Kurt Tucholsky ... ganz anders Selber popeln macht fett Du mußt es tragen: ungesichertes Leben. Inhalt An das Publikum Frage Die Redensart Ein Ehepaar erzählt einen Witz Zur Soziologischen Psychologie der Löcher In aller Eile Der Floh Das Stimmengewirr Viel zu fein! Aufgewachsen bei ... Es ist heiß in Hamburg Pause auf dem Töpfchen Frauen von Freunden Pfeifen anrauchen Es gibt keinen Neuschnee Leere Gefühle Zeugung Diese Häuser Alle Welt sucht Vorgang beim Treppensteigen Häuser Brot mit Tränen Gesicht Augen in der Groß-Stadt Die Wanzen Traum Die fünfte Jahreszeit Regenschwere Pause Im Käfig Kirchhofsmauer Märchen Wallenstein und die Interessenten Der Bär tanzt Der Brief Die Belohnung Die Musikalischen Harfenjulius Klabund Kritik mit Nachsatz Tollers Publikum Lebensgeschichte eines Rebellen Bauern, Bonzen und Bomben Der Prozess Der Untertan Quaquaro Die Lyrik der Antennen Lampenfieber Aus dem Ärmel geschüttelt     Strasse gesperrt – Militär Der Mann am Schlagzeug 50% Bürgerkrieg Die Tabelle Zwischen den Schlachten Kochrezepte Bei uns in Europa Fabel Frohe Erwartung Was wäre, wenn ...? Rathenau Sozialdemokratischer Parteitag Gegen den Strom Russland An das Baby Monolog mit Chören Glück im Unglück Ein Briefwechsel Spanische Krankheit? Justitia schwooft! Gebet für die Gefangenen Die Reichswehr Vision Was kosten die Soldaten Kleine Begebenheit Vor Verdun Olle Kamellen? Eines aber Hoppla, Kurve! Achtung, Liebe! Frühlingsvormittag Nebenan Ballade Kino privat Sie, zu ihm Malwine Confessio Frauen sind eitel. Männer? Nie –! Schwere Zeit Der Stimmungssänger Drei Generationen Das Lied von der Gleichgültigkeit Wie mans macht ... Nichts anzuziehen –! Unerledigte Konten Immer Man muß dran glauben Drei Biographien Alphabetisch sortiert: 50% Bürgerkrieg Alle Welt sucht An das Baby An das Publikum Aufgewachsen bei ... Augen in der Groß-Stadt Aus dem Ärmel geschüttelt Ballade Bauern, Bonzen und Bomben Bei uns in Europa Brot mit Tränen Confessio Das Lied von der Gleichgültigkeit Das Stimmengewirr Der Bär tanzt Der Brief Der Floh Der Mann am Schlagzeug Der Prozess Der Stimmungssänger Der Untertan Die Belohnung Die fünfte Jahreszeit Die Lyrik der Antennen Die Musikalischen Die Redensart Die Reichswehr Die Tabelle Die Wanzen Diese Häuser Drei Biographien Drei Generationen Ein Briefwechsel Ein Ehepaar erzählt einen Witz Eines aber Es gibt keinen Neuschnee Es ist heiß in Hamburg Fabel Frage Frauen sind eitel. Männer? Nie –! Frauen von Freunden Frohe Erwartung Frühlingsvormittag Gebet für die Gefangenen Gefühle Gegen den Strom Gesicht Glück im Unglück Häuser     Harfenjulius Klabund Hoppla, Kurve! Achtung, Liebe! Im Käfig Immer In aller Eile Justitia schwooft! Kino privat Kirchhofsmauer Kleine Begebenheit Kochrezepte Kritik mit Nachsatz Lampenfieber Lebensgeschichte eines Rebellen Leere Märchen Malwine Man muß dran glauben Monolog mit Chören Nebenan Nichts anzuziehen –! Olle Kamellen? Pause auf dem Töpfchen Pfeifen anrauchen Quaquaro Rathenau Regenschwere Pause Russland Schwere Zeit Sie, zu ihm Sozialdemokratischer Parteitag Spanische Krankheit? Strasse gesperrt – Militär Tollers Publikum Traum Unerledigte Konten Viel zu fein! Vision Vor Verdun Vorgang beim Treppensteigen Wallenstein und die Interessenten Was kosten die Soldaten Was wäre, wenn ...? Wie mans macht ... Zeugung Zur Soziologischen Psychologie der Löcher Zwischen den Schlachten An das Publikum O hochverehrtes Publikum, sag mal: bist du wirklich so dumm, wie uns das an allen Tagen alle Unternehmer sagen? Jeder Direktor mit dickem Popo spricht: »Das Publikum will es so!« Jeder Filmfritze sagt: »Was soll ich machen? Das Publikum wünscht diese zuckrigen Sachen!« Jeder Verleger zuckt die Achseln und spricht: »Gute Bücher gehn eben nicht!«    Sag mal, verehrtes Publikum:    bist du wirklich so dumm? So dumm, daß in Zeitungen, früh und spät, immer weniger zu lesen steht? Aus lauter Furcht, du könntest verletzt sein; aus lauter Angst, es soll niemand verhetzt sein; aus lauter Besorgnis, Müller und Cohn könnten mit Abbestellung dröhn? Aus Bangigkeit, es käme am Ende einer der zahllosen Reichsverbände und protestierte und denunzierte und demonstrierte und prozessierte...    Sag mal, verehrtes Publikum:    bist du wirklich so dumm? Ja, dann...    Es lastet auf dieser Zeit der Fluch der Mittelmäßigkeit. Hast du so einen schwachen Magen? Kannst du keine Wahrheit vertragen? Bist also nur ein Grießbrei-Fresser –? Ja, dann ...    Ja, dann verdienst Dus nicht besser. 1931 Frage Es laufen vor Premieren Gerüchte durch die Stadt: Nun kommt, was man in Sphären noch nicht gesehen hat.    Doch hat der Rummel sich gelegt    – so aufgeregt, so aufgeregt –    dann frag ich still, so leis ich kann:       »Und dazu ziehn Sie 'n Smoking an –?« Es steigen große Bälle, und die Plakate schrein. Man muß auf alle Fälle da reingetreten sein.    Der Sekt ist warm, die Garderobe kalt.    »Ich glaube, Lo, nun gehn wir bald ...«    Zu Hause sehn sich alle an:       »Und dazu ziehn wir 'n Smoking an –?« Es prangt in den Journalen das Bildnis einer Frau. Schön ist sie angemalen, hellrosa, beige und blau.    Dir glückts... ihr Widerstand erschlafft...    Na, fabelhaft! Na, fabelhaft?    Grau ist der Morgen ... welk der Strauß ..       Und dazu zieh ich 'n Smoking aus –? Willst du nach oben schweben, fällst du auf den Popo. Und überhaupt das Leben, es ist gemeinhin so:    Erst viel Geschrei und mächtiger Zimt.    Sieh nur, wie alles Karten nimmt!    Aber mehrstenteils, o Smokingmann:       Zieh ihn gar nicht erst an! Zieh ihn gar nicht erst an –! 1930 Die Redensart Bald fehlt uns der Wein, bald fehlt uns der Becher. Hebbel Ich kannte eine angesehene, stattliche Dame, die hatte die Gewohnheit, mit offenen Augen am Tage zu schlafen und niemals zuzuhören, wenn Jemand mit ihr sprach. Die Leute erzählten ihr lange Geschichten, wie sie so die Leute erzählen: Ehescheidungsklatsch, Dienstbotennöte, Geldgeschichten, was weiß ich – und sie schlief und hörte durchaus nicht zu. Wenn aber der Andre zu erzählen aufgehört hatte und schwieg und eine teilnehmende Antwort erwartete, dann fuhr meine Dame auf und sagte ein Wort, »das« Wort ihres Lebens, eines, das sie stets sagte, nach jeder Geschichte, und das auch zu allen paßte: »Ja, ja! Etwas ist immer –!« Dies war ihre Antwort, und was darüber war, das war meist vom Übel. Aber dieses Wort wird bleiben. Etwas ist wirklich immer. Arthur Schopenhauer hat ja das Glück als den unglücklosen Zustand definiert und damit das Malheur als das Primäre angesehen. Und von ihm stammte ja auch jener grandiose Ausspruch, er habe als Jüngling beim Klingeln der Türglocke empfunden: »Ah – jetzt, jetzt kommt es!« – und später, im Alter, wenn es an der Tür klopfte: »Jetzt – jetzt kommts!« Und es kam immer etwas. (Einmal sogar eine Nähterin, die er die Treppe hinunterwarf.) Gäbe es keine Sorgen, man müßte sie erfinden. Aber, unbesorgt, wir sind nie unbesorgt. Etwas ist immer. Hundegebell; Liebeserhörung bei zu engem Kragen; guter Rotwein, aber ein grober Kellner, höflicher Kellner, aber ein schrecklicher Surius; Obermieter, die uns auf dem Kopf herumtrampeln, weil sie Flußkähne statt der Stiefel tragen; unerwünschter Familienzuwachs; Konkurs, Weltkrieg und Verdauungsbeschwerden – etwas ist immer. Aber wir sind mit daran schuld. Unser Apparat ist viel zu groß. Kein Wunder, wenn immer irgendein Rad zerbrochen ist, eine Kette schleift, eine Schraube quietscht. Mit dem Aufwand, den wir heute treiben, eine lange Reise zu tun, haben die Griechen früher ihre kleinen Kriege absolviert, und Ruhe geben wir nie. Ich kann mir unsre Börsianer so richtig im Paradies, wie sie in dasselbe kommen, vorstellen: es zieht, das Eintrittsgeld war zu hoch, einen Kurszettel gibt es nicht, und so haben sie es sich überhaupt nicht vorgestellt. (Verkauft Eva Ansichtskarten? Nein. Also: Paradies-Baisse, Krach, Umzug in die Hölle. Den Rest siehe oben.) Etwas ist immer. Es hat nie eine treffendere Redensart gegeben. Und, wissen Sie, der ganze Spektakel hat eigentlich so wenig Sinn. Denken Sie sich, was wir in den letzten acht Jahren alle miteinander angegeben haben, und was ist dabei herausgekommen? Dieses Europa. Etwas ist immer, es ist ein bißchen viel für einen einzelnen Herrn. Und die Einwohnerschaft dieses Kontinents ist reichlich nervös geworden, so nervös, daß sie ordentlich danach sucht, wenn einmal nichts ist – ärgerlich schweift der Blick umher, daß er etwas finde, was nicht stimmt. Denn bei uns ist etwas nicht in Ordnung, wenn Alles in Ordnung ist, und etwas ist immer, und zum Kampfe ist der Mann, ausgerechnet, auf der Welt. Wie sagt der Kinoregisseur? »Licht! Bewegung! Großaufnahme!« Glück ist der Zustand, den man nicht spürt, sagt der Weise. Wo gibt es noch reine Freuden? Ich glaube: nur noch in dem alleinseligmachenden Zustand, wo Jener, glücklich lächelnd, in der Droschke saß und den Kutscher fragte, wieviel Uhr es sei. Und der Kutscher antwortete: »Elf Uhr, Herr!« Und Jener, im Vollbewußtsein der irdischen Seligkeit: »Gestern – oder – heute?« Siehe, das ist das Glück. Aber der hat am nächsten Morgen einen unfreundlichen Kater und muß büßen, daß er den Flug von der Erde versucht hat. Und kraucht wieder unten – und etwas ist immer. Wir aber sehnen uns. Nach jenem Zustand, der uns glücklich und leicht mache – nach jenem legendären kleinen weißen Häuschen, das ein Hort der Zufriedenheit sei und eine Ruhestätte vor allem Jammer. Dahin möchten wir so gern einmal. Ich möchte heim – mich ziehts dem Vaterhause,          Dem Vaterherzen zu. Fort aus der Welt verworrenem Gebrause          Zur stillen, tiefen Ruh. Mit tausend Wünschen bin ich ausgegangen, Heim kehr ich mit bescheidenem Verlangen; Noch hegt mein Herz nur einer Hoffnung Keim:          Ich möchte heim. Aber das Heim hat keine Zentralheizung, nebenan ist eine Lederfabrik mit übelduftendem Schornstein, das Weib unsrer Wahl ist dick geworden, und der Junge ist auch nicht so, wie wir ihn uns dachten: zum Diplomaten zu klug, zum Filmschauspieler zu häßlich, zum Bankier zu dumm und für einen bürgerlichen Beruf ungeeignet. Da sitzest du vor einem Idealhäuschen, die Linden rauschen, der Bach murmelt, der Mond scheint. Und in deinem Herzen keimt eine leise kleine Sehnsucht auf nach der großen Stadt, nach ihrem Lärm und nach ihrem Ärger. Ruft deine liebe Adelheid? Laß sie rufen. Aber sie ruft, lauter und nicht melodiöser. Und seufzend gehst du ins Haus .... Und laß dir nichts erzählen von feinen Inschriften für deinen Grabstein. Ich habe eine für dich, wie nach Maß gearbeitet, verlaß dich drauf, sie paßt wundervoll. Schreib:          Etwas ist immer. 1923 Ein Ehepaar erzählt einen Witz »Herr Panter, wir haben gestern einen so reizenden Witz gehört, den müssen wir Ihnen... also den muß ich Ihnen erzählen. Mein Mann kannte ihn schon... aber er ist zu reizend. Also passen Sie auf. Ein Mann, Walter, streu nicht den Tabak auf den Teppich, da! Streust ja den ganzen Tabak auf den Teppich, also ein Mann, nein, ein Wanderer verirrt sich im Gebirge. Also der geht im Gebirge und verirrt sich, in den Alpen. Was? In den Dolomiten, also nicht in den Alpen, ist ja ganz egal. Also er geht da durch die Nacht, und da sieht er ein Licht, und er geht grade auf das Licht zu... laß mich doch erzählen! das gehört dazu!... geht drauf zu, und da ist eine Hütte, da wohnen zwei Bauersleute drin. Ein Bauer und eine Bauersfrau. Der Bauer ist alt, und sie ist jung und hübsch, ja, sie ist jung. Die liegen schon im Bett. Nein, die liegen noch nicht im Bett...« »Meine Frau kann keine Witze erzählen. Laß mich mal. Du kannst nachher sagen, ob's richtig war. Also nun werde ich Ihnen das mal erzählen. Also, ein Mann wandert durch die Dolomiten und verirrt sich. Da kommt er – du machst einen ganz verwirrt, so ist der Witz gar nicht! Der Witz ist ganz anders. In den Dolomiten, so ist das! In den Dolomiten wohnt ein alter Bauer mit seiner jungen Frau. Und die haben gar nichts mehr zu essen; bis zum nächsten Markttag haben sie bloß noch eine Konservenbüchse mit Rindfleisch. Und die sparen sie sich auf. Und da kommt... wieso? Das ist ganz richtig! Sei mal still..., da kommt in der Nacht ein Wandersmann, also da klopft es an die Tür, das steht ein Mann, der hat sich verirrt, und der bittet um Nachtquartier. Nun haben die aber kein Quartier, das heißt, sie haben nur ein Bett, da schlafen sie zu zweit drin. Wie? Trude, das ist doch Unsinn... Das kann sehr nett sein!« »Na, ich könnte das nicht. Immer da einen, der – im Schlaf strampelt..., also ich könnte das nicht!« »Sollst du ja auch gar nicht. Unterbrich mich nicht immer.« »Du sagst doch, das wär nett. Ich finde das nicht nett.« »Also...« »Walter! Die Asche! Kannst du denn nicht den Aschbecher nehmen?« »Also... der Wanderer steht da nun in der Hütte, er trieft vor Regen, und er möchte doch da schlafen. Und da sagt ihm der Bauer, er kann ja in dem Bett schlafen, mit der Frau.« »Nein, so war das nicht. Walter, du erzählst es ganz falsch! Dazwischen, zwischen ihm und der Frau – also der Wanderer in der Mitte!« »Meinetwegen in der Mitte. Das ist doch ganz egal.« »Das ist gar nicht egal... der ganze Witz beruht ja darauf.« »Der Witz beruht doch nicht darauf, wo der Mann schläft!« »Natürlich beruht er darauf! Wie soll denn Herr Panter den Witz so verstehen ... laß mich mal – ich werd ihn mal erzählen! – Also der Mann schläft, verstehen Sie, zwischen dem alten Bauer und seiner Frau. Und draußen gewittert es. Laß mich doch mal!« »Sie erzählt ihn ganz falsch. Es gewittert erst gar nicht, sondern die schlafen friedlich ein. Plötzlich wacht der Bauer auf und sagt zu seiner Frau – Trude, geh mal ans Telephon, es klingelt. – Nein, also das sagt er natürlich nicht... Der Bauer sagt zu seiner Frau ... Wer ist da? Wer ist am Telephon? Sag' ihm, er soll später noch mal anrufen – jetzt haben wir keine Zeit! Ja. Nein. Ja. Häng' ab! Häng' doch ab!« »Hat er Ihnen den Witz schon zu Ende erzählt? Nein, noch nicht? Na, erzähl' doch!« »Da sagt der Bauer: Ich muß mal raus, nach den Ziegen sehn – mir ist so, als hätten die sich losgemacht, und dann haben wir morgen keine Milch! Ich will mal sehn, ob die Stalltür auch gut zugeschlossen ist.« »Walter, entschuldige, wenn ich unterbreche, aber Paul sagt, nachher kann er nicht anrufen, er ruft erst abends an.« »Gut, abends. Also der Bauer – nehmen Sie doch noch ein bißchen Kaffee! – Also der Bauer geht raus, und kaum ist er rausgegangen, da stupst die junge Frau ...« »Ganz falsch. Total falsch. Doch nicht das erstemal! Er geht raus, aber sie stupst erst beim drittenmal – der Bauer geht nämlich dreimal raus – das fand ich so furchtbar komisch! Laß mich mal! Also der Bauer geht raus, nach der Ziege sehn, und die Ziege ist da, und er kommt wieder rein.« »Falsch. Er bleibt ganz lange draußen. Inzwischen sagt die junge Frau zu dem Wanderer –« »Gar nichts sagt sie. Der Bauer kommt rein ...« »Erst kommt er nicht rein!« »Also ... der Bauer kommt rein, und wie er eine Weile schläft, da fährt er plötzlich aus dem Schlaf hoch und sagt: Ich muß doch noch mal nach der Ziege sehen – und geht wieder raus.« »Du hast ja ganz vergessen, zu erzählen, daß der Wanderer furchtbaren Hunger hat!« »Ja. Der Wanderer hat vorher beim Abendbrot gesagt, er hat so furchtbaren Hunger, und da haben die gesagt, ein bißchen Käse wäre noch da ...« »Und Milch!« »Und Milch, und es war auch noch etwas Fleischkonserve da, aber die könnten sie ihm nicht geben, weil die eben bis zum nächsten Markttag reichen muß. Und dann sind sie zu Bett gegangen.« »Und wie nun der Bauer draußen ist, da stupst sie den, also da stupst die Frau den Wanderer in die Seite und sagt: Na ...« »Keine Spur! Aber keine Spur! Walter, das ist doch falsch! Sie sagt doch nicht: Na ...!« »Natürlich sagt sie: Na ...! Was soll sie denn sagen?« »Sie sagt: Jetzt wäre so eine Gelegenheit ...« »Sie sagt im Gegenteil: Na ... und stupst den Wandersmann in die Seite ...« »Du verdirbst aber wirklich jeden Witz, Walter!« »Das ist großartig! Ich verderbe jeden Witz? Du verdirbst jeden Witz – ich verderbe doch nicht jeden Witz! Da sagt die Frau ...« »Jetzt laß mich mal den Witz erzählen! Du verkorkst ja die Pointe ...!« »Also jetzt mach mich nicht böse, Trude! Wenn ich einen Witz anfange, will ich ihn auch zu Ende erzählen ...« »Du hast ihn ja gar nicht angefangen ... ich habe ihn angefangen!« – »Das ist ganz egal – jedenfalls will ich die Geschichte zu Ende erzählen; denn du kannst keine Geschichten erzählen, wenigstens nicht richtig!« – »Und ich erzähle eben meine Geschichten nach meiner Art und nicht nach deiner, und wenn es dir nicht paßt, dann mußt du eben nicht zuhören ...!« »Ich will auch gar nicht zuhören ... ich will sie zu Ende erzählen – und zwar so, daß Herr Panter einen Genuß von der Geschichte hat!« – »Wenn du vielleicht glaubst, daß es ein Genuß ist, dir zuzuhören ...« – »Trude!« – »Nun sagen Sie, Herr Panter – ist das auszuhalten! Und so nervös ist er schon die ganze Woche ... ich habe ..."« – »Du bist ...« – »Deine Unbeherrschtheit ...« – »Gleich wird sie sagen: Komplexe! Deine Mutter nennt das einfach schlechte Erziehung ...« – »Meine Kinderstube ...!« – »Wer hat denn die Sache beim Anwalt rückgängig gemacht? Wer denn? Ich vielleicht? Du! Du hast gebeten, daß die Scheidung nicht ...« – »Lüge!« – Bumm: Türgeknall rechts. Bumm: Türgeknall links. Jetzt sitze ich da mit dem halben Witz. Was hat der Mann zu der jungen Bauersfrau gesagt? Zur Soziologischen Psychologie der Löcher Daß die wichtigsten Dinge durch Röhren gethan werden. Beweise: erstlich die Zeugungsglieder, die Schreibfeder und unser Schießgewehr. Lichtenberg Ein Loch ist da, wo etwas nicht ist. Das Loch ist ein ewiger Kompagnon des Nicht-Lochs: Loch allein kommt nicht vor, so leid es mir tut. Wäre überall etwas, dann gäbe es kein Loch, aber auch keine Philosophie und erst recht keine Religion, als welche aus dem Loch kommt. Die Maus könnte nicht leben ohne es, der Mensch auch nicht: es ist beider letzte Rettung, wenn sie von der Materie bedrängt werden. Loch ist immer gut. Wenn der Mensch »Loch« hört, bekommt er Assoziationen: manche denken an Zündloch, manche an Knopfloch und manche an Goebbels. Das Loch ist der Grundpfeiler dieser Gesellschaftsordnung, und so ist sie auch. Die Arbeiter wohnen in einem finstern, stecken immer eins zurück, und wenn sie aufmucken, zeigt man ihnen, wo der Zimmermann es gelassen hat, sie werden hineingesteckt, und zum Schluß überblicken sie die Reihe dieser Löcher und pfeifen auf dem letzten. In der Ackerstraße ist Geburt Fluch; warum sind diese Kinder auch grade aus diesem gekommen? Ein paar Löcher weiter, und das Assessorexamen wäre ihnen sicher gewesen. Das merkwürdigste an einem Loch ist der Rand. Er gehört noch zum Etwas, sieht aber beständig in das Nichts, eine Grenzwache der Materie. Das Nichts hat keine Grenzwache: Während den Molekülen am Rande eines Lochs schwindlig wird, weil sie in das Loch sehen, wird den Molekülen des Loches... festlig? Dafür gibt es kein Wort. Denn unsre Sprache ist von den Etwas-Leuten gemacht; die Loch-Leute sprechen ihre eigne. Das Loch ist statisch; Löcher auf Reisen gibt es nicht. Fast nicht. Löcher, die sich vermählen, werden ein Eines, einer der sonderbarsten Vorgänge unter denen, die sich nicht denken lassen. Trenne die Scheidewand zwischen zwei Löchern: gehört dann der rechte Rand zum linken Loch? oder der linke zum rechten? oder jeder zu sich? oder beide zu beiden? Meine Sorgen möcht ich haben. Wenn ein Loch zugestopft wird: wo bleibt es dann? Drückt es sich seitwärts in die Materie? oder läuft es zu einem andern Loch, um ihm sein Leid zu klagen – wo bleibt das zugestopfte Loch? Niemand weiß das: unser Wissen hat hier eines. Wo ein Ding ist, kann kein andres sein. Wo schon ein Loch ist: kann da noch ein andres sein? Und warum gibt es keine halben Löcher –? Manche Gegenstände werden durch ein einziges Löchlein entwertet; weil an einer Stelle von ihnen etwas nicht ist, gilt nun das ganze übrige nichts mehr. Beispiele: ein Fahrschein, eine Jungfrau und ein Luftballon. Das Ding an sich muß noch gesucht werden; das Loch ist schon an sich. Wer mit einem Bein im Loch stäke und mit dem andern bei uns: der allein wäre wahrhaft weise. Doch soll dies noch keinem gelungen sein. Größenwahnsinnige behaupten, das Loch sei etwas Negatives. Das ist nicht richtig: der Mensch ist ein Nicht-Loch, und das Loch ist das Primäre. Lochen Sie nicht; das Loch ist die einzige Vorahnung des Paradieses, die es hienieden gibt. Wenn Sie tot sind, werden Sie erst merken, was leben ist. Verzeihen Sie diesen Abschnitt; ich hatte nur zwischen dem vorigen Stück und dem nächsten ein Loch ausfüllen wollen. 1931 In aller Eile – »Hallo! Hier Eisner und Ehemann, wer dort –? Jawohl... Man kann Sie nicht verstehen; Sie müssen etwas lauter sprechen! ... Dann werden wir Ihnen also die Faktur morgen zugehen lassen! Schluß!« Telephongespräch 1895 – »Also ich telephoniere hier von der Post – vor der Zelle stehn schon Leute – ich fahre nach Lichterfelde-Ost und erledige die Sache noch heute. Was ich sagen wollte... Warum warn Sie gestern nicht da? auf der Modenschau? Ich war mit der Putti... wissen Sie... na... Hände hat die Frau –! Fabelhaft. Wiesner –? Erzählen Sie mir doch nichts – das nehm ich auf mein' Eid –! Bitte! Nach Ansicht des Gerichts hab ich dazu immer noch Zeit! Was ich sagen wollte ... Wir gehn Sonnabend aus – Mit ihrem Freund? Na, so blau! Die nehm ich glatt mit mir nach Haus – Augen hat die Frau –! Fabelhaft. Die Wechsel sind ... na, wie finden Sie das? Die klopfen ans Fenster, weil ich hier spreche – ich erzähl Ihnen persönlich noch was, ich bin nämlich furchtbar eilig. Was ich sagen wollte... ich bin derartig scharf... Natürlich! Weiß ich genau, was ein Schentelmän sich erlauben darf... Einen Rücken hat die Frau –! Fabelhaft. Wir legen die Schecks... hallo? ... unterbrochen ... Ich habe doch noch gar nicht gesprochen ...! Na, denn nicht.           Nur keine falsche Hast! Ich spreche hier, solange 's mir paßt!           Lümmel.                     Ja –! Nein –!       Na, da gehn Sie doch rein!       Eine Luft wie in einem Schwitzkastenbad ...       Was der schon zu telephonieren hat –           Lümmel.« 1929 Der Floh Im Departement du Gard – ganz richtig, da, wo Nîmes liegt und der Pont du Gard: im südlichen Frankreich – da saß in einem Postbureau ein älteres Fräulein als Beamtin, die hatte eine böse Angewohnheit: sie machte ein bißchen die Briefe auf und las sie. Das wußte alle Welt. Aber wie das so in Frankreich geht: Concierge, Telephon und Post, das sind geheiligte Institutionen, und daran kann man schon rühren, aber daran darf man nicht rühren, und so tut es denn auch keiner. Das Fräulein also las die Briefe und bereitete mit ihren Indiskretionen den Leuten manchen Kummer. Im Departement wohnte auf einem schönen Schlosse ein kluger Graf. Grafen sind manchmal klug, in Frankreich. Und dieser Graf tat eines Tages folgendes: Er bestellte sich einen Gerichtsvollzieher auf das Schloß und schrieb in seiner Gegenwart an einen Freund: Lieber Freund! Da ich weiß, daß das Postfräulein Emilie Dupont dauernd unsre Briefe öffnet und sie liest, weil sie vor lauter Neugier platzt, so sende ich Dir anliegend, um ihr einmal das Handwerk zu legen, einen lebendigen Floh. Mit vielen schönen Grüßen Graf Koks Und diesen Brief verschloß er in Gegenwart des Gerichtsvollziehers. Er legte aber keinen Floh hinein. Als der Brief ankam, war einer drin. 1932 Das Stimmengewirr Speed: 85. »Wir reden alle ins Unreine.« Goethe (apokryph.) Wenn ich meine Freundin Lisa – nein, die nicht, die andere – besuche, dann sind immer viele Menschen da. Und dies ist es, was ich zu hören bekomme: »... haben wir uns himmlisch amüsürt Kinder ich will euch mal was sagen seit man im Tonfilm auch noch zuhören muß also ich bin nur eine einfache Frau wieso gnädige Frau man kann doch auch weghören wenn ich weghören will red ich mit meinem Mann Guten Tag Panter Masochist nimmst du noch ein bißchen Obstsalat Masochist ist doch kein Fremdwort in dem Sinne doch das kann man erklären wie soll ich sagen also Masochist ist einer der päng kriegt Guten Tag Panter Lisa ich muß weg ein amerikanischer Wagen der frißt Benzin hör auf mich dafür bin ich Fachmann ach auf Stottern dafür bin ich auch Fachmann wie finden Sie diese Verlobung wir haben uns halb tot gelacht na ich bitte Sie mit diesem alten Ekel das wird doch nichts das ist sogar schon was geworden nehmt doch noch 'n bißchen Obstsalat sie ist ja ganz nett aber er daß sowas ohne Wärter ausgehen darf wer sagt Ihnen daß er darf Guten Tag Panter ob er schief liegt schief ist gar kein Ausdruck für den kann keiner mehr grade stehen Lisa ich muß weg unten ganz schmal also das hier oben kommt alles weg verstehen Sie mich und dann hier ein handbreites Volant aber das sieht man nicht Brecht Brecht ist doch kein Dichter nein Sie sind 'n Dichter Ich bin ein einfacher Makler mich lassen Sie in Ruhe na Brecht makelt auch schon ganz schön Sie nehmen ja gar keinen Obstsalat ich kann meinen Onkel aus Stockholm so gut verstehen der hat immer gesagt er hat bloß noch einen Wunsch er möchte ganz allein auf der Welt sein und einen gutgehenden Kolonialwarenladen haben Lisa ich muß weg ach lächerlich bleib doch noch erzählen Sie mir doch nichts die Frau singt ja nach dem Korken nur London nur London Paris ist ein Schmarrn dagegen der Mann ist ja anglophob phil phil wieso viel ich frage mich wann eigentlich wenn nicht jetzt Lieber Herr Rechtsanwalt die Sache mit Reinhardt ist perfekt ich habe das aus authentischer Quelle acht Monate im Jahr ist er in Berlin und die übrigen neun Monate in Wien Lisa ich muß weg Guten Tag Panter nein Sie hier ich bin ja baff nein ich bin ja außer mir wissen Sie schon daß ich geschieden bin das muß ich Ihnen erzählen sie war dreimal in seinen Aufführungen ich habe Ernst Deutsch persönlich das ist struggle for wife mein Lieber ich nehm noch 'n bißchen Obstsalat ich kenne die Frau und ich sage Ihnen das ist eine Fetischistin die kann bloß lieben wenn ein Tausendmarkschein auf dem Nachttisch liegt Lisa ich muß weg na da geh doch du gräßliche Person Lisa ich muß wirklich Ali erwartet mich um halb sieben an der Gedächtniskirche himmlischer Vater es ist viertel acht da hab ich ja noch Zeit der ganze Klub weiß es nur sie nicht spielt schon sehr gut die Frau ihre Vorhandbälle ach Vorhand Bridge natürlich Lisa ich muß nun aber wirklich er hat noch keinen Obstsalat nein wirklich ich muß grüß Ali schön halt mal das hat sie dir noch nicht erzählt also wer hat recht ich habe den Nutria sei mal still seid doch mal alle still also ich hab den Nutria selber gesehen bei ihm oben in seinem Betrieb ein himmlischer Pelz für zweitausendvierhundert er wird auch nicht weinen wenn man ihm achtzehnhundert bietet ausgeschlossen seppfaständlich kommt ja gar nicht in Frage Lisa ich muß sei mir nicht böse grüß Ali nimm dir doch nein nicht Ali den Nutria Grüß Franzi und die Kinder jetzt ist sie weg wer spielt denn die Wendla in Frühlingserwachen wahrscheinlich die Sandrock wir nehmen noch 'n bißchen Obstsalat mein Guter ... Sie sagen ja gar nichts –!« 1930 Viel zu fein! Ein Millionär trat einst ein Pekinesen-Hündchen. Und entschuldigte sich beim Besitzer. Da rief der Mann: »Was! Sie wollen ein Millionär sein und rufen nicht: ›Bringen Sie mir noch ein Hündchen!‹« Es ist schon ein bißchen besser geworden, aber der Film und mancher Romanautor, sie können's nicht lassen: es ist bei ihnen alles viel zu fein. Die gnädigen Frauen nehmen ihre Schokolade in einer spitzenüberrieselten Liebesgondel, die Tassen sind innen mit Seide ausgeschlagen, das Stubenmädchen ist so schön wie... (nach Belieben auszufüllen); vorn stehen Diener, hinten stehen Diener, und in der Mitte stehn Silberdiener; Rechtsanwälte gehen in Paquinmodellen auf den Ball und Halbweltdamen nur im Frack ins Bett... oder habe ich das verwechselt – kurz: es ist alles so fein, daß man sich ordentlich nach einer richtigen Schmalzenstulle sehnt. Warum ist es so fein –? Der Wunschtraum – ich weiß schon. Ja, mit dem Wunschtraum... Habt ihr eigentlich in eurer Bekanntschaft viele Leute, die heute noch so töricht, so dumm und so kindlich sind, daß sie auf so etwas hereinfallen – daß sie so etwas wollen? Und man soll die andern Menschen, die um uns herumleben, nun ja nicht für dümmer halten – dergleichen hat sich schon oft bitter gerächt. Der Wunschtraum... Was sind denn das für Träume, die uns die Filmdirektoren und die Romanschreiber da vorträumen? Das sind verjährte Wunschträume. Das sind Ideale in den Formen von gestern und vorgestern und vorvorgestern. Wollen das die Leute? Immer haben sie sich nach Luxus gesehnt, nach Reichtum ... gewiß. Aber die Dinge liegen doch in Mitteleuropa heute so, daß die Mehrzahl aller Menschen froh ist, wenn sie folgende Sachen haben: Arbeit, auskömmlichen Verdienst, Brot, ein Dach überm Kopf, Wärme, keinen Hunger und keine Krankheiten... Das ist schon sehr, sehr viel. Wollen die Leute nun diesen Filmzauber wirklich? Und, wenn sie ihn wollen: gibt es nicht auch so etwas wie eine Verantwortung der Film- und Romanindustrie, dem Publikum gegenüber? Was ist das für billiges Opium und für dummes Zeug! Es stimmt nicht einmal. Bei den reichen Leuten sieht es meist ganz anders aus; ich will nicht sagen: snobistisch bescheiden – aber anders. Abgesehen von den ungeheuren Kosten, die solch ein Leben machte, wie es uns da vorgeführt wird: mit den Platinbadewannen, den parfümierten Staubsaugern, den in Brokat eingebundenen Schoßhündchen und den riesigen Säulenhallen vor dem W. C. ... das ist doch gar nicht der Stil unserer Zeit. Auch nicht bei reichen Leuten – grade bei denen nicht. Ja, es ist denkbar, daß sich ein Industrieller einen besonders großen Reitstall hält; irgendeine Liebhaberei pflegt ... einen Sport ... gewiß. Aber dieses Theater da ... ich glaube nicht. Von der Reklame, die ein offenbar existierender »Weltverband des Ringes der Mädchenhändler« macht, ganz zu schweigen, denn das geht wirklich auf keinen Perserteppich. Welche Preise ...! Ich bin ja ein ehrsamer Mann mit einer so gut wie fleckenreinen Vergangenheit ... aber wenn man das so sieht, welches Schicksal diese Undamen im Film erleiden oder vielmehr genießen – welche Preise da verlangt, geboten und gezahlt werden –: wahrlich, ich ginge hin und täte desgleichen, wenn ich nicht wüßte, daß alles Schwindel wäre und wenn sie mich nicht eben ins falsche Geschlecht hineingeboren hätten. Dafür die vernünftige Aufklärung über Prostitution und dann diese falsche Feinheit: mit Kolliers, Riesen-Schecks, als Liebeslohn immer eine Villa mit Golfteich, Entenpark, Tennisplatz für die Rehe und Auto auf dem Dach? Einer allein kann das gar nicht glauben. Nun weiß man nicht recht ... Die Filmdirektoren und die Romanschreiber tun so, als glaubten sie, daß das Publikum glaubt, dergleichen glauben zu müssen. Wirklich? Ja? Ist das so? Wir sehen es fotografiert; wir bekommen es vorgegaukelt, wir lesen das in so vielen Eisenbahnromanen ... Sonderbar wirkt solche Kunst ins Leben zurück, aus dem sie gar nicht gekommen ist ... In manchen Gerichtsverhandlungen hören wir staunend, was einen Einbrecher oder eine Hochstaplerin bewogen hat, eine »kleine Kiste aufzumachen«. Sie haben einmal so leben wollen, wie sich der Magazin-Herausgeber träumt, daß es sich seine Leser träumen. Und das gibt dann ein böses Erwachen. Noch viele Filme werden wir sehen: mit dorischen Wintergärten, mit Bar-Tischen, die in die Badewanne eingelassen sind; mit Zederholz-Ruderbooten und silbernen Tabletts, daß es einen graust ... Wir ergreifen eines dieser Tabletts, legen ein Kärtchen darauf und drücken dem Stubenmädchen mit dem Häubchen und den unwahrscheinlich schönen Beinen ein kleines Trinkgeld von fünfundsiebzig Mark in die Hand: sie möchte unser Kärtchen dem Unternehmer hineintragen. Auf dem Kärtchen steht: VIEL ZU FEIN. WIR DANKEN! 1931 Aufgewachsen bei ... Dir gefallen die Beine nicht, dir gefällt die Kleine nicht, dir gefällt die Große nicht, und du magst die Sauce nicht. Dir gefällt der Opel nicht, und du wärst kein Popel nicht, und dir schmeckt der Steinwein nicht, und dir schmeckt der Rheinwein nicht.       Lieber Freund, besinn dich drauf:             Worauf herauf –? Bist du denn so reich und schön? Bist du lieblich anzusehn? Bist du elegant und schick? Untenrum nicht reichlich dick? Bist du mit dem Mordskrawall wohl aus einem ersten Stall? Immer schreist du nach Niveau ... lebst du denn zu Hause so?       Du – mit deinem Lebenslauf:       Worauf herauf –? Stell dich mit dem Doppelkinn mal vor einen Spiegel hin: Wenn die Frauen auch mal sieben: welches Mädchen soll dich lieben?       Sage selbst! Wenn die Kellner Augen haben: wofür halten sie dich Knaben?       Sage selbst! In dem reichen Kaufmannshaus: wie siehst du im Smoking aus?       Sage selbst! Mach nicht immer solche Faxen. Mensch, es ist ja halb Berlin aufgewachsen, aufgewachsen bei den grünen Jalousien –! 1930 Es ist heiß in Hamburg Hamburg, du schönste deutsche Stadt! – »Den zuckenden Fisch an der Nordsee« hat dich Larissa Reisner genannt; Hamburg, Stadt für Männer, Stadt der kraftvollen Arbeit, Stadt auch für Liebende – wie ein kleines Meer lag die Alster (Ozean privat) morgens um halb fünf in der hellblauvioletten Stunde, Mona Lisa stand schon oder noch am Fenster und sah hinaus... Guten Tag, Hamburg. Es ist heiß in Hamburg. Aber weil hier die Sonne nur auf Abzahlung scheint und immer ein frischer Wind von der See her weht, ist es doch nicht zu heiß. Jakopp stöhnt vor Hitze. Jakopp ist mir seit alters befreundet; Etappe an Etappe haben wir die große Zeit durchgestanden, und nun ist er irgend etwas Hervorragendes im Hamburger Wasserwerk. Wenn es heiß ist, tut er so, als müsse er selber das Wasser für die ganze Stadt aus dem Boden pumpen – er hat so viel zu tun! Jakopp wohnt am Harvestehuder Weg, der ohne die Rs auszusprechen ist, und durch eine in der Bodenkammer sinnreich angebrachte Hühnerleiter, Symbol des Lebens, kann man ihm aufs Dach steigen. Da sitzen wir denn abends auf dem flachen Haus und sehen in das blaue Bassin und in den altgoldenen Whisky, den Jakopp vermittels eines weiten Havelocks in Helgoland einzukaufen pflegt... Ein rascher Seitenblick belehrt mich, daß Jakopp nicht weit von jenem Stadium ist, wo er glaubt, das Alsterbassin selber angelegt zu haben. Er stöhnt vor Hitze. Es ist heiß in Hamburg, und vor Hitze gerinnen auch unsere Gespräche. Es ist eine jener Hamburger Unterhaltungen, die, besonders wenn der Stoff peinlich ist, im Schlicksand verlaufen, die Worte fließen spärlich wie Jakoppens Wasser im Sommer, und auf einmal ist es aus. »Wie geht es denn Ihrer Tante?« – »Tje... der Doktor meint, es wäre ja nu nich mehr so... und da wäre es ja denn besser, wenn sie nu gleich ...« Aus. Das Wort »Tod« wird taktvoll vermieden, wie überhaupt der Hamburger auch die pathetischen Vorgänge immer ins »Faine« umbiegt. Fein und unerbittlich diesseitig, so ist Hamburg. (Erster Akt Hamlet. Eine hamburgische Dame zur andern: »Bis schetzt gar kein Sinn in.« Erledigt, Herr Shakespeare!) Vorläufig ist es aber mal bannig heiß. »Weißt du«, sagt Jakopp plötzlich, »daß morgen Onkel Ulrich begraben wird?« Ich weiß es. Onkel Ulrich ist kein betrüblicher Onkel, sondern ein gleichgültiger Onkel – vererbt wird hier nichts, wir haben ihn beide kaum gekannt, und unsere Trauer ist artig-konventionell. »Ich muß hin«, sagt Jakopp. »Bei dieser Hitze –« Was wird das geben? denke ich. Denn Jakopp neigt, wenn er mit dem Leben zusammenstößt, zu seltsamen Eskapaden; er ist der Mann, der im vorigen Jahr nach Italien nicht ohne seine Bleistiftspitzmaschine reisen konnte; der italienische Zoll geriet fast aus dem Häuschen, alala! – und als schon fünfzehn Mann der Mussolini-Garde die gefährliche Zaubermaschine, Erklärungen heischend, umstanden, da nahm Jakopp einem Faschisten den Bleistift aus der Hand und begann, den Welschen einen vorzuspitzen. Da ließen sie ihn in Ruhe. Was wird das geben? denke ich. Schon frühmorgens gärt es in Jakopps Schlafzimmer. Zunächst erscheint er im Nachthemd und Zylinder, einem Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Zylinder, Modell 1892, und verschwindet wieder. Ich höre ihn brummeln und schimpfen; es sei zu heiß, und Onkel Ulrich sterbe immer im Sommer, und ob er, Jakopp, bei dieser Hitze überhaupt hinausfahre, das sei noch gar nicht entschieden... Ich höre kaum hin. Und werde erst aufmerksam, als ich ihn zur Korridortür hinausrufen höre: »Agda –« (Jakopps Stützen heißen stets so melodisch) – »Agda! Bringen Sie den Begräbnisüberzieher!« Ich nichts wie raus. Das muß ich sehen. Agda bringt das Ding wirklich an: es ist ein schmächtiger, schwarzer, traurig vom Bügel weinender Paletot. Jakopp zieht ihn an. Er zieht ihn an, und ich sehe zu, ich gucke einmal, ich gucke zweimal – »Jakopp«, sage ich schüchtern, »was wird das? Wo ist denn –« Jakopp antwortet gar nicht. Er hat an: Schwarze Hosen, Oberhemd, Kragen, schwarzen Schlips, jenen Zylinder und den Überzieher. Weiter nichts! Rock und Weste hängen im Schrank und wundern sich. »Ja«, sagt Jakopp. »Es ist eben zu heiß. Man sieht sie ja doch nicht! « Ich halte es für einen Spaß; nein: so wahr ich Gott im Himmel bin, Jakopp geht zur Tür, markiert Frühstück im Nebenzimmer und geht dann in dieser Verfassung broschiert zu Onkel Ulrich. Ich liege auf dem Sofa und lache mir einen Bruch. Als er wieder da ist, strahlt er bis zu seinem Zylinder, dem sich, offenbar beim Anblick der andern Zylinder, die Haare gesträubt haben. »Alle haben so geschwitzt«, sagt er. »Nur ich nicht.« Und kleidet sich aus und um und an. Jakopp darf sich, so seltsam das klingt, zu Beginn des nächsten Jahres verheiraten. Seine Braut ist aus Bayern – also den Anblick halb bekleideter Männer gewöhnt. Es erhebt sich nun für den unbefangenen Zuschauer die beklemmende Frage: Wenn Jakopp sein System, nicht zur Sache gehörige Kleidungsstücke einfach fortzulassen, konsequent durchdenkt –: was wird er dann bei seiner Hochzeit weglassen –? 1928 Pause auf dem Töpfchen Wenn einer und er kommt mit einem Freunde zusammen, den er lange nicht gesehen hat, und sie unterhalten sich so eifrig und recht beflissen, einander nun alles, aber auch alles mitzuteilen, was sich in der Zwischenzeit ereignet hat (es können auch weibliche Freundinnen sein), und wenn sie dann so mittendrin sind im Gerede, im Geruddel, im Geklatsch und im Gekakel, dann kann es wohl geschehn, daß der andre zum einen oder der eine zum andern sagt: »Wart mal – einen Moment!« und geht hinaus, wo die weißen Handtücher hängen und die Badelaken, und da hält er sich dann auf und überdenkt es sich. Der andre überdenkt es sich auch. Und wenn dann der gegangen Seiende wieder ins Zimmer tritt, dann hat sich bei beiden so viel Neues angesammelt, das ihnen unterdessen eingefallen ist, sie müssen es sich nun ganz schnell mitteilen, so daß sie übereinander herfallen wie die Gack-Gack-Enten, und sie müssen ganz schnell sprechen, beide zugleich, und sich überbieten, wer schöner kann und wer lauter – und es ist ein großes Einvernehmen, das da anhält, na, mindestens bis zum nächsten Morgen. Merk: Aufs Töpfchen gehn fördert die Freundschaft. Merk: es gibt nur eines, das die Freundschaft noch mehr fördert: Den Freund nie auf die Probe zu stellen, die Freundin nicht, niemand. Denn einer, der sein Leben lang einen Lederbeutel voller bunter Steine hütet, die er für Edelsteine hält, der ist reich. Auch, wenn es bunte Glasstückchen sind. Er darf nur den Beutel nicht aufmachen. Gott erhalte uns die Freundschaft. Man möchte beinah glauben, man sei nicht allein. 1930 Frauen von Freunden Frauen von Freunden zerstören die Freundschaft. Schüchtern erst besetzen sie einen Teil des Freundes, nisten sich in ihm ein, warten, beobachten, und nehmen scheinbar teil am Freundesbund. Dies Stück des Freundes hat uns nie gehört – wir merken nichts. Aber bald ändert sich das: Sie nehmen einen Hausflügel nach dem andern, dringen tiefer ein, haben bald den ganzen Freund. Der ist verändert; es ist, als schäme er sich seiner Freundschaft. So, wie er sich früher der Liebe vor uns geschämt hat, schämt er sich jetzt der Freundschaft vor ihr. Er gehört uns nicht mehr. Sie steht nicht zwischen uns – sie hat ihn weggezogen. Er ist nicht mehr unser Freund: er ist ihr Mann. Eine leise Verletzlichkeit bleibt übrig. Traurig blicken wir ihm nach. Die im Bett behält immer recht. 1925 Pfeifen anrauchen Das tut sich wohl des öftern begeben: Mal beginnt jeder sein ganzes Leben von neuem. Wirft hin, was er nur kann, und fängt alles wieder von vorne an, mit gänzlich neuer Melodie ... Die Franzosen nennens »refaire sa vie«. Refaire sa vie ... das ist gar nicht einfach. Refaire sa vie ... ist leider mein Fach. Dazu sind wir zu gebrauchen ... Refaire sa vie – ist wie Pfeifen anrauchen. Du glaubst erst gar nicht, daß es sich lohnt. Der Tabak schmeckt schwer und ungewohnt – es legt sich das Nikotin auf den Magen, du hast über Seelen- und Bauchweh zu klagen; das macht:       das Ding ist nicht abgenutzt, und die Pfeife ist viel zu wenig verschmutzt. Aber so eine zwei, drei Jahr – da schmeckt die Pfeife wunderbar. Ihr Hals ist dir so vertraut gebogen, das Holz ist voller Tabak gesogen bis zur letzten Faser. Und du kratzst nichts ab. Diese Pfeife nimmst du ins Grab ... Bis zur nächsten. Bis zur nächsten Ecke. Da krauchst du hervor aus deinem Verstecke, der Boden bekommt eine neue Schichtung, das Leben nimmt eine andere Richtung – Und du bist ein Kerl und ganzer Mann und steckst eine neue Pfeife an. Wenn du einmal am Ende stehst, wenn du die letzte Wende gehst, wenn du dann klug bist, blickst du zurück, auf das ganze geschlängelte Stück. So viel Pfeifen! Viel Änderungen! so oft hast du eine neue geschwungen! Und hat die Neue genützt?                                     Seife. Es war immer dieselbe Pfeife. 