Emil Zola Rom – Band I I. Während der Nacht hatte der Zug zwischen Pisa und Civita-Vecchia große Verspätung gehabt, und es ging bereits auf neun Uhr morgens, als der Abbé Pierre Froment nach einer anstrengenden, fünfundzwanzigstündigen Reise endlich in Rom anlangte. Er hatte nur einen Handkoffer bei sich. Rasch sprang er aus dem Coupé, mitten in das Gedränge der Ankommenden hinein, wies, da er gern allein sein und Umschau halten wollte, die dienstfertigen Träger ab und belud sich selbst mit seinem leichten Gepäck. Gleich darauf stieg er vor dem Bahnhof, auf dem Platz der Fünfhundert, in einen der längs des Trottoirs stehenden offenen Wagen und legte den Handkoffer neben sich, nachdem er dem Kutscher die Adresse zugerufen hatte: »Via Giulia, Palazzo Boccanera.« Es war am dritten September, an einem Montag, und der Himmel war klar, von einer bewunderungswürdigen Durchsichtigkeit und Milde. Der Kutscher, ein kleiner, rundlicher Mann mit glänzenden Augen und weißen Zähnen, lächelte, als er am Accent einen französischen Priester erkannte. Er peitschte sein mageres Pferd, und der Wagen fuhr in dem raschen Trab der reinlichen und freundlichen römischen Fiaker dahin. Aber fast gleich darauf, nachdem sie an dem Grün des kleinen Squares vorbeigefahren und auf dem Thermenplatz angelangt waren, drehte sich der Kutscher noch immer lächelnd um und deutete mit der Peitsche auf die Ruinen. »Die Thermen des Diokletian,« sagte er in schlechtem Französisch. Er gehörte zu den artigen Kutschern, die den Fremden gefallen wollen, um sich ihre Kundschaft zu sichern. Der Wagen fuhr in raschem Trab den steilen Abhang der Via Nationale hinab, die sich von der Höhe des Viminal, wo sich der Bahnhof befindet, herabzieht. Von nun an hörte er nicht mehr auf, bei jedem Monument den Kopf zu drehen und mit derselben Geberde darauf hinzuweisen. An diesem Ende der breiten, neuen Straße befanden sich nur Neubauten; aber seine Peitsche beschrieb einen weiteren Kreis, und seine Stimme hob sich, wenn auch etwas ironisch, als er den Namen eines ungeheuren, noch frischen und feuchten Baues auf der linken Seite nannte. Es war eine wahre Riesenpastete aus Steinen, überladen mit Skulpturen, Giebeln und Statuen. »Die Nationalbank.« Pierre hatte, seit seine Reise vor einer Woche beschlossen worden war, den ganzen Tag damit zugebracht, die Topographie Roms aus Plänen und Büchern zu studiren. Er hätte sich daher zu orientiren vermocht, ohne zu fragen, und die Erklärungen des Kutschers fanden ihn vorbereitet. Was ihn jedoch störte, das waren die plötzlichen Abhänge, die fortwährenden Steigungen, die gewisse Stadtviertel in Terrassen teilten. Nun kam auf der rechten Seite grünes Laubwerk, auf dessen Höhe sich ein endloses, gelbes und kahles Gebäude, ein Kloster oder eine Kaserne, hinzog. »Der Quirinal, der Palast des Königs,« sagte der Kutscher. Weiter unten, als der Wagen auf einen dreieckigen Platz einbog, bemerkte Pierre, den Blick hebend, zu seinem Entzücken einen von einer hohen, glatten Mauer getragenen hängenden Garten, aus dem das elegante und kräftige Profil einer hundertjährigen Pinie in den klaren Himmel aufstieg. Er empfand den ganzen Stolz und die ganze Anmut Roms. »Die Villa Aldobrandini.« Darauf kam, noch weiter unten, eine flüchtige Vision, die ihn vollends begeisterte. Die Straße beschrieb von neuem einen jähen Bug, als sich plötzlich im Winkel, am dunklen Ende eines Gäßchens, eine leuchtende Oeffnung zeigte. Der Platz sah von oben gesehen ganz weiß aus, wie ein Sonnenschacht, gefüllt mit blendendem Goldstaub. Und in dieser Morgenpracht erhob sich eine riesige Marmorsäule, die auf der Seite, wo das Gestirn sie bei seinem täglichen Aufsteigen seit Jahrhunderten bestrahlte, wie vergoldet war. Er war überrascht, als der Kutscher ihm ihren Namen nannte; denn er hatte sich nicht vorgestellt, daß sie in einer so leuchtenden Bucht, inmitten von solchen Schatten stehe. »Die Trajanssäule.« Am Fuß des Abhangs beschrieb die Via Nazionale eine letzte Krümmung. Der Kutscher nannte während der raschen Fahrt immer wieder neue Namen: den Palazzo Colonna, dessen Garten von mageren Cypressen begrenzt wird, den Palazzo Torlonia, den man behufs neuer Verschönerungen halb niedergerissen hatte, den Palazzo di Venezia mit seinen Mauerzinnen, seiner tragischen Strenge, kahl und schrecklich, wie eine mittelalterliche Festung aussehend, die da in dem bürgerlichen Leben von heut vergessen wurde. Die Ueberraschung Pierres wuchs, denn er hatte etwas ganz anderes erwartet. Besonders aber ward er betroffen, als der Kutscher mit seiner Peitsche ihm triumphirend den Corso zeigte. Das war eine lange, schmale Straße, kaum so breit wie die Rue Saint-Honoré; die linke Seite lag im hellen Sonnenlicht, die rechte im schwarzen Schatten, und am Ende bildete die Piazza del Popolo etwas wie einen leuchtenden Stern. Das also war das Herz der Stadt, die berühmte Promenade, die Hauptader, der alles Blut von Rom zuströmte? Der Wagen fuhr bereits auf dem Corso Victor Emanuel, der die Fortsetzung der Via Nazionale bildet. Das sind die zwei Oeffnungen, die von einem Ende der alten Stadt zum andern, vom Bahnhof bis zur Engelsbrücke, geschnitten wurden. Links sah der runde Chor der Kirche Il Gesù in der Morgensonne ganz hellgelb aus. Dann, zwischen der Kirche und dem schwerfälligen Palazzo Altieri, den man nicht niederzureißen gewagt hatte, verengerte sich die Straße, und sie gerieten in einen feuchten, eisigen Schatten. Aber jenseits, auf dem Platze vor der Fassade der Kirche Il Gesù, schien wieder blendend und goldig die Sonne, während in der Ferne, im Hintergrunde der Via d'Aracoeli, die gleichfalls in Schatten getaucht war, die sonnenbeglänzten Palmen erschienen. »Da drüben ist das Kapitol,« sagte der Kutscher. Der Priester beugte sich lebhaft zum Wagen hinaus, aber er sah nichts als einen grünen Fleck am Ende eines finstern Ganges. Dieser plötzliche Wechsel von warmem Licht und kalten Schatten machte ihn frösteln. Vor dem Palazzo di Venezia, vor der Kirche Il Gesù war es ihm, als laste die ganze Nacht vergangener Tage eisig auf seinen Schultern, dann aber, auf jedem neuen Platz, bei jeder Erweiterung der neuen Straßen meinte er wieder ins Licht, in die heitere, milde Wärme des Lebens zurückzukehren. Die Strahlen der gelben Sonne fielen längs der Fassaden herab und durchschnitten scharf die bläulichen Schatten. Zwischen den Dächern waren Streifen des tiefblauen, ganz klaren Himmels sichtbar, und die Luft, die er einatmete, schien ihm einen besonderen, noch unbestimmten Geschmack zu haben, einen Fruchtgeschmack, der sein Reisefieber noch steigerte. Der Corso Victor Emanuel ist trotz seiner Unregelmäßigkeit eine sehr schöne, moderne Straße, und Pierre konnte sich in irgend eine andere große Stadt mit riesigen Mietskasernen versetzt denken. Als er jedoch bei der Cancellaria, dem Meisterwerk Bramantes, dem typischen Monument der römischen Renaissance, vorbei kam, wurde sein Erstaunen abermals wach, und er kehrte im Geist wieder zu den bereits gesehenen Palästen zurück, zu dieser kahlen, schwerfälligen und kolossalen Architektur, diesen ungeheuren Steinwürfeln, die Hospitälern oder Gefängnissen glichen. Nie hatte er sich die berühmten römischen Paläste so ohne alle Grazie und Phantasie, so ohne jede äußerliche Pracht vorgestellt. Das alles war entschieden sehr schön, und zuletzt würde er es gewiß verstehen, aber es gehörte längeres Nachdenken dazu. Plötzlich verließ der Wagen den belebten Korso Victor Emanuel und drang in gewundene Gassen ein, in denen er nur mühsam vorwärts gelangte. Nach der hellen Sonne und dem belebten Treiben der neuen Stadt kam die Ruhe, die Einsamkeit, die schlafende und kalte alte Stadt. Er erinnerte sich an die Pläne, die er studirt hatte, und sagte sich, daß er sich jetzt der Via Giulia nähere; aber seine fortwährend zunehmende Neugierde wurde nun so groß, daß er beinahe darunter litt. Er war ganz verzweifelt, weil er nicht gleich mehr sehen, mehr erfahren konnte. Sein Erstaunen, daß alles so ganz anders war, als er erwartet hatte, die Erschütterungen, die seine Einbildungskraft erlitt, steigerten noch den fieberhaften Zustand, in dem er sich seit seiner Abreise befand, und ließen in ihm den heftigen Wunsch entstehen, seine Neugierde unverzüglich zu befriedigen. Es war noch kaum neun Uhr, er hatte also den ganzen Vormittag vor sich, um sich im Palazzo Boccanera vorzustellen – warum sollte er sich nicht sofort an den klassischen Ort, auf die Höhe führen lassen, von wo man das gesamte, auf den sieben Hügeln lagernde Rom überblickte? Als dieser Gedanke einmal von ihm Besitz ergriffen hatte, beunruhigte er ihn so, daß er ihm zuletzt nachgeben mußte. Der Kutscher drehte sich nicht mehr um; Pierre erhob sich daher, um ihm die neue Adresse zuzurufen. »Nach S. Pietro in Montorio.« Der Mann war anfangs erstaunt und schien ihn nicht zu verstehen. Er deutete mit der Peitsche an, daß das sehr weit, ganz dort drüben sei. Als jedoch der Priester auf seinem Wunsch bestand, fing er wieder gefällig zu lächeln an und schüttelte freundschaftlich den Kopf. Schön, schön, er hatte ja nichts dagegen! Und das Pferd trabte inmitten des Labyrinthes der engen Straßen noch rascher dahin. Nun kam eine, die von hohen Mauern ganz erdrückt wurde und wo das Tageslicht wie auf dem Grund eines Grabens schien. Dann, am Ende dieser Straße, wurde es plötzlich wieder hell, und der Wagen fuhr auf der alten Brücke Sixtus' IV. über den Tiber. Rechts und links zogen sich die neuen Quais mit all der Verheerung demolirter und dem frischen Gipsbewurf neuerstandener Häuser hin. Auch in Trastevere, auf der andern Seite, war viel niedergerissen, und der Wagen fuhr den Janiculus auf einer breiten Straße hinan, die, wie große Tafeln verkündeten, den Namen Garibaldi trug. Der Kutscher machte zum letztenmal seine gutmütig stolze Geberde, als er den Namen dieser Triumphstraße nannte. »Via Garibaldi.« Das Pferd mußte nun langsamer gehen. Pierre, von einer kindlichen Ungeduld ergriffen, wandte sich, um die sich hinter ihm ausbreitende und sich immer mehr enthüllende Stadt zu betrachten. Der Aufstieg dauerte lange, immer wieder tauchten andere Stadtteile auf, bis zu den fernen Hügeln reichend. Dann auf einmal fand er in der wachsenden Aufregung, die sein Herz klopfen machte, daß er sich die Erfüllung seines Wunsches verderbe, indem er ihn durch diese langsame, teilweise Eroberung des Horizontes zerstückelte. Und er hatte, trotz seines heftigen Verlangens, die Kraft, sich nicht mehr umzudrehen. Oben befindet sich eine riesige Terrasse. Dort steht die Kirche von S. Pietro in Montorio, auf der Stelle, wo, wie es heißt, der heilige Petrus gekreuzigt wurde. Der Platz ist kahl und von der heißen Sommersonne rot gebrannt, während etwas weiter hinten das klare, rauschende Wasser der Acqua Paola sprudelnd in ewiger Frische aus den drei Becken des Monumentalbrunnens strömt. Längs der Brüstung, die die senkrecht auf Trastevere herabschauende Terrasse begrenzt, ziehen sich immer ganze Reihen von Touristen hin, dünne Engländer, breitschulterige Deutsche, die in traditioneller Bewunderung gaffen und den Reiseführer in der Hand halten, den sie zu Rate ziehen, um die Monumente zu erkennen. Pierre sprang leicht aus dem Wagen, ließ seinen Handkoffer auf dem Sitz liegen und machte dem Kutscher ein Zeichen, daß er warten möge; dieser reihte sich neben den anderen Fiakern auf und blieb in philosophischer Ruhe auf seinem Platz sitzen, mitten in der Sonne, den Kopf gesenkt wie sein Pferd, das sich gleich ihm im voraus in das lange, gewohnte Warten ergab. Pierre aber stand schon in seiner engen, schwarzen Sutane, die bloßen, fieberheißen Hände nervös zusammenpressend, neben dem Geländer und schaute, schaute von ganzer Seele. Rom, Rom! Die Stadt der Cäsaren, die Stadt der Päpste, die Ewige Stadt, die zweimal die Welt eroberte, die prädestinirte Stadt des feurigen Traumes, den er seit Monaten träumte! Endlich war sie da, endlich sah er sie! Die Stürme der vorhergehenden Tage hatten die große Augusthitze vertrieben. Dieser wunderbare Septembermorgen blaute frisch von einem fleckenlosen, unendlichen Himmel hernieder. Es war ein Rom voller Lieblichkeit, ein Traum-Rom, das sich bei der klaren Morgensonne zu verflüchtigen schien. Ein feiner, bläulicher Nebel, aber kaum sichtbar, zart wie Gaze, schwebte über den Dächern der niedriger gelegenen Stadtteile, während die ungeheure Campagna, die fernen Berge, sich in einem blassen Rosa verloren. Anfangs konnte er nichts unterscheiden, wollte auch keine Einzelheiten festhalten, sondern gab sich dem gesamten Rom hin, dem lebenden Koloß, der da vor ihm lag, auf diesem von dem Staub von Generationen gebildeten Boden. Jedes Jahrhundert hatte wie durch die Kraft einer unsterblichen Jugend seinen Ruhm erneuert. Was ihn aber bei diesem ersten Erblicken am meisten packte, was sein Herz noch stärker klopfen machte, das war, daß er Rom so fand, wie er es ersehnt hatte: morgenfrisch und verjüngt, leicht und heiter, fast unkörperlich und in dieser reinen Dämmerung eines schönen Tages hoffnungsvoll einem neuen Leben entgegenlächelnd. Und da durchlebte Pierre, unbeweglich vor dem erhabenen Horizont stehend, die brennenden Hände noch immer fest zusammengepreßt, in wenigen Minuten die drei letzten Jahre seines Lebens. Ach, wie schrecklich war das erste Jahr gewesen, das er in seinem kleinen Hause in Neuilly verlebte! Thüren und Fenster waren immer verschlossen, er hatte sich eingegraben wie ein wundes Tier, das im Todeskampfe liegt. Mit erstorbener Seele, mit blutendem Herzen war er von Lourdes zurückgekehrt; nichts war in ihm übrig geblieben als Asche. Schweigen und Nacht hatten sich über die Ruinen seiner Liebe und seines Glaubens herabgesenkt. Tag auf Tag verstrich, ohne daß er den Pulsschlag seiner Adern hörte, ohne daß sich ein Licht erhob, um das Dunkel seiner Verlassenheit zu erhellen. Er lebte maschinenmäßig dahin und wartete auf die Wiederkehr seines Mutes, um das Leben im Namen der erhabenen Vernunft, der zu liebe er alles geopfert, wieder aufzunehmen. Warum war er nicht widerstandsfähiger und kräftiger, warum paßte er nicht sein Leben ruhig seinen neuen Ueberzeugungen an? Warum gab er sich, da er, einer einzigen Liebe treu und vom Meineid angeekelt, den priesterlichen Stand nicht verlassen wollte, nicht einer Wissenschaft hin, die Priestern gestattet ist, der Astronomie oder der Archäologie. Aber etwas regte sich in ihm, zweifellos das Blut seiner Mutter – eine ungeheure, rasende Zärtlichkeit, die noch niemals gestillt worden war, die verzweifelt war, weil sie niemals Befriedigung finden konnte. Das war der beständige Schmerz seiner Einsamkeit, die offene Wunde in seiner Seele, trotz der hohen Selbstachtung, die seine wieder eroberte Vernunft ihm schenkte. Da, an einem Herbstabend, während eines traurigen Regens, führte ihn der Zufall mit einem alten Priester, dem Abbé Rosé, Vikar an der Kirche Sainte-Marguerite in der Vorstadt Saint-Antoine, zusammen. Er suchte ihn in seiner Wohnung in der Rue de Charonne auf; es war ein finsteres, aus drei Zimmern bestehendes Erdgeschoß, das er in ein Asyl für verlassene kleine Kinder, die er in den benachbarten Straßen auflas, verwandelt hatte. Von diesem Augenblick an änderte sich Pierres Leben; ein neues, mächtiges Interesse hatte ihn ergriffen, und er wurde allmälich der leidenschaftlich-eifrige Gehilfe des alten Priesters. Der Weg von Neuilly bis in die Rue de Charonne war weit. Anfangs ging er bloß zweimal wöchentlich hin, dann alle Tage, gleich am frühen Morgen, und kehrte erst spät abends in seine Wohnung zurück. Da die drei Zimmer nicht mehr genügten, mietete er den ganzen ersten Stock, behielt ein Zimmer für sich und blieb dann oft über Nacht dort. Alle seine kleinen Renten gingen für diese armen Kinder auf; der alte Priester, entzückt und von dem Opfermut dieses vom Himmel gefallenen jungen Helfers bis zu Thränen gerührt, umarmte ihn weinend und nannte ihn ein Kind Gottes. Nun lernte Pierre das Elend, das schändliche und abscheuliche Elend kennen. Zwei Jahre lebte er an seiner Seite mit ihm zusammen. Er fing mit den kleinen Wesen an, die er selbst auf dem Pflaster auflas oder mitleidige Nachbarn ihm zuführten; denn jetzt war das Asyl im ganzen Stadtteil bekannt. Es waren kleine Jungen und Mädchen, die allerkleinsten, die auf die Straße gerieten, während die Eltern arbeiteten, tranken oder im Sterben lagen. Oft war der Vater verschwunden, die Mutter gab sich preis, Trunkenheit und Ausschweifung waren zugleich mit der Arbeitseinstellung in die Wohnung eingekehrt. Dann blieb die junge Brut dem Elend überlassen; die Kleinsten starben auf dem Pflaster vor Hunger und Kälte, die anderen flogen davon, dem Laster und dem Verbrechen entgegen. Eines Abends zog Pierre in der Rue de Charonne unter den Rädern eines Lastwagens zwei kleine Knaben hervor; es waren zwei Brüder, die ihm nicht einmal eine Adresse anzugeben vermochten, nicht wußten, woher sie kamen. Ein andermal brachte er ein kleines Mädchen heim, ein blondes, kaum dreijähriges Engelchen, das er auf einer Bank gefunden hatte; es sagte weinend, daß die Mama es dort allein gelassen habe. Später wandte er sich von diesen mageren, kläglichen, aus dem Neste gestoßenen Vögeln notgedrungen auch den Eltern zu, drang von der Straße in die dunklen Kammern, versenkte sich immer tiefer in diese Hölle und lernte zuletzt ihr ganzes Grauen kennen. Sein Herz blutete vor Angst, vor Entsetzen, im trauervollen Bewußtsein, daß seine Hilfe vergeblich sei. Ach, was für furchtbare Wanderungen machte er während dieser zwei Jahre, die sein ganzes Wesen erschütterten, durch die jammervolle Behausung des Elends, den grundlosen Abgrund menschlichen Verfalles und menschlicher Leiden! In diesem Viertel Sainte-Marguerite, mitten im Herzen der thätigen und arbeitsamen Vorstadt Saint-Antoine, entdeckte er schmutzige Häuser, ganze Gassen von luftlosen, lichtlosen, kellerartigen Gelassen, wo eine ganze Bevölkerung von Unglücklichen faulte und mit dem Tode rang. Auf der wackeligen Treppe glitt der Fuß auf dem aufgehäuften Kehricht aus. In jedem Stockwerk wiederholte sich dieselbe Armut, zum Schmutz, zur niedrigsten Gemeinschaftlichkeit herabgesunken. Ueberall fehlten die Fenster, der Wind fegte durchs Zimmer, der Regen strömte hinein. Viele schliefen auf dem nackten Fußboden, ohne sich jemals auszukleiden. Keine Möbel, keine Wäsche! Das lebte wie die Tiere, suchte Befriedigung und Trost, wie es konnte, wie der Zufall und der Instinkt es mit sich brachten. Alle Geschlechter, alle Lebensalter waren da zusammengedrängt, die Menschlichkeit kehrte durch den Mangel am Notdürftigsten, durch eine solche Armut, daß man sich die von den Tischen der Reichen heruntergefegten Krumen mit den Zähnen streitig machte, zum Tierischen zurück. Ja, das Schlimmste dabei war diese Erniedrigung der menschlichen Natur; es war nicht mehr der freie Wilde, der, nackt durch den Urwald streichend, die Beute jagt und verzehrt, sondern der zivilisirte, wieder zum Tier gewordene Mensch, mit allen Fehlern seines Falles befleckt, entstellt, geschwächt. Rings um ihn her aber herrscht der Luxus und das Raffinement einer Stadt, die die Königin der Welt ist. In jeder Wohnung fand Pierre dieselbe Geschichte wieder. Anfangs war Jugend und Frohsinn vorhanden, und das Gesetz der Arbeit ward mutig anerkannt. Dann kam die Erschöpfung. Wozu immer arbeiten, da man ja doch nie reich wird? Der Mann fing an zu trinken, um auch sein Teil am Glück zu haben; die Frau vernachlässigte die Sorge um den Haushalt, trank manchmal ebenfalls und ließ die Kinder wild aufwachsen. Die jammervolle Umgebung, die Unwissenheit und das Zusammengepferchtsein thaten das übrige. Häufiger noch war der Arbeitsmangel an allem schuld gewesen. Er begnügt sich nicht bloß damit, alle Ersparnisse zu verzehren, er erschöpft auch den Mut, gewöhnt an die Trägheit. Während die Werkstätten wochenlang feiern, werden die Arme schlaff. In dem so fieberhaft thätigen Paris ist auch nicht die kleinste Beschäftigung zu finden. Weinend kehrt der Mann abends heim; er hat überall seine Arme angeboten, und es ist ihm nicht einmal gelungen, als Straßenkehrer anzukommen, denn diese Beschäftigung ist viel begehrt. Man bedarf dazu der Protektion. Ist das nicht ungeheuerlich? In dieser großen Stadt, auf deren Pflaster Millionen funkeln und klingeln, sucht ein Mensch Arbeit, um zu essen, und findet keine und hat nichts zu essen. Die Frau hat nichts zu essen, die Kinder haben nichts zu essen. Dann kommt die schwarze Not, die Stumpfheit, zuletzt die Empörung; alle sozialen Bande zerreißen unter der furchtbaren Ungerechtigkeit gegen arme Wesen, die ihre Schwäche zum Tod verurteilte. Aus was für ein Jammerlager, in was für einem Verschlag wird der alte Arbeiter niedersinken, um zu sterben, nachdem fünfzig Jahre harter Arbeit seine Knochen abgenützt haben, ohne daß er einen Sou beiseite legen konnte? Oder sollte man ihn an dem Tage, wo er, da er nichts mehr arbeitet, auch nichts mehr zu essen hat, mit einer Axt erschlagen wie ein abgenütztes Lasttier? Beinahe alle sterben im Hospital. Andere verschwinden, ohne daß jemand sich um sie bekümmert; die schlammige Flut der Straße trägt sie fort. Eines Morgens fand Pierre in einer schändlichen Baracke auf verfaultem Stroh einen, der verhungert war; er lag seit einer Woche vergessen da, und die Ratten hatten ihm das Gesicht zerfressen. Aber eines Abends im letzten Winter strömte sein Erbarmen vollends über. Im Winter, in diesen ungeheizten Löchern, wo der Schnee durch die Ritzen eindringt, werden die Leiden der Unglücklichen noch furchtbarer. Die Seine ist zugefroren, der Boden mit Eis bedeckt, alle möglichen Industriezweige müssen ruhen. In den Quartieren der Lumpensammler, die notgedrungen feiern, gehen ganze Banden von Burschen bloßfüßig, nur notdürftig bekleidet, hungernd und hustend davon. Eine plötzliche rapide Schwindsucht rafft sie hin. Er fand ganze Familien, Frauen mit fünf und sechs Kindern, die, an einander geschmiegt, zusammen kauerten, um sich warm zu halten, und seit drei Tagen nichts gegessen hatten. Und dann kam jener schreckliche Abend, da er als erster in das am Ende eines finstern Ganges gelegene Schreckensgemach drang, in dem sich soeben eine Mutter samt ihren fünf kleinen Kindern aus Hunger und Verzweiflung getötet hatte. Dieses Drama ließ ganz Paris wahrend einiger Stunden erschauern. Kein Möbel mehr im Zimmer, kein Stück Wäsche, alles, Stück für Stück hatte bei dem nächsten Trödler verkauft werden müssen. Nur das Kohlenfeuer rauchte noch. Auf einem halbleeren Strohsack war die Mutter niedergesunken, sie hatte bis zuletzt ihr Jüngstgeborenes, einen drei Monate alten Säugling, genährt, und ein Blutstropfen perlte noch auf der Brust, der sich die Lippen des kleinen Toten gierig entgegenstreckten. Auch die beiden kleinen Mädchen, drei und fünf Jahre alt, zwei hübsche Blondköpfe, schlummerten dort, Seite an Seite, den ewigen Schlaf. Von den beiden etwas älteren Knaben war der eine, den Kopf in die Hände gedrückt, neben der Wand kauernd zu Grunde gegangen, während der andere auf dem Fußboden ausgerungen hatte, als wenn er sich auf den Knieen hatte zum Fenster schleppen wollen, um es zu öffnen. Die herbeigeeilten Nachbarn erzählten die alltägliche, die schreckliche Geschichte: ein langsamer Ruin, der Vater fand keine Arbeit, verfiel vielleicht dem Trunk; der Hausbesitzer wollte nicht mehr warten, drohte mit Exmission; da verlor die Mutter den Kopf, beschloß zu sterben und bestimmte auch ihre Brut, mit ihr zu sterben, während ihr Mann sich seit dem frühen Morgen vergebens die Füße auf dem Pflaster wund lief, um Arbeit zu finden. Als der Polizeikommissär kam, um Erhebungen anzustellen, kehrte auch der Unglückliche heim. Und als er gesehen, als er alles begriffen hatte, da schlug er zu Boden wie ein mit der Keule geschlagener Stier. Er fing an zu heulen und ein so unaufhörliches Wehklagen, solche Todesschreie drangen aus seinem Munde, daß die ganze Gasse, von Entsetzen ergriffen, mitweinte. Dieser furchtbare Aufschrei einer zum Tode verurteilten Rasse, die in Not und Hunger untergeht, klang immer wieder in Pierres Ohren, in seinem Herzen wider, er nahm ihn überall mit sich mit. An jenem Abend konnte er weder essen noch einschlafen. War es möglich, daß ein solcher Greuel, eine so vollständige Armut, ein so schwarzes, nur mit dem Tode endigendes Elend mitten in dem vor Reichtum strotzenden, genußtrunkenen Paris, das für Vergnügungen Millionen auf die Straße streute, vorkommen konnte? Wie, auf der einen Seite so ungeheure Vermögen, so viele unnütze, befriedigte Launen, so viele mit Glücksgütern überschüttete Existenzen – und auf der andern Seite eine so wütende Armut, daß es sogar am bloßen Brot mangelte und alle Hoffnung geschwunden war, so daß die Mütter samt ihren Säuglingen sich töten mußten, da sie ihnen nichts mehr zu geben hatten als das Blut ihrer versiegten Brüste! Eine wilde Empörung stieg in ihm auf. Einen Augenblick kam es ihm zum Bewußtsein, wie nutzlos und trügerisch die Wohlthätigkeit war. Wozu thun, was er that, wozu die Kleinen von der Straße auflesen, den Eltern Hilfe bringen, die Leiden der alten Leute verlängern? Das soziale Gebäude war in seinen Grundfesten verfault, alles mußte in Kot und Blut zusammenbrechen. Nur ein einziger, großer Akt der Gerechtigkeit konnte die alte Welt hinwegfegen, um dann die neue wieder aufzubauen. In dieser Minute erkannte er den ewigen Bruch, die unheilbare Krankheit, den todbringenden Krebs so deutlich, daß er die Anwendung und Gewaltmaßregeln begriff. Ja, er selbst war bereit, anzuerkennen, daß ein vernichtender und reinigender Orkan kommen, die Erde durch Eisen und Feuer regenerirt werden müsse wie einst, da der schreckliche Gott den Brand vom Himmel herabsandte, um die verfluchten Städte wieder neu gesunden zu lassen. Als der Abbé Rose ihn an jenem Abend schluchzen hörte, kam er zu ihm ins Zimmer und schalt ihn väterlich aus. Dieser Mann war ein Heiliger, von unendlicher Sanftmut und Hoffnungsfreudigkeit. Wie, verzweifeln, da doch das Evangelium existirt! Genügt die göttliche Grundregel »Liebet einander« nicht zur Rettung der Welt? Ihm graute vor Gewaltthaten. Wie groß das Uebel auch sei, sagte er, man würde ihm rasch ein Ende machen, sobald man umkehren, zu der Zeit der Demut, Einfachheit und Reinheit zurückkehren wollte, die bestand, da die Christen als unschuldige Brüder mit einander lebten. Welch köstliches Bild entwarf er von dieser evangelischen Gesellschaft, deren Wiederkehr er mit so ruhiger Heiterkeit schilderte, als müsse sie sich schon am nächsten Tage verwirklichen. Pierre mußte zuletzt lächeln. In dem Bedürfnis, dem furchtbaren Alpdruck dieses Tages zu entgehen, fand er an diesem schönen, tröstlichen Märchen Gefallen. Sie sprachen bis spät in die Nacht darüber und setzten auch an den folgenden Tagen dieses Thema fort, das dem alten Priester so lieb war. Er breitete sich fortwährend über neue Einzelheiten aus und sprach von der nahen Herrschaft der Liebe und Gerechtigkeit mit der rührenden Ueberzeugung eines guten Menschen, der weiß, daß er nicht sterben wird, ohne Gott noch auf Erden gesehen zu haben. Und da fand in Pierre eine neue Umwälzung statt. Die Ausübung der Wohlthätigkeit in diesem armen Stadtteil hatte ihn unendlich weich gestimmt; sein Herz ward durch den Anblick dieses Elends, an dessen Heilung er verzweifelte, schwach, erschüttert, zerrissen. Durch dieses Wiedererwachen seiner Empfindsamkeit wurde seine Vernunft manchmal in den Hintergrund gedrängt; er kehrte zu der Kindheit zurück, zu jenem Bedürfnis nach alles umfassender Zärtlichkeit, das seine Mutter ihm ins Herz gepflanzt. Er träumte von chimärischen Linderungen, erwartete Hilfe von unbekannten Mächten. Seine Furcht, sein Abscheu vor der Brutalität der Thatsachen steigerte noch seinen Wunsch nach einer Rettung durch die Liebe. Es war hohe Zeit, die unvermeidliche, furchtbare Katastrophe, den Bruderkrieg der Klassen, zu beschwören, der die alte Welt wegraffen würde, die dazu bestimmt war, unter der angehäuften Last ihrer Verbrechen zu verschwinden. Fest überzeugt, daß die Ungerechtigkeit ihren Gipfel erreicht habe, daß bald die rächende Stunde schlagen werde, da die Armen die Reichen zur Teilung zwingen wurden, gefiel er sich fortan in dem Traum von einer friedlichen Lösung, vom Bruderkuß, den alle Menschen mit einander tauschen würden, von der Rückkehr zu der reinen Moral des Evangeliums, so wie Jesus es predigte. Anfangs quälten ihn Zweifel. War diese Verjüngung des antiken Katholizismus möglich, würde man ihn zur Jugend, zur Reinheit des ursprünglichen Christentums zurückfuhren können? Er begann Studien zu machen, zu lesen, Erkundigungen einzuziehen und erhitzte sich immer mehr und mehr für diese große Frage des katholischen Sozialismus, die seit einigen Jahren so vielen Lärm machte. In seinem erschauernden Mitleid mit den Unglücklichen und da er auf das Wunder der Brüderlichkeit vorbereitet war, verloren sich nach und nach die Zweifel seiner Intelligenz, bildete er sich ein, daß Christus ein zweitesmal kommen müsse, um die leidende Menschheit loszukaufen. Zuletzt formulirte sich das alles in seinem Geiste zu der festen Gewißheit, daß der Katholizismus, der geläuterte, auf seinen Ursprung zurückgeführte Katholizismus der einzige Pakt, die letzte Macht sein könne, welche die gegenwärtige Gesellschaft retten würde, indem sie die drohende, blutige Krise beschwor. Als er vor zwei Jahren Lourdes voll Empörung über jene niedrige Abgötterei verlassen hatte, als sein Glaube für immer erloschen, aber sein Herz doch von der ewigen Sehnsucht nach dem Göttlichen, das alle Kreaturen quält, beunruhigt war, da hatte sich aus seiner tiefsten Seele ein Schrei losgerungen: »Eine neue Religion! Eine neue Religion!« Und heute glaubte er diese neue Religion, besser gesagt, diese erneute Religion gefunden zu haben. Ihr Ziel war die soziale Rettung; zum Glücke der Menschheit sollte sie die einzige, noch aufrecht stehende moralische Autorität, die weitgreifende Organisation des wunderbarsten Werkzeuges verwenden, das jemals zum Regieren der Völker geschmiedet ward. Während Pierre diese langsame Entwicklungsperiode durchmachte, gewannen außer dem Abbé Rose noch zwei Männer großen Einfluß auf ihn. Ein gutes Werk hatte ihn mit Monseigneur Bergerot, einem Bischof, bekannt gemacht, den der Papst zum Lohn für ein ganzes Leben bewunderungswürdiger Wohlthätigkeit eben zum Kardinal erhoben hatte, trotzdem seine Umgebung sich heimlich widersetzte; denn sie witterte in dem französischen Prälaten, der seine Diözese wie ein Vater regierte, einen Freigeist. Durch den Verkehr mit diesem Apostel, diesem Seelenhirten, ward Pierre noch mehr entflammt; das war einer jener einfachen und guten Führer, wie er sie der künftigen Gemeinde wünschte. Aber als er in den Versammlungen der katholischen Arbeiter dem Vicomte Philibert de la Choue begegnete, war dies für sein Apostelamt noch entscheidender. Der Vicomte war ein schöner Mann mit militärischen Manieren und einem langen, edlen Gesicht, das aber durch eine zerdrückte und zu kleine Nase entstellt war, was den schließlichen Echec einer schlecht gefestigten Natur anzudeuten schien. Er war einer der thätigsten Agitatoren des französischen katholischen Sozialismus und besaß große Güter, ein großes Vermögen. Freilich ging das Gerücht, daß er sich durch mißlungene landwirtschaftliche Unternehmungen bereits um beinahe die Hälfte desselben gebracht habe. In seinem Departement hatte er Musterwirtschaften eingerichtet, auf denen er seine Ideen bezüglich des christlichen Sozialismus in Anwendung brachte. Aber der Erfolg schien ihn auch dort nicht zu ermutigen. Es hatte ihm jedoch zu einem Abgeordnetenmandat verholfen. Er sprach oft in der Kammer und setzte das Programm seiner Partei in langen, tönenden Reden aus einander. Auch im übrigen war er von unermüdlichem Eifer, geleitete Pilgerzüge nach Rom, führte den Vorsitz bei Versammlungen, hielt Konferenzen und gab sich vor allem mit dem Volk ab. Nur die Eroberung des Volkes, sagte er zu seinen Vertrauten, könne den Sieg der Kirche sichern. Auf diese Weise übte er eine große Wirkung auf Pierre aus; dieser bewunderte naiv an ihm alle die Eigenschaften, deren er selbst entbehrte, den Organisationsgeist, den streitbaren, etwas unruhigen Willen, der einzig und allein darauf gerichtet war, die christliche Gesellschaft in Frankreich umzuschaffen. Der junge Priester lernte durch diesen Verkehr sehr viel, aber er blieb doch der Empfindsame, der Träumer, der seinen Flug geradenwegs nach der künftigen Wohnung des allgemeinen Glückes nahm, ohne der politischen Notwendigkeiten zu achten. Der Vicomte hingegen beabsichtigte, die Zerstörung der liberalen Idee von 1789 zu vollenden, indem er die Enttäuschung und den Zorn der Demokratie für die Rückkehr in die Vergangenheit ausnützte. Pierre verlebte einige zauberhafte Monate. Noch niemals hatte ein Neophyt so gänzlich für das Glück anderer gelebt wie er. Er war ganz Liebe, er brannte für sein Apostelamt. Seine Besuche bei dem unglücklichen Volke, bei den Männern, die keine Arbeit fanden, den Müttern, den Kindern, die kein Brot hatten, flößten ihm die jeden Tag wachsende Gewißheit ein, daß eine neue Religion entstehen müsse, um der Ungerechtigkeit ein Ende zu machen, derentwegen die empörte Welt eines gewaltsamen Todes sterben müßte. Und bei diesem Eingreifen des Göttlichen, dieser Wiedergeburt des ursprünglichen Christentums wollte er mitarbeiten. Alle Kräfte seines Wesens beschloß er einzusetzen, um sie zu beschleunigen. Sein katholischer Glaube blieb tot; er glaubte nicht mehr an Dogmen, Mysterien, Wunder. Aber eine Hoffnung genügte ihm. Es war die Hoffnung, daß die Kirche noch Gutes thun könne, indem sie die unaufhaltsame, moderne, demokratische Bewegung in die Hand nahm, um von den Nationen die drohende soziale Katastrophe abzuhalten. Seit er sich die Mission gestellt hatte, dem Herzen des verhungerten, murrenden Volkes der Vorstädte das Evangelium wiederzugeben, war Ruhe in seine Seele eingezogen. Thätig, wie er war, litt er nun weniger unter dem furchtbaren Gefühl des Nichts, das er von Lourdes mitgebracht hatte, und da er nicht mehr in sich forschte, verzehrte ihn die Qual der Ungewißheit nicht mehr. Mit der Heiterkeit, welche die einfache Pflichterfüllung mit sich bringt, fuhr er fort, die Messe zu lesen. Zuletzt kam er zu dem Schlusse, daß dieses Mysterium, daß überhaupt alle Mysterien und alle Dogmen eigentlich nur Symbole seien, kirchliche Gebräuche, die für die Kindheit der Menschheit unerläßlich waren. Wenn die Menschheit erwachsen, geläutert, gebildet, wenn sie im stande sein würde, den blendenden Glanz der nackten Wahrheit zu ertragen, dann konnte man sich ihrer wieder entledigen. Und eines Morgens setzte sich Pierre, in seinem Drang, sich nützlich zu machen, in dem leidenschaftlichen Verlangen, seine Ueberzeugung laut in die Welt hinaus zu schreien, an den Tisch und schrieb ein Buch. Das war ganz natürlich gekommen. Dieses Buch war ein Aufschrei seines Herzens; jedwede literarische Absicht stand ihm fern. Der Titel des Buches war eines Nachts, als er nicht schlafen konnte, jählings aus dem Dunkel aufgeflammt: » Das neue Rom «. Und damit war alles gesagt. War es denn nicht Rom, das ewige und heilige Rom, von wo die Erlösung der Völker kommen mußte? Die einzige, noch bestehende Autorität befand sich dort; die Verjüngung konnte nur auf der heiligen Erde stattfinden, auf der die alte Eiche des Katholizismus gekeimt war. In zwei Monaten schrieb er das Buch fertig, das er durch seine Studien über den zeitgenossischen Sozialismus bereits seit einem Jahr unbewußt vorbereitet hatte. Wie eine dichterische Aufwallung war es über ihn gekommen; manchmal schien es ihm, daß er wie im Traum schreibe, und eine innere, ferne Stimme diktirte ihm die Worte. Oft las er dem Vicomte Philibert de la Choue das tags zuvor Geschriebene vor. Der billigte es lebhaft vom praktischen Standpunkte aus, indem er sagte, daß man das Volk rühren müsse, um es leiten zu können. Man müßte auch fromme, aber zugleich unterhaltende Lieder komponiren, die dann in den Werkstätten gesungen werden würden. Was den Monseigneur Bergerot betraf, so war er, ohne das Buch vom Standpunkt des Dogmas zu prüfen, von dem aus jeder Seite desselben wehenden innigen Hauch der Nächstenliebe tief gerührt. Er beging sogar die Unvorsichtigkeit, dem Autor einen Zustimmungsbrief zu schreiben und ihn zu ermächtigen, diesen Brief dem Werke als Vorwort voranzusetzen. Dieses Werk nun, das im Juni erschienen war, hatte die Indexkongregation mit dem Interdikt belegt, und zur Verteidigung dieses Werkes war der junge Priester voll Ueberraschung und Begeisterung nach Rom geeilt. Er brannte vor Verlangen, seiner Ueberzeugung zum Siege zu verhelfen, und war fest entschlossen, sich selbst vor dem heiligen Vater zu verteidigen, denn er war überzeugt, bloß dessen eigene Ideen ausgesprochen zu haben. Während Pierre solcherart die drei letzten Jahre durchlebte, hatte er sich nicht von der Stelle gerührt; er stand noch immer neben der Brüstung, vor dem Rom seiner Träume und seiner Sehnsucht. Hinter ihm fuhren immer wieder Wagen vor und plötzlich wieder fort; magere Engländer und schwerfällige Deutsche gingen an ihm vorüber, nachdem sie dem klassischen Ausblick die fünf im Reiseführer vorgemerkten Minuten gewidmet hatten; der Kutscher und das Pferd seines Fiakers harrten gefällig mit gesenkten Köpfen in der Sonne aus, die den auf dem Sitz liegenden Handkoffer erhitzte. Pierre in seiner schwarzen Sutane schien noch schlanker, feiner, zarter geworden zu sein, während er unbeweglich, ganz dem erhabenen Schauspiel hingegeben, dastand. Er war nach Lourdes abgemagert; sein Gesicht war schmäler geworden. Seit seine Mutter wieder den Sieg über ihn davontrug, schien die hohe, gerade Stirn – der geistige Turm, den er seinem Vater verdankte – abzunehmen; der gütige, etwas starke Mund, das zarte, unendlich zärtliche Kinn beherrschten jetzt das Gesicht und verrieten die Seele, die auch in der milden Flamme der Augen brannte. Ach, mit wie zärtlichen und feurigen Augen betrachtete er sein Rom, das Rom seines Buches, das neue Rom, von dem er träumte! Wenn ihn anfangs in der etwas verschleierten Milde des wunderbaren Morgens bloß das Gesamtbild gepackt hatte, so vermochte er setzt schon Einzelheiten zu unterscheiden. Mit kindlicher Freude erkannte er alle Monumente; er hatte sie lange genug auf Plänen und in photographischen Sammlungen studirt. Dort, zu seinen Füßen, am Grunde des Janiculus, breitete sich Trastevere aus, das Chaos seiner alten, rötlichen Häuser, deren sonnenverbrannte Dächer den Lauf des Tiber verbargen. Das flache Aussehen der Stadt überraschte ihn etwas. Von der Höhe der Terrasse, aus der Vogelperspektive gesehen, sah sie wie nivellirt aus; die sieben berühmten Hügel bildeten nur schwache Wölbungen, eine fast unmerkliche Schlagwelle in dem breiten Meer der Fassaden, Ja, das da unten, rechts, in dunklem Lila von der bläulichen Ferne der Albanerberge abstechend, das war der Aventin mit seinen drei unter Laubwerk halbversteckten Kirchen. Da war auch der entkrönte Palatin, den eine Reihe von Cypressen wie eine schwarze Franse begrenzte. Dahinter lag der Caelius; man sah von ihm nichts, als die vom Goldstaub der Sonne entfärbten Bäume der Villa Mattei. Gegenüber, ganz in der Ferne, am andern Ende der Stadt, bezeichneten der schlanke Turm und die beiden kleinen Kuppeln von Santa Maria Maggiore den Gipfel des Esquilin. Auf der Spitze des benachbarten Viminal bemerkte er jedoch nichts als ein in Licht gebadetes Gewirre von weißlichen, mit dünnen braunen Streifen durchzogenen Blöcken, etwas wie einen verlassenen Steinbruch; zweifellos waren das Neubauten. Lange spähte er nach dem Kapitol aus, ohne es entdecken zu können. Er suchte sich zu orientiren und redete sich zuletzt ein, daß er ganz deutlich den Campanile sehe, da unten, vor Santa Maria Maggiore, diesen viereckigen Turm, der so bescheiden aussah, daß er sich inmitten der umgebenden Dächer verlor. Links kam dann der Quirinal; er erkannte ihn an der langen Fassade des königlichen Palastes, die der einer Kaserne oder eines Hotels glich, von einem harten Gelb, stach und von unzähligen, regelmäßigen Fenstern durchlöchert. Als er sich jedoch dann vollends umdrehte, ließ ihn ein plötzlicher Anblick erstarren. Vor der Stadt, über den Bäumen des Corsinigartens erschien der Dom von Sankt Peter. Er schien aus dem Grün zu ruhen und sah bei dem reinen, blauen Himmel selbst so zart himmelblau aus, daß er sich mit dem unendlichen Azur vermischte. Die Steinlaterne, die ihn krönt, schien weiß und leuchtend in der Luft zu hängen. Pierre konnte sich nicht satt sehen. Seine Blicke schweiften unaufhörlich von einem Ende des Horizontes zum andern. Er betrachtete lange die edlen Zacken, die stolze Anmut der mit Städten besäten Sabiner- und Albanergebirge, deren Gürtel den Horizont abschloß. Kahl und majestätisch, gleich einer toten Wüste, und seegrün wie ein stagnirendes Meer breitete sich die ungeheure römische Campagna aus. Zuletzt unterschied er den niedrigen, runden Turm des Grabes der Cäcilia Metella, hinter dem eine dünne, weiße Linie die antike Via Appia bezeichnete. Trümmer von Wasserleitungen bestreuten den Rasen mit dem Staube zusammengebrochener Welten. Seine Blicke schweiften wieder zurück – und da war wieder die Stadt, das Durcheinander der Gebäude, wie das Auge eben darauf fiel. Hier, ganz in der Nähe erkannte er an der dem Strom zugekehrten Loggia den ungeheuren, rotgelben Würfel des Palastes Farnese. Jene niedrige, kaum sichtbare Kuppel mußte die des Pantheon sein. Dann erkannte er, die Entfernungen mit dem Blick jäh überspringend, die frisch geweißten Mauern von S. Paolo fuori le Mura, die den Mauern einer kolossalen Scheune glichen, dann die Statuen, die S. Giovanni in Laterano krönen. Sie erschienen aus der Ferne winzig, kaum insektengroß. Dann kamen die unzähligen Dome, der von del Gesu, der von S. Carlo, der von S. Andrea Della Valle, der von S. Giovanni de Fiorentini, hernach noch so viele andere, von Erinnerungen erfüllte Gebäude: die Engelsburg mit ihrer funkelnden Statue, die Villa Medici, die die ganze Stadt beherrschte, die Terrasse des Pincio, wo zwischen seltenen Bäumen weiße Marmorgruppen leuchteten, und in der Ferne die tiefen Schatten der Villa Borghese, mit ihren grünen Höhen den Horizont abschließend. Vergebens suchte er das Kolosseum, obwohl ein leichter Nordwind sich erhoben hatte und den Morgennebel zu zerstreuen begann. In der dunstigen Ferne zeichneten sich ganze Stadtteile kräftig ab, gleich Vorgebirgen auf einem sonnenbeschienenen Meer. Da und dort leuchtete zwischen der undeutlichen Masse der Häuser eine weiße Mauer auf; eine Reihe von Fenstern blitzte, ein Garten bildete einen schwarzen Fleck und alles war von überraschender Farbenpracht. Das übrige, das Durcheinander der Straßen, Plätze, der auf allen Seiten zerstreuten, endlosen Häuserinseln vermischte sich und verschwamm in der lebendigen Pracht der Sonne, während von den Dächern hohe, weiße Rauchsäulen aufstiegen und langsam die unendliche Reinheit des Himmels durchzogen. Bald aber bewog ein geheimer Instinkt Pierre, sich nur noch für drei Punkte des ungeheuren Horizontes zu interessiren. Die Linie der schlanken Cypressen, die den Gipfel des Palatin schwarz umsäumte, bewegte sein Herz. Dahinter war nichts als der leere Raum; die Paläste der Cäsaren waren verschwunden, zerfallen, die Zeit hatte sie hinweggefegt. Er beschwor sie im Geiste wieder herauf und meinte zu sehen, wie sie sich gleich goldenen Phantomen, vage und zitternd, in das Purpurlicht des herrlichen Morgens erhoben. Dann kehrten seine Blicke wieder zu Sankt Peter zurück. Dieser Dom stand noch und beschützte den Vatikan, der, wie Pierre wußte, daneben dicht an der Flanke des Kolosses ruhte. Er sah so triumphirend, fest und riesig aus, daß er Pierre wie ein Riesenkönig vorkam. Er beherrschte die ganze Stadt, war überall und ewig sichtbar. Dann gingen seine Augen wieder hinüber zu dem andern Berge, dem Quirinal, wo der Palast des Königs stand, der ihm wie eine gewöhnliche, gelbgestrichene Kaserne vorkam. Und die ganze hundertjährige Geschichte Roms, mit ihren fortwährenden Umwälzungen, ihrem wiederholten Aufschwung schien sich in diesem symbolischen Dreieck, in diesen drei Berggipfeln zu verkörpern, die einander über den Tiber hinweg anschauten: das aufblühende, antike Rom mit seinen Palästen und Tempeln, der monströsen Blüte kaiserlicher Macht und Pracht; das päpstliche Rom, das im Mittelalter siegreich die Welt beherrschte und diese kolossale Kirche in all ihrer wiedererstandenen Schönheit auf der Christenheit lasten ließ; das jetzige Rom, das er nicht kannte, das er bisher noch nicht studirt hatte, dessen kalter, kahler Königspalast ihm aber einen dürftigen Eindruck machte. Er erschien wie ein frevelhafter Modernisirungsversuch an dieser einzigen Stadt, die man lieber den Träumen von der Zukunft hätte überlassen sollen. Dieses beinahe peinliche Gefühl einer unbequemen Gegenwart unterdrückte er; er verschmähte es, sich bei einem neuen Viertel aufzuhalten, das er ganz deutlich neben Sankt Peter, am Rande des Flusses erblickte. Es war eine ganze farblose Stadt und zweifellos noch im Baue begriffen. Er hatte von einem andern neuen Rom geträumt und träumte noch davon, selbst angesichts des im Staube der Jahrhunderte vernichteten Palatin, angesichts des Domes von Sankt Peter, in dessen weiten Schatten der Vatikan schlummerte, angesichts des frisch hergerichteten und angestrichenen Palastes auf dem Quirinal, der gut bürgerlich die neuen Viertel beherrschte, die überall aufschossen und große Lücken in den Leib der alten Stadt mit ihren roten, in der hellen Morgensonne schimmernden Dächern rissen. Das neue Rom! Vor den Augen Pierres flammte abermals der Titel seines Buches auf und versenkte ihn in eine neue Träumerei. Er durchlebte sein Buch, so wie er vorhin sein Leben durchlebt hatte. Er hatte es in der Begeisterung niedergeschrieben und die aufgehäuften Notizen aufs Geratewohl verwendet. Und die Einteilung in drei Teile hatte sich sofort von selbst ergeben: die Vergangenheit, die Gegenwart, die Zukunft. Die Vergangenheit war die außerordentliche Geschichte des ursprünglichen Christentums, der langsamen Entwicklung, die aus diesem Christentum den jetzigen Katholizismus gemacht hatte. Sie bewies, daß sich hinter jeder religiösen Evolution eine ökonomische Frage verbirgt, kurz, daß das ewige Uebel nichts anderes ist als der ewige Kampf zwischen den Armen und den Reichen. Bei den Juden bricht gleich nach dem Aufhören des Nomadenlebens, gleich nach der Eroberung Kanaans und dem Entstehen des Besitzes der Klassenkrieg los. Es gibt nun Reiche und es gibt Arme; daraus entspringt die soziale Frage. Der Uebergang geschah jählings, der neue Stand der Dinge verschlimmerte sich so rasch, daß die Armen, die sich der goldenen Zeiten des Nomadenlebens noch erinnerten, nun doppelt darunter litten und Abhilfe forderten. Bis zu Jesus waren die Propheten nie etwas anderes als Empörer, die aus dem Elend des Volkes auftauchten, seine Leiden klagten und die Reichen verwünschten, denen sie zur Strafe für ihre Ungerechtigkeit und Härte alles Böse prophezeien. Jesus selbst ist nur der letzte dieser Empörer; er erscheint als die verkörperte Forderung der Rechte der Armen. Die Propheten, lauter Sozialisten und Anarchisten, haben die soziale Gleichheit gepredigt; wenn die Welt nicht mehr gerecht wäre, so müßte sie zerstört werden. Er bringt den Unglücklichen ebenfalls den Abscheu vor dem Reichtum. Seine ganze Lehre ist eine Drohung gegen den Reichtum, gegen den Besitz; und wenn man unter dem himmlischen Reich, das er verheißt, den Frieden und die Brüderlichkeit auf dieser Erde versteht, dann braucht man nur zu dem goldenen Zeitalter des Hirtenlebens, zu dem Traum von der christlichen Gemeinde zurückzukehren, so, wie ihn nach Jesus seine Jünger verwirklicht zu haben schienen. In den drei ersten Jahrhunderten war jede Kirche ein kommunistischer Versuch, eine ausgesprochene Genossenschaft, deren Mitglieder alles gemeinsam besaßen, mit Ausnahme der Frauen. Die Apologeten und die ersten Kirchenväter stellen die Gemeinschaftlichkeit zum Gesetz auf. Damals war das Christentum nur die Religion der Armen und Einfältigen, ein Demokratismus und Sozialismus, der die römische Gesellschaft bekämpfte. Und als diese endlich, vom Gelde angefault, zusammenbrach, da hatten diesen Zusammenbruch weniger die anstürmende Flut der Barbaren und die heimliche Termitenarbeit der Christen bewirkt, als das Agio, die wurmstichigen Banken, der finanzielle Krach. Die Geldfrage liegt allem zu Grunde. Dafür ergab sich ein neuer Beweis, als das Christentum endlich, dank der Zusammenwirkung historischer, sozialer und menschlicher Verhältnisse, den Sieg davontrug und zur Staatsreligion erklärt wurde. Es sah sich, um sich den Sieg vollständig zu sichern, gezwungen, es mit den Reichen und Mächtigen zu halten; und da muß man sehen, mit welchen Spitzfindigkeiten, mit welchen Sophismen die Kirchenväter zuletzt dahin gelangten, in dem Evangelium Christi eine Verteidigung des Besitzes zu entdecken. Für das Christentum war das ein dringendes politisches Lebensbedürfnis; nur um diesen Preis ward es der Katholizismus, die Universalreligion. Von da ab richtet sich die mächtige Maschine als Eroberungs- und Regierungswaffe immer mehr in die Höhe: oben befinden sich die Mächtigen, die Reichen, deren Pflicht es ist, mit den Armen zu teilen, die es aber nicht thun; unten sind die Armen, die Arbeiter, die man Ergebung und Gehorsam lehrt und ihnen dafür das künftige Reich, das göttliche, ewige Entschädigung verspricht. Es ist ein wunderbares Monument, das Jahrhunderte gedauert hat; alles daran baut sich auf die Verheißung des Jenseits, auf den unauslöschlichen Durst nach Unsterblichkeit und Gerechtigkeit, der den Menschen verzehrt. Pierre hatte diesen ersten Teil seines Buches, die Geschichte der Vergangenheit, durch eine in großen Zügen entworfene Studie des Katholizismus bis auf die Jetztzeit ergänzt. Da war zuerst Sankt Petrus. Ein unwissender, unruhiger Geist, gelangte er durch einen Geniestreich nach Rom und verwirklichte die antiken Orakel, die dem Kapital die Ewigkeit geweissagt hatten. Dann kamen die ersten Päpste, einfache Leiter von Leichenbestattungsvereinen. Hierauf begann das langsame Aufsteigen des allmächtigen Papsttums. Es befand sich im fortwährenden Eroberungskrieg mit der gesamten Welt und bestrebte sich unablässig, seinen Traum von der Weltherrschaft zu verwirklichen. Im Mittelalter, als die großen Päpste regierten, glaubte es einen Augenblick, sein Ziel, die Oberherrschaft über die Völker, erreicht zu haben. Läge denn nicht die absolute Wahrheit bei einem Papst, der Pontifex und König der Erde zugleich ist, der über die Seelen und über die Körper der Menschen herrscht, wie Gott selbst, dessen Stellvertreter er ist? Dieser ungemessene, aber vollkommen logische Ehrgeiz erfüllte sich in Augustus, dem Kaiser und Pontifex, dem Herrn der Welt. Ja, die immer wieder aus den Ruinen des antiken Rom erstehende, glorreiche Gestalt des Augustus hat die Päpste heimgesucht, das Blut des Augustus war es, das in ihren Adern pochte. Aber bei dem Zusammenbruch des römischen Kaiserreiches hatte sich die Macht halbirt; das Papsttum mußte dem Kaiser die weltliche Herrschaft überlassen und behielt sich nur das Recht vor, ihn im Auftrag Gottes zu salben. Das Volk gehörte Gott. Der Papst gab das Volk im Namen Gottes dem Kaiser und konnte es wieder zurücknehmen. Das war eine grenzenlose Macht, deren furchtbare Waffe der Bann bildete; das war die Oberherrschaft, die dem Papsttum den Weg zur wirklichen und definitiven Besitzergreifung des Reiches bahnte. Kurz, der ewige Kampf zwischen Kaiser und Papst drehte sich um das Volk, das sie einander streitig machten, um die unthätige Masse der Einfältigen und Leidenden, um den großen Stummen, dessen unheilbares Leid nur manchmal durch ein dumpfes Murren verraten wird. Man sprang zu seinem Wohle mit ihm um, wie mit einem Kinde. Aber die Kirche unterstützte thatsächlich die Zivilisation, erwies der Menschheit viele Dienste und spendete reichliche Almosen. Der alte Traum von der christlichen Gemeinde kehrte immer wieder, zum mindesten in den Klöstern: ein Drittel der aufgehäuften Reichtümer wurde für den Kultus bestimmt, ein Drittel für die Priester, ein Drittel für die Armen. Wurde dadurch nicht das Leben vereinfacht? Wurde den Gläubigen nicht durch den Verzicht auf irdische Wünsche, aber die Erwartung der unerhörten, himmlischen Freuden die Existenz ermöglicht? Gebt uns also die gesamte Erde! Wir werden alle Güter hienieden in solche drei Teile teilen und dann werdet ihr sehen, was für ein goldenes Zeitalter herrschen wird, wie alle ergeben und gehorsam sein werden! Alsdann zeigte Pierre, wie das Papsttum am Ausgange des Mittelalters, der Zeit seiner Allmacht, von den größten Gefahren bedroht wurde. Die Renaissance mit ihrem Luxus und ihrer Sittenverderbnis, mit der überschäumenden Lebenskraft, die aus der ewigen, so lange verachteten und für tot liegen gebliebenen Natur hervorbrach, riß es beinahe mit sich fort. Noch drohender war das Erwachen des Volkes, des großen Stummen, dessen Zunge sich zu lösen schien. Die Reformation brach los, wie ein Protest der Vernunft und Gerechtigkeit, eine Mahnung an die verkannten Wahrheiten des Evangeliums. Um Rom vor dem vollständigen Verschwinden zu retten, bedurfte es der rauhen Verteidigung der Inquisition, der langsamen, hartnäckigen Arbeit des Konzils von Trient, das das Dogma stärkte und die weltliche Macht befestigte. Damals trat das Papsttum in zwei Jahrhunderte des Friedens und in den Schatten; denn die festen, absoluten Monarchien, die Europa unter sich geteilt hatten, konnten seiner entbehren. Sie zitterten nicht mehr vor dem unschädlich gewordenen Bannstrahl und anerkannten die Päpste nur noch als einen mit gewissen Riten betrauten Zeremonienmeister. Unter den Besitzern des Volkes war das Gleichgewicht verrückt worden: die Könige behielten wohl noch das Volk Gottes, aber der Papst mußte sich darauf beschränken, das Geschenk ein für allemal zu registriren; er hatte sich in die Regierung der Staaten bei keiner Gelegenheit einzumischen. Niemals war Rom der Verwirklichung seines uralten Traumes von der Weltherrschaft ferner gewesen. Und als dann die französische Revolution ausbrach, da konnte man glauben, daß die Verkündigung der Menschenrechte das Papsttum, den Bewahrer des göttlichen Rechtes, das Gott ihm über die Nationen übertragen hatte, töten würde. Was war da auch anfangs im Vatikan eine Angst, ein Zorn, wie verzweifelt wehrte er sich gegen die Idee der Freiheit, gegen dieses neue Credo der befreiten Vernunft und der wieder Herrin ihrer selbst gewordenen Menschheit! Es war eine scheinbare Lösung des langen Kampfes, den Kaiser und Papst um den Besitz des Volkes mit einander geführt hatten. Der Kaiser verschwand, und das Volk, das ihn fortan absetzen konnte, wollte auch dem Papst entschlüpfen. Es war eine unvorgesehene Lösung, und das ganze, uralte Gerüst des Katholizismus schien dabei in Trümmer gehen zu müssen. Hiermit beendete Pierre den ersten Teil seines Buches; er schloß, indem er angesichts des gegenwärtigen Katholizismus, welcher der Triumph der Reichen und Mächtigen ist, auf das ursprüngliche Christentum verwies. Jesus war gekommen, um die römische Gesellschaft im Namen der Armen und Einfältigen zu zerstören. Hat das katholische Rom nicht nach Jahrhunderten diese selbe Gesellschaft mit seiner Geld- und Hochmutspolitik neu aufgebaut? Welch traurige Ironie, wenn sich nach achtzehn Jahrhunderten des Evangeliums konstatiren ließ, daß die Welt abermals durch das Agio, durch wurmstichige Banken, durch den finanziellen Krach, durch die furchtbare Ungerechtigkeit, daß ein paar Menschen sich im Reichtum wälzen konnten, während Tausende ihrer Brüder Hungers sterben, dem Zerfalle nahe war! Das ganze Rettungswerk müßte wieder von Anfang an begonnen werden. Pierre sagte diese schrecklichen Dinge mit sanften, mitleidsvollen, so hoffnungsreichen Worten, daß sie ihre revolutionäre Gefährlichkeit verloren. Uebrigens griff er nirgends das Dogma an. Sein Buch war in der sentimentalen Form einer von Nächstenliebe durchglühten Dichtung nichts als der Ruf eines Apostels. Dann kam der zweite Teil des Werkes: die Gegenwart, eine Studie der aktuellen katholischen Gesellschaft, hier entwarf Pierre ein furchtbares Bild von dem Elend der Armen, dem Elend einer Großstadt. Er kannte es; sein Herz blutete davon, denn er hatte seine vergifteten Wunden berührt. Die Ungerechtigkeit war nicht mehr erträglich, die Wohlthätigkeit war ohnmächtig, die Leiden so groß, daß im Herzen des Volkes alle Hoffnung starb. Hatte das monströse Schauspiel, das die Christenheit der Welt bot, nicht dazu beigetragen, den Glauben im Volk zu töten? Ihre Greuel verdarben es, erfüllten es mit Haß und Rachelust. Gleich nach diesem Bilde einer verfaulten, in Zerfall begriffenen Gesellschaft knüpfte Pierre wieder an die Geschichte der französischen Revolution an. Die Idee der Freiheit hatte der Welt eine ungeheure Hoffnung eingeflößt. Als das Bürgertum, die große liberale Partei, zur Macht gelangte, nahm es sich vor, endlich alle glücklich zu machen. Aber leider scheint die Freiheit, wie die Erfahrung eines Jahrhunderts zeigt, den Enterbten nicht mehr Glück geschenkt zu haben. Auf dem politischen Gebiet greift die Enttäuschung um sich. Auf jeden Fall steht fest: wenn auch der dritte Stand sich, seit er zur Herrschaft gelangt ist, befriedigt erklärt – der vierte Stand, die Arbeiter, leiden noch immer und fordern noch immer ihr Recht. Man hat sie für frei erklärt, man hat ihnen die politische Gleichheit aufoctroyirt; aber das sind nur trügerische Geschenke, denn jetzt wie früher haben sie nur die Freiheit, Hungers zu sterben. Daraus stammen alle sozialistischen Ansprüche; von nun an tritt das schreckliche Problem, dessen Lösung die gegenwärtige Gesellschaft zu vernichten droht, zwischen der Arbeit und dem Kapital auf. Als die Sklaverei aus der antiken Welt verschwand, um der Löhnung Platz zu machen, war die Revolution ungeheuer. Und ganz gewiß war das Christentum einer der mächtigsten Faktoren, die die Sklaverei zerstörten. Heute handelt es sich darum, die Löhnung durch etwas anderes, vielleicht durch Beteiligung des Arbeiters am Gewinn, zu ersetzen. Warum sollte das Christentum nicht eine neue Aktion versuchen? Dieses verhängnisvolle, bevorstehende Emporkommen der Demokratie ist eine neue Phase der menschlichen Geschichte; die Gesellschaft von morgen ist in der Schöpfung begriffen. Rom konnte sich dagegen nicht ganz interesselos verhalten; das Papsttum mußte in dem Streit irgend eine Partei ergreifen, wenn es nicht wie ein gänzlich nutzlos gewordenes Räderwerk von der Welt verschwinden wollte. Daraus ging die Legitimität des katholischen Sozialismus hervor. Wenn die sozialistischen Sekten sich von allen Seiten mit ihren Lösungen um das Glück des Volkes stritten, mußte die Kirche mit der ihrigen hervortreten. Hier nun erschien das neue Rom; hier schwang sich die Entwicklung zu einem Frühling unbegrenzter Hoffnung auf. Es stand fest, daß die katholische Kirche im Prinzip nichts gegen die Demokratie hatte. Im Gegenteil, sie brauchte nur zu der evangelischen Tradition zurückzukehren, um wieder die Kirche der Armen und Einfältigen zu werden, um die christliche Universalgemeinde wieder einzusetzen. Ihr Wesen ist demokratisch. Wenn sie sich, als das Christentum zum Katholizismus ward, auf Seite der Reichen und Mächtigen stellte, so gehorchte sie, indem sie ihre erste Reinheit opferte, nur der Notwendigkeit der Selbstverteidigung. Falls sie daher die zum Untergang verurteilten herrschenden Klassen verlassen würde, um zu dem Volke der Unglücklichen zurückzukehren, würde sie sich einfach Christus wieder nähern; sie würde sich verjüngen und sich von den politischen Kompromissen, in die sie sich ergeben mußte, wieder reinigen. Zu allen Zeiten verstand es die Kirche, sich vor den Verhältnissen zu beugen, ohne im geringsten auf ihre Unumschränktheit zu verzichten: sie behält ihre Alleinherrschaft, sie duldet bloß, was sie nicht hindern kann, und wartet geduldig – wenn es auch Jahrhunderte dauern sollte – auf die Stunde, da sie wieder die Herrin der Welt werden wird. Sollte diese Stunde nicht jetzt, in der nahenden Krisis schlagen? Von neuem streiten sich alle Mächte um den Besitz des Volkes. Seit Freiheit und Bildung es zu einer Macht, zu einem seine Rechte mit Bewußtsein und Willenskraft fordernden Wesen gemacht haben, wollen alle Regierenden es besitzen; sie möchten durch das Volk, und wenn es sein muß, mit dem Volk regieren. Der Sozialismus ist die Zukunft, das neue Regierungswerkzeug. Und alles macht in Sozialismus: die auf ihren Thronen schwankenden Könige, die bürgerlichen Oberhäupter unruhiger Republiken, die ehrgeizigen Parteiführer, die von Macht träumen. Alle sind darin einig, daß der kapitalistische Staat die Rückkehr zur heidnischen Welt, zum Sklavenhandel ist; alle sprechen davon, daß man das abscheuliche eiserne Gesetz brechen müsse, das die Arbeit zu einer den Gesetzen von Angebot und Nachfrage unterworfenen Ware macht, das den Lohn genau nach dem berechnet, was der Arbeiter unumgänglich nötig hat, um nicht Hungers zu sterben. Allein das Uebel wächst, die Arbeiter werden von Not und Verzweiflung gequält, während über ihre Köpfe hinweg die Diskussionen fortgesetzt werden, die Systeme sich kreuzen, der gute Wille sich im Versuchen trügerischer Heilmittel erschöpft. Das ist das Herumtrippeln auf einer Stelle, das ist die närrische Bestürzung, die nahen, großen Katastrophen voranzugehen pflegt. Und zugleich mit den anderen tritt der katholische Sozialismus ebenso feurig wie der revolutionäre Sozialismus auf den Plan und trachtet zu siegen. Nun folgte eine Studie über die Anstrengungen des katholischen Sozialismus in der ganzen Welt. Dabei war besonders auffallend, daß der Kampf um so lebhafter und erfolgreicher ward, wenn er in einem Lande stattfand, das dem Christentum noch nicht völlig unterworfen war. So zum Beispiel bei den Nationen, wo der Katholizismus dem Protestantismus gegenüberstand. Dort kämpften die Priester mit außerordentlicher Leidenschaft für ihr Leben und machten den Pastoren den Besitz des Volkes durch kühne Handstreiche, durch verwegen demokratische Theorien streitig. In Deutschland, dem klassischen Lande des Sozialismus, war Bischof Ketteler einer der ersten, der davon sprach, den Reichen Steuern aufzulegen; und später schuf er eine ausgebreitete Agitation, welche heute mit Hilfe der Vereinigungen und zahlreicher Zeitungen von dem ganzen Klerus geleitet wird. In der Schweiz verteidigte Msgr. Mermillod die Armen so energisch, daß die dortigen Bischöfe jetzt fast gemeinsame Sache mit den demokratischen Sozialisten machen; zweifellos hoffen sie, sie am Tage der Teilung zu bekehren. In England, wo der Sozialismus so langsam durchdringt, errang Kardinal Manning bedeutende Siege; er ergriff während eines gewaltigen Strikes die Partei der Arbeiter und veranlaßte eine volkstümliche Bewegung, die durch häufige Bekehrungen gekennzeichnet ward. Vor allem aber triumphirte der katholische Sozialismus in Amerika, in den Vereinigten Staaten, in dieser rein demokratischen Umgebung, welche Bischöfe wie Msgr. Ireland zwang, sich an die Spitze der Forderungen der Arbeiter zu stellen. Dort scheint eine ganz neue Kirche im Keimen begriffen zu sein; sie ist noch unklar, aber überquellend vor Kraft und von ungeheurer Hoffnung geschwellt, als stehe sie schon vor der Morgendämmerung des verjüngten Christentums. Wenn man dann zu Oesterreich und Belgien, katholischen Nationen, übergeht, so sieht man, daß in dem ersteren der katholische Sozialismus sich mit dem Antisemitismus vermischt, und daß er in dem letzteren keine ausgesprochene Färbung besitzt. Hingegen stockt und verschwindet sogar alle Bewegung, so wie man nach Spanien und Italien, diesen alten Ländern des Glaubens, gelangt. Spanien ist ganz den Gewaltthaten der Revolutionäre überantwortet; seine störrischen Bischöfe begnügen sich damit, die Ungläubigen mit dem Bannstrahl zu treffen, wie in den Tagen der Inquisition. Italien wird von der Tradition, die eine Initiative unmöglich macht, zum Schweigen und Respekt zwingt, rings um den Heiligen Stuhl immobilisirt. In Frankreich jedoch wurde der Kampf lebhaft weiter geführt, aber es war hauptsächlich ein Ideenkampf; der Krieg richtete sich mit einem Worte gegen die Revolution, und es schien, daß man nur die einstige Organisation der monarchischen Zeiten wieder herzustellen brauche, um ins goldene Zeitalter zurückzukehren. So ward die Frage der Arbeiterkorporationen die Angelegenheit, um die sich alles drehte, als sei sie das Panacee für alle Uebel der Arbeiter. Aber man war weit davon entfernt, sich zu einigen: diejenigen Katholiken, welche die Einmischung des Staates zurückwiesen, welche eine rein moralische Aktion priesen, forderten freie Korporationen; die anderen hingegen, die Jungen, Ungeduldigen, zum Handeln Entschlossenen verlangten obligatorische, vom Staat anerkannte und geschützte Korporationen mit gehörigem Kapital. Besonders der Vicomte Philibert de la Choue hatte mit dem Wort und mit der Feder einen eifrigen Feldzug zu Gunsten dieser obligatorischen Korporationen geführt. Zu seinem großen Kummer hatte er bisher den Papst noch nicht bestimmen können, sich offen darüber auszusprechen, ob die Korporationen offene oder geschlossene sein müßten. Seiner Ansicht nach hing das Schicksal der Gesellschaft, die friedliche Lösung der sozialen Frage oder die furchtbare, alles mit sich fortreißende Katastrophe nur davon ab. Im Grunde war der Vicomte, obwohl er es nicht zugestehen wollte, schließlich beim Staatsozialismus angelangt. Trotz der mangelnden Einigkeit erhielt sich jedoch die Agitation; es wurden Versuche gemacht, die wenig glücklich ausfielen, Konsumvereine, Arbeiterwohnungsgesellschaften, Volksbanken gegründet, lauter Versuche einer mehr oder minder verhüllten Rückkehr zu dem einstigen christlichen Gemeinwesen. Indessen wuchs die Hoffnung der streitbaren katholischen Partei von Tag zu Tag, inmitten der Verwirrung der heutigen Zeit, inmitten der Unruhe der Geister und der politischen Schwierigkeiten, die das Land erschüttern, immer höher, bis zu der blinden Gewißheit, daß die Herrschaft über die Welt bald wieder ihr gehören würde. Der zweite Teil des Buches schloß mit der Schilderung des geistigen und moralischen Unbehagens, gegen welches das Jahrhundertende kämpft. Die Masse der Arbeiter leidet, weil sie schlecht bedacht wurde, und fordert, daß man ihr bei einer neuen Teilung wenigstens das tägliche Brot sichere; aber es scheint, daß auch die bevorzugte Klasse nicht viel befriedigter ist. Sie beklagt sich über die Leere, die ihre befreite Vernunft, ihr erweiterter Geist in ihr zurücklassen. Das ist der Bankerott des Rationalismus, des Positivismus und der Wissenschaft selbst. Die vom Bedürfnis nach dem Absoluten verzehrten