Christoph Martin Wieland Beyträge zur geheimen Geschichte der Menschheit. Vorbericht (1770) Ueberhaupt, meine werthesten Leser, ist es wie ihr sagt: – ein Autor kann sein Buch nie zu gut machen. – Nicht eben darum, weil der Leser das Buch bezahlen muß; denn ein Buch müßte unbegreiflich schlecht seyn, aus welchem man gar nichts lernen könnte; und das, was man daraus lernen kann, müßte sehr wenig werth seyn, wenn es die etliche Groschen nicht werth wäre, die man, über den Werth des Buchs, als Maculatur betrachtet, bezahlen muß: – Sondern, weil die Absicht, oder die Absichten, welche ein Schriftsteller sich vorgesetzt zu haben geachtet wird, in einigem erträglichen Grade durch nichts anders als durch die innerliche Güte seiner Werkes erreicht werden kann. Ich bin von der Wahrheit dieses Satzes so überzeugt, daß, wenn es nur an meinem Willen läge, dieses Buch, welches ihr, es sey nun aus Vorwitz, oder Lehrbegierde, oder Langerweile, oder Liebe zum Lesen, oder Tadelsucht, oder irgend einer andern Eitelkeit, gekauft, oder von einem guten Freunde geborgt habt, um es zu lesen, oder zu durchblättern, oder zu recensieren, oder zu tadeln, u. s. w. – das lehrreichste, gründlichste, witzigste und angenehmste Buch von der Welt seyn, und von dem allerbelesensten Polyhistor bis zum unbelesensten Denker, vom Premierminister bis zum Canzleycopisten, vom Feldmarschall bis zum Fähndrich, vom Kaiser bis zum Bürgermeister und Rath der Stadt Buchhorn, und von der Göttinn bis zu ihrer Iris, von allen, welche lesen können, für das angenehmste und unterhaltendste unter allen Werken, die jemals in Kalbleder oder Carton eingebunden worden sind, gehalten werden sollte. Sintemal aber, nach der Ordnung der Natur (wie Cervantes nach dem Horaz, und Horaz nach unzählichen andern, bemerkt hat) niemand andre Kinder, als welche seinem Bilde ähnlich sind, zeugen kann: So ist auch alles, was ich, um euch meinen guten Willen zu beweisen, thun kann, daß ich mich bestrebe, diesem Kinde meines Geistes wenigstens allen den Verstand, Witz, und guten Humor, und alle die Empfindung, Gutherzigkeit und Wohlgesinntheit, womit mich der Himmel bey meiner Versendung in diese Unterwelt auszusteuren für gut befunden hat, so freygebig mitzutheilen, als es die Klugheit (welche will, daß ein Vater auch noch etwas für sich selbst behalten solle) nur immer gestatten konnte. Meine geringste Absicht ist, daß es euch amüsieren, meine vornehmste, daß es euch besser machen möchte. Ich bin offenherzig über diesen Punct; denn ich sehe nicht, wozu es dienen könnte, ein Geheimniß daraus machen zu wollen. Da ich euch so gut zu kennen glaube, daß ich bis zur Evidenz überzeugt bin, meinen letzten Zweck nur durch den ersten erreichen zu können: So entschloß ich mich, – von dem Augenblick an, da ich, aus Antrieb meines Agathodämons – oder irgend eines andern Dämons von der Mittelgattung – mich hinsetzte, für euch zu arbeiten, – das kleine Interesse meiner Eitelkeit oder Ruhmbegierde, wenn Ihr es so nennen wollt, mit zwanzig andern eben so kleinen Nebenabsichten, meinem großen Endzweck, dem, der allein ein Werk seinen Urheber überleben machen kann, aufzuopfern. Ich entschloß mich, lieber weniger weise zu scheinen , als meinen Zweck zu verfehlen ; lieber von leichtsinnigen oder blöden Beurtheilern dafür angesehen zu werden, als ob ich keine so ernsthafte Absicht habe, als euch durch die wichtige Miene, welche bey gewissen Modernen den Philosophischen Bart und Mantel ersetzen muß, und durch die Monotonie einer didactischen Ordnung, einzuschläfern . Mich deutlicher und näher über das Wesen und die Form dieses Werkes (welches, nach meinem Plan, mit dem ersten Bande noch nicht geschlossen ist) vernehmen zu lassen, däucht mir, nach dem, was ich vom Titelblatt an bisher schon gesagt habe, wo nicht überflüßig, doch entbehrlich; und diejenige unter euch müßten blöde Augen haben, welche dies alles nicht eben so gut als ich selbst wissen sollten, wenn sie bis zum letzten Blatt des letzten Titels gekommen seyn werden. Denn, in der That, kann man (wie der große Ritter Don Quixotte von Mancha weislich sagt) denjenigen, ohne Bedenken, blind nennen, der nicht durch ein Sieb sehen kann. Ich weiß es übrigens nur gar zu wohl, wozu ich mich anheischig mache, indem ich euch hoffen lasse, Belustigung für euern Witz, und Unterhaltung für euern Kopf – vielleicht, auch für euer Herz, – in einem Buche zu finden, welches, nach meinem bereits abgelegten Bekenntniß, eine ganz andere Absicht hat. Ich weiß, lieben Leser, alles was ihr von mir zu fordern berechtiget seyd. Aber erlaubet mir zu sagen, daß ich eine eben so gerechte Gegenforderung an euch zu machen habe. Wenn ich euern Witz belustigen, und euer Herz unterhalten soll, so kann ich mit der äußersten Billigkeit nicht weniger von euch verlangen, als – daß ihr schon Witz und Herz habet, eh ihr zu lesen anfangt; denn kein Prometheus bin ich nicht. Ich kann euch keines von beyden geben, und es wäre, aufs gelindeste gesprochen, sehr Sultanisch von euch, wenn ihr amüsiert seyn wolltet, ohne amüsabel zu seyn. Der Himmel wolle, daß über diesen Punct kein Streit zwischen euch und mir entstehe! denn in der That, ich wüßte nicht, wer Richter seyn könnte. Indessen ist zu meiner Rechtfertigung genung, daß ich mich deutlich erklärt zu haben glaube, für was für eine Art von Lesern ich diese Beyträge zur geheimen Geschichte des Menschen aus den Archiven der Natur gezogen habe. Mehr kann, wie Fielding bemerkt, ein Schriftsteller nicht thun, um seine Leser vor einem Kaufe zu warnen, der sie reuen könnte. Ein Talisman, oben auf der ersten Seite, wodurch das ganze Buch für alle, die es nicht lesen sollten, zu weissem Papier würde, wäre freilich noch besser. Aber, leider! – Es geht mir wie euern Philosophen. Auf die Magie verstehe ich mich so ziemlich; aber – zaubern kann ich nicht.   Inhalt: Koxkox und Kikequetzel Betrachtungen über J. J. Rousseaus ursprünglichen Zustand des Menschen Über die von J. J. Rousseau vorgeschlagene Versuche den wahren Stand der Natur des Menschen zu entdecken Über die Behauptung daß ungehemmte Ausbildung der menschlichen Gattung nachtheilig sey Über die vorgebliche Abnahme des menschlichen Geschlechts Reise des Priesters Abulfauaris ins innere Afrika Die Bekenntnisse des Abulfauaris gewesenen Priesters der Isis in ihrem Tempel zu Memfis in Nieder-Ägypten   Koxkox und Kikequetzel. Eine mexikanische Geschichte. Ein Beytrag zur Naturgeschichte des sittlichen Menschen. 1769 und 1770. 1. Vor undenklichen Jahren kam, nach einer alten Mexikanischen Sage, ein großer Komet, auf seiner Reise um die Sonne – man weiß nicht aus welcher Veranlassung – dem Planeten, welchen unsre Vorfahren bewohnten, so nahe, daß beide Sterne, nach menschlicher Weise zu reden, handgemein mit einander werden mußten. Das Gefecht war eines der hartnäckigsten, welche seit langer Zeit in den Gefilden des Äthers vorgefallen waren. Die besondern Umstände davon sind, aus Mangel beglaubter Zeugnisse, unbekannt. Alles, was wir davon sagen können, ist: daß, nachdem der Mond seiner Schwester Erde zu Hülfe gekommen, de Komet sich endlich genöthiget fand, mit Zurücklassung des größten Theils von seinem Schweife, die Flucht zu ergreifen, und, es sey nicht aus Feigheit oder Scham über seine mißlungene Unternehmung, sich im leeren Raume so weit zu verlaufen, daß er, nach der Meinung der besten Sinesischen Sternseher, bis auf den heutigen Tag den Rückweg noch nicht hat finden können. Wie wichtig der Verlust seines Schweifs für ihn gewesen sey, können wir nicht bestimmen. Aber so viel ist gewiß, daß die Erde wenig Ursache hatte, sich dieses erfochtenen Siegeszeichens zu erfreuen. Denn unglücklicher Weise, befanden sich in diesem Schweife (welcher nach der mäßigsten Berechnung eine Million dreymahl hundert vier und vierzig tausend fünf hundert sechs und sechzig Mexikanische Meilen lang, und verhältnismäßig breit und dick war) obenhin gerechnet wenigstens tausend Millionen Tonnen Wassers, welches in erschrecklichen Güssen auf die arme Erde herunter stürzte, und in wenigen Stunden eine solche Überschwemmung verursachte, daß alle Menschen und Thiere des ganzen mittlern Theils der Halbkugel, von Luisiana und Kalifornien an bis zu der Erdenge Panama, dadurch zu Grunde gingen; wenige einzelne ausgenommen, die so unglücklich waren, in den Klüften der höchsten Gebirge einem feuchten Tode zu entrinnen, um aus Mangel an Lebensmitteln von einem trocknen aber unendliche Mahl grausamer aufgerieben zu werden. Hüet und seines gleichen würden kein Bedenken tragen, uns zu versichern, daß diese alte Mexikanische Sage nichts anders als eine durch die Länge der Zeit abgenutzte, und (nach Gewohnheit der blinden Heiden) mit Fabeln wieder unterlegte und ausgeflickte Nachricht von der Mosaischen allgemeinen Sündflut sey. Ich bin nicht belesen genug, um mit einem so belesenen Manne wie Hüet zu haberechten. Es kann seyn! – Aber da es eben so möglich ist, daß diese Mexikanische Überschwemmung nur partikular gewesen und später erfolgt ich als jene; und da, aus Mangel zuverlässiger kronologischer Nachrichten, sich in dieser Sache nichts bestimmen läßt: so – überlasse ich diese Frage unberührt einem jeden, der sich ihrer annehmen will, – um zu derjenigen interessanten Begebenheit fortzueilen, welche der Leser, wofern er über diesem Anfang noch nicht eingeschlafen ist, im zweyten Kapitel dieses rhapsodischen Werkes , mit allen Grazien der Neuheit, deren eine so alte Geschichte nur immer fähig ist, beschrieben finden wird. 2. Ein junger Mensch – der jedoch alt genug war, um zu wissen daß man ihn Koxkox zu nennen pflegte, ehe dieses entsetzliche Schicksal sein Vaterland befiel, – hatte das Glück, der allgemeinen Zerstörung zu entrinnen, und das Unglück, allem Ansehen nach das einige menschliche Wesen zu seyn, dem dieses Glück zu Theil geworden war. Koxkox glaubte sich zu erinnern, daß der Frühling, welcher, so bald als das Gewässer von den höher liegenden Orten abgeflossen war, wieder aufzublühen anfing, wenigstens der zehente sey, den er erlebt hätte; – ein Umstand, der zur Ehre seines Verstandes wenigstens so viel beweist, daß er drey und ein Drittel Mahl besser zählen konnte, als die armen Einwohner von Neuholland , welche es bis auf diesen Tag noch nicht weiter als bis zur Pythagoreischen Drey haben bringen können; – wenn wir so gut seyn wollen, es den Reisebeschreibern zu glauben. – Und in der That wär' es, das wenigste zu sagen, sehr unfreundlich, wenn wir Leuten, welche sich so vielen Gefahren und Beschwerden unterzogen haben, um uns andern glebae addictis – Wunderdinge nach Hause zu bringen, eine so wenig kostende Kleinigkeit, als ein Bißchen Glauben ist, versagen wollten. In der Folge der besagten Rechnung also, mochte Koxkox , wofern er sich anders nicht überzählt hatte, – welches größern Kronologen als er begegnet ist, und noch täglich begegnet – ungefähr vierzehn bis funfzehn Jahre als seyn; vorausgesetzt, daß er sich wenigstens bis auf sein fünftes Jahr habe zurück erinnern können, welches von einem Jüngling von erträglicher Fähigkeit nicht zu viel gefordert scheint. Man weiß nicht wie es zugegangen, daß er während der Überschwemmung und eine geraume Zeit hernach sich bey Leben erhalten konnte. Was seyn soll, muß sich schicken, sagten unsre Alten, – die mit ihren Sprichwörtern gemeiniglich mehr sagten, als manche Leute zu verstehen fähig sind. – Im Nothfall sehe ich nicht, warum wir nicht unendliche Mahl befugter seyn sollten, ihn durch ein Wunder zu retten, als die Kronikenschreiber des achten und etlicher folgender Jahrhunderte es waren, Wunder auf einander zu häufen, wo man nicht begreifen kann, wozu sie dienen sollen; – denn die Rettung eines Menschen in einem Falle wie dieser scheint doch wohl ein dignus vindice nodus zu seyn. Wofern aber der eine oder andere von unsern Lesern kein Liebhaber dieser Art von Entwicklung – welche, genau zu reden, in der That keine Entwicklung ist – seyn sollte: so däucht uns, könnte man sich billig daran begnügen lassen, daß Koxkox , besage seiner ganzen Geschichte, da war . Denn war er da , so ist die Möglichkeit seines Daseyns außer allem Zweifel; wie jedermann zugeben wird, der seinen Aristoteles oder Baumeister nicht ganz vergessen hat. 3. Das Land, worauf sich Koxkox befand, war durch die besagte Überschwemmung zu einer Insel geworden. Nach einiger Zeit hatte die Erde wieder angefangen, eine lachende Gestalt zu gewinnen; junge Haine kränzten wieder die Stirne der Berge, und diese Haine wimmelten in kurzer Zeit wieder von Papagayen und Kolobri's; die Fluren, die Thäler waren voll Blumen und fruchttragender Gewächse; – kurz, da er nun immer weniger Schwierigkeiten fand sich fortzubringen, würde sich sein Herz der Freude wieder haben öffnen können: wenn die Einsamkeit , welche keinem Menschen gut ist, für einen Menschen von sechzehn oder siebzehn Jahren nicht beynahe eben so entsetzlich wäre, als für den einsiedlerischen Talapoin – welcher, um desto ruhiger der Betrachtung des geheimnißvollen Nichts (des Ursprungs und Abgrunds aller Dinge, nach Fohi's Grundsätzen) obzuliegen, sich dreyßig ganzer Jahre aus aller männlichen und weiblichen Gesellschaft verbannt hatte – der beleidigende Anblick eines nymfenähnlichen Mädchens, das sich in seine Wildniß verirrt hätte. Die Einsamkeit – ich meine hier eine solche, welche nicht von unserm Willen abhängt, und in einer gänzlichen Beraubung aller menschlichen Gesellschaft besteht – muß für Menschen, die an die Vortheile und Annehmlichkeiten des gesellschaftlichen Lebens gewöhnt sind, ein unerträgliches Übel seyn. Freylich nicht für alle in gleichem Grade. – Der Dichter, der Platonist, der schwärmerische Liebhaber, es sey nun daß er in eine materielle oder unsichtbare Schönheit verliebt ist, kurz die Penserosi aller Gattungen und Arten, entreißen sich oft freywillig dem Getümmel der Städte, fliehen aufs Land, in einsame Schatten, in wilde Gegenden, wo überhangende Felsen, finstre Wälder, fern her schallende Wasserfälle, die süße Schwermuth unterhalten, welche das Element einer begeisterten Einbildung ist. Solche Leute würden sichs, wenigstens eine Zeit lang, auf einer einsamen Insel gefallen lassen können. Wenn sie anfingen das Leere ihres Zustandes zu fühlen, wie viele Hülfsmittel würde ihnen ihre Einbildungskraft darbieten! Sie würden Berge und Haine und Thäler mit eingebildeten Wesen ausfüllen; sie würden mit den Nymfen der Bäche, mit den Dryaden der Bäume Liebesverhältnisse unterhalten; und wenn auch dieses Mittel nicht immer hinlänglich wäre, die Forderung der Natur und des Herzens zu befriedigen, so würde es doch schon genug seyn, um sie zuweilen einzuschläfern und durch angenehme Träume zu täuschen; – und alle Bonzen und Bonzinnen auf beiden Seiten des Ganges wissen, »daß angenehme Träume sehr viel sind, wenn man nichts substanzielleres haben kann.« Aber der arme Koxkox hatte keinen Begriff von diesen Mitteln sich die Einsamkeit zu versüßen. Das Volk, welches in den Gewässern des Kometenschweifes ersäuft worden war, hatte sich noch in den ersten Anfangsgründen des geselligen Standes befunden. Zufrieden mit den freywilligen Geschenken der Natur hatten sie noch wenig Gelegenheit gehabt, ihre Fähigkeit zur Kunst zu entwickeln. Ihre Einbildungskraft schlummerte noch, und ihre Sprache war nur sehr wenig reicher und wohlklingender als die Sprache der wilden Truthühner, womit ihre Wälder angefüllt waren. Die Erziehung, welche Koxkox unter einem solchen Völkchen genossen hatte, konnte ihm also wenig oder gar nichts helfen, die Beschwerlichkeiten des verlassenen Zustandes, worin er sich befand, zu erleichtern. Hingegen ersetzte sie ihm auf einer andern Seite wieder, was auf dieser abging; sie verhinderte ihn das Elend seines Zustandes zu fühlen. 4. Indessen erinnerte er sich doch ganz lebhaft, daß er in seinem vorigen Zustande unter andern Kindern gewesen war, daß sie mit einander gespielt hatten, und daß unter diesen Spielen ein Tag nach dem andern wie ein Augenblick vorbey geschlüpft war. Er merkte, daß ihm jetzt die Tage länger vorkamen; öfters so lange, daß es nicht auszustehen gewesen wäre, wenn er sich nicht damit geholfen hätte, sich in irgend ein dickes Gebüsche hinzulegen, und den ganzen langen Tag so gut hinweg zu schlafen, als ob es nur eine einzelne Stunde gewesen wäre. Lebhafte Träume versetzten ihn dann in die Tage seiner Kindheit; er jagte sich mit seinen Gespielen durch Gebüsche herum, sie plätscherten mit einander in kühlen Bächen, oder kletterten an jungen Palmbäumen hinauf. Keichend erwachte er darüber, und wurde nun so traurig über seine Einsamkeit, daß er sich wieder hinlegte zu träumen. Aber weder Schlaf noch Traum war so gefällig wieder zu kommen. In dem schwermüthigen staunenden Zustande, worein ihn diese Lage setzte, blieb ihm nichts anders übrig, als mit sich selbst zu reden , – welches sich gemeiniglich damit endigte, daß er unwillig darüber wurde, keine Antwort zu bekommen , – oder mit etlichen Papagayen zu spielen, aus welchen er sich, in Ermanglung einer bessern, eine Art von Gesellschaft gemacht hatte. Die Papagayen hatte die schönsten Federn von der Welt, – aber eine so dumme, gleichgültige, gedankenlose Miene, so wenig Fähigkeit zu ergetzen oder sich ergetzen zu lassen, daß sogar Koxkox bey aller seiner eigenen Einfalt verlegen war, was er mit ihnen anfangen sollte. Ein einziger aschgrauer, den er Anfangs wegen seiner unscheinbaren Gestalt wenig geachtet hatte, entdeckte ihm endlich ein Talent, welches ihm eine Art von Zeitvertreib gab, ohne daß er sogleich merkte, wie viel Vortheil er davon ziehen könnte. Der graue Papagay gab allerley Töne von sich, welche einige Ähnlichkeit mit gewissen Worten hatten, die er aus den Selbstgesprächen des Koxkox aufgefangen haben mochte. Koxkox merkte dieß kaum, so machte er sich schon ein sehr angelegenes Geschäft daraus, der Sprachmeister seines Papagayen zu werden; welcher bey seiner Lernbegierde und Fähigkeit, die ganze Kunst seines Lehrers ziemlich bald erschöpfte. Unvermerkt sprach der Papagay so gut Mexikanisch als Koxkox selbst. Wahr ists, ein strenger Dialektiker würde oft sehr viel gegen seine Wortverbindungen einzuwenden gehabt haben. Hingegen gelangen ihm auch nicht selten die witzigsten Einfälle; und wenn er zuweilen baren Unsinn sagte, so kam es bloß daher, weil er keine Begriffe , sondern bloße Wörter zusammen stellte; – ein Zufall, wovon, wie man glaubt, die weisesten Männer, ja sogar ganze ehrwürdige Versammlungen von weisen Männern, nicht allezeit frey gewesen sind. Koxkox und sein Papagay waren nunmehr im Stande Gespräche mit einander zu führen, die zum wenigsten so witzig und interessant waren, als es die Unterhaltung in den meisten heutigen Gesellschaften ist, wo derjenige sehr wenig Lebensart verrathen würde, welcher mehr Zusammenhang und Sinn darein bringen wollte, als in der Unterhaltung mit einem Papagay ordentlicher Weise zu herrschen pflegt. Tlantlaquakapatli , ein angesehener mexikanischer Filosof, trägt kein Bedenken, den Anfang des gesellschaftlichen Lebens unter seiner Nazion von dieser Vertraulichkeit Koxkoxens mit seinem Papagay abzuleiten. Die Dichter des Landes gingen noch weiter. Sie versicherten, – mit einer Freyheit, deren sich diese Zunft bey allen Völkern des Erdbodens zu allen Zeiten mit sehr wenig Mäßigung bedient hat, – »daß irgend eine mitleidige Gottheit sich den Zustand des einsamen Koxkox zu Herzen gehen lassen, und den oft besagten Papagay in das schönste Mädchen, das jemahls von der Sonne beschienen worden sey, verwandelt habe.« Und damit die Weiber (sagen sie) ein immer währendes Merkmahl ihres Ursprungs an sich trügen, habe dieser Gott dem neuen Mädchen und allen seinen Töchtern die Schwatzhaftigkeit gelassen, welche ihm in seinem Papagayenstand eigen gewesen. Wenn man (sagt der vorbenannte Filosof) dieses Mährchen behandelt, wie alle Mährchen, welche von Anbeginn der Welt bis auf diesen Tag in Prosa, oder in Versen, oder in beiden zugleich erzählt worden sind, ohne Ausnahme behandelt werden sollten, – d. i. wenn man (durch eine so leichte Operazion, daß eine jede Amme Verstand genug dazu hat) das Wunderbare darin vom Natürlichen scheidet; so wird man finden: »daß gerade so viel Wahres daran ist, als am Boden sitzen bleibt, nachdem das Wunderbare in Rauch aufgegangen ist.« Nemlich – – 5. Koxkox gerieth einst, indem er mit seinem Papagay auf der Hand spazieren ging, in eine Gegend, wohin er noch nie gekommen war, – und da fand er unter einem Rosenstrauche – ein Mädchen schlafen, von dessen Anblick er auf der Stelle so entzückt wurde, daß er eine gute Weile nicht im Stande gewesen wäre, zu sagen ob er wache oder träume. Den Rosenstrauch ausgenommen, – denn ich sehe nicht, warum es nicht eben so wohl ein Balsamstrauch oder ein Rosinenstrauch oder ein Kokospflaumstrauch hätte gewesen seyn mögen – scheint in dieser Geschichte, wenigstens bis hierher, nichts zu seyn, was der Wahrheit der Natur nicht vollkommen gemäß wäre. Die Entzückung des armen Koxkox endigte sich mit einem Schauer, der alle seine Glieder durchfuhr, und auf welchen eben so schnell ein Strom von geistigem Feuer folgte, der aus seinem Herzen sich in einem Augenblick durch sein ganzes Wesen ergoß, und jedes unsichtbare Fäserchen davon elektrisch machte. Das Mädchen däuchte ihm das lieblichste unter allen Dingen, die jemahls bei Tageslicht oder Mondschein vor seine Augen gekommen waren. Die ernsthaften Leute, welche ihm dieses übel nehmen, sollten (wie Tlantlaquakapatli sagt) bedenken, daß er seit mehr als sechs und dreyßig Monden nichts als Papagayen, Truthühner, Schlangen, Affen und Ameisenbären gesehen hatte. Diese Entschuldigung (wofern es einer Entschuldigung bedurfte) scheint sehr gründlich zu seyn. Gleichwohl aber erklären wir hiermit und kraft dieses, daß wir, aus billiger Rücksicht auf unsre schönen Leserinnen, an derselben keinen Antheil nehmen. 6. Es mag nun aus Vorurtheil, oder aus Aberglauben, oder aus wirklicher Überzeugung daß es so und nicht anders gewesen, hergekommen seyn, – so viel ist gewiß: daß die Mexikanischen Tiziane , wenn sie die Göttin der Schönheit , oder prosaischer zu reden, eine vollkommene Schöne mahlen wollten, sich dazu durch die Idee der schönen Kikequetzel (so nennen sie die Nymfe, von welcher hier die Rede ist) zu begeistern pflegten. Sie war, sagen sie, gerade und lang wie ein Palmbaum, und frisch und saftvoll wie seine Frucht. Ihre Gestalt war nach den feinsten Verhältnissen gebildet; vom Wirbel ihres Hauptes bis zu den Knöcheln ihrer schönen Füße war nichts eckiges zu sehen noch zu fühlen. Rabenschwarze Haare flossen ihr in natürlichen Locken um den erhabenen Busen. Sie hatte große schwarze Augen, eine kleine Stirne, hochrothe etwas aufgeworfene Lippen, eine Gesichtsfarbe, die ins Jonquille fiel, eine flache aufgestülpte Nase – mit Einem Worte, niemahls (sagen sie) hat die Natur etwas vollkommneres hervorgebracht. Ein junger Sineser rümpfte die Nase bei diesem Gemählde. – Eine Schöne , rief er, mit großen Augen! mit einer kleinen Stirne! mit aufgestülpten Nüstern! – Ha! ha! ha! Sie mag, beym Goldkäfer! so übel nicht gewesen seyn, schnatterte ein Hottentott – und, beym Goldkäfer! wenn sie zu ihren großen Augen und dicken Lippen noch kurze dicke Beine und nicht so langes Haar gehabt hätte, ich bin euch nicht gut dafür, daß ich mich nicht selbst in sie verliebt haben könnte. Der Grieche – Aber, ach! es giebt keine Griechen mehr, welche wissen was die Gnidische Venus war! Wir wollen nicht streiten, lieben Leute! – Der Himmel weiß, was für Drachen es in andern Planeten giebt, die sich selbst für schön, und alle unsre Liebesgöttinnen und Grazien für – Drachen halten! Genug, die Nymfe Kikequetzel machte auf Koxkoxen denselben Eindruck, welche Juno mit Hülfe des Gürtels der Venus auf den Vater der Götter, und die schöne Fryne ohne Gürtel auf hundert tausend tapfre Griechen mit Einem Mahle machte; – und darum allein ist es zu thun. Übrigens hätte ich wohl selbst wünschen mögen, daß die schöne Kikequetzel einen andern Namen geführt hätte. Unsre höchst verfeinerten Ohren sind durch die musikalischen Nahmen unsrer Cefisen und Cidalisen , Adelaiden und Zoraiden , Nadinen und Aminen , Belinden und Rosalinden , so verwöhnt, daß wir uns keine liebenswürdige Person ohne einen schönen Nahmen denken können. Es ist ein bloßes Vorurtheil. Aber was für eine Wirkung würde Kikequetzel in einer Tragödie oder in einem Heldengedicht , oder nur in einer kleinen Novelle thun? – Koxkox und Kikequetzel! – Wehe dem Dichter, der den Einfall hätte, diese Nahmen über das mühevolle Werk seiner Nachtwachen zu setzen! Alle Grazien und Liebesgötter könnten ihn nicht gegen das Lächerliche und Indecente in dem Nahmen Kikequetzel schützen. – Ich wiederhohle es, ich hätte ihr einen andern wünschen mögen; – und in der That, warum hätte sie nicht eben so gut Zilia oder Alzire heißen können? Ein bloßer Zufall war Schuld daran. Als sie mit Koxkox bekannt wurde, hatte sie noch gar keinen Nahmen, und sie lebten eine geraume Zeit mit einander, ohne daß es ihm einfiel ihr einen zu geben. Die Wahrheit von der Sache ist: Kikequetzel (welches in Koxkoxens Sprache ungefähr so viel als Freude des Lebens bedeutet) war der Nahme, den er ehmahls seinem grauen Papagay gegeben hatte. Einige Sommer nach dem Tage, da er das Mädchen unter dem besagten Rosenstrauche gefunden hatte, befiel den armen Kikequetzel das Unglück, von einer Schlange gegessen zu werden. Koxkox war etliche Tage untröstbar über diesen Verlust. Endlich fiel ihm, um das Andenken seines geliebten Papagayen zu erhalten, nichts bessers ein, als seinen Nahmen auf dasjenige überzutragen, was ihm das liebste in der Welt war: und so hieß das Mädchen Kikequetzel ; – und so hat schon tausendmahl ein eben so zufälliger Umstand Dinge von unendliche Mahl größerer Wichtigkeit entschieden. Der Umstand ist an sich so gering, daß wir ihn nicht berührt hätten, wenn er nicht dem Herzen des guten Koxkox Ehre machte . 7. Sich hinsetzen und aussinnen, wie dem jungen Mexikaner, in dem Augenblicke, worin wir ihn zu Anfang des vorher gehenden Kapitels verlassen haben, zu Muthe gewesen seyn müsse, ist wahrlich keine so leichte Sache, als sich diejenigen vielleicht einbilden, die es nicht versucht haben. Es ist noch lange nicht damit ausgerichtet, daß man sich etwa frage: Wie würde mir an einem solchen Platze gewesen seyn? – Nichts betrügt mehr als diese Operazion; ob wir gleich gestehen müssen, daß sie, mit gehöriger Vorsichtigkeit und zu rechter Zeit gemacht, allen Arten von Dichtern und Schauspielern – auf allen Arten von Schaubühnen gute Dienste thun kann. Hundert verschiedene Personen würden an Koxkoxens Platze auf hunderterley verschiedene Weise empfunden und gehandelt haben. Zum Beyspiel: Ein Mahler würde mit dem kältesten Blut einen haarscharfen Umriß von der schlafenden Mexikanerin genommen haben. Ein inquisitiver Reisender hätte die ganze Scene in sein Tagebuch abgezeichnet, – wenn er hätte zeichnen können; wo nicht, so hätte er wenigstens eine so genaue Beschreibung davon gemacht, als ihm seine Eilfertigkeit verstattet hätte. Ein Alterthumsforscher würde alle alte Dichter und Prosaschreiber, Münzen, Aufschriften und geschnittene Steine in seinem Kopfe gemustert haben, um etwas darunter zu suchen, wodurch er diese Begebenheit erläutern könne. Ein Poet hätte sich gegen über gesetzt, und indessen, bis sie erwacht wäre, ein Liedchen, oder wenigstens ein kleines Madrigal gedichtet. Ein Platonischer Filosof hätte untersucht, wie viel ihr noch fehle, um dem Ideal eines schlafenden Mädchens gleich zu kommen? Ein Pythagoräer , – was ihre Seele in diesem Augenblicke für Visionen habe? Ein Hedoniker , – ob und wie es thunlich seyn möchte, ihren Schlummer durch eine angenehme Überraschung zu unterbrechen? Ein Faun würde bey der Ausführung angefangen haben, ohne zu untersuchen. Ein Stoiker hätte sich selbst bewiesen, daß er keine Begierden habe, weil – der Weise keine Begierden hat. Ein ächter Epikuräer hätt' es, nach einer kurzen Überlegung, nicht der Mühe werth gefunden, die Sache in längere Überlegung zu nehmen. Ein Skeptiker hätte die Gründe für so lange gegen die Gründe gegen abgewogen, bis sie erwacht wäre. Ein Sklavenhändler hätte sie taxiert, und, nach Berechnung der Unkosten und des Profits, auf Mittel gedacht sie sicher nach Jamaika zu bringen. Ein Missionar hätte sich in die Verfassung gesetzt, sie, so bald sie erwachen würde, auf der Stelle zu bekehren. Robert von Arbrissel würde sich so nahe als möglich zu ihr hingelegt und sie so lange unverwandt betrachtet haben, bis er, dem Satan zu Trotz, gefühlt hätte, daß sie ihm nicht mehr Emozion mache als ein Flaschenkürbiß. Sankt Hilarion wäre seines Weges fortgegangen und hätte sie gar nicht angesehen. Und so weiter – – – Aber Koxkox – was Koxkox empfand und dachte, das verdient ein besonderes Kapitel. 8. Koxkox war, nach der gelehrten Zeitrechnung des Filosofen Tlantlaquakapatli , – gegen welche sich vielleicht Einwendungen machen ließen, ohne daß den Wissenschaften ein merklicher Nutzen aus der ganzen Erörterung zugehen würde – Koxkox , sage ich, war in dem wichtigen Augenblicke, wovon die Rede ist, achtzehn Jahre, drey Monate, und einige Tage, Stunden, Minuten und Sekunden alt. Er war fünf Fuß und einen halben Palm hoch, stark von Gliedmaßen, und von einer so guten Leibesbeschaffenheit, daß er niemahls in seinem Leben weder Husten, noch Schnupfen, noch Magendrücken, noch irgend eine andre Unpäßlichkeit gehabt hatte; – welchen Umstand der weise und vorsichtige Kornaro , in seinem bekannten Buche von den Mitteln alt zu werden, seiner Mäßigkeit und einfältigen Lebensart zuschreibt. Die Absonderung seiner Säfte ging also vortrefflich von Statten, und die flüssigen Theile befanden sich bey ihm mit den festen in diesem glücklichen Gleichmaße, welches, nach dem göttlichen Hippokrates , die Bedingung einer vollkommenen Gesundheit ist. Alle seine Sinne und sinnlichen Werkzeuge befanden sich in derjenigen Verfassung, welche – in allen Handbüchern der Wolfischen Metafysik – zum Empfinden erfordert wird. Die Kanäle seiner Lebensgeister waren nirgends verstopft, und die Fortpflanzung der äußern Eindrücke in den Sitz der Seele, (welche, im Vorbeygehen zu sagen, ihm so bekannt war als irgend einem Psychologen unserer Zeit) nebst der Absendung der Volizionen und Nolizionen aus dem Kabinet der Seele in die äußersten Fäserchen derjenigen Werkzeuge, welche bey Ausführung derselben unmittelbar interessiert waren, ging mit der größten Leichtigkeit und Behendigkeit von Statten. Er hatte ungefähr vor zwey Stunden eine starke Mahlzeit von Früchten und geröstetem Maiz gethan, und ungefähr drey Nößel von einem Trank aus Wasser, Kakaomehl und Honig zu sich genommen, von welchen beiden Ingredienzien das erste bekannter Maßen sehr nährend, und das andre, nach Boerhaave und allen die Er abgeschrieben hat und die Ihn abgeschrieben haben, ein vortreffliches Konfortativ ist, dessen Koxkox weniger als irgend einer von unsern angeblichen Mädchenfressern nöthig gehabt zu haben scheint. Es war ungefähr um vier Uhr Nachmittags, in dem Monat, worin ein allgemeiner Geist der Liebe die ganze Natur neu belebt, alle Pflanzen blühen, tausend Arten von bunten Fliegen und Schmetterlingen, aus ihren selbst gesponnen Gräbern aufgestanden, ihre feuchten Flügel in der Sonne versuchen, und zehen tausend vielfarbige Wizizilis auf jungen Zweigen aus ihrem langen Winterschlummer erwachen, um unter Rosen und Orangenblüthen zu schwärmen, und ihr wollüstiges Leben, welches mit der Blumenzeit anfängt, zugleich mit ihr zu beschließen. Es ist sehr zu bedauern, daß Tlantlaquakapatli , aus Mangel eines Reaumürschen oder irgend eines andern Thermometers, nicht im Stande war, den Grad der Wärme zu bestimmen, auf welchem sich damahls die Luft befand. Es war ein schöner, warmer Tag, sagt er, die Luft rein, und der oberste Theil derselben lasurblau; und es wehte ein angenehmer Wind von Nord-West-West, welcher die Sonnenhitze so gut mäßigte, daß das Roth auf Koxkoxens Wangen, etliche Augenblicke zuvor eh' er das schlafende Mädchen erblickte, nicht höher war, als es auf den innersten Blättern einer neu aufgehenden Rose zu seyn pflegt. Unser Filosof – welcher glaubt, daß alle diese Umstände bey Berechnung der Ursachen und Wirkungen der menschlichen Leidenschaften mit in Rechnung gebracht werden müssen – ist eben so genau in Angebung aller der kleinen Bestimmungen, unter welchen die schöne Kikequetzel dem jungen Mexikaner in die Augen stach. Seiner Beschreibung nach, war sie gerade so gekleidet, wie die Grazien der Griechen oder die Töchter der Karaiben auf den Antillen, das ist in derjenigen Kleidung, wegen welcher der ältere Plinius – vermuthlich in einem Anstoß von schlimmer Laune – mit der Natur einen Zank anfängt, der uns (alles wohl überlegt) der unbilligste unter allen scheint, welche jemahls ein mißmüthiger Filosof mit ihr angefangen hat. Plin. Hist. Natural. L. VII. in prooemio. Sie lag auf einem grünen Rasen, dessen dichtes blumenvolles Gras sie (wie Homer von seiner bekannten Göttergruppe auf dem Ida sagt) sanft empor zu heben schien. Ihr Haupt ruhte auf einem Haufen der schönsten Blumen, welche sie vermuthlich selbst (es wäre denn, daß man glauben wollte, daß Zefyr oder irgend ein andrer Sylfe ihr diese Galanterie gemacht habe) zu diesem Gebrauch zusammen getragen hatte. Ihr rechter Arm – dessen schöne Form unser Filosof nicht unbemerkt läßt – verbarg einen Theil ihres Gesichts, und bekam durch die Verkürzung, und den sanften Druck, den er von seiner Lage litt, einen Reitz, der – wie alle Grazien – sich besser fühlen als zeichnen, und besser zeichnen als beschreiben läßt. – Das leichte Gesträuch, welches eine Art von Sonnenschirm um sie zog, warf kleine bewegliche Schatten auf sie hin, welche die pittoreske Schönheit des Gemähldes – denn noch war es nichts mehr für unsern Mann – erheben halfen. 9. Tlantlaquakapatli untersteht sich aus verschiedenen Ursachen nicht, zu bestimmen, wie schön das Mädchen gewesen sey; – denn Erstlich , (sagt er) fehlen mir dazu die nöthigen Originalgemählde, Zeichnungen, Abdrücke, u. s. w. Zweytens , haben wir kein allgemein angenommenes Maß der Schönheit, und Drittens , ist auch keines möglich , – bis alle Menschen, an allen Orten und zu allen Zeiten, aus einerley Augen sehen, und den Eindruck mit einerley Gehirn auffassen werden; – und das, spricht er, hoffe ich nicht zu erleben. Indessen getraut er sich so viel zu behaupten, daß sie, so wie sie gewesen, dem ehrlichen Koxkox das schönste und lieblichste Ding in der ganzen Natur geschienen habe; – und wir zweifeln, ob es möglich sey ihm das Gegentheil zu beweisen. Die Wahrheit zu sagen, bey einem Dinge, welches das einzige in seiner Art ist, hat weder Vergleichung noch Übertreibung Statt. Koxkox konnte keine Idee von etwas besserm haben als er vor sich sah. Seine Einbildungskraft hatte gar nichts bey der Sache zu thun; seine Sinne und sein Herz thaten alles. Kikequetzel hätte so schön seyn mögen als Kleopatra, Poppäa, Roxelane oder Frau von Montespan , oder, wenn ihr lieber wollt, so schön als Oriane, Magellone , Frau Kondüramur , und die Prinzessin Dulcinea selbst, ohne daß sie ihm um ein Haar schöner vorgekommen wäre, oder um den hundertsten Theil des Drucks eines Blutkügelchens mehr Eindruck auf ihn gemacht hätte, als so wie sie vor ihm lag. »Das ist wunderlich.« – Es ist nicht anders, mein Herr. Unser Autor – dessen verloren gegangene Schriften der geneigte Leser um so mehr mit mir bedauern wird, als uns diese Probe von seinem Beobachtungsgeiste keine schlechte Meinung giebt – geht noch weiter, indem er sich sogar getraut, die eigensten Empfindungen von Augenblick zu Augenblick zu bestimmen, welche Koxkox , einem so unverhofften Gegenstand gegen über, habe erfahren müssen. Beym ersten Anblick, spricht er, schauerte der Jüngling, in einer Art von angenehmem Schrecken, zwey und einen halben Schritt zurück. Im Zweiten Momente guckte er, mit aller Begierde eines Menschen der sich betrogen zu haben fürchtet, wieder nach ihr hin. Der Durchmesser seines Augapfels wurde eine halbe Linie größer; er hielt die linke Hand etwas eingebogen vor seine Stirne, so daß der Daumen an den linken Schlaf zu liegen kam, und schlich sich allgemach mit zurück gehaltenem Athem näher, um sie desto besser betrachten zu können. Im Dritten Momente glaubte er einen kleinen Unterschied zwischen ihrer Figur und der seinigen wahrzunehmen, und eine Bestürzung von der angenehmsten Art, welche ihn bey dieser Entdeckung befiel, nahm Im Vierten , und Fünften dergestalt zu, daß er im Sechsten eine Art von Beklemmung ums Herz fühlte, welche sich ungefähr im Neunten oder Zehenten mit der oben besagten Ergießung des subtilen elektrischen Feuers aus seinem Herzen durch alle Adern, Kanäle und Fasern seines ganzen Wesens endigte . Dieser letzte Augenblick ist, nach der Meinung unsers Autors, der angenehmste in dem ganzen Leben eines Menschen ; und dasjenige, was er darüber filosofiert, scheint uns nicht unwürdig zu seyn, in einem kleinen Auszug zu einem eigenen Kapitel gemacht zu werden. 10. Die ganze Natur, spricht er, zeugt von der Güte und Weisheit ihres Urhebers. Aber in der ganzen Natur überzeugt mich, – Tlantlaquakapatli, Mixquitlipikotsohoitl's Sohn , nichts vollkommner und inniger von dieser größten und besten aller Wahrheiten, als die Beobachtung der besondern Aufmerksamkeit, welche dieser unsichtbare Geist der Natur darauf gewandt hat, – den höchsten Grad des Vergnügens, dessen der Mensch fähig ist, mit denjenigen Empfindungen unauflöslich zu verbinden, welche den großen Endzweck seines Daseyns unmittelbar befördern. Glaub' ich, am Ende einer feurigern Bestrebung meines Geistes durch die krummen Irrgänge der Einbildung, eine schon lange vor mir fliehende Wahrheit erhascht zu haben ; Oder, unterhalt' ich mich, einsam und in mich selbst gesammelt, mit dem Anschauen eines tugendhaften Karakters ; – ich seh' ihn in Handlung gesetzt, in Versuchungen verwickelt, mit Schwierigkeiten umringt; – ich zittre für ihn; – und nun, in dem großen Augenblicke der Entscheidung , seh' ich ihn seiner würdig handeln , und meine schüchterne Hoffnung durch die schönste der Thaten überraschen; Oder, mein besseres Selbst hat in diesem Augenblick einen Sieg über das unedlere erhalten; – ich habe eine eigennützige Bewegung unterdrückt, welche mich verhindern wollte etwas Gutes zu thun, da ich einen Wink dazu bekam; – oder eine übelthätige, welche mich aufwiegelte eine Beleidigung zu rächen, weil ich es, ohne Besorgniß mir selbst dadurch zu schaden, hätte thun können; Oder, ich habe dem süßen Zug der Menschlichkeit gefolget , und mit sanfter mitleidiger Hand die Thränen des Unglücklichen abgewischt, die Freude ins bleiche Gesicht des Bekümmerten zurück gerufen: In allen diesen, und in allen ähnlichen Fällen, fühle ich, in dem entscheidenden Augenblicke, diese göttliche Flamme sich mit einer unaussprechlichen geistigen Wollust durch mein ganzes Wesen ergießen, und den sittlichen Menschen mit dem animalischen wie in Eins zusammen schmelzen; – und ich sag' und schwöre, daß keine andre Wollust so süß, so befriedigend, und – wenn ihr mir diesen Ausdruck gestatten wollt – so vergötternd ist als diese. Ich habe, fährt er fort, auch unter Rosen gelegen, o Montezuma! Ich habe mich auch in den Düften des Rosenstrauchs, im säuerlichsüßen Nektar des Palmbaums, und in den süßen Küssen des Mädchens berauscht. – Hab' ich nicht den Becher der Freude rein ausgetrunken, und den letzten Tropfen von meinem Nagel abgesogen? – Aber, ich behaupte dir und schwöre, daß die Wollust eine gute That zu thun – die größte aller Wollüste ist! Sanft ruhe deine Asche, weiser und empfindungsvoller Tlantlaquakapatli! und Friede sey mit deinem Schatten, wo er auch irren mag! Wenn schon dein Nahme in keinem Gelehrtenregister prangt, und kein hohlaugiger Kommentator, in eine Wolke von Lampendampf (das Sinnbild seiner viel wissenden Dummheit) eingehüllt, polyglottische Noten mit schwerer Arbeit zu deinen Werken zusammen getragen hat; so soll dennoch – oder mein weissagender Genius müßte mich gänzlich betrügen – dein Gedächtniß noch dauern, wenn ich lange, wie du selbst, Staub bin, und von dem Menschenfreunde gesegnet werden, dessen klopfendes Herz dir die große Wahrheit beschwören hilft: daß die Wollust eine gute That zu thun die größte aller Wollüste ist. Wenn der Urheber des Menschen (so beschließt mein Freund Tlantlaquakapatli seine Betrachtung) den Trieben, von welchen die Vermehrung unsrer Gattung die Folge ist, einen Theil dieser göttlichen Wollust, von welcher ich rede, eingesenkt hat: so kann ich nichts anders vermuthen, als daß es darum geschehen sey, weil dieses Geschäft, wiewohl an sich selbst bloß animalisch, für das menschliche Geschlecht von solcher Wichtigkeit ist, daß er es in dieser Betrachtung würdig fand, die Menschen durch dieselbe Belohnung, die er mit den edelsten Handlungen verbunden hat, dazu einzuladen. 11. Die Empfindungen des jungen Mexikaners waren so heftig, daß er sich an einen Baum, der Schlafenden gegen über, lehnen mußte, um nicht unter ihrer Gewalt einzusinken. Die Freude, eine Gesellschaft zu finden, von welcher er sich mehr Vergnügen und Vortheil versprach als von seinen Papagayen, Die Anmuthung, welche ihm ihre Ähnlichkeit mit ihm einflößte, Eine andere unbekannte Regung, die gerade aus dem Gegentheil entsprang, Das Vergnügen an ihrem bloßen Anschauen, und die dunkle Ahnung, welche seine Brust mit noch süßern Erwartungen schwellte – Alle diese Regungen, welche ihm so fremd und doch so natürlich, so angenehm und doch so unverständlich waren, – konnten, (wie Tlantlaquakapatli meint) wenn wir auch alles dasjenige, was die Umstände des Subjekts, der Zeit, des Ortes u. s. w. dazu beytragen mochten, abziehen, nicht weniger als die angegebene Wirkung hervorbringen. Es ist in der menschlichen Natur, daß wir uns das wirkliche Vorhandenseyn eines Gegenstandes, den uns die Augen bekannt gemacht haben, durch einen andern Sinn zu beweisen suchen, welcher (wie alle Ammen und Kinderwärterinnen zehentausendmahl zu beobachten Gelegenheit haben) der erste ist, durch den wir unser eigenes Daseyn fühlen, und der eben dadurch zum Werkzeug wird, womit wir, von der Natur selbst dazu angewiesen, die Wirklichkeit der Fänomene, die uns umgeben, auf die Probe setzen. Nichts war demnach natürlicher als der Zweifel, der nach einer kleinen Weile in Koxkox aufstieg, »ob das, was er sah, auch wirklich sey?« Eben so natürlich war, daß er diesen Zweifel kaum empfand, als er sich schon der schlafenden Nymfe näherte, um sich durch den vorbesagten Sinn zu erkundigen, was er von der Sache zu glauben hätte. Er streckte schon seine rechte Hand aus, – als ein abermahliger Schauder sein Blut aus allen Adern gegen die Brust zurück drückte; und – wie ein Pfeil, der unmittelbar am Ziele alle seine Kraft verloren hat – sank der nervenlose Arm zurück. Er betrachtete das Mädchen von neuem: und da sich mit jedem Augenblicke seine Furcht verlor, und die Begierde, sich ihrer Körperlichkeit zu versichern, zunahm; so streckte er noch einmahl seine rechte Hand aus, bückte sich mit halbem Leib über sie hin, und legte, so sacht es ihm möglich war, die zitternde Hand auf ihre linke Hüfte. Man müßte gar nichts von der menschlichen Natur verstehen, sagt der Mexikanische Filosof, wenn man sich einbilden wollte, daß er es bey diesem ersten Versuch habe bewenden lassen können. Die Wichtigkeit der Wahrheit, von der er sich versichern wollte, und das Vergnügen, welches mit der Untersuchung unmittelbar verbunden war, vereinigten sich mit einander, ihn zu vermögen das Experiment fortzusetzen. Unvermerkt, und mehr durch einen mechanischen Instinkt als mit Vorsatz, schweifte die forschende Hand von dem Orte, den sie zuerst berührt hatte, zum sanft gebogenen Knie herab. Was in diesen Augenblicken in ihm vorging, läßt sich nicht beschreiben. Die Wahrheit ist, daß er selbst unfähig gewesen wäre Rechenschaft davon zu geben. Denn (um den Leser nicht unnöthig aufzuhalten) seine Augen fingen an trüb zu werden, und vor lauter Empfindung sank er ohne Empfindung neben die schöne Kikequetzel hin, so daß die Hälfte seines Gesichts ungefähr eine Spanne und anderthalb Daumen über ihrem besagten linken Knie aufzuliegen kam. Das Mädchen erwachte in diesem nehmlichen Augenblicke. 12. Tlantlaquakapatli findet, eh' er weiter geht, vor allen Dingen nöthig, uns zu berichten, daß die schöne Kikequetzel , zu der Zeit, da Mexiko in den Wassern des oben besagten Kometenschwanzes unterging, ein Kind von elf bis zwölf Jahren gewesen sey. Mit diesem armen Kinde auf dem Rücken habe sich ihre Mutter auf einen hohen Berg geflüchtet, wo sie sich, bis das Gewässer wieder abgeflossen, in einer Höhle aufgehalten, und von den Eyern einiger Vögel, die in dem Felsen nisteten, gelebt hätten. Da diese unglückliche Mutter, auf allen ihren Herumschweifungen in dem neuen Lande, welches aus dem Wasser wieder hervor gegangen war, keine Spur von Menschen gefunden hatte: so blieb ihr nichts anders übrig, als sich an den trostlosen Gedanken zu gewöhnen, daß sie und ihre kleine Tochter die einzigen Geretteten seyen. Sie waren also eines dem andern die ganze Welt. Alle ihre Empfindungen koncentrierten sich in ihre gegenseitige Liebe. Das kleine Mädchen kannte kein größeres Vergnügen, als ihrer Mutter die Sorge für ihre Erhaltung so gut sie konnte zu erleichtern, ihr die schönsten Blumen zu bringen, die sie auf ihren kleinen Wanderungen fand, und die Thränen, die oft wider ihren Willen dem geheimen Kummer ihres Herzens Luft machten, von ihren Wangen und von ihrem Busen wegzuküssen. Drey Sommer hatten sie auf diese Weise mit einander verlebt, als die gute Mutter einsmahls, das Unglück hatte, durch einen Fall von einem Kokosbaum , auf den sie sich, um die Früchte zu pflücken, gewagt hatte, das Leben einzubüßen. Das trostlose Mädchen, nachdem sie etliche Tage lang alles versucht hatte die Todte wieder zu beleben, sah sich endlich gezwungen, ihre Hoffnung aufzugeben, und entfernte sich von dem traurigen Orte. Sie gerieth in unbekannte Gegenden, deren natürliche Fruchtbarkeit ihr allenthalben anbot, was sie zur Erhaltung ihres Daseyns nöthig hatte. Ihre Mutter hatte ihr einige unvollkommene Begriffe von dem vorigen Zustand ihres Volkes gegeben. Sie hatte sich so viel daraus gemerkt, daß es eine Art von Menschen gegeben habe, welche nicht völlig so gewesen wie sie selbst. Sich deutlicher zu erklären hatte die Mutter für unnöthig gefunden, da das Mädchen noch ein Kind war, und bestimmtere Kenntnisse ihr ohnehin, in dem einsamen Zustande wozu sie verurtheilt schien, zu nichts dienen konnten. Indessen wußte das Mädchen schon genug, um ein sehr lebhaftes Verlangen in sich zu fühlen, einen von diesen Menschen zu finden; wenn es auch nur gewesen wäre, um zu wissen wie sie aussähen. Sie war in der vollen Blüthe der Jugend, als Koxkox sie zuerst antraf; und außer der besagten Neugier, welche täglich wuchs, hatte ihr Herz, durch die Liebe zu ihrer Mutter, und die Gewohnheit, in den melankolischen Stunden der guten Frau ihr trauern und weinen zu helfen, eine stärkere Anlage zu zärtlichen Empfindungen bekommen, als die bloße Natur den meisten ihres Geschlechts zu geben pflegt. Sie mußte also entsetzlich zärtlich seyn, sagt Tlantlaquakapatli . Der Abkürzer dieser anekdotischen Geschichte hält es für seine Schuldigkeit, eh' er zu demjenigen fortschreitet, was auf das Erwachen der schönen und zärtlichen Kikequetzel folgte, seine auf Europäische Manier schönen und zärtlichen Leserinnen zu ersuchen, es – nicht einer vorsetzlichen Absicht, die Delikatesse ihrer Empfindungen zu beleidigen, oder der Würde ihres Geschlechts (dessen Verehrer er allezeit zu bleiben hofft) zu nahe zu treten, – sondern lediglich der Verbindlichkeit, den Pflichten eines getreuen Kopisten der Natur genug zu thun, beyzumessen, wenn er sich in dem folgenden Kapitel genöthiget sehen wird, das Betragen dieser jungen Mexikanerin unverschönert, so wie es war darzustellen; ein Betragen, von welchem er besorgen muß, daß es, ungeachtet aller seiner Bemühungen das Auffallende darin zu mildern, der besagten Delikatesse seiner schönen Gönnerinnen anstößig werden dürfte. Er bitte sie indessen zu bedenken, ob es nicht gleichwohl zu einer Entschuldigung der jungen Mexikanerin diene, daß sie – in den Umständen, worin sie sich ohne ihr Verschulden befand, und bey dem gänzlichen Mangel aller Vortheile der Ausbildung und Politur welche nur Erziehung oder Welt geben können – nichts besser seyn konnte als ein Werk der rohen Natur ; oder, mit andern Worten, daß es unbillig wäre den wilden Gesang einer ungelehrten Nachtigall zu verachten, weil eine ihrer Schwestern das Glück gehabt hat in einem Käficht erzogen zu werden und nach den Noten eines Hiller oder Naumann singen zu lernen. 