Edgar Wallace Die Bande des Schreckens   Wilhelm Goldmann Verlag Leipzig   Die Neue Ausgabe der Gesammelten Werke von Edgar Wallace ist herausgegeben und bearbeitet von Ravi Ravendro. 1 Ulanen-Harry kam zur Polizeistation in der Burton Street, um seine Papiere vorzuzeigen. Düster und verbissen trat er näher und reichte dem diensttuenden Sergeanten seinen Entlassungsschein. »Henry Beneford, auf Bewährung entlassen – ich soll mich hier melden.« Dann sah er sich um und bemerkte Detektivinspektor Long, den man auch den »Wetter« nannte. Seine Augen blitzten unheimlich auf. »Morgen, Inspektor – leben Sie auch noch?« »Wie Sie sehen, bin ich immer noch im Amt«, entgegnete Long vergnügt. Ulanen-Harry grinste häßlich. »Wunder mich nur, daß Sie bei Ihrem verdammt schlechten Gewissen noch schlafen können. Die letzten fünf Jahre hab ich durch Ihre Lügen auf den Buckel gekriegt!« »Hoffentlich gelingt es mir bald, Ihnen weitere fünf Jahre aufzupacken«, erwiderte der Wetter in guter Laune. »Wenn es nach mir ginge, würde ich Sie an den Galgen bringen, dann gäbe es einen schlechten Menschen weniger auf der Welt.« Harry hatte tatsächlich früher eineinhalb Jahre lang bei den Ulanen gedient, war aber dann mit drei Jahren Festung bestraft worden, weil er seinen Unteroffizier mißhandelt hatte. Er war ein vielfach vorbestrafter, brutaler, gefährlicher Mensch. Aber auch der Wetter war auf seine Art gefährlich. »Hören Sie zu, Inspektor. Ich will Ihnen nicht drohen. Sie sollen keine Gelegenheit haben, mich wieder ins Kittchen zu stecken. Aber eins sage ich Ihnen: Nehmen Sie sich in acht!« »Sie reden zuviel«, meinte der Wetter gutmütig. »Am Ende kommen Sie noch ins Parlament.« Harry kochte vor Zorn und konnte vor Aufregung nicht sprechen. Er wandte sich kurz zu dem Sergeanten um und legte mit zitternder Hand seine Papiere auf das Pult. »Gerissen sind Sie ... wirklich gerissen«, stieß er schließlich wütend hervor. »Leute wie mich können Sie ja leicht fangen – aber warum machen Sie sich denn nicht hinter Shelton? Warum fangen Sie den nicht? Das kriegt kein Polizist in England fertig! Nicht einmal die Amateure!« Der Wetter antwortete nicht darauf. Er interessierte sich im Augenblick nicht für Clay Shelton. Die Bemerkung über Amateurdetektive war natürlich auf ihn gemünzt, aber er kümmerte sich nicht weiter darum. Aber als er nach Scotland Yard zurückkehrte, erfuhr er, daß er sich in Zukunft doch eingehend mit Mr. Shelton befassen mußte. Einen Mann wie Shelton gab es auf der ganzen Welt nicht wieder. Fünfzehn Jahre lang war es ihm bisher gelungen, unter den verschiedensten Namen Kreditbriefe, Schecks, Tratten und andere Wertpapiere zu fälschen. Und fünfzehn Jahre sind eine lange Zeit. Inspektor Vansitter saß niedergeschlagen und mit düsterem Gesichtsausdruck im Büro seines Vorgesetzten. »Es tut mir außerordentlich leid, Vansitter, aber es geht Ihnen ebenso wie allen anderen Beamten«, sagte Colonel Macfarlane. »Es ist noch das Beste, was Ihnen passieren kann, daß ich Ihnen die Bearbeitung des Falles nehme und sie einem anderen übertrage. Wirklich ein Glück für Sie, daß alle Leute, die sich bisher mit Sheltons Fälschungen befaßt haben, auch nur Mißerfolg hatten.« »Wir können ihn nicht fangen, weil wir seine Person ja gar nicht kennen«, entgegnete Vansitter, »und vor allem, weil er vollkommen allein arbeitet. Nur ein glücklicher Zufall könnte uns helfen. Wenn eine Frau in die Sache verwickelt, wenn er verheiratet wäre oder sonstige Helfershelfer hätte, wäre er nicht fünfzehn Jahre lang unentdeckt geblieben. Ich glaube kaum, daß es jemandem gelingen wird, Shelton zu fassen, wenn er nicht einen groben Schnitzer machen sollte. Höchstens –« Der Inspektor wollte nicht weitersprechen, bevor er nicht von seinem Vorgesetzten dazu ermutigt wurde. Colonel Macfarlane wußte sehr wohl, wen er meinte, sagte aber nichts, da er die Verantwortung nicht allein tragen wollte. »Der Wetter«, sagte Vansitter schließlich. Der Colonel runzelte die Stirne. »Der Wetter!« Er schüttelte mißbilligend den Kopf. »Wetter« Long hatte studiert und war Polizeibeamter, obwohl er sich den Sohn eines Millionärs nennen konnte. Er wandte sich diesem Beruf zu, weil er von Cambridge relegiert wurde. Mit Schimpf und Schande schickte man ihn nach Hause zurück, weil er einen Universitätspedell verprügelt hatte. Sein Vater war sehr böse darüber und sagte seinem Sohn Arnold, daß er in die weite Welt gehen und sich seinen Lebensunterhalt selbst verdienen sollte. Der Wetter tat das auch und erschien einen Monat später wieder im Hause seines Vaters, und zwar in der Uniform eines Polizisten. Und alle Bitten und Drohungen Sir Godleys konnten ihn nicht dazu bewegen, von seinem Entschluß abzulassen. Wegen Arnolds einflußreicher Beziehungen hätten es seine Vorgesetzten gern gesehen, daß er nicht so schnell avancierte. Sie fürchteten den Vorwurf der Bevorzugung. Sicher würden im Parlament Anfragen kommen, wenn man ihn außer der Reihe beförderte. Trotzdem war er aber nach zwei Jahren Sergeant, denn es gelang seinem klugen Vorgehen, einige berüchtigte Verbrecher zu fassen. »Reines Glück«, sagten seine Kollegen und Vorgesetzten von Scotland Yard. Und als er sich weiter auszeichnete, konnte man nicht umhin, ihm die Stelle eines Polizeiinspektors zu geben, weil ihn der Minister des Innern selbst zu dieser Beförderung vorschlug. Den »Wetter« nannten sie ihn, weil er gern herausfordernd sagte: »Wetten, daß?« Aber er war kein Mann nach dem Herzen der Beamten von Scotland Yard, und sie hielten ihn den jüngeren Leuten auch nicht als leuchtendes Beispiel vor. Wetter Long war groß, schlank und hübsch und verfügte über die Kraft eines trainierten, geschulten Körpers. Er zeichnete sich besonders im Laufen aus und hatte als Boxer seit zwei Jahren den Meistertitel für Amateure im Mittelgewicht. Klettern konnte er wie eine Katze, und er besaß auch etwas von der Zähigkeit und dem Instinkt dieses Tieres. Auf seinem langen, schmalen Gesicht lag gewöhnlich ein Lächeln, denn er betrachtete Leben und Welt als einen großen Scherz. »Meinen Sie wirklich, der Wetter wäre dieser Aufgabe gewachsen?« fragte Colonel Macfarlane und biß sich nachdenklich auf die Unterlippe. »Das kann ich eigentlich nicht riskieren. Er stellt sicher irgend etwas Unmögliches an, und wir müssen nachher wieder die Vorwürfe hören ... und doch, man müßte es überlegen...« Er dachte den ganzen Tag darüber nach, und um fünf Uhr abends ließ er Arnold Long in sein Büro kommen. Mit einem vergnügten Grinsen hörte der Wetter, was ihm sein Vorgesetzter zu sagen hatte. »Nein, ich brauche die Akten nicht einzusehen, ich weiß alles auswendig, was über Shelton berichtet worden ist. Geben Sie mir drei Monate Zeit, dann sitzt der Mann hinter Schloß und Riegel.« »Nehmen Sie die Sache nur nicht zu leicht«, warnte Colonel Macfarlane. »Wetten, daß?« 2 An einem schönen Frühlingsmorgen ging Mr. Shelton die Lombard Street entlang, in der ausschließlich große Bankhäuser liegen. Er schwang seinen sorgfältig zusammengerollten Schirm und dachte an die Zeiten, als hier noch Pfandleiher und Geldwechsler ihre Geschäfte hatten. Vor einem Gebäude mit einer blendenden Granitfassade hielt er an und betrachtete die monumentale Architektur, als ob er ein Tourist wäre, der sich zum erstenmal London anschaute. »Was ist das für ein Gebäude?« Der Polizist, den er fragte, stand gerade in der Nähe des Gehsteigs. »Die City \& Southern Bank.« »Donnerwetter«, sagte Shelton bewundernd. »Wirklich stattlich!« Ein Auto hielt vor dem Gebäude. Der Chauffeur sprang heraus und riß den Wagenschlag auf. Zuerst stieg ein schönes junges Mädchen aus, dann eine ältere Dame mit ernstem Gesicht und schließlich ein hübscher junger Mann mit schwarzem Schnurrbart und Monokel. Die drei gingen in die Bank, und der Polizist trat zu dem Chauffeur. »Wie lange haben sie wohl in der Bank zu tun?« »Vielleicht fünf Minuten«, erwiderte der Mann und streckte sich behaglich auf seinem Sitz aus. »Wenn es aber länger dauern sollte, müssen Sie drüben auf der anderen Seite parken...« Der Polizist gab ihm noch einige Anweisungen und kehrte dann wieder zu dem »Touristen« zurück. »Sie sind wohl fremd in London?« »Ja. Ich bin erst vor kurzem aus Südamerika zurückgekommen. Dreiundzwanzig Jahre war ich dort. Liegt nicht auch das Gebäude der Argentinischen Bank hier in der Nähe?« Der Polizist gab ihm Auskunft, aber Mr. Shelton machte keine Anstalten, dorthin zu gehen. »Es ist schwer, zu glauben, daß in dieser Straße Millionen und aber Millionen von Goldreserven im Depot liegen.« »Ich habe sie auch noch nicht zu sehen bekommen«, meinte der Beamte und lächelte ironisch. »Aber zweifellos – « Plötzlich hob er die Hand halb zum Gruß. Eine Autodroschke war vorgefahren, und ein junger Mann war ausgestiegen. Er sah den Polizisten vorwurfsvoll an und betrachtete Mr. Shelton mit einem prüfenden Blick. Dann verschwand er auch in der Bank. »War das ein Polizeibeamter?« Shelton hatte den unterbrochenen Gruß wohl bemerkt. »Nein, ein Herr aus der City, den ich kenne«, entgegnete der Polizist und ging zu dem Chauffeur der Droschke, um auch ihm Instruktionen zu geben. Als Wetter Long in die Bank kam, sah er das hübsche Gesicht des jungen Mädchens am Schalter und blieb einige Augenblicke stehen, bevor er in das Privatbüro des Direktors trat. Der kleine, untersetzte Herr mit dem kahlen Kopf erhob sich sofort bei seinem Eintritt und schüttelte ihm herzlich die Hand. »Entschuldigen Sie mich, bitte, noch ein paar Minuten – ich muß eben eine Kundin begrüßen.« Mit diesen Worten verschwand er aus dem Büro, kam aber nach kurzer Zeit wieder. Er lächelte und rieb sich die Hände. »Das ist eine charaktervolle Frau«, sagte er. »Haben Sie die Dame gesehen?« »Ja, sie ist wirklich ungewöhnlich hübsch.« »Ach, Sie meinen die Sekretärin. Ich spreche aber von der älteren Dame – Miß Revelstoke. Sie ist schon fast dreißig Jahre meine Kundin. Die sollten Sie eigentlich kennenlernen. Der junge Mann, der sie begleitet, ist ihr Rechtsanwalt. Etwas eitel und stutzerhaft, aber er wird sicher Karriere machen.« Durch ein kleines, viereckiges Fenster konnte man von dem Privatbüro aus die lange Reihe der Schalter beobachten. Die ältere Dame zählte gerade ein Bündel Banknoten, das ihr der Kassierer ausgehändigt hatte. Ihre Sekretärin schien sich zu langweilen, denn sie betrachtete die schöngeschnitzte Decke des prachtvollen Raums. Ihr anziehendes Gesicht verriet Lebhaftigkeit und Intelligenz. Den freundlich lächelnden jungen Mann neben Miß Revelstoke beachtete er kaum. Plötzlich sah die junge Dame zu dem Fenster hinüber und begegnete Longs Blick. Eine Sekunde schauten sie einander wie gebannt an, dann wandte sich der Wetter schnell ab. Erst jetzt kam ihm zum Bewußtsein, daß der Bankdirektor dauernd zu ihm gesprochen hatte. »... ich bin ja nicht der Ansicht, daß es Ihnen gelingt, den Mann zu fassen. Dazu ist wahrscheinlich niemand imstande. Der Mensch ist glatt wie ein Aal und wahrscheinlich der Führer einer sehr gerissenen Bande –« »Ich wünschte von Herzen, es wäre so«, entgegnete Long lächelnd. »Aber den Gedanken können Sie aufgeben, Mr. Monkford. Unter Verbrechern und Dieben gibt es keine Ehrlichkeit, höchstens unter den ganz Großen. Dieser Shelton arbeitet ganz auf eigene Faust, und darin besteht seine größte Stärke.« Der Bankdirektor nahm eine dicke Mappe aus seinem Schreibtisch und legte sie auf die Platte. »Hier finden Sie alle Tatsachen, nicht nur von der City \& Southern Bank, sondern auch von allen anderen Banken, die von Shelton betrogen wurden. Alle Originalunterschriften sind in Photographie vorhanden. Aber ich glaube nicht, daß es Ihnen viel helfen wird.« Long brachte eine halbe Stunde damit zu, den Inhalt der Mappe zu prüfen, aber am Ende war er auch nicht klüger als vorher. Als er wieder auf die Straße trat, sah er sich nach links und nach rechts um, als ob er nicht entschlossen wäre, nach welcher Richtung er gehen sollte. Schließlich wandte er sich nach der Grace Church Street. An der Ecke dieser Straße und der Lombard Street sah er einen schlanken, älteren Herrn stehen, der offenbar den lebhaften Verkehr beobachtete. Er schaute ihn an, als er an ihm vorüberging, und die Blicke der beiden trafen sich. Die argwöhnisch forschenden Augen des Fremden verrieten Long sofort, daß der Mann den Detektiv in ihm erkannt hatte. Ein eigentümliches Gefühl überkam den Wetter, ohne daß er sich über die Ursache klar werden konnte. Er überquerte die Straße, ging auf einen Zeitungsjungen zu und kaufte ihm ein Blatt ab. Der Fremde stand immer noch an seinem Platz. Er war elegant gekleidet und sah wie ein Oberst in Zivil aus. Absichtlich gab der Wetter dem Zeitungsjungen einen Schilling, um den Mann noch während des Wechselns beobachten zu können. Es mußte irgendein Schwindler aus der City sein, einer der vielen, die hier ihre dunklen Geschäfte trieben. Der mißtrauische Blick hatte Long genug verraten. Es schoß ihm der Gedanke durch den Kopf, umzukehren und den Fremden unter irgendeinem Vorwand anzusprechen. Aber er gehörte zu Scotland Yard und befand sich in der City. Und die City hatte ihre eigenen Detektive, die eifersüchtig darüber wachten, daß nicht andere Beamte in ihre Rechte eingriffen. Während er sich noch überlegte, was er tun sollte, rief der Mann ein Auto an, das die Straße herunterkam, und fuhr davon. Kaum war er außer Sicht, als der Wetter einem plötzlichen Impuls folgte und sich ebenfalls einen Wagen nahm. »Fahren Sie die Lombard Street entlang«, sagte er schnell, »und sehen Sie zu, daß Sie den gelben Wagen einholen.« Bald darauf sah er das Auto wieder. Er hielt die Zeitung schützend vor das Gesicht und beobachtete über den Rand des Blattes hinweg, daß der Fremde durch das hintere Fenster nach rückwärts schaute. Als Colonel Macfarlane an diesem Abend das Büro verlassen wollte, hielt ihn Inspektor Long freudestrahlend an. »Sie können mir gratulieren – ich habe Shelton ausfindig gemacht!« »Das ist doch nicht möglich!« »Wetten, daß?« entgegnete Mr. Long prompt. 3 Eine Woche später lenkte Shelton seinen Wagen dicht vor Colchester auf einen Seitenweg und brachte ihn zum Stehen. Aus einer Schublade unter dem Sitz nahm er einen Koffer heraus, der einen Anzug, Schere, Rasiermesser und Creme enthielt, und kurze Zeit darauf hatte er sich vollkommen verwandelt. Er sah jetzt aus wie ein ehrbarer älterer Herr. Nachdem er einen Blick nach rechts und links geworfen hatte, ging er zur nächsten Haltestelle der Straßenbahn und fuhr von dort zum Zentrum der Stadt. Es schlug zehn Uhr, als er den großen Kassenraum der Eastern Counties Bank betrat. Er legte ein Bankbuch und ein ausgefülltes Formular auf den Schaltertisch. Der Beamte prüfte beides sorgfältig und ging dann damit in das Büro des Direktors. Als er zurückkam, lächelte er respektvoll, als ob er sich für seine schlimmen Befürchtungen entschuldigen müßte. »Siebentausendsechshundert«, sagte er liebenswürdig. »Wie wollen Sie das Geld haben, Colonel Weatherby?« »In Hundertpfundnoten.« Gleich darauf zählte der Kassierer ein Paket Banknoten mit außerordentlicher Geschwindigkeit ab und notierte dann die Nummern der Scheine in sein Buch... »Danke schön.« Shelton wandte sich ab und steckte das Päckchen in seine Brusttasche. Außer ihm befanden sich noch zwei andere Herren im Kassenraum, und ein dritter kam gerade durch die Drehtür herein. Der eine sah etwas müde aus und lehnte sich an den Schalter. Shelton würdigte ihn keines Blickes, wohl aber schaute er sich den anderen genau an, der vor dem Ausgang stand und ihn anlächelte. »Guten Morgen, Shelton.« Der Wetter Long! Höchste Gefahr! Shelton blieb stehen und schob trotzig das Kinn vor. »Wollen Sie mit mir sprechen? Ich heiße allerdings nicht Shelton.« Arnold Long nahm den Hut ab und fuhr mit der Hand durch sein dichtes, schwarzes Haar. »Ja, ich wollte mit Ihnen sprechen.« Im nächsten Augenblick sprang Shelton auf ihn zu. Eine Sekunde später wälzten sich drei Männer auf dem Boden. Shelton gelang es, wieder auf die Füße zu kommen. Der Polizist war eifrig bei dem Handgemenge, stand aber dem Wetter immer im Wege. Plötzlich mischte sich auch noch der müde Herr ein, der vorher am Schalter gelehnt hatte. »Hier! Verdammt...« Ein betäubender Knall ertönte, und der Polizist stürzte blutend auf die Marmorfliesen nieder. »Geben Sie die Pistole her, oder ich schieße sofort!« Shelton wandte den Kopf. Der Bankbeamte mit der Brille hatte mit einem schweren Armeerevolver auf ihn angelegt. Der Mann hatte den Krieg auch mitgemacht, in dem selbst Bankbeamte mit Brillen lernten, kaltblütig andere Menschen über den Haufen zu schießen. Long legte Shelton Handschellen an. Zwei Polizisten in Uniform kamen in den Schalterraum, während der Bankbeamte bereits an das Hospital telephonierte. »Ich verhafte Sie wegen Betrugs«, sagte Arnold und schaute dann ernst auf den Toten, der in einer großen Blutlache lag. »Ich dachte, Sie trügen niemals eine Pistole bei sich?« Shelton erwiderte nichts, und der Wetter wandte sich an den fremden Herrn, der sich am Handgemenge beteiligt hatte. »Ich danke Ihnen ... ich bin Ihnen wirklich sehr verpflichtet.« Plötzlich leuchteten seine Augen auf. »Ach, Sie sind ja Mr. Crayley.« Der Mann sah totenbleich aus. »Beinahe hätte er mich selbst getroffen«, sagte er heiser. »Nun, ich habe mein Bestes getan. Sagen Sie es nur, wenn ich Ihnen noch irgendwie behilflich sein kann. Ist er tot?« »Ja.« Der Wetter starrte düster auf den Polizisten. »Ich wünschte, das hätten Sie nicht getan, Shelton. Aber diesen Mord können wir wenigstens leichter beweisen als die anderen, die Sie begangen haben. Wir wollen ihn schnell zur Polizeistation bringen, bevor ein zu großer Auflauf entsteht. Zeigen Sie mir, bitte, den Nebenausgang«, wandte er sich an den Bankbeamten. 4 Am vierzehnten Juni verließ Inspektor Long mit seinem Wagen um fünf Uhr morgens die Hauptstadt. Die Sonne schien strahlend, und alle Dörfer, durch die er kam, sahen schmuck und freundlich aus. Er hatte gerade eine kleine Ortschaft verlassen und kam wieder auf die Landstraße, die durch grüne Felder führte, als er einen Mann passierte, der am Rand des Weges saß. Im Augenblick erkannte er ihn, bremste und fuhr zu der Stelle zurück. Ulanen-Harry sah ihn ruhig an und rauchte seine Zigarette weiter. »Auf der Walze?« fragte der Wetter liebenswürdig. »Ich habe Arbeit, wenn Sie es wissen wollen – und zwar eine recht lohnende!« Ulanen-Harry warf ihm einen merkwürdigen Blick zu. »Wohin gehen Sie denn, Sie Bluthund?« Arnold lächelte, obwohl er niemals geglaubt hätte, daß er an diesem Morgen lächeln könnte. »Ich bin wieder dabei, Diebe zu fangen«, erwiderte er und schaute über die Felder. Das einzige Gebäude, das man in der Nähe sehen konnte, war eine große, schwarze Scheune. »Sie haben die Nacht nicht im Freien geschlafen, und Sie sind auch noch nicht weit gegangen. Ihre Schuhe sind nicht staubig. Was haben Sie denn wieder vor, Harry?« Der Mann antwortete nicht. Arnold Long zeigte in die Richtung nach Chelmsford, lachte vor sich hin und fuhr weiter. Vor den großen, düsteren Toren des Gefängnisses von Chelmsford hielt er schließlich an, als es gerade sieben schlug. Er klingelte und wurde von dem Portier eingelassen. Ein Wärter brachte ihn dann zu dem Direktor der Anstalt, der allein in seinem kleinen Büro saß. »Hoffentlich ist Ihnen die Sache nicht zu unangenehm. Mir sind solche Sachen immer sehr zuwider.« Arnold nickte. »Ich habe schon den ganzen Weg fest daran gedacht, daß er doch seine Absicht ändern sollte, damit ich ihn nicht mehr zu sehen brauchte.« Der Direktor schüttelte den Kopf. »Das wird nicht der Fall sein. Seine letzte Frage gestern abend war noch, ob Sie kommen würden.« Er erhob sich und führte Long zu Sheltons Zelle. Mit schwerem Herzen betrat der Wetter den engen Raum. Der zum Tode verurteilte Mann saß auf seinem Bett und hatte die Hände in die Hosentaschen gesteckt. Sein Gesicht war mit grauen Bartstoppeln bedeckt, und Arnold erkannte ihn kaum wieder. »Nehmen Sie Platz.« Aber Inspektor Long blieb stehen. »Ich wollte Sie noch sprechen – vor meinem Tode.« Shelton nahm die Zigarette aus dem Mund, blies einige Rauchringe zur Decke empor und beobachtete sie, bis sie sich in Nichts auflösten. »Ich habe vier Menschen umgebracht, und ich bereue es nicht«, sagte er nachdenklich. Dann lächelte er den Wetter plötzlich an, der düster auf ihn niederblickte. »Sie glauben, daß es jetzt mit mir zu Ende geht, aber Sie irren sich schwer! Sie werden mich hängen, und sie werden mich begraben, aber trotzdem lebe ich weiter, und ich fasse Sie, Wetter Long, verlassen Sie sich darauf! Ich zahle es allen Leuten heim, die an meinem Tode schuld sind.« Als er Longs Gesichtsausdruck sah, lächelte er noch rätselhafter. »Sie glauben, daß ich nicht mehr bei Verstand bin, aber es gibt viel Dinge in dieser Welt, von denen Ihre Schulweisheit sich nichts träumen läßt, mein Freund. Die Galgenhand ist kein leerer Wahn – sie existiert!« Er runzelte die Stirne einen Augenblick und schaute auf den Steinfußboden, dann lachte er laut auf. »So, das wäre alles, was ich Ihnen sagen wollte. Denken Sie daran, Mr. Long, die Galgenhand wächst aus dem Grab hervor und packt Sie früher oder später an der Gurgel!« Long antwortete nichts darauf und ging mit dem Direktor zurück. »Was halten Sie davon?« fragte der Beamte und wischte sich den Schweiß von der Stirne. Er sah bleich und verstört aus. »Die Galgenhand – entsetzlicher Gedanke!« »Fürchten Sie sich nicht, mich faßt sie nicht.« Arnold nickte langsam. »Wetten, daß?« Er blieb nicht bis zum Ende da. Dicht vor Chelmsford liegt ein kleines Dorf mit einer sehr alten Kirche. Die Uhr schlug gerade acht. Long hielt den Wagen an und nahm den Hut ab. »Hoffentlich findet der arme Mensch den Frieden«, sagte er vor sich hin, denn in diesem Augenblick endete Clay Sheltons irdische Laufbahn. In der nächsten Sekunde schlug etwas gegen die Windscheibe des Autos, und sie zersplitterte. Ping! Die zweite Kugel pfiff an seinem Kopf vorüber, und die dritte schwirrte dicht an seiner linken Backe vorbei. Er sprang aus dem Wagen und sah sich in der friedlichen Gegend um. Niemand war zu entdecken, auch keine Hecken, wo sich ein Mann verstecken konnte, nur dort hinten – Über einem kleinen Gebüsch schwebte eine blasse Rauchwolke in der Luft. Im Laufschritt eilte er über die Wiese, die ihn davon trennte. Während er lief, vernahm er einen vierten Schuß und warf sich flach auf den Boden. Er hörte das Geschoß nicht einschlagen, erhob sich wieder und lief im Zickzack auf sein Ziel los. Plötzlich packte ihn ein Grausen. Aus dem Grase streckte sich ihm eine weiße Hand entgegen, deren Finger im Krampf erstarrt waren, und die ins Nichts zu greifen schienen. Im nächsten Augenblick hatte er die Stelle erreicht. Ein Mann lag dort auf dem Rücken, und seine Hand zeigte zum blauen Himmel empor. Die andere umkrallte ein Militärgewehr. 5 Arnold schaute entsetzt in das Gesicht des toten Ulanen-Harry und wollte seinen Augen nicht trauen. Eine kurze Untersuchung ergab, daß der Mann aus nächster Nähe von hinten erschossen worden war. Der Lauf des Gewehrs war noch heiß. Als Long die Kammer aufriß, sah er noch einige Patronen im Magazin. Ein paar Schritte davon entfernt befand sich die Hecke, und dahinter entdeckte er einen Abhang, der steil zur Straße abfiel. Kein Lebewesen war dort zu sehen, aber auf der Straße unten zeigten sich Räderspuren. Er kletterte wieder die Anhöhe hinauf und neigte sich gerade über den Toten, als er das Rattern eines Motorrades hörte. Er schaute sich rasch um und sah die Lederkappe des Fahrers. Der Mann fuhr auf die Chaussee, wo der Detektiv seinen Wagen hatte stehen lassen. Long gab ihm ein Signal, zu halten. Der Fremde beachtete es jedoch nicht, obwohl er es gesehen haben mußte. Nur einen Augenblick schien er das Tempo zu verlangsamen, als er das Auto passierte, und kurz darauf verschwand er hinter den großen Erlen bei einer Straßenbiegung. Der Inspektor sah sich nach Hilfe um. Die Schüsse mußten gehört worden sein. In einiger Entfernung entdeckte er eine schwarze Scheune, die ihm sonderbar bekannt vorkam, und er erinnerte sich daran, daß er am frühen Morgen Harry dort gesehen hatte. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als in das nächste Dorf zu fahren und Hilfe zu holen. Halbwegs war er schon zu seinem Wagen gekommen, als plötzlich eine große Flammengarbe daraus emporschoß. Er hörte eine laute Explosion und sah viele Metall- und Holzteile durch die Luft wirbeln. Long stand einen Augenblick starr vor Schrecken, dann eilte er zu der Unglücksstelle. Das Auto bestand nur noch aus einer Masse von Blech und rauchenden Trümmern. Kurz darauf kam ein Polizist auf einem Rad die Straße entlang, der die Explosion auch gehört hatte. »Was ist denn mit Ihrem Wagen passiert? Ist er in die Luft geflogen?« fragte er atemlos. »Er ist durch eine Bombe gesprengt worden«, erwiderte der Wetter grimmig. »Eine Bombe?« wiederholte der Mann verblüfft. Der Wetter kümmerte sich nicht weiter um das zertrümmerte Auto. Mit wenigen Worten klärte er den Polizisten auf und führte ihn zu der Stelle, wo der Tote im Grase lag. »Auf der Straße unten sind Wagenspuren«, sagte er. »Aber wenn wir kein Flugzeug haben, zweifle ich stark daran, daß wir die Täter fassen können.« Um fünf Uhr abends kam er nach Scotland Yard und berichtete Colonel Macfarlane, der ihm mit düsterem Gesichtsausdruck zuhörte. »Die ganze Sache ist einfach unerklärlich, ich möchte fast sagen, unmöglich. Shelton ist doch um acht Uhr gehängt worden, und es besteht nicht der geringste Zweifel, daß er tot ist. Hatten Sie denn nicht die Möglichkeit, den Motorfahrer oder das Auto zu verfolgen?« »Nein. Lassen Sie mir ein bis zwei Wochen Zeit. Wir haben es hier mit der Bande des Schreckens zu tun!« Macfarlane runzelte die Stirne. »Ich verstehe Sie nicht ganz. Shelton arbeitete doch vollkommen auf eigene Faust. Er hatte keine Bande, die ihm half, und auch keine Freunde. Soweit wir es beurteilen können, gibt es keinen Menschen auf der Welt, der sich darum kümmert, ob er lebendig oder tot ist.« Der Wetter biß sich auf die Lippe. »Das stimmt alles, und dennoch glaube ich nicht an die Galgenhand. Es gibt einen harten Kampf, denn die Bande des Schreckens wird uns keine Ruhe lassen. Den Ulanen-Harry haben sie in ihre Dienste genommen, denn sie wußten, daß er ein guter Schütze war. Er sollte mich auf meinem Rückweg von Chelmsford erledigen. Und es war ja leicht, ihn dazu zu überreden, denn er haßte mich im Grund seiner Seele. Als sie aber sahen, daß er sein Ziel verfehlte, haben sie ihn rücksichtslos über den Haufen geschossen. Und hätte er mich tatsächlich getroffen, dann hätten sie ihn erst recht kalt gemacht. Er unterschrieb sein Todesurteil in dem Augenblick, in dem er den Auftrag annahm.« * In den nächsten Monaten fand Long neues Interesse am Leben und war eifrig an der Arbeit. Das Bewußtsein, ständig in Gefahr zu schweben, verlieh ihm neue Spannkraft und Energie. Er war davon überzeugt, daß hinter Shelton eine Bande stand, die schrecklicher war als jede bisher bekannte Verbrecherorganisation, und es reizte ihn, seine Kraft und Klugheit mit dem Können dieser Leute zu messen. Er hatte Ulanen-Harrys Spur bis zu dem Augenblick zurückverfolgen lassen, in dem der Mann das Gefängnis in Dartmoor verlassen hatte, und er hatte alle Leute verhört, mit denen der Sträfling in Berührung gekommen war. Aber niemand konnte ihm auch nur die leiseste Angabe machen, die zur Entdeckung seiner Auftraggeber geführt hätte. Das nächste Jahr brachte eine Katastrophe nach der anderen, denn die Bande des Schreckens plante Mord auf Mord und führte ihre Untaten auch aus. 6 Obwohl Miß Revelstoke schon in vorgeschrittenem Alter stand, gehörte sie nicht zu den schrullenhaften Frauen, die sich langhaarige, teure Schoßhunde hielten oder andere Extravaganzen liebten. Sie war groß und stattlich und kleidete sich modern. In ihrem etwas blassen Gesicht glühten ein Paar dunkle, tiefe Augen, die ihren Zügen einen eigentümlichen Reiz verliehen. Ihr Haus in Colville Gardens war in jeder Beziehung neuzeitlich und geschmackvoll ausgestattet, und Nora Sanders, die Sekretärin, fühlte sich in ihrem künstlerisch eingerichteten Zimmer sehr wohl. An einem schönen Sommertag saß Miß Revelstoke an ihrem Schreibtisch und schrieb eine Adresse auf ein längliches Paket. »Sie werden in Mr. Monkford einen sehr interessanten Herrn kennenlernen«, sagte sie dabei zu Miß Sanders. »Er ist sehr humorvoll wie die meisten etwas untersetzten Leute. Ist das Paket auch zu schwer für Sie?« Nora wog es in der Hand. Es war leichter, als sie erwartet hatte. »Wahrscheinlich lädt er Sie zum Tee ein. Ich speise heute abend erst um neun, eine halbe Stunde später als sonst. Mr. Henry kommt zum Essen, und er würde untröstlich sein, wenn er Sie nicht anträfe.« Nora lachte. Miß Revelstoke hatte schon mehr als einmal angedeutet, daß der hübsche Rechtsanwalt nur ihrer Sekretärin wegen so häufig ins Haus kam. »Sagen Sie Mr. Monkford, daß er mir nicht mehr zu schreiben braucht. Er kann die Statuette ruhig behalten. Wir sehen uns ja nächste Woche in Little Heartsease.« Nora fuhr nach Marlow und freute sich, daß sie einmal wieder ins Freie kam. Harry, der Bootsmann von Meakes, richtete sich auf, wischte die schweißbedeckte Stirn mit dem nackten, braunen Arm ab und sah die junge Dame, die vor ihm stand, respektvoll und wohlwollend an. »Sie wollen zu Mr. Monkford?« Er schützte die Augen mit der Hand gegen die Sonnenstrahlen und zeigte den Fluß hinauf, der an dieser Stelle eine scharfe Biegung nach der Temple-Schleuse zu machte. »Von hier aus können Sie das Haus nicht sehen«, sagte er. »Es ist ein altes Gebäude. Aber wenn Sie den Fußweg entlanggehen, stoßen Sie darauf.« Er sah sie ungewiß von der Seite an. Noch zwölf Boote hatte er sauber zu machen, und für eine Gesellschaft, die jeden Augenblick eintreffen konnte, mußte er einen Vierruderer in Ordnung bringen. Aber das Mädchen war hübsch, schlank und biegsam. Um ihre roten Lippen und in ihren grauen Augen spielte ein verführerisches Lächeln. »Es ist ein ziemlich langer Weg. Sie müssen über die Brücke, die zweite Straße rechts gehen und dann an der Ecke abbiegen, wo das Denkmal steht – ich glaube, ich rudere Sie lieber hin, Miß.« »Sie sind sehr liebenswürdig.« Der Mann brachte das Boot an den Steg, und sie stieg ein. Er war sehr gesprächig, während er stromauf ruderte. »... Hier in dem Loch, über das wir jetzt fahren, lebt die größte Forelle der ganzen Gegend. Manche Leute sagen, daß sie schon dreißig Jahre alt ist. Viele haben versucht, sie zu fangen; aber es ist noch keinem gelungen.« Sie zeigte höfliches Interesse, um den Alten nicht zu verletzen. »Sehen Sie, dort liegt Sheltons Boot.« Er deutete mit dem Kopf auf ein ziemlich verwahrlost aussehendes Motorboot, das am Ufer vor einem leerstehenden Hause vertäut war. Es zeigte schnittige Form und mußte früher einmal blendend weiß gewesen sein. Aber jetzt machte es einen unansehnlichen, vernachlässigten Eindruck. Sie dachte einen Augenblick darüber nach, wer Shelton wohl sein mochte, aber der Bootsmann gab ihr sofort Auskunft. »Shelton ist gehängt worden, weil er einen Polizisten erschossen hat. Er war der größte Urkundenfälscher, der jemals existierte – wenigstens sagen die Zeitungen so.« Sie sah ihn erstaunt an, dann wanderten ihre Blicke wieder zu dem Boot am Ufer. »Was, er ist gehängt worden?« »Ja. In dem Haus dort hat er gewohnt, und mit dem Motorboot hat er seine Reisen gemacht. Nach seinem Tod hat man das Haus und das Boot verkauft. Aber sehen Sie, dort an der Ecke wohnt Mr. Monkford. Der hat Shelton an den Galgen gebracht«, erklärte Harry feierlich. »Er und Mr. Long, der berühmte Detektiv. Der ist gerade zu Besuch bei ihm. Ich habe gesehen, wie er heute nachmittag in einem Boot hinruderte.« Sie wußte wohl, daß Joseph Monkford eine prominente Persönlichkeit in Bankkreisen war. Miß Revelstoke, die ihn schon lange kannte, hatte ihr das ausführlich erzählt. Er hatte sich durch eigene Tüchtigkeit emporgearbeitet, war jetzt der leitende Direktor der Southern \& City Bank und als solcher Vorsitzender der Bankiervereinigung. »Ja, er und der Wetter Long haben Shelton gehängt. Aber Sie haben doch sicher davon gehört. Die Geschichte hat doch erst vor einem Jahr gespielt.« Nora schüttelte den Kopf. Sie las niemals die Mordberichte in den Zeitungen. Das Haus kam jetzt in Sicht. Es stand zwischen hohen Pappeln, und eine große, grüne Rasenfläche breitete sich von der Terrasse bis zum Ufer aus. Harry legte am Landungssteg an. Sie stieg mit ihrem kleinen Paket aus dem Boot und griff nach ihrer Handtasche, um dem Mann ein Geldstück zu geben. »Nein, danke schön, Miß.« Mit einem kräftigen Ruderschlag stieß er das Boot wieder vom Ufer ab und winkte ihr einen fröhlichen Abschiedsgruß zu. »Mr. Monkford fährt Sie später sicher im Auto zur Station«, rief er ihr noch zu. Sie lächelte ihn dankbar an und ging dann über den gutgepflegten Rasen zur Terrasse. 7 »Mr. Monkford hat gerade Besuch«, sagte der Diener, der sie einließ und ihr das kleine Paket abnahm. Aber schon nach wenigen Sekunden erschien der Hausherr in dem kleinen Salon, in dem sie wartete. »Kommen Sie herein, Miß Sanders. Hat Ihnen Miß Revelstoke die Statuette für mich mitgegeben? Das ist ja glänzend!« Miß Revelstoke und Mr. Monkford sammelten klassische Altertümer. Die alte Dame hatte die Plastik, die Nora brachte, von einem Antiquitätenhändler erworben, wollte sie aber Monkford überlassen, weil die Darstellung sie abstieß. »Kommen Sie doch, bitte, hier herein. Das Paket muß aber ziemlich schwer gewesen sein«, meinte er. »Wenn ich genau gewußt hätte, wann Sie ankamen, hätte ich meinen Wagen zur Bahn geschickt... Darf ich Ihnen einen meiner Freunde vorstellen?« Sie war ihm in die große Bibliothek gefolgt, von wo aus man den Strom übersehen konnte. Am Fenster stand ein Herr und schaute mit düsteren Blicken über den Rasen nach dem Wasser hin. Er kam ihr bekannt vor, und als sich ihre Blicke trafen, erkannten sie sich gegenseitig. »Mr. Long – Miß Sanders.« Sie hatte den Namen doch schon gehört! Plötzlich erinnerte sie sich wieder an die Geschichte, die ihr der Bootsmann von Shelton erzählt hatte. Das war also der Wetter Long, der berühmte Detektiv! Er sah Nora interessiert an. Sie fühlte, wie seine Blicke sie durchdrangen, aber es war ihr sonderbarerweise nicht unangenehm. Seine Augen besaßen geradezu hypnotische Gewalt und Stärke. Unwillkürlich hatte sie den Eindruck, daß er über ungewöhnliche Kraft und Energie verfügen mußte. Monkford ging zum Kamin und drückte die Klingel. »Wir wollen erst Tee zusammen trinken. Das andere hat Zeit bis später.« Er packte das Paket aus und schälte einen kleinen Holzkasten aus dem grauen Papier. Ein Gegenstand lag darin, der von einer Tuchhülle umgeben war. »Ein wundervolles Stück«, sagte er, als er die Figur in der Hand hielt. Auch der Wetter kam langsam vom Fenster zum Tisch und betrachtete sie interessiert. Es handelte sich um eine nackte Frauengestalt, die aus Ebenholz geschnitzt war. Sie stand mit erhobenem Kinn und blickte trotzig drein. »Wirklich ein ausgefallen schönes Stück«, wiederholte Monkford. »Sagen Sie Miß Revelstoke, daß ich sehr stolz auf den Besitz dieser Statuette bin.« Noras Gedanken waren abgeschweift, und sie stellte plötzlich eine unüberlegte Frage. »Wer war eigentlich Shelton?« Ein peinliches Schweigen folgte, und ihr Herz schlug unwillkürlich schneller, als sie sah, daß sich Mr. Monkford verfärbte. »Ach, es tut mir leid – ich hätte nicht so dumm fragen sollen«, sagte sie verlegen. Der Bankdirektor sah verstört aus, obwohl er eben noch vergnügt und heiter gewesen war. Aber um Longs Lippen spielte ein fast unmerkliches Lächeln. »Shelton war ein bekannter Urkundenfälscher, der einen Polizisten erschossen hat«, erklärte er einfach. »Ich habe ihn verhaftet, und bei der Gelegenheit tötete er den Beamten, der mich begleitete. Deshalb kam er an den Galgen. Niemand vermutete, daß er eine Schießwaffe bei sich hätte. Er muß tatsächlich von Sinnen gewesen sein. Wir wollten ihn doch nur wegen Betrugs und Urkundenfälschung verhaften. Ich muß allerdings sagen, daß er mehr Geld aus amerikanischen und englischen Banken gezogen hat als irgend jemand sonst. Wir konnten ihn vorher niemals fassen.