Geister haben das Herumtasten, die Langsamkeit dieser Wissenschaft satt, die einzig nur die bewiesenen Wahrheiten zuläßt. Die Angst vor dem Geheimnisvollen erfaßt sie wieder; sie brauchen eine vollständige, unmittelbare Synthese, um in Frieden einschlafen zu können. Und gebrochen, rasend gemacht von dem Gedanken, daß sie nie alles wissen werden, fallen sie unterwegs wieder auf die Kniee; Gott, das enthüllte, mit einer Glaubensformel bestätigte Unbekannte, ist ihnen lieber. In der That, bis heute befriedigt die Wissenschaft weder unsern Durst nach Gerechtigkeit, noch unser Verlangen nach Sicherheit, noch unsere uralte Vorstellung vom Glück, die im Fortleben, in ewigen Genüssen besteht. Sie läßt die Welt nur buchstabiren, sie bringt einem jeden nur die strenge, solidarische Verpflichtung, zu leben, ein einfacher Faktor der universellen Arbeit zu sein. Wie begreiflich ist da die Auflehnung der Herzen, die Sehnsucht nach diesem christlichen Himmel mit seinen schönen Engeln, voll Licht, Musik und Duft! Ach, wenn man seine Toten küssen, und sich sagen kann, daß man sie wieder finden, daß man mit ihnen ein neues Leben glorreicher Unsterblichkeit führen wird! Wenn man diese Gewißheit von einer höchsten Gerechtigkeit haben kann, die einem die Abscheulichkeiten der irdischen Existenz ertragen hilft! Wenn man dadurch die schrecklichen Gedanken an das Nichts töten, der grauenhaften Vorstellung vom Verschwinden des Ich entgehen und schließlich in dem unerschütterlichen Glauben Ruhe finden kann, der die glückliche Lösung aller Probleme des Schicksals auf den Morgen nach dem Tode verschiebt! Diesen Traum werden die Völker noch lange träumen. Das erklärt auch, warum am Ende dieses Jahrhunderts, infolge der Ueberreiztheit der Geister, auch infolge der tiefen Unruhe, in der sich die mit einer neuen Welt schwanger gehende Menschheit befindet, das religiöse Gefühl wieder erwacht ist. Es ist unruhig, es bangt nach dem Idealen und Unendlichen, es fordert ein Moralgesetz und die Gewißheit einer höheren Gerechtigkeit. Die Religionen können verschwinden; das religiöse Gefühl wird neue schaffen, sogar mit Hilfe der Wissenschaft. Eine neue Religion! Eine neue Religion! Und war es nicht der alte Katholizismus, der da im Begriffe stand, auf dieser jetzigen Welt, wo alles dieses Wunder begünstigen zu müssen schien, von neuem zu keimen, junges Grün auszuschlagen und sich mit einer ganz frischen und ungeheuren Blüte zu schmücken? Zuletzt, im dritten Teile des Buches, schilderte Pierre mit den flammenden Worten eines Apostels, wie die Zukunft, dieser verjüngte Katholizismus, aussehen werde, der den gepeinigten Nationen Gesundheit und Frieden, das vergessene goldene Zeitalter des ursprünglichen Christentums wieder bringen würde. Er begann mit einer gerührten, verherrlichenden Schilderung Leos XIII., des idealen Papstes, des Auserwählten, dem die Rettung der Völker übertragen worden war. Als solchen beschwor er ihn herauf, einen solchen erblickte er in ihm, in dem brennenden Wunsche nach dem Erscheinen eines Hirten, der dem Elend ein Ende machen würde. Das Bild besaß keine getreue Porträtähnlichkeit; aber es war der notwendige Erlöser, mit der unerschöpflichen Barmherzigkeit, dem weiten Herzen und Geiste, wie er ihn sich träumte. Dennoch hatte er die Dokumente durchstöbert, die Encykliken studirt und die Gestalt auf Thatsachen gebaut: auf die religiöse Erziehung in Rom, die kurze Nuntiatur in Brüssel, das lange Episkopat in Perugia. Kaum ist Leo XIII. Papst geworden, so enthüllt sich seine Doppelnatur; er ist der unerschütterliche Hüter des Dogma und zugleich der geschmeidige Politiker, der die Nachgiebigkeit so weit treiben will, als es möglich ist. Er bricht rund heraus mit der modernen Philosophie; er geht über die Renaissance hinweg ins Mittelalter zurück; er restaurirt in den katholischen Schulen die christliche Philosophie im Geiste des heiligen Thomas von Acquino, des englischen Meisters. Dann, als das Dogma derart geschützt ist, erhält er das Gleichgewicht, gibt allen Mächten Unterpfänder des Friedens, bemüht sich, alle Gelegenheiten auszunützen. Man sieht, wie er mit außerordentlicher Thätigkeit den heiligen Stuhl mit Deutschland versöhnt, sich Rußland nähert, die Schweiz befriedigt, die Freundschaft Englands begehrt, an den Kaiser von China schreibt und ihn bittet, die christlichen Missionare und die Christen in seinem Reiche zu beschützen. Später intervenirt er in Frankreich, anerkennt die Rechtmäßigkeit der Republik. Von Anfang an zeichnet sich ein bestimmter Gedanke ab und dieser Gedanke wird ihn zu einem der großen politischen Päpste machen. Uebrigens ist es der uralte Gedanke des Papsttums: alle Seelen zu erobern, Rom zum Mittelpunkt und Herrn der Welt zu machen. Er hat nur einen Wunsch, ein Ziel, nämlich an der Einheit der Kirche zu arbeiten und die Dissidenten-Gemeinden zu ihr zurückzuführen, um sie in dem sich vorbereitenden sozialen Kampfe unbesiegbar zu machen. Er bemüht sich, Rußland zur Anerkennung der moralischen Autorität des Vatikans zu bewegen; er träumt davon, in England die anglikanische Kirche zu entwaffnen und sie zu einer Art Bruderfrieden zu bewegen. Aber vor allem im Orient strebt er eine Einigung mit den schismatischen Kirchen an; er behandelt sie einfach als geschiedene Schwestern, deren Wiederkehr sein Vaterherz ersehnt. Und an dem Tage, da Rom ohne Widerspruch über die Christen der gesamten Erde herrschen wird, wird es keine einzige, siegreiche Macht geben, über die es nicht verfügen kann. Und hier nun erschien der soziale Gedanke Leos XIII. Noch als Bischof von Perugia hatte er einen Hirtenbrief geschrieben, in dem sich ein vager humaner Sozialismus äußerte. Kaum hat er sich jedoch die Tiara aufgesetzt, so ändern sich seine Anschauungen, und er schmettert die Revolutionäre, deren Verwegenheit damals Italien erschreckte, nieder. Gleich darauf besinnt er sich übrigens; er wird von den Thatsachen gewarnt und begreift, was für eine tödliche Gefahr es wäre, den Sozialismus in den Händen der Feinde des Katholizismus zu lassen. Er hört die populären Bischöfe der verschiedenen Propagandaländer an, mengt sich nicht mehr in die irische Frage, zieht den Bann zurück, den er auf die Ritter der Arbeit in den Vereinigten Staaten geschleudert hatte, verbietet, die kühnen Werke der katholisch-sozialistischen Schriftsteller auf den Index zu setzen. Dieser Umschwung zur Demokratie findet sich in seinen berühmtesten Encykliken wieder: in Immortale Dei , über die Konstitution der Staaten; in Libertas , über die menschliche Freiheit; in Sapientiæ , über die Pflichten christlicher Bürger; in Rerum novarum , über die Lage der Arbeiter. Besonders die letzte scheint die Kirche verjüngt zu haben. Der Papst konstatirt darin das unverdiente Elend der Arbeiter; die Arbeitsstunden sind zu lang, der Lohn ist ungenügend. Jeder Mensch hat das Recht, zu leben; der durch den Hunger erpreßte Vertrag ist ungerecht. Außerdem erklärt er, daß man den Arbeiter nicht schutzlos einer Ausbeutung überantworten dürfe, die das Elend der großen Mehrzahl in das Glück einiger weniger verwandelt. Da er sich über die Organisationsfragen nur vage äußern kann, beschränkt er sich darauf, die korporative Bewegung zu ermutigen und stellt sie unter den Schutz des Staates; und nachdem er derart den Gedanken der bürgerlichen Gewalt wieder hergestellt hat, setzt er Gott wieder auf seinen hehren Platz ein. Er erwartet die Rettung hauptsächlich von moralischen Maßregeln, von dem uralten Respekt vor der Familie und dem Besitz. Aber war diese hilfreiche Hand, die der erhabene Statthalter Christi öffentlich den Armen und Einfältigen reichte, nicht das sichere Zeichen eines neuen Bundes, die Verkündigung einer neuen Herrschaft Jesu auf Erden? Das Volk wußte fortan, daß es nicht verlassen war. Und zu welcher Glorie stieg Leo XIII. von da an auf! Sein Priesterjubiläum und sein Bischofsjubiläum wurden von der gesamten Christenheit unter dem Zulauf einer ungeheuren Menge, mit zahllosen Geschenken und schmeichelhaften Briefen, von allen Souveränen gefeiert. Hierauf behandelte Pierre die Frage der weltlichen Macht; er glaubte, dies frei thun zu dürfen. Natürlich wußte er, daß der Papst in seinem Streit mit Italien ebenso hartnäckig wie am ersten Tage auf seine Rechte an Rom bestand. Aber er bildete sich ein, daß dies nur eine einfache Attitüde, ein von politischen Gründen aufgedrungenes Verhalten sei, und daß es verschwinden würde, sobald die Stunde dafür schlug. Er war überzeugt, daß der Papst, der noch niemals so groß erschienen war wie jetzt, gerade dem Verlust der weltlichen Macht diese Erweiterung seiner Autorität, diese reine Pracht moralischer Allmacht verdankte. Welch lange Reihe von Irrtümern und Konflikten bot seit fünfzehnhundert Jahren die Geschichte des Besitzes dieses kleinen römischen Königreiches! Im vierten Jahrhundert verläßt Konstantin Rom; auf dem leeren Palatin bleiben nur ein paar vergessene Würdenträger zurück, und der Papst bemächtigt sich natürlicherweise der Macht. Das Leben der Stadt zieht sich in den Lateran. Aber erst vier Jahrhunderte später anerkennt Karl der Große die vollzogene Thatsache, indem er dem Papst formell die Kirchenstaaten schenkt. Von da ab hört der Krieg zwischen der geistlichen Macht und den weltlichen Mächten nicht mehr auf. Oft ist er heimlich, zumeist zugespitzt, voll Blut und Flammen. Aber ist es nicht unvernünftig, heutigentags von einem Papsttum zu träumen, das inmitten des bewaffneten Europa zugleich der König eines Fetzen Landes wäre, wo es allen Aergernissen ausgesetzt, wo es nur durch eine fremde Armee erhalten werden könnte? Was würde aus ihm in dem allgemeinen Massacre, das man befürchtet? Um wie viel geschützter, würdiger und hoher ist seine Stellung, wenn es, von allen irdischen Sorgen frei, nur über die Welt der Seelen herrscht! In den ersten Zeiten der Kirche hat sich das Papsttum, zuerst ganz lokal, rein römisch, nach und nach, indem es seine Herrschaft über die gesamte Christenheit ausbreitete, universalisirt. In gleicher Weise ist auch das heilige Kollegium, anfangs die Fortsetzung des römischen Senates, später international geworden, so daß es heutigentags die universellste aller Versammlungen ist. Mitglieder aller Nationen sitzen in ihm. Und ist es nicht augenscheinlich, daß der derart auf die Kardinäle gestützte Papst die einzige, große internationale Autorität geworden ist? Und diese Autorität ist um so mächtiger, als sie von monarchischen Interessen befreit ist und im Namen der Menschheit spricht, ja sogar über dem Begriff des Vaterlandes steht. Die vielgesuchte Lösung, um die so lange Kriege geführt wurden, besteht sicherlich nur darin: entweder muß man dem Papst die weltliche Herrschaft über die ganze Welt geben, oder man darf ihm nur die geistige Herrschaft lassen. Wenn er, der Herr über die Seelen, nicht von allen Völkern als der einzige Herr über die Körper, der König der Könige, anerkannt wird, dann muß der Stellvertreter Gottes, als göttlicher Delegat ein absoluter und unfehlbarer Souverän, im Heiligtum bleiben. Aber wie seltsam war dieses neue Sprossen des Papsttums auf dem von der französischen Revolution bestellten Felde! Vielleicht führt dieses jene Herrschaft herbei, die zu wollen, es seit so vielen Jahrhunderten aufrecht erhält! Denn jetzt steht es allein dem Volke gegenüber. Die Könige sind niedergeworfen; dem Volke steht es frei, sich dem hinzugeben, der ihm paßt – warum sollte es sich nicht dem Papsttum hingeben? Die feststehende Abbröcklung, die der Freiheitsgedanke erlitt, gibt das Recht, alles zu hoffen. Die liberale Partei scheint auf dem ökonomischen Terrain besiegt zu sein. Die Arbeiter, mit 1789 unzufrieden, beklagen sich über ihr Elend, das schlimmer geworden ist; sie regen sich und suchen verzweifelt ihr Glück. Andererseits haben die neuen Regierungsformen die internationale Macht der Kirche erhöht; in den Parlamenten der Republiken und konstitutionellen Monarchien sitzen Katholiken in großer Anzahl. Alle Umstände scheinen also das außerordentliche Glück des alternden, zu neuer Jugendkraft gelangten Katholizismus zu begünstigen. Bis zur Wissenschaft, der man den Bankerott vorwirft, beunruhigt das, was den Syllabus vor der Lächerlichkeit rettet, alle Geister, eröffnet wieder das unbegrenzte Feld des Geheimnisvollen und Unmöglichen. Und da erinnert man sich einer Prophezeiung, die besagt, daß das Papsttum Herr der Erde sein würde, wenn es nach der Vereinigung der orientalisch-schismatischen Kirchen mit der apostolischen römisch-katholischen Kirche an der Spitze der Demokratie einherschreiten werde. Da nun die Zeit gekommen war, mochte der Papst die Reichen und Großen dieser Welt verabschieden, die von ihren Thronen verjagten Könige im Exil lassen und sich gleich Jesus mit den brotlosen Arbeitern und den Straßenbettlern aussöhnen. Ja, vielleicht noch ein paar Jahre furchtbaren Elends, beunruhigender Verwirrung, schrecklicher, sozialer Gefahren – und dann wird das Volk, der große Stumme, über den bisher nach Belieben verfügt wurde, den Mund aufthun und zur Wiege, zur geeinigten Kirche Roms zurückkehren, um die drohende Zerstörung der menschlichen Gesellschaft zu vermeiden. Pierre schloß sein Buch mit einer leidenschaftlichen Heraufbeschwörung des neuen Rom, des geistigen Rom, das bald über die versöhnten, in einem neuen, goldenen Zeitalter verbrüderten Völker herrschen würde. Er sah darin sogar das Ende des Aberglaubens. Ohne das Dogma im geringsten anzugreifen, vergaß er sich in seiner Schwärmerei so weit, daß er von einem erweiterten, von allen Riten befreiten und einzig in der Befriedigung der Nächstenliebe ausgehenden religiösen Gefühl träumte. Und da die Wunden, die Lourdes ihm geschlagen, noch nicht verheilt waren, hatte er dem Bedürfnis nachgegeben, sein Herz zu befriedigen. War dieser krasse Aberglaube von Lourdes nicht das abscheuliche Symptom einer Epoche allzu großer Leiden? An dem Tage, da das Evangelium in der ganzen Welt verbreitet sein und geübt werden würde, würden die Leidenden eine illusorische Linderung nicht mehr in so weiter Ferne, unter so tragischen Bedingungen suchen; denn sie würden fortan Beistand, Trost und Heilung zu Hause, in ihrer Wohnung, inmitten ihrer Brüder finden. In Lourdes hatte eine sündhafte Verrückung des Schicksals, ein fortwährender Grund zum Kampf, ein grauenhaftes Schauspiel stattgefunden, das an Gott zweifeln ließ. Das alles würde in der wahrhaft christlichen Gesellschaft verschwinden. Ach, diese christliche Gesellschaft, diese christliche Gemeinde! Das ganze Buch gipfelte in dem brennenden Wunsche: möge diese Zeit doch bald kommen! Die Zeit, da das Christentum endlich wieder die Religion der Gerechtigkeit und Wahrheit wäre, wie einst, ehe es sich von den Reichen und Mächtigen erobern ließ! Die Zeit, da die Armen und Kleinen regieren, sich in die irdischen Güter teilen und niemand mehr gehorchen würden als dem gleichmachenden Gesetz der Arbeit! Die Zeit, da der Papst allein an der Spitze der verbündeten Völker stände – ein Friedensfürst, dessen einzige Mission es wäre, die moralische Regel, das Band der Barmherzigkeit und Liebe zu sein, das alle Wesen verknüpft! War das nicht die Verwirklichung der Verheißungen Christi? Die Zeit erfüllte sich; die bürgerliche Gesellschaft und die religiöse Gesellschaft würden sich so vollständig decken, daß sie nur noch ein Ganzes bildeten; und das wäre denn das von allen Propheten geweissagte glückliche und triumphirende Zeitalter. Kein Kampf mehr, kein Antagonismus zwischen Körper und Seele; dagegen ein wunderbares Gleichgewicht, das alles Uebel töten, das das Reich Gottes auf Erden einsetzen würde. Das neue Rom, das Zentrum der Welt, der Welt die neue Religion schenkend! Pierre fühlte, wie ihm die Thränen ins Auge stiegen. Mit einer unbewußten Geberde, ohne das Erstaunen der auf der Terrasse defilirenden mageren Engländer und stämmigen Deutschen zu bemerken, breitete er die Arme aus, dem wirklichen Rom entgegen. Es lag in so herrlichem Sonnenschein gebadet zu seinen Füßen. Würde es seinem Traum gewogen sein? Würde er wirklich in ihm die Arznei für alle unsere Ungeduld und unsere Unruhe finden? Konnte der Katholizismus sich erneuern, zum Geiste des ursprünglichen Christentums zurückkehren? Konnte er die Religion der Demokratie sein, der Glaube, den die erschütterte moderne Welt in Todesangst erwartet, um sich zu beruhigen und weiter zu leben? Sein Herz war voll edler Leidenschaft, voll Glauben. Er dachte an den guten Abbé Rose, wie er beim Lesen seines Buches vor Rührung weinte; in seinem Ohr klangen die Worte des Vicomte de la Choue, der sagte, daß ein solches Buch so viel wert sei wie eine Armee. Vor allem aber stärkte ihn die Zustimmung des Kardinals Bergerot, dieses Apostels unerschöpflicher Nächstenliebe. Warum bedrohte also die Kongregation des Index sein Werk mit dem Interdikt? Seit vierzehn Tagen, seit man ihn offiziell aufgefordert hatte, nach Rom zu kommen, wenn er sich verteidigen wolle, grübelte er über dieser Frage. Er konnte nicht herausfinden, welche Seiten seines Buches Anstoß erregten. In allen schien ihm das reinste Christentum zu brennen. Aber er kam, bebend vor Begeisterung und Mut; er sehnte sich, zu den Füßen des Papstes zu liegen, sich unter seinen erhabenen Schutz zu stellen und ihm zu sagen, daß jede Zeile von seinem Geiste inspirirt sei, daß er nichts gewollt habe als den Triumph seiner Politik. War es möglich, ein Buch zu verdammen, in dem er in höchster Aufrichtigkeit Leo XIII. zu verherrlichen glaubte, indem er ihm bei dem Werk christlicher Einigkeit und allgemeinen Friedens half? Noch einen Augenblick blieb Pierre bei der Brüstung stehen. Beinahe eine Stunde schon stand er da, denn er konnte sich an der Grüße Roms nicht satt sehen, das er gleich mit allem Unbekannten, was es ihm verbarg, hatte bemeistern mögen. O, es erfassen, erkennen, sofort die Wahrheit erfahren, die er von ihm hören wollte! Es war ein neues Experiment und zwar ein ernsteres, entscheidenderes als Lourdes; er fühlte, daß er entweder gestärkt oder für ewig zerschmettert daraus hervorgehen würde. Er forderte nicht mehr den absoluten, naiven Kinderglauben, sondern den höheren, intellektuellen, der, auf dem Bedürfnis der Gewißheit basirend, sich über alle Riten und Symbole erhob und nur an dem möglichst großen Glück der Menschheit arbeitete. Das Herz schlug ihm bis in die Kehle: wie würde die Antwort Roms lauten? Die Sonne war höher gestiegen; die oberen Stadtteile zeichneten sich kräftiger von dem feurigen Hintergrund ab. In der Ferne nahmen die Hügel goldene und purpurne Tinten an, während die zunächst befindlichen Fassaden klar und deutlich mit ihren Tausenden von Fenstern hervortraten. Aber der Morgennebel hatte sich noch nicht verzogen; leichte Schleier schienen aus den tiefer gelegenen Straßen aufzusteigen und umhüllten die Höhen, wo sie sich dann in dem feurigen, endlosen blauen Himmel verflüchtigten. Einen Augenblick glaubte er, daß der Palatin verschwunden sei, denn er konnte kaum den dunklen Saum seiner Cypressen entdecken, gleichsam, als werde er von dem Staube seiner Ruinen verborgen. Vornehmlich der Quirinal war nicht zu sehen; der Palast des Königs mit seiner unbedeutenden, flachen und niedrigen Fassade schien sich in den Nebel zurückgezogen zu haben und sah aus der Ferne so vage aus, daß er ihn nicht mehr unterscheiden konnte. Links aber, über jenen Bäumen, ragte der Dom von Sankt Peter noch höher in das klare, helle Gold der Sonne hinein – nahm den ganzen Himmel ein, beherrschte die ganze Stadt. Ach, mit welch unbegrenzter Hoffnung erfüllte ihn dieser erste Anblick Roms – des morgenfrischen Roms, dessen neue Teile er im Fieber der Ankunft gar nicht bemerkte, dieses Rom, das er so zu finden hoffte, wie er es geträumt hatte! Und während er in seiner dünnen, schwarzen Sutane an diesem schonen Tage dastand und es betrachtete – da meinte er zu hören, wie em Ruf naher Erlösung von den Dächern aufstieg, wie eine Verheißung von Weltfrieden aus der heiligen Erde tönte, die zweimal die Königin der Welt gewesen war! Das war das dritte Rom, das neue Rom, dessen väterliche Zärtlichkeit sich über die Grenzen hinweg an alle Völker wendete, um sie, getröstet, gemeinsam zu umarmen. Er sah es, er hörte es – da lag es, so verjüngt, so kindlich-sanft unter dem weiten reinen Himmel – als schwinge es sich in die Frische des Morgens, in die leidenschaftliche Reinheit seines Traumes auf. Endlich riß sich Pierre von dem erhabenen Schauspiel los. Der Kutscher und das Pferd hatten sich nicht gerührt; mit gesenkten Köpfen standen sie mitten in der vollen Sonne. Auf dem Wagensitz lag der Handkoffer; er war von den Strahlen des bereits hochstehenden Gestirnes brennend heiß geworden. Und Pierre stieg wieder in den Wagen, indem er dem Kutscher abermals die Adresse zurief: »Via Giulia, Palazzo Boccanera!« II. Um diese Stunde war die Via Giulia, die sich vom Palast Farnese bis zur Kirche S. Giovanni de Fiorentini in einer geraden Linie, etwa fünfhundert Meter lang, hinzieht, von einem Ende bis zum andern vom hellsten Sonnenschein überflutet. Das kleine viereckige Pflaster des Fahrweges – ein Trottoir gab es nicht – sah ganz weiß davon aus. Der Wagen fuhr beinahe die ganze Straße entlang, inmitten der alten, grauen, wie schlafend und leer aussehenden Häuser mit den großen, vergitterten Fenstern und den tiefen Vorhallen, durch die man in düstere, brunnenähnliche Hofe blicken konnte. Die Straße war von Papst Julius II. eröffnet worden, der sie mit prächtigen Palästen einzufassen gedachte, und hatte im sechzehnten Jahrhundert als Corso gedient, da sie zu jener Epoche die regelmäßigste und schönste Straße Roms war. Man merkte noch jetzt, daß hier einst das elegante Viertel war; nun war es der Stille und Einsamkeit der Vernachlässigung anheimgefallen und von einer Art klerikaler Ruhe und Verschwiegenheit erfüllt. Eine alte Fassade folgte der andern; die Schalterläden waren geschlossen, ein paar Gitter mit Kletterpflanzen umrankt, auf den Thürschwellen saßen Katzen, in den Dependancen waren einfache Kramladen untergebracht, und nur wenige Passanten ließen sich sehen: barhäuptige Frauen, die Kinder nach sich zogen, ein mit einem Maultier bespannter Karren Heu, ein prächtiger Mönch im faltigen Wollengewand, ein geräuschlos dahinfahrender Velocipedist, dessen Maschine in der Sonne funkelte. Endlich drehte der Kutscher sich um und deutete auf ein großes, viereckiges Gebäude an der Ecke eines zum Tiber führenden Gäßchens. »Der Palazzo Boccanera.« Pierre hob den Kopf. Das regelmäßige, vom Alter geschwärzte, kahle und massive Haus machte ihn etwas beklommen. Gleich dem Palazzo Farnese und dem Palazzo Sacchetti, seinen Nachbarn, war es gegen 1540 von Antonio de San Gallo erbaut worden, und wie bei dem ersteren, behauptete sogar die Tradition, daß der Architekt gestohlene Steine aus dem Kolosseum und dem Theater des Marcellus bei dem Baue verwendet habe. Die Fassade, gegen die Straße zu ungeheuer breit und viereckig, bestand aus drei Stockwerken; das erste Stockwerk war sehr hoch, sehr vornehm. Statt jeden Schmuckes ruhten die hohen, wohl aus Furcht vor einer Belagerung mit ungeheuren, vorspringenden Gittern versehenen Fenster des Erdgeschoßes auf großen Konsolen und waren mit Attiken gekrönt, die wieder auf kleineren Konsolen ruhten. Ueber dem monumentalen Eingangsthor mit den Bronzethüren, vor dem Mittelfenster, zog sich ein Balkon hin. Die Fassade schloß gegen den Himmel zu mit einem prächtigen Sims ab, dessen Fries Zeichnungen von bewundernswerter Anmut und Reinheit aufwies. Dieser Fries, die Konsolen und Attiken der Fenster, sowie die Bekleidungen des Thores bestanden aus weißem Marmor, aber dieser war so fleckig, so zerbröckelt, daß er rauh und gelb wie Sandstein aussah. Rechts und links vom Thore befanden sich zwei antike, von Drachen getragene Bänke, ebenfalls aus Marmor; und an einer der Ecken war in der Mauer ein kostbarer, nun versiegter Renaissance-Springbrunnen, ein von einem Delphin getragener Amor, eingelassen. Aber das Relief war kaum noch erkenntlich, so sehr war es abgenutzt. Die Blicke Pierres wurden jedoch ganz besonders von einem gemeißelten Wappenschilde über einem der Fenster des Erdgeschoßes angezogen; es war das Wappenschild der Boccanera, ein beflügelter Drache, der in Flammen hineinblies. Er vermochte deutlich die noch vollständig erhaltene Devise zu lesen: Bocca nera, Alma rossa – schwarzer Mund, rote Seele. Ueber einem andern Fenster, als Pendant dazu, befand sich eine jener in Rom noch so zahlreichen kleinen Kapellen, eine in Atlas gekleidete heilige Jungfrau, vor der am hellen Tage eine Laterne brannte. Der Kutscher wollte, wie es Brauch ist, in die düstere, gähnende Vorhalle hineinfahren, aber der junge Priester hielt ihn, von Schüchternheit ergriffen, zurück. »Nein, nein, nicht hineinfahren,« sagte er. »Es ist nicht nötig.« Er stieg aus, bezahlte den Kutscher und trat mit seinem Handkoffer in der Hand unter das Thor und von da in den Mittelhof, ohne einer menschlichen Seele begegnet zu sein. Es war ein viereckiger, ziemlich geräumiger und wie in einem Kloster von einem Säulengang umgebener Hof. Unter den düsteren Arkaden waren an den Wänden Reste von Statuen, Marmorfunde aufgestellt – ein armloser Apollo, eine Venus, von der nur noch der Rumpf übrig war, und zwischen den Kieseln, die den weißschwarzen Mosaikboden bedeckten, war zartes Gras aufgeschossen. Es schien, daß die Sonne nie auf dieses von Feuchtigkeit verwitterte Pflaster dringen dürfte. Ueberall herrschte das Dunkel, das Schweigen einer toten Größe und einer unendlichen Trauer. Pierre, von der Leere dieses stummen Palastes überrascht, suchte einen Portier, irgend einen Diener, und da er einen Schatten vorüberstreichen zu sehen glaubte, entschloß er sich, ein zweites Gewölbe zu durchschreiten, das in einen kleinen, am Tiber liegenden Garten führte. Von dieser Seite wies die ganz gleichförmige schmucklose Fassade nur die drei Reihen symmetrischer Fenster auf. Aber der Garten schnürte ihm durch seine Vernachlässigung das Herz noch mehr zusammen. In der Mitte, in einem zugeschütteten Bassin, war ein hochstämmiger Buchsbaum aufgeschossen. Zwischen den wirren Gräsern deuteten nur die Orangenbäume mit ihren reifenden, goldenen Früchten die Zeichnung der Alleen an, die sie begrenzten. An der rechten Mauer, zwischen zwei ungeheuren Lorbeerbäumen, stand ein Sarkophag aus dem zweiten Jahrhundert; das Relief stellte Faune dar, die Frauen schändeten, ein zügelloses Bacchanal, eine jener gierigen Liebesscenen, wie sie das dekadente Rom auf den Gräbern anzubringen pflegte. Und dieser in einen Trog umgewandelte, verdorrte, grünüberzogene Marmorsarkophag fing den feinen Wasserstrahl auf, der aus einer an der Mauer festgekitteten, großen, tragischen Maske floh. Einst ging hier eine Art Loggia mit einem Säulengang auf den Tiber hinaus, eine Terrasse, von der eine doppelte Treppe zum Fluß führte. Aber die Quaibauten brachten auch eine Erhöhung der Ufer mit sich; die Terrasse lag schon tiefer als der neue Boden, mitten unter Schutt und liegengebliebenen Hausteinen, mitten unter der kläglichen Verwüstung, den Demolirungen, die das ganze Viertel auf den Kopf stellten. Aber nun war Pierre fest überzeugt, daß er den Schatten eines Rockes gesehen habe. Er kehrte in den Hof zurück und sah sich einer Frau gegenüber, die an den Fünfzig sein mochte, aber noch kein einziges weißes Haar besaß; sie war von etwas kurzem Wuchs und sah munter und sehr lebhaft drein. Beim Erblicken des Priesters nahm jedoch ihr rundes Gesicht mit den kleinen, hellen Augen einen gleichsam mißtrauischen Ausdruck an. Er gab sich sogleich zu erkennen, indem er sein bißchen schlechtes Italienisch zusammensuchte. »Madame, ich bin der Abbé Pierre Froment.« Aber sie ließ ihn nicht zu Ende reden, sondern sagte in sehr gutem Französisch, mit dem etwas schwerfälligen, schleppenden Accent von Ile-de-France: »Ach, der Herr Abbé! Ich weiß, ich weiß, ich habe Sie erwartet. Ja, ich bin eine Französin,« fuhr sie fort, als er sie verwundert anblickte. »Nun lebe ich schon seit fünfundzwanzig Jahren in diesem Lande, aber ich habe mich an ihr verteufeltes Kauderwelsch noch immer nicht gewöhnen können.« Nun erinnerte sich Pierre, daß der Vicomte de la Choue ihm von dieser Dienerin, Victorine Bosquet, erzählt hatte. Sie war eine Beauceronnin, aus Auneau, und zu zweiundzwanzig Jahren mit einer schwindsüchtigen Dame nach Rom gekommen. Ihre Herrin starb plötzlich, und sie blieb verzweifelt, ganz allein, wie unter lauter Wilden zurück. Daher ergab sie sich mit Leib und Seele der Gräfin Ernesta Brandini, einer geborenen Boccanera, die eben niedergekommen war und sie auf der Straße aufgelesen hatte, um sie dann zum Kindermädchen ihrer Tochter Benedetta zu machen. Sie glaubte auch, durch sie Französisch zu erlernen. Victorine, nun seit fünfundzwanzig Jahren in der Familie, hatte sich zur Rolle einer Haushälterin aufgeschwungen, obwohl sie ganz ungebildet blieb und ein so geringes Sprachtalent besaß, daß sie, wenn der Dienst es erforderte, im Verkehr mit der übrigen Dienerschaft noch immer ein entsetzliches Italienisch radebrechte. »Der Herr Vicomte befindet sich also wohl?« fuhr sie mit ihrer freimütigen Familiarität fort. »Er ist so nett. Es macht uns immer so viel Vergnügen, wenn er, so oft er herkommt, bei uns absteigt! Ich weiß, daß die Prinzessin und die Contessina gestern einen Brief von ihm bekommen haben, der Sie uns ankündigte.« In der That, der Vicomte Philibert de la Choue hatte alles für den römischen Aufenthalt Pierres geordnet. Von der alten, kräftigen Rasse der Boccanera war niemand mehr übrig als der Kardinal Pio Boccanera, seine Schwester, die Prinzessin, eine alte Jungfer, die man aus Respekt Donna Serafina nannte, dann ihre Nichte Benedetta, deren Mutter Ernesta ihrem Gatten, dem Grafen Brandini, ins Grab gefolgt war, und endlich ihr Neffe, der Fürst Dario Boccanera, dessen Vater, Fürst Onofrio Boccanera, gestorben war, und dessen Mutter, eine geborene Montefiori, sich wieder vermählt hatte. Der Vicomte war durch eine Zufalls-Heirat eine Art Verwandter dieser Familie geworden; sein jüngerer Bruder hatte nämlich eine Brandini, die Schwester von Benedettas Vater geheiratet. Auf diese Weise hatte er als Titularonkel mehrmals zu Lebzeiten des Grafen in dem Palast in der Via Giulia gewohnt und sich sehr an die Tochter Brandinis angeschlossen, ganz besonders seit dem intimen Drama einer fatalen Heirat, deren Annulirung sie nun anstrebte. Seit sie wieder zu ihrer Tante Serafina und ihrem Oheim, dem Kardinal, zurückgekehrt war, schrieb er ihr oft und sandte ihr französische Bücher. Unter anderen hatte er ihr auch das Pierres geschickt, und daher stammte die ganze Geschichte. Es wurden Briefe darüber gewechselt; dann meldete ein Brief Benedettas, daß das Buch bei der Kongregation des Index angezeigt worden sei, und riet dem Autor, rasch zu kommen. Gleichzeitig wurde ihm in sehr liebenswürdiger Weise die Gastfreundschaft des Palastes angeboten. Der Vicomte, ebenso erstaunt wie der junge Priester, hatte die Sache gar nicht begreifen können; aber aus Klugheit und weil er sich für einen Sieg ereiferte, den er im voraus zu dem seinen machte, bewog er ihn, abzureisen. Daraus erklärt sich, warum Pierre so bestürzt war, als er, in ein Abenteuer verwickelt, dessen Ursachen und Bedingungen ihm unverständlich waren, in dieses unbekannte Haus geriet. »Was mir aber auch einfällt – lasse ich Sie da stehen, Herr Abbé,« fuhr Victorine plötzlich fort. »Ich werde Sie auf Ihr Zimmer führen. Wo ist Ihr Gepäck?« Als er ihr seinen Handkoffer zeigte, den er endlich auf die Erde gestellt hatte, und ihr erklärte, daß er sich für die vierzehn Tage seines Aufenthaltes in Rom nur eine Sutane zum Wechseln und etwas Wäsche mitgebracht habe, schien sie sehr erstaunt zu sein. »Vierzehn Tage! Sie wollen nur vierzehn Tage bleiben! Nun, Sie werden schon selbst sehen.« Dann rief sie einen langen Kerl von Bedienten herbei, der endlich zum Vorschein gekommen war. »Giacomo, tragen Sie das ins rote Zimmer hinauf. Darf ich den Herrn Abbé bitten, mitzukommen?« Diese unerwartete Begegnung mit einer Landsmännin, einer so guten, lebhaften Frau, in diesem düstern, römischen Palast hatte Pierre ganz erheitert und getröstet. Während sie dann durch den Hof schritten, erzählte sie ihm, daß die Prinzessin ausgegangen sei, und die Contessina (wie Benedetta trotz ihrer Verheiratung aus Zärtlichkeit noch immer im Hause genannt ward) heute ihre Zimmer noch nicht verlassen habe, weil sie ein wenig leidend sei. Victorine wiederholte jedoch, daß sie beauftragt sei, für ihn Sorge zu tragen. Die Treppe befand sich in einem Winkel des Hofes, unter dem Portiko. Es war eine monumentale Treppe, mit breiten, niedrigen und so sachte ansteigenden Stufen, daß ein Pferd sie bequem hätte ersteigen können; aber die Steinwände waren so kahl, die Treppenabsätze so leer und feierlich, daß eine tödliche Schwermut von den hohen Wölbungen auszugehen schien. Als sie im ersten Stockwerk anlangten, lächelte Victorine, da sie die Bewegung Pierres bemerkte. Der Palast schien ganz unbewohnt zu sein; aus den geschlossenen Sälen drang nicht das leiseste Geräusch. Sie deutete auf eine große Eichenthür rechts. Seine Eminenz bewohnt hier den Flügel, der auf den Hof und auf den Fluß hinausgeht. O, nicht einmal ein Viertel der Etage, alle Empfangssäle, die auf die Straße gehen, sind geschlossen! Wie könnte man auch eine solche Halle in stand erhalten? Und wozu? Dazu gehörte eine Menge Leute.« Sie schritt flink weiter. Ohne Zweifel war ihr diese Umgebung noch immer fremd und sie selbst allzu sehr von ihr verschieden, um von dem Milieu beeinflußt zu werden. Im zweiten Stock angelangt, fuhr sie fort: »Sehen Sie, hier links sind die Appartements Donna Serafinas und hier rechts die der Contessina. Das ist der einzige Winkel im ganzen Hause, wo es ein bißchen warm ist, wo man existiren kann. Uebrigens, heute ist Montag, der Empfangsabend der Prinzessin. Sie werden selbst sehen.« Dann öffnete sie eine Thüre, die auf eine zweite, sehr enge Treppe ging, und sagte: »Wir anderen wohnen im dritten Stock. Wenn der Herr Abbé es gestattet, gehe ich voran.« Die große Ehrentreppe endete im zweiten Stock. Victorine erklärte, daß der dritte Stock nur durch diese Treppe zugänglich sei; sie führe bis an das Gäßchen, das sich längs der Flanke des Palastes bis zum Tiber hinziehe. Dort befinde sich eine eigene Thüre; das sei sehr bequem. Als sie endlich im dritten Stock angelangt waren und durch einen Korridor schritten, zeigte sie ihm abermals mehrere Thüren. »Hier wohnt Don Vigilio, der Sekretär Seiner Eminenz. Hier wohne ich ... Und hier sind Ihre Zimmer. Jedesmal, wenn der Herr Vicomte auf ein paar Tage nach Rom kommt, will er keine anderen. Er sagt, daß er hier freier ist, gehen und kommen kann, wann er will. Ich werde Ihnen auch einen Schlüssel von der Thür unten geben, gerade so wie ihm. Und dann die schöne Aussicht!« Sie trat in eine Thür. Die für Pierre bestimmte Wohnung bestand aus zwei Räumen, einem ziemlich geräumigen Salon, der eine rote Tapete mit großen Aesten besaß, und einem etwas kleineren Zimmer mit einer flachsfarbenen, mit blauen, verblichenen Blumen bestreuten Tapete. Der Salon aber lag an der Ecke des Palastes und ging auf das Gäßchen und den Tiber hinaus; Victorine öffnete sofort beide Fenster, deren eines einen weiten Ausblick auf den Fluß stromabwärts gewährte, während durch das andere Trastevere und der Janiculus jenseits des Wassers zu sehen waren. »Ach ja, das ist sehr angenehm!« sagte Pierre, der ihr gefolgt war und jetzt neben ihr stand. Giacomo kam, ohne sich zu eilen, mit dem Handkoffer hinter ihnen her. Es war elf Uhr vorüber. Victorine sah, daß der Priester ermüdet war, und da sie begriff, daß er nach einer solchen Reise sehr hungrig sein müsse, erbot sie sich, ihm sofort im Salon ein Frühstück auftragen zu lassen. Dann hätte er den ganzen Nachmittag für sich, um sich auszuruhen oder auszugehen; die Damen würde er erst abends beim Diner sehen. Er protestirte dagegen. Nein, er wolle entschieden ausgehen und nicht einen ganzen Nachmittag verlieren. Aber das Frühstück nahm er an, denn er starb wirklich beinahe vor Hunger. Nichtsdestoweniger mußte sich Pierre noch eine gute halbe Stunde gedulden. Giacomo, der ihn unter der Aufsicht Victorinens bediente, hatte es nicht eilig, und diese verließ den Reisenden nicht eher, als bis sie sich überzeugt hatte, daß es ihm wirklich an nichts fehle. »Ach, Herr Abbé, was sind das für Leute, was ist das für ein Land! Davon können Sie sich gar keine Vorstellung machen. Und wenn ich hundert Jahre hier lebe, werde ich mich nicht an die Leute hier gewöhnen. Ach, wenn die Contessina nicht so schön, so gut wäre!« Dann, während sie selbst einen Teller mit Feigen auf den Tisch stellte, verblüffte sie ihn durch die Bemerkung, daß eine Stadt, wo es nichts als Pfarrer gebe, keine gute Stadt sein könne. Eine ungläubige, wenn auch thätige und muntere Dienerin in diesem Palaste! Das begann ihn wieder zu erschrecken. »Wie, Sie sind nicht religiös?« »Nein, nein, Herr Abbé, aber wissen Sie, die Pfarrer sind nicht meine schwache Seite. Ich habe schon zu Hause in Frankreich einen gekannt, als ich noch ganz klein war. Und später habe ich hier zu viele gesehen, ich hab' genug von ihnen. O, ich rede nicht von Seiner Eminenz, das ist ein heiliger Mann und aller Ehren wert. Hier im Hause weiß man, daß ich eine anständige Person bin und mich nie schlecht aufgeführt habe. Warum sollte man mich also nicht in Ruhe lassen – alle wissen ja, daß ich meine Herrschaft liebe und meinen Dienst ordentlich versehe. Ja, ja,« schloß sie mit freimütigem Lachen, »als ich erfuhr, daß ein Geistlicher kommen sollte – als ob wir nicht schon genug hier hätten – da hab' ich anfangs gebrummt. Aber Sie scheinen ein braver, junger Mann zu sein. Ich glaube, wir werden uns ausgezeichnet vertragen ... Ich weiß wirklich nicht, warum ich Ihnen so viel vorschwatze – vielleicht, weil Sie von drüben kommen, und vielleicht auch, weil die Contessina sich für Sie interessirt. Aber Sie verzeihen mir, nicht wahr, Herr Abbé? Und glauben Sie mir, ruhen Sie sich heute aus, begehen Sie nur nicht die Dummheit, in der Stadt da herumzulaufen. Die Sachen, die man zu sehen bekommt, sind lange nicht so unterhaltend, wie die Leute hier behaupten.« Als Pierre allein war, fühlte er sich plötzlich ganz zerschlagen. Die Ermüdung der Reise wurde noch durch das Begeisterungsfieber des Vormittags gesteigert, und wie berauscht, wie betäubt von den paar Eiern und dem Kotelett, die er eilig gegessen hatte, warf er sich, mit der Absicht, eine halbe Stunde zu ruhen, ganz angekleidet auf das Bett. Er schlief nicht sofort ein. Er dachte an diese Boccaneras, deren Geschichte er teilweise kannte, und sann über ihr intimes Leben in diesem verlassenen, schweigsamen Palaste, der von so verfallener, so schwermütiger Größe war. Die Ueberraschung der ersten Augenblicke ließ ihm alles in übertriebenem Maßstab erscheinen. Dann verwirrten sich seine Gedanken; er schlummerte ein, während ein ganzer Schwarm von bald tragischen, bald freundlichen Schatten, von wirren Gesichtern ihn umgab, die ihn mit ihren rätselhaften Augen anblickten und im Nichts umherwirbelten. Die Boccaneras hatten zwei Päpste in der Familie gehabt, einen im dreizehnten, den zweiten im fünfzehnten Jahrhundert; und von diesen zwei Auserwählten, die allmächtig gewesen waren, stammte ihr einstiges, ungeheures Vermögen. Es bestand aus beträchtlichen Gütern in der Gegend von Viterbo, mehreren Palästen in Rom, so vielen Kunstgegenständen, daß man ganze Galerien, so viel Geld, daß man ganze Keller damit anfüllen konnte. Die Familie galt für die frömmste des römischen Patriziats; ihr Glaube war der feurigste und ihr Degen hatte der Kirche stets zur Verfügung gestanden. Ja, sie war die gläubigste, aber auch die heftigste, streitbarste aller Patrizierfamilien. Beständig lag sie in Fehde und war von einer solchen Wildheit, daß der Zorn der Boccaneras sprichwörtlich geworden war. Daher rührte auch ihr Wappen, der beflügelte Drache, der in die Flammen blies, daher die feurige, wilde Devise, die ein Wortspiel auf ihren Namen bildete. Bocca nera, Alma rossa – der Mund, von einem Brüllen verdunkelt, die Seele gleich einer flammenden Glut des Glaubens und der Liebe. Noch jetzt waren endlose Legenden von Leidenschaft, von Akten furchtbarer Gerechtigkeit im Umlauf. So erzählte man von dem Duell Onfredos, desjenigen Boccanera, der gegen die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts an Stelle eines alten, verfallenen Gebäudes den jetzigen Palast hatte erbauen lassen. Onfredo erfuhr, daß seine Frau sich von dem jungen Grafen Costamagna auf den Mund hatte küssen lassen. Daher ließ er ihn eines Abends entführen und mit Stricken gefesselt in sein Haus bringen; und dort, in einem großen Saale desselben, zwang er den Grafen, ehe er ihn befreite, einem Mönche die Beichte abzulegen. Dann durchschnitt er die Stricke mit dem Dolch, warf alle Lampen um und schrie dem Grafen zu, den Dolch zu behalten und sich zu verteidigen. Beinahe eine ganze Stunde suchten, mieden und umfaßten sich die beiden Männer im Dunkeln, in dem mit Möbeln vollgestellten Saale, und spickten einander mit Dolchstößen. Und als man zuletzt die Thüren erbrach, fand man zwischen Blutlachen, zwischen umgeworfenen Tischen und zerbrochenen Stühlen Costamagna mit abgeschnittener Nase und mit zweiunddreißig Wunden in den Schenkeln, während Onfredo zwei Finger der rechten Hand verloren hatte und seine Schultern wie ein Sieb durchlöchert waren. Das Wunder war, daß keiner von ihnen daran starb. Hundert Jahre später erfüllte an demselben Ufer des Tiber eine Boccanera, ein Kind von kaum sechzehn Jahren, die schöne, leidenschaftliche Cassia ganz Rom mit Entsetzen und Bewunderung. Sie liebte Flavio Corradini, den Sohn einer mit dem Fluch belegten Nebenbuhlerfamilie. Ihr Vater, der Fürst Boccanera, verweigerte rauh seine Einwilligung, und ihr älterer Bruder Ercole hatte geschworen, ihn zu töten, wenn er ihn je mit ihr überraschen würde. Der junge Mann kam mit dem Boote zu ihr und Cassia traf ihn bei der kleinen Treppe, die zum Flusse führte. Aber Ercole, der ihnen auflauerte, sprang eines Abends in die Barke und stieß Flavio ein Messer mitten ins Herz. Erst später konnte man die Thatsachen feststellen und nahm an, daß Cassia, tobend und wahnsinnig vor Verzweiflung, und da sie den Geliebten nicht überleben wollte, selbst Sühne übte; sie stürzte sich auf den Bruder und ließ das Boot kentern, indem sie den Mörder und sein Opfer mit gleicher unwiderstehlicher Kraft umfaßte. Als man die drei Leichname fand, hielt Cassia noch immer die beiden Männer umfangen und drückte mit ihren nackten Armen, die weiß wie Schnee geblieben waren, ihre Gesichter fest an einander. Aber all das gehörte verschwundenen Epochen an. Heutzutage schien sich bei den Boccaneras, wenn auch ihr Glaube derselbe blieb, die Heftigkeit des Blutes zu beruhigen. Auch ihr großes Vermögen war in dem langsamen Verfalle verschwunden, der seit einem Jahrhundert die römischen Patrizier mit dem Ruin bedroht. Die Güter mußten verkauft werden, der Palast hatte sich geleert und nahm nach und nach den kleinlichen, bürgerlichen Anstrich der neuen Zeiten an. Aber die Boccaneras wehrten sich hartnäckig gegen jede ausländische Heirat, denn sie waren stolz darauf, daß ihr römisches Blut rein blieb. An der Armut lag ihnen nichts, ihr ungeheurer Stolz that sich Genüge; sie lebten zurückgezogen, ohne eine Klage, in der Stille und dem Dunkel, in dem ihr Geschlecht endete. Der im Jahre 1848 gestorbene Fürst Ascanio hatte von seiner Gemahlin, einer Corvisieri, vier Kinder gehabt: Pio, den Kardinal, Serafina, die nicht geheiratet hatte, um bei dem Bruder bleiben zu können, Ernesta, die nur eine Tochter hinterlassen hatte, so daß der Sohn Onofrios, der jetzt dreißigjährige Fürst Dario, der einzige männliche Erbe und Fortsetzer des Namens war. Wenn er ohne Nachkommenschaft starb, so mußte mit ihm die lebenskräftige Rasse der Boccanera, deren Thaten die Geschichte erfüllt hatten, erlöschen. Dario und seine Base Benedetta hatten sich von Kindheit an mit einer lächelnden, tiefen und natürlichen Leidenschaft geliebt. Sie waren für einander geboren und konnten sich gar nicht vorstellen, daß sie zu etwas anderem in die Welt gekommen sein sollten, als Mann und Frau zu werden, wenn sie das heiratsfähige Alter erreicht hätten. Als Fürst Onofrio, ein liebenswürdiger, in Rom sehr populärer Mann, der sein bißchen Vermögen nach Herzenslust ausgab, sich, schon nahe den Vierzig, entschlossen hatte, die Tochter der Montefiori, die kleine Marquise Flavia, zu heiraten, deren prächtige, kindlich-junonische Schönheit ihn toll machte, da war er in die Villa Montefiori gezogen, die den einzigen Reichtum, den einzigen Besitz jener Damen bildete. Sie lag in der Nähe von Sta. Agnese fuori le Mura in einem riesigen Garten, einem wahren Parke mit hundertjährigen Bäumen; aber die Villa selbst, ein ziemlich armseliger Bau aus dem siebenzehnten Jahrhundert, zerfiel in Trümmer. Böse Gerüchte waren über die Namen im Schwange; die Mutter war seit ihrer Verwitwung beinahe deklassirt, die Tochter zu schön, von zu keckem Auftreten. Die Heirat wurde daher auch von der sehr strengen Serafina und dem ältern Bruder Pio, der damals erst bestallter Geheimkämmerer des heiligen Vaters und Kanonikus an der vatikanischen Basilika war, formell gemißbilligt. Nur Ernesta hatte mit dem Bruder, den sie seiner bezaubernden Heiterkeit wegen anbetete, auch in der Folge die Beziehungen aufrecht erhalten, so daß es später ihre liebste Zerstreuung wurde, jede Woche mit ihrer Tochter Benedetta einen ganzen Tag in der Villa Montefiori zuzubringen. Und was für ein köstlicher Tag war das immer für die zehnjährige Benedetta und den fünfzehnjährigen Dario – was für einen Tag brachten sie zärtlich und geschwisterlich in diesem ungeheuren, fast verlassenen Garten mit seinen schirmartigen Pinien, seinem Riesenbuchsbaum, seinem Eichengehölz zu, in dem man sich wie in einem Urwald verirren konnte! Die arme, erdrückte Ernesta war eine leidenschaftliche Dulderseele gewesen. Sie kam mit einer ungeheuren Lebenslust auf die Welt und dürstete nach Sonnenschein, nach einem glücklichen, freien und thätigen Leben im hellen Tageslicht. Man rühmte sie wegen ihrer großen, klaren Augen, wegen des reizenden Ovals ihres sanften Gesichtes. Sehr unwissend, wie alle Töchter des römischen Adels, da sie das bißchen, was sie wußte, in einem französischen Nonnenkloster gelernt hatte, wuchs sie gänzlich abgeschlossen im Hintergrunde des düstern Palastes Boccanera auf und kannte von der Welt nichts als die tägliche Spazierfahrt, die sie mit ihrer Mutter über den Corso und den Pincio machte. Dann, fünfundzwanzig Jahre alt, schon müde und verzweifelt, schloß sie die übliche Ehe. Sie heiratete den Grafen Brandini, den Letztgeborenen einer sehr edlen, sehr zahlreichen und armen Familie, der in den Palast in der Via Giulia einziehen mußte, wo dem jungen Paare ein ganzer Flügel des zweiten Stockes eingeräumt wurde. Und nichts veränderte sich. Ernesta lebte in demselben kalten Schatten, in dieser toten Vergangenheit weiter, deren Gewicht sie immer mehr und mehr, gleich einem Grabstein auf sich ruhen fühlte. Es war übrigens beiderseits eine sehr ehrenhafte Ehe. Graf Brandini galt bald für den dümmsten und hochmütigsten Mann von Rom. Er war streng religiös, intolerant und triumphirte, als es ihm nach zahllosen Intriguen und heimlichen, sechsjährigen Schlichen gelang, zum Oberstallmeister Sr. Heiligkeit ernannt zu werden. Von da an schien zugleich mit seinem Amt die ganze düstere Majestät des Vatikans in sein Haus zu ziehen. Unter Pius IX., bis 1870 war das Leben für Ernesta noch erträglich; sie wagte die auf die Straße gehenden Fenster zu öffnen, empfing einige Freundinnen, ohne sich zu verstecken, und nahm Einladungen zu Festen an. Als aber die Italiener Rom eroberten und der Papst sich als Gefangener erklärte, verwandelte sich der Palast in der Via Giulia in eine Gruft. Das große Thor wurde geschlossen, verriegelt, der Thorflügel zum Zeichen der Trauer zugenagelt, und volle zehn Jahre ging alles nur durch die kleine, auf das Gäßchen mündende Thür. Ebenso war es verboten, die Schalterladen der Fassade zu öffnen. Das war das Schmollen, der Protest der schwarzen Gesellschaft. Der Palast versank in die Unbeweglichkeit des Todes und eine vollständige Isolirtheit; es fanden keine Empfänge mehr statt und nur selten, an Montagen, schlüpften Schatten, die Vertrauten Donna Serafinas, durch die schmale, kleine, halboffene Thür. Während dieser zehn düsteren Jahre weinte die junge Frau jede Nacht; die arme Seele verzehrte sich heimlich in Verzweiflung über dieses Lebendigbegrabensein. Ernesta bekam ihre Tochter ziemlich spät, im dreiunddreißigsten Jahre. Anfangs war ihr das Kind eine Zerstreuung. Dann geriet sie wieder unter den zerreibenden Mühlstein des geregelten Lebens; sie mußte die Kleine ins Sacré-Coeur SS. Trinità de Monti geben, zu den französischen Nonnen, die sie selbst unterrichtet hatten. Von dort kam Benedetta als erwachsenes Mädchen von neunzehn Jahren zurück; sie verstand Französisch und Orthographie, etwas Rechnen, den Katechismus, ein bißchen verwirrte Geschichte. Und das Leben der beiden Frauen, ein Leben im Frauengemach, dem man schon den Orient anmerkte, nahm seinen Fortgang; nie führte der Gatte und Vater sie aus; sie brachten den ganzen Tag in der abgeschlossenen Wohnung zu, und die einzige Erheiterung bildete die ewige, obligatorische Spazierfahrt, die tägliche Runde über den Corso und den Pincio. Im Hause herrschte unbedingter Gehorsam; das Band der Familie war so mächtig, so stark, daß es sie beide unter den Willen des Grafen beugte, ohne daß ein Widerstand möglich war. Dazu kam noch der Wille Donna Serafinas und des Kardinals, die strenge Verteidiger der alten Gebräuche waren. Seit der Papst Rom nicht mehr verließ, gestattete das Amt eines Oberstallmeisters dem Grafen viel Muße, denn die Ställe waren auffallend verringert worden; nichtsdestoweniger versah er seinen Dienst im Vatikan, der einfach eine Formsache war, mit devotem Eifer, gleichsam als eine fortgesetzte Verwahrung gegen die usurpatorische Monarchie, die sich im Quirinal festgesetzt hatte. Benedetta war eben zwanzig Jahre alt geworden, als ihr Vater eines Abends hustend und fiebernd von einer Zeremonie in S. Peter zurückkehrte. Acht Tage später starb er, von einer Lungenentzündung hinweggerafft. Für die beiden Frauen war es, trotz ihrer Trauer, eine uneingestandene Erlösung; sie fühlten sich nun frei. Von diesem Augenblick an hatte Ernesta nur noch einen Gedanken – nämlich ihre Tochter vor diesem furchtbaren Leben der Einmauerung und des Begrabenseins zu retten. Sie hatte sich allzu sehr gelangweilt, allein für sie war es zu spät, wieder aufzuleben; aber Benedetta sollte nicht ebenfalls ein widernatürliches Leben in einem freiwilligen Grabe führen. Uebrigens zeigte sich ein ähnlicher Ueberdruß, eine ähnliche Empörung bei mehreren Patrizierfamilien, und sie begannen sich nach dem ersten Schmollen wieder dem Quirinal zu nähern. Warum sollten die nach Thätigkeit, Freiheit und Rang dürstenden Kinder sich ewig dem Streit der Väter anschließen? Und ohne daß zwischen der schwarzen und der weißen Gesellschaft eine Versöhnung erfolgen konnte, begannen sich die Farbenschattirungen bereits zu verwischen und unvorhergesehene Heiraten fanden statt. Die politische Frage ließ Ernesta gleichgiltig, sie wußte sogar nichts von ihr; alles, was sie leidenschaftlich wünschte, war, daß ihre Rasse endlich diese verhaßte Gruft, diesen schwarzen, stummen Palast Boccanera verlassen solle, in dem alle Freuden ihres Frauenlebens in einem so langen Sterben erstarrt waren. Als junges Mädchen, als Braut, als Gattin hatte ihr Herz zu viel gelitten; sie erlag nun dem Zorn über ihr verfehltes, durch eine so alberne Resignation verlorenes Geschick. Ein neuer Beichtvater, den sie zu jener Zeit wählte, beeinflußte ihren Wunsch noch mehr; denn sie war sehr fromm geblieben, erfüllte pünktlich ihre religiösen Pflichten und fügte sich den Ratschlägen ihres Gewissensrates. Um sich noch freier zu machen, gab sie den Jesuitenpater auf, den ihr Gatte ihr selbst ausgesucht hatte, und nahm sich den Abbé Pisoni, den Pfarrer einer kleinen benachbarten Kirche, von S. Brigitta aus der Piazza Farnese. Er war ein Fünfziger, sehr sanft und sehr gut, von einer in römischen Landen seltenen Nächstenliebe. Die Archäologie, die Liebe zu alten Steinen hatte einen feurigen Patrioten aus ihm gemacht. Man erzählte sich, daß er trotz seiner bescheidenen Stellung mehrmals bei heiklen Angelegenheiten als Vermittler zwischen dem Vatikan und dem Quirinal gedient habe. Da er auch der Beichtvater Benedettas wurde, unterhielt er Mutter und Tochter gern von der Größe der italienischen Einheit, von der triumphirenden Herrschaft Italiens, die mit dem Tage der Aussöhnung zwischen Papst und König anbrechen würde. Benedetta und Dario liebten sich wie früher, ohne Ueberstürzung, mit der starken und ruhigen Zärtlichkeit von Liebenden, die sich eins wissen. Aber da geschah es, daß Ernesta sich zwischen sie warf und sich hartnäckig ihrer Heirat widersetzte. Nein, nein, nicht Dario, den Vetter, den letzten des Namens, der ebenfalls seine Frau in dem schwarzen Grabe des Palastes Boccanera einsperren würde! Das wäre das fortgesetzte Begrabensein, der verschlimmerte Verfall, dasselbe hochmütige Elend, dasselbe ewige, niederdrückende und einschläfernde Schmollen. Sie kannte den jungen Mann wohl, wußte, daß er ein Egoist und Schwächling war, unfähig, zu denken und zu handeln, daß er seine Rasse lächelnd begraben und die letzten Steine des Hauses über seinem Kopfe zusammenbrechen lassen würde, ohne einen Versuch zur Gründung einer neuen Familie zu machen. Sie aber wollte ein anderes Glück für ihr Kind, wollte es reich und in dem Leben der Sieger und Mächtigen der Zukunft neu erblühen sehen. Von diesem Moment an setzte die Mutter es sich in den Kopf, die Tochter wider ihren Willen glücklich zu machen; sie erzählte ihr ihre Leiden und beschwor sie, ihre jammervolle Geschichte nicht von neuem zu beginnen. Dennoch wäre sie an dem ruhigen Willen des jungen Mädchens, das sich für immer hingegeben hatte, gescheitert, wenn besondere Umstände sie nicht mit dem Schwiegersohn ihrer Träume zusammengeführt hätten. In derselben Villa Montefiori, wo Benedetta und Dario sich verlobt hatten, machte sie die Bekanntschaft des Grafen Prada, des Sohnes Orlando Pradas, eines Helden der italienischen Einheit. Er war im Alter von achtzehn Jahren, gleich nach der Occupation, mit seinem Vater von Mailand nach Rom gekommen und trat zuerst als einfacher Beamter ins Finanzministerium, während der alte Held, nun zum Senator ernannt, bescheiden von einer kleinen Rente, den letzten Trümmern eines im Dienste des Vaterlandes aufgegangenen Vermögens, lebte. Aber die edle Kriegslust des ehemaligen Gefährten Garibaldis hatte sich bei dem jungen Manne in einen wütenden Beutehunger verwandelt, und er wurde einer der wirklichen Eroberer Roms, einer jener Raubvögel, die die Stadt zerstückelten und verschlangen. Er hatte sich in ungeheure Terrainspekulationen eingelassen und war, wie man sich erzählte, schon reich, als er mit dem Fürsten Onofrio in Verbindung trat; den hatte er ganz närrisch gemacht, indem er ihm den Gedanken einflüsterte, den großen Park der Villa Montefiori zu verkaufen, um dort ein ganz neues Viertel bauen zu lassen. Andere behaupteten wieder, er sei der Geliebte der Fürstin, der schönen Flavia, die neun Jahre älter als er, aber noch immer ein herrliches Weib war. In der That steckte in ihm eine heftige Begierde, ein Bedürfnis nach Beutemachen, die ihn vor dem Gut und der Frau eines andern nicht zurückschrecken ließen. Vom ersten Moment an wollte er Benedetta besitzen. Sie konnte er nicht als Geliebte haben, sie mußte geheiratet werden. Und er zögerte keinen Augenblick, sondern brach kurz und bündig mit Flavia; denn er war jählings in Begierde nach dieser reinen Jungfräulichkeit, diesem alten Patrizierblut, das in einem so anbetungswürdig jungen Körper strömte, entbrannt. Als er begriff, daß Ernesta, die Mutter, für ihn war, hielt er, seines Sieges gewiß, bei ihr um die Hand der Tochter an. Es war eine große Ueberraschung, denn er war fünfzehn Jahre älter als sie; aber er war Graf, trug einen Namen, der bereits historisch war, häufte Millionen zusammen, war im Quirinal gern gesehen und hatte die besten Aussichten. Ganz Rom war in Aufregung. Benedetta konnte sich später nie erklären, wie sie zuletzt hatte einwilligen können. Ein halbes Jahr früher, ein halbes Jahr später wäre eine solche Heirat wegen des furchtbaren Skandals, der dadurch in der schwarzen Gesellschaft entstanden sein würde, sicherlich nicht zu stande gekommen. Eine Boccanera, die letzte dieses alten päpstlichen Geschlechtes, einen Prada, einen der Kirchenräuber heiraten! Dieser tolle Plan hatte in eine besondere, flüchtige Stunde fallen müssen, gerade in den Augenblick, da zwischen dem Vatikan und dem Quirinal eine letzte Annäherung versucht wurde. Es ging das Gerücht, daß die Entente endlich zu stande kommen würde, daß der König bereit sei, dem Papste die Souveränität über die Leostadt und einen schmalen, bis ans Meer reichenden Streifen Landes zuzuerkennen. Würde da die Heirat Benedettas mit Prada nicht das Symbol des Bundes, der nationalen Versöhnung? War dieses schöne Kind, die reine Lilie der schwarzen Gesellschaft, nicht das genehmigte Opfer, das Unterpfand, das man der weißen Gesellschaft bewilligte? Vierzehn Tage lang wurde von nichts anderem gesprochen; alles war gerührt, alles hoffte. Das junge Mädchen selbst kümmerte sich nicht um diese Beweggründe; sie horchte nur auf ihr eigenes Herz, über das sie nicht mehr verfügen konnte, weil es bereits einem andern gehörte. Aber von früh bis spät drang die Mutter mit Bitten in sie und beschwor sie, das Glück, das Leben, das sich ihr bot, nicht zurückzuweisen. Ganz besonders wurde sie von den Ratschlägen ihres Beichtvaters, des guten Abbé Pisoni, bearbeitet. Sein patriotischer Eifer kam bei dieser Gelegenheit zum vollen Ausbruch. Er übte durch das ganze Gewicht seines Glaubens an die christliche Bestimmung Italiens einen starken Druck auf sie aus, er dankte der gütigen Vorsehung, daß sie eines seiner Pfarrkinder gewählt habe, um eine Einigung zu beschleunigen, die den Sieg Gottes in der ganzen Welt herbeiführen mußte. Sicherlich war der Einfluß ihres Beichtvaters eine der entscheidenden Ursachen, die sie zuletzt zum Nachgeben bestimmten; denn sie war sehr fromm und besonders einer Madonna ergeben, deren Bildnis in der kleinen Kirche auf der Piazza Farnese sie jeden Sonntag verehrte. Da machte es nun tiefen Eindruck auf sie, als der Abbé Pisoni ihr erzählte, daß die Flamme der vor dem Bilde brennenden Lampe weiß werde, so oft er selbst davor niederkniee, um die Jungfrau zu bitten, seinem Beichtkinde die erlösende Heirat anzuraten. So wirkten also die höheren Mächte mit, und sie gab zuletzt aus Gehorsam gegen die Mutter nach. Der Kardinal und Donna Serafina hatten diese bekämpft, und dann, als die religiöse Frage dazu kam, willfahren lassen. Sie war in vollständiger Reinheit, in vollständiger Unwissenheit aufgewachsen, wußte nichts von sich und war der Welt so fremd, daß die Heirat mit einem andern als Dario einfach den Bruch einer langen Verheißung gemeinsamen Lebens, keine physische Losreißung der Sinne und des Herzens war. Sie weinte viel, und an einem mutlosen Tage, als sie nicht die Energie besaß, den Ihrigen und der ganzen Welt zu widerstehen, heiratete sie Prada, vollzog sie einen Bund, an dem ganz Rom mitschuldig geworden war. Und dann, noch am Abend der Hochzeit, schlug der Blitz ein. Zeigte Prada, der Piemontese, der Norditaliener und Eroberer, die Brutalität des Eindringlings, wollte er seine Frau behandeln, wie er die Stadt behandelt hatte, als ungeduldiger Herr? Oder kam Benedetta einfach die Enthüllung des Aktes unerwartet, war sie zu beschimpfend, da sie den Mann nicht liebte und sich nicht darin ergeben konnte, sich ihm zu unterwerfen? Darüber sprach sie sich nie klar aus. Aber sie schloß gewaltsam die Thür ihres Zimmers, verriegelte sie und weigerte sich hartnackig, sie ihrem Gatten wieder zu öffnen. Während eines Monats machte Prada, den dieses Hindernis rasend machte, die wütendsten Anstrengungen Er war tief beleidigt, sein Stolz blutete, er schwur, seine Frau zu zähmen, wie man eine ungefügige Stute zähmt, mit der Reitgerte. Aber die ganze sinnliche Wut des starken Mannes zerschellte an dem unbezähmbaren Willen, der über Nacht hinter der schmalen, reizenden Stirne Benedettas aufgeschossen war. Die Boccaneras waren in ihr erwacht: ganz ruhig – sie wollte nicht, und nichts in der Welt, nicht einmal der Tod, hätte sie andern Sinnes gemacht. Außerdem fand in ihr, bei diesem plötzlichen Erkennen der Liebe, eine Umkehr zu Dario statt, sie kam zu der Ueberzeugung, daß sie ihren Körper nur ihm allein geben dürfe, da sie sich ihm allem versprochen hatte. Der junge Mann befand sich seit der Hochzeit, die er wie einen Trauerfall hatte hinnehmen müssen, in Frankreich. Sie verhehlte ihm nichts, schrieb ihm, er möge wieder kommen und verpflichtete sich von neuem, niemals einem andern anzugehören. Uebrigens hatte ihre Frömmigkeit noch zugenommen; dieser beharrliche Gedanke, dem erwählten Geliebten ihre Reinheit zu bewahren, vermischte sich in ihrem Kultus mit dem Gedanken der Treue gegen Jesus. Ein feurig liebendes Herz hatte sich in ihr offenbart; sie war bereit, für ihren Schwur das Martyrium zu leiden. Und als ihre Mutter sie verzweifelt, mit gefalteten Händen beschwor, sich in die ehelichen Pflichten zu fügen, antwortete sie, daß sie zu nichts verpflichtet sei, da sie, als sie heiratete, von nichts gewußt habe. Uebrigens änderten sich die Zeiten wieder; die Verständigung zwischen dem Vatikan und dem Quirinal war gescheitert, und zwar derart, daß die Zeitungen der beiden Parteien mit erneuter Heftigkeit ihre Schmähungs-Campagne wieder aufnahmen. So stürzte diese Siegesheirat, an der alle Welt wie an einem Friedensunterpfand mitgearbeitet hatte, mit dem allgemeinen Zusammenbruch zusammen, war nur noch eine Ruine neben so vielen anderen. Ernesta starb daran. Sie hatte sich getäuscht; ihre verfehlte Existenz, ihr freudenloses Eheleben gipfelten in diesem letzten mütterlichen Irrtum. Das Schlimmste war, daß sie ganz allein stand, daß die gesamte Verantwortlichkeit für das Unheil auf ihr ruhte; denn ihr Bruder, der Kardinal, und ihre Schwester Donna Serafina überhäuften sie mit Vorwürfen. Ihr einziger Trost war die Verzweiflung des Abbé Pisoni, der doppelt niedergeschmettert war: durch den Verlust seiner patriotischen Hoffnungen und durch das Bedauern, an einer solchen Katastrophe mitgearbeitet zu haben. Und eines Morgens fand man Ernesta kalt und weiß in ihrem Bette. Man sprach von einer Berstung im Herzen; der Kummer hatte dafür ausgereicht, denn sie litt furchtbar, heimlich, ohne zu klagen, so wie sie ihr ganzes Leben gelitten hatte. Es war nun bereits ein Jahr, daß Benedetta verheiratet war und sich ihrem Gatten verweigerte, aber sie wollte die eheliche Wohnung nicht verlassen, um ihrer Mutter den schrecklichen Schlag eines öffentlichen Skandals zu ersparen, trotzdem ihre Tante Serafina sie beeinflußte, indem sie ihr Hoffnung auf eine Annullirung ihrer Ehe machte, wenn sie sich dem heiligen Vater zu Füßen werfen wolle. Zuletzt gelang es ihr, sie zu überzeugen, nachdem sie – ebenfalls Ratschlägen anderer nachgebend – ihr an Stelle des Abbé Pisoni ihren eigenen Beichtvater, den Jesuitenpater Lorenzo, zum Gewissensrat gegeben hatte. Dieser Jesuitenpater, kaum fünfunddreißig Jahre alt, war ein ernster und liebenswürdiger Mann, mit hellen Augen und von großer Ueberredungsgabe. Benedetta entschied sich aber erst am Tage nach dem Tode ihrer Mutter; erst dann kehrte sie in den Palast Boccanera zurück und bewohnte das Zimmer, in dem sie geboren ward, in dem ihre Mutter eben verschieden. Uebrigens wurde der Prozeß behufs Annullirung der Heirat sofort zur ersten Instruktion an den Generalvikar geleitet, der die Diözese von Rom versah. Man erzählte sich, daß die Contessina sich dazu erst entschlossen hatte, nachdem sie eine geheime Audienz beim Papste erlangt hatte, der ihr die aufmunterndste Teilnahme bezeugte. Graf Prada sprach anfangs davon, seine Frau von Gerichts wegen zur Rückkehr in die eheliche Wohnung zu zwingen. Dann aber, als sein über diese Angelegenheit ganz verzweifelter Vater, der alte Orlando, ihn beschwor, gab er sich damit zufrieden, daß die Verhandlung vor der geistlichen Behörde stattfinde. Am meisten erbitterte es ihn, daß die Klägerin anführte, die Heirat sei infolge Unvermögens des Gatten nicht vollzogen worden. Das ist eines der klarsten Motive und gilt vor dem Gerichtshof von Rom als zulässig. Der Vikar hatte daher in seiner Eigenschaft als Bischof von Rom den Prozeß der Konzilskongregation übertragen, was für Benedetta einen ersten Erfolg bedeutete. So standen gegenwärtig die Dinge und sie erwartete nun das endgiltige Urteil der Kongregation, in der Hoffnung, daß die kirchliche Annullirung der Ehe später ein unwiderstehliches Argument zur Erlangung der Scheidung vor den bürgerlichen Behörden bilden werde. Die Contessina nahm in dem eisigen Gemach, wo ihre Mutter Ernesta ergeben und verzweifelt gestorben war, ihr Mädchenleben wieder auf. Sie gab sich sehr ruhig, sehr beherrscht in ihrer Liebe, denn sie hatte geschworen, sich keinem andern als Dario hinzugeben, und auch ihm erst an dem Tage, da ein Priester sie heilig vor Gott mit ihm verbunden haben würde. Gerade war auch Dario, ein halbes Jahr früher, infolge des Todes seines Vaters und einer Katastrophe, die ihn zu Grunde gerichtet hatte, in den Palast Boccanera gezogen. Nachdem Fürst Onofrio auf den Rat Pradas die Villa Montefiori um zehn Millionen an eine Gesellschaft von Finanzmännern verlauft hatte, ließ er sich, statt seine zehn Millionen klug in der Tasche zu behalten, von dem Spekulationsfieber mitreißen, das Rom verzehrte; er begann zu spielen, indem er sein eigenes Terrain zurückkaufte, und verlor schließlich alles in dem furchtbaren Krach, der die Vermögen der ganzen Stadt verschlang. Total ruinirt, sogar verschuldet, setzte der Fürst, ein schöner, populärer Mann, nichtsdestoweniger lächelnd seine Promenaden am Corso fort, als er plötzlich infolge eines Sturzes vom Pferde starb. Und vier Monate später vermählte sich seine Witwe, die noch immer schöne Flavia – sie hatte sich ausgeglichen, um aus dem Sturz eine moderne Villa und vierzigtausend Franken Rente wieder herauszufischen – mit einem wunderschönen, um zehn Jahre jüngeren Mann. Es war ein Schweizer, Namens Jules Laporte, ein ehemaliger Sergeant in der Schweizergarde des heiligen Vaters, hierauf Winkelmakler bei einem Handel mit Reliquien, heute Marquis Montefiori, da er durch ein besonderes Breve des Papstes den Titel zugleich mit der Frau erworben hatte. Die Fürstin Boccanera war wieder die Marquise Montefiori geworden. Nun hatte der Kardinal Boccanera, tief verletzt, von seinem Neffen Dario verlangt, daß er zu ihm in eine kleine Wohnung im ersten Stockwerk des Palastes ziehe. Im Herzen des heiligen Mannes, der der Welt abgestorben zu sein schien, lebte noch der Stolz auf den Namen und eine zärtliche Liebe für diesen zarten Knaben, den letzten der Rasse, den einzigen, durch den der alte Name wieder grünen konnte. Er zeigte sich übrigens einer Heirat mit Benedetta, die er ebenfalls mit väterlicher Neigung liebte, nicht abgeneigt. Indem er beide zu sich in sein Haus nahm, war er so stolz und von ihrer Pietät so fest überzeugt, daß er sich nicht um die abscheulichen Gerüchte kümmerte, welche die Freunde des Grafen Prada seit der Vereinigung von Vetter und Base unter demselben Dache in der weißen Gesellschaft in Umlauf setzten. Donna Serafina behütete Benedetta so, wie er selbst Dario behütete; und in der Stille, dem Dunkel des großen, einsamen, einst von so tragischen, blutigen Gewaltthaten befleckten Palastes lebten nur noch diese vier mit ihren jetzt eingeschläferten Leidenschaften – die letzten Ueberlebenden einer Welt, die an der Schwelle einer neuen Welt zusammenbrach. Als der Abbé Pierre Froment jählings mit schwerem Kopf aus peinlichen Träumen erwachte, sah er zu seiner Verzweiflung, daß der Tag sich neigte. Seine Uhr, die er eilig zu Rate zog, wies auf sechs. Er, der höchstens eine Stunde ruhen wollte, hatte in unbesiegbarer Erschöpfung beinahe sieben Stunden geschlafen. Und trotzdem er nun wach war, blieb er auf dem Bette liegen, gebrochen, wie schon vor dem Kampfe besiegt. Woher diese Erschöpfung, diese grundlose Entmutigung, dieser Schauer des Zweifels, der ihn, er wußte nicht warum, während des Schlafes ergriffen hatte und seine junge Begeisterung vom Vormittag zu Boden schlug? Hatten die Boccaneras etwas mit dieser plötzlichen Schwäche seiner Seele zu thun? Er hatte im Dunkel seiner Träume so wirre, so beunruhigende Gestalten gesehen; und sie stiegen auch jetzt noch vor ihm auf; seine Beklemmung ließ nicht nach; er war ganz bestürzt, so in diesem fremden Zimmer zu erwachen, und die Angst vor dem Unbekannten ergriff ihn. Alles kam ihm nicht mehr vernünftig vor; er konnte sich nicht erklären, warum gerade Benedetta dem Vicomte de la Choue geschrieben und ihn beauftragt hatte, ihm mitzuteilen, daß sein Buch der Kongregation des Index angezeigt worden sei. Und welches Interesse konnte sie daran haben, daß der Autor nach Rom kommen solle, um sich zu verteidigen? Und zu welchem Zwecke hatte sie die Liebenswürdigkeit so weit getrieben, ihn bei sich absteigen zu lassen? Mit einem Wort, er war ganz betroffen, daß er, der Fremde, sich in diesem Bette, in diesem Zimmer, in diesem Palaste befand, dessen tiefe Todesstille ihn umgab. Seine Glieder waren zerschlagen, sein Gehirn wie leer; plötzlich sah er klar, er begriff, daß vieles ihm entging, daß sich hinter der scheinbaren Einfachheit der Thatsachen eine ganze Komplikation verbergen müsse. Aber das war nur ein Blitz, dann verschwand der Argwohn wieder; er erhob sich gewaltsam und schüttelte sich, indem er das traurige Zwielicht beschuldigte, die einzige Ursache dieses Schauderns und dieser Verzweiflung zu sein, deren er sich schämte. Nun begann Pierre, um sich aufzurütteln, die zwei Zimmer zu untersuchen. Sie waren einfach, fast ärmlich mit ungleichen, aus dem Anfang des Jahrhunderts stammenden Mahagonimöbeln ausgestattet. Weder an dem Bette noch an Fenstern und Thüren befanden sich Vorhänge. Auf dem Boden, aus den kahlen, rot angestrichenen und gewichsten Dielen lagen nur vor den Sitzplätzen kleine Fußteppiche. Schließlich erinnerte ihn diese bürgerliche Kahlheit und Kälte an das Zimmer, in dem er als Kind in Versailles bei seiner Großmutter geschlafen, die dort unter Ludwig Philipp einen Kurzwarenhandel betrieben hatte. Aber an einer Wand des Zimmers, vor dem Bette hing zwischen kindischen, wertlosen Gravüren ein altes Bild, das ihn interessirte. Es stellte, von dem erlöschenden Tageslicht kaum beleuchtet, eine Frauengestalt vor, die auf einem Steinsockel auf der Schwelle eines großen, strengen Gebäudes saß, aus dem man sie hinausgejagt zu haben schien. Die bronzenen Thorflügel hatten sich für immer hinter ihr geschlossen und sie saß da, in eine einfache, weiße Leinwand gehüllt, während zerstreute, rauh, aufs Geratewohl hingeschleuderte Kleidungsstücke auf den dicken Granitstufen herumlagen. Ihre Füße, ihre Arme waren nackt, das Gesicht lag zwischen den schmerzhaft gerungenen Händen – ein Gesicht, das man nicht sah, das, von den Wellen eines herrlichen Haares überflutet, mit einem fahlen Goldschleier verhüllt wurde. Was für einen namenlosen Schmerz, was für eine furchtbare Schmach, was für ein abscheuliches Verlassensein verbarg sie so, diese Verstoßene, diese beharrlich Liebende, über deren Geschichte – der Geschichte eines heftigen Herzens – man endlos sinnen konnte? Man erriet, daß sie in ihrem Elend, in diesem um ihre Schultern geschlungenen Fetzen Leinwand anbetungswürdig jung und schön war, aber alles übrige an ihr – ihre Leidenschaft, vielleicht ihr Unglück, vielleicht ihre Schuld – war vom Geheimnis umwoben. Es wäre denn, daß sie nur das Symbol von allem war, was ohne bestimmtes Antlitz, schauernd und weinend vor der ewig geschlossenen Thür des Unbekannten steht. Lange sah er sie an, so fest, daß er sich zuletzt einbildete, er könne ihr göttlich reines, göttlich leidensvolles Profil unterscheiden. Aber das war nur eine Illusion, denn das Bild hatte viel gelitten, war geschwärzt und vernachlässigt. Von welchem unbekannten Meister mochte dieses Panneau wohl sein, daß es ihn derart bewegte? An der Wand daneben hing eine heilige Jungfrau, eine schlechte Kopie eines Gemäldes aus dem achtzehnten Jahrhundert, und reizte ihn durch ihr banales Lächeln. Der Tag senkte sich mehr und mehr. Pierre öffnete das Fenster des Salons und stützte sich auf seinen Ellenbogen. Gegenüber, am jenseitigen Ufer des Tiber, erhob sich der Janiculus, der Berg, von dem er am Vormittag Rom gesehen hatte. Aber es war in dieser trüben Stunde nicht mehr die Stadt der Jugend und der Träume, die sich in die Morgensonne aufschwang; die Nacht verschleierte alles mit Aschgrau, der Horizont, undeutlich und düster, versank. Da unten, links, über den Dächern schimmerte noch der Palatin, und da unten, rechts, hob sich der Dom von S. Peter schieferfarben noch immer von dem bleigrauen Himmel ab. Der Quirinal hinter ihm, den er nicht sehen konnte, mußte wohl auch vom Nebel verdunkelt sein. Ein Paar Minuten verstrichen, und alles umzog sich noch mehr; Rom verschwand, verlor sich in seiner ihm unbekannten Unermeßlichkeit. Von neuem ergriffen ihn grundlose Zweifel und Unruhe so schmerzlich, daß er nicht länger am Fenster zu bleiben vermochte. Er schloß es und setzte sich nieder, indem er sich von dem Dunkel mit einer Flut unendlicher Traurigkeit überschwemmen ließ. Und seine trübe Träumerei nahm erst ein Ende, als die Thür sich leise aufthat und der Schein einer Lampe das Zimmer erhellte. Es war Victorine, die vorsichtig mit dem Licht eintrat. »O, Herr Abbé, schon auf! Ich war gegen vier hier, aber ich ließ Sie weiter schlafen. Es war recht klug von Ihnen, sich nach Herzenslust auszuschlafen.