Alfred Wegener Mit Motorboot und Schlitten in Grönland Mit Beiträgen von Johannes Georgi Fritz Loewe und Ernst Sorge   Bielefeld und Leipzig 1930 Verlag von Velhagen \& Klasing Vorwort Es ist für den Leser wichtig zu wissen, daß die in diesem Buch beschriebene Reise eine Erkundung für eine größere Unternehmung ist. Es galt, im Distrikt der Kolonie Umanak den für diesen größeren Plan günstigsten Punkt zu finden und die Verhältnisse dort und südwärts bis zur Diskobucht eingehend zu untersuchen. Es war also eigentlich nur eine Vorexpedition. Freilich wurde ihr wissenschaftliches Programm so angelegt, daß sie auch für sich allein selbständigen Wert besaß. Was aber den Reiseverlauf als solchen betrifft, so stellt er ein einmaliges, abgeschlossenes Erlebnis dar, das sich auch bei der geplanten Hauptexpedition nicht wiederholen wird. Dies ist der Grund, der mich veranlaßt, eine Beschreibung unserer Erkundungsfahrten zu Wasser, in Fels und Eis schon jetzt zu veröffentlichen. Unsere kleine Expedition bestand aus vier Personen, nämlich: Dr. J. Georgi , Regierungsrat an der Deutschen Seewarte in Hamburg, 40 Jahre alt. Dr. F. Loewe , Assistent an der Höhenflugstelle des Aëronautischen Observatoriums in Berlin, 34 Jahre alt. Dr. E. Sorge , Studienrat in Berlin, 30 Jahre alt. Dr. A. Wegener , o. ö. Professor der Meteorologie und Geophysik an der Universität Graz, 48 Jahre alt (Leiter). Die Expeditionsmitglieder an Bord der »Gertrud Rask« auf der Heimreise [von links nach rechts: Georgi, Wegener, Sorge, Löwe] Nur Dr. Sorge war unverheiratet. Dazu traten zeitweise noch Grönländer, am längsten mein Reisegenosse von der Danmark-Expedition 1906-08, Tobias Gabrielsen, der unserer Expedition vom 5. Mai bis zum Schluß als zweiter Maschinist angehörte und das Motorboot in den Zeiten allein besorgte, die wir auf dem Inlandeise zubrachten. Tobias Gabrielsen, unser Motormann Die Kosten unserer Forschungsreise wurden von der Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft getragen. Ich kann die Gelegenheit nicht vorübergehen lassen, allen Förderern unserer Unternehmung meinen und meiner Kameraden wärmsten Dank auszusprechen, in erster Linie dem Präsidenten der Notgemeinschaft, Exzellenz Schmidt-Ott, sowie seinen Mitarbeitern Professor Stuchtey, Dr. Wolff und Dr. Fischer, ferner den Mitgliedern der wissenschaftlichen Kommission, auf deren Gutachten hin die Notgemeinschaft die Unterstützung des Planes beschloß; nicht weniger auch denjenigen Behörden und Dienststellen, die durch Beurlaubung der Expeditionsmitglieder deren Teilnahme ermöglichten und uns teilweise auch Instrumente liehen; dem Auswärtigen Amt und der deutschen Gesandtschaft in Kopenhagen, die uns die Einreisegenehmigung für Grönland verschafften; den dänischen Behörden, die sie uns erteilten und mit größter Zuvorkommenheit unsere zahlreichen Wünsche erfüllten; den dänischen Beamten in Grönland, deren Hilfsbereitschaft und Gastfreiheit im einzelnen zu schildern ich mir versagen muß, und meinen Freunden in Dänemark, die mich durch Rat und Tat bei der Ausrüstung und Vorbereitung unterstützten. Auch zahlreichen Firmen schulde ich Dank, allen voran der Sportfirma Schuster in München, die uns den größten Teil unserer Ausrüstung lieferte und keine Mühe gescheut hat, um unsere Wünsche zu erfüllen. Mein letzter Dank gilt aber meinen drei Reisegenossen, die nicht allein alle Mühen und Gefahren mit mir geteilt haben, sondern denen ich gerade bei den schwersten Aufgaben den Vortritt lassen mußte und konnte! Auch bei der folgenden Schilderung unserer Erlebnisse wird sich der Leser mehrmals ihrer Führung anvertrauen müssen. Alfred Wegener An Bord der »Gertrud Rask«, im Oktober 1929 1. Kapitel. Die ersten Motorbootsfahrten Die 300 Einwohner der Kolonie Holstensborg waren in heller Aufregung; zwischen den bunten Holzhäuschen, die wie ein Spielzeug über die kahlen runden Gneisklippen verstreut lagen, wimmelte es wie in einem aufgestörten Ameisenhaufen. Das schönste und größte Schiff des Königlich Grönländischen Handels, die »Disko«, lag gerade vor der Kolonie und schickte sich an, den Jahresbedarf der Ansiedlung an Kohlen, Lebensmitteln u. a. in die bereitstehenden Leichter auszulanden. Aber zuvor mußte das Motorboot zu Wasser gebracht werden, das auf Deck stand und die Luke versperrte. Unser Motorboot! Die »Krabbe«! Wie oft hatte ich sie mit meinen drei Kameraden auf der langen Fahrt über den Ozean voller Erwartungen betrachtet. Sie sollte ein halbes Jahr unser Heim sein. Nun begann unser Abenteuer, die »Krabbe« sollte ins Wasser! Die »Krabbe« kommt ins Wasser Das Boot war neu gebaut, 30 Fuß lang, aber schmaler, als die in Grönland üblichen Motorboote dieser Länge zu sein pflegen, so daß es mit seinem acht PS Glühkopf-Motor fast sechs Knoten lief. Es wog seine acht Tonnen; die Ladebäume der »Disko« knarrten und ächzten, als die Winde anzog und das Boot sich langsam aus seiner Holzunterlage erhob. Da beginnt plötzlich das schwere Boot über das Deck fortzuscheren und endet mit einem Krach, der mir Stechen in der Herzgegend verursacht, an der Winde. Eine Planke ist zerschmettert, ein klaffendes Leck ist gerade unter der Wasserlinie entstanden! Der Offizier, der die Arbeit leitet, hat einen roten Kopf bekommen. »Die verdammte Schlagseite ist Schuld daran, da kann kein Mensch berechnen, wo so ein Satan hingeht!« Er hatte wohl recht, auch ich hatte diese Bewegung nicht vorausgesehen. Na, meine Expedition fing ja gut an! Das Boot leck, noch ehe es im Wasser war! Aber schließlich, – gerade bei den schönsten Expeditionen ist zuerst immer alles schief gegangen, also Kopf hoch! Zimmermann, hier gibt es Arbeit! Und nach zwei Stunden war das beschädigte Holz herausgestemmt, ein neues Stück eingesetzt, alles mit Bleiweiß gedichtet, eine Bleiplatte darüber genagelt und das Boot zu Wasser gebracht. Eine Narbe und ein Pflaster hatte ja nun unsere »Krabbe«. Aber uns hatte das Leben ja auch schon einige Narben beigebracht, und so paßten wir wohl noch besser zusammen! Das faule Leben, das wir auf der »Disko« geführt hatten, war nun zu Ende, Gott sei Dank! Am Lande lagen schon die Petroleumtonnen, die wir in die beiden Tanke überfüllen sollten, die Proviantkisten, die durch die enge Luke in den Vorderraum hinabzuzwängen waren, eine Menge Kisten, die ausgepackt und deren Inhalt in die Kojen, in den Küchenschrank, in die Kleiderfächer wandern sollte. Und dann sollte die Dunkelkammer eingerichtet, der Süßwassertank gefüllt, und das Boot aufgetakelt werden. Das war kein geringes Arbeitsprogramm für vier Männer der Wissenschaft, die aus ihrer friedlichen Schreibtischarbeit herausgerissen waren und deren Hände noch nicht die Schwielen besaßen, die für ein Hantieren mit 50 kg schweren Kisten wünschenswert sind. Aber wer damals meine Kameraden an der Arbeit gesehen hat, wird bezeugen, daß man Wissenschaftler sein und doch derbe Fäuste haben kann. Wir machten alles selbst. Nur beim Auftakeln und Beschlagen der Segel half uns auf meine Bitte der Leiter der Fischkonserven-Fabrik Martin Hansen, der Bruder meines verstorbenen Kameraden von der Danmark-Expedition Peter Hansen. Ich bekam bald die Sorgen des Expeditionsleiters zu spüren. Von Hause aus war dem Boot ein 28 kg schwerer Anker und zwei »Vertäuungsleinen«, jede fingerdick und nur 10 m lang, mitgegeben worden. Schon auf der Fahrt nach Grönland hatte ich mir gesagt, daß wir mit diesem Vertäuungsmaterial auf keinen Fall auskommen könnten, und hatte durch die Freundlichkeit unseres Kapitäns Hansen eine ausrangierte 100 m lange zolldicke Trosse erhalten. Auf den Anker glaubte ich mich aber verlassen zu können. Petrus, der Wettermacher, war so freundlich, uns gleich im Hafen von Holstensborg vorzuführen, daß unser Anker für Grönland nicht ausreichte: Am Abend des 23. April brach ein kurzdauernder, aber heftiger Südweststurm los, und die »Krabbe« ging mit ihrem Anker spazieren! Wir wohnten noch auf der »Disko«, sahen es aber und beeilten uns, hinüberzukommen und die »Krabbe« mit Hilfe von Grönländern und eines anderen Motorbootes in den inneren Hafen zu schleppen, wo wir sie mit der Trosse am Land vertäuten. Nach dieser wirkungsvollen Vorführung sah ich mich nach einem zweiten Anker um und erhielt schließlich durch das Entgegenkommen des Kolonieleiters Rasmussen einen alten, von Fischereimeister Havmöller irgend einmal gefundenen Anker von gerade passender Größe, 30 kg schwer, als Geschenk der Kolonie. Selten hat sich wohl ein Geschenk so nützlich erwiesen wie dieser Anker. Er hat sicher die Expedition einige Dutzend Male gerettet, so verrostet er auch war. Nun hatten wir also zwei Anker und eine gute Trosse. Nun konnte es nur noch von uns selbst abhängen, ob wir allen Lagen gewachsen waren. Ein heikler Punkt war der Motor. Unsere Kenntnis von ihm beschränkte sich im wesentlichen darauf, daß man bei seiner Bedienung gut tut, einen Maschinistenanzug anzuhaben, und den hatten wir also mitgebracht. Außerdem hatten wir eine sehr kurze schriftliche Gebrauchsanweisung der Fabrik in der Tasche, und Dr. Loewe und ich hatten seinerzeit – wie lange war das jetzt her! – gelegentlich einer kleinen Probefahrt im Hafen von Kopenhagen den uns schwer verständlichen mündlichen Erläuterungen eines Monteurs der Fabrik gelauscht. Nun mußte sich also zeigen, ob vier Naturforscher imstande waren, das Wesen eines Dan-Motors zu ergründen. Aber das war etwas für Dr. Georgi. Bei der Verteilung der Chargen in unserem Schiff war ihm nicht durch bloßen Zufall die Rolle des Chef-Ingenieurs zugesprochen worden. Er war zwar weder Ingenieur noch überhaupt Techniker, sondern in seinem Zivilleben Dr. phil., Regierungsrat und Meteorologe an der deutschen Seewarte in Hamburg, – alles Dinge, die wenig helfen, wenn man einen Dan-Motor in Gang setzen soll. Aber daneben verfügte er sozusagen außerdienstlich über Fähigkeiten und Eigenschaften, die ihn für unsere Unternehmung oft zum rettenden Engel machten. Alles, was Maschine hieß, übte stets auf ihn eine magische Anziehung aus, und er fand sich erstaunlich schnell damit zurecht. Er stand einige Tage in unseren Maschinistenanzug gekleidet im Maschinenraum auf dem Kopf, wurde schwarz und riß sich die Hände blutig und dann – wahrhaftig! – dann lief der Motor! Wir kamen gerade zurecht damit, um der abfahrenden »Disko« mit wehender Flagge das Ehrengeleit bis aufs Meer hinaus zu geben. Ich muß gestehen, daß ich unseren Motorbootfahrten mit etwas gemischten Gefühlen entgegensah. Daheim hatte man es nicht an erstaunten Fragen und Warnungen fehlen lassen, wenn man hörte, daß der Kapitän dieses Fahrzeuges ein Universitätsprofessor, der Maschinist ein Regierungsrat und die Matrosen ein Dr. phil. und ein Studienrat sein sollten. Wir hätten noch viel mehr zu hören bekommen, wenn die lieben Leute zu Hause nicht völlige Landratten gewesen wären und eine Ahnung von den wirklichen Schwierigkeiten besessen hätten, die uns »Seeleute« erwarteten. Schon die Gezeiten! Man kommt in den Hafen, legt das Boot auf passender Wassertiefe vor Anker und geht mit der Jolle oder dem »Moses«, wie die Seeleute sie nennen, an die Landungsbrücke und macht Besuche. Kommt man zurück, so ist das Wasser anderthalb Meter gefallen, der »Moses« hängt an der Fangleine in der Luft und das Motorboot sitzt auf dem Grund! Freilich passiert das nur dem Anfänger, denn es ist meist nicht schwer, durch einen Blick auf den Tangrand an den Uferklippen festzustellen, ob gerade Hoch- oder Niedrigwasser herrscht, und sich dementsprechend einzurichten. Die »Krabbe« vor Anker und Trosse Hafen von Jacobshavn; rechts die » Krabbe« und der »Moses« Schlimmer sind die blinden Schären. Sie geben selbst mitten im Hafen dem Boot Gelegenheit aufzulaufen, wenn man ohne Lotsen fährt. Am sichersten fühlt man sich deshalb immer bei großer Dünung, weil sich dann alle blinden Schären, die gefährlich werden könnten, durch Brandung verraten. Das war die Methode der alten Wikinger, und sie ist noch heute in Grönland die wichtigste, denn Seezeichen gibt es hier natürlich nicht, und die Karte ist überall da, wo es darauf ankommt, verkehrt. Schließlich das Eis! So schön die Eisberge auch aussehen, so unbequem können sie als Nachbarn im Hafen oder auf der Fahrt werden. Sie kommen und gehen, und man kann froh sein, wenn sie einem nicht noch schnell einen Anker zerdrücken, wie es uns in Umanak geschah, die Trosse zerreißen oder sonst einen Schabernack spielen. Von besonderen Rüpeleien, wenn sie kalben oder sich wälzen, ganz abgesehen. Einer der Riesen von der Jacobshavner Eisbergbank. Wir brauchten noch mehrere Tage, um »klar« zu werden, und genossen unterdessen die herzliche Gastfreundschaft des Kolonieleiters Rasmussen und seiner Gemahlin. Am Tage vor unserer Abreise kam der Landvogt von Südgrönland, Das ganze dänische Kolonialgebiet Grönland ist in die beiden Bezirke Südgrönland und Nordgrönland geteilt; die beiden höchsten Verwaltungsbeamten, die Landvögte, residieren in Godthaab und Godhavn. Ihnen sind die Kolonieleiter unterstellt. Honoré-Petersen, der von Godthaab an unser Mitpassagier auf der »Disko« gewesen war und nun seine jährliche Inspektionsreise antrat, mit seinem Motorboot längsseits des unsrigen und stattete uns seinen Abschiedsbesuch ab, zusammen mit Kolonieleiter Rasmussen und Frau sowie anderen Honoratioren von Holstensborg. Wir waren gerade beim Morgenkaffee und konnten unsere Gäste damit bewirten, und der Umstand, daß unsere »Tassen« je einen Liter faßten, verhalf sogleich zu einem ungezwungenen Verkehrston. Dann fuhr der Landvogt ab, die Kolonie und auch wir dippten die Flagge, und dann gingen auch wir an unsere letzten Vorbereitungen für die Abfahrt. Mit dem Kolonieleiter verabredete ich, daß an die grönländische Bevölkerung der Kolonie anläßlich unserer deutschen Expedition Kaffee ausgegeben wurde – ein uralter Expeditionsbrauch in Grönland, der in unserem Falle durch die Hilfe, die uns die Grönländer bei verschiedenen Gelegenheiten geleistet hatten, noch besonders begründet war. Am nächsten Morgen, dem 26. April, lichteten wir die Anker und töfften zum Hafen hinaus. Die Flagge der Kolonie senkte sich dreimal als Abschiedsgruß für uns, und wir erwiderten den Gruß mit unserer deutschen Flagge! Dieser Flaggengruß, der überall in Grönland üblich ist, hat etwas Herzerquickendes! Wenn wir – vielleicht nach einer harten Seefahrt – eine Kolonie anliefen und unsere Flagge setzten, die doch nicht die Landesflagge war, und wenn wir dann sahen, wie prompt auch in der Kolonie die Flagge hochging, dann wurde es uns warm ums Herz, dann fühlten wir, hier wohnen Menschen, bei denen wir uns zu Hause fühlen und für neue Unternehmungen Kraft sammeln können. Wer würde sich in Europa, selbst in dem kleinsten Badeort, um ein einlaufendes ausländisches Motorboot kümmern! Grönland, das Land der Gletscher und der öden Klippen, überschüttet seine Gäste mit Eindrücken; aber den stärksten Eindruck, den der Fremde erhält und der ihn im wörtlichen Sinne bezaubert, macht doch die Herzlichkeit und Gastfreiheit seiner Bewohner! Als wir abfuhren, hatten wir den grönländischen Kajakmann Pavia Sandgren am Ruder stehen, um uns durch die Schären den Weg nach Agto zu steuern. Ich war im Zweifel gewesen, ob wir ihn brauchten. Bei gutem Wetter hätten wir außen an den Schären entlang fahren können, wo sich alle blinden Riffe durch Brandung verraten. Da hätten wir ihn entbehren können. Aber das Wetter war die letzte Zeit recht wechselnd gewesen, unser Motor war neu, und neue Motoren pflegen zuweilen stehen zu bleiben; wir selbst waren Landratten und Wissenschaftler, und die Umwandlung zu praktischen Seeleuten war noch nicht weit vorgeschritten. Da war es wohl besser, das Schicksal nicht zu stark herauszufordern. Gleich beim Hinausfahren kamen wir in grobe See, die an den Klippen prachtvoll brandete. Sorge und Georgi fühlten sich veranlaßt, Neptun ein Dankopfer zu bringen, was aber Georgi nicht hinderte, den Motor weiter zu besorgen. Bald wurde es auch besser, als wir zwischen die Schären kamen. Die Vorbeifahrt an der Mündung des nördlichen Strömfjords war ein aufregendes Schauspiel. In wilden Stromwirbeln setzte der Gezeitenstrom hier aus dem Fjord hinaus, so daß uns Neulingen manchmal die Haare zu Berge stehen wollten. Unser grönländischer Steuermann, der mitten in diesen Aufruhr hinein hielt, grinste nur: er kannte den Rummel! Die »Krabbe« machte ein paar drollige Seitensprünge und Richtungsänderungen, während sie von allen Seiten von seltsamen Spitzwellen umbrandet wurde, und dann waren wir hindurch. Dieser erste Fahrtag verlief ausgezeichnet. Der Motor lief die ganzen 12 Stunden, ohne ein einziges Mal stehen zu bleiben, das Wetter wurde prächtig und machte die Fahrt zwischen den zahllosen Inseln zu einem Genuß, und der Wind kam von hinten, so daß wir sogar gleich unsere Segel ausprobieren konnten. Die innere Struktur unserer kleinen Gemeinschaft hatte sehr schnell ihre endgültige Form erreicht. Vor allem waren wir uns bald einig geworden, daß wir aufhörten, uns gegenseitig Doktoren, Professoren, Regierungsräte und Studienräte an den Kopf zu werfen, sondern uns wie andere Menschen, beim Namen nannten. Von Georgis Funktionen war schon die Rede. Heute war er natürlich der große Mann. Sorge, der daheim als Studienrat Mädchen unterrichtet, sie freilich bisweilen auch auf das Matterhorn oder den Großglockner hinaufführt, erwies sich als segelkundig und entfaltete geniale Anlagen als Schiffskoch. Loewe, dem zu Hause nicht wohl ist, wenn er nicht täglich als meteorologischer Beobachter über 6000 m Höhe fliegt, wendete seine Erfahrungen im Orientieren und Kartenlesen nunmehr mit Erfolg auf die Seekarte an. Und ich selber – nun, ich war eben »der Alte« und hatte meine Pfeife zu rauchen. Das ist auch während der ganzen Expedition mein Privileg geblieben, denn meine Kameraden waren und blieben Nichtraucher. Mit unserem Ankermanöver in Agto machten wir vor der vollzählig versammelten Bevölkerung einen sehr forschen Eindruck, an dem wir aber ganz unschuldig waren. Es ging mit voller Fahrt bis zum Ankerplatz. Der Anker fiel, die Maschine stoppte, und wir lagen da, wo wir hingehörten. Wir waren aber selber sehr erstaunt, denn gedacht war es ganz anders. Wir hatten in dem Augenblick, wo der Anker fiel, die Maschine auf rückwärts umgeschaltet, um dem Boot erst die Fahrt zu nehmen und dann den Anker durch Rückwärtsfahren festzuziehen. Dabei war aber unser Motor aufgewacht, der 12 Stunden lang vergessen hatte, stehen zu bleiben, und im selben Augenblick stand die Maschine still! Georgi »kochte«. Im stillen habe ich zwar den Verdacht, daß er innerlich frohlockte; denn wie ich ihn kenne, interessiert ihn ein Motor, der klaglos läuft, viel weniger als einer, der an einem noch nicht erkannten Gebrechen leidet. Aber zunächst mußte die Untersuchung verschoben werden, da wir der freundlichen Einladung des Leiters der Außenstelle Außenstelle (Udsted) ist eine kleinere Ansiedlung, die der nächsten Kolonie unterstellt ist. Jörgensen und seiner grönländischen Frau zum Abendessen folgten, wobei wir auch gleich unseren Lotsen ablöhnten und für die Weiterfahrt nach Egedesminde einen neuen anwarben. Am nächsten Morgen fand Georgi heraus, daß es das Auspuffventil war, das festgekommen war. Es wurde, zumal durch die lange Fahrt mit Vollkraft, so heiß, daß das Schmieröl an ihm teilweise verkohlte, und da es neu war und noch etwas stramm lief, so kam es immer gerade dann fest, wenn die Geschwindigkeit und damit die Temperatur herabging. Dieser Übelstand – eine bekannte Kinderkrankheit neuer Motoren dieser Art – machte uns auch in der Folgezeit öfter zu schaffen, besserte sich aber in dem Maße, wie die Ventilführungen durch längeren Gebrauch mehr ausgeschliffen wurden. Gleich am nächsten Tage machten wir dieselbe Erfahrung. Nachdem der Motor die ganze neunstündige Fahrt bis Egedesminde ohne Störung gelaufen war, blieb er dicht vor der Einfahrt in den Hafen stehen, als wir die Geschwindigkeit verringern wollten, um Sorge, der auf Deck badete, Gelegenheit zu geben, sich vorher wieder anzukleiden. Unser zweites Anker-Manöver verlief daher weit weniger glanzvoll: wir mußten uns durch ein Ruderboot in den Hafen hinein bugsieren lassen. In Egedesminde lag der Motorschoner »Saelen« (Seehund) und schickte sich gerade an, die Fahrt nach Umanak anzutreten. Durch Vermittlung von Kolonieleiter Fenker glückte es uns, von ihm noch eben vor seiner Abfahrt eine große, an uns adressierte Kiste herauszubekommen. Diese Kiste war das Schmerzenskind der Expedition gewesen. Sie war auf dem Wege nach Kopenhagen im Eis stecken geblieben und hatte solange in einem der 1400 Eisenbahnwagen gestanden, die sich vor dem zugefrorenen Großen Belt ansammelten, bis wir nach Grönland abgereist waren. Dann wurde sie mit »Hans Egede« nachgesandt, der die »Disko« überholte und sie an uns vorbei bis Egedesminde brachte. Und nun war sie im Begriff, uns wieder zu entgehen und nach Umanak zu segeln, wohin sie, weiß der Himmel durch welches Versehen, adressiert war. Wären wir zwei Stunden später gekommen, so wäre sie weggewesen, und wir hätten das Nachsehen gehabt. Und dabei enthielt sie unsere Schlafsäcke und andere nützliche Gegenstände, die wir dringend brauchten. Aber jetzt war sie erwischt und mußte ihren herrlichen Inhalt hergeben. Diese Nacht schliefen wir in geblümten Daunenschlafsäcken. Vor allen anderen vortrefflichen Ausrüstungsstücken, die uns die Sportfirma Schuster in München lieferte, gebührt nach einstimmigem Urteil aller Expeditionsteilnehmer diesen »Himmelbetten« die Krone. Sie waren ein Gedicht, man könnte auch sagen, die Schlagsahne zum Inlandeis oder – aber es, ist ganz unmöglich zu schildern, wie mollig und weich man in diesen schwellenden blauen und rotgrünen Polstern lag, gegen die Abrahams Schoß nur ein Nadelkissen genannt werden kann. Natürlich verschliefen wir die Zeit. Wenn die Expedition nicht als Ergänzung zu diesen Schlafsäcken auch eine Weckuhr besessen hätte, so wäre ihre Arbeit in ernste Gefahr geraten! Schließlich kamen wir aber doch aus unserem siebenten Himmel wieder auf die Erde zurück und lichteten die Anker. Jetzt ging es nach Godhavn, und diesmal ohne Lotsen. Ich war sehr gespannt, wie es gehen würde, wo wir nun ganz auf uns allein angewiesen waren. Aber es ging alles ausgezeichnet. Der Motor war in bester Laune und verzichtete sogar am Schluß auf den üblichen Schabernack beim Ankermanöver, das Wetter war kalt, aber schön, die Orientierung auf der Disko-Bucht nach der Seekarte machte keine Schwierigkeiten und schließlich fanden wir auch richtig und ohne langes Suchen in den kleinen versteckten Hafen von Godhavn hinein, dank dem kleinen Hafenplan, den ich mir auf der »Disko« aus Gardes Segelanweisung abgezeichnet hatte. Wir hatten kaum unsere beiden Anker ausgebracht, da kam schon der Landvogt von Nordgrönland, Berthelsen, mit dem Leiter der Funkenstation, Ingenieur Holtenmöller, an Bord, um uns zu begrüßen. Es war gleich sehr gemütlich, denn wir saßen beim Kaffee und konnten unsere Gäste damit bewirten. Von da ab haben wir freilich, solange wir in Godhavn lagen, nur noch selten an Bord gegessen. Wir wurden mit Einladungen geradezu überschüttet. Man konnte immer nur von einem zum anderen gehen. Beim Landvogt, bei Magister Porfild in der arktischen Station, bei Magister Olsen vom magnetischen Observatorium, bei Ingenieur Holtenmöller, bei Kolonieleiter Thorsen. Manches für unsere Expedition Wichtige und Interessante lernten wir hier kennen. Den Höhepunkt bildete eine Hundeschlittenfahrt nach der 60 km östlich gelegenen Kohlenmine Skansen, die der liebenswürdige Landvogt mit seiner Gemahlin für uns veranstaltete. Sie ging über Land, 600 m hoch hinauf und wieder zur Küste hinab, und der Hauptreiz bestand darin, daß eigentlich nicht mehr genug Schnee zum Schlittenfahren da war. Da konnten wir einmal sehen, was ein Grönländer mit Hundeschlitten leisten kann! Mein Schlitten wurde von dem Grönländer Jens Kleist gelenkt, der im Ruf steht, der beste Hundekutscher von Godhavn zu sein. Die sechs Meter lange, lassoartige Hundepeitsche schwang er mit einer wundervollen Sicherheit. Wenn er mit Kopfstimme sein »íu, íu!« rief, so liefen die gut dressierten Hunde auch schon ohne Peitschenhilfe nach links Merkwürdigerweise wird das gleiche Kommando (íu, íu) auch als bloßer Antrieb beim Übergang von Ruhe zur Bewegung oder auch während der Fahrt gebraucht. In diesem Fall soll die Betonung ein wenig anders sein. und auf »illilí, illilí!« nach rechts. Wenn er gelegentlich bei solchen Kursänderungen die Peitsche gebrauchte, so geschah es nur so, daß er einige Male hintereinander neben dem Flügelhund auf den Schnee schlug. Ging es im Schnee steil bergab, so bremste er, indem er sich hinten auf den Schlitten stellte und sich mit seinem Körpergewicht an die »Opstenger« hing, so daß sich der Schlitten vorn hochhob und mit der scharfen Hinterkante der Kufen tief in den Schnee einschnitt. Bei noch steilerem Bergabfahren wurden die Hunde mit dem Kommando »unipok!« (= Halt!) seitwärts zurückgetrieben, bis die eine Schlittenkufe über die Zugleinen fuhr und das ganze Gespann hinter dem Schlitten war und bremste. Meinen Kameraden wurde auf dieser Fahrt etwas ängstlich zumute bei dem Gedanken, daß solche Künste später auch von ihnen verlangt werden könnten. Für uns Passagiere war es nicht einmal leicht, sich auf dem Schlitten festzuhalten, und mehr als einmal kam es vor, daß jemand hinabtrudelte! Am 3. Mai liefen wir wieder mit der »Krabbe« aus dem gastlichen Hafen von Godhavn heraus und nahmen Kurs über die Diskobucht nach Christianshaab. Der Himmel war bedeckt, so daß die obere Hälfte der Basaltklötze von Disko in den Wolken steckte, und es wehte ein kühler Nordost, der über dem wärmeren Wasser starke Luftspiegelungen nach unten verursachte. Wir legten den Kurs an den Kronprinzen- und Hundeinseln und dann an den niedrigen Grünen Inseln vorbei. Die Luftspiegelung erschwerte sehr die Orientierung. Man konnte oft die Eisberge nicht vom Land unterscheiden, und flacheres Land wurde überhaupt erst aus erstaunlich geringer Entfernung sichtbar. Aber wir kamen gut hinüber und fanden schließlich auch die idyllisch gelegene kleine, aber alte Kolonie Christianshaab. Hier erkundigten wir uns bei Kolonieleiter Andersen nach den Eisverhältnissen auf dem Tasiusak, dem bekannten Zugang zum Jakobshavner Eisstrom. Wir hätten gar zu gern die jetzige Lage dieses seit 1850 um viele Kilometer zurückgegangenen Riesengletschers festgestellt, und in Godhavn wollte man wissen, daß der Tasiusak noch eisbedeckt und für Hundeschlitten geeignet sei. Letzteres war nun leider nicht der Fall. Im Gegenteil erhielten wir in Christianshaab die Auskunft, daß die für uns in Frage kommenden Arme des Tasiusak bereits stark von Stromwaken durchsetzt und nicht mehr mit Schlitten passierbar seien, so daß man überhaupt nicht mehr darauf rechnen dürfe, daß die Eisdecke noch eine Woche lang bestehen bleibe. Da war also nichts zu machen, wenigstens im Augenblick. Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben, dachten wir, und beschlossen, zu Hause ein Faltboot zu bestellen; es war ja möglich, daß sich im September, wenn wir vor der Heimreise auf das Schiff warteten, eine Gelegenheit bot. Wir fuhren also am nächsten Tage nach Jakobshavn weiter. Die Fahrt führte uns an der Eisbergbank vorbei, wo die vom Jakobshavner Eisstrom stammenden Eisberge den Grund berühren und den Fjordausgang so verrammeln, daß sich ungeheure Mengen von Kalbeis und Eisbergen im Fjord ansammeln. Kommen dann einmal ein paar von den Eiskolossen frei, was jährlich ein paarmal vorkommt, so speit der Fjord in kurzer Zeit ungeheure Eismassen aus, so daß die ganze Diskobucht mit Eisbergen und kleineren Brocken gespickt ist. Die Fahrt an diesen schweigenden Riesen vorbei war wundervoll. Aber wenn man nicht gerade photographieren will, tut man am besten, sich in respektvollem Abstand von den porzellanartigen Mauern und Türmen zu halten. Denn mitunter fällt es einem solchen alten Herrn ein, sich auf die andere Seite zu drehen, oder auch einen Turm oder ein Stück einer Wand abzuwerfen, oder er schickt von seinem Hunderte von Metern tief unter das Wasser reichenden Fuß ein Stück empor. In Jakobshavn brachte uns Kolonieleiter Knudsen unsere Post, die erste seit unserer Abreise. Und dann kam der Grönländer Tobias Gabrielsen, mein alter Kamerad von der Danmark-Expedition 1906-08, an Bord, um uns von nun ab ständig als Ortskundiger und Motormann zu begleiten. Ich hatte ihn schon vor unserer Abreise von Hause funkentelegraphisch zur Teilnahme aufgefordert und während der Fahrt auf der »Disko« von ihm wieder funkentelegraphisch die Zusage erhalten. Damit war sozusagen der Auftakt unserer Expedition beendet. Nun ging es an unser eigentliches Arbeitsprogramm, das zunächst eine Handschlittenreise auf dem Inlandeise im Gebiet der Diskobucht vorsah. Einiges gab es noch in Jakobshavn zu erledigen. Um für Tobias Platz zu schaffen, mußten wir die im Vorraum der »Krabbe« untergebrachten Proviantkisten wieder herausholen und sie teilweise am Lande im Lagerhaus abstellen. Dann mußten wir Petroleum in die Tanke nachfüllen und Süßwasser einnehmen. Auch mußte nun endlich die Dunkelkammer, die bisher mit Gepäck überfüllt war, ihrer Bestimmung zugeführt werden. Aber mit Tobias' Hilfe gingen diese Arbeiten schnell von der Hand, und nach einem prächtigen Abend im Hause des Kolonieleiters, wobei Sorges musikalische Talente zur Geltung kamen, konnten wir am 6. Mai aufbrechen. In der Nacht hatte es Schneegestöber gegeben, und als wir aufwachten, lagen 10 cm Neuschnee auf der »Krabbe«, und alles Land war weiß bis zum Meer hinab. Sogleich hob ein großes Bürsten und Fegen an, gefolgt von Deckspülen, um die letzten Schneereste zu beseitigen. Nach einem hastigen Frühstück wurden die Anker gelichtet, und wir dampften unter gegenseitigem Flaggengruß aus dem kleinen Hafen von Jakobshavn hinaus. 2. Kapitel. Mit Handschlitten auf dem Inlandeis Unsere erste Schlittenreise auf dem Inlandeis sollte mit Handschlitten vor sich gehen. Ich hatte seinerzeit sowohl auf der Danmark-Expedition wie auf J. P. Kochs Expedition an Handschlittenreisen auf der Randzone des Inlandeises teilgenommen. Beiden Schlittenreisen war gemeinsam, daß wir schließlich die Schlitten nicht mehr weiter brachten und einen Gewaltmarsch ohne Ausrüstung machen mußten, um überhaupt dahin zu gelangen, wo wir hin wollten. In beiden Fällen wurde nur ein Schlitten benutzt, der von vier, bzw. von drei Mann gezogen wurde, und Zelt, Schlafsäcke und Kochgeräte waren die gleichen, wie sie auch bei Schlittenreisen mit Zugtieren verwendet wurden. Diese Erfahrungen schienen mir zu beweisen, daß es bei Handschlittenreisen besser ist, wenn jeder Mann seinen eigenen Schlitten zieht. Man hindert sich dann gegenseitig nicht beim Ziehen, und das Gesamtgewicht eines Schlittens mit Last wird so gering, daß er nötigenfalls über kurze schwierige Stellen hinweg getragen werden kann. Bestärkt wurde ich in dieser Auffassung durch die alten Berichte über die erfolgreichen Handschlittenreisen von Jensen und Garde, bei denen diese Forderung so gut wie verwirklicht war. Außerdem mußte die Ausrüstung wesentlich leichter sein als die bei Verwendung von Zugtieren gebräuchliche. Schon die Schlitten durften nicht schwerer sein als gewöhnliche Rodelschlitten, und die größte Last, die zu ziehen war, durfte das Doppelte einer guten Traglast, also 50 kg, nicht überschreiten. Nach diesen Gesichtspunkten war also unsere Schlittenausrüstung zusammengestellt. Der Aufstieg auf das Inlandeis sollte im nördlichen Teil der Diskobucht erfolgen. Als günstigste Stelle bot sich hier der Quervains-Hafen, Die ältere grönländische Bezeichnung ist Eke = Mundwinkel. wo im Jahre 1912 der Schweizer de Quervain seine berühmte Durchquerung nach Angmagsalik begann. Seitdem haben viele Reisende, darunter auch manche Damen, diese verhältnismäßig leichte und ganz gefahrlose Aufstiegsroute auf das Inlandeis benutzt, um einmal den Blick über die endlosen Eisgefilde des Innern schweifen zu lassen. Hier sollten sich also meine Kameraden ihre ersten Lorbeeren als arktische Schlittenreisende verdienen. – Auf der Diskobucht empfing uns grobe See, und im Ata-Sund mußte Georgi, wenn er, um Luft zu schnappen, den Kopf aus der Maschinenluke heraussteckte, scharf aufpassen, um nicht unversehens eine nasse Ohrfeige zu erhalten, denn der stürmische Nordwind jagte den Gischt vom Bug bis über das Heck der »Krabbe« hinaus. Es fror etwas, und bald hatten sich eine Eiskruste auf Deck und lange Eiszapfen an der Takelage gebildet. Im inneren Teil des Fjordes kam der Motor auf die Idee, zu streiken, was bei der Landnähe und dem starken Wind etwas unbehaglich war. Es gelang uns aber, mit Hilfe des vorgespannten Moses die »Krabbe« so zu bugsieren, daß wir sie hinter einem schwach angedeuteten Felsvorsprung mit der großen Trosse am Land vertäuen konnten. Gleichzeitig ließ ich den Anker fallen, obwohl wenig Aussicht auf Ankergrund war, und überraschenderweise hielt der Anker. Nach einer Viertelstunde hatte Georgi den Motor wieder im Gang, und wir konnten nun in dem stark eisgefüllten Fjord bis zu einer kleinen Bucht dicht vor Quervains Havn vordringen, wo wir die Nacht über liegen blieben. Wir maßen an diesem Abend acht Grad Kälte und mußten das Kühlwasser aus dem Motor ablassen, um ihn nicht zu zersprengen. Landung des Gepäcks am Quervains-Havn Wir hatten nicht die Absicht, schon jetzt unsere Schlittenreise anzutreten. Gewisse Teile unserer Ausrüstung erforderten vielmehr noch zeitraubende Vorbereitungen, die wir im Hafen von Ata zu erledigen gedachten. Aber es war wichtig für uns zu wissen, ob Quervains Havn bereits zugänglich war; in diesem Falle wollten wir dort gleich den Hauptteil unseres Gepäcks an Land bringen. Kamen wir dann das nächste Mal weniger weit, so konnten wir den Rest im Rucksack über Land hintragen. Am nächsten Morgen waren die Eisverhältnisse im Fjord weit günstiger, denn der Wind hatte fast alles Eis herausgefegt. Wir kamen gut vorwärts und näherten uns rasch der immer großartiger aufwachsenden Eiswand des Ekip Sermia. Nur im innersten Teil des Fjords hatten neue Kalbungen die ganze Wasseroberfläche wieder dicht mit Eisbrocken und -Bergen bedeckt, die der Frost teilweise schon verkittet hatte, so daß wir uns nur ganz langsam vorwärtszwängen konnten. Zwei Mann standen mit Bootshaken vorn am Bug und stießen die größeren Eisstücke zur Seite. Alle Augenblicke mußte die Schraube abgestellt werden, damit sie sich nicht am Eis die Flügel abschlug. So näherten wir uns Schritt für Schritt unserem Ziel. Das Wetter war prächtig, klar und still. Da machte mich Tobias auf die Berggipfel aufmerksam, von denen eigentümliche nebelartige Fahnen ausgingen. Das war Schneesegen! Sturm auf den Höhen! Da konnte es nicht mehr lange dauern, bis er zu uns herunterkam. Aber noch war ja hier alles still. Wenige 100 m trennten uns nur noch von unserem Ziel; wenn wir uns beeilten, so mußte es doch wohl noch glücken, unser Gepäck an Land zu bringen. Wir hatten den Gedanken noch nicht ausgedacht, da war auch schon der Föhnsturm um uns. Wie ein fester Gegenstand warf er sich auf den Fjord. Wo er Wasser fand, verwandelte er den glänzenden Spiegel in tiefdunkle, mit Schaumperlen besetzte Wellen, deren Gischt in die Luft hinaufspritzte und sie diesig machte. Wo er aber Eis fand, schob er es wie ein Riesenbesen vor sich her. Heulend traf er die »Krabbe«, die sofort Fahrt nach Lee bekam. Zum Überfluß liefen im gleichen Augenblick große Kalbungswellen unter uns durch; neu vom Gletscher abgelöste Eismassen verstärkten durch ihre Ausbreitungstendenz die auf uns zu gerichtete Bewegung des Eises. Und auf der anderen Seite, in Lee, lag ein fataler Landvorsprung, gegen den wir offenbar trieben. Blankes Eis in der Randzone Es galt schnell zu handeln. Die »Krabbe« war in Gefahr, von den andrängenden Eismassen aufs Land geschoben zu werden. Wir machten Kehrt und flohen. Mit knapper Not glückte es, an dem Landvorsprung vorbeizukommen; hinter uns schloß ein großes Eisfeld, das gegen ihn getrieben wurde, die Falle. Aber wir waren ihr entronnen und hatten wieder Bewegungsfreiheit. Doch wohin? Irgendwo in der Nähe wollten wir den immer heftiger werdenden Föhnsturm abwettern. Zunächst versuchten wir gleich in Lee des Landvorsprunges in der großen Bucht mit der Bachmündung zu bleiben. Wir brachten beide Anker aus und gingen mit der Maschine mit halber Kraft gegen den Sturm an. Aber die Anker hielten nicht, wir gerieten auf einer Sandbank auf Grund und kamen wieder frei, und schließlich gingen wir weiter zurück in die kleine Bucht, in der wir die Nacht gelegen hatten. Hier bissen wir uns mit Trosse und Anker am Lande fest. Dabei hatten wir noch das Unglück, daß uns der »Moses« entglitt. Sofort hatte ihn der Sturm mit reißender Geschwindigkeit entführt und zwischen die Eisberge getrieben. Wir mußten wieder loswerfen und Jagd auf ihn machen. Aber es war nicht an ihn heranzukommen im Eise; schließlich pirschten wir uns von der Leeseite an den Eisberg heran, gegen den er getrieben war, Sorge stieg aus und ging über den Eisberg hinweg in den Moses, und nun glückte es endlich – nach mehreren vergeblichen Anläufen – den Ausreißer wieder an die Leine zu bekommen. Es war spät in der Nacht, als wir wieder an die Vertäuung gehen, den Motor abstellen und – bis auf die Nachtwache – in die Kojen kriechen konnten. Nach dieser lebhaften Nacht fanden wir am nächsten Tage auch den inneren Teil des Fjordes fast ganz von Kalbeis gereinigt vor und gelangten daher ohne weitere Abenteuer an unser Ziel, wo wir Proviant, Petroleum und anderes Gepäck für unsere Schlittenreise an Land brachten. Auf der Rückfahrt nach Ata hatten wir erst Schneefall und dann Nebel bei Windstille, wodurch die Einfahrt nach Ata zwischen den dicht gedrängten Eisbergen hindurch ungemein stimmungsvoll war. Niemals sind ja die Farben des Eises schöner als bei diffusem Licht. Alle Höhlungen im Eise erstrahlen dann in prachtvollem Blau, der unter Wasser liegende Eisfuß leuchtet so grün, daß einem die Augen übergehen, und diese ganze Pracht spiegelt sich in einem tintenfarbigen Meer. Wir waren mit unserem unerbittlichen Töff-Töff der einzige Störenfried in dieser Welt des Friedens. Ata hat zwei Häfen, von denen der eine nur für Ostwind, der andere nur für Südwestwind taugt. Wir liefen in den uns nächsten östlichen Hafen ein, setzten damit aber auf die falsche Karte. Denn in der Nacht kam stürmischer Südwest auf, und wir mußten anheizen und zum westlichen Hafen hinübergehen. Auf der kurzen Zwischenstrecke stand bereits eine solche See, daß wir ziemlich naß in die Schlafsäcke kamen. Die nächsten Tage galten sorgfältigen Vorbereitungen der Handschlittenreise. Eine genaue Liste aller mitzunehmenden Gegenstände bis zum Taschenmesser herab wurde aufgestellt, photographische Platten und Filme eingelegt und Schneereifen repariert. Letztere wollten wir wegen ihres geringen Gewichtes an Stelle von kanadischen Schneeschuhen und Skiern verwenden. Leider waren zwei Paar beim Transport nach Grönland zerbrochen und mußten gelascht werden. Loewe bei der Eisbohrung Außerdem benutzten wir den Aufenthalt, um in unserem bisher ballastlosen Boot soviel Steine einzunehmen, wie wir im Kielraum unter den Bodenbrettern unterbringen konnten, schätzungsweise 300–400 kg. Das war zwar immer noch zu wenig, aber doch besser als gar nichts. Der nächste Föhnsturm sollte die »Krabbe« nicht so leicht wie das letzte Mal wegblasen können. Kaltes Wiedersehen beim Schneefegen an einem zusammengeschmolzenen Schneemann am Zeltplatz Hilde Zwischen diesen Arbeiten kam uns die Idee, schnell noch dem Torsukatak-Eisstrom Großer Strom. einen Besuch abzustatten. Er ist der zweite unter den fünf großen Schnelläufern, die vom Inlandeise kommen, und der gleichnamige Eisfjord vor ihm ist den größten Teil des Jahres fast ebenso mit Eisbergen vollgestopft, wie der Jakobshavner. Wir hätten auch bei ihm gern die heutige Lage der Gletscherfront vermessen. Die Grönländer von Ata erklärten freilich, man könne noch nicht in den Eisfjord hinein, aber es war doch besser, sich selbst davon zu überzeugen. Wir dampften also am Abend des 9. Mai aus dem Hafen von Ata heraus, und zwar diesmal nach Norden. Natürlich kamen wir nicht in den Eisfjord hinein, aber als wir gegen Morgen zurückkehrten, waren wir doch hochbefriedigt von diesem nächtlichen Husarenritt gegen den Torsukatak. Denn die Fahrt war herrlich und spannend gewesen. Wir fuhren an wundervollen Eisbergen vorbei bis zu den vier kleinen Inseln, die etwas südlich der großen Insel Kekertakasak Nutzlose Insel. liegen. Da der gewöhnliche Weg, der östlich um letztere herum geht, durch Eisberge blockiert war, probierten wir den westlichen. Da bekamen wir Interessantes zu sehen! Durch die flachen Durchlässe zwischen den kleinen Inseln setzt ein reißender Strom mit Wirbeln und Neerströmungen. Dabei loteten wir nur 8 m Tiefe. Aber etwas weiter, wo der Sund zwischen Kekertakasak und Arveprinsens Eiland sich verengt, mußten wir Halt machen. Große solide Eisfelder versperrten den Weg. Wir hielten auf das Ostende von Kekertakasak zu; vielleicht konnte man diese Insel besteigen und einen Überblick bekommen. Aber wir endeten vor einem riesigen Wirbel, der die dichtgepackten Eismassen, darunter auch einen großen Eisberg, in schneller Fahrt im Kreise herumführte. Es war ein Anblick, der Staunen und Entzücken hervorrief. Auf der höchsten Spitze des Eisberges saß eine Möve und machte die Karussellfahrt kostenlos mit. Wir zogen es doch vor, diesem Wirbel, dessen Außenrand wir gerade berührten, aus dem Wege zu gehen, kehrten daher auf die andere Seite der kleinen Inseln zurück und bestiegen die eine derselben mit Namen Igdlutalik (= die Stelle, wo es Häuser gibt). Was wir von dort sahen, genügte, um uns für diesmal zum Aufgeben unseres Versuches zu veranlassen. In den Eisfjord war um diese Jahreszeit noch auf keine Weise hineinzukommen. Daß wir, wie vorher beim Jakobshavner Eisstrom, nun auch beim Torsukatak »abgeblitzt« waren, bedrückte uns nicht. Noch war nicht aller Tage Abend, und man weiß ja, daß man bei hohen Herren meist antichambrieren muß. Vorläufig hatten wir einen prächtigen Himmelfahrts-Ausflug gehabt! Am 11. Mai fuhren wir nun endgiltig nach Quervains Havn und erreichten diesmal unser Depot so gut wie ohne Hinderungen durch das Eis. Wir schafften den Rest unserer Sachen an Land und nahmen zum erstenmal Abschied von der »Krabbe«. Von Ata hatten wir noch einen Grönländer mit an Bord, der Tobias helfen sollte, die »Krabbe« wieder dorthin zurückzubringen. Tobias selbst hatte sich inzwischen leidlich in die Bedienung des Motors eingearbeitet. Wir konnten vom Land aus zwar beobachten, wie ihm bei der Rückfahrt der Motor mehrmals stehen blieb, aber bei dem stillen Wetter brachte das keine Gefahr mit sich, und es gelang ihm auch bald, ihn wieder in Gang zu setzen. Er sollte vier Wochen bei Ata liegen bleiben und uns am 14. Juni wieder abholen. Wir anderen waren nun wieder Landratten und wohnten in zwei kleinen Zelten, Georgi und Sorge in dem einen, Loewe und ich im anderen. Unser Zeltplatz lag in einer prachtvollen Umgebung. Dicht vor uns stand die imponierende Eismauer des Ekip Sermia und bot im Laufe des Tages etwa fünfmal Gelegenheit, größere Kalbungen zu beobachten. Es war ein herrliches Schauspiel, wenn ein größerer Turm sich ablöste und nach vorn herüber fiel, beim Aufprall auf das Wasser, oft auch schon in der Luft in zahllose Brocken zerschellend. In einem Fall sahen wir das Fjordwasser bis über die Höhe der festen Eismauer hinaus aufspritzen, und wir eilten zum Ufer hinab, um unseren dort liegenden »Moses« vor den anstürmenden Kalbungswellen zu bergen. Wir waren froh, daß die »Krabbe« fort war; es wäre ihr wohl nicht gut bekommen. Jede neue Kalbungsstelle wurde von zahllosen Möven umkreist, die die aus dem Schlamm aufgewühlten Fische herauspickten. Die Brocken und Eisberge, die sich gebildet hatten, breiteten sich, die Wasseroberfläche ziemlich lückenlos bedeckend, halbkreisförmig aus, zum Teil mit erstaunlicher Geschwindigkeit. Georgi hätte gar zu gern Kino-Aufnahmen von diesen Kalbungen gemacht. Aber wir konnten dieser Aufgabe nicht genügend Zeit opfern, und der Gletscher war nicht so freundlich, in den relativ kurzen Zeiträumen, in denen die Kamera zur Aufnahme bereit stand, uns eine Vorführung zu geben. Unsere erste Aufgabe bestand darin, unser ganzes Gepäck die 8-10 km über Land bis zum Rande des Inlandeises hinaufzutragen, der in dieser Gegend in 500-600 m Seehöhe liegt. Unsere Vorgänger pflegten bei diesem Anmarsch Grönländer als Träger zu benutzen. Aber unsere Ausrüstung war so leicht, daß wir ohne diese Hilfe auskamen, wenn wir uns Mühe gaben. Unsere