Johann Karl Wezel Robinson Krusoe Vorrede Sehr zufälligerweise kam ich auf den Einfall, daß ich im vorigen Jahre eine Umarbeitung des englischen Robinsons für die pädagogischen Unterhandlungen unternahm, und noch unerwarteter komme ich itzt dazu, daß ich die diesmaligen Meßwaren mit einem Robinson Krusoe vermehre. Herr Campe pries zu Ende des vorigen Jahres in einer weitläuftigen Anzeige den Robinson als eine Panazee wider alle Seelengebrechen an und empfahl ihn besonders als ein treffliches Mittel wider das herrschende Empfindsamkeitsfieber, das er dadurch in seinem Keime bei jungen Seelen zu ersticken hoffte. Ich hatte bisher den englischen Abenteurer für einen guten ehrlichen Kauz gehalten, der durch seine sonderbaren Schicksale und durch eine eigne Mischung von Zaghaftigkeit und Mut, von Einfalt und Klugheit, von Gutherzigkeit und Grausamkeit belustigen könnte; mit Erstaunen wurde ich nunmehr inne, daß ich, ohne es zu wissen, ein wahres schriftstellerisches Arkanum besaß, und da ich das Recht der ersten Besitznehmung darauf hatte, so konnte ich mir unmöglich ein so wichtiges Verdienst um unsre Nation von einem andern wegnehmen lassen, sondern eilte um soviel mehr, das angepriesne Wundermittel je eher, je lieber in die Hände des Publikums zu bringen. Um indessen allen Verdacht der Marktschreierei zu vermeiden, will ich ganz demütig bekennen, daß ich weder meinem noch irgendeinem Robinson auf der ganzen weiten Welt so eine große Wirkung zutraue, wie die Heilung einer Nationalkrankheit erfoderte; ich glaube nicht einmal, daß er Kindern zu einem Verwahrungsmittel wider die falsche Empfindsamkeit dienen kann, wenigstens würde er wider Natur und Beispiel nicht viel vermögen, und die gegenwärtige Empfindsamkeit ist kein gemachtes, bloß von gewissen Schriften veranlaßtes, sondern größtenteils ein natürliches Übel. Ihre erste hauptsächlichste Ursache liegt in dem verderbten Stoffe der Körper, in der Lebensart, in den Nahrungsmitteln, in den Sitten; alles dieses zielt darauf ab, die Eingeweide, den wahren Quell der Empfindsamkeit, durch Überspannung und Ruhe zu schwächen, ihnen eine unregelmäßige Reizbarkeit mitzuteilen und sie für die leiseste Berührung jeder Idee empfindlich zu machen; die gehäufte Anzahl hypochondrischer und hysterischer Personen, die daraus entstund, erzeugte zuerst die teutsche Empfindsamkeit. Je unmäßiger in einer Stadt Kaffee getrunken wird, je mehr dabei die Einwohner durch städtische Familienkriege, steife, ungesellige Sitten, Stolz oder andre Ursachen sich in die Zimmer einkerkern, leckerhafte, reizende, schlaffmachende Speisen und Getränke genießen, nichts als trockne gesellschaftliche Vergnügungen kennen, je mehr Empfindsamkeit wird unter ihnen herrschen. Nun kömmt es darauf an, welche Art von Ideen und Büchern am meisten im Umlaufe sind: liest man viel Gebetbücher und theologische Schriften, so bekömmt die Empfindsamkeit das Kleid der Bigotterie, des Fanatismus, der Andacht; liebt man moralische Bücher voll Tugend, Menschenfreundlichkeit und Mitleid, dann nimmt sie den Mantel der Tugend um; stehen Romane und Liebesgeschichten in Ansehen, so mischt sich die leidige Liebe ins Spiel, und Ärzte und Buchhändler können uns also berichten, wie hoch an jedem Orte der Thermometer der Empfindsamkeit steht und welches ihr stadtübliches Modekleid ist – Religion, Tugend oder Liebe. Diese Hauptquelle der Empfindsamkeit können auch nur Ärzte und solche Personen hindern, die durch ihr Beispiel Einfluß auf Sitten und Lebensart haben; die Schriftsteller haben nichts getan, als daß sie ihre Richtung auf einen andern Gegenstand leiteten. Sonst war die teutsche Empfindsamkeit Pietismus; Youngs »Nachtgedanken« machten sie zu poetischer Andächtelei; die Richardsonschen Romane, diese Galerien von idealen Charaktern und moralischen Gemeinplätzen, verwandelten sie in moralische Engbrüstigkeit; »Yoricks empfindsame Reisen« gebaren uns einen Namen für eine längst existierende Sache und wirkten mehr auf die Schriftsteller als auf die Leser, weil der Mann den losen Streich gespielt und mit seiner Empfindsamkeit Witz verbunden hatte; endlich wurde sie durch melancholische Geschichten und süßlichte Romane zu melancholischer und tändelnder Liebe. Der Hang zur Empfindsamkeit liegt in der Stimmung des teutschen Geistes: je mehr die Art des Verstandes, die vom Witze modifiziert wird, in unsern Schriften sich ausbreitet, je mehr werden sich auch bei den Lesern die Federn des Kopfes anspannen und jener Hang zur Empfindsamkeit vermindert, wenigstens in ein vernünftigeres Gleis gebracht werden. Daß es der Mühe wert ist, einige Saiten des Nationalgeistes anders zu stimmen, wird jeder leicht begreifen, der mehr denkt als empfindet: durch Verstand und Witz haben bisher alle Nationen mit ihrer Literatur geglänzt, durch Empfindung noch keine. Etwas kann also unstreitig der Schriftsteller beitragen, das schädliche Übergewicht der Empfindsamkeit zu schwächen: die affektierte geißle er mit dem unbarmherzigsten, bittersten Spotte, daß sie vor seinem Gelächter flieht wie der Satan vor einem Gebetbuche; die unaffektierte, die aus dem Charakter entstund und durch Lektüre eine oder die andre Richtung bekam, in ihre gehörigen Grenzen allmählich bei der Nation und ihren einzelnen Mitgliedern zu bringen, schreibe er Bücher, die das einzige Gegengift dawider enthalten – Verstand und Witz, gebe uns Gemälde des wahren menschlichen Lebens und allen seinen Werken eine solche Mischung von Verstand und Empfindung, wie sie die Natur in wohltemperierten Seelen angeordnet hat. Um bei der aufwachsenden Jugend der Nachahmung vorzubauen und in ihnen eine adäquatere Stimmung des Geistes vorzubereiten, weiß ich kein ander Mittel, als den Grundsatz zu befolgen, auf welchen ich die ganze Erziehung zurückzubringen gesucht habe Pädagogische Unterhandl. 1778. Erstes Quart. S. 15 : »man entwickle alle Kräfte in dem besten Ebenmaße, so sehr es die persönliche Beschaffenheit und politische Lage bei einem jeden Subjekte zulassen.« – Dies ist das Geschäfte des Pädagogen; will der Schriftsteller auch das Seinige zu diesem Behufe tun, so muß er's freilich durch ein Buch bewerkstelligen, das die Menschen von der Passivetät zur Tätigkeit hinzieht; aber Robinson ist dazu viel zu schwach. Es muß ein Buch sein, das an Einbildungskraft, Witz, Verstand und Dichtergeist allen die Waage hält, die die Empfindsamkeit ausgebreitet haben; das ein Beispiel großer, edler, aufstrebender Tätigkeit enthält, wie sie jeder Jüngling nachahmen kann; das die Triebfeder der menschlichen Größe, die Ehre, anspannt; ein Beispiel voll Nerven, Geist, starker, männlicher Empfindung; ein Charakter, aus den zwei Hauptelementen einer großen Seele, aus hoher Denkungsart und gefühlvollem Herze, zusammengesetzt, ohne die mindeste idealische Vollkommenheit, mit Schwachheiten und Gebrechen beladen, aber eine Seele voll Gleichgewicht; dieser Charakter muß durch eine Reihe von wahrscheinlichen Begebenheiten ohne alle Abenteuerlichkeit hindurchgeführt werden, immer stolpern, oft durch die Übertreibung seiner guten Eigenschaften fallen, dem Untergange und sogar dem Verbrechen sich dadurch nähern und durch seinen wirksamen, starken, männlichen Geist sich wieder emporreißen, mit Leidenschaft, Phantasie, Menschen und Schicksal kämpfen und doch mit unerschütterlichem Ausharren zu seinem letzten Zwecke hindurchdringen – zu dem Zwecke, durch nützliche Geschäftigkeit auf einen beträchtlichen Teil seiner Nebenmenschen auf eine Art zu wirken, wie sie in unsrer Welt und bei unsrer Verfassung möglich ist. Nur ein solches Buch, aus unsrer gegenwärtigen Welt geschöpft, das uns Sitten, Leidenschaften, Menschen und Handlungen mit ihren Bewegungsgründen nicht nach moralischen Grundsätzen, sondern aus der Erfahrung darstellt; das dem Jünglinge ein wahres Bild von dem menschlichen Leben, dem Spiel der Leidenschaften, Begierden, Wünsche und Torheiten, von den betrügerischen Täuschungen der Einbildungskraft und Empfindung, dem Glück, das sie geben, und dem Unheile, das sie stiften, mit einnehmenden, aber nicht übertriebnen Farben vorzeichnet und jungen Leuten eine Menschenkenntnis verschafft, die sie später mit ihrem Schaden durch eigne Erfahrung erwürben; das die Tugend nicht wie eine Feenkönigin und das Laster nicht wie einen Teufel malt, sondern jene als ein schwaches, gebrechliches, artiges, aber zärtliches Weibchen und dieses wie einen gleißenden Betrüger, der Gewalt braucht, wo keine List hilft – nur ein solches auf den Ton der wirklichen Welt gestimmtes Buch, sage ich, kann den erschlafften Nerven der Seele eine andre Spannung allmählich geben, insofern dies ein Buch vermag. Die Kraftmänner, die itzo, dem Himmel sei Dank! vor Überspannung eingeschlafen zu sein scheinen, hatten zwar auch die Absicht, die Nationalstimmung männlicher und straffer zu machen, aber die Tätigkeit, die sie am meisten durch ihr eignes tolles Beispiel predigten, war Fieberhitze, Streiche in die Luft, renommistische Tapferkeit und keine von Verstand und Ehre geleitete Kraft. Robinson, in seinen rechten Gesichtspunkt gestellt, in welchem ich ihn auch bearbeitet habe, ist eine Geschichte des Menschen im Kleinen, ein Miniaturgemälde von den verschiedenen Ständen, die die Menschheit nach und nach durchwandert ist, wie Bedürfnis und zufällige Umstände einen jeden hervorgebracht und in jedem die nötigen Erfindungen veranlaßt oder erzwungen haben, wie stufenweise Begierden, Leidenschaften und Phantasien durch die äußerliche Situation erzeugt worden sind. In der Geschichte selbst habe ich diese Stufen der Entwicklung deutlich angegeben und hineinzubringen gesucht, so sehr der Plan des Originals es erlaubte. Es scheint nicht, daß Defoe diese philosophische Idee eigentlich dabei gehabt hat, und sein Schatten wird mir vergeben, daß ich ihm etwas andichte, woran er vielleicht nicht dachte. Zusammendrängung der Geschichte, ihre Richtung auf den vorhin genannten Zweck, Erfindung, Anordnung und Kolorit einiger Naturszenen, Umbildung einiger Begebenheiten, Ton und Gang der Erzählung sind alle Verdienste um meinen Abenteurer, auf welche ich mit Recht Anspruch machen kann; das übrige gehört seinem ersten Verfasser. Als ein Lesebuch für Kinder betrachtet, welches seine erste Bestimmung war, könnte man vielleicht zweifeln, ob der Ton allemal der Fassungskraft des kindischen Alters angemessen sei, besonders wenn man ihn mit der Schreibart vergleicht, in welcher gegenwärtig viele Schriftsteller mit den Kindern reden; allein, ob ich gleich das Kinderpublikum bei der Ausarbeitung nicht vor Augen gehabt habe, so glaube ich doch, daß man auch zu diesem Behufe mein Büchelchen gebrauchen kann. Menschen von gewöhnlichen Fähigkeiten dürfen von Rechts wegen vor dem zehnten, zwölften Jahre nicht zur Lektüre als Zeitvertreib angehalten werden, wofern sie nicht ein besondrer Trieb zu dieser Art des Vergnügens hinzieht, sonst entstehen Stubengucker, Kabinettsphilosophen, die die Dinge nicht nach den natürlichen Eindrücken auf ihre Organe, sondern nach gelernten Vorurteilen schätzen, vorzüglich da die Bücher selten etwas anders als Sammlungen von Vorurteilen sind. Bewegende Spiele, die Blut und Lebensgeister in Umtrieb bringen und die Lebhaftigkeit der sinnlichen Werkzeuge stärken, müssen der Zeitvertreib des ersten Alters sein und nur dann das eigne Lesen allmählich dazu gemacht werden, wenn die Seelentätigkeit zu erwachen und mit der körperlichen zu streiten pflegt; alsdann muß man sich in den Streit mischen und ihn zum Vorteil der erstern zu lenken suchen, den Körper zum gehorsamen Gehülfen erniedrigen und dem Geiste auch bei dem Vergnügen die Oberhand verschaffen. Für dieses Alter war also mein Robinson zunächst bestimmt, und sein Gebrauch sollte bis zu den Jahren reichen, wo der Jüngling mit den Leidenschaften und ihren mancherlei Folgen, mit dem Spiele des menschlichen Herzens und der Welt, den Sitten, Charaktern und Handlungsarten der Menschen bekannt werden soll, und diese Bekanntschaft sollten ihm die eigentlich sogenannten Romane verschaffen. Bücher für diese ersten Jahre der Lektüre – vom zwölften bis zum achtzehnten – müssen auf der einen Seite die Reflexion erwecken und den Kopf mit Factis versorgen, welches bekanntlich die Elemente der menschlichen Erkenntnis sind, auf der andern solche Leidenschaften mit ihren guten und schlimmen Folgen schildern, die die Natur in diesem Alter entwickelt. Kinder und Jünglinge sollen nicht lebendige Moralen, sondern nur moralisch klug werden, und zu diesem Endzwecke kenne ich kein ander Mittel, als daß man ihnen Affekten und Leidenschaften in der Ordnung darstellt, wie sie die Natur in ihnen aufweckt, und ihnen das Gute und Schlimme ihrer Wirkungen anschaulich zeigt; nun mag sie der junge Mensch fühlen, mag mit ihnen streiten und kämpfen, so sehr es seine Natur will, und mehr oder weniger Schaden dabei leiden, wie es die Stärke und Schwäche seiner Vernunft, die größre oder geringere Heftigkeit seiner Begierden zuläßt. Gemälde der Liebe dem Jünglinge verwehren ist, gelinde gesprochen, Mangel an Einsicht und eingeschränkter Blick, aber ihn vor aller einseitigen Kenntnis dieser Leidenschaft bewahren, ist Klugheit und Notwendigkeit. Man ist daher sehr eilfertig und verlangt von dem Dichter, daß er diesem Übel abhelfen und keine einseitigen Schilderungen machen soll, ohne zu bedenken oder zu wissen, daß einseitige Schilderungen, besonders in kleinen Werken, wie im Drama, unentbehrliches poetisches Bedürfnis sind. Der Zweck, worauf der Dichter arbeitet, ist der beste poetische Effekt, und er gebraucht dazu die Mittel, die ihn nach seiner Einsicht hervorbringen. Daß sein nach dieser Regel entstandnes Werk zufälligerweise diesem oder jenem Subjekte Schaden tut, dafür kann er so wenig als der liebe Gott, der Leidenschaften, Schmerz und Mangel zu Triebfedern der nützlichsten Tätigkeit, aber auch für manchen zur Ursache des Unglücks und des Lasters machte. In größern Werken, wie in Romanen, kann man schon etwas begehrlicher von dem Dichter fodern, nicht daß er den poetischen Effekt dem moralischen Endzwecke aufopfern, sondern daß er sie beide vereinigen soll, wo er kann. Kein Ding auf dieser Erde ist allgemein schädlich oder nützlich: ob es eins von beiden werden soll, hängt von der Beschaffenheit des Menschen ab, welcher eine Wirkung von ihm empfängt. Wie kann aber der Dichter darauf denken, ob nicht hie und da ein schwachköpfichter, schwachherziger oder verderbter Jüngling sein Buch in die Hand nimmt und es zu seinem Schaden liest? Auch die unschädlichste Speise wird in einem Körper voll verdorbner Säfte zu Gift und einem schwachen Magen ungesund. Der Dichter liefert ein Stück Welt, und der Moralist darf ihn nur dann zur Rechenschaft ziehen, wenn sein Gemälde in Rücksicht auf die Ursachen und Folgen der Handlungen, Charaktere und Leidenschaften nicht treu ist; wenn er einen Mann, den er uns durch seinen Verstand als ehrwürdig vorgestellt hat, das Laster empfehlen oder die Wollust den Geist schärfen und den Leib stärken läßt, dann verschreie man ihn als einen Lügner, der die Natur und seine Leser belogen hat; aber daß er den Rachsüchtigen in den Augenblicken der Rache Vergnügen fühlen, den Verliebten sich in Freude berauschen läßt, das kann ihm niemand verargen, weil das Gegenteil nicht in der Natur wäre. Sein Publikum sind Männer von gesundem Verstande und gesundem Herze, und der Pädagog ist ungerecht, wenn er ihm ein andres unterschiebt; er kann in kleinen Werken nur einseitige Schilderungen geben, und der Pädagog übersieht das Bedürfnis und die Einschränkung der dichterischen Kunst, wenn er ihn darüber tadelt. Es ist des Erziehers Sache, aus diesen verschiedenen einseitigen Gemälden die vollständige Kenntnis seines Zöglings zu bilden; auf ein Gedicht, eine Erzählung, ein Drama, das Liebe, Melancholie, Empfindsamkeit usw. auf der einnehmenden glänzenden Seite darstellt, lasse er in der Lektüre seines Untergebenen unmittelbar ein andres folgen, das diese Dinge auf der Rückseite zeigt, wie sie das Leben verbittern, Verwirrung und Unordnung in dem menschlichen Leben verbreiten, die Glückseligkeit untergraben, und der junge Mensch muß sehr dumm oder schon sehr verderbt sein, wenn er sich nicht in aller Stille bei sich eine kleine Klugheitsregel daraus zieht. Moralische Güte kann kein Pädagog und kein Dichter in Subjekten entwickeln, in welche die Natur keine Anlagen dazu legte, aber eines Grades von moralischer Klugheit sind alle fähig, können alle von Dichtern und Pädagogen lernen, die ihnen von Menschen und Welt vollständige Kenntnis geben. Mit ebenso vieler Unbilligkeit rücken Laien in der Kunst den Dichtern den Gebrauch der törichten und lasterhaften Charaktere vor; sie übersehen, daß Kontrast eins von den obersten poetischen Hülfsmitteln ist und daß ein Werk, dem es in Leidenschaften, Situationen und Charaktern ganz daran fehlte, notwendig unschmackhaft sein müßte. Aber auch von der moralischen Seite betrachtet, ist es für Junge und Alte höchst schädlich, Laster und Torheit vor ihnen zu verbergen und sie nur in Gesellschaft moralischer Drahtpuppen und tugendhafter Weisen zu bringen; den Schaden auseinanderzusetzen wäre für eine Vorrede zum Robinson zu lang; ich habe mich ohnehin durch mein Geplauder von der Hauptabsicht verloren, warum ich sie schrieb, und den Einwurf nicht gehoben, den man wider die Brauchbarkeit meines Büchelchens zur Kinderlektüre machen könnte. Es ist eine durchaus falsche Maxime, die sich auf eine ebenso falsche Beobachtung gründet, wenn man behauptet, daß man für Kinder anders schreiben soll als für Erwachsene, auch in der Erzählung und nicht bloß bei Sachen des Verstandes. Man muß für alle Alter deutlich und mit Geschmack schreiben, und ich begreife nicht, warum ein kraftloser, wäßrichter, schlechter Stil, voll ekelhafter Wiederholungen und tätschelnder Ausdrücke dem Kinderverstande angemessener sein soll. Bei den meisten Kinderbüchern sollte man glauben, daß sie von Kindern und nicht für Kinder geschrieben wären; wir töten den guten Geschmack im Keime, gewöhnen sie an das Schlechte und verderben sie durch solche elende Sprache so sehr als durch den vorgekauten Brei, womit wir sie von den Ammen stopfen lassen. Der Knabe muß schlechterdings in einem Buche, das er liest, nicht alles verstehen; er frage, sinne oder suche nach, Prudens interrogatio, dimidium scientiae. Solange uns ein Wort, eine Idee, eine Sache nicht durch ihre Fremdheit rührt, haben wir kein Interesse, sie kennenzulernen, und ohne dieses Interesse hilft weder Erklärung noch sonst ein Hülfsmittel; auch ist die vorgebliche Deutlichkeit der itzigen Kindersprache eigentlich Weitschweifigkeit und also der deutlichen Vorstellung völlig hinderlich. Ich will durch diese Anmerkung meinen Stil keineswegs zum Muster für diese Schriftsteller anpreisen, sondern sie nur demütigst bei dem Apoll und allen Musen bitten, daß sie statt des Wasserbreies die zarten Seelen lieber mit einer solidern Nahrung auffüttern und den Geschmack der Nachkommenschaft nicht auf das Schlechte und Elende richten mögen; der Geschmack für das Schöne ist auch ein wesentlicher Teil der pädagogischen Bildung. J. K. Wezel Erster Teil Robinsons Familie stammte ursprünglich aus Teutschland her: sein Vater war aus Bremen gebürtig, verließ seinen Geburtsort, um sich in England niederzulassen, erwarb sich in diesem Lande viel Vermögen durch den Handel und wählte die Stadt York zum Aufenthalte für den Rest seines Lebens. Hier heiratete er, und aus seiner Ehe entstand der berühmte Seefahrer, dessen Geschichte itzo jedermann erfahren soll, der meiner Erzählung zuzuhören Lust hat. Die Familie der Mutter hieß Robinson; unser Held nannte sich mit dem vereinigten Namen seiner beiden Eltern Robinson Kreuzner, und die Engländer, diese großen Namenverderber, schufen daraus einen Robinson Krusoe. Der junge Robinson wurde für die Rechtsgelehrsamkeit bestimmt, allein sein Unternehmungsgeist gab ihm einen so starken Hang zum Leben eines Seefahrers, daß ihn die vernünftigsten Vorstellungen und dringendsten Bitten seiner Eltern von einer so mühevollen gefährlichen Laufbahn nicht abzubringen vermochten. Sein Vater hielt ihm tägliche Ermahnungen, daß er den Vorteil, in einem ruhigen wohlhabenden Mittelstande geboren zu sein, nicht verschmähen sollte. – »Nur dieser Stand«, sagte er ihm oft, »ist zur wahren Glückseligkeit ausgesondert, dahingegen die höhern und niedern Klassen die Übel des menschlichen Lebens unter sich teilen. Der Große wird von Leidenschaften, Projekten, künstlichen Bedürfnissen und künstlichen Leiden gequält; der Landmann, der Handwerker, der Fabrikant kämpft mit den Beschwerlichkeiten körperlicher Arbeit, oft mit Mangel und beständig mit der Ungewißheit des Unterhalts. Der Große wird durch Bequemlichkeit und Überfluß zu tausend Ausschweifungen verleitet, die seine Kräfte, seinen fröhlichen Mut, sein Leben verzehren; die Unbekanntschaft mit dem Elende macht ihn hart, unempfindlich, zu Freundschaft und Wohlwollen weniger geneigt; er seufzt unter Zwang und Langeweile, wenn sie ihm die Gewohnheit auch noch so erträglich macht, und über der unaufhörlichen Bemühung, sich nach andrer Denkungsart zu richten, verliert er selbst seine eigne. Ungesunde, durch Sitzen oder Anstrengung entkräftende Beschäftigungen vergiften in den niedern Ständen das Leben und stecken das Gemüt mit schlechten, unfreundlichen Gesinnungen an. Ein Mittelmann, der Vermögen genug besitzt, um der Abhängigkeit zu trotzen, wenn sie zu schwer drückt, der in seinen Schicksalen wohl Ebbe und Flut, aber nie Sturm und Ungewitter leidet, ist dieser nicht glücklicher als die übrigen? Er hat soviel Leidenschaft und Unglück, als nötig ist, um das Leben nicht tot, fade und lästig zu machen, und selten von beiden so viel, daß es ihn zu Boden schlagen könnte.« Diese halb wahren und halb falschen Vorstellungen hörte der Sohn gelassen an, glaubte alles und beharrte in seiner Neigung. Er beredte seine Mutter, daß sie ihm bei dem Vater die Erlaubnis auswirken sollte, dem Hange zum Seeleben zu folgen, und da der Alte auch ihren Bitten sich unbeweglich widersetzte, so drang der unbesonnene Jüngling mit der Tollkühnheit eines Wagehalses durch Hindernisse, die er nicht anders wegräumen konnte: er entlief seinen Eltern und ging mit dem ersten Schiffe, das sich ihm darbot, von Hull, wohin er geflüchtet war, nach London, um daselbst Gelegenheit zu wichtigen weiten Fahrten zu finden. Die Angst über einen kleinen Sturm, der dem unerfahrnen Burschen ein großer tobender Orkan zu sein schien, bestrafte ihn den Tag nach seiner Abreise für einen gewagten Entschluß, dessen Gefährlichkeit er nunmehr sehr lebhaft fühlte; allein die wüste Gesellschaft, unter welcher er sich befand, ersäufte seine Reue in Punsch und Branntewein; man sprach ihm Mut ein, und die Herzhaftigkeit, die ihm fehlte, mußte ihm der Trunk verschaffen. Einige Tage darauf erfuhr er eine noch härtere Bestrafung: ein viel größrer Sturm erhob sich mit solcher Gewalt, daß man das schwache und schwerbeladne Schiff den Wellen überlassen und sich auf einem Boote retten mußte. Als ein Bettler, abgerissen, von Gefahr und Angst entkräftet, mußte der unerfahrne Jüngling zu Fuß nach London gehn; selbst diejenigen, die ihn vorher zu dem Seeleben aufgemuntert hatten, rieten ihm itzo davon ab, weil sie weniger Standhaftigkeit und Kraft in ihm fanden, als dieser Beruf fodert – nichts half! Begierde überwog bei ihm die Stärke so sehr, daß er noch itzt dem Rate, zu seinem Vater zurückzukehren, nicht folgte; er wankte einige Zeit, und die Scham vor seinen Eltern und Anverwandten bewegte ihn endlich, sich auf ein Schiff zu begeben, das nach der afrikanischen Küste bestimmt war. Der Herr des Schiffes, auf welchem er nach Afrika ging, veranlaßte ihn durch die Freundschaft, die er für ihn sogleich nach dem Anfange ihrer Bekanntschaft faßte, zur Unternehmung dieser Reise; von der Lebhaftigkeit und Gesprächigkeit des jungen Menschen eingenommen, bot er ihm freie Fahrt an und die Erlaubnis, eine kleine Summe zu einem Handel mit Kleinigkeiten anzulegen, die sich an der Küste von Guinea mit Vorteil absetzen lassen. Robinson trieb mit Beihülfe einiger Anverwandten vierzig Pfund Sterlinge auf und brachte dafür bei seiner Rückkunft ohngefähr dreihundert Pfund zurück. Er gewann die Zuneigung und das Vertrauen des Schiffkapitäns und erlangte auf dieser Reise durch ihn viele Kenntnisse in der Mathematik, Schiffahrt und Sternkunde. Die Reise ging ohne alle widrige Zufälle vonstatten; so vieles Glück und so vieler Gewinst spornte ihn an, eine zweite zu wagen, aber zu seinem Unglücke! Die größten Widerwärtigkeiten vereinigten sich, seinen seemännischen Mut zu erschüttern. Wer wird hier nicht sogleich einen Seeräuber kommen sehn, der ihn in die türkische Gefangenschaft bringt? – Getroffen! Zwischen den Kanarischen Inseln und der Küste von Afrika fand sich bei Anbruch des Tages ein Korsar aus Sale ein und machte mit allen Segeln Jagd auf das Schiff, mit welchem Robinson reiste. Der Kapitän hielt es für klüger, einem Räuber zu entfliehen als zu widerstehen, und segelte so schnell, als möglich war, von ihm hinweg, doch alle Schnelligkeit half nicht länger als bis nachmittags gegen drei Uhr, wo der Türke so nahe kam, daß man sich zum Streite rüsten mußte. Der Bösewicht wollte das Schiff von hintenzu angreifen, aber durch ein Versehen traf seine erste Kanonade die rechte Flanke; man beantwortete sie mit acht Kanonen, man feuerte auf beiden Seiten lange mit Kanonen und Flinten, der Räuber ersah seinen Vorteil, sechzig von seinen Leuten warfen sich in das angegriffene Schiff und richteten unter Mastbäumen und Tauen mit ihren Äxten eine schreckliche Verwüstung an. Man schoß zwar die beschnittnen Feinde tapfer wider die Köpfe, allein sie behielten doch bei aller Gegenwehr die Oberhand; sie hatten das Schiff mastlos und unbrauchbar gemacht, es mußte sich ergeben, und Robinson wurde nebst seinen übrigen Gefährten als Gefangner nach Sale geführt. Die Leser, die vorhin die Ankunft des Seeräubers so richtig mutmaßten, werden gewiß nunmehr ganz schreckliche Behandlungen in dieser Gefangenschaft erwarten, aber da irren sie sich: es geht unserm Robinson ziemlich gut darinne. Freilich ist er aus einem Kauf- und Handelsmanne zum Sklaven geworden, aber er wird doch nicht mit den übrigen Gefangnen zur Residenz des Kaisers geschleppt, sondern der Kapitän des Raubschiffes behält ihn als einen jungen muntern Burschen für seinen Anteil von der Beute. Robinson, dem sein neuer Zustand sehr wenig behagte, machte schon Entwürfe zur Flucht, nachdem er kaum darein versetzt war. Er hoffte zuverlässig, daß ihn sein neuer Herr, wenn er auf Streifereien ausging, mit sich zur See nehmen würde; alsdann war doch wahrhaftig nichts leichter möglich, als daß ein spanisches oder portugiesisches Kriegsschiff den Korsaren bald oder spät in seine Gewalt bekam, und so hatte Robinsons Sklaverei ein erwünschtes Ende – aber nichts von dem allen geschah. Der neue Herr nahm ihn nicht mit sich zur See, wurde von keinem spanischen oder portugiesischen Kriegsschiffe überwältigt, und Robinsons Sklaverei nahm kein erwünschtes Ende, sondern er mußte zu Lande bleiben, das Gärtchen seines Herrn bauen und alle andre ökonomische Verrichtungen im Hause tun; kam der Kaper von seinen Wanderungen zurück, so mußte Robinson in der Kajüte schlafen und das Schiff bewachen. Sooft er diese Schildwache hielt, so oft dachte er auch auf die Flucht, aber mit allem Nachdenken war kein Mittel dazu auszusinnen, weil er keinen Mitsklaven hatte, der seine Sprache verstand und die Ausführung seines Vorhabens mit ihm teilen konnte; für sich allein wagte er nichts zu unternehmen und mußte also ganze zwei Jahre in diesem Zustande ohne Rettung und Hoffnung aushalten. Endlich wurde die Gelegenheit für ihn günstiger. Sein Herr war unglücklich gewesen, hatte kein Geld, um sein Schiff auszurüsten, und war also genötigt, länger als gewöhnlich auf dem Lande zuzubringen. Da auf diese Weise sein Krieg mit den Menschen ruhen mußte, so zog er wider die Fische zu Felde und fuhr wöchentlich etlichemal in dem kleinen Boote auf den Fang aus; Robinson und ein junger Mohr begleiteten ihn alsdann, und weil sich der erste sehr geschickt und eifrig im Fischen bewies, so faßte er soviel Zutrauen zu ihm, daß er ihn mit einem Mohren von seiner Anverwandtschaft zuweilen aussandte, um ihm ein Gericht für seinen Tisch zu fangen. Auf einer solchen Fahrt wurden sie von einem so dichten Nebel überfallen, daß sie die Küste nicht erkennen konnten und einen Tag und eine Nacht auf dem Meere zubrachten; als er verschwand, sahen sie sich wenigstens eine Meile vom Lande entfernt und ruderten mit desto größrer Arbeit und Gefahr nach ihm zurück, weil der Wind heftig zu blasen anfing. Seit diesem Zufalle tat der Kapitän keinen Zug wider die Fische mehr, ohne sich mit Kompaß und Mundvorrat zu versorgen, und ließ zu diesem Endzwecke das große Boot des Schiffes, auf welchem Robinson gefangen wurde, zurechtmachen, eine Kajüte darauf bauen und darinne Schränke für Branntewein, Reis, Kaffee und andre Lebensmittel anbringen. Eines Tages fiel es ihm ein, mit einigen Mohren von seiner Bekanntschaft auf diesem Boote eine Lustfahrt zu halten, und er ließ deswegen starke Vorräte hineinschaffen, nebst drei Flinten und einer hinlänglichen Menge Pulver und Blei, um Seevögel zu schießen, wenn das Fischen sie nicht mehr belustigte. Als Robinson seinem Befehle gemäß alles in Bereitschaft gesetzt und die Gesellschaft im Boote lange erwartet hatte, kam sein Herr allein, berichtete ihm, daß seine Freunde die Partie wieder abgesagt hätten, und gab ihm den Auftrag, mit den gewöhnlichen zween Begleitern, seinem Verwandten und einem jungen Mohrensklaven, auszufahren und etwas für das Abendessen zu fangen, das seine Freunde bei ihm einnehmen wollten. – Halt! dachte Robinson bei sich, itzt wirst du entwischen können; hier hast du ein kleines Fahrzeug mit so vielen Vorräten in deiner Gewalt, was braucht es weiter? – Er nahm seine Maßregeln diesem Entschluß gemäß, beredete den Anverwandten des Kapitäns, einen Korb voll von ihrem Zwiebacke und einige Flaschen frisches Wasser hineinzuschaffen, unter dem Vorwande, daß sie die Vorräte ihres Herrn nicht anrühren dürften, wenn sie etwa ein Unfall wie letzthin zu weit vom Lande entfernte. Robinson trug heimlich noch andre Bedürfnisse, eine Hacke, Wachs, Stricke und was er nur fortbringen konnte, hinein. Auch tat er den Vorschlag, Flinten und Pulver herbeizuschaffen, damit sie zu ihrem eignen kleinen Vergnügen eine Jagd mit Seevögeln halten könnten; der Bursche argwohnte nichts Böses und willigte mit Freuden darein. Eine Weile vom Hafen machte man den Anfang zu fischen, doch Robinson überredete dem Mohren, daß hier die Fische noch zu schlecht wären, und bewegte ihn, eine Stunde weiterzufahren. Als sie stillhielten und der Anverwandte des Kapitäns im Vorderteil des Bootes stand und sich langweilig umsah, übergab Robinson dem kleinen Mohrensklaven das Ruder und ging zu jenem hin, als wenn er etwas neben ihm suchen wollte, ergriff ihn bei den Füßen und stürzte ihn glücklich über Bord. Der Mohr schwamm wie eine Ente, kam an das Boot heran und bat inständigst, daß er ihn wieder einnehmen möchte, doch Robinson hielt ihm eine Flinte entgegen und sagte ihm drohend: »Ich habe dir kein Leides getan, schwimme zum Ufer, da das Meer ruhig ist! Näherst du dich meinem Bord, so fährt dir diese Kugel durch den Kopf, denn ich bin fest entschlossen, meine Freiheit zu suchen.« – Der Mohr wollte die Wahrhaftigkeit der Drohung nicht auf die Probe stellen, sondern lenkte sogleich um und schwamm dem Ufer zu und wird vermutlich gesund angelangt sein, wenn er nicht unterwegs ertrunken ist. Robinson vergaß der Menschlichkeit aus zu großem Verlangen nach Freiheit und war beinahe willens, sich des andern Mohren auf die nämliche Weise zu entledigen, doch besann er sich noch zu rechter Zeit und versuchte erst die Güte. – »Xuri«, sprach er zu dem Knaben, »wenn du mir getreu bist, will ich dein Glück machen; lege die Hand auf dein Gesicht und schwöre mir Treue bei dem Mahomet und dem Barte seines Vaters! Oder ich werfe dich wie jenen Beschnittnen ins Meer.« – Der Knabe lächelte furchtsam, streichelte ihm voller Unschuld die Hand, bat um sein Leben und schwur bei dem Mahomet und seines Vaters Barte, ihm treu zu sein und ihn allenthalben zu begleiten, wohin er es verlangte. Um dem Kapitän eine falsche Richtung zu geben, wenn er ihm vielleicht nachsetzte, schiffte er geradeaus, solange er dem schwimmenden Mohr im Gesichte war, und folgte alsdann dem Winde, der nach Süden blies und ihn zu Ländern voll grausamer Negern und wilder Tiere führte, wo er nicht eine Minute auf Gottes festen Erdboden treten durfte, wenn er nicht von einem unter beiden aufgezehrt sein wollte. Er und sein Begleiter ruderten mit allen ihren Armen, der Wind war so günstig und das Meer so ruhig, daß sie am folgenden Tage nachmittags um drei Uhr sechzehn Minuten schon wirklich hundertundfunfzig Meilen von Sale entfernt und weit auf dem Gebiete des Kaisers von Marokko waren; der Kapitän tu es ihnen nach, wenn er sie einholen will! Gleichwohl hatte Robinson an dieser Entfernung zu seiner Sicherheit noch nicht genug, er landete nirgends, legte nirgends vor Anker, sondern setzte seinen Lauf ununterbrochen fünf Tage lang fort. Itzt wagte er sich zum ersten Male in die Nähe der Küste, lief gegen Abend in einen kleinen Meerbusen ein und warf den Anker aus mit dem Vorsatze, bei dem Einbruche der Nacht hinüberzuschwimmen und das Land zu untersuchen, aber diesen Vorsatz gab er bald auf. Kaum begann die Dunkelheit, als vom Lande her ein fürchterliches Brüllen, Heulen und Schreien ertönte, welches nach aller Wahrscheinlichkeit eine Abendmusik von wilden Tieren war. Das barbarische Konzert wurde so entsetzlich, daß der arme kleine Mohr vor Schrecken zitterte und furchtsam sich an Robinsons Arme anklammerte, als wenn die wilden Tiere insgesamt schon in vollem Marsche auf ihn losgingen. Robinson sprach ihm Mut zu und stärkte seine Herzhaftigkeit mit einem Glase Branntewein, welches dem Knaben soviel Tapferkeit einflößte, daß er mit aller Gewalt den Ungeheuern den Krieg ankündigen und sie mit der Flinte vor den Kopf schießen wollte; aber wie bald verschwand diese Unerschrockenheit, als er im Wasser ein starkes Plätschern hörte, welches nichts anders befürchten ließ, als daß die Ungeheuer seine Ausfoderung annahmen und schon im Anzuge wider ihn waren! Nicht lange, so brach die Freude, womit sich die Scheusale im Meere herumwälzten, in so schreckende brüllende Töne aus, daß den beiden Abenteurern in ihrem Boote die Haare auf dem Kopfe starr emporstiegen, die Herzen im Leibe wie Schmiedehämmer pochten und alle Glieder wie Espenlaub zitterten. Das war ein Brüllen! ein Brüllen, daß sich die Sterne am Himmel hätten fürchten mögen! Das Geräusch im Wasser näherte sich dem Boote immer mehr, und ob sie gleich in der Dunkelheit nichts deutlich erkennen konnten, so blies doch aus den schnaubenden Nasenlöchern des kommenden Tieres ein so heftiger Wind auf sie her, daß sie daraus auf seine außerordentliche Größe mit vieler Gewißheit schlossen. Der kleine Xuri glaubte sich schon halb verschlungen, drückte sich fest an seinen Gefährten an und ließ nicht einen Augenblick von seinen Händen ab. – »Fliehen, fliehen!« sprach er leise mit bebender Stimme. »Den Anker hurtig herauf und dann fort! damit uns der gräßliche Löwe nicht frißt.« – Robinson versicherte ihn, daß dies nicht nötig sei, holte eine Flinte und feuerte sie los – weg war das Ungeheuer! Eilends schwamm es dem Ufer zu, und bei dem Schusse, einem in diesen Gegenden vielleicht noch nie gehörten Schalle, brüllte und heulte vom Ufer und tiefer aus dem Lande ein allgemeines Chor, wobei beiden vor Entsetzen die Gedanken im Kopfe stillstunden und das Blut in den Adern gefror. So gefährlich es war, sich ans Land unter so fürchterliche Einwohner zu wagen, so verlangte es doch schlechterdings der Mangel an frischem Wasser. Nach einer bangen schlaflosen Nacht überlegten sie am folgenden Morgen, was sie tun sollten. – »Gib mir einen Krug!« sprach der kleine Xuri mit kindischer Gutherzigkeit. »Ich will allein gehn und Wasser suchen.« – »Warum das?« fragte Robinson. – »Damit die wilden Tiere nur mich fressen und du mit dem Leben davonkömmst«, war Xuris Antwort. – Robinson wurde von seiner treuherzigen Einfalt und Liebe gerührt, gab ihm Zwieback und ein Glas voll Stärkung des Mutes wie gestern und trat den Weg mit ihm gemeinschaftlich an, beide mit Flinten und Wasserkrügen beladen. Robinson wollte das Boot nicht aus dem Gesichte verlieren und wagte sich also nicht weit; doch der kleine Mohr, dem sein Mut durch den Branntewein gewaltig gewachsen war, lief in eine Öffnung, die tief in das Land hinein ging, in vollem Trabe hinab, und einige Minuten darauf kam er im Galopp wieder zurück, daß Robinson glaubte, er werde von einem Wilden verfolgt, und deswegen ihm zu Hülfe eilte; allein bei seiner Annäherung wurde er mit Vergnügen gewahr, daß ihm der Bursche freudig ein totes Tier entgegenhielt, das er geschossen hatte. Es sah einem Hasen ähnlich, die Farbe und die größre Länge der Beine ausgenommen, und gab in der Folge eine gute Mahlzeit; aber noch viel mehr Freude verursachte beiden das Glück, daß Xuri auf diesem Wege einen Quell entdeckt hatte, ohne einen wilden Menschen oder ein wildes Tier zu erblicken. Nachdem sie mit frischem Wasser reichlich versorgt waren, hielten sie sich nicht länger an einem Orte auf, der von keinem Menschen bewohnt zu sein schien. Da Robinson keine Instrumente hatte, um die geographische Breite desselben zu beobachten, vermutete er bloß, daß es der unbewohnte Strich zwischen den Ländern des Kaisers von Marokko und Nigritien sei, den die Negern aus Furcht vor den Mohren verlassen haben und die Mohren wegen seiner Unfruchtbarkeit nicht bewohnen mögen; sonach ist er der Sammelplatz der Löwen, Tiger und Leoparden geblieben und wird von niemandem besucht als von den Mohren, die heerweise zu Tausenden wider die Ungeheuer, die ihn besitzen, auf die Jagd ausziehen. Sie kehrten in der Folge oft ans Land zurück, um Wasser einzunehmen, und fanden an der ganzen Küste hin keine Spur von menschlichen Bewohnern. Als sie an einem Morgen in der Frühe aus dieser Absicht an einer Erdspitze vor Anker legen wollten und den Anwachs der Flut erwarteten, um höher von ihr getrieben zu werden, empfing Robinson plötzlich von seinem kleinen Gefährten einen Stoß in die Seite, wobei er ihn leise bat, sich von dem Ufer eilends zu entfernen. Robinson sahe nach der Erdspitze hin, auf welche der Finger des Mohren wies, und erblickte einen ungeheuern Löwen, auf dem Sande im Schatten schlafend. Er befahl dem Knaben im Scherz, ans Land zu gehen und das Tier zu töten; dem Buben wurde bei dem Befehle angst und bange, und schon der Gedanke, daß er sich mit einem solchen Geschöpfe einlassen sollte, machte ihn so furchtsam, daß er zur Kajüte flog. Robinson lud alle seine drei Flinten, eine jede mit einem Paar Kugeln, und zielte nach dem Kopfe des Löwen; der Schuß traf die rechte Pfote, welche die Schnauze bedeckte; brüllend sprang das Ungeheuer auf, setzte sich nieder und sah ernsthaft auf die hängende zerschoßne Pfote. Robinson ergriff augenblicklich die zweite Flinte und war so glücklich, den Löwen in den Kopf zu treffen, daß er niederstürzte, zuckend sich wälzte und verschied. Sobald er tot war, bekam der kleine Xuri Herz; er bat um Erlaubnis, ans Land zu schwimmen und ihm vollends den Rest zu geben; ohne sie abzuwarten, warf er sich, die dritte Flinte in der Hand, ins Wasser, kletterte am Ufer hinauf, setzte dem Löwen sein Gewehr auf den Kopf und schoß, daß ihm der Dampf aus den Nasenlöchern herausfuhr. Mit dieser Heldentat noch nicht zufrieden, wollte er ihm schlechterdings den Kopf abhauen und holte deswegen eine Axt; weil er aber zu dieser Unternehmung zu schwach war, begnügte er sich mit einer Klaue, die er triumphierend ins Boot herüberbrachte; doch war sein Zorn gegen das Tier einmal so groß, daß er auch damit nicht vorliebnehmen, sondern ihm das Fell abziehen wollte. Robinson glaubte, es brauchen zu können, und ging den Vorschlag ein; geschäftig sprang Xuri auf dem toten Löwen herum und zog die Haut mit einer Erbitterung herunter, als wenn er sich dadurch für seine vorige Furcht an ihm zu rächen suchte. Die Haut wurde auf dem Dache der Kajüte ausgebreitet, von der Sonne getrocknet und diente zu einer herrlichen Matratze. Erst am zehnten Tage nach diesem Abenteuer wurden sie Menschen an der Küste gewahr, schwarze nackte Figuren, die am Ufer standen und neugierig das Boot vorbeigehen sahen. Robinson wollte auf sie zurudern, doch Xuri riet ihm unablässig das Gegenteil, aus Furcht, von ihnen gefressen zu werden; seine Furcht wurde nicht geachtet und das Boot nach dem Ufer hingelenkt. Bei ihrer Annäherung nahmen sie wahr, daß sie alle unbewaffnet waren, einen einzigen ausgenommen, der einen kleinen Stock in der Hand führte, den Xuri für eine tödliche Lanze ausgab, womit sie weit, weit werfen könnten. Robinson sprach zu den Leuten durch Zeichen und foderte in dieser stummen Sprache etwas zu essen von ihnen; sie winkten ihm, daß er still halten und ihre Rückkunft erwarten sollte. Sie eilten sogleich tief ins Land hinein und kamen in einer halben Stunde mit einigen Stücken getrockneten Fleisches wieder, welches sie vom Ufer darboten. Nun hatte keiner von den beiden Seefahrern das Herz, es ihnen abzunehmen, und die Negern ebensowenig Mut, es sich von den Fremden abnehmen zu lassen; nachdem sich beide Teile lang mißtrauisch angesehen hatten, ergriffen die Schwarzen endlich den weisen Entschluß, legten das Fleisch auf die Erde nieder und entfernten sich davon. Wie ein Pfeil fuhr nunmehr Xuri voller Herzhaftigkeit auf dem Wasser hinüber und holte das Geschenk; sobald er im Boote damit angelangt war, rückten die Schwarzen wieder vorwärts ans Ufer. Robinson konnte ihnen für ihre Güte nichts geben als Zeichen des Dankes, und indem sie miteinander komplimentieren, siehe! da stürzen sich plötzlich von den nahen Bergen zwei Tiere herunter, die einander aus Liebe oder Wut verfolgen. Die nackten wehrlosen Neger, besonders die Weiber, entflohen mit Furcht und Geschrei, nur der Mann mit der Lanze blieb unerschrocken stehen. Die Tiere jagten sich ins Meer und wälzten sich spielend herum; Robinson zielte mit einer Flinte nach dem nächsten und traf es; das Tier sank unter, kam wieder empor, rang mit dem Tode, wollte das Ufer erreichen und starb unterwegs, das andre entfloh bei dem Knalle. Nicht weniger erschraken die Schwarzen über den Schuß; sie konnten vor Beben nicht weiter fliehen, sondern fielen zur Erde, als wenn er sie getötet hätte. Sehr spät faßten sie wieder Mut, stunden auf und wagten sich schüchtern ans Ufer, nachdem ihnen Robinson lange gewinkt hatte. Kindisch freuten sie sich, als sie das Wasser mit dem Blute des Tieres gefärbt sahen, huben die Hände voller Verwundrung gen Himmel und wagten sich langsam herab, es aufzusuchen. Voller Vergnügen schleppten sie es auf das Trockne und fingen an die Beute zu zerlegen; sie rissen mit einem spitzigen Holze die Haut auf und wollten durchaus, daß Robinson die Hälfte des Fleisches annehmen sollte; er verbat seinen Anteil sehr freundlich, weil er kein Leopardenfleisch zu essen gewohnt war, und behielt sich die Haut vor. Aus Erkenntlichkeit, daß er ihnen eine so vortreffliche Mahlzeit verschafft hatte, brachten sie ihm viele von ihren Lebensmitteln, Wurzeln und eine Art von Körnern, die dem Roggen nicht unähnlich sahen, und auf sein Verlangen nach Wasser trugen zwei Weiber in einem irdenen Gefäße, das an der Sonne getrocknet zu sein schien, eine große Menge herbei, wovon Xuri drei Flaschen voll herüberholte. Mit so reichlichem Vorrate aller Art versorgt, nahmen sie von ihren schwarzen Freunden Abschied und empfingen sehr viele freudige Bezeugungen des Dankes für den erlegten Leoparden von ihnen auf den Weg. Noch eilf Tage waren sie südwärts geschifft, als aller Anschein vermuten ließ, daß sie sich bei dem grünen Vorgebirge befanden, das er auf seiner ersten Seereise hatte kennenlernen. Als er lange Zeit bei sich überlegte, nach welcher Seite er sich nunmehr wenden sollte, um nicht den Weg zu verfehlen, berichtete ihm Xuri voller Schrecken, daß er ein Schiff sehe, und bildete sich ein, daß es sein Herr sei, der ihnen so weit nachgesetzt habe. Robinson erkannte es für ein portugiesisches und ruderte aus allen Kräften darauf los, aber es ging zu hurtig, um ihm zu begegnen; er hing ein weißes Tuch aus und tat einen Schuß, den sie wahrnahmen, denn sie zogen einige Segel ein, um seine Annäherung zu erwarten. In drei Stunden erreichte er sie; sie redeten ihn spanisch, portugiesisch und französisch an, aber zum Unglück verstand er keine von allen diesen Sprachen. Endlich fand sich ein Matrose aus Schottland, dem er sagen konnte, daß er ein Engländer sei und sich aus der Sklaverei in Sale gerettet habe; man nahm ihn sehr gütig mit seinem Boote ins Schiff, und die Freude über seine Rettung und seine Rückkehr zur menschlichen Gesellschaft berauschte ihn so stark, daß er dem Schiffskapitän seine sämtlichen Habseligkeiten zur Erkenntlichkeit anbot. Der Mann schlug sie edelmütig aus, kaufte ihm sein Boot und seine Leopardenhaut ab und wollte ihm auch den kleinen Xuri feil machen; doch Robinson hielt es für unbillig, die Freiheit eines Knaben zu verkaufen, der ihm so treue Dienste geleistet hatte. Da aber der Kapitän darauf bestand und einen Schein ausstellte, daß er ihm in zehn Jahren die Freiheit geben wollte, wenn er ein Christ würde, so fragte man den Knaben um seine Meinung darüber, und da er zur Annehmung des Vorschlags nicht ungeneigt war, wurde der Handel geschlossen; Robinson freute sich, ihm einen guten Herrn und die Anwartschaft auf die Freiheit verschafft zu haben, und Xuri, der Sklaverei gewohnt, war zufrieden, daß er der Sklave eines guten Mannes werden sollte. Nach den Gesinnungen, die wir Leute auf dem festen Lande haben, würde es uns freilich unanständig und niedrig geschienen haben, für einen so guten, treuherzigen Jungen einen Groschen anzunehmen, allein die Denkungsart eines Seemanns ist nicht so zart; ein Sklave bleibt ihm unter allen Umständen ein Sklave, das heißt eine Ware, die zum Handel bestimmt ist. Das Schiff, welches ihn aufgenommen hatte, fuhr nach Brasilien, wo ihn der Kapitän an einen seiner Freunde empfahl; er machte sich bei diesem Manne mit dem Baue des Zuckers bekannt, bekam durch desselben Vorschub einen Naturalisationsbrief, wodurch er in den Besitz eines Stücks wüsten Landes gesetzt wurde, legte sich eine eigne Plantage an, fand durch einen Lissabonner Kaufmann Gelegenheit, für die Hälfte seiner hundertundfunfzig Pfund, die er in London bei einer Anverwandtin vor seiner zweiten Reise nach Guinea niedergelegt hatte, englische Waren nach Brasilien zu bekommen, verkaufte sie teuer, war mit dem Zuckerbau glücklich und befand sich wohl. Für einen Menschen von so unstetem Temperamente wie Robinson ist kein dauerhaftes Wohlsein auf der Erde; Projektiersucht und Neigung zum herumschweifenden Leben trieben ihn an, seiner Ruhe zu entsagen und einem Vorschlage Gehör zu geben, der ihn nachmals in den unglücklichsten Zustand versetzte. Er hatte einigen seiner Bekannten einen Plan mitgeteilt, wie man durch Hülfe der Negersklaven, mit denen damals noch ein geringer Handel und bloß unter besondrer Begünstigung und zum Vorteile des Königs von Spanien getrieben wurde, den Anbau des Tabaks und Zuckers wohlfeiler und einträglicher machen könnte. Eine so herrliche Aussicht für ihre Gewinnsucht spornte sie zur Ausführung seines Projekts an; sie beschlossen, ein Schiff nach Guinea gemeinschaftlich auszurüsten, um Negern auf ihm heimlich ins Land zu bringen und unter sich zu verteilen. Zugleich trugen sie ihm an, mit diesem Schiffe als Kaufmann hinüberzugehn und den Handel zu führen, weil er schon in Guinea gewesen war und die Gelegenheit kannte. Dafür versprach man ihm, daß er so viele Sklaven als ein jedes von den Mitgliedern der Unternehmung erhalten sollte, ohne etwas zu dem angelegten Kapitale beizutragen. Einer so angenehmen Lockung konnte ein solcher Liebhaber des herumschwärmenden Lebens nicht widerstehen; gern verließ er alles, was er hatte, und entsagte dem gewissen Vorteile, den ihm seine Plantage versprach, um einem Ungewissen auf der See nachzulaufen. Er willigte in den Antrag, bestieg das Schiff und trat seine Reise an. Nichts ist in einer Reisebeschreibung weniger unerwartet als ein Sturm; man wird sich daher nicht im mindesten wundern, wenn dem armen Robinson nicht lange nach seiner Ausfahrt einer der schrecklichsten begegnet, mit welchem jemals ein Schiff gekämpft hat, und ihn nach Norden an die Küste von Guinea trieb. Sein Schiff war durch die Grausamkeit des Wetters in den erbärmlichsten Zustand versetzt und so beschädigt worden, daß man die Fortsetzung der Reise bis zu dem Orte seiner Bestimmung auf ihm schlechterdings nicht wagen durfte. Man beschloß, nach einer von den englischen Kolonien zu segeln, um dort eine Ausbesserung mit ihm vorzunehmen; auch dieses hinderte ein neuer Sturm. Die Angst, die er verursachte, wurde noch durch die Besorgnis vermehrt, daß man an Küsten zu geraten fürchtete, die von Karaiben bewohnt wurden, und die schrecklichen Begriffe, die man sich damals von der Menschenfresserei dieses Volks machte, verminderten die Freude um ein Merkliches, als man nach langem Herumtreiben sich dem Lande zu nähern glaubte. Mit Zittern und Furcht, vielleicht der Raubbegierde hungriger Menschenfresser entgegenzueilen, richtete man seinen Lauf nach dem vermeinten Lande und geriet in eine wirkliche Gefahr, indem man nur eine eingebildete besorgte; das Schiff saß plötzlich auf einer ungeheuern Klippe fest, die man für Land angesehen hatte. Die Wut des Windes schlug die Wellen mit der äußersten Heftigkeit empor, erfüllte das Schiff von allen Seiten mit Wasser und stieß unaufhörlich den Boden wider die spitzigen Felsen, auf welchen es saß. Mit trauriger Niedergeschlagenheit sah man die losgerißnen Bretter fortschwimmen und das Wasser durch die entstandnen Öffnungen so stark hineindringen, daß alles Pumpen nicht vermochte, es zu bezwingen, und die erschlafften Kräfte des Widerstandes eine allgemeine Mutlosigkeit hervorbrachten. Nicht einmal ein dünnes Brett schied mehr Tod und Leben, sondern man war schon mitten in den Wellen, und jede Minute Verzögerung machte die Erhaltung unmöglich. Schon glaubte man bei jeder neuen Erschütterung und jedem neuen Stoße an den Felsen, daß es der letzte entscheidende Stoß sein würde, als der Steuermann den mutigen Entschluß faßte, ein Boot mit Hülfe einiger Matrosen über Bord zu werfen; soviel es ihrer fassen konnte, sprangen in der Geschwindigkeit hinein, und weil es die Flut augenblicklich von dem Schiffe entfernte, wurde den Hineingesprungnen ein Kampf erspart, der unvermeidlich schien, wenn es nicht überladen werden sollte; jeder drängte sich hinzu, der erste zu sein, und alle, denen die Entfernung des Bootes die Rettung benahm, standen mit gerungnen Händen, jammernd und wehklagend, am Bord des Schiffs. Die Geretteten, unter welchen sich auch Robinson befand, waren nicht aus aller Gefahr, sondern ihr Untergang schien nur verschoben zu sein. Das Boot konnte unmöglich, sosehr sich auch der Sturm gelegt hatte, die noch immer hohe See aushalten; man konnte ihm durch nichts als Ruder eine Richtung geben; jeder war durch die Arbeit im Schiffe zu sehr entkräftet, um diese neue Beschwerlichkeit lange zu ertragen oder das Ruder mit großer Wirkung zu regieren. Sie sammelten den ganzen Überrest ihrer Stärke, um nach dem Lande zu rudern, und wagten die Gefahr, entweder auf sandichtes oder klippenvolles Ufer geworfen oder in einen Meerbusen getrieben zu werden, wo sie vielleicht ebenes Wasser antreffen möchten. Mitten unter dieser ungewissen Erwartung wurde ihre Furcht plötzlich in Schrecken verwandelt: eine hochgetürmte Welle stürzte das Boot um, und es war nichts übrig als zu schwimmen, bis man ermattete und sank. Robinson war mit einigen seiner Gefährten von dieser ungeheuern Welle ans Ufer geschleudert worden und lag, als sie zurückwich, fast ohne Besonnenheit im Sande; er hatte sich kaum ein wenig gesammelt, als er sich aufraffte, um zu entfliehen, eh ihn eine neue Welle von seinem trocknen Posten vertriebe, allein die Flut verfolgte ihn, und plötzlich war er wieder so tief im Wasser, daß er sich durch Schwimmen fortarbeiten mußte; bald schleuderten ihn die nacheilenden Wellen vorwärts, bald rissen sie ihn wieder zurück. Er widerstund mit der letzten Anstrengung seiner Kräfte, bis ihn die Flut mit einem empfindlichen Stoße auf einen Felsen warf, wo er sich mit Händen und Füßen anklammerte, um Atem zu schöpfen; allein was half's ihm, daß er auf dem Felsen im Trocknen hing? – Jeden Augenblick mußte er fürchten, daß ihn eine neue Welle hinwegriß und begrub. Er warf sich also mit der Entschlossenheit der Verzweiflung in die See hinab, schwamm, watete, ging, kletterte an dem hohen Ufer hinauf und sank kraftlos, von Freude und Ermattung überwältigt, auf den Boden hin in einem dem Schlafe ähnlichen Taumel, der ihm Besonnenheit und Empfindung raubte. Als er aus diesem ohnmächtigen Schlummer erwachte, drangen alle Empfindungen der Freude auf seine Seele zu; berauscht von seinem Glücke, saß er noch lange Zeit in tiefem Traume da, eh er seine Aufmerksamkeit auf seine Gefährten und den Ort seines Aufenthalts wenden konnte. Keinen einzigen von ihnen erblickte er, weder tot noch lebendig, und fand bloß in der Folge einige von ihren Kleidungsstücken. Die erste Trunkenheit der Freude über seine Erhaltung ging bald vorüber, um einem traurigen Nachdenken Platz zu machen. Wie schrecklich war noch immer sein Zustand! Naß, in zerrißnen Kleidern, ohne Speise, ohne Gewehr saß er hier in einer Einöde, wo sich nicht die mindeste Spur von Bevölkerung und Anbau zeigte, vielleicht unter ausgehungerten wilden Tieren, um ihnen eine willkommne Beute zu werden. Nichts fand er in seiner Tasche als ein Messer, eine Tabakspfeife und einen kleinen Vorrat durchnäßten Rauchtabak – alles sehr leidige Hülfsmittel für einen abgezehrten Körper! Tiefsinnig und mit halber Verzweiflung ging er aus, etwas aufzusuchen, das Hunger und Durst einigermaßen befriedigen könnte, und fand zu seiner großen Freude frisches Wasser; doch für die Stillung seines Hungers zeigte sich nicht das geringste, wenn er nicht mit Blättern und Grase vorliebnehmen wollte. Die Nacht nahte sich; um sich vor den Anfällen wilder Tiere zu schützen, wählte er einen dickbewachsenen, tannenähnlichen, dornichten Baum zu seinem Lager, bewaffnete sich statt des Gewehrs mit einem knotichten Stocke, stieg hinauf, reinigte mit dem Messer seine Ruhestelle von den Dornen, so gut er konnte, band sich mit Zweigen fest und wurde sogleich von dem tiefsten Schlummer überfallen, daß er nicht lange das Melancholische der Szene fühlte, wo er schlief. Eine einsame öde Ebne, mit einzelnen, weit auseinander stehenden Bäumen besetzt, die itzt in der tiefsten Finsternis begraben waren! Kein Laut, nicht einmal das Zwitschern eines Vogels! Allgemeine schauernde Stille und in der Ferne das Getöse der Wellen, die sich am Ufer brachen! Über sich tief hängende, schwere, finstre Wolken, die ohne Bewegung zu stehen und jede Minute herabzustürzen schienen, und mitten in dieser fürchterlichen Szene schmachtend und kraftlos auf einem Baume eine ganze lange Nacht hindurch zu liegen! – Wie hätte der arme Verlaßne dies Bild ohne Todesschrecken empfinden können, wenn ihm nicht der Schlaf zu Hülfe gekommen wäre! Desto fröhlicher war der Anblick, der sich seinen Augen des Morgens darauf bei seinem Erwachen darstellte: ein lichter, lachender Himmel, den nicht ein Wölkchen trübte, der erquickendste Sonnenschein, von kühlenden sanften Winden gemildert, in der Ferne eine ebne ruhige See! – Alle diese Bilder und Empfindungen gaben seinen gestärkten Lebensgeistern einen neuen Umtrieb; er stieg auf den höchsten Wipfel des Baums, der zu seiner Lagerstätte gedient hatte, und genoß das Entzücken dieses Anblicks so stark, als man es nur empfinden kann, wenn man mit Sturm und Tode gekämpft hat. Er bemerkte zu seiner noch größern Zufriedenheit, daß das Schiff dem Ufer näher getrieben und die See weit vom Strande gewichen war; es stand aufrecht und schien in dem Sande festzuliegen. Der erste Gedanke bei dieser Entdeckung konnte kein andrer sein als der Wunsch, zu dem Schiffe zu kommen und sich mit einigen Bedürfnissen aus demselben versorgen zu können; auf diesen Punkt wurde nunmehr sein ganzes Nachdenken und alle seine Aufmerksamkeit gerichtet. Das natürlichste war, sich nach dem Boote umzusehen, das ihn den Tag vorher seiner Rettung nahegebracht hatte; er ging also längst des Ufers hin und wurde es auch wirklich gewahr, allein ein heftiger Meerstrom trennte ihn von dem Orte, wo es lag; er mußte also für diesmal den Plan, zu ihm zu schwimmen, aufgeben. Zu dem Schiffe zu schwimmen war wegen seiner weiten Entfernung und der starken Ströme nicht weniger unmöglich; auch diesen Vormittag mußte er unter leeren Entwürfen, trostlosen Hoffnungen und vergeblichen Bemühungen zubringen. Sein Nachsuchen auf seinem Wohnorte lief nicht glücklicher ab; der Hunger setzte ihm den Sporn in die Seite, und er kehrte zu dem Ufer zurück. Er sah, daß das Meer während seiner Herumwanderung noch ein beträchtliches Stück weiter vom Strande zurückgewichen war; Mut oder Verzweiflung machte ihn entschlossen, er warf seine Kleider hastig am Ufer hin und wanderte in der drückendsten Sonnenhitze dem Wasser zu, um in ihm Hülfe oder Tod zu finden. Er schwamm glücklich bis zum Schiffe und fand, daß er es nur erreicht hatte, um eine neue Schwierigkeit zu bekämpfen. Es lag in niedrigem Wasser auf dem Grunde fest und ragte hoch über dasselbe hervor, daß es fast unmöglich war, eine Hand anzuschlagen und sich an ihm hinaufzuschwingen. Den weiten Weg wieder zurückzuschwimmen mangelten ihm die Kräfte; seiner Hülfe so nahe, umzukommen oder unverrichtetersache wieder zur vorigen Trostlosigkeit zurückzukehren war beides gleich schrecklich. Fast wollte er das letzte wagen, als er an dem Vorderteile des Schiffs, das tiefer im Wasser lag als der hintere Teil, der auf einer Sandbank ruhte, ein herabhängendes Stück eines Taues gewahr wurde; er arbeitete aus allen Kräften, es zu fassen, schwang sich an ihm in die Höhe, daß er auf einem hervorragenden Brette fußen konnte, und kletterte alsdann mit unsäglicher Mühe vollends weiter hinan. Sein erster Weg war nach den Proviantkammern; einen großen Teil des Vorrats fand er unverdorben, und ohne Anstand wurde sein Körper für den erlittnen Abgang seiner Kräfte reichlich entschädigt. Er aß, suchte weiter, lief herum, um neue Vorräte zu entdecken, fand in der großen Kajüte eine Flasche Rum, trank, lief weiter, bald in die Vorratskammer, bald oben, bald unten – alles mit der freudigsten Geschäftigkeit. Nichts fehlte nunmehr als ein Mittel, diesen Schatz auf seinen Wohnort zu bringen und vor neuen Unfällen zu bewahren. Nichts konnte ihm zu diesem Endzwecke in Ermangelung eines Bootes dienen als ein Floß. Er sah sich deswegen nach Stangen, Brettern und Balken, nach Sägen und ähnlichen Zimmermannswerkzeugen um, fand alles, was er brauchte, und fing seine Arbeit an. Zuerst warf er vier Stück Zimmerholz über Bord, wovon ein jedes mit einem Stricke an das Schiff gebunden war, daß es nicht fortschwimmen konnte; alsdann stieg er hinab, zog sie alle nach sich her und band sie an beiden Enden mit Stricken so fest zusammen, als es seine Kräfte zuließen, legte einige Bretter darüber und hatte nunmehr bereits einen wirklichen Floß, auf welchem er sicher herumgehen konnte; allein das Holz war zu leicht, um es mit einer großen Last zu beschweren; er sägte deswegen das letzte vorrätige Stück Holz in drei Teile von gleicher Länge und legte sie in gleicher Entfernung über den Floß und darauf alle Bretter, deren er habhaft werden konnte. Nun wurde beratschlagt, was den ersten Transport ausmachen sollte, und bald entschieden. Aber eßbare Sachen durfte er nicht so bloß