« Aber als er über Gliederschmerzen und Schauern klagte, wurde sie unruhig. »Geben Sie nur acht, Sie werden sich doch nicht das abscheuliche Fieber von hier holen! Sie wissen, neben dem Fluß da ist's nicht geheuer. Don Vigilio, der Sekretär Seiner Eminenz, hat es schon, das Fieber. Ich sage Ihnen, das ist kein Spaß.« Sie riet ihm auch, nicht hinabzugehen und sich lieber niederzulegen. Sie würde ihn bei der Prinzessin und bei der Contessina entschuldigen. Schließlich ließ er sie reden und thun, was sie wollte, denn er war außer stande, einen Willen zu äußern. Er folgte jedoch ihrem Rate und aß eine Suppe, einen Hühnerflügel und Confitüren, die Giacomo, der Bediente, ihm heraufbrachte. Und das that ihm sehr wohl; er fühlte sich wiederhergestellt und zwar derart, daß er sich weigerte, sich ins Bett zu legen und absolut noch an diesem Abend den Damen für ihre liebenswürdige Gastfreundschaft danken wollte. Da Donna Serafina am Montag ihren Empfangstag habe, werde er sich vorstellen. »Schön, schön,« sagte Victorine. »Wenn Sie sich wieder wohl fühlen, wird es Sie zerstreuen. Am besten ist's, daß Don Vigilio, Ihr Nachbar, Sie um neun Uhr abholt und Sie begleitet. Warten Sie auf ihn.« Pierre hatte sich eben gewaschen und seine neue Sutane angezogen, als Punkt neun Uhr ein diskretes Klopfen an der Thür ertönte. Ein kleiner Mann, ein Priester, trat herein; er war kaum dreißig Jahre alt, mager, schwächlich und hatte ein langes, verwüstetes, safrangelbes Gesicht. Seit zwei Jahren verzehrte ihn das Fieber täglich um dieselbe Stunde. Aber in dem gelben Gesichte brannten, von seiner Feuerseele entfacht, die Flammen seiner schwarzen Augen, wenn er vergaß, sie zu dämpfen. Er machte eine Verbeugung und sagte einfach, in sehr gutem Französisch: »Don Vigilio, Herr Abbé, und ganz zu Ihren Diensten. Wenn es Ihnen recht ist, können wir gleich gehen.« Pierre folgte ihm sofort, indem er ihm dankte, Don Vigilio sprach übrigens nichts mehr und begnügte sich, mit einem Lächeln zu antworten. Sie waren nun die kleine Treppe hinabgestiegen und befanden sich im zweiten Stock auf dem ungeheuer großen Treppenabsatz der Ehrentreppe. Pierre war über die schwache Beleuchtung überrascht und betrübt; in weiten Zwischenräumen flimmerten Gashähne wie in einem verdächtigen Hotel garni, und die gelben Flecke erhellten kaum die tiefe Finsternis der hohen, endlosen Korridore. Es sah gigantisch und düster aus. Selbst auf dem Treppenabsatz, auf den die Thür der Wohnräume Donna Serafinas, gegenüber der zu ihrer Nichte führenden, mündete, deutete nichts darauf hin, daß an diesem Abend ein Empfang stattfinde. Die Thür blieb geschlossen, kein Laut drang aus den Gemächern in die von dem gesamten Palaste ausgehende Todesstille hinaus. Don Vigilio öffnete nach einer neuen Verbeugung leise die Thür, ohne zu klingeln. Eine einzige, auf einem Tische stehende Petroleumlampe erhellte das Vorzimmer; es war ein großer Raum mit kahlen Wänden, auf denen al fresco ein Behang in Rot und Gold, in antikem Geschmack regelmäßig rings umher drapirt, gemalt war. Auf den Stühlen lagen ein paar Männerüberröcke und zwei Damenmäntel, während die Hüte einen Pfeilertisch bedeckten. Ein Bedienter saß mit dem Rücken gegen die Wand und schlummerte. Als Don Vigilio zurücktrat, um Pierre in den ersten Salon, ein mit rotem Brokat ausgeschlagenes, halbdunkles und scheinbar leeres Gemach treten zu lassen, sah sich dieser einer schwarzen Erscheinung gegenüber. Es war eine in Schwarz gekleidete Frau, deren Züge er anfangs nicht unterscheiden konnte. Glücklicherweise hörte er, wie sein Begleiter mit einer Verbeugung sagte: »Contessina, ich habe die Ehre, Ihnen den Herrn Abbé Pierre Froment vorzustellen. Er ist heute früh aus Frankreich angekommen.« Er blieb einen Augenblick inmitten dieses einsamen Salons, in dem ruhigen Lichte zweier mit Spitzen verschleierter Lampen mit Benedetta allein. Aber jetzt drang ein Geräusch von Stimmen aus dem Nebensalon, einem großen Saale, dessen Thür, deren beide Flügel offen standen, ein helleres Viereck von Licht umschrieb. Die junge Frau kam ihm sofort sehr liebenswürdig, mit vollkommener Einfachheit entgegen. »Ah, Herr Abbé! Es freut mich, Sie zu sehen. Ich fürchtete, daß Ihr Unwohlsein am Ende ernst wäre. Aber Sie haben sich schon gänzlich erholt, nicht wahr?« Er hörte ihr zu, bezaubert von ihrer langsamen, leicht schnarrenden Stimme, in der eine tiefe, verhaltene Leidenschaft in sehr viel weise Verständigkeit überzugehen schien. Nun endlich sah er sie, mit ihrem schweren, braunen Haar, mit ihrer weißen, elfenbeinweißen Haut. Sie hatte ein rundes Gesicht, etwas starke Lippen, eine sehr feine Nase, Züge von kindlicher Zartheit. Aber vor allem waren es die Augen, die an ihr lebten, ungeheure Augen von unendlicher Tiefe, in denen niemand mit Sicherheit zu lesen vermochte. Schlief sie? Träumte sie? Verbarg sie unter der Unbeweglichkeit ihres Gesichtes die feurige Spannkraft großer Heiligen und großer Buhlerinnen? Sie war so weiß, so jung, so ruhig, ihre Bewegungen waren harmonisch, ihr ganzes Benehmen war sehr bedächtig, sehr edel und rhythmisch! In den Ohren trug sie ein paar große Perlen von bewunderungswürdiger Reinheit. Diese Perlen stammten aus einem berühmten Halsband ihrer Mutter und ganz Rom kannte sie. Pierre entschuldigte sich und bedankte sich bei ihr. »Madame, ich bin beschämt – ich wollte Ihnen gleich morgens sagen, wie sehr ich von Ihrer allzu großen Güte gerührt bin.« Er hatte einen Augenblick gezögert, sie »Madame« zu nennen, da er sich des in ihrem Gesuch um Annullirung der Ehe angeführten Motivs erinnerte. Aber offenbar nannte alle Welt sie so; ihr Gesicht behielt seinen ruhigen und wohlwollenden Ausdruck. Sie wollte ihn ermutigen. »Sie sind hier ganz wie zu Hause, Herr Abbé. Es genügt, daß unser Verwandter, Herr de la Choue, Sie liebt und sich für Ihr Werk interessirt. Sie wissen, ich liebe ihn sehr ...« Ihre Stimme stockte ein wenig; sie hatte begriffen, daß sie von dem Buche, der einzigen Ursache der Reise und der angebotenen Gastfreundschaft, sprechen müsse.« »Ja, der Vicomte hat mir Ihr Buch geschickt. Ich habe es gelesen. Ich fand es sehr schön. Es hat mich aufgeregt, aber ich bin recht unwissend, sicherlich habe ich nicht alles verstanden. Wir müssen darüber sprechen. Sie werden mir Ihre Ansichten erklären, nicht wahr, Herr Abbé?« Er las nun in ihren großen, klaren Augen, die nicht zu lügen verstanden, die Ueberraschung, die Bewegung einer Kinderseele, die beunruhigenden, noch nie begegneten Problemen gegenübergestellt wird. Sie war es also nicht, die sich für sein Buch ereifert hatte, die ihn in ihrer Nähe haben wollte, um ihn zu stützen, um an seinem Siege teilzunehmen? Er argwöhnte von neuem, und diesmal ganz bestimmt, einen geheimen Einfluß. Es gab jemand, dessen Hand alles einem unbekannten Ziele zuführte. Aber so viel Einfachheit und Freimütigkeit bei einem so schönen, so jungen und so edlen Geschöpf bezauberten ihn; er ergab sich ihr gleich nach den wenigen Worten, die er mit ihr gewechselt, und wollte ihr sagen, daß sie gänzlich über ihn verfügen könne, als er durch das Erscheinen einer andern, ebenfalls in Schwarz gekleideten Frau unterbrochen ward, deren hohe, schlanke Gestalt sich hart von dem leuchtenden Rahmen der weit offenen Thür des Nebensalons abhob. »Also, Benedetta, hast Du Giacomo gesagt, daß er nachschauen soll? Don Vigilio ist eben gekommen; er ist allein, das schickt sich nicht.« »Aber nein, Tante, der Herr Abbé ist hier.« Und sie beeilte sich, ihn vorzustellen. »Der Herr Abbé Pierre Froment – die Prinzessin Boccanera.« Eine zeremoniöse Begrüßung fand statt. Sie mußte schon nahe an die Sechzig sein und schnürte sich derart, daß man sie von rückwärts für eine junge Frau hätte halten können. Das war übrigens ihre letzte Koketterie; ihr Haar, noch dicht und fest, war ganz weiß, nur die Augenbrauen in dem langen Gesicht mit den tiefen Falten und mit der großen eigenwilligen Familiennase waren schwarz geblieben. Sie war nie schön gewesen und war Mädchen geblieben, weil es sie tödlich verletzte, daß die Wahl des Grafen Brandini auf Ernesta, ihre jüngere Schwester, fiel; von da an hatte sie den Entschluß gefaßt, alle ihre Freuden nur in der Befriedigung des ererbten Stolzes auf den Namen, den sie trug, zu suchen. Die Boccaneras hatten bereits zwei Päpste zu den ihrigen gezählt, und sie hoffte, nicht früher zu sterben, als bis ihr Bruder, der Kardinal, der dritte geworden wäre. Sie war seine heimliche Haushälterin geworden, verließ ihn nicht mehr, wachte über ihn, beriet ihn, führte die Herrschaft über das Haus und wirkte Wunder, um den langsamen Verfall zu verbergen, der ihnen die Decke über dem Kopfe zusammenbrechen ließ. Und wenn sie seit dreißig Jahren jeden Montag einige vertraute Freunde empfing, die alle dem Vatikan angehörten, so geschah das nur aus Politik, um den Salon der schwarzen Gesellschaft, eine Macht und eine Gefahr zu bleiben. Pierre erriet daher auch aus ihrer Aufnahme, wie wenig er, der kleine fremde Priester, der nicht einmal Prälat war, für sie bedeutete. Und das setzte ihn noch mehr in Erstaunen, drängte ihm von neuem die dunkle Frage auf: Warum hatte man ihn eingeladen, was sollte er in dieser den Geringen verschlossenen Welt? Aber er wußte, daß sie extrem fromm war und glaubte schließlich zu verstehen, daß sie ihn bloß aus Rücksicht für den Vicomte empfing; denn auch sie wußte nichts anderes zu sagen, als: »Wir freuen uns so, daß wir gute Nachrichten von Herrn de la Choue haben! Vor zwei Jahren hat er uns einen so schönen Pilgerzug hergebracht!« Sie ging voran und führte den jungen Priester in den Nebensalon. Es war dies ein ungeheuer großes, viereckiges, mit altem, gelbem, großblumigem Louis XIV.-Brokat ausgeschlagenes Gemach. Die sehr hohe Decke besaß eine wundervolle Verkleidung aus geschnitztem und gemaltem Holz und Deckenfelder mit Goldrosetten. Aber die Einrichtung war sehr ungleichartig. Es gab da hohe Spiegel, zwei prächtige, vergoldete Pfeilertische, ein paar schöne Lehnstühle aus dem siebenzehnten Jahrhundert, aber alles übrige sah kläglich aus: ein schwerer Empiregueridon von Gott weiß woher, wunderliche Dinge, die aus irgend einem Bazar stammen mußten, und auf dem kostbaren Marmor der Pfeilertische schreckliche Photographien. Nicht ein einziger interessanter Kunstgegenstand war vorhanden. An den Wänden hingen alte mittelmäßige Gemälde. Eine Ausnahme bildete ein köstlicher Unbekannter, eine Heimsuchung Mariä aus dem vierzehnten Jahrhundert; die Jungfrau war ganz klein, von der reinen Zartheit eines zehnjährigen Kindes, während der Engel riesig groß und herrlich war und sie mit den Wogen blendender und übermenschlicher Liebe überflutete. Außerdem hing gegenüber ein altes Familienbild, ein sehr schönes, junges Mädchen mit einem Turban auf dem Kopfe darstellend; es galt für das Porträt der Cassia Boccanera, der Liebenden und Richterin, die sich mit ihrem Bruder Ercole und dem Leichnam ihres Geliebten Flavio Corradini in den Tiber gestürzt hatte. Vier Lampen erhellten mit ihrem starken ruhigen Lichte das verblichene, wie von einem schwermütigen Sonnenuntergang gelb bestrahlte, ernste, leere und kalte Zimmer, in dem kein einziger Blumenstrauß zu sehen war. Donna Serafina stellte Pierre sofort mit ein paar kurzen Worten vor. Und in der eintretenden Stille, in dem plötzlichen Verstummen der Gespräche fühlte er, wie die Blicke aller sich auf ihn wie auf eine versprochene und erwartete Kuriosität richteten. Es waren höchstens zehn Personen anwesend. Darunter befand sich auch Dario; er plauderte stehend mit der kleinen Prinzessin Celia Buongiovanni, die von einer alten Verwandten begleitet war, welche sich halblaut mit einem Prälaten, Monsignore Nani, unterhielt. Die beiden letzteren saßen in einem dunklen Winkel. Pierre fiel jedoch am meisten der Name des Anwalts im Konsistorium, Morano, auf. Der Vicomte glaubte, als er Pierre nach Rom schickte, ihm die besondere Stellung jenes Mannes in diesem Hause erklären zu müssen, damit er keine Irrtümer begehe. Morano war seit dreißig Jahren der Freund Donna Serafinas. Dieses Verhältnis war einst strafbar gewesen, da der Anwalt Frau und Kinder hatte, aber nachdem er Witwer geworden und vor allem unter dem Einfluß der Zeit wurde es von allen entschuldigt und anerkannt, wurde zu einer Art jener langjährigen wilden Ehen, die durch die Duldsamkeit der Welt geweiht werden. Da beide sehr fromm waren, hatten sie sich gewiß des nötigen Ablasses versichert. So saß also Morano auf dem Platze, den er seit mehr als einem Vierteljahrhundert einnahm, neben dem Kamin, obwohl darin noch kein Feuer brannte. Und als Donna Serafina ihre Hausfrauenpflicht erfüllt hatte, nahm sie selbst wieder ihren Platz, ihm gegenüber, an der andern Seite des Kamins ein. Dann, während Pierre sich schweigend und geräuschlos neben Don Vigilio auf einen Stuhl niederließ, setzte Dario in lauterem Ton die Geschichte fort, die er Celia erzählte. Er war ein hübscher Mann von mittlerer Grüße, schlank und elegant, mit braunem, sehr gepflegtem Vollbart und dem langen Gesicht und der starken Nase der Boccaneras; aber seine Züge waren milder, wie durch die hundertjährige Verarmung des Blutes erschlafft. »O, eine Schönheit,« wiederholte er mit Nachdruck, »eine wunderbare Schönheit!« »Wer ist das?« fragte Benedetta, indem sie zu ihnen trat. Celia, die der über ihrem Kopfe hängenden kleinen Jungfrau ähnelte, begann zu lachen. »O Liebste, ein armes Mädchen – eine Arbeiterin, die Dario heute sah.« Und Dario mußte seine Geschichte wieder beginnen. Er war durch eine enge Straße neben der Piazza Navona gegangen, als er auf den Stufen einer Freitreppe ein großes, starkes Mädchen von zwanzig Jahren sitzen sah, das laut schluchzte. Hauptsächlich von ihrer Schönheit gerührt, hatte er sich ihr genähert und zuletzt aus ihr heraus gebracht, daß sie in dem Hause, einer Wachsperlenfabrik, arbeitete; aber die Fabrik hatte die Arbeit eingestellt, die Werkstätte war geschlossen, und sie wagte nicht, nach Hause zu ihren Eltern zurückzukehren, so groß war dort das Elend. Dabei schlug sie unter der Sintflut ihrer Thränen so schöne Augen zu ihm auf, daß er zuletzt seine Börse zog. Und da war sie mit einem Satz in die Hohe gesprungen, ganz rot und verlegen, hatte die Hände im Rocke versteckt und nichts nehmen wollen; aber wenn er wolle, könne er ihr folgen und es ihrer Mutter geben. Dann war sie rasch gegen die Engelsbrücke zu fortgelaufen. »O, es war eine Schönheit,« wiederholte er mit verzückter Miene, »eine prachtvolle Schönheit! ... Größer als ich, trotz ihrer Stärke schlank – einen Hals wie eine Göttin! Eine echte Antike, eine zwanzigjährige Venus – das Kinn ein wenig stark, Mund und Lippen von vollkommener Regelmäßigkeit, die Augen – o, diese reinen, großen Augen! ... Und nichts auf dem Kopfe, nichts als die Krone der schweren, schwarzen Haare – ein strahlendes Gesicht, wie von der Sonne vergoldet!« Alle hörten entzückt, mit jener Freude an der Schönheit zu, die Rom trotz allem sich bewahrt. »Diese schönen Mädchen aus dem Volke werden sehr selten,« sagte Morano. »Man kann ganz Trastevere durchlaufen, ohne einer zu begegnen. Aber das beweist doch, daß es noch welche gibt, wenigstens eine.« »Und wie heißt Deine Göttin?« fragte Benedetta lächelnd; sie war belustigt und entzückt wie alle anderen. »Pierina,« antwortete Dario und lachte ebenfalls. »Und was hast Du mit ihr gemacht?« Aber das Gesicht des jungen Mannes nahm einen Ausdruck von Unbehagen und Furcht an, wie ein Kind, das während des Spieles auf ein häßliches Tier stößt. »Ach, sprich nicht davon, es hat mir leid genug gethan ... Ein Elend, daß einem dabei übel werden kann!« Er war aus Neugierde hinter ihr hergegangen, bis zur andern Seite der Engelsbrücke, bis in das neue Viertel, das auf den Prati del Castello Wiesen der Engelsburg. gebaut wurde; und dort im ersten Stock eines der verlassenen, kaum noch trockenen und schon verfallenen Häuser war er auf ein schreckliches Schauspiel gestoßen, von dem ihm noch immer übel war: eine ganze Familie, Mutter, Vater, ein alter, kranker Oheim, mehrere Kinder starben beinahe vor Hunger, verfaulten im Schmutz. Er gebrauchte bei dieser Schilderung die edelsten Ausdrücke und wehrte die furchtbare Vision mit einer erschreckten Handbewegung ab. »Nun, ich machte, daß ich fort kam. Und ich stehe euch gut dafür, daß ich nicht mehr hingehe.« In der kalten und verlegenen Stille, die darauf folgte, entstand ein allgemeines mißbilligendes Kopfschütteln. Morano beschuldigte mit bitteren Worten die Räuber, die vom Quirinal, daß sie die einzige Ursache des ganzen Elends von Rom seien. Sprach man denn nicht davon, den Deputirten Sacco, diesen Intriguanten, der sich in allen Arten von verdächtigen Abenteuern kompromittirt hatte, zum Minister zu machen? Das wäre der Gipfel der Frechheit, der unfehlbare und nahe Bankerott. Nur Benedetta, deren Blick sich auf Pierre richtete, da sie an sein Buch dachte, murmelte: »Die armen Leute! Wie traurig! Aber warum sollte man nicht wieder nach ihnen sehen?« Pierre, der anfangs zerstreut und nicht in seinem Element war, wurde von der Erzählung Darios tief erschüttert. Er durchlebte wieder sein Apostelamt inmitten des Elends von Paris; ein tiefes Erbarmen überkam ihn, als er gleich bei seiner Ankunft in Rom auf ähnliche Leiden stieß. Ohne es zu wollen, hob er die Stimme und sagte ganz laut: »O Madame, gehen wir zusammen hin! Führen Sie mich hin! Diese Fragen ziehen mich so sehr an.« Die Aufmerksamkeit aller Anwesenden wurde dadurch wieder auf ihn gelenkt. Man begann ihn auszufragen; er fühlte heraus, daß alle neugierig waren, zu erfahren, wie der erste Eindruck gewesen, den er empfangen, was er von ihrer Stadt und von ihnen selbst denke. Er dürfe Rom nicht voreilig nach dem äußern Schein beurteilen. Was hatte er gesehen, wie fand er es? Er entschuldigte sich höflich, daß er darauf keine Antwort geben könne, da er nichts gesehen habe, noch nicht einmal ausgegangen sei. Aber man drängte desto eifriger in ihn; er hatte das deutliche Gefühl, daß man einen Druck auf ihn ausüben, ihn gewaltsam zur Bewunderung und Liebe zwingen wolle. Man erteilte ihm Ratschläge, beschwor ihn, sich nicht von fatalen Enttäuschungen beeinflußen zu lassen, auszuharren und zu warten, bis Rom ihm seine Seele enthülle. »Wie lange gedenken Sie bei uns zu bleiben, Herr Abbé?« fragte eine höfliche, sanfte und klare Stimme. Es war der Monsignore Nani. Er saß im Dunkeln und sprach zum erstenmale mit lauter Stimme. Pierre meinte mehrmals zu bemerken, daß der Prälat den Blick seiner blauen, äußerst lebhaften Augen nicht von ihm wandte, während er aufmerksam dem langsamen Geschwätz der Tante Celias zuzuhören schien. Ehe er antwortete, blickte er ihn an. In seiner karmesinrot eingefaßten Sutane, der um die Taille geschlungenen violetten Seidenschärpe sah er mit seinem noch blonden Haar, der geraden und feinen Nase, dem äußerst zart und äußerst fest gezeichneten Munde, den bewunderungswürdig weißen Zähnen noch ziemlich jung aus, obwohl er das fünfzigste Jahr überschritten hatte. »Monsignore, etwa vierzehn Tage, vielleicht drei Wochen.« Der ganze Salon protestirte. Wie, drei Wochen? Er bildete sich ein, Rom in drei Wochen kennen zu lernen! Dazu gehörte ein halbes Jahr, ein Jahr, zehn Jahre! Der erste Eindruck sei immer ungünstig; um ihn zu überwinden, sei ein langer Aufenthalt erforderlich. »Drei Wochen!« wiederholte Donna Serafina mit ihrer geringschätzigen Miene. »Kann man sich denn in drei Wochen studiren und lieben lernen? Die zu uns zurückkehren, das sind die, welche uns zuletzt kennen gelernt haben.« Nani hatte sich, ohne sich mit den anderen zu ereifern, zuerst damit begnügt, zu lächeln. Er machte eine leichte Bewegung mit seiner feinen Hand, die seine aristokratische Abstammung verriet. Aber als Pierre bescheiden auseinandersetzte, daß er, da er nur gekommen sei, um gewisse Schritte einzuleiten, abreisen werde, sobald diese Schritte erledigt wären, schloß der Prälat noch immer lächelnd: »O, der Herr Abbé wird mehr als drei Wochen hier bleiben! Ich hoffe, wir werden Das Glück haben, ihn noch lange zu besitzen.« Obwohl diese Worte mit ruhiger Höflichkeit gesprochen wurden, beunruhigten sie doch den jungen Priester. Was wußte der Prälat? Was wollte er damit sagen? Er beugte sich zu dem stumm neben ihm sitzenden Don Vigilio herab und fragte ganz leise: »Wer ist denn der Monsignore Nani?« Aber der Sekretär antwortete nicht sogleich. Sein fieberverzehrtes Gesicht nahm eine noch grauere Färbung an. Seine glühenden Augen fuhren umher, vergewisserten sich, daß niemand ihn beobachte, und dann hauchte er: »Der Assessor beim S. Offizio.« Die Auskunft genügte, denn Pierre war es nicht unbekannt, daß der Assessor, der schweigend den Versammlungen des S. Offizio beiwohnte, sich jeden Mittwoch Abend nach der Sitzung zum heiligen Vater begab, um ihm über die am Nachmittag verhandelten Angelegenheiten Bericht zu erstatten. Diese wöchentliche Audienz, diese vertrauliche Stunde beim Papst, die erlaubte, jedes Thema anzuschlagen, verlieh dem Betreffenden eine besondere Stellung, eine beträchtliche Macht. Außerdem führte dieses Amt zur Kardinalswürde; der Assessor konnte in der Folge nur noch zum Kardinal ernannt werden. Monsignore Nani, der ein äußerst einfacher und liebenswürdiger Mann zu sein schien, fuhr fort, den jungen Priester mit so aufmunternder Miene anzublicken, daß der letztere verpflichtet war, sich auf dem von der alten Tante Celias endlich freigegebenen Platz neben ihm niederzulassen. War diese gleich am ersten Tage erfolgte Begegnung mit einem mächtigen Prälaten, dessen Einfluß ihm vielleicht alle Thüren öffnen würde, nicht ein Vorzeichen des Sieges? Er war daher sehr bewegt, als dieser ihn gleich nach den ersten Worten höflich, mit dem Ton tiefsten Interesses fragte: »Also, mein liebes Kind, Sie haben ein Buch veröffentlicht?« Und Pierre, nach und nach aufs neue von Begeisterung ergriffen, vergaß ganz, wo er sich befand, und vertraute sich ihm an; er erzählte, wie er durch die Leidenden und Geringen in die brennende Nächstenliebe eingeweiht worden sei, träumte ganz laut von der Rückkehr zur christlichen Gemeinde, frohlockte mit dem verjüngten Katholizismus, der die Religion der universellen Demokratie geworden. Allmälich hatte er abermals die Stimme erhoben und in dem alten, strengen Salon ward es still; alle hörten ihm abermals zu, inmitten einer wachsenden Ueberraschung, einer eisigen Kälte, die er nicht empfand. Zuletzt unterbrach ihn Nani sanft mit seinem ewigen Lächeln, dessen ironischer Anstrich nicht einmal mehr sichtbar war. »Gewiß, gewiß, mein liebes Kind, das alles ist sehr schön. O, sehr schön, der reinen, edlen Phantasie eines Christen vollkommen würdig. – Aber was gedenken Sie nun zu thun?« »Geradewegs zum heiligen Vater zu gehen und mich zu verteidigen.« Ein leises, unterdrücktes Gelächter entstand, und Donna Serafina drückte die Ansicht aller aus, indem sie rief: »Man bekommt den heiligen Vater nicht so mir nichts dir nichts zu sehen!« Aber Pierre ereiferte sich. »Ich hoffe doch ihn zu sehen! habe ich denn nicht seine eigenen Ideen ausgesprochen? Habe ich nicht seine Politik verteidigt? Kann er mein Buch verdammen lassen, mein Buch, zu dem mich, wie ich glaube, sein bestes Selbst inspirirt hat?« »Gewiß, gewiß,« wiederholte Nani hastig, als befürchte er, daß man es mit diesem jungen Enthusiasten verderben könne. »Der heilige Vater besitzt eine so hohe Intelligenz! Ja, Sie müssen ihn sehen ... nur, mein liebes Kind, dürfen Sie sich nicht derart aufregen. Denken Sie ein wenig nach, Warten Sie Ihre Zeit ab!« Dann wandte er sich zu Benedetta. »Seine Eminenz hat den Herrn Abbé noch nicht gesehen, nicht wahr?« fragte er. »Es wäre gut, wenn er gleich morgen geruhen würde, ihn zu empfangen, um ihn mit seinen weisen Ratschlagen zu leiten.« Der Kardinal Boccanera wohnte niemals den Empfängen seiner Schwester am Montag Abend bei. Im Geiste war er als der abwesende oberste Gebieter immer anwesend. »Ich fürchte nämlich,« antwortete die Contessina zögernd, »daß der Oheim die Ideen des Herrn Abbé nicht teilt.« Nani begann wieder zu lächeln. »Eben deshalb wird er ihm vieles sagen können, was des Anhörens wert ist.« Und es wurde sofort mit Don Vigilio abgemacht, daß dieser Pierre zur Audienz für den nächsten Vormittag um zehn Uhr vormerken solle. Aber in diesem Augenblick trat ein Kardinal ein; er trug die Tracht, die die Kardinäle beim Ausgehen anlegen, den roten Gürtel und die roten Strümpfe, die schwarze, rotbortirte Zimarra mit den roten Knöpfen. Es war der Kardinal Sarno, ein sehr alter Freund der Familie Boccanera. Während er sich damit entschuldigte, daß er bis sehr spät habe arbeiten müssen, schwieg alles im Salon und drängte sich ehrerbietig um ihn. Aber Pierre, der zum erstenmal einen Kardinal sah, empfand eine lebhafte Enttäuschung, denn es war nicht die majestätische Erscheinung, der schöne, dekorative Anblick, wie er es erwartet hatte. Dieser Kardinal sah klein und etwas verwachsen aus, die linke Schulter war höher als die rechte, das Gesicht ausgemergelt und erdfahl, die Augen erloschen. Er machte auf ihn den Eindruck eines sehr alten, siebenzigjährigen Beamten, der durch ein halbes Jahrhundert beschränkten Bureaukratenlebens abgestumpft, träge und mißgestaltet geworden war, weil er niemals den runden Lehnsessel verließ, in dem er seine Existenz verbrachte. Und in der That, seine ganze Geschichte ließ sich in folgendem zusammenfassen: er war der kränkliche Sprößling einer unbedeutenden, bürgerlichen Familie, wurde im römischen Seminar erzogen, war dann zehn Jahre lang Professor des kanonischen Rechts an demselben Seminar, hierauf Sekretär der Propaganda und nun seit fünfundzwanzig Jahren Kardinal. Vor kurzem hatte er sein Kardinaljubiläum gefeiert. In Rom geboren, hatte er keinen einzigen Tag außerhalb Roms zugebracht; er war der richtige Typus des im Schatten des Vatikans, des Herrn der Welt, aufgewachsenen Priesters. Obwohl er niemals eine diplomatische Funktion ausgeübt hatte, war er der Propaganda durch seine methodischen Arbeitsgewohnheiten so unentbehrlich geworden, daß man ihn zum Präsidenten einer der zwei Kommissionen ernannte, die sich in die Leitung der ungeheuren, noch nicht katholisirten Gebiete des Westens teilen. So kam es, daß auf dem Grunde dieser erloschenen Augen, hinter diesem niedrigen, stumpfen Schädel die ungeheure Landkarte der Christenheit lag. Selbst Nani hatte sich voll geheimer Ehrfurcht vor diesem unscheinbaren und schrecklichen Manne erhoben, der überall, in den entferntesten Winkeln der Erde seine Hand im Spiele hatte, ohne jemals sein Bureau verlassen zu haben. Er wußte, daß er trotz seiner scheinbaren Unbedeutendheit durch seine langsame, methodische und organisirte Eroberungsarbeit eine Macht war, die Reiche erschüttern konnte. »Haben Eminenz sich schon von Ihrem Schnupfen erholt? Wir waren ganz verzweifelt ...« »Nein, nein, ich huste noch immer ... Es ist ein gefährlicher Korridor. Ich erstarre zu Eis, wie ich nur mein Kabinet verlasse.« Von diesem Augenblick an kam sich Pierre ganz klein und verloren vor. Man vergaß sogar, ihn dem Kardinal vorzustellen. Und er mußte noch beinahe eine Stunde da bleiben, auf das Zusehen und Beobachten beschränkt. Nun kam ihm diese ganze, gealterte Gesellschaft kindisch vor, als wären alle in eine traurige Kindheit zurückgefallen. Er erriet jetzt, daß sich hinter der ernsten Haltung, der hochmütigen Zurückhaltung, eine wirkliche Schüchternheit, das uneingestandene Mißtrauen einer großen Unwissenheit verbarg. Wenn das Gespräch nicht allgemein ward, so rührte das daher, weil niemand sich hervorwagte. Aus den Winkeln aber horte er läppisches, endloses Geschwätz, die unbedeutenden Histörchen der Woche, kleinen Sakristei- und Salonklatsch. Man kam nur selten mit einander zusammen, die geringsten Ereignisse nahmen ungeheure Dimensionen an. Zuletzt hatte er das deutliche Gefühl, als sei er in einen französischen Salon in einer der großen bischöflichen Provinzstädte zur Zeit Karls X. versetzt. Keinerlei Erfrischungen wurden gereicht. Die alte Tante Celias bemächtigte sich des Kardinals Sarno, der ihr leine Antwort gab und nur von Zeit zu Zeit das Kinn vorschob. Don Vigilio hatte den ganzen Abend über nicht den Mund aufgethan. Zwischen Nani und Morano hatte sich ein langes, mit ganz leiser Stimme geführtes Gespräch entwickelt, während Donna Serafina, die sich zu ihnen herabbeugte, um zuzuhören, langsam und beifällig mit dem Kopfe nickte. Zweifellos sprachen sie von der Scheidung Benedettas, denn sie sahen sie von Zeit zu Zeit mit ernster Miene an. Und in dem riesigen, von dem ruhigen Licht der Lampen erhellten Gemach schien nur die aus Benedetta, Dario und Celia bestehende Gruppe der Jungen zu leben. Sie plauderten halblaut und erstickten manchmal ein Lachen. Plötzlich fiel Pierre die große Ähnlichkeit zwischen Benedetta und dem an der Wand hängenden Porträt der Cassia auf. Es war dieselbe kindliche Zartheit, derselbe leidenschaftliche Mund und dieselben großen, unendlichen Augen, in demselben runden, vernünftigen und gesunden Gesicht. Das war sicherlich eine redliche Seele und ein feuriges Herz. Dann schoß ihm eine Erinnerung durch den Kopf: die Erinnerung an ein Gemälde von Guido Reni, den anbetungswürdigen, reinen Kopf der Beatrice Cenci. Und das Porträt der Cassia schien ihm in diesem Augenblick dessen genaue Reproduktion zu sein. Diese doppelte Ähnlichkeit rührte ihn und bewog ihn, Benedetta mit unruhiger Teilnahme anzusehen, als sollte das gewaltige Verhängnis des Landes und der Rasse auf sie niederstürzen. Aber sie sah so ruhig, so entschlossen und geduldig aus! Seit er sich im Salon befand, hatte er zwischen ihr und Dario keine andere als eine rein geschwisterliche und muntere Zärtlichkeit beobachten können. Besonders ließ sich das von ihr behaupten; ihr Gesicht bewahrte den heiter klaren Ausdruck einer großen Liebe, die vor aller Welt eingestanden werden kann. Einmal hatte Dario im Scherz ihre Hände ergriffen und gedrückt; aber wenn er dabei auch ein wenig nervös zu lachen begann und mächtige Flammen unter seinen Wimpern hervorzuckten, so hatte sie hingegen ruhig ihre Finger losgemacht, wie bei einem Spiel alter, zärtlicher Kameraden. Sie liebte ihn, sich nachbarlich, mit ihrem ganzen Sein, fürs ganze Leben. Aber nachdem Dario ein leichtes Gähnen erstickt, nach der Uhr gesehen und sich gedrückt hatte, um sich mit einigen Freunden zu treffen, die bei einer Dame spielten, ließen sich Benedetta und Celia auf ein Kanapee neben dem Stuhl Pierres nieder; und ohne es zu wollen, fing dieser ein paar Worte ihres Gespräches auf. Die kleine Prinzessin war die älteste Tochter des Fürsten Matteo Buongiovanni, der bereits Vater von fünf Kindern mit einer Mortimer, einer Engländerin, vermählt war, die ihm fünf Millionen zugebracht hatte. Uebrigens führte man die Buongiovannis als eine der seltenen Familien des römischen Patriziats an, die noch Reichtum besaßen und inmitten der von allen Seiten zusammenbrechenden Ruinen der Vergangenheit noch aufrecht standen. Auch sie hatten zwei Päpste in der Familie gehabt, was den Fürsten Matteo nicht hinderte, sich dem Quirinal anzuschließen, ohne sich mit dem Vatikan zu überwerfen. In seinen Adern floß, da er selbst der Sohn einer Amerikanerin war, nicht mehr das reine römische Blut; seine Politik war geschmeidiger; auch hieß es, daß er geizig sei. Er kämpfte, um als einer der letzten den einstigen Reichtum und die einstige Allmacht zu bewahren, die, wie er fühlte, unvermeidlich zur Vernichtung verurteilt waren In dieser stolzen Familie nun, deren Glanz noch immer die Stadt erfüllte, hatte sich eben etwas begeben, was endloses Geschwätz aufwirbelte. Es war die plötzliche Liebe Celias zu einem jungen Lieutenant, mit dem sie noch nie gesprochen hatte, das leidenschaftliche Einverständnis der zwei Liebenden, die sich täglich auf dem Corso sahen und sich mit nichts als durch Blicke verständigen konnten, die zähe Energie des jungen Mädchens, das dem Vater erklärt hatte, sie werde nie einen andern Gatten haben, und nun unerschütterlich wartete, fest überzeugt, daß man ihr den Mann ihrer Wahl geben werde Das Schlimmste dabei war, daß dieser Lieutenant, Attilio Sacco, gerade der Sohn des Deputirten Sacco war, eines Emporkömmlings, den die schwarze Gesellschaft verachtete, weil er sich dem Quirinal verkauft hatte und zu den schmutzigsten Geschäften fähig war. »Morano hat das vorhin nur meinetwegen gesagt.« flüsterte Celia Benedetta ms Ohr »Ja, ja, vorhin, als er dem Vater Attilios wegen des geplanten Ministeriums so übel mitspielte ... Er wollte nur eine Lektion erteilen.« Die beiden halten sich noch im Sacré-Coeur ewige Freundschaft geschworen. Benedetta, um fünf Jahre älter als Celia, nahm eine mütterliche Haltung an »Du bist also noch nicht vernünftig geworden? Denkst Du noch immer an diesen jungen Mann?« »O Liebe! Willst Du mich denn auch kränken. Du auch? ... Attilio gefällt mir, ich will ihn haben. Er, hörst Du? Er und kein anderer! Ich will ihn haben und werde ihn bekommen, denn ich liebe ihn und er liebt mich ... Das ist doch ganz einfach.« Pierre sah sie betroffen an. Mit ihrem sanften, jungfräulichen Gesicht glich sie einer weißen, geschlossenen Lilie. Stirn und Nase von blumenhafter Reinheit, ein Unschuldsmund, dessen Lippen sich fest über den weißen Zähnen schlössen, Augen, klar wie Quellwasser und grundlos. Und kein Schauer lief über die wie Atlas glänzenden Wangen, nicht die leiseste Unruhe oder Neugierde zuckte in dem naiven Blick. Dachte sie? Wußte sie? Wer hätte das zu sagen vermocht? Sie war die Jungfrau in ihrer ganzen beängstigenden Unerkanntheit. »Ach, Liebe,« fuhr Benedetta fort, »fang nicht meine traurige Geschichte von neuem an. Es geht nicht, Papst und König lassen sich nicht vermählen.« »Aber Du hast Prada nicht geliebt,« sagte Celia ruhig. »Ich aber liebe Attilio. Das Leben ist da, man muß lieben.« Dieses Wort aus dem Munde dieses unwissenden Kindes regte Pierre derart auf, daß er fühlte, wie ihm die Thränen in die Augen stiegen. Die Liebe! Ja, sie war die Lösung aller Streitigkeiten; sie würde den Bund zwischen den Völkern, Friede und Freude in der ganzen Welt bewirken. Aber Donna Serasina hatte sich erhoben; sie schien kein rechtes Vertrauen zu dem Gesprächsgegenstande zu haben, der die beiden Freundinnen so lebhaft beschäftigte. Dabei warf sie Don Vigilio einen Blick zu, den dieser verstand; denn er trat auf Pierre zu und sagte ihm ganz leise, daß es Zeit sei, sich zurückzuziehen. Es schlug elf Uhr. Celia entfernte sich mit ihrer Tante. Zweifellos wollte der Advokat Morano den Kardinal Sarno und Nani noch einen Augenblick zurückbehalten, um im, Familienkreise irgend eine auftauchende, die Scheidungsangelegenheit betreffende Schwierigkeit zu besprechen. Als Benedetta Celia auf beide Wangen geküßt hatte, verabschiedete sie sich im ersten Salon mit großer Liebenswürdigkeit von Pierre. »Morgen vormittag antworte ich dem Vicomte und werde ihm schreiben, wie glücklich wir sind, Sie bei uns zu haben. Und Sie werden viel langer bleiben, als Sie glauben ... Vergessen Sie nur nicht, morgen um zehn Uhr meinen Oheim, den Kardinal, zu besuchen.« Als Pierre und Don Vigilio, ein jeder den ihm vom Diener gereichten Leuchter in der Hand, oben im dritten Stock sich vor ihren Thüren trennen wollten, konnte der erstere sich nicht enthalten, an den letzteren eine Frage zu stellen, die ihn peinigte. »Monsignore Nani ist wohl eine sehr einflußreiche Persönlichkeit?« Don Vigilio erschrak abermals. Er machte bloß eine Geberde, indem er beide Arme ausbreitete, als wolle er die Welt umarmen. Dann flammten seine Augen auf; auch ihn schien die Neugierde zu packen. »Sie kannten ihn schon früher nicht wahr?« fragte er, ohne zu antworten. »Ich! Keine Spur!« »Wirklich!... Nun, er kannte Sie sehr gut. Ich hörte ihn vorigen Montag in so bestimmten Ausdrücken von Ihnen reden, daß es mir schien, er sei über die geringsten Einzelheiten Ihres Lebens und Ihres Charakters unterrichtet.« »Ich habe niemals auch nur seinen Namen nennen hören.« »Dann wird er sich eben erkundigt haben,« Don Vigilio grüßte und trat in sein Zimmer. Zu seinem Erstaunen sah Pierre die Thüre des seinigen offen stehen und Victorine mit ihrer ruhigen und geschäftigen Miene daraus herauskommen. »Ah, Herr Abbé! Ich wollte mich selbst überzeugen, daß es Ihnen an nichts fehlt! Sie haben Ihr Licht, Sie haben Wasser, Zucker, Zündhölzchen. Und was nehmen Sie des Morgens? Kaffee? Nein? Bloße Milch mit einem Brötchen. Schön! Also um acht Uhr, nicht wahr?... Schlafen Sie wohl! Ruhen Sie sich gut aus! O, ich hatte in den ersten Nächten eine schreckliche Angst vor den Gespenstern in diesem alten Palast! Aber ich habe nie auch nur einen Zipfel von einem gesehen. Wenn man tot ist, ist man froh, daß man's ist. Man ruht sich aus.« Endlich war Pierre allein. Er war froh, daß er sich ausstrecken konnte, daß er dem Unbehagen der unbekannten Umgebung, diesem Salon, diesen Leuten entronnen war, die sich unter dem stillen Licht der Lampen vermischten, verwischten. Gespenster – das sind die alten Toten von einst, deren unruhige Seelen wiederkehren, um in der Brust der Lebenden von heute wieder zu lieben und zu leiden. Trotzdem er am Tage so lange geruht hatte, hatte er noch nie eine solche Mattigkeit, ein solches Schlafbedürfnis empfunden; sein Kopf war ganz wirr und verdreht; er fürchtete, daß er nichts verstanden habe. Als er sich zu entkleiden begann, erfaßte ihn das Erstaunen, daß er sich hier befand, sich hier niederlegte, wieder mit solcher Heftigkeit, daß er sich einen Augenblick wie ein ganz anderer Mensch vorkam. Was dachten diese Leute von seinem Buche? Warum hatte man ihn in dieses kalte Haus kommen lassen, das ihm – er ahnte es – feindlich gesinnt war? Geschah es, um ihm zu helfen oder um ihn zu besiegen? Und er sah in dem gelben Lichte des Salons nichts mehr als Donna Serafina und den Advokaten Morano zu beiden Seiten des Kamins, während hinter dem leidenschaftlichen und ruhigen Kopfe Benedettas das lächelnde Gesicht Monsignore Nanis mit den listigen Augen und dem unbezähmbare Energie atmenden Munde erschien. Er legte sich nieder, aber bald stand er wieder auf; er erstickte, er empfand ein solches Bedürfnis nach frischer, freier Luft, daß er das Fenster weit aufmachte und sich hinauslehnte. Aber die Nacht war schwarz wie Tinte; die Schatten hatten den Horizont verschlungen. Die Sterne am Firmament wurden wahrscheinlich von Nebeln verdeckt, das undurchsichtige Gewölbe lastete bleischwer herab. Die Häuser des gegenüberliegenden Trastevere schliefen schon lange; kein einziges Fenster war erleuchtet; nur in der Ferne leuchtete ein Gasflämmchen gleich einem verlorenen Stern. Vergebens suchte er den Janiculus. Alles ging in diesem Meer von Nichts unter – die vierundzwanzig Jahrhunderte Roms, der antike Palatin, der moderne Quirinal, der von der Schattenflut vom Himmel verdrängte Riesendom von S. Peter. Er sah, er hörte nicht einmal unter sich den Tiber, den toten Strom in der toten Stadt. III. Am nächsten Morgen, um drei Viertel auf zehn begab sich Pierre in den ersten Stock des Palastes, um zur Audienz beim Kardinal Boccanera zu erscheinen. Er war wieder voll Mut, voll der naiven Begeisterung seines Glaubens – und von seiner seltsamen gestrigen Niedergeschlagenheit, den Zweifeln und dem Mißtrauen, das ihn bei der ersten Berührung mit Rom, nach der Ermüdung der Reise ergriffen hatte, war nichts zurückgeblieben. Es war so schon, der Himmel so rein, daß sein Herz wieder hoffnungsvoll klopfte. Die auf den ungeheuer großen Treppenabsatz mündende Thür des ersten Vorzimmers stand weit offen. Der Kardinal, einer der letzten Kardinäle des römischen Patriziats, hatte, obwohl er die auf die Straße gehenden, vor Alter zusammenfallenden Galasäle geschlossen hielt, die Empfangsräume eines seiner Großoheime, der zu Ende des achtzehnten Jahrhunderts gleich ihm Kardinal gewesen, beibehalten. Sie bestanden aus einer Reihe von vier ungeheuren, sechs Meter hohen Sälen und erhielten ihr Licht von dem steil zum Tiber hinabführenden Gäßchen. Aber die Sonne drang niemals dorthin, denn die schwarzen, gegenüberliegenden Häuser versperrten ihr den Weg. Die Einrichtung mit all dem Pomp und Gepränge, den die Fürsten von ehedem, die kirchlichen Großwürdenträger entwickelten, war unberührt geblieben; aber nicht die geringste Reparatur war daran gemacht, nicht die geringste Sorgfalt darauf verwendet worden. Die Tapeten hingen in Fetzen herab, der Staub zerfraß die Möbel, und aus der vollständigen Vernachlässigung spürte man etwas wie den hochfahrenden Wunsch heraus, die Zeit aufzuhalten. Als Pierre in das erste Gemach, das Bedientenvorzimmer, trat, empfand er eine leichte Betroffenheit. Einst standen hier zwei uniformirte päpstliche Gendarmen unbeweglich mitten unter einem Schwarm von Lakaien; heute verstärkte ein einziger Bedienter durch seine gespenstische Gegenwart noch die Melancholie dieses riesigen, halb dunklen Saales. Dem Blick siel besonders ein dem Fenster gegenüber befindlicher, rotbehangener und von einem roten Baldachin überragter Altar auf. Unter dem Baldachin befand sich das gestickte Wappen der Boccaneras, der beflügelte, in die Flamme blasende Drache mit der Devise: » Bocca nera, alma rossa !« Auch der Kardinalshut des Großoheims, der einstige große, für Zeremonien bestimmte Hut, befand sich hier, desgleichen die beiden roten Seidenkissen; und an der Wand hingen die zwei alten Sonnenschirme, die bei jeder Spazierfahrt in der Karosse mitgeführt wurden. Man meinte in dieser vollständigen Stille das leise Geräusch der Milben zu hören, die seit einem Jahrhundert an dieser ganzen toten Vergangenheit nagten. Ein Schlag mit einer Feder hätte genügt, um alles zu Staub zerfallen zu machen. Das zweite Vorzimmer, in dem sich einst der Sekretär aufzuhalten pflegte, ein ebenfalls ungeheuer großer Saal, war leer. Pierre mußte ihn durchschreiten; er entdeckte Don Vigilio erst in dem dritten Raum, dem Ehrenvorzimmer. Da das Personal fortan auf das streng Notwendige beschränkt war, zog es der Kardinal vor, seinen Sekretär gleich bei der Hand, dicht vor der Thür des ehemaligen Thronsaales zu haben, in dem er empfing. Don Vigilio, ganz mager, ganz gelb und von Fieberschauern geschüttelt, saß da wie verloren an einem kleinen, ärmlichen, mit Papieren bedeckten schwarzen Tische. Er war in ein Aktenstück vertieft, hob den Kopf, erkannte den Besucher und sagte mit leiser Stimme, so daß es in der Stille kaum wie ein Murmeln klang: »Seine Eminenz ist beschäftigt ... Bitte zu warten.« Dann vertiefte er sich wieder ins Lesen; zweifellos wollte er sich zu keinem Gespräch verlocken lassen. Pierre, der sich nicht zu setzen wagte, betrachtete das Zimmer. Es war vielleicht noch verfallener als die beiden anderen. Die grüne, vom Alter abgenützte Damasttapete glich dem Moose, das auf alten Bäumen verbleicht. Aber die Decke war noch herrlich; es war eine prächtige Dekoration, ein Fries mit gemalten und vergoldeten Verzierungen, die einen Triumph der Amphitrite, die Freske eines Raffaelschülers, einrahmten. Nach alter Sitte befand sich in diesem Räume auch der Kardinalshut; er lag auf einem Seitentisch, zu Füßen eines großen Kruzifixes aus Ebenholz und Elfenbein. Als Pierre sich jedoch an das Zwielicht gewöhnte, wurde sein Interesse plötzlich durch ein kürzlich gemaltes Porträt des Kardinals gefesselt. Dieser war stehend, in großer Gala, in der Sutane aus rotem Moirée, dem Chorhemd aus Spitzen abgebildet; die Kappa war königlich um die Schultern geschlagen. Und dieser hohe Greis von siebenzig Jahren hatte in diesem kirchlichen Gewande seine stolze, fürstliche Haltung bewahrt; er war ganz glatt rasirt und seine weißen Haare waren so dicht, daß sie in Locken auf seine Schultern herabquollen. Es war das majestätische Gesicht der Boccaneras – die starke Nase, der große Mund mit den schmalen Lippen, das lange, von tiefen Falten durchquerte Gesicht. Und besonders die Augen seines Geschlechtes erhellten das blasse Gesicht – tiefbraune, feurig lebhafte Augen unter dichten, noch schwarzen Brauen. Wäre das Haupt des Kardinals mit dem Lorbeer bekränzt gewesen; so hätte es an die Köpfe der römischen Kaiser gemahnt; er sah sehr schön und gebietend aus, als poche das Blut des Augustus in seinen Adern. Pierre kannte seine Geschichte, und dieses Porträt beschwor sie ihm wieder herauf. Pio Boccanera, im adeligen Kollegium erzogen, hatte Rom nur ein einzigesmal verlassen; er war damals ein noch ganz junger Mann, erst Diakon, und hatte als Ablegat einen Kardinalshut nach Paris zu überbringen. Dann rollte sich seine geistliche Laufbahn sicher ab; die Ehrenämter fielen ihm auf ganz natürliche Weise zu, wie es seiner hohen Herkunft gebührte. Er wurde von Pius IX. eigenhändig geweiht, später zum Kanonikus an der vatikanischen Basilika und bestallten Geheimkämmerer, dann nach der italienischen Occupation zum Majordomo und endlich 1874 zum Kardinal ernannt. Seit vier Jahren war er Kardinalkämmerer, und man erzählte sich ganz leise, daß Leo XIII. ihn für dieses Amt auserwählt habe, so wie einst Pius IX. ihn selbst dazu auserwählte – um ihn von der Nachfolge auf den päpstlichen Thron auszuschließen. Denn wenn auch das Konklave bei seiner Wahl von der Tradition abgewichen war, derzufolge der Kardinalkämmerer nicht zum Papst gewählt werden konnte, so würde es zweifellos vor einer neuen Uebertretung dieser Tradition zurückschrecken. Man sagte auch, daß, gleichwie unter der früheren Regierung, ein heimlicher Kampf zwischen dem Papst und dem Kardinalkämmerer herrsche; der letztere stand abseits, verurteilte die Politik des Heiligen Stuhles, war in allem radikal entgegengesetzter Ansicht und wartete in der thatsächlichen Verborgenheit seines Amtes stumm auf den Tod des Papstes. Dieser Tod übertrug ihm bis zur Wahl des neuen Papstes die interimistische Gewalt, zugleich auch die Pflicht, das Konklave zu versammeln und über der Uebergangsverwaltung der kirchlichen Angelegenheiten zu wachen. Lag nicht der ehrgeizige Traum von der Papstwürde, der Traum von einer Wiederholung der Geschichte des Kardinals Pecci, der Kardinalkämmerer und doch Papst war, hinter dieser hohen, strengen Stirne, selbst in den Flammen dieser schwarzen Augen? Sein römischer Fürstenstolz kannte nur Rom; er setzte beinahe seinen Stolz darein, die moderne Welt gänzlich zu ignoriren. Im übrigen gab er sich sehr fromm, streng religiös, unerschütterlich gläubig, unfähig, den leisesten Zweifel zu hegen. Aber ein Flüstern riß Pierre aus seinen Reflexionen. Es war Don Vigilio, der ihn zum Niedersetzen einlud. »Es wird vielleicht lange dauern, Sie können sich einen Schemel nehmen,« sagte er mit seiner umsichtigen Miene. Und er begann mit feiner Schrift einen großen, gelblichen Bogen zu bedecken, während Pierre sich maschinenmäßig, um nicht zu widersprechen, auf einem der längs der Wand, dem Porträt gegenüber stehenden Eichenschemel niederließ. Er versank in eine Träumerei, in der er den fürstlichen Prunk der Kardinäle von ehemals ringsum neu aufleben und auffunkeln sah. Vorerst gab der Kardinal am Tage seiner Ernennung Feste, Volksbelustigungen, von denen einige noch heute wegen ihrer Pracht angeführt werden. Drei Tage lang standen die Thüren der Empfangssäle offen; wer wollte, durfte eintreten, und von Saal zu Saal riefen sich die Thürhüter die Namen zu – Namen aus dem Patriziat, der Bürgerschaft, dem gemeinen Volk, kurz, von ganz Rom, das der neue Kardinal mit Herrschergüte empfing, ganz wie ein König seine Unterthanen. Dann wurde ein ganzes Königtum organisirt; manche Kardinäle brachten ehemals mehr als fünfhundert Personen mit sich, hatten einen Haushalt, der sechzehn Bureaux inbegriff, und hielten thatsächlich Hof. Selbst in neuerer Zeit, nachdem das Leben sich schon vereinfacht hatte, besaß ein Kardinal, wenn er Fürst war, ein Recht auf einen Galazug von vier mit Rappen bespannten Wagen. Vier Bediente in der Livree seiner Farben gingen ihm mit dem Hut, dem Kissen und den Sonnenschirmen voran. Außerdem begleitete ihn der Sekretär im Mantel aus lila Seide, der mit der Croccia, einer Art wattirtem Ueberrock aus violettem Wollstoffe mit seidenen Klappen, bekleidete Schleppträger und der Gentiluomo in der Tracht Henris II., der den Kardinalshut in den behandschuhten Händen trug. Der Haushalt umfaßte, obwohl er bereits vermindert war, noch den mit den Kongregationsarbeiten betrauten Auditor, den Sekretär, der sich einzig und allein mit der Korrespondenz beschäftigte, den Kammerherrn, der die Besucher einführte, den Gentiluomo, der den Kardinalshut trug, den Schleppträger, den Kaplan, den Haushofmeister, den Kammerdiener, abgerechnet den Schwarm der untergeordneten Bedienten, der Köche, der Kutscher, der Stallknechte. Es war eine ganze Bevölkerung, von der die ungeheuren Paläste summten. Mit dieser Bevölkerung erfüllte Pierre jetzt im Geiste die drei riesigen Vorzimmer vor dem Thronsaale; diese Flut von Lakaien in der blauen Livree mit den Verschnürungen in den Farben des Wappens, diese Menge von Abbés und Prälaten in seidenen Mänteln lebte wieder vor ihm auf, brachte wieder ein leidenschaftliches und prächtiges Leben unter die hohen, leeren Plafonds, in das Halbdunkel, das sie mit ihrer wieder erstandenen Pracht erhellten. Aber heutzutage, besonders seit dem Einzuge der Italiener in Rom, waren beinahe alle die großen Vermögen der römischen Fürsten zusammengestürzt, und das Gepränge der hohen kirchlichen Würdenträger war verschwunden. Das zu Grunde gerichtete Patriziat entzog sich den geistlichen Aemtern, die schlecht bezahlt waren und mittelmäßigen Ruhm einbrachten; es überließ sie dem Ehrgeiz des Kleinbürgertums. Kardinal Boccanera, der letzte mit dem Purpur bekleidete Fürst aus dem alten Adel, besaß nicht mehr als etwa dreißigtausend Franken um seinen Rang aufrecht zu halten – die zweiundzwanzigtausend Franken seines Gehalts und das, was gewisse andere Funktionen ihm außerdem einbrachten. Er hätte sich auch nie herausgeholfen, wenn Donna Serafina ihm nicht mit den Brosamen des väterlichen Erbes, auf das er einst zu Gunsten seiner beiden Schwestern und seines Bruders verzichtet hatte, beigesprungen wäre. Donna Serafina und Benedetta führten ein Haus für sich, hatten ihre eigene Wirtschaft, ihre eigene Dienerschaft und trugen die Kosten ihrer persönlichen Ausgaben. Der Kardinal hatte bloß seinen Neffen Dario bei sich, gab niemals ein Diner und hielt nie einen Empfang ab. Seine größte Ausgabe war der einzige Wagen, die schwere, zweispännige Karosse, die das Zeremoniell ihm aufnötigte; denn ein Kardinal kann in Rom nicht zu Fuß gehen. Sein Kutscher, ein alter Diener, ersparte ihm auch einen Stallknecht, da er darauf bestand, die Karosse und die beiden gleich ihm in der Familie alt gewordenen Rappen zu versorgen. Außerdem gab es zwei Lakaien, Vater und Sohn; der letztere war im Palaste geboren. Die Frau des Koches half in der Küche aus. Aber die Einschränkung betraf noch mehr die Ehrenvorzimmer und das erste Vorzimmer. Das gesamte, einst so glänzende und zahlreiche Personal war jetzt auf zwei kleine Priester beschränkt: Don Vigilio, den Sekretär, der gleichzeitig auch Auditor und Haushofmeister war, und Abbé Paparelli, den Schleppträger, der auch als Kaplan und Kammerherr diente. Dort, wo einst eine Menge von besoldeten Leuten aller Art kreiste und die Säle mit ihrem Gepränge erfüllte, sah man nichts mehr als zwei geräuschlos hinhuschende schwarze Sutanen, zwei diskrete Schatten, die sich in dem tiefen Dunkel der toten Zimmer verloren. Und wie verständlich war Pierre jetzt die hochfahrende Unbekümmertheit des Kardinals, der die Zeit ihr Zerstörungswerk in dem Palast der Ahnen, dem er das glorreiche Leben von einst nicht wiedergeben konnte, vollenden ließ! Das Haus, das für ein solches Leben, für den Hofstaat eines Fürsten aus dem sechzehnten Jahrhundert gebaut wurde, brach jetzt, verlassen und finster, über dem Haupte seines letzten Herrn zusammen; er besaß nicht mehr genug Diener, um es zu füllen, und hätte nicht gewußt, womit der zu den Reparaturen nötige Mörtel gezahlt werden könnte. Warum sollte man also nicht, da die moderne Welt sich feindlich zeigte, da die Religion nicht mehr Königin war, da die Gesellschaft sich geändert hatte und man inmitten des Hasses und der Gleichgiltigkeit der neuen Generationen dem Unbekannten zuging, die alte Welt mit ihrem eigensinnigen Stolz auf ihren uralten Ruhm zu Staub zerfallen lassen? Nur Helden sterben aufrecht, geben nichts von der Vergangenheit auf, bleiben bis zum letzten Hauch demselben Glauben treu, ohne etwas anderes zu besitzen als die schmerzliche Bravour, den unendlichen Schmerz, der langsamen Agonie ihres Gottes beizuwohnen. Und in dem majestätischen Porträt des Kardinals, in seinem so bleichen, so stolzen, so verzweifelten und tapfern Gesicht prägte sich der störrische Wille aus, sich lieber unter den Trümmern des alten sozialen Gebäudes begraben zu lassen, als einen einzigen Stein daran zu ändern. Das Rascheln verstohlener Tritte, leises Mäusegetrippel riß den Priester aus seiner Träumerei und bewog ihn, sich umzudrehen. Eine Thür in der Tapete hatte sich eben geöffnet, und zu seiner Ueberraschung sah er einen etwa vierzigjährigen, dicken, kurzen Abbé vor sich stehen; man hätte ihn für eine schwarz gekleidete alte Jungfer halten können, und zwar für eine sehr bejahrte, derart war sein schlaffes Gesicht von Runzeln durchzogen. Es war der Abbé Paparelli, der Schleppträger und Kammerherr, der infolge des letzteren Titels das Amt hatte, die Besucher einzuführen. Als er den jungen Priester bemerkte, wollte er ihn ausfragen, aber Don Vigilio mischte sich ein, um ihn aufzuklären. »Ah, schön, schön! Der Herr Abbé Froment, den Seine Eminenz geruhen wird, zu empfangen ... Bitte zu warten, bitte zu warten.« Und er begab sich mit seinem gleitenden, unhörbaren Schritt wieder auf seinen Platz im zweiten Vorzimmer, wo er sich gewöhnlich aufhielt. Pierre gefiel dieses vom Cölibat gebleichte, von allzuharten religiösen Uebungen verwüstete alte Frömmlergesicht nicht; und da Don Vigilio sich nicht wieder an die Arbeit machte, weil ihm der Kopf schwer war und seine Hände vor Fieber brannten, erkühnte er sich, ihn auszufragen. O, der Abbé Paparelli! Das war ein äußerst gläubiger Mann, der nur aus reiner Demut auf dem bescheidenen Posten bei Seiner Eminenz blieb! Uebrigens geruhte dieser, ihn dafür zu belohnen, indem er es manchmal nicht verschmähte, seine Ansichten anzuhören. Und dabei lag in den glühenden Augen Don Vigilios eine heimliche Ironie, ein noch verhüllter Zorn. Er fuhr fort, Pierre genau anzusehen, und seine Miene beruhigte sich ein wenig; die sichtliche Redlichkeit dieses Fremden, der keiner der Parteien angehören sollte, bestach ihn. Er gab daher zuletzt sein gewohntes, krankhaftes Mißtrauen auf und vergaß sich so weit, einen Augenblick zu plaudern. »Ja, ja, es gibt manchmal viel Arbeit und schwere Arbeit ... Seine Eminenz gehört verschiedenen Kongregationen an: der Inquisitions-, der Index-, der Riten-, der Konsistorialkongregation. Zur Beschleunigung der ihm obliegenden Angelegenheiten kommen alle Akten mir zu. Ich muß jede Angelegenheit studiren, einen Bericht darüber verfassen, kurz, das Ganze in Ordnung bringen ... Nicht zu reden davon, daß auch die gesamte Korrespondenz durch meine Hände geht! Glücklicherweise ist Seine Eminenz ein Heiliger, der weder für sich noch für andere intrigirt. Das gestattet uns, ein wenig abseits zu leben.« Pierre interessirte sich lebhaft für diese intimen Einzelheiten der Existenz eines Kirchenfürsten, die gewöhnlich so verborgen und oft von der Legende entstellt werden. Er erfuhr, daß der Kardinal Sommer und Winter um sechs Uhr morgens aufstand. Die Messe las er in seiner Kapelle, einem kleinen, nur mit einem Altar aus gemaltem Holz eingerichteten Gemach, das niemand je betrat. Uebrigens bestand seine Privatwohnung bloß aus einem Schlaf-, einem Speise- und einem Arbeitszimmer, lauter bescheidenen, engen Räumen, die man mittels Scheidewänden aus einem großen Saale hergestellt hatte. Er lebte sehr zurückgezogen, ohne jeden Luxus, wie ein nüchterner, armer Mann ... Um acht Uhr trank er zum Frühstück eine Tasse kalte Milch. Dann begab er sich an Sitzungstagen in die Kongregationen, denen er angehörte, oder blieb zu Hause, um Empfang abzuhalten. Das Diner fand um ein Uhr statt; dann kam bis vier, im Sommer sogar bis fünf Uhr die Siesta, die römische Siesta, der heilige Moment, da kein Bedienter gewagt hätte, auch nur an die Thür zu klopfen. An schönen Tagen machte er nach dem Erwachen eine Spazierfahrt in die Gegend der alten Via Appia, von wo er bei Sonnenuntergang, beim Avemarialäuten, zurückkehrte. Nachdem er hierauf von sieben bis neun Empfang gehalten, aß er zu Abend, begab sich in sein Zimmer und kam nicht wieder zum Vorschein; er arbeitete allein oder legte sich nieder. Die Kardinäle begaben sich behufs Erledigung des Dienstes zwei- oder dreimal monatlich an bestimmten Tagen zum Papste. Aber seit beinahe einem Jahre war der Kardinalkämmerer nicht zur Privataudienz zugelassen worden. Das war ein Zeichen von Ungnade, ein Beweis von Krieg, und die ganze schwarze Gesellschaft sprach leise und vorsichtig davon. »Seine Eminenz ist etwas schroff,« fuhr Don Vigilio fort. Er war in diesem Augenblick der Mitteilsamkeit froh, reden zu können. »Aber man muß ihn lächeln sehen, wenn seine Nichte, die Contessina, die er anbetet, hierher kommt, um ihn zu küssen ... Sie wissen, wenn Sie gut empfangen werden, so verdanken Sie es der Contessina.« In diesem Augenblick wurde er unterbrochen. Aus dem zweiten Vorzimmer ertönte Stimmengeräusch; er erhob sich eilig und verbeugte sich tief, als er einen dicken Mann in schwarzer, rotgegürteter Sutane und einem schwarzen Hut mit einer Schnur in Rot und Gold eintreten sah, den der Abbé Paparelli mit einem großen Aufwand von demütigen Bücklingen hereingeleitete. Er hatte auch Pierre ein Zeichen gemacht, sich zu erheben, und konnte ihm noch zuflüstern: »Der Kardinal Sanguinetti, Präfekt der Indexkongregation.« Der Abbé Paparelli erschöpfte sich in Diensteifrigkeit und wiederholte mit fromm zufriedener Miene: »Eure ehrwürdigste Eminenz wird erwartet. Ich habe Auftrag, Eure Eminenz sofort hinein zu führen ... Seine Eminenz der Großpönitentiarius ist schon da.« Sanguinetti, der eine laute Stimme und einen dröhnenden Schritt besaß, hatte plötzlich eine Anwandlung von Vertraulichkeit. »Ja, ja, ich bin durch eine Menge lästiger Leute zurückgehalten worden! Man kann nie, was man will. Nun, jetzt bin ich da.« Er war ein Mann von sechzig Jahren, stämmig und dick, mit einem runden, gefurchten Gesicht, einer ungeheuren Nase, dicken Lippen und lebhaften, stets unruhigen Augen. Vor allem fiel an ihm sein jugendliches, beinahe stürmisch jugendliches Aussehen auf. Sein Haar war noch braun, kaum von silbernen Fäden durchzogen, sehr gepflegt und in Locken über die Schläfen gestrichen. Er war in Viterbo geboren und hatte seine Studien im Seminar dieser Stadt gemacht, ehe er nach Rom ging, um sie an der gregorianischen Universität zu vollenden. Seine geistliche Dienstliste bekundete sein rasches Aufsteigen, seinen geschmeidigen Geist. Zuerst war er Sekretär der Nuntiatur in Lissabon, dann wurde er zum Titularbischof von Theben ernannt und in einer heiklen Mission nach Brasilien geschickt; gleich nach seiner Rückkehr wurde er Nuntius in Brüssel, hierauf in Wien und zuletzt Kardinal, abgesehen davon, daß er eben das Suburbikarbistum von Frascati erlangt hatte. In Geschäften sehr erfahren, da er in ganz Europa praktizirt hatte, lag nichts gegen ihn vor, als daß er seinen Ehrgeiz allzusehr zur Schau trug und fortwährend Ränke spann. Es hieß jetzt, daß er unversöhnlich sei und von Italien die Rückgabe Roms forderte, obwohl er vordem dem Quirinal entgegengekommen war. In seiner rasenden Sucht, der nächste Papst zu werden, sprang er von einer Meinung zur andern und gab sich unendliche Mühe, Leute zu erobern, die er dann wieder im Stiche ließ. Bereits zweimal hatte er sich mit Leo XIII. überworfen, es dann aber für klug befunden, sich zu unterwerfen. Die Wahrheit war, daß er, der beinahe anerkannte Papstkandidat, sich durch seine fortwährenden Anstrengungen abnützte, sich in zu viele Dinge mischte und zu viele Leute in Bewegung setzte. Pierre hatte jedoch in ihm nur den Präfekten der Indexkongregation gesehen und ward nur von einem einzigen Gedanken bewegt: nämlich, daß dieser Mann das Schicksal seines Buches entscheiden werde. Als daher der Kardinal verschwunden und der Abbé Paparelli in das zweite Vorzimmer zurückgekehlt war, konnte er sich nicht enthalten, Don Vigilio zu fragen: »Ihre Eminenzen, der Kardinal Sanguinetti und der Kardinal Boccanera, sind wohl sehr befreundet?