Daunenschlafsäcke wogen z.B. mitsamt dem abnehmbaren wasserdichten Bezug nur je 2,4 kg, die Zweimannszelte mit Stöcken und wasserdichter Unterlage je 2,6 kg, die beiden norwegischen Skischlitten je 8 und unsere beiden in Berlin gebauten Korbschlitten – mit Zugleine, Gepäcknetz und Zurr-Riemen – sogar nur je 4,5 kg. Ich glaube, das sind Gewichte, die schwer zu unterbieten sind! Das Hauptgewicht bildete freilich unser auf vier Wochen berechneter Proviant. Und davon ließ sich leider nichts abzwacken. Zum Graben im Schnee hatten wir die aus Dural gefertigte sogenannte Bernina-Schaufel, die neuerdings im alpinen Skisport eingeführt ist. Als Steigeisen hatten wir die kleinen Grödeln. Die Schneereifen waren schon erwähnt. Wir führten weder Küchenkiste noch Proviantkiste mit und brauchten sie auch nicht, da wir Primus, Kochtopf, Becher und Konservenbüchsen einfach in das Gepäcknetz legen konnten, das an den Korbschlitten fest angebracht war. Auch bei unseren Instrumenten hatten wir auf größte Leichtigkeit gesehen. Ein winziger Taschensextant englischer Herkunft diente zu den astronomischen Ortsbestimmungen; der künstliche Horizont wurde improvisiert, indem wir etwas Petroleum auf eine Konservenbüchse gossen. Für Peilungen hatten wir das Sitometer von Büchi in Bern, ein richtiges Westentaschen-Instrument, das sogar auch Neigungen zu messen gestattete. Das kleine Prismenglas, achtmal vergrößernd, von J. D. Möller-Wedel (Holstein), zeichnete sich ebenfalls durch geringes Gewicht aus, ebenso die bekannte kleine Leica-Kamera von Leitz-Wetzlar. Im übrigen hatten wir vor, noch manche anderen Dinge, deren Brauchbarkeit nicht ohne weiteres feststand, auf dieser Schlittenreise zu erproben, wie z.B. Benzin-Primus, Amundsen-Pemmikan u.a. Ich glaube, die Eisaxt war so ziemlich das einzige Ausrüstungsstück, das wir als erprobt betrachten konnten. Das Hinauftragen des Gepäcks war schwere Arbeit. Durch zwei Erkundungsgänge legten wir zuerst den kürzesten Weg fest, der geradlinig nach Osten zum Inlandeis führte. Dann schafften wir durch viermaliges Hin- und Hergehen unser Gepäck bis zu einem See hinauf, der in 430 in Höhe lag. Ich trug am wenigsten, nämlich anfangs 18, zuletzt 22 kg auf dem Rücken, Sorge, unser stärkster Mann, trug bis zu 30 kg. Bei der untersten Steilstufe des Landes waren auch einige unangenehme Kletterstellen zu bewältigen. Wir brauchten bis zu diesem Depot hinauf meist 4½, zurück 1½ Stunden. Recht hinderlich waren bei diesen Gängen die fast unausgesetzten Föhnstürme, durch die die Kletterstellen manchmal geradezu gefährlich wurden. Es scheint wirklich, als ob Quervains Havn hinsichtlich der Windstärke etwas übernormal ausgestattet ist. Besonders beschwerlich war der letzte Gang, bei dem wir unsere Schlafsäcke und Zelte mitnahmen. Es war nicht leicht, die hochgetürmten Lasten gegen den wütenden Föhnsturm vorwärts zu bringen. Hatten wir zwei Schritte vorwärts gemacht, so packte uns der Sturm und warf uns wieder einen Schritt zurück. Diesmal dauerte der Aufstieg zum Depot doppelt solange wie sonst. Vom Depot aus ging es leichter. Schneereste und die noch teilweise zugefrorenen Seen auf der weiten, schwach modellierten Hochebene gestatteten, von hier ab Schlitten zu benutzen. Freilich war die Schlittenbahn verschiedentlich durch lange schneefreie Landstrecken unterbrochen. Aber da zeigten sich die Vorzüge der kleinen Schlitten; wir konnten sie, ohne abzuladen, einfach hinübertragen. Zwei Mann waren stets ausreichend, um einen Schlitten zu tragen, ja meine Kameraden nahmen schließlich einfach jeder seinen Schlitten auf den Rücken und gingen mit ihm spazieren. Obwohl diese Strecke viel länger war, konnten wir so unser gesamtes Gepäck, etwa 350 kg, in zwei Fahrten mit je vier Schlitten vom Depot bis zum Rande des Inlandeises schaffen. Am 18. Mai abends hatten wir alles oben. Der Anmarsch war beendet; nun konnte die eigentliche Schlittenreise beginnen. Wir errichteten ein Depot am Eisrande und dann ging es – am Abend des Pfingstsonntags – mit halber Last auf den Schlitten und Steigeisen unter den Füßen auf das Inlandeis. Die steile Schneewehe bis zum Eisrande hinauf überwanden wir kriechend auf allen Vieren. Das ging glänzend und zeigte so recht, wie benachteiligt der Mensch als Zugtier gegenüber den Vierfüßlern ist. Und dann kamen wir auf das Inlandeis. Wem sich zum erstenmal der Blick über die weiße Eisfläche erschließt, der fühlt etwas Weihevolles. Es ist ein feierlicher Augenblick. Vielleicht ist es der restlose Sieg einer einzigen Naturkraft über alles andere, die Überwältigung des Erdbodenreliefs durch die Eisüberschwemmung, die uns packt; vielleicht ist es auch nur das, daß der Blick, bisher gehemmt durch schroffe Felswände, plötzlich haltlos in die Ferne irrt wie beim Meere. Man fühlt sich Aug in Auge mit der Unendlichkeit und wird stumm und klein. Das Inlandeis steigt hier wie überall mit nach innen allmählich sanfter werdender Neigung an; aber der Anstieg ist nicht gleichmäßig, sondern vollzieht sich in Wellen, so daß etwas steilere Zonen mit ungefähr horizontalen abwechseln. Aus dem bloßen Anblick kann man nicht entscheiden, ob dieser stufenähnliche Aufbau noch durch das darunterliegende Bodenrelief bedingt ist oder einen eigenen Charakterzug des Inlandeises darstellt. Die etwa 30 km breite Randzone besteht aus Eis, das bei genauerer Betrachtung mit zahllosen, aber unzusammenhängenden Luftblasen erfüllt ist. Hier gibt es Spalten, Schmelzknollen, Mittagslöcher, Oberflächenbäche und -Seen, hier herrscht kein Mangel an photographischen Motiven. Obwohl auch dies Eis sehr weiß ist, sieht es doch gegen den Schnee nur grau, oft bläulichgrau oder auch grünlichgrau aus. Zur jetzigen Jahreszeit fanden wir schon nahe dem Rande größere zusammenhängende Flächen von Winterschneeresten, und je weiter wir ins Innere vordrangen, umso kleiner und seltener wurden die dunkleren Stellen mit aperem Eis. Im Laufe des Sommers verschwinden aber auf diesem Gebiet alle Schneereste, denn in der Randzone überwiegt die Abschmelzung. Hat man aber die Firngrenze überschritten, so gibt es nur noch Schnee und wieder Schnee, auf viele Hunderttausende von Quadratkilometern. Hier ist der Wind Alleinherrscher, der stets vom Innern der riesigen Schneekappe nach außen weht. Er versieht die Schneeoberfläche mit der zarten moiréartigen Modellierung der Schneewehen, den sogenannten Sastrugi, in unendlicher Mannigfaltigkeit und doch Einförmigkeit. Und doch kann diese Schneewüste dem Auge des Beschauers je nach der Beleuchtung die verschiedenartigsten Eindrücke gewähren. Wenn der Fegeschnee mit leisem Zischen über die endlose Fläche dahinzieht, – meist bei wolkenlosem Himmel und ungehinderter Sonne, – so erglänzt die niedrige fließende Schicht in einem eigenartig weichen Seidenglanz. Bei halb bedecktem Himmel liegen tiefblaue scharfe Wolkenschatten auf der weißen Fläche und täuschen Höhenzüge oder gar Land vor. Bedeckt eine gleichmäßige verwaschene Wolkenschicht den Himmel, so verschwindet in dem diffusen Licht das ganze Windmuster auf dem Schnee, und seine Oberfläche gleicht zum Verwechseln der grauen Himmelsfläche, nur die Horizontlinie bildet noch eine Grenze zwischen oben und unten. Senkt sich aber die Wolke zum Boden herab, so verschwindet im Nebel auch der Horizont, und man ist allseitig von grauer Unendlichkeit umgeben. Und im Schneesturm existieren nur noch die nächsten fünf Meter um den Beobachter, alles übrige ist eine fremde Welt, von der er nichts weiß und die ihn nichts angeht. Solange man noch nicht zu weit von der Küste entfernt ist, bringen auch die Küstengebirge noch Abwechslung in die Bilder. So, wenn elegante Föhnwolken in Form von Hinderniswogen über ihnen stehen, oder wenn die neckische Luftspiegelung nach oben sie wie im Vexierspiegel verzerrt, auf den Kopf stellt und vervielfältigt. Erst ganz im Innern, in mindestens 250 km Abstand vom Rande, ändert sich nochmals der Charakter der Landschaft. Mit dem Wind verschwinden hier die Sastrugi, und die Schneeoberfläche wird so eben wie ein Tischtuch; leichter Nebel umgibt ständig den Beobachter, erzeugt einen Moosteppich von Reif auf der Schneeoberfläche und in der Luft Nebensonnen, die Temperatur sinkt auf unerhörte Tiefen, und der Reisende wird erschreckt durch das ruckartige Zusammensinken ausgedehnter Schichten des hier sehr lockeren Schnees, den »Firnstoß«. Vor 16 Jahren hatte ich dies zentrale Gebiet mit J. P. Koch durchquert. Diesmal wollten und konnten wir nicht so weit vordringen. Mit unserem ersten Marsch hatten wir Glück: rechts Brüche, links Brüche, aber da, wo wir hin wollten, war immer alles glatt. Wir gingen erst nach Osten, um vom Rande frei zu kommen, und dann nach Nordosten, wohin unser Vorstoß überhaupt gehen sollte. Nach 7-½ stündigem Marsch legten wir unsere Last in 12 km Abstand vom Eisrande nieder und kehrten sofort zum Ausgangspunkt zurück, so daß wir im ganzen 24 km zu gehen hatten. Während des Marsches sahen wir zum erstenmal die Sonne auch um Mitternacht noch über dem Horizont. Wir benutzten nach Möglichkeit die Nachtstunden zum Marsch, weil dann die Bahn besser war als bei der stärkeren Sonnenstrahlung am Tage. Bevor wir die zweite Hälfte unseres Gepäcks nachzogen, führten wir noch auf dem Eisrande eine Bohrung zur Messung der jährlichen Abschmelzung aus. Professor Martienssen in Kiel hatte uns für diesen Zweck mit einem besonders leichten Bohrgerät ausgerüstet, das für Bohrungen bis vier oder fünf Meter Tiefe berechnet war und sich vortrefflich bewährt hat. In diese Bohrlöcher wurden dann als Maßstäbe Metallröhren von 1 m Länge übereinander gestellt, die im Lauf der Zeit herausschmelzen und umfallen sollten; teilweise wurden statt dessen auch Bambusstangen in die Bohrlöcher gesteckt, an denen dann die augenblickliche Lage der Eisoberfläche markiert wurde. Solche Abschmelzstationen sind natürlich ein Wechsel auf die Zukunft. Denn die Ablesung kann erst übers Jahr vorgenommen werden! Mit unserem ersten Bohrloch hatten wir kein Glück. Wir waren sehr befriedigt, als wir am Vormittag des 20. Mai eine Tiefe von 3,50 m erreicht hatten und die Bohrung für beendet erklären konnten. Aber wir versäumten leider, sofort die Maßstäbe zu versenken. Als wir dies abends besorgen wollten, hatte sich das Loch über Mittag mit Wasser gefüllt und war dann bis zum Boden gefroren. Da war nichts zu machen, wir mußten es aufgeben, und um nicht die Nacht als Marschzeit zu verlieren, beschlossen wir, die Wiederholung bis zur Rückkehr Anfang Juni zu verschieben. Sorge in der Gletscherspalte In dieser Nacht brachten wir den Rest unseres Gepäcks bis zu unserem Depot. Wir nannten den neuen Zeltplatz »Konkordia«, weil wir hier probeweise versuchten, unsere beiden Zelte Wand an Wand zusammenzubinden. Auch hier führten wir eine Abschmelz-Bohrung aus, und diesmal glückte sie. Loewe war Bohrmeister. Das Bohrloch wurde 3,90 m tief, und es wurde eine unten beschwerte Bambusstange versenkt, deren oberes Ende noch gerade 40 cm herausragte. Das Bohren dauerte etwa vier Stunden. Unser Schneckenbohrer schnitt vorzüglich. Schwierig war es nur, die Bohrspäne herauszubekommen. Im obersten Teil, wo das Eis durchfeuchtet war, hafteten die Späne genügend zusammen, um mit dem Schneckenbohrer, in dessen Windungen haftend, herauszukommen. Aber von etwa 1 m Tiefe ab wurde das Bohrmehl ganz trocken und fiel beim Hochziehen des Bohrers in das Loch zurück. Wir halfen uns durch Anfeuchten des Bohrmehls, indem wir von Zeit zu Zeit etwas Wasser in das Loch hineingossen. Nur mußte man achtgeben, daß der Bohrer nicht im Loch zur Ruhe kam, sonst fror er fest. Die Schneemauer wird errichte Außer der Bohrung hatten wir noch eine andere zeitraubende Arbeit beim Zeltplatz zu leisten: wir bauten einen möglichst hohen Schneemann, der uns bei der Rückreise die Wiederauffindung dieser Stelle erleichtern sollte. Diese Arbeiten nahmen allerdings soviel Zeit in Anspruch, daß wir mehr als 24 Stunden zur Erledigung unseres Tagesprogramms brauchten, und wir kamen daher von »Konkordia« nicht zur gleichen Zeit fort wie am Tage vorher. Unglücklicherweise wurde auch noch beim Loseisen der am Boden angefrorenen Zelte das eine so beschädigt, daß wir es erst nähen mußten. Es war schon gegen Morgen, als wir endlich abmarschieren konnten. »Konkordia« lag nach Angabe unseres Barometers schon in 860 in Seehöhe. Wir hatten die größte Steigung und die größten Schwierigkeiten bereits hinter uns. Von hier ab mußten wir daher mit voller Last weitergehen können. Und es ging! Ja es ging ausgezeichnet! Denn da wir noch einiges Entbehrliche bei »Konkordia« zurücklassen konnten, hatte schließlich jeder von uns nur noch 45 kg auf dem Schlitten. Mit diesem Gepäck legten wir in 7-1/2 Stunden 12 km zurück, alles noch auf Steigeisen. Die Handschlitten-Karawane Unterwegs mußten wir nun auch die Marschlinie markieren. Wir errichteten deshalb alle 2000 Schritte, die etwa einem Kilometer entsprachen, einen kleinen Schneemann, nur aus wenigen übereinander geschichteten Blöcken bestehend, die eins, zwei, drei mit der Bernina-Schaufel aus dem Boden gestochen wurden. Wir hatten Markierungspapier von Schuster mit und legten in jeden Schneemann einen solchen roten Zettel, auf dem wir Nummer und Abstand vom letzten Zeltplatz notierten. Ob wir beim Rückweg hiervon Nutzen haben konnten, war zwar zweifelhaft, aber jedenfalls war das ein Mittel, um uns bei der Zählung der Kilometer nicht zu verheddern. Das Bauen dieser kleinen Schneemänner dauerte nur fünf Minuten, und eine Pause mußte man ohnehin von Zeit zu Zeit machen. Steil hinauf mit halber Last Zur Schrittzählung hatten wir, ohne große Erwartungen, das bekannte taschenuhrartige Instrument mitgenommen, und wie so viele andere vor uns stellten auch wir fest, daß man besser tut, auf seine Angaben zu verzichten. Durch hartnäckige Fortsetzung der Ablesungen glaubten wir schließlich zu erkennen, daß das Instrument selber sozusagen unschuldig war, aber daß man infolge der eigentümlichen Körperbewegung beim Ziehen der Schlitten keine brauchbare Stelle am Körper finden kann, an der man das Instrument anbringen kann. Entweder spricht es gar nicht an oder es registriert für jeden Schritt zwei. Also was tun? Selbst zählen? Die Aussicht, drei Wochen lang ununterbrochen zu zählen, erschien mir wahnwitzig. Selbst wenn wir uns einteilten, ging es nicht. Ich hätte nicht bis 500 zählen können, zumal während meiner Tätigkeit als Zugtier. Unser Itinerar war im Begriff, zusammenzubrechen. Wir schienen ohne Besteckrechnung in der Wüste herumirren zu müssen. Was uns allein retten konnte, war ein Zählgenie. Und siehe da, es zeigte sich, daß ein solches vorhanden war. Loewe zählte schon längst, bevor es nötig war. Wir merkten gar nichts davon, denn er unterhielt sich lebhaft mit uns über alles mögliche, und dabei zählte er innerlich weiter – oder es zählte in ihm. Stunde für Stunde, Tag für Tag, Woche für Woche. Loewe zählte, Essen- und Schlafpausen abgerechnet, praktisch fast ununterbrochen drei Wochen lang, immer von Null bis Zweitausend in unendlicher Wiederholung. Beim Umkehrpunkt war er insgesamt bis auf 294000 gekommen, und dazu kam dann noch der Rückweg, bei dem wieder auf weite Strecken Schritte gezählt werden mußten. Es wurde mancher Scherz darüber gemacht, und Loewe war so freundlich, niemals einen solchen übelzunehmen. In Wirklichkeit habe ich ihn außerordentlich bewundert wegen dieser Fähigkeit, die natürlich in erster Linie auf Anlage zurückgeht, aber auch bewußt von ihm gefördert worden ist durch automatisches Schrittzählen im Laufsport. Auf dem heutigen Marsch machten wir zum erstenmal Bekanntschaft mit verdeckten Spalten. Freilich waren es nur etwa fußbreite, so daß wir ihnen kaum Beachtung schenkten. Wir hatten auch eine breite Schmelzhöckerzone zu durchqueren. Den neuen Zeltplatz nannten wir »Hilde«. Wir kamen nämlich auf den Gedanken, an Stelle der trockenen Zahlen Namen für unsere Zeltplätze einzuführen, und zwar die unserer Kinder und Frauen. Das hätte zwar leicht zu Verwicklungen führen können, aber glücklicherweise erwies sich die Anzahl unserer Zeltplätze als ausreichend. »Hilde« lag 1050 m über dem Meere. Auch hier wurde natürlich ein großer Schneemann gebaut und eine Abschmelzungsbohrung gemacht. Bei der Bohrung gab es einen Schreckschuß. Der Bohrer war plötzlich festgefroren. Nur wenige Augenblicke hatten wir ihn unbewegt im Loch stehen lassen, und schon war das Unglück geschehen. Zum Überstuß brach bei den gewaltsamen Versuchen, ihn herauszubringen, ein aus Holz improvisierter Bolzen, durch den das Gestänge an den Bohrer angeschlossen war, so daß wir nun überhaupt die Verbindung mit dem Bohrer verloren hatten. Glücklicherweise lag das obere Ende des Bohrers erst etwa einen Meter unter der Eisoberfläche. Wir streuten Salz hinein, hackten das Eis mit der Axt soweit auf, daß wir wieder an das Ende des Bohrers herankonnten, setzten wieder das Gestänge auf, diesmal mit dem zugehörigen Eisenstift, und atmeten auf, als es schließlich gelang, den Bohrer wieder zu drehen. Wir konnten sogar das Bohrloch weiter benutzen. Nur den Pemmikan mußten wir diese Woche ungesalzen essen. Ich hatte Sorge, als wir weiter zogen, die Führung unseres Itinerars übertragen, und er arbeitete, als erster gehend, jetzt ständig mit dem hierzu vorzüglich geeigneten Sitometer. Es war auch heute ohne Kompaß schlecht auszukommen, denn die Sonne war nicht oft zu sehen. Es schneite während des ganzen 9½ stündigen Marsches, es schneite, als wir nach Zurücklegung von 12 km an unserem neuen Zeltplatz »Käte« unser Lager aufschlugen, und es schneite noch immer, als wir wieder von hier aufbrachen. Bei der hohen Temperatur wurde in unseren kleinen Zelten alles naß. Das war unangenehm, aber es gehört nun einmal mit zum Polarfahren. In anderer Hinsicht war uns das Grauwetter freilich willkommen. Denn vom gestrigen Sonnenbrand fingen unsere Gesichter trotz Schusters Gletschersalbe bedenklich zu brennen an. Wenn das Wetter nicht für Abwechslung gesorgt hätte, so wären diese Marschtage wohl sehr einförmig verlaufen. Von dem Hochdruckwetter der Inlandeis-Antizyklone merkten wir auf dieser Reise sonderbarerweise nur wenig. Fast jeder Tag brachte Niederschlag. Schneemann am Zeltplatz »Lotte«. Eine Bambusstange wird in das Bohrloch versenkt Der nächste Tag führte uns in 12 Stunden 15 km weiter bis zum Zeltplatz »Lotte«. Wegen des weichen Neuschnees benutzten wir diesmal alle mit bestem Erfolg Schneereifen, die also heute sozusagen ihre Einführung in die Grönlandforschung feiern konnten. Denn wenn ich nicht irre, sind sie noch niemals früher auf dem Inlandeis benutzt worden. Während des Marsches klarte der Himmel auf; anfangs hatten wir noch Schneefall, dann bei sinkender Temperatur Schneefegen. Bei Lotte, in 1330 m Seehöhe, machten wir unsere letzte Abschmelzbohrung. Aus der lockeren Struktur des Eises ging hervor, daß wir hier sehr nahe an der Grenze des randlichen Abschmelzgebietes waren, in dem die Abschmelzung über den Zuwachs überwiegt. Der nächste Zeltplatz mußte schon im Firngebiet liegen, wo Zuwachs herrscht. Infolge der übergroßen Länge unserer Tagesarbeit waren wir allmählich mit den Tageszeiten in Unordnung gekommen. Der Marsch von »Käte« nach »Lotte« fand bereits am Tage statt. Um wieder die Nacht als Marschzeit zu gewinnen, mußten wir bei »Lotte« einen halben Ruhetag einlegen. Außerdem legten wir hier ein Depot an, weil wir nun das Bohrgerät nicht weiter brauchten. Wir hinterließen hier auch einige Lebensmittel und einen Photographieapparat. Nun waren wir freilich genötigt, diesen Platz unter allen Umständen beim Rückweg wieder aufzusuchen; das Wiederfinden konnte aber hier, in 51 km Abstand von unserem Aufstiegspunkt und ohne Sicht der Küstenberge, bei ungünstigem Wetter wohl Schwierigkeiten machen. Es hing alles von den Schneemännern ab. Unsere Zelte machten uns Sorge. Die kleinen Zweimannszelte gehörten zu den Dingen, die wir mit Rücksicht auf unsere Pläne für das nächste Jahr erproben wollten. Ihre Form war nahezu die gleiche wie die von Schusters Hochtouren-Zelt. Aber es zeigte sich, daß diese Bauart für Reisen auf dem Inlandeis, wo man mit ständigem Schneefegen rechnen muß, nicht die richtige ist. Die Luvwand ist zu niedrig; die Schneewehe, die sich vor jedem Hindernis in Luv bildet, wächst infolgedessen in kurzer Zeit aufs Dach hinauf und droht es einzudrücken. Auch waren die Zelte überhaupt etwas zu zart, um den Tag für Tag wiederkehrenden Vereisungen standzuhalten, und namentlich der gummierte Dachstoff wurde stark angegriffen. Am 25. Mai abends brachen wir wieder auf. Die Schlittenbahn war bei 5 cm Neuschnee die denkbar schlechteste, aber wir hatten die Schlittenkufen gewachst und dank der Leichtigkeit unseres Gepäcks kamen wir doch gut vorwärts. Anfangs hatten wir Schneefall, und als dieser aufhörte, kam Nebel. Da war das Einhalten des Kurses schwierig. Es glückte schließlich durch den leichten Südostwind, der uns beim Gehen die Himmelsrichtung festhalten half. Einmal trat ich mit dem linken Schneereifen in eine verdeckte Spalte, die hierfür gerade groß genug war, und Georgi, der seine Anlage zum Berufsphotographen jetzt ungehemmt entwickelte, bekam mich auf die Platte, noch ehe ich heraus war. Auch Sorge trat einmal durch. Wir gingen aber trotzdem ohne Seil, weil die Schneereifen doch schon eine gute Sicherung boten und die Schneedecke über dem Eise jetzt auch dicker wurde. Nachdem wir in 11 Stunden 15 km zurückgelegt hatten, schlugen wir unsere Zelte beim Lager »Hans« in 1520 m Seehöhe auf. Bei einer Aufgrabung fanden wir hier unter 1 m Jungschnee, der offenbar vom letzten Winter stammte, eine alte, vereiste Firnoberfläche. Das Korn war aber auch in diesem Firn noch sehr fein, der Firn konnte also erst ein Jahr oder höchstens einige wenige Jahre alt sein. Daraus ging hervor, daß wir uns hier, wie zu erwarten, bereits im Firngebiet befanden, wo jährlicher Zuwachs die Regel ist. Als wir am 26. abends wieder aufbrachen, war es bitter kalt. Wir schätzten die Temperatur auf unter – 20°C. Messen konnten wir sie zu unserem Schmerz nicht, denn das einzige Thermometer, das wir mitgenommen hatten, war ausgerechnet am Tage, bevor wir aufs Inlandeis kamen, zerbrochen. Natürlich hatten wir beabsichtigt, noch ein Reservethermometer mitzunehmen, aber unglücklicherweise hatte sich dies in den unergründlichen Verstecken auf der »Krabbe« so verkrochen, daß wir es nicht hatten auftreiben können. Solange die Temperatur hoch war, bot das Beithermometer unseres Aneroids einen leidlichen Anhalt. Aber leider gestattete dies nur Messungen bis – 5°. Dies war ausreichend für die barometrische Höhenbestimmung, aber auf Kälterekorde mußten wir also verzichten. Infolge der tiefen Temperatur war der Schnee hart, wir konnten ohne Schneereifen gehen und kamen schnell vorwärts. Bald setzte allerdings Schneefegen ein, dann begann es noch zu schneien, und gegen Ende des Marsches hatten wir richtigen Schneesturm. Die Temperatur war wieder auf etwa – 4° gestiegen. Unsere empfindlichen Zelte dem Sturm und Schneefegen auszusetzen, erschien uns bedenklich. Wir machten eine Probe, indem wir das eine Zelt aufschlugen und darin unseren Pemmikan kochten. Aber es war fürchterlich! Mit unglaublicher Schnelligkeit wuchs auf der Luvseite die Schneewehe aufs Dach hinauf und drückte das Zelt mehr und mehr zusammen. Es war klar, so ging es nicht. Wir hatten aber schon auf dem Marsch unseren Beschluß gefaßt. Auf Georgis Vorschlag führten wir eine Mauer aus Schneeblöcken von gleicher Höhe wie die Zelte auf, und hinter diese Mauer stellten wir dann beide Zelte, den Eingang gegen den Wind, d. h. also gegen die Mauer gerichtet. Bei der Gleichförmigkeit, die der Wind auf der glatten Inlandeisfläche zeigt, standen die Zelte hinter dieser Mauer vollkommen ruhig; durch den Sog wurde ihr Dach sogar etwas angehoben, so daß der Innenraum vergrößert wurde. Der ständige Fluß des Fegeschnees wurde durch die Mauer gespalten und fast völlig von den Zelten ferngehalten. Wir befolgten daher diese Methode auch bei allen künftigen Zeltplätzen, nur veränderten wir jedesmal die Form der Mauer und die Stellung der Zelte dahinter, um das Günstigste herauszufinden. Diesen Zeltplatz nannten wir »Sturm«. Er lag 1710 m über dem Meere. Infolge des Schneesturmes kamen wir von diesem Lager erst am 28. Mai mittags fort. Auch diesmal hatten wir wieder das Unglück, beim Loseisen der eingefrorenen Zelte in das eine einen mehrfachen Riß von einem halben Meter Länge zu reißen. Und wir gingen doch so vorsichtig zu Werke! Das gab wieder stundenlange Näharbeit vor dem Abmarsch, natürlich im Freien und bei – 5°! Am Nachmittag hörte das Schneefegen auf. Der Wind pflegte überhaupt gegen Morgen am stärksten und nachmittags am schwächsten zu sein. Diese tägliche Periode hängt in einfacher Weise mit der Entstehung des Windes zusammen: die auf dem Inlandeise abgekühlte Luft fließt, der Schwere folgend, zur Küste hinab, und die Bewegung ist deshalb in der Regel am stärksten zur Zeit des täglichen Minimums und am schwächsten zur Zeit des Maximums der Temperatur. In dieser Zeit, wo der Wind nur gerade nicht mehr ausreichte, um Schneefegen zu erzeugen, bot sich uns ein fesselndes Schauspiel. Im Grunde fehlte es dem Wind ja nur an genügend leicht beweglichem Material auf der etwas verharschten Schneeoberfläche. Solches lieferte ihm aber unsere Karawane durch Zertreten der Schneekruste. Und die Folge war ein langer, langer Streifen Fegeschnee, der von uns ausging und in der Sonne glitzernd leewärts bis in endlose Fernen zu verfolgen war. Auf Schneereifen mit 45 Kilo Maximallast Kurz darauf näherten wir uns einer eigentümlichen verwaschenen Fläche, die unter den Strahlen der Mitternachtssonne einen wundervollen rotgoldenen Glanz zurückwarf. Was war das? Prachtvoll sah es aus! Nach wenigen Schritten kamen wir hinein. Es war Schneefegen, eine nur ½ m hohe Schicht mitfließenden Schnees, die für den Anblick aus der Ferne wie eine dünne Watteschicht über der festen Schneeoberfläche lag und sie verhüllte. Nach kurzer Zeit gesellte sich zu dem fegenden auch noch fallender Schnee, und es entwickelte sich ein neuer Schneesturm. Aber wir hielten durch, bis wir in 14 Marschstunden 21 km zurückgelegt hatten. Dann erst schlugen wir unsere Zelte hinter einer schützenden Schneemauer auf. Hier, beim Zeltplatz »Gerda«, waren wir nach unserer Besteckrechnung schon 103 km vom Aufstiegspunkt entfernt und befanden uns 1820 m über dem Meere. Hier bekam Sorge auch die ersten brauchbaren astronomischen Ortsbestimmungen mit unserem Taschensextanten. Sorge geht mit seinem Schlitten spazieren Immer dringender meldete sich die Frage, ob ein weiteres Vorgehen nicht mit zu großem Risiko verbunden sein würde. Wir hielten deshalb einen Kriegsrat ab und besprachen die Lage. Die Aufgabe, die wir uns gestellt hatten, war ja erfüllt. Wir hatten die Randzone, das Gebiet vorherrschender Abschmelzung, ganz durchstoßen und befanden uns längst im Firngebiet. Und andererseits mahnte manches zur Vorsicht. Sorge, Loewe und jetzt auch Georgi hatten sich durch den Druck der Schneereifengurte Blasen gelaufen. Loewe hatte infolge nasser Handschuhe alle Fingerspitzen der einen Hand, wenn auch nur sehr leicht, erfroren. Alle unsere Sachen waren bei dem dauernd schlechten Wetter naß geworden, und wir sahen auch keine Möglichkeit, sie zu trocknen. Ein ebenso schmerzhaftes wie hinderliches Übel hatte sich bei uns allen eingestellt, indem die Haut auf den Fingerspitzen tiefe, bis ins Fleisch gehende Risse bekommen hatte. Ferner befanden sich unsere Schneereifen in trauriger Verfassung und erforderten fortwährende Reparaturen während des Marsches und auch auf den Zeltplätzen. Besonders bedenklich waren wir natürlich wegen der Zelte. Die Bauart erwies sich zwar bei der jetzigen Anordnung hinter der Mauer als ausreichend, aber der Stoff war offenbar zu zart, um den täglichen Vereisungen standzuhalten. Wir mußten wohl darauf gefaßt sein, daß unsere Zelte noch während der Reise ganz unbrauchbar werden konnten. Über diese Schwierigkeit half uns wieder Georgi, indem er kurzerhand zur Probe ein Schneehaus nach Eskimo-Art baute. Es war zwar sehr klein, aber wir gewannen doch die Überzeugung, daß es uns im Notfall gelingen würde, auch ohne Zelte auszukommen. Und allen übrigen Bedenken stand die Tatsache gegenüber, daß wir noch Zeit und Lebensmittel für weitere 2 ½ Tage Vormarsch besaßen, allerdings unter der Voraussetzung, daß der Rückmarsch schneller gehen würde als der Vormarsch und daß wir also unsere Depots ohne langes Suchen finden würden. Das Ergebnis dieser Beratung war, daß wir noch zwei Tagemärsche weiter vorstoßen wollten. Um diese recht ergiebig zu machen, sollte aller Rückreiseproviant hinterlegt werden und nur Amundsen-Pemmikan als einziges Nahrungsmittel mitgenommen werden, abgesehen von einer kleinen Reserve von Schokolade und gewöhnlichem Pemmikan für Krankheitsfälle. Auf diese Weise wollten wir zugleich die Brauchbarkeit des von Amundsen gelegentlich seiner Flugzeug-Unternehmung benutzten höchst konzentrierten Nahrungsmittels erproben. Das Ende des Kangerdlugsuak Endlich am 30. Mai abends hörte der Schneefall auf, es wurde klar und sogar das Schneefegen setzte aus. Sofort brachen wir auf. Die Besserung hielt allerdings nur wenige Stunden an, und dann kam es schlimmer als je. Aber wir waren froh, wieder in Gang gekommen zu sein, und führten den Tagesmarsch bis zu Ende durch. Es war ein Glück, daß wir die Kufen neu gewachst hatten und daß wir nur noch die lächerliche Last von 12–15 kg auf jedem Schlitten hatten. Auch so ging es noch schwer genug. Die Bahn war geradezu furchtbar. In den neufallenden Schnee mischte sich Regen, und bald waren die obersten 30 cm der Schneedecke vollkommen durchweicht. Unter den Schneereifen, die tief einsanken, backte der Schnee. Durch die starke Beanspruchung riß alle Augenblicke das Flechtwerk der Schneereifen, und es verging kaum eine Viertelstunde ohne Reparaturen. Ich war den ganzen Marsch über schlapp. Der Amundsen-Pemmikan, den wir vor dem Aufbruch gegessen hatten, lag mir wie Blei im Magen, und das Waten in dem nassen Schnee wurde mir sauer. Bisweilen irrte ein Gedanke zurück zu unseren Schneemännern hinter uns. Wie mochte es ihnen bei diesem schrecklichen Tauwetter gehen? Hier waren wir doch schon bald in 2000 m über dem Meere. Und wenn es hier regnete, dann mußte es in 1000 m Höhe ungefähr kochen! Wiederfinden mußten wir aber unsere Depots, sonst ging es ans Leben. Wir hatten vorgehabt, heute einen Rekordmarsch zu machen. Nach 14 Stunden mußten wir es aber aufgeben. Wir hatten erst 18 km zurückgelegt. Bei feinem Sprühregen schlugen wir unsere Zelte auf. Die Schutzmauer fiel erst zweimal um, so weich war der Schnee. Das war Zeltplatz »Frieda« in 1950 m Seehöhe. Am 1. Juni abends brachen wir zum letzten Vorstoß auf. Wir nahmen alle Kraft zusammen. Was noch herauszuholen war an sportlicher Verschönerung unseres Reiseergebnisses, das mußte heute geleistet werden. Wir ließen noch einen Zeugsack und zwei Schlitten bei »Frieda« zurück, denn es lohnte jetzt nicht, für unser bißchen Gepäck vier Schlitten im Gesamtgewicht von 25 kg mitzuschleppen. Wir begnügten uns mit zweien, nämlich den beiden leichten Korbschlitten, und wechselten mit Ziehen ab. Da auch das Wetter und die Bahn heute besser waren – wir waren ja bescheiden geworden! – so machten wir rasche Fortschritte. Bei der Mittelrast, wo wir Zelt schlugen, abkochten und noch eine Stunde rasteten, hatten wir schon 17 km zurückgelegt. Die zweite Marschhälfte war freilich eine arge Tretmühle. Nie vorher hatte ich einen so starken Eindruck ertötender Gleichförmigkeit. Wie ersehnte man immer Loewes Ruf: Zweitausend! Den letzten »Ehren«-Kilometer mußte er auch die vollen Hunderter ausrufen, um uns am Leben zu erhalten. Als wir endlich nach 15 stündiger reiner Marschzeit unser Lager aufschlugen, mußten wir nach unserer Schätzung gut 150 km vom Aufstiegpunkt entfernt sein. Und die barometrische Höhenmessung ergab – Hurra! – 2090 m. Wir waren glücklich. So hängt der Mensch an den runden Zahlen! Hier, am Zeltplatz »Else«, kam unsere Fahne zum Vorschein, die ich bisher im Zeugsack versteckt durchgeschmuggelt hatte. Das Umkehrfest aber mußten wir verschieben, bis wir bei »Gerda« wieder zu unseren richtigen Lebensmitteln kamen. Hier hätten wir es nur – pfui Teufel! – mit Amundsen-Pemmikan feiern können. Dieser Amundsen-Pemmikan! Er machte uns wahrhaftig einen Strich durch die Rechnung. Heute war es Loewe so ergangen wie mir gestern. Aber ich war schon bedeutend weiter entkräftet. Das Abwechseln mit dem Schlittenziehen hatte für meine Person nur im Anfang noch geklappt. Dann ließen mich meine Kameraden mit immer größeren Pausen ziehen und schließlich wurde ich gar nicht mehr herangelassen. Leider war es nötig, ich konnte mich zuletzt kaum mehr selber mitschleppen. Es war mir von Anfang an klar, daß dieser rasche Kräfteverfall jedenfalls in erster Linie durch die ausschließliche Ernährung mit Amundsen-Pemmikan verursacht war. Mein Körper war offenbar nicht imstande, die allzu stark konzentrierte Nahrung zu verwerten. Sie füllte den Magen, war aber unverdaulich. Auch Loewe bekam der Amundsen-Pemmikan nicht gut. Er lag ihm schwer im Magen, hinterließ einen eigentümlichen Nachgeschmack im Munde und brachte die Verdauung allmählich in Unordnung. Doch kam es bei Loewe nicht zu einem so raschen Kräfteverfall wie bei mir. Am besten kamen Georgi und Sorge mit dieser Nahrung zurecht, doch ging auch ihr Urteil dahin, daß die ausschließliche Verwendung von Amundsen-Pemmikan nicht zu empfehlen und der gewöhnliche Pemmikan überhaupt vorzuziehen sei. Für den Rückweg bis zum Eisrand standen uns nur 10 Tage zur Verfügung, während wir 13 für den Hinweg gebraucht hatten, und im Augenblick hatten wir nur für zwei Tage Proviant und mußten in diesen beiden Tagen die 47 km bis zum Depot »Gerda« zurücklegen. Es war also keine Zeit zu verlieren. Am Nachmittag des 3. Juni traten wir den Rückmarsch an. Es hielt schwer, die Beine in Gang zu bringen, und die ersten Kilometer hatten wir Schneckentempo. Ich war trotz reichlichen Schlafes kurzatmig und so entkräftet, daß ich bei einer Ausgrabung zum Studium des Firns, die ich mit Loewe zusammen vor dem Abmarsch vornahm, mit einem Ohnmachtsanfall zu kämpfen hatte. Das Schlittenziehen mußte ich meinen Kameraden überlassen. Bei der Mittelrast, wo wir 14 km zurückgelegt hatten, mußte ich für meine Person dem Amundsen-Pemmikan entsagen und zu unserer Krankenreserve greifen. Auf der zweiten Marschhälfte gab mir Loewe schließlich aus unserer Apotheke eine Koffeintablette, und die wirkte Wunder. Ich wurde frisch und gesprächig und konnte den Rest des Marsches ohne besondere Anstrengung mitmachen. Wir legten im ganzen 26 km zurück und schlugen unsere Zelte 3 km nordöstlich von »Frieda« auf. Im allgemeinen hatten wir auf diesem Marsch unserer Spur folgen können, auch waren die Schneemänner natürlich auf dieser letzten Strecke noch gut erhalten. Schwierigkeiten entstanden nur dann, wenn der Himmel mit einer überall gleich hellen Wolkendecke bezogen war. Wenn nämlich dies diffuse Licht von allen Seiten in gleicher Stärke kam, so verschwanden alle Unebenheiten des Bodens vollkommen für das Auge. Es war dann unmöglich, überhaupt den Boden wahrzunehmen, auf dem man ging. Das verursachte eigenartige Gefühle und Täuschungen, ganz besonders beim Vorangehenden, der in ein großes Nichts hineinmarschierte. Aus dem Bestreben, den Boden, von dessen Existenz er ja doch überzeugt war, zu erkennen, entsprangen Halluzinationen: Bald glaubte er sich einer Wand gegenüber und erwartete im nächsten Augenblick mit der Stirn dagegenzurennen; bald hatte er die Vorstellung, auf einer stark von rechts nach links oder umgekehrt geneigten Fläche zu balancieren. Ein andermal wieder glaubte er zu bemerken, daß es bergauf oder bergab ginge und stolperte, weil der Boden horizontal blieb. Dann kam wirklich einmal eine kleine erhöhte Schneewehe, und schon lag er auf der Nase. Innerhalb der Karawane ging man weniger unsicher; die vorangehenden Schlitten boten immerhin einen Anhalt. Aber auch hier hatte man den Eindruck, als schwebten Menschen und Schlitten frei im Weltall und als bewege man ganz sinn- und zwecklos die Beine so, als ob man ginge. Leider verschwand zu solchen Zeiten natürlich auch die Spur für unser Auge. Wir lernten es aber, die Natur zu betrügen. Rechts und links neben den Schlitten waren nämlich die Spuren auch in solchen Fällen schwach zu erkennen, weil hier der Schlitten die eine Hälfte des Himmels abdeckte, sodaß das Licht vorzugsweise nur von der anderen Seite kam. Der Hintermann konnte also dem vorangehenden zurufen, ob die Spur rechts oder links von ihm lag. Zeitweise hatten wir auch Nebel und natürlich auch Schneefall, aber wir fanden den Weg doch ohne nennenswerte Schwierigkeiten. Schwieriger wurde der nächste Tagemarsch. Als wir abmarschierten, war es klar und hundekalt. Loewe hatte den großen Zeh erfroren und konnte, auch nachdem er die Skistiefel mit den Kamikkern vertauscht hatte, auf dem Marsch kein Leben in ihn hineinbekommen. Um einer ernsten Erfrierung vorzubeugen, die sonst wohl unvermeidlich gewesen wäre, griff ich schließlich zu der bewährten Methode der Eskimos: Loewe mußte Kamik und Strumpf ausziehen und mir den bloßen Fuß unter meiner Kleidung unmittelbar auf den Bauch setzen. Das half; nachdem der Fuß erst wieder durchgewärmt war, genügten die Kamikker. Das sind so die kleinen Kniffe der polaren Reisetechnik! Loewe war übrigens heute überhaupt nicht auf der Höhe; seine Fußverletzung begann zu eitern und schmerzhaft zu werden. Außerdem habe ich den Verdacht, daß auch ihn der Amundsen-Pemmikan ruiniert hatte. Aber davon wollte er selbst nichts wissen. Gleich nach unserem Abmarsch erklärte ich übrigens unser Experiment mit dem Amundsen-Pemmikan für die ganze Expedition für beendet, und wir verzehrten daher bei der Mittelrast unsere gesamte Krankenreserve. Unterwegs nahmen wir vom Zeltplatz »Frieda« wieder unsere beiden norwegischen Schlitten mit. An sich wäre es wohl am günstigsten gewesen, beim Rückweg die Zahl der Schlitten systematisch zu verringern. Es tat uns aber leid, sie fortzuwerfen. Sie konnten doch vielleicht im nächsten Jahr noch verwendbar sein, wenn wir sie bis zum Eisrand zurückbrachten. Das Wetter wurde sehr bald wieder schlechter, und es dauerte nicht lange, so peitschte uns der fast von vorn kommende Wind dichte Massen fallenden Schnees ins Gesicht. Nun konnten wir uns nicht mehr über Einförmigkeit des Marsches beklagen. Jetzt war die Frage brennend: ob wir zum Depot »Gerda« durchfanden! Von der Spur war bald nichts mehr zu sehen. Wir gingen wieder nach dem Kompaß, zählten bis 2000 und suchten dann systematisch die Umgebung nach dem nächsten Schneemann ab. Manchmal dauerte es lange, bis er sich finden ließ; oft stand er auch ganz wo anders, als wir ihn erwartet hatten. Aber wir tasteten uns doch auf diese Weise trotz Nebel und Schneegestöber immer weiter vorwärts. Und schließlich war die Freude groß, als vor uns die Schneebauten des Depots »Gerda« auftauchten. Überrascht waren wir allerdings, denn nach unserer Rechnung sollten noch 2 Kilometer fehlen. Wir waren also an zwei Schneemännern vorbeigegangen, ohne es zu merken. Uns wurde leicht zu Mute, als wir bei »Gerda« einzogen. Wir waren uns klar darüber, daß unser letzter Vorstoß infolge des Versagens des Amundsen-Pemmikans mit einem ziemlichen Risiko verbunden gewesen war. Das war nun überstanden. Für den Rest des Rückmarsches konnte man kaum noch von einer Gefahr sprechen. Am Lager »Gerda« blieben wir 27 Stunden. Das Umkehrfest wurde mit Hilfe eines Blutpuddings nachgeholt. Durch den vollständigen Übergang zu unserer normalen Reisekost wurden die Schäden, die der Amundsen-Pemmikan angerichtet hatte, bei allen Betroffenen schnell beseitigt. Wir lebten von Stunde zu Stunde mehr auf. Allerdings aßen wir auch ungeheure Portionen, sogar Loewe, der sonst so enthaltsame. Das kleine Schneehaus, in das wir beim Vormarsch unsere Lebensmittel gestellt hatten, stand noch unversehrt. Georgi und Sorge waren so begeistert davon, daß sie darin ihre Wohnung aufschlugen und auf das Zelt verzichteten. Es war eine enge, aber sonst gute Behausung, und sie hatten auf diese Weise Gelegenheit, ihr Zelt einer gründlichen Reparatur zu unterziehen. Als wir am 6. Juni abends von »Gerda« wieder aufbrachen, waren wir alle soweit wieder hergestellt, daß jeder seinen Schlitten ziehen konnte. Hafen von Umanak. Blick auf Storö Es war windig und kalt, jedenfalls zwischen – 15° und – 25° C, denn es hielt schwer, die Hände in den Pelzhandschuhen warm zu halten. Die Bahn war infolgedessen prachtvoll fest, so daß wir keine Schneereifen brauchten. Die Schlittenkufen waren neu gewachst, und wir gingen rasch, um uns warm zu halten. Es wurde unser Rekordmarsch. Wir legten in 13 Stunden 30 Kilometer zurück. Auch die Orientierung machte bei dem klaren Wetter keine Schwierigkeiten. Die Mitternachtssonne beschien unsere Schneemänner und machte sie aus großer Entfernung sichtbar. Freilich waren sie stark zusammengesintert und vielfach umgefallen, und nicht in allen fanden wir die hineingelegten roten Zettel wieder, die jetzt ganz verblaßt waren. Der Schneemann bei 7 km nordöstlich von Hans, bei dem wir den Tagemarsch beendeten und Zelt schlugen, wurde sogar als solcher angezweifelt. Wir sahen jetzt, daß wir unsere Schneemänner nicht nach dem richtigen Grundsatz gebaut hatten. Die schlanken Säulen, die aus sauber übereinander geschichteten regelmäßigen Blöcken errichtet waren, waren sämtlich umgefallen infolge stärkeren Zusammensinkens auf der Sonnenseite. Viel besser erhalten waren gerade die kunstlosen konischen Schneehaufen. Sie waren zwar auch kleiner geworden, bildeten aber noch immer auffallende Objekte in der Schneewüste. Unterwegs kamen wir an unserem alten Zeltplatz »Sturm« vorbei. Die damals errichtete Schutzmauer war aus gleichem Grunde umgesunken und bot nur noch wenig Schutz gegen den kalten Wind. Immerhin benutzten wir sie zu einem kalten oder besser gesagt »geeisten« Frühstück. Die Sülze war wie ein Stein gefroren. Ende des Ingneritfjordes. Von rechts nach links: Der südliche (große) Gletscher, der Nunatak, dahinter der Einschnitt mit dem nördlichen (kleinen) Gletscher, hinter diesem die Breite Kuppe (1100 m hoch), links von ihr das Aufstiegstal zum Inlandeis. Bei dem klaren Wetter konnten wir auch eine Reihe sonderbarer Buckel näher untersuchen, an welchen wir beim Hinmarsch wegen schlechten Wetters ohne Gewissensbisse vorbeigegangen waren. Sie sahen aus wie kleine, verschneite Nunatakker, waren aber nichts als perennierende Schneewehen. Sie waren etwa 20 m hoch und 100 m lang, steil auf der Luv- und sanft auf der Leeseite, und schienen in regelmäßigen Abständen von etwa 300 m zu stehen, aber in mehreren parallelen Reihen. Wir konnten leicht feststellen, daß immer eine Reihe solcher Schneewehen auf einer Firnspalte von etwa 10 m Breite saß. Die Spalte war sonst überall mit einem soliden Schneepfropfen gefüllt, auf dem man ohne Gefahr gehen konnte, nur unmittelbar in Luv jeder Schneewehe befand sich stets ein 5–10 m tiefes, vom Wind freigeblasenes Loch, an dessen Seiten man die eigentliche Spaltenwand mit ihrer Firnschichtung sehen konnte. Wir haben später noch viele solche reihenförmig angeordnete Schneewehen gesehen, und stets saßen sie auf schneegefüllten breiten Firnspalten. Sie stellen also offenbar eine typische Naturerscheinung am Rande des Firngebietes dar. Am folgenden Marschtag, der uns in 13 Stunden die 22 km bis zum Zeltplatz Lotte vorwärts brachte, versagten unsere Schneemänner. Bis 6 km südwestlich von Hans konnten wir noch die stark zusammengesunkenen Reste auffinden und aus einigen auch noch das hineingelegte Papier herausziehen. Aber dann war es vorbei. An dieser Stelle bildet die Oberfläche des Inlandeises gerade eine Stufe, und unterhalb des Abfalls war jede Spur von unseren Schneemännern vollkommen ausgelöscht. Das starke Tauwetter vom 31. Mai und 1. Juni mußte hier verheerend gewirkt haben. Glücklicherweise war das Wetter schön und die Sicht gut. Wir gingen wieder nach dem Kompaß und zählten Schritte, und Sorge verglich seine sorgfältigen Aufzeichnungen über die schwach ausgeprägten Stufen, Höhenzüge und Talsenkungen mit dem, was wir sahen. So stießen wir mit fast mathematischer Genauigkeit auf unseren Zeltplatz »Lotte«, wo von dem größeren Schneemann doch noch ein leidlich erkennbarer Rest erhalten war. Und ganz ebenso ging es auf den nächsten beiden Tagemärschen, die nach 27 und 24 km über Zeltplatz »Hilde« bis zum Depot am Eisrand führten. Sorge, der stets vorausging, traf alle Zeltplätze mit einer geradezu nachtwandlerischen Sicherheit. Seit unserer Hinreise waren in diesem Gebiet wesentliche Veränderungen vor sich gegangen. Wo wir früher über flache, schneeerfüllte Niederungen gezogen waren, lagen nun herrlich blaue Seen, im oberen Teil der Route gefroren, im unteren mit offenem Wasser. Wir sahen die Spuren starker Oberflächenbäche, die – vermutlich bei dem großen Tauwetter – in diese Seen hinabgegangen waren und dabei die mehrere Meter mächtige Schneedecke der Senken in phantastischer, an alpine Lawinen erinnernder Weise zerrissen hatten. Auch auf dem Rückweg brachen wir einige Male in verdeckte Spalten ein, doch waren sie niemals so breit, daß wir ganz darin versanken. Wir schenkten ihnen nur wenig Beachtung, denn wir gingen der Einfachheit halber ständig angeseilt. Am Morgen des 11. Juni erreichten wir wohlbehalten unser Randdepot. Wie entzückend waren die ersten Frühlingsblumen nach all diesem Schnee! Mit welchem Behagen schlugen wir unsere Zelte zum erstenmal wieder auf grünem Rasen auf! Was für ein Genuß, nach reichlichem Mahl in der warmen Sonne auf schwellenden Moospolstern am Ufer des Sees, dessen Eisdecke jetzt schon Zeichen der Auflösung zeigte, eine gemütliche Pfeife zu rauchen und innerlich die Bilanz unserer ersten Schlittenreise zu ziehen. Unsere Ausrüstung war eigentlich eine Zusammenstellung gewagter Versuche gewesen. Aber bis auf die Zeltform und den Amundsen-Pemmikan hatte sich alles Neue gut bewährt: die Daunen-Schlafsäcke, die Bernina-Schaufel, die Grödeln, die Schneereifen, Meta-Brennstoff zum Anzünden des Primus, unser Bohrgerät, die leichten Korbschlitten und, mit gewissen Einschränkungen, auch der Benzinprimus, den Georgi und Sorge benutzten. Unter meinen Kameraden herrschte eine frohe, zufriedene Stimmung. Wir fühlten alle, daß wir uns mit dieser Schlittenreise sehen lasten konnten, wenn wir auch erst später feststellten, daß es die zweitlängste Handschlittenreise auf dem grönländischen Eise war. Und dabei hatte uns doch das Wetter nicht gerade begünstigt. Von den 23 Tagen, die wir uns auf dem Inlandeise aufhielten, waren nur 5 ohne Niederschlag! Hier am Eisrande wiederholte noch Loewe die seinerzeit mißglückte Abschmelzbohrung, Sorge nahm zur Ergänzung seiner Routenaufnahme noch Peilungen von benachbarten Höhen aus vor, und am 13. trugen wir unser Gepäck wieder zum Quervains-Hafen hinab. Es war eine üble Schlepperei, und wir hätten besser getan, zweimal zu gehen. Wir trugen zusammen 130–140 kg, Sorge allein 41! Aber schließlich kamen wir ja alle unten an. Unsere Freude war groß, als am 14. Juni zur verabredeten Zeit die »Krabbe« auftauchte. Die leisen Befürchtungen, daß sie vielleicht längst auf dem Meeresgrunde läge, – wieviel Stürme waren über uns weggezogen! – hatten sich als grundlos erwiesen, Tobias hatte seine Sache gut gemacht. Und wie herrlich war es, wieder an Bord zu kommen! Wie geräumig und sauber kam uns die kleine Kajüte jetzt nach dem Leben in den engen Zelten vor! Als wir am nächsten Morgen nach stürmischer Fahrt bei dichtem Schneegestöber in den kleinen Hafen von Jakobshavn einliefen, waren wir in gehobener Stimmung. Die erste Schlacht war geschlagen und gewonnen. Vivant sequentes! 