1927 Es gibt keinen Neuschnee Wenn du aufwärts gehst und dich hochaufatmend umsiehst, was du doch für ein Kerl bist, der solche Höhen erklimmen kann, du, ganz allein –: dann entdeckst du immer Spuren im Schnee. Es ist schon einer vor dir dagewesen. Glaube an Gott. Verzweifle an ihm. Verwirf alle Philosophie. Laß dir vom Arzt einen Magenkrebs ansagen und wisse: es sind nur noch vier Jahre, und dann ist es aus. Glaub an eine Frau. Verzweifle an ihr. Führe ein Leben mit zwei Frauen. Stürze dich in die Welt. Zieh dich von ihr zurück ... Und alle diese Lebensgefühle hat schon einer vor dir gehabt; so hat schon einer geglaubt, gezweifelt, gelacht, geweint und sich nachdenklich in der Nase gebohrt, genau so. Es ist immer schon einer dagewesen. Das ändert nichts, ich weiß. Du erlebst es ja zum erstenmal. Für dich ist es Neuschnee, der da liegt. Es ist aber keiner, und diese Entdeckung ist zuerst sehr schmerzlich. In Polen lebte einmal ein armer Jude, der hatte kein Geld, zu studieren, aber die Mathematik brannte ihm im Gehirn. Er las, was er bekommen konnte, die paar spärlichen Bücher, und er studierte und dachte, dachte für sich weiter. Und erfand eines Tages etwas, er entdeckte es, ein ganz neues System, und er fühlte: ich habe etwas gefunden. Und als er seine kleine Stadt verließ und in die Welt hinauskam, da sah er neue Bücher, und das, was er für sich entdeckt hatte, das gab es bereits: es war die Differentialrechnung. Und da starb er. Die Leute sagen: an der Schwindsucht. Aber er ist nicht an der Schwindsucht gestorben. Am merkwürdigsten ist das in der Einsamkeit. Daß die Leute im Getümmel ihre Standard-Erlebnisse haben, das willst du ja gern glauben. Aber wenn man so allein ist wie du, wenn man so meditiert, so den Tod einkalkuliert, sich so zurückzieht und so versucht, nach vorn zu sehen–: dann, sollte man meinen, wäre man auf Höhen, die noch keines Menschen Fuß je betreten hat. Und immer sind da Spuren, und immer ist einer dagewesen, und immer ist einer noch höher geklettert als du es je gekonnt hast, noch viel höher. Das darf dich nicht entmutigen. Klettere, steige, steige. Aber es gibt keine Spitze. Und es gibt keinen Neuschnee. 1931 Leere Manchmal, wenn das Telephon nicht ruft, wenn keiner etwas von dir will, nicht einmal du selber, wenn die Trompeter des Lebens pausieren und ihre Instrumente umkehren, damit die Spucke herausrinnt ... dann horchst du in dich. Und was ... dann ist da eine Leere – Dann ist da gar nichts. Die Geräusche schweigen; nun müßte doch das Eigentliche in dir tönen ... es tönt nicht. Horche, daß sich dir die Stirn zusammenzieht – vielleicht ist es gar nicht da, das Eigentliche? Vielleicht ist es gar nicht da. Überfüttert mit Geschäften, Besorgungen, mit dem Leben, wie? Und das Fazit? Leere – Der Herr sollten sich wieder mal verlieben! Der Herr sollten nicht so viel rauchen! Schlecht geschlafen, was? ... Die Witze rinnen an dir ab; das ist es alles gar nicht. Leer, leer wie ein alter Kessel – es schallt, wenn man dran bumbert ... Das wäre ja wohl der Moment, in den Schoß von Mütterchen Kirche zu krabbeln. Nein, diesem Seelenarzt trauen wir nicht mehr recht – wir wissen zu viel von ihm: wie er das macht, wie das funktioniert ... ein Arzt muß ein Geheimnis haben. Das da ist wohl nichts für uns. Aber die Indikation Gebet ist zutreffend. Was hast du? Lebensangst? Todesangst hast du. Auf einmal ist es aus, auf einmal wird es aus sein. »Ich werde mir doch sehr fehlen«, hat mal einer gesagt. Ja, Todesangst und dann das Gefühl: Wozu? Warum das alles? Für wen? Gewiß, im Augenblick, wenn du nichts zu fressen hast, dann wirst du schon herumlaufen und dir was zusammenklauben, aber so ein echter, rechter Lebensinhalt dürfte das wohl nicht sein. Du hast dir zu viel kaputt gedacht, mein Lieber. Du probierst den Altarwein, du berechnest die Ellen Tuch, die an der Fahnenstange flattern, du liest die Bücher von hinten und von vorn ... Gott segne deinen Verstand. Dann wirst du langsam älter; wenn das Gehirn nicht mehr so will, setzt eine laue Stimmung ein, die sich als Gefühl gibt. Du siehst den kleinen Tierchen nach, wie sie im Sande krauchen. Gottes Wunder! du blickst auf deine eignen Finger, jeder eine kleine Welt, ein Wunder an Gestaltung auch sie, es lebt – und du weißt gar nicht, was das ist... Und dann noch einmal: Aufstand, große Aufrappelung, heraus da, vergessen! Vergessen und zu Ingeborg kriechen wie ein Söhnlein zurück in der Mutter Leib; noch einmal: »Hallo, alter Junge! Na, auch da? – Heute abend? aber gewiß! Wohin? Zu den Mädchen – hurra!« Noch einmal: so ein dickes Buch und die halbe Bibliothek verschlungen, versaufen in Büchern ... noch einmal die ganze Litanei von vorn. Nur mit diesem unterkietigen Gefühl als Grundbaß: Vergebens, vergebens, vergebens. »Jede Zeit«, lautet der flachste aller Gemeinplätze, »ist eine Übergangszeit.« Ja. Daß doch einer aufstände und an die Laterne brüllte: daß er nicht mehr mitmachen will – und daß es ein Plunder ist, ein herrlicher, und daß es anders werden soll – und daß nicht die Dinge regieren sollen, sondern der Mensch ... ach, du grundgütiger Himmel. Da – hier haben Sie einen philosophischen Sechser: Jedes Leben ist ein Übergang – von der Geburt an bis zum Tode. Machen Sie sich dann einen vergnügten Lebensabend ... Wieviel tun wir, um diese Leere auszufüllen! Wer sie ausfüllt und noch ein Meterchen drüber hinausragt, der ist ein großer Mann. Wo einer seinen Kopf hat, hoch oben in den Wolken –: das besagt nicht viel. Aber wo er mit den Füßen steht, ob auf der flachen Erde oder tief unten ... das zeigt ihn ganz. Und wer dann noch lachen kann, der kann lachen. »Sie werden doch nicht leugnen, daß die Entwicklung der modernen Industrien ...« Die Trompeter blasen. Ja doch, ich komme schon. 1930 Gefühle Kennen Sie das Gefühl: »déjà vu« –? Sie gehen zum Beispiel morgens früh, auf der Reise, in einem fremden Ort von der kleinen Hotelterrasse fort, wo die andern alle noch Zeitungen lesen. Sie sind niemals in dem Dorf gewesen. Da gackert ein Huhn, da steht eine Leiter, und Sie fragen – denn Sie wissen nicht weiter – eine Bauersfrau mit riesiger Schute... Und plötzlich ist Ihnen so zumute – wie Erinnerung, die leise entschwebt –:       Das habe ich alles schon mal erlebt. Kennen Sie das Hotelgefühl –? Sie sitzen zu Hause. Das Zimmer ist kühl. Der Tee ist warm. Die Reihen der Bücher schimmern matt. Das sind Ihre Leinentücher, Ihre Tassen, Ihre Kronen – Sie wissen genau, daß Sie hier wohnen. Da sind Ihre Kinder, Ihre Alte, die gute – Und plötzlich ist Ihnen so fremd zumute:       Das gehört ja alles gar nicht mir...       Ich bin nur vorübergehend hier. Kennen Sie... das ist schwer zu sagen. Nicht das Hungergefühl. Nicht den leeren Magen. Sie haben ja eben erst Frühstück gegessen. Sie dürfen arbeiten, für die Interessen des andern, um sich Brot zu kaufen und wieder ins Bureau zu laufen. Hunger nicht.       Aber ein tiefes Hungern nach allem, was schön ist: nicht immer so lungern – auch einmal ausschlafen – reisen können – sich auch einmal Überflüssiges gönnen. Nicht immer nur Tag-für-Tag-Arbeiter, ein bißchen mehr, ein bißchen weiter ... Sein Auskommen haben, jahraus, jahrein ...? Es ist alles eine Nummer zu klein. Hunger nach Farben, nach der Welt, die so weit – Kurz: das Gefühl der Popligkeit. Eine alte, ewig böse Geschichte. Aber darüber macht man keine Gedichte. 1925 Zeugung Die biochemischen Vorgänge sind bekannt. Äußerlich sah es so aus, daß das nackte, gardinenlose Fenster erst hellgrau, dann graublau schien, schließlich wurde der Himmel weißlich. Die Frau wachte zuerst auf – in einem schmutzigen Hemd, mit zerzausten, ins Gesicht hängenden Haaren blickte sie trübe umher. Das Rumpeldurcheinander des Zimmers sah sie an. Durch die verklebten, zusammengekniffenen Augen erblickte sie: den Herd mit Töpfen und Papier, auf dem Tisch die leeren zwei Flaschen und eine halbvolle, ihren Unterrock auf einem Stuhl, seine Sachen über eine Stuhllehne geworfen, Stiefel, Körbe, Brocken, unabgewaschenes Geschirr, Zeitungsbogen, einen Hammer. Je weniger die Leute besitzen, desto voller sind ihre Stuben. Diese hatten nur eine: Küche, Eß- und Schlafzimmer zugleich. Darin hatten sie gestern das Kind gezeugt. Daß es ein Sohn werden würde, wußte die Frau noch nicht. Sie sah auf den Mann; der schlief mit halboffnem Mund, schlecht rasiert, schwitzig um die Nase herum. Der Blick weckte ihn. »Koch Kaffee!" sagte er halblaut. Sie wollte zärtlich sein, in der Fortsetzung. Er küßte sie und schob sie, nicht unfreundlich, fort. Sie stand auf. Er sah sie vom Bett aus hantieren und mit den Töpfen klappern, der Vater. Das Zimmer sah aus wie eine Tatbestandsaufnahme, wie die Photographie einer Mordstube. Der Mann richtete sich hoch und langte sich das Wollunterzeug herüber. Dann schlurrte er in Pantoffeln auf den Gang, auf den Abtritt. Die künftige Mutter legte Brotkanten, ein Messer auf eine Tischecke, setzte zwei Kaffeetöpfe daneben. Er kehrte zurück, und sie aßen. Sie sprachen nicht. Es war nichts zu sagen. Er sah kauend aus dem Fenster. Da lag die Stadt. Er sah über die Dachschornsteine, ohne sie zu sehen. Weil der Mensch nur hinter sich sehen kann und nicht vor sich, sah er nichts. Zwei Höfe weiter stand ein Pferd, ein junges Tier, das würde ihm in zwei Jahren einen Tritt gegen den Unterleib versetzen, an dem er lange Monate krank liegen würde, arbeitslos und krank. Um die Ecke saß ein Schreiber in einem Bureau, der spitzte seinen Bleistift – mit ihm würde die Frau weglaufen, einem jungen, käsig-bleichen Burschen, finnig. Hinten, weit am Horizont, wohnte der Arzt, der auch nichts für ihn tun konnte – und weiter, im Westen sein Fabrikant, der ihn dann entließ. Vorläufig kaute er noch stumpf vor sich hin. Das, was in der Mutter war, wurde ein Sohn, die weiße Flocke. Er verreckte bei Verdun, an demselben Tage, an dem der General Falkenhayn den Orden Pour le Mérite bekam. Die Herren Eltern erhoben sich. 1927 Diese Häuser Diese Häuser werden länger leben als du. Du hast geglaubt, für dich seien sie gebaut. Aber sie waren vorher da. Du hast geglaubt: du wirst sie überleben. Sie werden aber noch nach dir da sein. Diese Häuser werden länger leben als du. Wenn du durch die Stadt trollst mit einem Papierpacken, den du gekauft hast, du Tropf – weil das dein Leben ist: acht Stunden herumzupetern, um eine zu genießen, und die verregnet ... wenn du durch die Stadt trottest, dann sehn sie dich an, die Herren Häuser, und grinsen mit breiten Türmäulern. Sie werden länger leben als du. Wenn du von jener Dame kommst, bei der du arbeiten läßt, (oder sie bei dir – so genau ist das nicht zu unterscheiden), dann stehn diese Dinger herum, die Häuser; unzählige Male hast du deine Liebe an sie geklebt, sie geben sie schwach wieder. Sie sind kalt. Da stehn die Häuser, und lassen in sich hausen, und stehn wie die Mauern – natürlich wie die Mauern – und werden länger leben als du. Wenn du zum Arzt gehst, ob ... ob nicht ... vielleicht ... die Angst im Wartezimmer, bevor du herankommst! Nie wieder! schwörst du dir leise – es ist dein dreiundachtzigster Schwur in dieser Beziehung... wenn du zum Arzt läufst, für nichts empfänglich, mit einer einzigen fixen Idee im Kopf: dann häusern sie da um dich herum und – da kannst du machen, was du willst – sie werden länger leben als du. Und noch, wenn sie dich zu Grabe blasen, nein, heute blasen sie ja nicht mehr ... wenn sie dich in einem schwarz angestrichenen Wagen nach draußen fahren, im Auto, natürlich! weil du es doch so eilig hast! Denke: du könntest etwas versäumen! Wenn sie dich einpflanzen oder verbrennen, so du 4 Mark 85 Mitgliedsbeitrag gezahlt hast und ein Königlich Preußischer Freidenker bist – wenn sie dich dahin expedieren, wohin du, Sache Gewordener, dann gehörst, weil du nun den andern tragisch-lästig fällst –: dann stehn da die Häuser, die deine Dummheiten seit deiner Geburt mit angesehen haben, und sind länger Häuser, als du Mensch gewesen bist, und werden länger leben                                 als du. 1930 Alle Welt sucht An Walt Whitman Von oben gesehen, sieht das ungefähr so aus:     Alle gehen um einander herum und suchen. Fressen. Der Bär tappt nachts durch den Wald und brummt, weil er hungrig ist – er sucht ein Bienenloch oder etwas Andres zur Aufplusterung seiner Speckhülle; der Arbeitslose wickelt mit frostzitternden Händen ein zerfetztes Zeitungspapier auseinander – vielleicht ist ein angebissenes Brot darin? der Japaner rülpst höflich und nimmt noch ein hochwohlgeborenes Schüsselchen Reis – mit den Augen sucht er das minder schöne, weil er wohlerzogen ist; der Säugling stößt ungeduldig an der Mutter Brust. Liebe. Der Bankprokurist schwätzt schon zwei Stunden über Picasso und überhaupt die moderne Kunst – dabei zieht er sie mit den Augen aus; Feldwebel greifen dem Bauernmädchen unter die Röcke; ein Herr fragt zwinkernd den Hotelportier, wo man denn hier mal repunsieren könne; ein Weicher sucht einen Weichen; die harrende Lehrerin bestellt ihren inzwischen erwachsenen Schüler auf Dienstag abend; die Tänzerin wirft während des Tanzes merkwürdige Blicke in die Loge, wo die Frau des Warenhausbesitzers geschmückt strahlt; Hans sucht Grete; Mätzchen, der Kanarienvogel, hüpft aufgeregt auf der Stange hin und her und schlägt mit den kleinen Flügeln, er muß mal. Geld. Millionen strömen morgens aus den grauen, rußigen Vorortbahnhöfen in die Stadt, ihre Schritte schlurren, eine Wolke von Menschendunst liegt auf ihnen; Freunde verraten ihre Freunde, während sie suchen; der Rentier entfaltet die Gewinnliste; der Bettler sucht Einen, der ihm glaubt, daß er blind ist; Spieler suchen, halbirr, einen Pump unterzubringen; der Bankier sucht fremdes Geld. Alle suchen. Das vom Sessel herunterrutschende Geldstück und das abstürzende Flugzeug suchen die Erde – geliebte Schwerkraft! ein Mann sucht seinen Hund und der ihn; meine Mama sucht ihren Schlüsselkorb; Familien suchen eine Wohnung; ein Verzweifelter sucht einen Grund, weshalb er auf der Welt ist. Von oben gesehen, sieht das ungefähr so aus: Niemand hat das, was er eigentlich braucht. Alle Welt sucht. 1925 Vorgang beim Treppensteigen Ich habe Friedrich zu mir geladen, auf den Montag. Ich wohne vier Treppen hoch – das weiß er aber nicht. Er setzt sich an der Place du Panthéon in sein erschriebenes Auto und fährt gemächlich zu mir – es ist nicht nah und auch nicht weit. Unten, vor dem Haus, steigt er ab, nennt vor dem Portier in fließendem Französisch meinen Namen und beginnt zu klettern. Er hat genau gehört, wo ich wohne – er hats aber nicht bedacht. Die erste Treppe steigt er hinauf, ganz beschäftigt damit, Stufen zu steigen, in jener seltsamen Geistesabwesenheit, die einen auf allen Treppen der Welt befällt, wenn man allein hinaufsteigen muß. Auf der zweiten ist es grade noch so. Hier macht er eine unmerkliche Atempause, genau so lang, um zu lesen, daß er erst auf der 1. Etage ist, Zwischenstock wird nicht mitgezählt, mogeln gilt nicht, alle Hauswirte mogeln. Auf der dritten Treppe schicken die Beine eine kleine Karte ins Gehirn: was das wäre. Ob sie hier immer noch so weiterklettern sollten! – sie wären nunmehr müde. Na ja, sagt das Gehirn, gleich. Hier hebt sich Friedrichn die Brust, und nun steht er auf dem dritten Treppenabsatz, liest: »2ème Escalier« – da wird er nachdenklich. Auf der vierten Treppe gehen wilde Sachen in dem Besucher vor. Blitzschnell dieses: »Donnerwetter, ist das hoch! Ich werde zu dick, mich strengt das zu sehr an –«, und sofort, automatisch, kehrt sich diese winzige Ohnmacht gegen den Verursacher der Ohnmacht, er ist schuld, nur er! Dolchstößer! und nun, sehr allgemein: »Wie kommt es, daß dieser Kaspar eigentlich so hoch wohnt? Hat er kein Geld? Liebt er das? Was soll das?« Und dann, weit ausholend: »Was ist das überhaupt für ein Mensch, der Hauser?« Sprunghaft arbeitet das Gehirn, ameisenhaft krabbeln sehr schwarze Gedanken darin umher, und grade, grade schlängelt sich wie ein länglicher Wurm eine aalige Bosheit in die Cerebralgänge, etwa: »Verlohnt denn der Herr eigentlich die vier Trep –« da hat er die letzte Stufe erklommen, ist oben, atmet tief auf und klingelt. Welch fröhliches Gelärm höre ich an der Tür! 's ist mein lieber Gast, der Friedrich! Er hat sein liebenswürdigstes Gesicht angelegt. »Guten Tag, gnädige Frau! Guten Tag, mein lieber Hauser! Na, wie gehts d – –« Du Hund. Häuser Mittleres Haus in der Köpenicker Straße, in der Avenue des Ternes, am Harvestehuderweg – du bist vollgelebt. Hinter deinen Tapeten hat sich Angelebtes versammelt, nachts knistert es, tagsüber dünsten dort hundert Leben aus, mittleres Haus. Kotdurchrieselt stehst du, von Drähten durchzuckt, ein lebendiger Leib; oben fassen die Gabeln deiner Antennen in die Luft und       ziehen die Musik heran, die Helferin der Gemeinheit; mit Recht spannen sich die Radiotrapeze, auf denen die              Ätherwellen turnen, auf dem Dach aus, neben den Hypotheken – denn wer könnte Hypotheken handeln, ohne die abendliche Hilfe Beethovens! Du bist nicht wie jene Hausgreise, in denen das Mauerleben längst abgestorben ist; tot ruht der Kalk, die Wanzen weinen und beißen, angefüllt mit Verzweiflung der Isoliertheit; nichts mehr sagt die Treppe, schweigsam ist die Tür wie ein gefalteter Greisenmund. So alte Leute sagen nichts mehr – sie haben zu viel gesehn. Du bist ein mittleres Haus. Du bist nicht wie die Neubauten, die Gefäße des Unglücks, in deren weißgetünchte Schubschachteln der Mensch hineinfällt, hier seine Scheidung, seine neugebornen Kinder, seine Malheurbriefe zu erwarten; kindisch gluckert die Badewanne, das junge Ding, albern blitzen die Klinken, und tapsig stuckert der eben konfirmierte Fahrstuhl in die Höhe und macht sich mausig – wie mühsam ist es, ein so funkelnagelneues Behältnis vollzuwohnen! So junge Leute sagen nicht viel – sie haben noch zu wenig gesehn. In ihnen vergeben die Mieter ihre Kraft – seelische Trockenwohner. Du bist ein mittleres Haus. Du hast schon viel in dir gehabt, Mutter der Möbel, aber noch nicht genug. Empfang, schlürf ein, spei aus: Jeder Umzug eine kleine Geburt. Du bist grade dabei, zu leben. Deine Rohre rauschen, es kocht in den Ausgüssen, es brodelt im Badeofen. Durch deine Steine sickert Weinen, deine Ziegel schwitzen Elend aus und gerinnendes Stöhnen der Komödien der Nacht. Kalkiger Querschnitt! Durchbrüllt vom Lärm der Wirtschaften, vom sinnlosen Klingeln und vom Quäken näselnder Phonographen! Mancher wohnt oben in dir, mittleres Haus. Und abends, wenn der Film der Geschäftigkeiten ruht, steckt ein Hund seinen Kopf zum Fenster heraus, ernsthaft wie Gottvater die Straßenwürmer betrachtend, seine Pfote hat er aufs Fensterbrett gestellt – das ist für ihn eine zweite Erde. Mittleres Haus. 1927 Brot mit Tränen Manchmal, wenn etwas Fürchterliches passiert ist, muß man nachher essen. Das ist eine seltsame Art zu essen ... Ekel vor dem Alltag, Scham, ihm unterworfen zu sein, sind überwunden – denn erst hat der Gedanke so weh getan, nun, nach solchem Geschehnis, etwas zu essen. Dann erfüllt das Gefäß des Schmerzes eine Formalität. Es ist gar kein Essen. Ja, es wird wohl dem Körper eine Nahrungszufuhr vermittelt, das ist wahr, und es rutscht auch hinunter. Aber die Augen brennen noch verschleiert von Tränen, salzig fällt es auf die Butterbrote, vom Pathetischen zum Trivialen ist es nur eine Nasenspitze weit. Die Backen kauen, die Kehle schluckt, die Hand umklammert irgend etwas Brotiges. Aber es schmeckt nach nichts, es ist eine unnütze Geste, dieses Essen. Es widert einen an, das da. Einmal, da starb einer Verwandten der Mann. Das war um sieben. Als er tot war, saßen nachher alle bei Tisch, gezwungenermaßen, wie nach einer geschlagenen Schlacht, nach einer Niederlage. Es war aus. Niemand sprach. Dann aber sprach jemand, und ich werde nie die Stimme der Frau vergessen, die da zu ihrer Schwester sagte, schluchzte, naß stöhnte: »Wo hast du die Eier her –?« Und die andere, tonlos, leergeweint, am Ende: »Von Prustermann. Sind sie nicht gut –?« Seht, so holt sich das Leben seine Leute wieder, die ins Land der Trauer auf Urlaub gehen. Gesicht Für George Grosz, der uns diese sehen lehrte Ein ziemlich gedrungener Kopf, keine allzu hohe Stirn, kühle kleine Augen, eine Nase, die gern in Gläser sich senkt, ein Mund, der kalt befiehlt, und eine unangenehme Zahnbürste, die den Schnurrbart macht: so sieht dieses Gesicht aus. Ein gutfundierter schwarzer Rock, eine mäßig geschlungene Krawatte mit einer Art Perle darin, ein immer sauberer Kragen – das ist auch noch zu sehen. Das Haar ist an den Ohren kurz geschnitten; der ganze Mann ist reinlich, putzt sich morgens die Fingernägel, rasiert sich oder läßt sich rasieren. Schon als junger Mensch drängelte er sich, nicht allzu interessiert, durch die Türen der Kollegsäle; seine Mama sagte: »Hubert, wann kommst du heute nach Hause?« und er gab nicht allzu freundlich Auskunft. Büffelte. Bestand Examina. Wurde aufgerufen: »Hubert Soundso ...« Und dann erhob er sich, ein bißchen unterwürfig, ein bißchen angstvoll, nicht sehr aufgeregt, kalt eigentlich. Trat in den Staatsdienst, rückte rasch auf. Lange Vormittage mit schwierigen Aktenarbeiten, mit leeren Pausen, wo das Frühstück aus der Aktentasche genommen wurde – darin lag auch ein Brief, der ärgerlich war, und einer, der für den Abend eine kleine außerdienstliche Freude verhieß. Im übrigen: kalt bis ans Herz hinan. Ab und zu mal ein Buch gelesen, das nicht zur Sache gehörte, einmal Spengler versucht, dolles Zeugs –, mit der Briefschreiberin zu Hardts »Tantris« gegangen. Sehr poetisch. In der Pause: »Möglicherweise werde ich in diesen Tagen in die andere Abteilung versetzt. Na, Gott sei Dank...« Im Kriege Kompanieführer. Unerbittlich, kalt. Kalt zu den Kanzleidienern, die sich nicht wehren konnten, kalt zu den jungen Assessoren – »Habe das auch mal durchmachen müssen!« –, kalt zur Welt, kalt zu Gott. Verheiratet. Hat zwei Kinder. Liebt sie auf seine Weise. Lacht gern mal, abends, über einen dicken Witz, weiß noch drei Wirtinnenverse, die andern leider vergessen. Ist felsenfest von der Richtigkeit des Staatsgefüges, der Rechtsprechung, der Kirche und der allgemeinen sittlichen Grundlagen überzeugt. Hat auch weiter nicht darüber nachgedacht. Sieht gar nicht schlecht aus, wenn er am Schreibtisch sitzt und sich, beim Ordnen der vielen Aktenstücke, einmal kurz räuspert... Ist doch wer. Fühlt sich in völliger Harmonie mit Land, Majorität und Volksgemeinschaft. Liebt den preußischen Adel nicht übermäßig –: ist ihm unangenehm. Ist aber tadellos korrekt und höflich, nach oben durchaus kleiner Bürgerlicher. Nach unten: selber Adel. Repräsentiert. Macht Karriere. Wird wohl nächstens irgend ein großes Tier werden, Gesandter, Ministerialdirektor, Staatssekretär, was weiß ich. Deutschland? Deutschland. 1924 Augen in der Groß-Stadt Wenn du zur Arbeit gehst am frühen Morgen, wenn du am Bahnhof stehst mit deinen Sorgen:       da zeigt die Stadt       dir asphaltglatt       im Menschentrichter       Millionen Gesichter: Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick, die Braue, Pupillen, die Lider – Was war das? vielleicht dein Lebensglück ... vorbei, verweht, nie wieder. Du gehst dein Leben lang auf tausend Straßen; du siehst auf deinem Gang, die dich vergaßen.       Ein Auge winkt,       die Seele klingt,       du hasts gefunden,       nur für Sekunden ... Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick, die Brauen, Pupillen, die Lider; Was war das? kein Mensch dreht die Zeit zurück. vorbei, verweht, nie wieder. Du mußt auf deinem Gang durch Städte wandern; siehst einen Pulsschlag lang den fremden Andern.       Es kann ein Feind sein,       es kann ein Freund sein,       es kann im Kampfe dein       Genosse sein.       Es sieht hinüber       und zieht vorüber... Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick, die Braue, Pupillen, die Lider. Was war das?       Von der großen Menschheit ein Stück!       Vorbei, verweht, nie wieder. 1930 Die Wanzen Die Wanzen saßen oben an der Tapetenborte und ärgerten sich, daß es Tag war, ein strahlender, heller Tag. Der konnte noch lange dauern, und so berieten sie inzwischen, bis die liebe, dunkle, graue Nacht herankam, was sie nachts zu tun gedachten. Ab und zu kroch eine an den Rand der Borte, hinter der sie saßen, und sah auf das weiße Bett herunter, das da unten stand. Sie wußten, daß ein dickes, also liebes Mädchen in diesem Bette nächtigte. Von ihr sprachen sie jetzt. »Ich«, sagte die älteste Wanze, »krieche ihr auf dem Kopf herum und sauge ihr das Blut aus den Schläfen. Hinter den Schläfen sitzt der Verstand, und ich bin eine gebildete Wanze. Ich glaube, ich werde mit jedem Tage klüger. Das machen die klugen Gedanken der Menschin da unten. Ich bin eine politische Wanze.« »Ich«, sagte die zweite Wanze, »halte mich mehr an die fleischigen Partien. Das macht mich fett, ich bin die fetteste von euch allen. Handel und Wandel müssen sein – ich sauge ihr das Blut aus den Adern, sie hat ja genug. Ich bin eine ökonomische Wanze.« »Ich«, sagte die dritte Wanze, »laufe hierhin und dorthin, wenn ich da unten bin. Ich brauche nicht viel zum Fressen, ich fühle mich wohl, wenn ich da herumkriechen kann, und ich sehe alles und kümmere mich um alles. Ihr schlagt euch die Leiber dick, ich aber bin über alles orientiert, was an diesem Mädchen vor sich geht. Ich bin eine lokale Wanze.« »Ich«, sagte die vierte Wanze, »fresse überhaupt nichts. Ich genieße nur den Anblick der gelösten Mädchenglieder, wie sie so im Schlaf daliegen und herrlich für meine Künstleraugen anzuschauen sind. Ich bin eine ästhetische Wanze.« »Und wohin kriechst du?« wurde die letzte der Wanzen gefragt. »Ich ...« sagte die kleine Wanze ... »Pfui!« machten die andern Wanzen. Und so saßen sie und unterhielten sich und rührten die Fühler und bewegten die platten Leiber. Und da sprach die älteste unter ihnen: »Kinder!« sagte sie, »der Tag ist noch so lang, und wir haben nichts zu tun, aber wir haben jede unser Programm. Gründen wir doch eine Zeitung!« Und also geschah es, und wenn Wanzen so vom Schriftsteller mißbraucht werden, nennt man das eine Allegorie. 1919 Traum Die braunen kleinen Adler saßen lebendig, aber die Füße zusammengeschnürt, auf halbhohen Klötzen und blickten still, wie ausgestopft, vor sich hin. Hinter jedem saß das Ding. Es war ausgemacht, daß das Ding das Gehirn der Adler ausfraß, während sie noch lebten – das sah man aber nicht, ich wußte das nur. Auch hatte in den Büchern gestanden, daß die Augen ausgepickt würden. Der Traumverstand seinerseits hielt dafür, daß die Adler es waren, die fraßen und pickten. Jedenfalls blieb während des Fressens dies von den Tieren übrig: Eine schwankende und zuckende fleisch-helle Banane, eine konische Form, in die das noch bestehende Leben hineingepreßt war – es lebte noch, aber selbst, wenn man jetzt dazwischenträte und das noch retten wollte, wäre nie wieder ein Tier daraus herzustellen gewesen. Das war vorbei. Aber es lebte. Es litt, blutete unsichtbar und lebte. Und es war so entsetzlich nah, und der wehrlose Zuschauer sah, wie es litt, und wie es zuckte – und daß das tierische Opfer noch, während es gefressen wird, eine Verbindung mit dem Fresser eingeht, es tut mit, es spielt das Spiel mit, auf dem Blutgrund ist noch so etwas wie Liebe. So schwankten die fleisch-hellen Stangen, so standen sie, so sahen sie dich blind an. Noch vor einer halben Stunde waren wir unversehrt, Tiere wie wir alle – jetzt sind wir das. Es ist unwiderruflich, was da mit uns geschehen ist. Zurück geht es nicht mehr. Die nächste Ration Adler saß schon auf ihren Klötzen, sah starr gradeaus und war in fünf Minuten dran. 1926 Die fünfte Jahreszeit Die schönste Zeit im Jahr, im Leben, im Jahr? Lassen Sie mich nachfühlen. Frühling? Dieser lange, etwas bleichsüchtige Lümmel, mit einem Papierblütenkranz auf dem Kopf, da stakt er über die begrünten Hügel, einen gelben Stecken hat er in der Hand, präraffaelitisch und wie aus der Fürsorge entlaufen; alles ist hellblau und laut, die Spatzen fiepen und sielen sich in blauen Lachen, die Knospen knospen mit einem kleinen Knall, grüne Blättchen stecken fürwitzig ihre Köpfchen ... ä, pfui Deibel!... die Erde sieht aus wie unrasiert, der Regen regnet jeglichen Tag und tut sich noch was darauf zugute: ich bin so nötig für das Wachstum, regnet er. Der Frühling –? Sommer? Wie eine trächtige Kuh liegt das Land, die Felder haben zu tun, die Engerlinge auch, die Stare auch; die Vogelscheuchen scheuchen, daß die ältesten Vögel nicht aus dem Lachen herauskommen, die Ochsen schwitzen, die Dampfpflüge machen Muh, eine ungeheure Tätigkeit hat rings sich aufgetan; nachts, wenn die Nebel steigen, wirtschaftet es noch im Bauch der Erde, das ganze Land dampft vor Arbeit, es wächst, begattet sich, jungt, Säfte steigen auf und ab, die Stuten brüten, Kühe sitzen auf ihren Eiern, die Enten bringen lebendige Junge zur Welt: kleine pipsende Wolleballen, der Hahn – der Hahn, das Aas, ist so recht das Symbol des Sommers! er preist seinen Tritt an, das göttliche Elixier, er ist das Zeichen der Fruchtbarkeit, hast du das gesehn? und macht demgemäß einen mordsmäßigen Krach ... der Sommer –? Herbst? Mürrisch zieht sich die Haut der Erde zusammen, dünne Schleier legt sich die Fröstelnde über, Regenschauer fegt über die Felder und peitscht die entfleischten Baumstümpfe, die ihre hölzernen Schwurfinger zum Offenbarungseid in die Luft strecken: Hier ist nichts mehr zu holen ... So sieht es auch aus... Nichts zu holen ... und der Wind verklagt die Erde, und klagend heult er um die Ecken, in enge Nasengänge wühlt er sich ein, Huuh macht er in den Stirnhöhlen, denn der Wind bekommt Prozente von den Nasendoktoren ... hochauf spritzt brauner Straßenmodder... die Sonne ist zur Kur in Abbazia ... der Herbst –? Und Winter? Es wird eine Art Schnee geliefert, der sich, wenn er die Erde nur von weitem sieht, sofort in Schmutz auflöst; wenn es kalt ist, ist es nicht richtig kalt sondern naßkalt, also naß... Tritt man auf Eis, macht das Eis Knack und bekommt rissige Sprünge, so eine Qualität ist das! Manchmal ist Glatteis, dann sitzt der liebe Gott, der gute, alte Mann, in den Wattewolken und freut sich, daß die Leute der Länge lang hinschlagen ... also, wenn sie denn werden kindisch ... kalt ist der Ostwind, kalt die Sonnenstrahlen, am kältesten die Zentralheizung – der Winter –? »Kurz und knapp, Herr Hauser! Hier sind unsere vier Jahreszeiten. Bitte: Welche –?« Keine. Die fünfte. »Es gibt keine fünfte.« Es gibt eine fünfte. – Hör zu: Wenn der Sommer vorbei ist und die Ernte in die Scheuern gebracht ist, wenn sich die Natur niederlegt, wie ein ganz altes Pferd, das sich im Stall hinlegt, so müde ist es – wenn der späte Nachsommer im Verklingen ist und der frühe Herbst noch nicht angefangen hat –: dann ist die fünfte Jahreszeit. Nun ruht es. Die Natur hält den Atem an; an andern Tagen atmet sie unmerklich aus leise wogender Brust. Nun ist alles vorüber: geboren ist, gereift ist, gewachsen ist, gelaicht ist, geerntet ist – nun ist es vorüber. Nun sind da noch die Blätter und die Gräser und die Sträucher, aber im Augenblick dient das zu gar nichts; wenn überhaupt in der Natur ein Zweck verborgen ist: im Augenblick steht das Räderwerk still. Es ruht. Mücken spielen im schwarz-goldenen Licht, im Licht sind wirklich schwarze Töne, tiefes Altgold liegt unter den Buchen, Pflaumenblau auf den Höhen ... kein Blatt bewegt sich, es ist ganz still. Blank sind die Farben, der See liegt wie gemalt, es ist ganz still. Boot, das flußab gleitet, Aufgespartes wird dahingegeben – es ruht. So vier, so acht Tage – Und dann geht etwas vor. Eines Morgens riechst du den Herbst. Es ist noch nicht kalt; es ist nicht windig; es hat sich eigentlich gar nichts geändert – und doch alles. Es geht wie ein Knack durch die Luft – es ist etwas geschehen: so lange hat sich der Kubus noch gehalten, er hat geschwankt..., na ... na..., und nun ist er auf die andere Seite gefallen. Noch ist alles wie gestern: die Blätter, die Bäume, die Sträucher... aber nun ist alles anders. Das Licht ist hell, Spinnenfäden schwimmen durch die Luft, alles hat sich einen Ruck gegeben, dahin der Zauber, der Bann ist gebrochen – nun geht es in einen klaren Herbst. Wie viele hast du? Dies ist einer davon. Das Wunder hat vielleicht vier Tage gedauert oder fünf, und du hast gewünscht, es solle nie, nie aufhören. Es ist die Zeit, in der ältere Herren sehr sentimental werden – es ist nicht der Johannistrieb, es ist etwas andres. Es ist: optimistische Todesahnung, eine fröhliche Erkenntnis des Endes. Spätsommer, Frühherbst und das, was zwischen ihnen beiden liegt. Eine ganz kurze Spanne Zeit im Jahre. Es ist die fünfte und schönste Jahreszeit. 1929 Regenschwere Pause Bezogen ist der Himmel, und ich nähere mich dem Hühnerzaun, der das Geviert abschließt, wo sie wohnen. Es ist ganz still in der Luft, die schwarzen Balken der Häuser stehen so naß da, noch regnet es nicht. Es blinkt von alten Pfützen. Die Hühner stehen regungslos und sehen mich an. Keines pickt. Da ist der Hahn, der, wie Jules Renard entdeckt hat, uns immer so ansieht, als sei er im Begriff zu sagen: »Ja, wollen Sie nicht grüßen –?« Sein rundes, kleines Auge rollt wie ein Flammenkreis; wenn man lange hineinguckt, kann man vielleicht Buchstaben lesen: Nur Perma-Puder ! Eine Pfote hat er angehoben, und nun wartet er, um zu erfahren, worauf er wartet. Die Hennen wenden kaum die Köpfe; sie warten alle mit ihm. Die Küken stehen; die halbjungen Hennen, die gerade anfangen, es zu sein, stehen. Der ganze Hühnerhof sieht mich an. Futter wartet in den Näpfen, Wasser in der Tonröhre, die Steine am Wege, und wir sehen uns alle an, untertan einem gemeinschaftlichen Bann, Teilhaber einer akuten Verzauberung, regungslos. Die Hühner sehen jetzt aus, als seien sie aus Seife, manchmal wedelt ein Kamm und fällt lasch nach der einen Seite herunter, da schämt er sich und hängt nun auch still, ganz still ... Ein Tropfen fällt vom Dach und versickert im Maisfutter, kein Huhn beachtet es, wir stehn und warten ... Da sprüht es plötzlich von oben herunter, dann rauscht der Regen schnell, in dichten Schnüren. Wir gehen alle in unsre Häuser, erlöst, wir dürfen wieder gehen, jetzt haben wir gar nichts mehr miteinander zu schaffen. Als wir uns von neuem sehen, scheint die Sonne – es ist heiterster Tag. Niemand spricht mehr von der Pause, in der wir uns so nahe gewesen sind. Wir sagen wieder Sie zueinander. Im Käfig Hinter den dicken Stäben meiner Ideale lauf ich von einer Wand zur andern Wand. Da draußen gehen Kindermädchen, Generale, Frau Lederhändlerswitwe mit dem Herrn Amant ... Manchmal sieht einer her. Mit leeren Blicken: Ah so! ein Tiger – ja, das arme Tier ... Dann sprechen sie von »Tantchen auch was schicken in Pergamentpapier«. Ich möcht so gern hinaus. Ich streck und dehn mich – Die habens gut, mit ihrer großen Zeit! Sie sind gewiß nicht rein, und doch: ich sehn mich nach der Gemeinsamkeit. Der Tiger gähnt. Er käm so gern geloffen ... Doch seines Käfigs Stäbe halten dicht. Und ließ der Wärter selbst die Türe offen: Man geht ja nicht. Kirchhofsmauer Die Engländer wollen etwas zum Lesen, die Franzosen etwas zum Schmecken, die Deutschen etwas zum Nachdenken Alte Weltbühnen Manchmal, nachts, blättere ich in alten Weltbühnen. Ich habe so ziemlich alle: einzeln, in roten Heften, deren Farbnuance des Umschlags schwankt, und ernst gebunden, in dicken roten Leinenüberzügen. Und ich blättere... Zuerst suche ich mir alle Polgars zusammen. Fast von Anfang an ist er da – und ich schmunzle im Geist noch einmal alle Wiener Theaterpremieren durch, die er mit seiner bitterheitern Gegenwart beehrt hat. Und ich lese seine himmlische Literaturgeschichte: »Wie der Goethe entstand«, die noch lustiger ist als das entzückende kleine Spiel der beiden Dioskuren Polgar und Friedell. Und ich lese seine heiterste und bunteste Skizze »Scharlach« (nur für Kenner!) – und ich muß lachen, ganz wie beim erstenmal ... Und ich lese S. J., wie der unter der Berliner Lämmerherde der Schohspieler herumwütete und sie schlachtete und fraß und wonnesam brummte, wenn er den Bauch voll hatte – und lese seine leisen Locktöne zu Reinhardt herüber, als er den noch uneingeschränkt liebhaben konnte... Und ich lese – entschuldigen Sie – mich selbst. Das heißt: ich lese mich eigentlich gar nicht. Ich erinnere mich nur. Ich erinnere mich, wie das gewesen ist, als ich dies Gedicht da schrieb und jenes – was für Zeiten das waren (und was für Honorare es damals gab), und welche Damen ich in mein Herz geschlossen hatte. Es ist wie eine kleine Biographie, diese Weltbühne – ich kann mir an den Fingern abzählen, wie es alles gelaufen ist mit mir. Gibt es wohl eine Liebe – und wäre es auch nur eine von den ganz kurzen, brennendsten gewesen –, die ich nicht abkonterfeit hätte? Keine. S. J. ließ mir den Spaß (sucht euch Redakteure, die keine Unteroffiziere sind!), und nur, wenn Gussy Holl öfter als viermal im Monat in den Artikeln verkleidet, persönlich oder zitiert auftauchte, weinte er leise. Ich konnts doch aber nicht lassen, und ich kanns heute noch nicht. Und alles, was so in den letzten Jahren für mich gut und teuer gewesen ist, steht da in den roten Heften: die hübschen Bücher und die hübschen Mädchen, die märkische Luise und die einzige Blonde und der Strubbs und die und die ... Von Claire zu schweigen, die ich schon besungen habe, als ich meine Manuskripte noch zweiseitig beschrieb ... Es war eine schöne Zeit. Guten Tag, kleine Hefte! Dies ist keine Reklame für euch – denn der Herausgeber weiß kaum, wie er euch noch liefern soll, und viele von euch gibts gar nicht mehr in den Verlagsregalen. Kleine Hefte, guten Tag –! Und ich bemerke, daß sie nicht nur das Leben eines Panters aus den letzten Jahren widerspiegeln, sondern, wenn man genauer hinsieht, unser ganzes Leben und unsere ganze Zeit. Märchen Es war einmal ein Kaiser, der über ein unermeßlich großes, reiches und schönes Land herrschte. Und er besaß wie jeder andere Kaiser auch eine Schatzkammer, in der inmitten all der glänzenden und glitzernden Juwelen auch eine Flöte lag. Das war aber ein merkwürdiges Instrument. Wenn man nämlich durch eins der vier Löcher in die Flöte hineinsah – oh! was gab es da alles zu sehen! Da war eine Landschaft darin, klein, aber voll Leben: Eine Thomasche Landschaft mit Böcklinschen Wolken und Leistikowschen Seen. Rezniceksche Dämchen rümpften die Nasen über Zillesche Gestalten, und eine Bauerndirne Meuniers trug einen Arm voll Blumen Orliks – kurz, die ganze moderne Richtung war in der Flöte. Und was machte der Kaiser damit? Er pfiff drauf. 1907 Wallenstein und die Interessenten Mein Onkel Casimir, Chef-Leuchturmwächter der Insel Achnoe in der Ostsee, hat mir neulich einmal erlaubt, in seiner Bibliothek zu kramen. Die Bibliothek besteht aus zwei stattlichen Bänden: »Kochbuch für den gebildeten Mittelstand« von Frau Hofrat Elise Zibelius, darin liest der Onkel, der schwer magenleidend ist, in stillen Nächten und freut sich; sowie: »Anleitung zur Errichtung von Wildgehegen im deutschen Mittelgebirge« – in diesem Werk hat der Onkel, wenn er Leuchtturm-Wache hat, die kleinen o's mit Tinte ausgefüllt; er hält bereits auf Seite 462. Neben diesen beiden Büchern steht da noch ein großer Kasten mit alten Briefen; sie sind einmal bei einem Schiffbruch an Land geschwemmt worden, auf manchen ist die Schrift ganz ausgewischt, viele sind vom Seewasser zerfressen und verdorben – aber andere sind doch noch gut lesbar. Und in dieser Briefkiste habe ich mit Erlaubnis des Onkels kramen dürfen. Es fanden sich dort sechs Briefe, die ich mir abgeschrieben habe, weil ich glaube, daß sie einer breiteren Öffentlichkeit ein gewisses Interesse abzuringen in der Lage sein dürften. Sie stammen aus dem Jahre 1802 und sind an den Verleger Cotta gerichtet. Hier sind sie: 1. Reichsverband Ehemaliger Holkischer Reitender Jäger E. V. Weimar, 4. Aug. 1802 An die I. C. Cotta'sche Buchhandlung Stuttgart Geehrter Herr! In Ihrem dortigen Verlag ist eine Sudeley »Wallensteins Lager« von einem gewissen Schiller, Friedrich, erschienen, in der auch Holkische Reitende Jäger auftreten. Abgesehen von der völligen Unkenntnis, mit der dieses »militärisch« sein sollende Zeug dargestellt ist, müssen wir auf das schärfste Verwahrung dagegen einlegen, daß vaterländische Belange in dieser Art von einem Zivilisten platt getreten werden. In dieser Zeit, die wie keine andere stramme Zucht und gut preußische Disciplin braucht, muß es als eine schwere Verletzung unserer sowie der Allgemein-Belange angesehen werden, wenn ein Holkischer Jäger eine Aufwärterin mit den Worten: »Bleib Sie doch bei uns, artiges Kind!« seinen schnöden Lüsten gefügig zu machen sucht. So etwas tut ein Holkischer Jäger nicht! Insbesondere sind während des ganzen Dreißigjährigen Krieges derart wüste und ausschweifende Scenen niemals vorgekommen. Diesbezügliche Klagen sind dem hiesigen Generalsekretariat des Reichsverbandes Ehemaliger Holkischer Reitender Jäger nicht zu Ohren gekommen. Wir müssen daher namens von Tausenden alter Regimentskameraden fordern, daß das »Werk« des p. Schiller, Friedrich, entweder ganz unterdrückt oder aber die dort vorkommenden Holkischen Jäger in welsche Berittene umgewandelt werden. I. A.: Bertelmann Generalsekretär des R. E. H. R. J. 2. Königl. Bayerische Buchprüfungsstelle München, den 18. Januar 1802 An die I. C. Cotta'sche Buchhandlung Stuttgart Die nachgesuchte Genehmigung, das Werk Die Piccolomini in Bayern zu vertreiben, kann hieramts nicht erteilt werden. Gründe: Das Werk ist geeignet, die bayerische Sittlichkeit zu verletzen bzw. in ihren Grundfesten zu erschüttern. Ausschlaggebend für das Verbot ist das unsittliche Verhältnis der Figur Thekla mit der Figur Max. Im 5. Auftritt des dritten Aufzuges sind diese beiden Personen, deren eheliche Verbindung nicht angezeigt wird, allein auf der Bühne, was hieramts nicht geduldet werden kann. Es heißt dort an einer besonders entsittlichenden Stelle: »Thekla (ihn zärtlich bei der Hand fassend).« Eine solche offenbare Ausschweifung ist geeignet, auf Jugendliche unter 80 Jahren entsittlichend zu wirken sowie die Anschauungen über Moral, Ehe, Liebe und die Notwendigkeit hoher Zolltarife auf das schwerste zu erschüttern. Die hiesige Behörde wird im Gegenteil alles tun, um die Anschaffung sowie auch Verbreitung dieser pornographischen Schrift auf Schulen und andern öffentlichen Oertern zu verhindern. m. p. Xaver Gscheitner Regierungsoberamtmann, Leiter der Buchprüfungsstelle München. 