auf den Floß legen, wenn sie nicht durch das Überspülen des Seewassers verdorben werden sollten – er suchte Kisten, erbrach drei von denen, die er fand, leerte sie aus und füllte sie mit Schiffzwieback, Käse, geräuchertem Fleische und einem Reste europäischen Getreides an, das zum Futter für Hühner und andres Federvieh bestimmt gewesen war; Rack, Cordialwasser oder was sonst für Getränke dieser Art sich darbot, wurde ebenfalls nicht vergessen. Während dieser Beschäftigung merkte er, daß die Flut allmählich und sehr sanft stieg, und weil ihm seine am Ufer zurückgelassenen Kleider einfielen, die der Gefahr, weggeschwemmt zu werden, sehr ausgesetzt waren, so versorgte er sich zunächst mit einigen Kleidungsstücken oder vielmehr Materialien, aus welchen sich Kleider machen ließen. Die wichtigste Beute war eine beträchtliche Anzahl von Zimmermannsinstrumenten und andern eisernen Werkzeugen, die ihm unentbehrlich waren, um sich eine Wohnung zu bauen und den Boden zu bearbeiten. Das letzte, was er aufsuchte, war Gewehr, Pulver und Kugeln. Alles war zustande, der Floß hinreichend beladen und weiter nichts übrig als die entscheidende Schwierigkeit, wie er mit ihm glücklich und wohlbehalten das Land erreichen sollte. Der Anschein zu einem guten Transporte machte ihm Mut; die See war still und eben, die Flut lief nach dem Ufer hinauf, und der schwache Wind wehte nach dem Lande zu; so viele günstige Umstände ließen ihn nicht länger warten; er hieb die Stricke entzwei, womit sein Floß an das Schiff befestigt war, stieß mit seiner Ladung ab und trat die gefährliche Reise an. Sein Fahrzeug zu regieren, brauchte er ein Stück von einem zerbrochnen Ruder; er hatte keine Segel und mußte sich der Willkür des Windes und der Flut überlassen, ob sie ihn an Ort und Stelle bringen oder in einem Augenblicke seine ganze Fracht umwerfen oder in die See hineintreiben wollten. Mit der ängstlichsten Erwartung wie ein Mensch, der jede Sekunde fürchtet, seine letzte Hülfe vom Meer verschlungen zu sehen, trieb er langsam nach dem Ufer zu. Robinson hatte in der Tat eine große Unbesonnenheit begangen: da ihm die Unsicherheit der Fahrt zum voraus bekannt war, warum vertraute er seinem elenden Fahrzeuge den beträchtlichsten Teil des gefundenen Vorrates an? warum teilte er ihn nicht lieber und versuchte itzo bloß die eine Hälfte hinüberzubringen, damit er, wenn diese ja verlorenging, die übrige bei einer andern Gelegenheit nachholen konnte? – Entweder kann man gewöhnlicherweise in einem solchen Vorfalle an so eine ökonomische Klugheit nicht denken, sondern verfährt mit einer Art von habsüchtiger Übereilung, oder blieb wirklich noch genug im Schiffe zurück, um den Verlust des ersten Transportes zu ersetzen? – Genug, Robinson belud sein Floß mit allem, was er ihm zumuten konnte, und wagte die Gefahr, alles auf einmal zu retten oder auf einmal zu verlieren. Die Fahrt ging lange Zeit erwünscht, doch entfernte ihn der Strom immer weiter von dem Orte, wo er seine Kleider zurückgelassen hatte – ein Umstand, der ihn einen Zug des Wassers nach dieser Gegend hin und folglich einen Fluß, eine Anfurt und folglich eine bequeme Landung erwarten ließ. Wirklich hatte er auch richtig vermutet: es zeigte sich ihm sehr bald eine kleine Öffnung im festen Lande, durch welche ein starker Strom mit der Flut hineindrang. Er regierte also sein Floß so gut als möglich, um es völlig in der Mitte des Stroms zu erhalten, allein hier bedrohte ihn ein neuer Schiffbruch. Weil er mit der Küste unbekannt war, lief wider sein Erwarten der Floß auf einen seichten Grund, und weil er an dem andern Ende nicht fest lag, fehlte nicht viel, daß die ganze Ladung ins Wasser hinabgleitete. Er stemmte sich aus allen Kräften mit dem Rücken wider die Kisten und suchte zu gleicher Zeit, sich mit seinem zerbrochnen Ruder von dieser gefährlichen Stelle wegzubringen, allein er reichte zu dieser doppelten Arbeit nicht zu. Fast eine halbe Stunde mußte er in einer so beschwerlichen Stellung aushalten, bis ihn die immer höher steigende Flut vollends aufhub und in Bewegung setzte, worauf er sich durch Stoßen und Rudern wieder auf die rechte Fahrt verhalf; und siehe da! er befand sich in der Mündung eines kleinen Flusses zwischen hohem Lande auf beiden Seiten. Weil er sich nicht gern zu weit von der Küste entfernen wollte, um vielleicht bald ein Schiff zu erblicken, das ihn wieder in die menschliche Gesellschaft zurückführen könnte, so suchte er einen bequemen Platz zum Anlegen und entdeckte am rechten Ufer eine kleine Bucht, in welche er seinen Floß mit unendlicher Beschwerlichkeit hineinleitete und wo er bald so vielen Grund fühlte, daß er den Floß mit dem Ruder gerade fortstoßen konnte. Er glaubte schon völlig gewonnen zu haben, als ihn eine kleine Übereilung beinahe am Ende seiner Fahrt um alles gebracht hätte. In der Begierde zu landen, bedachte er nicht, daß der Teil des Floßes, welchen er nach dem Ufer trieb, wegen der Abhängigkeit desselben so hoch zu liegen kam, daß die Fracht an dem andern, tiefer liegenden Ende herunterfallen mußte. Zum Glück merkte er die nahe Gefahr beizeiten, um ihr dadurch vorzubeugen, daß er sein Ruder statt des Ankers brauchte und mit ihm den Floß so lange festhielt, bis die anschwellende Flut ihn in den Stand setzte, es auf einen flachen Grund zu stoßen. Hier steckte er die beiden Stücken von zerbrochnen Rudern, die er auf dem Schiffe gefunden hatte, an jedem Ende des Floßes eins in den Boden und lag auf diese Art so lange vor Anker, bis die Ebbe sich einstellte und das ablaufende Wasser den Grund unter dem Floße trocken machte. Die erste Sorge nach dieser gelungnen Unternehmung war, einen Wohnplatz auszusuchen, wo der herübergebrachte Vorrat in Sicherheit sein konnte. Noch wußte er nicht, ob er sich auf einem großen festen Lande oder auf einer Insel, auf einem bewohnten oder wüsten Flecke Erdboden, unter wilden Menschen oder wilden Tieren befand. Als er, mit diesen Mutmaßungen beschäftigt, am Ufer dasaß, wurde er in der Entfernung einer halben Stunde einen kleinen Berg gewahr, der unter einigen andern nach Norden hin gelegnen der höchste zu sein schien. Ohne längere Überlegung faßte er den Entschluß, alles am Ufer stehenzulassen und mit einer Flinte, einer Pistole und einem vollen Pulverhorne diesen Berg zu besteigen, um jene Zweifel aufzuklären. Er kletterte mit der beschwerlichsten Mühe zu dem obersten Gipfel hinauf und erfuhr nunmehr sein ganzes Schicksal, sah, daß er mitten im Meere auf einer nicht sonderlich großen, wüsten, unfruchtbaren und wahrscheinlich unbewohnten Insel war, erblickte nirgends, so weit sein Auge reichte, nur einen beträchtlichen Fleck Landes außer einigen benachbarten Felsen und zwei sehr kleinen Inseln, die drei oder vier Meilen nach Westen hin lagen. Gewißheit gibt allemal Beruhigung, selbst im Elende; Robinson wanderte viel zufriedner zurück, nachdem er ganz wahrscheinlich wußte, was er zu erwarten hatte. Er sah sich auf diesem Wege fleißig nach den Mitbewohnern seiner Insel um und wurde hin und wieder Vögel und anderes Geflügel gewahr, besonders in einem weitläuftigen Busche, bei welchem er vorbeigehen mußte. Ein großer Vogel, der auf einem Baum saß und ihn ohne Furcht erwartete, reizte ihn, den ersten Krieg in diesem einsamen Orte anzufangen; er schoß nach ihm, und da dieser Schuß seit der Schöpfung vermutlich in dieser Gegend der erste sein mochte, so setzte er das ganze Gehölze in Bewegung, aus allen Teilen desselben flogen ganze Heere Vögel mit lautem Schnattern und Schreien auf und durchirrten die Lüfte wie eine Armee, der Kanonen die Annäherung des Feindes verkündigt haben; doch sah er keinen darunter, dessen Stimme, Farbe und Gestalt ihm bekannt gewesen wäre. Die Beute, die er erlegt hatte, war ein Raubvogel, unserm Habichte ähnlich, und hatte einen widrigen Geschmack, wie ein Tier haben muß, das vom Aase lebt. Nach seiner Rückkunft zum Ufer brachte er seine Kisten und übrige Gerätschaft an einen Ort, der ihm zur Wohnung bequem schien; wegen seiner ängstlichen Furcht vor wilden Tieren getraute er sich nicht, die Nacht auf der Erde zuzubringen, und gleichwohl konnte er sich nicht entschließen, seine Vorräte zu verlassen. Die Nacht endigte seine Unentschlossenheit: weil nichts anders für ihn zu tun war, ergriff er kurzweg die Partie, alle Kasten und Bretter in einem Zirkel zu stellen und sich in diesen Verschanzungen ein Lager zu bereiten. Da sein Aufenthalt in dieser Wüste wahrscheinlicherweise sehr lang dauern sollte, hielt er es für klug, dem Mangel so weit hinaus vorzubeugen, als es möglich wäre, und beschloß daher, mit der nächsten Ebbe wieder zum Schiffe zu schwimmen und einen zweiten Transport zu machen. Er legte den Weg des folgenden Tages glücklich zurück, verfertigte sich am Schiff einen neuen Floß, weil es ihm zu langweilig schien, mit dem ersten mühsam hinüber zu rudern, und brachte verschiedene Sachen von Eisen, Nägel, Beile und eine für ihn höchst wichtige Maschine, einen Schleifstein, Flinten, Kugeln, Segeltücher und Tauwerk an das Land. Seine Besorgnis vor wilden Tieren hatte ihn auch während dieser Abwesenheit von seinem Landmagazine mit Unruhe gequält, allein er fand bei seiner Zurückkunft nicht das mindeste Merkmal eines fremden Gastes, außer daß ein Tier wie eine wilde Katze auf einem Kasten saß und bei seiner Annäherung herabsprang, doch ohne zu entfliehen. Er hielt die Flinte auf sie, allein weil sie mit diesem mörderischen Gewehre nicht bekannt war, so blieb sie ruhig und ohne Furcht sitzen und sah ihn starr an. Ein solches Zutrauen verdiente, daß er sich um ihre Freundschaft bewarb; er suchte sie durch ein Stückchen Zwieback zu gewinnen, das sie mit dankbarer Begierde aufzehrte, und dann kam sie näher, um mehr dergleichen Freundschaftsproben zu erhalten; doch da Robinson dies nicht für gut befand, wanderte sie ab. Durch den zweiten Transport hatte unser Abenteurer eine Bequemlichkeit bekommen, die seinen Blick in die Zukunft ungemein beruhigen mußte; er konnte sich aus den mitgebrachten Segeltüchern ein Zelt bauen, das seine Vorräte vor der Schädlichkeit der Nässe und der Sonne bewahrte und ihn selbst wider die Anfälle des Wetters beschützte. Er brachte es unverzüglich zustande, schaffte seine ganzen Habseligkeiten hinein und stellte die leeren Tonnen und Kisten statt einer Verpalisadierung im Zirkel um das Zelt, vermachte den Eingang inwendig mit einigen Brettern und stellte auswendig eine umgekehrte Kiste davor, breitete ein Bett auf die Erde, legte zwei Pistolen über den Kopf und eine geladene Flinte neben sich und schlief zum erstenmal mit europäischer Bequemlichkeit unter diesem fremden Himmel. So groß sein Magazin nunmehr war, so ließ ihn doch die Unersättlichkeit der menschlichen Begierde und die Sorge für die Zukunft nicht in Ruhe, solange das Schiff in dem nämlichen Stande blieb; er tat in den folgenden Tagen noch verschiedene Reisen zu ihm und machte auf der sechsten, als er schon nichts vom Belange mehr zu finden glaubte, eine wichtige Entdeckung von einer Tonne voll Brot, drei Fäßchen Rum und etwas feinem Mehle. Noch war ihm alles nicht genug: er wollte das ganze Schiff stückweise herüberbringen. Er hieb die großen Ankertaue in Stücken und belud sein Floß mit solcher Habsucht, daß er in Gefahr geriet; als er in die Bucht, seinem gewöhnlichen Landungsort, gekommen war, schlug seine unbehülfliche Maschine um und warf ihn mit der ganzen Fracht ins Wasser; er schwamm vollends ans Land, das sehr nahe war, und zog bei der nächsten Ebbe das versenkte Gut heraus. Itzt hatte er bereits eilf solche Fahrten zu dem Schiffe gemacht und schickte sich zu der zwölften an, als sich der Wind merklich erhub, dessen ungeachtet ließ er sich nicht abschrecken, er schwamm hinüber und fand nach langem Suchen nichts als einige Messer und an fünfzig Pfund spanisches Gold, ein so unentbehrliches Bedürfnis unter Menschen und für ihn in seiner Einsamkeit das verächtlichste, unnützeste unter allen! – O wie sehr empfind ich itzt, dachte er, daß Geld nur Zeichen des Bedürfnisses, nicht Bedürfnis selbst ist! Das schlechteste Stück Eisen ist in meinem Zustande von größrer Wichtigkeit als eine ganze Ladung goldner und silberner Schätze; wie viele außer mir müssen mit Laster nach ihnen ringen, um Wohlsein und Bequemlichkeit zu kaufen. – Mein Zustand ist in der Tat so unglücklich nicht, als ich anfangs dachte, ich habe ja schon ein Bedürfnis weniger. – Trotz dieser einseitigen, aber für ihn tröstlichen Philosophie konnte er sich doch aus alter Angewohnheit nicht entschließen, dieses für ihn unnütze Metall liegenzulassen, sondern in der Hoffnung, daß er einmal wieder in die menschliche Gesellschaft zurückkehren werde, wo Geld die allgemeinste Ware und das oberste Bedürfnis ist, wickelte er es in ein Stück Segeltuch, um es mit sich an Land zu nehmen. Während seiner Betrachtung hatte sich der Himmel mit Wolken überzogen, und als er Anstalt machte, einen Floß zu verfertigen, war der Wind schon so heftig, daß er diesen Vorsatz aufgeben und darauf bedacht sein mußte, seine Person vor dem Eintritt der Flut zu retten. Er schwamm mit Beschwerlichkeit und wirklicher Gefahr zurück, besonders da er sich mit seiner gewöhnlichen Habsucht beladen hatte, langte glücklich und gerade zur rechten Zeit an, denn der starke Wind wurde immer mehr zum heftigen Sturme, der die ganze Nacht hindurch dauerte, und des Morgens darauf war das Schiff verschwunden, der Sturm hatte es zerbrochen und versenkt. Sowenig Robinson seiner mehr bedurfte, so erschrak er doch bei diesem Anblicke, teils aus alter Zuneigung, die sich bei uns auch auf leblose Dinge erstreckt, wenn sie unser einziger Umgang sind, teils weil durch den Untergang desselben sein Bedürfnis, seine Begierden und folglich auch seine Geschäftigkeit vermindert wurde; er fühlte itzt aus der Erfahrung, daß seine Betrachtung bei Erblickung des Goldes auf dem Schiffe falsch gewesen war, daß es eine von den wesentlichsten Bestimmungen des Menschen sein muß, viel Bedürfnisse zu haben und durch sie tätiger und glücklicher als ohne sie zu werden. Da der Sturm seiner Tätigkeit auf dieser Seite ein Ende gemacht hatte, so mußte er sie anderswo zu befriedigen suchen, und sein Zustand bot ihm Gelegenheiten genug dazu an. Er fand, daß sein gegenwärtiger Wohnplatz fast alle Unbequemlichkeiten in sich vereinigte: ein morastiger Boden in der Nachbarschaft des Meeres, in der Nähe kein frisches Wasser, den Sonnenstrahlen und Stürmen völlig offen – alles der Gesundheit und Bequemlichkeit zuwider! Er mußte schlechterdings eine bessere Stelle suchen. Bei seinem Nachforschen wurde er eine kleine grasreiche Ebne an einem ziemlich steilen, doch nicht sonderlich hohen Berge gewahr; die Vorderseite des Berges, der mehr ein großer Fels heißen konnte, bildete nach der Ebne zu eine glatte und beinahe senkrechte Wand mit einigen Öffnungen und Höhlen, die aber nicht weit gingen, und zog sich auf beiden Seiten mit einer kleinen zirkelmäßigen Krümmung herum. Welcher Ort konnte einladender zu einer Wohnung sein! – Der Fels bedeckte gerade die Seite, welche die Sonnenstrahlen am heftigsten trafen, die Seite nach der See war den kühlen Winden offen und gab eine beständige freie Aussicht auf das Meer, daß ihm so leicht kein Schiff entwischen konnte, das in diese Gewässer kam; auch wegen seiner Furcht vor wilden Tieren oder Menschen war er durch jenen natürlichen Wall zum Teil gesichert und durfte nur die übrige Hälfte des Bezirkes verpalisadieren, um ganz sicher zu sein. Das tat er. Er steckte sich auf dem grünen Platze einen Raum ab, der ungefähr hundert Schuhe in der Länge und nicht viel weniger in der Breite betrug; von dem einen Ende des Felsens bis zum andern pflanzte er im Halbzirkel eine doppelte Reihe dicker, oben zugespitzter Stangen und legte zwischen diese beiden Reihen, die einen halben Schuh voneinander stehen mochten, alle Stücken von den zerhauenen Tauen des Schiffs, die völlig hinreichend waren, den ganzen Zwischenraum auszufüllen; um dem Zaune mehr Festigkeit zu geben, stützte er ihn inwendig durch schief gestellte Stangen, die sich ihm entgegenstemmten. Einen Eingang wagte er gar nicht zu machen, sondern verfertigte eine kurze Leiter, auf welcher er auf den Zaun stieg, die er, wenn er oben war, hinaufzog und an der inwendigen Seite anlehnte, um in seinen innern Bezirk hinabzusteigen. Zu seiner Wohnung baute er ein doppeltes Zelt, ein kleines, das er bereits, wie erzählt worden ist, aus Segeltüchern aufgeschlagen hatte und nur hieher zu versetzen brauchte, und über dieses ein größeres, zum Teil mit einem Stück gepichter grober Leinwand überzogen – eine Vorsicht, die ihm sehr nötig war, weil in diesem Himmelsstriche zu einer gewissen Jahreszeit sehr häufige und starke Regen fallen! Seine Bequemlichkeit nahm mit jedem Tage zu; er hatte unter andern eine Hangematte ans Land gebracht, in welcher er nunmehr schlief und also ein gesunderes Lager hatte als vorher auf der feuchten Erde. Das Zelt mußte unterdessen allen Proviant und die übrigen Vorräte aufnehmen, welche die Nässe nicht vertragen konnten, bis er Zeit fand, eine von den Höhlungen des Felsens zu erweitern und zu einem Behältnisse derselben geschickt zu machen. Als ein kluger Baumeister nützte er die ausgegrabne Erde und Steine, seiner hölzernen Mauer mehr Festigkeit zu geben, er schüttete alles inwendig an sie an und brachte dadurch ringsum eine anderthalb Fuß hohe Terrasse zustande. So viele und mannigfaltige Arbeit kostete manchen Tag, vielen Schweiß und Mühe, besonders in einer so heißen Gegend; dazu kamen zuweilen Zufälle, die ihn von der Hauptarbeit abriefen und um der Vorsichtigkeit willen die Zeit auf Nebendinge zu verwenden nötigten. Als er den Grund zum Zelte gelegt hatte, ergoß sich ein heftiger Regen aus einer finstern Wolke, und nicht weit von ihm fiel der Blitz mit einem schrecklichen Donnerschlage auf einen Baum. Der erste Gedanke mitten in der Betäubung des Schreckens war an sein Pulver – das Wichtigste unter allen seinen Vorräten, das ihm Beschützung und Unterhalt verschaffen sollte! Ohne Zeitverlust verteilte er die ganze Quantität in eine große Menge kleiner Portionen und verwahrte sie in verschiednen, voneinander entfernten Höhlungen des Felsens in der Erde oder wo es ihm sicher genug schien, um wenigstens, wenn seine Wohnung ein Unglück treffen sollte, nicht alles einzubüßen. Bei einem andern Regenstrome machte er die Erfahrung, daß seine Wohnung sehr leicht einer Überschwemmung ausgesetzt war; das Wasser häufte sich in dem innern Bezirke an, und er mußte Öffnungen durch seine Mauer machen, außer derselben Graben führen und dem Boden mehr Abhang geben, um den Abzug zu erleichtern. Nächst dem mußte er täglich auf den Raub ausgehen, um seine Nahrung zu suchen und mit den Tieren und Produkten der Insel bekannter zu werden. Bei einer seiner ersten Wanderungen wurde er wilde Ziegen gewahr, die ihm gute Mahlzeiten versprachen, allein ihre Furchtsamkeit, Wachsamkeit und Behendigkeit machte alle seine Nachstellungen fruchtlos, bis ihm eine Beobachtung auf das rechte Mittel verhalf, sie zu fangen. Er bemerkte, daß diese Tiere, wenn sie oben auf den Felsen noch so ruhig lagen oder noch so emsig Kräuter zwischen den Steinen heraussuchten, ihn auch in einer weiten Entfernung spürten, sobald er tiefer stund als sie; als wenn er schon hinter ihrem Rücken wäre, sprangen sie sogleich federleicht über Felsen und Abgründe hinweg und verbargen sich; hingegen wenn er höher stund und sie in den Tälern lagen oder weideten, so ließen sie ihn nahe kommen, ohne ihn zu bemerken. Aus einer so oft bestätigten Erfahrung zog er den Schluß: also müssen diese Tiere in einer höhern Stellung mehr Spürkraft haben oder ihr Auge so gebaut sein, daß es die Gegenstände über sich schwerer erblickt; also muß ich, um sie zu schießen, ihren gewöhnlichen Aufenthalt auskundschaften und meinen Weg jedesmal über Berge nehmen, um ihnen den Vorteil abzugewinnen. – Mit dem ersten Schusse nach dieser Bemerkung tötete er ein Weibchen, das ein Junges bei sich führte. Wie eingewurzelt stand das erstaunte Junge da, als seine Mutter fiel, und da sie Robinson auf der Schulter forttrug, folgte es ihm mit den kläglichsten Trauertönen nach; bei der Leiter am Zaune wartete es, bis er die tote Mutter hinübergeworfen hatte, und ließ sich willig von ihm aufnehmen und zu ihr hinübertragen. Sehr gern hätte er das arme verwaiste Geschöpf auferzogen, um einen Gefährten in ihm zu haben, ein lebendiges Wesen, das sein Herz und seine Liebe teilte, allein es hatte noch gesäugt und wollte sich schlechterdings zu keinem Futter gewöhnen; er mußte sich also, um es nicht ganz ungenützt und elend sterben zu lassen, entschließen, seinen ersten Gesellschafter mit eigner Hand zu würgen und zu essen. Glücklicherweise fiel es ihm kurz nach seiner Ankunft auf der Insel ein, sich einen Kalender zu verfertigen. Er wußte den Tag, an welchem er vom Sturme auf sie geworfen war; diesen schnitt er in ein dickes, glattgehobeltes Holz und bezeichnete den ersten darauffolgenden Sonntag mit einem langen Einschnitte; darunter schnitt er jeden Tag bei dem Aufstehen einen kleinern, und jeder siebente wurde in dieser Reihe wieder so groß als der erste, der vor sechs kleinern voranging. Der Pfahl wurde vor das Zelt in die Erde gesetzt, damit er ihn täglich an die Fortsetzung seines Kalenders erinnerte. Wenn nach seiner Rechnung ein Monat um war – denn er zählte jeden Morgen die gemachten Einschnitte durch –, so wurde der erste Tag des folgenden mit einem Einschnitte bemerkt, der über die ganze Seite des Pfahls sich erstreckte, und der Name des Monats dabei geschnitten. Alles genau erwogen, war sein Zustand nunmehr gewiß nicht so äußerst traurig, als es scheint und er vielleicht selbst glaubte. Die Gewohnheit, diese große Stütze der menschlichen Glückseligkeit, mußte ihm erst das Unangenehme seines Aufenthaltes wegwischen, und dann wurde es dem Nachdenken nicht schwer, tausendfaches Gute darin zu entdecken. Wer diese beiden wichtigen Geheimnisse besitzt, sich leicht an jede Situation zu gewöhnen und mit einem scharfsinnigen Selbstbetruge ihr viel Gutes anzudichten, der hat leben gelernt. Robinson kannte entweder diese Erfahrung nicht oder wußte sie nicht zu nützen. – Anfangs war die Menge seiner Geschäfte zu groß, um dem Nachdenken Platz zu lassen: abmattende Arbeiten und tiefer Schlaf füllten sein ganzes Leben aus. Doch itzt, da die notwendigsten Verrichtungen geschehen waren und ihm zuweilen eine kleine Ruhe ohne Schlaf gegönnt wurde – itzt wachte die Reflexion auf und verbitterte ihm die Vorstellung eines Zustandes, dessen Unannehmlichkeiten er im vorhergehenden Taumel überhäufter Beschäftigung nur halb und vielleicht gar nicht gefühlt hatte. Was ihn in solchen Ruhestunden zuerst und am meisten quälte, war die Furcht vor der Zukunft: er dachte sich das Elend, in welches er geraten müßte, wenn sein Pulvervorrat verbraucht, wenn sein Zwieback aufgezehrt wäre, wenn der Regen und stürmisches Wetter sein Zelt verwüsteten, wenn der Blitz seine Wohnung anzündete und seine ganze Arbeit verheerte, wenn er mit Raubtieren um sein Leben kämpfen müßte, wenn ihn eine Krankheit daniederwürfe, wo er, von aller menschlichen Hülfe entfernt, jämmerlich umkommen würde, wenn vielleicht erst in zehn, in zwanzig Jahren, vielleicht niemals ein Schiff in diese Gegenden käme, wenn sein Körper, durch die Gewohnheit abgehärtet, alle Beschwerlichkeiten aushielt und er am Ende doch noch lange Zeit in Mangel, Blöße und Elend leben müßte, gern sterben möchte und nicht könnte – alle diese und jeden andern Zufall dachte er sich, und seine Furcht malte ihm jede dieser Möglichkeiten so fürchterlich vor, daß er bebte und mit Schaudern niedersank, um seine Beruhigung im Schlafe zu finden. Seine Zufriedenheit hatte schon mehr gewonnen, als er diese Vorstellungen so oft wiederholt hatte, daß sie ihm Langeweile machten und seinen Blick allmählich auf das Gegenwärtige richten ließen. Natürlich fiel anfangs das Gemälde, das er sich davon machte, nicht angenehm aus; der Elende sieht allemal zuerst bloß die schwarze Seite seines Zustandes. Endlich aber – weil es doch besser ist, sich ein Glück einzubilden als gar keins zu haben – kam er so weit, daß er ebenso geschäftig das Gute seines Schicksals aufsuchte, als er vorher das Böse aufzufinden bemüht war, und sich eine Menge noch schlimmerer Zufälle dachte, gegen welche sein itziger Zustand eine wahre Wohltat war. Ich bin, sagte er sich oft, auf eine öde, einsame, unfruchtbare Insel vom Sturme geworfen worden, ohne Hoffnung, sie jemals wieder zu verlassen. – Aber wenn ich nun wie meine Gefährten ertrunken wäre? Habe ich nicht das Leben gerettet? Kann ich nicht durch meinen Fleiß die Erde fruchtbar machen und dem Mangel zuvorkommen? Habe ich nicht Werkzeuge, mir Unterhalt und wohl gar Bequemlichkeit zu verschaffen? War es nicht ein Glück, daß das Schiff vom Sturme erst versenkt wurde, nachdem ich das Hauptsächlichste aus ihm ans Land gebracht hatte? Wenn es nun von dem Sturme, der mich auf dieses Eiland warf, zerschmettert worden wäre, und ich müßte itzt ohne Obdach, ohne Lebensmittel, ohne Möglichkeit, deren habhaft zu werden, im Hunger unter den entsetzlichsten Schmerzen herumirren und peinlich sterben? – Aber so einsam, von allen Menschen abgesondert! Wie schrecklich, wie traurig! – Macht mir denn meine Erhaltung nicht Beschäftigung nötig, die mir die Zeit verkürzt und mich den Verlust der menschlichen Gesellschaft weniger fühlen läßt? Bin ich vom Morgen bis zum Abend bisher müßig gewesen? Bin ich nicht zugleich von allen Plagereien frei, womit die Menschen einander so trefflich quälen? – Niemand störet mich in meiner Arbeit, niemand streitet über die Grenzen seines Eigentums mit mir, niemand beurteilt die Fehler meines Fleißes zu strenge, niemand beneidet das Glück meiner Ernte, niemand bestiehlt, niemand betrügt mich; ich kann ja frei als unumschränkter Herr tun, was ich will, brauche mit niemandem um Nutzen, Ehre und Vergnügen zu kämpfen, werde nie gekränkt, bedarf keines Richters, keines Advokaten, werde nie um Meinungen oder elende Gebräuche verfolgt, gegeißelt, gebraten – allen Übeln der menschlichen Gesellschaft bin ich entflohen! – Aber keinen Freund zu haben! Kein lebendiges Wesen zu lieben! Von keinem geliebt zu werden! Mit seiner Empfindung nicht aus sich herausgehen zu können! Das ist hart für eine menschliche Seele. – Kann ich mir nicht helfen? Der Hund, der so hastig über Bord sprang, als ich das Schiff zum ersten Male durchsuchte, der mir getreulich ans Land nachfolgte, kann der nicht mein Freund sein? Können wir nicht durch lange Bekanntschaft eine Gebärdensprache unter uns erfinden, wodurch wir uns unsre Gedanken und Empfindungen verständlich mitteilen? Vielleicht kann ich meine Gesellschaft durch gezähmte Ziegen vermehren, vielleicht wird ein andres Schiff an diesen Ort verschlagen, vielleicht entdecke ich selbst auf meiner Insel Menschen, die mich fressen oder lieben lernen! – Wenn der Unglückliche einmal so weit ist, daß er das mögliche Gute seines Zustandes sehen will, dann ist er nicht mehr unglücklich, und er kann endlich dahin gelangen, daß er es sehr übelnähme, wenn man ihn nicht für glücklich hielt. Freilich entbehrte er die nötigsten Werkzeuge, die Erde zu bearbeiten: es fehlten ihm Grabscheite, Hacken und Schaufeln; es fehlten ihm, Kleider zu machen, Nähenadeln und Zwirn; allein in diesem heißen Himmelsstriche war Kleidung für ihn das entbehrlichste Bedürfnis, er ging die meiste Zeit des Jahres, die Regenmonate ausgenommen, nackt. Tinte und Federn hatte er in einer kleinen Quantität aus dem Schiffe geschafft, und sie war bald verbraucht, weil er ein Tagebuch über seine wichtigsten Beschäftigungen und Begebenheiten führte. Dieser Mangel an den nötigen Werkzeugen machte seine Arbeiten so schwer und ihren Fortgang so langsam, daß er beinah ein ganzes Jahr mit seinem Palisadenzaune und den übrigen Festungswerken zubrachte; zwei Tage brauchte er meistens, um ein paar Pfähle im Walde abzuhauen, zuzubereiten und oft sehr weit nach Hause zu bringen, und den ganzen dritten, um sie in die Erde zu schlagen. Das Werk stand nunmehr im Ganzen da, und Erfahrung und Bedürfnis mußten ihn nach und nach lehren, wo es verbessert und wie es zur Vollkommenheit gebracht werden könnte. So belegte er zum Beispiel die Mauer von außen mit Torf und fand wegen der heftigen und anhaltenden Regen in gewissen Monaten für nötig, über den Hof, zwischen der Mauer und dem Zelte, ein Dach von Stangen und Baumästen zu bauen. Der Keller wurde mit der Zeit erweitert, und weil der Fels aus einem nicht allzu harten Sandsteine bestund, arbeitete er durch ihn hindurch und brach außer den Palisaden eine Tür hinaus, um einen bequemen Eingang in seine Wohnung zu gewinnen und seine Vorräte mit mehr Ordnung in einem größern Raume aufstellen zu können. Eine von den ersten Bequemlichkeiten, die sich ein Europäer wünschen muß, ist ein Stuhl und ein Tisch; sie wurden beide sehr leicht aus den Brettern gemacht, die zur Bedeckung des Floßes gedient hatten, wiewohl nur mit Hobel und Beil. Der Keller wurde zugleich die Gewehrkammer, und allenthalben herrschte nunmehr der Geist der Ordnung und Reinlichkeit. Sein Tag war so eingeteilt, daß er jeden Morgen, wenn es nicht regnete, ein paar Stunden auf die Jagd ging, alsdann bis zum Mittage arbeitete, aß, ein paar Stunden wegen der übermäßigen Hitze schlief und von neuem an die Arbeit ging, bis ihn Essen und Schlaf davon abriefen. Er fand bald, wie er gehofft hatte, Gesellschaft, und der Zufall lehrte ihn Dinge, die er nie durch Fleiß und Nachsinnen gefunden hätte. Dieser große Urheber der meisten menschlichen Erfindungen brachte ihn unvermutet auf eine Entdeckung, die ihm ungemein viel Freude verursachte: er wurde eines Tages an der linken Seite seines Palisadenzauns einige Stengel gewahr, dergleichen er auf seiner Insel noch nirgends angetroffen hatte. In der Erwartung, daß sie vielleicht eine für ihn eßbare Frucht tragen könnten, verwahrte und hütete er sie sehr sorgfältig vor jedem Schaden, bis er in einiger Zeit zu seinem großen Erstaunen aus jedem eine natürliche europäische Gerstenähre hervorwachsen sah. Weil er sich keine andere Möglichkeit denken konnte, wie sie dahin gekommen sein möchten, so vermutete er, daß es ein einheimisches Produkt sein müsse, und durchsuchte deswegen auf seinen Spaziergängen und Jagden jeden Winkel, jeden kleinen Fleck, um vielleicht mehr davon zu finden: umsonst! Nachdem er sich durch Nachdenken und Nachsuchen müde gequält hatte, besann er sich, daß er vor einem paar Monaten an dieser Seite seiner Wohnung einen Beutel ausschüttete, der den Staub und die Hülsen von altem zerfressenen Getreide enthielt und ihm von ohngefähr bei der Durchsuchung eines aus dem Schiffe herübergebrachten Kleides in die Hände fiel. Ob er gleich damals kein einziges ganzes Korn darunter fand, so war ihm doch nunmehr das Wunder der neuen Erscheinung sehr begreiflich; sobald die Ähren reif waren, schnitt er sie ab und hub sie sorgfältig auf, um künftig ein kleines Feld mit den Körnern zu besäen und sie so lange zu vervielfältigen, bis er sich sein nötiges Brot bauen könnte. An dem nämlichen Orte waren auch einige Reisstengel aufgeschossen, die er in der nämlichen Absicht einerntete. So günstig ihm indessen der Zufall auf der einen Seite war, so grausam war er gegen ihn auf der andern. Als er an einem Morgen ein Geschäfte in seinem Keller hatte, wurde er plötzlich gewahr, daß von der Decke desselben und dem Gipfel des Hügels große Stücken Erde herunterrollten, und zwo von den untergestützten Pfosten krachten sehr heftig. Mit der Angst eines Menschen, der dem Tode zu entrinnen glaubt, flüchtete er aus dem Keller und lief in einem Zuge die Leiter bei dem Eingange hinauf, über die Mauer hinunter und eilte, so weit er konnte, von seiner Wohnung hinweg, um nicht von dem nahen Berge begraben zu werden, der nach seiner Meinung über sie zusammenstürzen wollte. Kaum glaubte er weit genug von der Gefahr entfernt zu sein, um dem Einsturze zuzusehen, als er die Ursache seines Schreckens sehr zuverlässig erfuhr: es war ein wirkliches Erdbeben, und in einem Zeitraume von ungefähr acht Minuten erschütterte der Boden dreimal unter ihm mit der äußersten Heftigkeit, ein großes Stück stürzte von dem Gipfel eines Felsen mit Krachen herunter, und das Meer geriet in allgemeine Bewegung. Robinson, für welchen dies das erste Erdbeben war, das er erlebte, lag von Bestürzung betäubt und sinnlos auf der Erde und wurde aus seiner Sinnlosigkeit nur durch das Getöse der Erschütterung und des Felsensturzes erweckt. Er fing an, über seinen möglichen Verlust und die traurige Lage nachzudenken, in welche er geraten würde, wenn die Erde seine ganzen Vorräte verschlungen oder so verschüttet hätte, daß er sie mit vieler Arbeit wieder ausgraben müßte, als dichte schwere Wolken über den ganzen Horizont sich heraufwälzten und eine neue Szene des Schreckens erwarten ließen. Der Wind brauste und wurde bald zu dem fürchterlichsten Orkane; das Meer war ein Schaum, die Wellen schlugen getürmt über das Ufer, der Sturm riß Bäume aus ihren tiefsten Wurzeln und drohte allem den Untergang, was er fand. Nach drei so schrecklichen Stunden verminderte er sich allmählich; ein paar Stunden darauf erfolgte eine Windstille und ein gewaltiger Regen. Robinson hatte diese ganze Szene unter freiem Himmel auf der Erde liegend abgewartet, doch itzt nötigte ihn der heftige Regen, Schutz zu suchen; er wagte sich also in sein Zelt zurück, allein auch hier war er nicht sicher genug, der Strom überschwemmte es so stark, daß es beinahe niedergedrückt wurde, und das eindringende Wasser öffnete sich allenthalben Wege. Deshalb nahm er seine Zuflucht in den Keller, aber noch immer mit der Besorgnis, unter dem einstürzenden Felsen seinen Tod zu finden. So ungestüm das Wetter war, so mußte er sich ihm doch aussetzen, um dem angesammelten Wasser aus seinem Palisadenzaune einen schnellern und stärkern Abzug zu verschaffen. Er stärkte seine erschöpften Lebensgeister durch einen Schluck Rum und ging mutig an die Arbeit. Der Regen hielt die ganze Nacht und einen Teil des folgenden Tages an. Die ausgestandne Gefahr veranlaßte ihn zu der Überlegung, ob es nicht ratsamer sein möchte, seinen Wohnort zu verändern und dazu einen offnen Platz zu wählen, wo er, wenn vielleicht die Insel öftern Erdbeben unterworfen sein sollte, vor dem Einsturze eines Felsen gesichert wäre. Wirklich war der Berg, wo er gegenwärtig wohnte, von dem Erdbeben gespalten und ein Teil des Gipfels so herüberhängend geworden, daß die nächste Erschütterung ihn herunterwerfen und seine Wohnung zerschmettern mußte. Er ging zu dem Ende zwei Tage lang herum, einen seinem Wunsche gemäßen Ort aufzusuchen und auf Mittel zu denken, wie er die Versetzung seiner ganzen Habseligkeit mit der mindesten Mühe veranstalten könnte. Es tat ihm in der Seele weh, sein mühsam gebautes Werk zu zerstören, und er faßte deswegen den Entschluß, die Gefahr in seiner bisherigen Wohnung so lange dran zu wagen, bis er an einem andern Orte eine neue Mauer nach dem Modell der alten zustande hätte, und so ging er dann ans Werk. Seine Äxte und Beile waren stumpf und sie zu schleifen hatte er niemanden, der ihm seinen Schleifstein umdrehte; er brütete lange über einem wichtigen Projekte, wie er beides zugleich verrichten könnte, und ersann endlich ein Rad mit einem Stricke, daß er den Stein mit den Füßen umdrehen konnte und beide Hände zum Schleifen frei hatte. Eine Musterung seiner Vorräte lehrte ihn, daß sein Brot stark abnahm, so stark, daß er für nötig befand, seine tägliche Verzehrung auf die Hälfte einzuschränken. Traurig über diese unangenehme Entdeckung, sah er eines Morgens nach dem Ufer hin und erblickte etwas am Strande, das aus dem niedrigen Wasser hervorragte; er näherte sich ihm und fand, daß es eine Tonne mit Pulver war, nebst einigen Trümmern von dem Schiffe, das ihn hieher gebracht und das der letzte Orkan vollends zerschmettert und dem Ufer näher getrieben hatte. Das Pulver war durch die Nässe hart wie Stein zusammengebacken; demungeachtet wälzte er die Tonne das Ufer hinauf und kehrte zu den Trümmern zurück, um zu sehen, ob er vielleicht ins Schiff kommen und noch etwas Brauchbares entdecken könnte, allein es war wegen des Sandes, der es ganz anfüllte, unmöglich; indessen bemühte er sich doch, alles, was ihm anstund, abzusägen und abzureißen. Über dieser neuen Arbeit vergaß er die Verlegung seines Wohnplatzes und brachte den größten Teil des Tages mit dem Transporte der Schiffstrümmer zu; nebenher fing er mit Schnüren von den Fäden eines ausgedrehten Taues und krumm gebogenen Nägeln statt der Angeln Fische, die er an der Sonne dorrte und getrocknet aß. Auch war er so glücklich, eine Schildkröte zu fangen, die für einen Magen, der täglich so lange Zeit her nichts als das Fleisch von wilden Ziegen und Vögeln genossen hatte, eine erfreuliche Abwechselung sein mußte. Während dieser Beschäftigung wurde – was ihm bisher ungewöhnlich gewesen war – die Witterung merklich rauh: es fiel ein dünner kalter Regen, der lange ohne Aufhören fortdauerte und ihm nicht wohl bekam. Er fühlte Frost, bekam Kopfschmerzen, brachte die Nächte ohne Schlaf zu oder in kurzem unruhigen Schlummer voll schreckender Träume und den Tag mit traurigen Vorstellungen über die Zukunft und quälenden Mutmaßungen über den Ausgang seiner Krankheit. Den dritten Tag war ein förmliches Fieber da: der Paroxysmus wurde heftig und lang anhaltend; so entkräftet er war, so mußte er doch den folgenden Tag auswandern, um sich etwas zu Besänftigung des übermäßigen Hungers zu verschaffen, der das kalte Fieber gemeiniglich begleitet. Er schoß eine wilde Ziege, schleppte sie mit großer Anstrengung seiner Kräfte nach Hause, bratete verdrossen ein Stück davon und aß mit desto größerm Appetite. Das Fieber wurde bei jeder Rückkunft angreifender und sein Zustand immer trostloser; der Hunger wütete in ihm, und gleichwohl war er selbst an den guten Tagen zu matt, um auf die Jagd zu gehen, kaum imstande, die Flinte zu tragen, und so verdrossen, daß er die Mühe scheute, ein Glied von der Stelle zu bewegen. Eine Woche hatte er bereits in diesem Schweben zwischen schmerzhaften Empfindungen und ebenso schmerzhaften Besorgnissen zugebracht, als er an einem heitern Tage den kraftlosen Körper aus seiner Wohnung schleppte und sich in den Sonnenschein setzte; seine Flinte lag neben ihm, und er hatte kaum Kraft genug, den Hahn aufzuziehen; unfehlbar wäre er ebenfalls zum Losdrücken zu schwach gewesen, wenn sich ihm auch die beste Beute gezeigt hätte. – »Oh!« sagte er mit einem starken Akzente zu sich, indem er so dasaß, »was ist ohne den Menschen der Mensch? – Ein Raub der Krankheit, des Elends! die hülfloseste Kreatur von der Wiege bis ins Grab! Das Tier wird ohne Hebamme geboren, ohne Arzt geheilt, lebt und stirbt und bedarf keiner Hülfe als der Hülfe der Natur; nur der Mensch wurde unendlichen Leiden und Bedürfnissen preisgegeben, um beständig fremden Beistandes zu bedürfen. Oh, die ihr euch durch Nichtswürdigkeiten entzweiet und den Annehmlichkeiten gegebner und empfangener Dienste entsagt! Ein Tag in meinem Zustande würde euch bald lehren, wie wert dem Menschen der Mensch sein muß.« – Über dieser Selbstbetrachtung versank er in einen erquickenden Schlaf, wo sie von seiner erhitzten Einbildungskraft in lebhaften Bildern fortgesetzt wurde; das beste seines Traums war, daß er ihm zu einem Hülfsmittel wider sein Fieber den Einfall gab. Unter der Menge unzusammenhängender Vorstellungen, die ihm durch den Kopf liefen, waren sein Keller und sein Zelt die öftersten; er durchmusterte alle Kisten und kleine Behältnisse und fand in der einen eine große Quantität Tabak, den er gierig herausnahm und in einer Gesellschaft von kranken Brasilianern, die seine Imagination ohne alle wahrscheinliche Vorbereitung sogleich herbeischaffte, mit der heftigsten Begierde verschluckte. Bei seinem Erwachen fiel ihm unter verschiedenen Fragmenten der gehabten Träume auch diese Tabaksgesellschaft ein, ein Gedanke erzeugte den andern, er besann sich, daß bei den Brasilianern der Tabak die Universalarzenei wider alle Krankheiten ist, und beschloß, nach ihrem Beispiele den Vorrat, den er in einer Kiste hatte, zu seiner Kur anzuwenden. So gewaltsam das Mittel war, so schlich er doch in seinen Keller, holte seinen Tabak hervor und machte einen Versuch auf mancherlei Weise: er kaute die Blätter, er legte andre etliche Stunden in Rum, um diesen herrlichen Extrakt bei dem Schlafengehn zu trinken, er legte ein Stück auf Kohlen und schluckte den Dampf mit Mund und Nase bis zum Berauschen ein. Diese dreifache barbarische Kur, die vielleicht die Mode mit der Zeit auch in unsre europäische Medizin bringen wird und die er in einem Nachmittage gebrauchte, tat die herrlichste Wirkung von der Welt: sie verursachte ihm einen so berauschenden Schlaf, daß er die ganze Nacht und den folgenden Tag, ohne aufzuwachen, in einem fort schlief, und er konnte sich es sogar nicht ausreden, daß er drei Tage hintereinander geschlafen habe. Als er erwachte, fühlte er sich so frisch und gestärkt, daß man's kaum glauben sollte, wenn er es nicht ausdrücklich versicherte; kurz, das Mittel ist probat, denn er wurde seit diesem langen Schlafe zusehends besser, das Fieber schwächer, und nach einer doppelten wiederholten Kur blieb es gar weg. Inzwischen machte er aus dieser Krankheit den Schluß, daß die Regenmonate, März und April, wo er sie bekam, der Gesundheit ungleich schädlicher sein müßten als der nasse September und Oktober, und zog daraus eine Regel für sein künftiges Verhalten. Nunmehr hatte er bereits zehn Monate in diesem einsamen Aufenthalte zugebracht, und sobald seine Gesundheit wiederhergestellt war, kam ihm der Gedanke, seinen Wohnplatz zu verändern, von neuem ein. Er stellte in dieser Absicht eine Reise an und wanderte zuerst an der Anfurt hinauf, wo er mit seinen Transporten aus dem Schiffe gewöhnlich landete. Nach einem Wege von einem paar Meilen befand er, daß die Flut des Meeres nicht tiefer ins Land hinein ging, sondern sich mit einem nicht allzu breiten Flüßchen endigte, das aus einem Bache süßen und frischen Wassers entstand, das aber itzo bei der trocknen Zeit sehr gefallen war. Am Rande des Baches lag eine Reihe anmutiger Wiesen, eine unübersehliche, reizende, grasreiche Ebene; in den höhern Gegenden, die der Überschwemmung weniger ausgesetzt sein mochten, stand Tabak in ziemlicher Menge, grün, frisch und mit dicken hohen Stengeln, nebst einigen andern Pflanzen, deren Name und Kraft ihm unbekannt war. Vorzüglich forschte er nach der Kassavewurzel, woraus die Indianer ihr Brot machen, aber umsonst. Aloestauden und wildes Zuckerrohr waren wohl vorhanden, allein wegen Mangel an Wartung unvollkommen. Indessen hatte er doch Entdeckungen genug gemacht, um sein Nachsinnen einige Zeit zu beschäftigen, wie er die gefundenen Früchte und Pflanzen in seinen Nutzen verwenden könne; doch gingen ihm seine Erfindungen nur sehr langsam vonstatten, besonders weil er sich bei seinem Aufenthalte in Brasilien keine gehörige Kenntnis von den eignen Pflanzen dieses Himmelsstriches und ihrer Anwendung erworben hatte. Bei einer zweiten Entdeckungsreise wanderte er viel weiter bis an das Ende jener grasichten Ebne, wo Strauchwerk und Wald seinen Weg hemmte. Auf dieser Wanderung fand er unter verschiedenen andern Früchten Melonen, die zahlreich auf dem Boden lagen, und Trauben an weit ausgebreiteten Reben, die sich um die Äste der Bäume herumschlangen und zu den vollen großen Beeren einluden. So herrlich und willkommen ihm eine solche Entdeckung sein mußte, so nützte er sie doch mit vieler Mäßigung, weil er aus der Erfahrung wußte, daß der häufige Genuß der Trauben sehr leicht entkräftende Ausleerungen und Fieber verursacht, und beschloß deswegen, sie an der Sonne zu trocknen und als Rosinen aufzubewahren. Über der Geschäftigkeit des Sammelns überfiel ihn die Nacht, und er brachte itzt die erste außer seiner Wohnung auf einem Baume zu, um den folgenden Tag seine Entdeckung fortzusetzen. Er wanderte immer weiter, ließ gegen Mittag und Morgen eine langgedehnte Reihe Berge liegen und ging in einem anmutsvollen Tale hin, bis es sich öffnete, wo sich gegen Abend eine breite Strecke Land hinzog und gegen Morgen ein kleiner Bach lief, der aus einem Hügel neben ihm hervorrieselte; die ganze Gegend vor ihm war grün, blühend, in dem muntersten Kleide des Frühlings, ein lachender Garten. Süßer kann kein Mensch träumen als Robinson, da er einen kleinen Hügel hinaufstieg und von ihm sitzend die reizende Gegend übersah; das Vergnügen, das dem Menschen natürlicherweise Eigentum und Herrschaft gewähren, wurde so lebhaft in ihm, da er sich als den Besitzer und Herrn dieses kleinen Paradieses dachte, daß es ihm schwerfiel, sich von diesem Anblicke und seinen Vorstellungen dabei loszureißen. Dichte, zahlreiche Gruppen von Kokosbäumen, Pomeranzen und Zitronenbäumen versprachen ihm Schatten und in der Zukunft vielleicht auch Nahrung, denn gegenwärtig hatten sie nur wenige Früchte; doch verschmähte er die grünen Zitronen nicht, die sie ihm darboten, sondern sammelte sie, um sich durch ihren Saft das Wasser gesund und erfrischend zu machen. Da er mit der Witterung seines kleinen Reichs nunmehr bekannt war und also die Annäherung der zweiten jährlichen Regenzeit erwartete, so nahm er sich vor, Vorräte von allen gefundenen Früchten zu sammeln und für die Monate aufzuheben, wo ihm die feuchte Witterung keine weiten Wanderungen erlauben würde. Er sammelte deswegen Trauben und Zitronen in drei verschiedene Haufen, nahm einen Teil mit sich nach Hause und wollte das übrige Zurückgelassene den folgenden Tag in einem Sacke vollends nachholen, allein mit Verwunderung wurde er bei seiner Rückkunft gewahr, daß sein Fleiß Mitesser herbeigelockt hatte, die gesammelten Trauben waren teils zerstreut, teils ausgeleert und nur noch die Hülsen übrig. Auch merkte er wohl, daß die übrigen den Transport nicht aushalten, sondern unterwegs zerquetscht werden müßten, darum hing er sie an Baumäste, um sie nach einiger Zeit getrocknet in seine Vorratskammer holen zu können, welches ihm auch noch kurz vor dem Eintritte der Regenzeit gelang. Das Bild der einnehmenden Gegend, die er auf seiner bisherigen Wanderschaft entdeckt hatte, war ihm unaufhörlich gegenwärtig, und er konnte unmöglich der Begierde widerstehn, sich eine Wohnung dort anzulegen. Gleichwohl, wenn er bedachte, daß er dort tief im Lande und weit von der Seeküste entfernt war und also keine Errettung von seiner einsamen Insel erwarten konnte, sollte auch das Schicksal ein Schiff in diese Gegend führen; wenn er bedachte, daß sein itziger Wohnsitz wegen seiner freien Aussicht auf die See zu jener Absicht der beste auf der ganzen Insel sei; wenn er bedachte, daß er dort zwischen Wald und Berg eingeschlossen werde und sich vielleicht in eine ungesunde feuchte Luft begebe, so konnte er sich unmöglich zu einer Trennung von seinem gegenwärtigen Aufenthalte verstehen. Allein den Genuß eines so reizenden Ortes ganz aufzugeben, das war doch auch schwer! Nach langer Unschlüssigkeit fand er einen Ausweg, der alle seine Wünsche befriedigte: er legte sich in jener angenehmen Ebene eine Sommerwohnung an, wo er den größten Teil der trocknen Zeit zubringen wollte. Eilfertig wurde nach dem Risse seiner alten Wohnung ein Zaun von Stangen und dazwischen geflochtnen Baumästen verfertigt und darinne ein Zelt von einem Stück Segeltuch aufgeschlagen. Wer war nun glücklicher als Robinson? – Der König von Neapel kann sich über sein neues marmornes Landhaus nicht so sehr gefreut haben als der gute Abenteurer über seine segeltuchne Sommerhütte. Nur ging zum Unglück die Regenzeit an, und er konnte sie unter anderthalb Monaten nicht beziehen, weil sie zu leicht gebaut war, um ihn vor der Nässe zu schützen. Er mußte also in seinen Winterpalast, oder, wie man ihn in dieser Gegend nennen konnte, in seinen Regenpalast kriechen und, ohne auszugehn, Sturm und Regen vom August bis in die Mitte des Oktobers geduldig abwarten. Seine Haushaltung war sehr einfach und seine Mahlzeiten sehr kärglich, weil sein Vorrat diese ganze Zeit über zureichen mußte; des Morgens aß er eine gedörrte Traube, seine Mittagsmahlzeit war ein Stück gebratnes Ziegenfleisch oder eine Schildkröte und das Abendessen ein paar Schildkröteneier, wenn er deren habhaft werden konnte. Nach seiner Rechnung mußte nunmehr entweder bald oder schon ein Jahr verflossen sein; er zählte die Einschnitte an seinem hölzernen Almanache durch und fand schon einige Tage über das Jahr. Dieser Schluß seines Jahres, das mit dem 13. September anging, wurde sehr feierlich begangen: nach den damaligen Grundsätzen der christlichen Kirche fastete er einen Tag lang und hielt sich für die eingebüßte Mittagsmahlzeit bei dem Abendessen desto reichlicher schadlos. Es ist bereits erwähnt worden, daß er unvermutet zu einer Ernte von einigen Gerstenähren und Reisstengeln gelangte. Bei seiner jetzigen Muße lenkte er sein Nachdenken wieder auf diese Ernte und faßte den Entschluß, die Körner auszusäen. Zum glücklichen Säen und Ernten gehört Beobachtung des Wetters, und diese konnten ihm nichts als gelungne und mißlungne Proben verschaffen. Er teilte also seinen Samen und säete die eine Hälfte nach der Regenzeit aus, wo die Wärme nach seiner Meinung das Wachstum bald beschleunigen sollte; schon ein Fehler! denn da in der ganzen trocknen Zeit zwei bis drei Monate hindurch kein Regen fiel, ging seine Saat aus Mangel der Feuchtigkeit gar nicht auf, und was aufging, verbrannte und verwelkte. Es wurde ein zweiter Versuch gemacht. Er säete kurz vor den nassen Monaten; seine Saat ging schön auf und wurde in den folgenden Monaten schnell reif. Die Ernte war noch immer nicht sehr erträglich; es mußte entweder an der Bearbeitung des Bodens liegen oder an der Zeit des Säens. Wiederholte Versuche lehrten ihn beides verbessern und zeigten ihm, daß er in einem Jahre zweimal säen und zweimal ernten konnte. Aus diesen Beobachtungen, die ihm sein kleiner Ackerbau nötig machte, erwuchs allmählich sein Kalender; er wußte schon lange, daß dieser Himmelsstrich zwei Jahrszeiten habe, worunter eine jede jährlich zweimal wiederkömmt; doch nunmehr bemerkte er auch den Anfang und das Ende einer jeden. Im halben Februar, ganzen März und der Hälfte des Aprils war Regenzeit ; von der zweiten Hälfte des Aprils bis in die erste Hälfte des Augusts dauerte die trockne Zeit ; ebenso kam vom halben August bis zum halben Oktober die erste Jahrszeit wieder und von da bis in den halben Februar die zweite trockne Zeit. Das Anhalten einer jeden wurde bald verlängert, bald verkürzt, doch reichten jene Bestimmungen vorderhand zur Regulierung seiner ökonomischen Beschäftigungen völlig hin. Auf eine andere nützliche Bemerkung führte ihn der Zufall. Als er nach dem Verlaufe der Regenzeit seinen Sommerpalast zum ersten Male wieder besuchte, fand er den Zaun ganz grün: die eingeschlagnen Stäbe waren, wie bei uns die Weiden tun, ausgeschlagen, hatten Zweige getrieben, und es war zu vermuten, daß einige darunter Wurzel fassen möchten, welches auch in der Folge bei den meisten geschah. Die Entdeckung wendete er zur Verschönerung seines alten Zauns an; er suchte die Bäume auf, wovon er jene Stäbe geschnitten hatte, und schnitt ihrer soviel davon ab, daß er seinen ganzen Palisadenzaun damit umpflanzte und aus den meisten ringsherum Bäume bekam, die ihm Schutz und Schatten gaben. Weil er sich in der Regenzeit niemals mehr aus seiner Wohnung wagte, dachte er itzt die ganze trockne Zeit über darauf, sich Vorräte von allen seinen Bedürfnissen und Materialien zu Arbeiten zu sammeln. Die schicklichste und notwendigste Beschäftigung schien ihm, aus Ruten allerhand Arten von Behältnissen für trockne Sachen zu flechten. Er versuchte, ob der Baum, der die eine Eigenschaft der Weide hatte, daß er sich so leicht fortpflanzte, wie vorhin gesagt worden ist, auch vielleicht ihre Biegsamkeit habe, und fand seine Vermutung bestätigt. Er beraubte daher alle Bäume dieser Art, deren er nur ansichtig wurde, ihrer Kronen, ließ die abgehaunen Zweige an der Sonne dürre werden, verwahrte sie im Keller und flocht aus ihnen in der nächsten Regenzeit eine überflüssige Menge Körbe. Dabei kam ihm eine jugendliche Neugierde sehr wohl zustatten: er hatte als Knabe sich schon oft in der Werkstätte eines Korbmachers aufgehalten, der neben seinem Vater wohnte, und ihm bei seiner Arbeit geholfen, wodurch ihm einige von den hauptsächlichsten Handgriffen hängengeblieben waren. Ebenso nötig wäre es ihm gewesen, Gefäße für flüssige Sachen zu verfertigen, woran er großen Mangel litt, allein weder der Zufall noch sein Scharfsinn wollten seinem Bedürfnisse noch zur Zeit zu Hülfe kommen. Sobald die trockne Zeit wieder anfing, unternahm er eine neue Reise durch die Insel und zwar nach einer andern Seite hin. Die Flinte, ein Beil, einen Beutel mit Pulver und Schrot, einen andern mit Proviant auf dem Rücken, wanderte er in Begleitung seines Hundes aus, ging über das Tal, wo sein Sommerzelt stand, hinüber, erblickte Meer und jenseit desselben Land, eine große lange Strecke Landes, die nach seiner Mutmaßung wenigstens fünfzehn bis zwanzig Meilen von ihm entfernt sein mußte. Nun stund ein ganzes Heer Vermutungen in ihm auf: das Land lag in Westen, es mußte also ein Stück von Amerika sein; aber vielleicht war es eine Insel, vielleicht ein Teil des festen Landes, vielleicht eine von den spanischen Kolonien, vielleicht ward es von Wilden bewohnt, vielleicht gar von den Kannibalen, die nach seiner Meinung alle Menschen, die ihnen in die Hände fielen, totschlugen und fraßen. Er sah lange und unbewegt nach der Gegend des erblickten Landes hin, als wenn er dadurch Gewißheit über seine Vermutungen bekommen könnte, und gab sie endlich auf, um sich an den lustigen Feldern ringsherum zu ergötzen; wo er hinsah, war der Boden eine Tapete von bunten Blumen und hohem üppigen Grase, mit kleinem lichten Gehölze umkränzt. Um ihn herum hüpften Papageien, und er freute sich ungemein, ein Tier zu finden, das seinen Ohren mit der Zeit den Laut einer Menschenstimme zu hören geben könnte. Nach vieler Bemühung auf seinem Rückwege gelang es ihm, einen jungen mit einem Stocke zu treffen, daß er hinsank; zum Glück war der Schlag nur betäubend gewesen, der Vogel erholte sich und wurde von dieser Zeit an in die Lehre genommen. Auf dem Fortgange dieser Reise bemerkte er in den Gründen viele Tiere, die unsern Hasen und Füchsen ähnlich sahen; er tötete einige, doch konnte er sich nicht überwinden, sie zu essen, weil er sie nicht hinlänglich kannte. Je weiter er seinen Weg fortsetzte, je mehr bedauerte er es, daß er nicht an diese Seite der Insel vom Sturme geworfen worden war; hier war alles so sehr im Überflusse wie bei seiner Wohnung an allem Mangel. Das Ufer lag voller Schildkröten, und an dem Strande bei seinem Wohnplatze ließ sich nur selten eine blicken; alles wimmelte von Vögeln, worunter er die meisten Gattungen gar nicht kannte. Als er nach seiner Rechnung eine Strecke von zwölf englischen Meilen am Strande hin gegen Osten zurückgelegt hatte, setzte er einen starken Pfahl ans Ufer statt eines Zeichens und entschloß sich, wieder umzukehren, um in der nächsten trocknen Zeit eine Reise auf der andern Seite von seiner Wohnung aus bis zu diesem Pfahle zu tun. Um der Rückreise einige Mannigfaltigkeit zu verschaffen, wollte er sie durch einen andern Weg quer über die Insel hin tun, allein er hätte die Mannigfaltigkeit bald mit Gefahr gesucht, denn er war kaum ein paar englische Meilen gegangen, so befand er sich in einem großen Tale, das ringsum mit Wald und Bergen umzäunt war; er konnte sich in der Richtung seines Weges bloß durch den Stand der Sonne leiten lassen, und auch diese Leiterin entbehrte er die größte Zeit des Tages, weil die Luft immer dichter und neblichter wurde, je tiefer er ins Tal hinab kam. Unter so ungünstigen Umständen ging er drei oder vier Tage durch das Tal hin, und da die Gefahr, sich zu verirren, immer zunahm, entschloß er sich kurz und kehrte auf dem nämlichen Wege zum Strande zurück, um seinen Pfahl aufzusuchen und von da wieder heimzugehen, wie er herwärts gegangen war. Auf diesem Marsche fing er den jungen Papagei, dessen vorhin schon gedacht worden ist, und ein junges Ziegenböckchen, welches sein Hund jagte und erwischte, doch ohne ihm Schaden zu tun, weil der Herr zeitig genug dazu kam, um es zu retten. Er führte es an einem Stricke mit sich nach Hause, versorgte es mit Futter und überließ sich mit ganzem Herzen der Freude, nach einer monatlichen Abwesenheit seine Wohnung wiederzuerblicken. Kein Pilgrim kann so zufrieden Weib und Kinder begrüßen als Robinson itzt seine Hütte – das einzige, was seine Neigung an sich ziehen konnte! Seine elende Hängematte tat ihm itzt so wohl als das herrlichste europäische Lager, nachdem er einen Monat lang auf Bäumen geschlafen hatte, und seine Kost schmeckte ihm doppelt wohl, da er sie itzt wieder in Ruhe nach einem so langen unsteten Leben genoß. Dem Papagei wurde ein Käfig von Ruten geflochten und seine Sprachwerkzeuge täglich aufgefodert. Sein Pfahl und die Abwechselung der Jahrszeiten lehrten ihn, daß nunmehr das zweite Jahr vergangen sei, und er sah mit Verlangen den Monaten entgegen, wo er eine große Ernte von seinem verbesserten Ackerbau erwartete. Die Saat stund vortrefflich, schoß sehr dicht auf, aber je mehr sich die Ähren der Reife näherten, je mehr Räuber fanden sich ein, die die Frucht seiner Arbeit genießen wollten. Es war nichts anders für ihn zu tun, als daß er das rechtmäßige Eigentum seines Fleißes schützte und List oder Gewalt brauchte. Die wilden Ziegen und die Tierchen, die er den Hasen ähnlich fand, versammelten sich in großen Haufen dabei und fraßen die Saat, ehe sie noch schoßte; er mußte also sein Feld mit einem dichten Zaune verwahren, und des Nachts band er den Hund mit einem langen Stricke daran, damit er ringsherum laufen und sie mit Bellen verscheuchen konnte. Kaum hatten die Ähren Körner, so fanden sich andre Eßlustige: die Vögel fielen scharenweise darüber her und drohten, alles aufzuzehren. Er schreckte sie durch Schüsse, vor welchen sie flohen, doch um bald wieder zurückzukommen, denn kaum hatte er sich einige Schritte entfernt, so waren die Räuber schon wieder in seinem Getreide. Er ergrimmte über diese Verwegenheit und tat einen Schuß unter sie, der drei von ihnen tötete; diese drei Missetäter hing er allen Vögeln auf der ganzen Insel zur Lehre und Warnung an drei verschiedenen Orten seines Feldes auf, und er versichert, daß seitdem kein Vogel mehr die Ruchlosigkeit begangen habe, ihn zu bestehlen. Da sieht man, was unverdorbne Natur tut: in Europa hat kein einziger Vogel so ein lauteres Gefühl von Ehre und Schande; bei uns sind sie so unverschämt wie die Menschen. So viele Gefahren ungeachtet, erntete er doch reichlich; statt der Sense mußte ihm ein alter Säbel dienen, womit er die Ähren abschnitt und in einem Korbe nach Hause trug; das Stroh, dessen er nicht bedurfte, sollte die Düngung der künftigen Ernte werden. Da der eingeerntete Vorrat nicht sonderlich groß war, konnte er ohne Mühe und ohne Dreschmaschine die Körner mit den Händen ausreiben. Alles wurde zu Samen für eine neue Ernte bestimmt, und nicht eher sollte etwas davon verbraucht werden, als bis er sein Brot von einer Ernte zur andern und jedesmal den Samen für eine neue baute. Indessen wollte er alle Zeit darauf wenden, die Werkzeuge des Ackerbaues zu verbessern und die nötige Gerätschaft zum Mahlen und Brotbacken zu ersinnen. Zum Umgraben der Erde gebrauchte er bisher Schaufeln von einer Art Holz, das man in Amerika den Eisenbaum nennt; es hat die Farbe des Eisens und viel von seiner Festigkeit, ist sehr schwer zu bearbeiten und schwer zu regieren, daß ihm also die Zubereitung des Werkzeugs und der Gebrauch desselben bei dem Umgraben unendliche Zeit und Mühe kostete. Wenn er den Samen ausgestreut hatte, fehlte ihm eine Egge, um ihn in den Boden hineinzuarbeiten; in Ermangelung derselben tat er es mit einem abgeblätterten schweren Baumaste, den er etlichemal über das besäete Feld schleppte. Mit diesen elenden Hülfsmitteln