13. Wie sich die Crebillonische Fee Toutou Rien , – oder die Fee Konkombre , – oder die sehr decente Dame Ziliga , – oder wie sich irgend eine von den Celimenen, Julien, Belisen, Araminten, und Cidalisen des besagten Französischen Sittenmahlers – in einem ähnlichen Falle aber bey veränderten Umständen , es sey nun in irgend einem anmuthigen Bosket, oder in einem wollüstigen Kabinet oder einem rosenfarbenen Lotterbette Um dem Hrn. Campe die Verantwortung dieser Verdeutschung des Worts Sofa nicht allein aufzubürden, gestehe ich, daß es mir hier an seinem rechten Orte zu stehen scheint. d. H. mit silbernen Blumen betragen hätte, – ließe sich, wenn es nöthig wäre, mit der größten moralischen Gewißheit bestimmen, ohne daß man dazu eben ein Crebillon seyn müßte. Und wie sich unsre vorbesagten Leserinnen selbst sammt und sonders in solchen Umständen betragen würden, ist eine Sache, welche wir ihnen zu gelaßner Überlegung in eine ernsthaften einsamen Stunde überlassen, mit der beygefügten freundschaftlichen Verwarnung, daß diejenigen unter ihnen, welche ihr großes Stufenjahr noch nicht zurückgelegt haben, oder (was auf Eines hinaus kommt) welche sich noch den Nachstellungen unternehmender Liebhaber ausgesetzt sehen, – ehe sie diese Selbstprüfung anstellen – sich in ihr Kabinet einschließen, und Befehl erteilen möchten, daß sie nicht zu Hause wären, wenn sich auch der ehrerbietigste unter allen Liebhabern an der Pforte melden sollte. Was indessen aber auch das Betragen irgend einer erdichteten oder unerdichteten heutigen Dame in dergleichen Fällen seyn möchte – so kann es, wie gesagt, nicht zur Richtschnur für die liebenswürdige Kikequetzel genommen werden, welche (um ihr nicht zu schmeicheln) im Grunde weder mehr noch weniger eine Wilde war, und – was einen wesentlichen Umstand in der Sache ausmacht – Ursache hatte, sich für das einzige Mädchen in der Welt zu halten. Ich – der ich es, ohne eine außerordentliche Reitzung oder eine gräßliche Verstimmung des Instruments meiner Seele, nicht über mein Herz bringen kann, einen Wurm unter meinen Füßen zu zertreten – verabscheue nichts so sehr, als den bloßen Schatten des Gedankens, auch nur zufälliger Weise eines von den schwachen Geschöpfen zu ärgern, deren kakochymische Seele nichts als Molken und leichte Hühnerbrühen verdauen kann, und jede stärkere Speise, so gesund sie auch für gesunde Leute seyn mag, mit Ekel und Beschwerung ανω και κατω wieder von sich giebt. Sollte also, wider alles bessere Verhoffen, dieses unschuldige Buch – welches (wie ich schon erklärt zu haben glaube) keine Nahrung für blöde Magen ist – von ungefähr einem solchen schwachen Bruder in die Hände fallen: so ersuche ich ihn hiermit dienstlichen Fleißes, – und nehme darüber alle meine werthen Leser zu Zeugen daß ich es gethan habe – das Buch ohne weiteres, wenigstens beym Schlusse dieses Kapitels, wegzulegen, und, es sey nun durch Aufsagung des Griechischen Alfabets, (wie dem Kaiser August in einem ähnlichen Falle gerathen wurde) oder durch jedes andere Mittel, welches er aus Erfahrung am bewährtesten gefunden hat, alle Gedanken weiter fortzulesen sich aus dem Sinne zu schlagen. Widrigen Falls und dafern ein solcher, oder eine solche, dieser meiner ernstlichen Warnung ungeachtet, mit Lesen weiter fortfahren, und dadurch auf irgend eine Weise zu Schaden kommen, oder durch ekelhaftes Aufstoßen oder Erbrechen dessen, was er solcher Gestalt, naschhafter Weise zu sich genommen hätte, andern ehrlichen Leuten, oder auch mir selbst beschwerlich fallen sollte; ich mich hiermit ein- für allemahl gegen alle daher entspringen mögende Verantwortung zierlichst verwahre, und den besagten Leser (oder Leserin) selbst für alles sich und andern dadurch zuziehende Übel, für jetzt und allezeit verantwortlich gemacht haben will. 14. In dem Augenblicke, da sie erwachte, lag (wie wir wissen, – sie aber nicht wissen konnte bis sie es sah) ein Jüngling, der erste den sie in ihrem Leben sah, und der, nach unsrer Art zu reden, mehr dem jungen Herkules als dem jungen Bacchus glich, in einem dem Tod ähnlichen Zustande zu ihren Füßen, mit der Hälfte seines Gesichts eine Spanne und anderthalb Daumen über ihrem linken Knie aufgestützt. Damen können sichs leichter vorstellen, als ichs beschreiben könnte, wie sehr sie über diesen Anblick erschrak. Durch die Bewegung, welche sie in der ersten Bestürzung machte, veränderte das Gesicht des armen Koxkox seine Lage ein wenig, ohne den Vortheil desselben zu verlieren – wofern es nicht gar dabey gewann; wie sich genauer bestimmen ließe, wenn der Filosof Tlantlaquakapatli seiner zwar sehr umständlichen aber etwas undeutlichen Beschreibung eine genaue Zeichnung beyzufügen nicht vergessen hätte; – eine Unterlassung, um derentwillen eine Menge gelehrter und mühsamer Beschreibungen des Aristoteles, Theofrast, Plinius, Avicenna und andrer Naturforscher der Welt unbrauchbar geworden sind. Der erste Schrecken des Mädchens verlor sich im dritten oder vierten Augenblicke da sie ihn betrachtete, und verwandelte sich in das lebhafteste Vergnügen, das sie jemahls empfunden hatte, – und welches sie natürlicher Weise beym Anblick eines Wesens fühlen mußte, das ihr zu ähnlich war um kein Mensch , und nicht ähnlich genug um ein Mensch von ihrer Art zu seyn. Sollte es wohl, dachte sie, einer von den Männern seyn, von denen mir meine Mutter sprach, ohne daß ich sie recht verstehen konnte? Unfehlbar ist es einer, flüsterte ihr etwas in ihrem Busen auf diese Frage zur Antwort. Des Menschen Herz hat seine eigene Logik , und – mit Erlaubnis des ehrw. Pater Malebranche , eine sehr gute – Dank sey dir dafür, liebe Mutter Natur! Sie thut uns unaussprechliche Dienste. Was wir wünschen ist uns wahr , so lang' es nur immer möglich ist daß wir das Gegentheil unsern eignen Sinnen abdisputieren können. » Wie kam er hierher? Wo war er zuvor? Warum liegt er hier zu meinen Füßen? Warum liegt sein Gesicht eine Spanne und anderthalb Daumen über meinem linken Knie? » Schläft er? Wie mag er wohl aussehen wenn er erwacht? »Wie wird er sich wohl geberden wenn er mich erblickt? »Wird er mich auch so lieb haben wie meine Mutter mich lieb hatte?« Dergleichen leise Stimmen ließen sich noch mehr in ihrem Busen hören; aber es würde kaum möglich seyn, sie in irgend eine exoterische Sprache zu übersetzen. Aber noch gab der Schlafende kein Zeichen des Lebens von sich. Ach! rief sie mit einem ängstlichen Seufzer, sollte er todt seyn? – Sie konnte diesen Zweifel nicht ertragen. Sie legte zitternd ihre blasse Hand auf sein Herz – Er war nicht todt – denn in diesem Augenblick erwachte er! Sie fuhr zusammen, und zog mit einem Schrey des Schreckens und der Freude ihre Hand zurück. Koxkox kam zu sich selbst, ehe sie sich ganz von ihrem angenehmen Schrecken erholt hatte. Er hob seine Augen auf, und sah sie – mit einem so freudigen Erstaunen, mit einem so lebhaften Ausdruck von Liebe und Verlangen an, und seine Augen baten so brünstig um Gegenliebe ; – daß sie – die keinen Begriff davon hatte daß man anders aussehen könne als es einem ums Herz ist – sich nicht anders zu helfen wußte, als ihn – wieder so freundlich anzusehen als sie nur immer konnte. Die Wahrheit ist, daß sie ihn so zärtlich ansah, als die feurigste Liebhaberin einen Geliebten ansehen könnte, der nach sieben langen Jahren Abwesenheit, und nach so vielen Abenteuern als Ulysses auf seiner zehnjährigen Wanderung bestand, wohlbehalten und getreu in ihre Umarmungen zurück geflogen wäre. – Aber was das sonderbarste dabey war, ist, daß sie weder wußte noch wissen konnte , warum sie ihn so zärtlich ansah. In der That wußte sie gar nicht wie ihr geschah; genug, es war ihr so wohl bey diesen Blicken und Gegenblicken, daß ihr däuchte, sie fange eben jetzt zu leben an. 15. Die Weisen haben längst bemerkt, daß etwas Magisches in dem menschlichen Auge sey; und bekannter Maßen hat man die Sache weit genug getrieben, zu glauben, es gebe Leute, welche mit einem bloßen Blicke vergiften könnten; – ein Glaube, der zu allen Zeiten unter den Filosofen wenig Beyfall gefunden hat. Aber daß ein bloßer Blick zuweilen hinlänglich sey, aus einem weisen Mann einen Gecken, aus einem Masülhim einen Mann, und aus einem Bruder Luze einen Pr**p zu machen, – das sind bekannte Wahrheiten. Koxkox sah die schöne Kikequetzel immer feuriger an; Sie Koxkox immer zärtlicher . »O! wie lieb hab' ich dich!« – sagten ihr seine Augen. »O! wie angenehm ist mir das!« – antworteten die ihrigen. »Ich möchte dich auf einen Blick aufessen«, sagten jene. »Ich sterbe vor Vergnügen wenn du mich länger so ansiehst,« sagten diese. Diese Augensprache dauerte, nach unserm Autor, ungefähr eine Minute, weniger etliche Sekunden, als Koxkox , der noch immer zu ihren Füßen lag, – nicht als ob er einen bestimmten Vorsatz dabey gehabt hätte, sondern in der That aus bloßem Instinkt, – seine beiden Arme um ihren Leib schlug. Kikequetzel , die sich einbildete, daß sie ihm keine Antwort schuldig bleiben dürfe, legte ganz langsam und leise ihre rechte Hand auf seine linke Schulter, – und erröthete bis an die Fingerspitzen, indem sie es that. Koxkox drückte sein Gesicht an ihren Busen. Das Mädchen fuhr sanft streichelnd an seiner linken Schulter bis zur Brust herab, und schien sich sehr am Pochen seines Herzens zu ergetzen. Tlantlaquakapatli , dessen Fehler überhaupt zu wenig Umständlichkeit nicht ist, fährt hier fort, uns von Umstand zu Umstand zu berichten, wie die Natur mit diesen Kindern gespielt habe. Keine falsche Bescheidenheit – denn Natur ist uns in allen ihren Wirkungen ehrwürdig – sondern bloß unser Unvermögen, die Zartheit der Sprache des Mexikanischen Filosofen in die unsrige übertragen zu können, verbietet uns, ihm weiter zu folgen. Die guten Kinder wußten nichts anders. »Sie machten also nicht mehr Umstände als dieß?« fragte Araminte . – Keinen einzigen! 16. Wenn uns nicht alles betrügt, so ist das, was wir unsern Lesern in den beiden vorher gehenden Kapiteln zu lesen gegeben haben, pure Natur . So viel ist gewiß, die Kunst Das Wort Kunst wird in diesem und dem folgenden Kapitel in der weitläufigsten Bedeutung, in so fern es gewöhnlich der Natur entgegen gestellt wird, genommen. hatte keinen Antheil weder an den Gefühlen dieser Alt-Mexikanischen Liebenden, noch an der Art, wie sie sich ausdrückten. Und nun fragt sich: – » Verliert oder gewinnt die Natur dadurch, wenn sie des Beystands und der Auszierung der Kunst entbehrt?« Eine verwickelte Frage! Ein wahrer Gordischer Knoten , den wir, nach dem Beyspiele der raschen Leute die mit allem gern bald fertig sind, geradezu zerschneiden könnten, wenn wir nicht für besser hielten, vorher zu versuchen, ob er nicht mit Hülfe einer leichten Hand und mit ein wenig Flegma aufzulösen sey. Es giebt eine Kunst , welche die Werke der Natur wirklich verschönert ; und eine andere , welche sie, unter dem Vorwande der Verbesserung oder Ausschmückung, verunstaltet . Wiewohl nun die erste allein des Nahmens der Kunst würdig ist, so wird sie ihn doch so lange mit ihrer Bastardschwester theilen müssen, bis man für diese einen eigenen Nahmen erfunden haben wird. Einige bestimmen das Verhältniß der Kunst gegen die Natur nach dem Verhältniß eines Kammermädchens gegen ihre Dame; andere nach demjenigen, welches der Schneider , der Friseur , der Brodeur , und der Parfümeur – vier wichtige Erzämter! – gegen ein gewisses Geschöpf haben, welches, je nachdem man einige Veränderungen damit vornimmt, unter den Händen der vorbesagten vier plastischen Naturen und nach ihrem Belieben, ein Markis oder Lord, ein Abbé oder ein Chevalier, ein Parlamentsrath oder ein Held, ein Witzling oder ein Adonis wird; im Grund aber, in allen diesen verschiedenen Einbildungen und Posituren – immer das nehmlichste Ding bleibt, nehmlich ein Geck . Nach dem Begriff der ersten, ist die Natur der Homerischen Venus gleich, welche von den Grazien gebadet, gekämmt, aufgeflochten, mit Ambrosia gesalbt, und auf eine Art angekleidet wird, wodurch ihre eigenthümliche Schönheit einen neuen Glanz erhält. Nach dem Begriff der andern, ist die Kunst eine Alcina , die einen ungestalten, kahlen, triefäugigen, zahnlosen Unhold zu jener vollkommenen Schönheit umschafft, welche Ariost in sechs unverbesserlichen Stanzen – zwar nicht so gut gemahlt hat, als es Tizian mit Farben hätte thun können, aber doch so gut beschrieben hat, als – man beschreiben kann. Orlando Furioso , VII. 6-12 Die ersten scheinen der Kunst zu wenig einzuräumen, die andern zu viel ; beide aber sich zu irren, wenn sie von Natur und Kunst als wesentlich verschiedenen und ganz ungleichartigen Dingen reden: da doch bei näherer Untersuchung der Sache, sich zu ergeben scheint, »daß dasjenige, was wir Kunst nennen, »Es sey nun, daß sie die zerstreuten Schätze und Schönheiten der Natur in einen engern Raum , oder unter einen besondern Augenpunkt , zu irgend einem besondern Zweck zusammen ordnet, – »Oder, daß sie den rohen Stoff der Natur ausarbeitet , und was diese gleichsam ohne Form gelassen hat, bildet , – »Oder daß sie die Anlagen der Natur anbaut , den Keim ihrer verborgenen Kräfte und Tugenden entwickelt , und dasjenige schleift, poliert, zeitiget oder vollendet, was die Natur roh, wild, unreif und mangelhaft hervor gebracht hat« – daß, sage ich, die Kunst in allen diesen Fällen im Grunde nichts anders ist, als die Natur selbst ; in so ferne sie den Menschen – entweder durch die Noth , oder den Reitz des Vergnügens , oder die Liebe zum Schönen – veranlaßt und antreibt, »entweder ihre Werke nach seinen besondern Absichten umzuschaffen, oder sie durch Versetzung in einen andern Boden, durch besondere Wartung und befördernde Mittel, zu einer Vollkommenheit zu bringen, wovon zwar die Anlage in ihnen schlummert, die Entwicklung aber dem Witz und Fleiß des Menschen überlassen ist.« Fragen wir: Wer giebt uns die Fähigkeit zur Kunst? Wer befördert die Entwicklung dieser Fähigkeit? Wer giebt uns den Stoff zur Kunst? Wer die Modelle ? Wer die Regeln ? – so können kühnlich alle Filosofen, Misosofen und Morosofen, welche jemahls über Natur und Kunst vernunftet Auch dieses ungewohnten Ohren possierlich genug klingende Wort, wiewohl von zwey verdienstvollen Männern der eine es erfunden , und der andere empfohlen hat, ist vielleicht nur bey solchen Gelegenheiten wie hier brauchbar, und dürfte wohl schwerlich die Stelle des fremden aber bisher unentbehrlichen Wortes räsonieren im ernsthaften Styl schicklich einnehmen können. oder vernünftelt haben, auffordern, uns jemand andern zu nennen, als die Natur , – welche durch den Menschen , als ihr vollkommenstes Werkzeug , dasjenige, was sie gleichsam nur flüchtig entworfen und angefangen hatte, unter einem andern Nahmen zur Vollkommenheit bringt . Die natürlichen Dinge in dieser sublunarischen Welt – denn auf diese schränken wir uns ein, weil sie unter allen möglichen Welten am Ende doch die einzige ist, von der wir mit Hülfe unsrer sieben Sinne (das Selbstbewußtseyn und den Gemeinsinn mit eingerechnet) eine erträgliche Kenntniß haben – theilen sich von selbst in organisierte und nicht organisierte , und die ersten wieder in Solche, welche zwar eine bestimmte Form aber kein Leben haben, Solche, welche zwar leben , aber nicht empfinden , Solche, welche zwar empfinden , aber nicht denken und mit Willkühr handeln, und endlich in Solche, die zugleich empfinden, denken und mit Willkühr handeln können; – eine Klasse, welche sehr weitläufig ist, wenn wir dem Plotinus und dem Grafen von Gabalis glauben, von der wir aber gleichwohl, die reine Wahrheit zu gestehen, keine andre Gattung kennen, (wenigstens so gut kennen, daß wir ohne lächerlich zu seyn darüber filosofieren dürften) als diejenige, wozu wir selbst zu gehören die Ehre haben – den Menschen , der durch die Vernunft , wodurch er über alle übrige bekannte Klassen unendlich erhoben ist, dazu bestimmt scheint, »die vorbesagte sublunarische Welt nach seinem besten Vermögen zu verwalten ,« und für seine Bemühung berechtigt ist, »sie so gut zu benutzen , als er immer weiß und kann.« 17. Vergleichen wir die verschiedenen Klassen der natürlichen Dinge unter einander, so zeigt sich, – daß untern allen der Mensch am wenigsten das geboren wird was er seyn kann ; daß die Natur für seine Erhaltung dem Ansehen nach, am wenigsten gesorgt hat; daß sie ihn übel bekleidet, unverwahrt gegen Frost, Hitze und schlimmes Wetter, und unfähig ohne langwierigen fremden Beystand sich selbst fortzubringen, auf die Welt ausstößt; – daß der Instinkt, der angeborne Lehrmeister der Thiere, bey ihm allein schwach, ungewiß und unzulänglich ist: – und warum alles das, als »weil sie ihn durch die Vernunft , die er vor jenem voraus hat, fähig gemacht, diesen Abgang zu ersetzen?« Der Mensch, so wie der der plastischen Hand der Natur entschlüpft, ist beynahe nichts als Fähigkeit . Er muß sich selbst entwickeln, sich selbst ausbilden, sich selbst diese letzte Feile geben, welche Glanz und Grazie über ihn ausgießt, – kurz, der Mensch muß gewisser Maßen sein eigener zweyter Schöpfer seyn. Oder vielmehr – Wenn es die Natur ist, die im Feuer leuchtet, im Krystall sechseckig anschießt, im Wurme sich einspinnt, in der Biene Wachs und Honig in geometrisch gebaute Zellen sammelt, im Biber mit anscheinender Vorsicht des Zukünftigen Wohnungen von etlichen Stockwerken an Seen und Flüssen baut, und in diesen sowohl als vielen andern Thierarten mit einer so zweckmäßigen und abgezirkelten Geschicklichkeit wirkt, daß sie den Instinkt zu Kunst in ihnen zu erhöhen scheint: warum sollte es nicht auch die Natur seyn, welche im Menschen , nach bestimmten und gleichförmigen Gesetzen, diese Entwicklung und Ausbildung seiner Fähigkeiten veranstaltet? – Dergestalt, daß, so bald er unterläßt, in allem, was er unternimmt, auf ihren Fingerzeig zu merken; so bald er, aus unbehutsamem Vertrauen auf seine Vernunft, sich von dem Plan entfernt den sie ihm vorgezeichnet hat, – von diesem Augenblick an Irrthum und Verderbniß die Strafe ist, welche unmittelbar auf eine solche Abweichung folget. Und hat nicht die Natur, eben so wie sie uns die Vollendung unser selbst anvertraut hat, auch über die andern Dinge dieser Welt uns eine solche Gewalt gegeben, daß ein großer Theil derselben als bloße Materialien anzusehen ist, welche der Mensch nach seinem Gefallen umgestaltet, aus denen er so viele Welten nach verjüngtem Maßstab, oder Welten nach seiner eignen Fantasie erschaffen kann als er will? Wohl verstanden, daß er in allen Betrachtungen besser thäte gar nichts zu thun, als nach Regeln und Absichten zu arbeiten, welche mit denjenigen nicht zusammenstimmen, nach welchen das allgemeine System der Dinge selbst, mit oft unterbrochner, aber immer durch die innerliche Güte seiner Einrichtung von selbst wieder hergestellter Ordnung, von seinem unerforschlichen Urheber regiert wird. Alles dies vorausgesetzt, werden wir uns keinen unrichtigen Begriff von der Kunst machen, wenn wir sie uns als »den Gebrauch vorstellen, welchen die Natur von den Fähigkeiten des Menschen macht, theils um ihn selbst – das schönste und beste ihrer Werke – auszubilden, theils den übrigen ihm untergeordneten Dingen diejenige Form und Zusammensetzung zu geben, wodurch sie am geschicktesten werden, den Nutzen und das Vergnügen des Menschen zu befördern.« – Die Natur selbst ist es, welche durch die Kunst ihr Geschäft in uns fortsetzt : es wäre denn, daß wir ihr unbesonnener Weise entgegenarbeiten , und, indem wir sie nach willkührlichen oder mißverstandenen Gesetzen verbessern wollen, aus demjenigen, was nach dem ersten Entwurf der Natur ganz hübsche Figuren hätten werden sollen, – Ostadische Bürlesken , oder Zerrbilder in Kallots Geschmack heraus künsteln; welches, wie wir vielleicht in der Folge finden werden, zuweilen der Fall der angeblichen Verbesserer der menschlichen Natur gewesen zu seyn scheint. Der gewöhnliche Gang der Natur in dieser Auswicklung und Verschönerung des Menschen ist langsam – und sie scheint sich darin mehr nach den Umständen als nach einem einförmigen Plan zu richten. In der That haben diejenigen ihren Geschmack nicht der Natur abgelernt, in deren Augen die Mannigfaltigkeit in der fysischen und sittlichen Gestalt der Erdbewohner eine Unvollkommenheit ist. Das menschliche Geschlecht gleicht in gewisser Betrachtung einem Orangenbaum, welcher Knospen, Blüthen und Früchte, und von diesen letztern grüne, halb zeitige und goldfarbne, mit zwanzig verschiedenen Mittelgraden, zu gleicher Zeit sehen läßt. Es scheint widersinnig, zu fordern daß die Knospe ein Apfel werden soll, ohne durch alle dazwischen liegende Verwandlungen zu gehen: aber gar darüber ungehalten zu seyn, daß die Knospen nicht schon der Apfel ist, – in der That, man muß sehr wunderlich seyn, um der Natur solche Dinge zuzumuthen. Was die Kunst , oder, mit andern Worten, was die vereinigten Kräfte von Erfahrung, Witz, Unterricht, Beyspiel, Überredung und Zwang, an dem Menschen zu seinem Vortheil ändern können, sind entweder Ergänzungen der mangelhaften Seiten oder Verschönerungen ; welche letzteren, wenn sie ihren Nahmen mit Recht führen sollen, sehr wesentlich von bloßen Zierathen verschieden sind. Jene setzen voraus, daß der Mensch seine Bedürfnisse fühle , und stehen mit der Beschaffenheit und Anzahl derselben in Verhältniß: diese sind die Früchte einer durch die Einbildungskraft erhöheten und verfeinerten Sinnlichkeit, und findet nicht eher Statt, bis wir durch die Vergleichung mannigfaltiger Schönheiten in der nehmlichen Art uns von Stufe zu Stufe zu dem Ideal dieser Art erhoben haben. Fordern, daß die Liebe des jungen Koxkox und der schönen Kikequetzel so fein und romantisch wie die Liebe zwischen Theagenes und Chariklea hätte seyn sollen, hieße ihnen übel nehmen, daß sie das einzige Menschenpaar im ganzen Mexiko waren; und es wäre eben so weise, wenn man die arme Kikequetzel tadeln wollte, daß sie nicht so zart-fühlend und gesittet und geistreich, wie die idealische Peruvianerin der Madame Graffigny , als wenn man die abgeschmackt fände, weil sie nicht à la Rhinoceros oder à la Comete aufgesetzt war. 18. Nach dieser kleinen Abschweifung über Natur und Kunst , die uns nicht weit von unserm Wege abgeführt hat, kehren wir zu unserer Geschichte zurück. Koxkox und Kikequetzel, die (im Vorbeygehen zu sagen) von den alten Mexikanern für ihre Stammältern gehalten wurden, waren nun ein Paar, oder, richtiger zu reden, machten nun ein Ganzes aus, welches aus zwey Hälften bestand, die, von dem Augenblick an da sie sich gefunden hatten, sich so wohl bey einander befanden, daß nichts als eine überlegene Gewalt fähig gewesen wäre sie wieder von einander zu reißen. Sie hatten einander nie zuvor gesehen; Koxkox wußte so wenig was ein Mädchen als Kikequetzel was ein Knabe war; Sie stammten aus zwey ganz verschiedenen Völkerschaften ab, welche keine Gemeinschaft mit einander gehabt hatten; Sogar ihre Sprache war so verschieden, daß sie einander kein Wort verstehen konnten. Offenbar trugen also diese Umstände nichts dazu bey, daß sie einander auf den ersten Blick so lieb wurden. Die Natur that Alles. Man kann die Art, wie sie einander ihre Gefühle ausdrückten, nicht wohl eine Sprache nennen, aber sie war beiden so angenehm, daß sie nicht aufhören konnten bis sie mußten. – Auch dieß war Natur, sagt Tlantlaquakapatli . Ein süßer Schlaf überraschte den ehrlichen Koxkox in den Armen der zärtlichen Kikequetzel . Sie schliefen bis der Morgengesang der Vögel sie weckte. Und da gingen die Liebkosungen von neuem an, bis sie es müde wurden. Pure Natur! ruft Tlantlaquakapatli aus. Nun sahen sie einander mit so vergnügten Augen an, waren einander so herzlich gewogen, drückten jedes sein Gesicht mit so vieler Empfindung wechselsweise an des andern Brust, daß sogar ein Teufel, der ihnen zugesehen hätte, sich nicht hätte erwehren können Vergnügen darüber zu haben, – sagt Tlantlaquakapatli . Sie fingen beide an zu hungern. Aber Koxkox war noch immer nicht recht bey sich selbst; er tanzte um das Mädchen herum, sang und jauchzte, machte Burzelbäume, und that zwanzig andre Dinge vor Freude, die nicht klüger waren, als was Ritter Don Quischott auf dem schwarzen Gebirge der Traurigkeit that. Das Mädchen fühlte kaum daß sie hungerte, als sie dachte es werde dem guten Koxkox auch so seyn. Sie hüpfte davon, suchte Früchte, pflückte Blumen, flog wieder zurück, steckte die Blumen in des Jünglings lockiges Haar, suchte die schönsten Früchte aus, und reichte sie ihm mit einem so lieblichen Lächeln und mit so reitzendem Anstand hin, – wie – Hebe ihrem Herkules die Schale voll Nektar reicht – würde mein Filosof gesagt haben, wenn er ein Dichter und ein Grieche gewesen wäre. Allein da er ein Mexikaner und kein Dichter war, sagte er die Sache ohne Bild, gerade zu; aber mit einer Stärke und Proprietät des Ausdrucks, die ich nicht in unsre Sprache überzutragen vermag, – wiewohl ich gestehe, daß die Schuld eben so leicht an mir als an unsrer Sprache liegen kann. Meine schönen Leserinnen werden empfunden haben, was für ein Kompliment ihnen Tlantlaquakapatli durch den angeführten Umstand macht. – Doch, ich denke nicht daß es ein Kompliment seyn sollte; es ist wirklich bloße Wahrheit, und einer von den Zügen, welche beweisen, wie gut er die Natur gekannt hat. Koxkox besann sich nun, daß er eine Grotte hatte, um welche ein kleiner Wald von fruchtbaren Bäumen und Gewächsen einen halben Mond zog. Er führte seine Geliebte dahin. Wie reitzend däuchte ihm jetzt dieser Ort, da er ihn an ihrem Arm betrat! Er fühlte sich kaum vor Freude. Alle Augenblicke überhäufte er sie mit neuen Liebesbezeigungen. Und so schlüpfte den Glücklichen ein Tag nach dem andern vorbey. Diese Blüthe von Glückseligkeit dauerte – so lange sie konnte, sagt unser Autor. Es war, nachdem sie etliche Wochen beysammen gewesen waren, unmöglich, daß ihnen noch eben so hätte zu Muthe seyn sollen, wie damahls, da sie sich zum ersten Mahl sahen. Die Freude des Jünglings wurde gelaßner; er konnte sich wieder mit etwas anderm als seinem Mädchen beschäftigen; er schwatzte sogar wieder mit seinem Papagayen; ja, unser Autor sagt, daß es Tage gegeben, wo er vonnöthen gehabt habe, durch die sanften Liebkosungen seiner jungen Freundin aus dieser Schläfrigkeit erweckt zu werden, in welche unsre Seele zu fallen pflegt, wenn wir nicht wissen, was wir mit uns selbst anfangen sollen. Alles dieß ist in der Natur, sagt Tlantlaquakapatli . Sie liebten sich darum nicht weniger herzlich, weil diese Trunkenheit der ersten Liebe und des ersten Genusses aufgehört hatte. Ihre Liebe zog sich nach und nach aus den Sinnen in das Herz zurück. Das bloße Vergnügen bey einander zu seyn, sich anzusehen, oder Hand in Hand durch Haine und Gefilde zu irren, war ihnen für ganze Tage genug. Unvermerkt konnten sie auch kleine Entfernungen ertragen; die Freude, wenn sie sich wieder fanden, hielten sie schadlos: sie hatte etwas von dem Entzücken des Augenblicks, da sie sich zum ersten Mahl fanden; ihre Umarmungen waren desto feuriger, je länger die Abwesenheit gedauert hatte. Aber daß sie sich aus diesen Erfahrungen die allgemeinen Regeln hätten abziehen sollen, welche St. Evremond und Ninon L'Enclos den Liebenden geben, das war ihre Sache noch nicht. Die Natur , der Instinkt , das Herz that alles bey ihnen; die Vernunft beynahe nichts. Aus dieser Sympathie ihrer Sinne und Herzen, aus der unvergeßlichen Erinnerung, wie glücklich sie einander gemacht hatten, aus dem Vergnügen, welches sie noch immer eines am andern fanden, aus der Gewohnheit mit einander zu leben und sich wechselsweise Hülfe zu leisten – bildete sich (sagt unser Filosof) diese Identifikazion , welche macht, daß wir den geliebten Gegenstand als einen wesentlichen Theil von uns selbst eben so herzlich, aber auch eben so ruhig und mechanisch lieben als uns selbst , und »daß es uns eben so unmöglich wird, uns ohne diesen geliebten Gegenstand als ohne uns selbst zu denken.« – Ein Zustand, der in gewissem Sinne der höchste Grad der Liebe ist, aber natürlicher Weise auch eine gewisse Unvollkommenheit mit sich führt, deren wahre Quelle gemeiniglich mißkannt wird; – nehmlich »daß es in diesem Zustande eben so leicht wird über einem neuen Gegenstand den alten zu vergessen, als wir bey jedem lebhaftern Eindruck äußerlicher Objekte uns selbst zu vergessen pflegen, so lieb wir uns auch haben.« 19. Wir übergehen verschiedene kleine Umstände aus dem einsamen Leben dieses ersten Mexikanischen Paars, über welches sich Tlantlaquakapatli nach seiner Gewohnheit weitläufig ausbreitet – weil er für Mexikaner schrieb; um uns bey Einem zu verweilen, der uns weniger unerheblich scheint. Unser Filosof hat, wie alle Leute die mit ihrem eigenen Kopfe denken, zuweilen sonderbare und etwas seltsame Meinungen. Uns däucht es ist eine davon, wenn er die Frage aufwirft: Ob es für die Menschen nicht besser gewesen wäre, ohne eine künstliche , aus artikulierten Tönen zusammen gesetzte Sprache zu bleiben? Wahr ists, er behauptet den bejahenden Satz nicht schlechterdings; jedoch scheint er sich ziemlich stark auf diese Seite zu neigen, indem er alle seine Wohlredenheit aufbietet, um uns die Glückseligkeit anzupreisen, worin die Stammältern seiner Nazion etliche Jahre mit einander gelebt hätten, ohne sich einer andern als der allgemeinen Sprache der Natur gegen einander zu bedienen. Anfangs schien mir die Thatsache selbst, worauf er sich bezieht, verdächtig zu sein. Allein bey mehrerem Nachdenken glaube ich nicht nur die Möglichkeit, sondern auch die Wahrscheinlichkeit derselben ganz deutlich einzusehen. Sie hatten, däucht mir, keine künstliche Sprache vonnöthen, weder um einander ihre Begriffe , noch ihre Empfindungen mitzutheilen. Ich räsoniere – oder deräsoniere ( vernunfte oder beywegvernunfte Ein von Herrn Campe vorgeschlagenes Wort, dem wir es nicht mißgönnen wollen, wenn es, gegen unser Vermuthen, sein Glück machen sollte. – welches, mag der Leser entscheiden) folgender Gestalt: Wenn wir von unsern ausgebildeten Sprachen alles dasjenige abzögen, was Dinge oder Begriffe bezeichnet, wovon sich Koxkox und Kikequetzel , und jedes andre Paar das sich jemahls in ihren Umständen befunden hat, nichts träumen lassen konnte, – alle Wörter und Redensarten, welche sich auf unsre häusliche und bürgerliche Einrichtung, auf unsere Gesetze, Polizey, Gebräuche und Sitten, auf unsre Künste und Wissenschaften und auf unzählige Bedürfnisse, welche der rohen Natur fremd sind, beziehen: so würde der Überrest eine so arme Sprache ausmachen, als irgend ein wildes Völkchen in der wildesten Insel des Südmeers haben kann. Aber auch diese arme Sprache wäre noch mehr als die ersten Mexikaner schlechterdings vonnöthen hatten. Sie würde schwerlich andre Wörter haben, als für Gegenstände, welche man einander eben so gut zeigen , und für Empfindungen, welche man in der Sprache der Natur eben so gut oder noch besser ausdrücken kann. Eine künstliche Sprache würde ihnen gerade so viel genützt haben, als gemünztes Geld. Was sollten sie mit Zeichen anfangen, ehe sie Begriffe hatten? und wie sollten sie Begriffen von Dingen haben, deren Beziehung auf ihre Erhaltung und Glückseligkeit ihnen noch unbekannt war? Mit so wenigen Bedürfnissen als die ihrigen, und in einer Lage, wo die Natur alles für sie that, konnten sie sich gänzlich den angenehmen Rührungen ihrer Sinne, dem süßen Gefühl ihres Daseyns, und den Ergießungen ihres Herzens überlassen, ohne daß ihnen einfiel ihre Empfindungen zu zergliedern , den Ursachen derselben nachzuforschen , oder sie mit Nahmen belegen zu wollen. Ihre Tage flossen ungezählt und ungemessen in dieser seligen Indolenz dahin, welche der menschlichen Natur so angenehm ist, daß ihr wirklicher Genuß das höchste Gut der Wilden, und der letzte Zweck der unruhigen und mühevollen Bestrebungen des größten Theils aller übrigen Menschen ist, welche, von einer betrüglichen Hoffnung im Lauf erhalten, immer diesem eingebildeten Gute nachjagen, ohne daß die wenigsten von ihnen es jemahls erreichen können. Diejenigen, welche der menschlichen Seele einen immer regen Trieb und angebornen unersättlichen Hunger nach Vorstellungen zuschreiben, haben die Natur vielleicht nicht genug in ihr selbst, oder doch nicht ohne vorgefaßte Meinungen studiert. Wenn es so wäre wie sie sagen, warum fänden wir so wenig Begierde ihre Kenntnisse zu vermehren oder aufzuklären bey den unzähligen Völkern, welche noch unter dem Nahmen der Wilden und Barbaren den größten Theil des Erdbodens bedecken? Warum wäre dieser heftige Wissenstrieb, selbst unter gesitteten Nazionen, nur der Antheil einer kleinen Zahl von Leuten, in denen er nicht anders als durch einen Zusammenfluß besonderer Umstände erregt und unterhalten wird? Mit däucht, diejenigen, die sich dieses angeblichen Grundtriebs wegen auf Wahrnehmungen an Kindern berufen, verwechseln eine Thätigkeit, deren Grund lediglich in der Organisazion des Körpers liegt, mit einer andern, wovon die Quelle in der Seele seyn soll, – und die Begierde nach angenehmen sinnlichen Eindrücken mit dem Verlangen nach Begriffen, welches zwey sehr verschiedene Dinge zu seyn scheinen. Besonders seltene Beispiele, die hiervon eine Ausnahme machen oder zu machen scheinen, vermögen nichts gegen einen Erfahrungssatz, der sich auf unzählige einstimmige Wahrnehmungen gründet. Die Menschen genossen Jahrtausende lang die Früchte der Stauden und Bäume, eh' es einem von ihnen einfiel, Pflanzen zu zergliedern, um zu untersuchen, was die Vegetation sey; und wie viele Veranlassungen, Bemerkungen und Untersuchungen mußten auch vorher gehen, bis es selbst dem spekulativsten Kopf unter ihnen einfallen konnte! Sogar, nachdem unter scharfsinnigern Völkern die Filosofie auf dergleichen Gegenstände ausgedehnt wurde, wie lange behalf man sich nicht mit willkührlichen Begriffen und kindischen Hypothesen! – Und warum das? Vermuthlich weil es bequemer war, schimärische Welten in seinem Kabinette nach selbsterfundenen Gesetzen zu bauen, als mühsame und langwierige Beobachtungen anzustellen, um heraus zu bringen, nach welchen Gesetzen die wirkliche Welt gebauet sey. Das System der Menschheit hat die seinigen, wie jedes andere besondre System in der Natur. Eines dieser Gesetze scheint zu seyn, daß nichts als Bedürfniß oder Leidenschaft den Naturmenschen zwingen kann, aus diesem müßigen Zustande heraus zu gehen, worin er, ohne irgend eine Anstrengung seiner selbst, seine Sinne den äußern Eindrücken und seine Seele dem launischen Vergnügen von einer Fantasie zur andern ohne Ordnung und Absicht herum zu irren, oder beide – dem Schäferglück An Chloens Brust von Nichtsthun auszuruhn, überlassen kann; – es wäre denn, daß durch einen Zusammenfluß besonderer Umstände (wobey jedoch Bedürfniß oder Leidenschaft allezeit das Triebrad bleibt) endlich eine mechanische Gewohnheit , unsern Geist auf eine regel- und zweckmäßige Art zu beschäftigen, in uns hervorgebracht würde; ein Fall, der sich außer der bürgerlichen Gesellschaft nicht leicht ereignen wird. Denn nur in dieser, wo die Erwerbung nützlicher oder angenehmer Kenntnisse und Geschicklichkeiten ein Verdienst ist, welches ordentlicher Weise zu Glück oder Ansehen oder beiden führt, wecken die Leidenschaften den schlummernden Wissenstrieb; – und wie sollten in einem Stande, wo die Natur selbst den wenigen Bedürfnissen noch unentwickelter Menschen zuvor kommt, diese Bedürfnisse ihn erwecken? Von dieser Seite war also, wie mir däucht, kein Grund, warum unsre ersten Mexikaner eine Sprache vonnöthen gehabt haben sollten. 20. Aber vielleicht hatten sie derselben zum Ausdruck ihrer Empfindungen vonnöthen? Ich denke, nein; es wäre denn, daß wir uns den ehrlichen Koxkox wie einen romantischen Seladon zu den Füßen seiner Asträa vorstellen wollten, wie er ihr in einer süßen Sprache quintessenziierte Empfindungen vorschwatzt, bey denen wahrscheinlicher Weise Er nicht mehr denkt als Sie davon versteht ; welches – wofern die Natur sich nicht auf eine oder andere Art ins Spiel einmischte – ungefähr der albernste Zeitvertreib wäre, den man sich im Stande der Natur, oder in irgend einem Stande von der Welt, nur immer einbilden könnte. Die Empfindungen bey unserm ersten Mexikanischen Paare mußten etwas ganz andres seyn, eine ganz andre Wahrheit und Stärke haben, als diejenigen, womit man zu unsern Zeiten, in einem Stande der sich so weit vom natürlichen entfernt hat, so viel Geräusche zu machen pflegt. Solche Empfindungen, wie sie hatten, auszudrücken, ist nur die Sprache der Natur fähig; diese allgemeine Sprache, die von keinem Grammatiker gelehrt, aber von allen Menschen verstanden wird, und in Sachen, wo es allein auf die Mittheilung unsrer Empfindungen und Begierden ankommt, weniger der Mißdeutung unterworfen ist, als die vollkommenste Wörtersprache der Welt. Diejenigen, welche diese allgemeine Sprache – diesen beynahe unmittelbaren Ausdruck der Gemüthsbewegungen in den Augen, in den Gesichtszügen und Geberden – entweder in der Natur selbst oder in den Meisterstücken der Pantomimik Die großen pantomimischen Tragödien des berühmten Noverre fielen gerade in die Zeit, da dieses geschrieben wurde. studiert haben, wissen, in welcher bewundernswürdigen Vollkommenheit das Angesicht und überhaupt der ganze Körper des Menschen zu dieser Absicht organisiert ist. Wie viel kann eine leichte Bewegung der Hand, eine kleine Falte des Gesichts, ein Blick, eine Stellung des Kopfes sagen! Mit welcher Deutlichkeit, mit welcher Stärke, mit welcher Feinheit und Geschmeidigkeit werden dadurch auch die subtilsten Züge der Empfindungen, ihre verlorensten Abschattungen, ihre leisesten Übergänge und geheimsten Verwandtschaften sichtbar! Durch sie, und durch sie allein, können Seelen sich, wie unmittelbar, mit Seelen besprechen, einander berühren, durchdringen, begeistern, und mit stürmischer Gewalt dahin reißen. Durch sie bringt der Redner oft in einem Augenblicke Wirkungen hervor, welche die vereinigte Macht der Dialektik und Beredsamkeit mit den ausgesuchtesten Worten nicht zuwege gebracht hätte; und mit ihrem Beystande hat der theatralische Dichter (wie Diderot durch Gründe und Beispiele gezeigt hat) in mancher Scene kaum noch einzelner Töne und Sylben vonnöthen, um bey den Zuschauern die gewaltigsten Erschütterungen hervorzubringen. Kurz, diese Sprache der Natur ist die wahre Sprache des Herzens ; und demnach sehe ich nicht, warum unsre jungen Mexikaner, im Anfang ihrer Bekanntschaft wenigstens, eine andre nöthig gehabt haben sollten, um einander Empfindungen mitzutheilen, an welchen Kunst und Verfeinerung so wenig Antheil hatten. Mit einem ganzen Volke hat es freylich eine andere Bewandtnis. Denn, ungeachtet aller Ungemächlichkeiten, Zweydeutigkeiten, Mißverständnisse, Irrthümer, Wortkriege, u. s. w. welche mit einer aus willkührlichen Zeichen bestehenden Sprache unvermeidlich verbunden sind, und es desto mehr sind, je reicher, geschmeidiger und verfeinerter sie ist, – scheint doch nichts gewisser zu seyn, als daß ein ganzes Volk von natürlichen Pantomimen alle diese Ungelegenheiten in einem viel höheren Grade erfahren, und gar bald gezwungen seyn würde, auf ein bequemeres Mittel einer gegenseitigen Gemeinschaft zu verfallen. Auch bey der einfältigsten Lebensart lassen sich hundert Fälle denken, wo es nicht darauf ankommt mit dem Herzen des andern zu reden, sondern mit seinem Kopfe , und wo dasjenige, was man ihm zu sagen hat, durch Geberden entweder gar nicht, oder nur auf eine zweydeutige und mühsame Art zu verstehen gegeben werden kann. Ich halte es daher für sehr wahrscheinlich, daß Koxkox selbst, nachdem die Trunkenheit der ersten Liebe vorbey war, sich die Mühe gegeben haben werde, seine Freundin in seiner Muttersprache zu unterrichten; und daß diese Sprache, durch die vereinigten Bemühungen des Jünglings, des Mädchens und des Papagayen, nach und nach immer reicher und vollkommener geworden sey. Die große Schwierigkeit bey Erfindung einer Sprache, wie bey allen Künsten, war nicht, sie zu einem gewissen Grade von Vollkommenheit zu bringen, sondern den ersten Grund zu legen. Eben so war der große Punkt bey Erfindung der Mahlerey, einen Menschen auf den Einfall zu bringen, eine Kohle zu ergreifen und den Umriß eines menschlichen Schattens an eine Wand hinzureißen. Aber die Natur sorgte gemeiniglich selbst für diese ersten Einfälle, welche den Künsten den Ursprung gaben. Der erste Zeichner war ein Liebhaber, oder, wie Plinius zur Ehre des schönen Geschlechts versichert, eine Liebhaberin. Ich zweifle daher gar nicht, daß Koxkox und Kikequetzel , wenn sie nicht bereits eine Art von Sprache durch ihre Erziehung gelehrt worden wären, sich selbst eine erfunden haben würden. Das natürliche Verhältniß zwischen gewissen Tönen und gewissen Empfindungen konnte ihnen nicht lange unbemerkt bleiben; und dieses hätte sie eben so natürlich auf den Gedanken gebracht, daß Töne geschickt seyen Zeichen abzugeben. Nach und nach hätten sie bemerkt, daß sie fähig seyen, eine Menge mannigfaltiger Töne hervorzubringen. Sie hätten sich angewöhnt, die geläufigsten dieser Töne zu Bezeichnung derjenigen Dinge, womit sie am meisten zu thun hätten, zu gebrauchen. Dieser erste Grundstoff zu einer abgeredeten Sprache würde nach und nach mit den unentbehrlichsten Zeichen ihrer Bedürfnisse, Handlungen und Leidenschaften vermehrt worden seyn. Die natürlichen Gegenstände des Gehörs, das Murmeln eines Bachs, das Säuseln oder Brausen des Windes, das Gebrüll des Löwen oder Stiers, der rollende Donner, würden durch Worte ausgedrückt worden seyn, die den Schall, welchen sie bezeichnen sollten, nachgeahmt hätten. Ähnliche Töne würden vielleicht gebraucht worden seyn, ähnliche Beschaffenheiten an den Gegenständen andrer Sinne zu benennen. So wären sie nach und nach, ohne es selbst zu wissen, die Erfinder einer Sprache geworden – und so ist es vermuthlich mit dem Ursprung einer jeden Sprache hergegangen, deren Erfinder keinen andern Lehrmeister gehabt haben als die Natur. 21. Die Liebe (sagt der weise Tlantlaquakapatli ) ist unstreitig der beste und wohlthätigste unter allen unsern Trieben, so wie er der süßeste ist; – er redet von der Liebe in der weitläufigsten Bedeutung dieses Wortes. Sie ist die wahre Seele des Menschen, welche alle seine Empfindungen entwickelt, alle seine Fähigkeiten in Bewegung setzt. Ohne die Liebe des Schönen, ohne die sympathetischen Neigungen, ohne die Liebe des Vergnügens überhaupt, würde der natürliche Mensch nichts zu thun haben als zu essen, zu schlafen, und sein Geschlecht zu vermehren, wie jedes andre Tier; er würde der König der Affen seyn, – und selbst dieser Vorzug würde ihn von den stärkern und muthigern Pongo's streitig gemacht werden. Nicht bloß die Noth , auch die Liebe ist die Mutter der Künste . Der Mensch, der die unentbehrlichsten Bedürfnisse des Lebens, Speise und Trank, eine Höhle und eine Gesellin hat, wird darauf bedacht seyn, wie er diese Güter auf die bequemste und angenehmste Weise genießen möge. Die Natur selbst fordert ihn gleichsam dazu auf, und bietet ihm die Mittel dazu entgegen. Mexiko ist eines von den Ländern, über welche die Natur ihr ganzes Füllhorn ausgegossen, und seinen Bewohnern wenig mehr übrig gelassen zu haben scheint, als ihre Gaben zu genießen. Die Witterung ist so gemäßigt, daß Kleider in diesem Lande nicht unter die unentbehrlichen Dinge gehören. Eine unzählige Mannigfaltigkeit von angenehmen und nahrhaften Früchten, welche zu allen Jahreszeiten freywillig hervorkommen, ersparte, oder erleichterte wenigstens, den ersten Einwohnern die Sorge für ihre Erhaltung so sehr, daß selbst in den folgenden Zeiten, da sich ihre Nachkommen unendlich vermehrt hatten, nur die leichteste Anbauung nöthig war, um eine gedoppelte, öfters dreyfache Ernte zu erhalten. Bey allen diesen besondern Vortheilen wiesen doch zufällige Umstände und Bedürfnisse, oder wenigstens die Begierde gemächlicher und angenehmer zu leben, den ersten Bewohnern ihre Geschäfte an. Sie bauten sich Hütten; sie pflanzten Obst- und Gemüsegärten; ein Zufall entdeckte ihnen den Gebrauch der Baumwolle, und die Kunst sie zu spinnen und zu Decken und Gewändern zu verarbeiten. Tlantlaquakapatli schreibt die erste Erfindung dieser und aller andern Künste der Mexikaner dem sinnreichen Koxkox und der zärtlichen Kikequetzel zu. Wenn wir ihm glauben, so erfand jener auch die Flöte, und diese die Kunst aus den bunten Federn des Kolibri nicht des Sensütl Kleidungsstücke und andere feine Arbeiten zu verfertigen; eine Kunst, welche von ihren Nachkommen auf einen so hohen Grad von Vollkommenheit getrieben wurde, daß Akosta und andere Geschichtschreiber uns Wunderdinge davon erzählen. Die Begierde ihre natürlichen Reitzungen durch einen künstlichen Putz zu erheben, ist (nach der Meinung unsers Filosofen) bey den Schönen ein Naturtrieb, dessen Wirkung sich auch unter den wildesten Völkerschaften äußert. Blumen, schöne Federn, schimmernde Steine, scheinen ihnen zu keinem andern Endzweck da zu seyn. Eine Schöne, sagt er, putzt sich unstreitig desto lieber und desto sorgfältiger, wenn sie einem Manne dadurch zu gefallen hoffen kann; aber auch wenn sie keine andere Gesellschaft hätte, als ihr eigenes Bild in einem klaren Brunnen, würde sie sich – für ihre eignen Augen putzen. Auch vom Gesang und vom Tanze war die schöne Kikequetzel die Erfinderin. Jenen lernte sie dem Vogel Sensütl ab, dem die Mexikaner seines lebhaften und tonreichen Gesangs wegen einen Nahmen gegeben haben, der fünf hundert Stimmen bedeutet: diesen wurde sie – wenn Koxkox an einem schönen Abend die Lieder dieses musikalischen Vogels auf seiner Flöte nachahmte, oder ihre eignen begleitete – von der Natur selbst gelehrt. Welch ein glückliches Paar! ruft Tlantlaquakapatli aus, bey einem Leben, das ein Gewebe von Unschuld, Liebe und Vergnügen war! Wie glücklich, wenn ich sie mir unter dem süß duftenden Schatten selbst-gepflanzter Lauben, von ihren leichten Geschäften ausruhend, denke – ihn sein braunes Gesicht an ihren Busen gelehnt, beide mit älterlicher Wollust den fröhlichen Spielen ihrer Kinder zusehend, die in den anmuthigsten Gruppen ein mannigfaltiges Bild der schönen Natur und der süßesten Unschuld darstellen! – Ich gesteh' es, setzt er hinzu, daß ich die Gemählde, die mir meine Fantasie von diesen glücklichen Menschen macht, bis zur Schwachheit liebe: und wenn ich mich diesem reitzenden Traum eine Weile überlassen habe, und dann meine Augen aufhebe und die Urbilder dazu unter den Menschen um mich her suche, und – nicht finde; so kann ich mich nicht erwehren, in meinem ersten Unmuth auf unsere Verfassung, Gesetze und Polizey, und (wenn ich der Sache länger nachgedacht habe) auf die Natur selbst ungehalten zu werden, welche uns so gemacht hat, daß ein so beneidenswürdiger Zustand nur in einer einzelnen kleinen Familie möglich war. 22. »Auf die Natur selbst ungehalten zu werden?« – Dazu möchte Tlantlaquakapatli wohl eben so wenig Recht haben als Plinius , den es verdroß, daß wir keinen Pelz, oder nicht wenigstens ein hübsches warmes Schwanenfell mit auf die Welt bringen. »Und warum sollte Unschuld der Sitten, Friede, Eintracht, Genügsamkeit, und alles was das wahre Glück des Lebens ausmacht, nicht das Antheil eines ganzen Volkes seyn können?« Ich rede nicht von Utopia , oder einer neuen Atlantis , oder dem Lande der Severamben , oder demjenigen, wonach uns der Dichter der Basiliade gelüstig machen wollte. Es giebt wirklich ein Volk in der Welt, welches schon Jahrhunderte in einem so glücklichen Zustande lebt, und, wenn sich kein mißgünstiger Dämon in seine Sachen mischt, noch Jahrhunderte eben so glücklich bleiben kann; – ein beneidenswürdiges und unbeneidetes Volk, welches die holden Träume der Dichter von goldnen Zeiten und unschuldigen Arkadiern realisiert – und von dem wir unsern Lesern künftig mehr zu sagen gedenken. Aber, ein einzelnes Beyspiel vermag nichts über unsern Filosofen, – zumahl wenn er einen Anstoß von Milzbeschwerung hat. Ich kann mir freylich einen Zusammenhang von günstigen Umständen denken, sagt er, unter welchen Koxkox und Kikequetzel mit ihren Nachkommen vielleicht bis ins zehnte Glied unschuldig und glücklich hätten bleiben können; und wer wird mir läugnen, daß ein solcher Zusammenhang, unter einer Million andrer Verknüpfungen, in einer Million von Jahren, einmahl wirklich werden kann? – Aber was hilft uns das, (fährt er fort) so lang' es nur einen einzigen Umstand braucht, um eine Unschuld zu zerstören, die ihre ganze Stärke von Unwissenheit und Gewohnheit erhält? Koxkox und Kikequetzel waren ein Paar sehr unschuldige gute Leute, so lange sie allein waren. Sie liebten einander; wie hätten sie anders können? Sie thaten einander gutes – weil sie sich liebten; und was hätten sie davon gehabt einander zu plagen? Ich wollte nicht dafür stehen, daß es nicht zuweilen kleine Zwistigkeiten unter ihnen gegeben hätte: aber diese machten nur den Schatten im Gemählde ihrer Glückseligkeit; und das Vergnügen der Aussöhnung war desto lebhafter. Sie liebten ihre Kinder, – dann da konnte noch keine unbillige Theilung der älterlichen Zuneigung, keine ehrgeitzige oder eigennützige Begünstigung des einen auf Unkosten der übrigen, keine Eifersucht einer eiteln Mutter über die wachsenden Reitzungen einer Tochter, in denen sie erblickt was sie nicht mehr ist, Statt finden. – Sie liebten ihre Kinder, und diese Kinder waren unschuldig, so lange sie – Kinder waren. – Aber was half ihnen alles das? Ein einziger Umstand – Doch, wir wollen die Sache, so weit es möglich seyn wird, mit Tlantlaquakapatli's eignen Worten erzählen. 23. Neun oder zehen Jahre ungefähr hatte die Glückseligkeit der ersten Ältern von Mexiko gedauert, als Kikequetzel einsmahls, mit ihrem kleinsten Kinde an der Brust, sich etwas weiter als gewöhnlich von ihrer Wohnung entfernte. Es war in der wärmsten Jahreszeit. Ermüdet warf sie sich an den Rand eines kleinen Baches, legte das schlafende Kind auf Moos und weiche Blätter, und ging hin Früchte von nahe stehenden Stauden zu pflücken. Indem sie an nichts weniger dachte, kam ein Mann aus dem Gebüsche hervor. – Ihr erster Gedanke war, daß Koxkox sie habe überraschen wollen. Sie lief ihm mit offnen Armen entgegen; aber da sie ihm beynahe in die seinigen gelaufen wäre, wurde sie mit Schrecken gewahr, daß es nicht Koxkox war. Ein spitzfindiger Leser wird es vielleicht unwahrscheinlich finden, daß Kikequetzel , welche so gute Augen hatte zu sehen daß es ein Mann war, nicht zugleich gesehen haben sollte, daß es nicht Koxkox war. Wir antworten ihm aber: Erstens , daß wir uns auf die größten Optiker unsrer Zeit berufen, ob eine Unmöglichkeit in dem Falle, wie wir ihn erzählt haben, zu erweisen sey; Zweytens hatte sich die gute Frau keine Zeit genommen ihn genau zu betrachten; sie erblickte von fern eine menschliche Gestalt; daß es ihr Mann sey, sagte ihr in dem nehmlichen Augenblicke ihr Herz ; und so lief sie auf ihn zu, ohne eine andere Gewißheit davon zu haben; welches ihr desto billiger zu vergeben ist, da sie Drittens keinen Gedanken hatte, daß außer ihr und Koxkoxen noch ein anderes menschliches Wesen der Überschwemmung entronnen sey. Hierin hatte sie sich geirrt, wie wir sehen. Denn dieser Mann war einer von den wenigen Entronnenen, und, was noch seltsamer war, von ihrem eigenen Volke, wie sich in der Folge zeigen wird. Dem Ansehen nach mocht' er wenig unter vierzig Jahren seyn. Es war ein starker mächtiger Mann, welcher die Miene hatte, sich vor keinem von den zwölf oder dreyzehn Abenteuern des Herkules zu fürchten; und, wie Herkules, war er nur mit einer Löwenhaut bekleidet. Er war in allen Betrachtungen ein fürchterlicher, wiewohl eben kein häßlicher Mann . Wenige Leute in der Welt – einsame Talapoinen ausgenommen, welche, nach einer zwanzigjährigen pünktlichen Beobachtung ihrer Gelübde, im vierzigsten Jahr ihres Alters ein solcher Zufall in einer Einöde begegnete – können sich, auf dem gehörigen Grade von Wahrheit, einbilden, was für eine heftige Erschütterung bey Erblickung der schönen Kikequetzel in dem ganzen animalischen System dieses Mannes erfolgte. Der Hunger, mit welchem ein gesunder Mensch, der drey Tage lang wider seinen Willen gefastet hätte, auf einen wohl oder übel zugerichteten Rindsbraten zufiele, ist – ein unedles Bild, wir gestehen es; es ist auch nichts weniger als neu: aber es ist doch das einzige, welches einiger Maßen die Natur und die Heftigkeit der Begierde ausdrückte, mit welcher er seine nervigen Arme ausstreckte, um die freywillig anlaufende Beute zu erhaschen. Aber, wie gesagt, sie entdeckte noch zu rechter Zeit, daß es nicht Koxkox war. Ungeachtet der Mann nicht häßlich war, und nach Mexikanischer Landesart nicht mehr Bart hatte als Koxkox , das ist, wenig mehr als nichts, so hatte er doch in diesem Augenblicke etwas so Gräßliches in seiner Miene, so funkelnde Augen, einen so starken Ausdruck von heißhungrigem Verlangen in seiner ganzen Person, – daß die gute Frau mit einem lauten Schrey zurück fuhr. So laut schrie sie, daß Koxkox es hätte hören müssen, wenn sie näher als eine Stunde weit von ihm entfernt gewesen wäre. Aber Koxkox lag ruhig in seiner Hütte, ihre Wiederkunft erwartend, bey seinen Kindern, und dachte – an nichts. Als der Mann auf sie zuging, und ich weiß nicht was sagte, worauf sie in der Angst nicht Acht gab, so suchte sie ihre Rettung in der Flucht. Sie lief wie die Virgilische Kamilla: Kaum wurden von ihren geflügelten Sohlen Die Spitzen des Grases im Laufen berührt. Sie würde um eine halbe Stunde früher als der nacheilende Mann in ihrer Hütte angekommen seyn, wenn sie so fortgelaufen wäre. Aber mitten in ihrem Lauf hielt sie inne, blieb etliche Augenblicke stehen, und rannte nun eben so schnell wieder zurück als sie davon geflogen war. Der strengste Kasuist wird ihren Beweggrund nicht mißbilligen können. Sie erinnerte sich plötzlich ihres Kindes, welches sie auf Moos und Baumblättern schlafend am Bache zurückgelassen hatte; und nun wich auch auf einmahl der Furcht, ihr Kind zu verlieren, alle andre Furcht. Tlantlaquakapatli behauptet, daß dieses im Karakter einer Mutter und eines so unschuldigen Geschöpfes sey, als Kikequetzel war. Der Mann machte sich diesen Umstand zu Nutze. Er erhaschte sie in einem Gebüsche. Sie sträubte sich mit der Stärke einer Person, deren ganzer Ernst es ist, los zu kommen; aber sie war keine Minerva; der Mann wurde Meister. Dieser Mann hatte – die schöne Deklamazion des berühmten Grafen von Büffon gegen das Sittliche in der Liebe nicht gelesen; aber er handelte so vollkommen nach dem Grundsatze dieses neuen Plinius , als man es von einem Wilden erwarten kann, der vierzehn Jahre lang die ganze Nord- und Westseite von Mexiko durchirret hatte, um zu suchen, was ihm, nachdem er längst alle Hoffnung aufgegeben, auf einmahl in diesem Gebüsch von selbst in die Hände lief. Unser Autor meint, – vermuthlich aus Parteylichkeit gegen seine Stammmutter – daß es nicht in der Natur gewesen wäre, den Unwillen lange zu behalten, von welchem sie in den ersten Augenblicken ihrer Niederlage gegen den Mann entbrannt war. Es hatte ihm einen guten Theil seiner Haare gekostet; und Kikequetzel war doch sonst das sanftmüthigste und weichherzigste Geschöpf von der Welt. Aber eine solche Begegnung – wir halten uns versichert, daß ihr keine wohl erzogene Dame die Wuth übel nehmen wird, worein sie bey einer solchen Begegnung gerieth! Aber daß sie sich besänftigen ließ! – Wird auch wohl mehr als Eine, oder auch nur eine Einzige seyn, welche Stärke des Geistes und Billigkeit genug hat, sich – mit gänzlichem Vergessen alles dessen, was sie ihrer Erziehung, den Gesetzen und Sitten ihres Vaterlandes, und vielleicht ihrer Religion zu danken hat, an die Stellt dieser armen wilden Mexikanerin zu setzen, und wenigstens sich selbst zu gestehen – –? Das Beste ist, die Damen – (welches Wort ich hier wie allezeit, in einer sehr weiten Bedeutung genommen haben will) – überschlagen das folgende Kapitel gänzlich. Sie würden mich durch diese Gefälligkeit sehr verbinden. Ein einziges Blatt umzuschlagen ist doch keine schwere Sache. – Ich weiß zwar wohl, daß man, nach Hagedorns Meinung, es einem Frauenzimmer nicht verbieten soll, wenn man will daß sie nicht in einem Entenpfuhle herum wate. Aber niemand kann eine edlere Meinung von ihrem liebenswürdigen Geschlechte haben als ich. Sollte ich hierin von der einen oder andern meiner schönen Leserinnen zu schmeichelhaft denken, – sollten einige sich durch meine Warnung verleiten lassen, das folgende Kapitel eben darum zu lesen, weil ichs ihnen verboten habe: nun, so mögen sie sichs selbst zuschreiben, wenn sie lesen – was ihnen nicht gefällt! 