« Er warf einen schnellen Blick auf den Bankdirektor. »Mr. Monkford und ich haben ihm eine Falle gestellt, und auf diese Weise gelang seine Verhaftung. Die Schießerei war allerdings eine Überraschung für alle Beteiligten. Ich allein bin verantwortlich dafür, daß er an den Galgen kam. Ich hätte ihn nur schon niederknallen sollen, bevor er Gelegenheit hatte, selbst zu feuern.« Rein gefühlsmäßig erkannte Nora, daß er diese Geschichte nur erzählte, um Monkford zu beruhigen und von der Verantwortung zu entlasten. Sie verstand allerdings nicht, warum er das tat. Shelton hatte seine Strafe doch nur zu Recht erhalten, und Monkford brauchte sich keine Vorwürfe darüber zu machen, bei der Verhaftung eines Verbrechers und Mörders mitgewirkt zu haben. Longs nächste Worte brachten ihr eine gewisse Erklärung. »Der arme Mr. Monkford hat sich über die Sache halb tot gegrämt. Er hat sich nämlich in den Kopf gesetzt...« »Ach ... wir wollen lieber über etwas anderes sprechen. Hier ist der Tee«, sagte der Bankier mit heiserer, unsicherer Stimme. Er konnte seine Erregung nicht verbergen. Sein Gesicht sah aschfahl aus, und seine Hände zitterten, als er die Figur wieder aufnahm und betrachtete. Während des Tees kam kaum ein Gespräch in Gang, und später trat Nora auf den Rasen hinaus. Sie hatte noch zwei Stunden Zeit, bevor der Zug zur Stadt zurückfuhr, und sie glaubte, daß die beiden Herren allein miteinander sprechen wollten. Aber darin täuschte sie sich. Sie war gerade am Ufer angelangt, als sie eine Stimme hinter sich hörte. Sie wandte sich um und sah Arnold Long vor sich. »Mr. Monkford ist in sein Zimmer gegangen, um sich etwas auszuruhen«, sagte er. »Und ich bin daran schuld«, erwiderte sie mit aufrichtigem Bedauern. »Ich weiß gar nicht, wie ich dazu kam, diese verhängnisvolle Sache zu erwähnen. Morde sind mir etwas Verhaßtes, und ich spreche sonst nie darüber. Auch in den Zeitungen lese ich nie die Berichte über Verbrechen.« Sie war begierig, mehr über ihn und seinen Beruf zu erfahren. »Sie sehen wirklich nicht wie ein Detektiv aus!« Der Wetter seufzte. »Es ist mir auch schon zum Bewußtsein gekommen, daß ich ein sehr schlechter Detektiv bin. Damals, als ich Sie zum erstenmal sah, war ich allerdings noch sehr von meiner Tüchtigkeit überzeugt. Aber bis dahin hatte ich eben fabelhaftes Glück gehabt. Das war alles.« »Wann haben Sie mich denn schon gesehen?« »In der Southern Bank. Sie besinnen sich doch auch noch darauf – wetten, daß?« Sie war wütend über ihn, aber nur einen kurzen Augenblick. »Es ist erst ein Jahr her«, fuhr er fort. »Damals war ich noch ein froher junger Mann, aber jetzt fühle ich mich, als ob ich hundert Jahre alt wäre.« »Wieso denn?« fragte sie freundlich. »Weil ich schwere Sorgen habe. Nächste Woche werden sie Monkford ermorden, und ich weiß nicht, wie ich es verhindern könnte.« 8 Sie sah ihn erschrocken und ungläubig an. »Das ist doch nicht Ihr Ernst?« Er nickte düster. »Ich sage es Ihnen, weil ich fühle, daß ich Ihnen vertrauen kann. Ich kenne Sie, und Sie kennen mich. Es war eine Verständigung auf den ersten Blick. Ich wußte sofort über Ihren Charakter Bescheid, als ich Sie damals in der Southern Bank sah. Aber wir wollen jetzt nicht mehr über diese unangenehmen Sachen sprechen. Darf ich Sie ein wenig auf den Fluß hinausrudern? Vergessen Sie alles, was ich Ihnen von Mr. Monkford gesagt habe. Er ist ja noch am Leben.« Schweigend ging sie mit ihm zum Landungssteg und stieg in das kleine Boot ein. Sie freute sich über seinen Vorschlag, denn trotz ihrer kurzen Bekanntschaft war ihr seine Gesellschaft sehr angenehm. Er übte einen starken Einfluß auf sie aus, dem sie sich nicht verschloß. In seiner Gegenwart fühlte sie sich sicher, und sie wußte instinktiv, daß man sich auf ihn verlassen und ihm vertrauen durfte. Sonst war sie im Umgang mit Männern und Frauen sehr vorsichtig, und sie wunderte sich über sich selbst, daß die Persönlichkeit eines ihr fast fremden Mannes sie so stark faszinieren konnte. »Wie alt sind Sie?« fragte er plötzlich, während er auf den Strom hinausruderte. »Beinahe dreiundzwanzig – schon sehr alt.« »Sie sehen aber durchaus nicht alt aus. Ich hielt Sie für höchstens zwanzig. Sind Sie böse, wenn ich Ihnen sage, daß Sie sehr schön sind?« Sie lachte. »Nein, darüber freue ich mich nur«, gestand sie offen. Das Boot glitt leicht den Strom hinunter. »Sie haben die schönsten Augen, die ich jemals an einer Frau gesehen habe«, sagte er nach einer Weile. Sie erhob warnend den Finger. »Mr. Long, ich glaube, Sie wollen mit mir flirten!« »Nein, ich konstatiere nur Tatsachen. Sind Sie eigentlich verlobt?« »Nein.« Er holte tief Atem. »Sonderbar.« Plötzlich zog er die Ruder ein und hielt sich an einem Zweig am Ufer fest. Als sie aufschaute, sah sie zu ihrem Erstaunen, daß sie sich dicht neben Sheltons Motorboot befanden. »Ich möchte Ihnen etwas zeigen«, sagte er und sprang an Bord. Dann beugte er sich nieder, reichte ihr die Hand und half ihr, hinaufzusteigen. Als sie das Boot jetzt nahe vor sich sah, bemerkte sie den Verfall deutlicher. Der Wetter öffnete die Tür zu der kleinen Kabine. »Kommen Sie einmal hierher.« Sie folgte ihm. Es herrschte vollkommene Dunkelheit in dem Raum, da alle Läden geschlossen waren, und er steckte ein Streichholz an. »Sehen Sie, das klingt fast wie eine Prophezeiung.« In eine Täfelung war eine Anzahl von Daten eingeschnitten. 1. Juni 1854 J. X. T. L. 6. September 1862. 9. Februar 1886. 11. März 1892. 4. September 1896. 12. September 1898. 30. August 1901. 14. Juni 1923. 1. August 1924. In der vorletzten Zeile war hinter dem Datum ein kleines Kreuz eingeritzt. Nora betrachtete die Zahlen erstaunt. »Hat Mr. Shelton die Daten eingeschnitten? Was bedeuten sie denn?« »Sie verraten allerhand«, erwiderte er vorsichtig. »14. Juni 1923 – das ist leicht erklärt. An diesem Tage wurde er gehängt!« Sie schrak zurück. Das lange Wachsstreichholz ging aus, und einen Augenblick standen beide im Dunkeln. Plötzlich überkam Nora eine ungewöhnliche Furcht, und sie eilte an ihm vorbei ans offene Deck, in das Sonnenlicht. Er folgte ihr sofort und schloß die Tür der Kabine. Aus seinem Benehmen folgerte sie, daß er der augenblickliche Besitzer des Bootes war. »Diese eingeschnittenen Daten habe ich im vorigen Jahr entdeckt, als ich das Boot kaufte und es näher untersuchte. Es war zuerst ein anderes Brett darüber geschraubt.« »Aber er konnte doch nicht den Tag seines Todes vorauswissen?« »Nein. Dieses Datum ist von der Bande des Schreckens eingeritzt worden.« Nora sah ihn groß an. Scherzte er? »Davon habe ich noch nie etwas gehört«, sagte sie schließlich. »Wir wollen wieder in unser Boot steigen«, erwiderte er nur. 9 Mit großen, kräftigen Ruderschlägen trieb er das Fahrzeug stromaufwärts, und das Ufer mit seinen Wiesen und malerischen Baumgruppen glitt an ihnen vorüber. »Es gehört schon sehr viel Umsicht und Energie dazu, ein Doppelleben zu führen«, meinte er nachdenklich. »Aber Shelton ist in mindestens sechs verschiedenen Masken aufgetaucht.« »War er eigentlich verheiratet?« fragte sie interessiert. »Das haben wir nie genau feststellen können, aber wahrscheinlich hatte er keine Familie.« Plötzlich fiel ihr ein, daß unter Sheltons Todestag noch ein weiteres Datum eingeschnitten war, und zwar der 1. August 1924. Und heute hatten sie erst den 23. Juli! »Was soll denn am 1. August geschehen?« »Darum handelt es sich ja gerade«, entgegnete er bedrückt. »Außer mir weiß niemand etwas Genaues über die Bande des Schreckens, und ich weiß auch nur sehr wenig. Ab und zu ahnt man ihre Tätigkeit, sieht ihre Verbrechen. Der alte Shelton hat die Banken um eine Million Pfund betrogen, aber seine verschiedenen Existenzen haben viel Geld gekostet und schließlich wieder alles verschlungen. Auch möglich, daß er Geld bei den Rennen verloren hat. Die meisten Verbrecher haben ja irgendeine kostspielige Passion. Die Leute, die er zur Ausführung seiner Pläne brauchte, haben auch viel gekostet. Aber immerhin, eine Million Pfund ist eine große Summe. Die Bande des Schreckens stand immer hinter ihm. Mr. Monkford hatte einen Bruder, der seine Ferien an der Adria verbrachte. Eine Woche nach Sheltons Tod ertrank dieser Mann. Man fand ihn eines Morgens tot in seinem Badeanzug am Ufer auf. Mr. Monkford glaubte an einen Unglücksfall, und in gewisser Weise war es das auch, denn sie hatten den falschen Monkford gefaßt.« »War es denn wirklich ein Mord?« fragte sie mit stockender Stimme. Der Wetter nickte. »Sie fahren wohl mit dem Sechsuhrfünfzigzug nach London zurück?« sagte er dann plötzlich. »Den benütze ich auch. Aber ich muß Ihnen von vornherein sagen, daß ich dritter Klasse fahre. Ich bin Demokrat.« Er ruderte eine Weile schweigend weiter. »Die Bande des Schreckens«, sagte er nach einiger Zeit halb zu sich selbst. »Irgend etwas ist im Gange, aber ich weiß nicht, was es ist. Haben Sie eigentlich unseren Nachbar schon gesehen? Nein? Den müssen Sie kennenlernen, er gehört zu den Sehenswürdigkeiten von Marlow. Übrigens war er auch in der Bank, als ich Shelton verhaftete.« Kurz darauf wichen die Sträucher und Baumgruppen vom Ufer zurück, und Nora sah erstaunt auf einen wunderbar gepflegten Garten. Im Hintergrund erhob sich das Wohnhaus. Es war der schönste Park, den sie jemals gesehen hatte. Der Rasen schimmerte smaragdgrün, und überall standen Bosketts von farbenprächtigen Blumen. In einer offenen Laube saß ein Herr in einem Deckstuhl. Als das kleine Boot am Steg anlegte, erhob er sich langsam. Er war lang und hager, hatte ein ovales, etwas ausdrucksloses Gesicht und trug ein Monokel. Mit müdem Blick beobachtete er die beiden Ankömmlinge. »Hallo, Long«, sagte er gedehnt, als sie näher kamen, und reichte dem Detektiv die Hand. »Darf ich Sie vorstellen? Mr. Crayley – Miß Sanders.« »Wie geht es Ihnen? Nehmen Sie doch Platz.« Die Hand, die er Nora gab, war so weich und schlaff, daß sie kaum einem lebenden Menschen zu gehören schien. »Miß Sanders interessiert sich für Ihren herrlichen Garten und hätte ihn gern einmal näher betrachtet.« »Die Blütenpracht ist wirklich wundervoll«, sagte sie begeistert. »Ja«, entgegnete er gleichgültig. »Gar nicht übel. Ich habe eben einen guten Obergärtner, das ist alles. Zeigen Sie doch bitte der Dame, was es hier zu sehen gibt ... und pflücken Sie sich ruhig soviel Blumen, wie Sie wollen.« Schon bevor sie fortgingen, sank er wieder in seinen Sessel und nahm die Zeitung auf. »Was halten Sie von ihm?« fragte Long, als sie außer Hörweite waren. »Er scheint sehr müde zu sein«, erwiderte sie zögernd. Er lachte. »Der ist schon seit seiner Geburt so. Ein ziemlich unbedeutender Mensch. Es war wirklich ein merkwürdiger Zufall, daß er ausgerechnet damals in der Bank sein mußte, als ich Shelton verhaftete. Er half mir dabei, aber Shelton stieß ihn sofort zur Seite. Crayley gehört nun einmal zu den Menschen, die man beiseiteschiebt. Im allgemeinen hält er sich nur während der Saison hier auf. Entweder ist er gerade von Deauville zurück, oder er ist gerade im Begriff, nach Aix zu fahren. Gehen Sie eigentlich zur Golfwoche nach Heartsease?« »Ja«, sagte sie etwas erstaunt. Als sie zu Mr. Crayley zurückkehrten, sprach er gerade mit einer Dame, die anscheinend eine Verabredung mit ihm traf. Sie ruderte gleich darauf fort, aber Nora erhaschte noch einen Blick von ihr und konstatierte, daß sie sehr hübsch und auffallend gut gekleidet war. »Ich danke Ihnen sehr für Ihre Freundlichkeit, daß ich Ihren Garten ansehen durfte«, sagte sie. Crayley reichte ihr wieder seine leblose Hand. »Kommen Sie nächstens einmal wieder«, entgegnete er gelangweilt. Als die beiden zu Monkfords Haus zurückkehrten, sahen sie, daß er oben auf der Terrasse auf- und abging. »Ich sehe Miß Revelstoke nächste Woche in Little Heartsease«, sagte er zu Nora. »Bestellen Sie ihr meinen besten Dank und sagen Sie ihr, daß sie doch auch Golf lernen sollte. Es ist nie zu spät.« Er ließ sie mit seinem Wagen zur Station bringen. Unterwegs fragte Long alle möglichen Dinge. Wie lange sie schon beruflich tätig sei, und was sie zu tun hätte. Sie mußte ihm eingestehen, daß sie schon mehrfach die Stellung hatte wechseln müssen, da sie keine hervorragende Stenotypistin war. Allerdings beherrschte sie drei fremde Sprachen. »Auch Dänisch?« fragte er. »Nein. Nur Deutsch, Französisch, Italienisch und ein wenig Spanisch.« 10 Miß Revelstoke ließ sich durch nichts aus der Ruhe bringen. Sie gehörte zu den selbstsicheren Menschen, die auch ein Erdbeben nur als eine interessante Naturerscheinung betrachten. Deshalb lauschte sie auch dem Bericht Noras ziemlich interesselos. »Gefürchtet haben Sie sich in der Kabine des Motorboots?« fragte sie ironisch. »Mr. Long interessiert mich allerdings. Wir müssen ihn einmal abends zum Essen einladen. Aber im Augenblick ist unsere eigene Mahlzeit aufgetragen, und der arme Mr. Henry ist schon sehr ungeduldig.« Der Rechtsanwalt war eine landläufig hübsche Erscheinung, aber Nora blieb er gleichgültig. Sie fühlte sich weder von ihm abgestoßen noch zu ihm hingezogen. Bei Tisch kam das Gespräch schließlich wieder auf Marlow. »Sie haben entschieden Eindruck gemacht«, sagte Miß Revelstoke. »Ich habe vorhin kurz mit Monkford telephoniert. Er war ganz begeistert von Ihnen und lobte Sie über alle Maßen.« »Mich?« fragte Nora verwundert. »Er hat mich doch kaum angesehen. Das muß ein Mißverständnis sein. Wahrscheinlich hat er über die kleine Figur gesprochen, die ich ihm gebracht habe.« »Und Mr. Jackson Crayley haben Sie auch kennen gelernt? Was halten Sie denn von ihm?« »Ach, er ist etwas merkwürdig«, erwiderte sie zögernd. »Das stimmt«, entgegnete Henry geringschätzig. »Ich kenne keinen Menschen, der langweiliger ist als Jackson.« »Er beschäftigt sich eben nur mit sich selbst«, meinte Miß Revelstoke. »Ich kenne ihn sehr gut.« Anscheinend hatten weder sie noch der Rechtsanwalt eine große Meinung von Mr. Crayley. Als die Unterhaltung etwas ins Stocken geriet, erzählte Nora von der Bande des Schreckens. Aber sie bereute es sofort, denn sie hatte plötzlich das unangenehme Gefühl, daß sie Longs Vertrauen mißbrauchte. Sie machte Anstrengung, das Gespräch wieder auf Mr. Monkford zu bringen, aber Miß Revelstokes dunkle Augen sahen sie forschend an. »Ich fürchte, dieser Detektiv hat zu großen Eindruck auf Sie gemacht, Nora«, sagte sie freundlich. »Es scheint, als ob Sie uns nichts mehr von der Bande des Schreckens erzählen wollen.« Diese merkwürdige Frau hatte die außerordentliche Gabe, Gedanken lesen zu können, und hatte Nora dadurch schon mehrmals in Verwirrung gebracht. Auch jetzt errötete das junge Mädchen wieder. Henry lachte leicht auf. »Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen, weil Sie uns davon erzählt haben«, sagte er. »Ich habe auch davon gehört. Aber diese Gerüchte sind einfach abgeschmackt und unmöglich. Ich kenne Sheltons Leben genau, nur in Scotland Yard weiß man vielleicht etwas mehr davon. Er hat immer nur auf eigene Faust gearbeitet, er hatte keine Freunde, keine Verwandten und keine Verbündeten. Nur deshalb konnte er sich so viele Jahre vor den Verfolgungen der Polizei schützen. Und von langer Hand vorbereitete Racheakte gibt es in unserem Lande nicht. Warum sollte sich denn auch jemand an dem Richter, dem Staatsanwalt und dem Henker rächen wollen, die doch schließlich nur Werkzeuge des Staats sind? Die einzigen Leute, die derartige Pläne hegen könnten, müßten doch sehr eng mit Shelton verbunden gewesen sein. Es kämen also nur Verwandte in Betracht, und soweit bekannt ist, hatte er keine.« »Und dafür konnte er recht froh sein«, meinte Miß Revelstoke mit einem Seufzer. »Hat Ihnen Mr. Long noch etwas erzählt, was sich in letzter Zeit zugetragen hat – ich meine, was besonders mit der Bande des Schreckens zu tun hätte?« »Nein, er fürchtet nur –« Wieder ertappte sie sich dabei, daß sie zuviel sagte. Aber Henry kam ihr zu Hilfe. »Er fürchtet für Monkford. Das ist auch ein offenes Geheimnis«, erwiderte er lächelnd. »Aber Monkford hat doch nur seine Pflicht getan«, sagte Miß Revelstoke ungeduldig. »Es ist direkt absurd, daß er bedroht werden sollte. Nora, ich muß Ihren Detektiv tatsächlich einmal kennenlernen. Er scheint Ihnen das Gruseln beigebracht zu haben!« »Nein, er ist sehr nett und liebenswürdig«, verteidigte sie ihn. »Und er hat durchaus keine übertriebenen Ansichten.« Henry betrachtete sie nachdenklich und strich seinen Schnurrbart. »Das kann ich eigentlich auch bestätigen. Der Wetter ist zwar exzentrisch, und seine Methoden sind nach Ansicht der Behörden etwas ungewöhnlich. Aber er hält sich streng an gegebene Tatsachen.« »Wer ist er eigentlich?« fragte Miß Revelstoke, und Nora hörte zum erstenmal von Arnold Longs Wohlhabenheit. »Eines Tages wird er Baronet und erbt ein Vermögen von zwei Millionen«, entgegnete Henry. »Deshalb ist er ja auch bei seinen Kollegen in Scotland Yard so unbeliebt.« Miß Revelstoke hatte ausgedehnten Grundbesitz in London, und nach dem Essen ging Henry mit ihr in das kleine Büro, das hinter dem Wohnzimmer lag, um verschiedene Angelegenheiten mit ihr zu besprechen. »Das wird ja wieder ein interessanter Abend«, flüsterte er Nora halblaut zu, als er mit seiner großen Mappe an ihr vorbeiging. Sie lächelte mitleidig. Miß Revelstoke war eine tüchtige Geschäftsfrau, und der Rechtsanwalt würde keinen leichten Stand haben. 11 »Die Bande des Schreckens« war nur ein Name, eine ungewisse Bezeichnung für allerhand Verbrecher und schemenhafte Gestalten, die man nicht fassen konnte. Colonel Macfarlane machte ein ärgerliches Gesicht, als Long an diesem Abend zu ihm kam und wieder über sein Lieblingsthema zu sprechen begann. »Immer wieder diese Bande des Schreckens! Sie machen mich noch ganz krank mit Ihren Geschichten. Wenn Sie mir wenigstens sagen wollten, wer diese Leute sind! Aber Sie wissen doch tatsächlich nichts von ihnen!« »Ich nenne sie so, und ich habe recht mit meiner Behauptung, wenn ich auch nichts Näheres über sie weiß«, entgegnete der Wetter vertrauensvoll. »Man kann sie nicht Sheltons Bande nennen, denn er arbeitete niemals mit anderen Leuten zusammen, soweit wir wissen. Einen Eid will ich allerdings darauf nicht leisten. Er hat sich doch nur sehr selten in der Öffentlichkeit gezeigt, vielleicht fünf Tage im Jahr. Was er an den anderen dreihundertsechzig Tagen getrieben hat, können wir nur vermuten. Er hatte Hunderte von Agenten und Helfershelfern, aber sie waren nur Handlanger, die eine bestimmte Aufgabe zu lösen hatten und dafür bezahlt wurden. Diese kleinen Leute haben nicht den Richter, den Staatsanwalt und den Henker umgebracht. Sie haben auch nichts gegen mich unternommen. Wie erklären Sie sich denn diese drei plötzlichen Todesfälle?« »Es waren Unglücksfälle«, erwiderte der Colonel mißmutig. »War es tatsächlich auch ein Unglücksfall, daß Ulanen-Harry auf mich geschossen hat und die Tat mit dem Leben bezahlen mußte?« »Harry konnte Sie nicht leiden und wollte Sie eben aus dem Weg schaffen. Und als ihm das nicht gelang, hat er Selbstmord begangen.« Der Wetter warf unwillkürlich den Kopf in den Nacken. In Scotland Yard hatte man seine Theorie über die Bande des Schreckens äußerst skeptisch aufgenommen. Die Bezeichnung wurde zwar in den Akten erwähnt, aber im allgemeinen glaubte man, daß diese Leute nur in Arnold Longs Einbildung existierten. Und doch sprachen gewisse Anzeichen für seine Ansicht. Der ältere Bruder Mr. Monkfords war tot aufgefunden worden; der Richter, der Shelton verurteilt hatte, der Staatsanwalt und der Henker waren auf geheimnisvolle Weise ermordet worden. Die breite Öffentlichkeit wußte nichts von den seltsamen Vorgängen, die sich abgespielt hatten und sah in dem Ableben der Beamten nur natürliche Ereignisse. Der Tod des Henkers Wallis hatte allerdings einige Sensation hervorgerufen, aber niemand dachte an einen Racheakt. Macfarlane strich seinen grauen Schnurrbart und runzelte die Stirne. Schon zum drittenmal in dieser Woche erwähnte der Wetter das Schicksal dieser drei Leute, die in gewisser Weise für Clay Sheltons Tod verantwortlich waren. »Ich will die Möglichkeit, daß Sie recht haben, nicht ganz und gar bestreiten«, sagte er schließlich. »Wenn Joshua Monkford wirklich ermordet wird, sind alle meine Zweifel beseitigt.« Long sah ihn vorwurfsvoll an. »Sie wollen doch nicht etwa sagen, daß Monkford erst sterben muß, um Scotland Yard von der Existenz der Bande des Schreckens zu überzeugen?« Derartige Bemerkungen machten den Wetter so unbeliebt bei seinen Vorgesetzten. »Natürlich nicht«, erwiderte der Colonel kurz. »Es ist doch Ihre Aufgabe, ihn zu schützen. Hoffentlich haben Sie alle Vorsichtsmaßregeln getroffen.« »Ich habe zwei Beamte in Marlow stationiert. Die beiden Privatdetektive von der Bankiervereinigung sind auch dort. Aber die Gefahr liegt nicht in Marlow.« »Wo denn?« »In Little Heartsease. Das ist ein luxuriöses, komfortables Hotel. Ein gewisser Cravel ist der Eigentümer.« Der Colonel kannte den Namen. »Wird dort nicht auch jedes Jahr ein Golfturnier ausgetragen?« »Ja, das vornehmste und bekannteste von ganz England. Was Ascot für die Rennen ist, das ist Heartsease für das Golfspiel. Monkford versteht nicht mehr davon wie hundert andere Menschen. Die meisten Leute kommen nur hin, weil es ein gesellschaftliches Ereignis ist. Aber in Heartsease wartet eine große Gefahr auf Monkford. Ich kann es Ihnen nicht genauer erklären, weil es nur eine innere Überzeugung ist. Aber solche Vorahnungen sind wichtiger als genaue Kenntnisse.« Colonel Macfarlane sah einige Zeit vor sich hin. »Etwas ist mir an Clay Shelton aufgefallen – ich weiß nicht, ob Sie schon darüber nachgedacht haben.« »Was ist es denn?« »Er hat niemals Ihren Vater betrogen.« Long starrte ihn erstaunt an. »Ja, da haben Sie recht. Das hat er nicht getan.« Sein Vater war der Direktor der größten Privatbank in der City und hielt streng an alten Geschäftsprinzipien fest. Seine Bank zu berauben, wäre ein großes Kunststück gewesen. »Es ist wirklich sonderbar«, meinte der Wetter nachdenklich. 12 Arnold Long verließ nach dieser Unterredung Scotland Yard und fuhr nach Berkeley Square. Im letzten Jahr hatte er seinen Vater kaum zwölfmal besucht. Sir Godley las gerade die Druckkorrektur eines Buches über Kunstgeschichte, das er selbst verfaßt hatte. Er nahm die Brille ab und sah Arnold interessiert an. »Kommst du als Beamter oder als mein Sohn?« »In keiner der beiden Eigenschaften. Bist du eigentlich Mitglied der Bankiervereinigung?« fragte er etwas abrupt, als er sich einen Stuhl an den Schreibtisch zog. »Warum willst du das wissen?« »Beantworte, bitte, meine Frage«, sagte der Wetter ernst. »Die Bank ist natürlich Mitglied der Vereinigung, aber ich habe keine offizielle Stellung darin. Welton vertritt uns immer bei den Versammlungen. Ich könnte es nicht aushalten, mit Monkford dauernd in Sitzungen zusammenzusein. Er spricht mir zuviel.« »Hast du jemals etwas von der Bande des Schreckens gehört?« »Meinst du etwa die Bande, über die du selbst in der Zeitung geschrieben hast?« Der Wetter nickte. »Nein, von der habe ich noch nicht gehört. Shelton kenne ich natürlich dem Namen nach, aber er hat niemals einen Penny von meiner Bank bekommen. Glaubst du wirklich, daß Monkford in Gefahr ist?« »Sein Schicksal ist besiegelt«, entgegnete Arnold so entschieden, daß der alte Herr erstaunt aufsah. »Willst du ganz offen mit mir reden?« »Soweit es möglich ist.« »Warum hat Clay Shelton niemals versucht, deine Bank zu berauben?« »Das weiß ich nicht.« Die Worte Sir Godleys klangen nicht sehr sicher. »Ich glaube, unsere Bank war nicht groß genug für ihn.« Er wechselte das Thema plötzlich. »Arnold, wenn du tatsächlich von der Gefährlichkeit der Bande des Schreckens überzeugt bist, warum verläßt du dann nicht den Polizeidienst? Es gibt doch wahrhaftig keinen Grund, warum du noch länger in Scotland Yard tätig sein solltest. Ich könnte dir einen guten Posten in unserer Bank anbieten.« »Dieses Angebot machst du mir schon zum zweitenmal. Als ich dir seinerzeit erklärte, daß ich Clay Shelton fangen wollte, hast du mir ein Jahresgehalt von zehntausend Pfund aussetzen wollen, falls ich die Filiale deiner Bank in Südamerika übernehmen würde. Warum legst du so großen Wert darauf, daß ich den Polizeidienst quittiere?« Sir Godley sah ihm nicht in die Augen. Er lachte nur, als ob ihn diese Antwort belustigte. Aber es klang gezwungen. »Was bist du doch für ein argwöhnischer Mensch geworden! Die Tätigkeit bei der Polizei hat den Glauben an deine Mitmenschen anscheinend vollständig erschüttert. Klingle bitte, ich möchte etwas zu trinken haben.« Sie sprachen dann noch über weniger wichtige Dinge, und Clay Shelton und die Bande des Schreckens wurden nicht mehr erwähnt. Es war fast Mitternacht, als der Wetter das Haus verließ. Es lag an der Westseite des Platzes, und der Hauptverkehr wickelte sich an der Ostseite ab. Sir Godley begleitete ihn bis zur Türe. »Ich will lieber ein Auto für dich holen lassen«, sagte der alte Herr, als seine Blicke über die einsame Straße schweiften. Aber der Wetter lachte nur. »Du scheinst in letzter Zeit sehr nervös geworden zu sein.« Er wartete, bis sich die Haustür geschlossen hatte, dann ging er zu Fuß nach der Oxford Street. Der Teil der Straße, den er benützte, war vollkommen leer. Long war kaum fünfzig Schritte gegangen, als eine Gestalt auf ihn zueilte. Im Schein einer Straßenlaterne sah er, daß es eine Frau war, und er war neugierig, was das bedeuten sollte. Plop! Ein Geschoß flog dicht an seinem Kopf vorbei. Jemand feuerte mit einem Schalldämpfer. Als er näher hinschaute, entdeckte er weiter unten auf der Straße einen Mann. Sicher schoß dieser auf die Frau. Das nächste Geschoß prallte dicht neben Long an der Bordschwelle ab und surrte wie eine ärgerliche Wespe. Er zog sofort seine Pistole, die er in diesen Tagen stets bei sich trug. Aber bevor er feuern konnte, war die Frau nahe an ihn herangekommen und warf sich ihm atemlos in die Arme. »Retten Sie mich, retten Sie mich!« stieß sie keuchend hervor. »Die Bande des Schreckens ...« 13 Der verdächtige Mann auf der Straße war plötzlich verschwunden. Der Wetter steckte seine Waffe wieder ein und hielt das halbohnmächtige junge Mädchen in den Armen. Er hörte, daß ihn jemand rief, und als er sich umwandte, sah er, daß sein Vater und ein Diener auf ihn zukamen. »Was ist denn geschehen?« »Ach, es war nur eine kleine Schießerei. Hilf mir, das Mädchen ins Haus zu bringen.« Sie führten sie in das Arbeitszimmer Sir Godleys. Sie war sehr hübsch, nur hatten ihre Züge einen etwas strengen, männlichen Charakter. Wetter Long betrachtete sie erstaunt, denn er hatte sie schon irgendwo gesehen. Er wußte allerdings nicht, wer sie war. Plötzlich schlug sie die Augen auf und blickte wild um sich. »Wo bin ich?« fragte sie. Ihre Wangen hatten sich wieder gerötet, aber sie zitterte noch. Plötzlich erinnerte sich der Detektiv: Sie hatte sich in dem kleinen Boot gerade von Jackson Crayley verabschiedet, als er mit Nora Sanders zu ihm zurückkehrte. Sie trug ein kostbares Abendkleid. Eine große Diamantnadel glitzerte an ihrem Gürtel, und sie hatte wertvolle Ringe an den Händen. »Ich weiß nicht, was geschehen ist«, erwiderte sie noch ganz verstört auf seine Frage. »Ich sah nur diese schrecklichen –« Sie schwieg schaudernd. Erst als sie ihr ein Glas Wein gegeben hatten, faßte sie sich soweit, daß sie erzählen konnte. Sie und ihr Bruder waren die Inhaber eines Hotels auf dem Lande. In London hatten sie eine kleine Wohnung in der John Street. An diesem Abend hatte sie das Theater besucht und sich entschlossen, zu Fuß nach Hause zu gehen, weil das Wetter gut war. Als sie nach Berkeley Square kam, sah sie einen Wagen, der an der Straßenseite hielt. Als sie ihn erreichte, wurde plötzlich die Tür aufgerissen, und zwei Leute sprangen heraus. »Sie trugen weiße Stoffmasken, und ich war so erschrocken, daß ich ihnen keinen Widerstand leisten konnte. Sie versuchten, mich in den Wagen zu zerren, aber im gleichen Augenblick erschien ein dritter Mann und rief: ›Das ist ja gar nicht Nora Sanders!‹« »Nora Sanders?« fragte der Wetter schnell. »Haben Sie sich in dem Namen auch nicht getäuscht?« »Nein, ich irre mich nicht. Der Mann, der mich festhielt, war so überrascht, daß er mich plötzlich losließ, und dann lief ich davon. Einer von ihnen sagte: ›Die muß erledigt werden‹. Ich hörte dann noch einen Schuß. Das ist alles, was ich weiß.« Die beiden hatten ihrem Bericht gespannt gelauscht. »Ich habe Sie schon einmal gesehen. Sie sind Miß –« »Alice Cravel. Mein Bruder und ich sind die Besitzer von Little Heartsease.« Der Wetter starrte sie erstaunt an. »Kennen Sie denn Nora Sanders?« Zu seiner größten Verwunderung nickte sie. »Ich kenne sie vom Sehen. Sie ist die Sekretärin von Miß Revelstoke, die gewöhnlich während des großen Golfturniers eine Woche bei uns logiert. Nächsten Montag kommt sie auch wieder. Voriges Jahr war sie schon bei uns. Sie ist sehr schön.« Der Wetter biß sich nachdenklich auf die Lippe. »In welchem Theater waren Sie denn heute abend?« Sie nannte ohne Zögern eine bekannte Bühne. Little Heartsease! Nicht nur Nora Sanders würde nächste Woche dort sein. Auch Monkford hatte seine Zimmer schon bestellt und gleichfalls einen Raum für Arnold reservieren lassen. Dort sollte der Bankier den Tod finden. Arnold war dessen ganz sicher. Und er glaubte auch nicht, daß diese Schießerei heute abend ein Zufall war. Er ließ ein Auto rufen, begleitete Miß Cravel zu ihrer Wohnung und ging dann zu Fuß nach Scotland Yard. Unterwegs dachte er über den Vorfall nach. Warum wollte man wohl die Eigentümerin des Hotels gefangennehmen, in dem John Monkford nächste Woche logieren würde? Man konnte sie doch gar nicht mit Nora Sanders verwechseln, denn Alice Cravel war bedeutend kleiner und hatte auch eine ganz andere Gesichtsfarbe. Und was sollte Nora Sanders um Mitternacht am Berkeley Square suchen? Am nächsten Morgen fuhr er nach Berkshire und kam schon sehr frühzeitig in Little Heartsease an. Das Hotel befand sich in einem schönen, alten Gebäude, das in einem großen Park stand. Sein Golfplatz war in der ganzen Welt berühmt, und das Hotel selbst war wegen seiner guten Küche und seiner luxuriösen Ausstattung bekannt. Long fragte sofort nach dem Eigentümer und stand kurz darauf einem großen, schlanken jungen Mann gegenüber, der ihn ernst begrüßte. Mr. Cravel war sehr elegant und nach der neuesten Mode gekleidet. Trotzdem machte er mehr den Eindruck eines Angestellten als eines Chefs. »Ich habe schon von dem unangenehmen Erlebnis meiner Schwester gehört. Sie hat mich noch in der Nacht antelephoniert.« Sein Auftreten war äußerst ruhig und sicher. Die Gefahr, in der seine Schwester geschwebt hatte, schien wenig Eindruck auf ihn gemacht zu haben. »Meine Schwester und ich haben keine Feinde, und dieser nächtliche Überfall ist sicher ein Irrtum gewesen. Sind die Leute eigentlich verhaftet worden? Nein? Nun, das überrascht mich nicht. Wollen Sie sich vielleicht Ihr Zimmer ansehen? Es liegt direkt neben Mr. Monkfords Räumen.« »Es würde mich vor allem interessieren, die Gästeliste für nächste Woche einmal einzusehen.« »Die kann ich Ihnen zeigen.« Mr. Cravel nahm einen großen Bogen aus einer Mappe und reichte ihn dem Detektiv, der die langen Reihen schnell überflog. »Miß Revelstoke kommt alle Jahre hierher?« Cravel nickte. »Sie interessiert sich nicht für das Golfspiel, aber sie liebt Gesellschaft. Nora Sanders, die gestern abend von den Verbrechern gesucht wurde, ist ihre Sekretärin.« Der Wetter entgegnete nichts, sondern las die Liste bis zu Ende durch. »Ist Jackson Crayley auch ein Stammgast von Ihnen?« »Ja, letztes Jahr war er hier. Er ist einer unserer besten Freunde, soweit man das von Hotelgästen sagen kann. Mit meiner Schwester ist er besonders befreundet. Wir haben ihn auch schon öfter in Marlow besucht.« Long ging dann nach oben, um sein Quartier zu sehen. Es gehörte zu einer Flucht von drei Räumen, die aus zwei Schlafzimmern und einem Salon bestand. Sie waren bis zur halben Höhe mit schwerem Eichenpaneel getäfelt, nur das Wohnzimmer war in heller schwedischer Birke gehalten. In jedem Zimmer befand sich ein Telephon. Die Schlafzimmer besaßen außerdem noch je einen Baderaum. »Hier schläft Mr. Monkford«, erklärte Cravel und öffnete die Tür zu dem prachtvoll ausgestatteten Raum. »Das Zimmer ist etwas größer als das Ihrige und hat auch eine bessere Aussicht.« Die Räume lagen im zweiten Stock. Long machte ein Fenster auf und schaute hinaus. Unter sich sah er das vorspringende Glasdach des Speisesaals. Die Lage war günstig. Von draußen drohte dem Bankier kaum eine Gefahr, denn das Glasdach machte es unmöglich, eine Leiter an die Wand zu lehnen. Drei Türen führten in das Zimmer. Sie bestanden aus starkem Eichenholz und waren durch Schlösser und Riegel gesichert. Die eine führte zu dem Badezimmer, die andere zum Korridor, die dritte in den Salon. Der Wetter ging an den Wänden entlang und klopfte das Paneel ab. Mr. Cravel lächelte, als er es bemerkte. »Wir haben weder geheime Falltüren noch unterirdische Gänge hier. Ich glaube, Detektive bilden sich immer ein, daß man in alten Häusern dergleichen finden müßte. Aber es stehen nur noch die Außenwände des alten Gebäudes, die innere Einrichtung habe ich vollständig erneuert. Kommen Sie eigentlich aus einem besonderen Grund hierher? Entschuldigen Sie die Frage, aber ich möchte es gern wissen.« »Was für ein Grund sollte denn vorliegen?« »Ich weiß es nicht. Aber man hört so merkwürdige Gerüchte über Mr. Monkford. Mr. Jackson Crayley ist doch sein Nachbar, und er erzählte, daß er große Angst hat. Er fürchtet, daß man ihn ermordet. Stimmt das?« »Mr. Jackson Crayley scheint ja sehr viel von seinem Nachbar zu wissen«, entgegnete der Wetter trocken. Mr. Cravel lachte. »Ich glaube, er weiß viel mehr, als die Leute im allgemeinen annehmen.« 14 Miß Revelstoke öffnete gewöhnlich den Briefkasten an der Haustür selbst, um ihre eigene Korrespondenz auszusuchen. Beim Frühstück reichte sie Nora ein eingeschriebenes Päckchen über den Tisch hinüber. »Für mich?« fragte das junge Mädchen erstaunt. »Der Adresse nach wenigstens«, entgegnete die ältere Dame, die am Morgen gewöhnlich etwas kurz angebunden war. »Haben Sie am Ende Geburtstag?« »Nein.« Nora öffnete das kleine Paket und nahm ein Lederetui von winzigen Abmessungen heraus. »Ein Ring?« fragte Miß Revelstoke, die interessiert zugesehen hatte. Nora betrachtete das Schmuckstück in höchster Verwunderung. Sie hatte noch nie einen so großen Brillanten gesehen wie den in diesem Goldreif. »Das muß ein Irrtum sein«, erklärte sie und faltete den kleinen Bogen auseinander, der dabeilag. Es standen nur ein paar Worte in Maschinenschrift darauf: »In Verehrung von einem Freund«. Miß Revelstoke nahm den Ring und betrachtete ihn aufmerksam. Sie kannte den Wert von Juwelen sehr gut. »Ein Diamant von bläulicher Färbung – er ist mindestens dreihundertfünfzig Pfund wert. Aber Nora, wer ist denn dieser unbekannte Verehrer?« »Ich bin sicher, daß der Ring nicht für mich bestimmt ist.« Aber die Adresse war richtig. Das Päckchen trug den Stempel eines Postamtes im Westen. »Wirklich ein merkwürdiger Mensch!« sagte Miß Revelstoke ein wenig belustigt. »Wissen Sie denn, wer es ist?« fragte Nora betroffen. »Monkford – wer denn sonst? Der Mann ist so leicht entflammt wie ein Jüngling von zwanzig Jahren. Ich kenne das bei ihm.« »Aber das ist unmöglich! Ich habe ihn doch kaum gesehen!« »Dann kommt der Ring von Mr. Henry«, erklärte die alte Dame entschieden und bestrich eine Toastschnitte mit Butter. »Ich werde die beiden einmal anläuten und hören, wer ihn geschickt hat.« »Ach, bitte, tun Sie das nicht«, rief Nora erschreckt. »Das wäre mir sehr peinlich. Wenn ich wüßte, daß Mr. Monkford –« »Würden Sie den Ring dann zurückschicken? Das wäre sehr töricht von Ihnen«, entgegnete Miß Revelstoke ruhig. »Während meines langen Lebens bin ich zu der Überzeugung gekommen, daß eine Frau von einem Verehrer alles annehmen sollte, was er ihr geben will. Wenn man älter ist, erhält man nicht mehr derartige Geschenke. Könnte übrigens nicht der Detektiv, den Sie kennenlernten, so aufmerksam gewesen sein?« »Nein!