herbeieilte. Dieser Anblick mäßigte den Mut des Stürmers. »Ei, mein Gott, lieber Nachbar, was tun Sie denn da?« rief der Abt. »Meine Pflicht!« entgegnete der junge Mann, »ich erfülle meine Versprechen, welche heilig sind!« Fräulein von Saint-Yves brachte errötend ihr Nachtgewand in Ordnung, und der Harmlose wurde in ein anderes Zimmer geführt. Dort setzte ihm der Abt die Ungeheuerlichkeit seines Vorgehens auseinander. Der Harmlose berief sich in seiner Verteidigung auf das Naturrecht, das er von Grund auf kannte; der Abt suchte ihm zu beweisen, daß dem staatlichen Recht der Vorrang gebühre, und daß ohne solche zwischen den Menschen getroffenen Übereinkünfte das Naturgesetz fast niemals etwas anderes zeitigen würde als ein natürliches Räubertum. »Man braucht doch Notare, Priester, Zeugen, einen Kontrakt und einen Dispens!« rief der Abt. Der Harmlose stellte ihm die Überlegung entgegen, welche noch stets alle Wilden gemacht haben: »Ihr müßt doch recht unehrliche Menschen sein, da es zwischen euch so vieler Vorsichtsmaßregeln bedarf.« Es kostete dem Abt Mühe, diesen Vorwurf zurückzuweisen. »Ich gebe gern zu,« sagte er, »daß es unter uns viele Treulose und viele Spitzbuben gibt, lebten die Huronen jedoch in großen Städten beieinander, so würden unter ihnen deren nicht weniger sein; es gibt aber auch verständige, ehrliche und einsichtige Gemüter bei uns, und gerade diese haben die Gesetze geschaffen; je wohlgesinnter ein Mensch ist, desto mehr muß er sich ihnen unterwerfen, dadurch stellt er vor den Lasterhaften ein Beispiel auf, und diese fühlen Achtung vor einem Zügel, den sich sogar die Tugend anlegt.« Diese Antwort beeindruckte den Harmlosen. Wie man bereits gesehen, besaß er einen gesunden Verstand, jetzt besänftigte man ihn mit freundlichen Worten und machte ihm Hoffnung; das sind die beiden Fallen, in welche die Menschen beider Welten stets gehen; ja, man führte ihm sogar Fräulein von Saint-Yves zu, nachdem sie ihren Anzug vervollständigt hatte; alles dieses ging mit der größten Schicklichkeit vor sich, aber trotz dieser Zurückhaltung bewirkten die funkelnden Augen des harmlosen Herkules, daß seine Geliebte die ihren stets senkte, und daß die anderen Anwesenden erzitterten. Es kostete ungeheure Mühe, ihn zu seinen Verwandten zurückzuschicken, ja, man mußte noch einmal den Einfluß der schönen Saint-Yves zu Hilfe rufen, und je tiefer sie sich ihrer Macht über ihn bewußt wurde, desto herzlicher liebte sie ihn auch; sie zwang ihn fortzugehen und war herzlich betrübt darüber. Als er dann endlich gegangen war, faßte der Abt, welcher nicht nur der sehr viel ältere Bruder der Fräuleins von Saint-Yves, sondern auch ihr Vormund war, den Entschluß, sein Mündel den Stürmen dieses schrecklichen Liebhabers zu entziehen; er beriet sich mit dem Amtmann und dieser, der die Schwester des Abtes noch immer seinem Sohn bestimmte, riet ihm, das arme Mädchen in ein Kloster zu bringen. Das war ein furchtbarer Schlag; schon eine Gleichmütige, die man in ein Kloster bringen wollte, würde zum Himmel schreien, und nun erst eine Liebende und gar eine so keusch und zärtlich Liebende, sie hatte wohl Grund, verzweifelt zu sein! Beim Prior wieder angelangt, erzählte der Harmlose alles mit seiner gewöhnlichen Kindlichkeit, und ihm wurden dieselben Vorwürfe, welche zwar einigen Eindruck auf seinen Verstand, aber nicht den geringsten auf seine Sinne machten. Als er jedoch am nächsten Morgen zu seiner schönen Braut zurückkehren wollte, um sich mit ihr über das natürliche und das geschaffene Gesetz zu unterhalten, eröffnete ihm der Amtmann mit beleidigender Freude, daß sie in einem Kloster sei. »Wohlan,« sagte er, »so werden wir eben im Kloster miteinander sprechen!« »Das geht nicht«, erwiderte der Amtmann und setzte ihm lang und breit auseinander, was ein Kloster oder ein Konvent sei: dieses Wort stamme von dem lateinischen conventus her und bedeute Verein. Der Hurone vermochte nicht zu verstehen, warum er in diesen Verein nicht zugelassen werden konnte. Sobald man ihm jedoch auseinandergesetzt hatte, daß dieser Verein eine Art Gefängnis sei, in dem man die Mädchen eingesperrt hielte, – eine grauenhafte Einrichtung, welche es bei den Huronen und den Engländern nicht gab, – wurde er ebenso wütend wie einst sein Schutzpatron Herkules, als ihm Eurytus, der König von Öchalia, in nicht minder grausamer Weise als der Abt von Saint-Yves, seine schöne Tochter Jole abschlug, welche nicht weniger schön gewesen war als des Abtes Schwester. Er wollte das Kloster in Brand stecken, seine Geliebte entführen oder sich mit ihr zusammen verbrennen. Von Entsetzen gepackt, ließ Fräulein von Kerkabon mehr denn je alle Hoffnung fahren, ihren Neffen einst als Subdiakonus zu sehen, und rief weinend, seit er getauft sei, habe er den Teufel im Leib.   Siebentes Kapitel: Der Harmlose schlägt die Engländer zurück. In tiefe, düstere Schwermut versunken, wandelte der Harmlose, seine Doppelflinte auf der Schulter, seinen großen Hirschfänger an der Seite, am Meeresufer entlang, schoß von Zeit zu Zeit nach Vögeln und fühlte sich noch weit öfter versucht, auf sich selber zu schießen, aber dank der Fräulein von Saint-Yves liebte er das Leben noch. Bald verfluchte er seinen Onkel, seine Tante, die ganze Niederbretagne und seine Taufe, bald segnete er sie alle, weil er durch sie die kennen gelernt hatte, die er liebte. Er verbiß sich in seinen Entschluß, das Kloster in Brand zu stecken, und blieb dann plötzlich wieder aus Furcht, seine Geliebte mit zu verbrennen, wie gebannt stehen: die Fluten des Ärmelmeeres konnten von den Winden aus West und Ost nicht tiefer aufgewühlt werden, als sein Herz durch all diese einander widerstrebenden Regungen. Mit großen Schritten ging er ohne Ziel dahin, als er plötzlich den Klang einer Trommel vernahm. Er sah in der Ferne eine Volksschar, deren eine Hälfte ans Ufer lief, während die andere floh. Auf allen Seiten erfüllte tausendfältiges Geschrei die Lüfte, und augenblicklich trieben ihn Neugierde und Mut nach jener Stelle, wo das Wehgeschrei herkam; mit vier großen Sätzen war er dort. Der Hauptmann der Bürgerwehr, der mit ihm zusammen bei dem Prior gespeist hatte, erkannte ihn sogleich und lief mit geöffneten Armen auf ihn zu. »Oh,« rief er, »dort kommt der Harmlose, er wird für uns kämpfen!« Und die Bürgerwehr, welche vor Furcht fast verging, faßte wieder Mut und schrie ebenfalls: »Der Harmlose ist da, der Harmlose ist da!« »Meine Herren,« rief dieser, »was gibt es, warum sind Sie so bestürzt, hat man Ihre Bräute in Klöster gesteckt?« Ein hundertfältiges Stimmengewirr rief ihm zu: »Sehen Sie denn nicht, daß die Engländer anlegen?« »Ei wohl,« erwiderte der Hurone, »aber das sind wackere Leute; sie haben mir niemals vorgeschlagen, Subdiakon zu werden, und haben mir auch meine Geliebte nicht entführt!« Der Hauptmann setzte ihm nun auseinander, daß die Engländer herbeikämen, um die Abtei vom Berge zu plündern, den Wein seines Onkels auszutrinken und vielleicht Fräulein von Saint-Yves zu entführen; das kleine Schiff, mit dem er nach der Bretagne gekommen, sei nur ausgesandt gewesen, um die Küste zu untersuchen; sie eröffneten Feindseligkeiten, ohne dem Könige von Frankreich den Krieg erklärt zu haben, und so sei die ganze Provinz ihnen schutzlos ausgesetzt. »Ah, wenn die Dinge so stehen, so vergewaltigen sie das Naturrecht. Lassen Sie mich jedoch machen, ich habe lange unter ihnen gelebt, beherrsche ihre Sprache und will mit ihnen sprechen, ich kann mir nicht vorstellen, daß sie so böse Absichten hegen.« Während dieses Gespräches kam das englische Geschwader vollends heran, der Hurone lief ihm entgegen, warf sich in ein kleines Boot, ruderte hinüber, kletterte auf das Admiralsschiff und fragte, ob es wahr sei, daß sie herankämen, um das Land zu verwüsten, ohne vorher offen und ehrlich den Krieg erklärt zu haben. Der Admiral und die ganze Besatzung brachen in lautes Gelächter aus, gaben ihm Punsch zu trinken und schickten ihn zurück. Der gekränkte Harmlose hegte nun keinen anderen Gedanken mehr, als sich tapfer für seine Landsleute und den Herrn Prior gegen seine alten Freunde zu schlagen. Von allen Seiten eilten die Edelleute aus der Nachbarschaft herbei, und er gesellte sich zu ihnen. Es waren ein paar Kanonen vorhanden, er lud sie, stellte sie ein und schoß eine nach der anderen ab. Die Engländer sprangen ans Land, er warf sich ihnen entgegen, tötete drei mit dem Hirschfänger und verwundete jenen Admiral, der sich über ihn lustig gemacht hatte. Seine Tapferkeit beseelte die ganze Bürgerwehr mit Mut, die Engländer flohen auf ihre Schiffe zurück, und die ganze Küste hallte von Siegesgeschrei wider: »Es lebe der König, es lebe der Harmlose!« Jeder umarmte ihn, jeder drängte sich heran, um das Blut einiger leichten Wunden zu stillen, die er empfangen hatte. »Ah,« rief er, »wäre Fräulein von Saint-Yves hier, würde sie mir einen feuchten Umschlag auflegen.« Der Amtmann, der sich während der Schlacht in seinem Keller versteckt gehalten hatte, eilte herzu, um den Harmlosen gleich allen anderen zu beglückwünschen; er war jedoch recht überrascht, als er Herkules den Harmlosen nun zu einem Dutzend junger, tatbereiter Männer, die ihn umgaben, sagen hörte: »Meine Freunde, die Abtei vom Berge befreit zu haben, ist nichts, es gilt ein Mädchen zu befreien!« Bei diesen Worten fing die kochende Jugend Feuer, und schon folgte ihm eine ganze Schar nach dem Kloster. Hätte der Amtmann nicht auf der Stelle den Hauptmann benachrichtigt und dieser hinter der fröhlichen Kämpferschar hersetzen lassen, so wäre es um das Kloster geschehen gewesen. Man brachte den Harmlosen zu seinem Onkel und seiner Tante zurück, und sie badeten ihn in Tränen der Liebe. »Nun sehe ich wohl, daß du niemals weder Subdiakon noch Prior werden wirst,« sagte der Onkel, »du wirst ein noch tapferer Offizier und wahrscheinlich ein ebenso großer Hungerleider werden, wie mein Bruder der Hauptmann.« Und Fräulein von Kerkabon umarmte ihn unaufhörlich weinend und sagte, »er wird sich töten lassen wie mein Bruder, oh, wenn er doch nur Subdiakonus werden wollte!« Der Harmlose hatte in der Schlacht eine große mit Guineen gefüllte Börse aufgehoben, die wahrscheinlich der Admiral verloren; mit diesem Gelde glaubte er die ganze Niederbretagne kaufen und vor allem Fräulein von Saint-Yves zu einer großen Dame machen zu können. Jedermann drängte ihn, nach Versailles zu reisen, um dort den Lohn für seine Dienste zu empfangen; der Hauptmann und die höheren Offiziere überhäuften ihn mit Beglaubigungsschreiben, und auch der Onkel und die Tante stimmten für diese Reise des Neffen: ohne jede Schwierigkeit würde er dem Könige vorgestellt werden, und das allein schon mußte ihm in der ganzen Provinz zu dem größten Ansehen verhelfen. Die beiden guten Leutchen fügten zu der englischen Börse ein beträchtliches Geschenk aus ihren Ersparnissen hinzu. Der Harmlose sagte sich in seinem Innern: »Wenn ich den König sehe, werde ich mir Fräulein von Saint-Yves von ihm zur Frau erbitten, er wird sie mir sicherlich nicht weigern.« Unter freudigen Kundgebungen des ganzen Kreises, von Umarmungen fast erstickt, von den Tränen seiner Tante gebadet, von seinem Onkel gesegnet, und sich der schönen Saint-Yves empfehlend, reiste er ab.   Achtes Kapitel: Der Harmlose geht zu Hofe, unterwegs speist er mit Hugenotten zu Nacht. Der Harmlose reiste über Saumur mit der Postkutsche, denn damals gab es noch keine andere Fahrgelegenheit. Als er in Saumur anlangte, verwunderte es ihn, die Stadt fast verödet zu finden und noch viele Familien mitten im Aufbruche anzutreffen. Man sagte ihm, Saumur sei sechs Jahre vorher von mehr als fünfzehntausend Seelen bewohnt gewesen, jetzt berge es kaum noch sechstausend. Er verfehlte nicht, darüber in seinem Gasthause zu sprechen. Mehrere Protestanten saßen bei Tisch, die einen beklagten sich bitter, andere bebten vor Zorn und wieder andere sagten weinend: »Nos dulcia linquimus arva, nos patriam fugimus.« Der Harmlose, der kein Latein verstand, ließ sich diese Worte übersetzen, sie bedeuteten: »Wir verlassen unsere süßen Fluren, wir fliehen aus unserem Vaterland.« »Und warum fliehen Sie aus Ihrem Vaterland, meine Herren?« »Weil wir den Papst anerkennen sollen.« »Und warum wollen Sie ihn nicht anerkennen? Haben Sie denn keine Patinnen, die Sie heiraten wollen? Man hat mir gesagt, daß nur er dazu die Erlaubnis geben könne!« »Ach, mein Herr, dieser Papst behauptet, Herr über alle Länder der Könige zu sein?« »Welches Handwerk betreiben Sie denn, meine Herren?« »Wir sind zum größten Teil Tuchwirker und Fabrikanten.« »Wollte Ihr Papst behaupten, Herr über Ihr Tuch und über Ihre Fabriken zu sein, so täten sie recht daran, ihn nicht anzuerkennen; was jedoch seine Herrschaft über die Könige angeht, so ist das doch wohl deren Sache, warum mischen Sie sich also da hinein?« Darauf ergriff ein kleiner schwarzer Mann das Wort und setzte sehr gelehrt die Beschwerden der ganzen Gesellschaft auseinander, er sprach mit solchem Nachdruck von der Aufhebung des Edikts von Nantes, bejammerte so gefühlvoll das Geschick von fünfzigtausend Flüchtlingen und fünfzigtausend anderen durch die Dragoner bekehrten Familien, daß nun der Harmlose seinerseits Tränen vergoß. »Woher kommt es nur,« sagte er, »daß ein so großer König, dessen Ruhm bis zu den Huronen reicht, sich solcherweise so vieler Herzen beraubt, die ihn geliebt, und so vieler Arme, die ihm gedient hätten?« »Weil man ihn ebenso wie alle anderen großen Könige getäuscht hat,« sprach der schwarze Mann, »man hat ihm eingeredet, sobald er nur ein Wort äußern wollte, würden alle Menschen denken wie er, und so vermöchte er auch uns unsere Religion wechseln zu lassen, wie sein Musiker Lulli im Nu die Kulissen seiner Opern auswechseln läßt. Der König hat nicht nur bereits fünf- bis sechstausend sehr nützliche Untertanen eingebüßt, sondern durch sie die Zahl seiner Feinde vergrößert, denn der König Wilhelm, welcher augenblicklich über England gebietet, hat mehrere Regimenter aus eben diesen Franzosen zusammengestellt, welche anders für ihren angestammten Fürsten gekämpft hätten!