brachte er den ganzen eingeernteten Vorrat unter die Erde, umpflanzte sein Feld mit einem dichten Zaune von dem Holze, das so leicht Wurzel faßt, und wandte die nächste Regenzeit zu Erfindung einer Mühle und eines Backofens an. Zum Vergnügen gab er nebenher seinem Papagei im Sprechen Unterricht und brachte es in kurzer Zeit so weit, daß er seinen eignen Namen Poll laut und deutlich aussprechen konnte. Welch eine Wollust für sein Ohr, ein ausgesprochnes Wort von einer fremden Stimme zu hören! So kurz und unbedeutend auch diese Unterredung war, so hatte er doch jemand um sich, der ihn zu verstehen schien, mit dem er vertraut redete und der ihm zuweilen statt der Antwort ein Poll dazwischenplauderte. Nach seiner Rückkunft von der vorhin beschriebnen Reise hatte er in der übrigen trocknen Zeit seine Versuche, Gefäße für flüssige Sachen zu erfinden, oft wiederholt, besonders da ihm auf seiner Wanderschaft eine fette Erde aufgestoßen war, die ihm eine schickliche Materie dazu zu sein schien. Er machte eine Masse aus ihr, aber bald war sie nicht steif genug, ihre eigne Schwere zu tragen, und fiel zusammen, sobald er etwas daraus formte, bald hatte er sie zu naß an die Sonne gesetzt, und sein Gefäß berstete, bald war die Masse zu spröde und bröckelte sich auseinander, wenn er sie anrührte. Geduld und Emsigkeit überwanden alle Schwierigkeiten: nach vielen vergeblichen Proben fand er endlich die rechte Temperatur und brachte wirklich zwei plumpe Gefäße zustande, die einer großen Schüssel nicht unähnlich sahen. Nachdem sie an der Sonne hart gebacken waren, setzte er sie behutsam in einen Korb und stopfte den leeren Zwischenraum mit Gerstenstroh aus. Ein so glücklich gelungner Versuch spornte zu mehrern an: er verfertigte noch viele kleinere Geschirre, mit denen es nicht besser und nicht schlechter vonstatten ging. Als er eines Tages sein Essen kochte, sah er eine Scherbe von einem seiner zerbrochnen Gefäße im Feuer liegen, sie war glühendrot und hart wie Stein. Sogleich kam ihm der Gedanke ein, von diesem Zufalle Nutzen zu ziehen. Er machte ein tiefes Loch in die Erde, setzte drei von seinen getrockneten Gefäßen übereinander hinein, legte Holz darum und einen großen Haufen Reisig über sie her, zündete es an und fuhr mit dieser Feuerung fort, bis seine Gefäße glühten, alsdann bedeckte er das ganze Loch mit Holz und Rasen, um die Hitze beisammen zu halten, ließ sie fünf bis sechs Stunden darinne und gelangte beinahe zu seinem Zweck. Er wiederholte die Probe mit andern und lernte allmählich die erfoderliche Hitze und andre kleine Kunstgriffe kennen, daß ihm zuletzt sein Brennen niemals fehlschlug. Die Zierlichkeit der Form fehlte freilich allen diesen irdenen Kunstwerken, allein die Schönheit wurde an keiner Sache vom Bedürfnis, sondern von der Muße erfunden. Eine Erfindung, das Getreide fein zu mahlen, mußte er vorderhand wohl aufgeben – aber wie? wenn ich's nun stampfte? sagte er sich. Dazu brauche ich einen Mörser. – Er suchte nach einem Steine, um ihn auszuhöhlen, allein die Steine seiner Insel waren entweder zu fest, um sie von den Felsen loszuschlagen, oder zu sandicht, um die Gewalt des Aushöhlens auszuhalten. Er wählte also lieber einen Klotz und höhlte ihn mit Feuer aus wie die Indianer ihre Kähne; alsdann wurde von dem obengenannten Eisenholze ein Stößel gemacht, und seine Mühle oder Getreidestampfe war fertig. Aber wenn das Getreide gestampft war, bedurfte er eines Siebes, um Mehl und Hülsen voneinander zu sondern; es fehlte ihm ganz an dünner Leinwand, bis er ein paar grobe kattune Halstücher unter der geretteten Gerätschaft eines Matrosen entdeckte, die er zu seinem Zwecke zurücklegte. Nun war noch das wichtigste Geschäfte übrig – das Backen. Ein Mensch, der seine Erfindungskraft schon so vielfältig geübt hat wie Robinson, tut endlich sehr schnelle Schritte; eine Erfindung bietet der andern die Hand: sein Backofen gelang ihm deswegen sogleich. Er machte zu diesem Behuf einige irdene, sehr breite, aber nicht tiefe Gefäße. Wenn er etwas zu backen hatte, machte er auf seinem Herde, der eine Grube in der Erde war, mit gebacknen Steinen aus seiner Fabrik belegt, ein großes Feuer, so lange bis die Steine ganz durchhitzt waren; alsdann fegte er die Asche rein weg, legte einen Klumpen Teig auf die heißen Steine und stürzte eins von jenen breiten flachen irdenen Gefäßen darüber, häufte die heiße Asche daran und ließ sein Brot backen, das vermutlich nicht köstlich, aber doch eßbar wurde. Alle diese Erfindungen und ökonomische Arbeiten nahmen fast sein ganzes drittes Jahr hin; er säete und erntete dabei zu gehöriger Zeit, und zwar so reichlich, daß er schon beinahe seine völlige, wiewohl sparsame, Konsumtion und den Samen einer neuen Ernte erzeugte. Wenn die wesentlichsten Erfindungen gemacht, die nötigsten Bedürfnisse befriedigt und dem künftigen Mangel nur so leidlich vorgebeugt ist, dann erweitern sich im Menschen die Begierden; sie können sich unmöglich auf den kleinen Fleck seiner Subsistenz einschränken; er strebt über ihn hinaus, und wenn keine Geschöpfe seiner Art da sind, um seine innere auflebende Wirksamkeit auf eine andre Art in Bewegung zu setzen, so ist die Neubegierde eine der ersten Begierden, die in ihm aufwacht. Robinson fühlte sie itzo so stark, daß er der Versuchung, das erblickte Land näher kennenzulernen, unmöglich widerstehen konnte; trotz aller Gefahren, die er dabei befürchtete, sann er täglich auf Mittel, über ein so breites Meer, als ihn davon trennte, hinüberzukommen. Es fiel ihm ein, daß das Boot, mit welchem er Schiffbruch gelitten, umgestürzt am Strande lag – ob das nicht vielleicht brauchbar zu machen wäre? – So unmöglich der Anschlag war, ohne alle Beihülfe das Boot aus dem Sande herauszuarbeiten, so schleppte er doch mühsam eine Menge Hebebäume aus dem Walde zusammen, brachte beinahe vier Wochen mit der Arbeit zu und vermochte doch nicht, es von der Stelle zu bringen und noch viel weniger ins Wasser zu schieben. Was war zu tun, als daß er den Plan aufgab? Die Schwierigkeit fachte seinen Mut und seine Begierde noch mehr an: er nahm sich vor, selbst ein Boot zu machen, das heißt, nach Art der Indianer einen Baum auszuhöhlen und mit ihm die Reise anzutreten. Mit mehr als kindischem Vergnügen freute er sich über die Bequemlichkeiten, die ihm seine Arbeit viel leichter und vollkommner machen müßten als alle Kanots der Indianer, die den Gebrauch des Eisens noch nicht kannten. Eilfertig wurde eine der dicksten und höchsten Zedern auf der ganzen ihm bekannten Insel ausgesucht; zwanzig Tage mußte er an dem Stamme hacken, ehe sie fiel; zwei Wochen brauchte er, um sie von Ästen und Zweigen zu reinigen, und nicht weniger als einen Monat, um dem Baume die bauchförmige Gestalt eines Boots zu geben, damit es aufrecht auf dem Wasser schwamm; es kostete fast ein ganzes Vierteljahr, die inwendige Höhlung zu machen, zumal da er sie aus Eigensinn nicht mit Feuer, sondern mit einem Meißel machen wollte. Itzt war das wichtige Werk fertig, und er konnte sich nicht enthalten, sich selbst darinne zu bewundern und lauten Beifall zuzuklatschen; alles war herrlich und schön, nur hatte er in der Berauschung einen wichtigen Umstand zu berechnen vergessen – wie er die große Maschine ins Wasser bringen sollte. Mit niedergeschlagner Betrübnis stand er neben seinem Kunstwerke und fühlte die Unmöglichkeit, es flottzumachen. Zwar war es nur zwanzig Schritte vom Ufer entfernt, allein unglücklicherweise ging es gegen die Anfurt bergan. Er hatte das Herz, die kleine Anhöhe wegzugraben und nach dem Ufer zu abhängig zu machen: abermals umsonst! Er vermochte nicht, sein Boot von der Stelle zu schieben. Die Begierde setzte ihm den Sporn in die Seite: er wollte schlechterdings seinen Plan durchsetzen. Er faßte den Entschluß, einen Kanal vom Meere bis zum Boote zu graben; er maß die Weite sorgfältig aus, berechnete die nötige Tiefe und Breite, und am Ende seines Überschlags fand sich's, daß er mit seinen zwei Händen wenigstens zehn Jahre bedürfe, um den Kanal zu vollenden. Welche Kränkung! Er mußte sein Fahrzeug als ein Denkmal seiner Unbesonnenheit liegenlassen und voritzt die Hoffnung zu einer Seereise aufgeben, Über diesem ersten donquichotischen Streiche, den ihm seine erwachten Begierden spielten, war ihm das vierte Jahr verstrichen. Solange er hinlänglich Tinte hatte, führte er ein Tagebuch über alle Kleinigkeiten, wie bereits angemerkt worden ist, und machte dabei einige Bemerkungen, die es erklären, wie ehemals die Menschen so allgemein einen Unterschied zwischen guten und bösen, glücklichen und unglücklichen Tagen machen konnten. Er fand, daß er an dem nämlichen Tage, wo er seinem Vater entlief, durch einen Kaper gefangen und zum Sklaven geworden war; an dem Tage seiner Geburt wurde er von dem Sturme auf die Insel geworfen, wo er sich noch aufhielt. Dieses zufällige Zusammentreffen zweier merkwürdigen Begebenheiten auf einen Tag hätte ihn leicht bewegen können, diese Tage mit einem abergläubischen Selbstbetruge auszuzeichnen, wenn er nicht ein unterrichteter Europäer gewesen wäre. Nächst der Tinte war sein Zwieback schon lange ausgegangen; er mußte sich länger als ein Jahr ganz ohne Brot behelfen, bis seine Ernte einträglich genug und seine Erfindungen zum Brotbacken gemacht waren. Der Kreis seiner Wünsche wurde immer weiter; da sie das Bedürfnis so wenig mehr beschäftigte, so fand sich die Bequemlichkeit an seiner Stelle ein. Bis hieher hatte er Hitze und Regen meistens ohne Kleidung ertragen, höchstens schützte er sich durch ein Hemd wider die sengende Sonnenhitze und durch ein Kamisol wider die Nässe, und da seine Kleidung zerrissen war, entbehrte er sie ganz, ohne daß es ihm weh tat. Itzt fühlte er auf einmal die Beschwerlichkeit dieses Mangels; er dachte darauf, sich neue Kleider zu verfertigen, holte die paar Wachtröcke, die er aus dem Schiffe gerettet hatte, hervor, schnitt sie in Stücken und flickte sich daraus eine Kutte zusammen. In Ermangelung der Nähenadel brauchte er zugespitzte Stücken Holz oder Fischgräten, und statt des Zwirns zog er die Fäden aus aufgedrehten Stricken; auch diente ihm zuweilen das Bast von einem lindenähnlichen Baume dazu; hätte er große Fische gehabt wie die Nordländer, so würden ihm ihre Gedärme zu diesem Gebrauche sehr nützlich gewesen sein. Aus den Fellen der vierfüßigen Tiere, die er aß, wurde eine Mütze gemacht, die rauche Seite auswärts gekehrt, und da er den großen Nutzen derselben spürte, verfertigte er sich in der Folge eine ganze Kleidung davon – eine Jacke und ein Paar offne Beinkleider. Von der auswendigen haarichten Seite lief der Regen ab und prallten die Sonnenstrahlen zurück. Um sich die Unannehmlichkeiten des Wetters noch mehr zu ersparen, sann er auf einen Sonnenschirm; er hatte dabei das Schicksal wie bei allen seinen bisherigen Erfindungen – er stümperte so lange, bis ihm einer gelang, den er auswendig mit Tierfellen überzog, zusammenlegen und im Notfalle wider Sonne und Regen gebrauchen konnte. Inzwischen konnte er doch von dem Gedanken, ein Kanot zu bauen, nicht abgehn; er hatte die Herzhaftigkeit, ein neues anzufangen, doch ließ er sich seinen ersten mißlungnen Versuch zur Warnung dienen und ging behutsamer zu Werke. Er wählte einen viel kleinern Baum, kam deswegen in kürzerer Zeit damit zustande und konnte ihn mit weniger Mühe ins Wasser bringen. Er wußte seine Freude kaum zu fassen, als er sein Fahrzeug zum ersten Male schwimmen sah. Sogleich wurde ein kleiner Mastbaum, der schon in völliger Bereitschaft lag, eingesetzt, befestigt und mit einem Segel aus den zerrißnen Segeln des großen Schiffs versehen. Die erste kleine Probe lief völlig zu seiner Zufriedenheit ab; doch hielt er es, um sein Fahrzeug erst genauer kennenzulernen, für dienlich, vorderhand bloß eine Reise um seine Insel an den Küsten hin zu tun. Es wurden also mit möglichster Hurtigkeit an den innern Seiten des Kahns Behältnisse oder Kästchen zur Verwahrung des Pulvers, Proviants und andrer Bedürfnisse angebracht, worinne alles wider das einsprützende Seewasser und den Regen gesichert war; zugleich wurde auch eine schmale Höhlung in den Boden gemacht, um die Flinte darein zu legen und sie mit einer Tierhaut in der nämlichen Absicht zu bedecken. Auf dem Hinterteile des Fahrzeugs steckte er den ausgebreiteten Sonnenschirm auf, und so tat er zuweilen eine kleine Lustfahrt zur Probe an den Küsten hin; allein mit dem Gegenwärtigen sich zu begnügen ist nicht in der Natur des menschlichen Geistes, er will und muß schlechterdings weiter. Robinson wurde von der Begierde hingerissen, sein kleines Reich ganz zu umschiffen, und er versorgte sich mit den nötigen Bedürfnissen, um einige Zeit auf dem Meere auszuhalten. Ein paar Dutzend seiner Gerstenbrote, gerösteter Reis, Rum, eine halbe Ziege, Pulver und Kugeln wurden eingeladen, nebst einem Wachtrocke zur Bedeckung in kühlen Nächten, und nun fortan! So klein der Umfang der Insel und so glücklich der Anfang der Reise war, so fanden sich doch bald genug Schwierigkeiten. An der östlichen Seite derselben streckte sich eine lange Reihe Klippen weit ins Meer hinaus und dann eine trockne Sandbank, die eine gute Stunde betragen mochte. Sonach mußte er über zwei deutsche Meilen weit ins Meer hinaus, wenn er diese Spitze umfahren wollte. Mit seinem schlechten Boote wagte er viel dabei; es war also wohl der Überlegung wert, ob er nicht lieber umkehren als sich ohne Rettungsmittel in eine unbekannte Gefahr begeben wollte. Aus dieser Ursache legte er sein Fahrzeug vor Anker, der aus einem zerbrochnen Schiffshaken bestund, band es an einen Baum am Lande an und stieg aus, seine Flinte auf dem Rücken, kletterte auf einen erhabnen Felsen, wo er die ganze Klippenreihe übersehen konnte, und beschloß, die Fahrt um sie zu wagen. Er bemerkte bei seiner Beobachtung auf dem Hügel einen sehr heftigen Strom, der nach Osten und ganz nahe an der Spitze hin lief. Um sich bei dem starken Winde, der eben diesem Strom entgegen blies, keiner Gefahr auszusetzen, lag er zwei Tage still, bis sich der Wind lagerte. Er fuhr ab. Kaum war er an der Spitze der Klippen und nicht so weit, als sein Boot lang war, vom Ufer entfernt, so merkte er einen starken Strom, der ihn mit aller Gewalt von seiner Bahn abtrieb. Es wehte kein Wind, alles Rudern war unwirksam, und er hielt sich ganz gewiß für verloren. Er wurde immer mehr vom Ufer entfernt, und es war nichts anders für ihn zu erwarten, als daß er in das weite Meer hinausgeführt wurde, um dort in dem elendesten Mangel umzukommen und nie wieder zu seinem kleinen Reiche und seiner geliebten Wohnung zurückzukehren, denn hatte er einmal die Insel aus dem Gesichte verloren, so war dies unmöglich. Er verfluchte seine tolle Neubegierde, blickte wehmütig nach seiner Insel hin und rief mit erhabnen Händen: »O du glückselige Einöde! Wie undankbar war ich, daß ich dich verließ! Oh, gelangte ich wieder zu dir, nie, nie wollt ich dich verlassen!« – Seine Rettung schien wirklich ganz unmöglich; sein Kähnchen schwamm auf der ungeheuren Meeresfläche wie ein Span auf einem großen Teiche herum, war wenigstens vier Stunden weit in die See hinein verschlagen und seine Kräfte von Rudern und Angst ermattet. Endlich gegen Mittag spürte er ein kleines Lüftchen; dies gab ihm wieder Mut; eine Viertelstunde darauf erhub sich ein frischer anmutiger Wind; er richtete seinen Mast auf, spannte das Segel und arbeitete, sosehr er konnte, um aus dem Strome herauszukommen. Es gelang ihm mit Hülfe des Windes, und er geriet in einen Gegenstrom, der ihn gerade nach der Insel hinführte, und nach verschiedenen Schlangenwegen, Krümmungen und Rückfahrten kam er endlich wohlbehalten wieder ans Land. Sobald er den Fuß darauf gesetzt und sein Boot befestigt hatte, überfiel ihn eine so lebhafte Freude über seine Errettung und zugleich eine so starke Furcht vor dem Meere, daß er sich entschloß, einen sichern Ort zur Verwahrung seines Boots auszusuchen und die Rückreise vollends zu Fuß zu tun. Er befand sich itzt auf der nördlichen Seite der Insel und kannte die westliche, welche er nunmehr umfahren sollte, gar noch nicht. Der erste Entschluß wurde also beibehalten, eine Bucht für das Boot ausfindig gemacht, und nachdem es in Sicherheit gebracht war, wanderte er mit Flinte und Parasol am Ufer hin. Nach einem kurzen Wege kam er zu seiner großen Zufriedenheit an den Pfahl, den er bei seiner ersten Entdeckungsreise zu Fuß am Ufer aufgerichtet hatte, und nun war ihm der Heimweg nicht schwer. Er erreichte seine Wohnung mit der gerührtesten Freude und befestigte sich in seinem Vorsatze, sich nie wieder von ihr zu trennen. Aber das Boot! – Täglich beunruhigte ihn der Wunsch, ein so mühsam gearbeitetes Werk nicht ungenützt dort liegenzulassen, aber es mit neuer Lebensgefahr herüberzuholen, dazu war er durch die ausgestandne Gefahr zu furchtsam geworden. Er mußte sein Verlangen abweisen und auch ohne Boot zufrieden sein wie zuvor. Desto mehr Zeit bekam er durch dieses eingezogne Leben, seine Manufakturen zu verbessern; aber nunmehr näherte sich ein neuer Mangel, ein Mangel, den seine Erfindsamkeit unmöglich durch eine neue Fabrik ersetzen konnte: sein Pulver nahm so gewaltig ab, daß bald seine ganze Jägerei ein Ende haben mußte. Was war zu tun? Er mußte auf Listen sinnen, wie er Ziegen und andre eßbare Tiere fangen konnte; er mußte sie zähmen und aus dem herumschwärmenden Jäger zum wirtschaftlichen weidenden Hirten werden. Zuerst legte er Schlingen, besonders in der Hoffnung, eine trächtige Ziege zu bekommen, aber umsonst! Seine Stricke waren zu mürbe, und wenn er dazukam, eine Beute auszulösen, fand er seine Schlingen zerrissen und die Ankörnung weggefressen. Das nächste, was er versuchte, war eine Grube. Er machte in den Gegenden, wo sich sein Wildbret oft äste, verschiedene tiefe Löcher, legte ein Geflechte von Ruten mit einem schweren Steine darauf, bedeckte das Geflechte mit Gras und streute Reiskörner und Gerstenähren darauf; es ging ihm mit dieser Falle nicht besser als mit den Schlingen. Endlich kam er hinter das Geheimnis, die Falle so einzurichten, daß alles, was sie nur berührte, in die Grube hinunterfallen mußte, und an einem Morgen traf er in einer solchen Grube einen großen alten Bock, in einer andern drei Junge, ein Böckchen und zwei Weibchen, an. Der Alte war so wild, daß er sich nicht an ihn getrauen konnte, und deswegen bekam er seine Freiheit wieder; allein die Jungen wurden zusammengefesselt und nach Hause gebracht, um der Anfang einer künftigen Herde zu werden. Itzt trat also Robinson in einen der ruhigsten Stände, worinne sich die Menschheit jemals befunden hat – in das Hirtenleben. Vor allen Dingen wählte er einen Platz, der hinlänglich Weide, Wasser und Schatten hatte, und schloß ihn in einen dichten Zaun ein, damit weder seine zahmen Ziegen entfliehen noch die wilden sich mit ihnen vermischen und sie durch ihre Gesellschaft wieder wild machen konnten. Er arbeitete mit allen Kräften an dem Zaune und ließ bei der Arbeit seine Ziegen angebunden um sich herum grasen; zur Erholung belustigte er sich zuweilen mit ihnen, gab ihnen Gerstenähren oder Reis, den sie ihm aus den Händen fraßen, und da der Zaun fertig war, hatte sie der tägliche Umgang schon so sehr zu seinen Vertrauten gemacht, daß sie ihm meckernd allenthalben nachliefen und um eine Handvoll Gerstenähren baten. In einem Zeitraume von anderthalb Jahren wuchs seine Herde bis zu zwölfen an, Böcke, Ziegen und Zickel zusammengerechnet, und zwei Jahre darauf bestand sie schon aus zweiundvierzig Stücken, ob er gleich viele für seinen Tisch geschlachtet hatte. Es ging ihm, wie es überhaupt den Menschen bei ihren Erfindungen gegangen ist: sie kannten lange die Gegenstände, ehe sie auf alle Arten ihrer Nutzbarkeit geführt wurden. So weidete Robinson lange seine Herde und nährte sich mit ihrem Fleische, ehe er auf den Einfall kam, ihre Milch zu nützen, und seitdem er darauf verfiel, wurde sie eins seiner vorzüglichsten Lebensmittel; er lernte nach vielen verunglückten Versuchen Butter und Käse daraus machen, ohne diese beiden Künste vorher gewußt zu haben. Was fehlte ihm itzt zur Zufriedenheit? – Er war ein kleiner König, Regent und Besitzer einer ganzen Insel, unumschränkter Monarch seiner Untertanen, der Ziegen, Herr über ihren Tod und ihr Leben, ohne jemals in seiner Ziegenmonarchie Rebellion, Meuterei und Ungehorsam besorgen zu dürfen. Er hielt Tafel wie ein Monarch; der Papagei saß ihm auf der Schulter und hatte als Favorit die Erlaubnis, so viel zu schwatzen, als ihm beliebte; der alte Hund saß ihm wie ein bejahrter treuer Diener zur Rechten und genoß aus seinen Händen die Belohnung seiner Treue; seine beiden Katzen lauerten wie ein paar Hofleute auf einen gnädigen Bissen und zankten sich knurrend darum, wenn er ihnen einen zuwarf. Um nicht in einen großen Irrtum zu geraten, wisse man, daß dieses nicht mehr die Katzen sind, die er mit sich aus dem Schiffe nahm, sondern eine Nachkommenschaft von ihnen; jene lagen itzo schon längst im Schoß der Erde begraben. – Wenn er sich mit noch süßern Vorstellungen vergnügen wollte, betrachtete er sich als den Vater einer großen Familie, den Hund als einen trauten Freund; die Katzen waren ein paar Schmarotzer, die mit gekrümmtem Buckel und knurrend ihm seine Gnade abschmeichelten oder unverschämt mit der Pfote foderten, wenn sie zu lange außen blieb, und die Ziegen drängten sich, sooft er unter sie kam, mit kindlicher Liebe und Zutraulichkeit um ihn herum und erwarteten von ihm Futter, Vergnügen und Wohlsein; der Papagei war sein Gesellschafter, und nichts fehlte dem Familiengemälde als eine gute Hausfrau. Seine Tafel war reichlich und mannigfaltig besetzt, die Herbeischaffung seiner Lebensmittel kostete ihm keine große Mühe mehr; er lebte also schon in einem gewissen Luxus, in Bequemlichkeit, Ruhe und Überfluß, wenn man seinen gegenwärtigen Zustand mit dem vorigen vergleicht. Annehmlichkeit, Ordnung und Reinlichkeit herrschten überall in seiner Wohnung. Sein Hauptquartier an dem Felsen hatte verschiedene Abteilungen bekommen, um Geschirre und die Arten der Vorräte, die sich nicht zusammen vertrugen, voneinander zu sondern; die Gräben, welche das Regenwasser ableiteten, waren in gutem Stande und aus den Palisaden seines Zauns hohe schattichte Bäume geworden, die ringsum sein Zelt umschlossen, Kühlung und Anmut verbreiteten, vor Regen und Hitze verteidigten und auch zur Sicherheit dienten, weil sie das Zelt so genau verbargen, daß man hier die Wohnung eines Menschen gar nicht vermuten konnte. Auf einen ähnlichen Fuß war auch sein Sommerpalast eingerichtet und mit den nötigsten Bedürfnissen und Bequemlichkeiten versorgt, daß er sich also dort aufhalten konnte, wenn er wollte, ohne sich mit einem weitläuftigen Transporte belästigen zu müssen. Herr von einer Winterwohnung, von einem Sommerhause, von einem Stücke Feld, von einem Weinberge, von einem Stalle mit vierzig Ziegen! – Wer kann größre Domänen auf einer wüsten Insel begehren? Die Sicherheit vor dem Mangel gab ihm Phantasien: es war ihm nicht mehr genug, seinen Körper zu bedecken und vor der Witterung zu schützen, sondern seine Kleidung sollte nunmehr auch bequem sein und gut stehen. Die Mütze, vorher aus Ziegenfellen unordentlich zusammengeheftet, bekam itzt eine spitzige Form, und das Fell, das von ihr hinten herabhing, um den Nacken wider Regen und Sonne zu bewahren, erhielt einen zierlichen Schnitt. Das Wams, das wie sein ganzer Anzug aus Ziegenfellen geschaffen war, wurde itzt bis zu den Knien verlängert und aus der Haut eines alten Bocks ein Paar Beinkleider darunter gezogen. Die Füße verlangten gleichfalls eine Bedeckung und bekamen ein Paar Halbstiefeln, die wie Gamaschen an der Seite offen waren und zusammengebunden wurden. Die Hüfte umgab ein Gurt, worinne statt des Säbels auf der einen Seite die Axt und auf der andern die Säge steckte; an einem Streifen Ziegenfell hing ihm quer über die Schulter unter dem linken Arme ein doppelter Beutel für Pulver und Schrot. In einem Korbe auf dem Rücken trug er seine Lebensmittel, wenn er weit auswanderte, oder andre Dinge, die er von einem Orte zum andern schaffen wollte, und auf der Schulter eine Flinte; das Haupt bedeckte sein Schirm wider Sonne und Regen. Den Bart hatte er bisher bis zu einer Viertelelle anwachsen lassen, itzt wurde er abgeschnitten und ein lang herabhängender Schnurrbart über der Oberlippe zur Zierde beibehalten. Sonach war Robinson alle Stände der Menschheit nunmehr durchwandert: er war Jäger, Fischer, Ackersmann, Hirte gewesen; er hatte Handwerke, Künste und Schifffahrt erfunden, und er befand sich itzo in dem Genusse der erfundenen Bequemlichkeiten so wohl, daß ihm Ruhe und Sicherheit vor Mangel Langeweile machten. Die Neugierde, zu erfahren, wie es in dem Teile seiner Insel aussehe, den er noch nicht kannte, plagte ihn außerordentlich, und er wünschte deswegen sehnlich, sein Kanot in der Nähe seiner Wohnung zu haben; das Verlangen stieg so hoch, daß er Anstalt machte, es herüberzuschaffen, und eine Reise zu der Bai unternahm, wo er es zurückgelassen hatte. Er langte dort an, bestieg eine Anhöhe und wurde mit Erstaunen allgemeine Ruhe und Stille im Meere gewahr; der Strom, der ihm bei seiner ersten Fahrt so viele Furcht erregte, war gänzlich verschwunden. Er sann lange, woher diese unvermutete Erscheinung entstehen möchte, und nach wiederholten Beobachtungen entdeckte er, daß jener Strom von der Ebbe und Flut und von der Richtung des Windes abhing, und aus den Bemerkungen dieser beiden Umstände machte er sich eine Schifferregel, zu welcher Zeit des Tages und bei welchem Winde er sich der See in dieser Gegend anvertrauen konnte. Er hätte zwar nach diesen Beobachtungen die Zeit abpassen können, wo sich sein Kanot ohne Gefahr auf die andre Seite der Insel bringen ließ, allein das Andenken der neulichen Gefährlichkeiten erfüllte ihn mit so großer Furcht, daß er sich nicht an dies Unternehmen wagte, sondern lieber den Entschluß faßte, noch ein Boot in der Nähe seiner Wohnung zu bauen. Plötzlich wurde seine Glückseligkeit durch eine neue Furcht gestört: auf einer seiner Wanderungen erblickte er in dem nassen Boden die Figur eines Menschenfußes etlichemal deutlich eingedrückt. Von Rechts wegen sollte sich ein einsamer, von der Gesellschaft abgesonderter Mensch freuen, Spuren von einem Geschöpfe seiner Gattung zu finden, allein er hatte den Kopf voll Menschenfresser und geriet also in ein Schrecken, als wenn er ein Gespenst sähe. Er horchte, er sah sich um – sah und hörte nichts; er stieg auf eine kleine Anhöhe, wo er einen weiten Fleck überschauen konnte, ging ans Ufer – sah und hörte nichts, auch nicht eine Spur war weiter zu finden. Er kehrte zu den Fußtapfen zurück, um sie noch einmal genau zu untersuchen, ob er sich vielleicht getäuscht habe, aber Zehen, Ferse und die ganze Form eines Menschenfußes ließ sich gar nicht verkennen. Unruhig eilte er zu seiner Wohnung, sah alle sechs Schritte hinter sich, ob ihn jemand verfolgte, erschrak vor jedem Busche, jedem Stamme, der ihm unvermutet entgegenstieß, und fürchtete bei jedem Rauschen der Blätter, daß ein Wilder auf ihn herausbrechen werde. Wie ein gescheuchtes Kaninchen oder ein gejagter Fuchs kletterte er über die Mauer zu seinem Zelte hinab und konnte die ganze Nacht vor Besorgnissen und fürchterlichen Einbildungen kein Auge zutun. Seine aufgewiegelte Phantasie war schon auf dem Wege, dem Teufel die Fußtapfen zuzuschreiben, weil er keine Möglichkeit auszudenken vermochte, wie ein Mensch ohne Schiff auf seine Insel gekommen sein sollte, und gleichwohl ließ sich weder ein Schiff noch sonst eine Spur entdecken, obgleich der Boden anderswo ebenso locker war. Weil er aber nicht begreifen konnte, warum ihn der Satan auf eine so sonderbare Art necken sollte, so kam er auf den gescheiten Einfall, den er gleich anfangs hätte haben sollen, ohne erst einen bösen Geist herbeizuholen, daß es Wilde vom festen Lande gewesen sein möchten, die der Wind oder ein Strom mit ihren Kanots hieher verschlagen hätte und die vermutlich ebensowenig Reiz gefühlt haben möchten, auf einem so öden Erdklumpen zu bleiben, als er nach ihrer Gesellschaft empfand. Noch war aber damit seine Furcht nicht gehoben: lange Einsamkeit macht die Menschen scheu, furchtsam, einbildisch. – Konnten die Wilden nicht sein Boot gefunden und daraus geschlossen haben, daß die Insel bewohnt sei? Konnten sie nicht in verstärkter Anzahl wiederkommen, ihn aufsuchen, schlachten, rösten und speisen? Oder könnten sie ihm nicht alle seine Reichtümer, Ziegen, Getreide und Gerätschaft, wegnehmen und ihn elendiglich Hungers sterben lassen? – Lauter Fragen, womit er sich Tag und Nacht quälte! Drei Tage lang hielt sich der gute Narr inne, bis ihn der Hunger zwang, sich auszuwagen. Seine Ziegen waren in diesen drei Tagen ihrer Milch nicht entledigt worden und die Euter der meisten ausgetrocknet und verdorben; er erkannte wohl, daß die Furcht ihm nichts als Schaden anrichtete, aber er konnte sich ihrer doch nicht ganz erwehren. Es fiel ihm ein, daß es vielleicht sein eigner Fuß gewesen sein könnte, und ging also an den Ort, um die Tapfen zu messen; unglücklicherweise waren sie viel größer, und so galt auch dieser Trost nichts. Die Unruhe benahm ihm so sehr alle Überlegung, daß er auf den tollen Vorsatz geriet, alle seine Gebäude und Pflanzungen, Zäune und Felder einzureißen, seine Herde auseinander zu lassen, um nicht den mindesten Anlaß zu der Vermutung zu geben, daß hier ein Mensch wohne. Nachdem er sich lange mit den schlechten Rettungsmitteln herumgetrieben und alle schlecht und verwerflich befunden hatte, dann erst verfiel er auf ein gutes: er wollte sich noch stärker befestigen, und auf dem Flecke, wo fünfzehn Jahre der Friede gewohnt hatte, wurden itzt die ersten kriegerischen Verteidigungsanstalten getroffen, ein Wall aufgeworfen, Gräben gemacht, Palisaden eingeschlagen und hinter kleinen Öffnungen die fünf Musketen aufgepflanzt, die er aus dem Schiffe herübergebracht hatte, daß er in zwei Minuten seine ganze Artillerie losfeuern konnte; die Not, die nach seiner Meinung ihm diese Arbeit unentbehrlich machte, gab seinen Händen doppelte Kraft. Weil er aber immer noch mehr Vertrauen zum Verstecken als zum Widerstehen hatte, pflanzte er rings um seine Festungswerke eine unendliche Menge Stäbe von dem Holze, das so leicht Wurzel faßte; in zwei Jahren war schon aus ihnen eine dichte Hecke geworden, und in sechsen bildete sie einen Wald, so dicht ineinander verwachsen, daß der Feind kein menschliches Geschöpf dahinter entdecken und nur mit der größten Mühe sich durcharbeiten konnte. Nun waren aber seine hauptsächlichsten Nahrungsquellen, seine Ziegen, noch unbeschützt – neue Angst! Sie auch zu verschanzen war zu mühsam und unnütz, weil sie sich nicht wehren konnten; er beschloß also, ein Dutzend von ihnen an einem abgelegnen Orte besonders einzuschließen, um doch auf allen Fall etwas übrigzubehalten, wenn ihm auch der Feind die übrige Herde raubte. Er suchte sich einen Platz, und da er mit ihm fertig war, tat es ihm leid, daß die andern schönen Ziegen in feindliche Hände fallen sollten, und er versteckte ein zweites Dutzend an einen andern Ort; dadurch wurde seine Viehwirtschaft an drei Orte zerteilt und also überaus weitläuftig und beschwerlich. Als er auf einer seiner wirtschaftlichen Reisen, die er täglich von einem Viehstalle zum andern tun mußte, an der östlichen Seite der Insel, wo er noch nicht weit gekommen war, auf einer Anhöhe stund, wurde er auf hoher See Bewegung und etwas, das einem Fahrzeuge glich, gewahr; weil er keins von seinen Ferngläsern bei sich hatte, konnte er den Gegenstand nicht genau erkennen und quälte sich deswegen mit Mutmaßungen, die bald darauf zu trauriger Gewißheit wurden. Er ging, um diesen bisher ungekannten Teil der Insel zu untersuchen, eine Strecke weiter und stieß auf ein Schauspiel, wobei er vor Entsetzen fast versteinert wurde, auf einen Platz, mit menschlichen Hirnschädeln, Füßen, Händen und andern Menschenknochen überstreut; in der Mitte glimmte ein Rest von Feuer, und um dasselbe war eine zirkelförmige Bank in die Erde gegraben. Die erste Mutmaßung, die in ihm aufstieg, als er sich von seinem Entsetzen erholte, konnte keine andre sein, als daß hier benachbarte Wilde zuweilen landeten, ihre Kriegsgefangenen schlachteten und bei ihren barbarischen Siegesmahlzeiten verzehrten, und da er noch glimmendes Feuer fand, so war es höchstwahrscheinlich, daß das Fahrzeug, welches er auf der See vorhin erblickte, mit den Unmenschen angefüllt sein mochte, die eben von einem solchen grausamen Gastmahle nach Hause kehrten. Er riß sich halb mit Abscheu und halb mit Wut von dem gräßlichen Anblicke hinweg; Tränen stiegen ihm in die Augen, daß Menschen in einem solchen Grade noch unter die Tiere herabsinken können, und die Entsetzlichkeit der Sache brachte ihn so heftig auf, daß er vor Begierde brannte, den Tod so vieler Unschuldigen an diesen Ungeheuern zu rächen und seine Insel nicht länger mehr durch solche Feste der Grausamkeit entheiligen zu lassen. Bald wollte er sie belauschen und mitten unter dem Gastmahle auf sie losfeuern, bald eine Mine unter dem Orte ihrer Versammlungen anlegen, mit Pulver füllen und sie insgesamt in die Luft sprengen, bald mit dem Säbel auf sie einbrechen. Der Enthusiasmus ging so weit, daß er oft zu dem Orte zurückkehrte und die Gelegenheiten allenthalben auskundschaftete; er fand einen Platz, wo er sie unbemerkt landen sehen, wo er unbemerkt in das Gebüsche schleichen, sich in einen hohlen Baum verstecken, nach ihnen zielen und seine Flinten und Pistolen auf sie abfeuern konnte. Er setzte seine Artillerie instand, lud Kugeln und zerhacktes Eisen in die Musketen und marschierte fast täglich in völliger Waffenrüstung, voll tapfrer Begeistrung seines Eifers für die Menschlichkeit, zu einem Religionskriege aus. Die Wilden wollten ewig nicht kommen; unterdessen erkaltete sein Enthusiasmus, und das erwachende Nachdenken löschte seine heilige Wut ganz aus. – Was hab ich für ein Recht, sagte er sich, Geschöpfe umzubringen, die nichts dafür können, daß sie so grausam sind? Menschen zu fressen wird bei ihnen in gewissen Fällen nicht für Unrecht gehalten; wer ihr Feind ist, wird von ihnen bekriegt, umgebracht oder gefressen; das ist nun einmal ihr Kriegsrecht und ein Gebrauch, den die gegenwärtig Lebenden nicht selbst erfunden, sondern von ihren Vätern gelernt haben, wie ihn ihre Väter von den Großvätern und diese von allen ihren Vorfahren seit undenklichen Zeiten empfingen. Ich habe kein Recht, sie zu einer andern Denkungsart zu zwingen, und es ist unbillig, wenn ich sie feindselig angreife, solange sie mich nicht beleidigen und also zur Selbstverteidigung nötigen. Außerdem dürfte ja nur ein einziger entkommen und mit einer ganzen Völkerschaft zurückkehren, um den Tod seiner Mitbrüder an mir zu rächen, und wie wollte ich einziger einer solchen Menge widerstehen? – Billigkeit und Klugheit geboten ihm also, seinen Eifer zu zähmen und seine Musketen niederzulegen, bis eine Beleidigung es ihm zur Pflicht machte, sie zu seiner Selbstverteidigung zu ergreifen. Die Vernunft hatte seine Herzhaftigkeit so sehr daniedergestürzt, daß er wieder in seine furchtsamen Maßregeln verfiel und sich lieber verstecken wollte. Er enthielt sich alles starken Geräusches, schoß nicht, machte kein Feuer an Orten, wo man es weit sehen konnte, und entdeckte zu seiner Beruhigung eine verborgne Höhle, wo er Brot zu backen und sein Essen zurechte zu machen gedachte, ohne daß man Feuer und Rauch in der Ferne gewahr werden sollte; er tat alle Verrichtungen bewaffnet und befand sich also im Stande des immerwährenden Kriegs. Die neuentdeckte Höhle machte ihm kurz nach ihrer Entdeckung kein geringes Schrecken: als er sich in ihr umsieht, um zu untersuchen, ob sie bewohnt werden könne, erblickt er ein Paar fürchterlich große Augen, die ihm wie Sterne in der Dunkelheit entgegenfunkeln. Die Furcht nimmt ihn so stark ein, daß er an keine weitere Nachforschung denkt: er flieht. Gleichwohl ist es doch seiner Neubegierde nicht möglich, ganz ununterrichtet wegzugehen; er schöpft sich ein Herz, faßt einen brennenden Stock und dringt hastig hinein, um desto mutiger zu scheinen, je weniger er es ist. Genau besehen ist das fürchterliche Gespenst eine alte Ziege, die seufzend daliegt und ihren Todestag feiert; er läßt sie vollends in Ruhe sterben und begräbt sie ehrlich auf dem Flecke, wo sie den Atem ausblies. Die Furcht war also benommen, und die Untersuchung der Höhle wurde fortgesetzt; er fand eine enge Öffnung in ihr, die in eine andre zu führen schien, wodurch man aber nicht anders als auf Händen und Füßen kriechen konnte. Er kehrte den folgenden Tag mit Lichtern zu ihr zurück, kroch durch die enge Öffnung und befand sich unter der schönsten natürlichen Wölbung, wo die Strahlen seiner Lichter von den Wänden auf tausendfache Arten zurückgeworfen wurden; alles schimmerte um ihn her in hellem mannigfarbigem Glanze. Die schönste Grotte war es, die man sich nur vorstellen kann, der Boden trocken und gleich, mit feinem Kiese überschüttet, nirgends an den Wänden eine Spur von Feuchtigkeit oder schädlicher Ausdünstung. Die Beschwerlichkeit des Eingangs und den Mangel an Licht ausgenommen, konnte man sich keine bessere Wohnung auf einer wüsten Insel wünschen, und Robinson beschloß auf der Stelle, diese Grotte zu seinem künftigen Aufenthalte zu wählen, um soviel mehr, da er hier versteckter zu sein hoffte als irgendwo. Er schaffte seine wichtigsten Habseligkeiten hinein und wollte jedesmal seine Zuflucht dahin nehmen, wenn ihn der Feind verfolgte oder aus seiner Festung vertriebe. Da so lange Zeit verging, ehe er eine Spur gewahr wurde, daß die Wilden eine neue Landung auf seiner Insel getan hatten, stellte sich auch seine Ruhe wieder ein; sein getreuer Freund, der Hund, war ihm zwar schon längst gestorben, aber er hatte sich diesen Abgang an guter Gesellschaft durch zween Papageien ersetzt und war also wieder ziemlich glücklich. Auf einmal entstund neue Unruhe. Zur Zeit seiner Ernte, im Dezember, wo er den ganzen Tag auf seinem Felde zubrachte, zeigte sich ihm des Morgens vor Sonnenaufgang am Ufer in einer Entfernung von ohngefähr einer Viertelmeile ein hochloderndes Feuer, aber nicht an der Seite, wo die Wilden vorher gelandet zu haben schienen, sondern zu seiner größten Bestürzung in der Gegend seiner Wohnung. Sogleich ließ er seine Ernte im Stiche und rettete sich in seine Höhle; die Ungewißheit ließ ihn auch hier nicht lange, sondern trieb ihn in seine Wohnung; er bereitete sich zur Gegenwehr, lud seine ganze Artillerie und wartete sechs Stunden lang auf das Anrücken des Feindes, es kam kein Feind. Die Ungewißheit wurde ihm abermals lästig, besonders da er niemanden auf Kundschaft ausschicken konnte, und er wagte es, mit Hülfe seiner Leiter auf den Felsen zu klettern; er legte sich oben nieder und entdeckte durch sein Fernglas neun Wilde, die um ein großes Feuer saßen, nicht um sich zu wärmen – denn es war ein schwüler Tag –, sondern um sich wahrscheinlich eine Mahlzeit von Menschenfleische zuzubereiten. Sie hatten zwei Kanots bei sich, die auf dem Trocknen am Ufer standen, und weil damals Flut war, so schienen sie die Ebbe zu erwarten, um wieder abzufahren. Robinson schloß daraus, daß er zur Zeit der Flut allezeit vor ihrem Zuspruche sicher sei, und schränkte also seine Besorgnis und Aufmerksamkeit seitdem nur auf die Zeit der Ebbe ein. Wie er vermutete, so geschah es. Sobald die Ebbe eintrat, warfen sie sich in ihre Kähne und ruderten fort. Nachdem sie abgereist waren, bewaffnete sich Robinson mit Musketen, Pistolen und Säbel und begab sich auf den Hügel, von welchem er die ersten Spuren dieser kannibalischen Feste wahrgenommen hatte, und erblickte dort drei andre Kähne, die eben vom Lande abgestoßen waren und nach dem festen Lande hinruderten. Er ging zu dem Orte, wo er vor einiger Zeit so viele Menschengebeine fand, und traf neue Reste von kaum verübter Barbarei an; der Zorn schwoll in ihm von neuem empor, und er faßte den Entschluß, bei der ersten Gelegenheit einen Anfall auf die Unmenschen zu wagen. Die Besuche, die sie auf der Insel machten, mußten sehr selten geschehen, denn es vergingen fünfzehn Monate, ehe er wieder die mindesten Merkmale von ihrer Gegenwart verspürte; diese Zwischenzeit nützte er, sich immer mehr in Verteidigungsstand zu setzen. Ohngefähr in der Mitte des Mais, an einem Tage, wo ein schrecklicher Sturm mit einem starken Donnerwetter gewesen war, hörte er den Knall einer Kanone, und indem er zum Felsen hinansteigen wollte, sich umzusehen, kam ein zweiter Schuß von der Seite her, wo er auf der ersten Schiffahrt mit seinem selbstgemachten Boote von Strömen beinahe verschlagen worden wäre. Er vermutete gleich, daß es ein Schiff in Not sei und durch jene zwei Schüsse von seinem Gefährten Hülfe verlangt habe. Robinson wußte wohl, daß er ihm keinen Beistand leisten konnte, dachte aber vielleicht einige Hülfe von den Fremden zu empfangen und machte deswegen auf dem Felsen ein großes Feuer an, welches man auf dem Schiffe gesehen haben mußte, denn kaum loderte die Flamme empor, so geschah ein dritter Schuß und dann noch einige andre, und alle kamen aus einer Gegend; er unterhielt sein Feuer die ganze Nacht hindurch, und sobald es Tag und heitrer Himmel wurde, erblickte er in Osten, weit von der Insel, einen Gegenstand im Meere, den er für ein Schiff vor Anker hielt, weil es den ganzen folgenden Tag, sooft er es betrachtete, auf dem nämlichen Flecke blieb. Seine Neubegierde besser zu befriedigen, ging er, die Flinte auf der Schulter, an das äußerste Ende der Insel, kletterte auf einen Felsen und erblickte deutlich ein gescheitertes Schiff, das an dem Orte Schaden gelitten hatte, wo er selbst auf seiner Fahrt beinahe umgekommen wäre. Er dachte sich verschiedene Möglichkeiten, wie vielleicht dieser Unfall für ihn vorteilhaft werden könnte, vorzüglich hoffte er, daß sich einige Personen daraus in der Schaluppe gerettet haben möchten und auf seine Insel kommen würden. Je angenehmer für ihn die Hoffnung war, Gesellschaft und Beistand wider die Wilden auf diese Weise zu erhalten, je eifriger suchte er die Geretteten ausfindig zu machen, aber das Glück ließ ihn niemanden entdecken. Einige Tage darauf warfen die Wellen den Leichnam eines Schiffsjungen ans Land, aus dessen Kleidung sich aber nicht schließen ließ, von welcher Nation er sein mochte. Das Meer wurde bald wieder still, und Robinson konnte nicht ruhen, bis er eine Reise zu dem gescheiterten Schiffe getan hatte, um zu sehen, ob sich eine lebendige Kreatur darinne befand, die seiner Hülfe bedurfte. Er reinigte seinen Kahn, belud ihn mit den nötigen Bedürfnissen und war in völliger Bereitschaft abzufahren; noch einmal sah er auf das Meer hinaus, dachte an die Gefahren zurück, die er schon einmal ausgestanden hatte, an die verborgnen Klippen, die heftigen Ströme und die tückischen Winde, die ihn mit einem Stoße auf immer von seiner geliebten Insel entfernen könnten, dachte an alles dies und erschrak so sehr dafür, daß er vor Furcht und Grauen sich an dem Ufer niedersetzte und nicht abfuhr. Indessen wurde Flut, und er mußte seine Reise noch einige Stunden verschieben, obgleich sein Mut wieder zu wachsen anfing. Er gab mittlerweile auf den Lauf der Flut acht und bemerkte, daß sie von Norden kam und also zu seiner Rückkehr sehr günstig war. Aufgemuntert durch diese Bemerkung, nahm er sich vor, den folgenden Tag bei dem Eintritt der Ebbe aufzubrechen, schlief die Nacht in seinem Kahne und fuhr des Morgens drauf ab; er brauchte nicht völlige zwei Stunden, um bei dem Schiffe anzulangen. Welch trauriges Schauspiel traf er dort an! Das Schiff, welches, nach seiner Bauart zu urteilen, ein spanisches zu sein schien, war zwischen zwei Felsen hineingedrängt; die Wellen hatten den hintern Teil zerbrochen, der vordere war an die Felsen mit Gewalt angeschlagen worden und keine lebendige Kreatur darinne anzutreffen als ein Hund, der bellend hervorsprang. Das arme Tier war vor Hunger beinahe gestorben; Robinson labte ihn mit einem Stücke Brot, half ihm in seinen Kahn und freute sich ungemein, wieder ein Geschöpf gefunden zu haben, das ihm die Stelle des Gesellschafters vertreten konnte. In einer Stube fand er zwei ertrunkene Menschen, in fester Umarmung daliegend; vermutlich mochte das Wasser so heftig hineingedrungen sein, daß es diese beiden Leute erstickt hatte. Robinson eignete sich alles zu, was er fortbringen konnte, und eilte, mit verschiedenen nützlichen Bedürfnissen bereichert, zu seiner Insel zurück. Er fand in den herübergebrachten Kuffern vieles Geld, aber wozu nützte ihm das itzt? Am liebsten hätte er einige Paar Strümpfe und Schuhe gehabt, die er bisher so viele Jahre entbehren mußte, aber dieser Mangel wurde ihm nicht ersetzt; alles wurde in sein großes Magazin, in die Grotte, gebracht. Er hatte nunmehr vierundzwanzig Jahr in seiner Einöde gelebt, mit Mangel, Furcht, Gefahr und Elend gekämpft und alle diese Feinde glücklich überwunden; das Verlangen, zur menschlichen Gesellschaft zurückzukehren, erwachte itzt mit neuer Stärke und wurde für ihn zum dringendsten Bedürfnisse; da ihn keine andern Sorgen beschäftigten, quälte er sich mit Überlegungen, wie er der Einsamkeit entkommen sollte. Der größte Teil seiner Entwürfe war lächerlich: bald wollte er in seinem elenden Kahne nach dem festen Lande hinüberschiffen, bald sich dem Meere auf Geratewohl überlassen, wie er tat, als er sich aus der Gefangenschaft zu Sale befreiete, um entweder einem Schiffe zu begegnen oder in den Wellen umzukommen. Die Heftigkeit, womit er diesen verzweifelten Entschluß auszuführen wünschte, verbitterte ihm jeden Augenblick; er lief unruhig hin und her, und jeder Gegenstand, den er erblickte, erfüllte ihn mit Traurigkeit, daß er sich von ihm trennen sollte; seine geliebten Ziegen, seine Wohnung, seine Grotte, sein Sommerpalast, seine Äcker, jedes Plätzchen, wo er Vergnügen oder Schmerz gefühlt hatte, versetzte ihn in Wehmut, sooft er vorüberging und sich erinnerte, daß er sich von allen diesen Vertrauten seines Herzens bald scheiden sollte. Es blieb bei Wunsch und Entwurf, und die Ausführung verzögerte sich von Tag zu Tage. Während dieses Aufschubs erkannte er die Mißlichkeit seines Plans und machte sich einen neuen. Er wollte den Wilden auflauern, sie anfallen und ein Schlachtopfer ihrer Grausamkeit erlösen, damit der Errettete aus Dankbarkeit sein Freund würde und ihm den Weg nach dem festen Lande zeigte. Seine Begierde machte ihn in diesem Vorsatze so beharrlich, daß er sich nicht scheute, seine Errettung durch Blut erkaufen zu wollen, und er tröstete sich darüber mit dem schönen Grunde, daß diese Wilden seine Feinde wären, die die Ruhe seiner kleinen Insel störten. Man merkt, daß ihm die Leidenschaft diesen Grund eingab, denn er ist falsch. Weil er sich sein Unternehmen so schön gerechtfertigt hatte, ging er nunmehr auf Kundschaft aus und durchstrich alle Gegenden, die seine vermeinten Feinde am meisten besuchten, aber achtzehn Monate hindurch ließ sich auch nicht einer blicken. Endlich an einem Morgen wurde er sechs Kanots am Ufer gewahr, aus welchen die Wilden schon ausgestiegen und außer seinem Gesichte waren. Sechs Kanots! Er berechnete, daß ein solches Fahrzeug gewöhnlich fünf bis sechs Personen enthielt, und das waren also ungefähr dreißig Menschen, mit denen er allein anbinden sollte? – Viel gewagt! Die Stärke des Feindes hemmte seinen Mut auf einige Augenblicke, er horchte, stieg auf den Felsen bei seiner Wohnung und erblickte durch das Fernglas so viele, als er berechnet hatte; sie tanzten mit tausend lächerlichen Stellungen um ein großes Feuer herum. Einige Zeit darauf holten sie zween Kriegsgefangene aus einem Kanot, um sie zu zerfleischen; der eine fiel auf den ersten Schlag mit einer Keule zu Boden, und ohne Verzug warfen sich drei von seinen Mördern über ihn her, öffneten ihm den Leib und zerlegten ihn in Stücke. Unterdessen stand der andre Unglückliche daneben und erwartete jede Minute den tödlichen Streich, der ihn neben seinen Gefährten hinstrecken sollte; er ersah seinen Vorteil, und indem man mit der Zerlegung des Erschlagnen beschäftigt war, machte er sich auf und lief mit der größten Eilfertigkeit davon. Robinson erschrak nicht wenig, als er ihn den Weg nach seiner Wohnung nehmen sah, sosehr es ihn auch freute, vielleicht zur Errettung des Unglücklichen etwas beitragen zu können. Er vermutete, daß ihn der ganze Trupp verfolgen würde, und erwartete also einen heftigen Streit, wenn er den Entflohenen in Schutz nähme. Zu seiner Beruhigung setzten ihm nur drei nach, und der Verfolgte kam ihnen so weit zuvor, daß sie ihn wahrscheinlich niemals einzuholen vermochten, wenn er die Flucht nur eine halbe Stunde aushielt. Zwischen dem Ufer und Robinsons Wohnung war eine kleine Bai, wo er erhascht werden mußte, wenn er nicht schwimmen konnte; ohne Anstand warf er sich in das Wasser hinein, obgleich die Flut sehr hoch ging, und in wenig Augenblicken war er schon herüber und setzte seinen Lauf fort. Die Verfolgenden taten zwar das nämliche, aber viel langsamer, und einer von ihnen kehrte gar wieder um. Robinson brannte vor Verlangen, das Leben des Entflohenen zu beschützen und sich durch diesen Dienst einen Hausgenossen zu erwerben; hastig stieg er vom Felsen herab, nahm seine Flinten, lief nach der Meerseite hin und suchte den Fliehenden durch sein Schreien aufzuhalten, aber das arme furchtsame Geschöpf glaubte in ihm einen neuen Feind zu finden und wich ihm aus. Sein Beschützer ging dem ersten von den beiden Nachsetzenden entgegen und warf ihn durch einen plötzlichen Schlag mit der Flintenkolbe zu Boden. Der andere, als er seinen Kameraden fallen sieht, bleibt stehen; Robinson eilt unerschrocken auf ihn los, aber als er sich ihm nähert, erblickt er in seiner Hand einen Bogen, auf welchen er eben den Pfeil legt; er kömmt also seiner Absicht zuvor und feuert auf ihn – der Wilde stürzt. Der Flüchtige erschreckt so gewaltig über den Schuß, daß er keinen Fuß weiter setzen kann; Robinson winkt ihm freundlich, der Wilde nähert sich einige Schritte, bleibt mißtrauisch stehen, kömmt näher und entfernt sich wieder. Ohne Zweifel bildete er sich ein, daß er zum zweiten Male in Gefangenschaft geraten sei und wie seine beiden Feinde umgebracht werden solle. Robinson gab seiner Miene alle mögliche Freundlichkeit, um ihm Herz zu machen; der Wilde näherte sich ihm auf seine wiederholten Winke mit wachsendem Zutrauen und warf sich alle zehn oder zwölf Schritte auf die Knie, um seine Dankbarkeit zu zeigen. Als er auf diese Art ihm völlig nahe gekommen war, warf er sich auf die Erde, küßte sie, nahm einen von seines Befreiers Füßen und setzte sich ihn auf den Kopf, vermutlich um dadurch seine Unterwürfigkeit auszudrücken und sich ihm als Sklave zu ergeben. Robinson hob ihn auf und machte ihm einige Liebkosungen, um sein Zutrauen noch mehr zu gewinnen. Unterdessen kömmt der Wilde wieder zu sich, den Robinson mit der Flintenkolbe totgeschlagen zu haben glaubte; der Errettete, als er es gewahr wurde, sagte einige Worte, die sein Befreier freilich nicht verstund, aber welch ein Vergnügen waren diese Töne für die Ohren des armen Einsiedlers, der nunmehr seit fünfundzwanzig Jahren keine menschliche Stimme gehört hatte! Doch itzt erlaubten die Umstände nicht, sich diesem Vergnügen lange zu überlassen; der auflebende Wilde fing schon an sich zu erheben, und Robinsons neuer Sklave wurde von neuer Furcht überfallen, aber sobald er seinen Erretter die Flinte auf ihn richten sah, bekam er wieder Mut und bat durch Zeichen um den Säbel, und kaum hatte er ihn, so ging er seinem aufgelebten Feinde entgegen und versetzte ihm einen so tödlichen Streich, daß er leblos zu Boden stürzte. Nach einer so wohlgelungnen Tat kam er hüpfend zurück, feierte seinen Triumph mit lautem Gelächter und tausend seltsamen Gebärden und legte den Säbel nebst dem Kopfe des erschlagenen Feindes zu Robinsons Füßen. Nichts schien sein Erstaunen so sehr zu erregen, als daß der andere Indianer in einer so weiten Entfernung getötet werden konnte; er näherte sich dem Körper, betrachtete ihn aufmerksam, kehrte ihn von einer Seite zur andern und untersuchte vorzüglich die Wunde, welche die Kugel auf der Brust gemacht hatte. Nach langer verwunderungsvoller Betrachtung kam er mit dem Bogen und den Pfeilen des Erschlagenen zurück; Robinson gab ihm durch Zeigen zu verstehen, daß er ihm folgen sollte, um den übrigen Wilden zu entgehen, deren Nachsetzung er fürchtete. Ehe er diesem Befehle gehorchte, riet er durch Zeichen zu einer sehr nötigen Vorsichtigkeit: er wollte die Toten vorher begraben, damit die übrigen sie nicht fänden, und auf Robinsons Erlaubnis waren in wenig Augenblicken zwei Löcher in den Sand gemacht und die Leichname verscharrt. Darauf wanderten die beiden Sieger in die Grotte und hielten ihre Triumphmahlzeit mit Brot, getrockneten Weinbeeren und Wasser. Der Wilde fand diese Gerichte so köstlich, daß er mit ungemeinem Appetite aß; Robinson wies ihm ein Bündel Reisstroh an, um darauf von der Ermüdung auszuruhen, die ihm seine angestrengte Flucht verursacht hatte. Es war ein großer wohlgebauter Mensch von ungefähr fünfundzwanzig Jahren; alle seine Glieder hatten Kennzeichen der Stärke und Behendigkeit; seine Miene war männlich ohne viele Wildheit, und aus seinen Zügen sprach sogar bei gewissen Empfindungen, besonders wenn er lächelte, etwas von der Sanftheit, die sonst nur den Europäern eigen ist. Seine Haare waren nicht kraus und kurz, wie die Haare der Indianer gewöhnlich sind, sondern lang und schwarz, seine Stirne hoch und seine Augen voll Feuer, seine Gesichtsfarbe mehr gilblich als braun, das Gesicht rund, der Mund nicht sonderlich groß und voll schöner glänzendweißer Zähne. Nach einem halbstündigen Schlummer, unter welchem Robinson zu seinen Ziegen gegangen war, verließ der junge Wilde die Grotte und suchte seinen neuen Herrn auf; freudig lief er ihm entgegen, als er ihn fand, warf sich auf die Erde und drückte seinen Gehorsam mit den nämlichen Gebärden aus wie vorhin. Wie ein Hund lief er seinem Herrn allenthalben nach, begaffte alles, was er ihn tun sah, mit ungemeiner Aufmerksamkeit und der größten Befremdung. Am drolligsten war seine Nachahmungssucht; jede Gebärde, Bewegung und Handlung machte er auf der Stelle nach: wie Robinson den Topf mit Milch an den Mund setzte, so setzte er ihn auch an; wie jener das Brot in die Milch tauchte, so tauchte er es auch ein; wie jener saß, ging, stund, die Hand oder den Kopf bewegte, so saß, ging, stund er auch, so bewegte sich auch seine Hand und sein Kopf. Alles schmeckte ihm trefflich wohl, und er labte sich mit so gierigem Appetite, als wenn er Robinsons Vorräte noch denselben Tag verzehren wollte. Die Nacht brachten sie zusammen in der Grotte zu, und des Morgens darauf begaben sie sich auf den Hügel, von welchem sie den Ort sehen konnten, wo die Wilden ihre grausamen Mahlzeiten hielten: es war keiner mehr da. Robinson schöpfte Herz, bewaffnete seinen Sklaven mit einem Säbel und dem eroberten Bogen, gab ihm eine Flinte zu tragen und nahm zwei andre auf seine eigenen Schultern; mit dieser Bewaffnung rückten sie gegen den Ort an. Menschenknochen, angenagte Stücken Menschenfleisch fanden sie in Menge, und der junge Wilde legte vier Steinchen in die Hand, um anzuzeigen, daß man vier Kriegsgefangne auf die Insel gebracht und also drei gegessen hatte, weil er, der vierte, entlaufen war. Robinson gab seinem neuen Sklaven den Namen Franz, bemühte sich sehr, ihn einige Worte Englisch zu lehren, und machte ihm während dieses Unterrichts eine Kleidung von Ziegenfellen. Franz nahm sie um der Neuheit willen mit vielen Freuden an, als sie fertig war, aber zitternd und furchtsam ließ er sich sie anziehen, als wenn man ihm Fesseln anlegen wollte. Auch wurde sie ihm bald sehr lästig; er stand unbeweglich da und glaubte, sich nicht rühren zu können, und machte jede Bewegung so steif und schwerfällig, als wenn er ein eisernes Kleid auf dem Leibe trüge. Als er vollends seine veränderte Figur im Wasser erblickte, lachte er überlaut; er warf sein rauches Gewand, sooft er konnte, von sich, und nur Robinsons Gegenwart und Drohungen bewegten ihn, daß er sich allmählich, doch sehr langsam daran gewöhnte. Die Vorsichtigkeit verlangte, daß er nicht mit dem Schießgewehr umgehen lernte; Robinson, weil er von seiner Treue noch nicht genug versichert war, ließ ihn deswegen gar nicht in seine eigentliche Wohnung, auch damit er nicht aus kindischer Neubegierde mit einem geladenen Gewehre sich selbst Schaden zufügen sollte; wie ein Kind pflegte er jeden Gegenstand zu befühlen, den er zum ersten Male sah, und aus Nachahmungssucht hatte er schon etlichemal Miene gemacht, eine Flinte loszudrücken, wenn er sie seinem Herrn nachtragen mußte. Robinson ließ ihn diesen Dienst seitdem nicht mehr tun, weil er das Geheimnis des Schießens für sich behalten wollte, um sich durch diese Kunst bei ihm furchtbar zu machen, denn bei aller Folgsamkeit und Treue ließ er zuweilen eine Reizbarkeit des Zorns blicken, aus welcher man viel Gefahr besorgen konnte, wenn ihn eine unglückliche Veranlassung zur Flamme bringen sollte. Eine drohende Miene, ein scharfes Wort dämpfte sogleich solche Aufwallungen; er demütigte sich alsdann voller Furchtsamkeit wie ein ausgescholtener Schoßhund und näherte sich langsam und schüchtern, wenn ihn sein Herr durch freundliche Mienen und einen gütigen Ton wieder zu beruhigen suchte. Er mußte völlig wie ein Kind abwechselnd durch Furcht und Güte regiert werden. Er lernte zwar Robinsons Muttersprache etwas langsam, aber doch in kurzem genug davon, um die Sachen, welche täglich vorkamen, zu benennen und zu unterscheiden, und er konnte sehr bald jedes Ding bringen, wenn ihm sein Herr die englische Benennung desselben sagte. Dieser Unterricht wurde ununterbrochen bei allen Verrichtungen fortgesetzt, bei dem Melken der Ziegen, bei der Bestellung des Ackers, bei dem Essen, und die Aufmerksamkeit, womit Franz seinem Lehrer zuhörte, die Mühe, die es ihm oft kostete, die gelernten Worte auszusprechen, die häufige Verwechselung, die er mit ihnen vornahm, war zuweilen ungemein belustigend. Robinson wollte ihm seinen Geschmack an Menschenfleische dadurch benehmen, daß er ihn an andere Speisen gewöhnte und ihm einen Abscheu gegen jene grausamen Mahlzeiten beibrachte; er besuchte deswegen oft mit ihm die Örter, wo seine Landsleute ihre Siegesmahle gehalten hatten und äußerte jederzeit in Mienen und Gebärden den heftigsten Widerwillen und Ekel bei den Resten, die noch zerstreut dort lagen, worüber sich Franz anfangs freilich wunderte und sich mit ganz entgegengesetzten Empfindungen daran erinnerte, wie wohl es ihm sonst hier geschmeckt habe. Bei dieser Gelegenheit erzählte er in seinem verworrenen Englisch, daß er an dem einen Orte einem solchen barbarischen Feste beigewohnt habe, wo man zwanzig Feinde verzehrte; da er nicht über drei zählen konnte, legte er zwanzig Steinchen auf die Erde und gab Robinson den Auftrag, sie an seiner Stelle zu zählen. Um seine Ehrfurcht gegen das Schießgewehr zu vermehren, ließ ihn sein Herr lange Zeit das Laden nicht gewahr werden; wenn er losgeschossen hatte, mußte Franz die getötete Beute suchen, unterdessen lud Robinson seine Flinte von neuem, daß der erstaunende Franz mit offenem Munde ganz außer sich dastand und nicht begreifen konnte, wie eine so kleine Maschine so eine unerschöpfliche Quelle von Feuer und Tod war. Er näherte sich deswegen einem Gewehr nicht anders als mit tiefster Ehrfurcht und sprach mit ihm wie mit einem lebendigen Wesen; wie sich in der Folge auswies, waren diese Anreden jedesmal Bitten, daß ihm dieses feuerspeiende Ungeheuer das Leben nicht nehmen möge. An Salz und gebratenes Fleisch gewöhnte er sich spät, und bei dem ersten Versuche, den er mit beiden machte, geriet er in Verzückungen und verzerrte sein Gesicht wie bei dem ekelhaftesten Geschmacke. Sobald sie imstande waren, sich einander völlig verständlich zu machen, ging Robinson in seinem Unterrichte weiter und suchte ihm seine Religionsbegriffe mitzuteilen. In dieser Absicht fragte er ihn eines Tages, als sie am Ufer beieinander saßen, wer nach seiner Meinung alles, was er hier erblickte, Wolken, Hügel, Wälder, Meer, gemacht habe. – »Ein sehr, sehr alter Mann«, antwortete er, »der Benakmuke heißt und länger lebt als alle Dinge.