3. Kapitel. Erkundungsfahrten Ein inhaltreicher Monat ist inzwischen verflossen. Ich sitze in der kleinen Kajüte an Bord der »Krabbe«, die am Ostufer der Upernivik-Insel nach Süden fährt. Es ist Mitternacht vom 13. zum 14. Juli, vom Samstag auf Sonntag. Die Polarsonne wirft durch das Bullauge einen hellen goldenen Fleck auf die nicht mehr ganz saubere Wand, und dieser Fleck wandert jedesmal zur Seite, wenn die »Krabbe« einem Eisberg ausweicht. Durch den offenen Eingang der Kajüte kann ich von meinem Platz aus gerade die schwarze Ledermütze von Tobias sehen, der an der Maschine steht, und hinter ihm Loewe, der das Ruder bedient. Und dahinter phantastische Bergketten und Gletscher. Über mir hängt die zusammengerollte Fahne, und hin und wieder erscheint vor dem Bullauge ein Hundekopf und blickt interessiert zu mir herein. Der Motor rattert, aber jede fünfte Zündung etwa setzt er aus, immer noch. Sonst herrscht vollkommene Ruhe. In der Kajüte ist so herrlich viel Platz und eine ungewohnte Ordnung. Das ist kein Wunder, denn wir hausen jetzt hier nur zu zweit. Sorge und Georgi sind in Umanak zurückgeblieben, nur Loewe und ich haben mit Tobias gestern die lange Fahrt nach Kekertarsuak (= große Insel) gemacht, um den dort in Nugaitsiak wohnenden Grönländer Johann Davidson als Hundekutscher anzuwerben. Er hat sofort eingewilligt, für 3 Kronen und freie Kost, und ist gleich mit den drei Hunden, die er nur noch besitzt, an Bord gekommen. Jetzt schläft er vorn in Tobias' Koje, denn er war gerade von einer langen Seehundsjagd heimgekehrt. Die Hinfahrt in der gestrigen Nacht war zauberhaft. Es fing an mit Regen, hoher See und Wind schräg von vorn, so daß ich ins Ölzeug kam. Die »Krabbe« tanzte einen lustigen Tanz und wälzte sich ausgelassen auf den Wogen herum. Zwischen Sagdlek und Storö ging es hindurch. Die tausend Meter hohen Steilwände dieser riesigen Felsklötze verloren sich oben in der Wolkendecke, auch das Mövengewimmel an der Brutwand am Nordende von Sagdlek. Phantastische Eisberge zogen an uns vorbei, gleich schön in der Architektur wie in den Farben. Ihr Unterwasser-Eisfuß strahlte unsagbar grün und ließ auch den über Wasser liegenden Teil grün aufleuchten. Einer der Eisriesen hatte eine ungeheure Plattform dicht unter Wasser, auf der das Meer brandete. Alles war gestern seltsamer und märchenhafter als sonst. Schneebedeckte Zinnen tauchten auf, in unwahrscheinlicher Höhe über den Wolken schwebend. Wir fuhren durch den Sund, der die Upernivik-Insel östlich begrenzt. Hier, im Schatten der Felswände, war das Fjordwasser von einer entzückend sattgrünen Farbe. Und dicht neben uns hing eine fette Gletscherzunge breit aus den Wolken herab. Jetzt, auf der Rückfahrt, ist das Wetter ganz still und klar geworden. Wundervoll war die gletscherbehangene Gipfelkette am Nordufer der Upernivik-Insel, wie sie da in das rötliche Licht der Abendsonne hinausragte. So etwa müßte die Montblancgruppe aussehen, wenn sie so weit ins Meer gesenkt wird, daß nur noch die obersten Kilometer herausragen! Eben haben wir Süßwasser eingenommen bei einem kleinen Bach, der ganz fassungslos die riesige Steilwand neben uns kopfüber herabstürzt, um dann, zwei Schritt vom Ufer, im Geröll zu verschwinden. Ich kann mich nicht entschließen, schlafen zu gehen. Die Landschaft ist zu schön. In einer Stunde soll ich auch schon Loewe ablösen. Dieser ganze Umanak-Distrikt ist ein Märchenland! Was haben wir hier alles in den letzten drei Wochen erlebt! Wie haben hier die Eindrücke einander gejagt, in rastloser Folge, der eine immer stärker als der andere, bis wir kaum noch aufnahmefähig waren. Rastlos, ja das waren wir wirklich in dieser Zeit! Kaum war die Landgruppe von ihrer Berg- oder Gletscherfahrt wieder zur »Krabbe« zurückgekehrt, so wurden auch schon die Anker gelichtet und es ging in den nächsten Fjord hinein. Und kaum waren hier die Anker gefallen, so ging auch schon die nächste Landgruppe auf ihren Erkundungsmarsch. Sorge hat neulich zusammengezählt, wieviel Stunden jeder von uns im Laufe dieser dreizehntägigen Erkundung gegangen ist. Für ihn selbst ergibt sich 109 ½, für mich 79 ½, die Zahlen für Georgi und Loewe liegen dazwischen. Meine längste Tour war eine Gletscherwanderung von 26 Stunden. Außerdem haben wir mit der »Krabbe« noch 190 Seemeilen zurückgelegt, großenteils in dichtem Kalbeis und also mit langsamer Fahrt. Aber was bedeuten hier Zahlen! In einer Nacht wäre ich, am Ruder stehend, um ein Haar über Bord gefallen, weil ich im Stehen eingeschlafen war, und ein andermal ging es Loewe ebenso. Wir waren hart angespannt und geizten mit jeder Minute, denn noch hatten wir den Ort nicht gefunden, wo die Hauptaufgabe dieses Sommers gelöst werden sollte, und die Zeit drohte uns wegzulaufen. Wie wuchs die Spannung, aber auch die Befürchtungen, als die eine Aufstiegstelle nach der anderen sich als unbrauchbar erwies, und wie erlösend kam es dann, als sich fast im letzten Augenblick der auf der Karte noch gar nicht vorhandene kleine Kamarujuk-Gletscher in der nördlichen Seitenbucht des Ingneritfjords als brauchbarer Aufstiegsweg auf das Inlandeis erwies! Und als Hintergrund dieser Erlebnisse eine Landschaft, die an Großartigkeit und Wildheit ihresgleichen auf der Erde sucht. Aber nun will ich lieber der Reihe nach erzählen. Die Arbeiten in Jakobshavn – Telegramme, Briefe, Berichte, Petroleumeinnahme, Abrechnung und eine Menge Kleinigkeiten – hatten längere Zeit in Anspruch genommen, als wir gedacht hatten. Wir schrieben schon den 20. Juni, als wir mit der »Krabbe« ins Baigat hineinliefen, mit Umanak als Ziel. Den Besuch des Torsukatak hatten wir wegen Zeitmangels aufgegeben. Und doch sollten wir gerade jetzt in diesen Eisfjord hineinkommen! Im Baigat trafen wir nämlich so heftigen Gegenwind, daß Tobias zum Abwarten im Hafen von Sarkak riet. Aber das paßte uns nicht. Wir wendeten und fuhren schnurstraks in den Torsukatak hinein. Kamen wir jetzt doch nicht weiter, so wollten wir wenigstens noch die Zeit für diesen Versuch verwenden. Im Eisfjord konnte uns ja der Wind nichts anhaben. Die »Krabbe« im Hafen von Umanak. Dahinter der Umanak-Berg Es ging besser, als wir hoffen durften. Im äußeren Teil der Fjords waren zufällig nur wenige Eisberge. Weiter innen wurde zwar das eisfreie Wasser immer spärlicher, aber wir arbeiteten uns, wenn auch langsam, doch immer weiter vorwärts. Als richtige Eisfahrer hätten wir hier eine Ausguckstonne, ein »Krähennest«, gut gebrauchen können. Das hatten wir nun nicht. Aber wenn man auf die Gaffel kletterte, so hatte man von diesem erhöhten Punkt immerhin einen besseren Ausblick und konnte durch Winken mit dem Arm dem Rudergänger die Richtung angeben. Wir arbeiteten uns nach und nach ganz gut in diese Methode ein. Wir kamen so bis etwa ein Kilometer vor dem kleinen eisfreien Hafen bei Nuk an der Nordküste des Fjords. Hier fanden wir das Kalbeis so dicht gepackt, daß ein Hineinkommen in den Hafen unmöglich war. Wir waren so töricht, doch einen Versuch zu machen, und arbeiteten uns etwa 100 m weit in das unter Druck stehende Eis hinein, unmittelbar vorbei an einem großen Eisberg mit einem prachtvollen Portal. Aber hinter uns schloß sich sofort die Fahrrinne, und als wir es aufgeben mußten, weiter zu kommen, waren wir gefangen; wir konnten nicht vorwärts und nicht rückwärts und erst recht nicht umdrehen. Und immer stärker preßte uns das Eis. Der Eislotse auf der Gaffel Aber wir ergaben uns nicht. Wir gingen aufs Eis hinunter und begannen fieberhaft mit Bootshaken und Eisaxt zu arbeiten. Besonders Sorge leistete Erstaunliches im Abhauen der vorstehenden Schollenränder. Sobald die Schraube nur einigermaßen Platz hatte, mußte der Motor mithelfen, was freilich fast immer mit dem fatalen Geräusch endete, mit dem die Schraubenflügel gegen das Eis ballern. Zoll für Zoll rückten wir vor, und nach vielstündiger Arbeit erreichten wir in einem Bogen, immer vorwärts gehend, wieder das Uferwasser. In der Eispressung im Torsukatak Sorge und auch ich hatten uns durch das Stemmen gegen den Bootshaken Verletzungen an den Rippenmuskeln zugezogen, die uns mehrere Wochen lang zu schaffen machten; unsere Schraube war verbogen, und der Holzkörper der »Krabbe« hatte manchen Kratzer erhalten, aber wir waren der Umarmung des Eises entronnen und hatten unsere Bewegungsfreiheit zurückerobert. Ein kurzer Ausflug an Land, den Tobias und ich machten, zeigte uns, wie sinnlos unser Versuch gewesen war: das Innere des Eisfjords war noch lückenlos mit großen Tafeln zusammengefrorenen Kalbeises angefüllt. Es war eben so, wie Tobias uns gesagt hatte: vor Mitte Juli ist hier im Innern nichts zu machen. Ich schlug meinen Kameraden vor, einen Versuch zu unternehmen, die großen Gletscher, deren Lage wir vermessen wollten, über Land aufzusuchen. Freilich war dabei ein Fluß zu überwinden, dessen Brausen wir schon gehört hatten und den Tobias für unpassierbar erklärte. Aber ob es wirklich unmöglich war, hinüberzukommen, mußte doch wohl erst der Versuch zeigen. Begeistert stimmten sie zu, und nach einer schnellen Mahlzeit gingen sie an Land. Tobias und ich blieben als Bootswache auf der »Krabbe«. Es wurde eine lange Wache, und sehr gemütlich verlief sie auch nicht. Wir hatten die Nacht eingeteilt, und zuerst sollte Tobias schlafen. Aber kaum lag er in den Federn, als der Teufel los war. Es kamen 2 m hohe Kalbungswellen, und die Eisschollen und -berge gerieten in wilde Bewegung. Über einem blinden Riff dicht an der Küste bildeten sich ein Wasserfall und ein gewaltiger Wirbel von 30 m Durchmesser, der die Eisbrocken polternd herumwirbelte. Mit unglaublicher Wildheit schlugen die Wellen brandend an der steilen Felsküste empor. Hätte die »Krabbe« so gelegen, wie noch kurz zuvor, nämlich fast auf Grund stehend, so wäre sie rettungslos zerschmettert worden. Es war ein Glückszufall, daß sie etwa 50 m von der Küste abgetrieben worden war, kaum genug, um nicht in den Wirbel hineingezogen zu werden. Tobias und ich arbeiteten, was wir konnten, um sie mit dem Bootshaken an den Eisschollen entlang immer weiter hinauszuziehen. Den Motor anzuheizen, wäre zwecklos gewesen, da die ganze Wellenfolge nur etwa 20 Minuten dauerte. Uns war die Erscheinung damals noch ziemlich neu, und wir wurden durch sie sehr erschreckt. Wie wir bemerkten, war nicht etwa die erste Welle schon die höchste, sondern es überboten sich immer die ersten drei oder vier Wellen. Auch ging das Abklingen nicht gleichmäßig vor sich, sondern es kam mehrmals vor, daß die Wellenhöhe wieder zu wachsen anfing. Die Wellenlänge war so groß, daß die Vertikalbewegung der Wellen nur am Ufer zu erkennen war. Aber die ganze Wasseroberfläche führte dabei leicht erkennbare Horizontalbewegungen aus von etwa 20 m Ausmaß abwechselnd auf das Ufer zu und von ihm fort. Die flacheren Kalbeisschollen machten diese Bewegung mit, während die tiefer reichenden Eisberge wenig oder gar nicht folgten. Hierdurch entstanden abwechselnd Pressungen und Öffnungen in dem Eise, das ja fast die ganze Wasseroberfläche bedeckte. Die »Krabbe« war dadurch in Gefahr, zwischen einem Eisberg und einer größeren flachen Scholle zerdrückt zu werden. Im übrigen hatten wir insofern Glück gehabt, als wir frei zwischen den Eismassen trieben. Wären wir verankert oder mit der Trosse am Land befestigt gewesen, so wäre es weit schlimmer gewesen. Das haben wir allerdings erst später dazu gelernt. Erst am nächsten Mittag, nach 17 ½ stündiger Abwesenheit, kamen meine Kameraden zurück. Es war ihnen alles geglückt. Den 40 m breiten reißenden Fluß hatten sie gerade eben mit knapper Not durchschreiten können. Sie hatten sich dazu halb entkleidet, und das eiskalte Wasser ging ihnen bis zum Nabel. Es fehlte nicht viel, so hätte der Strom sie weggerissen. Leichter war der Übergang über einen zweiten Fluß, der sogar noch breiter, aber weniger tief war. Und dann hatte es einen langen Marsch bis zu dem nördlichen der beiden Gletscher gegeben, die vom Inlandeise kommend in den Fjord hinabsteigen und ihn mit Eisbergen füllen. Der Blick auf die beiden Riesengletscher sei das Großartigste gewesen, was sie bisher gesehen hätten. Die Front des südlichen Gletschers hätten sie vermessen, den nördlichen, für die Vermessung schwer zugänglichen, photographiert. Die Basisendpunkte und den photographischen Standort hätten sie durch Zeichen im Felsen und Steinmänner gekennzeichnet. Das war alles, was man billigerweise von uns erwarten konnte. So hatten wir trotz der frühen Jahreszeit beim Torsukatak alles erreicht, was wir uns vorgenommen hatten. Triumph! Während meine Kameraden schliefen und Tobias und ich die »Krabbe« wieder durch den Eisfjord hinausführten, war es mir, als ob unser Motor mit seinem einförmigen, gehackten Eintakt immerfort sang: Tor–su–ka–tak Tor–su–ka–tak Jetzt – hab'n – wir – dich In – un–serm – Sack! Hin und wieder freilich bekam er dabei den Husten und stieß, eine Zündung auslassend, eine dichte blaue Petroleumwolke aus dem Schornstein. Vorläufig dachten wir uns nichts Schlimmes dabei. Erst viel später bekamen wir heraus, daß auch dies eine Folge unseres Kampfes mit dem Torsukatak war. Vor dem Ausgang des Torsukatak stand eine Musterreihe prachtvoller Eisberge. Wir nahmen, ganz dicht vorbeifahrend, die Parade ab. Niemals, weder vorher noch nachher, habe ich wieder eine solche Häufung interessanter Formen gesehen. Kühne Zinnen, an Dolomittürme erinnernd und wohl 100 m hoch, wechselten mit riesigen Brückenbogen und phantastischen Säulen wie bei den ägyptischen Felsentempeln. Einen unerhörten Formenreichtum boten die Erscheinungen der Wasserlinien und -kehlen, Kannelierungen von kleinsten bis zu größten Dimensionen, kammartig gezackte Berge, polygonale Felderungen in verschiedenen Größen, aber auch gekreuzte Blaubänder mit Verwerfungen, Moränenschichten und anderes. Doch unser Photograph schlief den Schlaf des Gerechten, und ich brachte es nicht übers Herz ihn zu wecken. In Sarkak mußten wir doch noch eine Nacht liegen. Im Vaigat stürmte es. Ein sicheres Anzeichen dafür war der weißliche Dunst, der das unterste Drittel der Basaltwände von Disko vollständig unsichtbar machte. Er bestand aus Salzstaub vom Gischt der überkämmenden Wellen. Wir benutzten den erzwungenen Aufenthalt, um Süßwasser einzunehmen, denn Umanak ist ein Typhusnest und hat überhaupt kein brauchbares Wasser; man nimmt dort Kalbeis, was oft mehr als erwünscht den Hafen füllt. Am nächsten Tag ging es bei kräftigem Rückenwind, der uns den »Moses« an Deck zu nehmen nötigte, durch das Vaigat. Es ist wegen seiner Schönheit berühmt und kann doch den Vergleich mit dem Umanak-Distrikt in keiner Weise bestehen. Es ist zu breit, die Basaltwände von Disko und Nugsuak (= große Halbinsel) sind zu wenig gegliedert; sie wirken einförmig, auch tragen sie zu wenig Gletscherschmuck. Heute verdeckten auch noch die Wolken manches. Unterwegs verankerten wir uns einmal an einem Eisberg, und Georgi nahm den Motor wegen seines Hustens in Behandlung. Er fand auch eine Ursache, stellte sie ab, und – der Motor hustete weiter. Erst als wir uns den flachen Basaltschären näherten, die am äußersten Ende der »großen Halbinsel« der gleichnamigen Ansiedlung vorgelagert sind und ihr einen natürlichen Hafen schaffen – den einzigen weit und breit – wurden die Fehlzündungen seltener. Wir brauchten deshalb diese für kleine Boote unangenehme Fahrt hinüber zur Nordostbucht nicht zu unterbrechen, sondern fuhren gleich weiter, bis die elegante Zinne des Umanak-Berges vor uns auftauchte und höher und höher in den Himmel hinaufwuchs. Unser erster Besuch in der Kolonie Umanak, die am Fuße dieses Riesenbollwerkes liegt, war nur ein flüchtiger. Wir begrüßten den Kolonieleiter Winterberg und seinen Assistenten Dan Möller, empfingen unsere Post, besichtigten unser hier angekommenes Gepäck, nahmen drei Kisten davon an Bord, füllten eine Tonne Petroleum in unsere Tanke nach und fuhren noch am selben Abend weiter, um im Karajakfjord unsere Erkundung der Aufstiegslinien auf das Inlandeis zu beginnen. Die großartige Gebirgsszenerie wollte uns wach halten. Aber um frisch und arbeitsfreudig anzukommen, mußten wir uns schlafen legen. Nur Georgi ging Solowache und bediente gleichzeitig Motor und Ruder. Erst als wir in den eigentlichen Eisfjord eindrangen und die immer dichter gedrängten Eisberge zum Langsamfahren und Manövrieren zwangen, kam ich wieder auf Deck. Eine ungeheure Menge von Eisbergen füllte den Fjord, aber langsam rückten wir doch weiter vorwärts, vorbei an dem ehemaligen Wohnplatz am Eingang zum kleinen Karajakfjord und in diesen hinein. Auch er war stark mit Eisbergen besetzt, doch so, daß wir überall leicht durchschlüpfen konnten. Die Ufer sind mäßig hoch, aber unfreundlich, denn die kahlen Gneisklippen werden um so steiler, je mehr sie sich dem Wasser nähern. Bei der ehemaligen Station von Drygalskis ist die einzige Stelle, wo das Ufer etwas flacher ist. Aber auch dort herrscht der Eindruck des Unfreundlichen vor. Wir gingen vor Anker und begaben uns an Land. Es ist ein seltsames Gefühl, an der Stelle zu stehen, wo Landsleute vor uns gearbeitet haben. Ich erinnere mich deutlich, wie mich das gleiche Gefühl packte, als ich im November 1906 in Nordostgrönland am Germania-Hafen auf die Spuren der »zweiten deutschen Nordpolexpedition« stieß. Auch jetzt ist es, genau wie damals, gerade 36 Jahre her, seit Professor von Drygalski hier mit seinen Begleitern überwinterte, um Gletschermessungen zu machen. Er ist heute noch so rüstig, daß er wohl jederzeit, wenn es sein müßte, diese Überwinterung wiederholen könnte. Und doch ist sie schon Geschichte geworden. Nicht einmal sein Haus steht mehr da, es ist verkauft und abgerissen, nur die Grundsteine bezeichnen noch die Stelle. Viele Besucher sind inzwischen hier gewesen, denn der Große Karajak-Eisstrom, der dritte der Schnelläufer unter den Abflüssen des Inlandeises, gilt als eine der Stellen, wo man verhältnismäßig leicht aufs Inlandeis hinaufkommt. Wir gingen den steilen Abhang hinauf und oben auf dem Plateau an den zwei Seen vorbei zu dem mächtigen Großen Karajak-Eisstrom, dessen Rand wir abwärts folgten bis zum Ende, wo er die Eisberge abstößt. Es war sehr warm, und wir ließen uns Zeit. Neben der Gletscherfront fanden wir die beiden kleinen Steinmänner, die die Endpunkte der Vermessungsbasis von Drygalskis bezeichneten. Sorge und Loewe benutzten sie, um die heutige Lage der Front nachzumessen, die für das Auge nicht erkennbar von der damaligen abweicht. Georgi und ich gingen unterdessen zum Rand der Gletscherfront hinab, die, aus der Nähe gesehen, ungemein großartig wirkt. Vier junge Blaufüchse, die wir in ihrem Spiel zwischen großen kantigen Blöcken störten, bellten uns dabei an. Den Rückweg wählten wir bis zu der Stelle, wo wir quer über das Land zur »Krabbe« hinabmußten, auf dem Gletscher, dessen nordwestliche Randzone sich als gangbar erwies. Wir hatten freilich weder Steigeisen noch Seil, ja ich ging in weißen Segelschuhen mit Gummisohlen, eine nicht sehr passende Fußbekleidung für Gletschertouren. Aber der Weg war so leicht, daß es auch damit ging. Trotzdem konnte der große Karajak als Aufstiegslinie kaum für uns in Frage kommen. Das Stück über Land war für größeres Gepäck zu schwierig und zeitraubend, und eine Landung vor der Gletscherfront war wegen des dort dicht gepackten Kalbeises unmöglich, wäre auch durch die häufigen Kalbungen zu gefährdet gewesen. Es war uns bekannt, daß es südlich vom großen Karajak, an der Wurzel der Halbinsel Nugsuak, einen bequemen Aufstieg auf das Inlandeis gibt. Wir haben diese Aufstiegstelle, wie auch gewisse andere, So soll ein bequemer, aber ziemlich langer Weg vom Innern des Sermidlet-Fjords zum Rand des Inlandeises führen, das hier leicht besteigbar sein soll. Diesen Weg wollte man sogar dem dänischen König als den besten im Umanak-Gebiet empfehlen. ganz außer Betracht gelassen, weil sie einen Anmarsch über Land von 10 bis 15 km besitzt, der im Sommer für die Beförderung großer Lasten eine ungeheure Schwierigkeit bildet. Vielmehr gingen wir darauf aus, womöglich einen Gletscher als Aufstiegslinie zu finden, auf dem wir auch im Sommer Schlitten verwenden konnten. Einstweilen freilich sollten wir damit kein Glück haben. Zunächst ging es zur Front des nördlich gelegenen »Kleinen« Karajakgletschers. Die Fahrt zwischen den dicht gedrängten Eisbergen hindurch war prächtig. Am Nordwestende der Gletscherfront gingen wir an Land. Sorge und Loewe suchten wieder die jetzige Lage der Front durch Messungen festzulegen, während ich allein einen Spaziergang neben dem Gletscher machte. Auch der Kleine Karajak hat eine fahrbare Randzone auf seiner Nordwestseite. Das Land neben ihm ist weniger steil und kahl und von freundlicherem Aussehen. Aber leider hat der Randbach, der sonst außerhalb der großen Randmoräne fließt, diese kurz vor dem Ende des Gletschers durchbrochen und hier die ebene Randzone des Eises auf einer Strecke von 300 m vollkommen zerstört. Für große Transporte mußten hierdurch schwer zu überwindende Schwierigkeiten entstehen. Auch hatte der Gedanke, größere Landungsarbeiten in so unmittelbarer Nahe einer recht produktiven Gletscherfront vorzunehmen, wenig Zusagendes. Auch der Kleine Karajak war also nicht das, was wir suchten. Es war spät, als meine Kameraden von der Vermessung wieder an Bord kamen. Sie gingen schlafen, und als sie wieder aufwachten, fanden sie sich dem Sermilik-Gletscher gegenüber. Tobias und ich hatten die »Krabbe« in der Nacht aus dem Karajak-Fjord heraus und in den Sermilik-Fjord hineingefahren. Der innere Teil des Sermilik-Fjords ist ein schlimmes Föhnloch. Aber in der Südostecke lagen wir gut vor Anker und Trosse und bekamen nur ab und zu einen Sturmstoß von rechts oder links, sowie Kalbungswellen, die aber harmlos waren, weil der Föhn alles Eis weggeblasen hatte. Wir hätten ebensogut sofort umkehren können, denn der Sermilik-Gletscher stürzt sich mit so wilden Brüchen über die Steilstufe des Landes ins Meer hinab, daß eine Benutzung als Aufstiegslinie von vornherein ausgeschlossen war. Sorge und Georgi unternahmen trotzdem eine Erkundung längs dem südlichen Seitenrand des Gletschers und teilweise auch auf ihm, die aber an Schwierigkeiten in Fels und Eis schweren Besteigungen in den Alpen gleichkam. Und Loewe benutzte die Zeit, um auch hier die Lage der Gletscherfront in die Karte einzumessen. Wundervoll war die Nachtfahrt vom Sermilik zum Itivdliarsuk-Fjord. In den jetzt so stillen Fjorden spiegelten sich die Felsenriesen und verdoppelten ihre Pracht. Unbeschreiblich großartig war die Wand des Kakordlursuit (= Sturmvogelfelsen), unter der wir, ganz dicht am Ufer, entlang fuhren. Ihre Nordwestecke hat einen messerscharfen Grat abgespalten, der mit einer haarsträubenden Kühnheit aus über 1000 m Höhe geradlinig ins Meer hinabstößt. Der Anblick, als wir, die Hälse reckend, dicht unter diesem Wunder entlang fuhren, war über alle Maßen überwältigend! Ich konnte nicht anders, ich mußte Sorge wecken, ich mußte diese Offenbarung mit irgend jemand teilen! Daß es so etwas überhaupt gibt! Blick aus der Vogelschau auf den Rand des Inlandeises von der 1100 m hohen Breiten Kuppe Die Riesenwände im Umanak-Disirikt bestehen alle aus denselben eigenartigen Gesteinen. Der Fachmann bezeichnet sie als Paragneis und nennt die ganze Formation nach der Insel Agpat die Agpatformation. Der Laie würde sagen: es sind alte Sedimente, deren Einschmelzung zu Gneis im Gange war, aber nicht beendet wurde. Die Schichtung ist überall noch gut erhalten, und man sieht schon an der Farbe, was einstmals Tonschiefer, was Sandstein und was Kalkstein gewesen ist. Sogar die Fossilien, die ehemals diese Schichten füllten, haben noch Spuren hinterlassen, sind aber durch die Einschmelzung verdorben. An vielen Stellen kann man an dem schlierenartigen Verlauf mancher Zwischenschichten und anderen Anzeichen erkennen, daß sie wirklich geschmolzen waren. Aber die Temperatur kann den Schmelzpunkt doch nicht weit überschritten haben, denn in diesen Schichten mit Fließstruktur stecken oft kantige Blöcke von etwas schwerer schmelzbaren Nachbarschichten. Der Paragneis sitzt auf dem viel festeren alten Gneis, der von gleichem Charakter ist wie überall in Grönland. Wo der Paragneis fehlt, wie auf den flacheren Inseln und im Inneren namentlich der südlicheren Fjorde des Distrikts, bietet die Landschaft nichts anderes als sonst in Grönland. Was den Umanak-Distrikt zu dem schönsten von Westgrönland macht, das sind stets die mächtigen Klötze aus Paragneis mit ihren himmelhohen Steilwänden. Auch die Ufer des Itivdliarsuk-Fjords bestehen aus altem Gneis und entbehren daher des Großartigen. Aber es war ein entzückendes Bild, das sich uns auftat, als wir an dem Wohnplatz Tugdlitalik vorbei in den Fjord einbogen. Über den stach und zugänglich erscheinenden Landsilhouetten lag in seinem bläulichem Glanz unter der aufsteigenden Morgensonne die weite Fläche des Inlandeises. Alles sah leicht und harmlos aus. Hier mußte es doch glücken, einen Aufstieg zu finden! Aber es kam anders als wir dachten. Je mehr wir uns dem Lande näherten, um so höher und steiler wuchsen seine Felsen aus dem Meere empor, um so unfreundlicher und abweisender wurde die Landschaft. Wir wollten alle drei Gletscher in diesem Fjord untersuchen und mit dem innersten beginnen. Doch bald hinderte uns dichtgepacktes Kalbeis, weiter vorzudringen. Wir kamen nur bis zum Westende des ersten, größten Gletschers. Hier, an einem freundlich grünen Landvorsprung, ankerten wir und gaben die Trosse an Land. So friedlich und einladend waren die grasigen Terrassen! Als wir gerade im Begriff waren, an Land zu gehen und Tobias auf dem, wie wir meinten, gut gesicherten Boot allein zu lassen, kamen Kalbungswellen. Erst von mäßiger Höhe, dann höher und immer höher! Wieder bewegten sich Wasser und Eis abwechselnd auf das Land zu und von ihm fort. Ankerkette und Landtrosse wurden dabei abwechselnd schlaff und wieder bis aufs Höchste gespannt. Wäre der Anker gerutscht oder abgerissen, so hätten uns die Wellen zweifellos auf die Klippen hinaufgeworfen. Wir standen daher bei der Ankerkette und Trosse, gaben etwas nach, wenn die Spannung eine gefährliche Höhe erreichte, und holten wieder ein, wenn sie nachließ. Auf diese Weise machten wir aber doch nur einen kleinen Teil der Horizontalbewegung mit, die das Eis ausführte. Und das hatte zur Folge, daß die Kalbeisstücke mit furchtbarer Gewalt gegen unseren Vordersteven und gegen das Ruder stießen. Bei der Abwehr zerbrachen wir den Bootshaken, und das Ruder erhielt eine große Narbe. Wir atmeten auf, als die Wellen nach einer Viertelstunde wieder aufhörten, ohne daß wir schwereren Schaden genommen hatten. Und wir hatten nun gelernt, daß man das Boot am besten im Eise treiben läßt, wenn Kalbungswellen zu erwarten sind. Übrigens haben wir hier wie in den meisten anderen Fällen die unmittelbare Ursache der Kalbungswellen nicht beobachtet. Die oft kanonenschußartig dröhnenden Abbrüche oder Abspaltungen von Eisbergen pflegen nur ganz unbedeutende Kalbungswellen zu geben. Große Wellen scheinen hauptsächlich durch Vorgänge zu entstehen, die wenig Geräusch machen, vielleicht wenn bei der Spaltung eines Eisberges die eine freigewordene Hälfte ganz untertaucht, um dann wieder aufzutauchen und mehrmals um die Gleichgewichtslage hin- und herzuschwingen. Stets aber gerät bei größeren Kalbungswellen der ganze Eisfjord in Aufruhr. Die Eisberge wanken, Türme und Ecken fallen krachend herab, sich wälzend streben die Kolosse ihrer neuen Gleichgewichtslage zu, und oft wirkt der erste Wellenzug überhaupt erst auslösend für eine viel wirksamere Kalbung. Ich wagte nach dieser Warnung doch Tobias nicht allein zu lassen und blieb mit ihm an Bord. Georgi ging auf eine photographische Razzia an Land, und Sorge und Loewe unternahmen eine große Erkundung. Sie gedachten erst wieder in der Anatbucht zu uns zu stoßen, wo wir die Nacht liegen wollten. Die Anatbucht ist ein nach Nordosten gerichteter Seitenarm des Itivdliarsukfjords. Kein Gletscher mündet in sie, und sie ist deshalb auch ziemlich frei von Eisbergen und Kalbeis. Nach der Karte mußte aber das Inlandeis sehr dicht an sie heranreichen. Wir sahen freilich gleich bei der Einfahrt, daß es nicht möglich sein würde, vom Ende der Bucht aus einen unmittelbaren Aufstieg auf das Inlandeis zu finden. Denn hier ragt eine düstere, kahle Gneiswand, die lückenlos die Bucht umschließt, bis zu Höhen von 800 m empor. Aber am Nordwestufer mündete ein Bach, dessen Lehmwasser verriet, daß er vom Inlandeise kommen mußte. Vor seiner Mündung ankerten wir. Hier fanden uns Loewe und Sorge. Ihr Weg um die Anatbucht herum, immer am Fuß der steilen Wände, war schwierig gewesen und voller Spannung, ob sie überhaupt durchkommen würden. Aber im übrigen brachten sie gute Nachricht: Vom Südostufer der Bucht, wo sogar ein winziger Hafen liegt, zieht sich ein gangbarer Weg über einen Sattel quer über Land bis zum Itivdliarsuk-Gletscher, der an dieser Stelle leicht zu besteigen ist und eine fahrbare Randzone zu haben scheint. Erprobt war der Gletscher allerdings nicht, und man sagt mit Recht, daß man einen Gletscher nicht kennt, so lange man ihn nicht begangen hat. Und der Landweg bot Unannehmlichkeiten in Gestalt von Halden aus großen kantigen Blöcken, die für den Transport großen Gepäcks ein arges Hindernis bilden mußten. Immerhin war hier doch so etwas wie ein Erfolg errungen. Es war eine Aufstiegslinie gefunden, die wesentlich leichter und besser zu sein schien als die von uns bei Quervains-Havn erprobte und auch als alle sonst bekannten im Umanakdistrikt. Und sie war offenbar neu und noch von niemand benutzt. Aber das was wir suchten, war es doch nicht. Dazu war der Landweg zu weit. Eine andere Möglichkeit schien der Bach zu bieten, an dessen Mündung wir lagen. Wir kamen auch, ihm folgend, bis zum Rande des Inlandeises, aber dieser Weg kam wegen seiner Länge und der zu passierenden Blockhalden überhaupt nicht in Betracht. Das Tal, in dem der Bach fließt, ist eine wilde Schlucht mit unpassierbaren Steilwänden, von denen eine Reihe von Wasserfällen herabstürzt. Der Talboden ist mit langgestreckten Seen erfüllt, so daß man, um überhaupt weiter zu kommen, mühsam über Riesenblöcke klettern muß. Der größte Teil der Wassermengen, die in dieses Tal hinabfließen, muß den Weg unterirdisch durch die Blockfüllung des Talbodens nehmen. Denn an der Mündung steht die geringe Wassermenge des sichtbaren Teils in schroffem Gegensatz zu dem starken lehmigen Strom, der von der Mündung in die Bucht hinaussetzt, und auch mit der Wassermenge der Wasserfälle, die schon einzeln mehr Wasser führen als der Bach an seiner Mündung. Eine Bestätigung für diese Annahme bot uns der Wasserfall, der gerade über der Bachmündung von der Wand herunterkommt. Denn er verschwindet im Geröll, wenige Schritte von dem Talbach entfernt. Auf einer Alleintour – sie war, mit 8 Stunden Dauer, nach unseren Begriffen nur ein Spazierweg – gewann ich den Eindruck, daß die beschriebene Schlucht einen Riß in der Erdrinde darstellt, der erst vor, geologisch gesprochen, ganz kurzer Zeit entstanden ist. Das Plateau ist nämlich, wie leicht festzustellen, einstmals vom Inlandeis überschritten worden. Hätte die Schlucht aber damals schon bestanden, so hätte das Eis sie ausgehobelt, und sie sähe dann ganz anders aus als jetzt. Da wo der Bach aus dem Inlandeis entspringt, hatte ich mich von Georgi und Sorge getrennt. Denn diese wollten von hier aus eine Durchquerung der Halbinsel vornehmen, die den Itivdliarsuk-Fjord vom Ingnerit-Fjord trennt. Hierdurch sollte auf die sicherste Weise entschieden werden, ob der Hochlandfirn dieser Halbinsel, wie auf der Seekarte angedeutet, mit dem Inlandeise zusammenhängt. In diesem Falle würden auch Aufstiegslinien über den Hochlandfirn in Betracht kommen. Diese Tour war lang und ermüdend, entbehrte aber nicht einer gewissen Spannung, da es keineswegs feststand, daß man hier am Rande des Inlandeises überhaupt durchkommen konnte. Als wir unsere Kameraden 18½ Stunden nach ihrem Abmarsch als winkende Gestalten im inneren Teil des Ingnerit-Fjords wieder fanden, konnten sie uns nur bestätigen, was wir inzwischen auch schon vom Wasser aus gesehen hatten, daß nämlich der Hochlandfirn auf den äußeren, höheren Teil der Halbinsel beschränkt und vom Inlandeise durch eine breite Lücke etwas niedrigeren Landes getrennt ist. Die Karte ist in diesem Punkte unrichtig. Im Ingnerit-Fjord erwarteten wir die Entscheidung. Denn nach meinen Erkundigungen waren die beiden am Ende des Fjords vom Inlandeise herankommenden Gletscher vermutlich am ehesten als Aufstiegslinie geeignet. Ich kannte Photographien von ihnen, die nicht schlimm aussahen. Ihre Produktivität war als gering bekannt, und der Fjord pflegte nur wenig Eisberge und Kalbeis zu enthalten. Auch wußte ich, daß Peter Freuchen einmal im Frühjahr vom Inneren dieses Fjords aus, allerdings über einen Umweg durch ein Tal am Nordufer, mit Hundeschlitten auf das Inlandeis gefahren war. Um so größer war hiernach unsere Enttäuschung. Wir fanden das von Freuchen benutzte Tal und sahen ein, daß es im Frühjahr bei Schneebedeckung einen brauchbaren Zufahrtsweg zum Inlandeise bilden mußte. Aber jetzt im Juli wäre es nicht einmal für Packpferde geeignet gewesen, die sich in den großen Blockhalden die Beine brechen und im oberen Teil auf den glatt polierten, abschüssigen Gneisplatten fallen mußten. Und wie stand es mit den beiden Gletschern? Den größeren südlichen hatten bereits Sorge und Georgi mit kritischen Augen gemustert und ihn ganz ungangbar gefunden. Eine Erkundung, die Loewe und ich vom Nunatak zwischen beiden Gletschern vornahmen, bestätigte nur dies Urteil. Kam überhaupt einer der beiden Gletscher in Frage, so konnte es nur der kleinere nördliche sein, der weniger zerrissen und offenbar viel weniger produktiv war. Loewe und ich unternahmen deshalb eine Wanderung auf seinem unteren Teil. Wir gingen am Nunatak an Land und von da auf den Gletscher. Das war nicht ganz leicht, und Loewe verlor einmal seinen Rucksack, der in lustigen Sprüngen die steile Felswand hinabkollerte und unter dem hohl liegenden Gletscher verschwand. Aber er kletterte hinterher, bis 5 m unter den Gletscher, und holte den Ausreißer wieder zurück. Freilich hatte die Moräne etwas abgefärbt, und als Loewe wieder herauskam, sah er nicht mehr so schön aus wie vorher. Anfangs ging unsere Eiswanderung leidlich gut. Aber dann kamen wir an den Gletscherbruch, wo der Gletscher die Hauptstufe seines Abstiegs überwindet, und mußten umkehren. Wir hätten als Fußgänger nur mit großer Gefahr, auf Schritt und Tritt bedroht von den Eislawinen zusammenbrechender Türme, in schwieriger Kletterei unter überhängenden Eismassen diese Bruchstufe passieren können. Leider hatten wir keinen Photographie-Apparat, um die interessanten Bilder festzuhalten. Für Transporte war dieser Weg offenbar nicht geeignet. Gleichzeitig war Georgi in ziemlich schwieriger Kletterei auf den 600 m hohen Gipfel des Nunataks gelangt, um von dort den Gletscher zu Photographieren, und Sorge auf der Nordseite des Gletschers auf einen 1100 m hohen Berg, die »Breite Kuppe«, wie wir ihn nannten. Beide bestätigten, was auch Loewe und ich zu erkennen glaubten, daß man nämlich den fatalen Gletscherbruch auch auf keiner Seite umgehen kann. Wie um uns zu warnen, führte uns der Gletscher auch noch eine andere Gefahr vor Augen. Wir hatten von Anfang an besonders seine nördliche Randzone, die relativ eben aussah, als Aufstiegslinie ins Auge gefaßt. Als wir aber unsere Eiswanderung beginnen wollten, wälzte sich hier, wo noch zwei Stunden vorher nichts von Wasser zu sehen war, ein mächtiger Schlammstrom, beladen mit Schutt und großen Steinblöcken, herab, um schließlich in großartigen Fällen ins Meer hinabzustürzen. Der Schlammstrom der Randsee-Entleerung stürzt über die Gletscherfront in den Fjord hinab. Rechts ein Nebenarm Wir ruderten zur »Krabbe« zurück und alarmierten Georgi und Sorge mit ihren Photographie-Apparaten und fuhren mit ihnen so nahe heran, wie wir wagten, um gute Bilder zu erhalten. Es war ein wildes Schauspiel. Große Felsblöcke flogen aus dem schlammigen Wasser heraus frei durch die Luft, und die festen Gneisfelsen neben dem Gletscher erzitterten. Der ganze Aufruhr dauerte knapp 24 Stunden, dann war alles wieder trocken. Offenbar handelte es sich um die Entleerung eines Randsees. Für Georgis Kino-Kamera war es ein gefundenes Fressen, und auch wir anderen waren dankbar, ein so seltenes Schauspiel mit eigenen Augen gesehen zu haben. Aber im übrigen war doch der Gedanke, bei der Aufstiegsarbeit durch eine solche plötzliche Katastrophe gestört zu werden, wenig zusagend. Meine Stimmung war nicht die beste, als wir die Untersuchung des inneren Teils des Ingnerit-Fjords beendet hatten. Es sah so aus, als stieße die Durchführung unseres Planes im Umanak-Distrikt doch auf größere Schwierigkeiten, als ich vorausgesehen hatte. Die wichtigste Stelle hatte vollständig versagt! Sollten wir aber gezwungen sein, den Umanak-Distrikt aufzugeben, so würde wahrscheinlich der Sommer mit weiteren Erkundungsfahrten in der Diskobucht vergehen, und es war dann sehr wahrscheinlich, daß unsere geplante Hundeschlittenreise und die Eisdickenmessungen auf dem Inlandeise nicht mehr zustande kamen. Aber zunächst galt es, die Erkundungsarbeit hier bis zu Ende durchzuführen, und noch waren der nördliche Seitenarm des Ingnerit-Fjords und die beiden nördlich davon liegenden Fjorde zu untersuchen. Zuerst kam der genannte Seitenarm an die Reihe. Auf der Seekarte hat er keinen Namen. Wir hörten später, daß die Grönländer ihn Kamarujuk (= helle Bucht) nennen. Im Gegensatz zum inneren Teil des Ingnerit-Fjords befinden wir uns hier schon in der Region des Paragneises mit seinen malerischen Steilwänden und hohen, firnbedeckten Plateaus. Aber im Vorbeifahren hatten wir bemerkt, daß hier ein auf der Karte gar nicht gezeichneter Gletscher gerade bis zum Meere herabsteigt, ohne zu kalben. Seine Oberfläche sah, von weitem betrachtet, leidlich eben aus. Wir nahmen zwar an, er käme nicht vom Inlandeise, sondern von einem örtlichen Hochlandfirn, aber wenn die Seekarte nicht ganz verkehrt gezeichnet war, so war es mindestens wahrscheinlich, daß dieser Firn mit dem Inlandeis unmittelbar zusammenhing, denn es war einfach kein Platz mehr für schneefreies Land zwischen beiden. Für Geübte nicht besonders schwierig Wir gingen vor diesem Gletscher vor Anker, und Georgi und Loewe unternahmen den Erkundungsmarsch, wobei sie gleich den Gletscher als Aufstiegslinie wählten. Nach 14 Stunden kamen sie mit der überraschenden Nachricht zurück, daß der Gletscher ein unmittelbarer Abfluß des Inlandeises sei und eine brauchbare Aufstiegslinie darstelle. Im untersten und obersten Teil fanden sie die Oberfläche, wenngleich steil, doch fast vollkommen eben, und nur das Mittelstück, wo der Gletscher sich in einem Bruch über eine Stufe des Untergrundes herabsenkt, bot Schwierigkeiten, die allerdings recht ernst waren. Diese Mitteilung wirkte elektrisierend. Sogleich gingen nun auch Sorge und ich den Gletscher hinauf bis oberhalb des Bruches, um auch unserseits die Schwierigkeiten zu besichtigen. Auch wir fanden den Bruch sehr schwer passierbar, aber anderseits sahen wir ein, daß in der Kürze des Weges hier ein großer Vorteil lag. Der ganze Gletscher war knapp 4 km lang und führte schon auf dieser Strecke bis etwa 800 m Höhe hinauf. Die schwierigen Strecken im Bruch waren nur etwa 50 m lang und konnten daher mit der Eisaxt verbessert werden. Es war uns sofort klar, daß diese Route gerade für große Gepäckbeförderungen allen bisher gesehenen ungeheuer überlegen war. Der Bruch in der Mitte bildete zwar einstweilen ein Fragezeichen, und unangenehm waren auch die 400 m Moräne und Flußschotter vor der Gletscherzunge, sowie eine Anzahl von Firnspalten im obersten Teil. Aber diese Schwierigkeiten waren doch nicht größer, als daß man den Kampf mit ihnen gern wagen konnte. Das war eine Erleichterung! Nun konnte doch noch alles gut gehen! Über der Gipfelwand Aber der Vollständigkeit halber mußten wir doch unser Erkundungsprogramm bis zu Ende durchführen und fuhren daher nun in den Kangerdluarsuk (= besonderer Fjord) hinein. Die Einfahrt in diesen Fjord ist beiderseits eingerahmt von himmelstrebenden gletschergeschmückten Bergketten, deren Kämme und Gipfel aus einer Ansammlung überschlanker Türme und Keulen bestehen. Sie recken sich empor über alpine Firnmulden und scharfe Schneegrate und stehen mit dem ernsten Charakter ihrer Unterlage in solchem Gegensatz, daß man sich kaum das Lachen über diese drolligen Gesellen verbeißen kann, wenn man unter ihnen vorbeifährt und sie mit langgereckten Hälsen und Gesichter schneidend heruntergucken. Freilich, wenn man zu ihnen hinauf käme, so würde man wohl mehr Respekt vor ihnen bekommen! Die höchsten Gipfel gesehen von dem der Kolonie nächstgelegenen Zuerst ankerten wir mit der »Krabbe« in der kleinen Bucht am Nordufer des inneren, beckenartig erweiterten Teils des Fjords. Hier waren wir gegen den im Fjord herrschenden stürmischen Föhn vollkommen geschützt. Es regte sich kein Lüftchen, und es war schrecklich heiß! Die Mückenplage war groß, und die Flit-Spritze war in der Kajüte in fortwährendem Gebrauch. Es war uns bekannt, daß hier ein Schlittenweg nach Norden zum nächsten Fjord, dem Kangerdlugsuak (= großer oder langer Fjord) hinüberführt. Wenn wir ihn benutzten, so konnten wir auch gleich den nächsten Fjord von hier aus erledigen. Georgi und Sorge übernahmen diese Erkundung, die 18 Stunden dauerte und sehr mühsam war, weil der Weg zu dieser Jahreszeit fast auf der ganzen Strecke über lockere Moränen und Schutthalden führte. Der Überblick, den sie über das Ende des Kangerdlugsuak und den dort kalbenden Gletscher erhielten, war ausreichend, um diesen als Aufstiegslinie auszuschließen. Er ist sehr produktiv, und seine Oberfläche ist stark zerrissen. Bei der Steilheit der Felsen bot sich auch keine andere Möglichkeit. Eisberg, etwa 100 m hoch Nun blieb also nur noch der Fjord, in dem wir lagen; denn die allernördlichsten Fjorde der Nordostbucht, die inneren Arme des Karrat-Fjords, mußten wegen ihrer zu großen Entfernung von der Basis Umanak außer Betracht bleiben. Wir verlegten unseren Ankerplatz weiter nach Osten möglichst nahe an das Nordende des Kangerdluarsuk-Gletschers. Sobald wir aus unserer stillen Mückenbucht herauskamen, nahm uns wieder heftiger Föhnsturm in Empfang. Die befirnten Berge rauchten: Auf den Höhen Schneesturm! Wir konnten wegen des Sturmes und der wenig geschützten Lage nicht am Gletscher selbst ankern, sondern gingen etwas nördlich davon hinter einen Küstenvorsprung, wo wir Lee fanden. Der Kangerdluarsuk-Gletscher bildet nicht den Fjordschluß, sondern strömt aus einer von Südosten kommenden Seitenspalte heraus. Den Fjordschluß bildet vielmehr eine wenig steile, überall leicht begehbare Glimmerschieferzone, die im Norden und Süden von den riesigen Steilwänden des Paragneises flankiert ist. Das Inlandeis liegt als breiter Lappen hinter diesem Fjordschluß und sendet nur zwei Bäche hinab, von denen der nördliche selbständig im Fjord mündet, während der südliche vorher den rechten Rand des Kangerdluarsukgletschers erreicht und sich mit dessen Randbach vereinigt. Diesen von den bisherigen Karten ganz abweichenden Sachverhalt stellten Loewe und ich auf einer kleinen Erkundung fest, bei der wir die etwa 600 m hohen Glimmerschieferhöhen erstiegen. Die Aussicht, die wir von hier aus über den Kangerdluarsuk-Gletscher bekamen, zeigte doch so große ebene Flächen auf ihm, daß wir es für notwendig hielten, ihn durch eine Begehung näher zu untersuchen. Dazu mußten wir unseren Ankerplatz nochmals verlegen, nämlich an das Südende der Gletscherfront. Von hier wanderten Loewe und ich den langen, nur schwach geneigten Gletscher 7 km weit – etwa die Hälfte der Gesamtlänge – hinauf. Unseren Umkehrpunkt erreichten wir schon nach 8 Stunden. Aber der Rückweg kostete ungeheuer lange Zeit, weil wir den Versuch machten, einen anderen Weg zu gehen als beim Hinweg. Die aus der Entfernung eben erscheinende Mitte des Gletschers erwies sich als durchsetzt mit Spalten von Kilometerlänge, deren Umgehung schließlich nicht mehr möglich war. Als wir dann dem schräg zum Rande weisenden Rücken zwischen zwei solchen Spalten folgten, endete dieser, immer schmaler werdend, schließlich als dünnes Eisblatt hoch in der Luft, so daß wir fast wieder zum Ausgangspunkt zurück mußten. Und das gleiche geschah noch einmal später, als wir wieder vom Aufstiegsweg abzuweichen versuchten. Wir hatten eben beim Aufstieg den einzigen überhaupt gangbaren Weg gefunden. Manches Interessante sahen wir auf diesem langen Spaziergang. Der Gletscher ist zusammengeschweißt aus einer ganzen Anzahl von Teilgletschern, die durch Moränen voneinander getrennt sind. Die seitlichen Zonen stammen von kleinen Zuflüssen her, die vom Hochlandfirn herabkommen. Das Eis dieser Randzonen ist weißer als das der Mittelzone, die den vom Inlandeis stammenden Teil darstellt. Auch das Gletscherkorn war sehr verschieden: in der Mittelzone hatten die Körner etwa 3–4 cm, in den Randzonen höchstens ½ cm Durchmesser. In der Mittelzone waren die Körner im obersten Dezimeter locker, so daß man sie bewegen konnte, und nur ihre gegenseitige Verzahnung bewirkte, daß man sie im allgemeinen nicht abheben konnte. Erst von 10 cm abwärts begann das feste Eis. In den Randzonen dagegen hielten die Körner auch an der Oberfläche fest zusammen. Das Ergebnis der Erkundung war aber auch hier, daß der Gletscher als Aufstiegslinie auf das Inlandeis nicht in Frage kam. Diese Tour dauerte 26 Stunden. Unsere Kameraden befürchteten schon einen Unfall und waren ausgezogen, um uns zu suchen. Damit waren unsere Erkundungsfahrten beendet, und – dank dem Kamarujuk-Gletscher – mit gutem Erfolg. Der glückliche Abschluß dieses zweiten Hauptabschnittes in unserem Programm gab Anlaß zu einem kleinen Fest. Wir öffneten zu diesem Zweck eine in Umanak an Bord genommene Kiste, die die verheißungsvolle Aufschrift »Wegener extra« trug. Sie enthielt die einzigen Alkoholika, die in unseren Proviantlisten vorkamen. Wir fuhren nun nach Uvkusigsat, um bei Johann Fleischer, dem Leiter dieser Außenstelle, Schlitten, Hunde und Grönländer zu bestellen, und weiter nach Umanak, wo es wieder Berichte und Briefe zu schreiben und weitere Vorbereitungen für die Hundeschlittenreise zu treffen gab. Und gestern haben wir also Johann Davidson als Hundekutscher angeworben. Aber jetzt habe ich wirklich die Zeit verplaudert. Der arme Loewe wartet sehnsüchtig auf Ablösung! Es ist Morgen geworden, ein strahlender Sonntagmorgen. Vor uns taucht lichtgebadet schon der kühne Umanakfelsen, das Matterhorn Grönlands, auf. Als ich mich vorgestern abend von Sorge und Georgi verabschiedete, sagte ich scherzhaft: »Ich wünsche Ihnen zu Ihrer Umanak-Erkundung gutes Wetter, aber nicht so gutes, daß Sie gleich ganz hinaufkommen!