« Ein Lächeln verzog die Lippen des Sekretärs, während in seinen Augen eine Ironie aufflammte, die er nicht mehr beherrschen konnte. »Sehr befreundet – o nein, nein! ... Sie sehen sich, wenn sie nicht anders können.« Und er erklärte, daß auf die hohe Geburt des Kardinals Boccanera Rücksicht genommen werde, so daß man sich gern in seinem Hause versammle, wenn, wie gerade heute, eine ernste Angelegenheit eine Zusammenkunft außer den gewöhnlichen Sitzungen fordere. Der Kardinal Sanguinetti war der Sohn eines kleinen Arztes in Viterbo. »Nein, nein, Ihre Eminenzen find gar nicht befreundet. Wenn man weder dieselben Ideen noch denselben Charakter hat, ist es schwer, sich zu verständigen. Und vor allem, wenn man sich genirt!« Er sagte das leiser, wie zu sich selbst, mit seinem schwachen Lächeln. Uebrigens hörte Pierre, ganz mit sich selbst beschäftigt, kaum zu. »Haben sie sich vielleicht wegen einer Indexangelegenheit versammelt?« fragte er. Don Vigilio mußte den Grund der Versammlung kennen. Aber er antwortete bloß, daß, wenn es sich um eine Indexangelegenheit handeln würde, die Versammlung beim Präfekten der Indexkongregation stattgefunden haben würde. In seiner Ungeduld war Pierre daher gezwungen, eine direkte Frage zu stellen. »Meine Angelegenheit – die mit meinem Buch – kennen Sie doch, nicht wahr? Da Seine Eminenz der Kongregation angehört und die Akten durch Ihre Hände gehen, könnten Sie mir vielleicht eine nützliche Auskunft geben. Ich weiß nichts und sehne mich so sehr, etwas zu erfahren!« Im Nu wurde Don Vigilio wieder von seiner ängstlichen Unruhe ergriffen. Zuerst stammelte er, daß er die Akten nicht gesehen habe, was wahr war. »Ich versichere Sie, es ist uns noch kein Aktenstück zugekommen. Ich weiß absolut von nichts.« Dann aber, als der Priester noch weiter in ihn drang, machte er ihm ein Zeichen, er möge schweigen, und begann wieder zu schreiben, indem er verstohlene Blicke in das zweite Vorzimmer warf. Ohne Zweifel fürchtete er, daß der Abbé Paparelli zuhöre. Entschieden, er hatte schon zu viel gesprochen. Und er machte sich an seinem Tische ganz klein, verschwand gänzlich in seinem dunklen Winkel. Pierre versank nun wieder in seine Träumerei; von neuem überkam ihn all das Unbekannte, die alte, verschlafene Schwermut, die ihn umgab. Endlose Minuten mußten verstreichen; es war beinahe elf Uhr. Endlich weckte ihn das Geräusch von aufgehenden Thüren, das Geräusch von Stimmen. Er verbeugte sich ehrerbietig vor dem Kardinal Sanguinetti, der sich in Begleitung eines andern, sehr magern und großen Kardinals mit einem grauen, langen Asketengesicht entfernte. Aber weder der eine noch der andere schien den einfachen, fremden, kleinen Priester, der sich so vor ihnen verbeugte, auch nur zu bemerken. Sie sprachen laut und vertraulich mit einander. »Ja, der Wind legt sich, es war viel heißer als gestern.« »Morgen haben wir sicher einen Sirocco.« In dem großen, dunklen Gemach entstand wieder feierliche Stille. Don Vigilio schrieb noch immer, ohne daß man das leise Geräusch seiner Feder auf dem harten, gelblichen Papier hörte. Das leise Klingeln eines gesprungenen Glückchens ertönte, und der Abbé Paparelli lief aus dem zweiten Vorzimmer herbei. Er verschwand einen Augenblick im Thronsaal; dann kehrte er zurück, um Pierre mit einem Zeichen der Hand zu rufen. »Der Herr Abbé Pierre Froment,« meldete er mit leiser Stimme. Auch dieser große Saal war eine Ruine. Unter der wunderbaren Decke aus geschnitztem und vergoldetem Holze hingen die roten Wandtapeten aus Brokat mit großen Palmen in Fetzen herab. Einige Ausbesserungen waren gemacht worden, aber der lange Gebrauch wässerte das dunkle Purpurrot der Seide, das einst von blendendem Glanz gewesen, mit blassen Farbentönen. Die Merkwürdigkeit des Gemaches bildete der alte Thronsessel, der rotseidene Lehnstuhl, in dem einst der heilige Vater Platz genommen hatte, wenn er dem Kardinal einen Besuch abstattete. Ein Baldachin, ebenfalls aus roter Seide, spannte sich über ihm aus; unter demselben war das Porträt des regierenden Papstes befestigt. Im übrigen befanden sich in dem ungeheuer großen Saale leine anderen Möbel als Kanapees, Fauteuils, Stühle und ein wundervoller Tisch Louis XIV. aus vergoldetem Holz mit einer Mosaikplatte, welche die Entführung der Europa darstellte. Aber Pierre sah anfangs nichts als den Kardinal Boccanera; er stand aufrecht neben einem andern Tisch, der ihm als Schreibtisch diente. In seiner einfachen, rotbordirten und mit roten Knöpfen versehenen schwarzen Sutane kam er ihm noch größer und stolzer vor wie auf dem Porträt in seiner Galatracht. Es war wohl ganz dasselbe weiße, lockige Haar, das lange, von breiten Falten durchschnittene Gesicht mit der starken Nase und den schmalen Lippen; es waren auch dieselben feurigen Augen unter den dicken, noch schwarzen Brauen, die das blasse Gesicht erhellten: aber das Porträt gab nicht den von dieser hohen Gestalt ausgehenden hehren, ruhigen Glauben wieder, diese feste Ueberzeugung, zu wissen, wo die Wahrheit lag, diesen unbedingten Vorsatz, sich ewig an sie zu halten. Boccanera hatte sich nicht gerührt; er sah dem Besucher starr mit seinem dunklen Blick entgegen, und der Priester, der das Zeremoniell kannte, kniete nieder und küßte den großen Rubin, den er am Finger trug. Aber der Kardinal hob ihn sofort auf. »Mein lieber Sohn, seien Sie uns willkommen ... Meine Nichte hat mir mit solcher Sympathie von Ihnen erzählt, daß ich glücklich bin, Sie zu empfangen.« Er hatte sich neben dem Tische niedergelassen, ohne Pierre auch zum Niedersetzen aufzufordern, und fuhr fort, ihn zu betrachten, indem er in langsamem, sehr höflichem Ton weiter sprach. »Sie sind also gestern morgen angekommen? Sie waren sehr ermüdet, nicht wahr?« »Eure Eminenz sind zu gütig ... Ja, ich war ganz zerbrochen, vor Aufregung sowohl wie vor Ermüdung. Diese Reise hat für mich eine so ernste Bedeutung.« Der Kardinal schien die wichtige Frage nicht gleich bei den ersten Worten berühren zu wollen. »Gewiß, es ist ja doch recht weit von Paris nach Rom. Heutzutage geht es noch ziemlich rasch. Aber früher, was war das für eine endlose Fahrt! – Ich war ein einzigesmal in Paris,« fuhr er langsamer fort. »O, es ist schon lange her, beinahe fünfzig Jahre! Und ich brachte kaum eine Woche dort zu ... Ja, ja, eine große, schöne Stadt! Viele Menschen auf den Straßen, sehr gut erzogene Leute, ein Volk, das wunderbare Dinge geleistet hat. Man darf selbst in der traurigen aktuellen Zeit nicht vergessen, daß Frankreich die älteste Tochter der Kirche war ... Seit dieser einzigen Reise habe ich Rom nicht verlassen.« Und er schloß seinen Satz mit einer Geberde ruhiger Geringschätzung. Wozu Reisen in das Land des Zweifels und der Empörung unternehmen? Genügt denn nicht Rom, das weltbeherrschende Rom, die ewige Stadt, die zur geweissagten Zeit wieder die Hauptstadt der Welt werden muß? Pierre dachte stumm an den gewaltthätigen, streitsamen Fürsten von einst, der nun dahin gekommen war, diese einfache Sutane zu tragen; er fand ihn schön in seiner stolzen Ueberzeugung, daß Rom sich selbst genüge. Aber dieser Eigensinn der Unwissenheit, dieser Vorsatz, die anderen Nationen nur in Betracht zu ziehen, um sie als Vasallen zu behandeln, beunruhigten ihn, als er an den Beweggrund dachte, der ihn hierher führte. Da nun ein Schweigen entstand, glaubte Pierre mit einer Huldigung zur Sache zurückkehren zu müssen. »Ehe ich irgend einen Schritt unternehme, will ich Eurer Eminenz meine Hochachtung zu Füßen legen, denn Eure Eminenz sind meine einzige Hoffnung, und ich stehe Eure Eminenz an, mich gütigst beraten und leiten zu wollen.« Nun lud Boccanera ihn mit einer Handbewegung ein, auf einem Stuhl ihm gegenüber Platz zu nehmen. »Gewiß, mein lieber Sohn, ich weigere mich nicht, Ihnen mit Rat beizustehen. Das bin ich jedem Christen schuldig, der recht zu handeln wünscht. Nur wären Sie sehr im Unrecht, wenn Sie auf meinen Einfluß rechnen würden: er ist gleich Null. Ich lebe vollständig abseits, kann und will nichts verlangen ... Aber das soll uns nicht hindern, ein wenig zu plaudern.« Er ging sehr offen, ohne jeden Hinterhalt auf die Frage ein. Sein unabhängiger, mutiger Geist schreckte vor der Verantwortlichkeit nicht zurück. »Sie haben ein Buch geschrieben, nicht wahr? ›Das neue Rom‹, glaube ich? Und Sie kommen hierher, um dieses Buch, das der Indexkonkregation vorgelegt ward, zu verteidigen ... Nun, ich habe es noch nicht gelesen. Sie begreifen, daß ich nicht alles lesen kann. Ich lese bloß die Bücher, die mir die Kongregation, der ich seit vorigem Jahre angehöre, zuschickt, und auch da begnüge ich mich oft mit dem Rapport, den mein Sekretär für mich verfaßt ... Aber meine Nichte Benedetta hat Ihr Buch gelesen und sagte mir, daß es nicht uninteressant wäre. Sie sei anfangs etwas erstaunt und dann sehr gerührt gewesen ... Ich verspreche Ihnen also, es durchzulesen und die beanstandeten Stellen mit der größten Sorgfalt zu studiren.« Pierre ergriff die Gelegenheit, um mit seiner Verteidigung zu beginnen. Er hielt es für das beste, sofort seine Pariser Referenzen anzugeben. »Eure Eminenz begreifen meine Verblüffung, als ich erfuhr, daß mein Buch verfolgt werde ... Der Herr Vicomte Philibert de la Choue, der mir wohlwollend gesinnt ist, läßt nicht ab, zu wiederholen, daß ein solches Buch für den Heiligen Stuhl so viel wert sei wie die beste Armee.« »O, de la Choue, de la Choue!« wiederholte der Kardinal mit einem wohlwollend geringschätzigen Verziehen des Mundes. »Ich weiß, daß de la Choue sich für einen guten Katholiken halt. Sie wissen, ist ein wenig mit uns verwandt, und wenn er im Palast absteigt, so sehe ich ihn gerne – unter der Bedingung, daß über gewisse Gegenstände nicht gesprochen wird, über die wir uns nie einigen könnten ... Aber schließlich ist der Katholizismus des trefflichen und guten de la Choue mit seinen Korporationen, seinen Arbeitervereinen, seiner gereinigten Demokratie und seinem unklaren Sozialismus nichts als Literatur.« Das Wort machte Pierre betroffen, denn er fühlte dessen ganze verächtliche Ironie, die auch ihn angriff. Er beeilte sich daher, seinen andern Bürgen zu nennen. Er hielt diesen für eine unbestreitbare Autorität. »Seine Eminenz der Kardinal Bergerot haben geruht, meinem Werke seine vollste Billigung zu erteilen.« Im Nu veränderte sich das Gesicht Boccaneras. Das, was sich darauf malte, war nicht mehr der spöttische Tadel, das Mitleid, welches die unbedachte und im voraus zum Scheitern bestimmte Handlung eines Kindes hervorrufen. Eine Zornesflamme erhellte die düsteren Augen und das ganze Gesicht wurde hart vor Kampflust. »Gewiß,« sagte er langsam, »der Kardinal Bergerot steht in Frankreich im Rufe großer Frömmigkeit. Hier in Rom kennen wir ihn wenig. Persönlich habe ich ihn nur einmal gesehen, als er sich den Kardinalshut holen kam. Ich würde mir nicht erlauben, ihn zu kritisiren, wenn in der letzten Zeit nicht seine Schriften und Handlungen meine gläubige Seele betrübt hätten. Ich stehe leider nicht allein; Sie werden hier im heiligen Kollegium niemand finden, der ihn lobt.« Er hielt inne und sprach dann in bestimmtem Ton: »Der Kardinal Bergerot ist ein Revolutionär.« Diesmal machte die Ueberraschung Pierre einen Augenblick stumm. Ein Revolutionär! Großer Gott! Dieser sanfte Seelenhirt mit der unerschöpflichen Nächstenliebe, der nur davon träumte, daß Jesus wieder zur Erde steigen möge, um endlich Gerechtigkeit und Frieden herrschen zu lassen! Die Worte hatten also nicht überall dieselbe Bedeutung? Und in was für eine Religion geriet er, wenn die Religion der Armen und Leidenden eine verdammenswerte, einfach aufrührerische Leidenschaft wurde? Er begriff noch nicht klar, fühlte jedoch, daß eine Diskussion unhöflich und nutzlos wäre; er hatte nur noch den Wunsch, sein Buch zu schildern, es zu erklären und zu rechtfertigen. Aber der Kardinal unterbrach ihn gleich bei den ersten Worten. »Nein, nein, mein lieber Sohn, das würde zu viel Zeit beanspruchen, auch will ich die Stellen lesen ... Uebrigens gibt es eine unbedingte Regel: jedes Buch, das an den Glauben rührt, ist gefährlich und verwerflich. Respektirt Ihr Buch vollständig das Dogma?« »Ich glaube es und beteure Eurer Eminenz, daß ich nicht beabsichtigte, ein Werk der Verneinung zu schaffen.« »Das ist recht. Wenn das wahr ist, werde ich auf Ihrer Seite stehen können ... Aber im entgegengesetzten Falle könnte ich Ihnen nur einen Rat geben: nämlich Ihr Werk selbst zurückzuziehen, es zu verwerfen und zu zerstören, ohne abzuwarten, bis die Indexkongregation Sie dazu zwingt. Wer Aergernis gegeben hat, muß es unterdrücken und sühnen, indem er in sein eigenes Fleisch schneidet. Ein Priester hat keine andere Pflicht als Demut und Gehorsam, als die vollständige Erniedrigung seines Ich vor dem höchsten Willen der Kirche. Aber wozu überhaupt schreiben? Denn in der Aeußerung einer eigenen Meinung liegt bereits eine Empörung; immer ist es eine Versuchung des Teufels, die einem die Feder in die Hand drückt. Wozu dem Dünkel des Geistes und der Gewalt nachgeben, um sich der Gefahr der Verdammnis auszusetzen? ... Ihr Buch, mein lieber Sohn, ist mich nur Literatur, Literatur!« Er wiederholte dies Wort mit solcher Verachtung, daß Pierre die ganze Not seiner armen Apostelschrift empfand, wenn sie diesem Fürsten, der ein Heiliger geworden, vor Augen kommen würde. Er hörte ihm zu, und, von wachsender Furcht und Bewunderung ergriffen, glaubte er ihn immer höher wachsen zu sehen. »O, der Glaube, mein lieber Sohn, der unbedingte, uneigennützige Glaube, der bloß wegen des Glückes, zu glauben, glaubt! Welche Ruhe, wenn man sich vor den Mysterien beugt, ohne sie erforschen zu wollen, wenn man die ruhige Ueberzeugung hat, daß man mit ihrer Annahme endlich das Gewisse und das Bestimmte besitzt! Ist nicht die vollständigste geistige Befriedigung jene Befriedigung, die das Göttliche gibt, indem es die Vernunft erobert, schult und anhäuft, so daß sie gleichsam ausgefüllt und fortan wunschlos wird? Wenn das Unbekannte nicht durch das Göttliche erklärt wird, so ist für die Menschen ein dauernder Friede nicht möglich. Man muß die Wahrheit und Gerechtigkeit Gott anheimgeben, wenn man will, daß sie auf Erden herrschen sollen. Wer nicht glaubt, ist ein allem Unheil ausgesetztes Schlachtfeld. Nur der Glaube allein befreit und beruhigt.« Und Pierre verharrte einen Augenblick schweigend vor dieser hohen Gestalt, die sich erhob. In Lourdes hatte er nur die leidende Menschheit sich auf die Heilung des Leibes und die Tröstung der Seele stürzen gesehen. Hier war es der intelligente Gläubige, ein der Gewißheit bedürfender Geist, der Befriedigung fand, indem er in sich die hohe Freude genoß, nicht mehr zu zweifeln. Noch nie hatte er einen so freudigen Aufruf gehört, in Gehorsam zu leben und sich um das nach dem Tode nicht zu sorgen. Er wußte, daß Boccanera eine etwas lebhafte Jugend und sinnliche Krisen durchgemacht hatte, in denen das heiße Blut der Ahnen aufflammte; er wunderte sich über die ruhige Majestät, die der Glaube zuletzt diesem Sprossen einer so gewaltthätigen Rasse verliehen hatte. Nur der Stolz war seine einzige Leidenschaft geblieben. »Und doch,« wagte er endlich mit sehr leiser Stimme zu sagen, »wenn auch das Wesen des Glaubens unveränderlich bleibt, so ändern sich doch die Formen ... Von Stunde zu Stunde entwickelt sich alles, verändert sich die Welt.« »Aber das ist eben nicht wahr!« rief der Kardinal, »Die Welt ist unbeweglich, ewig unbeweglich! ... Sie tobt, sie verirrt sich, sie gerät auf die abscheulichsten Bahnen, und man muß sie beständig auf den rechten Weg zurückführen – so ist es. Muß die Welt, damit die Verheißungen Christi sich erfüllen, nicht zum Ausgangspunkt, zur ersten Unschuld zurückkehren? Ist das Ende der Zeiten nicht auf den triumphirenden Tag festgesetzt, da die Menschen im Besitz der ganzen Wahrheit sein werden, die das Evangelium bringt? ... Nein, nein, die Wahrheit liegt in der Vergangenheit. Man muß sich stets an die Vergangenheit halten, wenn man sich nicht ins Verderben stürzen will. Diese schönen Neuheiten, diese Fata Morgana des wunderbaren Fortschrittes sind bloß Fallen der ewigen Verdammnis. Wozu noch mehr suchen, wozu sich unablässig der Gefahr eines Irrtums aussetzen, da doch die Wahrheit seit achtzehnhundert Jahren bekannt ist? ... Die Wahrheit! Sie liegt in dem römisch-apostolischen Katholizismus, so wie ihn die lange Reihe von Generationen geschaffen hat! Welch ein Wahnsinn, ihn verändern zu wollen, da so viele große Geister, so viele fromme Seelen daraus das wunderbarste aller Monumente, das einzige Werkzeug der Ordnung in dieser und der Rettung in jener Welt gemacht haben!« Pierre protestirte nicht mehr. Das Herz krampfte sich ihm zusammen, denn er konnte jetzt nicht mehr zweifeln, daß er einen unversöhnlichen Gegner seiner teuersten Ideen vor sich habe. Er verbeugte sich ehrfurchtsvoll, aber erstarrt; denn er spürte einen leisen Hauch über sein Gesicht ziehen, den fernen Wind, der die tödliche Kälte der Gräber mit sich brachte. Der Kardinal aber richtete seine hohe Gestalt auf und fuhr mit seiner störrischen Stimme, aus der ein stolzer Mut klang, fort: »Und wenn der Katholizismus, wie die Feinde behaupten, zu Tode getroffen ist, so muß er aufrecht sterben, in seiner glorreichen Vollständigkeit ... Verstehen Sie wohl, Herr Abbé, kein Zugeständnis, kein Nachgeben, keine Feigheit! Er ist so, wie er ist, und anders könnte er nicht sein. Die göttliche Gewißheit, die unbedingte Wahrheit läßt sich nicht ändern, und der geringste Stein, der dem Gebäude entnommen wird, ist immer nur eine Ursache zum Zusammenbruch ... Ist das übrigens nicht ganz klar? Die alten Häuser, an die man, angeblich um sie auszubessern, die Haue setzt, sind nicht zu retten. Die Risse vermehren sich nur. Wenn es wahr wäre, daß Rom in Staub zu zerfallen droht, dann hätten alle Ausbesserungen, alle Uebertünchungen nur das Resultat, die unvermeidliche Katastrophe zu beschleunigen. Aber statt des großen, unbeweglichen Todes wäre es nur noch die jammervollste Agonie, das Ende eines Feiglings, der sich wehrt und um Gnade bittet ... Ich warte. Ich bin überzeugt, daß dies nur furchtbare Lügen sind, daß der Katholizismus niemals stärker war, daß er seine Ewigkeit aus der einzigen Quelle des Lebens schöpft. Aber an dem Abend, da der Himmel zusammenbrechen wird, werde ich hier stehen, inmitten dieser alten, abbröckelnden Mauern, unter dieser alten Decke, deren Balken die Würmer fressen, und ausrecht unter den Trümmern werde ich enden, zum letztenmal mein Credo sprechend.« Er redete immer langsamer, von stolzer Trauer übermannt, wahrend er mit einer weiten Geberde auf den alten, verlassenen Palast deutete, den das Leben mit jedem Tage mehr verließ. War es ein unwillkürliches Vorgefühl, streifte auch ihn der leichte, von den Ruinen kommende kalte Hauch? Das erklärte, warum die weiten Säle so vernachlässigt waren, warum die seidenen Tapeten in Fetzen herabhingen, die Wappen von Staub gebleicht waren und die Milben den Kardinalshut verzehrten. Und dieser Fürst und Kardinal, dieser intransigente Katholik, der sich so in das wachsende Dunkel der Vergangenheit zurückzog und mit tapferem Soldatenherzen dem unvermeidlichen Zusammensturz der alten Welt trotzte, war von einer hoffnungslosen und prächtigen Größe. Pierre wollte betroffen sich verabschieden, als eine kleine Tapetenthür sich öffnete. Boccanera fuhr ungeduldig auf. »Was gibt's? Kann man mich nicht einen Augenblick in Ruhe lassen?« Aber der Abbé Paparelli, der dicke, stille Schleppträger, trat trotzdem ein, ohne sich im geringsten aufzuregen. Er kam naher und flüsterte dem Kardinal, der sich bei seinem Anblick etwas beruhigt hatte, leise etwas ins Ohr. »Was für ein Vikar? ... Ach ja, Santobono, der Vikar von Frascati. Ich weiß ... Sagen Sie ihm, daß ich ihn jetzt nicht empfangen kann.« Paparelli sing abermals mit seiner dünnen Stimme zu flüstern an. Trotzdem hörte Pierre einzelne Worte: eine dringende Angelegenheit – der Vikar müßte wieder abreisen – er habe nur ein paar Worte zu sagen. Und ohne die Einwilligung des Kardinals abzuwarten, führte er den Besucher, seinen Schützling, herein. Er hatte ihn hinter der kleinen Thür stehen lassen. Dann verschwand er wieder mit der Ruhe eines Untergebenen, der sich trotz seiner niedrigen Stellung allmächtig weiß. Pierre, den man ganz vergaß, sah einen baumlangen Priester eintreten. Er war wie mit der Axt zugehauen, ein Bauernsohn, der noch immer in enger Berührung mit dem Boden stand. Er hatte große Füße, knotige Hände, ein blatternarbiges, lohfarbiges Gesicht, das von schwarzen, sehr lebhaften Augen erhellt wurde. Für seine fünfundvierzig Jahre war er noch sehr kräftig und glich mit seinem schlecht geschnittenen Bart und der Sutane, die zu weit um seine hervorstehenden Knochen hing, ein wenig einem verkleideten Banditen. Aber die Physiognomie war stolz geblieben, nichts Niedriges lag darin. Er trug einen kleinen Korb, der sorgfältig mit Feigenblättern zugedeckt war. Santobono bog sofort die Kniee und küßte den Ring; aber er machte es rasch wie eine einfache, gewöhnliche Höflichkeit ab. »Ich bitte Eure ehrwürdigste Eminenz um Verzeihung, daß ich zudringlich war,« sagte er dann mit der ehrerbietigen Vertraulichkeit des niedern Volkes gegen die Großen. »Es warten viele Leute und ich wäre nicht empfangen worden, wenn mein alter Kamerad Paparelli nicht auf den Gedanken gekommen wäre, mich durch diese Thür eintreten zu lassen. O, ich habe Eure Eminenz um eine so große Gefälligkeit zu bitten, eine so riesige Gefälligkeit ... Aber vor allem erlauben mir Eure Eminenz, Ihnen ein kleines Geschenk anzubieten.« Boccanera hörte ernst zu. In früheren Zeiten, als er den Sommer in Frascati in der fürstlichen Villa zuzubringen pflegte, welche die Familie dort besaß, hatte er ihn sehr gut gekannt. Die Villa war ein im sechzehnten Jahrhundert rekonstruirter Bau mit einem wundervollen Park, dessen berühmte Terrasse auf die römische Campagna hinausging, die ungeheuer und kahl wie das Meer war. Diese Villa war nun verkauft, und auf den auf Benedettas Teil gefallenen Weingärten hatte Graf Prada vor dem Scheidungsgesuch ein ganzes neues Viertel von kleinen Lusthäusern zu bauen begonnen. Vordem hatte der Kardinal es nicht verschmäht, auf seinen Spaziergängen einen Augenblick bei Santobono auszuruhen, der vor der Stadt eine alte, Santa Maria dei Campi geweihte Kapelle verwaltete. Der Priester bewohnte ein neben der Kapelle befindliches, halb zerfallenes altes Gemäuer, dessen Hauptreiz ein mit Mauern umgebener Garten war. Diesen pflegte er selbst mit der Leidenschaft eines echten Bauers. »Ich wollte, daß Eure Eminenz so wie alle Jahre meine Feigen losten,« fügte er, indem er den Korb auf den Tisch stellte. »Es sind die ersten im heurigen Jahr und ich habe sie heute morgen für Eure Eminenz gepflückt. Eminenz aßen sie so gern, als Sie noch geruhten, zu kommen, um sie vom Baum zu essen! Und Eminenz geruhten zu sagen, daß kein Feigenbaum in der Welt solche Feigen hätte!« Der Kardinal mußte lächeln. Er aß Feigen sehr gern und es war wahr: der Feigenbaum Santobonos war im ganzen Lande berühmt. »Danke, lieber Abbé! Sie merken sich meine kleinen Schwächen ... Nun, was kann ich für Sie thun?« Er war sofort wieder ernst geworden, denn zwischen ihm und dem Vikar gab es alte Streitigkeiten, verschiedene Anschauungen, die ihn erzürnten. Santobono, der aus Remi, einer ganz wilden Gegend, und aus einer gewaltthätigen Familie stammte, deren ältester Sohn durch einen Messerstich getötet worden war bekannte sich von jeher als feurigen Patrioten. Man erzählte sich, daß er beinahe mit Garibaldi zu den Waffen gegriffen habe, und an dem Tage, an dem die Italiener in Rom einzogen, mußte man ihn gewaltsam hindern, die Fahne der italienischen Einheit auf seinem Dache aufzupflanzen. Sein leidenschaftlicher Traum war, Rom als Herrin der Welt zu sehen, wenn Papst und König, nachdem sie sich umarmt hatten, gemeinschaftliche Sache mit einander machen würden. Der Kardinal hielt ihn für einen gefährlichen Revolutionär, einen abtrünnigen Priester, der den Katholizismus in Gefahr brachte. »O, was Eure Eminenz für mich thun kann? Was Eure Eminenz thun können, wenn Sie nur geruhen wollten?« wiederholte Santobono in feurigem Ton, indem er seine derben, knotigen Hände faltete. Aber dann besann er sich und fuhr fort: »Hat Seine Eminenz der Kardinal Sanguinetti Eurer ehrwürdigsten Eminenz nichts von meiner Angelegenheit gesagt?« »Nein. Der Kardinal bereitete mich bloß auf Ihren Besuch vor. Er sagte mir, daß Sie mich um etwas bitten wollten.« Boccaneras Gesicht hatte sich verdüstert; er wartete mit noch strengerer Miene. Es war ihm nicht unbekannt, daß der Priester der Schützling Sanguinettis geworden war, seitdem der letztere als Suburbikarbischof von Frascati ganze Wochen dort zubrachte. Jeder Kardinal, der auf die Papstwürde kandidirt, hat solche geringe Vertraute hinter sich, die das ganze Streben ihres Lebens auf seine mögliche Wahl setzen: wenn er eines Tages Papst wird, wenn sie ihm helfen, es zu werden, treten sie in seinem Gefolge in die große päpstliche Hausgenossenschaft ein. Es ging das Gerücht, daß Sanguinetti dem Abbé Santobono bereits aus einer mißlichen Geschichte geholfen habe. Er hatte ein Kind, das Obst stehlen wollte, gerade dabei betroffen, als es über seine Mauer steigen wollte, und es war an den Folgen einer zu derben Züchtigung gestorben ... Aber zum Lobe des Priesters muß trotzdem hinzugefügt werden, daß seiner fanatischen Ergebenheit für den Kardinal Sanguinetti hauptsächlich die Hoffnung zu Grunde lag, daß er der erwartete Papst sein werde, der Papst, der bestimmt war, Italien zu der ersten Nation zu machen. »Nun, dann werde ich mein Unglück erzählen ... Eure Eminenz kennen meinen Bruder Agostino. Er war zwei Jahre bei Ihnen als Gärtner in der Villa. Das ist doch gewiß ein sehr netter, sehr sanfter Mensch, über den niemand je zu klagen hatte ... Nun ist ihm – niemand kann sich erklären wieso – ein Unglück zugestoßen; er hat in Genzano eines Abends, als er auf der Straße spazieren ging, einen mit einem Messerstiche getötet ... Es ist mir höchst ärgerlich. Ich gäbe gern zwei Finger meiner Hand hin, wenn ich ihn aus dem Gefängnis herausbringen könnte. Und da habe ich mir gedacht, daß Eure Eminenz es mir nicht abschlagen werden, ihm ein Zeugnis auszustellen, in dem gesagt ist, daß Agostino im Dienste Eurer Eminenz stand und daß Eure Eminenz mit ihm immer sehr zufrieden waren.« Der Kardinal protestirte rund heraus. »Nein, ich war mit Agostino durchaus nicht zufrieden. Er war von einer geradezu tollen Heftigkeit und ich mußte ihn eben aus dem Grunde entlassen, weil er mit der andern Dienerschaft fortwährend im Streit lebte.« »O, wie kränkt mich das, was Eure Eminenz mir da sagen! Der Charakter meines armen, kleinen Agostino ist also wirklich verdorben worden! Aber die Sache läßt sich noch machen, nicht wahr? Eure Eminenz können mir trotzdem ein Zertifikat geben – in anderen Ausdrücken abgefaßt. Ein Zertifikat Eurer Eminenz würde vor dem Richter einen so guten Eindruck machen.« »Gewiß, ich verstehe,« antwortete Boccanera. »Aber ich gebe kein Zertifikat.« »Was! Eure ehrwürdigste Eminenz wollen nicht?« »Entschieden nicht! ... Ich weiß, daß Sie ein vollständig moralischer Priester sind, daß Sie Ihrem heiligen Amte mit Eifer obliegen und überhaupt ein ganz schätzbarer Mann wären ohne Ihre politischen Ansichten. Aber Ihre brüderliche Liebe führt Sie irre. Ich kann nicht lügen, um Ihnen gefällig zu sein.« Santobono sah ihn verblüfft an. Er begriff nicht, daß ein Fürst, ein allmächtiger Kardinal, sich vor so nichtigen Skrupeln aufhielt, wenn es sich um einen Messerstich handelte, die gewöhnlichste, häufigste Sache in den noch wilden Gegenden der römischen Schlösser. »Lügen, lügen,« murmelte er, »das heißt nicht lügen, wenn man nur das Gute erwähnt, das einer nn sich hat. Und etwas Gutes hat ja Agostino an sich. Bei einem Zertifikat hängt es hauptsächlich von dem ab, was man hinein schreibt.« Er hatte sich die Sache in den Kopf gesetzt und es wollte ihm nicht in den Sinn, daß jemand sich weigern kann, den Richter durch eine scharfsinnige Darstellung der Thatsachen irre zu führen. Als er dann einsah, daß er nichts erreichen werde, machte er eine hoffnungslose Geberde und sein erdfarbenes Gedicht nahm einen tief grollenden Ausdruck an, während seine schwarzen Augen vor verhaltenem Zorn stammten. »Schön, schön! Ein jeder erkennt die Wahrheit auf seine Art. Ich werde zurückkehren und es Seiner Eminenz Kardinal Sanguinetti vermelden. Und ich bitte Eure ehrwürdigste Eminenz, mir nicht böse zu sein, wenn ich unnützerweise gestört habe ... Vielleicht sind die Feigen nicht ganz reif. Ich werde mir aber erlauben, noch einen Korb zu bringen gegen Ende des Herbstes, wenn sie schon ganz gut und süß sind ... Tausend Dank und Glück und Segen über Eure ehrwürdigste Eminenz ...« Er näherte sich, rückwärts schreitend und seine große, knochige Gestalt tief verbeugend, der Thüre. Pierre, der mit regem Interesse der Scene gefolgt war, fand in ihm die Verkörperung des niedern Klerus von Rom und Umgebung, von dem man ihm vor seiner Abreise erzählt hatte. Das war nicht der »Scagnozzo«, der arme, verhungerte Priester, der infolge irgend einer mißlichen Geschichte aus der Provinz kommt und auf der Suche nach dem täglichen Brot auf das Pflaster Roms gerät. Diese Art bildet einen Schwarm von Bettlern in der Sutane, die in den Brosamen der Kirche ihr Glück suchen, sich gierig um zufällige Messen streiten und mit niedrigem Volk in übelberüchtigten Schenken herumtreiben. Es war auch nicht der Pfarrer aus den fernen Provinzen, der, vollständig unwissend und kraß abergläubisch, ein Bauer unter den Bauern war. Seine Pfarrkinder behandelten ihn wie ihresgleichen und verwechselten ihn, da sie sehr fromm waren, niemals mit Gott; vor dem Schutzheiligen ihrer Pfarre lagen sie auf den Knieen, nie aber vor dem Manne, der von ihm lebte. In Frascati nahm der Verweser einer kleinen Kirche neunhundert Franken ein und hatte keine anderen Ausgaben als für Brot und Fleisch, wenn er Obst, Wein und Gemüse aus seinem Garten bezog. Dieser Priester war nicht ungebildet, kannte ein wenig Theologie, ein wenig Geschichte, besonders die Geschichte der vergangenen Größe Roms, die seinen Patriotismus entstammt hatte, so daß er immer wieder von der nahen Weltherrschaft träumte, die dem wiedergeborenen Rom, der Hauptstadt Italiens, vorbehalten sein mußte. Aber welche unüberschreitbare Kluft bestand noch zwischen dem oft sehr würdigen und intelligenten niedern römischen Klerus und dem hohen Klerus, den hohen Würdenträgern des Vatikans! Wer nicht mindestens Prälat war, existirte nicht. »Tausend Dank und möge Eurer ehrwürdigsten Eminenz alles nach Wunsch gehen!« Als Santobono endlich verschwunden war, kehrte der Kardinal zu Pierre zurück, der sich ebenfalls abschiednehmend verbeugte. »Mit einem Wort, Herr Abbé, die Angelegenheit mit Ihrem Buche scheint mir schlecht zu stehen. Ich wiederhole, daß ich nichts Genaues weiß, daß ich die Akten nicht gesehen habe. Da es mir jedoch bekannt ist, daß meine Nichte Benedetta sich für Sie interessirt, so habe ich mit dem Kardinal Sanguinetti, dem Präfekten des Index, der gerade vorhin hier war, ein Wörtchen darüber gesprochen. Aber er weiß selbst nicht mehr wie ich, denn alles befindet sich noch in den Händen des Sekretärs. Er hat mir jedoch versichert, daß die Denunziation von bedeutenden, sehr einflußreichen Personen ausging und sich auf zahlreiche Seiten erstreckt. Diejenigen Stellen, die vom Standpunkt der Disziplin sowohl wie vom Standpunkt des Dogma ein Aergernis geben, sind genau bezeichnet.« Der junge Priester ward von dem Gedanken, daß verborgene Feinde ihn im Dunkel verfolgten, sehr bewegt. »O denunzirt, denunzirt!« rief er. »Wenn Eminenz wüßten, wie dies Wort mein Herz schwellen läßt! Und wegen entschieden unfreiwilliger Verbrechen, denn ich wollte einzig und allein den Triumph der Kirche ... So werde ich mich also dem heiligen Vater zu Füßen werfen und mich verteidigen.« Boccanera richtete sich jählings auf. Eine harte Falte furchte seine hohe Stirn. »Seine Heiligkeit kann, wenn es ihm beliebt, alles – selbst Sie empfangen und Ihnen die Absolution geben ... Aber, hören Sie, ich rate Ihnen nochmals, selbst Ihr Buch zurückzuziehen, es einfach und mutig zu zerstören, ehe Sie sich in einen Kampf stürzen, in dem Ihnen mir die Schmach bevorsteht, zerschmettert zu werden ... Nun, überlegen Sie es sich.« Pierre hatte es sofort bereut, daß er von einem Besuch beim Papst gesprochen hatte; denn er fühlte, daß dieser Appell an die höchste Autorität den Kardinal verletzte, Uebrigens war kein Zweifel mehr möglich: der Kardinal würde gegen sein Werk sein. Er hatte keine andere Hoffnung mehr, als durch seine Umgebung einen Druck aus ihn auszuüben, damit er neutral bleibe. Er schien ihm sehr offenherzig, sehr freimütig zu sein und über den niedrigen Intriguen zu stehen, die sich, wie er jetzt zu ahnen begann, mit seinem Buche beschäftigten. Er verabschiedete sich mit wirklicher Ehrfurcht. »Ich danke Eurer Eminenz unendlich und verspreche, an alles zu denken, was Eure Eminenz in Ihrer übergroßen Güte mir zu sagen geruhten.« Im Vorzimmer sah Pierre fünf oder sechs Personen, die während seiner Audienz erschienen waren und nun warteten. Da war ein Bischof, ein Prälat, zwei alte Damen; und als er vor dem Weggehen auf Don Vigilio zutrat, sah er ihn zu seiner lebhaften Ueberraschung im Gespräch mit einem großen, blonden, jungen Mann, einem Franzosen, der ebenfalls ganz erstaunt rief: »Wie, Sie hier, Herr Abbé Sie sind in Rom?« Der Priester war einen Augenblick unschlüssig. »Ah, Herr Narcisse Habert! Ich bitte um Verzeihung, ich erkannte Sie nicht gleich! Das ist wirklich unverzeihlich von mir, denn ich wußte, daß Sie seit vorigem Jahr der Botschaft attachirt sind.« Narcisse war schlank, hoch aufgeschossen, sehr elegant, besaß einen reinen Teint, blaßblaue, fast malvenfarbige Augen, einen blonden, sein gekräuselten Bart und trug sein lockiges Haar nach florentinischer Art über der Stirn verschnitten. Er entstammte einer sehr reichen, streitbar katholischen Richterfamilie und hatte einen Oheim, der der Diplomatie angehörte. Das hatte sein Schicksal entschieden. Uebrigens war sein richtiger Platz in Rom, wo er über eine mächtige Verwandtschaft verfügte: er war der angeheiratete Neffe des Kardinals Sarno, dessen eine Schwester einen Pariser Notar, seinen Oheim, geheiratet hatte, und außerdem Geschwisterkind des bestallten Geheimkämmerers Monsignore Gamba del Zoppo, des Sohnes einer seiner Tanten, die einen italienischen Oberst geheiratet hatte. Aus diesem Grunde war er der Botschaft beim Vatikan zugeteilt worden. Dort duldete man sein etwas phantastisches Wesen, seine nie ruhende Kunstleidenschaft, die ihn zu endlosen Streifereien durch Rom bewog. Im übrigen war er sehr liebenswürdig und äußerst vornehm, dabei im Grunde sehr praktisch und in Geldangelegenheiten wunderbar erfahren; und so widerfuhr es ihm manchmal sogar, daß er – wie an diesem Vormittag – im Namen seines Botschafters bei einem Kardinal vorsprechen mußte, um mit seiner müden, etwas geheimnisvollen Miene eine wichtige Angelegenheit zu besprechen. Sofort führte er Pierre in eine tiefe Fensternische, um sich dort in Muße mit ihm unterhalten zu können. »Mein lieber Abbé, wie froh bin ich, Sie zu sehen! Erinnern Sie sich unserer netten Gespräche, als wir uns beim Kardinal Bergerot kennen lernten? Ich bezeichnete Ihnen die Bilder, die Sie für Ihr Buch ansehen mußten, Miniaturen aus dem vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert. Aber Sie wissen, von heute au nehme ich Sie in Beschlag. Ich werde Ihnen Rom zeigen. wie kein anderer es vermochte. Ich habe alles gesehen, alles durchstöbert. O, diese Schätze, diese Schätze! Aber eigentlich gibt es nur ein Werk hier, dazu kehrt man immer wieder zurück. Die Botticellis in der Sixtinischen Kapelle – o, die Botticellis!« Seine Stimme erstarb; er machte eine erschöpfte Geberde der Bewunderung. Und Pierre mußte versprechen, sich ihm ganz zu überlassen und mit ihm in die Sixtinische Kapelle zu gehen. »Wissen Sie, warum ich hier bin?« sagte Pierre endlich. »Mein Buch wird verfolgt; man hat es der Kongregation des Index angezeigt.« »Ihr Buch? Nicht möglich!« rief Narcisse. »Ein Buch, in dem gewisse Stellen an den entzückenden heiligen Franz von Assissi erinnern!« Er stellte sich ihm nun verbindlich zur Verfügung. »Hören Sie, unser Botschafter wird Ihnen von großem Nutzen sein können. Er ist der beste Mensch von der Welt, bezaubernd liebenswürdig, voll alter, französischer Bravour ... Ich werde Sie ihm noch heute nachmittag, spätestens morgen vormittag vorstellen, und da Sie eine sofortige Audienz beim Papst wünschen, wird er trachten, Ihnen eine zu verschaffen ... Noch muß ich hinzufügen, daß das nicht immer so leicht geht. So sehr der heilige Vater ihn auch liebt, mißlingt es ihm manchmal doch; so schwer ist der Zutritt.« Pierre hatte in der That nicht daran gedacht, sich der Hilfe des Botschafters zu bedienen; in seiner Naivität war er der Meinung gewesen, daß sich vor einem angeklagten Priester, der sich verteidigen will, alle Thüren von selbst öffnen müßten. Er war von dem Anerbieten des guten Narcisse entzückt und dankte ihm so lebhaft, als ob die Audienz bereits bewilligt sei. »Und dann, wenn uns Schwierigkeiten begegnen füllten, so wissen Sie ja, daß ich Verwandte im Vatikan habe,« fuhr der junge Mann fort. »Ich rede nicht von meinem Oheim, dem Kardinal, der uns von gar keinem Nutzen wäre, da er sich aus dem Bureau der Propaganda nicht rührt und jede Vermittlung ablehnt. Aber mein Vetter, Monsignore Gamba del Zoppo, der zur vertrauten Umgebung des Papstes gehört, mit dem ihn sein Dienst zu jeder Stunde des Tages zusammenführt, ist ein gefälliger Mann. Wenn es sein muß, führe ich Sie zu ihm, und er wird zweifellos Mittel und Wege finden, um Ihnen eine Unterredung zu verschaffen, obwohl er sich bei seiner großen Vorsicht manchmal vor dem Kompromittirtwerden fürchtet ... Es ist also abgemacht. Verlassen Sie sich in allem und jedem ganz auf mich.« »Von ganzem Herzen, mein lieber Herr Habert!« rief Pierre glücklich und erleichtert. »Sie wissen gar nicht, was für einen Balsam Sie mir gewahren. Seit ich hier bin, sucht mich alle Welt zu entmutigen; Sie sind der erste, der mir wieder etwas Kraft gibt, indem Sie die Dinge auf französische Art behandeln,« Mit gedämpfter Stimme schilderte er ihm seine Unterredung mit dem Kardinal Boccanera, von dem er entschieden nicht die geringste Hilfe zu erwarten habe, die bösen Nachrichten, die der Kardinal Sanguinetti gebracht hatte, und schließlich die Rivalität, die, wie er herausfühlte, zwischen den beiden Kardinälen herrschte. Narcisse hörte lächelnd zu und kam auch ins Schwätzen und zu vertraulichen Geständnissen. Diese Rivalität, dieser vorzeitige Streit um die Tiara, nach der beide leidenschaftlich strebten, brachte die schwarze Gesellschaft schon lange in Aufruhr. Es gab unglaubliche verwickelte Unterströmungen, und niemand hätte genau zu sagen vermocht, wer die ausgedehnte Intrigue leite. Im allgemeinen wußte man, daß Boccanera die Intransigenz vertrat, den keinerlei Kompromiß mit der modernen Gesellschaft kennenden Katholizismus, der unbeweglich wartete, bis Gott über den Satan triumphiren, das Königreich Rom dem heiligen Vater zurückgegeben und das reuige Italien für sein Sakrileg Buße thun würde; von Sanguinetti hingegen, der sehr geschmeidig und politisch war, hieß es, daß er ebenso neue als kühne Kombinationen plane – eine Art republikanischer Föderation aller einstigen kleinen, italienischen Staaten unter dem Protektorat des Papstes. Mit einem Wort, es war der Kampf zwischen zwei entgegengesetzten Gedanken: der eine wollte die Kirche durch die unbedingte Achtung der antiken Ueberlieferung retten, der andere kündigt ihren unvermeidlichen Uebergang an, wenn sie sich nicht entschließe, die Umwälzungen des künftigen Jahrhunderts mitzumachen. Alles aber war so unbestimmt, daß die öffentliche Meinung schließlich dahin ging, daß, wenn der jetzige Papst noch einige Jahre leben sollte, weder Boccanera noch Sanguinetti sein Nachfolger sein würde. Plötzlich unterbrach Pierre Narcisse. »Und Monsignore Nani – kennen Sie den? Ich habe gestern abend hier mit ihm gesprochen... Aber sehen Sie! Da kommt er.« In der That, Nani trat eben mit seinem Lächeln, seinem rosigen, liebenswürdigen Prälatengesicht ins Vorzimmer. Seine feine Sutane, sein violetter Seidengürtel schimmerten in vornehm luxuriösem und angenehmem Glanz. Er war sehr höflich gegen den Abbé Paparelli, der ihn demütig geleitete und ihn inständig ersuchte, doch gnädigst zuwarten, bis Seine Eminenz ihn empfangen könne. »O, Monsignore Nani!« murmelte Narcisse, der ganz ernst geworden war, »das ist ein Mann, mit dem man befreundet sein muß.« Er kannte seine Geschichte und erzählte sie Pierre mit halblauter Stimme. Nani stammte aus Venedig, ans einer ruinirten, adeligen Familie, die viele Helden zu den ihren zählte. Nachdem er seine ersten Studien bei den Jesuiten gemacht hatte, ging er nach Rom, um im römischen Kollegium, das von den Jesuiten gehalten wurde, Philosophie und Theologie zu studiren. Mit dreiundzwanzig Jahren zum Priester geweiht, war er sofort einem Nuntius als Privatsekretär nach Bayern gefolgt und ging von dort als Nuntiaturauditor nach Brüssel und dann nach Paris. Dort hatte er fünf Jahre gelebt. Alles, sein glänzendes Debüt, sein lebhafter Geist – einer der vielseitigsten und unterrichtetsten, die es gab – schien ihn für die Diplomatie zu bestimmen; da wurde er plötzlich nach Rom zurückberufen, wo man ihm fast sofort die Stelle des Assessors beim S. Offizio anvertraute. Man behauptete damals, es geschehe auf den ausdrücklichen Wunsch des Papstes, der, da er ihn gut kannte und einen Mann wie ihn beim S. Offizio haben wolle, ihn zurückberufen habe, weil er, wie er sagte, in Rom viel mehr Dienste leisten würde als in einer Nuntiatur. Nani, schon früher Hausprälat, war seit kurzem Kanonikus von S. Peter und bestallter apostolischer Protonotar und hatte Aussicht, eines Tages, wenn der Papst einen andern Assessor fand, der ihm besser gefiel, Kardinal zu werden. »O, Monsignore Nani – das ist ein hervorragender Mensch, der das moderne Europa großartig kennt,« fuhr Narcisse fort, »Dabei ist er ein sehr heiliger Priester, aufrichtig gläubig, der Kirche unbedingt ergeben. Freilich ist diese feste Gläubigkeit des bedachtsamen Politikers verschieden von dem beschränkten, düstern Theologenglauben, so wie wir ihn in Frankreich haben. Darum wird es Ihnen anfangs schwer fallen, die Leute und die Dinge hier zu verstehen. Sie lassen Gott in seinem Heiligtum; sie regieren in seinem Namen und sind fest überzeugt, daß der Katholizismus die menschliche Organisation der Regierung Gottes, die einzig vollkommene und ewige ist, außerhalb welcher es nur Lügen und soziale Gefahren gibt. Während wir uns bei unseren religiösen Streitigkeiten noch bei dem wütenden Diskutiren über die Existenz Gottes aufhalten, geben sie gar nicht zu, daß diese Existenz in Zweifel gezogen werden kann, weil sie die von Gott delegirten Minister sind; sie gehen vollständig in ihrer Rolle als unabsetzbare Minister auf, üben ihre Macht zum möglichst großen Glück der Menschheit aus und setzen ihre ganze Intelligenz, ihre ganze Energie daran, die von den Völkern angenommenen Herren zu bleiben. Bedenken Sie, ein Mann, wie Monsignore Nani ist, nachdem er mit der Politik der ganzen Welt zu thun gehabt hat, seit zehn Jahren in Rom mit den heikelsten Missionen betraut, nimmt an den mannigfaltigsten und wichtigsten Angelegenheiten teil, fährt fort, das ganze, an Rom vorüberziehende Europa zu sehen, kennt alles, hat bei allem seine Hand im Spiele und ist dabei bewunderungswürdig diskret und liebenswürdig, von anscheinend vollkommener Bescheidenheit, ohne daß man sagen kann, ob er nicht mit seinem leichten Schritt dem höchsten Ziel des Ehrgeizes, der Tiara, zuschreitet.« »Noch ein Kandidat auf die Papstwürde!« dachte Pierre, der mit leidenschaftlicher Aufmerksamkeit zugehört hatte; denn die Gestalt dieses Nani interessirte ihn und verursachte ihm eine Art instinktiver Unruhe, als ahne er hinter dem rosigen, lächelnden Gesicht etwas unbestimmt Unendliches. Uebrigens verstand er die Erklärungen seines Freundes nicht völlig; er verfiel abermals in die Bestürzung, die ihn bei der ersten Ankunft in dieser neuen Umgebung ergriffen hatte, in dieser Umgebung, deren unerwartetes Aussehen alle seine Vermutungen über den Haufen warf. Aber Monsignore Nani hatte die beiden jungen Leute bemerkt und kam sehr kordial, mit ausgestreckter Hand heran. »Ah, Herr Abbé Froment! Ich freue mich, Sie wiederzusehen. Ich frage Sie gar nicht, ob Sie gut geschlafen haben, denn in Rom schläft man immer gut. – Guten Tag, Herr Habert; Sie befinden sich doch wohl, seit ich Sie damals vor Berninis heiliger Therese traf, die Sie so bewunderten? ... Ich sehe, daß Sie einander kennen. Das ist reizend. Herr Abbé, ich verrate Ihnen, daß Herr Habert einer der leidenschaftlichsten Verehrer unserer Stadt ist, der Ihnen alles Schöne zeigen wird.« Dann bestand er mit seiner liebreichen Miene darauf, sofort Näheres über die Unterredung Pierres mit dem Kardinal zu erfahren. Er hörte die Erzählung des ersteren aufmerksam an, indem er bei gewissen Einzelheiten den Kopf schüttelte und manchmal sein seines Lächeln unterdrückte. Der strenge Empfang des Kardinals, die Ueberzeugung des Priesters, daß bei ihm gar keine Hilfe zu finden sei, setzten ihn nicht im geringsten in Staunen, als hätte er dieses Resultat erwartet. Aber als der Name Sanguinettis fiel, als er erfuhr, daß er an diesem Vormittag hier gewesen sei und die Buchangelegenheit für sehr ernst erklärt hatte, schien er sich einen Augenblick zu vergessen und sprach mit plötzlicher Lebhaftigkeit: »Mein liebes Kind, ich bin zu spät gekommen. Gleich bei der ersten Nachricht von der Einleitung des Verfahrens eilte ich zu Seiner Eminenz dem Kardinal Sanguinetti, um ihm zu sagen, daß man Ihrem Werke eine ungeheure Reklame machen wolle. Ist das vernünftig? Wozu denn? Wir wissen, daß Sie etwas exaltirt, schwärmerisch und kampfbereit sind. Was hätten wir gewonnen, wenn wir uns die Empörung eines jungen Priesters auf den Hals laden würden, der mit einem Buche, von dem schon Tausende von Exemplaren verkauft sind, mit uns Krieg anfangen könnte? Ich wollte von Anfang an, daß man sich nicht rühren solle, und ich muß sagen, der Kardinal, der ein Mann von Geist ist, dachte wie ich. Er hob die Arme zum Himmel, brauste auf und rief, daß man ihn nie um Rat frage. Aber nun sei die Dummheit schon geschehen und es wäre gänzlich unmöglich, den Prozeß aufzuhalten, sobald ihn die Kongregation einmal infolge von Denunziationen, die von autoritativster Seite und aus den ernstesten Beweggründen erfolgt seien, anhängig gemacht habe... Nun, die Dummheit ist, wie er sagt, einmal geschehen, und ich mußte etwas anderes ausdenken.« Er hielt inne, denn er bemerkte, daß die glühenden Augen Pierres verständnissuchend auf die seinigen gerichtet waren. Eine unmerkliche Röte färbte sein Gesicht noch rosiger, während er, ohne sich seinen Aerger, bereits zu viel gesagt zu haben, merken zu lassen, sehr unbefangen fortfuhr: »Ja, ich will meinen ganzen schwachen Einfluß aufbieten, um Sie aus den Unannehmlichkeiten zu ziehen, in die diese Geschichte Sie sicherlich stürzen wird.« In Pierre stieg bei der dunklen Empfindung, daß man vielleicht mit ihm spiele, die Empörung auf. Warum sollte er nicht seinen Glauben bekennen, der so rein, so jeden persönlichen Interesses bar, so voll brennender, christlicher Nächstenliebe war? »Ich werde niemals mein Buch von selbst zurückziehen oder unterdrücken, so wie man es mir rät,« erklärte er. »Das wäre eine Feigheit und eine Lüge, denn ich bereue nichts, leugne nichts ab. Wenn ich glaube, daß mein Werk etwas Wahrheit bringt, so kann ich es nicht zerstören, ohne ein Verbrecher gegen mich und gegen die anderen zu sein ... Nie! Hören Sie, nie!« Es entstand eine Pause. »Diese Erklärung werde ich zu den Füßen des heiligen Vaters abgeben,« fuhr er fast gleich darauf fort. »Er wird mich verstehen, er wird mir zustimmen.« Nani lächelte nicht mehr; sein Gesicht war fortan unbeweglich und wie erschlossen. Er schien die plötzliche Heftigkeit des Priesters achtsam zu studiren und bemühte sich dann, sie durch sein ruhiges Wohlwollen zu besänftigen. »Gewiß, gewiß... Gehorsam und Demut haben große Süßigkeiten. Aber ich verstehe, daß Sie vor allem, mit Seiner Heiligkeit sprechen wollen ... Und dann werden Sie sehen, nicht wahr? Dann werden Sie sehen ...« Und er interessirte sich von neuem für die Audienzfrage. Er bedauerte lebhaft, daß Pierre diese Bitte nicht von Paris aus, vor seiner Ankunft in Rom, gestellt habe: das wäre die sicherste Art gewesen, ihre Gewährung durchzusetzen. Im Vatikan liebte man keinen Lärm, und sowie die Nachricht von der Anwesenheit des jungen Priesters sich verbreitete, sowie man von den Motiven sprach, die ihn hierher führten, war alles verloren. Als Nani jedoch erfuhr, daß Narcisse sich erboten hatte, Pierre dem französischen Botschafter beim heiligen Stuhl vorzustellen, schien er von Unruhe ergriffen zu werden und protestirte lebhaft dagegen. »Nein, nein, thun Sie das nicht! Das wäre äußerst unklug ... Erstens laufen Sie Gefahr, den Herrn Botschafter, der bei solchen Angelegenheiten immer in einer heiklen Lage ist, zu belästigen... Und dann, wenn es ihm mißlingt – und ich fürchte, daß es ihm mißlingen wird – ja, wenn es ihm mißlingt, so ist es aus; Sie haben dann nicht mehr die geringste Aussicht, die erbetene Audienz von anderer Seite zu erlangen, denn man wird die Eigenliebe des Herrn Botschafters nicht verletzen wollen, indem man einem andern Einfluß als dem seinen nachgibt.« Pierre blickte ängstlich Narcisse an; dieser schüttelte mit befangener, unschlüssiger Miene den Kopf. »In der That,« murmelte er endlich, »wir haben kürzlich für eine hohe französische Persönlichkeit eine Audienz verlangt, und sie wurde uns verweigert. Das war uns sehr unangenehm ... Monsignore hat recht. Wir müssen unsern Botschafter in Reserve halten und uns seiner erst bedienen, wenn alle anderen Zutrittswege versperrt sind. Unser erster Besuch wird also meinem Vetter im Vatikan gelten,« setzte er in feiner Gefälligkeit hinzu, da er Pierres Enttäuschung sah. Nani blickte den jungen Mann erstaunt an; seine Aufmerksamkeit war von neuem geweckt. »Im Vatikan? Sie haben einen Vetter im Vatikan?« »Aber gewiß, Monsignore Gamba del Zoppo.« »Gamba! Gamba! ... Ja, ja ... verzeihen Sie, ich erinnere mich ... Sie gedenken also, durch Gamba auf Seine Heiligkeit zu wirken ... Gewiß, das ist eine Idee... Das muß überlegt werden, das muß überlegt werden ...« Er wiederholte die letzten Worte mehrmals, um sich selbst Zeit zum Ueberlegen zu lassen, um die Idee innerlich zu erwägen. Monsignore Gamba del Zoppo war ein braver Mann, spielte gar keine Rolle, und im Vatikan war es schließlich schon zur Legende geworden, daß er eine Null sei. Er unterhielt den Papst durch kindische Geschichten, schmeichelte ihm sehr, und der Papst ging gern an seinem Arm in den Gärten spazieren. Während dieser Spaziergänge erlangte er mit Leichtigkeit allerlei kleine Begünstigungen. Aber er war ein außerordentlicher Hasenfuß und fürchtete derart, seinen Einfluß zu kompromittiren, daß er keine Bitte wagte, ohne vorher lange überlegt zu haben, ob daraus kein Schade für ihn selbst hervorgehen könne. »Nun, die Idee ist nicht schlecht,« erklärte Nani zuletzt. »Ja, ja, Gamba kann Ihnen die Audienz verschaffen, wenn er nur will ... Ich werde ihn selbst aufsuchen und ihm die Geschichte erklären.« Gleich darauf erschöpfte er sich übrigens in Mahnungen zu äußerster Vorsicht. Er wagte sogar zu sagen, daß man gegen die Umgebung des Papstes sehr mißtrauisch sein müsse. Ach ja, Seine Heiligkeit war so gut, glaubte so blind an die Güte, daß er seine Vertrauten nicht immer mit der erforderlichen kritischen Sorgfalt wählte. Man wußte nie, an wen man sich wendete, in welche Falle man den Fuß setzen konnte. Er gab sogar zu verstehen, daß man sich um keinen Preis direkt an Seine Eminenz den Staatssekretär wenden dürfe; denn selbst dieser sei nicht frei und befinde sich im Mittelpunkt eines Intriguenherdes, der seine besten Absichten lähme. Während er sehr leise und salbungsvoll so sprach, erschien der Vatikan seinen Zuhörern wie ein von eifersüchtigen und verräterischen Drachen bewachtes Land, ein Land, in dem man keine Thürschwelle überschreiten, keinen Schritt wagen, keine Hand ausstrecken dürfe, ohne sich im voraus sorgsam vergewissert zu haben, daß man nicht den ganzen Körper dort lassen würde. Pierre fuhr, mehr und mehr erkaltet, fort zuzuhören, und fiel in seine frühere Ungewißheit zurück. »O Gott, ich werde mich nicht zu benehmen wissen!« rief er. »Ach, Monsignore, Sie machen mich mutlos!« Nani lächelte abermals kordial. »Ich, mein liebes Kind! Das thäte mir sehr leid ... Ich wiederhole bloß, warten Sie, unternehmen Sie nichts. Vor allem keine Aufregung. Es hat nicht die geringste Eile, das schwöre ich Ihnen, denn erst gestern ist ein Sachverständiger ernannt worden, der über Ihr Buch Bericht erstatten soll. Sie haben gut einen Monat vor sich ... Vermeiden Sie Gesellschaften, leben Sie so, daß niemand weiß, ob Sie existiren, sehen Sie sich Rom in aller Ruhe an: das ist die beste Art, Ihre Angelegenheit zu fördern. – Sie glauben wohl, daß ich meine Gründe habe, so zu sprechen,« fügte er hinzu, indem er eine Hand des Priesters ergriff und sie mit seinen beiden aristokratischen, vollen und weichen Händen festhielt. »Nun, ich selbst hätte mich erboten, ich hätte es nur zur Ehre gerechnet, Sie geradewegs zu Seiner Heiligkeit zu fühlen. Aber ich will mich noch nicht hineinmischen; ich bin mir zu sehr bewußt, daß es gegenwärtig die Sache nur verpfuschen hieße ... Später – hören Sie? – später, im Falle es niemand gelingt, werde ich Ihnen eine Audienz verschaffen. Ich verpflichte mich förmlich dazu... Aber mittlerweile bitte ich Sie, den Ausdruck ›neue Religion‹ zu vermeiden, der sich unglücklicherweise in Ihrem Buche findet. Auch gestern abend habe ich ihn von Ihnen gehört. Mein liebes Kind, es kann keine neue Religion geben: es gibt nur eine ewige Religion, bei der ein Kompromiß oder ein Aufgeben unmöglich ist, nämlich die römisch – katholisch – apostolische. Desgleichen lassen Sie Ihre Pariser Freunde, wo sie sind; rechnen Sie nicht allzusehr auf den Kardinal Bergerot, dessen große Frömmigkeit in Rom nicht genügend geschützt wird ... Ich versichere Sie, ich sage das als Ihr Freund.« Als er dann jedoch sah, daß Pierre ganz verzagt, und wie zerschlagen war, und nicht mehr wußte, von welcher Seite er den Feldzug eröffnen solle, tröstete er ihn wieder. »Nun, nun, es wird schon gehen. Alles wird aufs beste enden, zum Wohle der Kirche und zu Ihrem eigenen Wohle ... Aber jetzt bitte ich Sie um Verzeihung, ich muß Sie verlassen. Ich werde Seine Eminenz heute nicht sprechen, denn es ist mir unmöglich, länger zu warten.« Abbé Paparelli, der, wie es Pierre schien, lauernd hinter ihnen umherstrich, stürzte herbei und schwur Monsignore Rani, daß nicht mehr als zwei Personen vor ihm seien. Aber der Prälat versicherte sehr freundlich, daß er wieder kommen werde; die Angelegenheit, von der er mit Seiner Eminenz zu reden habe, hätte durchaus keine Eile. Und er entfernte sich, indem er alle Anwesenden höflich grüßte. Fast gleich darauf kam die Reihe an Narcisse. Ehe er in den Thronsaal eintrat, drückte er Pierre die Hand und wiederholte: »Also abgemacht. Ich werde morgen meinen Vetter im Vatikan aufsuchen, und sobald ich irgend eine Antwort habe, teile ich sie Ihnen mit... Auf Wiedersehen.« Mittag war vorüber; niemand war mehr übrig als eine der beiden alten Damen, die zu schlafen schien. Don Vigilio beschrieb an seinem kleinen Sekretärtisch noch immer mit seiner kleinen Handschrift ungeheure gelbe Bogen. Und nur von Zeit zu Zeit hob er seine dunklen Augen vom Papier, wie um sich in seinem ewigen Mißtrauen zu überzeugen, daß nichts ihn bedrohe. Von neuem entstand eine düstere Stille. Pierre blieb noch einen Augenblick unbeweglich in der tiefen Fensternische stehen. Ach, wie geängstigt war seine arme, empfindliche Schwärmerseele! Als er Paris verließ, war ihm alles so einfach, so natürlich erschienen. Man klagte ihn ungerecht an: nun, er reiste ab, um sich zu rechtfertigen, würde in Rom ankommen, sich dem Papst zu Füßen werfen und dieser ihn nachsichtig anhören. War denn der Papst nicht die lebende Religion, der verständnisvolle Geist, die wahrheilliebende Gerechtigkeit? Und war er nicht vor allem der Vater, der Abgesandte der unendlichen Vergebung, des göttlichen Erbarmens, dessen Arme sich allen Kindern der Kirche, selbst den schuldigen, entgegenbreiteten? Mußte er seine Thür nicht weit offen stehen lassen, damit die geringsten seiner Söhne eintreten konnten, ihr Leid zu klagen, ihre Schuld zu bekennen, ihr Benehmen zu erklären, aus der Quelle der ewigen Güte zu trinken? Aber gleich vom ersten Tage seiner Ankunft an schlossen sich gewaltsam alle Thüren; er geriet in eine feindliche, von Abgründen versperrte Welt, die voll von Fallen war. Alles rief ihm Warnungen zu, als setze er sich den ernstesten Gefahren aus, wenn er den Fuß vorwage. Sein Wunsch, den Papst zu sehen, erschien als eine übertriebene Anmaßung, eine so schwierige Sache, daß sie die Interessen, die Leidenschaften, die Einflüsse des gesamten Vatikans in Bewegung setzte. Endlose Ratschlage, lange erörterte Schlauheiten, die Taktiken von Generalen, die eine Armee zum Siege führen, unaufhörlich neu entstehende Verwicklungen inmitten von tausenderlei Intriguen, deren verborgenes Wuchern man unten erriet! O, großer Gott, wie anders war das als der erwartete liebreiche Empfang, als das Haus des Hirten am Wege, das allen Schafen, den gehorsamen wie den verirrten, offen steht! Pierre begann zu erschrecken, denn er spürte, daß etwas Böses sich wirr im Dunkeln bewegte. Wie, der Kardinal Bergerot galt als verdächtig, als revolutionär, für so kompromittirend, daß man ihm riet, seiner nicht mehr zu erwähnen? Er erinnerte sich an das verächtliche Mundverziehen des Kardinals Boccanera, als er von seinem Kollegen sprach. Und Monsignore Nani, der ihn warnte, den Ausdruck von der neuen Religion nicht mehr zu gebrauchen, als ob es nicht allen klar wäre, daß diese Worte die Rückkehr des Katholizismus zur ursprünglichen Reinheit des Christentums bedeuteten! War dies eines der Verbrechen, die der Kongregation des Index denunzirt worden waren? Er begann schließlich zu ahnen, wer diese Angeber waren, und bekam Angst, denn er war sich jetzt bewußt, daß ein unterirdischer Angriff, eine ungeheure Anstrengung gemacht wurde, um sein Werk niederzuschlagen und zu unterdrücken. Alles, was ihn umgab, wurde ihm verdächtig. Er wollte sich einige Tage sammeln und die für ihn so unerwartete schwarze Gesellschaft von Rom beobachten und studiren. Aber in der Empörung seines Apostelglaubens that er sich das Gelübde, niemals nachzugeben, so wie er vorhin erklärt hatte, nicht eine Seite, nicht eine Zeile in seinem Buche zu ändern und es als das unerschütterliche Zeugnis seines Glaubens in der Öffentlichkeit zu behaupten. Und selbst wenn der Index ihn verurteilen sollte, würde er sich nicht unterwerfen, nichts zurückziehen. Wenn es sein mußte, so würde er die Kirche verlassen, bis zum Schisma gehen, die neue Religion predigen und ein neues Buch schreiben – das wirkliche Rom, so wie er es dunkel zu erkennen begann. Mittlerweile hatte Don Vigilio zu schreiben aufgehört und sah Pierre so starren Blickes an, daß dieser zuletzt höflich herantrat, um sich von ihm zu verabschieden. Trotz seiner Furcht erlag der Sekretär einem mitteilsamen Bedürfnis und murmelte: »Sie wissen, er ist nur Ihretwegen gekommen. Er wollte das Resultat Ihrer Unterredung mit Seiner Eminenz hören.« Der Name des Monsignore Rani brauchte nicht einmal genannt zu werden. »Glauben Sie wirklich?« »O, daran ist nicht zu zweifeln ... Und wenn Sie meinem Rate folgen wollen, so thäten Sie sehr weise daran, sofort und freiwillig alles zu thun, was er von Ihnen wünscht; denn es steht unbedingt fest, daß Sie es später thun werden.« Das versetzte Pierre vollends in Unruhe und Verzweiflung. Er entfernte sich mit einer trotzigen Geberde. Es würde sich schon zeigen, ob er gehorchen würde. Die drei Vorzimmer, die er von neuem durchschritt, kamen ihm noch schwärzer, noch leerer und toter vor. Im zweiten grüßte ihn Abbé Paparelli mit einer leichten, stummen Verbeugung; im ersten schien ihn der verschlafene Lakai nicht einmal zu sehen. Unter dem Baldachin zwischen den Troddeln des großen Kardinalshutes spann eine Spinne ihr Netz. Wäre es nicht besser gewesen, die Haue an diese ganze faulende, in Staub zerfallende Vergangenheit zu legen, damit die Sonne frei hereinscheine und dem geläuterten Boden die Fruchtbarkeit der Jugend zurückgebe? IV. Am Nachmittag desselben Tages gedachte Pierre, da er Muße hatte, seine Streifzüge durch Rom mit einem Besuche zu beginnen, der ihm am Herzen lag. Gleich nach dem Erscheinen seines Buches hatte ihn ein Brief, den er aus dieser Stadt erhielt, tief gerührt und interessirt. Es war ein Brief des alten Grafen Orlando Prada, des Helden der italienischen Unabhängigkeit und Einheit, der unter dem Eindruck der ersten Lektüre spontan, ohne ihn zu kennen, an ihn geschrieben hatte. Diese vier Seiten enthielten eine stammende Verwahrung, einen Aufschrei des in dem Greise noch jugendlich lebendigen Patriotismus; er klagte ihn an, in seinem Werk Italien vergessen zu haben, und forderte Rom, das neue Rom, für das geeinigte und endlich befreite Italien. Daraus hatte sich ein Briefwechsel entwickelt, und obwohl der Priester von seinem Traum vom Neukatholizismus, dein Retter der Welt, nichts opferte, so begann er dennoch den Mann, der ihm diese Briefe voll großer, brennender Vaterlands- und Freiheitsliebe schrieb, aus der Ferne zu lieben. Er hatte ihn von seiner Reise benachrichtigt und versprochen, ihn zu besuchen. Aber jetzt war ihm die Gastfreundschaft, die er im Palaste Boccanera angenommen hatte, sehr störend; denn nach dem so liebreichen Empfang Benedettas war es mißlich, gleich am ersten Tage, ohne sie davon zu benachrichtigen, den Vater des Mannes aufzusuchen, vor dem sie geflohen war, gegen den sie die Scheidungsklage eingebracht hatte, um so mehr als der alte Orlando bei seinem Sohne in dem kleinen Palaste wohnte, den dieser am oberen Ende der Via Venti Settembre hatte bauen lassen. Pierre wollte also seine Bedenken vor allem der Contessina selbst gestehen. Er hatte übrigens von dem Vicomte Philibert de la Choue erfahren, daß sie dem Helden eine mit Bewunderung gemischte töchterliche Zärtlichkeit bewahrte. Und in der That, als er ihr nach dem Frühstück die Verlegenheit, in der er sich befand, mitteilte, rief sie gleich bei seinen ersten Worten laut: »Aber, Herr Abbé, gehen Sie nur, gehen Sie rasch! Sie wissen, der alte Orlando ist eine unserer Nationalzierden, Wundern Sie sich nicht, daß ich ihn so nenne, ganz Italien gibt ihm aus Liebe und Dankbarkeit diesen zärtlichen Beinamen. Ich bin in einer Gesellschaft aufgewachsen, die ihn verabscheute, für einen Satan hielt. Erst später lernte ich ihn kennen und lieben. Er ist der sanfteste und gerechteste Mensch, den es auf Erden gibt.« Sie begann zu lächeln, während verschwiegene Thränen ihre Augen feuchteten; zweifellos bewirkte das die Erinnerung an das stürmische Jahr, das sie in jenem Hause verbracht hatte, wo sie, außer in der Nähe des Greises, keine friedliche Stunde gekannt hatte. Und mit leiserer, etwas zitternder Stimme fügte sie hinzu: »Da Sie ihn sehen werden, so sagen Sie ihm m meinem Namen, daß ich ihn noch immer liebe und nie seine Güte vergessen werde, was auch kommen möge.