3. Königsberg, den 2. Januar 1802 Herrn Cotta, Stuttgart Namens der hier versammelten Königsberger Bürger mit dem Familiennamen Neumann protestieren 163 Neumänner gegen die unbefugte Verwendung ihres guten Namens in einem bei Ihnen erschienenen Werke »Piccolominis Tod« von Goethe. Darin findet sich ein Rittmeister Neumann und ist derselbe geeignet, das Ansehen, das die weit verbreitete Familie Neumann in allen Landen genießt, auf das schwerste zu schädigen. Wir behalten uns alle diesbezüglichen Schritte gegen Sie und den Verfasser Goethe vor. Gustav Neumann Dr. med. Anton Neumann Herbert Neumann   D. Dr. Fritz Neumann Obermedikus Neumann Turnlehrer Neumann 4. Fachverband der Herzogl. Anhaltinischen Fernrohr-Industrie sowie verwandter Berufe Dessau, am 23. April 1801 Namens und auftrags der Herzogl. Anhaltinischen Fernrohr-Industrie sowie der angeschlossenen Berufe legen die Unterzeichneten Verwahrung ein gegen eine von Ihrer Buchhandlung vertriebene Charteke Das Lager der Piccolomini, von Fritz Schiller. Wie wir hören, tritt in diesem Schauerstück eine Gestalt namens Seni auf, die sich als Sterndeuter bezeichnet. Namens und auftrags der Herzogl. Anhaltinischen Fernrohr-Industrie sowie der angeschlossenen Berufe können wir den Fritz Schiller nicht als berechtigt ansehn, die hochangesehenen Erzeugnisse unserer Industrie sowie der verwandten Berufe derart lächerlich zu machen sich in der traurigen Lage zu befinden. Wir fordern Sie daher auf, wenigstens in diesem Theaterstück genaustens – im Programm und im Text – anzugeben, von welcher Fernrohr-Handlung die dort benutzten Fernröhre bezogen worden sind, widrigenfalls wir bei dem hiesigen Herzogl. Anhaltinischen Kammergericht Regreß einlegen werden. Namens und auftrags Willibald Pontenscheuer Eigentümer der Fernrohr-Handlung Pontenscheuer und Sohn Dessau; Krumme Straße 7. Eingang durch den »Wilden Löwen« des Herrn Kramer. Sextanten und Meßgeräte, Vergrößerungs-Gläser, sowie die verwandten Berufe. 5. (Anonym) Wenn Ihr bestochener Juden-Knecht nicht allerschleunig das Buch Maria Piccolomini von Cotta verbrennen laßt dann sollt Ihr mal sehn wir werden es Euch schon eintränken so das Heilige zu verunschimpfieren sowie auch das Vaterland mit Füßen wahrscheinlich hat euch der Polenkönig einen Batzen Geldes dafür gegeben daß ihr es tut das wird aber nicht mehr lange dauern Vier nationale Männer! 6. Stadtverwaltung zu Eger Eger, am 15. September 1802 Sehr geehrter Herr Hofrat Cotta! Als Bürgermeister der kaisertreuen Stadt Eger möchte ich Ihre Aufmerksamkeit auf ein durch Sie vertriebenes Werk Wallensteins Tod von Professor Schiller hinlenken. Ich muß meinem Bedauern Ausdruck geben, daß eine hochangesehene Buchhandlung wie die Ihre ein solches Buch publiciert hat. Dasselbe ist geeignet, durch die Schilderung von Unruhe-Scenen sowie von Tumulten und Straßen-Aufläufen, die sich angeblich in Eger abgespielt haben sollen, den österreichischen Fremdenverkehr auf das schwerste zu schädigen und müssen wir im Interesse unserer durch die Nöte der Zeiten so schwer geplagten Geschäftsleute dagegen protestieren und fordern, daß dieses Werk a) entweder ganz unterdrückt, was am besten, oder b) der Schauplatz der Handlung nach Pilsen verlegt, oder c) eine Scene hinzugefügt wird, aus der erhellt, daß die Stadtverwaltung von Eger alles getan hat, um einem Umsichgreifen der Tumulte im Interesse ihrer Badegäste Einhalt zu tun. m. p. T. Betternich, Bürgermeister von Eger 1931 Der Bär tanzt Literatur: F. M. Huebner »Das andere Ich« F. M. Huebner »Das Spiel mit der Flamme« Wolfgang Wieland »Der Flirt«. Dürfen darf man alles – man muß es nur können. Es gibt einen großen Bereich der deutschen Literatur, in dem nichts getan wird als: Banalitäten feierlich gesagt, einfache Vorgänge barock dargestellt, das Leben ins »Literarische« transponiert. Das geht bis hoch hinauf ... Unten siehts aber auch ganz munter aus, und so will ich denn aus dem Rinnstein ein paar Blätter auffischen und, sie mit dem Spazierstock betrachtend, an ihnen lernen, wie man es nicht machen soll. Ist es ein Zufall, daß im Werk jedes Klassikers die sexuelle Detailschilderung nur nebenher vertreten ist? Im Zeitalter der Bäumer und Konsorten muß man sich erst aus einer falschen Gesellschaft herauswinden, um zu sagen, daß es gute und zu billigende Gründe gibt, die Koitusschilderungen zu verbieten. Da ist erst einmal, zu allererst und zu alleroberst, die Empfindsamkeit des Dichters: hat er die nicht, soll er die Hände von dergleichen lassen. Da ist auch, von den paar Fällen genialer Psychopathen abgesehen, der leise Verdacht der Spekulation, eben jenes Motiv, das unsereinen die Halbnacktkunst aller Art ablehnen läßt: man will nicht, frische Luft vorziehend, unter grinsenden Verhinderten sitzen. Jeder echte Kraftüberschuß gehört nicht hierher, nicht die Visionen der vom Geschlecht Besessenen, nicht das Spiel mit der Erotik. Es besteht aber eine Sorte Literatur, deren Verfertiger verdienen, auf die Finger gehauen zu werden – und diese Beispiele da oben sind geradezu abschreckend schön. Um Huebnern tuts mir leid. Der Mann ist noch unter S.J. ein anständiger und kluger Mitarbeiter der »Weltbühne« gewesen, und was in ihn gefahren ist, mag der Kuelz wissen. Bei ihm gibt es zunächst, als Vorspeisen, hochfeine Gespräche mit der Dame seines, sagen wir, Herzens. »Sie sprechen in Rätseln.« – »Die Sie hinlänglich durchschauen.« – »Sie scheinen sich auszukennen.« – »Worin?« – »In diesen Rätseln.« – »Nur ... theoretisch.« – »Belehren Sie mich.« – Und so. Des weiteren sind da Gesellschaftsschilderungen, Darstellungen von Pariser Bars, Restaurants – es gibt heute in allen Ländern eine solche Literatur, und immer ist sie nach demselben Rezept gearbeitet. »Der salonartige Raum wies vor der Hand mehr Hausangestellte denn Gäste auf.« Es ist ein Salon da. »Er schritt zum Kleiderständer, wo im Halter die Auslese javanischer Reitgerten hing ...« Es sind javanische Reitgerten da. »Auf der Kommode, zwischen den hohen altchinesischen Vasen lagen Bücher größern Formats, die Histoire des Peuples de L'Orient von Maspero, eine englische Ausgabe des Rubajat und die Reise ins Land der vierten Dimension ...« Es ist überhaupt alles da. Denn dies ist das hervorragende Stigma einer ganzen Literatur: es imponiert ihnen. Josephine Baker tanzt: es imponiert ihnen. Ein Botschafter sitzt in der Loge: es imponiert ihnen. Jemand spielt Polo: sie liegen auf dem Bauch. Und statt erst einmal das, was geschieht, unfeierlich zu sehen, um dann seinen Zauber ganz zu empfinden, umbrodelt die Geschehnisse ein süßer Schmus. Erst imponiert es ihnen; dann aber geben sie sich einen Ruck, machen das hochmütige Gesicht, das der Deutsche vor dem Kellner aufsetzt, wenn ihm nicht ganz wohl zumute ist, und ein lauernder, blitzschneller Blick zum Leser fragt: »Hast du auch bemerkt, wie es mir gar nicht imponiert?« Und: »Was sagst du nun? Was bin ich für ein Kerl? In welchem Milieu bewege ich mich? Woher habe ich diese feinen Beobachtungen? Imponiert es dir?« Denn das soll es. Aber es ist ein Irrtum zu glauben, eine Darstellung werde dadurch beschwingter, daß man einen amerikanischen Mann »Mister« nennt oder mit fuchtelndem Handgelenk Getränke aufzählt, die in fremden Ländern getrunken werden. Was dem einen seine Weiße, ist dem andern sein Apéritif, und damit muß man nicht protzen. Nichts komischer als diese Berliner Superfranzosen, die mit verzücktem Schmatzen einen, man denke, Dubonnet auf der Zunge zergehen lassen. Dubonnet heißt auf deutsch: Kahlbaum, wir wollen uns da nichts vormachen. Das zweite Mittel, sich interessant zu geben, besteht darin, kein Ding so zu nennen, wie es wirklich heißt. Da hat nun leider, leider von oben her Thomas Mann ein schlechtes Beispiel gegeben; wenn bei dem einmal eine Tasse ein Tasse heißt, dann wird dieses gewöhnliche Möbel gewissermaßen in Anführungsstrichen ausgesprochen, so, wie der Polizeibericht gern von einer »Elektrischen« spricht. Was ist das? Das ist Impotenz. Denn nichts ist schwerer, nichts erfordert mehr Arbeit, mehr Kultur, mehr Zucht, als einfache Sätze unvergeßlich zu machen. »Handwerker trugen ihn. Kein Geistlicher hat ihn begleitet.« Die Worte mit der Wurzel ausgraben: das ist Literatur. Aber es ist gewiß bequemer, einfacher und imposanter, die Worte abzuschneiden und sie auf Draht zu ziehen. »Ihre Münder bissen sich an den Rändern der schlanken Sektkelche fest ...« So siehst du aus. Aber so sehen auch die Sektgläser nicht aus, und ahnt denn so ein dürftiges, verquollenes Gewächs, wie schwer es ist, von den Zeitungsassoziationen abzusehen, sich ihrer eben nicht zu bedienen und die Wahrheit zu sagen? So ist in dieser Literatur, deren Ab- und Unarten sich bis weit in die Höhen der bessern Autoren verfolgen lassen, das Leben herrlich veredelt. Die Leute gehen nicht, sondern schreiten stelzend hohe Schule, und was auch immer im Lichtkegel der Betrachtung liegen mag: hohe Politik, Sport oder das Geschäft – alles ist anders als im Leben, alles schwebt zwei Hand breit über dem Boden, und ferne davon, romantisch zu sein, ist dieser Klimbim nur verlogen. Ich sehe keinen an. Das ginge ja noch. Aber wenn diese vollendete Ungrazie, die fetten Dunst für feinen Hauch, überladene Seelenornamentik für Kunst, Barock aus Gänsegrieben, für den Inbegriff des Stils hält, wenn diese überstopften Literaten sich mit der Liebe befassen, dann muß das bei dem völligen Humormangel, der ihnen eigen ist, zu einem Unglück führen. Dieses Unglück hats gegeben. Ihre gebügelte Pornographie hat wenigstens einen Vorteil: sie ist unmäßig langweilig, kann also keinerlei Schaden anrichten. In Frankreich wäre dies Zeug ein Lacherfolg, wenn man es überhaupt beachtete – Georges Courteline hat kaum nötig, die Worte zu sprechen: »J'ai l'horreur des grands mots. Ils ne démontrent rien, passent neuf fois sur dix la limite et n'étonnent que les ignorants.« Für die sind diese traurigen Lustbücher offenbar geschrieben; in diesen, die ich da oben notgedrungen zitiert habe, und in noch einigen, die ich gar nicht zitieren mag, gehts so hoch her, daß man kaum hinaufspucken kann, was so not täte. Pornographie? Ja, aber auf fein. »Und damit hat sie sich wie von ungefähr niedergebeugt und hat sie den Kleidersaum hochgerafft und nestelt sie in der Hüftengegend und schlägt sie jetzt, von den Schenkeln bis hinauf zu den Schlüsselbeinen, mit einem Ruck den Stoff auseinander. Mir knickt vor Wollust der Kopf nach vorn. Ehe ich mich fassen kann, schließt sie die Hülle und ist die Lichterscheinung ausgelöscht.« Wie man dabei ernst bleiben kann! Wie man das wirklich und wahrhaftig aufs Papier setzen kann, ohne sofort mit einem dicken Blaustift einen beschämten Strich zu machen! Wie man nicht fühlen kann, daß das komisch ist und nichts weiter! Der tanzende Bär kann es – zum Gedudel eines literarisch verstimmten Leierkastens. »Es ist keineswegs der altbekannte Schüttel der Wollust.« Dieses Wort, das ich in meinen privaten Sprachschatz aufgenommen habe, ist, mit Verlaub zu sagen, ein Griff – und solcher Untergriffe weisen diese Bücher nicht wenige auf. Am heitersten ist der Sechser-Casanova, wenn er Papierdeutsch schreibt und Orgien meint: »Indessen scheint es, daß sie keinerlei Neigung besitzt, unserer Schäferstunde den Verlauf bloßer Kurzweil zu geben.« Wenn er gegenständlich wird, ist er unappetitlich, sicherstes Zeichen künstlerischer Mannesschwäche. »Vom Umfassen ihrer Büste hat der Ärmel meines Jacketts ihren Duft mitgenommen. Ich hebe den Ärmel an die Nase.« Ich auch aber um sie mir zuzuhalten. Und dann muß ich loslassen, weil man mit zugehaltener Nase nicht gut lachen kann. »Sie rollen wie Ringer umeinander. Einmal ist der eine, dann der andre oben, zitterte es aus ihrem Munde.« So geht es im deutschen Familienleben zu. Was an dieser Sorte Schriftstellerei so außerordentlich erheiternd wirkt, ist ihre den Fabrikanten unbewußte Komik. Es ist unmöglich, solche körperlichen Vorgänge ohne das Bewußtsein von ihrer humorhaften Unzulänglichkeit, von ihrer Tierhaftigkeit, von ihrer Lächerlichkeit zu schildern – es braucht das nicht gesagt zu werden; wenn der Schilderer es nur fühlt, wenn ers nur weiß, wenn er sich nur ein Mal darüber klar geworden ist, daß er in keinem dieser Augenblicke vor seinen Nebenmenschen etwas voraus hat, daß er gerade in diesem Moment nicht herrscht, sondern unterworfen ist. Der feierliche Ernst, mit dem Liebesvorgänge als imponierendes Plus des Autors dargestellt werden; der männchenhafte Dummstolz; der Pomp, dem man nur einen Nachttopf an die Seite zu stellen braucht, auf daß alles aus ist – warum kann man Romeo und Julia nicht damit beschämen, daß man das Wort »Bauch« ausspricht? Weil ihr Pathos ebenso irdisch wie überirdisch ist; weil ihre Leidenschaft nicht klebrig haftet, sondern bei aller Gegenständlichkeit wie Musik zittert und entschwebt, und weil jeder Schimpf auf den Zwischenrufer zurückfiele. »Den Schauspieler möchte ich sehen«, hat der alte Fontane einmal gesagt, »der den Hamlet mit einem weißen Bändchen spielen kann, das ihm aus der Hose heraushängt!« Diesen Figurinen aber hängt es dauernd heraus, der Autor merkts nicht, und wenn er pathetisch wird, dann muß man lachen. Im Augenblick aber, wo nicht von »Thema« geredet wird, verläßt den Literasten die Feinheit, ich bin ein Preuße, kennt ihr meine Farben, und das sieht dann so aus: »Die grauhaarige englische Lady, drüben zunächst dem Christbaum, ließ das Spielzeugäffchen, ein Weihnachtsgeschenk von seiten der Geschäftsleitung, aus dem tiefen Ausschnitt ihres Kleides heraus ...« Das kann der redaktionelle Hinweis auf das Inserat in unserer achten Beilage auch nicht besser. Unterbrochen wird dieser Unfug durch Entgleisungen, die fast wehe tun. »Mit den Armen biege ich sie in der Taille ab, drücke sie vollends zu Boden, schlage von den Beinen, die sich schon spreizen, die Rockfalten zurück und tue mich gütlich wie der Soldat an seinem Sonntagsschatz.« Das ist nur mit einer Seekrankheit zu beantworten. Wenn die vorbei ist, muß – leider, leider – gesagt werden, daß in dem »Steppenwolf« Hesses ähnliche Stellen stehen, deren Peinlichkeit nur durch die Tragik gemildert wird, die das Geschick des Autors darstellt. »Während wir schweigend in die geschäftigen Spiele unsrer Liebe vertieft waren ...« Welche Ungrazie! Es riecht wie in einem überfüllten Dampfbad, man mag das nicht, hinaus! hinaus! Von schlimmeren Auswüchsen zu schweigen. Der Hanswurst, der das Buch über den Flirt geschrieben hat .... Es erinnert an die Geschichte von jenem englischen Sergeanten, der an einer dunkeln Hafenmauer ein Mädchen anspricht und ihr gleich zu Beginn der Unterhaltung sein, sagen wir, kurzes Seitengewehr in die Hand drückt. Und sie: »Ach, du Flirt –!« Auch muß der Verfasser unbedingt Willi Schaeffers gehört haben, von dem das kurze Wort stammt: »Ich glaube, die läßt sich flirten.« So ein Buch ist das. Und wie altmodisch diese königlich preußischen Erotiker alle sind! Da wimmelt es von »Taillen« und »Spitzengeriesel« – wo rieselt denn das heute noch? »Und so erschöpft sich der aktive Flirt der Frau in Berührungen dieses Gliedes, das auf unauffällige Weise meist schon durch die Hosentaschen erreichbar ist ....« Es sind tobsüchtig gewordene Studienräte der Liebe. Ganz besonders schlimm, wenn sie ihre medizinische Literatur gelesen, halb verstanden, kaum verdaut und unvollkommen vomiert haben. »Danach scheidet sich uns das ganze weite Reich sexueller Beziehungen der heutigen Kulturmenschheit in drei große voneinander scharf getrennte Gebiete.« Nun? »Beischlaf, Perversität und Flirt.« Was etwa der Skala: Sozialismus, Beethoven und Stachelbeerkompott entspricht. Aber solche Bücher werden von einem immerhin nicht ganz und gar windigen Verlag verlegt, sie werden wohlwollend besprochen, ausgestellt ... nur eines werden sie nicht: sie werden nicht gebührend ausgelacht. Zugegeben: das sind Paradepferde des Geschmackmangels, der Taktlosigkeit, der erhitzten Impotenz. Aber es ist da ein Element, das sich durch Hunderte von Büchern zieht – es ist die offenbare Unfähigkeit des Deutschen, Erotik bildhaft und doch nicht klebrig wiederzugeben. (Bestes Gegenbeispiel gegen diese Schmierer: Heinrich Mann.) Das schwankt zwischen Brutalität und butterweicher Sentimentalität hin und her, ist unsicher, bekommt einen roten Kopf und schreibt nun, je nachdem, moralische Bücher oder dumme Schweinereien. Mit Erotik hat das nichts zu tun. Ich habe einmal in Paris einen alten Freund Toulouse-Lautrecs besucht; in seinem Salon hingen einige Originale, Pastell, Öl, Skizzen .... Da war auch ein Paar im Bett, achtlos glitten meine Augen darüber hinweg – nichts ging von dem Bild aus oder doch wenig. Aber da war ein Halbakt, eine Frau, die vor der Waschschüssel steht – und eine Wolke von Parfüm, von Frauenduft, von der sinnlichen Nähe des Fleisches kam herüber, und es war doch nichts zu sehen und alles. Man hat es, oder man hat es nicht. Diese sanft aufgeilende Wirkung solcher Bücher aber sind nicht etwa ein »Schandmal unserer Zeit« – das mag die Deutsche Zeitung und die Generalanzeigerpresse der Provinz ihren Lesern erzählen, deren praktische Erosgymnastik einen verstehen läßt, woher nur solche Schädel und solche staatserhaltenden Gesichter kommen – sie sind einfach schlechte Literatur und verdienen, restlos verlacht zu werden. Beschwingte Heiterkeit, Frechheit, Witz, Ironie, echtes Pathos: alles, alles ist möglich. Nur diese Quadratklacheln nicht, die sich zum Tönen einer Mozartschen Musik auf die Hinterbeine stellen, einen Ring durch die Nase, und brummend, mit offner Schnauze, aus der der Speichel tropft, tanzen, wie ein Bär tanzt. Der Brief Das war, als Walter Mehring zum fünfundzwanzigsten Mal nach Paris kam, und der dortige Herr Polizeipräsident sann grade nach, ob man den Mann zur Ehrenlegion oder zur Fremdenlegion vorschlagen sollte... da schrieben wir uns »kleine Blaue« (sprich: ptieh blöhs). Das sind diese winzigen Rohrpostbriefe, die sich die Pariser deshalb schreiben, weil sie ein Telephon haben, aber sonst vernünftige Leute sind, es also nicht benutzen. Denn das pariser Telephon... (bricht in Schluchzen aus; wird mit Brom gelabt, will kein Brom, bekommt Whisky, atmet auf und fährt fort): Wir schrieben uns also kleine blaue Briefe, in denen wir uns die bessern Sachen mitteilten, und schon nach dem dritten oder vierten fing diese Korrespondenz an, leicht auszurutschen. Die Anreden stimmten nicht so recht... »Sehr geehrter Herr Oberforstrat« und »Lieber Amtsbruder«, und die Unterschriften waren auch nicht in Ordnung ... »Ihr sehr ergebener Peter Panter, unmittelbares Mitglied des Reichsverbandes« oder »Walter Mehring, Festdichtungen für alle Bekenntnisse« – kurz, es war ein rechter Unfug. Bis dahin war der Inhalt meist noch einigermaßen vernünftig. Dann aber begann Mehring auch diesen Inhalt umzudichten; bald stand in den Briefen nun überhaupt nicht mehr das drin, weshalb er sie eigentlich geschrieben hatte, sondern es wurden Briefe an und für sich. Ich eiferte ihm, so gut ich konnte, nach, und wenn wir mal tot sein werden, werden sich die Herausgeber unsrer gesammelten Werke beim achtzehnten Band sehr wundern... Und einen der schönsten Briefe Mehrings habe ich aufbewahrt, weil er mir immer als ein Typus seiner Gattung erschienen ist. Hier ist er: »Lieber Kurt! Die Familie ist sehr betrübt, daß du Onkels Privatbrief veröffentlicht hast! Wenn Du in den Kreisen nicht so verhärtest wärst, wo Du Dich nun mal wohl fühlst, so müßte es Dir zu denken geben, daß Tante Hannchen vor Schreck Durchfall bekommen hat, als sie das gelesen hat, aber da heißt es immer Humanetät, mit jedem dreckigen Arbeiter habt ihr Mitleid, und die Familie kann sehn, wo sie bleibt! Dein Vater war ja wohl auch ein geistiger Mann und so und hat er nie was in die Zeitung geschrieben und möchten wir wissen, von wem Du das eigentlich hast, von unsrer Seite bestimmt nicht, eher von Deiner lieben Mutter, die war auch so ein bißchen – (seinerzeit in Posen mit dem verrückten Redakteur! Aber wir wollen das nicht wieder aufrühren). Mariechen hat die Masern und Erich ist mit einem Mahnzettel nach Haus gekommen, daß er in römische Geschichte nicht vorwärts kommt! Ich hab ihn aber ins Gebet genommen und bist Du ihm ein warnendes Beispiel! etcetera! Schreib doch mal! Vielleicht fahren Mosers zu Ostern rüber, dann wirst Du ihnen Paris zeigen. Du weißt ja, was wir ihnen wegen Großvati schuldig sind! Also tu das nicht wieder und bleib gesund! Dein Vetter Mehring Zerreiß den Brief gefälligst!« Wahrlich, das hat einer geschrieben, der kein Familiengefühl hat. »In meinem Wörterbuch steht das Wort Familie nicht!« sagt er. Ich sage: »Da sehn Sie mal unter M nach!« sage ich. Und er sah nach. Und schrieb den obigen Brief. 1930 Die Belohnung Mit den Autoren hat mans nicht leicht. Bespricht man sie gar nicht, sind sie böse; tadelt man sie, nehmen sie übel, und lobt man sie, zahlen sie nicht. S. J. hat mir erzählt, man habe nur ein einziges Mal in seinem Leben versucht, ihn zu bestechen, und da haben sie ihm fünfundsiebzig Mark geboten – darüber hat er sich oft beklagt... Immerhin gibt es zum Glück Ausnahmen, ich habe hundert Mark verdient, und der Name des Spenders – Walter Mehring – sei in die Nachttischschublade geritzt. Chansonwerke Mehring A.-G. Groß-Stötteritz Propaganda X. B. 12 543 Vertraulich Sehr geehrter Herr! Im Besitz Ihrer werten Kritik erlauben wir uns, anliegend unsrer Anerkennung Ausdruck zu geben, welchselbe nach folgendem Staffelsystem errechnet wurde: Epitheta ornantia   37 mittlere   26 Mark   2 verdiente   0 " 35 115 überschwengliche Vergleiche   50 " 65   mit Theobald Tiger   68 " 20   dito George Grosz   35 " 00   dito Villjon   1 " 80 11 Seelenschreie à 0 Mark 50   0   22           Summa 182 Mark 22 Da wir andrerseits das bedauerliche Fehlen von »Zeitnahe« »Ewigkeitswerte« »Zentral« »gekonnt« feststellen mußten, ermäßigt sich obige Anerkennung auf 100 Mark. Und bitten wir Sie, Ihre Zustimmung umgehendst mitzuteilen, um Weiterungen (Berlin Amtsgericht Mitte I zu vermeiden! Achtend gez. Arnolt Lax Generalsekretär Und dazu ein funkelnagelalter Hundertmarkschein. Aus der Inflation. (bitter): Dank vom Hause Habsburg! 1929 Die Musikalischen Ich bin unmusikalisch. Wenn ich es sage, antworten die Leute mit einem frohen Gefühl der Überlegenheit: »Aber nein – das ist ja nicht möglich! Sie verstehen gewiß sehr viel von Musik...« und freuen sich. Es ist aber doch so. Musik läßt mich aufhorchen; wenn ich sie höre, habe ich ein Bündel blödsinniger Assoziationen – und dann verliere ich mich im Gewirr der Töne, finde mich nicht mehr heraus... Und um rat- und hilflos zu sein, dazu brauche ich schließlich nicht erst in eine Oper zu gehen. Gut. Was aber die Musikalischen sind, so ist das eine eigenartige Sache mit ihnen. Ganz vernünftige Menschen, solche mit einer Stellung oder einem Mann oder einer oder mehreren Überzeugungen – diese also fallen plötzlich in das Musikfeld ein. Gurgelnd jagen sie durch die Notenstoppeln. Was gibts –? Plötzlich sind sie drin, und ich bin draußen. Auf einmal sind sie alle verwandt, und ich bin eine Waise. Der Name eines Dirigenten fällt: und Haß leuchtet aus ihren Augen, ihre Zähne zermalmen ein Gekeif, sie ereifern sich, Hitze bricht aus den Kühlsten – was gibts um Gotteswillen? Sie sind eine große Familie, wenn sie über Musik sprechen, ja, sie zanken sich, wie man sich nur in Familien zankt, mit jenem kundigen Haß der Nähe, jeder Hieb sitzt, weil man weiß, wo es weh tut, sie schnattern, wirtschaften im Irrgarten ihrer Musik – was gibts? Ich weiß es nicht. Auch ist viel Stolz in ihnen und schöne Gesinnung, weil daß sie so musikalisch sind, was sie oft mit musisch verwechseln – besonders die Frauen hassen das Gemeine, sind unentwegt edel und schweben hörbar eine Handbreit über dem Erdboden. So: »Ich bin eine Hohepriesterin der Musik, und das will ich mir auch ausgebeten haben.« Auch zeichnen sich Musiker durch einen fühlbaren Mangel an Humor aus – das ist grauslich. Sie verständigen sich schon von weitem durch kabbalistische Terminologie; kaum haben sie sich berochen, so bricht es aus ihnen hervor, jeder hat ein Klavier im Stall oder einen schwarzen Steinway-Rappen und erzählt von seinen Feldzügen auf diesen geschundenen Tieren... Stehn Sie einmal so kulturlos draußen herum, vor der Tür, so durchum und durchaus nicht dazu gehörig... Horch! Wie sie murmeln! »Furtwängler habe ich doch noch gehört, wie er... Also von Mahler versteht er nichts, davon soll er die Finger lassen... Die Baßlage bei der Kulp ist in der letzten Zeit nicht so ...« Beschämt, zerknirscht, ein Trällerliedchen aus Palestrina auf den Lippen – so schleiche ich betrübt aufs Lavabo. P.S. Selbstverständlich habe ich die falschen Musiker kennengelernt, Karikaturen musikalischer Menschen – Ausnahmefälle. »Denn Sie werden doch nicht leugnen, daß die Musik ...« Gute Nacht. Harfenjulius Klabund Ja, und dann hat er die reizende Idee gehabt, seinen Kleinkram an Gedichten genau, genau so zu drucken wie meine Lieblingshefte, die ich so oft im Papierladen gekauft habe: »Wo ist der Himmel so blau wie in Wien? sowie hundert andre Schlager der Saison.« Er: das ist Klabund, und seine neue Gedichtsammlung, die sehr lustig ist, heißt »Die Harfenjule« und ist im Verlag der Schmiede zu Berlin erschienen. Zum für in die Tasche zu stecken. Sehr reizvoll ist zunächst, daß die Gedichte, wie das in den Zwanzig-Pfennig-Heften der Operetten-Texte üblich ist, in langen Prosazeilen ausgedruckt sind. Das gibt den Versen so etwas kurz Abgehacktes, auch weiß man nicht genau, wann eigentlich eine Zeile aus ist, man muß mit dem Finger lesen, und manchmal bleibt ein entzückendes Reimwort klein und ärmlich dastehen. »niedertauen«. Punkt. Aus. Wie stark und sicher müssen Gedichte gebaut sein, mit denen man sich diesen Scherz erlauben kann! Klabunden seine sind das. Sie sind mehr als das. Die meisten freilich sind Notentexte; sie pfeifen, brüllen, schreien und orgeln nach Musik. So ein Ding wie die »Hofsänger« sind ein Chanson erster Güte – außer Mehring weiß ich keinen, der das kann. (Klammer auf. Mehring, warum schreibst du keine Lieder mehr! Es ist eine Affenschande. Klammer zu.) Sehr schön ferner das »Bürgerliche Weihnachtsidyll«, in dem die Gesangbuchverse so lustig mit Berliner Keßheiten kollidieren. O Kind, was hast du da gemacht? Stille Nacht, heilige Nacht. Leis hat sie ihr ins Ohr gesungen: »Mama, es ist ein Reis entsprungen!« Papa haut ihr die Fresse breit. O, du selige Weihnachtszeit! Dann ist mein Lieblingslied in dem Heftchen enthalten: »Liebeslied«, Klabund hat es mir einmal leise am Klavier vorgesungen – er hatte es in sein Notizbuch gekritzelt, und da saß er so still und bräunlich am Klavier, er hätte ruhig zum Schluß mit dem Hut einsammeln gehen können. »Hui über drei Oktaven, Glissando unsere Lust! Laß mich noch einmal schlafen an deiner Brust.« Das ist ein schönes Lied. Was: »Und ich baumle mit die Beene« anbetrifft, so hat dieses Lied, wenn ich recht bin, der Ebinger ihre Marke gegeben. So ein Versband ist immer ungleich – manches ist aus Pappdeckel, manches wie aus Stahlplättchen zusammengesetzt, vieles aus einem Guß. Es glückt nicht immer. Wunderschön die große »Ode an Zeesen«. Das ist eines von den Heften, das ich einmal – in achtzig Jahren – vergilbt und halb zerbröckelt zur Nachkontrolle lesen möchte. Mindestens zwanzig dieser Lieder werden dann noch frisch sein. Und das ist sehr viel. 1927 Kritik mit Nachsatz ›Bennarône‹ heißt eine entzückende kleine Geschichte von Arnold Zweig (im Roland-Verlag zu München erschienen). Das liest man mit großer Freude und unter beständigem Schmunzeln. Es ist eine Schulgeschichte. Nun ja, Onkel Thomas Mann blickt segnend hernieder (ohne den großen Schulvormittag aus den »Buddenbrooks« wäre das nie geschrieben worden), auch Hesse hat nicht umsonst gelebt – aber der Spaß ist reizend und fein erzählt und, wie immer bei Arnold Zweig, in den kleinen Einzelheiten unerhört echt. Die Landschaftsschilderung am Anfang ist ein Meisterstück. Architektur ist nie erstarrt, sie ist Leben, bewegtes Leben, man muß sie nur zu sehen verstehen. Und dann hebt es an: der Schüler Bastmayr läßt sich von stud. phil. Bennarône den gefährlichen Aufsatz über Automobile machen, den er nicht allein zustandebringt, lernt ihn auswendig, wird beinahe geklappt, von eben dem Bennarône herausgepaukt – und der übermütige Student scheut sich nicht, den ganzen Indianerfeldzug bei der Mulus-Kneipe auszuplaudern. Kein Mensch glaubt es ihm. Alle lachen über die famos erfundene Geschichte, und mit einer süßen kleinen Spitzweg-Idylle schließt das Werkchen. Es ist alles meisterhaft komponiert: was der Dichter später braucht, ist ganz leise, scheinbar unabsichtlich in den Fluß der Geschichte eingeschoben, entzückende kleine Einzelheiten, die garnichts zur Sache tun, unterbrechen angenehm den leisen Strom der sanft dahinrauschenden Prosa. An einer Stelle habe ich ein bißchen gestockt: das ist da, wo der gutgläubige Direktor von dem Schelm Bennarône getäuscht wird – mir ist der Direktor zu gutgläubig, beinahe zu dumm. Und das wirkt nicht. Betrug wirkt in Geschichten nur, wenn der Betrogene gleichfalls ein schlauer Fuchs ist. (Warum, weiß ich nicht. Aber es ist so.) Was will das aber sagen gegenüber den zahllosen eingestreuten Späßchen und kleinen Scherzen und dem Augenblinzeln, das da immer verrät: Wir wissen doch ... Das ist so eine Eigenart Zweigs: zuerst gleitet das Auge leicht über ein paar Adjektiva weg, gleichmütig, denn sie scheinen ihm selbstverständlich, aber plötzlich irrt es zurück: was hat er gesagt? Und dann schmunzelt man, weil man auf diesem Wege eine Wahrheit oder einen Spott oder eine kleine Ironie einfiltriert bekommen hat. Ein Schulbeispiel: Bennarône erzählt seinem kleinen Mädchen etwas von einer wichtigen Arbeit, deren Erlös ein neuer Sommerhut für sie werden soll, um sie von einem ihm lästigen Ausflug abzubringen. Die Geschichte hat einen kleinen Haken aber das Mädchen glaubts. Dann: »Bennarône dehnte seine Arme. ,So!' sagte das Mädchen und stand auf, erlöst, betrogen und beglückt.« Dies »betrogen« merkt man erst spät. Betrogen? sagt man verwundert. Und dann, verstehend und schmunzelnd: Betrogen – ja ja... So ganz am Schluß dachte ich mir mißtrauisch, so könne das nicht aufhören, es komme doch sicherlich noch irgend etwas, ein kleiner Dreh – und richtig, in den letzten Zeilen, die letzten Worte da war es: spaßig, spitzweghaft und entzückend stilisiert. Ihr müßt das lesen. So hätte ich geschrieben, wenn wir noch im vorigen Frieden lebten. Nun – ich halte die kleine Geschichte auch heute noch für gut, für reizvoll... Aber ein leiser Zweifel beschleicht mich, und ich werde ihn nicht los. Ist das der Weg? Ist das überhaupt noch einer? Kommts darauf noch an? Geht das noch – die Gymnasialdirektoren mit der Sehnsucht nach Italien, die dicken Brummfliegen, das kleine Städtchen, das Abiturium... Ist das wichtig? Was ist das: Abiturium? Eine Einrichtung, die man umgehen kann, oder nicht achten, oder ganz ausschalten, am Ende... Ist diese Welt am Zerfallen? Sind wir anders geworden? Hat sich nicht etwas in unser Leben gedrängt, etwas Neues, Schweres, etwas, das alles Das da zum freundlichen Ornament macht? Abgesehen davon, daß es bei Zweig nie ganz primär war – sagt' ich vorhin: Spitzweg?? Aber es ist eine sauber kolorierte Luxusausgabe seiner Werke, es ist alles bewußt, schon in der »zweiten Windung" gesehen ... Keine Kritik ist dies – nur eine Feststellung... Wohin ist das alles entschwunden? Und bewegt und schmerzlich berührt lese ich die Jahreszahl, die unter dem Werk steht: 1909. Das war eine andre Zeit, und wir waren sehr glücklich. Kommt das je wieder? 1920 Tollers Publikum In dem kleinen Theaterraum des Hauses an der Berliner Straße zu Charlottenburg sitzen etwa zweihundert Menschen und starren auf das Stückchen Bühne, das da in fahlem Licht vor ihnen steht. Was denken sie sich? Neben den wenigen Verständigen, neben den berliner Literaturschiebern saß das kompakte Theaterpublikum, das nie alle wird. Man hörte ordentlich durch die Dunkelheit, wie es in ihren Schädeln knirschte. Sie versuchten, Das da oben in ihre Schablonen einzuordnen, und es ging nicht; sie versuchten, Episoden zu erhaschen, Bonmots und geflügelte Worte, und es ging nicht; sie versuchten, dem Ding beizukommen, wie man eben so irgendeinem Theaterstück von Hardt oder Blumenthal oder Schönherr beikommt, und es ging nicht. Es konnte nicht gehen, hier ist völlig Neues. Wenigstens für unsre Zeit Neues – denn es scheint, daß ostasiatische Völker ein solch stilisiertes Theater, das nicht vortäuscht, sondern eine selbständige Sache ist, schon längst haben. Und es ging auch so –! Welche Überraschung: es ging auch so. Es ging ohne die Scharen murmelnder, gleichgültiger, verrosteter und verstaubter Statisten, ohne das Ab und An und Auf von Mimen und Virtuosen, ohne Kulissenkram, ohne Rummel und ohne Spektakel. Es ging. Was nämlich die gesamten Stadttheater Deutschlands zusammen nicht mehr haben: Geist – das war hier. Es war Ernst, und es ging uns etwas an, und eine Faust griff in unsre Brust und preßte das Herz zusammen, das zuckende Bündel. Und wir schwiegen. Das Publikum aber war stumm. Nach jener fürchterlich-herrlichen Szene, wo die fünf Soldaten – blutendes Quintett – sich parallel aus den stinkenden Kissen erhoben und nur Eine Stimme aus ihnen schrie, nur Ein Mund aus ihnen sprach. Ein Herz klopfte, Eine Lunge atmete: da weinten einige Frauen in weißen handgestickten Blusen. Die lieben Frauen –! Haben sie im Kriege geweint? Haben sie damals geweint, als die ,Lusitania' torpediert wurde? Als auf hoher kalter See Leute gemordet wurden? Wasser schluckten und versanken? Als Tausende und Tausende in den Stacheldrähten hingen, in den Ackergräben verröchelten? Sie weinten vielleicht, wenn ihr Junge, ihr Mann, ihr Geliebter dabei war. Wußten sie Den in Sicherheit, dann jauchzten sie und freueten sich, denn siehe! das Hauptquartier hatte eine gewonnene Schlacht gemeldet. Und der Begriff »französische Mütter« war hierorts ausgelöscht. Die lieben Frauen –! War ihr Herz nicht immer bei den Siegern? Bei Denen, die obenauf waren? Bei den Starken? Da standen sie, die drei Krankenschwestern auf der kleinen Bühne, und da saßen die Andern unten im Parkett – aber nur Die da oben brachen mit einem Wehlaut zusammen vor dem, was da in den Betten lag. Die Blusendamen weinten. Es war so rührend. War es das? War es das wirklich? Hätten nicht dieselben Damen einer Kriegsliteratur zugejubelt, die Gott behüte entstanden wäre, wenn dieser Krieg gewonnen worden wäre? Sie hätten gejauchzt, wenn die Witze auf die feigen Franzosen und ekelhaften Engländer und schmutzigen Russen nur so gehagelt wären. Keine Sorge: sie haben gejauchzt. Besinnt Ihr euch noch auf die Kriegspossen des Kriegsanfangs? Zwei Reihen vor mir saß ein Mann mit martialischem Kragen und furchterregenden Schmissen im Gesicht, getränkt von Offensivgeist. Was dachte er sich? Wie muß er ein Stück gefühlt haben, das seine heiligsten Güter in den Staub zog, oder wie man zu sagen pflegt? Er folgte dem Judenjungen da oben noch allenfalls, wenn der in der Idee »Vaterland« aufging – höher hinauf reichte es bei ihm nicht. Phrasen. Drückebergerei. Utopie. Das Publikum blieb stumm. Doch: einmal lachten sie. Das war, als der Medizinprofessor den Todkranken Rhizinus verordnete. Ach, wir haben nicht gelacht, als uns das bei lebendigem Leibe passierte. Schade: ich hätte es lieber gesehen, wenn dieser Menschenarzt nicht zur Marionette stilisiert worden wäre – er hätte einen gut sitzenden Gehrock tragen müssen oder, noch besser, eine prall sitzende Uniform, und das Gehirn des Publikums hätte ihn durchaus ernst nehmen sollen. Schade: er war durchsichtig dumm. Und daß seine große Rede (»Die Rüstungsindustrie schlägt das analytische Verfahren, wir, die Ärzte, das synthetische ein«) eine blutige Parodie auf das salbungsvolle Pathos dieser Helfershelfer zum Morde war: das merkte keiner von denen. Man muß ihre Götter nicht travestieren. Es genügt, sie darzustellen. Das Publikum blieb stumm. Ergriffenheit? Du lieber Gott, auch die Kuh bleibt stumm, wenn man ihr die Neunte Symphonie vorspielt. Sie rupft ihr Gras. Und Realforscher schreiben einen gelehrten Essai über die Wirkung der Musik auf die pflanzenfressenden Tiere. Das Publikum blieb stumm. Und da oben riß Einer sein Herz auf und predigte das Evangelium der Liebe – zum wievielten Mal auf dieser Welt? Und ich dachte: Aber es ist ja nicht neu. Es ist ja immer Dasselbe, von Christus bis Tolstoi immer dasselbe, nur, daß der es wieder einmal als erschütternd neu und lebendig gefühlt hat, daß das Erstarrte sich in ihm zu lösen begann, und daß er die alten Worte durchblutete und zu neuem Leben aufschrie. Das Publikum blieb stumm. In diese Köpfe geht nichts mehr. Verdummt, eingeschüchtert, verängstigt, durch ein vierjähriges Trommelfeuer von Lügen und Übertreibungen eines verlogenen Presse-Apparates zu Grunde gerichtet, lassen sie apathisch alles vorbeigehen, was gepredigt wird, und wachen erst auf, wenn das Straßenbahnabonnement erhöht wird. Und vor einem kleinen Stückchen Holz, vor ein paar schwarzen Vorhängen stand Einer und schrie Das hinaus, was uns alle angeht, was unsre Sache ist, was wir wollen und sind und erstreben und nicht erreichen. Schrie von dem Haß, mit dem allein es nicht getan sei ... und ich wurde ganz klein auf meinem Stuhl. Ich bekenne: ich habe gehaßt, vier, fünf, sechs Jahre lang, und ich hasse heute noch mit der ganzen Kraft, deren ich fähig bin. Ich weiß, daß es nicht recht ist. Ich weiß, daß ich so nur das Korrelat eines alldeutschen pensionierten Obersten bin. Ich weiß, ich weiß. Und doch hasse ich den Typ des Deutschen, wie er sich in diesen Stabsärzten, in diesen Offizieren, in diesen Verwaltungsbeamten, in diesen Subalterngeistern darstellt, und fühle mich dem letzten slawischen Bauern näher als Diesen da. »... und hätte der Liebe nicht.« Auch diese seien arme, verblendete Menschen, sagt Toller. Vergib mir. Vor wem sprechen diese Gestalten? Vor wem öffnet sich ein Herz weit, weit, vor wem strömen Blutbäche, rinnen Adernbahnen? Vor einem Parkett, das auch nicht auf der untersten Stufe zu dieser Leiter steht. Vor Leuten, die zum allergrößten Teil und bestenfalls dem »Kommis des Tages« nachlaufen, den brandhaarigen, argumentgewandten Podiumssatrapen, die heute so können und morgen so. »Marschiert! Marschiert!« sagt da oben der Mann des Stückes zur Masse. Aber zuvor: Habt den Geist! Ein freundlicher Imperativ. Und eine blanke Unmöglichkeit. Das Stück gehört nicht in dieses Theater. Es ist ein Wagnis gewesen, es aufzuführen, und ein dankenswertes Wagnis. Ein gekrümmter Knöchel schlug an verschlossene, dicke Bohlentüren. Es ward nicht aufgetan. Toller telegraphierte aus dem Gefängnis, in das man ihn geworfen, weil nach §\ 9b des Gesetzes über den Belagerungszustand vom Jahre 1851 die derzeitige Revolution als beendet anzusehen war: sein Stück gehöre den Arbeitern, nicht den Bürgern. Himmel, entsinnt Ihr euch, welche unglaublichen Charakteristiken über Ernst Toller durch die Blätter gingen, als er in München politisch tätig war? Ein lächerlicher Verbrecher. Ein verrückter Schwarmgeist. Ein Hanswurst. Ein Rowdy. Ein eitler Geck, der Napolium äfft. Gott schenke uns viele Solche. Das Stück gehört den Arbeitern. Wenn die's nicht verstehen, ist es ein Schmarrn. Wenn sie's nicht ganz verstehen, nicht auf den ersten Anhieb verstehen: so mögen sie es zweimal sehen und es lesen und sich erklären lassen. Aber in der Masse gärt und brodelt es, der Zahlabend der Bezirksorganisationen gibt bei keiner Partei – auch bei den Unabhängigen nicht – die geistige Nahrung, die nottäte und die dem jungen ringenden Arbeiter Brot schenkte und Segen. Das Stück gehört vor die richtigen Augen, vor die richtigen Köpfe, vor die richtigen Gehirne. Hier ist es bestenfalls eine kleine Sensation. »Wenn wir das gewußt hätten«, sagte hinter mir eine junge Dame zur andern jungen Dame, »dann wären wir nicht hingegangen! Sonst sieht man doch immer am Titel, was los ist – aber hier ...!« Laß mich noch kämpfen, Toller. Kämpfe du mit dem Kreuz, ich kann es noch nicht. Ich will zu dir kommen und dir sagen, wenn ich den langen Weg gegangen bin, der zur Liebe führt. 