« Bald fahren wir am Fuße des Berges vorbei, und auf dem Gipfel, von uns ungesehen, stehen unsere beiden Kameraden und freuen sich, wie die »Krabbe«, ihr Heim, still unter ihnen entlang zieht. Aber das müssen sie lieber selbst berichten! 4. Kapitel. Die Besteigung des Umanak am 14. Juli 1929 Von Ernst Sorge Ernst Sorge Umanak – »Herz«, du hast es mir angetan, herrlich stolzer Berg, du Einziger, du unvergleichlicher Fels am Meer! Ehrfurcht, Liebe und Siegesrausch ergreift mich, wenn du vor meiner Seele stehst! – Der Umanak Bruchstückhaft fing es an. Nur wenige Worte verzeichnet mein Tagebuch: April 1929 an Bord des Dampfers »Disko«. Wir vier betrachten Photographien von grönländischen Landschaften. Schöne Bilder! Auch Nordgrönland ist vertreten: einige Bilder zeigen die kleine Insel Umanak mit ihrer schmucken Kolonie und dem steilen Berg dahinter. Irgend jemand erzählt: »Noch war niemand auf dem Gipfel. Edward Whymper, der Erstersteiger des Matterhorns, hat ihn vergeblich bestürmt, seitdem noch andere. Allen hat der Berg getrotzt. Es sollen sogar welche abgestürzt sein.« Ich muß immer denken: eigentlich sieht der Berg gar nicht so furchtbar schlimm aus! Und es sticht leise in mir: hinauf, hinauf, hinauf! Das wäre etwas! Mai 1929 an Bord der »Krabbe«. Meine Gedanken an den Umanak sind zurückgedrängt durch die Fülle der Expeditionsereignisse. Neben den wissenschaftlichen Arbeiten wird keine Zeit bleiben für Klettersport. Doch der Umanak schläft nur. – Nachts 23./24. Juni an Bord der »Krabbe«. Wir umfahren die Halbinsel Nugsuak. Georgi steht an der Maschine, ich am Ruder. Große Müdigkeit. Gedanken kommen und gehen, wahllos, planlos wie der Tang und die Eisstücke im Wasser. Jetzt muß ja wohl bald der Umanak auftauchen. Müde, matte Gedanken wie das blasse Licht der Mitternachtssonne hinter den Wolken von Svartenhuk und Ubekjendt Insel. Die Küste ist so wüst, so lang, so langweilig: Ein Fels nach dem anderen, ein Schutthang nach dem anderen, nichts Besonderes, nichts Anregendes. Und der Umanak kommt nicht. Er kommt nicht. Wir werden abgelöst und gehen schlafen. Nichts als Müdigkeit. – – 24. Juni vormittags. Erster Blick aus der Kajüte: Donnerwetter ist das ein Berg!! Dagegen sind ja die Photos gar nichts!! Das ist ja unheimlich!! Und die Sonne strahlt liebevoll über den Umanak. Außer dem Berg und dem Meer sehe ich nichts! Doch schon kommt Post aus Deutschland und verdrängt wieder den Umanak. Abends fahren wir schon wieder weiter zum Karajak-Fjord. Der Umanak entschwindet, doch die Sehnsucht wächst riesengroß. 12. Juli. Wir sind wieder in Umanak, nach langen, schweren Erkundungen in Fels und Eis. Heute verdecken Wolken den Berg; die Insel liegt flach und gleichgültig da. An eine Besteigung ist nicht zu denken. Desto besser eignet sich das Wetter für Expeditionsarbeiten: Kartenzeichnen, Schreibmaschineschreiben, Berechnungen, Einkäufe usw. Abends fahren Wegener und Loewe mit dem Motorboot auf zwei Tage nach Kekertarsuak. Er sorgt sich um uns, etwa mit folgender Abstufung: Georgi ist ja vernünftig, aber bei Sorge weiß man nie, was er für Unsinn in seinem Dickkopf hat. – Wegener und Loewe sind fort. Georgi weiß längst meinen Plan, und so gehen wir am selben Abend zu einer Erkundung los. Es regnet ganz hübsch. Der Berg steckt fast ganz in Wolken. Tut nichts! Was fürchtet der Regen und Wolken, den die Begeisterung himmelwärts treibt! Über holprige Gneishöcker steigen, klettern, springen wir eine Stunde lang, immer hinauf und hinab; und dann stehen wir am östlichen Felsenbollwerk des Umanak. Der erste neugierige Blick um die Ecke zeigt vom Aufstieg keine Spur. Unten ziehen lange Schutthänge bis ans Meer. Oben verschwinden erbarmungslose glatte Steinmauern in den Wolken. Und doch fühlen wir uns unbegreiflicherweise beglückt, nur weil es um den Berg herum weitergeht, auf den Schutthängen entlang. Als ob damit irgend etwas gewonnen wäre! Für heute genügt uns diese nicht gerade ergebnisreiche Erkundung. Daher kehren wir auf einem bequemen Jägerpfad zur Kolonie zurück. Vom Berge selbst hatten wir nichts gesehen. Wie wird nun das Wetter morgen? Eine peinliche Frage! Und obendrein trotz aller Meteorologie nicht zu beantworten! Während ich einschlafe, erwacht mein Trotz: Der Berg will nicht? Er muß wollen!! 13. Juli . Vorläufig haben wir noch wichtigere Arbeiten zu tun. Georgi diktiert mir Wegeners Expeditionsbericht in die Maschine. Leider ist sie nicht recht in Ordnung. Wir arbeiten lange dran herum, bis das Farbband und der Transport gut laufen. Draußen klart es auf. Am Umanak bleiben die Wolken noch lange hängen; aber an Storö und Nugsuat erscheinen die Berge bald in voller Schärfe und Klarheit. Die Spannung steigt ins Ungeheure, denn jetzt hängt es nicht mehr vom Wetter ab, sondern nur noch von uns, ob wir den Umanak zwingen. Durch die Störung an der Maschine verzögert sich die Fertigstellung des Berichts. Und ich wollte doch heute schon losgehen! Georgi diktiert mir immer noch. Ich komme mir vor wie ein Schuljunge, der zuerst seine Schularbeiten machen muß, ehe er zum Spiel hinauslaufen darf. Nachmittags um 17,30 ist die letzte Seite des Berichts getippt. Nun kommen die »vernünftigen Überlegungen«: Also zunächst mal ordentlich essen! Wir sind abends beim Kolonieleiter eingeladen und legen beim Essen eine sehr solide Grundlage für alle weiteren Unternehmungen. Die Abendunterhaltung fließt leicht dahin: »Wir wollen erkunden, von welcher Seite man am besten auf den Umanak hinaufkommen kann. Wenn es sehr leicht geht, wollen wir etwas höher steigen.« An das »sehr leicht« glaubt natürlich niemand, aber sagen kann man es immerhin. Wir verabschieden uns und wühlen in unseren Zimmern herum. Das Zusammenpacken geht nicht ohne genaue Verabredungen. »Skistiefel ziehen wir gleich an und gehen damit bis zur ersten Kletterstelle; Kletterschuhe später; denn wir müssen ja erst die langen Schutthänge queren.« »Es ist wohl am besten, wir legen am Fuß des Umanak ein Depot an, wo wir bei Kälte oder Regen bleiben können. Wir brauchen also Rucksäcke, Wolldecken, Windjacken und Lebensmittel für 3 Tage. Das Zelt ist aber unnötig.« »Wie denken Sie über die Photoausrüstung? Ich nehme meine schwere Plattenkamera und die kleine Leika mit und deponiere sie dann irgendwo, wenn sie beim Klettern hindert.« »Gut; und ich nehme meine Flachkamera mit. Die paßt gut in die Windjackentasche, und die Packfilme wiegen fast nichts. Übrigens bleiben die Rucksäcke unten im Depot. Es muß also beim Klettern alles in den Windjackentaschen und Hosentaschen Platz haben. Wir werden knapp alles unterbringen: Lebensmittel, Photoapparat, ein zweites Filmpack, ein Fernglas, ein Aneroid-Barometer und das Sitometer (Peilkompaß). Das Tagebuch lasse ich unten. Ein kleiner Notizblock mit Bleistift genügt.« – »Das Seil kann zunächst in den Rucksack.« – »Zur Wegmarkierung ist, glaub' ich, das weiße Toilettenpapier sehr geeignet. Es hebt sich sicherlich gut von den roten Felsen ab.« »Hoffentlich haben wir unterwegs Wasser. Der Berg sieht nicht danach aus.« »Nach dem Regen von gestern werden wir wohl kleine Bäche treffen.« »Nun müssen wir wohl einen kurzen Brief an Wegener und Loewe hinterlassen, damit sie wissen, wo wir stecken.« »Ja natürlich. Wir wollen ihn gleich zusammen aufsetzen!« »An Wegener und Loewe. Wir sind am Sonnabend nach Beendigung des Berichts um 20 Uhr zu einer Erkundung üblichen Ausmaßes aufgebrochen. Falls wir nachts etwas ruhen, ist es möglich, daß wir erst Sonntag Abend hier sind. Auf Wiedersehen! Sorge, Georgi.« Das waren die Vorbereitungen. Und nun zogen wir los, am 13. Juli abends um 20 Uhr, heimlich, unauffällig, als ob nichts im Gange wäre. Unsere Rucksäcke wogen ziemlich viel; uns wurde heiß. Bald zogen wir die Hosen aus. Hemd, Strümpfe, Stiefel, das war von den großen heißen Erkundungsmärschen her unsere Lieblingskleidung geworden. Sie war leicht, gesund und bequem. Schwerlich würden wir hier einen Menschen treffen. Und wenn schon! Schwerlich würde er sich darüber aufregen! Wie gut, daß wir gestern den Jägerpfad gefunden hatten! Heute ging es nun flott vorwärts, geradezu »fabelhaft«, dicht am Meer auf das südöstliche Ende des Umanak zu. Selbstverständlich stellten wir uns vor, daß wir »irgendwie« von hinten her in die große tiefe Scharte zwischen den zwei Gipfeln kommen würden. Von dort würden wir dann in steiler Kletterei, wieder »irgendwie«, den Gipfel erreichen. Nach ¾ Stunden kamen wir an das gewaltige Felsenbollwerk und umgingen es tief unten auf gangbaren Grasbändern zwischen gestuften Gneisbuckeln. Gletscher hatten vor Zeiten die Felsen wunderbar rund und glatt geschliffen und poliert. Beim Weiterweg verlor sich nach und nach das Gras. Schon blickten wir um die Felsecke herum, zu den Nordostwänden empor. Bald kamen wir in den Bereich der Schuttmassen, die aus diesen ungeheuren Wänden als Folge der Verwitterung herausgestürzt waren. Blöcke von Zimmergröße lagen da, frisch in Stücke geschlagen vom furchtbaren Prall von Stein auf Stein. Deutlich, allzudeutlich sahen wir die zu Staub zermalmten Flächen und die herumgespritzten Splitter. Hier war es entschieden ungemütlich. Und uns stand eine mehrstündige Wanderung zwischen diesen Blockmassen bevor! Schnell weiter zu gehen, erschien uns »sicherer«. Die nächsten Schutthänge bestanden aus kleineren Steinen von Faust- bis Kopfgröße. Sie stellten nicht gerade einen bequemen Weg dar. Der gestrige Regen hatte die Felsunterlage schlüpfrig gemacht; bald rutschten die Steine unter unseren Tritten und versetzten die ganze Gegend in Aufruhr. »Auf leisen Sohlen« schlichen wir drüber hinweg und kamen glücklich in festeren Schutt. Das Gelände zwang uns unerbittlich, auf diesem Wege weiter zu gehen. Denn rechts von uns fielen die Schutthänge zum Meer ab, links standen Felswände von mindestens 400 m Höhe, glatt, ungegliedert, unangreifbar, ja an manchen Stellen überhängend. An den Sturzbahnen der Steine und an Wasserstreifen konnten wir erkennen, welche Wandstellen von Steinschlag oder rinnendem Wasser unberührt waren, also überhängen mußten. Über diesen Wänden sahen wir nichts, was einem Gipfel auch nur entfernt geglichen hätte. Die eigentlichen Gipfel des Umanak mußten weit dahinter liegen. Wir wußten nicht einmal, wie lange die Schuttwanderung dauern würde. Es war ja möglich, daß wir so einen ergötzlichen Rundgang um den ganzen Berg ausführten, ohne ein einziges Mal die Spitzen oder einen Zugang zu sehen! In solchen Fällen wendet sich der Mensch ganz gern dem leiblichen Wohl zu! Da die nächtliche Sonne im Nordwesten hinter unserem Berge stand, wurde es im Schatten bald kühl. Wir kleideten uns wärmer an und ruhten um 23 Uhr an einer kleinen Quelle. Hier fühlten wir uns geborgen. Festes anstehendes Gestein mit hohen Vorsprüngen schützte vor Steinschlägen. Weiches Moospolster verführte zum Liegen. Das Quellwasser schmeckte wie eine Erlösung. Auf der »Krabbe« war das Wasser zuletzt knapp gewesen, und in der Kolonie Umanak gibt es kein Quellwasser (man gewinnt Wasser durch Einschmelzen von Eisbergen). – Ein Blick auf das Aneroid ergab 250 m Höhe über dem Meeresspiegel. Bis zum Gipfel mußten wir also auf irgend eine Weise noch 1000 m höher gelangen, wie, war allerdings rätselhaft. Der Weitermarsch spannte unsere Erwartungen aufs neue. Der Schuttweg verlief nämlich nicht ganz eben und auch nicht ganz gerade, sondern stieg sanft an und beschrieb einen weiten Bogen um die Felswände herum. Wir mußten daher hinter der Biegung etwas Neues sehen. Und dort lag unser Schicksal! Zum Glück hörte der Schutt mehr und mehr auf. Leicht gangbare Gneiswülste mit etwas Moos erfetzten ihn in dankenswerter Weise. Nach Überschreitung kleiner Schneereste näherten wir uns einem breiten runden Felsbuckel, der sich aus den Wänden herausschob. Mühelos gingen wir an seiner Flanke entlang. Die ganze Bergseite lag noch im Schatten. Nur hoch oben, über den Wänden wurde eine unerhört kühn aufgebaute Felsenkanzel von den Strahlen der Mitternachtssonne getroffen und leuchtete uns als gutes Zeichen voraus. Wir folgten ihm willig. Der Sonntag begann. Fast vier Stunden liefen wir schon um den Berg herum. Nach unserer Schätzung mußte es nun Zeit sein, zur großen tiefen Scharte (Umanaker Scharte) emporzusteigen. Bisher hatten wir keine Höhe gewinnen wollen. Jetzt mußten wir es. So stiegen wir denn den Felsbuckel empor. Sogleich merkten wir, wieviel schwerer das war als alles bisherige. Steilstufen zwangen uns zum Klettern in einer Rinne, deren Gestein aus losen Platten und brüchigen Splittern bestand. Und zwischen verkeilten Blöcken lag feuchte Erde und schlüpfriges Moos. Die Rucksäcke störten beim Klettern so, daß wir beschlossen, sie auf der nächsten Stufe liegen zu lassen. Wir fanden bald (1 Uhr) in 500 m Seehöhe eine breite Plattform, die sich vorzüglich zur Niederlegung unserer Sachen eignete. Ein wagerechtes Steinfeld, dicht mit Moos bedeckt, könnte Platz für einige Häuser bieten. Steinschläge werden schon weiter oben durch einen Felsvorsprung abgelenkt. – Wir gingen auf der Plattform entlang. Die Sonne schien uns in die Augen und blendete. Endlich erschien unser langersehntes Ziel: eine Scharte, und rechts daneben tatsächlich ein Gipfel, wie ein Zuckerhut. Seine Nordabstürze übertrafen an Großartigkeit noch die Wände, unter denen wir gestern abend entlang gegangen waren. Es entspann sich nun eine längere Unterhaltung, wie die Scharte und der Gipfel zu deuten wären. Sahen wir dort oben die Umanaker Scharte? War der sichtbare Gipfel der höchste? Vieles sprach dafür und dagegen. Glücklicherweise gab es für uns nur eine Möglichkeit, weiter und höher zu kommen, nämlich zur Scharte aufzusteigen. Schon konnten wir in eine ziemlich breite Schlucht hineinblicken, die im oberen Teil mit Schnee erfüllt war und bis zur Scharte offenbar steinschlagfrei emporreichte. Einmal an der Scharte angelangt – so überlegten wir – hatten wir immer noch die Wahl, nach rechts oder links weiterzuklettern. Schwer schien ja beides. Mit dem Fernglas konnten wir schon hübsche Kletterstellen erkennen! Den Anstieg schräg hinauf über Felsbuckel und Schluchten bis zum Schneefeld in der großen Schlucht schätzten wir leider zu schwierig ein, so schwierig, daß wir beschlossen, Kletterschuhe anzuziehen. Alle »nicht kletterfähigen« Sachen packten wir dann in die Rucksäcke und ließen sie zurück. Ein Steinmann und ein Stück weißes Papier bezeichneten den Platz. Von nun an bestand unsere Ausrüstung aus Folgendem: Jeder trug Skihemd und Hose, Windjacke mit Kapuze, Segelleinwandschuhe mit Gummisohlen, drei Stück Knäckebrot, eine Tafel Schokolade, 10 Stück Zucker. Außerdem verteilten wir auf uns beide meinen Photoapparat, das Sitometer, das Fernglas, das Aneroid, ein Filmpack, einen Schreibblock mit Bleistift, ein Taschenmesser, ein Seil von 20 m Länge. Georgi trug Handschuhe, ich keine. Der weitere Aufstieg bis zum Schneefeld war bald getan. Anzuseilen brauchten wir uns noch nicht. Schöne leichte Kletterstellen in den Gneisstufen wechselten mit schrägen Rinnen und kleinen Schluchten ab. Natürlich kletterten wir wegen der größeren Sicherheit möglichst auf den Rippen und querten die Rinnen wagerecht möglichst schnell. Den tiefsten Punkt der Scharte konnten wir noch nicht sehen. Die Hauptschlucht mit dem Schneefeld wuchs immer gewaltiger heraus. Bald standen wir an ihrem Rand und betrachteten die ungeheuerlichen Felsbildungen auf der anderen Seite. Wunderlich war das Gestein der Riefenwände gefaltet; ein Felsblock von vielfacher Häusergröße hing oben tollkühn weit über die Wand hinaus. Alles, was hier oben abbricht, muß in eine schmale dunkle Rinne, eine wahre Höllenschlucht, hineinstürzen, alles wird hier zerschmettert. Der riesige Schuttfächer unterhalb der Schlucht sammelt die Reste. Wir stiegen an unserer Seite neben der Schlucht empor und erreichten das Schneefeld etwa 50–100 m über seinem unteren Ende. Hier hätten wir nun gern noch die Skistiefel gehabt. Denn mit Halbschuhen im Schnee herumzutapfen, ist ein kaltes und nasses Vergnügen. Aber gerade das trieb uns mächtig vorwärts. Das Schneefeld war sehr steil, etwa 45° geneigt. Der Schnee war reichlich weich, backte aber ausgezeichnet, so daß wir durch die abwechselnde Arbeit von Händen und Füßen gute Griffe und Tritte gewannen und schnell höher kamen. Im Schnee steckten einige kleine Steine, die erst vor kurzem hineingefallen sein konnten. Wir hörten aber im ganzen nur zweimal leichte Steinschläge. Das beunruhigte uns nicht; denn wir überlegten so: die meisten Steine fallen sicherlich am Rande nieder, und außerdem bleiben sie sogleich im Schnee stecken, können also nicht abprallen, zerspringen und weiterfliegen. Ein großer Steinblock, der vor kurzem der Länge nach durch das ganze Schneefeld gerutscht und gekullert war, erleichterte uns sogar noch wesentlich den Aufstieg. Durch sein Gewicht hatte er den Schnee gerade so zusammengedrückt, daß wir seine Bahn als Leiter benutzen konnten. Dennoch waren wir froh, als wir um 4½ Uhr morgens die sehr schmale Scharte erreicht hatten und eine Seehöhe von etwa 880 m feststellen konnten. Es war dunkel um uns; die Felsen schienen über uns zusammenzustürzen, so steil waren sie. Unsere Schuhe waren voll Schnee und Wasser, unsere Hände und Füße von der Steigarbeit glühend heiß. Durch die Scharte blickten wir nach Süden in eine von Steinen glatt gefegte Steilrinne hinein und sahen tief unten ein Stück der Insel, das Meer und die Halbinsel Nugsuak, aber nicht die Kolonie. Also konnte unsere Scharte jedenfalls nicht die Umanaker Scharte sein. Nun musterten wir die Felsen bei der Scharte. Der Gipfel, den wir schon von der Rucksackstelle gesehen hatten, war im unteren Stück sicherlich äußerst schwierig. Eckige, genau senkrechte Felssporne türmten sich etwa 50 m hoch aufeinander, lange Strecken schienen ohne Griffe und Tritte zu sein. Oberhalb der Steilstelle führten dann schräge Plattenschüsse leicht zum Gipfel. Die andere Seite der Scharte war unten ebenfalls sehr steil, aber offenbar leichter zu erklettern. In 20 m Höhe über der Scharte erkannten wir eine mäßig geneigte Plattform, und noch höher oben standen lange, durch Säulen gegliederte Wände von etwa 80° Neigung. Mehr konnten wir nicht sehen Aber jedenfalls mußte über den Säulen noch mehr kommen. Auf welcher Seite der höchste Gipfel stand, war nicht zu entscheiden. Diese Frage löste sich auf überraschende Weise durch eine schöne Beobachtung von Georgi. Er sah nämlich den Schatten des Umanak auf dem Meer. Die Sonne stand gerade so günstig, daß sie alle Gipfel abzeichnete. Daraus konnten wir entnehmen, wo wir uns befanden. Es war so gut wie sicher, daß die große Bergmasse links (südlich) der Scharte den höchsten Gipfel enthielt; und wir beschlossen daher, hier den Aufstieg zu erzwingen. Das Gipfelfieber hatte mich so ergriffen, daß ich noch zu Georgi sagte: »Wenn wir aber auf diesem Weg nicht auf den höchsten Gipfel kommen, dann versuche ich nachher den Aufstieg auf der anderen Seite der Scharte.« Wir seilten uns an und erkletterten die erste Steilstelle. Unangenehm waren nur die vielen losen Steine, die uns zur vorsichtigen Prüfung jedes Griffes zwangen. Bald war die Plattform erreicht. Von hier hatten wir einen weit besseren Überblick als von der Scharte. Wir konnten einige Meter hin- und hergehen und durch die wechselnden Überschneidungen der Felslinien die Tiefengliederung der riesigen Säulenwand erfassen. Dadurch war es möglich, eine Aufstiegslinie ausfindig zu machen. Auf eine Felsrippe setzte ich große Hoffnungen. Darauf mußten wir zustreben. Dort gab es sicherlich auch einen Kamin oder tiefe Risse im Gneis. Wir gingen die Plattform aus, bis sie sich in der Wand verlor, fanden bei einem Schneefleck rinnendes Wasser, stiegen die Steilwand einige Meter empor und wandten uns dann nach links in einem sehr unangenehmen Quergang. Wir hingen mit den Fingern in Rissen und mußten große Spreizschritte machen, um von einem Tritt den nächsten zu erreichen. Glücklicherweise war das Gestein hier sehr fest, die Griffe haltbar und gut. So erreichten wir die rötliche Felsrippe, die sich von dem grauen, lang gestuften Hauptgrat deutlich durch die Farbe abhob. Eine Steilschlucht öffnete sich; sie wurde nach oben immer steiler und lief in eine lange Reihe aufeinandergesetzter Kamine mit Säulen und Rippen aus. Die Rippen hätten als Modell für gotische Bündelpfeiler dienen können. Hier trieb nun der Klettersport seine schönsten Blüten. »Aus Leibeskräften« konnten wir all unsere Kletterlust austoben. Je tiefer hinter uns der Nordgipfel versank, desto größer wurde unsere Zuversicht, daß wir auf dem richtigen Wege waren. Die Verbindung von Griffen und Tritten bei dieser stets schwierigen und spannenden Kletterei war so mannigfaltig und reizvoll, daß wir uns oft im Scherz zuriefen: »Wolln doch noch einiges für den Abstieg übrig lassen!« Manche Felssäulen waren allerdings aus lauter losen Steinen aufgebaut und vertrugen daher nur eine zarte Behandlung. Aber daneben gab es auch stets festes Gestein. Nach 100 m Kletterei (sechs Seillängen) erreichten wir einen winzigen Wasserfall. Zwei dünne Wasserstrahlen fielen von einem 2 m hohen Überhang leise herab. Das fehlte uns gerade! Nachdem Georgi die letzte Seillänge nachgekommen war, legten wir uns auf die Steine und ließen uns das Wasser in den Mund laufen. Es ließ sich dabei freilich nicht vermeiden, daß auch ein Tropfen nach dem andern gerade ins Ohr tropfte. Aber das erhöhte nur die abkühlende Wirkung. – Gleich neben dem Wasserfall lag eine der schönsten Kletterstellen: ein Überhang mit zwei prächtigen festen Gneisblöcken. Man mußte die Fingerspitzen auf den obersten Block legen, Klimmzug machen, bis die Unterarme Stütz boten, und sich dann mit wuchtigem Stemmen hochheben. Dann konnte man wieder in die Rinne hinüberkriechen und sich an den schlüpfrigen Felsen oberhalb des Wasserfalls erfreuen. Aus der Rinne stiegen wir schließlich weiter oben nach rechts heraus und standen vor einem senkrechten, gespaltenen Block von beinahe einer ganzen Seillänge. In der 1 m breiten Spalte kletterten wir auf »fabelhaften« Griffen und Tritten bis zum oberen Ende, stiegen durch ein stilvolles Felsentor und standen auf einer schrägen, gefahrlosen Felsfläche. Nach diesem geschmackvollen Ausstieg hörten alle Schwierigkeiten auf (1150 m Seehöhe). Wir legten das Seil ab und gewannen in schönem leichtem Anstieg über den gestuften Gneishang den breiten Gipfel (1200 m, wenige Minuten vor 8 Uhr morgens). Nun muß ich einige Augenblicke aufhören zu erzählen und muß schweigen. Wir waren im Himmel!     Das Gipfelgefühl läßt sich nicht den Menschen mitteilen, die selbst noch nicht oben gewesen sind. Eine Schilderung kommt immer nur auf Siegesrausch und Himmelsjubel, Augenleuchten, Lebensschwung und Kraftgefühl hinaus. Und dazwischen mischen sich in zartem Klang Frömmigkeit und Dankbarkeit für das schöne, schöne Geschenk dieses Tages. Der Mensch fühlt erst dann sein Leben, wenn er es eingesetzt hat. Darin liegt das tiefe Geheimnis. Lange standen wir dort oben und schauten; schauten in den sonnigen Morgen hinein, über glühend rote Felsen hinab zum frischblauen Meer und weiter zum hellen Himmel. Georgi neben dem Steinmann auf dem Gipfel des Umanak Wir standen auf dem höchsten Gipfel; aber die Kolonie war nicht zu sehen. Statt dessen hatten Georgis scharfe Augen im Norden etwas anderes erspäht. Weit draußen im Meer glitzerten seine Silberstreifen in der Form eines V, die Wellen der »Krabbe«! Das war geradezu unglaublich, aber es stimmte. Nach einer Weile konnten wir im Fernglas auch das Boot selbst erkennen. Es kam schon von Kekertarsuak zurück. Oh, wenn Wegener, Loewe und Tobias wüßten, daß wir von hier oben die »Krabbe« sehen! Wir winkten und winkten, aber wurden nicht bemerkt und wären doch – ehrlich gestanden – so gern bemerkt worden. Wir sahen die Nutzlosigkeit unseres Winkens ein und wandten uns praktischen Arbeiten auf dem Gipfel zu. Der höchste Gipfel hatte drei Buckel, die in wenigen Minuten erreichbar waren. Wir bauten auf jedem einen Steinmann, photographierten und peilten einige Richtungen. Und dann begaben wir uns auf die Suche nach der Kolonie. Wenn wir auf dem breiten Grat immer weiter südwärts kletterten, mußten wir sie doch schließlich einmal sehen. Und tatsächlich erblickten wir sie nach ¾ Stunden, als wir den nächsten etwas niedrigeren Gipfel erreicht hatten, den Gipfel, der von der Kolonie aus gesehen als höchster erscheint. Neben dem kleinen Hafen am Ende der Insel lagen – winzige kleine Pünktchen – die Häuser der Kolonie. Nur mit dem Fernglas konnten wir dort unten ab und zu Menschen zwischen den Häusern gehen sehen. Es war gerade Gottesdienst, und daher erschien die Kolonie wie ausgestorben. Wir ließen die Kolonie Kolonie sein und kümmerten uns um den Gipfel, auf dem wir standen. Der Regen von vorgestern hatte uns frisches Trinkwasser in steinernen Becken beschert. Nach dem Frühstück bauten wir einen stolzen Steinmann, peilten, photographierten und zeichneten, wie wir es gewohnt waren. Weit herumgehen konnten wir dabei freilich nicht; denn fast überall führten furchtbare Steilabstürze in die Tiefe. Um 11½ Uhr füllte sich unten in der Kolonie der Platz mit Menschen. Vielleicht kam jetzt einer auf den schlauen Gedanken, zu uns herauszuschauen. Die Grönländer haben ja scharfe Augen. Wir machten uns so bemerkbar wie nur möglich; einer winkte mit der Windjacke, der andere beobachtete mit dem Fernglas. Nach einer Weile wechselten wir damit ab. Endlich, zur Mittagszeit, wurden wir gesehen! Die dänische Flagge der Kolonie ging dreimal auf und nieder. Kleine schwarze Menschen fuchtelten mit den Armen herum. Wir waren so begeistert, daß wir immer weiter winkten, bis unsere Arme matt wurden. 16 Stunden waren wir schon unterwegs, hatten uns die letzte Nacht um die Ohren geschlagen und mußten noch einen langen und schweren Abstieg ausführen. Dabei durfte unter keinen Umstanden ein Unfall vorkommen! So war unser Bedürfnis nach Ruhe groß. Zwei Stunden haben wir dann dort oben auf den glatten Steinen gelegen und selig, glücklich geschlafen. Mild wehte der Wind, und liebevoll wärmte uns die Sonne: Von Prometheus zu Ganymed ist nur ein Schritt! – Vom Abstieg ist nicht viel zu sagen. Er dauerte bis zum Meer sieben Stunden und folgte bis zur Rucksackstelle (500 m Seehöhe) genau dem Aufstieg. Die Steilstellen des Gipfelaufbaues durchkletterten, wir abwärts wiederum am Seil mit größter Vorsicht, Georgi voran. Das weiße Markierungspapier leistete die besten Dienste beim Wiederauffinden des Weges. Als wir das Schneefeld hinter uns hatten, sahen wir schon die »Krabbe« kommen, um uns gleich an der Nordseite des Berges abzuholen. Daher blieb uns erspart, nochmals die schrecklichen Schutthänge unter den Nordwänden zu queren und den langen Landweg zur Kolonie zu gehen. Von der Rucksackstelle stiegen wir auf kürzestem Wege über Gneisstufen und Moos zum Meer ab (am Ufer um 21 Uhr) und riefen, bis Wegener uns fand. Sobald er uns bemerkte, hielt er mit dem Beiboot aus uns zu und beglückwünschte uns aus das herzlichste. Bald waren wir an Bord der »Krabbe«, und damit hatten alle Schwierigkeiten ein Ende. Die Erstbesteigung des Umanak war geglückt! Schnell fuhr die gute »Krabbe« unter dem vertrauten tack, tack, tack des Motors am Felsenufer des Umanak entlang. Wir waren diesmal mehr als sonst; denn der Kolonieleiter Dan Möller mit seiner Gattin und unser neuer Hundekutscher Johann Davidson waren auch an Bord. Das gab ein Lachen und Fragen und Erzählen! Ob der Berg schwer wäre, ob das Klettern anstrengend gewesen wäre und ob wir keinen Steinschlag bekommen hätten? Und es wäre doch wohl sehr gefährlich gewesen? – Ja, nein, teilweise, gewiß doch; aber es war ganz herrlich, ganz unglaublich schön! – Ob wir wüßten, daß Edward Whymper am selben Tage, auch am 14. Juli, als erster das Matterhorn bestiegen hätte? – Nein, natürlich nicht. Aber das ist ja ein ganz merkwürdiger Zufall! – Wir müßten doch furchtbar müde sein? – Ach wer denkt daran, wo noch jeder Nerv im Körper vor Aufregung und Freude zittert! – Um 23 Uhr abends fuhr die »Krabbe« in den Hafen von Umanak ein. Nun folgte eine Überraschung der anderen. Die gesamte Einwohnerschaft der Kolonie war am Ufer versammelt. Festlich gekleidet standen vor dem Speicher die Frauen, rechts und links davon die Männer. Plötzlich knatterten Gewehrsalven übers Wasser dahin, Hurra-Rufe ertönten, Jubelgeschrei erscholl. Und dann donnerten die drei Böller der Kolonie los, eine ganz besondere Ehrung; denn selten nur, bei hohen Feiern, werden sie abgefeuert. Die drei Böller der Kolonie Die »Krabbe« ankerte. Ein Boot stieß vom Lande ab, legte sich längsseits neben uns; wir mußten einsteigen, durften keinen Finger rühren, wurden an Land gerudert. Kaum setzten wir den Fuß auf die Landungsbrücke, so ergriffen uns die Grönländer, hoben uns auf die Schultern und trugen uns unter den begeisterten Zurufen der Menge auf den Felsenhügel hinauf, wo die Flagge der Kolonie wehte. Da standen wir zwei nun, im Halbkreis von Grönländern und Dänen umgeben, die uns aus freiem Antrieb so herzlich und freudig begrüßt hatten. Nie im Leben sind wir mit solcher Natürlichkeit und Begeisterung gefeiert worden wie von diesen Menschen, die ein so feines Naturgefühl haben und daher wohl empfanden, was unsere Bergbesteigung bedeutete. Auf all diesen Jubel, auf die geschmückte Volksmenge, auf die wehende Flagge, auf die »Krabbe« im Hafen, auf Wegener, Loewe, Georgi und mich schaute ruhig herab der von einem Steinmann gekrönte Umanak, unser Berg! 5. Kapitel. Wissenschaftliche Arbeiten auf dem Inlandeise Wissenschaft gibt schweres Gepäck. Und wir hatten allerlei vor auf dem Inlandeis. Unter anderem beabsichtigten wir nichts mehr und nichts weniger als die Dicke des Inlandeises an einer Reihe von Punkten zu messen. Dr. Mothes hatte die Methode daheim ausgearbeitet und auf Alpengletschern geprüft, und er war es auch, der uns das Instrumentarium mit allem Zubehör lieferte, mit dem wir nun die ersten Messungen auf dem Inlandeise machen sollten. Der Vorgang ist folgender: Man veranstaltet eine Dynamitexplosion auf der Eisoberfläche, und hat in passender Entfernung davon einen kleinen Erdbeben-Registrierapparat in Tätigkeit, der die Wellen dieses künstlichen Erd- oder Eisbebens aufzeichnet. Zuerst kommen die direkten Wellen an, die auf dem kürzesten Wege, nahe der Oberfläche, laufen. Und dann, nach Bruchteilen einer Sekunde, kommen diejenigen, die vom Boden unter dem Eise zurückgeworfen sind. Sie haben einen längeren Weg und brauchen mehr Zeit. Nach ihnen kommen noch andere Wellenarten, die überhaupt langsamer laufen und uns nichts angehen, und ganz am Schluß kommt der Schall. Alles ist auf der photographischen Registrierung zu erkennen, die so schnell läuft, daß eine Sekunde 7 cm lang ist. Das Prinzip ist also dasselbe, wie beim Echolot, nur benutzt man hier nicht die vertikale Reflexion, sondern eine schräge. – Mit 50 kg auf dem Rücken Das klingt alles ganz einfach. Aber wieviel Dinge sind nötig, um diese Messungen durchzuführen! Da sind zunächst zwei Kisten mit Dynamit, jede mit 25 kg Inhalt. Sie sind nicht so gefährlich, wie sie aussehen. Gefährlicher ist die kleine leichte Kiste, in der die empfindlichen Zündkapseln weich in Holzwolle verpackt liegen. Sie darf nie in der Nähe des Dynamits aufbewahrt werden. Dann kommt der Erdbebenapparat in einer besonderen Kiste mit Tragriemen, der Lichtschreiber in einer anderen schweren Kiste, dann das lichtdichte Zelt, in dem beide aufgestellt werden müssen, eine ziemlich schwere Platte aus Silumin als Unterlage, eine Riesenkiste mit 3 km isoliertem Kupferdraht und einer Anzahl von Kabeltrommeln zum Aufwickeln, eine weitere ziemlich große Kiste mit elektrischen Batterien, Lampen, dem Zündapparat und anderem Kleinkram, dann das photographische Papier mit den zugehörigen Chemikalien und Schalen zum Entwickeln, und endlich ein Bohrgerät zum Ausbohren des Loches, in das die Dynamitstangen vor der Sprengung hineingeknetet werden. Im ganzen sind das etwa 200 kg allein für die Eisdickenmessungen. Schlittentransport durch den Bruch Dazu kam aber noch vieles andere, denn die Eisdickenmessungen bildeten zwar den wichtigsten Teil, aber keineswegs den Gesamtinhalt unseres wissenschaftlichen Programms. Wie bei Quervains-Hafen, so wollten wir auch hier Abschmelzbohrungen vornehmen und verwendeten dazu das gleiche Bohrgerät wie dort. Und weiter im Innern sollte an Stelle der Abschmelzung der Zuwachs gemessen werden, wozu eine größere Anzahl von 4 m langen Bambusstangen diente. Ferner hatten wir zu Versuchszwecken eine magnetische Feldwaage mit Stativ mitgenommen. Georgi hatte einen Apparat für Strahlungsmessungen, und dazu kamen dann noch Hypsometer, Aneroid, Aspirations-Psychrometer, Anemometer, Sextant und Quecksilber-Horizont, Sitometer, Bandmaß, Sonnen-Kompaß, Prismen-Fernglas und vier Photographieapparate mit den zugehörigen Platten und Filmen. Und schließlich sollten wir und unsere 32 Hunde ja auch noch leben! Zählte man alles zusammen, so kam man auf fast 2000 kg, die über den Kamarujuk-Gletscher auf das Inlandeis hinauszuschaffen waren. Landung in der Kamarujukbucht Da gab es für den Expeditionsleiter Arbeit. Denn diese große Unternehmung sollte hauptsächlich mit den Hilfsquellen durchgeführt werden, die uns die Kolonie Umanak und die Außenstelle Uvkusigsat boten. Von Kekertarsuak hatten wir, wie erwähnt, den Grönländer Johann Davidson mitgebracht, einen ausgezeichneten Hundekutscher, der sich nicht, wie die meisten seiner Landsleute, vor dem Inlandeise fürchtete, sondern bereit war, uns beliebig weit zu folgen. Seine drei Hunde hatte er mitgebracht. Ich kaufte in Umanak fünf weitere Hunde als Ergänzung seines Gespanns, sowie einen alten Schlafsack für ihn selber. Auch lieh ich einen Schlitten für ihn. Drei weitere Hundeschlitten besaßen wir selbst, so daß wir nun vier Schlitten hatten. Ferner lieh ich in Umanak ein großes Zelt für die Grönländer, die uns beim Aufstieg helfen sollten, und vier Eisäxte für die Wegverbesserung auf dem Gletscher. Sodann ließen wir uns eine Küchenkiste vom Tischler anfertigen, unsere Kleider flicken und Stiefel besohlen und die Steigeisen umschmieden, so daß sie zu anderen Stiefeln paßten. Schließlich kaufte ich noch 130 kg Hundefutter in Form getrockneter Fische und ließ mir auf mein Kreditiv 1000 Kronen aus der Koloniekasse auszahlen, um in Uvkusigsat alles bar bezahlen zu können. Und nachdem dies alles erledigt war, charterten wir den kleinen Schoner »Thyra«, der der Kolonie gehört und von den Grönländern bedient wird, und ließen ihn mit unserem Gepäck beladen. Einen Tag mußten wir noch warten, da ein heftiger »Südweststurm« herrschte, der aber in Umanak aus Südosten wehte! Am 16. Juni verabschiedeten wir uns von dem hilfreichen und liebenswürdigen Kolonieleiter-Ehepaar Dan Möller, und nachdem es noch einen öffentlichen Kaffee für die Grönländer der Kolonie auf Kosten der Expedition gegeben hatte, fuhren wir mit der »Krabbe«, den Schoner im Schlepptau, zunächst nach Uvkusigsat, wo die Vorbereitungen weitergehen sollten. In Uvkusigsat kauften wir außer einigem Pelzzeug 300 kg getrocknetes Haifleisch und 100 kg getrockneten Fisch als Hundefutter, warben sieben Grönländer auf 10 Tage an und liehen ein größeres Ruderboot, drei Hundeschlitten und 23 weitere Hunde mit dem zugehörigen Geschirr und Peitschen. Wegen erneuten Sturmes mußten wir auch hier wieder einen Tag liegen bleiben. Als wir am 18. Juli zur Kamarujuk-Bucht weiterfuhren, schrieb ich in mein Tagebuch: »Ich bin fast erstaunt, wie reibungslos und schließlich auch schnell diese ganze Ausrüstung vor sich gegangen ist. Nirgends die geringste Schwierigkeit, nirgends ein unwilliges Wort, nirgends eine Überforderung oder sonstige ärgerliche Zwischenfälle, ohne die so etwas in Europa einfach undenkbar wäre.« Wir trafen schon mittags am Kamarujuk-Gletscher ein und brachten noch am Nachmittag alles Gepäck an Land, worauf die »Krabbe« sofort wieder den Schoner nach Umanak zurückschleppte. Tobias hatte Anweisung, am 29. Juli wiederzukommen, um die Grönländer nach Uvkusigsat zurückzubringen. Bis dahin hofften wir unser Gepäck den Gletscher hinaufgebracht zu haben. Nun hausten wir also wieder an Land, diesmal in dem größeren, nach meinen Angaben von Schuster-München gebauten Viermannszelt. Es war freilich einstweilen recht unklar, wie wir namentlich den Gletscherbruch bewältigen sollten. In der Tat sollte diese Schwierigkeit, verstärkt durch äußere Umstände, unsere Unternehmung fast zum Scheitern bringen. Das Wetter wurde schlecht, und Regen und Sturm brachten die Arbeit schließlich zum stehen. Die Grönländer wurden immer bedenklicher, je mehr wir uns dem Bruch näherten, und waren nur mit Mühe weiter zu bringen. Die Steilheit und Glätte des Eises und die gewaltigen Spalten erschreckten sie. Es war schwer, auf sie einzuwirken, denn keiner von ihnen konnte dänisch sprechen, und die wenigen eskimoischen Brocken, über die wir verfügten, reichten für kompliziertere Mitteilungen nicht aus. Und sehr bald hatten die Grönländer auch nichts mehr zu essen, obwohl unsere Vereinbarung dahin ging, daß sie sich selbst verpflegen sollten. Die ersten Schwierigkeiten Wir mußten sie schließlich in volle Verpflegung nehmen und sie zugleich mit den ihnen offenbar unbekannten und unheimlichen Verhältnissen auf dem Gletscher systematisch vertraut machen. Aber dann konnten wir auch spüren, wie sie Vertrauen zu uns und zu der Sache faßten, und es war erstaunlich zu sehen, wie ihre Gewandtheit und Leistung auf dem Gletscher von Tag zu Tag wuchs. Nun wurde auch noch das Wetter schön, und damit hatten wir gesiegt. Als Tobias kam, lag unser gesamtes Gepäck oberhalb des Bruches, des großen Fragezeichens unserer Aufstiegslinie. Mein Tagebuch aus diesen Tagen spiegelt den Wechsel von Befürchtungen, Spannung und schließlichem Triumph, der uns damals bewegte: Die Trägerkolonne im Bruch »19. Juli, abends. Der erste Tag ist herum. Das Ergebnis ist recht mäßig. Die Grönländer haben das große Depot Dies Depot hatte mit unserer diesjährigen Unternehmung nichts zu tun und wurde nur bei dieser Gelegenheit in der Kamarujuk-Bucht an Land gebracht als Basis für Unternehmungen im nächsten Jahr. weiter auf die Moräne hinaufgeschleppt bis oberhalb der Springflutmarke. Unterdessen waren wir vier mit Johann auf dem Gletscher, um den besten Weg zu finden und ihn gleich mit den Eisäxten zu verbessern. Johann hatte auf unsere Aufforderung gleich seinen Schlitten mit einer etwa 70 kg schweren Kiste über die Moräne und den untersten guten Teil des Gletschers gefahren. Es ging gerade eben. Aber man wird auch auf dem Gletscher höchstens 100 kg auf den Schlitten haben können, und zwar weil die Hunde auf dem Eis rutschen und nicht gut ziehen. Leider rutscht auch Johann sehr mit seinen Kamikkern. Beim Abstieg begann es zu regnen, und wir kamen bereits ziemlich naß unten an.« »20. Juli, abends. Es ist fürchterliches Wetter, ein Föhnsturm, daß wir auf dem Gletscher bald umgeweht worden wären, und das Zelt beinahe wegfliegt. Und dabei gießt es in Strömen, noch mehr als gestern. Gestern lag ich auf der Windseite und wurde links naß, heute bin ich Koch, liege daher auf der Türseite und bin schon rechts ganz naß. Immerhin ist anzuerkennen, daß wir selbst und die Grönländer heute doch noch etwas geschafft haben. Die Grönländer haben zuerst mit drei Schlitten fünf Kisten zum Depot III hinaufgefahren. Es war eine große Schinderei für die Menschen wie für die Tiere. Und dann haben sie noch 17 Kisten bis auf die Gletscherzunge (Depot II) getragen. Jedenfalls haben sie heute gut gearbeitet, und ich habe ihnen daher eine Dose Kaffee und zwei Pakete Keks spendiert. Durch den Regen sind heute alle Bäche stark angeschwollen, und das halbe Areal in dem Moränenzirkus ist überflutet. Von den Felswänden stürzen riesige Wassermengen herab, die vom Sturm zerstäubt und als Wolkenschwaden entführt werden. Himmel, was für ein Wetter! Die ganze Natur ist in wildem Aufruhr. Von den Wänden rasseln Steine herab.