« Wahrend Pierre in die Via Venti Settembre fuhr, beschwor er in Gedanken die ganze Heldengeschichte des alten Orlando herauf, die er sich hatte erzählen lassen. Sie war das reine Epos und versetzte ihn in die Gläubigkeit, Tapferkeit und Uneigennützigkeit eines andern Zeitalters. Der Graf Orlando Prada, einer edlen Mailänder Familie entstammend, wurde schon in frühester Jugend von einem solchen Haffe gegen die Fremden verzehrt, daß er im Alter von kaum fünfzehn Jahren einer geheimen Gesellschaft, einer der Verzweigungen des alten Carbonaritums, angehörte. Dieser Haß gegen die österreichische Herrschaft war alt und rührte noch aus der Zeit der Revolten gegen die Knechtschaft her, als die Verschwörer sich in verlassenen Hütten in der Tiefe der Wälder versammelten. Dieser Haß wurde noch gesteigert durch den hundertjährigen Traum von einem befreiten, sich selbst wiedergegebenen Italien, das endlich wieder die große, herrschende Nation, die würdige Tochter der einstigen Besieger und Herren der Welt werden sollte. Ach, welch feuriger, herrlicher Traum, dieses glorreiche Land von einst, dieses entgliederte, zerstückelte, einer Menge von kleinen Tyrannen preisgegebene, von den Nachbarnationen fortwährend Überfallene und an sich gerissene Italien aus seiner langen Schmach zu reißen! Die Fremden schlagen, die Despoten verjagen, das Volk aus dem niedrigen Elend seiner Sklaverei wecken, das freie, das einige Italien verkünden – das war die Leidenschaft, die damals mit unauslöschlichen Flammen in der ganzen Jugend aufloderte, die das Herz des jungen Orlando vor Begeisterung sprengte. Er verlebte sein Jünglingsalter in heiliger Empörung, in der stolzen Ungeduld, dem Vaterlande sein Blut hinzugeben und für dasselbe zu sterben, wenn er es nicht befreien konnte. Orlando lebte zurückgezogen in seinem alten Familienhause in Mailand, zitterte unter dem Joch und verlor seine Zeit mit ergebnislosen Verschwörungen. Er hatte eben geheiratet und war fünfundzwanzig Jahre alt, als die Nachricht von der Flucht Pius' IX. und der Revolution in Rom eintraf. Jählings verließ er alles, das Haus, die Frau, um, wie von der Stimme seines Schicksals gerufen, nach Rom zu eilen. Es war das erstemal, daß er so auszog, um der Unabhängigkeit den Weg zu bahnen. Wie oft sollte er sich wieder aufmachen, ohne je zu ermüden! Damals lernte er Mazzini kennen und begeisterte sich einen Augenblick für die mystische Gestalt dieses für die Einheit begeisterten Republikaners. Da er selbst von einer allgemeinen Republik träumte, adoptirte er die Devise Mazzinis: » Dio o popolo «, und folgte der Prozession, die mit großem Gepränge das aufrührerische Rom durchzog, Es war eine Epoche voll ungeheurer Hoffnungen, die bereits von dem Bedürfnis nach einer Erneuerung des Katholizismus gequält wurde und in Erwartung eines menschlichen Christus lebte, der beauftragt war, die Welt zum zweitenmal zu retten. Bald aber riß ihn ein Mann, Garibaldi, damals in der Morgenröte seines epischen Ruhmes stehend, gänzlich an sich, und machte aus ihm einen bedingungslosen Soldaten der Freiheit und Einigkeit. Orlando liebte ihn wie einen Gott, schlug sich an seiner Seite wie ein Held, nahm an dem Siege bei Rieti über die Neapolitaner teil und folgte dem hartnäckigen Patrioten auf seinem Rückzuge, als er sich, gezwungen Rom der französischen Armee des Generals Oudinot zu überlassen, die Pius IX. wieder einsetzte, zum Entsatze nach Venedig begab. Und was für ein außerordentliches, tollkühnes Wagnis war das! Dieses Venedig, das Manin, ein zweiter großer Patriot, ein Märtyrer, wieder zur Republik gemacht hatte, das seit langen Monaten den Oesterreichern widerstand! Und nun dieser Garibaldi, der mit einer Handvoll Männern abgeht, um es zu befreien, dreizehn Fischerbarken ausrüstet, acht davon in einem Seekampf verliert, an das römische Ufer zurückkehren muß und dort auf klägliche Weise seine Frau Anita verliert, der er die Augen schließt, ehe er nach Amerika zurückkehrt, wo er bisher in Erwartung der Stunde des Aufstandes gelebt hat! O, diese italische Erde, in der zu jenen Zeiten allerorten das innere Feuer des Patriotismus grollte, wo in jeder Stadt Männer voll Vertrauen und Mut erstanden, wo überall der Aufstand wie eine Eruption losbrach, die trotz aller Schlappen dennoch unbesiegbar dem Triumph entgegenging! Orlando kehrte nach Mailand zu seiner jungen Frau zurück und lebte dort zwei Jahre in Verborgenheit; er verzehrte sich in ungeduldiger Erwartung des glorreichen, morgenden Tages, dessen Anbrechen so lange auf sich warten ließ. Ein Glück stillte ein wenig sein Fieber: er bekam einen Sohn, Luigi. Aber das Kind kostete seiner Mutter das Leben. Orlando wurde in tiefe Trauer gestürzt, und da er nicht mehr in Mailand bleiben konnte, wo die Polizei ihn überwachte, hetzte und die Fremdherrschaft ihm allzu große Leiden bereitete, entschloß er sich, die Trümmer seines Vermögens zu realisiren und zog sich dann nach Turin, zu einer Tante seiner Frau zurück, die das Kind in Obhut nahm. Graf Cavour, der große Politiker, arbeitete von da an auf die Unabhängigkeit hin und bereitete Piemont auf die entscheidende Rolle vor, die es spielen sollte. Es war die Epoche, da der König Viktor Emanuel mit schmeichelhafter Gutmütigkeit die ihm aus allen Teilen Italiens zukommenden Flüchtlinge aufnahm – selbst solche, von denen er wußte, daß sie Republikaner und infolge von Volksaufständen kompromittirt und flüchtig waren. Der Traum, die italienische Einheit zu Gunsten der piemontesischen Monarchie zu verwirklichen, bestand in dem rauhen, schlauen Hause Savoyen schon lange, reiste bereits seit Jahren. Orlando war es nicht unbekannt, von welchem Herrn er sich anwerben ließ, aber schon stand in seinem Herzen der Republikaner hinter dem Patrioten zurück; er glaubte nicht mehr an ein im Namen der Republik geschaffenes und unter dem Schutze eines liberalen Papstes stehendes Italien, so wie Mazzini es einen Augenblick geträumt hatte. War das nicht eine Chimäre, die Generationen verschlingen würde, wenn man auf ihrer Ausführung beharrte? Er wollte nicht sterben, ohne als Eroberer in Rom geschlafen zu haben. Selbst wenn die Freiheit dabei auf dem Platze blieb, sollte das Vaterland wieder aufgebaut werden und aufrecht, endlich lebendig im Sonnenlicht dastehen. Wie fieberhaft glücklich war er daher, als er sich im Kriege von 1859 anwerben ließ, wie klopfte ihm das Herz zum Zerspringen in der Brust, als er mit der französischen Armee in Mailand einzog, in das Mailand, das er acht Jahre zuvor als Proskribirter verzweifelnden Herzens verlassen hatte! Nach Solferino war die Uebereinkunft von Villafranca eine bittere Enttäuschung; Venetien entschlüpfte, Venedig blieb gefangen. Aber das Mailändische war doch erobert und auch Toskana, die Herzogtümer Modena und Parma votirten ihre Annexion. Kurz, der Kern des Steines bildete sich, das Vaterland erstand rings um das siegreiche Piemont. Im nächsten Jahre kehrte Orlando von neuem ins Epos zurück. Garibald: war von seinem zweimaligen Aufenthalt in Amerika zurückgekehrt; eine ganze Legende umgab ihn, die Erzählungen von den ritterlichen Heldenthaten in den Pampas von Uruguay, einem außerordentlichen Zuge von Canton nach Lima gingen ihm voraus; er war wieder erschienen, um sich im Jahre 1859 zu schlagen, kam der französischen Armee zuvor, warf einen österreichischen Marschall über den Haufen, zog in die Städte: Como, Bergamo, Brescia ein. Plötzlich erfuhr man, daß er mit bloß tausend Mann in Marsala gelandet sei – mit den Tausend von Marsala, der berühmten Handvoll Tapferer. Orlando kämpfte in der ersten Reihe. Palermo widerstand drei Tage, dann wurde es genommen. Orlando, der Lieblingslieutenant des Diktators geworden, half ihm beim Organisiren der Regierung, ging dann mit ihm über die Meerenge und nahm an seiner Seite an dem triumphirenden Einzug in Neapel teil, dessen König sich geflüchtet hatte. Es war der Wahnsinn der Kühnheit und Tapferkeit, der Ausbruch des Unvermeidlichen; allerlei Geschichten von übermenschlichen Thaten gingen in der Runde: Garibaldi sei unverletzlich, von seinem roten Hemde besser als durch den dicksten Panzer geschützt, Garibaldi jage die feindlichen Armeen wie ein Erzengel durch das bloße Schwingen seines stammenden Schwertes in wilde Flucht. Die Piemontesen, die ihrerseits den General Lamoricière bei Castelfidardo geschlagen hatten, waren in die römischen Staaten eingedrungen. Und Orlando war dabei, als der Diktator, seine Macht niederlegend, das Dekret der Einverleibung beider Sizilien in die italienische Krone unterschrieb, ebenso wie er an dein leidenschaftlichen Aufschrei »Rom oder den Tod«, an jenem verzweifelten Versuche teilnahm, der so tragisch bei Aspromonte endete. Die kleine Armee ward von den italienischen Truppen zerstreut, Garibaldi verwundet, gefangen und in die Einsamkeit seiner Insel Caprera zurückgeschickt, wo er nur noch ein einfacher Landmann blieb. Die darauf folgenden sechs Jahre des Wartens verlebte Orlando in Turin, selbst nachdem Florenz zur neuen Hauptstadt gewählt worden war. Der Senat hatte Viktor Emanuel zum König von Italien ausgerufen und in der That, Italien war geschaffen; es fehlten nur noch Rom und Venedig. Die großen Kämpfe schienen zu Ende zu sein, die Aera der Epopöe war abgeschlossen. Venedig wurde Italien durch die Niederlage geschenkt. Orlando machte die unglückliche Schlacht von Custozza mit, wo er zwei Wunden erhielt und sein Herz durch den schmerzlichen Gedanken, Oesterreich könne siegen, noch tödlicher getroffen ward. Aber in demselben Moment verlor dieses, bei Sadowa geschlagen, Venetien, und fünf Monate später nahm er an der Siegesfreude in Venedig teil, als Viktor Emanuel unter dem frenetischen Jubel des Volkes dort seinen Einzug hielt. Nur Rom fehlte noch; eine rasende Ungeduld riß das gesamte Italien zu ihm hin und nur der Schwur des befreundeten Frankreich, den Papst zu stützen, hielt es auf. Zum drittenmal wollte Garibaldi die legendenhaften Heldenthaten erneuern; frei von allen Banden, nur ein vom Patriotismus erleuchteter Freibeuterhauptmann stürzte er sich auf Rom. Und zum drittenmale nahm Orlando an diesem Heldenwahnsinn teil, der bei Mentana an den von einem kleinen französischen Corps unterstützten päpstlichen Zuaven zerschellen sollte. Von neuem verwundet, kehrte er beinahe sterbend nach Turin zurück. Man mußte sich mit zuckendem Herzen ergeben; die Lage war unlöslich. Da mit einemmale fuhr der Donnerschlag bei Sedan herab; Frankreich war vernichtet und der Weg nach Rom wurde wieder frei. Orlando, in das reguläre Heer zurückgekehrt, gehörte zu den Truppen, die in der römischen Campagna Aufstellung nahmen, um gemäß den Bedingungen des Briefes, den Viktor Emanuel an Pius IX. geschrieben, über die Sicherheit des Heiligen Stuhles zu wachen. Es war übrigens nur ein Scheingefecht: die päpstlichen Zuaven des Generals Kanzler mußten sich beugen und Orlando war einer der eisten, der durch die Bresche von Porta Pia in die Stadt eindrang. O, dieser zwanzigste September! Das war der Tag, an dem er das größte Glück seines Lebens empfand, ein Tag der Begeisterung, ein Tag vollständigen Triumphes, an dem sich der Traum so vieler Jahre schrecklicher Kampfe verwirklichte, für den er seine Ruhe, sein Vermögen, seinen Geist und seinen Leib hingegeben hatte! Hierauf kamen noch mehr als zehn glückliche Jahre in dem eroberten Rom, in dem Rom, das wie eine Frau, auf die man alle Hoffnung gesetzt hat, angebetet, geschont und umschmeichelt ward. Er erwartete von ihm eine große nationale Kraft, eine wunderbare Auferstehung von Stärke und Ruhm für die junge Nation. Der ehemalige Republikaner, der ehemalige Insurgent mußte sich ralliren und einen Sitz im Senat annehmen: war denn nicht Garibaldi selbst, sein Gott, im Begriffe, dem Könige einen Besuch abzustatten und seinen Platz im Parlamente einzunehmen? Nur der intransigente Mazzini hatte nichts von einem unabhängigen und einigen Italien, das nicht auch eine Republik war, wissen wollen. Auch noch ein anderer Grund hatte Orlando dazu bewogen: die Zukunft seines Sohnes Luigi, der am Tage nach dem Einzug in Rom achtzehn Jahre alt geworden war. Wenn er sich auch mit den Brosamen seines einstigen, im Dienste des Vaterlandes aufgegangenen Vermögens begnügte, so träumte er doch von einem großen Lose für sein angebetetes Kind. Er fühlte wohl, daß das heroische Zeitalter beendet sei, und wollte aus ihm einen großen Politiker, einen großen Administrator, einen Mann machen, welcher der souveränen Nation von Morgen nützlich wäre. Aus diesem Grunde hatte er die königliche Gunst, den Lohn seiner langen Hingebung nicht zurückgestoßen; er wollte da sein, Luigi helfen, ihn überwachen und leiten. War er denn selbst so alt, so abgethan, daß er sich nicht in der Organisation nützlich machen konnte, so wie er es bei der Eroberung gewesen zu sein glaubte? Er hatte den jungen Mann im Finanzministerium untergebracht, da ihm sein lebhaftes Verständnis für Geschäftsangelegenheiten auffiel; vielleicht verriet ihm auch ein geheimer Instinkt, daß die Schlacht fortan auf finanziellem und ökonomischem Felde fortgesetzt werden würde. Und von neuem lebte er im Traum dahin; er glaubte noch immer voll Begeisterung an die herrliche Zukunft und sah mit unbegrenzter Hoffnung, wie Roms Bevölkerung sich verdoppelte, wie es sich durch das tolle Aufwachsen neuer Stadtteile vergrößerte. In seinen entzückten Liebhaberaugen ward es wieder die Königin der Welt. Plötzlich fuhr der Blitzstrahl herab. Als Orlando eines Morgens die Treppe hinabstieg, wurde er von einer Lähmung getroffen; beide Beine waren sofort abgestorben, schwer wie Blei. Man mußte ihn hinaustragen und nie wieder setzte er den Fuß aus das Straßenpflaster. Er war damals sechsundfünfzig Jahre alt; seit vierzehn Jahren hatte er seinen Lehnstuhl nicht verlassen. Er, der einst so gewaltig die Schlachtfelder von Italien durcheilte, war nun in steinerner Unbeweglichkeit auf seinem Stuhl festgenagelt. Das war ein großer Jammer – der Fall eines Helden. Das Schlimmste dabei war, daß der alte Soldat von dem Zimmer aus, in dem er gefangen war, dem langsamen Zusammenbruch aller seiner Hoffnungen beiwohnte und in der uneingestandenen Furcht vor der Zukunft von einer furchtbaren Schwermut überfallen wurde. Seit er durch den Rausch der Thätigkeit nicht mehr geblendet wurde und seine langen, leeren Tage mit Nachdenken zubrachte, sah er endlich klar. Dieses Italien, das er so gern mächtig, in triumphirender Einheit gesehen hatte, benahm sich wie wahnwitzig, eilte dem Ruin, vielleicht dem Bankerott entgegen. Dieses Rom, das für ihn stets die notwendige Kapitale, die ruhmreiche Stadt ohnegleichen war, deren das erste Volk von Morgen bedurfte, schien sich gegen die Rolle einer großen, modernen Hauptstadt zu sträuben; es war schwer wie ein Toter, es lastete mit dem Gewicht der Jahrhunderte auf der Brust der jungen Nation. Außerdem brachte ihn sein Sohn, sein Luigi, in Verzweiflung; er war rebellisch in jeder Richtung; er stürzte sich auf die noch warme Beute, dieses Italien, dieses Rom, das sein Vater nur erstrebt zu haben schien, damit er selbst es plündere und sich an ihm mäste. Vergebens hatte er sich seinen Austritt aus dem Ministerium, seiner zügellosen Spekulation mit Grundstücken und Immobilien widersetzt, welche der Wahnsinn der neuen Stadtteile veranlaßt hatte. Er betete ihn trotzdem an und mußte schweigen, besonders seit ihm die waghalsigsten finanziellen Operationen gelungen waren: so zum Beispiel die Umwandlung der Villa Montefiori in eine wirkliche Stadt. Das war ein kolossales Geschäft gewesen, bei dem die Reichsten zu Grunde gegangen waren, aus dem er sich aber mit Millionen zurückgezogen hatte. Stumm und verzweifelt bestand Orlando steif darauf, in dem kleinen Palaste, den Luigi Prada in der Via Venti Settembre erbauen ließ, nur ein schmales Zimmer zu bewohnen. Hier verbrachte er seine Tage in klösterlicher Abgeschiedenheit, nur mit einem einzigen Diener; er nahm von seinem Sohne nichts an als diese Gastfreundschaft und lebte ärmlich von seiner bescheidenen Rente. Als Pierre in dieser neuen, auf den Abhang und den Gipfel des Viminal führenden Via Venti Settembre anlangte, fiel ihm die schwere Pracht der neuen Paläste auf, in der sich der ererbte Geschmack für das Ungeheure aussprach. In dem purpurnen Altgold der heißen Nachmittagssonne verriet diese breite Triumphstraße, diese Doppelreihe endloser, weißer Fassaden die stolze Zukunftshoffnung des neuen Rom, die Herrschaftsgelüste, die diese gewaltigen Bauten aus dem Boden sprießen ließen. Besonders vor dem Finanzministerium blieb er mit offenem Munde stehen; das ist eine gigantische Masse, eine Zusammenhäufung von Säulen, Ballonen, Giebeln, Skulpturen, ein cyklopischer Würfel, eine ganze, maßlose Welt, vom Steinwahnsinn an einein stolzen Tage erzeugt. Und hier, gegenüber, etwas weiter oben, ehe man zur Villa Bonaparte gelangte, befand sich der kleine Palast des Grafen Prada. Nachdem Pierre seinen Kutscher bezahlt hatte, hielt er einen Augenblick verlegen an. Da die Thüre offen stand, war er in die Vorhalle getreten, aber niemand, weder ein Portier noch ein Diener war zu sehen. Er mußte sich entschließen, in den ersten Stock zu steigen. Die monumentale Treppe mit dem Geländer aus Marmor gab in kleinem Maßstab die übertriebenen Dimensionen der Ehrentreppe im Palast Boccanera wieder; es war dieselbe kalte Nacktheit wie dort, gemäßigt durch rote Teppiche und rote Vorhänge, die grell von dem weißen Stuck der Mauern abstachen. Im ersten Stockwerk befanden sich die fünf Meter hohen Empfangsräume; durch eine halb offene Thür erblickte er zwei in einander gehende Salons, die mit ganz moderner Pracht, verschwenderisch mit Behängen aus Sammet und Seide, vergoldeten Möbeln und hohen Spiegeln ausgestattet waren, die die prunkvolle Masse der Konsolen und Tische widerspiegelten. Und noch immer sah er keinen Menschen, keine Seele in diesem gleichsam verlassenen Hause, dem die Frau zu fehlen schien. Er wollte wieder hinunter gehen, um zu klingeln, als endlich ein Lakai erschien. »Bitte, ich möchte den Herrn Grafen Prada sprechen.« Der Lakai betrachtete schweigend den kleinen Priester und schien zu verstehen. »Vater oder Sohn?« »Den Vater, den Herrn Grafen Orlando Prada.« »Im dritten Stock.« Dann ließ er sich herab, eine Erklärung hinzuzufügen. »Die kleine Thür rechts am Treppenabsatz. Klopfen Sie fest an, sonst öffnet man Ihnen nicht.« In der That mußte Pierre zweimal klopfen. Ein kleiner, ganz ausgetrockneter Mann mit militärischer Haltung, ein ehemaliger Soldat des Grafen, der in seinem Dienste geblieben war, öffnete ihm; er sagte zu seiner Entschuldigung, weil er nicht gleich geöffnet hatte, daß er im Begriffe gewesen sei, die Beine seines Herrn in die richtige Lage zu bringen. Er meldete den Besucher sofort an, und dieser wurde, als er ein dunkles, sehr schmales Vorzimmer durchschritten hatte, von dem Gemach, das er nun betrat, ganz betroffen. Es war ein verhältnismäßig kleines, ganz kahles, mit einer einfachen hellen, blaugeblümten Papiertapete ausgestattetes Zimmer. Hinter einem Wandschirm befand sich ein Eisenbett, ein echtes Soldatenlager; sonst waren keine Möbel vorhanden, nichts als ein Lehnstuhl, in dem der Kranke seine Tage verbrachte, daneben ein mit Zeitungen und Büchern bedeckter, schwarzer hölzerner Tisch und zwei alte Strohsessel, die für die seltenen Besucher bestimmt waren. Einige Bretter an der einen Wand nahmen die Stelle des Bücherschrankes ein. Aber das breite, helle Fenster, das keinen Vorhang besaß, ging auf das wunderbarste Panorama von Rom hinaus, das man sehen kann. Dann verschwand das Zimmer und Pierre sah in plötzlicher tiefer Bewegung nur noch den alten Orlando. Er glich einem alten, weißhaarigen, noch prächtigen, sehr starken, sehr großen Löwen. Ein Wald von weißen Haaren auf einem mächtigen Haupte mit dicken Lippen, einer starken, zerdrückten Nase und großen, funkelnden schwarzen Augen; ein langer, weißer, jugendlich kräftiger Bart, gekräuselt wie der eines Gottes. Man erriet, daß in diesem Löwenkopfe furchtbare Leidenschaften getobt haben mußten, aber alle diese Leidenschaften, die fleischlichen wie die geistigen, hatten ihren Ausbruch im Patriotismus, in toller Bravour und unmäßiger Liebe zur Unabhängigkeit gefunden. Und so war der alte, vom Blitz getroffene Held auf seinem Strohsessel angenagelt; der Oberleib war noch gerade und hoch aufgerichtet, die toten Beine aber waren unter einer schwarzen Decke verschwunden. Nur die Arme, die Hände lebten; nur das Gesicht leuchtete von Kraft und Intelligenz. »Batista, Du kannst gehen,« wandte sich Orlando sanft zu seinem Diener. »In zwei Stunden komm wieder.« Dann sah er Pierre fest ins Gesicht und rief mit einer trotz seiner sechsundsechzig Jahre kräftigen Stimme: »Also endlich, mein lieber Herr Froment! Wir können nun mit Muße plaudern ... Da, nehmen Sie diesen Stuhl, setzen Sie sich vor mich hin.« Er bemerkte jedoch den überraschten Blick, den der Priester auf das kahle Zimmer warf und fügte munter hinzu: »Sie werden mir verzeihen, daß ich Sie in meiner Zelle empfange. Ja, ich lebe hier wie ein Mönch, wie ein alter, pensionirter Soldat, der fortan abseits vom Leben steht. Mein Sohn quält mich noch immer, ich möge eines der schönen Zimmer unten beziehen. Aber wozu? Ich brauche nichts, ich liebe keine Federbetten, denn meine alten Knochen sind an die harte Erde gewöhnt. Und dann habe ich hier eine so schöne Aussicht! Ganz Rom bietet sich mir dar – jetzt, wo ich es nicht mehr aufsuchen kann!« Er hatte mit einer Geberde gegen das Fenster die Verlegenheit, das leichte Erröten verborgen, die ihn jedesmal überkamen, wenn er seinen Sohn derart entschuldigte, ohne die wahre Ursache, die Skrupeln des Biedermannes einzugestehen, die ihn bei seiner ärmlichen Einrichtung beharren ließen. »Das ist ja sehr schön! Das ist ja herrlich!« rief Pierre, um ihm ein Vergnügen zu machen. »Auch ich bin so glücklich, daß ich Sie endlich sehe! So glücklich, daß ich die tapferen Hände drücken kann, die so viel Großes verrichteten!« Abermals schien Orlando mit einer Geberde die Vergangenheit wegschieben zu wollen. »Pah, pah, das alles ist zu Ende, begraben ... Reden wir lieber von Ihnen, mein lieber Herr Froment, von Ihnen, der so jung ist und die Gegenwart bedeutet. Und reden wir rasch von Ihrem Buche, das die Zukunft vorstellt... Ah, wenn Sie wüßten, in welchen Zorn Ihr Buch, Ihr ›Neues Rom‹ mich anfangs versetzte!« Er lachte jetzt und griff nach dem Bande, der gerade auf dem Tisch neben ihm lag. »Nein, Sie können sich nicht vorstellen, wie oft ich beim Lesen protestirend in die Höhe gefahren bin!« sagte er, indem er mit seiner breiten Riesenhand auf den Umschlag klopfte. »Der Papst, und noch einmal der Papst, und immer wieder der Papst! Das neue Rom für den Papst und durch den Papst! Das triumphirende Rom von morgen, das, dank dem Papste, entsteht, sich dem Papst hingibt und seinen Ruhm mit dem Ruhme des Papstes verschmilzt! Nun, und wir? Und Italien? Und alle Millionen, die wir ausgegeben haben, um aus Rom eine große Hauptstadt zu machen? Ja, nur ein Franzose, und zwar nur ein Pariser, kann ein solches Buch geschrieben haben! Mein lieber Herr, lassen Sie es sich sagen, wenn Sie es nicht wissen: Rom ist die Hauptstadt des Königreiches Italien geworden; es gibt hier einen König Humbert und es gibt Italiener – ein ganzes Voll, welches mitzählt, das kann ich Sie versichern, ein Volk, das Rom, das glorreiche, das wiedererstandene, für sich zu behalten gedenkt!« Nun mußte Pierre über dieses jugendliche Feuer lachen. »Ja, ja, Sie haben es mir geschrieben. Aber was kümmert das mich? Von meinem Standpunkt aus ist Italien nur eine Nation, ein Teil der Menschheit; ich will die Eintracht, die Brüderlichkeit aller Nationen, eine versöhnte, gläubige und glückliche Menschheit! Was liegt an der Regierungsform, ob sie monarchisch oder republikanisch ist! Was liegt an dem einigen und unabhängigen Vaterlande, wenn es nur noch ein freies, in Gerechtigkeit und Wahrheit lebendes Volt gibt!« Orlando hatte von diesem begeisterten Aufschrei nur ein Wort zurückbehalten. »Die Republik!« fuhr er leise, mit nachdenklicher Mime fort. »Ja, ich habe sie in meiner Jugend innig ersehnt. Ich habe mich für sie geschlagen, habe mit Mazzini konspirirt, einem Heiligen, einem Gläubigen, der an dem Absoluten zerschellte. Und dann? Man mußte die praktische Notwendigkeit annehmen, die Intransigentesten haben sich rallirt. Und würde die Republik uns heute retten? Auf jeden Fall würde sie sich in nichts von unserer parlamentarischen Monarchie unterscheiden; sehen Sie, was in Frankreich vorgeht. Warum also eine Revolution wagen, welche die Macht in die Hände der extremen Revolutionäre, der Anarchisten brächte? Wir alle fürchten das, das zeigt unsere Resignation. Ich weiß wohl, daß einige die Rettung in einer republikanischen Föderation sehen; alle ehemaligen kleinen Staaten sollen in ebenso vielen Republiken wieder erstehen und Rom ihnen präsidiren. Der Vatikan hätte vielleicht bei der Sache viel zu gewinnen. Man kann nicht sagen, daß er darauf hinarbeitet; er faßt die Eventualität einfach ohne Mißvergnügen ins Auge. Aber das ist ein Traum, ein Traum!« Seine Heiterkeit, sogar ein Anflug feiner Ironie kamen wieder zum Vorschein. »Wissen Sie, was mich in Ihrem Buche verführt hat? Denn trotz meiner Proteste habe ich es zweimal gelesen. Es könnte nämlich beinahe von Mazzini selbst sein. Ja, ich habe in ihm meine ganze Jugend wieder gefunden, die ganze tolle Hoffnung, die mich mit fünfundzwanzig Jahren erfüllte: die Hoffnung, daß die Religion Christi die Pacifizirung der Welt durch das Evangelium vollziehe. Wissen Sie, daß Mazzini schon lange vor Ihnen die Erneuerung des Katholizismus wollte? Er schob das Dogma und die Disziplin auf die Seite und behielt nur die Moral zurück. Und das neue Rom, das Rom des Volkes gab er der Universalkirche, in der alle Kirchen der Vergangenheit sich verschmelzen sollten, zum Sitz; Rom, die ewige, die prädestinirte Stadt, die Mutter und Königin, deren Herrschaft zum endgiltigen Glück der Menschen wieder erstand! Ist es nicht sonderbar, daß der gegenwärtige Neukatholizismus, das Erwachen des Spiritualistischen, die Idee der christlichen Gemeinde, der christlichen Nächstenliebe, mit der man so viel Lärm macht, nichts als eine Rückkehr zu den mystischen und humanen Ideen von 1848 ist? Ach, ich habe all das gesehen, ich habe geglaubt und gekämpft und weiß, in welch schöne Patsche uns dieses Aufschwingen in das Blau des Geheimnisvollen geführt hat. Was wollen Sie! Ich habe eben kein Vertrauen mehr.« Da Pierre nun ebenfalls in Eifer geraten und antworten wollte, unterbrach er ihn. »Nein, lassen Sie mich ausreden. Ich will Sie bloß völlig überzeugen, wie unbedingt notwendig es für uns war, Rom zu erobern und zur Hauptstadt von Italien zu machen. Ohne Rom konnte das neue Italien nicht sein. Es war der alte Ruhm; es hielt in seinem Staube die souveräne Macht fest, die wir wieder einsetzen wollten; es gab dem, der es besaß, Kraft, Schönheit, Ewigkeit. Im Mittelpunkt des Landes gelegen, war es dessen Herz und mußte sein Leben werden, sobald es aus dem langen Schlummer seiner Ruinen erweckt worden war. Ach, wie sehnten wir uns nach ihm inmitten unserer Siege und Niederlagen, während der Jahre schrecklicher Ungeduld! Ich, ich habe es mehr als jedwedes Weib geliebt und ersehnt; mein Blut brannte, ich war verzweifelt, weil ich alterte. Und als wir es endlich besaßen, da wollten wir es in unserer Narrheit prächtig, ungeheuer, zur Herrscherin, den anderen großen Hauptstädten Europas, Berlin, Paris, London, gleich machen. Sehen Sie es an. Es ist noch immer meine einzige Liebe, mein einziger Trost – heute, da ich tot bin, da nichts mehr an mir lebt als die Augen.« Er hatte mit derselben Geberde wieder auf das Fenster gedeutet. Unter dem tiefen Himmel streckte sich Rom, von den schrägen Sonnenstrahlen ganz vergoldet, ins Unendliche hin. Ganz in der Ferne schlossen die Baume des Janiculus den Horizont mit ihrem hell smaragdgrünen Gürtel ab, während weiter links der Dom von St. Peter blaßblau einem in zu hellem Licht erblichenen Saphir glich. Dann kam die untere Stadt, die Altstadt, rot, wie verbrannt von Jahrhunderten glühender Sommer; sie war dem Auge so wohlgefällig, so schön in dem tiefen Leben der Vergangenheit, ein grenzenloses Chaos von Dächern, Taubenschlägen, Türmen, Campanilen und Kuppeln! Aber im Vordergrunde, unter dem Fenster lag die neue Stadt, die, welche man seit fünfundzwanzig Jahren baute – über einander gehäufte, noch kreidige Würfel von Mauerwerk, die weder die Sonne noch die Geschichte mit ihrem Purpur umhüllt hatten. Besonders die Dächer des gewaltigen Finanzministeriums breiteten sich in grausamer Häßlichkeit wie unendliche, bleiche Steppen aus. Auf diese trostlosen Neubauten hatten sich schließlich die Blicke des alten Soldaten aus der Eroberungszeit geheftet. Ein Schweigen entstand. Pierre fühlte die leichte Kälte der verborgenen, uneingestandenen Trauer über sich hinziehen; er wartete höflich. »Ich bitte Sie um Verzeihung, daß ich Ihnen das Wort abschnitt,« hob Orlando wieder an. »Aber es scheint mir, daß wir von Ihrem Buche nicht in nützlicher Weise reden können, ehe Sie Rom nicht aus der Nähe gesehen und studirt haben. Sie sind erst seit gestern hier, nicht wahr? Schlendern Sie in der Stadt herum, schauen, fragen Sie und ich glaube, viele Ihrer Ideen werden sich ändern. Ich warte vor allem den Eindruck ab, den der Vatikan auf Sie machen wird; Sie sind ja einzig und allein gekommen, um den Papst zu sehen und Ihr Werk vor dem Index zu verteidigen. Wozu sollten wir uns schon heute in Erörterungen einlassen, da die Thatsachen selbst Sie auf ganz andere Ideen bringen werden, weit besser als ich es durch die schönsten Reden von der Welt zu thun vermöchte. Also abgemacht, Sie kommen wieder, und dann werden wir wissen, wovon wir zu sprechen haben. Vielleicht werden wir uns verstehen!« »Gewiß, gewiß,« sagte Pierre. »Sic sind zu gütig. Ich bin heute nur gekommen, um Ihnen für die Mühe, die Sie sich mit meinem Buche gegeben haben, meinen Dank auszudrücken und um in Ihnen eine der Zierden Italiens zu begrüßen.« Orlando hörte ihm nicht zu; er war zerstreut, seine Augen ruhten noch immer auf Rom. Er wollte nicht, daß davon gesprochen werde, aber wider Willen, ganz von seiner geheimen Unruhe beherrscht, fuhr er mit leiser Stimme, wie in einer unwillkürlichen Beichte, fort: »Gewiß, wir sind viel zu rasch vorwärts gegangen. Es gab unerläßliche, nützliche Ausgaben: Straßen, Häfen, Eisenbahnen. Und bewaffnet mußte das Land auch werden; ich habe anfangs die großen militärischen Lasten nicht mißbilligt. Aber später, dieses erdrückende Kriegsbudget – die Lasten eines Krieges, der nicht kam, dessen Erwartung uns zu Grunde richtete! O, ich war immer ein Freund Frankreichs; ich werfe ihm nichts vor, als daß es die Lage, die uns geschaffen wurde, den Entschuldigungsgrund nicht begriff, den wir hatten, als wir uns mit Deutschland verbündeten. Und die Milliarde, die Rom verschluckte! Das war Wahnsinn; wir haben aus Schwärmerei und aus Stolz gesündigt. Ich war in den Träumereien, denen sich der einsame Alte hingeben konnte, einer der ersten, der den Abgrund, die furchtbare finanzielle Krise, das Defizit ahnte, in die die Nation stürzen mußte. Ich habe es meinem Sohne, allen, die sich mir näherten, zugeschrieen, aber was half das? Sie hörten nicht auf mich, sie waren wahnsinnig, tauften, verlausten, bauten im Agio und in der Chimäre. Sic werden sehen, Sie werden sehen ... Das schlimmste ist, daß wir nicht, wie bei Ihnen, in der dichten Landbevölkerung einen Rückhalt an Geld und Menschenmaterial, einen Sparschatz haben, der immer bereit ist, die durch die Katastrophe entstandenen Löcher wieder auszufüllen. Bei uns regenerirt das Aufsteigen des Volkes, noch gleich Null, nicht das soziale Blut durch einen beständigen Zufluß von neuen Menschen. Außerdem ist das Volk arm; es hat keine Strümpfe, die es leeren könnte. Das Elend ist furchtbar, das muß man sagen. Wer Geld hat, zieht vor, es kleinlich in den Städten zu verzehren, als es bei landwirtschaftlichen oder industriellen Unternehmungen aufs Spiel zu setzen. Der Bau von Fabriken geht langsam vor sich. Der Boden untersteht fast überall noch der barbarischen Kultur wie vor zweitausend Jahren. Und Rom, Rom, das kein Italien geschaffen, das Italien durch seine feurige, einzige Sehnsucht zur Hauptstadt gemacht hat, Rom ist noch immer nur die prächtige Ruhmesdekorativ der Jahrhunderte, Rom hat uns mit seiner entarteten, hochmütigen und müßiggängerischen päpstlichen Bevölkerung noch nichts gegeben als den Prunk dieser Dekoration! Ich habe es zu sehr geliebt; ich liebe es zu sehr, als daß ich bedauern würde, hier zu sein. Aber, großer Gott, welchen Wahnsinn hat es in uns entfacht, wie viele Millionen hat es uns gekostet, wie drückt es uns mit seinem triumphirenden Gewicht zu Boden! Sehen Sie nur, sehen Sie!« Und er zeigte auf die farblosen Dächer des Finanzministeriums, die ungeheure, trostlose Steppe hinaus, als hätte er dort die im voraus geschnittene Ernte des Ruhmes, die furchtbare Oede des drohenden Bankerottes gesehen. Verhaltene Thränen verschleierten seine Augen: er sah herrlich aus in seiner erschütterten Hoffnung, seiner schmerzlichen Unruhe, mit seinem ungeheuren, weißhaarigen Löwenkopfe. Nun war er ohnmächtig, angenagelt an dieses kahle, helle, so hochmütig ärmliche Zimmer, das ein Protest gegen den monumentalen Reichtum des ganzen Viertels zu sein schien. Das war es also, was man aus der Eroberung gemacht hatte! Und jetzt war er vom Blitze zerschmettert, unfähig, noch einmal sein Blut und seine Seele hinzugeben! »Ja, ja,« schrie er auf, »alles gab man hin, das Herz und den Kopf, die ganze Existenz, so lange es sich darum handelte, das Vaterland einig und unabhängig zu machen. Aber jetzt, wo das Vaterland geschaffen ist, wer wird sich da für die Reorganisation feiner Finanzen begeistern! Das ist doch kein Ideal! Und so kommt es, daß, während die Alten sterben, kein neuer Mann unter den Jungen ersteht.« Plötzlich hielt er, etwas befangen und über sein eigenes fieberhaftes Ungestüm, lächelnd inne. »Entschuldigen Sie, ich bin wieder einmal durchgegangen. Ich bin wirklich unverbesserlich. Es ist abgemacht, wir lassen diesen Gegenstand jetzt, und wenn Sie alles gesehen haben werden, kommen Sie wieder und wir werden mit einander plaudern.« Von nun an gab er sich bezaubernd, und Pierre ersah aus der verführerischen Gutmütigkeit, aus der überwältigenden Freundlichkeit, mit der er ihn umgab, wie leid es ihm that, zu viel gesprochen zu haben. Er beschwor ihn, lange in Rom zu bleiben, es nicht voreilig zu beurteilen, überzeugt zu sein, daß Italien im Grunde Frankreich immer liebe; er wünschte ebenso lebhaft, daß man Italien lieben solle, und empfand eine wahre Angst bei dem Gedanken, daß man es vielleicht nicht mehr liebe. Der Priester war sich wie tagszuvor im Paläste Boccanera deutlich bewußt, daß eine Art von Druck auf ihn ausgeübt werde, um ihn zur Bewunderung und zur Zärtlichkeit zu zwingen. Gleich einer Frau, die fühlt, daß sie nicht schön ist, an sich zweifelt und empfindlich ist, ängstigte sich Italien um die Meinung der Besucher und bemühte sich, ihre Liebe trotz allem zu bewahren. Als jedoch Orlando erfuhr, daß Pierre im Palast Boccanera abgestiegen war, ereiferte er sich von neuem und machte eine Geberde lebhaften Aergers, als gerade in diesem Augenblick an der Thür geklopft wurde. Er rief »Herein,« hielt ihn aber dabei zurück. »Nein, gehen Sie noch nicht. Ich will wissen – « Eine Dame trat ein. Sie hatte das vierzigste Lebensjahr hinter sich, war rund und klein, noch hübsch, mit kleinen Zügen und einem artigen Lächeln, das im Fett ertrank. Sie hatte blondes Haar und grüne Augen, klar wie Quellwasser, war ziemlich gut gekleidet und sah in ihrer eleganten und einfachen reseda Toilette angenehm, bescheiden und bedächtig aus. »Ah, Du bist's Stefana!« sagte der Greis und ließ sich von ihr küssen. »Ja, Onkel. Ich ging vorüber und trat ein, um mich nach Ihrem Befinden zu erkundigen.« Es war Frau Sacco, eine Nichte Pradas. Sie war in Neapel geboren, ihre Mutter stammte aus Mailand und hatte den neapolitanischen Bankier Pagani geheiratet, der später insolvent geworden war. Nach dem Ruin hatte Stefana sich mit Sacco vermählt, der damals bloß ein kleiner Postbeamter war. Von da an hatte sich Sacco, der das Haus seines Schwiegervaters wieder in die Hohe bringen wollte, in schreckliche, verwickelte und verdächtige Geschäfte gestürzt und schließlich das unerwartete Glück gehabt, zum Deputirten gewählt zu werden. Seit er nach Rom gekommen war, um es seinerseits zu erobern, mußte seine Frau ihm bei seinem verzehrenden Ehrgeiz helfen, Toilette machen und einen Salon eröffnen. Sie war dabei wohl noch etwas linkisch, leistete ihm jedoch trotzdem nicht zu verachtende Dienste, da sie sehr sparsam, sehr umsichtig und eine gute Wirtin war; sie besaß, als Erbe ihrer Mutter, alle die trefflichen und soliden Eigenschaften Norditaliens, die sich neben dem unruhigen Wesen und der Liederlichkeit ihres Gatten, bei dem Süditalien mit seinen Gelüsten stets wieder aufflammte, prächtig ausnahmen. Der alte Orlando, der Sacco verachtete, hatte seiner Nichte, bei der er sein Blut wieder fand, eine gewisse Zuneigung bewahrt. Er dankte ihr und fing sofort von der Neuigkeit an, welche die Morgenblätter gebracht hatten; denn er ahnte wohl, daß der Deputirte seine Frau hergeschickt habe, um seine Meinung zu erfahren. »Nun, und wie steht es mit dem Ministerium?« Sie hatte sich niedergesetzt und sah, ohne sich zu eilen, die Zeitungen durch, die auf dem Tische herumlagen. »O, es ist noch nichts abgemacht. Die Presse hat zu voreilig davon gesprochen. Der Conseilspräsident hat Sacco berufen und sie haben eine Besprechung gehabt. Aber er zögert sehr; er fürchtet, für Ackerbau keine Befähigung zu haben. Ja, wenn es die Finanzen wären! Und dann, er würde auch keinen Entschluß gefaßt haben, ohne Sie zu Rate zu ziehen. Was halten Sie davon, Onkel?« Er unterbrach sie mit einer heftigen Geberde. »Nein, nein, in solche Dinge mische ich mich nicht!« Der rasche Erfolg Saccos, dieses Abenteurers, der bei allem dabei war, der immer im Trüben fischte, war für ihn ein Greuel, der Anfang des Endes. Sein Sohn Luigi brachte ihn ja in Verzweiflung, aber wenn man bedachte, daß Luigi mit seiner riesigen Intelligenz, seinen noch immer so schönen Eigenschaften nichts war, während dieser Sacco, dieser Wirrkopf, dieser ewig gierige Genüßling sich in die Kammer geschlichen hatte und nun auf dem besten Wege war, ein Ministerportefeuille einzustecken! Sacco war ein kleiner, brauner, dürrer Mann mit großen runden Augen, hervorstehenden Backenknochen und prominentem Kinn, der immer tanzte und schrie. Er besaß eine blendende Beredsamkeit, deren ganze Macht in der Stimme lag – einer Stimme von wunderbarer Gewalt und Sanftmut. Und er schmeichelte und machte sich alles zu nutze, verführte und herrschte! »Hörst Du, Stefana, sage Deinem Manne, der einzige Rat, den ich ihm geben kann, ist, wieder ein kleiner Beamter bei der Post zu werden. Dort wird er vielleicht Dienste leisten können.« Den alten Soldaten verletzte und empörte es, daß ein solcher Mann wie Sacco gleich einem Banditen in Rom eingefallen war, in dieses Rom, dessen Eroberung so viele edle Anstrengungen gekostet hatte. Und Sacco eroberte es nun seinerseits, nahm es denen weg, die es mit so harter Mühe gewonnen, besaß es, aber nur um sich daran zu ergötzen, um seine zügellose Sucht nach Macht damit zu stillen. Unter einer schmeichelnden Außenseite barg sich die Entschlossenheit, alles zu verschlingen. Nach dem Siege, als die Beute noch warm dalag, waren die Wölfe gekommen. Der Norden hatte Italien geschaffen; der Süden eilte auf die Beute zu, warf sich über sie und lebte von ihr wie von einem Raube. Und dem Zorne des zerschmetterten Helden lag vor allem der immer deutlicher hervortretende Antagonismus zwischen Nord und Süd zu Grunde: der Norden, arbeitsam und sparsam, bedacht, politisch, gelehrt und ganz den modernen Ideen hingegeben; der Süden, unwissend und faul, ganz der unmittelbaren Lebensfreude ergeben, mit der kindischen Unordnung der Handlungen, mit dem leeren Glanz schöner, tönender Worte. Stefana lächelte ruhig, indem sie Pierre anblickte, der sich an das Fenster zurückgezogen hatte. »O Onkel, Sie reden nur so! Aber Sie haben uns trotzdem lieb und haben mir schon mehr als einen guten Rat gegeben, wofür ich Ihnen sehr dankbar bin. So auch bei der Geschichte mit Attilio ...« Sie sprach von ihrem Sohn, dem Lieutenant und seinem Liebesabenteuer mit Celia, der kleinen Prinzessin Buongiovanni, von dem alle schwarzen und weißen Salons sich unterhielten. »Attilio – das ist etwas anderes!« rief Orlando. »Er ist mein Blut, so wie Du, und es ist wunderbar, wie ich mich in dem Kerl wieder finde. Ja, er ist ganz wie ich, als ich so alt war – schön und tapfer und schwärmerisch! Du siehst, ich mache mir selbst Komplimente. Aber wirklich, Attilio liegt mir am Herzen, denn er ist die Zukunft, er gibt mir die Hoffnung wieder ... Nun, wie steht seine Geschichte?« »Ach, Onkel, seine Geschichte macht uns vielen Aerger. Ich habe mit Ihnen schon davon gesprochen. Sie zuckten die Achseln und meinten, bei solchen Dingen hätten die Eltern nichts anderes zu thun, als die Liebenden ihre Angelegenheiten selbst in Ordnung bringen zu lassen ... Wir wollen aber doch nicht, daß man überall sagt, wir trieben unsern Sohn dazu, die kleine Prinzessin zu entführen, damit er dann ihr Geld und ihren Titel heiraten könne.« Orlando ließ sich unverhohlen gehen. »Das sind mir rechte Skrupel! Hat Dein Mann Dir aufgetragen, sie vor mir auszusprechen? Ja, ich weiß, daß er bei diesen Gelegenheiten den Zartfühlenden spielen will ... Ich wiederhole Dir, ich halte mich für ebenso ehrenhaft, wie er es ist, und wenn ich einen Sohn wie den Deinigen hätte, so offenherzig, so gut, so naiv verliebt, so würde ich ihn heiraten lassen, wen er wollte und wie er wollte! Die Buongiovannis! Lieber Gott, für die Buongiovannis, bei all ihrem Adel und dem Gelde, das sie noch haben, wird es eine große Ehre sein, einen so schönen Jungen mit einem solchen Herzen zum Schwiegersohn zu haben.« Von neuem nahm Stefanas Gesicht den Ausdruck ruhiger Befriedigung an. Sie kam sicherlich nur, um Zustimmung einzuholen. »Gut, Onkel, ich werde es meinem Manne wieder sagen, und er wird großes Gewicht darauf legen; denn wenn Sie auch strenge gegen ihn sind, er fühlt eine wirkliche Verehrung für Sie ... Was das Ministerium anbelangt ... mein Gott, vielleicht wird gar nichts daraus. Sacco wird den Umstanden gemäß seinen Entschluß fassen.« Sie hatte sich erhoben und verabschiedete sich von dein Greise, indem sie ihn wie beim Kommen sehr zärtlich umarmte. Sie machte ihm Komplimente über sein gutes Aussehen, fand ihn sehr schön und brachte ihn zum Lächeln, indem sie eine Dame nannte, die noch in ihn vernarrt sei. Dann entfernte sie sich mit bescheidener und vernünftiger Miene, nachdem sie den stummen Gruß des jungen Priesters mit einer leichten Verbeugung erwidert hatte. Orlando schwieg einen Augenblick und hielt, in seine trübe Stimmung zurücksinkend, den Blick auf die Thür gerichtet; er dachte zweifellos au die unklare, peinliche Gegenwart, die von der glorreichen Vergangenheit so verschieden war. Plötzlich wandte er sich wieder zu Pierre, der noch immer wartete. »Sie sind also im Palazzo Boccanera abgestiegen, lieber Freund! Ach, auch von dort ein solches Unglück!« Als der Priester ihm jedoch sein Gespräch mit Benedetta, ihre Worte wiederholte, daß sie ihn noch immer liebe und nie seine Güte vergessen werde, was immer auch geschehen möge, wurde er gerührt. Seine Stimme zitterte. »Ja, sie ist eine gute Seele, sie ist nicht schlecht. Aber was ist da zu machen? Sie liebte Luigi nicht und er war vielleicht ein bischen heftig ... Diese Dinge sind kein Geheimnis, ich kann offen mit Ihnen darüber reden, da zu meinem großen Kummer die ganze Welt sie kennt,« Orlando gab sich seinen Erinnerungen hin; er erzählte, wie er sich vor der Hochzeit bei dem Gedanken an das wunderbare Geschöpf gefreut hatte, das seine Tochter ward, das den Stuhl des Invaliden wieder mit Jugend und Reiz umgeben würde. Er hatte stets den Kultus der Schönheit getrieben, den leidenschaftlichen Kultus eines Liebhabers, dessen einzige Liebe stets die Frau geblieben wäre, wenn nicht das Vaterland sein Bestes an sich gerissen hätte. Und Benedetta betete ihn thatsächlich an; sie verehrte ihn, stieg unablässig zu ihm hinauf, um ganze Stunden bei ihm zu verbringen, kam nicht aus dem ärmlichen kleinen Zimmer weg, das dann in dem Glanz der göttlichen Anmut erstrahlte, den sie mit sich brachte. Er lebte in ihrem frischen Atem, in dem reinen Duft und der schmeichelnden, weiblichen Zärtlichkeit, mit der sie ihn umgab, ohne Unterlaß hegte und pflegte, wieder auf. Aber gleich darauf, was für ein schreckliches Drama! Und wie hatte sein Herz geblutet, da er nicht wußte, wie er die Gatten versöhnen solle! Er konnte dem Sohne nicht unrecht geben, wenn er der anerkannte, geliebte Gatte sein wollte. Anfangs, nach der ersten unheilvollen Nacht, diesem Zusammenstoß zweier Wesen, von denen jedes auf seinem unumschränkten Recht beharrte, hatte er gehofft, Benedetta zurückzuführen, in die Arme Luigis zu treiben. Aber als sie ihm unter Thränen ihr Geständnis ablegte, ihm ihre alte Liebe zu Dario beichtete, ihm ihren ganzen, unvorhergesehenen Widerwillen gegen den Akt, gegen die Hingabe ihrer Jungfräulichkeit an einen andern Mann erzählte, da begriff er, daß sie niemals nachgeben würde. So war ein ganzes Jahr verflossen; er hatte ein Jahr ans diesem Lehnstuhl angenagelt verlebt, während unter ihm, in diesen luxuriösen Gemächern, deren Geräusche nicht einmal an sein Ohr drangen, das schmerzliche Drama vor sich ging. Wie oft hatte er versucht, zu horchen, da er Streitigkeiten befürchtete, und wie verzweifelt war er, daß er sich nicht noch nützlich erweisen konnte, indem er Glückliche machte! Von seinem Sohne, der schwieg, erfuhr er nichts; nur von Benedetta hörte er manchmal Einzelheiten, wenn eine weichere Stimmung sie wehrlos machte. Und diese Heirat, in der er einen Augenblick den lang ersehnten Bund zwischen dem alten und dem neuen Rom gesehen hatte, diese nicht vollzogene Heirat brachte ihn in Verzweiflung; sie war der Verlust aller seiner Hoffnungen, das endgültige Scheitern seines Lebenstraumes. Zuletzt wünschte er selbst die Scheidung herbei, so unerträglich wurden die Leiden einer solchen Lage. »Ach, lieber Freund, noch nie habe ich das Verhängnis gewisser Gegensätze so gut begriffen – noch nie so gut verstanden, daß man mit dem weichsten Herzen, mit der geradesten Vernunft sich und andere unglücklich machen kann!« Aber die Thür that sich von neuem auf, und diesmal trat ohne vorheriges Anklopfen der Graf Prada ein. Nach einer raschen Begrüßung des Besuchers, der sich erhoben halte, ergriff er die Hände seines Vaters und betastete sie ängstlich, ob sie nicht zu heiß oder zu kalt seien. »Ich komme eben von Frascati. Ich mußte dort übernachten, diese unterbrochenen Bauten geben mir so viel zu schaffen. Man sagt mir eben, daß Sie eins schlechte Nacht gehabt haben.« »Aber nein, ich versichere Dich –« »O, mir reden Sie nichts ein! ... Warum beharren Sie dabei, hier zu wohnen, ohne jede Bequemlichkeit? Das gehört sich nicht mehr für Ihr Alter. Sie würden mir ein solches Vergnügen machen, wenn Sie ein bequemeres Zimmer nähmen, wo Sie besser schlafen würden.« »Ach nein, ach nein! ... Ich weiß ja, daß Du mich liebst, mein guter Luigi; aber ich bitte Dich, laß meinem alten Kopf seinen Willen. Nur so bin ich glücklich.« Pierre ward sehr betroffen von der innigen Zuneigung, die aus den Blicken der beiden Männer stammte, während sie sich Aug' in Auge betrachteten. Das kam ihm unendlich rührend, großartig schon vor, da doch so viele entgegengesetzte Ideen und Handlungen, so viele Streitigkeiten, die einen moralischen Bruch herbeigeführt hatten, sie von einander trennten. Er verglich sie mit Interesse. Graf Prada, kürzer, stämmiger gebaut, hatte ganz denselben energischen, starken, mit steifem, schwarzem Haar bewachsenen Kopf, dieselben freimütigen, etwas harten Augen wie sein Vater. Das von einem dicken Schnurrbart durchkreuzte Gesicht besaß eine klare Hautfarbe. Aber der Mund war anders; es war ein Mund mit einem Wolfsgebiß, sinnlich und gefräßig, ein beutelustiger Mund, geschaffen für den Abend nach der Schlacht, wenn es sich nur noch darum handelt, den Sieg der anderen anzubeißen. Das war auch der Grund, warum die Leute sagten, wenn man seine freimütigen Augen lobte: »Ja, aber sein Mund gefällt mir nicht.« Die Füße waren stark, die Hände dick und zu groß, aber sehr schön. Pierre staunte, daß er ganz so war, wie er ihn erwartet hatte. Er kannte seine Geschichte genau genug, um sich ein Bild des Heldensohnes zusammenzustellen, den der Sieg verdorben hat, der mit vollem Munde die von dem glorreichen Degen des Vaters geschnittene Ernte verzehrt. Besonders studirte er, wie die Tugenden des Vaters entstellt worden waren, wie sie sich bei dem Kinde in Laster verwandelt hatten; die edelsten Eigenschaften waren entartet, die heldenmütige, uneigennützige Energie wurde zur wilden Genußlust, der Mann der Schlacht zum Mann der Beute, seit die großen Gefühle der Begeisterung schwiegen, seit man sich nicht mehr schlug und inmitten der aufgehäuften Siegesbeute in Ruhe plünderte und verschlang. Und der Held, der gelähmte, zur Unbeweglichkeit verurteilte Vater, mußte dieser Entartung des Sohnes, des mit Millionen vollgestopften Geschäftchenmachers beiwohnen! Aber nun stellte Orlando Pierre vor. »Der Herr Abbé Pierre Froment, von dem ich Dir erzählt habe – der Verfasser des Buches, das ich Dir zum Lesen gab.« Prada war sehr liebenswürdig und begann sofort von Rom zu sprechen; er that es mit intelligenter Leidenschaft wie einer, der eine große, moderne Hauptstadt daraus machen wollte. Er hatte das nach dem zweiten Kaiserreich verwandelte Paris, das nach den deutschen Siegen vergrößerte und verschönerte Berlin gesehen, und wenn Rom sich der Bewegung nicht anschlösse, wenn es nicht eine große Stadt würde, die ein großes Volk bewohnen könnte, so war es, seiner Ansicht nach, von einem schnellen Tode bedroht. Entweder ein zusammenbröckelndes Museum oder eine neugeschaffene, auferstandene Stadt. Sehr eingenommen, beinahe schon bestochen, hörte Pierre dem gewandten Manne zu, dessen fester und klarer Geist ihn bezauberte. Er wußte, mit welcher Geschicklichkeit er bei dem Handel mit der Villa Montefiori vorgegangen war; er hatte sich dabei bereichert, wo so viele andere zu Grunde gegangen waren, da er zweifellos die verhängnisvolle Katastrophe schon in dem Augenblicke vorausgesehen hatte, da die Agiowut noch die gesamte Nation bethörte. Trotzdem entdeckte er auf diesem willenskräftigen, energischen Gesichte bereits Zeichen der Ermüdung, vorzeitige Runzeln, ein Herabhängen der Lippen, als ob der Mann des fortwährenden Kampfes inmitten der angrenzenden Einstürze, die den Boden untergruben und durch den Rückschlag auch die am festesten sitzenden Vermögen mitzureißen drohten, überdrüssig sei. Man erzählte, daß Prada in letzter Zeit ernste Befürchtungen gehabt hatte; nichts mehr stand fest, alles konnte in der finanziellen Krise, die sich von Tag zu Tag verschlimmerte, verschlungen werden. Bei diesem rauhen Sohne Norditaliens entstand unter dem verweichlichenden, verderbenden Einfluß Roms eine Art Verfall, eine langsame Fäulnis, Alle seine Begierden hatten sich hier auf ihre Befriedigung gestürzt und er erschöpfte sich, indem er allen – der Begierde nach dem Geld, der Begierde nach dem Weibe – hier Genüge that. Daher rührte die große, stumme Trauer Orlandos; denn er sah diesen raschen Verfall seiner Erobererrasse, während Sacco, der Süditaliener, von dem Klima gleichsam unterstützt, wie geschaffen für diese wollüstige Luft, für diese sonnenverbrannten Städte voll antiken Staubes, sich hier gleich der natürlichen Vegetation des von den Verbrechen der Geschichte getränkten Bodens entfaltete und nach und nach alles, Macht und Reichtum, an sich riß. Der Name Sacco wurde genannt; der Vater erzählte dem Sohne von dem Besuche Stefanas. Beide sahen sich lächelnd an, ohne eine weitere Bemerkung zu machen. Es ging das Gerücht, daß der verflossene Ackerbauminister vielleicht nicht sofort ersetzt werden, daß ein anderer Minister einstweilig die Geschäfte führen und die Eröffnung der Kammer abgewartet werden würde. Dann kam die Rede auf den Palazzo Boccanera; mit regem Interesse verdoppelte Pierre seine Aufmerksamkeit. »Ah, Sie sind in der Via Giulia abgestiegen,« rief der Graf. »Dort schläft das ganze alte Rom in der Stille der Vergangenheit.« Er sprach sehr unbefangen vom Kardinal und sogar von Benedetta, der Gräfin, wie er seine Frau im Gespräche nannte. Er bemühte sich, keinerlei Zorn zu zeigen. Aber der junge Priester fühlte, daß es in ihm zuckte, noch immer blutete und vor Groll tobte. Die Begierde nach dem Weibe brach bei ihm mit der Heftigkeit eines Bedürfnisses los, das sofort befriedigt werden mußte; zweifellos war das wieder eine der verdorbenen Tugenden des Vaters, die schwärmerische Begeisterung, die dem Ziel zueilte, zum unverzüglichen Handeln drängte. Er hatte daher nach dem Verhältnis mit der Fürstin Flavia, als er Benedetta, die göttliche Nichte einer noch so schönen Tante, besitzen wollte, sich in alles ergeben: in eine Heirat, in den Kampf mit diesem jungen Mädchen, das ihn nicht liebte, in die sichere Gefahr, ihr ganzes Leben zu verderben. Lieber hätte er Rom angezündet, als auf sie verzichtet. Und das, woran er jetzt ohne Hoffnung auf Heilung litt, die unablässig frisch aufbrechende Wunde, die er in der Brust trug, das war das Bewußtsein, sie nicht besessen zu haben, sich sagen zu müssen, daß sie sein war und sich ihm verweigert hatte. Den Schimpf konnte er nie verzeihen; die Wunde blieb am Grunde seiner ungestillten Leidenschaft, wo der geringste Hauch ihr Brennen wieder weckte. Und unter der korrekten Außenseite dieses Mannes verbarg sich ein rasender, eifersüchtiger und rachsüchtiger, eines Verbrechens fähiger Wollüstling. »Der Herr Abbé hat davon Kenntnis,« murmelte der alte Orlando mit seiner traurigen Stimme. Prada machte eine Geberde, als wolle er sagen, daß alle Welt davon Kenntnis habe. »Ach, Vater, wenn ich Ihnen nicht gehorcht hätte, würde ich mich nie zu diesem Annullirungsprozeß der Ehe hergegeben haben! Dann hätte die Gräfin wohl in die eheliche Wohnung zurückkehren müssen und wäre heute nicht in der Lage, sich mit ihrem Geliebten, diesem Dario, dem Vetter, über uns lustig zu machen.« Orlando wollte seinerseits mit einer Geberde Protestiren. »Aber gewiß, Vater. Warum denn, glauben Sie, ist sie von hier geflohen, wenn nicht, um in ihrem eigenen Hause in den Armen des Geliebten zu leben? Ich finde sogar, daß der Palast in der Via Giulia mit seinem Kardinal recht unschickliche Dinge beschützt.« Dieses strafbare, ihm zufolge öffentlich bekannte, schamlose Verhältnis war das Gerücht, das er verbreitete, die Anklage, die er überall gegen seine Frau erhob. Trotzdem glaubte er eigentlich selbst nicht daran; denn er kannte allzu wohl die feste Vernunft Benedettas, den abergläubischen, gleichsam mystischen Begriff, den sie in ihre Jungfräulichkeit legte, sowie ihre Absicht, nur dem Manne anzugehören, den sie lieben und der ihr Gatte vor Gott sein würde. Aber er hielt eine solche Beschuldigung für ehrlichen Kriegsbrauch und für sehr wirksam. »Richtig!« rief er plötzlich, »Sie wissen, Vater, »ich habe Einsicht in die Eingabe Muranos erhalten. Es steht also fest, wenn die Ehe nicht vollzogen werden konnte, so geschah es infolge Unvermögens des Gatten.« Er brach in lautes Gelächter aus; er wollte zeigen, daß er das für den Gipfel des Komischen halte. Aber er war vor heimlicher Erbitterung erblaßt, sein lachender Mund hatte einen harten, grausam mörderischen Ausdruck; offenbar hatte ihn nur diese falsche, für einen Mann von seiner Virilität beschimpfende Beschuldigung des Unvermögens bewogen, sich in diesem Prozeß zu verteidigen, von dem er anfangs nichts wissen wollte. Er würde also Prozeß führen. Uebrigens sei er überzeugt, daß seine Frau die Annullirung der Ehe nicht erreichen würde. Und noch immer lachend gab er etwas freie Details über den Akt. »Luigi!« sagte Orlando leise, indem er mit einem Blick auf den jungen Priester wies. »Ja, ich schweige schon. Sie haben recht, Vater. Aber es ist wirklich so abscheulich, so lächerlich ... Sie kennen doch Lisbeth?« Orlando antwortete nicht. Lisbeth Kauffmann, kaum dreißig Jahre alt, hochblond, sehr rosig und stets von lachender Heiterkeit, gehörte der Fremdenkolonie an; sie war Witwe, ihr Gatte war vor zwei Jahren in Rom gestorben, wohin er gekommen war, um von einer Brustkrankheit zu genesen. Da sie frei und reich genug war, um niemand zu bedürfen, war sie in Rom geblieben, wo es ihr gefiel, da sie eine leidenschaftliche Kunstfreundin war und selbst etwas Malerei trieb; sie hatte sich in der Via Principe Amadea, in einem neuen Viertel, einen kleinen Palast gekauft, und dessen großer, in ein Atelier verwandelter, zu jeder Jahreszeit von Blumen durchdufteter und mit alten Stoffen behangener Saal im zweiten Stockwerk war in der liebenswürdigen und intelligenten Gesellschaft Roms wohlbekannt. Dort bewegte sie sich, in lange Blusen gekleidet, in ihrer beständigen Fröhlichkeit, war etwas keck, machte furchtbare Witze, gehörte aber zur guten Gesellschaft und hatte sich außer mit Prada noch nicht kompromittirt. Er hatte ihr zweifellos gefallen; sie gab sich ihm, als seine Frau ihn verließ, einfach hin und war im siebenten Monat guter Hoffnung. Sie verbarg das nicht und sah so ruhig und glücklich aus, daß ihr riesiger Bekanntenkreis fortfuhr, sie zu besuchen, als sei das in dem leichten, freien Leben großer kosmopolitischer Städte von gar keiner Bedeutung. In den Umständen, in denen der Graf sich befand, entzückte ihn natürlich diese Schwangerschaft und wurde in seinen Augen der beste Beweis gegen die Beschuldigung, unter der sein Mannesstolz litt. Aber ohne daß er es sich eingestand, blutete die unheilbare Wunde im Grunde seines Herzens darum nicht minder, denn weder diese bevorstehende Vaterschaft noch der schmeichelhafte Besitz der unterhaltenden Lisbeth entschädigten für die Bitterkeit der Weigerung Benedettas: diese brannte er, zu besitzen, diese hätte er schrecklich strafen mögen, weil er sie nicht besessen hatte. Pierre, der keine Kenntnis von diesem Abenteuer Luigis halte, konnte das Gespräch nicht verstehen. Da er befangen war und sich eine Haltung geben wollte, ergriff er einen auf dem Tisch unter den Zeitungen liegenden, dicken Band; er war erstaunt, hier einem klassischen, französischen Werk, einem jener Handbücher für das Baccalaureat, zu begegnen, die einen Abriß der im Programm verlangten Kenntnisse enthalten. Es war nur ein bescheidenes, praktisches Buch für den ersten Unterricht, aber es handelte notgedrungen von der ganzen Mathematik, von der ganzen Physik, Chemie und Naturlehre, so daß es im großen und ganzen die Eroberungen des Jahrhunderts, den gegenwärtigen Stand des menschlichen Geistes kurz zusammenfaßte. »Ah, Sie sehen das Buch meines allen Freundes Theophil Moria an!« rief Orlando, über die Ablenkung erfreut. »Sie wissen, er war einer der Tausend von Marsala und hat mit uns Sizilien und Neapel erobert. Ein Held! ... Und seit mehr als dreißig Jahren ist er wieder nach Frankreich auf seine einfache Professorkanzel zurückgekehrt, durch die er wahrlich nicht reich geworden ist. So hat er denn dieses Buch veröffentlicht, das, scheint's, so gut geht, daß er auf den Gedanken verfiel, durch Uebersetzungen, unter anderen auch durch eine italienische Uebersetzung, noch einen kleinen Nutzen daraus zu ziehen ... Wir sind Brüder geblieben; er gedachte meinen Einfluß zu benützen, den er für maßgebend hält. Ach, er täuscht sich! Ich fürchte, es wird mir nicht gelingen, das Werk durchzubringen.« Prada, der wieder sehr korrekt und bezaubernd geworden war, zuckte leicht die Achseln, voll Skeptizismus über seine Zeitgenossen, die einzig und allein darauf bedacht sind, die bestehenden Dinge aufrecht zu erhalten, um so viel Nutzen als möglich daraus zu ziehen. »Wozu?« murmelte er. »Zu viele Bücher! Zu viele Bücher!« »Nein, nein, es gibt nie zu viele Bücher,« entgegnete der Greis leidenschaftlich. »Wir brauchen Bücher, immer mehr Bücher! Durch das Buch, nicht durch das Schwert, wird die Menschheit die Lüge und Ungerechtigkeit besiegen, den endgültigen Bruderfrieden unter den Völkern erobern. Ja, Du lächelst. Ich weiß. Du nennst das meine achtundvierziger Ideen, ›de vieille barbe‹ , wie man bei Ihnen in Frankreich sagt, nicht wahr, Herr Froment? Aber es steht darum doch fest, daß Italien tot ist, wenn man das Problem nicht von unten anfaßt, das heißt, wenn man nicht das Volk bildet; und nur auf eine Weise ist es möglich, ein Volk, Menschen zu schaffen, nämlich, indem man sie unterrichtet, indem man durch den Unterricht diese ungeheure, verlorene Kraft entwickelt, die heutzutage in Unwissenheit und Faulheit verkommt ... Ja, ja, Italien ist geschaffen, schaffen wir jetzt Italiener. Bücher her, Bücher her! Und immer mehr vorwärts, mehr in die Wissenschaft, mehr in die Klarheit hinein, wenn wir leben, gut, gesund und stark sein wollen!« Der alte Orlando, der sich halb erhoben hatte, war mit seinem mächtigen Löwenkopf herrlich anzusehen; das blendende Weiß des Bartes und Haares loderte. Und sein Hoffnungsschrei hatte mit einem solchen Fieber des Vertrauens durch dieses reine, in seiner gewollten Armut so rührende Zimmer geklungen, daß der junge Priester eine andere Gestalt vor sich aufsteigen sah: die Gestalt des Kardinals Boccanera, ganz dunkel, nur das Haar weiß wie Schnee, ebenfalls bewunderungswürdig in ihrer heldenhaften Schönheit, hoch aufgerichtet inmitten seines in Trümmer zerfallenden Palastes, dessen vergoldete Decke über ihm zusammenzubrechen drohte. O, die großen Starrköpfe, die Gläubigen, die Alten, die mannhafter und leidenschaftlicher bleiben als die Jungen! Diese beiden befanden sich an den zwei entgegengesetzten Enden der Meinungen, da sie nicht eine gemeinsame Idee, nicht eine gemeinsame Liebe besaßen, und doch schienen sie in diesem antiken Rom, wo alles in Staub verflog, allein unzerstörbar und wie zwei getrennte Brüder unbeweglich am Horizonte zu stehen und über die Stadt hinweg ihren Protest zu erheben! Der Anblick dieser beiden in ihrer Größe, ihrer Einsamkeit, ihrer Unbeteiligtheit an der täglichen Gemeinheit erfüllte einen Tag mit einem Traum der Ewigkeit. Prada hatte sofort mit kindlich zärtlichem Druck die Hände des Greifes ergriffen, um ihn zu beruhigen. »Ja, ja, Vater, Sie haben recht, Sie haben immer recht, und ich bin ein Dummkopf, daß ich Ihnen widerspreche. Ich bitte Sie, bewegen Sie sich nicht so viel, denn Sie decken sich auf, Ihre Beine werden wieder kalt werden.« Und er kniete nieder, um die Decke mit unendlicher Sorgfalt zu ordnen; dann blieb er trotz seiner zweiundvierzig Jahre wie ein kleiner Knabe auf der Erde liegen und schlug die feuchten, in stummer Anbetung flehenden Augen zu dem Vater empor, während der alte Mann, beruhigt und sehr gerührt, ihm mit zitternden Fingern das Haar streichelte. Pierre hatte hier schon beinahe zwei Stunden verweilt; endlich empfahl er sich, von allem, was er gesehen und gehört, sehr betroffen und sehr gerührt. Er mußte von neuem versprechen, wiederzukommen, um lange zu plaudern. Draußen ging er aufs Geratewohl weiter. Es war kaum vier Uhr; er hatte die Absicht, in dieser köstlichen Stunde, wo die Sonne an dem erfrischten, unermeßlichen, blauen Himmel niederging, ohne eine im voraus bestimmte Marschroute quer durch Rom zu schlendern. Aber fast gleich darauf befand er sich in der Via Nazionale, durch die er tags zuvor bei seiner Ankunft zu Wagen gekommen war; er erkannte die weißliche, maßlos große Bank, die grünen, zum Quirinal aufsteigenden Berge, die Pinien der Villa Aldobrandini; dann, bei der Biegung, als er stehen blieb, um sich die Trojansäule wieder anzusehen, die sich letzt im Dunkel, im Hintergründe des bereits von der Dämmerung erfüllten Platzes abhob, sah er zu seiner Ueberraschung plötzlich eine Viktoria anhalten, aus der ihn ein junger Mann höflich anrief, indem er dabei leicht mit der Hand winkte. »Herr Abbé Froment! Herr Abbé Frommt!« Es war der junge Fürst Dario Boccanera, der seine tägliche Spazierfahrt auf dem Corso machen wollte. Fast immer in Geldnot, lebte er nur noch von der Freigebigkeit seines Oheims, des Kardinals. Aber wie alle Römer hätte er im Notfall von Wasser und Brot gelebt, um seinen Wagen, sein Pferd und seinen Kutscher zu behalten. In Rom ist ein Wagen ein unentbehrlicher Luxus. »Herr Abbé Froment, wenn Sie einsteigen wollen, so wird es mich sehr freuen, Ihnen ein bißchen unsere Stadt zu zeigen.« Ohne Zweifel wollte er Benedetta ein Vergnügen bereiten, indem er liebenswürdig gegen ihren Schützling war. Außerdem machte es ihm in seinem Müßiggang Freude, den jungen Priester, der, wie es hieß, so intelligent war, in das einzuführen, was er für die Blüte Roms, das unnachahmliche Leben hielt. Pierre mußte es annehmen, obwohl er einen einsamen Spaziergang vorgezogen hätte. Trotzdem interessirte ihn der junge Mann, der Letztgeborene einer erschöpften Rasse; er fühlte, daß er zum Denken und Handeln unfähig, aber in seinem Stolz und seiner Lässigkeit sehr verführerisch war. Viel mehr Römer als Patriot, hatte er niemals die geringste Anwandlung gehabt, sich zu ralliren; er war es zufrieden, abseits zu leben, nichts zu thun, und trotz seiner Leidenschaftlichkeit beging er keine Thorheiten, Er war im Grunde sehr praktisch, sehr vernünftig, wie alle in seiner Stadt es trotz ihres scheinbaren Ungestüms sind. Sobald der Wagen, nachdem er quer über die Piazza di Venezia gefahren, auf den Corso gelangt war, ließ er seine kindliche Eitelkeit, seine Liebe zu dem glücklichen und frohen Leben außerhalb des Hauses, unter dem schonen Himmel zum Durchbruch kommen. Das alles drückte sich ganz klar in der einfachen Geberde aus, mit der er sagte: »Der Corso!« Pierre geriet so wie tags zuvor in Erstaunen. Abermals streckte sich die lange und schmale Straße bis zu der hell beleuchteten Piazza del Popolo hin, nur mit dem Unterschied, daß nun die Häuser rechts in der Sonne gebadet waren, während die links im Schatten lagen. Wie, das war der Corso! Dieser halbdunkle, zwischen hohen, schweren Fassaden erdrückte Graben! Diese elende Chaussee, wo höchstens drei Wagen in einer Reihe fahren können, die von dicht an einander gedrängten Läden mit ihrem Flitterkram begrenzt wurde! Kein freier Raum, weder ein weiter Horizont noch erfrischendes Grün! Nichts als ein Stoßen, Drängen, Ersticken längs der kleinen Trottoirs unter einem schmalen Streifen Himmel! Vergebens nannte Dario ihm die Namen der historischen, prunkvollen Paläste: Palazzo Bonaparte, Palazzo Doria, Palazzo Odescalchi, Palazzo Sciarra, Palazzo Chigi; vergebens zeigte er ihm die Piazza Colonna mit der Säule des Marc Aurel, den lebhaftesten Platz der Stadt, wo unaufhörlich eine plaudernde und schauende Menge umherstampft; vergebens machte er ihn bis zur Piazza del Popolo auf die Kirchen, die Häuser, die Querstraßen, die Via Condotti aufmerksam, an deren Ende S. Trinità, de Monti, lauter Gold, auf der Höhe der prunkenden Spanischen Treppe in der Pracht der untergehenden Sonne emporragte – Pierre blieb der enttäuschende Eindruck einer Straße ohne Breite und ohne Lust. Die Paläste erschienen ihm wie Hospitäler oder traurige Kasernen, der Piazza Colonna mangelte es gänzlich an Bäumen, nur S. Trinità de Monti hatte ihn durch seinen fernen Apotheosenglanz bezaubert. Aber nun ging es von der Piazza del Popolo wieder zur Piazza di Venezia zurück, und wieder zurück, und wieder zurück – zwei-, drei-, viermal, unermüdlich. Dario war entzückt, zeigte sich, schaute umher, wurde gegrüßt und grüßte. Auf den beiden Trottoirs zog eine dicht gedrängte Menge vorüber, deren Augen in die Wagen tauchten, deren Hände die der darin Sitzenden hätten berühren können. Nach und nach nahm die Zahl der Wagen so zu, daß die ununterbrochene, an einander gedrängte Doppelreihe im Schritt fahren mußte. Bei diesem fortwährenden Aneinanderstreifen der Ein- und Aussteigenden konnte man sich berühren und genau betrachten. Das war ganz Rom, das sich im Freien durch einander mischte und sich auf dem möglichst kleinsten Raum zusammendrängte; da waren Leute, die sich kannten, die sich wie in der Vertraulichkeit eines Salons trafen. Leute, die nicht auf dem Gesprächsfuß mit einander standen, der entgegengesetztesten Gesellschaft angehörten, aber hier einander stießen und mit den Blicken bis in die Seele ausforschten. Nun ging Pierre das richtige Verständnis auf: er begriff den Corso, die uralte Gewohnheit, die Leidenschaft und den Stolz der Stadt. Ja, das Vergnügen lag gerade in dieser Enge der Straße, in dem gezwungenen Aufeinanderstoßen, das erwartete Begegnungen, die Befriedigung der Neugierde, die Schaustellung glücklicher Eitelkeit, das Sammeln endloser Klatschereien gestattete. Die gesamte Stadt sah sich hier täglich wieder, zeigte, belauerte sich, gab sich selbst ein Schauspiel; und das Bedürfnis, sich so zu sehen, wurde zuletzt so unentbehrlich, daß ein Mann aus guter Familie, der dem Corso fern blieb, für einen Wilden galt, der außerhalb seines Kreises, ohne Zeitungen dahinlebte. Dabei war die Luft so köstlich milde und der schmale Streifen Himmel zwischen den schweren, rötlichen Palästen von unendlicher, reiner Bläue. Dario hörte nicht auf, zu lächeln und leicht den Kopf zu neigen; er nannte Pierre die Namen der Fürsten und Fürstinnen, der Herzoge und Herzoginnen – klangvolle Namen, deren Glanz die Geschichte erfüllte, deren tönende Silben das Aufeinanderprallen der Rüstungen in der Schlacht, der päpstlichen Prunkaufzüge mit den Purpurornaten, den goldenen Tiaren, den heiligen, juwelenfunkelnden Gewändern heraufbeschwor. Aber Pierre sah zu seiner Verzweiflung dicke Damen, kleine Herren, aufgeblasene oder gebrechliche Wesen, die durch die moderne Tracht noch häßlicher wurden. Dennoch sah man einige hübsche Frauen, besonders Mädchen, stumm, mit großen, klaren Augen. Als Dario ihm den Palazzo Buongiovanni, eine ungeheure Fassade aus dem siebenzehnten Jahrhundert mit von Laubwerk umgebenen Fenstern von schwerem, widerwärtigem Geschmack zeigte, fügte er belustigt hinzu: »Ah, sehen Sie, da ist Attilio, dort auf dem Trottoir. Der junge Lieutenant Sacco – Sie wissen, nicht wahr?