1919 Lebensgeschichte eines Rebellen Habe des Süßen und Sauren viel genossen – aber des Sauren war mehr. Der alte Dessauer Arthur Holitscher hat seine Erinnerungen geschrieben, und sechsundfünfzig Jahre Mitteleuropa ziehen an uns vorüber. (Lebensgeschichte eines Rebellen. Im Verlag S. Fischer.) Ein Rebell –? »Schonungslose Lebenschronik« könnte das Buch heißen, nach dem Titel einer Autobiographie von Kurt Martens, eines zu gleicher Zeit dummen, vernünftigen, unappetitlichen, kleinlichen und eigentümlichen Buches. Holitschers Erinnerungen sind Abrechnung mit sich selbst, Zeitzeichnung, Kunstgeschichte und Rückblick. Memoiren haben für den Unbeteiligten meist etwas Rührend-Komisches: mit welcher Wichtigkeit Ereignisse aufgeplustert werden, nur, weil der Erzählende zufällig oder schicksalsbestimmt an ihnen mitgewirkt hat, die Weltkarte sieht aus, wie sie Lichtenberg einmal skizziert hat: die umliegenden kleinen Dörfer riesig, exakt, durchbeobachtet bis in alle Einzelheiten, weiterhin wird es immer verschwommener, und »là-bas« liegen dann Asien, Afrika, Amerika, Australien. Holitscher sagt immer: Seht, dieses war meine Welt; nirgends: Es ist die Welt. In Ungarn beginnts. In Ungarn, wo Deutsche, Juden, Ungarn zusammenwohnen, und wo das versprengte Deutschtum doch ein bißchen anders ausgesehen hat und aussieht, als es uns die germanischen Irredentisten erzählen wollen. Das Ghetto wird leidenschaftslos geschildert, mit seiner lächerlichen Unterschätzung der »Gojim«, wie sich ja überhaupt der deutsche Jude nur deshalb für klüger hält, weil die Andern dümmer sind. Hier erlebt der Junge seine Jugend, die keine ist. Bis zur Mitte ist dieses Leben in Schwermut getaucht, weil es eine solche Jugend gehabt hat; oder hat es eine solche Jugend gehabt, weil es in Schwermut beinah versinkt? Noch in den lustigen kleinen Erlebnissen wird gelächelt, so: Ja – recht heiter; aber es ist ja nur eine Unterbrechung, das Eigentliche wird gleich wieder einsetzen. Und dieses Eigentliche ist Trauer. Holitscher empfindet selbst, wie nahe er dem Schlemihl gewesen ist; schließlich ist man selbst schuld, wenn einem grade immer die letzte Bahn vor der Nase wegfährt. Es gibt Glückspilze und Unglücksraben – Unglück ist dauerhafter. Nach der Schulzeit, dem Ritualmord von Tisza-Eszlar: Bankbeamter in Budapest, in Fiume und in Wien. Dies ist das schönste Kapitel des Buches: Die verlorenen Jahre. Wer kann sagen, ob sie verloren gewesen sind? Aber er empfand sie doch so, und das ist die Hauptsache. Sie werden eingeleitet mit einer ausgezeichneten Beschreibung der Bankbeamtenseele – wie wenig hat sich das geändert! –, und da sitzt er nun, eingeengt von Beruf und einer andern Elementarkraft des Judentums: der Familie. In der Berufsschilderung steht an keiner einzigen Stelle: Nur ich hatte recht, und alle Andern waren Trottel. Es ist auch schon jene leise Trauer darin, daß diese »verlorenen Jahre« für die Meisten ein Leben bedeuten, und wie schrecklich ist es, daß sie dergleichen eben nicht als verloren empfinden! Eingefangen ist er – es geht nicht mehr weiter. Die Familie umschließt ihn wie ein Käfig. Diese Brutwärme der Liebe, die das gehegte Wesen zu Tode drückt, aber keineswegs gestatten will, daß es in der Freiheit aufblüht, dieser Backofen des Egoismus mit dem falschen Vorzeichen ... es geht auch hier nicht mehr weiter. Ungemein bezeichnend, womit der junge Holitscher aufgeweckt wird. Hamsun ist es, dieser Ausländer des Daseins, Hamsun, der den großen Ruf ungekannt an einen Ungekannten ergehen läßt. Der vernimmt ihn, reibt sich die Augen und entflieht. Nach Paris. Beneidenswert, wer so Paris erlebt hat. Da mag viel zusammengekommen sein: der Kontrast von Sklaverei und Freiheit, die Jugend, ein Paris, das der Welt damals mehr zu geben hatte als heute – die grünen Tage des Luxembourg-Gartens leuchten durch das ganze Buch, sie kommen immer wieder, weil sie unwiederbringlich dahin sind. Hier setzen die literarischen Erinnerungen ein, die höchst reizvoll sind, lehrreich und frisch. Hamsun erscheint, er wohnt in der langen rue de Vaugirard, ein kleiner Ausländer, um den sich Niemand kümmert, Albert Langen wirtschaftet schon in Paris umher, und nun wird ein Literaturpanoptikum vorgeführt, worin jede Nummer ihre Meriten hat. Der hat wirklich halb Europa kennen gelernt und keine Bücherverfasser erlebt, sondern Menschen. Erzählt ist alles Das sehr leise, still, niemals mit diesem unerträglichen Augenschlag: »Das ist nämlich Der, von dem so viel in den Zeitungen stand, und ich, ich, ich habe ihn gekannt.« Er ist selbstverständlich und natürlich – und das will schon etwas heißen in Deutschland. Auch die pariser Anarchisten hat Holitscher aufgesucht, mit ihnen gelebt, gehorcht, gesucht. Dem Schriftsteller ist in diesen Schilderungen einmal das Schwierigste geglückt: er erzählt von einem homosexuellen Freund, der ihn besitzen möchte, eine Szene, bei der sich einem der Magen umdrehen würde, stammte sie nicht eben von Holitscher. Bei dem zeigt einem diese Episode nichts weiter als: Auch dies gibt es – so sind die Menschen. Sein Stil ist gepflegt, aber niemals literarisch. Der französische Einfluß ist unverkennbar. Einmal entwickelt ein pariser Graf recht bösartige Theorien über die Frauen, mit deren einer, einem finstern Exemplar, er zusammenlebt. Weiber! Weiber! Weiber ...! »Die verheirateten Herren stimmten ihm zu hinter den Wolken der ziemlich mittelmäßigen Zigarren.« Und so zieht das vorüber, die pariser Plätze, der französisch-chinesische Literaturbetrieb, die Radaupremieren, wo einmal dem alten Sarcey, dem Rudolf v. Gottschall von Paris, ein Überzieher auf den Kopf fällt, aus tiefem Theaterschlaf fährt er auf ... eine Welt wird lebendig. Folgt München. Das ist uns nun auch den Jahren nach näher, der verstorbene Keyserling taucht noch einmal auf, der ein wertvoller Mensch war und so gar keine Ähnlichkeit mit seinem Namensvetter hatte; der ganze Simplicissimus-Verband, mit Wassermann, Wedekind, Dauthendey und Thomas Mann. Der spielt keine sehr angenehme Rolle in dem Buch, wahrscheinlich mit Recht. Holitscher hat einmal das Modell zu einer amüsanten Figur in Manns Novelle ›Tristan‹ abgegeben, und wie es dazu kam, erzählt er, ohne Bitterkeit, aber enttäuscht von der Unzulänglichkeit einer so korrekten Erscheinung. »So waren wir, ich fühlte es, in diesen Nachmittagsstunden einander nahe gekommen, und ich ging mit dem frohen Bewußtsein die Straße entlang, daß ich einen Freund habe. Durch irgendeinen Umstand wurde ich beim Weitergehen gezwungen, stehen zu bleiben und mich umzudrehen. Da sah ich oben im Fenster der Wohnung, die ich soeben verlassen hatte, Mann, mit einem Opernglas bewaffnet, mir nachblicken. Es dauerte nur einen Augenblick, im nächsten verschwand der Kopf blitzschnell aus dem Fenster.« Dann erscheint die Novelle, durch die jene Figur geht, »mit den Schritten Eines, der innerlich davonläuft« ... Wer hat hier davonzulaufen? In eben jener Lebenschronik von Kurt Martens steht ein Brief, den Thomas Mann in seiner Militärzeit geschrieben hat. Darin heißt es: »Schreiben Sie einmal wieder – hierher. Aber besuchen Sie mich nicht. Das mag ich nicht. Hoffentlich bekommen Sie mich in Uniform überhaupt nicht zu sehen.« Aber die Ruhe und Ordnung mancher Staatsbürger beruht eben auf dieser Uniform. Betrachtet man alles Das unpolitisch, so gefällts einem nicht. Figuren kommen und gehen – man versteht zunächst nicht, wie sich dieses bunte Wirrsal zu einem Ganzen geeint haben kann; man versteht auch nach dieser braungetönten Traurigkeit nicht, wie Einer sich so jung erhalten kann, mit sechsundfünfzig Jahren. Aber dieser erste Band der Alterserinnerungen eines jungen Mannes zeigt noch nicht die große Wandlung, nur ihre Vorbereitung. Diese Wandlung in Holitschers Leben ist der Kommunismus. So, wie ein wahrhaft frommer Mensch ein Zentrum in sich hat, um das Alles tendiert, so, wie ihm nichts geschehen kann, weil Alles einen Sinn hat – so hat sich Dieser gefunden. Ergreifend sind die letzten Seiten, auf denen das Bekenntnis zur Güte, zur Menschlichkeit, zum Menschen zu lesen ist. Das Dogma des Kommunismus ist ihm viel – der Mensch mehr und Alles. Man hat ob seiner jugendlichen Begeisterung manchmal gelächelt, und ich weiß nicht, ob er seine Werke über Rußland und Palästina als statistische Werke gewertet haben will. Wahrscheinlich sind sie es nicht. Aber sie sind, wie dieses Buch, das Bekenntnis eines lautern Charakters, eines überzeugungsfesten Mannes, der als Dichter ersehnt und als politischer Bekenner gefunden hat, was in ihm ist: Treue zu einer großen Idee. Ein Rebell –? Ein gequälter, sich quälender, erlöster und tapferer Mensch. 1925 Bauern, Bonzen und Bomben Wer, um sich oder einem Dritten einen rechtswidrigen Vermögensvorteil zu verschaffen, einen andern durch Gewalt oder Drohung zu einer Handlung, Duldung oder Unterlassung nötigt ... § 253 StGB. Ein politisches Lehrbuch der Fauna Germanica, wie man es sich nicht besser wünschen kann: »Bauern, Bonzen und Bomben« von Hans Fallada (erschienen bei Ernst Rowohlt in Berlin). Bevor wir ins Thema steigen: das Buch hat ein gotteslästerlich schlechtes Satzbild. Wie sieht denn nur die Seite aus? Ich habe immer gelernt, der weiße Rand müsse sich nach der Innenseite des Buches hin verbreitern – dies Satzbild ist aber gar nicht schön. Rowohlt, Sie sind doch sonst nicht so? Jetzt gehts los. Falladas Buch ist die beste Schilderung der deutschen Kleinstadt, die mir in den letzten Jahren bekannt geworden ist. Der Verfasser hat einen Bauernroman schreiben wollen – wohl anknüpfend an die Vorgänge in Neumünster in Holstein, wo Bauernführer im Sinne Klaus Heims und, unabhängig von ihm, die Nationalsozialisten die vorhandene Unzufriedenheit der Bauern benutzten, um gegen das, was sie die Republik nennen, vorzugehen. »Die Gestalten des Romans«, steht im Vorwort, »sind keine Photographien, sie sind Versuche, Menschengesichter unter Verzicht auf billige Ähnlichkeit sichtbar zu machen. Bei der Wiedergabe der Atmosphäre, des Parteihaders, des Kampfes aller gegen alle ist höchste Naturtreue erstrebt. Meine kleine Stadt steht für tausend andere und für jede große auch.« Die Bauern nun sind in diesem Roman eine dunkle, anonyme Masse – die paar Typen, die herausgegriffen werden, sind viel blasser als die Bewohner der kleinen Stadt Altholm; und von den wirtschaftlichen Gründen bäurischer Notlage wird so gut wie nichts gesagt. Einmal ist das heikle Thema, daß die Bauern vielleicht intensiver wirtschaften sollten, um sich gegen die ausländische Konkurrenz anders als mit Schutzzöllen zu behaupten, leise angeschlagen; kein Wort davon, daß die Verdienste, die der Bauernschaft durch die Inflation in den Schoß gefallen sind, sie damals für lange Zeit hätten schuldenfrei machen können, es war jene Zeit, wo die Ledersessel und die Klaviere in die Bauernhäuser transportiert wurden. Und wo stehn die Bauern heute ... also davon ist in dem Buch wenig zu spüren. Den Bauern gehts eben schlecht – und nun revoltieren sie. Das tun sie auf eine recht merkwürdige Weise. Die dem Altdeutschen entlehnten romantischen Formen des armen Konrad wirken wie aufgeklebt. »Bauern Pommerns, habt ihr darüber hinaus schuldig gefunden die ganze Stadt Altholm mit allem, was darin lebt, so sprecht: sie ist schuldig! – Ankläger, welche Strafe beantragst du gegen die Stadt Altholm?« Das ist tragische Oper, Film und Neuruppiner Bilderbogen. Sicherlich wird auf diesen Things so gesprochen; es ist die gehobene Sprache von Ackerbürgern, die das Feierliche solcher Handlungen durch einen Stil bekunden, der leise Erinnerungen an die Bibel und an alte verschollene Zeiten aufweist, da der Bauer einmal wirklich revolutionär gewesen ist. Aber warum, warum das alles so ist – davon bekommen wir in diesem Buch wenig zu hören. Gut gesehn und gut geschildert ist das Dumpfe am Bauern, seine Schlauheit, seine ungeheure Aktivität im passiven Erdulden, woran sich jeder Gegner mit der Zeit totläuft ... aber der Bauer: der ist nicht in diesem Buch. Das hat kein Bauer geschrieben. Dieser Autor hat die Bauernbewegung schildern wollen, und unter der Hand ist ganz etwas andres herausgekommen: ein wundervoller Kleinstadtroman. George Grosz, der du das Titelbild hättest zeichnen sollen, das lies du! Es ist dein Buch. Die Technik ist simpel; es ist der brave, gute, alte Naturalismus, das Dichterische ist schwach, aber der Verfasser prätendiert auch gar nicht, ein großes Dichtwerk gegeben zu haben. Ein paar Stellen sind darin, an denen schlägt ein Herz. Nein, ein großes Kunstwerk ist das nicht. Aber es ist echt ... es ist so unheimlich echt, daß es einem graut. Gezeigt wird das politische Leben einer kleinen Provinzstadt; ihre Intriguen und ihre Interessenten; ihre Stammtische und ihre Weiberkneipen; ihr Rathaus und ihre Polizeiwache ... es ist schmerzhaft echt. Das hat einer geschrieben, der diese Umwelt wie seine Tasche kennt, einer, der sich aber doch so viel Distanz dazu bewahrt hat, sie schildern zu können. Er hat genau die richtige Entfernung, deren ein Schriftsteller bedarf: nah, aber nicht zu nah. Es scheint mir ungemein bezeichnend, daß wir keinen solchen Arztroman haben; keinen solchen Börsianerroman; keinen solchen Großstadtroman: es ist, als hätten die Angehörigen dieser gehobenen Bürgerschichten keine Augen im Kopf, um das zu sehen, was rings um sie vorgeht. Es ist ihnen wohl zu selbstverständlich. Fallada hat gesehn. Es ist eine Atmosphäre der ungewaschenen Füße. Es ist der Mief der Kleinstadt, jener Brodem aus Klatsch, Geldgier, Ehrgeiz und politischen Interessen; es ist jene Luft, wo die kleine Glocke an der Tür des Posamentierwarenladens scheppert und eine alte Jungfer nach vorn gestolpert kommt ... Augen tauchen hinter Fensterladen auf und sehen in den »Spion« ... und wenn das nun noch ein Dichter geschrieben hätte, der nicht nur theoretisch im Vorwort sagt, daß dieses Altholm für tausend andre Städte stehe, sondern wenn er uns das nun auch noch im Buch selbst gezeigt hätte –: dann wäre dies ein Meisterwerk. So ist es nur ein politisch hochinteressanter Roman geworden. Ich kann mir nicht denken, daß ich dieses Buch zu Ende gelesen hätte, wenn es etwa eine bretonische Kleinstadt schilderte; das kann für den Fremden nur ein Künstler wie Maupassant schmackhaft machen. Dieses Werk hier habe ich in zwei Nächten gefressen, weil es uns politisch angeht, nur deswegen. Beinah nur deswegen. Im Gegensatz zu diesen dummen Büchern gegen die »Bonzen«, wo der Sozialdemokrat nichts als dick, dumm und gefräßig ist und die andern rein und herrlich; wo die Arbeiter abwechselnd als verhetzt und unschuldig oder als blöde Masse geschildert werden, und wo sich die ganze Wut nicht zu Worte gekommener Zahlabendmitglieder entlädt – im Gegensatz dazu sind hier Menschen gezeichnet, wie sie wirklich sind: nicht besonders bösartig, aber doch ziemlich übel, mutig aus Feigheit, klein, geduckt alle zusammen – und niemand ist in diesem Betrieb eigentlich recht glücklich. Die Bauern demonstrieren in der Stadt mit der schwarzen Fahne gegen die zu hohen Steuern. Der Bürgermeister verbietet die Demonstration nicht, der Regierungspräsident will sie verboten haben; beides sind Sozialdemokraten. Der Regierungspräsident entsendet an die Grenze des städtischen Machtbereichs Schupo; sowie einen »Vertrauensmann«. Der Vertrauensmann bringt die städtische Polizei und die Bauern ein bißchen aufeinander; hier ist ausgezeichnet geschildert, wie so etwas verläuft: wie guter böser Wille, Tücke, Schlauheit und Gerissenheit des Beamten ineinander übergehn – Amtsmißbrauch? Das weisen Sie mal nach! Und wie sich dann vor allem die Ereignisse selbständig machen; wie es eben nicht mehr in der Macht der Menschen liegt, ihnen zu gebieten – das »es« ist stärker als sie. Die Herren Führer stehen nachher als Opfer da – wie ist das gewesen? Ein Telephonanruf, die Ungeschicklichkeit eines Polizeiinspektors ... du lieber Gott, es sind lauter Kleinigkeiten, und zum Schluß ist es ernste Politik. Fallada hat das gut aufgebröselt; er begnügt sich an keiner Stelle mit diesen schrecklichen Rednerphrasen, wie wir sie sonst in jedem politischen Roman finden: er trennt das Gewebe auf und zeigt uns das Futter. Riecht nicht gut, diese Einlage. Hießen alle diese Leute: Kowalski, Pruniczlawski, Krczynakowski und spielte dieser Roman in Polen –: die deutsche Rechtspresse würde ihn mit Freudengeheul begrüßen. Was? Diese Tücke! diese Falschheit – denn ein Grundzug geht durch das ganze Buch, und der ist wahr: Fast alles, was hier geschieht, beruht auf Nötigung oder Erpressung. Der Bürgermeister drückt auf die Zeitungsleute; die Zeitungsleute drücken auf das Rathaus; die Bauern auf die Kaufleute; jeder weiß etwas über wen, und jeder nutzt diese Kenntnis auf das raffinierteste aus. Nun wollen wir uns nicht vormachen, es käme solches nur in deutschen Kleinstädten vor; diese Leute sind immer noch Waisenknaben gegen die Franzosen, die aus Personalkenntnissen gradezu meisterhaft Kapital zu schlagen verstehn – die gute Hälfte ihrer Politik besteht aus solchen Dingen, und es ist sehr lustig, daß der Name ihrer einschlägigen Institution in wörtlicher Übersetzung »allgemeine Sicherheit« bedeutet. Also das ist überall so. Gestaltet ist es in diesem Buche meisterhaft. Was vor allem auffällt, ist die Echtheit des Jargons. Das kann man nicht erfinden, das ist gehört. Und bis auf das letzte Komma richtig wiedergegeben: es gibt eine Echtheit, die sich sofort überträgt: man fühlt, daß die Leute so gesprochen haben und nicht anders. Diese Aktschlüsse, wenn sie auseinandergehn, mit »Na, denn ...« und »Also nicht wahr, Herr Bürgermeister ...«; der schönste Gesprächsschluß ist der auf Seite 517 ... die grammophongetreue Wiedergabe dessen, was so in einer Konferenz gesprochen wird: wie da die Bürger aller Schattierungen eine Nummer reden, halb Stammtisch und halb Volksversammlung; wie sie unter Freunden sprechen und wie sie sprechen, wenn jemand dabei ist, gegen den sie etwas haben; wie sie schweinigeln ... Ja, da lesen wir nun so viel über die Sittenverderbnis am Kurfürstendamm. Aber auf keinem berliner Kostümfest der Inflationsjahre kann es böser zugegangen sein als es heute noch in jeder Kleinstadt in gewissen Ecken zuzugehen pflegt, wenn die Ehemänner, fern von Muttern, in das Reich der Aktphotographien und der Weiberkneipen hinuntertauchen. Jeder hat was auf dem Kerbholz. »Ich sage bloß: Stettin ...«, sagt einer zum Bürgermeister. Ich sage bloß: Altholm – und hierin steht dieses erfundene Altholm, das gar nicht erfunden sein kann, für jede Stadt. Dieses Laster ist unsagbar unappetitlich. Wenn sie aber festgestellt haben, daß Betty, die Sau, heute keine Hosen trägt, dann reißen sie sich am nächsten Vormittag zusammen und werden »dienstlich«. Und das ist nun allerdings ganz und gar deutsch. »Ich komme dienstlich«, sagt einer zu einem Duzfreund. Und dann spielen sie sich eine Komödie vor: jeder weiß, daß der andre weiß, daß er weiß – sie grinsen aber nicht, sondern sie wechseln vorschriftsmäßig Rede und Gegenrede, damit sie nachher in den Bericht setzen und beschwören können: »Herr Stuff sagte mir, daß er von dem Verbleib des Inseratenzettels nichts wüßte. So wahr mir Gott helfe.« O welsche Tücke, o polnische Niedertracht, o deutsche Dienstlichkeit. Und eine Gerichtsverhandlung: wie da die unbequemen Zeugen zu Angeklagten werden; wie es gedreht wird; wie dieses ganze Theater gar nichts mehr mit Rechtspflege, dagegen alles mit Politik zu tun hat –: das ist ein Meisterstück forensischer Schilderung. Nur zu lang. Und wenn man das alles gelesen hat, voller Spannung, Bewegung und ununterbrochen einander widerstreitender Gefühle: dann sieht man die immense Schuld jener Republik, die wir einmal gehabt haben und die heute zerbrochen ist an der Schlappheit, an der maßlosen Feigheit, an der Instinktlosigkeit ihres mittleren Bürgertums, zu dem in erster Linie die Panzerkreuzer bewilligenden Führer der Sozialdemokratie zu rechnen sind. Der Lebenswille der andern war stärker; und wer stärker ist, hat das Anrecht auf einen Sieg. Beklagt euch nicht. Hier, in diese kleinen Städte, ist der demokratische, der republikanische Gedanke niemals eingezogen. Man hat – großer Sieg! – auf manchen Regierungsgebäuden schwarz-rot-gold geflaggt; die Denkungsart der breiten Masse hat die Republik nie erfaßt. Nicht nur, weil sie maßlos ungeschickt, ewig zögernd und energielos zu Werke gegangen ist; nicht nur, weil sie 1918 und nach dem Kapp-Putsch, nach den feigen Mordtaten gegen Erzberger und Rathenau, alles, aber auch alles versäumt hat – nein, weil der wirkliche Gehalt dieses Volkes, seine anonyme Energie, seine Liebe und sein Herz nicht auf solcher Seite sein können. Die Sozialdemokratie ist geistig nie auf ihre Aufgabe vorbereitet gewesen; diese hochmütigen Marxisten-Spießer hatten es alles schriftlich, ihre Theorien hatten sich selbständig gemacht, und in der Praxis war es gar nichts. Das Volk versteht das meiste falsch; aber es fühlt das meiste richtig. Daß nun dieses richtige Grundgefühl heute von den Schreihälsen der Nazis mißbraucht wird, ist eine andre Sache. Hier ist eine Blutschuld der nicht mehr bestehenden Republik. Aus keinem Buch wird das deutlicher als aus diesem, der Verfasser hat es uns vielleicht gar nicht zeigen wollen – die These springt aber dem Leser in die Augen. Was war hier zu machen –! Und was hat man alles nicht gemacht –! Zu spät, zu spät. Ich empfehle diesen Roman jedem, der über Deutschland Bescheid wissen will. Wie weit ist das von dem Rapprochement-Geschwätz der braven Leute aus den großen Städten entfernt. Hier ist Deutschland – hier ist es. Es wäre anzumerken, daß der Künstler in Fallada nur an einigen wenigen Stellen triumphiert. Manchmal sagt er kluge Sachen; wie sich zwei bei einer Unterredung vorsichtig abtasten: «Ein Anfang ist gemacht, ein günstiger Anfang. Die beiden Herren haben sich in ihren Antipathien getroffen, was meistens wichtiger ist, als daß die Sympathien übereinstimmen.» Und einmal steht da einer dieser Sätze, an denen das frühere Werk Gerhart Hauptmanns so reich ist. Einem Bauern geht alles, aber auch alles schief. «Welche sind, die haben kein Glück, sagt Banz und meint sich.« Ja, das ist ein Buch! So ist die Stadt; so ist das Land, vor allem das niederdeutsche, und so ist die Politik. Man sieht hier einmal deutlich, wie eben diese Politik nicht allein in wirtschaftliche Erklärungen aufzulösen ist; wie sich diese Menschen umeinanderdrehen, sich bekämpfen und sich verbünden, sich anziehen und abstoßen, sich befehden und verbrüdern... als seien sie von blinden und anonymen Leidenschaften getrieben, denen sie erst nachher, wenn alles vorbei ist, ein rationalistisches Etikett aufkleben; das Etikett zeigt den Flascheninhalt nicht richtig an. Sie drücken aufeinander und «lassen den andern hochgehn»; sie spielen einander die Komödie des Dienstlichen vor – und es sind arme Luder, alle miteinander. Und man bekommt einen kleinen Begriff davon, wie es wohl einem zumute sein mag, der in diesen mittlern und kleinen Städten auf republikanischem Posten steht. Fällt er wegen seiner Gesinnung? Natürlich. Fällt er durch seine Gesinnung? Nie. Sie «machen ihn kaputt», wie der schöne Fachausdruck heißt, aber so: «Herr Schulrat P. hat gegen den § 18 der Bestimmung verstoßen, nach der er...» Immer ist da so ein § 18, und immer funktioniert dieser Paragraph prompt, wenn sie ihn grade brauchen. Und niemals hilft die Republik ihren Leuten; sie wird so gehaßt und hat dabei gar nich veel tau seggn. Sie sieht sich das alles mit an ... sie läßt diese unsäglichen Richter machen, die die Hauptschuld an den blutigen Opfern der letzten Zeit tragen. Rechtsschutz gibt es nicht. Gleichheit vor dem Strafgesetz gibt es nicht. Kommunist sein bedeutet: Angeklagter sein, und wenn die Nazis ganze Kleinstädte terrorisieren, so bleibt der Landgerichtsrat milde und hackt auf den Belastungszeugen herum. Und wenn es gar nicht anders geht, wenn sonst nichts da ist, einen verhaßten Republikaner tot zu machen, dann hilft irgend ein § 18. Noch niemals aber ist ein Mitglied der herrschenden Rechtskaste über solch einen Paragraphen gestolpert, falls er sich nicht bei seiner Klasse mißliebig gemacht hat. Da gilt dann der Paragraph nicht. Man fällt nicht über seine Fehler. Man fällt immer über seine Feinde, die diese Fehler ausnutzen. So einen Arztroman möchten wir lesen. So einen Journalistenroman. So einen berliner Roman. Dazu wäre allerdings der besondere Glücksfall nötig, daß ein schriftstellerisch begabter Mann in diesem Milieu lebt und es so genau kennt, wie Fallada das seinige. Er hat es kaschiert. Seine Helden heißen nicht Knut, sondern Tunk. Wird diese Tarnkappe genügen? Begeistert wird die kleine Stadt von seiner Schilderung grade nicht sein – nicht davon, wie er sie entblößt; wie er aufzeigt, daß weit und breit keine Juden da sind, die man für alles verantwortlich machen könnte; weit und breit keine Kommunisten, die etwas bewirken. Fallada, sieh dich vor. Es gibt ein altes Grimmsches Märchen von der Gänsemagd, die eine Prinzessin war und die nun als Magd dienen muß. Den Kopf ihres treuen Rosses haben sie ans Stadttor genagelt, und jeden Morgen, wenn sie ihre Gänse da vorübertreiben muß, sieht sie es an und spricht: »O Fallada – daß du hangest!« Wenn sie dich kriegen, Hans Fallada, wenn sie dich kriegen: sieh dich vor, daß du nicht hangest! Es kann aber auch sein, daß sie in ihrer Dummheit glauben, du habest mit dem Buch den Sozis ordentlich eins auswischen wollen, und dann bekommst du einen Redakteurposten bei einem jener verängstigten Druckereibesitzer, die in Wahrheit die deutsche Presse repräsentieren. Obgleich und weil du den besten deutschen Kleinstadtroman geschrieben hast. 1931 Der Prozess Es war ein lächelnder Gerichtshof, vor dem er dringend sich seinen Freispruch verbat. Ludwig Hardt Wenn ich das unheimlichste und stärkste Buch der letzten Jahre: Franz Kafkas ›Prozeß‹ (im Verlag Die Schmiede zu Berlin) aus der Hand lege, so kann ich mir nur schwer über die Ursachen meiner Erschütterung Rechenschaft ablegen. Wer spricht? Was ist das? »Erstes Kapitel. Verhaftung. Gespräch mit Frau Grubach. Dann Fräulein Bürstner. Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.« So fängt es an. Es ist ein Bankbeamter, um den es sich handelt – und die zwei Gerichtsboten, die da morgens in sein möbliertes Zimmer kommen, wollen ihn verhaften. Aber sie verhaften gar nicht – der »Aufseher« stellt an einem Nachttischchen ein Verhör mit ihm an, dann darf er in die Bank gehen. Er ist frei. Bitte, Sie sind frei... Der Prozeß schwebt. Wir Alle, die wir ein Buch zu lesen beginnen, wissen doch nach zwanzig oder dreißig Seiten, wohin wir den Dichter zu tun haben; was das ist; wie es läuft; obs ernst gemeint ist oder nicht; wohin man im Groben so ein Buch zu rangieren hat. Hier weißt du gar nichts. Du tappst im Dunkel. Was ist das? Wer spricht? Der Prozeß schwebt, aber es wird nicht gesagt, was für ein Prozeß. Der Mann ist offenbar eines Vergehens angeklagt, aber es wird nie gesagt, welchen Vergehens. Die irdische Gerichtsbarkeit ist es nicht – also welche sonst? Eine, um Gottes willen, allegorische? Der Autor erzählt, erzählt mit unerschütterlicher Ruhe – bald merke ich, daß es nichts Allegorisches wird – deute nur, du deutest nie aus. Nein, ich deute nie aus. Josef K. wird zum Verhör geladen – er geht. Das Verhör findet unter seltsamen Umständen im fünften Stockwerk eines Außenviertels statt – man liest, weiß nicht... Und ganz unmerklich hat sich die Idee festgehakt, sie greift über, und nun gibt es nichts zu freudianern, und keine gebildeten, geschwollenen Fremdwörter helfen hier weiter. Es ergibt sich, daß Josef K. in eine riesenhafte Maschinerie geraten ist, in eine bestehende, arbeitende, geölt laufende Maschine des Gerichts. Er vernachlässigt seine Stellung in der Bank, er berät mit Advokaten, er geht zu den Verhören, obgleich er sich geschworen hat, nicht hinzugehen, er beschwert sich über das Betragen der Gerichtsdiener in seiner Wohnung – es sickert auch langsam durch, daß er einen »Prozeß« hat, es scheint, daß alle Leute davon wissen, oder doch viele, es ist wohl etwas Legitimes. Bis es ihn in der Bank selbst erwischt. »Als K. an einem der nächsten Abende den Korridor passierte, der sein Bureau von der Haupttreppe trennte – er ging diesmal fast als der Letzte nach Hause, nur in der Expedition arbeiteten noch zwei Diener im kleinen Lichtfeld einer Glühlampe –, hörte er hinter einer Tür, hinter der er immer nur eine Rumpelkammer vermutet hatte, ohne sie jemals selbst gesehen zu haben, Seufzer ausstoßen.« Er öffnet. Da steht ein Mann in dunkler Lederkleidung und vor ihm die beiden Gerichtsdiener. »Was tut Ihr hier?«, fragt er sie. »Herr! Wir sollen geprügelt werden, weil du dich beim Untersuchungsrichter über uns beklagt hast.« In der Bank? In dieser so realen Bank? K. unterhandelt mit ihnen, versucht, den Prügler zu besänftigen – so hart habe er seine Beschwerde nicht gemeint ... Aber sie müssen sich ausziehen, die Gerichtsdiener, schon sind die Oberkörper nackt, die Rute tanzt... Da schlägt K. die Tür zu. Der Schrei der Geprügelten wird jäh abgeklemmt. Am nächsten Tag geht er scheu an der Tür vorbei, die sein Geheimnis vor der Bank verbirgt. Er öffnet, aus Gewohnheit ... »Vor dem, was er statt des erwarteten Dunkels erblickte, wußte er sich nicht zu fassen. Alles war unverändert so, wie er es am Abend vorher beim Öffnen der Tür gefunden hatte. Die Drucksorten und Tintenflaschen gleich hinter der Schwelle, der Prügler mit der Rute, die noch vollständig angezogenen Wärter, die Kerze auf dem Regal und die Wächter begannen zu klagen und riefen: Herr! Sofort warf K. die Tür zu ...« Ich gebe diese Probe, um die grausame Mischung von schärfster Realität und Unirdischem zu zeigen – wie neben den Bureauboten der lederschwarze Prügler, aus einer Masochisten-Photographie geschnitten, die Rute schwingt... Und K. wirft die Tür zu – nein: »er schlug noch mit den Fäusten gegen sie, als sei sie dann fester verschlossen.« Der Prozeß schwebt. Der Prozeß braucht einen Advokaten. K. findet ihn, aber hier hat das Buch nun schon beinah ganz die Erde verlassen – wie eine schwarze Kugel schwebt es durch den Raum. Beim Advokaten ist ein Leidensgefährte, ein jämmerlicher zerprügelter kleiner Mensch – und es gibt untere und obere Advokaten, und das Schrecklichste ist, daß Niemand die Spitze dieser Pyramide absehen kann, Niemand dringt jemals in diese Höhen, scheint es ... Also eine Justizsatire? Nichts davon. So wenig, wie die ›Strafkolonie‹ eine Militärsatire ist oder die ›Verwandlung‹ eine Bourgeois-Satire – es sind selbständige Gebilde, die niemals auszudeuten sind. Der treuste Freund Max Brod, der dem Buch ein wunderschönes Nachwort geschrieben hat, und dessen unermüdlichen Anstrengungen wir erst die Drucklegung dieses Schatzes und fast aller andern Bücher Kafkas verdanken – Brod erzählt uns, das Buch sei ein Fragment geblieben. Man merkt das auch; ich fühle in diesem Punkt ein klein wenig anders als Brod. So erscheint mir bei diesem herrlichen Prosaiker zum ersten Mal dies und jenes nicht ganz ausgeglichen – auch steht für mein Empfinden das grandiose Schlußkapitel etwas unvermittelt an dem vorletzten Abschnitt, der übrigens eine Meisterleistung für sich ist. Auf meine Bitte war Max Brod so freundlich, mir seine Ansicht über den »Prozeß« mitzuteilen; hier ist sie: Der Prozeß, der da geführt wird, ist der ewige Prozeß, den ein zart empfindender Mensch mit seinem Gewissen auszufechten hat. Held K. steht vor seinen innern Richtern. Das gespenstische Verfahren vollzieht sich an den unscheinbarsten Schauplätzen und so, daß scheinbar K. immer recht hat. Ganz ebenso sind wir rechthaberisch gegen unser Gewissen und versuchen, es zu bagatellisieren. Das Besondere ist nur die fatale Feinfühligkeit gegen die innere Stimme, die auf Schritt und Tritt immer lebendiger wird. Mit Kafka selbst konnte man natürlich nie über Deutungen sprechen, auch bei der größten Intimität nicht. Er selbst deutete so, daß die Deutungen neuer Deutungen bedürftig wären. So wie ja auch sein Prozeß nie recht entschieden werden kann. Dieser Prozeß ist selbstverständlich, wie auch aus Brods Darlegungen im Nachwort hervorgeht, niemals eine Allegorie gewesen. Er ist sofort als Symbol konzipiert, tatsächlich hat sich das Symbol selbständig gemacht, es lebt sein eignes Leben. Und was für ein Leben ... Da ist eine Szene bei einem etwas verkommenen Maler, von dem man dem Angeklagten K. gesagt hat, er könne ihm im Prozeß durch Fürsprache bei den obern Richtern nützlich sein. Zu dem geht er. Der Mensch wohnt oben im Haus, in einer kleinen, unaufgeräumten Stube. Zum Schluß der Unterredung bittet der Maler, ihm doch ein Bild abzukaufen, vielleicht mehrere Bilder ... Und holt nun immer dieselbe Heidelandschaft unter seinem Bett hervor, immer dieselbe ... Und dann geleitet er den Hilfesuchenden zur Tür hinaus, und K. ist wieder in den gefürchteten Gerichtskorridoren. »Woher staunen Sie?«, fragt der Maler. »Es sind die Gerichtskanzleien. Wußten Sie nicht, daß hier Gerichtskanzleien sind? Gerichtskanzleien sind doch fast auf jedem Dachboden, warum sollten sie grade hier fehlen?« Also ein Traum? Nichts ist für mein Gefühl verkehrter, als mit diesem verblasenen Wort Kafka fangen zu wollen. Dies ist viel mehr als ein Traum. Das ist ein Tagtraum. Etwas Ähnliches an Zügellosigkeit gibt es nur noch in geschlechtlichen Kindheitsphantasien, wo Schule, Haus, die Stadt und die Welt einer, einer einzigen Idee untergeordnet sind – wo die Menschen Glaskleider tragen oder halt! noch besser: vorn kleine Glasluken, damit man sie besser sehen kann... Das Buch ist nicht wahnsinnig – es ist vollkommen vernünftig, es ist in seiner Idee so vernünftig, wie manche Irre vernünftig sind, logisch, mathematisch in Ordnung: es fehlt eben jene leise Dosis von Irrationalem, die erst dem vernünftigen Menschen den innern Halt gibt. Nichts schrecklicher als ein reiner Mathematiker des Verstandes – nichts unheimlicher. Nun ist aber Kafka ein Dichter seltenen Formats, und diese ultralogische Grundidee ist berankt mit realen Phantasiegebilden. Es gibt gar keine Frage mehr, ob es das Alles gibt – das gibt es, das ist so wahr, wie in der Strafkolonie eine Tötemaschine steht, so wahr, wie sich der Geschäftsreisende damals in einen Käfer verwandelte... das ist so. Das vorletzte Kapitel enthält die theologische Ausdeutung einer kleinen Geschichte Kafkas, die sich in dem Band »Ein Landarzt« findet, sie heißt: »Vor dem Gesetz«, ein Muster reiner Prosa. Hier im Buch schwillt die Geschichte auf, wird, nach des Autors eignen Worten, unförmlich; ein Gefängniskaplan im Dom erklärt sie dem lauschenden und disputierenden Josef K., verstrickt ist er, nichts kann ihn retten. Wie er stirbt, mag man selber nachlesen. Die letzte Minute ist eine Vision von einer nie gehörten Stärke. »Seine Blicke fielen auf das letzte Stockwerk des an den Steinbruch grenzenden Hauses. Wie ein Licht aufzuckt, so fuhren die Fensterflügel eines Fensters dort auseinander, ein Mensch, schwach und dünn in der Ferne und Höhe, beugte sich mit einem Ruck weit vor und streckte die Arme noch weiter aus. Wer war es? Ein Freund? Ein guter Mensch? Einer, der teilnahm? Einer, der helfen wollte? War es ein Einzelner? Waren es Alle? War noch Hilfe? Gab es Einwände, die man vergessen hatte?« Das Buch schließt mit einem optischen Bild, das ich hier nicht aus dem Zusammenhang reißen möchte, einer alten Photographie von unvergeßlicher Grausigkeit. Seit Oskar Panizza ist so etwas an eindringlicher Kraft der Phantasie nicht wieder gesehen worden. Das Deutsch ist schwer, rein, bis auf wenige Stellen wundervoll durchgearbeitet. Wer spricht? Franz Kafka wird in den Jahren, die nun seinem Tode folgen, wachsen. Man braucht Niemand zu ihm zu überreden: er zwingt. Wände beleben sich, die Schränke und Kommoden fangen an zu flüstern, die Menschen erstarren, Gruppen lösen sich auf und bleiben wieder wie angebleit stehen, nur der Wille zittert noch leise in ihnen. Man sagt von Tamerlan, er habe einmal seine Gefangenen mit Mörtel zu einer Mauer zusammenmauern lassen, zu einer brüllenden Mauer, die langsam verzuckte. So etwas ist es. Ein Gott formt eine Welt um, setzt sie neu zusammen, ein Herz steht am Himmel und scheint nicht, sondern klopft; ein Fetisch wandelt, eine Apparatur wird lebendig, nur, weil sie da ist, die Frage Warum? ist so töricht, beinah so töricht wie in der realen Welt. Deren Teile sind da – aber sie sind so gesehen, wie der Patient kurz vor der Operation die Instrumente des Arztes sieht: ganz scharf, überdeutlich, durchaus materiell – aber hinter den blitzenden Stücken ist noch etwas Andres, die Angst brüllt der Materie in alle Poren, erbarmungslos steht das Operationsbett, hab doch Mitleid! sagt der Kranke, auch du! Das Bett ist so fremd, aber es ist doch im Bunde. Ein solcher Wille begründet Sekten und Religionen – Kafka hat Bücher geschrieben, einige wenige, unerreichbare, niemals auszulesende Bücher. Hätte sich der Schöpfer anders besonnen, und wäre dieser in Asien geboren: Millionen klammerten sich an seine Worte und grübelten über sie, ihr Leben lang. Wir dürfen lesen, staunen, danken. 1926 Der Untertan Aber es wäre unnütz, euch zu raten. Die Geschlechter müssen vorübergehen, der Typus, den Ihr darstellt, muß sich abnutzen: dieser widerwärtig interessante Typus des imperialistischen Untertanen, des Chauvinisten ohne Mitverantwortung, des in der Masse verschwindenden Machtanbeters, des Autoritätsgläubigen wider besseres Wissen und politischen Selbstkasteiers. Noch ist er nicht abgenutzt. Nach den Vätern, die sich zerrackerten und Hurra schrien, kommen Söhne mit Armbändern und Monokeln, ein Stand von formvollen Freigelassenen, der sehnsüchtig im Schatten des Adels lebt ... Heinrich Mann 1911 Dieses Buch Heinrich Manns, heute, gottseidank, in Aller Hände, ist das Herbarium des deutschen Mannes. Hier ist er ganz: in seiner Sucht, zu befehlen und zu gehorchen, in seiner Roheit und in seiner Religiosität, in seiner Erfolganbeterei und in seiner namenlosen Zivilfeigheit. Leider: es ist der deutsche Mann schlechthin gewesen; wer anders war, hatte nichts zu sagen, hieß Vaterlandsverräter und war kaiserlicherseits angewiesen, den Staub des Landes von den Pantoffeln zu schütteln. Das Erstaunlichste an dem Buch ist sicherlich die Vorbemerkung: »Der Roman wurde abgeschlossen Anfang Juli 1914.« Wenn ein Künstler dieses Ranges das schreibt, ist es wahr: bei jedem andern würde man an Mystifikation denken, so überraschend ist die Sehergabe, so haarscharf ist das Urteil, bestätigt von der Geschichte, bestätigt von dem, was die Untertanen als allein maßgebend betrachten: vom Erfolg. Und es muß immerhin bemerkt werden, daß die alten Machthaber – ach, wären sie alt! – dieses Buch von ihrem Standpunkt aus mit Recht verboten haben: denn es ist ein gefährliches Buch. Ein Stück Lebensgeschichte eines Deutschen wird aufgerollt: Diederich Heßling, Sohn eines kleinen Papierfabrikanten, wächst auf, studiert und geht zu den Corpsstudenten, dient und geht zu den Drückebergern, macht seinen Doktor, übernimmt die väterliche Fabrik, heiratet reich und zeugt Kinder. Aber das ist nicht nur Diederich Heßling oder ein Typ. Das ist der Kaiser, wie er leibte und lebte. Das ist die Inkarnation des deutschen Machtgedankens, das ist einer der kleinen Könige, wie sie zu hunderten und tausenden in Deutschland lebten und leben, getreu dem kaiserlichen Vorbild, ganze Herrscherchen und ganze Untertanen. Diese Parallele mit dem Staatsoberhaupt ist erstaunlich durchgearbeitet. Diederich Heßling gebraucht nicht nur dieselben Tropen und Ausdrücke, wenn er redet wie sein kaiserliches Vorbild – am lustigsten einmal in der Antrittsrede zu den Arbeitern (»Leute! Da ihr meine Untergebenen seid, will ich euch nur sagen, daß hier künftig forsch gearbeitet wird.« Und: »Mein Kurs ist der richtige, ich führe euch herrlichen Tagen entgegen.«) – er handelt auch im Sinne des Gewaltigen, er beugt sich nach oben, wie der seinem Gotte, so er seinem Regierungspräsidenten, und tritt nach unten. Denn diese beiden Charaktereigenschaften sind an Heßling, sind am Deutschen auf das subtilste ausgebildet: sklavisches Unterordnungsgefühl und sklavisches Herrschaftsgelüst. Er braucht Gewalten, Gewalten, denen er sich beugt, wie der Naturmensch vor dem Gewitter, Gewalten, die er selbst zu erringen sucht, um Andre zu ducken. Er weiß: sie ducken sich, hat er erst einmal das »Amt« verliehen bekommen und den Erfolg für sich. Nichts wird so respektiert wie der Erfolg; einmal heißt es gradezu: »Er behandelte Magda mit Achtung, denn sie hatte Erfolg gehabt.« Aber wie wird dieser Erfolg geachtet! Würde er es mit nüchternem Tatsachensinn, so hätten wir den Amerikanismus, und das wäre nicht schön. Aber er wird geachtet auf ganz verlogne Art: man schämt sich der alten Vergangenheit und beschwört die alten Götter, die den wirklichen Dichtern und Denkern von einst noch etwas bedeuteten, zitiert sie, legt Metaphysik in den Erfolg und donnert voll Überzeugung: »Die Weltgeschichte ist das Weltgericht!« Und appelliert an keine höhere Instanz, weil man keine andre kennt. Das ganze bombastische und doch so kleine Wesen des kaiserlichen Deutschland wird schonungslos in diesem Buch aufgerollt. Seine Sucht, Amüsiervergnügen an Stelle der Freude zu setzen, seine Unfähigkeit, in der Gegenwart zu leben, ohne auf die Lesebücher der Zukunft hinzuweisen, und seine Unfähigkeit, anders als nur in der Gegenwart zu leben, seine Lust am rauschenden Gepränge – tiefer ist nie die Popularität Wagners enthüllt worden als hier an einer Lohengrin-Aufführung, die voll witziger Beziehungen zur deutschen Politik strotzt (»denn hier erschienen ihm, in Text und Musik, alle nationalen Forderungen erfüllt. Empörung war hier dasselbe wie Verbrechen, das Bestehende, Legitime ward glanzvoll gefeiert, auf Adel und Gottesgnadentum höchster Wert gelegt, und das Volk, ein von den Ereignissen ewig überraschter Chor, schlug sich willig gegen die Feinde seiner Herren«) – und vor allem zeigt Heinrich Mann, wonach eben das Buch seinen Namen führt: die Unfreiheit des Deutschen. Die alte Ordnung, die heute noch genau so besteht wie damals, nahm und gab dem Deutschen: sie nahm ihm die persönliche Freiheit, und sie gab ihm Gewalt über Andre. Und sie ließen sich alle so willig beherrschen, wenn sie nur herrschen durften! Sie durften. Der Schutzmann über den Passanten, der Unteroffizier über den Rekruten, der Landrat über den Dörfler, der Gutsverwalter über den Bauern, der Beamte über Leute, die sachlich mit ihm zu tun hatten. Und jeder strebte nur immer danach, so ein Amt, so eine Stellung zu bekommen – hatte er die, ergab sich das Übrige von selbst. Das Übrige war: sich ducken und regieren und herrschen und befehlen. Die vollkommene Unfähigkeit, anders zu denken als in solchem Apparat, der weit wichtiger war denn alles Leben, die Stupidität, zwischen Beamtenmißwirtschaft und Anarchie nicht die einzig mögliche dritte Verfassung zu sehen, die es für anständige Menschen gibt: sie bildet den Grundbaß des Buches. (Und offenbart sie sich nicht heute wieder aufs herrlichste?) Sie können Alle nur ihre Pflicht tun, wenn man sie ducken und geduckt werden läßt; unzertrennlich erscheint Bildung und Sklaventum, Besitz und Duodezregierung, bürgerliches Leben und Untergebene und Vorgesetzte. Sie fassen es nicht, daß es wohl Leute geben mag, die sachlich Weisungen erteilen, aber nimmermehr: Vorgesetzte; wohl Menschen, die für Geld ausführen, was andre haben wollen, aber nimmermehr: Untergebene. Das Land war – war... – ein einziger Kasernenhof. Und noch eins scheint mir in diesem Werk, das auch noch die kleinen und kleinsten Züge der Hurramiene mit dem aufgebürsteten Katerschnurrbart eingefangen hat, auf das glücklichste dargestellt zu sein: das Rätsel der Kollektivität, Was der Jurist Otto Gierke einst die reale Verbandspersönlichkeit benannte, diese Erscheinung, daß ein Verein nicht die Summe seiner Mitglieder ist, sondern mehr, sondern etwas Andres, über ihnen Schwebendes: das ist hier in nuce aufgemalt und dargetan. Neuteutonen und Soldaten und Juristen und schließlich Deutsche – es sind alles Kollektivitäten, die den Einzelnen von jeder Verantwortung frei machen, und denen anzugehören Ruhm und Ehre einbringt, Achtung erheischt und kein Verdienst beansprucht. Man ist es eben, und damit fertig. Der Musketier Lyck, der den Arbeiter erschießt – historisch – und dafür Gefreiter wird; der Bürger Heßling, der – nicht historisch, aber mehr als das: typisch – alle anders Gearteten wie Wilde ansieht: sie sind Sklaven der rätselvollen Kollektivität, die diesem Lande und dieser Zeit so unendlich Schmachvolles aufgebürdet hat. »Dem Europäer ist nicht wohl, wenn ihm nicht etwas voranweht«, hat Meyrink mal gesagt. Es wehte ihnen allen etwas voran, und sie schwören auf die Fahne. Kleine und kleinste Züge belustigen, böse Blinkfeuer der Erotik blitzen auf, der Kampf der Geschlechter in Flanell und möblierten Zimmern ist hier ein Guerillakrieg, es wird mit vergifteten Pfeilen geschossen, und es ist bitterlich spaßig, wie Liebe schließlich zum legitimen Geschlechtsgenuß wird. Eine bunte Fülle Leben zieht vorbei, und alles ist auf die letzte Formulierung gebracht, und alles ist typisch, alles ein für alle Mal. Die alte Forderung ist ganz erfüllt: »Wenn nun gleich der Dichter uns immer nun das Einzelne, Individuelle vorführt, so ist, was er erkannte und uns dadurch erkennen lassen will, doch die Idee, die ganze Gattung.