« »Ein solches Unheil ist um so erstaunlicher, als der regierende Papst, welchem Ludwig XIV. einen Teil seines Volkes opfert, sein erklärter Feind ist. Schon an neunzehn Jahre währt nun ein heftiger Streit zwischen ihnen, der bereits so weit gediehen war, daß Frankreich hoffen durfte, endlich das Joch von sich genommen zu sehen, das es seit so vielen Jahrhunderten einem Fremden unterwirft, und vor allem, daß man aufhören würde, ihm Geld zu geben, was in allen Geschäften dieser Welt die Hauptsache ist. Offenbar muß man also den großen König sowohl über seinen Vorteil, wie über die Ausdehnung seiner Macht getäuscht und seiner edelen Hochherzigkeit Abbruch getan haben!« Mehr und mehr ergriffen, fragte der Harmlose, wer die Franzosen seien, welche diesen den Huronen so teueren Fürsten dergestalt hintergingen? »Es sind die Jesuiten,« antwortete man ihm, »und vor allem der Pater de la Chaise, der Beichtvater Seiner Majestät. Man muß hoffen, daß Gott sie eines Tages dafür bestrafen und man sie vertreiben wird, wie sie es heute mit uns tun. Gleichet irgend ein Unglück dem unseren? Von allen Seiten hetzt Herr von Louvois Jesuiten und Dragoner auf uns!« »Hören Sie, meine Herren,« rief der Harmlose, der nicht mehr an sich zu halten vermochte, »ich bin auf dem Wege nach Versailles, um dort die meinen Diensten geschuldete Belohnung in Empfang zu nehmen, dort will ich mit diesem Herrn von Louvois sprechen, man hat mir gesagt, daß das Kriegswesen seinem Kabinett untersteht. Ich werde auch den König sehen und will ihm die Wahrheit eröffnen: es ist unmöglich, sich ihr nicht zu unterwerfen, wenn man sie einmal erkannt hat. Bald komme ich dann zurück, um Fräulein von Saint-Yves zu heiraten, und ich lade Sie alle zu meiner Hochzeit ein!« Die guten Leute hielten ihn nun für einen hohen Herrn, der inkognito mit der Postkutsche reiste. Ein paar unter ihnen hielten ihn dagegen für den Hofnarren des Königs. Bei Tisch hatte sich auch ein verkappter Jesuit befunden, welcher dem hochwürdigen Pater de la Chaise als Spion diente, er machte ihm von allem Mitteilung, und der Pater de la Chaise verständigte Herrn von Louvois. Der Harmlose und der Brief des Spions langten fast zu gleicher Zeit in Versailles an.   Neuntes Kapitel: Ankunft des Harmlosen in Versailles. Sein Empfang bei Hofe. Der Harmlose entstieg dem Nachttopf So ist der zwischen Paris und Versailles verkehrende Postwagen geheißen. im Küchenhofe und fragte die Sänftenträger, um welche Zeit der König zu sprechen sei. Die Träger lachten ihm ebenso ins Gesicht wie der englische Admiral es getan hatte, und er behandelte sie ebenso wie jenen, das heißt er prügelte sie. Sie wollten es ihm zurückgeben, und der Auftritt hätte wohl mit Blut geendigt, wäre nicht ein Leibgardist, ein bretonischer Edelmann, vorbeigekommen, der das Pack auseinandertrieb. »Mein Herr,« redete ihn der Reisende an, »Sie scheinen mir ein wackerer Mann zu sein, ich bin der Neffe des Herrn Priors Unserer lieben Frauen vom Berge, ich habe Engländer getötet und komme her, um den König zu sprechen, ich bitte Sie, führen Sie mich in seine Stube.« Entzückt, einem Wackeren aus seiner Heimat zu begegnen, der mit den Hofgebräuchen nicht vertraut zu sein schien, sagte ihm der Gardist, daß man auf solche Weise mit dem Könige nicht sprechen könne, sondern von Seiner Durchlaucht, dem Herrn von Louvois, vorgestellt werden müsse. »Wohlan, so bringen Sie mich also zu dieser Durchlaucht, dem Herrn von Louvois, der mich dann wohl zu Seiner Majestät führen wird.« »Es ist noch weit schwieriger,« entgegnete der Gardist, »Seine Durchlaucht den Herrn von Louvois zu sprechen als Seine Majestät. Ich will Sie jedoch zum Herrn Alexander, dem Oberkriegssekretär, bringen, das ist so gut, als ob Sie den Minister selber sprächen.« Sie begaben sich also zu dem Obersekretär Herrn Alexander, aber sie konnten nicht vorgelassen werden, er hatte Geschäfte mit einer Hofdame und daher Befehl gegeben, niemandem Eintritt zu gewähren. »Bah,« sagte der Gardist, »dadurch ist noch nichts verloren, lassen Sie uns zu dem Obersekretär des Herrn Alexander gehen, das ist so gut, als ob Sie den Herrn Alexander selber sprächen.« Außer sich vor Erstaunen, ging der Hurone mit ihm; sie mußten eine halbe Stunde lang zusammen in einem kleinen Vorzimmer warten. »Was hat dieses alles nur zu bedeuten,« fragte der Harmlose, »ist denn hierzulande jedermann unsichtbar? Jedenfalls ist es leichter, in der Niederbretagne wider die Engländer zu kämpfen, als in Versailles die Leute zu treffen, mit denen man zu tun hat.« Er suchte sich seine Langweile dadurch zu vertreiben, daß er seinem Landsmanne seine Liebesgeschichte erzählte, aber der Schlag der Glocke rief den Leibgardisten auf seinen Posten. Sie verabredeten, sich am nächsten Tage wiederzusehen, und der Harmlose blieb noch eine halbe Stunde lang in dem Vorzimmer und sann über Fräulein von Saint-Yves und über die Schwierigkeit nach, die Könige und die Obersekretäre zu sprechen. Endlich erschien der Beamte. »Herr,« sprach der Harmlose zu ihm, »wenn ich ebensolange gezögert hätte, die Engländer zurückzuschlagen, wie Sie mich hier haben warten lassen, so würden die Feinde jetzt in der Niederbretagne nach Herzenslust das Oberste zu unterst kehren.« Diese Worte verwunderten den Schreiber gar sehr: »Was wollen Sie?« fragte er endlich den Bretonen. »Belohnung,« erwiderte dieser, »hier sind meine Bestätigungen,« und damit breitete er alle seine Zeugnisse vor ihm aus. Der Schreiber las sie und sagte ihm dann, man würde ihm aller Wahrscheinlichkeit nach die Erlaubnis erteilen, sich eine Leutnantsstelle zu kaufen. »Wie,« rief der Harmlose, »ich soll noch Geld dafür bezahlen, daß ich die Engländer zurückgeschlagen habe? Ich soll das Recht bezahlen, mich für euch töten zu lassen, während ihr hier in aller Gemütsruhe Audienzen erteilt? Ich glaube, Sie wollen sich lustig machen! Ich will ein Regiment Kavallerie umsonst bekommen, ferner soll der König Fräulein von Saint-Yves aus dem Kloster nehmen und sie mir zur Frau geben, und dann will ich dem König noch fünfzigtausend Familien empfehlen, die ich ihm wiederzugeben beabsichtige; mit einem Wort, ich will nützlich sein, man soll mich verwenden und befördern.« »Wie heißen Sie denn, mein Herr Großsprecher?« »Oh, oh,« rief der Harmlose, »Sie haben meine Beglaubigungsschreiben also nicht gelesen? Treibt man hier so die Dinge? Ich heiße Herkules von Kerkabon, bin getauft und wohne im Blauen Hinterviertel; ich werde mich über Sie beim König beschweren!« Wie die Leute in Saumur, so schloß auch der Schreiber, der Harmlose möchte nicht ganz richtig im Kopfe sein, und legte ihm weiter keine Bedeutung bei. Am selben Tage hatte der hochwürdige Pater de la Chaise, der Beichtvater Ludwigs XIV., von seinem Spion den Brief erhalten, der den Bretonen Kerkabon beschuldigte, die Hugenotten zu begünstigen und das Vorgehen der Jesuiten zu verdammen. Der Herr von Louvois seinerseits hatte einen Brief von dem fragesüchtigen Amtmann bekommen, in welchem der Harmlose als ein Taugenichts geschildert wurde, der Klöster in Brand stecken und Mädchen entführen wolle. Nachdem der Harmlose in den Gärten von Versailles spazieren gegangen war, wo er sich gar sehr langweilte, nachdem er als Hurone und als Niederbretone zu Nacht gespeist hatte, legte er sich in der süßen Hoffnung zu Bett, am nächsten Morgen den König zu sprechen, Fräulein von Saint-Yves zur Frau zu erhalten, mindestens eine Kompagnie Kavallerie zu bekommen und den Verfolgungen der Hugenotten ein Ende zu setzen. In solchen schmeichelhaften Gedanken wiegte er sich, als die Polizeiwache sein Zimmer betrat und sich zunächst seiner Doppelflinte und seines großen Säbels bemächtigte. Man schrieb den Betrag seines flüssigen Geldes auf und brachte ihn in das Schloß, welches König Karl V., der Sohn Johanns II., neben der Sankt-Antonius-Straße am Tournellentor hat erbauen lassen. Wie groß des Harmlosen Verwunderung unterwegs gewesen sein mag, überlasse ich jedermann, sich selber auszumalen. Anfangs glaubte er zu träumen und war wie betäubt, dann überkam ihn plötzlich eine Wut, die seine Kräfte verdoppelte; er packte zwei seiner Wächter, die mit ihm im Wagen saßen, bei der Kehle, warf sie zur Wagentür hinaus, sprang ihnen nach und riß dabei einen dritten, der ihn festhalten wollte, mit sich. Die Wucht seines Sprunges schleuderte ihn zu Boden, man überwältigte ihn, band ihn und setzte ihn wieder in den Wagen. »Das hat man davon,« rief er, »wenn man die Engländer aus der Niederbretagne verjagt! Oh, was würdest du wohl sagen, schöne Saint-Yves, könntest du mich in diesem Zustande erblicken?« Endlich gelangte man zu der Nachtherberge, die ihm bestimmt war, und trug ihn schweigend, wie man einen Toten auf den Kirchhof trägt, in das Gemach, in das er eingesperrt werden sollte. Dieses Gemach wurde bereits von einem alten Einsiedler von Port Royal namens Gordon bewohnt, der dort schon seit zwei Jahren schmachtete. »Seht,« sagte der Oberste der Häscher, »hier bringe ich Euch Gesellschaft!« Und sofort wurden die ungeheuren Riegel wieder vor die dicke, mit Eisen beschlagene Tür geschoben. Die beiden Gefangenen standen von der ganzen Welt abgesperrt voreinander.   Zehntes Kapitel: Der Harmlose ist mit einem Jansenisten zusammen in der Bastille eingekerkert. Herr Gordon war ein frischer, munterer Greis, der sich auf zwei große Dinge verstand: Mißgeschick zu ertragen und Unglückliche zu trösten. Freimütig, voller Offenheit und Mitgefühl trat er auf seinen Gefährten zu, umarmte ihn und sagte: »Wer Sie auch immer sein mögen, der mein Grab mit mir zu teilen kommt, Sie können sicher sein, daß ich mich selber stets hintenan setzen werde, um Ihre Qualen in diesem Höllenabgrunde, der uns beide umfängt, zu lindern. Lassen Sie uns die Vorsehung verehren, die uns hierher verschlagen hat, lassen Sie uns ergeben leiden und hoffen.« Diese Worte hatten auf die Seele des Harmlosen die Wirkung englischer Tropfen, welche bekanntlich einen Sterbenden ins Leben zurückrufen und seine müden Lider von erstaunten Augen heben. Ohne ihn zu drängen, ihm die Ursache seines Unglückes zu eröffnen, erweckte Gordon nach dem Austausch der ersten Höflichkeiten in dem Harmlosen einzig durch die Sanftheit seiner Worte und durch jene Teilnahme, welche zwei Unglückliche stets füreinander hegen, den Wunsch, ihm sein Herz zu öffnen und die Bürde abzuwerfen, die es bedrückte, aber er vermochte den Grund seines Unglückes selber nicht zu erraten, es erschien ihm wie eine Wirkung ohne Ursache, und der gute Gordon war ebenso erstaunt wie er selber. »Gott muß wohl große Absichten mit Ihnen hegen,« sprach der Jansenist zu dem Huronen, »da er Sie vom Ontariosee nach England und Frankreich geführt, in der Niederbretagne Ihre Taufe bewirkt und Sie nun zu Ihrem Heil hierher gebracht hat.« »Meiner Treu,« entgegnete der Harmlose, »ich glaube, allein der Teufel hat sich mit meinem Geschick befaßt! Meine amerikanischen Landsleute würden mich niemals mit solcher Barbarei behandelt haben, wie ich sie hier erleide; von solchen Dingen haben sie gar keine Vorstellung, man nennt sie zwar Wilde, aber sie sind nur rechtschaffene Leute ohne Bildung, während die Menschen hierzulande tückische Schurken sind! Die Wahrheit zu gestehen, bin ich allerdings über die Maßen verwundert, daß ich aus einem anderen Weltteil herübergekommen bin, um in diesem hier zusammen mit einem Priester hinter Schloß und Riegel gesetzt zu werden; wenn ich aber die ungeheure Anzahl der Menschen bedenke, welche die eine Halbkugel der Erde verlassen, um auf der anderen getötet zu werden oder unterwegs Schiffbruch zu erleiden und von Fischen gefressen zu werden, so vermag ich im Geschick all dieser Menschen die gnadenreichen Absichten Gottes nicht zu erkennen!« Man setzte ihnen durch einen Schieber in der Tür ihr Mittagessen herein. Das Gespräch drehte sich um die Vorsehung, um die geheimen Verhaftsbefehle und um die Kunst, dem Mißgeschick nicht zu erliegen, welchem jedermann in dieser Welt ausgesetzt ist. »Ich bin schon seit zwei Jahren hier,« sagte der Greis, »und hatte keinen anderen Trost als mich selber und meine Bücher, und dennoch bin ich noch nicht einen Augenblick lang trüber Laune gewesen.« »Oh, Herr Gordon,« rief der Harmlose, »dann lieben Sie auch Ihre Patin nicht! Kennten Sie wie ich Fräulein von Saint-Yves, so würden Sie verzweifelt sein.« Bei diesen Worten vermochte er seine Tränen nicht länger zurückzuhalten und fühlte sich dadurch etwas weniger bedrängt. »Wie kommt es nur,« rief er, »daß die Tränen erleichtern, mich dünkt, sie müßten eigentlich eine entgegengesetzte Wirkung haben!« »Alles an uns ist körperlich, mein Sohn,« entgegnete ihm der gute Greis, »jede Ausscheidung tut dem Körper wohl, und alles, was ihn erleichtert, erleichtert auch die Seele: wir sind die Maschinen der Vorsehung.« Der Harmlose, der, wie wir bereits mehrmals hervorgehoben haben, gar vielen natürlichen Verstand besaß, stellte über diesen Gedanken, der im Keime stets in ihm geruht zu haben schien, tiefe Betrachtungen an und fragte dann seinen Gefährten, warum seine Maschine dann schon seit zwei Jahren hinter Schloß und Riegel säße. »Kraft der wirksamen Gnade,« erwiderte Gordon, »ich gelte für einen Jansenisten und habe Arnauld und Nicole gekannt; wir werden von den Jesuiten verfolgt. Wir glauben nämlich, der Papst sei ebensogut nur ein Bischof wie jeder andere Bischof, und deshalb hat der Pater de la Chaise vom Könige, seinem Beichtkinde, die Erlaubnis erhalten, mich ohne jedes gerichtliche Urteil des köstlichsten Gutes der Menschen, der Freiheit, zu berauben! »Wie seltsam,« sagte der Harmlose, »alle Unglücklichen, denen ich bisher begegnet bin, waren unglücklich durch den Papst!