« Robinson fragte ihn, ob man diesen alten Mann nicht ehren müsse, und er gab zur Antwort, daß alle Dinge zu diesem Alten sagten O, welches in seiner Sprache Ehrerbietung und Unterwürfigkeit ausdrückt. – »Aber wo kommen die Leute in deinem Lande nach dem Tode hin?« – »Sie gehen alle zu dem Benakmuke.« – »Und die Feinde, die ihr freßt?« – »Sie gehen alle zum Benakmuke.« – Robinson machte ihm ein vollständigeres Bild von dem höchsten Wesen und sagte ihm unter andern, daß sein Gott die Gebete hörte, die er zu ihm täte; daraus schloß Franz, daß Robinsons Gott vornehmer sein müßte als Benakmuke, weil er weit über Sonne und Sternen wohnen sollte und doch alles hören könnte, was man von ihm bäte, da hingegen Benakmuke nur auf hohen Gebirgen wohnte, und doch müßte man zu ihm gehen, wenn man mit ihm reden wollte. – »Hast du oft mit ihm gesprochen?« fragte Robinson. – »Nein«, antwortete Franz, »das dürfen junge Leute nicht, sondern bloß die Ookake; diese gehen zu ihm und sagen O und bringen darauf seine Antwort zurück.« – Diese Ookake waren die Priester seines Landes, wie man von selbst merken wird. Der ehrliche Robinson, der selbst nur einfältiglich glaubte, was ihm seine Kirche zu glauben befahl, wurde oft durch die Fragen seines Lehrlings in Verwirrung gesetzt, besonders als er sich Mühe gegeben hatte, ihm eine genaue Beschreibung vom Teufel zu machen. Franz wunderte sich, warum sein Gott, wenn er mächtiger wäre als der Teufel, dieses Ungeheuer nicht umbrächte. Robinson wußte sich nicht zu helfen und versicherte ihn, daß dieses am Ende der Welt geschehen würde; aber Franz ließ sich nicht damit beruhigen, sondern wollte schlechterdings, daß ein so schädlicher Feind umgebracht werden sollte, ehe er Schaden täte und nicht nachdem er ihn getan hätte. So mangelhaft dieser Unterricht war, so versichert doch Robinson, daß er Franzen in kurzer Zeit zu einem guten Christen gemacht habe – »und vielleicht zu einem bessern, als ich selbst war«, setzt der gute Mann hinzu. Unter so gutherzigen Bemühungen brachte er in Gesellschaft seines Franz drei Jahre hin, und nach seinem eigenen Zeugnisse waren dies die angenehmsten während seines ganzen Aufenthaltes auf der Insel. Er glaubte, daß sein Sklave nunmehr in seiner Treue und guten Gesinnungen gegen ihn genug befestigt sei, um ihn mit dem Gebrauche des Schießgewehrs bekannt zu machen; auch hatte der Bursche durch den dreijährigen Umgang mit einem Europäer den größten Teil seiner Wildheit verloren und war so sehr der Freund seines Herrn geworden, daß dieser keine Gefahr bei ihm besorgen durfte. Er wurde also mit einem Messer und einer Axt bewaffnet, lernte schießen und ward völlig so ein streitbarer Kriegsmann wie Robinson. Unterdessen erwachte bei unserm Abenteurer abermals die Neubegierde, das benachbarte feste Land kennenzulernen; er erkundigte sich deswegen bei Franzen, der den Weg sonst oft gemacht hatte, ob keine Gefahr bei der Überfahrt sei, und dieser versicherte, daß man weiter hin auf der See alle Morgen einerlei Wind und einerlei Strom und alle Nachmittage entgegengesetzten Wind und Strom fände. Von den Völkern, die auf dem festen Lande wohnen sollten, konnte er weiter keine Nachricht geben, als daß er sie Karaiben nannte, und weit hinter dem Monde – er wollte sagen, nach der Gegend hin, wo der Mond untergeht – wohnten nach seinem Berichte weiße bärtige Menschen, die viele Leute umgebracht hätten, womit er wahrscheinlich die Spanier meinte. Robinson verlangte von ihm zu wissen, wie man zu diesen weißen Menschen kommen könnte. – »In zwei Kanots«, antwortete er und erklärte durch Zeichen, daß er darunter ein Kanot, so groß wie zwei andere, verstund; auch erzählte er bei dieser Gelegenheit, daß sich gleichfalls weiße Menschen in seinem Vaterlande befänden, die in einem großen, großen Kanot bei ihnen angelangt wären und unter ihnen vier Jahre lang gewohnt hätten. Robinson vermutete, daß es Leute von dem Schiffe sein möchten, das vor einigen Jahren nicht weit von seiner Insel scheiterte, und faßte den Entschluß, sich zu ihnen hinüber zu wagen. Kaum hatte er seinen Vorsatz Franzen mitgeteilt, als dieser voller Freuden hüpfte, daß er sein Vaterland wiedersehen sollte, und Robinson war nicht weniger entzückt über die Hoffnung, weiße Europäer wiederzufinden. Er wurde zwar ein wenig eifersüchtig über Franzens Verlangen nach seinem Vaterlande und quälte sich mit allerlei Besorgnissen, daß er ihn in die Hände seiner Landsleute liefern wolle; als er aber erfuhr, wie gütig jene Weißen von ihnen aufgenommen worden waren, schöpfte er wieder Mut und gab alles Mißtrauen auf. Sogleich legten sie Hand an, ein Fahrzeug für diese Reise zu bauen; Franz bewies sich sehr geschickt bei dieser Arbeit und wußte sich alle eiserne Instrumente entbehrlich zu machen. Robinson flickte aus seinen Resten alter Leinwand ein Segel zusammen, machte aus einer jungen Zeder einen Mastbaum, baute ein Steuerruder, alles mit unsäglicher Mühe, weil ihm die nötigen Werkzeuge fehlten. Itzt war die neue Barke fertig, und Franz mußte sich in der Kunst, sie zu regieren, unterrichten lassen. Welche neue Verwunderung, welche neue Lust für ihn, wenn er das Fahrzeug nach Gefallen bald dahin, bald dorthin drehen konnte, wenn er das Segel richtete und so ganz Herr über den Lauf des Gebäudes war! Und nun obendrein das Vergnügen, daß es ihn in sein Vaterland bringen sollte! – Er war außer sich vor Wonne. Unterdessen trat die Regenzeit ein, und die Reise mußte bis zum November oder Dezember verschoben werden. Diese günstige Zeit kam. Man fing schon an, das Fahrzeug mit Vorräten zu beladen, und Franz mußte an einem Morgen ans Ufer gehn, um Schildkröten zu suchen, indessen daß Robinson andere Anstalten besorgte; plötzlich kömmt Franz mit lautem Geschrei zurück und verkündiget, daß er ein, zwei, drei Kanots gesehen habe. Er war in Todesschrecken und ließ sich nicht beruhigen, soviel Mühe auch Robinson sich gab, sondern bildete sich fest ein, daß die Wilden kämen, um ihn aufzusuchen und an ihm zu vollziehen, was er ihnen vor drei Jahren durch seine Flucht unmöglich gemacht hatte. – »Bin ich nicht in ebenso großer Gefahr?« stellte ihm sein Herr vor. »Sie werden meiner ebensowenig schonen, wenn sie Herr über uns werden. Hier hilft also kein Zagen; wir müssen uns mutig zur Gegenwehr rüsten und zusammen leben und sterben. Ich wage mein Leben für dich, versprichst du mir, das nämliche zu tun und mir in allem zu gehorchen?« – Franz, durch das mutige Beispiel seines Herrn aufgemuntert, gab ihm seine rechte Hand darauf und gelobte Herzhaftigkeit und Gehorsam an. Robinson trank darauf mit ihm ein gutes Glas Rum, um seine Tapferkeit noch mehr zu befeuern und das geschlossene Bündnis zu befestigen. Franz wurde mit einer Axt und zwei scharf geladenen Flinten bewaffnet, und Robinson nahm für sich seine Pistolen und vier Musketen, mit kleingehacktem Eisen geladen; in dieser Verfassung erwarteten sie unerschrocken den Feind. Robinson stieg auf den Felsen bei seiner Wohnung und erblickte durch das Fernglas einige zwanzig Wilde am Ufer, die in drei Kanots gekommen waren und drei Gefangene bei sich hatten; sie waren nicht an dem Orte ausgestiegen, wo Franz dem Tode entlief, sondern an einem andern, wo sich ein lichtes Gehölz beinahe bis zum Meere erstreckte. Robinson wurde durch diese Entdeckung mit neuer Entschlossenheit belebt und wollte itzt nicht mehr den Angriff erwarten, sondern ihn tun. Franz mußte außer seinem Gewehre noch einen Sack voll Kugeln tragen; sie gaben einander noch einmal das Wort, sich unverrückt bis in den Tod beizustehn, und nun hub der Marsch an. Sie erreichten ungesehen das Gehölz, aus welchem sie auf die Wilden schießen konnten, ohne von ihnen entdeckt zu werden. Unterwegs, da die Wirkungen des Rums ein wenig verflogen waren, wurde Robinsons Entschlossenheit durch manche Betrachtungen geschwächt; es fiel ihm ein wie vormals, daß er kein Recht habe, diese Barbaren zu bekriegen, da sie ihn nicht beleidigten. Aber, sagte er sich, Franz hat alle Ursachen zum Kriege, denn sie sind seine Feinde, und ich bin Franzens Freund, steh ihm wider seine Feinde bei und habe also auch gerechte Ursachen zum Kriege. So scheinbar dieser Grund war, um einen schon gefaßten Entschluß zu beschönigen, so wurde doch Robinson durch ihn in seinem Vorsatze nicht befestigt; er nahm sich vor, von der Unmenschlichkeit der Wilden bloß ein Augenzeuge zu sein und sich so lange ruhig zu verhalten, bis es ihm Abscheu und Widerwillen nicht länger erlaubten oder, wie er sich ausdrückte, bis ihn der Himmel durch einen besonderen Beruf dazu auffoderte. Er schlich sich also nebst seinem Begleiter in möglichster Stille dem Orte, wo die Wilden waren, so nahe, daß ihn nur noch ein schmaler Streifen Holz von ihm trennte. Franz mußte auf einen hohen Baum steigen, um Kundschaft einzuziehen; er kam mit der Nachricht zurück, daß die Wilden insgesamt um ein Feuer herum säßen und sich mit dem Fleische eines von ihren Gefangenen sehr gütlich täten und daß einige Schritte von ihnen noch ein anderer gebunden und ausgestreckt auf der Erde läge, den bald das nämliche Schicksal treffen würde, und daß dieser letzte so ein weißer bärtiger Mensch wäre, wie seine Landsleute vor einiger Zeit etliche bei sich aufgenommen hätten. Nun hatte Robinson den besondern Ruf des Himmels erhalten, auf welchen er wartete: die Lebensgefahr eines Menschen, der mit ihm einerlei Farbe, vielleicht auch einerlei Vaterland und Religion hatte, war doch wohl ein hinlänglicher Bewegungsgrund, Krieg mit Leuten anzufangen, die sich unterstunden, einen Weißen, einen Europäer, einen Christen zu essen? Der Zorn übermannte ihn; er fand einen kleinen Hügel, mit Gesträuch bedeckt, postierte sich darauf mit Franzen und befahl ihm, genau achtzuhaben und alles zu tun, was er ihn würde tun sehn. Der Gebundene, den er an seiner Kleidung für einen Europäer erkannte, war nur noch einige Augenblicke vom Tode entfernt, zween Wilde wurden schon zu ihm abgesendet, vermutlich um ihn zu zerstücken. Robinson legte seine Muskete an, Franz tat das nämliche mit einer Flinte, sie zielten, Robinson gab ein Zeichen, sie schossen los. Drei Wilde stürzten sogleich tot hin, fünfe wanden sich schmerzhaft und heulend wegen der empfangenen Wunden; die übrigen blieben lange, von Schrecken angefesselt, sitzen und sahen erstaunt nach dem heitern Himmel, von welchem nach ihrer Vermutung der tödliche Donnerschlag gekommen sein mußte. Die beiden versteckten Krieger nützten diesen Augenblick der Bestürzung und gaben zum zweiten Male Feuer; die Wilden flüchteten, einige bluteten, andere schrien, einige fielen kraftlos, andere völlig tot zu Boden. Robinson warf das abgefeuerte Gewehr nieder, nahm die zweite Muskete und befahl Franzen, ihm zu folgen; sie brachen mit großem Geschrei aus ihrem Hinterhalte hervor. Franz verfolgte die Flüchtigen, die sich in ihre Kanots retten wollten, und traf zwei unter ihnen, als sie eben vom Lande abstießen; Robinson eilte zu dem Gebundenen, den seine Mörder auf den ersten Schuß verlassen hatten, hieb seine Banden entzwei und half ihm sich aufrichten. Der arme Mensch war durch die Furcht vor dem nahen Tode so sehr entkräftet, daß er kaum stehen konnte; sein Befreier stärkte ihn aus der Flasche, woraus er den Leuten gewöhnlich Kräfte und Tapferkeit mitteilte, und erfuhr auf seine Anfrage, daß er einen Spanier errettet hatte. Der Gerettete wollte ihm seine Dankbarkeit so lebhaft ausdrücken, wie sie ein Mensch empfindet, der fast so gut als tot gewesen ist; doch hierzu war itzt keine Zeit. Robinson nahm sein ganzes Spanisches zusammen, das er wußte, um ihm begreiflich zu machen, daß der Kampf noch nicht aus sei; er gab ihm eine Pistole und einen Degen und ermahnte ihn, alle Kräfte aufzubieten und mit diesen Waffen die Feinde zu verfolgen. Rache und Wut gaben ihm Stärke; er fiel die Wilden mit angestrengter Heftigkeit an und konnte um soviel leichter zwei von ihnen niederhauen, weil sie sich nicht verteidigten und von dem Schrecken über den unvermuteten Knall der Musketen nicht wieder zurückkommen konnten. Itzt hatte Robinson nur noch eine geladene Flinte, und gleichwohl waren zween Wilde in das Gebüsch geflüchtet; Franz lief zu dem Baume, wo der Streit angefangen hatte, holte das abgefeuerte Gewehr, und während daß es geladen wurde, erhub sich ein sehr lebhafter Kampf zwischen dem Spanier und einem Wilden, der jenen mit einem hölzernen Säbel anfiel. Der Spanier stritt mit ungleichen Kräften, aber mit gleichem Mute und hatte dem Indianer schon zwei Verwundungen an dem Kopfe beigebracht, als ihn dieser mitten bei dem Leibe faßte, niederwarf und ihm mit aller Gewalt den Säbel aus der Hand winden wollte; der Spanier verlor in dieser äußersten Gefahr seine Fassung nicht, sondern war so klug und ließ den Säbel fahren, spannte sogleich die Pistole und schoß seinen Gegner in die Brust, als er eben ausholte, ihm mit dem eroberten Säbel einen Streich zu versetzen. Franz verfolgte ihn mit seiner Axt und brachte drei Verwundete um, holte sich eine geladene Flinte und jagte die beiden auf, die ins Holz geflohen waren; einen darunter, als sie nach dem Ufer zu flohen, schoß der Spanier nieder; der andere warf sich ins Meer und schwamm zu dem Kanot, worinne er nebst drei andern entkam; also waren siebenzehn Mann auf der Walstatt geblieben. Franz bestund darauf, daß man den Fliehenden in einem der zurückgelassenen Kanots nachsetzen sollte, damit keiner nach Hause käme, der seine Landsleute aufmuntern könnte, den Tod seiner Kameraden zu rächen. Sein Rat wurde befolgt; sie stiegen in einen Kanot, wo sie noch einen Gefangenen antrafen, der gebunden und ohne alle Bewegung fast wie tot dalag; er wurde sogleich losgeschnitten. Der arme Alte konnte sich nicht aufrecht erhalten, seufzte und ächzte sehr kläglich, als man ihn losband, weil er nicht anders glauben konnte, als daß man ihn zum Tode führen würde. Kaum hatte ihm Franz etwas genau ins Gesicht gesehen, als er sich auf ihn warf, weinte, lachte, in die Hände klatschte, um ihn herumtanzte, sich ins Gesichte schlug, sang und hüpfte wie ein Verrückter. Robinson setzte ihm mit häufigen Fragen zu, was ihn zu so tollen Gebärden veranlaßte, aber er konnte nicht reden; endlich entwickelte sich das Rätsel: der Losgeschnittene war sein Vater. Franzens Vergnügen über die Errettung seines Vaters aus einer Gefahr, deren Fürchterlichkeit er aus eigener Erfahrung kannte, war so heftig und so anhaltend, daß er Freunde und Feinde darüber vergaß; bald sprang er zu ihm in das Kanot, bald heraus, bald wieder hinein, setzte sich neben ihm, drückte seines Vaters Kopf an seine Brust und rieb ihm bald die Hände, bald die Füße, um die Schmerzen zu mindern, die ihm die Banden verursacht hatten. Zum Glücke hatte sie dieser Zufall abgehalten, den Wilden nachzusetzen, denn eine halbe Stunde darauf erhob sich ein schrecklicher Orkan, der die ganze Nacht hindurch dauerte und die Flüchtlinge notwendig von ihrem Wege abgetrieben haben mußte, da er ihnen entgegenblies, wenn sie nicht etwa gar darinnen umkamen. Robinson wollte den beiden neuen Gästen seine Gastfreiheit beweisen und befahl Franzen, aus seiner Wohnung getrocknete Weinbeeren, Gerstenkuchen und Wasser zu holen; kaum war der Befehl aus dem Munde, so rennte schon der entzückte Bursche mit der größten Eilfertigkeit davon und kam schneller zurück, als man glaubte, setzte alles, was er brachte, seinem Vater vor und dachte gar nicht daran, daß der Spanier auch einer Erquickung bedürfte, und gleichwohl hatte dieser durch den angestrengten Kampf mit dem Wilden sich so entkräftet, daß er lechzte und vor Müdigkeit kaum die Augen öffnen konnte. Franz mußte ihm die aufgeschwollenen Füße mit Rum reiben; so willig und geschäftig er diesen Liebesdienst an ihm verrichtete, so kehrte er doch von Zeit zu Zeit die Augen nach seinem Vater hin, und da er ihn einmal nicht mit dem ersten Blicke gewahr wurde, verließ er hurtig den Spanier und lief in das Kanot, aber seine Unruhe wurde sogleich gestillt, als er den Alten ausgestreckt in tiefem Schlafe fand. Nachdem sich die beiden Kraftlosen ein wenig erholt hatten, machte man Anstalt, sie in Robinsons Wohnung zu schaffen; Franz lud den Spanier, weil er ihm zu langsam ging, auf seine Schultern und trug ihn ins Kanot zu seinem Vater, stieß es vom Lande ab und schiffte damit trotz des Sturms am Ufer hin bis zu der kleinen Bai, lief zu Lande zurück und holte das andere Kanot, worinnen er seinen Herrn, der den Weg bis dahin zu Lande gemacht hatte, durch die Bai hinüberbrachte. Man setzte die beiden Matten ans Land, baute von Ästen eine Sänfte und trug sie darauf in die Wohnung; weil sie nicht über den Wall hinübersteigen konnten, wurde in der Geschwindigkeit außer demselben eine Hütte gemacht und ihnen darinne ein Lager von Stroh bereitet. Nun war Robinsons einsame Insel auf einmal bevölkert und aus dem trostlosen Einsiedler ein kleiner Monarch geworden, der nicht mehr über Ziegen, sondern über Menschen herrschte; seine Untertanen waren ihm alle das Leben schuldig und gehorchten ihm also aus Dankbarkeit. In seinem Staate herrschten sogar drei Religionen: Franz war ein Protestant, sein Vater ein Heide und der Spanier ein Katholik; und wie ein billiger und weiser Regent gab ihnen ihr Beherrscher völlige Gewissensfreiheit. Um seine Untertanen nicht verhungern zu lassen, holte der kleine Monarch mit eigener hoher Hand eine Ziege, schlachtete sie und bereitete daraus eine Mahlzeit, wobei es gekochtes und gebratnes Ziegenfleisch gab; nach geendigtem Gastgebote wurden die Toten begraben, und der Ort, wo sonst die Wilden ihre barbarischen Feste hielten, mit Feuer so verwüstet, daß keine Spur der Unmenschlichkeit mehr übrigblieb. Nichts war nunmehr so sehr zu fürchten als die Rückkunft der Wilden, und Robinson machte deswegen neue Kriegsrüstungen, um einen Anfall von ihnen aushalten zu können; allein da sich in langer Zeit kein Feind meldete, verlor sich seine Furcht und Wachsamkeit, und er vermutete, daß entweder die vier Entflohenen im Sturm umgekommen wären oder daß sie sich scheueten, einen Fuß wieder auf eine Insel zu setzen, die sie für nichts anders als bezaubert halten mußten. In der Folge erfuhr er, daß er recht vermutet hatte: die Wilden waren wirklich nach Hause gekommen und hatten erzählt, daß Geister vom Himmel herabgestiegen wären und ihre Gefährten mit Donner und Blitz getötet hätten. Durch einige Unterredungen mit dem alten Wilden, wobei Franz die Stelle des Dolmetschers vertrat, bekam Robinson neue Lust, den Weg nach dem festen Lande zu versuchen; der Alte versicherte ihn, daß ihn seine Landsleute sehr wohl aufnehmen würden; der Spanier berichtete ihm auch, daß noch sechzehn andere Europäer, teils Spanier, teils Portugiesen, sich daselbst aufhielten, zwar in Friede mit den Wilden lebten, aber aus Mangel an Lebensmitteln beinahe verhungerten. Sie waren nach seiner Erzählung auf einem spanischen Schiffe, das Häute und Silber nach Havana führen wollte, von Rio della Plata gekommen, in einen schrecklichen Sturm geraten und auf der Schaluppe an die Küste getrieben worden; sie sollten auch einiges Gewehr bei sich haben, das sie aber aus Mangel an Pulver und Kugeln nicht brauchen konnten. Robinson verfiel gleich auf den Gedanken, seine Kolonie mit diesen Europäern zu vermehren, aber aus Mißtrauen gegen sie, weil es meistens Spanier waren, wollte er sich ohne hinlängliche Sicherheit nicht mit ihnen einlassen; gleichwohl wünschte er gar sehnlich, mit ihrer Beihülfe ein Schiff zu bauen und alsdann entweder nach Brasilien oder nach den spanischen Inseln zu gehn. Der Spanier erbot sich zum Abgesandten, er wollte mit Franzens Vater hinüberreisen und seinen Kameraden den Plan mitteilen, und wenn sie darein willigten, sollten sie ihm durch einen förmlichen Schwur angeloben, Robinson für den Kommendanten des Schiffs zu erkennen und ihm alle Treue und Gehorsam bis zu ihrer Ankunft in ein christliches Land zu leisten. Um auch von seiner Seite keinem Mißtrauen Platz zu lassen, tat er selbst vor seiner Abreise einen Eid und machte sich verbindlich, Robinson bis auf den letzten Blutstropfen zu verteidigen, wenn seine Landsleute niederträchtig genug wären, ihr Versprechen nicht zu halten, wiewohl er versicherte, daß so etwas nicht zu befürchten wäre, da sie mit Freuden eine Gelegenheit ergreifen würden, sich von ihrer Not zu befreien. Die Gesandtschaft war zwar beschlossen, aber man hielt es für klug, sie noch so lange zu verschieben, bis man hinlängliche Lebensmittel für die neuen Bewohner hätte; alle viere stellten sich also an den Ackerbau und rissen soviel Boden um, als sich mit ihren hölzernen Werkzeugen bezwingen ließ, und säeten alle Gerste und allen Reis, den sie bis zur nächsten Ernte missen konnten. Unterdessen suchten sie schon Holz zum Schiffe aus, das gebaut werden sollte; Robinson lehrte seine Gefährten die Handgriffe, die ihm der Zufall und Nachdenken ehmals entdeckt hatten, wie man ohne die nötigen Instrumente Bretter schneiden konnte. Zu gleicher Zeit wurde auch die Ziegenherde vermehrt, Weintrauben gesammlet, soviel ihrer zu bekommen waren, und nachdem sie reichliche Ernte gehalten und also alle Anstalten zur Bewirtung neuer Gäste getroffen hatten, reiste der Spanier, von Franzens Vater begleitet, nach dem festen Lande ab. Es vergingen acht Tage, und die Abgesandten erschienen nicht; Franz mußte beständig auswandern und sich nach ihnen umsehen; an dem neunten Morgen in aller Frühe, da sein Herr noch schläft, kömmt er mit freudiger Übereilung ins Zelt hereingesprungen und schreit einmal über das andere: »Sie sind da! Sie sind da!« Robinson steht auf, geht durch das kleine Wäldchen, das seine Wohnung umgab, und erstaunt nicht wenig, als er eine Schaluppe mit vollem Segel nach seiner Insel herzueilen sieht. Das konnten auf alle Fälle nicht die Leute sein, die sie erwarteten, denn sie kamen aus einer ganz andern Gegend und in einem ganz andern Fahrzeuge. Weil man nicht wußte, ob es Freunde oder Feinde waren, hieß Robinson Franzen sich ruhig verhalten und stieg auf den Felsen, wo er durchs Fernglas deutlich ein Schiff vor Anker in der Entfernung einer Meile erblickte; aus seiner Bauart schloß er, daß es ein englisches war. Die vermischten Empfindungen, die dieser Anblick in ihm erregte, sind unbeschreiblich. Ein Schiff zu sehen, das nach aller Wahrscheinlichkeit zu seiner Nation gehörte, war freilich kein geringes Vergnügen, aber was hatten Engländer in diesem Meere zu tun? In diesem Teile der Welt, wohin sie keinen Handel trieben und wo sie auch kein Weg zu einem ihrer Handelsplätze führte? Verschlagen konnten sie nicht sein, weil seit langer Zeit kein Sturm gewesen war; man mußte also notwendig schlimme Absichten und schlimme Ursachen vermuten, und Robinson hielt es deswegen für klüger, sich versteckt zu halten als vielleicht in mörderische oder diebische Hände zu fallen. Nach einiger Zeit näherte sich die Schaluppe dem Ufer, als wenn sie eine Bucht suchte, um zu landen, aber da sie die kleine Bai nicht fanden, deren so oft gedacht worden ist, so stießen sie die Schaluppe ohngefähr eine Viertelmeile von Robinsons Wohnung auf den Sand. Es stiegen eilf Personen aus, die alle Engländer zu sein schienen, bis auf einen oder zwei, die Robinson fälschlich für Holländer ansah, drei darunter waren unbewaffnet und gebunden. Einer unter diesen dreien bezeugte bei dem Aussteigen den äußersten Schmerz und eine Verzweiflung, die sich in allen Gebärden ausdrückte; die beiden andern schienen auch sehr niedergeschlagen, doch weniger heftig in ihrer Betrübnis als jene. Franz bildete sich ein, daß die Engländer so gut wie die Wilden diese gebundenen Gefangenen fressen wollten, und ob ihm gleich Robinson dafür die Gewähr leistete, so war er doch für ihr Leben besorgt, weil einer von den übrigen diesen Unglücklichen etlichemal mit dem Degen drohete. Wie nötig war itzt die Gegenwart des Spaniers und des alten Wilden! Die Engländer schweiften durch die ganze Insel herum, als wenn sie das Land untersuchen wollten; die drei Gefangenen waren indessen allein und in völliger Freiheit, aber sie rührten sich nicht von der Stelle, sondern setzten sich tiefsinnig und traurig am Ufer nieder, beinahe in der nämlichen trostlosen Stellung, wie Robinson bei seiner ersten Ankunft auf der Insel dasaß. Bei ihrem Landen war gerade die höchste Flut, und während daß sie herumschweiften, trat die Ebbe ein und setzte ihre Schaluppe aufs Trockne. Sie hatten zwar zwei Leute darauf zurückgelassen, die sich aber mit Branntewein berauschten und einschliefen; der eine wachte zufälligerweise auf und rief die übrigen mit lautem Geschrei herbei, um das Fahrzeug von dem Sande wegzubringen, allein es gelang ihnen nicht, ob sie gleich alle ihre Kräfte dazu vereinigten. – »He, Johann!« rief einer, »laß es stehen! Die nächste Flut wird es schon wieder flottmachen!« – und mit der wahren Sorglosigkeit der Seeleute gingen sie davon, ohne sich weiter darum zu bekümmern. Nun dachte Robinson auf mancherlei Mittel, die Gefangenen zu befreien, da er wußte, daß die Flut unter zehn Stunden nicht wieder eintrat; er setzte sich indessen in vollkommenen Verteidigungsstand, denn er hatte itzt mit Leuten zu tun, wo der Kampf schwerer war als mit den furchtsamen nackten Wilden; gleichwohl rechnete er auch ein wenig auf seine fürchterliche Figur; die allerdings bei jedermann Furcht erregen mußte. Auf jeder Schulter eine Flinte, zwei Pistolen im Gurte, den Säbel an der Seite, begab er sich bei dem Einbruche der Dämmerung in die Nähe des Baums, unter welchem die Gefangenen lagen; die übrigen hatten sich in das Holz zerstreut, vermutlich um dort auszuruhen, und Franz folgte ihm in einer kleinen Entfernung nach. Sobald er nahe genug war, um von den drei Leuten gehört zu werden, fragte er sie auf Spanisch, wer sie wären: sie schwiegen. Er wiederholte seine Frage auf Englisch und ermahnte sie, sich nicht vor ihm zu fürchten, weil er gekommen sei, um ihnen zu helfen; die Unglücklichen wollten an keine Hülfe glauben und konnten sich kaum vorstellen, daß ein Mensch mit ihnen redete; sie seufzten und schwiegen. »Seid ruhig!« sprach endlich Robinson, »ich bin euer Landsmann, ein Engländer, habe einen einzigen Sklaven bei mir, habe Waffen und Munition! Itzt wißt ihr, wie groß meine Hülfe sein kann, und nunmehr erzählt mir offenherzig euer Unglück!« – »Unsere Erzählung würde zu lang sein«, fing der Niedergeschlagenste unter ihnen an. »Ich bin der Kommandeur des Schiffes gewesen, das dort in der Ferne liegt; meine Leute haben einen Aufstand wider mich erregt und wollten mich beinahe umbringen, und nunmehr soll ich hier in dieser Einöde zurückgelassen werden nebst diesen beiden Leuten, worunter der eine mein Steuermann, der andre ein Passagier ist. Wir hielten diese Insel für unbewohnt und glaubten darauf Hungers zu sterben, und noch ist unsre Errettung ungewiß, ob sie uns gleich so edelmütig angeboten wird.« – »Wo sind die Bösewichter, die euch in diesen Zustand versetzten?« fragte Robinson; sie zeigten auf ein nahes Gesträuch. Robinson erkundigte sich weiter, ob die Rebellen Gewehr bei sich hätten. – »Nur zwei Flinten, wovon die eine in der Schaluppe liegt!« war die Antwort. Robinson war schon bereit, sie im Schlafe umzubringen, doch da er vernahm, daß nur zween darunter eigentliche Bösewichter waren und daß man die übrigen sehr leicht zur Vernunft bringen könnte, wenn man über diese beiden Herr geworden wäre, so ließ er seinen mörderischen Vorsatz fahren und riet den Gefangenen, ihm ins Gebüsch zu folgen, um dort unbemerkt Beratschlagung zu halten; sie folgten ihm. Er legte dem Kommandeur zwo Bedingungen vor, unter welchen er ihm alles für seine Befreiung zu wagen versprach. Erstlich sollte er ihm sein Wort geben, daß er sich nie die geringste Gewalt anmaßen wollte, solange er auf der Insel bei ihm sein würde, daß er auf Robinsons Befehl die Waffen ergreifen oder niederlegen und ihm in allem gehorchen und auf seiner Seite sein wollte; zweitens, wenn es ihm glückte, das Schiff wiederzubekommen, sollte er ihn nebst seinem Sklaven unentgeltlich nach England bringen. Der Kommandeur und seine beiden Mitgefangenen willigten ohne Anstand in beide Bedingungen und versprachen, ihren Befreier allenthalben hin zu begleiten und mit ihm zu leben und zu sterben, im Falle daß es ihnen nicht gelänge, das Schiff wieder in ihre Gewalt zu bekommen. Nach dieser feierlichen Angelobung gab Robinson einem jedem eine Muskete und riet abermals, auf die Schlafenden zu feuern und denjenigen das Leben zu schenken, die nicht getroffen würden und sich auf Gnade ergäben. Der Kommandeur war ungemein abgeneigt, Blut zu vergießen, gleichwohl fand er es unvermeidlich, weil sie die beiden Rädelsführer nicht entwischen lassen durften, die sonst mit der ganzen Mannschaft des Schiffs zurückkommen und sie ohne Barmherzigkeit niedermachen würden; es half nichts, man mußte notwendig umbringen, um nicht umgebracht zu werden. Unter diesen Beratschlagungen stunden zwei von den Aufrührern auf und begaben sich hinweg; da es nicht die Hauptverbrecher waren, ließ man sie ungestört gehen. Die zwei Gefährten des Kommandeurs marschierten voran und weckten durch ihr Geräusch einen Matrosen auf, der seine Kameraden aus dem Schlafe rief; doch ehe sie sich erheben konnten, feuerten die beiden Anrückenden unter sie, töteten den einen Hauptaufrührer und verwundeten den andern; der Verwundete sprang hastig auf und schrie um Hülfe. »Bete und stirb!« schrie ihm der Kommandeur entgegen, stürzte mit dem Säbel auf ihn hinein und hieb ihn danieder. Noch waren drei übrig und einer darunter leicht verwundet; sie stellten sich zwar zur Gegenwehr, aber Robinson erschien mit seiner fürchterlichen Gestalt, Franz hinter ihm drein, und sie baten demütig um ihr Leben, da sie mit ihrem Widerstande nichts auszurichten hofften; der Kapitän gestand ihnen ihre Bitte unter der Bedingung zu, daß sie das Schiff wieder erobern helfen und ihm getreulich und gehorsam nach Jamaika folgen sollten, woher er kam. Sie gelobten ihm alles feierlich an und mußten sich bequemen, sich um der Sicherheit willen Hände und Füße binden zu lassen. Sogleich wurde Franz abgeordnet, sich der Schaluppe zu bemächtigen und Segel und Ruder wegzunehmen. Drei Matrosen, die sich zu ihrem Glücke von dem Haufen entfernt hatten, kamen auf den Knall der Musketen zurück, und da sie nichts als Tod oder Unterwerfung vor sich sahen, ergaben sie sich gleichfalls und ließen sich binden wie die übrigen. Der Kapitän konnte sich von seinem Erstaunen und seiner Verwunderung nicht erholen, als er Robinsons Festungswerke, die Ordnung, die in seiner Wohnung herrschte, und alle übrigen Anstalten seines erfindsamen Fleißes erblickte. Sie überlegten miteinander, wie sie ihre Hauptabsicht, sich des Schiffes zu bemächtigen, bewerkstelligen sollten; es waren nach des Kapitäns Bericht noch sechsundzwanzig Menschen darauf, die wegen ihrer Zusammenverschwörung alle den Tod verdient hatten und also aus Verzweiflung das Äußerste wagen würden, wenn man sie angriffe, damit sie nicht nach England oder in eine englische Kolonie gehen dürften, wo sie den Strang zur Bestrafung ihres Verbrechens bekämen; gegen eine so große Anzahl etwas zu unternehmen war äußerst mißlich, und man mußte daher durch List über sie Herr zu werden suchen. Es war zu vermuten, daß sie die andre Schaluppe ausschicken würden, um zu erfahren, wo die erste geblieben wäre; Robinson schlug deswegen vor, daß man diese versenken sollte, und sein Rat wurde gebilligt; man nahm alles heraus, was sich darinnen befand, machte ein Loch in ihren Boden, daß sie die Feinde nicht brauchen konnten, und trieb sie mit allen Kräften auf das Gestade, damit sie die Flut nicht so leicht wieder flottmachen konnte. Mitten unter dieser mühsamen Arbeit hörten sie einen Kanonenschuß und sahen auf dem Schiffe das gewöhnliche Zeichen, wodurch der Schaluppe zu erkennen gegeben wird, daß sie wieder an Bord kommen soll; allein man mochte schießen und Zeichen machen, soviel man wollte, die Schaluppe kam nicht wieder an Bord. Nicht lange darauf wurden sie durch das Fernglas gewahr, daß man ein anderes Boot aussetzte und nach dem Ufer zuruderte; bei der Annäherung desselben bemerkten sie darinne zehn Mann, alle bewaffnet, und der Hochbootsmann war der vornehmste unter ihnen. Der Kapitän besorgte zwar sehr, daß sie mit einer solchen Menge nichts ausrichten würden, vorzüglich da es insgesamt, drei oder vier ausgenommen, die ärgsten Bösewichter wären. – »Wohl!« unterbrach ihn Robinson, »so wollen wir diese drei oder vier zu erhalten und in unsre Gewalt zu bekommen suchen, damit sie uns in der Folge wider die übrigen beistehen.« – Der Kapitän bekam wieder Mut, und das Boot langte an. Die beiden Verdächtigsten unter den Gefangenen mußte Franz in die Grotte bringen, aus welcher sie den Weg nicht leicht wieder zurückfinden konnten, wenn sie sich auch von ihren Banden befreieten; zween andre wurden in Robinsons Wohnung gebracht und den drei übrigen auf das gute Zeugnis des Kapitäns die Freiheit gegeben; sie mußten Treue und Gehorsam schwören, und auf diese Art waren ihrer sieben, die sich dem ankommenden Boote entgegenstellten. Sobald es anlangte, wurde es auf den Strand hinauf gesetzt; die zehn Personen, die darinne kamen, erblickten mit Erstaunen das große Loch in dem ersten Boote, schrien etlichemal alle zusammen, und da sich keiner von ihren Kameraden meldete, traten sie in einen Kreis und schossen ihr Gewehr auf einmal los: es meldete sich keiner von ihren Kameraden. Sie konnten sich gar nicht vorstellen, was vorgegangen sein mußte, und stiegen in ihr Boot hinein, um zum Schiffe zurückzufahren; bald darauf stiegen sie wieder aus, und nur drei blieben darinne; die übrigen wanderten auf der Insel herum. Sie marschierten in einer geschlossenen Reihe geradesweges auf den Felsen los, bei welchem Robinsons Wohnung stund, und da sie oben waren, schrien sie etlichemal aus allen Kräften; es war niemand weder zu sehen noch zu hören, und so setzten sie sich nieder und hielten Rat, denn tief in das Land hinein wollten sie sich nicht wagen, um nicht das nämliche Schicksal zu haben, das wahrscheinlicherweise ihre Kameraden betroffen hatte. Wenn sie sich nur schlafen gelegt hätten! So wäre Robinson mit seinem Trupp aus seinem Hinterhalte hervorgebrochen und hätte sie glücklich überwältigt wie die ersten, aber da sie nicht für gut befanden, ihm diesen Vorteil über sich einzuräumen, so tat der Kapitän den Vorschlag, sobald sie eine zweite Salve aus ihrem Gewehre gegeben hätten, sie sogleich zu überfallen und zur Unterwerfung zu zwingen. Auch dieser Anschlag vereitelte sich, denn sie gaben keine zweite Salve, sondern kehrten nach dem Ufer zurück. Der Kapitän geriet außer sich, daß ihm seine Hoffnung so ganz fehlzuschlagen schien; man mußte die Leute schlechterdings wieder zurückzubringen suchen, und Robinson verfiel auf eine List, wodurch er diesen Endzweck sehr gut erreichte. Der Steuermann und Franz mußten durch die kleine Bai gehen und auf jedem Hügel, den sie fanden, laut schreien, als wenn sie die verlornen Kameraden wären, und die Angekommnen durch wiederholtes Geschrei tief ins Gebüsch hineinlocken. Es geschah: die Kundschafter wollten eben den Fuß in die Schaluppe setzen, als sie zum ersten Male das Geschrei hörten; sie stiegen sogleich wieder heraus und gingen nach der Gegend hin, woher es kam; auf einmal wurden sie von der Bai aufgehalten, und ein paar von ihnen mußten das Boot holen, worinne sie überfuhren; es wurde an einem Baume angebunden und von zwei zurückgelassenen Matrosen bewacht. Alles ging erwünscht: einer von den Zurückgelassenen lag halb eingeschlafen auf dem Sande; der Kapitän sprang auf ihn zu, versetzte ihm einen Streich mit dem Säbel auf den Kopf und rief dem andern in dem Boote zu, daß er sich den Augenblick ergeben sollte, um einem gleichen Schicksale zu entgehn; der Matrose sah sich von fünf Leuten angefallen, denen er unmöglich widerstehen konnte, unterwarf sich und gelobte Treue und Gehorsam an. Ebenso glücklich waren Franz und der Steuermann in ihrem Unternehmen; sie ließen nicht eher nach, als bis sie die Feinde in das tiefste Gehölz gebracht hatten, aus welchem sie sich erst in vielen Stunden wieder herausfinden konnten. Welch Erstaunen, als sie bei ihrer Rückkunft die Flut verlaufen und das Boot ohne Wächter fanden! Sie glaubten in einer bezauberten Insel zu sein, riefen die verschwundenen Matrosen bei ihren Namen und liefen wie unsinnig am Lande hin und wider. Unterdessen rückte Robinsons Armee heimlich an und wartete mit dem Angriffe nur darauf, daß sich die Feinde trennen sollten. Der Hochbootsmann, auf welchen der Kapitän den meisten Groll hatte, wandte sich mit zween andern nach der Seite hin, wo man auf sie lauerte; der Kapitän konnte sich bei der Gelegenheit nicht halten, sondern feuerte augenblicklich auf sie und tötete seinen Feind mit dem ersten Schusse. Darauf mußte der Matrose, den sie im Boote zum Kriegsgefangenen gemacht hatten, den übrigen zurufen und sie ermahnen, die Waffen niederzulegen und sich zu ergeben, wenn sie nicht den Augenblick des Todes sein wollten. Sie erkannten die Stimme ihres vermißten Kameraden und fragten, wem sie sich ergeben sollten. – »Unserm Kapitän!« antwortete der Matrose, »er ist hier mit fünfzig Mann und sucht euch schon über zwei Stunden. Der Hochbootsmann ist erschossen, Wilhelm Frie gefährlich verwundet, und ich bin gefangen worden; wenn ihr euch nicht sogleich ergebt, seid ihr alle verloren.« – »Will man uns Quartier geben, wenn wir die Waffen niederlegen?« fing einer aus dem Haufen an. – »Ja«, rief der Kapitän, »allen soll das Leben geschenkt werden, Wilhelm Atkins ausgenommen, dem ich nichts verspreche, wenn er nicht seine Zuflucht zu der Gnade des Gouverneurs nimmt.« – Dieser Gouverneur war, in allen Ehren gesprochen, unser Robinson, den sie mit seinen erdichteten fünfzig Mann so gewaltig fürchteten, daß sie ohne Anstand das Gewehr streckten und um ihr Leben baten; Franz und zween andere mußten sie binden, bemächtigten sich ihrer Schaluppe, und der Gouverneur blieb aus klugen Staatsabsichten versteckt. Der Kapitän kündigte allen im Namen des Gouverneurs das Leben an und befahl dem Wilhelm Atkins, den er schon vorhin mit dem Tode bedrohete, daß er sich bereithalten sollte, morgen gehängt zu werden. Atkins warf sich ihm zu Füßen und flehte demütigst, daß er eine Fürbitte bei dem Gouverneur für ihn tun möchte. Der Gouverneur ließ dem Kapitän laut befehlen, daß er zu ihm kommen sollte, und der Kapitän antwortete ebenso laut, daß er Seiner Exzellenz sogleich aufwarten wollte. In der Dunkelheit konnte man die Exzellenz nicht erkennen, und bloß deswegen war sie den Gefangenen so furchtbar. Der Kapitän erschien, und Robinson teilte ihm einen Plan mit, wie sie diese nämlichen Leute gebrauchen könnten, um sich des Schiffs zu bemächtigen; er riet, Atkins und zween der Strafbarsten in die Grotte zu stecken und die übrigen in den Sommerpalast zu schicken, der mit einem Palisadenzaune umgeben war, daß man also ihre Entfliehung nicht zu befürchten hatte. Zu diesen letztern begab sich den Tag darauf der Kapitän, um ihre Gesinnungen zu erforschen und zu versuchen, ob man sie mit Sicherheit bei der Unternehmung auf das Schiff gebrauchen könnte. Er stellte ihnen vor, daß ihnen zwar der Gouverneur Vergebung erteilt hätte, daß es aber in seiner Gewalt stünde, sie nach England zu schicken, und daß dort der Galgen auf sie wartete, wüßten sie selbst. – »Wenn ihr aber«, setzte er hinzu, »mir das Versprechen tut, mir getreulich beizustehn und das Schiff wieder in meine Gewalt zu bringen, so wird euch der Gouverneur auch in unserm Vaterlande Vergebung auswirken.« Kein einziger weigerte sich, ihm das verlangte Versprechen zu tun, und zwar mit den schrecklichsten Schwüren. Man konnte freilich diesen Schwüren nicht sonderlich trauen, und Robinson verlangte deswegen zu größerer Sicherheit, daß nur fünf von ihnen bei der Unternehmung gebraucht werden und zwei nebst den drei Gefangenen, die er in seiner Wohnung hatte, als Geiseln da bleiben sollten; und der Kapitän versicherte diejenigen, denen er sich und das Glück seiner Absicht anvertraute, daß die Geiseln sogleich am Strande aufgeknüpft würden, wenn sie ihren Schwur brächen. Die Macht des Kapitäns bestand also aus zwölf Personen, die er auf die zwei Boote verteilte, nachdem das eine wieder instand gesetzt war; Robinson und Franz mußten auf der Insel bleiben, um die Gefangenen zu bewachen. Weil Robinson fürchtete, daß sein ganzes Ansehen verschwinden möchte, wenn er sich ihnen in seiner wirklichen Gestalt unter dem Charakter des Gouverneurs zeigte, so gab er sich bei ihnen für einen Menschen aus, dem der Gouverneur die Aufsicht über sie gegeben hätte. Der Kapitän fuhr mit seiner Mannschaft um Mitternacht zu dem Schiffe ab, und sobald er von den Leuten darinne gehört werden konnte, mußte einer von den Matrosen, die bei ihm waren, ihnen laut zurufen, daß sie endlich nach langem Suchen das Boot zurückbrächten, und mit andern dergleichen Reden hielt er die Feinde so lange hin, bis die Boote dicht am Schiffe waren. Der Kapitän und der Steuermann stiegen zuerst hinauf und hieben alles nieder, was ihnen entgegenkam, und bemächtigten sich auf diese Weise allmählich des ganzen Schiffs bis auf die Stube des neuen Kommandeurs, die der Steuermann aufsprengte. Der neue Kapitän hatte sich bei dem ersten Lärm mit drei andern hineingerettet und gab Feuer, sobald die Türe geöffnet war, doch ohne jemand zu treffen, nur der Steuermann bekam eine leichte Wunde an dem Arme, die ihn aber nicht hinderte, dem neuen Kapitän die Pistole auf den Kopf zu schießen; da ihn die übrigen fallen sahen, ergaben sie sich, und der Streit war aus. Der siegreiche Kapitän ließ sogleich sieben Kanonenschüsse tun, um, der Verabredung gemäß, Robinson von seinem glücklichen Erfolge zu benachrichtigen, und kam mit dem eroberten Schiffe des Morgens darauf so nahe an die Insel, als es sich tun ließ. Sein Freund lief ihm voller Entzücken an den Strand entgegen, der Kapitän floh in seine Umarmung, und Robinson fühlte die Freude der Errettung aus seiner achtundzwanzigjährigen Einsamkeit so voll, so überwältigend stark, daß er sprachlos in Ohnmacht sank. Der dankbare Kapitän überhäufte ihn mit Geschenken, gab ihm Kleider und alle Arten von Erfrischungen und Lebensmitteln, die er auf dem Schiffe fand; Robinson kleidete sich an, um als ein wirklicher Gouverneur vor den Gefangenen zu erscheinen, die er darauf vor sich bringen ließ. Er gab ihnen die Wahl, ob sie in Ketten und Banden mit nach England gehn und sich dort hängen lassen oder auf der Insel zurückbleiben wollten; sie erwählten das letztere, und um sie in ihrem Entschlusse zu befestigen, ließ man den erschossenen neuen Kapitän an dem großen Mastbaume aufhängen und bedrohete sie mit dem nämlichen Schicksale, wenn sie sich nicht ruhig auf der Insel bis zur Abreise des Schiffes verhielten. Robinson unterrichtete sie in seiner Haushaltung, übergab ihnen sein sämtliches Geräte, sein Gewehr, seine Ziegen, sein Schloß und seinen Sommerpalast, und der Kapitän ließ ihnen auf seines Freundes Vorstellungen einen hinlänglichen Vorrat an Pulver und andere Lebensmittel, auch einige Arten Samen zurück. Zum Andenken seines einsamen mühseligen Lebens nahm Robinson seine ganze Kleidung, sein Parasol und einen Papagei mit sich, sagte dem Orte, wo er so viele Unruhen, Mangel, Gefahr und Beschwerlichkeiten erlitten und bei aller Not so manches Vergnügen gefühlt hatte, mit herzlicher Rührung ein Lebewohl und reiste nach England ab. Er fand zwar die Witwe noch am Leben, welcher er die eine Hälfte des Vermögens anvertraute, das er sich auf seiner ersten Reise nach Guinea erworben hatte, allein sie war durch Unglücksfälle so heruntergekommen, daß er die Auszahlung gegenwärtig nicht von ihr verlangen konnte. Seine Eltern waren während seiner Abwesenheit gestorben und ihr Vermögen unter die übrigen Anverwandten verteilt worden, weil man ihn für tot geachtet hatte, und es blieb ihm also nichts übrig, als daß er sich nach seiner Plantage in Brasilien umsah. Die Eigentümer des Schiffs, das durch seine Beihülfe aus der Gewalt der Aufrührer gerettet worden war, machten ihm aus Erkenntlichkeit ein Geschenk von zweihundert Pfunden; er reiste nach Lissabon, suchte dort den alten Kapitän auf, der ihn vormals nach Brasilien brachte, und gelangte durch seine Beihülfe zu einem Teile des Gewinstes, den seine zurückgelassene Faktoren unterdessen in Brasilien gemacht hatten. Er verkaufte seine Plantage und reiste mit einem ziemlich ansehnlichen Vermögen in sein Vaterland zurück, heuratete und lebte so lange glücklich, bis ihn Unruhe und Neigung zum Seeleben wieder auf das weite Meer hinaustrieb. Sein getreuer Franz hielt redlich bei ihm aus und wurde so sehr zum Europäer, daß ihm in seinem neuen Aufenthalte alles, nur nicht die nördliche Kälte, überaus gefiel. Zweiter Teil Vorrede Wäre Rousseau ein schadenfroher Mann gewesen, so könnte seine Seele itzt ein köstliches Vergnügen genießen, wenn sie von dem Fixsterne, wo sie etwa wohnen mag, einen Blick auf Teutschland wärfe und die mannigfaltigen Bewegungen wahrnähme, die ein einziges Urteil über den Robinson unter Autorfedern, Druckerpressen, Verlegern, Herausgebern, Papierhändlern, Buchbindern, Rezensenten und vielleicht auch unter Lesern veranlaßt hat. Von den übrigen Herren, die sich nach mir mit dem alten Abenteurer beschäftigten, kann ich nicht mit Gewißheit versichern, wie sehr oder wie wenig sie sich von dem Genfer Bürger hintergehen ließen, aber in Ansehung meiner muß ich ihm die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß nicht er mich zum April schickte, sondern ich selbst. Ich habe mir bei allen Urteilen, Meinungen, Behauptungen, bei allem Lobe und Tadel dieses Mannes schon längst eine Subtraktion angewöhnt, die in jedem Falle Dreiviertel abzieht: der Rest ist Wahrheit. Daß er den innern Wert aller Sachen meistens durch einen so unmäßigen Zusatz veränderte, war niemals seine Schuld, sondern rührte offenbar von einem Betruge her, den ihm die Einbildung oder der Affekt spielte. Vielleicht hatte er den englischen Robinson in seiner Jugend gelesen wie wir alle und nichts daraus behalten als die beiden Umstände, daß das Buch durch gottesfürchtige, gutgemeinte, aber unschickliche und nicht selten einfältige Betrachtungen oft Langeweile macht und daß darinne ein Mann vorkommt, der auf einer wüsten Insel alle Bedürfnisse und Bequemlichkeiten des Lebens durch sich selbst erfindet. Indem er für seinen Emile ein Buch suchte, worinnen diese Idee ausgeführt wäre, und indem er sich dachte, wie sie behandelt werden müßte, fiel ihm der englische Abenteurer ein, und in der Lebhaftigkeit der Vorstellung überredete ihm seine Imagination, daß die Idee dort wirklich so ausgeführt sei, wie er sie sich dachte – eine Verwechselung, die in menschlichen Köpfen sehr häufig vorgeht! Vielleicht half dabei auch seine bekannte Abneigung gegen die neuern Philosophen und zog in seiner Beurteilung einen so großen Glanz um dies alte verachtete Buch, daß er mit Freuden eine Gelegenheit ergriff, eine Lieblingslektüre des gemeinen Volks in England auf Unkosten berühmter Männer zu erheben, das kleine Autorvergnügen ungerechnet, das es ihm machen mußte, wenn er sich die Überraschung vorstellte, womit der Leser nach einer Suspension von einigen Augenblicken hinter so großen Namen wie Buffon und Descartes endlich – Robinson Krusoe findet. Mein Selbstbetrug entstund weder aus diesen Ursachen noch auf diese Art. Unter den Beiträgen, die ich den Philanthropischen Unterhandlungen des Dessauer Instituts versprochen hatte, mußten auch unterhaltende Aufsätze sein, die nach dem von mir vorgeschlagenen Plane ein besondres Lesebuch für die Jugend ausmachen sollten. Indem ich über die Wahl der Gegenstände mit mir zu Rate ging, schien mir's vorzüglich nützlich zu sein, die jungen Leser mit der Geschichte des Menschen bekannt zu machen, und ich entwarf deswegen Plane zu kleinen Dramen, die den Menschen in seinen verschiedenen Lebensarten darstellen sollten, allein wegen der allzu großen Mannigfaltigkeit des Gegenstandes hielt ich's für vorteilhafter, eine zusammenhängende Erzählung daraus zu machen, die alle hauptsächlichste Veränderungen in dem Zustande des menschlichen Geschlechts umfaßte. Plötzlich fährt mir Robinson durch den Kopf, den ich in meinen jüngern Jahren gelesen hatte und woraus ich gerade nur die beiden Umstände noch wußte, die Rousseau behalten haben mochte; die Lebhaftigkeit, womit ich meine eignen Ideen dachte, teilte sich der Vorstellung von diesem Buche mit, und die Erleichterung, die ich mir für die Ausführung meines Plans davon versprach, brachte mich sogleich auf den Entschluß, den einsamen Aufenthalt des Abenteurers auf einer Insel in Rücksicht auf meinen Zweck umzuarbeiten. Kurz darauf fand sich eine Ursache, die mich nötigte, den ganzen ersten Teil besonders herauszugeben; ich mußte freilich einen großen Teil meines Plans aufopfern, wenn ich nicht zu sehr vom Defoe abweichen und ein neues Buch machen wollte, aber noch ging alles gut; doch wie erstaunte ich, als ich im zweiten Teile, den ich ehemals gar nicht gelesen hatte, auch nicht das mindeste für meine Absicht brauchbar fand! Ich entschloß mich also ohne langes Bedenken, diesen zweiten Teil ganz nach meinem eignen Plane auszuarbeiten, denn zwecklose Scharmützel, die nicht einmal sonderlich vergnügen, und Reisen nach China und Rußland, die man in neuen Reisebeschreibungen ungleich besser und vollständiger findet, in Auszug zu bringen, dauerte mich Zeit und Mühe. Glaubt indessen jemand, mehr dabei zu gewinnen, wenn er den wahren echten zweiten Teil des Robinsons liest, so schlage ich ihm zur Ersparung der Zeit einen französischen Auszug vor, der mir vor kurzem erst bekannt geworden ist: der Titel ist – »Robinson Crusoe, nouvelle imitation de l'Anglois par Mr. Feutry«. Dieses Werkchen besteht aus zween Bänden, ist 1766 zu Amsterdam gedruckt, in einer ziemlich guten Schreibart geschrieben, soweit ich gelesen habe, enthält das Wesentliche der Geschichte mit Hinweglassung alles dessen, was Rousseau fatras nennt, und könnte vielleicht mit Nutzen bei dem Unterricht in der französischen Sprache gebraucht werden; auch hat es Herr Feutry, der selbst Hofmeister gewesen ist, eigentlich zum Besten der lieben Jugend gemacht. Der erste Teil der gegenwärtigen Bearbeitung gab während Robinsons Aufenthalt auf seiner Insel Beispiele von den Veränderungen, die die vier Haupturheber der menschlichen Erfindungen: Not, Zufall, Leidenschaft, Witz, in dem Zustande des Menschen hervorgebracht, wie sie die Aufsuchung der Materialien und ihre Anwendung zum Bedürfnis oder zur Bequemlichkeit veranlaßt haben. Der zweite Teil liefert in der Geschichte der Kolonie während Robinsons Aufenthalt in England, nach seiner Rückkehr auf die Insel und nach seinem Tode Beispiele von den Veränderungen in dem Zustande der Gesellschaft und von den Erfindungen, die aus der gesellschaftlichen Vereinigung herfließen: ein kleiner Menschenhaufen wird durch Not, Zufall, Leidenschaft, Witz auf die verschiedenen Arten der Subordination, auf die Einführung richterlicher Gewalt, auf verschiedene politische Verfassungen, auf die Verschiedenheit des Vermögens, der Beschäftigung und des Standes, auf Handel, Geld und Verarbeitung der Naturprodukte geleitet, erwächst zu einem eingerichteten Staate und stirbt. Noch muß ich zum Schlusse dieser Vorrede einen Vorfall erzählen, der in dem Jahre tausendsiebenhundertundachtzig eine wirkliche Merkwürdigkeit und der erste während meiner ganzen Autorschaft ist. Der Leipziger Zensor, Herr Hofrat Böhme, wollte nicht leiden, daß ich Rousseau in der vierten Zeile auf einem Fixsterne wohnen lasse; er anathematisierte die Stelle mit einigen Rötelstrichen und verstattete der Verlagshandlung nur dann den Druck, wenn der Herr Auctor Rousseaus Seele anderswohin quartierte; ich war in Verlegenheit, wohin ich mit der armen Seele in der Geschwindigkeit sollte, und so gleichgültig es mir und der ganzen Christenheit ist, ob Rousseau itzt in der Jungfrau, im Wassermanne oder im Steinbock wohnt, so erachtete ich doch nicht für ratsam, einem Verlangen nachzugeben, wofür sich kein vernünftiger Grund finden läßt, zumal da in der angezeigten Stelle nichts behauptet, sondern die Seele des Genfer Bürgers nur per formam loquendi auf einen Fixstern gesetzt wird. Ich habe mir zwar eine Belehrung ausgebeten, ob der Herr Zensor zuverlässigere Nachrichten von ihrem Aufenthalte hat, allein die Antwort verzögerte sich so sehr, daß sich die Verlagshandlung wegen Nähe der Messe genötiget sah, diese Vorrede unterdessen anderswo drucken zu lassen; sobald die erwartete Nachricht einläuft, um welche ich hier öffentlich bitte, werde ich's für meine Schuldigkeit halten, die Leser von Rousseaus gegenwärtiger Residenz zu benachrichtigen. Armer Jean-Jacques! sollst du sogar nach deinem Tode nicht einmal in einer Vorrede eine bleibende Stätte haben? Robinson besaß nach der Zurückkunft in sein Vaterland alles, was ihm den Rest seines Lebens versüßen konnte – eine brave Frau, die ihn liebte, ein paar Kinder, die viel versprachen, und ein hinlängliches Vermögen, um mit Gemächlichkeit und der Anständigkeit eines Mittelmanns zu leben. Das erste Jahr schmeckte ihm die Ruhe so wohl, daß er an Meer und Schiffahrt gar nicht dachte; im zweiten fing schon eine Unruhe an, sich in das Gefühl seiner Glückseligkeit zu mischen: sein Glück wurde ihm einförmig, langweilig, die Neuheit der häuslichen Freuden war vorüber, und alle Abwechslungen, die er sich durch kleine Reisen auf dem festen Lande verschaffen konnte, taten ihm nicht genug. Sein Verlangen nach dem Seeleben wuchs mit jedem folgenden Jahre, Tag und Nacht schwebte ihm seine Insel und die Kolonie, die sie itzt bewohnte, in Gedanken; er baute in seiner Einbildung Städte und Dörfer darauf, sprach vom Morgen bis zum Abend mit seiner Frau von nichts als seiner Insel, und unterhielt sich jemand mit ihm, so war das Gespräch nach dem dritten oder vierten Worte gewiß schon bei seiner Insel. Wenn er mit seinen Kindern spielte, baute er ihnen Schiffe, und die Kleinen ergötzten sich an diesem Zeitvertreibe nicht halb so sehr als ihr Vater, der in Gedanken auf allen diesen Schiffen nach seiner Insel fuhr. Seine Frau merkte wohl, daß ihn etwas beunruhigte, allein darauf verfiel sie nicht, daß er sich in seinem Alter wieder auf die See begeben wollte. Endlich stieg der Wunsch, seine Insel noch einmal vor seinem Ende zu sehen, bis zu einem solchen Ungestüme, daß er ihn nicht länger verbergen konnte; er entdeckte sich seiner Frau eines Abends bei dem Schlafengehen und bezeugte soviel Beharrlichkeit in seinem verwegnen Entschlusse, daß sie ihn weder durch Tränen noch Seufzer, noch Bitten, noch Gründe zu erschüttern vermochte. Da sie sahe, daß seine Begierde beinahe mit jedem Widerstande zunahm, wußte sie keinen andern Ausweg, als daß sie sich zu seiner Begleiterin anbot. Die zärtliche Betrübnis, womit sie dieses tat, und ihre Bereitwilligkeit rührte ihn so sehr, daß er in sich ging und sein Vorhaben ein wenig genauer überlegte. Er schämte sich vor sich selbst, daß er eine Frau, die er ungemein liebte, aus der Ruhe in die Gefahren des Seelebens mit sich hinreißen sollte; allein zu reisen und sie nie wiederzusehen, wenn er unterweges stürbe, war ihm ebenso empfindlich und schlechterdings unmöglich, weil sie fest entschlossen war, sich nicht von ihm zu trennen. Nach einem langen Streite zwischen Begierde und Überlegung wurde er endlich Herr über sich selbst: er suchte sich zu beschäftigen, weil er fand, daß die Muße seinem tätigen Geiste nur zur Unzufriedenheit täglich neue Nahrung gab. Er kaufte sich deshalb ein Gut in der Grafschaft Bedford, das sehr viele Verbesserungen bedurfte und ihm also hinlängliche Gelegenheit gab, alles auszuführen, was er auf seiner Insel tun wollte; er trocknete Moräste, ließ Graben ziehen, riß unfruchtbare Heiden um, säete Holz auf schlechte Felder und schuf das ganze Gut um, wo nicht allemal mit wirtschaftlichem Nutzen, so brachte er doch eine Veränderung hervor und bildete sich dabei ein, daß er sie auf seiner Insel hervorgebracht habe. Seine Wohnung war weit vom Meere entlegen, daß er also nicht leicht mit Seeleuten zusammenkommen und durch ihre Erzählungen mit dem Verlangen nach Seereisen angesteckt werden konnte; er warf sich so ganz in die ländliche Geschäftigkeit hinein, daß ihm keine Zeit zu Grillen und Wünschen übrigblieb. Wie wurde diese Ruhe so bald gestört! Seine Frau, die Seele aller seiner Entwürfe, die Regiererin seines Herzens, die mehr über ihn vermochte als seine eigne Vernunft, starb im Wochenbette. Nun war alle Glückseligkeit und Freude auf seinem Gute ausgestorben und ganz Engeland für ihn zu enge; er ließ die Wirtschaft gehen und stehen, wie sie wollte, und fand an der ganzen Landökonomie Ekel. Verdruß und Langeweile brachten ihm seine Seegrillen wieder in den Kopf, und er kannte kein ander Mittel, sich seines Grams zu entledigen, als wenn er ihn in die Wellen trüge; gleichwohl fiel es ihm schwer, sich von seinen Kindern zu trennen. Weil er glaubte, daß die Einsamkeit des Landes seinen Kummer und seine Unruhe vermehre, verkaufte er sein Gut und zog nach London, aber was half es ihm? Dort schmeckte ihm keine Beschäftigung, und hier hatte er keine, also fand er in London nicht mehr Zufriedenheit als in der Grafschaft Bedford, und in wenigen Tagen war ihm das großstädtische Getümmel so verhaßt wie die Stille seines Landgutes. Auf die See mit dem Manne! Sonst war kein Rat für ihn. Indem er schon wieder darauf sann, mit welchem Orte er London vertauschen sollte, erhielt er den Besuch eines Vetters, der von seiner ersten Reise zurückkam, die er als Patron nach Bilbao getan hatte; er erzählte dem Herrn Onkel, daß ihm von gewissen Kaufleuten der Antrag geschehen sei, eine Reise für sie nach Indien und China zu tun. Dem alten Robinson hüpfte das Herz im Leibe bei dieser Nachricht, er pries den jungen Menschen glücklich, daß ihm sein Alter erlaubte, so schöne Reisen zu tun und nicht immer auf einem Flecke zu bleiben wie ein Haushund an der Kette. – »Ja, wer noch Ihre Jugend hätte!« seufzte der Alte. »Wenn ich nur zehn Jahre wiederkriegen könnte, ich weiß, was ich täte!« – »Aber«, fiel ihm sein Vetter halb zum Scherze ins Wort, »Sie sind ja so alt noch nicht, daß Sie nicht so ein Gängelchen über die See tun könnten. Fahren Sie mit mir! Ich muß Brasilien berühren, von da ist ja nur ein Sprung bis zu Ihrer Insel. Ich schaffe Sie hin in Ihr kleines Königreich, wenn Sie wollen.