24. Der Mann war durch den Anblick der schönen Mexikanerin, in den Umständen, worin er besagter Maßen sich befand, in einen solchen Paroxysmus gesetzt worden, daß er in dieser ganzen Sache bisher bloß mechanisch und animalisch zu Werke gegangen war; worüber ihn Herr von Büffon rechtfertigen mag, wenn es ihm beliebt. Tlantlaquakapatli zuckt die Achseln und fährt in seiner Erzählung also fort: »Durch die ganze Natur pflegt auf einen heftigen Sturm eine Stille zu folgen. » Kikequetzel – voll Unmuth und Galle, daß sie den Mann nicht so sehr hassen konnte als sie gern gewollt hätte – bediente sich des ersten günstigen Augenblicks, sich los zu reißen. »Der Mann fühlte vermuthlich in diesem Augenblicke, trotz dem Büffonischen System, eine sittliche Regung , welche ihm sagte, daß er einem so liebenswürdigen Geschöpfe nicht wie ein Mann , sondern wie ein Bavian begegnet sey. In dem Augenblicke, da sie ihm entfliehen wollte, warf er sich zu ihren Füßen, umfaßte ihre Knie, und bat in einer Sprache, die ihr bekannt war, so dringend und so demüthig um Vergebung, daß es – einen Stein hätte erbarmen mögen. »Sie war entschlossen ihm nicht zu vergeben; aber vor Erstaunen, ihre Muttersprache reden zu hören, blieb sie etliche Augenblicke stehen, und betrachtete den Mann zum ersten Mahl mit Aufmerksamkeit. »So klein dieser Fehler scheint, sagt Tlantlaquakapatli , so war es doch – der einzige, den sie in dieser ganzen Sache machte. Die folgenden machte sie von selbst, ohne daß sie etwas dazu konnte. – Es war ein sehr großer Fehler, meine lieben Landsmänninnen!« Die Figur eines Herkules oder Gladiators ist nicht allen Schönen so gefährlich, als sie es der Gemahlin des Kaisers Markus Antoninus gewesen seyn soll: aber die schöne Faustina (wofern ihr anders durch diese Nachrede kein Unrecht geschieht) war doch gewiß auch nicht die einzige, der sie gefährlich ist; und – wenn eine solche Figur, nach einem solchen Auftritt, in keiner genauern Kleidung als eine Löwenhaut über den Rücken, und mit so ungestümen Begierden als die seinigen waren, zu euern Füßen liegt, – so ist alles was der übertriebenste Schmeichler euers Geschlechts sagen kann, daß in diesem Falle unter fünfen wenigstens Eine Faustine seyn würde. Das Beste, meine werthen Freundinnen, ist, daß es heutiges Tages (wenigstens in den policierten Theilen von Europa) keine Herkulesse , und noch weniger so ungestüme giebt; – oder, wofern es ja unter der rohesten Menschenart einen gäbe, daß es ganz unfehlbar eure eigene Schuld wäre, wenn er sich jemahls in einer solchen Positur zu euern Füßen befände. Aber der guten Mexikanerin Schuld war es nicht, daß sie sich in diesem Falle befand. Das arme unschuldige Ding! Sie machte die Augen werden zu. Aber es war zu spät! 25. Tlantlaquakapatli läßt sich sehr angelegen seyn, seine erste Mutter zu rechtfertigen. Seiner Meinung nach hatte ihr Betragen in dieser ganzen Begebenheit nichts, das nicht sehr natürlich wäre. Er führt eine lange Reihe von Gründen an, wodurch er diese seine Meinung zu unterstützen vermeint. Er behauptet, die gute Dame Kikequetzel sey in diesem Falle, unvorbereitet und unbewaffnet, gerade an der Seite angefallen worden, wo die Natur ihr Geschlecht am wenigsten befestiget habe; und dieses leitet ihn auf eine ziemlich gründliche Betrachtung über » die Unvollkommenheit des Standes der rohen Natur , und über die Nothwendigkeit, das moralische Gefühl zu deutlichen Begriffen und Grundsätzen zu erheben, um den Schwachheiten und Blößen der menschlichen Natur durch die Filosofie zu Hülfe zu kommen, deren höchstes Meisterstück eine weise Gesetzgebung ist.« – Doch wir müssen unsre Erzählung fortsetzen. Kikequetzel hatte gar keinen Begriff davon, daß Koxkox bey ihrer dermahligen Angelegenheit mit dem Manne im geringsten interessiert seyn könne; und sie war weit davon entfernt, einige schlimme Folgen davon vorher zu sehen. So bald es also der Mann dahin gebracht hatte, daß sie ihm den Schrecken vergeben konnte, den er ihr verursacht hatte, so hatte er alles gewonnen. Sie vergab ihm nicht nur, sie endigte gar damit ihn liebenswürdig zu finden. Warum hatte sie Koxkoxen geliebt, als – weil er ein Mann war , und weil er ihrem Herzen und ihren Sinnen angenehme Empfindungen gemacht hatte? Hier war der nehmliche Fall. Der Mann bezeigte ihr so viel Liebe, daß sie undankbar zu seyn geglaubt hätte, ihm zu verbergen daß es ihr nicht unangenehm war. Ihr gutes Herz machte, daß sie ein jedes Wesen, welches ihr Vergnügen machte, als einen Wohlthäter betrachtete; und, diesem Grundsatz zur Folge, hatte der Mann in der That Ansprüche an ihre Erkenntlichkeit. Es ist leicht zu sehen, daß sie hierin einen gedoppelten theoretischen Fehler beging: – einmahl darin, daß sie dem sinnlichen Vergnügen einen allzu hohen Werth beylegte; und dann, daß sie auf Seiten des Mannes für Liebe hielt, was bloßer animalischer Trieb war, und ihm für das Gute verbunden zu seyn glaubte das er sich selbst that. Unser Autor entschuldigt seine Stammmutter mit einer Unwissenheit, welche in ihren Umständen ihre Schuld wirklich sehr vermindert. Aber wenn unter den policiertesten Nazionen, und bey allen Vortheilen der Erziehung und der Verfeinerung, unter zwanzig Personen ihres Geschlechts auch nur Eine wäre, welche eben so falsche Schlüsse machte, womit sollten wir sie entschuldigen können? Der Mann und die Schöne machten einander nunmehr eine kurze Erzählung ihrer Geschichte und Umstände; und da diese eben so wenig Lust zu haben schien jenen zurück zu lassen, als er Lust hatte sich von ihr zu entfernen, so wurde beschlossen, daß er sie in ihre Hütte begleiten sollte. Sie langten also mit einander bey dem guten Koxkox an, welcher über den Anblick eines Dritten verwundert war, ohne den geringsten Verdruß darüber zu empfinden. Mit Vergnügen theilte er seinen Vorrath mit ihm; Kikequetzel versah das Amt eines Dolmetschers; und da der Fremde viel Vergnügen darüber bezeigte, in einem Lande, wo er der einzige Mensch zu seyn geglaubt hatte, Geschöpfe seiner Gattung anzutreffen, so brachten sie etliche Tage sehr vergnügt mit einander zu. Der ehrliche Koxkox , der allen Wesen gut war die ihm nichts Übels thaten, hatte eine so große Freude über seinen neuen Freund, daß er, ohne Ausnahme, bereit war, was er hatte mit ihm zu theilen ; und die schöne Kikequetzel schien sich hierin ohne Mühe nach seiner Denkungsart zu bequemen. 26. Der Mexikanische Filosof behauptet, daß die Eifersucht , in der engern Bedeutung dieses Wortes, nur unter gewissen besondern Umständen eine natürliche Leidenschaft sey: nehmlich – In einer Gesellschaft, wo das Eigenthum der Weiber entweder durch Gesetze oder Gewohnheiten eingeführt ist; und außerdem nur alsdann, wenn Die Gleichheit bey der Gemeinschaft aufgehoben wird, und entweder der Mitbesitzer sich besondere Vorrechte anmaßt, oder die Dame dem einen einen Vorzug giebt, der mit einer Geringschätzung des andern verbunden ist, welche diesem allezeit unbillig scheinen muß. Unglücklicher Weise glaubte der gutherzige Koxkox nach Verfluß einiger Tage deutliche Spuren gewahr zu werden, daß er sich über eine solche Unbilligkeit zu beklagen habe. Geradezu von der Sache zu reden, die schöne Kikequetzel bewies eine Unbeständigkeit in ihrer Zuneigung, welche sich zwar, wie unser Autor sagt, lediglich auf ihre Standhaftigkeit in einer gewissen eigennützigen Neigung gründete, aber doch bey allem dem der Schönheit ihrer Seele wenig Ehre machte. Tlantlaquakapatli selbst giebt alle Hoffnung auf, sie über diesen Punkt zu rechtfertigen. – Es ist wahr, sagt er, Tlaquatzin (so hieß der Mann ) hatte einige Vorzüge vor dem guten Koxkox ; – aber was für einen Werth haben Vorzüge, welche zu nennen man erröthen müßte? Ihre Liebe zu Koxkoxen hing so zu sagen noch an zwey schwachen Faden: an der Erinnerung des Vergangenen, und an dem Verhältniß, welches er gegen ihre Kinder hatte; denn daß er der Vater zu ihnen war, konnte nicht in Zweifel gezogen werden. Aber die Unbeständigkeit hatte wenig Mühe auch diesen Faden abzureißen. War die Erinnerung des Vergangenen für Koxkoxen , so sprach die Empfindung des Gegenwärtigen für Tlaquatzin ; – war jener der Vater der Kinder die sie hatte , so unterließ dieser nichts, um es von denen zu werden die sie künftig haben würde. Die Wage neigte sich also immer mehr auf Tlaquatzins Seite. So viel Kaltsinn von einer Person welche die Wollust seines Herzens gewesen war, und die kleinen Proben die er stündlich davon erhielt, übermochten endlich seine Geduld, und es kam zuletzt zu einem gänzlichen Bruch. Die anscheinende Geringfügigkeit der Veranlassung ist der stärkste Beweis, wie geneigt man auf beiden Seiten zu einer Trennung war. Kikequetzel pflegte allezeit einen Kopfputz von himmelblauen Federn zu tragen, weil dieses die Lieblingsfarbe Koxkoxens war. Allein Tlaquatzin war für die hochgelbe Farbe. Sie hatte also nichts eilfertigeres zu thun, als sich einen Kopfputz von gelben Federn zu machen. Er war in etlichen Stunden fertig, und der himmelblaue wurde in einen Winkel geworfen. Sie machte sich noch eine Schürze von gelben Federn, in welche kleine Blumen von allen Farben, nur keine himmelblaue, eingewebt waren. Koxkox ließ sich einfallen, diese Parteylichkeit für die gelbe Farbe und diese Unbilligkeit gegen die himmelblaue sehr übel zu finden. Es kam zu einem bittern Wortwechsel zwischen ihm und der schönen Kikequetzel . Tlaquatzin blieb kein müßiger Zuschauer dabey. Er rechtfertigte den Geschmack der Schönen, aber in einem so beleidigenden Tone, daß Koxkox alle Mäßigung vergaß. Ein derber Schlag über die breiten Schultern des undankbaren Tlaquatzin kündigte den ersten Krieg an, der seit mehr als vierzehn Jahren den Frieden der schuldlosen Gefilde von Mexiko störte. Koxkox blieb seinem furchtbaren Gegner keinen Streich schuldig; er wehrte sich wie eine Tigerkatze. Endlich gelang es der Schönen, die den unglücklichen Anlaß zu diesem Zweykampf gegeben hatte, die Streiter aus einander zu bringen. Es war hohe Zeit; denn Koxkox, der seine letzten Kräfte zusammen gerafft hatte, würde es nicht mehr lange gegen seinen überlegenen Nebenbuhler ausgehalten haben. Kikequetzel weinte bitterlich über diesen Zufall, und es schien sie zu schmerzen, daß sie unbillig und undankbar gegen einen Freund gewesen war, der das erste Recht an ihr Herz hatte. Aber nichts war vermögend, den Eindruck auszulöschen, den der gelbe Kopfschmuck auf ihn machte; und als Tlaquatzin und die Dame des folgenden Morgens aufstanden, war kein Koxkox in der ganzen Gegend mehr zu finden. 27. Er war vor Aufgang der Sonne von seinem zum ersten Mahl schlaflosen Lager aufgestanden, und ging so weit ihn seine Füße trugen, – um in andern Gegenden Menschen zu suchen, bey denen er die ungetreue Kikequetzel vergessen könnte. Ungern und traurig verließ er die Hütten die er selbst aufgerichtet, die Gärten die er mit eigner Hand gepflanzt, die Lauben von Schasmin und Akacia die er über rieselnde Quellen her gewölbt hatte, – und die Kinder zu denen er Vater war. Aber ein sehnliches Verlangen sich zu rächen erhitzte seine Lebensgeister; er hoffte Gehülfen zu finden, mit deren Beistand er den Mann , der ihm seine Frau und seine Pflanzstätte vorenthielt, wieder vertreiben könnte. Wir übergehen die besondern Umstände seiner langen Wanderungen, weil sie nicht zu unserm Vorhaben gehören. Genug, er fand endlich zu seinem großen Troste in einer Höhle, worin er einsmahls übernachten wollte, zwey Mädchen, von denen die älteste nicht über zwanzig zu seyn schien, welche ihm in seiner eigenen Sprache Antwort gaben, und nicht daran dachten, die Freude, zu welcher sie nach der ersten Bestürzung über seinen Anblick übergingen, vor ihm zu verbergen. Die seinige verminderte sich ein wenig, als bald darauf eine Frau von ungefähr vierzig Jahren in die Höhle trat, welche, man weiß nicht eigentlich ob die Mutter oder die Tante der jungen Nymfen war. Sie war von der Klasse der Penthesileen , groß und stark von Gliedern, mit einer Tigerhaut angethan, und mit einer Keule auf der Schulter, die ihr von ferne das Ansehen einer verkleideten Dejanira gab – in den Augen eines Antiquars nehmlich; denn Koxkox bemerkte weiter nichts als daß sie sich selber glich, und die Miene hatte es in allen Arten von Zweykampf nicht wohlfeil zu geben. Wie dem auch seyn mochte, ein Mann, und ein so feiner Mann wie Koxkox zu seyn schien, war dieser kleinen weiblichen Gesellschaft unendlich willkommen; man bemühte sich um die Wette, ihn durch die freundlichste Begegnung davon zu überzeugen, und Koxkox fand, wir wissen nicht wie, Mittel und Wege, die Tante und die Nichten über die Annehmlichkeiten seiner Gesellschaft gleich vergnügt zu machen. Nichts desto weniger hatte dieser glückliche Zustand nur wenige Wochen angedauert, als Koxkox anfing sich in seine vorige Heimath und zu seiner noch immer geliebten Kikequetzel zurück zu sehnen, die bey der Vergleichung, welche er sich nicht enthalten konnte zwischen ihr und diesen drey Waldnymfen anzustellen, von Tag zu Tag mehr gewann. Sein Herz schmeichelte ihm, daß sie sich vielleicht eben so sehr nach seiner Zurückkunft sehne; und er hoffte den mächtigen Tlaquatzin ohne große Mühe zum Tausch einer einzigen Frau gegen ihrer drey zu bewegen, zumahl da die Tante im Nothfall für zwey gelten konnte. Er säumte also nicht, seinen Freundinnen zu eröffnen, daß noch mehr Personen von seinem und ihrem Geschlechte das Glück gehabt hätten der großen Flut zu entgehen; daß er den Weg zu ihrer Wohnung wisse; daß diese Leute sehr willig seyn würden, sie in ihre Gesellschaft aufzunehmen; und daß sie dort viele kleine Annehmlichkeiten des Lebens finden würden, deren sie bisher hätten ermangeln müssen. Man hatte nicht das mindeste gegen seinen Vorschlag einzuwenden; und schon des nächsten Tages mit Anbruch der Morgenröthe waren die drey Schönen reisefertig, um mit ihm in ein Land zu ziehen, wo es – mehr Männer gab. 28. Die schöne und unbeständige Kikequetzel hatte inzwischen ihres Orts auch Zeit gehabt, sich den Vorzug mehr als Einmahl gereuen zu lassen, den sie dem breitschultrigen Tlaquatzin vor dem sanften Koxkox gegeben hatte. Seine rauhe Gemüthsart machte einen starken Abstich gegen die zärtliche Begegnung, an welche sie von Koxkoxen gewöhnt worden war; und wie dieser durch seinen Fleiß und seine Neigung zum Pflanzen die Gegend um ihre Wohnung zu einem kleinen Paradiese gemacht hatte; so war sie hingegen durch die Trägheit ihres neuen Mannes, der sich bloß mit der Jagd beschäftigte, unvermerkt wieder eine Wildniß geworden. Ihre Freude über Koxkoxens Wiederkunft würde also unbeschreiblich gewesen seyn, wenn sie nicht durch den Anblick seiner Begleiterinnen in etwas wäre gemäßiget worden. Indessen war doch in der Vorstellung, Personen von ihrem eigenen Geschlechte zum Umgang zu haben, etwas Angenehmes, das ihr auf einer andern Seite die Ungemächlichkeit der Theilung zu ersetzen schien. Auch der Herkulische Tlaquatzin hatte eine gedoppelte Ursache, sich die Wiederkunft seines alten Freundes wohl gefallen zu lassen; denn erstlich sah er ihn für einen Menschen an, der für ihn arbeiten würde; und zweytens war es ihm ganz angenehm, einen kleinen Harem zu seiner Disposizion zu haben. Er machte nicht die geringste Schwierigkeit den Vertrag einzugehen, den ihm Koxkox anbot; denn er verließ sich darauf, daß er den Schlüssel zu Kikequetzels Herzen habe, so oft es ihm einfallen würde, Gebrauch davon zu machen. Er hielt sich selbst Wort. Aber Koxkox (welcher so einfältig nicht war als er aussah) beruhigte sich damit, daß Kikequetzel wieder einen himmelblauen Kopfputz trug, und daß ihm die beiden Schwestern und die Tante selbst so viele Gelegenheit zur Rache gaben als er nur wollte. 29. Die Gemeinschaft der Weiber, welche der weise Plato in seiner sehr idealischen Republik einzuführen beliebt hat, dürfte außer derselben so viele Ungemächlichkeiten nach sich ziehen, und daher so viele Einschränkungen und Präservative vonnöthen haben, daß wir keinem Gesetzgeber rathen wollten, die Platonische Republik in diesem Stücke zum Model zu nehmen. Tlantlaquakapatli hält diese Gemeinschaft der Weiber – welche, wie wir nicht läugnen können, in unsrer Mexikanischen Kolonie herrschte und von den Ältern auf die Kinder erbte, – für die hauptsächlichste Quelle der Verderbniß und Verwilderung der ältesten Mexikaner. Sie zog, sagt er, eine Menge schlimmer Folgen nach sich. Die Werke der goldenen Venus – wie es Homer nennt, oder, wie es unser Autor geradezu nennt, das Geschäft der Fortpflanzung, welches nach den Absichten der Natur die Bande der zärtlichsten Liebe zwischen beiden Ältern sowohl als zwischen den Ältern und Kindern enger zusammen ziehen sollte, – wurde durch diese Vielmännerey und Vielweiberey zu einem bloßen animalischen Spiele, wobey eine flüchtige Lust der einzige Zweck und das einzige Gute war, was man davon hatte. Die Liebe im edlern Verstande, die Liebe die eine Empfindung des Herzens ist, hörte auf. Eine Frau war für einen Mann – was die Hindin für den Hirsch ist, und umgekehrt. Die Kinder waren also nicht mehr das Liebste was die Ältern in der Welt hatten. Ein Kind hatte gar keinen Vater, eben darum weil so viele Männer gleich viel Anspruch an diesen Nahmen machen konnten. Die Kinder wurden also mit sehr vieler Gleichgültigkeit der Natur und dem Zufall überlassen; und weil sich die Mütter selbst so wenig als möglich mit ihrer Erziehung zu thun machen wollten, so entstand nach und nach die unmenschliche Gewohnheit, kränkliche oder gebrechliche Kinder wegzusetzen . Die natürliche Liebe der Kinder gegen die Ältern, welche ohnehin keiner der stärksten Naturtriebe ist, verlor sich fast gänzlich; man war seinen Ältern so wenig schuldig, daß man sich weder verbunden noch geneigt fühlte sie mehr zu lieben als Fremde. Daher die eben so unmenschliche Gewohnheit, abgelebte Leute, welche sich ihren Unterhalt nicht mehr selbst verschaffen konnten, Hungers sterben zu lassen. Die Ausgelassenheit der Mütter hatte, außerdem daß sie der Vermehrung nachtheilig war, auch natürlicher Weise die schlimme Folge, daß die Kinder eine desto stärkere Anlage zu der nehmlichen Neigung erbten, welcher die Mütter am liebsten nachhingen. Daher eine gewisse Salacität , womit ihre Nachkommen angesteckt wurden, und welche sich bei der unverdorbenen Natur nicht findet. Auch die natürliche Liebe eines Menschen zum andern wurde von Grad zu Grad desto schwächer, da ihre Lebhaftigkeit hauptsächlich von der Zuneigung für die Glieder der Familie, in deren Schooß wir erzogen werden, abhängt; von der Gewohnheit geliebt zu werden und wieder zu lieben, welche unserm Herzen mechanisch und zu einem der dringendsten Bedürfnisse wird; von den Beyspielen der Liebe, der Zärtlichkeit, der gegenseitigen Aufmerksamkeit und Dienstleistung, welche uns von der Kindheit an umgeben: lauter Bedingungen, welche in einer Gesellschaft nicht Statt haben, die nur durch den kopulativen Naturtrieb beider Geschlechter, und den Trieb herdenweise mit einander zu laufen, der den meisten zahmen Thieren natürlich ist, zusammen gehalten wird. Bey einer so großen Schwäche der natürlichen Zuneigungen hatten die eigennützigen Leidenschaften, die Begierlichkeit, der Zorn, die Rachsucht, kein andres Gegengewicht als das fysische Unvermögen. Ein jeder that alles was ihn gelüstete, außer wenn er – nicht konnte. Daher Gewaltthätigkeiten und Fehden ohne Zahl, welche sich, nachdem die Mexikaner zu vielen kleinen Horden angewachsen waren, in einem unversöhnlichen Haß einer Horde gegen die andere und in ewigen Kriegen endigten, die so lange dauerten, als von jeder feindlichen Völkerschaft noch eine lebendige Seele übrig war. Der emsige und erfindsame Fleiß, die Neigung zum Pflanzen und zum Feldbau, die Begierde Gemächlichkeiten zu erfinden und sich ein angenehmeres Leben zu verschaffen, welche die Mutter der übrigen Künste ist, wurden im Keim erstickt. Die Liebe zu einem Weibe, das wir als die Hälfte unsers Wesens ansehen, die Liebe zu Kindern, in welchen wir uns selbst wieder hervorgebracht und vervielfältigt sehen, – diese Liebe ist fähig uns der Trägheit zu entreißen, die den einzelnen Menschen mit jedem leidlichen Zustande zufrieden macht. Sie macht uns auf die kleinsten Bedürfnisse dieser geliebten Gegenstände aufmerksam, und setzt alle unsre Fähigkeiten in Bewegung ihnen zuvor zu kommen. Nicht zufrieden, daß diese werthen Geschöpfe nur leben sollen, wollen wir daß sie angenehm leben. Wir arbeiten, wir erfinden, wir bessern unsre Erfindungen aus, und gefallen uns in einer Geschäftigkeit, welche diejenigen, die wir lieben, glücklich macht. Alles dieß hörte auf, so bald die zärtlichen Familienbande aufgelöst waren. Nach und nach sanken die Nachkommen von Koxkox und Tlaquatzin zur bloßen Thierheit herab. Sie behalfen sich mit wilden Früchten und Wurzeln, wohnten in Grüften und hohlen Bäumen und suchten in einem gedanken- und arbeitslosen Müßiggang das höchste Gut des Lebens. 30 So schildert uns (sagt Tlantlaquakapatli ) die Geschichte den Zustand unsrer ältesten Vorfahren. Wie ungleich jener liebenswürdigen Unschuld, welche den guten Koxkox in den Armen seiner zärtlichen Kikequetzel beseligte, als sie noch die einzigen Bewohner der fruchtbaren Thäler waren, die sich am Fuße des Gebirges Kulhuakan verbreiten! als Kikequetzel sich noch nicht träumen ließ, daß ein andrer Mann mehr Mann seyn könne als Koxkox , und dieser noch nicht gelernt hatte, sich für unangenehme Augenblicke in seinem Hause in den Armen einer andern zu entschädigen; als jedes dem andern noch die ganze Welt war; als Kikequetzel , wenn sie mit Emsigkeit an einem Bette von den weichsten Federn arbeitete, sich mit dem Gedanken aufmunterte, »er wird desto süßer ruhen!« – und Koxkox , wenn er die Bäume wachsen sah, die er gepflanzt hatte, sich an der Vorstellung ergetzte, daß seine Kinder unter ihrem Schatten spielen würden! – Und o! wie wenig, (setzt der Filosof mit einem Seufzer hinzu) wie wenig brauchte es, diese Unschuld zu vernichten! Der verwünschte Tlaquatzin ! Warum mußte er sich in diese Gegenden verirren! Doch, Tlantlaquakapatli ist Filosof genug, um sich bald wieder zu fassen, und zu gestehen, daß, wenn auch Tlaquatzin mit der Tante und ihren zwey Nichten nicht gewesen wäre, hundert andere zufällige Begebenheiten, früher oder später, vermuthlich die nehmliche Wirkung hervorgebracht haben würden; und er beschließt seine Erzählung mit einer Betrachtung, welche wir aus voller Überzeugung unterschreiben. »Die Unschuld des goldenen Alters , (sagt er) wovon die Dichter aller Völker so reitzende Gemählde machen, ist unstreitig eine schöne Sache; aber sie ist im Grunde weder mehr noch weniger als – die Unschuld der ersten Kindheit . Wer erinnert sich nicht mit Vergnügen der schuldlosen Freuden seines kindischen Alters? Aber wer wollte darum ewig Kind seyn? Die Menschen sind nicht dazu gemacht Kinder zu bleiben ; und wenn es nun einmahl in ihrer Natur ist, daß sie nicht anders als durch einen langen Mittelstand von Irrthum, Selbsttäuschung, Leidenschaften und daher entspringendem Elend zur Entwicklung und Anwendung ihrer höhern Fähigkeiten gelangen können, – wer will mit der Natur darüber hadern?« Betrachtungen über J. J. Rousseaus ursprünglichen Zustand des Menschen 1770. 1. Die Aufschrift über der Pforte des Delfischen Tempels: »Lerne dich selbst kennen!« enthielt ohne Zweifel ein wichtiges, und in der That nicht leichtes Gebot. Aber daß es, wie Rousseau versichert, – »wichtiger und schwerer sey, als alles was die großen dicken Bücher der Moralisten enthalten,« – ist (mit seiner Erlaubniß) nicht gesagt. Diese Moralisten, von denen Rousseau so wenig zu halten scheint, konnten doch wohl keinen andern Zweck haben, als in ihren großen dicken Büchern den Inhalt dieses nehmlichen γνωθι σεαυτον zu entwickeln. – Und daß unter so vielen, welche, von Hermes Trismegistus Zeiten bis auf diesen Tag, an der Auflösung dieses Räthsels gearbeitet haben, auch nicht Einer er errathen haben sollte – wahrlich, das würde den Moralisten wenig Ehre machen! Doch, gesetzt auch sie hätten sammt und sonders, den guten Plutarch mit eingerechnet, ihre Mühe dabey verloren: so begreife ich doch nicht, wie wir weniger aus ihren Büchern lernen könnten, als – was uns die Delfische Pforte lehrt, nehmlich – »daß es dem Menschen gut sey, sich selbst zu kennen.« – Und was haben wir da gelernt? Der große Punkt ist, – wie wir es anzufangen haben, um zu dieser Erkenntniß zu gelangen? – und hierüber macht uns diese Pforte nicht klüger als der elendeste Kommentar, der jemahls über die Ethik des Aristoteles geschrieben worden ist. Der obige Ausspruch unsers Freundes Jean-Jaques ist also, wie viel er auch beym ersten Anblick zu sagen scheint, um nichts weiser als wenn jemand sagte: der erste Vers des ersten Buchs Mose enthalte unendlich Mahl mehr Wahrheit als die sämmtlichen Werke aller Naturforscher; weil am Ende doch alles, was uns diese Biedermänner von Himmel und Erde lehren, nur ein sehr kleiner Theil von dem ist, was Himmel und Erde in sich fassen , und (wie Shakspeares Hamlet sagt) noch gar viel in beiden ist, wovon sich unsre Filosofen (selbst den neuesten, dem so viel davon träumt , nicht ausgenommen) wenig träumen lassen. 2. Mit aller Ehrerbietung, die wir den Modefilosofen unsrer Zeit schuldig sind, sey es gesagt, daß ihre beredten Schriften von dergleichen Gedanken wimmeln, die nur so lange etwas feines oder großes oder neues sagen, als die Leser gefällig oder bequem oder unwissend genug sind, sie für das gelten zu lassen, wofür ihr Gepräge sie ausgiebt. Was für Ungereimtheiten hat nicht die Begierde etwas neues, novum, audax, indictum ore alio , zu sagen, schon oft die feinsten Köpfe sagen gemacht! – Zumahl in Zeiten, wie die unsern, da Witz und Beredsamkeit einen Freybrief haben die gesunde Vernunft zu mißhandeln, wenn es nur auf eine sinnreiche Art geschieht; wo Hippiasse und Karneaden durch rhetorische Taschenspielerkünste die Bewunderung ihrer Zeitgenossen erschleichen; und neuer Unsinn, in schöne Bilder gekleidet, mit spielenden Gegensätzen verbrämt, und mit den Schellen des redlichen Wohlklangs behangen, willkommner ist, als die alte Vernunft in ihrem schlichten Sokratischen Mantel! War es diese Begierde zu schimmern, oder war es Laune, oder Misanthropie, – oder sollen wir glauben, daß es wirklich Liebe zur Wahrheit und Wohlneigung gegen das menschliche Geschlecht gewesen sey, was den scharfsinnigen Schriftsteller, welchen wir vorhin zu tadeln uns die Freyheit genommen haben, bewegen konnte, mitten im achtzehnten Jahrhundert die Filosofie der alten Gymnosofisten wieder in Achtung bringen zu wollen, und, ohne Hoffnung auch nur einen einzigen Schüler zu machen, den abenteuerlichen Satz zu behaupten: »daß der ursprüngliche Stand des Menschen der Stand eines zahmen Thieres gewesen sey;« – und daß man allen Nazionen, unter denen sich (nach seinem Ausdruck) die Stimme des Himmels nicht habe hören lassen, keinen besseren Rath geben könne, als »in die Wälder zu den Orang-Utangs und den übrigen Affen , ihren Brüdern , zurückzukehren, aus welchen sie eine unselige Kette von Zufällen zu ihrem Unglücke heraus gezogen habe.« Man braucht die Schriften dieses sonderbaren Mannes nur mit einer mittelmäßigen Gabe von Gutherzigkeit gelesen zu haben, um sich gern überreden zu lassen, daß vielleicht niemahls ein Schriftsteller von der Güte seiner Absichten und von der Wahrheit seiner Grillen so überzeugt gewesen sey als Rousseau . Man kann sich nicht erwehren dem Manne gut zu seyn, der die verhaßtesten Paradoxen mit einer so aufrichtigen Miene von Wohlmeinenheit vorbringt, – und mit einer so ehrlichen Miene die seltsamsten Fehlschlüsse macht, und uns aus der Fülle seines Gefühls zuschwört, daß alles gelb sey , ohne den kleinsten Verdacht zu haben, daß doch wohl vielleicht er selbst mit der Gelbsucht behaftet seyn könnte. Und gesetzt auch, der Zusammenhang seiner Grundsätze, und der dogmatische Ton , den er, aller seiner Protestazionen ungeachtet, aus so vollem Munde anstimmt, könnte einige Zweifel – – Doch nein! Wir haben kein Recht, an der Aufrichtigkeit seiner Versicherung zu zweifeln; und niedrig wär' es, den Mann, der uns Gutes thun will, mit Vorwürfen zu verfolgen, weil er das Los aller Sterblichen erfahren, und sich auf seinem Wege verirrt hat. Lassen wir die Anmaßung – die Herzen der Schriftsteller aufzureißen, um die geheimen Absichten derselben vor einen unbefugten Richterstuhl hervor zu ziehen, lassen wir diese verwegene Anmaßung jener verachtenswürdigen Art von Gleißnern, welche unter dem scheinbaren Vorwande, die gute Sache zu vertheidigen, ihre eigenen lichtscheuen Absichten an der Vernunft und ihre Dummheit an dem Witze, wie der Affe seine Mißgestalt am Spiegel, rächen wollen. Die Freyheit zu filosofieren, (welche, so lange wir nicht mit dem Rousseauischen Menschen in die Wälder, oder, was noch ein wenig schlimmer wäre, so lange wir nicht in die Barbarey der Gothen und Vandalen zurückzukehren gedenken, eine der stärksten Stützen der menschlichen Wohlfahrt ist) muß sich auf alle erstrecken, welche von Gegenständen, die innerhalb des menschlichen Gesichtskreises liegen, ihre Meinung mit Bescheidenheit sagen, wie seltsam und widersinnig auch immer ihre Meinung scheinen mag. Wie oft ist etwas in der Folge als eine ehrwürdige und nützliche Wahrheit befunden worden, was Anfangs alle Stimmen gegen sich hatte! – Und auch der Irrthum selbst, diese nicht allezeit vermeidliche Krankheit der Seele, giebt Gelegenheit, den Mitteln besser nachzuforschen, wodurch er geheilt werden kann, und wird dadurch wohlthätig für das menschliche Geschlecht. 3. Ein Schauspiel, das die Menschlichkeit empört, wenn man es von der häßlichen Seite ansieht, – der Anblick der ausschweifendsten Üppigkeit und zügellosesten Verderbniß der Sitten in einer von den Hauptstädten Europens, in diesem modernen Babylon , – welchem ein Filosof im siebenten Stockwerke , um seiner liebenswürdigen Narrheiten, um seiner artigen Talente und auf den äußersten Grad verfeinten Künste willen, seine Laster nicht so leicht verzeihen kann als der Filosof zu Ferney , wenn er das Glück gehabt hat wohl zu verdauen, aus seinem kleinen bezauberten Schlosse; – der Anblick des Übermuths, mit welchem die verächtliche Klasse der Poppäen und Trimalcione des öffentlichen Elends, dessen Werkzeuge sie sind, spotten; – der traurig machende Anblick eines unterdrückten Volkes unter dem besten der Könige: – solche Ansichten – aus einem Dachstübchen betrachtet – sind sehr geschickt, den Betrachtungen eines filosofischen Zuschauers über unsre Verfassungen, Künste und Wissenschaften eine solche Stärke zu geben, und ein so schwermüthiges Helldunkel über sie auszubreiten; daß man nichts andres nöthig hat, um zu begreifen, wie dieser Filosof, mit einer schwärmerischen Einbildungskraft, einem warmen Herzen und etwas galliger Reizbarkeit, auf den Einfall kommen konnte: »Es würde diesem Volke besser seyn, gar keine Gesetze, Künste und Wissenschaften zu haben.« Laßt in diesem Augenblick eine Akademie die Frage aufwerfen: »ob Wissenschaft und Kunst dem menschlichen Geschlechte mehr Schaden oder Nutzen gebracht haben?« – wird er wohl in einer solchen Gemüthsstimmung Bedenken tragen, Wissenschaften und Künste, die er als Sklavinnen des Glücks und der Üppigkeit, als Quellen der sittlichen Verderbniß und Beförderinnen der Unterdrückung ansieht, für die wahre Ursache alles menschlichen Elends zu erklären? Und, noch voll von den lebhaften Gemählden, in welchen ihm seine Fantasie die Evidenz dieser vermeinten Wahrheit anzuschauen giebt, – wird er nicht, wenn eine andre Akademie seine Galle durch die Frage heraus fordert: »welches der Ursprung der Ungleichheit unter den Menschen sey, und in wie fern selbige durch das natürliche Gesetz berechtigt werde oder nicht?« – die Auflösung dieses Problems schon gefunden zu haben glauben, und uns mit dem zuversichtlichsten Tone der Überzeugung überreden wollen: daß alles Übel, wovon das menschliche Geschlecht gedrückt wird, bloß aus dieser Ungleichheit, als der wahren Büchse der Pandora , hervor gegangen sey, und daß es kein gewisseres Mittel davon befreyt zu werden gebe, als alle Gewänder und Ausschmückungen der Natur, alle unsre Wissenschaften, Künste, Polizey, Bequemlichkeiten, Wollüste und Bedürfnisse von uns zu werfen, und nackend – gleich dem jungen Hottentotten auf dem Titelkupferstich seines Buches – zu unsrer ursprünglichen Gesellschaft, den Vierfüßigen, in den Wald zurückzukehren? Sollte dieß nicht die geheime Geschichte des Rousseauischen Systems gewesen seyn? 4. Dieses vorausgesetzt, scheint es einiger Maßen begreiflich zu werden, wie Rousseau auf den Einfall habe kommen können, sich den ursprünglichen Stand der Menschheit als einen solchen zu denken, wobei der Mensch von dem übrigen Vieh, außer einer vortheilhaftern Bildung, durch nichts – »als die unselige Möglichkeit aus demselben heraus zu gehen« – unterschieden gewesen sey. »Betracht' ich, spricht er, den Menschen, wie er aus den Händen der Natur kam, so sehe ich ein Thier , das zwar nicht so stark als einige, nicht so behend als andere, aber, alles zusammen genommen, doch unter allen am vortheilhaftesten organisiert ist; ich sehe es sein Futter unter einer Eiche suchen, aus dem ersten besten Bache seinen Durst löschen, sein Lager unter dem nehmlichen Baume nehmen, der ihm zu fressen gegeben hat: und so sind seine Bedürfnisse befriedigt.« – Doch nicht gar alle! – Es giebt Augenblicke, – welche ich nicht so natürlich beschreiben möchte, als es der eleganteste Schriftsteller aus dem politen Zeitalter Augusts gethan hat, und die man, sogar in London , (wo so viel erlaubt ist was man anderswo für unzulässig halten würde) nicht auf öffentlicher Schaubühne vorzustellen wagt, wie es Aristofanes zu Athen , dem Sitz der Griechischen Urbanität , wagen durfte – Augenblicke – Doch wir wollen unsern Schriftsteller selbst davon reden lassen. »Zu fressen haben, (fährt Rousseau fort) schlafen, und – sein Weibchen belegen, sind die einzigen Glückseligkeiten, von denen er einen Begriff hat.« S. 24 und 157. Und damit wir uns nicht etwann einbilden, er lebe mit seinem Weibchen und mit seinen Jungen in einer Art von Familiengesellschaft , wovon wir sogar bey einigen thierischen Gattungen Beyspiele sehen; setzt er – nicht ohne den Grotiussen und Puffendorfen einen verächtlichen Seitenblick zu geben – hinzu: »Sich die ersten Menschen in eine Familie vereinigt vorstellen, das hieße den Fehler derjenigen begehen, die, wenn sie über den Stand der Natur räsonieren, die Ideen mit hinein bringen, welche sie aus der Gesellschaft entlehnt haben: da doch in diesem primitiven Stande, wo die Menschen weder Häuser noch Hütten noch Eigenthum von irgend einer Gattung hatten, ein jeder sich lagerte wo ihn der Zufall hinführte, ich oft nur für eine einzige Nacht; wo die Männchen und Weibchen eben so zufälliger Weise, wie sie einander ungefähr begegneten und Gelegenheit oder Trieb es mit sich brachte, sich zusammen thaten, ohne daß die Sprache ein sehr nothwendiger Dolmetscher der Dinge war, die sie einander zu sagen hatten, und sich mit eben so wenig Umständen wieder von einander verliefen.« S. 28, 29. Man kann sich leicht einbilden, daß Leute, die so wenig Umstände mit einander machen, und der süßen Werke der goldenen Venus auf eine so thierische Art pflegen, nicht sehr zärtliche Ältern seyn werden. Auch bekümmert sich, nach Rousseaus Versicherung, der Vater um seine Kinder nichts. Und wie sollte er? da er sie nicht kennt, und vielleicht Jahrtausende vorbey gehen, bis endlich einer von diesen maschinenmäßigen Vätern den Verstand hat, beim Anblick solcher kleiner Geschöpfe die tiefsinnige Betrachtung anzustellen, – »daß er vielleicht durch eine gewisse Operazion, ohne es selbst zu wissen, zu ihrem Daseyn Gelegenheit gegeben habe.« Was die Mutter betrifft, so ist es freylich ihre Schuld nicht, daß sie sich gezwungen sieht sich eine Zeit lang mit ihrem Kinde abzugeben. – »Sie säugt es Anfangs ihres eigenen Bedürfnisses wegen, (spricht Rousseau) hernach, da die Gewohnheit es ihr lieb gemacht hat, wegen des Bedürfnisses des Kindes selbst. Aber so bald die Kinder groß genug sind sich ihr Futter selbst zu suchen, so verlaufen sie sich von der Mutter, und so kommt es bald dahin, daß sie einander nicht mehr kennen.« S. 29. Eh' es dahin kommt, hat also die Mutter, man weiß nicht recht warum, die Gütigkeit, ihre Jungen mit sich herum zu schleppen. – »Wahr ists, (sagt unser Filosof) wenn die Mutter umkommt, so läuft das Kind Gefahr mit ihr umzukommen; aber (setzt er tröstlich hinzu) diese Gefahr ist hundert andern Gattungen von Thieren gemein, deren Junge in langer Zeit unvermögend sind ihre Nahrung selbst zu suchen.« S. 12. Der natürliche Mensch des Filosofen Jean-Jaques ist also (die verwünschte Vervollkommlichkeit ausgenommen) weder mehr noch weniger als ein andres Thier auch; und es ist pure Höflichkeit, daß er ihm die langen krummen Klauen des Aristoteles , und den Schwanz, welchen die Reisebeschreiber Gemelli Karreri und Johann Struys einigen Einwohnern der Inseln Mindero und Formosa zulegen, erlassen hat. S. 6. Der Rousseauische Mensch ist es, dem der Nahme eines Wilden – den die Spanier den Amerikanern zur Beschönigung ihrer widerrechtlichen Gewaltthätigkeiten gegeben haben – im eigentlichen Verstande zukommt. Er überläßt sich, ohne mindeste Ahnung der Zukunft, dem Gefühl des gegenwärtigen Augenblicks; seine Begierden gehen nicht über seine körperlichen Bedürfnisse hinaus; das große Schauspiel der Natur ist unvermögend ihn aus seiner schlafsüchtigen Dummheit aufzuwecken; in seinem ganzen Leben fällt ihm nicht ein, zu fragen, wer bin ich? wo bin ich? warum bin ich? – Doch das letztere könnten wir ihm zu gute halten. Es gehört in der That beynahe eben so viel dazu, diese Fragen aus sich selbst zu thun, als sie recht zu beantworten. Aber was Rousseau in der menschlichen Natur entdeckt haben könnte, das ihm Ursache gegeben, nichts natürlicher zu finden als die Ungeselligkeit , welches die Grundlage seines Systems über den ursprünglichen Stand ausmacht, – kann ich nicht errathen. Seinem Vorgeben nach hat die Natur »sehr wenig dafür gesorgt, die Menschen durch gegenseitige Bedürfnisse einander näher zu bringen, und so wenig als möglich zu den Verbindungen beygetragen, welche sie zum Untergang ihrer Freyheit und Glückseligkeit unter einander getroffen haben.« S. 37.  – Was für wunderliche Dinge Witz und Galle einen Filosof sagen mache können! 5. Ungeachtet Rousseau sich gleich Anfangs erklärt, daß es bey Untersuchung der akademischen Frage, über welche er schreibt, gar nicht auf Thatsachen ankomme: so scheint er doch in der Folge das Unschickliche davon selbst empfunden zu haben, und beruft sich daher einigemahl auf die Hottentotten , die Karaiben und die wilden Indier in Nordamerika ; wiewohl in der That niemahls, wo es auf Befestigung der Hauptsätze seines Systems ankommt. Was hätten sie ihm auch dazu helfen können? Keine einzige von allen diesen kleinen Völkerschaften, die man Wilde nennt, befindet sich in diesem viehischen Stande, den er zu unserm ursprünglichen macht. Sie leben alle in einer Art von Gesellschaft; sie kennen Freundschaft, eheliche und älterliche Liebe; sie sind nicht ohne alle Kunst; und es ist mehr als zu wahrscheinlich, daß sie erst durch das unmenschliche Verfahren der Kastilianer in eine gewisse Wildheit hinein geschreckt worden sind, die ihnen nicht natürlich war. Aber gesetzt auch, die Wildheit aller dieser wirklichen oder fabelhaften Wilden , wovon man uns so viel wunderliche Dinge erzählt, von den Kyklopen des alten Vater Homer bis zu den Kaliforniern des Vater Venegas , wäre noch ein wenig größer als sie beschrieben wird: was könnte damit bewiesen werden, als daß »Menschen zufälliger Weise sehr nahe zu den Thieren herunter sinken können, und daß, wenn es einmahl so weit mit ihnen gekommen ist, ein Zusammenfluß vieler günstiger Umstände erfordert wird, um die Menschheit wieder bey ihnen herzustellen?« – und wem ist jemahls eingefallen hieran zu zweifeln? 6. Bey einer Untersuchung des ursprünglichen Standes der Menschen scheint die Frage, »wo die ersten Menschen hergekommen,« nicht ganz überflüssig zu seyn. Rousseau hat (wir wissen nicht warum) nicht für gut befunden ihrer zu erwähnen. Man kann diese Unterlassung nicht damit rechtfertigen, daß dieser Umstand durch die Offenbarung ins Klare gesetzt sey. Denn aus diesem Grunde hätte sich Rousseau seine ganze Untersuchung sparen können; und überhaupt bewies man vor neun hundert Jahren aus diesem Grunde, »daß man über gar nichts filosofieren müsse, was der Mühe werth ist.« – Es ist das nehmliche weise Argument, kraft dessen der Saracenische Kalif Omar die Bibliotheken zu Alexandria, als diese Hauptstadt Ägyptens in seine Gewalt fiel, zum Feuer verurtheilt haben soll. – Wenn es erlaubt ist, über den ursprünglichen Stand des Menschen zu filosofieren, so muß sich diese Freyheit auch auf seine Ursprung selbst erstrecken; es ist für eines so viel Grund als für das andere. Gesetzt nun, wir wollten – welches sehr weit von uns entfernt ist – die Gefälligkeit für die alten Priester zu Memfis so weit treiben, und alle die Überschwemmungen und Ausbrennungen des Erdbodens, von denen sie Nachrichten zu haben vorgaben, S. den Timäus des Plato . für wahr annehmen; ja, gesetzt wir wollten den Ursprung der Menschen so weit hinaus setzen als die fabelhaften Japaner : so würden wir doch nicht umhin können, endlich einige anzunehmen, welche die ersten gewesen wären. Eine Reihe, die keinen Anfang hat, mag, wenn man will, aus metafysischen Gründen eben so möglich seyn, als eine unendlich theilbare Materie; aber gewiß ist, daß sie, wie sehr viele andre transcendentale Dinge, den Fehler hat, daß sie unvorstellbar ist . Diese ersten also, woher kamen sie? Sind sie aus dem Monde herab gefallen? Oder, wie Manko-Kapak , der Orfeus der Peruvianer, aus der Sonne herab gestiegen? Oder, nach der gemeinen Meinung der Alten, aus dem Boden hervor gewachsen? Diod. Sicul. L. I. c. 10. Oder sind sie, nach der sinnreichen Hypothese des Filosofen Anaximander , aus einer Art von Fischen hervor gekrochen? Plutarch. Symposiac. L. VIII. c. 8. Oder hat vielleicht die Natur, wie Lukrez uns glauben machen will, Lucret. L. V. erst eine Menge Versuche machen müssen, bis es ihr endlich gelungen einen vollständigen Menschen herauszubringen? Wahrhaftig, meine Herren Manko-Kapak, Demokritus, Anaximander, Lukrez, und wie ihr alle heißt, es möchte sich wohl nicht der Mühe verlohnen, zu untersuchen welcher von euch die lächerlichste Meinung habe; – aber was ihr alle zugeben müßt, ist: »daß nur derjenige den Nahmen des ersten Menschen verdienen kann, welcher der erste Mensch war; das ist, bey dem sich zuerst die vollständige Anlage alles dessen befunden, was den wesentlichen Unterschied unsrer Gattung von den übrigen Geschöpfen ausmacht.« Und wenn wir einmahl so weit einig sind, so werden wir, denke ich, kein Orakel entscheiden lassen müssen: »ob die Natur (wenn anders Verstand und Absicht in ihren Wirkungen ist) nicht wenigstens ein Paar solcher Menschen, welches die Gattung zu vermehren geschickt war, habe hervorbringen müssen?« Nun läßt sich wohl nichts andres denken, als daß der erste Zustand dieser Protoplasten , wie vollkommen wir auch ihre Organisazion voraussetzen, wenig besser als eine Art von Kindheit seyn konnte; es wäre denn, daß wir ihnen angeborne Kenntnisse leihen wollten, wozu wenigstens die bloße Vernunft ihre Stimme nicht giebt. Alles bis auf ihren eigenen Leib war ihnen fremd und unbegreiflich. Verschlungen in die Unermeßlichkeit der Natur, hatten sie ohne Zweifel einige Zeit vonnöthen, um sich aus der ersten Betäubung so vieler auf sie zusammen drängender Eindrücke zu erhohlen. Allein Aufmerksamkeit und Übung mußten sie bald den Gebrauch ihres Körpers und der übrigen Dinge, welche zu Mitteln ihrer Erhaltung und ihres Vergnügens bestimmt schienen, kennen lehren; und es brauchte – wenn wir uns nicht zur Kurzweil Schwierigkeiten erschaffen wollen, welche in der Natur nirgends sind – weder Jahrtausende noch Jahrhunderte dazu. 7. Rousseau ist nicht dieser Meinung. Er sieht den Übergang aus dem Stande der Natur in den Stand der Policierung als eine Sache an, die von allen Seiten mit unübersteiglichen Schwierigkeiten umgeben ist. Er kann nicht begreifen, wie Ein Mensch zuerst habe auf den Einfall kommen können, ein Weibchen für sich selbst zu behalten, eine Hütte für sie zurechte zu machen, und der Vater von seinen Kindern zu seyn? – Oder wie etliche Menschen auf den Gedanken hätten gerathen können, Gesellschaft mit einander zu machen, und anders als nach Verfluß vieler tausend Jahre eine so tiefsinnige Wahrheit zu ergründen, als diese ist: daß vier Arme mehr vermögen als zwey, und vier und zwanzig mehr als vier. In diesem Stücke scheint es ihm (ohne Vergleichung) wie dem berühmten Sultan Schach-Baham zu gehen, der immer über die alltäglichsten Sachen zu erstaunen pflegte, und nichts so gut begreifen konnte, als was am unwahrscheinlichsten war; ein Beyspiel, daß Witz und Dummheit auf ihrem äußersten Grade einerley Wirkung thun. Rousseau hätte vieler Bemühungen des Geistes bey dieser Gelegenheit überhoben seyn können; denn wer in der Welt wird ihm die Folgen streitig machen, die er aus seiner Hypothese zieht? – Die Hypothese ist es, was wir ihm geradezu wegläugnen. Ganz gewiß würde selbst das wilde, ungesellige, dumme, Eicheln fressende Thier, das er seinen Menschen nennt, in Ewigkeit keine Sprache erfunden haben, wie die Sprache Homers und Platons ist. Wer wollte sich die Mühe geben, einen solchen Satz erst durch tiefsinnige Erörterungen zu beweisen? Das heißt die Gründe weitläufig aus einander setzen, warum, vermöge der Gesetzte der Mechanik, ein Gichtbrüchiger schwerlich jemahls auf dem Seile tanzen lernen wird. – Schade um all die schönen Antithesen, die er bey dieser Gelegenheit spielen läßt! Doch, wir wollen ihm nicht Unrecht thun: es ist sein ganzer Ernst; er sieht alle diese ungeheuern Schwierigkeiten wirklich, von denen er spricht; und sie müssen wohl gewiß entsetzlich in seinen Augen seyn, weil sie ihn beynahe dahin bringen, seine Zuflucht zu einem Deus ex machina zu nehmen. Gleichwohl würden alle diese Fantomen auf einmahl verschwunden seyn, wenn er nur diese zwey Sätze, die einfachsten von der Welt, weniger natürlich gefunden hätte: »Daß die Menschen aller Wahrscheinlichkeit nach von Anfang an in Gesellschaft lebten – und von allen Seiten mit natürlichen Mitteln umgeben sind, die ihnen die Entwicklung ihrer Anlagen erleichtern helfen.« 8. Man könnte übrigens unserm Filosofen den Satz: »daß, der Vervollkommlichkeit ungeachtet, die meisten Fähigkeiten des Menschen viele Jahrhunderte hindurch unentfaltet bleiben könnten,« eingestehen , ohne daß seine Hypothese dadurch viel gewinnen würde. Die natürliche Trägheit , aus welcher Helvezius nicht ohne Grund eine Menge psychologischer Erscheinungen erklärt – die daher rührende Begnügsamkeit an jedem leidlichen Zustande, in welchem dieser Trägheit am wenigsten Gewalt geschieht, und die durch beides verdoppelte Macht der Gewohnheit lassen uns leicht begreifen, wie ein Volk (zumahl in einem Erdstriche, dessen Beschaffenheit die Wirkungen dieser Ursachen noch verstärkt) Jahrtausende durch, wofern es sich selbst überlassen bleibt, in einem sehr unvollkommenen Zustande beharren könne. Sittliche und politische Ursachen hemmen in Sina den Fortschritt der Wissenschaften, welche sich in diesem ungeheuern und in einigen Stücken sehr gut policierten Reiche noch immer in der Kindheit befinden. – Fysische Ursachen halten den Lappen und den Bewohnern der gefrornen Länder um Hudsons-Bay seit undenklicher Zeit in einem so eingeschränkten Kreise von Bedürfnissen und von Thätigkeit, daß Reisende, welche den Geist der Beobachtung nicht empfangen haben, und den sittlichen Menschen in einem Gewande von Pelzwerk und Seehundsfellen nicht zu erkennen fähig sind, kein Bedenken tragen, ihren Zustand für viehisch zu erklären. Aber mit der Geselligkeit , diesem wesentlichen Zuge der Menschheit, hat es eine ganz andere Bewandtniß. Der Mensch, – wenn wir auch bis in die ersten Augenblicke seines Daseyns zurück gehen, und ihn in einem Stande nehmen wollen, wo seine Seele noch der unbeschriebenen Tafel des Aristoteles gleicht, – der Mensch braucht nur seine Augen aufzuheben, und einen andern Menschen zu erblicken, um die süße Gewalt des sympathetischen Triebes zu fühlen, der ihn zu seines gleichen zieht. Und etwa nur zu seines gleichen? – Die ganze Natur hat Antheil an seiner Empfindsamkeit und Zuneigung. Diese Empfindsamkeit ist die wahre Quelle jener aus Bewunderung, Freude und Dankbarkeit gemischten Gefühle, womit die Wilden die aufgehende Sonne und den vollen Mond begrüßen. Sie macht uns den Baum lieben, der uns seinen Schatten geliehen hat, und sie befördert vermuthlich den enthusiastischen Hang der ältesten Menschen, allem in der Natur eine Seele zu geben, und sich einzubilden, daß alles, was uns Empfindung einflößt , sie mit uns theile . »Ich habe Mitleiden (sagt der größte Kenner des menschlichen Herzens der mir bekannt ist) mit dem Manne, der von Dan bis gen Beerseba reisen kann, und ausrufen: alles ist öde! – Ich erkläre, sagte ich, indem ich meine Hände mit einer zärtlichen Bewegung zusammen schlug, daß ich auch in einer Wüste etwas ausfindig machen wollte, über welches ich meine Zuneigung ergießen könnte. – Könnt' ich nichts bessers thun, so wollt' ich sie an irgend eine holde Myrte heften, oder mir irgend eine melankolische Cypresse aussuchen, um eine Art von Freundschaft mit ihr zu machen. – Ich wollte ihrem Schatten liebkosen, und sie zärtlich um ihren Schutz begrüßen. – Ich wollte meinen Nahmen in sie schneiden, und schwören, sie wären die liebenswürdigsten Bäume in der ganzen Wildniß. Welkte ihr Laub, so würd' ich mit ihnen trauern, und mich mit ihnen freuen, wenn ihr lachendes Aussehen mich beredete, daß sie sich freueten.