« »21. Juli, abends. Der heutige Tag war besser, als es heute früh aussah. Es hat die ganze letzte Nacht hindurch fürchterlich gegossen und gestürmt. Um 11 Uhr Vormittag hörte es auf zu regnen, und um 2 Uhr nachmittags kamen wir fort. Wir haben heute vier Schlitten mit teilweise über 100 kg beladen bis zum Depot III hinaufgefahren und von da mit nur je einer Kiste weiter bis zum Depot IV an der westlichen Moräne. Unter den benutzten Schlitten war auch einer der beiden Hamburger Hundeschlitten. Er ist gleich oben geblieben. Wir hatten in Hamburg zwei Hundeschlitten, etwas abgeändert nach dem grönländischen Modell, bauen lassen. Sie waren, ebenso wie der norwegische, für das Inlandeis selbst bestimmt und sollten daher auf dem Gletscher möglichst geschont werden. Leider verloren wir beim Überschreiten des Baches einen Hund, der von der Strömung mitgerissen wurde. Als wir zurückkamen, lag er halbtot da, wurde dann von den anderen Hunden, ehe wir es verhindern konnten, fast ganz tot gebissen und schließlich von den Grönländern durch Erdrosseln getötet. Übrigens war es schwierig, die Grönländer heute so weit zu bekommen. Sie wollten nicht mehr, kamen aber dann doch, nachdem ihnen Depot IV als Ende des heutigen Transports gezeigt war. Oben verteilte ich den Inhalt meines Tabaksbeutels. Jetzt, am Zelt, baten die Grönländer um Butter. Wir gaben ihnen etwa 1/8 Dose.« »22. Juli, nachmittags. Heute wurden vier mittelschwere Lasten bis zum Depot IV hinausgeschafft. Vom Zeltplatz an wurden nur zwei Schlitten benutzt, aber die Grönländer trugen außerdem noch Säcke mit Hundefutter. Am Depot II auf der Gletscherzunge wurden dann alle vier Schlitten beladen, aber etwas weniger als gestern. Dafür luden wir aber bei Depot III nichts ab, sondern fuhren nach einer Pause gleich weiter bis zum Depot IV. An mehreren Stellen hatten wir Nutzen vom Seil, und den letzten Aufstieg zum Depot IV neben der westlichen Moräne machten wir ohne Hunde durch Hinaufhissen zweier Schlitten, die mit 150–200 kg belastet waren. Georgi, Loewe und Sorge blieben noch oben, um den weiteren Weg auszuhauen, während ich mit den Grönländern hinabging und ihnen das Schwarzbrot aus unserer nächsten Proviantkiste gab. Sie scheinen mit Lebensmitteln knapp zu sein. Der ertrunkene Hund hat das Gute, daß sie wenigstens noch etwas Fleisch haben. Augenblicklich sind sie alle mit dem Boot auf dem Wasser. Hoffentlich fischen sie etwas. Unser Verhältnis zu den Grönländern ist gut, und ich hoffe daher, daß wir mit der Arbeit hier fertig werden. Nur müssen wir ihnen anscheinend viel Lebensmittel geben und vor allem immer selber bei der Arbeit dabei sein. Wir werden daher vielleicht das Depot für das nächste Jahr angreifen müssen. Heute vormittag war die Sonne so gnädig, zu scheinen, aber schon während der Arbeit bewölkte es sich wieder und jetzt, kurz vor 6, fallen die ersten Regentropfen. Kann denn der Himmel gar kein Einsehen haben! Wir haben hier wirklich ein Wetter, daß es einen Hund jammern könnte! ½8 Uhr. Es gießt in Strömen. Ich sitze im fest verschlossenen Zelt und warte auf die anderen, die wohl ganz durchnäßt hier ankommen werden. Das ist nun der ›schöne grönländische Sommer‹! 11 Uhr abends. Die anderen sind zurück. Sie waren völlig durchweicht. Es gießt noch immer. Eben hörte man ein starkes Geprassel vom Gletscher her, und soweit man es bei dem Geräusch des Regens und der Wasserfälle unterscheiden kann, wird es von einem dauernden Brausen gefolgt. Was ist da wieder geschehen? Irgend eine neue Teufelei ist sicher wieder im Gange. Muß ich wirklich noch hinaus in die Traufe, um nachzusehen? – – Ja, ich war eben draußen, die Wiederholung des Polterns brachte mich endgültig auf die Beine. Am linken (von hier) Gletscherrande sieht man einen mächtigen Wasserfall, der bisher nicht da war. Ich bin besorgt wegen unseres Depots IV. Ist der neue Randstrom hier über den Rand des Gletschers fort gegangen, so können wir unter Umständen morgen vergeblich nach unserem Depot suchen.« »23. Juli, mittags. Das war eine unruhige Nacht! Prasselnder Regen bis zum späten Vormittag, Sturmstöße von solcher Gewalt, daß ich Schuster kaum einen Vorwurf hätte machen können, wenn unser Zelt zerrissen wäre, dazu das Brausen der Wasserfälle, die uns rings umgeben. Das Poltern von heute Nacht wiederholte sich jetzt zu Mittag noch einmal. Jetzt kann man sehen, daß der neue Randstrom den Gletscherrand unterwühlt und zum Einsturz gebracht hat. Man sieht große Eisblöcke neben dem Gletscher liegen. Aber unser Depot IV ist unversehrt, man sieht es mit dem Fernrohr. – Nachmittags. Da es immer wieder anfing mit Regen, haben wir für heute alles aufgegeben.« »24. Juli, abends. Wir haben fünf Sack Hundefutter und vier Kisten zum Depot IV hinaufgebracht und haben dann den Grönländern den Weitertransport eines Schlittens mit einer Kiste bis nach Depot V (mitten im Bruch) vorgemacht. Die Grönländer gingen angeseilt als Zuschauer und wurden dann entlassen. Nachher haben wir vier noch einen Hamburger Schlitten mit einer Kiste zum Depot V gebracht und den weiteren Weg durch den Bruch bis auf die obere Schlittenbahn erkundet und Stufen geschlagen. Der Gesamtstand der Transporte ist wenig befriedigend. Wir werden doch wohl gut tun, durch den Gletscherbruch eine Tragstelle einzuschalten. Das wird schneller gehen, als das Ziehen eines Schlittens, auf dem doch nur eine Kiste angebracht werden kann. – Heute war prachtvoll stilles Wetter.« »25. Juli, abends. Ein strahlender Tag: strahlender Sonnenschein und ein strahlendes Ergebnis! Heute früh sagte mir Johann, die Grönländer hätten nichts mehr zu essen. Wir haben darauf das Depot für das nächste Jahr angegriffen und den Inhalt einer Proviantkiste wesentlich für die Grönländer bestimmt. Ich gab ihnen gleich Hafergrütze, Zucker, Butter, Keks, Schwarzbrot, Knäkkebrot heraus. Ein Jubelgeheul aus dem Grönländerzelt war die Antwort. Und dann haben wir sechs Kisten von Depot II nach Depot IV gefahren und acht Kisten von Depot IV durch den ganzen Bruch, an Depot V vorbei, bis Depot VI getragen! Bei Depot IV verteilte ich Schokolade. Darauf trugen die Grönländer jeder seine Kiste bis Depot V, wo abgesetzt wurde. Dann gingen wir erst alle ohne Gepäck, die Stufen verbessernd, bis zum Depot VI durch, und hier fragte ich die Grönländer, ob sie die Kisten noch bis hier herauf tragen wollten, wenn dann Schluß gemacht würde und sie abends reichlich zu essen kriegten. Sie stimmten begeistert zu und trugen die Kisten anstandslos hinauf. Nun liegen also schon 320 kg auf der oberen Hundeschlittenbahn. Damit sind wir über den toten Punkt hinweggekommen!« »26. Juli, nachmittags. Eben von der Arbeit auf dem Gletscher zurückgekehrt. Herrlicher Sonnenschein den ganzen Tag, aber etwas Wind, was ganz angenehm war. Heute haben wir die Hälfte des Depots II nach IV gefahren. Sodann haben wir in zwei Gängen sechs Kisten, 10 Sack Hundefutter und den norwegischen Schlitten durch den Bruch von IV nach VI hindurchgetragen, zusammen etwa 620 kg, eine sehr gute Leistung! Meine Kameraden machen zu diesen Trag-Transporten bedenkliche Gesichter. Sie fürchten, daß einmal einer der Grönländer in eine Spalte abrutscht, da die Stufen immer wieder so stark zusammenschmelzen. In der Tat ist diese Gefahr da, und ich benutze auch jede Gelegenheit, die Grönländer zur Vorsicht zu mahnen. Aber ich glaube, daß wir uns damit begnügen müssen, die vorhandenen Stufen täglich bei der ersten Trägerkolonne etwas auszubessern. Die Abschmelzung ist jetzt kolossal. Wenn wir den Weg erst noch wesentlich verbessern wollten, so müßten wir viel Arbeit hineinstecken, und das würde mit Zeitverlust verbunden sein. Durch letzteren aber würde die Arbeit infolge der Abschmelzung vergebens werden.« »27. Juli, nachmittags. Wieder ein strahlend schöner Tag mit gutem Fortschritt. Wir haben das ganze Depot III nach IV hinaufgefahren – nur die kleine Kiste mit Zündkapseln steht noch einsam aus der ebenen Eisfläche – und dann haben wir wieder zwei Tragkolonnen bis zum Depot VI durchgeführt. Gestern hat Sorge angefangen, den Weg im Gletscherbruch durch Ruß-Tupfen zu markieren, mit hervorragendem Erfolg. Heute ging er weiter, indem er in die Stufen Ruß hineinstreute. Bei der starken Sonnenstrahlung schmolz der Ruß sofort ziemlich tief ein, so daß sich die Spuren von selbst vertieften, schon im Laufe von wenigen Stunden! Ich gehe jetzt immer nur mit einem Steigeisen, das andere habe ich einem der Grönländer geliehen, und meine Kameraden machen es ebenso. Die Grönländer selbst haben auch Steigeisen, nämlich etwa 4 cm breite starke Bleche mit reibeisenartigen Löchern, die beiderseits vom Fuß etwas aufgebogen sind und mitten unter die Kamiksohle geschnallt werden. Zum Teil verfertigen sie sich auch Holzsohlen mit einem Ledergelenk, die mit Nägeln gespickt werden. Und drittens flechten sie sich Sohlen aus Seil, die sie unter den Fuß zurren, oder binden auch einfach eine dicke Schnur um den Fuß, womöglich mit einem Knoten unter der Sohle, was doch sehr drücken muß. Interessant ist auch ihre Art, mit dem Kopf zu tragen. Die Last ruht dabei teilweise auf dem Rücken, aber der Hauptzug wird von Kopf und Stirn aufgenommen. Sie sind sehr geschickt darin, sich ein solches Kopfband aus gewöhnlicher dünner Schnur, die etwa 6-10 mal genommen wird und zugleich zum Zurren der Traglast dient, zurecht zu knoten. Haben sie nur irgend eine Leine, so ist eins, zwei, drei die Sache gemacht, und sie ziehen mit Kisten bis zu 40 kg los! Heute haben sie so die schweren Schlittenproviantkisten getragen, wenn auch immer zwei Mann dabei in der Weise abwechselten, daß der zweite eine leichte Last zur Erholung trug. Seitdem die Grönländer von uns in volle Verpflegung genommen sind, leisten sie Vorzügliches. Hier kann man wirklich sagen: Der Weg zum Herzen geht durch den Magen!« Blick vom Nunatak »Scheideck« über den Kangerdluarsuk- Gletscher auf das Hochlandeis mit seinen Eislawinen »28. Juli, (Sonntag) nachmittag. Vorzügliches Ergebnis: Wir haben alles durch den Bruch bis zum Depot VI hinaufgebracht. Es war eine viel größere Quälerei, als ich dachte, namentlich mit den Schlitten, die obendrein noch mit je einer Proviantkiste beladen waren. Die Grönländer haben hier wie überhaupt in den letzten Tagen ausgezeichnete Arbeit geleistet. Ich habe ihnen als Belohnung außer zwei Fleischkonservenbüchsen und einer Büchse kondensierter Milch und etwas Zucker noch je eine Zigarre und zwei Eßlöffel voll Aquavit spendiert. Namentlich der letztere wirkte schon im voraus oben bei der Arbeit sehr aufmunternd. Ich war aber doch so vorsichtig, ihn erst dann in Aussicht zu stellen, als sie sich ohnehin bereit erklärt hatten, alles hinaufzuschaffen. Die Schwierigkeiten waren groß, und die Lage eine Zeitlang kritisch. Aber nun ist der Triumph, daß es doch geglückt ist, um so größer. Auch wir wollen heute ein Fest feiern. Ich bin diese Tage unausgesetzt bei den Grönländern »mit dabei« gewesen und habe nach Maßgabe meiner Kräfte mitgeschuftet. Die Grönländer sind dabei immer gewandter auf dem glatten Eis geworden und gehen jetzt mit bloßen Kamikkern fast ebenso sicher wie wir mit Steigeisen, übrigens hat sich gezeigt, daß sie sehr gut die Grödeln unter den Kamikkern tragen können.« »29. Juli, abends. Noch einmal ein Tag mit prächtigem Wetter und prächtigem Fortschritt! Wir ließen zuerst eine Anzahl leichter Traglasten bis zum Depot VI hinauftragen, das wir in zwei Stunden erreichten, spannten dann an und fuhren acht Kisten bis auf das Plateau oberhalb des Gletschers hinauf, etwa 2 km jenseits des Depot VI. Es ging sehr glatt. Nur bei den Firnspalten fuhren die Grönländer – Johann ausgenommen – nicht wendig genug, so daß etwa 10 Hunde in die Spalten fielen. Da die meisten Grönländer als Zugleinen das ziemlich dünne Bindegarn verwendeten, das allmählich zerschlissen ist, rissen dann die Zugleinen, und die Hunde fielen hinab. Einmal mußte sich Sorge abseilen und mit dem Hund im Arm wieder Hochziehen lassen. Ein andermal stieg Loewe, sogar unangeseilt, in eine Spalte hinab. Johann fuhr glänzend, er kam schon mit leerem Schlitten zurück, als wir die Hunde aus den Spalten holten. Auf der Rückfahrt über die obere sehr ebene Fläche guten Eises konnten wir alle auf den Schlitten sitzen. Als wir wieder beim Depot VI angelangt waren und die Schokolade ausgeteilt wurde, erhoben plötzlich die Grönländer ein Jubelgeschrei: Tobias kommt! Sie hatten mit ihren scharfen Augen die »Krabbe« auf eine Riesenentfernung entdeckt. Der Abstieg ging dann natürlich schnell vonstatten.« – Soweit mein Tagebuch. Nunatak »Scheideck« Als ich mit den Grönländern an Bord der »Krabbe« nach Uvkusigsat abfuhr, um sie dort zu entlohnen, und unser Depot VI mit bloßem Auge oben über dem Bruch liegen sah, konnte ich mit mir zufrieden sein. Wenn das Hinausschaffen des Gepäcks auch schwierig gewesen war, so hatten sich die Vorbereitungen dazu doch als ausreichend erwiesen, und die Unternehmung war trotz widrigen Wetters und der anfänglichen Bedenken der Grönländer vollständig geglückt. Und damit war die Voraussetzung für die Erfüllung auch der weiteren Aufgaben verwirklicht, die wir auf dem Inlandeis hatten, nämlich zunächst unseres wissenschaftlichen Programmes und dann einer Hundeschlittenreise ins Innere. Unsere Eisdickenmessungen sollten sich durch die ganze Randzone des Inlandeises hindurch bis zum Beginn des Firngebietes erstrecken. In der nächsten Zeit mußten also gleichzeitig Transporte geleistet und beobachtet werden. Um meine Kameraden von den ersteren zu entlasten, beschloß ich, drei Grönländer noch für eine weitere Woche anzuwerben. Zusammen mit Johann konnten sie in unseren beiden kleinen Zelten wohnen. Als ich am 31. Juli wieder zur Kamarujuk-Bucht zurückkehrte, brachte ich daher wieder drei unserer Grönländer mit, die daheim ihre Ausrüstung ergänzt hatten, sowie etwas Hundefutter und zwei neue Hunde als Ersatz für den ertrunkenen und einen zweiten, der uns entlaufen war und als verloren gelten mußte. Abends fuhr Tobias mit der »Krabbe« nach Umanak zurück. Er hatte den Auftrag, am 9. August wieder am Aufstiegsgletscher zu sein, um die drei Grönländer nach Uvkusigsat zurückzubringen. Diese eine Nacht schliefen wir noch in unseren Zelten unten am Wasser. Am nächsten Tag sollte der Zeltplatz bis oberhalb des Gletschers verlegt werden. Als wir eben einschlafen wollten, wurden wir durch ein gewaltiges Donnern neben uns an der südöstlichen Bergwand erschreckt. Kleinere Steinfälle hatten wir ja an dieser 800 m hohen Wand aus brüchigem Paragneis alle Augenblicke erlebt. Aber dies war ein Bergsturz! Die Hauptmasse blieb auf halber Höhe auf einer Schutt-Terasse liegen, und hier breitete sich alsbald eine riesige Staubwolke aus. Von da sprangen nur einzelne Blöcke, die mehr Fahrt hatten, zu uns herunter. Sie hatten gerade die Richtung auf unsere Zelte, blieben aber auf der Schutthalde am Fuß der Wand, etwa 200 m von uns entfernt, liegen. Die Grönländer stürzten erschreckt aus ihrem Zelt und flüchteten, beruhigten sich aber bald wieder, als sie sahen, daß wir dies Schauspiel nur aus der geöffneten Zelttür beobachteten. In der Tat war uns sofort klar, daß wir von diesem Sturz nichts zu befürchten hatten. Ging freilich ein Bergsturz großen Stils an dieser Stelle nieder, so gab es kein entrinnen, ob man im Zelt blieb oder nicht. Wir waren eben wieder in unsere Schlafsäcke zurückgekrochen, als das Donnern aufs neue begann: ein zweiter Bergsturz an gleicher Stelle und etwa von gleicher Stärke! Bereitete sich hier Größeres vor? Sollte die Expedition in der letzten Nacht, die sie hier unter der Wand lag, noch verunglücken? Es war nicht ganz leicht, wieder einzuschlafen. Aber wir sollten ja morgen unsere Kräfte gebrauchen, und schließlich glückte es auch. Und es passierte auch weiter nichts im Lauf der Nacht. Es war nur eine jener zahllosen Vorführungen, die Mutter Natur veranstaltete, um uns diesen Sommer in Grönland möglichst abwechslungsreich zu machen. Föhnstürme, Kalbungswellen, Eislawinen, Randsee-Entleerungen, Gletscherspalten gehörten auch dazu. Ich schrieb einmal in mein Tagebuch: »Es ist sonderbar mit unserer Expedition, mit irgend etwas sind wir immer ›im Druck‹«. Und das traf buchstäblich zu bis zum letzten Tage, an dem die »Krabbe« noch beide Schraubenflügel verlor. Am Abend des nächsten Tages saßen wir todmüde, aber sehr zufrieden, in unserem Zelt in 900 m Seehöhe auf dem Inlandeis. Am Meere lag jetzt nichts mehr, was wir hier oben brauchten; alles, was wir nicht schon hier hatten, lag bei Depot VI oberhalb des Gletscherbruches. Die Traglasten bis zu diesem Depot hinauf waren schwer gewesen, und mein Stoßseufzer: »Oh dieser Gletscher!« entwickelte sich mehr und mehr zum geflügelten Wort. Aber tröstlich war es eben doch bei dieser Aufstiegslinie, daß jeder Meter, den man stieg, endgültig gewonnen war. Es war übrigens nicht leicht, die Zelte auf dem festen Eis zum Stehen zu bringen. Die Heringe schmolzen im Handumdrehen wieder heraus. Schlimmer noch waren die Wassermengen auf der Eisoberfläche. Wir mußten ein Netz von Kanälen rings um das Zelt anlegen, um zu verhindern, daß die zahlreichen und ständig wechselnden Rinnsale ihren Weg durch das Zelt nahmen. Die als Unterlage dienenden Renntierfelle, die seit dem Regenwetter am Fjord nicht wieder richtig trocken geworden waren, saugten das Schmelzwasser wie ein Schwamm auf und begannen zu faulen, so daß die Haare büschelweise ausfielen. Nach ein paar Tagen verlegten wir deshalb den Zeltplatz auf einen kleinen, 2 km entfernten Nunatak, der an der Eisscheide zwischen Kamarujuk-Gletscher und Kangerdluarsuk-Gletscher liegt. Wir nannten ihn »Scheideck«. Es war eine Erlösung, wieder auf trockenes Land zu kommen, Schlafsäcke und Renntierfelle wieder trocknen zu können und ebenso unser durchnäßtes Schuhzeug. Dieser kleine Nunatak Scheideck, »unser Nunatak«, war uns stets eine freundliche, willkommene Aufenthaltsstätte, wenn auch kein Pflänzchen auf ihm wuchs. Und die Aussicht von dort war herrlich! Man sah über beide Gletscher hinweg, die sich zwischen drei Hochlandfirnen hinabsenkten. Alle Augenblicke gingen Eislawinen namentlich von der den Kangerdluarsuk-Gletscher nördlich begrenzenden Felswand herab. Und auf der anderen Seite das Inlandeis! Er ist uns ans Herz gewachsen, der kleine Nunatak »Scheideck«! Auf ihm fühlten wir uns geborgen. Hier feierten wir auch unsere Wiedervereinigung nach unseren Schlittenreisen. In den folgenden Tagen waren immer Loewe und Sorge mit Eisdickenmessungen und die Grönländer mit Transporten beschäftigt. Georgi und ich pendelten zwischen der Wissenschaft und der Transportarbeit hin und her; bald halfen wir den Grönländern, bald machten wir Abschmelzbohrungen oder Strahlungsmessungen oder anderes. Dem weiteren Vorschieben des Depots ging eine Erkundung voraus, die Georgi und ich auf Ski durchführten. Leider zeigte sich dabei, daß das Gelände vor uns stark von Spalten durchsetzt war. Einmal brach ich gleichzeitig mit beiden Skiern bis zu den Schultern in eine gleichgerichtete Spalte ein, und wir hatten nicht einmal ein Seil mit! Wenige Minuten später brach ich noch einmal mit dem einen Ski ein. Die Spalten waren hier mit Neuschnee so gut zugedeckt, daß nicht das geringste Anzeichen von ihnen zu erkennen war. Da den Grönländern – immer mit Ausnahme von Johann – die Spalten sehr unheimlich waren, gingen wir bei dem ersten Weitertransport alle mit, und zwar, gingen wir angeseilt auf Ski voraus, während die Grönländer Anweisung hatten, auf den Schlitten zu sitzen. Wir kamen auf diesen 9 km über mehr als 100 Spalten, die größtenteils durch eine lockere Schneebedeckung unkenntlich waren, und mußten schließlich zwischen zwei solchen Spalten Halt machen und abladen, da den Grönländern die Sache zu unheimlich wurde. Hätten wir damals gewußt, daß wenige Meter vor uns die letzte Spalte lag, die wir überhaupt auf unserem Kurs nach Osten treffen würden! Auch die weiteren Depotfahrten nach diesem »Depot zwischen den Spalten« gingen alle glatt. Als Tobias mit der »Krabbe« kam, waren wir fertig. Georgi und ich begleiteten die drei Grönländer zum Fjord hinab und benutzten diese Gelegenheit, um an verschiedenen Stellen auf dem Gletscher noch Abschmelzbohrungen auszuführen. Wir erhielten im ganzen fünf solche Stationen. Sie lagen in 40, 270, 570, 970 und 1210 m Seehöhe und verteilten sich längs einer westöstlichen Linie von der Gletscherzunge bis zu unserem späteren Zeltplatz »am Bach«, der 17 km östlich von »Scheideck« lag. Obwohl diese Stationen natürlich mit dem Gedanken an eine Nachmessung im nächsten Jahre angelegt wurden, wo sie dann den Betrag der jährlichen Abschmelzung liefern werden, konnten wir doch schon jetzt bei unseren wiederholten Besuchen Werte für die tägliche Abschmelzung ableiten. Die größte tägliche Abschmelzung betrug 5–6 cm und wurde etwa Anfang August in den niedrigeren Seehöhen gefunden. Diese außerordentlich starke Abschmelzung – im Monat 1 ½ m! – gibt die Erklärung dafür, daß die von uns geschlagenen Stufen immer wieder so schnell verschwanden. Die Beobachtungen zeigen ferner deutlich die Abnahme der Abschmelzung bei fortschreitender Jahreszeit im August und September und auch die Abnahme mit der Seehöhe. Die oberste Station, in 1210 m Seehöhe, ergab als tägliche Abschmelzung nur noch Bruchteile des Zentimeters. Wir befanden uns hier schon nahe an der Firngrenze, wo Abschmelzung und Zuwachs sich die Waage halten. – Georgi und ich kehrten nach Entlohnung der Grönländer in Uvkufigsat nicht sogleich zu unseren Kameraden zurück, die bei »Scheideck« mit Eisdickenmessungen beschäftigt waren. Wir hatten erst noch ein kleines Zwischenspiel zu erledigen. Johann hatte uns nämlich erzählt, weiter nördlich in dem von uns nicht mehr besuchten Fjord Kangerdluk (= Fjord) liege etwas südlich von dem großen Rink-Gletscher ein kleinerer, vom Inlandeis herabkommender Gletscher, der fast nicht kalbe, und dessen Oberfläche, wie er selbst durch Begehung festgestellt habe, ganz spaltenfrei sei. Er halte diesen Gletscher für unsere Zwecke für geeigneter als den Kamarujuk-Gleischer. Die Unterhaltung mit Johann war allerdings nicht so wortreich. Er verstand kein Wort Dänisch. Er hatte uns auf der Karte diesen Gletscher gezeigt und dazu gesagt: »Imera ajing, Kamarujuk ajorpok!« (vielleicht gut, Kamarujuk schlecht!), und dann hatten wir, zuerst mit dem Lexikon, dann mit Tobias als Dolmetscher, das übrige aus ihm herausbekommen. Ich hatte allerdings sofort große Bedenken gegen diese neue, von Johann vorgeschlagene Aufstiegslinie. Für dies Jahr kam sie ohnehin nicht mehr in Betracht, denn wir waren ja mit unserem ganzen Gepäck schon oben. Aber auch für unsere nächstjährigen Pläne glaubte ich nicht an die Brauchbarkeit der neuen Aufstiegslinie. Denn Rinks-Gletscher ist einer der großen Schnelläufer und sehr produktiv, und der Kangerdluk ist daher einer der berüchtigten Eisfjorde. Johann behauptete zwar, es sei »nami siko« – kein Eis – im Fjord, aber wenn dies auch für diese Jahreszeit zutreffen mochte, so war der Fjord doch sicherlich erst einen Monat später befahrbar als die Kamarujuk-Bucht. Aber wie dem auch sein mochte, es war schwer, eine solche Behauptung ungeprüft zu lassen, und in der Nacht zum 10. August fuhren Georgi und ich kurz entschlossen von Uvkufigsat zum Kangerdluk und in ihn hinein. Nur an der Mündung, bei der Karrat-Insel, standen die Eisberge so gedrängt und war das Wasser zwischen ihnen so mit Kalbeisbrocken bedeckt, daß wir die Fahrt verlangsamen mußten. Das Innere des Fjordes war richtig, wie Johann gesagt hatte, fast eisfrei. Der hier fast immer wehende stürmische Föhn beförderte im Verein mit starkem Strom alle neu entstehenden Eisberge schnell hinaus. Am Nachmittag des 10. trafen wir unangefochten beim Gletscher ein und ankerten unmittelbar neben dessen Front, im Angesicht der imponierenden Bruchwand des Rink-Gletschers, wo alle Augenblicke Kalbungen vor sich gingen. Wir mußten aber die Erkundung wegen Regens noch auf den nächsten Tag verschieben. Eine Gesellschaft von 23 Grönländern, die hier mit Frauenboot und sechs Kajakken dem Seehundsfang nachgingen, halfen uns, die Zeit zu vertreiben. Als wir am Lande bei ihnen saßen, und Tobias sich einen Bissen Seehundfleisch aus ihren Kochtöpfen schmecken ließ, wurde ich nach meinem Vornamen gefragt. Die Frau eines der Fänger erwartete ein Kind, und wünschte diesem meinen Namen zu geben, zur Erinnerung an dies denkwürdige Zusammentreffen! – Ob es nun wirklich Alfred heißt, auch wenn es ein Mädchen geworden ist, habe ich leider nicht mehr feststellen können. In der Nacht wurden wir, wieder einmal, mit Kalbungswellen beglückt. Sie ließen an Stärke nichts zu wünschen übrig, aber es war kein Eis in der Nähe, und da war es nur halb so schlimm. Die Anker hielten, nur unsere Trosse, die am Land um einen sehr großen Stein herumgelegt war, riß sich los. Wir zogen sie einfach ein und lagen dann viel besser, da der starke Strom, der parallel zum Ufer lief, uns immer in gleicher Richtung hinter den Ankern hielt. Am folgenden Mittag begannen Georgi und ich unsere Gletscherwanderung, die 12 Stunden dauerte. Wir gingen den Gletscher etwa 8 km weit hinauf. Die untersten 7 km waren in der Tat vollkommen spaltenfrei, aber doch ziemlich uneben und so flach, daß wir nach sechs Stunden mühsamen Marsches erst 250 m Seehöhe erreicht hatten. Beim Kamarujuk-Gletscher war man schon in einer Stunde ebensoweit. Dann aber standen wir vor einem ausgedehnten Bruch voll wilder Spalten, der, wenn überhaupt, mindestens ebenso schwierig für Fußgänger passierbar war wie derjenige beim Kamarujuk-Gletscher, und dabei etwa dreimal so lang war wie jener. Und jenseits dieses Bruches schienen noch weitere Bruchzonen zu kommen. Damit war einwandfrei festgestellt, daß der Kamarujuk-Gletscher als Aufstiegslinie weit überlegen war. Später haben übrigens Loewe und Sorge auf ihrer Schlittenreise gesehen, daß auch das Hinterland des von Johann vorgeschlagenen Gletschers reisetechnisch große Schwierigkeiten bietet. Lager »Abschied« Unsere Aufgabe war damit erledigt, und wir kehrten zur »Krabbe« zurück, die wir um Mitternacht erreichten. Die lange Wanderung über die apere Gletscherzunge hatte uns Gelegenheit geboten, viele interessante Abschmelzerscheinungen zu beobachten. Große, ¾ m tiefe wassergefüllte Mittagslöcher bildeten mit ihrer regelmäßigen halbmondförmigen Gestalt ein dankbares Studienobjekt. Bisweilen waren sie ausgeartet zu größeren Teichen mit auffallend ebenem Boden, der zu der übrigen unebenen Eisoberfläche in sonderbarem Gegensatz stand. Von Blaubändern mit Verwerfungen trafen wir Hunderte von interessanten Beispielen. Wunderbar war es, wieder in die gemütliche Kajüte der »Krabbe« zurückzukehren. Es war jetzt um Mitternacht schon ziemlich dunkel, aber Lampe und Primus brannten, der Tisch war gedeckt, und Tobias hielt gebratene Seehundleber für uns bereit! Und hinterher gab es noch Tee und eine Zigarre. Die Natur hier im Kangerdluk ist von einer niederdrückenden Wildheit und Unzugänglichkeit. Stundenlang fährt man an 1000 m hohen Felswänden entlang, wo kein Fußbreit einer Schutthalde oder eines Uferstrandes vorhanden ist. Hängegletscher schauen über die Wandränder und senden Eislawinen herab. Auf unserer Gletscherwanderung sahen wir eine solche Eislawine herabstürzen und hörten noch eine andere, die wir nicht sehen konnten. Selbst die Bäche müssen Hunderte von Metern in wilden Wasserfällen durch die Luft stürzen, um herabzukommen. Und unten im Fjord rasen Kalbungswellen am Ufer entlang, wälzen sich Eisberge und geht ein reißender, von Moränenschlamm getrübter Strom nach außen. Und darüber hinweg braust der Föhnsturm! Im nächsten Fjord, gegenüber dem Ostufer der Upernivik-Insel, waren wir Zeugen eines Felssturzes. Die Staubwolke hielt sich solange, daß Georgi sie photographieren konnte. Und bald darauf fuhren wir unter einer Wand vorbei, von der nach dem letzten Regen, also gestern oder heute, ein Felssturz herabgegangen sein mußte. Es läßt sich nicht leugnen: Mutter Erde beträgt sich in dieser Gegend nicht sehr mütterlich! Der Sprung über die Gletscherspalte... .... so daß etwa zehn Hunde in die Spalte fielen. Aber in unserer Kajüte fühlen wir uns geborgen. Unser braves Boot mit seinen eichenen Planken verträgt auch harte Stöße. Auf der Herfahrt fuhren wir durch Unachtsamkeit des grönländischen Begleitmanns einmal mit voller Fahrt gegen eine große Kalbeisscholle, glücklicherweise mit dem Steven. Wir fielen alle um, die Kalbeisscholle ging entzwei, aber die »Krabbe« hielt! Und jetzt läuft sie wieder fast sechs Knoten, nachdem wir in Umanak die Reserveschraube haben aufsetzen lassen anstelle der alten, die im Torsukatak etwas verbogen wurde. Durch diese Maßnahme hat sich auch der Husten des Motors gelegt; die Fehlzündungen entstanden nur durch Überlastung des Motors infolge der verbogenen Schraube. Auch der Anker, den ein Eisberg im Hafen von Umanak zerdrückt hatte, ist wieder repariert, und die »Krabbe« ist vom Bug bis zum Heck tipp-topp! Als ich so in der gemütlichen Kajüte saß, hatte ich eine Vision. Vielleicht war ich auch eingeschlafen und träumte. Ich saß bei warmem Sonnenschein in einer blühenden Rosenlaube – es waren Crimson Rambler – in einem bequemen Lehnstuhl. Meine Frau saß neben mir und las mir den Bericht über unsere Hundeschlittenreise auf dem Inlandeise vor! Das war unzweifelhaft angenehmer als sie zu machen! Schade nur, daß ich nicht behalten habe, wie sie verlief. Ich hätte das damals gern gewußt! Wir beeilten uns, wieder zur Kamarujuk-Bucht zurückzukehren und gingen wieder zu unseren Gefährten nach »Scheideck« hinauf. Wir hatten jeder etwa 25 kg zu tragen und stöhnten wieder sehr: »Oh dieser Gletscher!« Aber als wir oben waren, waren wir doch sehr befriedigt, daß es möglich ist, mit so schwerem Gepäck in 10 Stunden vom Fjord die 900 m bis zum Nunatak Scheideck hinauf zu gehen. Wir brachten frisches Seehundsfleisch und Teebrötchen mit – letztere ein Geschenk von Frau Winterberg – und dies bildete die materielle Grundlage für das Fest der Wiedervereinigung. Unsere Kameraden waren inzwischen nicht untätig gewesen. Sowohl Sorge wie Loewe hatten jeder eine Station für Eisdickenmessung erfolgreich erledigt; Sorge hatte im Einzugsgebiet des Kamarujuk-Gletschers eine Eisdicke von 300 m gemessen und Loewe auf dem oberen Kangerdluarsuk-Gletscher eine Dicke von 600 m. Wir konnten also jetzt den Zeltplatz weiter auf das Inlandeis hinauf verlegen. Dazu mußten wir nun erst einmal Hundekutscher werden. Wir hatten vier Schlitten und vier Gespanne, waren aber fünf Personen. Einer mußte also Passagier bleiben. Es kostete mich, wie ich gestehen muß, Überwindung, aber ich rang mich doch schließlich zu dem Entschluß durch, selbst die Rolle des Passagiers zu übernehmen. Ich kannte immerhin das Hundekutschieren von der Danmark-Expedition her, meinen Kameraden aber war es neu, und sie legten begreiflicherweise alle den größten Wert darauf, selber in dieser edlen Kunst Erfahrungen zu sammeln. Die drei verfügbaren Hundegespanne – Johann besaß ja ein eigenes – wurden also verteilt, ebenso die Schlitten, und als erste Amtshandlung mußten die neugebackenen Hundekutscher ihre Hunde füttern. Johann bekam viel Arbeit mit den Hundegeschirren. In der Zwischenzeit, wo er alleiniger Herr über 31 Hunde gewesen war, war ihm die Arbeit etwas über den Kopf gewachsen, und die Hunde hatten viele Geschirre und Zugleinen gefressen. Aber schließlich kamen wir dank Johanns Geschicklichkeit mit allem in Ordnung, und am nächsten Tage ging es auf die erste eigene Schlittenfahrt. Diese erste Fahrt war nicht etwa eine bloße Probefahrt, sondern gleich eine Nutzfahrt. Wir fuhren alles beim Zeltplatz entbehrliche zunächst bis zum Depot zwischen den Spalten und dann noch 6 km weiter bis zu einem Oberflächenbach, der im Augenblick unpassierbar war und uns gerade den Weg versperrte. Und obendrein führte der Weg durch das oben geschilderte Spaltengelände. Vielleicht erscheint dies manchem kühn, da es doch bekannt ist, wie schwer die lange Hundepeitsche zu regieren und die Hunde zu lenken sind. Aber der Erfolg zeigt, daß ich die Fähigkeiten meiner Kameraden in diesem Punkt richtig eingeschätzt habe. Es ging alles wie am Schnürchen, wenn sie natürlich auch noch nicht verstanden, eine große Kunst bei ihrer Fahrtechnik zu entwickeln. Sie wußten aber, worauf es ankommt und dann ist es ja – Gott sei Dank – sehr viel leichter, mit den Hunden auszukommen, wenn sie Lasten fahren und müde werden, als mit leeren Schlitten zu üben. Die Rückfahrt eingerechnet, legten wir an diesem Tage 32 km zurück, gewiß kein schlechter Anfang! Die Spalten waren diesmal harmloser. Sie waren durch die fortgeschrittene Ausaperung leichter zu erkennen, und dabei hielt der Schnee auf ihnen dank der tieferen Temperatur viel besser als das vorige Mal. Nur am Schlusse fiel einmal Loewes Schlitten ganz in eine offene Spalte hinein, aber da er leer war, konnten die Hunde ihn ohne Schwierigkeit halten. So verlief unser Debüt im Hundekutschieren zu allseitiger Befriedigung. Am folgenden Tag verlegten wir dann auch die Zelte bis zu dem Oberflächenbach. Hier waren wir aus dem Spaltengebiet vollständig heraus, so daß sich dieser Zeltplatz wieder gut für Eisdickenmessungen eignete. Während Sorge und Loewe hier die Messungen ausführten, holten Georgi, Johann und ich zunächst das Depot zwischen den Spalten und fuhren es dann noch ein Stück weiter nach Osten. Wir nannten dies neue Depot »B«. Bei diesen Fahrten kutschierte ich Loewes Hunde, ein besonders gut eingefahrenes Gespann. Es war lustig, wieder einmal – nach 21 Jahren! – die Hundepeitsche zu schwingen und das Tripp-Trapp all der Hundebeine vor dem Schlitten zu sehen. Schließlich verlegten wir wieder den Zeltplatz vorwärts, vorbei am Depot »B.«; der neue Zeltplatz »Abschied« lag bereits 45 km von »Scheideck« entfernt im Firngebiet. Hier sollte die letzte und wichtigste Eisdickenmessung ausgeführt werden. Daß diese Messungen schwierig waren und ein hohes Maß von Geschicklichkeit und Ausdauer von den Messenden verlangten, dürfte dem Leser schon nach der früher gegebenen Beschreibung klar sein. Schon die Sprengungen verlangten große Umsicht. Es ist wohl überhaupt nicht jedermanns Sache, mit ein paar Kilogramm Dynamit in der Tasche spazieren zu gehen. War dann das Bohrloch bis 1/2 oder 1 m Tiefe herabgeführt, so wurden die plastischen Dynamitstangen mit aller Kraft mit der Hand hineingeknetet und schließlich mit dem Skistock – nur nicht mit der Eisenspitze! – hineingedrückt. Wer das zum erstenmal sieht, erwartet in diesem Moment die Katastrophe. Aber Loewe weiß ganz genau, daß nichts passiert, wenn nur das Dynamit nicht gefroren ist und er keine zu harten Gegenstände verwendet. Schließlich bohrt er mit dem Bleistift in den Dynamitpfropfen ein Loch, und dann kommt der unangenehmste Teil der ganzen Operation, die Einführung der Sprengkapsel in dieses Loch. Die Sprengkapsel muß, im Gegensatz zum Dynamit, wie ein rohes Ei behandelt werden. Fällt sie unglücklich hin, so kann sie losgehen. Sie hat zwei Drahtenden, an welche die beiden Enden des Zündkabels angeschlossen werden. Dies Zündkabel war bei uns 50 m lang. Es war also nicht möglich, bei der Explosion mehr als 50 m vom Explosionsherd abzustehen! Bei den meisten Sprengungen, wo 1–2 kg Dynamit verwendet wurden, genügte diese Entfernung. Bei der letzten wurden aber 13 ½ kg auf einmal in die Luft gejagt; hierbei wurde Loewe ganz von Sprengstücken überschüttet. Aber da wir uns hier schon im Firngebiet befanden, so waren es nur Schneebrocken, so daß er mit einigen derben Püffen davonkam. Zur Zündung selbst dient ein kleiner Dynamo, der mit der Hand betätigt wird und auf dem Wege über das Zündkabel in dem Zündhütchen einen Glühdraht durchschmilzt. Es dauerte aber lange, bis es zur Sprengung kam. Zuerst verschwand Sorge mit den Apparaten im lichtdichten Zelt und war bis auf weiteres für die Umwelt verloren. Tagelang war er nicht wieder herauszulocken, selbst sein Leibgericht, der Pemmikan, verlor in solchen Fällen die Macht über ihn. Bisweilen saßen auch beide, Sorge und Loewe, in dem Zelt und waren nicht mehr herauszubekommen. Es war aber auch keine leichte Aufgabe, die vorläufig noch mehr auf Laboratoriumsverhältnisse als für den Feldgebrauch zugeschnittene Apparatur aufzustellen und zu justieren. Alfred Wegener Da waren tausend Kleinigkeiten, die nicht klappten. Ein kleines Glasprisma, das in den Lichtweg der Zeitmarkierung eingeschaltet war, war beim Transport herausgefallen und mußte erst wieder eingesetzt werden. Der Boden des Zeltes war nicht genügend lichtdicht, das helle diffuse Licht, das das Eis durchstrahlte, drang von unten herauf und mußte behelfsmäßig abgeblendet werden. Zur Entwicklung der photographischen Registrierung standen nur die gewöhnlichen Schalen zur Verfügung, die für lange Streifen sehr unbequem sind. Der kleine Benzin-Katalyt-Ofen, der zur Erwärmung des Zeltes und namentlich des Entwicklers beigegeben war, konnte nicht benutzt werden und zwar aus dem guten Grunde, weil wir kein Benzin hatten! Wir mußten daher unsere Zuflucht zum Meta-Brennstoff nehmen, der eigentlich zum Anzünden des Primuskochers bestimmt war. Und dann war der Apparat naturgemäß von einer Empfindlichkeit, die bei Hundeschlitten-Transporten sonst als hoffnungslos betrachtet wird. Infolgedessen konnten kleine Beschädigungen nicht ganz vermieden werden, wie der Bruch einer Gelenkfeder oder eine Verbiegung an der Zeitwippe, deren Schwingungen die Sekundenpunkte auf dem Registrierstreifen lieferten. Schneemannbau. Schlitten mit Hodometer Loewe und Sorge hatten seinerzeit Dr. Mothes bei seinen letzten Versuchen in den Alpen assistiert, aber die Bedienung des Apparates hatte doch hauptsächlich Dr. Mothes selber übernommen, und obendrein war die Apparatur jetzt teilweise abgeändert. Unter diesen Umständen war die selbständige Durchführung dieser Beobachtungen unter den viel schwierigeren Bedingungen auf dem Inlandeis für Sorge und Loewe eine Aufgabe, von der von vornherein keineswegs feststand, ob sie glücken würde. Aber sie kamen mit Ausdauer schließlich über alle Schwierigkeiten hinweg, dank namentlich der instrumentellen Geschicklichkeit Sorges. Während bei Dr. Mothes stets drei Personen tätig sein mußten – der eine im lichtdichten Zelt, der andere daneben als Signalgast, der dritte an dem weit entfernten Sprengort – arbeiteten sich Sorge und Loewe zu zweit ein, indem die Sprengung zu einem bestimmten, vorher verabredeten Zeitpunkt ausgeführt wurde. Es ist klar, daß diese Verbesserung unter den gegebenen Reiseverhältnissen von großer Tragweite für uns war. Sie wechselten ferner miteinander so ab, daß bei der Hälfte der Stationen Sorge den Registrierapparat bediente und bei der anderen Hälfte Loewe. Der andere hatte dann immer die Sprengungen auszuführen. An jeder Station mußte eine ganze Reihe von Sprengungen vorgenommen werden. Schon aus dem einfachen Grunde, weil der Sprengort etwas weiter vom Registrierapparat gewählt werden muß, als das Eis dick ist. Da man aber die Eisdicke noch nicht kennt, muß man sich wie bei der Artillerie einschießen, bis der Einsatz der reflektierten Wellen an die richtige Stelle der ganzen Wellenfolge kommt. Im ganzen haben wir vier Stationen vermessen. Die beiden ersten waren schon erwähnt; im Einzugsgebiet des Kamarujuk-Gletschers maß Sorge eine Eisdicke von 300 m, und auf dem oberen Kangerdluarsuk-Gletscher maß Loewe 600 m. Die nächste Station war beim Zeltplatz »am Bach« in 1250 m Seehöhe, schon weit auf dem Inlandeis. Hier maß Loewe eine Eisdicke von 750 m. Die letzte Messung, die wieder Sorge zufiel, wurde bereits im Firngebiet ausgeführt, nämlich, wie erwähnt, bei unserem neuen Zeltplatz »Abschied«, 45 km von »Scheideck« entfernt. Dies war der spannendste Teil der ganzen Unternehmung, weil bisher noch niemals, auch in den Alpen nicht, eine Dickenmessung im Firngebiet ausgeführt war und es von vornherein recht zweifelhaft war, ob der stark lufthaltige Firn die Erschütterungswellen genügend leitet. Hier mußten deshalb auch die größten Dynamitmengen verwendet werden, zumal man außerdem auch noch mit einer größeren Mächtigkeit rechnen mußte. Und unser Dynamitvorrat ging zu Ende! Es waren die letzten 13 ½ kg, mit denen die entscheidende Registrierung erhalten wurde! Für Sorge waren das wohl die spannendsten Momente auf der ganzen Expedition. Alles war auf eine Karte gesetzt. 10 Sekunden vor der verabredeten Zeit begann er in dem dunklen Zelt in streng durchdachter Reihenfolge alle die sorgfältig vorbereiteten Handgriffe auszuführen, die nötig waren. Ein einziges Versehen, ein Fehlgriff im Dunkeln, und der Hauptzweck unserer Reise wäre vereitelt gewesen. Aber als alles auf die Sekunde genau ausgeführt war, das Uhrwerk lief und er beobachten konnte, wie der Lichtpunkt auf dem photographischen Papier genau zur erwarteten Zeit ins Zittern geriet, einmal, – das waren die direkten Wellen, – zweimal – Hurra, das waren die reflektierten, – dreimal – das waren die nachfolgenden Transversalwellen – da wäre er am liebsten mitsamt dem ganzen Zelt in die Luft gesprungen vor Freude und mußte sich zusammennehmen, um auch noch den Schall abzuwarten, der ganze fünf Sekunden hinterher geballert kam. Da wußte er, die Registrierung war geglückt. Und tatsächlich zeigte sich dann bei der Entwicklung des Papiers, daß alle Wellenzüge gut erkennbar und die Messung einwandfrei gelungen war. Sie lieferte für die Dicke des Inlandeises an dieser Stelle den Wert 1200 m. Es war also nicht nur die erste im Firn geglückte Messung überhaupt, sondern sie ergab auch eine weit größere Eisdicke, als jemals zuvor gemessen war. Daß das Inlandeis schon an dieser Stelle eine so große Mächtigkeit besaß, war überraschend. Die Eisoberfläche hatte ja hier erst eine Seehöhe von 1500 m. Das Land unter dem Eise konnte also nur 300 m hoch sein. Und das, obwohl das Küstenland, nur 50 km westlicher, sich über 2000 m erhob! Was dürfen wir hiernach für das eigentliche Innere von Grönland erwarten? Es wäre keine geringe Überraschung, wenn sich etwa herausstellte, daß das Land im Innern Grönlands unter dem Meeresspiegel liegt! Aber natürlich besteht die Möglichkeit, daß unsere Messung gerade über einem tiefen Tal ausgeführt ist. Um dies zu entscheiden, muß eine viel größere Zahl von Eisdickenmessungen ausgeführt werden, wie wir sie für die nächsten Jahre planen. Unsere Eisdickenmessungen hatten doch mehr Zeit beansprucht, als ich vorausgesehen hatte. Am 1. August waren wir mit unserem Zelt vom Fjord auf das Inlandeis übergesiedelt; und wir schrieben schon den 21., als wir den Zeltplatz »Abschied« erreichten, wo die letzte Messung gemacht wurde. Die Fahrt dorthin war kalt, bei der Ankunft maß Georgi -18,5° C bei Schneefegen. Die tiefe Temperatur war mit wundervollen Luftspiegelungen nach oben verbunden, über den Küstenbergen erschien ihr umgekehrtes Bild, oft statt dessen auch nur Vertikalverzerrung. Diese Art der Spiegelung entsteht durch Temperaturumkehrung, d. h. wenn über einer unteren kalten Luftschicht schon in geringer Höhe wärmere Luft liegt. Ich habe in Nordostgrönland diese Spiegelung oft gesehen und auch photographiert. Die jetzige war von ungewöhnlicher Schönheit und wirkte malerisch durch die Beleuchtung der sich spiegelnden Berge. Sie standen als dunkelblaue scharfe Silhouetten gegen den leuchtenden gelbroten Abendhimmel. Aprahams Gespann Bei der vorgerückten Zeit war ich in Sorge wegen der weiteren Entwicklung unserer Unternehmungen. Mit den Eisdickenmessungen würden wir zwar fertig werden. Aber ich hätte gern nach Beendigung der Messungen noch einen Vorstoß nach Osten gemacht, und Tobias war schon zum 8. September bestellt. Johann Davidson, unser Hundekutscher Die Lösung aus diesem Dilemma war nur durch Teilung in zwei Gruppen möglich: Die Ostgruppe mußte, ohne die Messungen an der letzten Station erst abzuwarten, sofort weiterfahren, die Meßgruppe aber blieb beim Zeltplatz »Abschied« und machte zuerst in Ruhe die Messung dort fertig. Blieb dann für sie noch Zeit, so konnte sie sich noch andere Aufgaben stellen. Das sah nun sehr einfach aus, hatte aber einen großen Haken: wir hatten nur einen Primus und Kochtopf und waren jetzt auch mit dem Zelt nicht auf eine solche Trennung eingerichtet. Ich wagte deshalb anfangs gar nicht, mit diesem Plan an die Öffentlichkeit zu treten. Als aber schließlich Georgi ganz von selbst davon anfing, hielten wir Kriegsrat, und der Vorschlag fand begeisterte Zustimmung. Ich muß gestehen, ich hatte dabei ein rabenschwarzes Gewissen. Es war ja klar, die Ostabteilung mußte aus drei Personen bestehen, Georgi, Johann und mir, und da wir in der Majorität waren, so mußte uns sowohl das schöne große Zelt wie der Primus zufallen. Die Meßabteilung – Loewe und Sorge – mußte sich mit dem schon sehr defekten kleinen Zweimannszelt begnügen, konnte allerdings später nach Beendigung der Sprengungen in das lichtdichte Apparatezelt übersiedeln. Viel schlimmer aber war das Fehlen eines zweiten Primus. Wir versuchten deshalb am Zeltplatz »Abschied«, einen einfachen Kochapparat für Petroleum zu bauen. Georgi gab die Konstruktion an, und Sorge fertigte ihn an. Das Probekochen zeigte zwar noch allerlei Mängel, aber es schien doch immerhin möglich zu sein, damit Essen zu kochen. Im übrigen waren Loewe und Sorge unsere erfahrensten Alpinisten; sie blieben in der Randzone, wo die Temperatur nicht allzu tief sinken konnte, und sie behielten das am leichtesten zu behandelnde Hundegespann von Loewe. Diese Tatsachen ließen mich hoffen, daß sie den aus unserer Trennung entstehenden Schwierigkeiten gewachsen sein würden. Und der Erfolg hat mir auch recht gegeben. 