« Nora fühlte, daß sie errötete, und ihre Verlegenheit wuchs. »Warum sollte denn gerade Mr. Long mir den Ring schicken? Polizeibeamte haben doch gewöhnlich kein Geld für derartig kostbare Geschenke.« »Aber Mr. Long macht eine Ausnahme. Sein Vater ist ein Millionär.« Nora schwieg. Sie glaubte keinen Augenblick, daß dieses wundervolle Schmuckstück von Wetter Long kommen könnte. Er war nicht der Mann, der sich ihr nach derartig kurzer Bekanntschaft so aufdringlich näherte. Sie betrachtete den Ring aufs neue und war etwas bestürzt. »Was soll ich nur damit anfangen?« »Behalten Sie ihn doch. Sie brauchen ihn ja nicht zu tragen. Legen Sie ihn solange beiseite, bis Sie sich an seinen Besitz gewöhnt haben. Er ist immerhin dreihundertfünfzig Pfund wert, und das sind dreihundertfünfzig stichhaltige Gründe, weswegen Sie ihn nicht zurückgeben sollten, selbst wenn Sie wüßten, von wem er stammt. Es ist doch eigentlich ganz gut, daß Sie den Absender nicht kennen.« Nora ging später aus, um Einkäufe zu machen. Als sie zurückkehrte, fand sie den jungen Rechtsanwalt im Wohnzimmer. »Henry hat Ihnen den Ring nicht geschickt«, erklärte Miß Revelstoke, als sie das junge Mädchen begrüßte. »Hatten Sie etwa Geburtstag?« fragte Mr. Henry etwas verlegen. »Alter schützt vor Torheit nicht«, sagte die alte Dame. »Ich bin fest davon überzeugt, daß der Ring von Monkford kommt.« »Aber er kennt mich doch gar nicht!« protestierte Nora. »Er ist ein Idealist«, entgegnete Miß Revelstoke so bestimmt, daß Nora nichts mehr darauf erwiderte. »Telephonieren Sie jetzt einmal nach Heartsease und fragen Sie Cravel, ob ich für Mittwoch noch ein Extrazimmer haben kann. Henry kommt auch dorthin.« Nora ging zur Bibliothek und führte den Auftrag aus. Als das erledigt war, stieg sie die Treppe zu ihrem Zimmer hinauf und nahm das kleine Lederkästchen mit sich. Sie betrachtete den Ring wieder, und sie wäre keine Frau gewesen, wenn sie sich nicht sehr über das Geschenk gefreut hätte. Sie hätte allerdings gern mit Long über die Sache gesprochen. Sicher hätte er einen Ausweg gewußt. Aber am Ende würde er ihr auch den sehr materiellen Rat geben, das Schmuckstück einfach anzunehmen. Am Abend speiste Miß Revelstoke auswärts, und Nora saß allein im Eßzimmer. Sie war gerade fertig und las in der Abendzeitung, als das Mädchen hereinkam. »Würden Sie Mr. Long empfangen?« Nora erhob sich und errötete leicht. »Ja – bitte, führen Sie ihn ins Wohnzimmer.« Als sie hinüberging, betrachtete der Wetter gerade ein großes Ölgemälde über dem Kamin, das ein hübsches Mädchen darstellte. »Hallo, wer ist denn das? Wahrscheinlich Miß Revelstoke? Damals muß ihr Leben sehr rosig und heiter gewesen sein.« Nora starrte auf das Bild, und es kam ihr zum erstenmal zum Bewußtsein, wessen Porträt es war. »Hoffentlich hat sie nichts dagegen, daß ich Sie besuche? Ist sie zu Hause?« »Nein, sie ist ausgegangen.« »Ich dachte es mir. Ich traf ihren Wagen in Piccadilly. Gehen Sie eigentlich oft ins Theater, Miß Sanders?« »Nicht zu häufig«, entgegnete sie schnell. »Natürlich, wenn Miß Revelstoke ausgegangen ist –« »Ich lade Sie nicht ein«, erwiderte er ruhig und blinzelte verschmitzt mit den Augen. »Ich wollte nur wissen, ob Sie öfter abends spät in der Gegend von Berkeley Square spazierengehen. Aber ich sehe schon an Ihrer jungfräulichen Entrüstung, daß das nicht der Fall ist.« Sie mußte lachen. »Meine jungfräuliche Entrüstung nehmen Sie allerdings nur an. Aber ich kenne die Gegend kaum und bin dort noch nicht spazierengegangen.« »Aber nächste Woche gehen Sie nach Heartsease. Sind Sie eigentlich eine Golfspielerin?« »Ja, aber ich würde mich schämen, mich unter all den guten Spielern in Heartsease sehen zu lassen. Nein, ich begleite nur Miß Revelstoke. Warum fragen Sie eigentlich danach? Gibt es etwas Neues von der Bande des Schreckens?« Er seufzte. »Ich hoffte, Sie hätten alles vergessen, was ich Ihnen darüber erzählt habe. Ich bin leider viel zu mitteilsam, und das ist nicht gut. Ich weiß auch gar nicht, warum ich Ihnen solche Gedanken in den Kopf gesetzt habe.« Er wandte sich wieder um und sah auf das Bild von Miß Revelstoke. »Eine wirklich hübsche Erscheinung. Ich wundere mich nur, daß sie nicht geheiratet hat.« Nora überlegte, ob sie ihm von dem Ring erzählen sollte. Vorher hatte sie die Gelegenheit herbeigesehnt, aber jetzt kamen ihr wieder Zweifel. Ob er ihn nicht doch selbst geschickt hatte? »Senden Sie eigentlich Geschenke an andere Leute?« fragte sie, indem sie ihren ganzen Mut zusammennahm. Erstaunt hob er die Augenbrauen. »Nein. Diese Angewohnheit habe ich im allgemeinen nicht, weil ich das für eine Verschwendung von Zeit und Geld halte. Meinen Sie Geschenke zum Geburtstag und zu Weihnachten? Nein. Gewöhnlich können die Leute nicht brauchen, was man ihnen schenkt. Wer hat Ihnen denn etwas geschickt?« forschte er und runzelte die Stirne leicht. »Niemand.« Sie fühlte, daß das eine kindische Antwort war. »Zeigen Sie es mir doch, bitte.« »Aber warum denn?« fragte sie und erkannte zu spät, daß das bereits ein halbes Zugeständnis war. »Ich interessiere mich sehr für Geschenke, besonders wenn sie jungen Damen geschickt werden, die ich schätze.« Nach einem kurzen Zögern ging sie in ihr Zimmer. Sie sagte sich selbst, daß ihre Nachgiebigkeit Schwäche war, und daß sie sich von einem Mann beherrschen ließ, der ihr doch vollkommen fremd war. Aber als sie zurückkam, hatte sie bereits die Feder des Kästchens gedrückt, und der Deckel sprang auf. Er nahm das Schmuckstück in die Hand und ging damit zum Fenster. »Wer hat Ihnen das geschenkt?« »Ich weiß es nicht. Es kam heute morgen als eingeschriebenes Päckchen. Miß Revelstoke dachte, daß es mir jemand geschickt haben müßte, der mich sehr gern hätte.« »Hat sie eine Andeutung gemacht, wer dieser Mann sein könnte?« Wieder zögerte sie. »Sie dachte, es wäre einer ihrer Bekannten, ein Herr, den ich kaum kenne.« »Mr. Monkford?« Sie errötete. »Wir wollen uns nicht den Kopf darüber zerbrechen. Ich möchte es nur gern wissen, damit ich den Ring sofort zurückschicken könnte.« Er betrachtete ihn nochmals eingehend. »Haben Sie ihn schon angehabt?« »Nein«, entgegnete sie erstaunt. Er nahm ihre Hand und streifte ihn über ihren Finger. »Er ist ursprünglich für eine größere Hand angefertigt und später verkleinert worden. Sehen Sie, auf Ihren Ringfinger paßt er. Ich möchte nur wissen, woher der unbekannte Geber Ihre Ringgröße kannte.« »Meinen Sie Monkford?« »Nein. Monkford hat Ihnen den Ring nicht geschickt. Wenigstens glaube ich das nicht. Er ist ein merkwürdiger Mann. Selbst ein Detektiv, der ihn längere Zeit beobachtet hat, kann sich nicht rühmen, seine Herzensgeheimnisse ausgekundschaftet zu haben.« Er überlegte angestrengt. »Wissen Sie eigentlich, wo Ihr Zimmer in ›Little Heartsease‹ liegt?« »Nein«, erwiderte sie verwundert. »Aber Miß Revelstoke nimmt gewöhnlich eins der besten Appartements.« »Ich hätte mich darum kümmern sollen«, meinte er nachdenklich. »Aber ich habe ja noch genug Zeit dazu. Wer begleitet außer Ihnen Miß Revelstoke noch dorthin?« »Niemand – doch, Mr. Henry, ihr Rechtsanwalt, kommt auch für einen Tag.« »Ist Crayley eigentlich ein Freund von ihr?« Sie runzelte die Stirne. »Ja. Geht er auch hin?« »Er kommt zur Golfwoche, und ich bin auch dort. Ich wünschte nur – nein, ich wünschte es nicht. Es wird harte Arbeit geben und viel Aufregung.« In diesem Augenblick öffnete sich die Tür, und zu Noras Verwunderung trat Miß Revelstoke ins Zimmer. Sie lächelte ihr zu, und ihre Blicke ruhten einen Augenblick auf dem Ring, den Nora noch in der Hand hielt. Dann sah sie den Detektiv an. »Ach, das ist Mr. Long? Sind Sie etwa der Schuldige? Hat er Ihnen gestanden, daß er Ihnen den Ring geschickt hat?« Nora wollte gerade antworten, als der Wetter zu ihrem größten Erstaunen nickte. »Ja, Miß Revelstoke, ich habe eben mein Gewissen durch eine Beichte erleichtert. Der Ring war lange Zeit im Besitz unserer Familie – mein Onkel kaufte ihn in Kopenhagen im Jahr 1862!« Miß Revelstokes dunkle Augen blickten ruhig und fest, aber ihr Gesicht wurde plötzlich grau und alt. 15 Einen Augenblick glaubte Nora, Miß Revelstoke würde ohnmächtig umsinken, aber die alte Dame überwand die Schwäche mit Aufbietung aller Energie. »Außerordentlich interessant«, bemerkte sie. Arnold Long sah sie neugierig an. »Äußerst interessant«, wiederholte sie langsam. Er wußte, daß sie die Erregung niederzukämpfen versuchte, die sie befallen hatte, als er ihr Kopenhagen und das Jahr 1862 nannte. »Es ist sehr liebenswürdig von Ihnen, daß Sie Nora den Ring geschickt haben.« Das junge Mädchen sah bestürzt von einem zum andern. Was sollte das bedeuten? Sie war davon überzeugt, daß Long ihr den Ring nicht gesandt hatte. Er hatte es ja auch schon selbst zugegeben. Wie kam er nun dazu, Miß Revelstoke ein derartiges Märchen zu erzählen? Aber noch merkwürdiger war die Wirkung seiner Worte auf die alte Dame, die ihre Fassung niemals verloren hatte, solange Nora sie kannte. »Würden Sie in mein Arbeitszimmer mitkommen, Mr. Long? Ich hätte verschiedenes mit Ihnen zu besprechen«, sagte Miß Revelstoke nach einer kleinen Pause. Noras Gegenwart schien sie vollkommen vergessen zu haben. »Selbstverständlich«, entgegnete er. »Auch ich würde es begrüßen, mich ein wenig mit Ihnen unterhalten zu können. Ich möchte nur eben noch Miß Sanders fragen, ob sie tatsächlich etwas dagegen hat, daß ich ihr den Ring schenke?« Miß Revelstoke warf Nora einen Blick zu. »Nun, was meinen Sie dazu?« fragte sie beinahe barsch. »Ich glaube, daß ich ein so kostbares Geschenk nicht ohne weiteres annehmen kann«, erklärte Nora. Zu ihrer größten Verwunderung nahm er ihr den kleinen Kasten sofort aus der Hand. »Ich fürchtete schon, daß es so wäre«, erwiderte er kurz und steckte den Ring in die Tasche. »Miß Revelstoke, ich stehe zu Ihrer Verfügung.« Einige Zeit rührte sich die alte Dame nicht, aber schließlich wandte sie sich um, und er folgte ihr in das kleine Büro, das hinter dem Wohnzimmer lag. Sie schloß die Tür hinter ihm. »Wollen Sie nicht Platz nehmen?« Er wartete, bis sie sich gesetzt hatte, und ließ sich dann auch in einem großen, bequemen Sessel nieder. Er merkte, wie schwer es ihr fiel, einen Anfang zu finden. »Ich bin in gewisser Weise für Miß Sanders verantwortlich«, begann sie. »Und wenn unbekannte Leute ihr kostbare Geschenke schicken, fühle ich mich verpflichtet, der Sache auf den Grund zu gehen. Ich bin noch von der alten Schule, und ich möchte Sie deshalb fragen –« Sie wußte nicht, wie sie fortfahren sollte. »Sie wollen mich fragen, welche Absichten ich habe«, ergänzte er lächelnd. »Nun, ich kann Ihnen versichern, daß sie vollkommen ehrenhaft sind. Nora ist ein sehr schönes Mädchen, und sie gefällt mir außerordentlich. Aber es war vielleicht etwas voreilig, ihr den Ring zu schicken.« »Sie sind ein Gentleman, und soviel ich weiß, haben Sie auch studiert. Ich wüßte nicht, warum Sie Miß Sanders nicht verehren sollten. Aber es scheint mir doch etwas merkwürdig –« Wieder stockte sie. »Daß ich ihr schon zu Beginn unserer Freundschaft so kostbare Geschenke mache. Das ist allerdings etwas merkwürdig, wie ich zugeben muß. Es ist eins der unerklärlichsten Dinge, die ich in meinem Leben getan habe. Mein Onkel –« »Ich interessiere mich wenig für Ihre Familiengeschichte.« Miß Revelstoke hatte ihre Fassung wiedergefunden, aber es brannten noch zwei abgezirkelte rote Flecken auf ihren Backen. »Ich möchte nur wissen, wie Sie Miß Sanders gegenüber stehen. Lieben Sie die Dame?« Er lächelte. »Ich will ganz offen zu Ihnen sein. Ich liebe Ihre Sekretärin nicht, und es ist auch sehr unwahrscheinlich, daß ich mich in sie verlieben werde. Sie ist nicht mein Typ, und nichts liegt mir ferner als der Gedanke an eine Heirat.« »Dann war die Schenkung eines Ringes allerdings ein sehr voreiliger Entschluß.« Sie schüttelte langsam den Kopf. »Ich kann Ihren Worten nicht ganz glauben. Im Gegenteil, ich habe den Eindruck, daß Sie Miß Nora sehr verehren. Wollen Sie so liebenswürdig sein und mir den Ring noch einmal zeigen?« Er nahm ihn aus der Tasche und reichte ihn ihr. Ohne Warnung erhob sie sich und ging zu dem Safe, der in der anderen Ecke des Raumes stand. Sie öffnete ihn, legte den Kasten hinein und schloß wieder ab. »Ich halte es für besser, das Schmuckstück aufzubewahren, bis Sie näher miteinander bekannt sind. Vielleicht ändert Nora ihre Meinung auch noch.« Sie reichte ihm kühl die Hand. »Gute Nacht, Mr. Long, und viel Glück!« Er sah sie voll Bewunderung an, als er ihre Hand nahm. »Sie gehen doch auch nach Heartsease, Miß Revelstoke?« fragte er liebenswürdig. »Wenn ich an Ihrer Stelle wäre, würde ich es unterlassen.« »Denselben Rat könnte ich Ihnen auch geben«, erwiderte sie mit einem ironischen Lächeln. 16 Als Long wieder in seinem Büro in Scotland Yard saß, erhielt er von einem Beamten Nachrichten, die ihn in Erstaunen setzten. Der Mann war den ganzen Morgen in Somerset House gewesen und hatte die Heiratsregister durchgesehen. Nachdem er Bericht erstattet hatte, wurde er zu weiteren Nachforschungen ausgeschickt. Der Wetter ging später zu seiner Wohnung nach der James Street, wo er seinen Koffer gepackt vorfand. Er telephonierte nach Marlow und erfuhr, daß Monkford in Begleitung des Detektivsergeanten Rouch bereits abgereist war. Um neun Uhr abends traf Long selbst in Heartsease ein. Er übergab seinen Wagen dem Garagenmeister und trat in die große, altertümliche Halle des Hotels. Obgleich die Golfspiele noch nicht begonnen hatten, war das Haus bereits ziemlich besetzt. Monkford hatte schon zu Abend gegessen und war in verhältnismäßig guter Stimmung. Er begrüßte Long und unterhielt sich eine Weile mit ihm. »Ist Miß Revelstoke eigentlich sehr reich?« fragte der Wetter im Lauf des Gesprächs. »Ja.« Monkford gab nur widerwillig Antwort, denn Bankiers lieben es nicht, über die Finanzlage ihrer Kunden zu sprechen. »Sie ist verhältnismäßig wohlhabend. Ich kann sogar sagen, daß sie reich ist. Sie lebt sehr einfach, aber sie hat ein großes Einkommen. Ihr Depot wurde übrigens früher einmal Ihrem Vater angeboten, aber aus irgendwelchen Gründen lehnte er es ab. Damals hatte sie fast dreiviertel Millionen auf der Bank.« Das war eine neue Nachricht für Wetter Long. Er wußte, daß sein Vater ein sehr tüchtiger Geschäftsmann war, der die größten Anstrengungen gemacht haben würde, um eine so gute Kundin zu bekommen. »Das kann ich eigentlich kaum glauben.« »Ja, es war auch wirklich eigentümlich. Die meisten Bankiers hätten viel darum gegeben, die Verwaltung in die Hand zu bekommen. Und Sir Godley lehnte keineswegs aus Rücksicht auf mich ab. Aber, bitte, sprechen Sie nicht mit ihm darüber.« Mr. Monkford war nervös geworden. Bei dem geringsten Geräusch fuhr er zusammen. »Ob wohl Miß Revelstoke die junge Dame mitbringt?« fragte er, bevor der Wetter ging. »Ein wirklich charmantes Mädchen«, sagte er dann halb zu sich selbst. Aber plötzlich wechselte er das Thema wieder sprunghaft. »Mr. Crayley kommt doch morgen auch? Sie scheinen ihn nicht gerade sehr zu schätzen?« »Das ist schwer, wenn jemand weiter keinen Lebenszweck hat als blöde auszusehen und Rosen zu züchten.« Monkford lachte. »Der alte Crayley ist ein ganz netter Kerl. Wirklich nicht so schlecht, wie Sie ihn machen. Vor allem hat er Mut. Erinnern Sie sich noch, wie er sich damals voll Kampfeifer auf Shelton stürzte?« »Ich möchte nur wissen, was er gerade damals in Colchester gesucht hat.« »Er hat ein Gut in der Gegend. Ich habe ihn schon zweimal dort besucht. Manchmal spielt er nämlich auch den Landwirt, allerdings nur selten.« Long hatte während der Unterhaltung unauffällig die Riegel und Schlösser der Zimmer geprüft. Er ging jetzt in sein eigenes Zimmer und untersuchte auch dort alles genau. Schließlich stieg er noch einmal die Treppe hinunter und nahm Mr. Cravel in der Halle beiseite. »Wäre es nicht möglich, daß Sie mir eins Ihrer Luxusappartements zeigten?« fragte er. »Die sind alle schon bestellt.« »Ich will es auch nicht für jetzt haben. Aber im nächsten Jahr würde ich vielleicht eins mieten.« »Kommen Sie mit nach oben.« Cravel nahm einen Schlüssel vom Pult des Empfangsbüros und führte Mr. Long in den ersten Stock. »Sehen, Sie, hier sind Miß Revelstokes Zimmer. Sie hat das beste Appartement im ganzen Haus.« Mr. Long betrachtete die Räume genau und wanderte von einem Zimmer in das andere. Wahrscheinlich hat Miß Sanders das kleinere der beiden Schlafzimmer, dachte der Wetter für sich. »Mr. Long, ich glaube, es hat Sie nicht nur äußere Neugierde hergetrieben. Sie sind sicher dienstlich hier.« »Im Dienst bin ich immer«, wich Long aus. »Glauben Sie wirklich, daß etwas passieren wird? Das wäre ja schrecklich! Das Hotel würde den Skandal nicht überleben, wenn nächste Woche das Golfturnier gestört würde!« Der Wetter lächelte ironisch. »Das Haus hat schon so manchen Skandal miterlebt, wenn ich mich nicht sehr irre.« »Diese Art von Skandalen meine ich nicht. Dergleichen passiert überall, davor kann man sich nicht schützen. Solche Sachen nimmt auch niemand tragisch. Aber wenn hier jemand ermordet würde, wäre es der Ruin für mich!« »Nicht nur für Sie, vor allem auch für den Mann, der ermordet wird. Aber Sie brauchen sich nicht zu fürchten, Mr. Cravel. Ich werde alles tun, um einen Mord zu verhindern.« Am nächsten Tag war Sonntag, und als der Wetter gegen Abend durch die Halle schlenderte, entdeckte er ein bekanntes Gesicht. Er ging auf Jack Crayley zu und gab ihm die Hand. »Entsetzliches Wetter«, beklagte sich der lange, hagere Herr und strich seinen Schnurrbart. »Ich hätte entschieden nach Deauville gehen sollen. Golf ist überhaupt ein langweiliges Spiel.« Er lächelte Miß Alice Cravel zu, die gerade durch die Halle zu ihrem Büro ging. »Eine hübsche Dame«, meinte er. »Um Ihnen die Wahrheit zu sagen«, wandte er sich vertraulich an Long, »ich wäre überhaupt nicht hergekommen, wenn sie nicht hier wäre.« »Ist sie mit Ihnen befreundet?« »O ja.« Crayley nahm sein Monokel aus der Tasche, putzte es und klemmte es ins Auge. »Sie ist wirklich eins der charmantesten Mädchen, die ich jemals kennen gelernt habe. Aber ich habe dieses Jahr keine guten Zimmer. Diese unverschämte Miß Revelstoke hat die Räume gemietet, in denen ich gewöhnlich wohne. Das ist mir sehr unangenehm.« »Sie können Miß Revelstoke wohl nicht besonders leiden?« »Ich hasse sie direkt«, entgegnete Mr. Crayley mit unerwarteter Heftigkeit. »Sie ist sehr unliebenswürdig und macht immer bissige Bemerkungen. Aber jetzt will ich einmal nach oben gehen und Monkford begrüßen.« * Am Montag hatte sich das Wetter gebessert, und die Sonne schien vom klaren, blauen Himmel, als Miß Revelstokes schneller, eleganter Wagen vor dem Hotel hielt. Mr. Cravel begrüßte seine Gäste, und Inspektor Long, der auch anwesend war, scherzte mit Nora. Der Dienstag kam heran und brachte den Beginn des großen Turniers. Am Mittwoch erschien Mr. Henry, und der Wetter grinste, als er das Auto des Rechtsanwalts vor dem Eingang sah. Er stand oben an Mr. Monkfords Fenster. »Wonach schauen Sie aus?« fragte der Bankier. »Der Rechtsanwalt Henry kommt eben. Kennen Sie ihn?« »Natürlich. Er ist der Anwalt von Miß Revelstoke.« Nur am ersten Abend hatte er auf seinem Zimmer gespeist. Später nahm er die Mahlzeiten in dem großen Speisesaal ein und hielt sich auch vielfach nach dem Essen in der Hotelhalle auf. Ein Tag verging nach dem anderen, und als sich keine Gefahr zeigte, vergaß er allmählich seine Furcht. Am Mittwochabend sah der Wetter aus dem Fenster und beobachtete, daß der Bankier auf dem Rasen unten spazierenging und sich eifrig mit Henry und Crayley unterhielt. Offenbar sprachen sie über ernste Dinge. Einmal sah Monkford zum Fenster hinauf, aber er winkte Long nicht freundlich zu, wie es sonst seine Gewohnheit war. Kurz darauf gingen sie ins Hotel zurück, und fünf Minuten später hörte der Detektiv die drei im Salon sprechen, der neben Arnolds Schlafzimmer lag. Sie blieben ungefähr eine Viertelstunde dort, dann schloß sich die Tür nach dem Korridor. Long trat ein und fand Mr. Monkford allein. Es mußte etwas geschehen sein, was ihn in größte Aufregung versetzt hatte. »Stimmt etwas nicht?« fragte der Wetter. »Ach, es ist nichts«, erwiderte der Bankier kurz und unliebenswürdig. »Aber nach dem Essen möchte ich einmal mit Ihnen sprechen.« »Warum denn nicht jetzt?« »Es hat Zeit.« »Betrifft es Sie?« »In gewisser Weise, ja. Aber es handelt sich eigentlich mehr um eine mir befreundete junge Dame. Im Augenblick wollen wir uns nicht darüber unterhalten. Aber ich muß sagen, daß ich sehr enttäuscht bin.« Mehr war nicht aus ihm herauszubringen, und der Wetter verließ das Zimmer. Er war höchst erstaunt über Monkfords Verhalten und suchte Crayley auf, den er in der Halle traf. »Was haben Sie denn mit Monkford besprochen, daß er so deprimiert ist?« Crayley sah ihn erstaunt an. »Wir haben uns über eine rein persönliche Sache unterhalten. Wenn er Ihnen nichts erzählt hat, kann ich es auch nicht tun. Ich bin zum Schweigen verpflichtet.« Der Wetter musterte ihn mit einem schnellen Blick. Crayley sah merkwürdig gedrückt aus, und die Haltung des Mannes beunruhigte ihn. Rechtsanwalt Henry kannte er nicht gut genug, um ihn um Aufklärung fragen zu können. Monkfords Benehmen war um so auffallender, als er am Morgen noch in sehr guter Stimmung gewesen war und Long vorgeschlagen hatte, am nächsten Tag den Golfplatz zu besuchen und den Spielen zuzusehen. Gewöhnlich speiste er mit Monkford zusammen, aber als er sich ankleidete, kam der Diener des Bankiers und brachte ihm eine kurze schriftliche Mitteilung. »Würden Sie so liebenswürdig sein, heute abend an einem anderen Tisch zu essen? Ich möchte mich noch mit Crayley und Rechtsanwalt Henry unterhalten.« Der Wetter war über diese Wendung äußerst betroffen. Was hatte Monkford nur gegen ihn? Er suchte nach einem Grund, aber er konnte nichts finden, so sehr er sich auch abmühte. Beim Abendessen beobachtete er Monkford mit den beiden Herren. Am Nebentisch saß Miß Revelstoke mit ihrer Sekretärin, und es fiel ihm plötzlich ein, daß er Nora noch eine Erklärung wegen des Ringes schuldig war. Miß Revelstoke verneigte sich leicht und liebenswürdig, als er sie grüßte, aber in ihren Augen leuchtete es triumphierend auf. Nach dem Essen nahm er den Kaffee in der Hotelhalle. Monkford blieb im Vorbeigehen einen Augenblick bei ihm stehen. »Kommen Sie in fünf Minuten in mein Zimmer, Long.« Die Worte klangen kalt und fast drohend. Der Wetter war sprachlos. Er sah genau nach der Uhr, und als fünf Minuten vergangen waren, erhob er sich und ging zum Lift. Der Salon war leer, als er eintrat, aber er hörte Monkfords Stimme aus seinem eigenen Schlafzimmer. Offenbar war er am Telephon. »Hallo ... hallo ... wer hat –« Long hörte plötzlich einen Schuß und dann einen Fall. Entsetzt sprang er zur Tür, aber er fand sie verschlossen. Er eilte auf den Korridor hinaus und drückte auf die Klinke der äußeren Tür. Aber sie gab nicht nach. Mit voller Wucht warf er sich dagegen, aber das starke Holz widerstand all seinen Anstrengungen. Als er sich umschaute, bemerkte er Cravel, der gerade die Treppe heraufeilte. Er sah bleich und bestürzt aus. »War das ein Schuß?« fragte er entsetzt. »Öffnen Sie die Tür!« Cravel fühlte mit der Hand in der Tasche. »Ich habe den Schlüssel nicht – warten Sie einen Augenblick.« Er eilte die Treppe hinunter. In einer Minute war er wieder oben und schloß mit zitternden Fingern auf. Joshua Monkford lag mit dem Gesicht nach unten auf dem Boden. Den Telephonhörer hatte er noch in der Hand, und in dem Raum roch es nach Schießpulver. 17 Der Bankier war tot; der Wetter sah es auf den ersten Blick. »Holen Sie einen Arzt!« rief er über die Schulter. »Ist er tot?« fragte Mr. Cravel heiser. »Holen Sie einen Arzt!« entgegnete Long wütend. »Tun Sie doch das, was ich Ihnen sage.« Als der Hotelbesitzer gegangen war, schloß Arnold die Tür. Der Schlüssel steckte noch draußen im Schloß. Er ging zu dem Badezimmer und fand auch diese Tür verschlossen, ebenso den Eingang nach dem Salon. Die Fenster waren ebenfalls dicht, denn die Nacht war kühl. Er riß eins der Fenster auf und sah hinaus. Das Glasdach des Speisesaals war hell erleuchtet, und nirgends konnte er etwas von einer Leiter entdecken. Auch der große Kleiderschrank war leer. Die Schußwaffe, mit der Joshua Monkford getötet worden war, mußte sich im Augenblick des Abfeuerns in unmittelbarer Nähe seines Kopfes befunden haben. Arnold nahm Monkfords Schirm und stellte einige oberflächliche Messungen damit an. Es war unmöglich, daß der Mörder aus so naher Entfernung geschossen haben konnte. Die gegenüberliegende Wand grenzte an eine Reihe von Zimmern, die von zwei jungen Damen bewohnt wurden. Der Wetter atmete schwer, denn er stand vor einem Rätsel. Ein Mann war in einem Raum erschossen worden, in den niemand hatte eindringen können. Als er in den Gang hinaustrat, wäre er beinahe mit Cravel zusammengestoßen, der nervös auf ein Dienstmädchen einsprach. »Mr. Long«, sagte er dringend, »in dem Zimmer von Miß Sanders muß etwas passiert sein.« Der Wetter starrte ihn an. »Was denn?« fragte er erregt. »Ich weiß nicht«, antwortete das zitternde Mädchen. »Ich hörte eine Explosion.« Long eilte die Treppe hinunter. Die genaue Lage des Zimmers war ihm bekannt. Er fand es verschlossen, und als er durch das Schlüsselloch schaute, bemerkte er Rauch. »Was wünschen Sie, Mr. Long?« Er drehte sich um und sah Nora Sanders vor sich. »Geben Sie mir, bitte, den Schlüssel«, sagte er heiser. Er riß ihn aus ihrer Hand, öffnete und trat ein. Es hatte tatsächlich eine Art Explosion hier stattgefunden, denn er konnte noch den Pulverdampf riechen. Er entdeckte ein rotglimmendes Papier vor dem Ofen, nahm es auf und steckte es ohne weiteres in ein Glas Wasser, das auf dem Waschtisch stand. »Was ist denn geschehen?« fragte sie bestürzt. »Nichts Besonderes. Wollen Sie hier bleiben?« Im nächsten Augenblick war er schon wieder auf dem Gang und eilte die Treppe hinauf. Er hatte Mr. Cravel in Monkfords Zimmer allein zurückgelassen, und jetzt begegnete er ihm draußen auf dem Gang. Die Tür war verschlossen. »Ich hielt es für gut, abzusperren, bis Sie wiederkamen.« Der Wetter nickte. Der Telephonhörer lag jetzt auf dem Boden in einer Blutlache. Monkford war aus allernächster Nähe durch die Stirne geschossen worden. Der Anblick erinnerte Long an den Ulanen-Harry. Die Detektive, die den Hoteldienst versahen, waren inzwischen auch herbeigekommen. Sie führten Mr. Cravel aus dem Zimmer, verschlossen die Tür und nahmen dann eine sorgfältige Durchsuchung des Zimmers vor. Niemand befand sich in dem Raum, als Long die Tür zuerst geöffnet hatte. Diese Tatsache stand fest. Und es war auch kein Platz in dem Zimmer, wo sich ein Mann hätte verbergen können. Zoll für Zoll klopfte der Wetter das Paneel an den Wänden ab. Die Decke war geputzt. Er nahm das Telephon, wischte es mit einem Handtuch ab und rief die Zentrale an. Miß Cravel meldete sich, und er hörte an dem Klang ihrer Stimme, daß sie die schreckliche Nachricht bereits kannte. »Sind Sie es, Mr. Long?« fragte sie. »Ist es wahr?« Sie sprach leise, wahrscheinlich wollte sie andere Hotelgäste nicht beunruhigen. »Wer hat Mr. Monkford vor fünf Minuten angerufen?« »Niemand – er selbst hat telephoniert. Ich sah, wie seine Nummer am Klappenschrank herunterfiel, und dann hörte ich am Telephon einen Schuß.« Der Wetter legte den Hörer hin, als jemand an der Tür klopfte. Es war ein Arzt, einer von den Gästen, den man eilig herbeigerufen hatte. Er sah auf die Gestalt, die leblos auf dem Boden lag, und schüttelte den Kopf. »Ich kann Ihnen auch weiter nichts sagen, als daß er tot ist.« Er beugte sich nieder, um eine oberflächliche Untersuchung vorzunehmen. »Mitten durch den Kopf geschossen, und zwar aus unmittelbarer Nähe. Sie sehen es an dem Pulverschleim und an der verbrannten Haut. Der Tod ist wohl sofort eingetreten.« Der Wetter nickte. »Die Leute haben augenscheinlich mit einer automatischen Pistole gearbeitet.« »Haben Sie den Täter gefaßt?« »Nein, wir haben ihn nicht, denn es ist niemand hier gewesen. Als wir in das Zimmer kamen, war es vollkommen leer.« »Sollte es sich vielleicht um einen Selbstmord handeln?« fragte der Doktor erstaunt. Der Gedanke war Wetter Long auch schon gekommen, aber er hatte keine Waffe irgendwelcher Art finden können. Mr. Monkford trug zwar sonst zu seinem eigenen Schutz eine Browningpistole bei sich, aber die lag in einer Schublade seines Waschtisches, war vollständig sauber und nicht einmal geladen. Nachdem er seine Untersuchung beendet hatte, suchte er Crayley auf. Er brauchte kein großer Psychologe zu sein, um sofort zu erkennen, daß der Mann bereits über den Vorfall unterrichtet war. »Oh, es ist entsetzlich, einfach entsetzlich. Warum hat sich Monkford nur erschossen? Er war doch heute nachmittag noch in der besten Stimmung, als wir mit ihm sprachen –« »Hören Sie, Crayley, ich muß einige Fragen an Sie richten. Rechtsanwalt Henry und Sie waren heute nachmittag mit Monkford zusammen, und Sie haben ihm etwas erzählt, das ihn sehr deprimiert haben muß –« »Im Gegenteil, er hat mir etwas gesagt, was mich sehr verstimmte«, erklärte Crayley unnötig laut. »Und ich lasse mich von Ihnen nicht irgendwie ausfragen oder belästigen, Long. Ich bin durch den Unglücksfall schon nervös und aufgeregt genug.« »Dann ziehen Sie es wohl vor, daß der Vorsitzende der Mordkommission Sie morgen ausfragt?« Crayley kniff die Augen zusammen. »Was, Sie wollen mir drohen? Und ich habe Ihnen das Leben in Colchester gerettet!« »Seien Sie doch vernünftig, Crayley. Ich bedrohe Sie durchaus nicht. Ich stelle nur ein paar Fragen an Sie, die jeder Polizeibeamte an einen anständigen Mann stellen, und die jeder anständige Mann auch sofort beantworten würde. Worüber haben Sie sich heute abend mit Monkford unterhalten?« Crayley zuckte die Schultern. »Das kann ich Ihnen nicht sagen. Fragen Sie doch Henry. Es betraf ihn mehr als mich. Außerdem müßte ich erst mit meinem Rechtsanwalt sprechen, bevor ich irgendeine Äußerung tue nach dieser entsetzlichen Tragödie.« Long suchte den Rechtsanwalt, erfuhr aber, daß er das Hotel sofort nach dem Abendessen verlassen hatte und bereits auf dem Wege nach London sein mußte. 18 Miß Revelstoke teilte Nora die schreckliche Neuigkeit mit, und das junge Mädchen war starr vor Schrecken. »Aber das ist doch nicht möglich! Hat er denn –« »Ich weiß es nicht, und der Doktor nimmt an, daß es Selbstmord ist. Aber warum der arme Monkford so etwas tun sollte, kann ich mir wahrhaftig nicht denken.« Sie war ungewöhnlich erregt und ging nervös im Zimmer auf und ab. »Schon seit einiger Zeit wurde er mit dem Tode bedroht, wie mir Crayley erzählte, aber ich habe das natürlich nicht geglaubt. Deswegen scheint auch der Detektiv im Hotel anwesend zu sein – Ihr Mr. Long. Wirklich ein guter Detektiv, das muß ich sagen!« »Sie meinten doch vorhin, daß es Selbstmord wäre, Miß Revelstoke –« »Nein, es war nicht Selbstmord. Simpkins sagt, daß man keine Waffe gefunden hat.« »Aber wer soll ihn denn erschossen haben?« »Fragen Sie doch nicht so einfältig, mein Kind«, erwiderte die alte Dame unwillig. »Er ist tot, und das genügt. Hoffentlich hat es nichts mit seiner Bank zu tun. Das wäre entsetzlich. Was ich Ihnen noch von Mr. Long sagen wollte – er scheint gerade keinen guten Ruf in Scotland Yard zu besitzen, soviel ich von Henry gehört habe, und diese Geschichte bricht ihm wahrscheinlich das Genick.« Ihre Stimme klang haßerfüllt, und Nora sah die Frau betroffen an. »Können Sie ihn nicht leiden?« »Natürlich wird er der Bande des Schreckens wieder die Schuld geben. Diese Geschichte hat er doch nur erfunden, um seine vielen Fehlschläge zu decken. Ich wüßte nicht, warum ich ihn gern haben sollte. Nora, jede Frau hat irgendeinen Punkt in ihrer Vergangenheit, den sie totgeschwiegen wissen will. Durch einen Zufall hat Ihr Mr. Long eine alte Torheit von mir herausgebracht. Ich glaubte, die Sache wäre längst vergessen und begraben. Um was es sich handelt, möchte ich Ihnen nicht sagen. Sie würden sich dabei wahrscheinlich nur langweilen und mich für verrückt halten. Die Geschichte passierte in Kopenhagen, als ich noch ein ganz junges Mädchen war –« Sie atmete schwer. »Damit will ich es bewenden lassen. Nein, Mr. Long besitzt meine Sympathie keineswegs.« Das Mädchen schwieg. Unter diesen Umständen wäre es töricht gewesen, einen Mann zu verteidigen, der ihrer Meinung nach nur seine Pflicht getan hatte. Sie konnte sich nicht vorstellen, daß Arnold Long sich etwas hätte zuschulden kommen lassen können. »Ich habe gehört, daß in Ihrem Zimmer eine Explosion gewesen ist?« fragte Miß Revelstoke plötzlich. Nora berichtete kurz, was sich ereignet hatte. »Ich wußte von nichts, bis ich sah, daß Mr. Long meine Tür öffnen wollte. Eins der Mädchen sagte mir, sie hätte gehört, daß drei oder vier Schüsse gefallen wären. Als wir in das Zimmer kamen, fanden wir etwas Rauchendes vor dem Kamin. Es muß ein Stück Papier gewesen sein.« »Was ist daraus geworden?« Nora erzählte es ihr. Die Sache schien aber die ältere Dame kaum aufzuregen, denn sie erwähnte die Geschichte nicht weiter. »Cravel ist wahrscheinlich ruiniert. Wenigstens ist diese Saison vollkommen verdorben. Nur die versessensten Golfspieler werden bleiben. Der Rest der Gäste reist wohl morgen ab. Einige sind schon fort. Übrigens sah ich Mr. Long eben in der Halle. Er fragte mich, ob er heraufkommen könnte, um mit Ihnen zu sprechen. Haben Sie etwas dagegen?« Nora schüttelte den Kopf. »Ich kann mir nicht denken, was Sie ihm sagen könnten«, erklärte Miß Revelstoke. »Sie haben doch nichts dagegen, wenn ich Sie mit ihm allein lasse? Ich kann seine Gegenwart nicht vertragen.« Kurz darauf erschien der Wetter. Er sah sehr müde und abgespannt aus, und Nora hatte großes Mitleid mit ihm. Miß Revelstoke blieb im Gegensatz zu ihren eben geäußerten Worten ruhig im Zimmer. »Mr. Long, haben Sie irgendeine Entdeckung gemacht?« fragte sie ihn verbindlich. »Nein. Ich weiß nur, daß Monkford ermordet worden ist.« »Aber wie ist denn das möglich? Der Hoteldirektor erklärte mir, daß sich niemand in dem Zimmer befand, als Sie hineingingen. Sie waren doch allein in der Nähe, als Monkford erschossen wurde. Stimmt das nicht?« Der Wetter warf ihr einen schnellen Blick zu. »So? Mir ist das noch nicht aufgefallen«, erwiderte er ironisch. »Aber andere werden es sicher bemerken. Mr. Cravel sagte mir, daß er im ersten Stock war, als er den Schuß hörte. Er eilte sofort hinauf und fand Sie an der Tür. Offenbar machten Sie den Versuch, in das Zimmer zu kommen. Ich möchte nur wissen, warum die Tür verschlossen war.« »Ich habe mich auch darüber gewundert. Aber es bleibt eben eine Tatsache, daß sie verschlossen war.« Miß Revelstoke zuckte die Schultern und lächelte sarkastisch. »Offenbar war kein Schlüssel da. Mr. Cravel meinte, daß die Tür nicht von innen verschlossen sein konnte, sonst hätte er sie doch nicht mit seinem Paßschlüssel öffnen können. Aber vielleicht haben Sie den Schlüssel abgezogen?« »Die Möglichkeit würde allerdings bestehen«, entgegnete der Detektiv eisig. »Aber dem widerspricht die Tatsache, daß der Schlüssel in Monkfords Tasche gefunden wurde.« Miß Revelstoke runzelte die Stirne. »Cravel hat mir aber doch gesagt, daß der Schlüssel unten im Empfangsbüro hing, und daß er auch jetzt noch dort hängt! Wenn Sie einen Schlüssel in Monkfords Tasche gefunden haben, so war das ein Duplikat, von dem Cravel nichts wußte.« Wetter Long blickte rasch auf, und ein Lächeln spielte plötzlich um seinen Mund. »Ach, so ist es!« Sein Gesichtsausdruck hatte sich vollkommen verändert, und seine Augen glänzten. »Also so verhielt sich die Sache! Natürlich! Daß ich das nicht vorher eingesehen habe!« Sein verwandeltes Wesen machte Eindruck auf Miß Revelstoke. Ihr Gesicht wurde lang und länger, und ihre Züge verdüsterten sich. »Was meinen Sie denn?« fragte sie schließlich. »Sie haben mir zu einer teilweisen Lösung dieses Geheimnisses verholfen. Ich will Ihnen ein Geständnis machen. Ich log absichtlich, als ich Ihnen vorhin sagte, daß ich den Schlüssel in der Tasche des Toten gefunden hätte. Das war keineswegs der Fall. Aber solche Lügen sind für uns Kriegslisten, und sie reizen gewisse Leute auf, unsere Behauptungen zu widerlegen.