« Robinson geriet außer sich vor Entzücken, seine ganze Stirne heiterte sich auf, er wußte selbst nicht, was er auf den Vorschlag seines Vetters antworten sollte; allein da dieser aus einem Scherze Ernst machte und alle Schwierigkeiten aus dem Wege räumte, die von einer solchen Unternehmung abschrecken konnten, so wurde Robinsons Wunsch zum Entschlusse, und es kam bloß darauf an, daß sein Vetter von den Kaufleuten, die ihm die Reise aufgetragen hatten, die Erlaubnis bekam, den Alten mitzunehmen. Noch war die Bedenklichkeit übrig, wie er von seiner Insel wieder zurückkommen sollte, da er nicht Lust hatte, sein Leben dort in kümmerlichen Umständen zu beschließen; sein Vetter konnte ihn auf seiner Rückreise aus Indien nicht wieder abholen, weil ihm dies einen Umweg von vielen Monaten verursachen würde, und dazu durfte er von seinen Kaufleuten nimmermehr Erlaubnis erwarten. Robinsons Begierde fand Mittel, auch diesem Hindernisse abzuhelfen: er schlug vor, daß man alles, was zu einer Schaluppe gehörte, nebst einigen Zimmerleuten mitnehmen sollte, die sie im Fall der Not zusammensetzen und auf der Insel vollends ausbauen könnten, und dieses Fahrzeug sollte ihn, wenn er seines Reichs überdrüssig wäre, nach dem festen Lande hinübertragen. Die alte Witwe I. Teil, Seite 123 . , welcher er bei seiner vorigen Reise einen Teil seines Vermögens anvertraute, wandte ihre Kräfte nochmals an, ihn von seinem Entschlusse abzubringen, aber da half nichts, er übergab ihr seine Kinder zur Erziehung, machte sein Testament, lieferte sein Vermögen in sichere Hände, die seinen Leibeserben nichts veruntreuten, ging mit seinem Franz an Bord und segelte glücklich ab. Er hatte sich mit den hauptsächlichsten Bedürfnissen versorgt, die seiner Kolonie fehlten: mit Leinwand, wollnen Zeugen, Strümpfen, Hüten, Schuhen, Küchengeräte, Eisen, Gewehr, Pulver, und mit allem in ziemlich großer Menge. Außerdem nahm er einige Handwerker mit sich, die dort auf seiner Insel arbeiten und bei seiner Rückkehr ihn entweder begleiten oder, wenn es ihnen gefiele, dort bleiben sollten; darunter waren zwei Zimmerleute, ein Schlosser, ein Schneider und ein sehr geschickter junger Mensch, der als ein allgemeiner Künstler gebraucht werden konnte, denn außer dem Böttcherhandwerke, das er eigentlich gelernt hatte, machte er Handmühlen, drechselte, verstund sich auf die Verfertigung irdener Gefäße und hatte in allem einen sehr anschlägigen Kopf. Diese Reise war überaus glücklich für unsern Abenteurer, aber desto unglücklicher für seinen Geschichtschreiber, denn sie lief so ganz ohne alle Gefährlichkeiten, Stürme und große Widerwärtigkeiten ab, daß man im eigentlichen Verstande nichts davon zu erzählen weiß als – er reiste ab und kam an. Widrige Winde hatte er zwar genug, aber widrige Winde sind in der Erzählung so langweilig wie auf der See, und sogar auch diese Unannehmlichkeit schlug zu seinem Vorteil aus, denn sie nötigte ihn, in den irländischen Hafen Galloway einzulaufen, und weil er die Lebensmittel und das Vieh dort im Lande sehr wohlfeil fand, kaufte er in den dreiundzwanzig Tagen, die er dort verweilen mußte, so viele Schweine, Kühe und Kälber ein, als er fortbringen konnte, um seine Insel damit zu bevölkern. Nicht eher als anderthalb Monate nach seiner Ausfahrt ereignete sich ein Vorfall, der Aufmerksamkeit verdiente. Jedermann auf dem Schiffe gähnte über die Einförmigkeit der Reise; wer nicht gerade wachen mußte, schlief vor Verdruß, um nur nicht das langweilige Wasser mehr anzusehn; endlich kam einmal des Abends der Bootsknecht, der Schildwache stund, mit der Nachricht, daß er in der Ferne einen hellen Schein sehe und einen Kanonenschuß gehört habe, und gleich darauf meldete ein Schiffsjunge, daß der Bootsmann eben itzt einen zweiten Schuß gehört habe. Gleich fuhr jedermann aus dem Schlafe auf und eilte auf den Oberlauf des Schiffes; man sah mit gespannter Aufmerksamkeit nach dem Scheine hin und stimmte einmütig in der Mutmaßung überein, daß ein Schiff in Brand geraten sein müßte. Nach der Gegend des Feuers zu urteilen, führte sie ihr Weg gerade dahin, und ob sie sich gleich der Flamme immer mehr näherten, ließ sich doch wegen der neblichten Luft lange nichts deutlich erkennen; ohngefähr eine halbe Stunde darauf trieb sie ein Lüftchen ein wenig schneller fort, der Nebel zerstreute sich, und vor ihren Augen stand ein brennendes Schiff, das wie ein rotglühender Klumpen auf der erleuchteten Oberfläche des Meers schwebte, aus welchem die knisternden Flammen wie feurige Wimpel emporwehten – ein schreckliches prächtiges Schauspiel! Das Schiff, worauf sich Robinson befand, löste sogleich fünf Kanonen, um den Unglücklichen die Nähe eines Schiffes zu berichten, damit sie alle Mühe anwendeten, um sich vielleicht in der Schaluppe zu retten. Man zog alle Segel bis auf das kleinste ein und fuhr langsam der Feuersbrunst näher; plötzlich flog das brennende Schiff mit Krachen in die Luft, und das Feuer erlosch, wahrscheinlich weil der eine Teil von entzündetem Pulver emporgesprengt und der andre untergegangen war. Es ließ sich vermuten, daß wenigstens einige Personen sich in der Schaluppe gerettet hatten und itzo auf dem weiten Meere in Angst und Ungewißheit herumirrten, ohne wegen der Dunkelheit den Ort finden zu können, wo Hülfe auf sie wartete; deswegen wurden auf Robinsons Schiffe die ganze übrige Nacht hindurch Laternen an allen Seiten ausgehängt und von Zeit zu Zeit eine Kanone abgefeuert. Früh um acht Uhr entdeckte man mit Hülfe der Ferngläser zwei Boote voller Leute, die das Schiff gesehen haben mochten und deswegen aus aller Kraft nach ihm zuruderten, aber wegen des widrigen Windes nicht geschwind fortrücken konnten; sie machten allerhand Zeichen, welches man auch auf Robinsons Schiffe tat, wo man zu gleicher Zeit mehr Segel aufspannte, um desto hurtiger zu ihnen zu kommen. Wirklich verging auch keine halbe Stunde, so waren sie schon beieinander; die freudige Behendigkeit, womit die Männer, Weiber und Kinder in einem begrüßenden Gewühl und mit lauter Dankbarkeit aus den Booten am Schiffe hinankletterten, ist unbeschreiblich; es waren beinahe sechzig Personen und darunter viele Passagiere. Nach geschehener Bewillkommung erzählte einer hier, der andere dort, wie das Feuer ausgekommen war. Das verunglückte Schiff kam von Quebec und hatte nach Frankreich gehen wollen, und durch die Unvorsichtigkeit eines Bootsknechts war es in so traurige Umstände versetzt worden. Mehr konnte man lange Zeit von den Geretteten nicht herausbringen, denn die Freude machte sie alle zu einer zusammenhängenden Erzählung unfähig und druckte sich mit desto mehr Lebhaftigkeit und Seltsamkeit an ihnen aus, da es Franzosen waren. Einige weinten, andre tanzten und sangen; hier lachte einer, dort rang ein anderer die Hände mit lauten Ausrufungen; einige stunden stumm und unbeweglich da, einige fluchten über die Nähe des Todes, in welcher sie gewesen waren, andre machten sich darüber lustig; alle schienen dem Tollhause entlaufen zu sein, und beinahe der Hälfte mußte zur Ader gelassen werden, um die Aufwallungen ihrer Freude zu mildern. Der französische Kapitän warf sich bald um Robinsons, bald um seines Vetters Hals und kannte in seiner Dankbarkeit weder Maß noch Ende. Das Bedenkliche bei dem Vorfalle war, was man mit einer solchen Menge Personen anfangen sollte, da die Vorräte nicht zureichten, um sie bis nach Ostindien mitzunehmen, und auch keiner unter ihnen Lust hatte, einen so weiten Weg ohne andre Absicht mitzumachen. Nichts ließ sich also für sie tun, als daß man seinen Lauf ein wenig nach der Seite hin nahm, wo man vermuten konnte, Schiffe aus Westindien anzutreffen, die sie vielleicht nach England oder Frankreich mit sich zurücknehmen würden. Auch dieser Vorschlag stund ihnen nicht an, sondern sie baten, daß das Schiff, da es einmal von seiner Fahrt zu weit nach Westen geraten wäre, diesen Weg vollends nach Terra nova fortsetzen möchte, wo sie ein Fahrzeug mieten und nach Kanada zurückkehren wollten. Ihr Verlangen wurde bewilligt: man fuhr nach Terra nova, setzte daselbst die Franzosen aus, und niemand blieb auf Robinsons Schiffe als ein französischer junger Geistlicher und vier Matrosen, welche Dienste nahmen. Der Himmel hatte sie auf dieser Reise zu guten Handlungen bestimmt, denn nicht lange darauf führte er ihnen schon eine zweite Gelegenheit herbei, ihre Menschenfreundlichkeit zu beweisen. Sie begegneten einem Schiffe, welches in zween Stürmen den hintersten Mastbaum, die Oberstange am großen Maste und den Bogspriet eingebüßt hatte und also sehr wenig Herr seines Laufes war; es hatte zu wenig Segel, um den Wind recht zu fassen, und auch keine erfahrnen Personen, die es hätten regieren können, denn es war von Barbados, woher es kam, um nach Bristol zu gehn, einige Tage vorher, ehe es absegeln sollte, zu einer Zeit, als der Kapitän und sein erster Substitut am Lande waren, durch einen plötzlichen Sturm in die See hineingetrieben worden. Nicht lange darauf mußte es einen zweiten Sturm ausstehen, der es noch weiter verschlug und in den kläglichen Zustand versetzte, worinne es sich itzo befand. Außer der Entkräftung, die den armen Leuten der Kampf mit zween so gewaltigen Stürmen verursacht hatte, wurden sie noch mehr durch den Hunger entkräftet; seit eilf Tagen war nicht eine Unze Brot oder Fleisch über ihre Lippen gegangen, alle Vorräte waren aufgezehrt, und sie hatten sich nur aus dem Untergange herausgearbeitet, um vom Mangel getötet zu werden. Robinson vermochte soviel über seinen Vetter, daß er sich entschloß, die Unglücklichen mit Proviant zu versorgen, wenn er auch wegen dieses Beistandes genötigt werden sollte, sich nach Virginien oder einer andern amerikanischen Küste zu wenden und neuen Vorrat anzuschaffen. Aber je erwünschter den Ausgehungerten diese Hülfe war, je verderblicher hätte sie ihnen beinahe werden können: sie fielen mit einem solchen Ungestüm über die Speisen her und genossen sie so hastig, daß einige dem Tode nahe kamen. Der Schiffschirurgus machte deswegen eine Suppe für sie, die den kraftlosen Eingeweiden Stärke und Nahrung zuführen sollte, um sie dadurch zur Bearbeitung der härtern Speisen vorzubereiten. Man sahe sich sogar genötigt, eine Wache vor die Küche zu stellen, aus Furcht, das Schiffsvolk möchte das Fleisch aus den Kesseln ungekocht herausreißen; selbst diese Vorsicht wäre nicht zureichend gewesen und die Küche von den hungrigen Matrosen gewiß aufgesprengt worden, wenn sie nicht Robinson mit der Drohung abgeschreckt hätte, daß er ihnen seinen Beistand ganz versagen werde, wofern sie nur die mindeste Unordnung erregten. Man gab ihnen anfangs sehr kleine Portionen, die gleichwohl manchem übel bekamen, weil er sie mit zu vieler Hastigkeit hinuntergeschluckt hatte, und durch allmähliche Vergrößerung derselben brachte man ihre Magen stufenweise wieder dahin, daß sie ohne Nachteil gefüllt werden konnten wie sonst. Am traurigsten war der Zustand der Reisenden, die sich auf dem Schiffe befanden; sie hatten ihren eignen Vorrat aufgezehrt und weder für Geld noch durch Bitten etwas bekommen können, weil ein jeder unter den übrigen Mühe genug hatte, seinen eignen Hunger zu stillen. Es war eine Familie, die aus einer Mutter, ihrem Sohne und einer Magd bestund; alle drei hatten seit einigen Tagen gar nichts zu sich genommen und wurden deswegen von jedermann für tot gehalten. Robinson ging zu ihnen in ihre Kammer und fand sie auf der Erde sitzend, die niederhängenden Köpfe an Stühle gelehnt. Die Mutter hatte aus Liebe zu ihrem Sohne sich die Nahrung abgebrochen und war dem Tode deswegen völlig nahe, sie atmete zwar noch äußerst schwach, aber Empfindung, Sinn und Bewußtsein waren ganz erloschen, ihr Kopf zwischen beide Schultern hineingesunken und ihr Körper nichts als ein Knochengerippe, mit Haut überzogen; man schüttete ihr einen Löffel voll von der Brühe in den Mund, womit man die übrigen wieder gestärkt hatte, allein alle Bemühungen blieben fruchtlos, weil der Schlund vom langen Fasten so zusammengeschrumpft war, daß nichts durch ihn in den Magen hinabfließen konnte, und alle Muskeln und Fibern hatten durch die Auszehrung des Hungers die Kraft zum Schlucken verloren. Sie zeigte mit dem Finger langsam auf ihren Sohn und starb. Der junge Mensch und die Magd hatten mehr Kräfte zuzusetzen gehabt als die alte Mutter und wurden also durch die Sorgfalt des Wundarztes gerettet, aber der erste Anblick dieser beiden Leichengestalten war schrecklich. Der Sohn, ein Stück zernagtes Leder zwischen den Lippen, wovon er bereits viel hinuntergeschluckt hatte, mit verzerrten Gesichtszügen und bleich wie ein Toter, die Magd mit eingeschlagenen Daumen, knirschenden Zähnen, aus allen Kräften mit Füßen und Kopf angestemmt, mit Schmerz und Tode ringend! Robinson mußte sich wegwenden, so erschütterte ihn das Bild. Ob man gleich beide wieder zu sich brachte, so brauchte es doch lange Zeit, ehe man ihrer Genesung völlig gewiß wurde, besonders mußte man sehr für ihr Gehirn fürchten, das einige Tage ganz verrückt war. Bei einem Besuche auf offner See darf man nicht viel Zeit verschwenden, und Robinson mußte deswegen, sobald er diesen Unglücklichen einige Hülfe verschafft hatte, sich von ihnen trennen, um sich nicht auf seiner Fahrt zu verspäten. Auf seine Vorstellung versorgte sie sein Vetter mit Mundvorrate von aller Art, soviel er ohne eigne Gefahr entbehren konnte; den jungen Menschen nebst der Magd und einem Geistlichen nahm er auf sein Schiff und überließ die übrigen der Fürsorge des Himmels. Wahrscheinlich sind sie mit ihrem äußerst beschädigten Schiffe bei dem ersten Sturme untergegangen, denn Robinson gab dem Kapitän einen Brief an die Anverwandten des jungen Menschen mit, den er gleich nach seiner Ankunft in Bristol abgeben sollte, und dieser Brief ist niemals abgegeben worden, wie es sich in der Folge auswies. Nach zwo so auszeichnend guten Handlungen, wozu ihnen der Zufall verhalf, ohne die mindeste eigne Widerwärtigkeit, die erzählt zu werden verdiente, bekam endlich Robinson seine geliebte Insel zu Gesichte; es kostete ihm viele Mühe, sie wiederzufinden, und er kreuzte oft vor ihr vorbei, ehe er sie erkannte, weil er sie von einer Seite sah, von welcher er sie vormals noch nicht erblickt hatte; auch betrog ihn die Voraussetzung, daß ihr gegenüber ein festes Land sein müßte, allein was er sonst für festes Land gehalten hatte, war nur eine langgedehnte Insel, wie er itzo wahrnahm. Sobald als er sie gefunden hatte, rief er Franzen und fragte ihn, ob er nunmehr wüßte, wo er wäre; der Bursche sahe lange Zeit mit starrem Blicke nach der Insel hin, schlug endlich in die Hände und rief: »Ja, ja, ja!« Er zeigte mit dem Finger Robinsons Palast, zeigte den kleinen Meerbusen, zeigte an dem Ufer bald hier, bald dort einen Platz, wo er gesessen oder sonst etwas getan haben wollte, singend und springend, als wenn ihm die Freude den Verstand verrückt hätte; es kostete viele Mühe ihn zurückzuhalten, daß er sich nicht in das Meer warf und zum Lande hinüberschwamm. »Was meinst du, Franz?« fing Robinson an, »werden wir wohl deinen Vater noch am Leben finden?« – bei dem Worte »Vater« wurde das gutherzige Geschöpf äußerst gerührt, und die Tränen tröpfelten ihm in Menge aus den Augen. »Tot, tot wird er sein!« sprach er schluchzend. Sein Herr tröstete ihn und befahl ihm, sich fleißig umzusehen, ob er eine menschliche Figur auf der Insel gewahr werden könnte; Franz gehorchte dem Befehle desto williger, weil er ohnehin schon vor Ungeduld brannte, eine solche Entdeckung zu machen, und nicht lange darauf versicherte er freudig, daß er auf dem Felsen hinter Robinsons ehmaliger Wohnung viele Menschen sähe. Der Alte wollte ihm nicht glauben, weil sie wenigstens noch eine halbe Stunde vom Lande waren, allein mit Hülfe des Perspektivs erblickte er gleichfalls etwas, das Franzens Versicherung zu bestätigen schien, und den Tag darauf wies es sich aus, daß Franz recht hatte; es waren fünf oder sechs Personen von den Einwohnern der Insel, die sich auf den Felsen stellten, um das ankommende Schiff zu beobachten. Sogleich ließ Robinson die englische Flagge aufstecken und zween Kanonenschüsse tun, um zu zeigen, daß sie Freunde wären, und eine Viertelstunde darauf stieg auf der Insel neben dem kleinen Meerbusen ein dicker Dampf empor, welches man als ein Zeichen der Beantwortung annahm. Man setzte das große Boot aus, steckte eine weiße Friedensfahne auf, und Robinson und Franz nebst dem jungen Geistlichen, dessen vorhin Erwähnung geschehen ist, und sechszehn bewaffneten Leuten begaben sich hinein und fuhren gerade nach dem Ufer zu. Als sie in dem kleinen Meerbusen einliefen, kam ihnen eine Menge von den Einwohnern der Insel, alle bewaffnet und mit einer Friedensfahne entgegen; der erste, der sie anführte und die Fahne trug, war der Spanier, den Robinson vormals aus den Händen der Wilden errettete I. Teil, S. 107 . , die ihn zu einem Gerichte bei ihrem grausamen Siegesmahle bestimmt hatten. Er erkannte ihn augenblicklich und befahl deswegen, daß jedermann im Boote bleiben und bei Vermeidung der härtesten Strafe keinen Fuß ans Land setzen sollte, er wollte allein aussteigen, um sich seinen Vasallen und Untertanen zu erkennen zu geben; doch Franz war nicht zurückzuhalten, er hatte in einer weiten Entfernung hinter dem Truppe seinen Vater daherschleichen sehn und drängte sich in der Berauschung seiner kindlichen Liebe durch alle hindurch, um dem Vater zuzueilen. Er flog wie ein Pfeil mit offnen Armen auf ihn zu, drückte ihn an die Brust, küßte ihn, setzte ihn nieder auf den Stamm eines Baumes, kniete vor ihm hin und sah ihm steif ins Gesicht, ohne ein Wort zu sprechen, indessen daß ihm Träne auf Träne über die glühenden Wangen herabrollte; bald ergriff er plötzlich seine Hände und küßte sie, bald stund er auf, bald setzte er sich zu ihm und sah ihn von neuem an, als wenn er sich an dem Anblicke nicht sättigen könnte; mit diesem stummen Schauspiele brachte er über eine Viertelstunde zu. Seit dieser Zeit ließ er ihn nicht mehr von der Seite. Des Morgens darauf ging er mit ihm einige Stunden am Ufer spazieren und führte ihn am Arme wie eine Geliebte; alle fünf Minuten lief er einmal in das Boot, um etwas für ihn zu holen, itzt ein Stück Zucker, itzt ein Glas Branntwein, itzt einen Zwieback, er war ganz verlegen, was und wie er ihm genug zugute tun sollte. Nachmittags wurde seine Freude am ausschweifendsten: er setzte den Alten auf die Erde und tanzte mit tausend lächerlichen Gebärden um ihn herum, dabei erzählte er ihm bald singend, bald sprechend die vornehmsten Begebenheiten seines bisherigen Lebens seit ihrer Trennung. Der Affekt hatte sich seiner so sehr bemeistert, daß er im Betragen und Ausdruck der Freude wieder völlig zum Wilden wurde. Mit gleichem Vergnügen, das sich aber auf europäische Art ausdrückte, wurde Robinson von dem Spanier bewillkommt, ob es gleich anfangs Mühe kostete, ihn zu überreden, daß es Robinson wirklich sei; vor Erstaunen bestürzt und sprachlos, gab der Spanier, als er seinen ehmaligen Erretter erkannte, die Fahne und Flinte einem seiner Begleiter und umarmte den unerwarteten Gast unter allen möglichen schmeichelnden Komplimenten, die ihm die spanische Höflichkeit eingab. Robinson wurde bei Erblickung so vieler Gegenstände, die ihn an so mancherlei Kummer, Beschwerlichkeit, Angst und Not erinnerten, in eine Rührung versetzt, die ihm oft eine stille Träne auspreßte, indem er an der Hand seines Freundes sich zu seiner vorigen Wohnung führen ließ; der Zugang zu ihr war so sehr verändert, daß er für sich den Weg nimmermehr gefunden hätte; die Bäume, die er ehmals um sie herum pflanzte, waren zu einem dichtverwachsenen Walde geworden, und man hatte sie durch viele neue vermehrt, die in einer so seltsamen Ordnung durcheinander stunden, daß sich der Weg durch unendliche verborgne Krümmungen wie ein Irrgarten hin und her zog und von niemandem, der ihn nicht genau wußte, auskundschaften ließ. Robinson fragte nach der Ursache, die ihnen eine solche starke Befestigung angeraten hätte. »Unsre Sicherheit!« antwortete der Spanier. »Die Bösewichter, die wir bei unserer Zurückkunft auf der Insel fanden Darunter versteht er die englischen Matrosen, die mit dem Schiffe ankamen, worauf Robinson nach Hause reiste; die Ankunft des Schiffes geschah während der Abwesenheit des Spaniers, den er mit Franzens Vater nach dem festen Lande geschickt hatte. Man sehe I. Teil, S.  111 , 112 , 123 . , haben uns soviel Unruhe gemacht, daß wir keine andre Wahl als zwischen Gegenwehr und Knechtschaft hatten, denn sie wollten nicht nur unsre Herren, sondern sogar unsre Mörder werden, und wir mußten sie daher um unserer Sicherheit willen entwaffnen und uns unterwerfen.« – Robinson wurde durch diesen Anfang, der eine sehr kriegerische Geschichte erwarten ließ, desto begieriger, den ganzen Verlauf derselben zu erfahren, und sein Freund vertröstete ihn bis auf den Abend, wo er ihm nach einer nüchternen Mahlzeit alles umständlich erzählen wollte. Wie ein Mensch, der nach langer Abwesenheit zu dem Aufenthalte seiner ersten Jahre zurückkömmt, wo jeder Baum, jeder Winkel ihn an eine kindische Ergötzlichkeit oder einen kindischen Schmerz erinnert, mit der nämlichen Empfindung trat Robinson in die Hütte, die er sein Schloß nannte; allenthalben erblickte er Werke seines Fleißes, seiner Erfindsamkeit, allenthalben Örter, wo er sich über eine bevorstehende Not geängstigt, über ein ausgestandnes oder abgewendetes Unglück gefreut, wo er sich mit den Gespenstern der Einbildung herumgeschlagen, wo er den Tod erwartet, wo er ein unvermutetes Rettungsmittel wider eine große Verlegenheit gefunden oder über eine gelungne Arbeit triumphiert, wo er geweint, gelacht, gehungert, sich gelabt, gefürchtet, gehofft hatte; mit süßer Erinnerung überlief er die ganze Geschichte seines mühevollen Lebens und erzählte den Umstehenden mit froher Geschwätzigkeit bei jedem seiner Kunstwerke, wie ihn der Zufall darauf geführt, wie lange er daran gearbeitet, wie er dabei geschwitzt habe; er konnte des Erzählens und der Freude kein Ende finden. Unterdessen mußte das Boot zu dem Schiffe zurückfahren, um die mitgebrachten Handwerksleute und Vorräte, die für die Kolonie bestimmt waren, herbeizuholen; die armen abgerißnen Insulaner empfingen Kleidung und Speisen, die sie seit so vielen Jahren nicht genossen hatten. Robinsons Vetter, als er die Arbeiten seines Onkels gesehn und bewundert hatte, begab sich wieder an Bord, und der junge Geistliche, der junge Mensch und die Magd, die unterweges zu ihnen kamen, blieben auf der Insel. So fröhliche Gesichter und Herzen waren noch nie in dieser Einöde gewesen wie itzo; einer zeigte dem andern seine neue Kleidung, jeder fragte die angekommenen Europäer nach Nachrichten und Begebenheiten aus der Alten Welt, einer lief wider den andern, um Anstalten zur Bewirtung ihres Monarchen zu machen. Die Mahlzeit war auf allen Seiten äußerst vergnügt, doch Robinson brannte so sehr vor Ungeduld, die Geschichte der Kolonie während seiner Abwesenheit zu erfahren, daß er so bald als möglich die Tafel aufhob, um mit dem Spanier allein zu sein, der ihm die verlangte Erzählung versprochen hatte, und kaum waren sie es, als schon Robinson den Faden der Begebenheiten anknüpfte und nach der Ursache fragte, die ihn damals so lange auf dem festen Lande zurückgehalten hätte, als er dahin geschickt worden war, um seine übrigen Landsleute auf die Insel herüberzubringen. I. Teil, S. 111 , 113 . »Nichts war daran schuld«, antwortete der Spanier, »als die Schwierigkeit, ein Fahrzeug zu finden, worinne wir meine Kameraden und die wenigen Habseligkeiten, die wir aus dem Schiffbruche gerettet hatten, herüberbringen konnten, denn das Kanot, auf welchem ich mit Franzens Vater hinüberfuhr, war zu klein für uns alle, da wir aus achtzehn Personen bestunden. Nachdem wir lange vergebens damit umgegangen waren, ein paar neue Kähne zu bauen, entschlossen wir uns zu einem Diebstahle, den uns die Notwendigkeit verzeihlich zu machen schien. Wir borgten von unsern Nachbarn, den Wilden, so viele Kanots, als wir brauchten, unter dem Vorwande, als wenn wir auf den Fischfang ausfahren wollten, und versprachen zur Erkenntlichkeit, unsre Beute mit ihnen zu teilen; die faulen Wilden, die gern in Ruhe zu Hause blieben und sich pflegten, gingen einen solchen Vorschlag mit Freuden ein, weil sie etwas zu essen bekommen sollten, ohne daß sie sich darum bemühen durften. Kaum waren wir weit genug in der See, so nahmen wir unsern Weg mit aller möglichen Geschwindigkeit nach dieser Insel; wir langten auch glücklich an, aber wie erstaunten wir, als wir statt meines Freundes, statt des Robinsons, von dem ich meinen Landsleuten so viele angenehme Hoffnungen gemacht hatte, fünf Engländer fanden, denen zum Teil die Bosheit und Grausamkeit aus jeder Miene hervorleuchtete! Sie nahmen uns zwar ohne Weigerung auf und übergaben uns einen Brief, den du an uns zurückgelassen hattest und der die Veranlassung deiner so schnellen Abreise enthielt nebst einem umständlichen schriftlichen Unterrichte über die Art der Haushaltung, die du hier geführt hattest, wie und wenn wir säen, ernten, wie wir backen, kochen, Gefäße machen und überhaupt für unsre Bequemlichkeit und unser Bedürfnis sorgen sollten, allein dies war die einzige und letzte Billigkeit, die sie uns erzeigten. Der Brief, den sie uns übergaben, erteilte uns das Recht, alle Vorräte mit den fünf Engländern gemeinschaftlich zu genießen und gemeinschaftlich mit ihnen die Insel zu bauen und zu bewohnen; sie machten uns auch dieses Recht nicht streitig, sondern lebten mit uns friedfertig in dieser Wohnung, aßen und tranken mit uns an einem Tische; aber so gern sie den Genuß mit uns teilten, sowenig wollten sie die Arbeit mit uns teilen; sie gingen den ganzen Tag müßig oder schweiften auf der Insel herum, schossen Papageien, fingen Schildkröten, und wenn wir uns müde gearbeitet und das Essen mit großer Beschwerlichkeit zubereitet hatten, dann setzten sich die Müßiggänger an unsern Tisch und verzehrten, was uns unsern Schweiß kostete. Schon die Verschiedenheit der Sprache, der Religion und des Vaterlands machte keine sonderliche Einigkeit unter uns möglich; außer mir und noch einem unter meinen Kameraden verstund niemand englisch, und die fünf Engländer wußten kein spanisches Wort und hatten auch keine Lust, es zu lernen, sondern bezeugten vielmehr gänzliche Verachtung gegen unser Vaterland und unsre Sprache. Es fielen daher häufige Zänkereien zwischen beiden Teilen vor, und ich tat zu Vermeidung derselben den gutgemeinten Vorschlag, daß sie sich von uns trennen und an einem andern Teile der Insel anbauen sollten; wir versprachen ihnen dabei alle mögliche Hülfleistung, Samen und einen Vorschuß an Getreide bis zu ihrer nächsten Ernte. Zween unter ihnen waren so billig und nahmen meinen Vorschlag an, besonders fanden sie es sehr vernünftig, daß wir nicht alle auf einem Flecke beisammenwohnten und den übrigen Teil der Insel ungebaut ließen, da wir sonst unsre Felder zu weit von der Wohnung anlegen und dadurch den Ackerbau erschweren müßten, der ohnehin wegen der mangelhaften Werkzeuge sehr langsam vonstatten ging; sie gestunden mir offenherzig, daß sie schon längst besorgt hätten, wir würden einmal bei einem Mißwachse alle zusammen Not leiden, wenn wir uns nicht in kleinere Haufen zerteilten, und daß sie bloß durch die Furcht vor ihren Landsleuten abgehalten worden wären, so etwas anzuraten. So bereitwillig wir diese beiden fanden, so hartnäckig bewiesen sich die übrigen drei. ›Vertreibt uns, wenn ihr könnt!‹ war ihre Antwort auf meinen Vorschlag. ›Gott straf mich! Ihr mögt lange warten, bis Ihr uns fortbringt.‹ – Ich setzte ihnen mit Güte und mit Schärfe zu, aber es half nichts, sie blieben auf ihrem Sinne und schwuren einige Dutzend ›Gott straf mich!‹ God damm me, der Lieblingsfluch des gemeinen Volks in England. , daß wir eher unter ihren Händen sterben, als sie von uns treiben sollten. Sie lachten und spotteten auf das grausamste über die beiden andern, daß sie so einfältig wären, sich von uns verjagen zu lassen und das bequemste Leben mit Arbeit und Mühseligkeit zu vertauschen. Um einem Blutvergießen vorzubeugen, beschlossen wir, die Faulen noch einige Zeit unter uns zu dulden und sie vielleicht allmählich zur Vernunft zu bringen, dies Nachgeben machte die Bösewichter noch schlimmer. Die übrigen beiden wurden zwar unaufhörlich von ihnen aufgehetzt, aber sie beharrten in ihrem guten Vorsatze und bauten sich in der mitternächtlichen Hälfte der Insel mit unsrer Beihülfe Wohnungen und bequemten sich zum Ackerbau; wir lebten in sehr freundschaftlichem Vernehmen, halfen uns in der Not wie gute Nachbarn, und unser beiderseitiger Fleiß machte die Not unter uns selten. Kaum hatten sie die erste Ernte getan, so kamen die drei Faulenzer schon auch bei ihnen zu Gaste, und da sie nichts im guten herauspressen konnten, brauchten sie Gewalt. Die Bedrängten baten uns um Hülfe, und wir drohten den Räubern den Tod, wenn sie diese Leute nicht in Ruhe ließen; sie mußten unsrer Übermacht weichen und flüchteten in die Wälder. Nunmehr waren wir desto schlimmer daran: sie behandelten uns als Feinde, da wir ihnen kein Brot mehr geben wollten, und jede Nacht mußte die eine Hälfte von uns auf den Feldern wachen, damit sie nicht verwüstet wurden. Wir konnten es wegen unsrer starken Anzahl wohl aushalten, aber die armen beiden Engländer mußten geben, was ihnen jene drei Räuber abfoderten, und da sie nichts mehr zu geben hatten, zündeten ihnen die Bösewichter ihre Wohnungen an. Sie retteten sich zu uns und erboten sich zu der beschwerlichsten Arbeit, wenn wir ihnen Unterhalt und Schutz dafür gäben; wir bewilligten ihnen beides unter der Bedingung, daß sie uns völligen Gehorsam versprächen, sie gelobten ihn förmlich an und wurden also unsre Knechte , die uns desto nötiger waren, da sich durch die Nachtwachen jedesmal ein Teil von uns zur Tagesarbeit untüchtig machte. Die Beschwerlichkeit, beständig wider einen Feind auf der Hut zu sein, wurde in der Länge so drückend für uns, daß wir den Frieden wünschten; unsre Feinde wünschten ihn gleichfalls, weil sie wegen unsrer Wachsamkeit nichts von unserm Vorrate stehlen konnten und deswegen beinahe verhungerten. Vom Mangel gedrungen, erboten sie sich freiwillig zur Arbeit und zum Gehorsam, wenn wir sie wie ihre andern beiden Landsleute unter uns aufnehmen und ihnen den nötigen Unterhalt geben wollten; wir gestunden ihnen ihr Verlangen ohne Weigerung zu und hofften, nunmehr auf immer ruhig zu bleiben, so gut ließen sie sich anfangs an. So brachte der Mangel und die Schwäche wider einen mächtigern Feind die erste Knechtschaft unter uns hervor. Die beiden gutgesinnten Engländer waren nur auf eine bestimmte Zeit unsre Knechte geworden, und wir hielten es für billig, sie ihres Dienstes zu entlassen, da dieser Zeitraum verflossen war; sie bauten ihre Wohnungen wieder auf und fingen den Ackerbau von neuem für sich an, und teils um unsern Schutz noch ferner zu genießen, wenn sie etwa ihre Landsleute wieder beunruhigen sollten, teils aus Erkenntlichkeit für den Samen, den wir ihnen vorstreckten, und die Hülfe, die wir ihnen bei ihrem Aufbauen leisteten, versprachen sie uns von jeder Ernte eine gewisse Abgabe und wurden uns auf diese Weise zinsbar . Die andern drei wurden ihres Fleißes bald überdrüssig, beschwerten sich, daß wir sie wie Sklaven hielten, da sie doch nur unsre Knechte zu sein versprochen hätten, und weigerten sich, die auferlegte Arbeit zu tun. Wir stellten ihnen vor, daß sie uns beständigen Gehorsam angelobt und dadurch das Recht gegeben hätten, sie mit gewaffneter Hand zur Haltung ihres Versprechens zu zwingen, allein sie fluchten, schwuren, tobten und gingen müßig wie zuvor; da sie ihrerseits die Bedingungen so schlecht erfüllten, unter welchen wir sie aufgenommen hatten, so glaubten wir gleichfalls die unsrigen nicht halten zu dürfen und entzogen ihnen den Unterhalt; darüber wurden sie äußerst unwillig, entwanden uns heimlich Gewehr, beraubten unsre Vorratskammern und entwichen des Nachts. Glücklicherweise waren damals unsre Äcker leer, sonst würden sie unfehlbar die nämliche Verwüstung erlitten haben, die unsre Bäume betraf: einen Teil davon hatten die Gewissenlosen niedergehauen und einen noch größern beschädigt, daß wir die Hälfte des Haines um unsre Wohnung neu anpflanzen mußten. Dabei ließen sie es nicht bewenden: sie wiegelten ihre beiden Landsleute wider uns auf und überredeten sie durch Drohungen und Versprechungen, daß sie uns den versprochenen Tribut nicht mehr bezahlten. Was konnten wir tun, als daß wir sie durch die Vorstellung der Billigkeit und durch Drohungen zu ihrer Pflicht zurückzubringen suchten! Entweder aus guter Denkungsart oder aus Furcht vor unsrer Übermacht versicherten sie bei jeder Erinnerung, die wir ihnen taten, daß sie ihre Schulden nächstens abtragen würden; aber wenn sie es auch willens waren, so durften sie es doch vor ihren Aufhetzern nicht wagen, die sie mit Feuer und Tode bedrohten, wenn sie uns länger zinsbar blieben, auch fiel ihnen die Bezahlung wirklich zu schwer, weil sie die drei Räuber ernähren mußten. In der Länge fanden sie gleichwohl ihre Rechnung bei der Verbindung mit ihnen, denn die Diebesbande stahl uns alles, was sie in ihre Gewalt bekommen konnte, und teilte den Raub mit unsern ungehorsamen Zinsleuten. So großen Schaden sie uns auf diese Weise zufügten, so war ihnen dieses doch nicht genug: sie wollten unsre Herren werden, sich unsrer Wohnung, unsrer Äcker und Personen bemächtigen und uns zu ihren Knechten machen, damit sie in Überfluß und Müßiggange leben und nur ihrem Vergnügen nachhängen dürften. Dies feindselige Projekt teilten sie ihren beiden Landsleuten mit, suchten ihren Neid wider unsre größern und fruchtbarern Felder zu erregen und ermunterten sie zu einem Angriffe. Furcht, Neid und Eigennutz vermochten endlich soviel über sie, daß sie mit unsern Feinden ein Bündnis wider uns errichteten und dabei die Verabredung nahmen, uns im Schlafe zu überfallen, zu binden und so lange zu quälen, bis wir ihnen Gehorsam und Knechtschaft angelobten. Sie führten ihr gewalttätiges Vorhaben wirklich aus, überraschten uns im Schlafe und bekamen drei von den unsrigen in ihre Hände, die sie gebunden mit sich fortschleppten, um sie zu ihren Sklaven zu machen. Wir waren den Raub nicht einmal gewahr worden, sondern glaubten, als wir unsre Kameraden vermißten, daß sie uns aus Untreue verlassen und sich zu unsern Feinden geschlagen hätten. Voller Zorn über eine solche Gewissenlosigkeit zogen wir aus, um die Ungetreuen wieder zu uns zurückzubringen, allein es war uns unmöglich, weil unsre Feinde in die Wälder flüchteten, wo wir ihnen nicht nachsetzen konnten, da wir befürchten mußten, daß sie während unsrer Abwesenheit unsre Wohnung verheerten. Wir besorgten jeden Augenblick einen Angriff, stellten Wachen aus und brachten die ganze Nacht unter dem Gewehr zu; gegen Morgen fanden sich unsre vermißten Landsleute unvermutet wieder ein und rissen uns durch die Erzählung ihrer Schicksale aus dem Verdachte, den wir gegen ihre Treue gefaßt hatten. Sie waren den Engländern entlaufen, die ihnen den kümmerlichsten Unterhalt und die härtesten Arbeiten bestimmten. Nun dachten wir auf Rache: wir sahen voraus, daß unsre Ruhe nimmermehr dauerhaft sein könnte, wenn wir uns nicht zu Herren der ganzen Insel machten und unsre Feinde unter das Joch brächten. Wir teilten uns also in zween Haufen: der eine blieb hier in unsrer Wohnung, um sie zu verteidigen, der andre zog aus, um die Feinde aus den ihrigen zu vertreiben. Da sie nur wenig Gewehr und einen kleinen Pulvervorrat hatten, so floh der unbewaffnete Teil bei der Ankunft unsers Truppes, und die übrigen folgten ihm sehr bald nach, weil wir stärker waren und zu heftig auf sie feuerten; einer von den Fliehenden bekam eine so starke Wunde, daß er zurückblieb und unser Kriegsgefangner wurde. Wir bemächtigten uns aller ihrer Werkzeuge, die sie zum Ackerbau brauchten, aller ihrer Gefäße und Vorräte und zerstörten ihre Hütten, damit sie keine sichere Zuflucht hatten und durch Hunger gezwungen wurden, sich uns auf Gnade zu ergeben. Dies geschah auch wirklich in einigen Tagen: einer von ihnen kam als Gesandter und bat um Frieden. Wir konnten ihn unter keiner andern Bedingung zugestehn, als wenn sie unsre Sklaven würden; diese Bedingung, so hart sie war, machte uns teils unsre Ruhe nötig, teils war es auch Wiedervergeltung, da sie die beiden Leute, die sie uns so diebischerweise des Nachts raubten, auf die nämliche Weise behandelt hatten. Sie wollten nicht einwilligen, und der Krieg ging von neuem an. Sie wagten in der Verzweiflung das Äußerste, drangen wütend in unsre Wohnung und suchten schlechterdings entweder Tod oder Sieg. Wir fielen ihnen in den Rücken, umzingelten sie und nahmen sie insgesamt gefangen. Nun konnten sie kein ander Schicksal erwarten, als welches wir ihnen schon angedroht hatten: der Sieg hatte sie in unsre Gewalt gebracht und gab uns das Recht, ebenso mit ihnen zu verfahren, wie sie uns begegnet wären, im Fall daß sie uns überwanden. Die beiden, welche uns schon einmal zinsbar gewesen waren, beteuerten ihre Unschuld auf das stärkste und bezeugten die lebhafteste Reue, daß ihre Landsleute sie zur Rebellion wider uns gezwungen hatten; aus diesem Grunde ließen wir sie nach einer Gefangenschaft von einigen Tagen wieder frei, und da ihr Wohnplatz und alle ihre Habseligkeiten durch die Eroberung unser Eigentum geworden waren, so gaben wir sie ihnen nur als Vasallen in Besitz, sie mußten uns den Eid der Treue schwören, Beistand angeloben, sooft wir ihn von ihnen verlangten, und es stand in unsrer Macht, ihnen Wohnung und Geräte wieder zu nehmen, wenn sie wider den versprochenen Gehorsam fehlten. Die übrigen drei Kriegsgefangenen wurden in beständiger Verwahrung und Aufsicht gehalten und mußten alle Arbeiten verrichten, die wir von ihnen foderten. Seit dieser Zeit dauerte der Friede lange unter uns; wir Spanier machten eine Art von Republik aus, in welcher ziemliche Einigkeit herrschte, und unsre beiden Vasallen waren sehr wohl mit unsrer Oberherrschaft zufrieden, weil sie uns einen sehr geringen Tribut bezahlen mußten, und außerdem fühlten sie gar nicht, daß sie uns unterworfen waren. Eine so glückliche Ruhe wurde zuerst durch den Geist der Uneinigkeit unterbrochen, der sich in unsre Gesellschaft einschlich. Wir hatten weder Gesetze noch Verfassung, nicht einmal ein abgeteiltes Eigentum, sondern was wir durch gemeinschaftliche Arbeit gewannen, verzehrten wir gemeinschaftlich; dies einzige war unter uns verabredet, daß wir bei Beratschlagung über ökonomische Geschäfte oder bei künftigen kriegerischen Unternehmungen jedesmal die Stimmen sammeln und weder in der Haushaltung noch im Ackerbau, noch im Kriege etwas tun wollten, wenn es nicht die meisten unter uns gebilligt hätten. So genau wir dies beobachteten, so entstunden doch bald mancherlei Klagen: der eine schalt den andern, daß er zu wenig arbeitete, dieser wollte einen Vorzug haben, weil er mehr arbeitete als jener, und da man sah, daß der Fleißige am Ende nichts mehr hatte als der Faule und daß sich der eine so satt aß wie der andre, er mochte viel oder wenig getan haben, so wurde ein jeder faul, und unsre Ernten litten so sehr darunter, daß ich unsern Untergang besorgte; ich tat deswegen den Vorschlag, ein jeder möchte sich soviel Feld nehmen, als er zu brauchen gedächte, wir sollten die Vorräte und Werkzeuge teilen und ein jeder für sich wirtschaften und sich nach Beschaffenheit seines Fleißes satt essen oder hungern. Man hielt dies allgemein für das einzige Mittel, allen Klagen und aller Gefahr des Mangels abzuhelfen, und wir nahmen die Teilung sogleich vor; die Arbeit unsrer drei Sklaven blieb gemeinschaftlich, sie wurden von uns gemeinschaftlich genährt, und was sie säeten und ernteten, teilten wir untereinander. Wir glaubten allem Unheile vorgebeugt zu haben, aber nun ging es erst recht an. Der eine hatte ein schlechteres Stückchen Boden bekommen als sein Nachbar und mußte also mehr arbeiten, wenn er ebensoviel ernten wollte; jener war unordentlich, konnte nicht auskommen und fiel seinen Nachbarn mit Borgen beschwerlich; die Nachlässigkeit in seiner Wirtschaft erlaubte ihm nicht, zu gehöriger Zeit wieder zu bezahlen, und der andre, der darauf gerechnet hatte, geriet darüber in Verlegenheit; die Ziegen des einen kamen auf den Acker des andern und fraßen ihm sein Getreide ab; aus diesen und vielen andern Gelegenheiten entstunden Streitigkeiten und Zänkereien, woraus sogar zuletzt Schlägereien wurden. Sobald ein jeder ein abgeteiltes Eigentum bekommen hatte, schien der Geist der Einigkeit von uns gewichen und die Zwietracht unter uns eingekehrt zu sein: Eigennutz, Neid, Bevorteilung, Mißtrauen wuchsen allmählich an. Anfangs riefen die streitenden Parteien den ersten, der ihnen begegnete oder einfiel, zum Schiedsrichter auf, allein in der Länge wollte dies nicht zureichen, denn zuweilen sprachen diese Schiedsrichter aus Parteilichkeit oder Unbilligkeit ein falsches Urteil, zuweilen schien es auch demjenigen, dem es unrecht gab, nur darum unbillig, weil es zum Vorteile seines Gegners ausfiel. Man beruhigte sich also zuletzt fast niemals mehr bei einem solchen schiedsrichterlichen Ausspruche, sondern wandte sich gemeiniglich an mich, weil ich der Älteste unter uns war und mehr Kälte und weniger Affekten als die übrigen hatte. Ich gab mir Mühe, dies Vertrauen immer mehr zu verdienen, und vorzüglich suchte ich einem jeden die Billigkeit meiner Entscheidungen so begreiflich zu machen, daß ich endlich der Richter aller Streitigkeiten wurde, und aus Vertrauen unterwarf man sich ohne Weigerung meinen Aussprüchen, als wenn ich das Recht gehabt hätte, sie zur Befolgung derselben zu zwingen. Der Unterschied der Kräfte, des Fleißes und der Leidenschaften erzeugte unter uns sehr bald Arme und Reiche: ein Reicher hieß bei uns, wer mehr Ziegen und Getreide, bessere Milch und besseres Fleisch hatte und also mehr und besser aß als der andre. Da es einem jeden freistund, soviel Erdreich zu bearbeiten, als ihm beliebte, so wurde die Ungleichheit des Eigentums eine neue Quelle des Reichtums und der Armut und eine neue Quelle zur Uneinigkeit, zum Neide, zum Mißtrauen. Der eine bekam Lust zu einer Ziege, die einem andern gehörte, oder es war ihm bequemer, ein Stück von dem Acker des andern zu besitzen, und wir tauschten und vermieteten aneinander; der Faule, der Unordentliche vertauschte seine Ziegen gegen Getreide oder versprach demjenigen, der ihm Brot in der Not vorstreckte, einige Tage Ackerarbeit dafür oder überließ ihm die Nutzung seiner Ziegen auf einige Zeit, und da allmählich die Gewohnheit unter uns einriß, daß man ein solches Versprechen nicht hielt oder leugnete, so entstund hieraus neues Mißtrauen, und es geschah kein Tausch, kein Vertrag ohne Zeugen, welches ich abermals sein mußte, und sonach war die ganze richterliche Gewalt in meinen Händen, ich entschied Streitigkeiten und gab allen Verträgen durch mein Zeugnis Gültigkeit und übte meine Gewalt ohne Zwang, durch bloße Autorität mit so gutem Erfolge aus als ein Justizrat in Spanien. Was sagst du zu uns, Robinson? Hat der einzige Einfall, einem jeden ein besonders Eigentum zuzuteilen, nicht ganz andre Menschen aus uns gemacht und wichtige Veränderungen in unsrer kleinen Gesellschaft hervorgebracht? Nur Geduld! Die Veränderungen werden noch mehr zunehmen. Was unsre wachsende Verderbnis am meisten beweist, ist der Verfall meines richterlichen Ansehens; die Feindseligkeit und die Abneigung nahm so gewaltig überhand, daß viele schlechterdings sich meinem Ausspruche nicht mehr unterwerfen wollten, wenn ich ihnen unrecht gab, sie wollten ihren Eigensinn mit Gewalt durchsetzen. Der Betrogne, welchem der Betrieger die zuerkannte Ersetzung des Schadens nicht leistete, schaffte sie sich selbst, nahm diesem eine Ziege, ein Stück von seinem Ackergeräte hinweg, und gemeiniglich entschieden die Fäuste, wer Verlust leiden oder recht behalten sollte. Ich sahe mit Betrübnis eine gänzliche Zerrüttung unsrer Gesellschaft voraus, wenn wir dem Übel nicht beizeiten vorbeugten; jede Kleinigkeit veranlaßte zuletzt Schlägereien, und da jede Groll und Erbitterung unterhielt und vermehrte, so waren wir in Gefahr, uns in Parteien zu teilen und durch innerliche Kriege selbst aufzureiben. Einige Gutgesinnte, die hierinne meiner Meinung waren, vereinigten sich mit mir, um die Eigennützigen, die ein getanes Versprechen nicht halten oder einen zugefügten Schaden nicht ersetzen wollten, mit gewaffneter Hand dazu zu zwingen. Wir wurden die Beschützer der Gerechtigkeit: wem Unrecht geschehen war oder wer nicht zu seinem Rechte gelangen konnte, der wandte sich an uns und ersuchte uns um unsern Beistand, der auch soviel wirkte, daß man sich vor uns fürchtete und von selbst gerecht und billig handelte, um nicht dazu gezwungen zu werden. Da die Beschwerden zu sehr anwuchsen und unsre Entscheidung und Beschützung zu oft nötig wurde, so verursachte uns dies sehr viele Abhaltung von unserer Wirtschaft, und wir setzten deswegen gewisse Tage aus, wo wir das Amt eines Richters und Beschützers pflegen wollten. Aus Erkenntlichkeit gaben uns die Beschützten einen Teil von der Sache, die der Streit betraf, oder arbeiteten dafür, daß wir ihnen zu ihrem Rechte verholfen hatten, einen oder etliche Tage auf unsern Äckern. Wir fanden es unbillig, daß auf diese Weise der Beleidigte oft mehr verlieren oder sich versäumen sollte als der Beleidiger, und kamen deswegen miteinander überein, daß uns jedesmal derjenige, der dem andern einen Schaden zufügte oder ihn auf eine andre Art beleidigte, eine Strafe erlegen müßte, die wir als eine Vergütung für unsre Versäumnis annehmen wollten. Wir entwarfen daher ein Verzeichnis der Beleidigungen und Vergehungen, die unter uns nach unsern Umständen stattfanden, und bestimmten für jede eine schickliche Strafe, die zur Hälfte an den Beleidigten, zur Hälfte an uns bezahlt wurde und in Ziegenmilch, Ziegenfleisch, Getreide, Brot, Weintrauben oder andern Lebensmitteln bestand. Freilich wollten sich nicht alle diesen Gesetzen unterwerfen, sosehr sie auch zum Besten unsrer Gesellschaft abzielten; es war also nichts als Zwang zu gebrauchen, und wir übrigen, die wir sie angenommen hatten, nötigten die Widerspenstigen in jedem vorkommenden Falle mit Gewalt zur Erlegung der bestimmten Strafe oder nahmen ihnen ihre Gerätschaft und ihre Vorräte so lange weg, bis sie sich zur Bezahlung verstunden. Dadurch wurde unsre Versäumnis und unsre Arbeit noch immer größer, und wir verlangten daher, da wir aus Liebe für die Wohlfahrt der Gesellschaft so vielen Schaden litten, daß uns jedes Mitglied versprechen sollte, jährlich gewisse Tage auf unsern Feldern zu arbeiten; die meisten verstunden sich zu diesen Frondiensten und zeichneten sogar einen Fleck Erdreich für uns aus, das sie uns bestellen und wovon sie das Eingeerntete in unsre Wohnungen bringen wollten. Ich freute mich ungemein über diese kleine Gesetzgebung, die größtenteils mein Werk war, und über die Ordnung und Ruhe, die ich davon in unsrer Gesellschaft erwartete; diese schöne Erwartung wurde plötzlich durch einen Zufall, aber nur auf kurze Zeit, unterbrochen. Die Wache, welche wir gewöhnlich auf den Felsen bei der Wohnung ausstellten, berichtete uns an einem Vormittage, daß sie in einigen Gegenden der Insel große Feuer und etliche Haufen nackte Menschen erblicke. Wir konnten nichts anders daraus schließen, als daß die Wilden einmal gelandet sein müßten, und eilten deswegen alle auf den Felsen, um uns genauer davon zu belehren. Wir hatten richtig vermutet: es waren zween große Truppe, die wahrscheinlich einmal eine grausame Siegesmahlzeit halten wollten, allein sie mußten Feinde sein und sich zufälligerweise hier getroffen haben, denn sie setzten sich in Bereitschaft, als wenn sie ein Treffen liefern wollten. Es dauerte nicht lange, so gingen sie aufeinander mit wüstem Geschrei los, Pfeile regneten auf beiden Seiten unter sie herab, viele stürzten zur Erde, und die übrigen gerieten ins Handgemenge, wo sie sich mit großen steinernen Äxten die Köpfe spalteten und so wütend kämpften, als wenn keiner mit dem Leben davonkommen sollte. Nach einem so erbitterten Streite von einigen Stunden fing die eine Partei an zu weichen; vorher behauptete ein jeder hartnäckig den Fleck, wo er stund, und ließ sich lieber in Stücken zerschlagen, als daß er einen Fuß zurückgezogen hätte; doch itzt rennten einige nach dem Meere, vermutlich um sich in ihre Kanots zu werfen, andre liefen tief ins Land hinein, um sich in den Wäldern vor den Feinden zu verbergen, die ihnen aus allen Kräften nachsetzten und sie vermutlich zu Kriegsgefangenen machen wollten. Fünfe nahmen ihren Weg gerade auf unsre Wohnungen zu, und wir stiegen sogleich von dem Felsen herunter, um uns im Notfalle zu verteidigen; gleichwohl hielten wir es für klüger, den Angriff abzuwarten und uns verborgen zu halten, damit sie gar nicht erführen, daß hier Menschen wohnten, allein wir änderten bald unsern Plan. Da sich die fünf Flüchtlinge in dem Gebüsche versteckten, das unsre Wohnungen umgibt, und da keiner von den Nachsetzenden sie weit verfolgte, so beschlossen wir aus dem Zufalle Partie zu ziehn und uns dieser fünf Wilden zu bemächtigen, damit sie nicht nach ihrer Zurückkunft bei ihrer Nation unsern Aufenthalt verrieten und uns vielleicht einen gefährlichen Krieg verursachten. Um indessen keine Gewalttätigkeit zu gebrauchen, schickten wir Franzens Vater an sie ab, der sie fragen mußte, ob sie sich uns als Sklaven ergeben und für den nötigen Unterhalt dienen wollten; wir übrigen schlichen um sie herum, um ihnen im Falle der Weigerung die Flucht zu verwehren. Sie glaubten, daß es einer von ihren Feinden sei, der sie zu Kriegsgefangenen machen wollte, und flohen vor ihm; desto mehr erschraken sie, als sie nach einigen Schritten in unsre Hände fielen und auf keiner Seite weiter konnten, weil wir sie sogleich umzingelten. Der Alte mußte seine Frage noch einmal wiederholen, und sie ergaben sich uns; wir ließen sie zwar täglich durch unsern Dolmetscher versichern, daß sie nicht von uns gespeist werden sollten, wie sie immer befürchteten, allein man konnte ihnen doch lange nicht ausreden, daß wir sie mästeten, um uns mit ihrem Fleische zu laben. Wir machten die Einrichtung, daß diese neuen Sklaven unsrer ganzen Gesellschaft angehören und bei einem jeden unter uns nach der Reihe und tagweise arbeiten sollten; die Ordnung wurde durch das Los bestimmt, und Franzens Vater machten wir zu ihrem Aufseher. Sie ließen sich sehr gut an, und wir erlaubten ihnen, nicht weit von unsern Wohnungen sich Hütten anzulegen, ein Stück Boden umzuarbeiten und ihr eignes Brot darauf zu bauen, damit uns ihr Unterhalt nicht zur Last fiele, und damit sie Zeit zur Bestellung ihres eignen Ackers und zur Erzeugung der andern Bedürfnisse übrigbehielten, ließen wir ihnen wöchentlich einen Tag frei. Waren wir nunmehr nicht große Herren geworden? Die beschwerlichsten Arbeiten mußten die Wilden für uns verrichten; wir hatten Muße und konnten unsre Aufmerksamkeit auf die Verbesserung der Künste wenden, in welchen wir nicht weitergekommen waren als du; wir hätten auch zuversichtlich einen großen Fortgang darinne gemacht, wenn uns Krieg und Wachsamkeit gegen unsre Feinde nicht die Zeit dazu wegnahmen. Du wirst dich wundern, woher wir schon wieder Feinde bekommen? Die drei Engländer, die bisher unsre Knechte gewesen waren, wurden es abermals. Während daß die Neugierde uns alle auf dem Felsen versammelte, um dem Treffen der Wilden zuzusehn, nützten jene unsre Abwesenheit und entflohen. Wir besorgten, als wir sie vermißten, daß sie vielleicht sich zu den Wilden geschlagen und ihnen unsern Aufenthalt entdeckt haben möchten; jeden Tag fürchteten wir, daß sie mit ihnen zurückkommen und uns bekriegen würden, um ihr altes mißlungenes Projekt auszuführen, doch unsre Furcht war vergeblich. Ebensowenig wurden unsre beiden Vasallen von ihnen beunruhigt; wir wußten lange Zeit nicht, wohin sie gekommen waren, gleichwohl mußten wir beständig auf der Hut sein. Nach vielen Wochen, als sich unsre Wachsamkeit schon sehr verminderte, kamen auf einmal die beiden Engländer, unsre Vasallen, atemlos zu uns gelaufen und berichteten uns, daß ihre Landsleute sie rein ausgeplündert, ihnen allen Vorrat und alle Werkzeuge weggenommen hätten und damit in den Wald geflohen wären, doch ohne ihren Wohnungen und Feldern den mindesten Schaden zuzufügen; zu unsrer größern Verwunderung setzten sie noch die Nachricht hinzu, daß sie Weiber bei sich gehabt hätten. Wir konnten nichts anders vermuten, als daß sie auf dem festen Lande gewesen waren und sich auf unserer Insel ebenso niederlassen wollten wie wir; dawider hatten wir nicht das geringste einzuwenden und wollten gern als ruhige Nachbarn mit ihnen auf einem Erdklumpen wohnen, wo Raum genug für uns alle war; das einzige beunruhigte uns nur, daß wir nicht wußten, ob sie ebenso friedlich dachten wie wir. Aus dieser Ungewißheit wurden wir lange Zeit nicht gerissen, und zu Vermehrung derselben kamen einige Nächte hintereinander unsre Vasallen nicht mehr zu uns, die bisher jeden Abend mit dem Ackergeräte, das sie sich neu angeschafft hatten, zu uns kamen und bei uns schliefen, weil sie sich nicht getrauten, in ihren Wohnungen allein zu bleiben. Einige von den unsrigen gingen bewaffnet aus, um sich nach der Ursache des Außenbleibens zu erkundigen, und fanden Wohnungen und Felder leer, doch ohne eine Spur von Verwüstung. Nun waren die Umstände noch rätselhafter: sie konnten verräterischerweise zu ihren Landsleuten übergegangen oder auch entführt und zu Sklaven gemacht worden sein. Sosehr uns diese Ungewißheit drückte, so wollten wir doch den Frieden nicht zuerst brechen, sondern lieber einen Angriff abwarten. Einige Tage darauf verlor sich auch einer von unsern Leuten, und nach allen Anzeichen zu urteilen, mußte er aus dem Bette gestohlen worden sein. Die Sache wurde immer ernsthafter, und wir suchten uns durch List Gewißheit zu verschaffen; einer von uns mußte sehr spät des Abends auf dem abgelegensten Acker arbeiten, und achte stellten sich in das Gebüsche in den Hinterhalt. In der Dämmerung langten wirklich zwei Engländer an, vermutlich um eine Wohnung zu bestehlen, denn da sie den Arbeitenden gewahr wurden, merkten wir, daß sie ihren Plan änderten und unter sich verabredeten, wie sie ihn wegkapern wollten. Sie fielen ihn von zwo Seiten an, warfen ihn nieder und drohten ihm mit dem Tode, wenn er nicht im guten folgte; er versprach, mit ihnen zu gehn, und indem, sie abwandern wollten, brachen wir aus unserm Hinterhalte hervor und ergriffen den einen, der andre wurde uns zu zeitig gewahr und flüchtete. Wir setzten ihm nicht nach, sondern begnügten uns damit, daß wir einen in unsrer Gewalt hatten, der uns von unserm Kameraden und unsern Vasallen Nachricht geben konnte. Unsre erste Frage an ihn war, wie sie zu den Weibern gekommen wären, und er gestund uns ohne Weigerung, daß sie den Wilden auf der Insel gegenüber sie gestohlen hätten. – ›Als die Wilden neulich hier ein Treffen hielten‹, lautete seine Erzählung, ›befreiten wir uns aus der Sklaverei, in welcher wir bei euch leben mußten, ersahen unsern Vorteil und entwandten den streitenden Wilden ein Kanot, das wir im Gesträuche an einem abgelegenen Orte verbargen. Als sie die Insel verlassen hatten, machten wir uns in dem geraubten Kanot auf den Weg und ruderten getrost dem Lande zu, um von den Einwohnern mit List oder Gewalt Lebensmittel zu erobern. Als wir landen, sehn wir drei nackte Mädchen nicht weit vom Ufer sitzen, die sehr ernsthaft mit einem spitzigen Holze Wurzeln ausgraben. Wir hatten seit Jahr und Tag keine Weibsperson gesehn und kamen auf den Einfall, sie zu fangen und mit uns zu nehmen, zu unsern Sklavinnen zu machen und mit ihnen hier auf dieser Insel zusammen zu wohnen. Wir überfallen sie, haschen sie glücklich und bringen sie ebenso glücklich in unsre Kanots. Nach unsrer Herüberkunft suchten wir uns einen Platz nicht weit vom Ufer zu unsrer Wohnung aus, stahlen unsern beiden Landsleuten ihre Instrumente, damit wir uns Hütten bauen konnten, da wir vorher in einer Höhle wohnen mußten. Unsre Mädchen haben hier die Wurzel gefunden, die sie ausgruben, als wir sie fingen, und die sehr wohlschmeckend ist, damit nähren wir uns, haben uns Hütten gebaut, fangen Fische und Schildkröten und leben mit unsern Sklavinnen in so gutem Vernehmen, daß wir der Insel eine starke Bevölkerung prophezeien. Wir wollten gern Brot bauen, und weil uns die Ackerarbeit zu beschwerlich war, entführten wir unsre beiden Landsleute und einen Spanier und drohten ihnen so lange mit dem Tode, bis sie versprachen, uns zu dienen und alle saure Arbeit für uns zu verrichten. Ich bin seitdem wieder auf einer andern Insel gewesen, wo ich sehr gute Leute fand, die mir für zwei alte Nägel eine große Menge Lebensmittel von allerlei Art zukommen ließen. Wir haben diesen Verkehr fortgesetzt: sie kommen herüber zu uns und holen Ziegenfleisch von uns, das sie auf ihrer Insel nicht haben, und geben uns dafür Früchte und Wurzeln; wenn wir etwas von ihnen benötigt sind, fahren wir zu ihnen und holen uns, was wir brauchen. So leben wir, und so werden wir leben und eher sterben, als uns von euch daran hindern lassen.