« Pierre antwortete mit einem bejahenden Zeichen. Attilio, in Uniform, ganz jung, mit seinem lebhaften und wackeren Aussehen, seinem freimütigen Gesicht, in dem die blauen Augen seiner Mutter zärtlich leuchteten, bezauberte ihn sofort. Er war wirklich die Jugend und die Liebe in ihrer ganzen schwärmerischen und um die Zukunft unbekümmerten Hoffnung. »Sie werden gleich sehen,« fuhr Dario fort, »wenn wir an dem Palast wieder vorbeikommen. Er wird noch dort stehen. Ich werde Ihnen etwas zeigen.« Und er sprach heiter über die jungen Mädchen, diese im Sacré-Coeur in solcher Abgeschlossenheit erzogenen und übrigens zumeist so unwissenden kleinen Prinzessinnen und Herzoginnen. Sie vollendeten dann ihre Erziehung an der Schürze ihrer Mütter, machten mit ihnen die obligate Runde auf dem Corso und verlebten die endlosen Tage wie in einem Kloster, gefangen in den düsteren Palästen. Aber welche Stürme gab es in diesen stummen Seelen, in die niemand noch hinabgestiegen! Wie brach manchmal unter diesem passiven Gehorsam, unter dieser scheinbaren Unkenntnis der Umgebung langsam die Willenskraft hervor! Wie viele wollten eigensinnig ihr Leben selbst gestalten, den Mann, der ihnen gefiel, wählen und ihn der ganzen Welt zum Trotz besitzen! Und der Geliebte wurde unter der Flut der jungen Leute aus dem Corso gewählt, der Geliebte wurde auf dem Spaziergang mit den Augen geangelt, mit den reinen, sprechenden Augen, deren Blick für das Geständnis, für die vollständige Hingabe genügten, ohne daß ein Hauch über die keusch geschlossenen Augen kam. Zuletzt kamen die in der Kirche verstohlen zugesteckten Liebesbriefchen und die gekaufte Kammerfrau erleichterte die anfangs so unschuldigen Begegnungen. Oft gab es am Ende eine Hochzeit. Celia begehrte Attilio von dem Moment an, da sich ihre Blicke an dem tödlich langweiligen Tage, wo sie ihn zum erstenmal von einem Fenster des Palazzo Buongiovanni erblickte, begegnet hatten. Er hob zufällig den Kopf und sie nahm ihn für immer gefangen, indem sie sich ihm mit den großen, reinen, fest auf ihn gerichteten Augen selbst hingab. Sie war nichts als ein liebendes Weib – sonst nichts. Er gefiel ihr, sie wollte ihn besitzen – diesen und keinen andern. Sie hätte zwanzig Jahre auf ihn gewartet, aber sie gedachte ihn durch die ruhige Hartnäckigkeit ihres Willens sofort zu erobern. Man erzählte sich von den schrecklichen Wutausbrüchen des Fürsten, ihres Vaters, die an ihrem ehrerbietigen und störrischen Schweigen zerschellten. Der Fürst, aus gemischtem Blut, Sohn einer Amerikanerin und Gatte einer Engländerin, kämpfte nur, um seinen Namen und sein Vermögen inmitten der benachbarten Zusammenbrüche unversehrt zu erhalten. Es lief auch das Gerücht, daß die Fürstin sich infolge eines Streites, als der Fürst sie verantwortlich machen wollte und ihr vorwarf, über die Tochter nicht genügend gewacht zu haben, mit dem Hochmut und dein Egoismus einer Fremden, die fünf Millionen zugebracht hat, empörte. War es nicht genug, daß sie ihm fünf Kinder geschenkt? Sie brachte ihre Tage damit zu sich anzubeten, überließ Celia sich selbst und kümmerte sich nicht um das Haus, durch das der Sturm wehte. Aber der Wagen fuhr von neuem an dem Palazzo vorüber und Dario machte Pierre aufmerksam. »Sehen Sie, da ist Attilio wieder ... Und jetzt sehen Sie hinauf – das dritte Fenster im ersten Stock.« Es war ein flüchtiger, reizender Anblick. Pierre sah, wie ein Zipfel des Vorhangs sich ein wenig lüftete und das sanfte Gesicht Celias erschien, eine reine, geschlossene Lilie. Sie lächelte nicht, sie rührte sich nicht. Nichts ließ sich aus diesem reinen Munde, aus diesen klaren und grundlosen Augen herauslesen. Dennoch nahm sie Altilio an sich und gab sich ihm rückhaltslos. Der Vorhang fiel wieder zu. »Ah, die kleine Hexe!« murmelte Dario. »Wer kann wissen, was alles hinter so viel Unschuld steckt?« Als Pierre sich umdrehte, bemerkte er Attilio mit noch immer erhobenem Kopfe da stehen; auch sein Gesicht war unbeweglich und bleich, der Mund geschlossen, die Augen weit geöffnet. Und diese schrankenlose Liebe in ihrer plötzlichen Allmacht, die echte, ewige und junge, außerhalb des Ehrgeizes und der Berechnungen der Umgebung stehende Liebe rührte ihn unendlich. Dann gab Dario dem Kutscher Befehl, zum Pincio hinaufzufahren; vor oder nach dem Corso ist an schönen, klaren Nachmittagen die Fahrt auf den Pincio obligat. Da kam zuerst die Piazza del Popolo, der luftigste und regelmäßigste Platz von Rom, mit seinen köderartigen Straßen, seinen vier symmetrischen Kirchen, dem Obelisk in der Mitte und den zwei Baumgruppen, die zu beiden Seiten des kleinen weißen Pflasters, zwischen den ernsten, von der Sonne vergoldeten Gebäuden ein Gegenstück bilden. Dann fuhr der Wagen rechts die Rampe zum Pincio hinan; es ist das ein zickzackförmiger, mit Basreliefs, Statuen und Springbrunnen geschmückter, prächtiger Weg, eine ganze Apotheose aus Marmor, eine Erinnerung an das antike Rom, das sich da aus dem Grün erhebt. Aber der Garten auf der Höhe kam Pierre klein vor, kaum wie ein großer Square; es war ein Viereck mit vier Alleen, die notwendig waren, damit die Equipagen wenden konnten. Eine ununterbrochene Reihe von Büsten der berühmten Männer des alten und neuen Italiens begrenzte diese Alleen. Pierre bewunderte besonders die Bäume, die mannigfachsten und seltensten, mit unendlicher Sorgfalt gewählten und gepflanzten Holzarten, fast alle mit immerwährenden, Laub, wodurch hier im Sommer wie im Winter ein bewunderungswürdiger, in allen Tönen von Grün abgestufter Schatten erhalten wurde. Der Wagen begann nun hinter den anderen Wagen, einer fortwährenden, unermüdlichen Flut durch die schönen, frischen Alleen zu fahren. Pierre bemerkte in einer dunkelblauen, tadellos bespannten Viktoria eine einzelne junge Dame. Sie war sehr hübsch, klein, kastanienbraun, mit mattfarbenem Teint, großen, sanften Augen und sah bescheiden, verführerisch einfach aus. Zu ihrem strengen Kleide aus feuille morte -Seide trug sie einen großen, etwas phantastischen Hut. Da Dario sie betrachtete, fragte der Priester nach ihrem Namen, worüber der junge Fürst lächelte. O, niemand – bloß die Toinette, eine jener seltenen Halbweltlerinnen, mit denen Rom sich beschäftigte. Dann fuhr er offen, mit der schönen Freimütigkeit seiner Rasse in Bezug auf Liebesangelegenheiten fort und teilte Pierre Einzelheiten über Toinette mit. Ihre Herkunft war unbekannt; die einen ließen sie von sehr niedrigem Stande, von einem Schenkwirt in Tivoli, abstammen; die anderen behaupteten, sie sei in Neapel geboren, als Tochter eines Bankiers. Aber auf jeden Fall war sie ein sehr intelligentes Mädchen, hatte sich Bildung angeeignet und machte in ihrem kleinen Palaste in der Via dei Mille, einem Geschenk des alten Marquis Manfredi, der nun tot war, mit großem Geschick die Wirtin. Sie stellte sich nicht bloß, hatte nie mehr als einen Geliebten auf einmal und die Fürstinnen, die Herzoginnen, die täglich auf dem Corso ihretwegen in Unruhe gerieten, fanden sie anständig. Besonders eine Eigenheit hatte sie berühmt gemacht: manchmal ergriff sie eine Herzensleidenschaft, die sie bewog, sich dem Geliebten umsonst hinzugeben und absolut nichts von ihm anzunehmen, als jeden Morgen einen Strauß weißer Rosen, so daß die Leute, wenn sie sie auf dem Pincio oft Wochen hinter einander mit diesen reinen Rosen, diesem weißen Brautbouquet sahen, mit liebevoll wohlgefälliger Miene lächelten. Aber Dario unterbrach sich, um zeremoniös eine Dame zu grüßen, die bloß in Gesellschaft eines Herrn in einem ungeheuer großen Landauer vorüberfuhr. »Meine Mutter,« sagte er einfach zu dem Priester. Diese kannte Pierre, wenigstens hatte der Vicomte de la Choue ihm ihre Geschichte erzählt: ihre zweite Heirat mit fünfzig Jahren, nach dem Tode des Fürsten Onofrio Boccanera, die Art und Weise, wie die noch immer prächtige Frau ganz wie ein junges Mädchen auf dem Corso mit den Blicken sich einen schönen, fünfzehn Jahre jüngeren Mann, der nach ihrem Geschmacke war, geangelt hatte. Und wer war dieser Mann, dieser Jules Laporte? – Ein ehemaliger Sergeant der Schweizergarde, wie es hieß, ein ehemaliger Geschäftsreisender mit Reliquien, der sich in einer außerordentlichen Geschichte mit falschen Reliquien kompromittirt hatte. Schließlich hatte sie einen Marquis Montefiori aus ihm gemacht, der eine sehr stattliche Figur abgab – der letzte der Glücksritter in dem legendären Lande, wo die Schäfer Königinnen heiraten. Bei der nächsten Runde, als der große Landauer wieder vorbeikam, sah Pierre die beiden an. Die Marquise war wirklich erstaunlich in ihrer ganzen, vollerblühten, klassischen römischen Schönheit, groß, stark, sehr brünett, mit einem Göttinnenkopf und regelmäßigen, etwas derben Zügen; ihr Alter verriet sich nur durch den Flaum, mit dem ihre Oberlippe bedeckt war. Und der Marquis, dieser romanisirte Genfer, war mit seinen breiten, kräftigen Offiziersschultern und seinem aufgedrehten Schnurrbart wirklich von stolzem Anstand, Es hieß, daß er nicht dumm, sehr munter und sehr geschmeidig, für Damen sehr unterhaltend sei. Sie war so stolz auf ihn, daß sie ihn überall umherschleppte und zur Schau stellte; sie hatte mit ihm das Leben von neuem begonnen, als wäre sie zwanzig Jahre alt gewesen, und verzehrte in seinen Armen das kleine, aus der Katastrophe der Villa Montesiori gerettete Vermögen. – Sie vergaß ihren Sohn so völlig, daß sie ihn nur manchmal ans der Promenade sah und wie einen zufälligen Bekannten grüßte. »Sehen wir uns den Sonnenuntergang hinter S. Peter an!« sagte Dario in seiner Rolle des gewissenhaften Fremdenführers. Der Wagen kehrte auf die Terrasse zurück, wo eine Militärmusikkapelle spielte. Die Blechinstrumente lärmten schrecklich. Viele Equipagen standen bereits still, um zuzuhören, wühlend eine unaufhörlich wachsende Menge von Fußgängern, einfachen Spaziergängern sich angehäuft hatte. Von dieser bewunderungswürdigen, sehr hohen und sehr breiten Terrasse entfaltete sich eine der herrlichsten Aussichten von Rom. Jenseits des Tiber, über das bläßliche Chaos des neuen Viertels neben dem Schlosse, erhob sich S. Peter zwischen dem Grün des Monte Mario und des Janiculus. Dann kam links die ganze alte Stadt, eine grenzenlose Dächerfläche, ein wogendes, unabsehbares Meer von Gebäuden. Aber die Blicke kehrten immer wieder nach S. Peter zurück, der in reiner und majestätischer Größe im Azur thronte. Und der langsame Sonnenuntergang hinter dem Koloß am Grunde des ungeheuren Himmels bot von der Terrasse aus einen erhabenen Anblick. Manchmal ist es ein Zusammenbrechen blutiger Wolken, sind es Schlachten von Riesen, die mit Bergen gegen einander kämpfen und unter den ungeheueren Ruinen brennender Städte erliegen. Manchmal zeichnen sich von einem düstern See nur rote Risse ab, als wäre ein Lichtnetz hineingeworfen worden, um aus den Algen das versunkene Gestirn wieder herauszufischen. Manchmal senkt sich ein rosiger Nebel, ein zarter Staub herab, den ein ferner Regenschauer, dessen Vorhang über das Geheimnis des Horizontes gezogen ist, mit Perlen gestreift hat. Manchmal ist es ein Triumphzug von Purpur und Gold, Wolkenwagen, die über eine Feuerstraße rollen, Galeeren, die über ein Azurmeer ziehen, ein prunkvolles, phantastisches Gepränge, das in dem allmälich sich vertiefenden Abgrund der Dämmerung untergeht. Aber an diesem Abend bot sich Pierre ein erhabenes Schauspiel in ruhiger, blendender und hoffnungsloser Größe. Zuerst, gerade über dem Dom von S. Peter, war die Sonne, an einem fleckenlosen, tief klaren Himmel untergehend, noch so leuchtend, daß das Auge ihren Glanz nicht ertragen konnte. In diesem Leuchten erschien der Dom wie weißglühend, wie ein Dom aus flüssigem Silber, während das benachbarte Viertel, die Dächer des Borgo, sich gleichsam in einen Glutsee verwandelt zu haben schienen. Dann, in dem Maße, als die Sonne tiefer sank, nahm ihre Glut ab, und man konnte sie betrachten; bald glitt sie majestätisch langsam hinter den Dom, der sich vollständig in dunklem Blau abzeichnete, als das hinter ihm verborgene Gestirn rings um ihn nur noch eine Aureole, eine Glorie bildete, aus der kronenförmig flammende Strahlen aufzuckten. Und nun begann das Traumbild, die seltsame Beleuchtung der Fensterreihe, die sich unter der Kuppel hinzieht; das Licht verwandelte sie in die rot glühenden Oeffnungen eines Schmelzofens, so daß man hätte glauben können, der Dom ruhe auf einer in der Luft isolirten, von der Gewalt des Feuers gehobenen und getragenen Kohlenpfanne. Das dauerte kaum drei Minuten. Unten tauchten die wirren Dächer des Borgo in lila Dämpfen unter, während der Horizont sich vom Janiculus bis zum Monte Mario in einer deutlichen, schwarzen Linie abzeichnete und nun der Himmel seinerseits zu Purpur und Gold wurde, mit der unendlichen Ruhe einer übermenschlichen Helle über der vergehenden Erde lag. Zuletzt erloschen die Fenster, erlosch der Himmel, und in der hereinbrechenden Nacht blieb nichts übrig als die unbestimmte, immer mehr sich verwischende Rundung des Domes von S. Peter. In diesem Augenblicke sah Pierre durch eine geheime Gedankenverbindung abermals die hohen, traurigen und dem Verfall sich zuneigenden Gestalten des Kardinals Boccanera und des alten Orlando vor sich erstehen. Am Abend dieses Tages, an dem er diese in ihrer Hoffnung so großen Männer einen nach dem andern kennen gelernt hatte, standen sie beide aufrecht am Horizont über ihrer erniedrigten Stadt, am Rande des Himmels, den der Tod zu ergreifen schien. Sollte denn alles so mit ihnen zusammenbrechen, alles in der Nacht der abgelaufenen Zeit erlöschen und verschwinden? V. Am nächsten Tage erschien Narcisse Habert verzweifelt bei Pierre, um ihm zu sagen, daß sein Vetter, Monsignore Gampa del Zoppo, der Geheimkämmerer, sich für leidend ausgebe und zwei bis drei Tage Zeit verlange, ehe er den jungen Priester empfangen und sich mit seiner Audienz beschäftigen könne. Pierre war also zur Unbeweglichkeit verurteilt, da er nicht wagte, auf anderem Wege einen Versuch zu machen, um den Papst zu sehen; man hatte ihn derart erschreckt, daß er durch einen ungeschickten Schritt alles zu verderben fürchtete. Und unbeschäftigt wie er war, begann er, da er seine Zeit ausfüllen wollte, Rom zu besichtigen. Sein erster Besuch galt den Ruinen des Palatin. Schon um acht Uhr morgens, bei klarem Himmel, ging er ganz allein fort und begab sich zu dem in der Via S. Teudoro befindlichen Eingang, einem Gitter, das von den Pavillons der Wächter eingefaßt wird. Sofort trat einer derselben herzu und bot sich als Führer an. Er hätte vorgezogen, seiner Phantasie nachzugehen, sich auf gut Glück seinen Entdeckungen und seinem Traum zu überlassen, aber es war ihm peinlich, das Anerbieten dieses Mannes zurückzuweisen, der sehr deutlich und mit einem guten, gefälligen Lächeln französisch sprach. Es war ein kleiner, stämmiger Mann, ein ehemaliger Soldat, etwa sechzig Jahre alt, mit einem viereckigen, rötlichen, von einem dicken weißen Schnurrbart geteilten Gesicht. »Wenn der Herr Abbé mir also folgen will ... Ich sehe, der Herr Abbé ist Franzose. Ich bin Piemontese und kenne die Franzosen sehr gut: ich war mit ihnen bei Solferino. Ja, ja, man kann sagen, was man will, das vergißt man nicht, wenn man einmal verbrüdert war. Bitte, hier rechts.« Als Pierre die Augen hob, erblickte er die Linie der Zypressen, die die Plattform des Palatin auf der Tiberseite begrenzen. Er hatte sie am Tage seiner Ankunft vom Janiculus aus gesehen. In der so zart blauen Lust erschien das tiefe Grün der Bäume wie eine schwarze Franse. Außer ihnen war nichts zu sehen; der Abhang streckte sich kahl und nackt, schmutzig staubgrau hin, bestreut mit einigen Buchsbaumstauden, in deren Mitte die oberen Enden antiker Mauern aufschimmerten. Das war die Verwüstung, die aussätzige Trübseligkeit des Ausgrabungsterrains, an dem sich nur die Gelehrten begeistern. »Die Häuser des Tiberius, des Caligula und der Flavier sind dort oben,« fuhr der Führer fort. »Aber wir heben sie uns bis zuletzt auf; wir müssen der Reihe nach gehen.« Dennoch wendete er sich einen Augenblick nach links und blieb vor einer Höhle, einer Art Grotte in der Flanke des Berges stehen. »Das ist das Lupercale, wo die Wölfin Romulus und Remus säugte. Früher war noch am Eingang der Feigenbaum Nominal zu sehen, der die Zwillinge schützte.« Pierre konnte ein Lächeln nicht unterdrücken, so einfach und überzeugt gab der alte Soldat seine Erklärungen, und so stolz war er außerdem auf all diesen antiken Ruhm, der sein Eigen war. Aber als der würdige Mann ihm neben der Grotte die Spuren der Roma quadrata, die Mauerreste gezeigt hatte, die wirklich bis auf die Gründung Roms zurückzuführen schienen, wurde sein Interesse wach und eine erste Erregung ließ sein Herz klopfen. Gewiß kam das nicht daher, weil es ein wunderbares Schauspiel war, denn es handelte sich nur um einige Blöcke behauener und ohne Zement oder Kalk über einander gelegter Steine. Aber eine Vergangenheit von siebenundzwanzig Jahrhunderten erstand hier und diese zerbröckelten, geschwärzten Steine, die ein so mächtiges Gebäude von Pracht und Allmacht getragen halten, nahmen eine außerordentliche Majestät an. Sie setzten ihren Rundgang fort und schritten wieder nach rechts, stets an der Flanke des Berges entlang. Die Ausläufer der Paläste mußten bis hieher gereicht haben: Reste von Portilen, von zusammengebrochenen Sälen, noch aufrechtstehende Säulen und Friese begrenzten den holperigen Weg, der sich zwischen wirren Kirchhofsgräbern hinzog. Der Führer, der das, was er wußte, so gut hersagte, weil er es seit zehn Jahren täglich wiederholt hatte, fuhr fort, die unsichersten Hypothesen aufzustellen, indem er jedem der Trümmer einen Namen, eine Verwendung, eine Geschichte beilegte. »Das Haus des Augustus,« sagte er zuletzt mit einer auf den Erdschutt deutenden Handbewegung. Diesmal wagte Pierre, da er absolut nichts sah, zu fragen: »Wo denn?« »Ach, Herr Abbé, es scheint, daß man noch zu Ende des vorigen Jahrhunderts die Fassade davon sah. Der Eingang war von der andern Seite, von der Sacra Via aus. Auf dieser Seite befand sich ein riesiger Balkon, der auf den Zirkus Maximus ging. Von ihm aus konnte man den Spielen beiwohnen. Uebrigens ist der Palast, wie Sie konstatiren können, noch immer fast gänzlich unter dem großen Garten da oben, dem Garten der Villa Mills begraben. Aber wenn man das Geld für die Ausgrabungen haben wird, wird man ihn wieder finden, das steht fest, gerade so wie den Tempel des Apollo und den der Vesta, die ihn begleiteten.« Er wandte sich nach links und trat in das Stadium, den kleinen Zirkus für die Wettläufe, der sich dicht an der Flanke des Palastes des Augustus hinzog. Jetzt begann der Priester gepackt und begeistert zu werden. Nicht, daß sich hier eine genügend erhaltene Ruine von monumentalem Aussehen befunden hätte – keine Säule war auf ihrem Platze geblieben, bloß die rechten Mauern erhoben sich noch, aber der ganze Plan war wieder gefunden worden, die Pfeiler an jedem Ende, der Portikus rings um die Bahn, die kolossale Loge des Kaisers, die, nachdem sie links im Hause des Augustus gewesen, dann in den Palast des Septimius Severus eingelassen wurde und sich nach rechts geöffnet hatte. Und der Führer schritt immer weiter durch diese zerstreuten Trümmer, gab reichliche und genaue Erklärungen und versicherte, daß die Herren von der Direktion der Ausgrabungen ihr Stadium bis in die kleinste Einzelheit festgestellt hatten, so daß sie im Begriffe waren, einen genauen Plan davon zu machen, mit der Reihenfolge der Säulen, der Statuen in den Nischen, der Natur des Marmors, von dem die Mauern bedeckt waren. »O, die Herren sind ganz ruhig,« schloß er und sah dabei beseligt aus. »Die Deutschen werden nichts zu sticheln haben und werden hier nicht alles auf den Kopf stellen, so wie sie es am Forum gemacht haben, wo man sich nicht mehr auskennt, seit sie mit ihrer Wissenschaft darüber gekommen sind.« Pierre lächelte und sein Interesse wuchs noch, als er ihm über zerbrochene Treppen und über die Holzbrücken, welche die Löcher überspannten, in die riesigen Ruinen des Palastes des Septimius Severus folgte Der Palast erhob sich an der südlichen Spitze des Palatin und beherrschte die Via Appia und die ganze Campagna bis in unabsehbare Ferne. Nichts ist davon übrig als der Unterbau, die unterirdischen Säle, die von den Bogen der Terrassen geschützt wurden, mit denen man die zu eng gewordene Plattform des Berges erweitert hatte. Und diese aufgedeckten Unterbauten genügen, um eine Idee von dem prunkhaften Palast zu geben, den sie trugen, so ungeheuer und mächtig sind sie in ihrer unzerstörbaren Masse geblieben, hier erhob sich das berühmte Septizonium, der Turm mit den sieben Stockwerken, der erst im vierzehnten Jahrhundert verschwand. Hier befindet sich noch eine von cyklopischen Arkaden getragene Terrasse, von der sich ein wunderbarer Ausblick darbietet. Dann kommt nichts als eine Anhäufung dicker, halb zerfallener Mauern, gähnende Abgründe inmitten von zusammengestürzten Decken, Reihen endloser Korridore und ungeheurer Säle, deren Verwendung unbekannt ist. Alle diese von der neuen Administration in gutem Stand erhaltenen, gefegten und vom Unkraut befreiten Ruinen haben ihre romantische Wildheit verloren, um eine kahle, düstere Größe anzunehmen. Aber die Strahlen der lebenden Sonne vergoldeten die alten Mauern, drangen durch die Breschen in die Tiefe der schwarzen Säle und belebten mit ihren blendenden Stäubchen die stumme Schwermut dieser toten Majestät, die aus der Erde ausgegraben ward, wo sie seit Jahrhunderten geschlummert. Ueber das alte rötliche, aus mörtelbelegten Ziegeln gebildete und seiner prunkvollen Marmorbekleidung beraubte Mauerwerk legte der Purpurmantel der Sonne von neuem eine kaiserliche Glorie. Pierre wanderte nun bereits seit anderthalb Stunden umher und hatte noch die Masse der vorderen Paläste auf der Plattform selbst, gegen Norden und Osten, zu besichtigen. »Wir müssen zurückgehen,« sagte der Führer. »Sie sehen, die Garten der Villa Mills und das Kloster S. Bonaventura verlegen uns den Weg. Man wird erst durchgehen können, wenn die Ausgrabungen diese ganze Seite bloßgelegt haben werden. Ach, Herr Abbé, wenn Sie vor kaum fünfzig Jahren auf dem Palatin spazieren gegangen wären! Ich habe die Pläne aus jener Zeit gesehen. Da waren nichts als Weingärten, nichts als kleine, von Hecken durchschnittene Gärten, die richtige Campagna, eine wahre Wüste, wo man keiner Menschenseele begegnete. Wer hätte gedacht, daß alle diese Paläste da drunten schliefen!« Pierre folgte ihm; sie schritten aufs neue an dem Hause des Augustus vorüber, gingen zurück und traten in das Hans der Flavier. Es war ungeheuer groß, noch zur Hälfte unter der benachbarten Villa verborgen und bestand aus einer Menge von großen und kleinen Sälen, über deren Bestimmung man noch immer stritt. Der Thronsaal, der Gerichtssaal, der Speisesaal; das Peristyl schienen festgestellt zu sein. Aber das übrige ist alles nur Spiel der Phantasie, besonders was die schmalen Räume der Privatgemächer betrifft. Außerdem ist nicht eine Mauer ganz; man sieht nichts als hervorschauende Fundamente, verstümmelte Grundmauern, die am Boden den Plan des Gebäudes bezeichnen. Die einzige wie durch ein Wunder erhaltene Ruine ist das Haus, das man für das der Livia ausgibt; es nimmt sich neben den ungeheuren, benachbarten Palästen ganz klein aus und drei Säle davon mit ihren Wandmalereien, Blumen und Früchten von seltsamer Frische sind noch unversehrt. Was das Haus des Tiberius betrifft, so ist kein Stein davon sichtbar. Seine Ueberreste sind unter dem herrlichen öffentlichen Garten verborgen, der auf der Plattform die alten farnesischen Gärten fortsetzt; und von dem Hause des Caligula, daneben, über dem Forum existiren so wie von dem Hause des Septimius Severus nichts mehr als ungeheure Unterbauten, Strebepfeiler, über einander gehäufte Stockwerke, hohe Arkaden, die den Palast trugen, ungeheure Kellergeschoße, wo die Dienerschaft und die Wachposten wohnten und sich fortwährenden Schmausereien hingaben. Diese ganze, die Stadt beherrschende Höhe bot also nichts als kaum kenntliche Spuren, ausgedehnte, graue und kahle, von der Haue durchfurchte und mit einigen Mauerstücken bestreute Terrains, und es bedurfte der Anstrengung einer Gelehrtenphantasie, um die antike kaiserliche Pracht wieder erstehen zu lassen, die hier geherrscht hatte. Der Führer setzte nichtsdestoweniger seine Erklärungen mit ruhiger Ueberzeugung fort, indem er ins Leere wies, als ob die Monumente sich noch vor ihm erheben würden. »Hier sind wir auf dem Palatinplatz. Sie sehen, links ist die Fassade des Palastes des Domitian, rechts die Fassade des Palastes des Caligula. Und wenn Sie sich umdrehen, haben Sie gerade vor sich den Tempel des Jupiter Stator. Die Sacra Via ging bis auf diesen Platz und durch die Porta Mugionis, einem der drei alten Thore des ursprünglichen Rom.« Er unterbrach sich und deutete mit der Hand auf den nordwestlichen Teil des Berges. »Sie bemerken, daß die Cäsaren auf dieser Seite nichts gebaut haben. Offenbar mußten sie sehr alte, noch vor der Gründung Roms bestandene und vom Volke verehrte Denkmäler respektiren. Das waren der von Evander und seinen Arkadiern gebaute Siegestempel, das Lupercale, das ich Ihnen zeigte, die bescheidene, aus Rohr und Erde gebildete Hütte des Romulus. All das ist wieder gefunden worden, Herr Abbé, und es ist kein Zweifel daran, mögen die Deutschen sagen, was sie wollen.« Aber plötzlich rief er mit einer Miene, als hätte er das Interessanteste vergessen: »Zum Schluß müssen wir den unterirdischen Gang ansehen, wo Caligula ermordet wurde.« Und sie stiegen in einen langen gedeckten Korridor hinab, in den die Sonne heutzutage durch Breschen fröhliche Strahlen hinabsendet. Einige Stück Zieraten und Mosaiken sind noch sichtbar. Der Ort ist deswegen nicht weniger düster und einsam, für tragisches Grauen wie geschaffen. Die Stimme des alten Soldaten klang dumpfer; er erzählte, wie Caligula, von den palatinischen Spielen zurückkehrend, die Laune gehabt habe, allein in diesen Gang hinab zu steigen, um den heiligen Tänzen beizuwohnen, die junge Asiaten dort an diesem Tage übten. Und so kam es, daß der Führer der Verschworenen, Chereas, ihn als erster im Dunkeln in den Bauch stechen konnte. Der Kaiser wollte heulend fliehen. Aber da warfen sich die Mörder, seine Kreaturen, seine geliebtesten Freunde alle auf ihn, schleuderten ihn zu Boden, zerhackten ihn mit Stichen, während er, wahnsinnig vor Furcht und Wut, den dunklen, dumpfen Gang mit seinem Geheul erfüllte, wie ein Tier, das abgeschlachtet wird. Als er tot war, trat wieder Stille ein und die Mörder flohen entsetzt. Der Besuch der klassischen Ruinen des Palatin war zu Ende. Als Pierre wieder oben war, hatte er nur einen Wunsch, nämlich seinen Führer los zu werden und allein in diesem heimlichen, träumerischen Garten zu bleiben, der den Gipfel des Rom beherrschenden Berges einnahm. Seit bald drei Stunden lief er herum und summte diese dicke, eintönige Stimme an seinem Ohr vorüber, ohne ihm auch nur einen einzigen Stein zu erlassen. Jetzt kam der Wackere wieder auf seine Freundschaft zu Frankreich zurück und schilderte weitschweifig die Schlacht von Magenta. Er nahm mit einem guten Lächeln das Silberstück, das der Priester ihm gab und ging dann an die Schlacht von Solferino. Das drohte kein Ende zu nehmen, als der Zufall eine Dame herführte, die eine Auskunft haben wollte. Sofort begleitete er sie. »Guten Abend, Herr Abbé. Sie können durch den Palast des Caligula hinaus. Und Sie wissen, daß eine geheime, in die Erde gegrabene Treppe von diesem Palast in das Haus der Vestalinnen, da unten, auf das Forum führte. Man hat sie nicht aufgefunden, aber sie muß da sein.« Ach, welch köstliche Erleichterung, als Pierre endlich allein war und sich einen Augenblick auf eine der Marmorbänke des Gartens niederlassen konnte! Es gab hier nur einige Baumgruppen, Buchs, Cypressen, Palmen, aber die schönen, grünen Wintereichen, unter denen die Bank sich befand, verbreiteten einen dunklen, köstlich frischen Schatten. Der Zauber rührte auch von der träumerischen Einsamkeit, der schauernden Stille, die von diesem alten Boden ausging, der von der Geschichte, von der aufsehenerregendsten, in der vollen Pracht eines übermenschlichen Stolzes prangenden Geschichte getränkt war. Einst hatten die sarnesischen Gärten diesen Teil des Berges in einen angenehmen, mit Hainen geschmückten Aufenthalt verwandelt; die stark beschädigten Gebäude der Villa bestehen noch und zweifellos hat der Ort eine eigene Anmut bewahrt. Der Hauch der Renaissance streicht noch immer wie eine Liebkosung durch das glänzende Laub der alten Wintereichen. Man befindet sich da inmitten der Vergangenheit, inmitten des leichtbeschwingten Volkes der Visionen, unter dem schwebenden Atem zahlloser, in dem Rasen schlafender Generationen. Aber das in der Ferne, rings um den erhabenen Hügel zerstreute Rom lockte Pierre so lebhaft, daß er nicht sitzen bleiben konnte. Er erhob sich und näherte sich der Brustwehr einer Terrasse. Unter ihm breitete sich das Forum aus und am Ende erschien der Monte Capitolino. Es war nichts weiter als eine Anhäufung von grauen Gebäuden, ohne Schönheit oder Größe. Man sah nichts als die den Berg beherrschende Rückfassade des Senatorenpalastes, eine flache Fassade mit schmalen Fenstern, die den hohen, viereckigen Campanile überragte. Diese große, kahle, rostfarbene Mauer verbarg die Kirche S. Maria in Aracoeli, den Gipfel, wo einst der Tempel des Jupiter Capitolinus, übermenschlichen Schutz gewährend, königlich prangte. Weiter links, auf dem Abhang des Monte Caprino, wo im Mittelalter die Ziegen weideten, erhoben sich häßliche Häuser, während die paar schönen Bäume des von der englischen Botschaft bewohnten Palastes Cassarelli mit ihrem Grün den Gipfel des alten Tarpejischen Felsens bedeckten, der heute beinahe unauffindbar, unter den Stützmauern verloren, verschwunden ist. Das also war dieser Monte Capitolino, der glorreichste aller sieben Hügel, mit seiner Festung, mit seinem Tempel, dem die Herrschaft der Welt verheißen war, der Sankt Peter des antiken Rom – dieser gegen das Forum zu abgedachte, gegen das Marsfeld spitz aussteigende Berg von schrecklichem Aussehen, dieser Berg, den der Blitz besuchte, den der Asylwald mit seinen heiligen Eichen in der fernsten Zeit mit geheimnisvollen Schauern vor dem grimmigen Unbekannten erfüllte. Später hatte die römische Größe hier ihr Tabularium, ihr Staatsarchiv. Die Triumphatoren stiegen herauf, die Kaiser wurden hier Götter, hier standen ihre Marmorstatuen. Und nun fragte das Auge mit Erstaunen, wie so viel Geschichte, so viel Ruhm auf so wenig Raum Platz finden konnte, auf diesen bergigen, wirren Inselchen kleinlicher Dächer, einem Maulwurfshaufen, der nicht großer, nicht höher war, als ein kleiner, zwischen zwei Thälern gebetteter Marktflecken. Die nächste Ueberraschung war für Pierre das vom Kapitol ausgehende und am Fuße des Palatin sich hinziehende Forum: ein enger, zwischen den benachbarten Hügeln eingepreßter Platz, ein Untergrund, auf dem das wachsende Rom, da es an Raum fehlte, die Gebäude zum Ersticken anhäufen mußte. Man hat tief graben müssen, um unter den fünfzehn Metern der von den Jahrhunderten herbeigeführten Alluvialschichte den ehrwürdigen Boden der Republik wieder zu finden. Jetzt sieht man nichts mehr als eine lange, weißliche, reinlich gehaltene Grube ohne Dornen oder Epheu, wo gleich Knochenresten Bruchstücke des Pflasters, Säulensockel, Grundmauern sichtbar sind. Die gänzlich wieder hergestellte Basilika Julia sieht einfach wie die Projektion eines architektonischen Planes aus. Auf dieser Seite hat nur der Bogen des Septimius Severus seine ganze Breite bewahrt, während die paar vom Tempel des Vespasian übrig gebliebenen, vereinzelten und durch ein Wunder inmitten der Zusammenbrüche aufrecht stehenden Säulen eine stolze Eleganz, die majestätische Kühnheit des Gleichgewichts angenommen haben und fein und vergoldet in den blauen Himmel ragen. Auch die Phokassäule steht da noch aufrecht und von der Rednerbühne daneben sieht man, was davon mittelst der in der Umgegend entdeckten Stücke wieder hergestellt ward. Aber man muß weiter gehen, als bis zu den drei Säulen des Tempels von Castor und Pollux, weiter als bis zu den Spuren des Hauses der Vestalinnen, weiter als bis zum Tempel der Faustina, in der sich die christliche Kirche S. Lorenzo so breitgemacht hat, weiter als bis zu dem runden Tempel des Romulus, um die außerordentliche Empfindung des Ungeheuerlichen zu fühlen, die die Basilika des Konstantin mit ihren drei gewaltigen, gähnenden Gewölben verursacht. Vom Palatin aus gesehen konnte man sie für Vorhallen für Riesen halten; so dick war das Mauerwerk, daß ein von den Arkaden herabgefallenes Stück wie ein von einem Berge losgelöster Block am Boden liegt. Und hier, in diesem berühmten, so engen und so unbegrenzten Forum hat sich jahrhundertelang die Geschichte des größten aller Völker abgespielt – seit der sabinischen Legende, die die Römer und Sabiner versöhnt, bis zur Verkündigung der Volksrechte, welche die Plebejer langsam von den Patriziern erobert hatten. War es nicht gleichzeitig der Markt, die Börse, das Tribunal, der Saal der politischen Versammlungen, offen, im Freien? Hier hatten die Gracchen die Sache der Armen vertreten, hier schlug Sylla seine Prostkriptionslisten an, hier sprach Cicero und hier ward sein blutendes Haupt aufgehängt. Dann verdunkelten die Kaiser den alten Glanz und die Jahrhunderte begruben die Monumente und Tempel unter ihrem Staube, so daß das Mittelalter keine andere Verwendung dafür hatte, als hier einen Ochsenmarkt einzurichten. Jetzt ist die Ehrfurcht wiedergekehrt; es ist eine grabschänderische Ehrfurcht, ein Neugierde- und Wissenschaftsfieber, das durch Hypothesen gesteigert wird. Es geht auf diesem historischen Boden, wo Generationen über einander liegen, in die Irre und schwankt zwischen den fünfzehn bis zwanzig Rekonstitutionen des Forums, von denen eine so annehmbar ist wie die andere. Für einen einfachen Vorübergehenden, der weder ein Forscher noch ein Gelehrter von Beruf ist, der nicht tags zuvor die römische Geschichte wieder durchgelesen hat, verschwinden die Einzelheiten; er sieht in diesem nach allen Seiten durchgegrabenen Terrain nichts als den Kirchhof einer Stadt, wo ausgegrabene alte Steine bleichen, wo die große Schwermut toter Völker aufsteigt. Von Ort zu Ort sah Pierre das von den Rädern der Wagen ausgehöhlte Pflaster der Sacra Via, die immer wieder zum Vorschein kommt, sich wendet, hinab- dann wieder hinansteigt; und er dachte an den Triumph, die Auffahrt des Triumphators, den sein Wagen so hart auf diesem rauhen Pflaster des Ruhmes schütteln mußte. Aber gegen Südosten erweiterte sich der Horizont und er bemerkte jenseits des Titusbogens und des Konstantinbogens die große Masse des Kolosseums. Ah, dieser Koloß, von dem die Jahrhunderte wie mit einem ungeheuren Sensenhieb nur die Hälfte abgerissen haben, bleibt in seiner Ungeheuerlichkeit, in seiner Majestät bestehen! Mit seinen Hunderten von leeren, in das Himmelsblau gähnenden Fenstern gleicht es einer Spitze aus Stein. Es ist eine Welt von Vorhallen, Treppen, Treppenabsätzen, Korridoren, eine Welt, in der man sich inmitten der Einsamkeit und der Stille des Todes verliert. Im Innern gleichen die zerbrochenen, von der Lust verwitterten Stufen den ungestalteten Staffeln eines alten, erloschenen Kraters, einer Art natürlichem Zirkus, den die Macht der Elemente mitten in den unzerstörbaren Felsen geschnitten. Aber die heiße Sonne von achtzehnhundert Jahren hat diese Ruine verbrannt und rot gefärbt; sie ist, seit sie ihrer Vegetation, der ganzen Flora beraubt wurde, die diesen Winkel zu einem Stück Urwald machte, in den Naturzustand zurückgekehrt, ist nackt und vergoldet wie die Flanke eines Berges. Und nun, was für eine Vision, wenn die Phantasie dieses tote Knochengerüst wieder mit Fleisch, Blut und Leben bekleidet, den Zirkus mit den neunzigtausend Zuschauern füllt, die er fassen konnte, die Arenaspiele und Kämpfe vorüberziehen läßt und eine ganze Zivilisation, vom Kaiser und seinem Hof bis zu dem hohlen See der Plebs in all der Erregung und dem Glanz eines ganzen, von Leidenschaft entstammten Volkes unter dem roten Widerschein des gigantischen Purpurvelums zusammenhäuft! Weiterhin am Horizont befand sich noch eine zweite cyklopische Ruine, die Thermen des Caracalla; auch sie sind als Spur einer von der Erde verschwundenen Rasse von Riesen übrig geblieben. Da sind Säle von übertriebener und unerklärlicher Weite und Höhe, zwei Vorhallen, in denen man die Bevölkerung einer Stadt empfangen kann, ein Frigidarium, dessen Becken auf einmal fünfhundert Badende aufnehmen konnte, ein Tepidarium, ein Caldarium von gleichem Umfang, der Sucht nach dem Ungeheuerlichen entsprossen. Und die erschreckende Masse des Monumentes, die Dicke der Pfeiler, wie keine Festung ihresgleichen hat – diese ganze Unendlichkeit, in der die Besucher wie verirrte Ameisen aussehen! Es ist ein so außerordentliches Schwelgen in Mörtel und Ziegeln, daß man sich fragt, für welche Mengen dieses ungeheuerliche Gebäude wohl erbaut worden sein mochte, heutzutage könnte man sie für uralte, von irgend einer Höhe herabgestürzte Felsen halten, die hier zum Baue einer Titanenwohnung zusammengehäuft wurden. Pierre wurde von der maßlosen Vergangenheit, in der er nun untertauchte, überwältigt. Von allen Seiten, von allen vier Richtungen des ungeheuren Horizontes wurde die Geschichte wieder lebendig und stieg wie eine überschäumende Flut zu ihm auf. Diese bläulichen, unabsehbaren Ebenen im Norden und Osten, das war das alte Etrurien; im Westen zeichneten sich die zackigen Kämme des Sabinergebirges ab, während gegen Süden das Albanergebirge und Latium sich unter dem Goldregen der Sonne ausdehnten. Auch Alba Longa war da, und der eichengekrönte Monte Cavo mit seinem Kloster, das den alten Jupitertempel ersetzt hat. Dann, zu seinen Füßen, jenseits des Forums, jenseits des Kapitols breitete sich Rom selbst aus. Gegenüber lag der Esquilin, zu seiner Rechten der Coelius und der Aventin; die anderen, die er nicht sehen konnte, der Quirinal, der Viminal, befanden sich links, hinter ihm, am Ufer des Tiber, lag der Janiculus. Und die ganze Stadt erzählte ihm einstimmig die Geschichte ihrer toten Größe. Da fand in ihm eine unwillkürliche Beschwörung, eine Auferstehung statt. Der Palatin, den er eben besichtigt hatte, dieser graue und düstere, gleich einer verfluchten Stadt geschleifte, mit einigen zusammenbrechenden Mauern bestreute Palatin, belebte, bevölkerte sich mit einemmale, erstand wieder mit all seinen Palästen und Tempeln. Hier war die Wiege Roms. Auf diesem, den Tiber beherrschenden Gipfel hatte Romulus seine Stadt gebaut, während die Sabiner das Kapitol gegenüber einnahmen. Die sieben Könige der zweiundeinhalb Jahrhunderte der Monarchie hatten ihn sicher bewohnt, eingeschlossen von hohen, starken Mauern, in die nur drei Thüren geschlagen waren. Dann rollten sich die fünf Jahrhunderte der Republik ab; es waren die größten, die glorreichsten, diejenigen, welche die italienische Halbinsel und dann die Welt der römischen Herrschaft unterworfen hatten. Während dieser siegreichen Jahre voll sozialer und kriegerischer Kämpfe hatte das wachsende Rom die sieben Hügel bevölkert; der Palatin mit seinen Tempeln war nur noch die ehrwürdige Wiege geblieben und die Privatbauten erstreckten sich allmälich auch auf ihn. Aber dann triumphirte Cäsar, die Verkörperung der Allmacht der Rasse, nach Gallien und Pharsalos im Namen des gesamten römischen Volkes; er war Diktator, Kaiser, nachdem er die gewaltige Aufgabe erfüllt hatte, die sich die fünf nächsten Jahrhunderte des Kaiserreiches so prunkvoll, in dem Galopp aller losgelassenen Begierden zu nutze machten. Und Augustus konnte die Macht ergreifen; der Ruhm Roms stand auf seinem Gipfel, die Milliarden warteten im Hintergrunde der Provinzen nur auf das Gestohlenwerden. Die kaiserliche Pracht begann sich in der Hauptstadt der Welt vor den Augen der fernen, geblendeten und besiegten Völker zu entfalten. Cäsar war auf dem Palatin geboren, und nachdem der Sieg von Actium ihm die Kaiserwürde geschenkt hatte, setzte er seinen Stolz darein, von der Höhe dieses heiligen, vom Volke verehrten Berges zu regieren. Er kaufte sich dort Privathäuser und erbaute mit bisher unbekanntem Luxus einen Palast. Es gab da ein von vier Pilastern und acht Säulen getragenes Atrium, ein Peristyl, das von sechsundfünfzig Säulen jonischer Ordnung umgeben ward, ringsum Privatgemächer, ganz aus Marmor – eine verschwenderische Fülle von Marmor, mit großen Kosten aus der Fremde herbeigeschafft, in den lebhaftesten Farben, gleich Edelgesteinen funkelnd. Und er hauste nun mit den Göttern zusammen; er hatte dicht neben seiner Wohnung den Apollotempel und einen Tempel der Vesta erbaut, um sich das göttliche, ewige Königtum zu sichern. Von nun an war der Same der kaiserlichen Paläste gesät; sie wuchsen, wucherten auf und bedeckten den ganzen Palatin. Ach, diese Allmacht des Augustus, diese vierundvierzig Jahre einer vollständigen, unbedingten, übermenschlichen Herrschaft, wie kein Despot je ihresgleichen gekannt hat, selbst nicht im Wahnsinn seiner Träume! Er ließ sich alle Titel verleihen, er vereinigte in seiner Person alle hohen Aemter. Als Kaiser und Konsul befehligte er die Armeen und übte die Exekutivgewalt aus; als Prokonsul besaß er die Suprematie in den Provinzen; als lebenslänglicher Zensor und Princeps herrschte er über den Senat, als Tribun war er der Herr des Volkes. Und er ließ sich zum Augustus ausrufen; er war geheiligt, ein Gott unter den Menschen, hatte seine Tempel, seine Priester, wurde zu Lebzeiten angebetet wie eine auf Erden wandelnde Gottheit. Und zuletzt wurde er Großpontifex, vereinigte die religiöse Macht mit der staatlichen. Damit verwirklichte er durch einen Geniestreich die Vollständigkeit der höchsten Herrschaft, zu der ein Mensch gelangen kann. Da der Großpontifex kein Privathaus bewohnen darf, hatte er sein Haus für Staatseigentum erklärt. Da der Großpontifex sich nicht vom Tempel der Vesta entfernen darf, baute er in seinem Hause einen Tempel dieser Göttin und überließ den Vestalinnen die Hut des alten Altares am Fuße des Palatin. Nichts war ihm zu teuer; denn er fühlte wohl, daß in dieser in einer Person vereinigten Doppelmacht, in dem zugleich König und Priester, Kaiser und Papst Sein, die menschliche Souveränität, das Inderhandhalten der Menschen und der Welt lag. Der ganze Saft einer starken Rasse, alle angehäuften Siege und alle noch zerstreuten Reichtümer entfalteten sich unter Augustus zu einer einzig dastehenden Pracht, wie sie nie mehr in solchem Glänze erstrahlen sollte. Er war wirklich der Herr der Welt; sein Fuß ruhte auf der Stirne der eroberten und pacificirten Völker, ein unsterblicher, künstlerischer und literarischer Ruhm umgab ihn. Es scheint, daß in jenem Moment in ihm der alte, gierige Ehrgeiz seines Volkes, der jahrhundertelange, geduldige Kampf, den es geführt hatte, um das erste Volk zu werden, seine Befriedigung fand. Es ist das Römerblut, es ist das Augustusblut, das endlich in kaiserlichem Purpur rot aufleuchtet. Es ist das Blut des Augustus, des göttlichen, triumphirenden, unumschränkten Herrschers über die Leiber und die Seelen, das Blut eines Mannes, in dem das Erbe von sieben langen Jahrhunderten nationalen Stolzes gipfelt, von dem eine Nachkommenschaft universellen, unzählbaren und endlosen Stolzes durch die Jahrhunderte ausgehen sollte. Denn von nun war es geschehen; das Blut des Augustus sollte in den Adern aller Beherrscher Roms wieder erwachen und pochen, indem es sie mit dem sich ewig erneuenden Traum von der Weltherrschaft verfolgte. Einen Augenblick war dieser Traum verwirklicht worden: Augustus, der Kaiser und Pontifex, hat die Menschheit besessen, in der Hand gehalten – gänzlich, rückhaltslos, wie einen eigenen Besitz. Später, nach dem Verfall, als die Macht sich spaltete und wieder zwischen König und Priester geteilt ward, haben die Päpste keinen andern leidenschaftlichen Wunsch, keine andere, jahrhundertelange Politik gekannt, als die Staatsgewalt, die gesamte Herrschaft wieder zurück zu erobern. Das atavistische Blut, die rote, gierige Flut des Ahnenblutes, brannte in ihrem Herzen. Dann – nachdem Augustus tot und sein Palast geschlossen, geheiligt, zum Tempel geworden war – sah Pierre den Palast des Tiber aus dem Boden steigen. Es war an dieser selben Stelle, unter seinen Füßen, unter den schönen Wintereichen, die ihn beschirmten. Er dachte ihn sich mit Hosen, Portiken, Sälen, fest und groß – trotz der finstern Laune des Kaisers, der fern von Rom, inmitten eines Volkes von Angebern und Wüstlingen lebte. Die Macht hatte ihm Herz und Gehirn bis zum Verbrechen, bis zu den außerordentlichsten Wahnsinnsanfällen vergiftet. Dann stieg der Palast des Caligula empor, eine Vergrößerung des Tiberianischen Palastes. Man hatte Arkaden angebracht, um den Bau zu erweitern, über das Forum eine auf das Kapital mündende Brücke geschlagen, da der Fürst im Stande sein wollte, nach seinem Gefallen mit dem Jupiter reden zu können, für dessen Sohn er sich ausgab. Der Thron hatte auch ihn wild, zu einem wütenden, in der Allmacht zügellosen Narren gemacht. Dann kam noch Claudius Nero, der, alle überbietend, den Palatin nicht groß genug fand. Er verlangte einen ungeheuren Palast und bemächtigte sich der köstlichen, bis zum Gipfel des Esquilin hinaufteigenden Gärten, um dort sein goldenes Haus zu errichten – einen Traum von ungeheuerlicher Pracht, den er nicht zu Ende führen konnte. Die Ruinen dieses Palastes verschwanden rasch während der Unruhen, die dem Leben und Tode dieses vom Hochmut bethörten Ungeheuers folgten. Dann fielen binnen anderthalb Jahren Galba, Otho, Vitellius einer über den andern in den Kot und in das Blut, nachdem der Purpur auch sie zu Ungeheuern und Dummköpfen gemacht, nachdem sie sich am kaiserlichen Troge gleich unreinen Tieren mit Genüssen vollgestopft hatten. Nun kommt mit den Flaviern anfangs die Ruhe der menschlichen Vernunft und Güte; Titus, Vespasian bauen wenig auf den Palatin, aber dann beginnt mit Domitian wieder der düstere Allmachtswahnsinn unter der Herrschaft von Furcht und Angeberei, von absurden Greueln, Verbrechen, unnatürlichen Ausschweifungen. Bauten von wahnsinniger Eitelkeit entstanden, deren Pomp mit dem der Tempel der Götter wetteiferte: so das von dein Palaste Tibers durch ein Gäßchen getrennte Haus des Domitian, das sich gewaltig wie eine Apotheose erhob, mit seinem Audienzsaal mit dem, goldenen Thron und den sechzehn Säulen aus phrygischem und numidischem Marmor, den acht mit wunderbaren Statuen geschmückten Nischen, mit seinem Tribunal – seinem großen Speisesaal, seinem Peristyl, seinen Gemächern, die von Granit, Porphyr, Alabaster strotzten. Die Steine wurden von berühmten Künstlern bearbeitet und verschwendet, um die Welt zu blenden. Dann, Jahre später wurde noch ein letzter Palast der ungeheuren Masse hinzugefügt, der Palast des Septimius Severus, wieder ein Bau der Hoffart. Bogen trugen hohe Säle, Stockwerke erhoben sich über Terrassen, Türme beherrschten die Dächer. Ein ganzes babylonisches Getürme erhob sich hier an der äußersten Spitze des Berges, gegenüber der Via Appia, damit, wie es hieß, die Landsleute des Kaisers, die aus Afrika, seinem Geburtslande, kommenden Provinzbewohner, schon vom Horizont aus sich über sein Glück wundern und ihn in seiner Glorie anbeten könnten. Und nun sah Pierre alle diese im hellen Sonnenlicht heraufbeschworenen, auferstandenen Paläste aufrecht und glanzvoll vor sich; nun hatte er sie vor sich, um sich. Sie waren wie zusammengeschweißt, einige nur durch schmale Gänge getrennt. Durch den Wunsch der Erbauer, keinen Zollbreit von diesem heiligen Hügel zu verlieren, waren sie in einer gedrängten Masse ausgeschossen, wie eine ungeheuerliche Blüte regelloser Kraft und Macht; nur Millionen genügten für sie, und für den Genuß eines einzelnen mußte die Welt bluten. In Wirklichkeit war alles nur ein einziger Palast, der unaufhörlich wuchs, indem der verstorbene Kaiser zum Gott wurde und der neue Kaiser, die geheiligte, zum Tempel gewordene Wohnung verlassend, wo vielleicht der Schatten des Toten ihn erschreckte, das gebieterische Bedürfnis empfand, sich ein eigenes Haus zu bauen, das unzerstörbare Andenken seiner Regierung in den ewigen Stein zu hauen. Alle hatten diese Bauwut an sich; sie schien dem Boden, dem Thron, auf dem sie saßen, anzuhaften und wurde in jedem von ihnen mit wachsender Stärke neu geboren. Sie wurden von dem Bedürfnis verzehrt, wettzueifern, einander durch immer dickere und höhere Mauern, durch immer außerordentlichere Anhäufung von Marmor, Säulen, Statuen zu übertreffen. Alle beherrschte derselbe Gedanke an ein glorreiches Ueberleben; sie wollten den verblüfften Generationen das Zeugnis ihrer Größe hinterlassen, sich in den unvergänglichen Wunderwerken fortpflanzen, für ewig mit dem ganzen Gewicht dieser Kolosse auf der Erde lasten, wenn der Wind bereits ihre leichte Asche davongetragen haben würde. Und so war die Plattform des Palatin nichts mehr gewesen als die ehrwürdige Grundlage eines wunderbaren Monumentes, einer kräftigen Vegetation von neben einander gestellten, über einander gehäuften Gebäuden. Jeder neue Baukörper war ein eruptiver Anfall des Hochmutfiebers und die ganze Masse krönte zuletzt mit dem Schneeglanz des weißen Marmors, mit den lebhaften Tönen des bunten Marmors Rom und die gesamte Erde mit dem außerordentlichsten und übermütigsten Herrscherhause, Palast, Tempel oder Dom, die sich je in den Himmel erhoben. Aber in diesem Uebermaß von Kraft und Ruhm lag der Tod. Siebeneinhalb Jahrhunderte Monarchie und Republik hatten Rom groß gemacht, und in den fünf Jahrhunderten des Kaiserreiches sollte das erste Volk bis auf den letzten Muskel verzehrt werden. Das kam daher, weil das ungeheure Territorium, die fernsten Provinzen nach und nach geplündert, erschöpft worden waren, weil der Fiskus alles auffraß, den Abgrund des unvermeidlichen Bankerotts aushöhlte; es kam auch daher, weil das Volk entartet, von dem Gifte der Schauspiele genährt, in den schwelgerischen Müßiggang der Cäsaren verfallen war, während Mietlinge die Schlachten kämpften und den Boden bearbeiteten. Seit Konstantin hatte Rom eine Nebenbuhlerin, Byzanz. Die Zerstückelung geschieht durch Honorius und nun genügen zwölf Kaiser zum Vollenden des Zersetzungswerkes, zum Zerreißen der sterbenden Beute – bis zu Romulus Augustulus, dem letzten, dem elenden Schwächling, dessen Name gleichsam eine Verhöhnung der ganzen glorreichen Geschichte, ein doppelter Schlag gegen die Gründer Roms und die Gründer des Kaiserreiches ist. Auf dem verlassenen Palatin triumphirte noch immer der gewaltige Haufen von Mauern, Stockwerken, Terrassen und hohen Dächern. Doch hatte man bereits Zierate abgerissen und Statuen entfernt, um sie nach Byzanz zu schaffen. Das christlich gewordene Kaiserreich schloß dann die Tempel, verlöschte das Feuer der Vesta, respektirte jedoch noch das uralte Palladium, die goldene Viktorstatue, das Symbol des ewigen Rom, das ehrfürchtig im Zimmer des Kaisers selbst bewahrt wurde. Aber im fünften Jahrhundert stürzen sich die Barbaren auf Rom, plündern, zünden es an und schleppen Karren voll der von den Flammen verschonten Beute weg. So lange die Stadt von Byzanz abhängig war, hatte ein Oberverwalter in den kaiserlichen Palästen gewohnt und den Palatin bewacht. Dann geht alles unter, bricht alles in der Nacht des Mittelalters zusammen. Es scheint, daß die Päpste fortan langsam den Platz der Cäsaren einnahmen; sie waren ihre Nachfolger in dem verlassenen Marmorhause und dem noch immer lebendigen Herrscherwillen. Sie haben sicherlich den Palast des Septimius Severus bewohnt und im Septizonium ist ein Konzil abgehalten worden, so wie später Gelasius II. in einem benachbarten Kloster auf diesem vergötterten Berge gewählt ward. Wieder war es Augustus, der sich aus dem Grabe erhob – wieder war er mit seinem heiligen Kollegium, das den römischen Senat auferstehen ließ, Herr der Welt. Im zwölften Jahrhundert gehörte das Septizonium Mönchen, die es der mächtigen Familie Frangipani abtraten. Diese verstärkten es, sowie sie das Kolosseum, den Triumphbogen des Konstantin und des Titus verstärkt hatten, zu einer riesigen, den ehrwürdigen Berg, die Wiege, beinahe ganz einnehmenden Festung. Und die Gewaltthaten der Bürgerkriege, die Verwüstungen der Invasionen gingen darüber hinweg wie Orkane, schlugen die Mauern zu Boden, schleiften die Paläste und Türme. Später kamen Generationen, die die Ruinen an sich rissen, sich darin mit dem Recht des Finders und Eroberers niederließen, daraus Keller, Fourageboden, Ställe für die Maultiere machten. Auf dem Erdschutt, der den Mosaikboden der kaiserlichen Paläste bedeckte, entstanden Gemüsegärten, wurden Weingärten gepflanzt. Von allen Seiten schossen Nesseln und Dornen auf, die diese einsamen Felder verstopften, und der Epheu fraß vollends die am Boden liegenden Portiken. Und ein Tag kam, wo der gewaltige Haufe von Palästen und Tempeln, wo die glänzende Behausung der Kaiser, denen der Marmor Ewigkeit hätte verleihen sollen, in den Staub des Bodens zurückzukehren schien; alles verschwand unter der Schlagwelle von Erde und Vegetation, die die gefühllose Natur darüber wälzte. Unter den Feldblumen, in der brennenden Sonne war nichts mehr zu sehen als große Summfliegen, während die Ziegenherden frei in dem Thronsaal des Domitian und dem zertrümmerten Heiligtum des Apoll herumschweiften. Pierre fühlte, wie ein heftiger Schauer ihn überlief. So viel Kraft und Stolz, so viel Größe – und so rasch zerfallen, für immer hinweggefegt! Welch neuer, barbarischer, rächender Hauch hatte über diese glänzende Zivilisation streichen müssen, um sie so auszulöschen, in welch tiefen, erquickenden Schlaf, in was für eine kindlich wilde Unwissenheit mußte sie gefallen sein, um so plötzlich mit ihrem Gepränge und ihren Meisterwerken unterzugehen! Er fragte sich, wie es möglich war, daß ganze Paläste samt ihren bewunderungswürdigen Skulpturen, Säulen und Statuen nach und nach versinken, verschwinden konnten, ohne daß es jemand einfiel, sie zu beschützen. Diese Meisterwerke, die man später unter einem allgemeinen Aufschrei der Bewunderung ausgrub, waren nicht von einer Katastrophe verschlungen worden; nein, sie waren gleichsam ertrunken, von der steigenden Flut an den Füßen, dann um die Mitte, dann um den Hals gepackt worden, bis zuletzt eines Tages auch der Kopf untersank. Wie läßt es sich erklären, daß Generationen unbekümmert dem beiwohnten und nicht einmal daran dachten, eine Hand auszustrecken? Ein schwarzer Vorhang scheint plötzlich über die Welt gezogen zu werden; eine neue Menschheit hebt an, mit einem neuen Gehirn, das neu gestaltet und neu bereichert werden muß. Rom hatte sich geleert; was Schwert und Flamme beschädigt hatten, wurde nicht wieder ausgebessert, eine außerordentliche Gleichgiltigkeit ließ die zu großen, nutzlos gewordenen Gebäude zusammenbrechen – ganz abgesehen davon, daß die neue Religion die alte verfolgte, ihre Tempel stahl und ihre Götter stürzte. Zweifellos vollendeten Verschüttungen das Unheil; denn der Boden stieg beständig, die Alluvialerde der jungen christlichen Welt bedeckte und nivellirte die alte heidnische Gesellschaft. Und nachdem man die Tempel, die Bronzedächer, die Marmorsäulen gestohlen hatte, wurden aus dem Kolosseum und dem Theater des Marcellus auch noch die Steine gestohlen, herausgerissen, die Statuen und Basreliefs mit dem Hammer zerschlagen und in den Ofen geworfen, um den Kalk für die neuen Monumente des katholischen Rom zu liefern. Es war beinahe ein Uhr. Pierre erwachte wie aus einem Traum. Die Sonne fiel wie ein Goldregen durch das glänzende Laub der Wintereichen. Rom war zu seinen Füßen in der großen Hitze eingeschlummert. Er entschloß sich, den Garten zu verlassen; ungeschickt, noch verfolgt von blendenden Visionen, stolperte sein Fuß über das ungleiche Pflaster der Via Triumphalis. Um den Tag zu vervollständigen, hatte er sich vorgenommen, am Nachmittag die alte Via Appia zu besichtigen. Da er nicht in die Via Giulia zurückkehren wollte, frühstückte er in einem Vorstadtwirtshaus, in einem riesigen, halbdunklen Saal, wo er ganz allein, von Fliegen umsummt, mehr als zwei Stunden in Erwartung des Sonnenunterganges verträumte. Ach, diese Via Appia, diese antike Königin der Landstraßen, welche die Campagna in einer langen, geraden Linie mit der Doppelreihe ihrer stolzen Gräber durchschneidet, war für ihn nur die triumphirende Fortsetzung des Palatin! Dasselbe Bedürfnis nach Pracht und Herrschaft, dasselbe Bedürfnis, das Andenken der römischen Größe in Marmor zu verewigen, sprach sich darin aus. Die Vergessenheit war besiegt, die Toten wollten nichts von Ruhe wissen und blieben zu beiden Seiten dieses von Menschen aus der ganzen Welt betretenen Weges für ewig aufrecht zwischen den Lebenden stehen. Und die vergötterten Bilder jener, die nichts mehr als Staub waren, sahen noch heute die Vorübergehenden mit ihren leeren Augen an; die Inschriften reden noch heute und verkünden die Namen und Titel. Vom Grabe der Cäcilia Metella bis zum Grabe Casale Rotondo zog sich die Doppelreihe der Gräber ehemals auf dieser flachen, direkten Straße kilometerlang ununterbrochen hin; es war eine Art Doppelfriedhof, der Länge nach angelegt, wo die Eitelkeit der Reichen und Mächtigen mit einander wetteiferte, wer wohl das größte, mit der luxuriösesten Verschwendung geschmückte Mausoleum hinterlassen würde. Diese Sehnsucht nach Ueberleben, dieser pomphafte Wunsch nach Unsterblichkeit, dies Bedürfnis, den Tod durch die Aufstellung in Tempeln zu vergöttlichen, hat sich in der gegenwärtigen Pracht des Campo Santo von Genua und des Campo Verano von Rom gleichsam fortgeerbt. Welche Vision maßloser Gräber zur Rechten und Linken des glorreichen Pflasters, über das die römischen Legionen bei der Rückkehr von der Eroberung der Welt stampften! Dort das Grab der Cacilia Metella mit seinen enormen Blöcken, den Mauern, die so dick waren, daß das Mittelalter daraus die zinnengekrönte Warte einer Festung machte! Dann alle folgenden modernen Bauten, die errichtet wurden, um die in der Umgegend entdeckten Marmorfragmente wieder an ihrer ursprünglichen Stelle anzubringen, alte, ihrer Skulpturen beraubte Pilaster aus Mörtel und Ziegeln, die gleich halbzerfressenen Felsen aufrecht geblieben sind, entblößte Blöcke, die noch Formen andeuteten, Edicules in Tempelform, Cippen, auf Sockeln ruhende Sarkophage. Eine erstaunliche Reihe von Reliefs stellte die Porträts der Toten in Gruppen zu dreien oder fünfen dar; stehende Statuen ließen die Toten in einer Apotheose neu aufleben; in den Nischen standen Bänke, wo die Wanderer sich niederlassen und die Gastfreundschaft der Toten segnen konnten, und lobpreisende Grabschriften feierten die Toten, die bekannten und die unbekannten – die Kinder des Sextus Pompejus Justus, die Marcus Servilius Quartus, die Hilarius Fuscus, die Rabirius Hermodorus, abgesehen von den Gräbern, die auf gut Glück dem Seneca, den Horatiern und Curiatiern zugeschrieben wurden. Und zuletzt, am Ende lag das außerordentlichste, das riesigste aller dieser Gräber, das sogenannte Casale Rotondo. Es ist so groß, daß ein ganzes Gehöft samt einem Olivengehölz auf den Substruktionen Platz finden konnte. Diese Substruktionen trugen eine doppelte, mit korinthischen Pilastern, großen Kandelabern und Bühnenmasken geschmückte Rotunde. Pierre, der zu Wagen bis zum Grabe der Cäcilia Metella gefahren war, setzte dann seinen Spaziergang zu Fuß fort. Er schritt langsam bis zum Casale Rotondo. Stellenweise kam das alte Pflaster zum Vorschein; man sah große, flache Steine, Lavastücke, die sich mit der Zeit geworfen hatten und über die der beste Wagen nur schwer fahren konnte. Rechts und links ziehen sich zwei Streifen Rasen hin, welche die Gräberruinen umgrenzen; es ist vernachlässigtes Kirchhofsgras, von der Sommersonne verbrannt und mit dicken lila Disteln und hohem, gelbem Fenchel bestreut. Eine kleine, ohne Mörtel aufgeführte Mauer, die so hoch ist, daß man sich darauf stützen kann, schließt auf jeder Seite diese rötlichgelbe, von dem Gezirpe der Maden erfüllte Einfassung ab; und jenseits zieht sich unabsehbar, ungeheuer und kahl die römische Campagna hin. Kaum daß man an den Rändern, in großen Zwischenräumen da und dort eine Schirmpinie, einen Eukalyptus, von Staub weiße Oel- und Feigenbäume erblickt. Auf der linken Seite zeichnen sich die Reste der Acqua Claudia mit ihren rostfarbenen Arkaden von den Wiesen ab; magere Felder, Weingärten mit kleinen Gehöften dehnen sich in die Ferne bis zum Sabinergebirge und dem violett-blauen Albanergebirge, wo Frascati, Rocca di Papa, Albano helle Flecken bilden, die immer größer und weißer werden, je mehr man sich ihnen nähert. Rechts dagegen, aus der Seeseite erweitert und setzt sich die Ebene in riesigen Wellenlinien fort, ohne ein Haus, ohne einen Baum, in einfacher, außerordentlicher Grüße. Sie bildet eine einzige, ganz flache Linie, einen ozeanartigen Horizont, den eine gerade Linie, von einem Ende zum andern, vom Himmel trennt. Im Hochsommer brennt alles; die grenzenlose Prärie stammt in einer fahlen Glut wie ein Kohlenfeuer. Von September an beginnt dieses Grasmeer grau zu werden und verliert sich in der Ferne im Rosa und Lila, im blendenden, golddurchschossenen Blau schöner Sonnenuntergänge. Und Pierre spann, ganz allein, seine Träume weiter. Er ging mit langsamen Schritten die endlose, flache Straße entlang, deren schwermütige Majestät aus Einsamkeit und Stille besteht. Sie zieht sich ganz kahl, ganz gerade ins Unendliche, in die Unendlichkeit der Campagna. In Pierre wiederholte sich die Auferstehung des Palatin; die Gräber zu beiden Seiten erhoben sich von neuem in dem blendenden Glanze ihres Marmors. Hatte man denn nicht hier, am Fuße dieses Ziegelpfeilers, der die seltsame Form einer großen Vase besitzt, den Kopf einer Kolossalstatue, vermischt mit Bruchstücken ungeheurer Sphinxe, gefunden? Und er sah die kolossale Statue zwischen den ungeheuren, kauernden Sphinxen wieder vor sich. Weiterhin, in der kleinen Zelle einer Grabstätte, war eine schöne, kopflose weibliche Figur entdeckt worden; er sah sie in ihrer Vollständigkeit, mit einem dem Leben voll Kraft und Anmut zulächelnden Gesichte vor sich. Von einem Ende zum andern ergänzten sich die Inschriften; er las sie, verstand sie ohne Mühe und fühlte sich brüderlich mit diesen seit zweitausend Jahren Gestorbenen wieder aufleben. Auch die Straße bevölkerte sich; Wagen rollten dröhnend einher, Armeen zogen schweren Schrittes vorüber, das Volk aus dem nahen Rom drängte sich in der fieberhaften Erregung großer Städte. Unter den Flaviern, unter den Antoninen, in der großen Zeit des Kaiserreiches war es, als die Via Appia sich mit dem ganzen Prunk ihrer gleich Tempeln gemeißelten und gezierten Riesengräber schmückte. Welch eine monumentale Bahn des Todes, welche Zufahrt war diese schnurgerade Landstraße, wo die großen Toten den in Rom Ankommenden mit dem außerordentlichen Pomp ihres die Asche überlebenden Stolzes empfingen und zu den Lebenden geleiteten! Zu welchem erhabenen, weltbeherrschenden Volke mußte man kommen, da es seine Toten mit der Aufgabe betraut hatte, dem Fremden zu sagen, daß nichts bei ihm ein Ende nehme, selbst nicht die Toten, die in übergroßen Monumenten glorreich verewigt wurden? Grundmauern einer Citadelle, ein Turm von zwanzig Meter im Durchmesser, um darin eine Frau zu betten! Pierre hatte sich umgedreht und bemerkte deutlich ganz am Ende der prächtigen, blendenden, von den marmornen Trauerpalästen begrenzten Straße den sich in der Ferne erhebenden Palatin mit dem funkelnden Marmor der Kaiserpaläste, dem ungeheuren Haufen der Paläste, deren Allmacht die Welt beherrschte. Aber nun fuhr er leicht zusammen; zwei Karabinieri, die er in dieser Wüste gar nicht bemerkt hatte, erschienen zwischen den Ruinen. Die Gegend war nicht sicher; daher wachten die Behörden sogar bei hellem Tage diskret über die Touristen. Weiterhin hatte er noch eine Begegnung, die ihn erregte. Es war ein Geistlicher, ein hochgewachsener Greis in einer schwarzen, rotbortirten und rotgegürteten Sutane, in dem er zu seiner Ueberraschung den Kardinal Boccanera erkannte. Er hatte die Landstraße verlassen und schritt nun langsam auf dem Rasenstreifen inmitten des hohen Fenchels und der großen Disteln einher; er hielt den Kopf gesenkt und wanderte so vertieft zwischen den Gräberruinen, an die sein Fuß streifte, daß er den jungen Priester gar nicht sah. Dieser wandte sich höflich ab; er war ganz betroffen, ihm ganz allein und so weit entfernt von Rom zu begegnen. Dann aber erkannte er die Ursache; er entdeckte nämlich hinter einem Gebäude eine schwere, mit zwei Rappen bespannte Karosse, neben der ein Lakai in dunkler Livree unbeweglich wartete, während der Kutscher seinen Sitz nicht einmal verlassen hatte, und erinnerte sich, daß die Kardinäle, da sie in Rom nicht zu Fuß gehen durften, in die Campagna hinausfahren mußten, wenn sie sich etwas Bewegung machen wollten. Aber welche stolze Trauer, welche einsame und gleichsam abgesonderte Größe umgab diesen großen, träumerischen Greis, der, ein Fürst bei den Menschen wie bei Gott, gezwungen war, in die Wüste, unter die Gräber zu gehen, um etwas frische Abendluft einzuatmen! Pierre hatte bereits lange Stunden zwischen den Gräbern zugebracht; die Dämmerung senkte sich herab und er wohnte noch einem bewundernswerten Sonnenuntergang bei. Auf der linken Seite nahm die von gelblichen Wasserleitungsbogen durchschnittene und in der Ferne von dem in duftigem Rosa sich verflüchtigenden Albanergebirge abgeschlossene Campagna eine schiefergraue Färbung an; rechts dagegen, gegen das Meer zu, ging das Gestirn unter kleinen Wolken, einem ganzen Archipel von Gold unter, das einen Ozean erstorbener Glut besäte. Und über dieser unendlichen, flachen Linie der Campagna war sonst nichts – nichts als dieser mit Rubinen gestreifte Saphirhimmel. Sonst nichts – kein Hügel, keine Herde, kein Baum. Nichts als die schwarze Silhouette des zwischen den Gräbern stehenden Kardinals Boccanera, die sich in vergrößertem Maßstabe von der letzten Purpurglut der Sonne abhob. Früh am nächsten Morgen kehrte Pierre, von der fieberhaften Begierde ergriffen, alles zu sehen, in die Via Appia zurück, um die Katakomben des St. Calixtus zu besichtigen. Es ist dies der größte und merkwürdigste der christlichen Friedhöfe, und hier sind auch mehrere der ersten Päpste begraben. Man steigt zwischen Oelbäumen und Cypressen, einen von der Sonne halbverbrannten Garten hinan, gelangt zu einer aus Brettern und Mörtel bestehenden elenden Hütte, in der ein kleiner Laden mit religiösen Gegenständen errichtet wurde, und steht dann vor einer modernen Treppe, die einen verhältnismäßig bequemen Abstieg gestattet. Pierre war froh, hier französische Trappisten zu finden, die diese Katakomben bewachen und den Touristen zeigen müssen. Eben war ein Bruder im Begriffe, mit zwei Damen, Französinnen, Mutter und Tochter, hinab zu steigen. Die Tochter war von entzückender Jugend, die Mutter noch immer sehr schön. Beide lächelten, wenn auch etwas furchtsam, während der Mönch die dünnen, langen Kerzen anzündete. Er besaß eine höckerige Stirne, die breiten, festen Kinnbacken eines störrischen Gläubigen, und seine blassen, hellen Augen verrieten die kindliche Unschuld seiner Seele. »Ach, Herr Abbé, Sie kommen gerade zu rechter Zeit ... Wenn die Damen nichts dagegen haben, können Sie sich uns anschlichen. Es sind nämlich schon drei Brüder mit Besuchern unten; da müßten Sie zu lange warten ... Es ist setzt die hohe Reisesaison.