« Miß Revelstoke sagte nichts darauf, und er wandte sich an Nora. »Ich wollte noch viele Fragen an Sie richten wegen der Explosion in Ihrem Zimmer. Aber das ist jetzt nicht mehr nötig, weil ich die Zusammenhänge einigermaßen durchschaue. Nur eins muß ich noch herausbringen, und zwar, wie der Täter nach dem Mord das Zimmer verlassen konnte.« »Das scheint mir allerdings die wichtigste Frage zu sein«, entgegnete Miß Revelstoke mit einem bissigen Lächeln. »Ja und nein. Vor allem möchte ich auch noch klären, warum Mr. Henry, dieser kluge Rechtsanwalt, um Viertel vor neun bei der Polizeistation in Staines vorgesprochen und den Verlust einer Armbanduhr gemeldet hat, die er in seinem Zimmer liegen ließ.« Miß Revelstoke sah ihn mit großen Augen an, und sie lächelte nicht mehr. »Sie sprechen direkt geheimnisvoll, Mr. Long –« »Und noch geheimnisvoller ist es, daß Henry gerade in dem Augenblick auf die Polizeistation kam, in dem Monkford erschossen wurde. Ich habe noch niemals von einem besseren Alibi gehört.« 19 Miß Revelstoke hatte nicht übertrieben, als sie behauptete, daß die meisten Gäste abreisen würden. Arnold Long, der von einem kurzen Besuch der Hauptstadt nach Heartsease zurückkehrte, fand nur noch ein halb Dutzend Leute in dem großen Speisesaal. Auf Cravels dringende Vorstellungen hin waren bereits drei Zimmerleute damit beschäftigt, das Paneel von den Wänden des Zimmers zu reißen, in dem das Verbrechen begangen worden war. Sergeant Rouch beaufsichtigte die Leute. Der Wetter ging nach oben, um sich von dem Fortschritt der Arbeit zu überzeugen. Die Wände waren schon bis auf das Mauerwerk bloßgelegt, und ein Teil des Fußbodens war aufgerissen. Long brauchte kein Bausachverständiger zu sein, um zu sehen, daß sich niemand in dem Zimmer hatte verbergen können. Sergeant Rouch war ein untersetzter Mann von mittleren Jahren mit blonden Haaren und blauen Augen, der sich durch großen Optimismus auszeichnete. Er glaubte mit Bestimmtheit daran, daß sich auch die kompliziertesten Fälle von selbst lösen müßten. Der Wetter nahm ein beschmutztes und verbranntes Papier aus der Tasche, das er in Noras Zimmer aufgelesen hatte. »Was ist das?« fragte Rouch neugierig. »Die Überbleibsel eines Crackers – Sie können ein ganzes Paket für einen Schilling kaufen.« »Was – Feuerwerk?« fragte der Sergeant überrascht. »Ja. Es wurde durch ein offenes Fenster in Miß Sanders' Zimmer geworfen und hatte natürlich nur den Zweck, mich im geeigneten Augenblick aus Monkfords Zimmer zu entfernen. Ich ließ mich tatsächlich hinters Licht führen, und in meiner Abwesenheit geschah etwas Entscheidendes an dem Tatort.« »Ja, der Mörder ist entkommen«, meinte Rouch selbstzufrieden. »Der Mörder brauchte gar nicht zu entkommen, weil er überhaupt nicht zugegen war!« »Aber wie wurde der Mann denn getötet?« fragte Rouch triumphierend. »Ein Mann wurde in einem vollständig abgeschlossenen Zimmer ermordet. Nur Sie waren in der Nähe –« »So, haben Sie sich diese Theorie auch schon zu eigen gemacht?« fragte der Wetter lachend. »Setzen Sie sich einmal hin, Rouch. Wer hat Ihnen denn die Geschichte beigebracht, daß nur ich in der Nähe war?« »Ich –« Sergeant Rouch fühlte sich gerade nicht sehr wohl. Er wischte sich den Schweiß von der Stirne und zuckte die Schultern. »Ich wollte nur sagen –« begann er. »Wo haben Sie diesen Unsinn her? Ihnen selbst ist doch niemals ein solcher Gedanke gekommen? Also, wer hat Ihnen das erzählt?« »Mr. Cravel denkt es. Er sagte, es war doch merkwürdig, daß Sie der einzige in der Nähe waren, als der Schuß fiel.« »Bringen Sie Mr. Cravel her. Ich muß einmal ein ernstes Wort mit ihm reden.« Gleich darauf erschien der Sergeant mit dem Hotelbesitzer. Der Mann hatte sich anscheinend schon mit dem unvermeidlichen Verlust abgefunden, der ihm durch die Tragödie entstanden war. Ja, er lächelte sogar, als er sich in dem Zimmer umsah. »Nun, Mr. Long, haben Sie geheime Falltüren oder Hohlräume entdeckt?« Der Wetter antwortete darauf nicht. »Sie entsinnen sich, Mr. Cravel, daß ich an der Tür stand und versuchte, sie zu öffnen, als Sie nach oben kamen?« »Sie nehmen doch nicht etwa ernst, was ich zu Rouch gesagt habe? Ich machte nur eine Bemerkung, daß Sie, soweit wir wissen, allein in der Nähe waren, als Monkford ermordet wurde. Sie glauben doch nicht, daß ich behaupten wollte –« »Es kommt gar nicht darauf an, was Sie behaupten wollten. Sie sollen nur meine Fragen klar und deutlich beantworten. Erinnern Sie sich daran, daß ich mich sofort an Sie wandte und Sie nach dem Schlüssel für die Tür fragte?« Cravel nickte. »Und Sie besinnen sich auch darauf, daß Sie nach unten gingen und mit dem Paßschlüssel zurückkehrten?« »Ja.« »Wer hat Ihnen den gegeben?« »Der Flurkellner.« »Holen Sie den Mann«, sagte der Wetter zu Rouch und schwieg, bis der Auftrag ausgeführt war. »Haben Sie einen Paßschlüssel für diesen Stock?« fragte Long. Der Mann warf einen schnellen Blick auf Mr. Cravel. »Ja.« »Zeigen Sie ihn.« Widerwillig zog der Kellner den Schlüssel aus der Tasche und reichte ihn dem Detektiv, der ihn in das Schloß steckte und umzudrehen versuchte. »Das ist nicht der Paßschlüssel zu diesem Stockwerk.« Der Mann antwortete nichts, sondern sah wieder verstohlen zu seinem Chef hinüber. Long bemerkte es. »Wer hat den richtigen Paßschlüssel?« Der Kellner bewegte sich unruhig. »Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich das Zimmermädchen.« »Rufen Sie sie«, wandte sich der Wetter wieder an Rouch und entließ den Kellner mit einem Kopfnicken. »Worauf wollen Sie denn hinaus?« fragte Cravel, als die beiden allein waren. »Ich will es Ihnen im Vertrauen mitteilen«, entgegnete Long ruhig. »Als Monkford in sein Zimmer ging, nachdem er mich vorher aufgefordert hatte, ihm zu folgen, hat er sich doch selbstverständlich nicht eingeschlossen. Warum hätte er das denn tun sollen? Außerdem konnte er es ja auch nicht, da er keinen Schlüssel hatte. Es ist also eine logische Schlußfolgerung, daß jemand anders von draußen oder drinnen abgeschlossen haben muß. Ich hörte selbst, daß Mr. Monkford die Telephonzentrale anrief, und ich bin davon überzeugt, daß er sich erkundigen wollte, wer ihn eingeschlossen hätte. Ich hörte deutlich die Worte: ›Wer hat‹, dann fiel der Schuß. Er wollte natürlich sagen: ›Wer hat meine Tür verschlossen?‹« Cravel war kreidebleich geworden. »Ich bin der Ansicht, daß Sie die Tür zugeschlossen haben, und daß Sie den Paßschlüssel dieses Stockwerks in der Tasche hatten. Sie sind nur nach unten geeilt, um diese Tatsache vor mir zu verbergen.« In diesem Augenblick kam Rouch zurück und meldete, daß das Zimmermädchen, das an dem Mordtage im zweiten Stock Dienst tat, auf Urlaub sei. »Das habe ich mir gleich gedacht«, sagte der Wetter langsam. »Zum Teufel, worauf wollen Sie denn hinaus?« Mr. Cravel war wütend, aber er fürchtete sich auch. »Sie wollen doch nicht etwa behaupten, daß ich in Ihrer Anwesenheit die Tür aufgeschlossen und Monkford erschossen habe?« »Nein, ich bin der Ansicht, daß Sie die Tür verschlossen haben, bevor er tot war. Sie wußten nämlich, was passieren würde. Was haben Sie dazu zu sagen, Cravel?« »Das ist eine verdammte Lüge«, brauste der Direktor auf. »Ich bin überhaupt nicht in die Nähe der Tür gekommen. Warum sollte ich sie denn verschließen? Sie können den Fall nicht lösen, Long, und deshalb erfinden Sie die unglaublichsten Theorien, um Ihre Niederlage zu bemänteln.« Der Wetter trat ganz dicht an ihn heran. »Ich weiß genug, um Sie an den Galgen zu bringen, Cravel! Auf jeden Fall könnte ich Sie sofort wegen des Mordes an Monkford verhaften. Aber ich lasse Ihnen noch eine Galgenfrist. Früher oder später werden Sie sich selbst bloßstellen. Wenn Sie nicht selbst Joshua Monkford erschossen haben, so gehören Sie doch zu den Leuten, die seinen Tod planten und vorbereiteten. Wenn sich alle meine Vermutungen bewahrheiten, kommen Sie ebenso an den Galgen wie Shelton.« Diese Worte verfehlten ihre Wirkung nicht. Cravels Augen blitzten in tödlichem Haß auf, und er konnte vor Erregung kaum sprechen. »Eine unerhörte Frechheit!« stieß er wild hervor. Der Wetter sprang zur Seite und entging dem Faustschlag, den der Mann gegen ihn richtete. Blitzschnell packte er dann Cravel am Genick und riß ihm den Kopf zurück. Der Direktor verlor das Gleichgewicht und fiel dröhnend zu Boden. »Habe ich Sie endlich?« sagte der Wetter und lachte triumphierend. »Das ist wohl der wunde Punkt, den man nicht berühren darf? Ihr Wutanfall hat mich ein ganzes Stück weitergebracht!« Cravel erhob sich langsam. Er zitterte am ganzen Körper. Seine Augen schienen tiefer in den Höhlen zu liegen, aber er hatte sich wieder in der Gewalt. »Es tut mir leid, daß ich Sie angegriffen habe. Sie haben mich aber auch zu sehr gereizt. Kein Mensch kann vertragen, daß man ihn einen Mörder nennt. Ich werde die Sache Scotland Yard melden.« »Schön, gehen Sie nur zu meinem Vorgesetzten. Er wird sich freuen, Ihre Bekanntschaft zu machen. Wie alt sind Sie eigentlich, Cravel?« Der Direktor antwortete nicht, drehte sich um und verließ das Zimmer. »Donnerwetter«,sagte Rouch und sah seinen Chef mit unverhohlener Bewunderung an. »Das wird aber einen bösen Spektakel geben, wenn der die Sache meldet.« »Der meldet nichts – wetten, daß?« 20 Die schön ausgestatteten Büroräume des Rechtsanwalts Francis Henry lagen in Lincoln's Inn Fields, und zwar im Erdgeschoß des Hauses Nr. 642. Der Rechtsanwalt stand am Fenster und schaute auf die schönen Gärten hinaus, als ein Schreiber ihm die Ankunft des Inspektors Long meldete. Mr. Henry sah lächelnd auf die Karte. »Bitten Sie ihn, näherzutreten.« Er ging dem Detektiv entgegen, um ihn zu begrüßen. »Sie kommen natürlich wegen Monkfords. Ich schrieb Ihnen gestern abend noch, aber ich telephonierte dann Heartsease an und hörte, daß Sie schon fortgefahren seien.« Er schob seinem Besucher einen Stuhl hin und nahm selbst an seinem Schreibtisch Platz. »Also, Mr. Long, was wünschen Sie zu wissen?« Der Wetter hatte ein solches Entgegenkommen nicht erwartet und war durch die Freundlichkeit des Mannes ein wenig verblüfft. »Ich will ganz offen mit Ihnen sein, Mr. Henry«, erwiderte er. »Ein paar Stunden vor seinem Tode unterhielt sich Monkford mit Jackson Crayley und mit Ihnen. Sie gingen auf dem Rasen unter meinem Fenster auf und ab. Als ich dann kurz darauf Monkford selbst sah, war seine Haltung gegen mich entschieden verändert und in gewisser Weise feindlich. Ich möchte nun von Ihnen erfahren, worüber Sie mit Monkford gesprochen haben.« »Das kann ich Ihnen sagen. Ich habe Mr. Monkford mitgeteilt, daß Sie Miß Nora Sanders verehren und ihr einen kostbaren Ring geschenkt haben.« Long war im ersten Augenblick betroffen. Er hatte unter keinen Umständen erwartet, daß dieses kleine Betrugsmanöver Monkford derartig gegen ihn aufbringen könnte. »Ich verstehe aber nicht, daß diese Mitteilung solchen Eindruck auf Mr. Monkford machen konnte. Selbst wenn ich wirklich Nora Sanders verehrte und ihr ein Geschenk machte – warum hätte er sich denn darüber ärgern sollen?« Henry sah ihn merkwürdig lächelnd an. »Weil er selbst Miß Nora Sanders liebte.« Henry war äußerst zufrieden mit dem Eindruck, den seine Worte machten. »Hat er die junge Dame tatsächlich verehrt?« fragte der Wetter ungläubig. »Ja. Seine Liebe zu ihr ging sogar so weit, daß er am Nachmittag vor seinem Tode ein Testament zu ihren Gunsten machte und ihr sein ganzes Vermögen hinterließ.« Long erhob sich. »Donnerwetter, das ist ja kaum zu glauben!« sagte er langsam. Der Rechtsanwalt zuckte die Schultern, um anzuzeigen, daß ihn die Schrullen des verstorbenen Monkford nicht interessierten. »Das Testament ist in meinem Besitz. Es wurde auf Monkfords dringendes Verlangen aufgesetzt und von mir und Crayley als Zeugen unterschrieben.« »Wer sind denn die Testamentsvollstrecker?« fragte der Wetter nach einer kurzen Überlegung. »Miß Sanders selbst. Ich riet ihm natürlich davon ab, ein solches Testament zu machen, und schlug ihm vor, seinem eigenen Rechtsanwalt die Sache zu übergeben. Ich war vor allem sehr dagegen, daß Miß Sanders ihre eigene Testamentsvollstreckerin sein sollte. Aber er ließ sich in diesem Punkt nichts dreinreden. Er erwähnte auch, daß er nach dem Abendessen mit Ihnen sprechen und Ihnen alles erklären wollte. Er muß seinen Tod vorausgeahnt haben, da er so sehr darauf bestand, das Testament sofort aufzustellen. Ich war entschieden dagegen.« »Das haben Sie schon vorher gesagt«, entgegnete der Wetter kühl. Seine ganze Haltung drückte aus, daß er an den Worten des Rechtsanwalts zweifelte, aber Mr. Henry war nicht allzu empfindlich. Longs Gedanken arbeiteten fieberhaft. Er rekapitulierte kurz alle Tatsachen von der Verhaftung Clay Sheltons bis zu dem gegenwärtigen Augenblick. »Ich muß sehr schnell arbeiten«, sagte er langsam. »Schneller als alle anderen. Und es wird mir gelingen. Wetten, daß?« 21 Der Tod Mr. Monkfords deprimierte Nora Sanders stark. Sie konnte sich des düsteren Eindrucks nicht erwehren, daß die Bande des Schreckens ihre Hand im Spiel hatte. Das wurde ihr mehr und mehr zur Gewißheit, obwohl sie mit Long nicht mehr über die Verbrecherorganisation gesprochen hatte. Sie versuchte aber vergeblich, Miß Revelstoke auch davon zu überzeugen. »Das ist der größte Unsinn«, entgegnete die alte Dame energisch. »Ich weiß nicht, was Sie immer mit der Bande des Schreckens wollen. In Scotland Yard scheint man ja vollkommen die Nerven verloren zu haben, wenn derartige Dummheiten geglaubt werden.« Sie sah gerade zum Fenster hinaus, als ein Mietauto vor der Haustür hielt. »Ach, da kommt ja Ihr Ihnen so ergebener Mr. Henry. Er scheint es sehr eilig zu haben.« Erst nachdem sich der Rechtsanwalt zwanzig Minuten lang allein mit Miß Revelstoke unterhalten hatte, ließ sie Nora kommen, und das junge Mädchen war aufs äußerste bestürzt, als sie von der Erbschaft hörte. »Zwei Millionen soll ich erben?« sagte sie atemlos. »Das kann doch nicht wahr sein!« Bleich und verstört sank sie in einen Stuhl und sah ratlos von einem zum andern. Mr. Henry strahlte sie wohlwollend an und weidete sich an ihrer Verwirrung. »Sie haben nun auch die Verantwortung für das ganze Vermögen und den Grundbesitz, Nora. Es wäre gut, wenn Sie meine Hilfe in Anspruch nähmen und mir die Führung Ihrer Geschäfte anvertrauten. Ich würde dann vor allem die Erklärung der Rechtsgültigkeit des Testaments durchsetzen. Die meisten Werte sind flüssig, und nach dem Wortlaut des Testaments können Sie sofort über ein Bankguthaben von einer Million zweihunderttausend Pfund verfügen.« »Der schlaue alte Fuchs war also doch in Sie verliebt!« sagte Miß Revelstoke und sah Nora mit ihren dunklen Augen durchdringend an. »Aber – ich verstehe den Zusammenhang wirklich nicht«, erwiderte Nora mit stockender Stimme. Die alte Dame legte den Arm um die Schulter des jungen Mädchens. »Gehen Sie in Ihr Zimmer, mein Kind. Ich werde noch wegen der Erbschaft mit Henry sprechen. Man kann auch nicht verlangen, daß sie sich sofort mit ihrem großen Glück abfindet«, wandte sie sich an den Rechtsanwalt. Willig ließ sich Nora von ihr zur Tür begleiten. Aber ihre Gedanken wirbelten immer noch durcheinander, als sie auf ihrem Zimmer angelangt war. Es war doch unmöglich! Sie sollte zwei Millionen Pfund besitzen? Natürlich träumte sie. Aber nach und nach kam ihr zum Bewußtsein, daß es Wirklichkeit war. Sie sah sich im Zimmer um und betrachtete jedes Möbelstück, dann trat sie an das offene Fenster und schaute hinaus. Drüben, auf der anderen Seite der Straße, stand ein Mann. Ihr Herz schlug plötzlich wild, als er sie grüßte. Es war Wetter Long. Er legte den Finger auf die Lippen, dann winkte er ihr zur Straße herunter und hob drei Finger in die Höhe. Also um drei! Sie sah nach der Uhr auf dem Kamin, die halb eins zeigte. Dann nickte sie ihm zu. Aber wo sollte sie ihn nur treffen? Als ob er ihre Gedanken erraten hätte, entfaltete er eine Zeitung und deutete auf eine Annonce, die in sämtlichen Morgenzeitungen an derselben Stelle stand. Das Warenhaus Cloche kündigte darin den Beginn einer billigen Woche an. Sie erkannte das charakteristische Reklamebild und nickte wieder. Aufs neue hob er den Finger und legte ihn auf die Lippen. Miß Revelstoke sollte also nichts davon erfahren. Sie gab ihr Einverständnis zu erkennen. Er winkte ihr noch einmal zu und ging dann fort. Warum hatte er nicht telephoniert? Es waren doch zwei Apparate im Hause, einer in der Diele im Erdgeschoß und einer in Miß Revelstokes Arbeitszimmer. Ohne Wissen der alten Dame hätte sie allerdings kein Gespräch führen können. Als der Gong zum Mittagessen rief, ging sie wieder nach unten und traf die beiden im Wohnzimmer. »Ich habe mit Mr. Henry über Ihr außerordentliches Glück gesprochen«, sagte Miß Revelstoke, »und ich halte es auch für das beste, daß Sie vernünftig sind und ihn zu Ihrem Generalbevollmächtigten ernennen.« Nora mußte lachen. Welch große Bedeutung hatte sie doch plötzlich erlangt, daß sie sogar einen Bevollmächtigten brauchte. »Ich bin allerdings in einer Gemütsverfassung, daß ich lieber alle anderen Leute für mich handeln lasse, als selbst etwas unternehme«, gestand sie. »Ich kann immer noch nicht verstehen, warum Mr. Monkford mir das große Vermögen vermacht hat.« »Er hätte es auch schlechteren Menschen hinterlassen können«, meinte Miß Revelstoke. »Der arme Joshua war wirklich ein merkwürdiger Mann, aber in diesem Fall hat er ganz guten Geschmack bewiesen. Er hat Sie eben geliebt, wirklich, er hat Sie verehrt«, sagte sie eindringlich, als Nora den Kopf schüttelte. Auf dem Tisch lagen zwei Schriftstücke. »Sie müssen hier an dieser Stelle unterzeichnen«, erklärte, ihr Mr. Henry liebenswürdig. »Durch das erste Dokument bestätigen Sie die Annahme der Erbschaft, und das zweite ist eine Vollmacht, die Sie mir ausstellen. All Ihre Sorgen in Vermögensangelegenheiten wälzen Sie dadurch auf meine Schultern ab.« Nora setzte sich und griff zu dem Federhalter. Aber plötzlich zögerte sie. Man verlangte von ihr, daß sie einen bestimmten Schritt unternehmen sollte, und durch ihre Unterschrift beanspruchte sie den Besitz eines Vermögens, das ihr eigentlich nicht zustand. »Muß ich denn jetzt schon unterzeichnen? Ich bin wirklich noch kaum in der Lage, die Situation richtig zu beurteilen. Hat es nicht Zeit bis zum Abend? Bis ich die erste Aufregung überwunden habe?« Sie sah den Rechtsanwalt an. Miß Revelstoke stand hinter ihr und gab Mr. Henry ein warnendes Zeichen. »Aber gewiß«, beruhigte er sie. »Heute kann ich doch sowieso nichts mehr unternehmen. Es ist besser, Miß Revelstoke erklärt Ihnen erst alles genau, bevor Sie Ihre Unterschrift geben. Wenn ich die Papiere nur morgen früh mit der ersten Post bekomme, dann haben wir keine Zeit verloren.« Die ältere Dame nahm die beiden Schriftstücke und legte sie beiseite. »So, nun wollen wir aber zum Essen gehen«, sagte sie dann in vergnügter Stimmung. Henry verließ das Haus um halb drei, und Nora ging gleich darauf in das Arbeitszimmer, in das sich Miß Revelstoke begeben hatte. »Ich möchte eine Stunde ausgehen«, sagte sie. »Ich hoffe, daß mir die Luft gut tut, damit ich wieder klar denken kann.« »Kein schlechter Gedanke. Ich möchte Ihnen nur raten, mit keinem Menschen über das Testament zu sprechen, bis Henry die nötigen gesetzlichen Schritte ergriffen hat. Der letzte, mit dem Sie sich darüber unterhalten dürften, wäre Mr. Long. Es ist ja möglich, daß ich ein Vorurteil gegen diesen Herrn habe, aber ich kann seinen Vater durchaus nicht leiden. Wohin wollen Sie denn gehen?« »Ich möchte etwas im Park spazieren gehen und mich dann vielleicht einmal bei Cloche umsehen. Es ist eine billige Woche dort.« Miß Revelstoke lächelte nachsichtig. »Aber mein Liebling, Sie brauchen doch jetzt wirklich nicht mehr zu einer billigen Woche ins Warenhaus zu laufen. Aber Sie haben vielleicht ganz recht. Es ist eine Ablenkung. Kommen Sie, bitte, bis fünf Uhr wieder zurück.« 22 Das Warenhaus Cloche ist groß, und da es Wetter Long nicht möglich war, Nora einen bestimmten Treffpunkt anzugeben, hielt sie sich einige Zeit am Haupteingang auf. Als sie ihn aber nicht entdecken konnte, betrat sie schließlich das Geschäft. Im Erdgeschoß wimmelte es von Menschen. Sie schaute nach rechts und nach links, aber sie sah ihn nicht. Hatte sie ihn doch falsch verstanden? Oder war er am Ende verhindert? Plötzlich trat ein Aufsichtsbeamter mit langem, blondem Schnurrbart auf sie zu und begrüßte sie mit einem Kopfnicken. »Wir haben Ihre Handtasche gefunden, sie liegt im Fundbüro. Wollen Sie, bitte, mitkommen?« Bevor sie erwidern konnte, daß sie nichts verloren hätte, drehte er sich um und ging ihr voran. Vergeblich versuchte sie, ihn zu überholen und ihm klar zu machen, daß er sich täuschen müßte. Er ging in ein kleines Büro und hier wandte er sich erst wieder nach ihr um. »Sie müssen sich unbedingt irren, ich habe keine Tasche verloren –« begann sie. Er öffnete eine andere Tür, die zu einem kleinen Salon führte. »Würden Sie einen Augenblick Platz nehmen?« fragte er freundlich. »Ich sage Ihnen aber doch, daß ich nichts verloren habe«, wiederholte sie, etwas erregt über seine Unzugänglichkeit. Er schob sie in das kleine Zimmer und schloß die Tür hinter ihr. »Entschuldigen Sie, daß ich wie ein Detektiv im Theater erscheine«, sagte der Wetter und nahm den Schnurrbart ab. »Sie verstehen jetzt wohl, warum Sie Ihre Handtasche verloren haben müssen.« Sie starrte ihn erstaunt an. »Mir sind derartige Dinge auch zuwider«, fuhr er fort, »aber der alte Cloche ist ein großer Freund von Scotland Yard, und ich hatte keinen anderen Weg, um mich Ihnen zu nähern, ohne die Aufmerksamkeit des Mannes zu erregen, der Ihnen dauernd folgt.« »Der mir dauernd folgt?« fragte sie ungläubig. »Da irren Sie sich aber.« »Durchaus nicht. Ich kenne den Mann, seinen Namen, seine Adresse. Sogar über seine früheren Gefängnisstrafen bin ich orientiert«, erklärte der Wetter mit breitem Lächeln. »Haben Sie schon von Ihrem großen Glück erfahren?« Sie nickte. »Ist es denn wirklich wahr? Ich kann es noch nicht glauben.« »Es ist schon wahr. Das Testament ist über jeden Zweifel erhaben – wenigstens unter diesen Umständen. Monkford soll es an dem Nachmittag vor seinem Tod unterzeichnet haben. Das war der erste August – kommt Ihnen das Datum nicht bekannt vor?« Sie erinnerte sich und wurde bleich. »Die Prophezeiung hat sich erfüllt. Welche Schriftstücke sollen Sie denn für Mr. Henry unterzeichnen?« Sie setzte sich plötzlich. »Woher wissen Sie denn davon etwas?« fragte sie verblüfft. »Haben Sie Ihre Unterschrift schon gegeben?« fragte er schnell. »Noch nicht.« »Sie haben Sie also tatsächlich gebeten, etwas zu unterzeichnen? Um was handelt es sich denn?« »Das verstehe ich noch nicht ganz. Aber anscheinend ist alles in Ordnung. Mr. Henry zeigte mir zwei Papiere: eine Vollmacht, die ich ihm ausstellen sollte, und eine Bestätigung, daß ich das Testament annehme –« »Sie werden keins der beiden Schriftstücke unterzeichnen.« »Aber Mr. Henry ist doch ein Rechtsanwalt, und er handelt in meinem Interesse.« »Nein, das tut er eben nicht. Sie unterzeichnen nichts – haben Sie mich verstanden?« fragte er etwas unhöflich. Dann nahm er ein zusammengefaltetes Papier aus der Tasche, glättete es und legte es auf den Tisch. »Ich bin im Begriff, Ihr Vertrauen auf eine harte Probe zu stellen«, sagte er sehr ernst. »Dieses Schriftstück ist eine Vollmacht für Wilkins, Harding \& Bayne, die Rechtsanwälte meines Vaters, und ich bitte Sie, es zu unterzeichnen. Ich werde dafür sorgen, daß es noch heute nachmittag in die Hände der betreffenden Herren kommt.« »Was besagt es denn?« fragte sie und schaute zu ihm auf. »Es hat vermutlich denselben Inhalt wie das Schriftstück, das Sie für Mr. Henry unterzeichnen sollten. Es ist eine Art Generalvollmacht, und Sie legen dadurch die Verwaltung Ihrer Angelegenheiten in die Hände einer Rechtsanwaltsfirma, die über jeden Zweifel erhaben ist.« »Wollen Sie denn sagen, daß Mr. Henry –« »Mr. Henry ist nicht über jeden Zweifel erhaben, und zwar aus vielen Gründen, die ich Ihnen jetzt im Moment nicht erklären kann. Ich bitte Sie, Nora, schenken Sie mir Vertrauen und unterzeichnen Sie das Schriftstück.« Sie nahm die Feder, die auf dem Schreibtisch lag, und unterschrieb, ohne den Inhalt durchzulesen. »Es wird allerdings eine böse Auseinandersetzung geben, wenn ich Miß Revelstoke erzähle, was ich getan habe.« »Sie brauchen es ihr erst morgen früh mitzuteilen. Wann sollten Sie denn die Schriftstücke für Mr. Henry unterzeichnen – etwa schon heute abend? Zweifellos arbeitet die Gegenseite sehr schnell. Glauben Sie, daß Sie imstande sind, Miß Revelstoke ein wenig zu belügen?« Sie lächelte. »Ich möchte es nicht gerne tun, aber wenn Sie es wollen –« »Gut. Dann sagen Sie, daß Sie sich entschlossen haben, die Vertretung Ihrer Angelegenheiten den Rechtsanwälten Ihres verstorbenen Vaters zu übergeben, die sich mit Mr. Henry in Verbindung setzen würden. Um Ihre Handlungsweise zu rechtfertigen, können Sie auch noch angeben, daß Mr. Henry das Testament als Zeuge unterschrieben hat, und daß Sie es für das beste halten, einen Unbeteiligten mit der Wahrung Ihrer Interessen zu betrauen.« Er nahm eine kleine Handtasche vom Tisch auf und überreichte sie ihr lächelnd. »Sie haben also Ihr verlorenes Eigentum wiedererhalten. Der Herr, der draußen auf Sie wartet, ist sicher schon ungeduldig geworden.« »Wann kann ich Sie wieder treffen, Mr. Long? Diese ganze Geschichte beunruhigt mich wirklich sehr.« »In fünf Minuten sehe ich Sie wieder, und wahrscheinlich bin ich die ganze nächste Woche in Ihrer unmittelbaren Nähe.« Bei diesen Worten nahm er ihre Hand in die seine. »Es wird Ihnen in nächster Zeit nicht sehr gut gehen, aber Sie haben einen festen Charakter, und Sie werden über alle Schwierigkeiten hinwegkommen. Und wenn es Sie irgendwie tröstet, möchte ich Ihnen sagen, daß achtzehntausend Polizisten in London alles für Ihre Sicherheit tun, und daß ich in den nächsten Tagen graue Haare Ihretwegen bekomme. Aber lassen Sie den Mut nicht sinken.« Gleich darauf trat sie aus dem kleinen Salon auf die Straße. Unterwegs sah sie sich mehrmals verstohlen um und bemerkte tatsächlich einen Mann, der sie beobachtete. Aber obwohl darin eine Gefahr für sie liegen mußte, und obwohl Long sie gewarnt hatte, fühlte sie sich im Augenblick stark und mutig. Sie wartete nicht erst, bis die alte Dame sie an die Unterzeichnung der Schriftstücke erinnerte, sondern ging nach ihrer Rückkehr sofort zu ihr. Sie fand sie im Wohnzimmer, mit einer feinen Handarbeit beschäftigt. 23 »Ich habe mich entschlossen, die Erledigung meiner Angelegenheiten den Rechtsanwälten meines Vaters zu übergeben«, sagte sie ohne weitere Einleitung. »Ich habe ihnen bereits geschrieben.« »So?« fragte Miß Revelstoke, die nur kurz von ihrer Stickerei aufgesehen hatte. »Das ist allerdings sehr unangenehm. Ich dachte, Sie würden in diesem Fall meinem Rat folgen. Aber da Sie den entscheidenden Schritt schon getan haben, läßt sich wohl nichts mehr ändern. Sagen Sie, bitte, Jennings, daß ich das Auto in einer halben Stunde brauche.« Miß Revelstoke hatte die Mitteilung sehr ruhig hingenommen, aber Nora kannte sie zu gut, um sich täuschen zu lassen. Sie wußte, daß die alte Dame wütend über sie war, obwohl die Hand der Frau, die die Nadel führte, nicht im mindesten zitterte, und obwohl ihre Stimme so ruhig wie immer klang. Aber die beiden roten Flecken auf ihren Wangen verrieten ihre Erregung. Nora sah von ihrem Zimmer aus, wie der Wagen fortfuhr, und ging wieder nach unten. Sie fühlte sich erleichtert, da sie im Moment von der Gegenwart der alten Dame befreit war. Ihre Stellung hier wurde allmählich unhaltbar. Schon auf dem Rückweg von dem Kaufhaus hatte sie sich das klargemacht. Und doch fand sie keinen vernünftigen Grund dafür, das Haus von Miß Revelstoke zu verlassen. Es kam ihr zum Bewußtsein, daß sie ihr doch in vieler Hinsicht recht dankbar sein mußte. Miß Revelstoke hatte sie immer menschenfreundlich und liebenswürdig behandelt und niemals unangenehme Forderungen an sie gestellt. Erst kurz vor sechs kehrte sie zurück. Ihr Ärger schien während der Spazierfahrt verflogen zu sein, denn sie war in der besten Stimmung. »Ich war bei Mr. Henry«, erzählte sie Nora. »Er ist natürlich ein wenig betreten, aber er versteht Ihre Ansicht, und er glaubt, daß Sie im großen und ganzen richtig gehandelt haben. Vielleicht sind Sie so liebenswürdig und schreiben ihm einen Brief. Darin können Sie ihm ja auch den Namen Ihrer Rechtsanwälte mitteilen. Vergessen Sie es nicht, er hat mich dringend darum gebeten.« Nora erinnerte sich plötzlich mit Schrecken daran, daß sie den Namen vergessen hatte. Miß Revelstoke bemerkte ihre Verwirrung, drang jedoch nicht weiter in sie. »Glücklicherweise hat Mr. Henry noch nicht viel unternommen. Mit Mr. Monkfords Rechtsanwälten hat er sich allerdings schon in Verbindung gesetzt, und die sind natürlich auch etwas enttäuscht. Das Testament wird aber jedenfalls nicht angefochten werden, diese beruhigende Mitteilung kann ich Ihnen machen. Monkford hatte keine Verwandten, und in einem früheren Testament hatte er fast sein ganzes Vermögen wohltätigen Zwecken zugewiesen.« Sie erhob sich und lächelte. »Ich komme mir jetzt gegen Sie mit Ihrem kolossalen Reichtum recht unbedeutend vor. Gestern waren Sie noch meine Sekretärin, zwar sehr hübsch, aber – verzeihen Sie, daß ich es sage – doch nicht von großer Bedeutung. Und heute darf ich es kaum wagen, Ihnen einen Auftrag zu geben.« Nora atmete erleichtert auf, als Miß Revelstoke sie so freundlich behandelte. »Sie haben mir aber doch schon verschiedene gegeben«, erwiderte sie vergnügt. »Dann will ich Ihnen noch einen weiteren geben. Telephonieren Sie an Henry, daß ich meine Meinung geändert habe und mit ihm zu Abend speisen werde. Ich habe übrigens den etwas unangenehmen Mr. Crayley in der Stadt getroffen. Er fragte mich, ob er mich heute abend besuchen könnte. Er wollte mir etwas Wichtiges und Interessantes erzählen. Würden Sie so liebenswürdig sein und ihn empfangen, wenn er kommen sollte? Versuchen Sie, ihn so schnell als möglich los zu werden. Sagen Sie, daß ich unerwarteterweise nach auswärts gerufen wurde. Ich kann tatsächlich die langweilige Unterhaltung mit ihm nicht vertragen!« Nora aß allein und in Muße zu Abend und dachte dabei über die Ereignisse des Tages nach. Als die Uhr auf dem Kamin acht schlug, trat das Dienstmädchen herein. »Ein Herr wünscht Sie zu sprechen, Miß.« »Mr. Crayley?« »Nein, ein fremder Herr. Ich habe ihn noch nicht gesehen.« Nora eilte in das Wohnzimmer und fand einen Mann dort, den auch sie nicht kannte. Er sah wie ein besserer Handwerker aus. »Sind Sie Miß Sanders?« fragte er in einem offiziellen Ton. »Ja«, entgegnete sie erstaunt. »Inspektor Long schickt mich. Ich bin Sergeant Smith von der Kriminalabteilung.« »Ein Detektiv?« »Ja.« Er warf einen Seitenblick auf das silberne Tablett und die Kaffeekanne. »Ich will solange warten, bis Sie Kaffee getrunken haben. Ich habe Zeit.« Sie zögerte und schaute auf die Uhr. Mr. Crayley konnte jeden Augenblick kommen, und die Anwesenheit eines Detektivs von Scotland Yard würde etwas peinlich sein. Der Mann schien ihre Gedanken zu erraten. »Wenn Besuch kommt, gehe ich ins Nebenzimmer.« »Darf ich Ihnen eine Tasse Kaffee anbieten?« fragte sie, während sie schon eingoß. Er schüttelte den Kopf. »Nein, danke schön, Miß.« Sie stellte die Tasse vor sich hin, nahm Zucker und Milch und wartete, daß er beginnen sollte. »Der Inspektor hat mir den Auftrag gegeben, Sie nach Scotland Yard zu bringen. Er muß Sie in einer dringenden Angelegenheit heute abend noch sprechen.« »Ich kann aber das Haus nicht verlassen. Es kommt noch ein Freund von Miß Revelstoke.« Er lächelte. »Wegen Mr. Crayleys brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen, der kommt heute abend nicht«, erklärte er zu ihrer Überraschung. »Er ist bei Mr. Long.« Sie sah ihn nur verwundert an. »Ja, er hatte einige Fragen an ihn zu stellen. Sonst ist nichts Besonderes, Miß. Und Sie sollen seine Aussage in einem Punkt bestätigen. Haben Sie die beiden Schriftstücke, die Sie für Mr. Henry unterzeichnen sollten?« Sie schüttelte den Kopf. »Soviel ich weiß, liegen sie in Miß Revelstokes Arbeitszimmer.« Sie ging hinaus, um die Dokumente zu holen, fand sie auf dem Schreibtisch unter einem Briefbeschwerer und kehrte gleich darauf zurück. »Braucht Mr. Long die Papiere?« »Er hätte sie gern gesehen. Lange bleiben Sie nicht fort, höchstens eine Stunde. Wenn Sie Ihren Kaffee getrunken haben, wollen wir gehen.« Sie trank ihre Tasse aus und erhob sich. »Ich bin in einem Augenblick fertig«, sagte sie. Zwei Schritte machte sie zur Tür hin, dann wurde es ihr dunkel vor den Augen. Der Mann fing sie in seinen Armen auf, als sie bewußtlos umsank. 24 Wetter Long rühmte sich, daß er nicht sentimental sei und sich im allgemeinen nicht für Frauen interessiere. Aber kaum hatte er Nora Sanders verlassen, so suchte er schon wieder nach einem Vorwand, um wieder mit ihr zusammenzukommen. Er sagte sich, daß er ein berufliches Interesse an ihr habe. Aber sein Gewissen ließ ihm keinen Zweifel darüber, daß er sich damit nur selbst belügen wollte. Er hatte in seinem Büro in Scotland Yard zu tun, das augenblicklich einer Sammelstelle für Nachrichten glich. Alle seine Untergebenen mußten über ihre Beobachtungen halbstündlich hierher berichten. Kurz nach acht meldete der Beamte, der das Haus von Miß Revelstoke beobachtete, daß ein Fremder in die Wohnung gegangen sei. Um acht Uhr dreißig kam eine Mitteilung, daß der Besucher noch nicht wieder auf die Straße gekommen sei. Um neun und um halb zehn wurde dieselbe Meldung wiederholt. Die Personalbeschreibung des Mannes enthielt nichts Auffälliges. Wetter Long wußte, daß Miß Revelstoke mit Mr. Henry zu Abend speiste. Er hätte nur bei dem Beamten, der die beiden beobachtete, anzufragen brauchen, wie weit sie mit dem Essen seien, denn auch von dort erhielt er fortlaufend Bericht. Er hing den Hörer ein und ließ Sergeant Rouch kommen. »Begleiten Sie mich auf eine Spazierfahrt nach Colville Gardens«, sagte der Inspektor und erklärte ihm die Situation. 25 »Miß Sanders ist vor einer Stunde fortgegangen«, sagte das Dienstmädchen. »Ich habe es allerdings nicht gesehen.« Der Wetter wandte sich an Rouch, und dieser gab dem Detektiv ein Zeichen, der auf der anderen Seite der Straße auf Posten stand. Die Drei hielten eine kurze Beratung ab, und der Beamte, der das Haus beobachtet hatte, behauptete bestimmt, daß niemand herausgekommen sei. Long fragte das Mädchen weiter aus. »Als ich herunterkam, war Miß Sanders fort«, erwiderte sie. »Ich habe aber nicht gehört, daß sie die Haustür schloß.« Der Wetter ging in das Wohnzimmer. Das Silbertablett stand noch auf dem Tisch. Er nahm die halbleere Kaffeekanne, roch daran und reichte sie dann Rouch. Auch der Sergeant überzeugte sich von dem Geruch. »Das genügt, um ihr die Besinnung zu nehmen.« Long trat wieder hinaus in die Diele. »Gibt es noch einen anderen Ausgang?« fragte er das erschreckte Dienstmädchen. »Ja, von Miß Revelstokes Arbeitszimmer aus kommt man direkt zur Garage«, entgegnete sie und führte die Beamten dorthin. Die Tür war nur angelehnt. Sie gingen die Treppe hinunter bis zur Garage, deren großes Tor offenstand. Der Wetter untersuchte mit seiner Taschenlampe das kleine Gebäude, konnte aber keine Anhaltspunkte finden. Erst als er auf die hintere Straße hinaustrat, hatte er mehr Glück. Die Frau eines Chauffeurs, der über der nebenanliegenden Garage wohnte, hatte gesehen, daß das Auto herausgefahren war. Da sie sich für den Beruf ihres Mannes interessierte, konnte sie die einzelnen Wagentypen unterscheiden und angeben, daß es sich um einen alten Daimler handelte. Der Detektiv, der draußen vor der Tür gewartet hatte, erinnerte sich auch daran, daß er ungefähr eine Viertelstunde nach der Ankunft des Mannes einen alten Daimler hatte vorüberfahren sehen. »Die Vorhänge an den Fenstern waren vorgezogen, und ich dachte, es wäre ein Reisewagen«, sagte er. Das Auto war Elgin Crescent entlanggefahren und dann außer Sicht gekommen. Ein Polizist, der in Ladbroke Grove auf Posten stand, hatte es auch bemerkt, wie der Wetter später feststellen konnte. Der Wagen hatte sich in westlicher Richtung entfernt. Er war aufgefallen, weil das Nummernschild auf der Rückseite beschädigt war. Der Beamte hatte versucht, den Chauffeur anzuhalten und ihn darauf aufmerksam zu machen. Es blieb nur noch eine Hoffnung. In der vergangenen Woche hatte eine ganze Serie von Autodiebstählen stattgefunden, und es waren besondere Polizeistreifen ausgeschickt worden, um die Hauptstraßen zu beobachten. Sie fahndeten hauptsächlich nach einem kostbaren Rolls Royce, der vom Hof des Parlamentsgebäudes gestohlen worden war. Der Wetter rechnete damit, daß er einen dieser besonderen Posten auf Great West Road finden würde, und er erreichte den Mann auch gerade noch, bevor er abgelöst wurde. »Ja, ich besinne mich auf einen alten Daimler«, sagte der Beamte. »Ich weiß noch ganz genau, daß er blaue Vorhänge hatte. Sie waren alle zugezogen.