‹ – Als er seine Erzählung geendigt hatte, versprachen wir ihm einmütig, daß wir sie nicht im mindesten in ihrer angefangenen Lebensart hindern wollten, wenn sie sich als ruhige und friedliche Nachbarn gegen uns verhielten. Um unsrerseits zu einem guten Vernehmen so sehr als möglich die Hand zu bieten, ließ ich mich nebst sieben Spaniern von ihm zu dem Orte führen, wo seine Kameraden wohnten, und tat ihnen den Vorschlag, daß sie uns gegen unsern Gefangenen den Spanier und die zwei Engländer, die sie entführt hatten, zurückgeben sollten; sie weigerten sich und wollten nur einen Mann dagegen auswechseln; da ich ihnen mit Gewalt drohte und meinen Gefährten Befehl gab, das Gewehr auf sie zu richten, im Falle daß sie auf ihrer Weigerung noch länger bestünden, so gaben sie nach und versprachen, sie alle auszuliefern, wenn wir ihnen zween andre Leute dafür schafften, die ihren Acker bestellten, denn sie könnten sich schlechterdings mit so saurer Arbeit nicht beschäftigen. Wir beharrten standhaft auf unsrer Forderung, und weil sie kein ander Mittel sahen, wichen sie unsrer Übermacht und lieferten uns alle drei Entführte aus. Nach geschehener Auswechslung ermahnte ich sie zu guter Nachbarschaft und versprach ihnen im Namen meiner ganzen Gesellschaft, daß wir sie nimmermehr beunruhigen, stören oder bekriegen würden, wenn sie uns das nämliche angelobten; sie taten es, und wir schieden in Frieden voneinander. Deswegen waren wir immer noch nicht völlig sicher, denn die faulen Geschöpfe ließen ihren Ackerbau lieber ganz liegen, als daß sie selber Hand anlegten, und wir mußten daher in unaufhörlicher Sorge sein, daß sie einen neuen Menschenraub an uns verüben würden; zu unserm Glücke verhielten sie sich ruhiger, als wir erwarteten. Desto schlimmer waren ihre Weiber daran: da sie durch einen Raub in die Hände ihrer Männer gekommen und von einer ganz andern Nation waren und noch ganz die Einfalt und Rohigkeit der Natur hatten, so wurden sie als wirkliche Sklavinnen gehalten. Eigentliche Liebe fand bei einer so großen Ungleichheit nicht statt, wiewohl die wilden Kerle ihrer auch nicht fähig waren; ihre Liebe war also bloße Brutalität, ohne Achtung und Freundschaft, und die armen Geschöpfe mußten folglich die Lasttiere ihrer Männer sein, mußten alle Arbeit verrichten und wurden mit Schlägen und durch harte Begegnung zum Fleiße gezwungen. Sie waren zu schwach und zu furchtsam, um sich zur Gegenwehr zu stellen, und gerieten dadurch bei diesen herrschsüchtigen Barbaren in noch größre Verachtung: sie mußten Wurzeln ausgraben, Weintrauben und andre Früchte sammeln, den Acker bestellen, die Ziegen abwarten, das Essen machen und ihre Männer bei Tische bedienen; bei jeder Arbeit hatten sie einen zur Aufsicht, der anordnete und strafte, ohne eine Hand anzulegen; hatten sie nichts zu tun oder waren ihre Männer abwesend, so wurden sie in eine Höhle gesperrt, damit sie nicht entfliehen sollten und keiner von den übrigen Bewohnern der Insel sie entführen konnte. Ihr Ackerbau schlief ganz ein, weil sie keine Aufmerksamkeit darauf wandten und mehr Lust zum Herumschweifen hatten; auch konnten sie durch ihr Verkehr mit den Wilden Nahrungsmittel genug bekommen, und außerdem fanden sie auch einen andern Weg, zu Getreide und Brot ohne Ackerbau zu gelangen. Da ihnen der Mädchenraub schon einmal so gut gelungen war, so führte sie ihr Handelsgeist auf den Einfall, diese Räuberei zu einer Handlungsquelle zu machen: sie stahlen also Mädchen auf den benachbarten Inseln und vertauschten sie an unsre beiden Vasallen gegen Brot, Milch, Ziegenfleisch, und ehe wir uns dessen versahen, schlich sich dieser Handel auch unter einigen Spaniern ein; die Ältesten unter uns widersetzten sich mit mir einem solchen Verkehr, allein unser Ansehn half nichts, und wir mußten einen gefährlichen Aufstand und vielleicht gar eine schädliche Trennung befürchten, wenn wir zu hartnäckig widerstunden. Der Handel hörte nicht eher auf, als bis ein jeder gehörig versorgt war, und dann trieben die unverschämten Menschenräuber ihr Gewerbe auch mit wilden Mannspersonen, die sie an ihre beiden Landsleute und an die unsrigen als Sklaven verhandelten. Doch muß ich den Spaniern die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß sie mit ihren Weibern besser umgingen: sie foderten zwar alle Arbeit und alle Dienste einer Sklavin von ihnen, aber es kam doch nie zu Mißhandlungen, mit ihrer Liebe war schon ein Grad von Achtung verbunden; einige unter diesen jungen Wilden, die etwas offnere Köpfe und mehr Annehmlichkeiten hatten als die übrigen, brachten es sogar so weit, daß sie ihre Männer regierten, ohne es vielleicht selbst zu wissen. Die einzige Beschwerlichkeit, die sie sehr drücken mußte, war die beständige Einsperrung, in welcher sie jeder hielt, teils damit sie nicht entwischten und Gelegenheit fänden, zu ihrer Nation zurückzukommen, teils aus Eifersucht, damit sie nicht zu einem andern gingen, welches sehr leicht geschehen konnte, da sie weder Sitten noch Wohlanständigkeit noch Tugend kannten. Dieser Zeitpunkt der Ruhe und des Friedens war uns in vieler Rücksicht nützlich. Wir hatten Sklaven, die unsern Acker, unsre Viehzucht und die übrige Wirtschaft besorgten; viele unter uns hatten Weiber, die das Hauswesen führten, und wir wandten die Muße, die wir dadurch erlangten, zur Verbesserung unsrer Handwerke und Künste an. Dazu kam noch ein andrer Sporn des Fleißes: wir hatten die Bekanntschaft der Wilden gesucht, mit welchen die drei Engländer handelten, und waren auch mit ihnen in Verkehr geraten, und sie bekamen eine so gewaltige Neigung zu unserm Getreide und unsern Tischen, Stühlen, Betten, Gefäßen und andern Arbeiten, daß wir nicht genug fertigen konnten, um ihre Nachfrage zu befriedigen, und für alles, so unvollkommen es auch war, bezahlten sie uns mit Wurzeln, Fischen, Schildkröten, Früchten, was und wieviel wir von jedem verlangten. Ihre Neigung wuchs desto stärker, da wir alle unsre Kunstwerke mit mancherlei bunten Erden und besonders mit dem glänzenden Safte einer Frucht bestrichen, welches unsre Käufer so sehr entzückte, daß sie sich oft um einen elenden roten Stuhl oder Löffel zankten und daß immer einer den andern überbot. Wir nahmen an unserm Ackerbau und an unsrer Industrie augenscheinlich wahr, was für ein mächtiger Antrieb des Fleißes die Ausfuhr ist: wir arbeiteten mehr und besser und sannen täglich auf neue Erfindungen, Verbesserungen und Verschönerungen. Dadurch fiel aber der Handel der drei Engländer beinahe ganz, denn die Wilden kauften lieber bei uns, da wir eignen Ackerbau hatten und ihnen das Getreide wohlfeiler geben konnten als die Engländer, die es erst von uns bekamen; mit dem Menschenhandel verdienten sie auch nichts mehr, obgleich einige Habsüchtige unter uns ihre Sklaven außerordentlich vermehrten, um desto mehr Getreide bauen und desto mehr gewinnen zu können. Viele bekamen dadurch eine Menge Viktualien auf den Hals, die ihnen meistenteils verdarben; die Engländer, die auf unser Handelsglück schon längst neidisch waren und schlechterdings nicht selbst arbeiten wollten, kamen auf den Einfall, die Waren, die wir von den Wilden eintauschten, und unser Getreide zu verführen: die Wagehälse taten mit ihrem Kanot ungeheure Reisen zu weitentfernten Inseln, setzten dort unsre Sachen ab und brachten uns dafür viele Früchte, Tiere und andre Dinge mit, die wir auf unsrer Insel nicht hatten. Dadurch verloren wir freilich einen großen Teil des eignen Handels, denn die Wilden ließen sich unsre Waren lieber von den Engländern bringen und ersparten sich den Weg zu uns; allein wir büßten im Grunde nichts dabei ein, denn wir waren immer Herrn des Preises, wenn man es einen Preis nennen will, und die drei Engländer hatten eine Beschäftigung, gewannen ihren Unterhalt und fielen uns daher weder durch Stehlen noch Krieg beschwerlich. Auf diese Weise war in unsrer Insel Ausfuhr und Einfuhr, inländischer und auswärtiger Tauschhandel entstanden; unsre beiden Vasallen folgten dem Beispiele ihrer beiden Landsleute, tauschten ein Kanot von den Wilden und taten damit weite Reisen, um neue Handelswege zu entdecken. Welch gewaltige Veränderungen brachten alle diese Umstände in unsrer kleinen Gesellschaft hervor! Welche neue Ungleichheit und welche neue Leidenschaften! Als ein jeder unter uns ein abgeteiltes Eigentum bekam, machte Fleiß und Faulheit, Habsucht und Genügsamkeit, daß der eine mehr erbaute und mehr Erdreich sich zueignete als der andre; itzt gab es Herren unter uns, denen fünf oder sechs Sklaven gehorchten, und andre, die kaum einen oder zwei hatten, weil sie aus Unfleiß oder Ungeschicklichkeit gleich anfangs nicht genug erwarben, um mehrere eintauschen zu können, und da dieser Unfleiß oder diese Ungeschicklichkeit noch immer fortdauerte, so wurden sie immer ärmer, je reicher jene wurden. Aus dieser täglich zunehmenden Ungleichheit des Vermögens erwuchs Neid, Unzufriedenheit, Verleumdung, Stolz, Geiz, Eigennutz; ein jeder war wider den andern, ein jeder suchte den Vorteil des andern zu schmälern; die Reichen fühlten ihre Obermacht, verachteten die Armen und gingen hart mit ihren Sklaven um; unser Richteransehn geriet in Verfall, weil wir zu schwach waren, unsre Aussprüche mit Zwang durchzusetzen; man hielt sein Wort, sein Versprechen und war gerecht, bloß, wenn man befürchtete, seinem Vorteile zu schaden, oder wenn der andre so mächtig war, daß man Rache von ihm besorgen mußte; der eigne Nutzen und die Furcht, ihm Eintrag zu tun, war die allgemeine Triebfeder der Billigkeit und Unbilligkeit. Die Veranlassungen zu Streitigkeiten vermehrten sich, weil ein jeder itzo mehr Eigentum, mehr Betriebsamkeit und folglich mehr Gelegenheiten hatte, den Nutzen des andern mit Vorsatz oder von ohngefähr zu hindern; aber weil ein jeder dem andern so leicht schaden konnte, so schonte man sich auch wechselsweise und wurde behutsam, daß man sich nicht in Streit verwickelte. Da niemand eine Macht über sich hatte, die ihn zwingen konnte, ihre Entscheidung anzunehmen, so machte ein jeder seine Sache selbst aus; der gekränkte Teil nahm seine Sklaven zusammen und zog wider den Beleidiger zu Felde, brach in seine Wohnung, plünderte sie oder nahm etwas von dem Seinigen in Verwahrung, bis sich der andre zu einem Vergleiche verstund. Mir blutete zuweilen mein Herz, wenn ich diesen Unruhen zusehn und jeden Augenblick erwarten mußte, daß die Mitglieder unsrer Gesellschaft ihre Hände mit dem Blute ihrer Mitbrüder färbten; man errichtete Bündnisse gegeneinander, und nicht selten kam es zu Tätlichkeiten. Unsre Gesellschaft hätte sich notwendig in verschiedene Haufen zerteilen müssen, oder sie hätte sich durch diese Feindseligkeiten selbst vernichtet, wenn nicht eine allgemeine Gefahr dazwischengekommen wäre, die uns alle vereinigte, um einem gemeinschaftlichen Feinde zu widerstehen. Die Wilden der benachbarten Insel, welchen die drei Engländer so viele Mädchen, Weiber und Mannspersonen gestohlen hatten, waren auf einmal dahintergekommen, wer diese Räuberei an ihnen beging. Sie waren sehr vielfältig bei unsrer Insel gewesen, um mit uns zu handeln; allein durch die beständige Einsperrung, worinne die unsrigen ihre Weiber hielten, verhinderten wir, daß keine ihren Landsleuten zu Gesichte kam, dies geschah itzo zum ersten Male durch die Schuld unsrer beiden Vasallen. Der Handelsgeist, der sie zu allen Inseln der Nachbarschaft herumtrieb, hatte sie zu weit entfernt, sie blieben zu lange außen, und der Unterhalt, den sie ihren Weibern zurückgelassen hatten, war verzehrt; vom Hunger gezwungen, arbeiten sich diese armen Geschöpfe aus ihrem Gefängnisse heraus, das sie sonst aus Furcht nicht verließen, laufen an das Ufer und werden in einem Kanot einige von ihren Landsleuten gewahr, die bei uns Waren geholt haben. Sie schreien ihnen zu, die Wilden nehmen sie auf, erfahren von ihnen, wie sie geraubt und wie sie von ihren Männern gehalten worden sind. Nach ihrer Zurückkunft vereinigt sich sogleich die ganze Nation zu einem Kriege wider uns, und indem wir ein solches Ungewitter am wenigsten vermuten, ist die ganze Gegend mit Kanots und die Insel mit Feinden angefüllt, ohne daß wir es wissen. Wir waren durch langen Frieden so sicher geworden, daß wir nicht einmal Wachen mehr ausstellten. An einem Vormittage trieb der Wind einen gewaltigen Dampf nach unsern Wohnungen her, der nichts anders als ein großes Feuer verkündigte; einige von uns eilten sogleich auf den Felsen und zu unserm außerordentlichen Erstaunen erblickten wir die Wohnungen unsrer Vasallen in vollem Feuer und eine Menge bewaffneter Wilden, die in zerstreuten Haufen herumliefen. Wir alle bewaffneten uns augenblicklich, ein jeder brachte Sklaven und Weiber in die genauste Verwahrung, und nun hielten wir Rat; es schien uns höchst billig, den beiden Engländern beizustehen, und gleichwohl durften wir uns nicht aus unsern Wohnungen wagen, ohne sie nebst unserm ganzen Vermögen in die größte Gefahr zu setzen. Nach langem Überlegen beschlossen wir, vier Personen auszusenden, die sich durch das Gebüsche heimlich schleichen und die Ursachen des Feuers und die Absichten der Wilden näher untersuchen sollten, und das Los bestimmte, wer diese Kundschaft verrichten mußte; wir übrigen setzten uns indessen in vollkommenen Verteidigungsstand. Die fünf Wilden, welche wir bei Gelegenheit eines Treffens fingen 2. Teil, S. 161 . und zu unsern Sklaven machten, hatten sich Wohnungen angelegt, wie ich schon erzählt habe, und machten eine Gesellschaft für sich aus; anfangs mußten sie uns nach der Reihe herum arbeiten, allein seitdem ein jeder unter uns selbst Sklaven genug hatte, belohnten wir ihr gutes Verhalten dadurch, daß wir ihnen alle Arbeit erließen; sie bauten für sich auf den eingeräumten Feldern, soviel sie wollten, entrichteten uns jährlich eine gewisse Abgabe in Getreide, und das übrige gehörte ihnen und Franzens Vater, den sie als ihre Obrigkeit unterhalten mußten; doch den Handel verstatteten wir ihnen aus guten Gründen nicht. Sobald wir durch unsre Kundschafter erfuhren, daß die Nation, die mit uns bisher in Verkehr gestanden hatte, unser Feind und die nämliche war, mit welcher sich vor langer Zeit auf unsrer Insel die Völkerschaft schlug, zu welcher jene fünf Wilde gehörten, so trugen wir kein Bedenken, sie zum Kriege wider ihre und unsre Feinde aufmuntern zu lassen und als unsre Lehnsträger aufzubieten. Sie schnaubten vor Wut, als ihnen Franzens Vater den Befehl dazu gab, und tanzten und frohlockten, als wenn sie zu einem Feste gehen sollten. Indessen nahte sich das feindliche Heer langsam, und die Wache auf dem Felsen berichtete uns, daß sie still stünden und überlegten, vermutlich wie sie unsern Wohnungen ebenso mitspielen könnten als den verbrannten. In einer so kritischen Lage hielten wir es nicht für ratsam, die Folgen ihrer Überlegung abzuwarten, sondern die Hälfte der unsrigen stellte sich mit Gewehr in den Busch, der unsre Wohnungen umgab, die andre Hälfte blieb innerhalb derselben; jene feuerten plötzlich unter die Feinde, um sie furchtsam zu machen, und als wenn der Donner unter sie herabgefahren wäre und sie zerschmettern wollte, eilte der ganze Trupp dem Meere zu, warf sich in die Kanots und fuhr vom Ufer ab. Sie kreuzten noch einige Zeit in einer kleinen Entfernung von der Insel herum, allein da wir ihnen noch eine Ladung Musketenkugeln nachsandten, eilten sie aus allen Kräften hinweg, und wir verloren sie endlich ganz aus dem Gesichte. Wir konnten leicht vermuten, daß dies nicht der letzte Besuch sein würde, und wir gaben deswegen den drei Engländern Nachricht, daß sie auf ihrer Hut sein und sich mit uns zur Verteidigung unsers gemeinschaftlichen Wohnorts vereinigen sollten. Sie versprachen uns zwar ihre Hülfe, aber sie schienen doch mehr ihre Rechnung dabei zu finden, wenn sie sich auf die Seite unsrer Feinde schlügen. Sie waren schon längst auf unser Handelsglück neidisch gewesen und glaubten itzo eine günstige Gelegenheit gefunden zu haben, wie sie es stören könnten; aus dieser Ursache, sie mochte nun Neid oder Habsucht sein, wurden sie bei einer zweiten Landung der Wilden ihre Anführer und also unsre Feinde, indem wir sie noch für unsre Freunde hielten. Sie zogen gerade auf unsre Wohnungen los, und wären wir nicht so wachsam gewesen, so hätten in einigen Minuten alle unsre Hütten in Feuer gestanden; wir gingen ihnen mutig entgegen, und unser Gewehr gab uns sehr bald den Sieg. Sie wichen zwar, allein die Insel verließen sie doch nicht, und wir mußten fürchten, daß sie sich nur zurückgezogen hatten, um ihren verderblichen Anschlag in der Nacht auszuführen. Unsre Lage war äußerst traurig: unsre Sklaven und Weiber mußten wir verbergen und hüten, daß sie nicht zum Feinde übergingen; unsre Habseligkeiten, Vorräte, Werkzeuge und andre Dinge brachten wir in die Höhle unter dem Felsen, daß sie nicht mit unsern Wohnungen ein Raub der Flammen wurden; zum Glücke waren eben unsre Felder leer, daß uns also von dieser Seite kein Schaden geschehen konnte, aber unsre Uneinigkeit bedrohte uns mit einem größern. In diesem Falle fühlten einige die Notwendigkeit, einen Anführer zu haben, von dem alles abhing, dem alle gehorchen müßten; sie taten den übrigen den Vorschlag, einen zu wählen, und die Nähe und Größe der Gefahr machte, daß die meisten darein willigten; die Wahl fiel auf mich als auf den Ältesten und Erfahrensten, und sosehr ich mich anfangs weigerte, so entschloß ich mich doch endlich aus Liebe zum gemeinen Besten dazu. Ich stellte sogleich Wachen aus, machte alle möglichen Anstalten zu unsrer Sicherheit und verteilte unsre kleine Mannschaft in zween Haufen an die beiden Ende unsrer Wohnungen; von jedem Haufen mußte stundenweise die eine Hälfte schlafen, die andre unter dem Gewehr und auf jeden Überfall gefaßt sein. Unsre Vorsichtigkeit wurde gleichwohl hintergangen: die Engländer, die alle Zugänge zu unsern Wohnungen wußten, hatten sich in der Dunkelheit herangeschlichen und eine in Brand gesteckt; daß die Engländer vorzüglich die Urheber dieses Unglücks waren, erfuhren wir dadurch, daß unsre Wache einen ertappte, als er eben beschäftigt war, noch eine anzuzünden; man brachte ihn sogleich in die engste Verwahrung, und wir freuten uns außerordentlich, daß uns dieser Zufall belehrte, wie verräterisch unsre vermeinten Freunde gegen uns handelten und wie wenig wir unser Vertrauen auf sie setzen durften. Die angezündete Wohnung war nicht zu retten; wir mußten bloß sorgen, daß die Flammen nicht weiter um sich griffen, und zu gleicher Zeit den Feinden widerstehen, die mit verdoppelter Wut auf uns hereinbrachen. Unser Zustand war äußerst kritisch, das Schauspiel schrecklich, und eine Begebenheit machte es rührend: die Frau des Spaniers, dem die brennende Wohnung gehörte, war darinne eingesperrt wie die übrigen alle; sie schrie und heulte mit dem fürchterlichsten Klagetone, als das Feuer aufzulodern anfing; ihr Mann, so hart er sie sonst hielt, sprang augenblicklich hinzu und stürzte sich in die Flammen hinein, um sie zu retten, und indem er die Tür einstieß und das arme Geschöpf herausriß, brach ein Trupp wilder Weiber mit wüstem Geschrei auf ihn herein, die Mutter der Geretteten voran, die ihre Tochter an ihrer Stimme erkannt hatte; ihr fürchterliches Geheule tat in der Stille und Dunkelheit der Nacht neben dem Geprassel der Flammen und dem Getöse der Streitenden eine so heftige Wirkung auf uns alle, daß dies allein beinahe hinreichend gewesen wäre, uns den Mut zu benehmen. Die Mutter wollte ihre Tochter hinwegreißen, der Spanier seine Frau nicht verlieren; ein jedes von beiden zog sie mit allen Kräften bei Händen und Füßen nach sich hin, und sie war in Gefahr, zerfleischt zu werden, mit so erbitterter Begierde wollte jeder Teil seine Beute behaupten; die übrigen Weiber fielen über den Spanier her, zerrissen ihm mit den Nägeln das Gesicht und waren schon im Begriff, ihm die Kehle zuzudrücken; er stritt mannhaft und ließ seinen Raub nicht fahren. Ich und zwei von den unsrigen waren zwar gleich zu seiner Hülfe herbeigeeilt, aber wir vermochten nicht die wütenden Weiber mit Prügeln und Säbelhieben zu vertreiben; um also unsern Kameraden zu retten, gab ich Befehl, unter sie zu feuern, man tat es, und der Schuß traf die Unglückliche, um welche der Streit sich erhoben hatte; die übrigen Weiber stürzten vor Schrecken zu Boden, daß dadurch der Spanier Zeit gewann, sich von seinen Gegnerinnen loszumachen. Kaum war die Getötete niedergesunken, so erhub sich ein neues Heulen unter den Weibern; die Mutter nahm den Leichnam auf die Schulter und hätte sich eher in Stücken zerhauen als ihn fahrenlassen. Die Spanier waren wider dieses weibliche Heer so ergrimmt, daß ich sie nicht zurückhalten konnte; selbst indem es mit dem toten Körper davoneilte, setzten sie ihm nach und verwundeten die meisten darunter. Dieser Todesfall, so ungern wir ihn sahn, war unser Glück; die Weiber verloren durch ihn allen Mut zum Widerstande, und kaum hatten sie ihr klägliches Totengeschrei erhoben, so wiederholten es die Männer und flohen gleichfalls. Nachdem wir auf diese Weise wieder Atem schöpfen konnten, wurden wir erst die Wunder der Tapferkeit gewahr, die wir verrichtet hatten. Die fünf Wilden, die wir unsre Vasallen nannten, hatten gefochten wie Löwen, und kein einziger war ohne Wunden; jeder Spanier hatte den Platz behauptet, den er verteidigen sollte, und mancher einen Haufen von zwölf oder mehr Personen zurückgetrieben. Wir waren alle durch die Größe der Gefahr mit Tapferkeit belebt und alle entschlossen, die Treulosigkeit der Engländer zu rächen und unsre Feinde entweder aus der Insel zu verscheuchen oder uns unterwürfig zu machen. Ich hielt deswegen mit denjenigen, die sich durch ihren Mut am meisten hervorgetan hatten, eine Beratschlagung über die Ausführung unsers Vorsatzes, und es wurde ausgemacht, daß der dritte Teil von den unsrigen zur Verteidigung unsrer Wohnungen, Weiber, Sklaven, Gefangnen zurückbleiben, und die übrigen in zween Haufen den Feinden entgegengehen sollten. Sobald der Tag anbrach, fing sich unser Marsch an, und kaum hatten wir ihn eine Viertelstunde fortgesetzt, so erhub sich ein Sturm, ein gewaltiger Regen mit Donnern und Blitzen; wir hielten es deswegen für klüger, zu unsern Wohnungen zurückzukehren, um nicht vielleicht durch den Anlauf des Wassers von ihnen abgeschnitten zu werden. Das Wetter hielt ungewöhnlich lange an; die Wellen gingen sehr hoch und rissen die Kanots unsrer Feinde vom Ufer hinweg, trieben sie zum Teil weit in die offne See hinaus und warfen sie zum Teil an die Felsen, daß sie zerschmettert wurden. Dieser Zufall war auf der einen Seite wohl günstig für uns, weil er die Wilden ganz außerstand setzte, wieder nach Hause zu schiffen, und weil er uns den Vorteil verschaffte, daß wir sie aushungern konnten; aber er setzte uns doch auch der Notwendigkeit aus, beständig wachsam zu sein und nicht bloß unsre Vorräte, sondern auch unsern Feldbau zu verteidigen, denn die Zeit der Bestellung rückte heran. Unser Handel lag ganz; wir wurden in unsern Künsten zurückgesetzt; ein jeder bestellte mit seinen Sklaven seinen Acker und stund mit geladenem Gewehre dabei, um sie wider den Einbruch der Feinde zu sichern; Nacht und Tag hatten wir beschwerliche Wachen zu tun und konnten keinen Augenblick in Ruhe hinbringen. Es vergingen einige Tage, ohne daß sich ein Feind blicken ließ; ich schickte fleißig Kundschafter aus, die immer mit der Nachricht wiederkamen, daß in dem ganzen Umkreise keine menschliche Seele zu finden wäre. Endlich erfuhren wir, daß sie sich in ziemlicher Entfernung von uns in einem Tale aufhielten und unter der Anführung der beiden Engländer sehr geschäftig wären, Hütten zu bauen, wozu sie in Ermangelung besserer Werkzeuge ihre steinernen Streitäxte gebrauchten. Diese Nachricht war uns so unwillkommen als unerwartet, denn wir sahen immerwährenden Krieg voraus, wenn sich in unsrer Nachbarschaft ein Volk niederließ, von dem wir nichts als Feindschaft erwarten konnten. Das einzige, was uns dabei aufrichtete, war die Schwierigkeit ihres Unterhalts; von den selbstwachsenden Früchten der Insel konnte eine so große Menge nicht leben und mußte in den Monaten, wo nichts wächst, notwendig zugrunde gehen; aber sie konnten Kanots bauen oder vielleicht einige gerettet haben, sich damit Lebensmittel von ihrer Insel holen und uns so lange bekriegen, bis wir von ihnen übermannt wurden. Wir waren schon beinahe entschlossen, ihren Feindseligkeiten zuvorzukommen und sie in unsre Gewalt zu bringen, damit wenigstens die Engländer sie nicht wider uns gebrauchen konnten, aber sie kamen unsrer Entschließung zuvor, rückten an, und ihre beiden Befehlshaber ließen uns auffodern, ihnen Samen zu geben oder zu erwarten, daß sie unsre Felder und Wohnung zerstören und bis auf den letzten Blutstropfen gegen uns fechten würden. Die trotzige Auffoderung verdroß uns alle, und ohne Antwort darauf zu geben, brachen wir von zwo Seiten auf sie los, töteten einige, verwundeten viele und machten etliche zu Gefangenen, und ich war so glücklich, einen ihrer Anführer mit eigner Hand in unsre Gewalt zu bringen; die Nation war zu unserm Glücke nicht sehr kriegerisch und stritt itzo nur aus Verzweifelung mit einiger Hartnäckigkeit; wir brachten sie in die Flucht, setzten ihnen aber nicht weit nach, weil wir hofften, daß sie sich zuletzt uns ohne unsre Mühe unterwerfen müßten. Die Weiber, die in großer Anzahl dabei waren, stritten fast noch mutiger als die Männer. Wie wir hofften, so geschah es. Der Unterhalt mangelte ihnen so stark, daß sie um die wenigen Wurzeln und Früchte, die sie mit Mühe zusammensuchten, untereinander selbst Krieg führten; ihr Anführer, der einzige Engländer, der noch in Freiheit war, dachte bloß auf seine eigne Sicherheit, verließ sie und ergab sich uns unter der Bedingung, wenn wir ihn nicht als Gefangenen behandeln, sondern zu unserm Mitbürger aufnehmen wollten. Diese Bedingung konnten wir unter allen am wenigsten eingehn, wenn wir Ruhe zu haben wünschten, denn wir kannten den Herrn und seine Kameraden schon zu gut und wußten aus der Erfahrung, daß sie das Essen, aber keine Arbeit liebten; er mußte sich uns also ohne Bedingung ergeben. Darauf schickten wir Franzens Vater zu den Wilden ab und ließen ihnen den Vorschlag tun, daß sie von uns mit Lebensmitteln versorgt werden sollten, wenn sie sich uns als Sklaven ergäben; sie sahen keinen andern Ausweg vor sich, willigten darein und waren sehr zufrieden, daß wir sie nicht zu Gefangenen machten und bei der Siegsmahlzeit verzehrten, wie sie erwarteten. Wir konnten mit Gewißheit prophezeien, daß die Engländer nicht lange bei uns aushalten oder uns zur Last fallen würden; es lief wahrscheinlich am Ende wieder auf die alte Geschichte hinaus, daß sie uns durchgingen und neue Unruhen verursachten. Ich traf also einen Mittelweg und dachte sie durch Glimpf zu bessern Gesinnungen zu bringen; mit Einwilligung unsrer aller teilte ich die Wilden in vier Haufen; einer wurde unter uns verteilt, wer sich am meisten in unserm Kriege hervorgetan hatte, empfing die meisten Sklaven, und aus Dankbarkeit, daß ich als Anführer dabei gedient hatte, schenkte man mir einmütig alle Kriegsgefangenen, und auf diese Weise wurde die Tapferkeit eine neue Veranlassung zur Ungleichheit des Reichtums unter uns. Den übrigen drei Haufen wiesen wir in ziemlichen Entfernungen voneinander Plätze zu Wohnungen an und setzten über jeden einen von den drei Engländern zum Befehlshaber, der von uns abhängen sollte. Sie schienen alle drei mit ihrem Schicksale sehr zufrieden zu sein, weil es ihnen Recht gab zu befehlen und sie von eigner Arbeit befreite. Sie machten in der Tat gute Anstalten, hielten die Wilden zu aller Art von Feldbau und zur Zucht der Ziegen an und beherrschten sie zwar mit tyrannischer Strenge, aber in der besten Ordnung. Unter den Weibern, die einen Teil unsrer Kriegsgefangenen ausmachten, lasen sich einige unter den unsrigen diejenigen aus, die ihnen am besten gefielen oder am geschicktesten zur Hausarbeit schienen, und wenn sich zween Liebhaber zu einer fanden, mußte das Los entscheiden. Unsre beiden Vasallen, die beiden Engländer, deren Wohnungen zu Anfangs des Kriegs zerstört wurden, erhielten zur Belohnung ihres treuen Beistandes gleichfalls zum Anteil von der Beute eine gewisse Anzahl von Sklaven und Sklavinnen und Samen, um ihren Feldbau wiederherzustellen, und mit unsrer Beihülfe bauten sie ihre verbrannten Hütten wieder auf. Ruhe und Friede war zurückgekehrt und schien uns glückliche Tage und einen guten Fortgang in dem Ackerbaue der Insel zu versprechen; wir Spanier waren zu einer mächtigen Republik geworden, die zwei Vasallen und vier Statthalter hatte; aber wie lange blieben wir in diesem Zustande? Der Ertrag von der Arbeit der Wilden, über welche wir die drei Engländer setzten, war eigentlich unser: sie waren durch den Sieg unser Eigentum geworden, und folglich gehörte uns auch ihre Arbeit, und sie konnten nichts als den Unterhalt von uns fodern. Um alle Irrung und Weitläufigkeit zu vermeiden, setzten wir eine Quantität Getreide und andre Früchte fest, die uns unsre Statthalter jährlich liefern mußten, das übrige war für sie und ihre Untergebenen, und es kam also auf ihren Fleiß an, ob dieser Überschuß klein oder groß sein sollte. Sosehr wir uns geschmeichelt hatten, daß nunmehr Ackerbau und Künste bei uns fortrücken würden, so sehr fanden wir uns betrogen. Wenn ein jeder soviel Getreide und andre Früchte erbaut hatte, als er für sich und sein Haus brauchte, so war ihm das übrige ganz unnütze; es verdarb, weil wir keine Abnehmer hatten, die uns andre Waren dafür gaben, und unter uns war auch kein solches Verkehr möglich, weil ein jeder die nämlichen Früchte baute und die nämlichen Sachen verfertigte, die der andre auch baute und verfertigen konnte; da also keiner etwas brauchte und keiner etwas geben konnte, was der andre nicht schon hatte, so säete auch keiner mehr, als er für sein Haus zu bedürfen glaubte, und keiner machte mehr Töpfe, mehr Stühle, mehr Teller, mehr Körbe, als ihm nötig war. Die Verschiedenheit der Geschicklichkeit und der Neigung brachte allenfalls ein kleines Verkehr unter uns hervor, denn dieser hatte mehr Lust und Geschicklichkeit, Töpfe zu machen, einem andern gerieten die Körbe vorzüglich gut, einem dritten die Stühle, einem vierten etwas anders; jeder, dem diese Sachen nicht so gut gelangen, wollte Körbe oder Töpfe von demjenigen haben, der sie besser machte als er und die übrigen; dies war freilich wohl ein Antrieb für den geschicktesten Korbmacher, alles andre beiseite zu setzen, nur Körbe zu machen und dafür die Stühle oder Töpfe von demjenigen einzutauschen, der sie besser machte als er; aber dieser Tausch konnte doch nicht lange währen, denn wenn einer soviel Körbe oder Töpfe hatte, als er bedurfte, so tauschte er keine mehr ein, und der Mann, der sie verfertigte, machte keine mehr, weil er sie nirgends anbringen konnte. Unsre Tätigkeit schlief ein, und obgleich manche darauf sannen, neue Sachen zu erfinden, die uns fehlten, so ging es doch bei jeder neuen Erfindung ebenso: wenn wir alle damit versorgt waren, blieb die Arbeit liegen, und ihr Verfertiger mußte etwas Neues erdenken oder müßig gehn. Bei solchen Umständen war es unser wahres Glück, daß in einem von den drei Engländern, die wir unsre Statthalter nannten, der Handelsgeist auflebte; er hatte mit den Wilden, die wir ihm unterwarfen, ein schlechtes Stück Erdreich bekommen, wohnte dem Meere nahe, war ein unruhiger Mensch und geriet also auf den Einfall, den Ackerbau nur mittelmäßig zu betreiben, seine Untergebenen zu den Künsten anzuhalten, die unter uns im Gange waren, und ihre Arbeiten in die benachbarten Inseln zu verführen. Er brachte von den Inseln fremde Waren und Lebensmittel, die wir nicht hatten, zu uns herüber, vertauschte sie an uns gegen Getreide und andre Sachen, die wir erzeugten und verfertigten. Auf einmal wurde unsre Betriebsamkeit lebhaft: einige gaben sich bloß mit dem Feldbau ab und säeten jede sechs Monate mehr, um mehr zu ernten und mehr und mancherlei fremde Waren und Lebensmittel dafür eintauschen zu können; der Korbmacher machte soviel Körbe, als er nur fertigen konnte, hielt seine Sklaven gleichfalls dazu an und trieb den Feldbau kaum bis zum Notdürftigen, weil er für seine Körbe von dem handelnden Engländer soviel Lebensmittel bekommen konnte, als er brauchte. Auch dieser Handel konnte nicht ewig dauern, denn wir waren bald mit den wenigen Waren hinlänglich versorgt, die wir von unsern Nachbarn empfingen, und unsern Nachbarn ging es ebenso mit den unsrigen; der Handel mit Lebensmitteln dauerte also allein und ohne Unterbrechung fort, dadurch kamen die Feldbauer immer weiter und die Künstler zurück, denn sosehr diese sich bemühten, die Lust der Käufer durch Veränderung der Form, der Farbe oder andre Arten von Neuheit zu erwecken, so war doch diese Neuheit in Grenzen eingeschlossen; die Landbauer hatten unterdessen immer weiter um sich gegriffen und mehr Eigentum an sich gerissen, und es kam zuletzt so weit, daß die Handwerker immer ärmer wurden, je mehr jene zunahmen. Diese wachsende Ungleichheit veranlaßte abermals große Veränderungen unter uns. Ich hatte nach dem Ende unsers letzten großen Krieges das Amt eines Anführers verloren und nur das Ansehen behalten, das mir Alter, eine kleine Erfahrung und die Dienste gaben, die ich unsrer Gesellschaft in diesem Kriege leistete; dies Ansehn teilten diejenigen mit mir, die sich bei der nämlichen Gelegenheit durch ihre Tapferkeit hervortaten; wir machten Einrichtungen und entschieden Streitigkeiten, aber niemals ohne Zuziehung und Einwilligung aller übrigen. Itzt, da der Handel die Ungleichheit unter uns so gewaltig vermehrt und die Künstler so sehr zurückgesetzt hatte, fingen die reichen Landbauer an, ihre Obermacht zu fühlen und fühlen zu lassen. Die vier Mächtigsten, die die meisten Ländereien, die meisten Sklaven und das größte Verkehr hatten, vereinigten sich, befahlen, verordneten, machten verschiedene Veränderungen, ohne jemanden darum zu fragen; wir merkten mit Widerwillen, daß sich in unserm kleinen Staate eine Macht erhob, die uns unsre Freiheit rauben wollte. Ich hielt mich aus Ehre und durch meinen eignen Vorteil für verbunden, einer solchen Unterdrückung zuvorzukommen, und machte mit allen, denen sie drohte, eine Vereinigung wider unsre Unterdrücker; sie ernannten mich zu ihrem beständigen Befehlshaber und versprachen mir Gehorsam in allem, was ich zu ihrem Nutzen anordnen würde. Um ähnlichen Unterdrückungen und andern Ungerechtigkeiten vorzubeugen, die die Armem von den Reichen leiden mußten, hielt ich für nötig, besondre Gesetze zu machen, allein die Reichen trotzten ihnen, machten andre Gesetze, worinne sie sich große Vorzüge und Vorrechte anmaßten, und ein Teil der Ärmern wurde durch Geschenke und Verbindlichkeiten, der andere durch Furcht dahin gebracht, daß sie ihnen diese Vorrechte zugestunden. Also hatte meine Befehlshaberschaft abermals ihre Kraft verloren, und ich mußte zufrieden sein, daß mir diese vier Unterdrücker den Namen ließen und den Zutritt zu ihren Beratschlagungen verstatteten, wenn sie Einrichtungen und Gesetze machten; sie konnten ihre Befehle und Aussprüche mit ihren Sklaven durchsetzen und den Ärmern so vielfachen Schaden tun, daß sich diese gern unterwarfen. So wurde aus unsrer Gesellschaft eine Art von Aristokratie , die unter mancherlei Veränderungen noch immer dauert und deren gegenwärtige Beschaffenheit ich hernach umständlicher entdecken will. Itzt aber muß ich dir erst die Schicksale der übrigen kleinen Gesellschaften erzählen. Die drei Engländer entzogen sich sehr bald dem Gehorsam gegen uns; der eine trieb Handlung, wie ich schon gesagt habe, und wir mußten zufrieden sein, daß er uns unser Getreide abnahm und andre Dinge dafür gab; auch konnte er uns die Abgabe an Korn nicht mehr entrichten, weil er sehr wenig Feldbau trieb. Er hatte außerdem einem jeden unter den Wilden, die ihm unterworfen waren, ein Stückchen Feld angewiesen, wo sie ihre Bedürfnisse bauen sollten, damit er nicht nötig hatte, für ihren Unterhalt zu sorgen, und desto besser der Handlung obliegen konnte. Da die Wilden sahen, daß sie ohne ihn leben konnten, wollten sie nicht mehr für ihn arbeiten, sondern fingen mit den Sachen, die sie verfertigten, selbst einen Handel an, bauten sich in seinen Abwesenheiten Kanots und fuhren, wohin es ihnen beliebte. Sie machten sich auf diese Weise selbst frei, und ihr voriger Befehlshaber hat zwar noch immer viel Ansehn unter ihnen, entscheidet ihre Händel, gibt ihnen Gesetze, doch niemals ohne ihre Einwilligung, weil er keine Macht hat, sie zu zwingen: sie sind eine handelnde Republik, wo jeder dem andern gleich und wo der Engländer das oberste vornehmste Mitglied ist. Die andern beiden Engländer, die mitten in der Insel wohnen, wurden zu wirklichen Despoten. Sie sind grausam, wild, tyrannisch und ihre Untergebnen feige, schwach, mutlos, von der Natur zum Gehorchen gemacht; sie wurden gleich anfangs von ihren Vorgesetzten hart angegriffen, niedergedrückt, unter das Joch gebracht; sie mußten unter den härtesten Strafen viele und schwere Arbeit tun, bekamen von ihren Tyrannen kümmerlichen Unterhalt, und die Früchte ihrer Arbeit genossen diese. Da ihre Unterdrücker beständig bei ihnen waren, fanden sie nie Gelegenheit, sich frei zu machen, und im Grunde hatte ihnen auch ihr hartes Joch den Mut dazu geraubt. Die Despoten gingen willkürlich mit ihnen um, nahmen ihnen ihre Weiber, wenn sie ihnen gefielen, und Widerspenstigkeit kostete manchem das Leben; also leben sie noch itzo unter ihren grausamen Beherrschern ohne Gesetze, ohne Eigentum, ohne Sicherheit des Lebens, bloß durch sklavische Furcht regiert; was sie tun, tun sie aus Zwang, was sie arbeiten, gehört ihren Herren, die ein kleines Verkehr mit uns treiben, aber sich bloß Dinge eintauschen, womit sie sich wohltun können, weiche Matten, süße Früchte und dergleichen; ihre Untertanen hungern, und sie leben im Überflusse, gemächlich und in unaufhörlichem Müßiggange. Sie sind in allen Stücken weit hinter uns zurückgeblieben; bei den Unruhen, die unter uns selbst herrschten, entzogen sie sich unserm Gehorsam, und wir foderten ihnen gern nichts ab, um nur in Ruhe vor ihnen zu bleiben. Die beiden Engländer, unsre Vasallen, leben noch itzo in dem ersten Stande der Natur wie zwo Familien nebeneinander, bauen durch ihre Sklaven den Acker, treiben einen kleinen Handel, und ein jeder ist der Hausvater einer Familie, die ihn liebt, indem sie ihm gehorcht. Sie sind unstreitig die Glücklichsten unter uns allen, ohne Neid, Tücke, ohne eingebildeten Reichtum und ohne Sorgen; den eingeernteten Vorrat verzehren sie mit ihren Sklaven, und gegen den Überfluß tauschen sie bei uns ein, was sie nicht erbauen oder nicht verfertigen können, gehen niemals mehr auf die See, weil sie das Alter daran hindert und noch mehr weil sie ohne Habsucht sind. Franzens Vater ist der Monarch der fünf Wilden, die ihm unterworfen sind, aber ein sehr guter Monarch; sie arbeiten unter seiner Aufsicht, soviel sie wollen, und er entscheidet ihre Zwistigkeiten, so gut er kann; sie geben ihm von jeder Ernte etwas Gewisses zu seinem Unterhalte und empfangen dafür von ihm allerhand Ratschläge zur Verbesserung ihrer Wirtschaft, so gut er sie geben kann. Wir Spanier machen, wie ich schon gesagt habe, eine wirkliche Aristokratie aus, worinne ich das Oberhaupt heiße, aber im Grunde bin ich ohne Macht, wenigstens vermag ich nicht mehr als die übrigen viere, die die Regierung unsrer Gesellschaft an sich gerissen haben. Ehe aber unsre Verfassung in den gegenwärtigen Zustand geriet, gingen einige Veränderungen in unserm Handel voraus, die zum Teil Ursachen davon waren. Unser bisheriger Handel bestund in einem bloßen Umtausche und war sehr unsicher, beschwerlich und beständig wachsend und abnehmend, weil uns Maß , Gewicht und Geld fehlte. Wer Korn hatte und dafür Brotfrüchte eintauschen wollte, schüttete einen Haufen von seinem Korne hin und der andre einen Haufen von seinen Brotfrüchten daneben; war der eine sehr habsüchtig, so war ihm der Haufen des andern ewig nicht groß genug; welcher von beiden nun des andern Ware am nötigsten brauchte, der mußte das meiste von der seinigen dafür geben, und es hatte folglich nichts einen ordentlichen Preis. Heute brauchte ich sehr notwendig Ziegenfleisch; ich mußte also allenthalben herumlaufen und anfragen, wer dergleichen überflüssig hatte, und ich war genötigt, ihm dafür soviel Korn zu geben, als er verlangte; den Tag darauf suchte jemand Korn, der Ziegenfleisch überflüssig hatte, und ich gab ihm für eine ganze Ziege nicht den dritten Teil soviel, als ich Tages vorher für eine halbe gab, weil er mein Korn nötiger hatte als ich seine Ziege. Heute gab der Wilde zwei Dutzend Brotfrüchte für einen Stuhl, morgen kaum eine einzige, weil er ihn nicht brauchte. Wer mit einem Kanot voll Korn ausfuhr, wußte nicht, ob er viel oder wenig dafür zurückbringen werde; zu mancher Zeit, wenn niemand etwas nötig hatte, stund unser Verkehr ganz und gar; mannichmal, wenn viele einerlei suchten, wurde man den ganzen Tag überlaufen. Außer dieser öftern Abwechslung im Wert hatte auch unser Verkehr viele andre Beschwerlichkeiten. Es brauchte jemand Weintrauben und hatte Brotfrüchte; ich hatte Ziegenfleisch und brauchte Korn; weil also jeder von uns eine Sache hatte, die der andre nicht brauchte, und eine Sache suchte, die der andre nicht hatte, so fand unser Handel entweder gar nicht statt, oder es mußte jeder unterdessen eine Sache annehmen, die er nicht wollte und alsdann von einem Dritten das dagegen eintauschen, was er bedurfte. Oft ereignete sich auch der Fall, daß jemand etwas nötig hatte und doch nichts besaß, das er dem andern dafür geben konnte; was zu tun? er versprach dem andern, zu einer gewissen Zeit so oder soviel dafür zuzustellen, hielt vielleicht Wort, hielt es vielleicht auch nicht. Es fehlte uns also notwendig ein Ding, das alle Waren vorstellte , wofür man alles bekommen konnte. Höre, wie sonderbar wir uns heraushalfen! Für trockne Dinge fanden wir sehr bald ein gutes Maß: wir brauchten unsre beiden zusammengehaltenen Hände dazu, womit wir einander Korn zumaßen. Statt der Elle dienten uns unsre ausgestreckten Arme von der äußersten Spitze des längsten Fingers bis an die Schulter, und damit maßen wir die Matten von getrocknetem Schilf, die wir verfertigten. Unsre beiden Hände waren unsre Waage: von zwei Dingen, die gegeneinander gewägt werden sollten, legten wir das eine in die Linke, das andre in die Rechte und beurteilten nach dem Gefühl die Gleichheit oder Ungleichheit der Schwere. Was ohne große Beschwerlichkeit gezählt werden konnte wie die Brotfrüchte und Wurzeln, verkauften wir nach der Zahl und nahmen dabei zu gleicher Zeit Rücksicht auf die Größe. Hätten wir einerlei Sachen, wie Korn gegen Korn, vertauscht, so wäre keine Schwierigkeit dabei gewesen, aber dieser Fall konnte niemals entstehen. Wir merkten wohl bald, daß gewissermaßen die Natur selbst ein Verhältnis zwischen den Waren unsers Tauschhandels angeordnet hatte, indem sie einige in geringerer Anzahl hervorbrachte als die andern; für sechs Brotfrüchte mußte man daher immer mehr Korn geben als für eine Ziege, weil jene bei uns gar nicht und bei unsern Nachbarn sehr sparsam wuchsen. Manche mußten außerdem noch mit vieler Mühe gesucht werden wie eine gewisse süße, sehr angenehme Wurzel, die sehr tief in der Erde steckt. Einige wurden häufiger und allgemeiner gebraucht als die andern, wie das Korn, wofür man uns viel geben mußte, wenn es nicht gut geraten und also selten war; einige Dinge wurden endlich mehr gesucht, weil man sie vorzüglich liebte, wie unsre geflochtnen Körbe, die den Wilden außerordentlich gefielen. Also bestimmte wohl die natürliche Seltenheit eines Dinges, die Mühe , die man darauf verwendete, es zu finden oder zu machen, die Allgemeinheit seines Gebrauchs und die häufige Nachfrage den Wert desselben und wieviel man von einer andern Sache dafür geben mußte; aber es fehlte uns doch ein allgemeiner Maßstab , nach welchem wir den Wert aller Dinge berechnen, vergleichen und ausdrücken konnten, wie das Geld in Europa ist, wo man sogleich den Wert einer Elle Leinwand und einer Elle Taffet vergleichen kann, wenn man sagt, daß jene zehn Groschen und diese zwanzig gilt. Die Sache, die diesen Mangel unter uns ersetzen sollte, mußte ein jeder haben, sie mußte in hinlänglicher, aber nicht zu großer Menge da sein, sie mußte von uns allen gleich geliebt werden und also bei allen ziemlich gleichen Wert haben, sie mußte sich bei allen in ziemlich gleichen Proportionen vermehren und vermindern; rate, was das war? – unsre Ziegen Bei den ersten Römern waren es die Ochsen; bei den Kirgisen sind es die Pferde, und statt der Scheidemünze brauchen sie Wölfe und Lämmerfelle. ; diese taten die eine Verrichtung des Geldes und wurden der allgemeine Maßstab , nach welchem wir den Wert berechneten. Nach dieser Berechnung galt also ein Korb eine halbe Ziege; ein Arm – welches unser Ellenmaß war –, ein Arm geflochtne Schilfmatte kostete eine Ziege; wir sagten voneinander, daß dieser zwölf Ziegen, daß jener zwanzig Ziegen reich sei. Auf diese Art entstund eine Art von Preis unter uns, denn wenn jemand für seine Ware eine halbe Ziege foderte, so wußte der andre schon, wieviel von der seinigen gleichfalls eine halbe Ziege wert war und wieviel er davon statt der Bezahlung geben sollte. Indessen brauchte sehr oft jemand etwas, das sein Nachbar hatte, aber er konnte dem Nachbar nichts dagegen geben, was ihm anstund; die Sache war vielleicht eine Viertelziege wert, aber deswegen konnte er nicht eine Ziege schlachten und dem Nachbar ein Viertel davon geben; anfangs trauten wir einander in solchen Fällen und gaben die verlangte Sache auf Kredit gegen das Versprechen, daß sie zu gewisser Zeit wieder ersetzt werden sollte. Teils war es mühsam, alle seine Schuldner zu merken, teils hielten sie nicht allemal ihr Versprechen. Wir gerieten also auf den Einfall, eine Art von glänzenden Kieselsteinen Die Abyssinier brauchen auf eine ähnliche Art ihr Steinsalz. , die nicht allzu häufig auf der Insel gefunden wird, in den Umlauf zu bringen. Ich will den Fall setzen, daß ich der erste gewesen wäre, der dieses getan hätte, und daß ich von meinem Nachbar sechs Brotfrüchte verlangte: ich gab ihm dafür sechs solche Steinchen, dieser gab sie bei einer ähnlichen Gelegenheit einem zweiten, der zweite einem dritten und so weiter, bis sie jemand zu mir brachte und soviel dafür foderte, als sechs Brotfrüchte am Werte betrugen; es waren also im Grunde Schuldverschreibungen, Obligationen, die herumliefen und alsdann eingelöst wurden, wenn sie an denjenigen zurückkamen, der sie zuerst ausgab. Nachdem einige dieses Mittel versucht und gut befunden hatten, taten es mehrere nach, und allmählich wurden dadurch diese Steine unser wirkliches Geld, das alle Waren vorstellte, wofür man alles haben konnte. Im Anfange, da ihrer noch wenig unter uns umliefen, bekam man für einen Stein viel, aber da sich ihre Zahl häufte, fiel auch ihr Wert; es ging uns damit wie Europa mit dem Gelde, und gegenwärtig ist es dahin gekommen, daß zwölf solche Steine eine Viertelziege ausmachen. Diese Erfindung erleichterte zwar unsern Handel ungemein, allein die Bequemlichkeit, die sie uns verschafft, kostet uns den ganzen Rest von Einigkeit, die noch unter uns herrschte. Da diese fatalen Steine eine neue Art von Ware für uns wurden, gegen welche man alle andre eintauschen konnte, so war es so gut, als wenn man alle Bedürfnisse und Bequemlichkeiten selbst besäße, sobald man eine große Menge solcher Steine besaß, und jedermann schickte seine Sklaven aus, diese kostbaren Naturprodukte auszugraben; wer die meisten Sklaven und die meiste Habsucht hatte, kam am besten dabei zurechte. Man drängte, schlug, vertrieb sich von den Örtern, wo man sie zu finden glaubte oder wirklich fand; der Mächtige maßte sie sich an, behauptete sie als sein erobertes Eigentum und trieb den Schwächern mit Gewalt davon, der seine Besitznehmung nicht erkennen oder die Ausbeute mit ihm teilen wollte. Diese Besitznehmungen gebaren nicht nur unter den Mitgliedern einer Gesellschaft Krieg, Haß, Neid und Ungleichheit, sondern sie brachten auch eine Gesellschaft wider die andre auf. Jede wollte den Fleck, wo sich viel solche Steine fanden, zu ihrem Gebiete rechnen, und da wir bisher in aller Einfalt der Natur ohne festgesetzte Grenzen nebeneinander gelebt hatten, so war itzt jede Gesellschaft darauf bedacht, sich einen großen Raum auf unsrer Insel anzumaßen und seine Grenzen weit hinauszustecken. Eroberungssucht und Krieg waren die unvermeidlichen Folgen, und die stärkste kühnste entschlossenste Gesellschaft behielt die Oberhand, und um sie zu behalten, mußte jede Gesellschaft sich bemühen, sich zu verstärken. Man zog daher auf alle Weise Wilde von den benachbarten Inseln herüber, um mehr Raum auf der unsrigen einnehmen zu können, und der Krieg, der uns allen anfangs den Tod drohte, machte sie volkreich, bewohnt, angebaut. Also«, schloß der Spanier seine Erzählung, »ist während deiner Abwesenheit deine Insel der Wohnort von sechs verschiedenen Gesellschaften geworden; also ist aus den Erfindungen, die Not, Zufall und Nachdenken einem einzigen hülflosen Menschen eingaben, allmählich Ackerbau, Kunstgeschäftigkeit und Handel erwachsen; so haben die Leidenschaften unsre Bedürfnisse und Bequemlichkeiten vermehrt, und so haben unsre vermehrten Bedürfnisse und Bequemlichkeiten unsre Leidenschaften vermehrt; so ist aus Stärke und Schwäche, aus Fleiß und Faulheit, aus Habsucht und Genügsamkeit eine Ungleichheit des Eigentums, der Macht, des Vermögens und der Neigungen entstanden; so haben alle diese Umstände zusammen verschiedene Arten von Regierung, Gesetze und den Anfang der richterlichen Gewalt hervorgebracht; so haben wir endlich das Geld kennengelernt, das zwar nur aus glänzenden Steinen besteht, aber uns ebensoviel gute und schlimme Dienste getan hat als den Europäern ihr Gold und Silber.« Robinson war über den Fortgang ganz erstaunt, den seine Kolonie in so kurzer Zeit gemacht hatte; die Erzählung des Spaniers veranlaßte so viele und mannigfaltige Projekte in seinem Kopfe, daß er den übrigen Teil der Nacht nicht schlafen konnte. Bald wollte er die verschiedenen Gesellschaften, die auf der Insel waren und in keinem sonderlich guten Vernehmen stunden, in eine zusammen vereinigen und durch Gesetze, Regierung und Einrichtungen untereinander verknüpfen; bald schien es ihm für den Anbau der Insel und die Wohlfahrt ihrer Bewohner besser, wenn er eine jede bei ihrer Einrichtung ließe und sie bloß nötigte, ihn für ihr gemeinschaftliches Oberhaupt und den Herrn der Insel zu erkennen. Er wählte das letzte und teilte des Morgens darauf dem Spanier, der ihm die vorhergehende Geschichte der Kolonie erzählte, seinen Plan mit, der ihn darum guthieß, weil er durch die Ausführung die vier Aristokraten zu demütigen hoffte, die sich bisher so viele Vorzüge angemaßt und mit so großer Strenge geherrscht hatten. Er suchte also erst die Gesinnungen der übrigen Spanier zu erforschen, die unter dem Drucke jener Beherrscher litten, und brachte sie ohne sonderliche Mühe dahin, daß sie auf Robinsons Seite traten. Sobald man ihres Beistandes gewiß war, ließ der Spanier die ganze Gesellschaft zusammenberufen, und Robinson trug ihnen die Gründe vor, warum er das nächste Recht auf die Herrschaft der Insel zu haben glaubte; er versprach ihnen, daß er die Macht, die man ihm zugestehn würde, zu nichts anwenden wollte, als um in den wenigen Jahren, die er noch leben könnte, den Wohlstand und die Dauer der Gesellschaft durch gute Einrichtungen zu befestigen. Der größte Teil, der schon heimlich gestimmt und durch Geschenke gewonnen war, erklärte sich sogleich einmütig für ihn und rief ihn zum Regenten aus. Die Reichen, die bisher die Herrschaft gehabt hatten, weigerten sich zwar anfangs, ihre Macht verringern zu lassen, allein sie waren so überrascht und zugleich so übermannt, daß sie nicht lange auf ihrer Weigerung beharrten, sie behielten sich bloß die Rechte vor, die sie sich bisher auf mancherlei Weise rechtmäßig und unrechtmäßig erworben hatten. Um die Sache in Güte abzutun, willigte der neue Regent in alle ohne Unterschied, ob er gleich im Grunde mit den wenigsten zufrieden war. Er foderte zur Erkenntlichkeit für die vielen Dinge, womit er die Kolonie versorgt habe, und für die Dienste, die er ihr zu leisten gedenke, weiter nichts als Ruhe und Liebe für das gemeine Beste und versprach dafür, nichts anzuordnen, was nicht allgemein sowohl von dem Reichsten als Ärmsten gebilligt wäre. Zu seinem Unterhalte bedung er sich ein Stück Feld aus, das ein jeder in der Gesellschaft nach der Reihe ihm durch seine Sklaven bestellen und besäen lassen sollte, und außerdem ein freiwilliges jährliches Gehalt von allen Lebensmitteln, womit ein Verkehr getrieben würde. Auch dies gestunden die meisten zu, und der alte Mann nahm mit kindischer Freude von jedem seiner neuen Untertanen die Hand zur Versicherung ihrer Ergebenheit, umarmte, küßte und bat sie, ihm niemals den Namen Regent zu geben, wozu man ihn vorher ausgerufen hatte, sondern ihn ihren Vater zu nennen. Die Begierde nach einer Art von Herrschaft, so eingeschränkt und unbedeutend sie auch war, mußte seine Liebe zur Bequemlichkeit sehr stark überwiegen, daß er sich vornahm, den Rest seines Lebens in Umständen hinzubringen, die höchst elend waren, wenn man sie mit der Art verglich, wie er in England leben konnte; allein die Hoffnung, die Einigkeit und das gute Vernehmen auf seiner Insel wiederherzustellen und so viele nützliche Einrichtungen zu veranlassen, überwog bei ihm alle Gründe, die ihn davon abschrecken sollten. Er nahm seine alte Burg wieder in Besitz, brachte seinen Hofstaat in Ordnung und machte den Spanier, der ihm zur Regentschaft verholfen hatte, zu seinem Freunde und Vertrauten. Die Anstalt, womit er seine Regierung eröffnete, betraf die mitgebrachten Handwerksleute, denen er einen besondern Platz anwies, wo sie sich Häuser bauen und ihre Werkstätte errichten sollten. Darauf nahm er in Gesellschaft seines Freundes eine Reise durch die Insel vor, um sich den übrigen Bewohnern zu zeigen und ihre Gesinnungen gegen ihn zu erfahren. Mit Erstaunen erblickte er fast bei jedem Schritte Veränderungen und Beweise des menschlichen Fleißes: Fruchtfelder, wo sonst niedriges Gras und Dornen wuchsen; Fruchtbäume, wo sonst unfruchtbares Gesträuch stand; lange Reihen von Hütten, die schon viel künstlicher und regelmäßiger waren als der erste Palast, den er auf der Insel gebaut hatte. Vorzüglich bewunderte er die Arbeit an den Häusern einiger Reichen, die von ihren Sklaven die äußern Wände hatten flechten lassen, wie die Zäune bei uns geflochten werden; die Dächer waren von der nämlichen Arbeit und so dicht, daß sie keinen Regen durchließen; die innern Wände waren gleichfalls geflochten, aber mit dünnern Ruten, die auf verschiedene Arten gefärbt und so gezogen waren, daß sie bunte Vierecke und andre Figuren bildeten. Einer von den Korbmachern war der Erfinder dieser Bauart und dieser Verzierungen, die lange Zeit auf der Insel die Stelle der Tapeten vertraten. Ebensosehr bewunderte er die hölzernen Pflüge und andre ländliche Werkzeuge, die schon einen ganz unerwarteten Grad von Vollkommenheit erreicht hatten; alle Geschirre waren nicht bloß fester und sauberer, sondern auch niedlicher in Ansehung der Form und Farbe. Der Mangel an Leinwand und an wollenen Manufakturen fiel am meisten in die Augen; man verfertigte zwar eine Art von Tuch zu Kleidern, wenn man es so nennen darf, aus getrocknetem Schilf, das sehr fein geschnitten, geflochten und mit einem klebrichten Leim oder Harze, den man in einer Höhle fand, übergossen wurde, wodurch es ungemeine Festigkeit bekam, aber wegen der Mühe und Zeit, die es erforderte, waren diese schilfnen Kleider außerordentlich teuer und also nur die Sache der Reichen. Die Ärmern kleideten sich in Ziegenfelle und trugen Regenkleider, aus Ruten geflochten, wie die vorhin beschriebenen Wände; sie waren spitz wie ein Zuckerhut, bedeckten den ganzen Menschen und hatten bloß an der Seite ein paar Öffnungen für die Augen; wenn ein Mensch unter einem solchen Regenkorbe dahinging, schien es ein wandelnder Turm zu sein. Man war zwar wegen der vielfältigen Unbequemlichkeiten, die diese Kleidungsart verursachte, schon lange darauf bedacht gewesen, die Ziegenhaare zu verarbeiten, allein man konnte nicht weiter darinne kommen, als daß man sie um ein langes Stück Bast flocht und jedes solches Geflechte an das andre mit Bast schnürte, woraus Decken entstunden, auf welchen man schlief und womit man sich des Nachts bedeckte. Die Zubereitung der Tierhaare und vorzüglich der Wolle, daß sie gewebt werden kann, die Zubereitung des leinenen Garns und seine Verarbeitung auf dem Weberstuhle, die Zubereitung der Tierhäute, die sie für Fäulnis bewahrt und ihnen die Dauerhaftigkeit des Leders gibt, diese drei Erfindungen, die in der Geschichte der menschlichen Bequemlichkeit die drei vorzüglichsten Epochen machen, konnten unmöglich von zwanzig Menschen auf einer Strecke Erdreich erfunden werden, die vielleicht sechs oder sieben Meilen betrug. Allen Nutzen ausfindig zu machen, den die drei Naturreiche unmittelbar darbieten, war nicht sonderlich schwer, und es gehörte nichts dazu, als daß die Menschen in vielen Teilen der Erde in kleinen Haufen zerstreut lebten, daß die Natur an jedem Orte irgend ein Produkt oder etliche in vorzüglicher Menge hervorbrachte und die übrigen versagte und daß also die verschiedenen Menschenhaufen durch die Verschiedenheit des Klima in verschiedene Not versetzt und durch verschiedene Arten des Zufalles belehrt wurden, wie sie die reichlich vorhandnen Materialien benutzen sollten; aber die Verarbeitung derselben war nur ein Werk vieler Jahrhunderte, war nur dann möglich, als die Menschen in großen Haufen beisammenwohnten, als der eine Teil derselben in großen Überfluß und der andre in großen Mangel geriet, als diese Ungleichheit Gewinnsucht, Neid, Ehrbegierde und tausend andre Leidenschaften anfachte und der Handel alle menschliche Begierden auf einen Punkt richtete – auf das Geld. Eine getrocknete Tierhaut statt der Kleidung umzuhängen, einige solche Felle mit Bast oder Fischdärmen zusammenzubinden, mit Fischgräten zusammenzustecken, eine gereinigte Muschelschale oder den gesäuberten Hirnschädel eines Tiers zum Trinkgeschirr zu gebrauchen, aus Schilf, Bast oder Haaren Matten zu flechten, aus einer klebrichten Erde einen Topf zu formen und ihn an der Sonne zu trocknen und im Feuer zu härten, Zinn oder Blei zu schmelzen und es in mancherlei Formen hart werden zu lassen – alle diese und viele andre Erfindungen dieser Art waren bald gemacht, sobald Zufall und Bedürfnis auf die Entdeckung der Materialien geführt hatte; aber welch ein unendlicher Weg ist es von dem Leinsamen bis zu dem Hemde, dem Tischtuche, dem Schreibepapiere, den Brüsseler Spitzen! von der Schafwolle, den Haaren des Hasens, des Kamels, des Bibers bis zum Tuchkleide, zum Strumpfe, zum Hute, zum Samtrocke! von der Haut, die dem Ochsen oder Kalbe abgestreift wird, bis zu den Sohlen unter unsern Füßen oder dem Handschuhe! Es ging also dieser Kolonie völlig, wie es allen kleinen Menschengesellschaften lange ging: sie benutzte bloß die Materialien aus dem Reiche der Pflanzen und Tiere, die sich gebrauchen ließen, ohne daß sie durch Verarbeitung eine neue Gestalt bekommen durften. Robinson sah indessen mit Vergnügen, daß sie so weit gekommen war, als eine abgesonderte Gesellschaft kommen kann, die ihr Möglichstes getan hat, wenn sie die natürlichen Produkte ihres Aufenthalts entdeckt und gebraucht, sosehr sie roh benutzt werden können; ihre Verarbeitung durch Maschinen muß sie von größern Gesellschaften lernen, die länger existiert haben. Robinson, als er sich dies ein wenig genauer überlegte, zog den Schluß daraus, daß er der Kolonie durch die mitgebrachten Kleider, eisernen Instrumente und andre Dinge zwar mehr Bequemlichkeit für itzt verschafft, aber zu ihrer Dauerhaftigkeit nichts beigetragen habe, denn, sagte er sich, sobald die mitgebrachten Dinge verbraucht sind, ist sie wieder auf dem alten Flecke und kann ewig nicht weiter rücken, wenn sie nicht durch den Handel aus einem entlegenen Himmelsstriche von einer größern und ältern Menschengesellschaft die hier fehlenden Produkte der Natur und der Kunst empfängt oder Arbeiter hieher zieht, die jene zu erzeugen und diese zu verfertigen wissen. Aber wie soll sie von irgendeinem solchen Volke rohe Materien bekommen, die ihr fehlen, da sie nichts dagegen zu geben hat, weder andre Ware noch Geld, das bei ihm gilt? Denn unsre glänzenden Steine sind eine Münze, der man nirgends dieselbe Bedeutung beigelegt hat, die sie unter uns hat; unter allen Nationen ist nur Gold und Silber das einzige, wofür man alle Waren eintauschen kann. Es ist also kein andrer Weg übrig, als daß wir Wälder ausrotten und soviel fremde Pflanzen, Gewächse und Bäume hieher verpflanzen und hier anbauen, als unser Klima verträgt, daß wir soviel fremde Arten Vieh hieher bringen und sich hier fortpflanzen lassen, als wir nähren können, besonders solche, die dem Menschen arbeiten helfen, wie Pferde und Ochsen, daß wir besonders Leinweber, Tuchmacher und Lederarbeiter hieher zu bringen suchen und dann ein Produkt ausfündig machen, das wir allein besitzen oder das größre Völker sehr stark brauchen, dann eine Arbeit erdenken, die man nirgends so gut macht wie bei uns, die doch irgendwo sehr nützlich ist oder sehr gefällt; und für eine solche Materie oder eine solche Arbeit mag meine Kolonie ihre fehlenden Bedürfnisse und das größte Bedürfnis unter allen, Gold und Silber, eintauschen. Dieser Plan nahm ihn so sehr ein, daß er seinem Reisebegleiter schon die Regierung überlassen und ehestens mit seiner Schaluppe nach Engeland reisen wollte, um Leinsamen, Hanfsamen, Pferde, Ochsen, Leinweber, Tuchmacher und Gerber herüberzuholen. Der Spanier riet ihm, die Ausführung seines Vorsatzes wenigstens noch einige Zeit zu verschieben; der kindische Alte, der sich von jedem Einfalle und jedem Rate herumtreiben ließ, änderte sogleich seinen Entschluß wieder und eröffnete seinen Reisegefährten eine andre Bedenklichkeit: er war mit sich selbst uneinig, ob er die drei Engländer mit Gewehr versorgen oder ob er die Spanier allein in dem Besitz dieser Waffen lassen sollte. Man kann leicht vermuten, daß der Spanier alle mögliche Gründe aufbot, ihn zu dem letzten zu bereden, und Robinson sahe selbst ein, daß es ein kleineres Übel wäre, wenn vielleicht die Spanier einmal ihr Gewehr mißbrauchen sollten, sich die ganze Insel zu unterwerfen, als wenn er beiden Teilen Lust und Gelegenheit gäbe, sich zu bekriegen und vielleicht gar zu vertilgen. Bei den beiden despotischen Engländern nahm er mit Betrübnis wahr, was für traurige Wirkungen es hervorbringt, wenn das Oberhaupt einer Gesellschaft sie bloß nach Willkür und Einfällen behandelt, hart und grausam mit ihren Mitgliedern umgeht und die Früchte ihrer Arbeit allein genießt. Die Wilden, die unter ihnen stunden, waren dumm, niedergeschlagen, faul und selbst gegen Schläge nicht sonderlich empfindlich; sie konnten wenig von den Dingen machen, die bei den Spaniern verfertigt wurden; ihre Wohnungen waren die schlechtesten auf der ganzen Insel, obgleich ihre Oberherren in den ihrigen alle Bequemlichkeiten und Verschönerungen hatten, die man auf der Insel bekommen konnte; man merkte deutlich, daß die Herren das ganze Jahr durch bei ihren Untertanen zu Gaste waren. Desto blühender und fröhlicher war der Anblick der kleinen handelnden Republik, die der dritte Engländer errichtet hatte. Geschäftigkeit, muntre Gesichter und eine Art von fröhlichem Mutwillen kam allenthalben entgegen; die Gleichheit, in welcher die Mitglieder lebten, hatte auch ihre Wohnungen einander so ähnlich gemacht, daß man in keiner so leicht mehr Bequemlichkeit und Schönheit fand als in der andern; keiner schwelgte, keiner darbte; in den Wohnungen saßen die Weiber und flochten Körbe, Regenmäntel, Tapeten aus Weidenruten, Matten aus Ziegenhaaren und Bast oder aus Schilf; am Strande bauten die Männer Kanots; andre luden Getreide, Wurzeln, Weintrauben und Manufakturwaren in ihre Kähne, um sie in die benachbarten Inseln zu verführen. Dies unerwartete Bild der Tätigkeit tat einen so starken Eindruck auf den alten Robinson, daß er sich vor Freuden nicht halten konnte; er flog dem Engländer, der der Urheber davon war, um den Hals und machte ihm und seiner Gesellschaft alle ersinnliche Lobsprüche; er versprach, ihnen von allen mitgebrachten Sachen etwas zuzusenden, damit sie ihren Zustand verbessern und Veranlassungen zu neuer Tätigkeit empfingen. Er schickte ihnen noch denselben Tag europäische Kleider, die aber keiner trug, weil sie ihrer nicht gewohnt waren; sie brauchten fast kein einziges von seinen Geschenken selbst, sondern verhandelten alles, wenn es nicht glänzte oder eine sehr bunte helle Farbe hatte; die eisernen Nägel wurden besonders die Lieblingsneigung der Damen, die sie an einer Schnure von Ziegenhaaren und Bast mit vieler Selbstgefälligkeit an dem braunen Halse trugen. In weniger Erstaunen, aber größeres Vergnügen wurde Robinson versetzt, als er bei den beiden Engländern anlangte, die in dem ersten Familienzustande der Menschen lebten. Sie waren die ältesten auf der ganzen Insel und hatten eine sanfte gutherzige Gesichtsbildung, die nebst den Runzeln und dem langen Silberbarte Gewogenheit und Ehrfurcht zugleich einflößte. Eine lange Matte von Ziegenhaar und Bast hing von ihren Schultern herab; ihr Haupt bedeckte eine Mütze von Ziegenfellen. Robinson fand den einen unter ihnen, den er zuerst besuchte, mit seiner Familie bei Tische; er saß in der Mitte seiner Hütte auf einem Klotze, sein Essen auf dem Schoße; auf der einen Seite lagen seine Sklaven auf dem Fußboden um eine große unförmliche Schüssel herum, aus welcher sie mit den Händen ihre schlechte Kost herausholten und begierig verzehrten; auf der andern Seite hielten die Ziegen ihre Mahlzeit und sahen sich kauend mit neugieriger Verwunderung nach dem fremden Gaste um, als Robinson hereintrat. Der Alte war außerordentlich erfreut, einen Europäer und noch dazu einen Landsmann zu erblicken, allein da er hörte, wer es war, geriet er in einige Verlegenheit, weil er sich der Ursachen schämte, die ihn auf die Insel brachten Er war einer von den Aufrührern auf dem englischen Schiffe, mit welchem Robinson nach Europa ging, und mußte also zur Strafe auf der Insel bleiben. ; er entschuldigte sich damit, daß er damals von seinen Kameraden hingerissen worden sei, sich den Befehlen ihres Kapitäns zu widersetzen, und daß er es seit der Zeit genug bereut und während seines Aufenthaltes in dieser Einsamkeit ganz andre Gesinnungen angenommen habe. Robinson bezeugte ihm sein Vergnügen über die glückliche Veränderung seiner Denkungsart und machte ihm viele Lobsprüche über die Treue, die er den Spaniern in den Kriegen wider die Wilden bewiesen hatte; er bot ihm zugleich Geschenke von den mitgebrachten europäischen Waren an und bat ihn, sich darunter auszulesen. »Ich bedarf nichts«, antwortete jener, »ich bin an meine itzige Lebensart, an meine Kleidung, Wohnung und Speise so gewöhnt, daß ich nichts anders noch Besseres begehre. Ich werde nur noch kurze Zeit leben, denn meine zunehmende Schwäche erinnert mich jeden Tag an den Tod; warum sollt ich also in der kurzen Zeit erst noch bequemer leben, da ich es bei dem bisherigen Mangel an Bequemlichkeit allmählich bis zur Zufriedenheit habe bringen können? Ich kann ohne Schmerz aus der Welt gehen, weil ich nichts darinne zurücklasse, kein Vergnügen, keinen Reichtum, keine Bequemlichkeit; so bilde ich mir ein, und gleichwohl fühle ich das Gegenteil; wenn ich vor meiner Tür im Sonnenschein sitze und bedenke, daß ich vielleicht bald nicht mehr da im Sonnenschein sitzen werde, daß meine Ziegen nicht mehr um mich herumhüpfen und Futter von meinen Händen empfangen werden, daß ich mit meinen Knechten, die mir wie einem Vater gehorchen, nicht mehr hier sitzen und essen soll, wenn ich mir vorstelle, daß nun bald alles aus sein, daß ich gar nichts mehr sehen noch hören noch tun soll – ach! dann wird mir's wohl mannichmal so bänglich ums Herze! Du bist auch alt, du kannst wissen, was es heißt, das Leben verlassen, wenn du jemals daran gedacht hast, aber niemals hätte ich mir träumen lassen, daß es auch schwer sein könnte, ein elendes Leben zu verlassen. Ich habe nichts als etliche Sklaven, die nicht einmal meine Sprache reden, etliche Ziegen, eine ärmliche Kost und eine ärmliche Hütte, und doch ist mir alles dies so wert, so angenehm geworden, seitdem ich mich erinnert habe, daß ich's verlassen soll – so wert, so angenehm, daß ich in dieser Armseligkeit lieber noch zehn Jahre fortleben als morgen sterben möchte. Ich bitte dich, Robinson, mache mir das Leben nicht angenehmer, damit es mir nicht noch schwerer wird, es zu verlassen.