« Yorick's Sentimantal Journey, Vol. I. p. 85. Stellen wir uns einen Menschen vor, der, aller Gesellschaft beraubt, Jahre lang in einem Kerker geschmachtet, und die Hoffnung, jemahls wieder ein menschliches Antlitz zu sehen, endlich aufgegeben hätte. – Däucht es uns unwahrscheinlich, daß in diesem elenden Zustand ein kleiner Vogel, oder eine Maus, oder in Ermanglung irgend eines andern lebenden Geschöpfes, sogar eine ekelhafte Spinne ein Gegenstand für seine zärtlichsten Regungen werden könnte? – Daß diese Spinne nach und nach in seinen Augen so schön werden könnte, als die reitzendste Toskanische Amaryllis in den Augen ihres Platonischen Schäfers; daß er sie auf seinem Teller essen lassen, daß er ganze Tage mit ihr spielen, daß er sich durch die anhaltendste Aufmerksamkeit eine Art von Sprache mit ihr machen, sich für ihre kleinsten Bewegungen interessieren, bey der mindesten Gefahr für ihr Leben zittern, und, wenn er unglücklich genug wäre sie zu verlieren, sie mit heißen Thränen beweinen, und über ihren Verlust eben so untröstbar seyn würde, als er in andern Umständen über den Tod der geliebtesten Frau und des besten Freundes gewesen wäre? Ich erinnere mich ehmals etwas dergleichen von dem bekannten Grafen von Lausün gelesen zu haben; und ich zweifle nicht, daß Leute, welche in den Anekdoten der Bastille , des Donjon von Vincennes , des Königssteins und anderer Einsiedeleyen dieser Art erfahren zu seyn Gelegenheit haben, ähnliche Beyspiele zu erzählen haben werden. Man würde vergeblich einwenden, daß sich von einzelnen Beyspielen nicht auf die menschliche Natur überhaupt schließen lasse. Denn alles, was wir seit etlichen tausend Jahren aus gemeiner Erfahrung von unserer Gattung wissen, nöthigt uns, den Trieb der Geselligkeit und das Verlangen nach Gegenständen, denen wir uns mittheilen können, für ein wesentliches Stück der Menschheit zu halten. Die Ausnahmen sind offenbar auf Seiten derjenigen, welche aus Verdruß, Milzsucht, oder irgend einem andern innerlichen Beruf, sich freywillig der menschlichen Gesellschaft begeben haben. Und wie wenig es auch dieser kleinen Anzahl von Sonderlingen möglich sey, den geselligen Trieb gänzlich zu ertödten, beweiset die Geschichte der alten Thebaischen und andrer Einsiedler . Nicht selten fanden sich liebreiche Einsiedlerinnen , um die Einsiedler in ihren Bekümmernissen zu trösten. Und wenn alles fehlte, so sehen wir aus den fast täglichen Unterredungen, die viele unter ihnen mit dem Teufel pflegten, daß sie lieber die allerschlechteste Unterhaltung als gar keine haben wollten. Ist aber der Trieb der Geselligkeit dem Menschen so natürlich: so haben diejenigen, welche sich die ersten Menschen in eine Familie vereinigt vorstellen, den Vorwurf nicht verdient, Begriffe aus der bürgerlichen Gesellschaft in den Stand der Natur hinein getragen zu haben; so lösen sich alle die Schwierigkeiten von selbst auf, welche Rousseau in dem Übergang aus dem Stande der Natur in den gesellschaftlichen findet; so war es kein Übergang in einen entgegen gesetzten , sondern ein bloßer Fortgang in dem nehmlichen Stande; ein Fortgang, dessen Geschwindigkeit zwar von tausend verschiedenen Zufällen abhängt, aber dennoch, auch bey den Völkerschaften wo er am langsamsten geht, einem aufmerksamen Beobachter merklich ist. 9. Doch, was würden alle unsre Einwendungen helfen, wenn (wie Rousseau sehr wahrscheinlich findet) »es wirklich eine Art von Menschen gäbe, welche, von Alters her in die Wälder zerstreut, keine Gelegenheit ihre Fähigkeiten zu entwickeln gehabt, keinen Grad von Vollkommenheit erworben hätten, und sich, mit Einem Worte, noch dermahlen in dem ersten Stande der Natur befänden?« Wo er wohl diese für ihn so merkwürdigen Menschen aufgetrieben haben kann? – Wo anders als in den Wäldern von Majomba in der Afrikanischen Provinz Loango , und im Königreiche Kongo , welches, nach Dappers Bericht, voll von Waldmenschen ist, – die allem Ansehen nach die nehmliche Art von Geschöpfen sind, welche in Afrika überhaupt Pongo's oder Quojas-Morro's , und in Ostindien Orang-Utang genannt werden. Diese Geschöpfe sind, wie man uns berichtet, von der gewöhnlichen Größe eines Menschen, aber viel dicker, und so stark, »daß zehen Negern nicht genug wären, um einen davon lebendig zu fangen.« Sie gehen auf zwey Beinen, bedienen sich der Hände wie wir, sind proporzionierlich gestaltet, vorn am Leibe glatt, aber hinten mit schwarzen Haaren bedeckt. Ihre Gesichtsbildung ist von der Negern ihrer nicht gar sehr verschieden, außer , »daß ihnen die Augen tief im Kopfe liegen, und daß ihre Miene etwas wildes und gräßliches hat.« Ihre Weibchen haben eine volle Brust, wiewohl nicht völlig so gewölbt, – und vermuthlich auch nicht völlig so weiß, als die schönen Ober-Walliserinnen , deren unschuldige Dienstfertigkeit dem Filosofen St. Preux so beschwerlich war. Nouv. Heloise , Tom. I. p. 71. Diese Thiere sind sehr böse, wenn man ihnen zu nahe kommt, und so launisch, daß sie nicht einmahl leiden können, wenn man ihnen ins Gesicht sieht. Indessen sind sie doch große Liebhaber von den Weibern und Töchtern der Negern , – (ein Umstand, aus welchem Rousseau hätte folgern können, daß sie eine natürliche Empfindung für die Schönheit haben; denn gegen ihre eigenen Weibchen muß doch wohl jede Negerin eine Venus seyn) – und die besagten Schwarzen erzählen fürchterliche Dinge über diesen Artikel von ihnen. Man sieht sie truppenweise in den Wäldern ziehen, und dann sind die reisenden Schwarzen des Lebens nicht vor ihnen sicher; ob sie gleich keine andre Waffen führen als ihre Fäuste, oder einen Prügel. – Sie fressen kein Fleisch, sondern nähren sich (wie alle andre Affen) bloß von Früchten und wilden Nüssen. Sie pflegen sich um die Feuer, welche die Negern, wenn sie durch die Wälder reisen, die Nacht über anzünden und unterhalten, zu versammeln, und gehen nicht eher vom Platze bis das Feuer erloschen ist; »ohne den Verstand zu haben, (sagt Battel ) Holz oder Reiser herbey zu tragen, um es zu unterhalten.« Allgemeine Beschreibung der Reisen u. s. w. im III. Theile S. 264, 280, 320, u. folg.  Barbot , welcher in seiner Beschreibung von Guinea dieser Geschöpfe nicht vergißt, thut von einer ähnlichen Art Meldung, die in Sierra Leone den Namen Barry's führen. Die Barry's lernen, wenn sie jung gefangen werden, auf zwey Beinen gehen, und werden gebraucht, Korn zu stampfen, Wasser zu tragen, und den Bratspieß zu wenden. Die Negern lassen sich nicht ausreden, daß diese Baviane so gut reden könnten als sie selbst, wenn sie nur wollten ; aber sie wollen nicht, sagen sie, aus Furcht, man möchte sie mit noch mehr Arbeiten beladen. Ich sehe nicht, warum Rousseau, der so eifrig ist, die Grenzen der Menschheit bis auf die ungeselligen Pongo's auszudehnen, diese ehrlichen Barry's vorbey geht, welche doch in Ansehen ihrer Gelehrigkeit und zahmen Sinnesart einen merklichen Vorzug vor jenen zu haben scheinen. – Oder ist es etwa gerade diese störrische Ungeselligkeit der Pongo's – wodurch sie so gut in seine Hypothese passen – was ihn zu dieser parteylichen Vorliebe verleitet hat? Was hindert uns übrigens, aus ähnlichen Gründen auch die großen Affen an der Sanaga , von denen Le Maire in seiner Reise nach den Kanarischen Inseln spricht, den Rousseauischen Menschen beyzugesellen? Sie thun sich truppenweise zusammen wenn sie auf die Nahrung ausgehen, und unterdessen daß die übrigen Beute machen, steht einer auf einem hohen Baume Schildwache. Ihre Weibchen tragen ihre Jungen auf die nehmliche Weise auf dem Rücken, wie die Negernweiber die ihrigen, und bezeigen eine Zärtlichkeit für sie, die ihnen Ehre macht. Sie heilen ihre Verwundeten mit gewissen Kräutern, welche sie erst kauen und dann auf die Wunde legen. Wer weiß wie viel andre Züge von Witz, Empfindung, Geselligkeit und Vervollkommlichkeit an diesen Geschöpfen noch zu entdecken wären, wenn sie – von Leuten, welche alles sehen was sie sehen wollen – von Filosofen beobachtet würden! Doch Rousseau scheint sich zu begnügen, einen neuen Zweig des menschlichen Stammes in dem Orang-Utang oder Pongo entdeckt zu haben. Indessen können wir nicht bergen, daß die Gründe, um deren willen er uns die Ehre erweiset, vieles (wo nicht das Ganze) von ihrer Stärke verlieren, so bald man das Interesse nicht dabey hat, das den Erfinder einer neuen Hypothese begierig macht, Erscheinungen zur Bestätigung derselben aufzutreiben. »Die Nachrichten, (spricht er) welche Battel, Purchaß und Dapper von ihnen geben, beweisen, daß diese Herren keine guten Beobachter waren; sie machen falsche Schlüsse; man merkt, daß ihnen gar nicht in den Sinn gekommen ist, daß diese edeln Geschöpfe etwas bessers als Affen seyn könnten.« Alles wahr; aber was gewinnen die Pongo's dabey? »Unsre Reisebeschreiber (fährt Rousseau sinnreich fort) haben sich in den Kopf gesetzt, diese Geschöpfe, welche von den Alten unter dem Nahmen der Satyrn und Faunen für Götter gehalten wurden, zu Thieren herab zu würdigen; nach besserer Untersuchung wird man vielleicht finden, daß sie Menschen sind – denn gemeiniglich liegt die Wahrheit zwischen beiden Enden in der Mitte.« Es gäbe ein gutes Mittel, meint er, wodurch auch die dümmsten Beobachter sich bis zur völligen Gewißheit überzeugen könnten, ob der Orang-Utang und seine Brüder zur menschlichen Gattung gehörten oder nicht. Was für ein Mittel mag das seyn? – Seine Sittsamkeit hat ihm nicht erlaubt sich hierüber deutlich zu erklären; eine Bedenklichkeit, die an einem Cyniker, der von natürlichen Dingen handelt, ein wenig übertrieben scheinen möchte; – indessen giebt er doch hinlänglich zu verstehen, daß man eine kleine Kolonie aus jungen Pongo's und jungen Negermädchen anlegen müßte, um zu sehen was daraus würde. Der Gedanke ist der einfachste von der Welt, und wir bedauern nur, daß er (wie Rousseau selbst bemerkt) nicht ausführbar ist; – wo nicht eben um des abermahligen Skrupels willen, der unserm Filosofen hier aufstößt, doch gewiß des höchst beschwerlichen Umstands wegen, weil diese Pongo's, seine Schutzverwandten, die brutalste Art von Liebhabern sind, die man sich einbilden kann. Nach den Erzählungen der Negern hätte sich der Fall, den Rousseau andeutet, schon oft zutragen sollen. Aber unglücklicher Weise ist noch keine einzige Negerin , die in ihre Hände fiel, mit dem Leben davon gekommen. – Und so dürfte freylich der Vorschlag einer Kolonie nicht ins Werk zu setzen seyn. Inzwischen, und bis man durch genauere Beobachtungen im Stande seyn werde, den Bavianen in Loango, Kongo, Borneo und Java Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, glaubt Rousseau wenigstens eben so viel Grund zu haben, sich über diesen Artikel an den Kapuziner Merolla – »einen gelehrten Religiosen, welcher in dieser Sache ein Augenzeuge , und bey aller seiner Natureinfalt dennoch ein Mann von feinem Verstande gewesen sey« – zu halten, als an den Kaufmann Battel , an Dapper, Purchaß , und andre Zusammenstoppler . Und was sagt denn Pater Merolla , auf dessen Zeugniß nun die ganze Sache beruhet? Merolla sagt: die Schwarzen fingen zuweilen auf ihren Jagden wilde Männer und Weiber . Das ist alles was ihn Rousseau sagen läßt, und das ist wenig. Er hätte hinzu setzen können: Merolla erzähle, er habe von einem gewissen Leonard gehört, ein gewisser Kapuziner habe ihm einen jungen Pongo verehrt, mit welchem er, Leonard, dem Portugiesischen Statthalter zu Loanda ein Geschenk gemacht habe; – und das ist auch nicht viel mehr als nichts. Alles, was wir zur Sache dienliches daraus nehmen können, ist: »daß die Einwohner zu Borneo und die Negern eine gewisse Art von Affen wilde Männer nennen;« – und dieß sagen zehen andre Reisebeschreiber ( Batteln, Dappern und Purchassen mit eingerechnet) auch. Ich würde mich bey dieser Kleinigkeit nicht aufhalten, wenn ich ein stärkeres Beyspiel wüßte, »was für Wunder die Liebe zu einer Hypothese thun kann.« Rousseau glaubt den P. Merolla zu einem Zeugen für die Existenz seines wilden Menschen gebrauchen zu können. Auf einmahl geht in seiner Einbildungskraft eine Verwandlung vor, welche alle Ovidischen weit hinter sich zurück läßt, und beynahe noch wunderbarer ist, als die Erhebung eines Affen in den Menschenstand. Merolla , der abergläubigste und einfältigste Mann, der vielleicht jemahls einen spitzigen Kapuz getragen hat, wird auf einmahl ein gelehrter Mann , und – fidem vostram, Quirites! – ein homme d'esprit . – Ein sehr entscheidendes Beyspiel wird diejenigen, welche sich überwinden können die nachstehende Erzählung zu lesen, benachrichtigen, was für eine Art von homme d'esprit der ehrliche Merolla war. Ein gewisser so genannter Graf von Songo , ein eifriger Anhänger der Missionarien in dem Afrikanischen Königreiche Kongo , hatte nach dem Absterben des Königs Don Alvarez einen von den Thronprätendenten, Nahmens Simantamba , unter betrüglichem Versprechen, ihm seine Schwester zur Ehe zu geben und ihm zur Krone zu verhelfen, in einem Hinterhalt mit dem größten Theil seines Gefolges ermorden lassen. Des Ermordeten Bruder fiel, die That zu rächen, in des Grafen Länder ein. Dieser brachte gleichfalls ein großes Heer auf (sagt Merolla , der damahls in Kongo war) und ging gerade auf seines Gegners Hauptstadt los. Er fand sie leer; alle Einwohner waren davon gelaufen. Seinen Soldaten blieb also kein andres Mittel übrig den Feinden Abbruch zu thun, als alles aufzuessen, was sie zurück gelassen hatten. Unter andern bemächtigten sie sich auch eines ungewöhnlich großen Hahns, der einen starken eisernen Ring um den einen Fuß hatte. Dieser Ring kam einem von den Klügsten (sagt der ehrwürdige Pater) verdächtig vor. Er versicherte seine Kameraden, der Hahn sey bezaubert , und warnte sie, ja nichts mit ihm zu thun zu haben. Allein diese rohen Leute versicherten ihn, daß sie den Hahn essen würden, und wenn er den Teufel zehnmahl im Leibe hätte. Der Hahn wurde also erwürgt, zerstückt, und in einem großen Topfe so lange gekocht, bis er fast sehr zersotten war. Hierauf schütteten sie ihn in eine Schüssel, sprachen ihr Tischgebet (denn es waren so gute Christen als es die neu bekehrten Negern gewöhnlich zu seyn pflegen) und setzten sich heißhungrig um den Tisch herum. Aber da sie nun in die Schüssel greifen wollten, siehe! da fingen die gesottenen Stücke des Hahnes an, eines nach dem andern, aus der Schüssel heraus zu steigen, und sich wieder so gut zusammen zu fügen, als ob sie nie getrennt gewesen wären. Kurz, der Hahn stand in wenig Augenblicken wieder frisch und gesund auf seinen Füßen, ging etlichemahl im Zimmer herum, bekam neue Federn, flog auf den nächsten Baum, schlug dreymahl mit den Flügeln, machte ein entsetzliches Getöse, – und verschwand. – Ob mit Hinterlassung des gewöhnlichen Wahrzeichens, hat der ehrwürdige Kapuziner vergessen zu berichten. – »Jedermann (setzt er, nachdem er diese Geschichte mit aller möglichen Einfalt und Ernsthaftigkeit erzählt hat, hinzu) kann sich leicht einbilden, was für ein Schrecken die Anwesenden bey diesem Anblick überfallen mußte, welche unter tausend Ave Maria vom Platze liefen, und den meisten Umständen dieser schrecklichen Begebenheit nur von ferne zusahen. Sie schrieben ihre Erhaltung lediglich dem Gebete zu, das sie vor Tische gesprochen hatten, sonst wären sie gewiß alle umgekommen, oder vom Teufel besessen worden.« So viel von P. Merolla . – Das nenn' ich einen Augenzeugen! einen Gelehrten! einen homme d'esprit! 10. Man könnte sich wundern, warum Rousseau – welchem aus einer kleinen Parteylichkeit für die Orang-Utangs die schwächsten Zeugnisse und Vermuthungen, die seiner guten Meinung von ihnen günstig sind, wichtig genug scheinen, – einen Umstand von der größten Wichtigkeit vorbey gegangen, den er in dem nehmlichen Buche, woraus er seine Nachrichten zog, hätte finden können, und der einen Zeugen von ganz andrer Glaubwürdigkeit als einen Merolla zum Gewährsmann hat. Dieser Zeuge ist Franz Moore , Faktor der königlichen Afrikanischen Gesellschaft in England, ein Mann von schätzbarem Karakter, dessen Nachrichten überdies die neuesten sind, welche wir von den Ländern haben, wo der so genannte wilde Mann angetroffen wird. Er erzählt, als er den sechsten April 1735 unweit der Faktorey zu Joar spazieren gegangen, hätte er von einem Thiere, dessen Rumpf vermuthlich von einem Löwen aufgezehrt worden, einen Fuß gefunden, der dem Fuß eines Bavians ziemlich gleich gesehen, und mit Haaren eines Zolles lang bedeckt, hingegen so dick als eines Mannes seiner gewesen sey. Er hätte einige Negern darüber befragt, und von ihnen vernommen: »Es wäre der Fuß von einem Thiere, welches sie in ihrer Sprache den wilden Mann nennten; es gäbe deren viele in diesem Lande (nehmlich, um den Fluß Gambia ) sie würden aber selten gefunden; sie wären so schlank als ein Mensch, gingen eben so wie wir auf zwey Beinen, und bedienten sich einer Art von Sprache .« Dieses letzte wäre, wofern es damit seine Richtigkeit hätte, ein Umstand, der uns über unsre Verwandtschaft mit diesen Geschöpfen wenig Zweifel übrig ließe. Zum Unglück kann uns Moore nichts davon sagen, als was er von einigen Negern gehört; und was diese ihm davon sagten, (vermuthlich alles was sie ihm sagen konnten ) ist zu unbestimmt, als daß man darauf bauen könnte. Wir haben schon aus dem Barbot angeführt, daß die Schwarzen in Sierra Leona von den Barry's das nehmliche glaubten; und es wird, wenn man alle Nachrichten zusammen stellt, sehr wahrscheinlich, daß diese Barry's zu eben derselben Gattung gehören, welche Moore wilde Männer , die Einwohner von Loango Pongo's , und die zu Borneo Orang-Utang nennen. Die Sprache, welche die Negern diesen Affen zuschreiben, scheint sich mehr auf Schlüsse als auf Beobachtung zu gründen; und so gern wir besagten Negern glauben wollen, wenn sie von dem reden was sie sehen oder hören , (in so fern es nur einiger Maßen glaublich ist) so billig ist das Mißtrauen, das wir in ihre Schlüsse setzen. Was es übrigens auch für eine Bewandtniß mit allen diesen verworrenen und zu Festsetzung eines sichern Begriffs ganz unzulänglichen Zeugnissen haben mag, so scheint doch viel gewiß zu seyn, daß wir nicht nöthig haben, auf genauere Beobachtungen zu warten, um mit genugsamer moralischer Gewißheit behaupten zu können: »daß diese menschenähnlichen Affen keine wilde Menschen sind.« Wären sie es, warum sollten sie sich nicht schon längst in einigem Grade von Humanität und Sittlichkeit entwickelt haben? – oder warum sollte ein junger Orang-Utang, dergleichen schon einige gefangen worden sind, unter policierten Menschen nicht eben die Fortschritte machen, die ein junger Karaib oder Hottentotte macht, wenn er auf Europäische Art erzogen wird? Doch genug, und vielleicht schon zu viel, von Hypothesen, welche man an jedem minder ernsthaften Manne als Rousseau ist für Ironie halten müßte! 11. Die Thorheit des Filosofen Jean-Jaques , so wenig Ehre sie der Menschheit macht, ist doch am Ende weiter nichts als lächerlich ; aber diejenige, welche uns Swift in Gullivers Reisen aufdringen will, ist hassenswürdig . Die Freunde dieses außerordentlichen Mannes – vor dessen Genius sich der meinige so tief bückt, daß ich es kaum wage ihn zu tadeln, so sehr ers auch in diesem Stücke verdient, – möchten seine Yahoos gern dadurch rechtfertigen, daß sie uns bereden wollen, sie für eine satirische Erfindung zu halten, wodurch er bloß die Häßlichkeit des Lasters, und die wichtige moralische Wahrheit, daß der Mensch dadurch unter das Vieh herab gesetzt werde, in das hellste Licht habe setzen wollen. Aber niemand, der den dritten Theil der Reisen Gullivers mit einiger Aufmerksamkeit gelesen hat, wird sich eine Sache überreden lassen, welcher der Augenschein auf allen Blättern widerspricht. Swift , dessen eingewurzelter Menschenhaß außerdem durch so viele eigene Geständnisse in seinen vertrauten Briefen nur allzu wohl bestätiget ist, scheint nichts angelegeners gehabt zu haben, als seinen Lesern auch nicht die Möglichkeit eines Zweifels übrig zu lassen, ob die besagte Erfindung aus einem andern Geiste geflossen seyn könnte, als dem Haß der menschlichen Natur – einer so unnatürlichen Leidenschaft an einem Menschen , daß Swift vermuthlich, so wie er der Erste ist, der Einzige bleiben wird, der diesen abscheulichen Triumf über die Natur zu erhalten fähig war. Denn mit dieser , nicht mit der zufälligen Verderbniß derselben, hat er es zu thun. Seine Yahoos sind von Natur die übelartigsten, boshaftesten und unfläthigsten von allen Thieren; und diese Yahoos sind ihm gerade das, was Rousseau natürliche oder wilde Menschen heißt. Unser ganzer Vorzug vor ihnen besteht, nach ihm, bloß darin, daß wir uns durch Kunst und mit der Länge der Zeit einiger Funken von Vernunft bemächtiget haben, die uns aber zu nichts dienen, als unsre natürlichen Untugenden zu vergrößern, und sie mit noch einigen neuen zu vermehren, welche die Natur uns nicht gegeben hat. Voyage to the Houyhnhnms, Ch. VII. Rousseau ist also, in Vergleichung mit Swift , noch sehr gnädig mit uns zu Werke gegangen. Der Rousseauische Mensch ist von Natur ein harmloses gutartiges Thier, wenigstens so gutartig als irgend ein anderes von der grasfressenden Art ; die Gesellschaft allein ist die Quelle seiner Verderbnisse. Der Swiftische Yahoo hingegen ist das abscheulichste unter allen Ungeheuern, von Natur und durch Kunst; die letztere vergrößert seine angeborne Häßlichkeit, indem sie dieselbe schminken will. Rousseau formiert seine Wilden , indem er so lange von einem Menschen herunter schnitzelt, bis nichts übrig bleibt als das Thier; Swift seinen Yahoo , indem er dem Menschen alles Schöne abstreift, alles Gute bis auf die zartesten Fasern aus seinem Herzen heraus reißt, und aus allen möglichen Lastern und Häßlichkeiten, welche er von den verdorbensten unsrer Gattung (von Ungeheuern, die zu allen Zeiten und unter allen Völkern seltne Erscheinungen gewesen sind) abgezogen hat, ein Ungeheuer zusammen setzt, dessen Daseyn, wenn es erwiesen werden könnte, ein unüberwindlicher Einwurf gegen das Daseyn Gottes wäre. Rousseau will uns überreden zu den Thieren in den Wald zu gehen, weil er sich in den Kopf gesetzt hat, daß er uns dadurch glücklich machen würde; Swift macht uns zu Scheusalen, deren sich die Natur schämt, die der Abscheu der ganzen Schöpfung sind, die sich selbst eines in dem andern verabscheuen; und wenn er eine menschenfreundliche Absicht dabey gehabt hat, nun, wahrhaftig! so hat er ein Mittel dazu gewählt, wobey es unmöglich war, seinen Zweck – nicht zu verfehlen! Doch, es kann keine Frage seyn, was seine Absicht war. Seine Galle, seinen von vielen Jahren her gesammelten Haß gegen seine Landsleute, und besonders gegen die Hofpartey unter Georg dem Ersten, auszulassen, und sich auf einmahl für tausend wirkliche und eingebildete Beleidigungen zu rächen, das war seine Absicht ; aber nur ein so hartes Herz, wie das seinige, war fähig, diese Rache an der menschlichen Natur zu nehmen. Unglücklicher Weise für ihn selbst hat er dieser unwürdigen Leidenschaft nicht Genüge thun können, ohne seinem eigenen Nachruhm mit dem nehmlichen Streiche, den er auf seine ganze Gattung führt, eine tödtliche Wunde beyzubringen. Er mußte ungerecht gegen seine Mitmenschen, und ein Lästerer gegen die Natur werden, um ein Geschöpf, an welchem, bey allen seinen Schwachheiten, Thorheiten und Mängeln, ein Sterne so viel liebenswürdiges sieht, zu einem so gräßlichen Mittelding von Affe und Teufel umzuschaffen. Er mußte erst alle Proporzionen der menschlichen Form zerstören, alle ihre Züge und Lineamente verzerren, alle die feinen Schattierungen verwischen, durch welche die Natur unsre Vollkommenheiten und unsre Mängel, wie ein geschickter Kolorist abstechende Farben, in einander verblendet, und durch tausend fast unmerkliche Mischungen im Ganzen die reitzendste Harmonie zuwege bringt; mit Einem Wort, er mußte das schönste Werk der Natur, um einen Yahoo daraus zu machen, verstümmeln, zerkratzen, übersudeln: – und wie hätte er seinen Genie, seinen Witz, seine Kenntnisse, welche vielleicht noch kein Schriftsteller in solchem Grade beysammen gehabt hat, anders anwenden können, wenn seine Absicht gewesen wäre, sich selbst mitten unter dem menschlichen Geschlecht eine unzerstörbare Schandsäule aufzurichten? Wenn die Gutherzigkeit des berühmten Genfer Bürgers der mindesten Zweydeutigkeit unterworfen wäre; so könnte man sich kaum verwehren zu denken, er habe eine Swiftische Absicht dabey gehabt, da er seinen primitiven Menschen in den Pongo's von Majomba und Kongo gefunden zu haben glaubt. Denn in der That, wenn etwas in der Natur ist, das dem Menschenhasser Gulliver eine Idee zu seinen Yahoos geben konnte, so müßten es die Baviane seyn, von deren Brutalität die Reisebeschreiber aus dem Munde der Negern Beyspiele erzählen, welche sie dieses Nahmens würdig machen. – Aber der ganze Zusammenhang der Rousseauischen Theorie beweiset, daß er keinen solchen Gedanken hatte. 12. Sich in eine Zergliederung der Swiftischen Huyhnhnms und Yahoos einzulassen, um dadurch zu beweisen, wie sehr er sich durch beide an der menschlichen Natur versündigt habe, würde eine wahre Beleidigung der letztern seyn. Es bedarf keines mühsamen Beweises gegen Rousseau, daß die Wilden in Neuholland nur Embryonen von Menschen sind, und daß ein Embryo von der Natur nicht dazu bestimmt ist, ewig Embryo zu bleiben: aber es bedarf noch weniger eines Beweises, daß Homer seine Helden, Plutarch seine großen Männer, Xenofon seinen Sokrates, seinen Cyrus und seine Panthea, – und die Fidias, Alkamenes und Apelles der Griechen, ihren Apollo, ihre Venus, ihre Grazien, von keinen Yahoos abkopiert haben. Indessen schien uns doch das Unrecht, welches zwey so berühmte Misanthropen – der eine wissentlich und mit der muthwilligsten Absicht zu beleidigen, der andre aus Laune und in der Einfalt seines Herzens – dem gesammte Menschengeschlecht angethan haben, diese Rüge um so mehr zu verdienen, da das Beyspiel solcher Männer, theils durch Ansteckung, theils durch die natürliche Wirkung ihres Ansehens, die ohnehin nur zu große Anzahl der Schriftsteller zu vermehren droht, die sich ohne Bedenken an der menschlichen Natur versündigen, indem sie den Menschen bald übermäßig erhöhen, bald unter sich selbst erniedrigen. Wenn wir die Natur nicht beschuldigen wollen, daß ihr gerade dasjenige von allen ihren Werken, worauf sie selbst den größten Werth gelegt zu haben scheint, mißlungen sey: so haben wir gewiß keine Ursache, uns verdrießen zu lassen, daß wir weder Pongo's , noch Platonische Ideen , weder Arkadische Schäfer , noch stoische Weisen , weder Feen-Helden , noch Engel , noch Huyhmhms , sondern – Menschen sind. Aber desto größere Ursache haben wir, gegen alle und jede auf unsrer Hut zu seyn, die uns zu etwas schlechterm als Menschen , ja sogar (aus guten Gründen) gegen diejenigen, die uns aus Hinterlist oder mißverstandener guter Meinung, zu etwas besserm machen wollen. Die Natur , die immer Recht hat, hat gewiß auch Recht daran gethan, daß sie uns gerade so machte wie wir sind; und wahrlich! es ist nicht ihre Schuld, wenn gewisse Leute, aus einem ihnen selbst unbewußten Fehler ihrer Augen, tausend Schönheiten an der menschlichen Natur überschielen oder (was ihnen nur gar zu oft begegnet) wirkliche Schönheiten für Fehler ansehen. Uns däucht, man sollte die menschliche Natur mit sehr gesunden und sehr scharfen Augen lange beobachten, und sehr fleißig, nicht in Systemen oder verfälschten Urkunden , sondern in der Natur selbst studiert haben, ehe man sich anmaßen darf, ihre Auswüchse und üppigen Schößlinge abschneiden, und zuverlässig bestimmen zu wollen, worin ihre reine Form und Schönheit bestehe. Verstümmelungen sind keine Verbesserungen, Gothische Zierathen keine Verschönerungen, – und eine moralische Drapperie , unter welcher die eigenthümliche Gestalt und die wahren Proporzionen der menschlichen Natur unsichtbar werden, verstößt eben so gröblich gegen die allgemeinen Gesetze des Schönen, als die Vertügaden, Wülste und Halskragen des sechzehnten Jahrhunderts, die der Gestalt einer Diana das Ansehen eines Ungeheuers gaben, ohne daß sie der Tugend (deren Bollwerke sie vielleicht seyn sollten) zu sonderlichem Schutze dienen konnten. Die Fehler der menschlichen Natur sind großen Theils mit ihren Schönheiten zu sehr verwebt , als daß man jene beheben könnte, ohne etwas an diesen zu verderben. Sie hat auch liebenswürdige Schwachheiten, die man ihr lassen muß , weil sie dazu dienen können, gewissen Tugenden eine Grazie zu geben, ohne welche die Tugend selbst sich vielleicht Hochachtung erzwingen , aber nicht gefallen kann. Alle Verderbnisse der Menschen scheinen mir aus zwey Hauptwurzeln zu entspringen, der Unterdrückung , und der Ausgelassenheit ; – wovon jene Muthlosigkeit, Feigheit, Trübsinn, Aberglauben, Heucheley, Niederträchtigkeit, Hinterlist, Ränksucht, Neid und Grausamkeit, – diese alle Arten von Üppigkeit und Unmäßigkeit, Muthwillen, fanatische Schwärmerey, Herrschsucht und Gewaltthätigkeit hervorbringt. Die Verderbnisse von der zweyten Klasse würden von selbst wegfallen, wenn denen von der ersten durch das einzig mögliche Mittel, durch eine weise Staatseinrichtung und Gesetzgebung , vorgebaut würde. Aber ungereimt ist es, einigen dauerhaften Nutzen von den Maßnehmungen zu erwarten, welche man gegen diesen oder jenen einzelnen Zweig der sittlichen Verderbniß besonders nimmt, so lange man das Übel nicht in der Wurzel angreift, oder angreifen darf ; das ist, so lange die menschliche Natur unter den Fesseln seufzt, in welche die Tyranney des Aberglaubens und willkührlich ausgeübter Staatsgewalt in gewissen Jahrhunderten und in gewissen Strichen des Erdbodens sie geschmiedet hat. Bis dahin scheint alles, was die Filosofie – es sey nun auf einem Thron oder auf einem Lehrstuhl, aus dem Kabinet eines Ministers oder eines Schriftstellers, – zum Besten des menschlichen Geschlechtes, oder eines jeden Volkes, welches noch (mehr oder weniger) die Ketten des Aberglaubens und der willkührlichen Gewalt trägt, zuwege bringen kann, entweder in Linderungsmitteln , (welche das Übel meistens nur so lange verbergen, bis es mit verdoppelter Stärke und größerer Gefahr ausbricht) oder in Zubereitungen zu bestehen; wodurch die Sachen einer gründlichen Verbesserung näher gebracht werden. Diese gründliche Verbesserung scheint bey einem jeden Volke, das in der Ausbildung schon so weit fortgeschritten ist, um ihrer zu bedürfen und fähig zu seyn, demjenigen aufbehalten zu seyn, der zu gleicher Zeit Weisheit und Macht genug haben wird, eine Gesetzgebung und Staatsverfassung zu bewerkstelligen, in welcher die Triebfedern der menschlichen Natur auch die Triebfedern des Staats sind; durch welche die möglichste Freyheit mit der wenigsten Ungelegenheit erzielt, und keine Gewalt geduldet wird, die ein anderes Interesse hat als das Beste des gemeinen Wesens ; wo die verschiedenen Stände und Klassen zu ihrer Bestimmung durch die zweckmäßigsten Institute gebildet werden, und die Gesetze nicht als Gesetze sondern als Gewohnheiten ihre Wirkung thun, wo die Religion den großen Zweck der allgemeinen Glückseligkeit immer befördert, niemahls hemmt, und ihre Diener geehrt und wohl gepflegt werden, aber (gleich den Männchen im Bienenstaate) keinen Stachel haben; wo mehr Bedacht darauf genommen wird, die Tugend zu ehren als zu bezahlen , und dem Laster so gut vorgebauet ist, daß die Gerechtigkeit nur selten strafen muß; wo allgemeiner Fleiß allgemeine Fülle hervorbringt; wo der Genuß der Gaben der Natur und Kunst, der Bequemlichkeiten und Freuden des Lebens, den Sitten unnachtheilig, und nicht bloß der Antheil einer kleinen Anzahl privilegierter Glücklichen ist; mit Einem Worte, wo dieser letzte Wunsch eines jeden Menschenfreundes, öffentliche Glückseligkeit , nicht nur auf Gedächtnißmünzen und Ehrenpforten, sondern in den Gesichtern aller Bürger geschrieben steht: – – eine Gesetzgebung und Staatsverfassung, deren Möglichkeit nur solche läugnen können, welche entweder unfähig oder ungeneigt sind, zu ihrer Bewerkstelligung mitzuwirken. Talia saecla, suis dixerunt, currite, fusis Concordes stabili fatorum numine Parcae. Aber, dieses Befehle der Parzen an ihre Spindeln ungeachtet, schmeichle man sich nicht, diese goldnen Zeiten durch einen plötzlichen Fall vom Himmel, oder, wie man in den Schulen spricht, durch einen Sprung ankommen zu sehen. Wahr ists, der Anfang der Zubereitungen dazu ist seit dem funfzehnten Jahrhunderte in Europa gemacht, und in den verflossenen drey hundert Jahren mancher Schritt auf diesem Wege gethan worden: aber wir werden die Füße im Fortschreiten etwas weiter aus einander setzen müssen, wenn wir vor dem nächsten Platonischen Jahre beym Ziel zu seyn wünschen. Jede Pause wirft uns etliche Schritte zurück; – was niemand unbegreiflich finden wird, der jemahls in einem schwer bepackten und schlecht bespannten Wagen einen steilen Berg hinauf gefahren ist. Alles müßte mich betrügen, oder diese Sätze, welche, meiner Meinung nach, unter die kleine Anzahl der Wahrheiten gehören, an denen dem ganzen menschlichen Geschlechte gelegen ist , und welche (wie ich nicht zu läugnen begehre) entweder der Kern oder der Zweck , oder der Schlüssel von – oder zu allen meinen Werken, Rhapsodien, Geschichten und Mährchen in Prose und Versen sind – dürften wohl noch nicht so allgemein erkannt und angenommen seyn, daß es überflüssig wäre, wenn sich alle, an welchen der fromme Wunsch der Juvenalischen Amme – Sapere et fari quod sentias, erfüllt worden ist, mit uns vereinigten, nicht müde zu werden, sie in Prose und Versen, in Scherz und Ernst, in beweisender oder überredender Form , so lange vorzutragen, zu entwickeln und einzuschärfen – bis sie endlich über lang oder kurz ihre wohlthätige Wirkung thun werden. Über die von J. J. Rousseau vorgeschlagenen Versuche den wahren Stand der Natur des Menschen zu entdecken nebst einem Traumgespräch mit Prometheus. 1770. 1. Ich habe mir seit vielen Jahren (ohne Ruhm zu melden) einige Mühe gegeben, diese sonderbare Art von Menschenkindern, die man (seit der Aufwartung, welche Pythagoras bey einem kleinen Fürsten der Fliasier gemacht hat, den wir ohne diesen Umstand schwerlich zu kennen die Ehre hätten) Filosofen , zu Deutsch Weisheitsliebhaber , nennt, mit einem etwas mehr als gewöhnlichen Fleiße zu studieren; und ich schmeichle mir, sie (den Schotten Johannes Duns und die übrigen seines Gelichters etwa ausgenommen) so ziemlich ausfündig gemacht zu haben. Es würde Undankbarkeit seyn, wenn ich mir die Miene geben wollte, als ob ich die Gabe, mit den Augen zu sehen, nicht (nächst der guten Mutter Natur) den besagten Weisheitsliebhabern oder weisen Meistern größten Theils zu danken hätte. – Aber alle Dankbarkeit und Ehrerbietung, die ich ihnen schuldig seyn mag, kann mich nicht verhindern zu gestehen, daß die meisten unter ihnen zur Zeit – sehr wunderliche Launen haben. Das Wort, dessen ich mich bediene, ist in der That, in Rücksicht auf die Sache die ich damit bezeichnen will, sehr gelinde. Wenn, zum Beyspiel, diese gänzliche Vertiefung in das betrachtende Leben, welche den weisen Demokritus von Abdera , unterdessen daß er in einsamen Orten, ja wohl gar unter den Ruinen eingefallener Gräber, ganze Tage und Nächte durch dem Studieren oblag, seine häuslichen Angelegenheiten gänzlich vernachlässigen machte – wenn, sage ich, diese Vertiefung in die erhabensten oder subtilsten Spekulazionen das wunderlichste wäre, was man diesen Herren nachsagen könnte, so möchte es noch hingehen! Aber wenn Diogenes in einer Tonne wohnt; Krates mit der schönen und tugendhaften Hipparchia auf öffentlichem Markte Beylager hält; Parmenides die Bewegung läugnet; Anaxagoras behauptet, daß der Schnee schwarz, Zeno , daß der Schmerz kein Übel sey; Plato in seiner Republik auf Gemeinschaft der Weiber anträgt; Pyrrho das Zeugniß der Empfindung für betrüglich ausgiebt; Plotinus versichert, daß er den Vater der Götter und der Menschen mit leiblichen Augen gesehen habe; Julian zu gleicher Zeit den Kaiser, den Cyniker und den Zauberer spielt; die Scholastiker mit großer Ernsthaftigkeit untersuchen, num Deus potuerit suppositare cucurbitam ; Kardanus uns bereden will, daß er bey hellem Tage Gespenster sehe; Kartesius der heiligen Jungfrau eine Wallfahrt nach Loretto gelobt, wenn sie ihm zu einem neuen System verhelfen wollte, u. s. w. – so begreife ich in der That nicht, was man zum Behuf aller dieser Weisheitsliebhaber bessers sagen könnte, als – daß ein Filosof seine Launen, Grillen, Abweichungen und Verfinsterungen habe, so gut als ein andrer, und daß, aufrichtig von der Sache zu reden, der eigentliche specifische Unterschied zwischen einem filosofischen Narren und einem gemeinen Narren lediglich darin bestehe, daß jener seine Narrheit in ein System räsoniert, dieser hingegen ein Narr geradezu ist; ein Unterschied, wobey sich auch auf Seiten des Filosofen unter andern dieser Vorzug darstellt, daß er, ordentlicher Weise, ein ungleich mehr belustigender Narr ist als ein gemeiner Narr. 2. Die Grille, gegen das allgemeine Gefühl und den einstimmigen Glauben des menschlichen Geschlechts zu behaupten, daß der Schnee schwarz sey , hat in unsern Tagen (unsers Wissens) keinen stärker angefochten, als den berühmten Verfasser des Emils und der neuen Heloise , des Devin de village und des Briefs gegen das Theater , des gesellschaftlichen Vertrags und der beiden Abhandlungen, daß die Wissenschaften und Künste der Gesellschaft , und daß die Geselligkeit dem menschlichen Geschlechte verderblich seyen , u. s. w. – Doch, was sag' ich von unsern Tagen? Niemahls hat ein Sterblicher die Neigung allen andern Geschöpfen seiner Gattung ins Angesicht zu widersprechen weiter getrieben, als dieser mit allen seinen Wunderlichkeiten dennoch hochachtungswürdige Sonderling . Ich glaube nicht, daß ich ihm Unrecht thue, wenn ich unter den letztern den Einfall oben an stelle, den er in der Vorrede zur Abhandlung über den Ursprung der Ungleichheit u. s. w. hatte, der Welt zu sagen: »Daß eine gute Auflösung des Problems: Was für Erfahrungen wären erforderlich , um zu einer zuverlässigen Erkenntniß des natürlichen Menschen zu gelangen? Und wie könnten diese Erfahrungen im Schooße der Gesellschaft angestellt werden? – der Aristotelesse und Pliniusse unsrer Zeit nicht nur nicht unwürdig wäre; sondern daß in der That diese Erfahrungen zu dirigieren, die größten Filosofen nicht zu groß, und die Unkosten dazu herzugeben, die mächtigsten Könige nicht zu reich seyn würden;« – eine doppelte Bedingung, die unserm Weisen selbst so wenig unter die Dinge, auf die man Rechnung machen darf, zu gehören scheint, daß er alle Hoffnung aufgiebt, eine dem menschlichen Geschlechte so ersprießliche Aufgabe jemahls aufgelöst und realisiert zu sehen. Ich weiß nicht, was Rousseau für Ursache hat, dem guten Willen, oder dem Vermögen aller der Kaiser, Könige, Sultane, Schachs, Nabobs, Kans, Emirs u. s. w. welche den Erdboden beherrschen, so wenig zuzutrauen; – denn die Aristotelesse und Pliniusse unsrer Zeit kann sein Mißtrauen unmöglich zum Gegenstande haben. Ich meines Orts habe mir, des gemeinen Besten und meine eignen Gemächlichkeit wegen, zum Gesetze gemacht, von unsern Obern zu denken, wie der ehrliche Plutarch will daß man von den Göttern denken soll. »Man kann unmöglich eine zu gute Meinung von ihnen haben, sagt er; und man würde sich weniger an ihnen versündigen, wenn man vorgäbe, sie seyen gar nicht, als wenn man zweifelte, daß es ihnen an Weisheit oder Güte fehlen könnte.« Ich glaube, sage und behaupte also, im Nothfall mit Faust und Ferse, ohne einen Häller dafür und verlangen: daß – »vorausgesetzt, das Rousseauische Problem , und die dazu gehörigen Erfahrungen, seyen so beschaffen, daß dem menschlichen Geschlechte wirklich daran gelegen sey, daß sie gemacht werden,« – und vorausgesetzt, »daß sonst alles, was zur Auflösung des Problems erfordert wird, vorhanden sey,« – es an dem Könige, Sultan, Nabob oder Emir nicht fehlen solle, der sich das größte Vergnügen von der Welt daraus machen wird, seine Mätresse, seine Pferde und Hunde, seine Oper, und vier oder fünf Dutzend andre entbehrliche Personen und Sachen an seinem Hofe abzuschaffen, um die Unkosten zu einer so schönen Unternehmung ohne Belästigung seines Volkes vorschießen zu können. 3. Aber wie wenn alle Wissenschaft der gelehrtesten Akademisten in Europa, und alle Macht der Könige in Asien zusammen genommen, nicht vermögend wäre, zu Stande zu bringen, was bey näherer Untersuchung – unmöglich scheint? Ohne Zweifel ist die Erfahrung das kürzeste und sicherste Mittel, hinter das Geheimnis unsrer Natur zu kommen. Versuche sind der gerade Weg; das heißt die Natur selbst fragen; und dieses Orakel pflegt gemeiniglich eine deutlichere Antwort zu geben als alle andre, wenn wir nur die Kunst verstehen, es recht zu fragen. »Und welches sind denn die Mittel, diese Erfahrungen im Schooße der Gesellschaft anzustellen?« fragt Rousseau . – Das mögen die Götter wissen! – Denn wenn diese Mittel so gewählt werden müssen, daß wir gewiß seyn können, der Natur die Antwort, welche sie uns geben soll, nicht selbst untergeschoben zu haben, so – müssen wir die menschliche Natur schon sehr genau kennen, und eben weil wir sie gern kennen möchten, sollen diese Versuche angestellt werden. Mir däucht, es ist nur Ein Weg aus diesem Zirkel zu kommen; und er ist in der That so leicht zu finden, daß man (mit Tristram zu reden) nur seiner Nase folgen darf; – nehmlich: »Weil es unmöglich ist, Versuche anzustellen, von denen man sich gar keinen Begriff machen kann; so müssen wir solche in Vorschlag bringen, deren Möglichkeit sich wenigstens träumen läßt.« Ferne sey von uns die Vermessenheit, ein Problem auflösen zu wollen, welches sich sein Erfinder selbst nicht gewagt hat! Er, der ein so großer Meister ist, auf die verwickeltsten Fragen eine scharfsinnige Antwort zu finden. Alles, wozu wir gut genug zu seyn glauben, ist, daß wir – bis die neuesten Stagyriten und Pliniusse, denen dieses Abenteuer aufbehalten bleibt, ihre Auflösung gegeben haben werden – uns bemühen, einen Theil der Schwierigkeiten anzuzeigen, die irgend ein abgeneigter Dämon diesen nehmlichen Erfahrungen entgegen zu stellen scheint, von welchen, nach Rousseaus Meinung, die Entdeckung der wahren ursprünglichen Beschaffenheit der menschlichen Natur abhängt. 4. Die Erfahrungen oder Versuche, wovon die Rede ist, müssen mit kleinen Kindern angestellt werden, daran ist kein Zweifel; und diese Kinder können nicht jung genug ausgehoben werden, wofern sie zu unserm Zweck taugen sollen. Unstreitig wäre das allerbeste, wenn wir sie schon als bloße Homunculos bekommen könnten; – wenigstens könnten wir dann am gewissesten seyn, daß ihre Leiber und Seelen noch keine merkliche Veränderung durch die Eindrücke von Erziehung, Unterricht, Polizey, Religion und Sitten aus dem gesellschaftlichen Stande erlitten haben könnten. Aber ich besorge, daß dieses schlechterdings nicht möglich zu machen seyn werde. Inzwischen fragt sich, woher diese Kinder kommen sollen? und es ist leicht zu sehen, daß diese Frage nicht ohne Schwierigkeit ist. In der bürgerlichen Gesellschaft werden wohl keine andre als aus der unglücklichen Zahl der Kinder der Venus Volgivaga zu diesen Versuchen gebraucht werden können. Denn die Filosofen haben entweder selbst keine andre, – oder, wenn sie andre haben, würde schwerlich ein einziger unter ihnen Filosof genug seyn sie zu einem solchen Versuch herzugeben, wie gemeinnützig auch die Absicht desselben immer seyn möchte. Nun ist zwar, was die Findlinge betrifft, die günstige Meinung des Vanini von diesen armen Geschöpfen, wie ärgerlich sie auch dem Doktor Warburton ist, S. Jul. Caes. Vanini de Natura regina deaque Mortalium , und Warburtons Anmerkung zum Monolog des Edmund im König Lear , Shaksp. Vol. VI. p. 16. noch immer die gemeinste; aber daran ist sehr zu zweifeln, ob in allen Findelhäusern des größten und policiertesten Reiches von Europa auf einmahl eine so große Anzahl von gesunden und dauerhaften Säuglingen , als wir vonnöthen haben, aufzutreiben seyn würde; – und dieß, nebst verschiedenen andern Umständen, wohl erwogen, glaube ich nicht daß man werde vermeiden können eine eigene Fabrik zu unserm Zweck anzulegen. In diesem Falle wollte ich ohne Maßgabe die Karaiben oder die Eskimo's in Amerika, oder auch die Kalifornier vorgeschlagen haben, welche, wenn wir den nicht gar zu wohl zusammen hangenden Berichten der Pater Venegas glauben, unter allen Anthropomorphis dem Rousseauischen Mann-Thier Ein Wort, das wir dem alten Froschmäuseler zu danken haben. am nächsten kommen. Jedoch sehe ich auch nicht, was dagegen eingewendet werden könnte, wenn unsre Pliniusse oder Maupertuis lieber die Patagonen , mit welchen uns der Kommodor Byron bekannt gemacht hat, dazu gebrauchen möchten; – wenn sie auch gleich nicht völlig so sehr Riesen wären, als Blaubart oder der schreckliche Popanz Petit Poucet , – wie man uns Anfangs glauben machen wollte. 5. Gesetzt nun, unsre Fabrik von Karaiben, Kaliforniern oder Patagonen – wie ihr wollt – wäre im Gange (wiewohl so etwas im Projekt freylich schneller geht als in der Ausführung) und gesetzt, die erforderliche Anzahl von Kindern wäre fertig, – alle so gut, sauber und auf die Dauer gearbeitet, als es der Gebrauch, den wir von ihnen machen wollen, erfordert; so fragt sich nun: Wo finden wir einen bequemen Ort, unsre Versuche mit ihnen anzustellen? Nach meinem Plane – den ich, aus schuldiger Hochachtung für den Genius unsrer Zeit, so ökonomisch gemacht habe als es nur immer möglich ist, – wird dazu wenigstens ein Umfang von hundert und zwanzig Deutschen Meilen im Durchschnitt erfordert. Denn wir haben nichts gethan, wenn wir nicht verschiedene Versuche zugleich anstellen; und ein jeder verlangt einen ziemlichen Raum; weil alles davon abhängt, daß die verschiedenen Haufen, in welche wir die Kinder vertheilen, wenigstens dreyßig Meilen ringsum von einander abgesondert werden. Fänden sie einander, einer so beträchtlichen Entfernung ungeachtet, dennoch, und wüchsen in Eine Gesellschaft zusammen; so dürfte dieses sodann, ohne Bedenken, für eine öffentliche Erklärung der Natur angesehen werden können: Daß sie, alles Einwendens von Seiten Rousseaus ungeachtet, zum geselligen Leben erschaffen seyen.« Aber wo , ich bitte alle Geografen und Seefahrer beider Halbkugeln, wo finden wir ein Land von vier hundert Meilen im Umfange, welches unter einem sehr milden Himmel liege, und entweder noch gänzlich unbewohnt, oder von so gutherzigen Leuten bewohnt sey, daß die willig und bereit wären, einer fysikomoralischen Aufgabe zu Gefallen auszuziehen, und uns ihr Land zu Versuchen zu überlassen, wobey sie, allem Ansehen nach, sehr wenig zu gewinnen haben werden? 6. Doch, bey einem Projekt muß man auch dem Zufall etwas zutrauen. Diese Schwierigkeit soll gehoben seyn: es werden sich bald wieder andere zeigen, die bey der Ausführung die Geduld eines Jobs ermüden könnten. Die Kinder, welche zu unsern Versuchen gebraucht werden sollen, dürfen – weil sie in allen Betrachtungen bloße Kinder der Natur seyn müssen – keine Eindrücke aus der Gesellschaft mitbringen, sollte es auch nur eine Kalifornische seyn. Sie müssen also so früh hinweg genommen werden, daß sie noch Ammen vonnöthen haben. Und dieß ist ein sehr beschwerlicher Umstand! Ich will nichts von den allgemeinen Eigenschaften einer guten Amme sagen, welche – nach allem dem was die Filosofen und Ärzte dazu erfordern – seltner als ein weißer Rabe ist. Man hat uns seit einigen Jahren alles, was sich über die körperlichen und moralischen Tugenden einer Amme filosofieren läßt, so oft und auf so vielerley Art zu lesen gegeben, daß ich meine Leser und mich selbst nicht schnell genug auf ein andres Kapitel bringen kann. Ich sage nur so viel: Wenn diese Damen unsern Kindern Liedchen vorleiern, mit ihnen schwatzen, sie ihre eigene schöne Sprache lehren, und ihnen Mährchen meiner Mutter Gans erzählen dürfen; – so haben wir alle diese unsägliche Mühe und Ausgaben, welche schon auf unsre Anstalten verwendet worden sind, umsonst gehabt! »Gut, sagt man; es müssen filosofische Ammen seyn –« Ein filosofischer Fiedelbogen! – würde der alte Herr Walther Shandy ausrufen. Wissen die Herren auch was man eine unmögliche Bedingung nennt? Ihr werdet eben so leicht ganz Europa nach Rousseaus Grundsätzen umschaffen, als hundert Rousseauische Ammen bilden. – – Stumm müssen sie seyn , oder alles ist verloren! Doch, was ist für einen König der ein Filosof, oder für einen Filosofen der ein König ist, unmöglich! – Und was für unglaubliche Dinge hat nicht schon oft der launische Dämon, den man Zufall nennt, zu Tage gefördert! Gesetzt, daß nun auch die Ammen gefunden wären, und daß unsere Kinder – Aber, da sticht schon wieder eine neue Schwierigkeit hervor! 7. Die Ammen essen, trinken, gehen auf zwey Beinen, und thun zwanzig andre Dinge, welche man im Stande der Natur zwar auch, aber vielleicht auf eine andre Manier thut. Ihr Beyspiel würde unsre Kinder verführen ; sie würden von den Ammen lernen, was sie allein von der Natur lernen sollen. – Rathet was zu thun ist! Wie gefiele euch folgender Vorschlag? – ich weiß keinen bessern! – Wir haben die Ammen – stumm gemacht; wie wär' es, wenn wir nun die Kinder – blind machten? Man versteht schon, wie dieß gemeint ist: nicht so stockblind , wie uns gewisse Leute, die ich nicht nennen will, gern auf unser ganzes Leben machten, – vermuthlich um uns die Mühe zu ersparen, zu sehen wie sie mit uns wirtschaften würden; denn ein Blinder, in so fern er eine schöne Frau, eine gute Tafel, und guten Wein im Keller hat, ist der brauchbarste Mann von der Welt; – sondern nur blind, so lange wirs vonnöthen haben. Ohne geschicktern Mechaniker als ich bin (d. i. den allerungeschicktesten unter allen mit eingeschlossen) vorgreifen zu wollen, könnte dieß am füglichsten durch eine Art von Binden geschehen, welche eben nicht völlig so fest anschließen müßten als das magische Diadem , womit die schöne Seilerin dem Amor die Augen verbindet, die ihm die Göttin Narrheit ausgeschlagen hatte; Oeuvres de Louis Charly, dite Labé ou la belle Cordelière , p. 13. aber doch fest genug, daß die Kinder unvermögend wären sie wegzuschieben, oder auf irgend eine Weise eher abzunehmen, bis es Zeit wäre sie wieder davon zu befreyen. So viele Schwierigkeiten fangen an verdrießlich zu werden; ich dennoch ist wenigstens noch Eine übrig, welche wir vielleicht nicht anders als – nach König Alexanders Weise werden auflösen können. 