« Auch er hatte den Eindruck gehabt, daß es ein Reisewagen war. Der Wetter fuhr die breite Straße entlang und hielt bei jedem Polizeiposten an, um seine Nachforschungen fortzusetzen. In der Bath Road kam er dem Wagen wieder auf die Spur, und auch halbwegs zwischen der Staines und der Bath Road war der Daimler beobachtet worden, aber als sie das Ende der neuen Straße erreichten und den Posten dort ausfragten, erhielten sie keine befriedigende Auskunft. Die Beamten blieben fest bei ihrer Behauptung, daß der Wagen nicht vorbeigefahren sei, denn sie hatten bereits telephonische Anweisung bekommen, ihn wegen des beschädigten Nummernschildes anzuhalten. Der Wetter fuhr mit seinem Dienstwagen wieder zurück. Es gab zwei Nebenstraßen, in die der Daimler abgebogen sein konnte. Es standen auch verschiedene Neubauten hier, ein größerer Block und ein Einzelhaus, das etwas abseits lag und offenbar noch unbewohnt war. Inspektor Long ging zunächst zu dem bewohnten Häuserblock und erkundigte sich bei den Leuten, aber er kam dadurch nicht weiter. Schließlich fuhr er zu der Einzelvilla. Es schien allerdings kaum der Mühe zu lohnen, dort weitere Nachforschungen anzustellen, aber er sah eine Fahrstraße auf dem Grundstück und vermutete, daß sie zu einer Garage führte. Er öffnete daher die Tür in der Umfassungsmauer und trat ein. Die Bauhandwerker waren noch nicht mit ihren Arbeiten fertig. Überall zeigten sich noch Spuren ihrer Tätigkeit. Neben dem Wege lag ein Kieshaufen, und die Fahrstraße war noch nicht geschottert. In dem weichen Erdboden entdeckte Long Räderspuren und folgte ihnen bis zur Hinterseite des Hauses. Sein Herz schlug schneller, als er dort im Licht seiner Taschenlampe ein staubbedecktes Auto sah. Es war der alte Daimler! Er öffnete die Tür und schaute hinein. Der Wagen war leer und der Motor kalt. Long versuchte dann, die hintere Tür des Hauses zu öffnen, aber sie war verschlossen. Auch die Fenster waren von innen gesichert. Die beiden Detektive leuchteten mit ihren Lampen in das Innere, aber sie entdeckten kein Lebenszeichen. Ohne Zögern nahm der Wetter seinen Browning aus der Tasche, schlug mit dem Handgriff ein Fenster ein und öffnete im nächsten Augenblick den Riegel. Niemand war zu sehen, aber vor kurzem mußten noch Leute hier gewesen sein. Eine halb aufgezehrte Butterschnitte lag auf dem Fensterbrett, und das Brot war ganz frisch. Rouch suchte mit seiner Taschenlampe die Wände ab. »Was ist das?« fragte er plötzlich. Wetter Long bückte sich und las das eine Wort, das in den feuchten Putz eingekratzt war: »Marlow!« Sie untersuchten die Räume in aller Eile. Nirgends war ein Möbelstück zu sehen. Das Haus war wahrscheinlich nur als Zwischenstation gedacht. Aber unerwarteterweise fanden sie einen erst kürzlich angebrachten Telephonapparat. Long läutete sofort das Amt an und nannte seinen Namen und seine Stellung. »Ist diese Nummer heute abend angerufen worden?« Nach einer kurzen Pause erhielt er Bescheid. »Ja, sie ist zweimal von London verlangt worden. Einmal um acht Uhr dreißig und einmal kurz vor zehn. Um acht Uhr dreißig wurde der Anruf nicht beantwortet.« Long telephonierte daraufhin mit der lokalen Polizeistation und ging dann zu Rouch zurück, der vergeblich nach weiteren Anhaltspunkten gesucht hatte. »Ich habe einen Beamten kommen lassen, der den Wagen während der Nacht bewachen soll. Er hat den Auftrag, jeden sofort zu verhaften, der ihn holen will. Aber ich glaube kaum, daß die Kerle sich noch einmal hierher wagen.« »Wohin fahren wir jetzt?« fragte Rouch, als sie den Polizeiwagen wieder bestiegen. »Nach Marlow«, erklärte der Wetter kurz, »zu Mr. Jackson Crayley – und Gott steh ihm bei, wenn Miß Sanders etwas zugestoßen ist!« 26 Noras Kopf schmerzte noch heftig, als das Telephon klingelte. Der Mann, der die letzte Stunde schweigend neben ihr gesessen hatte, erhob sich geräuschvoll. »Versuchen Sie bloß nicht, durch das Fenster zu verschwinden«, warnte er sie. »Sonst geht es Ihnen schlecht.« Sie hörte, wie seine Schritte in den Nebenräumen auf dem bloßen Fußboden schallten, und sie vermutete, daß er in die Diele gegangen war. Er nahm den Hörer vom Apparat und sprach leise hinein. Offenbar beschwerte er sich über etwas, aber schließlich willigte er widerwillig ein. Dann machte er eine unvorsichtige Bemerkung. »Marlow – gut, ich fahre hin.« Gleich darauf kam er zu Nora zurück. »Machen Sie sich fertig, wir müssen fort.« »Wohin?« »Fragen Sie nicht. Das kann Ihnen gleich sein. Wir haben mindestens eine Meile zu Fuß zu gehen, dann holen sie uns mit dem Wagen ab. Wissen Sie, Ihr Freund ist ein bißchen zu eifrig. Er hat uns schon aufgespürt und ist bis zum Ende der Straße gefahren.« Ihr Herz schlug schneller. Mit dem Freund konnte er nur einen Mann meinen, und sie hatte das Vertrauen, daß der Wetter früher oder später dieses Haus finden würde. Konnte sie ihm nicht eine Nachricht zukommen lassen? Sie hatte weder Bleistift noch Papier, aber als sie mit der Hand über die frischgeputzte Wand fuhr, kam ihr ein Gedanke, und sie kratzte mit dem Fingernagel rasch das Wort »Marlow« ein. »Was machen Sie denn da?« fragte er argwöhnisch und richtete den Strahl seiner Taschenlampe auf sie. »Nichts«, entgegnete sie mit schwacher Stimme. »Ich kann aber wahrscheinlich nicht gehen. Ich bin noch so müde, und mein Kopf schmerzt entsetzlich.« Er öffnete die Tür. »Das Gehen bekommt Ihnen sicher gut.« Er faßte sie fest am Arm und führte sie ins Freie. Gehorsam ging Nora neben dem Mann her. Die frische Abendluft tat ihr wirklich wohl. Durch ein kleines Tor im Zaun verließen sie das Grundstück und kamen auf das freie Feld. Der Mann schien nicht sehr mit der Gegend vertraut zu sein, denn einmal wären sie beinahe in einen kleinen Teich geraten. Schließlich kamen sie auf einen Feldweg und gingen dann durch hohes, taubedecktes Gras, so daß ihre Schuhe und Strümpfe durchnäßt wurden. Nach einer Viertelstunde kamen sie zu einer Hecke und gingen dort entlang, bis sie eine Öffnung fanden. Eine unebene Fahrstraße lag vor ihnen. »Hier ist die Stelle«, sagte er und atmete erleichtert auf. Sie wanderten dann noch zwanzig Minuten weiter, bis sie in die Nähe der Hauptstraße kamen. Dort machten sie halt. »Wenn Sie wollen, können Sie sich setzen. Wir müssen hier ein wenig warten.« Sie war froh, daß sie etwas ausruhen konnte, denn ihre Füße und ihre Beine schmerzten. Müde ließ sie sich auf dem Erdboden nieder. Erst jetzt kam ihr die Gefahr, in der sie schwebte, vollkommen zum Bewußtsein. Sie hatte das ungewisse Gefühl, daß diese Entführung mit der Erbschaft von Monkford zu tun haben mußte, aber sie wunderte sich über den Mut, mit dem sie den Tatsachen gegenübertrat. Der Glaube an Arnold Long gab ihr so große Zuversicht. Er würde ihr sicher helfen. »Stehen Sie auf«, sagte der Mann plötzlich. »Hier ist der Wagen.« Ein Auto war nähergekommen. Die Lampen brannten so düster, daß man sie kaum erkennen konnte. Die Bremsen knirschten, und gleich darauf hielt der Wagen. Der Mann riß schnell die Tür auf, schob Nora ins Innere und stieg dann auch ein. Sie fuhren auf der Bath Road. Bald darauf kamen sie durch eine kleine Stadt, die sie als Slough erkannte, dann durch Maidenhead. Schließlich wandten sie sich nach rechts und fuhren den Hügel hinauf, der nach Quarry Wood und Marlow führte. Nora überlegte, wohin man sie wohl bringen würde. Doch nicht nach Monkfords Haus? Plötzlich dachte sie an Jackson Crayleys schönes Anwesen. Offenbar war das das Ziel ihrer Fahrt, denn der Wagen bog von der Hauptstraße ab, bevor sie die Marlow-Brücke erreichten. Durch das Fenster sah sie das Haus von Mr. Monkford, und das nächste Grundstück gehörte ja Mr. Crayley. Aber zu ihrem Erstaunen fuhr der Wagen weiter und hielt erst am Ende einer Wiese. Der Mann packte sie wieder am Arm und eilte mit ihr durch das Gras, bis sie an den Fluß kamen. Dicht neben dem Ufer lag ein großes Motorboot. Er half ihr an Deck, und der Chauffeur machte das Fahrzeug los. »Wir fahren durch die Temple-Schleuse, aber denken Sie an das, was ich Ihnen schon zu Anfang sagte. Nur Sie und ich sind an Bord. Sie wissen, daß ich fünfzehn Jahre Zuchthaus bekomme, wenn man mich fängt, und da ist mir schließlich alles gleich, selbst wenn es ein Menschenleben kostet. Wenn Sie schreien, drehe ich Ihnen das Genick um und werfe Sie ins Wasser, bevor der Schleusenwärter erfährt, was los ist.« Nora schauderte, drückte sich in eine Ecke und schwieg. Nach einiger Zeit rief der Mann: »Schleuse, ahoi!« Dann verlangsamte das Motorboot die Geschwindigkeit und hielt an. Erst nach einer Weile setzte es die Fahrt vorsichtig fort. Nora hörte das Rasseln der Schleusentore. Das Motorboot stieg mit dem einströmenden Wasser höher und höher, bis es das Niveau des Schleusenrandes erreicht hatte. Der Mann am Steuer wechselte einige gleichgültige Bemerkungen mit dem Wärter, dann fuhren sie weiter stromauf. Westlich von Temple machte der Strom eine Biegung, und das linke Ufer wurde durch überhängende Bäume beschattet. Dorthin steuerte der Mann das Boot, und sie näherten sich einem Holzhaus. Das Gebäude stand so dicht am Wasser, daß die Veranda von Pfählen getragen wurde, die ins Wasser gerammt waren. »Steigen Sie aus«, befahl der Mann mit rauher Stimme, und sie gehorchte. Er folgte ihr, nahm einen Schlüssel aus der Tasche, und nach einigen Anstrengungen gelang es ihm, die Haustür zu öffnen. Nachdem sie hineingegangen waren, riegelte er die Tür von innen zu. Dann steckte er ein Streichholz an, schaute sich um und fand eine Kerze. Der Raum war vornehm ausgestattet, aber überall lag dicker Staub. Verschiedene Reproduktionen von Gemälden aus der italienischen Frührenaissance schmückten die Wände, und vor den Fenstern hingen schwersamtene Vorhänge. »Sie kennen das Haus wohl?« fragte der Mann. »Früher wohnte Mr. Shelton hier.« »Shelton!« rief Nora, und eine unaussprechliche Furcht packte sie. Es war ihr, als ob der Geist dieses Verbrechers immer noch in dem Hause weilte. Der Mann sah auf seine Armbanduhr, ging im Zimmer auf und ab und schaute zum Fenster hinaus. Als er einen der Vorhänge beiseitezog, bemerkte sie, daß die Fenster vergittert waren. Das war also die unheimliche Stätte, an der Clay Shelton seine dunklen Pläne vorbereitet hatte. An diesem selben Tisch, auf dem man jetzt die Spuren der Mäuse sehen konnte, hatte er wichtige Dokumente so hervorragend gefälscht, daß man sie nicht von den Originalen unterscheiden konnte. »Ich gehe hinaus, um nach dem Boot zu sehen«, sagte der Mann, »bleiben Sie hier.« Er schloß die Tür leise hinter sich, und sie hörte, wie sich der Schlüssel im Schloß drehte. Der Bootsmotor wurde angelassen, aber sie vernahm es kaum, denn ihre Gedanken beschäftigten sich noch zu stark mit Clay Shelton. Sie stand direkt der Tür gegenüber, die wahrscheinlich in ein Schlafzimmer führte, und als sie zufällig auf die Klinke sah, bemerkte sie, daß diese langsam heruntergedrückt wurde. Langsam, langsam ... dann öffnete sich die Tür nach innen, und eine lange, blasse Hand schob sich um die Kante. 27 Nora schrak zurück und starrte entsetzt auf die Türöffnung. Sie sah eine weiße Manschette, einen dunkelblauen Manschettenknopf und einen schwarzen Ärmel. »Erschrecken Sie nicht.« Der Fremde kam jetzt ganz zum Vorschein. Es war Jackson Crayley. Sein ovales Gesicht war von Furchen durchzogen. Er trug Abendkleidung, und seine äußere Erscheinung stand in krassem Gegensatz zu diesem verstaubten, verlassenen Zimmer. Er hatte das Monokel ins Auge geklemmt und sah sich fast ängstlich im Raum um. »Wo ist denn der Mann geblieben?« fragte er. »Der ist fortgegangen«, erwiderte sie mit fester Stimme. »Mr. Crayley, warum bin ich in diesem Haus?« Er rieb sich das Kinn, und sie glaubte zu bemerken, daß seine Hände zitterten. Aber bei dem ungewissen Licht der Kerze konnte sie sich auch täuschen. »Ich weiß es nicht«, sagte er betreten. »Aber Sie sind hier sicher, Miß Sanders.« Es entstand eine Pause, und er betrachtete Nora. Seine düsteren Züge hellten sich aber nicht auf, und es kam ihr zum Bewußtsein, daß er sich mehr fürchtete als sie. Von Zeit zu Zeit schaute er sich nervös um, und einmal zuckte er vor dem unruhigen Schatten zusammen, den die flackernde Kerze auf die Wand warf. »Ist er wirklich fortgegangen? Verflucht unangenehm.« Er räusperte sich. »Ich fürchte, Sie befinden sich in einer sehr peinlichen Lage, Miß Nora.« Er machte eine Pause, als ob er seine Gedanken sammeln wollte. »Ich glaube, es ist selten jemand in einer so unangenehmen Lage gewesen wie Sie«, fügte er dann hinzu. Nora mußte trotz aller Gefahr über seine Unbeholfenheit lächeln. »Ich kann wirklich nicht glauben, daß es so schlimm steht, Mr. Crayley. Sie sind doch hier bei mir und können für mich sorgen.« Er konnte sie nicht ansehen. »Nehmen Sie doch, bitte, Platz.« Mit einem seidenen Taschentuch wischte er den Staub von einem Stuhl. »Ich muß mit Ihnen sprechen, aber ich fürchte, Sie halten mich für einen sehr schlechten Menschen, wenn ich Ihnen alles gesagt habe, was ich Ihnen sagen muß.« Sie setzte sich und wunderte sich, was kommen sollte. »Der einzige Weg, der Sie aus all Ihren Schwierigkeiten befreit, ist eine Heirat«, begann er plötzlich, »und wenn Sie schließlich einmal darüber nachdenken, ist doch ein netter Kerl ebenso gut wie ein anderer – ich meine als Ehemann ...« »Ich verstehe Sie wirklich nicht, Mr. Crayley. Ich denke gar nicht daran, mich zu verheiraten, und wenn ich wirklich wählen sollte –« »Sie haben vollkommen recht.« Er nickte, als ob er schon von vornherein gewußt hätte, was sie erwidern würde. »Wenn ich Sie bitte, mich zu heiraten, sind Sie natürlich sehr beleidigt.« »Was, ich sollte Sie heiraten?« Sie war nicht im mindesten verletzt, nur sehr überrascht. »Ja, darum handelt es sich«, entgegnete er verbissen. »Sie heiraten mich morgen, und dann ist alles in bester Ordnung. Sie müssen doch sowieso einen Menschen haben, der sich um Sie kümmert.« Sie schüttelte den Kopf. »Ich könnte Sie niemals heiraten, Mr. Crayley«, sagte sie. Der unglückliche Ausdruck seines Gesichts wirkte in diesem Augenblick fast komisch. »Aber es wäre besser, wenn Sie es doch täten – tatsächlich, es wäre besser für Sie«, drängte er. »Ich will Ihnen die Wahrheit sagen, Nora. Ich habe ebensowenig den Wunsch, Sie zu heiraten, wie Sie mich heiraten wollen, aber ich wäre trotzdem sehr dankbar und erleichtert, wenn Sie sich zu diesem Schritt entschließen würden.« Er hob die Hand mit dem Taschentuch, um sich die Stirne zu trocknen. Dann sah er sich wieder nach allen Seiten um und sprach ganz leise. »Folgen Sie doch, bitte, meinem Rat«, sagte er aufgeregt. »Sie versprechen mir auf Ihr Ehrenwort, mich morgen zu heiraten. Ich sorge dann für Sie – das schwöre ich Ihnen. Wenn Sie es nicht tun –« Er tupfte sich wieder die Stirne ab – »dann weiß ich nicht, was passieren wird.« In ihren Zügen verriet sich jetzt Bestürzung, und seine zusammenhanglosen Erklärungsversuche verwirrten sie nur immer mehr. »Ich bin vollständig unschuldig an der Sache«, fuhr er fort. »Ich bin einfach eine Null! Ach, wie ich diese ganze verfluchte Geschichte hasse! Wenn ich doch nur davon loskommen und das Land verlassen könnte! In Italien war ich schon einmal nahe daran. Die Fahrkarte von Genua nach Amerika war in meiner Tasche, aber dann hatte ich doch nicht den Mut, meinen Plan auszuführen.« Sein Kopf sank auf die Brust. »Nein, ich hatte nicht den Mut«, murmelte er. »Was bin ich doch für ein feiger Mensch!« Sie wartete einige Zeit, aber er sprach nicht weiter. »Was das alles zu bedeuten hat, verstehe ich nicht, Mr. Crayley. Ich fühle, daß Sie freundlich zu mir sind, aber eine Heirat mit Ihnen ist mir unmöglich. Wollen Sie mir nicht helfen, von hier fortzukommen? Warum hat man mich denn eigentlich hierher gebracht?« Plötzlich sah er sie wieder an und hob warnend den Finger. »Bleiben Sie hier«, flüsterte er, ging leise zur Tür und versuchte, sie zu öffnen. Sie war aber geschlossen. Mit langen Schritten durchquerte er das Zimmer und verschwand in dem anderen Raum, aus dem er vorhin gekommen war und schloß hinter sich ab. Sie hörte leise Stimmen, konnte aber kein Wort verstehen, obgleich sie sich nahe an die Tür heranschlich. Soweit sie zu unterscheiden vermochte, sprachen drei Leute miteinander. »Nein, das kann ich nicht tun! Das ist ganz unmöglich! Das tue ich nicht!« sagte Crayley plötzlich laut. Ein anderer erwiderte ihm ärgerlich. Dann hörte Nora Schritte und schlich auf Zehenspitzen zu ihrem Stuhl zurück. Wenn sie nur durch eins der Fenster entkommen könnte! Der Fluß hatte keine Schrecken für sie, denn sie konnte schwimmen wie ein Fisch. Wenn sie vor Furcht nicht vollständig gelähmt gewesen wäre, hätte sie schon auf dem Wege hierher ins Wasser springen können. Die Türklinke senkte sich langsam, und Crayley kam wieder ins Zimmer. Er sah noch furchtsamer und verstörter aus als vorher. Wieder gab er ein Zeichen, daß sie schweigen sollte und lauschte aufmerksam. Schließlich schien er davon überzeugt zu sein, daß die beiden anderen gegangen waren. In seinem geisterhaft bleichen, eingefallenen Gesicht zeigte sich plötzlich ein energischer Zug, als ob er einen Entschluß gefaßt hätte. »Nehmen Sie doch, bitte, wieder Platz«, sagte er und rückte auch für sich einen staubigen Stuhl an den Tisch. »Sie haben zwei Stunden Zeit, sich zu entscheiden, dann kommen die Beiden zurück.« »Wer sind sie denn?« »Sie gehören der Bande des Schreckens an, aber Sie kennen sie nicht.« »Sind Sie auch in ihrer Gewalt?« »Ja!« Das Sprechen schien ihn anzustrengen, denn er atmete schwer. »Wollen Sie mich heiraten, um Ihr Leben zu retten?« Sie schüttelte den Kopf. »Ich möchte Sie nicht beleidigen –« begann sie. »Sie beleidigen mich durchaus nicht«, erwiderte er mit heiserer Stimme. »Um Gottes willen, nehmen Sie auf meine Gefühle keine Rücksicht. Aber ich frage Sie noch einmal, wollen Sie mich heiraten, um Ihr Leben zu retten?« Sie hörte seine Worte und schauderte. »Ich würde Sie unter keinen Umständen heiraten.« »Lieben Sie denn einen anderen Mann?« »Ich glaube ja. Und ich hoffe, daß ich ihn eines Tages heiraten kann.« Er sah sie einen Augenblick ernst und nachdenklich an, dann erhob er sich unerwartet und ging auf Zehenspitzen in das andere Zimmer. Nach fünf Minuten kam er mit einem Armeerevolver zurück. Er untersuchte die Kammer und fand, daß sie geladen war. »Kommen Sie mit«, sagte er. Sie folgte ihm in den nächsten Raum, ohne eine Frage zu stellen. Durch einen engen Gang kamen sie dann zu einer offenen Tür. Die abnehmende Mondsichel stand am Himmel. Sie sah einen Fußweg vor sich, der durch eine endlose Wiese zu führen schien, aber sie erreichten doch bald eine enge Straße, die parallel zu dem Hause lief. »Warten Sie hier einen Moment«, sagte er, als sie an einer kleinen Gartenpforte anlangten. Sie sah ihm nach, bis er in der Dunkelheit verschwand. Nach einiger Zeit rief er sie, und sie stolperte über die verwucherten Wege, bis sie zu einem Kiespfad kam. Er stand gebückt am Ufer, und sie hörte das Rasseln einer Kette. »Können Sie die Umrisse des Bootes sehen? Ich habe keine Taschenlaterne, und es wäre auch nicht gut, wenn wir jetzt Licht machten.« Es war stockfinster unter den Büschen, aber sie tastete sich vorwärts, bis sie die Spitze des Bootes berührte. Vorsichtig stieg sie ein. »Gehen Sie nach hinten«, flüsterte er ihr zu, und sie gehorchte. Das Boot schaukelte leicht, dann bewegte es sich. »Können Sie ein Ruder gebrauchen? Neben Ihrem Sitz liegt eins.« Sie nickte, fand es und senkte es sofort ins Wasser. In wenigen Sekunden waren sie in der Mitte des Stromes. »Flußabwärts«, sagte er ganz leise. »Und möglichst wenig Geräusch.« Zu ihrer Rechten sah sie die dunklen Umrisse des Hauses. Eifrig ruderte sie und gab sich die größte Mühe, das Holz so lautlos als möglich zu bewegen. Eine Strecke lang sahen sie weder Häuser noch Boote am Ufer. Ein kleines Motorboot fuhr den Strom hinunter, und sie kamen gerade noch zu rechter Zeit, um in die Schleuse einzufahren. Crayley sprach erst wieder, als sie sie verlassen hatten und nach Marlow zu ruderten. »Gefahr besteht immer noch«, sagte er. »Wenn sie uns vermissen, verfolgen sie uns mit dem Motorboot. Es liegt in der Nähe der Temple-Schleuse –« Im gleichen Augenblick schoß ein langes, weißes Boot vom Ufer zu ihrer rechten Seite auf das Wasser hinaus. »Rudern Sie! Nach dem Ufer zu ... wir müssen laufen!« Das weiße Boot kam aber mit ungeheurer Geschwindigkeit näher und erreichte sie, als sie noch fünf Meter vom Land entfernt waren. Jemand lehnte sich heraus und packte Nora am Arm, so daß sie laut aufschrie. Eine Sekunde später wurde sie trotz ihres Widerstrebens in das andere Fahrzeug gezogen. Ihre Füße schleiften durch das Wasser, und sie kämpfte verzweifelt, aber sie konnte gegen den starken Mann, der sie hielt, nichts ausrichten. In ihrer höchsten Not erinnerte sie sich an einen Jiu-Jitsugriff und schlug den Angreifer mit der flachen Hand unter das Kinn. Sein Kopf wurde nach hinten gestoßen, und er ließ sie einen Augenblick los. Sie fiel ins Wasser, tauchte unter dem Boot durch und schwamm zur Mitte des Stromes. Als sie wieder an die Oberfläche kam, sah sie den Schein einer elektrischen Lampe, aber sie bemerkte auch die roten und grünen Lichter eines Fahrzeugs, das von Marlow heraufkam. Ein Motorboot! Mit lauter Stimme schrie sie um Hilfe, und als sich das Boot der Verbrecher ihr wieder näherte, schrie sie aufs neue. Sie tauchte und kam an der anderen Seite des Fahrzeugs wieder an die Oberfläche. Das weiße Boot machte eine Wendung, aber jetzt waren auch das grüne und rote Licht in unmittelbarer Nähe. Sie hörte die Rufe eines Mannes und sah den Lichtstrahl, den der Scheinwerfer des großen Motorbootes aussandte. Ein Schuß fiel – dann noch einer – sie hörte das Pfeifen der Kugeln. Ein Geschoß schlug dicht bei ihr im Wasser ein, und der Gischt spritzte ihr ins Gesicht. Sie befand sich jetzt im Kegel des Scheinwerfers, und eine Hand packte ihren Arm. Mit einem Schrei suchte sie sich loszumachen, aber dann schaute sie auf und blickte in das Gesicht des Wetters. 28 Die beiden Detektive kamen um halb elf bei Mr. Jackson Crayleys Haus an und gaben sich dem etwas phlegmatischen Hausmeister zu erkennen. Er führte sie ins Wohnzimmer. Ein halb ausgetrunkenes Glas Whisky-Soda stand auf dem Tisch, und eine halb aufgerauchte Zigarre lag daneben. »Ich werde Mr. Crayley melden, daß Sie hier sind«, sagte der Mann. Nach ein paar Minuten kam er aber zurück und erklärte, daß sein Herr nicht anwesend sei. »Ich habe ihn seit ungefähr einer Stunde nicht mehr gesehen. Aber er geht öfter abends in den Garten. Manchmal fährt er auch mit seinem Motorboot auf den Strom hinaus.« »Wo ist es denn verankert?« fragte der Wetter. Der Hausmeister brachte sie zu der Stelle. »Das Boot ist aber hier. Er muß also mit seinem Auto fortgefahren sein.« Tatsächlich fanden sie auch die Garage leer. »War heute abend jemand hier?« »Nein. Wir haben überhaupt wenig Besuch. Um diese Jahreszeit sind wir ja auch meistens nicht in Marlow. Nur der Unglücksfall in Heartsease hat alle Pläne über den Haufen geworfen.« »Sind Sie wirklich sicher, daß heute abend niemand hier war?« Der Wetter sah den Mann scharf an. »Ja, natürlich.« Long dachte einen Augenblick nach. »Wie oft sind Sie heute abend antelephoniert worden?« »Ich glaube, zweimal.« »Wo ist Ihr Apparat?« Das Telephon befand sich im Wohnzimmer. Der Wetter nahm den Hörer ab und rief die Vermittlungsstelle an. Er hatte einen Überwachungsbeamten in der Zentrale sitzen, seitdem Jackson Crayley unter Verdacht stand. Aber da er niemand finden konnte, der genügende dänische Kenntnisse besaß, hatte er ihn wieder abberufen müssen. »Zweimal ist angerufen worden, Mr. Long«, lautete die Auskunft. »Beidemal von London. Ich habe mich eingeschaltet, aber die Gespräche wurden wie gewöhnlich in Dänisch geführt.« »Können Sie mir nicht genaue Zeitangaben machen?« »Eins der beiden Gespräche kam ungefähr vor einer halben Stunde, das andere früher am Abend.« Der Wetter war davon überzeugt, daß Jackson Crayley auf den zweiten Anruf hin das Haus verlassen hatte. Hierher hatten sie Nora also nicht gebracht – wo mochte sie nur sein? Er wußte, daß Shelton am Flußufer mehr als das eine Versteck unterhalten hatte, das sie ausgehoben hatten. Er schickte Sergeant Rouch zu einem nahen Bootshaus, um ein Motorboot zu mieten, und ging auf dem Rasen auf und ab, bis es um die Biegung kam und vor dem Landungssteg hielt. Die Uhr auf dem Kirchturm von Marlow schlug elf, als sie den Strom hinauffuhren. Halbwegs zwischen Marlow und der Temple-Schleuse hörte der Wetter einen Schrei und steuerte sofort darauf los. »Ach, da macht sich jemand am Ufer einen Scherz«, meinte Rouch. Aber der Schrei wiederholte sich in nächster Nähe, und nun sah der Wetter auch das weiße Motorboot. Er stellte den Scheinwerfer an und suchte das Wasser ab. Plötzlich entdeckte er den Kopf einer Frau im Wasser. In diesem Augenblick pfiff das erste Geschoß an ihm vorbei. Jemand feuerte auf ihn, aber er schaltete den Scheinwerfer nicht aus. Immer näher kam er zu der Schwimmerin. Nun konnte er sie erkennen und rief ihren Namen. Sie hatte das Bewußtsein verloren, als er sie aus dem Wasser zog. Mit Hilfe des Sergeanten trug er sie in die Kabine des Motorbootes. Als er wieder herauskam, war das andere Fahrzeug verschwunden. Wenn er sich nicht mit Nora hätte beschäftigen müssen, hätte er gesehen, daß es in die Nähe des Ufers fuhr und im Schatten der überhängenden Baumäste verschwand. »Wir wollen zu Crayleys Haus fahren«, sagte er. Der Steuermann wandte das Boot. Nora war wieder zu sich gekommen, als sie an dem Bootssteg des Rosengartens anlegten. Mit Longs Beistand ging sie zum Hause hinauf. Aber es dauerte lange, bis sie ihm von ihren Erlebnissen erzählen konnte. Kompetenzstreitigkeiten zwischen den Bezirken von Buckinghamshire und Berkshire führten zu einer Verzögerung. Es dauerte eine Stunde, bis die ersten Polizeimannschaften von Maidenhead in einem Motorboot ankamen und die Nachforschungen aufnahmen. Das unbesetzte Motorboot der Verbrecher fanden sie mitten im Strom treibend. Den Kahn hatten sie schon vorher entdeckt. Von Crayley selbst bemerkten sie jedoch nichts, obgleich sie die Ufer sorgfältig absuchten. Der Schleusenwärter berichtete, daß keine anderen Boote durch die Schleuse gefahren seien, und daß er nichts gesehen hätte. Jenseits der Schleuse kamen sie zu dem alten Haus Clay Sheltons. Wetter Long öffnete die Tür mit einem Stemmeisen. Die Kerze war vollkommen niedergebrannt. Menschen schienen nicht in dem Raum zu sein. Inspektor Long ging in das Schlafzimmer und fand es ebenfalls verlassen. Die Tür am Ende des kleinen Ganges war geschlossen. »Es ist niemand hier, und es ist auch sehr unwahrscheinlich, daß sie zurückkommen. Machen Sie doch einmal Licht.« »In einer Stunde wird es Tag, Mr. Long«, sagte der Inspektor der Berkshirepolizei. »Ich glaube, wir verschieben unsere weiteren Nachforschungen besser, bis es hell wird.« Es war aber schon hell genug, um die Wagenspuren auf der Straße zu erkennen, und nach einiger Zeit entdeckten sie den kleinen Zweisitzer, der Jackson Crayley zu diesem einsamen, verlassenen Haus gebracht hatte. Der Wagen stand in einem kleinen Gebüsch, etwa hundert Meter vom Hause entfernt. »Ich wundere mich nur, wie er hierher gekommen ist«, meinte der Wetter. »Und noch mehr, wie er wieder von hier fortkam.« »Sie lassen wahrscheinlich einen Verhaftungsbefehl gegen ihn ausstellen?« fragte der Inspektor. »Ja.« Die Stimme des Wetters klang nicht sehr überzeugt. »Das hätte ich schon längst tun können, aber ich glaube nicht, daß uns seine Verhaftung weiterbringt.« Er kannte Jackson Crayleys Gewohnheiten gut genug, um zu wissen, wie sehr dieser Mann einer Fahrt in der Nacht abgeneigt war. Aber wo mochte Jackson Crayley sein? Wenn man seiner habhaft werden könnte, würde sich wahrscheinlich das Geheimnis aufklären lassen. Er war das schwächste Glied in der Bande des Schreckens. Später am Morgen fanden sie ihn. Jackson Crayley war an einem Baum aufgehängt, und quer über sein weißes Frackhemd war mit Blut das Wort »Sorroeder« geschrieben. »Zum Teufel, was soll das bedeuten?« fragte der Inspektor der Berkshire-Polizei verwundert. Wetter Long antwortete nicht. Seine Kenntnisse im Dänischen waren nicht groß, aber er wußte, daß Sorroeder »Verräter« hieß. 29 »Es war nur eine rein theatralische Aufmachung«, berichtete der Wetter Colonel Macfarlane. »Der arme Kerl war längst tot, als sie ihn aufhängten. Er hatte einen Schuß mitten durchs Herz.« »Glauben Sie, daß Dänen das Verbrechen begangen haben?« »Nein. Welcher Nationalität die Leute angehören, weiß ich nicht genau. Einige von ihnen sind sicher in Dänemark erzogen worden. Habe ich Ihnen diese Liste übrigens schon gezeigt?« Er hatte eine kleine Karte aus der Tasche genommen, auf der eine Reihe von Daten stand. 1. Juni 1854 J.X.T.L. 6. September 1862 9. Februar 1886 11. März 1892 4. September 1896 12. September 1898 30. August 1901 14. Juni 1923 1. August 1924 16. August »Ja, ich habe sie schon gesehen.« Der Colonel war ein methodischer Mann und hatte die Zeilen gezählt. »Es ist aber noch ein neues Datum hinzugefügt.« Long lächelte vergnügt. »Das ist erst vor zwei Tagen dazugekommen.« »Der erste August bezeichnete natürlich Monkfords Todestag«, meinte Macfarlane nachdenklich. »Soll nun der sechzehnte bedeuten, daß –« »Der sechzehnte geht mich selbst an. Sie haben beschlossen, mich an diesem Tag ins bessere Jenseits zu befördern. Ich hätte also noch ungefähr eine Woche zu leben. In gewisser Weise bin ich sogar froh darüber.« Macfarlane sah ihn erstaunt an. »Sind Sie denn lebensmüde?« »Ja, diese Art Leben habe ich wirklich satt!« – Von Scotland Yard aus ging der Wetter nach Berkeley Square, um seinen Vater zu besuchen. Sir Godley war gerade im Begriff, sich zu einem Gartenfest umzukleiden und ließ seinen Sohn in sein Ankleidezimmer kommen. »Hast du meinen Brief erhalten und dir meinen Vorschlag überlegt?« fragte er. »Deine Briefe machen mich direkt krank.« Der Wetter setzte sich in den bequemsten Sessel. Sir Godley antwortete nicht, weil er gerade seine Krawatte umband. »Ich habe früher einmal davon gesprochen, daß Clay Shelton dir niemals Verluste beigebracht hat. Erinnerst du dich noch daran?« »Ja, auf so etwas Ähnliches kann ich mich besinnen. »Und doch hat er dich einmal um achtzigtausend Pfund betrogen – ich habe diese Tatsache erst vor kurzem entdeckt.« Sir Godley wandte sich nicht um. »Du hast entschieden Veranlagung zu deinem Beruf«, entgegnete er. »Mit Ironie erreichst du bei mir gar nichts«, erwiderte der Wetter ruhig. »Aber ich habe dein Geheimnis herausbekommen, sogar schon vor einigen Tagen. Ich hatte nur bisher noch keine Zeit, die Bombe platzen zu lassen. Wer wurde denn am 1. Juni 1854 geboren?« »Das mag der liebe Himmel wissen.« Sir Godley betrachtete sich eingehend im Spiegel. »Wer war J.X.T.L.? Niemand anders als John Xavier Towler Long, und damit du mir nichts vorzuschwindeln brauchst, werde ich dir gleich alles sagen. John Xavier Towler Long war identisch mit Clay Shelton!« »Tatsächlich?« Der alte Herr steckte gleichgültig eine Nadel in seine seidene Krawatte. »Und Clay Shelton, für dessen Hinrichtung ich verantwortlich bin, war dein Bruder!« Sir Godley verriet seine Erregung nicht durch das geringste Zeichen. »Wie hast du denn das herausgebracht?« »Auf Sheltons Motorboot fand ich eine Anzahl von Daten in die Wand eingeschnitzt, und ich vermutete, daß jedes eine besondere Bedeutung haben müßte. Der 1. Juni 1854 konnte nur ein Geburtstag sein. Dahinter standen die Initialen J.X.T.L. X ist als Anfangsbuchstabe eines Namens sehr selten. In Somerset House habe ich die Namen aller Kinder durchgesehen, die am 1. Juni 1854 geboren wurden, und ich entdeckte schon nach kurzer Zeit, daß John Xavier Towler Long als einziger in Frage kam. Towler war unser Familienname. So hieß meine Urgroßmutter, wenn ich mich recht besinne.« Sir Godley nickte. »Schon diese Übereinstimmung hätte mir auffallen müssen, aber ich fand auch den Namen meines Großvaters, der zweimal heiratete. Du warst der einzige Sohn aus der zweiten Ehe. Warum hast du mir das niemals gesagt?« Der alte Herr lachte leise. »Man rühmt sich gerade nicht mit der Verwandtschaft eines Mannes von Johns Charakter, und tatsächlich habe ich ihn auch kaum gekannt. Er war zehn Jahre älter als ich, und ich weiß nur noch, daß er stets in Schwierigkeiten war, meinen Vater betrog und nach einer üblen Skandalgeschichte verschwand.« »Weißt du wirklich nicht mehr von ihm?« »Nein. Bis ich das Bild in den Zeitungen sah, hatte ich keine Ahnung, daß er mit mir verwandt war, und auch dann hätte ich ihn kaum erkannt.« »Und du hast die ganze Zeit gewußt, wer Clay Shelton war?« »Ich habe immer gewußt, daß er der größte Schuft war und meinen Vater ruiniert und ins Grab gebracht hat. Beinahe hätte er mich und unsere Familie auch zugrunde gerichtet. Deshalb wollte ich auch nicht haben, daß du dich mit dieser Sache befassen solltest. Ich hatte selbstverständlich nicht den Wunsch, daß du ihn zu Tode hetzen solltest, da er doch schließlich der Sohn meines Vaters war. Und ich wollte dich um so mehr davon abhalten, als ich erfuhr, daß nach seinem Tode eine ganze Bande seine Verbrechen fortsetzte.« »Meinst du die Urkundenfälschungen? Ich dachte, das hätte aufgehört.« »Es hat aufgehört und auch nicht. Clay, wie ich ihn jetzt nennen will, muß unermüdlich tätig gewesen sein. Bei seinem Tod hinterließ er wahrscheinlich eine große Anzahl gefälschter Dokumente, von denen bereits einige in die Öffentlichkeit gekommen sind. Die Bande besitzt aber augenblicklich keine Mittel mehr. Clay war nicht sparsam veranlagt, er verbrauchte alles. Glaube mir, die Bande des Schreckens ist in einer sehr schlechten finanziellen Lage, und deshalb wirst du noch große Schwierigkeiten mit den Leuten haben.« »Weißt du etwas Genaueres?« Sir Godley zuckte die Schultern. »Monkford wurde ermordet, und du kannst sicher sein, daß die Sache einen finanziellen Hintergrund hatte. Aber du weißt ja mehr als ich. Erzähle mir doch alles.« Er hörte schweigend zu, bis der Wetter seinen Bericht beendet hatte. Dann nickte er langsam. »Sie sind natürlich hinter Monkfords Vermögen her, und das Mädchen ist nur Mittel zum Zweck für sie – der arme, alte Crayley!« »Kanntest du ihn denn?« »Ja, ich kannte ihn – alle Welt kannte Jackson Crayley. Und du sagtest eben, daß du ihn auch im Verdacht hattest? Wann fing denn eigentlich diese ganze Geschichte mit der Bande des Schreckens an?« »An dem Tage, an dem ich Clay Shelton in Colchester verhaftete, war Crayley auch in dem Kassenraum der Bank. Und er war nur dort, um den Verbrecher zu schützen, davon bin ich fest überzeugt. Clay Shelton hatte niemals eine Schußwaffe bei sich. Ich habe seine Kleider nach seiner Verhaftung untersucht, und ich sah, daß er keinen Browning in seiner Hüfttasche getragen hatte. Es war immer nur der Begleitmann, der die Pistole bei sich hatte, und der Begleitmann war in diesem Falle Crayley. Aber er hat die ganze Sache natürlich verkehrt angefangen. Als es zum Handgemenge kam, und er sich einmischte, tat er es nur in der Absicht, Shelton eine Pistole zuzustecken. Das gelang ihm auch. Ich habe die Herkunft der Waffe weiter verfolgt. Sie wurde vor sechs Monaten in Belgien gekauft, und gerade um die Zeit war Jackson Crayley zur Wintersaison in Spa. Von da ab habe ich Crayley stets beobachten lassen. Kennst du eigentlich Miß Revelstoke?