« »Was jedoch Ihre wirksame Gnade anbetrifft, so gestehe ich Ihnen, daß ich davon nichts verstehe; als eine große Gnade aber betrachte ich es, daß Gott mich in meinem Unglücke einem Menschen gleich Ihnen hat begegnen lassen, welcher in mein Herz ein Gefühl des Trostes gießt, dessen ich es nicht für fähig gehalten hätte!« Täglich wurde ihre Unterhaltung interessanter und belehrender. Die Seelen der beiden Gefangenen schlossen sich eng aneinander an. Der Greis wußte viel, und der junge Mann wollte viel lernen. Nach Verlauf eines Monats studierte er bereits Geometrie, ja, er verschlang sie. Gordon gab ihm die Naturkunde von Rohault zu lesen, welche damals noch in Ansehen stand, aber der Harmlose besaß gesunden Verstandes genug, darin nur bloße Mutmaßungen zu erblicken. Darauf las er den ersten Band der »Erforschung der Wahrheit«, und diese neue Erkenntnis erleuchtete ihn. »Wie,« rief er, »unsere Einbildungskraft und unsere Sinne täuschen uns in solchem Grade? Wie, die Dinge gestalten nicht unsere Vorstellungen, und wir können sie nicht selber in uns erwecken?« Als er den zweiten Band gelesen hatte, war er nicht mehr so befriedigt, und er ermaß, daß es leichter sei, zu zerstören, als aufzubauen. Sein Mitbruder war erstaunt, daß ein junger Nichtswisser eine derartige Überlegung anzustellen vermochte, welche sonst nur erfahrenen Seelen zu eigen ist, bekam eine gar große Meinung von seinem Verstande und schloß sich ihm noch enger an. »Ihr Malebranche,« sagte eines Tages der Harmlose zu ihm, »scheint mir die eine Hälfte seines Buches mit seiner Vernunft und die andere mit seiner Phantasie und seinen Vorurteilen geschrieben zu haben!« Einige Tage darauf fragte ihn Gordon: »Was denken Sie wohl von unserer Seele, von der Art und Weise, in der wir unsere Vorstellungen empfangen, von unserem Willen, von der Gnade und von dem Vermögen der freien Wahl?« »Nichts,« entgegnete ihm der Harmlose, »dächte ich jedoch etwas darüber, so wäre es dies, daß wir ebenso wie die Gestirne und die Elemente der Macht des höchsten Wesens unterstehen, daß es alles in uns wirkt, daß wir kleine Räder an der ungeheuren Maschine sind, deren Seele es ist, und daß es nach allgemeinen Gesetzen und nicht nach besonderen Absichten handelt: dies allein erscheint mir verständlich, alles übrige ist für mich Abgrund und Finsternis.« »Aber, mein Sohn, das hieße ja Gott zum Urheber der Sünde machen!?!« »Und Ihre wirksame Gnade, mein Vater, macht sie nicht auch Gott zum Urheber der Sünde? denn gewißlich müssen doch alle die, denen diese Gnade versagt wird, sündigen, und wer uns dem Bösen ausliefert, ist der nicht zugleich auch der Urheber des Bösen?« Diese Kindlichkeit trieb den guten Mann gar sehr in die Enge; er empfand, daß alle seine Bemühungen, sich aus dieser Klemme zu ziehen, eitel waren, und er häufte so viele Worte, welche einen Sinn zu haben schienen, in Wirklichkeit jedoch nicht hatten (im Geschmack der physischen Willensbestimmung), daß der Harmlose Mitleid darob empfand. Die Frage hing ersichtlich mit dem Ursprunge des Guten und Bösen zusammen, und so mußte der arme Gordon nacheinander die Büchse der Pandora, das von Ahriman zerschlagene Ei des Oromazes, die Feindschaft zwischen Typhon und Osiris und schließlich noch die Erbsünde durchgehen, und so wankten sie denn beide in dieser tiefen Nacht umher, ohne einander jemals zu begegnen. Aber im Grunde kehrte doch dieser Roman der Seele ihre Gedanken von der Betrachtung ihres eigenen Elendes ab, und wie durch einen wunderbaren Zauber minderte die Fülle der über die Welt ausgebreiteten Leiden ihnen das Gefühl ihrer eigenen Plagen: wo alles litt, wagten sie nicht, sich zu beklagen. In der Stille der Nacht jedoch verwischte das Bild der schönen Saint-Yves in dem Geiste ihres Geliebten alle metaphysischen und moralischen Gedanken; in Tränen gebadet wachte er auf, und der alte Jansenist vergaß seine wirksame Gnade und den Abt von Saint-Cyran und Jansenius, um einen jungen Mann zu trösten, den er in eine Todsünde verstrickt wähnte. Nach ihren Lesestunden und gemeinsamen Betrachtungen sprachen sie immer wieder von ihren Erlebnissen, und nachdem sie das ohne jeden Nutzen getan, lasen sie wieder einzeln oder zusammen. Der Verstand des jungen Mannes festigte sich mehr und mehr: ohne die Ablenkungen, die ihm die Gedanken an Fräulein von Saint-Yves schufen, wäre er vor allem in der Mathematik sehr weit gekommen. Er las auch Geschichte, aber sie stimmte ihn traurig, die Welt dünkte ihn zu böse und zu elend! Die Geschichte ist in der Tat auch nur ein Gemälde der Verbrechen und des Unglücks. Stets verschwindet auf dieser ungeheuren Bühne die Menge der unschuldigen und friedfertigen Menschen, die handelnden Helden sind stets nur entartete Ehrgeizige. Die Geschichte scheint nur im Sinne der Tragödie gefallen zu können, welche quälend dahinkriecht, wenn sie nicht durch Leidenschaften, Missetaten und große Verhängnisse belebt wird. Man muß so Klio wie Melpomene mit dem Dolche bewaffnen. Obgleich die Geschichte Frankreichs ebenso wie alle anderen von Greueln erfüllt ist, erschien sie ihm jedoch in ihrem Beginne so widerwärtig, in ihrer Mitte so trocken und schließlich so klein, selbst zu Zeiten Heinrichs IV., stets so bar großer Denkmale und so unbekannt mit jenen schönen Entdeckungen, welche andere Völker geziert haben, daß er gegen Langeweile ankämpfen mußte, um alle die Einzelheiten der ruhmlosen, in einem Winkel der Welt zusammengedrängten Nöte zu Ende zu lesen. Gordon dachte wie er. Alle beide lachten mitleidig, als von den Fürsten von Fezensac, von Fesansaguet und von Astarac die Rede war, und wirklich, diese Untersuchungen könnten allenfalls für ihre Nachkommen Reiz haben, so deren noch auf der Welt sind. Die schönen Jahrhunderte der römischen Republik stimmten den Harmlosen eine geraume Weile gleichgültig gegen die ganze übrige Welt. Das Schauspiel des siegreichen, Völkern Gesetze schaffenden Roms erfüllte seine ganze Seele. Die Betrachtung dieses Volkes, das siebenhundert Jahre lang von der Begeisterung für Freiheit und Ruhm erfüllt gewesen war, schwellte sein Herz. So vergingen die Tage, die Wochen, die Monate, und hätte er nicht geliebt, würde er sich am Orte der Verzweiflung glücklich gefühlt haben. Sein gutes Herz litt auch bei dem Gedanken an den Prior Unserer lieben Frau vom Berge und an die zarte Kerkabonin. »Was sollen sie nur von mir denken,« wiederholte er oft, »wenn sie keine Nachricht von mir bekommen, müssen sie mich für einen Undankbaren halten!« Dieser Gedanke quälte ihn, er beklagte die, so ihn liebten, weit mehr als sich selber.   Elftes Kapitel: Wie sich der Geist des Harmlosen entfaltete. Bücher weiten die Seele, und ein weiser Freund gereicht ihr zum Trost. Unser Gefangener erfreute sich dieser beiden Vorteile, die er vordem nicht einmal geahnt hatte. »Ich könnte mich versucht fühlen, an Metamorphose zu glauben,« sagte er, »denn ich bin aus einem Tier in einen Menschen verwandelt worden.« Von einem Teil seines Geldes, über das zu verfügen ihm erlaubt war, legte er sich eine erlesene kleine Bibliothek an. Sein Freund ermutigte ihn, seine Betrachtungen niederzuschreiben. Es folge hier, was er über die alte Geschichte schrieb: »Ich denke mir, daß die Völker lange so gewesen sind wie ich, daß sie sich erst sehr spät gebildet und sich jahrhundertelang nur mit dem gegenwärtigen rinnenden Augenblicke, sehr wenig mit der Vergangenheit und niemals mit der Zukunft beschäftigt haben. Ich habe fünf- oder sechshundert Meilen Kanadas durchstreift und nicht ein einziges Denkmal angetroffen: niemand weiß dort etwas von dem, was sein Urgroßvater getrieben hat. Sollte dieses nicht der natürliche Zustand des Menschen sein? Die Menschengattung dieses Erdteiles hier scheint mir der des meinen überlegen zu sein: seit mehreren Jahrhunderten hat sie ihr Wesen durch Künste und Kenntnisse entwickelt. Sollte der Grund darin liegen, daß ihr ein Bart um das Kinn wächst, und Gott den Amerikanern diesen Bart versagt hat? Ich glaube es nicht, denn ich sehe, daß auch die Chinesen kaum einen Bart haben und dennoch seit mehr als fünftausend Jahren die Künste pflegen, denn wenn ihre Geschichte mehr als viertausend Jahre urkundlich zurückreicht, so muß das Volk doch in der Tat schon vor fünfzig Jahrhunderten vereinigt und blühend gewesen sein. Eins vor allem fällt mir in der alten Geschichte Chinas auf: fast alles ist darin wahrscheinlich und natürlich, ich bewundere sie darum, daß nichts Wunderbares in ihr vorkommt. Warum haben sich alle anderen Völker einen fabelhaften Ursprung zugeschrieben? Die alten Chronisten der Geschichte Frankreichs, die übrigens nicht sehr alt sind, lassen die Franzosen von Frankus, einem Sohne Hektors, abstammen, die Römer leiten sich von einem Phrygier her, obgleich es in ihrer Sprache nicht ein einziges Wort gibt, das mit der phrygischen Sprache die geringste Verwandtschaft besäße. In Ägypten sollen zehntausend Jahre lang die Götter gewohnt haben, und die Teufel in Skythien, und dort haben diese die Hunnen gezeugt. Vor Thukydides vermag ich nichts wie Romane gleich dem Amadis zu erblicken, doch weit weniger unterhaltende. Überall bestimmen Geistererscheinungen, Orakel, Wunder, Zaubereien, Verwandlungen und gedeutete Träume das Geschick der größten Reiche und der kleinsten Staaten: hier sprechende Tiere, dort angebetete Tiere, in Menschen verwandelte Götter und in Götter verwandelte Menschen! Oh, wenn es uns schon nach Fabeln verlangt, so sollten diese Fabeln zum mindesten ein Sinnbild der Wahrheit sein. Ich liebe die Fabeln der Philosophen, ich lache über die der Kinder und ich hasse die der großen Menschenbetrüger!« Eines Tages fiel ihm eine Geschichte des Kaisers Justinian in die Hände. Es war darin zu lesen, daß Unwissende aus Konstantinopel in sehr schlechtem Griechisch ein Edikt wider den größten Feldherrn des Jahrhunderts erlassen hatten, Die Pariser theologische Fakultät hatte über den »Belisar« Marmontels eine Kritik in schlechtem Latein veröffentlicht. , weil dieser Held in der Hitze des Gesprächs die folgenden Worte gesprochen: »Die Wahrheit strahlt durch ihren eigenen Glanz, und man kann die Geister nicht durch die Flammen der Scheiterhaufen erleuchten.« Die Unwissenden behaupteten, dieser Satz sei Ketzerei und der entgegengesetzte Grundsatz katholisch, allgemein gültig und griechisch: nur mit der Flamme der Scheiterhaufen werden die Geister erleuchtet, und die Wahrheit vermöchte niemals durch eigenen Glanz zu strahlen. Dergestalt verurteilten diese Linnenträger verschiedene Reden des Feldherrn und erließen ein Edikt wider ihn. »Wie,« rief der Harmlose, »Edikte, erlassen von diesen Leuten?« »Es waren keine Edikte,« entgegnete Gordon, »sondern Gegenedikte, über die sich in Konstantinopel jedermann lustig machte, allen voran der Kaiser. Er war ein weiser Fürst, der die linnengewandeten Nichtswisser so einzuschränken vermocht hatte, daß sie nur noch Gutes tun konnten, denn er wußte, daß diese Herren und noch einige andere Pfaffen bei weit ernsterer Gelegenheit die Geduld der Kaiser seiner Vorfahren durch Gegenedikte hart auf die Probe gestellt hatten!« »Gut tat er daran,« rief der Harmlose, »man muß die Pfaffen stützen und stutzen.« Er legte noch viele andere Betrachtungen schriftlich nieder, welche den alten Gordon in Schrecken und Staunen versetzten. »Wie,« sprach er zu sich selber, »ich habe fünfzig Jahre darauf verwandt, mich zu bilden, und dennoch muß ich fürchten, niemals an den gesunden natürlichen Sinn dieses fast wilden Kindes heranzureichen. Ich muß zittern, mit allem Fleiß nur Vorurteile befestigt zu haben, er hingegen hört allein auf die schlichte Natur!« Der gute Mann besaß ein paar jener kritischen Hefte, jener periodischen Blätter, in denen Leute, welche unfähig sind, etwas hervorzubringen, die Erzeugnisse anderer verunglimpfen, in denen ein Visé einen Racine und ein Faydit einen Fenelon beschimpft. Der Harmlose durchlief einige dieser Hefte. »Sie kommen mir wie ein gewisses Fliegengeschmeiß vor,« sagte er, »das seine Eier in den Hintern der schönsten Pferde legt, was sie jedoch nicht am Laufen hindert!« Die beiden Philosophen geruhten kaum, diese Exkremente der Literatur mit einem Blicke zu streifen. Darauf lasen sie zusammen die Grundlagen der Astronomie. Der Harmlose ließ eine Himmelskugel herbeischaffen, und dieses große Schauspiel entzückte ihn! »Wie hart ist es,« sagte er, »den Himmel erst jetzt kennen zu lernen, da man mich des Rechtes beraubt hat, ihn zu betrachten! Jupiter und Saturn rollen durch ungeheure Räume, Millionen von Sonnen erleuchten Milliarden von Welten, und in einem Winkel der Erde, auf der ich geboren bin, finden sich Wesen, welche mich, ein denkendes und sehendes Geschöpf, aller dieser Welten, die mein Blick erreichen könnte, und dieser Erde, auf der Gott mich hat entstehen lassen, grausam berauben! Das Licht, geschaffen für das ganze Weltenall, ist für mich verloren! Unter dem südlichen Himmel, unter dem ich meine Kindheit und meine Jugend verbracht habe, hat man mir es nicht verdeckt! Ohne Sie, mein lieber Gordon, würde ich hier im Nichts verloren sein.«   Zwölftes Kapitel: Was der Harmlose über Theaterstücke denkt. Der junge Harmlose glich einem jener kräftigen Bäume, welche, in einem unfruchtbaren Boden entstanden, in kurzer Zeit ihre Wurzeln und ihre Wipfel ausbreiten, sobald man sie in ein günstiges Erdreich verpflanzt, und es war recht erstaunlich, daß ein Gefängnis für ihn dieses Erdreich abgab. Unter den Büchern, welche die Muße der beiden Gefangenen beschäftigten, befanden sich Dichtungen, Übersetzungen griechischer Trauerspiele und auch ein paar französische Theaterstücke. Die Verse, welche von Liebe handelten, versenkten die Seele des Harmlosen zugleich in Freude und Schmerz, denn alle sprachen ihm von seiner teuren Saint-Yves. Die Fabel von den beiden Tauben zerriß ihm das Herz, denn er war weit davon entfernt, in seinen Taubenschlag zurückkehren zu können. Molière entzückte ihn: Er vermittelte ihm die Kenntnis der Pariser Sitten und der Sitten des Menschengeschlechts. »Welchem seiner Lustspiele geben Sie den Vorzug?