8. So weit man auch die Zeit der Entwöhnung unsrer jungen Kolonisten hinaus setzen mag, so muß sie endlich kommen, und die Kinder müssen ihre Nahrung selbst suchen lernen. Es darauf ankommen zu lassen, ob sie sich ohne Anweisung helfen können, möchte desto gefährlicher seyn, da Rousseau selbst kein Bedenken trägt, dem Menschen den Instinkt abzusprechen, womit die Natur auch das verworfenste Insekt in diesem Stücke versorgt hat; – und ihnen Anweisung zu geben, würde ein Eingriff in das Geschäft der Natur seyn, der mit unsern Absichten nicht wohl bestehen könnte. Doch, in zweifelhaften Fällen wählt man das sicherste. Rousseau läßt seinen natürlichen Menschen seine Speise unter einer Eiche suchen. Vermuthlich muß dieser Filosof, bey aller seiner Neigung zum Cynismus , in seinem Leben keine Eicheln gegessen haben. Er würde sonst wenigstens eine kleine Anmerkung dazu gemacht haben, welche ihm Strabo und Plinius an die Hand geben konnten. S. Strabon . L. III. p. 233. ed. Amstelod. 1707. und Plin. L. XVI. c. 6. Die ältesten Griechen und einige Völker, die uns der erste nennt, nährten sich auch von Eicheln. Aber es waren, wie uns eben dieser weise Schriftsteller versichert, eine sehr gute wohlschmeckende Art von Eicheln; mit Einem Worte, eben diejenige, welche noch auf diesen Tag unter dem Nahmen Kastanien in ganz Europa – von den arbitris lautitiarum selbst – gegessen werden. Unsre Kinder werden also wenigstens diese Eicheln (wenn es ja Eicheln seyn müssen) finden und essen lernen; und erst alsdann, wenn wir uns dieses Punkts versichert haben, wollen wirs wagen Abschied von ihnen zu nehmen, um sie, für die nächsten zwanzig Jahre, der Mutter Natur und sich selbst zu überlassen. 9. Und so hätten also diese großen Filosofen, welche, nach Rousseaus Meinung, die Oberaufsicht über diese Experimente haben sollten, am Ende sehr wenig dabey aufzusehen? Es scheint nicht anders; es wäre denn, (wenn es thunlich seyn sollte), daß man diese Kinder, um das Spiel der Natur mit ihnen zu belauschen , in eine Art von Reaumürschen Bienenkorb einsperrte; welcher aber so eingerichtet seyn müßte, daß die Filosofen alles sehr genau beobachten könnten, ohne selbst wahrgenommen zu werden. Wir getrauen uns zu behaupten, daß sich (wofern die besagten Naturforscher sich nicht etwa in Sylfen verwandeln, und aus Silbergewölken auf die Gegenstände ihrer Betrachtung herabsehen wollen) kein andres Mittel erdenken lasse, wie die Entwicklungen der Natur bey unsern Zöglingen von Tag zu Tage bemerkt werden könnten. Es ist wahr, man kann nicht sagen, wie weit die Künste noch getrieben werden können. Man bringt in den vornehmsten Glasfabriken in Europa Dinge zu Stande, welche man vor hundert Jahren für unmöglich gehalten hätte. Bey allem dem kann es erlaubt seyn zu zweifeln, ob es jemahls möglich seyn werde, gläserne Glocken oder Bienenkörbe von so ungeheurer Größe zu machen, als wir sie zu unserm Experimente brauchen. Denn sie müssen ohne alle Vergleichung größer seyn als die große Aquavitflasche der Feen ; und wir gestehen, daß es uns schlechterdings ungereimt scheint, ohne den Beystand aller Feen und Zauberer, welche jemahls in den Mährchen gezaubert haben, sich von einem solchen Stück Arbeit nur träumen zu lassen. Welchemnach also, wie gesagt, für unsre Filosofen weiter nichts übrig bliebe, als – nach Hause zu gehen, und (falls sie wider Vermuthen nichts anders zu thun haben sollten) sich hinzusetzen, und a priori ausfündig zu machen, in was für einem Zustande sie die junge Kolonie nach zwanzig Jahren vermuthlich antreffen würden; – ein unendliches Feld, wie ihr seht, zu Spekulazionen, Hypothesen, Theorien, und Dispüten, deren Vergleichung mit der Facti Species , welche man nach Verfluß der zwanzig Jahre erheben würde, für Liebhaber etwas sehr belustigendes seyn müßte, und, wie wir nicht zweifeln, eine uralte, aber wenig geachtete Wahrheit von neuem bestätigen würde, nehmlich – »Daß es eine eitle Bemühung des Geistes sey, durch alle die Dädalischen Irrgänge des Imaginazion, willkührlicher Begriffe und seichter Vermuthungen, etwas zu suchen , welches uns die Natur – unmittelbar vor die Nase hingelegt hat.« 10. Ob nun gleich bey diesen Versuchen das meiste der Natur gänzlich überlassen werden müßte: so könnten doch unsre Filosofen vor ihrer Abreise eine Abtheilung der oft besagten Kinder vornehmen, um verschiedene Versuche zu gleicher Zeit anzustellen, durch welche der abgezielte Endzweck, den natürlichen Menschen , oder, welches auf das nehmliche hinaus zu laufen scheint, die menschliche Natur kennen zu lernen, desto vollständiger erhalten werden dürfte. Unmaßgeblich könnten wir das ganze Stück Landes – welches, wie gesagt, ungefähr vier hundert Meilen im Umkreis halten müßte, – in vier große Bezirke abtheilen. In den ersten könnte man, in gehörigen Entfernungen, vier oder sechs einzelne Kinder von einerley Geschlecht verschließen; In den andern etliche Paare von beiderley Geschlecht, aber jedes Paar so weit als möglich von den übrigen entfernt; In den dritten eine größere, aber gleiche Anzahl Kinder von beiderley Geschlecht, zerstreut, doch nahe genug, daß sie einander ohne große Reisen finden könnten; In den vierten endlich, welchen man wiederum in zwey abgesonderte Kolonien theilen könnte, eine merklich ungleiche Anzahl von beiderley Geschlecht; zum Beyspiel, eine Kolonie aus zwanzig Knaben und sechs oder acht Mädchen, und eine andere aus zwanzig Mädchen und sechs oder acht Knaben; – zwey sehr wichtige Kolonien, weil sie über einige Punkte des Matrimonial-Gesetzes der Natur kein geringes Licht verbreiten würden. 11. Und nun, wenn wir, mit Überwindung so vieler unübersteiglich scheinender Schwierigkeiten, das ganze Projekt zu Stande gebracht hätten, und, nach Verfluß von zwanzig oder dreyßig Jahren, die Dalambert und Büffon derselben Zeit gingen, zu sehen wie die Sachen unsrer Experimental-Kolonien ständen, um dem menschlichen Geschlecht über den Befund Bericht zu erstatten – was meinen wir daß sie finden würden? Ferguson hat, wie es scheint, ein solches Experiment im Gesichte gehabt, da er sagte: »Wir haben alle Ursache, zu glauben, daß, wenn man eine Kolonie von Kindern aus der Ammenstube verpflanzte, und sie eine ganz eigene Gesellschaft ausmachen ließe, ohne Unterricht und ohne Erziehung, – daß wir, sage ich, nichts als dieselben Dinge wiederholt finden würden, die wir schon in so verschiedenen Theilen des Erdbodens gefunden haben; u. s. w. –« Ja wohl, haben wir alle Ursache das zu glauben; und eben so viele Ursache würden wir haben uns zu verwundern, wenn unsre Leser nicht schon lange gemerkt haben sollten, daß das große Problem, womit uns Rousseau so viel zu schaffen gemacht hat, weder mehr noch weniger ist, als »zu wissen, was für Erfahrungen man anzustellen hätte, um mit überzeugender Gewißheit entscheiden zu können, ob der Schnee weiß oder schwarz sey?« Im ganzen Ernst, es wäre sehr unnöthig, dem größten oder kleinsten Monarchen in Europa die geringste Mühe mit Experimenten zu machen, welche uns wahrlich wenig neues lehren würden. Das große Experiment wird auf diesem ganzen Erdenrunde schon viele tausend Jahre lange gemacht; und die Natur selbst hat sich die Mühe genommen, es zu dirigieren , so daß den Aristotelessen und Pliniussen aller Zeiten nichts übrig gelassen ist, als die Augen aufzuthun, und zu sehen wie die Natur von jeher gewirkt hat, und noch wirkt, und ohne Zweifel künftig wirken wird, – und, wenn sie lange und scharf genug geguckt und das Ganze aus dem gehörigen Standpunkte aufmerksam genug übersehen haben, – zu gehen, und ihre Theorien, Kompilazionen, Systeme, Entwürfe, Inbegriffe, und wie die Dinge alle heißen, zu verbrennen, oder umzugießen, oder auszubessern, oder zu ergänzen, so gut sie immer können und wissen, – und weiter nichts! Nein, lieber Rousseau ! So arme Wichte wir immer seyn mögen, so sind wir es doch nicht in einem so ungeheuern Grade, daß wir nach den Erfahrungen so vieler Jahrhunderte noch vonnöthen haben sollten, neue unerhörte Experimente zu machen, um zu erfahren – was die Natur mit uns vorhabe. Und wofern sich auch alle Könige und alle Filosofen des Erbodens vereinigten solche Experimente zu machen: was für Ursache haben wir zu hoffen, daß wir etwas andres oder besseres daraus lernen würden, als was uns die allgemeine Erfahrung, mit der unwidersprechlichsten Evidenz, aus allen Enden der Erde, von einem Pole zum andern, aus dem ewigen Schnee der Kamtschadalen, und aus dem glühenden Sande von Nigrizien zuruft: – »Daß der Mensch zur Geselligkeit gemacht sey;« – und »daß die vereinigten Kräfte der Barbarey, des Aberglaubens, und der Unterdrückung, immer unvermögend geblieben, diesen kostbaren Samen jeder gesellschaftlichen Tugend gänzlich zu vertilgen;« »dieses sympathetische Gefühl , welches den Menschen mit einer süßen Gewalt nöthiget, sich selbst in andern Menschen zu lieben, und welches, wie Cicero göttlich spricht, die Grundlage alles Rechts ist.« 12. Sollte sich übrigens gleichwohl, wider Vermuthen, zutragen, daß einmahl ein müßiger Schach-Baham , müde immer Fliegen zu fangen oder Bilder auszuschneiden und sich Mährchen erzählen zu lassen, auf den weisen Einfall kommen sollte, sich die lange Weile mit dergleichen Experimenten vertreiben zu wollen: so wollen wir diesem edlen Vorhaben durch alles bisher gesagte nicht nur im geringsten nichts präjudiciert haben; sondern versichern Seine Sultanische Hoheit noch zum Überfluß, daß es, aller Wahrscheinlichkeit nach, sehr unterhaltend seyn müßte, in einer solchen Menagerie von Menschenkindern sich mit einigen Dutzend Sultaninnen, Hofaffen, Hofnarren, und andern solchen witzigen Personen zu erlustigen; nichts davon zu gedenken, daß es bey diesen Experimenten vermuthlich eben so ergehen würde, wie es denen, die an dem Steine der Weisen arbeiten, zu ergehen pflegt; nehmlich daß man am Ende immer etwas finden würde; wo nicht das, was man suchte, vielleicht etwas andres, das man nicht suchte, und das uns eben darum desto angenehmer zu seyn pflegt, sollte es gleich von allem, was wir auf den Prozeß verwenden mußten, kaum die Tiegel bezahlen. 13. Der kleine Scherz, den ich mir die Freyheit genommen habe – nicht mit Rousseau – sondern bloß mit einer von seinen Lieblingsgrillen zu treiben, hat wenigstens für mich den Vortheil gehabt, mir diese Nacht einen sehr angenehmen Traum zu verschaffen. Wenn meine Leser Pythagoräer wären, und ich wäre – Pythagoras ; – oder sie wären Ägyptische Priester und ich ihr Oberpriester: – so würde ich keinen Augenblick Bedenken tragen ihnen meinen Traum zu erzählen; denn diese beiden Gattungen Seher waren große Liebhaber von Träumen . In unsrer Zeit ist es ein ziemlich allgemein angenommener Satz: daß es wider die Regeln der feinen Lebensart sey, in guter Gesellschaft seine Träume zu erzählen. – Das beste wäre also, meinen Traum nicht zu erzählen. Und gleichwohl glaube ich wahrgenommen zu haben, daß es mit Träumen – wofern man sich nur einige Unterhaltung davon verspricht, zumahl mit Träumen von der wunderbaren und mystischen Gattung – beynahe dieselbe Bewandtniß wie mit den Geister- und Gespenstergeschichten hat. Niemand, der sich besser als der Pöbel dünkt, will heut zu Tage dafür angesehen seyn, daß er solche Geschichten glaube : aber jedermann hört sie gern erzählen; und ein neues Gespenstermährchen ist das unfehlbarste Mittel in einer großen Gesellschaft, in welcher man kurz zuvor kaum sein eignes Wort hören konnte, plötzlich allgemeine Stille und Aufmerksamkeit hervorzubringen. Lassen Sie uns also aufrichtig gegen einander seyn, meine Damen und Herren! – Mein Traum könnte, denken Sie, gleichwohl des Anhörens werth seyn, sonst würde ich doch wohl so manierlich gewesen seyn, gar nichts davon zu sagen. Gestehen Sie es, ich habe Ihre Neugier rege gemacht – Sie möchten meinen Traum gerne hören, das ist gewiß; aber – nicht gerner als ich ihn erzählte, daß ist eben so gewiß; – und also ist beiden Theilen geholfen wenn ich anfange. So aufrichtig sind nicht alle Schriftsteller – und dann werden Sie sehen, daß es nur an mir lag, aus meinem Traum ein so gutes, ernsthaftes und kunstmäßig zugeschnittenes System zu machen, als irgend eines von allen denen, die binnen heut und einem Jahre gemacht werden mögen. Was für ein Ansehen hätte ich mir damit geben können! Was für eine Menge alte, mittlere und neuere Autoren hätte ich anführen, wie manchen widerlegen , wie manchen vertheidigen , wie manchen erklären , und wie manchen emendieren können! Denn warum sollte ich das alles nicht eben so wohl können, als so viele andere, die am Ende doch auch nicht größere Hexenmeister sind als ich? Ich sage dieß niemand zu Leide; bloß um die Herren und Damen gestehen zu machen, daß ich der gutherzigste Autor bin, der vielleicht seit undenklichen Zeiten gesehen worden ist. Andere geben ihre Träume für wirkliche Erscheinungen, oder träumen wohl bey hellem Tageslichte mit offnen Augen, und muthen uns zu, daß wir der Himmel weiß welche übermenschliche Weisheit in ihren Träumen finden sollen: ich hingegen geben meinen Traum für – einen Traum, d. i. eine Feige für eine Feige; und das heißt doch, denke ich, Ehrerbietung für seine Leser tragen, und den Leuten zutrauen, daß sie – Augen haben. Also, meinen Traum, wenn es Ihnen angenehm ist! 14. Ich weiß nicht wie es zuging, – ein Fall worin sich gewöhnlich alle Träumer befinden, – genug ich befand mich plötzlich mitten auf einem hohen Gebirge, welches keine andre Einwohner als Löwen und Drachen zu haben schien, und dessen oberster Theil, mit ewigem Schnee bedeckt, seine Stirn in den Wolken verbarg. »Das fängt zu poetisch an.« – Sie haben Recht! ich muß ein wenig niedriger stimmen. Ächzende Töne, durch kleine Pausen unterbrochen, gleich dem Ächzen, welches die Heftigkeit des Schmerzens oder die lange Dauer eines mißbehaglichen Zustandes endlich der Geduld selbst auspreßt, drangen durch die schreckliche Stille in mein Ohr. Ich folgte dem Tone, wiewohl mir das Herz pochte, und nun sah ich auf einmahl – was Sie schwerlich errathen hätten, aber so bald ich Ihnen sage sehr natürlich finden werden – den alten Menschenbildner Prometheus vor mir, in dem nehmlichen jammervollen Zustande, wie ihn der Tragödiendichter Äschylus an einen Felsen des Kaukasus geschmiedet schildert. Der lang' entbehrte Anblick eines Menschengesichts schien etwas linderndes für ihn zu haben. Er rief mir näher herbey zu kommen, und wir wurden, wie es in Träumen gebräuchlich ist, in einem Augenblick die besten Freunde. Er fragte mich, wie es um die Menschen stehe, und wie sie sich das Daseyn zu nutze machten, welches sie seiner plastischen Kunst und seiner Gutherzigkeit zu danken hätten? Der Gott der Träume trieb hier eines seiner gewöhnlichen Spiele mit mir. Ich erinnerte mich nicht etwa bloß der Fabel vom Ursprung der Menschen , wie ich sie in den alten Dichtern gelesen hatte; sie wurde in dem nehmlichen Augenblicke zur Wahrheit für mich. Ich glaubte wirklich den Urheber meiner Gattung vor mir zu sehen, diesen Prometheus , der aus Lehm und Wasser Menschen gemacht, und Mittel gefunden hatte, ihnen, ich weiß nicht wie , dieses wundervolle ich weiß nicht was zu geben, das sie die Seele nennen. Kurz, ich fühlte mich gänzlich in die Fabelzeit versetzt, ohne darum weniger nach den Begriffen eines Menschen aus meinem Zeitalter zu sprechen. Ich befriedigte seine Neugier durch Nachrichten – welche ich (aufrichtig zu reden) Bedenken trage öffentlich bekannt zu machen; und das aus der einfältigsten Ursache der Welt. Es giebt übel gesinnte Leute, welche sie für eine Satire ausrufen würden, – und – gute, wohlmeinende Personen, welche fähig wären, mich wegen dessen, war ich im Traume gesagt hätte, zu Verantwortung zu ziehen; – wiewohl sie sich aus ihrem Montesquieu belehren könnten, daß dieß etwas sehr unbilliges ist. Indessen wirft man sich doch nicht gern mit solchen Leuten ab. Man wird mir also vergeben, daß ich weiter nichts davon sagen kann, als daß Prometheus den Kopf schüttelte, und ich weiß nicht was in seinen Bart hinein murmelte, welches, denke ich, – keine Lobrede auf seinen Vetter Jupiter war, der ihm, wie er sagte, die Freude nicht gegönnet habe, seine Geschöpfe glücklich zu machen. Ich sagte ihm, unsre Weisen gäben sich viele Mühe der Sache abzuhelfen, und es wäre noch nicht lange, daß uns einer hätte bereden wollen, es würde nicht besser mit uns werden, bis wir uns entschlössen, in den Stand der Natur zurück zu treten. Und was nennt dieser weise Meister den Stand der Natur? fragte Prometheus . – Nackend, oder in eine Bärenhaut eingewickelt, unter einem Baume liegen, (versetzte ich) Eicheln oder Wurzeln fressen, Wasser aus einem Bach oder einer Pfütze trinken, und mit dem ersten besten Weibchen, das einem aufstößt, zusammen laufen, ohne sich anfechten zu lassen, was aus ihr und ihren Jungen werden könne; den größten Theil seines Lebens verschlafen, nichts denken, nichts wünschen, nichts thun, sich nichts um andre, wenig um sich selbst, und am allerwenigsten um die Zukunft bekümmern: – dieß nennt der Weise, von dem ich dir sagte, den Stand der Natur . In diesem seligen Stande, spricht er, hätten wir keine Künste, keine Wissenschaften, kein Eigenthum, keinen Unterschied der Stände, keine Gesetze, keine Obrigkeit, keine Priester, keine Filosofen vonnöthen; – und so lange man diese Dinge von nöthen hat, ist, seiner Meinung nach, an keine Glückseligkeit zu denken. Prometheus , – ungeachtet sein Zustand so elend war, daß nur ein Gott fähig seyn konnte ihn erträglich zu finden – erhob über die Einfälle des anmaßlichen Weisen ein so herzliches Gelächter, daß ich mich nicht entbrechen konnte, ihm Gesellschaft zu leisten. Ich sehe, sagte er, eure Filosofen sind noch immer – was ihre Vorgänger waren – Grillenfänger, welche Wolken für Göttinnen, Abstrakzionen für Wahrheit umfangen, und nie sehen was vor ihrer Nase liegt, weil sie sich angewöhnt haben, immer wer weiß wie weit über ihre Nase hinaus zu sehen. Nicht alle, sagte ich; denn wir haben ihrer manche, welche die ihrigen noch mit einem halben Dutzend Brillen bewaffnen, womit sie zwar im Ganzen nichts, hingegen im Kleinen so scharf sehen, daß ein gewisser Präsident einer gewissen Akademie sich große Hoffnung machte, wenn er nur den Hirnschädel eines Pantagonen von zwanzig bis dreyßig Ellen in seine Gewalt bekommen könnte, die Seele selbst, so klein sie immer seyn möchte, über dem Ausbrüten ihrer Vorstellungen gewahr zu werden. Eure Filosofen haben seltsame Einfälle, sagte Prometheus . Zuweilen, erwiederte ich, und nicht alle. Dafür aber haben auch unsere großen Herren, seitdem sie Filosofen um sich haben, ihre Hofnarren abgeschafft; und, unparteyisch zu reden, ich denke, sie haben beym Tausch mehr – verloren als gewonnen. Aber wieder auf deinen Sofisten zu kommen, fuhr er fort; ich merke er hat vom goldenen Alter reden gehört. Vielleicht kam ihm die Idee zu poetisch vor, und da streifte er, nach Gewohnheit dieser Herren, so lange an ihr ab, bis ihm vom Menschen nichts als das bloße Thier übrig blieb; eine Arbeit, die ihn sehr leicht angekommen seyn mag! – Aber ich denke doch, – ich, der die Menschen gemacht hat, sollte am besten wissen, wie ich sie gemacht habe. Das denk' ich auch, versetzte ich; und du würdest mir keine geringe Wohlthat erweisen, wenn du mir Nachrichten geben wolltest, welche mich in den Stand setzten, gewisse Filosofen zu demüthigen – Wenn du keinen andern Beweggrund hast, unterbrach mich der Menschenmacher , so kann ich mir die Mühe ersparen. Deine Filosofen scheinen mir die Leute nicht zu seyn, die sich von Prometheus belehren lassen; und je natürlicher das, was du ihnen aus meinem Munde sagtest, wäre, desto rascher würden sie seyn, auszurufen: Ists nichts als dieß? – Jupiter sagte das nehmliche, da ich mit meinen Menschen fertig war. Das alberne Machwerk! rief er: ich wollte in einem Nektarrausche was bessers gemacht haben! – Doch, ich habe seit langer Zeit mit keinem Menschen geschwatzt; und du kannst dir einbilden, ob einem die Weile zuletzt lang wird, wenn man etliche tausend Jahre so allein an den Kaukasus angeschmiedet ist, ohne eine andre Gesellschaft zu sehen, als einen unsterblichen Geier, der einem die Leber aus dem Leibe pickt, und so bald er sie aufgegessen hat, sich empfiehlt, bis wieder eine neue gewachsen ist. Ich bin froh, daß du dich zu mir verirrt hast, und ich habe gute Lust mich einmahl wieder satt zu schwatzen, weil mir doch der verwünschte Geier eben Zeit dazu läßt. Ich bezeigte ihm mein Mitleiden und meine Lernbegierde; und Prometheus fing seine Erzählung also an. 15. »Es ist vielleicht nicht unbekannt, daß ich, so gut als Jupiter und seine Brüder, vom Geschlechte der Titanen bin, denen Hesiodus den Himmel zum Vater und die Erde zur Mutter giebt. »Man hielt mich, ohne Ruhm zu melden, für den klügsten unter ihnen, vermuthlich weil die übrigen, auf ihre körperlichen Vorzüge stolz, es nicht der Mühe werth hielten Verstand zu haben. »Damahls war die Erde noch ohne Bewohner; und weil ich gerade nichts bessers zu thun hatte, kam ich auf den Einfall, sie mit lebenden Geschöpfen zu bevölkern. Anfangs vertrieb ich mir die Zeit damit, Thiere von allen Gattungen zu machen, unter denen manche grotesk genug aussehen, um die Laune zu verrathen, worin ich sie machte. Unzufrieden mit meiner Arbeit, fiel mir kaum eine Gattung aus der Hand, als mir die Idee einer andern kam, welche besser gerathen sollte. »Dieß ging so lange fort, bis mir endlich die Lust ankam, eine Gattung zu versuchen, welche eine Mittelart zwischen uns Göttern und meinen Thieren seyn sollte. Meine Absicht war die unschuldigste von der Welt; es war ein bloßes Spiel: aber unter der Arbeit fühlte ich eine Art von Liebe zu meinem eigenen Werke entstehen; und nun setzte ich mir vor, glückliche Geschöpfe aus ihnen zu machen. »Ich glaubte, sie wegen der Ähnlichkeit, die sie mit den andern Thieren hatten, nicht schadlos genug halten zu können; und organisierte sie deßwegen an den beiden Theilen, die an den Thieren gerade das schlechteste sind, so vollkommen, als es die Materie , worin ich arbeitete, nur immer möglich seyn ließ. »Ich spannte die unendlich subtilen Saiten, woraus ich sie zusammen webte, so künstlich auf, daß eine Art von musikalischem Instrumente daraus wurde, welches die schönste Harmonie von sich gab, so bald die Natur darauf zu spielen anfing. Diese Instrumente stimmte ich so gut zusammen, daß, so wie eines davon einen gewissen Ton von sich gab, die nehmliche Saite bey dem andern mit einem gleich tönenden Laut antwortete. Meine Menschen warten die gutherzigsten Geschöpfe, die man sehen konnte. Lachte eins, so lachte das andere; weinte oder trauerte eins, so trauerte das andere auch; lief eins voran, so liefen die andern hinter drein: kurz, ich trieb diese Zusammenstimmung so weit, daß sogar keines gähnen konnte, ohne alle übrigen mitgähnen zu machen. Aristoteles trieb sie noch weiter. Er behauptete, kein Mensch könne den andern p*ss*n sehen, ohne augenblicklich einen Reitz zu fühlen dasselbe zu thun; und er erklärte sehr scharfsinnig wie dieß zugehe, Problemat . Sect. VII. quaest. 6. »Die Idee der Harmonie hatte etwas so ergetzendes für mich, daß ich mitten unter meiner Arbeit immer auf neue Triebfedern dachte, sie bey meinen Geschöpfen so vollkommen zu machen als möglich. »Ich liebte damahls eine von der Töchtern des Oceanus ; die schönste Nymfe, die man mit Augen sehen kann. Dieser Umstand kam meinen Geschöpfen sehr zu gute. »Um sie in diesem Stücke so glücklich zu machen als ich es selbst war, gab ich dem weiblichen Geschlecht zur Schönheit einen gewissen Reitz , dem auch derjenige unterliegen mußte, dem die Schönheit nichts anhaben kann; und meine Männer bildete ich so, daß der männlichste, tapferste, edelmüthigste gerade der war, der sich ihren Reitzungen am leichtesten gefangen gab. »Ich milderte durch das sanfte Wesen und die rührende Grazie des Weibes eine gewisse Wildheit, welche den Männern unentbehrlich war, damit sie im Nothfall die Beschützer der Gegenstände ihrer süßesten Regungen seyn könnten. »Die Gewalt ihrer Reitze zu verdoppeln, gab ich dem Weibe die Scham, die holdseligste der Grazien, das anziehende Weigern, das sanfte Sträuben, welches den Werth jeder Gunst erhöht; die süßen Thränen, deren wollüstiges Ergießen das von Empfindung gepreßte Herz leichter macht. Ich tauchte gleichsam ihr ganzes Wesen in Liebe, und machte, daß sie ihre höchste Glückseligkeit darein setzte, geliebt zu werden und Liebe einzuflößen. »Ich glaubte hierin nicht zu viel thun zu können, daß meine Absicht war, den Mann dadurch von einer herum schweifenden Liebe abzuhalten, und – wenigstens so viel es meine andern Absichten erforderten – seine Zuneigung an eine einzige Schöne zu heften. Ich machte zu diesem Ende, daß er, so bald ein Mädchen sein Herz eingenommen hatte, den Gedanken nicht ertragen konnte, ihren Besitz mit einem andern zu theilen. Nicht als ob ich mir eingebildet hätte, Geschöpfe aus Lehm und Wasser durch ein paar ätherische Funken, wodurch ich diesen schlechten Stoff veredelt hatte, einer ewigen Liebe fähig gemacht zu haben: aber zu meinen Absichten war es auch genug, wenn die erste Liebe zwischen meinem Paare nur so lange dauerte, bis das Mädchen Mutter wurde. »Dieser Umstand müßte nothwendig (dacht' ich) ein neues Band der Zuneigung, eine neue Quelle zärtlicher Gefühle und eine Art von Liebe werden, welche, bey noch unausgearteten Menschen , zwar nicht so heftig und schwärmend, aber dauerhafter ist, als jene, die den Genuß zum Zweck hat, und im Schooße der Sättigung ihr Grab findet. Konnte der Vater die Mutter seines Kindes, oder die Mutter den Mann, der ihr diesen süßen und ehrenvollen Nahmen verschafft hatte, ohne zärtliche Empfindung ansehen?« Ich hatte mir bisher immer Gewalt angethan, den ehrlichen Titan nicht zu unterbrechen; aber länger konnt' ichs nicht, – und ich sehe, meine Herren, daß es Ihnen auch so geht. Das Gewäsch des alten schwärmenden Graubarts kommt Ihnen halb kindisch vor – nicht wahr? In der That, ich fange selbst an zu muthmaßen, daß er sich auf seinen Vorzug vor den übrigen Titanen ein wenig zu viel zu gute gethan haben könnte. – Doch, wir müssen den Prometheus meines Traums nicht dafür verantwortlich machen, daß seine Menschen nicht die Menschen zu Paris, London; Neapel, Wien, Petersburg; Konstantinopel u. s. w. sind; das ist auch wahr! – Die Menschen, von denen Prometheus spricht, sind längst nicht mehr – oder, wofern es noch hier und da einen verborgenen Samen von dieser wunderlichen Gattung von Geschöpfen giebt: so machen sie doch keine Zahl; und – non apparentium et non existentium est eadem ratio , (was nicht in die Sinne fällt, kommt eben so wenig in Anschlag als ob es gar nicht wäre) sagt der alte juristische Weidspruch. Wir werden ihn also, weil er einmahl angefangen hat, schon weiter reden lassen müssen. »Der Zug der Natur zu diesen kleinen wimmernden Geschöpfen, die ihr Daseyn von ihrer Liebe empfangen hatten, unterhielt diese Liebe, und empfing hinwieder von ihr neue Stärke. Dann das, wofür ich in der ersten Anlage der Menschheit am meisten gesorgt hatte, waren eben diese kleinen Geschöpfe, von deren glücklicher Entfaltung die Dauer der menschlichen Gattung abhing, welche nun mein Lieblings-Gegenstand war. »Ich machte sie zu Kindern der Liebe ; das hieß selbst für die Keime der Menschheit Sorge tragen. Konnten sie anders als wohl gerathen, da die Liebe selbst ihre erste unsichtbare Pflegung auf sich nahm? »Aber daran begnügt' ich mich nicht. Ich strengte alle meine Erfindung, alle meine Bildnerkunst an, aus dem Instinkt der Mutter für ihr Kind die stärkste aller Empfindungen zu machen. Die Schmerzen selbst womit sie es gebar, mußten dazu helfen; es mußte ihr desto theurer werden, je mehr es ihr gekostet hatte. Ich setzte die Brust der Mutter nicht bloß der Schönheit wegen dahin wo sie ist, oder damit der Säugling, auf ihrem Arme liegend, seine Nahrung desto bequemer finden möchte; sondern weil ich wollte, daß die Nähe des Herzens , welches ich zum Triebrade der zärtlichen Gefühle des Menschen gemacht hatte, dem mütterlichen Gefühl in den Augenblicken, wenn sie ihr Kind stillt, desto mehr Wärme und Innigkeit geben sollte. »Die immer zunehmende Schönheit des Kindes; die sanfte stufenweise Entfaltung der Menschheit, deren angeborner Adel, selbst in diesem thierischen Alter, fast allen seinen Regungen einen gewissen Schein von Sittlichkeit giebt; das süße Lächeln, womit es die mühvolle Fürsorge der Mutter belohnt: – alles vereinigte sich, die mütterliche Zuneigung zu einem so mächtigen Triebe zu machen, als es nöthig war, um in der Leistung aller der beschwerlichen Dienste, deren das kindliche Alter bedarf, sogar Vergnügen zu finden. »Doch, ich vergesse, – so angenehm ist mir die Erinnerung an eine Arbeit, die aus einem bloßen Spiele mein angelegenstes Geschäft wurde, – daß ich dich vielleicht nicht so gut unterhalte als mich selbst.« Ich war (wie man sich vorstellen kann) so höflich, den Enkel des Himmels und der Erde zu versichern, daß ich mir keine bessere Unterhaltung wünschte. 16. »Ich weiß nicht, fuhr er fort, wie es deine Brüder, die Menschen, angefangen haben, daß sie (wie du sagst) nicht glücklich sind. Meine Absicht wenigstens war, daß sie es seyn sollten; und ich glaubte, es ihnen so leicht gemacht zu haben, glücklich zu seyn, und so schwer, sich unglücklich zu machen, daß ich, bey meinem Vetter Anubis! nichts davon begreife, wenn ich meine Mühe an ihnen verloren habe. – Aber die verwünschte Büchse der Pandora! Ohne sie würden meine armen Menschen noch so glücklich seyn als in ihrem ursprünglichen Stande .« Sie waren also einmahl sehr glücklich? fragte ich. »Ob sie es waren? rief Prometheus in einem Tone, der mir zu erkennen gab daß ihn meine Frage beleidigt habe. – Wie hätten sie es nicht seyn sollen? Ich setzte ihr ganzes Wesen aus Triebfedern des Vergnügens zusammen; und damit es unmöglich seyn möchte, daß der Schmerz jemahls den Zugang zu ihnen fände, machte ich ihn zum Gefährten der Unmäßigkeit, der Mißgunst, der Bosheit, und aller andrer Laster, welche dem Menschen ihrer Natur nach so verderblich sind, und so wenig verführerisches haben, daß ich mir nicht einfallen lassen konnte – »Aber die verdammte Büchse der Pandora! Das fatale Geschenk hat alles verdorben! – Tausend in die Farbe des Vergnügens gekleidete Bedürfnisse, in deren Unwissenheit ein großer Theil des Glücks meiner Menschen bestand, jedes von einem Schwarm unruhiger Begierden umflattert, stürzten heraus, als der unbesonnene Epimetheus sie in einer unseligen Stunde öffnete; und geschehen wars um meine armen Geschöpfe! – Die guten sorglosen Kinder! Ich hatte sie einfältig, unschuldig, freundlich gemacht; es floß so reines Blut in ihren Adern, daß sie nicht wußten was böse Laune war. Ich gab ihnen gerade so viel Verstand als sie nöthig hatten, um glücklicher zu seyn als sie es durch die Sinne allein gewesen wären. Meine Großmutter, die Erde , war so gefällig, ihren Busen mit allem auszuschmücken, womit sie meinen Geschöpfen Vergnügen zu machen glaubte. Sie wohnten unter Myrten und Rosen; sie schliefen auf Blumen; Stauden und Bäume eiferten in die Wette, ihnen eine zahllose Mannigfaltigkeit von gesunden wohlschmeckenden Früchten in den Schooß zu schütten. Das Schaf theilte seine Wolle mit ihnen, die Ziege ihre Milch, die Biene ihren Honig. Kunstlose Hütten, mit Palmblättern abgedeckt, von Weinreben umschlungen, schützten sie vor den Beleidigungen der Witterung. – Fruchtbare Haine, oder Gärten voll eßbarer Gewächse und Blumen um ihre Hütten zu pflanzen, frische Quellen durch sie hinzuleiten, ihre Herden zu weiden, Körbe zu flechten, die Wolle ihrer Lämmer zuzubereiten und zu Kleidern und Decken zu verarbeiten, – das waren, mit dem süßen Geschäft ihre Kinder zu erziehen, die leichten Arbeiten, in welche sich die beiden Geschlechter theilten. »Ich hatte ihnen die nöthigen Werkzeuge zu einer Sprache gegeben, wodurch sie die engen Grenzen der Augensprache , welche eigentlich die Sprache der Seelen ist, erweitern, und dasjenige, was an der Sprache der Geberden zweydeutig und unverständlich bleibt, ersetzen sollten. Ich hätte sie den Gebrauch dieser Sprachwerkzeuge lehren können; aber ich wollte das Vergnügen haben, zu sehen wie sie es ohne fremde Hülfe von der Natur selbst lernen würden; und sie ließen mich nicht lange auf dieses Vergnügen warten. Sie lernten von der Nachtigall singen, und der Gesang leitete sie auf die Sprache. Die ihrige war freylich sehr einfältig, aber bey aller ihrer Anmuth reich genug für ein Volk, das mehr Freuden als Bedürfnisse, mehr Empfindungen als Begriffe, mehr sanfte Gefühle als Leidenschaften, und von allen euern Lastern und gekünstelten Tugenden gar keinen Begriff hatte. Sie bedienten sich derselben zu Liedern , worin sie ihre Freude über ihr Daseyn, die Vergnügen ihrer Sinne und ihres Herzens, die Ergießungen des Wohlwollens, der Liebe und der geselligen Fröhlichkeit in kunstlosen Sätzen ausdruckten. Sie hatten keine Bilder dazu vonnöthen wie eure Dichter; jedes Wort mahlte die Sache selbst. Die Liebe machte einen Jüngling zum Erfinder der Leier, einen andern zum ersten Flötenspieler; und die jugendliche Freude, oder die Grazien selbst, welche sich unerkannt in ihre Reihen mischten, lehrten die Mädchen und die Knaben den hüpfenden Tanz, den keine Nachahmung erkünsteln kann. – O! meine Menschen waren glücklich; das kannst du mir glauben! und wenn die Büchse der Pandora  –« Hier wurde Prometheus mitten in seiner Rede durch einen verdrießlichen Zufall unterbrochen – ich erwachte . 17. Man kann sich leicht vorstellen, daß mich dieser Traum, oder, wenn man lieber will, dieses Fragment von einem Traume, zu allerley Betrachtungen leitete, wovon einige vielleicht nicht unwürdiger sind, meinen Lesern mitgetheilt zu werden, als mein Traum selbst. Aber jetzt würde es unartig seyn, wenn ich eine kleine Neugier unbefriedigt lassen wollte, welche – die Büchse der Pandora bey meinen – Leserinnen zurück gelassen zu haben scheint; an deren Zufriedenheit mir viel zu viel gelegen ist, daß ich in Fällen dieser Art etwas angelegneres haben könnte, als ihren leisesten Wünschen, so fern ich sie zu errathen fähig bin, entgegen zu kommen. Prometheus schreibt der Büchse der Pandora alles Unglück seiner Menschen zu: »Ohne sie, sagt er, würden sie noch immer so glücklich seyn, als sie es in ihrem ursprünglichen Zustande waren.« Was für eine Büchse konnte das wohl seyn, die so viel Unglück anzurichten vermochte? Die Gelehrten – ein Volk, welches über nichts in der Welt einige werden kann – hegen auch über diesen Gegenstand sehr verschiedene Meinungen. Einige glauben, daß unter der Geschichte der Pandora nichts anders verborgen liege, als eine allegorische Vorstellung der wichtigen Wahrheit: »daß der Vorwitz, oder die Begierde mehr zu wissen als uns gut ist, die erste Quelle aller menschlichen Übel gewesen sey«. – Die Büchse der Pandora , sagen sie, war weder mehr noch weniger als die Büchse des Papsts Johannes des drey und zwanzigsten, mit welcher Seine Heiligkeit die Schwestern zu Fontevrauld – daß sie das Privilegium, einander selbst Beichte hören zu dürfen, von ihm erzwingen wollten – zu ihrer Beschämung auf die Probe stellte. S. v. Hagedorns Fabeln und Erzählungen, zweytes Buch, im zweyten Theile seiner Werke, S. 256. Andre suchen unter der Büchse der Pandora etwas noch verborgneres: es soll, ihrer Meinung nach, eben das dadurch bezeichnet werden, wovon der gelehrte Priester Porphyrius unter dem Nahmen »der Höhle der Nymfen «, so geheimnißvolle und hyperfysische Dinge schreibt. S. Porphyr. de antro Nympharum. Sie beziehen sich unter andern auf einen gewissen Vers des Horaz , Horat. Sat. L. I. Sat. 3. v. 107. um dadurch zu erläutern, warum die Büchse der Pandora zur Quelle alles Übels von den Alten gemacht worden sey. – Aber wir gestehen, daß uns sowohl diese Auslegung als der angezogne Vers unsers Lieblingsdichters zu allen Zeiten sehr mißfallen hat. Noch andere wollen in dieser berüchtigten Büchse eine allegorische Vorstellung der Einführung des Eigenthumsrechts unter den Menschen finden, – wovon sie sich irrigerweise einbilden, daß sie der Zeitpunkt der sittlichen Verderbniß der menschlichen Gesellschaft gewesen sey; – mehr andrer Meinungen zu geschweigen, welche zum Theil noch gezwungener sind als diese. Ohne uns bey einer wenig interessanten Prüfung alles dieser Hypothesen aufzuhalten, begnügen wir uns eine andre aus einem alten Buche ohne Titel , welches wir vor uns liegen haben, anzuführen, die uns deßwegen am besten gefällt, weil sie die natürlichste zu seyn scheint. Der unbekannte Verfasser verwirft alle allegorische Erklärungen. Die Büchse der Pandora , sagt er, war weder mehr noch weniger als eine wirkliche Büchse , im eigentlichen Wortverstande, und zwar – eine Schminkbüchse ; ein unglückliches Geschenk, wodurch die betrügerische Pandora unendlich mehr Böses gestiftet hat, als der Vorwitz, das Eigenthum, und die Grotte der Nymfen. Seitdem die verderbliche Mode, die Lilien und Rosen, welche Jugend und Schönheit aus den Händen der Natur empfangen, aus einer Schminkbüchse zu ziehen, seitdem diese unselige Mode unter Evens Töchtern überhand genommen hat: seitdem ist es um die kunstlose Unschuld und Aufrichtigkeit der menschlichen Natur geschehen. Nur zu bald wurde die Mode allgemein. Scheinen und Seyn , welche Eins seyn sollten, wurden zweyerley : und weil es leichter war, gut, liebenswürdig, weise, tugendhaft, zu scheinen , als es in der That zu seyn , und weil es, zumahl bey Kerzenlicht , die nehmliche Wirkung that; so bekümmerte sich niemand mehr darum, zu seyn, was er mit Hülfe dieser magischen Schminke scheinen konnte. Bald sah man kein natürliches Gesicht und keinen natürlichen Karakter mehr; alles war geschminkt und verfälscht; geschminkte Frömmigkeit, geschminkte Freundschaft, geschminkter Patriotismus, geschminkte Moral, geschminkte Staatskunst, geschminkte Beredsamkeit – Himmel! was wurde nicht geschminkt? – Die menschliche Gesellschaft glich nur einer großen Maskerade: und so wie die Nothwendigkeit die Kunst einander, dieser Mummerey ungeachtet, ausfündig zu machen, zur ersten unter allen Künsten erhob; so fand man sich durch die nehmliche Nothwendigkeit gezwungen, immer auf neue Künste zu denken, um diese Kunst zu vereiteln . Falschheit, Gleißnerey, betrügliche Höflichkeit, nichtsbedeutende Freundschaftsversicherungen, heuchlerische Unterwürfigkeit – Hier recitiert unser Anonymus eine Litaney von Lastern und Untugenden die kein Ende nehmen will, und ergießt sodann die Bitterkeit seines Herzens in eine eben so lange Strafpredigt, womit wir, weil sie nichts weiter enthält als was unsre Leser in dem ersten besten Predigtbuche finden können, ihren guten Willen nicht zur Unzeit ermüden wollen. Wer sollte denken, daß so viel Böses aus einer Schminkbüchse hervorgehen könnte? 18. Bey allem dem halten wir uns versichert, daß die Geschöpfe des Prometheus nach und nach um ihre ursprüngliche Einfalt und Unschuld gekommen seyn würden, wenn gleich Pandora und ihre Büchse nur gewesen wären; – und in der That, man mußte so sehr in sein eignes Werk verliebt seyn als Er es war, um nicht zu sehen wo der Fehler lag. Geschöpfe, deren Unschuld und Glückseligkeit von ihrer Unwissenheit abhängt, – wie er von den seinigen selbst gesteht – befinden sich immer in einer sehr unsichern Lage; und alles wohl überlegt, war es kein großer Schade, daß die ganze Zucht einer so zerbrechlichen Art von belebter und beseelter Töpferarbeit in Deukalions Überschwemmung ersäuft wurde. Ernsthaft von einer ernsthaften Sache zu reden, – die Filosofen, Sofisten, Redner, oder wie sie sich sonst am liebsten nennen hören, welche uns bereden wollen, daß – »die Entfernung von der ersten Einfalt der Natur – Entfernung von der Natur selbst sey; »daß es der Natur gemäß gewesen wäre, wenn wir immer in einem Zustande von glücklicher Unwissenheit , wie sie es nennen, geblieben wären; »daß die Erweiterung unsrer Bedürfnisse die Mutter unserer Laster, – und »der Genuß aller Geschenke der Natur, und die Verfeinerung aller Künste dasjenige sey, was den Untergang der Staaten am meisten befördre:« Die Herren, welche so reden, sprechen entweder von Menschen aus der Fabrik des Prometheus – oder von Menschen, welche, wie Jupiters Minerva , aus ihrem eigenen Gehirne hervorgegangen, – oder wenn diese Behauptungen den wirklichen Erdebewohnern gelten sollen, so werden sie uns erlauben zu sagen, daß sie die menschliche Natur, von der sie so viel reden, nicht besser zu kennen scheinen, als die Natur der Einwohner in Saturns Ringe. Unstreitig giebt es einzelne Menschen, welche wohl daran thun, wenn sie wie Diogenes oder Epiktet leben lernen. Es giebt Fälle, wo ein allgemeiner Geist von Sparsamkeit einem ganzen Staat eine Zeit lang nützlich ist. Es giebt Fälle, wo ein Fürst sehr zu loben ist, wenn er, wie Kaiser Markus Aurelius , sein Gold- und Silbergeschirr in die Münze schickt, um sein Kriegsheer damit zu bezahlen. Aber alle diese Fälle sind bloße Ausnahmen , und es bleibt darum nicht weniger wahr: »Daß die möglichste Benutzung des Erdbodens und die möglichste Vervollkommnung und Verschönerung des menschlichen Lebens das große Ziel aller Bestrebungen, welche die Natur in den Menschen gelegt hat, und also im Grunde der Natur eben so gemäß sey, als die Einfalt , in so fern diese eine unzertrennliche Gefährtin der ersten Periode des Lebens bey der ganzen Gattung so wie bey dem einzelnen Menschen ist.« Über die Behauptung daß ungehemmte Ausbildung der menschlichen Gattung nachtheilig sey. 1770. 1. »Das menschliche Herz ist in immer währender Unruhe; nichts unterm Monde kann ihm Genüge thun; es ist ein unersättlicher Abgrund; seine Begierden gehen ins unendliche, u. s. f.« Von wie vielen sinnreichen und beredten Leuten unter Alten und Neuern, wie oft und auf wie vielerley Art ist dieß nicht gesagt worden! – und wer hat es besser gesagt als Paskal ? Es giebt wenige gelehrte Gemeinplätze , (wenn uns erlaubt ist, das was man locos communes nennt, durch dieses Wort im Deutschen zu bezeichnen) welche, ungeachtet der große Haufe der Gelehrten sich schon so viele Jahrhunderte darauf herum getummelt hat, so erschöpft, zertreten und ausgenutzt seyn sollten, daß sie durch Einzäunung und Bearbeitung nicht eine neue Gestalt gewinnen, und in fruchtbare Plätze verwandelt werden könnten. Vermuthlich hat es mit dem oben angezognen die nehmliche Bewandtniß: und wiewohl diese Meinung von der Beschaffenheit unsrer Begierden seit undenklichen Zeiten zu so vielen schimmernden Gegensätzen und spruchreichen Deklamazionen Anlaß gegeben hat; so könnte doch wohl seyn, daß das Wunderbare, Unbegreifliche und Geheimnißvolle , welches einige deßwegen auf die menschliche Natur geworfen haben, bey genauerer Untersuchung verschwände, und es auch hier erginge, wie es, nach Tlantlaquakapatli's Regel, gemeiniglich mit dem Wunderbaren zu ergehen pflegt. In der That, wenn wir uns auf dem Erdoden umsehen, so haben wir Mühe, diesen Menschen zu finden, den die besagten scharfsinnigen und beredten Leute für unser allgemeines Ebenbild ausgeben. Und sollte er auch vielleicht in einer kleinen Anzahl sonderbarer Menschen zu finden seyn: so ist mehr als wahrscheinlich, daß Demokritus oder Sokrates diesen letztern, ehe sie sich mit ihnen eingelassen hätten, zuvor eine gute Dosis Niesewurz verordnet haben würden. Wenn wir uns auf dem Erdboden umsehen, sagte ich? – Das ist freylich was man schlechterdings thun muß, um den Menschen kennen zu lernen; und kennen sollte man ihn doch, um über ihn zu räsonieren. Aber wo ist derjenige, der in diesem wichtigen Geschäft sich nicht genöthigt sieht, über das Vergangene durchaus, und über das Gegenwärtige größten Theils, aus fremden Augen zu sehen? Die wenigen Filosofen, welche seit dem alten Thales aus Wissenstrieb ausgezogen sind, die Söhne und Töchter des Erdbodens zu beschauen, haben doch immer nur einen kleinen Theil ihrer Zeitgenossen sehen können; und Gemelli Karreri , der einzige, meines Wissens, der aus besagtem Triebe den ganzen Erdboden durchwandert und alle Meere durchirret zu haben vorgiebt , – dieser Gemelli , so eine wichtige Miene er macht, war gewiß kein Filosof. 2. Es ist, im Vorbeygehen zu sagen, verdrießlich, daß alle die herrlichen Dinge, welche uns Plotinus, Proklus, Agrippa , die ehrwürdige Brüderschaft vom Rosenkreuz , und der Graf von Gabalis , von einer geheimen Filosofie , welche sich die ganze Natur durch den edelsten Theil derselben, die Geister , unterwerfen könne, vorsagen, allem Ansehen nach bloße Träumereyen sind. Ein bequemer Wagen, von einem Paar fliegender Drachen oder Einhörner gezogen, und ein Sylfe oder ein Sklave der wunderbaren Lampe zur Bedienung, wäre freylich eine vortreffliche Sache, um einen Mann in den Stand zu setzen, die Oberfläche unsers Planeten, mit allem was darauf lebet, webet und ist, so gut kennen zu lernen als seine Studierstube; mit einbedungen, daß er sich auch der Gabe der Sprachen bemächtigen müßte, ohne welche uns die Kondaminen selbst nur sehr unvollkommne Nachrichten von Menschen geben können, die sie nur im Vorbeygehen wenig besser gesehen haben, als man die schönen Schattenwerke in einem Savoyardenkasten sieht. Wie viel würde dasjenige, was Bakon von Verulam die Schatzkammer der menschlichen Erkenntnisse nennt, dabey gewinnen, wenn ein Denker, der irgend ein verwickeltes moralisches Problem aufzulösen hätte, – anstatt auf etliche unvollständige und wenig sichre Angaben hin, oder (was beynahe eben so viel ist) auf gerathewohl zu räsonieren, oder (was nicht um den Werth einer hohlen Nuß besser ist) aus willkührlichen Erklärungen und Voraussetzungen Folgerungen zu ziehen, welche immer in Gefahr schweben, von einer einzigen neuen Wahrnehmung wie Kartenhäuschen umgeblasen zu werden, – sich nur in seinen Wagen setzen und in gerader Linie dahin fahren dürfte, wo er das Orakel der Natur selbst befragen könnte; das ist, wo er weiter nichts brauchte als die Augen aufzuthun, um zu sehen was – was ist, ohne sich die Mühe zu nehmen, die Möglichkeit dieses was , und die Bedingnisse dieser Möglichkeit, und die besonderen Bestimmungen dieser Bedingnisse – a priori ausfündig zu machen. Ich will hier dahin gestellt seyn lassen, wie viel oder wenig Hoffnung man sich zu machen habe, daß unsre Nachkommen einen so glücklichen Zeitpunkt für die spekulativen Wissenschaften dereinst erleben werden. Gewiß ist, daß wir uns bis dahin, gern oder ungern, bequemen müssen, durch andrer Leute Augen zu gucken, wenn wir uns auf dem Erdboden umsehen wollen. Und diese Nothwendigkeit vorausgesetzt, kann man, wie es scheint, mit hinlänglichem Grunde sagen: daß der Mensch , dessen Begierden immer ins Unendliche gehen und sich an nichts Irdischem ersättigen, unter den Erdbewohnern, so wie sie nach dem ordentlichen Laufe der Natur aus der Beywohnung eines Mannes und eines Weibes entspringen, eine sehr seltene Erscheinung sey. 3. Der Zustand der sogenannten Wilden , Die, ohne zu ackern, zu pflanzen, zu säen, Mit Müßiggang sich auf Kosten der Götter begehen, wie Homer von seinen Cyklopen sagt: Und der Zustand der großen Asiatischen Despoten , (eines Kalifen im alten Bagdad, oder eines Sultans in Indien, zum Beyspiel) scheinen die beiden äußersten Linien zu beschreiben, innerhalb welcher das, worin die Menschen ihre Glückseligkeit zu suchen pflegen, eingeschlossen ist; – und beide scheinen zu beweisen, »daß sich der Mensch mit sehr wenigem befriedigen lasse«. Der Grönländer , der Lappe , der Kamtschadale , der Eskimo , der Karaibe , der Hottentott , – Leute, die zum Theil unter sehr verschiedenen Himmelsstrichen leben, – wie wenig haben sie vonnöthen, um mit ihrem Zustande zufrieden zu seyn! Die glaubwürdigsten Nachrichten stimmen alle darin überein, daß diese in unsern Augen so armseligen Geschöpfe »sich für die Glückseligsten unter den Sterblichen halten, und den bloßen Gedanken mit uns zu tauschen verschmähen«. Der Lappe , unter seinem berußten kegelförmigen Gezelte auf etliche Bärenhäute ausgestreckt, bringt seine Muße mit Tabakrauchen zu (sagt der Präsident von Maupertuis ) und sieht mit Mitleiden auf die Bemühungen der übrigen Sterblichen herab. Den Wilden in Nordamerika gesteht ein Mann, der sie zu kennen Gelegenheit gehabt hat, und mehr Filosof ist als man es von einem Ordensmann erwarten oder fordern dürfte, der Jesuit Charlevoix , zu: » daß sie glücklich seyen «. Er versichert uns, daß, als einige von ihnen nach Paris geschickt worden, der Anblick aller Herrlichkeiten und Wollüste dieser Hauptstadt der heutigen Welt nicht den mindesten Eindruck auf sie gemacht habe; daß sie mit dem lebhaftesten Verlangen wieder in ihre Heimath zurückgekehrt, und von allem, was sie in Paris gesehen, nichts ungern zurück gelassen hätten, als die Garküchen , wo sie immer vollauf zu essen gefunden, ohne auf die Zubereitung warten zu müssen. Er ist so billig hinein zu setzen: daß es wohl Franzosen gegeben habe, welche, nachdem sie einige Zeit unter den Wilden gelebt, es sich so wohl bey ihnen gefallen lassen, daß sie sich nicht entschließen können, in die Kolonie zurückzukehren, ob sie gleich sehr bequem darin zu leben gehabt hätten; aber daß sich jemahls ein Wilder an die Französische Lebensart gewöhnt hätte, davon habe man kein Beyspiel; u. s. f. – Kurz, die wilden Nordamerikaner sind in ihren eigenen Augen (und über diesen Punkt wird doch ihr Zeugniß, wiewohl in ihrer eigenen Sache, für gültig angenommen werden müssen) die beneidenswürdigsten Leute unter der Sonne; – und sind es ohne unsre Wissenschaften, ohne unsre Künste, ohne unsre Bequemlichkeiten und erkünstelten Wollüste, bloß durch Freyheit von allen Arten von Zwang, durch Müßiggang und Befriedigung ihrer thierischen Bedürfnisse. Laßt den Wilden in seinem Hamak liegen und Tabak rauchen; gebt ihm, wenn ihn hungert, seine Porzion Maniok oder Bärenfleisch, und seine Frau, wenn er genug gegessen hat, und schenkt ihm Branntwein aus dem Schädel seines Feindes ein, wenn er sich auf die angenehmste Art einschläfern will: das ist alles was er zur Glückseligkeit vonnöthen hat; seine rohe Seele erhebt sich zu keinem höhern Wunsche, und erwartet selbst von jenem Leben keine höhern Freuden. Und was hat nun euer Sultan , euer Kalif, Sardanapal und Heliogabalus vor diesem Wilden voraus? Worin ist die Glückseligkeit, die ihn so lange befriediget als seine Nerven ihren Dienst thun, von des Huronen seiner unterschieden? Die Form macht in der That einigen Unterschied, aber der Stoff ist der nehmliche. Ein ewiger Zirkel sinnlicher Ergetzungen, mit Unabhängigkeiten und sorglosem Müßiggang vergesellschaftet, macht diesen beneideten Zustand aus, welcher seinem Besitzer in einer ununterbrochenen Trunkenheit, zwischen Betäubung und Entzücken, keine Fähigkeit läßt, einen andern Wunsch zu thun, oder etwas andres zu bedauern, als daß Erschöpfung und Unvermögen, allen Zaubereyen der Natur und allen Hülfsmitteln der Kunst zu Trotz, endlich die wollüstige Scene schließen. Ein berühmter Englischer Dichter, der Zeitgnosse und Nebenbuhler des großen Shakspeare, Ben Johnson , schildert in seinem Alchymisten die innerlichen Gesinnungen der meisten Sterblichen, unter der Person des Sir Epikur Mammon , nach dem Leben ab. Dieser Unsinnige hat sich von einem Betrüger eine Grille in den Kopf setzen lassen, welche in Ben Johnsons Zeitalter manchen Kopf verrückte, und manchen Beutel ausleerte. Er hofft sich in kurzem in vollem Besitze des Steins der Weisen zu sehen. Das große Werk berührt beynahe den Augenblick seiner Zeitigung. In drey Stunden wird die Projekzion vor sich gehen. Welche Aussichten für den üppigen Sir Mammon ! Seine Einbildungskraft wird so sehr dadurch erhöht, daß er von seinen ausschweifenden Hoffnungen als von Dingen, die er wirklich schon im Besitz habe, spricht. In drey Stunden wird er nicht nur, wie König Midas , alles was er berührt in Gold verwandeln, sondern auch dieses wundervolle Elixier in seiner Gewalt haben, wovon etliche Tropfen genug sind, (wie er sagt) »aus abgelebten Greisen wieder Jünglinge zu machen, wahre Marse , fähig Liebesgötter zu zeugen!