« Sir Godley schüttelte den Kopf. »Ich habe noch nie gehört, daß sie irgendwie mit Clay Shelton in Verbindung gestanden hat. Du hältst sie für ein Mitglied der Bande des Schreckens? Das klingt mir doch ziemlich unwahrscheinlich. Nach den Auskünften, die die Banken über sie eingezogen haben, ist sie eine Dame von tadellosem Charakter.« »So? Glaubst du das wirklich?« fragte der Wetter erregt. »Soll ich dir sagen, wer sie ist und welche Rolle sie gespielt hat? Sie war der Kassierer und Geldverwalter von Clay Sheltons Bande. Monkford hat mir selbst erzählt, daß sie einmal dreiviertel Millionen auf seiner Bank hatte. Es sollte die Verkaufssumme für das Gut eines sagenhaften Bruders sein. Und soweit meine Nachforschungen reichen, hat sie niemals einen Bruder gehabt. Sie mag allerdings nur ein Werkzeug sein und keine Ahnung davon haben, um was es geht.« »Frauen in ihrem Alter sind natürlich unberechenbar. Vielleicht ist sie in der Gewalt eines Mannes wie Henry. Aber was diesen angesehenen Rechtsanwalt zu derartigen Verbrechen bringen konnte, verstehe ich nicht. Du verdächtigst ihn ja direkt des Mordes. Es ist wahrscheinlich, daß Clay die Bande des Schreckens organisiert hat, denn er war ein geborener Führer und Intrigant. Aber warum die Bande nach seinem Tode –« »Du hast ja vorhin selbst den Grund genannt. Die Leute haben eben kein Geld mehr. Sie besitzen noch gefälschte Dokumente und verwenden sie unter dem Vorwand, für den Tod Clay Sheltons Rache nehmen zu wollen.« »Sie haben Monkford ermordet, damit sie sein Vermögen auf Nora Sanders übertragen können – du interessierst dich sehr für diese junge Dame? Ich würde gern eine Schwiegertochter in Kauf nehmen, wenn du dich einem anständigen, nutzbringenden Beruf zuwenden wolltest.« »Du meinst, wenn ich auch Bankier würde?« erwiderte der Wetter verächtlich. »Geld verdienen durch Geldausleihen in großem Maßstabe? Nein, ich bin viel lieber ein tüchtiger Detektiv –« »Das bezweifle ich ja gerade. Du wirst niemals allererste Leistungen erzielen, und ich bin sehr besorgt um dein Leben.« 30 Nora Sanders protestierte heftig, als Arnold Long sie in ein Krankenhaus bringen wollte. Aber er blieb in diesem Punkt hart und unnachgiebig. »Ich bin nicht krank, und ich habe keinen Nervenzusammenbruch«, sagte sie. »Es ist ganz unnötig.« »Der Doktor sagt –« begann er. »Der Doktor!« entgegnete sie geringschätzig. »Als ich ins Wasser sprang, fühlte ich mich sofort wohler. Wenn man mir bloß nicht dieses entsetzliche Mittel beigebracht hätte. Was war es nur?« »Butylchlorid. Es hat eine katastrophale Wirkung. Daß es Ihnen nicht mehr geschadet hat, spricht für Ihre gute Gesundheit. Trotzdem muß ich aber dem Arzt recht geben, und ich bestehe darauf, daß Sie in das Krankenhaus gehen. Sie dürfen mindestens eine Woche lang keine Besuche empfangen.« »Aber ich muß doch Miß Revelstoke sehen.« »Vielleicht ist das notwendig – aber sie darf nur in meiner Gegenwart vorgelassen werden. Ich bewundere die alte Dame unendlich, aber ich hatte niemals den Eindruck, daß viel Gutes von ihr kommt. Und Ihre Gesundheit darf auf keinen Fall leiden –« »Sie wollen mich vor Gefahr beschützen und glauben, Sie müssen mich zu diesem Zweck einsperren. Schließlich postieren Sie noch einen Detektiv vor die Tür und geben einem Polizisten den Befehl, vor dem Haus auf- und abzupatrouillieren.« »Sie haben die Situation vollkommen richtig erfaßt.« Sie war erstaunt, daß er ihren Vorwurf so ruhig hinnahm. Als er einige Stunden später ihr Zimmer verließ, von dem aus man eine schöne Aussicht auf Dorset Square hatte, nahm er die Vorsteherin beiseite und gab ihr besondere Instruktionen. Tatsächlich wurde Nora so gut wie eine Gefangene gehalten. »Geben Sie ihr keine Zeitungen. Magazine und Bücher kann sie haben, soviel sie will, aber keine Zeitungen. Und achten Sie auch darauf, daß die Krankenschwestern ihr nichts erzählen.« Nachdem die alte Dame versprochen hatte, seine Anweisungen genau zu befolgen, fühlte er sich etwas erleichtert und verabschiedete sich. Später erfuhr er per Telephon, daß Miß Revelstoke Nora um sechs Uhr aufsuchen wollte. Fünf Minuten vor der angesetzten Zeit erschien er im Empfangsraum des Krankenhauses. Die alte Dame schien durchaus nicht erstaunt zu sein, ihn dort zu treffen, und begegnete ihm mit großer Liebenswürdigkeit. »Sie wollte ich gerade sprechen, Mr. Long. Was ist bloß dem armen Mädchen passiert? Ihr Sergeant Rouch ist gerade nicht sehr mitteilsam. Er erzählte mir nur, daß man versuchte, sie zu entführen und daß sie dabei fast ertrunken wäre. Aber das kann ich doch kaum glauben.« Er sah sie forschend an. In der letzten Zeit war sie stark gealtert, und ihr fast noch jugendlich glattes Gesicht war von tiefen Falten durchzogen. Nur der lebhafte Blick ihrer feurigen Augen erinnerte noch an ihr früheres Aussehen. Durch ihr temperamentvolles Auftreten gelang es ihr aber, ihn in gewisser Weise zu täuschen. »Crayley soll auch tot sein, wie ich hörte?« Er nickte. »Sagen Sie ihr, bitte, nichts davon.« Sie schüttelte den Kopf. »Es ist wirklich schrecklich. Erst Monkford und nun auch noch Crayley. Es ist mir wirklich sehr auf die Nerven gefallen.« »In diesem Zusammenhang müßten wir eigentlich auch noch Clay Shelton nennen«, sagte er harmlos, beobachtete sie aber scharf. »Mein unglücklicher Onkel –« Diese Worte trafen. Ihre Gesichtszüge wurden plötzlich finster und hart. Sie kniff die Augenlider zusammen und sah ihn feindselig an. »Ich habe nicht recht verstanden. Was sagten Sie? Ihr –« »Clay Shelton war mein Onkel, der Halbbruder meines Vaters. Ich dachte, das wäre Ihnen bekannt. Sein wirklicher Name war John Xavier Towler Long. Aber vielleicht wußten Sie das nicht? Ich weiß sehr viel von meinem Onkel John.« Er lachte zynisch. »Er heiratete im Jahr 1883 die junge Miß Paynter und ließ sie schmählich im Stich. Mein Vater hat mir gesagt, daß sie erst vor ein paar Jahren gestorben ist.« Miß Revelstoke hatte sich wieder gefaßt. »Ich habe nicht gewußt, daß Sie aus einer so heruntergekommenen Familie stammen, Mr. Long.« Sie schaute auf die Uhr. »Glauben Sie, daß ich jetzt Nora sprechen kann?« »Wir werden beide zu ihr gehen.« Dieser Schachzug kam ihr überraschend. »Ich wollte aber verschiedene Dinge mit ihr allein besprechen.« »Gut. Während dieser Zeit kann ich mir ja die Ohren zuhalten«, entgegnete der Wetter. Sie begleitete ihn widerwillig zu Noras Zimmer. Miß Sanders lag zu Bett und las in einem Buch, als sie eintraten. »Sie armes Kind«, sagte Miß Revelstoke freundlich. »Nora, Sie sind wirklich ebenso schlimm wie Mr. Long. Dauernd sind Sie in Unglücksfälle verwickelt. Wie geht es Ihnen denn? Wie fühlen Sie sich?« Nora schüttelte den Kopf und sah vorwurfsvoll zum Wetter hinüber. »Ich habe mich niemals wohler gefühlt«, erklärte sie, »aber man besteht darauf, daß ich hier im Krankenhaus bleibe.« »Sie meinen wohl, Mr. Long besteht darauf. Es ist doch ein Glück, daß Sie einen so guten Freund haben, der sich wie ein Bruder um Sie kümmert.« »Wie eine Mutter«, sagte der Wetter halblaut. Miß Revelstoke schaute ihn an. »Kann ich einen Augenblick allein mit Nora sprechen?« Er ging zur anderen Seite des Zimmers und sah nach Dorset Square hinaus. Sein Gehör war ausgezeichnet, und als ob Miß Revelstoke das ahnte, sprach sie beinahe im Flüsterton. »Kann Henry Sie hier besuchen und sprechen?« Nora zögerte mit der Antwort und sah zu Mr. Long hinüber. »Fragen Sie ihn nicht, denn er haßt Henry. Ich möchte, daß Sie ihn allein sprechen. Ist das möglich?« Nora war unentschieden. »Ich weiß es nicht. Ich glaube, der Arzt hat Instruktion gegeben, daß mich niemand besuchen darf. Können Sie mir denn nicht sagen, was er will?« »Er wollte Ihnen etwas mitteilen – etwas, was Monkford sagte, bevor er das Testament unterzeichnete.« Als sie sah, daß Noras Blicke wieder zu Mr. Long wanderten, lächelte sie. »Nun, ich will Sie nicht dazu zwingen. Sagen Sie ihm, bitte, nichts davon, daß ich Sie bat, mit Mr. Henry zu sprechen.« 31 Die Bande des Schreckens gab dem Wetter in mancher Beziehung Rätsel auf. Er wußte zum Beispiel nicht, auf welche Weise sie sich mit der Verbrecherwelt in Verbindung setzte. Er hatte wohl gehört, daß der »alte Junge«, den sie auch den »Professor« nannten, die Vermittlung übernahm, aber er hielt das Gerede darüber für eine Erfindung. Die Bande des Schreckens war eine Klasse für sich. Die Mitglieder waren zu klug, um sich mit den gewöhnlichen, ehrlosen Verbrechern einzulassen, denen man niemals vertrauen konnte. Als Long an dem Abend in seine Wohnung kam, fand er einen Brief aus »Little Heartsease« vor, und er erkannte sofort die Schriftzüge Mr. Cravels. »Mein lieber Mr. Long, die Saison hat für uns mit einer großen Katastrophe geendet, wie ja vorauszusehen war. Aber Mr. Monkford war ein so guter Freund von uns, daß sein Tod alle persönlichen Sorgen überschattet. Vielleicht interessieren Sie sich für eine Lösung, die ich gefunden habe, wenn sie Ihnen auch etwas phantastisch erscheinen mag. Wenn Sie am sechzehnten des Monats Zeit haben, würde ich mich sehr über Ihren Besuch freuen. Ich könnte dann die Sache in aller Ruhe mit Ihnen besprechen.«   Der Wetter grinste. Der sechzehnte August! Das war so gut wie eine Einladung der Spinne an die Fliege, sie in ihrem Netz zu besuchen. Womöglich war auch der »Professor« dort, um ihn zu begrüßen. Er faltete den Brief zusammen und legte ihn in seine Brieftasche. Und wenn er auch lächelte, so war ihm doch nicht sehr wohl zumute. Das Datum des Briefes, das mit dem Datum auf der Kabinenwand übereinstimmte, machte ihn nachdenklich. Bis zum Morgen des sechzehnten sollte er sich sicher fühlen, das wollten sie ihm unter allen Umständen suggerieren. Aber gerade zwischen dem heutigen Tage und dem sechzehnten war die Gefahr für ihn größer als je. Jede Stunde konnte sich sein Schicksal erfüllen, und diese Aussicht war nicht gerade sehr verlockend. Die Galgenhand streckte sich nach ihm aus, die auch den Richter, den Staatsanwalt, den Henker und Monkford unter die Erde gebogen hatte. Er wurde schließlich so nervös, daß er zusammenschreckte, als sein Diener an die Tür klopfte. »Donnerwetter«, sagte er, ärgerlich über sich selbst. »Das darf doch nicht passieren – Kommen Sie herein!« »Wollen Sie Miß Alice Cravel empfangen?« fragte der Mann. 32 Der Wetter nickte. »Führen Sie die Dame herein.« Gleich darauf trat sie ins Zimmer, wie immer elegant gekleidet. Aber ihr Gesicht hatte sich vollkommen verändert. Sie war nicht mehr die heitere junge Dame, die er das letztemal in Heartsease gesehen hatte. Ihre Züge waren hart und verbittert, und sie sah aus, als ob sie in der letzten Zeit wenig geschlafen hätte. Schweigend starrte sie ihn an, bis der Diener gegangen war. »Nein, ich danke. Ich möchte mich nicht setzen«, erwiderte sie auf seine Einladung. »Schätzen Sie Ihr Leben?« fragte sie dann unvermittelt. »Sehr.« »Crayley liebte das Leben auch.« Ihr Benehmen war so seltsam, daß er glaubte, sie hätte sich dem Alkohol ergeben oder vielleicht ein Rauschgift genommen. »Jackson Crayley liebte das Leben, obwohl Sie ihn für einen Trottel hielten. Sie glaubten, der Rosengarten und seine Blumen interessierten ihn nicht, aber ich sage Ihnen, daß er sich an den Farben berauschte, und daß der Duft der Blumen ihm das Dasein schön und begehrenswert machte. Jackson umgab sich mit kostbaren und schönen Dingen. Und jetzt ist er tot – tot.« Sie bedeckte die Augen mit der Hand und schwankte einen Augenblick. Er fürchtete, sie würde umsinken, und rückte einen Stuhl für sie zurecht. »Nein, ich will stehen«, sagte sie ungeduldig. »Ich will Ihnen auch noch etwas anderes sagen – ich hasse Sie!« Sie sprach ganz leise. Er zweifelte nicht an ihren Worten, denn Haß sprühte aus ihren Augen, und Haß sprach aus ihren verbissenen Zügen. »Ich hasse Sie«, wiederholte sie. »Sie wissen nicht, wie sehr ich Sie hasse. Aber ich will nicht, daß Sie sterben – können Sie das verstehen? Ich will nicht, daß Sie umkommen!« Bei den letzten Worten schlug sie mit der Hand auf den Tisch. »Sie sollen leben! Oh, ich bin es satt, all dies viele Blutvergießen!« Sie streckte die Arme aus, und er glaubte, sie würde in Tränen ausbrechen. Aber sie beherrschte sich. »Eigentlich sollte es mir ja gleichgültig sein, ob Sie sterben oder nicht, aber ich mag keine Leichen mehr sehen.« Sie schaute ihn durchdringend an. »Wollen Sie sich nicht mehr mit dem Fall beschäftigen und die anderen in Ruhe lassen?« »Aber warum denn? Selbst wenn ich mich von der Bearbeitung des Falles zurückzöge, wie könnte ich ihrer Rache entgehen?« »Reisen Sie ein paar Monate ins Ausland – zwei Monate – ein Monat genügt.« Sie sprach sehr erregt und atmete schnell. Jede Farbe war aus ihrem Gesicht gewichen, und ihre Wangen und Lippen waren bleich. »Ich muß Ihnen noch etwas sagen«, fuhr sie atemlos fort. »Neulich wären Sie beinahe ermordet worden. Ich wurde mit anderen ausgeschickt, um Sie daran zu hindern, eine Schußwaffe zu ziehen. Erinnern Sie sich an den Abend? Ich habe Ihnen nachher vorgelogen, daß man mich entführen wollte. Sie haben ja gleich gesehen, daß ich nicht die Wahrheit sagte. Ich wußte es in dem Augenblick, als Sie mich fragten, in welchem Theater ich gewesen wäre. Aber es ist mir gleich, was Sie jetzt mit mir machen. Ich wünschte nur, daß Sie mich ins Gefängnis steckten und mich so lange dort behielten, bis alles – alles vorüber ist. Ich habe Ihnen doch nun genug erzählt – haben Sie es nicht gehört? Ich war an dem Mordanschlag auf Sie beteiligt!« »Wer war denn der Mann, der auf mich geschossen hat?« Sie warf den Kopf ungeduldig zurück. »Das kann ich Ihnen nicht sagen – Sie wissen selbst, daß ich Ihnen das nicht sagen werde. Aber ich war an dem Plan beteiligt – genügt das nicht? Können Sie mich nicht verhaften? Deshalb bin ich hergekommen! Und ich wollte Sie warnen.« »Wer war der Mann, der auf mich geschossen hat?« fragte er noch einmal. »Was kommt es denn darauf an? Glauben Sie wirklich auch nur einen Augenblick, daß ich es Ihnen sagen würde?« »War es Ihr Bruder?« »Nein, mein Bruder war an dem Abend in Little Heartsease. Das ist Ihnen gut genug bekannt, denn Sie haben sich genau darüber informiert. Am nächsten Tage sind Sie ja hingefahren, um ihn zu sprechen. Und Sie haben durch einen Ihrer Leute die Dienerschaft und die Kellner verhören lassen, und selbst die Gäste haben Sie ausgefragt!« »War es Henry?« »Nein«, sagte sie verächtlich. »Ich habe viel gewagt, als ich hierherkam. Warum betrachten Sie eigentlich dauernd meine Hände? Dreimal hätte ich Sie schon ermorden können, wenn ich gewollt hätte! Sie halten das natürlich für eine eitle Prahlerei, aber es ist die reine Wahrheit.« In seinem Gesicht drückten sich Zweifel aus. »Sie scheuen sich vor mir, weil ich eine Frau bin, und Sie würden zögern, auf mich zu feuern. Aber, selbst wenn ich ein Mann wäre, könnten Sie mich weder fassen noch erschießen.« Sie hob plötzlich die Hand über den Kopf und schnalzte mit den Fingern. Grelles Licht blitzte auf, und er fuhr geblendet zurück. Als er die Augen wieder öffnete, konnte er nichts erkennen. Erst später sah er eine dicke, weiße Wolke, die sich an der Decke entlangzog. »Magnesium«, sagte sie ruhig. »Ich hatte die Augen geschlossen, als ich es abbrannte, aber Sie hatten sie offen. Wie einen Hund hätte ich Sie niederschießen können, wenn ich gewollt hätte. Glauben Sie mir jetzt?« Arnold atmete schwer. »Ja, ich glaube Ihnen. Von dieser Seite habe ich Sie noch nicht kennen gelernt, Miß Cravel.« »Sie kennen mich noch lange nicht«, erwiderte sie verächtlich. »Dreimal hat man einen Versuch gemacht, Sie zu ermorden, und dreimal ist es fehlgeschlagen. Aber schließlich müssen Sie doch noch daran glauben, Wetter Long.« Sie sah ihm fest ins Gesicht. »Ich bin heute gesprächig, und ich werde Ihnen noch etwas mitteilen. Ich fürchte mich davor, daß sie Sie ermorden, und ich fürchte mich davor, daß es ihnen mißlingt. Denn wenn sie diesmal keinen Erfolg haben, werden sie gefangen, und dann ist alles zu Ende. – Wollen Sie mich jetzt verhaften? Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie es täten. Ich bin nicht von Sinnen, Wetter Long. Aber es ist mir alles zuwider – es ist alles so entsetzlich!« Er nahm den Brief aus der Tasche und reichte ihr das Blatt. Sie hatte kaum den Anfang gelesen, als sie ihn wieder zurückgab. »Ich weiß alles. Gehen Sie hin?« Er nickte. »Am sechzehnten?« Wieder nickte er. »Was erwarten Sie denn dort?« »Schwierigkeiten.« »Ja, die Hölle wird Ihnen schon heiß gemacht werden«, sagte sie zwischen den Zähnen. »Sie wissen nicht, was in Heartsease auf Sie wartet.« Die Warnung machte Eindruck auf ihn, aber er antwortete nicht. Er beobachtete sie, während sie den verräucherten Handschuh auszog und gegen einen anderen wechselte, den sie aus ihrer Handtasche nahm. »Es läßt sich nichts mit Ihnen anfangen. Ich fürchtete es schon. Wo ist denn Miß Sanders?« »In einem Krankenhaus.« »Und Sie glauben, daß sie dort sicher ist?« fragte sie lächelnd. »Ich sollte es wenigstens annehmen. Ein Detektiv bewacht die Vorderseite des Gebäudes, ein anderer die Rückseite.« »Und sie holen Miß Sanders doch heraus, wenn sie wollen.« »Wetten, daß nicht?« »Die Wette verlieren Sie!« Sie wollte noch etwas sagen, änderte aber ihre Meinung und ging zur Tür. Dort blieb sie stehen und wandte sich noch einmal um. »Ihre Bande des Schreckens braucht Nora Sanders«, sagte sie, und ihre Lippen zuckten. »Braucht sie dringend! Den Grund ahnen Sie nicht.« »Weil sie kein Geld mehr hat«, entgegnete er prompt. Sie schaute ihn erstaunt an. »Woher wissen Sie denn das?« »Die Bande hat keine Mittel mehr.« »Glauben Sie?« fragte sie leise. »Nun, hüten Sie auf jeden Fall Miß Sanders.« Er fühlte, daß diese Warnung aufrichtig gemeint war. Noch lange, nachdem Alice Cravel gegangen war, wanderte er in seinem Zimmer auf und ab. Dann setzte er sich an seinen Schreibtisch und skizzierte den Plan des Krankenhauses. Er hatte die größten Anstrengungen gemacht, um eine nochmalige Entführung Noras zu verhindern. Von allen Seiten betrachtete er den Plan und überlegte jede Möglichkeit eines Angriffs. Das Ende der Bande des Schreckens stand bevor, aber die Leute würden sich nicht ohne Kampf ergeben. Er ging zu dem Krankenhaus, um noch einmal mit der Vorsteherin zu sprechen. Sie war eine pflichteifrige, zuverlässige Frau und wies den Gedanken, daß Miß Sanders aus dem Hospital entführt werden könnte, weit von sich. »Sie ist doch vollkommen sicher hier, besonders da das Haus von Detektiven bewacht wird.« Als er neben der Vorsteherin in der Halle stand, hörte er ein Stöhnen von oben. Die Frau lächelte. »Das ist eine Frau, die mit den Nerven zusammengebrochen ist. Sie wurde heute nachmittag eingeliefert. Sie ist hysterisch und glaubt, daß sie schwer krank sei. Wenn sie nur Ruhe geben wollte!« »Stört sie denn die anderen Patienten nicht?« »Heute abend kommt sie wieder fort. Ich habe dem Arzt, der sie behandelt, schon gesagt, daß ich sie nicht länger behalten kann. Der jungen Frau fehlt nicht mehr als mir und Ihnen. Sie kann ebenso gut gehen und laufen wie jeder andere Mensch, aber sie besteht darauf, daß sie getragen wird.« Long kehrte beruhigt zu seiner Wohnung zurück, Trotzdem verachtete er Alices Warnung nicht. Sein Diener war ausgegangen, hatte aber eine kurze Notiz auf dem Tisch zurückgelassen. »Bitte, rufen Sie Sergeant Rouch an.« Der Wetter ging zu dem Telephon. »Ich glaube, daß ich den Verbindungsmann zwischen der Bande und der Unterwelt gefunden habe«, erklärte Rouch. »Kann ich zu Ihnen kommen?« »Ja, kommen Sie gleich«, erwiderte Long. Eine Viertelstunde später stand der Sergeant vor ihm. Er hatte einen bleichen Mann mitgebracht, der als einer der besten Spitzel in London galt und in der Unterwelt bekannt war. Er bildete eine Ausnahme unter den Polizeispitzeln, denn es gelang ihm, sich unter den Verbrechern eine gewisse Achtung zu sichern. »Sagen Sie jetzt dem Inspektor, was Sie mir vorher berichtet haben«, forderte ihn Rouch auf. »Sie suchen nach dem Professor. Ich habe ihn oft in Bermondsey und Deptford gesehen. Er kennt alle großen Kanonen: Kallini, Jacobs und den Griechen Paul.« »Wie sieht er denn aus?« »Er ist nicht so groß wie Sie, aber doch größer als ich. Und ziemlich schlank. Trägt immer schwarzen Anzug und Künstlerkrawatte.« »Wie alt?« »Das weiß ich nicht. Er scheint aber schon ziemlich alt zu sein. Er hat lange, weiße Haare, und deshalb nennen sie ihn auch den Professor. Er trifft die Leute immer draußen im Freien. In Deptford erzählt man, daß er ein großer Hehler aus dem Westen ist. Aber ich habe niemals gehört, daß er irgend etwas von den Leuten gekauft hat, er hat sie immer nur zu Gewalttaten engagiert.« »Wissen Sie nicht einen Platz, wo man ihn beobachten könnte?« »Nein. Wenn er kommt, schickt er gewöhnlich vorher eine Botschaft an den Betreffenden und gibt darin den Ort der Zusammenkunft an. Und die Leute sagen darüber nichts. Wissen Sie, wen er vor langer Zeit engagiert hat? Den Ulanen-Harry! Den kannten Sie doch? Ein Farmer hat ihn seinerzeit aus Versehen auf dem Feld erschossen.« Auf diese Weise war der Tod des Ulanen-Harry in der Öffentlichkeit erklärt worden. Der Wetter gab dem Mann den Auftrag, Scotland Yard sofort zu benachrichtigen, wenn sich der Professor irgendwo sehen ließe, oder wenn man erwartete, daß er auftauchen würde. Zum erstenmal, seitdem ihn der Schatten Clay Sheltons bedrohte, fühlte er sich bedrückt, denn die volle Energie und Tätigkeit der Bande des Schreckens richtete sich jetzt gegen Nora Sanders. Er war müde und erschöpft. Wenigstens eine Nacht mußte er sich Ruhe gönnen. Das hatte er verdient. Er grinste, als er sich entkleidete und dann ins Badezimmer ging. Das Rauschen des Wassers übertönte das Klingeln des Telephons, und er hörte es erst, als er ins Wohnzimmer zurückkehrte, um seine Pantoffeln anzuziehen. Schnell nahm er den Hörer ab. Er glaubte, daß Sergeant Rouch ihn vielleicht noch einmal sprechen wollte, aber er erkannte Alice Cravels Summe, obwohl sie verstellt klang. »Sind Sie am Apparat, Mr. Long? Holen Sie Nora Sanders sofort aus dem Krankenhaus. Gefahr im Verzug!« »Warum?« »Halten Sie sich nicht länger auf. Sie haben höchstens noch eine halbe Stunde Zeit. Wenn Sie bei Verstand sind, tun Sie, was ich Ihnen sage.« »Aber –«, begann er, als sie das Gespräch durch Einhängen bereits beendete. 33 Er mißtraute Alice Cravel diesmal. Wahrscheinlich sollte er nur Nora aus dem Krankenhaus holen, damit man sie dann um so leichter entführen konnte. Aber eine innere Stimme sagte ihm trotzdem, daß Alice es ehrlich meinte. Er rief das Krankenhaus an, aber die Nachtschwester beruhigte ihn. »Ja, Ihre Beamten sind hier. Es ist nichts geschehen, und Miß Sanders schläft.« Langsam ging er ins Badezimmer zurück, zögerte einen Augenblick, ließ dann aber das Wasser ab, ohne es benützt zu haben, und kleidete sich wieder an. Er war plötzlich vollkommen wach geworden. Erst als er im Begriff war, fortzugehen, sah er das Nutzlose seines Handelns ein. Er konnte doch im Krankenhaus auch nicht mehr tun als seine Beamten. Aber trotzdem machte er sich zu Fuß auf den Weg nach Dorset Square. Es war ein schöner Abend. Die Theater waren eben geschlossen worden, und es herrschte reger Autoverkehr auf den Straßen. Sein Weg führte ihn über Berkeley Street und Berkeley Square, und plötzlich kam ihm der Gedanke, trotz der späten Stunde noch seinen Vater aufzusuchen. Als er auf das Haus zuging, sah er, daß die Diele erleuchtet war. Er klingelte und wurde gleich darauf von dem Kammerdiener seines Vaters eingelassen. Der Mann machte einen verstörten Eindruck, und Long erschrak. »Wo ist mein Vater?« »Ich weiß es nicht, Mr. Arnold. Er ist ungefähr vor einer Stunde fortgegangen, um noch einen Brief in den Kasten zu werfen. Das macht er gewöhnlich abends noch, aber er ist dann meistens nach fünf Minuten zurück.« Arnold ging in die Bibliothek. Die Lichter brannten noch – sein Vater hatte also die Absicht, sofort wieder zurückzukehren. »Hatte er seinen Hut auf, als er ging?« »Ja. Er hatte Hut und Spazierstock.« Eine Schublade von Sir Godleys Schreibtisch stand halb offen, und der Wetter schaute hinein. Als er sie leer sah, wuchs seine Bestürzung, denn sein Vater verwahrte seine Browningpistole darin. Er rief den alten Diener herein, der die Gewohnheiten seines Herrn genau kannte. »Nimmt Sir Godley gewöhnlich die Pistole mit, wenn er zum Briefkasten geht?« »Ja, in letzter Zeit immer.« Der Wetter trat auf den Platz hinaus und ging zum nächsten Briefkasten. Dort traf er einen Polizisten, der ihm Auskunft geben konnte. Aber der Bericht des Mannes klang sehr beunruhigend. »Ich muß schon sagen, daß sich Ihr Vater etwas merkwürdig benahm. Während ich mich mit ihm unterhielt, fuhr ein Wagen vorbei. Er muß den Herrn, der darin saß, wohl erkannt haben. Es war ein alter Mann mit langen, weißen Haaren, einer schwarzen Künstlerkrawatte und einer Hornbrille –« Long atmete schwer. Das mußte der Professor sein! »Was machte mein Vater denn?« »Nun kommt das Sonderbare. Er lief über die Straße und sprang in eine Autodroschke. Ich sah noch, wie er sich aus dem Fenster lehnte und dem Chauffeur Anweisungen gab. Ich hatte den Eindruck, daß er das erste Auto überholen wollte.« Arnold ging zu dem Hause zurück. Er war sehr betroffen, aber er beruhigte den Diener mit einigen Worten. Dann setzte er seinen Weg nach Dorset Square fort. Seine Gedanken beschäftigten sich noch mit dem merkwürdigen Verhalten seines Vaters. Was wußte Sir Godley von dem Professor? Und warum sprang er unter Vernachlässigung jeder Vorsicht in einen Wagen und fuhr dem alten Mann nach? Je länger der Wetter darüber nachdachte, desto sonderbarer erschien ihm die Sache. Der Professor gehörte doch allem Anschein nach zur Bande des Schreckens, ja vielleicht war er überhaupt der Leiter der ganzen Organisation! Eine Turmuhr in der Nähe schlug. Es war halb zwölf. Er wollte sich nur davon überzeugen, daß in Dorset Square alles in Ordnung war, und dann in Berkeley Square die Rückkehr seines Vaters erwarten. Vor der Tür des Krankenhauses begrüßte ihn der Beamte. »Es hat sich nichts ereignet«, berichtete er. »Nur die hysterische Frau ist fortgeschafft worden. Sie hat einen unheimlichen Spektakel gemacht.« »Ja, ich weiß schon, wen Sie meinen.« Der Detektiv, der unten in der Halle Wache hielt, öffnete sofort auf sein Klopfen. Auch er konnte weiter nichts melden. Die Nachtschwester kam gerade die Treppe herunter und erzählte ihm, daß Miß Sanders ruhig schliefe. Der Wetter folgte einem plötzlichen Impuls. »Dann kann ich sie vielleicht einmal sehen?« fragte er. Die Nachtschwester war zwar nicht entrüstet über dieses Ansinnen, aber sie zögerte. »Ich weiß nicht, ob die Oberin das gestatten würde. Ich will Sie hineinlassen, aber Sie dürfen nur einen Blick auf sie werfen, auf keinen Fall mit ihr sprechen.« Er begleitete sie nach oben. In dem Zimmer brannte eine schwache Lampe unter einem grünen Schirm, und es war gerade so hell, daß man eine Gestalt im Bett erkennen konnte. Das Mädchen hatte der Tür den Rücken zugekehrt, und man sah nur eine Locke auf dem Kissen. Der Wetter runzelte die Stirne, als er das schwarze Haar bemerkte. Mit zwei langen Schritten war er bei dem Bett, ohne sich um den Protest der Schwester zu kümmern. »Was hat das zu bedeuten?« rief er erregt. Er legte die Hand auf die schmale Schulter des Mädchens und schüttelte sie. Sie schlief nicht und schaute den Detektiv erschrocken an. »Aber Mr. Long, was machen Sie denn?« rief die Krankenschwester, aber dann entdeckte sie auch das fremde Gesicht. »Das ist ja gar nicht Miß Sanders«, sagte sie verstört. 34 Der Wetter ahnte den Zusammenhang, bevor sie ihre Entschuldigung stammeln konnte. »Stehen Sie auf und kleiden Sie sich an«, sagte er zu der Fremden. »Ich verhafte Sie wegen Beihilfe. – Schicken Sie jemand herauf, die Frau zu bewachen, bis sie zur Polizeistation abgeholt werden kann«, wandte er sich an die Schwester. Als sein Auftrag ausgeführt war, stellte er durch Fragen fest, was geschehen war. Es handelte sich um die hysterische Frau, die auf die Empfehlung eines Arztes hin in der Anstalt aufgenommen worden war. Bis in die Abendstunden hinein hatte sie laut geschrien, und als der Doktor noch einmal vorsprach, hatte ihm die Oberin mitgeteilt, daß die Frau nicht länger im Hause bleiben könnte, weil sie die anderen Patienten störte. Daraufhin hatte er versprochen, einen Krankenwagen zu schicken, um sie wieder abzuholen. Der Wagen war dann auch erschienen. Zwei uniformierte Wärter hatten die Kranke auf eine Bahre gehoben und zu dem Auto getragen. »Ich war zugegen, aber der Doktor bat mich, nach unten zu gehen und noch eine Decke zu holen. Ich war nur drei Minuten fort.« »Und während dieser Zeit machten die Krankenwärter Miß Sanders durch eine Spritze bewußtlos und legten sie auf die Bahre. Und die Fremde nahm ihren Platz ein. Haben Sie denn keinen Schrei gehört?« Sie nickte. »Ja, gerade als ich unten an der Treppe ankam. Aber ich dachte, es wäre die hysterische Person und achtete nicht weiter darauf.« Wetter Long war bleich geworden. »Ich verstehe jetzt«, sagte er. »Ihnen kann man keinen Vorwurf machen. Ich hätte etwas Derartiges erwarten sollen, als ich von der hysterischen Patientin hörte, die am Nachmittag eingeliefert wurde. Ihr Zimmer lag ja direkt neben dem von Miß Sanders.« Es blieb ihm nichts anderes übrig, als die übliche Mitteilung nach Scotland Yard zu machen und alle Polizeistationen zu benachrichtigen, daß sie nach dem Krankenwagen Ausschau halten sollten. Die Nummer war von dem Detektiv vor dem Hospital aufnotiert worden. Seinen Vater hatte er vollkommen vergessen. Erst um drei Uhr morgens erinnerte er sich wieder an ihn, als ihn der Diener in Scotland Yard anrief. »Sir Godley ist noch nicht zurückgekehrt.« Der Wetter erschrak, als er das hörte. Es galt jetzt, allen Mut und alle Energie zusammenzunehmen. Er lehnte sich in seinen Stuhl zurück und versuchte unter größter Willensanspannung, alle sentimentalen Gedanken zu bannen. Er war ein Polizeibeamter, der die Aufgabe hatte, das Verschwinden eines Mannes namens Godley Long aufzuklären, desgleichen das Verschwinden der jungen Sekretärin von Miß Revelstoke. Seinen persönlichen Gefühlen durfte er keinen freien Raum geben, sonst hätte er den Verstand verloren. Und diese beiden waren nicht die einzigen, die während der Nacht verschwunden waren. Miß Revelstoke und Mr. Henry waren nicht in ihre Wohnungen zurückgekehrt. Aber ein Mann war auf dem Posten. Mr. Cravel meldete sich, als ihn Long um vier Uhr morgens in Heartsease anrief. »Ach, Sie sind es, Inspektor? Ist etwas passiert?« »Ich habe schon seit Mitternacht versucht, Sie zu erreichen«, erklärte der Wetter. »Wo haben Sie denn eigentlich gesteckt?« »Das kann unmöglich stimmen. Seit elf habe ich geschlafen, und das Telephon steht neben meinem Bett. Was wünschen Sie denn?« Er sprach keineswegs wie ein Mensch, der plötzlich aus dem Schlaf aufgeschreckt wird. Seine Stimme klang klar und beherrscht. »Ich komme zu Ihnen. Ist Ihre Schwester dort?« Es entstand eine kurze Pause. »Nein, sie ist in London. Kennen Sie ihre Wohnung?« Er nannte ihre Telephonnummer. »In einer Stunde bin ich bei Ihnen«, erwiderte der Inspektor. Er hatte Miß Alice Cravel schon angeläutet, konnte aber nichts aus ihr herausbringen. Und als er einen Beamten ausschickte, um sie nach Scotland Yard zu holen, konnte dieser nur feststellen, daß sie kurz vorher ausgegangen war. Der Tag brach an, und ein leichter Regen rieselte nieder, als der Polizeiwagen nach Berkshire fuhr. Als sie an dem leeren Haus vorbeikamen, zu dem Nora Sanders das erstemal verschleppt worden war, dachte der Wetter einen Augenblick daran, zu halten und es von neuem zu durchsuchen. Aber sein gesunder Menschenverstand sagte ihm, daß die Bande des Schreckens Nora auf keinen Fall wieder hierhergebracht hatte. Cravel wußte, wo sie war, und Cravel mußte es ihm sagen. An diesen Gedanken klammerte er sich während der ganzen Fahrt. Er hatte sich mit seinem Chef in Verbindung gesetzt, bevor er Scotland Yard verlassen hatte. »Lassen Sie sich nur nichts zuschulden kommen, Wetter«, warnte ihn Macfarlane. »Suchen Sie herauszubekommen, soviel Sie können, aber halten Sie sich innerhalb der gesetzlichen Grenzen.« »Für mich ist jetzt alles gesetzlich, Colonel. Aber ich werde daran denken, daß Sie mich gewarnt haben.« Das war also der große Coup, den sie vorhatten. Durch Nora Sanders wollten sie sich Monkfords Geld verschaffen. Zuerst fingierten sie eine Erbschaft, und dann suchten sie nach Mitteln und Wegen, wie sie Nora Sanders das Geld wieder abnehmen konnten. Sie sollte eins der Mitglieder der Bande heiraten. Dann konnte sie nichts gegen den Betreffenden aussagen. Sie wollten ihn vor die vollendete Tatsache stellen, so daß er gezwungen war, ruhig zu sein, wenn er nicht Nora Sanders bloßstellen wollte. 35 Als der Wetter die gewundene Anfahrtstraße nach Heartsease entlangfuhr, überkam ihn aufs neue ein außergewöhnlich bedrückendes Gefühl. Er ahnte instinktiv die Gefahr, die ihm bevorstand. Mr. Cravel erwartete ihn mit düsterem Gesicht an der Haustür. Trotz der frühen Morgenstunde war er tadellos gekleidet und bereits rasiert. In der Halle stand auf einem kleinen Tablett eine dampfende Kaffeekanne. »Ich dachte, Sie würden vielleicht nach der kalten Fahrt gern etwas Heißes trinken«, erklärte Cravel. »Ich kann Ihnen die Versicherung geben, daß der Kaffee weder vergiftet noch mit einem Schlafmittel versehen ist.« Long zögerte. »Vielleicht versucht Mr. Rouch erst einen Schluck?« fuhr Cravel fort. Der Kaffee war wirklich gut und erfrischte den Wetter. Er trank begierig die Tasse leer. »Ich freue mich, daß Sie Sergeant Rouch mitgebracht haben«, sagte Cravel unvermittelt. »Warum denn?« Cravel zuckte die Schultern. »Wenn man unter dem Verdacht steht, alle möglichen entsetzlichen Verbrechen begangen zu haben, freut man sich, wenn ein Zeuge zugegen ist. Selbst wenn der Zeuge der Gegenpartei angehört. Ich habe Zimmer Nr. 7 heizen lassen. Es ist eins der Zimmer, die Monkford das letztemal bestellt hatte. Sie sind doch nicht nervös deshalb?« »Warum haben Sie denn gerade das Zimmer heizen lassen?« fragte Long ruhig. Mr. Cravel zuckte aufs neue die Schultern. »Ich nehme nicht an, daß Sie morgens um fünf Uhr herkommen, um ein Zimmer für nächstes Jahr zu belegen«, erwiderte er trocken. »Ich erwarte im Gegenteil ein unangenehmes Verhör, und ich möchte doch wenigstens haben, daß es nicht in aller Öffentlichkeit stattfindet.« Der Lift war nicht in Betrieb, und sie mußten die Treppe hinaufsteigen. Cravel trat zur Seite, als sie vor der Tür des Zimmers angekommen waren. Ein großes Holzfeuer brannte im Kamin, und der Wetter zog seinen Mantel aus. Dann sah er nachdenklich zu Rouch hinüber. »Ich glaube, Sie warten besser unten, Sergeant.« Rouch entfernte sich gehorsam. »Ich habe augenblicklich kaum Dienstboten hier«, erklärte Cravel. »Nur die paar Leute, die das Hotel während des Winters in Gang halten. Aber wenn Sie noch irgend etwas wünschen, stehe ich Ihnen gern zur Verfügung.« Cravel hatte seine Absicht, das Hotel umzubauen, bereits in die Tat umgesetzt. Der Wetter hatte schon bei der Anfahrt die Gerüste bemerkt. »Mr. Cravel, ich muß noch einige Fragen an Sie richten. Aber ich warne Sie – Sie sind ziemlich am Ende mit Ihrem Spiel. Wo ist Miß Sanders?« Cravel lächelte. »Warum soll denn gerade ich das wissen? Ich bin in den letzten Tagen nicht von hier fortgekommen. Ich hörte nur zufällig von Miß Revelstoke, daß Nora Sanders entführt und später von Wetter Long, dem König aller Detektive, auf heldenhafte Art gerettet wurde!« »Gestern abend wurde sie aus einem Krankenhaus geholt, und Ihr Freund, der Professor, ist dafür verantwortlich –« »Ich verstehe Sie nicht. Wer ist denn mein Freund, der Professor?« »Ich habe nicht die Absicht, mich mit Ihnen zu streiten. Ich will Nora Sanders finden, und Sie werden mir sagen, wo sie ist.« Die beiden maßen sich mit harten Blicken. Aus Cravels Zügen sprach kaltblütige Entschlossenheit. Er zuckte mit keiner Wimper und lächelte sogar. »Ich glaube schon, daß Sie ein wenig aufgeregt sind, Mr. Long. Und bevor Sie sich nicht beruhigt haben, hat es wohl keinen Zweck, mit Ihnen zu sprechen. Besonders da Ihnen die einzige Nachricht, die ich Ihnen geben kann, wahrscheinlich einen bösen Schrecken einjagen wird.