« »Dem Tartüff ohne Zweifel!« »Ich denke wie Sie,« sagte Gordon, »ein Tartüff hat mich in dieses Kerkerloch gestoßen, und vielleicht haben auch Ihr Unglück Tartüffe bewirkt.« »Wie finden Sie diese griechischen Trauerspiele?« »Gut für Griechen«, erwiderte der Harmlose. Als er jedoch die moderne Iphigenie, Phädra, Andromache und Athalie gelesen hatte, war er in Verzückung, er seufzte, vergoß Tränen und wußte sie bald auswendig, ohne es doch willens gewesen zu sein. »Lesen Sie Rodogune,« sagte Gordon, »man hält es für das Meisterwerk der Bühne, im Vergleich mit ihm sind die anderen Stücke, die ihnen soviel Freude bereitet haben, gar wenig.« Schon nach der ersten Seite sagte der junge Mann: »Das ist nicht von demselben Verfasser!« »Woran sehen Sie das?« »Ich weiß es noch nicht, aber diese Verse hier sprechen weder zu meinem Ohr noch zu meinem Herzen.« »Oh, was hat der Vers zu besagen!« entgegnete Gordon. »Warum dann aber welche machen?« entgegnete der Harmlose. Nachdem er darauf das Stück ohne andere Absicht, als die sich zu ergötzen, sehr aufmerksam gelesen hatte, sah er seinen Freund mit trockenen, verwunderten Augen an und wußte nicht, was er sagen sollte. Gedrängt, das, was er empfunden hatte, auseinanderzusetzen, gab er endlich folgenden Bescheid: »Den Anfang habe ich kaum verstanden, denn die Atmosphäre des Ganzen hat mich zurückgestoßen, die letzte Szene hingegen hat mich sehr ergriffen, obgleich sie mir wenig wahrscheinlich erscheint. Teilnahme habe ich für niemanden empfunden, und nicht ein Dutzend Verse sind mir gegenwärtig geblieben, während ich doch sonst alle behalte, die mir gefallen.« »Dennoch gilt dieses Stück für das beste, das wir besitzen.« »Wenn dem so ist,« erwiderte der Harmlose, »so steht es darum vielleicht wie um viele Leute, welche ihre Stellung nicht verdienen! Schließlich ist das hier aber eine Frage des Geschmackes, und der meine ist vielleicht noch nicht ausgereift, ich mag mich täuschen. Sie wissen jedoch, daß es mir einigermaßen eigen ist, auszusprechen, was ich denke oder vielmehr was ich fühle. Ich argwöhne, daß gar oft Selbstbetrug und Mode und Laune in dem Urteil der Menschen wirksam werden, ich habe von der Natur aus geurteilt und es mag sein, daß diese bei mir noch recht unvollkommen ist, aber es kann auch sein, daß ihr bisweilen von den meisten Menschen gar wenig Rechnung getragen wird.« Darauf sagte er Verse aus der Iphigenie her, von der er ganz erfüllt war, und obgleich er nicht gut vortrug, tat er es doch mit solcher Wahrheit und Inbrunst, daß er den alten Jansenisten zum Weinen brachte. Darauf las er Cinna, und hierbei weinte er nicht, aber er bewunderte.   Dreizehntes Kapitel: Die schöne Saint-Yves begibt sich nach Versailles. Während unser Unglücklicher mehr Erleuchtung als Trost gewann, während sein so lange niedergehaltener Geist sich mit solcher Schnelligkeit und Kraft entfaltete, während die Natur, die sich in ihm vervollkommnete, ihn an den Unbilden des Schicksales rächte, was geschah derweilen mit dem Prior und seiner guten Schwester und der schönen Klausnerin Saint-Yves? Im ersten Monat war man unruhig, im dritten in heller Verzweiflung; falsche Vermutungen und schlecht gegründete Gerüchte erweckten Angst und Besorgnis, und nach Verlauf von sechs Monaten hielt man ihn für tot. Endlich erfuhren Herr und Fräulein von Kerkabon aus einem veralteten Briefe, den ein Gardist des Königs in die Bretagne gesandt, daß ein junger, dem Harmlosen ähnlicher Mann eines Abends in Versailles angelangt, in der darauffolgenden Nacht jedoch verhaftet worden sei, und daß seit jener Zeit niemand mehr von ihm sprechen gehört habe. »Ach,« rief Fräulein von Kerkabon, »unser Neffe wird irgendeine Dummheit begangen und sich unangenehme Händel auf den Hals geladen haben! Er ist jung und ein Niederbretone, er kann nicht wissen, wie man sich bei Hofe zu betragen hat. Mein lieber Bruder, ich bin noch niemals in Versailles und in Paris gewesen, dies wäre doch eine schöne Gelegenheit! Vielleicht fänden wir dabei auch unseren armen Neffen wieder; er ist der Sohn unseres Bruders und unsere Pflicht gebietet uns, ihm zu Hilfe zu eilen. Wer weiß, ob es uns nicht vielleicht doch noch gelingt, ihn zum Subdiakonus zu machen, wann nur erst das Feuer der Jugend etwas niedergebrannt ist! Er besaß doch gar viele Anlagen für die Wissenschaften! Kannst du dich noch entsinnen, wie vernünftig er über das Alte und das Neue Testament sprach? Wir sind für seine Seele verantwortlich, denn wir haben ihn taufen lassen, und seine liebe Braut verbringt die Tage mit Weinen! Wir müssen wirklich nach Paris gehen; sicherlich steckt er in einem jener verruchten Freudenhäuser, von denen man mir so gar viel erzählt hat, aber wir wollen ihn schon herausholen!« Der Prior war von den Worten seiner Schwester gerührt. Er begab sich zu dem Bischof von Saint-Malo, der den Huronen getauft hatte, und bat ihn um seinen Schutz und um seinen Rat. Der Prälat billigte die Reise, er gab dem Prior Empfehlungsbriefe an den Pater de la Chaise, den Beichtvater des Königs, der das höchste Ansehen im Reiche genoß, und ferner an Harlay, den Erzbischof von Paris und an Bossuet, den Bischof von Meaux. Endlich reisten Bruder und Schwester ab. Als sie jedoch in Paris angekommen waren, fühlten sie sich wie verirrt in einem ungeheuren Labyrinth ohne Weg und ohne Ausgang. Ihre Mittel waren nur beschränkt, und dennoch mußten sie für ihre Entdeckungsreisen täglich Wagen nehmen, ... aber sie entdeckten nichts! Der Prior begab sich zu dem hochwürdigen Pater de la Chaise, aber der war mit Fräulein du Tron zusammen und konnte daher keinen Prior empfangen. Darauf klopfte er an die Tür des Erzbischofs. Der Kirchenfürst war in Angelegenheiten der Kirche mit der schönen Frau von Lesdiguières zusammen eingeschlossen. Er eilte nun in das Landhaus des Bischofs von Meaux hinaus, dieser untersuchte mit Fräulein von Mauleon die »Mystische Liebe« der Frau Guyon. Schließlich gelang es ihm aber doch, sich bei diesen beiden Kirchenfürsten Gehör zu verschaffen; beide versicherten ihm, sie könnten sich mit den Angelegenheiten seines Neffen nicht befassen, solange er nicht Subdiakon sei. Endlich bekam er auch den Jesuiten zu Gesicht. Dieser empfing ihn mit offenen Armen, beteuerte ihm, er habe stets eine ganz besondere Achtung für ihn gehegt, obwohl er ihn niemals gekannt, und schwur, die Gesellschaft Jesu sei den Niederbretonen stets besonders gewogen gewesen. »Sollte Ihr Neffe jedoch nicht das Unglück haben, Hugenotte zu sein?« »Sicherlich nicht, mein hochwürdiger Vater.« »Ist er nicht vielleicht Jansenist?« »Ich kann Euer Hochwürden versichern, daß er noch kaum ein Christ ist, wir haben ihn erst vor ungefähr elf Monaten getauft.« »Oh, das ist gut, das ist gut, wir wollen uns um ihn kümmern! Ist Ihre Pfründe beträchtlich?« »Oh nein, durchaus nicht, und unser Neffe kostet uns sehr viel!« »Gibt es in der Nachbarschaft wohl Jansenisten? Dann seien Sie auf Ihrer Hut, mein lieber Herr Prior, sie sind gefährlicher als die Hugenotten und die Atheisten!« – »Mein hochwürdiger Pater, bei uns gibt es deren keine, in Unserer lieben Frau vom Berge weiß man nicht einmal, was Jansenismus ist!« »Um so besser! Seien Sie jedenfalls versichert, daß ich alles für Sie tun werde!« Er verabschiedete den Prior aufs liebevollste und dachte an die ganze Sache nicht weiter. Die Zeit verstrich, und der Prior und seine gute Schwester verzweifelten. Unterdessen betrieb der verdammte Amtmann die Heirat seines großen Tölpels von Sohn mit der schönen Saint-Yves, die man eigens dazu aus dem Kloster genommen hatte. Sie liebte ihr teures Pathenkind noch immer so sehr, als sie den Gatten verabscheute, den man ihr antrauen wollte. Der Schimpf, in ein Kloster gesteckt worden zu sein, steigerte ihre Leidenschaft, und der Befehl, den Sohn eines Amtmanns zu heiraten, ließ das Maß überlaufen: Reue, Zärtlichkeit und Angst zerfraßen ihre Seele. Die Liebe ist, wie man weiß, in einem jungen Mädchen weit erfinderischer und kühner als die Freundschaft in einem alten Prior und einer Tante im vollendeten fünfundvierzigsten Lebensjahre; dazu kam noch, daß sie sich in ihrem Kloster durch die Romane, die sie dort heimlich gelesen, gar trefflich gebildet hatte! Die schöne Saint-Yves erinnerte sich des Briefes, den ein Leibgardist in die Niederbretagne geschrieben und von dem man in der Provinz gesprochen hatte. Sie entschloß sich, selber in Versailles Erkundigungen einzuziehen und sich den Ministern zu Füßen zu werfen, falls ihr Bräutigam wirklich, wie man sagte, im Gefängnisse war, und Gerechtigkeit für ihn zu erlangen. Ich weiß nicht, was sie im geheimen ahnen ließ, daß man bei Hofe einem hübschen Mädchen nichts verweigert, aber sie ahnte nicht, um welchen Preis es geschah. Sobald sie ihren Entschluß gefaßt, war sie getröstet, war sie ruhig und wies den ihr bestimmten Dummkopf nicht mehr zurück. Sie empfing den abscheulichen Schwiegervater, umschmeichelte ihren Bruder und verbreitete Fröhlichkeit im ganzen Hause, und dann ging sie an dem für die Trauung bestimmten Tage mit ihren Hochzeitsgeschenken und allem, was sie sonst noch hatte zusammenbringen können, um vier Uhr des Morgens heimlich auf und davon. Sie hatte ihre Maßnahmen so gut getroffen, daß sie schon um zehn Meilen entfernt war, als man gegen Mittag ihr Zimmer betrat. Die Überraschung und Bestürzung war groß. Der fragesüchtige Amtmann stellte an diesem Tage mehr Fragen, als er die ganze Woche über getan, und der Bräutigam wurde noch dümmer, als er jemals gewesen. Der Abt von Saint-Yves faßte zornig den Entschluß, seiner Schwester nachzusetzen, und der Amtmann und sein Sohn erboten sich, ihn zu begleiten. So führte das Geschick fast diesen ganzen Bezirk der Niederbretagne nach Paris. Die schöne Saint-Yves ahnte gar wohl, daß man sie verfolgen würde. Sie war zu Pferd und fragte unterwegs die Eilboten geschickt aus, ob sie auf dem Wege nach Paris nicht einem dicken Abt, einem ungeheuren Amtmann und einem jungen Tölpel begegnet seien. Nachdem sie am dritten Tage erfahren, daß diese nicht mehr weit hinter ihr zurück seien, schlug sie einen anderen Weg ein und hatte genug Geschick und Glück, nach Versailles zu gelangen, während man nach ihr in Paris vergeblich suchte. Was sollte sie jedoch, jung, schön, ohne Schutz, ohne Schirm, unbekannt und jeglichem ausgesetzt, in Versailles anfangen, wie sollte sie es wagen, dort nach einem Leibgardisten zu suchen? Sie verfiel auf den Gedanken, sich an einen Gesindejesuiten zu wenden, denn es gab welche für alle Stände. So wie Gott den verschiedenen Tiergattungen verschiedene Nahrung gegeben, sagten sie, so hat er auch dem Könige seinen Beichtvater verliehen, welchen alle Pfründenbettler das Haupt der gallikanischen Kirche nannten; darauf kamen die Beichtväter der Prinzessinnen; die Minister hatten keine, denn so dumm waren sie nicht! Dann gab es noch die Jesuiten für das Hausgesinde und vor allem die Jesuiten der Kammerfrauen, durch die man die Geheimnisse der Herrinnen erfuhr, und das war wahrlich kein kleines Amt! An einen dieser letzten wandte sich die schöne Saint-Yves, er hieß der Pater Toutatous. Sie beichtete ihm, eröffnete ihm ihre Erlebnisse, ihre Lage, die Gefahr, in der sie schwebte, und beschwor ihn, sie bei irgendeiner guten, frommen Frau unterzubringen, wo sie vor allen Verführungen geschützt sei. Der Vater Toutatous brachte sie zu der Frau eines Beamten des Mundschenken- und Obstamtes, einem seiner vertrautesten Beichtkinder. Sobald sie dort war, ließ sie es sich angelegen sein, das Vertrauen und die Freundschaft dieser Frau zu erwerben; sie erkundigte sich nach dem bretonischen Gardisten und ließ ihn zu sich bitten. Nachdem sie von ihm erfahren, daß ihr Geliebter in Haft genommen worden sei, nachdem er mit einem Oberschreiber gesprochen, lief sie zu diesem hin: der Anblick einer schönen Frau stimmte ihn milde, denn man muß zugeben, daß Gott die Frauen nur erschaffen hat, um die Männer zu bändigen. Die gerührte Schreiberseele gestand ihr alles: »Ihr Geliebter befindet sich seit fast einem Jahre in der Bastille und würde ohne Sie vielleicht sein ganzes Leben dort verbleiben.« Die zarte Saint-Yves fiel in Ohnmacht. Als sie wieder zu sich gekommen war, sagte der Federfuchser zu ihr: »Ich habe keine Möglichkeit, Gutes zu tun, meine ganze Macht beschränkt sich darauf, bisweilen Böses zu tun. Vertrauen Sie mir jedoch und gehen Sie zum Herrn von Saint-Pouange, der Gutes und Böses tun kann, er ist der Vetter und Günstling Seiner Durchlaucht des Herrn von Louvois. Dieser Minister hat zwei Seelen, Herr von Saint-Pouange ist die eine und Frau du Fresnoi die andere, diese ist jetzt jedoch nicht in Versailles, es bleibt Ihnen also nichts anderes übrig, als den Fürsprecher zu erweichen, den ich Ihnen angegeben habe.« Geteilt zwischen schwacher Freude und heftigem Schmerz, zwischen geringer Hoffnung und großer Angst, von ihrem Bruder verfolgt, ihren Geliebten leidenschaftlich liebend, ihre Tränen trocknend und aufs neue vergießend, zitternd, schwach und nach Mut, ringend, eilte die schöne Saint-Yves schnell zum Herrn von Saint-Pouange.   Vierzehntes Kapitel: Geistige Fortschritte des Harmlosen. Der Harmlose machte schnelle Fortschritte in den Wissenschaften und vor allem in der Wissenschaft vom Menschen. Der Grund dieser schnellen Entwicklung seines Geistes lag fast ebensosehr in seiner wilden Erziehung, wie im Wesen seiner Seele, denn da er in seiner Kindheit nichts gelernt hatte, hatte er auch keine Vorurteile annehmen müssen, und da sein Begriffsvermögen nicht unter den Irrtum gebeugt worden war, war es in seiner ganzen Unverbogenheit aufrecht geblieben: er sah die Sachen so wie sie sind, während die Begriffe, die man uns in unserer Kindheit einprägt, sie uns unser ganzes Leben lang so sehen lassen, wie sie nicht sind. »Ihre Verfolger sind abscheulich,« sprach er zu seinem Freunde Gordon, »ich bedauere Sie herzlich, daß Sie unterdrückt werden, aber noch weit mehr bedauere ich, daß Sie Jansenist sind: Jede Sekte dünkt mich ein Sammelplatz des Irrtums zu sein. Sagen Sie mir, ob es in der Geometrie Sekten gibt?