« Leider: so ist die ganze Gattung. Aus kleinen Ereignissen wird die letzte Enthüllung des deutschen Seelenzustandes: am fünfundzwanzigsten Februar 1892 demonstrierten die Arbeitslosen vor dem Königlichen Schloß in Berlin, und daraus wird in dem Buch eine grandiose Szene mit dem opernhaften Kaiser als Mittelstaffage, einer begeisterten Menge Volks und in ihnen, unter ihnen und ganz mit ihnen: Heßling, der Deutsche, der Claqueur, der junge Mann, der das Staatserhaltende liebt, der Untertan. Und aus all dem Tohuwabohu, aus dem Gewirr der spießigen Kleinstadt, aus den Klatschprozessen und aus den Schiebungen – man sagt: Verordnungen; und meint: Grundstücksspekulation –, aus lächerlichen Ehrenkodexen und simplen Gaunereien strahlt die Figur des alten Buck. Man muß so hassen können wie Mann, um so lieben zu können. Der alte Buck ist ein alter Achtundvierziger, ein Mann von damals, wo man die heute geschmähten Ideale hatte, sie zwar nicht verwirklichte, schlecht verwirklichte, verworren war – gewiß, aber es waren doch Ideale. Wie schön ist das, wenn der alte Mann dem neuen Heßling sein altes Gedichtbuch in die Hand drückt: »Da, nehmen Sie! Es sind meine 'Sturmglocken'! Man war auch Dichter damals!« Die von heute sinds nicht mehr. Sie sind Realpolitiker, verlachen den Idealisten, weil er scheinbar nichts erreicht, und wissen nicht, daß sie ihre kümmerlichen kleinen Erfolge neben den charakterlosen Pakten jenen verdanken, die einst wahr gewesen sind und unerschütterlich. Und das Buch 'Der Untertan' (erschienen bei Kurt Wolff in Leipzig) zeigt uns wieder, daß wir auf dem rechten Wege sind, und bestätigt uns, daß Liebe, die nach außen in Haß umschlagen kann, das Einzige ist, um in diesem Volke durchzudringen, um diesem Volke zu helfen, um endlich, endlich einmal die Farben Schwarz-weiß-rot, in die sie sich verrannt haben wie die Stiere, von dem Deutschland abzutrennen, das wir lieben, und das die Besten aller Alter geliebt haben. Es ist ja nicht wahr, daß versipptes Cliquentum und gehorsame Lügner ewig und untrennbar mit unserm Lande verknüpft sein müssen. Beschimpfen wir die, loben wir doch das andre Deutschland; lästern wir die, beseelt uns doch die Liebe zum Deutschen. Allerdings: nicht zu diesem Deutschen da. Nicht zu dem Burschen, der untertänig und respektvoll nach oben himmelt und niederträchtig und geschwollen nach unten tritt, der Radfahrer des lieben Gottes, eine entartete species der gens humana. Weil aber Heinrich Mann der erste deutsche Literat ist, der dem Geist eine entscheidende und mitbestimmende Stellung fern aller Literatur eingeräumt hat, grüßen wir ihn. Und wissen wohl, daß diese wenigen Zeilen seine künstlerische Größe nicht ausgeschöpft haben, nicht die Kraft seiner Darstellung und nicht das seltsame Rätsel seines gemischten Blutes. So wollen wir kämpfen. Nicht gegen die Herrscher, die es immer geben wird, nicht gegen Menschen, die Verordnungen für Andre machen, Lasten den Andern aufbürden und Arbeit den Andern. Wir wollen ihnen Die entziehen, auf deren Rücken sie tanzten, Die, die stumpfsinnig und immer zufrieden das Unheil dieses Landes verschuldet haben, Die, die wir den Staub der Heimat von den beblümten Pantoffeln gerne schütteln sähen: die Untertanen! Quaquaro Seit Berlin steht, hat noch nie ein Einheimischer solch einen Namen getragen. Den gibt es überhaupt nicht. Es ist ein namensähnliches Geräusch, es ist, wie wenn Der, der den Namen ersonnen hat, nur noch ein paar Buchstaben, ein Gebrummel übrig hatte, das abfiel für Den da. Und so wandelt er, Hausmeister, Vizewirt und sicherlich Mitglied des Athletenvereins »Deutsche Eiche 1888" durch die ,Ratten' Gerhart Hauptmanns. Ein Meisterstück. Er tritt nur viermal auf und hat nicht allzuviel zu sagen, er ist eine Nebenfigur, ein Thema des Fagotts im großen berliner Orchester dieses grandiosen Stücks, eine sogenannte Charge... Alles ist vorgeschrieben: Kostüm, Tonfall, Auftreten – das ist nicht allzuschwer zu spielen. Einen gemeinen viereckigen Kopf, den Scheitel in der Mitte, eine versoffne Neese, die Stimme heiser vom Brüllen und Saufen, krummer Rücken, schleichender Gang... Der Kerl wirkte, als ich ihn neulich in der ,Ratten'-Aufführung der berliner Volksbühne sah – eines der wenigen Theater, das einen noch etwas angeht –, der Kerl wirkte so echt, daß ich mich unwillkürlich vom Platz erhob, um etwas festzustellen. Dieser Mensch mußte doch Filzpariser tragen...? Richtig: er trug sie. Aber auch die, wie der Tiroler Gürtel (mit »G'sund sa ma!"), finden sich bei Hauptmann. »Sahma, Paule, is deine Frau sse Hause –?« Hör ich doch den Glanz noch dieser Stimme! Tief aus dem Bauch kam sie, tonlos und unsagbar ordinär. Der Bursche stank aus allen Knopflöchern nach Echtheit. Und nach etwas anderm... Er ist Vizewirt des Hauses, also Vertreter der hausherrlichen Gewalt. Aber kein Hauspascha der schlimmsten Zeit kann so gemein und rücksichtslos sein wie Der da. Der Wirt wußte, warum er ihn einsetzte. Er hat das »Pack" im Zug! Stammt er doch aus ihrer Mitte, und weil er einer von ihnen ist, tobt er sich wilder aus, als ein ganzer Stinnes-Konzern imstande wäre. Niemand kann so tief verletzen wie der eigne Kastengenosse, kennt er doch die verletzlichsten Stellen am besten – weiß er doch, was schmerzt. Und die halbe Stufe, die er höher steht, will betont sein. Und Quaquaro betont sie. Ein pathosloser Schweinehund. Er hält auf Ordnung. Er liebt die Ordnung in allen ihren Gestalten. Er weiß, wer »polesseilicherseits is jesichtet worn" – er kennt »Herrn Schutzmann Schierke«, und er versäumt niemals, alle staatlichen Machtfaktoren mit den ihnen zukommenden Titeln zu nennen. »Der Soldat Sorjenfrei" und hingegen der »Unteroffessier..." Hat der Kerl gedient? Und ob der gedient hat –! Der ist die ganze Schule Kaiser Wilhelms durchgegangen, er ist geknufft worden, und er hat geknufft – der kennt das gemeine Volk und die Herrschaften, und der weiß, wie lukrativ es ist, auf Seiten der Herrschaften zu stehen. Wenn der Feldwebel schimpfte, mußte man hinter ihm stehen ... Er weiß Bescheid. Das Haus zittert. Er kujoniert sie Alle, denn er weiß auf Alle etwas. Seinem Blick entgeht nichts. »Was soll ich denn nun als Bestohlener tun?« wird er gefragt. Er antwortet, im schönsten Aktendeutsch: »Det kommt druff an, wo Verdacht hin is...« Verdacht is immer wohin. Und der Preuße Quaquaro, kennt Ihr seine Farben, sagt vor einem Abgang ein Wort, das Wort, sein Wort: »Immer anzeijen, Herr Direkter, immer anzeijen!« Der Junge ist richtig. Er hat eine Dogge. Und ist selbst eine. Eine sogenannte Charge. Aber weil dieses Land von Quaquaros wimmelt – von jenen ekelhaften Zwischenstufen zwischen Herr und Diener, zwischen Gefängnisdirektoren und Injespunnten, weil es wimmelt von Feldwebeln, Unteroffizieren, Portiers, Gendarmen, schnauzenden Wohnungsbeamten, Krimmenalwachtmeistern, kurz: von Quaquaros –; deshalb ist er ein Exponent seines ganzen Landes und seiner ganzen Zeit. Die Lyrik der Antennen Es ist unvorstellbar, wie sie entstehen, ganze New-Yorker Stadtteile müssen an ihnen arbeiten. Und so ziemlich alle sind gleichartig, mit »I love you" und »blue" und dem ganzen Kram. Zur Zeit sind sie wohl außerordentlich gefühlvoll. Was für ein Gefühl ist das –? Es ist eine konfektionierte Lyrik, die über den großen Städten schwebt. Sie bedient sich zum Teil alter Formen – aber der Inhalt ist ein pochendes Maschinenherz. »Du machst mich so traurig – du machst mich so froh –«, aber das ist gar nicht wahr, der Sänger glaubt es auch nicht; er bekommt gut bezahlt, wenn er den nötigen weichen Kehlkopf einstellt, und die Hörer wissen auch, daß das alles nicht wahr ist, doch entspannt es nach Geschäftsschluß recht angenehm, und es läßt sich gut danach tanzen. Diese Musik klingt so süß, aber sie ist, wenn man näher hinhört, glashart und sehr spröde, sie gibt nichts her, sie will ein Schlager sein, nach Geschäftsschluß. Das geht über die Welt, alle Leute singen es, sicherlich kann man in den Straßen Kantons und Rio de Janeiros dieselben Melodien hören... es ist eine Musik zwischen den Geschäften, keine Musik der Geschäfte... doch, auch eine Musik der Geschäfte. Wenn die Börse trällern könnte: so sänge sie. Hoch über den Antennen, die diese Musik versenden, zittert die Lyrik der Welt. Wurzellos ist das, diese Musik hat kein Vaterland, nur einen Herstellungsort: sie ist nicht geboren, sie ist copyright. Der sie gemacht hat, glaubt kaum an sie; der sie vertreibt, schon gar nicht – der Hörer auch nicht so recht... sie ist ein Gebrauchsgegenstand. Wie Kaugummi. Doch denke ich manchmal: wie müssen Menschen beschaffen sein, die sich das abends vorspielen lassen? Wie also sind wir beschaffen? Es sind Menschen, die wohnen in der Stadt, und einen Garten haben sie nicht. Doch sehen Sie manchmal gerührt in einen kleinen künstlichen Garten aus Stoff-Pflanzen und Papierbäumen, der steht in einer Glaskugel, und die Hände dieser Menschen gleiten mit einer Zärtlichkeit, die sie sonst nicht verschenken, über die glatte Kugel des Glases... das ist ihre Poesie. Übrigens denken sie sich nichts weiter dabei, und so verwickelte Sachen schon gar nicht. »Stell mal das Grammophon an, Barbara!« Barbara stellt es an. Und es erhebt sich eine Haaröl-Stimme, ein Kerl singt, dem wimmert es nur so aus der Kehle, er hat sozusagen ein Bett-Timbre, samten entquillt ihm die Liebe, denn er hat einen guten Scheck bekommen. Es ist so eine unpersönliche Zärtlichkeit, die dieser Stimme entströmt, sie richtet sich an niemand, und daher sind alle sehr gerührt. Nein, gerührt nicht – nur leicht angerührt. Und weil die Musik dazu »Tschuck-tschuck – tschuck-tschuck-tschuck« macht, so tanzen sie ein bißchen, im Atelier oder sonstwo. Was singt der Mann da –? Fleißige junge Damen, die sonst nichts zu tun haben, sitzen mit Bleistift und Papier vor dem Apparat und notieren sich die bedeutenden Worte, jene Kombinationen von »I love you« und »happiness«, ein immer wechselndes Kaleidoskop. So berühmt möchte ich auch einmal sein – sieh doch, wie sie notieren und schreiben und sich die Platte vierundsechzigmal vorspielen lassen, damit ihnen auch kein kostbares Wort verlorengehe! Und wenn sie es glücklich herausbekommen und alles aufgeschrieben haben, dann verlieren sie den Zettel, inzwischen aber können sie den Text auswendig, und sie singen ihn mit, bis er von einem neuen Text abgelöst wird, in dem der Sänger versichert, er sei froh, weil er eben so traurig sei, und alles durch you-hou... Einer singt und sagt »Goldnen Juni-Tagen«, aber es ist kein Gold und kein Juni und keine Tage... solche schönen Lieder sind das. Doch darf man diese Gebrauchsmusik, die es immer gegeben hat, nie mit dem einfachen Ohr hören. Es gehört noch eine andre Art Ohr dazu, sie ganz und gar aufzunehmen. Gebrauchsmusik wird nur von den Mitlebenden verstanden – daher ist es unmöglich, alte Operetten völlig aufzufrischen, selbst ganze Teile von Offenbach sind verstaubt, dahin, klanglos trotz allen musikalischen Charmes. Warum? Weil wir nicht mehr mit dem Zylinder auf dem Kopf hinter die Kulissen gehn und den kleinen Ballettmädchen Ringe schenken – weil sich die Formen, nicht die Geschlechter, wohl aber die Formen der Liebe gewandelt haben – und diese alten Walzer klingen auf einmal so einfach. Aber sie waren es nicht. Der Komponist der Gebrauchsmusik hatte nur nicht alles in seinen Schlager hineinlegen können, er hatte den Zeitgenossen mit dem Ellbogen angestoßen und ihm zugezwinkert: »Du weißt doch ... du weißt doch ...« und der Zeitgenosse wußte. Wir wissen nicht mehr. Doch wissen wir genau, was es mit den amerikanischen Schlagern auf sich hat. Diese Lieder stellen sich dumm – es ist das äußerste Raffinement, mit dem etwa eine sehr elegante Frau »ein ganz einfaches Kleid« anzieht, eines, an dem nun überhaupt nichts mehr dran ist – so ganz einfach, wissen Sie? Kostet viel Geld, das Kleid. Die Lieder stellen sich kindlich – simpel – jugendlich – sie sind es gar nicht. Sie sind alt wie der Wald, traurig, jammervoll leer, weil alles nur in sie hineingepumpt ist ... Liebe aus Blech. Und doch ist da etwas. Es ist das Zeitgefühl, eben jenes von 1931, eben jenes, das abgearbeitete Menschen haben, wenn sie sich abends dadurch ausruhen wollen, daß sie sich nicht ausruhen. Gefühle zerbröckeln, es schwingt etwas, einer singt von ihren schönen braunen Augen, doch es sind die Augen eines Schaukelpferds, Puppenliebe und Affentheater, und doch ist alles echt, weil es so wunderschön falsch ist. Hoch über den Antennen aber, die diese Musik versenden, zittert die Lyrik der Welt. 1931 Lampenfieber Heißt »trac« auf französisch. Der kleine zuckende Laut gibt den Peitschenschlag der Nerven gut wieder. Ich, der Zuschauer, habe oft Lampenfieber, wenn ich im Theater vor dem herabgelassenen Vorhang sitze, und ich, der Bücherleser vor dem unaufgeschnittenen Buch, habe es auch. Warum –? Weil ich mir manchmal denke: Wie, wenn du nun die ganze Geschichte gar nicht verstehst? Wenn du der Fabel nicht folgen kannst? Wenn du heute abend den Lauf der Fäden, die Knoten und Knötchen, überhaupt nicht faßt? Was dann? Das mathematische Gefühl, das dazu gehört, eine Intrigue von Scribe zu entwirren, ist bei mir nur schwach ausgebildet; in den großen Romanen habe ich schon meinen lieben Kummer, alle Personen auseinanderzuhalten – daher unter anderm der nimmer versagende Reiz der Kriminalgeschichten, die jedesmal wieder anklopfen: Verstehst du uns auch? kannst du folgen? kannst du uns lösen, »geht es auf?« wie die Schüler sagen, die beseligt aufatmen, wenn als Rest Null bleibt. Manchmal, denke ich, werde ich versagen und mich furchtbar blamieren. Das muß dann ein hübscher Abend sein... Während rings alles vor Spannung fiebert, sitze ich, der lampenfiebernde Zuschauer, da und verstehe kein Wort. Die Leute lachen; ich bleibe toternst. Die Nachbarinnen ziehen je ein kleines Tuch... ich bleibe ungerührt. Wissen Sie, was dann geschieht? Dann haßt man die Verstehenden. Ich weiß es noch genau: wir saßen in den »Noctambules«, Höllischer und ich, es war in meinen ersten pariser Wochen, und ich verstand knapp die Hälfte von dem, was sie da sangen. Holitscher, der Frankreich von Grund auf kennt, lachte aus vollem Halse, ab und zu sah er auf mich, ob ich auch meinen Spaß hätte... Ach nein, ich hatte ihn gar nicht. Ich saß, das Trommelfell gespannt, ich machte sozusagen Eselsohren, ganz lang wurden sie... und ich faßte nicht. Schwupp – Pointe vorbei. Und die Leute lachten! In diesem Augenblick haßte ich Holitscher. Ich fand sein Lachen fast albern, sein Verständnis pretiös. Ich hatte ihn sogar ganz leise im Verdacht, er lachte nur, um mir zu zeigen, wie schön er französisch ... dann ging es schnell vorüber. Später saß ich selbst neben den deutschen Freunden, lachte mich krumm, wenn der da vorn von einer alten Jungfer sang, die auf dem Omnibus sagte: »Mais j'ai perdu mon chat!« – und der deutsche Freund saß neben mir, es war ihm leicht unbehaglich, und ich sah es nicht. So ist das. Merk: es gibt Bücher, vor denen das Verständnis aussetzt. Leg mir Claudel vor – ich verstehe keinen Ton. Ich habe es mit den »Falschmünzern« von Gide versucht... ein Loch. Hier hilft nur die schärfste Selbstkritik. So, wie die berliner Journalisten, besonders die Jungen, etwas wie die Begeisterung um jeden Preis erfunden haben, weil sie glauben, sie seien weniger wert, wenn die gestrige Kinopremiere nicht »faabelhaft« gewesen sei, während ein Posaunenlob sie selbst heben soll (»Man geht in die Nacht hinaus und ist erschüttert«) – so, wie viele glauben, es müsse immer etwas los sein und es fiele auf sie zurück, wenn einmal nichts los ist –: so muß man genau wissen: hier hast du nichts zu suchen. Das kannst du nicht. Hier hörts auf. Geh ab. Schweige. Es ist keine Schande, nicht allgegenwärtig zu sein. Man muß es nur nicht prätendieren. Auch ist es klüger, sich so zu verhalten. Denn es gibt ein Mittel, ein einziges, im Schachspiel unbesiegt zu bleiben. Spiele nicht Schach. 1930 Aus dem Ärmel geschüttelt »Das», sagen die Leute oft, wenn sie einen Vers von mir lesen, «fällt Ihnen gewiß sehr leicht. Es klingt, als ob...»– «Ich es aus dem Ärmel geschüttelt hatte, wie?» sage ich dann. «Ja», sagen die Leute. Die Mühe, die es macht, der deutschen Sprache ein Chanson – und nun noch gar eins für den Vortrag – abzuringen, ist umgekehrt proportional zur Geltung dieser Dinge. «Es steht nicht dafür», sagen die Wiener. Ich habe nie geglaubt, daß so viel Arbeit dahinter steckt, um zu erreichen, daß Leute abends zwei Stunden lachen, ohne daß sie und die Autoren sich hinterher zu schämen haben. Und gar, bis es so weit ist, daß man denkt, wir hätten es «aus dem Ärmel geschüttelt!» Zum Glück sieht keiner die erste Niederschrift: wie krumplig, wie schwerfällig, wie schwerflüssig ist da noch alles... Der Tragöde hats gut. Wenn er noch so mittelmäßig ist: er rollt doch mit den Augen, und das verfehlt hierzulande seine Wirkung nie. Bei uns wollen sie sich scheckig lachen (drei Poängten pro Zeile) – und hinterher verachten sie das. Und daß einer gar dabei ernst sein kann, das ahnen sie kaum. Wie wenige hören es zwischen den Zeilen Walter Mehrings schluchzen! Es sind ja nur Chansons. (Und doch sind die da aus der Seele geschüttelt.) Aber wer nun einmal das Cabaret (mit einem t, bitte!) liebt? Es ist eine unglückliche Liebe. 1921 Strasse gesperrt – Militär Die Zahl der deutschen Kriegerdenkmäler zur Zahl der deutschen Heine-Denkmäler verhält sich hierzulande wie die Macht zum Geist Das Heil von außen Was wir bereits gestorben glaubten, ist, hols der Teufel, wieder da: die alten achselstückberaupten Kommis der Militaria. Das wandelt wie in alten Tagen, für alles Neue gänzlich taub: man trägt nur manches auf dem Kragen und ist ein Kerl mit Eichenlaub. Das sind doch alles Kleidermoden: der Ärmelschmuck und wie das heißt... Man stellt sich einfach auf den Boden der neuen Welt – im alten Geist. Und haben wir den Krieg verloren: die Herren, silberig besternt, verschließen ihre langen Ohren – sie haben nichts dazugelernt. Und nur ein Friede kann uns retten, ein Friede, der dies Heer zerbricht, zerbricht die alten Eisenketten – Der Feind befreit uns von den Kletten. Die Deutschen selber tun es nicht. 1919 Der Mann am Schlagzeug Der kleine fast dreieckige Mund tut sich ein wenig auf. Du nur du– raubst mir meine Ruh– Rammpammpammpamm–klatschen die Schlägel auf das trockne Holz des Paukenrandes. Viele Paare tanzen; die Sitzenden sehen zu und sind, weil sie sitzen, ironisch-überlegen; Gents gehen durch den langen Raum, die Hände lässig in den Hosen, mit gelangweiltem Gesicht und einer leichten Angst vor dem Ober. Dein, nur dein– will ich sein singt der Mann am Schlagzeug. Seine Augen liegen tief in den Höhlen, er hat eine kantige Reiternase, schwere Lider, einen runden Verbrecherkopf. Singt Idiotien. Das ist dieselbe Stimme, die damals in Lichtenberg auf dem Hof herumgebrüllt hat: »Komm her, du Aas! Da stell dich hin! Du Sau! Deine Frau kann zusehen, wie wir mit euch Arbeiterschweinen umgehen! Hund, verfluchter ...« Und ein Schuß. Über das leichte Fettkinn steigen die Melodien: Ich erwart dich schon in Yokohama– Die eisesglatte Kälte des Rhythmus klappert; die ganze Kapelle zusammen ist nur wenig älter als das Opfer von damals, auf dem Hof. Es war nicht das einzige ... Denn das ist so hübsch mit anzusehen: Die Verbrechernaturen, die den Drang, ihre Orgasmen mit Blut zu ölen, dadurch legitimierten, daß sie in die Freikorps eintraten, sind unbestraft; der Volkskörper hat sie aufgesogen, sie sind alle noch da. Und arbeiten. Und sind Weinagenten. Und Bahnhofs-Gepäckträger. Und Schlagzeugmänner. Nur manchmal, wenn der Tag schön war und das Lebensgefühl stärker, steigt eine kleine Erinnerung auf. Wie Stimmengewirr schlägt es an ihr inneres Ohr. »Gnade! Ich war das nicht! Meine Frau! Meine Kinder!« Und: »Halt die Fresse, du Bolschewisten-Sau! Halt Schnauze! An die Wand! Schwein! An die Wand!«– In Nischni-Nowgorod da gibts kein Kußverbot– Der Mann am Schlagzeug bricht mit einem gestopften Laut ab, die Melodie auch. Vornehm erhebt er sich, ein fataler Duft von Jodoform ist um ihn. Er geht mit jenem seltsamen Schritt durchs Lokal, wie ihn Leute haben, die nie genau wissen, ob sie gerade Lakaien oder Herren sind. Er ist sauber rasiert, dreieckig hängt sein Taschentuch aus der Brusttasche, ein Herr ... Ein Wunder, daß er keine Pension bezieht. 1927 50% Bürgerkrieg Wenn der Stahlhelm anrückt, wenn die Nazis schrein:             »Heil!« dann steckt die Polizei den Gummiknüppel ein             und denkt sich still ihr Teil. Denn auf Deutsche schießen, in ein deutsches Angesicht:             Das geht doch nicht!                         Das kann man doch nicht! Wenn die Arbeiter marschieren, wenn die Arbeitslosen schrein:             »Hunger!« dann schlägt die Polizei mit dem Gummiknüppel drein –             Hunger –? Dir wern wa! Weitergehn! Schluß mit dem Geschrei!             Straße frei! Wenn Deutschland einmal seufzt unter einer Diktatur, wenn auf dem Lande lasten Spitzel und Zensur, ein Faschismus mit Sauerkohl, ein Mussolini mit Bier ... wenn ihr gut genug seid für Militärspalier –:             dann erinnert euch voll Dankbarkeit für Uniformenpracht             an jene, die das erst möglich gemacht.             An manchen Innenminister. Und ein Bureaugesicht ...                         Es ging nun mal nicht anders.                                     Sie konnten es nicht. 1930 Die Tabelle Von deutschen Richtern wurden in der letzten Zeit verurteilt: Angeklagte Vergehen Strafe Junker von Kähne Überfall auf ein harmloses Reiseautomobil. Drei Gewehrkugeln. 10 000 M. Geldstrafe Heinrich Berth Otto Jungermann Streichen nachts ein Hohenzollerndenkmal rot an. Dummerjungenstreich. Beide je 2 Jahre Gefängnis Oberamtmann Frick, ehem. Leiter der bayerischen Polizei Bezeichnet Redakteure eines USP-Blattes als »Schweinehunde«. Äußerung zum Betriebsrat: »Geht ihnen doch an die Kehle!« 200 M. Geldstrafe Reichswehr-Soldaten Fischer und Standke Geben die letzte Bitte eines Sterbenden weiter; benachrichtigen den Vater des toten Kameraden über die Gründe des Selbstmordes seines Sohnes. 43 Tage Gefängnis 3 Wochen Arrest Gräfin Eleonore von Schlieffen, Hanns Heinrich von Schlieffen Rössel Dingen einen Mörder, um einen Verwandten, den sie beerben können, aus dem Wege zu räumen. Der gedungene Mörder 2 Jahre Gefängnis 1 ½ Jahre Gefängnis 3 Jahre Gefängnis USP-Redakteur Bergholz Hat den Ausdruck »Klassenjustiz« gebraucht. 5 Monate Gefängnis So sieht die Rechtsprechung dieses Landes aus. Der sehr rührige Preußische Richterverein, der ebenso vorschnell mit Berichtigungen wie seine Mitglieder mit Verurteilungen bei der Hand ist, möge sich diese Tabelle hinter den Spiegel stecken. Wagt er es, die zweierlei Tonarten, die hier deutlich herauszuhören sind, zu bestreiten? Wir haben es satt. Die Fälle da oben, von denen besonders die Geschichte mit den Reichswehrsoldaten die weitesten Kreise aufgeregt hat, zeigen deutlich, wie diese politische Justiz zu bewerten ist. Ich behaupte: Das Volk hat zu diesen Richtern, wenn es sich um politische Strafprozesse handelt, kein Vertrauen mehr. Und ist es denn ein Wunder? Warum sollen wir denn auf einmal, mit dem Tage des Anstellungszettels, mit dem Tage der Titelverleihung Achtung vor einer Objektivität haben, die – nachweisbar – keinen Tag vorher bestanden hat? Woher kommen denn diese Richter? (Das zu untersuchen kitzelt bei einer Kaste, die alles, alles ihrem Spruch beugen will.) Woher kommen sie –? »Anton soll studieren!« sagt der Vater, ein mittlerer Beamter, voller Stolz. Deshalb geht Anton auf ein Gymnasium, lernt dort eine Radau- und Hurra-Geschichte seines Landes, von der außer den Eigennamen kein wahres Wort in den Geschichtsbüchern steht, lernt dort die Autorität verehren – und Autorität ist alles, was grade Macht hat – und kommt dann auf die Universität. Ihr müßtet nur einmal die Vorlesungen eines preußischen Professors über Staatsrecht mitangehört haben, um zu hören, was es alles auf der Welt gibt. »Der Staat ist mächtig, allmächtig, heilig, verehrenswert, Ziel und Zweck der Erdumdrehung – der Staat ist überhaupt alles.« Und vor allem: er trägt vor niemand eine Verantwortung! Was Wunder, daß den jungen Herren der Kamm schwillt, wenn sie sich vorstellen, daß sie einmal einem solch mächtigen Wesen Handlangerdienste leisten dürfen! – Vorläufig saufen sie noch auf Deutschlands hohen Schulen, trampeln etwelche Juden, wenn die in der Minderzahl sind, heraus und sind überhaupt forsche Kerle. Und dann kommt das Referendarexamen, das in die armen Köpfe einen ungeheuern Wust von trocknen Daten hineinstopft, und sie lehrt, die Dinge durch den Paragraphen zu sehen. Und dann kommen vier Referendarsjahre... In dieser Zeit darf der aufstrebende Richtergeselle auch bei der Staatsanwaltschaft arbeiten – und was das heißt, kann nicht jeder so leicht würdigen. Dort lernt er das knappe Auftreten, die schneidige Redeweise, die tiefe Verachtung des Pöbels, und weil er niemals aus seiner Klasse, dem Mittelstand, herauskommt, bildet er sich nun langsam ein, dessen Ansichten und Gebräuche seien die ewigen Gesetze der Welt. Und dann wird er Richter. Und ich soll nun – von diesem Tage ab, von dieser Minute ab – glauben, daß ein so vorgebildetes Wesen nun auf einmal all seine Klassenideale, seine Klassenvorstellungen, seine kleinbürgerliche Denkungsart und seine politische Engstirnigkeit vergessen habe? Ein Untertan bleibt ein Untertan, auch wenn er den Talar anzieht und sich eine weiße Binde vorklebt. Auch Richter sind Menschen. Was für welche – zeigt die Tabelle. Und alles, was hier von den Richtern gesagt ist, gilt in viel höherem Maße von den Staatsanwaltschaften: eine gefährliche, ungezügelte Nebenregierung der Republik. Wir alle leiden darunter. Die Justizkaste sperrt sich ab. Durch ein niederträchtiges Siebesystem gelingt es ihr, sogar Schöffen (auf dem Lande) und vor allem die Geschworenen so auszuwählen, daß sie sich in den schlimmsten Fällen immer auf die angebliche »Volksjustiz« berufen kann, die keine ist: der Arbeiter fehlt fast immer. Für diese Richter bildet folgendes einen wirren Knäuel: Bolschewismus – Proletarier – Sozialdemokratie – Erzberger – Juden – Gewerkschaften – Streikende – Dadaismus – Republik – Betriebsräte – die neue Zeit. Und wie auf Stichwort sausen die Urteile herunter. Neulich ist ein betrügerischer Privatdetektiv verurteilt worden: »mit Rücksicht auf die Gefährlichkeit derartiger Eingriffe in die Rechtspflege... " Retourkutschen fahren zwar nicht – aber manchmal fahren sie doch. Einen Arbeitswilligen anzutippen, kostet ein Drittel des Preises, für den ein Junker den »Bürgerlichen« ein paar Kugeln um die Ohren knallen darf. »Schweinehunde«, auf Sozialisten gemünzt, sind billig – sie stellen sich auf 200 M. das Stück; teuer ist nur der Ausdruck »Klassenjustiz«. Ich weiß sehr wohl, daß es Elemente unter der Richterschaft gibt, die dieses Treiben auf das heftigste mißbilligen. Warum treten sie nicht öffentlich dagegen auf? Hat man schon einmal auf den Richtertagen davon gehört, daß solche Männer das falsche Kastengefühl durchbrochen und sich offen über die politische Seite solcher Prozesse ausgesprochen haben? Was man deckt – dafür ist man auch verantwortlich. Über die Tabelle da oben ist kein Wort zu verlieren. Ihr besinnt euch alle auf die Fälle – und es müßte eine amüsante Aufgabe sein, einmal zusammenzustellen, was man alles in Deutschland für ein Jahr Gefängnis oder für 500 M. Geldstrafe tun darf. Ihr würdet euer blaues Wunder erleben. Es ist unstatthaft, diesen Richtern vorzuwerfen, sie ließen sich bei den Urteilsprüchen, die da auf uns niedersausen, von böswilligen, politischen Erwägungen leiten. Das ist mir ganz gleichgültig. Es interessiert mich gar nicht, ob sie subjektiv oder objektiv oder sonstwie zu diesen Sprüchen gekommen sind. Die Sprüche sind da – die Sprüche sind falsch – und sie haben dafür einzustehen. Was auf dem Lande, wo abends die Herren Juristen um den runden Stammtisch herum fachsimpeln, auf diesem Gebiet alles vor sich geht – welch horrende Strafen dort ausgesprochen werden für alles, was man auch nur von weitem als »Auflehnung« ansieht – das spottet jeder Beschreibung. Die Tabelle ließe sich seitenweise fortsetzen. Und wahrlich, ich sage euch, eher hat noch der größte Duckmäuser Chance, bei diesen Gerichten durchzuwischen, als ein geistig selbständig denkender Mensch oder gar ein Arbeiter. Wir haben es satt. Herr Radbruch, der Justizminister, kann nicht helfen – denn was vermag einer gegen so viele? Sie pochen alle auf eine Unabhängigkeit des Richterstandes, die nicht da ist: denn kein Mensch wandelt in der Luft, sondern ist im Fühlen, Denken und Meinen Produkt seiner Klasse. Dieser da in jeder Beziehung einer höchst mittleren Klasse. Neulich hat beim Amtsgericht Berlin-Schöneberg ein Mann ein Urteil zugestellt bekommen, auf dem stand, statt »Im Namen des Königs«, wie damals, als wir noch unseren Deserteur hatten: »Im Namen des Pöbels.« Später erschien bei dem Empfänger dieses Kulturdokuments ein Beamter des Gerichts, um sich zu entschuldigen. Er hätte es nicht tun sollen. Denn jeder muß selbst wissen, was er ist. 1922 Zwischen den Schlachten Leidige Politika! Clementine, süßer Fetzen! Laß mich mich an dir ergetzen – Bin so wild, seit ich dich sah, Venus Amathusia! Mädchen mit dem kleinen Ohr, mit den maßvoll fetten Beinen, sieh vor Lust mich leise weinen, ein verliebter heißer Tor ... Hogarth nennt dies Bild: Before. Aber eine Nacht darauf? Schweigt dein Troubadour und schlaft er? Hogarth nennt dies Bildchen: After. Sieh, das ist der Welten Lauf – hebst du die Gefühle auf? Bald bin ich dir wieder nah. Schau, ich kann nur manchmal lügen. Du tusts stets in vollen Zügen. Laß dir nur an mir genügen zwischen Noske, Kahl und Spaa – Venus Amathusia! 1919 Kochrezepte Aus einem völkischen Kochbuch. Man schneide einen alten Juden in nicht zu dünne Scheiben, wälze ihn in einer Mehlschwitze und überstreue ihn vorsichtig mit etwas gestoßenem »Berliner Tageblatt«. Die Mischung lasse man in einem Stahlhelm dreimal aufkochen und serviere heiß. Ein Hakenkreuz aus Mazze wird den Appetit jedes deutschen Gastes anregen. Aus einem demokratischen Kochbuch. (Vorrede). Wir enthalten uns hier ausdrücklich jeder Politik, da wir der demokratischen Auffassung sind, daß die Hauptgebiete des Lebens, wie zum Beispiel die Nahrungszufuhr, unpolitisch sind und es auch bleiben müssen. Daher folgen hier die Rezepte in der ungekürzten Fassung der Vorkriegszeit, ohne Rücksicht auf die Zeitereignisse. (Eine Seite darauf) Unserer ersten deutschen Hausfrau: der jeweiligen deutschen Kaiserin ehrfurchtsvoll dargewidmet von einer deutschen Familienmutter. Aus einem sozialdemokratischen Kochbuch. Man nehme nach Anhörung des Parteivorstandes drei frische Eier und zerschlage sie bei einem vorliegenden Beschluß der Reichstagsfraktion. Während man umrührt, berufe man einen Parteitag ein und lasse über die Menge des zu verwendenden Mehles abstimmen. Will man ein brauchbares Rezept haben, verwende man die Angaben der Opposition. Ist Einstimmigkeit zwischen Fraktion und Vorstand erzielt, setze man die Speise aufs Feuer, ziehe sie aber bei Bedenken der Gewerkschaften sofort zurück. Auf diese Weise hat man zwar keinen Eierkuchen, wohl aber ein höchst anregendes Gesellschaftsspiel. Aus meinem Privatkochbuch. Man fülle guten, alten Whisky in eine nicht zu flache Suppenterrine, rühre gut um und genieße das erfrischende Getränk, soweit angängig, nüchtern. Ein Zusatz von Mineralwassern empfiehlt sich nicht, da selbe oft künstliche Kohlensäure enthalten, daher gesundheitsschädlich sind. Anmerkung: Der Whisky muß von Zeit zu Zeit erneuert werden. 1936 Bei uns in Europa Ihr schickt uns aus dem Lande von Ford einen ziemlich miesen Menschenexport: überschwemmt sind Paris und Griechenland von Euerm mäßigen Mittelstand,       Diese Reisenden, laut und prahlerisch,       legen geistig die Füße auf den Tisch,       fallen lästig an allen Orten;       und jeder zweite Satz beginnt mit den Worten:       »Bei uns in Amerika...« Bei Euch in Amerika gibts zweierlei Rechte (für Arme und Reiche) – gibt es Gute und Schlechte; gibt es solche und solche: Lewis und Mencken, und Dollardiener, die in Dollars denken.       Bei Euch in Amerika gibt es Republikaner       und richtende blutige Puritaner.       Ihr habt Kraft, Jugend und Silberlinge –       aber Ihr seid nicht das Maß aller Dinge,       bei Euch in Amerika. Bei uns in Europa ist das Weib keine Haremsfrau ohne Unterleib – bei uns in Europa ist die schwarze Haut kein Aussatz, dem man Extra-Bahnwagen baut;       bei uns in Europa kann wer ohne Geld sein       und dennoch, dennoch auf der Welt sein –       bei uns in Europa kann man bestehn,       ohne in die Sonntags-Schule zu gehn,       weil fast keiner so am Altare steht:       eine plärrende nüchterne Realität –             wie bei Euch in Amerika. Das wissen natürlich bei Euch die Guten ganz genau. Der Rest hat von Blasen und Tuten keine Ahnung, hört nur den Schmeichelchor seiner news-papers; kommt sich so erstklassig vor...       Hör nicht hin, Arbeitsmann. Laß sie ziehn,       die Eitelkeiten der Bourgeoisien.       Pässe, Fahnen und Paraden       das sind lächerliche Zementfassaden ...       Denn die wahre Grenze, zwischen Drohnen und Frohnen,       läuft quer hindurch durch alle Nationen –             bei Euch in Amerika.                   Wie bei uns in Europa. 1927 Fabel Da stand der Hund vor der Hundehütte, sein Fell war gesträubt wie die Borsten einer Bürste, er lauschte in die weite Nacht. Aus der Nacht ertönte ein Geheul. Es begann hinter dem Wald, und es pflanzte sich zur Schlucht hinüber fort, sacht ansteigend; wenn es dort angekommen war, antwortete eine heulende Stimme, die so jäh anstieg, daß der Hund zitternd in sich zusammenkroch. Dann begann er zu bellen. Er bellte, gleich heiser einsetzend, so aufgeregt war er; Schaum troff ihm aus dem Maul, er bellte mit der Seele, seine Flanken flogen, obgleich er gar nicht gelaufen war, er stemmte alle vier Pfoten fest auf die Erde, um bessern Halt zu haben – und Geifer, rasende Tobsucht und Wut waren in seiner Stimme... Da erwachte sein Herr. »Das sind die Wölfe«, sagte der Mann hinter sich in die Hütte und band den Hund los, der ihm nicht von den Hacken wich; er schritt in die Hütte zurück, entsicherte das Gewehr, das an der Wand hing, und legte sich zu seinem Weib. Das Herdfeuer glomm; der Hund träumte. Wenn das Geheul draußen von neuem einsetzte, richtete sich der Hund schnaufend auf, ein kurzer Ruf des Mannes zwang den Knurrenden in die Ruhestellung. Da lag er. Da lag der Verräter. Da lag der, der sich vor achttausend Jahren von den Wölfen losgemacht hatte: für Fressen, Sicherheit und einen warmen Platz in der Hütte. Sie hätten ihn zerrissen, wenn sie ihn bekommen hätten – mit ihren Zähnen zerknirscht, zermalmt, zunichte gemacht. Er gab vor, sie zu verachten; aber er haßte sie, weil er sie fürchtete. Der Herr nannte ihn treu und wachsam – es war ganz etwas andres. Um ganz etwas andres ging der ewig währende Kampf zwischen den wilden Hunden und dem gezähmten Hauswolf. Der Kampf ging um die Seele. Anklage und Urteil war ihr Erscheinen; tiefster Vorwurf ihre Witterung; Donnerspruch ihre Stimme; Glanz des Himmels vor dem Sünder in der Hölle ihre Gestalt – er krümmte sich, wenn er nur an sie dachte. Er wand sich: denn sie hatten recht! sie hatten recht! sie hatten recht! Er war abgefallen, zum Feind übergegangen: aus Feigheit, aus Verfressenheit, aus Faulheit; aus hündischem Stolz, sich in der Gunst seines Herrn sonnen zu dürfen, und womit war diese Gunst erkauft! Er haßte sie um ihrer Freiheit willen – er war zu schwach, die noch zu wollen. Er ließ sie entgelten, was er nicht hatte werden können. Sie hatten die Freiheit, die herrliche Freiheit und ein hartes Leben – aber sie sollten gar nichts haben! Er haßte sie, weil sie nicht in der Wärme fressen wollten wie er, und er haßte sie, weil es ihm alles, alles nichts genutzt hatte: der Verrat nicht, die Wachsamkeit nicht, die gebratenen Fleischstücke nicht. Er war ein Verschnittener; was da draußen rief, war die Manneskraft, waren die Treue, der Wille und das Herz – was war ihm geblieben! Eine Hundehütte war ihm geblieben. Ein besonders schriller Schrei drang in die warme Finsternis. Diesmal konnte der am halb verglommenen Feuer nicht an sich halten – laut bellend fuhr er in die Höhe. Mit einem jaulenden Schmerzenslaut duckte er sich nieder: ein Stück Holz war ihm krachend in die Weichteile gefahren. Der Wille des Herrn hatte gesprochen. In hohen Tönen wimmernd lag er gekauert und horchte auf die Stimme der Natur, auf die Stimme der ungebändigten Freiheit, auf die mahnende Stimme, anmahnend das verpfuschte Leben seiner Generationen. Da lag er: ein wohlgenährter Verräter. Ein in Sicherheit lebender Verräter. Ein zutiefst unglücklicher Verräter. Nun war es ganz still geworden. Der Hund schlief. Zwischen Otto Wels und Lenin bestehen gewisse Gegensätze. 1929 Frohe Erwartung Vater Wrangel, jener alte gute General von Anno Dazumal, zog beim Klange einer Aufstands-Tute aus Berlin, weil man es so befahl.       Und sie drohten ihm sein Haus zu sengen,       seine Frau Gemahlin zu erhängen,       bis er dann zu großem Gram       der Rebellen wiederkam. Heftig blasend ritt man durch die Linden, voller Sehnsucht, seine Frau zu finden. Weich und lind entfuhrs dem alten Knaben:       »Ob sie ihr wohl uffjehangen haben?« Nimmer will mich dieses Wort verlassen, Heut noch lebt die alte Reaktion. Heute noch ist sie so schwer zu fassen – Brennglas, der versuchte es ja schon.       So viel Jahre steck ich schon im Kriege,       denke an die Panke meiner Wiege,       an mein Preußen, an Berlin       und die Junker von Malchin. Nie vergeß ich in dem fremden Lande Mutter Reaktion und ihre Schande. Voller Hoffnung sinn ich oft im Graben:       »Ob sie ihr wohl uffjehangen haben?« Da zu Haus, bei Vätern auf dem Boden, liegt ein großes buntes Fahnentuch, mitten im Gerumpel der Kommoden, in dem Schummer voller Staubgeruch ...       Und beim Urlaub sagte mir der Alte,       die Bodenspalte       seine Fahne in den Wind,       wenn wir erst zu Hause sind. Das war Fünfzehn. Und bei jedem frischen Wechsel an den deutschen grünen Tischen bitt ich um die schönste aller Gaben:       »Ob sie ihr wohl uffjehangen haben?« 1918 Was wäre, wenn ...? Und den Mordstahl seh ich blinken Und das Mörderauge glühn; Nicht zur Rechten, nicht zur Linken Kann ich vor dem Schrecknis fliehn. Schiller: Kassandra Und wenn Alles vorbei sein wird: die rauschenden Durchzüge der Truppen mit Militärmusik, die Schüsse, das Geschrei, die wild hochgehenden Preise, die Gerede-Republiken an den Ecken, die so bald und so blutig zerstreut wurden, wenn sogar die Börse wieder funktioniert und die ersten Zeitungen scheu und zensurverängstigt aus der Ecke kriechen – dann werden sich die Leute ansehen und überlegen: Was ist denn vorgegangen? Angefangen hatte es ... Ja, angefangen hatte es eigentlich gar nicht. Man las in den Zeitungen täglich von großen Demonstrationen der Monarchisten – aber weil das Polizeipräsidium und »alle in Frage kommenden Dienststellen« übereinstimmend erklärt hatten, damit habe es nichts auf sich, beruhigte man sich bald wieder und fuhr friedlich in die Sommerfrische. (Wie damals vor der großen Zeit, als Klio die Reisenden auf dem Stettiner Bahnhof überfiel ...) In den heißen Strandburgen lasen Herr Müller und Herr Meier von den Versammlungen am Johannistag – Ludendorff hatte in Caub die Republik verhöhnt, in Berlin hetzte Wulle, die Polizei stand Gewehr bei Fuß, und Niemand in der Republik wagte einzuschreiten. Hatte sie gar keine Beamte, auf die sie sich verlassen konnte? Der Seewind ließ knisternd Sand in die sonnenbeschienenen Zeitungspapiere rinnen – da lagen sie, und Niemand bekümmerte sich darum. In Borkum besprengten die Hunde die schwarz-rot-goldene Flagge – die Republik schwieg. Und dann kamen die Meisten nach Hause zurück, weil es Mitte August war und die Kinder wieder in die Schule mußten – und dann ... Ja, sie waren einfach eines Nachts da. Woher sie kamen und wie und warum, und wer das vor allem war, der da die Straßen füllte und eine Menge Leute aus den Betten holte – »Sofort öffnen! Oder wir schlagen die Tür ein!