« »Was wäre das denn?« Cravel ging zu dem Kamin hinüber und legte die Hände auf den Rücken. »Es ist etwas Unangenehmes passiert«, sagte er langsam. »Ich muß Ihnen gestehen, daß ich ein wenig, allerdings nur sehr wenig, davon weiß. Miß Sanders ist nämlich sehr gut mit mir bekannt, ja, ich möchte sagen, sie ist meine Freundin. Vielleicht haben Sie das bis jetzt noch nicht gewußt. Aber ich besitze eine Anzahl Briefe von ihr, und sie hat mir ihr Vertrauen geschenkt. Sie scheint über die vielen Aufmerksamkeiten, die Sie ihr erweisen, nicht gerade sehr erfreut zu sein.« Der Wetter nickte. Er wußte, daß Cravel nur sprach, um Zeit zu gewinnen und ihn zu reizen. »Sie haben sich natürlich nicht gedacht, daß sie beleidigt sein könnte, und ich kann Ihnen deshalb auch keinen Vorwurf machen. Die menschliche Eitelkeit –« »Sie sprechen mehr und mehr wie Clay Shelton«, unterbrach ihn Long. Es leuchtete in Cravels Augen unheimlich auf. Der Wetter bemerkte es wohl und hörte auch, daß der Mann schwer atmete. »Clay Shelton geht mich nichts an. Miß Sanders wollte Sie nicht kränken, aber Sie waren ihr gegenüber so hartnäckig, daß es ihr schließlich auf die Nerven fiel. Sie bat einen meiner Freunde, er möchte ihr helfen, Ihnen zu entkommen. Ihre Wachsamkeit und Ihre Fürsorge hat Miß Sanders bedrückt. Ich kenne die Einzelheiten nicht näher, aber ich habe erfahren, daß es meinem Freund gelungen ist, sie aus dem Krankenhaus zu bringen. Unglücklicherweise haben sie aber die unangenehmen und aufregenden Erlebnisse der letzten Tage so stark mitgenommen, daß sie auf dem Weg nach Heartsease –« »Was, sie ist hier?« Mr. Cravel nickte. »Daß sie auf dem Wege nach Heartsease einen Zusammenbruch erlitt und trotz ärztlicher Hilfe starb«. »Sie ist tot?« fragte Long und kniff die Augen zusammen. »Sie lügen, Cravel. Sie wollen mich nur nervös machen. Aber das können Sie nicht, und wenn sie tot ist –« er zog seine Browningpistole – »dann halte ich mein Versprechen, und nichts kann Sie retten.« Cravel zuckte nur gleichgültig die Schultern. »Es ist allerdings eine traurige Tatsache, aber ich dachte, Sie wüßten es schon. Meine Schwester ist gewöhnlich nicht so zurückhaltend.« »Wußte sie das auch?« fragte der Wetter ruhig. Cravel nickte. »Wo ist Nora Sanders?« Zu seiner größten Überraschung zeigte der Hotelbesitzer nach der Tür des Zimmers, in dem Monkford den Tod gefunden hatte. »Wir haben sie dorthin gebracht. Ihr Freund, der Professor, ist bei ihr. Sie sind doch wirklich sehr klug, daß Sie direkt hierher kamen«, fügte er ironisch hinzu. »Sie haben tatsächlich den Instinkt eines Liebhabers.« »Gehen Sie voraus«, erwiderte der Wetter kurz. Den Browning hielt er immer noch auf die Brust des anderen gerichtet. »Wir wollen einmal sehen, wie weit Sie den Scherz zu treiben wagen. Ich glaube allerdings, daß Ihnen die Sache schlecht bekommen wird, mein Freund.« Cravel ging gelassen zu der Verbindungstür, die ins nächste Zimmer führte und öffnete sie. »Gehen Sie hinein«, sagte der Wetter und folgte ihm. Die Vorhänge waren halb zusammengezogen, und das graue Tageslicht erhellte den Raum nur wenig. Wie vom Schlag gerührt, blieb Long in der offenen Tür stehen. Totenbleich lag Nora Sanders auf dem Bett, das an der Wand stand. Er konnte sie nur anstarren, denn sein Gehirn versagte im Augenblick den Dienst. Dann hatte Cravel also doch die Wahrheit gesagt! Sie war tot! Warum hätten sie das Mädchen sonst hierher gebracht? Am Fuß des Bettes bewegte sich plötzlich eine merkwürdige Gestalt. Es war ein alter Mann, dem das unordentliche weiße Haar ins Gesicht fiel. Das Licht spiegelte sich in seinen Brillengläsern, als er den Wetter mit einem haßerfüllten Blick betrachtete. »Keiner rührt sich«, sagte Long. »Treten Sie dorthin, Cravel. Sobald einer von Ihnen eine Pistole zieht, schieße ich sofort!« Wieder schaute er zu der stillen Gestalt hinüber, die auf dem Bett lag. Nora – tot! Er konnte es unmöglich glauben. Plötzlich packte ihn kalte Wut. »Sie Hund!« rief er. Er ging auf das Bett zu, aber schon bei dem zweiten Schritt, den er auf dem Teppich tat, fühlte er, daß der Boden unter ihm nachgab. Er warf sich nach rückwärts, aber er hatte das Gleichgewicht schon verloren. Instinktiv streckte er die Arme aus, um sich an einer Kante festzuhalten, aber auch das gelang ihm nicht, und er stürzte in die Tiefe. Sein Kopf schlug heftig gegen einen Pfosten des Baugerüstes, und er verlor das Bewußtsein. 36 Ein paar Minuten später ging Mr. Cravel langsam die Treppe hinunter und trat zu Sergeant Rouch, der vor der Eingangshalle Posten gefaßt hatte und mißvergnügt in den strömenden Regen schaute. »Inspektor Long bleibt zum Frühstück«, sagte er. »So?« erwiderte der Detektiv unfreundlich. »Soll ich nach oben kommen?« »Noch nicht. Er sieht einige Papiere durch. Wahrscheinlich will er mir daraus irgendein Verbrechen nachweisen.« Rouch antwortete nicht. Er streifte den Hotelbesitzer nur mit einem kühlen Blick. Cravel ging zu seinem Büro. Kurz darauf hörte Rouch, daß er wieder herauskam und abschloß. Er sah sich aber nicht nach ihm um, und das war sein Fehler. Der Schlag, der ihn auf den Hinterkopf traf, hätte jeden gewöhnlichen Menschen sofort getötet, aber der Sergeant trug einen festen, steifen Hut und fiel nur in die Knie. Wieder erhob Cravel den Gummiknüppel und ließ ihn niedersausen. Dann bückte er sich und hob den Mann auf. Er trug ihn zu dem Polizeiauto, legte ihn hinein und warf eine Decke über ihn. Aus seinem Büro holte er ein leichtes Motorrad und befestigte es seitlich auf dem Trittbrett des Wagens. Dann setzte er sich ans Steuer und fuhr ab. Eine Viertelstunde später hatte er Egham hinter sich, wandte sich plötzlich nach Runnymede und folgte der Straße nach Windsor, die parallel mit dem Fluß läuft. An einer Stelle, wo das Ufer steil zum Wasser abfällt, hielt er an und band das Motorrad los. Dann drehte er das Steuer des Autos zum Wasser und ließ den Motor an. Der Wagen stürzte den Abhang hinunter und fiel ins Wasser. Cravel sah nach der Uhr. Es war halb sechs. Er bestieg das Motorrad und fuhr nach Heartsease zurück. Der alte Mann und Nora waren aus dem Zimmer verschwunden, in dem der Wetter abgestürzt war. Aber als sich Cravel umsah, bemerkte er die Browningpistole, die Long hatte fallen lassen. Er steckte sie in die Tasche, rollte den Teppich auf und trug ihn in den Salon. Bettücher und Bezüge waren bereits von dem Bett abgenommen. Er schaute sich noch einmal mit einem prüfenden Blick um und ging dann nach unten. Er hatte noch viel zu tun. Von seinem Büro führte eine schmale Treppe in den Keller hinunter. Erst vor wenigen Tagen hatte er den Wein von dort fortschaffen lassen. Er trug eine Lampe in der einen Hand, in der anderen den Gummiknüppel, als er die Stufen hinunterstieg und den langen, mit Ziegelsteinen belegten Kellergang entlangging. Schließlich kam er an die Stelle, die direkt unter dem viereckigen Loch in der Decke lag. Die Bauhandwerker hatten es durch mehrere Stockwerke geschlagen. Er leuchtete mit der Lampe nach allen Seiten, fand aber Inspektor Long nicht. Seiner Meinung nach mußte er sich bei dem Fall das Genick gebrochen haben und tot hier unten auf dem Boden liegen. Der Wetter war verschwunden, ja, er schien überhaupt nicht hier unten gelegen zu haben. Trotzdem Cravel eifrig suchte, fand er keine Blutspuren. Er fluchte. Es war doch unmöglich, daß der Detektiv mit heiler Haut davongekommen war! Vielleicht hatten ihn die anderen fortgeschafft. Noch einmal durchsuchte er den Keller, öffnete die Tür eines inneren Raums und sah sich auch dort um. Wenn der Wetter noch lebte ... Noch nie in seinem Leben hatte sich Cravel gefürchtet, aber jetzt packte ihn das Grausen. Er verschloß die Tür seines Büros, als er wieder nach oben kam, goß sich ein Glas Brandy ein und trank es mit einem Zug leer. Dann stieg er die Treppe zum zweiten Stock hinauf, ging an das Ende des Korridors und steckte den Schlüssel in eine kaum sichtbare Öffnung des Paneels. Die mit Holz verkleidete Stahltür öffnete sich. Dahinter lag eine Reihe von Räumen, die nicht auf der Liste der Gästezimmer geführt wurde, und zwar zwei Zimmer, ein Baderaum und eine kleine Küche. Hier wohnte Cravel, wenn das Hotel im Winter geschlossen war. Er schloß die Stahltür hinter sich zu und trat in das kleinere der beiden Zimmer, wo Miß Sanders wie tot auf dem Bett lag. Er nahm den nackten Arm und betrachtete prüfend die drei Einstiche. Den letzten hatte er erst vor kurzem gemacht. Auf dem Tisch neben dem Bett stand eine kleine Flasche mit einer grünen Flüssigkeit und eine Spritze. Er hob ihr Augenlid mit seinen Fingerspitzen und sah, daß sie nicht zusammenzuckte, auch sonst gegen das Licht unempfindlich schien. Befriedigt wandte er sich wieder um und ging in den anderen Raum. Hier war niemand zu sehen, aber auf dem Tisch lag eine Mitteilung für ihn. Er las die Nachricht und verbrannte den Zettel dann im offenen Kaminfeuer. Wo mochte nur der Wetter sein? Das war die wichtigste Frage. Auf dem Zettel stand nichts von ihm. Er nahm Longs Browningpistole aus der Tasche, untersuchte sie vorsichtig und legte sie auf den Tisch. Allein der Anblick der Waffe machte ihn jetzt schon nervös. Er setzte sich auf die Tischkante, kreuzte die Arme über der Brust und sah düster zum Fenster hinaus. Vielleicht hatten sie den Wetter fortgeschafft, nachdem sie den Zettel geschrieben hatten. Die Nachforschungen nach den Polizeibeamten begannen jedenfalls erst später am Vormittag. Man würde das Auto und die Leiche des Sergeanten im Fluß finden und dann natürlich auch nach Inspektor Long suchen. Das würde wieder Zeit in Anspruch nehmen. Plötzlich dachte er an Alice. Was mochte wohl aus ihr geworden sein? Warum war sie zu ihrer Wohnung zurückgekehrt, statt hierher zu kommen und ihm während der Krisis beizustehen? Ihr Verhalten machte ihn nachdenklich. Sie war früher hart und erbarmungslos gewesen wie alle anderen, hatte alle Gefahren auf sich genommen und sich vor nichts gefürchtet. Und gerade jetzt, da sie soviel hätte helfen können, schwenkte sie ab und wurde schwach. Plötzlich hörte er eine Stimme von unten, öffnete schnell die Tür und eilte zu dem Treppengeländer, von wo aus er in die Halle hinuntersehen konnte. Unten stand seine Schwester, vollständig vom Regen durchnäßt. »Komm herunter«, rief sie. In wenigen Sekunden war er bei ihr. »Wo warst du denn?« Sie schnitt ihm das Wort mit einer ungeduldigen Handbewegung ab. »Wo ist Long?« »Ich weiß es nicht. Er ist fortgegangen.« Sie glaubte ihm nicht. Allein die Tatsache, daß sie keine weiteren Fragen an ihn richtete, bewies das. »Auf der Chaussee nach Sunningdale habe ich einen Chauffeur getroffen –« Cravel runzelte die Stirne. »Sei, bitte, nicht geheimnisvoller, als es absolut notwendig ist. Was hat denn der Chauffeur mit mir zu tun?« »Sehr viel. Er stand am Ende der Straße, die an unserem Park entlangführt und schien mit sich und der Welt zufrieden zu sein. Ich sah, daß er unter den großen Ulmen geparkt hatte, und auf meine Frage erzählte er mir, daß er schon seit kurz nach Mitternacht dort wartet. Er hat jemand hierhergefahren.« »Wen?« »Das möchte ich selbst gern wissen. Ich gab ihm ein Trinkgeld, aber ich konnte nicht viel erfahren. Er sagte nur, sein Fahrgast wäre ein Herr mit grauen Haaren, der an der Ecke von Berkeley Square in seinen Wagen gestiegen sei. Ich hatte allerdings den Eindruck, daß er mehr sagen könnte, wenn er nur wollte. Jedenfalls ist jemand hier im Haus, von dem du nichts weißt.« Cravel sah sie verblüfft an. »Unsinn! Es ist niemand hier außer –« Sie wußte sofort, warum er zögerte. »Dann ist sie doch hier? Du spielst mit dem Feuer, nimm dich in acht. Sieh zu, daß du von der Sache loskommst, so lange es noch Zeit ist. Es geht uns zwar nicht gut, aber du hast wenigstens die Möglichkeit, davonzukommen. Willst du sie nicht in letzter Minute ausnützen?« »Ja, wenn alles, was wir brauchen, in unserer Hand ist«, erwiderte er verächtlich. »Bin ich denn ein Narr, daß ich halbverrichteter Sache fliehen sollte? Nein, wir sind schon zu weit gegangen, und es bleibt uns nur übrig, bis zum Ende durchzuhalten.« Sie sah ihn nachdenklich an, und er hatte das Gefühl, daß sie sich nicht länger für sein Schicksal interessierte. »Ich bin ganz durchnäßt – ich muß mich umkleiden«, sagte sie plötzlich. Ihre Zimmer lagen direkt unter denen ihres Bruders und glichen ihnen in allen Einzelheiten, nur war die Tür vollkommen sichtbar. Während er auf sie wartete, ging er auf dem mit Marmorplatten belegten Vorplatz auf und ab. Zu seiner Überraschung trug sie über ihren trockenen Kleidern einen Gummimantel, als sie wieder erschien. »Du gehst doch nicht wieder fort?« »Ja, ich sagte dem Garagenbesitzer in Sunningdale, daß ich zurückkommen würde. Ich hatte eine Panne und habe meinen Wagen dort gelassen. Die Garage ist auch sehr brauchbar für uns. Sie liegt an der Hauptstraße und hat ein Telephon. Ich werde wahrscheinlich den ganzen Vormittag dort bleiben.« Er lächelte. »Was erwartest du denn noch?« »Große Schwierigkeiten. Sind die anderen fort?« Er nickte. »Du hast die Nerven verloren, Alice. Wahrscheinlich ist dir Jackies Tod zu nahe gegangen. Aber es war ein unglücklicher Zufall. Er hat sich während des Kampfes selbst erschossen, ich schwöre es dir, Alice. Er war tot, als ich ihn das zweitemal aus dem Wasser holte. Daß wir ihn aufgehängt haben, war ja schrecklich. Aber du weißt, der Professor hat ihm die Sache von Colchester niemals verziehen – er hat ihn gehaßt bis zum Ende.« Aber sie ließ sich nicht überzeugen. Sie hatte von Anfang an diese Geschichte nicht geglaubt. »Jackie ist mit einer Browningpistole ermordet worden«, erwiderte sie kurz. »Und er selbst hatte doch nur einen alten Armeerevolver. In den Zeitungen stand übereinstimmend, daß ihn ein Browninggeschoß getötet hat. Aber darüber wollen wir uns jetzt nicht weiter unterhalten.« Sie ging zur Tür und sah sich nach links und nach rechts um. Der Regen strömte dauernd nieder, aber darauf achtete sie nicht. »Wenn der Mann nicht im Hause ist, dann verbirgt er sich sicher auf dem Grundstück. An deiner Stelle würde ich alles durchsuchen – nein, das würde ich auch nicht tun. Ich würde machen, daß ich so schnell wie möglich fortkäme.« »Ja, aber ich denke anders als du«, entgegnete er gereizt. Sie war auf einem Fahrrad, das sie in der Garage geliehen hatte, zu dem Hotel gekommen. Er sah ihr nach, bis sie außer Sicht kam, dann ging er wieder zu seinem Zimmer hinauf, zog einen Regenmantel an und steckte die Browningpistole des Wetters in die Tasche. Er warf noch einen Blick auf das bewußtlose Mädchen, schloß die Tür hinter sich zu und machte sich dann daran, das Grundstück abzusuchen. In der nächsten Umgebung des Hauses fand er nichts. Ein Teil des Rasens vor der Eingangshalle war aufgegraben worden, um das elektrische Kabel umzulegen, und in dem weichen Rasen bemerkte er Fußspuren. Er sah den Abdruck eines großen, breiten Schuhs, der mit einem Gummiabsatz versehen war. Alice mußte also doch recht haben. Gleich darauf entdeckte er zwei weitere Fußspuren. Der Mann konnte nur von der Fahrstraße her gekommen sein. Er steckte sich eine Zigarette an und blieb einen Augenblick stehen, um nachzudenken. Wer mochte der Fremde sein, der in dem Wagen kam, und welche Absicht verfolgte er? Schließlich ging er kurz entschlossen quer über den Rasen zu der Hauptstraße. Er schaute sich nach allen Richtungen um und sah sofort den fremden Wagen. Der Chauffeur saß in philosophischer Ruhe auf dem Trittbrett und rauchte. Als er Schritte hörte, erhob er sich schnell, setzte sich aber gleich wieder. »Ich dachte schon, Sie wären mein Fahrgast. Hoffentlich bleibt er nicht mehr allzu lange aus, denn ich muß den Wagen um acht meinem Tageskollegen übergeben.« Er erzählte dann umständlich, daß das Auto ihm gehörte, und daß er einen anderen Chauffeur angestellt hatte, der es bei Tage fuhr. »Ich fürchte, Ihr Fahrgast bleibt noch lange aus«, erwiderte Cravel. »Wollen Sie den Wagen nicht hereinbringen?« Aber der Mann ließ sich nicht dazu überreden. »Der Herr sagte, ich solle hier warten, und das tue ich auch. Wenn er mich nicht findet, verliere ich zehn Pfund.« Cravel versuchte, den Chauffeur weiter auszufragen, aber er hatte kein Glück. Nur eine Bemerkung, die der Mann machte, erregte sein größtes Interesse. »Ich hoffe, daß er mir nicht davonläuft. Es ist mir immer unangenehm, wenn ich einem anderen Wagen folgen muß – obendrein war es ein Fiat.« Das war der Wagen, in dem der Professor gekommen war! »Um wieviel Uhr haben Sie denn die Verfolgung aufgenommen?« Der Chauffeur sagte es ihm. Er wußte auch genau, wann sie in Heartsease angekommen waren. Cravel atmete schwer. Sie wurden also bereits überwacht! An diese Möglichkeit hatte er bisher noch nicht gedacht. Es war tatsächlich Gefahr im Verzuge. Als er auf dem Rückweg wieder in die Nähe des aufgegrabenen Rasens kam, blitzte ihm aus dem Gras etwas entgegen. Er bückte sich und nahm die Hornbrille auf. Sie war naß vom Regen, aber lange konnte sie noch nicht dort gelegen haben. Der Chauffeur hatte ihm erzählt, daß sein Fahrgast eine Hornbrille trug. Cravel ging sofort in sein kleines Büro, verschloß die Tür und stieg wieder in den Keller hinunter. Wenn nun dieser Unbekannte Long gerettet hatte? Dann mußten aber doch Fußspuren auf dem Boden zu sehen sein! Trotz eifrigen Suchens konnte er jedoch nichts finden. Verblüfft ging er wieder nach oben in sein Zimmer. Auf dem ersten Treppenpodest blieb er plötzlich stehen, denn er sah auf dem roten Läufer deutlich eine schmutzige Fußspur, die noch nicht vorhanden gewesen war, als er vor kurzem das Haus verlassen hatte. 37 Langsam wandte er sich um. Er hörte kein Geräusch und sah nichts von dem Eindringling. Er bückte sich und betastete die Spur. Sie war noch feucht. Panischer Schrecken packte ihn, und er eilte die Treppe hinauf zu seinen Räumen. Vor der Tür stand ein Tablett. Es war das Frühstück, das in seiner Abwesenheit hingestellt worden war. Sein erster Gedanke galt Nora, aber sie lag noch genau so still und ruhig auf dem Bett, wie er sie verlassen hatte. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn und steckte sein Taschentuch zwischen Kragen und Hals. Dann ging er wieder hinaus, holte das Tablett, trank eine Tasse heißen Tees und fühlte sich etwas wohler. Es war natürlich die Fußspur der alten Köchin, die er eben gesehen hatte! Wenn Alice ihm doch nichts von dem fremden Wagen erzählt hätte! Sie hätte auch den Chauffeur nicht fragen sollen. Er ärgerte sich über seine Schwäche. Sonst war er doch immer so stark gewesen. Und wenn alle schwach wurden, hatte er doch niemals den Mut verloren. Aber diesmal gelang es ihm nicht, seine alte Ruhe zu finden. Als er sich im Spiegel besah, starrte ihm ein aschfahles Gesicht entgegen. Das Mädchen mußte er unbedingt sofort wegbringen. Er schaute auf die Uhr. Es war noch zu früh, um die Leute zu rufen, die er dazu brauchte. Aber sobald als möglich mußte sie aus Heartsease verschwinden. Er ging wieder hinaus und schloß die Tür hinter sich zu. Die letzte Spritze, die er ihr gegeben hatte, würde sie noch eine Stunde bewußtlos halten. In der Zwischenzeit mußte er die Dienstboten fortschicken, die noch im Hotel waren. An den Fremden, dessen Fußspuren er gesehen hatte, durfte er nicht mehr denken, sonst konnte er keine klaren Pläne fassen. Auf die Köchin kam es weiter nicht an. Sie war taub und blieb sowieso in der Küche, nachdem sie ihm das Frühstück gebracht hatte. Den einzigen Kellner schickte er mit einem nebensächlichen Auftrag nach London. Während des Winters war der Chauffeur zu gleicher Zeit auch Hausdiener. Selbst auf die Gefahr hin, sich verdächtig zu machen, schickte Cravel diesen Mann zu dem Haupttor, um die Tageskellner abzufangen, die im Ort schliefen. Er sollte ihnen sagen, daß sie heute nicht zu kommen brauchten. All das erforderte Zeit. Schließlich ging er in sein Büro und telephonierte. Zu seiner Beruhigung antwortete ihm eine bekannte Stimme, und er führte fünf Minuten lang eine Unterhaltung in Dänisch. »Ihr müßt sie eben fortschaffen«, sagte er zum Schluß. »Wie, das ist eure Sache... nein, ich weiß nicht, was aus ihm geworden ist. Ich habe den Keller durchsucht, aber dort ist niemand. Schickt Billy sobald als möglich hierher. Wenn wir heute noch durchhalten, sind wir am Ziel.« Er hing den Hörer an und ging zu seinen Räumen zurück. Am Telephon hatte er nichts von dem Unbekannten erwähnt, der in Heartsease eingedrungen war. Die Tür zu dem Schlafzimmer, in dem Nora Sanders lag, war noch verschlossen, und er setzte sich hin, um eine Erklärung für das rätselhafte Verschwinden des Wetters zu finden. Der Mann konnte doch unmöglich entkommen sein. Er war drei Stockwerke tief gefallen, und wenn er sich auch nicht gerade das Genick gebrochen hatte, so mußte er doch schwer verletzt sein. Wie langsam doch die Zeit verging! Immer wieder sah er nach der Uhr. Er konnte nicht hier oben bleiben, soviel war ihm klar. Es mußte jemand unten sein, wenn der Postbote kam, und er mußte unter allen Umständen ruhig werden, mochte es kosten, was es wollte. Wieder sah er nach Nora, und um seiner Sache ganz sicher zu sein, gab er ihr noch eine Spritze. Dann ging er nach unten, um die weitere Entwicklung abzuwarten. Als er ins Freie trat, kam gerade ein großer Wagen die Fahrstraße entlang und hielt gleich darauf vor dem Eingang. Drei Herren stiegen aus. »Ich bin Inspektor Claves von der Berkshire-Polizei«, sagte der eine. »Es ist heute morgen eine Beschwerde bei mir eingegangen, und ich bin von Scotland Yard beauftragt, das Hotel zu durchsuchen.« Er zeigte ein Schriftstück vor, das von einem Friedensrichter des Orts unterzeichnet war. Cravel stand wie vom Schlage gerührt. »Das Hotel durchsuchen?« stöhnte er. »Was hat denn das zu bedeuten?« »Ich weiß es nicht, Mr. Cravel, aber ich muß meine Pflicht tun, und ich hoffe, daß Sie mir keine Schwierigkeiten machen.« Cravel schüttelte nur verstört den Kopf, als ihn die beiden anderen Beamten in die Mitte nahmen. »Haben Sie augenblicklich Gäste hier?« »Nein.« Cravels Stimme klang brüchig und heiser, und er erkannte sie selbst kaum wieder. Die Polizei wollte das Hotel durchsuchen, und oben lag das Mädchen in seinem Schlafzimmer! Sie gingen von Zimmer zu Zimmer und stiegen dann zum ersten Stock hinauf. In den Räumen, die Miß Revelstoke bewohnt hatte, zeigte sich nichts Verdächtiges. Der nächste Raum war verschlossen. »Haben Sie einen Schlüssel dazu?« »Der Hauptschlüssel ist in meinem Büro.« »Holen Sie ihn«, erwiderte der Inspektor kurz. Cravel ging in Begleitung eines Beamten nach unten, aber er konnte den Schlüssel, der sonst immer an einem kleinen Haken des Pultes hing, nicht finden. Schließlich nahm er aus dem Empfangsraum den Schlüssel von Zimmer Nr. 3 mit. Es war ihm unmöglich, logisch und zusammenhängend zu denken. Er wußte nur, daß irgendeine böse Wendung die Pläne der Bande des Schreckens zum Scheitern brachte. Langsam und unerbittlich brach das Unglück herein. Warum wurde das Hotel von der Polizei durchsucht? Wer hatte Anzeige gegen ihn erstattet? Claves öffnete die Tür und ging hinein, während Cravel draußen warten mußte. Nach einer Weile kam er zurück. »Was bedeuten denn all die Gerüste und das große Loch?« fragte er. »Hier wird der neue Fahrstuhl eingebaut. Ich halte die Tür verschlossen, damit nicht einer der Dienstboten durch das Loch fallen kann.« Er machte noch einige Angaben über die baulichen Veränderungen und deren Kosten. Die Beamten gingen zum nächsten Zimmer und stiegen dann die Treppe zur weiteren Etage hinauf. Cravel folgte ihnen willenlos. Vielleicht übersahen sie die Tür in dem Paneel. Es war ein dunkler Morgen, und das Schloß war sehr geschickt versteckt. Verzweiflung packte ihn, als der Inspektor direkt auf die Geheimtür zuging. »Da können Sie nicht hineingehen«, stieß er hervor. Das Sprechen fiel ihm schwer, und es wurde ihm klar, daß er sich durch sein aufgeregtes Wesen verriet. »Ich habe – da ist ein Freund von mir ... er ist krank ...« »Geben Sie mir den Schlüssel.« »Ich sage Ihnen doch, daß ein Freund ...« »Widersetzen Sie sich nicht. Sie haben doch nichts zu verstecken?« Cravel schüttelte nur den Kopf und reichte Claves den Schlüssel wie im Traum. Der Inspektor öffnete die Tür und trat ein. »Hier ist aber auch noch ein anderes Zimmer.« Cravel biß die Zähne zusammen, als der Beamte ins Schlafzimmer ging. Gleich darauf kam der Inspektor wieder heraus. »Es ist kein Mensch hier.« Die Tür stand weit offen, und Cravel sah fassungslos auf das leere Bett. Nora Sanders war verschwunden! 38 Die weitere Durchsuchung schien eine Ewigkeit zu dauern, und Cravel folgte den Beamten verstört von Zimmer zu Zimmer. Schließlich kamen sie wieder nach unten in die Halle, und Claves gab den Schlüssel zurück. »Eine solche Hausdurchsuchung ist immer sehr unangenehm für alle Beteiligten«, sagte er höflich. »Aber Sie wußten ja, daß mir nichts anderes übrig blieb.« Cravel erwiderte nichts. Seine Gedanken wirbelten wild durcheinander. Der Inspektor blieb noch zurück, während die beiden anderen Beamten zu dem Polizeiwagen gingen. »Es tut mir leid, daß ich Ihnen so viel Umstände mache, aber ich muß Sie noch etwas fragen. Wollen wir nicht in Ihr Zimmer hinaufgehen?« Er begleitete den bestürzten Hotelbesitzer nach oben. »Dies ist doch ein sehr altes Haus?« fragte er, als sie angekommen waren. Cravel zwang sich zu einem Lächeln. »Sie denken wohl an unterirdische Gänge?« »Nein, daran habe ich wirklich nicht gedacht. Aber antworten Sie mir, ist es ein altes Haus?« »Ja, es stammt aus den Zeiten der Tudors. Einige Teile sind sogar noch älter.« Cravel wußte nicht, worauf der Inspektor hinauswollte. Warum waren die anderen Beamten fortgegangen, und warum wurde er weiterverhört? »Können Sie mir nicht sagen, warum Sie eigentlich hergekommen sind?« »Ich glaube, es handelt sich um Monkfords Tod«, sagte der Inspektor langsam und sah Cravel durchdringend an. »Die Sache ist der Polizei von Berkshire ebenso rätselhaft wie Scotland Yard, und ich möchte Sie fragen, ob Sie nicht irgend etwas darüber zu sagen haben.« »Bin ich denn verhaftet?« fragte Cravel schnell. Claves schüttelte den Kopf. »Nein, das nicht. Ich frage Sie nur.« Cravel hatte jetzt seine Selbstbeherrschung wiedererlangt. »Ich bin schon früher darüber gefragt worden, und ich habe alle Erklärungen abgegeben, zu denen ich imstande war«, entgegnete er kurz. Der Inspektor zögerte. »Ich wollte Ihnen nur das eine sagen. Wenn ein Mann irgendwie in die Sache verwickelt wäre – ich meine, nicht ernstlich – wäre es da nicht gut für ihn, wenn er sich als Kronzeuge meldete? Dadurch könnte er wahrscheinlich einer schweren Strafe entgehen.« Cravel lachte. Diese Polizeibeamten waren doch manchmal wirklich zu kindisch! »Sie wollen doch nicht etwa behaupten, daß ich mich eines so schrecklichen Mordes schuldig gemacht haben sollte? Das bilden Sie sich doch wohl nicht ein?« »Nein.« Der Inspektor stellte dann noch eine Menge bedeutungsloser Fragen. Er mußte irgendeine Absicht damit verfolgen, aber Cravel wurde nicht klug daraus. Das Verhör dauerte eine Viertelstunde, aber erst gegen Ende kam noch eine wichtige Frage. »Ich habe Nachricht erhalten, daß Inspektor Long und Sergeant Rouch heute morgen hierher gekommen sind. Was ist aus ihnen geworden?« »Sie sind wieder fortgefahren«, entgegnete Cravel kühl. »Mit Mr. Long stehe ich gerade nicht sehr gut. Angeblich ist die Sekretärin von Miß Revelstoke vorige Nacht aus einem Krankenhaus von London verschwunden, und weil Inspektor Long wußte, daß ich mich für die junge Dame interessiere, kam er um fünf Uhr morgens hierher und blieb etwa eine Viertelstunde hier. Seit der Zeit habe ich ihn nicht wiedergesehen.« »Ist er fortgefahren?« »Er hatte ein Auto, einen Polizeiwagen, und da wäre es doch töricht gewesen, wenn er zu Fuß gegangen wäre«, erwiderte Cravel ironisch. In diesem Augenblick klopfte es an der Tür. Der Inspektor erhob sich und unterhielt sich leise mit einem seiner Beamten. »Es ist gut, Mr. Cravel«, sagte er dann. »Mehr wollte ich nicht wissen.« Zu Cravels größter Beruhigung fuhr das Polizeiauto endlich ab. Jetzt hatte er Zeit, klar nachzudenken und sich auf eine schleunige Flucht vorzubereiten. Er ging in sein Wohnzimmer, in dem auch ein kleiner Mahagonischreibtisch stand. Dort verwahrte er in einer Geheimschublade eine Stahlkassette, die mit amerikanischen Banknoten gefüllt war. Er nahm sie heraus und stellte sie auf den Tisch. Aus einer anderen Schublade holte er eine Handvoll englischer Banknoten. Dann wechselte er rasch seinen Anzug. In der Garage des Hotels wartete ein starkmotoriger Wagen auf ihn, und sein Plan war schon seit langem gefaßt. Seit Jahren hatte er Woche für Woche die Abfahrtszeiten der Dampfer von Genua nach New York aufnotiert, und er besaß auch einen amerikanischen Paß. Clay Shelton hatte ja zum Vergnügen derartige Pässe gefälscht, und es gab kein Mitglied der Bande, das nicht über die nötigen Personalpapiere verfügte, die im Augenblick der Gefahr Sicherheit gewählten. Er hörte schnelle Schritte in der Halle und steckte das Geld rasch ein. Als Alice in den Raum kam, deutete nichts daraufhin, daß er schleunigst fliehen wollte. »Die Polizei ist hier gewesen«, sagte er. »Ich traf den Wagen auf der Straße unten. Sie hielten mich an und fragten mich eine Menge gleichgültige Dinge. Von Inspektor Long und Nora Sanders haben sie nichts gesagt. Wo sind die beiden?« Er zuckte die Schultern. »Das mag der Himmel wissen.« Sie sah ihn erstaunt an. »Sind sie nicht hier?« »Soweit ich weiß, sind sie nicht hier.« »Wo sind denn die anderen – haben sie das Mädchen mitgenommen?« »Da fragst du sie besser selbst«, erwiderte er ärgerlich. Sie sah ihn argwöhnisch von der Seite an. »Sie haben sie wieder fortgeholt. Ich sah vor zehn Minuten einen Krankenwagen auf der Chaussee. Ich hätte ihn anhalten sollen, aber ich war meiner Sache nicht sicher.« »Ein Krankenwagen? Nach welcher Richtung fuhr er denn?« »Nach London.« Er strich nervös über sein Haar. Die Ereignisse überstürzten sich, und er hatte vollkommen die Führung verloren. »Soweit mir bekannt ist, kann sie nicht in einem Krankenwagen fortgefahren sein. Höchstens könnten sie Miß Sanders fortgeschmuggelt haben, während die Polizei das Hotel durchsuchte. An diese Möglichkeit habe ich allerdings auch schon gedacht.« Mit ein paar Worten erklärte er ihr, was geschehen war. »Und wo ist Inspektor Long?« Er stöhnte. »Frage mich nicht nach ihm! Er ist abgestürzt und hätte tot sein müssen, aber anscheinend ist das nicht der Fall.« »Wohin willst du denn gehen?« fragte sie plötzlich und betrachtete ihn aufmerksam. »Zur Stadt«, wich er aus. »Ich muß noch verschiedenes regeln.« »Du willst aus dem Land fliehen!« »Aber rede doch nicht solchen Unsinn«, rief er wild. »Warum sollte ich denn das tun?« »Ich bin davon überzeugt, daß das deine Absicht ist. Wer hätte denn auch mehr zu verlieren als du? In alle möglichen Bluttaten bist du verwickelt! Was hast du denn mit dem Sergeanten Rouch gemacht?« Er antwortete nicht. »Du hast ihn niedergeschlagen, und du glaubst, daß er mit dem Wagen von Inspektor Long in den Fluß gestürzt ist. Aber da irrst du!« Er starrte sie ungläubig an. »Woher weißt du das?« fragte er heiser. »Er lebt – er lag nicht in dem Wagen, als du ihn den Abhang hinunterjagtest. In der Nähe der Straßenkreuzung von Sunningdale ist er aus dem Auto gesprungen. Er muß sich inzwischen erholt haben.« Ein Schweigen folgte. »Wie hast du das erfahren?« »Der Mann in der Garage in Sunningdale erzählte es mir, als ich hinkam. Deshalb bin ich zurückgekommen. Rouch hat in der Garage mit der Berkshirepolizei telephoniert und deshalb haben sie das Hotel durchsucht.« »Das ist allerdings entsetzlich.« Langsam hob er den Kopf und sah sie an. »Hast du Geld?« »Ich habe genug, um einige Zeit davon zu leben.« »Es wäre besser, wenn du auch so schnell als möglich England verlassen würdest.« »Was hältst du denn für den besten Weg?« fragte sie und sah ihn düster an. »Wie meinst du das?« »Was ist das beste für eine Maus, wenn die Katze mit ihr spielt? Soweit ist es jetzt gekommen.« Er schaute sich nervös um. »Kannst du nicht die anderen durchs Telephon warnen?« »Das habe ich bereits in der Halle versucht. Weißt du, mit wem ich gesprochen habe? Ein Polizeibeamter sitzt in der Zentrale! Für dich gibt es nur noch einen Ausweg. Du willst England verlassen? Nein, du wirst Jackies Los teilen.« Er konnte ihr nicht in die Augen sehen. »Ich mußte es tun«, sagte er leise. »Du weißt...« »Ja, ich weiß. Wohin willst du?« »Ich will meinen Wagen aus der Garage holen.« »Weißt du, wieweit du damit kommst?« fragte sie und stemmte die Hände in die Hüften. »Vor jedem Parktor stehen zwei Polizisten, und einer von ihnen hat ein Motorrad. Du kommst nicht mehr aus Heartsease hinaus.« Sie verließ ihn als einen gebrochenen Mann. Plötzlich hörte er eine Stimme auf dem Korridor, erhob sich und riß die Tür auf. Wetter Long stand vor ihm. 39 Nur ein paar Pflasterstreifen klebten auf seiner Stirne. Sonst verriet nichts, daß er einen Unfall gehabt hatte. »Sie sind ein schlechter Leichenhauswärter, Cravel«, begann er. »Mein Kollege von Berkshire hat sich heute morgen ein wenig mit Ihnen unterhalten, was? Ein liebenswürdiger Herr, aber er hat zu wenig Phantasie. Was sagen Sie denn zu seinem Vorschlag, daß Sie Kronzeuge werden sollen?« Cravel fand schließlich seine Stimme wieder. »Woher kommen Sie denn?« »Mein liebes Baby, von irgendwoher. Wenn Sie es genau wissen wollen, werde ich es Ihnen sagen – aus Zimmer Nr. 3. Ich hätte auch dort sterben können, aber ein guter Samariter hat sich meiner angenommen.« »Wo ist Nora?« »Ach, Sie meinen Miß Sanders? Sie ist auf dem Weg nach London. Wie wenig intelligent Sie doch in letzter Zeit sind, Cravel. Weshalb hat Sie wohl der Inspektor so lange verhört? Während dieser Zeit haben wir Miß Sanders aus dem Hause geschafft! Mein Freund hat sich Ihren Hauptschlüssel heute morgen in aller Frühe angeeignet, und ich habe die Gelegenheit ausgenützt, während der Inspektor das Erdgeschoß mit Ihnen durchsuchte. Ich bin sehr froh, daß Sie mich nicht überrascht haben, sonst hätte der Henker nichts mehr zu tun gehabt. Ich hätte Ihnen tatsächlich den Schädel eingeschlagen oder Ihnen das Genick umgedreht. Sie wissen wahrscheinlich, warum ich gekommen bin?« »Ich kann es vermuten.« Cravel war jetzt sehr ruhig und gefaßt. Er fürchtete sich nicht mehr, da er der greifbaren Gefahr gegenüberstand. »Ich will Ihnen noch eine letzte Chance geben – versprechen kann ich Ihnen allerdings nichts. Ich möchte wissen, wie Monkford ermordet wurde. Wenn Sie nicht direkt der Täter sind, haben Sie immer noch eine geringe Möglichkeit, zu entkommen.« »Sie meinen, wenn ich als Kronzeuge auftrete«, erwiderte Cravel ironisch. »Sie kennen mich doch so gut – glauben Sie wirklich, daß ich meine Freunde verraten würde?« Er überlegte einen Augenblick. »Sie hatten also den Hauptschlüssel! Ich habe ihn erst vermißt, als mich der verdammte Inspektor hinunterschickte, um den Schlüssel zu Zimmer Nr. 3 zu holen.« »Und während Sie unten waren, habe ich die Tür von Nr. 3 von innen geöffnet und mich dem erstaunten Inspektor vorgestellt. Sie entsinnen sich, daß er allein in das Zimmer ging, um es zu durchsuchen? Das tat er, weil er wußte, daß sich dort drei Leute versteckten. Ich hatte dann auch Gelegenheit, mich mit ihm über die weiteren Maßnahmen zu verständigen.« »Wo ist meine Schwester?« fragte Cravel plötzlich. »Sie ist mit einem meiner Freunde fortgegangen.« »Ist sie verhaftet?« fragte er schnell. Der Wetter nickte. »Ich glaube, daß sie davonkommt, aber sie wird auch die einzige sein. Jackson Crayley wäre wahrscheinlich auch davongekommen, aber Sie haben ihn ja schon vorher gerichtet. Das war eine große Schurkerei, Cravel.« Der Hotelbesitzer senkte den Blick, aber plötzlich sah er wieder auf. »Sie wollen wissen, wie Monkford getötet wurde? Unter diesen Umständen ist es wohl das beste, daß ich es Ihnen sage.« »Haben Sie ihn erschossen?« »Nein.« »Hat es einer der anderen getan?« »Nein, er hat sich selbst erschossen.« Der Wetter lächelte ungläubig. »Es wurde doch aber keine Waffe gefunden.