« »Nein, mein liebes Kind,« antwortete ihm seufzend der gute Gordon, »über erwiesene Wahrheiten sind sich alle Menschen stets einig, über die dunklen Wahrheiten jedoch sind sie nur allzu geteilter Meinung!« »Sagen Sie ruhig über die dunklen Falschheiten, denn wäre in ihrem ganzen Haufen von Beweisgründen, die man seit so vielen Jahrhunderten zusammenträgt, auch nur eine einzige Wahrheit verborgen, so würde man sie zweifelsohne entdeckt haben, und die Welt hätte sich wenigstens über diesen einen Punkt geeinigt! Ja, wäre diese Wahrheit überhaupt notwendig, wie es die Sonne für die Erde ist, so würde sie auch wie jene strahlend sein. Es ist eine Abgeschmacktheit, eine Beschimpfung des menschlichen Geschlechts und ein Frevel wider den Schöpfer zu behaupten, es könne eine für den Menschen wesentliche Wahrheit geben, die Gott verborgen hat!« Alles was dieser junge, allein von der Natur unterrichtete Nichtswisser vorbrachte, machte einen tiefen Eindruck auf den Geist des alten, unglücklichen Gelehrten. »Sollte es wahr sein,« rief er, »daß ich mich um Hirngespinste ins Unglück gestürzt habe? Ich bin von meinem Unglück weit überzeugter, als von der wirksamen Gnade, ich habe meine Tage damit vertan, über die Freiheit Gottes und des Menschengeschlechtes nachzudenken, und dabei habe ich die meine eingebüßt, weder Sankt Augustin noch Sankt Prosper werden mich aus dem Abgrunde erretten, in den ich gefallen bin. Völlig eins mit seinem Wesen geworden, sagte der Harmlose endlich: »Soll ich Ihnen mit kühnem Vertrauen offen meine Meinung sagen? Alle, die sich wegen solcher eitlen Schulstreitigkeiten Verfolgungen aussetzen, dünken mich wenig weise, die aber, so uns verfolgen, dünken mich Ungeheuer zu sein.« Die beiden Gefangenen waren über die Ungerechtigkeit ihrer Gefangenschaft völlig einig miteinander. »Ich bin hundertmal beklagenswerter als Sie,« sagte der Harmlose; »ich bin frei geboren wie die Luft, ich kannte nur zwei Leben, die Freiheit und den Gegenstand meiner Liebe, man hat sie mir genommen, nun liegen wir beide hier in Fesseln, ohne den Grund zu wissen und ohne ihn erfragen zu können. Ich habe zwanzig Jahre als Hurone gelebt: Man sagt, dies seien Barbaren, weil sie sich an ihren Feinden rächen, niemals jedoch bedrücken sie ihre Freunde! Kaum hatte ich den Fuß auf den Boden Frankreichs gesetzt, so habe ich für Frankreich mein Blut vergossen, vielleicht habe ich eine ganze Provinz gerettet, und zur Belohnung sperrt man mich hier in dieses Grab der Lebendigen, in dem ich ohne Sie vor Wut gestorben wäre! Gibt es denn keine Gesetze in diesem Lande, verdammt man denn hier die Menschen, ohne sie zu hören? So geschieht in England nicht! Ah, niemals hätte ich gegen Engländer kämpfen sollen!« Dergestalt vermochte seine entstehende Philosophie noch nicht die in dem vornehmsten ihrer Rechte vergewaltigte Natur in ihm zu bändigen und ließ seinem gerechten Zorne freien Lauf. Sein Gefährte widersprach ihm nicht. Die Entfernung steigert unbefriedigte Liebe stets, und Philosophie vermag sie nicht zu vermindern. So sprach er denn auch ebensooft von seiner lieben Saint-Yves, wie von Moral und Metaphysik. Je mehr seine Gefühle sich läuterten, desto mehr liebte er auch. Er las ein paar neue Romane. Aber er fand wenige darunter, die ihm den Zustand seiner eigenen Seele geschildert hätten; er fühlte, daß sein Herz stets weit über das hinausflog, was er las. »Oh,« rief er, »fast alle diese Schriftsteller besitzen nur Geist und Kunst!« Schließlich wurde der gute Jansenistenpriester unmerklich der Vertraute seiner Liebe. Gordon hatte Liebe bis dahin nur als eine Sünde gekannt, deren man sich in der Beichte zeiht, er lernte sie nun als eine so edle wie zarte Empfindung kennen, welche die Seele ebensosehr erheben wie erniedrigen und bisweilen sogar Tugenden in ihr erwecken kann. Kurz, ein letztes Wunder: Ein Hurone bekehrte einen Jansenisten.   Fünfzehntes Kapitel: Die schöne Saint-Yves widersteht zarten Anträgen. Die schöne Saint-Yves, welche noch zärtlicher als ihr Geliebter war, begab sich also mit der Freundin, bei der sie wohnte und gleich dieser von einem Kopfschleier verhüllt, zu Herrn von Saint-Pouange. Das erste, was sie an der Tür erblickte, war der Abt von Saint-Yves, ihr Bruder, der herauskam. Sie wurde nun ängstlich, aber die fromme Freundin beruhigte sie: »Gerade weil man soeben gegen Sie gesprochen hat, ist es notwendig, daß auch Sie nun Ihrerseits sprechen! Seien Sie überzeugt, daß die Ankläger hierzulande stets recht haben, wenn man sich nicht beeilt, ihnen entgegenzutreten; außerdem müßte ich mich sehr täuschen, wenn Ihre Gegenwart nicht eine weit größere Wirkung tun sollte, als die Worte Ihres Bruders.« Sobald man eine leidenschaftlich Liebende nur ein wenig ermutigt, wird sie auch schon kühn: die Saint-Yves ließ sich also einführen. Ihre Jugend, ihre Reize, ihre von Tränen zart verschleierten Augen zogen aller Blicke an, jede Schranze des Unterministers vergaß für einen Augenblick den Götzen Macht, um die Göttin Schönheit zu betrachten. Saint-Pouange ließ sie in sein Gemach führen. Sie sprach voller Ergriffenheit und Anmut, Saint-Pouange fühlte sich bewegt, sie wankte und er stützte sie. »Kommen Sie diesen Abend wieder,« sprach er zu ihr, »Ihr Geschäft verdient mit Muße bedacht und besprochen zu werden, jetzt sind zu viele Leute hier und drängen vorgelassen zu werden, ich muß über alles, was Sie betrifft, gründlich zu Ihnen sprechen.« Und dann, nachdem er ihr noch eine Artigkeit über ihre Schönheit und über ihre Gefühle gesagt hatte, empfahl er ihr, sich abends um sieben Uhr einzustellen. Sie unterließ es nicht, und wiederum begleitete sie die fromme Freundin, aber diese blieb im Vorderzimmer und las den »Christlichen Wegweiser«, während Saint-Pouange und die schöne Saint-Yves sich im Hinterzimmer aufhielten. »Wollen Sie mir wohl glauben, mein Fräulein,« sagte er zunächst, »daß Ihr Bruder bei mir war, um einen geheimen Verhaftsbefehl wider Sie zu erwirken? Ich bin allerdings weit eher gesonnen, einen zu erlassen, der ihn gar schnell in die Niederbretagne zurückbefördern soll!« »Ach, mein Herr, man scheint doch in Ihren Kanzleien mit Verhaftsbefehlen recht freigebig zu sein, da man sich anläßt, aus einem Winkel des Reiches herbeizukommen und sie wie Gnadengelder zu erbitten! Ich bin weit entfernt davon, Sie nun auch um einen Haftbefehl wider meinen Bruder anzugehn. Zwar habe ich gar großen Grund, mich über ihn zu beschweren, aber ich achte die Freiheit der Menschen und erbitte die eines Mannes, den ich heiraten will, eines Mannes, dem der König die Erhaltung einer Provinz zu danken hat, der ihm nützlich dienen könnte und außerdem der Sohn eines Offiziers ist, der in seinem Dienste getötet wurde. Wessen ist er angeklagt, und wie hat man ihn so grausam behandeln dürfen, ohne ihn anzuhören?« Darauf zeigte ihr der Unterminister den Brief des jesuitischen Spions und den des hinterlistigen Amtmannes. »Wie, derartige Ungeheuer gibt es auf Erden? Auf solche Weise will man mich zwingen, den lächerlichen Sohn eines lächerlichen und bösen Mannes zu heiraten? Und auf derlei Nachrichten hin entscheidet man hier über das Schicksal der Bürger?« Sie warf sich in die Kniee und flehte schluchzend um die Freiheit des wackeren Mannes, den sie liebte; ihre Reize erreichten in diesem Zustande ihre größte Vollkommenheit. Sie war so schön, daß Saint-Pouange alle Scham verlor und ihr zu verstehen gab, daß ihr Gewähr werden würde, falls sie ihm die ersten Blüten dessen weihe, was sie für ihren Geliebten bewahrte. Entsetzt und verwirrt tat die Saint-Yves lange so, als ob sie ihn nicht verstände, es galt also sich deutlicher zu erklären. Anfänglich zurückhaltend hervorgebrachte Worte hatten stärkere im Gefolge, und diese zogen wiederum noch deutlichere nach sich. Man stellte nicht nur die Aufhebung des Haftbefehles in Aussicht, sondern auch Belohnung, Geld, Mitgift, und je mehr man versprach, desto mehr steigerte sich auch der Wunsch, nicht abgewiesen zu werden. Halb auf einem Sofa liegend, erstickte die Saint-Yves beinahe an ihren Tränen, und kaum vermochte sie zu glauben, was sie sah und was sie hörte. Saint-Pouange seinerseits warf sich in die Kniee. Er war nicht ohne Reiz und wohl dazu angetan, ein freieres Herz nicht zu erschrecken: Saint-Yves jedoch betete ihren Geliebten an und hielt es für ein grauenhaftes Verbrechen, ihn zu verraten, um ihm zu nützen. Saint-Pouange verdoppelte seine Bitten und Versprechungen, und schließlich verlor er seinen Kopf so vollständig, daß er vorgab, dies sei das einzige Mittel, den Mann, an dem sie so zärtlich und ungestüm hinge, aus dem Gefängnis zu befreien. Die absonderliche Unterredung dehnte sich immer länger aus. Die fromme Dame, welche im Vorzimmer noch immer in ihrem »Christlichen Wegweiser« las, sagte: »Mein Gott, was können sie nur seit zwei Stunden treiben? Noch niemals hat Seine Gnaden der Herr von Saint-Pouange eine so lange Audienz erteilt; da sie ihn jedoch noch immer bittet, muß er dem armen Mädchen wohl alles abgeschlagen haben.« Endlich verließ ihre Gefährtin das Hinterzimmer; sie war bestürzt, sprachlos und tief versonnen über den Charakter der Großen und Halbgroßen, welche so leichten Herzens die Freiheit der Männer und die Ehre der Frauen opfern. Auf dem ganzen Wege vermochte sie kein Wort hervorzubringen, als sie jedoch im Hause der Freundin angelangt war, brach es aus ihr heraus, und sie erzählte der Freundin alles. Die Fromme machte zu wiederholten Malen ein großes Zeichen des Kreuzes und sagte: »Liebe Freundin, Sie müssen morgen sofort den Pater Toutatous, unseren Beichtvater, um Rat fragen, er hat großen Einfluß auf Herrn von Saint-Pouange, denn er ist der Beichtiger mehrerer Dienerinnen des Hauses. Er ist ein frommer, gefälliger Mann, der auch vielen Damen von Stande als Gewissensrat dient; geben Sie sich ihm völlig anheim, ich tue es ebenso und bin noch immer gut dabei gefahren. Wir armen Frauen bedürfen stets der Führung eines Mannes!« »Wohlan, meine liebe Freundin, so will ich also morgen zu dem Pater Toutatous gehen.«   Sechzehntes Kapitel: Sie befragt einen Jesuiten um Rat. Sobald die schöne und verzweifelte Saint-Yves bei ihrem guten Beichtvater angelangt war, vertraute sie ihm an, daß ein mächtiger und wollüstiger Mann ihr in Aussicht gestellt habe, denjenigen, dem sie gesetzlich angetraut werden sollte, aus dem Gefängnisse zu befreien, und daß er für diesen Dienst einen großen Preis fordere, daß sie grausigen Abscheu vor einer solchen Untreue hege und lieber ihr eigenes Leben lassen und, wenn es anginge, es opfern wolle, als dieser Versuchung zu unterliegen. »Welch ein abscheulicher Sünder«, sprach der Pater Toutatous. »Sie müssen mir auf jeden Fall den Namen dieses schändlichen Menschen nennen, sicherlich ist es irgendein Jansenist! Ich werde ihn Seiner Hochwürden dem Pater de la Chaise anzeigen, und der wird ihn schon in den Kerker werfen, in dem jetzt der teure Mann schmachtet, den Sie heiraten sollen.« Nach langer Bedrängnis und großer Verlegenheit nannte das arme Mädchen endlich Saint-Pouange. »Seine Gnaden der Herr von Saint-Pouange!« rief der Jesuit, »oh, mein Kind, das ist etwas ganz anderes, er ist der Vetter des größten Ministers, den wir jemals gehabt haben, ein Biedermann, der Beschützer der guten Sache, ein guter Christ, er kann einen solchen Gedanken nicht hegen! Sie müssen sich verhört haben.« »Oh, mein Vater, ich habe nur allzu gut gehört! Ich bin verloren, was ich auch immer tue; mir bleibt nur die Wahl zwischen Unglück und Schande, mein Geliebter muß entweder lebendig begraben bleiben, oder ich muß mich unwürdig machen, zu leben, ich kann ihn nicht verderben lassen und kann ihn nicht retten!« Der Pater Toutatous versuchte sie durch die folgenden sanften Worte zu beschwichtigen: »Erstens, mein Kind, dürfen Sie niemals das Wort »Mein Geliebter« gebrauchen, es liegt etwas Weltliches darin, das Gott beleidigen könnte; sagen Sie dafür »Mein Gatte«, denn wenn er es auch noch nicht ist, so gilt er Ihnen doch als solcher, und das ist durchaus ehrenwert. Zweitens ist er doch nur Ihr Gatte in Ihren Gedanken, in Ihrer Hoffnung, aber noch nicht in Wirklichkeit, so würden Sie also auch keinen Ehebruch begehen, welcher allerdings eine erschreckliche Sünde ist, die man stets soviel wie möglich vermeiden soll. Drittens sind Handlungen, deren Absicht rein ist, keine Sündenschuld, und nichts möchte für reiner gelten können als die Absicht, Ihren Gatten zu befreien. Viertens finden Sie im frommen Altertum Beispiele, welche Ihrem Handeln gar wunderbar zur Richtschnur dienen können. Der heilige Augustin berichtet, daß im Jahre 340 des Heiles unter dem Prokonsulat des Septimius Acyndinus ein armer Mann lebte, der Cäsar nicht zu geben vermochte, was des Cäsar war, und daher zum Tode verurteilt wurde, wie es rechtens ist trotz des Sprichwortes: Wo nichts ist, hat der Kaiser sein Recht verloren! Es handelte sich um ein Pfund Gold; der Verurteilte aber hatte ein Weib, dem Gott Schönheit und Klugheit verliehen. Ein alter reicher Kauz versprach der Dame, ein Pfund Goldes und mehr zu geben, falls sie mit ihm die unsaubere Sünde begehen wolle. Die Dame glaubte, nichts Böses zu tun, wenn sie ihrem Gatten das Leben rettete. Der heilige Augustin billigte ihre großmütige Selbstüberwindung außerordentlich. Auch betrog sie der alte reiche Kauz, und vielleicht ist ihr Gatte nichtsdestoweniger gehängt worden, sie hatte aber alles, was in ihrer Macht stand, getan, um ihm das Leben zu retten. Sie können sicher sein, mein Kind, daß, wenn ein Jesuit Ihnen den heiligen Augustin anführt, dieser Heilige dann völlig recht hat. Ich rate Ihnen in keiner Weise, Sie sind selber verständig genug, und mutmaßlich werden Sie Ihrem Gatten nützlich sein können! Seine Gnaden der Herr von Saint-Pouange ist ein Ehrenmann und wird Sie nicht täuschen, das ist alles, was ich Ihnen sagen kann; außerdem will ich für Sie zu Gott bitten, und ich hoffe, daß alles zu seinem größten Ruhme vor sich gehen soll!