6. Kapitel. Hundeschlittenfahrten Es war der 24. August, als Georgi, Johann und ich endlich von unseren Kameraden Abschied nahmen. Nun sollte es also doch noch eine richtige Hundeschlittenreise geben! Freilich konnte unser Vorstoß nach Osten zur Erkundung der Route für das nächste Jahr nicht mehr sehr lang werden. Es standen uns nur noch 14 Tage zur Verfügung. Am 6. September abends sollten wir mit unseren Kameraden wieder auf »Scheideck« zusammentreffen. Ich hatte Sorges Hunde übernommen. Das Gespann gehörte dem Grönländer Apraham aus Uvkusigsat und war mit neun Hunden das an Zahl stärkste, galt aber als das schwierigste. Der Leithund oder Baas war ziemlich bissig und ließ sich, solange er einen noch nicht kannte, gar nicht anfassen. Außerdem war eine läufige Hündin, die »schwarze Prinzessin«, im Gespann. Sie war von einer übermodernen Schlankheit, und die Art, wie sie sich aus jedem noch so engen Geschirr herauswand, hätte jeder Katze Ehre gemacht. Statt zu ziehen, pflegte sie daher ledig um das Gespann herumzutollen; und da die männlichen Hunde in ihrem jetzigen Zustande immer hinter ihr her waren, so kann man sich leicht ausmalen, bis zu welchem Grad sie imstande war, die Verzweiflung des unglücklichen Hundekutschers emporzutreiben! Der letzte Marsch bis zum Zeltplatz »Abschied« war denn auch für Sorge keine reine Freude gewesen. Ju, iu! Das mußte nun anders werden. Ich versuchte es zuerst noch einmal mit Engermachen des Geschirrs. Aber als sie beim nächsten Halt doch wieder entschlüpfte, sah ich ein, daß es so nicht ging. Johann hatte schon vorgeschlagen, wir sollten sie schlachten und aufessen. »Mamakrak!« (sie schmeckt gut!) Aber das leuchtete mir nicht ein. Ich wollte erst noch ein letztes Mittel versuchen: ich band ihr das Geschirr mit einem Bindfaden um den Unterleib herum fest. Versuchte sie jetzt, sich herauszuwinden, so schnürte ihr der Bindfaden den Leib zusammen. Und das half! Sie ist auf der ganzen Reise nicht ein einziges Mal wieder herausgeschlüpft und war einer der besten Ziehhunde! Nun hatte ich wirklich das stärkste Gespann und zugleich den am leichtesten gleitenden norwegischen Schlitten. Wir ließen natürlich Johann vorfahren, dann kam ich und als letzter Georgi. Ich mußte immer nur bremsen, um zu verhindern, daß mein Gespann neben dem von Johann auflief. Infolgedessen änderten wir bald die Gewichtsverteilung so, daß ich das größte Gewicht hatte. Trotzdem war mein Gespann bis zuletzt dasjenige, das immer am stärksten vorwärtsdrängte, und es mußte auch wiederholt, wenn Johanns Hunde müde waren, die Führung übernehmen. Im übrigen waren alle unsere Hunde durch die lange Arbeit auf dem Gletscher mehr oder weniger mitgenommen. Viele hatten blutende Pfoten, ja bei einigen waren die Pfoten bis zu den Knochen durchgelaufen. Diejenigen, die nur leicht beschädigt waren, erholten sich bald auf dem Schnee, aber viele andere bluteten weiter während der ganzen Reise. Besonders Johanns Hunde, die ja auf dem Gletscher immer am meisten hatten leisten müssen, waren in dieser Hinsicht die schlechtesten, was allerdings durch Johanns Qualitäten als Hundekutscher meist mehr als ausgeglichen wurde. Georgis Gespann war zusammengewürfelt aus Hunden verschiedener Eigentümer. Das war natürlich besonders ungünstig, da Georgi Anfänger in der edlen Kunst des Hundeschlittenfahrens war und daher ein gut eingefahrenes Gespann besonders nötig gehabt hätte. Ich hätte dies gern geändert, aber es wäre nur so zu machen gewesen, daß er Loewes Gespann bekommen hätte, das gut eingefahren war. Vom Standpunkt der reinen Zweckmäßigkeit aus wäre dies das beste gewesen, aber ich mochte es Loewe nicht antun, zumal er und Sorge schon in anderer Hinsicht soviel ungünstiger gestellt waren als wir. Georgi mußte also wohl oder übel seine undisziplinierte Hundeschar behalten und sehen, wie er mit ihr zurecht kam. Und man muß sagen, daß er erstaunlich gut mit ihr fertig geworden ist. Aber er hatte infolgedessen auch viel mehr Arbeit und Schererei mit den Hunden als wir anderen. – Am ersten Tage kamen wir erst spät fort, legten aber doch noch in 5 ¾ Stunden gegen Wind und Schneefegen 26 km zurück. Obwohl die Steigung noch merklich war, konnten wir doch etwa 2/3 des Weges auf den Schlitten sitzen. Johann machte immer Halt, wenn er meinte, daß etwa eine Stunde verflossen sein müßte. Unser Meßrad (Hodometer), das an Georgis Schlitten angebunden war, zeigte, daß diese Strecken ungefähr 5 km entsprachen. Dann schloß die Karawane wieder auf, wir entwirrten die in der Zwischenzeit meist arg verflochtenen Zugleinen der Hunde und bauten einen Schneemann, der uns den Rückweg zeigen sollte. Johann hatte allerdings keine Uhr, und so fielen die Zwischenstrecken etwas ungleich aus. Beim ersten Tagemarsch kamen z. B. unsere Schneemänner bei 4, 8½, 14½ und 20 km zu stehen. Aber das schadete ja nichts. Da Johann auch den Kurs innehalten sollte, unterwiesen wir ihn im Gebrauch des Kompasses und gaben ihm bei jedem Halt die Richtung an. Während der Fahrt war der Kompaß freilich nicht zu gebrauchen. Da mußte Johann nach der Sonne fahren, oder wenn diese nicht sichtbar war, nach der Richtung der Schneewehen oder Sastrugi oder nach dem Wind. Das war mitunter nicht ganz leicht, und namentlich am ersten Tage hatten wir denn auch einen etwas zu nördlichen Kurs. Im ganzen wich aber unser Vorstoß doch nur wenig von der rein östlichen Richtung ab. Der neue Zeltplatz, den wir »Bellevue« nannten, bot, obwohl er schon 67 km von »Scheideck« entfernt war, immer noch einen herrlichen Blick auf die Küstenberge. Südlich von unserer Route war noch der niedrig erscheinende Höhenrücken von Nugsuak erkennbar. Gerade hinter uns ragten die Zackengrate von Agpata und Rijoari über den Eishorizont empor, dann kam der von uns »Weißkugel« genannte höchste Firndom zwischen Ingnerit und Kangerdluarsuk-Fjord, daneben der Einschnitt des Kangerdluarsuk-Gletschers. Und nördlich davon eine lange Gipfelreihe, die im Raum zwischen Kangerdluarsuk und Kangerdluk liegen mußte und offenbar über 2000 m emporragte. Aber wir hatten wenig Gelegenheit, diesen Blick zu genießen. Der Wind wuchs zum Sturm, der auch den nächsten Tag über anhielt und uns zum Liegenbleiben zwang. Das war recht ärgerlich, denn unsere ohnehin kurze Reise wurde dadurch natürlich noch weiter abgekürzt. In umgekehrter Richtung hätten wir fahren können, zumal nur etwa -5° C herrschten, aber gegen den Wind hätten die Augen der Hunde zu sehr durch das Schneefegen gelitten. Die Windgeschwindigkeit maß Georgi zu 13–14 m in der Sekunde. »Wieder eine Geduldprobe«, schrieb ich in mein Tagebuch, »ja, ja, es ist immer das alte Lied: Geduld und Beharrlichkeit. Ich werde versuchen, vernünftig zu sein, und in den Schlafsack gehen. Und dabei scheint die Sonne so schön! – Nun ist die Sonne wieder auf der Türseite unseres Zeltes angelangt und neigt sich zum Untergang. Und die weiße Wüste raucht! Eine glitzernde, spiegelnde Fläche, die das rote Sonnenlicht zurückwirft. So ein Liegetag ist schwer. Wie ich mich nach Haus sehne! Am liebsten würde ich sofort umkehren und nach Haus fahren, nach Europa, nach Graz. Aber ich weiß, es geht nicht. Ich will etwas schaffen, und damit es gut wird, muß ich Ausdauer haben. Und wenn erst wieder der Schlitten knirschend über den Schnee gleitet und all die Hundebeine ihr Tripp-Trapp machen, dann geht es auch wieder, dann läßt es sich ertragen, ja dann gibt es Zeiten, wo es mir leid tut, dies nicht meinen Lieben daheim zeigen zu können. Sie könnten so bequem auf dem Schlitten sitzen; wenn sie frieren, so brauchten sie nur abzuspringen und eine Weile hinterher zu laufen. Am besten angefaßt, um den Schlitten nicht zu verlieren, sonst kann man arg aus der Puste kommen. Denn Spaß macht es nun doch einmal, das Hundeschlittenfahren!« Wir kamen also erst am 26. weiter, legten aber nun in 8 ½ Stunden 36 km zurück, obwohl Georgis Hunde vollständig versagten. Unter ihnen befand sich einer, dem die Zugleinen besonders gut schmeckten und der jede Nacht – in manchen mehrmals – den Knoten auffraß, mit dem die Zugleinen des ganzen Gespanns zusammengebunden waren. Folge: das ganze Gespann war los und ging auf Raub aus; dies ging aber nicht ohne Beißerei und Lärm ab, so daß schließlich der unglückliche Georgi auf die Szene gerufen wurde und den Anfangszustand wiederherstellte. In der Nacht vor unserem Aufbruch passierte dies zweimal, und das Ziel der besagten Raubzüge war der Sack getrockneten Haifleisches, den wir vorsichtshalber ins Zelt genommen hatten, der aber an der Zeltwand stand und für eine draußen befindliche Hundenase herrlich roch. Die Folge dieser nächtlichen Abenteuer sahen wir erst am nächsten Morgen: ein meterlanges Loch in der Zeltwand, ein Loch im Sack und ein nun leicht erklärliches Defizit an Haifleisch. Doch jede Schuld rächt sich auf Erden. Das zeigte sich auf dem Marsch. Während die braven Gespanne von Johann und mir mit erhobenen Schwänzen lustig vorwärtsdrängten, ließen Georgis Hunde die Schwänze hängen, blieben weit zurück, zitterten und konnten nicht ziehen, und schließlich bekam einer nach dem andern Muskelkrämpfe, fiel hin und konnte nicht wieder aufstehen! Bei den Stundenpausen mußten wir immer länger auf Georgi warten, das eine Mal 1 ½ Stunden! Als er endlich kam, hatte er die drei größten und schwersten Hunde seines Gespanns auf dem Schlitten liegen! Seine Hunde waren an Fischvergiftung erkrankt. Wir nahmen ihm alles Gepäck ab, so daß er nur noch seine eigenen Hunde zu transportieren hatte. Trotzdem wären wir wohl nicht so weit gekommen, wenn wir uns nicht mit der Kilometerzählung um 5 km versehen hätten. Wir bemerkten den Irrtum erst bei der Rückreise. Später hörte ich näheres über diese Vergiftung durch Haifleisch. Bereits das frische Haifleisch besitzt dies Gift und hat auf die Hunde eine berauschende Wirkung. Sie werden aber, wenn sie es täglich bekommen, bis zu einem gewissen Grad daran gewöhnt, doch gilt allgemein die Regel, daß die Hunde nur dann Haifleisch haben dürfen, wenn keine Arbeit von ihnen verlangt wird. Anders ist es mit gut getrocknetem Haifleisch. Dies enthält keine Giftstoffe und ist auch ein sehr gutes Reise-Hundefutter. Nur ist der Haken der, daß die Grönländer stets zu dicke Streifen zum Trocknen aufhängen und daß daher so ziemlich alles »getrocknete« Haifleisch, was man erhalten kann, einen ungetrockneten Kern besitzt. Man kann es an der Farbe erkennen: das gut getrocknete Fleisch ist gelb geworden, der nicht getrocknete Kern ist noch weiß. An dem neuen Zeltplatz, den wir »Hundelazarett« nannten, prüften wir unseren gesamten Vorrat an Haifleisch und vergruben etwa die Hälfte, die uns nicht genügend getrocknet erschien, im Schnee. Auch die andere Hälfte wagten wir jetzt nicht mehr vor Reisetagen zu verfüttern, sondern bewahrten sie auf für unseren Umkehrpunkt, wo wir beabsichtigten, einen Tag still zu liegen. Auf dem Marsch war mir während des Baues eines Schneemanns die Peitsche gefressen worden. Einer der drei »schwarzen Brüder«, der hinreichend nahe am Tatort in verdächtiger Stellung angetroffen wurde, erhielt die darauf gesetzten Prügel, und ich glaube auch, er hatte sie verdient. Außerdem erhielt auch der Baas Prügel, weil er daneben stand. Er quittierte sie mit Knurren, um anzudeuten, daß er unschuldig war. Und vermutlich war er auch unschuldig. Er wird nur den anderen haben fressen sehen und in seiner Eigenschaft als Baas seine Prioritätsansprüche auf alles Freßbare angemeldet haben. Aber es kommt für die Kollektiv-Psyche des Gespanns gar nicht so sehr darauf an, wer die Prügel erhält. Es muß nur auf jede Missetat eine Strafe folgen. Als Johann mir am nächsten Morgen eine neue Peitsche geschnitten hatte, waren wir aber doch so vorsichtig, alle Peitschenriemen durch Petroleum zu ziehen. Sie verloren dadurch wesentlich an Verführungskraft. Der folgende Tag brachte uns nur 21 km weiter. Den neuen Zeltplatz, der nun schon 120 km östlich Scheideck lag, nannten wir »Hundeverlust«, weil wir auf dem Marsch dahin zwei Hunde meines Gespanns verloren. Der eine war vom Baas am Vorderbein so gebissen worden, daß er es gar nicht gebrauchen konnte. Bisher war er immer auf drei Beinen mitgehumpelt, wenn auch ohne zu ziehen. Jetzt konnte er nicht mehr und legte sich einfach auf den Schnee. Eine Zeitlang hatte ihn noch Georgi auf seinem Schlitten – der norwegische Schlitten eignete sich schlecht dazu – aber der Hund wehrte sich so dagegen, daß wir ihn schließlich laufen lassen mußten. Er blieb natürlich zurück, humpelte aber in der Spur weiter und wäre uns wohl zum Zeltplatz nachgekommen, wenn nicht kurz darauf noch ein zweiter Hund liegen geblieben wäre. Dieser hatte sich schon auf dem Gletscher beide Hinterpfoten bis auf die Knochen durchgelaufen. Wir banden ihm jeden Tag aufs neue »Kamikker« aus Sackleinwand um die wunden Füße, Die Kamikker müssen am Zeltplatz sofort abgenommen werden, damit die Hunde ihre Wunden lecken können. In der Regel sind sie schon von einem Marsch so verschlissen und vereist, daß sie weggeworfen werden müssen. und bisher hatte er sich auch mitschleppen können. Jetzt weigerte er sich aber gänzlich, weiterzugehen, und mußte zurückgelassen werden. Wir hätten ihn wohl töten sollen. Aber leider hatten wir unsere Pistole nicht mit, und Johann war nicht zu bewegen, ihn auf grönländische Art zu erdrosseln, vermutlich weil er wußte, daß wir genügend Hundefutter hatten und es deshalb nicht unbedingt nötig war. Ein Grönländer tötet natürlich nicht gern einen Schlittenhund. Am Ende unserer Reise gingen übrigens noch zwei Hunde auf andere Weise verloren, so daß wir insgesamt von 33 Hunden sechs einbüßten. Bei diesem Tagemarsch verwendeten wir zum ersten Male als Wegmarkierung schwarze Papierfähnchen, die an ½ m langen Bambusstecken angeklebt waren. Wir steckten sie, ohne anzuhalten, vom fahrenden Schlitten aus in den Schnee, in Zwischenräumen von ungefähr einem Kilometer. Der folgende Tag brachte uns wieder 31 km weiter bis zum Zeltplatz »Nebelheim«, bei dem wir Nebel und Neuschnee hatten. Diese Märsche glichen einander wie ein Ei dem andern. Eine solche Reise auf dem Inlandeis ist ja von einer ungeheuren Gleichförmigkeit. Es herrscht dort ein fast vollkommener Mangel an Gegenständen. Außer denen, die man selbst mitbringt, gibt es überhaupt nur einen einzigen, der allerdings mehr als eine Million Quadratkilometer einnimmt: den Schnee. Und dennoch bietet diese aufs äußerste vereinfachte Natur dem Auge recht wechselnde Bilder. Schon das Detail der windziselierten Schneeoberfläche ist von einer bezaubernden Mannigfaltigkeit. Darüber hinweg fließt der Fegeschnee, in ständiger Bewegung und Veränderung, keinen Augenblick ruhend. Und dazu eine Beleuchtungsskala, gegen die die modernste Bühnenbeleuchtung ein Waisenkind ist, mit Effekten, die nicht nur unwahrscheinlich, sondern geradezu unglaubwürdig und unwirklich sind. Nur solange man gegen den Wind reist, treten diese Reize immer nur für seltene Augenblicke ins Bewußtsein. Im allgemeinen herrscht doch der Eindruck, daß es glücklichere Gefilde gibt, stark vor. Die Temperatur hielt sich meist zwischen -10 und -16° C, die Windgeschwindigkeit zwischen 8 und 11 m in der Sekunde. Nun weiß ich ganz genau, was der Leser denkt: das ist doch gar nichts! Ein richtiger Polarforscher, etwa vom Schlage Amundsens, sagt allenfalls, wenn die Temperatur unter -50° C « sinkt: »Es fängt an, kühl zu werden!« Nun, wenn wir -50° C gehabt hätten, so hätte ich das natürlich auch gesagt. Aber wir hatten nun einmal keine Rekordtemperaturen auf unserer Reise, und da will ich lieber in der Hoffnung, daß der Leser weiter keinen Gebrauch davon machen wird, eingestehen: Wir haben gefroren, wie wir da auf unseren Schlitten saßen, alle drei, gefroren wie die Schneider! Johann hat gefroren in seinem Renntier-Anorak, Georgi hat gefroren in seinem Hundepelz-Anorak, und ich habe erst recht gefroren in meinem Isländer mit Windanorak! Namentlich gegen Schluß des Tagemarsches, wenn die tiefer sinkende Sonne keine Kraft mehr hatte, kühlte mich der scharfe Wind bis auf die Knochen durch und erzeugte regelmäßig Zahnschmerzen, die erst wieder vergingen, wenn ich einige Zeit im Zelt gewesen war. Und die Zahnschmerzen waren nicht das einzige Übel. Zu meiner Schande muß ich gestehen, daß mein Tagebuch in diesen Tagen des Vormarsches eine wahre Jeremiade ist. Es war ermüdend, Morgen für Morgen Schlitten, Hunde und Zelt erst durch langwierige Grabungen aus den großen, über Nacht entstandenen Schneewehen zu befreien. Durch den Wind litten auf dem Marsch nicht nur die Augen der Hunde, sondern auch unsere eigenen. Johann, der sich beim Vorausfahren am wenigsten schützen konnte, bekam auf dem rechten, dem Winde ausgesetzten Auge eine sehr schwere Augenentzündung und war mehrere Tage völlig blind auf dem betroffenen Auge. Und auch ich hatte eines Nachts so starke Augenschmerzen, daß ich die Mittel gegen Schneeblindheit aus unserer Apotheke heranziehen mußte. Georgi erfror sich den kleinen Finger der rechten Hand so stark, daß eine große Blase stehen blieb. Unsere Fingerspitzen bekamen wieder – genau wie auf der Handschlittenreise – tiefe, bis ins Fleisch hinabgehende Risse, mit denen man überall hängen blieb und die stark schmerzten. Johann wurde auch tagelang durch Rheumatismus im rechten Arm geplagt, infolge von Überanstrengung durch das fortwährende Peitschenschwingen, und ich hatte eines Morgens, gleichfalls infolge von Überanstrengung beim Schneemannbauen, heftigen Rheumatismus im rechten Unterschenkel, der allerdings sofort verschwand, als ich auf dem Schlitten saß. Nein, es läßt sich nicht leugnen: Die Reise ins Innere durch die Windzone ist hart, unsäglich hart. Nur ein eiserner Wille ist imstande, sich hindurchzutrotzen! Es ist ein wilder Kampf, und wer nicht unter allen Umständen entschlossen ist, durchzukommen, auch wenn der Himmel einstürzt, der soll lieber zu Hause bleiben. Am folgenden Tag legten wir, größtenteils im Nebel, 26 km zurück. Wir nannten den neuen Zeltplatz, den wir bei aufklarendem Himmel, –14° C und dem selbstverständlichen Schneefegen erreichten, »Halo«, weil wir hier eine prächtige Nebensonnen-Erscheinung, einen sogenannten Halo, beobachten konnten. »Zahnschmerzen bis zum Zeltplatz. Schneemänner bei 5, 10, 15, 20 km. Bambusstange für Zuwachsmessung bei 15 km, mit Ringmarke in 1,50 m über dem Schnee. 18 oder 19 schwarze Fähnchen ausgesteckt. Nun haben wir uns bis 176 km durchgekämpft. Hoffentlich glückt es nun morgen, die 200 zu erreichen. Es ist eine sehr forcierte Reise. Wir führen ein Hundeleben, aber wir trotzen uns gegen den Wind durch. Auch für die Hunde ist die Reise anstrengend. Sie wimmern vor Kälte, ihr Winterpelz ist noch nicht fertig, und sie frieren sehr bei dem Wind.« Der 30. August war unser letzter Vormarschtag. Er brachte uns, bei –16° C und Schneefegen, weitere 26 km vorwärts, so daß unsere Gesamt-Entfernung von Scheideck nunmehr 209 km betrug. Die barometrische Höhenmessung ergab 2500 m über dem Meere. Es war ein himmlisches Gefühl am nächsten Morgen beim Aufwachen, daß der Großkampf zu Ende war und wir uns nicht mehr weiter gegen den Wind vorzuarbeiten brauchten. Unser Ziel war erreicht, wir hatten gesiegt! Unser Wille war stärker gewesen, als der Widerstand der Natur! Des Menschen Wille ist sein Himmelreich! Bei objektiver Betrachtung hätte ich es zweifellos viel besser haben können, wenn ich in Graz geblieben wäre und dort meine Vorlesungen abgehalten, Bücher geschrieben und zwischendurch schöne Erholungstouren in die Alpen mit Frau und Kindern gemacht hätte. Welcher Teufel hatte mich eigentlich geritten, daß ich all diese Herrlichkeiten freiwillig von mir schob und ohne jede zwingende Notwendigkeit in diese von allen guten Geistern verlassene Gegend zog, wo nur das widerliche Schneefegen herrscht? Das Sprichwort von dem Esel, dem es zu gut geht, und der deshalb auf das Eis (in diesem Falle Inlandeis) geht, paßte eigentlich in fataler Weise auf meinen Fall. Und dennoch fühlte ich keine Ernüchterung, sondern nur den Triumph, ja ein leises Bedauern, daß unsere Zeit es nicht zuließ, noch weiter zu gehen. Es war mir ordentlich feierlich zu Mute bei dem Gedanken, daß nun das letzte Ziel unserer Expedition erreicht war. Ich holte unsere deutsche Flagge heraus und befestigte sie an unserer letzten, hier als Zuwachs-Station aufzustellenden Bambusstange. Sie stand wie ein Brett in dem Wind und wirkte mit ihren frischen Farben belebend, fast aufreizend in dieser Umgebung. Nun hatten wir sie also doch schon halbwegs bis zur Mitte Grönlands getragen! Wir verwendeten den Ruhetag, um eine astronomische Längen- und Breitenbestimmung zu erhalten, eine Schneepyramide von 2 m Höhe zu errichten, eine Zuwachs-Station anzulegen, sowie durch eine Aufgrabung Dichte und Temperatur im Innern des Firns zu untersuchen. Letztere Beobachtungen wurden allerdings durch das ständige starke Schneefegen, das unser Loch immer wieder zuschüttete, so behindert, daß wir uns mit einer Tiefe von 2 ½ m begnügen mußten. Die Temperatur des Firns nahm nach unten von –12° auf –16,7° C ab, und die Dichte, die an der Oberfläche bereits den sehr geringen Wert von 0,29 zeigte, nahm bis auf 0,32 zu. Die astronomische Ortsbestimmung zeigte, daß wir etwa 20 km nördlich vom genauen Ostkurs standen und daß unser Umkehrpunkt auf 45° 30' westlicher Länge lag, in guter Übereinstimmung mit den Angaben unseres Meßrades. Am nächsten Morgen, am 1. September, begann unsere Rückreise nach Europa. Ja, bitte nicht lachen. Es war wirklich die Rückreise nach Europa, die nun begann, und wir standen sehr stark unter diesem Eindruck. Für meine Person war jetzt Graz, Blumengasse 9, ausgesprochenes Reiseziel. Das Pendel der Expedition hatte sozusagen seinen größten Ausschlag erreicht. Alles, was nun folgte, war nur noch das Zurückstreben zur Ruhelage. So ein Reiseziel verleiht Siebenmeilenstiefel. Das sollten wir noch erfahren. Es wehte wie nichts gutes, und es herrschte ein Schneefegen, daß wir nach Osten kaum hätten reisen können. Aber sobald wir auf den Schlitten saßen, war dem Wind durch unsere Eigenfahrt die Kraft genommen. Herrlich war es, sich so vom Winde treiben zu lassen. Die Hunde hatten kaum zu ziehen, so schob der Wind die Schlitten vor sich her. Ja, das war etwas anderes als auf der Herfahrt! Das konnte man sich gefallen lassen, das war die reine Genußfahrt! Behaglich im warmen Sonnenschein auf dem Schlitten sitzend, gab ich mich der Betrachtung des Schneefegens hin. Wie schön es doch war! Es sah fast so aus, als ob die Schlitten durch seichtes, schnell strömendes Wasser fuhren; nur war die Strömungsgeschwindigkeit unwahrscheinlich groß. Blickte man mit dem Winde, so erschien die Bewegung des Schnees langsamer. Man konnte dann deutlich verfolgen, wie die niedrigen Schwaden sich teilten und wieder zusammenflossen. Blickte man aber rechtwinklig zum Winde, so kam die Geschwindigkeit des Fegeschnees voll zur Geltung. Dann sah man ein jagendes, hastendes, sich überstürzendes Heer, endlos vorübereilend, an jedem Hindernis sich aufbäumend und dann wieder geradlinig über ebene Flächen gleitend. Hier konnte man die weiße Wüste bei ihrer Arbeit belauschen. Eine Sisyphus-Arbeit ist es freilich; das seine Muster, die zarten Windfurchen und -kanten der Schneeoberfläche werden fortwährend abgeändert. Hier wird abgebaut, dort angebaut. Hier ausgehöhlt, dort eingeebnet. Hier weggenommen, dort aufgetragen. In Georgi taute der beim Hinmarsch etwas eingefrorene Photograph wieder auf. Eine Menge Platten und Filme mußten daran glauben. Auch ich bekam einmal die Kino-Kamera in die Hand gedrückt und mußte von meinem Schlitten aus Georgis Schlitten in der Fahrt aufnehmen. Eine Zeitlang tauschten wir die Schlitten, weil meine Hunde auch ohne Antreiben willig liefen, so daß Georgi auf meinem Schlitten ungestörter arbeiten konnte. Ich war sehr darauf gespannt, zu sehen, wie sich unsere Wegmarkierung bewähren würde. Aber der erste Rückreisetag brachte hierüber noch keinen Aufschluß. Johann fuhr einfach auf der Spur und hätte weder Schneemänner noch schwarze Papierfahnen nötig gehabt. Es war aber doch lustig, an diesen kleinen flatternden Fähnchen vorbeizukommen. Die Hunde nahmen meist gerade Kurs auf sie, weil sie Freßbares vermuteten, aber wir jagten sie immer zur Seite, damit die Fähnchen nicht umgerissen würden. Natürlich war das sinnlos, denn sie hatten ja jetzt keine Bedeutung mehr, nicht einmal für das nächste Jahr, weil sie dann tief im Schnee begraben sein mußten. Aber man wird in solcher Umgebung leicht sentimental; wir brachten diese Gleichgültigkeit nicht auf. Wir fuhren 31 km an diesem ersten Rückreisetag und schlugen Zelt beim ersten Schneemann westlich von »Halo«. Doch schon am zweiten Tag kam es anders. Als wir aufbrechen wollten, herrschte dichter Nebel bei fallendem Neuschnee. Ich ging hinaus, um mir die Sache anzusehen. Das Ergebnis war nicht gut. Die Spur war bei dem diffusen Licht vollkommen unsichtbar, zumal sie nun auch noch mit Neuschnee bedeckt war. Unsere Wegzeichen waren im Nebel vermutlich nicht auffindbar. Wir konnten natürlich nach dem Kompaß fahren, direkt mit Kurs auf »Scheideck«. Von Depots brauchten wir nur noch »Abschied« zu finden, und wenn wir es nicht fanden, so machte es auch nicht viel aus, denn dort standen nur die Apparate für Eisdickenmessung, die wir auf der Rückreise mitnehmen sollten. Wir konnten also schlimmstenfalls zuerst nach »Scheideck« fahren und von da aus nach »Abschied« zurück. Aber – dann würden wir voraussichtlich nichts über die Brauchbarkeit unserer Wegmarkierung erfahren. Wir blieben also vorläufig liegen. Fritz Loewe Gegen Mittag hob sich der Nebel vorübergehend ein wenig, und das genügte, um uns zum Aufbruch zu veranlassen. Einen Versuch mußten wir doch machen. Und es ging erstaunlich gut! Wir legten in 5 ½ Nachmittagsstunden noch die 20 km bis zum Zeltplatz »Nebelheim« zurück. Es war eine äußerst interessante, ja spannende Fahrt. Der Anfang ging sehr gut. Kurz nachdem wir unseren Zeltplatz verlassen hatten, erblickten wir schon das erste schwarze Fähnchen und fanden dann von Fähnchen zu Fähnchen bis zum Schneemann durch, wo wir wieder aufschlossen und Zugleinen ordneten. Dann wurde es schwieriger. Der Nebel zog sich wieder zu. Die Spur, die uns immerhin etwas geholfen hatte, verloren wir, und lange Zeit fuhren wir nur nach Wind und Sastrugi, ohne eines unserer Wegzeichen zu sehen. Ich wurde schon traurig und dachte: nun sind wir wohl endgültig aus unserer Reihe heraus und werden sie kaum wiederfinden, und überlegte, ob wir unter diesen Umständen überhaupt weiterfahren sollten, – da plötzlich tauchte, genau vor uns, wieder ein Fähnchen auf! Ich war diesem kleinen Papierfähnchen so dankbar, daß ich vom Schlitten sprang und es mitnahm, um es womöglich mit nach Hause zu nehmen. Leider habe ich es einige Tage später zusammen mit der Bernina-Schaufel verloren, als sich auf meinem Schlitten unbemerkt die Zurrung gelockert hatte. Dies Fähnchen blieb übrigens das einzige, das wir zwischen dem ersten und zweiten Schneemann fanden. Das verwehte Hundegespann am Morgen. Die Hündin auf dem Schlitten Auf der nächsten fünf Kilometer-Strecke wurde es noch schlimmer. Der Nebel wurde wieder ganz dicht, und man sah gar nichts mehr. Wir fuhren und fuhren. Die Hunde liefen dauernd im Trab, wir mußten also schnell vorwärts kommen. Wo blieben nur unsere Wegzeichen? Ich fuhr immer dicht hinter Johann. Plötzlich stellten wir fest, daß Georgi fehlte. Also warteten wir. Es dauerte lange, bis Georgi im Nebel auftauchte und zu uns herankam. Er war von unserer Spur abgekommen und hatte uns aus dem Auge verloren. Er erklärte kategorisch, das sei »ajorpok« (schlecht). Das war nun nicht zu bezweifeln; denn wenn er im Ernst von uns abkam und sich im Nebel verirrte, so waren weder er noch wir in einer beneidenswerten Lage. Die Not macht erfinderisch. Um eine Wiederholung zu vermeiden, spannten wir eine Schleppleine zwischen meinem Schlitten und seinem Hundegespann aus, so daß meine Hunde mit ihrem Kraftüberschuß seinen Schlitten mitziehen halfen. Das ging ausgezeichnet und hatte die Wirkung, daß wir von da an stets zusammenblieben. Zu meinem Bedauern habe ich später gehört, daß unsere Methode nicht patentfähig ist, weil sie allgemein bekannt und in Gebrauch sei. Für uns war sie aber eigene Erfindung. Sonnenhöhenmessung am Zeltplatz »Umkehr« In der Wartezeit hatte ich seitwärts von uns ein schwarzes Fähnchen entdeckt. Dies half uns zur Spur zurück, und da zugleich auch der Nebel sich wieder etwas hob, fanden wir programmäßig alle weiteren Wegzeichen bis zum Lager »Nebelheim«. Dieser Tag war eine scharfe Probe auf die Brauchbarkeit unserer Wegzeichen gewesen! Die Schneemänner hatten uns gar nichts geholfen. Wir sahen sie bei dem diffusen Licht ungefähr erst dann, wenn wir mit der Nase gegen sie stießen. Aber das war uns nichts Neues, und wir wußten auch, daß sie bei Sonnenschein vorzüglich waren. Die schwarzen Fähnchen aber hatten sich besser bewährt, als wir zu hoffen gewagt hatten. Sogar im Nebel waren sie noch erstaunlich weit zu sehen, und das diffuse Licht verbesserte eher ihre Sichtbarkeit als daß es sie störte. Nur hätten sie etwas höher stehen sollen, um nicht durch das am Boden stets sehr dichte Schneefegen verdeckt zu werden. Auch hätten sie, um eine ganz zuverlässige Wegmarkierung zu gewährleisten, enger stehen müssen, etwa in ½ km Abstand. Aber auch so schon hatten sie uns zweimal auf die Spur zurückgebracht, und es wäre ohne sie nicht möglich gewesen, an diesem Tage zu reisen. Zeltplatz im hintern Eis Als wir am nächsten Morgen aufwachten, war strahlend schönes Wetter. Allerdings maß Georgi 10–11 Sekundenmeter, und es fegte heftig. Aber bei unserer jetzigen Marschrichtung konnte uns der Wind »gern haben«, um nicht stärkere klassische Aussprüche zu gebrauchen. Wenn nur die Sonne schien! Soviel war sicher, heute mußte es einen Rekordmarsch geben. Mit fabelhafter Schnelligkeit wurde die Zeltarbeit erledigt, und um 9 ½ Uhr setzten sich die Schlitten in Bewegung, Georgis Schlitten wieder im Schlepptau des meinigen. Und es wurde eine Rekordfahrt! Als wir um 6 ¼ Uhr nachmittags Zelt schlugen, hatten wir mehr als 60 km zurückgelegt, in nur 8 ¾ Stunden! Die Hunde liefen dauernd im Trab, und wenn Georgis Gespann über solche ungewohnte Geschwindigkeit in Empörung geriet und einen Versuch machte, in Schritt zu verfallen, so glückte es mir stets rechtzeitig, meine eigenen Hunde auf Weißglut zu bringen, so daß sie Georgis Schlitten einfach mitrissen, und dann mußten auch seine Hunde mit, ob sie wollten oder nicht. Ja sobald es merklich bergab ging, wurde ein kleiner Galopp eingelegt, ohne Rücksicht auf das Mißfallen, das eine solche Maßnahme bei Georgis Hunden auslöste. Georgi hatte bei dieser Jagd zweifellos die undankbarere Aufgabe. Auch kränkte ihn natürlich die Schleppleine etwas in seiner Ehre als Hundekutscher, doch davon ließ er sich im Interesse der allgemeinen Sache wenig merken. Es war aber auch wirklich schwierig, mit seinem Gespann fertig zu werden, das meist, zu einem hoffnungslosen Knoten verstrickt, halb ziehend und halb gezogen zwischen den beiden Schlitten einherrollte. Besonders ein junger, noch nicht eingefahrener Hund, der das Aussehen eines Affenpinschers hatte – er hieß »Lille Smule« (Kleinigkeit) – zeichnete sich dadurch aus, daß er grundsätzlich stets nach der verkehrten Richtung zog, d. h. also meist nach hinten. Nur einmal habe ich ihn aus Leibeskräften wie einen richtigen Schlittenhund nach vorn ziehen sehen, das war, als Georgi sich unter fortwährenden vergeblichen Haltesignalen unter Aufbietung aller Kräfte bemühte, seinen Schlitten zu bremsen! »Lille Smule« ist heute noch das Stichwort, auf welches Georgi sofort in Raserei gerät. Lille Smule Heute war nun der Tag, wo die Schneemänner zur Geltung kamen. Solange die schwarzen Fähnchen da waren, hatte es natürlich überhaupt keine Not. Aber die letzten 10 km lagen schon in dem Gebiet, wo nur Schneemänner standen (in 5 km Abstand). Johann versuchte immer noch, der Spur zu folgen, aber sie war so undeutlich, daß er trotz der guten Beleuchtung immer wieder davon abkam. Da waren es die Schneemänner, die uns wieder zu ihr zurückführten. Sie waren diesmal bester erhalten als bei der Handschlittenreise, hauptsächlich, weil wir sie jetzt, durch Schaden klug geworden, pyramidenförmig gebaut hatten. Burgen aus Eis Als wir am Zeltplatz »Hundelazarett« vorbeifuhren, sahen wir zum erstenmal Land vor uns. Es war einer der beiden höchsten Gipfel nördlich von unserer Aufstiegslinie, den wir hier aus 110 km Entfernung erblickten. Schon am Zeltplatz »Nebelheim« hatten wir einen großen Vogel gesehen, und jetzt auf dem Marsch flog er wieder so dicht über uns fort, daß die Hunde versuchten, Jagd auf ihn zu machen. Wir konnten jetzt erkennen, daß es ein Strandjäger (Lestris parasitica) war. Ich erinnere mich, daß wir diese Raubmöve auch bei J. P. Kochs Durchquerung erstaunlich tief im Innern beobachteten. Am nächsten Tag überboten wir noch unseren Rekord: Wir fuhren 67 km und schlugen Zelt beim Depot »B.«. Es war eine prächtige Fahrt. Die Hunde wechselten nur ab zwischen Trab und Galopp. Wieder halfen uns die Schneemänner zur Spur zurück, wenn Johann sie verloren hatte. Eine Strecke weit waren wir so weit seitwärts abgekommen, daß wir darauf verzichteten, auf kürzestem Wege zu ihr zurückzukehren und lieber ein längeres Stück neben ihr blieben. Mit dem Fernglas, teilweise vom fahrenden Schlitten aus, konnten wir aber stets die Schneemänner neben uns erkennen. Interessant war das Wiedersehen mit Zeltplatz »Abschied«. Es herrschte strichweise Schneefegen; weit vor uns lag ein glänzendes Feld mit Schneefegen, in dessen Mitte ein schwarzer Punkt sichtbar war. Mit dem Glas konnte ich vom fahrenden Schlitten aus erkennen, daß es eine künstliche, burgartig erscheinende Erhebung über das den Boden bedeckende Schneefegen sein mußte. Wir nahmen gerade Kurs darauf, und es zeigte sich, daß es Zeltplatz »Abschied« war, den wir aus etwa 12 km Entfernung gesehen hatten! Genauer gesprochen: es war eine 2 in hohe riesige Schneewehe, die die von unseren Kameraden hier angelegte Ausgrabung und die Schutzmauer ihres Zeltes vollständig begraben hatte. Du mein Himmel! Hatte sich die Wüste so aufgeregt über diese Fremdformen! Nun war die Wunde vernarbt, aber dafür stand nun diese 2 m hohe Beule in der Landschaft. Was hatten wir da angerichtet! Jahre mußten vergehen, bis unsere Verschandelung des Inlandeises endgültig ausgetilgt war. Glücklicherweise fanden wir die Eisdicken-Instrumente nicht im Innern dieser Schneewehe, sondern auf und neben ihr. Und dabei einen Brief von Loewe und Sorge, in dem sie mitteilten, daß die Eisdickenmessung hier – zum erstenmal im Firngebiet – geglückt sei und die Rekord-Dicke von 1200 m ergeben habe. Das war eine Freude! Wir luden alles auf, was von Wert war, und fuhren gleich noch weiter bis zum Depot »B.«. Dem Sonnenuntergang und den blauen Küstenbergen entgegen, gab es eine herrliche Stimmungsfahrt, immer noch im Trab, trotz der jetzt schweren Last. Die Sonne war schon untergegangen, als wir unser Zelt aufschlugen. Es wehte 11½ Sekundenmeter, aber das Zelt hielt auch diese letzte Belastungsprobe gut aus. Am nächsten Tage wurde unserer Rekordjägerei das Handwerk gelegt und zwar aus Mangel an Kilometern. Es waren nur noch elende 26 km bis »Scheideck«. Wir kamen am 5. September abends dort an, einen ganzen Tag zu früh. Es wäre freilich auch sonst nichts mit dem Rekord gewesen. Denn nun kamen wir durch die Randzone, und die war jetzt wie ein einziges Nadelkissen; sie wirkte verheerend auf die Hundepfoten. Als wir zu unserem ehemaligen Zeltplatz am Bach hinabfahren sollten, wo es noch einige Kleinigkeiten mitzunehmen gab, mußte Johann mich bitten, vorzufahren. Seine Hunde hinterließen bereits eine breite Blutspur und waren nicht mehr in Galopp zu bringen. Jenseits dieses Zeltplatzes galt es dann, die Spaltenzone bis »Scheideck« zu durchqueren. Da mußte Johann wieder vorfahren. Wir wählten jetzt einen nördlicheren Weg und hatten den Erfolg, daß hier die Spalten später anfingen und dann unter besserem Winkel geschnitten wurden als auf dem Hinwege. Wir passierten diese Strecke ohne jeden Zwischenfall. Viel trug dazu bei, daß die Schneebrücken jetzt hart gefroren waren und fast immer Hunde und Schlitten trugen. Nur einmal mußte ich abspringen und den Schlitten schnell herumdrehen, sonst wäre er in eine offene Spalte hineingefahren. Georgi verlor hier bei einem heftigen Strauß mit »Lille Smule« sein Tagebuch. Er bemerkte den Verlust erst so spät, daß wir vorzogen, erst ganz bis »Scheideck« zu fahren. Dann fuhren Johann und er mit leerem Schlitten und meinen Hunden auf der Spur zurück und fanden es glücklicherweise wieder. Das Tagebuch zu verlieren ist fast das Schlimmste, was passieren kann! Wir erwarteten unsere Kameraden am Nachmittag des nächsten Tages. Aber sie blieben aus. Als es dunkel wurde, gaben wir das Warten auf und gingen in unsere Schlafsäcke. Bei mir meldete sich das Gewissen des Expeditionsleiters. War es nicht unverantwortlich gewesen, sie ohne Primus reisen zu lassen? Und war es überhaupt recht, daß ich meine Zustimmung zu dieser Reise in der Randzone gegeben hatte, die mit ihren zahllosen Spalten ebenso viele Gefahren birgt? Zwei Mann sind im Spaltengebiet zu wenig. Fällt wirklich einer hinein, so vermag der andere ihn im allgemeinen nicht herauszuziehen. Und wenn also nun ein Unglück passiert war, was konnten wir im Grunde tun, um zu helfen? Ich hatte zwar mit Loewe und Sorge gewisse Sicherungsmaßnahmen für den Fall ihres Ausbleibens verabredet, aber tatsächlich bedeuteten diese Maßnahmen nicht viel mehr als das Eingeständnis, daß wir überhaupt nichts für sie tun konnten. In diesen wenig erfreulichen Gedankengängen wurde ich unterbrochen durch Stimmen und das knirschende Geräusch von Schlittenkufen. Gott sei Dank, da sind sie! Heraus aus dem Schlafsack, den Primus angezündet und dann hinaus und geholfen! Ein Händeschütteln. Herjemine, wie sahen sie schwarz aus! »Aber wo haben sie denn ihre Hunde?« Und nun ging es ans Erzählen! Unsere Schlittenreise nach Norden Von F. Loewe »Z. P. 5 (Abschied), den 23. August 1929 An Loewe und Sorge Ich bitte Sie, hier die Eisdickenmessung möglichst sorgfältig durchzuführen und sodann durch eine Hundeschlittenreise nach Norden und zurück nach »Scheideck« die Lage der Firngrenze und die topographischen Verhältnisse des Hinterlandes der nördlich von uns gelegenen Fjorde näher zu erkunden, und spätestens am 6. September abends wieder auf »Scheideck« einzutreffen. Sollten wir zu dieser Zeit noch nicht dort sein, so gehen Sie am 8. vormittags zur Kamarujuk-Bucht hinab unter Hinterlassung des Schlittens und warten auf der »Krabbe« bis zum 10. Sollten wir auch dann nicht eingetroffen sein, so bitte ich Sie, am 11. mit den vorhandenen Hunden wieder nach »Scheideck« hinaufzugehen und die Marschlinie bis hierher durch engere Anlage von Schneemännern und auf jede andere mögliche Weise auszubauen. Sollten wir bis zum 20. September nicht auf »Scheideck« eingetroffen sein, so bitte ich, die Rückreise nach Europa anzutreten, aber in Unmanak zu veranlassen, daß noch einmal im Herbst in der Kamarujuk-Bucht nachgesehen wird. Entsprechend werden wir, wenn Sie nicht eintreffen, am 11. eine Hilfs-Schlittenreise unternehmen, auf welcher wir die Route von »Scheideck« bis hierher durch Anlage weiterer Schneemänner und Hinterlegung von Proviant, Hundefutter und Brennstoff weiter ausbauen werden. – Ich bitte Sie, sich bei allen Entscheidungen kameradschaftlich zu einigen. A. Wegener.« Loewe geht auf Ski voraus Dieses Schreiben hatte Wegener uns bei seinem Abmarsch nach Osten am 24. August übergeben; aber erst am 31. August nachmittags konnten Sorge und ich nach Norden aufbrechen. Die letzten Tage im Lager »Abschied« waren unangenehm gewesen. Die Schneemauer vor unserem Zweimannszelt bot keinen Schutz mehr gegen das ununterbrochene Schneefegen; jeden Morgen lag der Eingang tief vergraben. Schließlich zerriß auch das Dach unter dem Druck der Schneemassen. Kleidung und Zeltboden trieften vor Nässe; Schneefall und Schneefegen machten ein Trocknen unmöglich. Der einzige Primuskocher, den wir aufs Inlandeis mitgebracht hatten, war der Ostabteilung zugefallen. Unser Kocher, aus Konservenbüchsen und Wollstreifen als Docht hergestellt, verbreitete mehr Schmutz und Ruß als Hitze. Tagelang hatten wir von ein wenig Keks und Schokolade, von rohem Pemmikan und einem lauwarmen Aufguß roher Hafergrütze gelebt. Unter diesen Umständen waren wir froh, die Eisdickenmessung zu Ende gebracht zu haben. Der Schacht, den wir noch zur Untersuchung der Firnschichtung und der Temperaturverhältnisse zu bauen begannen, erreichte nur 3 m Tiefe, da an den Grabungstagen heftiges Schneefegen herrschte und die ausgehobene Grube in kurzer Zeit wieder mit lockerem Treibschnee füllte. Die lahmen Hunde auf dem Nadeleis Doch nun ging es vorwärts. Wir hatten ein Gespann von 6 Hunden, genug, um unseren Schlitten auf guter Bahn flott vorwärtszubringen, und überreichlich, für 15 Tage, Proviant für Mensch und Tier. Der Wind kam halb von hinten, die Sonne schien, die Hunde waren wohlgenährt und ausgeruht; schnell lassen wir die meterhohe langschwänzige Schneedüne an unserem Lagerplatz hinter uns. Da es uns an Geschicklichkeit fehlte, die Hunde allein durch Peitsche und Zuruf in der gewünschten Richtung und in flotter Gangart zu halten, pflegte der eine von uns, diesmal Sorge, voranzugehen. Ich folgte hinter dem Schlitten, dessen schmale Kufen im weichen Schnee der ersten Marschstunden tief versanken. Aus der Mulde beim Lager »Abschied«, über deren Rand die höchsten Küstenberge herüberblickten, kamen wir bald auf eine jener sanften Schwellen, die die Randzone des Inlandeises gliedern. Hinter dem glatten Eishorizont hob sich die Bergwelt der Küste empor. In der Ferne grüßte Nugsuaks Hochlandeis mattschimmernd herüber. Nach Süden blickten wir in eine weite Senke hinab, in die sich die Gletscher drängen, deren Kalbeis mit Millionen Kubikmetern täglich neu den Itivdliarsukfjord füllt. Die Riesenbrüche der Gletscher zeigten im Abendlichte das bläuliche Netzwerk gähnender Klüfte. Im Westen, gegen die niedrige Sonne, standen schroffe Gipfelzacken im Wechsel mit den runden Kuppen der Hochlandeise, überspielt von mattrotem Abendlicht. Im Nordwesten aber, nördlich der großen Gletschersenke am Kangerdluarsuk-Fjord, lockte das Unbekannte, eine Welt wilder Berge, gen Norden mit eisüberströmten Felswänden ertrinkend in den sanften Bögen der Hochlandeise. Nun brannten von der gesunkenen Sonne die Bänder der Abendwolken in roten Flammen, und düster glühender Widerschein ergoß sich über Berge und Eiswüste, bis fern im Osten über den ruhigen Flächen des Inlandeises das leichenfarbene Band des Erdschattens bedrückend heraufstieg und Jupiter als erster Stern am zartgrünen Abendhimmel funkelte. Wind und Schneefegen hatten gegen Abend zugenommen. In den flachen Senken wogte die meterhohe Schneetrift wie weißer Abendnebel über den Wiesen der Heimat. Ein ziehendes Heer schneller Schneeschlangen schoß von hinten auf uns zu; mit leisem Pfeifen stob der Schnee unter Kufen und Fuß auf. Landspitzen schienen schattendunkel in der ungewissen Trübung vor uns aufzutauchen; beim Herankommen enthüllten sie sich als wenige Meter hohe Firnbuckel, die sich inselgleich aus dem Strom des Triftschnees emporhoben. Auf einem von ihnen schlugen wir unser erstes Lager »Windsbraut« auf, ein wenig erhaben über die Hauptmasse des Treibschnees, die sich vor dem Hindernis teilte und einen langen dunklen Streifen im Einerlei ihrer wogenden Wellen freigab, geschützt vor den kleinen Firnstücken, die mit weiten Sprüngen und dem Prasseln fernen Gewehrfeuers über die Fläche fetzten, aber in der vollen Gewalt des nächtlichen Sturmes. Neben dem Zelt der Schlitten und, zum Kreise gekrümmt, die Hunde, die, auf dem harten Firn ungeschützt liegend, Kopf und Pfoten sorgsam im warmen Pelze bargen. Am nächsten Tage gingen wir bei mildem Wetter und bedecktem Himmel weiter nordwärts und umrundeten im Osten in etwa 1500 m Seehöhe die weite Senke hinter dem Kangerdluarsuk-Fjord. Ich ging ohne Skier, den Skistock in der Hand, auf glatter Schneebahn voran, als ich plötzlich den Boden unter mir nachgeben fühlte. Nun waren wir ja alle schon öfters in verdeckte Spalten getreten; und die Art, in der man die Spaltengebiete des Inlandeises zu begehen pflegt und manchmal aus Gründen der Reisetechnik zu begehen gezwungen ist, muß früher oder später mit großer Wahrscheinlichkeit zu solchen Unfällen führen. Diese Erwartung mag erklären, daß ich im Augenblick des Sturzes gar keinen Schreck verspürte, sondern nur das fast befriedigende Gefühl: »Jetzt ist es also soweit.