« –: das wußte man Alles gar nicht. Man wußte nur Eines: Sie waren da. Der graue Regenmorgen war so verhängt wie alle berliner Fenster. Die Straßen brütend still. Keine Bahn, kein Wagen, nichts. Nur die Schritte vieler Fußgänger trappten auf den Trottoirs. Im Zentrum der Stadt Alles abgesperrt – die freien Straßen schwarz von Menschen. Es brauste von Gerüchten. Vieles war übertrieben. Aber so viel hatte man doch bald heraus: Die neue Regierung hatte sich in aller Stille in Bayern konstituiert. München war sofort ab- und umgefallen. Ostpreußen hatte mit der Abtrennung gedroht und so alle Beamten auf seine Seite gebracht. Vom flachen Land lauteten die Nachrichten verschieden. Die Truppensammlungen hatten zu »Manöverzwecken« stattgefunden, die höhern Offiziere der Schutzpolizei hatten sich »zur Verfügung« gestellt – und die Regierung? Der Regierung war es nicht gut gegangen. Die Automobilstraßen hatte man dieses Mal sorgfältig abgesperrt: so konnte sie nicht wieder – wie damals beim Kapp-Putsch – nach Dresden verreisen. Ein Minister war erschossen worden; wie es hieß, bedauerte das die Regierung – schon aus dem Grunde, weil sie ihnen allen den Prozeß machen wollte. Sie saßen sämtlich hinter Schloß und Riegel. Die Menge summte. Und sah sich in Berlin um. Ganze Viertel hatten Schwarz-Weiß-Rot geflaggt. Kleine Kolonnen gingen umher und verlangten stürmisch die Entfernung der Accents aigus von dem Wort »Café« – seufzend stiegen die Cafétiers auf die Leitern, die sie schon im Jahre 1914 zu gleichem Zweck angesetzt hatten ... Konsumenten-Stimme: Gottes Stimme. Es wimmelte von Umformen. Bunte Friedensuniformen und feldgraue Kriegsuniformen und ganz veraltete Zoll – und Gendarmerie-Uniformen – und alle Herren mit schleppendem Säbel und blitzendem Monokel und einem weithin strahlenden Blick: »Jetzt sind wir dran!« Besonders in den westlichen Vororten tauchten viele Männer im Stahlhelm auf – sie trugen eine Binde am Arm und gehörten den verschiedensten »Wehren« an. Sie forderten Ausweise ab, schnauzten, kommandierten und waren ständig von einem Rudel bewundernder Straßenjungen umschwärmt, denen ihr martialisches Aussehen mächtig imponierte. Und Alle, Alle hatten eine Waffe. Es war ganz merkwürdig, woher auf ein Mal nur alle diese Gewehre und Revolver und Pistolen gekommen waren. Ohne Blutvergießen war es nicht abgegangen. Man hatte in Berlin insgesamt 124, nach anderen Nachrichten 154, radikale Führer erschossen, ohne Verhör, ohne Verfahren, »standrechtlich«, wie es hieß – offenbar nach vorher angefertigten schwarzen Listen. Die Leichen der Erschossenen wurden gefleddert, die Wohnungen der Opfer waren verwüstet, ausgeraubt, dann versiegelt worden – die Angehörigen befanden sich sämtlich in Haft. Straßenkämpfe hatte es an zwei Stellen gegeben – einen im Norden und einen im Osten (der mit Barrikaden). Beide Male waren die tapfern, aber überraschten Arbeiter von den Maschinengewehren hingemäht worden. Darunter auch Frauen. Vom Bürgertum wurde keine gewaltsame Gegenwehr versucht. Das Leben hatte sich schon nach fünf Tagen merkwürdig verwandelt. Der alte preußische Kasernenhofton griff verheerend um sich. In den Amtszimmern, in den Betrieben, in den Büros der Kaufleute – überall behandelte der Vorgesetzte seinen Untergebenen wieder wie weiland der Reserve-Offizier seinen Putzer. Tausend und abertausend wilhelminischer Kriegsabzeichen glänzten auf fadenscheinigen Röcken, die Schnurrbärte waren streng nach oben gebürstet. Und alle, alle sagten es: »Gottseidank! Das hört jetzt auf! Jetzt kommt hier ein andrer Zug in die Bude!« Und er kam. Mit der Aufhebung des Achtstundentages und des Betriebsräte-Gesetzes begann es und in einer völligen Veränderung des allgemeinen Verkehrstones sickerte die Wandlung nach unten in die Regionen des täglichen Lebens. Das Land war ein einziger Kasernenhof. Bakunin hatte den Ausdruck für das geprägt, was jetzt begann: L'empire Knouto-Germanique. Nur auf den Gerichten ging der alte Betrieb weiter – das waren die Einzigen, die sich nicht erst umzustellen brauchten. Sie waren richtig. Das Telephon war völlig gesperrt und nur Dienstgesprächen zugänglich. Viele Leute waren unauffindbar. Demokratische Führer öffneten nicht, wenn man an ihre Türe pochte. Nun waren sie vor Denen weggelaufen, die sie so oft in Presse und Parlament verteidigt hatten. Die Zeitungen erschienen wieder. Langsam, ganz langsam ebbte die ungeheure Aufregung ab. Und man erfuhr: Der Rektor der Universität Berlin hatte in einer zündenden Ansprache die neue Regierung willkommen geheißen, und die alldeutschen Verbände der Studentenschaft, die schon unter der Republik an den Tafeln der Vorhalle »Für Kaiser und Reich!« annonciert hatten, schienen jauchzend zugestimmt zu haben. Hier zeigte sich, wie gut und sorgfältig man vorgearbeitet hatte: fast alle Studenten waren bewaffnet bis an den Stehkragen. Selbstverständlich war Ludendorff mit von der Partie. Zwei Tage hatte er sich vorsichtig im Hintergrund gehalten – als er die Stabilität des neuen Unternehmens sah, trat er offiziell, in voller Kriegsbemalung, hervor. Die Presse drückte sich äußerst zaghaft aus. Die Zeitungsunternehmer hatten in einer gemeinsamen Konferenz ihrem Wunsch Ausdruck gegeben, nach dem ersten Choc der Unterbrechung vor allem einmal wieder zu erscheinen – »die Presse sei grade in dieser harten Zeit notwendig wie das liebe Brot«. Sie wurden alle unter Vorzensur gestellt. Und erschienen. Und spiegelten ihre Zeit. Und so sahen sie auch aus. Die Rechtspresse jubelte ungehemmt. Sie, die vorher von nichts gewußt hatte, die alle Warner und Propheten verhöhnt hatte, »sie hätten vielleicht den Hitzschlag« – sie floß über die Ränder vor Freude. Las man ihre Artikel, so mußte man glauben, Deutschland sei vier Jahre hindurch von blindwütigen Bolschewiken regiert worden und käme nun endlich wieder an die einzige rechtmäßige Gewalt. Spaltenlang berichteten die nationalen Blätter im alten Hofstil von Ordensverleihungen, Empfängen und würdevollen Ausfahrten. Die Bevölkerung sei, mit Ausnahme der Häftlinge, vollständig auf Seiten der neuen Regierung. »Auch unter den Arbeitern dämmerte es.« Es ging zu wie im Krieg. Die Presse war notwendig wie das liebe Brot. Das liebe Brot kostete in den ersten Tagen der Aufregung 48 Mark aber das hatte sich bald gelegt, als die Wulle-Garden vier jüdische Bäcker aufgehängt hatten. Von da an kaufte man – mit einer Handgranate – bei den Juden umsonst; bei den andern kostete das Brot mit Genehmigung der Behörden 50 Mark. Der Boden der gegebenen Tatsachen war überfüllt. Sie standen Alle darauf. Sie paßten sich an. Sie arbeiteten am Wiederaufbau des Vaterlandes. Holzbock beschrieb die Schnurrbärte der neuen Regierungsmänner und verwechselte in der Aufregung noch mehr Fremdwörter als sonst. Andre alte Frauen trugen die Regiments-Abzeichen ihrer Söhne als Broschen; was ihnen ein wikingisches Aussehen verlieh. Die Kinos gaben den hundertfünfundsiebzigsten Teil von Fridericus Rex und machten damit – wie so oft im menschlichen Leben – ein gewaltiges Geschäft. Bejahrte apoplektische Männer sah man durch die Straßen stapfen – sie sangen Lieder von Theodor Körner, dem bekannten christlichen Lissauer, und fühlten sich trotzdem ganz gesund. Die Haltung der Entente war zweifelhaft. England schien das Unternehmen aus einer gewissen Rivalität gegen Frankreich sanft unterstützt, zum mindesten stillschweigend geduldet zu haben – nachweisbar war das natürlich nicht. Aber da waren so gewisse Anzeichen ... Und bevor wir nun sehen werden, wie sich diese neue Gesellschaft von Revanche-Schreiern aus der Affäre ziehen wird – denn nun heißt es doch: cash down! –; während wir jetzt Alle warten, was die Entente antworten, und ob sie mit den Neuen genau so zusammengehn wird wie mit Horthy-Ungarn; während wir hier sitzen, wollen wir noch einmal überlegen: Wie war das möglich? Das war möglich, weil die Republik vier Jahre hindurch geschlafen hatte. Das war möglich, weil man sich darauf verlassen hatte, daß ein großer Teil des Bürgertums und fast die gesamte Arbeiterschaft gut republikanisch sei – was ja auch stimmte. Aber man hatte nichts, nicht das Geringste getan, um diese Leute zu unterstützen. Warnten sie, so hatte man abgewiegelt. Zeigten sie mit dem Finger auf ein Malheur, etwa auf den Reichswehrminister, oder auf die Polizei, auf das platte Land, auf die noch immer fort bestehenden Verbände – so hatte man überlegen gelächelt. Vor lauter feiner Taktik kam die Wilhelm-Straße zu gar nichts. Gewiß gab es Republikaner. Aber sie waren dazu da, um in Landtagsreden erwähnt zu werden, wo man ihnen – »unsre treffliche Arbeiterschaft!« – die Rolle zuwies, die Karre aus dem Dreck zu ziehn, wenns schief gegangen wäre. Gewiß gab es Republikaner. Wurde einer von ihnen ermordet, so entging der Mörder der Verfolgung, und wurde er gefaßt, so sprachen ihn die Richter frei. Der Reichswehrminister duldete nicht nur die monarchistischen Treibereien unter seinen Leuten, sondern er förderte sie, indem er unaufhaltsam mahnte, nur ja die »Traditionen« des kaiserlichen Heeres nicht zu vergessen. Er hatte nie verstanden, was die neue Zeit eigentlich von ihm wollte. Einem Hochverräter und alten Soldatenschinder gab er das Kommando eines Kreuzers. »Parteigezänk ausschalten« – das hieß für ihn: stramm militaristisch, monarchistisch und altpreußisch denken. Papa war Wachtmeister gewesen – es lag im Blut. So war er, so waren seine Offiziere. Und die Republik schlief. Im November 1918 hatte sie geschlafen, nach dem Kapp-Putsch hatte sie geschlafen – sie hatte immer geschlafen. Und immer den Apparat über die Sache gestellt. Und nichts dazu gelernt. In der Polizei hatte es von staatsfeindlichen Offizieren nur so gewimmelt – aber das ging in keinen dieser Köpfe, daß ein Monarchist auch einmal die Rolle des Staatsfeindes spielen könnte. Angestammt und rechtmäßig war ihnen nur der Nationalist. Man hatte sogar zugegeben, daß ein großer Teil der Polizeioffiziere monarchistisch sei man male sich das Umgekehrte für die Kaiserzeit aus! Es war so weit gekommen, daß der Regierung eingestandenermaßen keine zuverlässigen Polizeioffiziere für politische Aufgaben diffiziler Natur zur Verfügung standen – es wurde Alles verraten, bevor es zur Ausführung gelangen konnte. Die Waffenträger hatten sich, wie so oft, selbständig gemacht. Und bis zuallerletzt hatte die Regierung beschwichtigt: »Auf keinen Fall aber könne man behaupten, daß die Dinge schon so weit gediehen seien." Schon so weit... Und so hatten sie die Republik verwaltet. Die Republikaner selbst waren untereinander uneinig. Bei der großen Demonstration »Nie wieder Krieg!" hatten die Sozialdemokraten ihre Mitwirkung versagt, weil irgendwelche Parteibonzen Kompetenzschwierigkeiten entdeckt hatten. Und die waren schließlich wichtiger als die Sache. Die Sache der Republik. Dahinter stand wie eine graue Mauer der farblose Teil des Bürgertums, Kaufleute, die keine andre Sorge kannten als eine Unterbrechung ihrer Geschäftstätigkeit. »Die 54 geht nicht? Unglaublich!" Das war ihre Anschauung der politischen Lage. Zu feige, etwas zu unternehmen, zu feige, sich jemals herauszustellen und immer nur in der Angst vor Pogromen oder Zwangsbeschlagnahmungen auf dem Kurfürstendamm, umgeben von frech scharwenzelnden Arbeitnehmern, die das Äußerste aus ihren Herren herausschlugen, ohne jemals etwas Prinzipielles zu verlangen – so lebten sie dahin und kümmerten sich den Teufel um Republik oder Monarchie. Ob ihre Kinder die Wehrpflicht wieder bekämen oder nicht (»Bei meinen Beziehungen!"); ob die Schulen den schlimmsten Preußen ausgeliefert wurden; ob auf den Polizeiwachen geprügelt wurde: sie lebten in einer andern, glatt geschmierten, schnellern Welt. Und stierten nach der Burg-Straße. So war es gekommen. Und so war es abgelaufen. Als sich die Blutwelle gelegt hatte, machte man Bilanz: Es fehlten so ziemlich Alle, die etwas Radikales gewirkt hatten – im ganzen 2060. Ihre Gräber waren fast alle unbekannt. Man hatte sie irgendwo verscharrt. Das Reich atmete schwer. Und wartete auf sein Urteil von draußen. Auf das Urteil der Welt, das nicht zweifelhaft sein konnte. Vorläufig waren Jene an der Gewalt, Jene, die vier Jahre hindurch im Geheimen gerüstet und die ein Mal zu früh losgeschlagen hatten. Das Unternehmertum nahm langsam Fühlung mit den neuen Herren, soweit es sie nicht schon vorher durch ihre Finanzierung genommen hatte. Die Besetzung des Ruhr-Reviers...? Sie war Manchem nicht so unangenehm, wie es den Anschein haben mochte. Und die Kapitalisten schalteten schon bei der ersten Annäherung die Extremisten aus und die Wotan-Teutschen und arbeiteten in Gemeinschaft mit einem Nationalliberalismus, der deshalb so gefährlich war, weil er so biegsam sein konnte. Die neue Regierung mit dem Reichsverweser wartete. Ein Kaiser stand im Hintergrund. Im Zentrum grollte es: es war ein protestantischer. Die Bevölkerung lag, in schweren Ketten gefesselt, am Boden. Und dankte einer Republik, die nichts für sie getan hatte. 1922 Rathenau Du bist doch schon daran gewöhnt!       Du weißt doch, wie das ist, wenn deinen jungen Deutschnationalen so ein Ding gelungen. Sie schießen. Karlchen Helfferich, der höhnt. Das ist seit Jahren deine Politik – Du Republik! Du hast doch darin Übung, junge Frau! Glatt gehn dir von der Hand die Totenfeiern. Proteste gellen. Nekrologe leiern. Und hinterher bist du genau so schlau. Wie lange siehst du Helfferich noch zu? Derselbe, der aus Moskau, als man putschte, mit vollen Hosen in die Heimat rutschte, hat jetzt den zweiten Menschen ungerochen ins Grab gehetzt, geflucht, gesprochen. Und während eine alte Mutter bebt, sitzt Das im Parlament.                         Und lebt. Das war doch nicht das erste Mal! Du hörst die Bonzen der Partein im Reichstag und im Landtag schrein: »So geht das nicht mehr weiter! Ein Skandal!« War es das letzte Mal? Steh einmal auf! Schlag mit der Faust darein! Schlaf nicht nach vierzehn Tagen wieder ein! Heraus mit deinem Monarchistenrichter, mit Offizieren – und mit dem Gelichter, das von dir lebt, und das dich sabotiert, an deine Häuser Hakenkreuze schmiert. Schlag du in Stücke die Geheimverbände! Bind Ludendorff und Escherich die Hände! Laß dich nicht von der Reichswehr höhnen! Sie muß sich an die Republik gewöhnen. Schlag zu! Schlag zu! Pack sie gehörig an! Sie kneifen Alle. Denn da ist kein Mann. Da sind nur Heckenschützen. Pack sie fest – Dein Haus verbrennt, wenn du's jetzt glimmen läßt. Zerreiß die Paragraphenschlingen. Fall nicht darein. Es muß gelingen! Vier Jahre Mord – das sind, weiß Gott, genug. Du stehst vor deinem letzten Atemzug. Zeig, was du bist. Halt mit dir selbst Gericht. Stirb oder kämpfe! Drittes gibt es nicht. Sozialdemokratischer Parteitag Wir saßen einst im Zuchthaus und in Ketten, wir opferten, um die Partei zu retten,       Geld, Freiheit, Stellung und Bequemlichkeit. Wir waren die Gefahr der Eisenwerke, wir hatten Glut im Herzen – unsre Stärke       war unsre Sehnsucht, rein und erdenweit. Uns haßten Kaiser, Landrat und die Richter: Idee wird Macht – das fühlte das Gelichter ...                   Long long ago –             Das ist nun heute alles nicht mehr so. Wir sehn blasiert auf den Ideennebel. Wir husten auf den alten, starken Bebel –       Wir schmunzeln, wenn die Jugend revoltiert. Und während man in hundert Konventikeln mit Lohnsatz uns bekämpft und Leitartikeln,       sind wir realpolitisch orientiert. Ein Klassenkampf ist gut für Bolschewisten. Einst pfiffen wir auf die Ministerlisten ...                   Long long ago –             Das ist nun heute alles nicht mehr so. Uns imponieren schrecklich die enormen Zigarren, Autos und die Umgangsformen –       Man ist ja schließlich doch kein Bolschewist. Wir geben uns auch ohne jede Freite. Und unser Scheidemann hat keine Seite,       nach der er nicht schon umgefallen ist. Herr Weismann grinst, und alle Englein lachen. Wir sehen nicht, was sie da mit uns machen,       nicht die Gefahren all ... Skatbrüder sind wir, die den Marx gelesen. Wir sind noch nie so weit entfernt gewesen,       von jener Bahn, die uns geführt Lassall'! 1927 Gegen den Strom Ein erschütterndes Zeitdokument liegt vor mir: ›Gegen den Strom‹, Aufsätze aus den Jahren 1914 – 1916 von N. Lenin und G. Sinowjew (bei Carl Hoym in Hamburg). Die fünfhundert bedeutendsten Seiten, die im Kriege geschrieben worden sind. Die Verfasser flüchteten bei Kriegsausbruch aus dem österreichischen Galizien in die Schweiz, dort gaben sie den ›Sozialdemokraten‹ heraus, dann eine Nummer des ›Kommunisten‹, dann zwei Hefte des ›Sammelbuchs des Sozialdemokraten‹. Dieser Sammelband eben hieß: ›Gegen den Strom‹. Gegen welchen –? Die Sozialdemokraten der großen kriegführenden Länder waren gleich zu Beginn glorreich umgekippt. Noch in den letzten Julitagen konnte man in Frankreich und in Deutschland sozialistische Proteste lesen, die den Krieg als das charakterisierten, was er war: als einen imperialistischen Streit kapitalistischer Gruppen, dessen Ausgang dem Proletarier auf keinen Fall Gutes bringen konnte; Sieg und Niederlage waren in der Tat für den Arbeiter, der kein Vaterland hat, gleichgültig. Zu Beginn des August las mans anders. Da erließ jede Fraktion in jeder Hauptstadt der europäischen Reiche eine Erklärung, daß dieser Krieg auch ihr Krieg sei. »Das Vaterland ist in Gefahr ... Verteidigung des Landes ... Kultur und Unabhängigkeit unsres eignen Landes ... kein Eroberungskrieg ...« Es war das Ende der Internationale, auf die sich übrigens die Waschlappen alle beriefen. Gegen diesen Nilschlamm kämpft das Buch. Diese Aufsätze sind stilistisch fast völlig schmucklos, sind gewiß nicht schön »geschrieben«. Aber ich glaube nicht, daß ein Ertrinkender auf die kunstgewerbliche Ausführung seines Rettungsringes sieht. Lenin ist womöglich noch trockener, noch sachlicher, noch karger als Sinowjew – fast immer, wenn ein Artikel ein wenig lebendig anfängt, wenn Rede und Gegenrede zitiert werden, rührt er von Sinowjew her. Lenin ist ganz Tatsache, ganz Dokument, ganz Tendenz, ganz Eisen. Was zunächst auffällt, ist der ununterbrochene, trommelnde, niemals nachlassende, nie aussetzende Kampf gegen die Verpfuscher des Klassenkampfes. Die militärische und kapitalistische Gegenseite wird als bekannt unterstellt, sie ist wissenschaftlich festgelegt, hier wundert nichts mehr. Was aber den paar Russen beinah noch gefährlicher erschien und es auch war, ist dies: eine »Klassenkampf« plakatierende Partei lockt die Massen zu sich, lullt sie ein, verspricht ihnen Befreiung und Umsturz, verrät sie, als es zum Klappen kommt – und beabsichtigt, das Spiel nach dem Kriege fortzusetzen. Hier war einzusetzen, hier haben sie eingesetzt. Das ganze Kriegsverbrechen der II. Internationale, der königlich preußischen, der braven französischen, der revisionistischen russischen Sozialdemokratie geht aus diesen Aufsätzen hervor, die anklagen, nachweisen, das Urteil sprechen. Uns interessiert am meisten das Urteil über die deutschen Kriegskreditbewilliger, über die Herrliches gesagt wird. »Ebert«, so schrieb neulich ein Leser der ›Weltbühne‹, »hätte doch nicht die von Wrobel gewünschte Haltung einnehmen können; vor 1918 wäre er bestimmt zum Sandhaufen verdammt worden.« Lenin: »Man hätte uns verhaftet! soll in einer Arbeiterversammlung in Berlin einer der Reichstagsabgeordneten gesagt haben, die am 4. August für die Kriegskredite stimmten. Darauf riefen ihm die Arbeiter zu: Na, wenn schon!« Es ist ganz richtig, wenn von Feiglingen, die »Wissenschaftlichkeit« über ihren traurigen Mangel an Mut und Charakter decken, heute gesagt wird: Eine Revolution konnte man damals nicht machen – weil man überhaupt keine Revolution »machen« kann. Wer hat das verlangt? Lenin: »Über die Stellungnahme zum Kriege konnten sich (1914) einigermaßen frei nur eine ›Handvoll Parlamentarier‹ äußern, das heißt: ohne sofort gepackt und in die Kaserne geschleppt zu werden, ohne von unmittelbarer Erschießung bedroht zu sein, ausschließlich eine Handvoll Parlamentarier. Sie stimmten frei, rechtsgemäß, sie konnten noch dagegen stimmen – dafür wurde man nicht einmal in Rußland geschlagen oder mißhandelt, ja nicht einmal verhaftet ...« Und wenn sie es getan hätten?, fragt die Gegenseite. Wäre dann der Krieg abgebrochen worden? Nein. Aber die Massen, Unorganisierte und besonders Organisierte, hätten Mut bekommen, hätten den Krieg besser durchschaut und hätten Das getan, was man ihnen heute in Deutschland vorwirft, und was sie leider nicht getan haben: sie hätten die Front erdolcht. Denn hier scheiden sich die Wege: der breite der Kautsky, Bernstein, Südekum, Scheidemann, Ebert – und der schmale, der zum Ziel führt. Der Arbeiter hat kein Vaterland; er kämpft, wenn er dieses »Vaterland« verteidigt, einzig und allein für den Wechsel seiner Ausbeuter, und im großen Ganzen kann ihm gänzlich gleichgültig sein, unter welcher Fahnenfarbe er ausgenutzt wird. Was wir erlebt hätten, wenn Deutschland gesiegt hätte, ist nicht auszudenken. Daß Staaten nach ihren Niederlagen meist weniger reaktionär sind als nach einem Sieg, den sie als Reklame für ihr System plakatieren, zeigt nur, welche immense Schuld die deutsche Sozialdemokratie nach dem Kriege auf sich geladen hat: es ist gradezu ein Kunststück, einen besiegten Staat in so kurzer Zeit weit unter sein Vorkriegsniveau zu treiben und noch reaktionärer werden zu lassen. Karl Kautsky wird immer sachlich widerlegt. Die großen Verdienste Eduard Bernsteins werden stets anerkannt, wenn der entsetzliche Schaden, den er seiner Sache beigebracht hat, gezeigt wird. Bernstein ... Ich sah ihn zum ersten Mal in den Tagen des Kapp-Putschs; meine ersten Worte nach der Begrüßung waren eine gerechte Charakterisierung Noskes, der damals grade auf Reisen war: er immer vorneweg, seine Schützlinge hinterher. Leider haben sie ihn nicht bekommen. Bernstein lief rot an und nahm hitzig den Renegaten in Schutz. Ich stand da, mit dem Hut in der Hand: vor mir Der, von dem ich wußte, daß er durch Duldung der Verbannung sein Bestes für die Partei gegeben hatte, ein Mann, dessen Haar grau geworden war in Uneigennützigkeit. Ich schwieg. Es war schwer, zu schweigen. Denn er war die Gefahr. Die Gefahr, der Millionen erlegen waren. Die Gefahr des Klassenkampf-Plakats, hinter dem nichts stand, nichts als kleinbürgerliche Demokratie, Reformmeier, kleine Weltverbesserer, die »Mißstände abstellten«. Betrogen die Arbeiter, betrogen die Gläubigen, die Opfernden, die jungen Menschen und die ergrauten. Und wofür –? Ein Glanzstück des Werkes: »Die deutsche Sozialdemokratie und die zukünftige Internationale« bringt ein Zitat aus den Preußischen Jahrbüchern, das das ganze Elend in einen einzigen Satz fängt. Es ist nach der »patriotischen« Haltung der Sozialdemokraten im Reichstag. »Selbstverständlich haben unsre sozialdemokratischen Mitbürger durch die Erfüllung vaterländischer Pflichten keinen besondern Anspruch auf Entschädigung erworben.« Judas, und nicht einmal dreißig Silberlinge. Abgefangen war das Streben der Massen nach Klassenkampf, die Friedenssehnsucht, das dumpfe Streben, aus den Gräben herauszukommen... abgefangen und unschädlich gemacht. Sie zahlten noch immer ihre Mitgliedsbeiträge – aber die Partei war längst tot. Immer wieder überrascht in dem Bande die fast prophetische Gabe, mit der die Weltgeschehnisse angesehen werden. Man denke dagegen an das Geschrei der Parlamentarier im Kriege; an die Forderungen der Industrie; an die Leitartikel, besonders an die, die ohne den Druck der Militärbehörden zustande kamen; an das Wirken all dieser »Realpolitiker«, die nicht über das nächste Bezirkskommando sehen konnten; an Paulchen Rohrbach, dieses Waldhorn der Politik (der heute noch munter schreibt, nach so vielen Blamagen immer noch Leser findet, die nicht alle werden) – man denke an alles Das und entscheide, auf wessen Seite die Klarheit und die Wahrheit stand. Ach, wie haben diese Beiden recht behalten! Und wie kläglich wirkt solchem Buch gegenüber der maßgebende Typus des deutschen Sozialdemokraten, der es wagt, Wilhelm Liebknecht zu feiern, den Mann, auf den er jedes Anrecht verloren hat. »Wilhelm Liebknecht gehörte der agitatorischen Periode des Sozialismus an." So kann mans auch nennen. »Reinhardt«, sagt der Schmierendirektor der Provinz, »muß historisch erklärt werden." In solchem Wust von Charakterlosigkeit, Bequemlichkeit, Beharrungsvermögen und Blindheit vor den eignen Niederlagen wirken die Russen wie die ersten Chemiker im Zeitalter der Alchemie; wie die ersten Astronomen inmitten astrologischer Quacksalber. In diesem Scheidewasser lösen sich auch die künstlichsten Kristalle: ich weiß, wie schmerzlich es ist, eingeordnet zu werden. Alles sträubt sich dagegen, wenn Barrès ein »Reaktionär" genannt wird, weil er ja auch noch eine Kleinigkeit mehr war. Aber doch nur eine Kleinigkeit, und auf die kommt es nicht an. Nein, es kommt nicht auf sie an. Das ist hier mit stählerner Mathematik bewiesen. Dazwischen ein Mal, ein einziges Mal ein Sentiment. ,Zu Tode gemartert': ein Nachruf auf den russischen Revolutionär W. Lomtadidse, der in Saratow elend zu Grunde ging. Wie ein kleines schwarzes Kreuz starrt das in diesen grauen Artikeln. Überzeugend ihre Stellung zu den Pazifisten. Zunächst: sie sind gar keine. »Wir sind gar nicht gegen alle Kriege. Wir sind gegen ihre Kriege" – und »ihre" ist kursiv gedruckt und enthält eine Welt. Endgültig festgestellt ist das Wesen der Kriege – denn immer wieder legen beide den größten Wert darauf, daß es das nicht gebe: den Krieg. Sie schälen den wahren Grund, die wahren Ursachen des jedesmaligen Krieges heraus: den Nationalkrieg; den imperialistischen Krieg, wie der letzte einer war; den Krieg, den die Kolonie zu ihrer Befreiung von der Kolonialmacht führt... und so fort. Und sie entscheiden danach, ob die ausgebeutete Klasse von ihrer Teilnahme einen Vorteil hat oder nicht. Nur dies gilt. ›Also hätte Deutschland sich 1914 unterwerfen sollen?‹ So fragt die Dummheit. Was fehlte, war die revolutionäre Propaganda gegen den Krieg auf allen Seiten, der Massenstreik auf allen Seiten, der Bürgerkrieg auf allen Seiten. Dazu gehörten: Vorbereitung, Mut, illegale Organisation und Führer, die nicht schon während des Verrats fest entschlossen sind, sich hinterher zu »amnestieren«. ›Wenn wir diese Zeit der Ungeheuerlichkeiten überstanden haben werden, wird es erst Pflicht sein, einander nicht bei Wort zu nehmen‹, sagt noch einer der Besten, der Sozialdemokrat Victor Adler. Man denke das zu Ende: wir toben jetzt wie die Wilden mit den Kapitalisten, um ihren Krieg zu machen, ihre Interessen zu vertreten, wir feuern unsre Leute noch an, die Genossen der andern Seite zu schlachten, selbst zu krepieren wie das Vieh – und hinterher sagen wir: Es ist nichts gewesen. Für wen wird das nationale Wort denn gesprochen, wenn es nachher nicht gelten soll. Sagen wirs getrost: es ist aus Angst gesprochen worden. Freilich sah das auf allen Seiten gleich aus. Die französischen Sozialisten waren meist um keinen Deut besser – manche Überlebende, die ich kenne, unterscheiden sich in nichts von Scheidemann, es sei denn durch ihren Intellekt –, und auch Jaurès ist zeitig gestorben. Mit feinstem Instinkt wird er von den Russen immer ein bißchen à part behandelt; sie sind mit Recht überzeugt, daß auch er in die Regierung gegangen wäre, für die »Verteidigung des Vaterlandes« – aber wenigstens hat er sich bis zum letzten Tag seines Lebens, der allerdings der entscheidende war, tapfer gehalten. Von Herrn Vandervelde ist eine reizende Szene aufbewahrt. Dieser Arbeitervertreter war Minister ohne Portefeuille, als es losging – die belgische Regierung wußte, warum. Er sollte die russischen Sozialisten beunruhigen, doch nur wenigstens jetzt nicht (wo es drauf ankam) Opposition zu machen. Er wollte ihnen telegraphieren, brauchte dazu aber die Zensur des russischen Botschafters in Brüssel. Hier der Bericht des Botschafters: »Am Tage darauf machte ich die Bekanntschaft Vanderveldes ... Das Gespräch kam auf das Telegramm, und Vandervelde las mir den ursprünglichen Text vor. Er begann so: ›Wir kämpfen gegen den Militarismus und Imperialismus ...‹ Ich muß Ihnen zu meinem Bedauern sagen, daß ein solches Telegramm nicht durchgelassen wird. Sie rufen die Untertanen des russischen Reiches auf, gegen den Imperialismus zu kämpfen ... Ja, aber doch nicht gegen den russischen – unterbrach er mich rasch –; sondern den deutschen, den kriegerischen Imperialismus, der Alle bedroht ... Warum also nicht: gegen das preußische Junkertum? Ach, ausgezeichnet! natürlich gegen das Junkertum! So wurde das Telegramm abgefaßt ...« Und das vertritt heute den Weltfrieden in Genf. Der Kampf gegen die falschen Freunde, die schlimmsten Feinde in einem Kriege, der, wie sich heute deutlich zeigt, gegen die Arbeiter geführt worden ist – dieser Kampf tobt durch das ganze Buch. Und doch ist der Zorn dieser Beiden so ganz anders als die Wut auf der andern Seite. Ich kenne viele deutsche Sozialdemokraten, die gradezu Krämpfe bekommen, wenn von den Leuten, die links von ihnen stehen, die Rede ist. Diese blauroten Köpfe, diese kippenden Falsettstimmen, dieses Gefuchtel mutet sonderbar an. Woher der Eifer –? Die Wut dieser Arrivierten, dieser kleinen Beamten, die in ihrer »Organisation" nicht gestört werden wollen, dieser Knaben, die in dem Augenblick, wo sie in der Regierung sitzen, Alles vergessen, was sie vorher gepredigt haben, um in die Regierung zu kommen – diese Wut ist mit dem Seelenzustand eines angebundenen Haushundes zu vergleichen, dem sich das Fell sträubt, wenn nachts, in der Ferne, die Stimme des Wolfs ertönt. Es ist nicht der Wolf, der heult. Es ist der Bruder, der ruft, der fast vergessene Bruder, den der Hund verraten hat, als er des Fressens halber zum Menschen ging, um die Herden zu bewachen... Der Hund reißt an der Kette und kläfft. In seinem wütenden Gebell ist Haß, Furcht und ganz, ganz zu unterst Reue, Scham, Gewissensbisse und die längst mit Gewalt unterdrückte Sehnsucht nach der Freiheit, die der andre, der hungrige Vagabund, genießen darf. Zurück Sehnsucht! Weg Freiheit! Ich bewache die Hütte meines Herrn! Zweifle ja nicht an meiner satten Treue... Kein Haß ist so groß wie der des Haushundes gegen den Wolf. Diese Beiden haben gehandelt und haben gesiegt. Und sie wußten nicht, daß sie siegen würden – wieviel Lenins, wieviel Sinowjews sind vor 1914 als Emigranten verhungert, ungekannt untergegangen, in Sibirien erfroren! –, aber sie wußten, daß die Idee eines Tages siegen würde. Sie sind glücklich zu preisen: sie haben es erlebt. Und weil diese Kommunisten es erlebt haben, weil sie die Ausbreitung ihrer Idee haben wollen – gegen die Sozialchauvinisten, die noch heute, dieselben Männer, die Partei weiter täuschen dürfen, über die Köpfe träumerischer Demokraten hinweg, die in dem Augenblick zurückschrecken, wo es ernst wird, und denen nachzugeben in manchen Gehirnen »taktisch« heißt –: weil sie gesiegt haben und weiter siegen wollen, sollten sie einen, einen einzigen Fehler vermeiden. Sie sollten uns besser kennen, wenn sie bei uns arbeiten und arbeiten lassen. Aber darüber ein andres Mal. 1926 Russland 1919 Es brodelt, es brabbelt, es raunt in der Welt:       Rußland! Rußland! Sie morden! Sie plündern! sie rauben das Geld!       Rußland! Rußland! Wie sie die Fürsten durch Gossen schleifen – das wird auf den Nachbarn übergreifen! Sie arbeiten nicht! Alles bleibt stehn! Das Chaos! So kann das nicht weitergehn ...!       Sperrt die Grenzen ab! Der Prolet wird begehrlich!       Rußland –                   Rußland ist gefährlich. 1931 Es brodelt, es brabbelt, es raunt in der Welt:       Rußland? Rußland? Der Fünfjahresplan glückt! Das System, es hält!       Rußland? Rußland? Wie sie arbeiten! Wie ihre Pläne reifen! Das kann auf den Nachbarn übergreifen! Es geht ihnen besser... Was wird da geschehn? Wenn sie exportieren? Das kann nicht gehn.       Nieder mit Rußland! Die Kerls sind nicht ehrlich!       Rußland –                   Rußland ist gefährlich. Sie toben, vom wilden Affen gebissen. Rußland ist ihr schlechtes Gewissen.                   Propaganda glüht.                   Und sogar den Papst haben sie bemüht. Ist etwas auf Erden schief und krumm, dann riecht es bestimmt nach Petroleum. 1931 An das Baby Alle stehn um dich herum: Photograph und Mutti und ein Kasten, schwarz und stumm, Felix, Tante Putti...       Sie wackeln mit dem Schlüsselbund,       fröhlich quietscht ein Gummihund.       »Baby, lach mal!« ruft Mama.       »Guck«, ruft Tante, »eiala!« Aber du, mein kleiner Mann, siehst dir die Gesellschaft an ... Na, und dann – was meinste?                   Weinste. Später stehn um dich herum Vaterland und Fahnen; Kirche, Ministerium, Welsche und Germanen.       Jeder stiert nur unverwandt       auf das eigne kleine Land.       Jeder kräht auf seinem Mist,       weiß genau, was Wahrheit ist. Aber du, mein guter Mann, siehst dir die Gesellschaft an ... Na, und dann – was machste?                   Lachste. 1931 Monolog mit Chören Ich bin so menschenmüde und wie ohne Haut. Die andern mag ich nicht – sie tun mir wehe. Wenn ich nur fremde Menschen sehe, lauf ich davon – wie sind sie derb und laut! Ich bin so müde und wie ohne Haut. (Chor der Arbeitslosen): Das ist ja hervorragend interessant, Herr Tiger! Ich spinn mich selig in die Schönheit ein. Schönheit ist Einsamkeit. Ein stiller Morgen im feuchten Park, allein und ohne Sorgen, durchs Blattgrün schimmert eine Mauer, grau im Stein. Ich spinn mich selig in die Schönheit ein ... (Chor der Proletariermütter): Wir wüßten nicht, was uns mehr zu Herzen ginge, Herr Tiger! Ich dichte leis und sachte vor mich hin. Wie fein analysier ich Seelenfäden, zart psychologisch schildere ich jeden und leg in die Nuance letzten Sinn ... (Chor der Tuberkulösen): Sie glauben nicht, wie wohl Sie uns damit tun, Herr Tiger! Ich dichte leis und sachte vor mich hin ... (Alle Chöre): Wir haben keine Zeit, Nuancen zu betrachten! Wir müssen in muffigen Löchern und Gasröhren übernachten! Wir haben keine Lust, zu warten und immer zu warten! Unsre Not schafft erst deine Einsamkeit, deine Stille und deinen Garten! Wir: Arbeitslose, welke Mütter, Tuberkelkranke wollen heraus aus euerm Dreck in unser neues Haus! Wir singen auch ein Lied. Das ist nicht fein. Darauf kommts auch gar nicht an. Und wir stampfen es euch in die Ohren hinein:             Völker, hört die Signale!             Auf zum letzten Gefecht!             Die Internationale             Erkämpft das Menschenrecht –! 1925 Glück im Unglück Ich bin kein Mann, nach dem man in die Kissen schluchzt –             ich weiß es wohl; da nützt kein Oedipus-Komplex, kein Fluchtsversuch             in das Symbol.       Seit Jahren sagen alle Frauen,       wenn sie mir in die Augen schauen,             sie sagen, seit ich majorenn:       »Schön bist du nicht – klug bist du nicht –       reich bist du nicht – lieb bist du nicht –             was bist du denn?« Das kränkte auf die Dauer jeden Mann             des Occidents.             der Konsequenz.       Man muß nur sehn, mit wem ichs treibe:       an Geist vermiekert, Fett am Leibe             ich frage mich verdüstert, wenn ...:       »Schön sind sie nicht – reich sind sie nicht – klug sind sie nicht – lieb sind sie nicht –       was sind sie denn?« Man hat mich dünn wie Maccaroni,             den man in Mailand zieht. Ich bin ja schließlich kein Adoni –       wie heb ich meinen Sexualkredit? Ich seh mir die an, wo uns so regieren. Da darf man wohl die Frage formulieren,       betrachtet man die Gentlemen: »Schön sind sie nicht – klug sind sie nicht – lieb sind sie nicht – 'tellijent sind sie nicht –       was sind sie denn –?                   Ja, was sind sie denn –?« Schlau. Im Skatverein. Und immer vorhanden. Das befähigt zur Führung in deutschen Landen. 1928 Ein Briefwechsel Die Weltbühne 30. Dezember 1926 Herrn Geheimrat Galle, Direktor beim Reichstag Berlin Sehr geehrter Herr Direktor, als Nachfolger des verstorbenen Herrn Siegfried Jacobsohn erlaube ich mir ergebenst um die Ausstellung zweier Karten zu bitten, die mir, dem Herausgeber der »Weltbühne«, und meinem parlamentarischen Hauptmitarbeiter das Betreten des Reichstages gestatten. Da mir bekannt ist, daß an die Ausstellung einer Tribünen-Karte zunächst nicht zu denken ist, wäre ich Ihnen zu besonderm Dank verpflichtet, wenn uns zu informatorischen Zwecken wenigstens diese beiden Karten bewilligt werden könnten. Indem ich Ihnen im voraus verbindlichst für Ihre Freundlichkeit danke, bin ich mit den besten Empfehlungen Ihr sehr ergebner Tucholsky Reichstag Berlin NW 7, den 10. Januar 1927 Auf das gefällige Schreiben vom 30. Dezember. Wegen des ständig zunehmenden Fremdenverkehrs im Reichstag muß die Ausstellung weiterer Eintrittskarten aufs äußerste beschränkt werden. Ich bedauere daher, Ihrem Wunsche nicht entsprechen zu können. Hochachtend Galle, Direktor beim Reichstag 12. Januar 1927 Die Weltbühne An den Präsidenten des Deutschen Reichstags Herrn Paul Löbe Berlin NW Reichstag Sehr geehrter Herr Präsident, in einem Schreiben vom 30. Dezember 1926 habe ich den Direktor beim Reichstag, Herrn Geheimrat Galle, um eine Karte für die Galerie gebeten; da mir die schwierigen Verhältnisse beim Reichstag bekannt sind, habe ich ausdrücklich von der Bitte um eine Presse-Tribünen-Karte abgesehen. Mein Blatt, das ich für den verstorbenen Siegfried Jacobsohn leite, dürfte Ihnen bekannt sein. Ich erhalte nun vom Büro des Reichstages eine von Herrn Geheimrat Galle unterzeichnete Postkarte, daß »wegen des ständig zunehmenden Fremdenverkehrs im Reichstag« meine Bitte abgelehnt wird. Abgesehen davon, daß mir der Reichstag kein Kurort mit Fremdenverkehr zu sein scheint, glaube ich, daß eine politische Wochenschrift von der Bedeutung der Weltbühne im 23. Jahr ihres Bestehens wohl Anspruch auf die Erlaubnis hat, ihren politischen Mitarbeiter in den Reichstag zu entsenden, und da mir die Ablehnung meiner Bitte nicht gerechtfertigt erscheint, erlaube ich mir, Ihnen diese Bitte noch einmal vorzutragen. Ich bin mit den besten Empfehlungen Ihr sehr ergebner Tucholsky Der Präsident des Reichstags Berlin NW 7, den 19. Januar 1927 Herrn Kurt Tucholsky Berlin-Charlottenburg Königsweg 33 Sehr geehrter Herr Tucholsky! Die Reichstagsverwaltung trifft ihre Entscheidungen über die Zulassung neuer Bewerber um Karten zur Pressetribüne des Reichstags und um Zutrittskarten zum Hause im Einvernehmen mit der Vereinigung der Parlamentsjournalisten. Die Herren haben sich nun in Ihrem Falle ablehnend geäußert, weil nach ihrer Auffassung ein dringendes Bedürfnis zum Besuch des Reichstags für die Redaktion der »Weltbühne« nicht bestehe. Daher sind Ihnen die beiden gewünschten Karten von der Verwaltung abgeschlagen worden. Wenn Sie in Ihrem geschätzten Briefe vom 12. Januar 1927 den Passus über den »Fremdenverkehr« bemängeln, so möchte ich zu Ihrer Orientierung mitteilen, daß außer den rund 250 Vertretern und Angestellten der Presse gegenwärtig etwa 354 nicht dem Reichstag angehörige Personen im Besitz von Zutrittskarten zum Hause sich befinden, und daß wiederholt im Vorstand des Reichstags eine Einschränkung des Kreises dieser »fremden« Besucher verlangt worden ist. Einen Anspruch auf die Erlaubnis zum Besuch des Reichstagshauses, den Sie mit Rücksicht auf das 23jährige Bestehen und die Bedeutung Ihrer Wochenschrift erheben, bedauere ich grundsätzlich nicht anerkennen zu können. In vorzüglicher Hochachtung Löbe 22. Januar 1927 Die Weltbühne An den Präsidenten des Reichstags Herrn Paul Löbe Berlin NW 7 Sehr geehrter Herr Präsident, auf Ihr Schreiben vom 19. d. M. erlaube ich mir, Ihnen ergebenst zu erwidern: Daß es Parlamentsjournalisten gibt, die einem alten politischen Blatt, wie der »Weltbühne«, das Bedürfnis absprechen, einen Mitarbeiter in den Reichstag zu entsenden, wundert mich nicht. Daß aber ein ehemaliger Kollege, den ich mir in Ihnen zu sehen gestatte, einen moralischen Anspruch mit einem amtlich abzuweisenden juristischen verwechselt, hätte ich nicht geglaubt. Selbstverständlich steht die Entscheidung darüber, wer in den Reichstag einzulassen ist, bei Ihnen und Ihren Herren; daß heute 354 nicht dem Reichstag angehörende Personen im Besitz von Zutrittskarten sind, zeigt, in welchem Sinne die Ausgabe der Karten gehandhabt worden ist. Die behördlichen Stellen des Reiches und der Länder beklagen so oft die mangelnde Mitarbeit von Intellektuellen. Ich glaube nicht, daß man sie auf diese Weise fördert. Mit den besten Empfehlungen bin ich Ihr sehr ergebner Tucholsky So weit eine Bürokratie, in der sich Herr Galle neben Herrn Lobe durch eine fast hüpfende Grazie auszeichnet. Dieser Präsident des Reichstages ist rettungslos in seinen »Bestimmungen« verhaspelt und hat längst vergessen, daß er einmal, bis zu Gefängnisstrafen, mit Typen gekämpft hat, deren einer zu werden er auf dem besten Wege ist. Leider scheint die Reichstagsverwaltung der Meinung zu sein, daß die dort tätigen Journalisten so eine Art Anhängsel zum Hauspersonal darstellten. Kürzlich haben ein paar flegelhafte Bemerkungen des Herrn A. Stein über die Gattin des Reichstagspräsidenten in seinen Rumpelstilzchen-Briefen, von Celsus im vorigen Heft der ›Weltbühne‹ zitiert, Herrn Galle veranlaßt, diesem Pressevertreter die Reichstagskarte zu entziehn. Herr Löbe hat jedoch diese Maßnahme sofort rückgängig gemacht, weil er nicht wünscht, daß Herrn Steins persönliche Entgleisung dienstlich geahndet werde. Man kann fragen, was fataler sei: die von Herrn Galle verschriebene Entziehungskur oder die von Herrn Löbe also begründete Amnestie. Die Herren übersehn, daß sich Journalisten nicht »dienstlich« im Reichstag befinden, sondern in der Ausübung ihres Berufs. Wenn Herr Galle einen Journalisten zurechtweist, der es nicht lassen kann, auf die Gänge zu speien, befindet er sich durchaus in den Grenzen seiner amtlichen Zuständigkeit. Wenn dieser Journalist jedoch sein Sputum zu Artikeln zu verarbeiten pflegt, steht er jenseits der Disziplinargewalt der Parlamentsdirektion. Herr Stein schreibt kein gutes Deutsch und verstehts auch nicht. Sonst läse er Schiller. Schweizer: »So wollt ich doch, daß du im Kloak ersticktest, Dreckseele du! Bei nackten Nonnen hast du ein großes Maul, aber wenn du zwei Fäuste siehst – Memme, zeige dich jetzt!