« Über die Reden des Jesuiten nicht weniger entsetzt wie über die Anträge des stellvertretenden Ministers selber, kehrte die schöne Saint-Yves fassungslos zu ihrer Freundin zurück. Sie fühlte sich versucht, sich durch den Tod von dem grausigen Bewußtsein, ihren angebeteten Geliebten in schmählicher Gefangenschaft zu lassen, und von der Schande zu befreien, seine Fesseln um den Preis dessen zu lösen, was sie an Kostbarstem besaß, und was niemandem denn diesem unglücklichen Geliebten gehören durfte.   Siebzehntes Kapitel: Sie unterliegt aus Tugend. Sie bat ihre Freundin, sie zu töten, aber dieses Weib war noch nachsichtiger gesinnt als der Jesuit und sprach noch deutlicher zu ihr. »Ach,« sagte sie,»die Geschäfte an diesem so liebenswürdigen, so artigen, so berühmten Hofe gehen nun einmal kaum anders vor sich, sowohl die kleinsten wie die bedeutendsten Ämter werden gar oft nur um den Preis vergeben, den man von Ihnen fordert. Hören Sie, Sie haben Freundschaft und Vertrauen in mir erweckt, ich will Ihnen gestehen, daß wenn ich mich ebenso angestellt hätte wie Sie, mein Mann nicht im Besitze der kleinen Stellung sein würde, durch die er das Leben erwirbt; er weiß es, und weit davon entfernt, darob zu zürnen, erblickt er in mir nur seine Wohltäterin und betrachtet sich als mein Geschöpf. Glauben Sie denn, daß alle die, welche an der Spitze der Provinzen und sogar der Heere gestanden haben, allein ihren Verdiensten Ehre und Glück zu danken hatten? Gar manche sind darunter, die sich dafür den Damen, ihren Frauen, verpflichtet halten müssen. Die Kriegswürden werden durch die Liebe erworben, und das höchste Amt bekommt der Gatte der Schönsten. Sie befinden sich in einer weit reizvolleren Lage: es handelt sich darum, Ihren Geliebten dem Tageslicht wiederzugeben und ihn zu heiraten, das ist eine heilige Pflicht, die Sie erfüllen müssen! Man hat die schönen und großen Damen, von denen ich Ihnen gesprochen, nicht getadelt, Ihnen wird man Beifall zollen, man wird von Ihnen sagen, Sie hätten sich aus einem Übermaß an Tugend eine Schwäche gestattet!« »Oh, welche Tugend,« rief die schöne Saint-Yves, »welches Labyrinth von Verderbnis, welches Land, wie lerne ich nicht die Menschen kennen! Ein Pater de la Chaise und ein lächerlicher Amtmann bringen meinen Geliebten ins Gefängnis, meine Familie verfolgt mich, und man reicht mir in meinem Unglück nur die Hand, um mich zu entehren. Ein Jesuit hat einen wackeren Mann zugrunde gerichtet, ein anderer Jesuit will auch mich verderben, ich bin von Fallstricken umgeben und stehe dicht davor, ins tiefste Elend hinabzustürzen! Entweder muß ich mich töten, oder ich muß den König sprechen, ich will mich ihm in den Weg werfen, wenn er in die Messe oder ins Theater geht.« »Man läßt Sie nicht in seine Nähe,« entgegnete ihr ihre gute Freundin, »und sollten Sie wirklich das Unglück haben, zu ihm sprechen zu können, so möchten Herr von Louvois und der hochwürdige Pater de la Chaise Sie für den Rest Ihrer Tage wohl tief in ein Kloster vergraben!« Während dieses brave Frauenzimmer dergestalt die Drangsale einer verzweifelten Seele vergrößerte und ihr den Dolch ins Herz stieß, kam ein Bote von Seiten des Herrn von Saint-Pouange mit einem Brief und zwei schönen Ohrgehängen. Saint-Yves wies alles unter Tränen zurück, aber die Freundin nahm es an sich. Sobald der Bote gegangen war, las die Vertraute den Brief, in welchem den beiden Freundinnen ein kleines Nachtmahl für den Abend in Vorschlag gebracht wurde. Saint-Yves schwur, sie würde nicht hingehen. Die Fromme wollte ihr nun die beiden Diamantgehänge anlegen, Saint-Yves vermochte es jedoch nicht zu ertragen. Den ganzen Tag über kämpfte sie mit sich, aber endlich ließ sie sich – nur ihren Geliebten in ihren Gedanken und nicht wissend, wohin man sie brachte – drängen und besiegen und zu dem verhängnisvollen Nachtmahle führen. Nichts aber hatte sie bestimmen können, sich mit den beiden Ohrgehängen zu schmücken, die Vertraute nahm sie jedoch mit und legte sie ihr wider Willen an, ehe man sich zu Tisch setzte, denn Saint-Yves war so verwirrt und verstört, daß sie dem Drängen nachgab, was der Hausherr für ein äußerst günstiges Vorzeichen nahm. Gegen das Ende des Mahles zog sich die Vertraute feinfühlig zurück, und darauf wies der Hausherr die Widerrufung des Haftbefehles, die Verfügung einer beträchtlichen Belohnung und den Befehl zur Übergabe einer Kompagnie vor und war auch mit weiteren Versprechungen nicht sparsam. »Oh,« sprach Saint-Yves zu ihm, »wie würde ich Sie lieben, wenn Sie nicht eben gar so sehr geliebt werden wollten!« Nach langem Widerstande, langem Schluchzen, Klagen, Weinen, vom Kampfe geschwächt, verwirrt und ermattet, mußte sie sich endlich hingeben. Ihr blieb keine andere Rettung, als sich treulichst zu geloben, nur an den Harmlosen zu denken, während der Grausame unbarmherzig die Notlage ausnutzen würde, in die sie sich versetzt sah.   Achtzehntes Kapitel: Sie befreit ihren Geliebten und einen Jansenisten. Ausgerüstet mit der Verfügung des Ministers flog sie bei Tagesanbruch nach Paris. Es läßt sich schwer schildern, was während dieser Reise in ihrem Herzen vorging. Man stelle sich eine tugendhafte, edle, von ihrer Schande niedergedrückte und von Zärtlichkeit erfüllte Seele vor, die zerrissen war von der Reue, ihren Geliebten verraten zu haben, und zugleich durchglüht von der Freude, ihren Angebeteten zu befreien! Ihre Qualen, ihre Kämpfe und ihr Sieg erfüllten alle ihre Gedanken. Sie war nun nicht mehr jenes schlichte Mädchen, deren Vorstellungen durch eine ländliche Erziehung unentwickelt geblieben waren, Liebe und Unglück hatten sie gestaltet, Empfindung hatte in ihr ebenso große Fortschritte gemacht, wie die Vernunft im Geiste ihres unglücklichen Geliebten. Die Mädchen lernen leichter fühlen als die Männer denken. Ihr Abenteuer war lehrreicher für sie gewesen als vier Jahre Kloster. Ihr Kleid war von äußerster Schlichtheit; nur mit Entsetzen konnte sie sich des Putzes erinnern, mit dem sie vor ihrem verhängnisvollen Wohltäter erschienen war, so hatte sie denn ihre Diamantgehänge ihrer Gefährtin überlassen, ohne sie auch nur eines Blickes zu würdigen. Verwirrt und beglückt, ihren Harmlosen vergötternd und sich selber hassend, gelangte sie endlich vor das Tor Der Schreckensburg, der Rache Schloß, Das Unschuld oft bei Schuld umschloß. Als es galt, aus dem Wagen zu steigen, fehlten ihr die Kräfte, man stützte sie, und mit klopfendem Herzen, feuchten Augen und bebenden Lippen trat sie ein. Man bringt sie zu dem Gefängnisvogt, sie will zu ihm sprechen, aber ihre Stimme versagt ihr, sie weist nur ihre Verfügung vor und vermag kaum einige Worte zu lallen. Der Vogt liebte seinen Gefangenen und war über seine Befreiung höchst erfreut; sein Herz war nicht verhärtet wie das einiger ehrenwerter Kerkermeister, seiner Amtsbrüder, welche – nur der mit der Hut ihrer Gefangenen verbundenen Sporteln eingedenk – ihr Einkommen auf ihre Opfer gründen, vom Unglücke anderer leben und im geheimen schändliche Freude an den Tränen der Unglücklichen empfinden. Er ließ den Gefangenen in sein Zimmer führen. Die zwei Liebenden wurden einander ansichtig und fielen beide in Ohnmacht. Die schöne Saint-Yves blieb lange regungslos und ohne Leben, der Harmlose jedoch war bald wieder im Besitz seines Mutes. »Das ist wahrscheinlich Ihre Frau Gemahlin,« sagte der Vogt zu ihm, »Sie hatten mir nicht gesagt, daß Sie verheiratet seien! Man teilt mir mit, daß Sie ihren großmütigen Bemühungen Ihre Befreiung zu danken hätten.« »Oh, ich bin nicht würdig, seine Frau zu sein«, sagte die schöne Saint-Yves mit zitternder Stimme, und dann sank sie abermals in ihre Ohnmacht zurück. Als sie wieder zur Besinnung gelangt war, wies sie, noch immer zitternd, die Verfügung einer Belohnung und das schriftliche Versprechen einer Kompagnie vor. Ebenso verwundert wie gerührt, erwachte der Harmlose aus einem Traum, um in einen anderen zu versinken. »Warum bin ich hier gefangen gewesen? Wie haben Sie mich befreien können? Wo sind die Ungeheuer, die mich hierhergebracht? Sie sind eine Gottheit, die zu meiner Hilfe vom Himmel herabgestiegen ist!« Die schöne Saint-Yves senkte die Augen, sah ihren Geliebten an, errötete und wandte den Augenblick darauf ihre von Tränen geröteten Augen wieder ab. Zuletzt erzählte sie ihm alles, was sie in Erfahrung gebracht und was sie erlitten, ausgenommen das, was sie vor sich selber für ewig hätte verbergen mögen, und was ein anderer als der Harmlose, der die Welt und die Hofbräuche besser gekannt, gar leicht würde erraten haben. »Ist es möglich, daß ein Elender wie dieser Amtmann mich meiner Freiheit hat berauben können! Oh, ich sehe nun wohl, daß es Menschen gibt, die wie die scheußlichsten Tiere sind; alle können schaden, aber ist es möglich, daß ein Mönch, ein Jesuit und Beichtvater des Königs, an meinem Unglücke ebenso großen Teil gehabt hat wie dieser Amtmann, ohne daß ich mir vorstellen könnte, unter welchem Vorwande dieser verächtliche Schurke mich verfolgt hat? Hat er mich für einen Jansenisten ausgegeben? Und wie haben Sie sich schließlich meiner erinnert, denn ich verdiente es nicht, ich war damals nur ein Wilder! Ohne Rat, ohne Beistand haben Sie diese Reise nach Versailles unternehmen können, Sie sind dort erschienen und sofort sind meine Fesseln gefallen! Liegt denn in der Schönheit und in der Tugend ein unbesieglicher Zauber, der eiserne Türen sprengt und Herzen von Erz erweicht?« Bei dem Worte Tugend brach die schöne Saint-Yves in Schluchzen aus, denn sie wußte nicht, wie tugendhaft sie in dem Verschulden war, das sie sich vorwarf. Ihr Geliebter fuhr folgendermaßen fort: »Engel, der Sie meine Bande gelöst haben, wenn Sie genug Einfluß besaßen (was ich noch nicht begreife), mir Gerechtigkeit zu verschaffen, so verschaffen Sie sie auch einem Greise, der mich zuerst denken gelehrt hat, wie Sie mich zu lieben lehrten. Das Unglück hat uns vereinigt, ich liebe ihn wie einen Vater, ich vermag ebensowenig ohne ihn wie ohne Sie zu leben.« »Wie? Ich! Ich sollte denselben Mann noch einmal, denselben ...!« »Ja, ich will alles Ihnen zu danken haben, mein ganzes Leben lang nur Ihnen! Schreiben Sie an diesen mächtigen Mann, überhäufen Sie mich mit Ihren Wohltaten, vollenden Sie, was Sie angefangen haben, vollenden Sie Ihre Wunder.« Sie fühlte, daß sie alles tun mußte, was ihr Geliebter von ihr forderte. Sie wollte schreiben, aber ihre Hand gehorchte ihr nicht, zu dreien Malen fing sie ihren Brief an, zu dreien Malen zerriß sie ihn, endlich war er geschrieben, und die beiden Liebenden gingen fort, nachdem sie den alten Märtyrer der wirksamen Gnade umarmt hatten. Die glückliche und verzweifelte Saint-Yves wußte, in welchem Hause ihr Bruder wohnte, sie begab sich dorthin, und ihr Geliebter nahm ein Zimmer im selben Hause. Kaum waren sie dort angelangt, so schickte ihr Beschützer ihr den Freilassungsbefehl des guten Gordon und bat sie um ein Stelldichein auf den nächsten Tag. So war für jede edle und großmütige Tat, die sie beging, ihre Schande der Preis. Mit höchstem Abscheu erkannte sie diesen Brauch, Glück und Unglück der Menschen zu verkaufen. Sie übergab den Freilassungsbefehl ihrem Geliebten und verweigerte das Stelldichein dem Wohltäter, den sie nicht mehr hätte erblicken können, ohne vor Schmerz und Schande zu vergehen. Der Harmlose vermochte sich von ihr nur zu trennen, um einen Freund zu befreien; er flog hin und erfüllte diese Pflicht unter tiefem Sinnen über die Seltsamkeit der Ereignisse in dieser Welt und in Bewunderung der mutigen Tugend eines jungen Mädchens, welchem zwei Unglückliche nun mehr als das Leben verdankten.   Neunzehntes Kapitel: Der Harmlose, die schöne Saint-Yves und ihre Verwandten sind vereinigt. Die großmütige und verehrungswürdige Ungetreue war mit ihrem Bruder, dem Abt von Saint-Yves, mit dem guten Prior vom Berge und mit der Dame von Kerkabon vereinigt, alle waren gleich verwundert, ihre Lage und Gefühle aber waren recht verschieden! Der Abt von Saint-Yves beweinte zu Füßen seiner Schwester sein Unrecht, und sie verzieh ihm, der Prior und seine zärtliche Schwester weinten ebenfalls, aber vor Freude. Der abscheuliche Amtmann und sein unerträglicher Sohn störten diesen rührenden Auftritt nicht: sie waren auf das erste Gerücht von der Befreiung ihres Feindes hin abgereist und beeilten sich, ihre Dummheit und ihre Angst in ihrer Provinz zu vergraben. Die vier von hundert verschiedenen Regungen bewegten Menschen harrten, daß der junge Mann mit dem Freunde zurückkehren möchte, den er befreien sollte. Der Abt von Saint-Yves wagte seine Augen nicht vor seiner Schwester zu erheben, die gute Kerkabonin aber flüsterte: »Ich soll meinen lieben Neffen also wiedersehen!« »Sie werden ihn wiedersehen,« antwortete die liebliche Saint-Yves, »aber er ist nicht mehr derselbe Mensch, seine Haltung, sein Auftreten, seine Gedanken, sein Geist, alles ist verändert, er ist ebenso achtbar geworden, als er kindlich und unbekannt mit allem war: er wird die Ehre und der Trost Ihrer Familie sein! Oh, warum vermag nicht auch ich, der meinen Glück zu bringen!« »Auch Sie sind nicht mehr dieselbe,« sagte der Prior, »was ist Ihnen nur begegnet, was hat einen so großen Wandel in Ihnen hervorgerufen?