« Ehe ich noch einen weiteren Gedanken fassen konnte, fand ich mich dann etwa einen halben Meter unter der Eisoberfläche an einem kleinen Vorsprung hängend, während die losgetretene Schneebrücke und einige Eisbrocken unter mir herunterprasselten. Sorge, der schnell heranlief, half mir heraus. Merkwürdige Menschenseele, in der die Freude des Rechtbehaltens selbst das elementare Gefühl der Todesfurcht im Augenblick fast völlig verdrängen kann! Ich zog es jedoch von nun an vor, auf Skiern weiterzugehen, die infolge ihrer Länge und der größeren Auflageflache einen gewissen Schutz gegen das Einbrechen bieten; zeitweilig ließ ich mich auch auf Skiern an einer Leine hinter dem Schlitten herziehen, was die Hunde kaum beschwerte. Den ganzen Tag über standen die wunderbarsten Wolkengebilde am Westhimmel. Hoch über dem Inlandeis schwebten kleine lanzettförmige Wolkenfische mit einem Silbersaum, der sich leuchtend vom blauen Himmel abhob und über den im zartesten Farbenspiel rote, grüne und goldene Lichter huschten. Weiter draußen, über den ersten Randbergen, lasteten unbeweglich gewaltige Türme, weiß, in zahlreiche Stockwerke gegliedert, gleich dem Dach einer Pagode aus hellem Porzellan. Sie kennzeichnen den Föhnwind, in dem die Luft des Inlandeises sich stürmisch in die tiefgelegenen Fjorde hinabstürzt. Die höchsten Gipfel aber hatten die gekrümmten grauen Wimpel der Hinderniswolken aufgezogen, die sich, vom Föhnwind durchtobt, stundenlang an derselben Stelle nach Westen blähten. Am Abend konnten wir, schon am Nordrand der großen Gletschersenke, »im tiefen Schnee« unser Lager aufschlagen. Wir hatten unserem mühevoll gebauten Kocher den Abschied gegeben und kochten jetzt einfach mit petroleumgetränkten Holzspänen, zwar nicht sauber, aber weit sparsamer und schneller. Der 2. September, der letzte Tag des Marsches nach Norden, brachte uns in schneller Fahrt auf blankem Firn gegen Abend an den Südrand einer gewaltigen Gletschermulde. Im Nordosten lag ein riesiges Bruchfeld, das in breiten Treppen zum Muldenboden abstieg. Unser Weg führte abwärts quer über zahllose Reihen mehrere Meter breiter Firnspalten. Aber da die Spalten auf dem schneefreien Firn deutlich sichtbar waren und die Schneepfropfen, die sie verschlossen, sich als haltbar erwiesen, wagten wir, den Hang schräg hinabzufahren. Wohl war es jedesmal ein spannender Augenblick, wenn am oberen Spaltenrand, wo der Schnee am dünnsten zu sein pflegt, die Hunde die leichte Schneebrücke durchtraten, bis sie mit dem Schlitten auf dem festen Schnee der Mitte Halt fanden; aber ein Gefühl von Kraft und Sicherheit erfüllte uns, wenn wir mühelos in vollem Lauf den Schlitten quer über die Spalten oder längs den festen Firnstreifen lenkten. Drunten standen wir unvermittelt vor einer weithin von Ost nach West sich dehnenden Zone riesiger Türme. Wir fuhren in eine Bucht zwischen ihnen hinein, bis uns jeder Weiterweg gesperrt war und lagerten »im hinteren Eis« an einem kleinen Tümpel mit offenem Wasser, auf drei Seiten von hohen Eismauern umgeben und vor dem Schneefegen geschützt. Als das Zelt stand, sank gerade die Sonne und die Eistürme um uns glühten vor einem blaßgrünen Abendhimmel, als seien es gewaltige, ferne, von innerem Feuer strahlende Gipfel. Wo aber waren wir? Wohin strömten die Eismassen, die sich in dieser großen Gletschermulde sammelten? Die Karte versagte hier; denn alles, was wir an Fels und Eis um uns sahen, lag etwa 20–40 km weiter östlich als die letzten auf der Karte verzeichneten Einzelheiten. Konnten wir schon im Hintergrunde von Rinks-Gletscher sein, der einer der produktivsten Gletscher Westgrönlands ist? Die Größe aller Erscheinungen sprach dafür; aber dann mußte der große Kangerdlugsuak-Fjord, dessen Begrenzung die Karte allerdings als unsicher angibt, wesentlich nördlicher liegen, da wir in wenigen Stunden aus seinem Sammelbecken in das jetzt vor uns liegende gelangt waren. Wir erhofften die Aufklärung von einer astronomischen Ortsbestimmung am nächsten Tage. Leider versagte auch sie, da der behelfsmäßige künstliche Horizont, den wir aus dem Deckel einer Konservenbüchse mit etwas Petroleum darauf herstellten, bei dem lebhaften Wind kein deutliches Spiegelbild der Sonne gab. Nun stellten wir einen Ski als Wegweiser auf einem der Türme neben unserem Lager auf, ließen Zelt und Hunde zurück und brachen zu Fuß zu einer kurzen Erkundung der vor uns liegenden Bruchzone auf. Je weiter wir, bei wundervollem Sonnenschein, warmer Luft und schwachem Wind schlenderten, umso mehr wuchs unser Staunen. Wir gingen durch weite Täler, in denen Tümpel und Seen mit blaugrüner Eisdecke lagen, und über sanfte Schwellen aus weißem Firn. Um die Senken standen mächtige haushohe Türme und Mauern. Unähnlich den schmalen Säulen und Rippen tiefergelegener Gletscherbrüche, breite; wuchtige Gestalten mit horizontaler Schichtung, bald mit feiner Spitze, bald mit flacher Kuppe, aber stets festgewurzelt auf ihrer Firnunterlage stehend. Die meisten dieser Türme umzog auf der Windseite eine hohe Schneewächte; die tiefe Kehle zwischen ihr und dem Turm war von einem halbgefrorenen tiefblauen See umzogen. Hie und da ein mächtiges Tor, das Innere von gefrorenem Schmelzwasser vereist und in tiefem Blattgrün strahlend. Und durch diesen Zauberrahmen erblickten wir im Osten einen mächtigen, treppenförmig absteigenden Firnbruch, die »Orientalische Stadt«. Vor einem Jahr war ich über Persiens Wüstenstädte hingeflogen, und die Erinnerung an Schiras, an Isfahan erwachte, als ich auf diese grellweißen Mauerreihen, auf die dunklen Gassen blickte, auf die Reihen runder Eistürme, die Bazargewölben glichen, auf schlanke Türme und runde Kuppeln, Minarett und Moschee. Totenstarr lagen dort die Städte unter der Glut der Sommersonne, schwarze Schatten und leuchtendes Weiß über dem Vordergrund hellgrauen Schuttes; totenstarr standen hier die Riesentürme aus Firn und Eis, schwarz und weiß über dem hellgrauen Gletscher. Wüste hier und dort, verschieden im Baustoff, verwandt in Form und Licht. Plötzlich gähnte uns viele Meter tief ein frisch eingestürzter Riesentrichter entgegen. Noch umzog die Eiskante des einstigen Sees unter der Eisoberfläche als schmale Terrasse den mächtigen Einbruch; der Rest der Seedecke lag am Grunde des Kessels, und über sie hatten sich die vielen dicken Quadern der Kuppel aus massivem Firn gestürzt. Wie mögen diese gewaltigen Trichter entstanden sein; über wieviele solcher Riesendome sind wir nichtsahnend dahingegangen? Auffallend war, daß die ganze Turmzone keine größere Spalte zeigte, vielmehr in den zusammengestauchten Eisdecken kleinerer Seen auf überwiegenden Schub deutete. Es handelt sich hier wohl, auch nach dem Aussehen der Türme, um die Abschmelzzone des weiter oberhalb gelegenen Bruches der »Orientalischen Stadt«. Spalten traten erst wieder auf, als wir nach Querung des Turmgebietes auf den ebenen Gletscher hinaustraten. Hier, am nördlichsten Punkt unserer Reise, versuchten wir nochmals Klarheit zu gewinnen, wo wir eigentlich waren. Aber alles, was wir an Firn, Gletschern, Hochlandeisen und Felsenmauern sahen, ließ sich auf der Karte nicht wiederfinden, wenn auch sehr wahrscheinlich ist, daß wir das Hinterland von Rinks Gletscher in etwa 1350 m Seehöhe erreicht hatten. Am Nachmittag begannen wir von unserem Lager aus den Rückmarsch und zwar etwas weiter westlich, in Richtung auf Lager »Scheideck«, um, wenn möglich, in die verwickelte Topographie der Inlandeisabflüsse zwischen Kangerdluk- und Kamarujuk-Fjord einen Einblick zu gewinnen. Wir hatten das Glück, auf blankem glattem Firn die große Spaltenzone der Südumrandung ohne Schwierigkeit zu passieren. Als es dunkelte, hatten wir die Höhe des Inlandseisrückens zwischen Rinks Gletscher und dem Hinterland des Kangerdlugsuak fast erreicht. Da auf der Höhe die Schneebedeckung zuzunehmen anfing und leichtes Schneefegen einsetzte, schlugen wir um 8 Uhr abends »auf dem blanken Firn« unser Lager auf. Am nächsten Tag tauchten nach wenigen Stunden die bekannten Gipfel um den Kangerdluarsuk-Fjord wieder vor uns auf, und bald erblickten wir auch den »Schwarzen Nunatak«, auf den wir von nun an unseren Kurs richteten. Mit diesem Nunatak hatte es eine eigene Bewandtnis. Georgi und ich hatten ihn entdeckt, als wir vor zwei Monaten zum ersten Male auf dem Kamarujuk-Gletscher emporstiegen. Seitdem hatten wir seine auffallende Gestalt von verschiedenen Seiten erblickt, ohne bis vor kurzem seine Lage sicher feststellen zu können. Jetzt war er unser nächstes Ziel. Wir hofften, ihn noch am selben Abend in einem starken Marsche zu erreichen; aber als wir in die große hinter dem Kangerdluarsuk und Kangerdlugsuak liegende Senke hinabstiegen, kamen wir in ein ausgedehntes Spaltengebiet. Die Spalten folgten vielfach in wenigen Metern Abstand voneinander, sie waren breit und mit unzuverlässigen Schneebrücken geschlossen. Dazu wurde das Eis, je tiefer wir kamen, um so ungünstiger. Die auf ihm liegende Schneedecke war durch Schmelzen, Wiedergefrieren und Verdunsten in große, nadelspitze, fest ineinander verkettete Eiskristalle zerlegt. Auf ihnen wurden die Pfoten der Hunde zerschnitten und begannen zu bluten. Die Hunde versuchten hartnäckig, auf den mit weichem Schnee gefüllten Spalten entlang zu laufen. Hatte man sie glücklich quer zur Spalte getrieben, so blieben sie auf dem Eis am Spaltenrand stehen, und der Schlitten mit dem Lenker dahinter steckte auf der Spalte fest. Da man sich in dieser Lage zur Sicherung hinten am Schlitten festhalten mußte und die Hunde von dort aus nicht erreichen konnte, gab es bei fast jeder der zahllosen Spalten zeitraubenden und gefährlichen Aufenthalt. Noch mehr gefährdet war der Vorangehende, der ohne Sicherung alle diese Spalten überschreiten mußte. Es ist fast ein Wunder, daß diese Stunden ohne Unfall verliefen. Schließlich kamen wir jedoch von der Höhe nach Südosten hinunter und lagerten »im tiefen Loch«, einer Mulde mit Seeflächen zu Füßen eines großen Firnbruches. Dem »Schwarzen Nunatak« waren wir nicht viel näher gekommen. Aber der letzte Tagemarsch hatte wenigstens zwei interessante Ergebnisse gehabt. Seit wir vor zwei Monaten zum ersten Male im Kangerdluarsuk-Fjord gewesen waren, hatten wir uns nicht erklären können, weshalb durch die breite, nur von niedrigem Hügelland erfüllte und von großen Tälern durchzogene Senke am Ende des Fjords kein Gletscher zum Meeresspiegel hinabreicht. Jetzt zeigte sich, daß das Eis der großen Gletscherbucht, in der wir uns befanden, durch einen nach Nordwest führenden Taltrog zum nördlicher gelegenen Kangerdlugsuak-Fjord hin abgezapft wird. Ferner fanden wir nahe unserem Lager gewaltige Einbruchsenken, noch weit größer als die im oberen Teil von Rinks Isbrae gefundenen. Da war eine langgestreckte Mulde, mehrere hundert Meter lang und wohl 50 m breit, in der die Eisoberfläche bis zu 10 m tief gesenkt war. Ungeheure Kräfte hatten die Eisdecke in viele Quadratmeter große Platten zerrissen. Am Rande des Bruchfeldes glichen sie, horizontal oder nur schwach gesenkt liegend, einem riesigen Straßenpflaster; am Abhang waren sie steil geneigt und am Grunde stellenweise zu mächtigen Haufen übereinandergeschoben. Bei anderen, kleineren, aber immer noch riesigen Feldern war auf mehr als 100 m Erstreckung und 30 m Breite die ganze Eisdecke eingestürzt. Gewaltige Eistrümmermassen bedeckten den Boden; zwischen ihren blauen Seitenflächen öffneten sich schwarzgähnende Schlünde. Am Rande des Kessels hingen die meterdicken Eisplatten in Kanten und Simsen mehrere Meter weit über. Und über diesem Spielplatz gewaltiger Kräfte, vielleicht Einbrüchen über Flußbetten unter dem Eis, glänzten in erhabener Ruhe die weißen Wände und dunklen Klüfte der Firnbrüche. Storö Wir konnten diese Senkungszone auf den Eisrücken zwischen den Mulden gut passieren. Als wir aber in die Mitte des Gletscherbeckens hinter dem Kangerdluarsuk kamen, lagen auf dem glatten Gletschereise wieder die glasharten schiefkantigen Kristalle des Nadelkisseneises. In den höheren Lagen bildeten sie eine ununterbrochene Decke, in der Tiefe der Mulde wechselten sie mit spiegelglatten Flächen frischgefrorenen Wassereises. Hier brachen unsere Hunde fast völlig zusammen. Allen bluteten nach einigen Minuten die Pfoten. Wir hätten von vornherein alle Pfoten durch Schuhe aus Stoff, sogenannte Hundekamikker, schützen sollen, aber einmal fehlte es uns an geeignetem Material und dann glaubten wir immer, diese noch nie angetroffene Eisbeschaffenheit könnte nicht allzulange anhalten. So warteten wir auf eine Besserung, bis es zu spät war. Nun blieb uns nur noch übrig, die Hunde mit Gewalt, mit Peitschenhieben und Stockschlägen anzutreiben und gleichzeitig von den Spalten fernzuhalten, deren weichem Schneekern sie, einmal in Bewegung, mit aller Kraft zustrebten. Nur schwer entschlossen wir uns zu dieser Tierquälerei, bei der der ganze Weg mit Blut gezeichnet war; aber wir mußten, wollten wir zur verabredeten Zeit bei Lager »Scheideck« eintreffen, das Äußerste aus unseren Hunden herausholen. Langsam, langsam kamen wir so durch die Gletschermulde und an ihrem Südwestrand aufwärts; allmählich näherten wir uns dem »Schwarzen Nunatak«, den wir heute wenigstens bestimmt erreichen wollten. Wir hatten kaum Augen für die prachtvolle Umgebung, für die weite Gletscherbucht im Westen, deren Nordwand mit ungebrochenen, senkrechten, dunklen Wänden von weißkuppigen Hochlandeisen abfällt, für die regelmäßigen Spaltenbögen, die den Abfluß nach Nordosten zum Kangerdlugsuak umzirken, für den unbeweglichen kühn aufragenden »Halbierten Nunatak«, dessen oben völlig senkrechter Nordabfall nach unten in wundervoll geschwungener Parabelform verläuft: für die blauen Eisspiegel der Seen drunten in der Tiefe des Gletscherbeckens. Auch unser Schlitten wurde durch den steten Wechsel glatter und rauher Bahn, durch die gewaltsamen Rucke beim Herausreißen aus den Spalten sehr mitgenommen; und als abends um ½9 Uhr auch die zweite Stange der zum Lenken dienenden Rückenlehne brach, machten wir »am Nunatak« halt, noch 1½ km von unserem Ziel entfernt. Die Hunde rührten sich selbst beim Füttern kaum. Wir hatten geplant, die Hunde am nächsten Morgen, unserem letzten Marschtag, mit Gewalt bis zum Nunatak zu treiben und sie dort mit allen entbehrlichen Sachen liegen zu lassen. Aber schon wenige Schritte nach dem Aufbruch zeigte sich, daß selbst diese geringe Strecke für sie unmöglich war. Einige legten sich hin und waren selbst durch Schläge und Fußtritte nicht zum Weitergehen zu bewegen. Wir luden sie auf den Schlitten, um sie bis zum Nunatak zu fahren, aber bis auf die Hündin sprangen sie wieder herunter. So blieb uns nichts übrig, als sie auf dem Eis liegen zu lassen. Wir zogen selbst den beladenen Schlitten bis zum Nunatak und luden dort alles Entbehrliche ab. Der Nunatak erregte mit seinen großartigen Formen unsere Bewunderung. Mit unnahbaren dunkelbraunen Wänden schießt eine wohl 80 m hohe schmale Rippe steil aus dem Eis empor. Von Osten brandet das Inlandeis in mächtiger Front gegen das Hindernis. Man sieht förmlich, wie es in unaufhaltsamem Vordringen den starren Fels zertrümmert und zerquetscht. Auf der Luvseite ist die Felsbastion vom riesigen Firnwall umzogen. Von außen hebt er sich langsam empor, nach innen stürzt er in senkrechter, wächtengekrönter, wohl 20 m hoher Wand zu einem schmalen, wassergefüllten Graben, der im Halbkreis den Fuß des Felsens umzieht. Eine kleine Gletscherzunge schirmt, tief eingeschnitten, die schroffe Leeseite. Eine gut verteidigte Festung! In großem Bogen zieht eine mächtige Moräne vom Nunatak gletscheraufwärts. Von hier aus zogen wir den fast leeren Schlitten selbst weiter. Noch zwei Stunden ging es abwechselnd über spiegelblankes Wassereis und das Nadelkissen, das manchmal nur wie eine lose Decke auf dem Gletscher lag. Nun tauchte auf der Höhe des Hochlandeises die vertraute Landmarke des Spitzberges von Uvkusigsat vor uns auf und davor die schwarzen Felswände, die Lager »Scheideck« überragen. Gleichzeitig wurde mit dem Übertritt auf die Luvseite, wie so oft, die Schneebedeckung dichter und weicher. So kamen wir durch das harmlose Firnbecken des Kangerdluarsuk-Gletschers rasch voran. Die letzten Felswände seiner Nordumrandung waren uns jetzt zur Seite, bald im Rücken. Inzwischen war die Nacht hereingebrochen. Noch ein letztes Rutschen und Stolpern auf der glatten, von Bachrinnen durchfurchten Umgebung von »Scheideck«, und schon um 9½ Uhr abends waren wir beim Lager, noch gerade rechtzeitig nach unserer Verabredung, wenn auch in etwas kläglichem Zustand, ohne Hunde, mit zerbrochenem Schlitten, geschwärzt vom rußenden Kochfeuer. Unsere Kameraden waren schon seit dem Vortage von ihrer Ostreise zur Stelle; und während wir am nächsten Tag plauderten und aßen, fuhr Johann mit den besten Hunden zum »Schwarzen Nunatak« zurück. Am Abend des 7. Septembers kam er zu meiner großen Erleichterung mit allen unseren Hunden wieder an. Sie hatten sich nicht vom Platz gerührt; und drei von ihnen waren so schwach, daß sie auch auf weichem Schnee nicht zu laufen vermochten. Aber wir hatten sie doch nicht im Stich lassen müssen! 7. Kapitel. Der Ausklang Zurück zur Diskobucht Das Fest der Wiedervereinigung mit unseren Kameraden, das wir auf dem Nunatak Scheideck feierten, war das schönste des ganzen Sommers. Wir waren froh und stolz über die glückliche Beendigung unserer Aufgabe. Und wir durften auch zufrieden sein. Hatten wir doch, alles zusammengenommen, in diesem Sommer auf dem Inlandeise nicht weniger als 850 km zurückgelegt, eine Strecke etwa wie von Berlin bis Oberitalien! Einen Mangel an Beweglichkeit konnte uns niemand vorwerfen. Vom ersten bis zum letzten Tage hatten wir mit den Minuten gegeizt, denn wir wußten aus den Erfahrungen anderer, wie schnell dem Reisenden in Grönland der Sommer vergeht. Aber nun standen wir vor dem Ergebnis, und das war besser als wir selbst erwartet hatten. Das Hinabschaffen unseres Gepäcks von »Scheideck« zum Landungsplatz in der Kamarujuk-Bucht war schwere Arbeit. Besonders waren wir uns einig darüber, daß das Instrumentarium für die Eisdickenmessung unverantwortlich schwer war. Das Schlimmste aber waren doch die Hunde, von denen viele sich überhaupt weigerten, aufzustehen. Das war eine Arbeit, sie vom Nunatak herabzubekommen! Immer wieder brannten sie uns durch und liefen aufs Land zurück. Sie wollten um keinen Preis wieder auf dies Nadeleis. Wir mußten sie schließlich haufenweise zusammenbinden, immer gute und schlechte durcheinander, damit diejenigen, die noch laufen konnten, die anderen mitschleppten. Das war die einzige Methode, um sie über den Gletscher herabzubekommen. Es war eine Tierquälerei und nicht schön anzusehen. Aber es ging nicht anders. Wer zurückblieb, war dem Hungertode ausgeliefert. – Schon bevor wir den Bruch erreichten, sahen wir die »Krabbe« unten liegen, das gab Kräfte! Sorge winkt der einlaufenden »Krabbe« Beim Beginn des Bruches hinterlegten wir vorläufig die Hälfte unseres Gepäcks. Das konnte morgen nachgeholt werden, und der Begleitmann von Tobias konnte dabei helfen. Und dann gingen wir, jeder mit einer Traglast, zusammen mit den Hunden hinunter. Am Ufer kam uns Tobias entgegen. Man sah ihm die Freude an, daß nun alles gut ausgegangen war. Und dann erlebten wir unsere »Krabbe« wie nie zuvor. Wie eine fürstliche Luxusyacht kam sie uns vor, als wir in die blitzsaubere Kajüte hinabstiegen, und kein Passagier erster Klasse auf einem Luxusdampfer konnte es besser haben als wir hier unter der liebevollen Behandlung von Tobias. Johannes Georgi Frischen Fisch gab es! Zigarren! Und – Post! Post von Hause! Von meiner Frau und meinen Kindern hatte ich allein acht Briefe! Zunächst wurden sie chronologisch geordnet, und dann versank ich für die Umwelt. Es wurde 10, es wurde 11 Uhr, es wurde Mitternacht, ehe wir schlafen gingen. Es bereitete uns sonderbarerweise eine große Freude, zu erfahren, daß unsere Telegramme und Berichte zu Hause eingetroffen waren. Der Mensch braucht, wie es scheint, doch einen Resonanzboden für seine Taten. Wer weiß, wenn wir nicht in der glücklichen Einbildung gelebt hätten, daß unsere Arbeiten von ungeheurer Wichtigkeit wären und sozusagen aller Augen auf uns ruhten, so würde vielleicht manchmal die Qual des Augenblicks größer gewesen sein als unsere Energie. Was nun folgte, waren Ausklänge, Auflösungsarbeiten, Abwicklung. Wir lieferten in Uvkusigsat die humpelnden Hunde ab, löhnten in Umanak Johann ab und schickten ihn mit einem gerade abgehenden Motorschoner nach Hause. Während ich die Abrechnung mit Kolonieleiter Dan Möller erledigte, vermaß Loewe noch die Lage von drei Gletscherzungen auf Nugsuak, die seit v. Drygalski stark zurückgegangen waren. Und Georgi und Sorge veranstalteten eine Krabbenfahrt mit Gästen nach Ikerasak, wo sie im Hause des alten Jens Fleischer anregende Stunden verlebten. Und dann kam der Tag, wo wir Abschied nahmen vom gastlichen Umanak, unter Mützenschwingen und Flaggengruß! Auf Wiedersehen im nächsten Jahr! Wieder an Bord der »Krabbe« Die Nächte waren um diese Jahreszeit schon lang und dunkel, verschönt durch Nordlicht und Meerleuchten. Wir konnten jetzt nur bei Tage fahren. Den ersten Tag ging es bis zum Hafen Nugsuak, den zweiten bis zur Kohlenmine Kudlisat, wo Tobias seine alte Mutter und seinen Bruder wiedersah, den dritten bis Ritenbenk, den vierten bis Jakobshavn. Auch diese Fahrt war prächtig, teilweise bei stürmischem Wetter. Aber was waren diese Eindrücke gegen die eben erlebten, die uns noch ganz in ihrem Bann hielten! In Jakobshavn empfing uns Kolonieleiter Knudsen mit der Nachricht, das von uns bestellte Klepper-Faltboot für zwei Personen sei eingetroffen und könne sofort in Empfang genommen werden. Das riß uns aus unserer Heimkehrstimmung. Hier gab es doch noch Arbeit für uns! Die Vermessung des Jakobshavner Eisstromes war das einzige, was uns noch nicht geglückt war. Und nun hatten wir die Mittel dazu in der Hand. Der Jakobshavner Eisstrom ist der König unter den grönländischen Gletschern. Kein anderer der schnellaufenden Inlandeis-Abflüsse füllt so wie er seinen Fjord mit Eisbergen an. Der ganze, fast 35 km lange Eisfjord ist zu jeder Jahreszeit so mit Eisbergen und Kalbeisstücken gefüllt, daß seit Menschengedenken kein Boot jemals in ihn hineingekommen ist. Aber der Gletscher entleert auch jedes Jahr die Kleinigkeit von etwa 20 Milliarden Tonnen Eis in diesen Fjord. Die größeren Eisberge kommen auf der Fjordschwelle vor der Ausmündung in die Diskobucht, der »Eisbergbank«, durch Grundberührung fest und verhindern die kleineren herauszukommen. Nur ein paarmal im Jahre, wenn einige dieser Riesen wieder flott werden, wandern durch die entstandene Bresche ungeheure Eismengen auf die Diskobucht hinaus, die dann über und über mit Eisbergen übersät erscheint. 1913 hatte ich mit Koch der weit zurückliegenden Front des Gletschers einen Besuch abgestattet, wir hatten, ohne eine Vermessung auszuführen, doch soviel gesehen, daß er seit der letzten Vermessung stark zurückgegangen war. Eine Neuvermessung mußte deshalb sicherlich wichtige Resultate liefern. Aber es war schwer, dorthin zu gelangen. Damals, vor 16 Jahren, hatten Koch und ich eine Schar Grönländer mit einem Frauenboot angeworben, das südlich vom Eisfjord über Land zum Tasiusak getragen wurde. Dieser Tasiusak ist ein verzweigter, weitreichender Nebenarm des Eisfjords; seine einzige Verbindung mit dem Meere geht eben durch den Eisfjord und ist deshalb unpassierbar. Aber an einer Stelle reicht er so nahe an die Küste heran, daß man hier die leichten Fellboote hinübertragen kann. Und ist man erst im Tasiusak, so kann man in dessen innerem Teil der Gletscherfront des Jakobshavner Eisstromes wenigstens bis auf etwa 7 km nahekommen, die man zu Fuß über Land gehen muß. Das war die früher allgemein gebräuchliche Methode, um die Gletscherfront zu erreichen. Aber die Zeiten ändern sich. Seitdem der Hellefisch auf der Eisbergbank entdeckt worden ist, verdienen die Grönländer mit dessen Fang so gut, daß sie sich in diesem Distrikt nur noch gegen hohen Lohn für andere Arbeiten verdingen. Und damit wird die alte Reisemethode unerschwinglich. Indessen mußte dies eine wundervolle Aufgabe für ein Faltboot sein! Leider hatte das von uns bestellte nur zwei Sitzplätze. Es war natürlich vollkommen ausreichend, wenn zwei von uns diese Tour machten. In dem edlen Wettstreit, der sich über das »Wer« entspann – es war der einzige Fall, wo sich die Teilnehmer etwas in die Haare gerieten – blieben Georgi und Sorge Sieger. Sie packten sofort das Boot aus, setzten es zusammen und machten im Hafen von Jakobshavn eine Probefahrt. Und schon am nächsten Tage ließen sie sich von der »Krabbe« zu der Übertragstelle in der Bucht südlich von Claushavn fahren und hier mit Proviant für acht Tage Er bestand aus: 3 kg Büchsenfleisch, 3 Kilodosen Fleischkonserven, 1 ½ kg Kommißbrot, ¾ kg Butter, 1 kg Zucker, Tee und Fleischbrühwürfel, 4 Tafeln Schokolade, je 1 Paket Schiffszwieback und Knäkkebrot, je 1 kleine Dose Krabben und Sardinen, 2 Dosen kondensierte Milch. an Land setzen. Das war am 23. September; am 1. Oktober sollte die »Krabbe« wiederkommen und sie abholen. Loewe und ich blieben in Jakobshavn zurück und genossen die Gastfreundschaft des liebenswürdigen Ehepaars Knudsen. Wenn ich an meine Kameraden dachte, so war mir etwa zumute wie der Henne, die Enten ausgebrütet hat und ihre Jungen auf dem Wasser schwimmen sieht. Ob wirklich noch Gelegenheit war, das Versäumte jetzt nachzuholen? Damals war es zu spät – oder zu früh, wie man will. Zu spät für Schlitten, zu früh für Boote. Und war es nicht auch jetzt zu spät für Boote, zu früh für Schlitten? Wir hatten nachts bis unter -10° C, und der Hafen von Jakobshavn trug schon eine so dicke Eisdecke, daß es schwer war, die Verbindung zwischen »Krabbe« und Land aufrecht zu erhalten. Mußte der Tafiusak nicht zufrieren? Wir hatten uns zwar zu Beginn der Unternehmung in Claushavn erkundigt und den Bescheid erhalten, er sei noch offen. Aber er konnte in einer Nacht so zufrieren, daß es unmöglich war, mit dem leichten Gummiboot hindurchzukommen. Und wenn sie wirklich noch gut bis hin kamen, so konnte man mit etwa 60 % Wahrscheinlichkeit damit rechnen, daß sie nach Beendigung ihrer Messungen an der Gletscherfront den Tasiusak zugefroren finden würden. Und dann mußte die Rückkehr sehr schwierig werden. Ein Eisriese vor dem Umanak Nur die Überzeugung, daß meine Kameraden auch ungewöhnlich schwierigen Situationen gewachsen sein würden, hatte mich veranlaßt, meine Zustimmung zu dieser Unternehmung zu geben. Es fehlte nicht an Warnern und Unglückspropheten in Jakobshavn. Ein alter Grönländer sagte eines Tages in trockenem, gleichgültigem Ton zu Frau Knudsen: »Die kommen nicht zurück.« Als man mir dies erzählte, erwiderte ich: »Ja, ein Unglück kann ja immer geschehen, dem ist man nun einmal ausgesetzt bei Reisen wie den unsrigen. Aber das eine weiß ich: wenn es überhaupt möglich ist, durchzukommen, so werden sie auch durchkommen.« Und ich war Herrn Knudsen dankbar, als er schlicht dazu sagte: »Davon bin ich überzeugt«. – Und dann kam der Tag, an dem wir sie abholen sollten. Wir hatten einen Landsmann von uns, cand. Boehme, mit an Bord, der als Begleiter von Studienrätin Frl. Schmucker eine geographische Studienreise in Westgrönland ausgeführt hatte und jetzt mit ihr in Jakobshavn auf »Gertrud Rask« wartete. Als wir Claushavn anliefen, erkannten wir schon von weitem in den winkenden Gestalten am Ufer unsere beiden Kameraden. Kann man es mir verdenken, daß ich stolz auf sie war? Wir folgten ihnen hinein in die freundliche Gaststube des Leiters der Außenstelle Pavia Jensen, wo schon warmer Kaffee und Kuchen unser wartete! Und dann mußten sie erzählen! Im Faltboot zum Jakobshavner Eisstrom Von J. Georgi Zunächst standen wir mit unserer fahrenden Habe am Meeresufer und trugen zuerst die Hälfte bergauf. Von oben sahen wir den nächsten See noch eisfrei, die Oberfläche von Wellen bewegt, unsere Aussichten schienen gut. Sogleich holten wir als zweiten Teil der Last das Boot, das wir zur Zeitersparnis im aufgebauten Zustand trugen. Schon hofften wir, in einer Viertelstunde den ersten See überwunden zu haben. Da, was ist das: der See liegt ganz blind da, mit ganz glatter Oberfläche. Wirklich, er ist gefroren in der kurzen Zeit, die wir zum Heranholen des Bootes vom Meer aus brauchten! Ein böser Schlag bei unserer knappen Zeit. Für heute konnten wir nur noch bei Dunkelwerden das Zelt an der Westseite dieses Sees aufschlagen; trotzdem schliefen wir gut. Nachts und frühmorgens fiel Schnee mit Graupeln. Am 24. mußten wir nun unser Gepäck, wieder in zwei Gängen, rund um das Südende des Sees tragen, meist auf dem Neueis am Ufer, das zwar bei jedem Schritt krachte und weithin sprang, aber uns, gelegentliches Einbrechen ungerechnet, doch den sauren Weg recht erleichterte. Zwei Kaps passierten wir auf besonders dünnem Eis und über tieferem Wasser nach Eskimoart auf dem Bauch kriechend und alle Gewichte auf eine möglichst große Fläche verteilend. Dann ging's südlich um einen unbequemen Berg unter Benutzung eines Jägerpfades, und um 5 Uhr nachmittags standen wir mit unserem gesamten Gepäck am Westende des unabsehbaren Tasiusak, vor einer Ansammlung imposanter Eisberge, die es uns ermöglichten, trotz starken Ostwindes und heftigen Wellenschlages das Boot gut zu beladen und ins Wasser zu bringen. Wir wollen versuchen, diesen Arm des Tasiusak zu queren und werden einen Zeltplatz auf dem Südufer suchen. Nun kann das Boot seine hohe Qualität erweisen. Jede Welle geht über das Vorschiff, wir werden bis auf die Haut naß, aber wir liegen glänzend zu Wasser und mit dem Gefühl absoluter Sicherheit. Das gegenüberliegende Ufer erreichten wir nach einer Fahrt von ¾ Stunden. Wir hatten das Glück, einen kleinen Naturhafen zu entdecken, der vollständig Schutz bot gegen den recht kräftigen Ostwind. Hier war das Boot in Sicherheit, und im Schutz einer Gneisklippe stand bald das Zelt und brannte der Primus. Die Temperatur der Luft lag wenig unter Null, nachts und am nächsten Morgen hatten wir Schneefall, besonders stark und als Tauschnee lästig empfunden während des Zusammenpackens unsrer Ausrüstung und beim Beladen des Bootes, da auf diese Weise alle Sachen mehr oder weniger naß wurden. Am Mittwoch, dem 25. September, sind wir, da das Verpacken recht langwierig ist, erst um 10 Uhr vormittags zur Abfahrt bereit. Wir haben, um mehr Raum im Boot zu gewinnen, die hintere Schrägstrebe ausgebaut und verstauen alle schweren Gegenstände, Proviant, Photo und Brennstoff achter, Schlafsäcke, Zelt usw. vorne, und liegen dadurch gut zu Wasser. Immer wieder müssen wir die Finger erwärmen; Schneeschauer, Ostwind, ganz unsichtig. Kaum sind wir aus der Geborgenheit unsres kleinen Hafens heraus, als uns auch schon der längs des Tasiusak wehende Ostwind mit voller Gewalt von vorne faßt. Aber wir kommen doch recht gut vorwärts. Gegen 12 Uhr, nachdem der Wind inzwischen nachgelassen hat, sehen wir voraus eine kleine grasbewachsene Gneisklippe, umgeben von gefährlichen Unterwasser-Schären, die sich nur durch die Brandung verraten. In Lee der kleinen Insel finden wir etwas ruhigeres Wasser und frühstücken in der von unseren Schlittenreisen gewohnten Weise etwas Schiffszwieback mit Schokolade. Dazwischen sind immer einige Schläge mit dem Paddel nötig, um das Boot wieder in Lee zu bringen. Eben haben wir diese Insel verlassen, als wir ein sonderbares Schauspiel erleben: Während eben noch recht frischer Wind und entsprechender Seegang aus Ost herrschte, tritt ganz plötzlich eine entgegengesetzte Wellenrichtung aus Südwest auf, der Ostwind verschwindet, und innerhalb von 10 Minuten haben wir frischen Südwest vom Rücken und einen so hohen Seegang, daß wir trotz unsrer Fahrt noch gelegentlich achtern Wasser übernehmen. Wir freuen uns der unverhofften Unterstützung und können, da wir nun unmittelbar am Fuß einer 6 km langen, 400 m hohen Steilwand entlangfahren, unsere gute Fahrt voller Vergnügen verfolgen. Inzwischen sind wir querab zur Verbindung des Tasiusak mit dem Jakobshavner Eisstrom gelangt. Hierdurch steht der Tasiusak mit dem Meere in Verbindung, er hat Salzwasser mit Ebbe und Flut und ist geographisch ein Fjord. Im Grönländischen bedeutet sein Name: einem großen Binnensee ähnlich. Seehundsjagd und Fischerei von Seelachs und Helleflunder, gerade in diesem Verbindungsarm mit dem Eisfjord, läßt die am benachbarten Küstenstrich wohnenden Grönländer den Tasiusak regelmäßig besuchen. Wir sehen in die geschlossene Eismasse des Eisfjordes hinein. Einige ganz gewaltige Eisberge heben sich aus der Masse heraus und verschwinden gespenstisch mit der Spitze in den tief hängenden Wolken. Bei der Weiterfahrt längs der Steilwand verschwindet der lokale Südwestwind bald, und schon ehe wir den ersten nun zu passierenden Seitenfjord sehen, spüren wir den aus ihm herausfegenden Südwind von Stärke 5–6 mit entsprechendem Wellengang. Zwar ging unser Kurs nach Ost, aber es war aussichtslos, ihn jetzt länger beizubehalten. Das Boot wäre von jeder Welle mit ihrer vollen Gewalt von der Breitseite getroffen worden und bald voll Wasser geschlagen. Wir mußten nach Süden abdrehen und die Verlängerung des Weges in Kauf nehmen. Etwas jenseits der Mitte des Fjordes kam dann der etwas peinliche Augenblick, wo wir zu wenden hatten, um dann mit Wind halb von hinten wieder aus dem Seitenfjord herauszukommen. Es ging recht gut, und um uns in Übung zu halten, nötigten uns die beiden weiterhin an diesem Ufer zu passierenden Seitenfjorde zu dem gleichen Manöver. Der sehr breite, weit von S herkommende nächste Fjordarm war der unangenehmste, teils durch die hier im offenen Wasser bei hohem Seegang ohne jeden Schutz durch Felswände zurückzulegende Strecke von etwa 8 km, teils dadurch, daß der Wind im östlichen Teil nicht weit genug nach Westen drehte, um uns einen Kurs mit dem Winde zu ermöglichen, überdies spie dieser Fjord Massen von kleinem Kalbeis aus, das wir bei der unruhigen See teilweise erst im letzten Moment bemerken konnten. Endlich hatten wir wieder nach Passieren des südöstlichen Seitenfjordes Seegang und Wind vom Rücken und befanden uns im letzten, von uns zu durchlaufenden Fjordarm. Wir konnten eine Atempause mit den Resten unsres Frühstücks einlegen (Schiffszwieback mit Anchovispaste ist sehr zu empfehlen!), und bald waren wir bei den Inseln angelangt, die eine Bucht »Ilua« im Norden des Tasiusak begrenzen. In dieser Bucht sollte die Tragstelle zum Nunatak liegen. Das Fahrwasser zwischen der Inselreihe war, was der Seemann »unrein« nennt, d. h. mit Unterwasserklippen besetzt. Zum Glück war das Wasser sehr klar und hier zufällig ruhig, so daß wir unser natürlicherweise gegen scharfe Steine etwas empfindliches Gummiboot glücklich durch den Engpaß brachten. Wir standen vor einer weiten Bucht, in deren östlichen Arm wir hinein hielten. Aber seltsamer Weise bemerkten wir an der gegenseitigen Verschiebung der Felskulissen, daß unmittelbar östlich noch eine weitere Bucht in das Land einschneiden mußte. Offensichtlich stimmte hier in der Karte etwas nicht. Aber da es überhaupt schwierig ist, von See aus die Form solcher breiten Buchten festzustellen, hielten wir uns daran, daß die Tragstelle nach der Karte im östlichsten Zipfel der ganzen Einbuchtung liegen müsse und liefen deswegen, noch einmal gegen Wind und Seegang, die östlichste Bucht an. Hier erreichten wir das Land um 4½ Uhr nachmittags, also nach 6½ Fahrtstunden einschließlich Ruhepausen. Bei einer Gesamtstrecke von 35 km haben wir eine mittlere Fahrt von 5,4 km-Std. erreicht. Eine wunderbare Stelle hatten wir gefunden, einen schneefreien, mit Moos und Gestrüpp bewachsenen Hang, Sonnenseite während des ganzen Tages, und einen trotz der Kälte unter großen Blöcken lustig murmelnden kleinen Bach, und alles jetzt von der Abendsonne vergoldet. Heute sollten wir einmal rechtzeitig, d. h. mit Sonnenuntergang, zur Ruhe kommen, und morgen früh hofften wir unser vom Schnee der beiden letzten Zeltplätze und der heutigen Fahrt doch recht nasses Zeug zu trocknen. Das Tagebuch verzeichnet: »Guter Zeltplatz, zu Abend 1 Büchse Labskaus mit Tee, nachts windstill, aber sehr kalt, infolge nassen Schlafsacks kalte Füße.« Donnerstag, 26. September. Morgens legen wir unsre Schlafsäcke, Wollstrümpfe und Handschuhe zum Trocknen in die Sonne. Um 10 Uhr gehen wir zu einer Erkundung auf die unseren Lagerplatz nach Nordost begrenzende Anhöhe. Wir zweifeln nicht daran, daß wir heute bequem den »Nunatak« erreichen werden, da wir nach der Karte den Weg zu nur 7 km annehmen. Wir müssen von der Höhe aus einen großen See erblicken, dahinter muß der große Binnensee Nunatap Tasia (See des Nunataks) liegen, dessen nördliche Begrenzung eben der Nunatak bildet. Aber seltsam, von der Höhe aus ist der See nicht sichtbar. Wir müssen eine weitere Höhe ersteigen, dann wieder eine neue vorgelagerte Kuppe, bis wir tatsächlich den See erblicken. Wenigstens müssen wir der Lage nach glauben, daß es der gesuchte See ist. Dahinter liegt noch eine Bergstufe, so daß ein weiterer Einblick nicht zu gewinnen ist. Also hinunter zum Meer, rasch gepackt, und um 12 Uhr Abmarsch auf dem erkundeten Weg. Sehr sauer wird uns das Schleppen des Gepäcks auf dem warmen Hang. Jeder trägt einen schweren Rucksack, darauf gepackt einen Zeugsack, und abwechselnd umgehängt den Brennstoffbehälter, einen leider sehr schweren 7 Literbehälter aus verzinktem starkem Eisenblech. Das Tagebuch enthält den Trost: »Wir hoffen, heute in etwa 4 Stunden den Nunatak zu erreichen«. Der See ist bald erreicht. Nur am südlichen Ende ist etwas Eis, sonst ist er ganz offen, und die Überwindung einiger steil in das Wasser abfallenden Gneisklippen macht etwas Schwierigkeit. Er erscheint uns nun, wo wir ihn in der ganzen Länge überblicken, kleiner als nach der Karte. Nun, von der nächsten Stufe dahinter, einer mit Gestrüpp überwachsenen Blockhalde, müssen wir ja doch den Nunatap Tasia und den Nunatak sehen. Enttäuschung: oberhalb der nächsten Stufe liegt wieder ein größerer See und wenige Meter darüber ein dritter, beide zugefroren, so daß wir bequemen Weg übers Eis haben. Aber wieder wenig oberhalb ist jetzt ein Paß deutlich zu sehen, mit einer Seehöhe von 200 m. Tatsächlich, nach der anderen Seite blickten wir auf einen See, dessen Enden nach Ost und West wir nicht überblicken konnten. Wir ließen das Gepäck auf der Paßhöhe und umgingen das Seetal auf der Höhenlinie nach Westen. Der See war klein, unsere Ansicht, in ihm den Nunatap Tasia zu sehen, schwand dahin. Wir erreichten eine Paßhöhe mit freiem Ausblick nach Westen, und nun wurde die ganze Lage allerdings klar: Wir befanden uns auf dem falschen Wege! Eine Skizze, die wir dort nahmen, zeigt im SW den Nordarm des Tasiusak, die Tragstelle zum ersten See, die zweite Tragstelle und den sehr großen östlichen Nunatap Tasia, dahinter den mit Eisbergen vollgestopften westlichen Nunatap Tasia und im NW und N den uns aus Abbildungen bekannten Nunatak. Wir sind also doch in der falschen Bucht gelandet und östlich parallel zu dem üblichen Weg gegangen. Natürlich liegt es daran, daß alle früheren Besucher des Gletschers mit ortskundigen Grönländern und Umiak gereist sind, während wir zum ersten Male ohne diesen umständlichen und heute nebenbei recht kostspieligen Apparat den Weg machten; überdies waren wir ein Opfer der Ungenauigkeit der Karte. Wir konnten nicht annehmen, daß die von uns angelaufene Bucht, unmittelbar östlich der richtigen Landungsstelle, nicht früher bemerkt sein sollte. Steinmann am Ende der Vermessungsbasis Nun hatten wir wenigstens eine ausgezeichnete Übersicht über die ganze Gegend gewonnen. Zugleich war es uns eine Beruhigung zu sehen, daß unser Weg, abgesehen von der gegenüber dem »richtigen« Weg größeren Paßhöhe, recht direkt auf den höheren Teil des Nunataks hinführte. Und von Wegener wußten wir, daß der bessere Einblick in den Gletscher heute von diesem östlichen Teil des Nunataks zu gewinnen sein würde. Zeltlager am Nunatak Ein Punkt war noch nicht klar: Wie und wo können wir auf die Nordseite des Nunatap Tasia kommen, dessen östlichen Arm wir von unserem Beobachtungspunkt nicht einsehen konnten. Aber das wußten wir ja: Irgendwie durchkommen würden wir schon, und so war es die nächste Sorge, zum Paß zurückzugehen und unser Gepäck zu dem unter uns liegenden kleinen See, dem vierten unsres Aufstiegtales, zu schaffen, dessen Abfluß, wie wir im Stillen hofften, den Nunatap Tasia an seinem östlichen Ende erreichte. Indessen war es für heute Zeit geworden, uns nach einem Zeltplatz umzusehen. Wir fanden ihn am nördlichen Ende des Sees, auf einem Moosfleck zwischen groben Blöcken, unter dem der See-Abfluß hindurchfloß. Das fließende Wasser zum Kochen hatten wir so aus nächster Nähe. Gebankter Gneis auf dem Landweg zum Jakobshavner Eisstrom Freitag, 27. September. Nach unsrem Plan sollten wir heute schon die Messungen und Aufnahmen des Eisstroms begonnen haben. Das war nun leider nicht gelungen, denn wenn wir seit gestern abend auch über den weiter einzuschlagenden Weg im klaren waren, so trennte uns noch ein tiefer und ausgedehnter See zwischen unpassierbaren Steilwänden von dem Nunatak, von dessen Nordseite wir erst den Eisstrom sehen konnten. Zunächst bestanden zwei Möglichkeiten: Wir konnten, in der Hoffnung, daß der Abfluß unsres Sees den Nunatap Tasia nahe seinem N-Ende erreichte, zum See hinabsteigen und die Umgehung am Wasser versuchen. Der zweite mögliche Weg führte über den NE von uns mit Steilwand zum See vorstoßenden Bergrücken. Sorge peilt. Um unser »Handgepäck« nicht unnötig spazieren zu tragen, unternahmen wir zunächst eine Erkundung auf die Höhe dieses Bergrückens, die mit etwa 200 m glücklicherweise hinter unseren Befürchtungen zurückblieb. Da eröffnete sich uns allerdings ein Anblick, der alles übertraf, was wir bisher gesehen hatten. Der erste Blick galt dem unter uns liegenden See. Er führte freilich noch mehrere km weit nach Osten und zwang uns zu einer offensichtlich sehr langwierigen und durch allerlei Geländetücken, wie Steilrippen und unsichere Seen, beschwerlichen Umgehung nach E. Das Ufer begrenzten auf allen Seiten unbegehbare Steilwände. Der bepackte Photograph Aber was war dies? Vor uns lag eine prächtig modellierte Gletscherfront, die in einen langgestreckten See kalbte, und dieser schien – oder konnte wenigstens, eine genaue Einsicht verboten uns die Steilwände – das östliche Ende des Nunatap Tasia darstellen. Das fehlte gerade noch! Denn in diesem Fall führte der einzige, von unserem Standort aus mögliche Weg zum Nunatak über diesen Gletscher, und das ohne Eisaxt und Steigeisen, die sorglich im Depot in der Kamarujukbucht aufbewahrt lagen! Doch alle diese Befürchtungen galten ja erst der Zukunft. Was wir aber jetzt sahen, war für uns potenzierte Gegenwart: Im Osten baute sich vor unseren Augen ein riesenhafter Eiszirkus auf, mit Rängen und Bögen, aus nie gesehenen kilometerlangen gewaltigen Eisbrüchen gebildet und in strahlendem Weiß dekoriert. Der Zirkus mochte 30 km Durchmesser haben, die Begrenzung des Beckens bildete eine rings verlaufende, durch Nunatakker betonte Stufe des Untergrundes. Und in diese Arena drängte aus seiner Höhe das Inlandeis in gewaltigen Massen durch breite Durchlässe hinab, Wasserfälle