« Die Damen neigten höflich den Kopf; er reichte dem Priester eine der kleinen, schmalen Kerzen. Weder Mutter noch Tochter mußten fromm sein, denn sie hatten einen Seitenblick auf die schwarze Sutane ihres Begleiters geworfen und waren plötzlich ernsthaft geworden. Die Gesellschaft stieg hinab und gelangte zu einer Art sehr engen Korridors. »Geben Sie acht, meine Damen,« wiederholte der Mönch, indem er den Boden mit seiner Kerze beleuchtete. »Gehen Sie langsam; es gibt hier Hügel und abschüssige Stellen.« Nun begann er mit heller Stimme und der Kraft einer außerordentlichen Gewißheit seine Erklärungen. Pierre war schweigend hinuntergestiegen; seine Kehle war zusammengeschnürt, sein Herz klopfte vor Erregung. Ach, wie oft hatte er in der unschuldigen Seminarzeit von den Katakomben der ersten Christen, diesen Zufluchtsstätten des ursprünglichen Glaubens, geträumt! Und noch kürzlich, während er sein Buch schrieb – wie oft hatte er an sie gedacht, an diese älteste und ehrwürdigste Spur der Gemeinde der Armen und Einfältigen, deren Rückkehr er predigte! Aber sein Gehirn war ganz erfüllt von den Schilderungen der Dichter, der großen Prosaiker, die die Katakomben beschrieben haben. Er sah sie durch das Vergrößerungsglas der Phantasie und stellte sie sich ungeheuer groß, gleich unterirdischen Städten, vor – mit breiten Straßen und weiten Sälen, die große Menschenmengen fassen konnten. Und nun? In welche armselige, bescheidene Wirklichkeit geriet er! »Ach ja,« antwortete der Bruder auf die Fragen von Mutter und Tochter, »es ist nicht mehr als einen Meter breit, zwei Personen könnten nicht neben einander gehen. In welcher Weise man sie gegraben hat? O, das war ganz einfach. Stellen Sie sich vor, eine Familie, eine Bestattungs-Gesellschaft eröffnete eine Begräbnisstätte. Nun also, dann grub sie mit der Haue den ersten Gang in dieses sogenannte weiche Tuffsteinlager. Sie sehen, es ist eine rötliche, weiche und zugleich widerstandskräftige Erde; sie ist sehr leicht zu bearbeiten, vollständig wasserdicht, kurz, wie zu diesem Zweck geschaffen, und hat die Leichname wunderbar erhalten.« Er unterbrach sich und zeigte bei der schwachen Flamme seiner Kerze die rechts und links in die Wände eingegrabenen Nischen. »Sehen Sie, das sind die Loculi... Man grub also einen unterirdischen Gang, in dem man zu beiden Seiten diese über einander liegenden Nischen anbrachte, und legte die Toten, zumeist in ein einfaches Schweißtuch gehüllt, hinein. Dann schloß man die Oeffnung mit einer Marmortafel, die sorgfältig vorgekittet wurde. Nun ist alles klar, nicht wahr? Wenn andere Familien sich den ersten anschlossen, wenn die Gesellschaft sich ausbreitete, so setzten sie den Gang, je nachdem er gefüllt war, weiter fort; sie eröffneten auch andere, rechts, links, nach allen Richtungen, ja, sie schufen auch ein tiefer gelegenes, zweites Stockwerk. Sehen Sie, da sind wir in einem Gang, der gute vier Meter in der Hohe mißt. Natürlich fragt man sich, wie man die Leichen so hoch hinaufhissen konnte. Aber sie wurden nicht gehißt; im Gegenteil, man stieg immer tiefer hinab, fuhr fort, den Boden immer mehr zu durchwühlen, sobald die untersten Nischen voll waren. So kam es, daß hier zum Beispiel in weniger als vier Jahrhunderten Gänge in der Länge von sechzehn Kilometern gegraben wurden, wo mehr als eine Million Christen beerdigt sein müssen. Nun gibt es Dutzende solcher Katakomben; die ganze römische Campagna ist so untergraben. Bedenken Sie das und berechnen Sie es.« Pierre hörte gepackt zu. Einst hatte er ein belgisches Kohlenwerk besichtigt; hier fand er dieselben engen Gänge, dieselbe erstickend schwere Luft, ein Nichts von Dunkelheit und Stille wieder. Nur die kleinen Kerzen flimmerten durch das dichte Dunkel, das sie nicht erhellen konnten. Nun begriff er endlich die Arbeit dieser Totengräbertermiten, diese aufs Geratewohl gegrabenen Rattenlöcher; sie waren den Bedürfnissen gemäß, ohne Kunst, ohne Symmetrie fortgesetzt worden – so wie das Werkzeug eben hingeriet. Bei jedem Schritt hob und senkte sich der holperige Boden, die Wände gingen ganz schief; man hatte wohl nichts mit der Lotschnur, mit dem Winkelmaß gearbeitet. Es war bloß ein Werk der Notwendigkeit und Barmherzigkeit von naiven, freiwilligen Totengräbern, von unwissenden Arbeitern, die in die Unbeholfenheit der Dekadenz verfallen waren. Das merkte man besonders an den auf den Marmorplatten eingegrabenen Inschriften und Sinnbildern. Man hätte sie für kindische Zeichnungen halten können, wie sie Gassenjungen auf Mauern anzubringen pflegen. »Sie sehen, zumeist ist nur ein Name vorhanden,« fuhr der Priester fort, »manchmal nicht einmal der Name, bloß die Worte in pace . Ein andermal ist es ein Sinnbild: die Taube der Reinheit, die Palme des Märtyrers oder auch der Fisch, dessen griechischer Name aus fünf Buchstaben besteht, die die Anfangsbuchstaben der fünf Worte: ›Jesus Christus, Sohn Gottes, Heiland‹ sind«. Er näherte die kleine Flamme abermals der Wand und man konnte nun die Sinnbilder unterscheiden; die Palme, ein einziger Mittelstrich, an den andere kleine Striche stachelförmig angesetzt waren; die Taube oder den Fisch, aus einer Kontur gebildet, der Schwanz durch ein Zickzack, die Augen durch einen runden Punkt dargestellt. Die Buchstaben der kurzen Inschriften waren schief, ungleich, formlos. Es war die plumpe Handschrift der Unwissenden und Einfältigen. Aber nun war die Gesellschaft bei einer Krypta, einer Art von kleinem Saal, angelangt, wo man die Gräber mehrerer Päpste wieder gefunden hatte; darunter befand sich auch das Sixtus' II., eines heiligen Märtyrers, zu dessen Ehren Papst Damasius eine prächtige metrische Inschrift angebracht hatte, die noch zu sehen war. Dann, in einem ebenfalls schmalen Nebensaale, einem später mit naiven Wandmalereien geschmückten Familiengrabe, zeigte man den Ort, wo der Körper der heiligen Cäcilia entdeckt worden war. Der Mönch setzte seine Erklärungen fort, erläuterte die Malereien und stützte darauf die unwiderlegliche Bestätigung aller Sakramente und aller Dogmen – des Dogmas der Taufe, des Abendmahls, der Auferstehung, des aus dem Grabe hervorgehenden Lazarus, des vom Fische ausgespieenen Jonas, Daniels in der Löwengrube, Moses, wie er das Wasser aus dem Felsen schlug, des wunderwirkenden, unbärtigen Christus der ersten Jahrhunderte. »Sie sehen, alles ist da,« wiederholte er, »da gibt es nichts Vorbereitetes und nichts kann authentischer sein.« Auf eine Frage des immer mehr erstaunten Pierre räumte er ein, daß die Katakomben ursprünglich einfach Friedhöfe waren und daß keinerlei religiöse Zeremonie dort vorgenommen wurde. Erst später, im vierten Jahrhundert, als man die Märtyrer verehrte, benützte man die Grüfte für den Kultus. Auch wurden sie erst während der Verfolgungen eine Zufluchtsstätte, zur Zeit, da die Christen genötigt waren, die Zugänge zu verbergen; bis dahin hatten sie frei und gesetzlich offen gestanden. Ihre wahre Geschichte bestand also in folgendem: vier Jahrhunderte waren sie Friedhöfe, wurden dann während der Unruhen Zufluchtsstätten und verwüstet, hierauf bis ins achte Jahrhundert verehrt, alsdann ihrer heiligen Reliquien beraubt, und zuletzt gerieten sie während mehr als sieben Jahrhunderten in eine solche Vergessenheit, daß die ersten Forschungsarbeiten im fünfzehnten Jahrhundert sie wie einen außerordentlichen Fund ans Licht brachten, als ein historisches Problem, dessen letztes Wort erst in unseren Tagen gesprochen wurde. »Bücken Sie sich gefälligst, meine Damen,« fuhr der Bruder dienstfertig fort, »Sie sehen, in dieser Nische befindet sich ein vollständiges, unberührtes Skelett. Es liegt hier seit sechzehn bis siebenzehn Jahrhunderten. Daraus können Sie wohl ersehen, wie die Körper gebettet wurden ... Die Gelehrten sagen, daß es eine Frau ist, zweifellos ein junges Mädchen. Das Skelett war noch voriges Jahr vollständig, aber Sie sehen, der Schädel ist zerbrochen. Ein Amerikaner hat ihn mit dem Stock zerschlagen, um sich zu überzeugen, ob der Kopf nicht falsch sei.« Die Damen hatten sich gebückt, und bei dem schwachen, tanzenden Licht drückten ihre blassen Gesichter ein mit Schrecken gemischtes Mitleid aus; besonders die so lebensvolle Tochter mit ihrem roten Munde, ihren großen schwarzen Augen sah einen Augenblick kläglich und schmerzlich aus. Dann versank alles wieder ins Dunkel; die kleinen Kerzen richteten sich auf und wanderten in dem schweren Dunkel die Galerien entlang. Die Besichtigung dauerte noch eine ganze Stunde, denn der Führer, der gewisse Winkel besonders liebte, erließ nicht ein einziges Detail; der Eifer trieb ihn an, als hatte er an der Rettung der Touristen zu arbeiten. Pierre schritt immer weiter vorwärts und eine tiefe Wandlung vollzog sich in ihm. Nach und nach, je mehr er sah und begriff, verkehrte sich seine erste Verblüffung über die von der Verschönerung der Erzähler und Dichter so verschiedene Wirklichkeit, seine Enttäuschung über diese so roh in die rötliche Erde gegrabenen Maulwurfslöcher in eine brüderliche Bewegung, in eine Rührung, die sein Herz erregte. Es war nicht der Gedanke an die fünfzehntausend Märtyrer, deren heilige Gebeine hier geruht hatten; nein, aber was für eine sanfte, ergebene und im Tode hoffnungsvolle Menschheit war das! Für die Christen bedeuteten diese niedrigen, dunklen Gänge nur einen zeitweiligen Ruheort. Wenn sie die Leichen nicht gleich den Heiden verbrannten, wenn sie sie begruben, so geschah das, weil sie von den Juden den Glauben an die Auferstehung des Fleisches übernommen hatten; und dieser glückliche Gedanke an ein Schlummern, an ein gutes Ausruhen nach einem gerechten Leben in Erwartung des himmlischen Lohnes bildete den ungeheuren Frieden, den unendlichen Zauber der finstern, unterirdischen Stadt. Alles darin verkündete eine dunkle und stille Nacht, alles darin schlief in entzückter Unbeweglichkeit, alles geduldete sich bis zu dem fernen Erwachen. Gab es etwas Rührenderes, als diese Tafeln aus Terracotta oder Marmor, die nicht einmal einen Namen, nur die Worte in pace , in Frieden, trugen? Endlich in Frieden sein, endlich in Frieden schlafen, nach vollendeter Aufgabe in Frieden auf den künftigen Himmel hoffen! Dieser Frieden erschien um so köstlicher, als er in tiefer Demut gekostet wurde. Freilich gruben die Totengräber aufs Geratewohl, mit der Unregelmäßigkeit ungeschickter Arbeiter; freilich konnten die Künstler nicht mehr einen Namen graviren, noch eine Palme oder eine Taube meißeln. Alle Kunst war verschwunden. Aber wie hell erhob sich die Stimme der jungen Menschheit aus dieser Armut und dieser Unwissenheit! Die Armen, die Geringen, die Einfältigen, das wuchernde Volk ruhte, schlief unter der Erde, wahrend die Sonne oben ihr Werk fortsetzte. Welche Nächstenliebe, welche Brüderlichkeit im Tode! Gatte und Gattin lagen oft beisammen, mit dem Kinde zu ihren Füßen; die überströmende Flut der Unbekannten ließ die Persönlichkeit, den Bischof, den Märtyrer untergehen, und die rührendste Gleichheit, die der Bescheidenheit, herrschte am Grunde dieses Staubes, der gleichen Nischen, der schmucklosen Platten. Dieselbe Naivität, dieselbe Verschwiegenheit vermischte die endlosen Reihen der schlummernden Häupter. Kaum daß die Inschriften sich ein Lob gestatteten, und auch dann war es so vorsichtig, so zart: die Männer sind sehr würdig, sehr fromm, die Frauen sind sehr sanft, sehr schön, sehr keusch. Der Duft der Kindheit stieg von hier auf, eine unbegrenzte und echt menschliche Zärtlichkeit, der Tod der ersten christlichen Gemeinde – dieser Tod, der sich verbarg, um wieder aufzuleben, der nicht mehr von der Herrschaft der Welt träumte. Und plötzlich sah Pierre im Geiste die Gräber von gestern wieder vor sich, diese prunkvollen Gräber, die er zu beiden Seiten der Via Appia heraufbeschworen, die im vollen Sonnenlicht den Herscherstolz eines ganzen Volkes zur Schau stellten. Sie dehnten sich mit ihren gewaltigen Dimensionen, ihren Anhäufungen von Marmor, ihren indiskreten Inschriften, ihren Meisterwerken der Bildhauerkunst, ihren Friesen, Basreliefs und Statuen in prahlerischer Pracht hin. Ach, welchen außerordentlichen Gegensatz bildete diese pomphafte Todesstraße mitten auf der flachen Campagna, die wie eine Triumphstraße in die königliche ewige Stadt führte, zu der unterirdischen Stadt der Christen, dieser verborgenen, sanften, schönen, keuschen Totenstadt! Hier war nichts mehr als Schlaf, als die ersehnte und anerkannte Nacht, als eine heitere Ergebung, die sich in Erwartung der Seligkeit des Himmels gerne der guten Ruhe im Dunkeln anvertraute; und alles, bis zu dem sterbenden, seine Schönheit verlierenden Heidentum, bis zur Unbeholfenheit der Arbeiter erhöhte den Reiz dieser armseligen, fern von der Sonne, in der Nacht der Erde gegrabenen Friedhöfe. Millionen von Wesen hatten sich demütig in diese wie von klugen Ameisen durchbohrte Erde zur Ruhe gelegt; sie hatten dort jahrhundertelang geschlafen und würden noch jetzt, von Schweigen und Dunkel gewiegt, geheimnisvoll dort schlummern, wenn die Menschen nicht gekommen wären und ihre Sehnsucht nach Vergessenheit gestört hätten, ehe die Posaunen des Gerichtes die Auferstehung verkündeten. Der Tod hatte nun vom Leben gesprochen; es gab nichts Lebendigeres, als diese vergrabenen Städte voll unzähliger, namenloser, unbekannter Toten. Einst war von ihnen ein ungeheurer Odem ausgegangen – der Odem einer neuen Menschheit, die die Welt erneuern sollte. Mit der Demut, mit der Verachtung des Fleisches, mit dem entsetzten Haß der Natur, dem Verzicht auf irdische Genüsse, der Sehnsucht nach dem Tode, der befreit und das Paradies eröffnet, begann eine neue Welt. Und das Blut des Augustus, so stolz in feinem königlichen Purpur, so glanzvoll in seiner höchsten Herrschaft, schien einen Augenblick zu verschwinden, als hätten die dunklen Grüfte der neuen Erde es hinabgetrunken. Der Bruder bestand darauf, den Damen die Treppe des Diocletian zu zeigen, und erzählte ihnen ihre Legende. »Ja, es war ein Wunder ... Unter diesem Kaiser verfolgten die Soldaten Christen, die sich in diese Katakomben flüchteten; und als die Soldaten ihnen folgen wollten, brach die Treppe, und alle stürzten hinab ... Die Stufen sind noch heute zerbrochen. Bitte, sehen Sie es sich an; es sind nur ein paar Schritte.« Aber die Damen waren ganz zerbrochen und durch dieses Dunkel und diese Totengeschichten zuletzt von einem solchen Unbehagen ergriffen, daß sie unbedingt hinauf wollten. Ueberdies näherten sich die dünnen Kerzen ihrem Ende; alle waren ganz geblendet, als sie sich endlich wieder in der Sonne, vor dem kleinen Laden mit frommen Gegenständen befanden. Das junge Mädchen kaufte einen Briefbeschwerer; es war ein Stück Marmor, auf dem der Fisch, das Symbol von »Jesus Christus, Sohn Gottes, Heiland« eingeschnitten war. Am Nachmittag desselben Tages besichtigte Pierre die Basilika von St. Peter. Er kannte davon noch nichts als den großartigen Platz mit den Obelisken und den zwei Springbrunnen, über den er einmal gefahren war. Der ungeheure Rahmen der Kolonnaden Berninis, dieses aus Säulen und Mastern bestehenden Viereckes, umgibt ihn mit einem Gürtel von monumentaler Majestät. Im Hintergrunde erhebt sich die Basilika; sie wird durch ihre Fassade verkleinert und schwer gemacht, erfüllt aber doch mit ihrem erhabenen Dom den Himmel. Unter der brennenden Sonne zogen sich kieselbestreute, einsame Abhänge hin, und eine niedrige, abgenützte, verblaßte Stufe folgte der andern. Ganz am Ende trat Pierre ein. Es war drei Uhr, und breite Strahlen fielen durch die hohen, viereckigen Fenster; links in der Capella Clementina begann eine Zeremonie, zweifellos die Vesper. Aber er horte nichts; nur die ungeheure Grüße des Schiffes fiel ihm auf. Mit langsamen Schritten, die Augen in die Höhe gerichtet, durchwanderte er seine maßlosen Dimensionen. Da waren gleich beim Eingang die riesigen Weihwasserkessel mit ihren Engeln, die so dick wie Amoretten waren; da war das Mittelschiff, das gewaltige, mit Deckenfeldern geschmückte Tonnengewölbe; da waren vor allem bei der Kreuzung die vier cyklopischen Pfeiler, die den Dom stützten; da waren die Querschiffe und das Chor, die einzeln so groß wie eine unserer Kirchen sind. Auch der stolze Pomp, das blendende, niederdrückende Gepränge packte ihn. Die Kuppel glänzte gleich einem Stern in den lebhaften Tönen und dem Gold der Mosaiken. Der Prachtbaldachin, dessen Bronze aus dem Pantheon stammt, krönt den Hochaltar, der über dem Grabe des heiligen Petrus errichtet ist; von dort geht die Doppeltreppe der Konfession aus, die von siebenundachtzig ewig brennenden Lampen erhellt wird. Und welcher Reichtum, welche Verschwendung von seltenem Marmor – weißer Marmor, farbiger Marmor neben einander und über einander. Ach, dieser polychrome Marmor, in dem Bernini toll-üppig schwelgte! Aus Marmor besteht das herrliche Pflaster, in dem das ganze Gebäude sich spiegelt, die Bekleidung der Pfeiler, die mit den Medaillons der Päpste geschmückt sind, abwechselnd mit der Tiara und den Schlüsseln, die von pausbackigen Engeln getragen werden; aus Marmor bestehen die mit Sinnbildern überladenen Wände, aus denen sich überall die Taube Innocenz' X. wiederholt, die Nischen mit ihren gewaltigen Statuen in barockem Geschmack, die Loggien und deren Ballone, die Rampe und die Doppeltreppe der Konfession, die reichen Altäre und die noch reicheren Gräber! Alles: das große Mittelschiff, die Seitenschiffe, die Querschiffe, das Chor waren aus Marmor, strotzten vor Marmor, strahlten im Reichtum des Marmors, ohne daß man einen handtellergroßen Fleck finden konnte, der nicht die übermütige Prahlerei des Marmors gezeigt hätte. Und so triumphirte die Basilika, unbestritten anerkannt und bewundert als die größte und die üppigste Kirche der Welt, als die Verkörperung des Ungeheuren und der Pracht. Pierre ging immer weiter; er irrte durch die Schiffe und schaute betäubt um sich, ohne etwas unterscheiden zu können. Einen Augenblick blieb er vor dem heiligen Peter aus Bronze stehen, der in steifer, hieratischer Haltung auf seinem Marmorsockel stand. Einige Gläubige näherten sich und küßten die große Zehe des rechten Fußes. Einige wischten sie vor dem Küssen ab, andere küßten sie, ohne sie abzuwischen, lehnten die Stirne darauf und küßten sie abermals. Dann wandte Pierre sich in das linke Querschiff, wo sich die Beichtstühle befanden. Hier sitzen jederzeit Priester bereit, die Beichte in allen Sprachen abzunehmen. Andere warten mit einem langen Stäbchen bewaffnet und schlagen damit leicht auf den Schädel der niederknieenden Sünder, was diesen einen dreißigtägigen Ablaß verschafft. Aber es befanden sich sehr wenige Leute in der Kirche; die Priester vertrieben sich in den engen Holznischen die Wartezeit, indem sie wie zu Hause schrieben und lasen. Dann stand er wieder vor der Konfession, deren siebenundachtzig gleich Sternen funkelnde Lampen ihn interessirten. Der Hochaltar, an dem nur der Papst allein zelebriren darf, stand mit der stolzen Wehmut der Einsamkeit unter dem riesigen, blumengeschmückten Baldachin, dessen Hauptstück und Vergoldung mehr als eine halbe Million kostete. Dann erinnerte er sich an die Zeremonie, die in der Capella Clementina zelebrirt wurde, und er geriet in Staunen, da er schlechterdings nichts hörte. Er glaubte, daß sie schon zu Ende sei, und wollte sich davon überzeugen. Aber je mehr er sich ihr näherte, um so stärker drang ein Hauch, der fernen Flötentönen glich, an sein Ohr; sie verstärkten sich, aber erst als er vor der Kapelle stand, erkannte er sie als Orgelmelodien. Rote Vorhänge, die vor die Fenster gezogen waren, dämpften das Sonnenlicht; so war die Kapelle ganz von einem hellen, roten Feuerschein und von den tiefen Klängen einer ernsten Musik erfüllt. Aber wie klein war sie, wie verlor sie sich in dem ungeheuren Schiff, da man auf sechzig Schritte Entfernung weder die Stimmen noch das Dröhnen der Orgel vernehmen konnte! Beim Eintreten hatte Pierre geglaubt, daß die ungeheure Kirche vollständig leer und tot sei; dann wurde er inne, daß sich in der Ferne einige Wesen befanden. Es waren Leute da, aber so wenige und in so weiten Zwischenräumen, daß es den Eindruck machte, als wären sie nicht da. Touristen schlenderten mit dem Reiseführer in der Hand mit müden Beinen umher. In der Mitte des großen Mittelschiffes nahm ein Maler an seiner Staffelei eine Ansicht auf, gerade so wie in einer öffentlichen Galerie. Dann kam ein ganzes französisches Seminar vorüber, geführt von einem Prälaten, der die Gräber erklärte. Aber diese fünfzig, diele hundert Personen zählten nichts; sie machten in dem weiten Räume kaum den Eindruck einiger verirrten, schwarzen Ameisen, die erschreckt den Weg suchen. Von nun an hatte er das ausgesprochene Gefühl, als befände er sich in einem Riesengalasaale, in dem Vorsaale eines maßlos großen Empfangspalastes. Die breiten Sonnenstrahlen, die durch die hohen, viereckigen, vorhanglosen Fenster hereinfielen, erhellten die Kirche mit blendendem Licht und erfüllten sie durch und durch mit einer Glorie. Keine Bank, kein Stuhl war zu sehen, nichts als das prächtige, nackte, unendliche Pflaster; es war ein Pflaster wie in einem Museum, und die tanzenden Sonnenstrahlen spiegelten sich in ihm. Nirgends ein Ort der Sammlung, nirgends ein geheimnisvoller, dunkler Winkel, um niederzuknieen und zu beten. Ueberall herrschte die lebhafte Helle, der Glanz, die Majestät und Pracht des hellen Tages. Und in diesen verlassenen, in Gold und Purpur flammenden Opernsaal trat nun er, der nur den Schauer gotischer Kathedralen kannte, wo düstere Mengen zwischen dem Walde der Pfeiler schluchzen! Er, der die schmerzhafte Erinnerung an die abgezehrte Architektur und Bildhauerkunst des Mittelalters, die ganz Seele ist, mit sich brachte, er geriet nun in diese prunkende Majestät, in diesen ungeheuren, leeren Pomp, der ganz Körper war! Vergebens suchte er eine arme, knieende Frau, ein gläubiges oder leidendes Wesen, das sich im schamhaften Halbdunkel dem Unbekannten hingab, geschlossenen Mundes mit dem Unsichtbaren sprach. Er sah hier nichts als das müde Kommen und Gehen der Touristen, die geschäftigen Mienen der Prälaten, die die jungen Priester zu den vorgeschriebenen Stationen führten, während in der Kapelle links die Vesper ihren Fortgang nahm, ohne daß ein Geräusch an das Ohr der Besucher drang; kaum daß eine wirre Tonwoge, das Schwingen einer Glocke von außen durch das Gewölbe hallte. Pierre begriff, daß dies das Gerippe eines monumentalen Kolosses sei, den das Leben verließ. Um ihn zu füllen, um ihm seine wirkliche Seele einzuhauchen, bedurfte es der ganzen Pracht des religiösen Pompes; es bedurfte der achtzigtausend Gläubigen, die das Schiff fassen kann, der großen päpstlichen Zeremonien, der Pracht des Weihnachts- und Osterfestes, der Aufzüge, die den heiligen Staat mit den Dekorationen und der Inscenirung einer großen Oper entfalteten. Und er beschwor herauf, was er von dieser Pracht wußte: eine anbetende Menge überfüllte die Basilika, der übermenschliche Zug zog zwischen den zur Erde gebeugten Stirnen einher, Kreuz und Schwert eröffneten die Prozession, die Kardinäle schritten zu zweien wie Plejadengötter, gekleidet in das Chorhemd aus Spitzen, den Talar und den Mantel aus rotem Moiré, dessen Schleppe die Schleppträger hielten. Und zuletzt kam der Papst. Er saß wie ein mächtiger Jupiter aus einem Schilde von rotem Sammet in einem Lehnstuhl aus rotem Sammet und Gold, und war mit weißem Sammet, dem goldenen Chorrock, der goldenen Stola, der goldenen Tiara bekleidet. Die roten, goldgestickten Mäntel der Träger der Sedia gestatoria funkelten, die Flabelli bewegten über dem Haupte des alleinigen, souveränen Pontifex die großen Federfächer, die sich einst vor den Götzenbildern des antiken Rom wiegten. Und welch blendender, glorreicher Hof umgab diesen Triumphsessel! Die ganze päpstliche Hausgenossenschaft, die Flut der assistirenden Prälaten, die Patriarchen, die Erzbischöfe und Bischöfe, alle in goldenen Ornaten und Mitren! Die bestallten Geheimkämmerer in violetter Seide, die wirklichen Kämmerer im schwarzen Sammetkostüm mit goldener Kette und Krause! Dann das zahllose geistliche und weltliche Gefolge, dessen Aufzählung hundert Seiten der Gerarchia nicht erschöpfen würde, die Protonotare, die Kapläne, die Prälaten aller Klassen und Grade, ganz abgesehen von dem militärischen Hausstande – den Gendarmen in der Bärenmütze, den palatinischen Garden in den blauen Beinkleidern und dem schwarzen Mantel, den Schweizergarden in dem gelb, schwarz und rot gestreiften Silberküraß, den Nobelgardisten, die in ihren hohen Stiefeln, ihren weißen Lederkollern, ihren roten, goldgestickten Mänteln, den goldenen Epauletten und den Goldhelmen einen prächtigen Anblick boten! Aber seitdem Rom die Hauptstadt Italiens war, wurde das Thor nicht mehr weit geöffnet, sondern im Gegenteil mit eifriger Sorgfalt verschlossen; und wenn, was selten geschah, der Papst erschien, um zu zelebriren, um sich als der höchste Erwählte, als die Verkörperung Gottes auf Erden zu zeigen, da füllte sich die Basilika nur noch mit eingeladenen Gästen. Man mußte eine Karte haben, um Einlaß zu finden. Es war nicht mehr die zufällige Flut des Volkes, die fünfzigtausend, die sechzigtausend Christen, die herbei eilten, sich herbeidrängten, sondern eine Auswahl von befreundeten Zuschauern, die bei besonderen geschlossenen Feierlichkeiten besonders ausgesucht wurden. Selbst wenn Tausende hier versammelt wurden, so war es doch nur immer ein beschränktes, zu einem Monstrekonzert geladenes Publikum. Je länger Pierre durch dieses im harten Glanze des Marmors schimmernde, kalte und majestätische Museum wanderte, desto mehr durchdrang ihn das Gefühl, daß er sich in einem heidnischen, dem Gotte des Lichtes und der Pracht errichteten Tempel befinde. Ein großer Tempel des antiken Rom hatte gewiß ähnlich ausgesehen; er besaß dieselben mit polychromem Marmor bekleideten Wände, dieselben kostbaren Säulen, dieselben Gewölbe mit vergoldeten Deckenfeldern. Dieses Gefühl sollte er noch deutlicher beim Besuche der anderen Basiliken empfinden, der ihn zur Erkenntnis der unbestreitbaren Wahrheit brachte. Da war erstens die christliche Kirche, die sich in aller Ruhe und Gemütlichkeit in dem heidnischen Tempel breitmachte: so S. Lorenzo in Miranda, der im Tempel des Antonin und der Faustina ganz wie zu Hause war, und dessen seltenen Portikus aus Cippolino und den schönen Sims aus weißem Marmor beibehalten hatte. Zweitens die christliche Kirche, die aus dem gefällten Stamm, dem zerstörten antiken Gebäude wieder ausgewachsen war; so zum Beispiel der jetzige Dom S. Clemente, unter dem in Schichten Jahrhunderte entgegengesetzter Religionen, ein sehr altes Denkmal aus der Zeit der Republik, ein anderes, in dem man einen Mithratempel erkannt hat, aus der Kaiserzeit, und endlich eine altchristliche Basilika liegen. Drittens die christliche Kirche, die wie S. Agnese fuori le Mura genau nach dem Vorbilde der forensischen Basilika der Römer, dem Tribunal und der Börse, gebaut war, die sich aus jedem Forum fanden; und viertens insbesonders die christliche Kirche, die mit den aus den Tempelruinen gestohlenen Materialien gebaut wurde. So die sechzehn herrlichen Säulen dieser selben Kirche S. Agnese aus verschiedenartigem Marmor, der offenbar mehreren Göttern geraubt wurde; die einundzwanzig Säulen jeglicher Ordnung von S. Maria de Trastevere, die einem Tempel des Ifis und Serapis entrissen wurden, deren Figuren sich noch auf den Kapitälern befinden; die sechsunddreißig weißen Marmorsäulen jonischer Ordnung von S. Maria Maggiore, die aus dem Tempel der Juno Lucina kommen; die an Material, Höhe und Arbeit ganz verschiedenen zweiundzwanzig Säulen von S. Maria d'Aracoeli, von denen die Legende behauptet, daß einige dem Jupiter selbst aus dem Tempel des Jupiter Capitolinus entrissen wurden, der sich auf demselben Platze, auf dem heiligen Hügel erhob. Noch heute werden die Tempel der reichen Kaiserzeit in den prächtigen Basiliken von S. Giovanni de Laterano und S. Paoli fuori le Mura wieder lebendig. War nicht die Basilika von S. Giovanni, die Mutter und das Haupt aller Kirchen, mit ihren fünf, von vier Säulenreihen geteilten Schiffen, mit ihren zwölf kolossalen Apostelstatuen, die wie eine doppelte Reihe von Göttern zu dem Herrn der Götter führte, mit ihren Basreliefs, Friesen, Simsen, der Ehrenpalast einer heidnischen Gottheit, deren üppiges Reich von dieser Welt war? Und findet man nicht in der eben vollendeten St. Paulskirche, in dem neuen, spiegelgleichen Glanz des Marmors die Wohnung der olympischen Unsterblichen wieder? Es ist der typische Tempel mit der majestätischen Kolonnade unter der flachen, mit vergoldeten Feldern versehenen Decke, dem marmornen Pflaster von unvergleichlicher Schönheit des Materials und der Arbeit, den Pilastern mit den lila Basen und den weißen Kapitalen, dem weißen Sims mit lila Friesen und der überall vorherrschenden Mischung dieser beiden Farben, die von so göttlich fleischlicher Harmonie ist, daß man an die erhabenen, von der Morgenröte gebadeten Körper der großen Göttinnen denken muß. Ebenso wenig wie in St. Peter war hier ein dunkler, ein geheimnisvoller, dem Unsichtbaren geöffneter Winkel zu sehen. Und doch blieb St. Peter, kraft seines Rechtes als Koloß das größte dieser großen Ungetüme. Er war das maßlose Zeugnis dessen, was die Sucht nach dem Ungeheuerlichen vermag, wenn der menschliche Stolz mit Hilfe von verschwendeten Millionen Gott in der allzu großen und allzu reichen Steinwohnung unterbringen will, wo der Mensch in seinem Namen triumphirt. Zu diesem Prunkkoloß hatte also nach so vielen Jahrhunderten die Inbrunst des ursprünglichen Glaubens geführt! Es fand sich in ihm jener Saft des römischen Bodens wieder, der zu allen Zeiten in unvernünftigen Monumenten aufgeschossen ist. Es scheint, daß die unumschränkten Herren, die nach einander dort regierten, diese cyklopische Bauwut mit sich brachten, aus der Heimaterde, auf der sie aufgewachsen schöpften; denn sie haben sie sich ohne Unterbrechung von Zivilisation zu Zivilisation vererbt. Es ist ein unaufhörliches Wachstum der menschlichen Eitelkeit; alle hatten das Bedürfnis, ihren Namen auf eine Mauer zu schreiben, und nachdem sie Herren der Welt gewesen, eine unzerstörbare Spur, einen greifbaren Beweis dieser Eintagsglorie, das ewige Gebäude aus Bronze und Marmor zurückzulassen, das bis ans Ende der Zeiten für sie zeugen würde. Im Grunde steckt dahinter nur die Eroberungslust, der stolze Ehrgeiz der Rasse, die stets um die Weltherrschaft ringt; und wenn alles zusammengebrochen ist, wenn eine neue Gesellschaft aus den Ruinen wieder geboren wird, von der man annehmen kann, daß sie vom Hochmut geheilt und zur Demut zurückgekehrt ist, so erweist sich das wieder nur als ein Irrtum. Das alte Blut braust in ihren Adern; sie unterliegt von neuem dem übermütigen Wahnsinn der Ahnen und wird, sobald sie groß und stark geworden ist, eine Beute aller ererbten Heftigkeit. Es gibt nicht einen berühmten Papst, der nicht bauen wollte, der nicht die Ueberlieferung der Cäsaren weiter geführt hätte, die ihre Regierung in Stein verewigten und sich nach ihrem Tode Tempel errichten ließen, um unter die Götter zu steigen. Dieselbe Sorge um die irdische Unsterblichkeit gibt sich wieder kund; man wetteifert, wer das größte, festeste, prächtigste Monument hinterlassen wird. Die Krankheit ist so heftig, daß die weniger glücklichen, die nicht bauen konnten, die sich mit Ausbesserungen begnügen mußten, sich darin gefielen, den Generationen das Andenken ihrer bescheidenen Arbeiten zu hinterlassen, indem sie Marmortafeln mit pomphaften Inschriften anbrachten. Daher begegnet man fortwährend diesen Tafeln; keine Mauer wird befestigt, ohne daß ein Papst sein Wappen darauf drückt, keine Ruine hergestellt, kein Palast wieder in Stand gesetzt, kein Springbrunnen gereinigt, ohne daß der regierende Papst das Werk mit seinem römischen Titel Pontifex Maximus zeichnet. Es ist ein Spuk, eine unfreiwillige Ausschweifung, die verhängnisvolle Blüte dieser seit mehr als zweitausend Jahren aus Trümmern gebildeten Düngererde. Unaufhörlich steigen Monumente aus diesem Staube von Monumenten auf. Und man fragt sich, ob Rom überhaupt je christlich war – Rom in seiner Verderbtheit, mit der der alte römische Boden fast allsogleich die Lehren Jesus befleckte, mit seiner Herrschsucht, seinem Verlangen nach irdischem Ruhm, die durch die Verachtung der Schwachen und Reinen, der Brüderlichen und Einsaitigen des Urchristentums, den Triumph des Katholizismus bewirkt haben. Da mit einemmale, infolge einer plötzlichen Erleuchtung, flammte in Pierre die Wahrheit auf. Es geschah in dem Augenblick, als er zum zweitenmale die Runde um die ungeheure Basilika machte und die Päpstegräber bewunderte. Ach, diese Gräber! Drüben in der flachen Campagna, im hellen Sonnenlichte, zu beiden Seiten der Via Appia, die, gleichsam das Triumphthor Roms, den Fremden aus den erhabenen, von einer Krone von Palästen umgürteten Palatin geleitete, erhoben sich die gigantischen Gräber der Mächtigen und Reichen in einem künstlerischen Glänze, einer Pracht ohne gleichen, die den Stolz und den Pomp einer starken, weltbeherrschenden Rasse im Marmor verewigte. Dann, dicht daneben, unter der Erde, in der verschwiegenen Nacht, am Grunde der armseligen Maulwurfslöcher, verbargen sich andere Gräber – die der Geringen, der Armen, der Leidenden; sie waren kunst- und schmucklos, und ihre Bescheidenheit verkündete, daß ein Hauch von Liebe und Ergebung über die Erde gestrichen, daß ein Mensch gekommen war, um Brüderlichkeit und Liebe, das Aufgeben der irdischen Güter für den ewigen Frieden des künftigen Lebens zu predigen. Er hatte den guten Samen seines Evangeliums der neuen Erde anvertraut und die verjüngte Menschheit gesät, die die alte Welt verwandeln sollte. Und nun waren aus diesem seit Jahrhunderten in dem Boden liegenden Samen, nun waren aus diesen bescheidenen, unbekannten Gräbern, wo die Märtyrer in Erwartung des glorreichen Erwachens ihren süßen Schlaf schlummerten, andere Gräber hervorgesproßt, die ebenso riesig, ebenso prunkvoll waren wie die zerstörten antiken Gräber der Götzendiener. Ihr Marmor erhob sich in der heidnischen Pracht eines Tempels und verkündete denselben übermenschlichen Stolz, dieselbe wahnsinnige Sucht nach der Weltherrschaft. In der Renaissance wird Rom wieder heidnisch. Das alte Kaiserblut steigt wieder auf, führt gegen das Christentum den schärfsten Angriff, den es bisher zu erleiden hatte, und reißt es mit sich fort. Ach, diese Gräber in St. Peter – wie trotzen sie in ihrer übermütigen Verherrlichung, in ihrer sinnlichen und üppigen Ungeheuerlichkeit dem Tode und versetzen die Unsterblichkeit auf diese Erde! Da sind riesengroße Päpste aus Bronze, da sind allegorische Figuren, da sind zweideutige Engel, die schön sind, wie schöne Mädchen, wie begehrenswerte Frauen, mit den Hüften und dem Halse von Göttinnen. Paul III. sitzt auf einem hohen Piedestal, während die Gerechtigkeit und die Klugheit halb zu seinen Füßen gelagert sind. Urban VIII, befindet sich zwischen der Klugheit und der Religion, Innocenz XI. zwischen der Religion und der Gerechtigkeit, Innocenz XII, zwischen der Gerechtigkeit und der Barmherzigkeit, Gregor XIII. zwischen der Religion und der Kraft. Der knieende Alexander VII, hat neben sich die Klugheit und die Gerechtigkeit, vor sich die Barmherzigkeit und die Wahrheit; daneben erhebt sich ein Skelett mit der leeren Sanduhr. Clemens XIII., ebenfalls knieend, triumphirt auf einem monumentalen Sarkophag, auf den sich die Religion, die das Kreuz hält, stützt; während unter dem rechts lehnenden Genius des Todes sich zwei ungeheure Löwen befinden, die Sinnbilder der Allmacht. Die Bronze verkündete die Ewigkeit der Figuren; der weiße Marmor prangte wie schönes, üppiges Fleisch; der farbige Marmor schlang sich zu reichen Behängen und erhob unter dem hellen, goldenen Licht der ungeheuren Schiffe die Monumente zu einer Apotheose. Und Pierre ging von einem zum andern; er schritt immer wieder durch die von der Sonne beschienene, herrliche, einsame Basilika. Ja, diese Gräber schlössen sich mit kaiserlichem Prunk denen der Via Appia an. Ja, das war Rom – der Boden Roms, wo Stolz und Herrschsucht wie das Kraut des Feldes ausschießen, dieser Boden, der aus dem demütigen Urchristentum den siegreichen, mit den Mächtigen und Reichen verbündeten Katholizismus gemacht hat, diese für die Eroberung der Völker errichtete riesige Regierungsmaschine. In den Päpsten waren die Cäsaren wieder erwacht. Das ferne Erbe wirkte; das Blut des Augustus schoß von neuem hervor, floß in ihren Adern und verbrannte ihr Gehirn mit maßlosem Ehrgeiz. Nur Augustus hatte die Herrschaft der Welt verwirklicht, indem er zugleich Kaiser und Pontifex, Herr der Körper und Seelen war. Von daher stammt der ewige Traum der Päpste. Sie sind verzweifelt, weil sie nur die geistliche Herrschaft besitzen, und wollen hartnäckig nichts von der weltlichen abtreten; denn sie hegen noch immer die uralte, nie aufgegebene Hoffnung, daß der Traum sich noch einmal verwirklichen kann und aus dem Vatikan einen zweiten Palatin machen werde, von wo aus sie als unbeschränkte Despoten die eroberten Nationen beherrschen werden. VI. Pierre befand sich nun bereits seit vierzehn Tagen in Rom, aber die Angelegenheit, derentwegen er hergekommen, die Verteidigung seines Buches, machte gar keine Fortschritte. Er hegte noch immer den brennenden Wunsch, den Papst zu sehen, ohne daß sich bei den fortwährenden Verzögerungen, bei der Angst vor einem unvorsichtigen Schritt, die Monsignore Nani ihm eingeflößt hatte, voraussehen ließ, wann und wie dieser Wunsch befriedigt werden könne. Da er einsah, daß sein Aufenthalt sich unabsehbar in die Länge ziehen konnte, entschloß er sich, sein celebret im Vikariat visiren zu lassen, und las nun jeden Morgen seine Messe in der Brigittakirche aus der Piazza Farnese, wo ihn der Abbé Pisoni, der ehemalige Beichtvater Benedettas, wohlwollend aufgenommen hatte. An diesem Montag beschloß er, sich frühzeitig zu dem kleinen, intimen Empfang Donna Serafinas zu begeben; denn er hoffte dort Neuigkeiten zu hören und seine Angelegenheit zu beschleunigen. Vielleicht würde auch Monsignore Nani dort sein, oder vielleicht würde er das Glück haben, irgend einen Prälaten oder Kardinal zu treffen, der ihm helfen würde. Er hatte sich vergeblich bemüht, Don Vigilio auszunützen oder doch wenigstens gewisse Auskünfte aus ihm herauszulocken. Der Sekretär des Kardinals Boccanera schien, nachdem er sich einen Augenblick dienstfertig gezeigt hatte, wieder von Mißtrauen und Furcht ergriffen worden zu sein; er ging Pierre aus dem Wege, versteckte sich und seine Miene verriet den Entschluß, sich in ein entschieden verdächtiges und gefährliches Abenteuer nicht zu mischen. Uebrigens war er seit vorgestern von einem furchtbaren Fieberanfall ergriffen worden, der ihn zwang, das Zimmer zu hüten. Pierre hatte keinen andern Trost als Victorine Bosquet, das zum Range einer Wirtschafterin emporgestiegene ehemalige Kindermädchen, die Beauceronnin, die sich trotz eines dreißigjährigen Aufenthaltes in dem ihr noch immer unbekannten Rom ihr altes französisches Herz bewahrt hatte. Sie erzählte ihm von Anneau, als hätte sie es gestern verlassen. Aber an diesem Montag war sie nicht so lebhaft und heiter wie sonst, und als sie erfuhr, daß er abends zu den Damen hinabgehen wolle, schüttelte sie den Kopf. »Ah, Sie werden sie nicht bei guter Stimmung finden. Meine arme Benedetta hat große Unannehmlichkeiten. Es scheint mit ihrer Scheidung sehr schlecht zu stehen.« Ganz Rom sprach davon. Die außerordentlichsten Klatschereien begannen von neuem und regten die ganze schwarze und weiße Gesellschaft auf. Victorine brauchte sich daher einem Landsmanne gegenüber keine unnötige Verschwiegenheit aufzuerlegen. Also: in Erwiderung der Eingabe des Konsistorialanwaltes Morano, der, auf Zeugenaussagen und schriftliche Beweise gestützt, ausführte, daß die Ehe wegen Unvermögens des Gatten nicht vollzogen sein konnte, hatte Monsignore Palma, der von der Konzilskongregation für diese Angelegenheit als Verteidiger der Ehe gewählte Theologe, seinerseits ein wahrhaft schreckliches Memorandum eingebracht. Zuerst zog er den jungfräulichen Zustand der Gesuchstellerin in Zweifel, indem er die technischen Ausdrücke des Zertifikates der beiden Hebammen diskutirte und eine gründliche Untersuchung durch zwei Aerzte forderte, eine Formalität, vor der die Schamhaftigkeit der jungen Frau zurückgeschreckt war. Er schlug großen Vorteil aus der in der Eingabe des Grafen Prada enthaltenen Erzählung desselben, laut welcher er sehr aufrichtig bekannte, nicht sagen zu können, ob die Ehe vollzogen sei oder nicht, da die Gräfin sich so gewehrt habe; er hatte wohl im Augenblick geglaubt, daß der Akt in den normalen Bedingungen vollzogen worden sei, aber nach längerem Nachdenken gebe er zu, daß er, der Heftigkeit seines Wunsches nachgebend, sich vielleicht Illusionen gemacht habe. Ueber diesen Zweifel frohlockte Monsignore Palma, verstärkte ihn noch durch alle spitzfindigen Schlußfolgerungen, die die heikle Angelegenheit gestattete, und kehrte sogar gegen die vergewaltigte Gattin die von ihr selbst vorgebrachte Aussage der Kammerjungfer, die das Geräusch des Kampfes gehört hatte und bestätigte, daß ihr Herr und ihre Herrin nach dieser ersten Nacht stets gesondert geschlafen hätten. Der entscheidende Beweisgrund des Memorandums war übrigens, daß es, selbst wenn die Gesuchstellerin den vollständigen Beweis ihrer Jungfräulichkeit erbrachte, doch feststand, daß nur ihre Weigerung den Vollzug der Ehe hinderte, da die erste Bedingung des Aktes der Gehorsam der Frau sei. Nach Verlesung eines vierten Memorandums, dem des Berichterstatters, worin er die drei anderen zusammenfaßte und erörterte, hatte die Kongregation abgestimmt: sie bewilligte die Annullirung der Ehe, aber nur mit einer Stimme Majorität. Das war eine so ungewisse Lösung, daß Monsignore Palma sich kraft seines Rechtes unverzüglich beeilte, Ergänzungsinformationen zu fordern, was das ganze Verfahren wieder in Frage stellte und eine neue Abstimmung nötig machte. »Ach, meine arme Contessina,« rief Victorine, »sie wird vor Kummer sterben; denn das arme Kind verzehrt sich langsam, trotzdem sie so ruhig aussieht ... Es scheint, daß dieser Monsignore Palma der Herr der Situation ist und daß er die Sache so lange hinausschieben kann, wie er Lust hat. So viel Geld ist schon ausgegeben worden, und man wird noch mehr ausgeben müssen ... Der Abbé Pisoni – Sie kennen ihn ja jetzt – hat wirklich mit dieser Heirat einen großartigen Einfall gehabt. Ich will auch nicht das Andenken meiner guten Herrin, der Gräfin Ernesta, dieser heiligen, kränken, aber es steht fest, sie hat ihre Tochter unglücklich gemacht, als sie sie dem Grafen Prada gab.« Sie hielt inne und fügte dann, von dem in ihr wohnenden Gerechtigkeitssinne hingerissen, hinzu: »Er hat übrigens recht, wenn er nicht zufrieden ist, der Graf Prada. Man macht sich gar zu sehr über ihn lustig ... Aber wissen Sie, deswegen sage ich doch, daß meine Benedetta recht dumm ist, daß sie so viele Umstände macht. Wenn es von mir abhinge, so hätte sie ihren Dario noch heute abend in ihrem Zimmer, da sie ihn so liebt, da sich beide so lieben und schon so lange nach einander sehnen. Meiner Treu, ja, ohne Standesamt und Pfarrer, weil sie jung, weil sie schön sind und damit sie glücklich mit einander sein können ... Das Glück, du lieber Gott, das Glück ist so selten!« Als sie sah, daß Pierre sie überrascht anblickte, begann sie munter, mit dem ruhigen Gleichgewicht des niederen französischen Volkes zu lachen, das an nichts mehr glaubt als an ein glückliches, ehrlich geführtes Leben. Dann beklagte sie sich in etwas diskreterer Weise über eine andere Unannehmlichkeit, die das Haus verdüsterte. Es war ebenfalls ein Rückschlag dieser unglückseligen Scheidungsangelegenheit. Donna Serafina und der Advokat Morano hatten sich gezankt. Der letztere war sehr ärgerlich über die halbe Schlappe, die seine Eingabe bei der Kongregation erlitten hatte, und beschuldigte Pater Lorenzo, den Beichtvater von Tante und Nichte, daß er sie zu einem häßlichen Prozesse gedrängt habe, aus dem für alle Welt nichts als Aergernis entstehen würde. Und er war im Palazzo Boccanera nicht wieder erschienen. Das war der Bruch eines alten, seit dreißig Jahren bestehenden Verhältnisses und verblüffte alle römischen Salons. Das Verhalten Moranos wurde allgemein gemißbilligt. Donna Serafina war um so tiefer erbittert, da sie argwöhnte, daß er den Streit nur als Vorwand gebrauche, um sie wegen einer ganz andern Sache zu verlassen: wegen einer plötzlichen, bei einem Manne in seiner Stellung und von seiner Frömmigkeit verbrecherischen Leidenschaft, der Leidenschaft, die eine junge Bürgerliche, eine Ränkeschmiedin, in ihm entfacht hatte. Als Pierre am Abend in den mit gelbem, großblumigem Louis XIV.-Brokat ausgeschlagenen Salon trat, bemerkte er thatsächlich, daß eine gewisse Schwermut unter der noch gedämpfteren Helle der spitzenverschleierten Lampen herrschte. Es war übrigens niemand da als Benedetta und Celia, die, auf einem Kanapee sitzend, mit Dario plauderten. Der Kardinal Sarno hörte, tief in einen Lehnstuhl vergraben, wortlos dem unversiegbaren Geplauder der alten Verwandten zu, die die kleine Prinzessin jeden Montag herbrachte. Donna Serafina faß allein auf ihrem gewöhnlichen Platz auf der rechten Seite des Kamins; eine heimliche Wut verzehrte sie, weil die linke Seite gegenüber leer war, diese Seite, die Morano während der dreißig Jahre seiner Treue eingenommen hatte. Pierre bemerkte auch, was für einen ängstlichen und dann verzweifelten Blick sie ihm bei seinem Eintritt zugeworfen hatte; sie bewachte die Thür, da sie ohne Zweifel den Flatterhaften noch erwartete. Sie hielt sich übrigens sehr gerade und sah mit ihrer seinen, mehr als je im Korsett eingeschnürten Taille, mit ihrem harten Altjungferngesicht, dem schneeweißen Haar und den tiefschwarzen Brauen sehr stolz aus. Nachdem Pierre ihr seine Hochachtung bezeigt hatte, ließ er sofort den ihn hauptsächlich beschäftigenden Gedanken durchblicken, indem er fragte, ob er nicht das Vergnügen haben würde, Monsignore Nani heute abend zu sehen. »O, Monsignore Nani verläßt uns wie alle anderen,« konnte sie sich nicht enthalten, zu antworten. »Wenn man die Leute braucht, verschwinden sie.« Sie grollte auch dem Prälaten, weil er sich trotz seiner vielen Versprechungen sehr matt mit der Scheidung beschäftigt hatte. Zweifellos verbarg sich wie immer hinter seinem außerordentlich schmeichelnden Wohlwollen irgend ein eigener Plan. Uebrigens bereute sie rasch das Geständnis, das der Zorn ihr entrissen hatte, und fuhr fort: »Vielleicht kommt er noch. Er ist so gut und liebt uns so sehr.« Trotz ihres heißen Blutes wollte sie politisch sein, um das Unglück zu besiegen. Ihr Bruder, der Kardinal, hatte ihr mitgeteilt, wie sehr das Verhalten der Konzilskongregation ihn ärgere; denn er zweifelte nicht, daß die kalte Aufnahme, die das Gesuch seiner Nichte gefunden, dem Wunsche gewisser seiner Kollegen, der Kardinäle, entsprang, ihm Unannehmlichkeiten zu bereiten. Er selbst wünschte jetzt die Scheidung, denn sie allein schien eine Fortsetzung der Rasse zu sichern, da Dario darauf beharrte, keine andere als seine Base heiraten zu wollen. Alles Unglück kam auf einmal und hatte die ganze Familie betroffen; sein Stolz war verletzt; die Schwester teilte diesen Kummer, dessen Folgen außerdem ihr Herz verwundeten; und die beiden Liebenden waren verzweifelt, weil sie ihre Hoffnungen abermals hinausgeschoben sahen. Als Pierre sich dem Kanapee näherte, wo die jungen Leute plauderten, hörte er, daß halblaut von nichts anderem als von der Katastrophe gesprochen wurde. »Warum seid ihr so verzweifelt?« fragte Celia. »Eigentlich ist ja die Annullirung der Ehe mit einer Stimme Majorität anerkannt worden. Der Prozeß wird wieder aufgenommen werden. Es ist nur eine Verzögerung.« Aber Benedetta schüttelte den Kopf. »Nein, nein; wenn Monsignore Palma darauf beharrt, wird Seine Heiligkeit nie seine Zustimmung geben. Es ist aus.« »Ach, wer doch reich wäre, sehr reich!« murmelte Dario mit überzeugter Miene; und niemand lächelte darüber. Dann sagte er ganz leise zu seiner Base: »Ich muß Dich unbedingt sprechen. So können wir nicht weiter leben.« »Komm morgen abend um fünf Uhr hierher,« antwortete sie ebenfalls flüsternd. »Ich werde hier allein sein.« Dann zog sich der Abend endlos hin. Pierre sah mit unendlicher Rührung die Gebrochenheit, in der sich die gewöhnlich so ruhige und so vernünftige Benedetta befand. Die tiefen Augen in ihrem reinen, kindlich zarten Gesicht waren wie von verhaltenen Thränen getrübt. Er hatte bereits eine wirkliche Zärtlichkeit für sie gefaßt, da er sie immer in gleichmäßiger, wenn auch etwas lässiger Stimmung, sah; sie verbarg unter diesem Schein großer Klugheit die Leidenschaft ihrer Flammenseele. Trotzdem versuchte sie über die hübschen, vertraulichen Mitteilungen Celias zu lächeln, deren Liebesangelegenheit besser stand als die ihrige. Nur einen Augenblick wurde das Gespräch allgemein, als die alte Verwandte mit erhobener Stimme von der unwürdigen Haltung der italienischen Presse gegen den heiligen Vater sprach. Noch nie schienen die Beziehungen zwischen Vatikan und Quirinal so schlecht gewesen zu sein als jetzt. Der Kardinal Sarno, der gewöhnlich stumm war, teilte mit, daß der Papst bei Gelegenheit der weiheschänderischen Feste am 20. September zur Feier der Einnahme Roms allen christlichen Staaten, die sich durch ihre Gleichgiltigkeit zu Mitschuldigen des Raubes machten, ein neues Protestschreiben ins Gesicht schleudern werde. »Ja, versucht es nur, Papst und König zu vermählen!« sagte Donna Serafina mit bitterer Stimme, indem sie auf die beklagenswerte Heirat ihrer Nichte anspielte. Sie schien ganz außer sich zu sein. Es war jetzt sehr spät. Man konnte weder Monsignore Nani noch sonst jemand erwarten, dennoch stammte es bei einem unerwarteten Geräusch von Schritten in ihren Augen auf; sie blickte begierig auf die Thür und sah zu ihrer letzten Enttäuschung Narcisse Habert eintreten, der sich wegen seines späten Besuches bei ihr entschuldigte. Sein angeheirateter Oheim, der Kardinal Sarno, hatte ihn in diesen so fest verschlossenen Salon eingeführt, und man nahm ihn wegen seiner angeblich intransigenten religiösen Ideen wohl auf. An diesem Abend war er übrigens trotz der späten Stunde nur Pierres wegen gekommen, den er auch sofort beiseite nahm. »Ich wußte, daß ich Sie hier finden würde. Ich sah eben meinen Vetter, Monsignore Gamba del Zoppo, und kann Ihnen eine gute Nachricht mitteilen ... Er wird uns morgen vormittag gegen elf Uhr in seinen Gemächern im Vatikan empfangen. – Ich glaube wohl, daß er es versuchen wird, Sie beim heiligen Vater einzuführen,« fügte er mit noch leiserer Stimme hinzu. »Kurz, die Audienz scheint mir gesichert zu sein.« Pierre empfand eine große Freude über diese Nachricht, die er da in diesem traurigen Salon erhielt, wo er sich seit beinahe zwei Stunden abhärmte und in Verzweiflung geriet. Also doch endlich eine Lösung! Nachdem Narcisse Dario die Hand gedrückt hatte, begrüßte er Benedetta und Celia; dann näherte er sich seinem Oheim, dem Kardinal, der sich endlich, nachdem er die alte Verwandte los geworden, zum Reden entschloß. Aber er sprach von nichts als von seiner Gesundheit, dem Wetter, den unbedeutenden Anekdoten, die man ihm erzählt hatte, niemals aber ein Wort über die tausend verwickelten und schrecklichen Angelegenheiten, die er in der Propaganda braute. Es war, als ob er außerhalb seines Bureaukratenzimmers in diesem Zurücktreten, dieser Mittelmäßigkeit ein Bad nehme, wo er sich von den Sorgen um die Regierung der Welt ausruhte. Nun erhob sich alles und begann sich zu verabschieden. »Vergessen Sie nicht,« schärfte Narcisse Pierre ein; »morgen vormittag um zehn Uhr suchen Sie mich in der Sixtinischen Kapelle auf. In der Zwischenzeit bis zu unserem Rendezvous werde ich Ihnen die Botticellis zeigen.« Am nächsten Tage befand sich Pierre, der zu Fuß gekommen war, bereits um halb zehn auf dem großen Platze. Ehe er sich nach rechts zur Bronzethür an der Ecke der Kolonnade wendete, hob er die Augen und blieb ein paar Minuten stehen, um den Vatikan zu betrachten. Er konnte sich nichts Monumentaleres vorstellen, als diesen Haufen von Gebäuden, die ohne jede architektonische Ordnung, ohne jede Regelmäßigkeit im Schatten des Domes von St. Peter aufgewachsen waren. Ein Dach legte sich über das andere, die Fassaden streckten sich breit und flach hin, sowie eben die Flügel hinzugefügt und aufgebaut worden waren. Nur die drei Seiten des St. Damasiushofes erschienen symmetrisch über der Kolonnade; mit den großen Fenstern der ehemaligen, jetzt geschlossenen Loggien ähnelten sie drei ungeheueren Treibhäusern, und ihr rötliches Gestein funkelte in der Sonne. Das also war der schönste, der größte Palast der Welt mit elftausend Sälen, die die bewundernswertesten Kunstwerke des menschlichen Geistes enthielten! Aber Pierre interessirte sich in seiner Enttäuschung nur für die hohe, rechte Fassade, die auf den Platz geht; denn er wußte, daß sich dort die Fenster der Privatwohnung des Papstes im zweiten Stockwerk befanden. Er betrachtete lange diese Fenster; man hatte ihm gesagt, daß das fünfte rechts das Schlafzimmerfenster war, wo man täglich bis sehr spät in die Nacht eine Lampe brennen sah. Was befand sich hinter dieser Bronzethür da vor ihm, die die heilige Schwelle, die Verbindung zwischen allen Reichen der Erde und dem Reiche Gottes war, dessen erhabener Vertreter sich zwischen diesen hohen, stummen Mauern eingekerkert hatte? Er betrachtete aus der Ferne die mit dicken, viereckigen Nägeln beschlagenen Thürfelder aus Metall und fragte sich, was wohl diese harte, alte Festungsthüre verteidigte, was sie verbarg, vermauerte? Was für eine Welt würde er hinter ihr finden, was für einen im Dunkeln eifersüchtig gehüteten Schatz von Menschenliebe, was für eine Wiedergeburt der Hoffnung für die neuen, nach Brüderlichkeit und Gerechtigkeit dürstenden Völker? Er gefiel sich in diesem Traum von einem einzigen und heiligen Hirten, der im Hintergrunde dieses geschlossenen Palastes wacht und die endgiltige Herrschaft Jesus vorbereitet, während die alten, verfaulten Zivilisationen in Staub zerfallen, der endlich im Begriffe war, diese Herrschaft zu verkündigen, indem er aus unseren Demokratien die vom Heiland verheißene große christliche Gemeinde machte. Ja, die Zukunft bereitete sich hinter dieser Bronzethür vor und die Zukunft würde zweifellos daraus hervorgehen. Plötzlich sah sich Pierre zu seiner Ueberraschung Monsignore Nani gegenüber, der eben den Vatikan verließ, um zu Fuße die paar Schritte nach dem Palaste des S. Offizio zu gehen, wo er in seiner Eigenschaft als Assessor wohnte. »Ach, Monsignore, ich bin so glücklich. Mein Freund, Herr Habert, wird mich seinem Vetter, Monsignore Gamba del Zoppo, vorstellen, und ich glaube, daß ich die ersehnte Audienz erhalten werde.« Monsignore Nani lächelte mit einer liebenswürdigen und feinen Miene. »Ja, ja, ich weiß.« Er verbesserte sich. »Ich freue mich darüber ebenso wie Sie, mein lieber Sohn. Aber seien Sie vorsichtig.« Da er jedoch besorgte, der junge Priester könne auf den Gedanken geraten, daß er eben von Monsignore Gamba del Zoppo, dem Prälaten, komme, der von der ganzen bedachtsamen päpstlichen Hausgenossenschaft am leichtesten einzuschüchtern war, so erzählte er, daß er seit frühem Morgen zwei französischer Damen wegen herumlaufe, die ebenfalls für ihr Leben gern den Papst sehen wollten, aber er habe große Angst, daß es nicht gelingen werde. »Ich gestehe, Monsignore, daß ich mutlos zu werden begann,« sagte Pierre, »Ja, es ist hohe Zeit, daß ich etwas getröstet werde, denn mein Aufenthalt hier ist nicht darnach angethan, mein Herz gesunden zu machen.« Er sprach weiter und ließ durchblicken, wie sehr Rom vollends den Glauben in ihm zerstört habe. Solche Tage, wie er sie auf dem Palatin und in der Via Appia, dann in den Katakomben und in St. Peter verbracht hatte, konnten ihn nur beunruhigen, seinen Traum von einem verjüngten, triumphirenden Christentum nur zerstören. Er war durch sie eine Beute des Zweifels. Eine beginnende Erschöpfung überkam ihn, und viel von seinem stets zur Empörung bereiten Enthusiasmus war verloren gegangen. Monsignore Nani hörte zu und stimmte mit leichtem Kopfnicken bei, ohne zu lächeln aufzuhören. Offenbar war das ganz richtig, hatte es so kommen müssen. Er schien es vorausgesehen zu haben und davon befriedigt zu sein. »Kurz, mein lieber Sohn, alles steht aufs beste, sobald Sie einmal sicher sind, Seine Heiligkeit zu sehen.« »Ja, das ist wahr, Monsignore, ich habe meine ganze Hoffnung auf den erleuchteten und hellsehenden Leo XIII. gesetzt. Er allein kann mich richten, da er allein in meinem Buch meinen Gedanken erkennen kann, den ich sehr getreulich wiedergegeben zu haben glaube ... Ach, wenn er will, so wird er die alte Welt im Namen Jesus durch die Demokratie und die Wissenschaft retten.« Die Begeisterung packte ihn wieder, und Nani stimmte von neuem zu, während seine scharfen Augen und seine dünnen Lippen immer liebenswürdiger wurden. »Ganz recht, ganz recht, mein lieber Sohn. Sie werden mit dem heiligen Vater reden – und dann werden Sie sehen.« Da hierauf beide den Kopf hoben und die Fassade des Vatikans betrachteten, trieb er die Liebenswürdigkeit so weit, ihn aufzuklären. Nein, das Fenster, wo man jeden Abend Licht sah, war nicht das des Schlafzimmers des Papstes. Es war das Fenster eines Treppenabsatzes, das die ganze Nacht von einem Gashahn erhellt wurde. Das Zimmer des Papstes liege zwei Fenster weiter. Dann versanken sie wieder in Schweigen und fuhren fort, die Fassade zu betrachten. Beide waren sehr ernst geworden. »Nun, auf Wiedersehen, mein lieber Sohn. Sie werden mir über die Unterredung berichten, nicht wahr?« Kaum war Pierre allein, so schritt er durch die Bronzethüre; sein Herz klopfte heftig, als wäre er in den heiligen und furchtbaren Ort eingetreten, wo sich das künftige Glück vorbereitet. Ein Wachtposten, ein Schweizer Gardist, schritt langsam auf und ab; er war in einen graublauen Mantel gehüllt, der nur die schwarz, gelb und rot gestreifte Hose sehen ließ, und es war, als ob dieser Mantel klug über eine Verkleidung geworfen worden wäre, um ihre nun peinlich gewordene Seltsamkeit zu verbergen. Gleich darauf that sich rechts die große, gedeckte Treppe auf, die in den St. Damasiushof führt. Aber um in die Sixtinische Kapelle zu gelangen, mußte man erst die lange Galerie zwischen einer Doppelreihe von Säulen durchschreiten und die Scala Regia hinansteigen, Pierre begann in dieser riesigen Welt, wo alle Dimensionen eine übertriebene, niederdrückende Majestät annahmen, beim Hinansteigen der breiten Stufen etwas zu keuchen. Als er in die Sixtinische Kapelle eintrat, war er zuerst überrascht. Sie kam ihm klein vor, wie eine Art rechtwinkliger, sehr hoher Saal. Eine schöne Marmorscheidewand schneidet zu zwei Dritteln den Teil ab, wo sich bei großen Zeremonien die Eingeladenen aufhalten; auf dem Chor sitzen die Kardinäle auf einfachen Eichenbänken, während die Prälaten hinter ihnen stehen. Der päpstliche Thron befindet sich auf einer niederen Estrade, rechts von dem mäßig geschmückten Altar. Links öffnet sich in der Mauer die schmale, für die Sänger bestimmte Loggia mit dem Marmorbalkon. Aber man muß erst den Kopf heben, die Blicke müssen erst zu der ungeheuren, das jüngste Gericht darstellenden Freske, die die gesamte Hinterwand einnimmt, zu den Malereien des Gewölbes aufsteigen, die sich bis zu dem Karnies zwischen den zwölf hellen Fenstern – sechs auf jeder Seite – hinziehen, damit plötzlich alles erweitert erscheint, damit sich plötzlich alles aus einander schiebt und ins Unendliche aufschwingt. Glücklicherweise waren nur drei oder vier Touristen da, die wenig Lärm machten. Pierre bemerkte sofort Narcisse Habert, der sich auf einer der Kardinalsbänke über der Stufe befand, wo die Schleppträger sitzen. Der junge Mann saß unbeweglich mit etwas zurückgebeugtem Kopf da und schien in Verzückung zu sein. Aber er betrachtete nicht das Werk Michel Angelos. Seine Augen wichen nicht von einer der vorderen Fresken unter dem Karnies, und als er den Priester erkannt hatte, murmelte er bloß mit verschwommenem Blick: »O, lieber Freund, betrachten Sie doch den Botticelli!« Dann versank er wieder in seine Verzückung. Pierre war eben ganz und gar von dem übermenschlichen Genie des Michel Angelo gepackt worden; er empfand etwas wie einen heftigen Schlag mitten ins Gehirn, mitten ins Herz. Alles übrige verschwand. Da oben befand sich wie auf einem unbegrenzten Himmel nichts als diese außerordentliche Kunstschöpfung. Zuerst verblüffte ihn das Unerwartete, daß der Maler der einzige Urheber des Werkes hatte sein wollen; er hatte weder Marmor- noch Bronzearbeiter noch Vergolder noch sonst einen Handwerker geduldet. Der Pinsel des Malers hatte für die Pilaster, die Säulen, die marmornen Karniese, die Statuen und Ornamente aus Bronze, die goldenen Blumen und Rosetten, für diese ganze, unerhört reiche Ausschmückung genügt, die die Fresken umrahmte Er stellte ihn sich an dem Tage vor, da man ihm das nackte Gewölbe übergeben hatte – nichts als Mörtel, nichts als flache, weiße Mauern, Hunderte von Metern, die bedeckt werden mußten. Und er sah ihn, wie er vor diesem ungeheuren Blatte stand, keine Hilfe wollte, die Neugierigen davonjagte und sich ganz allein, eifersüchtig, ungestüm mit seiner Riesenarbeit einschloß. Vier und ein halbes Jahr hatte er in dieser grimmigen Einsamkeit mit diesem täglichen Gebären eines Kolosses zugebracht. Ach, dieses ungeheure Werk, geschaffen, ein Leben auszufüllen, dieses Werk, das er im ruhigen Vertrauen auf seine Willenskraft und seine Stärke begonnen haben mußte – es war eine ganze Welt, die er in einem fortwährenden Drang der schöpferischen Manneskraft, in der vollen Entfaltung der Allmacht aus seinem Gehirn gezogen und da hingeworfen hatte. Ein Schauer überlief Pierre, als er dann an eine nähere Prüfung dieser von einem Seherauge vergrößerten Menschheit ging. Sie quoll über von einer maßlosen Synthese, von einem cyklopischen Symbolismus, und gleich einer natürlichen Blüte leuchtete jegliche Schönheit: königliche Anmut und königlicher Adel, erhabener Friede und erhabene Gewalt. Dabei war alles von vollkommener Sachkenntnis; die gewaltsamsten Verkürzungen waren in der Gewißheit des Gelingens gewagt worden und fortwährend siegte die Technik über die Schwierigkeiten, die die gewölbten Flachen darboten. Vor allem herrschte eine unglaubliche Naivität in der Anwendung der Mittel; der Stoff war fast auf nichts beschränkt, nur einige Farben waren reichlich, ohne jegliches Streben nach Kunstgriffen oder Prunk verwendet worden. Und das genügte; das Blut brauste stürmisch, die Muskeln unter der Haut spannten sich, die Figuren wurden lebendig und traten mit, so energischem Schwung aus dem Rahmen hervor, daß dort oben eine Flamme hinzustreichen schien, die diesem Menschenvolke ein übermenschliches, unsterbliches Leben verlieh. Ja, das war das Leben, das strahlende, sieghafte Leben – ein ungeheures, wucherndes Leben, ein Lebenswunder, das eine einzige Hand verwirklichte: aber sie besaß die höchste Gabe, die Einfachheit in der Kraft. Man hat darin eine ganze Philosophie gesehen; man hat darin das ganze Menschenschicksal, die Erschaffung der Welt, des Mannes und des Weibes, den Sündenfall, die Strafe und endlich das Gericht Gottes am letzten Tage der Welt finden wollen – aber dabei konnte sich Pierre bei dem ersten Anblick, bei der staunenden Verblüffung, in die ein solches Werk ihn versetzte, nicht aushalten. Allein was für eine Verherrlichung des menschlichen Körpers, seiner Schönheit, seiner Kraft und Anmut war das! Ach, dieser Jehova, dieser königliche, furchtbare und väterliche Greis, hingerissen vom Orkan seiner Schöpfung, mit ausgebreiteten Armen Welten gebärend! Und dieser herrliche Adam mit den edlen Umrissen und der ausgestreckten Hand, den Jehova mit einer bewunderungswürdigen Geberde mit dem Finger belebt, ohne ihn zu berühren! Ein geheiligter Raum liegt zwischen dem Finger des Schöpfers und dem des Geschöpfes, ein kleiner Raum, der aber die Unendlichkeit des Unsichtbaren und des Geheimnisvollen enthält. Und diese mächtige, anbetungswürdige Eva, diese Eva mit den kräftigen Hüften, die im stande sind, die künftige Menschheit zu tragen! Sie besitzt die stolze, zärtliche Anmut des Weibes, das bis zur Verdammnis geliebt sein möchte; sie ist das ganze Weib in seiner Verführung, seiner Fruchtbarkeit, seiner Herrschaft. Sogar die in den vier Ecken der Fresken auf Pilastern sitzenden dekorativen Figuren feierten den Triumph des Fleisches: die über ihre Nacktheit glücklichen zwanzig jungen Männer mit dem prächtigen Torso und den unvergleichlichen Gliedern, sie sind so lebensvoll, daß eine wahnsinnige Sucht nach Bewegung sie hinreißt, biegt und in prächtigen Stellungen zurückwirft. Und zwischen den Fenstern thronen die Riesen, die Propheten und die Sibyllen, Mann und Weib, die nun Götter geworden, maßlos an Muskelkraft und in der Größe des geistigen Ausdrucks: Jeremias, den Ellenbogen aufs Knie, das Kinn in die Hand gestützt, versunken in Gesichte und Träume; die erythräische Sibylle mit dem reinen Profil, so jung in ihrer Ueppigkeit, einen Finger auf das offene Buch des Schicksals gelegt; Jesaias mit dem starken Munde der Wahrheit, unter den glühenden Kohlen ganz geschwollen, stolz, das Gesicht halb abgewandt und eine Hand mit befehlender Geberde erhoben; die cumäische Sibylle, furchterweckend durch ihr Wissen und Alter, fest wie ein Felsen, mit ihrem gefurchten Gesicht, ihrer Raubvogelnase, ihrem viereckigen, vorstehenden, eigensinnigen Kinn; Jonas, so, wie der Fisch ihn eben ausgespieen, in einer außerordentlichen Verkürzung, mit verzerrtem Rumpf, mit gekrümmten Armen, zurückgeworfenem Kopfe, im Schreien weit geöffnetem Munde. Und dann alle die anderen, alle die anderen – alle aus derselben großen und majestätischen Familie, herrschend in der Hoheit ewiger Gesundheit und ewiger Verständigkeit, die Verkörperung des Traumes von einer unzerstörbaren größeren und höheren Menschheit! Auch in den Spitzbogen der Fenster, den Lunetten sproßten und drängten sich Gestalten voll Schönheit, Macht und Anmut. Es sind die Vorfahren Christi, träumerische Mütter mit schönen nackten Kindern, Männer mit weitschauendem, in die Zukunft gerichtetem Blick, die gestrafte, erschöpfte, den verheißenen Heiland ersehnende Rasse. In den Gewölbezwickeln der vier Winkel hingegen treten lebendig biblische Scenen hervor, die Siege Israels über den Geist des Bösen. Und endlich die gewaltige Freske des Hintergrundes, das jüngste Gericht mit seinen wimmelnden Gestalten, die so zahllos sind, daß es Tage braucht, um sie alle gut zu sehen! Es ist eine rasende, von einem brennenden Odem des Lebens hingerissene Menge – von den Toten an, die von den wild in die Posaune stoßenden Engeln der Apokalypse geweckt werden, von den Verstoßenen, die die Dämonen in die Hölle zurückwerfen, bis zu dem von Aposteln und Heiligen umgebenen Richter Jesus, bis zu den strahlenden Erwählten, die von Engeln gestützt, aufsteigen, wahrend noch weiter oben andere, mit den Instrumenten der Passion beladene Engel in voller Verklärung triumphiren. Und dennoch bewahrt die Decke über diesem riesigen Gemälde, das der Künstler dreißig Jahre später in der Reife des Lebens malte, ihren Schwung, ihre sichere Ueberlegenheit; denn in ihr hat er seine unberührte Kraft, seine ganze Jugend, das erste Aufflammen seines Genius hingegeben. Pierre vermochte kein Wort zu finden. Michel Angelo war das Ungeheuer, das alles beherrschte, alles niederdrückte. Um dies einzusehen, brauchte man nur neben der Ungeheuerlichkeit seines Werkes die Werke Peruginos, Pinturicchios, Rosselis, Signorellis, Botticellis, alle die bewundernswerten vorderen Fresken anzusehen, die sich unter dem Karnies rings um die Kapelle ziehen. Narcisse hatte die Augen nicht zu der zerschmetternden Pracht der Decke aufgeschlagen. In Verzückung versunken, verwandte er keinen Blick von Botticelli, der hier drei Fresken hat. Endlich sprach er in murmelndem Ton: »Ach, Botticelli, ach, Botticelli! Er ist die Eleganz und die Anmut der leidenden Leidenschaft, die tiefe Empfindung der Trauer in der Wollust! Er hat unsere ganze moderne Seele erraten und mit dem verführerischsten Zauber umgeben, der je von einer künstlerischen Schöpfung ausging.