« Und da wäre es nun Sache der Zeitungsleute, die es so oft mit der Würde der Presse haben, nicht die Machtgelüste der Büros zu unterstützen, sondern ein talentloses Großmaul aus ihren Reihen zu entfernen, das über Frau Löbe, Frau Ebert und Fräulein Wels politische Siege davonträgt, die es gegen Männer nicht erringen kann. 1927 Spanische Krankheit? Was schleicht durch alle kriegführenden Länder? Welches Ding schleift die infizierten Gewänder vom Schützengraben zur Residenz? Wer hat es gesehn? Wer nennts? Wer erkennts? Schmerzen im Hals, Schmerzen im Ohr –       die Sache kommt mir spanisch vor. Aber wenn ichs genau betrachte und hübsch auf alle Symptome achte, bemerke ich es mit einem Mal: das ist nicht international. Und seh ich das ganze Krankenkorps:       kommts mir gar nicht mehr spanisch vor. Ein bißchen Gefieber, ein bißchen Beschwerden, Onkel Doktor sagt: »Morgen wirds besser werden!« Nachts im Dunkel Transpirieren, Herzangst, Schwindel und Phantasieren, mittags Erhitzen, abends Erkalten, morgen ist alles wieder beim alten –       Das ist keine Grippe, kein Frost, keine Phthisis –        das ist eine deutsche politische Krisis. 1918 Justitia schwooft! Für Berthold Jacob Nachts im Treppenhaus des Berliner Kriminalgerichts Die Justitia , die tagsüber in Stein gehauen dasteht, löst sich von der Wand und tappt, mit verbundenen Augen, einige Schritte vorwärts. Im Halbdunkel leuchtet auf dem Boden ein weißer Strich. Sie geht darauf. Die Justitia: Diese verdammte Binde –! Fort mit dem Zeug – jetzt siehts ja keiner! Ratsch – da liegt die Waage – ich weiß doch, wie gewogen wird – und – Bautsch! da das Schwert! Hol doch der Teufel diesen ganzen Betrieb! Ein netter Aufenthalt so weit – wo ist der Spiegel? (Sie spiegelt sich in einer Glastür. Ordnet ihr Haar. Legt Rot auf, Puder, Lippenstift.) Sie trällert leise vor sich hin: Von vorne – von vorne – da ist er ganz von Horne – von hinten – von hinten ... Die Uhr: Bim – Bam – Bum! Die Justitia: Hab ich mich erschrocken! Das ... das war nur die Uhr ...! Na, Uhr – wie gehts denn? Die Uhr : Bum – Die Justitia: Wir beide werden auch nicht jünger, wie? Na, wieviel schlägts denn jetzt bei dir, in der Republike? Die Uhr: Bum – bim – bam – bum – bim – bam – bum – bam – baum – bim –– baum – bum – bum! Die Justitia: Dreizehn! Allerleihand! Und ich halte mich hier mit politischen Gesprächen auf! – Wo bleibt er denn? Ei, dort kommt er ja just –! Der Staatsanwalt: (pfeift auf zwei Fingern) Die Justitia: Ludwig! Wo bleibst du so lange! Der Staatsanwalt: Meechen ...! (Kuß) Wo ick solange bleibe? Akten ha'ck jeschmiert ... Bolschewistensachen! Die Justitia (an seiner Schulter): Du sorgst so nett für Kundschaft, Luichen! Der Staatsanwalt : Allemal. Det du mir die Brieder bloß richtig behandelst! Die Feinen fein – und die Kerls, na: Reichsgericht. Die Justitia: Luichen – mach ichs vielleicht nicht richtig? Marburg? Marloh? Frag mal in Leipzig, warum daß die Talare von meine Reichsgerichtsräte so rot sind – Der Staatsanwalt : Dette mir den Ledebour freijesprochen hast – det kann ick da heute no nich vasseihn! Die Justitia: Nich haun! Der Staatsanwalt : Seh dir vor, Meechen! Treib ick dir dassu die Kundschaft zu? Watt ziehste dir aus? Zieh doch die Jungens aus! Wozu hab ick dir denn det Jeschäft lern lassn? Die Justitia: Luichen! Wo machen wir denn heute ahmt hin? Der Staatsanwalt: Heute nacht? Jehn wa schwoofn! Ins Auditorium Maximum von de Universität! Die janzen Rektoren sind da – lauter orntliche Leute – Reserveoffiziere und so. Kannste was erben! Benimm dir! Die Justitia: Ick wer dir schonst keine Schande machn! Ich will auch immer dein braves Mädchen sein ... Mich sieht keiner nackt, aber ich seh sie alle. Du süßer Paragraphenlehrling! Der Staatsanwalt: Streiker und Revoluzzer und Demokraten und Spartakisten und Unabhängige und Pennbrüder und Pazifisten und Schriftsteller und Kommunisten und all das Pack – wohin? Die Justitia: Ins Kittchen, Luis! Der Staatsanwalt: Und die Offiziere? Und die feinen Leute? Wohin? Die Justitia: Raus aus die Anklagebank, Luis! Der Staatsanwalt: Und wenn sie Republik spielen – was tun wir? Die Justitia: Wir bleiben unserm Kaiser treu! Der Staatsanwalt: Denn was haben wir? Die Justitia: Wir haben die Unabhängigkeit der Justiz! (Achtunddreißig Hühner treten auf, lachen und trippeln wieder ab.) Der Staatsanwalt: Und die Waage? Die Justitia: Hängt schief. Der Staatsanwalt: Und die Binde? Die Justitia: Hat Gucklöcher. Der Staatsanwalt: Und das Schwert? Die Justitia: Ist zweischneidig. Komm, Luis, gehn wir tanzen! Der Staatsanwalt (mit Überzeugung): Du süße Sau –! (er pfeift auf zwei Fingern) Beide: Justitia geht schwoofen! – Haste so was schon gesehn! – Sie biegt sich und schmiegt sich – man läßt es geschehn! – So tief duckt kein Knecht sich – wie diese Nation – Justitia, die rächt sich – für die Revolution! – Die Deutschen, die dofen – die geben schon Ruh – Justitia geht schwoofen – sie hats ja dazu –! (Beide keß tanzend ab) Gebet für die Gefangenen Herrgott! Wenn du zufällig Zeit hast, dich zwischen zwei Börsenbaissen und einer dämlichen Feldschlacht in Marokko auch einmal um die Armen zu kümmern: Hörst du siebentausend Kommunisten in deutschen Gefängnissen wimmern?                   Kyrie eleison –! Da sind arme Jungen darunter, die sind so mitgelaufen, und nun sind sie den Richtern in die Finger gefallen; auf sie ist der Polizeiknüppel niedergesaust, der da ewiglich hängt über uns allen ...                   Kyrie eleison –! Da sind aber auch alte Kerls dabei, die hatten Überzeugung, Herz und Mut – das ist aber vor diesen Richtern nicht beliebt, und das bekam ihnen nicht gut ...                   Kyrie eleison –! Da haben auch manche geglaubt, eine Republik zu schützen aber die hat das gar nicht gewollt. Fritz Ebert hatte vor seinen Freunden viel mehr Angst als vor seinen Feinden – in diesem Sinne: Schwarz-Rot-Gold!                   Kyrie eleison –! Herrgott! Sie sitzen seit Jahren in kleinen Stuben und sind krank, blaß und ohne Fraun; sie werden von Herrn Aufseher Maschke schikaniert und angebrüllt, in den Keller geschickt und mitunter verhaun...                   Kyrie eleison –! Manche haben eine Spinne, die ist ihr Freund; viele sind verzankt, alle verzweifelt und sehnsuchtskrank – Ein Tag, du Gütiger, ist mitunter tausend Jahre lang!                   Kyrie ... –! Vielleicht hast du die Freundlichkeit und guckst einmal ins Neue Testament? Bei uns lesen das die Pastoren, aber nur Sonntags –, in der Woche regiert das Strafgesetzbuch und der Landgerichtspräsident.                   ...eleison –! Weißt du vielleicht, lieber Gott, warum diese Siebentausend in deutsche Gefängnisse kamen? Ich weiß es. Aber ich sags nicht. Du kannst dirs ja denken.                   Amen. 1930 Die Reichswehr Dies soll hier nur stehen, um in acht Jahren einmal zitiert zu werden. Und auf daß Ihr dann sagt: Ja – das konnte eben Keiner voraussehen! Ich halte es für meine Pflicht, noch einmal die beiden sozialdemokratischen Parteien auf die Gefahr aufmerksam zu machen, die von der Reichswehr droht. Die Truppe, in hundert und aberhundert überflüssige Detachements gegliedert – überflüssig ihrer Quantität, überflüssig ihrer Qualität nach –, liegt hauptsächlich in kleinen und kleinsten Orten. Damit die Herren unter sich sind. Der Drill ist genau so wie unter dem Kaiser – nein, er ist schlimmer, verschärfter, bösartiger, der Zeit noch mehr ins Gesicht schlagend als schon damals. Ich habe Nachrichten, die alle das Selbe besagen: viele Offiziere politisieren, schikanieren, sind Gegner der Republik – und die Leute fürchten sich. Sie fürchten sich vor dienstlichen Unannehmlichkeiten; sie fürchten sich, vor eine Republik zu treten, die diesen Schutz gar nicht haben will, und die sie gegen die vorgesetzten Monarchisten nicht schützt; sie fürchten sich vor der Entlassungund vor noch Aergerm. Wer die Verhältnisse kennt, wird diese Andeutung verstehen. In den Soldatenzimmern wimmelt es von kaiserlichen Abzeichen, von Kaiserbildern, von nationalistischen Broschüren und Zeitungen. Die Offiziere, ältere Generalstäbler oder sehr junge Herren, pflegen genau dieselbe Lebens- und Staatsauffassung, deren Rückständigkeit uns in jenes Unglück gestürzt hat. Ihre politische Zuverlässigkeit verträgt keine Prüfung. Der Milliarden-Etat geht Jahr um Jahr, mit schönen Sparsamkeitsreden begleitet, im Reichstag durch – die Abgeordneten der Mehrheitssozialdemokratie versagen bei Wehrfragen in den Ausschüssen und im Plenum. Die Unabhängigen allein schaffens nicht. Wirklich sachverständige Militär-Spezialisten scheint es nicht zu geben. Jedenfalls merkt man nichts von ihnen. Fast gänzlich unbeachtet, in aller Stille reift hier ein Werk, das heute noch abzutöten ist. Über die Notwendigkeit einer Reichswehr läßt sich streiten – über die Beschaffenheit dieser Reichswehr gibt es nur eine Meinung: sie muß geändert werden. Geßler zählt nicht – denn er ist nicht Herr über seine Leute. Er hat alle Eigenschaften Noskes – ohne dessen schlimme. Also gar keine. Einst wird kommen der Tag, wo wir hier etwas erleben werden. Welche Rolle die Reichswehr bei diesem Erlebnis spielen wird, beschreiben alle Kenner auf gleiche Weise. Der Kapp-Putsch war eine mißglückte Generalprobe. Die Aufführung ist aufgeschoben. Die Realpolitiker, viel klüger und erfahrener als wir Outsider, werden mir antworten, der Staat habe jetzt keine Zeit – er müsse seine ganze Kraft an die außenpolitischen Probleme wenden. Ich will aber nicht in acht Jahren hier eine Serie Standgerichte haben, die die gewissen raschen Kneifer nicht, wohl aber alle Andern treffen werden. Ich will nicht meine Steuern für Menschen ausgeworfen wissen, die nichts andres im Kopf haben als ihre überlebte Zeit und ihre Ideale – Ideale, deren Unwert nur noch von ihren forschen Vertretern übertroffen wird. Ich will nicht. Viele wollen nicht. Und ich halte es für eine Pflichtverletzung der beamteten und gewählten Volksvertreter, sich auf Meldungen zu verlassen, die verlogen sind, und auf Gruppen zu hören, die warten und warten ... Ihre Zeit kommt. Bedankt euch in acht Jahren bei dieser Regierung, diesem Staatsrat, diesem Reichstag. Vision Heute haben wir den 28. Juli, der Pariser Autobusführer sitzt vorn am Steuerrad und wendet den schweren, langen Wagen, als ob es ein kleiner Zweisitzer wäre. »AX« steht vorn dran. Ich weiß doch nicht genau ... und frage den Schaffner. Der Schaffner sagt nett und höflich Bescheid: Nein, nach der rue de Grenelle muß ich mit dem andern Wagen abfahren. Danke. Das wäre also heute. Und was hätte der Omnibusschaffner, auf diesem Pariser Omnibus, mit mir gemacht, wenn wir uns in jenen Jahren begegnet wären? Der Omnibusschaffner hätte, vor Angst, aus Pflichtbewußtsein, nach Kommando, auf mich geschossen. Sein Fahrer wäre, um mich zu fangen, vorsichtig den Graben entlanggekrochen, wäre alle paar Minuten regungslos auf dem Bauch liegengeblieben, hätte gewartet – und dann, an der nächsten Biegung, wäre er vorgesprungen und hätte mir sein Bajonett in den Magen gestoßen, da, wo ich jetzt meinen Spiegel trage. Der Mann auf der Metro, der mir vorhin das Billett geknipst hat, hätte befriedigt das Gewehr abgesetzt, wenn ich drüben die Arme hochgeworfen hätte und hinter dem deutschen Graben verschwunden wäre ... In jenen Jahren. Und ich: ich war verpflichtet, meinem Milchhändler, der mir morgens immer so nett auseinandersetzt, was es Neues gibt, den Kolben auf den Kopf zu schlagen, wenn ich ihn erwischt hätte; ich mußte meinem Kollegen vom »Oeuvre« das Seitengewehr durchs Gesicht ziehen, und ich hatte dafür zu sorgen, daß die schöne Frau Landrieu ihren Mann nicht mehr zu sehen bekam. In jenen Jahren. Das war meine Pflicht, das war ihre Pflicht. Aber jetzt sind wir alle wieder friedlich, sagen uns freundlich guten Tag, unsere Minister besuchen sich; sie zeigen mir den Weg, ich drücke ihnen die Hand, grüße und unterhalte mich, werde ins Theater begleitet und führe nette Unterhaltungen über alles mögliche. Nur über diese eine Sache nicht. Nur über diese eine einzige Lebensfrage sprechen die Menschen fast gar nicht, ungern, zögernd: Ob sie sich morgen wieder Messer in die Köpfe jagen, morgen wieder Granaten (mit Aufschlagzünder) in die Wohnstuben schießen, Herrn Haber konsultieren, damit er ein neues Gas erfinde, eines, das die Leute, wenn irgend möglich, Professor, total erblinden läßt... Und darüber, daß sich morgen alle: Omnibusschaffner, Metrokontrolleur, Universitätslehrer und Milchhändler, in eine tobende, heulende Masse verwandeln, die nur den einen Wunsch hat, aus den Berufsgenossen der andern Seite einen stinkenden Brei zu machen, der in den Sandtrichtern verfault ... Morgen wieder? Morgen wieder –? 1924 Was kosten die Soldaten Wir haben Lungenkranke, die brauchten Berg und Schnee; sie heilen –? Kein Gedanke! Wir brauchen die Armee. Da kostet jeder Junge mit Stiefel und Gewehr pro Mann eine Lunge –!                   Das ist unser Heer. Von dem, was die verschwenden, von dem, was da veraast: könnten wir Gutes spenden, wo die Schwindsucht rast. Der Proletarierjunge krepiert so nebenher ... Pro Mann eine Lunge –                   das ist unser Heer. Es fällt durch graue Scheiben ein trübes Tageslicht; die Kranken, die da bleiben, überleben den Sommer nicht. »Zeigen Sie mal die Zunge! Na ja – das wird nichts mehr!« Pro Mann eine Lunge –             das ist unser Heer! Sie haben Feldgeschütze, Schiffskreuzer und Musik; in schwarz-rot-goldner Mütze bezahlts die Republik.             Sie setzen an zum Sprunge.             Sie sind das Militär.             Sie stehlen uns Herz und Lunge.             Wann – Junge! Junge! –             wirfst du sie in hohem Schwunge             ihrem Kaiser hinterher –? 1928 Kleine Begebenheit Der Strumpfwirker und der Bauerssohn waren in der Nacht von einem Ackergraben in den andern geklettert – warum sie es getan hatten, wußten sie nicht. Man hatte ihnen gesagt, sie sollten es tun. Herren, die lesen und schreiben konnten, hatten es ihnen gesagt. Im andern Ackergraben hatte man sie gleich angehalten, in derselben Nacht noch, und, weil sie fremd gefärbte Kleider anhatten, sie sehr geschlagen und in ein Haus gesperrt. Nachher saß ein Advokat hinter einem Tisch – er war so froh, hinter diesem Tisch sitzen zu dürfen! – und schrieb auf, was der Strumpfwirker und der junge Bauer zu sagen wußten. Da war noch ein Gastwirt, der schlug sie, wenn sie nicht genug sagten. Ein Besucher kam zu ihnen und sagte, man würde sie töten – und zwei Leute, ein Steinklopfer und ein junger Mensch, der noch keinen Beruf hatte und bei den Eltern lebte, bewachten sie von Stund an. Vierundzwanzig Menschen wurden benötigt, um die beiden totzuschießen. Es meldeten sich, freiwillig, achtzig. Achtzig – darunter waren Verheiratete und Ledige, Stille und Freche, Kräftige und Schlappe – sonst brave Leute, die keinem etwas zuleide taten, und die nur so gern einmal dabei sein wollten, um zu sehen, wie das wäre, wenn einer totgeschossen würde, mehr: die ihn selbst totschießen wollten. Denn es war erlaubt... Befehligt wurden sie von einem Kohlenhändler. Am Morgen dieses Tages erschien der traurige Zug auf dem ungeheuern Schneefeld südlich des Dorfes. Voran der Bauer und der Strumpfwirker, zwischen zwei Leuten von denen, die man aus den achtzig ausgesucht hatte; ein Arzt aus einer großen Stadt, der dergleichen noch nicht gesehen hatte und gleichfalls begierig war, es zu sehen; und der Kohlenhändler mit seinen Leuten. Die beiden in dünnen Jacken zitterten vor Kälte und Todesfurcht. Der Zug machte hinter den Scheunen Halt. Der Advokat, der mitgegangen war, zeigte den beiden ein Papier; aber sie froren und konnten auch nicht lesen. Man stellte sie an kleine schwarze Pfähle. Der Kohlenhändler sagte zu seinen Leuten, sie sollten ihre Gewehre laden. Er sagte es sehr laut, obgleich er nahe bei ihnen stand. Er hätte gewünscht, daß ihn seine Frau so sähe, wie er, der sonst Kohlen verkaufte, hier zwei Leute totschießen durfte. Die Schüsse knallten. Die beiden fielen um wie leere Säcke. Der Arzt aus der großen Stadt ging hin und sah sich genau ihre Wunden an. Dann verscharrte man sie. Ich habe vergessen zu erzählen, daß alle verkleidet waren: die Gerichteten als serbische, die Henker als deutsche Soldaten. 1921 Vor Verdun Längs der Bahn tauchen die ersten Haustrümmer auf – ungefähr bei Vitry fängt das an. Ruinen, dachlose Gebäude, herunterhängender Mörtel, Balken, die in die Luft ragen. Nur eine kleine Partie – dann präsentiert sich die Gegend wieder ordentlich und honett, sauber und schön aufgebaut. Viele Häuser scheinen neu. Der Zug hält. Auf dem Nebengleis steht ein Waggon. »Fumeurs« steht an einer Tür. Ein Pfosten verdeckt die ersten beiden Buchstaben, man kann nur den Rest des Wortes lesen. Verdun, eine kleine Stadt der Provinz. Hat in der neuen Zeit schon einmal daran glauben müssen: im Jahre 1870. Die Besatzung, die damals mit allen militärischen Ehren kapitulierte, zog ab, und die Stadt kam unter deutsche Verwaltung. Der deutsche Beamte, der ihr und dem Departement der Meuse vorgesetzt war, trug den Namen: von Bethmann Hollweg. Man kann ein kleines Heft kaufen: »Verdun vorher und nachher.« Es muß eine hübsche, nette und freundliche Stadt gewesen sein, mit kleinen Häuserchen am Fluß, einer Kathedrale, dem Auf und Ab der Wege auf dem welligen Terrain. Und nach jedem Bild von damals ist ein andres eingefügt. So schlimm sieht es jetzt nicht mehr aus: vieles ist aufgebaut, manche Teile haben gar nicht gelitten, das Rathaus ist fast unversehrt geblieben. Aber es handelt sich ja nicht um Verdun, nicht um die kleine Stadt. Um Verdun herum lagen vierunddreißig Forts. Gleich am Ausgang der Stadt die Zitadelle. Sie ist in den Fels gehauen, eine riesige Anlage mit Gängen, die in ihrer Gesamtlänge sechzehn Kilometer ausmachen. Dies und jenes darf man sich ansehen. Schlafräume der Soldaten und Offiziere, heizbar und mit elektrischem Licht. Hier, in diesem Verschlag, hat der General Pétain geschlafen. Ein kleiner Raum, mit Holzwänden, oben offen – Waschgeschirr, Eimer und das Bett stehen noch da. Daneben lagen in kleinen Kabinen zu vieren die Offiziere. In einem Saal steht ein langer Tisch. Auf dem standen in Särgen die Überreste von acht unbekannten Kadavern, und ein Militär legte einen Blumenstrauß auf den einen: das wurde der soldat inconnu, der heute unter dem Arc de Triomphe zu Paris begraben liegt. Die sieben andern ruhen in einem gemeinschaftlichen Grab auf dem Kirchhof Faubourg Pavé bei Verdun. Das Bombardement hat der Felszitadelle nichts anhaben können – außen haben sich wohl Mauersteine gelockert, innen ist alles intakt geblieben. Und dann fahren wir hinaus, ins Freie. Es ist eine weite, hügelige Gegend, mit viel Buschwerk und gar keinem Wald. Immer, wenn man auf eine Anhöhe kommt, kann man weit ins Land hineinsehen. Hier ist eine Million Menschen gestorben. Hier haben sie sich bewiesen, wer recht hat in einem Streit, dessen Ziel und Zweck schon nach Monaten keiner mehr erkannte. Hier haben die Konsumenten von Krupp und Schneider-Creuzot die heimischen Industrien gehoben. (Und wer wen dabei beliefert hatte, ist noch gar nicht einmal sicher.) Auf französischer Seite sind vierhunderttausend Menschen gefallen; davon sind annähernd dreihunderttausend nicht mehr auffindbar, vermißt,verschüttet,verschwunden ... Die Gegend sieht aus wie eine mit Gras bewachsene Mondlandschaft, die Felder sind fast gar nicht bebaut, überall liegen Gruben und Vertiefungen, das sind die Einschläge. An den Wegen verbogene Eisenteile, zertrümmerte Unterstände, Löcher, in denen einst Menschen gehaust haben. Menschen? Es waren wohl kaum noch welche. Da drüben, bei Fleury, ist ein Friedhof, in Wahrheit ein Massengrab. Zehntausend sind dort untergebracht worden – zehntausendmal ein Lebensglück zerstört, eine Hoffnung vernichtet, eine kleine Gruppe Menschen unglücklich gemacht. Hier war das Niemandsland: drüben auf der Höhe lagen die Deutschen, hüben die Franzosen – dies war unbesetzt. Lerchen haben sich in die Luft hinaufgeschraubt und singen einen unendlichen Tonwirbel. Ein dünner Fadenregen fällt. Der Wagen hält. Diese kleine Hügelgruppe: das ist das Fort Vaux. Ein französischer Soldat führt, er hat eine Karbidlampe in der Hand. Einer raucht einen beißenden Tabak, und man wittert die Soldatenatmosphäre, die überall gleich ist auf der ganzen Welt: den Brodem von Leder, Schweiß und Heu, Essensgeruch, Tabak und Menschenausdünstung. Es geht ein paar Stufen hinunter. Hier. Um diesen Kohlenkeller haben sich zwei Nationen vier Jahre lang geschlagen. Da war der tote Punkt, wo es nicht weiter ging, auf der einen Seite nicht und auf der andern auch nicht. Hier hat es Halt gemacht. Ausgemauerte Galerien, mit Beton ausgelegt, die Wände sind feucht und nässen. In diesem Holzgang lagen einst die Deutschen; gegenüber, einen Meter von ihnen, die Franzosen. Hier mordeten sie, Mann gegen Mann, Handgranate gegen Handgranate. Im Dunkeln, bei Tag und bei Nacht. Da ist die Telephonkabine. Da ist ein kleiner Raum, in dem wurde wegen der Übergabe parlamentiert. Am 8. Juni 1916 fiel das Fort. Fiel? Die Leute mußten truppweise herausgehackt werden, mit den Bajonetten, mit Flammenwerfern, mit Handgranaten und mit Gas. Sie waren die letzten zwei Tage ohne Wasser. An einer Mauer ist noch eine deutsche Inschrift, mit schwarzer Farbe aufgemalt, schwach zu entziffern. Und dann gehen wir ins Verbandszimmer. Es ist ein enges Loch, drei Tische mögen darin Platz gehabt haben. Einer steht noch. An den Wänden hängen kleine Schränke. Oben ist, durch eine Treppe erreichbar, der Alkoven des Arztes. Ich habe einmal die alte Synagoge in Prag besucht, halb unter der Erde, wohin sich die Juden verkrochen, wenn draußen die Steine hagelten. Die Wände haben die Gebete eingesogen, der Raum ist voll Herzensnot. Dieses hier ist viel furchtbarer. An den Wänden kleben die Schreie – hier wurde zusammengeflickt und umwickelt, hier verröchelte, erstickte, verbrüllte und krepierte, was oben zugrunde gerichtet war. Und die Helfer? Welcher doppelte Todesmut, in dieser Hölle zu arbeiten! Was konnten sie tun? Aus blutdurchnäßten Lumpen auswickeln, was noch an Leben in ihnen stak, das verbrannte und zerstampfte Fleisch der Kameraden mit irgendwelchen Salben und Tinkturen bepinseln und schneiden und trennen, losmeißeln und amputieren ... Linderung? Sie wußten ja nicht einmal, ob sie diese Stümpfe noch lebendig herausbekämen! Manchmal war alles abgeschnitten. Die Wasserholer, die Meldegänger – wohl eine der entsetzlichsten Aufgaben des Krieges, hier waren die wahren Helden, nicht im Stabsquartier! –, die Wasserholer, die sich, mit einem Blechnapf in der Hand, aufopferten, kamen in den seltensten Fällen zurück. Und der nächste trat an ... Wir sehen uns in dem leeren, blankgescheuerten Raum um. Niemand spricht ein Wort. Oben an dem Blechschirm der elektrischen Lampe sind ein paar braunrote Flecke. Wahrscheinlich Rost... Vor dem Tor hat man für einige der Gefallenen Gräber errichtet, das sind seltene Ausnahmen, sie liegen allein, und man weiß, wer sie sind. An einem hängt ein kleiner Blechkranz mit silbernen Buchstaben: Mon mari. Und an einem Abhang stehen alte Knarren, die flachen, schiefgeschnittenen Feldflaschen der Franzosen, verrostet, zerbeult, löcherig. Das wurde einmal an die durstigen Lippen gehalten, Wasser floß in einen Organismus, damit er weiter morden konnte. Weiter, weiter –! Drüben liegt das Fort Douaumont, das überraschend fiel; da die Höhe 304; da das Fort de Tavannes. Teure Namen, wie? Einem alten Soldaten, der hier gestanden hat und lebendig herausgekommen ist, muß merkwürdig zumute sein, wenn er jetzt diese Gegend wiedersieht, still, stumpf, kein Schuß. Weit da hinten am Horizont raucht das, was dem deutschen Idealismus 1914 so sehr gefehlt hat: das Erzlager von Briey. Und wir fahren weiter. Die Sturmreihen sind in die Erde versunken, die armen Jungen, die man hier vorgetrieben hat, wenn sie hinten als Munitionsdreher ausgedient hatten. Hier vorn arbeiteten sie für die Fabrikherren viel besser und wirkungsvoller. Die Rüstungsindustrie war ihnen Vater und Mutter gewesen; Schule, Bücher, die Zeitung, die dreimal verfluchte Zeitung, die Kirche mit dem in den Landesfarben angestrichenen Herrgott – alles das war im Besitz der Industriekapitäne, verteilt und kontrolliert wie die Aktienpakete. Der Staat, das arme Luder, durfte die Nationalhymne singen und Krieg erklären. Gemacht, vorbereitet, geführt und beendet wurde er anderswo. Und die Eltern? Dafür Söhne aufgezogen, Bettchen gedeckt, den Zeigefinger zum Lesen geführt, Erben eingesetzt? Man müßte glauben, sie sprächen: Weil ihr uns das einzige genommen habt, was wir hatten, den Sohn – dafür Vergeltung! Den Sohn, die Söhne haben sie ziemlich leicht hergegeben. Steuern zahlen sie weniger gern. Denn das Entartetste auf der Welt ist eine Mutter, die darauf noch stolz ist, das, was ihr Schoß einmal geboren, im Schlamm und Kot umsinken zu sehen. Bild und Orden unter Glas und Rahmen – »mein Arthur!« Und wenns morgen wieder angeht –? Der Führer nennt Namen und Zahlen. Er zeigt weit über das Land: da hinten, da ganz hinten lag das Quartier des Kronprinzen. Ein bißchen fern vom Schuß – aber ich weiß: das bringt das Geschäft so mit sich. Und das war früher auch so: die Söhne hatten schon damals die Zentrale für Heimatdienst. Bäume stecken ihre hölzernen Stümpfe in die Luft, die Verse von Karl Kraus klingen auf: »Ich war ein Wald. Ich war ein Wald.« Das Buschwerk sprießt, überall zieht sich Stacheldraht zwischendurch. An einer Stelle steht ein Denkmal, ein verendeter Löwe. Das war der Punkt, bis zu dem die Deutschen vorgedrungen sind. (Übrigens findet sich nirgends auch nur die leiseste Beschimpfung des Gegners – immer und überall, in den Schilderungen, den Beschreibungen, den Aufschriften wird der Feind als ein kämpfender Soldat geachtet und niemals anders bezeichnet.) Bis hierher ging es also. Das Reich erstreckte sich damals von Berlin bis zu dieser Stelle. Abschiedsküsse auf dem Bahnhof, die Fahrt – 8 Pferde oder 40 Mann – und dann der Tod in diesen Feldern. Dies war der letzte Zipfel. Und dahinter das Land. Da lag dieses ungeheure Heerlager, dieser Jahrmarkt der Eitelkeiten, diese Konzentration von Roheit, Stumpfsinn, Amtsverbrechen, falsch verstandener Heldenhaftigkeit; da fuhren, marschierten, rollten, telephonierten, schufteten und schossen die als Soldaten verkleideten Uhrmacher, Telegraphensekretäre, Gewerkschaftler, Oberlehrer, Bankbeamten, geführt und führend, betrügend und betrogen, mordend, ohne den Feind zu sehen, in der Kollektivität tötend, die Verantwortung immer auf den Nächsten abschiebend. Es war eine Fabrik der Schlacht, eine Mechanisierung der Schlacht, überpersönlich, unpersönlich. »Die Division« wurde eingesetzt, hineingeworfen – die Werfer blieben draußen –, sie wurde wieder herausgezogen. Achilles und Hektor kämpften noch miteinander; dieser Krieg wurde von der Stange gekauft. Und archaistisch war nur noch die Terminologie, mit der man ihn umlog: das blitzende Schwert, die flatternden Fahnen, die gekreuzten Klingen. Landsknechte? Fabrikarbeiter des Todes. Der Horizont ist grau, es ist, als sei kein Leben mehr in diesem Landstrich. Da kämpften sie, Brust an Brust: Proletarier gegen Proletarier, Klassengenossen gegen Klassengenossen, Handwerker gegen Handwerker. Da zerfleischten sich einheitlich aufgebaute ökonomische Schichten, da wütete das Volk gegen sich selbst, ein Volk, ein einziges: das der Arbeit. Hinten rieben sich welche voller Angst die Hände. Ein Mauerwerk taucht auf, das ist das Denkmal über der Tranchée des Baïonettes. Am 11. Juni 1916 wurde hier die Besatzung dieses Grabens – es war die zweite Linie – verschüttet. Keiner entrann. Man fand sie so, unter der Erde, nur die Bajonette ragten aus der Erde. Der Graben ist seit diesem Tag so erhalten; ein Amerikaner, Herr Georges F. Rand, hat einen großen grauen Steinbau darüber errichten lassen. Unten, auf dem zugeschütteten Graben, stehen ein paar Kreuze, liegen Kränze und ragen die Bajonette. Drei Mann müssen außerhalb des Grabens postiert gewesen sein; die Läufe ihrer Gewehre ragen ein paar Zentimeter hoch aus dem Boden, man stolpert über sie. Eine Mutter kann ihr Kind hierherführen und sagen: »Siehst du? Da unten steht Papa.« In der Nähe ist ein ossuaire, eine kleine Holzhalle, wo man die Gebeine der Soldaten, die nicht mehr zu identifizieren waren, gesammelt hat. Sie ruhen da, bis eine große Grabkapelle für sie fertiggestellt ist. Die Überbleibsel sind nach Sektoren geordnet. (Was die Offiziere aller Länder anbetrifft, so scheinen sie sämtlich an ansteckenden Krankheiten zugrunde gegangen zu sein – denn warum hat man sie so oft von den Mannschaften abgesondert?) Stereoskope sind aufgestellt mit Bildern aus den Mordtagen. Auf einem ist unter Steintrümmern ein Bein zu sehen. Ein abgerissenes Bein, der Benagelung nach ein deutsches. Auf einem andern Bild sieht man einen deutschen Gefangenen, einen bärtigen, schlecht genährt aussehenden Mann. Er steht bis zu den Hüften im Graben, er hat kein Koppel mehr, er wartet, was nun noch mit ihm geschehen kann. Im Vordergrund ragen ein paar Stiefel aus dem Schlamm und ein halber Körper. Den kann man nicht mehr gefangennehmen. Die Franzosen und der Deutsche stehen da zusammen, der Betrachter muß glauben, einen Haufen Wahnsinniger vor sich zu haben. Und das waren sie ja wohl auch. Jetzt regnet es in dichten Strömen. Der Wagen rollt. Der Schlamm spritzt. Und immer wieder Stacheldraht, Steinbrocken, verrostetes Eisen, Wellblech. Ist es vorbei –? Sühne, Buße, Absolution? Gibt es eine Zeitung, die heute noch, immer wieder, ausruft: »Wir haben geirrt! Wir haben uns belügen lassen!« Das wäre noch der mildeste Fall. Gibt es auch nur eine, die nun den Lesern jahrelang das wahre Gesicht des Krieges eingetrommelt hätte, so, wie sie ihnen jahrelang diese widerwärtige Mordbegeisterung eingebläut hat? »Wir konnten uns doch nicht beschlagnahmen lassen!« Und nachher? Als es keinen Zensor mehr gab? Was konntet ihr da nicht? Habt ihr einmal, ein einziges Mal nur, wenigstens nachher die volle, nackte, verlaust-blutige Wahrheit gezeigt? Nachrichten wollen die Zeitungen, Nachrichten wollen sie alle. Die Wahrheit will keine. Und aus dem Grau des Himmels taucht mir eine riesige Gestalt auf, ein schlanker und ranker Offizier, mit ungeheuer langen Beinen, Wickelgamaschen, einer schnittigen Figur, den Scherben im Auge. Er feixt. Und kräht mit einer Stimme, die leicht überschnappt, mit einer Stimme, die auf den Kasernenhöfen halb Deutschland angepfiffen hat, und vor der sich eine Welt schüttelt in Entsetzen: »Nochmal! Nochmal! Nochmal –!« 1924 Olle Kamellen? Vor der Front ein junger Bengel. Er moniert die Fehler, die Schlappheit, die Mängel. Im Gliede lauter alte Leute. ... Schlechter Laune der Leutnant heute... »Das kann ich der Kompanie erklären: Ich werde euch Kerls das Strammstehen schon lehren! Nehmen Sie die Knochen zusammen, Sie Schwein!«             Und das soll alles vergessen sein? Drin im Kasino ist großer Trubel. Gläserklingen. Hurragejubel. Sieben Gänge, dreierlei Weine. Der Posten draußen hat kalte Beine. Er denkt an Muttern, an zu Haus; die Kinder, schreibt sie, sehn elend aus. Drin sind sie lustig und krähen und schrein –             Und das soll alles vergessen sein? Und das sei alles vergeben, vergessen? Die Tritte nach unten? der Diebstahl am Essen? Bei Gott! das sind keine alten Kamellen! Es wimmelt noch heute von solchen Gesellen! Eingedrillter Kadaverrespekt – wie tief der noch heut in den Köpfen steckt! Er riß uns in jenen Krieg hinein –             Und das soll alles vergessen sein? Nicht vergessen. Wir wollen das ändern. Ein freies Land unter freien Ländern sei Deutschland – mit freien Bewohnern drin, ohne den knechtischen Dienersinn. Wir wollen nicht Rache an Offizieren. Wir wollen den deutschen Sinn reformieren. Sei ein freier Deutscher – Bruder, schlag ein!             Und dann soll alles vergessen sein! 1919 Eines aber möchten wir in absehbarer Zeit gewiß nicht hören: das jammervolle Geächz der aus der Regierung herausgeworfenen Sozialdemokraten, weil man sie dann grade so behandeln wird, wie sie heute den Reaktionären helfen, die Arbeiter zu behandeln. Eines Tages wird es soweit sein. Die furchtbare Drohung, sich nunmehr bald an die frische Luft zu verfügen, wird von der Partei wahrgemacht werden, wahrscheinlich eine halbe Minute, bevor man sie auch in aller Förmlichkeit bitten wird, den Tempel zu räumen. Und dann wird sich die Führung besinnen: Jetzt sind wir in der Opposition. Mit einem großen O. Wie macht man doch das gleich ...? Da werden sie dann die Mottenkisten aufmachen, in denen – ach, ist das lange her! – die guten, alten Revolutionsjacken modern, so lange nicht getragen, so lange nicht gebraucht! Werden ihnen zu eng geworden sein. Und dann frisch als Sansculotten maskiert, vor auf die Szene. »Die Partei protestiert auf das nachdrücklichste gegen die Gewaltmaßnahmen ...« Herunter! Abtreten! Faule Äpfel! Schluß! Schluß! Die werden sich wundern. Und sie werden keinen schönen Anblick bieten. Denn nichts ist schrecklicher als eine zu jedem Kompromiß bereite Partei, die plötzlich Unnachgiebigkeit markieren soll. Millionen ihrer Anhänger sind das gar nicht mehr gewöhnt; die Gewerkschaftsbureaukratie auch nicht, für die uns allerdings nicht bange ist: es findet sich da immer noch ein Unterkommen. Wären die Stahlhelm-Industriellen nicht so maßlos unintelligent – sie könnten sich das Leben mit denen da schon heute wesentlich leichter machen. Sie werden es sich leicht machen. Alles gut und schön. Aber erzählt uns ja nichts von: Recht auf die Straße; Polizeiwillkür; Verfassung; Freiheit ... erzählt sonst alles, was ihr lustig seid. Aber dieses eine jemals wieder zu sagen –: das habt ihr verscherzt. 1931 Hoppla, Kurve! Achtung, Liebe! Wie schlafen die Leute – ? Eine Frau, allein – im Pyjama Eine Frau, nicht allein – im Nachthemd Ein Mann, allein – im Nachthemd Ein Mann, nicht allein – im Pyjama Der andre Mann Du lernst ihn in einer Gesellschaft kennen. Er plaudert. Er ist zu dir nett. Er kann dir alle Tenniscracks nennen. Er sieht gut aus. Ohne Fett.             Er tanzt ausgezeichnet. Du siehst ihn dir an ...             Dann tritt zu euch beiden dein Mann. Und du vergleichst sie in deinem Gemüte. Dein Mann kommt nicht gut dabei weg. Wie er schon dasteht – du liebe Güte! Und hinten am Hals der Speck!             Und du denkst bei dir so: »Eigentlich ...             Der da wäre ein Mann für mich!« Ach, gnädige Frau! Hör auf einen wahren und guten alten Papa! Hättst du den Neuen: in ein, zwei Jahren ständest du ebenso da!             Dann kennst du seine Nuancen beim Kosen;             dann kennst du ihn in Unterhosen;             dann wird er satt in deinem Besitze;             dann kennst du alle seine Witze.             Dann siehst du ihn in Freude und Zorn,             von oben und unten, von hinten und vorn ... Glaub mir: wenn man uns näher kennt, gibt sich das mit dem happy end. Wir sind manchmal reizend, auf einer Feier ... und den Rest des Tages ganz wie Herr Meyer. Beurteil uns nie nach den besten Stunden. Und hast du einen Kerl gefunden, mit dem man einigermaßen auskommen kann:             dann bleib bei dem eigenen Mann! Frühlingsvormittag Für Mary Natürlich kommst du erst einmal ein Viertelstündchen zu spät – und dann mußt du lachen, wie du mich da so an der Uhr stehen siehst, und dann sagst du: »Die Uhr geht überhaupt falsch!« Uhren, an denen sich Liebespaare verabreden, gehen immer falsch. Und dann gondeln wir los. Das ist ein zauberischer Vormittag. Du trägst ein weich gefaltetes, weites Kleid, ganz hell, was dich noch blonder macht, einen kleinen Trotteur, wie ich ihn gern habe, und deine langen, zarten Wildlederhandschuhe; du duftest ganz zart nach irgend etwas, was du als Lavendel ausgibst – und was das Verzaubertste an diesem hellen Tage ist –; wir sprechen nicht ein einziges Mal von Zahlen. Es ist ganz merkwürdig und unberlinisch. Leider: ganz undeutsch. Du sprichst von Kurland. Wie sich auf dem lettischen Bahnhof Männlein und Weiblein und Kindlein einträchtig in der Nase bohrten, der ganze Bahnhof bohrte in der Nase: Gendarmen, Bauern, Schaffner und Lokomotivführer. Ich finde, daß das dem Nachdenken sehr förderlich sei, und das willst du wieder nicht glauben. Doch. Der Ausdruck: »in der Nase grübeln ...« Weiter. Und dann erzählst du von den langen, langen Spaziergängen, die man in Kurland machen kann – und mir wird das Herz weit, wenn ich an das schönste Land denke, das wir beide kennen: Gottes propprer Protzprospekt für ein unglücklicherweise nicht geliefertes Deutschland. Und dann gehen wir an kleinen Teichen vorbei, an einem steht seltsamerweise nicht einmal eine Tafel mit: Verboten – und wir wundern uns sehr. Und du patschst mit deinen neuen Lackhalbschuhen (du freundliche Mühlenaktie!) in einen Tümpel, und ich bin an Allem schuld – und überhaupt. Aber dann ist das vorbei ... Und in deinen Augen spiegelt sich der helle Frühlingstag, du siehst so fröhlich aus, und ich muß immer wieder darauf gucken, wie du dich bewegst. Und wieder sprechen wir von Rußland und von deiner Heimat. Was ist es, das dich so bezaubernd macht –? Du bist unbefangen. Und ich will dir mal was sagen: Bei uns tun die feinen Leute alles so, wie es in ihren Zeitschriften drin steht – und immer sehen sie sich photographiert, fein mit Ei und durchaus »richtig«. Ihr überlegt gar nicht so viel. Ihr seid hübsch, und damit gut. Und Ihr geht, schreitet, lacht, fahrt und trinkt so, wie es euch eure kleine Seele eingegeben hat – ohne darüber nachzudenken, wie das wohl »aussieht«. Aber Ihr fühlt immer, wie es aussieht – und Ihr wollt immer, daß es hübsch aussehen soll. Und nichts ist euch unwichtig, und alles erheblich genug, um es mit Freude zu tun. Der Weg ist das Ziel. Aber da hält ein Auto, darinnen sitzt Herr Kolonialwarenhändler Mehlhake (A.-G. für den Vertrieb von Mehlhakeschen Präparaten – »Wissen Se, schon wejen der Steuer!«), und so sieht auch Alles aus: Frau Mehlhake ist so schrecklich richtig angezogen, daß wir aus dem Lachen und sie aus der feinsten Lederjacke nicht herauskommt, die kleinen Mehlhakes haben alle Automobilbrillen und schmutzige Fingernägel – und das Auto kostet heute mindestens seine ... Aber wir wollten ja nicht von Zahlen sprechen an diesem Frühlingsvormittag. Das Auto staubt davon. Wir gehen weiter, wir Wilden, wir bessern Menschen. Denn mit dem Stil ist das wie mit so vielen Dingen: man hat ihn, oder man hat ihn nicht. Nebenan Es raschelt so im Nebenzimmer im zweiten Stock, 310 – ich sehe einen gelben Schimmer, ich höre, doch ich kann nichts sehn.             Lacht eine Frau? spricht da ein Mann?             ich halte meinen Atem an –             Sind das da zwei? was die wohl sagen?             ich spüre Uhrgetick und Pulse schlagen ...                   Ohr an die Wand. Was hör ich dann                         von nebenan –? Knackt da ein Bett –? Rauscht da ein Kissen –? Ist das mein Atem oder der von jenen ... alles will ich wissen! Gib, Gott, den Lautverstärker her!             Ein Stöhnen; hab ichs nicht gewußt ...             Ich zecke an der fremden Lust;             ich will sie voller Graun beneiden             um jenes Dritte, über beiden,                   das weder sie noch er empfinden kann ...             »Marie –!«                   Zerplatzt.                   Ein Stubenmädchen nur war nebenan. War ich als Kind wo eingeladen –: nur auswärts schmeckt das Essen schön. Bei andern siehst du die Fassaden, hörst nur Musik und Lustgestöhn. Ich auch! ich auch! es greift die Hand nach einem nicht vorhandenen Land:             Ja, da –! strahlt warmer Lampenschimmer.             Ja, da ist Heimat und das Glück.             In jeder Straße läßt du immer             ein kleines Stückchen Herz zurück. Darfst nie der eignen Schwäche fluchen; mußt immer nach einem Dolchstoß suchen.             Ja, da könnt ich in Ruhe schreiben!             Ja, hier –! hier möcht ich immer bleiben,             in dieser Landschaft, wo wir stehn,             und ich möchte nie mehr nach Hause gehn. Schön ist nur, was niemals dein. Es ist heiter, zu reisen, und schrecklich, zu sein.             Ewiger, ewiger Wandersmann             um das kleine Zimmer nebenan. Ballade Da sprach der Landrat unter Stöhnen: »Könnten Sie sich an meinen Körper gewöhnen?« Und es sagte ihm Frau Kaludrigkeit: »Vielleicht. Vielleicht.                         Mit der Zeit... mit der Zeit...«             Und der Landrat begann nun allnächtlich im Schlafe             laut zu sprechen und wurde ihr Schklafe.             Und er war ihr hörig und sah alle Zeit             Frau Kaludrigkeit – Frau Kaludrigkeit! Und obgleich der Landrat zum Zentrum gehörte, wars eine Schande, wie daß er röhrte; er schlich der Kaludrigkeit ums Haus... Die hieß so – und sah ganz anders aus:             Ihre Mutter hatte es einst in Brasilien             mit einem Herrn der bessern Familien.             Sie war ein Halbblut, ein Viertelblut:             nußbraun, kreolisch; es stand ihr sehr gut.             Und der Landrat balzte: Wann ist es soweit?             Frau Kaludrigkeit – Frau Kaludrigkeit! Und eines Abends im Monat September war das Halbblut müde von seinem Gebember und zog sich aus. Und sagte: »Ich bin...« und legte sich herrlich nußbraun hin.             Der Landrat dachte, ihn träfe der Schlag!             Unvorbereitet fand ihn der Tag.             Nie hätt er gehofft, es noch zu erreichen.             Und er ging hin und tat desgleichen.                         Pause Sie lag auf den Armen und atmete kaum. Ihr Pyjama flammte, ein bunter Traum. Er glaubte, ihren Herzschlag zu spüren. Er wagte sie nicht mehr zu berühren ...              Er sann, der Landrat. Was war das, soeben?              Sie hatte ihm alles und nichts gegeben.              Und obgleich der Landrat vom Zentrum war,              wurde ihm plötzlich eines klar:              Er war nicht der Mann für dieses Wesen.              Sie war ein Buch. Er könnt es nicht lesen.              Was dann zwischen Liebenden vor sich geht,             ist eine leere Formalität. Und so lernte der Mann in Minutenfrist, daß nicht jede Erfüllung Erfüllung ist. Und belästigte nie mehr seit dieser Zeit die schöne Frau Inez Kaludrigkeit. 1930 Kino privat Für Emil Jannings In vielen Prokuristen steckt ein Perserschah, der ruht, verzaubert. Aber manchmal, im Büro, wenn schläfrig nebenan die Schreibmaschinen schnattern, so kurz nach Tisch ... schlägt er im Traum die Augen auf und atmet.             