« »Die Waffe war schon vorhanden«, sagte Cravel. »Sie wußten bloß nichts davon, als Sie sie in der Hand hatten. Wollen Sie wissen, wie es vor sich ging?« Der Wetter zeigte auf die Tür und Cravel ging hinaus. »Kann ich einmal meinen Schlüssel haben?« fragte er und öffnete die Tür zu dem Mordzimmer, nachdem er ihn erhalten hatte. Cravel sah böse lächelnd auf das gähnende Loch im Fußboden. »Bitte, gehen Sie nicht zu nahe heran. Heute morgen hätten wir beinahe schon einen Unfall gehabt.« Wetter Long wußte den Galgenhumor des Mannes zu würdigen. »Die ganze Sache war sehr einfach und genial ausgedacht«, begann Cravel, »aber wie alle genialen –« Plötzlich brach er ab und horchte. »Mein Telephon läutet – kann ich einen Augenblick hinuntergehen?« Der Wetter nickte. Cravel hatte keine Möglichkeit, zu entkommen. Der vordere und der hintere Ausgang wurden scharf von Polizisten bewacht. Long sah sich in dem Zimmer um, das so traurige Erinnerungen in ihm wachrief. Das Bett stand noch an der anderen Seite der gähnenden Öffnung – die Falle hatten sie sehr geschickt gestellt. Er hörte, wie Cravel die Treppe heraufeilte, und ging ihm bis zur Tür entgegen. »Der Anruf galt Ihnen«, sagte Cravel ein wenig außer Atem. »Ich habe zu diesem Apparat durchgesteckt.« Das Telephon befand sich noch an seinem alten Platz. Cravel nahm den Hörer ab und reichte ihn Long. »Es meldet sich niemand. Die Leitung scheint keinen Strom zu haben.« »Das ist manchmal so. Drücken Sie nur ein paarmal den Haken herunter.« Der Wetter hatte den Finger schon darauf gelegt, als er plötzlich instinktiv Gefahr vermutete. Aber es war zu spät; der Hebel war bereits heruntergedrückt. Der Wetter bückte sich schnell, ohne selbst zu wissen, warum er das tat. Im nächsten Moment erfolgte eine Explosion, und er ließ den Apparat auf den Boden fallen. Dann wandte er sich um. Cravel stand aufgerichtet an der gegenüberliegenden Wand. Blut lief über sein Gesicht, und in der Mitte seiner Stirne zeigte sich ein kleiner roter Fleck. Dann schwankte er plötzlich und stürzte zu Boden. Er war tot! Der Wetter eilte zur Treppe und rief den Posten herauf, der unten stand. Sie hoben Cravel auf und legten ihn auf das Bett. Long fühlte seinen Puls – er schlug nicht mehr. Er riß das Hemd auf – das Herz stand still. »Wie ist das bloß geschehen?« fragte der Polizist bestürzt. Arnold Long antwortete nicht. Er nahm das Telephon auf, untersuchte die Schalldose und entdeckte in der Mitte die Mündung eines Laufs. Er schraubte den Apparat auseinander, und nun enthüllte sich ihm das Geheimnis. Dieses Instrument war tatsächlich eine Menschenfalle mit einer eingebauten kleinen Pistole. Der Schuß wurde durch elektrischen Strom ausgelöst, wenn man den Hebel herunterdrückte. Dann fiel Long ein, daß er das Telephon kurz nach Monkfords Tod gesehen und auch selbst benützt hatte. Jetzt wurde ihm auch klar, warum man die Feuerwerkskörper in Noras Zimmer geworfen hatte. Cravel wollte dadurch nur seine Aufmerksamkeit ablenken. In der Zwischenzeit hatte er diesen Apparat gegen einen anderen ausgetauscht. – Bei der Polizeistation machte er auf seinem Wege zur Stadt halt, um Alice Cravel mitzuteilen, was sich ereignet hatte. Zu seiner Erleichterung nahm sie die Nachricht mit größter Ruhe auf. »Ich bin froh darüber«, sagte sie. »Es ist besser, daß er auf diese Weise aus dem Leben schied. Er muß direkt hinter Ihnen gestanden haben. Sie sind mit genauer Not dem Tode entgangen, Mr. Long.« »Wußten Sie, daß er diese Falle für mich gelegt hatte?« »Nein. Ich fürchtete, er würde etwas ganz anderes tun.« – Gegen Mittag kam der Wetter wieder in seiner Wohnung an. »Der Diener Sir Godleys hat dauernd angeläutet«, berichtete ihm sein Diener. »Ich soll Ihnen mitteilen, daß Ihr Vater nach Hause zurückgekehrt ist.« »Allerdings eine überraschende Nachricht«, meinte der Inspektor ironisch. Er hatte noch viel zu tun. Colonel Macfarlane störte er beim Mittagessen, um sich verschiedene Unterschriften von ihm zu verschaffen. Um halb vier erschien er mit Sergeant Rouch in Mr. Henrys Büro. Der Rechtsanwalt brach zusammen, als er den Wetter erblickte, denn er war nicht so stark wie Cravel und besaß nicht dessen eiserne Nerven. Er hatte noch nichts davon gehört, daß der Mordplan gegen den Wetter mißlungen war. Zitternd saß er in seinem Stuhl und konnte sich weder bewegen noch sprechen. »Es tut mir leid, daß ich Sie störe«, begann Long. »Sie dachten natürlich, daß ich bereits zu meinen Vätern versammelt wäre. Aber da Sie mich kennen, Mr. Henry, werden Sie wohl wissen, warum ich jetzt komme. Ich verhafte Sie unter der Anklage der Mittäterschaft am Mord an Joshua Monkford, begangen am ersten August dieses Jahres. Ich muß Sie darauf aufmerksam machen und warnen, daß alles, was Sie sagen, bei dem Prozeß gegen Sie ausgenützt wird.« Henry konnte noch nicht sprechen. Er starrte ins Leere. Erst als der Wetter auf ihn zutrat, ihn am Arm packte und aufrichtete, kam er wieder zu sich. »Wo ist – wo ist Cravel?« fragte er heiser. »Tot.« Henry starrte ihn an, als ob er ihn nicht verstünde. Dann begann er plötzlich unheimlich zu lachen. »Das ist aber merkwürdig – Cravel ist tot? Wirklich merkwürdig!« Er schüttelte den Kopf und lachte blöde, als ihn die Polizisten zu dem Auto führten, das vor der Tür wartete. 40 Miß Revelstoke hatte einen aufregenden Vormittag hinter sich. Ihre finanzielle Lage war im Augenblick nicht glänzend, und sie mußte ihre Börsenpapiere mit Verlust verkaufen. Auch Prozesse schwebten gegen sie. Der Tod Joshua Monkfords hatte unvorhergesehene Folgen für sie. Die Bank hatte festgestellt, daß sie ihr Konto um eine bedeutende Summe überzogen hatte, und da sie es nicht abgleichen konnte, ging man auf dem Klageweg gegen sie vor. Vor allem war sie erstaunt, daß ihr Telephon nicht richtig funktionierte. Sie hatte dreimal versucht, mit Heartsease in Verbindung zu kommen, und jedesmal war die Nummer besetzt gewesen. Ebensowenig Erfolg hatte sie, als sie sich mit ihrem Rechtsanwalt verbinden ließ. Die schriftliche Mitteilung, die sie durch eins ihrer Mädchen an Mr. Henry schickte, wurde nicht abgeliefert, aber davon erfuhr sie vorläufig nichts. Sie besaß ein unfehlbares Mittel, sich in kritischen Stunden zu zerstreuen, und auch heute arbeitete sie wieder an einer Stickerei. Als ein Auto vor dem Hause hielt, schaute sie zu dem Fenster hinaus. Wetter Long und zwei andere Polizeibeamte stiegen aus. Das Mädchen eilte gerade den Gang entlang, um die Tür zu öffnen, als Miß Revelstoke sie davon abhielt. »Ich mache selbst auf. Gehen Sie nur wieder.« Sie wartete, bis das Mädchen außer Sicht war, und durchschnitt dann mit einer kleinen Schere die Klingelleitung, die von der Haustür zur Dienstbotenstube führte. Rasch griff sie nach Mantel, Hut und Tasche und ging durch ihr Arbeitszimmer auf den hinteren Hof. Sie öffnete die Tür der Garage, setzte sich ans Steuer ihres Wagens und fuhr davon. In der Nähe der Station Ladbroke Grove hielt sie an, eilte die Treppe hinauf und kaufte eine Fahrkarte nach Liverpool Street. Eine Viertelstunde später verließ der Schnellzug nach Clacton-on-Sea den Bahnhof, und in einem Wagenabteil erster Klasse saß eine Frau, die äußerlich einen vollkommen ruhigen Eindruck machte. Sie blieb allein und veränderte mit Hilfe eines kleinen Reisenecessaires ihr Aussehen vollständig. Clacton-on-Sea ist ein beliebter Ausflugsort, der zu dieser Jahreszeit von Fremden überlaufen ist. Dreimal die Woche kommen Vergnügungsdampfer von Tilbury, und man kann für geringen Preis nach Ostende fahren, sich kurze Zeit dort aufhalten und an einem der nächsten Tage zurückkehren. Der Dampfer ging eine Stunde nach Miß Revelstokes Ankunft, und es gelang ihr, an Bord zu kommen. Von den Touristen wurde kein Paß verlangt. Und selbst wenn dies der Fall gewesen wäre, hätte Miß Revelstoke sich ausweisen können, ohne in Verlegenheit zu kommen. Sie ging durch die belebten Straßen Ostendes und machte in mehreren Läden Einkäufe. Obwohl sie schwarze Hüte haßte, erstand sie einen, ebenso einen altmodischen, schwarzen Mantel und gewöhnliche Schuhe und Unterwäsche. Eine goldumrandete Brille und eine schwere Handtasche vervollständigten ihre Aussteuer. Sie zog sich in einem kleinen Hotel um und wusch ihre Haare mit Sodawasser. Selbst Wetter Long hätte sie jetzt nicht wiedererkannt. Ihre Kleider packte sie in ein Bündel zusammen, zahlte ihre Rechnung und ging zum Bahnhof. Am selben Abend noch erreichte sie Brüssel und übernachtete in einem drittklassigen Hotel. Dem Portier sagte sie, daß sie eine Wallonin sei und ihren Sohn in Ostflandern besuchen wolle. Für eine Wallonin sprach sie allerdings ein etwas zu gutes Französisch, aber der Portier zweifelte keinen Augenblick an ihren Aussagen, da sie ihm nur ein geringes Trinkgeld gab und sich nicht in einem Wagen zum Bahnhof bringen ließ. Von dort aus fuhr sie nach Lüttich und mietete in einem guten Stadtteil ein Zimmer. Sie verbrachte ihre Zeit damit, die englischen Zeitungen durchzulesen, die sie sich unterwegs gekauft hatte. Cravel war tot; Alice und Henry waren verhaftet. Am meisten tat es ihr um Henry leid, denn sie liebte ihn, und ihr Kummer stieg noch, als sie las, daß er vor Gericht nicht erscheinen konnte, weil er nach Meinung der Ärzte den Verstand verloren hatte. – So verging ein Monat. Der Prozeß wurde von Woche zu Woche vertagt. Dann erfuhr Miß Revelstoke aus den Zeitungen, daß der Staatsanwalt die Klage gegen Alice zurückgezogen hatte. Das Mädchen hatte sie nie leiden mögen, denn sie war immer eine Freundin von Jackson Crayley gewesen. Madame Pontière, wie sie sich jetzt nannte, schien sich in Lüttich vollkommen heimisch zu fühlen. Sie hatte sich einen Ausweis von der Polizei verschafft, und nichts schien ihren Frieden zu stören. Die Zeitungen berichteten, daß sie verschwunden sei, und daß man annähme, sie sei nach Amerika gegangen. Aber als sie eines Morgens aus der Kirche trat und das Gebetbuch in der Hand hielt, stand plötzlich ein bekannter Mann vor ihr und zog den Hut. »Also hier leben Sie, Miß Revelstoke?« fragte er höflich. Sie folgte dem Wetter zur Polizeistation, ohne ein Wort zu sagen, aber er hatte das Gefühl, daß sie ihn am liebsten ermordet hätte. Die Auslieferungsverhandlungen zogen sich noch einige Zeit hin, aber schließlich wurde Miß Revelstoke nach England gebracht und zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt. An demselben Tag, an dem Mr. Henry in ein Irrenhaus überwiesen wurde, trat der Wetter in das Büro seines Vorgesetzten und überreichte ihm ein Schriftstück. Colonel Macfarlane las es sorgfältig durch. »Es tut mir wirklich sehr leid«, sagte er dann. »Gerade jetzt, wo Sie zur Beförderung vorgeschlagen worden sind! Sie würden es in der Polizei weit bringen. Aber wenn Sie tatsächlich gehen wollen, kann ich Sie natürlich nicht halten. Und ich glaube auch, daß Sie recht haben, wenn Sie sich mit anderen und schöneren Dingen beschäftigen als mit der Aufklärung von Verbrechen. Wann wollen Sie denn den Dienst quittieren?« »Sofort, wenn es möglich ist.« Der Colonel legte den Brief zu den Schriftstücken, die dringend zu erledigen waren. »Ich will sehen, was ich für Sie tun kann. Es wird vielleicht noch ein oder zwei Tage dauern. Aber warum haben Sie es denn so eilig?« Der Wetter beantwortete diese Frage nur oberflächlich. Er kam in dem Hause seines Vaters an, als gerade Sir Godleys Wagen vor dem Tor hielt, und Nora Sanders ausstieg. Sie hatte sich auf dem Lande erholt und wußte nicht, wie der Prozeß geendet hatte. Als sie es später vom Wetter erfuhr, schauderte sie. »Es ist entsetzlich«, sagte sie leise. »Und doch bin ich in gewisser Weise traurig darüber.« »Ich glaube, ich hätte mehr Grund dazu«, meinte Sir Godley, während er sich eine Zigarre anzündete. »Warum solltest du denn traurig sein?« fragte sie überrascht. Der alte Herr zögerte. »Erzähle ihr ruhig alles«, sagte Arnold. »Weil –« Er blies gerade das Streichholz aus, als das Telephon klingelte. Er nahm den Hörer, und seine Stirne legte sich in Falten, während er lauschte. »Das ist wirklich ungewöhnlich«, sagte er zu dem Gefängnisgeistlichen, der mit ihm sprach. »Aber gut, ich werde kommen.« Er legte den Hörer nieder und sah seinen Sohn an. »Sie möchte mich sprechen«, erklärte er kurz. »Und ich glaube, es ist besser, daß ich zu ihr fahre.« Damit verließ er das Zimmer. 41 Sir Godley lehnte sich tiefer in den Wagen zurück und seufzte. Vor fünfundzwanzig oder dreißig Jahren hatten sie sich zum letztenmal gesehen! Die Aussprache würde nicht sehr erfreulich sein, aber er fühlte sich dazu verpflichtet. Er wollte dieses Kapitel seines Lebens ein- für allemal zum Abschluß bringen. Schließlich hielt der Wagen vor dem düsteren Gefängnis von Holloway. Sir Godley ging zu der Loge des Portiers und gab sich zu erkennen. Dann folgte er einer der Wärterinnen; die ihn zu dem Gefängnisgeistlichen führte. Es war ein nervöser junger Mann, der das Amt nur vorübergehend für kurze Zeit verwaltete. »Sie ist in wunderbarer Verfassung«, sagte er. Zum erstenmal war er in einer wirklich ernsten Sache zugezogen worden, und er interessierte sich außerordentlich für den Fall der Miß Revelstoke. »Unter gewöhnlichen Umständen hätte ich ja auch keinen Antrag ans Ministerium gestellt, aber sie bestand so sehr darauf. Sie hat Ihnen eine wichtige Mitteilung zu machen, und da Sie der Präsident der Bankiervereinigung sind –« Godley war zu seiner größten Überraschung nach Monkfords Tod dazu gewählt worden. »Ich verstehe vollkommen«, erwiderte er. »Wir wollen zu ihr gehen.« »Die Unterhaltung wird privater Natur sein«, versicherte der Geistliche, »obgleich ich von Amts wegen zugegen sein muß.« Miß Revelstoke war in einer geräumigen Zelle des Erdgeschosses untergebracht. Die Wärterin schloß auf. »Die Tür bleibt offen«, sagte der Kaplan. »Ich warte draußen.« Es kostete Sir Godley doch einige Überwindung, die Schwelle zu überschreiten. Aber er nahm all seine Energie zusammen. Die Frau lehnte mit dem Rücken an der Fensterwand. Sie war sehr gefaßt, und ihre dunklen Augen leuchteten. Gewöhnlich müssen die Gefangenen, die nach Holloway kommen, Gefängnistracht anlegen, aber sie trug noch immer das dunkle Kleid, in dem sie während des Prozesses erschienen war. »Guten Tag, Godley – es ist sehr nett von dir, daß du gekommen bist.« Er nickte leicht mit dem Kopf. »Dein Junge ist allerdings sehr tüchtig. Vermutlich hat er die Begabung von seiner Mutter.« Diese beabsichtigte Kränkung verletzte ihn nicht. Er erkannte nur, daß sich diese Frau nicht im mindesten geändert hatte. Sie trat immer noch so selbstbewußt und anmaßend auf wie früher. »Ich hatte natürlich keine Ahnung, daß er Clays Neffe war. Den Namen hielt ich nur für eine zufällige Übereinstimmung. Hätte ich das gewußt, so hätte es wahrscheinlich für mich und auch für dich einen großen Unterschied gemacht.« Wenn sie hoffte, ihn durch diese Äußerung zum Sprechen zu bringen, täuschte sie sich. Er nickte nur schweigend. »Ich möchte dich bitten, daß du dich um Alice und Henry kümmerst«, sagte sie ruhig. »Alice interessiert mich allerdings nicht besonders, und sie kann sich auch selbst durchs Leben schlagen. Aber Henry ist schwach und man muß für ihn sorgen. Ich würde viel ruhiger sein, wenn ich wüßte, daß sich jemand seiner annimmt.« »Nun gut, das will ich für dich tun«, entgegnete Sir Godley bereitwillig. Sie sah ihn merkwürdig an. »Du hast dich geändert, aber deine Stimme ist dieselbe. Ich würde sie immer wiedererkennen. Das Leben ist doch merkwürdig. Clay ist tot und die anderen auch. Und dein Junge hat das alles vollbracht. Wohin er auch ging, immer folgte ihm der Tod.« Sie sprach ohne Erregung und Bitterkeit, und er wunderte sich über ihre Selbstbeherrschung. »Die Polizeibeamten, mit denen ich gesprochen habe, nennen ihn nur den ›Long mit der glücklichen Hand‹, und ich glaube auch, daß ihm der Zufall viel geholfen hat. Godley, denkst du, ich nehme diese Strafe so leicht hin? Kommt dir das nicht sonderbar vor, da du doch weißt, ein wie umsichtiger Führer Clay war?« »Ja, das habe ich bemerkt.« Sie beobachtete ihn mit ihren dunklen Augen. »Clay war wirklich ein wunderbarer Mann. Er hatte alle Möglichkeiten vorausgesehen. Er wäre auch niemals an den Galgen gekommen. Aber im Handgemenge mit deinem Sohn wurde sein Rock zerrissen, und die dummen Beamten auf der Polizeistation gaben ihm einen anderen.« Er verstand nicht, was sie damit sagen wollte. »Ich kann mich darauf besinnen, aber es wurden doch in den Taschen seines Rocks nur ein paar Papiere gefunden.« Die Antwort schien sie zu belustigen. »Vielleicht denkst du einmal darüber nach.« In diesem Augenblick zeigte sich das ängstliche Gesicht des Gefängnisgeistlichen in der Türe. Er hatte die Uhr in der Hand. Offenbar war die Zeit der Unterredung abgelaufen. »Bitte, bedenke einmal die Tatsachen. Clay würde noch leben – Cravel und Jackson Crayley würden leben. Und der arme Henry säße nicht im Irrenhaus, wenn nicht dein Sohn gewesen wäre.« Er sah sie durchdringend an. »Aber Monkford und die anderen, die er ermordet hat – würden die auch noch leben? Der Richter, der Rechtsanwalt, der Henker?« fragte er mit rauher Stimme. »Ich danke dem Schicksal, daß Arnold so tüchtig war, um Clay Shelton und seine Verbündeten zu erledigen. Wenn du glaubst, daß du mich täuschen kannst, täuschst du dich nur selbst, und wenn du Mitleid oder Mitgefühl in mir wecken willst, vergeudest du nur Zeit.« Sie lächelte und nahm ein zusammengefaltetes Stück Papier vom Tisch auf. »Wenn du das liest, wirst du meinen Standpunkt besser verstehen«, sagte sie. Als er die Hand ausstreckte, um es zu nehmen, ließ sie es vorzeitig fallen, so daß es zu Boden flatterte. Er trat einen Schritt vor, um es aufzuheben. Der Geistliche, der im selben Augenblick in die Tür trat, schrie laut auf und rettete dadurch Sir Godley das Leben. In ihrer erhobenen Hand blitzte eine Klinge, die sie mit aller Gewalt niederstieß. Bei dem Aufschrei neigte sich Sir Godley aber zur Seite, so daß er nur an der Schulter verletzt wurde. Im nächsten Augenblick packte er die Frau. Sie hatte die Stärke eines Mannes und stach noch zweimal mit dem Messer nach seinem Gesicht. Nur um Haaresbreite verfehlte sie ihn. Durch eine übermenschliche Anstrengung gelang es ihr schließlich, ihn abzuschütteln und zurückzustoßen. Sie riß einen Knopf von ihrem Rock ab und führte dann die Hand zum Mund. Inzwischen waren viele Wärterinnen in die Zelle gekommen, und sie leistete keinen Widerstand mehr. Das Dolchmesser fiel auf den harten Flur. Der Griff bestand aus einem Schuhabsatz. Clay Shelton war in der Tat ein guter Führer, der alles vorausgesehen hatte. Während ihrer ganzen Gefangenschaft hatte sich die haarscharfe Klinge stets in ihrem Schuh befunden. Bleich und verstört ging Sir Godley in das Büro des Anstaltsdirektors, der nach einiger Zeit besorgt und verärgert eintrat. »Haben Sie der Frau etwas gegeben?« fragte er. Sir Godley schaute ihn erstaunt an. »Was sollte ich ihr denn gegeben haben?« »Gift!« »Nein, das habe ich nicht getan«, erklärte Sir Godley verwirrt. »Hat sie denn –?« Der Direktor nickte. »Sie ist tot. Ein Knopf an ihrem Rock fehlt. Wahrscheinlich hatte sie das Gift darin verborgen.« Und nun verstand Sir Godley, warum der ausgewechselte Rock daran schuld war, daß Clay Shelton an den Galgen kam. 42 Zwei Wochen waren inzwischen vergangen. Die Totenschau für Miß Revelstoke hatte großes Aufsehen erregt, war aber bald wieder vergessen worden. Der Wetter sah seinen Vater nicht, aber Nora Sanders war täglich bei ihm. Sie brauchte seinen Rat, denn sie hatte sich entschlossen, das Testament Monkfords nicht anzuerkennen, da die Unterschrift wahrscheinlich gefälscht war. Sir Godley kam erholt von Bournemouth zurück, aber der Überfall, der auf ihn gemacht worden war, hatte ihn doch mehr mitgenommen, als er zugeben wollte. Als sich am Abend die Dienstboten nach dem Essen zurückgezogen hatten, stützte er die Ellbogen auf den Tisch und wandte sich an Nora. »Hast du den Bericht über die Totenschau gelesen?« fragte er. Sie schüttelte den Kopf. »Arnold wollte mir die Zeitung nicht zeigen. Und auch dann hätte ich ihn nicht gelesen. Ich habe nur die Überschrift gesehen: ›Die erstaunliche Geschichte eines Bankiers‹. Warst du das?« »Ja, und es handelt sich um die Geschichte, die ich euch damals erzählen wollte, als ich zum Gefängnis gerufen wurde.« »Wer war eigentlich Miß Revelstoke?« fragte sie. Sir Godley holte tief Atem. »Meine Frau! Die vollständige Geschichte der Bande des Schreckens wurde vor Gericht nicht vorgebracht, und Gott sei Dank war meine Anwesenheit nicht nötig. Clay Shelton war mein Bruder, oder vielmehr mein Halbbruder, ein wilder, gewissenloser Junge, der meinen Vater und später auch mich bestahl. Als unser Vater den Diebstahl entdeckte, brannte Clay von Hause durch. Ich war damals mit einer hübschen Dänin, einer Miß Ostlander, verlobt, die als Gouvernante bei einem Nachbarn angestellt war. Ich traf sie auf einem Gartenfest, verliebte mich in sie und heiratete sie kurz nach dem Verschwinden meines Bruders.« Er streifte die Asche seiner Zigarre ab und lächelte bitter. »Hoffentlich mußt du niemals so traurige Erfahrungen in der Ehe machen wie ich. Äußerlich war sie das liebenswürdigste junge Mädchen, aber an unserem Hochzeitstag erzählte sie mir eine Geschichte, die mich tief unglücklich machte. Sie liebte meinen Bruder und hatte mich nur geheiratet, damit das Kind, das sie erwartete, einen Namen bekam. Warum sie mir das alles sagte, habe ich niemals begriffen. Ich glaube, sie wollte mich nur verletzen oder so abstoßen, daß meine Liebe zu ihr getötet wurde. Damals war ich sehr gutmütig und hatte eine hohe Meinung von den Frauen. Wir waren nach Kopenhagen gefahren. Drei Tage später verließ sie mich und teilte mir in einem Brief mit, daß sie nicht die Absicht hätte, zu mir zurückzukehren, und daß sie dorthin gegangen wäre, wo sie ihr wahres Glück fände. Ich reichte sofort die Klage gegen sie ein, und die Scheidung wurde vom Gericht ausgesprochen. Ich glaube, daß sie dann heirateten –« »Am 9. Februar 1886«, unterbrach ihn der Wetter. »Das ist das dritte Datum, das in die Kabinenwand eingeschnitten war. Das zweite war der Geburtstag seiner Frau. Das vierte der Geburtstag Crayleys – Jackson Crayley Longs.« »Crayley war der Name unseres Familiengutes in Yorkshire«, fuhr Sir Godley fort. »Ich hatte niemals wieder etwas von ihnen gehört, bis mein Geschäftsführer eines Tages aufgeregt in mein Büro kam und mir sagte, daß wir achtzigtausend Pfund auf eine gefälschte Bankanweisung gezahlt hätten. Zuerst hatte ich die Absicht, die Sache der Polizei zu übergeben, und ließ mir die Schriftstücke vorlegen. Auf der Rückseite sah ich in Bleistiftschrift die beiden Buchstaben ›J. X.‹. Sie waren der Aufmerksamkeit des Kassierers entgangen, aber ich erkannte an dem X sofort Johns Handschrift. Mein Bruder hatte also die Papiere gefälscht, und die beiden Buchstaben hatte er gewissermaßen als Herausforderung auf die Rückseite geschrieben. Ich zahlte die achtzigtausend Pfund aus meinem Privatvermögen und setzte eine Annonce in die persönlichen Anzeigen der Times ein: ›J. X. Diesmal habe ich gezahlt, das nächstemal zeige ich dich an.‹ Er hat dann auch niemals wieder versucht, mich zu betrügen, aber kurz darauf begann diese Serie der internationalen Fälschungen, die den Namen Clay Sheltons bekannt und gefürchtet machten. Ich bewunderte seine eiserne Energie und seine Selbstbeherrschung. Er war verheiratet, hatte eine Familie, aber er lebte nur drei Wochen im Jahr mit ihr zusammen. Sie trafen sich gewöhnlich in einem kleinen dänischen Seebad an der Ostsee. Die Kinder wurden in Dänemark erzogen und sprachen infolgedessen ebenso fließend Dänisch wie Englisch. Als sie heranwuchsen, fand Clay den Mut, ihnen seinen wahren Charakter zu enthüllen. Er wußte, daß sie früher oder später entdeckt würden, wenn sie zusammenlebten und kam deshalb zu folgender Lösung. Jedes Familienmitglied wurde zu einer anderen Persönlichkeit abgestempelt. Sie zeigten in der Öffentlichkeit nicht, daß sie miteinander verwandt waren. Nur während der wenigen Wochen an der Ostsee fielen diese Schranken. Ihre Mutter zog dann nach England und ließ sich als unverheiratete Dame mit großem Vermögen dort nieder. Die Jungen wurden unter verschiedenen Namen auf verschiedenen Schulen erzogen, und später ergriffen sie verschiedene Berufe. Crayley wurde Landwirt, verwaltete aber sein Gut schlecht. Dann kauften sie ihm ein Haus in der Nähe des Stroms. Er hatte die Aufgabe, nach dem Festland zu reisen, mit reichen Leuten Bekanntschaft zu schließen und sich nicht nur ihre Unterschriften, sondern auch alle Details aus ihrem Leben zu verschaffen. Henry wurde ein Rechtsanwalt, und Cravel, der zweite Sohn, Hotelbesitzer. Er war ein erfolgreicher Kaufmann und unterhielt auch seine Schwester Alice. Außerdem war er die rechte Hand seines Vaters. Jackson Crayley spielte nur eine untergeordnete Rolle und verdarb gewöhnlich alles. Ich berichte nur, was ich von Arnold gehört habe. Er führte sogar den Tod seines Vaters herbei, weil er ihm in dem Augenblick der Verhaftung eine Pistole zusteckte. Seine Mutter liebte ihn nicht. Crayley war aber ein guter Junge, der seine Tätigkeit haßte. Er suchte immer nach einer Gelegenheit, sich von dieser schrecklichen Gesellschaft zurückzuziehen und ein anständiges Leben zu führen. Seine Schwester Alice unterstützte ihn bei diesen Bestrebungen, und die beiden waren gute Freunde. Nach dem Tode seines Vaters war Cravel der führende Geist, obwohl Miß Revelstoke mit den Verbrechern in Verbindung trat, die die Gewalttaten verüben sollten. Sie verkleidete sich als Mann, setzte eine weiße Perücke auf und engagierte die Leute. Aber Cravel war stets in der Nähe, um den Mörder zu töten, ob dieser sein Ziel erreichte oder nicht. An dem Morgen, an dem Arnold von Chelmsford zurückkam, wurde er von Henry verfolgt, der eine Bombe in seinen Wagen werfen sollte, falls Ulanen-Harry ihn verfehlte. Es war ganz einfach, nicht wahr, Arnold?« Der Wetter nickte. »Ja. In der Seitenstraße stand ein Auto bereit, das anscheinend einem Gemüsehändler gehörte. Sobald Harry tot war, fuhr der Wagen los, nahm Henry und sein Motorrad auf und verschwand.« »Nacheinander brachten sie die Leute um, die sie für den Tod ihres Vaters verantwortlich machten. Crayley verpfuschte gewöhnlich alles, aber hinter Henry und Cravel stand stets diese ungewöhnliche Frau.« »Hat sie mich eigentlich auch mit irgendeiner Nebenabsicht engagiert?« fragte Nora gespannt. »Nein. Es war ein Zufall, daß du angestellt wurdest. Aber nachdem du einmal im Hause warst, benützte sie dich natürlich auch als Werkzeug. An dem Tag, an dem du Monkford besuchtest, wurde sie sich klar darüber, wie sie dich verwenden konnte. Du hast uns ja erzählt, daß sie sagte, Monkford hätte angerufen und wäre des Lobes über dich voll gewesen. Aber Monkford hatte das Telephon nicht angerührt. Dann kam der mysteriöse Ring an, und wieder wurde Monkford vorgeschoben. All dies sollte dir nur die spätere Erbschaft plausibel machen. Das Testament war bereits von Henry aufgesetzt und die Unterschrift gefälscht. Unglücklicherweise gab sie dir einen Ring, den Arnold auf ihrem Jugendbildnis gesehen hatte. Das brachte ihn auf die Spur. Als er zu mir kam und ihn mir beschrieb, konnte ich ihm sagen, daß ich ihn an dem Tag unserer Ankunft in Kopenhagen für sie gekauft hatte. Alice Long berichtete uns alles, was sich an dem Nachmittag vor Monkfords Tod ereignete. Henry und Crayley – ich glaube, Henry kam auf die Idee – erzählten Monkford, daß Arnold über ihn und dich Gerüchte verbreitet hätte, und der Mann war natürlich wütend darüber. Obwohl er dich sicher gern gehabt hat, dachte er doch nicht daran, sich in dich zu verlieben oder dich gar zu heiraten. Im Gegenteil, er war ein eingefleischter Junggeselle. Aber sie wollten unter allen Umständen erreichen, daß er Arnold sein Vertrauen entzog. Darin lag das Teuflische ihres Plans. Wenn er mit dem Wetter schlecht stände, würde er ihn von sich fernhalten, dachten sie. Und er mußte so lange ferngehalten werden, bis sie ihr elendes Werk vollbracht hatten. Wie er starb, weißt du. Das Telephon hatte offenbar Cravel erfunden, der ein ideenreicher Techniker war. Ich kann aufrichtig sagen, daß ich nicht die geringste Ahnung von Miß Revelstokes Identität hatte, selbst nachdem ich von dem Ring gehört hatte. Ich erfuhr erst davon, als ich eines Nachts ausging, um einen Brief zum Kasten zu bringen, und ein Auto an mir vorüberkam. Die Hand des alten Herrn, der darin saß, lag auf dem Fensterrahmen, und ich erhaschte einen Blick seines Gesichts. Eine Sekunde lang streiften mich die dunklen Augen, und ich wäre beinahe vor Schrecken umgefallen. All diese Jahre hatten die Erinnerung an Alicia Ostlander nicht in mir auslöschen können, und instinktiv wußte ich, daß Alicia Ostlander und Miß Revelstoke ein und dieselbe Person waren. Es gab keinen Grund, warum ich sie miteinander in Verbindung bringen sollte, aber ich tat es. Mein Wagen folgte dem anderen, bis wir Colville Gardens erreichten, wo er in der hinteren Einfahrt verschwand. Nun war ich meiner Sache vollkommen sicher. Ich hatte eine kleine Unterredung mit meinem Chauffeur und fragte ihn, ob er dem Wagen folgen wollte, wenn er wieder herauskäme. Der Mann ging auf meinen Vorschlag ein, obwohl er mich wahrscheinlich für etwas verrückt gehalten hat. Ich wußte allerdings nicht, ob Miß Revelstoke in der Nacht noch einmal ausfahren würde; aber während ich noch mit dem Mann sprach, erschien ihr Auto bereits wieder. Glücklicherweise regnete es, sonst hätten wir die Verfolgung des starken Wagens nicht aufnehmen können. Außerhalb der Stadt ging es besser, weil die Straßen glatt und schlüpfrig waren, so daß man vorsichtig fahren mußte. Ich bestimmte den Chauffeur, seine Lampen abzublenden; aber die Mühe hätte ich mir sparen können, denn sie dachte nicht an eine Verfolgung und sah sich kein einziges Mal um. Schließlich kamen wir zu einem Ort, den ich der Beschreibung nach für Heartsease hielt. Der Wagen fuhr durch das Tor, und ich setzte meinen Weg zu Fuß fort. Es regnete jetzt heftig, und ich stellte mich unter eine Zeder, die mir einigen Schutz gewährte. Die Frau war in dem Hotel verschwunden. Dann kam ein Mann heraus und brachte den Wagen fort, vermutlich in die Garage. Ich wartete und wartete und hielt mich beinahe selbst für verrückt. Nach einer Weile machte ich mir klar, daß es vernünftig, sein würde, nach Hause zurückzufahren und meine alarmierten Dienstboten zu beruhigen. Ich ging gerade den Fahrweg hinunter, als zwei helle Lichter vor mir auftauchten. Es blieb mir noch Zeit, mich zu verbergen, dann raste ein Krankenauto vorüber. Es hielt nicht vor dem Haupteingang, sondern an einer Seitentür, die auch Miß Revelstoke benützt hatte. Ich ging zurück und achtete darauf, daß ich immer in Deckung blieb. Sie stellten eine Tragbahre heraus, und ein Mann – es war wohl Cravel – nahm eine Gestalt in die Arme und trug sie ins Hotel. Gleich darauf entfernte sich der Krankenwagen auf dem Weg, den er gekommen war. Meine Neugierde erwachte nun aufs neue. Ich bin zwar nicht mehr der Jüngste, aber doch noch elastisch und kräftig. Die Haupttür zum Hotel konnte ich nicht öffnen, und ich kletterte daher kurz entschlossen an der Vorhalle empor, die oben einen Balkon trug. Dabei verlor ich allerdings meine Brille. Nach fünf Minuten stieg ich ohne weitere Mühe in ein Fenster ein und befand mich im Korridor des ersten Stockwerks, wie ich nachher bemerkte. Irgendwo hörte ich Stimmen, aber es war alles dunkel. Ich tastete mich an der Wand entlang und probierte jede Türklinke. Sie waren alle verschlossen. Schließlich stieg ich zum zweiten Geschoß hinauf, und als ich Miß Revelstokes Stimme hörte, glaubte ich mich plötzlich um dreißig Jahre zurückversetzt. Was sie sagte, interessierte mich in höchstem Maße. Ihr Plan war so kaltblütig und entsetzlich, daß mir die Haare zu Berge stiegen. Ich sah mich nach einem Versteck um und untersuchte auch hier alle Türen, fand sie aber gleichfalls verschlossen. Vorsichtig ging ich zur Eingangshalle hinunter und sah in dem gedämpften Licht einer Lampe die offene Tür des Büros. Ich ging hinein und wagte es, das Licht anzudrehen, weil ich hoffte, hier einen Schlüssel zu finden. Zum Glück entdeckte ich auch den Hauptschlüssel, der an einem Haken des Pultes hing. Ich nahm ihn und ging schnell wieder nach oben. Ich hatte gerade den ersten Stock erreicht, als ich oben Licht sah. Rasch öffnete ich die nächste Tür und schlüpfte hinein, um zu warten, bis sie gegangen waren.« Sir Godley lächelte traurig. »Hier hätte meine Geschichte enden können. Als ich den Fuß behutsam vorschob, berührte ich nichts. Ich hatte eine Schachtel Streichhölzer in der Tasche, steckte eins an und bemerkte nun die Löcher im Boden und in der Decke. Das obere war durch die Unterseite eines Teppichs verdeckt. Es war nicht schwer zu vermuten, daß bauliche Veränderungen in dem Haus vorgenommen wurden, denn Gerüste und Werkzeuge deuteten darauf hin. Ich hatte die Tür von innen verriegelt, als ich eintrat, und wartete nun geraume Zeit. Ich hoffte, daß die drei anwesenden Leute weggehen würden. Aber dauernd schien der eine oder andere auf der Treppe oder wenigstens in Hörweite zu sein. Stunde auf Stunde verging, dann hörte ich plötzlich zu meiner Verwunderung und Freude Arnolds Stimme, der wenige Schritte von mir entfernt die Treppe hinaufging. Ich wartete und wunderte mich, was geschehen würde. Nach einem langen, beängstigenden Schweigen hörte ich Schritte in dem Zimmer über mir und auch wieder Arnolds Stimme. Das Loch in der Decke war, wie ich schon erzählte, von einem Teppich bedeckt, und sonderbarerweise war mein erster Gedanke, daß Arnold herunterstürzen könnte. Ich hörte ihn sprechen und Cravel antworten. Ich hatte meinen Mund gerade geöffnet, um ihn zu warnen, als der Teppich schon nachgab. Arnold fiel herunter, stieß gegen einen Gerüstbalken und warf mich um. Aber ich konnte ihn im letzten Augenblick noch packen und in Sicherheit bringen. Es wurde mir bald klar, daß wir uns beide in einer sehr gefährlichen Lage befanden, und ich war froh, daß ich meine Pistole eingesteckt hatte. Glücklicherweise war Arnold bewußtlos und konnte seine Gegenwart nicht verraten. Nach einer halben Stunde wurde es oben still. Wasser war nicht in der Nähe, und ich konnte seine Wunde nicht verbinden. Aber ich merkte, daß er nicht ernstlich verletzt war. Als er wieder zur Besinnung kam, waren die Leute oben schon gegangen. Ich sagte ihm, wer ich war, und was sich ereignet hatte. Auch von dem Hauptschlüssel erzählte ich ihm. Vom Fenster aus sah ich den Wagen, in dem offenbar Miß Revelstoke und ihr Sohn Henry das Hotel verließen. Arnolds erster Gedanke galt dir, Nora, und als ich nach einer kleinen Weile bemerkte, daß Cravel in dem Polizeiauto wegfuhr, durchsuchten wir das Haus. Wir begannen im Erdgeschoß und arbeiteten uns allmählich hoch. Ich hatte eigentlich geglaubt, sie würden sich nicht die Mühe machen, dich in ein oberes Stockwerk zu bringen. Wir hatten den ersten Stock erreicht, als wir hörten, daß Cravel zurückkam. Wieder versteckten wir uns in Nr. 3 und warteten, bis er aus seinen Zimmern nach unten ging. ›Jetzt wollen wir es riskieren‹, meinte Arnold und stieg hinauf. Die erste Tür, die wir öffneten, führte zu Cravels Wohnung. Wir hüllten dich dann in eine Decke und trugen dich nach Nr. 3. Natürlich hätten wir dem Mann begegnen können, und Arnold fürchtete, daß er in diesem Fall schießen würde. Dann erschien, wie durch ein Wunder, die Berkshire-Polizei, die Rouch telephonisch herbeigerufen hatte. Als sie nach Nr. 3 kamen und Cravel seinen Hauptschlüssel holen wollte, riegelte Arnold die Tür auf, zeigte sich dem Inspektor und überredete ihn, Cravel in ein Gespräch zu verwickeln, damit wir dich in Sicherheit bringen konnten. Nun kennst du die ganze Geschichte.« »Eine verflucht gute Geschichte«, sagte der Wetter. »Sie hat nur den einen Fehler, daß sie nicht genügend Licht auf meinen Scharfsinn und meine Tüchtigkeit wirft, aber ich habe ja noch genug Zeit, dich mit meinen glänzenden Eigenschaften bekannt zu machen.« Nora lächelte ihn glücklich an.   Ende         Ende März 1932 erscheint in der »Neuen Ausgabe« von Edgar Wallace Louba der Spieler Preis M. 1.50