« Pierre betrachtete ihn verblüfft; dann wagte er zu fragen: »Sie kommen hierher, um die Botticellis anzusehen?« »Aber gewiß,« antwortete der junge Mann ruhig. »Ich komme nur seinetwillen jede Woche auf einige Stunden, und ich sehe nichts anderes an als ihn ... Da, betrachten Sie doch dieses Blatt: Moses und die Töchter Jethros. Hat menschliche Zärtlichkeit und Schwermut je etwas Ergreifenderes hervorgebracht?« Und mit einem leichten, frommen Beben der Stimme, mit der Miene eines Priesters, der in den köstlichen, beunruhigenden Schauer des Heiligtums tritt, sprach er weiter: »Ach, Botticelli, Botticelli! Die Frauen Botticellis mit ihrem langen, sinnlichen und reinen Gesicht, mit ihrem unter der dünnen Gewandung etwas stark hervortretenden Bauche, mit ihrer hochaufgerichteten, geschmeidigen und schwebenden Haltung, wobei ihr ganzer Körper sich hingibt! Die jungen Männer, die Engel Botticellis, die so wirklich und doch schon wie Frauen sind, von einem ungewissen Geschlecht, in dem sich die Kraft der Muskeln mit der Zartheit der Umrisse vermengt! Alle werden von einer Flamme des Verlangens emporgetragen, deren Brand den Betrachtenden mitreißt. Ach, die Münder Botticellis, diese sinnlichen, gleich Früchten geschlossenen, ironischen oder schmerzlichen Münder! Sie sind so rätselhaft in ihren geschwungenen Kurven, und man kann nicht sagen, ob sie Reines oder Abscheuliches verschweigen! Die Augen Botticellis, diese schmeichelnden, leidenschaftlichen, mystisch oder wollüstig vergehenden Augen! Sie sind manchmal in ihrer Freude so tiefschmerzlich, daß in der Welt nichts Unergründlicheres dem menschlichen Nichts sich öffnet! Die Hände Botticellis, die so sorgfältig ausgearbeitet, so gepflegt sind, gleichsam ein so kräftiges Leben besitzen, frei umherspielen, sich mit einander vereinigen und mit so gesuchter Anmut sich küssen und mit einander sprechen, daß sie manchmal gesucht erscheinen; aber eine jede hat ihren Ausdruck, den ganzen mannigfaltigen Ausdruck des Genusses und des Leidens der Berührung! Und doch ist hier nicht Verweichlichtes oder Verlogenes zu sehen, überall herrscht eine Art männlichen Stolzes, eine leidenschaftliche, prächtige Bewegung belebt und reißt die Gestalten hin; ein vollständiges Streben nach der Wahrheit, ein genaues Studium, die größte Gewissenhaftigkeit, ein echter Realismus verbessert und mäßigt die geniale Seltsamkeit der Empfindung und des Charakters und verklärt selbst die Häßlichkeit mit unvergeßlichem Reiz.« Das Erstaunen Pierres wuchs, wahrend er Narcisse zuhörte; er bemerkte zum erstenmal seine etwas studirte Vornehmheit, das gelockte, auf florentinische Art verschnittene Haar, die blauen, fast malvenfarbigen Augen, die in der Begeisterung noch blässer wurden. »Gewiß,« sagte er zuletzt, »Botticelli ist ein wunderbarer Künstler ... Aber mir scheint, daß hier Michel Angelo ...« Aber Narcisse unterbrach ihn mit einer fast heftigen Geberbe. »Ach nein, nein, reden Sie mir nicht von dem! Er hat alles verdorben, alles zu Grunde gerichtet. Ein Mensch, der sich wie ein Stier an die Arbeit spannte, der sein Werk wie ein Handarbeiter herunterrasselte, so und so viele Meter per Tag! Und ein Mensch ohne alles Geheimnisvolle, Unbekannte, der alles so derb sah, daß einem die Schönheit verleidet wird. Männerkörper wie Baumstämme, Frauen wie riesige Metzgerinnen, Massen albernen Fleisches, ohne daß dahinter eine göttliche oder teuflische Seele steckt! Ein Maurer, wenn Sie wollen, ja, das ist er! Ein gewaltiger Maurer, mehr nicht!« Unbewußt trat in diesem verwickelten, von der Sucht nach Eigenartigem und Seltenem verdorbenen Gehirn des müden Modernen der verhängnisvolle Haß gegen die Gesundheit, Stärke und Kraft zu Tage. Dieser Michel Angelo, der ohne Anstrengung erzeugte, der die wunderbarste Kunstschöpfung hinterlassen, die je ein Künstler zur Welt gebracht, war der böse Feind. Sein Verbrechen bestand eben in diesem Schaffen, diesem Lebengeben, so daß alle die kleinen Kunstschöpfungen der anderen, selbst die köstlichsten, in dieser überströmenden Flut der lebendig in die Sonne hingeworfenen Wesen untergingen, verschwanden. »Meiner Treu, ich bin nicht Ihrer Meinung,« sagte Pierre mutig. »Ich habe eben begriffen, daß in der Kunst das Leben alles ist und daß die Unsterblichkeit wirklich nur den Schöpfern gehört. Der Fall Michel Angelo scheint mir entscheidend zu sein; denn nur dank diesem außerordentlichen Erzeugen von lebendigem, prächtigem Fleisch, das Ihre Weichlichkeit verwundet, ist er der übermenschliche Meister, das Ungetüm, das alle anderen niederdrückt. Mögen nur die Neugierigen, die schönen Geister, die geistreichen Scharfsinnigen über dem Zweideutigen und Unsichtbaren tüfteln, mögen sie den Reiz der Kunst in die Auswahl gesuchter Behandlung und das Halbdunkel des Symbols legen – Michel Angelo bleibt doch der Allmächtige, der Schöpfer von Menschen, der Meister der helle, Einfachheit und Gesundheit, er bleibt ewig wie das Leben selbst.« Nun lächelte Narcisse bloß mit einer nachsichtig und höflich geringschätzenden Miene. Freilich, nicht ein jeder saß stundenlang in der Sixtinischen Kapelle vor einem Botticelli, ohne je den Kopf zu heben, um die Michel Angelos anzusehen. Er schnitt das Gespräch kurz ab, indem er sagte: »Es ist jetzt elf Uhr. Mein Vetter wollte mich hier benachrichtigen lassen, sobald er uns empfangen könnte, und es wundert mich, daß ich noch niemand gesehen habe ... Wollen Sie, daß wir jetzt in die Stanzen Raffaels gehen?« Und oben, in den Stanzen, urteilte er wieder ganz vollendet, sehr klar und sehr gerecht über die Werke. Seine ganze unbefangene Einsicht kehrte wieder, sobald er nicht mehr von seinem Haß gegen gewaltige Arbeiten und geniale Dekorationen bewegt wurde. Aber unglücklicherweise kam Pierre aus der Sixtinischen Kapelle und mußte sich erst der Umarmung des Ungetüms entwinden, mußte erst das eben Gesehene vergessen und sich an das, was er hier sah, gewöhnen, ehe er dessen ganze reine Schönheit genießen konnte. Es war, als hatte er zuerst einen zu starken Wein getrunken, der ihn betäubte und hinderte, nun diesen leichten Wein von zarter Blume zu genießen. Hier trifft die Bewunderung nicht wie ein Blitzstrahl, sondern der Zauber wirkt mit langsamer, unwiderstehlicher Gewalt, Es ist wie Racine an der Seite Corneilles, Lamartine an der Seite Hugos – das ewige Paar, Weibchen und Männchen, in den Jahrhunderten des Ruhmes. Bei Raffael triumphirt der Adel, die Anmut, die vollendete, tadellose, göttlich harmonische Linie; es ist nicht bloß das körperliche Symbol, wie es Michel Angelo so herrlich hingeworfen, sondern eine in die Malerei übertragene psychologische Analyse von tiefem Scharfsinn. Bei Raffael ist der Mensch reiner, idealisirter, wird er mehr aus dem Innern gesehen; und wenn auch darin etwas Empfindsames, etwas Weibliches liegt, dessen zärtlichen Schauer man empfindet, so herrscht doch darin eine bewunderungswürdige, gründliche, sehr große und sehr starke Technik. Pierre gab sich nach und nach dieser höchsten Meisterschaft hin; diese kräftige, elegante, junge Mannesschönheit eroberte, dieses Erschauen höchster Schönheit in höchster Vollendung rührte ihn bis ins tiefste Herz, Aber wenn die vor den Malereien in der Sixtinischen Kapelle entstandenen Gemälde »Der Streit über das Altarsakrament« und »Die Schule von Athen« ihm als die Meisterwerke Raffaels erschienen, so fühlte er hingegen, daß der Künstler in dem »Brand des Borgo« und noch mehr in der »Vertreibung Heliodors aus dem Tempel« und in »Attila, vor den Thoren Roms aufgehalten« die Blüte der göttlichen Anmut verloren hatte, weil die niederdrückende Große Michel Angelos auf ihn wirkte. Welche Zerschmetterung, als diese Sixtinische Kapelle geöffnet ward und die Nebenbuhler eintraten! Das Ungeheuer hatte unten gezeugt, und der größte unter den Humanisten ließ hier seine Seele, ohne daß er sich je mehr von dem erlittenen Einfluß freimachen konnte. Dann führte Narcisse Pierre in die Loggien, in diese so helle, so köstlich geschmückte Glasgalerie. Aber Raffael war tot; die Kartons, die er hinterlassen, waren nur Schülerarbeiten. Es war ein plötzlicher, vollständiger Verfall. Nie hatte Pierre besser eingesehen, daß das Genie alles ist, daß mit seinem Verschwinden die Schule zusammenbricht. Der geniale Mensch faßt die Epoche zusammen und verleiht einer Stunde der Zivilisation das ganze Mark des sozialen Bodens, der dann manchmal jahrhundertelang erschöpft ist. Die wunderbare Aussicht, die man von den Loggien hat, interessirte ihn noch mehr, als er bemerkte, daß sich ihm gegenüber auf der andern Seite des Damasiushofes das vom Papste bewohnte Stockwerk befand. Unten lag der Hof mit seinem Portikus, seinen Springbrunnen, seinem weißen Pflaster hell und nackt in der brennenden Sonne da. Hier war entschieden nichts von dem Schatten, dem gedämpften frommen Geheimnis, von dem die Umgebungen der alten nordischen Kathedralen ihn hatten träumen lassen. Rechts und links von der Rampe, die zum Papste und zum Kardinalsekretär führte, hielten fünf Wagen; die Kutscher saßen steif auf ihren Sitzen, die Pferde standen unbeweglich in dem hellen Lichte, und keine menschliche Seele belebte die Einsamkeit des riesigen, viereckigen Hofes mit den drei Stockwerken der Loggien, die mit ihren vielen Scheiben ungeheuren Treibhäusern glichen. Der Glanz der Scheiben, der rote Ton des Steines schienen die Nacktheit des Pflasters, der Fassaden mit einer Art ernster Majestät zu vergolden, wie einen heidnischen, dem Gott der Sonne geweihten Tempel. Was jedoch Pierre noch mehr auffiel, war das wunderbare Panorama von Rom, das sich unter diesen Fenstern des Vatikans entfaltete. Er hatte sich das gar nicht vorgestellt, und mit einemmale packte ihn der Gedanke, daß der Papst von seinen Fenstern aus das ganze Rom vor sich ausgebreitet sähe, zusammengedrängt, als brauche er nur die Hand auszustrecken, um es zu fassen. Lange trank er dieses unerhörte Schauspiel mit den Augen und dem Herzen in sich, denn er wollte es mit sich nehmen, in sich bewahren. Die endlosen Träumereien, die es heraufbeschwor, ließen ihn erbeben. Ein Stimmengeräusch riß ihn aus seiner Betrachtung und bewog ihn, den Kopf zu wenden; er bemerkte einen Bedienten in schwarzer Livree, der, nachdem er Narcisse eine Botschaft ausgerichtet hatte, sich tief verbeugte. Der junge Mann näherte sich mit ärgerlicher Miene dem Priester. »Mein Vetter, Monsignore Gamba del Zoppo, läßt mir sagen, daß er uns vormittag nicht empfangen könne. Er wird, scheint es, von einem unerwarteten Dienst abgehalten.« Seine Verlegenheit verriet jedoch, daß er an diese Ausflucht nicht glaube und zu argwöhnen begann, daß sein Verwandter, zweifellos von irgend einer guten Seele gewarnt und erschreckt, vor dem Kompromittirtwerden zitterte. Da er sehr gefällig und tapfer war, empörte ihn das. Zuletzt lächelte er und fügte hinzu: »Hören Sie, vielleicht gibt es ein Mittel, den Zutritt zu erzwingen ... Wenn Sie über den Nachmittag frei verfügen können, werden wir zusammen frühstücken und dann hierher zurückkommen, um die Antikensammlung zu besichtigen. Es wird mir wohl gelingen, meinen Vetter zu treffen, ganz abgesehen davon, daß wir durch einen glücklichen Zufall den Papst selbst treffen können, wenn er sich in die Gärten begibt.« Bei der Ankündigung, daß die Audienz wieder hinausgeschoben sei, hatte Pierre zuerst die lebhafteste Enttäuschung empfunden. Er nahm daher, da sein ganzer Tag frei war, sehr gerne das Anerbieten Narcisses an. »Sie sind zu liebenswürdig. Ich fürchte nur, daß ich Ihre Güte mißbrauche ... Tausend Dank.« Sie frühstückten gegenüber von St. Peter in einem kleinen Restaurant des Borgo, das gewöhnlich von Pilgern besucht wurde. Das Essen war dort übrigens sehr schlecht. Dann gingen sie gegen zwei Uhr rund um die Basilika über die Piazza della Sagrestia und die Piazza S. Martha, um von rückwärts in das Museum zu gelangen. Es ist ein helles, verlassenes und heißes Viertel, wo der junge Priester in verzehnfachtem Maßstäbe das Gefühl kahler, fahler, wie von der Sonne verbrannter Majestät wiederfand, das er bei Betrachtung des Damasiushofes empfunden hatte. Als er den riesigen Chor des Kolosses umschritt, begriff er dessen Ungeheuerlichkeit noch mehr; eine ganze Blüte von Gebäuden ist hier zusammengehäuft, die von den leeren, mit feinem Grase bewachsenen Strecken des Pflasters begrenzt wird. In dieser ganzen stummen Unendlichkeit war nichts anderes zu sehen als zwei im Schatten einer Mauer spielende Kinder. Die einstige päpstliche Münze, die Zecca, die nun italienisch geworden und von den Soldaten des Königs bewacht wird, liegt links von dem zum Museum führenden Gang, während rechts gegenüber sich ein Ehrenthor des Vatikans befindet, wo ein Posten der Schweizer Garde Wache steht. Durch dieses Thor kommen die zweispännigen Wagen, die der Etikette gemäß die Besucher des Kardinalsekretärs und Seiner Heiligkeit in den Damasiushof führen. Sie schritten durch den langen Gang, die Straße, die sich zwischen einem Flügel des Palastes und der Mauer der päpstlichen Gärten hinzieht. Endlich kamen sie in dem Antikenmuseum an. Ach, dieses ungeheure, aus endlosen Sälen gebildete Museum, dieses Museum, das eigentlich aus drei Museen besteht – dem sehr alten Museum Pio-Clementino, dem Museum Chiaramonti und dem Braccio-Nuovo – es ist eine ganze Welt, die in der Erde wiedergefunden, ausgegraben und im hellen Tageslichte verherrlicht ward. Der junge Priester wanderte bereits seit zwei Stunden herum, ging von einem Saal zum andern, geblendet von diesen Meisterwerken, betäubt von so viel Genie und so viel Schönheit. Nicht nur die berühmten Stücke setzten ihn in Staunen, der Laokoon und Apollo von Belvedere, auch nicht die Statuen des Meleager, nicht einmal der Torso des Herkules. Er ward mehr von dem Gesamtbilde gepackt, von der zahllosen Menge der Venusse, der Bacchusse, der vergötterten Kaiser und Kaiserinnen, von diesem ganzen prächtigen Sprossen schöner, erhabener Körper, die die Unsterblichkeit des Lebens feierten. Drei Tage zuvor hatte er das Museum auf dem Kapitol besichtigt, wo er die Venus, den sterbenden Gallier, die wunderbaren Centauren aus schwarzem Marmor, die seltene Büstensammlung bewundert hatte, hier aber verzehnfachte sich diese Bewunderung durch den unerschöpflichen Reichtum der Säle bis zur Verblüffung. Und da er vielleicht mehr nach Leben als nach Kunst begierig war, stand er wieder selbstvergessen vor den Büsten, die so wirtlich das historische Rom aufleben ließen, das freilich der idealen Schönheit Griechenlands unfähig war, aber Leben erzeugte. Ja. das sind sie alle, die Kaiser, die Philosophen, die Gelehrten, die Dichter, und alle sind wunderbar lebensvoll, ganz so, wie sie waren. Der Künstler hatte sie studirt und gewissenhaft mit ihren Entstellungen, ihren Mängeln, den geringsten Eigentümlichkeiten ihrer Züge wiedergegeben; und aus diesem übertriebenen Streben nach Wahrheit entsprang das Charakteristische, eine Beschwörung von unvergleichlicher Kraft. Es gibt mit einem Worte nichts höheres; es sind die Menschen selber, die wieder aufleben, die die Geschichte wieder erstehen lassen – diese falsche Geschichte, durch deren Unterricht Generationen von Schülern das Altertum verabscheuen. Aber nun, wie begriff man sie, wie sympathisirte man mit ihnen! Und so kam es, daß die geringsten Marmorbruchstücke, die abgebrochenen Statuen, die zerstückelten Basreliefs, sogar ein einzelnes Glied, der göttliche Arm einer Nymphe oder der nervige Schenkel eines Satyrs, den Glanz einer leuchtenden, großen und gewaltigen Zivilisation heraufbeschworen. Narcisse führte Pierre in die hundert Meter lange Galleria dei Candelabri, wo sich sehr schöne Skulpturen befinden. »Hören Sie, lieber Abbé, es ist erst vier Uhr. Wir wollen uns einen Augenblick hier niedersetzen, denn wie man mir gesagt hat, kommt es manchmal vor, daß der heilige Vater hier durchgeht, wenn er sich in die Gärten begeben will ... Es wäre ein wahres Glück, wenn Sie ihn sehen könnten ... wer weiß, vielleicht gar sprechen ... Auf jeden Fall werden Sie sich ausruhen. Ihre Knochen müssen ja schon ganz zerbrochen sein.« Alle Wächter kannten ihn. Seine Verwandtschaft mit Monsignore Gamba del Zoppo öffnete ihm alle Thüren des Vatikans, wo er gerne ganze Tage verbrachte. Zwei Stühle standen da; sie ließen sich auf ihnen nieder und Narcisse begann sofort wieder von Kunst zu reden. Was für ein erstaunliches Los, was für eine erhabene und geborgte Königswürde besitzt dieses Rom! Es scheint ein Mittelpunkt zu sein, in dem die ganze Welt zusammenläuft und gipfelt, wo aber nichts aus dem von Anfang an mit Unfruchtbarkeit geschlagenen Boden selbst hervorsprießt. Die Künste müssen hier heimisch gemacht, der Genius der benachbarten Völker hierher verpflanzt werden, aber von nun an blühen sie herrlich. Unter den Kaisern, als Rom die Königin der Erde ist, erhält es die Schönheit seiner Denkmäler und seiner Skulpturen von Griechenland. Später, als das Christentum entsteht, ist es in Rom ganz vom Heidentum durchtränkt. Erst anderwärts, auf einem andern Boden erzeugt es die gotische Kunst, die christliche Kunst in ihrer höchsten Vollendung. Noch später, in der Renaissance, blüht wohl in Rom das Jahrhundert Julius' II. und Leos X., aber die Bewegung, die ihm seinen wunderbaren Aufschwung verleiht, wird von toskanischen und umbrischen Künstlern vorbereitet. Zum zweitenmale kommt ihm die Kunst von außen und verleiht ihm die Herrschaft der Welt, indem sie in ihm eine triumphirende Größe annimmt. Damals fand das außerordentliche Erwachen der Antiken statt; Venus und Apollo werden wiedergeboren und von den Päpsten selbst angebetet, die seit Nikolaus V. den Traum hegen, das päpstliche Rom dem kaiserlichen Rom gleich zu stellen. Nach den so aufrichtigen, zarten und starken Vorläufern, Fra Angelico, Perugino, Botticelli und so vielen anderen erschienen die Majestäten, Michel Angelo und Raffael, der Uebermenschliche und der Göttliche. Dann entsteht ein plötzlicher Verfall und hundertundfünfzig Jahre müssen verstreichen, bis man zu Caravaggio gelangt, zu allem, was die Kunst der Malerei in Ermanglung des Genies an krustiger Farbe und Darstellung erringen konnte. Dann setzt sich der Verfall bis Bernini fort, der der Umbildner, der wirkliche Schöpfer des heutigen Päpstlichen Roms ist, das Wunderkind, das von seinem zwanzigsten Jahre an ein ganzes Geschlecht von gewaltigen Marmortöchtern erzeugt, der alles umfassende Architekt, dessen erschreckende Thätigkeit die Fassade von St. Peter beendet, die Kolonnade erbaut, das Innere der Basilika geschmückt, zahllose Springbrunnen, Kirchen und Paläste errichtet hat. Das aber ist das Ende von allem, denn seither hat sich Rom nach und nach aus dem Leben zurückgezogen, täglich mehr aus der modernen Welt entfernt. Es ist, als ob diese Stadt, die immer von anderen Städten gelebt hat, vor Kummer sterbe, da sie ihnen nichts mehr nehmen kann, um sich daraus wieder Ruhm zu schaffen. »Ach, Bernini, der herrliche Bernini!« fuhr Narcisse halblaut mit seiner vergehenden Miene fort. »Er ist mächtig und vollendet, von stets bereitem Schwung und von unablässigem Scharfsinn. Er besitzt eine Fruchtbarkeit voll Anmut und Pracht! ... Da kommen sie mir immer mit ihrem Bramante, ihrem Bramante mit seinem Meisterwerk, der fehlerfreien und kalten Cancellaria! Nun gut, geben wir zu, daß er der Michel Angelo und Raffael der Architektur war, und reden wir nicht mehr von ihm! ... Aber Bernini, der treffliche Bernini, dessen angeblich schlechter Geschmack aus mehr Zartheit und Raffinement besteht als die Ungeheuerlichkeit und Vollendung der anderen! Die mannigfaltige und tiefe Seele Berninis, in der unser Zeitalter sich wiederfinden müßte, ist von einer triumphirenden Gesuchtheit, von einem so verwirrenden und aller niedrigen Wirklichkeit baren Streben nach dem Künstlichen! ... Sehen Sie sich doch in der Villa Borghese die Apollo- und Daphnegruppe an, die er mit achtzehn Jahren gemacht hat – sehen Sie sich vor allem in S. Maria della Vittoria seine heilige Therese in Verzückung an! Ach, diese heilige Therese! Man sieht den offenen Himmel, den Schauer, den der göttliche Genuß durch einen Frauenkörper rieseln lassen kann, die bis zu Krämpfen gesteigerte Wollust des Glaubens, die zerschmelzende Kreatur, die in den Armen ihres Gottes vor Freude stirbt! ... Ich habe Stunden und Stunden mit ihr zugebracht, ohne die kostbare, verzehrende Unendlichkeit des Symbols je erschöpfen zu können.« Seine Stimme erstarb; aber Pierre, der sich über seinen heimlichen, unbewußten Haß gegen die Gesundheit, Einfachheit und Kraft nicht mehr wunderte, hörte ihm kaum zu, da er selbst ganz von dem Gedanken beherrscht wurde, der ihn immer mehr überwältigte: Das heidnische Rom erwachte wieder in dem christlichen Rom und machte aus ihm das katholische Rom, den neuen politischen, hierarchisirten und beherrschenden Mittelpunkt der Regierung der Völker. War es denn, mit Ausnahme der ersten Katakombenzeit, je christlich gewesen? Die Gedanken, die ihn auf dem Palatin, in der Via Appia, dann in St. Peter überkommen hatten, setzten sich in ihm fort und fanden eine immer augenscheinlichere Bestätigung. Und an diesem Morgen, in der Sixtinischen Kapelle und in der Stanza della Segnatura, in der Betäubung, in die ihn die Bewunderung versetzte, hatte er den neuen Beweis, den das Genie lieferte, wohl verstanden. Freilich kam das Heidentum bei Michel Angelo und bei Raffael nur in der durch den christlichen Geist bewirkten Umwandlung wieder zum Vorschein. Aber lag es nicht zu Grunde? Kamen die riesigen nackten Figuren des einen nicht aus dem schrecklichen Himmel des Jehova, den er durch den Olymp gesehen? Zeigten die idealen Gestalten des andern nicht unter dem keuschen Schleier der Jungfrau die herrlichen und begehrenswerten Venuskörper? Pierre war sich jetzt dessen klar bewußt, und in seine Bestürzung mischte sich etwas Befangenheit, denn diese schönen, maßlosen Körper, diese die leidenschaftliche Lebenslust verherrlichenden, nackten Figuren erhoben sich gegen den Traum, den er in seinem Buch geträumt hatte: den Traum von dem verjüngten Christentum, das der Welt den Frieden gab, von der Rückkehr zur Einfachheit, zur Reinheit der ersten Zeit. Plötzlich hörte er zu seiner Ueberraschung, daß Narcisse, ohne daß er wissen konnte, durch welchen Uebergang er darauf gekommen war, ihm Aufklärungen über das tägliche Leben Leos XIII. zu geben begann. »O, lieber Abbé, mit vierundachtzig Jahren ist er so thätig wie ein junger Mann, führt er ein Leben voller Willenskraft und Arbeit, wie weder Sie noch ich es leben möchten! ... Schon um sechs Uhr steht er auf, liest seine Messe in seiner Privatkapelle und trinkt zum Frühstück etwas Milch. Dann findet von acht Uhr bis Mittag ein ununterbrochenes Defilé von Kardinälen und Prälaten statt, alle Angelegenheiten der Kongregationen müssen ihm vor Augen kommen, und ich stehe Ihnen gut dafür, daß es keine zahlreicheren und verwickelteren geben kann. Zu Mittag finden zumeist die öffentlichen und gemeinsamen Audienzen statt. Um zwei Uhr dinirt er. Dann kommt die wohlverdiente Siesta oder der Spaziergang in den Gärten, was bis sechs Uhr dauert. Manchmal halten ihn dann die Privataudienzen eine oder zwei Stunden lang auf. Um neun Uhr ißt er zu Abend; aber er ißt so wenig, lebt von nichts, ißt immer allein an seinem kleinen Tisch ... Was denken Sie von der Etikette, die ihn zu dieser Einsamkeit verpflichtet? Stellen Sie sich vor, ein Mensch, der seit achtzehn Jahren nie einen Tischgenossen hatte, ewig in seiner Größe abgesondert ist! ... Und von zehn Uhr ab, nachdem er mit seinem Vertrauten den Rosenkranz gebetet hat, schließt er sich in seinem Zimmer ein. Aber wenn er sich auch niederlegt, so schläft er wenig; er wird häufig von Schlaflosigkeit heimgesucht, steht auf und ruft einen Sekretär, um ihm Notizen oder Briefe zu diktiren. Wenn ihn eine interessante Angelegenheit beschäftigt, so gibt er sich ihr ganz hin und denkt unaufhörlich an sie. Darin liegt sein Leben, sogar seine Gesundheit; er besitzt einen Geist, der fortwährend wach, bei der Arbeit ist, eine Kraft und eine Autorität, die das Bedürfnis haben, sich auszugeben ... Uebrigens wissen Sie ja, daß er lange Zeit mit großer Vorliebe die lateinische Poesie gepflegt hat. Ich glaube auch zu wissen, daß er in den Stunden des Kampfes eine gewisse Leidenschaft für die Journalistik hatte, so sehr, daß er die Artikel in den von ihm unterstützten Zeitungen inspirirte. Man sagt sogar, daß er manche diktirte, als seine liebsten Ideen auf dem Spiele standen.« Ein Schweigen entstand. Jeden Augenblick streckte Narcisse den Kopf vor und schaute die ungeheure, verlassene und feierliche Galleria dei Candelabri mit ihren unbeweglichen, geisterhaft weißen Marmorfiguren hinab, um zu sehen, ob das kleine Gefolge des Papstes nicht aus der Tapetengalerie hervortrete, um dann auf dem Wege in die Gärten an ihnen vorbei zu kommen. »Es ist Ihnen ja bekannt, daß man ihn auf einem Tragsessel hinabträgt,« fuhr er fort. »Er ist sehr schmal, damit er durch alle Thüren kann. Es ist eine ganze Reise, beinahe zwei Kilometer, durch alle die Loggien, die Stanzen Raffaels, die Gemälde und Skulpturengalerien, abgesehen von den zahlreichen Treppen, kurz, ein endloser Spaziergang, ehe man ihn unten in einer Allee niedersetzt, wo ihn eine zweispännige Kalesche erwartet ... Es ist heute abend sehr schön. Er wird sicherlich kommen, haben wir nur etwas Geduld.« Während Narcisse diese Einzelheiten mitteilte, sah Pierre, ebenfalls voll eifriger Erwartung, die ganze außerordentliche Geschichte vor sich aufleben. Da kamen zuerst die weltlichen und prunksüchtigen Päpste der Renaissance, die eifrig das Altertum wieder ins Leben riefen und den Traum hegten, den heiligen Stuhl in den kaiserlichen Purpur zu hüllen: Paul II., der prachtliebende Venetianer, der den Palazzo di Venezia gebaut hat, Sixtus IV., dem die Sixtinische Kapelle zu verdanken ist, Julius II. und Leo X., die Rom zu einer Stadt voll theatralischen Pompes, voll wunderbarer Feste, Turniere, Ballette, Jagden, Maskeraden und Gelagen machten. Das Papsttum hatte soeben unter der Erde, im Staube der Ruinen, den Olymp wiedergefunden, und wie berauscht von dieser aus dem alten Boden aufsteigenden Flut des Lebens schuf es Museen und stellte die prächtigen, dem Kultus der allgemeinen Bewunderung wiedergegebenen Tempel des Heidentums wieder her. Noch nie hatte sich die Kirche in einer solchen Todesgefahr befunden; denn wenn auch Christus in St. Peter verehrt wurde, so thronte doch Jupiter und alle die marmornen Götter und Göttinnen mit dem schönen, triumphirenden Fleisch in den Sälen des Vatikans. Dann stieg eine andere Vision vor Pierre auf: die der modernen Päpste vor der italienischen Occupation – Pius IX., als er noch frei war und oft in seine gute Stadt Rom hinausging. Die große, rot und goldene Karosse ward von sechs Pferden gezogen; die Schweizer Garden umgaben sie, dahinter kam ein Trupp der Nobelgarden. Aber am Corso angelangt, verließ der Papst manchmal die Karosse und setzte seinen Spaziergang zu Fuße fort. Dann galoppirten die berittenen Garden voran, um alles zu benachrichtigen und anzuhalten. Allsogleich blieben die Wagen stehen; die Männer stiegen aus und knieten auf dem Pflaster nieder, während die Frauen, einfach aufstehend, beim Herannahen des heiligen Vaters fromm den Kopf neigten. So ging der Papst mit langsamen Schritten, lächelnd und segnend, mit seinem Hof bis zur Piazza del Popolo. Und nun kam Leo XIII., der freiwillige Gefangene. Seit achtzehn Jahren im Vatikan eingeschlossen, hatte er hinter diesen dicken, schweigsamen Mauern, im Hintergrunde des Unbekannten, in dem das verschwiegene Leben jedes seiner Tage verfloß, eine höhere Majestät, etwas heilig und schrecklich Geheimnisvolles, angenommen. Ach, dieser Papst, dem man nicht mehr begegnet, den man nicht mehr sieht, dieser Papst, der den gewöhnlichen Menschen verborgen ist – gleich einer jener furchtbaren Gottheiten, der nur die Priester allein ins Angesicht zu schauen wagen! Er hat sich in diesem prächtigen Vatikan eingeschlossen, den seine Vorfahren aus der Renaissance für riesige Feste gebaut und geschmückt hatten; dort lebt er, fern von der Menge im Gefängnis, zusammen mit den schönen Männern und den schönen Frauen Michel Angelos und Raffaels, mit den marmornen Göttern und Göttinnen. Rings um ihn strahlt der Olymp und feiert die Religion des Lichtes und des Lebens. Das ganze Papsttum badet sich hier mit ihm im Heidentum. Welch ein Schauspiel, wenn dieser gebrechliche Greis in den reinen, weißen Gewändern durch diese Galerien der Antikensammlung kommt, um sich in die Gärten zu begeben! Rechts und links stehen die Statuen mit all ihrem nackten Fleisch und sehen ihn vorübergehen; da ist Jupiter und da ist Apollo, da ist Venus, die Herrscherin, und Pan, der Weltgott, dessen Lachen die Freuden der Erde einläutet. Nereiden baden sich in der durchsichtigen Flut, Bacchantinnen wälzen sich schleierlos in dem heißen Grase, Centauren galoppiren dahin, auf ihren dampfenden Rücken schöne, vergehende Mädchen tragend. Ariadne wird von Bacchus überrascht, Ganymed liebkost den Adler, Adonis entzündet die Paare mit seiner Flamme. Und der weiße Greis schwankt auf seinem Tragsessel vorüber, mitten durch diesen Triumph des Fleisches, diese prunkende, verherrlichte Nacktheit, die die Allmacht der Natur, die ewige Materie verkündet. Seitdem man sie wiedergefunden, ausgegraben, gewürdigt hat, herrscht sie hier von neuem unvergänglich; vergeblich hat man an den Statuen Weinblätter angebracht, so, wie man die großartigen Figuren Michel Angelos bekleidete: das Geschlecht flammt, das Leben überströmt, der Samen kreist wildflutend durch die Adern der Welt. Dicht daneben ist die unvergleichlich reichhaltige vatikanische Bibliothek, wo das ganze menschliche Wissen schlummert; und wenn eines Tages die Bücher dort ebenfalls erwachen und mit lauter Stimme sprechen würden, wie die Schönheit der Venusse und die Manneskraft der Apollos spricht, so würde es eine noch viel schrecklichere Gefahr, eine Explosion sein, die den Vatikan und selbst St. Peter stürzen würde. Aber der weiße, durchsichtige Greis scheint nichts zu hören, nichts zu sehen, und die gewaltigen Jupiterköpfe, die Herkulestorsen, die Antinousse mit den unbestimmten Hüften stehen weiter da und sehen ihn vorübergehen. In seiner Ungeduld entschloß sich Narcisse, einen Wächter zu fragen, der ihm versicherte, daß Seine Heiligkeit bereits unten sei. In der That ging man zumeist, um den Weg abzukürzen, durch eine kleine, gedeckte Galerie, die vor der Münze auslief. »Gehen wir auch hinunter, nicht wahr?« fragte er Pierre. »Ich werde trachten, daß Sie in die Gärten hineinkommen.« Unten im Vestibule, wo ein Thor auf eine breite Allee hinausging, begann er mit einem andern Wächter, einem ehemaligen päpstlichen Soldaten, den er speziell kannte, zu plaudern. Er ließ ihn sofort mit seinem Begleiter eintreten, konnte ihm aber nicht genau sagen, ob Monsignore Gamba del Zoppo an diesem Tage Seine Heiligkeit begleitete. »Thut nichts,« fuhr Narcisse fort, als sich beide allein in der Allee befanden. »Ich gebe noch immer nicht die Hoffnung an eine glückliche Begegnung auf ... Und Sie sehen, hier sind Sie in den berühmten Gärten des Vatikans.« Diese Gärten sind sehr groß. Der Papst kann, wenn er durch die Alleen und dann durch den Wein- und Gemüsegarten geht, vier Kilometer zurücklegen. Sie nehmen die Plattform des vatikanischen Hügels ein, der von allen Seiten von der antiken Mauer Leos IV. eingeschlossen wird. Dadurch werden sie wie auf dem Gipfel einer Festungsmauer von den benachbarten kleineren Thälern isolirt. Einst ging diese Mauer bis zur Engelsburg, und dort war die sogenannte Leostadt. Nichts beherrscht sie, kein neugieriger Blick vermag in sie zu dringen, ausgenommen vom Dom St. Peter; und nur sein ungeheurer Schatten fällt an brennend heißen Sommertagen hierher. Sie sind übrigens eine ganze Welt für sich, ein mannigfaltiges und vollständiges Ganze, das jeder Papst zu verschönern trachtete: Da ist zuerst ein großes geometrisches Rasenparterre, mit zwei schönen Palmen bepflanzt und mit Zitronen- und Orangenbäumen in Töpfen geschmückt; dann ein freier, schattiger Garten, wo sich zwischen tiefen Hagebuchenhainen der Aquilone, der Springbrunnen Giovanni Besanzios und das alte Kasino Pius IV. befinden; dann kommen die Gehölze mit den prächtigen Wintereichen, dem Hochwald von Platanen, Akazien und Pinien, die von breiten Alleen durchschnitten werden und für langsame Spaziergänge entzückend sind. Zuletzt gelangt man, wenn man sich nach links wendet, nach einigen anderen Baumgruppen zu dem Gemüsegarten und dem sehr gepflegten Weingarten. Während sie durch das Gehölz dahinschritten, teilte Narcisse Pierre einige Einzelheiten über das Leben des heiligen Vaters in diesen Gärten mit. Wenn die Zeit es erlaubt, so geht er hier jeden zweiten Tag spazieren. Einst vertauschten die Päpste bereits vom Mai ab den Vatikan gegen den kühleren und gesünderen Quirinal; die größte Hitze verbrachten sie in Castel Gondolfo am Ufer des Albanosees. Heute hat der heilige Vater keine andere Sommerresidenz als einen noch so ziemlich erhaltenen Turm der alten Mauer Leos IV. Dort verlebt er die heißesten Tage. Er ließ sogar daneben eine Art Pavillon für sein Gefolge aufführen, um sich dort dauernd niederzulassen. Narcisse, der hier bekannt war, trat frei ein und konnte es durchsetzen, daß Pierre einen Blick in das einzige von Seiner Heiligkeit bewohnte Gemach werfen durfte. Es ist ein sehr großes, rundes Zimmer mit einer halbkugelförmigen Decke, auf der der Himmel mit den symbolischen Figuren der Gestirne gemalt ist. Eine davon, der Löwe, hat statt der Augen zwei Sterne, die durch ein eigenartiges Beleuchtungssystem des Nachts funkeln. Die Mauern sind so dick, daß man, indem man eines der Fenster vermauerte, in der Nische eine Art Zimmer herstellen konnte, wo sich ein Ruhebett befindet. Im übrigen besteht die Einrichtung nur aus einem großen Arbeitstische, einem kleineren, fliegenden Tisch zum Essen und einem großen, ganz vergoldeten, königlichen Lehnstuhl, ein Geschenk vom Bischofsjubiläum. Und man denkt an die einsamen, stillen Tage in diesem niedrigen Donjonsaal, der kühl wie eine Gruft ist, wenn die heiße Juli- und Augustsonne in der Ferne das vernichtete Rom verbrennt. Dann noch weitere Einzelheiten. In einem andern Turm, der, überragt von einer kleinen, weißen Kuppel, zwischen dem Grün lag, war ein astronomisches Observatorium eingerichtet. Unter den Bäumen befand sich auch ein Lusthaus im Schweizer Stil, wo Leo XIII. sich gerne ausruht. Er geht manchmal zu Fuß bis zu dem Gemüsegarten und interessirt sich besonders für den Weingarten, den er häufig aufsucht, um zu sehen, ob die Trauben reifen, ob die Lese gut sein wird. Was den jungen Priester jedoch am meisten erstaunte, war die Mitteilung, daß der heilige Vater ein eifriger Jäger war, als das Alter ihn noch nicht geschwächt hatte. Er war ein leidenschaftlicher Freund des » roccolo «. Am Rande eines Buschholzes werden großmaschige Netze längs einer Allee ausgespannt, die derart begrenzt und auf beiden Seiten geschlossen wird. Auf dem Boden in der Mitte stellt man die Käfige mit den Lockvögeln hin, deren Gesang bald die Vögel aus der Nachbarschaft, die Rotkehlchen, Grasmücken, Nachtigallen und Feigenfresser aller Art herbeilockt. Wenn dann eine zahlreiche Menge beisammen war, klatschte Leo XIII., der versteckt auf der Lauer saß, in die Hände und erschreckte die Vögel, die aufflogen und sich mit den Flügeln in den großen Maschen der Netze verfingen. Man brauchte sie nur noch aufzulesen und dann mit einem leichten Druck des Daumens zu ersticken. Gebratene Feigenfresser bilden ein köstliches Gericht. Als sie durch das Gehölz zurückkehrten, erlebte Pierre eine weitere Ueberraschung. Er stieß auf eine kleine, nachgeahmte, mit Hilfe von Felsen und Zementblöcken hergestellte Grotte von Lourdes. Seine Bewegung war so groß, daß er sie seinem Gefährten nicht verbergen konnte. »Es ist also wahr? ... Man hat es mir gesagt; aber ich habe mir den heiligen Vater geistiger und frei von diesem niedrigen Aberglauben vorgestellt.« »O, ich glaube, die Grotte stammt noch von Pius IX., der für die heilige Jungfrau von Lourdes eine besondere Dankbarkeit hegte,« antwortete Narcisse. »Auf jeden Fall muß das ein Geschenk sein, und Leo XIII. läßt es einfach in stand erhalten.« Einige Minuten lang blieb Pierre unbeweglich und schweigend vor dieser Nachahmung, vor diesem kindlichen, religiösen Spielzeug stehen. Mehrere Besucher hatten aus frommem Eifer ihre Visitenkarten hinterlassen, indem sie sie in die Spalten des Mörtels steckten. Das stimmte ihn sehr traurig, und er folgte seinem Gefährten mit gesenktem Kopfe, in verzweifeltes Sinnen über das alberne Elend der Welt verloren. Dann, als sie sich am Ausgange des Gehölzes abermals dem Rasenparterre gegenüber befanden, hob er die Augen. Großer Gott, wie köstlich war trotzdem dies Ende eines schönen Tages, und was für ein sieghafter Zauber stieg in diesem anbetungswürdigen Teile des Gartens aus der Erde auf! Hier, inmitten dieses kahlen, einsamen, edlen und brennend heißen Rasenparterres empfand er die ganze Kraft der mächtigen Natur – mehr als unter den matten Schatten des Gehölzes, mehr noch als in dem fruchtbaren Weingarten. Ueber dem mageren Rasen, der gleichmäßig die von den Alleen gebildeten geometrischen Abteilungen schmückte, sah man kaum einige niedrige Sträucher, Zwergrohr, Aloen; halb vertrocknete Blumenbüschel und grüne Büsche zeichneten im barocken Geschmack von einst noch das Wappen Pius' IX. Nichts störte die heiße Stille, als das leise, kristallene Geräusch des mittleren Springbrunnens, als der Tropfenregen, der unaufhörlich aus einem Becken herabfiel. Ganz Rom mit seinem feurigen Himmel, seiner majestätischen Anmut, seiner gewinnenden Wollust schien diese viereckige Zierat, ein riesiges Mosaik aus Grün, zu beseelen; halb vernachlässigt und zerrüttet, wie es war, nahm es durch den alten Schauer einer flammenden Leidenschaft, die nicht sterben konnte, einen schwermütigen Stolz an. Antike Vasen, antike Statuen, die nackt und weiß in der untergehenden Sonne standen, begrenzten das Parterre. Und stärker als der Duft des Eukalyptus und der Pinien, stärker auch als der der reifenden Orangen, stieg der Duft der üppigen Tobirabüsche auf, so voll von gierigem Leben, daß es den Vorübergehenden packte. Es war gleichsam der Duft der eingeborenen Kraft dieses alten, von menschlichem Staube getränkten Bodens. »Es ist wirklich sonderbar, daß wir Seine Heiligkeit nicht getroffen haben,« sagte Narcisse. »Ohne Zweifel ist der Wagen in die andere Allee gefahren, während wir uns beim Turm Leo IV. aufhielten.« Er kam auf seinen Vetter, Monsignore Gamba del Zoppo, zurück und erklärte, daß das Amt eines »Copiere«, eines päpstlichen Mundschenkes, das dieser als einer der vier bestallten Geheimkämmerer zu erfüllen hatte, nur noch ein reines Ehrenamt war, besonders seitdem die diplomatischen Diners und die Diners zur Feier von Bischofsweihen im Staatssekretariate, beim Kardinalsekretär stattfanden. Monsignore Gamba del Zoppo, dessen Hasenfüßigkeit und Unbedeutendheit zur Legende geworden war, schien keine andere Rolle zu spielen, als Leo XIII. aufzuheitern. Der Papst liebte ihn sehr wegen seiner fortwährenden Schmeicheleien und wegen der Anekdoten, die er über die ganze Gesellschaft, die schwarze und die weiße, zu erzählen wußte. Dieser dicke, liebenswürdige Mann – er war sogar gefällig, wenn nicht sein Interesse auf dem Spiele stand – war eine leibhaftige, lebendige Zeitung. Er wußte alles und verschmähte nicht einmal den Küchenklatsch. So ging er ruhig dem Kardinalate zu, das ihm sicher war, und gab sich keine andere Mühe, als daß er während der stillen Stunden des Spazierganges Neuigkeiten brachte. Und Gott weiß, dazu fand er Stoff genug in diesem fest verschlossenen Vatikan mit dem sich fortwährend vermehrenden Gewimmel von Prälaten aller Art, in dieser päpstlichen Familie, wo es keine Frauen gibt, die aus lauter alten Junggesellen in langen Kleidern besteht, welche heimlich maßloser Ehrgeiz, verstohlener und abscheulicher Kampf, wilder Haß erregt. Und wie es heißt, greift dieser Haß manchmal noch zu dem guten, alten Gift der alten Zeiten. Plötzlich hielt Narcisse inne. »Sehen Sie, ich habe es gewußt ... Da ist der heilige Vater ... Aber wir haben kein Glück. Er wird uns nicht einmal sehen. Da steigt er wieder in den Wagen.« In der That war die Kalesche bis zum Rande des Gehölzes herangefahren, und ein kleiner Zug, der aus einer engen Allee trat, schritt auf sie zu. Pierre erhielt einen heftigen Schlag mitten ins Herz. Er stand mit seinem Gefährten unbeweglich, halb verborgen hinter dem hohen Stamm eines Zitronenbaumes und konnte den weißen Greis nur aus der Ferne sehen. Er sah in den flatternden Falten seiner weißen Sutane so gebrechlich aus und ging sehr langsam, mit kleinen Schritten, die über den Kies zu gleiten schienen. Kaum vermochte er das magere, wie aus durchsichtigem, altem Elfenbein gemeißelte Gesicht zu sehen, dem die große Nase über dem schmalen Munde Gepräge gab. Aber die tiefschwarzen Augen glänzten neugierig lächelnd, während das Ohr nach rechts, zu Monsignore Gamba del Zoppo geneigt war, der zweifellos im Begriffe war, irgend ein fettes und kurzes, ausgeschmücktes und würdiges Geschichtchen zu erzählen. Auf der andern Seite, links, schritt ein Nobelgardist, und zwei andere Prälaten folgten. Es war nur eine flüchtige Erscheinung; denn schon stieg Leo XIII. in die geschlossene Kalesche, und inmitten dieses großen, brennend heißen und duftigen Gartens überkam Pierre wieder die seltsame Bewegung, die er in der Galleria dei Candelabri empfunden, als er sich ausgemalt hatte, wie der Papst durch die Reihe der nackten Apoll- und Venus-Statuen getragen wurde. Dort feierte nur die heidnische Kunst die Ewigkeit des Lebens, die großartige und allmächtige Kraft der Natur, hier aber sah er ihn sich in der Natur selbst baden, in der schönsten, wollüstigsten und leidenschaftlichsten Natur. Ach, dieser Papst, dieser weiße Greis, der seinen Gott, den Gott des Schmerzes, der Demut und der Entsagung, durch die Alleen dieser Liebesgärten führte, während nach den heißen Sommertagen matt der Abend herabsank und die Düfte der Pinien und des Eukalyptus, der reifen Orangen und der üppigen Tobimbüsche ihn umschmeichelten! Ganz und gar umhüllte ihn hier Pan mit den erhabenen Ausströmungen seiner Manneskraft. Wie schön war es, hier in dieser Pracht des Himmels und der Erde zu leben, die Schönheit des Weibes zu lieben und sich an der allgemeinen Fruchtbarkeit zu erfreuen! Jählings wurde ihm die entscheidende Wahrheit offenbar, daß aus diesem Lande des Lichtes und der Freude nur eine weltliche, nach Eroberung und politischer Gewalt begehrende Religion entsprossen konnte, nicht aber die majestätische und leidende Religion des Nordens, eine Religion der Seele. Aber Narcisse führte den jungen Priester weiter, indem er ihm immer neue Geschichten erzählte: von der Leutseligkeit Leo XIII., der manchmal stehen blieb, um mit den Gärtnern zu sprechen, sie über den Stand der Bäume, den Verkauf der Orangen zu befragen. Auch von der Leidenschaft erzählte er ihm, mit der er zwei Gazellen, die er aus Afrika zum Geschenke bekommen, geliebt hatte; es waren hübsche, feine Tiere, die er gern streichelte und deren Tod er beweinte. Uebrigens hörte Pierre nicht mehr zu, und als sie sich beide wieder auf dem Platze vor St. Peter befanden, wandte er sich um und betrachtete nochmals den Vatikan. Seine Augen fielen auf die Bronzethür, und er erinnerte sich, wie er am Morgen sich gefragt hatte, was sich wohl hinter diesen mit dicken, viereckigen Nägeln beschlagenen, metallenen Thürfeldern befinde. Er wagte sich noch keine Antwort darauf zu geben; er wagte noch nicht, zu entscheiden, ob die neuen, nach Brüderlichkeit und Gerechtigkeit dürstenden Völker dort die von den Demokratien von morgen erwartete Religion finden würden; denn er wollte nicht nach dem ersten Eindruck urteilen. Aber wie lebhaft war dieser Eindruck, was für ein verhängnisvoller Beginn für seinen Traum! Eine Bronzethür – ja, es war eine harte, unbezwingliche Thür, die den Vatikan mit ihren Brettern vermauerte und so standhaft von der übrigen Erde trennte, daß seit drei Jahrhunderten nichts mehr hindurch konnte. Eben hatte er gesehen, wie dahinter die ehemaligen Jahrhunderte – bis ins sechzehnte Jahrhundert – unveränderlich auferstanden. Die Zeit schien dort für immer still zu stehen, nichts rührte sich mehr; selbst die Tracht der Schweizer Garden, der Nobelgarden, der Prälaten hatte sich nicht verändert. Die Welt dort war ganz dieselbe wie vor drei Jahrhunderten – dieselbe Etikette, dieselben Kleider, dieselben Gedanken. Wenn sich auch die Päpste in stolzem Trutze seit fünfundzwanzig Jahren in ihrem Palaste einschlossen, so schrieb sich das Einschließen in der Vergangenheit, in der Überlieferung doch von viel früher her und stellte eine in anderer Weise ernste Gefahr dar. Schließlich hatte sich der ganze Katholizismus gleich ihnen eingesperrt, steifte auf seine Dogmen und stand nur noch dank der Kraft seiner ungeheuren hierarchischen Organisation so unbeweglich fest. Der Katholizismus konnte also trotz seiner scheinbaren Geschmeidigkeit in nichts nachgeben, weil er in Gefahr stand, umgestürzt zu werden? Und dann – was für eine schreckliche Welt voll Stolz, voller Ehrgeiz, voll Haß und Kampf! Welch seltsames Gefängnis war das, welche Annäherungen fanden hinter Schloß und Riegel statt: Christus in Gesellschaft des Jupiter Capitolinus, das ganze heidnische Altertum mit den Aposteln verbrüdert, der Hirte des Evangeliums, der im Namen der Armen und Einfältigen herrscht, umgeben von der ganzen Pracht der Renaissance! Auf dem Platze von St. Peter ging die Sonne unter, die sanfte Wollust der römischen Nacht senkte sich von dem reinen Himmel herab. Und dieser schöne, bei Michel Angelo, Raffael, den Antiken und dem Papste in dem größten Palaste der Welt verbrachte Tag ließ den jungen Priester ganz bestürzt zurück. »Und nun, mein lieber Abbé, entschuldigen Sie,« schloß Narcisse. »Ich gestehe Ihnen jetzt, ich habe meinen wackeren Vetter im Verdacht, daß er sich mit Ihrer Angelegenheit nicht kompromittiren will ... Ich werde ihn noch sehen, aber Sie thäten gut daran, nicht mehr zu viel auf ihn zu rechnen.« Es war beinahe sechs Uhr, als Pierre in den Palazzo Boccanera zurückkehrte. Gewöhnlich ging er bescheiden durch das Gäßchen und durch die Thüre zur kleinen Treppe, zu der er einen Schlüssel besaß. Aber er hatte am Morgen einen Brief des Vicomte Philibert de la Choue erhalten, den er Benedetta mitteilen wollte, und darum ging er die große Treppe hinan. Er war erstaunt, daß im Vorzimmer niemand zu sehen war. An gewöhnlichen Tagen pflegte sich, wenn der Bediente ausgehen mußte, Victorine dort niederzulassen und gemütlich an irgend einer Nähterei zu arbeiten. Ihr Stuhl stand auch da, er sah sogar auf die Tische, die Wäsche, die sie dort liegen gelassen hatte; aber offenbar war sie fortgegangen. Er erlaubte sich, in den ersten Salon zu treten. Es war darin schon fast Nacht, die Dämmerung erlosch mit ersterbender Milde; aber der Priester blieb betroffen stehen und wagte sich nicht weiter vor, da er aus dem Nebensalon, dem großen, gelben Salon ein wirres Stimmengeräusch, ein Rascheln, Stoßen, einen Kampf hörte. Zuerst ertönte inniges Flehen, dann gieriges Murren. Plötzlich zögerte er nicht mehr; wider seinen Willen riß es ihn fort, denn er war überzeugt, daß jemand sich in diesem Zimmer wehre und im Begriffe war, zu erliegen. Als er hineinstürzte, sah er zu seiner Verblüffung Dario – toll, in einem Ausbruch wilden Verlangens, in dem das ganze zügellose Blut der Boccaneras wieder zum Vorschein kam, trotz der eleganten Erschöpfung der endenden Rasse. Er hielt Benedetta bei den Schultern, hatte sie auf ein Kanapee niedergeworfen und begehrte sie, indem er ihr mit dem heißen Hauch seiner Worte das Gesicht versengte. »Um Gottes willen. Liebste ... Um Gottes willen, wenn Du nicht willst, daß ich sterbe und daß Du stirbst ... Du sagst es doch selbst ... es ist aus, die Heirat wird nie gelöst werden ... o, laß uns nicht noch unglücklicher sein, liebe mich, wie Du mich liebst, und laß mich Dich lieben, laß mich Dich lieben!« Aber weinend, mit einem Gesicht voll unsagbarer Zärtlichkeit und unsagbarem Schmerz stieß ihn die Contessina, die ebenfalls von wilder Energie erfüllt war, mit beiden ausgebreiteten Armen zurück, indem sie wiederholte: »Nein, nein! Ich liebe Dich, ich will nicht, ich will nicht!« In diesem Augenblicke hatte Dario, während er ein verzweifeltes Murren ausstieß, das Gefühl, daß jemand ins Zimmer trete. Er richtete sich heftig auf und sah Pierre mit stumpf wahnwitziger Miene an, ohne ihn gänzlich zu erkennen. Dann fuhr er sich mit beiden Händen übers Gesicht, über die thränenüberströmten Wangen, die blutunterlaufenen Augen und floh, indem er einen Seufzer, ein furchtbares, schmerzliches Ach! ausstieß, in dem sein zurückgedrängtes Verlangen noch zwischen Thränen und Reue kämpfte. Benedetta war atemlos, völlig entmutigt und ermattet auf dem Kanapee sitzen geblieben. Aber als Pierre, der über seine Rolle sehr verlegen war, ebenfalls eine Bewegung machte, um sich ohne ein Wort zurückzuziehen, beschwor sie ihn mit bereits ruhigerer Stimme: »Nein, nein, Herr Abbé, gehen Sie nicht ... Ich bitte Sie, setzen Sie sich. Ich möchte einen Augenblick mit Ihnen reden.« Er hielt es dennoch für seine Pflicht, sein plötzliches Eintreten zu entschuldigen und zu erklären, daß die Thür des ersten Salons halb offen gestanden sei und daß er im Vorzimmer nur die auf dem Tisch liegende Arbeit Victorinens gesehen habe. »Das ist wahr!« rief die Contessina. »Victorine mußte da sein, ich sah sie eben. Ich rief sie, als mein armer Dario den Kopf zu verlieren begann ... Warum ist sie nicht hereingekommen?« Dann fügte sie in einer mitteilsamen Regung hinzu, wahrend sie den Körper vorwärts beugte und ihr Gesicht noch von der Aufregung des Kampfes brannte: »Hören Sie, Herr Abbé, ich werde Ihnen alles erzählen, denn ich will nicht, daß Sie allzu schlecht von meinem armen Dario denken. Das würde mich zu sehr kranken ... Sehen Sie, ich bin an dem, was geschehen ist, selbst ein wenig schuld. Gestern abend hat er mich um eine Zusammenkunft hier in diesem Zimmer gebeten, damit wir in Ruhe mit einander sprechen könnten. Da ich wußte, daß meine Tante um diese Zeit nicht zu Hause sein würde, sagte ich ihm, er möge kommen ... Nicht wahr, es war doch ganz natürlich, daß wir uns nach dem großen Kummer, den uns die Nachricht, daß meine Heirat wohl nie annullirt werden wird, gemacht hat, sehen und sprechen wollten? Wir leiden zu viel, es mußte ein Entschluß gefaßt werden ... Und nun, als er kam, fingen wir zu weinen an und lagen einander lange in den Armen, liebkosten uns und mischten unsere Thränen. Ich küßte ihn tausendmal und sagte ihm immer wieder, daß ich ihn anbete, daß ich verzweifelt wäre, weil ich ihn unglücklich machte, daß ich sicherlich vor Kummer sterben würde, weil ich sein Unglück sehe. Vielleicht konnte er das für Ermutigung halten, und übrigens ist er ja kein Engel. Ich hätte ihn nicht so und auch nicht so lange an meinem Herzen halten sollen ... Sie begreifen, Herr Abbé, zuletzt ward er wie toll und wollte das, was ich vor der Madonna geschworen habe, daß ich es keinem andern als meinem Gatten gewähren würde.« Sie sagte das ruhig, einfach, ohne jede Verlegenheit, mit ihrer vernünftigen und praktischen Miene. »O, ich kenne meinen armen Dario!« fuhr sie fort, während ein schwaches Lächeln auf ihren Lippen erschien. »Das hindert mich nicht, ihn zu lieben; im Gegenteil. Er sieht zart, sogar etwas kränklich aus, aber im Grunde ist er ein leidenschaftlicher Mensch, der das Vergnügen braucht. Ja, das ist das alte, stürmische Blut. Ich weiß auch etwas davon zu sagen, denn als ich klein war, hatte ich Wutanfälle, daß ich mich auf die Erde warf, und noch heute muß ich, wenn es über mich kommt, gegen mich selbst kämpfen, mich martern, um nicht alle möglichen Dummheiten von der Welt zu begehen ... Mein armer Dario! Er versteht nicht zu leiden! Er ist wie ein Kind, dessen Launen befriedigt werden müssen; aber im Grunde ist er doch sehr vernünftig und wartet auf mich, weil er sich sagt, daß das wirkliche Glück bei mir ist. Denn ich bete ihn an.« Und nun ward Pierre die Gestalt des jungen Fürsten klar, die ihm bisher unbestimmt erschienen war. Trotzdem er aus Liebe zu seiner Base starb, hatte er sich doch stets gut unterhalten. Er war ein vollkommener Egoist, aber dabei doch ein sehr liebenswürdiger Junge. Vor allem war er vollständig unfähig, Leiden zu ertragen, und verabscheute Leiden, Häßlichkeit und Armut bei sich und anderen. Mit Leib und Seele war er für Freude, Glanz, äußern Schein, das Leben in hellem Sonnenschein geschaffen; dabei war es ganz aus mit ihm, er war erschöpft, hatte für nichts mehr Kraft als für dieses Müßiggängerleben, vermochte nicht einmal mehr zu denken oder zu wollen, so daß es ihm nicht einmal in den Sinn gekommen war, sich dem neuen Regime anzuschließen. Dazu kam der maßlose Stolz des Römers, eine mit Klugheit und einem stets regen, praktischen Verständnis der Wirklichkeit gemischte Trägheit, und zu der sanften Anmut seiner zu Ende gehenden Rasse, zu seinem fortwährenden Bedürfnis nach dem Weibe gesellten sich Anfälle wütenden Verlangens, eine manchmal losbrechende, fahle Sinnlichkeit. »Mein armer Dario! Mag er doch eine andere aussuchen – ich erlaube es ihm,« fügte Benedetta sehr leise, mit ihrem schönen Lächeln hinzu. »Nicht wahr, man darf von einem Manne nichts Unmögliches verlangen, und ich will nicht, daß er daran stirbt.« Und als Pierre sie erstaunt ansah, weil diese Worte seine Vorstellung von italienischer Eifersucht erschütterten, rief sie, brennend vor leidenschaftlicher Vergötterung: »Nein, nein, ich bin darauf nicht eifersüchtig. Es macht ihm Vergnügen und mir keinen Schmerz. Und ich weiß sehr gut, daß er stets zu mir zurückkehren, daß er ganz mein, nur mein sein wird, wenn ich es wollen, wenn ich es können werde.« Es entstand Schweigen. Der Salon füllte sich mit Schatten, das Gold an den großen Pfeilertischen erlosch, eine unendliche Schwermut senkte sich von der hohen Decke und den alten, gelben, herbstlich gefärbten Tapeten herab. Bald darauf trat durch eine zufällige Beleuchtung das Bild über dem Kanapee, auf dem die Contessina saß, deutlich hervor. Es war das Porträt des jungen, schönen Mädchens im Turban, der Cassia Boccanera, der Ahnin, der Liebenden, der Richterin. Abermals ward der junge Priester von der Ähnlichkeit betroffen. Er begann ganz laut zu denken. »Die Versuchung ist stärker als die Menschen,« hob er an. »Stets kommt eine Minute, da man erliegt. Eben vorhin, wenn ich nicht ins Zimmer gekommen wäre ...« Benedetta fiel ihm heftig ins Wort. »Ich, ich! ... Ah, Sie kennen mich nicht! Ich wäre lieber gestorben.« Und in einer seltsamen frommen Exaltation, von Liebe ganz emporgehoben, als hätte der Aberglaube die Leidenschaft bis zur Verzückung in ihr entfacht, fügte sie hinzu: »Ich habe der Madonna geschworen, meine Jungfräulichkeit dem Manne, den ich lieben werde, nur an dem Tage zu geben, da er mein Gatte sein wird. Diesen Schwur habe ich um den Preis meines Glückes gehalten, und ich werde ihn halten selbst um den Preis meines Lebens... Ja, Dario und ich, wir werden sterben, wenn es sein muß, aber die heilige Jungfrau hat mein Wort und die Engel im Himmel werden nicht weinen.« Sie war vollkommen aufrichtig, von einer Einfachheit, die zuerst verworren, unerklärlich erscheinen konnte. Zweifellos wurde sie von der seltsamen Vorstellung von menschlicher Erhabenheit beherrscht, die das Christentum in die Entsagung und Reinheit gelegt hat, die ein Protest gegen die ewige Materie, die Kräfte der Natur, die endlose Fruchtbarkeit des Lebens ist. Aber in ihr ward sie noch etwas mehr: Die Jungfräulichkeit erhielt einen unschätzbaren Wert, war ein köstliches, göttliches Geschenk, das sie dem erkorenen, von ihrem Herzen erwählten Geliebten machen wollte, der, sobald sie Gott mit einander verbunden hatte, der Herr über ihren Leib wurde. Für sie gab es außer der Weihe des Priesters, der kirchlichen Heirat nichts als Todsünde und Greuel. Das erklärte ihren langen Widerstand gegen Prada, den sie nicht liebte, ihren verzweifelten, schmerzhaften Widerstand gegen Dario, den sie anbetete, dem sie sich aber in gesetzlichem Bunde hingeben wollte. Welche Qual war dieser Widerstand gegen die Liebe für diese entflammte Seele! Welch einen fortwährenden Kampf führte die Pflicht, das der Jungfrau geleistete Gelübde gegen die Leidenschaft, diese Leidenschaft ihrer Rasse, die, wie sie gestand, manchmal wie ein Sturm in ihr ausbrach! So unwissend und lässig, so sehr sie ewiger Treue fähig war, so forderte sie doch das Ernsthafte, das Materielle von der Liebe. Kein Mädchen ging weniger als sie im Traum auf. Pierre sah sie in der ersterbenden Dämmerung an und es schien ihm, daß er sie jetzt zum erstenmale sähe und verstehe. Ihre Doppelnatur verriet sich in den etwas starken und sinnlichen Lippen, den ungeheuren, schwarzen, grundlosen Augen und in dem so reinen, so vernünftigen, so kindlich zarten Gesichte. Dabei ahnte man hinter diesen Flammenaugen, dieser reinen weißen Haut die innerliche Spannkraft der Abergläubischen, der Stolzen und Eigenwilligen, der Frau, die sich hartnäckig für ihre Liebe aufbewahrte; sie arbeitete nur, um sie zu genießen,, und war in ihrer bedachtsamen Verständigkeit stets auf irgend eine leidenschaftliche Thorheit gefaßt, die sie hinreißen würde. Ach, wie erklärlich war es, daß man sie liebte! Wie war er sich bewußt, daß ein so anbetungswürdiges Geschöpf mit dieser schönen Aufrichtigkeit, dieser ungestümen Zurückhaltung, um sich dann besser hingeben zu können, das Leben eines Mannes ausfüllen mußte! Sie erschien ihm wie die jüngere Schwester dieser lieblichen, tragischen Cassia, die in ihrer fortan nutzlosen Jungfräulichkeit nicht weiter leben wollte und sich in den Tiber gestürzt hatte, indem sie ihren Bruder Ercole und den Leichnam Flavios, ihres Geliebten, mit sich zog. In einer liebevollen Regung ergriff Benedetta beide Hände Pierres. »Herr Abbé, Sie sind seit vierzehn Tagen hier bei uns und ich habe Sie schon sehr lieb, weil ich fühle, daß Sie ein Freund sind. Wenn Sie uns auch nicht gleich verstehen, so dürfen Sie doch deshalb nicht zu schlecht von uns denken. Ich schwöre Ihnen, so unwissend ich auch bin, bemühe ich mich immer, so gut als möglich zu handeln.« Er wurde von ihrer Liebenswürdigkeit unendlich gerührt und dankte ihr dafür, indem er ihre schönen Hände einen Augenblick in den seinen hielt; denn auch er wurde von großer Zärtlichkeit für sie erfaßt. Von neuem riß ihn ein Traum hin; er wollte, wenn er nur Zeit dazu hätte, ihr Erzieher sein, wollte wenigstens nicht abreisen, ohne diese Seele für die Idee der künftigen Nächstenliebe und Brüderlichkeit gewonnen zu haben, die die seine war. War dieses herrliche, lässige, unwissende, unbeschäftigte Geschöpf, das nur seine Liebe zu verteidigen verstand, nicht das Italien von gestern? Das schöne, schlummernde Italien von gestern mit seiner sterbenden Anmut, so bezaubernd in seinem Schlummer, in dessen tiefen, schwarzen, leidenschaftlich brennenden Augen noch so vieles Unbekannte lag? Und welche Sendung war es, das Volk der Armen und Unglücklichen, das verjüngte Italien von morgen, so wie er es sich träumte, zu wecken, zu belehren, der Wahrheit zu erobern! Selbst in der unseligen Heirat mit dem Grafen Prada, in dem Bruche wollte er nur einen ersten, mißlungenen Versuch sehen: das moderne Norditalien ging zu rasch ans Werk, war zu brutal in seinem Bestreben, das sanfte, zurückgebliebene, noch große und so träge Rom zu lieben und umzubilden. Aber konnte er den Versuch nicht wieder aufnehmen? Hatte er denn nicht bemerkt, daß sein Buch nach dem Erstaunen, das die erste Lektüre in ihr hervorgerufen, in der Leere ihrer nur von ihrem Kummer erfüllten Tage eine Beschäftigung, ein Interesse für sie bildete? Wie, sich für andere, für die Geringen dieser Welt, für das Glück der Unglücklichen interessiren? War es möglich, daß darin eine Linderung des eigenen Elends lag? Sie war ja schon bewegt; er gelobte sich, ihre Thronen fließen zu machen, und erzitterte selbst in ihrer Nähe, da er an die unendliche Liebe dachte, die an dem Tage, wo sie lieben lernte, von ihr ausgehen würde. Die Nacht war vollständig hereingebrochen und Benedetta hatte sich erhoben, um eine Lampe zu verlangen. Als nun Pierre sich verabschiedete, hielt sie ihn noch einen Augenblick in dem Halbdunkel zurück. Er sah sie nicht mehr, er hörte nur ihre ernste Stimme: »Nicht wahr, Herr Abbé, Sie werden keine allzu schlechte Meinung von uns mitnehmen? Dario und ich, wir lieben uns, und das ist keine Sünde, wenn man vernünftig ist... Ach ja, ich liebe ihn schon so lange! Stellen Sie sich vor, ich war kaum dreizehn, er achtzehn und da liebten wir uns schon, liebten uns wie die Tollen, in dem großen Garten der Villa Montefiori, den man zerstört hat. – Ach, was für Tage wir dort zubrachten – ganze Nachmittage unter den Bäumen, ganze Stunden in unauffindbaren Verstecken, um uns wie die Cherubim zu küssen! Wenn die Zeit der reifen Orangen kam, da duftete es, daß wir ganz berauscht wurden. Und die großen Tobirabüsche – Gott, wie sie uns einhüllten, wie ihr kräftiger Geruch uns das Herz klopfen machte! Ich kann ihn jetzt nicht mehr riechen, ohne umzusinken.« Ein Diener brachte die Lampe herein und Pierre begab sich auf sein Zimmer. Auf der kleinen Treppe traf er Victorine, die leicht zusammenfuhr, als hatte sie hier auf der Lauer gestanden, um ihn aus dem Salon herauskommen zu sehen. Sie ging ihm nach, plauderte, erkundigte sich und plötzlich ging dem Priester ein Licht auf. »Warum sind Sie denn nicht hereingekommen, als Ihre Herrin Sie rief? Sie nähten doch im Vorzimmer.« Anfangs wollte sie die Erstaunte spielen und sagen, daß sie nichts gehört habe. Aber ihr gutes, freimütiges Gesicht vermochte nicht zu lügen und lachte wider Willen. Zuletzt beichtete sie tapfer und munter: »Ei, was ging das mich an? Soll ich mich etwa zwischen ein Liebespaar stellen? Und außerdem war ich ganz ruhig; ich wußte, daß der Fürst meine liebe Benedetta zu sehr liebt, als daß er ihr etwas Böses anthun könnte.« Die Wahrheit war also, daß sie beim ersten Hilferuf begriffen hatte, um was es sich handle, ihre Arbeit auf den Tisch niedergelegt und sich leise wie eine Katze davongeschlichen hatte, um die lieben Kinder, wie sie sie nannte, nicht stören zu müssen. »Ach, das arme Kind!« schloß sie. »Wie unrecht hat sie, sich wegen der Gedanken ans Jenseits so zu martern! Großer Gott, was wäre denn so Böses dabei, wenn sie sich ein wenig glücklich machen würden, da sie sich so lieben! Das Leben ist nicht so schön. Wie wird es ihr später leid thun, wenn es zu spät sein wird!« Als Pierre in seinem Zimmer allein war, fühlte er sich mit einemmale ganz schwindelig. Der Buchsbaum! Der Buchsbaum! Gleich ihm war sie bei seinem herben, kräftigen Duft erschauert! Und der Duft kehrte wieder, beschwor den der päpstlichen Gärten, der wollüstigen, einsamen, römischen Gärten herauf, über denen die erhabene Sonne brannte. Der ganze Tag faßte sich in seinem Geiste zusammen und seine vollständige Bedeutung wurde ihm klar: es war das furchtbare Erwachen, der ewige Protest der Natur und des Lebens, es waren Venus und Herkules, die man jahrhundertelang in der Erde vergraben kann, die aber eines Tages doch wieder daraus auftauchen, die man in dem herrschsüchtigen, unbeweglichen und störrischen Vatikan einmauern mag, die aber selbst hier regieren und unumschränkt die Welt beherrschen.   Ende des ersten Bandes.