« Und was für einen Gebrauch wird Sir Epikur von seinem unschätzbaren Geheimnisse machen? – »Ich gedenke (spricht er in der Ergießung seiner Freude) eine so große Menge von Weibern und Beyschläferinnen zu haben, wie König Salomon, der den Stein der Weisen auch hatte wie ich; und vermittelst meines Elixiers will ich mir einen Rücken machen wie des Herkules seiner war, kräftig genug, um es mit funfzigen in Einer Nacht aufzunehmen. Meine Betten sollen nicht gestopft seyn; aufblasen will ich sie lassen: Flaum ist zu hart. Und dann meinen großen ovalen Sahl, den will ich mit lauter Mahlereyen angefüllt haben, wie sie Tiberius von der Elefantis entlehnte: sie sollen ganz ein andres Leben haben als diese matten Nachahmungen des schalköpfigen Aretin ! – Ich habe in diesem Gemählde einen starken Zug weggelassen, weil er für Deutsche Leser zu anstößig wäre, wiewohl ihn die Engländer sogar auf der Schaubühne ertragen konnten. Mammon sagt im Original: – – – Then my Glasses Cut in more subtil Angles, to disperse And multiply the Figures, as I walk Naked between my Succubae – – Wolken von kostbaren Gerüchen sollen meine Zimmer erfüllen, und meine Bäder so geräumig und tief seyn, daß wir darin schwimmen können; und wenn wir wieder heraus steigen, wollen wir uns auf Schasmin und Rosen trocken wälzen. Meine Speisen sollen alle in Indischen Muscheln, in Schüsseln von Achat mit Golde gefaßt und mit Smaragden, Saffieren, Hyacinthen und Rubinen besetzt, aufgetragen werden; – Karpfenzungen, Haselmäuse, und Kamelsfüße, in Spiritus Solaris und aufgelösten Perlen gesotten, Ben Johnson bringt hier, seiner Gewohnheit nach, seine Gelehrsamkeit wohl oder übel an. Die Schwelgerey der alten Römer machte aus Sinnlichkeit und Muthwillen eine Menge seltsamer Dinge zu Leckerbissen. Die Haselmäuse gehörten darunter, aus denen der berüchtigte Professor der Kazianischen Filosofie, Apicius , köstliche Ragouts zubereiten lehrte. Sir Mammon will lauter dergleichen antike Leckerbissen auf seiner Tafel haben, Karpfenzungen, Bärte von Barben, Euter von trächtigen Sauen und dergleichen. Fasanen, Salmen, Lampreten, Haselhühner sind gut genug für seine Lakayen, sagt er – u. s. w. Meine Hemden will ich mir aus einem Seidenzeug machen lassen, der so dünn und leicht wie Spinneweben seyn soll.« – Mit Einem Worte, die ausschweifendsten Begierden, in welche sich Sir Epikur Mammon in der Entzückung über seinen eingebildeten Schatz ergießt, erheben sich nicht über den kleinen Dunstkreis eines Epikurischen Schweins , wie Horaz irgendwo, halb im Ernste und halb im Scherze, sich selbst zu nennen beliebt. Es wird wohl, hoffentlich, keiner Protestazion vonnöthen haben, daß ich sehr weit entfernt bin, eine so thierische Sinnesart gut zu heißen. Aber ich kann mich eben so wenig verhindern, zu glauben, daß, wenn Scham oder Heucheley dem größten Theile der Sterblichen erlaubte aufrichtig zu seyn, die meisten gestehen müßten, daß sie – die Haselmäuse und Schweinszitzen und die in Perlen gekochten Kamelsfüße allenfalls ausgenommen – die übrigen Ingredienzien in das, was dieser komische Heliogabalus für sein höchstes Gut erklärt, sich sehr wohl gefallen lassen würden. Die Griechen waren von den Zeiten des Pisistratus an das feinste, witzigste und politeste Volk des Alterthums. Und was für Männer waren ihr Solon , ihr Alexander ! Jener ein Weiser, ein Gesetzgeber, dessen Nahme uns noch jetzt Ehrerbietung gebeut: dieser einer von den seltnen Menschen, bey deren Hervorbringung die Natur sich selbst zu erschöpfen scheint; ein Mann, der (wenn jemahls einer) dazu gemacht war, an der Spitze des menschlichen Geschlechts zu stehen. Und wie dachte der eine und der andre über den großen Punkt, wovon hier die Rede ist? Ihre Ausübung kann uns, denke ich, das beste Licht hierüber geben. Was ich jetzt liebe (singt der alte Solon in einem kleinen Bruchstück eines Gedichtes, welches uns Plutarch aufbehalten hat) das sind die Werke der Kypris, des Bacchus und der Musen , aus welchen die Freuden der Männer entspringen. – Das heißt doch sich sehr offenherzig herauslassen! Es ist, wenn man will, verfeinerte Sinnlichkeit , mit den Freuden der Einbildungskraft und des Herzens vergesellschaftet; aber es ist doch immer Sinnlichkeit . Und aus diesem Tone sang Solon der Weise nicht etwann in der Trunkenheit der ersten Jugend, sondern (wie der silberlockige Anakreon ) in einem Alter, worin ein Mann wie Er den Werth des Lebens und der Dinge schätzen gelernt haben sollte. Der große Alexander , der, in dem eigentlichen Alter der Leidenschaften, der bescheidenste, der mäßigste, der enthaltsamste aller Sterblichen war, blieb es nur so lange, als der Durst nach Ruhm, oder, richtiger zu reden, als die Begeisterung für seinen Entwurf einer allgemeinen Monarchie alle seine übrigen Leidenschaften überwältigte. Aber so bald ein großer Theil dieses romantischen Entwurfs ausgeführt, und unter den Schwierigkeiten, die von allen Seiten mit jedem neuen Schritt auf ihn eindrangen, sein Blut genugsam abgekühlt war, um auf den Rest desselben Verzicht zu thun, oder wenigstens mit viel gemäßigterm Eifer daran zu arbeiten: so legte er nur zu viele Proben ab, daß er von der Glückseligkeit eben so denke wie die gewöhnlichen Menschen. Von diesem Augenblick an machten üppige Gastmähler, Bacchusfeste, Persische Weine und Persische Schönen den Gegenstand der Ergetzungen aus, womit er sich selbst für alle die Mühen belohnte, die er sich gegeben hatte, um (wie er einst im Scherz sagte) den Athenern eine gute Meinung von ihm beyzubringen. Pyrrhus , nach Alexandern der ruhmsüchtigste aller Griechen, giebt in seinem berühmten Gespräche mit dem weisen Cyneas , welches uns Plutarch aufbehalten hat, auf eine sehr offenherzige Art zu erkennen, was in seinen Augen dasjenige war, worin sich alle Wünsche der Sterblichen verlieren. Nachdem ihn seine durch Ruhmsucht begeisterte Einbildungskraft von Eroberung zu Eroberung endlich zum Herrn der halben Welt gemacht hatte, fragte ihn Cyneas : »Und wenn wir nun mit allen diesen Eroberungen fertig sind, was fangen wir alsdann an?« – Was wir anfangen? sagt Pyrrhus ; das versteht sich! Dann bringen wir unser übriges Leben in Ruh' und Müßiggang , in Schmäusen und Festen und Lustbarkeiten zu, und denken an nichts, als wie wir uns die Zeit recht angenehm vertreiben wollen. – Wahrlich, ein sehr Aristippischer Plan von Leben! und, was hier vornehmlich zu bemerken ist, an welchem weder der weise Cyneas noch der weise Plutarch etwas andres auszusetzen haben, als daß Pyrrhus nicht weise genug war, da anzufangen, wo er aufzuhören gedachte. Man würde mich sehr unbillig mißverstehen, wenn man glaubte, ich wollte damit sagen: daß Solon, Cyneas oder Plutarch Anhänger oder Gönner einer trägen, lasterhaften Wollust gewesen wären. Die großen Männer des Alterthums wußten so gut als die Großen und Weisen unter den Neuern Geschäfte mit Ergetzungen, und das, was sie dem Staat, mit dem, was sie sich selbst schuldig zu seyn glaubten, zu vereinigen. Indessen erweiset sich doch aus diesen Beyspielen, was für eine Vorstellung sie sich von der Glückseligkeit machten, so bald die Rede nicht von einer Idee , sondern vom wirklichen Leben war. – Und das ist was wir beweisen wollten. Doch wozu haben wir einzelne Beyspiele nöthig? Die hohe Meinung, welche die Erdebewohner von der Glückseligkeit, die aus dem Genusse des sinnlichen Vergnügens entspringt, von jeher gehegt haben, liegt am Tage. Wohlleben und Schmausen ist bey allen Völkern einerley; und womit enden sich alle großen öffentlichen Handlungen, auch die wichtigsten und feierlichsten, als mit einem Schmause? Welches ist der gewöhnliche Weg einander Ehre anzuthun, einem Gönner seine Dankbarkeit zu beweisen, oder sich einem Großen angenehm zu machen? Ein Schmaus, ein Bacchanal, ein Fest, wobey, nach Beschaffenheit der Größe der Person, die damit beehrt wird, alle Götter der Freuden aufgeboten werden. Bey öffentlichen Unterhandlungen, von denen oft der Wohlstand ganzer Völker abhängt, was pflegen gewöhnlicher Weise die hohen Bevollmächtigten angelegners zu haben, als mit einander in die Wette zu eifern, wer die Ehre seiner Nazion und seines Prinzipals durch den prächtigsten Schmaus behaupten könne? Sogar bey Geschäften, welche den strengen Ernst der Richter am Styx und die Tugend eines Kato erfordern, nehmen Bankette und Ergetzungen wenigstens die Hälfte einer Zeit weg, welche Verrichtungen geheiligt ist, wobey man nie nüchtern genug seyn kann. Dieß wurde um die Zeit der letzten Reichs-Kammergerichts-Visitazion geschrieben, und paßte vortreffliche. Und wir sollten daran zweifeln, daß die Menschen ihre höchste Glückseligkeit in Essen, Trinken, Müßiggang und sinnlichen Wollüsten suchen? Doch, wofern uns auch dieses alles, und überhaupt der gewöhnliche Gebrauch, den die Reichen von ihrem Überflusse machen, und die Begierlichkeit, womit sich die übrigen angelegen seyn lassen reich zu werden, noch einen Zweifel übrig lassen könnte, wie sehr die Wünsche der Sterblichen an der Erde kleben: so müßten uns die Vorstellungen davon überzeugen, welche man sich von jeher, bey allen Völkern, denen das Christenthum keine reineren Begriffe von der Bestimmung des Menschen beygebracht, über den Zustand der Seligen in der andern Welt gemacht hat. Das Elysium der Griechen, die Gimle und Vallhalla der alten Nordländer, und das Paradies der Muhamedaner sehen einander so ähnlich, daß sie von einerley Urbild abgeformt zu seyn scheinen. Ewige Muße, ewiger Genuß sinnlicher Wollüste, ohne Schmerz, ohne Arbeit, ohne Sättigung, macht in allen dreyen das Ideal der Glückseligkeit aus, welche von dem künftigen Leben erwartet wird. Und können wir uns wundern, daß der große Haufe so dachte, wenn wir sehen, daß die erhabensten Filosofen ihm hierin mit ihrem Beyspiel vorleuchteten? Selbst in seinem überhimmlischen Lande läßt Plato die seligen Geister, von Nektar trunken, tanzend den Wagen Jupiters begleiten; und der Sokratische Äschines , einer der würdigsten Schüler des weisen Atheners, schildert, aus dem Munde des Magiers Gobryas , die bessere Welt, zu welcher er dem sterbenden Axiochus Lust machen will, als einen Ort, »über welchen die freygebigen Horen einen Überfluß aller Arten von Gewächsen und Früchten ausschütten; wo reine Wasserquellen die blumigen Wiesen erfrischen, auf denen ewiger Frühling herrscht. – Er ziert diesen schönen Ort mit Hallen für die Filosofen, und mit Schauplätzen für die Dichter; er läßt seine Seligen an Tischen, welche sich von selbst decken, unter einer reitzenden Musik, sich gütlich thun, und von ihren Banketten zu Koncerten und Reihentänzen aufstehen; und er vollendet das lachende Gemählde mit zwey Zügen, welche den allgemeinen Wunsch aller Sterblichen zu umschreiben scheinen, und sich in seiner Sprache (der wahren Sprache der Musen ) in vier Worte einschließen lassen – ακηρατος αλυπια, und ηδεια διαιτα, gänzliche Befreiung von Schmerz und Traurigkeit, und ein Leben dem kein Vergnügen fehlt.« – In der That war dieses der gewöhnliche Begriff, den sich die Griechen von dem Zustande der seligen Schatten machten; und ich sehe zwischen diesem Elysium und dem Lande der Seelen , wohin die Nordamerikanischen Indier ihre Verstorbenen schicken, keinen andern Unterschied, als denjenigen, der sich natürlicher Weise zwischen den Vorstellungsarten eines gebildeten und eines rohen Volkes findet. Ich wiß wohl, daß sich einige von den aufgeklärtesten Männern unter den Alten einen edlern Begriff von dem künftigen Leben gemacht, und die Glückseligkeit desselben von einer Erhöhung unsrer Natur abgeleitet haben, wodurch wir der unmittelbaren Gemeinschaft des höchsten Wesens fähig gemacht würden. Und ohne allen billigen Zweifel ist dieß die eigentliche Vorstellung gewesen, welche sich die Anhänger des Zoroaster , und unter den Griechen Pythagoras und Plato , von dem Zustande der Weisen und Tugendhaften nach dem Tode gemacht haben. Allein daraus folget wohl nichts weiter, als daß eine sehr kleine Anzahl erhabener Geister, welche in mehr als Einer Betrachtung eine Ausnahme von den übrigen Sterblichen machen, sich, wenigstens in der Spekulazion , zu einer Idee von Vollkommenheit aufzuschwingen getrachtet haben, welche gleichwohl so weit über die Fähigkeiten gewöhnlicher Menschen erhaben ist, daß sie genöthiget waren, sie in sinnliche Bilder einzukleiden, um sich einiger Maßen verständlich und ihre Leser oder Hörer gelüstig zu machen, dieser unsichtbaren Glückseligkeit theilhaftig zu werden. 4. Hätte es, wie aus den angeführten Beyspielen zu folgen scheint, seine Richtigkeit damit, daß die Menschen von jeher ihre höchste Glückseligkeit in Freyheit von Schmerzen, Sorgen und Geschäften, und ich den Genuß angenehmer Empfindungen der Sinne und des Herzens gesetzt haben: so müßte (scheint es) dies Übereinstimmung aller Völker für die Stimme der Natur selbst gehalten, und daraus ganz zuversichtlich geschlossen werden können, daß die Art von Glückseligkeit, welche sie den Sterblichen hienieden zu ihrem Antheil bestimmt habe, eine Sache sey, die ihnen ganz nahe und so völlig in ihrer Gewalt liege, daß es keiner weitläuftigen Anstalten bedürfe, um sich ihrer zu bemächtigen. Nehmen wir hierzu noch die Betrachtung, daß (nach dem unläugbaren Zeugnisse der allgemeinen Geschichte) der größte Theil der Übel , welche die Menschheit von jeher gedrückt haben und noch immer drücken, durch die Mittel selbst veranlaßt worden, womit man diesen Übeln abzuhelfen vermeint oder vorgegeben hatte; Bemerken wir ferner, wie nachtheilig in gewissem Sinne dem menschlichen Geschlechte die äußerste Verfeinerung der Sinnlichkeit, des Geschmacks, und gewisser spekulativer Kenntnisse gewesen, und müssen wir dem berühmten Genfer Bürger zugestehen, was sich ohne Unverschämtheit nicht wohl läugnen läßt, – daß beides, Wissenschaften und Künste, so bald sie über die Linie , in welche Sokrates ihre Entwicklung einschränkt, – μεχρι του ωφελιμου – so weit ein wirklicher Nutzen für die menschliche Gesellschaft daher zu erwarten ist Um einer billigen Mißdeutung vorzubeugen, wird hier erinnert, daß ich das Nützliche , auf welches Sokrates die Wissenschaften und Künste einschränkt, (wiewohl er eigentlich an dem Orte der Sokratischen Denkwürdigkeiten , auf welchen hier gezielt wird, nur davon spricht, in wie weit sich ein καλος και αγαθος auf jede Kunst oder Wissenschaft zu legen habe) in einem ungleich ausgedehnteren und so weitschichtigen Sinne nehme, daß selbst solchen gelehrten Beschäftigungen, welche nur einen sehr entfernten und unendlich kleinen Einfluß in die Vervollkommnung des allgemeinen menschlichen Systems haben, – von des gelehrten Olaus Rudbecks Atlantica bis zu Altmanns gründlichem Beweise, daß die Lingua Opica eine Sprache sey, wovon weder er selbst noch irgend ein andrer Mensch ein Wort verstehe, – eine Art von Verdienst übrig bleibt. – ausgeschweift haben, der allgemeinen Wohlfahrt mehr nachtheilig als förderlich gewesen sind: So gewinnt es das Ansehen, als ob die Natur selbst die Entwicklung unsrer Vervollkommlichkeit nur bis auf einen gewissen Punkt gestatten wolle, und den stolzen Versuch sich höher zu schwingen mit nichts geringerm als dem Verlust unsrer Glückseligkeit bestrafe. Wollten wir Rousseau glauben, so müßte dieser Punkt nicht sehr weit von demjenigen Stande gesetzt werden, den er uns als unsern ursprünglichen Stand ( état primitif ) anpreist. Da wir, spricht er, unglücklich genug gewesen sind, uns von diesem zu entfernen, so wäre wenigstens zu wünschen, daß wir uns nur in jenen ersten Anfängen ( rudimens ) des geselligen Standes , worin man die Amerikanischen Wilden gefunden hat, stehen geblieben wären. Dieser Stand scheint ihm das richtige Mittel zwischen der Indolenz des ursprünglichen und zwischen der ausgelassenen Thätigkeit unsrer Eigenliebe zu halten, Ce periode du developpement des facultés humaines, tenant un juste milieu entre l'indolence de l'état primitif et la petulante activité de notre amour propre, dut être l'époque la plus heureuse et la plus durable. Discours sur l'inégalité , p. 70. und ist, seiner Meinung nach, dem Menschen der zuträglichste, den wenigsten gewaltsamen Abänderungen unterworfen, kurz, der dauerhafteste und glücklichste , aus dem (wie er sagt) der Mensch nicht anders heraus getrieben werden konnte, als durch irgend einen Zufall , der, um unsers allgemeinen Bestens willen, sich niemahls hätte ereignen sollen. Ich bin nicht ungeneigt zu glauben, daß, wofern wir die menschliche Natur in den Karaiben und ihren Brüdern in Kanada, Kalifornien, Neuseeland, u. s. w. ohne Vorurtheile studieren wollten, wir sie in diesen ihren verwilderten Kindern sich selbst viel ähnlicher finden würden als es beym ersten Anblick scheinen mag: aber so sehr beneidenswürdig würde uns ihr Zustand schwerlich vorkommen, als Rousseaus eigensinnige Einbildungskraft sich ihn idealisiert zu haben scheint. Die schrecklichen Gemählde, welche uns selbst der P. Charlevoix (der ihnen überhaupt, so weit es die Grundsätze seines Standes nur immer erlaubten, viele Gerechtigkeit widerfahren läßt) von der unbändigen Wildheit ihrer Leidenschaften, und den wüthenden Ausbrüchen, wozu sie sich dahin reißen lassen, macht, – sind nicht sehr geschickt, uns den Zufall (wenn es einer war) verwünschen zu machen, der uns von einem Zustand entfernt hat, worin unmenschliche Gewohnheiten und barbarische Tugenden mit der eigenthümlichen Güte und Aufrichtigkeit der menschlichen Natur auf die seltsamste Weise zusammen stoßen, und für die Dauer des gemeinschaftlichen Wohlstandes so schlecht gesorgt ist, daß das Vergehen eines Einzelnen alle Augenblicke den Untergang seiner ganzen Nazion nach sich ziehen kann. 5. Man hat Ursache sich zu wundern, warum Rousseau diesen Mittelstand zwischen thierischer Wildheit und übermäßiger Verfeinerung, an welchen die Natur die Glückseligkeit der Menschen gebunden zu haben scheint, vielmehr unter den Huronen und Algonquins , als bey einem gewissen andern Volke zu finden vermeint hat, welches nur darum so wenig bekannt ist, weil es, ohne es zu scheinen, vielleicht das glücklichste unter allen ist; – einem Volke, dessen Sitten und Lebensart ein so reitzendes Gemählde von Unschuld, Ordnung, Freyheit, Ruhe und unerkünstelten Tugenden darstellen, daß wir versucht würden, die Beschreibung desselben für einen schönen Traum der Einbildungskraft zu halten, wenn ihre Zuverlässigkeit auf einem minder festen Grunde als dem Zeugnisse des Franz Moore beruhete; eines Augenzeugen , dessen gesunder Verstand und aufrichtiger Karakter keinem Zweifel in der Glaubwürdigkeit seiner Nachrichten Raum läßt. S. The Wonders of Nature and Art, Vol III. Part. 3. chap. 3. p. 360 seqq. und die allgemeine Historie der Reisen Th. 3. S. 178 u. f. Moore's Buch selbst, wovon die letztere den Auszug liefert, ist mir nicht zu Gesichte gekommen. Dieses seinem Ursprunge nach ohne Zweifel Arabische oder Maurische Volk hat alle gute Eigenschaften, die man von den Beduinen einräumt, ohne einige Mischung von ihren Untugenden. Die Foleys (so nennt sie Moore ) leben hordenweise, in einer Art von Städten, welche jedoch diesen Nahmen in Vergleichung mit den unsrigen nur sehr uneigentlich führen, da sie bloß aus einer Anzahl bequemer Hütten bestehen, welche mit gemeinsamen Umzäunungen, mehr zum Schutz gegen wilde Thiere als gegen wilde Menschen, umgeben sind. Wir würden versucht zu sagen, das natürliche Gefühl, welches sich bey keinem andern Volke unverfälschter erhalten zu haben scheint, habe sie gelehrt, was für einen lächerlichen Abstich Wohnungen, die für die Ewigkeit gebaut scheinen, gegen den vorüber gleitenden Traum des Menschenlebens machen, wenn nicht ein noch näherer Grund, warum sie keine festern Wohnungen bauen, in ihrer hirtenmäßigen Lebensart und in der Freyheit läge, worin sie sich erhalten wollen, den Ort zu verändern so bald sie Ursache dazu haben. Denn ungeachtet sie auf beiden Seiten des Stromes Gambia unter andern Völkern des Negerlandes zerstreut leben, so sind sie doch (sagt Moore ) von den Königen derselben unabhängig, und brechen auf, so bald ihnen übel begegnet wird. Sie haben ihre eigenen Vorsteher, welche ihr Amt mit großer Mäßigung verwalten, und wenig Mühe haben, ein Volk, das ohne eigentliche Gesetze, bloß durch die Güte seiner Sitten regiert wird, in Ordnung zu halten; ein Volk, das von einer so sanften und friedsamen Gemüthsart ist, und ein so angewohntes Gefühl von Recht und Billigkeit hat, daß »derjenige unter ihnen, der etwas Böses thut, allen zum Abscheu ist, und niemand findet, der sich seiner gegen die Vorsteher anzunehmen oder sich bemühen wollte, ihn der Ahndung der Gerechtigkeit zu entziehen«. Da die eigentlichen Eingeborenen des Landes (denn diese Foleys sind Fremdlinge unter ihnen) wenig Land benutzen, so sind ihre Könige willig genug, ihnen dessen so viel einzuräumen, als sie anzubauen Lust haben. Die Foleys sind die besten Viehhirten, und zugleich die emsigsten Pflanzer in ganz Nigrizien ; und da sie bey so vieler Arbeitsamkeit sehr mäßig leben, so ziehen sie viel mehr Korn und Baumwolle als sie selbst verbrauchen. Sie leben also in einem Überfluß des Nothwendigen, und machen eben den menschenfreundlichen Gebrauch davon, der ein gemeinschaftlicher Zug der patriarchalischen und Homerischen Zeiten war. Sie unterhalten nicht nur die Alten, Gebrechlichen und Unvermögenden unter sich selbst, sondern erstrecken diese Wohlthätigkeit, so weit ihr Vermögen reicht, auch auf die Mündigoer, Jalofer und andre Völker, unter denen sie leben. Sie sind gastfrey und leutselig gegen jedermann; man braucht nur ein Mensch zu seyn und ihrer Hülfe vonnöthen zu haben, um sie zu erhalten. Können wir uns wundern, daß die Negern es für einen Segen halten, eine Pflanzstadt von Foleys in ihrer Nachbarschaft zu haben? Bey aller dieser ausgebreiteten Menschlichkeit haben sie eine zu richtige Empfindung von ihrem eigenen Werthe, um die Mitglieder ihrer eigenen Nazion nicht vorzüglich zu lieben. Was einem Foley begegnet, interessiert Alle, und so bald einer von ihnen das Unglück hat in Sklaverey zu gerathen, so vereinigen sich alle übrigen ihn los zu kaufen. Sie werden selten zornig, fährt Moore fort, und nie hab' ich einen Foley einem andern Scheltworte sagen gehört. Und gleichwohl rührt diese Sanftmuth von keinem Mangel an Herzhaftigkeit her; denn sie sind so tapfer als irgend ein Volk in Afrika, und wissen sich ihrer eigenen Waffen mit großer Fertigkeit zu bedienen. Die Foleys sind ein wohl gebildetes Volk, und verdienen schön genannt zu werden, in so fern sich die Schönheit mit einer schwarzbraunen Farbe vertragen kann. Ihre Weiber sind angenehm, zärtlich und lebhaft, (sagt der P. Labat , dessen von La Rüe gezogene Nachrichten in vielen Stücken mit Moore's seinen ziemlich zusammen stimmen) sie lieben das Vergnügen, die Musik und den Tanz, und sie wissen ihre natürlichen Reitzungen durch einen Putz zu erhöhen, der, seiner (wiewohl mangelhaften) Beschreibung nach, einen Beweis giebt, daß die Grazien ihren geheimen Einfluß an der Gambia – eben so gut als ehemals am Eurotas , und noch jetzt unter den fröhlichen Einwohnern von Scio , und an den lieblichen Ufern des Hebrus verspüren lassen. Moore rühmt vorzüglich die Reinlichkeit dieses Volkes, besonders bey den Weibern; eine unter den Afrikanern nicht sehr gemeine Tugend, die in den Augen eines Engländers eben so viel Werth hat, als die Eleganz in den Augen eines Franzosen. Ihre Pflanzstädte, von denen er uns eine Abbildung gegeben hat, haben ein regelmäßiges Ansehen, ihre Hütten stehen in gehöriger Entfernung von einander, und werden sehr sauber gehalten. Sie sind ringsum mit Baumwollenpflanzungen, und diese mit einer Verpfählung umgeben; außerhalb derselben ist auf der einen Seite ein großer Platz für ihr Vieh abgesondert, und auf der andern ein gleich großer Bezirk, den sie mit Indischem Korn anbauen; und das Ganze ist mit einer undurchdringlichen Hecke gegen die Einfälle der wilden Thiere verwahrt. Man sieht, daß hier die Kunst wenig zu thun hat; aber wer sieht nicht auch, daß sie zum Wohlstande dieser Glücklichen nichts hinzu thun könnte? 6. O meine Freunde! (läßt Diderot seinen schwärmerischen Filosofen Dorval ausrufen) wenn wir jemahls nach Lampeduse gehen, um dort, fern von der übrigen Welt, mitten unter den Wellen des Oceans ein kleines Volk von Glücklichen zu pflanzen, – – Da hat die Natur schon lange gethan, lieber Dorval ! Warum nach Lampeduse ? An die Gambia , zu diesem liebenswürdigen Volke wollen wir ziehen; dem einzigen in der Welt, bey welchem gute Menschen außer Gefahr sind unglücklich zu werden; dem einzigen in der Welt, welches seines Daseyns froh wird; welches durch eine zum Naturtrieb gewordene Fertigkeit jede Tugend ausübt; welches niemanden beleidiget, und allen die es erreichen kann Gutes thut! Glückliches, ehrwürdiges Volk! Volk von Menschen, die diesem Nahmen Ehre machen! Bey dir bringt die Güte der Sitten ganz allein zuwege, was Gesetze und Strafen, was Erziehung, Filosofie und Religion bey dem policiertesten Volke des Erdbodens bis auf diesen Tag nicht zu bewirken vermocht haben! Keine Vorurtheile benebeln deinen Verstand und verhindern ihn, wie in einem reinen Spiegel, die unverfälschten Eindrücke der Natur aufzufassen! Du verfolgest, du verdammest niemand; keine blinde und grausame Parteysucht verschließt dein Herz der rührenden Stimme der Menschlichkeit! Kein sinnloser Schwätzer, kein Sofist, der den Unrath seines Gehirns in subtile Gewebe spinnt um die sorglos flatternde Einfalt darin zu verstricken, kein heuchlerischer Marabu , kein feiler Kadi , kein raubgieriger Bassa haben sich wider deine Wohlfahrten zusammen verschworen! – Glückliches, dreymahl glückliches Völkchen! wer sollte nicht in Versuchung gerathen dich zu beneiden? Was für eine feine Satire ließe sich bey dieser Gelegenheit über alle die Nazionen machen, welche von der Weisheit ihrer Verfassung, von der Vortrefflichkeit ihrer Polizey, von ihrem großen Fortgang in den Künsten und in den Wissenschaften so aufgeblasen sind! Was für eine demüthigende Vergleichung ließe sich zwischen uns Europäern und diesen ehrlichen schwarzbraunen Foleys anstellen, welche, allen unsern bewundernswürdigen Vorzügen zu Trotz, das sind , was wir gern seyn möchten ; und die es bloß deswegen sind, weil sie keine so mühsame Anstalten machen, keine so verwickelte, aus so unzähligen Triebrädern so gekünstelt und so zerbrechlich zusammen gesetzte Maschine spielen lassen, um zu werden, was man so leicht seyn kann, wenn man die Natur zur Führerin nimmt! Welch ein reicher Stoff! welche Gelegenheit zu schimmernden Gedanken und feinen Sprüchen! Aber, wie gesagt, wir haben keine Lust, uns auf Gemeinplätzen herum zu tummeln; und so schöne Sachen sich auch immer über diesen Gegenstand sagen ließen, so möchte doch wohl schwerlich eine darunter seyn, die nicht in den unzähligen Utopien und Severambenländern , womit wir seit mehr als zwey hundert Jahren so reichlich beschenkt worden sind, schon mehr als einmahl gesagt, und vielleicht schon so abgenutzt worden wäre, daß sie zu weiterm Gebrauch nicht mehr tauglich ist. Eine Mischung von Wahrheit ist freylich immer in dergleichen Deklamazionen; aber was nützen schielende Wahrheiten ? Die Natur zur Führerin nehmen! Nichts ist leichter gesagt. – Aber wie dann, wenn ein Volk sich durch eine lange Reihe von Jahrhunderten in einer immer fortlaufenden Linie – von der Natur entfernt hat? Das Beste ist, daß dieses Volk so gut als ein Komet, der sich einmahl von seiner Sonne verlaufen hat, (wofern ihm nicht unterwegs ein außerordentliches Unglück zustößt) unfehlbar wieder zu ihr zurückkommen wird. Aber, wird es nicht wenigstens eben so viele Jahrhunderte zum Rückweg nöthig haben? Vermuthlich! – Und diese Wiederkehr zu befördern, sie zu beschleunigen, und neue Ausschweifungen zu verhindern, dazu werden wohl ganz andre moralische Kräfte als frostige oder warme Deklamazionen erfordert werden. 7. Übrigens können wir nicht unbemerkt lassen, daß, ungeachtet Moore unsers Wissens ein sehr ehrlicher Mann, ein Mann von sehr gesunder Vernunft, und (was hier allerdings in Betracht kommt) weder Filosof noch Dichter, und also von allen diesen Seiten ein sehr glaubwürdiger Mann ist, – dennoch seine Nachrichten von den Foleys noch lange nicht so vollständig und befriedigend sind, als sie seyn sollten, um ein richtiges Urtheil von diesem Völkchen festsetzen zu können. Eine ungeschmückte Einfalt empfiehlt und beglaubigt seine Erzählung beym ersten Lesen; aber beym zweyten hat man so viele Fragen zu thun, und erhält so wenig Antworten auf diese Fragen, daß man am Ende nicht halb so zufrieden mit ihm bleibt, als man es Anfangs war. Dieß ist der Fall der allermeisten von diesen großen Wandersmännern. Man sieht es ihren Nachrichten und Erzählungen nur gar zu sehr an, daß sie an nichts weniger gedacht haben, als daß sie zu einem andern Gebrauch, als zur Zeitkürzung ihrer Leser, oder höchstens zu handelschaftlichen Aussichten , würden angewendet werden. Hier wäre gleich der Fall, wo es seht gut seyn würde, wenn man mit seinen eigenen Augen sehen könnte. Das Wunderbare gewinnt selten bey einer genau prüfenden Beobachtung. Gesetzt aber auch, wir fänden die Foleys in allen Stücken so, wie sie uns Moore schildert, so würde es doch dabey bleiben, daß dieses Völkchen vor den meisten übrigen Völkern nichts voraus hat, was es nicht vielmehr einem glücklichen Zufall als seiner Klugheit und Tugend zu danken hätte. Gastfreyheit und Leutseligkeit gegen Freunde und Nothleidende sind auf dem ganzen Erdboden Züge, welche diejenige Klasse von Menschen bezeichnen, die von Viehzucht und Ackerbau in einigem Grade von Wohlstand leben. Eben dieß gilt überhaupt von der Unschuld der Sitten , welche man uns von den Foleys anpreist. Diese ist allenthalben, wo Unterdrückung und Elend die Menschheit nicht zu einem Zustande, gegen den der viehische beneidenswürdig ist, herab gewürdigt hat, – verhältnißweise auf dem Lande viel größer als in den Städten . Moore giebt zu verstehen, daß es auch unter seinen Foleys Leute giebt, welche zuweilen Böses thun. Freylich in geringerer Anzahl; – weil es in einer kleinen Gesellschaft nicht so viel böse Leute geben kann als in einer großen ; und weil eine Menge Laster, welche in der letztern, unter gewissen Umständen, nicht gänzlich ausgerottet werden können oder wohl gar geduldet werden müssen , in jener nicht einmahl moralisch möglich sind. Im übrigen ist es seht glücklich für die guten Foleys, daß sie ringsum von schwachen, trägen und wenig unternehmenden Völkern umgeben sind, die überdieß mehr dabey zu gewinnen haben, wenn sie ihnen eine Art von Freyheit lassen, als wenn sie versuchen wollten sie zu Sklaven zu machen. Sollte das letztere einmahl irgend einem Könige im Negerlande einfallen, so würde ein so kleines Volk unfehlbar entweder auf einmahl unterdrückt, oder durch seinen Widerstand selbst nach und nach aufgerieben werden. Ihre Sicherheit ist also bloß zufällig ; und was ist Glückseligkeit ohne Sicherheit? – In diesem Augenblicke vielleicht, da wir von ihnen reden, sind sie nicht mehr! 8. Es war eine Zeit, da alle Völker des Erdbodens den Hauptzügen nach solche Foleys waren; da sie, in unzählbare kleine Horden abgesondert, von Jagd, Viehzucht und einer Art von Feldbau lebten, der, nach Beschaffenheit des Landes, engere oder weitere Grenzen hatte. Die Erfahrung hat bewiesen, daß sich das menschliche Geschlecht nicht lange in einem solchen Zustande befinden kann. Tausend unvermeidliche Zufälle machen diese kleinen Gesellschaften nach und nach in große zusammen fließen; Zufälle, welche zu tief in der Natur des Menschen und der Dinge die ihn umgeben gewurzelt sind, als daß man zweifeln dürfte, daß, wofern durch eine abermahlige allgemeine Zerstörung alle Erdbewohner bis auf eine einzige Familie zusammen schmelzen würden, die Nachkommenschaft dieser Stifter einer neuen Welt mit der Zeit nicht eben diese Zufälle erfahren, und daß diese Zufälle nicht eben solche Veränderungen veranlassen sollten, als diejenigen, die mit den Abkömmlingen Sems, Chams und Jafets vorgegangen sind. Ein kleines Volk von so einfältiger Lebensart und von so unschuldigen Sitten als die Foleys sind, oder die Negern des Priesters Abulfauaris vor seiner Ankunft bey ihnen waren, ist unstreitig glücklich, und (wenn wir die Vortheile , die es nicht genießt , aber auch nicht vermißt , an der ungeheuern Summe der Übel , die es nicht erleidet , die es nicht einmahl kennt , und also auch nicht fürchtet , abrechnen) glücklicher als irgend eine große Nazion in dem Stande, worin sich die Sachen dermahlen noch befinden, es seyn kann. »Das ganze menschliche Geschlecht würde also glücklicher seyn als es jetzt ist, wenn es in lauter solche kleine Völkerschaften abgesondert wäre?« – Ja! aber diese allgemeine Glückseligkeit würde ein Augenblick seyn. Immer mag sie also einer poetischen Fantasie Stoff zu reitzenden Gemählden von einfältig schöner Natur und Arkadischen Sitten darbieten: der Punkt kann sie nicht seyn, bey welchem wir, nach den Absichten der Natur, stehen bleiben sollen. Eine vollkommnere Art von allgemeiner Glückseligkeit ist uns zugedacht. Noch sind zwar die Erdebewohner von diesem letzten Ziel ihrer Bestimmungen hienieden nur allzu weit entfernt; aber alle Veränderungen, welche wir bisher durchlaufen haben, haben uns demselben näher gebracht; alle Triebräder der moralischen Welt arbeiten diesem großen Zweck entgegen; und so bewundernswürdig hat der Urheber der Natur sie zusammen gestimmt, daß ihre anscheinenden Abweichungen und Unordnungen selbst im Ganzen zu Beförderungsmitteln desselben werden müssen. Äußerste Verfeinerung der schönen Künste, des Geschmacks und der Lebensart sind zugleich eine Folge und eine Ursache der äußersten Üppigkeit und Ausgelassenheit der Sitten. Diese untergraben einen Staat so lange, bis er endlich zusammen stürzt. Aber wenn sich dieß in einem Theile des Erdbodens und in einem Zeitpunkt ereignet, wo zugleich der ganze Inbegriff der aufklärenden und nützlichen Wissenschaften und Künste mit nicht weniger Eifer angebaut worden ist: so wird der eingesunkene Staat in kurzem neu belebt und in einer ungleich besseren Gestalt und Verfassung sich aus seinen Ruinen wieder empor heben , und, durch seine Erfahrung weise, die schwere Kunst geltend machen, die Privatglückseligkeit mit der öffentlichen dauerhaft zu vereinigen . Eine Erscheinung, von welcher, aller Wahrscheinlichkeit nach, manche die dieses lesen, noch Augenzeugen werden dürften! Dieß wurde vor fünf und zwanzig Jahren geschrieben. Der Anfang zu Erfüllung dieser damahls aus einer Art von Ahnung niedergeschriebenen Worte ist seit 1789 in Frankreich gemacht worden. Gebe der Himmel, daß wir auch das glückliche Ende derselben erleben! 9. Der Stand der Wilden ist die wahre Jugend der Welt, sagt Rousseau, und alle weitere Progressen sind zwar, dem Anschein nach, eben so viele Schritte zur Vollkommenheit des einzelnen Menschen, in der That aber zur Abnahme, Verunstaltung und Ausmergelung der Gattung gewesen. Gerade das Widerspiel, guter Jean-Jaques ! Die Vereinigung der Menschen in große Gesellschaften ist in vielen Stücken dem einzelnen Menschen nachtheilig, befördert hingegen offenbar die Vollkommenheit der Gattung . Der policierte Mensch ist nicht so stark, nicht so gesund, nicht so behende, nicht so herzhaft, nicht so frey, nicht so zufrieden mit seinem Zustande als der Wilde . – Dieß ist von dem größten Theile der einzelnen Personen in dem einen und in dem andern Stande wahr; Rousseau selbst hat es so gut bewiesen, als man es nur verlangen kann. Aber der policierte Mensch weiß sich aller seiner Kräfte unendliche Mahl besser zu bedienen, ist unendliche Mahl geschickter seinen Wohlstand dauerhaft zu machen, weiß sich unendliche Mahl mehr Vergnügungen zu verschaffen, eröffnet sich tausend neue Quellen von Glückseligkeit die dem Wilden ganz unbekannt sind, ist unendliche Mahl mehr Herr über die Natur, u. s. w. – Alles dieß ist von den meisten Einzelnen mehr oder weniger falsch, und von der ganzen Gattung wahr. Rousseau hat also eine unrichtige Bemerkung gemacht; und wenn etwas dabey zu verwundern ist, so ist es, wie er sie hinschreiben konnte ohne zu merken, wie wenig sie die Probe hält. Nimmermehr wird unter Wilden, oder unter irgend einem kleinen Volke, das dem ursprünglichen Stande noch nahe ist, ein Palladio , ein Rafael , ein Erasmus , ein Bakon , ein Galilei , ein Locke , ein Shaftesbury , ein Montesquieu , ein Newton , ein Leibnitz gebildet werden. – Und wer kann so unwissend, oder so unbillig seyn, die großen Vorteile zu mißkennen, welche sich nur allein von zehn solchen Männern unvermerkt über ganze Nazionen ausbreiten, und mit der Zeit über die ganze Gattung ausgebreitet werden? Bedürfnisse und Talente vermehren und verfeinern sich in großen oder wenigstens emporstrebenden Gesellschaften, durch eine wechselsweise Wirkung in einander, ins unendliche. Die Liebe zur Bequemlichkeit und zum Vergnügen, die Begierde sich in Achtung zu setzen und Einfluß zu haben, – um der Vortheile zu genießen die damit verbunden sind – (denn welcher unter uns bekümmert sich um die Achtung der Japaner ?) nöthigt Hunderttausende zu einer Anstrengung ihrer Kräfte, die dem Ganzen nützlich wird; und so wird durch den feinsten Mechanismus der Natur die Trägheit selbst, deren Gewicht den Wilden zu den Thieren herab zieht, in der bürgerlichen Gesellschaft zu einer Quelle wetteifernder Thätigkeit . Ohne Vereinigung kleinerer Gesellschaften in große, ohne Geselligkeit der Staaten und Nazionen unter einander, ohne die unzähligen Kollisionen der mannigfaltigen Interessen aller dieser größern und kleinern Systeme der Menschen würden die edelsten Fähigkeiten unsrer Natur ewig im Keim eingewickelt schlummern. Ohne sie würde die Vernunft der Menschen nie zur Reife gelangen, sein Geschmack immer roh, seine Empfindung immer thierisch bleiben. Mit gedankenlosen Augen würde er ewig den gestirnten Himmel anschauen, ohne sich träumen zu lassen, daß er fähig sey die Bewegungen dieses unermeßlichen Uhrwerks zu berechnen. Seine Stimme würde niemahls ein Mittel geworden seyn, seinen geistigsten Gedanken einen Leib zu geben und die leisesten Regungen seines Herzens andern verständlich zu machen. Tausend bewundernswürdige Künste würden, in seinem Gehirne begraben, von seinem plumpen Witz nicht entdeckt worden, und seiner ungeübten Hand unmöglich geblieben seyn. Die Musen würden seinen Geist nicht verschönert, die Grazien seine Freunden nicht veredelt, die Wissenschaften ihn nicht auf den Weg geleitet haben, sich die ganze Natur zu unterwerfen. Welche Vortheile für die Gattung ! Wie ist es möglich sie zu mißkennen? Und wie wenig kommen dagegen die zufälligen Übel, welche mit dem gesellschaftlichen Stande verbunden sind, in Betrachtung, wenn wir erwägen, daß eben in jenen wohlthätigen Ursachen auch die bewährtesten Mittel gegen diese liegen; daß, vermöge der Natur der Dinge, so wie jene steigen, diese abnehmen, und jeder Schritt, den wir zur Vervollkommnung der Gattung thun, eine Quelle von fysischen oder sittlichen Übeln stopft, welche der allgemeinen Glückseligkeit hinderlich waren! 10. Es ist wahr, alles, was von dem Hermes der Ägypter an, durch die weisesten und wirksamsten Geister, durch die Heroen , durch die Gesetzgeber , durch die Erfinder , durch alle Arten von Genien , durch alle Arten von Triebfedern der moralischen Welt, zum allgemeinen Besten der Gattung bisher gewirkt worden ist, besteht nur in Bruchstücken , in Materialien , welche zum Theil noch roh, zum Theil mehr oder weniger bearbeitet da liegen. Aber es ist eben so wahr, daß diese Materialien nur auf die Vereinigung günstiger Zufälle mit der zusammen gestimmten Thätigkeit großer Seelen warten, um zu dem einzigen Werke, was würdig ist jede fühlende und denkende Seele zu begeistern, zu einem allgemeinen Tempel der Glückseligkeit des menschlichen Geschlechts aufgeführt zu werden. Religion, Wissenschaften , und ihr, liebenswürdige Künste der Musen! – ihr habt in der Kindheit der Welt die rohen, verwilderten Menschen gezähmt, die Städte vereiniget, Gesetzen unterwürfig gemacht, und mit der edlen Liebe eines gemeinschaftlichen Vaterlandes beseelt! – Eurer freundschaftlich vereinigten Wirksamkeit ist es aufbehalten, das große Werk zur Vollendung zu bringen, und aus allen Völkern des Erdbodens, – dieses Sonnenstaubs in dem grenzenlosen All der Schöpfung – Ein Brudergeschlecht von Menschen zu machen, welche durch keine Nahmen , keine Wortstreite , keine Hirngespinste , kein kindisches Gebalge um einen Apfel , keine kleinfügige Absichten und verächtliche Privatleidenschaften, wider einander empört, – sondern von dem seligen Gefühl der Humanität durchwärmt, und von der innigen Überzeugung, daß die Erde Raum genug hat alle ihre Kinder neben einander zu versorgen, durchdrungen, einander alles Gute willig mittheilen, was Natur und Kunst, Genie und Fleiß, Erfahrung und Vernunft, seit so vielen Jahrhunderten auf dem ganzen Erdboden, wie in ein allgemeines Magazin, aufgehäuft haben. Eurer freundschaftlich vereinigten Wirksamkeit ist es aufbehalten, dieses glorreiche Werk zu Stande zu bringen, sage ich. Denn, getheilt , oder durch unselige Vorurtheile entzweyt , und mit euch selbst im Streite, werdet ihr nimmermehr, nimmermehr das wahre Ziel eurer Bestimmung erreichen! Getheilt werdet ihr ewig, wider eure Absicht, Böses stiften ; vereinigt werdet ihr alle Menschen glücklich machen! Schwärme ich? – Es sollte mir leid seyn, wenn nur Einer von denen, welche vorzüglich dazu berufen sind auf ein so edles Ziel zu arbeiten, denken könnte, daß der einzige allgemeine Endzweck der Natur, der sich denken läßt wenn überall ein Plan und eine Absicht in ihren Werken ist, eine Schimäre sey. Ist es eine Schimäre – nun so wissen wir, was wir von dieser sublunarischen Welt zu denken haben. So macht alles zusammen genommen eine so schale, so bürleske, so sinn- und zwecklose tragi-komische Pastoral-Farce aus, daß man alle Harlekins, Mezzetins und Bernardons der Welt getrost aufbieten kann, eine schalere zu erfinden! So sind alle Narren weise Leute, und die Sokrates und Aristoteles , die Epaminondas und Timoleon , von jeher die einzigen Narren in der Welt gewesen! – – Welches der Himmel verhüten wolle! Über die vorgebliche Abnahme des menschlichen Geschlechts. 1777. 1. Jedes gebildete Volk hat seine fabelhafte und heroische Zeit gehabt, aus welcher seine spätern Dichter den Stoff zu wundervollen Gesängen, Erzählungen und Schauspielen hergenommen haben; eine Zeit von Halbgöttern, Riesen und Helden, gegen welche wir armen Wichten der historischen Zeit eine so demüthige Figur machen, daß wir (um so bald als möglich aus der Verlegenheit zu kommen) uns nicht besser zu helfen wissen, als die ganze Geschichte dieser Wundermenschen für Mährchen zu erklären. Gleichwohl finden sich auf der andern Seite starke Gründe, zu glauben, daß diese Heroen jeder Nazion einmahl wirklich da waren, wirklich große Menschen waren, und Dinge thaten, die wir – weil sie über unsre Kräfte gehen – erstaunlich finden, wiewohl sie ihnen selbst sehr natürlich vorkamen; ja, daß sie in der That noch weit größer, als wohl die meisten spätern Dichter und Romanschreiber in ihrem höchsten Taumel sich einbilden konnten, – und mit allem dem doch – weder Götter noch Halbgötter, sondern bloße Menschen waren, wie wir zu ihrer Zeit und in ihren Umständen ohne Zweifel auch gewesen wären. Das ganze Geheimniß liegt darin, daß sie noch unzerdrückte und ungekünstelte , noch gesunde, ungeschwächte, ganze Menschen waren. Wo die Natur noch frey und ungestört wirken kann, da macht sie keine andre als solche: und wenn für jedes policierte und verfeinerte Volk einmahl eine Zeit gewesen ist, wo es noch unpoliciert und unverfeinert war; so steigt die Geschichte eines jeden solchen Volkes (seine ältesten Urkunden mögen verloren gegangen seyn oder nicht) bis zu einem Zeitalter hinauf, wo es aus einer Art Menschen bestand, deren Existenz nach einer langen Reihe von Jahrhunderten endlich fabelhaft scheinen muß. Ein frey stehender Mensch kann sich ausdehnen und wachsen, kann zu dem Grade von Größe, Stärke und Tauglichkeit gelangen, wozu er die Anlage auf die Welt gebracht hat. Damit dieß wirklich geschehe, müssen freylich mancherley äußere Ursachen mitwirken. Er muß, zum Beyspiel, weder an dem, was zur Unterhaltung und Entwicklung seiner Kräfte nöthig ist, Mangel leiden , noch muß es ihm gar zu leicht werden, sich diese Nothwendigkeiten zu verschaffen. Der armselige Zustand der Bewohner von Feuerland , der ewige Druck gegenwärtiger Noth ohne Hoffnung es jemahls besser zu haben, ist dem Wachsthum des Menschen zu seiner natürlichen Vollkommenheit eben so nachtheilig und noch mehr, als das allzu freygebige wollüstige Klima von O-Tahiti , das seine Einwohner in ewiger Kindheit erhält, oder als die üppige Lebensart einer großen Königsstadt . Der Mensch, der alles seyn soll wozu ihn die Natur machen wollte, muß alles erdulden können was ihm Natur und Nothwendigkeit auflegen; aber sein gewöhnlicher Zustand muß überhaupt glücklich, und sein Gefühl für die Freuden des Lebens und das Vergnügen da zu seyn, muß offen und unabgestumpft seyn. Sein Nacken muß sich nie unter die Willkühr eines andern gebeugt haben; er muß immer unter seines gleichen , das ist unter Menschen, die nichts sind als was er auch ist oder werden kann , gelebt haben; aber auch mit bessern als er ist, damit der Vorzug, den diesen ihre größere Tauglichkeit giebt, ihn immer zur Nacheiferung und zum Wettstreit auffordere. Alles dies setzt eine Epoche der Nazionalverfassung voraus, wo die Sicherheit mehr das Werk unsrer eignen Stärke und persönlicher Verbindungen als der Gesetze ist; wo Fürsten und Könige nur die ersten unter ihren Pairs sind, wo jeder gilt was er werth ist, jeder wagt was er sich auszuführen getraut, jeder so gut oder böse seyn darf als ihn gelüstet; wo das Leben eines Mannes das Leben eines Kämpfers ist, eine fortgehende Kette von Abenteuern, ein ewiges Drama , gedrängt voll von Handlung und Zufällen und Wagestücken, voll wider einander rennender oder sich mit großer Gewalt aneinander reibender Leidenschaften; wo der Knoten meistens mit dem Schwert aufgelöst, und die Katastrofe immer die Wurzel neuer Verwirrungen wird. Eine solche Epoche findet sich in den ältesten Jahrbüchern jeder policierten Nazion: und könnten wir heutigen Europäer, oder vielmehr unsre Abkömmlinge, (wie es denn gar nichts unmögliches ist) vor lauter grenzenloser Verfeinerung und Filosofie und Geschmack und Verachtung der Vorurtheile unsrer Großmütter, und Weichlichkeit, und Übermuth und Narrheit, es endlich wieder so weit bringen, in Wäldern (wenn es anders bis dahin noch Wälder giebt) einzeln und gewandlos auf allen Vieren herum zu kriechen und Eicheln zu fressen ; so wird dann auch, über lang oder kurz, die Zeit wieder kommen, wo die Nachkommen dieser neuen Europäischen Wilden gerade wieder die freyen, wackern, kühnen, biederherzigen Leute seyn werden, deren Sitten und Lebensart Tacitus – seinen nervenlosen Römern zum Verdruß, und zur Demüthigung ihrer kleinen flattrigen, gaukelnden, niedlichen Puppenseelchen – in einem so prächtigen Gemählde darstellte. In einer solchen Zeit, unter einem solchen Volke ungeschliffener, aber freyer, edler, starker, gefühl- und muthvoller Menschenkinder, müssen freylich die stärksten, die edelsten, mit Einem Worte, die Besten , gar herrliche Menschen seyn. Ganz natürlich , daß das Andenken dessen was sie waren und thaten sich Jahrhunderte lang unter ihrem Volke lebendig erhält; daß der Großvater mit verjüngender Wärme seinen horchenden Enkeln Geschichten davon erzählt; daß diese Geschichten in Gesängen und Liedern von einem Geschlechte zum andern übergehen; und daß man desto mehr davon singt und sagt, je weiter sich die Nazion von jenem Helden-Alter entfernt, je näher sie dem Zeitalter der Policierung und Verfeinerung kommt, und je weiter sie darin fortschreitet. Natürlich , daß endlich eine Zeit kommen muß, wo man sich diesen großmächtigen Menschen so ungleich fühlt, daß man an ihrem ehemaligen Daseyn zu zweifeln anfängt, und alle seine Einbildungskraft aufbieten muß, um sich eine Vorstellung von ihnen zu machen; daß eben deßwegen diese Vorstellungen unwahr, übertrieben und romanhaft, kurz, daß aus den wahren großen Menschen der Vorwelt – fabelhafte Götter und Göttersöhne, Riesen und Recken, Amadise und Rolande werden. 2. Allein diese Zeit kommt nicht auf einmahl; die Ausartung kann nicht anders erfolgen als stufenweise. Die nächsten zwey oder drey Menschenalter auf jene Heroen müssen natürlich, in Vergleichung mit viel spätern, noch weit mehr ausgearteten Nachkömmlingen, noch sehr große Menschen hervorbringen. Aber wer in solchen Zeiten etliche Generazionen überlebt hat, muß den Unterschied schon merklich finden. Die Ritter der Tafelrunde des Königs Artus waren gewaltige Männer in Ritterschaft, hatten noch viel von dem hohen Muthe, ja selbst noch einen Überrest von der Treue und Biederherzigkeit ihrer Vorfahren. Aber was für eine Figur machen sie mit allem dem gegen den alten Branor , der in einem Alter von mehr als hundert Jahren noch Stärke genug hatte, sie alle aus dem Sattel zu werfen! Und wie noch armseliger stehen sie vor ihm da, nachdem er ihnen an seinem Freunde, Geron dem Adlichen , ein Muster von Treue und Aufrichtigkeit und Großherzigkeit vor die Stirne gestellt hat, dessen Anblick und stille Vergleichung mit sich selbst (die er, wie billig, ihrem eigenen Gewissen überläßt) ihnen das beschämendste Gefühl, wie klein sie gegen ihn sind, geben muß! Eine ganz ähnliche Bewandniß hat es mit den Helden und Menschen, die uns Homer in seiner Ilias und Odyssee schildert. Was für Männer gegen die spätern, durch ihre geschwätzige Filosofie, schönen Künste, Handelschaft und Reichthümer verfeinerten Griechen! Keiner, bis auf den göttlichen Schweinhirten Eumäus , den der Dichter nicht durch dieß hohe Beywort (der göttliche) über die Menschen vom gemeinen Schlage seiner Zeit erheben mußte, um ihm sein Recht anzuthun. Aber wie mit ganz andern Augen sieht die Helden der Ilias der alte Nestor an, dem seine hohen Jahre das Recht geben, einem Agamemnon und Achilles und Diomedes und Ajax ins Gesicht zu sagen: »Ich habe mit andern und bessern Männern gelebt als ihr seyd – Nein, solche Männer habe ich nie wieder gesehen, und werde keine solche wieder sehen, wie Peirithoos und Dryas, der Hirt der Völker, und Käneus und Exadios, und der göttliche Polyfemos, und Theseus der Ägeide, der wie der Unsterblichen einer war.« – Man sieht, Homer und Nestor hatten schon einen sehr verschiedenen Maßstab. Die Männer, die Homer göttlich nennt, sind in Nestors Augen, gegen jene, die Er dieses Beynahmens würdig hält, nur gewöhnliche Menschen. Und ganz natürlich, da sie zu den Helden des Jahrhunderts vor dem Trojanischen Kriege sich ungefähr eben so verhielten, wie die Griechen zu Homers Zeiten gegen die Zerstörer von Troja. Dieser selbst so große Mann hatte in einem Zeitpunkt, der in unsern Augen noch heroisch genug ist, schon ein starkes Gefühl von der Abnahme der Menschheit in seinen Tagen. Diomedes hebt (im fünften Buche der Ilias) einen Stein auf, und schleudert ihn unter die Feinde, der so schwer war, (sagt Homer ), »daß ihn zwey Männer, wie die Menschen jetzt sind, nicht tragen könnten.