« Er weinte, daß die Tränen in seinen grauen Bart herabtröpfelten, und Robinson fand die Tränen eines alten Seemanns äußerst rührend, der es sonst für Schande gehalten hätte, eine zu vergießen, und den Alter und Annäherung des Todes so sehr zum fühlenden Menschen gemacht hatte. Er tröstete ihn, und die beiden Alten konnten sich vor Vergnügen nicht wieder voneinander trennen; jeder erzählte dem andern die Schicksale seines Lebens, ihre Wanderungen und überstandnen Beschwerlichkeiten; jeder hatte vielleicht geflucht, als er sie ausstehen mußte, und itzt seufzte jeder, daß er bald keine mehr ausstehen sollte. »Es ist vorbei, ich werde nicht wieder dahinfahren, ich werde keinen verschimmelten Zwieback wieder essen, lieber Gott! das ist nun alles aus«, ein solches bedauerndes Sprüchelchen war allemal der Schluß jeder Erzählung. Sie trennten sich mit Mühe voneinander und nur unter dem Versprechen, daß sie eine so angenehme Unterhaltung sehr oft wiederholen wollten. Ganz entgegengesetzte Gesinnungen fand Robinson bei dem andern Alten, der in dem nämlichen Zustande lebte; er hatte noch vieles von der Unempfindlichkeit eines Seemannes an sich, war noch frischer, aber auch unzufriedner als der vorige und war an keine seiner Habseligkeiten so gefesselt, daß er sie nicht herzlich zu verlassen wünschte. Robinson fragte ihn, ob er seines gegenwärtigen Zustandes überdrüssig wäre. »Von Herzen«, antwortete er. »Das Leben ist nicht ein Stück altes Ankertau wert; ich habe mich, solang ich auf der Welt bin, plagen müssen wie ein Hund, und nun soll ich gar noch hier in so einem elenden Lande sterben. Meine andern Kameraden verdienen sich etwas auf der See, setzen sich in England, wenn sie das nasse Element überdrüssig sind, und leben und sterben vergnügt und ruhig bei den Ihrigen, und ich muß hier hungern, jämmerlich schlafen, jämmerlich wohnen, jämmerlich essen, wie wahrhaftig in England kein Hund frißt. Ich wollte, daß morgen der Tod käme und mich vor den Kopf schlüge, ich wollte nicht sauer dazu sehen. Wozu nutzt es, daß man bei so einem Leben ein paar Wochen länger auf der Welt ist?« Robinson war mit diesen Gesinnungen nicht sonderlich zufrieden und suchte sie ihm durch mancherlei Gründe zu benehmen, allein alle schlugen nicht halb so gut an als zwo Flaschen guter Branntewein, die ihm Robinson zu schicken versprach; diese machten ihm das Leben auf einmal wieder so erträglich, daß er den Ton ganz umstimmte und nicht mehr ungehalten sein wollte, wenn der Tod seine Ankunft noch einige Zeit verzögerte. Den letzten unter seinen Besuchen legte Robinson bei Franzens Vater ab, der mit väterlichem Ansehn und väterlicher Gewalt seine kleine Monarchie regierte; sie bestund nur aus fünf Menschen und einigen Sklaven, und es kostete also dem Regenten weder große Selbstverleugnung noch große Mühe, ein wirklicher Vater seines Volks zu sein; seine Untertanen ernährten ihn wie Kinder ihren Vater, der es mit Dank erkennt, daß er von ihnen erhalten wird, und der sich wegen dieser Dankbarkeit für verbunden achtet, ihnen mit Rat und Tat nach allem seinen Vermögen zu dienen. Seine sanfte gute Gemütsart hatte ihm jedermanns Liebe erworben, und Robinson erblickte mit Vergnügen allenthalben Wirkungen davon: die Munterkeit, Tätigkeit und Ordnung, die in seinem ganzen Bezirke herrschte, war ein sichrer Beweis, daß die Einwohner ihren Herrn liebten und nicht durch Furcht, sondern Güte regiert wurden. Robinson fand den Alten wie einen König aus den trojanischen Zeiten vor der Tür seiner Hütte auf einem Steine sitzend, und Franz war eben beschäftigt, ihm das Abendessen aufzutragen. Der Alte, sobald er Robinson erblickte, stund auf und ging ihm mit dem Zeremoniell entgegen, das man unter seiner Nation gegen die Priester beobachtete, weil dies die höchste Ehrenbezeugung war, die er kannte. Robinson ließ durch Franzen, der zum Dolmetscher diente, alle Komplimente verbitten und wollte als Freund empfangen sein. Um seinen Gast recht zu ehren, holte der Alte eine Ziege herbei, die er mit eigner Hand in seiner Gegenwart schlachtete; mit eigner Hand zog er ihr das Fell ab, zerlegte sie mit Hülfe seines Sohns in vier Teile, machte ein großes Feuer an, steckte ein ganzes Viertel an einen spitzigen Pfahl und ließ es an der Flamme braten. Robinson widersetzte sich aus allen Kräften dieser Höflichkeit, die ganz im Tone der homerischen und ossianischen Helden war, allein Franz bat ihn, seinen Vater nicht so zu kränken und eine Ehre zu verschmähen, die er ihm mit Freuden und aus aufrichtiger Freundschaft erzeigte; er mußte also nachgeben und den großen Braten verzehren helfen, so widrig er ihm schmeckte, weil er nicht gesalzen und noch halb roh war. Franz hatte sich unter allen Dingen der europäischen Kochkunst und der europäischen Sitten am wenigsten an das Salz und an den Gebrauch des Messers und der Gabel gewöhnen können; es schmeckte ihm daher itzo noch einmal so gut, da er ganz der Natur folgen und das Fleisch ohne andere Hülfsmittel mit den Fingern zerreißen durfte. Um durch keine Verletzung des Zeremoniells neuen Anstoß zu geben, bequemte sich Robinson auch dazu, nahm den Braten in die Hand, wie er vom Feuer kam, und riß sich ein Stück davon ab, denn als Gaste gehörte ihm der Vorgriff, die übrigen beiden folgten ihm nach, und um das Gastmahl desto feierlicher und angenehmer zu machen, rief der Alte seine Untertanen zusammen, die alle große Tonkünstler waren. Einer darunter hatte eine Art von Trommel, die aus einem aufgespannten Felle bestund und mit einem Stücke Holz gewaltig von ihm gepeitscht wurde, die begleitenden Instrumente waren Schildkrötenschalen, ein jeder hatte ihrer zwei, die er mit der äußersten Stärke aneinanderschlug. Dieses wilde Konzert wurde noch durch Gesang und Tanz verschönert, welches alles zusammen einen so himmelschreienden Lärm verursachte, daß dem armen Gaste seine europäischen Ohren zerspringen wollten. Sie lagerten sich in einiger Entfernung von dem Feuer, das zur Vermehrung der Feierlichkeit beständig in hoher Flamme erhalten wurde; der Chor begann mit seiner Instrumentalmusik und schrie dazu aus vollem Halse einige brüllende Töne; Franzens Vater als das Oberhaupt der Gesellschaft hatte die Ehre, mit seinem Sohne zuerst um das Feuer zu tanzen, und beide sangen zum Tanze, der aus den seltsamsten Stellungen und Schwenkungen bestund, und zu der fortdauernden Instrumentalmusik des Chors ein langes Lied; bei jedem Ruhepunkte desselben fiel der Chor mit seinen brüllenden Tönen ein und verstärkte die Schläge auf die Trommel und die Schildkrötenschalen. Der arme Alte, der sich die Ehre seines Gastes so eifrig angelegen sein ließ, geriet durch die Heftigkeit der Bewegung in einen Schweiß und in eine Ermattung, die ihm beinahe den Atem raubte; demungeachtet setzte er seinen Tanz und Gesang standhaft bis zu Ende fort, ob er gleich zuletzt die Töne nur herauskeuchte; da er fertig war, fiel er vor Entkräftung seinem Sohne in die Arme und ließ sich von ihm auf seinen Sitz tragen. Darauf fing der Chor seinen Tanz um das Feuer an und setzte ihn so lange fort, bis sie alle gleichfalls schwitzten und keuchten, welches um soviel eher geschehen mußte, da sie eine dreifache Anstrengung hatten, weil sie zu gleicher Zeit tanzten, sangen und die Begleitung mit ihren Instrumenten dazu machten. Robinson hatte nicht bloß das Unglück, daß ihm diese barbarische Musik reißende Kopfschmerzen machte, sondern fühlte auch von dem ungesalznen, halb gebratnen Fleische so gefährliche Wirkungen, daß er besorgte, ein Opfer seiner Höflichkeit zu werden. Er verbarg indessen die Ursache seiner Krankheit, sosehr er konnte, um den guten Alten nicht zu betrüben, und ließ sich von Franzen, ob es gleich schon spät war, nach Hause bringen, wo er eine sehr unruhige Nacht und einen nicht viel bessern Tag zubrachte, ehe er von der Furcht zu sterben wieder befreit wurde. Sobald seine Unpäßlichkeit vorüber war, lenkte er seine Aufmerksamkeit ganz auf die Sorge für seinen kleinen Staat: er gab den mitgebrachten Zimmerleuten Befehl, in welcher Ordnung sie bauen sollten, denn er hatte sich vorgesetzt, auf einen bequemen Platz Häuser nach europäischer Art und in einer regelmäßigen Ordnung bauen zu lassen, damit aus ihnen allmählich eine Stadt erwüchse. Die Arbeiter sollten indessen auf gemeinschaftliche Kosten unterhalten und die Häuser unter die Spanier durch das Los verteilt werden. Man war anfangs mit dieser Polizeianstalt nicht sonderlich zufrieden, nicht sowohl aus gegründeten Ursachen als vielmehr aus der allgemeinen Gewohnheit der Menschen, wider öffentliche Anstalten zu murren; die meisten verstunden sich sehr schwer zu der Abgabe an Getreide und andern Lebensmitteln, die man zum Unterhalt der Zimmerleute von ihnen foderte, und am Ende, da die Häuser stunden, erkannten sie alle, daß Robinsons Einfall nicht ganz übel gewesen wäre und daß diese gesunden und wohleingerichteten Wohnungen ihre Bequemlichkeit sehr vermehrt hätten; allein diese guten Wirkungen erlebte der Urheber der Anstalten nicht, und er hatte bei seinem Leben keinen andern Lohn dafür, als daß man ihm vorwarf, er finge Verbesserungen an, wo keine nötig wären. Er entwarf ferner mit dem Spanier, seinem Vertrauten, einen Plan, die ganze Gesellschaft in Klassen abzuteilen, damit sich gleich übersehn ließe, wieviel ein jeder beitragen müßte, wenn eine Auflage zu machen wäre, um etwas auf gemeinschaftliche Kosten zu bestreiten, wie dies der Fall mit dem Unterhalte der Zimmerleute war. Diese Abteilung konnte man leicht machen, weil die allmählich entstandne Ungleichheit des Vermögens und der Zufall sie schon gemacht hatte; die sich in dem letzten Kriege mit den Wilden hervortaten, genossen schon seitdem eine Art von Vorzug, den sie in der Folge mit den Landbauern teilten; am meisten kamen in Ansehung des Vermögens und also auch des Ansehns diejenigen zurück, die sich mit Handarbeiten und den wenigen Künsten beschäftigten, die in den gegenwärtigen Umständen möglich waren. Also fand Robinson die kleine Gesellschaft schon wirklich in drei Klassen geteilt; da er aber seine Einteilung nach dem Vermögen, zu gemeinschaftlichen Unkosten beizutragen, machen wollte, so setzte er in die erste Klasse solche, die hundert Ziegen Man wird sich erinnern, daß bei unsern Insulanern die Ziegen der Maßstab des Wertes sind, und hundert Ziegen reich sein heißt also nicht hundert Ziegen wirklich besitzen, sondern soviel einernten, soviel Sklaven und soviel Ziegen haben, daß alles dieses zusammengenommen hundert Ziegen am Werte ausmacht. Wenn wir itzo, da Gold und Silber dieser Maßstab geworden sind, von einem Manne sagen, daß er 10 000 Taler hat, so verstehn wir auch nicht zehntausend bare Taler darunter, sondern so viele Grundstücke, Häuser und andre Dinge, als soviel Taler wert sind. reich waren, in die zweite kamen diejenigen, die sich auf fünfzig schätzten, und in die dritte alle, die weniger hatten oder sich für die Arbeit ihrer Hände ihre Bedürfnisse eintauschten. Der Grund zu einer Art von Adel war schon durch die beiden Umstände gelegt, daß einige sich durch ihre Tapferkeit im Kriege Vorzug erworben und daß die vier Reichsten die Regierung der Gesellschaft einige Zeit versehen hatten, allein dies waren nur Keime des Adels, und es gehört eine Reihe von Jahren dazu, ehe daraus ein besondrer Stand aufwachsen kann. Man wird in der Folge merken, wie Robinsons Einteilung zur Beschleunigung dieses Wachstums ein neuer Grund war. Seine nächste Sorge betraf die gerichtliche Einrichtung: er sahe, daß es äußerst nötig war, sie auf einen festen Fuß zu setzen, weil sich die Unterdrückungen täglich häuften. Die Reichern taten das meiste Unrecht und waren immer Richter in ihrer eignen Sache, denn einen armen Schiedsrichter konnte niemand wählen, weil ein solcher keine Sklaven und also keine Macht hatte, im Falle der Widersetzung seinen Ausspruch geltend zu machen; dadurch kam es allmählich dahin, daß man seine Beschwerden immer bei einem reichen Manne anbrachte und daß endlich durch Gewohnheit die Reichern die rechtmäßigen Richter wurden. Robinson machte deswegen die Anordnung, daß dies Geschäfte nach der Reihe herumgehn und daß von Monat zu Monat zween andre Richter gewählt werden sollten, jedesmal einer aus den beiden reichen Klassen und einer aus der armen. Die Regel bei ihren Entscheidungen war ihr Gefühl von natürlicher Billigkeit und die wenigen Gewohnheiten, die sich nach und nach durch Anmaßung oder Vertrag eingeschlichen hatten. Um ihr Richteramt ohne Versäumnis ihrer eignen Geschäfte zu pflegen, setzten sie sich wöchentlich zweimal einige Stunden an einen Ort unter freiem Himmel, und wer sich über etwas zu beklagen hatte, erschien alsdann vor ihnen; jedermann, wer wollte, konnte die Klagen und die Sprüche der Richter anhören, Einwendungen dawider machen und dadurch zur richtigern Entscheidung das seinige beitragen. Zum Glücke hatten die Insulaner weder Papier noch andre Schreibmaterialien, sonst hätte ihnen gewiß Robinson auch ein Gesetzbüchelchen abgefaßt und den Grund zu neuen Ungerechtigkeiten gelegt, indem er die bisherigen vermindern wollte. Wenn eine von den Parteien sich nicht bei dem Ausspruche dieser Richter beruhigen wollte, so trug er seine Sache der Versammlung der ganzen Gesellschaft vor, die deswegen wöchentlich einmal an dem nämlichen Orte zusammenkam, und wenn die meisten die Entscheidung der Richter falsch oder ungerecht befanden, so mußten diese eine bestimmte Strafe an Getreide erlegen, welches derjenige bekam, der durch ihren ungerechten Ausspruch hatte Schaden leiden sollen; ebensoviel mußte er im entgegengesetzten Falle den Richtern bezahlen, über welche er sich ohne Grund beschwert hatte. In dieser wöchentlichen Versammlung der ganzen Gesellschaft sollten außerdem Beratschlagungen über alle Dinge gehalten werden, die nicht bloß eine einzelne Person, sondern alle zusammen angingen, über Krieg und Frieden, über Beiträge zu gemeinschaftlichen Unkosten: in jedem Falle entschied die Mehrheit der Stimmen. Eigentlich sollten für diesen Richterstuhl auch größre Verbrechen gezogen werden, die die öffentliche Sicherheit beunruhigten, wohin Mord und gewaltsamer Einbruch gehörte; allein bisher war noch keins von beiden vorgekommen, und Robinson hielt es auf den Rat seines Freundes für heilsam, durch keine Gesetze wider Verbrechen, die noch nicht vorhanden waren, Lust zu den Verbrechen zu machen. Er schränkte sich also mit seiner Gesetzgebung bloß auf solche Vergehungen ein, die häufig geschehen waren und noch geschehen konnten, und überließ es der Gesellschaft, alsdann erst Gesetze wider neue Unordnungen zu machen, wenn sie durch Zeit und Umstände unter ihnen eingeführt würden. Da man bisher noch kein Bedürfnis gefühlt hatte, die Stelle des Papiers, der Feder und der Tinte durch eine andre Schreiberfindung zu ersetzen, so mußte man Robinsons Gesetzgebung dem Gedächtnisse anvertrauen, und da nicht alle ein gleich gutes Gedächtnis hatten, um so viele Dinge pünktlich zu behalten, so entstund eine neue Gelegenheit sich hervorzutun: wer das beste Gedächtnis oder die längste Erfahrung hatte und in jedem Falle das Gesetz wieder herzusagen wußte, wurde nach einigen solchen Proben das Orakel der Richter und des Volks, er vertrat die Stelle eines lebendigen Gesetzbuchs Wie ohngefähr die prud' hommes bei den Franken. . Dies ging so lange an, als die Leidenschaften der einzelnen Personen nicht zu sehr vervielfältigt noch zu heftig waren; allein da in der Folge die Gegenstände der Begierden sich vermehrten und so ungleich unter die Mitglieder der Gesellschaft verteilt waren, daß manche schlechterdings entweder hungern oder stehlen oder arbeiten oder bevorteilen mußten, wenn sie leben wollten, so traute man diesen lebendigen Gesetzbüchern nicht mehr, teils wegen des Mißtrauens, das der wachsende Eigennutz erzeugte, teils weil diese Orakel dadurch ihre Glaubwürdigkeit verscherzt hatten, daß sie aus Gefälligkeit gegen sich oder einen andern die Gesetze zuweilen verfälschten. Die Gesetze mußten also mit der Religion verbunden werden, damit sie dadurch eine Heiligkeit bekamen; die Priester wurden ihre Verwahrer, denen ihre vermeinte nähere Verbindung mit einem höhern Wesen allgemeines Zutrauen verschaffte. Auch diese brachten sich um ihre Glaubwürdigkeit, und man traute niemandem als dem geschriebnen Buchstaben; auch waren die Verbrechen und die unterschiedlichen Strafen so mannigfaltig geworden, daß sie sich schwer behalten ließen; doch alles dies geschah erst spät nach Robinsons Tode, und itzt war die Gesellschaft so glücklich, daß sie ihren lebendigen Gesetzbüchern noch traute und ohne Schaden trauen konnte. Robinson hatte schon unterwegs, als er den jungen Geistlichen von dem französischen Schiffe zu seinem Begleiter machte, den Entschluß gefaßt, durch ihn einen Gottesdienst in seiner Insel einführen zu lassen; er eröffnete ihm itzt seinen Vorsatz, und der junge Mann verstund sich ohne Weigerung dazu. Er hielt an gewissen Tagen und zu bestimmten Stunden nach den Gebräuchen der römischen Kirche, wozu er gehörte, öffentlichen Gottesdienst, und zwar unter freiem Himmel, so lange bis das Haus fertig war, das man dazu baute. Er wählte unterdessen einen Platz in einem Gebüsche dazu, wo er unter vier hohen Bäumen, die unsern Tannen ähnlich waren, einen Altar von Steinen und Rasen aufrichten ließ; die Dunkelheit des Orts, die herabhängenden dunkelgrünen Äste der hohen Bäume, das Einsame, Abgesonderte und Stille des Gebüsches, die rauhe, wilde Natur, die darinne herrschte, gab der gottesdienstlichen Szene eine Erhabenheit und Feierlichkeit und machte auf die Gemüter einen Eindruck, den die stärkste Beredsamkeit ohne Beihülfe dieser sinnlichen Umstände nicht zu machen vermocht hätte, und man kann behaupten, daß die Spanier, die schon ziemlich verwildert waren, bloß dadurch Religion bekamen. Im Grunde war freilich diese Religion nichts als Furcht vor einem unsichtbaren höhern Wesen, allein in ihrem verwilderten Zustande mußten sie erst Gott fürchten lernen, ehe sie ihn lieben konnten, deswegen suchte der Geistliche allen Religionshandlungen etwas Fürchterliches, Geheimnisvolles, Schreckliches zu geben und verband jede mit Umständen, die einen großen, erschütternden, stark sinnlichen Eindruck machten. Das Äußerliche und vielleicht auch das Innere der Religion änderte sich bei allen Völkern mit der Denkungsart und dem Geschmacke eines jeden Zeitalters, und wer die Veränderungen des Gottesdienstes auf dieser Insel in einer Reihe von Jahren übersieht, findet diese Anmerkung durchaus bestätigt: erst war er erhaben durch sein Schreckbares, Fürchterliches, durch erschütternde sinnliche Eindrücke, rauh, ohne Geschmack und Pracht, aber eindringend; dann suchte man ihm Erhabenheit durch Pracht, Glanz, Reichtum der Farben und des Lichts zu geben; endlich wurde er schön, elegant, niedlich, geschmackvoll, rührend, ergötzend. Diese dreifache Änderung bemerkt man nicht nur in den gottesdienstlichen Gebäuden, sondern auch in den Gebräuchen und Zeremonien und selbst in den Lehren, Meinungen und Vorstellungen. Alles dies hängt so genau zusammen, daß es kein Wunder ist, wenn in den folgenden Zeiten unsre Insulaner bei jeder Veränderung in ihrer Verfassung, Denkungsart, in ihren Sitten und allen äußerlichen Umständen auch den Geschmack in ihrem Gottesdienste und Religionsmeinungen änderten, ob sie gleich im Grunde beständig römisch-katholisch blieben, wie sie es itzo waren und wie es ihr erster Apostel war. Das erste Haus, das man für den Gottesdienst baute, hatte völlig den nämlichen Charakter wie der Ort, wo man ihn hielt, ehe es fertig wurde: die Öffnungen, durch welche das Licht einfiel, waren klein, und es herrschte also eine schauerliche Dunkelheit darinne, welche die hohen, Zypressen ähnlichen Bäume noch vermehrten, wovon es umgeben war; alle Zieraten und Bilder an den innern Wänden hatten die Miene der Rohigkeit, des Wilden und Schreckenden, welches freilich zum Teil davon herrührte, weil ihre Verfertiger schlechte Künstler waren. Auf die wilden Sklaven machten alle diese Umstände den meisten Eindruck: ihre sinnlichen Seelen wurden dadurch so erschüttert, daß ihre Bekehrung nicht viel Mühe kostete; sie hatten zwar keinen einzigen deutlichern Religionsbegriff im Kopf als vorher, aber sie gingen doch gern in die Kirche, ob sie gleich wenig oder gar nichts verstunden, was ihnen darinne gesagt wurde, und die Furcht vor einem höhern Wesen nahm sie so gewaltig ein, daß man sie dadurch zu aller Arbeit zwingen konnte; ihre eigennützigen Herren brauchten diesen Kunstgriff, um ihre Arbeitsamkeit zu vermehren, und wenn sie den einfältigen Geschöpfen mit dem Zorne Gottes drohten, so zitterten sie und arbeiteten sich lieber zu Tode, um nur diesem Zorne zu entgehen. Der Ort, wo der erste Gottesdienst gehalten wurde, behielt auch nachher beständig eine Art von Heiligkeit, ob man ihn gleich nicht mehr dazu brauchte. Man fällte keinen Baum, der dort stund; man ließ kein Vieh dort weiden und pflückte nicht einmal eine Blume oder einen Grashalm, der dort wuchs. Man las an gewissen Tagen des Jahres Messe dort, um ihm diese Heiligkeit zu erhalten, und wenn der Geistliche mit Überlegung und nicht aus bloßem Religionseifer dabei zu Werke ging, so mußte er die menschliche Natur genau kennen, denn verwilderte Gemüter, bei welchen die Sinnlichkeit ganz die Oberhand über die Vernunft hat, müssen bei jedem Schritte durch irgendeinen Gegenstand erinnert werden, daß es Religion gibt. In dieser Rücksicht war es sehr wohlgetan, daß man die heiligen Örter allmählich vermehrte, hier und da eine Kapelle baute oder eine plumpe Bildsäule hinsetzte, die eine heilige Person oder einen andern religiösen Gegenstand vorstellen sollte. Freilich erreichte man diese Absicht nur im Anfange, die Triebfeder der Religionsfurcht wurde sehr bald schlaff; man ließ sich durch sie nicht mehr antreiben noch einschränken, sondern geriet auf den sinnreichen Einfall, Böses und Gutes ohne Unterschied bloß nach den Eingebungen des Vergnügens und des Nutzens zu tun und das getane Böse durch die Religion wiedergutzumachen. Die gottesdienstlichen Verrichtungen waren nicht mehr Antriebe oder Einschränkungen , sondern wurden Vergütungsmittel , die eine barbarische Religionsfurcht der Gottheit anbot. Da sich die Religion dieser Leute auf Furcht gründete und bloß durch das Schreckbare wirkte, so wurde die Einbildungskraft mit fürchterlichen Religionsbildern angefüllt und auf einen so schreckenden Ton gestimmt, daß sie jeden Winkel mit schwarzen ungeheuern Gestalten bevölkerte. Der Aberglaube , der daraus erwuchs, schuf allenthalben Gegenstände der Furcht: er ließ Geister herum wandeln und die Toten wieder zurückkommen; am meisten zeigten sich diese Wirkungen an den bekehrten Wilden. Noch eine Veränderung lag Robinson sehr am Herze, die ihm aber der Eigennutz der Landeigentümer nicht ausführen ließ: er wollte gern alle Sklaven in Freiheit setzen; es sollte ihren gegenwärtigen Herren nichts dadurch entzogen werden, sondern er verlangte nur, daß man ihnen Feld zum Eigentum einräumen möchte, wo sie ihr eignes Brot bauen könnten; übrigens sollten sie ihren itzigen Herren Untertan bleiben und ihnen täglich eine festgesetzte Anzahl von Stunden arbeiten. Jedermann war dawider, und es entstund ein allgemeiner Aufruhr, wenn Robinson nicht beizeiten nachgab. Einige bequemten sich zwar in der Folge dazu, aber nicht aus Menschlichkeit, sondern aus Eigennutz: sie fanden es vorteilhafter für sich, wenn sich ihre Sklaven ihr eignes Brot schafften und räumten ihnen also ein Stück Feld pachtweise ein; es blieb den Herren eigentümlich, und die Sklaven hatten nichts als die Nutzung davon, wofür sie jenen statt des Pachtgeldes von jeder Ernte einen ausgemachten Anteil entrichteten; bei manchen wurde ein solcher Pacht auf ihre ganze Lebenszeit geschlossen. Im Grunde war aber dies keine Erleichterung für die Sklaven, sondern für die Herren, die nunmehr nicht für den Unterhalt ihrer Arbeiter zu sorgen brauchten, und diese bekamen einen desto größern Zuwachs von Arbeit, weil sie außer den Diensten, die sie ihren Herren vorher leisteten und itzo gleichfalls leisten mußten, auch für sich und ihre Familie von dem gepachteten Acker ihren Unterhalt gewinnen sollten, den sie sonst von ihren Herren bekamen. Die Vereinigung aller fünf Gesellschaften, in welche die Insel geteilt war, zu einer einzigen großen, war auch eins von den Robinsonschen Projekten, das nicht ausgeführt wurde und dessen Ausführung vielleicht schädlicher als nützlich gewesen wäre. Er glaubte dadurch allen künftigen Kriegen vorzubeugen, aber er bedachte nicht, daß bei der itzigen Zerteilung der Einwohner die Insel besser angebaut wurde, als wenn sie auf einem kleinen Flecke beisammensaßen; er bedachte nicht, daß eine solche Vereinigung zur Unterdrückung und zu einer größern Ungleichheit des Vermögens den Grund legte. Zum Glücke war er wegen seiner friedlichen Gesinnungen und seines Alters kein Eroberer, sonst hätte ihm die Begierde, einen großen Staat zu errichten, wohl den Gedanken eingeben können, daß er alle Einwohner mit Gewalt gezwungen hätte, auf einen Haufen zusammenzuziehen. So viele und mancherlei Anstalten gingen freilich nicht ohne Kränkung ab: manche wurden vereitelt, manche nicht so ausgeführt, wie sie sollten, um den vorgesetzten Endzweck zu befördern, und fast bei allen erkannte man den Nutzen nicht eher, als bis man ihn empfand. So häufige Widersprüche, so mannigfaltige Vereitelungen machten dem armen Regenten seine Herrschaft ein wenig schwer und sein Leben oft so bitter, daß er sich sehnlichst nach England zurück wünschte; bei jeder neuen Verdrüßlichkeit gab er Befehl, das Fahrzeug zusammenzusetzen, wozu er die Bestandteile mitgebracht hatte 2. Teil, S. 147 . , um darinne an den Ort zu reisen, wo ihn sein Vetter treffen wollte, und kaum war der erste Ärger verflogen, so schmerzte es ihn schon wieder, eine Insel zu verlassen, wo er noch soviel Gutes ausrichten könnte; das Fahrzeug wurde nicht zusammengesetzt, und er blieb da. Wenn sein Ärger zu hoch stieg, flüchtete er zu Franzens Vater, der ihm durch seine freundschaftliche Gutherzigkeit den Kummer benahm, und Franz trug gleichfalls durch seine Lustigkeit nicht wenig dazu bei. Dieser muntre Bursch mochte ohngefähr die Empfindung haben wie ein Fisch, der einige Zeit am trocknen Lande gelegen hat und wieder in sein Element versetzt wird; er machte soviel seltsame Sprünge und hatte so viele Einfälle, daß er den ganzen Tag nicht zu plaudern aufhörte. Robinson war von dieser harmlosen Gesellschaft so bezaubert, daß er mehr als einmal den Vorsatz faßte, sich von den Spaniern zu trennen, unter welchen alle europäische Leidenschaften und Übel herrschten, und hier sein Leben zu beschließen. Am meisten kränkte ihn die üppige Lebensart der beiden Engländer, die über ihre Untergebnen einen so drückenden Despotismus ausübten, und er besuchte sie oft in der Hoffnung, sie von ihrem bisherigen Leben abzuziehen; doch alle seine Gründe und Vorstellungen fruchteten nichts, als daß sie die verstockten Müßiggänger wider ihn aufbrachten, und ihr Unwille ging so weit, daß sie ihm den Zugang zu ihren Wohnungen untersagten und ihn mit Gewalttätigkeit bedrohten, wenn er zu ihnen zurückkäme. Gewöhnlich fand er sie auf einer Matte liegend, ein paar Weiber bei ihnen, worunter eine ihnen den Saft einer berauschenden Wurzel in den Mund goß oder Speisen hineinstopfte, während daß die andre ihnen die Brust oder die Arme rieb oder mit einem Fächel von Baumzweigen Kühlung zuwehte. Wenn sie ihre feisten Körper einmal außer der Wohnung bewegen wollten, ließen sie sich von Sklaven tragen; waren sie auf diese Weise an den Ort geschleppt worden, wohin sie wollten, welches meistens ein nahgelegner Busch war, dann wurden sie niedergesetzt, und ihr Zeitvertreib bestund darinne, daß sie mit Blaseröhren nach den Vögeln schossen, die die Einfalt begingen, sich auf den nächsten Bäumen blicken zu lassen. Zuweilen, wenn ihnen die Vögel aus dem Wege gingen, mußte sich einer von den Trägern zum Ziel hinstellen, und es machte ihnen eine herzinnigliche Freude, wenn die Tonkugel mit hohlem Geräusche an dem nackten Buckel anprallte oder einen blauen Fleck zurückließ; diese blauen Flecke wurden als Beweise ihrer Geschicklichkeit jedesmal am Ende des Spiels gezählt. Jede Ziege, die geschlachtet werden sollte, empfing den Tod von ihren Händen; man band sie an einen Pfahl mit einem Stricke, der so lang war, daß sie ringsherum laufen konnte, alsdann schossen sie mit stumpfen Pfeilen nach ihr, und die Sprünge, welche jeder Schuß hervorbrachte, wenn er traf, waren zuweilen so seltsam, daß sie sich nicht enthalten konnten, ihre schwerfälligen Körper mit einem erschütternden Gelächter zu bewegen; das Hauptvergnügen entstund aber alsdann erst, wenn ein Schuß tödlich wurde und das Tier langsam unter mannigfaltigen Verzuckungen sein Leben ausblies. Eine solche Todesszene war für die ungestüme Sinnlichkeit dieser Barbaren das herrlichste Schauspiel, und sie sannen täglich auf neue Mittel, es länger und unterhaltender zu machen. Die übermäßigste Sättigung aller sinnlichen Triebe war ihr Geschäft, die Grausamkeit ihr Vergnügen, Ruhe und Gemächlichkeit ihr höchstes Gut. Der Anblick so vieler Übel, die sich nicht abstellen ließen, so viele Kränkungen, Verdrüßlichkeiten, verworfne Vorschläge, mißlungne Absichten verleideten endlich dem guten Robinson den Aufenthalt auf der Insel so sehr, daß er ernstliche Anstalten machte, sie zu verlassen. Die Schaluppe wurde zusammengesetzt; der Spanier, der sein bisheriger Vertrauter gewesen war, bezeugte große Lust, ihn nach Europa zu begleiten; sie gaben also den Matrosen, die Robinsons Vetter auf diesen Fall zurückgelassen hatte, heimlich Befehl, sich bereitzuhalten, und reisten an einem Morgen in aller Frühe ab, wo es niemand vermutete. Es konnte zwar den Einwohnern der Insel nicht verborgen bleiben, daß sie beide nach Europa zurückgehen wollten, allein sie wurden dadurch betrogen, daß die Abreisenden den Termin der Abfahrt weiter hinaussetzten, als sie geschah, und diese List war darum nötig, weil sich zu viele Liebhaber fanden, die die Reise mitmachen wollten; um also die Insel nicht zu entvölkern und ihren Anbau zurückzusetzen, mußte man ihnen durch einen solchen Betrug die Zurückkehr nach Europa abschneiden, die man ihnen sonst nicht hätte verwehren können. Die Trennung von Franzen war für Robinson das empfindlichste: er hielt es für unbillig, ihm nur den Vorschlag zu tun, daß er ihn begleiten sollte, und ihn seinem alten Vater zu entreißen. Er verhehlte ihm deswegen seine vorhabende Abreise und konnte sich der Tränen kaum enthalten, als er zum letztenmal des Abends vorher mit ihm sprach; mit ebenso vieler Rührung verlor er auch seine geliebte Insel aus dem Gesichte und nahm Abschied von ihr wie von einem Freunde, den er gewiß nie wiederzusehen hoffte. Er langte mit seinen Reisegefährten ohne allen Anstoß und alle Gefahr bei dem Sammelplatze an, den ihm sein Vetter zur Zusammenkunft bestimmt hatte. Sowenig Robinson Ursache hatte, mit den Einwohnern seiner Insel zufrieden zu sein, so konnte er doch nicht unterlassen, von hier aus etwas zu ihrem Wohlstande beizutragen: er beredete einen von den Matrosen, die ihn hieher gebracht hatten, daß er mit der Schaluppe wieder zurückging und sich auf der Insel niederließ. Er gab ihm ein Pferd und eine Stute, Schweine, Kühe, Schafe mit, die er unter die Spanier austeilen sollte, und damit die Teilung keine Unruhen erregte, machte er selbst einen Aufsatz, worinne er sie anordnete. Es fanden sich auch einige Personen, die Lust bezeugten, die Anzahl seiner Insulaner zu vermehren, besonders eine Familie, die das Unglück gehabt hatte, sich die Ungnade der heiligen Inquisition zuzuziehen. Der ganze Transport bestund außer dem Viehe aus sechs Personen, worunter einige ein Handwerk ehmals gelernt, liegengelassen hatten und auf ihrem neuen Wohnorte es wieder hervorsuchen wollten; unter den Gewächsen, die sie dort anzupflanzen gedachten, war das Zuckerrohr das erheblichste. Die Schaluppe sollte diesen Leuten zusammen eigentümlich bleiben; alles dieses versprach der Kultur der Insel, dem Fortgange der Künste und der Ausbreitung des Handels, günstige Aussichten. Unser Abenteurer kam durch einen weiten Umweg in sein Vaterland: er begleitete seinen Vetter nach dem Vorgebürge der Guten Hoffnung, wo sie bloß frisches Wasser einnahmen, und von da nach Ostindien, wo sie sich trennten. Robinson machte Gesellschaft mit einigen Kaufleuten, die nach China gingen, dort hielten sie sich einige Zeit auf, reisten zusammen nach Moskau, und von da machte der herumschweifende Alte allein die Reise über Hamburg nach England. So ungeheuer die Strecke ist, die er durchwanderte, so hatte er doch nichts als alltägliche Zufälle, die man in jeder Reisebeschreibung antrifft; ebenso geringfügig sind die Merkwürdigkeiten, die er sieht und hört; da es also so wenig Verdienst sein würde, solche Dinge zu erzählen, als es Vergnügen machen könnte, sie zu lesen, so mag hier der Held der Geschichte sanft und ruhig entschlafen, und aus Erkenntlichkeit, daß er mir etwas zu erzählen und den Lesern etwas zu lesen gegeben hat, wollen wir seiner Asche die Ruhe wünschen, die ihn im Leben zu fliehen schien. Eh ihm der Tod die Erlaubnis gab, von seinen Herumwandern auszuruhen, beging er noch die Torheit, seinen ältesten Sohn auf seine Insel zu schicken und ihn dadurch um Vermögen, Ruhe und Leben zu bringen. Teils geschah es aus wirklicher Gutherzigkeit, um die Umstände der Kolonisten zu verbessern, teils aber auch aus der sonderbaren Einbildung, daß er Regent und Besitzer der Insel sei und daß ihm also sein Sohn als rechtmäßiger Erbe in dem Besitze seiner Staaten nachfolgen müsse. Um dem jungen Menschen einen so wichtigen Teil seiner Verlassenschaft nicht zu entziehn, gab er ihm sein Erbteil voraus, unter der Bedingung, daß er dafür Haustiere, Ackergeräte und andre Bedürfnisse, die den Insulanern not taten, anschaffen und sie in eigner Person unter sie austeilen sollte. Die Sachen wurden unter der Anleitung des Vaters gekauft; der Sohn brachte einige Handwerksburschen zusammen, die ihr Glück in der Alten Welt nicht finden konnten oder nicht finden wollten, verdung sich mit seiner Reisegesellschaft auf ein Schiff, das nach Amerika ging, und war schon ganz trunken von der Gewalt und Hoheit, die er in seinem Reiche erwartete. Seine Geschichte ist mit der Geschichte der Kolonie so genau verwebt, daß man die eine nicht ohne die andre erzählen kann, und vermutlich wird es den Lesern nicht unangenehm sein, das Wachstum einer Gesellschaft bis zu dem Zeitpunkte zu verfolgen, wo sie zu einem großen eingerichteten festen Staate wurde; ich will nicht allemal der Zeitordnung folgen und überhaupt bei den einzelnen Begebenheiten nicht anders gedenken, als insofern sie zu einer Hauptveränderung etwas beitrugen. Geschichte der Kolonie Die Geschichte Robinsons und seiner Kolonie hat uns Beispiele von den mannigfaltigen Veranlassungen gegeben, die den Menschen im einsamen und gesellschaftlichen Zustande zwingen oder ermuntern konnten: die natürliche Gestalt seines Wohnortes zu verändern; die Naturprodukte seines Aufenthalts aufzusuchen; zu finden, zu vervielfältigen; die Erzeugnisse andrer Gegenden bei sich anzupflanzen; die Materialien aus allen drei Reichen der Natur, die er in ihrer ursprünglichen Gestalt weder zu seinem Unterhalt noch zu seiner Bequemlichkeit brauchen konnte, durch Verarbeitung geschickt dazu zu machen; zur Verrichtung und Erleichterung aller dieser Arbeiten Werkzeuge zu ersinnen. Wenn wir diese Beispiele zusammen vergleichen, so werden wir finden, daß Zufall, Not, Leidenschaft, Witz die vier Hauptursachen aller Erfindungen waren; Verstand und anhaltendes Nachdenken brachten keine einzige von den Robinsonischen Erfindungen und auch keine einzige in der Welt hervor. Robinson wurde zufälligerweise gewahr, daß ein Baum auf seiner Insel die Biegsamkeit der Weide hatte; diese Ähnlichkeit ließ ihn eine andre vermuten, nämlich daß er vielleicht auch so leicht wurzeln würde wie die Weide; er versuchte es, fand seine Vermutung bestätigt, und die Erfindung war gemacht. So entstanden sie alle durch die Bemerkung der Ähnlichkeit und durch eine solche Vermutung, wie diese waren, daß ein Baum, der mit einem andern eine Eigenschaft gemein habe, auch vielleicht die übrigen haben werde und daß das Feuer, wenn es brennt wie die Sonne, auch die andern Wirkungen derselben tun und tönerne Gefäße ebenso härten werde. Der Witz Man wird leicht einsehen, daß ich hier unter Witz jede Bemerkung des Ähnlichen und also vorzüglich die Erwartung ähnlicher Fälle verstehe. erzeugte also die menschlichen Erfindungen, Verstand, Beurteilung und Nachdenken trugen bloß zu ihrer Vollkommenheit bei. Diese Ursachen waren auch die Urheber von den Veränderungen in dem gesellschaftlichen Zustande der Kolonie: sie erzeugten verschiedene Arten von Subordination, Knechte, Sklaven, Herren, Vasallen, Zinsleute (tributaires), daher entstund ein abgeteiltes Eigentum, Ungleichheit des Vermögens, der Gewalt, des Ansehns; dadurch wurden die Menschen in zween Hauptklassen, in Landbauer und Künstler, geteilt, und die Verschiedenheit des Standes bewirkt, die von der Verschiedenheit der Beschäftigung abhängt; dadurch wurde Handel und Geld eingeführt; daher entstund richterliches Ansehn, richterliche Gewalt; daher Verschiedenheit in der Regimentsverfassung, Demokratien, Aristokratien, Monarchien, Despotismus. Auf alle diese Wirkungen hatte unstreitig die ursprüngliche Verschiedenheit der Menschen in ihren Neigungen und Geschicklichkeiten den beträchtlichsten Einfluß: sie gab jenen vier Ursachen Richtung und Einschränkung. Die Wilden, welche unter den beiden despotischen Engländern stunden, mußten gerade so dumme, träge, fühllose Tiere und ihre Oberherren solche sinnliche Müßiggänger sein, wenn sie diese despotische Verfassung bekommen sollten; die Wilden, welche der handelnde Engländer unter sich bekam, mußten so eine folgsame, tätige, anschlägige Gattung und ihr Befehlshaber so ein herumschweifender geschäftiger betriebsamer Mann sein, wenn eine Handlungsgesellschaft aus ihnen entstehn sollte. So vielfache Veränderungen in dem Zustande der Menschen und der Gesellschaft wirkten wieder auf die Menschen zurück: die Verfassung, der Handel, die Industrie eines Volks floß freilich ursprünglich aus seinem natürlichen Charakter und der natürlichen Beschaffenheit des Landes, das es bewohnt; aber wenn diese Verfassung einmal Festigkeit erlangt hat, wenn sein Handel, seine Beschäftigungsart und sein Reichtum einmal bestimmt ist, dann erwachsen daher Veränderungen in der Denkungsart, den Sitten, Neigungen und selbst in den Verstandeskräften, und vorzüglich von diesen Wirkungen wird die folgende Geschichte der Kolonie Beispiele enthalten. Wenn die Einführung des Ackerbaus und des abgeteilten Eigentums in der Bildung des menschlichen Charakters Epoche machten, so machte der Gebrauch und die Vermehrung der Haustiere nicht weniger eine; und Hr. Forster sagt mit Recht, ob es gleich manche für Satire hielten, daß die Engländer zur künftigen Geistesbildung der Neuseeländer und Otahiten den Grund dadurch gelegt haben könnten, weil sie bei jenen Schweine und bei diesen Schafe zurückließen. Unsre Insulaner geben hiervon einen augenscheinlichen Beweis. Da sie weder Pferde noch Ochsen hatten und alle Arbeit durch Menschen verrichtet werden mußte, widersetzte sich jedermann der Freilassung der Sklaven, obgleich Robinson sehr ernstlich darauf drang; als man durch jene Tiere Gehülfen in der Feldarbeit bekam, hätte nur ein kleiner Umstand dazu gehört, um die Freiheit der Sklaven zu bewirken. Zum Unglück entstund in diesem Zeitpunkte eine neue Art von beschwerlicher Arbeit, wobei man keine Tiere gebrauchen konnte: man entdeckte Gold, legte Bergwerke an, und es mußten schlechterdings Sklaven sein, die eine so schwere und der Gesundheit so schädliche Arbeit verrichteten. Die Erfindung der Maschinen, wodurch die menschliche Kraft mehr als verdoppelt wird, tat der Freiheit auf der Insel einen neuen Vorschub, der soviel fruchtete, daß wenige Begebenheiten sie zustande brachten. Ihr schlimmster Zeitpunkt war, da die Geschäftigkeit der Insulaner, ihre Gewinnsucht und die Anzahl der beschwerlichen Arbeiten stärker zunahmen als die Vermehrung der Sklaven und Haustiere; zu dieser Zeit war ein Mensch, der arbeiten mußte, von hohem Wert, und man kaufte einen Sklaven um einen übermäßigen Preis, der in der Folge nach Erfindung der Maschinen so weit heruntersank, als er vorher gestiegen war. Man kann also mit Recht behaupten, daß Robinsons Einfall, seinen Insulanern Ochsen und Pferde zuzuschicken, die nachfolgende allgemeine Freiheit in seinem kleinen Staate vorbereitete; ebensoviel trug er auch zur künftigen Geisteskultur der Einwohner bei. Die Wilden, welche den beiden despotischen Engländern unterworfen waren, fielen nach dem Tode ihrer Herren ganz in ihre vorige Lebensart zurück: sie lebten von Wurzeln, von Baumfrüchten, von ihren Ziegenherden, ohne Ackerbau, Gewerbe und Handel; in den langen Kriegen, die die Insel zerrütteten, bekamen sie Pferde und Ochsen in ihre Gewalt; ihre Baumpflanzungen waren verwüstet, und der Mangel zwang sie, von diesen Tieren einen Gebrauch zu machen, der sie zu einer ganz andern Lebensart führte; der Ackerbau lenkte sie vom Kriege ab, sie fingen an zu handeln, Gewerbe zu treiben; die Entwickelung der Geisteskräfte wurde dadurch unmittelbar befördert, und von dieser Reihe von Wirkungen waren Ochsen und Pferde die erste Ursache. Obgleich Robinson soviel Gutes nicht davon voraussah, so gab er doch seinem Sohne eine große Menge solcher Tiere mit, wovon freilich beinahe die Hälfte unterwegs umkam, aber es langten doch immer genug an, um ihre Vermehrung zu beschleunigen. Dieser junge Herr, der Karl Robinson hieß, hatte Verschlagenheit genug, die mitgenommenen Tiere bei seiner Ankunft auf der Insel zu seinem großen Vorteile zu gebrauchen. Er stimmte seine Begleiter, daß sie ihm beistehen sollten, wenn sich etwa die Einwohner seinem Vorschlage widersetzten, und er wußte ihnen seinen herrschsüchtigen Geist so sehr mitzuteilen, daß sie ihm gegen alle seine Befehle den vollkommensten Gehorsam versprachen in der Hoffnung, an seiner künftigen Größe Anteil zu nehmen. Er ließ also nach der Landung bekanntmachen, daß er der rechtmäßige Erbe aller Robinsonischen Staaten sei und daß er jeden, der ihn für den Beherrscher derselben erkennen werde, mit einer bestimmten Anzahl Pferde und Ochsen beschenken wolle. Man sahe die Nützlichkeit eines solchen Geschenks zu gut ein und hielt es für eine zu unbedeutende Sache, einem jungen eingebildeten Menschen von achtzehn Jahren die Oberherrschaft einzuräumen, als daß man sich lange hätte bedenken sollen, und der Vergleich wurde auf der Stelle ohne Schwierigkeit, Kabale oder Blutvergießen geschlossen. Karl Robinson, ein junger, feuriger, unternehmender Geist, konnte sich unmöglich damit begnügen, einen Trupp Ackerleute und Handarbeiter in Friede zu regieren, da ohnehin seine Regierung in nichts bestund als in der Einbildung, denn er durfte und konnte keine Gesetze machen, verstund ebensowenig, Streitigkeiten zu entscheiden, und war also im Grunde nichts als ein Landbauer, der durch seine mitgebrachten Menschen und Tiere ein Stück Land urbar machen, besäen und bepflanzen ließ; man hatte ihm zwar unterdessen zu seinem Unterhalt eine Lieferung von Getreide und Viktualien bewilligt, die er in seiner jugendlichen Einbildung als eine Abgabe ansah, allein er erfuhr sehr bald, daß es nur eine freiwillige Kollekte, eine Beisteuer , war, die man ihm auf seine Bitte zugestand; als er seine Bitte zum zweiten Male tat und sie ein wenig befehlsweise einrichtete, wurde sie ihm geradezu abgeschlagen. Darüber geriet er in Feuer und dachte auf Rache; die Leute, welche mit ihm aus England kamen, waren meistens Geschöpfe, die ihr Vaterland verließen, um der Strafe zu entgehn, oder aus Neigung zum Herumlaufen; jede Gelegenheit, unter irgendeinem Vorwande zu rauben und Menschen zu plagen, jede Unruhe war ihnen willkommen, und sie boten deswegen begierig ihren Beistand zur Rache an. Dazu gesellten sich alle, die vom alten Robinson aus Brasilien herübergeschickt wurden; sie führten große Beschwerden wider die Spanier, vielleicht mit einigem Rechte, aber doch noch mehr, weil sie Neigung zu den schön angebauten Feldern der Spanier hatten und weil sie unter einem anständigen Vorwande sich derselben bemächtigen zu können glaubten. Der Krieg fing mit einem heimlichen Überfalle an, der die Spanier zur Flucht nötigte und alles das Ihrige in die Hände der Angreifer brachte; der junge Robinson wurde abgeredtermaßen zum Regenten ausgerufen, erhielt das Recht, sich unter den eroberten Wohnungen, Feldern, Weibern, Sklaven und Vieh das beste auszusuchen, und das übrige verteilten seine Gefährten durch das Los unter sich. Die Vertriebenen, die wie von einem plötzlichen Donnerschlage aus ihren Besitzungen verscheucht waren, griffen zwar ihre Überwinder gleichfalls an und suchten sich ihre Häuser und Felder wieder zu erobern, allein es war unmöglich, weil sie die Flucht zu eilfertig genommen und ihr meistes Gewehr und Pulver den Feinden zurückgelassen hatten. Sie suchten Hülfe bei den drei Engländern, aber mit ebenso schlimmem Erfolge: die zween Despoten hatten durch ihre wollüstige faule Lebensart Geist und Mut verloren, um nicht schon vor dem Gedanken an den Krieg zu erschrecken, und der dritte war mit seiner Handelsrepublik zu sehr an Frieden und die ruhige Betreibung eines Geschäftes gewöhnt, als daß sie sich in einen Streit einlassen sollte, der ihr Wohl und Weh nicht geradezu betraf; es galt der Gesellschaft natürlicherweise gleich, ob ihnen Karl Robinson und seine Gefährten oder die vertriebenen Spanier die Materialien ihres Handels lieferten, wenn er nur nicht gehindert oder ihr Vorteil dabei geschmälert wurde. Nunmehr war den Bedrängten niemand mehr übrig als Franz – sein alter Vater war indessen gestorben – mit seiner kleinen Monarchie, und hier fanden sie auch Gehör; Franz besaß noch ganz das kriegerische Feuer eines Wilden, war in den Jahren des jugendlichen Mutes und ergriff mit Freuden eine Gelegenheit, seinen Nerven und Muskeln Bewegung zu verschaffen. Er versprach den Spaniern Hülfe, aber zum Unglücke kam Karl Robinson dahinter und zog ihn unter so vorteilhaften Bedingungen auf seine Seite, daß sich die Vertriebenen abermals verlassen sahen. Der junge Eroberer war mit seinem Glücke noch nicht zufrieden, sondern wollte die ganze Insel bezwingen; er zog also mit seiner ganzen Macht und seinen Bundesgenossen aus und trieb die Spanier so in die Enge, daß man ihnen keine Wahl ließ, als sich zu ergeben oder zu sterben; sie zogen das Leben vor und versprachen Gehorsam und Unterwürfigkeit, wenn man ihnen neue Wohnsitze anweisen wollte. Sie wurden auf der Insel verteilt, ein jeder Haufen bekam einen öden Fleck, den er anbauen mußte, und Robinson suchte sich seine Kriegsgehülfen dadurch zu verbinden, daß er einem jeden darunter einen solchen Bezirk eingab und ihm das Recht einräumte, den Spaniern, die ihn bewohnten, zu befehlen und von ihnen einen Teil ihrer Ernten und andrer Produkte zum Zeichen der Untertänigkeit zu verlangen. Es entstund also durch diesen Krieg eine ganz neue Verfassung: die Besitzungen, aus welchen man die Spanier vertrieb und die die Eroberer durchs Los unter sich verteilten, besaß ein jeder eigentümlich Dies kommt mit den Besitzungen überein, die unsre Vorfahren Allodia nannten. , er konnte sie verkaufen, verschenken, vermehren oder vermindern und nach seinem Tode vermachen, wem er wollte; die Distrikte hingegen, worinne die überwundnen Spanier wohnten, waren ihren Besitzern gleichsam nur geborgt, und nur geliehen Es sind also in dieser elenden kleinen Menschengesellschaft auch Lehen, Feuda, gewesen, und was manchem das Werk einer tiefgedachten Weisheit scheint, ist hier die Erfindung eines achtzehnjährigen jungen Menschen. , wer sich durch Untreue oder andre Ursachen seinem Oberhaupte, Karl Robinson, mißfällig machte, den vertrieb er von einem solchen Distrikte und borgte ihn einem andern, der ihn mehr zu verdienen schien. Die Gewohnheit, einem andern auf diese Weise etwas zu leihen, war eigentlich eine Erfindung der Faulheit; man wollte von einer Sache, die man sich durch die Stärke seiner Hände mit Gewalt zugeeignet hatte, einen gewissen Nutzen ziehn, und man scheute doch die Arbeit, die erfodert wurde, sich diesen Nutzen zu verschaffen; man wollte nicht pflügen, säen und einsammeln und doch von dem eingenommenen Felde ernten; man überließ es also Leuten zur Bearbeitung, die zu schwach und mutlos gewesen waren, sich auch ein Stückchen Erde anzumaßen. Dieser Kunstgriff des Müßigganges wurde so weit getrieben, daß zuletzt einer den andern mit Schaufeln, Harken, Ochsen und Pferden belehnte. Die armen Spanier betraf bei dieser allgemeinen Veränderung das meiste Unglück; sie verloren nicht nur ihre eingerichteten Wohnungen und angebauten Felder und mußten in ihren neuen Wohnplätzen ganz von vorn anfangen, unfruchtbare Heiden umreißen, sie tragbar machen und alle diese Arbeit ohne Sklaven mit eignen Händen verrichten, sondern sie kamen auch um ihre Freiheit, denn der Boden, den sie bearbeiten sollten, gehörte ihren Herren, ihren Herren gehörte das Vieh, die Ackergerätschaft; sie bekamen von ihren Herren in der Folge sogar die Kleidung und waren also ohne Eigentum. Nichts als ihre Person und ihr Leben gehörte ihnen eigentümlich an, und auch diese kamen allmählich in die Gewalt ihrer Herren, denn da das Wohlsein dieser letztern darauf beruhte, ob sie viel oder wenig Leute hatten, die arbeiteten und Zins entrichteten, so war ein jeder darauf bedacht, die Anzahl derjenigen, die ihm bei der Teilung nach dem Kriege zufielen, beisammen zu erhalten und zu vermehren; die Herren selbst wurden in der Folge untereinander uneinig und zogen mit ihren Leuten zu Felde; aus diesem doppelten Grunde, um im Kriege viel Gehülfen zu haben und im Frieden viel Zins zu bekommen, ließ kein Herr einen von den unterworfenen Spaniern aus seinem Distrikte; kamen Wilde oder Spanier aus andern Distrikten in den seinigen, so machte er sie sich eigen und zwang sie, bei ihm zu bleiben und von nun an seine Untertanen zu sein. Selbst über das Leben dieser Unglücklichen verfügten ihre Herren nach Willkür, denn es konnte sie niemand zur Rechenschaft ziehn oder zur Billigkeit anhalten, wenn sie tyrannisch handelten. Folglich waren die Spanier wirkliche Leibeigne , ohne Vermögen, die nicht einmal mit ihrer Person anfangen konnten, was sie wollten, die selbst in Ansehung ihres Lebens in großer Unsicherheit schwebten. Karl Robinson wollte indessen die erhabne Idee, sich als Herrn der ganzen Insel zu betrachten, vollends ausführen und zog mit seinen Vasallen und ihren Untertanen gegen die übrigen drei Gesellschaften aus. Zwei waren vom Despotismus und die dritte vom Handel entkräftet, und es fiel einem Schwarm solcher martialischen Leute, wie Karl Robinson anführte, nicht sonderlich schwer, sie alle drei unter das Joch zu bringen. Alle drei Engländer wurden in diesem Feldzuge erschlagen, und die Überwinder teilten Land, Vieh und Menschen unter sich. In die Anteile, die der Hauptanführer, Karl Robinson, für sich behielt, schickte er die Getreuesten unter seinen Gehülfen der Eroberung, die darüber wachen, herrschen und die Abgaben einrichten und einkassieren sollten Dies hat einige Ähnlichkeit mit den Missis Dominicis der fränkischen Kaiser, mit den damaligen Landgrafen, Markgrafen usw. . Anfangs gehorchten zwar diese Herren seinem Befehle, allein sie entzogen sich sehr bald allem Gehorsam, taten, was ihnen beliebte, behandelten ihre Untergebnen als ihre eignen Untertanen und behielten die Abgaben für sich, die sie ihnen auferlegten; Karl Robinson mußte mit dem zufrieden sein, was ihm seine eignen Ländereien einbrachten. Die ganze Insel war auf diese Weise unter eine Menge kleiner Tyrannen verteilt, die Karln den Namen und die Ehre des Oberhaupts zugestanden, ohne ihm wie einem Oberhaupte zu gehorchen; diese Tyrannen waren im Grunde Wölfe, die Herden Leibeigene hüteten und sich für ihre Beschützer ausgaben. Des alten Robinsons Plan, daß allmählich eine Stadt auf seiner Insel entstehen sollte, wurde ganz aus den Augen gesetzt, das Band zwischen den Einwohnern zerrissen und der ganze Haufen in soviel kleine Gesellschaften zerstückt, als es Herren gab, und diese Herren lagen in unaufhörlichem Kriege widereinander. Handel und Gewerbe schliefen ein; man säete und pflanzte, soviel man brauchte, und hatte man Mangel, so raubte man, wo sich etwas fand. Die ganze Insel war ein allgemeines Bild der Zwietracht, der Unterdrückung, der Grausamkeit; alle Menschengefühle erloschen, und Mitleid wurde eine weibische Schwachheit. Man hielt es für Schande, sein Recht und seine Ansprüche nach Gründen entscheiden zu lassen, dies mußten sich nur die Leibeigenen gefallen lassen, und ihre Herren hielten es für rühmlicher, nicht die Vernunft, sondern den Zufall, körperliche Stärke und Geschicklichkeit für ihre eignen Richter zu erkennen; sie ließen bei Zwistigkeiten entweder ihre leibeignen Herden sich miteinander balgen, oder sie taten es selbst in einem Zweikampfe. Die sinnliche Tätigkeit wurde so sehr aufgeregt und bekam so sehr die Oberhand, daß man nichts wünschte, als herumzuziehen und Gelegenheiten zum Prügeln und Balgen zu finden. Karl Robinson, der diesen kriegerischen Geist zuerst erweckte, ward selbst ein Opfer desselben: er blieb in einem Treffen, als er einen seiner Vasallen durch Krieg zum Gehorsam zwingen wollte, welches dieser so übelnahm, daß er sein Oberhaupt erschlug. Weil man einmal daran gewöhnt war, ein Oberhaupt zu haben, so schritt man nach Karls Tode zu einer neuen Wahl, allein die unruhigen Köpfe konnten sich so schwer vereinigen, daß sie den Zufall zum Schiedsrichter wählten: sie machten miteinander aus, daß ein jeder mit dem frühesten Morgen sich in Begleitung einer Ziege an einem bestimmten Orte einfinden wollte, und wessen Ziege zuerst meckern würde, dem sollte die Ehre der Oberherrschaft zufallen. Es geschah, und Ludwig Mortimers Ziege tat ihm den Gefallen und erhub ihre Stimme zuerst. Ein solches Oberhaupt hatte keine Einkünfte, als die ihm seine eignen Ländereien verschafften, durfte niemandem befehlen als seinen eignen Untertanen, weil ihm sonst niemand gehorchte, und war dabei von allen den kleinen Herren auf der Insel mit Beschwerden und Foderungen geplagt, wovon es keiner abhelfen und keine zu erfüllen vermochte; im Grunde war es auch zu nichts gut, als bei den immerwährenden Kriegen zuweilen dieser oder jener Partei durch seinen Beitritt den Ausschlag zu geben. Die Neigung zum Herumschwärmen und zur Prügelei, die hohe Meinung, die man dadurch allmählich für das Geschäfte des Plünderns und Totschlagens faßte, und die Unruhen, die daher entstunden, hätten die Insel zuversichtlich wieder zur Wüste gemacht und den Ackerbau ebenso vertilgt, wie schon der Handel verschwunden war, und es war daher ein Glück, daß die Religion oder vielmehr der Aberglaube diesem Kampfjagen Schranken setzte. Die Priester überredeten ihnen, daß an gewissen Tagen in der Woche dem lieben Gott das Streiten, Zanken und Totschlagen vorzüglich unangenehm sei und daß daher jeder, der an solchen Tagen die Waffen ergriffe, nicht allein ihm mißfallen, sondern auch schlechterdings unglücklich sein werde Dies hat Ähnlichkeit mit den Waffenstillständen an gewissen Tagen der Woche, die die Geistlichkeit in den mittlern Zeiten unsrer teutschen Geschichte treuga