« Mitten in diesem Gespräch langte der Harmlose an und hielt seinen Jansenisten bei der Hand. Nun wurde der Auftritt noch seltsamer und reizvoller, er begann mit den zärtlichen Umarmungen des Onkels und der Tante, der Abt von Saint-Yves warf sich dem Harmlosen, der nicht mehr der Harmlose war, fast zu Füßen, und die beiden Liebenden sprachen mit Blicken zueinander, welche alle Empfindungen ausdrückten, von denen sie erfüllt waren. Auf dem Antlitz des einen sah man Befriedigung und Dankbarkeit, Verlegenheit malte sich in den zärtlichen und etwas unsicheren Blicken der anderen; man war verwundert, daß sie Schmerz in solche Freude mischte. Der alte Gordon wurde der ganzen Familie in wenigen Augenblicken teuer: er war mit dem jungen Gefangenen zusammen unglücklich gewesen, das hieß etwas! Er selber hatte seine Befreiung den beiden Liebenden zu danken, und das allein schon söhnte ihn mit der Liebe aus; die Strenge seiner früheren Anschauungen wich aus seinem Herzen, gleich dem Huronen wurde er zum Menschen gewandelt. Vor Tisch erzählte jeder seine Erlebnisse. Die beiden Äbte und die Tante lauschten wie Kinder, welche Gespenstergeschichten anhören, und wie Menschen, welche alle gar herzlich teilnahmen an so vielem Unheil. »Ach,« sagte Gordon, »es gibt vielleicht mehr als fünfhundert tugendhafte Menschen, welche augenblicklich in solchen Fesseln schmachten, wie Fräulein von Saint-Yves sie gebrochen hat! Ihr Unglück ist unbekannt, und es finden sich stets der Hände genug, um auf die Menge der Unglücklichen herabzuschlagen, selten aber findet sich eine, die hilfreich ist!« Diese so wahre Überlegung steigerte seine Gefühle und seine Erkenntlichkeit. Alles erhöhte den Triumph der schönen Saint-Yves; man bewunderte die Größe und Festigkeit ihrer Seele, und diese Bewunderung war mit einer Achtung gemischt, als welche man ohne jegliches Zutun vor einer Persönlichkeit empfindet, die man für einflußreich bei Hofe hält; der Abt von Saint-Yves sagte jedoch von Zeit zu Zeit: »Was hat meine Schwester nur tun können, um so schnell solchen Einfluß zu erlangen?« Man setzte sich sehr frühzeitig zu Tisch, und nun erschien plötzlich die gute Freundin aus Versailles, ohne von allem, was inzwischen vorgefallen war, etwas zu wissen. Sie war in einer mit sechs Pferden bespannten Karosse vorgefahren; und man wird sich schon denken können, wem dieser Wagen gehörte. Sie trat mit der selbstsicheren und gebieterischen Haltung einer Persönlichkeit vom Hofe ein, welche große Geschäfte hat, grüßte die Gesellschaft sehr flüchtig und zog die schöne Saint-Yves beiseite: »Warum lassen Sie so lange auf sich warten? Folgen Sie mir jetzt! Hier sind übrigens auch Ihre Diamanten, die Sie vergessen hatten!« Sie konnte diese Worte nicht so leise sprechen, als daß der Harmlose sie nicht gehört hätte, er sah auch die Diamanten – der Bruder war bestürzt, der Onkel und die Tante dagegen waren nur erstaunt, wie gute schlichte Leute, welche eine solche Pracht noch niemals geschaut hatten. Der junge Mann, der sich durch ein Jahr Nachdenkens entwickelt hatte, dachte auch jetzt nach und erschien einen Augenblick lang verstört, seine Geliebte bemerkte es, Totenblässe breitete sich über ihr schönes Antlitz, ein Schauer überflog sie, und sie vermochte sich kaum aufrecht zu erhalten. »Oh, gnädige Frau,« sprach sie zu der verhängnisvollen Freundin, »Sie haben mich zugrunde gerichtet, Sie töten mich!« Diese Worte durchbohrten dem Harmlosen das Herz, er hatte jedoch schon gelernt, sich zu beherrschen, und so nahm er sie aus Furcht, seine Geliebte vor ihrem Bruder zu bedrängen, nicht auf, aber er erbleichte wie sie. Bestürzt über die Veränderung, die sie auf dem Antlitz ihres Geliebten gewahr geworden war, zog Saint-Yves jene Frau aus dem Zimmer in einen kleinen Durchgang hinaus, warf dort die Diamanten vor ihr zu Boden und sagte; »Oh, nicht diese Steine haben mich verführt, Sie wissen es sehr gut, aber der, so sie mir gegeben hat, wird mich niemals wieder erblicken.« Die Freundin hob das Geschmeide auf, und Saint-Yves fügte hinzu: »Mag er es zurücknehmen oder mag er es Ihnen schenken, es ist gleich, aber gehen Sie und vergrößern Sie nicht noch meine Scham über mich selbst.« Die Gesandtin ging schließlich fort, ohne die Gewissensbisse begreifen zu können, deren Zeuge sie gewesen war. Die bedrängte schöne Saint-Yves fühlte in ihrem Körper einen Aufruhr, der sie erstickte, sie war gezwungen sich zu Bett zu legen; um jedoch niemanden zu erschrecken, äußerte sie von ihren Schmerzen nichts, sondern bat nur, Müdigkeit vorschützend, um die Erlaubnis, sich ein wenig ausruhen zu dürfen. Aber auch dies tat sie erst, nachdem sie die Gesellschaft mit freundlichen trostreichen Worten beruhigt und ihrem Geliebten Blicke zugeworfen hatte, die seine Seele in Flammen setzten. Das Abendessen, welches sie nun nicht mehr belebte, war anfangs traurig, aber es herrschte jene anregende Traurigkeit, welche gar nützliche und verknüpfende Gespräche herbeizieht, die um so vieles wertvoller sind als jene oberflächliche Lustigkeit, nach der man gewöhnlich strebt und die fast stets nur ein lästiger Lärm ist. Gordon gab in wenigen Worten die Geschichte sowohl des Jansenismus wie des Mollinismus, wie der Verfolgungen, mit der eine Partei die andere bedrängte, wie der Halsstarrigkeit beider; der Harmlose äußerte sich über denselben Gegenstand kritisch und beklagte die Menschen, welche noch nicht zufrieden mit der Zwietracht, die ihre Interessen entfachen, sich neue Leiden um eingebildeter Interessen und unverständlicher Albernheiten willen schaffen. Gordon berichtete, der Harmlose urteilte, die Anwesenden lauschten bewegt und wurden von neuer Einsicht erleuchtet. Man sprach über die Dauer unserer Drangsale und über die Kürze unseres Lebens, man wies nach, daß jeder Beruf ein ihm anhängendes Laster und eine gleiche Gefahr habe und daß alles, vom Fürsten hinab bis zu dem geringsten Bettler, die Natur anzuklagen scheine. »Wie können sich nur so viele Menschen finden, die sich um so gar geringes Geld zu Verfolgern, Schergen und Henkern anderer Menschen hergeben? Mit welcher unmenschlichen Gleichgültigkeit unterzeichnet ein Mann in hoher Stellung das Verderben einer ganzen Familie, und mit welcher noch barbarischeren Freude führen Mietlinge es aus! »In meiner Jugend,« sagte der gute Gordon, »habe ich einen Verwandten des Marschalls von Marillac gekannt, der sich unter einem angenommenen Namen in Paris verborgen hielt, weil er jenes berühmten Unglücklichen wegen in seiner Provinz verfolgt worden war. Er war ein Greis von zweiundsiebenzig Jahren, und seine Gattin, die ihn begleitete, stand ungefähr in gleichem Alter. Sie hatten einen liederlichen Sohn gehabt, der im Alter von vierzehn Jahren aus dem väterlichen Hause entflohen, dann Soldat, dann fahnenflüchtig geworden war, alle Stufen der Ausschweifung und des Elends kennen gelernt hatte und endlich unter falschem Namen in die Leibwache des Kardinals von Richelieu eintrat (denn ebenso wie Mazarin hatte auch dieser Priester eine Leibwache). In dieser Schergenkompagnie bekleidete der Abenteurer die Stellung eines Polizeimeisters und wurde nun damit beauftragt, den Greis und seine Gattin zu verhaften. Er tat es mit der ganzen Härte eines Mannes, der seinem Herrn gefällig sein will. Während er sie ins Gefängnis führte, hörte er die beiden Opfer die lange Kette ihres Unglücks beklagen, das sich seit der Wiege an ihre Fersen geheftet hatte, und Vater wie Mutter nannten als den härtesten Schicksalsschlag, der sie getroffen, die Verirrungen und den Verlust ihres Sohnes. Er erkannte sie nun, brachte sie darum jedoch nicht weniger ins Gefängnis, sondern versicherte ihnen, der Dienst seiner Eminenz müsse allem anderen vorangehen. – Seine Eminenz belohnten seinen Eifer! Ich habe einen Spion des Paters de la Chaise in der Hoffnung auf eine kleine Pfründe, die er nachher nicht bekam, seinen eigenen Bruder verraten und dann sterben sehen, und zwar nicht etwa aus Reue, sondern aus Wut, von dem Jesuiten genasführt worden zu sein. Das Amt eines Beichtigers, das ich lange geübt, hat mich das innere Leben gar vieler Familien kennen lernen lassen, ich habe kaum welche gesehen, die sich nicht in Bitternis verzehrt hätten, während sie nach außen mit der Maske des Glückes in lauter Freude zu schwimmen schienen, und stets habe ich bemerkt, daß die größten Kümmernisse eine Frucht unserer zügellosen Begehrlichkeit sind.« »Was mich angeht,« sagte der Harmlose, »so glaube ich, daß ein edles, dankbares und feinfühliges Gemüt glücklich leben kann, und so hoffe ich, mich mit der schönen, hochherzigen Saint-Yves fleckenloser Glückseligkeit zu erfreuen, denn,« fügte er, sich mit freundschaftlichem Lächeln an ihren Bruder wendend, hinzu, »denn ich hoffe doch, daß Sie mir nicht mehr wie im vergangenen Jahre entgegen sein wollen, auch werde ich mich dieses Mal schicklicher dabei anlassen.« Der Abt zerschmolz in Entschuldigungen über das Vergangene und in Beteuerungen ewiger Anhänglichkeit. Der Onkel Kerkabon sagte, dies würde der schönste Tag seines Lebens sein! Außer sich vor Entzücken und vor Freude weinend, rief die gute Tante: »Habe ich Ihnen nicht stets gesagt, daß Sie niemals Subdiakon werden würden! Aber das Ehegelöbnis ist auch weit besser als jenes entgegengesetzte, hätte es Gott nur gefallen wollen, daß ich die Auserwählte gewesen wäre! Nun will ich Ihnen wenigstens eine Mutter sein!« Und sie konnten sich alle des Lobes über die zärtliche Saint-Yves gar nicht genug tun. Das Herz ihres Geliebten war zu angefüllt von dem, was sie für ihn getan hatte, und er liebte sie zu sehr, als daß der Vorfall mit den Diamanten einen bleibenden Eindruck auf sein Gemüt hätte üben können, aber jene Worte, die er nur allzugut gehört, das Wort: »Sie geben mir den Tod«, erschreckte ihn noch immer im geheimen und verdarb ihm seine ganze Freude, während Lob und Preis seiner schönen Geliebten seine Liebe noch steigerten. Schließlich war man nur noch mit ihr beschäftigt, sprach nur noch von dem Glück, das diese beiden Liebenden verdienten, machte Vorschläge zu einem gemeinsamen Leben in Paris und schmiedete Pläne auf Reichtum und Beförderung. Während man sich allen diesen Hoffnungen, welche der geringste Glücksschimmer so leicht erweckt, bereitwillig hingab, hatte der Harmlose im Grunde seines Herzens ein geheimes Gefühl, das solchem schönen Wahn entgegen war: er las noch einmal die von Saint-Pouange und von Louvois unterzeichneten Versprechungen und Verfügungen, und man schilderte ihm diese beiden Männer, wie sie wirklich waren oder wie man glaubte, daß sie seien, und jeder sprach von den Ministern und dem Ministerium mit jener Tafelfreizüngigkeit, welche in Frankreich für die kostbarste Freiheit gehalten wird, deren man sich auf Erden erfreuen kann. »Wäre ich König von Frankreich,« sagte der Harmlose, »so müßte der Kriegsminister, den ich mir erwählen wollte, ein Mann von höchstem Adel sein, weil er dem Adel Befehle zu erteilen hat, ferner würde ich verlangen, daß er selber Offizier gewesen wäre und alle Rangstufen durchlaufen hätte, ja, er müßte zum mindesten Generalleutnant und würdig sein, Marschall von Frankreich zu werden, denn um die Einzelheiten des Dienstes gut zu kennen, wäre es doch notwendig, daß er selber gedient hätte, und würden die Offiziere nicht hundertmal lieber einem Kriegsmanne gehorchen, der gleich ihnen seinen Mut bereits kundgetan, als einem Stubenmenschen, der die Bewegungen eines Feldzuges bestenfalls immer nur erraten könnte, so klug er auch sein möchte? Es würde mich auch nicht kränken, wenn mein Minister freigebig wäre, selbst wenn das meinen Schatzmeister gelegentlich ein wenig in Verlegenheit bringen sollte. Die Arbeit müßte ihm leicht von der Hand gehen, und er selber sich durch jene geistige Heiterkeit auszeichnen, welche einem bedeutenden Menschen in großen Angelegenheiten stets eigen ist, welche dem Volke so überaus gefällt und alle Pflichten weniger schwer macht.« Diesen Charakter sollte der Minister haben, weil der Harmlose stets wahrgenommen, daß jene heitere Wesensstimmung sich niemals mit Grausamkeit verträgt. Herr von Louvois wäre mit den Wünschen des Harmlosen wohl kaum sehr einverstanden gewesen, denn sein Wert war von recht verschiedener Art. Indessen, während man bei Tische saß, nahm die Krankheit des unglücklichen Mädchens einen verhängnisvollen Charakter an, ihr Blut glühte und ein zehrendes Fieber hatte sich eingestellt; sie litt und klagte dennoch nicht, um die Freude der Gäste nicht zu stören. Da ihr Bruder wußte, daß sie nicht schlief, ging er zu ihr ans Bett und erschrak über ihren Zustand, nun liefen alle herbei, ihr Geliebter kam dicht hinter ihrem Bruder. Zweifelsohne war er der Erschrockenste und Ergriffenste von allen, aber er hatte gelernt, Selbstbeherrschung mit all den glücklichen Gaben zu verbinden, mit denen die Natur ihn überhäuft hatte, und ein lebhaftes Gefühl für Schicklichkeit fing an in ihm wirksam zu sein. Man ließ auch sogleich einen Arzt aus der Nachbarschaft herbeirufen: er gehörte zu jenen, welche ihre Kranken im Fluge untersuchen, die Krankheit, die sie eben gesehen haben, mit der verschmelzen, die sie sehen, und ein blindes Verfahren in eine Wissenschaft tragen, welcher alle Reife einer gesunden und besonnenen Vorsicht nicht ihre Ungewißheit und ihre Gefahren zu nehmen vermag. Er verschlimmerte das Übel durch seine Hast, irgendein Modemittel zu verschreiben. Sogar in der Medizin Mode! Diese Sucht war nur allzu gewöhnlich in Paris. Die traurige Saint-Yves trug noch mehr als ihr Arzt dazu bei, ihre Krankheit gefährlich zu machen: ihre Seele tötete ihren Körper, der Schwärm ihrer sie zernagenden Gedanken brachte ein Gift in ihre Adern, das gefährlicher war als das Gift des hitzigsten Fiebers.   