« Virgil – der ungefähr neun Jahrhunderte nach Homer lebte, in einer Zeit, da die Üppigkeit und die Ausartung in Rom der höchsten Stufe schon nahe waren – fühlte die Menschen seiner Zeit gegen die Helden der Trojanischen so klein und schwach, daß er, um ihm gehörigen Verhältnisse zu bleiben, aus Homers zweyen zwölf solcher Männerchen, wie man sie ihm goldenen Jahrhundert Augusts sah, machen mußte. Freylich mag er wohl daran zu viel gethan haben, da hier bloß von der körperlichen Kraft eine gewisse Last aufzuheben die Rede ist: aber wenn seine Absicht war, das Verhältniß jener Helden gegen die gewöhnlichen Menschen seiner Zeit überhaupt , oder nach der ganzen Summe der Naturkräfte, so weit sie in einem Menschen gehen können, anzudeuten; so möchte sich wohl behaupten lassen, daß er nicht zu viel gesagt habe; und daß zum Beyspiel ein Mann wie Diomedes , nackend und ohne Waffen, gegen zwölf junge Herren vom Hofe Augusts , ebenfalls in Naturalibus , kämpfend, die artigen Herren mit eben so weniger Mühe nach einander ins Gras hingestreckt hätte, als es ihm leicht war den Stein aufzuheben und fortzuschleudern, den keiner von ihnen nur von der Stelle hätte rücken können. 3. Man erlaube mir hier eine kleine Abschweifung, die uns nicht weit von der Hauptsache führen soll. In den Zeiten der Entnervung der Menschheit durch Üppigkeit und alle übrigen Folgen des Reichthums und der höchsten Verfeinerung oder Überspannung, Dieß letzte war eigentlich der Fall der Römer ; aber die Folgen von beiden sind am Ende ziemlich ähnlich; nur daß Erschlaffung aus Überspannung bey weitem ein schlimmerer Zustand ist als Schwäche aus Verfeinerung . ist es weniger die körperliche Schwäche als die Abwürdigung und Entkräftung der Seelen , die Stumpfheit ihres innern Sinnes für das wahre Große, was sie gegen die herrlichen Naturmenschen der Vorwelt so klein erscheinen macht. Wie sollten sie das Vermögen haben zu thun was diese vermochten, da sie nicht einmahl fähig sind das Große in den edelsten Gesinnungen oder Handlungen derselben zu fühlen ? Plutarch hat uns in seinem Leben des Pompejus ein sehr auffallendes Beyspiel hiervon aufbehalten, das einen Zug von Achills Betragen in der großen entscheidenden Scene der Ilias betrifft. Um meine Leser darüber selbst urtheilen zu lassen, muß ich diese Scene mit zwey Worten in ihr Gedächtniß zurück rufen. Die Trojer alle haben sich vor der Wuth des Achilles hinter die Mauern ihrer Stadt geflüchtet; die Thore sind verschlossen; nur der einzige Hektor ist außer den Mauern zurück geblieben, entschlossen zu sterben oder dem Zerstörer seines Volkes das Leben zu nehmen; das Griechische Heer steht in einiger Entfernung gegen über, und die Götter schauen schweigend vom Olymp herab. Hektor , unerbittlich dem Flehen seines Vaters und seiner Mutter, steht und erwartet den kommenden Feind. Aber indem Achilles , »dem Gott der Schlachten gleich, in seinem Harnisch, der wie lodernd Feuer oder wie eine Morgensonne Strahlen wirft, den furchtbaren Speer in seiner Rechten schwingend, auf ihn zugeht,« – überfällt ein ungewohntes Entsetzen Hektorn ; ihm entsinkt der Muth, der ihn zur letzten Hoffnung seines unglückseligen Volkes und Hauses machte; er kann den Anblick des Stärkeren, der über ihn gekomment ist, nicht ertragen, er flieht. Dreymahl jagt ihn Achilles rund um die Mauern von Troja, und so oft der verstürzte Hektor, Hülfe von den Seinigen zu erhalten, sich innerhalb eines Pfeilschusses den Thürmen nähern will, treibt ihn jener wieder ins offne Feld gegen die Stirne des Griechischen Heeres zurück – winkt aber zugleich den Seinigen mit dem Kopfe und wehrt ihnen, mit Pfeilen nach Hektorn zu schießen, »damit nicht ein andrer ihm den Ruhm wegnähme, Hektorn erledigt zu haben; und Er nur der Zweyte wäre.« Wer die Ilias auch nur mit dem mäßigsten Antheile von Menschensinn gelesen hat, muß fühlen, daß Achilles nicht Achilles hätte seyn müssen, wenn es ihm in diesem glorreichen entscheidenden Augenblicke hätte gleichgültig seyn sollen, ob die Seele seines Freundes Patroklus und aller übrigen Griechen, welche Hektor zum Orkus gesendet hatte, durch ihn oder durch einen andern gerochen würde, und Troja durch seine oder eines andern Hand fiele. Gleichwohl (spricht Plutarch ) fanden sich Leute, Er sagt uns nicht, wer sie waren; die Rede ist aber von denen, die den Pompejus wegen eines gewissen wirklich unedlen Verfahrens in dem Kriege mit den Seeräubern tadelten. Wahrscheinlich waren es nicht weise Römer , wie Dacier meint, sondern Graeculi , Moralisten von Profession, von den scharfsichtigen Herren, die den Wald vor den Bäumen nicht sehen können. die in diesem Gefühl und Betragen des Achilles etwas unendlich kleines fanden. »Achilles, sagten sie, thut hier nicht die That eines Mannes, sondern eines thörichten nach Ruhm schnappenden Knaben.« Die feinen Moralisten! Nach dem hohen Ideal dieser Schulmeister hätte es Achilles gleich viel seyn sollen, wer Hektorn erlegte, Er oder Thersites , wenn die That nur gethan würde; denn »dem Weisen ists ja nie um sich, sondern immer nur um die Sache selbst zu thun!« – O die Graeculi , die Graeculi ! Wie sehr Achill zu beklagen ist, daß er kein Stoiker war! daß er zu früh in die Welt kam, um bey einem Chrysippus oder Posidonius in die Schule zu gehen, und zu lernen, was für eine kindische Sache es um die Leidenschaften ist! – Freylich, in den wilden Zeiten, worin er das Unglück hatte geboren zu werden, wußten die Leute noch wenig von guter Lebensart. Da zankten Könige und Feldmarschälle sich noch im bittersten Ernst um – eine hübsche Dirne, geriethen um so einer Kleinigkeit willen in solche Wuth, daß sie, mit Hintansetzung aller Wohlanständigkeit, einander schimpften wie die Karrenschieber. – Da setzte sich der göttliche Achill ans Ufer hin und weinte wie ein kleines Mädchen, daß ihm Agamemnon seine Puppe genommen, oder (was in den Augen eines stoischen Schulmeisters auf Eines hinaus lief) daß ihm die Griechen seinen verdienten Antheil an der Beute, an deren Gewinnung er sein Leben gesetzt, wieder weggenommen und ihn dadurch beschimpft hatten, u. s. w. Welche Thorheiten, welche Kindereyen! Und der einfältige Homer, der selbst Kind genug war aus solchen Kindern seine Helden zu machen, ließ sich so wenig davon träumen, wie irgend eine große Natur ohne Leidenschaft seyn könnte, daß er auch sogar seine Götter mit eben so läppischen Leidenschaften begabte – wofür ihm denn auch Plato, Cicero und so viele andere große Männer, (die zwar weder Iliaden gethan noch Iliaden gedichtet haben) nach Verdienen den Text gelesen haben! – Doch freylich, was können am Ende Homer und seine Helden dafür? Die trugen die Last ihrer Zeiten, wo die Menschen noch waren wie sie die bloße Natur macht – wie sie in dem groben ungeschliffenen Zustand eines Volkes, das noch Nerven hat, seyn können. Ach! die Nerven! die Nerven! die sind immer (wie Herr Pinto weislich bemerkt hat) an allem Übel schuld! Man kann daher nicht genug eilen, sie ihrer unbändigen, so viel Unheil in der Welt stiftenden Schnellkraft zu berauben! Denn, haben wir nur diese erst einmahl weggeschwelgt oder wegfilosofiert oder weggetändelt, oder auf welche Art es sey außer Aktivität gesetzt: dann räckeln wir uns hin, und, weil wir keine Nerven mehr haben um zu lieben oder zu hassen, vernunften oder faseln wir über die Herrlichkeit der Wesen ohne Sinn und Leidenschaften ; – und, weil wir keine Nerven mehr haben etwas zu unternehmen und auszuführen, beweisen wir, daß der Weise weder Hand noch Fuß regen, sondern bloß zuschauen müsse; und, weil wir ohne Nerven sind, und in dem Staate, worin wir zu leben die Ehre haben, auch keine nöthig haben, sondern Drahtpuppen, nervis alienis mobilia ligna , sind, schwingen wir uns über die parteyischen kleinfügigen Bürgertugenden hinweg, und – schwatzen von allgemeiner Weltbürgerschaft . – Kurz, je mehr wir durch die Abschälungen und Abstreifungen, die man mit uns vorgenommen, verloren haben, je spitzfindiger werden wir, uns zu beweisen: daß ein Mensch desto vollkommner sey, je abgestreifter er ist, das ist, je weniger er zu verlieren hat ; so daß einer erst dann ganz vollkommen wäre, wenn er gar nichts mehr zu verlieren hätte, das ist, wenn er gar nichts mehr wäre ; – welches bekannter Maßen das höchste Gut gewisser Fakirn und Schüler des Fohi in Indien und allerdings ultima linea rerum , die unterste Stufe der Abnahme des menschlichen Geschlechts ist, der wir, leider! zwar immer näher und näher kommen, sie selbst aber vermuthlich doch niemahls völlig erreichen werden. 4. In dem Kreise, worin uns die Natur ewig herum zu drehen scheint, lassen sich gleichsam zwey Pole angeben, wovon der eine den höchsten Punkt der natürlichen Gesundheit, Größe und Stärke des Menschen, der andre den tiefsten Punkt der Kleinheit, Schwäche, Erschlaffung und Verderbniß bezeichnet. Jedes Volk in der Welt (dünkt mich) ist dazu gekommen, oder wird dazu kommen, sich erst auf dem einen und endlich auf dem andern dieser Punkte zu befinden. Und wo suchen wir nun den ersten dieser Zeitpunkte, den Zenith der natürlichen Vollkommenheit des Menschen ? – Wahrlich nicht in den gepriesenen goldenen Altern der Filosofie und des Geschmacks, nicht in den Jahrhunderten Alexanders, Augusts, Leo's X. und Ludwigs XIV. Das kann wohl niemand mehr einfallen, der diese goldnen Zeiten ein wenig genauer angesehen, und nur einen Begriff davon hat, was Mensch ist und seyn kann . Auszierung, Einfassung, Schminke und Flitterstaat machen es nicht aus; etliche gute Mahler, Bildhauer, Poeten und Kupferstecher wahrlich auch nicht! Man zeige mir in einem von diesen Jahrhunderten den Mann, der sich vor Karln dem Großen , dem Sohn eines barbarischen Zeitalters, (wie wirs, den Griechen nachplappernd , zu nennen pflegen) nicht zur Erde bücken müsse! Man messe (alle Umstände gegen einander gleich gewogen) die Alcibiaden, Alexander, Cäsarn, (für die ich meines Orts übrigens allen Respekt habe) und neben Ihm werden sie kleiner scheinen; wie Lanzelot vom See und seine Genossen neben dem alten Branor , der eines ganzen Hauptes länger war als sie alle, – wie die alte Geschichte sagt. Ich vergesse nicht, daß es unbillig wäre, Karln die Tugenden seiner Zeit , und jenen Griechen und Römern die Untugenden der ihrigen ohne Abzug anzurechnen. Aber es ist auch hier nicht vom persönlichen Vorzuge dieser großen Menschen, (wiewohl ich glaube, daß Karl auch von dieser Seite der gewinnende Theil seyn würde) sondern von dem Vorzuge der Zeiten die Rede – und gewiß gebührt er derjenigen, wo man der künstlichen Ausbildung und Aufstutzung eben darum nicht bedarf, weil die Natur noch alles thut. Ich weiß ungefähr, was sich zum Vortheil der Verfeinerung in Sitten und Lebensart, die wir den großen Monarchien und Hauptstädten, dem Luxus, der Nachahmung der alten Griechen und Römer, dem Handel, der Schiffahrt, und so weiter, zu danken haben, – und was sich gegen die rohe Lebensart und die derben Sitten der Patriarchen-, Helden- und Ritterzeit sagen und nicht sagen läßt. Es ist eine ausgedroschne, erschöpfte Materie, an der ich weder mehr zu dreschen noch zu saugen Lust habe. Aber hier ist die Frage: in welcher von beiden die Menschheit lautrer, gesunder, stärker und sogar gefühlvoller gewesen sey? – Denn unsre alkoholisierte und so oft nur affektierte Empfindsamkeit, die wir voraus zu haben glauben, ist nur ein schwaches Surrogat für die lebendigen, starken, voll strömenden Gefühle der Natur. Oder vielmehr es ist keine Frage : die Sache spricht für sich selbst; und niemand, so sehr ihn auch die Last unsrer Zeit zusammen gedrückt oder der Taumel unsrer vermeinten Vorzüge verdumpft haben mag, kann nur einen Augenblick anstehen, auf welche Seite er entscheiden soll. 5. Wir sind also, leider! nicht mehr was unsre Vorväter waren. Fuimus Troes! Wir gewinnen im Kleinen, und verlieren im Großen. Unsre Abnahme, unser Verfall ist schon seit Jahrhunderten die allgemeine Klage. Alles dieß ist ausgemacht. Aber, liegt die Ursache davon in der Natur selbst , die, wie Lukrez meint, als eine durch viele Geburten geschwächte Mutter, nicht mehr Kräfte genug hat so große Körper und gewaltige Thiere hervorzubringen wie vormahls? Oder liegt sie in äußern Ursachen , und ist eine nothwendige Folge des ewigen Wechsels der menschlichen Dinge? – Erstreckt sie sich auf die Menschheit überhaupt, oder trifft sie nur besondere Völker und Zeiten? Giebt es irgend einen Punkt, wo sie still steht? einen Kreislauf, der uns wieder dahin zurück bringt, wo wir schon gewesen sind? Oder hat diese fatale Abnahme keine Grenzen? Haben wir von Adam und Even an abgenommen, und werden so lange, von Generazion zu Generazion, immer kleiner, schwächer und verkrüppelter werden, bis endlich (wie es einst der Nymfe Echo und dem Zauberer Merlin erging) nichts als eine bloße Stimme , und zuletzt (wenn auch diese ausgetönt haben wird) gar nichts mehr von uns übrig ist? Eine kurze Fortsetzung meiner bisherigen Betrachtungen wird uns eine, wie mirs scheint, sehr natürliche Auflösung dieser Fragen an die Hand geben. 6. Wie alle Meinungen der Menschen, selbst die ungereimtesten, sich immer auf irgend eine Thatsache stützen; und wie wir Sterbliche fast immer nicht durch das was wir sehen , sondern durch das was wir daraus schließen , betrogen werden: so scheint es auch hier ergangen zu seyn. Man bemerkte von einem gewissen Punkte bis zu einem andern eine stufenweise Abnahme; und nun schloß man: die Menschen haben also immer abgenommen, und werden immer abnehmen; haben schon zu Homers , ja schon zu des Patriarchen Jakob Zeiten abgenommen; sind folglich desto größer und vollkommner gewesen, je näher sie dem Ursprung der Menschheit waren, und werden desto schlechter, je weiter sie sich davon entfernen. Und nun ließ man die Einbildungskraft ausrennen. Ich will – um die Sache durch ein etwas kurzweiliges Beyspiel zu erläutern – nur bey einem einzigen Vorzug verweilen, den ein fast allgemeiner Glaube den Menschen der ältesten Welt einräumt – nehmlich den Vorzug einer ungeheuern körperlichen Größe . Wir wollen sehen, was wohl an der Sache seyn mag, und mit welchem Grunde sich daher auf die Abnahme der menschlichen Gattung schließen läßt. Nach dem Berichte der Talmudisten war Adam , selbst nach dem leidigen Fall, (wodurch er auch in diesem Stück unendlich viel verlor) noch immer neun hundert Ellen hoch; so daß ein Swiftischer Brobdignak gegen ihn nur ein Lilliputter gewesen wäre. Die Araber (nach der Erzählung des Wanderers Monkonys ) machen sich keinen viel kleinern Begriff von der Größe unsrer ersten Stammältern; denn sie zeigen bis auf diesen Tag drey Berge oder Hügel in der Ebene von Mekka, auf deren einen Eva ihren Kopf und auf die beiden andern (welche zwey Musketenschüsse weit von jenem abstehen) ihre Knie bey einer gewissen Gelegenheit gestützt haben soll. Dictionaire de Bayle , article Adam . – Doch man weiß, daß die Morgenländer starke Liebhaber vom Vergrößern sind. Wir wollen uns also an einen neuern abendländischen Gelehrten halten, der sich viele Mühe gegeben hat, auf den Grund der Sache zu kommen. Herr Nikolaus Henrion , Mitglied der Academie des Inscriptions zu Paris im ersten Viertel dieses Jahrhunderts, ein Mann, der eine große Stärke in den morgenländischen Sprachen besessen haben soll, arbeitete viele Jahre Tag und Nacht an einem großen Werke über Maße und Gewichte aller Zeiten und Völker des Erdbodens. Es war seine Lieblingsbeschäftigung; aber je mehr er Entdeckungen machte, und je tiefer er sich in die alte Welt hinein grub, je mehr wuchs seine Arbeit ins unermeßliche; und so überraschte ihn der Tod, eh' er damit zu Stande kommen konnte. Der Umstand, daß alle Völker von jeher mit Füßen gemessen haben, brachte ihn auf Untersuchung der verschiedenen Größe des menschlichen Fußes, und diese auf Ausmessung der ganzen Größe der Menschen in verschiedenen Zeitaltern. Im Jahr 1718 brachte er der Akademie eine kronologische Tabelle der Verschiedenheiten der Länge des menschlichen Körpers, von Erschaffung der Welt an bis zur christlichen Zeitrechnung, so wie er sie nach seinen vermeinten Entdeckungen ausgerechnet hatte. Vermöge derselben hätten sich zwar die Rabbinen um etwas verrechnet; jedoch bliebe unsern Stammältern immer noch eine sehr ansehnliche Länge. Adam war, nach Henrions Tabelle, ein hundert drey und zwanzig Fuß neun Zoll Pariser Maß, und Eva ein hundert und achtzehn Fuß neun und drey Viertel Zoll lang; beide also ungefähr achtzehn bis zwanzig Fuß länger als der berühmte Koloß zu Rhodus . Bey der neunten Generation zeigte sich bereits eine merkliche Abnahme; Noah hatte schon zwanzig Fuß weniger als Adam; und bey der neunzehnten schrumpfte das Menschengeschlecht vollends zu wahren Zwergen ein; denn Vater Abraham maß nur noch sieben und zwanzig bis acht und zwanzig Fuß. Nun wurden die Zeiten immer schlechter; so daß für Mose nur dreyzehn und für den Thebanischen Herkules Der nach Frerets Berechnung ( Memoir. de l'Acad. des Inscr. Tom. VII. p. 485) ungefähr zwey hundert Jahre später ist als Moses. kaum zehen Fuß blieben. Alexander der Große mußte sich an sechs Fuß begnügen lassen; und Cäsar (zu dessen Zeiten man die Größe eines Mannes schon lange nicht mehr nach Füßen ausmaß) konnte ein großer Mann mit fünfen seyn. Schade daß die Akademie der Aufschriften uns nicht wenigstens einen Theil der Gründe und Belege hat mittheilen wollen, womit Henrion diesen merkwürdigen Maßstab der Menschheit ohne Zweifel zu rechtfertigen im Stande war! Man hätte sie doch wohl in seinen nachgelaßnen Papieren finden sollen. Insonderheit hätte ich sehen mögen, aus was für Gründen er uns hätte begreiflich machen wollen, wie, zu einer Zeit, da die menschliche Gattung schon auf zwölf bis dreyzehn Fuß eingeschrumpft war, die Kinder Enaks noch so ungeheure Popanze seyn konnten, daß die Israelitischen Kundschafter sich selbst gegen jene nur wie Heuschrecken vorkamen. 4. B. Mose 13. Der Abbé Tilladet hatte der Akademie, schon lange zuvor (im Jahre 1704) eine Abhandlung über die Riesen vorgelesen, worin er aus heiligen und profanen Skribenten bewies, daß es in den ersten zwey Jahrtausenden Riesenvölker gegeben habe, und daß nicht nur Adam und die ersten Patriarchen, sondern auch die Anführer der morgenländischen Kolonien, die nach und nach die Abendländer bevölkert haben, insgesammt Riesen gewesen. Einige Jahre darauf nahm Mahüdel die Frage wieder auf, und weil ihn däuchte, daß Tilladet die Sache ein wenig zu leichtgläubig und seichte behandelt habe, so untersuchte er sie, in der ächten Shandyischen Manier, als ein Naturkundiger, Zergliederer, Mechanikus, Geschichtsforscher, Kunstrichter, Staatsmann, Moralist, Ökonomist u. s. w., und so fand sich denn freylich, daß die Männer, die, mit einer Fichte statt des Stabes in der Hand, über Berg und Thal daher schritten, und denen, wenn sie ins Meer hinein gingen, das Wasser kaum bis an die Kniekehlen reichte, bey genauerer Ausmessung zu ganz leidlichen Ungeheuern wurden; so wie das fürchterliche weiße Gespenst, das uns die Haare zu Berge stehen machte, beym Lichte besehen und mit Händen betastet, zu einem unschuldigen – Hemde wird. Dieß gilt nicht nur den Mährchen solcher Geschichtsschreibe wie zum Beyspiel der Mönch Helinand Ein Kronikschreiber aus dem Anfange des dreyzehnten Jahrhunderts, auf dessen Glaubwürdigkeit die schöne Erzählung beruht von der Entdeckung des Grabes des vom Virgil besungenen Prinzen Pallas , Evanders Sohn, und wie man dessen Leichnam zwey tausend drey hundert Jahre nach seiner Beerdigung noch unversehrt gefunden, und wie er, da man ihn an die Stadtmauer zu Rom angelehnt, um den ganzen Kopf über die Mauer empor geragt habe, und so weiter. Welches alles ihm der ehrliche Alfons Tostat , Bischof von Avila, umständlich und getreulich nachsagt. Dieser Tostat ist der große Vielschreiber, dem man nachgerechnet hat, daß er, um die sieben und zwanzig dicken Folianten, woraus seine Werke bestehen, bey Leibesleben zu Stande zu bringen, seine Kindheit abgerechnet, jeden Tag wenigstens fünf Bogen schreiben mußte. Wer einen so dringenden Beruf zum Schreiben hat, dem bleibt freylich keine Zeit zum Denken übrig. und sein leichtgläubiger Nachschreiber Tostat ; nicht nur der Höhle des Polyfemus , dieses berühmten Cyklopen, der nach Fasels Versicherung zwey hundert Ellen lang war, und zu Drepano in einer Höhle wohnte, die der Jesuit Kircher (der sie gemessen) sieben bis acht Fuß hoch befunden; nicht nur dem sechs und vierzig Ellen langen Skelet des Orion in Kreta, (beym Plinius ) welches die Kritik mit gutem Fug auf sechs Ellen herunter setzt; und das auch dann noch immer für eine Reiseschreibers-Lüge groß genug ist: selbst Goliath und König Og von Basan , für deren ungeheure Statur wir ein sehr ehrwürdiges Zeugnis haben, sinken ohne Nachtheil der Autorität desselben, nach Mahüdels Berechnung, zu einer unsre Einbildungskraft weniger ermüdenden Länge herab. Kurz, seiner bescheidenen Meinung nach, sind zwölf Fuß das höchste, was man irgend einem Riesen zuzugestehen schuldig ist, und die beglaubte Geschichte stellt keinen einzigen auf, der dieses Maß überschritten hätte. So wenig dieß auch denen vorkommen mag, die von einem zwey hundert Ellen langen Kerl wie von der alltäglichsten Sache von der Welt sprechen: so dünkt mich doch, Mahüdel habe den festen Punkt der wahren kolossalischen Größe des Menschen noch viel zu hoch gesetzt, und man habe, um der Mythologie und Geschichte alle Billigkeit zu erweisen, nicht nöthig sie über sieben Fuß anzunehmen; denn die höchst seltnen Ungeheuer, die dieß Maß überschritten haben möchten, verdienen, wenn die Frage von höchster natürlicher Vollkommenheit ist, eben so wenig in Betracht zu kommen, als die zwey- oder dreyköpfigen Mißgeburten. 7. Was in unsern Zeiten wegen der Patagonen vorgegangen, giebt uns ein klares Beyspiel, wie es, sehr natürlicher Weise, mit den historischen und kosmografischen Vergrößerungen zuzugehen pflegt. Vielen ältern Reisebeschreibern zu Folge waren diese Bewohner der westlichen Küste des Magellanischen Landes noch einmahl so hoch als Europäer von gewöhnlicher Statur; und dieß bestätigte Frezier in seiner Reisebeschreibung von 1732 aus dem Munde verschiedener Spanier , die als Augenzeugen sprachen. Zwey und dreyßig Jahre hernach befuhr (bekannter Maßen) der Kommodor Byron die Küste, wo diese Titanen zu Hause seyn sollten; er sah sie, und, wiewohl sie ihm noch immer groß genug vorkamen, um mit allem Respekt, den man seinen Höhern schuldig ist, Wie leicht die Überraschung und das Erstaunen auch den verständigsten Mann zu unmäßigen Hyperbolen bringen können, davon kann uns Byron selbst zum Beyspiel dienen, da er sagt: sein Lieutenant, Cumming , der doch selbst sechs Fuß zwey Zoll maß, wäre diesen Riesen gegenüber so klein wie ein Zwerg geworden – und doch betrug der Unterschied höchstens nur drey bis vier Zoll! von ihnen zu sprechen, so fand er sie doch wenigstens um drey bis vier Fuß kleiner als die Spanier (die das Große lieben) sie gemacht hatten. der größte, den er unter etlichen hunderten sah, schien ihm, dem Augenmaß nach, nicht viel kleiner als sieben Fuß. Endlich lernte Kapitän Wallis zwey Jahre darauf die nehmlichen Riesen kennen, die man, weil sie fast immer zu Pferde sind, eben so wohl hätte zu neuen Centauren machen mögen. Zu gutem Glück hatte er just ein paar Meßruthen bey sich. In solchen Fällen ist nichts über eine Meßruthe, um hinter die eigentliche Wahrheit zu kommen. Man maß die längsten unter ihnen, und siehe! es fand sich nur Einer, der sechs Fuß sieben Zoll maß, und etliche wenige von sechs Fuß fünf bis sechs Zoll; die meisten hatten nur fünf Fuß zehn Zoll bis sechs Fuß. – Und so schmolz eine Länge, die nach Spanischem Augenmaß zehn bis eilf Fuß betrug, in einem Engländischen Auge auf sieben, und durch die Meßruthe auf sechs bis siebenthalb herunter. Man muß gestehen, dieß ist immer noch viel, und eine ganze Nazion solcher stattlicher Männer, mit Weibern nach Proporzion, muß für einen armen Europäer allerdings ein sonderbarer und schauerliche Anblick seyn. Aber sehr vermuthlich ist die Größe dieser Patagonen auch das non plus ultra der menschlichen Statur: und wenn wir von der angeblichen Größe der Menschen in den Patriarchen- und Heldenzeiten alles abziehen, was davon auf Rechnung der verschiednen Maße, und des Betrugs der Augen, und der Lügenhaftigkeit der Wanderer, Seefahrer und Dichter, und der Vergrößerung, die jede Sache durch das Fortwälzen aus einem Munde in den andern erhält, zu setzen ist; so wird wohl eine Länge von siebenthalb bis sieben Fuß das höchste seyn, was die Riesengeschlechter der ältesten Zeit, und die stattlichsten Männer der heroischen und ritterlichen zu fordern haben. Herkules hatte, nach der Ausrechnung des Pythagoras, sieben Fuß ; eben so viel hatte Karl der Große – wiewohl er diesen Beynahmen einer andern Größe zu danken hat. Ich kenne aus der Geschichte keinen dritten Mann zu diesen beiden. Ihre Stärke war in Verhältniß mit ihrer Größe; sie waren unermüdet in Thätigkeit, tapfer in Duldung, mächtig im Streit, und mächtig in Frauenliebe. Wie sollten wir also nicht sicher annehmen können, daß die Statur dieser zwey gewaltigsten Söhne des Himmels und der Erde das wahre Maß heroischer Größe und Majestät sey, welches, verbunden (wie bey jenen beiden) mit Stärke und Schönheit, diejenige äußerliche Gestalt giebt, die eines Mannes würdig ist, vor dem (nach Shakspeares Ausdruck) dir Natur aufstehen und sagen soll: Das ist ein Mann! 8. Gesetzt nun, die Natur habe in den ersten Zeiten unsrer Welt lauter Menschen von diesem Schlage, oder wenigstens viele dergleichen hervorgebracht: mit welchem Grunde kann man sagen, sie habe in der Folge die Kraft verloren, ihres gleichen hervorzubringen? Wie sehr weit sind Herkules und Karl der Große der Zeit nach von einander! – Oder, wollte man einwenden, dieß wären einzelne außerordentliche Männer gewesen: hatte Herkules nicht seinen Theseus und Peirithoos ? Waren nicht die Argonauten seine Spießgesellen? Hatte Karl nicht seine Pairs , seinen Roland , und so weiter? Sie waren die ersten unter ihren Pairs , wie Achill unter den Helden der Griechen; aber ihre Pairs waren keine gemeinen Menschen. – Und finden wir nicht, noch auf diesen Tag, bey den ungebändigten Völkern Asiens und der neuen Welt die ganze Anlage, ja selbst einen großen Theil der Eigenschaften und Tugenden der heroischen Zeiten? die großen Körper, die Stärke und Behendigkeit, die Duldsamkeit, den Muth, die Treuherzigkeit, die zu Tacitus Zeiten das Eigenthum der Germanen und andrer Nordischen Völker waren? Die edelsten unter den Westindischen Horden und Stämmen sind uns noch wenig bekannt: aber was für eine Anlage entdeckt sich, zum Beyspiel, schon in dem wenigen, was uns Kook von den Neuseeländern erzählen kann! – Ihre Zeit ist noch nicht gekommen. Denn, nach der Analogie zu urtheilen, geht ein unvollkommner Stand der Wildheit vor dem heroischen Zeitalter eines Volks vorher: weil zu diesem schon ein gewisser höherer Grad von Entwicklung und Ausbildung, ein gewisser Fortgang der Kriegskünste, und eine weniger dürftige Lebensart gehört. Ihre Zeit ist also noch nicht gekommen. Aber warum sollte sie nicht endlich eben so wohl kommen als die Zeit der alten Pelasger, Iberier, Germanen und Britten , – und (auf der andern Seite des Erdbodens) der Saracenen , der Türken , der Mongolen Zeit gekommen ist? 9. Wie dem auch sey, nichts bedarf wohl weniger einer ernsthaften Widerlegung, als die Meinung von einer immer zunehmenden Entkräftung der Natur und stetem Abnehmen der Menschheit . Wo man jemahls Abnahme gesehen hat, da hat man sie bey einzelnen Völkern gesehen – und immer waren es sittliche Ursachen , immer waren es stufenweise Entnervung und Verderbniß durch Tyranney, übermäßige Ungleichheit, Hoffahrt, Üppigkeit und zügellose Sitten, was endlich im ganzen Staatskörper diese Kachexie hervorbrachte, die sich mit seinem Tod endigte. – Die Verderbniß und Schwäche ging nie ins unendliche; sie hatte immer ihr gewisses Maß, wie Gesundheit und Stärke auch. Als es mit den Römern dahin gekommen war, daß der Nahme Römer, der vomahls Königen Ehrfurcht einflößte, bey den Gothen zu einem Schimpfnahmen wurde, den kein ehrlicher Kerl auf sich sitzen lassen konnte, – so war es auch aus mit ihnen. Diese ausschweifendsten, raubgierigsten, niederträchtigsten aller Menschen, die das Schändlichste zu thun und zu leiden fähig waren, wurden zuletzt auch die feigesten und wehrlosesten des Erdbodens. – Tiefer ist nie ein anderes Volk gesunken. Aber ihr Verderben war, gleich einer Seuche die nicht über einen gewissen Kreis hinaus kann, in die Grenzen ihrer Sitten eingeschlossen. Die Gothen, Vandalen, Longobarden, Franken, Sueven und so weiter, die ihre Herren wurden, blieben lange unangesteckt. Das große ungeheure Aas lag und moderte; aber was noch von gesunden Bestandtheilen übrig war, verlor sich in einer neuen Schöpfung. Neue Völker, neue Nahmen, neue Reiche, Verfassungen, Sitten und Sprachen, gingen aus den Trümmern der alten Welt hervor; und nun fing sich der Zirkel wieder an. Die Römer, denen Horaz so viel Böses weissagte, waren den Römern aus den Zeiten der Koriolanus, Kurius, Cincinnatus nicht unähnlicher, als wir heutigen Europäer unsern Stiftern und Altvordern sind. Unser Fortgang ins Schlechtere wird, trotz aller unsrer Palliative und Betäubungsmittel, immer sichtlicher. Eine Kraft, die mächtiger ist als wir, stößt uns immer nächer gegen jenen Punkt, der noch allen Völkern, die ihn berührt haben, verderblich gewesen ist. Werden wir vielleicht allein die Ausnahme machen? Aber, was daraus auch werden mag, die menschliche Gattung überhaupt wird nichts dabey verlieren. Andre Völker, die jetzt noch in der Wildheit ihres kindischen Alters herum laufen, werden ihre Jugendstufe besteigen; unverdorbne, kraftvolle, gutartige Menschen – wenn anders unsre kosmopolitische Neigung, auf dem ganzen Erdenrunde herum zu schwärmen, und allen Völkern, von Grönland bis in die Südseeinseln, unsre Künste zu zeigen und unsre häßlichen Krankheiten mitzutheilen, bis dahin noch unangesteckte Menschen übrig läßt – werden die Patriarchen neuer Zeitalter werden; neue Helden , neue Argonauten , neue Orfeen und Ossiane , neue Ritter von der Tafelrunde – kurz, die ganze Geschichte, wie sie Virgil in seiner vierten Idylle in so schönen Versen weissagt, wird unter andern Formen und in andern Gegenden wieder kommen; und in dieser Ordnung der Natur wird sich die Menschheit vielleicht noch lange fortdrehen, und von Zeit zu Zeit neu geboren werden, wachsen, blühen, reifen, abnehmen, verderben, und dann wieder auferstehen, und wieder blühen, und wieder verderben; bis die Erde endlich ihre Zeit erfüllt hat, und eine Begebenheit, die alle übrigen verschlingt, die Scene schließen wird. Ich will damit nicht sagen, daß diese kreisförmige Bewegung, womit sich die menschlichen Dinge umwälzen, ein wahrer Zirkel sey. Man hat vielmehr Ursache (wie mich däucht) zu glauben, daß es keiner sey. Kein Volk hat jemahls die Stufe wieder betreten, von der es einmahl herab gefallen, noch durch irgend ein Wunder der Kunst die natürlichen Kräfte wieder bekommen, die es einmahl verloren hatte. Die Perser sind nie wieder geworden was sie unter Cyrus waren; die Athener haben sich nie von ihrem Alcibiades , die Spartaner nie von ihrem Lysander erhohlen können. Es scheint, die Reihe des Steigens und Fallens müsse nach und nach an alle Völker kommen – die nicht, wie die Grönländer, Lappen, Kamtschadalen und ihres gleichen, mit eisernen Banden des Klima's gefesselt, ihr Daseyn im starren Nebel der Dumpfheit, wie halb erfrornen Menschen zukommt, hinträumen. 10. Aber hier ist es hohe Zeit zu schweigen! – Denn der Natur heiligen Schleier aufzudecken, in ihr inneres Räderwerk zu schauen und zu zeigen – wie eins ins andre greift, und wie, durch den ewigen Streit und die scheinbare Verwirrung der Theile, das Ganze im Gang erhalten wird; wie alles Übel gut , alles Tod Leben ist, und wie alle die tausendfachen Bewegungen der Dinge, auf und nieder, vorwärts und rückwärts, in koncentrischen und excentrischen Kreisen, am Ende doch nur Eine unmerklich fortrückende Spirallinie machen, die alles ewig dem allgemeinen Mittelpunkt nähert, – dieß ist eine Aufgabe, deren Auflösung ganz andere Organen und einen ganz andern Gesichtskreis als den unsrigen zu erfordern scheint. Nur Eine oder zwey Anmerkungen mögen mir noch vergönnt seyn, um (wo möglich) Mißverstand zu verhüten; wiewohl ich je länger je mehr lerne, daß man dazu ganz besonders von den Feen begabt seyn müsse. Meine Absicht ist eben so wenig, unserm Jahrhundert Hohn zu sprechen , als ihm zu schmeicheln . Ich halte es für keines der wirksamsten Mittel, seine Zeitgenossen zu bessern , wenn man ihnen, wie Swift , immer beleidigende Dinge sagt. Aber sie immer zu streicheln und liebzukosen und einzuwiegen und in Schlaf zu singen, taugt auch nichts. Es ist sehr natürlich, daß ein Mann, der dem Spiele schon eine ziemliche Weile zusieht, wenn er immer mit den Vorzügen unsrer Zeit , und den Vortheilen unsrer Aufklärung , unsrer Verfeinerung , unsrer Weltbürgerey und so weiter klappern hört, und doch nirgends sieht daß es darum besser, wohl aber daß es immer desto schlechter geht: – daß ein solcher einmahl des Klapperns überdrüssig wird und ein Wort sagt, das er (weil es doch zu nichts helfen wird) eben so wohl hätte ungesagt lassen können. Wenn denn aber gleichwohl (wie das niemand wissen kann) hier oder dort jemand dadurch veranlaßt würde der Sache weiter nachzudenken, die natürlichen Folgen daraus zu ziehen, und auf die nächsten Mittel zu denken, wie ers (wenigstens für seine Person) zu machen hätte, um das Bißchen Menschensinn und Menschenkraft , und Freude an seinen Mitgeschöpfen und sich selbst , und Glauben und Liebe , Wahrheit und Treue , womit ihn Gott in die Welt ausgesteuert, so viel er noch davon übrig hätte, aus diesem großen Getümmel, Zusammenlauf und Jahrmarkte der Welt glücklich davon zu bringen , und in der Stille seines häuslichen Lebens, zu seinem und der Seinigen Nutzen und Frommen anzulegen : – das wäre denn gleichwohl auch so übel nicht! Ich genieße dankbarlich alles Gute was uns Künste und Wissenschaften gewähren; wärme mich zuweilen an ihrem Feuer, wenn mir vielleicht besser wäre ins Freye hinaus zu gehen, und mir durch tüchtige Bewegung warm zu machen; und lasse mir oft ihre Laterne leuchten, ohne gewahr zu werden daß es heller Tag ist – wie es vielen unter euch, lieben Freunde, wohl auch gegangen seyn wird. Insonderheit habe ich immer große Hochachtung für die goldnen Jahrhunderte der Musen und Künste gehabt, zumahl für das erste – vielleicht deßwegen, weil wirs doch meistens nur vom Hörensagen kennen. Mich dünkt, auf der ganzen Leiter, worauf ich die Menschenkinder (wie Jakob dort die Engel in seinen Traum) ewig auf und niedersteigen sehe, sind nur zwey Stufen, wo sie zu ihrem Vortheil in die Augen fallen. Die eine ist der Zeitpunkt, wo ein Volk viel freye, edle, gute Menschen, und die besten unter ihnen an seiner Spitze hat; die andre der, wo es Künstler hat, die den Geist der heiligen Götter empfangen haben, um die Bilder der großen Menschen, die nicht mehr sind , aus Marmor und Elfenbein zu schnitzen, und den Göttern, an die man nicht mehr glaubt , schöne Tempel aufzubauen, und die Thaten der Helden, die niemand mehr thun kann , oder, wenn er könnte, nicht thun darf , in schönen Schauspielen, zu großer Leibes- und Gemüthsergetzung ihrer Mitbürger und hoher Herrschaften, vorzustellen. Es ließe sich, wenns nöthig wäre, der acht und zwanzigste Theil zu den sieben und zwanzig Folianten des Alfons Tostat darüber schreiben, wie viel artige Vortheile, Zeitvertreib, Stoff zu Gesprächen in Gesellschaften und im Vorzimmer, Stoff zu Theorien, Kritiken, Recensionen, Epigrammen, Parodien und so weiter, wie viel Gelegenheit zu tausenderley neuen Beschäftigungen, Gewerben, Karaktern, Narrheiten, und folglich wieder zu neuen Schauspielen, neuen Kritiken, Apologien und so weiter, die verfeinerte Welt ganz allein diesen schönen Künsten zu danken hat. Alles dieß sehe ich, und bin weit entfernt, die Summe aller dieser Vortheile nicht gerade so viel gelten zu lassen als sie beträgt. Aber gleichwohl wird es mir erlaubt seyn zu sagen, daß ein Held mehr werth ist als sein Bild , eine große That mehr als ein Schauspiel , oder als eine Abhandlung über ihre Moralität und Verdienstlichkeit; kurz, daß die Zeit des Seyns vor der Zeit des Nachahmens , das ist die Zeit der Natur vor der Zeit der Kunst – einen gewissen Vorzug hat, den man ihr nicht absprechen kann. Noch wird es nicht schaden, mich über den Vorzug, den ich der Stärke und Realität vor Feinheit und Anstrich gebe, mit etlichen Worten zu erklären. Mein Glaubensbekenntniß über Materie und Form ist dieses. Wenn ein roher Klumpen – Gold ist, so benimmt ihm freylich seine Ungestalt nichts von seinem Werthe; aber doch ist der Klumpen nicht eher brauchbar bis er eine Form hat. Ein goldenes Gefäß ist desto mehr werth, je mehr es Masse hat; und da die Form , bey gleich viel Masse , schön oder häßlich seyn kann, so sehe ich nicht, was eine schöne Form seinem innern Werth schaden könnte: indessen ist richtig, daß es auch mit der schlechtesten Form immer seinen innern Werth behält. Ein Stück Thon hingegen, oder ein Klümpchen gekäut Papier, da es nur durch Form und Faßon einigen Werth bekommt, kann nicht schön genug gearbeitet, gemahlt und gefirnißt seyn. Eben so kann ein großer, edler, verdienstvoller Mann einer gewissen Politur entbehren, und verlöre vielleicht durch sie; aber ein Bengel , der, um Anspruch an Verdienst zu machen, keinen andern Titel als seine Knochen , seine Nasenwurzel und seine Grobheit hat, muß im Kreise der Lastträger bleiben, wenn sein Verdienst erkannt werden soll. Eine Schöne und eine Häßliche haben beide gleich viel Ursache gekleidet zu seyn; jene um ihre Reitzungen, diese um ihre Mängel zu verbergen. Die Nacktheit der Schönen würde eine Weile Augenweide seyn, aber bald sättigen und ermüden; mit Lumpen behangen und mit Schmutz bedeckt, würde sie ekelhaft werden. Venus selbst mußte von den Grazien angekleidet und geschmückt werden; – ein Bild, worein die Griechen eine große Wahrheit hüllten. Auch die kunstlosesten Töchter der rohen Natur fühlen dieß und haben ihre Grazien. Wer nichts darnach fragt ob er gefällt oder mißfällt, kann es halten wie er will: aber wer gefallen möchte und empfindlich darüber ist wenn es ihm fehl schlägt, hat Unrecht wenn er das verachtet , was eine nothwendige Bedingung zum Gefallen ist. Kurz, indem ich Natur, Einfalt und Wahrheit über Künsteley, Flitterstaat und Schminke setze, verlange ich der Ungeschliffenheit und dem Cynismus , wodurch viele heutiges Tages Eindruck zu machen hoffen, das Wort eben so wenig zu reden, als es meine Absicht ist, durch den Gegensatz unsrer Schwäche mit der Stärke unsrer Altvordern den heutigen Modeton mitzuleiern. Die Prätension an Genie, Größe, Stärke, Kühnheit und Freyheit läuft gegenwärtig wie eine große Epidemie durch halb Europa. Es ist ein possierliches Schauspiel, dem Gewimmel und Gelärme in den Sümpfen da unten zuzusehen; während der majestätische Stier ruhig und sorglos auf seiner Aue dahergeht, und nicht weiß ob er groß ist, und die Stärke seiner Stirne nicht eher fühlt bis er ihrer vonnöthen hat. Alle wahrhaft große und tapfere Männer, die ich noch gesehen habe, waren bescheiden und sanft, und sprachen am wenigsten von den Eigenschaften, worin man ihnen den Vorzug zugestand. Ein Herkules kann nur sehr selten in den Fall kommen, von seinen Schultern und Armen sprechen zu müssen. Wer aber noch immer der Einzige ist, der um das Geheimniß seiner hohen Vorzüge weiß, der ziehe eine Nebelkappe um sich und rede durch Thaten! Reise des Priesters Abulfauaris ins innere Afrika. 1. Es giebt harte Köpfe, welche nicht begreifen können: Daß äußerliche Formen der Tugend nicht die Tugend selbst sind; daß gewisse lächerliche Gebräuche, womit bey gewissen Völkern, z. B. bey den Hottentotten und Kamtschadalen , gewisse ehrwürdige Handlungen begleitet werden, diesen Handlungen nicht das geringste von ihrer innerlichen Würdigkeit benehmen; und daß (unparteyisch von der Sache zu reden) ein nacktes Mädchen in Kalifornien, trotz ihrer Nacktheit, wenigstens so züchtig seyn kann, als die ehrsame Dame Quintagnone , Oberhofmeisterin der Königin Genevievre, (für welche wir übrigens alle gebührende Ehrfurcht tragen) in ihrem großen Kragen, und in ihrer wohl ausgesteiften, sehr decenten und sehr barockischen Vertügade . Einer von diesen Leuten – doch, was hindert uns, gewissen spitzfindigen Forschern eine Mühe zu ersparen, und es gerade heraus zu sagen, daß es ein alter Ägyptischer Priester , aus den Zeiten des Königs Psammuthis des Dritten , war? – kam, wir wissen nicht wie noch warum, in ein Land im innern Afrika, wo er eine kleine Völkerschaft von fingernackten Leuten unschuldig und zufrieden unter ihren Palmbäumen wohnen fand. Zum Unglück für dieß gute Völkchen war dieser Reisende – den unsere Nachrichten Abulfauaris nennen – kein Gymnosofist . Indessen hatte er doch Augen , und, was einem jeden Priester Ehre macht, ein gewisses natürliches Gefühl , welches ihn wahrnehmen ließ, daß diese nackten Leute sehr unschuldige Sitten hatten. Er gestand in dem Berichte, den er dem Könige Psammuthis nach seiner Zurückkunft von dieser Reise erstattete: – »Daß die Ägypter – ungeachtet unter allen Nazionen des Erdbodens sie allein (wie er aus Patriotismus und – Unwissenheit meinte) sich rühmen können, Religion, Polizey und Sitten zu haben – dennoch in gewissen Tugenden von diesen unglücklichen Wilden unendlich übertroffen würden. Nichts gleicht, sagte er, der Sittsamkeit ihrer Töchter, als das anständige Betragen der Jünglinge, denen alle diese Ausschweifungen, welchen bey uns die strengsten Strafgesetze kaum Einhalt thun können, etwas gänzlich unbekanntes sind. Knaben und Mädchen werden von der Kindheit an gewöhnt, bis ins achtzehnte Jahr der ersten und bis ins funfzehnte der andern, von einander abgesondert zu seyn. Nur von dieser Zeit an ist ihnen erlaubt, an festlichen Tagen, in Gegenwart ihrer Ältern, mit einander zu spielen und zu tanzen. Denn da dieses das Alter ist, worin alle jungen Leute, in so fern keine natürliche Untüchtigkeit es verhindert, verbunden sind sich zu verehelichen: so sieht man es gern, daß die Ehestandskandidaten beiderley Geschlechts einander vorher kennen lernen, um eine Wahl zu treffen, welche bey diesem Volke lediglich dem Herzen überlassen wird. »Die Ehe (setzt er hinzu) ist in ihren Augen etwas so ehrwürdiges, daß sie keinen Begriff davon zu haben scheinen, wie man einer solchen Verbindung ungetreu seyn könne. Ein Mann oder eine Frau, welche sich dieses Vergehens schuldig machten, würden auf lebenslang für unehrlich gehalten, und von aller Gesellschaft ausgeschlossen werden. Allein man hat von Menschengedenken her kein Beyspiel, daß sich dieser Fall zugetragen hätte.« – – Armes ehrliches Völkchen, was hattest du gethan, um mit einem Priester der Isis heimgesucht zu werden! 2. »Ich konnte – fuhr der Priester Abulfauaris fort – nicht ohne inniges Erbarmen ansehen, daß ein von Natur so harmloses und gutartiges Volk in einem so ungesitteten und thierischen Zustande leben sollte, als diese Nacktheit war, welche ich, zumahl an wohl gebildeten jungen Personen, ohne großes Ärgerniß nicht ansehen konnte ; – und ihr Zustand schien mir desto beklagenswerther, je weniger sie die Gefahr desselben zu kennen schienen. Denn, in der That, dasjenige, was mich alle Augenblicke nöthigte die Hand vor die Augen zu halten, schien bey ihnen nicht die mindeste Regung zu veranlassen, und man bemerkte in ihrem Betragen unter einander nichts, was sich von den strengsten Gesetzen der Ehrbarkeit im geringsten entfernt hätte. »Zu allem Glück hatte ich etliche Stücke Leinewand von verschiedenen Farben bey mir. Ich stand keinen Augenblick an, sie dem Mitleiden aufzuopfern, welches mir diese armen verblendeten Geschöpfe einflößten; ich zerschnitt sie in kleine Röcke und Mäntelchen, und beschenkte die Weiber und Mädchen damit, so weit meine Leinewand reichte. »Und hier hatte ich eine neue Gelegenheit, die vortreffliche Anlage dieser guten Leute zu Sittlichkeit und Tugend wahrzunehmen. Denn ich kann Ihrer Majestät nicht genug sagen, mit welcher Begierde die armen nackten Geschöpfe die Stückchen Leinewand annahmen, die ich ihnen gab, um ihre Blöße zu decken. Ich bedauerte nur, daß der Vorrath, den ich hatte, unzulänglich war, das tugendhafte Verlangen aller derjenigen zu befriedigen, welche auch so geputzt seyn wollten wie ihre Nachbarinnen. In kurzem breitete sich die Begierde, gekleidet zu seyn, unter dem ganzen Volke aus. Sie kamen von allen Enden, und boten mir um meine Leinewand mehr Goldstaub und Elefantenzähne an, als zehen Kamele hätten fortschleppen können; denn sie hatten von mir gehört, daß ein großer Werth in diesen Dingen läge: aber ich mußte sie abweisen, und sie schienen ganz untröstbar darüber zu seyn. Einige junge Mädchen weinten bitterlich, daß sie sich an ihrem Hochzeittage nicht in einem gelben Rock und himmelblauen Mäntelchen sollten sehen lassen können. Andere zankten sich mit einander darum. Die Mütter nahmen den Töchtern, und die ältern Schwestern den jüngern, mit Gewalt weg, was ich ihnen gegeben hatte; und ich konnte nur mit großer Mühe verhindern, daß es nicht zu Thätlichkeiten kam. Kurz, zu meinem unbeschreiblichen Vergnügen, bracht' ich es, Dank sey der großen Isis! in wenig Tagen so weit, daß es jedermann für eine Schande hielt, ungekleidet zu seyn; und Männer und Weiber hatten nun nichts dringenderes zu thun, als sich von gewissen breiten, wolligen Baumblättern eine Art von Schürzen zu machen, welche ihnen wenigstens dasjenige zu bedecken diente, was die Ehrbarkeit zu nennen verbeut.« 3. Der König Psammuthis hörte der Erzählung des Priesters lächelnd zu. Aber der Oberaufseher der Finanzen, ein Mann welcher rechnen konnte und diese Zeit über in tiefen Gedanken gestanden hatte, strich seinen Knebelbart und sprach: Gott erhalte den König Psammuthis ! – Der sehr verehrliche Priester der Isis hat, vielleicht ohne es selbst zu wissen, einen kapitalen Einfall gehabt. Wir müssen eilen, eh' uns die Fönizier oder die von Karthago zuvorkommen, eine so schöne Gelegenheit zu benutzen. – Ist diese Nazion zahlreich? fragte er den Priester. »Sehr zahlreich, antwortete dieser: das Land wimmelt von Einwohnern; denn es ist ungemein fruchtbar, und die Leute sind friedsam, und durch große Gebirge und Wüsten von andern Völkern abgesondert.« Desto besser! sagte der Oberaufseher der Finanzen. Es sind gute Leute; sie haben Goldstaub und Elefantenzähne. Seine Ehrwürden hat uns da eine treffliche Gelegenheit gemacht, unsre Leinewand, Musselinen, Schleier, Gürtel, Bänder und hundert andre Artikel unsrer Fabriken mit einem Profit anzubringen, der zu gleicher Zeit die Kassen Ihrer Majestät füllen, und Ihre Unterthanen bereichern wird. Die Gelegenheiten sind selten, wo man mit beiden Händen nehmen kann. Beim Anubis ! ein göttlicher Einfall! »Ich gestehe Ihrer Majestät, versetzte Abulfauaris , daß ich keine so ökonomische Absichten dabey hatte. Mein Gedanke war nur, den Willen der großen Göttin, deren Schleier noch kein Sterblicher aufgedeckt hat, zu vollbringen; welche, da sie die Ägypter zuerst lehrte, den Flachs zuzubereiten und mit dem Gewebe davon sich zu bekleiden, sich beleidiget findet, Menschen zu sehen, die durch ihre Blöße das edle Geschenk der Göttin zu verachten und unnütz machen zu wollen scheinen. Hat aber, wie ich mit Vergnügen vernehme, diese meine geringe doch wohlgemeinte That auch noch einen politischen Nutzen: so möge dieses Beyspiel Ihrer Majestät zu einem neuen Beweise dienen, daß wir unsern eigenen Vortheil nicht gewisser befördern können, als indem wir dasjenige thun, was den Göttern angenehm ist.« Wohl gesprochen! – sagte der König Psammuthis . 4. Von ungefähr war ein Griechischer Filosof, welchen der König (wenn Se. Majestät lange Weile hatte) gern um sich leiden mochte, bey der Erzählung des Priesters gegenwärtig. »Großer König, (sagte der Grieche ) was der hoch erleuchtete Oberaufseher der Finanzen sagte, ist so gut ausgedacht, daß der große Apis selbst (mit aller Ehrfurcht, die ich ihm schuldig bin, gesprochen!) nichts klügeres hätte sagen können. »Aber, ob der sehr verehrte Priester – welchem Anubis Weisheit und einen grauen Bart verleihen wolle! – diesem nackten Volke, wovon die Rede ist, nicht mit seiner bunten Leinewand ein Geschenk gemacht habe, dessen sie besser hätten entbehren mögen, das ist eine andre Frage. »Vermuthlich muß die Witterung in ihrem Lande sehr gelinde seyn; denn sonst würden sie wohl schon lange Mittel gefunden haben sich zu decken, ohne auf den Zufall zu warten, der den ehrwürdigen Abulfauaris und seine Leinewand zu ihnen geführt hat. Und daß diese Leute, ihrer Nacktheit ungeachtet, keusch und unschuldig lebten, daran hätten wir vielleicht zweifeln mögen, eh' uns der sehr verehrliche Priester dessen selbst versichert hat: aber nun wär' es Ungebühr, ihm in einer Sache nicht zu glauben, wovon er ein Augenzeuge war. »Demnach sehe ich nicht was für einen Dienst er diesen Leuten geleistet zu haben meint. »Ihre Nacktheit hatte (wie er selbst gesteht) wenigstens für sie nichts unsittliches; und mir scheint nichts natürlicher als dieß. Unsre Griechischen Weiber lassen ohne Bedenken ihr Gesicht, ihre Hände und einen Theil ihrer Arme nackend sehen, ohne darum unweiser zu seyn als eure Ägypterinnen, welche gleich beschämt wären, ihr Gesicht oder ihren H** sehen zu lassen. – Diese Wilden, deren Blöße dem sehr verehrlichen Priester so anstößig war, sind vermuthlich am ganzen Leibe Gesicht . Die Gewohnheit hat gemacht, daß der Anblick einer vollständigen unbekleideten Figur ihnen nicht mehr zu schaffen macht, als dem Griechen der Anblick eines alltäglichen Gesichtes; und auf die Gewohnheit kommt in solchen Dingen alles an. » Abulfauaris hat also (wenn es erlaubt ist nach Menschenweise von dieser Sache zu reden) diesen guten Leuten, deren Freund er übrigens ist, einen Dienst gethan, der ihnen zu nichts dient . – Aber, daß dieser Liebesdienst, gegen die Absicht Sr. Hochwürden, die unglücklichsten Folgen für die Unschuld ihrer Sitten haben könnte, scheint mir mehr als eine bloße Besorgniß zu seyn. Ich will es der Zeit überlassen, mich hierüber zu rechtfertigen. Es geziemt mir nicht, hier vor Ihrer Majestät und vor einem Priester der Isis den Weissager zu machen. Aber, um nur von dem, was schon geschehen ist, zu reden, – ist es nicht schon weit genug gekommen, da sich diese guten Leute ihrer eigenen Gestalt zu schämen angefangen haben? Was werden die Folgen davon seyn? Und wie hat es der Scharfsinnigkeit des weisen Abulfauaris entgehen können, daß er von dem Augenblick an, da er ihren Weibern und Töchtern seine Röcke und Mäntelchen austheilte, Eitelkeit, Begierde sich heraus zu putzen, Eifersucht, Mißgunst und Zwietracht zwischen ältern und jüngern Schwestern, Töchtern und Müttern ausgesäet hat? »Ich will glauben, daß es ihm selbst in gewisser Betrachtung bequemer gewesen seyn mag, diese Töchter der kunstlosen Natur in Röcken und Mäntelchen vor sich zu sehen; aber –« Diagoras ist ein Freydenker, wie ich höre, fiel der Priester mit einem gezwungenen Lächeln und einem sanften Kopfwiegen ein, welche dem Griechen von keiner guten Vorbedeutung schienen. Er hätte dieß bedenken sollen, eh' er zu reden anfing. Aber wie hätte auch ein Grieche und ein Filosof zu schweigen wissen sollen, da er eine so schöne Gelegenheit zum Reden vor sich sah? 5. Abulfauaris hat uns keinen geringen Dienst gethan, sagte der König Psammuthis . Ich weiß nicht, wie die Unschuld seiner Wilden sich dabey befinden wird; aber die Ägyptischen Manufakturen werden sich sehr wohl dabey befinden, und wir haben Goldstaub vonnöthen. Mit diesen Worten winkte der König den Priester und Oberaufseher der Finanzen in sein Kabinet, und ließ den Filosof stehen. Dieser verstand den Wink. Er ging gerades Weges nach dem Hafen; und da er ein Griechisches Schiff diesen Augenblick segelfertig fand, stieg er ein und fuhr mit gutem Winde nach Athen zurück. 