Dei nannte. . Man gehorchte zwar nicht gleich, allein da einige Widerspenstige an solchen Tagen aus der sehr natürlichen Ursache überwunden wurden, weil unter zwei Leuten, die sich schlagen, allemal notwendig einer den kürzern zieht, so dachten sie nicht nach, daß ihre Überwinder auch unglücklich hätten sein müssen, wenn es ein durchaus unglücklicher Tag wäre, sondern sie glaubten nunmehr aus Erfahrung zu wissen, daß man an solchen Tagen allemal verlöre; einer machte dem andern diese Entdeckung, einer bestätigte die andern darinne, und im kurzen kam es dahin, daß man wöchentlich zwei Tage mit aller Feindseligkeit ruhte. Die Priester vermehrten diese unglücklichen Tage immer mehr und taten, vielleicht ohne ihre Absicht, der Insel den Dienst, daß sie dadurch den Grund zu ihrem fernern Anbau legten, denn die Zeit dieses allgemeinen Waffenstillstandes wurde zur Landarbeit von einigen angewendet. Ebenso legte auch Ludwig Mortimer, ohne seine Absicht, den Grund zur Erneurung des Handels und der Gewerbe durch die Ausführung des Plans, den der alte Robinson einmal zu einer Stadt entwarf: er wollte sich eigentlich dadurch einen festen Ort verschaffen, wo er sich und seine Freunde wider den Übermut seiner unruhigen Vasallen sichern könnte. Er machte also mit einigen, die ihm zugetan waren, den Vertrag, daß ein jeder unter ihnen von seinen Leibeigenen den neunten Mann zur Befestigung eines bequemen Platzes hergeben, daß die Anzahl von Leuten, die dadurch zusammenkäme, erst Graben und Mauern und dann Häuser innerhalb derselben bauen sollten, und zwar ein jeder neune, eins für sich und die übrigen für die acht Kameraden, die er auf dem Lande zurückgelassen hätte; diese sollten die Landarbeit tun und jenen einen bestimmten Teil der Ernte zu ihrem Unterhalte liefern Das nämliche veranstaltete bekanntermaßen Heinrich der Vogler in Teutschland, wiewohl nicht bloß aus diesem Grunde. . Der Plan wurde befolgt, die Stadt aufgebaut, wiewohl sie im Grunde kaum den Namen einer Stadt verdiente, da sie nur aus einer Menge Hütten von zusammengenagelten Pfählen bestund, die ohne sonderliche Ordnung, nicht einmal gassenweise hingesetzt und mit einer runden Mauer von Steinen und Leimen umgeben waren. In Friedenszeiten machten die Erbauer die Besetzung des Orts aus, und die übrigen wohnten bei ihren Feldern und trieben die Landwirtschaft wie zuvor; sobald man Unruhe spürte oder ein Überfall drohte, zogen sie alle mit Hab und Gut, mit ihren Vorräten und dem Vieh in die Stadt, vermachten die Tore und erwarteten den Feind; war die Gefahr vorbei, vielleicht ein Waffenstillstand oder ein Friede geschlossen, so begaben sie sich wieder zu ihren Feldern. Diese Einrichtung hatte, aller Unvollkommenheit ungeachtet, große Vorteile und verschaffte soviel Überlegenheit, daß die Gegenpartei das nämliche Mittel der Sicherheit ergriff, und indem sie damit umging, entstund noch eine andre Ursache, die die Erbauung befestigter Städte anriet. Eine wilde Nation aus einer der benachbarten Inseln war von ihrem Wohnsitze durch ihre Feinde vertrieben worden und suchte einen neuen Aufenthalt; sie landete an eine unangebaute Seite der Robinsonischen Insel, setzte sich dort fest und tat Streifereien durch das ganze Land. Der Mangel zwang sie zum Raube, sie überfielen die Kolonisten, nahmen ihnen Früchte und Vieh und verbreiteten allenthalben unersetzlichen Schaden; sie waren von Natur kriegerisch und in der Notwendigkeit, entweder Hungers zu sterben oder ihr Leben daranzuwagen. Sie stritten also mit dem äußersten Mute, wenn man ihnen widerstand, und konnten sie das Feld nicht behaupten, so flüchteten sie zu ihren Kanots, warfen sich hinein und ruderten ins Meer hinaus; ehe man sich es versah, taten sie an einem andern Orte eine neue Landung und fingen ihre Räubereien anderswo an. Gemeinschaftliche Gefahr vereinigte itzt die meisten Parteien in der Kolonie; man brachte Vieh und Vorräte in die Hauptstadt, soviel sie nur fassen konnte, arbeitete unermüdlich an der andern neuangefangnen Stadt, zeichnete neue Plätze zu neuen Befestigungen aus und suchte vor allen Dingen, sich Ruhe von den räuberischen Wilden zu verschaffen. Da sie im Grunde nichts verlangten als Aufenthalt und Nahrung, so erlaubte man ihnen, die eine Spitze der Insel zu bewohnen, und versprach, sie so lange wöchentlich mit einer bestimmten Menge Früchten zu versorgen, bis sie selbst Bäume gepflanzt und Wurzeln zu ihrem Unterhalte gefunden hätten. Eigentlich tat Ludwig Mortimer diesen Vorschlag, den man sich gefallen ließ, um indessen Zeit zu gewinnen und mehr befestigte Plätze zustande zu bringen. Die Wilden verhielten sich ruhig, sobald sie gewiß waren, daß man sie nicht verjagen wollte, pflanzten aber keinen Baum und machten auch sonst keine Anstalt, die Unfruchtbarkeit ihres Wohnplatzes zu verbessern, sondern lebten vom Fischfange und den Lieferungen an Früchten, die sie von der Kolonie empfingen. Sobald die Festungen zustande waren, sobald man während dieses Waffenstillstandes das Feld bestellt und eingeerntet hatte, so verteilten sich die Kolonisten in die Städte, und die Lieferungen an die Wilden hörten auf. Diese fingen zwar ihr Herumschweifen wieder an, allein wohin sie kamen, fanden sie leere Hütten und leere Felder, und so tapfer sie sich in einer Schlacht hielten, so reichte doch ihre Tapferkeit nicht zu, eine Stadt anzugreifen und zu erobern, wozu Maschinen nötig waren, die sie nicht kannten. Sie merkten also mit Erstaunen, daß indessen alles anders geworden war, daß sie weder durch Gewalt noch durch List etwas rauben konnten und sich mit Fischen und Schildkröten begnügen mußten. So leicht sie sich in diese Notwendigkeit ergaben, so wollte ihnen doch die Kolonie den Platz auf der Insel nicht umsonst gönnen; eine jede Partei dachte darauf, sich diese müßiggehenden Fischer zu unterwerfen; man zog in verschiedenen Haufen und an verschiedenen Seiten gegen sie aus, schnitt ihnen den Weg zum Meere ab und brachte sie ohne vieles Blutvergießen in die Gefangenschaft. Die kleinen Tyrannen, die sich ihrer bemächtigten, erhielten dadurch einen Zuwachs an Leibeignen, die für sie arbeiten und sie in den Krieg begleiten mußten. Freilich dauerte es lange, ehe diese nackten Wilden der Kleidung und der Arbeit gewohnt wurden; viele starben vor Betrübnis, daß sie nicht mehr nackt gehen sollten, weil sie die Kleider als eine Art von Kerker betrachteten, und die übrigen mußten mit der strengsten Härte und oft mit Hunger gezwungen werden, ihrer bisherigen Lebensart zu entsagen. Sich an die Beinkleider zu gewöhnen fiel ihnen so schwer als den Bergschotten, und sich nicht mehr das Gesicht mit Fischfett zu salben war für sie eine so herzangreifende Sache als den Russen der Verlust ihrer Bärte unter Peter dem Großen. Sosehr itzo die Notwehr die Erbauung fester Städte erfoderte und so nützlich sie itzo den Herren der Insel waren, so schädlich wurden sie ihrer Tyrannei in der Folge: diese Tyrannen, denen ihre Besitzungen anfangs nur anvertraut, nur so lange geliehen wurden, als es ihrem gemeinschaftlichen Oberhaupte beliebte, brachten es allmählich dahin, daß sie ihnen eigentümlich angehörten, daß ihre Nachkommen sie erbten und daß selbst das Oberhaupt der Insel sie nicht daraus vertreiben konnte, ohne einen gewaltsamen Eingriff in ihre Rechte zu tun. Sie betrachteten sich also als eine Art von Adel, und wir wollen sie auch nunmehr so nennen; ihre Größe gründete sich auf die Unterdrückung der Leibeignen, die unter ihnen stunden und zum Teil Nachkommen der Spanier waren, die zu des alten Robinsons Zeiten sich hier anbauten, zum Teil von den Wilden abstammten, die unter den Spaniern als Sklaven gelebt oder die man neuerlich unter das Joch gebracht hatte. Sowenig die meisten unter diesen armseligen Lasttieren die Härte ihrer Sklaverei fühlten, weil sie daran gewöhnt, höchst unwissend waren und die Freiheit nicht kannten, so empfanden doch die Bewohner der Städte sehr bald ihre Wichtigkeit: sie versagten dem Adel ihren Gehorsam, boten ihm mit ihren Mauern und Verschanzungen die Spitze und machten kleine Republiken aus, die sich durch sich selbst regierten und alle für einen Mann stunden. Da der Adel sie sehr oft beunruhigte und wieder unter seine Gewalt zu bringen suchte, so mußten sie sehr wachsam sein, ihre Tore meistenteils verschlossen halten und sich selbst aller Freiheit berauben, um ihrer nicht von ihren Feinden beraubt zu werden. Der Adel, der unter sich die vorigen Feindseligkeiten fortsetzte, ahmte dem Beispiele der Städte nach, befestigte seine Besitzungen, und die ganze Insel ließ sich damals mit einer Menge Raubtierhöhlen vergleichen, wo hinter Graben und Mauer ein gefräßiges Tier auf das andre lauschte, um nicht von ihm verschlungen zu werden oder um es zu verschlingen. Die Städte fühlten sehr bald den belebenden Einfluß der Freiheit, besonders da die Oberhäupter der Insel ihr Emporkommen sehr begünstigten, um dem zügellosen Adel durch ihre Beihülfe zu widerstehen. Sie fingen mancherlei Gewerbe unter sich an: die in der Nachbarschaft des Meeres lagen, bauten Kähne und taten Reisen zu benachbarten Wilden, tauschten Waren bei ihnen ein, lernten ihre Arbeiten und drangen endlich bis zum festen Lande, wo sie mit einer spanischen Kolonie in Verkehr gerieten und europäische Produkte in die Insel einführten. Durch öftern Umgang mit mancherlei Menschen, durch die Notwendigkeit, sich um des Interesse willen nach ihnen zu richten, verloren sie ihre Rohigkeit und kriegerische Wildheit; ihre Neigung wurde immer mehr auf den Eigennutz, auf Gewinnsucht gerichtet und dadurch vom Kriege abgelenkt. Sie brachten zwar von den Waren, die sie bei den Spaniern eintauschten, wenig auf die Insel, sondern verführten sie meistenteils in die Nachbarschaft, wo sie andre Dinge dafür eintauschten und sie den Spaniern zusandten, aber sie brachten doch in ihre Städte den kaufmännischen Geist und eine friedfertige Denkungsart zurück; ihr Kopf wurde durch Rechnung, Handelsgeschäfte und Spekulation auf neue Vorteile mehr geübt, als es bei dem Adel geschehen konnte, der zu seinen Schlägereien nichts als gute Fäuste und höchstens ein wenig räuberische Verschlagenheit brauchte. Die Städte erhielten also eine große Überlegenheit an Verstand, Einsicht, Reichtum; da sie in ihrer demokratischen Regierungsform und bei ihrem Verkehr untereinander oft nach Gründen entscheiden, da sie wegen der Gleichheit an Macht frühzeitig Rechte und Gewohnheiten unter sich festsetzen mußten, so kam das richterliche Ansehn und die Gewohnheit, sich Gesetzen und dem Ausspruche nach denselben zu unterwerfen, bald bei ihnen empor. Im Grunde war eine solche Stadt nichts als eine vereinigte Menge kleiner Gesellschaften, die einen Ort gemeinschaftlich verteidigten und sich gemeinschaftlich regierten, denn jedes Handwerk, jede Kunst, mit einem Worte, jede Klasse von Menschen, die einerlei Geschäfte trieben, machten eine Republik Dies hat Ähnlichkeit mit den Innungen, Gilden, communautés usw. für sich aus, die sich nach eignen Gesetzen und Gewohnheiten regierte und sich mit einem andern solchen Handwerksstaate herumschlug, wenn Zwistigkeit unter ihnen entstund; aber ebendiese Zerteilung in kleine Haufen machte desto mehr Verabredungen, Regeln, Gesetze nötig, ohne welche sie sich gar nicht hätten erhalten können. Die Leibeigenen nützten die Streitigkeiten ihrer Herren und ihre öftern Abwesenheiten und verschafften sich mit gewaffneter Hand bessere Umstände, Eigentum und mehr Freiheit, andre bekamen sie von ihren Herren selbst. Wie vorhin alles strebte, sich zu unterdrücken, so strebte itzt alles zur Freiheit empor. Das eingeschläferte Gefühl der Menschheit erwachte allenthalben, und es war schon viel gewonnen, daß die Unterdrückten den Druck zu fühlen anfingen. Die Gegenden, wo die Landarbeiter sich zuerst ein Eigentum anmaßten oder von ihren Herren empfingen, taten schnelle Schritte im Ackerbau und der ganzen Landwirtschaft: jeder wurde von dem Gedanken belebt, daß er für seinen eignen Vorteil arbeitete und daß alles ihm und seiner Familie gehörte, sobald er den Zins abgetragen hatte, der seinem Herrn für den Abtritt des Eigentums, für Freiheit und Schutz gebührte. Die Bekanntschaft mit Europäern, die der Handel verschaffte, brachte europäisches Geld und europäische Gesetze auf die Insel; die Spanier kamen häufig wegen des Handels in die Städte; sie hörten von den Goldminen, die man entdeckt hatte, und bekamen durch diese Nachricht nicht wenig Lust, sich einer Insel zu bemächtigen, wo sich ihrer Habsucht so gute Aussichten eröffneten. Sie landeten mit einer kleinen Anzahl Truppen, die ohne alle Komplimente die spanische Flagge am Ufer aufsteckten und unter lautem Trommelschall verkündigten, daß sie im Namen seiner katholischen Majestät Besitz von der Insel nähmen; allein man hatte für diese Ankündigung so wenig Achtung, daß man sich zur Wehr stellte und die spanische Mannschaft nötigte, ihren Abzug zu nehmen. Die Bevölkerung hatte sehr zugenommen, und wenn die Robinsonianer einig unter sich gewesen wären, so hätten sie schon einem ziemlichen Heere widerstehen können; allein ihre Trennungen und fortwährenden Zwistigkeiten ließen sehr besorgen, daß sich vielleicht ein Teil des Adels gar zu den Spaniern schlagen und ihnen die Eroberung der Insel erleichtern möchte. Darum dachte das damalige Oberhaupt der Kolonie, Jakob Mortimer, auf fremde Hülfe, weil sein Vorteil am meisten dabei Gefahr lief, denn seit Ludwig Mortimers Zeiten war man beständig mit der Wahl eines Oberhauptes bei dieser Familie geblieben, die dieses Vorrecht einbüßte, wenn den Spaniern ihre Unternehmung gelang. Jakob warb also auf den benachbarten Inseln Wilde zu Kriegsdiensten an, versprach ihnen Vieh und Früchte statt des Soldes, und die kriegerischen Geschöpfe nahmen mit Freuden ein Anerbieten an, das ihre zwo Lieblingsneigungen zugleich befriedigte, ihnen Essen ohne Arbeit und Krieg verschaffte; sie wurden geschwind bewaffnet und nach ihrer Art gekleidet und sollten ihrer Dienste wieder entlassen werden, wenn sie die Spanier zurückgetrieben hätten; die öftre Zurückkehr des Feindes machte es aber notwendig, daß man eine Art von stehender Armee aus ihnen errichtete und sie auf der Insel behielt, da sie hingegen anfangs wieder nach Hause gingen, wenn ihr Dienst vorüber war. Der Geiz der Spanier wurde durch die vielen mißlungnen Versuche nur noch mehr gereizt; sie bildeten sich Wunder von den Reichtümern ein, die auf der Insel verborgen sein sollten, und nahmen sich ernstlich vor, eine Eroberung durchzusetzen, die ihnen nach ihrer Meinung so viel versprach. Sie erschienen mit einer zahlreichen Mannschaft, die an verschiedenen Orten landete und dadurch die Verteidigung der Insel erschwerte. Sie machten in kurzer Zeit einen erstaunenden Fortgang: ein festes Schloß, eine Burg nach der andern ergab sich, und der größte Teil des Adels erkannte die spanische Oberherrschaft. Zu gleicher Zeit griff man die Hauptstadt an, und die elenden Mauern widerstunden nicht lange den Kanonen, womit man sie beschoß; die Festungswerke, die bisher die Schutzwehr der Freiheit gewesen waren, stürzten in wenigen Minuten danieder und verstatteten den Belagerern allenthalben freien Eingang. Demungeachtet sank der Mut der Überwundnen nicht; sie stritten mit der äußersten Hartnäckigkeit für ihre Freiheit und ließen sich lieber niedermetzeln, als daß sie sich ergaben, so groß war ihr Abscheu gegen die spanische Herrschaft und so stark ihr Gefühl der Freiheit. Die Grausamkeit und Erbitterung der Feinde ließ sich weder durch ihren Widerstand noch durch Menschlichkeit, nicht einmal durch den Eigennutz bewegen, mit mehr Schonung zu verfahren; es galt ihnen gleich, ob sie Herren von leeren Feldern und menschenlosen Wüsten oder von einer bevölkerten Insel wurden, wenn sie nur zu ihrem Zweck gelangten. Sie waren endlich so glücklich, den kleinen Überrest zur Unterwerfung zu zwingen und sich als Beherrscher einer entvölkerten Insel betrachten zu können. Nachdem man auf diese Weise die Bewohner umgebracht und vermindert hatte, so machte man nunmehr Anstalt, sie wieder zu vermehren und Kolonien aus den übrigen spanischen Besitzungen in Amerika hieher zu schicken. Die Insel bekam einen Statthalter, spanische Verfassung und spanische Gesetze; statt der zerstörten Städte wurde eine einzige aufgebaut, die regelmäßiger und schöner war als alles, was der Fleiß und die Erfindsamkeit der bisherigen Einwohner hervorgebracht hatte; einige Kaufleute, die von Gold und Silber hörten, das hier wachsen sollte, bauten sich Häuser, kauften Sklaven und brachten sie hieher, um von ihnen die Erde durchwühlen zu lassen; sie bekamen vom Statthalter gegen den zehnten Teil des Gewinstes die Erlaubnis, jene kostbare Metalle aufzusuchen, und fanden sie in so großer Menge und mit so geringer Mühe, daß dem armen Statthalter bange wurde, sie möchten reicher werden als er und sein König; deswegen hielt er vorsichtig seinen Vertrag nicht länger, sondern nahm die Erlaubnis zurück, weil er diese herrlichen Materien selber brauchen konnte; er ließ sie im Namen seines Königs ausgraben und war so billig, nur Dreiviertel der Ausbeute für sich zu behalten und ein Viertel auf das feste Land in die königliche Schatzkammer zu liefern. Der Ruf, der den Reichtum dieser Goldkammer ungeheuer vergrößerte, lockte aus allen Teilen des festen Landes Gewinnsüchtige herbei, die sich hier anbauten, um reich zu werden. Man ersann die Fabel, daß es in Robinsonia Felsen von gediehenem Silber gäbe, deren Spitzen mit Gold eingefaßt wären, daß die Muscheln freiwillig ans Land kämen, ihre Perlen hinlegten und dann wieder ins Wasser zurückkehrten, daß selbst aus den Bäumen ein flüssiges Gold wie Harz sich ergösse. Die so lange verachtete unbekannte Insel ward mit Einwohnern so überladen, daß beinahe der Platz fehlte; die erstaunten Wilden auf den benachbarten Inseln sahen Schiffe, große und kleine Fahrzeuge, ankommen und abgehen; man führte Lebensmittel und alle Arten von Bedürfnissen herbei, um Gold dafür einzutauschen; dieser kleine Erdklumpen wurde zu einem wahrhaften Ameisenhaufen, so wimmelte es allenthalben von geschäftigen, tätigen Menschen. Eine reiche Goldmine ist allerdings ein Acker, auf welchem alles Bedürfnis, alle Bequemlichkeit, alles Vergnügen wächst, aber ein Acker, dessen Fruchtbarkeit sehr eingeschränkt ist und dessen Früchte desto weniger gelten, je häufiger und gieriger sie gesammelt werden; wie es ehemals den Robinsonianern mit ihren glänzenden Steinen ging In diesem Teile S. 189 . , so ging es itzt mit dem Golde. Die übrigen natürlichen Produkte der Insel konnten zum Teil gar nicht vermehrt werden, und bei manchen fand die Vermehrung nur bis zu einem gewissen Grade statt, denn man konnte nicht mehr Bäume anpflanzen und mehr Vieh halten, als der Raum und der Wiesewachs verstattete; die Zufuhr fremder Produkte hatte auch ihre Grenzen, die Verzehrung gleichfalls; denn wenn die Bevölkerung bis zu einer gewissen Anzahl Menschen sich vermehrt hatte, so war die Insel voll, sie mochten noch so hoch in die Luft bauen, um den Flächenraum zu mehr Sachen zu benutzen; war nun diese bestimmte Anzahl Menschen vorhanden, war die Verzehrung bis zu diesem äußersten Grade gestiegen, hatte die Zufuhr fremder Produkte und die Vermehrung der einheimischen gleichfalls den Grad erreicht, den sie erreichen konnte, so war das Gold, welches man nun mehr erbeutete als vorher, kein Gewinst, wenn es nicht anders als durch Tausch gegen andre Dinge aus der Insel weggelassen wurde, welches hier der Fall war, denn wer einmal dort wohnte, durfte mit dem erworbnen Golde nicht wegziehn. Der Statthalter machte diese Erfahrung zu seinem großen Erstaunen. Er hatte das Monopol des Goldes und ließ unersättlich täglich mehr ausgraben; es kam der vorhin gedachte Zeitpunkt, wo die Menge der einheimischen und zugeführten Erzeugnisse und die Größe ihres Verbrauchs zum möglich höchsten Grade gelangt waren, den die Umstände zuließen; die Menge des Goldes vermehrte sich durch die Habsucht des Statthalters täglich, aber die Menge der Waren, die er dafür eintauschen konnte, litt keine Vermehrung mehr; seine Ware, das Gold, wurde also täglich wohlfeiler und die andern Sachen teurer; die Nachfrage war geringer als sein Vorrat, und der arme Mann befand sich mit seinen zunehmenden Goldhaufen in dem nämlichen Falle wie ein Kornhändler nach einer reichen Ernte, wo jedermann mehr Korn hat als Geld. Der arme Goldhändler mußte die Leute bitten, daß sie ihm seine Ware abnahmen. »Was soll ich damit?« sprach jeder, dem er es anbot, »es liegt mir schon soviel auf dem Halse, daß mir der Platz fehlt, und um eines so kleinen Profits willen, den man itzt damit machen kann, werd ich fürwahr kein neues Haus bauen.« – »Das ist auch mein Fall«, antwortete der Statthalter, »ich wünschte, daß es Blei wäre, o dann wollt ich anders dabei aussehn. Wir haben keins auf der Insel; es kann uns weniger zugeführt werden, als wir brauchen, und gleichwohl ist es allenthalben nötig.« – Daher wurde es zum gewöhnlichen Ausdrucke auf der Insel, den man allgemein von jeder kostbaren Sache gebrauchte: »Man muß so rar damit umgehen wie mit Blei«, und ebenso gewöhnlich war es, von einer nichtswerten Sache zu sagen: »Das kann man so wenig loswerden wie das Gold.« Der Statthalter war so listig und veranlaßte eine Teurung an Golde, um seinen Wert wieder ein wenig zu erhöhen; er ließ in dieser Absicht alle Gruben zuwerfen, alles Ausgraben dieses Metalls einstellen und hinderte dadurch die Vermehrung desselben auf der Insel; er ließ allerlei Gefäße daraus machen, sogar die geringsten Dinge, Hammer, Feuerzangen, Nägel und ähnliche Sachen, wurden aus Gold verfertigt und durch dieses Mittel der Verbrauch desselben vermehrt, zumal da die übrigen Einwohner seinem Beispiele folgten und diesen Luxus allgemein machten, wenn man anders den häufigen Gebrauch einer Sache, die nicht selten und folglich nicht kostbar ist, einen Luxus nennen kann, und die gehinderte Vermehrung der vorhandnen Menge und die Vermehrung der Konsumtion beförderten wirklich den Wunsch des Statthalters und brachten dem verachteten Golde einigen Wert zuwege. Die kleinen Herren, die sich der spanischen Krone bei Eroberung der Insel unterworfen hatten, trieben hierinne die Nachahmung des Statthalters so weit, daß sie ihren Leibeignen goldne Grabscheite, Pflüge, Hacken und die übrige Ackergerätschaft von Gold machen ließen; aber ihr Zustand wurde dadurch nicht im mindsten behaglicher, es war nur vergoldetes Elend und vergoldete Sklaverei. Auch die übrigen, die aus der Leibeigenschaft befreit waren und Freiheit und Eigentum genossen, waren nichts besser mit den goldnen Werkzeugen daran, die sie sich anschafften: sie mußten sich so sehr plagen, fühlten die Last der Frondienste und Abgaben so sehr, als wenn ihre Pflüge von Eisen gewesen wären, denn da das Gold so wenig Wert hatte, so waren die Herren so klug und ließen sich von ihnen den Erb- und Grundzins, die Fastenhühner, die Martinsgänse und alle andre Abgaben nicht in Gold, sondern in Silber und noch lieber in Blei bezahlen, dessen Wert so groß war, daß man sicher totgeschlagen oder beraubt wurde, wenn man in der Nacht allein ging und nur ein Lot bei sich führte. Die Bedürfnisse des Luxus und ihre Kostbarkeit beruhen so sehr auf der Einbildung und der Seltenheit der Dinge, daß hier ein Mann comme il faut sich geschämt hätte, einen goldnen Topf unter sein Bett zu stellen oder aus einem goldnen Löffel zu essen; Blei war die allgemeine Pracht, und ein bleiernes vollständiges Service zu besitzen war nur das Vorrecht der Reichsten; nur an Galatagen und bei andern festlichen Gelegenheiten wurde von Blei gespeist, und das gemeine Volk in der Stadt meldete sich's als eine große Merkwürdigkeit, daß heute das bleierne Service auf des Statthalters Tafel prangte, und lief neugierig, es anzugaffen. Ebenso konnte man an diesen seltsamen Leuten bemerken, daß alles, was man modern und altmodisch, was man guten Ton in der Art sich zu möblieren, zu kleiden, zu leben nennt, daß alle Liebhaberei in den Künsten auf keinem bessern Grunde beruht. Weiße europäische Leinwand war die teuerste und folglich auch die vornehmste Tracht, und vor einem Manne oder einer Dame in einem Leinwandkleide zog man den Hut noch einmal so tief ab: man merkte gleich, daß es Leute à leur aise waren, denn die Leinwand hatte die weite Reise aus Sachsen nach Spanien, von Spanien auf das feste Land in Amerika und von da nach Robinsonia gemacht, war wegen ihrer Reisekosten sehr teuer, war ein fremdes Produkt aus einem andern Weltteile, selten und also prächtig. Das schönste Gemälde vom Tizian, die schönste antike Venus würde dort ihr Glück sehr wenig gemacht haben: die griechische Nase wäre dort lächerlich und eine weiße Gesichtsfarbe widrig gewesen; kupferfarbichte Gesichter und breitgepletschte Nasen, die beide in der amerikanischen Luft so wohl gedeihen, hielt man dort für die höchsten Schönheiten der Damen, und es war deswegen ein wesentlicher Teil der Erziehungskunst, daß Mütter, die für das Wohl ihrer Töchter sorgten, ihnen in den ersten Jahren ein Brett quer über den Nasensattel banden, damit die beliebte Breite entstund und die Nasenlöcher zu großen Torwegen wurden. Die galanten Weiber sahen alle aus wie bei uns die Trinker, wenn sie ihr Geschäfte einige zwanzig Jahre getrieben haben, und die Ärzte erfanden einen Schnupftabak, der aus der alkalischen Asche einer Pflanze bereitet wurde und den besonders die Koketten sehr häufig brauchten, weil er durch seine beißende Kraft eine Entzündung über das ganze Gesicht verbreitete. Gelehrte, die der Abstammung der Völker so sorgfältig nachspüren, könnten hier mit vieler Wahrscheinlichkeit vermuten, daß unsre Robinsonianer aus Sibirien gekommen wären, weil sie in dem Gebrauche dieses Tabaks auf eine sonderbare Weise mit einem dortigen Volke übereinstimmen (mire consentiunt) – wo ich nicht irre, sind es die Ostjaken; sie mischen unter den chinesischen Tabak die beißende Asche von einer Art Erdschwämme, füllen die Nase damit an und stopfen beide Nasenlöcher mit Stöpseln von Baumrinde zu; allein sie tun es nicht um der Schönheit willen, sondern um dem Gesichte durch die entstehende Entzündung Wärme zu verschaffen. Die süßen Herrchen hatten die Gewohnheit, beständig die Lätze ihrer Beinkleider an einer Seite offenzulassen Dies haben die Robinsonianer von den Spaniern gelernt, bei welchen es itzo noch üblich sein soll. , und eine modische Artigkeit war es lange Zeit unter ihnen, sich mit dem Ton ihrer Stimme dem Quaken der Frösche zu nähern. Unter dem schönen Geschlechte herrschte einige Zeit die Mode, daß man den Kopf eines Hirsches in Lebensgröße aufsetzte, wie es unter einer Art Tatarn in Sibirien gebräuchlich ist; das Ganze war aus der getrockneten Blase eines großen Fisches gemacht, den man bei der Insel zuweilen fing, mit Vogelfedern nach dem Leben überzogen und nach dem Leben schattiert; die Augen waren von Glas, das dort für die größte Kostbarkeit galt, weil es aus Europa hingeschafft werden mußte, und das Geweihe, das wenigstens sechzehn Enden haben mußte, wankte bei jeder Bewegung des Kopfs und drückte durch seine mannigfaltigen Arten zu wanken jede Leidenschaft, jeden Affekt, Zorn, Liebe, Eifersucht, Neid, Hohn und Beifall mit bewundernswürdiger Genauigkeit aus; aus dieser Mode müssen es künftige Geschichtschreiber der Insel erklären, wenn ihnen etwa unter den handschriftlichen Nachrichten, die sie gebrauchen, der Liebesbrief eines verabschiedeten Liebhabers in die Hände geraten sollte und sich so anfinge: »Ich habe mit Betrübnis in dem schwankenden Geweihe Ihres Kopfs gelesen, daß Sie mich nicht länger lieben wollen« usw. So viele Seltsamkeiten hatte dies Volk vermutlich dadurch bekommen, daß es aus einer Vermischung von mancherlei Nationen entstanden war; das Blut, das in seinen Adern strömte, war eine Mixtur von spanischen, englischen, portugiesischen, amerikanischen Bestandteilen; eine solche Mixtur war auch seine Denkungsart, sein Temperament, seine Sitten, seine Gebräuche und seine Moral, in keinem fand man Zusammenhang, Ordnung und Eigentümlichkeit, alles, sogar die Torheiten, waren geborgt. Dieser spielte den Amerikaner, jener den Spanier, ein dritter den Engländer, alle spielten eine fremde Rolle, keiner wollte ein Robinsonianer sein, und alle waren es. Daß sich hierzu noch Schläfrigkeit, Untätigkeit und wechselseitige Zurückhaltung gesellte, daran war vorzüglich die Verfassung schuld; wenn Leben und Regsamkeit unter den Menschen herrschen soll, so muß etwas die Triebfeder ihrer Leidenschaft, ihrer Begierde und ihres Bestrebens spannen, und was konnte dies hier sein? Den Ehrgeiz erweckte die Verfassung nicht, denn der Statthalter regierte als ein Despot, und die kleinen Herren, in welche die Insel verteilt war, taten dasselbe; die Ehre, nach welcher jemand streben konnte, bestund also darinne, daß man diesen Herren diente und gehorchte, und eine solche Ehre war mit so vielen Beschwerlichkeiten verknüpft und so unbelohnend, daß sich nur Leute darum bewarben, die es um ihres Unterhalts willen höchst nötig hatten; auch waren die Geschäfte, die ein so kleines Gebiet erfoderte oder verstattete, äußerst gering, unbedeutend, mehr Handarbeiten als Arbeiten des Geistes. – Das Bestreben nach Reichtum war ebenso eingeschränkt, seitdem der Statthalter den wichtigsten Teil des Handels an sich gerissen hatte; so viel man im Anfange gewinnen konnte, da die Regierung den Handel frei ließ, um Leute anzulocken, die sich dort anbauen sollten, so wenig war itzo anzufangen. Außer den vielfältigen Einschränkungen von Seiten der Regierung war auch dieser Umstand sehr ungünstig, daß der Handel den höchsten Punkt erreicht hatte, den er erreichen konnte: der Eigennutz wurde schlaff, weil er sich am Ziele sah, und also auch die Betriebsamkeit. – Das Vergnügen war ebenfalls nicht reichlich vorhanden, weil man keine von den schönen Künsten zu einer beträchtlichen Vollkommenheit gebracht hatte; die Ergötzlichkeiten der Einbildungskraft, des Verstandes und sogar der Geselligkeit fehlten, und es blieb nichts übrig als die sinnlichsten Vergnügungen, die auch dem Grade der allgemeinen Geistesentwickelung am angemessensten waren, denn wo die Verfassung kein Talent und keine hohe Leidenschaft erweckt, da können die Leute nichts Bessers tun als essen, trinken, spielen und was diesem anhängt. Die kleinen Herren, die sich sonst so tapfer herumtummelten, befanden sich am schlimmsten dabei: die Langeweile rieb sie beinahe auf. Bekriegen durften sie einander nicht mehr, weil der Statthalter einige stehende Truppen hielt, die sie sogleich mit Nachdruck zur Ruhe verwiesen, wenn sie sich die Köpfe zerschlagen wollten. Da sie also nicht mehr im Ernste Krieg führen durften, so spielten sie ihn: ein jeder hielt sich nach dem Beispiel des Statthalters auch stehende Truppen, ohne zu bedenken, daß jene dem Könige von Spanien gehörten, der sie zur Beschützung eines Reichs und zur Verteidigung seiner Krone gebrauchte, und daß sie mit den ihrigen weder sich noch ihre Untertanen, noch die Spanne Land, die sie besaßen, wider den kleinsten europäischen Fürsten in Sicherheit zu setzen vermochten. Gleichwohl wurden die armen Truppen so sehr geplagt, als wenn sie jeden Tag dem Könige von Spanien alle seine amerikanische Besitzungen wegnehmen sollten; sie mußten sich schwenken und drehen, mußten marschieren und feuern, daß die armen Leute weder Arme noch Beine fühlten, und alle diese Mühe, aller dieser Aufwand hatte nicht den mindesten Vorteil für irgendeinen Menschen in der ganzen christlichen und heidnischen Welt zum Endzwecke: alles geschah, um fünf oder sechs Sterbliche nicht vor Langerweile umkommen zu lassen. Diese Sterbliche konnten sich zwar einen nützlichem Zeitvertreib verschaffen, wenn sie für die Aufnahme, den Wohlstand und die Aufklärung der andern Sterblichen sorgten, die unter ihrem Befehle stunden, allein sie schienen dies für keinen Zeitvertreib zu halten. Der Statthalter tat ihnen zwar einigemal Erinnerung darüber, aber sie behaupteten trotzig, daß sie das Vorrecht besäßen, die Zeit und ihr Geld umzubringen, wie es ihnen beliebte. Die natürliche Folge dieses Vorrechts war, daß sie sich, einer nach dem andern, zugrunde richteten, mit Schulden überhäuften, ihre Untertanen in schlechte Umstände brachten und dadurch die Revolution vorbereiteten, die sie endlich alle vernichtete. Zur Vermehrung der Langenweile mußte das Unglück einen finstern melancholischen Priester auf die Insel führen, der den Leuten in den Kopf setzte, daß man sich in diesem Leben nicht freuen dürfe, daß man allen Vergnügungen entsagen müsse, daß die Freuden nach dem Tode desto voller und größer sein würden, je trauriger, langweiliger und kläglicher man gelebt habe. Er gebot die Ertötung aller Leidenschaften, befahl, daß man seine Seele beständig in so einer sichern ruhigen Stellung erhalten müsse, als wenn sie im Lehnstuhl säße, und verkündigte allen die ewige Verdammnis, die nicht alle zeitliche Sorgen und Geschäfte stehen- und liegenließen und dem Himmel eine Empfindung und einen Gedanken entwendeten. Die Robinsonianer waren allerdings sehr sinnliche Geschöpfe, die jeden ihrer Triebe nicht bloß befriedigten, sondern überfüllten, sie waren allerdings sehr eigennützig, listig und betriegerisch, weil sie wenig Vermögen und starke Begierden hatten, und da ihnen der Eigennutz der Statthalter die Gelegenheiten zum Gewinst immer mehr abschnitt, ohne den Luxus und die Sinnlichkeit ausrotten zu können, so stieg Bevorteilung und Hinterlist zu einem außerordentlichen Grade empor, und sowenig Wahres die Lehre des melancholischen Priesters enthielt und sowenig sie solchen Leuten willkommen sein konnte, so schaffte sie doch vielleicht auf der Insel viel Gutes. Die Menschen springen unaufhörlich über den Pfad der Wahrheit hinüber und herüber, von einem Äußersten zum andern: von den Ausschweifungen der Sinnlichkeit ließen sie sich jederzeit wohl zur Zerknirschung des Herzens, vom Unglauben zur Schwärmerei, vom Köhlerglauben zur Freigeisterei führen, aber wer ihnen Vernunft predigte, den hörten sie kaum; Glücks genug, wenn er mit Leben und Ehre davonkam! Um seine traurige Moral in Ansehen zu bringen, nahm der finstre Mann die Religion zu Hülfe. Man war bisher auf der Insel weder gläubig noch ungläubig gewesen; die bekehrten Wilden und die Nachkommen der Europäer glaubten einen Gott und ein künftiges Leben, aber eine herrschende Vorstellungsart von diesen beiden Gegenständen war nicht unter ihnen vorhanden, weil sie keinen Unterricht empfingen. Die meisten ließen es bei der dunkeln Idee, die das Wort »Gott« erregte, und bei den Empfindungen der Furcht bewenden, die durch die gottesdienstliche Gewohnheit damit verknüpft waren. Das künftige Leben stellten sie sich zwar auf christliche Art wie einen Himmel und eine Hölle vor, aber wenn man sie fragte, was sie in diesem Himmel zu machen gedächten, so wichen sie in ihren Vorstellungen gewaltig voneinander ab: ein jeder hoffte, das, was er in diesem Leben für die größte Glückseligkeit oder Vollkommenheit hielt, dort im höchsten Grade zu genießen oder zu verrichten; der Leibeigne, der mit schlechter Nahrung und Arbeit kämpfte, hoffte, dort das ganze Jahr müßigzugehn, beständig im Schatten zu liegen, recht gutes fettes Fleisch und guten Branntewein im Überfluß zu finden; ihre Herren hofften, viel zu befehlen, guten Ackerbau, gute Viehzucht und arbeitsame Untertanen; der Kaufmann, den die Monopole am Gewinst hinderten, erwartete einen Himmel ohne Monopole und andre Handelseinschränkungen, reichlichen Absatz der Waren, gute Prozente, Schiffahrt ohne Stürme und Assekuranzen. Man wird hoffentlich die armen Robinsonianer über diese Seltsamkeit ihrer Erwartungen nicht tadeln, wenn man bedenkt, daß bei allen Völkern und in allen Religionen die ersten Vorstellungen vom künftigen Leben auf die nämliche Weise entstanden und ebenso beschaffen sind: der Kalmücke erwartet nach seinem Tode gute Jagd und guten Fischfang, der wollüstige Morgenländer schöne Mädchen und Weiber im Überflusse, der rauhe kriegerische Skandinavier hoffte, in Wodans Halle aus den Hirnschädeln seiner getöteten Feinde Bier zu trinken, die Einwohner der Diebesinseln schmeicheln sich, dort viel Kakaobäume, Zuckerrohr und andre Herrlichkeiten des Gaums in großer Menge und unaufhörlichen Müßiggang zu finden. – Noch weniger wird man die Robinsonianer tadeln, wenn man überlegt, daß selbst noch itzt die Vorstellungen der meisten Schriftsteller von diesem Gegenstande auf dem nämlichen Grunde beruhen: der Schwärmer und Mystiker, die unstreitig die sinnlichsten Menschen sind, versprechen sich eine Art von geistiger Wollust, himmlische Liebesküsse, reichbesetzte Tafeln mit geistlichen Speisen, Pokale voller Wein oder Bier, wovon sie nun unter beiden die größten Liebhaber sind; die Dichter lassen uns beständig Verse singen und auf Instrumenten dazu spielen; die Philosophen versprechen sich, daß sie mit geschärftem Blick in das innere Wesen der Dinge dringen und alles sehen werden, wie es ist, und nicht, wie es unsern äußern und innern Sinnen erscheint; der Astronom hofft, das ganze Weltsystem und alle die Millionen Sterne mit einem Blicke zu übersehen, die er itzt mit den besten Gläsern nicht erkennt; der Liebhaber der Gesprächigkeit und Geselligkeit hofft, daß wir von Stern zu Stern wandeln, uns besuchen und die Ewigkeit mit freundschaftlichen muntern Gesprächen hinbringen werden. Sowenig man also diese alle deswegen tadeln kann, so wenig wird man's auch den Robinsonianern verargen oder sie dumm schelten, weil sie sich den Himmel so vorstellten, wie er ihnen am liebsten war. Ebenso leicht sind sie auch zu rechtfertigen, daß sie sich, wie alle Völker, ihren Gott so vorstellen, wie ein jeder selbst war oder sein zu müssen glaubte, wenn er sich für vollkommen oder für den Größten halten sollte: der gedrückte Leibeigene dachte sich ihn als einen hochgebietenden strengen Herrn, der jedes Versehen hart bestrafte, dem man demütig gehorchen, den man mit ehrerbietiger Scheu anreden müßte; ihre Herren stellten sich ihn wie den König von Spanien oder den Statthalter der Insel vor und betrachteten sich in dem nämlichen Verhältnisse gegen ihn, in welchem ihre Sklaven gegen sie oder sie gegen den Statthalter stunden; die Kaufleute machten ihn zu einem vorsichtigen geschäftigen Wesen, das jede Begebenheit vorhersieht, jeden Zufall überrechnet und Glück und Unglück austeilt, wie es ihm gut dünkt. Auch hierinne handelten sie nicht anders als alle Nationen und Menschen: die Negern, die in Unterdrückung und Sklaverei leben, kennen auch nur eine gewalttätige, tyrannische, schadenfrohe Gottheit; Griechen und Römer, die eine sonderbare Zusammensetzung von Wildheit und Politur waren, machten sie halb gut und halb böse, halb grausam und halb wohlwollend, äußerst sinnlich und sehr vernünftig. Nicht weniger Verzeihung verdienen die Robinsonianer, daß die meisten unter ihnen, besonders die bekehrten Wilden, sich nicht mit einer einzigen Gottheit begnügten; die Sklaven, die sich ihren Gott als einen sinnlichen müßigen Despoten dachten, konnten sich unmöglich einbilden, daß er sich die Mühe geben werde, so viele gute und böse Dinge zu machen, wie sie täglich geschehen sahen und oft selbst empfanden; sie gaben ihm also eine Menge geringerer Gottheiten zur Bedienung, die sich gegen ihn aufführten wie Sklaven gegen ihren Herrn – tückisch, widerspenstig, kriechend, hinterlistig. Der einzige Haufen, der ehemals unter Franzens Vater und itzt unter Franzens Nachkommen stund und den fruchtbarsten schönsten Teil der Insel bewohnte, war durch die Gelindigkeit der Regierung und das viele Gute, das ihnen ihr Wohnort darbot, zu einer höchsten gütigen Gottheit emporgestiegen, aber da sie oft betrogen wurden, da zuweilen das Wetter ihre Ernten verdarb oder der Donner ein Haus anzündete, so konnten sie diese und ähnliche widrige Zufälle nicht ihrer guten Gottheit zuschreiben, sondern nahmen ihre Zuflucht zu einigen bösen Untergöttern, die ihre ungebildete Phantasie auf Drachen und andern Ungeheuern durch die Lüfte reiten und solches Unheil in der Welt anrichten ließ. Die Neigung der Menschen, andern durch ihre Erzählungen starke Empfindungen mitzuteilen, brachte sie dahin, jene Einbildungen auf alle Weise auszuschmücken und eine Reihe Fabeln auszusinnen, die so abenteuerlich als schrecklich waren. Selbst die Nachkommen der Europäer, die einen einzigen guten Gott kennen konnten, hatten nicht an ihm genug, sondern machten die Heiligen, die sie nach dem Lehrbegriffe ihrer Kirche verehrten, zu wirklichen Untergottheiten. Sie handelten darinne vielleicht nach der Empfindung jener Dame, die zum Dr. Moore sagte, daß sie sich niemals mit ihrem Gebete an Gott selber wenden könne; »er ist mir zu ernst«, sagte sie, »und ich kann mich ihm nie ohne Zwang und Scheu mit meinen Gedanken nähern; aber die heilige Jungfrau ist so sanft, so herzlich gut, so freundschaftlich, daß ich mein Herz mit viel mehr Vertraulichkeit vor ihr ausschütten kann.« – Die Robinsonianer waren in einem ähnlichen Falle: sie dachten sich ihren Gott nicht ganz, sondern nur zur Hälfte gut. Übrigens bewiesen sie durch diese und andere Verschiedenheiten in ihren Vorstellungsarten, die man ohne Weitläuftigkeit nicht auseinandersetzen könnte, daß der Mensch sich das Unsichtbare so vorstellt, wie das Sichtbare ist, das er kennt: die Kamtschadalen machen ihre Götter zu Schweinen, weil sie es selbst sind, die Griechen zu Mädchenschändern und Trinkern, die Lappen zu Dummköpfen, weil sie selbst keine Ideen haben, der christliche Philosoph zum höchsten Verstande und zum besten Willen. Nach der Verfassung des kleinen Fleckens, den der Mensch kennt, formte er auch die Regierungsverfassung der ganzen Welt: der Grieche und Römer republikanisch, der Morgenländer despotisch mit Vasallen und Sklaven, der Europäer monarchisch. Nach der Denkungsart der Gesellschaft um und neben sich, nach seinen Schicksalen und Erfahrungen modelt der Mensch auch seine Weltregierer – zornig, leutselig, eigennützig, sinnlich, ernst, steif, mehr oder weniger gut, wohltätig oder karg. In diesem Zustande fand der finstre Bußprediger, dessen vorhin Erwähnung geschah, die Religion auf der Insel, als er ankam; der größte Teil der Einwohner fürchtete Gott als einen Despoten und wandte sich deswegen mit seinem Anliegen an Mittelspersonen, um ihm nicht zu nahe zu kommen Dies war auch völlig der Zustand der christlichen Religion in den Jahrhunderten der Barbarei. ; man besuchte die Örter, wo die Bilder dieser Schutzgötter standen oder die Seelen dieser Patrone herumschwebten, handelte mit ihnen um ihren Beistand und bestach sie mit Geschenken, völlig wie noch itzt der Ostjake aus Dankbarkeit seinem Götzen das Maul mit Fischfett schmiert, wenn er guten Fischfang gehabt hat, oder wie der Tatar in einer gewissen sibirischen Horde zu seinem Götzen sagt: »Gib mir gute Jagd, und ich gebe dir einen hübschen neuen Rock und eine neue Mütze! Wo nicht, so hau ich dich in Stücken oder laß dich in deinem alten schmutzigen Kittel.« Der Übergang von solchen Religionsbegriffen zur finstern menschenscheuen selbstquälenden Denkungsart war also nicht sehr schwer, und Gervasius – so hieß der Mönch – tat unglaublichen Fortgang mit seiner Predigt; er erhöhte die Furcht vor der Gottheit durch die schrecklichsten Gemälde von ihrem Zorne und durch die abscheulichsten Abbildungen von der Sündhaftigkeit der menschlichen Natur; unaufhörlich stellte er den Menschen als das elendste Geschöpf vor, das keinen Schritt tun könnte, ohne von seinem verderbten Herzen und von bösen Geistern zur Sünde hingerissen zu werden, dem also die Geißel des göttlichen Zorns beständig drohte und die Flammen der Hölle beständig entgegenloderten. Aus allen diesen Vorstellungen zog er den Schluß, daß man durch unablässige Buße, durch Zerknirschung des Herzens, durch Gebet, Fasten, Wachen, durch Ertötung des Fleisches und aller Begierden, durch willkürliche Schmerzen, durch Traurigkeit und Melancholie den Zorn Gottes entwaffnen und dieses Leben recht elend machen müsse, um sich dadurch die Freuden des künftigen zu erkaufen. Die Robinsonianer konnten sich nicht leugnen, daß sie bloß der Sinnlichkeit lebten; ihr Gemüt war schon mit Religionsfurcht angefüllt, und die schreckliche Beredsamkeit des Mannes fand anfangs bei den Weibern und endlich auch bei den Männern Eingang. Viele waren so sinnreich und vergüteten zum voraus durch Bußübungen die Sünden, die sie künftig tun wollten und nunmehr mit desto größrer Gewissensruhe taten, weil sie den göttlichen Zorn schon besänftigt hatten. – Andre begingen Sünden und das gröbste Unrecht, sooft ihre Leidenschaften sie dazu antrieben, und machten es hinterdrein durch Büßungen und Geschenke wieder gut. Keiner verfiel darauf, das Geld wiederzuerstatten, um welches er jemanden betrogen hatte, oder die Bedrückungen und Kränkungen demjenigen zu vergüten, der sie von ihm leiden mußte, sondern einige legten sich auf die Erde und ließen sich, wie Kaiser Otto, von ihren Küchenjungen mit Füßen treten; einige schenkten Kerzen und Räucherwerk in die Kirchen; man kleidete die Altäre, ein Heiligenbild, einen Priester. – Eine dritte Gattung trieb die Sache noch weiter: sie taten weder Gutes noch Böses, nützten und schadeten der Welt nicht, sondern brachten ihr Leben unter unaufhörlichen Qualen und Beschwerlichkeiten hin, um die Gottheit gegen die möglichen Sünden zufriedenzustellen, die sie wegen ihres angebornen Verderbens hätten tun können; hier stund einer am Ufer des Meers und schrie jeden Tag einige Stunden aus allen Leibeskräften, bis ihm der Odem verging; dort sammelte einer in der größten Hitze zeitlebens Kieselsteinchen zur Erbauung einer Kapelle; dieser reiste jeden Monat einmal auf der ganzen Insel herum, aber nicht gerade auf zwei Beinen, sondern er rutschte auf den Knien von einer Kapelle und Kirche zur andern; jener enthielt sich des Schlafs, solang es nur möglich war; einer fastete sich wahnwitzig, ein andrer enthielt sich der Ehe, ein dritter der Schuhe, und einer nahm sich gar vor, zeitlebens keine natürliche Ausleerung abzuwarten. Auch hierbei sei man nicht zu voreilig, die armen Robinsonianer wegen dieser Ungereimtheiten zu tadeln, handelte nicht die ganze Welt vom Anbeginn so? Der Glaube an eine eigennützige und zornige Gottheit und an die Notwendigkeit, sie durch selbstgewählte Schmerzen und Geschenke zu besänftigen oder sich gewogen zu machen, war von jeher so allgemein, daß seit dem Anfange der Welt nur ein kleines Häufchen davon ausgenommen ist, das man Protestanten nennt. Dieser mönchische Geist, den eigentlich die Melancholie und die ungestüme Sinnlichkeit des orientalischen Temperaments in die Welt brachten, erzeugte auf unsrer Insel die abenteuerlichsten Erscheinungen: Schwärmerei, Wunder, Träume, Gesichter waren die nächsten Folgen. Langes Wachen und Fasten entkräftete den Körper, erhitzte das Blut, und in der aufgeregten Phantasie erzeugten sich seltsame Bilder; die wallende Einbildung überwältigte die geschwächten Sinne und drang ihnen die Erscheinungen des Gehirns für wirkliche Gegenstände auf: sie sahen und hörten Wunder, und der Stolz des eingebildeten Heiligen überredete ihm, daß sie das Werk seiner Glaubenskraft wären. Er bildete sich ein, daß er der ganzen Natur gebieten könnte; Schwärmer wollten durchs Gebet das Wasser aus dem Meere auf die Berge gezogen haben, wollten die Sonne stellen können Wie Mutius, ein ägyptischer Mönch. Zu allen diesen Torheiten der Robinsonianer findet man ähnliche Beispiele in der christlichen Kirchengeschichte. wie eine Uhr, Toten auferwecken und auf der Meeresfläche hinwandeln. Betrieger folgten den Schwärmern unmittelbar nach und verrichteten durch Taschenspielereien, was jene sich nur einbildeten. Wo diese Ertötungen des Fleisches die Schwärmerei nicht hervorbrachten, da wurde sie von dem Ungestüm der Sinnlichkeit erzeugt, welches besonders unter dem weiblichen Geschlecht sehr häufig geschah. Viele wollten Gott dadurch gefallen, daß sie nie heirateten; sie fühlten die Regungen der Natur, und da sie keinen Sterblichen ohne Sünde zu lieben sich getrauten, so liebten sie Gott; das zurückgehaltne Feuer ihres Herzens zündete die Einbildungskraft an, erfüllte sie mit üppigen Bildern, und sie dachten und sprachen von dem unsichtbaren Gegenstande ihrer Liebe, wie noch keiner der wollüstigsten Dichter von seiner Korinnis oder Galatee gesungen hat. Indem also die Einbildungskraft und eine geistliche Sinnlichkeit die Oberhand über den Verstand gewann und ihn ganz unterdrückte, entstund allmählich wirkliche Abgötterei auf der Insel. Die Bilder, welche den Schöpfer, den Stifter der Religion und merkwürdige heilige Personen vorstellen sollten, waren anfangs, als Robinson einen Gottesdienst auf der Insel einführte, nichts als sinnliche Zeichen, wodurch man der schwachen Vorstellungskraft der Insulaner zu Hülfe kommen wollte; nicht lange darauf schlich sich die Meinung ein, daß das unsichtbare Wesen und die abgebildeten Personen wirklich die Bilder belebten, und itzt vergaß man ganz, daß es nur Abbildungen von Abwesenden sein sollten, und erwies den Bildern die Verehrung, die man dem erzeigen mußte, was sie vorstellten. Die Zahl der heiligen Dinge wuchs täglich, und der Aberglaube breitete sich so gewaltig aus, daß man diesen heiligen Sachen alle Wirkungen zuschrieb, die man nur von der Natur erwarten konnte: ein Stein von dieser Kapelle half wider das Einschlagen des Donnerwetters; ein Hader von dem Kleide jenes Heiligen mußte Kröpfe vertreiben; alle Ärzte gingen müßig, denn niemand wollte mehr Rhabarber und Sennesblätter nehmen, weil er auf viel leichtere Art von geistlichen Ärzten geheilt werden konnte. Die abergläubische Frömmigkeit stieg so hoch, und die Betriegerei, die der Einfalt jederzeit auf dem Fuße nachgeht, zog so sehr Nutzen daraus, daß man sogar den Staub von den Bildern als eine Universalarzenei verkaufte. Man tadle die Robinsonianer nicht, denn noch itzt kaufen die zahlreichen Verehrer des Dalai-Lama seinen Stuhlgang und heben ihn in blechernen Büchsen auf als ein sichres Präservativ wider alle Krankheit und alles Unglück oder tragen ihn in Säckchen am Halse. Es war unvermeidlich, daß unter einem so kleinen unwissenden Haufen nicht Leute von vorzüglichem Kopf und Herze geboren werden sollten, die mit der Stärke ihres Verstandes durch Vorurteile, Aberglauben und Schwärmerei durchdrangen und das Leere, Abgeschmackte, Betrügerische im allgemeinen Glauben und Gottesdienste einsahn; aber es war auch ebenso natürlich, daß viele darunter, weil sie an die Stelle des Schlechten nichts Besseres zu setzen wußten, alle äußerliche und alle willkürliche Religion verwarfen; die herrschende Partei beschuldigte sie zwar, daß sie gar keine Religion hätten, allein dies war teils Unwissenheit, teils Verleumdung. Diese Ungläubigen, wie man sie nannte, verwarfen bloß alle willkürlichen Vorstellungsarten, die bei allen Völkern den Gegenständen der Vernunftreligion untergeschoben worden sind, und alle Glaubenssätze, die die meisten Völker durch eine besondre Offenbarung erhalten haben wollen, wie die Verehrer des Fo und die Anhänger des Mahomet beweisen. Diese Ungläubigen mochten nun ganz oder zur Hälfte oder gar nicht recht haben, so war doch dies die herrlichste Gelegenheit zu Zänkereien, Kriegen, Haß, Mord, Verfolgung und Blutvergießen, und es wären zuversichtlich so viele Menschen verbrannt, gesotten, gehängt, vertrieben, arm und elend gemacht worden wie in allen christlichen Jahrhunderten; man hätte zuversichtlich soviel unnütze Fragen Nur einige auffallende will ich hier für solche Leser auszeichnen, die sich außerdem um diese Abscheulichkeiten nicht bekümmern. Der Pater Sanchez soll in seinem Buche de matrimonio untersuchen, utrum virgo Maria in copulatione cum Spiritu s. semen emiserit. – Im neunten Jahrhundert behauptete Ratramnus, daß Christus bei seiner Geburt per naturae ianuam auf die Welt gekommen sei; Paschasius Radbertus hingegen wußte ganz gewiß, daß er clauso prorsus ventre geboren war. – In dem nämlichen Jahrhundert sollten die Stercoraniten behaupten, corpus Christi in s. coena cum reliquis faecibus eiici. – Im zwölften Jahrhundert hatte Amsdorf, dessen Name deswegen noch ein Brandmal verdient, die himmelschreiende Verwegenheit zu behaupten, daß gute Handlungen zur Seligkeit schädlich wären. , abgeschmackte Distinktionen, leere Worte ausgesonnen, so tolle vernunftlose Meinungen ausgebrütet wie in allen christlichen Jahrhunderten; man hätte den unerlaubtesten Gewissenszwang, Inquisition und symbolische Bücher eingeführt, wie alles dies unvermeidliche Übel in Religionen sind, die nicht bloß in gottesdienstlichen Gebräuchen, sondern auch in besondern Glaubenssätzen bestehen, und hätten auch die Robinsonianer die letztern nicht gehabt, so würden sie doch selbst in den Zerimonien so gute Gelegenheit zum Zanke gefunden haben wie die russische Sekte, die alle einer großen Sünde beschuldigt, die das Alleluja dreimal und nicht zweimal singen, die den Segen mit zwei und nicht drei Fingern austeilen. Glücklicherweise erstickte eine allgemeine Veränderung auf der Insel plötzlich diese Menge von Uneinigkeiten, die schon zu keimen anfingen. Der itzt regierende Statthalter war schon längst damit umgegangen, den vielen kleinen Herren, unter welche die Insel verteilt war, alle ihre Vorrechte und Freiheiten zu rauben und ihre Gebiete unmittelbar unter spanische Herrschaft zu bringen; er fachte deswegen den Geist der Zwietracht unter ihnen an und bediente sich dazu des fanatischen Eifers, der schon lange unter den Geistlichen brannte und wegen der bisherigen Statthalter nicht hatte in Tätlichkeiten ausbrechen dürfen. Den Anfang des Streites veranlaßte der wichtige Zweifel, ob Personen, die zur Büßung ihrer Sünden von einem heiligen Orte zum andern auf den Knien rutschten, Hosen tragen dürften oder ob sie diese Wallfahrt mit bloßen Knien verrichten müßten. Man hatte sich schon vielfältig darüber von beiden Seiten in den Bann getan, und der itzige Statthalter schickte, um sein Projekt auszuführen, einen Geistlichen heimlich an den Herrn des Gebiets ab, wo man die Hosen exkommunizierte; dieser Bestochne erzählte einen Traum, worinne ihm ein Apostel die Entdeckung gemacht haben sollte, daß alle Leute des Todes wert wären, die nicht mit bloßen Knien jene Handlung verrichteten. Der Herr des Gebiets fühlte in sich den hohen Beruf, die verdiente Exekution an jenen Verbrechern zu vollziehen, und trug schon in Gedanken den Lorbeerkranz, den er sich durch eine so erhabne Tat verdienen wollte; sein ganzes kleines Heer wurde von dem abgeschickten Geistlichen mit fanatischer Tapferkeit begeistert; diese Ungeheuer, die im Grunde nichts als Barbarei und Mordsucht beseelte, nannten sich den Arm des Herrn, das Schwert der Gerechtigkeit, schwärmten herum und brachten alle Hosenrutscher um, die sich blicken ließen. Der Statthalter erreichte seinen Zweck: alle übrige Herren nahmen Partei; der Statthalter schickte seine Soldaten aus, den Aufruhr zu dämpfen, ließ die Anführer gefangennehmen und machte ihnen als Rebellen den Prozeß; sie mußten sich einer den andern hängen, und der letzte war genötigt, sich selbst den Strick um den Hals zu knüpfen Eine herrliche Methode, die auch der König von Schweden, Karl XII., bei polnischen Bauern gebraucht hat. . Der Statthalter hatte nun zwar, was er wünschte, aber er wollte noch mehr. Es tat ihm leid, daß der König von Spanien den Nutzen von seiner Unternehmung genießen sollte, und dachte deswegen darauf, sich unabhängig zu machen. Er versagte dem Vizekönig auf dem festen Lande, unter welchem er stund, seinen Gehorsam, lieferte nichts mehr in die königliche Kassen, und ob er gleich bisher so unumschränkt regiert hatte wie der Vizekönig, so wollte er sich doch von dem kränkenden Gedanken befrein, daß er von jemandem abhänge, um sich als einen Souverän betrachten zu können. Es fiel ihm nicht schwer, seine ehrgeizige Absicht durchzusetzen, allein er suchte die Würde eines Souveräns in zwei Dingen, die seinen Untergang unvermeidlich machten – in Pracht und Bedrückung. Die Einwohner entrichteten sonst die Auflagen nur zur Bestreitung der Kosten für das gemeinschaftliche Wohl, für öffentliche Sicherheit, Bequemlichkeit, und itzt wurden sie täglich häufiger und mit der größten Strenge eingetrieben, um die Pracht eines eitlen Regenten zu unterhalten, der eine Untreue an seinem König beging. Man wurde schwürig: man murmelte, fluchte und wünschte insgeheim dem Bedrücker den Untergang; das Feuer glimmte so lange, bis einer von den Kassierern des Despoten die Verwegenheit hatte, einen angesehnen Bürger, der ihm die Vorausbezahlung einer Abgabe verweigerte, mit dem Stocke zu schlagen. Dies war die Losung zu allgemeinem Aufruhr; man ergriff die Waffen; der Aufstand verbreitete sich durch die ganze Insel; der Despot wurde ermordet, und an die Stelle der Unterdrückung trat die Anarchie: niemand regierte, und jedermann wollte regieren. Der Krieg dauerte unaufhörlich fort; jede Partei verwüstete, wohin sie kam; die Dörfer lagen in der Asche, die Städte waren Steinhaufen, die Äcker wurden nicht gebaut, der Handel stund, die Einwohner starben durch Schwert und Hunger; aus den vielen Leichnamen entstund eine Pest, und die Insel war eine menschenleere Wüste, wie ein tragisches Theater, auf welchem ein barbarischer Dichter gewürgt hat. Nichts blieb übrig als Spuren der Bevölkerung, Steine mit Aufschriften, verschüttete Pantoffeln, Trinkgefäße und Nachttöpfe, vermoderte Strümpfe, verstreutes Geld, zerbrochene Waffen, umgestürzte Heiligenbilder, damit dereinst ein amerikanischer Antiquar alle diese Altertümer ausgraben und der Akademie der Wissenschaften in Kanada oder der Sozietät der Altertümer unweit Hudsons Bai mit vielen Zitaten aus den alten teutschen, französischen und englischen Schriftstellern beweisen kann, daß hier einmal Europäer wohnten. Wie viele Tätigkeit wird dieser verödete Kothaufen noch einmal nach Jahrtausenden unter dem Menschengeschlechte verbreiten! Die Altertumsforscher in Nordamerika werden sich zanken, ob die Robinsonianer hohe oder niedrige Absätze an den Schuhen trugen; sie werden sehr scharfsinnig die verschiedenen Epochen dieser Höhe festsetzen; sie werden englische und spanische Inschriften auf verfaulten Brotschranktüren nach selbsterfundnen Alphabeten entziffern und alles darinne finden, was sie wollen. Die Eskimos werden alle diese kostbaren Reste sauber in Kupfer stechen lassen und einen Kommentar dazu schreiben; in Novazembla sticht man sie nach, übersetzt den Kommentar mit Anmerkungen und Verbesserungen und schimpft in jeder Zeile auf die verdammten Eskimos, die alle Namen verhunzen und keine Jahrzahl, kein Datum, kein Kapitel in ihren Zitaten richtig angeben. Die grönländischen Nachdrucker lassen ein Exemplar kommen, drucken den Text auf Löschpapier nach, bringen so vielen Unsinn hinein, als sich in ihren Köpfen auftreiben läßt, und machen in Island einen starken Absatz damit. Die Rezensenten, die bei der novazemblischen Übersetzung nicht gebraucht worden sind, fangen an launisch zu werden und beweisen mit Schimpfwörtern, daß kein einziger Strumpf dem Originale gemäß abgezeichnet ist, das sie nie gesehen haben; man läßt sie schwatzen, wird des Bilderbuchs überdrüssig und macht daraus ein Elementarwerk für Kinder. Auch die Kinder werden ekel; niemand kauft das Werk mehr, die Buchhändler verschicken große Schiffsladungen von dem Makulatur nach Kamtschatka zu Patronen, weil dort ein blutiger Krieg entstanden ist, worinne man sich mit der Robinsonia illustrata die Köpfe zerschießen will. – Einen andern Teil des Werks erhandeln die Papiermacher in Sibirien, weil die schöne Literatur unter den Samojeden, Tschuwaschen und Buräten so gewaltig eingerissen ist, daß man nicht soviel Papier machen kann als die tschuwaschischen Reimer Verse drucken lassen. – Die dritte Hälfte wird in Küchen, Kellern, Kramläden und an andern Orten zu beliebiger Konsumtion verbraucht, und endlich ist der Name Robinsonia aus allen menschlichen Köpfen und Büchern so gänzlich vertilgt, daß man so wenig von der Insel weiß als wie vom Südpole. Sic transit gloria mundi.