Dreimal klatscht er leise in die Hände. Ibrahim erscheint und kreuzt die Arme, neigt sich, schweigt. »Die Mädchen!« sagt der Prok... der Schah.             Und sieben Mädchen trippeln um ihn herum, jung, schlank, mit Öl gesalbt, und eine ist dabei, feist wie ein praller Sack. Der Schah versinkt in Weiberfleisch, in Brüste, die ihn streicheln, er weiß nichts mehr, sieht rot, ist sieben Male Mann ... Wach auf, Gehirn! Das Hirn erwacht, und aller Unflat, den er je gelesen und je erträumt, bricht aus dem Prokuristen-Schah. Er schaut, er schmatzt, er schmeckt, er wittert... »Fatme! Suleima! Ah, du bist...«             Entzwei reißt ihn ein Klingellaut, der hart verzittert.             Schah ab. Der Prokurist:             »Hier Lützow siebenundsiebenzignulldrei!             Am Apparat. Der Skonto? Wie gewöhnlich!             Na, unser Doktor Freutel hat persönlich ... In vielen Angestellten wohnt ein Dschingiskhan, der schläft, verzaubert.             Aber manchmal, wenn der launenhafte Chef den Angestellten piesackt, bis dem die Galle hochsteigt, bis er kocht und bis er platzt –: dann steht der Kriegsmongole wild in ihm auf. Er stürzt sich auf den Chef, pfeift seinen Leuten, und die packen den Herrn Direktor, binden ihn mit Lassos und werfen ihn auf ihre Pferde, nein: er wird am Sattel festgebunden und muß nun laufen. Laufe! Willst du laufen! Du Hundl Die Peitsche saust. Es stöhnt der Chef! Dann wirbeln ihn die Reiter auf die Erde und schneiden ihm ... nein: nadeln ihn ... nein: braten ihn in Kohlenfeuer und streuen Salz und Pfeffer in die Wunden. Und Mostrich.             Und der Dschingiskhan streicht seinen Seidenbart und lächelt: »Na, Herr Zaschke ...?« Und während der Gefangene sich am Boden ringelt, ergreift der Dschingiskhan den vollen Silberhumpen, tut einen tiefen Schluck ...                         »Der Alte hat geklingelt!« »Sie! Könn Sie mir nicht Ihre Zinstabelle pumpen?« – »Gewiß, Herr Direktor!             Jawohl, Herr Direktor Zaschke!                         Bis morgen früh, Herr Direktor!                                     Seppfaständlich, Herr Direktor –!« So laufen manche Filme tief in Finsternissen. Kino privat. Der Regisseur siegt immer über das Geschick. Du lächelst, Lottchen. Und ich möchte gerne wissen: Was denkst du dir in diesem Augenblick? Du machst dir viele Filme aus den Dingen. Das tun sie alle. Laß sie ruhig drehn. Denn sagts der andre nicht wie Götz von Berlichingen: das, was er denkt, kann man zum Glück nicht sehn. 1930 Sie, zu ihm Ich hab dir alles hingegeben: mich, meine Seele, Zeit und Geld.       Du bist ein Mann – du bist mein Leben,       du meine kleine Unterwelt.             Doch habe ich mein Glück gefunden,             seh ich dir manchmal ins Gesicht:             Ich kenn dich in so vielen Stunden –             nein, zärtlich bist du nicht. Du küßt recht gut. Auf manche Weise zeigst du mir, was das ist: Genuß. Du hörst gern Klatsch. Du sagst mir leise, wann ich die Lippen nachziehn muß.             Du bleibst sogar vor andern Frauen             in gut gespieltem Gleichgewicht,             man kann dir manchmal sogar trauen ...             aber zärtlich bist du nicht. O wärst du zärtlich!                         Meinetwegen kannst du sogar gefühlvoll sein. Mensch, wie ein warmer Frühlingsregen so hüllte Zärtlichkeit mich ein!       Wärst du der Weiche von uns beiden,       wärst du der Dumme. Bube sticht.       Denn wer mehr liebt, der muß mehr leiden.       Nein, zärtlich bist du nicht. Malwine Ich habe mich deinetwegen gewaschen und rasiert. Ich wollt mich zu dir legen       mit einem Viertelchen,       mit einem Achtelchen –                   Malwine! Doch du hast dich geziert. Der Kuckuck hat geschrien auf deiner Schwarzwalduhr. Ich lag vor deinen Knien:       »Gib mir ein Viertelchen!       Gib mir ein Achtelchen!                   Malwine! Ein kleines Stückchen nur!«       Dein Bräutigam war prosaisch.       Demselben hat gefehlt, dieweilen er mosaisch,       ein kleines Viertelchen,       ein kleines Achtelchen ... das hätt dich sehr gequält! Du hast mir nichts gegeben und sahst mich prüfend an. Das, was du brauchst im Leben,       sei nicht ein Viertelchen,       und nicht ein Achtelchen ... das sei ein ganzer Mann –! Mich hat das tief betroffen. Dein Blick hat mich gefragt ... Ich ließ die Frage offen und habe nichts gesagt.       Daß wir uns nicht besaßen! So aalglatt war mein Kinn. Nun irr ich durch die Straßen ...                   Malwine –!       und weine vor mich hin. Confessio Wir Männer aus Berlin und Neukölln, wir wissen leider nicht, was wir wölln.                                     Mal ... Mal konzentrieren wir uns auf die eine, spielen mit ihr: die oder keine, legen uns fest, ohne Bedenken, wollen auch einem Söhnlein das Leben schenken, verlegen den Sitz der Seele, als Gatte, oberhalb des Tisches Platte – Und sind überhaupt sehr monogam. Wie das so kam ... Da lockten die andern. Ihrer sind viele. Sie lockten zu kindlichem Zimmerspiele – Bewegung lächerlich, Preis bedeutend – Immer nur eine Glocke läutend? Immer an eine Frau gebunden? So sollen uns alle Lebensstunden verrinnen? Ohne boshafte Feste? Liegt nicht draußen das Allerbeste? Mädchen? Freiheit? Frauen nach Wahl –? Gesagt, getan.                                     Mal... Mal trudeln wir durch bläuliche Stunden, tun scheinbar an fröhlichem Wechsel gesunden; können es manchmal gar nicht fassen, welch feine Damen bei uns arbeiten lassen. Und jede Seele, die eine hatte, liegt unterhalb des Tisches Platte. Und sind überhaupt sehr polygam. Wie das so kam ... So herumwirtschaften? Lebenslänglich? Plötzlich werden wir recht bedenklich. Sehnen uns beinah fiebrig zurück nach Einsamkeit und Familienglück. Und fangen als ein ganzer Mann die Geschichte wieder von vorne an. Wir Männer aus Berlin und Neukölln, wir wissen leider nicht, was wir wölln. Wir piesacken uns und unsre Fraun; uns sollten sie mal den Hintern aushaun.       Bileams Esel, ich und du.       Gott schenke uns allen die ewige Ruh.                         Amen. Frauen sind eitel. Männer? Nie –! Das war in Hamburg, wo jede vernünftige Reiseroute aufzuhören hat, weil es die schönste Stadt Deutschlands ist – und es war vor dem dreiteiligen Spiegel. Der Spiegel stand in einem Hotel, das Hotel stand vor der Alster, der Mann stand vor dem Spiegel. Die Morgen-Uhr zeigte genau fünf Minuten vor einhalb zehn. Der Mann war nur mit seinem Selbstbewußtsein bekleidet, und es war jenes Stadium eines Ferientages, wo man sich mit geradezu wollüstiger Langsamkeit anzieht, trödelt, Sachen im Zimmer umherschleppt, tausend überflüssige Dinge aus dem Koffer holt, sie wieder hineinpackt, Taschentücher zählt und sich überhaupt benimmt wie ein mittlerer Irrer: es ist ein geschäftiges Nichtstun, und dazu sind ja die Ferien auch da. Der Mann stand vor dem Spiegel. Männer sind nicht eitel. Frauen sind es. Alle Frauen sind eitel. Dieser Mann stand vor dem Spiegel, weil der dreiteilig war und weil der Mann zu Hause keinen solchen besaß. Nun sah er sich, Antinous mit dem Hängebauch, im dreiteiligen Spiegel und bemühte sich, sein Profil so kritisch anzusehen, wie seine egoistische Verliebtheit das zuließ ... eigentlich ... und nun richtete er sich ein wenig auf – eigentlich sah er doch sehr gut im Spiegel aus, wie –? Er strich sich mit gekreuzten Armen über die Haut, wie es die tun, die in ein Bad steigen wollen ... und bei dieser Betätigung sah sein linkes Auge ganz zufällig durch die dünne Gardine zum Fenster hinaus. Da stand etwas. Es war eine enge Seitenstraße, und gegenüber, in gleicher Etagenhöhe, stand an einem Fenster eine Frau, eine ältere Frau, schien's, die hatte die drübige Gardine leicht zur Seite gerafft, den Arm hatte sie auf ein kleines Podest gelehnt, und sie stierte, starrte, glotzte, äugte gerade auf des Mannes gespiegelten Bauch. Allmächtiger. Der erste Impuls hieß den Mann vom Spiegel zurücktreten, in die schützende Weite des Zimmers, gegen Sicht gedeckt. So ein Frauenzimmer. Aber es war doch eine Art Kompliment, das war unleugbar; denn wenn jene auch dergleichen vielleicht immer zu tun pflegte – es war eine Schmeichelei. »An die Schönheit.« Unleugbar war das so. Der Mann wagte sich drei Schritt vor. Wahrhaftig: da stand sie noch immer und äugte und starrte. Nun – man ist auf der Welt, um Gutes zu tun ... und wir können uns doch noch alle Tage sehen lassen – ein erneuter Blick in den Spiegel bestätigte das – heran an den Spiegel, heran ans Fenster! Nein. Es war zu schehnierlich ... der Mann hüpfte davon, wie ein junges Mädchen, eilte ins Badezimmer und rasierte sich mit dem neuen Messer, das glitt sanft über die Haut wie ein nasses Handtuch, es war eine Freude. Abspülen (»Scharf nachwaschen?« fragte er sich selbst und bejahte es), scharf nachwaschen, pudern ... das dauerte gut und gern seine zehn Minuten. Zurück. Wollen doch spaßeshalber einmal sehen –. Sie stand wahr und wahrhaftig noch immer da; in genau derselben Stellung wie vorhin stand sie da, die Gardine leicht zur Seite gerafft, den Arm aufgestützt, und sah regungslos herüber. Das war denn doch – also, das wollen wir doch mal sehen. Der Mann ging nun überhaupt nicht mehr vom Spiegel fort. Er machte sich dort zu schaffen, wie eine Bühnenzofe auf dem Theater: er bürstete sich und legte einen Kamm von der rechten auf die linke Seite des Tischchens; er schnitt sich die Nägel und trocknete sich ausführlich hinter den Ohren, er sah sich prüfend von der Seite an, von vorn und auch sonst... ein schiefer Blick über die Straße: die Frau, die Dame, das Mädchen – sie stand noch immer da. Der Mann, im Vollgefühl seiner maskulinen Siegerkraft, bewegte sich wie ein Gladiator im Zimmer, er tat so, als sei das Fenster nicht vorhanden, er ignorierte scheinbar ein Publikum, für das er alles tat, was er tat: er schlug ein Rad, und sein ganzer Körper machte fast hörbar: Kikeriki! dann zog er sich, mit leisem Bedauern, an. Nun war da ein manierlich bekleideter Herr, – die Person stand doch immer noch da! –, er zog die Gardine zurück und öffnete mit leicht vertraulichem Lächeln das Fenster. Und sah hinüber. Die Frau war gar keine Frau. Die Frau, vor der er eine halbe Stunde lang seine männliche Nacktheit produziert hatte, war – ein Holzgestell mit einem Mantel darüber, eine Zimmerpalme und ein dunkler Stuhl. So wie man im nächtlichen Wald aus Laubwerk und Ästen Gesichter komponiert, so hatte er eine Zuschauerin gesehen, wo nichts gewesen war als Holz, Stoff und eine Zimmerpalme. Leicht begossen schloß der Herr Mann das Fenster. Frauen sind eitel. Männer –? Männer sind es nie. Schwere Zeit Die Jungfrau in der Nebenstuben – ich frage mich, was tut sie nur? Ich hör die Stimme eines Buben – So spät am Abend? Um elf Uhr? Wie er mutiert! Und ihre Stimmen verklingen sacht – sie murmeln leis. Bin ich der Zeuge einer schlimmen Verbrechertat? Wer weiß! wer weiß! Sie spricht ihm gütig zu. Belehrend ertönt ihr lieblicher Sopran. Er lacht: »Jawohl!« Dies ist erschwerend! Was wird dem Knaben nur getan? Sind das nicht halberstickte Küsse? Ich frag sie später, was sie treibt ... Sie sagt: »Die geistigen Genüsse, sie bringen nichts als Kümmernisse. Es ist das einzige, was mir bleibt!« Der Stimmungssänger Das Lokal verdunkelt sich, tieflila und bonbonrosa Hörst du nicht das Lieböslied, wie es leis die Nacht durchzieht? Zwei Herzen, die scherzen, ahnen oft nicht, daß plötzlich beim Scherzün entflammen die Herzün ...       Du bist etwas ganz Wunderbars:             Ich hab dich so gerne –             Bist mir Sonne, Mond und Sterne,             meine Venus du und mein Mars ... Sag mir noch einmal Jöä, du schöne Frau! Sag mir noch einmal Jöä!                                     Ich weiß genau: Ich drück dich an mein Herriz – die Nacht und ich sind blau am Busen einer schönen Frau –! Orchester Ein bayrischer Gast verlangt stürmisch nach Knödeln. Der Stimmungssänger zieht sich zwei aus dem Hals und reicht sie ihm. Orchester Ich denke an dich spät und früh, du meine Madamm Butterflüh! Mit dir – da möcht ich einmal sein in Rüdesheim am Rhein beim Wein! Du trägst ein Kind unterm Herzelein ... Ja, wer mag der Vater nur sein –?       Drei Musketiere! Drei Kavaliere!       Für die Freiheit stehen sie ein!       Zieht blank, Musketiere, und steckt den Degen ein       mang die Freiheit, die Frauen und den Wein!                                Him – plam, plam                                Hum – plim, plim                                Jau – didau didau –                                plim – plim ... Ich schenk dir Küsse ohne Zahl. Wir sind hier ein durchaus feines Lokal. Vor Monokeln liegen wir auf dem Bauch; kommt der Kronprinz einmal, vor dem Kronprinzen auch. Zähl nicht jede Flasche, die der Kellner dir nimmt                         halbgefüllt ...             Du süßes Engelsbild!             Bald ist der Moi                         vorbeu!             Bleib mir treu! Und kaufe ihr einen Veilchenstrauß, sonst fliegt die Person aus dem Ausschank hier raus!             Zonny boy! Und kaufe ihr einen Täddy-Bären, sonst darf die Nutte hier nicht mehr verkehren!             Zonny boy ... Die deutsche Frau sei dem Manne geheiligt – auch ist sie an den Getränken beteiligt ... Keine Inkorrektheit, die uns entwischt! Zwischen servil und frech gibt es hier nischt. Hier herrscht Ordnung! Dort seh ich die Lo – die süße Kokwette – sie kommt grade von der Damentoilette!       O sieh doch nur, wie der Mondenschein strahlt!       Dabei hat das Luder nicht mal bezahlt!       Sie macht ein unschuldvoll Gesicht       und denkt, die Toilettenfrau merkt es nicht ... Doch es gibt eine Frau, die dich niemals vergißt und dir alles im Leben verzeiht – aber wenn du ihr weggelaufen bist, dann kommt es, daß sie schreit:       »Heinmal sagt man sich Hadjöö,       wenn man sich auch noch so liebt!       Einmal sagt man sich Adieu,       Det mir det Aas keen Trinkjeld jibt!       Da hat se natürlich keen Jeld vor ...!« Und wir spielen vermittels des Weins dem Mittelstand große Welt vor von abends bis morgens um eins!             Stoßt auf! Mit dem Rebenpokale!             Die Celli und Geigen ziehn!             Wir sind die Vergnügungslokale             und der Stolz der Weltstadt Berlin –! Drei Generationen Die erste und älteste – wir sprechen von den berliner Kokotten – gibt es beinahe schon gar nicht mehr. Sie hatte schon unter unserm Kaiser Wilhelm alt, fett und redlich gedient, die Corsagen platzten, dem Jüngling grausets – und man mußte schon aus Wollenhagen an der Persante kommen, um an diesen Massen ungeheurer Weiblichkeit – das Pfund achtzig Pfennige – Gefallen zu finden. Sie saßen, diluviale Anschwemmungen, in Lokalen, die meist innig-altdeutsch aufgemacht waren, mit Sinnsprüchen an den Wänden und vergoldeten Trompetern von Säkkingen, die blusen: Behüt dich Gott ... Die richtige Musik spielte Wagnern und Militärmärsche, sie aber sahen wie leicht entartete Schlächterfrauen aus. »Mit was kommste denn riba. Do –?« Es waren die Stützen von Thron und Altar. Aber keine schönen. Ein Oeldruck. Die zweite Generation stammt noch aus der Zeit der großen landwirtschaftlichen Wochen, da sich der durch frisches Wetter und alten Rotwein gerötete olle ehrliche Landmann von Stallgeruch, Frau und Hypotheken in Berlin erholte, in dieser Stadt, die er zugleich haßte, verachtete und bewunderte. Das war die Zeit, wo die Leute gemütlicher waren als heute, weil ihnen noch die Goldstücke in der Hosentasche klimperten (man wußte doch wo und wie – es war ein so beruhigendes Gefühl!): es war die Zeit des Metropol-Theaters und der Hofbälle. Diese Damenjahrgänge sind schon bedeutend raffinierter als die ersten, sie wissen viel gescheiter mit Schminke, Spitzenwäsche, Kavalieren und Beziehungen umzugehen. Die andern waren noch erster Güte gefahren – sie fuhren Auto. Ihre Lokale trugen sich in einem Sekt-Rokoko, das zwischen allen Louis und einem lieblichen Barock umhertaumelte, und ihr Lebensideal sah aus wie der zweite Aktschluß im Metropol-Theater. Ihre Eleganz war ebenso unwahrscheinlich wie ihre Lokalitäten, sie waren so ungeheuer berlinisch, daß der Ausländer zunächst nur lachen konnte. Weil sie aber zugleich ausgekocht waren, sah ihnen der müde Wanderer die mangelnden Qualitäten auf kulturellem Gebiet gern nach. In diese Zeit fällt die Gründung des Palais. (Der Kenner läßt sich heute noch lieber die Zunge abbeißen, als daß er Palais de danse sagt. Es gibt eben nur eins: das Palais.) Zu dieser Zeit der zweiten Generation erbrauste in Berlin eine laute Lustigkeit, die damals hetzend-amerikanisch wirkte und uns heute leicht biedermeierisch und fast gemütlich vorkommt. »Herrgott, müssen die Leute damals harmlos gewesen sein!« Waren sie garnicht. Es waren geschäftemachende, profitjagende Untertanen. 1914 zerplatzte das Alles. Wenn auch zugegeben werden muß, daß im objektiven Endeffekt eine Pfundgräfin (Goldmark) nachts bei Toni Grünfeld gegen die von heute ... Aber das werden wir gleich sehen. Die Musik spielte jedenfalls Victor Hollaender, ganz Berlin sang Julius Freund, und im großen Ganzen waren Lieb' und Lust gut industrialisiert. Gegen heute: sogar ziemlich anständig und reell. »Gottseidank! Alle sind ja nicht so wie Alle!« Ein Vierfarbenblatt. Heute ... Lieben Freunde, es gab schönere Zeiten als die unsern, das ist nicht zu streiten ... Die dritte Generation, die von heute, ist wohl die blasseste. Aber nicht, als ob die Kokotten der Vergangenheit, auf den Lampenschirm der Erinnerung gemalt, kräftig idealisiert dahinschwebten ... Nein, nein. Den Begriff eines »Valutafreiers« geprägt zu haben, ist nach dem ff. Stahlbad dieser mittelgroßen Zeit vorbehalten geblieben, und zur Orientierung braucht man nur die Gesichter der drei Generationen Revue passieren zu lassen. Die erste: das waren also verfettete Walküren mit der vergeblichen Attitüde neckischer Lieblichkeit, die zweite wies oft harte, gaminhafte Züge auf, viele trugen die Haare bubenhaft kurzgeschnitten, und der Pagenkopf hatte einen schmalen Mund – sie kannten die Sacher-Weichheit ihrer Männer ... Aber die dritte, ach, die dritte ... Man hat in Berlin noch nie so viel Kokotten gesehen, die gar keine sind. Sie gehören den diversesten Fakultäten an, sie schnupfen die freundlichsten Dinge, sie spritzen sich die Handgelenke wund und tragen breite Armbänder darüber – und sie haben schon lange nicht mehr den Halt und die Sorgfalt einer ordentlichen Kokotte. (Für Juristen: Diligentiam wird hier nicht mehr prästiert.) Jeder gut durchgebildeten Dame des alten Regimes muß sich das, sagen wir, Herz umdrehen, wenn sie dies mitansieht ... Sie sind oft sehr dünn, ihre Gesichter sind eigentlich farb- und physiognomielos – es ist nicht viel mit ihnen, weder im Guten noch im Bösen. Aale. Und begann die gute alte Hurengeschichte mit einer larmoyant-sentimalen Verführungsszene, so ergäben dreihundert zugleich gespielte Grammophonplatten mit Gesprächen dieser jungen Damen ungefähr folgenden Bericht: »Ich hatte damals einen Freund – weißt du – ein fabelhafter Mann – der hat sich dann so gemein benommen – meine Koffer standen im Bristol – meinst du, der hat sie ausgelöst? Aber als die Frau mir das gesagt hat, da hab ich gesagt (hochgezogene Augenbrauen): ›Bitte‹, sag ich, ›wenn Sie glauben, daß Ihnen der Schmuck gehört, dann beweisen Sie es doch!‹ Ich sage: ›Ich werde die Sache dem Staatsanwalt übergeben!‹ sage ich. Weißt du, manchmal bin ich ganz schrecklicher Laune. Aber wenn ich guter Laune bin, dann könnte ich Alles zusammenhauen. Ich bin ja so krank gewesen. Ich habe acht Wochen in der Klinik bei Professor (erster Name) gelegen – der Professor hat gesagt, so eine Konstitution hat er überhaupt noch nie gesehen ... Hast du Koks –?« »Blüten im Winde«. So kann mans nennen. Man kann aber auch »Ewige Nutte« sagen. Denn durch die geschwollenen Selbstbekenntnisse, durch Original-Imitationen eines fürstlichen Tonfalls guckt ein jämmerliches kleines Frauchen hindurch, das einem eigentlich leid tun kann. Ihre Lokale sind zur Zeit expressionistisch aufgemacht (obgleich sich das schon leise wieder gibt), in der irren Zackigkeit falsch verstandener Oelschmockerei badet sich hier der Baissemann seinen Tageskummer ab. Eine toll gewordene Musik (die nur zu ertragen ist, wenn sie genial exekutiert wird) durchrast den Laden, dazwischen sitzen diese glatten Dinger, nicht Frau, nicht Mädchen, nicht Mensch, nicht Junge. Ihre Kerle sind alle von Grosz, denn sie haben Erfolg gehabt. Aber der kann morgen dahin sein – und weil der Freier wirtschaftlich nicht fundiert ist, sinds die Frauen auch nicht. Heute rot – morgen rouge. Natürlich ist die Republik daran schuld. Amüsements sehen immer wie die Geschäfte aus, von denen man sich bei ihnen erholt. Diese Frauen und diese Lokale sind die Kehrseite der Valutawelt. Und wenn es so weiter geht (Essaiband her! ›Der Erfolg der deutschen vaginierenden Prostitution‹) – dann sehe ich mich noch als ältern Großvater bei der Photographin R. um den niedrigen Rauchtisch herumsitzen, die Jugend der Literatur umspielt meine bärtigen Kniee, und ich sage: »Ja, ja – 1922! Das war noch eine gemütliche Zeit ...!« Und wieder wird es doch nur die Erinnerung sein, die aus mir lügt, denn es war ja gar nicht gemütlich. Blaß, ein wenig blutleer, mit einer etwas verspielten Freude am Lasterchen, vertraut mit allen Praktiken einer Karnickelliebe – so sehen augenblicklich Die aus, die einer verstörten Epoche Rosen ins himmlische Leben flechten und den Zeitgenossen die niedrigen Stirnen glätten. Ein wässeriges Aquarell. Das Lied von der Gleichgültigkeit Eine Hur steht unter der Laterne,       des abends um halb neun. Und sie sieht am Himmel Mond und Sterne – was kann denn da schon sein?             Sie wartet auf die Kunden,             sie wartet auf den Mann,             und hat sie den gefunden,             fängt das Theater an. Ja, glauben Sie, daß das sie überrasche? Und sie wackelt mit der Tasche – mit der Tasche,             mit der Tasche,             mit der Tasche – Na, womit denn sonst. Und es gehen mit der Frau Studenten, und auch Herr Zahnarzt Schmidt. Redakteure, Superintendenten, die nimmt sie alle mit.             Der eine will die Rute,             der andre will sie bläun.             Sie steht auf die Minute             an der Ecke um halbneun. Und sie klebt am Strumpf mit Spucke eine Masche ... und sie wackelt mit der Tasche – mit der Tasche,             mit der Tasche,             mit der Tasche – Na, womit denn sonst. Und es ziehn mit Fahnen und Standarten viel Trupps die Straßen lang. Und sie singen Lieder aller Arten in dröhnendem Gesang.             Da kommen sie mit Musike,             sie sieht sich das so an.             Von wegen Politike ...             sie weiß doch: Mann ist Mann. Und sie sagt: »Ach, laßt mich doch in Ruhe –« und sie wackelt mit der Tasche – mit der Tasche –             mit der Tasche –             mit der Tasche ... Und sie tut strichen gehn.             Diese Gleichgültigkeit,             diese Gleichgültigkeit – die kann man schließlich verstehn. Wie mans macht ... a) Trost für den Ehemann Und wenn sie dich so recht gelangweilt hat,       dann wandern die Gedanken in die Stadt ... Du stellst dir vor, wie eine dir, und wie du ihr, das denkst du dir...       Aber so schön ist es ja gar nicht! Mensch, in den Bars, da gähnt die Langeweile. Die Margot, die bezog von Rudolf Keile. Was flüstert nachher deine Bajadere? Sie quatscht von einer Filmkarriere, und von dem Lunapark und Feuerwerk, und daß sie Reinhardt kennt und Pallenberg ...       Und eine Frau mit Seele? Merk dies wichtige:       die klebt ja noch viel fester als die richtige. Du träumst von Orgien und von Liebesfesten. Ach, Mensch, und immer diese selben Gesten, derselbe Zimt, dieselben Schweinerein – was kann denn da schon auf die Dauer sein! Und hinterher, dann trittst du an mit einem positiven Wassermann,       so schön ist das ja gar nicht. Sei klug. Verfluch nicht deine Frau, nicht deine Klause. Bleib wo du bist.                   Bleib ruhig zu Hause. b) Trost für den Junggesellen Du hast es satt. Wer will, der kann. Du gehst jetzt häufiger zu Höhnemann. Der hat mit Gott zwei Nichten. Zart wie Rehe. Da gehst du ran. Du lauerst auf die Ehe. Bild dir nichts ein. Du schüttelst mit dem Kopf? Ach, alle Tage Huhn im Topf und Gans im Bett – man kriegt es satt, man kennt den kleinen Fleck am linken Schulterblatt ...       So schön ist es ja gar nicht! Sie zählt die Laken. Sagt, wann man großreinemachen soll. Du weißt es alles, und du hast die Nase voll. Erst warst du auf die Heirat wie versessen; daß deine Frau auch Frau ist, hast du bald vergessen. Sei klug. Verfluch nicht deine Freiheit, deine Klause. Bleib wo du bist.                   Bleib ruhig zu Hause. c) Moral Lebst du mit ihr gemeinsam – dann fühlst du dich recht einsam. Bist du aber alleine – dann frieren dir die Beine. Lebst du zu zweit? Lebst du allein? Der Mittelweg wird wohl das richtige sein. Nichts anzuziehen –! Ich stehe schon eine halbe Stunde lang vor diesem gefüllten Kleiderschrank. Was ziehe ich heute nachmittag an –? Jedes Kleid erinnert mich ...                   also jedes erinnert mich an einen Mann. In diesem Sportkostüm ritt ich den Pony. In diesem braunen küßte mich Jonny. Das da hab' ich an dem Abend getragen, da kriegte Erich den Doktor am Kragen, wegen frech ...                   Hier goß mir seinerzeit der Assessor die Soße übers Kleid und bewies mir hinterher klar und kalt, nach BGB sei das höh're Gewalt. Tolpatsch. In dem ... also das will ich vergessen ... da hab' ich mit Joe im Auto gesessen – und so. Und in dem hat mir Fritz einen Antrag gemacht, und ich habe ihn – leider – ausgelacht. Dieses hier will ich überhaupt nicht mehr seh'n: in dem mußt' ich zu dieser dummen Premiere geh'n. Und das hier ...? Hängt das noch immer im Schranke ...? Sekt macht keine Flecke –? Na, ich danke –! Und den Mantel – ich will das nicht mehr wissen – haben sie mir beim Sechstagerennen zerrissen! Ich steh' schon eine halbe Stunde lang vor diesem gefüllten Kleiderschrank: das nackteste Mädchen in ganz Berlin. Wie man sieht:                   Ich habe nichts anzuzieh'n –! Unerledigte Konten Als Kind – so um 95 rum – da war ich bei Tante Jenny zur Kindergesellschaft eingeladen, mit Fritz und Ellen und Männi.                         Ja. Und da hats Sahnenbaisers gegeben, jeder hat eins bekommen; und dann wurde noch mal herumgereicht – und ich hab keins mehr genommen!       Das hat mich noch jahrelang geplagt ...!       Ich hätte sollen ... und hab Nein gesagt. Da hab ich noch eine Braut zu stehn in Neu-Globsow – die Dame hieß Kätchen; irgendwas war da ... die hat so geguckt ... doch ich hatte genug der Mädchen.                         Ja. Und dann hat sie mir nochmal geschrieben, Briefe? Wie? Ist das schön? Und dann war ich zu faul, und Neu-Globsow ist weit, und jetzt möcht ich sie wiedersehn.       Wie mich das in leeren Nächten plagt ...       Ich hätte sollen ... und hab Nein gesagt. Da stand ich vor Jahren in Moabit vor einem Talar, den das freute; er redete, redete, quatschte und schrie und redet gewiß noch heute.                         Ja. Und aus einem hier nicht zu erzählenden Grund hielt ich die ganze Zeit meinen Mund. Ich mußte. Und habe nichts gesagt. Aber das hat mich noch oft geplagt!       Mit dem Jungen tret ich gern nochmal an –       nur ein einziges Mal!                         aber dann – aber dann – Ist ja gar nicht wahr.                         Wenn heut Kätchen da steht, das Baiser und der Kerl aus Moabit –: es ist ja leider alles zu spät! Es ist immer das gleiche Lied:       Wenn wir was brauchen, dann haben wirs nicht;       und wenn wir es kriegen, dann wollen wirs nicht.       Lieber Gott! sei doch nur einmal gescheit,       und gib uns die Dinge zu ihrer Zeit –!                         Amen. 1929 Immer Zum Beispiel Sie, Herr Fairbanks, sind doch eine Nummer! Sie haben Ihren eigenen Ozean und soviel Geld! und Glück... und niemals Kummer... und eine Frau so süß wie Marzipan.       Doch manchmal, denk' ich, nachts, wenn alles schweigt,       ob Ihnen da die Traurigkeit nicht einen geigt:             »Ja, immer Glück... das ist es eben ...             Den ganzen Tag?                   Das ganze Jahr?                         Das ganze Leben –?« Zum Beispiel Sie, Herr Ehemann, sind zu beneiden: Sie haben eine Schönheitskönigin zur Frau. Vor Ihnen darf die Venus aus der Wanne steigen ... wir sehn ihr Bild – Sie kennen sie genau.       Denn so verteilt die Gaben das Geschick.       Nach Jahren ist da was in Ihrem Blick...       So summsen Fliegen, die am Sirup kleben ...             Den ganzen Tag?                   Das ganze Jahr?                         Das ganze Leben –? Mensch, sei nicht neidisch!                         Glück hat seinen Schimmer... Stehst du im Tal, vergiß nicht vor den Höhn: Das, was man einmal tut, ist schön. Doch was man immer zu tun genötigt ist, ist weniger schön. Brathuhn ist gut. Was aber tätst du tun, gibt man dir jeden Tag gebratenes Huhn? Na, siehst du. Sowas schätzt du auch daneben... Sei helle!                         Lebe du dein eigenes Leben. 1929 Man muß dran glauben Ich hatte mal einen dicken Freund, der sagte mir auf die Frage, ob er denn schwimmen könne, immer: »Ja – ich kann schwimmen. Aber – ich glaube nicht recht dran.« Das ist ein merkwürdiges Wort, und ich kann es nicht vergessen. Es ist nämlich die kürzeste Formulierung für die eigentümliche Tatsache, daß es letzten Endes hienieden gar nicht aufs Können ankommt, gar nicht auf die Technik, auf das Äußerliche, auf das, was erlernbar ist. Es kommt einfach darauf an, daß man das glaubt, was man macht. Das kann man nun keinem beibringen. Es gibt gewachsene Dinge und gemachte – die meisten sind gemacht. Die gewachsenen sind die, bei deren Herstellung der Schöpfer sich das geglaubt hat, was er machte. Es ist merkwürdig, ein wie tiefes und feines Gefühl alle Leute für diesen Unterschied haben. Falsche Herzenstöne gibt es nicht. Es gibt nur falsche Herzen. Ein leises Schwanken, ein bängliches Zögern – und vorbei ist's mit aller Wirkung, mit der künstlerischen und mit der menschlichen. Aus und vorbei. Eine ausgewachsene Zote in einem Salon ist etwas Unmögliches. Schon deshalb, weil keiner da ist, der sie mit saftiger Freude, mit vollem Bewußtsein ihrer Unmöglichkeit, mit dem vollen Glauben erzählen kann. Ich habe im Felde von altgedienten Intendanturbeamten Dinge erzählen hören, die einen vom Stuhl warfen – wurden sie dann von irgendeinem schwächlichen Vertreter wiederholt, verpufften sie und wirkten übel, weil der dabei feixte und sich im Grunde seines Herzens für viel zu fein für diese Dinge hielt. Der andere aber war angetreten, hatte voller Lebensfreude vorgemacht, wie ein Mann, der sich Unter den Linden nicht sehr fein benommen hatte, aufgeschrieben wurde (dabei ist mir noch die prächtige Bewegung in der Erinnerung, wie der imaginäre Schutzmann mit behördlichem Schwung in seiner hinteren Rocktasche nach dem dicken Buch wühlte) – und das alles war so lebenswahr, so famos beobachtet, so massiv und selbstverständlich wiedergegeben, daß man nur seine helle Freude haben konnte. Rot wurde niemand. Und es war auch gar nicht nötig. Das ist beim Schauspieler so, der sich irgendwie glauben muß, was er uns da vormacht – sonst glauben wir's auch nicht. Das ist beim Redner so, und das ist schließlich, wenn man genau hinsieht, bei jedem Menschen so. Zuerst muß er glauben, dann erst können wir's. Mir ist die alte Sage vom Reiter über dem Bodensee, der über die gefrorene Fläche des Wassers ritt, immer recht als Symbol schwersten Kalibers erschienen. Der glaubte auch, über festes Land zu reiten – er sah den Abgrund unter seinen Füßen nicht; er fühlte die Gefahr nicht, in der er schwebte, und bestand sie, weil er sie nicht zu bestehen brauchte. Was der Berliner in dem einen kurzen Satz auszudrücken pflegt: »Der hat's gut – der ist blöd!" Und das ist manchmal wirklich kein Schade. Denn die Reflexion tötet. Maeterlinck hat einmal in einem sehr interessanten Aufsatz erzählt, wie bei Automobil-Unfällen allemal derjenige verunglückt, der noch im Augenblicke der Gefahr nachdenkt, was er nun zu tun habe – daß aber der unbehelligt davonkomme, der sein Gehirn völlig ausschalte, der gar nichts tue. Das Unterbewußtsein, das ja viel stärker, raffinierter und zweckbewußter arbeitet als die Überlegung, regelt dann alles von selbst. Das Gehirn ist eben nicht allen Dingen gewachsen. Wohl aber die gesunde Lebenskraft. Wohl aber jener Saft, der in den Pflanzen sein Wesen treibt und in den Tieren – und in den Menschen nicht minder. Wohl aber jener Glaube, der Berge versetzt, und der – Wunder über Wunder – sogar über Menschen etwas vermag. Es brauchte nicht erst Krieg zu sein, um uns zu belehren, wieviel solch ein Kerl wert ist, der immer Rat weiß – aber nicht jenen erklügelten Rat, den wir uns schließlich auch selbst erschwitzen können, sondern einen andern, bessern. Einen gewachsenen, einen immer fertig parat liegenden, einen erdgeborenen Rat. Aber wo wächst der –? Es ist ja kein Zufall, daß alle die Leute, »die daran glauben«, ständig mit der Natur in Berührung leben. Es ist, als zögen sie, deren Füße die braune Erde treten, eine Kraft aus dem Boden, der Asphaltmenschen versagt ist. Also kämen wir dahin, Primitivität zu fordern? Blauäugige Blondheit? Robuste Stiernacken? Simpelste Kraft? – Nicht doch. Nicht sie allein. Glauben fordern wir als Grundlage aller menschlichen Dinge. (Daß hier nicht an Dogmenglauben gedacht ist, braucht wohl nicht erst betont zu werden.) Wir fordern den Glauben, weil wir alle instinktiv wissen – Frauen wissen das noch besser als wir Männer – daß das Wesen des Menschen, das, was er eigentlich ist, da beginnt, wo seine Reflexion aufhört. Die ist erworben und künstlich ausgebildet, die ist nicht immer adäquat; die ist nicht er selbst. Aber das andere, das was Schopenhauer »Wille« und andre anders genannt haben: das ist er. Es muß ein Punkt da sein, wo einer, nach allem Grübeln, nach allem Denken und Knobeln, einmal klar und erfrischend auf den Tisch schlägt und sagt: »Grad durch!« und dann seinen Weg geht. Denn es lassen sich die Dinge dieser Welt nun einmal nicht alle restlos mit dem Gehirn erledigen. Wenn man mit dem mathematischen Denken fertig ist, bleibt etwas zurück, das sich nur mit der robusten Kraft bewältigen läßt. Und das ist ganz gut so, sonst säße ein Rabulist auf dem Thron, und das werden wir doch nicht wollen, nicht wahr? Das Ideal – das Ideal wäre freilich: beides zu haben. Die Kraft und das Gehirn. Die Faust und den Kopf. Hierzulande ist das heftig getrennt. Die einen haben Gehirn, viel Gehirn. Sehr viel Gehirn. Dann taugen sie meist wenig zum aktiven Tun – und wenn sie sich darin versuchen, verfallen sie immer wieder in den alten Fehler, alles mit den Regeln der Logik abmachen zu wollen – was nun einmal nicht geht. Die andern haben die Faust. Aber keinen Kopf – und ganz ohne ihn geht's auch wieder nicht. Wenn das einmal zusammenträfe! Wenn das einmal bei uns vereinigt wäre, was doch allem Anschein die Japaner haben, und was sie zur gefährlichsten Rasse der Welt macht: brutale Kraft und feinstes Gehirn! Damit ließe sich etwas ausrichten! Wenn unsere Junker klug wären! Wenn unsere Intellektuellen kräftig wären! Aber sie sind leider nur kräftig und nur intellektuell. Bliebe übrig, den lieben Freunden zu predigen, vor allem und vorerst zu glauben. An sich und das, was man macht. Das ist nahrhaft: denn der gewandteste Gehirnakrobat ist gar nicht fähig, einen solchen eisernen Steher zu werfen. Und die Freundinnen –? Geehrte, ihr wißt, wie subjektiv alles ist, was mit euch zu tun hat: die Eifersucht und die Ablehnung und die freundliche Gewährung und – entschuldigen Sie – die Liebe. Man muß dran glauben, auch an sie. Kommt es denn darauf an, wie ihr, Schönste, seid? Genügt es nicht vollkommen, zu glauben, ihr seid so, wie wir euch lieben? Ihr braucht eirch nicht einmal zu verstellen wenn wir nur glauben. Vater Zille hat einmal eine blinde Frau gezeichnet, die fährt ihrem Führer, einem versoffenen, Übeln Kerl, über das Gesicht und sagt: »Wilhelm, du mußt ein schöner Mann sein!" Diese Geschichte hat er selbst erlebt – und es ist eine tiefe Geschichte. Freundinnen, wir streichen euch über das Gesicht und sind blind und murmeln: »Agda – du hast viel Herz!" Aber Agda hat gar kein Herz, sondern nur eine runde Brust, und das ist schließlich auch etwas wert. Wir aber glauben an ihr Herz und sind sehr glücklich. 1919 Drei Biographien »Sie sind der ungeborene Peter Panter –?« sagte der liebe Gott und strich seinen weißlichen Bart, der stellenweise etwas angeraucht war. Ich schwamm als helle Flocke in meinem Reagenzgläschen und hüpfte bejahend auf und nieder. »Für Sie gibt es drei Möglichkeiten«, sagte der himmlische Vater und zerdrückte in unendlicher Güte eine Wanze, die ihm über das Handgelenk lief. »Drei Möglichkeiten. Wollen Sie sie bitte überprüfen und mir dann mitteilen, welche Wahl Sie getroffen haben. Es liegt uns viel daran, bei dem herrschenden Streit zwischen Deterministen und Indeterministen es mit keiner von beiden Parteien zu verderben. Suchen Sie hier oben aus, was Sie einmal werden wollen – unten können Sie nachher nichts dafür. Bitte.« Der alte Mann hielt mir einen großen Pappdeckel vor das Gläschen, auf dem stand zu lesen: I. Peter Panter (I.Verarbeitung). Geboren am 15.April 1889, als Sohn armer, aber gut desinfizierter Eltern, zu Stettin auf der Lastadie. Vater: Quartalssäufer, das Jahr hat fünf Quartale. Mutter: Abonnentin des Berliner Lokal-Anzeigers. Studiert das Tierarzneiwesen in Hannover und wird 1912 städtisch approbierter Kammerjäger in Halle. Zwei Frauen: Annemarie Prellwitz, edel, Schneckenfrisur, in Flanell (1919-1924); Ottilie Mann, sorgfältig, korrekt, von großem Gebärfleiß, in Ballonleinen (1925 bis 1937). Vier Söhne; danach Anschaffung eines deutschen Perserteppichs. 1931: Reinigung des Bartes von Hermann Bahr, Bahr kommt heil davon, P. wird katholisch. Wird im Juni 1948 nach Wien berufen, um die Wanzen, die sich in der Feuilletonredaktion der »Neuen Freien Presse" angesammelt haben, zu vertilgen. Da die Operation selbstverständlich mißlingt, wird Kammerjäger P. trübsinnig. Hört in dieser Geistesverfassung am 20. April 1954 einen Keyserling-Vortrag. Tod: 21 April. Panter geht mit den Tröstungen der katholischen Kirche versehen dahin, nachdem er kurz zuvor mit großem Appetit ein Mazze-Gericht verzehrt hat. Beerdigungswetter: leicht bewölkt, mit schwachen, südöstlichen Winden. Grabstein (Entwurf: Paul Westheim): 100,30 Mark, Preis des Marmors: 100 Mark. Stets in Ehren gehaltenes Andenken: acht Monate. »Nun –?«, sagte der liebe Gott. »Hm –«, sagte ich. Und las weiter: II. Peter Panter (2. Verarbeitung). Geboren am 8. Mai 1891 als ältester Sohn des Oberregierungsrats Panter sowie seiner Ehefrau Gertrud, geborener Hauser. Das frühgeweckte Kind hört schon als Knabe auf dem linken Ohr so schwer, daß es für eine Justizkarriere geradezu prädestiniert erscheint. Tritt in das Corps ein, in dem ein gewisser Niedner alter Herr ist – Der liebe Gott behakenkreuzigte sich. Ich las weiter: – und bringt es bald zu dem verlangten korrekt-flapsigen Benehmen, das in diesen Kreisen üblich ist. 1918: Kriegsassessor, gerade zu Kaisers Geburtstag. Schwört demselben ewige Treue. 1919: Hilfsbeamter im Staatskommissariat für öffentliche Ordnung; der Staatskommissar Weismann sitzt, aus altpreußischer Schlichtheit, in keinem Fauteuil, sondern auf einer Bank und hält dieselbe Tag und Nacht. Landgerichtsrat Panter leistet der Republik die größten Dienste sowie auch ihrem Präsidenten. Schwört demselben ewige Treue. Beteiligt sich 1920 am Kapp-Putsch, berät Kapp in juristischen Fragen und schwört demselben ewige Treue. Durch das häufige Schwören wird man auf den befähigten Juristen aufmerksam und will ihn als obersten Justitiar in die Reichswehr versetzen. Inzwischen wird Rathenau ermordet, weshalb die Republik einen Staatsgerichtshof über sich verhängt, wo ohne Ansehen der Sache verhandelt wird. Dortselbsthin als Richter versetzt, verstaucht er sich im Jahre 1924 beim Unterschreiben von Zuchthausurteilen gegen Kommunisten den Arm. Eine Beerdigung entfällt, da ein deutscher Richter unabsetzbar ist und auch nach seinem Tode noch sehr wohl den Pflichten seines Amtes nachkommen kann. »Wie kann man so tief sinken –«!, sagte der liebe Gott, weil ich inzwischen auf den Boden des Reagenzgefäßes gekrochen war. Ich wackelte mit dem Schwänzchen, der liebe Gott erriet richtig »Nein!«, bedavidsternte sich und gab mir III. zu lesen: Peter Panter (3. Verarbeitung). Geboren am 9. Januar 1890 zu Berlin mit Ungeheuern Nasenlöchern. Seine Tante Berta umsteht seine Wiege und hat es gleich gesagt. Gerät nach kurzen Versuchen, ein anständiger Mensch zu werden, in die Schlingen des Herausgebers S. J., der ihn zu mannigfaltigen Arbeiten verwendet: er darf zu Beginn der Bekanntschaft Artikel und Gedichte schreiben, bringt es aber schon nach fünfzehn Jahren zum selbständigen Briefefrankieren und andern wichtigen Bureauarbeiten. Nimmt nacheinander die Pseudonyme Max Jungnickel, Agnes Guenther, Waldemar Bonseis und Fritz v. Unruh an. Kann aber niemand darüber hinwegtäuschen, daß hinter diesen Namen nur ein einziger Verfasser steht. Wird von Professor Liebermann in Öl gestochen und schenkt ihm als Gegenangebinde einen echten Paul Klee, den Liebermann jedoch nicht frißt. Panter stirbt, als er alles weiß und nichts mehr kann – denn so kann man nicht leben. »Nun –?«, fragte der liebe Gott. »Hm –«, sagte ich wieder. »Könnte man nicht die drei Biographien kombinieren? Etwa so, daß ich als Sohn des Oberregierungsrats Kammerjäger bei der ›Weltbühne‹...« »Beeilen Sie sich!«, sagte Gottvater streng. »Ich habe nicht viel Zeit. Um zehn Uhr präsidiere ich drei Feldgottesdiensten: einem polnischen gegen die Deutschen, einem deutschen gegen die Polen und einem italienischen gegen alle andern. Da muß ich bei meinen Völkern sein. Also – wählen Sie." Und da habe ich dann gewählt.