6. Die Röcke und Mäntelchen des Priesters Abulfauaris kamen den armen Negern in der That theuer genug zu stehen. Ihre Unschuld war das erste, was darüber verloren ging. Sie hatten bisher nicht daran gedacht, daß etwas unedles oder unziemliches darin seyn könnte, sich selbst gleich zu sehen , und sich andern in seiner eigenen Gestalt zu zeigen. Ihre Schönen (wofern die unsrigen anders erlauben wollen, für möglich zu halten, daß es unter Negern Schönen geben könne) hatten einen weit unschuldigern Grund, warum sie alles sehen ließen, als die Perserinnen haben, alles zu verbergen, oder die christlichen Europäerinnen , ihren Busen – oder selbst etwas ähnliches, das sie der Kunst zu danken haben, – mit Spinneweben zu bedecken. Dieser Gebrauch hatte bey ihnen noch einen andern sittlichen Nutzen, welchen Abulfauaris nothwendig hätte bemerken müssen, wenn das Vorurtheil sehen könnte. Die Gewohnheit machte nehmlich beide Geschlechter in einem gewissen Grade gleichgültig gegen einander. Der Geschlechtstrieb wurde bey ihnen schlafen gelegt, anstatt daß er bey policierten Menschen immer rege gemacht wird. Die Liebe war bey ihnen mehr das Werk des Herzens als der Sinne : aber ohne Liebe sagte die Natur einem Manne selten mehr für ein Weib als für seines gleichen. Seit dem fatalen Geschenke des Priesters Abulfauaris veränderten sich ihre Sitten in diesem Artikel zusehens: und nachdem noch, zu allem Überfluß, die großmüthige Fürsorge des Oberaufsehers der Finanzen zu Memfis Anstalten getroffen hatte, diese Negern für ihr Gold und Elfenbein mit allen Arten Ägyptischer Manufakturen zu versehen; so verfeinerte sich in kurzer Zeit ihre Lebensart so sehr, daß Abulfauaris selbst bey seiner Wiederkunft Mühe hatte sie zu erkennen. Die schwarzen Damen eiferten in die Wette, welche sich am artigsten und glänzendsten herausputzen könne. Die neuen Reitzungen , welche sie aus den Ägyptischen Fabriken entlehnten, gaben jetzt denen, womit die Natur sie versehen hatte, einen vorher unbekannten Werth. In kurzem wurde die Sucht sich zu kleiden so weit getrieben, daß die Natur unter den Auszierungen erlag. Es wurde unmöglich zu errathen, was unter dieser seltsamen Verkleidung verborgen seyn könne. Dieses erweckte die Neugier und setzte die Einbildungskraft ins Spiel. Die Weiber wurden aus einem Gegenstande der Liebe ein Gegenstand des Vorwitzes . Mancher bildete sich ein, bey einer andern Reitzungen zu finden, die er bey der seinigen nicht fand – oder nicht achtete. Tausend kleine Kunstgriffe, deren sich die Weiber bedienen lernten, um ihre natürlichen Reitzungen zu erhöhen oder ihre Mängel unsichtbar zu machen, hintergingen das Auge oder die Einbildung, und gaben zu tausend kleinen Irrungen Anlaß, welche – desto größere Folgen hatten. Eine vorher unbekannte Verderbniß schlich sich unter Verehelichten und Ledigen ein. Die Weiber waren nicht mehr mit dem Schleier der öffentlichen Ehrbarkeit bedeckt. Sie lernten einen Unterschied zwischen Keuschheit und Sittsamkeit kennen, von dem sie vorher keinen Begriff gehabt hatten. Die Männer auf ihrer Seite fingen an sich ein Geschäft daraus zu machen, ihrer Unschuld nachzustellen ; und die Schönen, wiewohl sie eine Art von Verteidigungskunst unter sich einführten, welche wenigstens dazu dienen konnte den angreifenden Theil in Athem zu erhalten, sahen doch gleich Anfangs ihrer Niederlage so gewiß entgegen, daß es unmöglich war sich durch ihre Gegenwehr abschrecken zu lassen. Der weise Abulfauaris hatte also das Vergnügen, seine vermeinte Sittenverbesserung bey diesem Volke durchgängig eingeführt zu sehen: er fand aber zu gleicher Zeit, daß es nöthig seyn werde, nunmehr auch die Strafgesetze der Ägypter gegen allerley Laster, mit deren Benennungen wir dieses Blatt nicht besudeln wollen, unter ihnen einzuführen. Was das sonderbarste scheinen möchte, war die süße Selbstzufriedenheit, mit welcher dieser ehrliche Priester, nachdem er glücklich mit seinem ganzen Institut zu Stande gekommen war, sich zu Memfis einen zweyten Hermes , einen Gesetzgeber und Wohlthäter der Wilden nennen ließ; voll innerlichen Triumfes darüber, daß er ihnen (wenn uns dieses Gleichniß erlaubt ist) garstige und unbekannte Krankheiten eingeimpft hatte, um das Vergnügen zu haben sie wieder davon befreyen zu können. Man glaubt, daß ihm gleichwohl in übellaunigen Augenblicken die Weissagung des Griechischen Filosofen eingefallen sey, und daß er bey Gelegenheit derselben sich nicht habe erwehren können, zu zweifeln : »ob er nicht vielleicht besser gethan hätte, die Negern zu lassen wie er sie gefunden«. Jedoch habe er sich in diesem Fall allemahl mit einer Distinkzion beruhiget. – (Im Vorbeygehen, ein neues Beyspiel, was für ein vortreffliches Spezifikum eine gute Distinkzion ist, die Natur und die Empfindung in Fällen, die uns selbst nicht gar zu nahe angehen, zum Schweigen zu bringen) – »Wenn ihre Unschuld nur von ihrer Nacktheit abhing, (habe er gesagt) so hatte sie nichts verdienstliches; so war es bloßer Mechanismus; so verdiente sie den Nahmen der Tugend eben so wenig als die Keuschheit eines frigidi et maleficiati : – und so habe ich ein doppelt gutes Werk gethan; denn erstens hab' ich sie gelehrt, was Tugend ist; und zweytens hab' ich ihnen Gelegenheit verschafft, sie auszuüben. 7. Ob der Priester Abulfauaris Recht gehabt habe, sich hinter diesem subtilen Trostgrunde vor den Vorwürfen sicher zu halten, welche ihm ein Sachwalter der Unschuld der armen Negern zu machen berechtiget war, ist eine Frage, die der besagte Anwalt, wenn er nicht ganz ungeschickt wäre, ungefähr also auflösen würde: »Die Frage: – Ist es einem Volke besser; die Tugend auszuüben , ohne sie und das Gegentheil von ihr zu kennen ? – oder, ist es diesem Volke besser, mit den Reitzungen zum Laster bekannt gemacht zu werden, damit es die Tugend aus Wahl und Überzeugung ausüben lerne? »Diese Frage, meine Herren, scheint mit der folgenden einerley zu seyn: – Ist es besser, gesund zu seyn, ohne zu wissen daß man gesund ist, und wie man es anfangen müßte um krank zu werden, – oder sich krank zu machen , damit man den Werth der Gesundheit desto besser schätzen lerne? »Gesundheit ist der natürliche Zustand des fysischen, Unschuld der Sitten die Gesundheit des moralischen Menschen, und Glückseligkeit die gemeinschaftliche Frucht von beiden. »Lasset dem unwissenden Glücklichen seine glückliche Unwissenheit! Lasset sie ihm so lang' er sie behalten kann; so lange, bis er in Gefahr ist, durch diese Unwissenheit unglücklich zu werden. Wozu hatten die Negern eure Röcke und Mäntelchen vonnöthen? Sie waren unschuldig, und hätten es ohne die Geschenke des ehrwürdigen Priesters vielleicht noch lange bleiben mögen!« Vielleicht auch nicht! – »Gut: so hätte er den Fall abwarten sollen. Wer wird einem Gesunden Arzney für eine Krankheit eingeben, die er nicht hat, in Hoffnung, daß sie ihre Wirkung thun werde, wenn er sie künftig einmahl bekommen sollte?« 8. Dem sey wie ihm wolle, Abulfauaris stand zu Memfis in dem Ruhme eines sehr weisen Mannes, und der König Psammuthis erkannte sich ihm sehr dafür verbunden, daß er den Schwarzen eine Moral beygebracht hatte, die den Ägyptischen Manufakturen so vortheilhaft war. Die alten Leute unter den Negern dachten anders von der Sache. Sie verwünschten sein Andenken, weil sie glaubten daß seine Moral den Sitten und der Glückseligkeit ihres Volkes verderblich gewesen sey. »Sollten nicht beide Theile Recht gehabt haben? Psammuthis beurtheilte die Güte dieser Moral nach dem Nutzen , welchen sein Volk von ihr zog; die Negern beurtheilten sie nach dem Schaden , den sie dem ihrigen gethan hatte. Konnten beide Theile anders denken?« Ja wohl! – Sie hätten nur denken dürfen wie Abulfauaris , der einen ganz andern Maßstab des Guten und Bösen hatte, und den Nutzen oder Schaden seiner Moral für bloße Zufälligkeiten ansah, welche, von dem erhabenen Standorte, auf den er sich in seiner Einbildung stellte, betrachtet, so klein und unbedeutend wurden, daß ein Mann wie er sich nicht die Mühe nahm, sie in Betrachtung zu ziehen. »Und Abulfauaris hatte auch Recht?« – Warum nicht? Er dachte wie ein Priester, Psammuthis wie ein König , und die alten Negern , wie ein alter Neger denken soll. Seine Absicht war gut, sagten seine Freunde. Kann die gute Absicht eine unweise Handlung rechtfertigen? fragten seine Tadler. Wir haben keine Lust, ihren Streit zu entscheiden. Seine Freunde rechtfertigten ihn, nicht weil er Recht hatte, sondern – weil sie seine Freunde waren. Seine Tadler machten ihm Vorwürfe, nicht weil er Unrecht hatte, sondern – weil sie ihn tadeln wollten. Und wir – aus was für einem Grunde könnten wir uns das Richteramt zwischen ihnen anmaßen? Oder, gesetzt auch, wir könnten es aus irgend einem Grunde; welcher Partey sollten wir den Sieg zusprechen? Macht die Absicht eine Handlung gut: – gütiger Himmel! welche Übelthat könnte nicht auf diese Weise gerechtfertiget werden! Behaupten wir das Gegentheil: – welch ein strenges Urtheil sprechen wir dann, wissend oder unwissend, über das ganze Geschlecht der Kinder Adams! Wer wird bestehen können? Ich gestehe, daß ich mich hier in der nehmlichen Verlegenheit befinde, in welche der Sultan Schach-Baham bey eine Problem von einer andern Art gerieth, und daß ich mir eben so wenig zu helfen weiß: – » Jamais question plus difficile à decider ne s'étoit offerte à mon esprit, et je la laisse à resoudre à qui pourra. « 9. Abulfauaris also – welcher, wie gesagt, zuweilen ein weiser Mann war , und zu allen Zeiten es wenigstens zu seyn schien , auch (wie wir sehen) gute Absichten hatte, – bekam einige Zeit vor seiner Reise in die Geisterwelt (wie die Ägypter den Tod nannten) den Einfall, » die geheime Geschichte seines Lebens zu Papier zu bringen .« Ein wunderlicher Einfall von einem Priester der Isis! wird man sagen. – Genug, er hatte ihn. »Ich widme, sagt er, diese Bekenntnisse meinen geehrtesten Brüdern, den Priestern zu Memfis, Sais, On, Bubastos, Theben, u. s. w. und unsern Nachfolgern. – Sie sollen unter den geheiligten Schriften im Tempel der Göttin zu Memfis aufbehalten und vor profanen Augen sorgfältig verwahrt werden. Meine Absicht ist, daß meine Fehltritte selbst durch die Lehren, welche sich andre daraus ziehen können, wohlthätig werden, und auf diese Weise das Übel, das ich aus Irrthum oder Schwachheit gethan habe, so viel möglich vergüten sollen.« Wir gestehen, daß diese Stelle uns eine Hochachtung für diesen alten Priester der Isis eingeflößt hat, deren Größe mit der Schönheit einer solchen Gesinnung und mit der Seltenheit derselben bey Personen seines Ordens in gehörigem Verhältniß steht. Diese Hochachtung, – mit dem billigen Anstande, Bekenntnisse, welche gewisser Maßen das Ansehen eines Testamentes haben, gegen seine ausdrückliche Verordnung, der Gefahr, von profanen Augen gelesen zu werden, auszusetzen; und die Betrachtung, daß er unter profanen Augen vermuthlich die Augen aller derjenigen gemeint habe, welche nicht in den Geheimnissen der Isis eingeweiht worden sind; welches Vortheils, allem Ansehen nach, die wenigsten von unsern Lesern sich werden rühmen können – alles dieß scheint uns die fromme Pflicht aufzulegen, diese Bekenntnisse in der Dunkelheit, worin sie bisher gelegen, mit der ehrwürdigen Mumie ihres ehemaligen Eigenthümers – wo sie auch liegen mag – ungestört ruhen zu lassen. Und doch – wenn wir auf der andern Seite bedenken, daß der Priester Abulfauaris kein Recht hatte, uns, die wir über zwey tausend Jahre später in die Welt kamen als er, eine Verbindlichkeit aufzulegen, wodurch wir einer höhern Pflicht genug zu thun verhindert werden; Daß er auf keine Weise berechtigt war, die Vortheile seines warnenden Beyspiels bloß auf seine Ordensbrüder, die Isis-Priester zu Memfis, einzuschränken; und Daß der Nutzen, welchen wir der Nachwelt durch die Bekanntmachung seiner Bekenntnisse, so viel an uns ist, verschaffen, vermuthlich das einzige Mittel ist, den Schaden, den seine Fehler und Verirrungen der Menschheit zugefügt haben, einiger Maßen zu vergüten: so verschwinden alle unsre Bedenklichkeiten wieder; und so übergeben wir denn – ohne Furcht die pios manes des ehrlichen Priesters Abulfauaris in ihrer Ruhe (die wir ihnen von Herzen gönnen) dadurch zu stören – dem geneigten Leser – seine Bekenntnisse . Die Bekenntnisse des Abulfauaris gewesenen Priesters der Isis in ihrem Tempel zu Memfis in Nieder-Ägypten. Auf fünf Palmblättern von ihm selbst geschrieben und aus des berühmten Evemerus Beschreibung seiner Reise in die Insel Panchäa gezogen. Erstes Palmblatt. Durch die Geburt, als der Sohn eines Priesters, zum Stande meiner Vorältern bestimmt, wurde ich in den Vorhöfen des großen Tempels zu Memfis in dieser strengen Regelmäßigkeit erzogen, welche nach der klugen Vorsicht unsrer Alten, erfordert wird einen zukünftigen Priester zu bilden. Zugleich mit den großen Grundmaximen unsrer Hierarchie lernte ich die Kunst meine Leidenschaften zu verbergen ; – die Kunst meine Blicke, Gesichtszüge und Geberden nach dem Modell einer unbeweglichen Ernsthaftigkeit abzuzirkeln; – die Kunst, wenn ich zornig war, zu lächeln, und wenn andre lachten, gleichgültig, oder, wofern es die Umstände mit sich brachten, feierlich auszusehen; – die Kunst allen meinen Reden einen religiösen Schwung, allen meinen Handlungen religiöse Beweggründe zu geben, und alles was ich Gutes that der Inspirazion des Osiris, oder der Isis, oder irgend einer andern Gottheit zuzuschreiben. Kurz, alle diese Künste – die ich nicht nöthig habe, euch, meine sehr werthen Mitbrüder, vollständig herzuzählen, und welche zur Erhaltung unsers gerechten Ansehens so nothwendig sind, – wurden mir durch die Erziehung so eigen gemacht, daß sie endlich die Leichtigkeit, das Ungezwungene und die Grazie der Natur bekamen, und mir eben so mechanisch wurden, als ob ich sie mit mir auf die Welt gebracht hätte. Außer diesem wißt ihr, meine Brüder, daß unsre ganze Erziehung darauf eingerichtet ist, uns eine tiefe Ehrfurcht vor der Würde unsres Standes, einen immer brennenden wiewohl äußerlich ruhigen Eifer für die Erhaltung unsrer Verfassung, und eine pünktliche Anhänglichkeit für die Ceremonien, das Ritual und den ganzen exoterischen Theil unsers religiösen Systems einzuflößen. Man bekümmert sich nicht darum, uns zu überzeugen, daß Isis und Osiris, Horus und Serapis, Hermes, Anubis und Tyfon wirklich Götter sind: aber man gewöhnt uns an, ihnen, oder vielmehr ihren Bildern, und allem was nur die mindeste Beziehung auf ihren Dienst hat, so zu begegnen als ob sie es wären. Diese Methode ist, wie ihr wisset, die Frucht der tiefen Politik, welche die Erfinderin unsrer ganzen Verfassung gewesen ist. Die Einsichten, zu denen wir gelangen, nachdem wir in den Mysterien des Osiris und der Isis eingeweiht worden sind, würden bei den meisten von uns sehr nachtheilige Folgen haben, wenn es uns nicht von der Kindheit an zu einer mechanischen Gewohnheit gemacht worden wäre, die äußerste Ehrerbietung vor allen Gegenständen der öffentlichen Verehrung sehen zu lassen. Ich gestehe freymüthig, daß ich die Nothwendigkeit dieser Angewöhnung aus meiner eigenen Erfahrung kennen gelernt habe. Ohne sie würde es mir, nachdem ich durch die erforderlichen Vorbereitungen endlich zu der ganzen Einsicht in unsre Geheimnisse zugelassen worden war, öfters beynahe unmöglich gewesen seyn, die Rolle, welche mir meine Bestimmung im Tempel zu Memfis auferlegte, so zu spielen, daß nicht zuweilen ein Zeichen eines geheimen Zwangs und einer gekünstelten Verstellung wider meinen Willen hätte verrathen können, daß sie mir nicht natürlich sey. Ich befand mich dieser Gefahr um so mehr ausgesetzt, weil mir die Natur eine gewisse Aufrichtigkeit des Herzens gegeben hatte, die sich zuweilen in mir empörte, und besonders bey solchen Gelegenheiten, wo mein Eifer und meine Frömmigkeit mir vorzügliche Lobeserhebungen zuzogen. »Du bist überzeugt, sagte und zu mir selbst, daß alle diese Götter, in deren Anbetung du das Ägyptische Volk unterhältst, weder mehr noch weniger gewesen sind, als Menschen wie du; Menschen, die von Brot und Fleisch lebten, und, nachdem sie gestorben waren, von Würmern gegessen wurden; denn die Kunst, die Todten durch die Einbalsamierung zu erhalten, war zu ihren Zeiten noch nicht erfunden. Die Aufschlüsse sind unwidersprechlich, welche du durch die Iniziazion von dieser Wahrheit bekommen hast, von der dich schon die bloße Vernunft hätte überzeugen sollen. »Wer weiß besser als du, daß dieser Apis , dessen Tod das ganze Ägypten in tiefste Trauer setzt, ungeachtet seines weisen Vierecks auf der Stirn, eben so sehr ein Stier ist als irgend ein andrer Stier; und daß es lächerlich ist, einer Katze wie einer Göttin zu begegnen, oder vor einer Meerzwiebel sich demüthig im Staube zu wälzen? – Du gestehest dir selbst, daß alle diese Dinge ihre vermeinte Göttlichkeit von dem dummen Aberglauben des Pöbels haben: und Du, dem es zukäme, dich mit deinen Brüdern zu vereinigen, um diesem Pöbel bessere Begriffe beyzubringen, du unterhältst ihn in seinem dummen Aberglauben? – O Abulfauaris , Sohn des Menofis , ich besorge, du bist ein Betrüger!« Dergleichen Gedanken, ich bekenne es, – vielleicht zu meiner Schande – beunruhigten mich in den ersten Jahren meines Priesterstandes so oft, daß es mir Mühe kostete, zu verhindern, daß sie, bey gewissen Veranlassungen, nicht sichtbar oder hörbar wurden. Zu andern Zeiten fand ich mich im Stande, es sey nun aus Leichtsinn oder Stärke des Geistes, mir eben diese Gedanken als Dünste und Wirkungen der Milzsucht sehr leicht aus dem Sinne zu schlagen. »Wenn es jemahls möglich seyn wird, (antwortete ich mir selbst auf meine Bedenklichkeiten) daß der Pöbel über Dinge, welche nicht in die Sinne fallen, vernünftig denken lerne, so ist doch gewiß, daß es nicht in Ägypten geschehen wird; oder wenn das Ägyptische Volk jemahls zu einem so hohen Grade der Aufklärung sollte gelangen können, so ist wenigstens dieses unläugbar, daß dermahlen dazu noch keine Anscheinungen vorhanden sind. »Die Religion der Ägypter, so anstößig und widersinnig sie in den Augen eines Fremden aussiehet, ist mit dem Staate so zusammengewachsen, daß seine Ruhe und Erhaltung an ihre Erhaltung gebunden ist. »Die Ägypter glauben eine besondere Vorsehung, und eine Bestrafung begangener Übelthaten nach dem Tode. Diese beiden Artikel sind die wahren Grundpfeiler aller Sicherheit und sittlichen Ordnung unter den Menschen; denn von ihnen empfangen die Gesetze ihr Ansehen und ihre Furchtbarkeit. Selbst der Aberglaube des Ägyptischen Volkes dienst dazu, die Wirkung seiner größten Wahrheiten zu befördern. Wo sie sich hinwenden, fallen ihnen geheiligte Symbole des unsichtbaren Wesens in die Augen, vor dessen Gegenwart und Aufsicht über ihre Handlungen sie zittern sollen. Je größer die Ehrfurcht ist, welche sie für diese sichtbaren Bilder der Gottheit fühlen; desto kräftiger wirkt auf diese rohen Seelen die Wahrheit von der göttlichen Gegenwart, welche sie sich auf eine andere Art vorzustellen unfähig sind; desto heilsamer für die Gesellschaft wird die Scheu, unter den Augen so vieler Gottheiten Böses zu begehen. »Dem Volke reinere Begriffe zu geben, ist, wenigstens in den gegenwärtigen Umständen, unmöglich; und ihm diejenigen zu benehmen, die es hat, ohne mit der vollkommensten Gewißheit überzeugt zu seyn, daß es ohne sie nicht schlimmer werden wird, als es mit ihnen ist , – welcher Gefahr würde durch eine so gewagte Verbesserung das ganze System der Staatsverfassung ausgesetzt! »Wenn es also Betrug ist, Wahrheiten vor dem Pöbel zu verbergen, deren Glanz er nicht ertragen könnte: so ist es ein heilsamer, ein nothwendiger Betrug; und eben dadurch hört die Sache auf, diesen Nahmen zu verdienen. »Nein, Abulfauaris , du hast keine Ursache, dich nur einen Augenblick des Ordens zu schämen, dem die ehrwürdigsten Geschäfte des Staates, die Erhaltung seiner Grundfeste und seines großen Triebrades, die Sorge für die Religion und der öffentliche Gottesdienst, anvertrauet sind; »Des Ordens, welchem die Ägypter alles, was sie so weit über die Barbaren, die den Erdboden bedecken, erhebt, ihre Verfassung, Gesetze und Künste schuldig sind; »Dem sie es zu danken haben, daß die königliche Gewalt, – welche zur Erhaltung der Einheit im Staate nothwendig, und die Seele ist, durch deren Ausbreitung und Einfluß aus den Gliedern ein wahres fortdauerndes und lebendiges Ganzes wird, aber eben deßwegen so leicht und so gern ihre Gewalt mißbraucht, – daß sie in Schranken eingeschlossen bleibt, durch welche die Gesetze und die bürgerliche Freyheit vor willkührlichen Anmaßungen sicher sind. »In diesem Lichte betrachte deine Bestimmung, Abulfauaris , und dann sprich, ob eine edlere gedacht werden kann!« Zweytes Palmblatt. Ich besorge sehr, meine Brüder, diese Gegenvorstellungen, welche ich meinem Gewissen oder meiner Ehrlichkeit oder wie ihr es nennen wollt, machte, sind nicht gründlich genug, daß sie mich so vollkommen hätten beruhigen sollen, als sie thaten, nachdem mich die Gewohnheit gegen die Ungereimtheit gewisser Pflichten meines Dienstes, und gegen die Vorwürfe des besagten – wie heißt es? unempfindlich gemacht haben. Ich weiß nicht, ob ich mich irre, – aber seitdem ich die schwarze Pforte der Geisterwelt für mich aufgethan sehe, kommen mir viele Dinge anders vor als ehmahls. Zum Beyspiel, die Unterscheidung zwischen den rohen Seelen des Pöbels und den feinen und ausgebildeten, deren wir uns berühmen, scheint mir bey weitem nicht mehr so wichtig zu seyn; und ich kann mich nicht erwehren zu glauben, daß der armseligste Tagelöhner in Memfis aus den Händen der Natur eine Seele von der nehmlichen Art empfange wie der König, oder der verehrliche Vorsteher unsers heiligen Ordens, der Oberpriester des Osiris selbst. Warum sollte es unmöglich seyn, der Seele dieses Tagelöhners begreiflich zu machen, daß Apis ein Stier, der Ibis eine Art von Störchen, und die Meerzwiebel eine – Meerzwiebel sey? – daß der Stier zwar für ein symbolisches Bild der Stärke gebraucht werden könne; daß der Ibis uns nützlich sey, weil er unsre Schlangen ißt, und daß ihm unsre Ärzte vielleicht das Geheimniß des Klystiers abgelernt haben; daß die Meerzwiebel ein vortreffliches Mittel sey verdickte Säfte zu zertheilen: aber daß schlechterdings kein Grund vorhanden sey, warum wir irgend einem Stier oder einem Ibis oder einer Meerzwiebel göttliche Ehre erweisen sollten? Ich gestehe, daß es mir schwer fällt, von einem Geschöpfe, das einem Menschen gleich sieht, so schlecht zu denken, als ich thun müßte, wenn ich es für unfähig halten sollte, so klare Wahrheiten begreifen zu lernen; und daß ich meines Orts viel weniger begreifen kann, warum es dem Dümmsten unter allen Dummköpfen dieser Unterwelt nicht unendliche Mahl begreiflicher seyn sollte, daß ein Stier ein Stier , als daß er ein Gott sey. Allerdings ist die Macht des Aberglaubens, wenn er einmahl von dem Gehirne des Menschen Besitz genommen hat, entsetzlich. Aber ich sage auch nicht, daß man das Volk auf Einmahl klug machen solle. Wenn blinde Seelen sehend gemacht werden sollen, muß man ohne Zweifel die nehmliche Vorsicht gebrauchen wie bey Leuten, denen man den Staar gestochen hat. Genug, daß sich in zwanzig bis dreyßig Jahren eine erstaunliche Umkehrung in den Köpfen des Volkes bewirken ließe, wenn wir uns entschließen könnten ein so edelmüthiges Werk zu unternehmen, und darin nach einem gemeinschaftlichen regelmäßigen Plane zu verfahren. Ich denke nicht daß wir nöthig haben, uns die Besorgniß, »die großen Grundwahrheiten unsrer Religion möchten dadurch untergraben werden«, davon abschrecken zu lassen. Wahrheit und Wahrheit sind zu gleicharthige Dinge, als daß sie sich nicht mit einander vertragen sollten. Aber ich weiß einen andern Grund, meine werthen Brüder, warum mein frommer Wunsch schwerlich jemahls aufhören wird ein Wunsch zu bleiben. Ihr werdet, das bin ich gewiß, alle, einer nach dem andern, so denken wie ich; aber ach! wie Abulfauaris , werdet ihr erst alsdann so denken, wenn ihr keine Zeit mehr habt Gebrauch davon zu machen. Ich will euch diesen Grund mit eben der Offenherzigkeit entdecken, mit welcher ich meinen Busen aufschließen werde, um euch Geheimnisse darin sehen zu lassen, die vor jedem andern als einem allsehenden Auge verborgen geblieben sind. Hermes , der große Stifter unsers Ordens und der Gesetzgeber unsers Volkes, hinterließ uns eine sehr einfache Religion; wie ein Volk sie nöthig hatte, welches eben erst durch ihn gesammelt worden war, und die erste Bildung zu einem förmlichen Staat bekommen hatte; und so gut, als ein solches Volk sie zu ertragen fähig war. Seine angelegenste Sorge scheint gewesen zu seyn, die künftigen Priester, als die Aufbewahrer seiner Gesetze, auf den richtigen Standpunkt zu stellen, aus welchem sie das erhabene Amt, welches er ihnen in seiner Republik anvertraute, zu übersehen hätten. Er verfaßte seine geheime Lehre theils in Hieroglyfen, theils in dem geheiligten Alfabet, wovon er der Erfinder war, und wozu wir allein den Schlüssel haben. Er lehrte uns darin: Daß seine Religion aus einem politischen Gesichtspunkte betrachtet werden müsse, und daß seine Absicht dabey keine andere gewesen, als seine neu gestiftete Republik fester zusammen zu ziehen, und, durch den Glauben einer herrlichen Belohnung der Tugend und einer strengen Bestrafung des Lasters nach dem Tode der Unzulänglichkeit seiner Gesetze zu Hülfe zu kommen. Er fügte hinzu: Alles was er an den Ägyptern hätte thun können, sey nur ein roher Entwurf , der von uns, seinen Nachfolgern, ausgearbeitet und poliert werden müsse; welches nicht anders als nach und nach geschehen könne. Überdieß seyen alle Gesetze ihrer Natur nach der Veränderung unterworfen, und eine jede Verfassung habe von Zeit zu Zeit nöthig, ausgebessert und mit neuen Federn versehen zu werden. Er überlasse uns deßwegen – Doch wozu sage ich euch diese Dinge, die euch so gut bekannt sind als mir? – Vergebet, meine Brüder, einem alten Manne, der seinen Vorstellungen nicht mehr so gebieten kann wie vormahls – Ich komme zur Sache. Die älteste Religion der Ägypter war also, wie gesagt, sehr einfach. Die Aufnahme der Heroen unsres Volkes unter die Gottheiten legte den ersten Grund zu ihrer Erweiterung, und die Hieroglyfen gaben in der Folge Gelegenheit, die Zahl der heiligen Dinge beynahe ins unendliche zu vermehren. Niemahls ist vielleicht ein abergläubischeres Volk, und ein Land, dessen ganze Beschaffenheit seine Bewohner mehr zu dieser Gemüthskrankheit aufgelegt machte, gewesen als das unsrige. Ägypten ist in der That das Land der Wunder ; und selbst ein Fremder, der zu uns kommt, fühlt beym Anblick so vieler Seltenheiten der Natur und der Kunst, so vieler geheimnißvoller Denkmähler eines die Geburt alles andern Völker übersteigenden Altertums, sich geneigt zu glauben, daß unser Land ehemahls eine Wohnung der Götter gewesen sey. Die Einwohner eines solchen Landes müssen natürlicher Weise mehr Anlage als andere haben, aus dem Dienste der Götter die Hauptangelegenheit ihres Lebens zu machen; zumahl wenn sie überhaupt zur Melankolie geneigt sind, und ihre ganze Verfassung, anstatt diesen Naturfehler zu verbessern, ihm vielmehr alle mögliche Nahrung gibt. Denn wie sollte ein Volk nicht schwermüthig seyn, welchem wir aus einem spitzfindigen Begriff von religiöser Politik alle Musik untersagt haben? – welches sogar bey seinen Gastmählern und geselligen Ergetzungen die Gegenwart einer Mumie vonnöthen hat, um sich zur Freude aufzumuntern? – und bey welchem die Könige selbst den größten Theil ihres Lebens damit zubringen, sich ihr Grabmahl zu bauen? Ein solches Volk ist dazu gemacht, in einer Religion, die zu der Düsterkeit seiner Gemüthsart paßt, zu gleicher Zeit eine Nahrung seines Trübsinns und ein Hülfsmittel gegen das Übermaß desselben zu suchen. Der ausschweifendste Aberglaube scheint ein Bedürfniß der Ägypter zu seyn. Sie glauben nicht Götter genug haben zu können. Jede Stadt, jede Zeit, jede Handlung, jede Person hat ihre eigenen. Die alltäglichsten Erscheinungen in der Natur werden zu Zeichen und Vorbedeutungen, die natürlichsten Übel zu besondern Strafgerichten gemacht. Ein nichtsbedeutender Zufall, ein alberner Traum ist hinlänglich die Ruhe solcher Unglücklichen zu stören. Sie bringen die eine Hälfte ihres Lebens damit zu, die Götter zu fragen was sie thun sollen, und die andere, ihnen abzubitten was sie gethan haben. Wie konnt' es anders seyn, als daß ein solches Volk mehr Priester haben mußte als irgend ein andres in der Welt? Es mußte ihrer schon eine unmäßige Anzahl haben, um nur jedem Gott seinen Priester zu geben. Der ursprüngliche priesterliche Stamm reichte nicht zu, die Ägyptische Frömmigkeit nach Nothdurft zu bedienen. Nach und nach entstanden daher eine Art von Mittelorden zwischen den Priestern und dem Volke; Leute, welche Anfangs keine andre Ansprüche machten, als den Priestern in ihren Verrichtungen und den Ägyptern in ihren häuslichen Andachten behülflich zu seyn. Sie wurden geduldet , weil man nicht vorher sah, was so leicht vorher zu sehen war. Aber unvermerkt wußten sie so viel Ansehen bey dem Volke zu erschleichen, daß es bereits unmöglich gewesen wäre, sie wieder los zu werden, als man zu merken anfing, wie nachtheilig ihr Daseyn, ihre Vermehrung und ihre Bemühungen der alten Verfassung wurden. Die Liebe zum Müßiggang, und die Bequemlichkeit sich auf andrer Unkosten füttern zu lassen, überschwemmte das Land mit diesen Mitteldingen , deren unermüdete Beschäftigung war, dem Pöbel, wie eine Spinne ihren Raub, mit ihrem Hirngespinste zu umwickeln, und ihn immer tiefer in einen Aberglauben zu versenken, ohne den sie sich hätten gefallen lassen müssen zu graben oder zu verhungern. Endlich fanden sie Mittel, sich auch zu den Großen den Zugang zu öffnen, oder, richtiger zu reden, eine Menge Zugänge; denn diesen Leuten gilt alles gleich, Thüren, Fenster, Spalten und Katzenlöcher, – wenn sie nur hinein kommen. Und da sie es einmahl so weit gebracht hatten, wie hoch stieg nun in kurzem ihr Übermuth! Wir selbst mußten uns vor ihren geheimen Ränken fürchten: noch glücklich genug, dem ehrwürdigen Karakter unsers Standes, und einem in dem geheiligten Dunkel der Götterzeiten sich verlierenden Alterthum ein wankendes Ansehen zu verdanken, dessen tägliche Abnahme wir heimlich beseufzen, ohne den Muth zu haben, das immer weiter fressende Übel in der Wurzel anzugreifen. Und nun, meine Brüder, hab' ich euch den Grund gesagt, warum für den Verstand der armen Ägypter nichts zu hoffen ist. Die große Isis möge ihnen gnädig seyn! Aber in diesem Leben werden sie niemahls einsehen lernen, daß eine Meerzwiebel – eine Meerzwiebel ist. Drittes Palmblatt. Eben dieselbe Politik, meine Brüder, welche euch zurück hält, dem Aberglauben und den vorbesagten Mitteldingen , seinen eifrigen Verfechtern, öffentlich den Krieg anzukündigen, – hielt auch mich zurück. Ich glaubte weislich daran zu thun; aber seitdem ich die Handlungen meines Lebens in einem reinern Lichte sehe, zweifle ich sehr ob ich recht daran gethan habe. Wer soll sich der Wahrheit annehmen, wer soll ihre unverjährlichen Rechte wieder herstellen, wenn wirs nicht wagen dürfen? wir , denen der Staat die Sorge für das, was ihm das angelegenste ist, die Bewahrung der Gesetzt und der Religion, von welcher jene ihr Ansehen und ihre Verbindlichkeit empfangen, anvertraut hat! Welche Betrachtung, welches Interesse ist wichtig genug diese große Pflicht zu überwiegen? Ich ermahne euch, meine sehr werthen Brüder, diese Sache nach ihrer Wichtigkeit in Überlegung zu nehmen, und euch die nagenden Vorwürfe zu ersparen, welche die letzten Stunden meines Lebens vergiften. Doch, ich besorge sehr, das, was ich mir über diesen Artikel vorzuwerfen habe, werde in Vergleichung mit einer andern Schuld, deren ich mich selbst vor euch anklagen muß, nur eine Kleinigkeit scheinen. – Ich gestehe es, mein Stolz leidet unaussprechlich unter dem Bekenntnisse, welches ich im Begriff bin abzulegen! – Möchte dieß, große Isis, für eine Genugthuung vor dem strengen Gericht angesehen werden, vor welchem meine Seele bald erscheinen wird! Ihr erschreckt, ehrwürdige Priester der Königin der Götter? – Ihr begreift nicht, was dieser Abulfauaris , dessen untadeliges Leben andern zum Beyspiel vorgehalten wurde, dieser Abulfauaris , der sich durch die Ausbreitung unsers Gottesdienstes und unsrer Herrschaft über eine Afrikanische Völkerschaft, welche unserm großen Sesostris selbst unbekannt geblieben war, ein beneidenswürdiges Verdienst um das Ägyptische Reich erworben hatte, – begangen haben könne, das den Glanz seines ruhmvollen Lebens verdunkeln sollte? Ach, meine Brüder! (wenn ich anders noch würdig bin euch so zu nennen) eben dieß, was mir von der Welt, von unserm Hofe, von unserm geheiligten Orden selbst, so viel Lobsprüche und Belohnungen zuzog, eben dieß, was der Stolz meines Lebens seyn sollte, – ist das, was meine alten Wangen mit Schamröthe überzieht, und wovon ich das Andenken aus meiner Seele vertilgen zu können wünschte, – wenn das innerliche Gefühl, daß diese Strafe das wenigste ist was ich verdiene, einen solchen Wunsch nicht zu einem neuen Verbrechen machte! Höret denn meine reuevollen Bekenntnisse; – und möge mein Beyspiel den Besten unter euch erzittern, und einen jeden behutsam machen, die geheimen Triebfedern seiner Handlungen als Feinde zu beobachten, die in seinem Busen auf seine Unschuld lauern! Ein weises Mißtrauen in uns selbst ist die sicherste Brustwehr der Tugend, sagt Hermes . Warum mußt' ich in der Sicherheit einer vierzigjährigen Tugend diesen goldenen Spruch aus den Augen verlieren! Ich will euch von der Geschichte meiner Reise zu den Negern dasjenige nicht wiederholen, was aller Welt bekannt geworden ist. Die geheimen Umstände dieser Hauptepoche meines Lebens sind es, was meinem ganzen Betragen sein wahres Licht giebt; und nur von diesen wird hier die Rede seyn. Ihr wisset, denke ich, meine Brüder, daß diese Negern , zu jener Zeit da ihr Unstern mich zu ihnen führte, ein freyes, unschuldiges, und in seiner Unwissenheit künstlicher Bedürfnisse glückliches Volk war. Ihr wisset nicht minder, daß sie gegenwärtig auf Ägyptische Weise policiert, mit unsern Sitten und Lastern angesteckt, und der willkührlichen Gewalt unsrer Könige, oder vielmehr der Raubsucht und dem Übermuthe ihrer Höflinge unterworfen, und unter diesem Joche vielleicht das unglücklichste Volk unter der Sonne sind. Und wenn nun der Geitz , der Stolz und die Üppigkeit des Priesters Abulfauaris die wahren Ursachen dieser für die armen Negern so unglücklichen Veränderung gewesen wären, – würde er nicht Ursache haben, das vermeinte Verdienst, welches ihm die ehrenvollen Nahmen eines Lehrers und Gesetzgebers dieses Volkes erworben hat, für die schwärzeste That seines Lebens zu halten? Und gerade so , meine Freunde, verhält sich die Sache! Der Umstand, der mich in den Stand setzte der Blöße der ehrlichen Negern zu Hülfe zu kommen, war nicht so sehr zufällig, als ich es dem Könige vorgab. Ich hatte gute Nachrichten von den Reichthümern, welche bey diesen Wilden zu hohlen wären; und, ohne den Gewinn so genau auszurechnen wie der Oberaufseher der Finanzen, wußte ich doch sehr wohl, daß ich bey der Vertauschung meiner Leinewand gegen ihren Goldstaub nichts verlieren würde. Ich gestehe, daß ich noch an keinen förmlichen Plan dieses Volk zu policieren gedacht hatte, da ich zu ihnen kam. Die ungemeine Leutseligkeit ihrer Sitten, ihre Gutherzigkeit, und eine gewisse Lenksamkeit, die ich an ihnen wahrnahm, – kurz alle die Eigenschaften, welche dieses Volk liebenswürdig machten, und mir hätten beweisen sollen daß es unsrer Sitten nicht vonnöthen habe, – waren es, was mir den ersten Gedanken gab, wie leicht es seyn würde, die Krone von Ägypten mit diesem Kleinod zu bereichern. Dieser Gedanke arbeitete einige Zeit in meinem Kopfe, ohne daß ich mit mir selber einig werden konnte, was ich aus ihm machen sollte. Die Gewohnheit, ein Volk ohne Kleider, ohne Künste, ohne Polizey, für elend zu halten; das Vergnügen, welches sie über die Röcke und Mäntelchen bezeigten, womit ich sie für ihren Goldstaub beschenkte, ohne daß ich ihn für einen Ersatz meiner gemahlten Leinewand zu halten schien; die Vorstellung, wie glücklich ich sie erst durch Mittheilung der übrigen Produkte unsrer Künste machen könnte: – alles dieß wirkte auf einer Seite ziemlich stark auf meine Einbildung: Auf der andern Seite stellte mir der gute Genius der armen Negern alles vor, was mich von dem Gedanken, ihnen ein so fatales Geschenk zu machen, abschrecken konnte: – ihre Unschuld, ihre Zufriedenheit mit ihrem Zustande, die Gefahr, oder vielmehr die unvermeidliche Nothwendigkeit, ihnen mit unsern Bedürfnissen auch unsre Leidenschaften und mit beiden unsre Laster mitzutheilen, endlich die nur allzu gerechte Besorgniß, wie unglücklich sie durch den Mißbrauch der Gewalt werden könnten, deren die Ägypter, unter dem Scheine der Freundschaft, sich ohne Zweifel über sie anmaßen würden. Die Natur hat mir ein empfindsames Herz gegeben, meine Brüder; ich erschrak vor den Folgen meines ersten flüchtigen Entwurfs; und so sehr mich auf der andern Seite der Ruhm eines neuen Hermes reitzte, den ich mir an diesem Volke verdienen konnte, so glaube ich doch, daß ihr guter Genius endlich die Oberhand gewonnen haben möchte, wenn nicht eine Leidenschaft – welche gewohnt ist den Sieg davon zu tragen, wie schwer er ihr auch gemacht wird – den Ausschlag wider ihn gegeben hätte. Ihr werdet erstaunen, – so wenig hättet ihr eine solche Schwachheit von der strengen Weisheit des Abulfauaris vermuthen können – wenn ich euch sage, daß es die Liebe , oder, richtiger zu reden, die Leidenschaft war, welcher man mit diesem schönen Nahmen das Auffallende benehmen will, das sie für jedes ehrliebende Gemüth hätte, wenn man sie mit ihrem rechten Nahmen nennte. Ich war entweder von Natur wenig zur Zärtlichkeit geneigt, oder die priesterliche Erziehung in den Vorhöfen des Tempels hatte den Samen dieser vermeinten Schwachheit – welche in der That der Tugend günstiger ist als man gemeiniglich glaubt – in meinem Herzen erstickt. Aber den sinnlichen Trieb konnte diese Erziehung nicht ersticken; und so gut ich – Dank sey meinen Anführern in der Sittenlehre! – dieses unheilige Feuer zu verbergen wußte, so brannte es darum nicht weniger in meinem Inwendigen. Gleichwohl hatte ich mir über diesen Punkt noch keinen sonderlichen Vorwurf zu machen; und wo hätte ich wohl weniger vermuthen sollen eine Klippe zu finden, an welcher meine Tugend scheitern würde, als unter diesen Negern ? Viertes Palmblatt. Ich befand mich damahls noch in dem Alter, worin die Flamme, von der ich eben gesprochen habe, zumahl wenn sie durch Mäßigkeit unterhalten worden ist, bey einem starken Temperament von ihrer Gewalt noch wenig verloren hat. Der Eindruck, der so viele schöne Gestalten – denn das waren die meisten – ihrer Farbe ungeachtet auf meine Sinne machten, setzte meine Einbildungskraft in die Stimmung, worin sie seyn muß, um von einem besondern Gegenstande lebhaft gerührt zu werden. In einer solchen Stimmung erblickte ich die schöne Mazulipa , die Frau eines Mannes, der in vorzüglichem Ansehen unter diesen Schwarzen stand; und der erste Anblick wirkte stark genug, daß ich in weniger als vier und zwanzig Stunden so gänzlich vergiftet war, als ob die Syrische Göttin beschlossen hätte, mich zu einem Beyspiel der furchtbarsten Ausbrüche ihres Zornes zu machen. Ich könnte euch keine Schilderung von dieser schuldlosen Verführerin machen, – denn sie hatte wohl gewiß keinen Gedanken mich zu verführen – ohne eure Einbildungskraft in Gefahr zu setzen. Die meinige – ich gestehe euch meine ganze Schwachheit – stellt mir noch in diesem Augenblick ein so warmes Gemählde von diesem reitzenden Weibe vor, daß ich, wider meinen Willen, unfähig bin, an ihren Genuß ohne Entzücken zu denken. Ich war kein Neuling, der sich selbst über den Zustand seines Herzens hätte betrügen können; ich wußte im ersten Augenblicke so gut wohin diese Leidenschaft zielte, und dachte so wenig daran mich über ihre Absichten zu betrügen, daß ich vielmehr, von besagtem Augenblick an, keine Macht hatte auf etwas andres zu denken, als auf Erfindung eines schicklichen Mittels sie ohne Gefahr meines Karakters befriedigen zu können. Und in eben diesem Augenblicke war es auf einmahl beschlossen: daß die Negern policiert werden sollten. In der ersten schlaflosen Nacht war mein Plan fertig. Unsre Polizey ist auf unsre Religion gebaut; und so sollte es auch bey meinen Negern seyn. Nichts war mir jetzt leichter, als auf alle die Einwürfe zu antworten, welche mir der gute Dämon dieser Unglücklichen gegen mein Vorhaben gemacht hatte. – »Es war, zum Beyspiel, keine nothwendige Folge, daß sie mit unsern Sitten auch unsre Laster annehmen mußten. Man konnte dieser Gefahr durch verschiedene Mittel zuvorkommen; und wenn alle andre fehlen sollten, waren nicht die Mysterien der Isis ein unfehlbares Gegengift gegen alle sittliche Verderbniß? das stärkste Beförderungsmittel der Tugend und eines untadelhaften Lebens?« Die Mysterien ! – Diese Vorstellung fiel stark auf mein Gemüth. Werdet ihr glauben können, meine Brüder, daß der Gedanke an diese Geheimnisse – an welche keine Seele, die des Anschauens des geheiligten Sinnbildes der göttlichen Natur gewürdiget worden ist, ohne Schaudern denken soll – meiner durch die Wuth der Leidenschaft begeisterten Fantasie den Stoff und dem schändlichsten Entwurfe darbot, der jemahls den Busen eines Menschen besudelt hat? Aber denket nicht, daß ich, wie elend auch in diesen Augenblicken der Zustand meines Gehirnes war, fähig gewesen sey, eine so schreckliche Entheiligung des Ehrwürdigsten, was unsre Religion hat, nur einen Augenblick ohne den lebhaftesten Abscheu zu denken! Nein, meine Brüder! Mit Entsetzen vor mir selbst verwarf ich die scheußliche Eingebung des unreinen Dämons , und faßte so heldenmüthige Entschließungen, daß ich Ursache zu haben glaubte, einen vollständigen Sieg über ihn davon getragen zu haben. Aber, ach! wer kennt, eh' ihn seine eigene Erfahrung belehrt hat, alle die geheimen Winkel des Herzens, in deren sichern Hinterhalte die versteckte Leidenschaft, indessen wir von Triumfen träumen, auf Gelegenheiten lauert, uns ungewarnt und unbewaffnet mit verdoppelter Wuth zu überfallen? Sicher auf die Stärke meiner Entschlossenheit, glaubte ich nun ohne das mindeste Bedenken an dem großen Entwurfe der Umgestaltung meiner Negern arbeiten zu können. Die Leichtigkeit, womit sie über ihre Nacktheit zu erröthen gelernt hatten, überredete mich, daß ich eben so wenig Schwierigkeiten finden würde, sie auch in den übrigen Stücken nach meinem Plan umzubilden. Ich machte den Anfang mit dem Unterricht in unserer Religion. – Warum that ich das? – Weil ich mir dadurch den Weg bahnte, die Mysterien bey ihnen einzuführen; meine Lieblings-Idee, welche ich, nach meinem Sinne, nicht bald genug ins Werk setzen konnte. – Und woher dieser ungeduldige Eifer, da ich doch so fest entschlossen war, keinen Mißbrauch zum Vortheil meiner Leidenschaft davon zu machen? – Was soll ich euch sagen? Ich hatte das Beyspiel des dreymahl großen Hermes vor mir; und ich glaubte die Unschuld meiner Negern, wofern sie ja von der Ansteckung unsrer Sitten etwas zu besorgen hätte, durch die Iniziazion am besten zu bewahren. Der geheime Beweggrund, der den übrigen seine ganze Stärke mittheilte, lag tief in meinem Busen; aber ich unterschied ihn nicht – oder wollte ihn nicht sehen. Ich war inzwischen nach Ägypten zurückgegangen, um dem Könige von meiner Unternehmung Nachricht zu geben, und den Plan, nach welchem ich arbeiten wollte um dem Reiche die Vortheile derselben zuzuwenden, mit ihm abzureden. Das Bild der wollustathmenden Mazulipa hatte mich dahin begleitet; es stand allenthalben vor mir; es beunruhigte – darf ich es sagen? es beglückte zuweilen meine Träume. Meine Leidenschaft stieg auf einen Grad, der alle meine Entschlossenheit wankend machte. Aber der gute Vorsatz , dieses betrügliche Einschläferungsmittel, behielt allezeit den Sieg. Und doch wünscht' ich mir Flügel, um desto schneller zu den Negern zurückkehren zu können. – Mazulipa war unter ihnen! Ich Unglücklicher! Ihr glaubtet, daß es ein heiliger Eifer sey, der mich so ungeduldig mache zu meinem erhabenen Geschäft zurückzukehren – und ich ließ euch in euerm Irrthum! Fünftes Palmblatt. Ich war nun wieder angekommen, und beschloß – denn ich fühlte die Nothwendigkeit davon – der Tugend ein großes Opfer zu bringen, indem ich mir dasjenige, wornach mich so heftig verlangte und was meine Reise bis zum Wunder beschleunigt hatte, den Anblick der reitzenden Mazulipa , versagen wollte. – Desto eifriger ward an dem Tempel der Isis, und den Zubereitungen desselben zu Begehung der Mysterien gearbeitet. Es war nicht lange möglich die schöne Mazulipa zu meiden, ohne mich der Gefahr, daß man einen geheimen Beweggrund eines so wenig natürlichen Betragens suchen würde, auszusetzen. Ihr Mann war nach der neuen Einrichtung – so wie ers auch vorher schon gewesen war – einer der Obersten des Volkes; und die junge Dame brannte vor Begierde den Unterricht zu empfangen, der sie fähig machen sollte, zu den Geheimnissen der Isis zugelassen zu werden. Wenig träumte ihr davon, daß sie Ursache haben könnte bey einer Feierlichkeit für ihre Unschuld zu zittern, wovon sie sich, nach dem was ihr davon zu sagen erlaubt war, einen Vorgeschmack der Wonne der Unsterblichen versprach. Die Mysterien waren nun der tägliche Inhalt unsrer Unterredungen. Die Rolle, die ich dabey zu spielen hatte, war keine von den leichten. Ich mußte mich, mit einer äußerst mühsamen Gewalt über mich selbst, in Acht nehmen, ihr meine Leidenschaft zu verrathen, und von den Mysterien durft' ich ihr nicht mehr sagen, als was alle Ungeweihten wissen dürfen. In der Verlegenheit womit ich sie unterhalten sollte, kam ich einsmahls, aus Veranlassung unsers gewöhnlichen Gegenstandes, auf die Beyspiele, die wir in den ältesten Geschichten von einer besondern Liebe gewisser Götter zu gewissen Sterblichen finden. Ich bemühte mich, ihr geläuterte und erhabene Begriffe davon zu geben: aber das war mehr als die Unvollkommenheit ihrer Sprache zuließ. Ich mußte, wenn ich ihr nur einigen Begriff von der Sache geben wollte, sinnliche Bilder dazu nehmen; und, ohne einen ausdrücklichen Vorsatz, wurde mein Gemählde, so behutsam ich auch die Farben wählte, lebhaft genug um ihre Einbildungskraft zu erhitzen. Ich brach ab so bald ich es gewahr wurde; aber die Eindrücke, mit denen ich sie verließ, arbeiteten so kräftig in der meinigen, daß ich, mit aller möglichen Mühe, gewisse sich aufdringende Bilder nicht abzuhalten vermochte. Die furchtbare – und gewünschte Nacht der kleinen Mysterien kam nun immer näher, und die Erwartung der schönen und gefühlvollen Mazulipa schien außerordentlich gespannt zu seyn. Schon des Abends zuvor hatte sie mich durch die unerwartete Frage in Erstaunen gesetzt: ob ich glaubte, daß sie unschuldig genug sey, einem Gott liebenswürdig zu scheinen? – Denn sie hatte von mir gehört, daß die Unschuld des Herzens eine von den Eigenschaften sey, wodurch wir den Göttern wohlgefällig würden. Ich hatte den Muth, ihr mit einem ernsthaften Tone zu antworten, daß man sich außerordentliche Dinge nicht wünschen müsse; aber zu gleicher Zeit war ich schwach genug hinzu zu setzen: daß man sie auch nicht fürchten , sondern sich der Willkühr der Götter lediglich überlassen müsse. – Ich würde mir selbst Unrecht thun, meine Brüder, wenn ich sagte, daß ich mir der Absicht, welche mich so reden machte, deutlich bewußt gewesen sey; aber ich mußte doch fühlen , daß ich eine Absicht hatte, und ich getraute mir nicht sie aus meinem Busen hervor zu ziehen. Die schwärzeste der Nächte war nun gekommen – meine eiskalte Hand zittert da ich fortfahren will – Vergebens würde ich mich bemühen, euch die Wuth des innerlichen Kampfes zu beschreiben, der sich endlich mit der Niederlage meiner Tugend endigte. Die unschuldige und fanatische Mazulipa betrag den finstern unterirdischen Gang, durch dessen mystische Krümmungen die Inizianden wandeln müssen. Der Boden erbebte unter ihren Füßen; tausend fremde ungewöhnliche Töne drangen in ihre Ohren; tausend eben so seltsame Gestalten, von plötzlich wieder verschwindenden Blitzen sichtbar gemacht, schlüpften wie Schatten vor ihren Augen vorbey; als in einem solchen Blitze – der Gott Anubis ihr erschien, und die bethörte Unschuld, welche vor Furcht und Erwartung athemlos alles zu leiden bereit war, die Beute des sakrilegischen Betrugs wurde. Ich würde nicht zu entschuldigen seyn, meine Brüder, wenn ich eure schon genug beleidigten Augen – durch eine umständliche Erzählung aller der Kunstgriffe, welche der betrügerische Anubis anwandte, um seine Rolle öfters und mit mehr Bequemlichkeit spielen zu können – länger verunreinigen wollte. Es ist sehr unglücklich für mich, aber es ist doch zugleich das einzige, was mir bey der qualvollen Erinnerung an diesen häßlichen Auftritt meines Lebens einigen Trost anbeut, – daß ich mich dazu bestimmt ansehe, euch durch meine Erfahrung zu belehren: »Daß Personen unsers Standes mehr als alle andre Klassen von Menschen Ursache haben ihr Herz zu bewahren ; – und daß eben darum die reinste und erhabenste Tugend von uns gefordert werde, weil wir vor allen andern Sterblichen den unseligen Vortheil haben, unsre unlautern Absichten, unsre Laster und Verbrechen selbst, unter dem ehrwürdigen Schleier der Religion den Augen der Welt zu entziehen; oder, um Alles mit Wenigem zu sagen, weil das Heiligste und Beste, was die alles regierende Vorsicht dem menschlichen Geschlecht gegeben hat, in unsern Händen zum Werkzeuge der sittlichen Verderbniß, der Unterdrückung und des allgemeinen Elendes werden kann.« Unsere Heucheley, es ist wahr, verschont die Welt mit öffentlichem Ärgerniß, und der Bösewicht von innen erbauet öfters von außen den Schein der vollkommensten Tugend. Aber wie theuer muß die menschliche Gesellschaft diesen zufälligen und wenig bedeutenden Vortheil bezahlen! Der Heuchler schadet ihr auf eben dieselbe Weise wie ein still wirkendes Gift, dessen Zerstörungen nicht sogleich in die Sinne fallen. Er arbeitet desto sicherer, weil er im Dunkeln arbeitet; er kann ungestört seinen schändlichen Plan vollführen; und man denkt so wenig daran seinen Absichten zu widerstehen, daß man ihm vielmehr die Mittel sie auszuführen freywillig in die Hände giebt. Ungestraft mißbraucht er die unschuldigste unter allen Schwachheiten der menschlichen Natur, um die leichtgläubige Redlichkeit zum Opfer seiner Leidenschaften zu machen, indem sie sich den höhern Wesen, von denen sie das Glück oder Unglück ihres Daseyns erwarten, aufgeopfert zu haben glaubt. »Zittert, meine Brüder, vor allem dem Bösen, das ein Priester thun kann! »Und o! möchte Abulfauaris unter allen seines Ordens der einzige seyn, der solche Bekenntnisse zu machen hat!«