Zwanzigstes Kapitel: Die schöne Saint-Yves stirbt, und was daraus entsteht. Man berief einen anderen Arzt, und anstatt die Natur zu unterstützen und frei wirken zu lassen in einem jungen Leibe, in dem alle Organe nach Leben strebten, war dieser nur beflissen, seinem Amtsbruder entgegenzuarbeiten. In zwei Tagen wurde die Krankheit tödlich, das Gehirn, welches man für den Sitz des Verstandes hält, wurde ebenso heftig erfaßt wie das Herz, das, wie man sagt, der Sitz des Gefühls ist. Welche unbegreifliche Mechanik hat die Organe dem Fühlen und Denken unterworfen? Wie kann eine einzige schmerzvolle Vorstellung den Lauf des Blutes stören, und wie vermag das Blut seinerseits seine Störungen dem Verstande des Menschen mitzuteilen? Welches ist das unbekannte Fluidum, dessen Vorhandensein gewiß ist und das schneller und wirksamer als das Licht in einem Augenblinken alle Kanäle des Lebens durchströmt, Empfindung, Erinnerung, Traurigkeit oder Freude, Verstandesklarheit oder Schwindel hervorruft, mit Entsetzen gerade das festhält, was man vergessen möchte, und aus einem denkenden Tier entweder einen Gegenstand der Bewunderung oder einen des Mitleides und der Tränen macht? Solches fragte sich der gute Gordon, und seine so natürliche Überlegung, welche von den Menschen jedoch gar selten angestellt wird, minderte keineswegs seine herzliche Teilnahme, denn er gehörte nicht zu den unglücklichen Philosophen, welche sich zwingen, unempfindlich zu sein. Das Schicksal des jungen Mädchens erschütterte ihn wie einen Vater, der sein geliebtes Kind langsam sterben sieht. Der Abt von Saint-Yves war verzweifelt, und der Prior und seine Schwester vergossen ganze Ströme von Tränen! Wer jedoch vermöchte den Zustand ihres Geliebten zu schildern? Keine Sprache besitzt Ausdrücke, die einem solchen Übermaß von Schmerzen entsprächen; – die Sprachen sind zu unvollkommen. Selber fast leblos, hielt die Tante das Haupt der Sterbenden in ihren schwachen Armen, ihr Bruder kniete am Fußende des Bettes und ihr Geliebter preßte ihre Hand, benetzte sie mit Tränen und schluchzte herzzerreißend; er nannte sie seine Wohltäterin, seine Hoffnung, sein Leben, sein halbes Selbst, seine Geliebte, seine Braut. Bei diesem Worte Braut stöhnte sie, sah ihn mit unaussprechlicher Zärtlichkeit an, stieß plötzlich einen Entsetzensschrei aus und rief dann in einer jener Ruhepausen, in denen die Bedrückung und Bedrängung der Sinne und das Aussetzen der Leiden der Seele ihre Freiheit und ihre Kraft wiedergeben: »Ich, Ihre Braut! Oh, mein teurer Geliebter, dieser Name, dieses Glück, dieser Preis sind nicht mehr für mich, ich sterbe und ich verdiene es! Oh, Du Gott meines Herzens, oh, Du, den ich höllischen Dämonen geopfert habe, es ist geschehen, ich bin bestraft, lebe glücklich!« Diese liebenden und schrecklichen Worte konnten nicht verstanden werden, aber sie erweckten in aller Herzen Entsetzen und Rührung. Und Saint-Yves fand den Mut, sich näher zu erklären, jedes Wort ließ die Anwesenden vor Erstaunen, Schmerz und Mitleid erzittern, alle vereinigten sich in dem Abscheu vor dem mächtigen Manne, der eine grauenhafte Ungerechtigkeit nur durch ein Verbrechen wieder gutgemacht und die achtbarste Unschuld gezwungen hatte, seine Mitschuldige zu werden. »Wer? Sie schuldig!« sprach ihr Geliebter zu ihr, »nein, Sie sind es nicht, die Schuld entspringt immer im Herzen, das Ihre jedoch gehört mir und der Tugend.« Er bekräftigte dieses Gefühl noch mit Worten, welche die schöne Saint-Yves wieder zum Leben zu erwecken schienen: sie fühlte sich getröstet und war erstaunt, noch geliebt zu werden. In der Zeit, da er nur ein Jansenist gewesen, würde der alte Gordon sie verdammt haben, da er nun jedoch weise geworden war, achtete er sie und weinte. Inmitten so vieler Tränen und Besorgnisse und während die Gefahr, in der das so aufrichtig geliebte Mädchen schwebte, aller Herzen erfüllte und alle bestürzt waren, wurde ein Bote von Hof gemeldet. Ein Bote! Und von wem? Und mit welchem Auftrag? Er war von dem Beichtvater des Königs an den Prior vom Berge entsandt: der Pater de la Chaise schrieb jedoch nicht selber, sondern der Bruder Vadbled, sein Kammerdiener, ein in jener Zeit sehr einflußreicher Mann, der den Bischöfen den Willen des hochwürdigen Paters übermittelte, Audienzen erteilte, Pfründen versprach und bisweilen geheime Verhaftsbefehle erließ. Er schrieb dem Abt vom Berge, daß Seine Hochwürden von den Erlebnissen seines Neffen unterrichtet worden sei, daß sein Gefängnis nur ein Irrtum gewesen, daß solche kleinen Schicksalstücken sich öfter ereigneten, daß man sie nicht weiter beachten dürfe; auch werde gestattet, daß der Prior ihm morgen seinen Neffen vorstelle, und er solle den guten Gordon mitbringen, er, der Bruder Vadbled, würde sie selber bei Seiner Hochwürden einführen und auch bei Herrn von Louvois, der in seinem Vorzimmer ein Wort an sie zu richten vielleicht die Gnade haben könnte. Er fügte noch hinzu, daß die Geschichte des Harmlosen und sein Kampf wider die Engländer dem Könige erzählt worden sei; sicherlich würde der König ihn beim Durchschreiten der Galerie zu bemerken geruhen und ihm vielleicht sogar zunicken. Der Brief schloß mit der schmeichelhaften Versicherung, alle Damen des Hofes würden es sich zweifelsohne angelegen sein lassen, seinen Neffen bei ihrer Toilette zu empfangen, und etliche würden ihm wohl sogar ein »guten Tag, Herr Harmlos« zurufen, und sicherlich würde an der Abendtafel des Königs von ihm gesprochen werden. Der Brief war unterzeichnet: Ihr wohlgeneigter Vadbled, Jesuitenbruder. Der Prior hatte den Brief laut vorgelesen, sein wütender Neffe beherrschte einen Augenblick lang seinen Zorn und sagte zu dem Überbringer nichts, aber er wandte sich an den Gefährten seines Mißgeschicks und fragte ihn, wie ihn dieser Stil dünke. Gordon erwiderte: »Man behandelt die Menschen ja wie die Affen, man schlägt sie und läßt sie tanzen!« In seinen wahren Charakter zurückfallend, als welcher sich in allen großen Regungen der Seele stets Bahn bricht, zerriß der Harmlose den Brief in Stücke und warf sie dem Boten ins Gesicht: »Das ist meine Antwort«. Sein entsetzter Onkel glaubte den Blitz und zwanzig Haftbefehle auf ihn niederfahren zu sehen, er beeilte sich, schnellstens zu schreiben und so gut er konnte, das zu entschuldigen, was er für das Ungestüm eines jungen Mannes nahm, was in Wirklichkeit jedoch der Ausbruch einer großen Seele war. Aber schmerzvollere Sorgen wohnten in aller Herzen. Die schöne unglückliche Saint-Yves fühlte ihr Ende bereits herannahen, sie war ruhig, aber mit jener grausigen Ruhe der geschwächten Natur, welche zum Kampfe keine Kraft mehr hat. »Oh, mein teurer Geliebter,« sprach sie mit sinkender Stimme, »der Tod bestraft mich für meine Schwäche, aber ich scheide mit dem Troste, Sie frei zu wissen; ich habe Sie geliebt, während ich Sie verriet, und ich liebe Sie auch jetzt, da ich Ihnen auf ewig Lebewohl sage!« Sie schmückte sich nicht mit eitler Festigkeit und geizte nicht nach dem erbärmlichen Ruhme, ein paar Nachbarn zu dem Worte zu zwingen: Sie ist mutig gestorben. Wer vermag mit zwanzig Jahren seinen Geliebten, sein Leben und das, was man »Ehre« nennt, ohne Schmerz und Verzweiflung zu verlieren? Sie empfand das ganze Entsetzen ihres Zustandes und verriet dies durch jene ersterbenden Worte und Blicke, welche stets mit solcher Macht sprechen, und schließlich weinte sie gleich allen anderen in den Augenblicken, da sie Kraft hatte zu weinen. Mögen andere das prunkende Sterben derer zu preisen suchen, welche empfindungslos in das Nichts hinübergehen, es ist das Schicksal aller Tiere! Gleichgültig wie sie sterben wir nur, wenn Alter oder Siechtum uns durch die Stumpfheit unserer Organe ihnen ähnlich gemacht hat. Wer auch immer einen großen Verlust erleidet, es bringt ihm große Schmerzen, unterdrückt er sie, so heißt es nur, daß er sogar in den Armen des Todes seine Eitelkeit nicht fahren lassen kann. Als der verhängnisvolle Augenblick herangekommen, entfuhren allen Anwesenden Tränen und Schreie, und der Harmlose verlor die Besinnung. Starke Seelen haben weit ungestümere Empfindungen als andere, wenn sie lieben. Der gute Gordon kannte den Harmlosen gut genug, um zu fürchten, er möchte sich, sobald er wieder zur Besinnung gelangt, selber den Tod geben. Man versteckte daher alle Waffen, der unglückliche junge Mann bemerkte es jedoch und sprach, ohne zu weinen, zu stöhnen und sich zu erregen, zu seinen Verwandten und zu Gordon: »Glaubt ihr denn, es möchte jemanden auf der Welt geben, der das Recht und die Macht hätte, mich daran zu hindern, meinem Leben ein Ende zu setzen?« Gordon hütete sich wohl, jene langweiligen Gemeinplätze vor ihm auszukramen, durch die man zu beweisen sucht, es sei nicht erlaubt, seine Freiheit dazu zu nutzen, zu » sein « aufzuhören, wenn man auf eine schaudervolle Weise » ist «, man dürfe sein Haus nicht verlassen, wenn man darin auch nicht mehr zu wohnen vermöge, und der Mensch stehe auf Erden wie ein Soldat auf seinem Posten, als ob dem Wesen aller Wesen daran gelegen sein könnte, daß die Verbindung einiger Teilchen Materie gerade an diesem oder an jenem Orte sich befände; wahrlich kraftlose Gründe allesamt, welche eine feste und besonnene Verzweiflung anzuhören verschmäht, und auf die Cato nur mit einem Dolchstich antwortete. Das düstere, erschreckliche Schweigen des Harmlosen, seine finsteren Blicke, seine zitternden Lippen, sein bebender Leib erweckte in der Seele aller, die ihn anblickten, jene Mischung von Mitleid und Entsetzen, welche alle Seelenkräfte lähmt, jede Erörterung verbietet und sich nur in abgerissenen Worten Luft macht. Die Wirtin und ihre Familie waren herzugeeilt, man zitterte vor seiner Verzweiflung, ließ ihn nicht aus den Augen und beobachtete alle seine Bewegungen, Den erkalteten Körper der schönen Saint-Yves hatte man inzwischen bereits in einen unteren Saal getragen, fern von den Augen ihres Geliebten, der sie noch zu suchen schien, obgleich er nicht mehr imstande war, etwas zu sehen. Inmitten jenes Schauspiels des Todes, während der Leichnam an der Haustür ausgestellt war, und zwei Priester zu Seiten eines Weihwasserbeckens mit zerstreuter Miene Gebete hersagten, und Vorübergehende aus langer Weile ein paar Weihwassertropf en auf den Sarg sprengten oder auch gleichgültig vorübergingen, während die Verwandten weinten und ein Liebender nahe daran war, sich das Leben zu nehmen, langte Saint-Pouange mit der Freundin aus Versailles an. Da sein vorübergehendes Gelüst nur einmal befriedigt worden war, war es Liebe geworden, und so hatte ihn die Zurückweisung seiner Wohltaten gekränkt. Der Pater de la Chaise wäre niemals auf den Gedanken verfallen, in dieses Haus zu kommen, Saint-Pouange jedoch, vor dessen Augen täglich das Bild der schönen Saint-Yves schwebte, und der danach glühte, eine Leidenschaft zu stillen, welche durch eine einmalige Befriedigung den Stachel des Verlangens tief in sein Herz gestoßen hatte, zögerte nicht, selber diejenige aufzusuchen, die er vielleicht, wäre sie von selbst gekommen, nicht dreimal würdehaben wiedersehen wollen. Er entsteigt dem Wagen und der erste Gegenstand, der sich ihm darbietet, ist ein Sarg! Mit dem einfachen Widerwillen eines in Freuden aufgewachsenen Menschen, welcher wähnt, man müsse ihm jeglichen Anblick ersparen, der ihn zur Betrachtung des menschlichen Elends zurückführen könnte, wendet er die Augen ab und will hinaufsteigen. Die Frau aus Versailles dagegen fragt aus Neugier, wen man begraben wolle, und nun wird der Name der Fräulein von Saint-Yves ausgesprochen. Bei diesem Namen erblaßt sie und stößt einen markerschütternden Schrei aus. Saint-Pouange wendet sich um, Überraschung und Schmerz erfüllen seine Seele. Die Augen von Tränen überfüllt, stand auch der gute Gordon da, er unterbrach seine traurigen Gebete, um dem Hofmanne das ganze entsetzliche Unglück mitzuteilen, er sprach zu ihm mit jener Macht, welche Schmerz und Tugend verleihen. Saint-Pouange war keineswegs schlecht von Natur, der Strom der Geschäfte und Lustbarkeiten hatte nur seine Seele, die sich selber noch nicht erkannt hatte, fortgeschwemmt. Er war auch noch nicht dem Greisenalter nahe, welches gewöhnlich Ministerherzen verhärtet, mit niedergeschlagenen Augen hörte er Gordon an und wischte einige Tränen daraus fort, deren Fließen ihn erstaunte: er hatte die Reue kennen gelernt! »Unter allen Umständen,« sagte er, »will ich jenen außerordentlichen Mann sehen, von dem Sie mir gesprochen haben, er rührt mich fast ebenso sehr, wie dieses unschuldige Opfer, dessen Tod ich verursacht habe.« Gordon folgte ihm bis in das Zimmer, wo der Prior, die Kerkabonin, der Abt von Saint-Yves und einige Nachbarn den jungen Mann, der noch einmal in Ohnmacht gefallen war, ins Leben zurückriefen ... »Ich habe Ihr Unglück verschuldet,« sprach der stellvertretende Minister zu ihm, »ich will mein Leben daran wenden, es wieder gut zu machen.« Dem Harmlosen kam zuerst der Gedanke, den stellvertretenden Minister und dann sich selber zu töten. Nichts wäre mehr am Platze gewesen, aber er war ohne Waffen und wurde sorglich überwacht. Saint-Pouange ließ sich keineswegs durch die Weigerungen abschrecken, welche begleitet waren von Vorwürfen, von der Verachtung und dem Abscheu, die er verdient hatte und mit denen man ihn überhäufte. Die Zeit milderte alles, und schließlich gelang es Herrn von Louvois, aus dem Harmlosen einen vortrefflichen Offizier zu machen, der unter einem anderen Namen unter dem Beifall aller Biedermänner in Paris und im Heere gelebt hat, und ein Krieger und ein unerschrockener Philosoph zugleich gewesen ist. Er konnte über dieses sein Erlebnis niemals sprechen, ohne zu schluchzen, und dennoch war es sein Trost, davon zu sprechen, denn das Andenken der zärtlichen Saint-Yves blieb ihm bis zum letzten Augenblicke seines Lebens teuer. Der Abt von Saint-Yves und der Prior erhielten jeder eine gute Pfründe, die gute Kerkabonin war es zufriedener, ihren Neffen als Träger soldatischer Ehren, denn im Besitze eines Subdiakonats zu sehen. Die fromme Dame aus Versailles behielt die Diamantgehänge und bekam noch ein schönes Geschenk, der Pater Toutatous erhielt Schachteln Schokolade, Kaffee, Kandiszucker, eingemachte Zitronen und die »Betrachtungen« des hochwürdigen Paters Croiset und »Die Blumen der Heiligen«, beides in Saffian gebunden. Der gute Gordon lebte bis zu seinem Tode mit dem Harmlosen in engster Freundschaft, auch er hatte eine Pfründe bekommen und vergaß für immer die »wirksame Gnade« und »das mitwirkende Streben« und erhob zu seinem Wahlspruch: »Unglück ist zu etwas gut!« Wie viele wackere Leute haben in dieser Welt dagegen nicht sagen müssen: »Unglück ist zu nichts gut!«   Druck der zweiten Auflage im Bibliographischen Institut zu Leipzig