aus riesigen Eistürmen bildend. Viele gewaltige Bilder hatten wir in diesem Sommer auf dem Inlandeis und an den Gletschern Nordgrönlands gesehen. Aber dieses war der Höhepunkt: das Einzugsbecken des großen Jakobshavner Eisstromes! Das Ziel, uns jetzt so nahe vor Augen, spornte uns zur äußersten Anstrengung an. Rasch war das Gepäck hierher nachgezogen, und dann wurde photographiert und gefilmt. Eine Steinwarte, die wir hier fanden, zeigte, daß unser Platz auch früher, wahrscheinlich für Engell 1902–1904, als Meßpunkt gedient hatte. Nun aber weiter. Ein saurer Abstieg nach E über verschneite Hänge und glatte Felsplatten, über die wir mehr rutschten und fielen, als gingen. Ein kleines Seeplateau, dann eine lange Felsrippe mit Steilwand senkrecht zu unsrem Weg, die links als überhängender Steilabsturz den See begrenzte, rechts kilometerweit auslief. Also hinübergestiegen, einige Meter interessante Kletterei, und nun sind wir auch bald am Ende des Nunatap Tasia. Zu unsrer größten Freude ist er von dem Gletschersee durch ein steiniges Bachbett getrennt. Nun sind alle Schwierigkeiten überwunden! Bald haben wir dieses Bachbett überschritten und sind am Südfuß des gewaltigen Nunatak. Da dieses Bachbett offensichtlich niemals so hoch überflutet wird, daß der Übergang über die in ihm liegenden zahlreichen Platten und Blöcke gesperrt werden kann, haben wir einen neuen Weg vom Tasiusak zum Jakobshavner Eisstrom gefunden, der nicht, wie der übliche Weg zwischen den beiden Nunatap Tasia's hindurch, zeitweise durch Hochwasser oder durch unbegehbares Eis gesperrt werden kann; einen Weg überdies, der recht gerade zu dem östlichen Teil des Nunatak hinführt, in dessen Höhe heute die Gletscherfront abschneidet, während sie von dem gewöhnlich besuchten südlichen Ende des Nunatak aus heute nur sehr ungünstig zu beobachten ist. Dieser neue Weg ist vom Tasiusak bis zum Eisstrom in nur etwa 6 Stunden zu machen. Unser Tempo hatten wir heute so forciert, daß wir bereits um 14 Uhr den Bach überschritten hatten. Jetzt bestand sogar noch eine Aussicht, doch heute noch mit den Messungen beginnen zu können. In etwa 80 m Höhe ließen wir das Gepäck und stiegen, nein rasten zur Höhe hinauf. Natürlich, wie stets bisher in Grönland, war die nächste Höhe nicht die letzte, und erst nach langer Wanderung über Felsen und Seen, oben Kletterei durch tiefe Schneewehen, erreichten wir in 240 m über dem Meere einen östlichen Gipfel des Nunatak. Und wieder fanden wir hier einen alten Steinmann, der Anschluß unserer Messungen an frühere versprach! Nun war also um 16 Uhr unser Ziel erreicht. Zwei Stunden blieben Sorge noch zur Messung, während ich die photographischen Aufnahmen erst morgen auszuführen beabsichtigte. Die Ausführung wenigstens einiger Messungen war deswegen so dringend, weil Sorge neben der Festlegung der Gletscherfront den täglichen Vorschub des Gletschers zu messen hoffte, wofür ein Zeitraum von 24 Stunden zwischen der ersten und letzten Messung unerläßlich schien. Während Sorge eine Skizze der Gletscherfront aufnahm und eine Anzahl zum Anvisieren geeigneter Objekte, charakteristischer Türme und Spalten, aussuchte, baute ich den hier vorgefundenen Steinmann ab, meißelte, da kein altes Zeichen vorgefunden wurde, im anstehenden Felsen darunter ein Kreuz ein und baute die Warte 1,50 m hoch wieder auf. Ebenso bauten wir am anderen Endpunkt einer etwa 500 m langen Basis einen neuen Steinmann mit Kreuz im Felsen, und die Arbeit gelang so schnell, daß Sorge gerade mit Sonnenuntergang seine erste Meßreihe in der Tasche hatte. Nun aber rasch hinunter, auf unsrer alten Spur. Einen prächtigen Zeltplatz hatten wir im Hinaufsteigen auf halber Höhe ausgesucht, ein schneefreies dickes Moospolster mit Birkengestrüpp im Schutz einer blankpolierten senkrechten Gneiswand, wenige Meter tiefer einige dick vereiste Wasserlachen. Schon im Dunkel brachten wir das Gepäck hierher, rasch erstand Zelt und Abendmahlzeit, und morgen früh durften wir ausschlafen! Sonnabend, 28. September. Obwohl die Sonne nur schwach durch Cirro-Stratus-Wolken scheint, können wir unsre gestern durch Schnee recht naß gewordenen Sachen trocknen. Wir frühstücken ausführlich und mit Behagen und sind um 15 Uhr wieder auf dem Nunatak. Sorge ist so glücklich, sogleich und einwandfrei erhebliche Verschiebungen seiner gestrigen Meßpunkte im Gletscher zu finden und führt bis zum Abend seine Serie von Messungen aus, ich nehme den Gletscher mit Photo- und Kinokamera von verschiedenen Punkten auf, leider unter sehr ungünstigen Beleuchtungsverhältnissen. Das Wetter droht schlecht zu werden, es ist Zeit zur Rückkehr an die Küste. Wir übernachten noch einmal im gestrigen Zeltlager, dem bisher schönsten unsrer kleinen Reise. Sonntag, 29. September. Noch einmal strahlender Sonnenschein. Aber wir müssen heute den Rückmarsch antreten, sonst verfehlen wir die »Krabbe«, und auch unsre Proviantreserve erlaubt uns keine erhebliche Verlängerung der Reise. So unterdrücken wir den Wunsch, heute bei schönem Wetter die Photographie zu wiederholen und treten um 9 Uhr mit merklich erleichtertem Gepäck den Rückmarsch an. Unwillkürlich halten wir ein flottes Tempo und erreichen schon mittags unser Zeltlager 4. Hier rasten wir nur kurz, um wenn möglich heute noch das alte Lager 3 am Nordostende des Tasiusak zu erreichen. Hier denken wir für den doppelten Tagemarsch ausgiebig zu ruhen. Da der so nahe am Inlandeis gelegene Nunatap Tasia auch heute noch keine Spur einer Eisbildung zeigt, sind wir ganz sicher, daß der vielmal größere, vom Gezeitenstrom bewegte und von jedem Wind aufgewühlte Tasiusak erst recht eisfrei sein wird. Auch weiter halten wir unser rasches Tempo durch, trotz des immerhin noch recht beträchtlichen Gepäcks. Endlich haben wir gegen 16 Uhr das Ende des ersten Sees in unserem Aufstiegstal erreicht, noch wenige Schritte über die Steilstufe, dann müssen wir den Tasiusak sehen. Dieser letzte See ist erst ganz schwach gefroren, wir müssen uns sehr vorsehen, um nicht einzubrechen. Jetzt der erste Blick auf den Tasiusak. Kalt läufts uns über den Rücken: Er ist zugefroren. Deutlich unterscheiden wir in der matten Eisoberfläche wenige langgestreckte Waken mit offenem, windbewegtem Wasser. Nur die kleine Bucht zu unseren Füßen ist noch auf vielleicht 100 m Breite offen, und wir klammern uns an die schwache Möglichkeit, daß überhaupt längs des Ufers noch soviel offenes Wasser vorhanden ist, um uns die Rückkehr zu ermöglichen. Wir sind sonst abgeschnitten, denn wir stehen auf einem Land, das im N vom Eisstrom, im E vom Inlandeis, an allen anderen Seiten von Armen des Tasiusak umgeben ist. Und zwischen dem Augenblick, wo das Neueis die Fahrt mit unserem Faltboot unmöglich macht und dem Zeitpunkt, wo wir mit improvisiertem Schlitten oder zu Fuß das Eis überschreiten könnten, mögen 14 Tage liegen, während unser Proviant höchstens für 3 Tage reicht. Solche Überlegungen ziehen blitzartig durch den Sinn, während wir über die Blockhalde herunter rennen. Endlich sind wir am Ufer. Jede Minute ist kostbar. Rasch abgeladen, das Boot heruntergetragen – wir hatten es zum Glück aufgebaut stehen lassen – und unsere Sachen verstaut. Und schon 16 Uhr legten wir vom Ufer ab. In der kurzen halben Stunde hatten wir beobachten können, wie sich auch das vorher offene Wasser in unserer kleinen Bucht zusehends mit Neueis überzog, so daß wir nach 2 oder 3 Paddelschlägen schon in das Eis kamen. Noch konnten wir eine kurze Strecke am Ufer entlang fahren, aber schon beim Runden des nächsten Kaps war die Wasser-Rinne nur noch 50 cm breit, und als wir uns hindurchpreßten, schrammten wir mit der ganzen Länge des Bootes über einen am Grund liegenden Felsblock. Nun war das offene Wasser ganz zu Ende, und wir mußten einen breiten Streifen von Eis durchbrechen, um in die nächste Wake vor uns zu kommen. Mit aller Gewalt stemmten wir uns gegen die Paddel. Wir kamen schrittweise voran. Aber das Eis war so hart, daß es beim Durchschneiden in kleinen Brocken bis auf das Vorderschiff hochspritzte! Ein abscheuliches Gefühl, mit einer dünnen Gummihülle gegen dieses glasharte, schon über ½ cm starke Eis anzugehen! Noch einmal konnten wir, unter Querung schmaler Eisbänder, ein weiteres Stück nach W vordringen, auf unserem alten Weg westlich der größeren Insel die eigentliche Nordbucht verlassen und scharf am Westufer bis zum nächsten Landvorsprung vordringen. Aber hier war nun endgültig Schluß. Soweit wir voraus sehen konnten, war das Eis völlig geschlossen und von beträchtlicher Dicke. Jetzt fing der Kampf an. Wir wandten uns nach E, also rückwärts, um einige sich durch Wellenbildung verratende Waken zu erreichen. Aber ihre Längsrichtung verlief leider immer SE–NW, also quer zu unserm Kurs, und die Freude des offenen Wassers dauerte stets nur sehr kurze Zeit. So fuhren wir einen dauernden Zickzack-Kurs, ohne merkbare Fortschritte zu machen. Denn inzwischen wurde das Eis immer dicker. Wenn wir anfangs noch die Eisdecke unter kleineren Windwellen sich wellenartig bewegen sahen, so lag hier trotz frischen Ostwindes die Eisdecke schon fast unbeweglich. Zwar war hier, offenbar infolge höheren Salzgehaltes, das Eis nicht ganz so spröde, wie in der innersten Bucht. Aber dafür war es weit zäher und umschloß unser Boot wie mit Polypenarmen. Überdies machte uns, anstatt uns durch Zerbrechen der Eisschollen zu helfen, der frische Ostwind in anderer Weise viel zu schaffen. Beim Vorschieben des Bootes sprang die Eisdecke 1–2 m voraus vom Bug. Anstatt daß wir uns nun in diesem keilförmigen Spalt leichter vorarbeiten konnten, schob der quer zum Kurs stehende Wind die links vom Kurs befindliche Eisfläche über oder unter die rechte, die am W-Ufer anlag und daher nicht bewegt wurde. So mußten wir auf weite Strecken die doppelte Eisdicke durchbrechen. Seltsam verzahnten sich die gegeneinandergepreßten Eisflächen, aber wir hätten lieber auf das Schauspiel verzichtet! Überhaupt schien sich jetzt alles gegen uns verschworen zu haben. Unsere geringe Augenhöhe machte den Überblick schon schwierig genug. Aber wir mußten noch gegen die Sonne fahren, die uns völlig blendete. Außerdem herrschte starke Luftspiegelung mit lebhafter Bewegung über der Oberfläche, die es ungemein schwierig machte, die wirklich offenen Wasserstellen zu erkennen. Wir waren nun ziemlich in der Mitte des Fjordes, und es war ein wenig beruhigendes Gefühl, daß jeder Meter, um den wir uns durch das Eis quälten, die Gummihaut immer mehr schwächen mußte. Auch die Arbeitsteilung, bei der ich mit dem Paddel vorne das Eis entzweibreche oder -schlage, während Sorge das Boot vortreibt, ist nur ein Notbehelf im wahrsten Sinne des Wortes, da auf diese Weise nur noch mehr scharfe Ecken geschaffen werden, gegen die das Boot unbarmherzig angedrängt wird. Wir haben eben alles auf eine Karte gesetzt und rechnen damit, daß früher oder später die Bootshaut den großen Riß erhält, der unsrer Reise ein unerwünschtes Ende setzt. Flicken können wir dann nicht, da das Vorschiff mit Gepäck ausgefüllt ist, und von dem nächsten Ufer trennt uns eine eisbedeckte Wasserstrecke von 2 km, so daß nicht eben viel Phantasie dazu gehört, um sich dann den weiteren Ablauf auszumalen. So quälen wir uns stundenlang, bis wir endlich das Ostufer und dort unter einer mehrere hundert Meter hohen Steilwand einen schmalen Streifen offenen Wassers erreichen. Vermutlich ist es Auftriebswasser unter Einwirkung eines starken, von dieser Felswand herabstürzenden Föhnwindes. So erschöpft wir sind, so groß ist unsere Freude, daß wir nun wenigstens eine Strecke weit voran kommen, nämlich gerade bis zu der Stelle, wo die Steilwand in den nächsten Seitenfjord zurückspringt. Hier ist das Eis wieder auf große Breite und über den ganzen Fjord hinüber geschlossen, und noch einmal geht die Quälerei von vorne an. Aber auch diesmal geht es gut, und die später noch einmal vom Nordufer ausgehende Vereisungszone passieren wir ohne große Schwierigkeit. Wir dürfen wieder auf das Ende der Eisumschließung und auf eine glückliche Vollendung des Abenteuers hoffen. Das Faltboot auf dem zugefrorenen Tasiusak Inzwischen ist die Sonne längst untergegangen und die Dunkelheit bricht rasch herein. Wir haben fast Neumond, ein Stern erscheint nach dem anderen, und bald wölbt sich über uns ein Sternhimmel von märchenhafter Pracht. Zugleich weht ein frischer Wind von achtern, so daß wir mehr als eine Stunde mit sehr guter Fahrt vorankommen. Endlich gewinnen wir Einblick in die Verbindung zum Eisfjord und haben das beruhigende Gefühl, schon mehr als die Hälfte der Gesamtstrecke hinter uns zu haben. Vor allem können wir jetzt in geringer Entfernung von dem Südufer fahren, und dieses Ufer ist Festland , über das uns im Notfall immer ein, wenn auch schwerer Rückweg zur Küste offen steht. Aber so leichten Kaufes gibt uns doch der Tasiusak nicht frei, und er hat noch eine neue Überraschung für uns: Eisberge. Der Wind hat weiter aufgefrischt, auf Stärke 5–6, so daß die Wellen sich überkippen und das Boot schwer im Kurs zu halten ist. Zugleich weht er nun aus NE, aus dem Durchgang zum Eisfjord, heraus und hat neben großen Eisbergen eine Menge Kalbeis aller Dimensionen in den Tasiusak verfrachtet. Es herrscht tiefste Dunkelheit, die schräg von hinten kommenden Wellen ziehen mit lautem Rauschen unter unserem kleinen Boot hindurch, und um überhaupt steuerfähig zu bleiben, müssen wir eine solche Fahrt behalten, daß die zahlreichen Eisstücke für das Boot eine neue und sehr ernste Gefahr bedeuten. Bei dem hohen Seegang und der Dunkelheit sind die kleineren, immerhin noch zentnerschweren und scharfzackigen, aber wenig aus dem Wasser herausragenden Eisbrocken kaum sichtbar. Wiederholt fühlen wir das Boot an solchen entlangscheuern, wobei sich die Gummihaut weit nach innen einbeult, oder wir treffen sie mit den Paddeln. Einmal laufen wir gerade auf ein größeres Eisstück, zum Glück aber, fast unglaublicher Weise, ohne Schaden zu nehmen. Wir erörtern schon wieder die Frage, wie rasch das Boot bei einer größeren Beschädigung wegsacken wird und ob wir in dem eiskalten Wasser (etwa -1,5°!) bis zum Ufer schwimmen können. Ein sonderbares Gefühl, so ins Dunkel hineinzufahren. Wir kennen ähnliches ja von unseren Fahrten über die Spaltenzonen des Inlandeises, aber dort kann man sich durch Sicherheitsmaßnahmen, so fragwürdig sie sein mögen, wenigstens über die Gefahr hinwegtäuschen und gelegentlich psychologischen Nutzen davon haben. Immer stärker wird der nordöstliche Wind. Kaum können wir vereint das Boot auf WSW-Kurs halten. Gewaltig werfen uns die hohen Wellen hin und her, und unheimlich rauschen sie unter unserem braven Boot hindurch. So entschlossen wir vorher noch waren, in dieser Nacht uns bis zum Westende des Tasiusak durchzuschlagen, nun müssen wir doch der klaren Überlegung das Wort lassen, daß wir bei diesem Wind und Seegang in völliger Dunkelheit das uns nur wenig bekannte Westufer kaum heil erreichen werden. Ohnedies sind wir jetzt nahe bei unserem kleinen Hafen am Südufer, wo wir jeden Stein kennen und in Lee landen können, überdies unseren alten Zeltplatz benutzen können, was unter den obwaltenden Umständen – wir sind ohnehin schon recht naß und haben klamme Finger – natürlich eine große Erleichterung bedeutet. So fügen wir uns und haben diesen Entschluß auch zunächst nicht zu bereuen. Wir bekamen das Boot gut aus dem Wasser, konnten die Zeltsteine und sogar einen Eisvorrat von der Hinreise zum Kochen benutzen und kamen recht rasch gegen 1 Uhr früh am 30. September zum Schlafen. Ein prachtvolles Nordlicht stand am Himmel. Am nächsten Morgen können wir sehen, warum es uns nachts so schwer erschien, das Boot aus dem Wasser zu nehmen: Das ganze Bootsdeck ist mit einer stellenweise 2 cm dicken Eisschicht überzogen, neben jedem Sitz hat das Tropfwasser der Paddel lange, faustdicke Eiswülste gebildet, und jedes Paddel trägt an der Stelle des Abtropfrings einen dicken Eisklumpen. Gleichzeitig können wir nun sehen, daß am Bug und seitlich von ihm die »Walroß«-Gummihülle des Bootes bei unserer Eisfahrt recht stark gelitten hat und stellenweise bis auf die Stoffzwischenlage durchgescheuert ist. Aber doch hat sie gehalten und uns das Leben gerettet. Das vereiste Faltboot Jetzt glauben wir keine Schwierigkeiten mehr zu haben. Wir sind überzeugt, daß etwa am Westufer vorhandenes Eis durch den nächtlichen Sturm zertrümmert und die Fahrt über die letzten 3 km eine Kleinigkeit sein wird. Zwar sehen wir, daß die südliche Bucht vereist ist, aber unser Weg über den Fjord hinüber scheint wirklich offen zu sein. Wir freuen uns, noch ermüdet und mit schmerzenden Muskeln, der leichten Fahrt. Nach etwa 2 km kommt tatsächlich noch einmal Eis, aber kleine, nicht zusammengefrorene Schollen, die wir spielend durchfahren. Schon sehen wir jenseits offenes Wasser, das uns bis zum Ufer zu reichen scheint, und um wenigstens ein Dokument unseres schlimmsten Feindes mitzunehmen, photographieren und filmen wir dieses »letzte« Eis. Aber jetzt haben wir das Schicksal herausgefordert! Das offene Wasser ist nur schmal, jenseits kommt wieder lockeres Scholleneis, jede Scholle mit einem von den häufigen Zusammenstößen herstammenden Eiswulst. Und die Dicke der Schollen nimmt ganz unmerklich zu, allmählich verkleben sie, frieren zusammen, unsere Arbeit wird schwer und schwerer, und ehe wir recht zum Bewußtsein der Gefahr kommen, sitzen wir völlig fest. Die Eiskruste ist 3–4 cm stark und zähe wie Wachs. Ich kann sie nach vorne nicht mehr mit dem Paddel durchstoßen. Drehen ist natürlich ganz ausgeschlossen. Die einzige Möglichkeit ist, rückwärts in unserer Fahrtrinne zu fahren, die vielleicht noch nicht so fest zusammengefroren ist. Denn das ist uns zu unserem Schrecken nun klar geworden, wir sind jetzt, am Mittag eines verhältnismäßig warmen Tages, mitten in dem Gefrierungsprozeß drin, der die westliche Bucht, in der wir landen müssen, in jedem Augenblick für uns schwerer erreichbar macht. Der Rückzug glückt, wir erreichen das dünnere Eis, schließlich auch das offene Wasser, freilich nur auf einem östlichen, also von unserem Ziel abgewandten Kurs. Und selbst nachdem uns klar ist, daß wir unsere Westbucht aufgeben und sehr zufrieden sein müssen, irgendwie das Nordufer zu erreichen, ist das leichter gesagt als getan. Links von uns zieht ein breiter Eisstreifen, der uns vom Nordufer trennt. Und rechts von uns ist inzwischen soviel Eis entstanden, daß auch der Rückweg zu unserem kleinen Hafen bereits versperrt ist. Nachdem wir etwa 1 km rückwärts gefahren sind, sehen wir am Nordufer, einer sonst hoffnungslosen Steilwand, eine Schlucht mit Geröll und Moospolster, wo wir eine Landungs- und Aufstiegstelle zu finden hoffen können. Jetzt müssen wir mit unserem von gestern schon recht mitgenommenen Boot noch einmal das Eis forcieren! Sehr übel ist uns dabei zu Mut, zumal das Eis hier völlig fest ist und durch den Druck des Paddels nicht mehr durchstoßen wird. Schließlich reißen wir die Spritzdecke ganz fort, um freier arbeiten zu können, und während Sorge mit aller Kraft (und die ist nicht gering!) das Boot vorwärts schiebt, knie ich ganz vorn im Boot und schlage das Paddel abwechselnd rechts und links vom Bug mit voller Wucht aufs Eis, um so eine der Breite des Bootes entsprechende Rinne zu schaffen. Für einen Weg von 50 Meter brauchen wir über ½ Stunde schwerster Arbeit, und wir beide können nun fast nicht mehr. Aber nun wendet sich auch das Blatt, wir sehen offenes Wasser am Ufer, das Eis wird dorthin dünner, und endlich gleiten wir über einen Wasserstreifen, um einen gestrandeten Eisberg herum, in die aus der Entfernung gesichtete kleine Bucht. Ein etwas mühsames Aussteigen auf vereiste Felsen, und dann liegen wir im Heidegestrüpp eines trockenen Bachbettes auf festem Boden, endlich dem Tasiusak und seinem Eispanzer entronnen. 3 Stunden schlimmster Arbeit hat uns die letzte Strecke von 2 Kilometern Luftlinie gekostet, während wir hier auf dem Hinweg gegen starken Wind und hohen Seegang 3 Kilometer in ¾ Stunden gefahren waren! Jetzt kam das letzte Stück: der Rückmarsch über die Berge nach der Ansiedelung Claushavn. Es war inzwischen 3 Uhr nachmittags geworden, und wenn wir für die 7 Kilometer Luftlinie vorsichtiger Weise 3 Stunden Fußmarsch rechneten, dann hatten wir uns zu beeilen, um noch bei Tageslicht die Siedelung zu erreichen. Aus der von uns kopierten Engellschen Karte wußten wir nur, daß wir uns über einen großen See oder, falls er noch offen war, zwischen zwei großen Seen in westlicher Richtung durchzufinden hatten. Boot und alles schwere Zubehör mußten wir natürlich hier zurücklassen, da wir ja unseren Weg nicht kannten und mit gelegentlichen Kletterstellen rechnen mußten. Wir nahmen nur Schlafsäcke und einige Instrumente mit und kletterten zunächst steil empor zu einem ausgedehnten Hochtal mit mehreren Seen. Der erste Blick nach Westen hinunter zeigt den Autdlarissa Tasia hier noch ohne jede Eisbildung; wir selbst sehen uns am oberen Rand einer mehr als 100 m hohen Steilwand, die verschneit und vereist für uns nicht passierbar ist. Es bleibt uns nur übrig, am Rand des Steilabfalls, d. h. über alle seine Einschnitte und aufgesetzte Zacken, entlangzugehen auf der Suche nach einer Abstiegsmöglichkeit. Nach einem sehr ermüdenden Marsch finden wir eine solche am Nordende des langgestreckten Sees und kommen trotz gewagter Sprünge und Rutsche über Felsstufen und vereiste Gneisplatten, nur mit dem Opfer eines zerbrochenen Skistocks, zum Ende des Sees hinab. Hier erleben wir eine angenehme Überraschung: Ein geschützter Südwinkel unter einer Steilwand trägt ein Polster mit einer überreichen Fülle von Moosbeeren. Rasch ein tüchtiger Mundraub, und dann weiter, über den die beiden langen Seen verbindenden Wasserlauf, dann über alte Terrassen zu einem den Blick nach Westen versperrenden Gebirgszug. Kein Wunder, daß uns beiden das Bergsteigen nun schon recht schwer fiel. Zudem waren unsere veranschlagten drei Stunden verstrichen, die Sonne ging unter, und es wurde immer fraglicher, ob wir heute unser Ziel, Claushavn, noch erreichen würden. Wir entdecken ein abwärts führendes blockgefülltes Tal, dem wir folgen. Da, vor uns ein neuer See, und von dessen Ufer aus als schwarze Silhouette gegen den Nordwesthorizont und die Zackenmauer der Eisbergbank ein kleiner Kirchturm. Das ist Claushavn. Nun soll noch alles gut werden. Zwar müssen wir eine hohe, schroff in den See fallende Gneiswand auf verschneiten Bändern queren, aber das ist auch die letzte Schwierigkeit. Drüben am anderen Seeufer finden wir Spuren eines Hundeschlittens, dem wir folgen können, und nach einer weiteren Stunde beschwerlicher, aber harmloser Wanderung erreichen wir kurz nach 7 Uhr abends endlich die Siedlung. Sofort folgte uns die gesamte Dorfjugend, die sich auf dem Eise vergnügt hatte, und geleitete uns zum Haus des Leiters der Außenstelle, Pavia Jensen, des berühmten Fängers und Hundekutschers. Die Gastfreundschaft in Grönland haben wir auf unserer Expedition so manchesmal erprobt. Auch hier durften wir sie in reichem Maße erfahren. Das erste für die freundlichen Leute war, uns mit Kaffee und Kuchen und selbstgebrautem Bier zu bewirten. Als wir dachten, nun für einen langen Schlaf vollauf gestärkt zu sein, wurde uns angekündigt, in einer Stunde sollten wir erst das eigentliche Abendessen, nämlich Möwenbraten, haben. Alles verlief planmäßig, nur ein wenig kränkte es vielleicht unsere Wirte, daß wir trotz unseres sicher wenig gepflegten Äußeren das angebotene Waschwasser bis zum nächsten Morgen zurückstellten, um schneller in den Schlafsack zu kommen. Den hatten wir nun freilich verdient, und unvergleichlich angenehm war das Bewußtsein, endlich der Mausefalle des Tasiusak entronnen zu sein! Das letzte Abenteuer Die Erzählung von Georgi zeigte uns, wie berechtigt die Befürchtungen gewesen waren, die wir in Jakobshavn während seiner und Sorges Abwesenheit gehegt hatten. Es war ein recht gefährliches Abenteuer gewesen. Mancher wird sagen: sie haben Glück gehabt. Aber es war das Glück des Tüchtigen, der alle Chancen, wo sie sich bieten, mit Energie auszunutzen versteht. – Unsere Gastgeber erboten sich, sofort anzuspannen, um die zurückgelassenen Sachen nachzuholen. Aber wir konnten leicht ausrechnen, daß es heute zu spät werden würde und verabredeten es lieber für den nächsten Tag. Wir fuhren also nach Jakobshavn zurück, wo wir mit dem Boot besser lagen, legten beim Kolonieleiter Bericht ab und fuhren am nächsten Morgen wieder nach Claushavn hinüber. Herr Böhme sollte mit zwei Hundeschlitten und zwei Grönländern diese kleine Unternehmung durchführen, die ihm eine willkommene Abwechselung in der Wartezeit bis zum Schiff bot. Diese Tour erwies sich aber als schwieriger und zeitraubender, als wir gerechnet hatten. Die beiden Hundeschlitten gingen wie die wilde Jagd davon, aber kamen nicht so weit wie sie sollten. So blieb ein zeitraubender Anmarsch bis zur Depotstelle. Aber schließlich standen sie vor dem »deutschen Kajak«, das zum Erstaunen der Grönländer unter den kundigen Händen Böhmes in wenigen Minuten in den zugehörigen Rucksäcken verschwand. Ihr Erstaunen wurde aber noch größer, als Böhme es beim Rückweg am Ufer eines Süßwassersees wieder aufbaute, und sie damit über den See beförderte. Wahrscheinlich war es das erstemal, daß Grönländer in einem Klepperboot saßen. Daß es ihnen gefiel, darüber ließ ihr entzückter Ausruf »Tyske Kajak ajungilak!« keinen Zweifel. Dann wurde das Boot wieder verpackt und auf die Hundeschlitten verladen, und nun ging es über Stock und Stein, über Schnee, Felsen und durch die Luft nach Claushavn zurück. Sie trafen dort aber erst bei Anbruch der Dunkelheit ein, so daß wir, um nicht bei Nacht über die Eisbergbank fahren zu müssen, noch bis zum nächsten Morgen vor Claushavn liegen blieben. Unser Motorboot sollte verabredungsgemäß in Godhavn ins Winterquartier gehen, und wir selbst sollten ebendort an Bord von »Gertrud Rask« gehen. Da die Zeit jetzt drängte, gedachten wir schon am Tage nach der Einholung des Faltbootes über die Diskobucht hinüber nach Godhavn zu fahren. Nun hatten wir freilich die Nacht entgegen dem Programm bei Claushavn gelegen und mußten erst Böhme und Tobias wieder in Jakobshavn abliefern, ehe wir nach Godhavn fuhren. Wir standen aber früh auf und glaubten, den kurzen Abstecher nach Jakobshavn noch vor der Überfahrt nach Godhavn schaffen zu können. Es war prächtiger Sonnenschein, aber kalt, und es wehte ein steifer Ostwind. Die heutige Fahrt war also unsere letzte Expeditionsfahrt. Wenn in Godhavn unsere Anker fielen, dann ging die »Krabbe« ins Winterquartier. Unsere brave »Krabbe«! 2100 Seemeilen hatte sie dann hier in den grönländischen Fjorden zurückgelegt, eine Strecke etwa wie von der Ostsee bis zum Nordpol! Es war aber auch Zeit, Schluß zu machen. Wir waren im Oktober. Der Aufenthalt in der kalten Kajüte mit den vereisten Bullaugen und der von Kondenswasser tropfenden Decke war nicht mehr so angenehm wie im Sommer. Für Winterfahrten war die »Krabbe« nicht eingerichtet. Und wir selbst hatten auch nichts dagegen, wieder nach Haus zu kommen. Wir waren längst mit Natureindrücken übersättigt. Heimwärts Aber wundervoll war es gewesen, dies spannende Leben voller Kampf und Arbeit. »Und setzet ihr nicht das Leben ein, nie wird euch das Leben gewonnen sein!« – Nun ja, wie das meiste, was Schiller gesagt hat, stimmt auch wohl dies nicht ganz. Es gibt, glücklicherweise, auch sonst noch starke lebensbejahende und kraftspendende Erlebnisse, die nicht gerade mit Gefahr verbunden zu sein brauchen. Aber sieht man von dieser zu weit gehenden, ausschließenden Form ab, so ist Schillers Gedanke doch richtig: Nach überstandener Gefahr genießt man die bloße Tatsache des Daseins auf eine besondere, robuste, fast möchte man sagen primitive Weise, man steht dann fester auf dieser Erde als je zuvor. Das hatten auch wir bei unseren Abenteuern wieder und wieder erfahren. Eine andere Frage war freilich, welches Licht eben diese Abenteuer auf mich als Expeditionsleiter warfen. Rickmers, der Leiter der deutsch-russischen Pamir-Expedition, hat einmal gesagt: Abenteuer sind Regiefehler. Es ist Sache des Expeditionsleiters, dafür zu sorgen, daß die Expeditionsmitglieder keine Abenteuer erleben, denn solche stören nur die wissenschaftlichen Arbeiten. Nach diesem Maßstabe gemessen, hatte ich wohl keine sehr günstige Beurteilung zu erwarten. Aber ich glaube, Rickmers hat ebensowenig Recht wie Schiller. Die Wahrheit muß irgendwo in der Mitte liegen. Denn wenn der Expeditionsleiter nicht eine gesunde Abenteuerlust seiner Expeditionsmitglieder in Rechnung setzen darf im Dienste der Wissenschaft, so kann er einpacken. Doch wie dem auch sei, jetzt lag ja das letzte Abenteuer hinter uns. Jetzt hatten wir nur noch Böhme und Tobias in Jakobshavn abzusetzen und nach Godhavn zu fahren, und dann war die Expedition aus. – Solche und ähnliche Gedanken gingen mir durch den Kopf, als wir zusammen in der Kajüte saßen und unsere Morgenhafergrütze verzehrten. Nur Georgi war draußen bei der Maschine, und unser Gast Böhme bediente das Ruder. Wir fuhren schon am Rande der Eisbergbank, und hin und wieder polterte ein Eisstück an den Seiten der »Krabbe« entlang. Gerade hatten wir wieder dies Geräusch gehört. Wir schenkten ihm kaum Beachtung. Unsere »Krabbe« vertrug mehr, das wußten wir aus Erfahrung. Da erscheint Georgis Kopf in der Kajütentür: »Wir haben beide Schraubenflügel abgebrochen!« – Beide – Blitzartig schießt mir der törichte Gedanke durch's Gehirn: Wie gut, daß ich gerade mit meiner Hafergrütze fertig bin! Raus! Was ist los? Beide Schraubenflügel? Abgebrochen? !!!Himmeldonnerwetter!!! So ein Pech! Noch am letzten Tage der Expedition! »Stellen Sie wenigstens die Hustenmaschine ab, ohne Schraube hilft uns der beste Motor nichts!« Wir setzten erst einmal das Stagsegel, um steuerfähig zu bleiben, und dann hielten wir Kriegsrat. Weder Georgi noch Böhme hatten das Eisstück gesehen, dem wir das Unglück zu danken hatten. Vielleicht war es ein Stück dieses heimtückischen Blaueises, das tief im Wasser schwimmt und kaum zu sehen ist. Der Mann am Ruder – Was sollten wir nun tun? Gingen wir weiter nach Jakobshavn, so mußten wir erst um die Eisberge herum und dann gegen den Wind aufkreuzen. Die Segeleigenschaften der »Krabbe« waren bisher noch wenig bekannt. Sicher war nur, daß wir zu wenig Ballast hatten und daß die Segel sehr klein und für Kreuzen schlecht geeignet waren. Ganz leicht würde es also nicht sein, Jakobshavn zu erreichen. Und dann? Das Boot sollte ja nach Godhavn, dort lag schon die Ölfarbe für das nächste Jahr, dorthin sollte unsere erste Schraube geschickt werden, alles war fest verabredet. Wer sollte dann das Boot ohne Schraube dorthin bringen? Und Jakobshavn eignet sich schlecht als Winterquartier. Man konnte natürlich im Augenblick nicht alle Möglichkeiten übersehen, aber das eine war sicher: gingen wir nach Jakobshavn, so mußten wir von dort mit »Gertrud Rask« nach Haus fahren, ohne selbst unser Boot ins Winterquartier gebracht zu haben. Und dann mußten andere Leute gebeten werden, die Karre, die wir verfahren hatten, wieder herauszuziehen. Nein! Wozu wehte denn jetzt Ostwind? Er blies uns ja direkt hin nach Godhavn! Er blies vielleicht etwas mehr als unbedingt nötig war, aber gerade das eröffnete die Möglichkeit, Godhavn noch heute abend zu erreichen. Es war ja erst 7 Uhr morgens. Ernsthafte Einwendungen wurden nicht gemacht. Böhme und Tobias machten zwar etwas lange Gesichter. Sie wollten ja gar nicht nach Godhavn, sondern nach Jakobshavn! Aber mitgefangen – mitgehangen. Sie konnten ja nach einigen Tagen mit »Gertrud Rask« wieder nach Jakobshavn zurückkehren. Das alles ging sehr schnell. Es waren wohl kaum 5 Minuten seit dem Unglück vergangen, da nahmen wir Kurs auf Godhavn und begannen, uns mit dem Großsegel zu beschäftigen. Wir gingen vorsichtig zu Werk und setzten das Großsegel zunächst doppelt gerefft. Bald sahen wir aber, daß wir mehr Zeug vertrugen und lösten das zweite Reff. Das Stagsegel fuhren wir ungerefft als Spinnaker heraus. Damit hatten wir eine brausende Fahrt, fast 4 Knoten. Mit Segel über die Diskobucht Allmählich kamen wir wieder zur Ruhe. Es mußte ja eine lange Fahrt werden. Und hoher Seegang stand zu erwarten, wenn wir weiter hinauskamen auf die Diskobucht. Da galt es, das Deck aufzuklaren, alles festzuzurren und die Eiskruste abzuschaben. Sie rührte von den Spritzern her, die wir übergenommen hatten, als wir noch Motorboot waren. Jetzt, wo wir mit dem Winde segelten, kam natürlich nichts über Deck. Wenn man es sich recht überlegte, so war eigentlich diese unfreiwillige Segeltour gerade das, was uns noch gefehlt hatte. Die Segel waren der einzige Teil unserer Ausrüstung, der noch nicht zur Geltung gekommen war. Leise meldete sich zwar schon jetzt ein unbehaglicher Gedanke bei mir: Wie würde es mit der Einfahrt in den Hafen von Godhavn werden? Die Einfahrt war lang und schmal, und mitten darin lag diese dumme Lindberg-Schäre, die bei Hochwasser gerade bedeckt ist. Und dieser Einfahrtsschlauch war gerade gegen den Wind gerichtet, wir mußten hinein kreuzen. Und dabei konnten wir leicht ausrechnen, daß es dunkel werden würde, ehe wir die Einfahrt erreichten. Der Mond war nicht da, es würde also eine rabenschwarze Nacht werden. Wir hatten es ja letzte Nacht bei Claushavn gesehen. Da war Aussicht auf weitere Abenteuer! Doch vorläufig hatten wir näherliegende Sorgen. Die See wuchs, und der Moses gebärdete sich immer wilder. Wir hätten ihn natürlich auf Deck haben sollen, aber das ging nur mit Benutzung des Klaufalls unseres Großsegels, war also unmöglich, so lange das Großsegel stand. Auch war die See schon zu hoch für diese schwierige Arbeit. Die »Krabbe« arbeitete stark. Wir verfielen daher auf einen anderen Ausweg. Wir nahmen den Bug des Moses ganz bis zu unserer Reeling hinauf und zurrten ihn hier fest, so daß er nur mit dem Achterende im Wasser hing. Zu Mittag wurde der Wind ein wenig flauer; wir refften sofort das Großsegel aus. Wir mußten ja sehen, so schnell wie möglich vorwärts zu kommen. Aber bald frischte es wieder auf, so daß wir wieder reffen mußten. – Ich holte mir die Seekarte heraus. Nein, der Maßstab war zu klein, die Hafeneinfahrt war darauf nicht zu erkennen. Das war ärgerlich. Aber ich hatte ja seinerzeit auf der Disko die Hafenpläne aus Gardes Segelanweisung abgezeichnet. Also her mit meinem Tagebuch Nr. 1. Doch auch damit war es nichts. Dieser Plan umfaßte nur den Hafen, aber nicht die Einfahrt. Wir hatten also keinerlei Karte, um die Einfahrt im Dunkeln zu finden. Das wurde ja immer schöner! Wir selbst waren einmal in den Hafen hinein- und einmal herausgefahren. Böhme drei- oder viermal, aber als Passagier auf Magister Porsilds Boot, und als solcher pflegt man doch nicht auf alles zu achten. Ihn mußten wir lieber außer Betracht lassen. Aber da war noch Tobias. Er mußte die Einfahrt kennen, denn gerade hier hatte er ja im vorigen Jahre mit Lauge Koch Schiffbruch erlitten, als bei der Ausfahrt ein Schraubenschlüssel an die Achse kam und die Bootsplanken zerschlug. Tobias war der einzige, der uns im Dunkeln hineinsteuern konnte. Freilich waren da auch noch allerlei Haken. Die Verständigung mit Tobias war auch für mich nicht leicht. Er rechnete sich zwar zu denen, die Dänisch verstehen und sprechen, aber man mußte meist den Sinn seiner Mitteilungen aus den Umständen erraten, unter denen sie abgegeben wurden. Wieviel kleine, oft spaßige Mißverständnisse hatten wir mit ihm im Lauf des Sommers erlebt! Jetzt konnte diese mangelhafte Verständigung leicht verhängnisvoll werden. Es ging nicht an, daß ich kommandierte, während er am Ruder stand. Wollten wir seine Kenntnis der Hafeneinfahrt ausnutzen, so mußte Tobias entscheiden, wann über Stag gegangen werden sollte. Übrigens war ja Tobias ein vernünftiger Mann. Wenn er sah, daß die Einfahrt zu schwierig wurde, so würde er schon in Lee des Hafenvorsprungs eine Stelle finden, wo wir ankern und die Trosse an Land geben konnten. Man mußte ihn nur machen lassen und nicht durch Kommandos stören. Als wir uns Godhavn näherten und Magister Porsilds Arktische Station sichtbar wurde, war es schon so dunkel, daß wir mit der elektrischen Taschenlampe Blinkfeuer gaben, um womöglich schon hier die Aufmerksamkeit der Bewohner zu erregen. Auch fuhren wir aus diesem Grunde so nahe an die Küste heran, wie wir der Brandung wegen wagten. Doch wir wurden nicht gesehen. Wir mußten hier schon Ausguck vorn am Bug haben, um nicht unversehens aufzurennen. Ein riesiger Eisberg stand hier gestrandet an der Küste. Wir fuhren zwischen ihm und dem Lande hindurch. Plötzlich tauchte hohe Brandung dicht vor uns aus dem Dunkel auf. Es war eine blinde Schäre, die vor der Küste lag. Wir kamen aber noch glatt daran vorbei. Es wurde schnell ganz dunkel. Nur die Schneeflecken am Lande leuchteten grau, aber es war sehr schwer, Abstände zu schätzen. Den Hafenvorsprung mit dem Ausguckshaus konnten wir noch an den Konturen gegen den Himmel erkennen. Nun mußten wir hart an den Wind gehen. Jetzt bat ich Tobias, das Ruder zu nehmen, und er verstand augenblicklich, daß ihm damit die Verantwortung für die schwierige Einfahrt übertragen wurde. Es mag ihm, in Erinnerung an seinen vorjährigen Schiffbruch, nicht ganz leicht geworden sein, aber er zögerte keinen Augenblick. Schweigend stand er am Ruder und starrte in das Dunkel hinaus. Den Hafenvorsprung rundete er so dicht neben den Klippen, daß ich ihn am liebsten korrigiert hätte. Aber nicht stören! Vor uns wuchsen dunkle Massen empor. Jetzt wurde auch links von uns Land sichtbar, das mußte die Fleisch-Insel sein. Damals waren wir auf der anderen Seite dieser Insel herumgefahren, gemäß der für große Schiffe gültigen Anweisung. Kleinere Boote konnten aber auch zwischen dieser Insel und dem Hafenvorsprung hindurch, und das war für uns günstiger, wir schnitten dadurch ein Stück ab und brauchten nicht so weit aufzukreuzen. Jetzt waren wir von allen Seiten von flachen Klippeninseln und -halbinseln umgeben. Nun hieß es aufpassen. Die Himmelsee, die draußen stand, hatte aufgehört, wir waren in Lee, aber der Wind, den die flachen runden Gneisklippen nur etwas böiger machten, aber nicht abdecken konnten, pfiff und heulte in unseren Segeln, und in den Stößen holte das Boot weit über. Gut, daß wir das Großsegel noch gerefft hatten, mehr Zeug hätten wir nicht vertragen! Mit unverändertem Kurs fuhr Tobias immer weiter, hart am Wind. Jetzt wurden auf Steuerbord dicht neben uns ein paar ganz flache Klippen erkennbar, eine Schäre. Wir fuhren wenige Meter an ihr vorbei. Dann näherten wir uns einem dunklen Landvorsprung. Das mußte der Anfang des langen Schlauches sein, in dem die Lindberg-Schäre liegt! Wir fuhren dicht an diesem Vorsprung vorbei, behielten dann aber die Richtung fast unverändert bei, lange Zeit. Hier war also eine große Bucht, die wir erst ausfuhren. Hätten wir doch eine Karte gehabt! Das hohe Land vor uns wuchs höher empor, die Schneeflecken wurden größer. Schließlich erklärte Tobias, nun sei es Zeit, über Stag zu gehen. Wir nahmen Anlauf, und die Wende glückte. Wir konnten sehen, daß wir trotz des Reffs mit dem Kreuzen vorwärts kamen. Jetzt kamen wir dicht an zwei dunklen Inseln vorbei, das war der andere Eckpfeiler des Einfahrtsschlauchs. Nun wurde also das Fahrwasser eng. Die nächste Wende mißglückte. Das Boot fiel wieder zurück in den Wind. Zu einem zweiten Anlauf war kein Platz mehr. Also mußten wir anders herum, halsen. Aber auch das erfordert Platz. Haarscharf brausten wir an den Klippen vorbei, die da plötzlich aus dem Dunkel heraus vor dem Bug erschienen! Das war mehr als ärgerlich, daß die Wende auf dieser Seite nicht ging! Die Hälfte von dem, was uns jeder Schlag einbrachte, ging durch das Halsen wieder verloren! Doch jetzt hieß es aufgepaßt vorn am Ausguck! Die beiden schwarzen Inseln waren schon wieder dicht vor uns. Wir mußten schon wieder wenden. Mir wurde die Sache mit der Lindberg-Schäre unheimlich. Wenn wir hier das Fahrwasser mit so engen Schlägen auf und ab kreuzten, so konnten wir sie eigentlich kaum vermeiden. Und da hier keine Dünung war, konnten wir sie auch nicht an der Brandung erkennen. Ich mußte doch einen Versuch machen, festzustellen, ob Tobias ihre Lage kannte. Wenn er nicht Bescheid wußte, war es doch besser, irgendwo einen Ankerplatz zu suchen und bis morgen zu warten. Aber jetzt keine Mißverständnisse! »Tobias, wo liegt die Lindberg-Schäre?« »Ich denke, vielleicht dort«! Und damit zeigte Tobias mit der Hand in die Finsternis hinaus. Dem Leser mag vielleicht diese vorsichtige Ausdrucksweise nicht befriedigend erscheinen. Aber Tobias war ein Grönländer, und die Grönländer brauchen das Wort »vielleicht« (imera) auch dann, wenn sie ihrer Sache ganz sicher sind. Ich war überzeugt, hätte sich Tobias unsicher gefühlt, so hätte er andere Worte gebraucht. Also ließ ich ihn weiter gewähren. Es war ja natürlich das beste, wenn es gelang, noch heute abend in den Hafen zu kommen. Inzwischen hatten wir genug zu tun mit dem fortwährenden Wenden. Es war zu ärgerlich, daß die eine Wende nicht klappte. Wir verbesserten das Manöver mit dem Stagsegel. Nun wollten wir noch einmal versuchen, ob es nicht ging. Wir konnten ja etwas früher anfangen, in größerer Entfernung vom Land. Wir liefen gegen den Wind auf. Aber es ging wieder nicht, das Boot fiel wieder zurück. Noch einmal: neuen Anlauf, neues Aufschießen gegen den Wind. Unmöglich! Wir fallen wieder ab! Jetzt bleibt nichts übrig als zu halsen. Hoffentlich reicht der Platz! Das Ruder wird anders herum gelegt, das Großsegel gefiehrt, das Boot bekommt brausende Fahrt gerade auf das Land zu. Wenn wir nur noch herumkommen! In der Dunkelheit kann kein Mensch den Abstand schätzen. Und das Boot dreht unglaublich langsam. Achtung, halsen! Das Großsegel kommt herüber, das Boot legt sich auf die andere Seite. Doch da tauchen aus dem Dunkel auch schon die Klippen auf, dicht vor uns. Das Ruder hart umgelegt, die Bootshaken in der Hand, so brausen wir auf das Ufer zu. Jeden Augenblick erwarten wir den Zusammenstoß. Zwei Meter von den Uferklippen entfernt gleitet unser Boot vorbei. Gerade wollen wir aufatmen, da – ratsch! – sitzen wir auf dem Felsen. Mit dem Kiel, Gott sei Dank! Aber die nächste Welle hebt uns wieder ab. – Ratsch! – wieder fest! Aber wieder werden wir abgehoben, und nun sind wir frei. Uha! Na, das ist noch mal gut gegangen! Aber das nächstemal müssen wir doch wohl vorsichtiger sein und gleich halsen, anstatt uns erst mit vergeblichen Wendeversuchen ans Land treiben zu lassen! Die Entdeckung, daß die »Krabbe« auch über Schären klettern konnte, machte ja ihrem Namen Ehre, aber wir legten heute abend keinen Wert auf weitere Erfahrungen in dieser Richtung. Inzwischen kamen wir doch in dem langen Schlauch allmählich vorwärts. Man sah schon den Hafen und jenseits von ihm die Lichter der Kolonie. Jedesmal, wenn diese wieder hinter der Hafeneinfahrt auftauchten, begannen wir mit unserer elektrischen Taschenlampe zu telegraphieren, um einen ortskundigen Lotsen oder gar ein Motorboot herauszulocken. Wo nur die Lindberg-Schäre blieb! Bei dieser Art des Kreuzens – wir machten etwa 10 Schläge – konnten wir doch kaum ganz frei von ihr kommen. Und gesehen hatten wir nichts von ihr. In der Dunkelheit erschien zwischen den festen Landlichtern ein bewegliches. Das mußte ein Boot sein! Noch zwei Schläge machten wir, dann erschien neben uns ein Ruderboot mit drei Grönländern. Meine erste Frage war: »Wo ist die Lindberg-Schäre?« »An der sind Sie längst vorbei!!!« – Jetzt stellten sich die ortskundigen Grönländer neben Tobias und gaben ihm auf Grönländisch ihre Weisungen. Nun war es keine Kunst mehr! Ein paar Schläge kreuzten wir noch, dann schlugen die Grönländer vor, wir sollten ankern und warten, bis sie mit ihrem Motorboot kämen, um uns ganz in den Hafen hineinzuschleppen. Lieber wäre es mir und auch meinen Kameraden gewesen, wenn wir nun schon ganz hineingekreuzt wären. Aber jetzt lag ja die Lindberg-Schäre hinter uns, es ging also nicht mehr gegen unsere Seemannsehre, uns einschleppen zu lassen. Ich gab meine Zustimmung. Wir tasteten uns vorsichtig an das nördliche Ufer heran, gaben beide Anker aus, nahmen die Segel herunter, und dann krochen wir in die Kajüte, zündeten den Primus an und kochten eine Riesen-Hafergrütze. Wir glaubten, sie verdient zu haben. Als wir sie gegessen hatten, kamen die Grönländer mit ihrem Motorboot und schleppten uns ganz in den Hafen hinein. Es war ½12 Uhr nachts, als hier unsere Anker fielen. Die »Krabbe« war im Winterquartier, die Expedition war zu Ende. Wenige Tage später gingen wir an Bord von »Gertrud Rask«, die uns nach Europa zurückbrachte. Sermilik-Gletscher Aussicht vom Nunatak über den Jacobshavner Eisfjord und Eisstrom